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Rolf Kirsch

Sir Robert

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Oberinspektor Lattmann und seine Bulldogge
schauen durch die Gitterstäbe eines mannshohen
Parktores.
"Ludolf, ich sehe kein Haus, ich sehe nur ein rie-
siges Gelände mit gepflegtem Grün und vielen
Laubbäumen. Gute Gelegenheit, dein beliebtes
Stöckchenholen zu spielen."
Ludolf wendet sich ab und beendet abrupt das
Wedeln mit seinem üppigen Hinterteil.
"Na gut, dann nicht," murmelt Lattmann, "aber
wir werden uns mal anmelden."
Lattmann drückt auf einen Knopf unter dem un-
übersehbaren Namensschild mit der Aufschrift
"Bernhold".
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Kurze Zeit später meldet sich eine Mikrofon-
stimme aus einem rechts neben dem Tor stehen-
den Gebüsch.
"Ja bitte?"
"Lattmann, Kripo, Oberinspektor Lattmann,
Kriminalpolizei, Herr Bernhold, Sie haben bei
uns angerufen."
"Mein Name ist nicht Bernhold. Ich bin James,
der Butler, Sir."
Lattmann braucht einige Sekunden. Er vergewis-
sert sich, dass er nicht in einer englischen Graf-
schaft steht, sondern mitten auf dem Hümmling
im Nordwesten Deutschlands. Aber nun kommt
es ihm doch so vor, als habe er einen englischen
Park vor sich.

"Aha, Sie sind der Butler. Herr Bernhold hat uns


angerufen, weil er ein Problem hat. Würden Sie
das Tor öffnen?"
"Warten Sie bitte einen Moment, Sir. Ich werde
mich bei Sir Robert erkundigen."
"Einen Augenblick noch..." Lattmann fällt etwas
ein.
"Ich habe einen Hund dabei. Fragen Sie Herrn
Bern..., fragen Sie Sir Robert, ob ich ihn mit-
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bringen darf."
"Um was für einen Hund handelt es sich?"
"Eine Bulldogge... Augenblick, eine englische
Bulldogge."
"Einen Moment, Sir."

Lattmann ist etwas ratlos.


"Was soll dieses englische Getue?" murmelt er in
Richtung Ludolf. Aber Bernhold scheint sehr
reich zu sein. Eine riesige englisch wirkende
Parkanlage, das Haus ist vom Tor aus nicht sicht-
bar, er beschäftigt einen Butler, reiche Leute kön-
nen sich jeden Tick erlauben, denkt Lattmann.
"Butler... Sir.... um was für einen Hund ... mein
Gott. - Ludolf, du wirst dich in der nächsten Zeit
wie eine englische Bulldogge benehmen, hast du
verstanden?"
Ludolf hechelt weiter. Offensichtlich weiß er
nicht, was von einer englischen Bulldogge ver-
langt wird.

Plötzlich ein Knacken im Gebüsch.


"Sir?"
"Ja, bitte!"
"Ich öffne nun das Tor. Folgen Sie dem Kiesweg
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bis zum Hauptgebäude. Sir Robert wird Sie emp-
fangen. Er lässt Ihnen ausrichten, auf jeden Fall
die englische Bulldogge mitzubringen."
"In Ordnung, Herr...."
"Nennen Sie mich James."
"In Ordnung, Herr .....James."

Das Tor, von einem versteckten Motor angetrie-


ben, öffnet sich für Ludolf und Lattmann, als
müsse ein Möbelwagen hindurch. Die beiden be-
treten den Park. Sie haben sich etwa 20 Meter auf
dem geharkten Kiesweg Richtung Haus bewegt,
als sich das große Tor hinter ihrem Rücken kra-
chend schließt. Ludolf bleibt stehen, schaut sich
um, dann wieder auf seinen Chef mit einem
Blick, der Lattmann klar signalisiert, dass Stöck-
chenwerfen durchaus möglich ist, doch Stöck-
chenholen für heute jenseits aller Erwartungen
bleiben wird. Lattmann nickt einsichtig.

Erst als der Kiesweg um einen Wald eine Rechts-


biegung macht, wird der Blick auf eine große
Fachwerkvilla frei, die teilweise mit rotem Wein-
laub bewachsen ist.
"Wir sind mitten in England," sagt Lattmann, der
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selbst noch niemals in seinem Leben in England
war und fügt hinzu, "glaube ich."
Als sie sich der Treppe nähern, die in 5 Stufen hi-
nauf zur mächtigen Haustür führt, öffnet sich das
Portal. Ein schlanker Mann, bekleidet mit einem
perfekt geschnittenen schwarzen Anzug, weißem
Hemd und schwarzer Fliege, tritt ihnen entgegen.

"Ich habe Sie kommen sehen, ich bin James, Sir


Roberts Butler, treten Sie ein."
Ludolf lässt es sich nicht nehmen, James Hosen-
beine respektlos zu inspizieren.
"Sir Robert erwartet Sie. Gehen Sie nur die Trep-
pe hinauf und dann sofort geradeaus in die Bibli-
othek. Sir Robert möchte, dass Sie sich von Ihrer
englischen Bulldogge begleiten lassen."
"Danke, James!" erwidert Lattmann, der nun be-
reit ist, dieses englische Spektakel mitzuspielen.
Nur Ludolf benimmt sich wie immer und versetzt
sein Hinterteil in Schwingungen, da die unbe-
kannte Umgebung seine Neugier auf Trab bringt.

Mit den Worten "Komm, Ludolf!" macht sich


Lattmann mit seinem Hund daran, die breite, aus
schwarzem Holz bestehende Treppe in Richtung
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Bibliothek in Angriff zu nehmen.
Lattmann ist mit seinen schnellen Schritten schon
oben auf der Plattform, während sich Ludolf noch
die glatten Stufen hochquält und auf den schwar-
zen Brettern den einen oder anderen Kratzer hin-
terlässt. Der Hund erreicht gerade hechelnd die
oberste Stufe, als eine der sieben Türen sich
öffnet und ein Mann mit vollkommen kahlem
Kopf, bekleidet mit einer übergroßen, bequemen
Hausjacke und ausgebeulter Hose, auf Lattmann
und Ludolf zukommt.
"Oberinspektor Lattmann und seine englische
Bulldogge, wenn ich nicht irre?"
"So ist es, Herr Bernhold. Und das ist Ludolf,
wenn ich vorstellen darf."
Bernhold bewundert den Hund, Ludolf ist wenig
beeindruckt und wendet den Blick ab.

"Freut mich sehr. Kommen Sie in die Bibliothek.


Wenn ich vorausgehen darf?"
Bernhold dreht sich um und betritt die Bibliothek.
Lattmann und die englische Bulldogge folgen.
Ludolf hechelt noch immer, hat sich aber schon
wieder soweit erholt, um mit wedelndem Hinter-
teil signalisieren zu können, dass er bereit ist,
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neue Erfahrungen zuzulassen.

"Nehmen Sie bitte Platz, Herr Oberinspektor."


Bernhold schließt die Tür und weist auf einen be-
quemen Sessel hin, der mitten im Zimmer steht.
Er dreht einen ebenso großen und schon etwas
abgesessenen Sessel, der auf den Kamin gerichtet
ist, so, dass er nun auf Lattmanns künftigen Sitz-
platz weist. Lattmann steht noch etwas unschlüs-
sig herum und bewundert die Wandregale, die
ausschließlich Bücher enthalten und nur Platz las-
sen für eine Türöffnung, eine Fensteröffnung und
die Kaminöffnung mit dem darüber hängenden
Bild, welches eine Waldlichtung darstellt.

"Aber bitte doch," wiederholt Bernhold mit ent-


sprechender Geste, Lattmann möge endlich Platz
nehmen, und wirft sich selbst in seinen Sessel.
Während Ludolf durch das Zimmer kreuzt und al-
le möglichen Ecken und Winkel untersucht,
kommt Lattmann dieser Aufforderung nach. Als
auch Ludolf zur Ruhe kommt und sich zu Füßen
seines Chefs auf dem Teppich niederlässt, beginnt
Bernhold mit wichtigem Gesicht das Gespräch,
von dem Lattmann annehmen muss, dass es nun
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um seine Aufgabe gehen wird.

"Herr Oberinspektor," räuspert sich Bernhold.


"Mein Name ist Lattmann. Das genügt."
"Also, Mr. Lattmann, ich habe heute morgen
Scotland Yard informiert, weil ich bestohlen wur-
de."
"Wenn ich unterbrechen darf, Herr Bernhold. Ich
komme nicht von Scotland Yard, sondern von der
für diesen Landkreis zuständigen Kriminalpolizei.
Nur, damit wir uns nicht missverstehen."
"Ich weiß, Mr. Lattmann, das ist mir durchaus be-
wusst. Es ist Ihnen sicher schon aufgefallen, dass
ich meine Umgebung so englisch wie möglich
gestalte. Es ist einfach nur ein Spleen, nichts als
ein Tick. Ich liebe diesen Tick und ich habe die
finanziellen Möglichkeiten, mir diesen Tick zu
erlauben. Ich bin, das weiß ich wohl, ein Nieder-
sachse, aber ich gebe mich als Angelsachse.
Ich würde mich freuen, wenn Sie sich auf diese
Kommunikationsebene einlassen. Mein Name ist
Robert Bernhold, Sie dürfen mich gerne Sir Ro-
bert nennen, Mr. Lattmann. Es würde mich freu-
en."

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Lattmann schnauft. Er überlegt kurz, ob es ab-
wechslungsreicher sei, eine trockene Aufgabe mit
etwas Spaß zu verbinden. Dann entscheidet er
sich.

"Sir Robert, womit kann ich dienen?"


Bernhold lächelt kurz. Dann beginnt er mit der
Vornehmheit eines englischen Gentleman.
"Mr. Lattmann, ich habe heute morgen Scotland
Yard darüber informiert, dass ich bestohlen wur-
de. Ich nehme an, Inspector, dass Sie vom Yard
beauftragt wurden, dieses Problem zu lösen?"
Lattmann schnauft erneut. Vielleicht hätte er sich
doch nicht auf dieses dumme Spiel einlassen sol-
len. Nun aber ist es zu spät.
"So ist es, ....Sir."
"Es ist Folgendes passiert."
Bernhold steht auf und öffnet das Bild über dem
Kamin wie eine Tür. Hinter dem Bild sieht Latt-
mann einen Safe. Bernhold gibt auf einer Tastatur
in Windeseile einen längeren Code ein. Schließ-
lich öffnet sich automatisch die Tür zu einem völ-
lig leeren Tresor. Bernhold lässt die Tür geöffnet
und wirft sich wieder in seinen Sessel.
"Leer!" sagt er resignierend.
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"Ich sehe es," sagt Lattmann und weiß, dass nun
seine Zeit gekommen ist.
"Sir Robert, ich habe jetzt selbstverständlich eine
Reihe von Fragen, die Sie von mir aus im angel-
sächsischen Stil, aber möglichst präzise beant-
worten wollen."
Lattmann scheint es an der Zeit, die Gesprächs-
führung zu übernehmen.
"Das ist mir sehr recht. Ich werde mich bemühen.
Schießen Sie los!”
Lattmann steht auf. Auch Ludolf erhebt sich im
Glauben, es ginge wieder hinaus. Lattmann unter-
sucht jedoch nur die Tresortür.
"Nichts festzustellen," ruft Bernhold.
Lattmann mag es nicht, wenn jemand glaubt, in
seine Arbeit eingreifen zu müssen. Daher unter-
sucht er die Tresortür besonders genau.

"Sir Robert, wann haben Sie festgestellt, dass der


Tresor vollständig leer ist?" Lattmann setzt sich
wieder. Auch Ludolf lässt alle Hoffnung fahren
und nimmt seinen Liegeplatz exakt wie vorher
ein.
"Heute morgen, so gegen zehn Uhr etwa."
"Wann haben Sie Ihren Tresor zum letzten Mal
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geöffnet und festgestellt, dass nichts fehlte?"
"Das muss vor ungefähr drei oder vier Wochen
gewesen sein."
"Was hatten Sie dort aufbewahrt?"
"Gold, nichts als Gold, 5 Barren zu je einem Ki-
logramm, viele kleinere Barren, diverse Gold-
münzen. Ich habe eine genaue Aufstellung, war-
ten Sie..."

Bernhold will sich aus seinem Sessel bemühen,


Lattmann winkt ab.
"Später vielleicht, wie hoch schätzen Sie den Ge-
samtwert, in Euro bitte, nicht in Pfund?" Latt-
mann kann es nicht lassen, den rechten Mundwin-
kel ironisch anzuheben.
"Der Goldpreis schwankt erheblich. Der Tages-
kurs ist mir nicht bekannt. In guten Zeiten ließe
sich ein Erlös von etwa 160.000 Euro erzielen."
"Versichert?"
"Nein, ich habe auf die Tresorpanzerung ver-
traut."
Lattmann macht eine Pause.

"Sir Robert, Ihr Tresor öffnet sich durch einen


Nummerncode. Wer außer Ihnen kannte diesen
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Code noch?"
"Meine Frau kannte ihn natürlich. Aber sie ist seit
sieben Jahren tot. Außerdem habe ich den Code
bei einem Notar in der Kreisstadt hinterlegt. Die-
ser verwaltet auch mein Testament."
"Sie sind also der einzige im Haus, dem der Code
bekannt ist?"
"Selbstverständlich."
"Für den Fall, dass Sie einmal den Code verges-
sen... Haben Sie ihn an irgendeiner versteckten
Stelle notiert?"
"Selbstverständlich. Aber niemand wird dieses
Versteck finden."
"Hier im Haus?"
"Sogar in diesem Zimmer." Bernhold lächelt.
"So, in diesem Zimmer. Vielleicht in einem der
vielen Bücher? Hinter einer Kaminkachel? Unter
einer Parkettdiele?"
Bernhold wird blass. Sein Respekt vor Lattmann
wächst.
"Es ist... es ist eine der Parkettdielen. - Aber nicht
zu finden. Die Parkettdiele kann man nur mit ei-
nem sehr schmalen Blechstück anheben. Außer-
dem ist es eine Diele unter diesem Teppich. Und
der schwere Tisch darauf lässt sich nur von zwei
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Personen anheben. Mindestens. - Und das Blech
verwahre ich in einem meiner Bücher, sieht aus
wie ein Lesezeichen."

Es klopft an der Tür. Bernhold ruft "Ja bitte!"


Ein Mann in Arbeitskleidung, den Lattmann auf
Mitte Dreißig schätzt, kommt herein, erschrickt
ein wenig, weil er nur seinen Chef Bernhold, aber
keinen weiteren Gast erwartet hat. Ludolf steht
auf und geht mit wedelndem Hinterteil auf den
Eindringling zu, um seine Hosenbeine zu kontrol-
lieren.
"Sir Robert," sagt der Mann unsicher, "ich kom-
me wegen der Kaminasche und wegen des Pa-
pierkorbes."
"Danke, Jack, aber wie Sie sehen, habe ich Be-
such, vielleicht kommen Sie später noch einmal."
Jack wirft einen Blick auf die geöffnete Tresortür,
lächelt Bernhold zu und verschwindet. Ludolf
wendet sich seinem Liegeplatz wieder zu.

"Das war Jack, mein Hausmeister und Gärtner. Er


wollte den Papierkorb leeren und sich um den
Kamin kümmern."
Lattmann richtet seinen Blick auf den großen Me-
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tallkübel neben dem Kamin, der offensichtlich für
die Kaminasche gedacht ist.
"Darf Jack diesen Raum betreten, auch wenn Sie
nicht da sind, Sir Robert?"
"Ich bin in der Regel immer hier. Aber grund-
sätzlich dürfen alle Mitglieder des Personals die-
sen Raum betreten."

"Auf Ihr Personal komme ich noch zu sprechen.


Sir Robert, waren Sie in letzter Zeit auf Reisen
oder einige Tage außer Haus?"
"Mr. Lattmann, ich bin sehr häuslich. Ich bin im-
mer in diesem Haus und mit Ausnahme der Ein-
nahme von Mahlzeiten in diesem Zimmer. Ach
ja, meiner Bettruhe komme ich in meinem Schlaf-
zimmer nach. Seit der Renovierung dieses Holz-
fensters vor mehr als zwei Jahren habe ich dieses
Haus keinen Tag verlassen."
"Was war mit dem Fenster?"
"Ich habe das Fenster damals durch eine örtliche
Schreinerei reparieren lassen. Für diese Arbeit
hatte der Schreiner drei Tage angesetzt. In dieser
Zeit - also vor mehr als zwei Jahren - habe ich
mich für fünf Tage auf eine kleine Reise bege-
ben."
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"London?"
"Woher wissen Sie?"
Lattmann antwortet nicht, sondern lächelt in sich
hinein.
"Ja, natürlich London," setzt Bernhold fort, "aber
wenn Sie nun die Schreinerei verdächtigen. Nie-
mals. Ich sagte ja schon, dass der gesamte Gold-
bestand vor drei oder vier Wochen noch im Tre-
sor lag. Außerdem hätte niemand von der Schrei-
nerei an den Code unter der Diele kommen kön-
nen. Denn diesen Zettel habe ich mitgenommen -
nach London. Und diesen Zettel habe ich ständig
in meiner Anzugtasche gehabt. Nach meiner
Rückkehr habe ich ihn wieder unter die Par-
kettdiele gelegt. Die Schreinerei hatte nicht die
geringste Möglichkeit, an den Code zu kommen."

"Sie sagten, dass man diesen Tisch nur mit zwei


Personen verrücken kann. Wer hat Ihnen vor Ih-
rer Abreise geholfen?"
"James. Ich bat ihn, mir dabei zu helfen, damit
der Tisch nicht im Wege steht, wenn die Leute
von der Schreinerei kommen. Den Teppich habe
ich erst entfernt, als James gegangen ist."
"Und nach Ihrer Rückkehr? Sie hatten ja vor, den
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Zettel mit dem Code wieder unter die Parkettdiele
zu legen."
"Ich habe George, den Fahrer, gebeten, der mir
einige Utensilien von der Reise in die Bibliothek
getragen hatte, mir beim Tischerücken zu helfen.
Als George gegangen war, habe ich den Zettel
wieder deponiert. Später hat mir Jack geholfen,
den Tisch korrekt zu stellen."
Bernhold war über sich erfreut, alles noch so gut
in Erinnerung zu haben.
"Ist der Zettel zur Zeit noch an seinem Platz?"
will Lattmann wissen.
"Das weiß ich nicht, sollen wir nachschauen?"
antwortet Bernhold und will sich erheben.
"Nein, nein," sagt Lattmann, "sollte es wichtig
werden, können wir das immer noch tun."
Bernhold lässt sich wieder zurückfallen.

Lattmann, der aus dem Fenster gesehen hat, wen-


det sich langsam wieder zu Bernhold.
"Sir Robert, Ihren Butler James habe ich schon
kennengelernt, ihren Hausmeister und Gärtner
Jack auch. Sie haben die Namen weiterer Perso-
nen erwähnt."

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"Ja, Inspector, da ist noch Mary, die Frau für die
Reinigung des Hauses, zuständig für die Wäsche,
Bekleidung, Bettwäsche, Gardinen und so weiter.
Dann haben wir noch Anne, die Köchin, auch für
Einkäufe zuständig, und George, meinen Fahrer,
der auch Besorgungen erledigt."
"Können alle Personen dieses Zimmer betreten?"
"Ja, alle haben einen Generalschlüssel. Aber, was
ihre Aufgaben betrifft, sind Anne und George sel-
ten hier. George schafft es immer nur bis zur Tür,
um mir zu sagen, dass der Wagen bereit steht,
und Anne spricht einmal in der Woche mit mir
den Speiseplan ab. James wacht über alles. Aber
noch einmal, niemand kennt den Code, nicht ein-
mal James."
"Haben Sie Grund, jemandem zu misstrauen?"
"Nicht im geringsten, alle sind sehr vertrauens-
würdig, sehr distanziert, sehr englisch eben. Auch
untereinander gehen sie respektvoll miteinander
um. Jack und Mary mögen sich sogar besonders,
wenn Sie wissen, was ich meine. Ihre Beziehung,
wenn ich so sagen darf, dauert nun schon etwa
drei Jahre. Ich muss wohl irgendwann damit rech-
nen, dass sie heiraten werden. Und James ist sehr
höflich zu Anne. Ich glaube, dass er sie sehr mag.
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Aber dabei ist es wohl geblieben. James würde
sich nie erlauben...."
"Sir Robert, was ist mit George?"
"George ist ein Eigenbrötler. Am liebsten ist er in
seiner Garage und pflegt den Maybach. Er spricht
wenig. Am Wochenende ist er auf der Pferde-
rennbahn und in seiner Freizeit sitzt er immer auf
derselben Bank im Garten. Oder er ist in der Ga-
rage, wie ich schon sagte. Ein ehrlicher Kerl, ich
mag ihn."

"Sir Robert, ich komme noch einmal auf Ihre


Londonreise vor etwa zwei Jahren zurück. Da-
mals beauftragten Sie eine Schreinerei mit der
Reparatur der Fenster. Den Zettel mit dem Code
nahmen Sie mit?"
"So ist es, ich nahm den Zettel kurz vor meiner
Abreise an mich, damit niemand von der Schrei-
nerei ihn finden konnte. Schließlich waren die
Leute einige Tage unbeaufsichtigt in der Bibli-
othek. Ich wollte kein Risiko eingehen. Wer
weiß, was die alles untersucht hätten. Ich kannte
die Leute doch nicht."

"Das sagten Sie, Sir Robert. Sie sagten auch, dass


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Sie den Zettel in London dabei hatten."
"Jawohl, keine Chance für die Schreinerei oder
sonst jemanden, diesen Code zu finden."
"Fuhr George Sie zum Flugplatz?"
"Ich bin mit der Bahn gefahren, dann habe ich die
Fähre genommen. Ja, es ist richtig, George hat
mich zum Bahnhof gefahren. George fährt mich
immer."
"Könnte George Sie beim Ein- und Aussteigen
irgendwie angestoßen oder auf andere Art und
Weise berührt haben?"
"Ach, Sie meinen, George hätte sich wie ein Ta-
schendieb verhalten, um mir den Zettel aus dem
Anzug zu stehlen? Zum einen hätte er wissen
müssen, dass ich einen solchen Zettel dabei habe,
zum anderen hatte ich meinen Reiseanzug an. Der
Anzug mit dem Zettel war im Koffer, jedenfalls
bei meiner Hinreise."
"Und auf der Rückreise?"
"Da trug ich wieder meinen Reiseanzug. Den Zet-
tel habe ich aber im Reiseanzug gehabt. Ich wuss-
te schließlich, dass Mary nach meiner Rückkehr
sich um die Wäsche kümmern würde. Ich wollte
nicht, dass Sie den Zettel findet und nicht weiß,
was damit ist und ihn vernichtet."
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"Hat sich Mary auch um den Reiseanzug geküm-
mert?"
"Selbstverständlich. Allerdings habe ich ihr den
Anzug erst gegeben, nachdem ich den Zettel wie-
der unter der Parkettdiele deponiert hatte. Sie se-
hen, Inspector, weder die Schreinerei noch je-
mand aus dem Hause konnte den Code kennen.
Außerdem wurde der Tresor nicht vor zwei Jah-
ren ausgeräubert, sondern vor einigen Tagen oder
vor zwei oder drei Wochen. Wie gesagt, vor drei
oder vier Wochen war er noch wundervoll ge-
füllt."

Lattmann steht auf und geht vor den Regalreihen


auf und ab. Ludolf verfolgt ihn mit den Augen,
ohne den Kopf zu bewegen.
Bernhold räuspert sich.
"Inspector, das ist ein unlösbares Rätsel. Das
Gold ist weg, der Tresor wurde nicht aufgebro-
chen, niemand kennt den Code, das heißt, nur der
Notar in der Kreisstadt hat einen geschlossenen
Umschlag beim Testament liegen."
"Sir Robert, hatten Sie in den letzten Tagen Be-
such von diesem Notar oder einem seiner Ange-
stellten?"
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"Nein, Inspector. Mir ist alles ein großes Rätsel.
Ich werde auf das Gold wohl verzichten müssen."
"Geben Sie die Hoffnung nicht auf, Sir Robert.
Ich werde jetzt Ihr Personal befragen, vermutlich
wird Ihnen derjenige, den ich als zweiten befra-
gen werde, später das Gold zurückgeben können.
Seien Sie bitte so freundlich, Sir Robert, mir die
Bibliothek für eine ungestörte Befragung zur
Verfügung zu stellen."
"Ich verstehe," sagte Bernhold nach einem kurzen
Moment, "drücken Sie hier auf die Klingel, dann
kommt James und ist Ihnen behilflich."
Bernhold weist auf einen Klingelknopf an der
Wand und verlässt den Raum. Ludolf steht auf
und verfolgt den Vorgang interessiert.

"Ludolf," wendet sich Lattmann an seine Bull-


dogge, "wenn wir darüber nachdenken, wer an
diesen Zettel gekommen sein könnte, werden wir
noch lange rätseln müssen.
Vergessen wir einmal das Problem, wie der Tre-
sor geöffnet worden sein soll.
Stellen wir uns zunächst die Frage, wer in der
Lage gewesen wäre, diese Kiloware aus dem Tre-
sor und aus diesem Zimmer zu bringen. Wer hätte
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diese Last unbemerkt aus dem Haus tragen kön-
nen, und zwar in den letzten drei oder vier Wo-
chen, also in einer Zeit, in der Sir Robert fast
ständig in diesem Zimmer war und es nur zu den
Mahlzeiten und zur Bettruhe verließ?"

Ludolf schaut Lattmann hechelnd an.


"So ist es, Ludolf, nur einer vom Personal könnte
sogar unter der Aufsicht von Sir Robert und unter
Beobachtung des gesamten Personals diese Beute
aus dem Zimmer getragen haben."

"So ist es, Ludolf, das kann nur einer gewesen


sein. Er nimmt das Gold in einem Moment, in
welchem Sir Robert nicht im Zimmer ist, aus dem
Tresor und füllt damit den Kamineimer. Dann
kommt noch Kaminasche darüber. Der Tresor
wird wieder verschlossen.
Zu einem späteren Zeitpunkt kommt diese Person
ins Zimmer, kümmert sich um Papierkorb und
Kamineimer und verschwindet vor den Augen
von Sir Robert mit der Beute."

Ludolf senkt wieder den Kopf und schließt die


Augen, als wolle er mitteilen: "Wenn Du schon
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so weit bist mit Deinen Überlegungen, wirst Du
den Rest auch ohne mich schaffen."
Lattmann hat verstanden.
"Wir müssen noch herausfinden, wie der Täter
den Tresor hat öffnen können. Wen befragen wir
zuerst?"

Ludolf lässt sich nicht stören.


"Ich bin für Mary, die Frau für Wäsche und
Gardinen. Vielleicht kommen wir mit ihr weiter."
Ludolf stöhnt, was wohl "Einverstanden" bedeu-
tet.
Lattmann ruft über die Klingel nach James. Als
James das Zimmer betritt, bittet Lattmann ihn,
Mary zu einem Gespräch in die Bibliothek zu bit-
ten.
"Wie Sie wünschen," sagt James mit dem Aus-
druck eines Menschen, der es nicht mag, wenn er
etwas tun muss, dessen Sinn er nicht versteht.

Mary betritt nach einiger Zeit das Zimmer. Latt-


mann zeigt auf Bernholds Sessel und bittet sie,
Platz zu nehmen. Mary setzt sich schüchtern hin.
"Darf ich Ihren richtigen Namen wissen, Mary?"
"Ich heiße Maria Kernmann. Hier im Haus werde
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ich Mary genannt."
"Ja, ich weiß, Frau Kernmann. Sie sind für die
Hausreinigung, für Wäsche und Gardinen zustän-
dig, ist das so?
"Ja."
"Sie sind mit Jack befreundet?"
"Er heißt eigentlich Hans Dreher. Ja, wir werden
bald heiraten. Er ist der Gärtner und Hausmeister
hier. Manchmal hilft er mir, wenn es ein wenig
zuviel wird."
"Frau Kernmann, können Sie sich daran erinnern,
als vor etwa zwei Jahren Sir Robert nach England
fuhr und die Schreinerei hier im Hause arbei-
tete?"
"Daran kann ich mich gut erinnern, die haben hier
vielleicht einen Dreck hinterlassen. Aber Hans,
also Herr Dreher, hat mir ordentlich geholfen."
"Versteht sich. Der Reihe nach. Gab es etwas
Auffälliges bei Sir Roberts Abreise?"
"Nichts. Ich habe seine Koffer gepackt. Drei Kof-
fer. Hans hat sie zum Wagen gebracht. Georg, ich
meine George, der Fahrer, hat sie eingeladen.
Ach so, dann ist Sir Robert noch einmal gekom-
men und hat gesagt: 'Dieser Anzug muss auch
noch mit.' Hans hat also einen Koffer wieder auf-
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gemacht und den Anzug dazu gelegt.
Es ist ein Zettel herausgefallen. Hans hat ihn auf-
gehoben. Ich hab ihm noch gesagt 'Leg ihn
wieder zurück, wer weiß, wofür Sir Robert das in
London braucht.'"
"Hat Herr Dreher das getan?"
"Ganz bestimmt. Auf ihn ist Verlass. Ich bin so-
fort wieder ins Haus zurück. Was ist denn mit
diesem Zettel? Ist er wichtig? Hans sagte auch:
'Ich schreib lieber auf, was auf dem Zettel stand.
Womöglich geht er in London auch verloren.'"
"Danke, Frau Kernmann, wären Sie so nett, Hans
herein zu bitten?"
"Mach ich."
Mary steht auf und lächelt beim Hinausgehen
noch einmal verlegen.

Einige Zeit später betritt Hans Dreher das Zim-


mer. Lattmann deutet auf Sir Roberts Sessel.
"Herr Dreher," beginnt Lattmann, "Sie sind Haus-
meister und in dieser Funktion auch für diesen
Kamin zuständig, ist das so?"
Dreher setzt sich und nickt.
"Wohin bringen Sie die Kaminasche?"
Dreher stutzt und sagt so beiläufig wie möglich:
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"An der Grundstücksgrenze hinter dem Wald, bei
den Kompostern, ist ein Container. Dort kommt
die Kaminasche hinein. Gelegentlich verwende
ich einen Teil davon, um sie mit dem Kompost zu
vermischen. Das erhöht die...."
"Herr Dreher, was würden Sie sagen, wenn wir
diesen Container mit der Kaminasche einmal
gründlich untersuchen würden?"
"Ich verstehe nicht..."
"Frau Kernmann, Ihre Verlobte, erwähnte einen
Zettel, der bei Sir Roberts Abreise aus seinem
Anzug fiel. Sie sollen aus Vorsicht notiert haben,
was auf dem Zettel stand, bevor sie ihn in den
Anzug zurücksteckten."
Dreher blickt zu Boden und schweigt.

"Immerhin war es sehr clever von Ihnen, zwei


Jahre mit der Plünderung des Tresors zu warten,"
sagt Lattmann nach einer langen Pause.

"Leider nicht einmal das. Ich habe vor drei Wo-


chen dieses Papierstück wiedergefunden. Erst vor
einigen Tagen hatte ich den Einfall, dass es der
Code zum Tresor sein könnte. Ich habe ihn aus-
probiert, als der Chef nicht im Zimmer war. Als
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ich das viele Gold sah, habe ich es spontan in den
Kamineimer deponiert und Asche darüber ge-
füllt."

Ludolf grunzt zufrieden.

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