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Glück bei Aristoteles und Epikur im Vergleich.

1. Glück. .................................................................................................1
2. Aristoteles: Eudaimonia, telos und theoria.........................................2
3. Epikur: Hedone, ataraxia und aponia...............................................11
4. Gemeinsamkeiten und Unterschiede................................................19
5. Literatur............................................................................................22

1. Glück.

In dieser Arbeit geht es um den Begriff des Glücks bei Aristoteles


und Epikur und wie diese sich ein 'glückliches' und vollendetes Leben
vorstellen, welches zur Glückseligkeit (Eudaimonia) führt. Die
Eudaimonia ist das höchste Gut und Endziel (Telos) des menschlichen
Lebens, alle anderen Güter sind nur Mittel zum Zweck um sie zu
erreichen.
Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) dürfte jedem ein Begriff sein als
großer griechischer Philosoph und Begründer zahlreicher
Wissenschaftsformen. Für seinen Begriff der Eudaimonia und was seiner
Meinung nach eventuell das Telos sein könnte, wird die Nikomachische
Ethik herangezogen.
Epikur (341 – 271/270 v. Chr) lebte eine Generation später als
Aristoteles. Seine Schulausbildung war demokritisch, seine ärgsten
philosophischen Gegner die Stoa. Bis heute ist umstritten ob er Hedonist
oder doch mehr war. Aufgrund plausibler Deutungen und
Rekonstruktionen seiner spärlichen Hinterlassenschaften lässt sich aber
sehen, dass auch seine Ethik eudämonistisch war.
Hier nun sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser beiden
Philosophen betreffend ihrer Auffassungen vom Glück herausgearbeitet
werden.

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2. Aristoteles: Eudaimonia, telos und theoria.

Zunächst mal zu dem Begriff Glück. Diese wurde bei den alten
Griechen unterteilt in zufälliges, welches dem landläufigen Verständnis
von Glück entspricht, sowie dem Glück eines erfüllten Lebens. Dieses
wird Eudaimonia genannt, welches ein komplexer Begriff ist, der sich als
Menge der notwendigen und zugleich hinreichenden Eigenschaften
darstellt, die nötig sind, um ein menschliches Leben als artspezifisch
gelungen zu sein1.
Speziell für Aristoteles war klar und wichtig, dass die Eudaimonia
erreichbar war durch menschliche Tüchtigkeit, Übung und Gewöhnung –
sie war für jedermann erreichbar2.
Grundlegende Prämisse nach Aristoteles ist, dass alles (Lebendige)
nach dem Guten strebt. Speziell menschliches Tun ist zielorientiert.
Manche Handlungen werden um ihrer selbst willen getan, andere als
Mittel zum Zweck um ein anderes Ziel zu erreichen. Jede Handlung hat
ihr Ziel und Ende, ein Telos. Da menschliches Tun zielorientiert ist heißt
dies nun, dass der Mensch ein wichtigstes Lebensziel hat, auf das er sich
ausrichtet und auch alle seine Handlungen danach ausrichtet. In diesem
Lebensziel kommt der Mensch zur Vollendung3.
Die Eudaimonia als letztes Telos ist das größte aller erlangbaren
Güter. Für seine Eudaimonia tut der Mensch alles, um sie zu erreichen.
Hat er sie, wird er Eudaimon genannt und führt als solcher ein
lebenswertes Leben. Ob dem so ist kann man aber nur objektiv
beurteilen, also von Außen. Das sagt vor allem auch aus, das man ein
Leben erst als Ganzes wirklich beurteilen kann4.
Es muss nicht zwangsläufig ein moralisch gutes Leben sein, damit es
das Leben eines Eudaimon ist; moralisch leben kann zuviel oder zuwenig
1 Vgl. Forschner, S. 1.
2 Vgl. Forschner, S. 3.
3 Vgl. Forschner, S. 3f.
4 Vgl. Forschner, S. 5.

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sein. Ein moralisch gutes Leben ist nach Aristoteles zu loben, das eines
Eudaimon aber gar zu preisen5. Dies impliziert, das ein Eudaimon nicht
zwangsläufig moralisch sein muss.
Die Eudaimonia ist das Teleion Telos, das abschließende und
vollständige Ziel, das ideale Leben unter menschlichen Bedingungen. Sie
ist nichts einfaches, sondern etwas komplexes, das aus Teilbereichen
besteht und von zahllosen anderen, niederen Telos gespeist wird. Um
wahrhaft Eudaimon werden zu können, braucht man mehr als nur das
Telos selbst, auch Vermögen (Besitz um frei von weltlichen Belangen
sein zu können), Gesundheit, Aussehen (um nicht benachteiligt zu
werden), Ehre, Vergnügungen (seelisch wie körperlich), Freundschaft,
Geist und Tüchtigkeit sind wichtig, um umgestört, unbenachteiligt und
frei sein zu können6.
Um Eudaimon zu werden, bedarf der Mensch drei Aspekte, die ihn im
Ganzen großartig machen. Zuvorderst muss der Leib großartig sein, denn
sonst ist man im Handeln behindert. Weiterhin muss der Verstand
großartig sein, der rationale Teil. Schließlich gibt es noch den Charakter,
das Irrationale, die Emotionen. Der Unterschied zwischen Mensch und
Tier ist, dass die Vernunft des Menschen seine Emotionen steuern
können7. Die Vernunft nun kann der Mensch üben und auch anderen
beibringen, weshalb Institutionen (Schulen etc.) wichtig sind8.
Viele Träume kann der Mensch haben, doch für ein bestimmtes Telos
muss er sich entscheiden. Das höchste Telos, das sich ein Mensch
erwählen kann, die beste Eudaimonia, ist das einer kontemplativen
Theorie (Theoria), bei der ein Mensch forscht und erkennt. An zweiter
Stelle folgt das Telos des Politikers, der charakterliche Tüchtigkeit und
praktische Klugheit (Phronesis) benötigt9. Die Erkenntnis bekam er,
nachdem er Evidenz aus der Praxis analysierte und bewertete. Deshalb
5 Vgl. Forschner, S. 6.
6 Vgl. Forschner, S. 7.
7 Vgl. Forschner, S. 13.
8 Vgl. Forschner, S. 14.
9 Vgl. Forschner, S. 8.

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zog er die Meinungen der Mehrheit und Weiser heran darüber, was die
Eudaimonia sei. Als Definition kommt er letztlich dazu, dass das Gute für
den Menschen eine tätige Verwirklichung der Seele gemäß ihrer
Tüchtigkeit ist. Hat sie mehrere Tüchtigkeiten (Talente), dann, wenn sie
deren stärkstes verwirklicht. Dies sagt aus, dass es nicht allein auf Talent
ankommt, sondern dass man es auch nutzt.10
Abstrahiert man dies auf den Menschen im Allgemeinen, so muss
man erkennen, was sein spezielles Talent ist; was ihn vom Tier
unterscheidet. Aristoteles ist da der klaren Meinung, dass die Vernunft
des Menschen dies ist. Da er sie besitzt, muss er sie auch benutzen, um
die Eudaimonia zu erreichen. Das Leben hängt von Handlungen ab, und
nur der Mensch kann zwischen diesen Handlungen wählen11.
Lebt der Mensch nur auf der Suche nach sinnlichen Vergnügungen,
so ist dies auch ein Telos, auch eine Eudaimonia, jedoch ist er dann wie
ein Tier. So sollen die demokratischen Massen sein. Lebt er dagegen mit
praktischer Nutzung seiner Vernunft, so muss er die Staatskunst wählen,
um die Eudaimonia zu haben. Am höchsten jedoch steht das Leben der
theoretischen Forschung.
Auch in anderen Belangen ist eine soziale Umgebung wichtig für den
Menschen. Um das zweithöchste Telos, die Phronesis, verwirklichen zu
können, muss der Mensch praktische Vernunft durch Übung und
Erfahrung schärfen. Aber auch die Sophia, die Weisheit, die zur Theoria
führt und von ihr kommt, gedeiht nur in der Polis12.
Und warum ist die Theoria das höchste Telos? Nach Aristoteles
gleicht das Leben der Theoria am ehesten dem des Gottes. Dieser ist der
absolute Eudaimon, ein reiner Geist, der nur damit beschäftig ist sich
selbst zu erkennen13. Der menschliche Geist aber ist nicht losgelöst von
der Welt, muss immer mit ihr zu tun haben. Dies ist aber nicht zu

10 Vgl. Forschner, S. 9.
11 Vgl. Forschner, S. 11.
12 Vgl. Forschner, S. 15.
13 Vgl. Forschner, S. 16.

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schlimm, denn auch hier kann er Dinge erkennen. Durch die Erkenntnis
nimmt er sie in sich auf und wird zu dem, was er erkennt. Und wenn er
den Gott erkennt und nicht mehr auf weltliche Dinge angewiesen ist,
wird er göttlich. Die Sophia ist es, die den Gott erkennt14. Warum also
sollte Phronesis an erster Stelle stehen, wenn die Theoria den Menschen
göttlich werden lässt?
Die Eudaimonia ist ein komplexer Vernunftbegriff. Der Eudaimon ist
von einem guten Geist besessen und gelenkt und erkennt so seine
Stellung in Kosmos und Gesellschaft, richtet sein Streben an dieser
Erkenntnis aus damit er sein Telos erreicht und damit ein gelungenes
Leben führt15. Damit dies klappt muss er Teil einer natürlichen Ordnung
sein, diese erkennen und sich einfügen. Menschliches Glück ist die
Tätigkeit der Seele gemäß vollendeter Tugend. Die sich aus
verschiedenen Tugenden ergebene Gesamttugend ist das vollendete
Vergnügen des menschlichen Lebens. Höchstes Gut ist die Theoria und
Erkenntnis göttlicher Dinge. Funktionieren kann dies nur im Rahmen der
Polis16.
Laut Aristoteles handelt der vollendete Mensch sittlich-politisch aus
sittlicher Motivation und gebraucht außermoralische Güter der Praxis
willen, vollzieht Theoria als beste menschliche Tätigkeit und findet sie
gleichzeitig als Kriterium für die Wahl außermoralischen Güter. Die
vollständige Tugend ergibt sich aus Teiltugenden, Sophia und sittlich-
praktischer Urteilsfähigkeit (Phronesis). Daraus ergibt sich menschliches
Glück17.

Man kann hiergegen einwerfen, dass Menschen auch andere als die
drei von Aristoteles angezeigten Haupttypen als lebenswertes Leben
ansehen mögen. Doch dem widerspricht er eigentlich auch nicht direkt,

14 Vgl. Forschner, S. 17f.


15 Vgl. Forschner, S. 22.
16 Vgl. Forschner, S. 23.
17 Vgl. Forschner, S. 42.

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sagt ja, man könnte sich vieles als Telos setzen, und kann man so sein
größtes Talent zur Entfaltung bringen, gelte es auch als glückseliges
Leben.
Einige Autoren sind nun aber der Meinung, dass Aristoteles gar keine
Meinung in seiner Nikomachischen Ethik vermittelte, dass er sich
überhaupt nicht dazu äußerte, was seiner Meinung nach das Telos und
damit die Eudaimonia wäre.

Laut Kampert lehnte Aristoteles eine Besitzverteilung (im Sinne eines


Sozialismus) ab, da Privateigentum Konflikten am besten vorbeugt 18.
Denn Menschen bereitet es Lust, wenn sie etwas als ihr Eigentum
betrachten können19. Übermäßige Wertschätzung des Eigentums ist aber
Habsucht20. Eine normale Ausbildung individuellen Besitzes ist aber
grundlegend für ein individuell gelungenes Leben21. Individuell kann man
aber nie allein sein, sondern nur gemeinschaftlich in der Polis, die einen
ethischen Erziehungsauftrag hat, da nur in sozialer Interaktion freier
Bürger sich Tugenden entwickeln können, weshalb dies grundlegend für
bestimmte Eudaimonien wäre22. Damit die Seele stimmig ist, müssen sich
die Handlungen an der Vernunft ausrichten. Hierbei bilden übermäßiger
Reichtum oder Armut charakterliche Fehler aus. Und damit die Bürger
weniger zu Konflikten neigen muss das Eigentum trotzdem irgendwie
gleichmäßig verteilt sein23.
Das Glück eines jeden Bürgers ist wichtig für das ethische Ziel einer
Polis24. Die Verfassung ist um so besser, je mehr Menschen das beste
Leben leben können25. Es könnte aber auch passieren, dass individuelle
Eudaimonie gefährdet wird, z.B. wenn zuwenig Güter zur Verfügung
18 Vgl. Kampert, S. 62.
19 Vgl. Kampert, S. 66.
20 Vgl. Kampert, S. 67.
21 Vgl. Kampert, S. 92.
22 Vgl. Kampert, S. 94f.
23 Vgl. Kampert, S. 103f.
24 Vgl. Kampert, S. 115.
25 Vgl. Kampert, S. 128.

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stehen und der Staat in einzelne Besitzverhältnisse eingreifen muss und
gezielt umverteilt, zuviel Arbeit fordert oder sich durch große Koalitionen
Minderheiten nicht mehr ausdrücken können26. Da die individuellen
Eudaimonien hierbei aber an erster Stelle stehen, ist ihre
Verwirklichungsmöglichkeit wichtiger denn ein stabiler Staat27.
Autark zu sein bedeutet, keinen Mangel zu haben. Doch menschliche
Eudaimonie ist abhängig von der Außenwelt. Sie braucht körperliche
Gesundheit, materielle Güter und gute Erziehung. Diese sind, in
einfacher Form, leicht realisierbar und maßvoll reichen sie völlig aus28.
Der Mensch muss seine eigene Anlagen im gemeinschaftlichen Leben
harmonisieren29. Das höchste Telos ist die Theoria, welche den Menschen
über seinesgleichen hinaushebt in den Bereich der ewigen Objekte und
damit die lustvollste aller Tätigkeiten ist30. Der Mensch ist aber nicht
ohne Fehler. Doch Mittel und Wege, wie man seine Eudaimonie erreicht,
sind frei wählbar. Damit ist der Mensch für sich selbst verantwortlich,
doch wird von der realen Welt begrenzt31.
Aristoteles schien der Meinung, dass das Leben des Philosophen die
Eudaimonia ist, denn das höchste Gut des Menschen ist die Betätigung
der theoretischen Vernunft, denn Vernunft ist des Menschen beste
Anlage, die Theoria befasst sich mit höheren Objekten, die Götter
betreiben Theoria – und wer dies auch tut, wird wie sie. Doch als Mensch
kann man das nicht für Dauer erreichen32.

Für Ackrill blieben zwei Fragen offen: Erstens, was das Kriterium
richtiger Handlung und moralischer Tugend ist und zweitens, was denn
nun das beste Leben sei, das man führen kann. Als Antworten kommen

26 Vgl. Kampert, S. 131f.


27 Vgl. Kampert, S. 133.
28 Vgl. Kampert, S. 240f.
29 Vgl. Kampert, S. 242.
30 Vgl. Kampert, S. 244.
31 Vgl. Kampert, S. 245f.
32 Vgl. Kampert, S. 250ff.

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für ihn zwei in Frage: Erstens, die Ethik impliziert, dass Gute Handlung
des Menschen bestes Leben ist, auch wenn Buch 10 sagt, nur
betrachtende Handlung (Theoria) ist Eudaimonia. Zweitens, dass, wenn
Theoria wirklich am wichtigsten ist, rechte Handlungen in der Tugend
richtig sind, solange sie die Theoria stützen33.
Das Problem ist, dass man Aristoteles Inkoherenz vorwerfen könnte,
da er die Moral der Tugenden anerkennt aber sie nur als Mittel zum
Zweck betrachtet. Er sah nur Handlungen die ein Ende (Telos)
haben,selbst wenn sie nichts produzieren, also ihr eigenes Telos sind34.
Nach Ackrill nahm Aristoteles eine inklusive Eudaimonia an, die zwei
oder mehr Güter kombiniert, und nicht etwa eine dominante, bei der ein
Gut am stärksten ist35. Aktivitäten unterteilen sich in solche mit einem
Telos und denen, die bereits ihr eigenes Telos sind. Hierbei kann ein
Telos subordiniert unter ein anderes Telos sein36. Einige sind also für sich
selbst gut, aber auch für andere. Weiterhin gibt es viele Telos, doch nicht
alle sind telai (final) und nur das höchste von ihnen ist telion37.
Eudaimonia ist hierbei aber nicht Resultat eines glücklichen Lebens,
sondern bereits das Leben selber. Jedes einzelne Telos, dass Teil davon
ist, ist auch für sich bereits gut. Die Eudaimonia ist final, selbstgenügend
und Telos38 und enthält alles andere wünschbare. Man kann nicht die
Eudaimonia für etwas anderes suchen sondern nur etwas anderes für die
Eudaimonia und neben der Eudaimonia kann man nichts hinzu suchen39.
Auch wenn man im Leben mehrere Telos sieht, muss eines die
Eudaimonia sein40. Die Eudaimonia ist nicht gleich Freude oder Lust

33 Vgl. Ackrill, S. 39.


34 Vgl. Ackrill, S. 40.
35 Vgl. Ackrill, S. 42.
36 Vgl. Ackrill, S. 43.
37 Vgl. Ackrill, S. 46.
38 Vgl. Ackrill, S. 44f.
39 Vgl. Ackrill, S. 47.
40 Vgl. Ackrill, S. 49.

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sondern das beste mögliche Leben. Jeder Mensch such Eudaimonia –
jedoch, so Ackrill, jeder seine eigene41.
Die Eudaimonia ist ein befriedigendes Leben. Aristoteles zeigt Ideen
auf von denen andere denken, sie sei Eudaimonia. Laut Ackrill zeigt er
hierbei auch seine eigene Meinung: Eudaimonia ist das Ergon eines
Menschen. Dies wiederum ist die charakteristische Arbeit einer Person.
Wie wir wissen ist das beim Menschen die Benutzung der Vernunft. Ergon
ist also ein aktives Leben eines Elementes, das ein rationales Prinzip hat.
Rational kann man praktisch und theoretisch leben42.
Laut Ackrill 'klingt' es so, als würde Aristoteles die Theoria als
Eudaimonia meinen, deren Tugend die Sophia ist43. Ackrill meint aber,
eine Konklusion von Aristoteles sei unsinnig, nach der das Telos der
Theoria dominant sei44. In Eudaimonia spielen aber viele Tugenden
hinein, nicht nur eine. Eudaimonia ist eine Aktivität in Verbindung mit der
kompletten Tugend45. Eudaimonia besteht aber nicht nur aus Theoria;
Buch 10 sagt, das alles, was eine Handlung gut macht, auch der Theoria
hilft46.
Theoria allein kann nur der Gott haben, denn der Mensch muss auch
handeln47. Wie aber können sich Theoria und tugendhafte Handlungen
verbinden? Eine Möglichkeit wäre, dass Theoria maximiert werden muss
und man betreffend allem anderen gut handeln muss. Dabei kann man
sich so unsterblich machen wie möglich48. Anders wäre es nur möglich,
dass Theoria am meisten bedeutet und man alles dafür tut, egal ob
tugendhaft oder nicht. Das wäre die Inkosistenz. Dies ist nur lösbar,
wenn man einen Kompromiss zwischen Theoria und den Tugenden

41 Vgl. Ackrill, S. 50.


42 Vgl. Ackrill, S. 53.
43 Vgl. Ackrill, S. 54.
44 Vgl. Ackrill, S. 55.
45 Vgl. Ackrill, S. 56.
46 Vgl. Ackrill, S. 57.
47 Vgl. Ackrill, S. 59.
48 Vgl. Ackrill, S. 60.

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eingeht. Aristoteles selbst sagt das jedoch nicht49. Vielleicht aber glaubte
er auch wirklich, dass Theoria am wichtigsten ist und man nicht auf den
Rest achten muss50.

Ricken erklärte die Aristotelische Lust näher. Nach ihm gäbe es zwei
Lustbegriffe in der Nikomachischen Ethik. Beide Abhandlungen
behaupten jeweils die Lust als Ganzes und im Ganzen zu diskutieren
doch definieren sie anders. Grund ist, weil die erste Definition aus Buch
VII wohl ursprünglich zur Eudemischen Ethik gehörte51. Aristoteles fragt
vor allem nach dem Wert der Lust. Die Bücher vor VII charakterisieren
die Lust ebenfalls schon: Nur einige Lustformen seien gut, sie ist
integrativer Bestandteil des Glücks, kann aber auch Grund für sittlich
schlechte Handlung sein, da sie täuscht. Lust ist für den das, was er liebt;
sie ist Maßstab für das Handeln; Gutes ist lustvoll52.
Buch X fragt nach Wertung und Wesen der Lust. Sie könnte nicht das
höchste Gut sei oder nicht jede Lust wählenswert oder nur einige
wählenswert. Auf jeden Fall gibt es Lustformen, die sittlich schlecht sind.
Deshalb ist die Lust auch nicht das höchste Gut53. Doch Schmerz ist zu
meiden und Lust zu wählen, deshalb ist die Lust zu bewerten anhand der
Tätigkeit, die man dabei ausübt54. Lust hilft einem, eine Tätigkeit besser
auszuüben, Gleichzeitig ist sie auch selbst eine Tätigkeit55.

49 Vgl. Ackrill, S. 61.


50 Vgl. Ackrill, S. 62.
51 Vgl. Ricken, S. 207.
52 Vgl. Ricken, S. 208f.
53 Vgl. Ricken, S. 216ff.
54 Vgl. Ricken, S. 222.
55 Vgl. Ricken, S. 225f.

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3. Epikur: Hedone, ataraxia und aponia.
Laut Held ist ein wesentlicher Gedanke seiner Ethik, dass das, was
Glück verschafft, stets erreichbar sein muss56. Die Ethik ist
Lebensphilosophie, nicht Wissenschaft, und eudämonistisch, da sie
falsche Gefühle auf falsche Welturteile zurückführt und auf Vernunft
baut57. Eudaimonia ist für Epikur die Hedone (Lust).
Hedone hat die beiden Formen Ataraxia und Aponia (körperliche
Unversertheit). Die Hedone ist weder wie bei Aristipp noch wie im
Utilitarismus58. Ein Abwägen von Möglichkeiten ist hier wichtig, nicht nur
bloßes Quantifizieren der Hedone. Leider ist Epikurs Wortwahl manchmal
etwas unglücklich59. Da er die Ataraxia aber als Telos definiert, scheint
ein Hedonismus ausgeschlossen zu sein. Stattdessen ist die Ethik ein
Erfüllungsglück, nicht Empfindungsglück, und damit eudämonistisch60.
Irgendwie scheint er Hedonismus und Eudaimonia zu kombinieren, was
nicht möglich ist. Deshalb muss man seine Wortwahl klären61.
Sämtliche seiner Überlegungen bezieht Epikur auf die Eudaimonia.
Diese ist objektiv und damit evaluierbar62. Seine Prämissen sind aber,
dass a) Hedone grundlegendes Handlungsprinzip des Menschen ist (Jeder
sucht Lust und vermeidet Schmerz) und b) sich die Hedone in kinetische
(bewegt, prozesshaft, beseitigt Schmerz) und katastematische
(störungsfrei, Ende der kinetischen, Schmerzfreiheit, Grenze der Größe
der Lust)63.
Ataraxia ist die seelische katastematische Hedone, Aponia dagegen
die körperliche. Die kinetische Lust beschreibt Epikur noch in typisch
hedonistischen Paradigmen: Sie ist quantifizierbar, maximierbar, es gibt
gute und schlechte. Die katastematische dagegen ist inhaltlich nicht
56 Vgl. Held, S. 9.
57 Vgl. Held, S. 12.
58 Vgl. Held, S. 14.
59 Vgl. Held, S. 15.
60 Vgl. Held, S. 16.
61 Vgl. Held, S. 17.
62 Vgl. Held, S. 17.
63 Vgl. Held, S. 18.

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hedonistisch. Der Mensch soll laut Epikur nicht jede Lust nehmen
sondern nur die, die seiner Naturanlage entspricht, welches die
katastematische ist. Alles Streben und Wählen bezieht sich auf Ataraxia
und Aponia64.
Die notwendigen Kriterien für Ataraxia sind eudaimonistische. Es ist
ein Telos und Eudaimonia und eine rationale Einstellung der
Unerschütterlichkeit65.
Da Hedonismus und Eudämonismus nicht vereinbar sind, sollte man
auf eine Klassifizierung der Ethik verzichten66.
Menschliches Leben und Glückseligkeit macht nach Epikur die
Ataraxia aus. Diese als Einstellung unterscheidet Mensch von Tier und
ermöglicht ihm ein menschliches Leben. Sie ermöglicht sich ihm sich von
allem zu befreien (Ängsten und Schmerzen), was die Tiere nicht
können67.
Laut Olympiodorus nannte Epikur katastematische Hedone kata
physin (naturgemäß)68, was heißt, entsprechend unserer Natur leben69.
Wir Menschen leben nicht bloß um zu Überleben, sondern wegen einem
guten Leben. Im Gegensatz zu anderen eudämoistischen Ethiken sind
Tugenden bei Epikur nur sekundär hinter der Hedone70. Dagegen sind
Lust und Schmerz Kriterien des Handelns und Wollens, die als Maßstab
und Ziel dienen, an denen man sie ausrichtet. Hedone ist damit
Naturanlage im Sinne des Ziels wie auch des Maßstabs allen Handelns
und ein Leben, dass der Hedone folgt, folgt der Natur71.
Nun ist nur katastematische Hedone kata physin und Telos72, doch
welches Verhältnis haben die Lustarten und hat er sie übernommen?

64 Vgl. Held, S. 19.


65 Vgl. Held, S. 20.
66 Vgl. Held, S. 21.
67 Vgl. Held, S. 22.
68 Vgl. Held, S. 36.
69 Vgl. Held, S. 39.
70 Vgl. Held, S. 40f.
71 Vgl. Held, S. 42ff.
72 Vgl. Held, S. 46.

12
Schnell sieht man terminologische Ähnlichkeiten zu Aristoteles (der
ruhige und bewegte Lust kannte); noch größer sind die Ähnlichkeiten zu
den Kyrenaikern von Aristipp, welche aber die kinetische Lust die wahre
nannten, im Gegensatz zu Epikur73. Aristoteles dagegen bevorzugte wie
er die ruhige als wirkliche, göttliche, war allerdings gegen die kinetische,
während Epikur beide gelten lässt74.
Die kinetische Lust ist der Prozess, der zur Schmerzaufhebung führt,
also zur katastematischen, die man nicht statisch, sondern ungestört
nennen sollte75. Die kinetische Hedone ist also notwendig für die
katastematische. Hemmungslose Lüste jedoch sind negativ. Keine Lust
haben ist aber auch ein Übel (KD8). Kinetische Lüste missbrauchen kann
nur der Mensch. Da sie intensiver sind und den Schmerz erleichtern, sind
sie verlockender, was zu einem Teufelskreis führen kann. Ist man darin
gefangen, kann man nie die katastematische Hedone erreichen76. Schon
allein deshalb kann er kein Hedonist im modernen Begriff sein.
Ganz ohne kinetische Hedone kann ein Mensch jedoch nicht leben,
schon allein aufgrund der Notwendigkeit zur Befriedigung elementarer
Bedürfnisse, die Epikur vor allem in KD30 und Men. 127 aufzeigt: Das
pure Überleben, ein störungsfreier Körper und die Glückseligkeit77.
Ein Argument Epikurs ist, dass der Mensch von Geburt an die
katastematische Hedone anstrebt (DL X.137). Er hatte sie bis zu seiner
Geburt, verlor sie dann aber und will sie wiederhaben78. Als Ungeborener
war der Mensch also ungestört und musste sich keine kinetischen Lüste
erstreben, da er bereits die katastematische hatte. Die katastematische
Hedone ist also Anfang (Arche) und Ende (Telos)79.

73 Vgl. Held, S. 50f.


74 Vgl. Held, S. 52.
75 Vgl. Held, S. 52ff.
76 Vgl. Held, S. 57.
77 Vgl. Held, S. 61f.
78 Vgl. Held, S. 61.
79 Vgl. Held, S. 64.

13
Die katastematische Hedone ist nun aber nicht immer gleich. Ihre
Änderungen sind im Gegensatz zur kinetischen aber nur qualitativ, nicht
quantitiv80. Seltsamerweise sagte Cicero aber, dass Epikur widerum
meinte, dass nach Erreichen der katastematischen Hedone noch weiter
kinetische kommen könnte81. Wie kann man sich das vorstellen?
Epikur selbst hatte die Eudaimonia, das Telos, erreicht. Das Telos
sind Ataraxia und Aponia, wobei Ataraxia aber die stärkere ist. Er sprach
davon, dass er trotz Erreichen der katastematischen Hedone noch Chara
(Seelenfreude) empfand, welche aber kinetisch ist. Anzunehmen, dass
nach der katastematischen noch kinetische Hedone käme, ist aber
Unsinn, da erstere ja die Grenze ist82. Kurz vor seinem Ende musste
Epikur starke körperliche Schmerzen gehabt haben, doch schrieb er,
diese durch den Einsatz von Chara beseitig und so die Aponia aufrecht
gehalten zu haben. Er konnte also Lust und Schmerz durch ein
psychologisches Mittel (hier: Erinnerung) steuern83. Das beweist erstens,
dass Ataraxia wichtiger ist als Aponia und seelischer Schmerz als
körperlicher wäre. Zweitens aber sagt es aus, dass die kinetische Hedone
nur a) die katastematische weiter stützt und b) von ihr als Mittel zum
Zweck eingesetzt werden kann84. Ein Eudaimon im Sinne Epikur ist man
also, wenn man alle Schmerzen kontrollieren und ausgleichen kann, ohne
in seiner Seelenlage erschüttert zu werden. Das heißt, er nahm wohl
genau wie Aristoteles zwei Seelenteile an; einer leidenschaftslos und
rational, der den emotionalen steuern kann85.
Nach Diogenes kannte Epikur kinetische und katastematische
Hedone in Körper und Seele86. Katastematische sind hierbei Aponia und

80 Vgl. Held, S. 74f.


81 Vgl. Held, S. 76.
82 Vgl. Held, S. 77.
83 Vgl. Held, S. 78.
84 Vgl. Held, S. 79.
85 Vgl. Held, S. 80.
86 Vgl. Held, S. 90.

14
Ataraxia, doch die kinetischen? Eigentlich ist es einfach: Kinetische
seelische Hedone beseitigen z.B. Ängste. Ein Beispiel ist Chara87.
Fazit aus Epikurs Praxis ist also, dass Aponia nicht in unserer Macht
liegt, Ataraxia dagegen schon. Diese ermöglicht es auch auf Aponia
verzichten bzw. sie herstellen zu können88. Dies heißt erstens, dass
Ataraxia das eigentliche Telos ist, zweitens, dass Epikur hier ähnliche
Annahmen machte wie Aristoteles.
Einer weitere Ähnlichkeit ist die Annahme der Energeia. Epikur
bezeichnete beide Hedone so, also als aktiv, als Handlung, Aktivität.
Ähnlich, wie es auch schon Aristoteles getan hatte89. Wie gesagt heißt
Katastematisch nicht statisch sondern ungestört. Dagegen ist das
Kinetische aufgestört, beunruhigt. Energeia heißt nun nicht unbedingt
aktiv sein, sondern eher 'Wirkung entfalten'90.
Auch wenn man die Ataraxia richtig beschreibt, wird man
Ähnlichkeiten mit der fast selben Beschreibung der ungestörten Lust des
Aristoteles finden. Bei diesem ist Hedone unbeeinträchtigt, unbehindert.
Schmerz dagegen ist schlecht und stört91.
Wenn man Hedone nicht als Gefühl, sondern als Erlebnis auffasst,
das gut, neutral, auch negativ sein, kann man die neutrale Seelenruhe
der Ataraxia als Hedone anerkennen, die Energeia ist92. Sie ist als Telos
Erfüllungs- und nicht Empfindungsglück und hat zwei Bedeutungen:
Unerschütterlichkeit und Unerschüttert93. Als seelische Heiterkeit, tiefste
Ruhe und Ungestörtheit ist sie ein Zustand 94, während Seneca sie eher
als abgelöst und unerschütterlich beschreibt, als den Grund für den
Zustand95. Im Brief an Herodot nutzt Epikur ähnliche Worte. Dort

87 Vgl. Held, S. 96f.


88 Vgl. Held, S. 101f.
89 Vgl. Held, S. 107f.
90 Vgl. Held, S. 109.
91 Vgl. Held, S. 110f.
92 Vgl. Held, S. 118.
93 Vgl. Held, S. 121.
94 Vgl. Held, S. 129.
95 Vgl. Held, S. 130.

15
beschreibt er auch die Natur um den Erkenntnisgewinn davon zu nutzten
und damit erst Ataraxia und Glückseligkeit zu ermöglichen96. Ataraxia ist
somit gleichzeitig ein passives Gefühl als auch eine aktive Haltung97.
Neben Aristoteles für die Hedone kann man auch für Ataraxia
Begriffsvorbilder suchen. So könnte z.B. Demokrits Athambia
(Unerschütterlichkeit) ein Vorläufer sein98. Allerdings hatte er noch einen
anderen Begriff, der besser passt: Euthymia (Seelenruhe). Demokrit
hatte zwei Begriffe, wo Epikur nur einen kannte99. Ein anderer Vorläufer
könnte Anaxarchos gewesen sein. Dieser kannte auch zwei Begriffe:
Apatheia (Abwesenheit von Leidenschaften) und Adiaphora
(Leidenschaftslose Verfassung). Wenn man die Grenzen des
Angemessenen kennt, führt dies zu Adiaphora. Durch sie kommt man zur
Apatheia. Unangemessenes stört die Apatheia100. Ähnlich sah das auch
Epikur: Durch richtige Erkenntnis und abwägen durch Klugheit kommt
man zur Ataraxia (Unerschütterlichkeit). Bei ihm jedoch kann man in
diesem Zustand immer noch empfinden, nur halt nicht betroffen
werden101. Ein dritter Vorläufer wäre vielleicht Pyrrhon. Dieser nahm an,
dass Adiaphora zur Ataraxia führt. Diese ist das, was das Tier empfindet,
da es indifferent ist. So soll sich der Mensch des Menschlichen entledigen
um vollkommene Unerschüttertheit erlangen zu können102.
Bei Epikur nun gab es nicht zwei sondern nur einen Begriff: Ataraxia.
Diese ist nicht explizit dichotomisch, doch scheint zwei Begriffe zu
enthalten, quasi Adiaphora und Ataraxia in einem Ausdruck103. Auch er
nahm an, dass man die Natur beobachten und erkennen, Dinge

96 Vgl. Held, S. 132.


97 Vgl. Held, S. 134.
98 Vgl. Held, S. 141.
99 Vgl. Held, S. 142.
100Vgl. Held, S. 146.
101Vgl. Held, S. 147.
102Vgl. Held, S. 150f.
103Vgl. Held, S. 152ff.

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erschließen muss. Diese führt zur Ataraxia. Da das absichtlich geschieht,
ist seine Theorie eine eudämonistische104.
Epikurs Begriff Ataraxia ist insofern dichotomisch, als dass sie als
Unerschütterlichkeit die katastematische Lust Ataraxia, die
Unerschüttertheit, dem Telos, generiert105. Auch laut Hermach ist die
Ataraxia nur ein Beitrag um – die Hedone zu erreichen106. Diese Hedone
ist die katastematische Hedone, die Ataraxia, welche somit Eudaimonia
ist107. Die erste Ataraxia als Erschütterungsfreiheit ist noch graduier- und
verlierbar. Hat man aber die stärkere Ataraxia erreicht, kann man erstere
mittels ethischer Einübung auch rational zustande bringen108.
Letztlich unterscheidet Epikur noch zwei Arten von Eudaimonia. Die
erste ist die gewöhnliche, die jedermann erreichen kann und die sich
manchmal zufällig einstellt. Die zweite ist die gottgleiche Eudaimonia109.
Beide Arten sah Epikur als für jedermann erreichbar an110.
Die Kritik von Held lautete nun, dass Erkenntnis noch lange nicht zu
seelischer Ruhe führt. Deshalb könne das Leben nur eine Einübung in die
Ataraxia sein, die 'gewöhnliche' vielleicht erreichbar. Die Göttliche aber
muss ein Ideal sein. Realer wäre es anzunehmen dass es um ein
Bemühen-Wollen ginge111.

Nach Forschner setzt Epikur vollendetes menschliches Glück in eine


ästhetische Lebensform. Die Seele wird autark und vollendet ihr Glück in
heiterer Gelöstheit von allem Streben. Umgang mit Gütern und
Befolgung der Sitten sind bezogen auf den Naturtrieb, Bedürftigkeit und
Verletzbarkeit des Menschen. Um heiteren Lebensgenuss als Telos zu

104Vgl. Held, S. 157f.


105Vgl. Held, S. 162f.
106Vgl. Held, S., 168.
107Vgl. Held, S. 172.
108Vgl. Held, S. 177.
109Vgl. Held, S. 175.
110Vgl. Held, S. 180.
111Vgl. Held, S. 181f.

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erreichen muss der Mensch zu seinem Leben ein naturorientiertes und
distanziert-spielerisches Verhältnis haben112.
Philosophie ist für Epikur befreiende Aufklärung, Kunst und Lehre,
um mit Argumenten aus Unwissenheit als Quell des Schmerzes
hinauszuführen. In vernünftiger Selbständigkeit soll man sich seines
sterblichen Lebens erfreuen. Sie ist damit praktisch und therapeutisch113.
Dafür müssen vier Sorgen beseitigt werden: Angst vor Göttern, Angst vor
dem Tod, Angst vor Schmerzen, Angst vor Begierden114. Kanonik ist für
ihn Lehre der Mittel, die zu evidenten Erkenntnissen führt115. Als Basis
dienen sinnliche Erfahrungen der tatsächlichen Welt. Das Empfinden von
Lust oder Schmerz ist Kriterium für Wertungen, was man folgen und was
meiden soll. Durch Einübung kommt man zu Erkenntnissen. Lust teilt er
in körperlich und geistig116. Aufgebaut ist die Welt aus Atomen. Physik
fragt nach einem glücklichen Leben, das unter allen möglichen sozialen
Umständen für jeden erreichbar sein muss117. Das menschliche Dasein ist
individuelle Selbsttätigkeit und Selbstempfindung118.
Die Ethik lehrt die Ängste zu beseitigen. Die erste ist die Angst vor
Göttern. Diese gibt es laut Epikur119 und können vom Menschen
wahrgenommen werden. Atomare Ausflüsse von ihnen streifen den
Menschen. Die Götter sind menschlich, haben keine Sorgen und leben in
Heiterkeit120. Betrachtung und Verehrung des Lebens der Götter ist
höchste menschliche Tätigkeit und vermittelt ihm die Wahrheit über sich
und das Ziel seines Lebens, was den Menschen begrenzt unsterblich
macht121. Als zweites die Angst vor Lust und Schmerz. Sie sind jedem

112Vgl. Forschner, S. 24.


113Vgl. Forschner, S. 25.
114Vgl. Forschner, S. 26.
115Vgl. Forschner, S. 27.
116Vgl. Forschner, S. 28.
117Vgl. Forschner, S. 29.
118Vgl. Forschner, S. 30.
119Vgl. Forschner, S. 30.
120Vgl. Forschner, S. 31.
121Vgl. Forschner, S. 32.

18
Lebewesen zueigen122 und zeigen ihm, was angemessen und was
unangemessen ist. Deshalb richten sie ihr Leben nach deren Kriterien
aus, weshalb die Lust Ursprung und Ziel glücklichen Lebens ist. Hedone
und Schmerz sind sinnlich und geistig123. Den Menschen unterscheidet
vom Tier seine Fähigkeit der Vernunft. Der Geist ist frei und steuert,
während der Körper von der Welt abhängig ist. Der Geist kann den
Körper steuern und beruhigen124. Im Streben nach Lust zeigt sich die
Abhängigkeit des Menschen vom Naturtrieb. Doch der Mensch kann sich
entscheiden. Wichtig sind nur die grundsätzlichen Begierden, die leicht
zu befriedigen sind. Es gibt natürliche und notwendige, natürliche und
nicht-notwendige und nicht-natürliche und nicht-notwendige
Begierden125. Man muss lernen zu entscheiden. Schmerz kann nie
Überhand nehmen. Lust differenziert sich in kinetisch und
katastematisch, was ähnlich schon Aristoteles kannte. Katastematische
Hedone ist die Lust des gesunden Körpers und der harmonischen Seele:
Aponia und Ataraxia. Man ist frei von Begierden und Schmerz126.
Kinetische dagegen ist ein Prozess, der den Schmerz aufhebt und zur
katastematischen führt127. Weiter gibt es die Angst vor dem Tod. Dieser
aber ist nicht da wenn wir leben und wenn wir tot sind, sind wir nicht
mehr128. Verliert man seine Angst vor dem Ende und vor einer Hölle oder
Unterwelt danach, wird der Tod bedeutungslos und man kann sein Leben
genießen129. Menschliches Glück ist nur möglich, wenn man sich von Tod
wie Leben distanziert und eine Freiheit und Gelassenheit gewinnt130.
Der Eudaimon ist frei und glücklich durch sich selbst und
gottgleich131. Ein heiteres Leben ist aber nicht möglich ohne einem
122Vgl. Forschner, S. 32.
123Vgl. Forschner, S. 33.
124Vgl. Forschner, S. 34f.
125Vgl. Forschner, S. 36.
126Vgl. Forschner, S. 37.
127Vgl. Forschner, S. 38.
128Vgl. Forschner, S. 39.
129Vgl. Forschner, S. 40.
130Vgl. Forschner, S. 41.
131Vgl. Forschner, S. 41.

19
sittlich guten Leben. Tugenden sind aber nur sekundär und Mittel zum
Zweck132. Sie sind Hedone und Ataraxia untergeordnet. Der Eudaimon
steht jenseits von Sitte und Recht, verletzt oder achtet sie aber auch
nicht gering. Er lebt der Polis enthoben in einem göttlichen Lebens des
Forschens und ist der menschlichen Welt nur durch natürlich-notwendige
Bedürfnisse verhaftet133. Bei Aristoteles ist die Theoria aber ernst. Bei
Epikur sind Theoria und Phronesis aber auch nur Mittel zum Zweck und
nicht Telos selbst134.

132Vgl. Forschner, S. 42.


133Vgl. Forschner, S. 43.
134Vgl. Forschner, S. 44.

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4. Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Nun wollen wir uns ansehen, was die beiden Philosophen gemeinsam
hatten und was nicht.
Aristoteles machte sich mehr Mühe, alles bis ins kleinste zu
analysieren und definieren, was vor allem für die Eudaimonia gilt. Daran
zeigt sich auch bereits der größte Unterschied zwischen den beiden:
Aristoteles war seiner Definition der Eudaimonia folgend vor allem
theoretisch veranlagt; Epikur dagegen wollte eher praktisch leben und
wirken.
Aristoteles definierte zunächst einen Begriff des Telos und eines
obersten Telos, das man in Epikurs Fragmenten nur implizit findet. Als
oberstes Telos bezeichnet jener die Eudaimonia, das gute Leben und
gute Handeln, derweil jener dort die Hedone einsetzte, allerdings eben
als eine Eudaimonia, von der er bloß nicht (in den Fragementen) sprach.
Aristoteles setzte als Telos (für sich?) die Theoria.
Die Eudaimonia muss für beide nicht zwangsläufig moralisch sein,
wenngleich Aristoteles Tugenden explizit genug definiert und es als
besonders lobenswert empfindet, wenn man ihnen folgt.
Für Aristoteles ist neben dem Telos auch noch Vermögen,
Gesundheit, ein soziales Umfeld, Lust und Talent für die Eudaimonia
wichtig, jedoch reicht das notwendige Mindestmaß. Auch Epikur
definierte notwendige elementare Bedürfnisse, die zu erfüllen nicht
schwer ist, um das Überleben sicherzustellen, einen gesunden Leib zu
behalten und die Glückseligkeit zu erringen.
Aristoteles hob das soziale Umfeld besonders hervor, ohne dass es
keine Eudaimonia geben könne (und in der die Eudaimonia jedes
Einzelnen gesichert werden soll). Epikur äußerte sich dazu kaum, jedoch
lebte er stets quasi-sozialistisch mit seinen Schülern und Freunden hob
auch Erinnerungen an gute Gespräche als kinetische Lust hervor. Wenn
man jedoch nicht gut unter Menschen leben kann, sollte man lieber

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alleine leben. Im Gegensatz zu Aristoteles jedoch sucht Epikur nach
einem glücklichen Leben, das unter allen sozialen Bedingungen
realisierbar ist135. Man ist also nicht abhängig von Naturanlagen und dem,
was einem die Eltern mitgaben.
Für beide war klar, dass die Vernunft das ist, was den Menschen vom
Tier unterscheidet, jedoch bewerteten sie es unterschiedlich. Nach
Aristoteles soll ein Wesen die Tätigkeit gemäß seines Talentes wählen.
Der Mensch zeichnet sich gegenüber Tier und Pflanzen durch seine
Vernunft aus. Der Sinn der Natur soll es sein, die Vernunft zu nutzen und
ihr entsprechend zu leben. Das nicht zu tun wäre widersinnig. Da der
Mensch weiterhin ein zoon politikon ist wäre es widersinnig nicht im
sozialen Rahmen zu leben. Die Natur (Physis) schaffte uns auf eine
bestimmte Art und wir müssen das erkennen. Dann muss man diese
Bestimmung als Ziel im Auge behalten und das Streben und Handeln
danach ausrichten um das Telos zu erreichen136. Durch die Vernunft
erkennt der Mensch und wägt sein Handeln an dieser Erkenntnis sowie
an Lust und Schmerz aus. Epikur beginnt ähnlich, geht aber anders. Der
Mensch besitzt Vernunft und soll gemäß der Natur leben. Dieses Leben
für den Menschen ist die Ausübung der Vernunft um Ataraxia zu haben,
womit er Angst und Schmerz vertreiben kann, was die Tiere nicht
können.
Beide sind sich jedoch wiederum einig darinnen, dass die Vernunft
über dem Gefühl steht und diese steuern kann, was Epikur mit seiner
Ataraxia näher beschreibt.
Auch sind sie sich darin einig, dass der Mensch durch Betrachtungen
(der Natur) zu Erkenntnissen kommt und sein Streben daran (auch)
ausrichten soll. Während man nach Aristoteles dann aber zu Einsichten
kommt, die einen gottähnlich werden lassen, führt es bei Epikur zur
Ataraxia, womit man frei von Angst und Schmerz ist.

135Vgl. Forschner, S. 29.


136Vgl. Held, S. 38.

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Als oberstes Telos definierte Aristoteles die Theoria, die einen
Menschen göttlich werden lässt, wenngleich der Mensch dies nicht für
immer einhalten kann, sondern sich auch um weltliche Belange kümmern
muss. An zweiter Stelle kommt die Phronesis, die praktische Vernunft,
die sich nur um weltliche Belange kümmert. Reine Lust dagegen ist das
dritte Telos, das jedoch dem der Tiere gleich ist. Für Epikur jedoch
kommt man durch die ataraxia (als Unerschütterlichkeit) zum Telos, der
Hedone, welche Ataraxia als Unerschüttertheit ist.
Epikur nimmt in seiner Theorie zahlreiche Begriffe dichotomisch an.
Hedone besteht aus zwei Arten die zwei Unterarten haben; Ataraxia hat
zwei Formen; auch die Eudaimonia kennt gewöhnliche und göttliche.
Ein großer Unterschied ist natürlich die Lustauffassung. Beide
scheinen von denselben Annahmen auszugehen, dass sich die Lust in
kinetische und katastematische teilt. Aristoteles jedoch bevorzugt die
katastematische als göttliche, als etwas unbeeinträchtigtes. Diese Lust
ist Teil der Eudaimonia und Theoria, aber nicht diese selbst. Bei Epikur
gelten beide Arten, die sich nochmal in seelisch und körperlich
unterteilen. Die kinetischen dienen der Befriedigung, wie auch Aristoteles
sagt, jedoch lindern sie damit Schmerzen und führen zur
katastematischen, der ungestörten, die wiederum das Telos ist.
Aristoteles und Epikur gehen also von ähnlichen Bedingungen aus
(eudämonistischer Rahmen, den Epikur um den hedonistischen ergänzt;
Eudaimonia muss für alle erreichbar sein; muss nicht moralisch sein,
wenngleich ein sittliches Leben preisenswert ist; die Vernunft ist dem
Menschen eigen und kann Gefühle steuern; die Eudaimonia macht den
Menschen göttlich; durch Erkenntnisse zusammen mit Lust und Schmerz
kommt man an Maßstäbe an denen man sein Handeln ausrichten kann),
kommen aber über teils unterschiedliche Bewertungen (vor allem
bezüglich der Lust und sozialer Umstände) zu unterschiedlichen Zielen
(der ernsten Theoria des Aristoteles und der 'glücklich unerschütterten'
Hedone bzw. Ataraxia des Epikur): Aristoteles wollte die Welt erkennen;

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Epikur wollte die Furcht vor ihr nehmen und das Umgehen mit Ängsten
und Schmerz lehren.

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5. Literatur

● Ackrill, John L.: Aristotle on Eudaimonia. In: Höffe, Otfried: Die Nikomachische Ethik.

Berlin: Akademie Verlag 1995.

● Forschner, Maximilian: Über das Glück des Menschen. Darmstadt: Wissenschaftliche

Buchgesellschaft, 2. Auflage.

● Held, Katharina: Hedone und Ataraxia bei Epikur. Paderborn: mentis 2007.

● Kampert, Heinz: Eudaimonie und Autarkie bei Aristoteles. Paderborn: mentis 2003.

● Ricken, Friedo: Wert und Wesen der Lust. In: Höffe, Otfried: Die Nikomachische Ethik.

Berlin: Akademie Verlag 1995.

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