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Oskar und Napoleon

Oskar starrte auf den Eingang des kleinen Fußgänger-Tunnels. Ein Dackel saß davor.
»Willst Du mich nicht vorbeilassen?«
Der Dackel sah zu ihm empor und sagte: »Ich bin der Torwächter. Der Hüter und
Bewacher dieses Tunnels. Er ist ein Portal. Wenn du hier durchschreitest, dann
kommst du verändert heraus: Jugend, Kraft und Harmonie erwarten dich auf der
anderen Seite. Aber nur, wenn du mit der richtigen Geisteshaltung durch diesen
Tunnel marschierst.«
Oskar kratzte sich am Kopf. Dann sah er auf die Schnapsflasche, die er in einer
kleinen Papiertüte trug. »Na, da gönne ich mir erst mal einen Schluck, bevor ich mit
dir weiterdiskutiere. Du scheinst ein ausgesprochen kluger Dackel zu sein. Apropos
ausgesprochen: du sprichst völlig akzentfrei. Wo hast du das gelernt? Ein wenig
erinnert mich dein Tonfall an mich selber. Kann es sein, dass du dir meine Stimme
ausgeliehen hast? Aber dann hätte ich jetzt selber keine Stimme, um dich genau das
zu fragen.«
Oskar ließ sich auf eine der Parkbänke niedersinken und blickte hinüber zum
Ententeich. »Kannst du nicht einfach ein paar Enten jagen? So wie jeder anständige
Dackel? Wieso treffe ich immer Leute, hohe Tiere, kleine Tiere, die mir den Weg
versperren?«
Der Dackel setzte sich zu ihm auf die Parkbank. »Du könntest mir ein bisschen von
deinem Schnaps abgeben. Bestechung ist immer gut. Und wenn ich beschwipst bin,
dann verrate ich dir vielleicht die großen Geheimnisse des Lebens.«
Oskar goss sich Schnaps in seine hohle Hand und hielt seine Hand vor die Schnauze
des Dackels. »Hast du keinen Becher? Was für einen Lebensstil pflegst du
eigentlich?«
Oskar sah hinüber zu dem Tunnel. »Ein Tunnel für Fußgänger. Früher, da hatte ich
einen Sportwagen. Da hättest du neben mir fahren können auf dem Beifahrersitz, das
Fell zerzaust vom Fahrtwind. Damals. Willst du wissen, was passiert ist?«
Der Dackel leckte den Schnaps aus der Hand von Oskar und sagte: »Nein. Ich gehe
jetzt lieber Enten jagen. War ein guter Vorschlag. Ich fühle mich beschwingt. Pass
bloß auf, dass dich der Tierschutzbund nicht erwischt: Kleine Dackel mit Schnaps
abfüllen. Völlig unmoralisch. Und lecker. Gibst du mir noch einen aus?«
»Erst wenn du mir das Geheimnis dieses Tunnels verrätst. Wieso ist das ein Portal?
Welches wäre denn die richtige Geisteshaltung, um dort triumphierend
hindurchzumarschieren?«
»Das fragst du einen besoffenen Dackel? Dir scheint es wirklich an kompetenten
Gesprächspartnern zu mangeln.«
»Dafür habe ich Zeit. Jede Menge. Nichts zu tun, als das eigene Gewicht zu tragen.
Ich trage schwer an meiner Person. Obwohl meine Person am Verschwinden ist. Die
Leute sehen mich schon beinahe kaum noch. Sie sehen durch mich hindurch. Früher,
da war ich stattlich, hatte Macht.«
»Früher, da war ich ein Welpe. Und die großen Doggen haben mich gejagt. Ich hatte
mir so gewünscht schnell groß zu werden, um es dann im Kampf mit ihnen
aufnehmen zu können. Doch ich wuchs leider nur in die Länge, nicht in die Höhe.
Aber weißt du was? Ich bin gerne Dackel. Und darauf kommt es doch an: gerne das zu
sein, was man ist.«
»Das erscheint mir momentan als das Schwerste auf der Welt.«
»Tja, aber genau diese Geisteshaltung brauchst du für diesen Tunnel. Dann erwarten
dich am anderen Ende Jubel, Trubel, Seligkeit.«
Eine Ente spazierte dicht an ihnen vorbei. Oskar warf ihr einige Brotkrumen zu. Die
Ente verneigte sich und sagte: »Danke. Das sah doch nicht aus, als würde ich betteln,
oder? Ich mag es nicht, wenn man denkt, ich sei aufdringlich. Ich bin nicht so ein
aufdringliches Federvieh. Aber ich bin hungrig.«
Die Ente schnappte sich einige Brotkrumen und watschelte dann hinter einen Baum.
Von dort schaute sie zu ihnen hinüber. »Ente komm wieder hervor. Ich bin ein
sittsamer Dackel. Zumindest bis ich Oskar erklärt habe, was Sache ist. Muss meine
Mission doch erst getreulich erfüllen.«
Die Ente kam wieder zögernd näher. »Wieso weißt du, dass ich Oskar heiße?«
Der Dackel legte seinen Kopf in Oskars Schoß. »Wenn du in die Welt hinausschaust,
dann siehst du beständig nur dich selbst. Sogar die Ente ist ein Teil von dir –
zumindest aus deiner Sicht. Aus der Sicht der Ente, bist du ein Teil von ihr. Wir
stecken alle einer in dem anderen. Sind Eines.«
Oskar blickte ratlos zu der Ente hinüber. »Verstehst du den Dackel? Mir scheint, ich
bin es selber, der sich artikuliert mit Hilfe dieses Dackels. Somit wäre dieses ein
Selbstgespräch. Aber ich verstehe mich selber nicht. Irgendwie müssen die Worte sich
verdreht haben auf dem Weg in das Dackel-Gehirn.«
Der Dackel drehte seinen Kopf und blickte zu Oskar empor. »Das war völlig
verständlich, was ich dir sagte. Aber du musst ein Philosoph sein, um es würdigen zu
können.«
Die Ente watschelte zu der Parkbank und sagte: »Ich bin eine hochphilosophische
Ente und kann dir das mal erklären. Pass auf, Oskar.«
Oskar hielt sich die Ohren zu. »Ich will nicht belehrt werden von einer Ente, die
angeblich etwas von Philosophie versteht. Ich trinke noch einige Schlucke Schnaps
und dann könnt ihr beiden nicht mehr sprechen, weil mein Gehirn dann nicht mehr zu
eurer Verfügung steht.«
Der Dackel gähnte. »Ist es das, was du willst? Deine Ruhe haben vor dir selbst? Du
fürchtest nicht so sehr die Welt, sondern du fürchtest dich vor dir selbst. Schon mal
etwas von dem himmlischen Zwilling gehört? Den hat jeder. Das ist dein Idealbild,
dein Selbst, so wie du sein könntest, wenn du deine Möglichkeiten nutzen würdest.
Du nutzt keine Möglichkeiten.«
Oskar seufzte. »Vielleicht sollte ich dir zuhören, auf dich hören. Entweder werde ich
dann weise oder wahnsinnig.« »Prima. Ich habe eine unendliche Menge an Tipps für
dich. Ich bin der Dackel, der aus dem Unterbewusstsein kam.«
»Da oben, die Möwen; werden die auch gleich allesamt zu mir sprechen?«
»Wenn du sie darum bittest.«
»Ich warte erst Mal ab, wie sich unser Gespräch entwickelt. Eigentlich bin ich froh,
dass du dir Zeit für mich nimmst. Kann ich für euch auch etwas tun?«
Die Ente sagte: »Du könntest uns loben. Zum Beispiel mein schönes Gefieder. Mein
ganzer Stolz.« Die Ente spreizte ihre Flügel.
»Du könntest meinen goldigen Hundeblick zur Kenntnis nehmen und ganz gerührt
sein.«
»Loben? Ich soll Euch loben? Die Welt loben? Sieh dir an, was die Welt mir angetan
hat.« Oskar zog an seiner schäbigen Kleidung. »Ich bin so einsam, dass nur noch Tiere
mit mir reden.«
Die Ente flatterte mit den Flügeln. »Was heißt hier: nur noch Tiere? Etwas mehr
Achtung bitte sehr. Das ist genau das, wovon der Dackel eben gesprochen hat. Zeige
Respekt und du bekommst Respekt. Ich meine damit nicht Unterwürfigkeit, sondern
Achtung vor dem anderen. Zeige ihm, dass er wertvoll ist und willkommen im
Diesseits. Verscheuche ihn nicht ins Jenseits. – Heute ist das Diesseits besonders
schön. Die Sonne scheint kräftig und es gab reichlich Brotkrumen.«
»Du bist einfach glücklich zu machen. Ich aber trage Erinnerungen mit mir herum,
Meinungen über mich selbst, Vorwürfe: die schleppe ich mit mir herum, werde sie
nicht los.«
»Weißt du was? Hier ist ein großer Abfallbehälter neben der Parkbank. Da tust du
jetzt die ganzen unnützen Sachen rein und dann kommst du mit mir durch diesen
wunderbaren Tunnel. Er wird dir zum Portal und du erreicht dahinter ein Land das
sich Königreich nennt: Oskars Königreich. Aber achte darauf, wenn du etwas
wegwirfst, ob du es nicht doch noch benötigst. Manches sieht unnütz aus, ist aber
mega-nützlich.« Der Dackel schob den Abfallbehälter zu ihm herüber.
Oskar ließ pantomimisch einige unsichtbare Dinge hineinfallen und klopfte sich dann
die Hände. »Ich fühle mich schon leichter, unbeschwerter. Ich bin froh, dass ich zwei
so kluge Tiere heute Morgen getroffen habe. Kann ich jetzt durch das Portal gehen?«
»Da kommst du schon. Sieh genau hin. Denn du bist ja schon auf der anderen Seite
des Portals. Alles Ansichtssache.«
Aus dem Dunkel des Tunnels trat eine Person hervor. Sie blieb stehen. Oskar beugte
sich vor. »Könnten Sie weiter hervortreten? Ich kann sie kaum erkennen. Ich kann ihr
Gesicht nicht erkennen.«
»Was können Sie denn erkennen?«
»Ihre Kleidung erinnert mich an Napoleon.«
»So ein Zufall. So heiße ich auch.«
Napoleon ging vor dem Tunnel auf und ab. »Ich habe dort im Dunkeln gesessen,
gestanden, gehofft: und nun ist es vollbracht. Ich bin ans Licht hinausgetreten. Die
Sonne scheint so warm. Der Dackel hat mich befreit. Er war mein Fürsprecher.«
Oskar ging zu Napoleon und begann neben ihm herzugehen. »Warum marschieren wir
vor diesem Tunnel auf und ab?«
»Weiter traue ich mich noch nicht. Dieser Tunnel gebar mich, dieser Tunnel ist mein
Schutz. Wie sicher ist die Welt?«
Oskar nahm einen Schluck aus seiner Schnaps-Flasche. »Mit Schnaps als Schutz ist es
gerade erträglich. Kennst du einen besseren Schutz?«
Napoleon blickte ihn an. »Wieso brauchst du Schutz vor dir selbst? Die ganze Welt
bist du selbst. Allerdings schade, dass du dir selbst dein größter Feind bist. Solche
Schlacht gewinnt man im allgemeinen nicht. Weißt du, warum ich besiegt wurde? Ich
habe den Kampf gegen mich selbst verloren: meine eigene Machtgier, Zügellosigkeit
hat sich ins Wahnhafte gesteigert. Ach, wäre ich Realist geblieben. Den Wahn, die
Illusion verbrüdern mit der nüchternen Realität: wem das gelingt, der besiegt die Welt
und der besiegt sich. Willkommen war mir der Rausch der Macht, die Vision meiner
Möglichkeiten. Warum erzähle ich dir das? Weil wir Eines sind. Du brauchst mich
und ich brauche dich: Held und gescheiterter Mensch – sie verbrüdern sich und fangen
wieder neu an – haben dazu gelernt. Denn darauf kommt es an: sich die Erinnerungen
zu bewahren und seien sie noch so schmerzlich, Denn sonst sind wir alle zur
Wiederholung verdammt, zur endlosen Wiederholung, ohne die Möglichkeit des
Fortschrittes, des Verzeihens. Verzeihe dir, verzeihe der Welt. Ich bin an deiner
Seite.«
Napoleon blieb abrupt stehen. Oskar blieb gleichfalls stehen. »Ihr habt eine Menge
guter Ratschläge für mich. Was kann ich Euch geben?«
Oskar blickte an sich hinunter. »Was ich besitze, trage ich bei mir. Mir wurde alles
genommen. Oder ich habe es mir nehmen lassen. Ich werde nicht durch diesen Tunnel
gehen. Für mich gibt es keinen Neuanfang. Dieser Schnaps hier ist mein Trost, meine
Zuflucht, mein Schutz. Und er wird mir den Weg öffnen hinaus aus dieser Welt; ganz
gemächlich und ohne dass ich es bemerke, gleite ich hinüber ins völlige Vergessen.
Was sollte mich hier halten – in einem Diesseits, das unerfreulich ist, nicht zu
meistern für mich. Ich stehe in dieser Welt waffenlos da, völlig ungeborgen,
angreifbar – vor allem ich selber greife mich an, attackiere mich schwer mit
Vorwürfen, spüre den Mangel, die Diskrepanz zwischen dem, was ich sein sollte, sein
könnte. Ich gleiche meinem himmlischen Bild keinesfalls. Lichtjahre trennen mich
davon und ich entferne mich immer weiter.«
Napoleon legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Dann gehe in die andere Richtung.
Gehe deinem himmlischen Bild entgegen, deinem Zwilling. Ich bin dein Zwilling: in
deinem Geist dort sind wir beide zusammen und versuchen diese Welt zu meistern.
Das Reale und das Mögliche – beieinander. Werde, was du eigentlich bist. Sonst
bleibe ich nur ein Schema, ein Schatten – ohne Existenz. Verhilf mir präsent zu sein.«
Napoleon blickte ihn an und ging langsamen Schrittes in den Tunnel. »Warte, warte
auf mich! Ich folge Dir. Da du mich bittest dir beizustehen, so habe ich eine Aufgabe,
und darf sie nicht leugnen.«
Oskar stellte die Schnapsflasche auf den Boden. Dann ging er zum Tunnel. Der
Dackel bellte. Oskar drehte sich zu ihm um. »Mach's gut Oskar. Ich bleibe hier sitzen
vor dem Tunnel, warte auf diejenigen, die mich brauchen, um ihnen das Geheimnis
dieses Tunnels zu erklären. Denn ich bin der Torwächter. Und um den Schnaps
kümmere ich mich und vielleicht gebe ich der Ente auch etwas ab.«
Oskar lächelte.

ENDE
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