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Fantasterei

gleich hoch zwei


Texte aus dem Eobanus-Hessus-
Schreibwettbewerb 2001- 2002

1
»Fantasterei gleich hoch zwei«

Texte aus dem


Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb
2001 - 2002

Mit einem Nachwort von


Fritz-Wilhelm Neumann und Otto Kruse

3
DR. FRITZ-WILHELM NEUMANN ist Professor für Anglistische
Literaturwissenschaft an der Universität Erfurt und gibt creative - writing-
Kurse.

DR. OTTO KRUSE ist Professor für Psychologie am Fachbereich Sozi-


alwesen der Fachhochschule Erfurt und Gründer der Schreibschule
Erfurt.

HANS-CHRISTIAN PIOSSEK ist Diplombibliothekar (FH) und Di-


plom-Staatswissenschaftler und arbeitet derzeit in der Kulturdirektion
Erfurt, Sachgebiet Literaturförderung/Hochschulen.

THOMAS PUTZ ist Diplom-Sozialpädagoge, organisiert Literatur-


veranstaltungen im Studentenzentrum Engelsburg und ist derzeit wissen-
schaftlicher Mitarbeiter an der Fachhochschule Erfurt.

Erfurt 2002
Herausgeber: Thomas Putz und Hans-Christian Piossek
Auflage: 300 Stück
Alle Rechte liegen bei den Autorinnen und Autoren

Druck: Sächsisches Digitaldruck Zentrum Dresden


Satz und Gestaltung: Thomas Putz

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Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5

TOBIAS SICHERT: Nach dem ersten International


Poetry Reading . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
INES MICHAELSEN: thoughts like black holes . . . . . . 10
ALEXANDER PLATZ: aufgang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
JONAS WETZEL: Fantasterei gleich hoch zwei . . . . . . . 12
PAULINA SCHULZ: Wintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
BABETTE SAEBISCH: Hatty . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
FRANZISKA WILHELM: Simons Geheimnis . . . . . . . 19
SIMONE KILCHES: rauchschwanger . . . . . . . . . . . . . . . . 22
KATJA MÜLLER: Tage Blau oder eine Liebeserklärung . . . 26
SID EISENGURRER: Vernehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
THOMAS ZIMMERMANN: Schreib mal wieder ! . . . . . 36
TOBIAS PRÜWER: Vita Eobani – Lebenskreis des
Poetenkönigs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
PETER RAULFS: imlandderauspuffonanisten . . . . . . . . 52
ANDRÉ KUDERNATSCH: Tiffany . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
BABETTE SAEBISCH: Wein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
CHRISTIAN HÖFIG: Drachentöter . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
ANDREAS SCHUCK: Revolution, heute . . . . . . . . . . . . . 74
KATHARINA WEINRICH: short story . . . . . . . . . . . . . 79

Zwei Jahre Eobanus Hessus und der Nachwuchs:


ein Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81

Zu den Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93

5
Vorwort

Die vorliegende Anthologie enthält Texte aus dem Erfurter


Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb der Jahre 2001 und
2002, die von der Jury ausgewählt und prämiert worden sind.

Der Wettbewerb entsprang einer Initiative vom Studenten-


zentrum Engelsburg und der Kulturdirektion Erfurt und
wurde 2001 erstmals ausgeschrieben. Teilnehmen konnten
Schreibinteressierte, die zwischen 15 und 35 Jahre alt waren
und einen deutlichen Lebensbezug zur Stadt Erfurt aufzu-
weisen hatten. Aus den Einsendungen wurden von der Jury
die ersten drei Preise bestimmt; aus den sechs nachplatzierten
Texten konnte bei der Preisverleihung in der Engelsburg das
Publikum den vierten Preis wählen. In die Anthologie sind
diese 18 Texte aufgenommen worden. Sie dokumentiert da-
mit einen Teil des jungen literarischen Erfurt.

Dass der spätmittelalterliche »König der Humanisten«


Eobanus Hessus (1488-1540), Professor für Sprache, Poesie
und Rhetorik an der Erfurter Universität, dem Wettbewerb
seinen Namen gegeben hat, ist nicht nur eine lokale Remi-
niszenz. In der Engelsburg, damals auch »Poetenburg« ge-
nannt, diskutierte der junge und lebensfrohe »Dichterkönig«
mit seinen Freunden über Dichtkunst, Zeitgeschehen und
Politik. Es ist ein Anliegen der Initiatoren, dass mit dem
Schreibwettbewerb die Engelsburg auch zukünftig ein Zen-
trum literarischer Produktivität und konstruktiven Austauschs
bleibt.

An dieser Stelle bedanken wir uns herzlich bei allen, die den
Wettbewerb und die Anthologie bisher begleitet und geför-
dert haben, vor allem bei der Stadt Erfurt, der Sparkasse
Erfurt, dem Studentenzentrum Engelsburg, der Universitäts-
gesellschaft und Universität Erfurt, der Buchhandlung/

7
Antiquariat am Waidspeicher Erfurt sowie beim Druckhaus
Gera. Besonders möchten wir Stefan Schütz, Prof. Dr. Fritz-
Wilhelm Neumann und Dr. Dirk Palm für die unermüdliche
Arbeit in der Jury und Prof. Dr. Otto Kruse für die Beteili-
gung am Nachwort danken.

Thomas Putz
Hans-Christian Piossek

8
Wettbewerbstexte

9
Tobias Sichert
Nach dem ersten International
Poetry Reading

Hey, kam eine Stimme


von hinten auf mich zu, packte
meine Hüften und schlang
und schlang und schlang
sich herum
nahm mich warm in ihre Arme
hielt sich eine Weile fest, packte
meine Schultern und schwang
und schwang und schwang
mich herum,
rannte lachend davon und
blieb nicht mehr stehen.

11
Ines Michaelsen

thoughts like black holes


conquering all the light,
drawing from your consciousness,
pushing you into nothing.
close your eyes.
let yourself fall.
go beyond the things you know,
behind the blinding darkness,
where fear holds you back
from the first step,
there lies peace
and silence – eternally.

12
Alexander Platz
aufgang

zurückgekehrt in ihren warmen schoß,


bin ich und es ist weiter nichts zu spüren.
ich suche uns und finde bloß,
sie und mich in achtlosem vollführen.

nein, engel hör‘ ich dabei nicht mehr singen


(wie einst, da leidenschaft uns fest verband
als wir uns ineinander ganz verfingen).
berühre sie und fühl dabei nur meine hand.

wenn ich dann endlich glaube doch zu brennen,


von ihrem heißen leib und ich erheische,
nur einen blick von ihr, muß ich erkennen
daß wir uns, lieblos, fleisch von vielem fleische.

13
Jonas Wetzel
Fantasterei gleich hoch zwei

Alarm
Kehlgeräusche im Morgengrauen,
Ein Gedicht ist in der Welt!
Kortisol am Abendhimmel,
Fantasterei Fantasterei.
Jenes Wort,
Das da hing, vor kurzem,
Liegt flach am Boden.
Leute trampeln drüber,
Die Amsel trällert:
Auferstanden aus Ruinen.
Aus Ruinen.

14
Paulina Schulz
Wintergrund

Ich schwamm durch den Schnee im Park.


Beim Eintauchen kam mir verblasstes, vertrocknetes Gras
in die Nase
und Erdklumpen, die sich mit meinem Blut vermischen wollten.
Wieder an der Oberfläche sah ich Hunde, Dutzende von
Hunden.
Offenbar spielten sie etwas, denn sie liefen herum und
schleppten Steine im Maul.
Ich nahm einen langen Luftzug und tauchte wieder unter,
kämpfte mich durchs Eis des kleinen Sees durch,
betrachtete Füße von festgefrorenen Enten und Gesichter
von überwinternden Fischen.

Ich werde mir am Grund eine Hütte bauen. Erst wenn sie
fertig ist, werde ich wieder auftauchen und mit den Hunden
spielen.

15
Babette Saebisch
Hatty

Hatty hatte Hunger.


Der Psychoanalytiker war zuwenig philosophisch gewesen.
Von Verstand geleitete Todesangst hatte es nicht zu geben:
Dr. Philips leugnete die Gefahr herunterfallender Äste. Psy-
choanalytisch gesehen müsste Horváth noch leben.

Sie traf sich mit einer Freundin zum Sahnetortenessen.


»Weißt Du, was ich gestern getan habe, Fran? Ich habe
Bücher sortiert, allen Ernstes – lach’ nicht! Also zuerst hab’
ich sie sortiert nach Büchern, die ich gelesen habe, und nach
Büchern, die ich nicht gelesen habe. Ich hatte sie alle auf
dem Boden liegen, und nun stellte ich die, die ich schon ge-
lesen habe, ins Regal. Ich hab’ sie dann weiter sortiert nach
guten Büchern und nach Büchern, die kaputt sind, und die
kaputten kamen zurück in die Kiste. Und dann hab’ ich die
ungelesenen sortiert nach Büchern, die gut sind, und Bü-
chern, die kaputt sind – und diese kaputten hab’ ich ’raus-
gelegt, und die muss ich jetzt ganz schnell lesen, denn die
sind ja kaputt!«
Fran musste lachen.
»Ja, und dann hab’ ich die weiter sortiert nach Büchern,
die mich interessieren, und Büchern, die mich nicht interes-
sieren.«
Fran nickte grinsend. »Man könnte ja genau das falsche
Buch erwischen, ...«
»Richtig! Also hab’ ich die, die mich nicht interessieren,
ganz unten hin getan. Die anderen habe ich nach den dicken
und den dünnen sortiert, denn ich muss ja möglichst viele
Bücher lesen: also kommen die dicken nach unten und die
dünnen nach oben. Und dann muss ich schauen, welche mich
davon interessieren, so nach Autoren und so, also weil zum

16
Beispiel Thomas Mann, dieser unter den Achseln schwitzen-
de kleine Gnom, der interessiert mich überhaupt nicht. Oder
E.T.A. Hoffmann!! Und die dicken kommen nach unten und
die bleiben dick!«
Der Kellner brachte zum zweiten Mal Torte.
»Und dann schreib’ ich auch auf, welche Bücher ich gele-
sen hab’. Und, ... also manche kann ich auch nicht aufschrei-
ben, zum Beispiel die, die neben dem Bett liegen, denn die
liest man ja nur in Episoden, das gilt dann ja nicht als gele-
sen, und dann kann ich das ja auch nicht aufschreiben. Die
kommen übrigens auch nicht zu den Büchern ins Regal, die
ich gelesen hab’, weil ich hab’ sie ja nicht gelesen, und aber
auch nicht zu den Büchern, die ich noch nicht gelesen hab’,
denn ich hab’ sie ja doch gelesen, ... also kommen sie in die
Kiste zu den Büchern, die kaputt sind!«
Mit herzhaftem Schwung stieß Hatty ihre Gabel in die
Cremetorte. Neugierig sah sie Fran an. »Kennst Du sowas
auch?«

Später schlenderte Hatty gedankenverloren durch den Central


Park. Sie hatte sich in die Idee ihrer Angst vor dem Tod ver-
liebt, aber damit das Hadern mit ihrem Leben noch provo-
ziert. Aus der anfänglichen bloßen Sorge, vor ihrem Tod nicht
genug Zeit zu haben, um das Wesentliche zu tun, war die
Unfähigkeit geworden, überhaupt irgend etwas anzufangen.
Gleichzeitig wuchs die Furcht Hattys vor einem Leben nach
dem Tod, in welchem man möglicherweise seines Todes nicht
froh wurde. (Was, wenn etwa im Jenseits außer ihr lauter in-
takte Familien herumtobten?!)
Hatty hatte genug von dem Thema und den skurrilen
Anwandlungen, die es mit sich brachte. Sie fühlte sich über-
fordert, wie zerschlagen, und es gab niemanden, der ihr Un-
glück lindern konnte, geschweige denn wollte. Alle taten nur
beständig das Schlimmste, was man ihrer Ansicht nach ei-
nem Menschen antun konnte, die Zeit gegen sie zu verwen-
den.

17
Sie fühlte sich, als versuchte sie, auf leicht verharschter Schnee-
decke so behutsam zu gehen, dass ihre Schuhe auch nicht die
geringsten Abdrücke hinterließen. Es kostete unglaubliche
Kraft.
Es war Freitag Nachmittag. Hätte sie nicht bis Mittwoch
Abend einen leichter zu verwirklichenden Sinn für ihr Le-
ben gefunden, gedachte sie es zu beenden. Phlegmatisch
machte sie sich auf die Suche.

Am Wochenende bekam sie unerwartet Auftrieb, als sie den


Vorsatz fasste, ihr Apartment zu putzen. Aus ihrer Ein-
kaufstasche quollen bunte Putztücher, Lappen und Schwäm-
me, Desinfektions- und Reinigungsmittel, Bürsten, Scheuer-
sand und Fleckentferner. Sie spülte gründlich das Geschirr
und stellte die Waschmaschine ein. Während die lief, schrubb-
te und scheuerte Hatty jeden Winkel, bis sie völlig unter
Schweiß stand, dann ließ sie Wasser in die Wanne einlaufen,
warf ihren ebenfalls neuerworbenen Badeschwamm und den
alten Massagehandschuh in den Schaumberg und zog sich
aus. Ihre Wäsche steckte sie sofort zur zweiten Ladung in
die Maschine und die alte, geliebte wollene Strumpfhose, die
mittlerweile ein Loch hatte, in die große Mülltüte, die schon
zum Abtransport bereit, an der Wohnungstür lehnte.
Aus der Wanne heraus telefonierte sie mit Fran und er-
zählte von ihrem Tag. Fran kicherte amüsiert, als sie Hattys
Einkäufe geschildert bekam, und sie fragte liebevoll, ob Hatty
nun ihrem Leben nurmehr mit Scheuermitteln zu Leibe zu
rücken gedachte ...
Fast schon zufrieden sank Hatty nach dem Telefonat in
den Schaum, als sie aus dem Flur ein grässlich knirschendes
Geräusch vernahm. Ihr wurde in aller Ruhe klar, dass sich
soeben die Mülltüte über den halben Dielenboden entleert
haben musste. Zitternd schloss sie die Augen und ließ sich
unter Wasser gleiten. Dort, wo es niemand hörte, begann sie
laut zu schreien.

18
Als sie einen Tag später in Richtung Universität hastete, machte
sie sich ein Spiel daraus, sich für jeden, der ihr begegnete,
eine passende Todesart auszudenken. Sie schrieb im Geiste
ein Dramolett, in dem der Busfahrer nach seiner Arbeit von
der U-Bahn überfahren wurde, der Kollege an der Universi-
tät im feststeckenden Aufzug verdurstete, die Bibliothekarin
bei einem Stromausfall im Dunkeln zwischen den Bücherre-
galen einem Herzanfall erlag und sie selber abends in einem
Restaurant an verdorbenen Pilzen k.o. ging, nachdem ihr Be-
gleiter im Toilettenraum ausgerutscht war und sich den Schä-
del aufgeschlagen hatte.
Demütig fuhr sie daraufhin am Nachmittag hinaus nach
Upper Montclair, wo ihre Mutter begraben lag. In einer gro-
ßen Aktentasche hatte sie all das mitgebracht, was sie je in
ihrem Leben schriftlich verfasst hatte. Sie wartete bis zur
Dämmerung und verbuddelte dann die Sachen neben dem
Grab ihrer Mutter. Leise und liebevoll sprach sie zu ihr, bat
um ein wenig Trost und übergab der Toten sorgsam das zur
Ansicht, was überhaupt irgendwie von ihr bleiben würde.
Ruhig fuhr sie zurück in ihr Apartment.

In der Nacht klingelte es an ihrer Tür, und auf ihr Öffnen


hin trat der Mann ein, den sie schon seit längerer Zeit liebte,
von dem sie jedoch nicht bekommen konnte, was sie sich
wünschte. Sie hatte sich an ihm besaufen wollen und war
doch nur stets in ihm ertrunken.
Sie liebten sich, und statt einer Gutenachtgeschichte er-
zählte er ihr ein Märchen aus dem Urlaub, den sie im letzten
Jahr gemeinsam verbracht hatten. Dann ging er und ließ sie
allein, denn es gab eine Menge anderer Dinge in seinem Le-
ben, die wichtiger waren.
Hatty rollte sich fest in ihre Decken ein, umarmte die Kis-
sen und drückte sie an sich, um das Reißen an ihrer Haut zu
mildern, das durch das Verschwinden des großen, warmen
Männerkörpers entstanden war. Tonlos weinte sie sich in den
Schlaf.

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Am Mittwoch Vormittag besorgte sie sich beiläufig einen
größeren Vorrat an Schlaftabletten, am Abend saß sie dö-
send vor dem Fernseher, neben sich ein großes Glas Tequi-
la, und versuchte, sich Mut anzutrinken. Ihr Entschluss stand
fest.
Viele Fernsehserien und noch viel mehr Werbesendungen
flackerten an ihr vorbei, die zu Anfang des Abends noch
halbvolle Tequilaflasche ging langsam zur Neige, und läh-
mende Talkshows prasselten auf sie nieder. Irgendwann
schlief sie vor dem Fernseher ein.

Am Donnerstag früh stand das Röhrchen mit den Schlafta-


bletten noch immer ungeöffnet neben dem Sessel, in dem
Hatty in sich zusammengesunken lehnte und schlief und
nichts Böses ahnte.

20
Franziska Wilhelm
Simons Geheimnis

Er roch gelb. Lästig gelb. Nicht, dass er gestunken hätte, doch


sein Geruch schob sich aufdringlich wie ein dünnes Stück
Metalldraht in meine Nase. Er bemerkte nicht, dass ich ihm
nicht mehr zuhörte. Er sprach laut und die Leute an den
Nachbartischen konnten über seine Witze lachen. Ich floss
auf meinem abwaschbaren Plastikstuhl in mich zusammen,
rutschte von der orangen Sitzfläche auf das Kopfsteinpfla-
ster und versuchte die Rillen zu füllen. Nach anderthalb Stun-
den war mein rechter Fuß eingeschlafen und meine Ohren
fühlten sich taub an. Er kaute noch immer an seinen Mu-
scheln, die er auf Französisch hatte bestellen wollen, aber da
hatte ihn die Kellnerin dann nicht mehr verstanden.
»Ich muss jetzt«, sagte ich und da war auch schon die Stra-
ßenbahn.
Als ich vor unserem Haus stand, wurde es endlich Nacht.
Bis dahin war es nur Abend gewesen. Ein sinnloser Abend.
Im Dunkeln fand ich das Schlüsselloch nicht gleich. Hinter
der Tür hörte ich ihn schon. Er hatte Aida aufgelegt. Ich sog
die Musik in mich ein wie einen Geruch, Simons Geruch.
Das Wohnzimmer war hell erleuchtet und die Fenster weit
geöffnet. »Bin da«, sagte ich zu Simon und blieb im Türrah-
men stehen. »Hallo«, sagte er nur und nahm einen Schluck
Saft. Ich wusste, dass er bei seinen Freunden fast immer nur
Rotwein trank. Er mochte das tiefe, schwere Rot. Wenn er
hier war, trank er Apfelsaft.
»Diese Wohnung braucht nicht noch mehr Schwere«, hatte
er mir einmal gesagt, als er noch hier wohnte. Ich fand Simon
schon immer zu melodramatisch. Wenn er früher mit halb
offenen Augen auf dem Sofa saß und seinen Arien lauschte,
dann sprang ich vor ihm auf den Tisch und mimte mit zwei
Kissen unterm Nachthemd, die vollbusige Opern-Walküre.

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Er ließ sich dadurch jedoch meistens nicht beirren und
blieb solange regungslos sitzen, bis ich die Geduld verlor
und ihn mit meinen Kissen bewarf. Dann lächelte er, zog
mich vom Tisch und drückte mich aufs Sofa. Man sah ihm
nicht an wie stark er war. Ich hätte wohl kaum eine Chance
gegen ihn gehabt, wenn er in der Kniekehle nicht so furcht-
bar kitzelig gewesen wäre.
»Echte Helden dürfen einfach nicht kitzelig sein«, sagte
ich einmal zu Simon, als wir nach einem unserer Kämpfe
völlig außer Atem, nebeneinander auf der Couch lagen.
»Was kann der Held dafür, wenn ihm das Lindenblatt auf
die Kniekehle fällt?« antwortete er und wir mussten beide
lachen, weil wir uns ausmalten wie einer in einer Badewanne
voll Drachenblut sitzen muss, damit ihm unbemerkt ein Lin-
denblatt in die Kniekehle fallen kann.
Aber das war früher. Jetzt saß Simon hier auf dem Sofa,
wo er immer gesessen hatte und war zu Besuch da.
»Na, wie war dein Rendez-vous?« fragte er trocken und
führte sein Glas wieder zum Mund. »Ganz O.K.«, sagte ich,
»er sieht wirklich nicht schlecht aus. Er hat gefragt, ob ich
mal mit ihm ins Kino gehe.« »Und gehste?« »Mal sehen«,
sagte ich und verschwand in meinem Zimmer um mir mein
Nachthemd anzuziehen, dann ging ich zurück zu Simon. Ich
legte mich zu ihm auf das Sofa, meinen Kopf neben seinem
Schoß, die nackten Beine lehnte ich nach oben an die Wand.
»Du siehst hübscher aus, wenn du barfuss bist«, hatte er ein-
mal zu mir gesagt.
Von unten herauf betrachtete ich sein Profil. Er hatte et-
was von einem Vogel, sehr schmale, filigrane Linien, seine
Knochen stießen spitz und gebrechlich unter seiner Haut
hervor und es schien als ob sie kein Gewicht hätten und
schon mit der nächsten Windböe davonfliegen könnten. Ich
stand auf um das Fenster zu schließen. Plötzlich erinnerte
ich mich wieder an einen Traum, den ich einmal gehabt hat-
te. Ich sah Simons Kopf mit zwei Vogelschwingen, vor mir,
die aus seinen Ohren wuchsen. Das war kurz bevor er nach

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Zürich gegangen war. Was er an Zürich fand, hatte ich nie
begreifen können. Ich hätte ihn mir in Rom vorstellen kön-
nen, in Verona oder Neapel, doch jetzt lebte er in dieser kal-
ten Stadt in irgendeiner WG mit einem Mädchen von dem er
nichts erzählen wollte.
Er schaute mir in die Augen und ich schaute weg. »Sie hat
bestimmt lockige, lange Haare«, sagte ich und schaute aus
dem Fenster. »Wer?« fragte Simon. »Na das Mädchen aus
deiner WG.« »Ach, sie hat gar nix«, antwortete er genervt.
»Glatze etwa?« fragte ich. Simon antwortete nicht. Ich wusste,
dass ich ihn nicht nach dem Mädchen aus seiner WG fragen
durfte. Ich ärgerte mich. Wir hatten uns so lange nicht gese-
hen und jetzt war er stumm und starrte vor sich hin. Ich ging
zurück zur Couch, setzte mich und zog die Beine an. Simon
wollte noch immer nichts sagen. Vorsichtig fuhr ich ihm mit
meinen Zehenspitzen über seine Knie.
»Noch Apfelsaft?« Er schüttelte den Kopf. »Wieso bist du
heute Abend weggegangen«, fragte er, »du wusstest doch,
dass ich komme«. Ich wusste nicht, was ich darauf antwor-
ten sollte. Schweigend zog ich mir das Nachthemd über die
Knie und legte meinen Kopf darauf. »Schon gut«, sagte Si-
mon und streichelte mir meinen Nacken, dass ich Gänse-
haut bekam. Aida hatte, ohne dass wir es bemerkt hatten zu
Ende gespielt. In die Stille hinein wurde die Wohnungstür
aufgeschlossen. Simon zog seine Hand zurück. »Wir sind’s«,
hörte ich und Schlüsselgeklimper. Ich setzte mich gerade hin.
Im Flur legten unsere Eltern ihre Mäntel ab.

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Simone Kilches
rauchschwanger

sie streichelte ihren bauch im ICE nach l. er wird mich vom


bahnhof abholen, wie immer. eine rose? ja. nein. doch viel-
leicht. ach. die zeiten der frühen romantik sind vorbei. also.
da tat sich ‘was im bauch. ruhig, ruhig. bei 117 km/h in den
kurven. sie fixierte wie gebannt die zuganzeige, die ihr außer
sich in jeder kurve, trotz der neigetechnik, die ihr der
fahrkartenkontrolleur versichert hatte, verändernder ge-
schwindigkeitsangaben, auch noch eine uhr brachte. sie wech-
selte sich mit der buchstabenkombination des fahrtziels un-
ablässig ab. nächster halt l. hbf. keine halbe stunde mehr,
dann würde sie ankommen. jetzt rauschte an ihr nur dunkel
vorüber. die sächsischen kleinstädte, die dort draußen sein
müssten, ließen nicht einmal den schimmer eines lichtes er-
ahnen. noch immer ließ er ihr keine ruhe. ihr war übel. sie
suchte die toilette auf. zupfte ihre haare zurecht. er meinte,
sie sollte endlich ihren pony aufgeben. so etwas trägt man
heute nicht mehr. sie schon. seit sie zwei war. andere
gedanken. ganz plötzlich. da war die letzte umarmung. es ist
in l. gewesen. danach ist sie mit ihm ins bett gegangen. gegen
den schmerz, denn es hatte weh getan, ihn so gehen zu las-
sen. nein, bereut hatte sie es gestern noch nicht. heute ...
doch es blieb ihr keine zeit darüber nachzudenken.
»in wenigen minuten erreicht dieser zug l. hbf. ihre weite-
ren reisemöglichkeiten sind die regionalbahn nach g. über a.«
a., dachte sie und nahm den rucksack. »in l. hbf. wechselt das
zugpersonal unseres zuges. wir wünschen ihnen eine ange-
nehme weiterfahrt und verabschieden uns von ihnen.«
abschied. sie hielt einen augenblick inne. nein, keine tränen.
ging auf den gang. der blick aus dem fenster der zugtür, vor
der sie nun stand, bot ihr jetzt eine fülle von licht. ja, sie
fuhren geradezu ins licht. und kamen an.

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es kam, wie sie hätte wissen können. er stand am bahnsteig.
ohne rose. dafür unter den arm, der die aktentasche trug, ein
handelsblatt geklemmt. wie im film, dachte sie und es wurde
ihr kälter. sie begrüßten sich, umarmten sich, vorsicht der
bauch. ein kuss auf die wange, routiniert, wie ein altes ehepaar.
nicht mehr? sie konnte es nicht ertragen ihm nah zu sein, es
war seine wärme. darum wurde es immer kälter. auch drau-
ßen. der kopfbahnhof schien den wind einzufangen und nicht
mehr wegzulassen. sie liebte diesen ort trotz alldem. er hatte
für sie etwas von freiheit. auf all den reisen, die sie ihre gro-
ßen fahrten nannte, war sie hier umgestiegen. einmal mit
sechzehn damals auf der fahrt nach frankreich, hatte sie eine
nacht auf einer bank hier zugebracht. sie war über l. gefah-
ren, obwohl es ein umweg, geradezu ein kreis war. er hätte es
irrational genannt, dachte sie, doch er kannte diese geschichte
nicht. er kannte keine ihrer geschichten. er schon. leise, leise.
bauch. jetzt fror sie. sie zog sich handschuhe an. er nahm
ihren arm und beeilte sich, die wärme des einkaufszentrums
zu finden. noch nie konnte er kälte ertragen.
sie gingen heim in sein kleines oranges zimmer. er hatte es
wegen ihr so gestrichen, damals als sie noch freunde waren
und sie ihm erzählte, dass sie orange sehr mögen würde. nein,
er hatte sich doch nur verhört. ihre liebste farbe ist immer
schon blau gewesen. sie hätte ihm nach dem ersten besuch
in dieser orangen einöde gern ihren kleiderschrank gezeigt.
das eine orange t-shirt hatte sie doch nur, weil es die
komplementärfarbe war. sie mochte es nur auf den negati-
ven ihrer photos. deshalb versuchte sie sich, immer wenn sie
das zimmer betrat, sein negativ vorzustellen. die wände blau,
mehr als nur ein stuhl an einem winzigen schreibtisch, das
bett dafür groß, breit, der ficus benjamina grün, nicht ver-
trocknet, wie jetzt. der sommerurlaub in schweden war ihm
nicht bekommen, wegen ihm zurückzufahren, dagegen hat-
te sie sich strikt geweigert. auch wenn es einigen ärger mit
ihm einbrachte. es war schwer sich das wandregal gefüllt
vorzustellen, auch in ihren phantasien barg es nicht mehr als

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fünf bücher, zwei davon hatte sie ihm geschenkt. sie waren
allesamt schwarz. das gegenteil von weiß konnte man sich
eben besser vorstellen, als alles andere. den schreibtisch konn-
te sie nicht schrumpfen, das bett nicht wachsen lassen, ge-
schweige denn den ficus wieder zum leben erwecken. sie
dachte nach. an schweden. ihr bauch begann zu zählen. eins,
zwei ..., hundert bücher ..., zweihundert ..., genug. still, still.
sie war gekommen, mit ihm zu reden, ja. er wusste das nicht.
es war reformationstag. sie hatte zeit, dachte er wohl. sie zog
ihre jacke noch nicht aus, war außer atem und zitterte ein
wenig, er wohnte im fünften stock, das war sie nicht gewohnt,
außerdem war da der bauch. noch immer war ihr etwas übel.
unvermittelt, er entledigte sich gerade des schals, den sie ihm
geschenkt hatte: »der kratzt noch immer!« fing sie an: »in mir
wächst etwas.«

er ließ den schal fallen, wurde ein wenig bleicher, als er eh


schon war. er war ein nordischer typ. sie mochte schon im-
mer die optische kälte solcher hauttypen. es hatte etwas von
blau. die adern konnten, ohne von einer allzu dichten
pigmentschicht daran gehindert zu werden, an der oberfläche
schimmern. »was, ... äh, ... wie?« der schock stand ihm ins
gesicht geschrieben. seine züge waren klarer, ernster gewor-
den. sie hasste seine sprachlosigkeit. brauchte sie doch schon
immer mehr worte als andere. er verstand das. er nicht. »kann
man zwei männer gleichzeitig lieben?« er bemerkte nicht die
ernstheit ihrer stimme. sie hatte nun alle wärme verloren. sie
trug nur blau. ein sohn, jetzt war er so überwältigt, dass er
nicht ein einziges wort herausbekam, nicht einmal ein halbes
wort, wie gerade eben noch. seine muskeln schienen wie ge-
lähmt, trotz der freude, die sich in ihm breit machte. er war
warm durch sie. doch er verharrte regungslos, nahm sie nicht
in den arm.
»ich gehe zigaretten holen«, sagte sie mit schier lebloser
miene. ihr gesicht wies nicht einmal nur die nuance eines
gefühls auf. sie streichelte den bauch. dachte an ihn und ging

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die fünf stockwerke hinab, immer noch etwas außer atem.
er ließ sie gehen, dachte nicht sie zurückzuhalten. bis ihre
fußtritte auf der holztreppe verstummten, schien keiner sei-
ner muskeln auch nur ein einziges mal zu kontrahieren. selbst
der taktgeber war außer betrieb. auf einmal konnte er das
fühlen. aber nicht lange. mit der stille kam die arbeit zurück.
er zog seine jacke aus, hob den schal vom boden, schlug das
handelsblatt auf und faltete es so auseinander, dass es die
ganze breite des tisches einnahm. sah sich die kurse seiner
aktien an, erinnerte sich an den kühlschrank, den er heute
morgen noch extra gefüllt hatte. eis und heiße himbeeren,
sie müsse das doch mögen. zurück. nahm bücher aus dem
regal, »die brauche ich nicht mehr«, riss sie fein säuberlich
auseinander, »fadenheftungen sind auch nicht mehr das, was
sie einmal waren«, brummelte er und beschloss sich seinen
bart wieder wachsen zu lassen. »aufgeriebene lippen, ist doch
egal.« packte die einzelnen papierbündel, jedes zu genau 16
seiten, ordentlich in seinen mülleimer und legte das photo,
das sie zeigte, um. negativ. wie tot. strich den letzten gedanken
aus. statt dessen dachte er darüber nach, endlich mit dem
rauchen zu beginnen.

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Katja Müller
Tage Blau oder eine Liebeserklärung

Hier stehe ich flatterhaft weiß umhüllt. Dort liegt Es, benei-
denswert kompakt in sich geschlossen. Wieder einer dieser
Tage, an denen ich meinen Reißverschluss bis zu den Ohren
hochziehen und mich in der rechten oberen Zimmerecke, ja
genau die schattige, von Spinnweben kaschierte, festketten
sollte. Klägliche Versuche, die beginnenden Auflösungspro-
zesse meines Ichs zu stoppen. Auf keinen Fall darf ich Es
dabei dort unten vergessen, sind solche Dinge doch durch-
aus nützlich. Ich könnte Es mir unter die Armachseln klem-
men oder noch besser, Es mit beiden Händen unterhalb
meines Po’s halten und langsam und sehr vorsichtig mich
darauf setzen. Beruhigt seine Härte und Anwesenheit spü-
ren. Es sind Tage, an denen jeglicher Versuch, sich aus der
diagonalen Bewusstseinsebene zu erheben, zum Scheitern
verurteilt ist. Tage, die meist ganz harmlos beginnen, even-
tuell mit einem gewürzten Sonnenstrahl bezirzen, Enthusi-
asmus vorgaukeln, aus seiner momentanen Lebenslage ein
bestimmtes Maß an Zufriedenheit abzuschöpfen. Möglich,
dass schon das Frühstück aufgrund einer Nervosität und
Zerstreutheit scheitert, die Druckerschwärze der verspeisten
Morgenzeitung ein gewisses Unbehagen hervorruft und auch
das Wasser des Narzissenstraußes nicht faulig genug ist. Die
Steine und Berge um den Tag herum summieren sich und
erzeugen um die späten Nachmittagsstunden, an denen plötz-
lich überall hektisch herumeilende Zweibeiner das Straßen-
bild versperren, mir keine Lücke lassen, ein unbehagliches
Nagen. So, als fräße sich mit aller Bedächtigkeit, ab und zu
mal einen Rülpser ausstoßend, irgendetwas durch sämtliche
Eingeweide. Durch die schwindende Substanz wird der Kör-
per leichter und leerer und dann ist es manchmal beruhi-
gend dieses kleine Plastikkärtchen in der Tasche zu haben,

28
auf dem ich jederzeit mein Abbild sehen und nützliche Da-
ten nachlesen kann. Schwarz auf weiß und felsenfest kann
ich mich damit meiner beglaubigten Existenz vergewissern.
In der Straßenbahn sitzend beginnen sich die verschiedenen
Ebenen aufzulösen. Personen und Gegenstände erscheinen
plötzlich durchschaubar, bis auf ’s Mark durchröntgt. Die
Bilder türmen sich derart, dass die Augen dem Wahrnehm-
baren nicht mehr folgen können, überfordert sind. Die
Zweibeiner auf der Straße drehen sich schneller, verschwim-
men. Deren Konturen lösen sich langsam in weiche Streifen
auf, zerfließen zu einem Farbbrei. Auch die Geräusche neh-
men an Intensität zu, spielen Melodien fremder Begeben-
heiten. Manchmal legt sich für Sekunden ein Schleier vor die
Ohren, löscht für einen kurzen Moment die Geräusche aus,
erzeugt ein angenehmes Gefühl der Ruhe und Stille, nur umso
lauter dem Orchesterwerk erneut Raum zu geben. Dann hilft
nur noch, um nicht völlig in diesen Farbbrei hineinzufließen,
schleunigst in ein Zimmer, und wenn es einrichtbar ist, in
das schmale gelbe zu gehen und fest angekettet unter der
Zimmerdecke, wobei ich Es auf keinem Fall vergessen darf,
die Fäuste unter meinem Po um das Buch herum geballt, zu
einer Musik, ja, eine Barceusemelodie, dieses schwingende
Nagen in mir aufzufangen und auszulöschen.

Das Dumme ist nur, was mache ich nun? Nun, wo ich Es
doch so dringend brauche, mir nichts sehnlicher wünsche
als Es in meine Hände zu nehmen, seine Seiten aufzuschla-
gen, eventuell auch nur daran zu riechen, Es einfach in mich
aufzusaugen. Nur, in die Realität umgesetzt verlöre ich mei-
ne Stütze, die Fesseln und Ketten würden sich auflösen und
ich kopfüber fallen, stürzen, Saltos dabei drehend, immer
weiter hinab in die Tiefe. Ach, alles war umsonst, die Leich-
tigkeit umschloss mich erneut, legte mir ein Paar bläulich
schimmernde Flügel an und langsamer schwebe ich weiter
hinab. Es, immer noch in seiner bezaubernden Kompakt-
heit, überholt mich blitzschnell, kaum wahrnehmbar. Schlägt

29
sich im Falle selber auf und lässt mich direkt auf sich zu-
schweben. Ich habe doch gar keine Ahnung was mich dort
unten erwartet, in der überstürzten Eile, in der ich wahllos
das Nächstbeste ergriff, ja, ja ich konnte nicht früh genug in
der Ecke verschwinden, vergaß ich doch eine Inspektion des
Covers. Ich könnte direkt in einen Mord oder noch schlim-
mer in eine Schlacht zwischen schleimigen Vampirmonstern
hineinrasen oder, schon die Vorstellung lässt mich erröten,
direkt auf einem Ehebett landen. Man stelle sich das mal
vor, mitten in dem schönsten Liebesabenteuer plötzlich von
einer vom Himmel fallenden Person gestört zu werden, die
dann nur murmelt: »Entschuldigen Sie bitte, lassen Sie sich
nicht stören, ich blättere gleich weiter.« Ein kurzes Verhar-
ren, Flüstern, dem Mund eine Gelegenheit zum Schmunzeln
geben, aber keine Chance, ich falle.

Und dann ist es plötzlich ganz weich und ein Duft umschließt
mich, erst später werde ich meiner erneut bewusst. Momen-
tan gibt es mich nicht mehr, ich bin eingeschlossen in dieser
kaum einen Kilogramm schweren, quadratischen Welt.
Schwarze Zeichen auf weißen Blättern, die mich bezaubern,
gefangen nehmen. Es ist eine starre, festgeschriebene Welt,
in der schon alles ausgedacht und unumstößlich ist. Von
Neugier getrieben kann ich ein Stück vorwärts gehen und
weiß, dass alles hinter mir liegende nicht verloren ist, ich je-
derzeit rückwärts gehen und es nachholen kann. Und schön
ist, dass ich in meinem Kopf alle Dinge sehe, jede Tür öff-
nen und unter jede Decke schauen kann, wenn ich es möch-
te mir alles offen steht, ich brauche es mir nur vorzustellen.
Oh wie viel grausamer, ungerechter, manchmal auch schö-
ner oder leichter sind die Begebenheiten der Helden im Ver-
gleich zu meinen und ich konnte mir die Frage noch nicht
beantworten ob ich darüber froh oder enttäuscht sein soll.
Bin ich zu feige, mache ich einen Riesenschritt und brauche
nie zu wissen was passiert ist, muss keinem Rechenschaft
abgeben oder mich erklären. Ich bin unsichtbar, ich bin hier

30
nicht und doch bin ich wichtig, da nur durch meinen Kopf,
meinen Verstand diese Welt zu leben beginnt. Verweigere
ich mich, erstirbt alles, wandelt sich zurück in diese schwar-
zen nichtssagenden Zeichen auf einem Klumpen Zellulose.
Zugegeben, sie sind weiterhin existent, aber gleichen allein
einer toten Hülle, in der ich das Blut, die Nahrung oder die
Seele bin. Eine Macht, die ich nicht auskoste, ich möchte
mich nicht verweigern. Konnte ich anfangs durch diese Welt
gar nicht schnell genug gehen, werde ich allmählich langsa-
mer und genieße. Und ziemlich zum Schluss, wo die letzten
Seiten zu einem kläglichen Rest geschrumpft sind, werde ich
traurig und lese jedes einzelne Zeichen im Zeitlupentempo
mindestens dreimal hintereinander. Verabschiede mich, werde
schon durch Bewusstseinsblitze meiner eigenen Probleme
oder Begebenheiten gestört.
Gut, es gibt einige die mich quälen. Die mir ihren Sinn
verweigern, wo jede umgeblätterte Seite mich vom Ende
weiter zu entfernen scheint. Die Selbstbeherrschung und
Durchhaltevermögen abverlangen, aber bis zur letzten Seite
besteht die Hoffnung doch noch belohnt zu werden.
Irgendwann teilt sich mein Bewusstsein zwischen dieser
Welt und einer angenehmen Schwere in meinem Körper auf.
Müdigkeit durchdringt langsam und allmählich dessen Ka-
näle und verschließt von innen die Türen zu den Welten.
Sie sind so glatt, schwer fassbar diese Gestalten, aber doch
geformt genug um sie zu akzeptieren, an deren Existenz zu
glauben. Ich erfahre von ihnen nur wichtige, das Geschehen
beeinflussende Eckdaten. Ein ganzes Leben in wenigen Stun-
den? Wo bleibt die Langatmigkeit des Alltags? Ist es das, was
so fasziniert? Das, was es mir so leicht macht in ihre Ge-
schichte einzutauchen, meine so bereitwillig unterzuordnen,
in ihre zu integrieren, und sie damit zu einem Stück meiner
eigenen zu machen? Ich habe dort nicht die Qual des übli-
chen endlosen Wartens, nur die Dauer von, sagen wir mal
drei Zeilen, und empfinde doch die selben Gefühle, zusam-
mengerafft, somit einem Kick gleichend, die sonst über die

31
Ewigkeit gedehnt nur schwer erträglich sind. Und dann die-
ses schmerzliche Erwachen, ähnlich dem Gefühl nach ei-
nem fesselnden Kinofilm, die Minuten der Orientierung, in
denen mir neben meinen spannenden Eckdaten unendlich
viele Details dazwischengeraten, Punkte, die mir meinen Tag
in seiner vollen Endlosigkeit aufrollen, mir knallhart meine
Sorgen und Ängste zeigen. Und wie langatmig, ereignislos
erscheint mir dieser doch im Vergleich zu der eben erlebten
Geschichte, ganz zu schweigen von den noch folgenden.
Schräge Stimmungen bemächtigen sich meiner, und einer
Sucht folgend tauche ich bereitwillig wieder in diese andere
Welt ein. Hilflos, dankbar, einer Ertrinkenden gleichend, nach
Halt suchend. Oh, ich liebe sie, diese Helden, da sie mir er-
möglichen Dinge zu durchleben, zu erleben, in einer Inten-
sität und Ehrlichkeit, deren Erleben mir in meiner eigenen
Geschichte nicht möglich ist. Die ich in meiner eigenen Ge-
schichte nicht aushalten würde und deswegen verleugnen
muss.

Doch, was ist das? Irritiert schaue ich mich um, lebendige
braune Augen in einem großen, blassen Gesicht. Sie nähern
sich, ich spüre feuchte Wärme auf meinen Wangen und
empfinde verstärkt durch kräftige weiche Arme einen Halt
um die Rippen. Ich schaffe gerade so ein Lächeln, schwebe
noch irgendwo in einer Sphäre zwischen den Welten, muss
doch diesen weiten Weg meines Falls zurückverfolgen. Er
lacht, verharrt mich verstehend, indem er mir die nötige Zeit
gibt, lässt mich nicht mehr los, verleit meinem Körper die
Schwere, um meine Gedanken wieder zurückzuholen. Dank-
bar wende ich mich zu ihm und inmitten des Treffens zweier
Körper, in den ungestümen Bewegungen des Verschmelzens,
Einswerdens, fällt, einem Schatten ähnlich, ein quadratisches
Etwas aus meinen Händen auf den Boden. Ein Aufflackern,
ein Windstoß irgendwo aus der Tiefe des Zimmers gleitet
durch den Raum, streift verwundert die beiden miteinander
verschlungenen Körper, verharrt unter dem Fallenden, trägt

32
es und bläst leicht seine Seiten auf und welch ein Erstaunen,
wie durch Zauberhand bewirkt, gleiten kleine Zeichen über
die weißen Seiten, bilden Wörter, Sätze, erzählen eine Ge-
schichte. Wer weiß es schon, eventuell meine Geschichte?

33
Sid Eisengurrer
Vernehmung

Sie hatten sich kurz in ihrer Wohnung umgesehen. Sie hat-


ten ihr gesagt, sie müsse mit aufs Revier zu einer Verneh-
mung kommen. Sie hatten es mit Nachdruck gesagt, obwohl
sie das Gefühl hatten, dass sie bereits auf sie gewartet hätte.
Sie hatte sie, ohne etwas zu sagen, hereingelassen. Sie hat-
te ihre Handtasche gegriffen. Sie hatte gesagt, es tue ihr leid.
Sie war mitgegangen, ohne sich noch einmal umzuschauen.
Sie hatten ihr einen Stuhl angeboten. Sie hatten ihr eine
Zigarette angeboten.
Sie hatte gesagt, sie rauche nicht. Sie hatte sich gesetzt. Sie
hatte unwillkürlich zu erzählen begonnen.
Sie hatte ihnen gesagt, dass es ihr leid tue, dass sie ihn
geliebt hatte. Sie hatte ihnen erzählt, dass sie es nicht mehr
ertragen konnte, wenn er ihr sagte, dass das alles doch sinn-
los sei mit diesem Körper, der nur noch dem Schmerz ge-
horchte, mit dieser Aussicht auf ein Vegetieren zwischen
quälenden Nächten und diesem Es-wird-schon-irgendwie-
Gerede.
Sie erzählte ihnen, wie sie ihn kennen lernte, nachdem sie
mit den Eltern in die Stadt gezogen war, wie sie kurz darauf
zu ihm zog und dass sie sich zum ersten Mal nicht mehr
einsam fühlte, wie zu Hause, wo alle irgendwie einsam waren
und dass das die Eltern nie verstanden und dann sagte sie,
sie kennen ja sicher diese Geschichten.
Sie erzählte ihnen, wie er sich das Auto kaufte, auf das er
so stolz war, und dass er ein guter Fahrer gewesen war, dass
er ihr das Fahren beigebracht hatte, und dass sie es nie ver-
stand, wie es zu diesem Unfall kam, wo er doch immer so
umsichtig fuhr.
Sie sagten ihr, dass das Gespräch aufgezeichnet würde und
dass sie nicht weiter reden müsse und dass, wenn sie möch-

34
te, sie sich einen Anwalt rufen könne.
Sie hatte gesagt, dass es schon in Ordnung ginge und dann
hatte sie ihnen erzählt, dass sie seitdem oft unter Kopfschmer-
zen litt und dass dies aber nichts dagegen ist, was er durch-
gemacht hatte. Sie erzählte ihnen, wie sie ihn nach ihrem
Krankenhausaufenthalt in der Rehaklinik besuchte, wie er
ihr damals an einer Gehhilfe entgegen kam, wie er ihr freu-
dig zurief, dass das zweite Mal laufen lernen ein Klacks sei
und wie sie ihn nach ein paar Wochen später abholte, wie sie
sich zum ersten Mal wieder liebten und dass seitdem nichts
mehr war wie vorher.
Sie erzählte ihnen, wie ihn nachts plötzlich die Schmerzen
heimsuchten, wie er weinte und schrie und dass sie nie einen
Mann vorher weinen sah und dann erzählte sie ihnen, dass
er sich dieses Zeug besorgte und dass sie später ihm dieses
Zeug besorgte. Ja, sie wisse, sagte sie, dass sie damit gegen
das Gesetz verstoßen hatte.
Sie sagten ihr, dass das Gespräch aufgezeichnet würde und
dass sie nicht weiter reden müsse und dass, wenn sie möch-
te, sie sich einen Anwalt rufen könne.
Sie hatte gesagt, dass es schon in Ordnung ginge und dann
erzählte sie ihnen, dass sie ihn zu pflegen begann, wie man
jemand pflegt, der hilflos ist, total hilflos und den man liebt
und dass sich einige Nachbarn beschwerten, warum er nachts
immer so schreien müsse. Und dann erzählte sie ihnen, dass
er sie bat, ihn in ein Heim zu geben, er könne es nicht mehr
ertragen, wie er ihr eine Last ist und wie sie letztendlich nach-
gab. Und sie erzählte ihnen, dass es ihr leid tat, dass er ihr
leid tat und dass sie ihm versprach, ihm weiter dieses Zeug
zu besorgen.
Ja, sie hatte gewusst, sagte sie, dass dieses Zeug, ihn um-
bringen würde.
Sie fragten sie, wer ihr die Drogen verkauft hätte und wo-
her sie das Geld genommen hätte und dass sie nicht weiter
reden müsse, dass das Gespräch aufgezeichnet würde und
dass, wenn sie möchte, sie sich einen Anwalt rufen könne.

35
Sie sagte, dass das schon in Ordnung ginge, doch sie soll-
ten verstehen, dass sie den Namen des Mannes, der ihr das
Zeug verkaufte, nicht sagen möchte. Das Geld jedenfalls hatte
sie von ihrem Sparbuch genommen, das Sparbuch, das die
Großmutter ihr vermacht hatte. Und dann erzählte sie ih-
nen, wie hilflos sie sich fühlte, als das Sparbuch aufgebraucht
war und sie kein Geld mehr hatte, ihm dieses Zeug zu besor-
gen. Und dann erzählte sie ihnen, dass es ihm immer schlech-
ter ging und dass er bei jedem Besuch flehte, sie möge ihm
doch dieses Zeug besorgen und sie erzählte ihnen wie sie
sich schämte, weil sie es nicht mehr ertragen konnte.
Und dann erzählte sie ihnen, wie er sich während eines
Besuchs schreiend im Bett aufbäumte und wie sie seinen
Kopf an ihre Brust drückte und dass ihr der Atem dabei
immer schneller ging, weil sie Angst bekam, ihn zu verlieren,
weil sie seinen Tod herbeisehnte. Und sie erzählte ihnen, als
ihn dann seine Stimme verließ und er heißer nach Luft rang,
als er seine Schmerzen nicht mehr herausschreien konnte,
dass dann seine Augen, um so flehender, um so fordernder
schrien. Sie konnte es nicht mehr ertragen, hatte sie gesagt.
Sie hatte ihn in diesem Moment verlassen, aber diese Augen
hatten sie verfolgt, sie begegnete ihnen in den Blicken Vor-
übergehender, sie warfen sich von Plakaten und Aushängen
auf sie, sie zwangen sich in ihre Träume, nirgendwo ließen
sie diese Augen allein.
Ja, sagte sie, sie wusste, was sie tat.
Sie hatte ihm noch einmal dieses Zeug verschafft, erzählte
sie ihnen, wie sie es bezahlte, darüber wollte sie nicht reden,
sie hatte es doch für ihn getan, nur für ihn. Sie erzählte ih-
nen, dass es ihm dann einige Tage besser ging und dass er
bei ihrem Besuch gestern, sogar versucht hatte, zu lächeln.
Sie hatte sie dann gefragt, was jetzt mit ihr geschehen wür-
de. Sie hatte sie gefragt, ob sie denn wieder nach Hause ge-
hen könne.
Sie hatten ihr gesagt, dass das noch nicht alles ist. Sie hat-
ten ihr gesagt, dass ihr Freund einen Brief hinterlassen hat.

36
Sie hatten ihr gesagt, dass er sie in diesem Brief beschuldigt,
in jener Nacht das Auto gefahren zu haben. Sie hatten ihr
gesagt, dass er schrieb, dass er es auf sich nahm, weil er hoff-
te, alles würde wie früher werden, aber er kann es nicht mehr
ertragen, ihr zu verzeihen. Und dann hatten sie sie gefragt,
ob sie etwas dazu sagen möchte, und dass das Gespräch auf-
gezeichnet würde und dass, wenn sie möchte, sie sich einen
Anwalt rufen kann.
Sie hatte ihnen gesagt, dass sie ihn geliebt hatte. Sie hatte
den Kopf gesenkt und gefragt, ob sie vielleicht eine Zigaret-
te haben könnte.

37
Thomas Zimmermann
Schreib mal wieder!

1
Der Briefträger zog ächzend seinen Wagen mit den gelben
Taschen die leicht ansteigende Straße hoch. Er war um die
Vierzig. Sein Bauch quoll über den Hosenbund. Die fetti-
gen, schwarzen Haare hatte er nach hinten gekämmt. Das
Gesicht war mit Bartstoppeln übersät. Die roten Augen hin-
gen müde in ihren Höhlen. Er blieb stehen, holte sein Ta-
schentuch raus und wischte sich damit den Schweiß von der
Stirn. Dann nahm er einen Packen Post aus den gelben Ta-
schen und ging zum nächsten Hauseingang. Angewidert
steckte er die Post in die Briefkästen. Bei einem Brief zöger-
te er. Er drehte den Brief hin und her, roch daran und steck-
te ihn dann mit einem teuflischen Grinsen in seine Jacke.
Mit der Zeit hatte er ein sicheres Gespür für Liebesbriefe
entwickelt und war stolz darauf, dass bei ihm keiner durch-
kam. Das war die Rache für sein versautes Leben, das einzi-
ge, was sein eigenes Unglück erträglicher machte.
So trug er seinen bescheiden Anteil zur Steigerung der
Selbstmordrate in seiner Stadt bei, etwas, worauf er sehr stolz
gewesen wäre, wenn er davon gewusst hätte.

2
Matthias hatte sich in Irene verliebt. Er war Anfang zwanzig
und viel zu schüchtern, um mit ihr zu sprechen. Er hatte es
ein paar Mal versucht, war aber jedes Mal kläglich geschei-
tert. Die letzten Nächte hatte er nur schlecht oder gar nicht
geschlafen. Kraftlos wie ein Kranker hing er auf seinem Stuhl
in der Cafeteria der Hochschule.
»Ich halte es nicht mehr aus«, stöhnte er.
David, der neben ihm saß, seufzte.
»Warum schreibst du ihr keinen Brief? Du machst dir das

38
Leben so nur unnötig schwer.«
»Ach, ich weiß nicht, ist das nicht zu altmodisch, Briefe zu
schreiben?«
»Hast du ‘ne bessere Idee?«
Matthias schüttelte resigniert den Kopf.
Gegen zwei, in der darauffolgenden Nacht, hatte Matthias
den Brief fertig. Er las ihn noch ein letztes Mal durch, bevor
er ihn zusammenfaltete und in den Umschlag steckte. Jetzt
brauchte er nur noch eine Briefmarke. Er suchte die Schub-
fächer seines Schreibtisches durch. Doch alles was er fand,
war eine Zwanzigpfennigmarke.
Die Nacht war klar und frisch. Mit dem Brief in der Brust-
tasche seiner Jacke schwang sich Matthias auf sein Fahrrad
und fuhr los. An der Post gab es einen Briefmarkenautoma-
ten und die Post war nicht allzu weit weg. Allerdings war das
Haus, in dem Irene wohnte auch nicht so weit weg. Er hielt
an und überlegte. Ja, eigentlich könnte er den Brief auch
gleich bei ihr in den Briefkasten stecken. Nein, das war keine
gute Idee. Er könnte irgend jemanden begegnen, den er kann-
te, in ihrem Haus gab es mehre WG’s mit Studenten von der
Hochschule oder im schlimmsten Fall konnte er ihr über
den Weg laufen, falls sie gerade von einer Party zurückkam
oder so. Nein, das war keine gute Idee.
Die Stadt war in den ruhigen, tiefen Schlaf einer Klein-
stadt nach Zwölf gefallen. Der Platz vor der Post war wie
ausgestorben. Nur zwei Taxis warteten auf die letzten Men-
schen, die sich vielleicht noch irgendwo in dieser Nacht ver-
irrt hatten. In einer der wenigen Kneipen, die noch auf hat-
ten, in der Wohnung eines Menschen, den sie erst diesen
Abend kennen gelernt hatten, auf einer Party die kein Ende
nehmen wollte. Matthias hielt vor dem Briefmarkenautoma-
ten an. Einen Augenblick blieb sein Herz stehen, hoffentlich
funktionierte er. Er atmete auf. Es sah alles gut aus. Er steckte
sein Geld in den Schlitz und wenig später kam unten eine
Briefmarke raus. Er klebte sie auf den Brief und steckte ihn
in den Briefkasten, aber er ließ ihn nicht los. Hatte er das

39
Richtige getan? Hatte er auch keinen Blödsinn geschrieben?
Was würde Irene von dem Brief halten? Sein Hand ver-
krampfte sich. Er hatte keine Wahl. Er musste es endlich
hinter sich bringen. Seine Finger ließen den Brief los und
der Brief fiel in die unergründlichen Tiefen des Briefkastens.
Matthias rieb sich die Augen. Es war schon kurz nach Eins.
Das hieß, er hatte zehn Stunden am Stück geschlafen, er hat-
te endlich mal wieder durchgeschlafen. Er konnte es gar nicht
fassen. Das mit dem Brief war wirklich keine schlechte Idee
gewesen.
Er schmiss zwei Scheiben Brot in den Toaster und kochte
sich Kaffee. Als er dann dasaß, von seinem Toast abbiss,
dachte er darüber nach, wo sein Brief jetzt war. Er lag jetzt
bestimmt schon nicht mehr im Briefkasten. Vielleicht war
gerade bei den Briefen, die sortiert wurden oder wartete nur
noch darauf, dass ihn der Postbote bei Irene in den Briefka-
sten steckt. Und morgen konnte ihn Irene schon in den Hän-
den halten. Was würde sie tun? Vor Aufregung verschluckte
er das Stück Toastbrot in seinem Mund und es blieb ihm
kratzend in der Kehle stecken. Er trank schnell einen Schluck
Kaffee. Vielleicht würde sie ihn gleich anrufen, nachdem sie
den Brief gelesen hatte. Mit Schrecken stellte er sich vor,
dass er nicht da wäre, wenn sie anrief, dass sie ein paarmal
anrief und er jedesmal aus irgendeinem dummen Zufall nicht
da wäre. Der Schreck fuhr ihm in alle Glieder. Die ganze
Arbeit mit dem Brief wäre umsonst gewesen und er würde
vielleicht nie erfahren, dass sie ihn angerufen hat, weil er
zum richtigen Zeitpunkt nicht da war. Aus ihm und Irene
würde nichts, weil er nicht da gewesen war.
Matthias schob den sehr gut gefüllten Einkaufswagen in
Richtung Kasse und überlegte, ob er wirklich alles hatte. Im
Wagen waren ein paar fertige Nudelgerichte, Tütensuppen,
Wurst, Käse, etwas Obst und Gemüse, Milch, Butter und
ein Brot. Damit konnte er locker ein bis zwei Wochen hin-
kommen, falls es ganz dumm lief. Er dachte daran, wie schön
es wäre, die ganzen Sachen nicht allein essen zu müssen, son-

40
dern mit Irene bei Kerzenschein und einer Flasche Wein. Viel-
leicht würde sie dann auch noch zu einem kleinen Nachtisch
bleiben. Wie schön wäre es in ihren Armen einzuschlafen.
Mit ihr zusammen zu frühstücken. Ein Einkaufswagen, der
von hinten gegen ihn stieß, riss ihn aus seinen Träumen. Er
drehte sich um. Ein älterer Mann stand hinter dem Wagen
und sah ihn erschrocken an.
»Entschuldigung.«
»Ist schon okay.«
Verschwitzt und mit einer Einkaufstüte in jeder Hand er-
reichte er die Haustür. Die Tür ging auf und Frau Winter,
eine Rentnerin, die ein Etage unter ihm wohnte, kam raus.
»Guten Tag«, ächzte Matthias.
»Guten Tag. Sie haben aber ordentlich eingekauft.«
»Ja, es schadet vielleicht nicht ein paar Vorräte anzulegen
in den heutigen Zeiten.«
»Sie immer mit ihren Späßen«, kicherte Frau Winter und
humpelte ihren Kopf schüttelnd davon.
Kurz nach Mitternacht stand Matthias wieder vor der Haus-
tür. Er war im Kino gewesen, hatte zwei Bier in einer Kneipe
getrunken und betrachtete jetzt seufzend den klaren Ster-
nenhimmel. Ab morgen durfte er seine Wohnung nicht mehr
verlassen. Das konnte hart werden, aber Irene war es wert.
Für sie würde er jedes Opfer bringen. Er lächelte verträumt,
sie war so schön mit ihren dunklen Augen, die ihn immer
wieder durcheinander brachten, der süßen kleinen Nase, ih-
rem klaren Lachen.

3
Am nächsten Morgen kurz nach neun stand er auf. Er hatte
schlecht geschlafen. Zweimal war er sogar aufgestanden, um
zu gucken, ob der Hörer richtig auf dem Telefon lag, ob-
wohl sie zu diesem Zeitpunkt nun wirklich noch nichts von
seinem Brief wissen konnte. Er ging Duschen, was ihn et-
was beruhigte.

41
Nachdem er sich angezogen hatte, überlegte er, ob er es
sich leisten konnte zum Bäcker zu gehen. Es war schon bald
halb zehn und er wusste nicht, wann sie ihre Post bekam.
Also ging er lieber nicht. Er durfte jetzt kein Risiko einge-
hen.
Er saß beim Frühstück und köpfte gerade ein Ei, als das
Telefon klingelte. Einen Augenblick war er wie gelähmt. Das
Telefon klingelte ein zweites Mal. Das Telefon klingelte ein
drittes Mal. Schließlich sprang er auf und riss den Hörer
vom Telefon, aus dem die Stimme seiner Mutter kam, die
erzählte, dass sie schon gestern versucht hatte, ihn anzuru-
fen, er aber nicht da gewesen sei. Sie redete, ohne etwas Wich-
tiges zu erzählen und er beendete das Gespräch so schnell es
ging.
Als er später am Fenster stand und seine Pflanzen goss,
sah er wie die Briefträgerin mit ihrem gelben Fahrrad in sei-
ne Straße einbog. Das war ein neues Problem. Es konnte ja
sein, dass auch sie ihm mit einem Brief antwortete. Wie soll-
te er an seinen Briefkasten gehen und gleichzeitig in der Nähe
des Telefons bleiben? Er wohnte in der 2. Etage. Naja, ein
Brief von ihr konnte frühestens morgen da sein und bis da-
hin konnte noch viel passieren. Er lächelte seinem Telefon
ermutigend zu.
Immer wieder lösten sich seine Augen von den Buchsei-
ten und wanderten zum Telefon. Es hatte keinen Zweck. Es
gelang ihm einfach nicht der Handlung zu folgen. Er schlug
das Buch zu und legte es auf das kleine Tischchen neben
seinen Sessel, wo ein dampfende Teetasse und die Teekanne
standen. Er trank noch einen Schluck Tee, machte dann eine
CD in seine Anlage, drehte die Musik auf und ging unter
den Hämmern der Beats in die Küche, um dort ein bisschen
Ordnung zu machen.
Stolz sah er sich sein Werk an, so gut hatte die Küche schon
lange nicht mehr ausgesehen. Der Boden glänzte. Der Berg
an schmutzigem Abwasch war verschwunden. Alles war or-
dentlich in den Schränken verstaut und sogar der Kühlschrank

42
stank nicht mehr. Es war kurz nach eins und Zeit etwas zu
essen. Er schaute noch mal nach dem Telefon. Alles war in
Ordnung. Warum klingelte es dann nicht? Zurück in der
Küche bereitete er sich eines der fertigen Nudelgerichte aus
der Tüte. Er fand, die Nudeln schmeckten ganz gut. Was die
Leute nur immer gegen Fertiggerichte haben? Als er fertig
war, stellte er das schmutzige Geschirr in die Spüle und ging
dann zu seinem großen, bequemen Sessel, in dem er leicht
versank. Er griff nach dem Buch neben sich und versuchte
es noch mal mit Lesen. Er kam nicht weit. Die Worte fingen
an sich aufzulösen, die Buchstaben flogen davon, seine Au-
gen fielen zu, sein Kopf knickte weg ...
Etwas klingelte. Er öffnete blinzelnd die Augen, schaute
sich verwirrt um. Es klingelte wieder. Sein Blick blieb am
Telefon hängen. Es klingelte noch mal. Er sprang auf und
riss den Hörer vom Apparat. Es war David.
Später stand er am offenen Fenster und schaute nach drau-
ßen. Es war sehr schönes Wetter und er wäre gerne raus-
gegangen. Warum rief sie nicht an?
Am Abend sah die ganze Wohnung ordentlich und sauber
aus. Er erkannte sie kaum wieder. Da hatte das Warten we-
nigstens etwas gebracht. Er aß ein bisschen was zum Abend-
brot, stellte sich wieder ans Fenster und sah raus in die Nacht.
Hinter ihm lief eine schöne, ruhige Musik. Im Bett las er
noch ein paar Seiten.
Diese Nacht schlief er auch nicht besser, er wachte immer
wieder auf und lag oft endlos lange mit offenen Augen da.
An das Frühstück am nächsten Morgen machte er sich ohne
großen Appetit, aß eine Scheibe Brot und eine kleine Bana-
ne. Nach dem Frühstück gab es nicht mehr viel zu tun. Er
machte den Abwasch, aber der war in ein paar Minuten erle-
digt. Er schaute nach den Blumen. Sie hatten alle genug Was-
ser. Alles war aufgeräumt, alles war sauber. Draußen schien
die Sonne. Er warf einen vorwurfsvollen Blick auf das Tele-
fon, schnappte sich sein Buch und ließ sich in den Sessel
fallen. Wenn er wenigstens einen Fernseher gehabt hätte. Die

43
Stunden, Minuten bis zum Mittag krochen mit quälender
Langsamkeit dahin. Gegen elf nahm er seinen Briefkasten-
schlüssel und ging zur Wohnungstür. Er hatte die Tür schon
ein Stück aufgemacht, als ihm das Telefon einfiel. Verdammt.
Er ging es holen. Zum Glück hatte es ein langes Kabel und
er konnte es so ein Stück in den Hausflur mitnehmen. Im
Notfall könnte er dann schnell genug wieder hoch rennen,
hoffte er.
Er stieg ganz langsam die Treppe runter, immer auf sein
Telefon lauschend. Eine Etage tiefer war Frau Winter gera-
de dabei die Treppe zu machen. Sie grüßten sich. Er schlän-
gelte sich an ihr und ihrem Eimer vorbei.
Er blieb vor seinem Briefkasten stehen. Nur das Husten
von Frau Winter war zu hören. Er öffnete den Briefkasten.
Etwas Werbung war alles. Enttäuscht schleppte er sich die
Treppe wieder hoch. Frau Winter erwartete ihn mit ihrem
Scheuerlappen in der Hand.
»Wieso haben sie ihr Telefon auf die Treppe gestellt?«
Ohne zu antworten, setzte er seinen Weg nach oben fort.
Mittag machte er sich dann noch mal Nudeln, gestern hat-
te sie ihm irgendwie noch wesentlich besser geschmeckt. Er
ließ den halben Teller stehen.
Den Nachmittag saß er regungslos in seinen Sessel.
Das Telefon klingelte. Er wurde lebendig und sprang auf,
allerdings schon ein bisschen weniger schwungvoll als noch
am Vortag. Enttäuschung breitete sich auf seinem Gesicht
aus, als er wieder nur Davids Stimme hörte. Er sagte ihm,
dass er ihn in Ruhe lassen solle, was David auch tat.
Zum Abendbrot aß er eine Scheibe Brot. Danach stand er
wieder am Fenster, las, lag in seinem Bett, schlief aber kaum
und irgendwie ging auch diese Nacht um.
Den ganzen nächsten Tag rief niemand an. Zum Briefka-
sten ging er erst, als dunkel war. Er hatte keine Lust wieder
Frau Winter oder irgend jemand anderem aus dem Haus über
den Weg zu laufen. Er nahm das Telefon mit ins Treppen-
haus und schlich ohne das Licht anzumachen wie ein Vam-

44
pir im Schutz der Dunkelheit der Nacht die Treppe runter.
Im Briefkasten war nichts, nicht mal Werbung.
Auch am dritten Tag rief niemand an. Er hatte viel in sei-
nen Sessel gesessen, war ab und zu ein bisschen hin und her
gelaufen, hatte sich mal kurz ans Fenster gestellt. Gegessen
hatte kaum etwas. Draußen wurde es langsam dunkel. Er saß
wieder in seinem Sessel, hatte das Buch auf den Knie. War-
um meldete sie sich nicht? Er ließ sich tausende Antworten
einfallen, wusste aber, dass er nichts tun konnte als warten.
Da klingelt jemand bei ihm. Er schaute unauffällig aus dem
Fenster und erkannte Davids Fahrrad, das an einer Laterne
lehnte. Er machte nicht auf. Gegen Mitternacht schlich er
sich wieder runter zum Briefkasten, in dem nur eine Post-
karten von einem Bekannten, der in Spanien war, lag.
Die nächsten Tage verbrachte er die meiste Zeit wartend
in seinem Sessel und jede Nacht schlich er zum Briefkasten,
fand aber immer nur Werbung oder irgendwelche Postkar-
ten von Leuten, die er kaum kannte. Er stellte fest, dass er
kaum Schlaf brauchte und auch fast nichts essen musste,
trotzdem schrumpften seine Essvorräte langsam zusammen.
Zuerst war das Brot alle. Dann gab es bald auch keine Wurst
mehr, keinen Käse, kein Obst und nachdem er die letzte
Tomate gegessen hatte, waren nur noch fertige Sachen aus
der Tüte da, Nudeln, Suppen, die er mittlerweile aber nur
noch eklig fand, aber sich trotzdem reinwürgte, da er doch
irgendwas essen musste. Hunger und Appetit hatte er schon
lange nicht mehr. So störte es ihn auch nicht, dass es dann
irgendwann gar nichts mehr zu essen gab. Im blieb nur noch
Tee, den er sich in einem kleinen, ehemals weißen, jetzt vom
vielen Tee kochen braunen Baumwollbeutel aufbrühte. Um
zu sparen tat er immer weniger Tee in den Beutel, so dass
der Tee immer dünner wurde, genau wie er selber. Mit jedem
Tag magerte er mehr ab. Aber das merkte er nicht, er achtete
überhaupt nicht mehr auf sein Äußeres, wusch sich kaum,
rasierte sich nicht mehr und auch um die Wohnung küm-
merte er sich nicht mehr. Überall lag schmutzige Wäsche

45
rum. Das Geschirr stapelte sich in der Küche. Essensreste
verschimmelten. Als der Tee dann auch alle war, übergoss er
einfach den leeren, braunen Baumwollbeutel mit heißem Was-
ser. Das Wasser verfärbte sich ganz schwach und er merkte
keinen Unterschied im Geschmack.
Die Bäume verloren die Blätter. Der erste Schnee fiel.
Er war dünn wie ein Gespenst geworden, hatte kaum noch
Kraft sich aus seinem Sessel zu erheben. Wie ein alter Mann
humpelte er auf seinen wackligen Beinen die Treppe runter
und blieb keuchend vor dem Briefkasten zu stehen. Er hob
mühsam seinen Arm mit dem schweren Briefkastenschlüssel
und schloss den Briefkasten auf. Da hörte er das Klingeln
seines Telefons von oben durch den Hausflur schallen. Er
machte den Briefkasten wieder zu und ging so schnell er
konnte die Treppe wieder hoch, was nicht mehr sehr schnell
war. Als er mit glühenden Kopf und völlig außer Atem das
Telefon erreichte, klingelte es ein letztes Mal und als er denn
Hörer an sein Ohr hielt, ertönte das gleichmäßige Summen
des Freizeichens. Niedergeschlagen schlich er mit seinem
Telefon unter den Arm zurück in seine Wohnung und ließ
sich erschöpft in seinen Sessel fallen.
Von da an stand er nicht mehr von seinem Sessel auf. Er
saß regungslos da und starrte aufs Telefon. Jeden Tag
schrumpfte er auf seinem Sessel etwas mehr zusammen,
wurde kleiner und kleiner.
Man musste schon sehr genau hinsehen, wenn man die
winzige Gestalt auf dem Sessel finden wollte. Bald würde sie
gänzlich verschwunden sein. Ihm wurde klar, dass er das mit
dem Warten, doch ein bisschen übertrieben hatte. Vielleicht
war es noch nicht zu spät. Er stellte sich vor, wie der warme
Klang von Irenes in seine Ohren drang wie die Luft ihn ei-
nen Luftballon und er dann wieder groß und lebendig wer-
den würde. Mühselig kroch die winzige Gestalt vom Sessel
runter, robbte zu dem Tischchen, auf dem das Telefon stand
und zog sich an einem Tischbein hoch. Die winzige Gestalt
sah nach oben. Der Rand des Tischchen war für seine kur-

46
zen Arme viel zu weit weg. Die winzige Gestalt zog an der
Telefonschnur, die vom Tisch runterhing. Das Telefon rutsch-
te über die Kante. Mit vor Entsetzen weit aufgerissen Augen
sah die winzige Gestalt noch das Telefon riesig wie ein Haus
auf sich zu stürzen, dann war alles vorbei.

4
Der Wind wehte durchs offene Fenster und wirbelte im
Aschenbecher die Asche von verbrannten Liebesbriefen auf.
Der Briefträger lag besoffen auf seinem Bett und grunzte
zufrieden vor sich hin.

47
Tobias Prüver
Vita Eobani – Lebenskreis des Poetenkönigs

»Alles ist jetzt ruhig und still, und bald


wird es noch ruhiger sein.«
(Eobanus Hessus)

Kontextentrückte Phrasen lassen sich auf alles und jeden


münzen. So könnte auch obiges Zitat multipler Interpretati-
on dienen, beispielsweise als Vorausschau der Stillegung klein-
regionaler Strecken durch die Bundesbahn, oder als Zeugnis
für alternativere Tage, welche die E-Burg schon gesehen hat
und dass sich Anderssein nicht rechnet, wenn man denn rech-
nen muss. Jeglicher Zusammenhang rasch erdacht, ist das
Wort erst dem eigentlichen entrissen. So befahl der Auftrag,
die Person des Dichterkönigs – auf jene vielbeliebte Art mo-
derner Lektüre – am Zitat festzumachen. Doch ist das The-
ma ein historisches, und deshalb soll eine Geschichte nicht
fehlen. So höret die Vita Eobani, die da handelt von einem
eitlen Geck, der sprachgewandt fürwahr, vielgerühmt ein
armselig Dasein tristete:
In einer Vorzeit, die sich just von der verfinsterten Ära
großer Könige und erbitterter Schlächter verabschiedet hat-
te, beschrieb man das Jahr 1488. Gutenbergs Pamphleten-
presse war gezimmert und Kolumbus’ Eitrick stand vor der
Vollendung. Ein aufkeimender Humanismusgedanke stemm-
te sich gegen keine schleichende Amerikanisierung oder
Anglizismen-Maßlosverwendung, sondern machte den
Mensch zum Zentrum von allem. Das Ziel war die Volksbil-
dung, zu der Dichtung als Kunstmittel führen sollte. Dazu
besann sich Humanist aufs Latein, als ein Latin-Lover der
anderen Art. Das Deutsche wurde negiert und ebenso die
Frage, wie Menschen durch eine – noch dazu tote – Fremd-
sprache zu erhellen sind.
Ein solcher Humanist, ein Bildungslüstling, sollte auch un-

48
ser gerade in die Welt geworfenes Würstchen werden, das
man – rasch ein Namensschildchen angeheftet – nach einem
beliebten Heiligen nannte: Eoban. Die Wiege des Sonntags-
kindes wurde vom Gegessen verschluckt. Unbestimmt ist
der Drei-Meilen-Radius um Haina, ein Kaff im Ländchen
der Hessen. Mehrere Gemeinden streiten seit dem um ver-
meintliches Erbe und würde ein Wanderer der Nichtigkeit
nicht scheuen, könnte er Diversfleckchen späterer Gedenk-
steine plus Laudatiomeißelung an den großen Hessen obser-
vieren. Die beinah unklare Herkunft ist Auftakt eines be-
wegten Lebens und fingiert poetische Größe: Aus dem Nichts
erschien Eoban, wie einst Griechendichter Homer, um mit
schwalligem Worte die Welt zu verzücken. Der Stoff würde
die Biographen noch zu verzücken wissen.
In gekonnten Latein stiftete Eoban weitere Verwirrung,
indem er sein Namenshinter mit Coci dechiffrierte, was Kochs
Sohn, allerdings auch Sohn eines Kochs bedeuten kann. Der
Doppeldeutigkeit ungeachtet war Eoban ein armer Leute
Kind, das aus eigener Kraft emporkommen wollte. Quasi als
Vorreiter des Bitterfelder Weges stand er in der Traditionslinie
späterer Kanzlisten aus dem Arbeiterviertel und Diploma-
ten ohne Hohe Reife. Immerhin war Eoban die Möglichkeit
beschert, eine Lateinschule zu besuchen. Bildung soll ja den
Horizont erweitern anstatt abstecken, jedoch erwies sich das
Latein als zäh und Eoban blieb zeitlebens darin hängen.
Mit sechzehn dann zog er aus und kehrte nie zurück. Sein
Wissensdurst führte in das Bildungsparadies Erfurt – das
Magisterziel war gesteckt. Hat sich Erfurt ansonsten farblos
durch die Historie gemogelt, so galt die damalige Universität
– obwohl eine der ältesten deutschen Hochschulen – als of-
fen für die neuen humanistischen Ideen; der Freigeist hauste
in der Kleinstadt. Eoban studierte brav und gliederte sich
einer Bruderschaft von Poeten mit. Im Kreis heranwachsen-
der Gelehrter, warf man den Diskurs und sich hinein. Elitä-
res Gehabe untermauerte die eingeschworene Gemeinschaft:
Zur Etikette der Abgrenzung gab man sich animalische

49
Wappensymbole. Eoban bekam den Schwan übergebraten,
jenen Diener des lichtgestaltigen Apollon. Strahlen sollte auch
das gelehrtenübliche Namenstrio. Nach göttlicher Sonne und
Hessenherkunft ließ sich unser angehender Dichter nun als
Helius Eobanus Hessus ansprechen. Dem Erfurter Poetenorden
wohnte Lebensfreude und Geselligkeit inne. Jedoch beinhal-
tete die gebildete Daseinslust weder Weib, noch Gesang.
Dieserlei Lustspiele galten der Dichtkunst als abträglich. Das
erklärt lyrisches Wehklagen nach dem nie Erlebten und die
zeitenüberdauernde intellektuelle Arroganz ist bestens illu-
striert durch der Lateinbejaher Unverständnis des antiken
Konzepts. Fade wie das Bild waren auch Eobans Erstlings-
werke. Einfältig hießen sie Kampf der Erfurter Studenten mit
einigen Rabauken scholastischer Tristesse und Flucht der Stu-
denten aus Erfurt vor drohender Pest. Den Real-Fiktiven fol-
gend, entsprangen dem heiligen Quell dichterischer Kraft –
Eobans Hirn – reine Lyreleien. In Nachlehnung und
Anahmungen von und an Ovid und Vergil schuf Eoban Idyl-
len saftiger Weiden, auf denen die Herden der Dichtung gra-
send von Hirtenpoeten behütet wurden. Heidnische Lust
herauslyrisiert, gediehen die Musen keusch zu christlichen
Tugenden.
Planerfüllend hatte Eoban die Regelstudienzeit eingehal-
ten. Dem Magisterabschluss folgte jedoch kein Finanz-Berg-
auf. Die Gelehrtenachtung für seine Dichtung stieg, was
Eoban allerdings wenig nützte. Immer Beifall & niemals Geld
sollte sein unfreiwilliges Motto sein. Traurige Szenen ließen
sich ausmalen, aber Dichtkunst ist nun mal negiertes Brot,
und diese Schrift eine Satire, bei der nur ein Auge weinen
darf. Immerhin konnte unser Geplagter die Armut mit einer
Rektorenstelle an Sankt Severi kurzzeitig abstreifen. Dafür
dankte er dem Bischof alsgleich mit einem Loblied in Über-
länge. Mäzenatentum war damals keine Anbiederung, son-
dern üblich, wie die Historiker später beschwichtigen soll-
ten. Das tolle Jahr 1509 gebar den Gelehrtensturm – die
Erfurter baten die Weisen zum Gehen. Dieser Anfall und

50
zugewiesene Schulden trieben Eoban hinaus. Nun einund-
zwanzig Lenze zählend, wanderte er etwas umher, um schließ-
lich unweit von Danzig beim Bischof Hiob – vielleicht auf-
grund einer Botschaft – sesshaft zu werden. Der Klerikale
fand Gefallen am Jüngling und so wurde Eoban Kanzlist.
Erstmalig sonnte er sich in Wohlbehagen, denn sein Aufent-
halt beinhaltete mehr als müde Aktenstapeleien. Gar häufig
durfte er den Bischof begleiten auf Ausflügen und der Jagd
gewidmeten Spazierritten. Im Sattel schrieb Eoban einige
Eileszeilen – Elegien genannt – über die Landespracht und
lebte manche der Nachwelt festgehaltene Anekdote vor. In
der geistlichen Obhut konnte Eoban seine Lusterfahrung
steigern – das Danziger Bier erweiterte seine Sinne und künf-
tige Trinkgewohnheiten. Zur Weiterbildung in die Juristerei
entsandt, folgte ein kurzes Intermezzo in Frankfurt Oder
Leipzig. In dieser Zeit vollendete er die Heroiden, ein versier-
tes Literatur-Cover Ovids. Im Original Briefe weiblicher
Helden – Heldinnen sozusagen – an Götter und Gatten ge-
richtet, verdrehte Eoban die heidnischen Frauen zu christli-
chen. Nun bebriefte Maria Magdalena – die vielleicht Heili-
ge, vielleicht Hure – ihren vielleicht Geliebten, Jesus.
Das Paragraphenraten geriet zu trocken und so fand Eoban
die Flucht im Rückzug nach Erfurt. Zum zweiten Mal hier
gelandet, heiratete er die Besitzertochter eines als Engelsburg
bekannten Wirtschaftsgebäudes. (Die Braut galt zwar als
wenig lieblich, aber ein unerfahrenes Auge kennt keinen Ver-
gleich.) Diese Anstalt sollte Ort konspirativer Poeten-
versammlungen werden und im gebunkerten Heu konnte
Eoban der vertrockneten Erinnerung seiner viel bedichteten
Weidenidylle nachhächeln. In jener Zeit erlangte Eoban auch
seinen berühmten Titel. Zu flüssiger Stunde entstand ein
griechisches Wortspiel, das Eoban flugs in rex übersetzte.
Selbstgefertigte Orden überdauern die Zeiten und so sollte
der Poetenkönig in die Annalen eingehen.
Wie bei jedem Andersdenkenden glänzt auch in Eobans
Biographie ein düsteres Eckchen. Als Intellektueller verwan-

51
delte er zwar keinen Gossenklumpen in ein Wurfgeschoss –
schließlich ist die Feder schneidiger als alles – doch beteiligte
sich Eoban an den ominösen Dunkelmännerbriefen, jenen sati-
risch-kritischen – und kritisch sollte jede Satire sein – Schreib-
werken, die fiktiver Pfaffen Dummheit offenkundig machte.
Derweil entging der Existenzfreude das Lutherjahr und
Eoban bemerkte die Wirkung erst anno später, als sich auch
der Erfurter Gelehrtenkreis genötigt sah, Partei zu ergrei-
fen. Im Wirbel um Luthers Anschlag wählte Eoban das evan-
gelische Lager und wurde ein oller Protestler. Dabei wollte
Luther eigentlich gar keine Glaubensspaltung, sondern le-
diglich den Diskurs. Doch musste er erfahren, dass ein paar
kritische Thesen reichen, um die Gemüter wie das unteilba-
re Individuum in Tausend und einem Zerwürfnis auseinan-
derfallen zu sehen. Der Geistes- oder vielmehr Seelenkonflikt
suchte auch die Erfurter Universität heim. Erneut wütete
der Pöbel, dem die humanistischen Gelehrten eigentlich nur
Bildung und anderes Gute andingen wollten. Nun flohen
sie. Laienprediger, sogenannte Prädikanten – mit dem
Gelehrtenprädikat ungelehrt versehen – erhoben sich. Gegen
diese Pseudoevangelisten, die Bauernkriege und Bürger-
unruhen anzettelten, schleuderte Eoban ein Versmaß des
Unbills, denn Humanist war sich einig: Reform ja, aber keine
Revolution. Modern gesagt, hatte man den dritten Weg im
Mittelstreifen der Sackgasse gesucht. Die Studenten blieben
in den Unwirren aus und ohne Nachfrage dankten viele Pro-
fessoren ab. Eoban jedoch blieb gebunden und scheiterte im
Versuch, sich der intellektuellen Vereinsamung mittels Dich-
tung zu erwehren. Um sich dem Arbeitsmarkt lukrativer zu
präsentieren, studierte er Medizin. Wenig lernintensiv, ließ
sich das Studium in einem Jahr absolvieren. Alsgleich erschien
das Lehrgedicht Wie man seine Gesundheit erhält und Eoban
betrunken bei Vorlesungen. Das Gehalt wurde ihm 1525
komplett entsagt und er bezog Asyl in Nürnberg. Dort be-
stieg er eine Professur mit barockem Gehalt und verfasste
belehrende Bücher. Er traf auf Dürer, der von ihm ein stich-

52
haltiges Porträt entwarf. Neue Schulden waren für das
Dichterdasein unumgänglich, allerdings vergüldete eine
Nürnbergverherrlichung Versmaß zu Geld. Erinnern wir uns:
Verkäuflichkeit war Usus schon zu vorkapitalistischer Zeit.
Dann zog es unseren Eoban zum dritten Mal nach Erfurt.
Die Uni stand im Verfall und, oder gerade weil, mit konser-
vativen Katholiken – das Wortdoppel ist keine Alliteration –
besetzt. Diese harte Zeit überstand Eoban nur mit monetä-
rem Überengagement und neuen Trinkrekorden. Glücklicher-
weise arrangierte sich ein Kontakt zum Hessischen Land-
grafen, welcher die Schulden ausmerzte und Eoban nach
Marburg berief. Dort erhielt er nebst Professur ein Land-
haus. Welk die Muse, werkelte Eoban nun an Übersetzungen
und widmete einige Totengedichte ver- und geschiedenen
Freunden. Sein Lebenskreis schließt sich auf dem Land in
Hessen, als es anno 1540 um Eoban still und ruhig wurde.

In obigster Phrase offenbart sich Eoban vielleicht nur als


todessehnsüchtiger Fatalist oder hinnehmender Realist, was
in der Quintessenz das Gleiche bedeutet, nämlich ein arm-
seliges Leben ohne Erleben geführt zu haben. Vielleicht meint
er nur die Ruhe nach dem Sturm des Lebens, nach dem en-
ergischen Pustewind vitaler Ausrichtung, dem die Backen nun
schmerzen. Vielleicht sollte uns das Zitat nicht mehr sagen,
als dass es um uns schon immer recht ruhig stand, wir still-
stehen und die ruhende Ewigkeit uns letztlich stets umgibt
und irgendwann ganz verschlingen wird. Erst lässt die Flut auf
sich warten und schon bald ist’s Ebbe.

(Dieser Schluss hätte in Latein – dessen ich nicht mächtig


bin – gelehrter geklungen. Eoban hätte es gekonnt, doch
liegt er unter Erde; Latein ist eben doch eine tote Sprache.)

53
Peter Raulfs
imlandderauspuffonanisten

Dass manch einer der Bewohner dieses Landes den Kopf


nur hat, damit es nicht zum Halse hineinregnet, zeigt sich
regelmäßig beim hysterischen Gezeter um die vermeintliche
Tatsache, dass es sich beim deutschen Autofahrer um eine
arg gebeutelte und geschröpfte und eigentlich vom Ausster-
ben bedrohte Species handelt. So bleibt der angeblich zu hohe
Benzinpreis hierzulande der einzig denkbare Grund für eine
Revolution.
Das ganze Ausmaß des ersatzerotischen Verhältnisses des
Deutschen zu seinem gummibereiften Blechkäfig offenbart
sich indes bei einer Veranstaltung, die den Namen »Erfurter
Autofrühling« trägt und die nicht etwa in der Abge-
schiedenheit der Messehallen vor der Stadt stattfindet wie
vergleichbare Götzendienste anderenorts, sondern inmitten
der Innenstadt. Dass man überhaupt Frühling mit Auto asso-
ziieren kann, lässt schon eine Ahnung davon aufkeimen, wie-
viel Scheiße in den Köpfen der Landsleute rumliegt. Und
wenn man sieht, wie die Typen mit fellationiertem Gesichts-
ausdruck, demütig gesenkten Hauptes und andächtigen
Schrittes zwischen den blankpoliert aufgebahrten Kisten
herumschleichen, ist die Erkenntnis perfekt: Ja, das ist das
Land der Auspuffonanisten, und hier ist an einem Frühlings-
wochenende die Zentrale.
Ereignisse wie diese müssen in der Lokalpresse selbstver-
ständlich gebührend angekündigt werden. So wie in dem
Reklameblättchen »Allgemeiner Anzeiger«.

»Neue Formen, heiße Kurven – wahre Liebe zu vier


Rädern
Das Auto – ohne dem (!) geht es heute nicht mehr. Umso
größer ist der Ärger über die stetig steigenden Benzinpreise.

54
Schön, wenn der Autofan dann wenigstens ein bisschen Freude
an seinem Fahrzeug hat. Dass es von Jahr zu Jahr in den
Modellen der Automobilindustrie immer wieder Innovatives und
Neues gibt, ist ja auch – wie in der Natur – ein alljährlich
wiederkehrender Frühling der Technik. Die Schönheit der Autos
in ihrem funkelnden Lack, die atemberaubende Entwicklung
der Technik ist wie eine Liebe, die trotz mancher Krise irgend-
wie unendlich bleibt.«

Ob sich der Autor beim, vor oder nach dem Schreiben die-
ser prickelnden Zeilen einen runtergeholt hat, ist natürlich
nicht bekannt. Aber werfen wir noch einen Blick auf das
zugehörige Foto. Da fläzt sich, von einem Ohr zum anderen
grinsend, eine Frau (vollständig bekleidet – im Gesamt-
zusammenhang schon fast erstaunlich!) auf der Motorhau-
be einer der Potenz- und Persönlichkeitsprothesen, die auf
der besagten Schau besichtigt, begrabbelt, angebetet und
abgeknutscht werden können. Und drunter steht:

»Ein starkes Paar: Sabrina Möller hat sich in den kraft-


vollen (384 PS) Chrysler Viper verliebt.«

Wie hübsch! Nicht, dass jemand in einer Werbepostille, die


sich regelmäßig vor der Haustür anhäuft oder beim Briefka-
sten für Verstopfung sorgt, eine auch nur halbwegs fundier-
te, ausgewogene und journalistisch hochwertige Bericht-
erstattung erwartet hätte – aber eine derart geistesabstinente
Bejubelung verklemmter Auto-Erotik wirft schon die Frage
auf: Soll der Leser seinen Schwanz lieber in Sabrina Möller
oder ins Aufpuffrohr des »Chrysler Viper« hineinstöpseln
wollen?
Wie bei der Weihnachtsbescherung ist auch hier die Vor-
freude mal wieder das Schönste, denn selbstverständlich trifft
man auf dem Gelände des »Erfurter Autofrühlings« weder
Sabrina Möller, noch kann sich der Ottonormalbekloppte
den »Crysler Viper« leisten. Stattdessen hört das Volk Gruß-

55
worte vom Oberbürgermeister und all jener, für die das
Sich-wichtig-machen zum Beruf gehört. So dröhnt es vom
Podium, wie toll und klasse die zubetonierte Welt durch das
Auto ist, wie es das Land mit Glück und Wohlstand be-
schenkt und weitere Ergüsse ähnlicher Qualität mehr. Über
den Tag verteilt werden in warmen und vor allem lauten
Worten die ausgestellten Errungenschaften beschrieben und
angepriesen, welche da die Autoindustrie in ihrer auf-
opferungsvollen Arbeit erschaffen hat. Zwar bestehen das
»Innovative« und die »atemberaubende Entwicklung der
Technik« mehrheitlich bloß aus allerlei Schnickschnack und
elektronischem Firlefanz sowie aus hochgemotzten Moto-
ren, die den unvorsichtigen Nutzer umso eindrucksvoller
gegen unschuldige Straßenbäume katapultieren. Die Besu-
cher merken es jedoch nicht oder wollen es nicht merken
und sind somit bereit, selbst noch den elektrischen Aschen-
becher als Meilenstein der Automobiltechnik zu bestaunen.
Klappern gehört nun mal zum Handwerk, und das erst recht
für eine Branche, die den zu verehrenden Fetisch keiner allzu
nüchternen Betrachtung ausgesetzt sehen will. Da gehört es
natürlich auch zum Geschäft, dass der Nachwuchs rechtzei-
tig sozialisiert wird: Im Formel-1-Simulator kann Sohnemann
sich für nur drei Mark mit den Fähigkeiten von »Schumi«
messen.
Sehr gut ins Bild fügt sich da auch die Erkenntnis, die wir
einer Befragung der US-amerikanischen Autoversicherung
Progressive verdanken: Von 516 befragten Männern äußerten
beeindruckende 45 % auf die Frage, was ihnen das Wichtig-
ste im Leben sei: das Auto. Nur für 10 % war es Frau oder
Freundin, ganze 6 % behaupteten das von ihren Kindern.
Darüber hinaus erfahren wir, dass 32 % der Befragten ihrem
Auto Namen gegeben haben und 17 % es mit einem Ge-
schenk zum Valentinstag verwöhnen – wenn auch nicht, um
welche Art Präsent – Ölwechsel? Neue Alufelge? – es sich
dabei handelt. Wenn das stimmt, so besteht kaum Anlass zu
der Annahme, dass hier grundsätzlich anderes dabei heraus-

56
käme. Wer das dennoch glaubt, muss nur einmal in die »Auto-
Bild« oder eine artverwandte Publikation gucken. Oder sich
die Gesichter der Besucher des »Erfurter Auto-Frühlings«
ansehen: Schon wieder müssen sie abends mit der langweili-
gen Sabrina ins Bett – statt mit dem »Chrysler Viper«. Mit
384 PS.

57
André Kudernatsch
Tiffany

Endlich war er mit ihr allein. Ohne, dass ein Mann zur Gitar-
re sang und sich nicht für eins entscheiden konnte. Ohne,
dass sich ein Flipper mit einer Juke Box musikalisch in die
Wolle kriegte. Und ohne Komiker in Einheitskutten, die an
den Tisch kamen: »Hey, Du rauchst doch bestimmt. Wir
machen hier so eine Aktion. Also, da musst Du hier nur die
richtigen Antworten ankreuzen.« All das war hier nicht.
Zugegeben, es war kurz nach 17 Uhr. Und zugegeben, die
Kneipe hatte noch zu. Aber so schlecht war der Fahrrad-
ständer davor auch nicht. Immerhin irgendwie ein Anfang.
Er lächelte sie an – er versuchte es zumindest, denn es war
eher ein breites Grinsen, dass demnächst, wenn es noch weiter
wuchs, den Gehweg versperrte. Er merkte es – wahrschein-
lich zog es in den Mundwinkeln – und schluckte es schnell
runter. Worte waren fällig.
»Puh, ist noch ganz schön frisch. Ich fühl’ mich schon wie
ein Eis am Stiel.«
Worte waren fällig, wohlüberlegte. Nicht so ein Mist. »Ich
fühl’ mich wie ein Eis am Stiel.« Nachher antwortete sie:
»Und, soll ich Dich jetzt lecken, oder was?« und ließ ihn ein-
fach stehen. Noch schlimmer wäre es, sie würde diese
beknackten Filme kennen. Die große Eröffnung war ver-
masselt. Er war auf der Showtreppe gestolpert und abge-
stürzt – gleich von ganz oben.
»Wir können ja woanders hingehen, wo schon offen ist.«
Er nickte. Wie eine Marionette, deren Puppenspieler an Par-
kinson litt. Murmeln sausten dabei durch seinen Kopf, fan-
den ihre Löcher und rasteten ein. Er wusste wieder: Hier
war nichts weiter in der Gegend. Nur seine eigene Wohnung.
Er hatte den Treffpunkt absichtlich so gewählt, um es nicht
so weit zu haben, wenn alles geklappt hätte.

58
»Dann müssen wir aber mit der Bahn reinfahren.«
»Macht nichts. Dahinten kommt schon eine.«
Hella war wahnsinnig unkompliziert. Sie hatte ja auch eine
Monatskarte. Er nicht. Er zitterte bei jeder Haltestelle, dass
ein paar Kontrolleure einsteigen könnten, die ihn für immer
von Hella trennen würden. Am liebsten würde er den Knopf
»Fahrgastwunsch« drücken und sich wünschen, dass Hella
und ihm keiner etwas tun könnte oder dass Hella ihn küssen
würde. Und dann würde er noch mal »Fahrgastwunsch« drük-
ken und was anderes in Erfüllung gehen lassen. Er würde zu
den drei Typen gehen, die die ganze Zeit so doof auf Hella
glotzten, und sagen: »Du, Du und Du – Aussteigen!«
»Oh Bert, hast Du schon mal auf die Uhr geschaut?« Hel-
las Pulloverärmel war runtergerutscht, wie sie sich so oben
an der Haltestange festhielt. Dadurch war es passiert – da-
durch war die Zeit mit in diese Bahn gestiegen. Daran hatte
Bert bei seinen Fahrgastwünschen nicht gedacht.
»Um halb Sieben habe ich noch eine Verabredung mit
Tiffany!«
Bert stöhnte und dachte nicht an Frühstück. Obwohl
Tiffany eine gewisse Ähnlichkeit damit hatte, so klein und
dick wie sie war. Ganz anders als das Land, aus dem sie
stammte: Amerika. Warum sahen die Austauschstudentin-
nen von da nie wie was tolles aus? Statt Freiheitsstatue kam
immer nur der Marshmallow-Man. Oder King Kong. War-
um drängte sich gerade jetzt ein großer Trampel in sein Le-
ben?
»Bert, sei doch nicht sauer. Tiffany kennt doch sonst nie-
manden hier. Und ich hab’ ihr versprochen, dass ich heute
mit ihr Schuhe kaufen gehe.«
Richtig sauer konnte Bert nicht sein, er konnte da auf nichts
pochen. Damit hätte er Hella bloß endgültig abgeschreckt.
Wie ein Frühstücksei. Womit er wieder bei Tiffany war.
»Ist okay, wir haben ja noch 32 Minuten.«
»Jaja, wir treffen uns aber am Görtz.«
Enttäuschung schlug Bert wie ein Hammer mit Schmied

59
dran auf den Kopf. Trotzdem schaffte er ein paar trockene
Worte.
»Dann musst Du jetzt los.«
Hella blinzelte.
»Na, als Wiedergutmachung kann ich Dich doch morgen
Abend zu mir einladen. Kommst Du?«
»Klar gern. Wann denn?« Das kam ein bisschen zu schnell,
fand Bert selbst. Er hatte es Hella zu leicht gemacht. Aber
wenn sie ihn in ihre Wohnung einlud ... Mein lieber Schwan!
Bert stellte sich wiederum ein bisschen zu schnell, was er
diesmal aber selber gar nicht fand, Kerzenlicht und span-
nende Verrenkungen vor, an denen sie beide
unmissverständlich beteiligt waren. Denn wie eine lose Zaun-
latte fiel ein Nachsatz von Hellas Lippen.
»Und Tiffany laden wir auch ein. Bis dann! Tschau!«
Sie sprang aus der Bahn, und Bert schaffte es nicht, noch
etwas zu sagen. In seinem Gehirn musste erst die Filmspule
gewechselt werden. Und sie fiel runter, und alles nudelte sich
ab ...

Den Abend mit Hella konnte er sich in die Haare schmieren,


aber wenigstens konnte er seine Englisch-Kenntnisse auf-
polieren und sich als internationaler Geist erweisen. Dachte
er jedenfalls und steckte vorsorglich Freund Langenscheidt
in den Rucksack. Sicherheitshalber ließ er die Kondome auch
drin. Zur Not gaben sie im Wörterbuch gute Lesezeichen
ab.
Wieder in der Straßenbahn – wieder dieser Knopf
»Fahrgastwunsch«. Könnte dieses Ding doch echt für Erfül-
lungen sorgen! Klar, dass Bert ihn dann so lange gequetscht
hätte, bis auf der Stelle alle Kondome aus dem Rucksack
gemeinsam mit Hella verbraucht wären.
Ein riesiger Rosenstrauß tauchte vor seinem Kopf auf. Zu-
erst dachte Bert, Hella hätte vielleicht den Knopf gedrückt
und ihm dieses Blumenmeer angedeihen lassen. Dann hörte
er ein Glucksen hintendran, in der Brandung. Ihm fiel ein,

60
dass Hella nicht mit in der Bahn war, dass es nicht der Nach-
mittag war, an dem sie gemeinsam fuhren, sondern dass sie
samt US-Studentin zu Hause auf ihn wartete. Unter dem
Rosenstrauß sah er einen kleinen indischen Mann, der die
Arme hochstreckte.
Wieder gluckste der Mann und nickte Bert mit den Augen
zu. Bert staunte über den Trick, aber der Mann konnte wirk-
lich mit den Augen nicken.
»Eine Rose, der Herr?«
Aus dem Glucksen war was geworden. Bert schob den Satz
und den Rosenmann mit dem Handrücken weg. »Nein.«
Ihm hatte es besser gefallen, als der kleine indische Mann
nur mit den Augen genickt hatte und gluckste. Andererseits –
warum solle er keine Rose für Hella kaufen. Gut, dann müsste
er für Tiffany auch eine nehmen. Aber Hella konnte ja eine
schöne kriegen – rot und kräftig. Und für Tiffany könne er
eine weiße, schrumpelige raussuchen und zur Vollendung
noch zweimal drauftreten. Bert gefiel die Idee mit den zwei
Rosen. Die Schöne und das Biest, Goldmarie und Pechma-
rie, Lolek und Bolek. Eine Störung!
Der Rosenstrauß vor ihm war weg. Der kleine indische
Mann hatte Fahrgastwunsch gedrückt, die Bahn hatte wenig
märchenhaft daraufhin an der Haltestelle erwartungsgemäß
gehalten, und der Mann war ausgestiegen.
Bert rannte ihm nach. Der Inder hörte die Schritte hinter
sich und drehte sich um. Gleichzeitig begann er, das Tempo
zu erhöhen. Er verfiel in einen Laufschritt. Bert rief: »Warte,
ich will doch.«
Aber der kleine indische Mann beschleunigte weiter und
schrie: »Hilfe! Hilfe!«
Als sich daraufhin nicht sofort alle Fenster der Straße öff-
neten, nahm der Mann die Beine endgültig in die Hand. Das
hieß, er hatte damit freilich keine mehr für seine Rosen frei
und ließ sie fallen.
Er bog um die Ecke und verschwand schreiend in der
Nacht.

61
Bert stand jappsend vor dem zerfallenen Rosenstrauß und
sammelte ihn dann ein.
»Du kommst spät«, tadelte ihn Hella, als er spät kam. Aber
sie lächelte versöhnt, als sie die Rosen sah. »Das wäre nicht
nötig gewesen. Da geb’ ich Tiffany die Hälfe ab.«
Es machte nichts, dass den meisten Rosen die Köpfe fehl-
ten, die den Staffellauf mit dem kleinen indischen Mann nicht
gutgefunden hatten. Den Blumen fehlte der olympische
Gedanke.
Bert ging aus dem Flur ins Wohnzimmer und sagte: »Hello.«
Denn Tiffany saß mit einem Chips-Napf auf dem Sofa und
schaute ihm entgegen.
»Hello Bert«, sagte sie. »Hello Tiffany«, sagte Bert noch
mal und merkte, dass er das Wörterbuch im Rucksack im
Flur vergessen hatte.
Schnell wurde ihm bewusst, dass das nicht weiter schlimm
war. Hella und Tiffany hatten den Fernseher an und schau-
ten gerade die »Mann oh Mann«-Show mit Peer Augustinsky.
Beruhigt, weil er nichts ahnte und die Show bisher nicht kann-
te, plumpste Bert neben Tiffany aufs Sofa.
»I like German TV«, begründete Tiffany mit vollem Mund,
und anschließend steckten Bert Chips-Splitter in der Stirn.
»Tiffany mag das deutsche Fernsehen«, setzte Hella eifrig
nach.
Bert nicht. Bisher hatte er es am schlimmsten gefunden,
wenn im MDR-Programm Tierheim-Filme mit Portishead-
Musik unterlegt wurden. Aber »Mann oh Mann« war dage-
gen der Mercedes unter all der Fernsehkacke. Irgendwie
wurden da im Finale die Kandidaten von Frauen in ein
Schwimmbecken geschubst. Bert würde Peer Augustinsky
darin versenken – und Tiffany und ihre Chips. Er stellte sich
vor, wie sie glucksend untergingen, und das Glucksen klang
fast wie das des Blumenhändlers, worüber Bert erschrak.
Eigentlich zuckte er jedoch zusammen, weil ihm eine Hand
unter das T-Shirt fuhr und über seinen Rücken wanderte.
Hella hätte verdammt lange Arme haben müssen, um das zu

62
packen. Sie saß drüben im Sessel. Außerdem hätte sie einen
dritten Arm gebraucht, denn die anderen beiden lagen bei
ihr. Berts Augen lagen fast daneben.
»You like it«, hauchte ihm Tiffany siegesbewusst ins Ohr
und kraulte ihm den Nacken. Durch eine Zeitschleuse
mussten mehrere Päckchen Brausepulver aus seiner Kind-
heit in Berts Bauch gelandet sein – es begann, wild zu prik-
keln. Man nahm, was man kriegen konnte.
Hella sagte laut: »Tiffany wollte Dich schon immer mal ein
bisschen besser kennen lernen. Darum habe ich Euch beide
eingeladen. Ich dachte halt so ...«
Was sie dachte, erfuhr niemand – auch nicht der Fernse-
her. Sie schaltete ihn aus und ging hinaus.
»Call me Tiffy«, hauchte es wieder in Bert hinein. Er
zerschmolz. Bei solchem Angebot konnte er nicht wieder-
stehen. Er dachte bei »Tiffy« auch nicht an die Tüllfresse aus
der Sesamstraße. Eher an die deutsch-amerikanische Freund-
schaft. Bert wurde zur Besatzungszone. Er begriff, was eine
Austauschstudentin wirklich ausmachte: eben der Austausch.
Und beim dritten Mal beschloss er, für ein Semester nach
Amerika zu gehen. Auch wenn es dort bestimmt keine Stra-
ßenbahnen gab und er nicht »Fahrgastwunsch« drücken
konnte. Jetzt war alles anders.

63
Babette Saebisch
Wein
(für Thomas G.)

Mit einem satten Ploppen sprang der Korken aus der


Rotweinflasche und Ari stellte sie ab, um bedächtig den Kor-
ken aus dem Schraubenzieher zu drehen.
»Weißt Du, Papa, ich muss noch mal mit Dir über Nata-
scha sprechen. Ich weiß nicht, ob ich sie wirklich heiraten
kann. Ich lieb’ sie von Herzen. Aber da ist ihre ganze kom-
plizierte Geschichte ...« Er hielt inne und wand eine weiße
Serviette um den Flaschenhals, goss sich ein großes Rotwein-
glas voll und stellte die Flasche zwischen sich und dem To-
tenbett auf.
Neben dem Nachttisch-Schränkchen stand die Kiste mit
dem teuren Châteauneuf-du-Pape. Ari legte die Füße darauf
und nahm sein Glas zur Hand.
*
Josefa hatte den Teller, den sie wusch, zurück ins Spülwasser
sinken lassen, als Robert mit dem Châteauneuf-du-Pape ange-
kommen war. Und auch die übrigen Familienmitglieder hat-
ten unsicher in der Küche gestanden, ihre Gespräche unter-
brochen, als Robert die Kiste auf den Küchentisch gewuch-
tet hatte, erklärend: »Ich war bei Jacques’ Weindepot ...«
Er blickte etwas verunsichert in die Runde. Seine Schwe-
ster Steff nickte ihm zu.
»Ich dachte, ... falls noch jemand etwas mit ihm zu bespre-
chen hat, ... bis sie ihn abholen.«
Ari legte ihm einen Arm um die Schulter, mühsam einen
Lacher unterdrückend. »Gute Idee, Robbe. Es ist nur wegen
... Also bitte, WO warst Du?«
*

64
Vor seinem Tod hatte Jacques Eppstein verfügt, er wolle
verbrannt werden.
Seine Tochter Steff war es zufrieden, doch Robert und Ari
hatten eine Weile gebraucht, um es zu verkraften.
»Ich weiß nicht, ob ich das gutheißen kann!«
»Da gibt’s nichts gut- oder schlecht zu heißen,« kommen-
tierte Steff, die ihrer Mutter beim Packen half. Frische Wä-
sche und neues Rasierzeug für Jacques mussten heute mit
ins Krankenhaus. »Wenn er das so will, will er das so.«
»Aber wieso, zum Donnerwetter? Ich versteh’ es nicht!
Wieso das plötzlich? Ich hätte nie gedacht, dass das zu sei-
nem Glauben passt?!«
»Hah!«
Robert und Ari drehten sich zu Josefa um. Ihre 86jährige
Mutter faltete mit spöttischem Gesicht ein feines Dolce &
Gabana-Hemd für ihren Ehemann.
»Das hab’ ich ihm ausgetrieben.«
»WIE bitte?« Ari reichte Steff den frischgewaschenen Bade-
mantel. Steff schmunzelte.
»Sie hat ihn zum Austritt aus der Kirche gekriegt.«
»Wann?«
»Vorgestern.«
Ari setzte sich auf das gemeinsame Ehebett seiner Eltern
und raufte sich die Haare.
»Er ist vierundneunzig!«
»NA und?« Seine Mutter herrschte ihn an. »Runter von
seinem Bett!«
*
Steff räumte die geleerte Flasche und das Glas in die Küche,
nachdem Ari sich im Wohnzimmer auf die Couch gelegt hatte
und eingeschlafen war. Sie naschte an den Käsehappen, die
Robert ihm hineingebracht, und die er nicht angerührt hat-
te. Jetzt war ihm schwindelig, und er hatte es nur schleppend
auf die Couch geschafft.
Natascha half Steff, das Abendbrot zuzubereiten. Robert

65
lugte zu ihnen in die Küche hinein. »Mutsch sieht noch ein
bisschen fern, um sich abzulenken. Seid Ihr schon soweit?«
»Es dauert noch ein wenig, bis die Baguettes überbacken
sind. Wir geben Euch Bescheid.«
Robert nickte und drehte sich unschlüssig im Türrahmen
um sich selbst. Er schielte ins Nebenzimmer in Richtung
des Châteauneuf-du-Pape. Pape, Pope, Papa. Aus Jacques’
Weindepot. Auf was für einen Gedanken war er da nur ver-
fallen. Robert grinste plötzlich breit. »Das wird hier ein
Riesenbesäufnis.« Dann wandte er sich um und schlenderte
zum Schlafzimmer. »Ich geh’ auch noch mal mit Papa was
reden.«
*
Als sie zu ihm ins Krankenhaus gekommen waren, hatte er
nicht gut ausgesehen. Aber er war bester Stimmung gewe-
sen. Auch wenn er nicht immer erkannte, wer zu ihm sprach.
Steff war gerade mit Josefa und Robert zur Tür hinaus,
um ihre Mutter in die Caféteria zu begleiten, da zog Jacques
seinen älteren Sohn am Ärmel zu sich heran, einen mißtraui-
schen Seitenblick auf Natascha, die sich geduldig entfernte
und sich mit einer Zeitschrift ans Fenster setzte. Ari zog sich
einen Stuhl an das Bett seines Vaters.
»Junger Mann, ich sag Dir mal was: Du musst unbedingt
einmal meine Tochter kennen lernen!«
*
»Erinnert Ihr Euch noch, als Mutter vor einem Jahr wegen
der Hüfte hier lag?«
Robert nickte, trank von seinem Kaffee. Steff musste lä-
cheln: »Hab’ ich Euch nie erzählt ... aber damals ging das
bereits los mit seinem schlechten Gedächtnis. Ich habe doch
damals ab und zu bei ihm zu Hause vorbeigeschaut. Da hat
er mich schon zeitweise nicht ganz erkannt. Einmal,« sie strei-
chelte Josefas faltige Hand, »hielt er mich für Mutter.« Josefa
strich sich über das drahtige, graue Haar und beäugte ihre

66
Tochter mit kindlicher Neugier. »Er dachte wirklich für eine
Weile, ich sei Du: Und er freute sich diebisch, dass es Dir
offenbar gelungen war, aus dem Krankenhaus, den Ärzten
zu entwischen.« Sie rührte in ihrem Kaffee und schüttelte
leicht den Kopf. »Er begrüßte mich freudig, umarmte mich
und rief ›Wir ham’ ’se ausjetrickst!‹«
Steff küsste ihrer Mutter die Hand und Josefa nahm es
mit einem tiefen, befriedigten Lächeln hin.
»Er liebt Dich so.«
»Hmhm. – Wisst Ihr noch, als Oma sich ausgezählt hat?«
Robert schnaufte fasziniert, stand auf und sammelte die
Kaffeetassen ein. »Ich hole uns ein Gläschen Sekt, wie wär’s?«
Josefa nickte und drückte Steff die Hand. »Sie saß bei mir in
der Küche ...« Robert beeilte sich, denn er liebte diese
Familiensaga, so oft sie auch erzählt wurde. »... und als sie
schließlich ihren Tee ordentlich ausgetrunken hatte, verab-
schiedete sie sich förmlich von Eurem Vater und mir. Dann
zählte sie leise rückwärts, wir sahen, wie sich sanft ihre Lip-
pen bewegten, ... von 10 abwärts. Als sie angekommen war,
schloss sie die Augen und war tot.«
*
Steff stürzte den letzten Rest Châteauneuf-du-Pape aus der
Flasche in ihr Glas und wischte sich die Tränen aus den Au-
gen. Lange hielt sie die Hand ihres toten Vaters, dann trank
sie den letzten Schluck und stellte die Flasche zu den ande-
ren schon geleerten in der Zimmerecke. Der Vorrat in der
Kiste ging zur Neige.
Robert saß nebenan mit Natascha im Wohnzimmer. Ari
und Josefa waren bereits zu Bett gegangen.
»Wenn es nach Papale gegangen wäre, wäre er vielleicht
schon vergangenes Jahr gestorben, wer weiß, hat Ari Dir die
Geschichte mal erzählt?«
Natascha schüttelte den Kopf. »Nein.« Sie wollte auf Ro-
berts Stimme achten, doch innerlich wich sie aus, grübelte
über Eigenem. ›Weil es zwischen uns IMMER nur um meine

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Geschichte geht. Von seiner weiß ich viel zu wenig.‹ Den-
noch bekam sie mit, als Robert sagte: »Es war kurz nach
Mutters Hüft-OP. Er war müde, und als er sich zu Bett legte,
und tagelang nicht herauskam, hat Steff uns alarmiert. Wir
waren gerade auf dem Weg hierher, ... da wollte er wohl nicht
mehr. Steff war dabei: Mutsch wollte ihm das Kissen auf-
schütteln ... doch er protestierte. ›Ich sterbe‹, sagte er. Und
Mutsch?« Er lachte leise auf. »›Jacques – nein! HEUTE
NICHT! Wir bekommen Gäste!‹«
Natascha sah Robert mit großen Augen an, dann lachte
auch sie. »Und dann?«
Robert wies vage in Richtung Schlafzimmer. »Naja. Er hat
es sich noch mal anders überlegt.«
*
Am Mittwoch begannen die Vorbereitungen für die Einäsche-
rung. Roberts Frau war nachgekommen, so wie auch Steffs
Lebensgefährte. Mit dem Eintreffen von mehr Verwandt-
schaft wuchs auch Josefas Misstrauen, und bei den Vorbe-
reitungen zeigte sich das. Steff band ihrem Vater den Kiefer
fest.
»Nicht so fest! Das tut ihm doch weh!«
Ari entkorkte verzweifelt eine frische Flasche vom
Châteauneuf.
*
Zwei Stunden später musste Steff ihr Werk erneuern. Sie
hatten nicht daran gedacht, ihrem Vater sein Gebiss einzu-
setzen.
Natascha saß mit Roberts Frau in der Küche, nicht wis-
send, ob sie lachen oder weinen sollte. »Weißt Du, was mei-
ner alten Omi kürzlich passiert ist? Sitzt die rüstige Dame
beim Arzt, und soll für irgendeine Untersuchung ihre Zähne
herausnehmen. Sie kontert knapp, aber überzeugend: ›Kann
ich nicht. Sind echt.‹«
*

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»Mama, wo ist sein Lieblingshemd, das dunkelblaue? Ich finde,
das sollte er tragen.«
»Nein Ari, wirklich! Das geht nicht! Es ist schmutzig, ich
habe es in die Wäscherei gegeben!«
*
Am Ende musste Steff ihren Vater noch einmal umkleiden.
Als die Mitarbeiter des Beerdigungsinstitutes ihn inspizier-
ten, stellte sich heraus, dass Viskose für eine Feuerbestat-
tung nicht geeignet sei.
Sie sahen dem Wagen vom Küchenfenster aus nach. Ari
ging in das Schlafzimmer seiner Eltern und deckte langsam
das Totenbett ab. Seine Mutter würde noch einmal ein neues
Schlafzimmer bekommen, das hatte sie sich gewünscht.
Er kam mit einer übriggebliebenen Flasche zurück, ent-
korkte sie und goss der Familie ein. Trinkend umarmte er
Natascha, dann küsste er sie zärtlich.
Sah versonnen in die Runde.
Es gab verrücktere Dinge zwischen Himmel und Erde.
»Ich glaube«, sagte er bedächtig in die Stille hinein, »Nata-
scha und ich werden heiraten.«

69
Christian Höfig
Drachentöter
Eine Erinnerung

Sie war neu in der Klasse. Schon beim Morgenappell fiel sie
uns auf, vor allem, wie hässlich sie war. Das wurde noch
deutlicher als sie sich zum Anfang der Stunde von ihrem
Platz erheben und vor der gesamten Klasse vorstellen musste.
Sie hatte sich, wie es für neue Schüler üblich ist, in die letzte
Reihe an eine leere Bank gesetzt. Es gab zwei Jungs in der
Klasse, die immer fertig gemacht wurden. Sie hatten sich
irgendwann zusammengefunden (wahrscheinlich um ihr
Schicksal gemeinsam besser ertragen zu können), und saßen
nun nebeneinander an einer Bank, weshalb die Neue für sich
sitzen musste. Sie stand auf, ging nach vorn – wohl peinlichst
darauf bedacht, nicht zu stolpern oder gar zu stürzen, was
erfahrungsgemäß einen schlechten Eindruck macht. Vor uns
stehend wurde uns das Ausmaß ihrer Hässlichkeit erst rich-
tig bewusst: Als erstes fiel auf, dass sie schielte. Aber sie schiel-
te nicht einfach nur; ein Auge war wohl in Ordnung, wäh-
rend das zweite dermaßen die Blickrichtung des ersten schnitt,
dass sie aussah wie eine Hexe in den Zeichnungen der Mär-
chenbücher. Wir waren in der zweiten Klasse, und zu ihrem
Unglück war keine große Spanne zwischen der Grund-
schulzeit und jener, in der Kinder gerne Märchenbücher le-
sen (oder besser: vorgelesen bekommen). Augenscheinlich
war sie also eine Hexe – das sollte der erste Eindruck sein
und später dann ihr schweres Los. Als nächstes fiel ihre Klei-
dung auf, eine schreiend bunte Kombination aus
gelbfarbenem Pullover, einer roten verwaschenen Jeans, wel-
che wiederum von einem tiefblauen Gürtel geschnürt wur-
de. An die Schuhe erinnere ich mich nicht mehr; ich saß nicht
in der ersten Reihe, weshalb mein Blick verstellt war. Sicher
hatte sie kleine Füße, vielleicht ganz niedliche kleine Füße –

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aber die sahen wir nicht, und selbst von der ersten Reihe aus
wären sie wohl egal gewesen, ihrer schielenden Hexenaugen
und der abgetragenen Kleider wegen. Das Schlimmste aber
sollte noch kommen: Vorn stand sie nun, und die Lehrerin
hatte sie schon mehrfach aufgefordert, endlich ihren Namen
zu nennen, woher sie komme usw., den ganzen Unsinn also,
den Lehrer schon längst im Klassenbuch stehen haben, und
für den sich Kinder absolut nicht interessieren. Interessant
bei solcherlei Dingen ist nur derjenige, der verlassen und
verängstigt vor einer Gruppe von anderen stehen muss, vor
eine Gruppe, die sich kennt, in der sich eine Hierarchie be-
reits gebildet hat, und die sich allzu schnell und mit einem
bloßen Augenzwinkern einig ist, wer dazugehört, wer fremd
ist, und es auch bleiben soll. So stand sie da und öffnete zum
ersten Mal den Mund. Womit sie eine Lawine von Lachern
auslöste, die sich über sie ergoss, wie Flutwellen über einem
Holzkutter, fernab des sicheren Ufers. Denn sie lispelte nicht
nur, nein, Grund für das Lispeln war eine überdimensional
wirkende Zahnspange, die nun aus ihrem Mund ragte. Wo-
bei sich nur der kleinere Teil der Spange freilegte; der weit-
aus größere musste sich in ihrem Mund verborgen gehalten
haben, gleich einem festen Knebel der Sprechen so gut wie
unmöglich machte. Sie lispelte los, alle lachten, sie verstumm-
te, und alle lachten weiter. Das war ihr Einstand in unserer
Klasse.

In den folgenden Tagen tasteten wir uns heran. Wir beschlos-


sen mit halblauten Stimmen, während sie ganz in der Nähe
war, von nun an »Drache« zu ihr zu sagen. »Hexe« war, wie
gesagt, der eigentliche Vorschlag, und über »Monster«,
»Schlange«, »Spinne« und einer Unzahl weiterer Namen von
Tieren und Fabelwesen kamen wir eben auf »Drache«. So
sollte sie von nun an heißen, was wir jetzt nicht mehr halb-
laut, sondern betont rufend festlegten. Dabei blickten wir
sie nicht direkt an; aus dem Augenwinkel nur, konnte man
sehen, dass sie nicht empört war, nicht beleidigt oder ver-

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stört, sondern fast unmerklich nickte, jedes Mal wenn wir
ihren Namen erneut ausriefen.

Unsere Maßnahmen zur Verteidigung des Kollektivs vor der


Drachengefahr waren ebenso effektiv wie simpel. Man be-
ginnt mit verbalem Necken, Anspielungen, Beleidigungen
usw. Dabei scheint dies noch verkraftbar für die entsprechen-
de Person, doch es scheint nur so: Denn eigentlich ist es eine
Zerreißprobe, ein Test der Nervenstärke. (Wenn auch kein
besonders spektakulärer Test, da 20 Kinder bekanntlich mehr
Nerven besitzen – zumal gemeinsam – als ein einzelnes.)
Und so ging die Rechnung auf: Alles ärgerte den Drachen
und wartete auf den Moment, da er zusammenbricht, sein
schuppiger Panzer sich öffnen und er sich wehren und wü-
tend werden würde. Auf diesen Moment kam es an. Er ließ
nicht lange auf sich warten: Nach einer der unzähligen Zän-
kereien (Zänkereien, so nannte es unsere Klassenlehrerin,
mit der Bemerkung, dass sich das schon legen würde und
nur eine Frage der Zeit sei) flippte der Drache aus und lis-
pelte schlangen- oder vielmehr drachengleich ein »hört endlizz
auf!« und »lazzt mizz in Ruhe!« – und siehe da: Wir hatten
gewonnen.

In Phase zwei begannen wir sie körperlich zu necken. Dabei


schlugen wir sie nie; Mädchen schlägt man nicht. Wir be-
spuckten sie, als sie vor uns auf die Toilette flüchtete; um die
Trennwand der Zelle stellten wir uns herum, und begannen
von allen Seiten die kleinen Kindermünder zu leeren. Das
war nachdem wir ihre Federmappe in den Mülleimer ge-
schmissen und sie beschimpft hatten: »Drache, Drache,
hässlich wie ein Drache, spricht wie ein Drache.« Und als sie
wütend wurde: »Oh, wir haben Angst! Drache, Drache, spuck
doch Feuer, Du scheiß Drache.« Die zwei Jungs, die wir sonst
immer fertig machten, freute es. Es war wohl ihre Hoch-
phase der Anerkennung, jetzt da sich der Klassenzorn ein-
mal nicht gegen sie, sondern jemand anderen richtete. Ihre

72
Freude untermauerten sie, indem sie dem Drachen auflauer-
ten und gegen dessen Schienbein traten, bis es blutete.

Letzten Endes behält der Lehrer immer Recht, hätte man


meinen können, denn nach einigen Wochen legte sich die
Sache. Es sprach zwar niemand mit dem Drachen, anson-
sten ließen wir ihn aber in Ruhe. Das hatte Vorteile: Zum
einen konnte man kleine Geschenke vom Drachen entgegen
nehmen, Butterbrote, Süßigkeiten usw., als Art Annäherungs-
versuche, die natürlich unerwidert bleiben mussten. Zum
anderen hatte man immer einen Sündenbock parat, galt es
eine Schuld von sich, und direkt auf einen anderen zu wei-
sen. So schien die Situation sich zu entspannen. Da wir den
Drachen, mit den schielenden Augen, den andauernd schä-
bigen Klamotten, der dünnen und ungesunden Gestalt mei-
stens in Frieden ließen, entwickelte dieser aber ein gewisses
Selbstvertrauen – das wiederum auch nicht zu dulden war
und welches es zu unterdrücken galt. So meldete sie sich
jetzt öfter im Unterricht, zischelte richtige Antworten in den
Klassenraum, hielt mit schiefen Augen bösen Blicken stand
und wagt sich sogar einmal einen Witz zu erzählen. Ich selbst
muss zugeben diese Art der Wandlung nicht ganz unbetroffen
miterlebt zu haben. Es waren nicht viele Augenblicke, aber
ja, hin und wieder gefiel sie mir sogar ein wenig. Mit der Zeit
vergaß man ihre Hässlichkeit, überhörte das »zzz« in ihren
Worten – und, so zumindest empfand ich es, konnte sie un-
ter diesem Aspekt sogar ganz nett finden. Sie begann in
meinen Augen ein Mädchen der Klasse zu werden.

Als meine Mutter vom Elternabend heimkehrte, kam sie in


mein Zimmer. Sie fragte mich, ob auch ich das Mädchen, die
Neue, geärgert hätte. Ihre Mutter hatte sich nämlich be-
schwert. Natürlich stritt ich kräftig ab, und da ansonsten
nichts Negatives über mich besprochen worden war, war al-
les in bester Ordnung. Am selben Abend allerdings lauschte
ich eher zufällig wie meine Eltern sich unterhielten, über die

73
Neue eben, und dass sie schon auf viele Schulen gegangen
war, und: dass sich ihr Vater vor einiger Zeit umgebracht,
erhängt habe.

Auch die nächsten Wochen verliefen ziemlich ruhig. Der


Drache musste kaum Demütigungen über sich ergehen las-
sen, alles in allem war es eine stille Zeit. Besonders da es in
Richtung Sommer und Zeugnisse ging. Einige würden sich
noch anstrengen müssen gute Noten zu bekommen, andere
konnten gelassen den großen Ferien entgegen schauen. Dann
aber kam ein entscheidender Tag, es sei vorweggenommen,
der letzte Tag, den der Drache in unserer Klasse weilte. Da-
nach sahen wir ihn nicht wieder. Heute glaube ich, dass es
ein Donnerstag war, wobei ich mir da nicht sicher bin und
meine Erinnerung mich trügen kann. Nun, irgendwie ent-
stand ein Streit, wohl dadurch hervorgerufen, dass Hausauf-
gaben des Drachens verschwunden war. Der Drache regte
sich auf, vollgefüllt mit frisch errungenem Selbstvertrauen –
und legte sich, was unklug war, mit einer Schülerin an, die
damals sehr beliebt war in der Klasse. Hinter dieser Beliebt-
heit verbarg sich allerdings nichts als Respekt, da sie schlei-
mig-höflich zu den Lehrern war und ihren Mitschülern ge-
genüber eine ungeschlagen große Klappe hatte. Damals sehr
entscheidende Faktoren. (Heute geht eben dieses Mädchen
einer ziemlich tristen Lehre nach, und prahlt – denn mit mehr
lässt sich nicht mehr prahlen – nur noch mit obszönen, wohl
größtenteils erfundenen Episoden ihres Sexlebens.) Das also
war ein Fehler, sich mit der anzulegen, und schnell war ent-
schieden, hinter wen sich die Klasse stellen würde. Vielleicht
hatte sich der Drache überschätzt, hatte gehofft, mit der Zeit
genug Sympathien gesammelt zu haben, diesen Kampf über-
stehen zu können. Wie auch immer: Der Drache hatte nun
die geballte Klasse gegen sich und musste sich unter Be-
schimpfungen und Handgreiflichkeiten völlig geschlagen
geben. Und nun geschah, was vorher nie geschehen war: Sie
(der Drache, die Drachin!) begann zu weinen. Bislang war

74
sie wütend oder zornig geworden, hatte sich ängstlich oder
devot verhalten, jetzt aber brach alles aus ihr hervor – und
sie weinte, nein, sie heulte und schluchzte. Immer wieder
kamen die zzz-Laute aus ihrer zitternden Zahnspange her-
vor, im Gleichtakt zu schweren Tränen aus den schrägen
Augen. Es war erstaunlich, denn alles wurde ruhiger – aller-
dings eine belastende Ruhe war es, die eintrat. Trotzdem je-
der schwieg, entstand das Gefühl, jetzt müsse man noch ei-
nen draufsetzen; noch eine Beleidigung, einen weiteren Fuß-
tritt, ein letztes Mal spucken – eben ein abschließender To-
desstoß sollte dem Drachen widerfahren. Und so gebar die
Klasse noch einmal auf. Einzelne, allerdings vorsichtige Rufe
schwellten heran, bis ein Ruf, ein ersehnter Ruf alles sagte
und abschloss und das vergangene Halbjahr besiegeln sollte:
»Drache! Wegen Dir hat sich Dein Vater erhängt!« Danach
beruhigten sich die Gemüter, es wurde langsam stiller in der
Klasse, alles war gesagt. »Drache! Wegen dir hat sich dein
Vater erhängt«, so hallte es noch durch die Luft und die
Kinderköpfe. Zehnjährige, strohhaarige, großäugige Kinder-
köpfe – damals.

75
Andreas Schuck
Revolution, heute

Klirrend klopft der Tag gegen mein Fenster. Ruhig liegen


bleiben. Draußen ist es kalt und nichts hat sich erledigt. Tol-
le Aussichten, denke ich beim Blick durchs Fenster. Ein ziem-
lich normaler Durchschnittstag. Letztlich ist er nur die Büh-
ne und nicht das Drama. Man kann ihm also nicht einmal
Vorwürfe machen. Das nervt.
So kann ja kein Mensch weiterschlafen, rüttelt es mich aus
dem Bett. Schlafen gilt ohnehin als sozial unangepasst. Heu-
te ein Kündigungsgrund. Also stehe ich auf, wage mich vor
die Tür und suche vorsichtig Blickkontakt. Gespanntes
Plastikgrinsen. Rauschloses Geräusch. Ich sehe beschäftigt
aus, murmele etwas vor mich hin und bin schlecht gelaunt.
Warum ist diese Stadt heute auch schon wieder so aufrei-
zend teilnahmslos?
Spätestens in der Karlstraße guckt dann gleich wieder die-
ser stumpfsinnige Ex-Stasi aus dem Erdgeschossfenster. Der
wird heute noch über irgendwelche Geheimdienste finan-
ziert, Brief und Siegel drauf. Hockt den ganzen Tag im Fen-
sterrahmen, die Ellenbogen auf ein Anti-Schrammen-Kis-
sen gestützt, und schickt seine dumpfen Augen auf Blick-
fang in die Häuserschlucht. Den ganzen Tag lang. Wochen-
tags schon ab 6 Uhr früh. Dabei guckt er routiniert unschul-
dig aus der Wäsche. Ganz so, als ob es nichts anderes zu tun
gäbe. Der zum Beispiel, der könnte doch auch mal irgend-
etwas starten. Es ist ziemlich enttäuschend und in seiner
Alltäglichkeit unerträglich, dass hier einfach nichts passieren
will, denke ich mir.
Heute bin ich trotzig und nicht bereit die Schuld bei mir
zu suchen. Eigentlich bin ich jeden Tag trotzig. Zugegeben.
Wurstbar in einem Lidl-Markt. Hier spielt das Leben, ich
will teilnehmen. Der Eintritt kostet Gesellschaft. Sie steht

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vor ihrem lebenslangen Versprechen und denkt: »Zieh deine
Hose hoch.« – Er sieht hoch und brummt. Seltsam, denke
ich, dabei hat sie ihn gar nicht angeschaut. Wahrscheinlich
hat man so etwas irgendwann einfach drauf. Er wirkt irgend-
wie gleichgültig, rüttelt seine Trainingshose zurecht. Tausend-
mal gemacht und dabei zunehmend souverän. Niemand sonst
beobachtet ihn, ich fühle mich wie ein Spanner. Vielleicht
sollte ich hingehen und es ihm sagen, aber das würde er an
meiner Stelle auch nicht tun. Er ist in sich versunken,
schnaubt. Da haben wir den Salat. Immerhin mit ohne Farb-
stoff, heute mal.
Ich flüchte durch die Kasse. Vorbei an den bedrohlichen
»Besser-Billig«-Schildern und ab ins städtische Koordinaten-
system. Geschickt gehe ich allerlei Menschlichem aus dem
Weg. Frivolen Bratwurstträgern zum Beispiel, denen der Senf
unlustig am Schnurrbart kleben bleibt und denen der Rost-
grilldampf durch die Nasenlöcher quillt. Oder ich lasse mir
gewohnt nachsichtig eine Reihe desorientierter Kleinstkin-
der gegen die Knie laufen und lächle dabei artig in die Ge-
sichter mütterlichen Stolzes. Das macht zwar auf die Dauer
blaue Flecken, aber wir waren ja schließlich alle mal so und
überhaupt. Aber was rede ich, vielleicht drückt mir nur der
Kopf, weil heute wieder alles irgendwie zu anstrengend ist.
Hoffentlich fehlt mir nichts.
Also ab zur Uni. Campusleben. Ich bin Student, zugege-
ben. Man ist sich heute ja nicht mehr ganz so sicher, ob das
noch als eigenständige Lebensform durchgeht. Letztlich ist
diese Streitfrage der Ausgangspunkt für immer neue Lager-
kämpfe. Längst nicht mehr im klassischen Sinn, mittlerweile
auch ohne Rudi Dutschke, und organisiert schon mal gar
nicht. Warum hab ich eigentlich nicht solche Heinz-
Rühmann-Prof ’s, frag ich mich. Ach ja, Reformhochschule,
fällt es mir wieder ein. Da dürfen die nicht ´rein.
Der Campus ist ein Massengrab. Was hier schon geboren,
vergessen und begraben wurde – schauerlich. Ich wollte mal
Fischer in Indonesien werden. Oder Kinderbuchautor in

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Reykjavik. Heute höre ich mich Wörter wie »Change Mana-
gement« sagen und habe Verdauungsstörungen. Jungstars in
der Fußball-Bundesliga sind auf einmal durchweg jünger als
ich – und wer mit 20 noch nicht Olympia-Sieger ist, der hat
ein Problem. Neulich fragte mich ein kleines Mädchen: »Kön-
nen SIE mir sagen, wie spät es ist?« – da wusste ich, dass es
irgendwie vorbei ist. Seitdem gebe ich in Campus-Diskus-
sionen als Berufswunsch »Rentner« an und alle lachen. War-
um eigentlich?
Cum tempore wird heute wieder mal großzügig ausgelegt.
Rühmanns Erben nehmen das nicht mehr so genau und
empfangen mich mit bedeutungsschwerer Miene zu geweih-
ten Paukenschlägen und einigem Hintergrundrauschen. Ich
murmele mit kindischer Ausdauer Theo-Lingen-Sprüche vor
mich hin und fühle mich ultra-konservativ. Vorne auf der
Bühne wird derweilen eine vielschichtige Melodie intoniert,
immer ähnlich, häufig dissonant, auf jeden Fall nie harmo-
nisch. Revolution klingt irgendwie anders, denke ich mir. Bis
dahin Denksport in unverbindlicher Wartezimmer-
atmosphäre.
Ein Blick in die Runde. Rolleninstruktionen schwirren um-
her, bieten sich aufdringlich an wie Dirnen und soufflieren
scheinbar wahllos durch die Köpfe.
»Das kommt drauf an, wie man seine Paritäten setzt!«, höre
ich jemanden brutal banal in die Stille schreien. Selbst meine
Souffleuse hält erschrocken inne. Der Gebrauch von Fremd-
wörtern immunisiert seit jeher gegen Kritik. Eine Taktik, die
mit Fug und Recht klassisch zu nennen ist. Auch hier. Stum-
me Zustimmung. Mienen – angestrengte und resignierte.
Letztlich aber immer Schweigen. Ob Cicero darüber etwas
geschrieben hat? Ich weiß es selbst nicht, komme mir aber in
diesem Moment unglaublich bildungsprotzend vor. Nach
einer Weile bekomme ich davon Kopfschmerzen. Das pas-
siert manchmal, geht auch mit Aspirin nicht weg, ist aber
kein Hirntumor. Hypochondrie ist ja heute schwer angesagt,
aber auf die Dauer ziemlich anstrengend. Manchmal ist es

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allerdings nachgerade schade, dass man nicht auf dem Kopf
gehen kann, fange ich an zu spinnen und ergebe mich ganz
meinem »aufgeklärt systemimmanenten Dadaismus«. Das war
jetzt natürlich Blödsinn: Aber warum unter Wert verkaufen?
Das erste Geschenk, welches ich meinem Junior unter den
Tannenbaum legen werde, ist ein Fremdwörterduden. Er wird
es mir später einmal danken. Eine Art moderne
Kalaschnikow, lebenswichtiges Utensil in Krisenzeiten und
daher zunehmend wichtig. Mit Fremdwörterduden kriegt man
heute einfach alles. Einen Job, Charakter, Sex und tief ge-
furchte Stirnfalten. Der Eigenbetrag fällt dagegen relativ ge-
ring aus. Ich kritisiere das nicht. Man muss es nur wissen.
Früher brauchte man reiche Eltern oder Opferbereitschaft.
Ein Fremdwörterduden für 10 Euro ist also vergleichsweise
nah dran am Ideal der Chancengleichheit.
Man lernt aber auch was, dass, was einer ist, mehr ist als
das, was einer vorstellt – Schopenhauer-Vorlesung. Ich gucke
verwegen finster und lese heimlich Reclam-Hefte. Cicero war
ausverkauft. Immerhin.
Seminar beendet. Von draußen riecht die Luft herein. Viel
zu oft lässt man die Tage einfach geschehen, denke ich und
werde wieder pathetisch. Auch jetzt, wie immer. Neulich frag-
te mich zum Beispiel jemand, was denn meine Hobbys wä-
ren. Fangfrage. Ich musste nach reiflicher Überlegung blank-
ziehen. Sicherlich, da gab es mal was, aber das gibt’s hier
irgendwie nicht und wenn doch, hab ich es vergessen. Zum
Glück fallen mir auf die Schnelle genügend Gründe gegen
die ein oder andere Hobby-Option ein: Ist ja meistens auch
alles ganz schön gefährlich, auch von wegen
Arbeitsunfähigkeitsversicherung und so. Jetzt Tee mit Ku-
chen wäre toll. Nein wieso, stricken hab ich nie gelernt.
Vor mir wilde Gesten, lautes Gerumms. Lärmlandschaften.
Isoliert von einstudierten Verhaltensweisen bilden sich ganz
eigene Klangwelten auf so einem Campus. Sinneswelten.
Mensa, Futter für die Sinne. Reibekäse ist schon aus. Heute
gibt es Teufelsfleisch. In Zürich nennt man es noch immer

79
»Geschnetzeltes«, ohne dass es dem Umsatz irgendwie ge-
schadet hätte. Aber in Erfurt klingt Teufelsfleisch ganz ein-
fach poppiger. Alles andere dagegen wie fader Beigeschmack.
Das steckt irgendwie noch drin bei denen, rede ich mir ein,
und süffele Soljanka.
Krächzende Kassiererinnen imitieren Tonbänder und ent-
wickeln Pseudo-Dialoge. Ich habe mir angewöhnt diese see-
lenlosen Szenen durch unvorhergesehene Zwischenfälle zu
sabotieren. Falsche Antworten zu geben oder Fragen zu stel-
len. Dann setzt das Tonband kurz aus. Irritation. Und man
kriegt das Gefühl, man wäre Hebamme bei der Geburt einer
authentischen Gesprächssituation. Ein erhebendes Gefühl.
Klappt aber nicht immer.
Am Tisch vollkommene Unverbindlichkeit. Die Rolle sitzt
dutzendfach. Ein Clown auf der Schulter, die andere hängt
tief. Man hat davon gehört. Was machst du so? Wusstest du
schon? Hey, man sieht dich gar nicht mehr! Derart ertappt
schmeckt es heute einfach nicht.
Unterwegs in der Straßenbahn, in trauter Unbekanntheit,
einige Gesichter. Sichtlich darauf konzentriert möglichst
ungesehen davonzukommen. Blicke rauschen in rasendem
Tempo aneinander vorbei. Es kommt kaum zu Kollisionen.
Man erkennt Blickverkehrsopfer daran, dass sie ihre Sitz-
haltung verändern. Nur die Füße stehen noch im Dialog
miteinander. Inhalte sind nicht überliefert. Endlich nächste
Haltestelle. Hübsch eingereiht und vorwärts geschoben. Mit
einem stummen ›Plopp‹ fallen einige Schlangen aus der ein-
gerahmten Enge, gehen aufeinander los, fressen sich durch
und verteilen sich rasch wieder in alle Richtungen.
Ich habe Lust auf ein möglichst unaufgeregtes Gespräch
und lasse mich an die nächste Kasse schieben. »12 Euros 50
Cents«. Scheiß-Dinger, mir fehlt die Frau auf den alten 50-
Pfennig-Stücken. Die hatte was.

80
Katharina Weinrich
short story

Der Wecker klingelt. Radio anmachen, nach den Zigaretten


tasten. Wo ist das verdammte Feuerzeug? Aah. Gefunden.
Es blitzt einmal, zweimal ... Die Flamme. Den ersten Zug
tief einatmen. Den Rest der Zigarette einfach genießen. Auf-
stehen. Scheiße, nur noch zwanzig Minuten. Duschen. Zäh-
ne putzen. Der erschreckte Blick in den Spiegel. Anziehen
und währenddessen überlegen was alles noch zu tun ist. Den
Schlüssel nicht vergessen. Lieber doch noch schnell die Mütze
aufsetzen. Zur Arbeit gehen. Freundlich begrüßt werden.
Dinge tun, die man niemals tun wollte. Währenddessen war-
ten auf den Feierabend. Warten. Raucherpause. Warten.
Raucherpause. Warten. Warten. Feierabend. Allen einen schö-
nen Abend wünschen und dabei feststellen, dass der Kolle-
ge schon wieder Überstunden macht. Kurz ein schlechtes
Gewissen haben, weil man immer pünktlich Schluss macht.
Dann doch erleichtert nach Hause gehen. Hinsetzen. Mer-
ken, dass der Hunger kommt. Zum Kühlschrank gehen. Fest-
stellen, dass dieser so gut wie leer ist. An der Frage ›Was nun
essen?‹ verzweifeln. Irgendwo ein Stück Brot und Käse fin-
den. Im Stehen essen und den großen Abwasch vor sich se-
hen. Hinsetzen. Nach den Zigaretten tasten. Wo ist das ver-
dammte Feuerzeug? Hosentasche? Gefunden. Es blitzt ein-
mal, zweimal, dreimal.... zehnmal. FUCK. In Panik ausbre-
chen, Feuer suchen. Nichts. Letzter Ausweg: Zigarette am
Toaster anzünden.
Es klingelt. Ja, komme schon. Nette Menschen kommen
zu Besuch. Flasche Wein. Musik. Rauchen. Reden.
Was machst du am Wochenende? ... Habe den und den
getroffen ... Und irgendwann werde ich den ganzen Scheiß
hinter mir lassen und werde ...
Leicht angetrunken sein. Feststellen, dass Wein und Ziga-

81
retten alle sind. Irgendwelche Vorschläge? Tankstelle! Auto-
schlüssel suchen. Zur Tankstelle fahren. Im Auto Aufträge
entgegennehmen. Aussteigen. Einem genervten Tankwart
begegnen. Ins Auto zurück. Feststellen, dass sechs Bier zu-
wenig sind. Den Tankwart noch ein bisschen mehr nerven.
Losfahren. Auf die Straße zurück. Ein helles Licht. Angst.
Schwarz. Stille.

82
Zwei Jahre Eobanus Hessus
und der Nachwuchs: ein Nachwort

»Finden ließ das Geschick mich einst einen Meister der Schule,
Welcher mir sagte, der Vers habe ein festes Gesetz.
Ihm lag bittend ich an, ihm folgt‘ ich solange als Zögling,
Bis ich der Verse Gesetz, Messung und Regel erlernt.
Mühlos strömte die Muse mir ein, nicht lange bedurft‘ es,
Und schon leidlicher Ruhm wurde dem Knaben zu Teil.«
(Helius Eobanus Hessus)

Wettbewerbe haben die wichtige Funktion, zum Schreiben


zu motivieren. In der Regel sind sie die erste Instanz jenseits
des Schreibkurses, Versuche, einer kritischen Öffentlichkeit
Texte vorzulegen und sich mit denen zu messen, die in ihrer
Entwicklung einige Schritte weiter sind. Wettbewerbe fun-
gieren, ähnlich wie beim Sport, als Sichtungsturniere. Sie lie-
fern Momentaufnahmen künstlerischer Entwicklungen und
führen zu Texten, die später Teile eines im Buchladen aus-
liegenden Werkes sein können. Immer dienen sie den ange-
henden Autorinnen1 auch der Selbstvergewisserung darüber,
ob sie genügend sprachlicher Sensibilität in der Beherrschung
der Kunst zu verfügen, die sich literarisches Schreiben nennt.

Die Meisterschaft der Sprachkunst ist Voraussetzung dafür, jene


Kraft zu erreichen, die dem Leser die Augen öffnet, ihm neue
Sichtweisen vermittelt, sein Bewusstsein verändert. Neben der
Sprachmacht verlangt dies Lebenserfahrung oder die Gewissheit,
mehr als die anderen gesehen zu haben und bewusster durchs
Leben gegangen zu sein. In einer Epoche computerbedingter
sprachlicher Verarmung kommt der Sprachkünstlerin die kul-
turschaffende Rolle zu: nur sie kann zeigen, dass die kritische
Reflexion unserer Existenz in Sprache differenzierter sein kann
als die Spiegelung in Hollywood-Meterware oder Fernsehserien.
1
Einer geschlechterneutralen Schreibweise zuliebe haben wir abwech-
selnd die weibliche und die männliche Form gewählt.

83
In der akademischen Landschaft gibt es selbsternannte Kul-
turexperten, die Dekonstruktion predigen und die völlige
Demontage von Sprache und Denken propagieren, wobei
sie selbst in ihrer wissenschaftlichen Praxis Sprache auf ein
albernes Spiel reduzieren, das dem des Glücksspielautoma-
ten ähnelt. Doch über kurz oder lang wird jede Generation
zu der Erfahrung kommen, dass menschliche Existenz zu
tragischen Intensitäten führt und nicht nur aus technisch
geleiteten Spielereien besteht, wie es im akademischen Ge-
schwätz vorgelebt wird. Natürlich kann man den anderen
predigen, sie seien nur Seifenblasen oder beliebige Bild-
schirmreflexe, und davon einen paranoiden Machtanspruch
für sich selbst herleiten, doch die im Eobanus-Hessus-Wett-
bewerb vorgelegten Werke zeigen in der Mehrzahl, dass in
der jungen Generation ein Sinnstreben angelegt ist, das sich
mit sprachlicher Vehemenz artikuliert und die von den Me-
dien konstruierte Oberfläche selbst im banalsten Alltag auf-
bricht.

Das gibt Hoffnung. Eobanus Hessus lebte in einer Zeit, in


der es in zweifacher Weise auf das Überleben ankam: phy-
sisch wie geistig. Abgesehen von einem platten Jugendkult
und anderen Formen des life-style-Materialismus leiden wir
im Wohlfahrts- und Medienstaat des beginnenden 21. Jahr-
hunderts mehr denn je an einem Überdruss an Körper und
Seele. Es ist faszinierend zu beobachten, wie die junge Ge-
neration um die Authentizität ihrer Erfahrungen ringt und
auch daran zu leiden bereit ist. Doch auch die gelegentlich
mit satirischem Schwung demonstrierte Leichtigkeit des Seins
ist in der Regel eine doppelbödige. Mit anderen Worten: was
die Jury für den Wettbewerb an Werken gesichtet hat, ver-
spricht eine moralische Substanz, die das eigentliche Rück-
grat von Dichtung ausmacht, nicht nur die erlernbare tech-
nische Glätte und die mit vielen seelischen Spannungen ein-
hergehende Erfahrung an der Schwelle zum Erwachsensein.

84
Geht man die Texte dieses Bandes durch, sieht man, dass
Anfängerinnen sich mit Autorinnen gemessen haben, die
bereits ein beachtliches Maß an Professionalität besitzen. Mit
etwas Mut, Motivation und Durchhaltevermögen, sollte den
hier abgedruckten Teilnehmern dieses Wettbewerbes der
Erfolg in einem der verschiedenen Schreibberufen sicher sein.
Was dagegen steht, sind berufliche Zwänge, die nicht mehr
hinreichend Zeit für die Kunst lassen und größere Projekte
verhindern. So kann die vorliegende Anthologie auch nicht
mehr als eine Anerkennung und Ermutigung sein, weiter an
sich zu arbeiten. Ein Schritt auf dem Weg zum nächsten
Wettbewerb, der vielleicht durch ein Schreibstipendium oder
einen Schreibkurs verkürzt wird.

Im Gegensatz zur Zeit des Eobanus Hessus, als man von


den jungen Damen nur präzise Nadelarbeit erwartete, sind
die Autorinnen in diesem Wettbewerb, vor allem unter den
Preisträgern deutlich überrepräsentiert. Sie sind offensicht-
lich diejenigen, die unsere Sprachkultur hochhalten. Das ist
im übrigen ein Phänomen, das sich in weiten Bereichen der
Geisteswissenschaften registrieren lässt und Emanzipation
in dem kulturell besonders wichtigen Feld des sprachlichen
Handelns bedeutet.

Lesungen etablierter Autoren sind derzeit in Mode, obwohl


es sich dabei augenscheinlich nur um von öffentlicher Hand
gesponsorte Werbekampagnen der Verlage handelt, die so-
mit als Kulturpolitik deklariert werden. Kommunale Subven-
tionen kann man aber sinnvoller, wie hier von der Stadt Er-
furt mit großen Erfolg praktiziert, zur Förderung des litera-
rischen Nachwuchses einsetzen. Schreibwettbewerbe sind
wichtiger Teil der Infrastruktur der Kulturförderung und
sollten von Kommunen, Verbänden, Hochschulen und Schu-
len weit öfter genutzt werden. Wenn unsere ›Amateurinnen‹
den Lesungen der Arrivierten zuhören, werden sie des öfte-
ren das Gefühl haben, besser oder zumindest ebenso gut

85
schreiben zu können, und das dürfte nur selten eine Fehlein-
schätzung des eigenen Potentials sein. Die Lesungen zur
Preisverleihung des Eobanus-Hessus-Wettbewerbs sind bei
den Zuschauern nicht nur deshalb beliebt, weil die Texte
ansprechend sind, sondern auch, weil die Autorinnen aus
der eigenen Mitte stammen und den Zuhörenden nicht als
unerreichbar, sondern als einholbar erscheinen.

Für die Mittel von Stadt, Sparkasse und anderen Sponsoren


müssen wir dankbar sein, doch bleibt die sogenannte Infra-
struktur noch zu stärken, denn wo findet das eigentliche Trai-
ning statt? Wer steht im Hintergrund? In vereinsähnlichen
Zirkeln wie dem der Engelsburg, an der Volkshochschule, in
den Schreibkursen von Fachhochschule und Universität,
sofern hier Dozentinnen Zeit für das Kreative finden, an
den Gymnasien, wenn es literarischen engagierten Lehrern
gelingt, Schülerinnen zu inspirieren, oder in privaten Schreib-
schulen? Wir brauchen sie alle, denn eine aufwendige staatli-
che Förderung und Lenkung wie in der damaligen DDR gibt
es nicht mehr. Was kann man von der amerikanischen
Universitätsinstitution des creative writing – der Schriftsteller-
ausbildung – erwarten? Einiges spricht für die Spezialisie-
rung des Schreibunterrichts hin zu Studienanteilen an Fach-
hochschule und Universität. Bisher ist die Förderung litera-
rischen Schreibens dort allenfalls Nebensache, was nicht etwa
heißt, dass andere Arten des Schreibens dort systematisch
gelehrt würden.

Seit der romantische Genialitätsmythos sich gegen die Regel-


poetik des Barock durchgesetzt hat, hat sich das Schreiben
von einengenden Formvorschriften befreit. Die Literatur
wurde entgrenzt und kann, wie jede Kunst, ihre Formen,
Formate, Stoffe und ästhetischen Gesetze immer wieder aufs
Neue schaffen. Der Preis, der damals für diese Freiheit zu
entrichten war, bestand in einem Verzicht auf jegliche Un-
terweisung im Schreiben, soweit sie über Grammatik und

86
Rechtschreibung hinausgeht. Für das Genie, so wollte es der
Zeitgeist damals wissen, ist jedes Training Zeitverlust. Der
Anspruch der Schreiblehren, oder Poetiken, wie sie seit Ari-
stoteles genannt werden, literarische Textkomposition ver-
stehbar und lernbar zu machen, wurde damals aufgegeben.
Während alle anderen Künste ihre eigenen Ausbildungsstät-
ten erhielten, blieb das Schreiben ein heimatloses Gewerbe,
ein Fach für Autodidakten.

Fatalerweise ist nicht nur das literarische Schreiben als aka-


demisches Unterrichtsfach untergegangen, sondern in einem
parallelen Vorgang auch die Rhetorik, die, ebenfalls wesent-
lich von Aristoteles geprägt, seit der Antike die Herstellung
und Präsentation von Sachtexten lehrt. Das Schreiben als
Fach verschwand aus den Hochschulen und wurde zur Do-
mäne der Schulen. Jetzt stehen die europäischen Hochschu-
len (denn die deutsche Entwicklung geschah nicht isoliert)
vor der Aufgabe, die Rhetorik neu zu erfinden oder sie aus
den USA, wo das antike Erbe Europas besser gepflegt wur-
de, zu reimportieren. Und wenn man sie nicht kopieren will,
so sollte man aus den Erfahrungen der amerikanischen Uni-
versitäten zumindest die Zuversicht herleiten, dass der Er-
folg nicht ausbleibt, wenn man die Vermittlung von Sprach-
kreativität zu institutionalisieren beginnt. Denn dort ist das
creative writing eines der beliebtesten Unterrichtsfächer und
Studiengänge.

Heute gilt mehr denn je, dass das Schreiben eine zentrale
kulturtragende Technik ist, die Königsdisziplin unter allen
kreativen Fächern. Der verschriftlichte Text vermag dem
menschlichen Denken mehr Tiefe zu verleihen als der münd-
lich vorgetragene oder nur in Gedanken entwickelte Text.
Schreiben ist eine Art Zwiesprache mit einem langsam ent-
stehenden Text. Es erlaubt, Gedanken beliebig zu verfeinern,
zu strukturieren und ästhetisch zu formen. Worte spiegeln
Gedanken nicht einfach wider, sondern Gedanken werden

87
durch Worte konstruiert. Nur was die Sprache zulässt, kann
gedacht werden. Sprache ist Prüfstein des Denkens aber auch
dessen Begrenzung. Schreiben zu lehren heißt dementspre-
chend auch Denken, Sehen und Verstehen lehren. Es ist die
Kunde, die Welt durch Sprache neu zu schöpfen.

Die Schrift ermöglicht, Gedanken im Wortlaut festzuhalten,


zu verbreiten und über die Zeit zu erhalten. Die Schrift über-
windet Zeit und Raum, fügt Gruppen von Menschen, die
sich nie von Angesicht zu Angesicht sehen zu Diskurs- und
Glaubensgemeinschaften zusammen. Sie kann sich vom all-
täglichen Sprachgebrauch lösen und neue Maßstäbe für die
Sprachgestaltung setzen. Sie vermag es nicht selten, den
Anschein des Höheren zu erwecken und zum Mythos, Glau-
bensartikel, Lehrbuch oder gar zur Bibel zu werden. Die
Schrift kann auch einschüchtern und Barrieren zwischen den
Sprachmächtigen und den Laien aufbauen. Die sprachliche
Inszenierung von Expertenschaft ist ein ebenso beliebtes
Beeindruckungsverfahren wie etwa die kosmische Rhetorik
spiritueller Wahrheit. Die Sprache wird dabei als Instrument
der Macht benutzt, einer Macht, die nur mit verbalen Mit-
teln ausgeübt wird und deren Wirkung allein auf dem Glau-
ben an den Text beruht.

Seit der Pisa-Studie wissen wir, dass die Sprachförderung


bei uns verbesserungsbedürftig ist. Die aktuellen Bildungs-
investitionen aber gehen an der Sprachförderung vorbei. Die
meisten Mittel in der letzten Dekade gingen in den Aufbau
von Medieneinrichtungen und entsprechenden Studiengän-
gen. Die neuen Medien wurden – nicht zu unrecht – beson-
ders gefördert. Aber sie sind kein sinnbildendes Medium wie
die Sprache. Sie ergänzen nur die sprachlich vermittelten
Inhalte, reichern sie an, dimensionieren sie neu, bebildern
sie und beschleunigen ihren Umlauf. Zum sinnvollen Medi-
um werden sie erste, wenn jemand ein Drehbuch, ein Kon-
zept, eine Dramaturgie für sie schreibt, und wenn ein ande-

88
rer sie mit sprachlichen Inhalten bestückt. Der ist aber heute
nicht mehr ein Autor, sondern wird jetzt Content-Provider
genannt, Text-Besorger. Er ist ein Medienkundiger, der weiß,
wie man Sites und Pages gestaltet, wie man Grafiken und
Animationen in die Raster des HTML-Editors einbaut. Aber
wer schreibt ihm die Texte, die er ins Netz stellt?

Wer Schreiben lehrt und wer zum Schreiben motivieren will,


der wird schnell mit der Ungeduld derer konfrontiert, die
den schnellen Erfolg erwarten. Sie gehen mit der schönen
Phantasien ans Werk, einen wunderbaren Text zu schreiben,
in dem interessanten Figuren in aufregende Handlungen ver-
wickelt werden und dabei die spannenden Themen unserer
Zeit zur Sprache bringen. Die Erfahrung mit den falschen
Anfängen ist wichtig, um verstehen zu lernen, worum es beim
Schreiben geht und wie man Zugang zu ihm bekommt. Denn
die guten Absichten allein führen direkt in die Sackgasse, die
sich im einfachsten Fall als Schreibblockade darstellt, im
schlimmsten Fall die Form eines Textes annimmt. Es ist wich-
tig, sich zu vergewissern, dass es nicht schwer ist, Schreiben-
de über diese Hürde des Bedeutendes-Schreiben-Wollen zu
helfen.

Wer zu schreiben beginnt, erlebt als erstes die Ohnmacht


gegenüber dem intendierten Sinn. Bei allen Anfängen geht
es immer wieder darum, wie groß die Kluft zwischen dem
ist, was man sagen will und dem, was dann nach redlichem
Bemühen auf dem Papier zu steht kommt. Zur Frustration
über den verfälschten Sinn, den die Wörter auf dem Papier
erhalten, kommt die Verzweiflung über den falschen Klang.
Schreiben soll zu stilvollen Texten führen. Das schließlich,
so predigen die Literaturpäpste, unterscheidet die wirkliche
Literatur von der Möchtegernliteratur. Aber wer sich an den
Schreibtisch setzt, um stilvoll zu schreiben, der hat schon
verloren. Das Bemühen um Stil ist der sicherste Weg zum
verquälten Text, zum wirklich dilettantisch klingenden Text.

89
Die Glücklicheren unter den Anfängerinnen imitieren. Und
wenn sie sich dabei gelehrig zeigen, mutig sind und auch den
richtigen Stoff finden, dann sind sie auch erfolgreich damit.
Niemand kann einen fremden Stil so exakt kopieren, dass
nicht etwas Eigenes daraus würde. Das Imitieren erlaubt, auf
Anhieb eine fremde Erzählstimme in ihrer ganzen Komple-
xität zu übernehmen und das Schreiben von der Suche nach
einer eigenen Stimme zu entlasten. Der schwierigere Beginn
ist mit dem Weg zur Selbstehrlichkeit verbunden, zum Schrei-
ben von Texten, die der eigenen Person gerecht werden, die
authentisch sind. Auch hier geht der Weg nicht über die
Konstruktion von Stil, sondern über den Zugang zum Stoff
und über die Erzählweise, die dem Stoff gerecht wird.

Aber auch die Authentizität ist noch kein Garant dafür, dem
Klischee zu entkommen, wie Innerlichkeitsprosa und
Betroffenheitslyrik zeigen. Sie mögen ehrlich gemeint sein,
sind literarisch aber uninteressant. Erst wenn die Erlebens-
darstellung mit einer Erzählstimme verbunden ist, die das
Innere auf eine neue Weise zur Sprache bringt und einen
eigenen Blick auf das, was betroffen macht zulässt, beginnt
sie zu faszinieren. Hier wird die Sprache zum Prüfstein für
die Gedanken, zu einer Vermittlerin für den Zugang zum
Stoff und zu einer Richterin über die Einfälle.

Eine Erzählstimme bewusst zu konstruieren, setzt Technik


voraus. Das Erzählen selbst gehört zur Grundausstattung
menschlicher Kommunikation. Wir beginnen es zu lernen,
lange bevor wir in die Schule zu gehen und lernen ein Leben
lang, wie es effektiv einzusetzen ist. Das Erzählen ist so alt,
wie die menschliche Kultur ist, und es ist nicht einfach Pro-
dukt dieser Kultur, sondern es hat sie geschaffen. Alle Kul-
turen brauchen Erzählungen, um sich selbst erkennen zu
können. Die Identität jeder Kultur, ihr Verständnis für ihre
eigene Geschichte und ihre Besonderheiten steckt in den
Erzählungen, die in ihr tradiert werden. Wer Mitglied einer

90
Kultur sein will, muss diese Geschichten kennen, weiter er-
zählen und selbst inszenieren lernen.

Etwas anderes ist es – und das ist die Aufgabe der Autoren –
über das spontane Erzählen hinaus zu kommen, und die tech-
nischen Grundlagen des Erzählens zu beherrschen. Auto-
ren müssen also hinter das schauen können, was wir auto-
matisiert im Alltag tun. Sie müssen lernen, die Konstruktions-
prinzipien von Erzählungen zu verstehen: Wie gestaltet man
eine Erzählfigur? Wie lässt man sie handeln, denken, fühlen?
Wie gibt man einer Erzählfigur eine Stimme? Wie beschreibt
man das Setting, in dem eine Erzählfigur auftritt? Wie ge-
staltet man Dialoge? Diese technischen Elemente sind sozu-
sagen das keine Einmaleins des Erzählens, seine Grund-
bestandteile. Hier haben Autorinnen oft erstaunliche Defi-
zite, wie man in Schreibkursen sehen kann. Es ist es bei-
spielsweise immer ein mühsamer, aber absolut notwendiger
Schritt, die angehenden Autorinnen Klarheit darüber gewin-
nen zu lassen, welche literarischen Mittel es gibt, die Psyche
der Erzählfiguren transparent zu machen, also ihre Gedan-
ken und Gefühle darzustellen. Wie unterscheidet sich erleb-
te Rede von direkte und indirekter Rede? Was ist ein
Gedankenzitat und wie unterscheidet es sich vom inneren
Monolog? Was funktioniert die stream-of-consciousness-
Darstellung? Was macht ein auktorialer Erzähler anders als
ein personaler? Wer lediglich einen imitativen Zugang zum
Schreiben hat, der muss sich um diese Details nicht küm-
mern. Wer eigenes schaffen will, der sollte hier bewusst wäh-
len und gestalten können.

Als komplexeres Element der Erzähltechnik kommt die Wahl


einer konsistenten Erzählposition dazu, die festlegt, wer er-
zählt und von welcher Warte aus der Erzählers auf das er-
zählte Geschehen blickt. Die Erzählperspektive ist ein zen-
trales Element der Blickführung für den Leser, der Kamera-
führung im Film nicht unähnlich. Plötzliche Schwenks und

91
unmotivierte Wechsel der Perspektive wirken verwirrend. Die
Standardlösungen der modernen Literatur zu kennen, ist
Voraussetzung dafür, kreativ mit Erzählpositionen umgehen
zu lernen.

Ein weiteres technisches Element jedes Prosatextes ist die


Zeitschichtung. Jede Erzählung folgt zwar einem einfachen
Zeitverlauf, aber der Erzähler ist nicht an die Chronologie der
Ereignisse gebunden. Er kann also zu jedem beliebigen Zeit-
punkt des Plots in die Erzählung einsteigen und mit Rück-
blenden oder mit Handlungen in parallelen Zeitschichten ar-
beiten. Wie dies gestaltet wird, ist eine Frage der Dramaturgie,
also des Aufbaus der Erzählung. Was für Autoren dabei be-
sonders schwierig ist, ist die sprachliche Realisierung der Zeit-
schichtung. Die deutsche Grammatik kennt ein System sprach-
lich konstruierter Zeiten, das durchaus auf die Bedürfnisse
des Erzählens eingerichtet ist. Aber es erlaubt auch viele Frei-
heiten in der Verwendung der Tempora und legt Autoren kei-
neswegs fest, wie sie sie zu verwenden haben. Die Kenntnis
grammatischer Regeln ist dabei notwendig, aber sie reicht im
Deutschen nicht aus, um konsistent und vor allem kreativ mit
den Zeiten umzugehen. Hier ist Lernen am Text unerlässlich.

Die komplexeste Disziplin des creative writing, die Autorin-


nen beherrschen sollten, ist Komposition. Erzählungen auf-
zubauen ist die Kunst, die Wirkung eines Plots zu optimieren.
Wie John Gardner in seinem Klassiker The Art of Fiction sagte,
ist es die wichtigste Aufgabe jedes Autors, einen kontinuierli-
chen und lebendigen fiktionalen Traum herzustellen. Wie je-
des Erzählen muss auch das literarische die Phantasie des Le-
sers ansprechen und ihn allein mit einer Kette aneinanderge-
reihter Wörter zu einem fiktionalem Traum anregen, dem er
sich in der Erwartung eines Leseabenteuers anvertraut. Es ist
die Aufgabe der Autorin, diesen Prozess zu steuern und den
Blick des Leser durch die Handlung zu navigieren. Das Fach
Komposition beschäftigt sich mit der Optimierung des Auf-

92
baus von Texten, damit dieser fiktionale Traum sich entfalten
kann und den Leser emotional und intellektuell anspricht.

Das Fach Komposition ist durch die mit der Literatur rivali-
sierende Erzählgattung Film stark belebt worden. Der Film
ist enger mit den dramatischen Darstellungsformen des Thea-
ters verbunden als mit der epischen Form des Romans. Die
Rückwirkungen des Film auf den Roman sind allerdings be-
trächtlich und die im Drehbuchbereich entwickelten neuen
dramatischen Gestaltungsformen werden zunehmend auf den
Roman übertragen. Besonders von der amerikanischen Un-
terhaltungsliteratur werden sie sehr bewusst zur Spannungs-
erzeugung eingesetzt. Ihre Wirkung auf die Leser lässt sich an
deren Millionenauflagen ablesen. Lernen lässt sich Komposi-
tion nur durch die Arbeit am Entwurf. Allein aus der Analyse
fremder Texte gewinnen Autoren nicht genug Wissen zur
Optimierung eigener Erzählanliegen. Hier sind sie auf Anlei-
tung und Austausch angewiesen.

Wenn dieses Nachwort einen Sinn hat, dann den: Verständnis


für den literarischen Nachwuchst zu wecken. Die Erforder-
nisse aufzuzählen, die literarisches Erzählen mit sich bringt,
soll nicht die Defizite der angehenden Autoren beschwören,
sondern Verständnis für die Entwicklungsschritte mit sich
bringen, die sie zu durchlaufen haben, wenn sie es zur Mei-
sterschaft bringen wollen. Schreibwettbewerbe setzen Kräfte
frei, motivieren und inspirieren. Sie lassen Talente erkennen
und stellen sie augenblicksweise ins Licht der Öffentlichkeit.
Und dann? Wo ist die weitere Förderung? Für die Talente in
jeder Kunstart und in jeder Sportart kommt nach der Talent-
auswahl die Leistungs- und dann die Spitzenförderung. Im
Schreiben kommt dann nur die einsame Arbeit am Schreib-
tisch mit der vagen Hoffnung, es irgendwann zu schaffen.

Otto Kruse
Fritz-Wilhelm Neumann

93
Zu den Autorinnen und Autoren

SID EISENGURRER, lebt in Erfurt, Diplom-Sozialpädago-


ge, derzeit Dozent Berufsbildende Schulen der Caritas und
Studium Erziehungswissenschaften Uni Erfurt; Veröffentli-
chungen: Gedichtband »mit links aufstehen ist die regel, ei-
gentlich« (1999), div. Theaterstücke (»Babsi«, »Stall voll Säue«)
für die kleinkunstbrigade ANNA KRAM

CHRISTIAN HÖFIG, geb. 1980 in Erfurt, derzeit Studium


Philosophie und Germanistik in Rostock

SIMONE KILCHES, geb. 1980, wohnt in Rottenbach, stu-


diert Psychologie und Musikwissenschaft in Jena und Upp-
sala (Schweden); Auszeichnungen: Bundeswettbewerb »Schü-
ler schreiben« 1995, 1996, 1997; Förderpreis des »jungen
Literaturforums Hessen-Thüringen« 1997; Veröffentlichun-
gen in diversen Anthologien

ANDRÉ KUDERNATSCH, geb. 1970, Journalist (u. a.


Feuilletonist bei MDR KULTUR), lebt in Leipzig und Er-
furt; veranstaltet seit 1998 seine eigene Literaturtrashshow
Kudernatschs Kautsch; letzte Veröffentlichungen: CD »Die
Kautsch-Liedermacher-Parade« (KK 2002), »Suffis Welt. Ulli
und ich und Onkel Hansi« (Fünf Finger Ferlag 2000)

INES MICHAELSEN, geb. 1974 in Erfurt, studiert derzeit


Lehramt Regelschule Kunst/Englisch an der Uni Erfurt

KATJA MÜLLER, geb. 1975, lebt in Erfurt und Berlin, stu-


dierte Restaurierung an der Fachhochschule Erfurt

ALEXANDER PLATZ, geb. 1975 in Gotha, Diplom-Sozi-


alpädagoge, studiert derzeit Erziehungswissenschaften an der
Uni Erfurt; 1999 Förderpreis des »jungen Literaturforums

95
Hessen-Thüringen«; Veröffentlichungen: Gedichtband »Der
Trompetenkäfer in Feodosija« (2000), Theaterstück »Die
Glasoberen« mit dem kollektiv_nina_machts (2002)

TOBIAS PRÜVER, geb. 1977 in Erfurt, Einzelhandelskauf-


mann, seit 2000 Studium in Leipzig, »Essenz dieser Lebens-
laufkorrektur ist das Pendeln zwischen trockenem Histori-
ker und trunkenem Philosophen ... Die einzig größere Lei-
denschaft – neben den allgemeinen, ganz zu menschlichen –
ist das Wortschöpfen und Textkreieren.«

PETER RAULFS, Herkunftsniedersachse, Wahlerfurter,


Mittdreißiger, Gott- und vaterlandsloser Geselle, Überzeu-
gungstäter, Hobbyverhaltensforscher, Gelegenheitsschreiber,
Vollzeitagitator, Gewohnheitseskapist, Möchtegern-
revolutionär

BABETTE SAEBISCH, geb. 1972 in Essen geboren, Studi-


um der Philosophie, Amerikanistik und Psychologie in Frank-
furt/Main, 2000-2001 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an
der Universität in Erfurt; schreibt seit dem 7. Lebensjahr
Kurzgeschichten und Romane; Preisträgerin Eobanus-Hessus-
Schreibwettbewerb 2001 und 2002

ANDREAS SCHUCK, geb. 1979 in Hamburg, Studium im


Leibniz Kolleg in Tübingen, beendete 2002 sein Studium
der Kommunikations- und Geschichtswissenschaft an der
Universität Erfurt; Preisträger Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb
2002 (Publikumspreis)

PAULINA SCHULZ, geb. 1973, polnisch-deutsch-tatarisch-


schottischer Abstammung, lebt in Erfurt, arbeitet an der
Erziehung ihrer 3-jährigen Tochter und an ihrem ersten Er-
zählband; zahlreiche Veröffentlichungen und Literaturpreise,
Preisträgerin Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb 2001

96
TOBIAS SICHERT, geb. 1980 in Arnstadt, seit 2001 Studi-
um Literaturwissenschaft und Erziehungswissenschaft an der
Universität Erfurt; derzeit Arbeit an einem Gedichtzyklus
und ersten längeren Prosaentwürfen

KATHARINA WEINRICH, geb. 1982, studiert seit 2001


Soziologie und Pädagogik in Jena, Preisträgerin Eobanus-Hessus-
Schreibwettbewerb 2001

JONAS M. WETZEL, geb. 1974 in Erfurt, studiert Sozial-


wesen, Interesse an Kunst und Musik, Malerei, Grafik und
Fotografie, schreibt seit 2000 Gedichte, Preisträger Eobanus-
Hessus-Schreibwettbewerb 2002

FRANZISKA WILHELM, geb. 1981 in Erfurt, studiert der-


zeit Kommunikations- und Medienwissenschaften in Leizig,
erhielt 1999, 2000, 2001 und 2002 Förderpreise des »jungen
Literaturforums Hessen-Thüringen«, Gewinnerin des 1. »Bri-
gitte Young Miss Kreativwettbewerbs« in der Kategorie Kurz-
geschichte, Veröffentlichungen in Zeitschriften und Antho-
logien, Preisträgerin Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb 2002

THOMAS ZIMMERMANN, geb. 1970 in Weimar, Schlos-


ser mit Abitur und Diplom-Sozialpädagoge, verschiedene
Jobs, arbeitet derzeit als Barista in einem Kaffee und an sei-
nem ersten Roman, Preisträger Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb
2001 (Publikumspreis)

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