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GOLDFISCH

RAGOUT
TEXTE AUS DEM EOBANUS-HESSUS-
SC H R E I BWET TB EWE R B 20 03−20 06

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Die Wettbewerb wird veranstaltet und finanziert durch:

Studentenzentrum Engelsburg

Stadt Erfurt

Thüringer Kultusministerium

Universitätsgesellschaft Erfurt

Universität Erfurt

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GOLDFISCHRAGOUT

Preistexte aus dem


Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb
2003−2006

Herausgegeben von der Stadt Erfurt


und dem Studentenzentrum Engelsburg Erfurt

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Die Druck der Anthologie wurde gefördert
durch die Stadt Erfurt.

Erfurt 2007
Herausgeber: Stadt Erfurt und Studentenzentrum Engelsburg
Auflage: 500 Stück
Alle Rechte liegen bei den Autorinnen und Autoren

Druck: Sächsisches Digitaldruck Zentrum Dresden


Satz und Gestaltung: Thomas Putz
Korrektur: Sven Kühnhold

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Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Jurypreise 2003
PAULINA SCHULZ: Keine Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
CHRISTOPH STEIER: Schonung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
TOBIAS GRÜTERICH: Aphorismen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
FRANZISKA WILHELM: Ein und Aus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
Jurypreise 2004
INGA GRUNDKE: Goldfischragout . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
STEFANIE BODEN: Knolpp und Knack . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
CHRISTOPH STEIER: Kunstraumverletzung . . . . . . . . . . . . . 33
DANIEL WINDHEUSER: Fliederfarben, Das Ungestalte,
Seit Wochen regnet es . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
Jurypreise 2005
FRANZISKA WILHELM: Der in der dunkelblauen Turnhose. . . . . . . 40
LENA HAMMERSCHMIDT: Leckermäulchen. Vanille. . . . . . . . . . . . . 46
KATRIN MERTEN: Nach dem Hunger, Glaube mir,
Hände sind Häfen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
Jurypreistexte 2006
LENA HAMMERSCHMIDT: Neuschnee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
FRANZISKA WILHELM: Herbenknief . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
JOHANNES MILLAN: Spiegelsaal, Wo der Rasen grünt
schlafmohnsee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
FRANZISKA SCHRAMM: es sind immer die kleinen . . . . . . . . . 67
Schülerförderpreise 2003
KERSTIN HOLZHEU: Der letzte Akt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
CLARA EHRENWERTH: Tell me why I don't like Schwimmbäder . . . . 75
CHRISTIAN GUTSCHE: defaitarkasmus . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
Schülerförderpreise 2004
CLARA EHRENWERTH, Prosa: Kreaktivierung . . . . . . . . . . . 80
KATJA GROHMANN, Prosa: Sternenvolk . . . . . . . . . . . . . . . . 85

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CHRISTOPH SCHUBERT & ANDRÉ KIRCHNER:
Der Propellermann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
Schülerförderpreise 2005
MARCUS QUENT: Vergessen, Im Sand der Erinnerung,
Traumwarte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
MARTIN TANZ: Die Gesetzmäßigkeiten des freien Marktes . . . . . . 95
MAGDALENA KESSLER: Senf jagt Ketchup . . . . . . . . . . . . . . . 98
Schülerförderpreise 2006
ULRIKE RAUCHMAUL: Wirklichkeit, Danach, Morgen voller
Spätsommer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
ELISABETH LUTHER: Der Zeuge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
KATJA GROHMANN: Der Mann an der Kante . . . . . . . . . . . . . . 108
Zu den Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113

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Vorwort

Vor knapp fünfhundert Jahren lud der junge „Poetenkönig“ Eobanus


Hessus regelmäßig Freunde und Kollegen in die Erfurter Engelsburg,
um über Dichtkunst, Zeitgeschehen und Politik zu debattieren. Die
Abende beim Professor für Sprache, Poesie und Rhetorik an der Erfur-
ter Universität waren so legendär, dass die Engelsburg im Volksmund
bald nur noch „Poetenburg“ genannt wurde. In einer Zeit gewaltiger ge-
sellschaftlicher Umbrüche war die Engelsburg ein Ort der Diskussion
und des produktiven Austauschs.

An diese Tradition anschließend wurde im Jahr 2000 der Eobanus-


Hessus-Schreibwettbewerb ins Leben gerufen. Er soll den literarischen
Nachwuchs in Erfurt und Thüringen fördern, zusammenbringen und
Veröffentlichungsmöglichkeiten schaffen. Seitdem wird der Wettbewerb
jährlich für Schreibende, die zwischen 15 und 35 Jahren alt sind und in
Thüringen leben, ausgeschrieben. Inzwischen hat er sich als zweiter gro-
ßer Thüringer Schreibwettbewerb für junge Autorinnen und Autoren
neben dem „Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen“ etabliert.

Der ersten Anthologie mit Wettbewerbsbeiträgen aus den ersten zwei


Jahren folgt nun die zweite, hier vorliegende Auswahl. Enthalten sind
alle Hessus-Preistexte der Jahre 2003 bis 2006, unterteilt in Jury-Prei-
se und Schülerförderpreise (für Teilnehmer/innen zwischen 9. und 12.
Klassenstufe). In diesen Jahren hat sich in Thüringen eine kleine, aber
feine Spitze etabliert, die immer wieder auf den vorderen Plätzen zu fin-
den ist. Einige Autorinnen und Autoren tauchen daher mehrfach auf.

In den bis zu zweihundert eingesandten, anonymisierten Texten fiel es


der Jury nicht immer leicht, den oder die Sieger/in zu finden. Litera-
tur ist in höchstem Maße subjektiv. Wir danken den Mitgliedern der
Wettbewerbsjury, die sich jedes Jahr durch die dicken Einsendungsord-
ner gekämpft haben: Ingrid Annel, Marion Fritzsche, Ellen Zschiesche,
Stefan Schütz und Prof. Dr. Fritz-Wilhelm Neumann.

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Es gibt in Thüringen nur wenig Möglichkeiten für junge Schreiben-
de, ihre Texte kritisch bewertet und veröffentlicht zu wissen. An dieser
Stelle möchten wir uns bei allen herzlich bedanken, die in den letzten
Jahren den Wettbewerb ermöglicht haben – und hier besonders bei Ines
Beese und Hans-Christian Piossek von der Kulturdirektion Erfurt, Dr.
Christoph Werth vom Thüringer Kultusministerium, Gerlinde Tran-
schel von der Universitätsgesellschaft Erfurt sowie beim Studentenzent-
rum Engelsburg und der Universität Erfurt.

Wir wünschen dem Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb, dass er auch


in den nächsten Jahren junge Talente in dem schwierigen Prozess des
Schreibens begleitet und fördert.

Thomas Putz Stefan Schütz


(Organisation) (Jury)

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Jurypreise 2003–2006

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Paulina Schulz

Keine Diskussion

Mein Bruder und ich sitzen in einem russischen Club, irgendwo in ei-
nem dieser Hinterhöfe, die entweder jeder oder niemand kennt. Eigent-
lich ist es ein Wellblechschuppen, kaum größer als das Zimmer mei-
nes Bruders, die Innenwände sind mit Goldpapier ausgekleidet, an den
Wänden hängen verstaubte Plastikgewehre und Puppenköpfe mit ver-
klebten Haaren. An der Eingangstür kleben tapetenartig Aldi- und Lidl-
Tüten, in der Ecke zwischen Tür und Klo küssen sich zwei stämmige
Typen mit gelbblond gefärbten Haaren. Beinahe sieht es aus, als ob sie
miteinander ringen würden, sie strahlen eine Aggression aus, die ent-
weder Liebe ist, oder das vollkommene Fehlen davon. Als der Größe-
re seinem Gefährten die Hand zwischen die Beine schiebt, sagt mein
Bruder:
„Ich glaube, sie versteht mich einfach nicht.“
Ich drehe ihm mein Gesicht zu und antworte, sie wolle ihn einfach
nicht verstehen, wäre es so, hätte sie längst schon auf das Eine oder An-
dere reagiert.
„Frauen kommen schon von alleine, wenn sie wirklich wollen“, sage
ich und mein Bruder nickt.
„Scheiß drauf!“ sagen wir gleichzeitig, heben unsere Wodkagläser
und kippen sie auf ex.
Mein Bruder mag es, wenn ich mich so hart gebe, er sagt, ich sei sein
bester Kumpel. Beste Kumpels, wie wir es sind, besorgen einander die
geilsten Platten, ziehen über Frauen und unfähige DJs her, saufen um
die Wette und brauchen einander nicht viel zu erklären, wenn sie Lie-
beskummer haben.
Mein Bruder weiß alles über meine Liebschaften und große Lieben.
Von den Ersteren gab es ungefähr hundert, von den Letzteren nur eine.
Und die zweite ist so frisch, dass ich mich nicht auf den Begriff „große
Liebe“ festlegen will, aber ich glaube schon.
Als ich mich umdrehe, sind die blonden Typen verschwunden. Die
Musik wechselt gerade von Discopolka zu Anastacia. Anastacia hat

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zweifelsohne eine großartige Stimme, bloß hat sie in einem russischen
Goldpapierclub nichts zu suchen.
Mein Bruder und ich kippen schnell noch einen Wodka und gehen.
Draußen ist es so sommerlich grau, wie es manchmal ist, bevor ein
irre heißer Tag anbricht, alleine bei dem Gedanken daran schwitze ich
schon. Im Hof vor dem Wellblechschuppen liegen verbeulte Fahrräder
und verstaubte Autoreifen. Das Auto dazu lehnt am Zaun, lehnte es
nicht, würde es im Bruchteil einer Sekunde auseinander fallen. Durch
die Fenster wachsen Brennnesseln und Beifuß, riesengroß, Büsche bei-
nahe. Wir schauen uns an.
„Und was jetzt?“ fragt mein Bruder.
„Was essen?“ sage ich und zünde mir eine Zigarette an.
Mein Bruder holt seine aus der Innentasche seiner Jacke und sucht
nach einem Feuerzeug. Ich gebe ihm Feuer und betrachte noch eine
Weile die kleine Flamme. Das sagt viel über uns aus, denke ich, dass
jeder seine Zigaretten raucht, wir tauschen nie, lieber rauchen wir gar
nicht, als eine andere Marke zu nehmen. Das fällt in den Intimbereich,
genauso wenig wie wir einander die Zahnbürsten leihen würden.
„Das ist es, was ich unter Respekt verstehe“, sage ich laut und erkläre
meinem Bruder, wie ich es meine.
„Keine Diskussion“, sagt er.
„Zero tolerance“, antworte ich und wir brüllen los, es ist der running
gag, schon immer gewesen.
Zehn Minuten später sitzen wir in der Tram. Mein Bruder holt sei-
ne alte Zenith-Kamera aus dem Rucksack. Das Licht ist gut, kühl und
sanft – ein Licht, um alte Häuser und alte Frauen zu fotografieren. An
der nächsten Haltestelle sitzt eine alte Frau, eine sehr eindrucksvolle
Roma, mit langen grauen Haaren und Augen wie zwei Kohlesplitter.
Mein Bruder drückt das Objektiv an die Scheibe und stellt das Bild
scharf. In dem Moment, als er auslöst, bemerkt ihn die Frau und zeigt
ihm den Mittelfinger. Wir winken ihr zu, als die Tram weiterfährt.
„Aber warum merkt sie es nicht?“ fragt mein Bruder. „Ich mache
doch alles, anrufen, sie ausführen, mit ihr um die Häuser ziehen, ich
mache alle ihre schrägen Ideen mit, wenn sie will, gehen wir mitten
in der Nacht los und picknicken im Park, oder klingeln früh um vier
Freunde raus, um an der Tankstelle einen Kaffee zu trinken, ach, und

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überhaupt, ich mache ihr Komplimente und schreibe ihr Briefe, jede an-
dere wäre hingerissen, und sie?“
„Nur sie nicht …“, sage ich und scharre mit dem Fuß. Unter meiner
Schuhsohle bleibt ein Kaugummi kleben. Er hört nicht wirklich hin.
„Neulich waren wir im Icon und nach dem Konzert sagt sie, dass sie
noch nicht nach Hause will. Und dann, dass sie jetzt am liebsten auf
Dächer steigen würde. Was machen wir? Laufen los, schnappen uns die
erste U-Bahn, fahren zu mir, gehen ins Haus, ganz hoch, ich sperre den
Dachboden auf und wir klettern durch die Luke raus, aufs Dach. Es ist
eine irre Nacht, es riecht nach Flieder und Abgasen, das Licht von den
Straßen flirrt so komisch, wie in einem Film. Und da denke ich, die
ganze Geschichte mit dieser Frau ist ein Film, irgendetwas wie die letz-
ten David-Lynch-Filme, wo man am Ende gar nichts mehr versteht.
Und da nimmt sie meine Hand, und wir gehen los, zum Glück sind
das auf der Strecke lauter Flachdächer, aber hier und da ist eine repara-
turbedürftige Stelle oder irgendwelche Unebenheiten, außerdem muss
man den ganzen Schornsteinen ausweichen – egal. Es ist wie im Rausch.
Nachts über der Stadt wandeln, mit dieser Frau. Wir laufen mehrere
hundert Meter, bis zur nächsten Kreuzung. Stehen dann am Rand und
schauen hinunter auf die Straße, in die Schlucht. Irre.
Langsam wird es hell, wir beschließen zurückzukehren. Die Sonne
fällt auf ihre Haare, sie sieht schöner aus, als alles, was ich je gesehen
habe. Ich hätte sie so gerne fotografiert in diesem Moment …“
„Hast du aber nicht“, sage ich, damit er wieder runterkommt.
„Nein“, antwortet er und schaut weg, auf vorbeifahrende Autos. Mir
ist nach Aussteigen und Weiterlaufen, zu Fuß.
„Wollen wir die nächste raus?“ fragt mein Bruder.
„Mhhm …“
An der Kreuzung stellen wir fest, dass wir unweit seiner Wohnung
sind. Ich hätte Lust auf einen Kaffee, und ich weiß, wenn jemand einen
kochen kann, dann mein Bruder.
Wir sitzen bei ihm in der gelben Küche, an dem komischen schiefen
Mosaiktisch, der aussieht, als hätte man ihn vor Ewigkeiten in Grie-
chenland ausgegraben – winzige blaue, grüne und türkisfarbene Stein-
chen, zum Teil gesprungen, in den Ritzen Dreck, Öl- und Weinreste.
Mein Bruder stellt zwei riesige Kaffeetassen auf den Tisch, grün-blau

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gestreift. Der Kaffee riecht nach irgendwelchen Gewürzen und hat eine
leichte Schokoladennote – ich weiß nicht, wie er das macht, aber bei
meinem Bruder schmecken manche Sachen wie in einem dieser ägypti-
schen Läden.
Er starrt an die Wand, die Tasse zwischen beiden Händen einge-
klemmt, trinkt nicht. Im Aschenbecher verglimmt seine angerauchte
Kippe. Dabei raucht er doch so gerne, genüsslich und präzise. Genauso
exakt, wie er seine Tapes oder mir die Haare schneidet, genauso präzise
raucht er stets seine Zigaretten bis zum Schriftzug hinunter. Es ist wirk-
lich beeindruckend, man könnte es jedes Mal mit dem Lineal nachmes-
sen, wie die Asche an dem Wort NIL halt macht.
Er ist schon was Besonderes, mein Bruder.
„Lass uns hochgehen“, sage ich unvermittelt.
Mein Bruder schaut zu mir herüber.
„Wie: hoch?“
„Aufs Dach, damit du wieder runterkommst“. Er grinst halb und
nimmt einen Schluck.
„Verdammt guter Kaffee?“ frage ich.
„Verdammt guter Kaffee“, stellt er fest und stößt mit mir an.
Oben ist es schon total warm. Allzu lange möchte ich nicht hier bleiben,
zum einen, weil es bald wirklich heiß wird, zum anderen, weil ich nicht
gerade schwindelfrei bin.
Mein Bruder geht auf und ab, ich lehne mich an einen Schornstein
und rauche. Will abwarten, dass er etwas zur Ruhe kommt, sonst wird
das alles nichts.
„Als wir dann wieder hier sind, frage ich, ob sie Lust hätte, bei mir zu
übernachten. Es ist schon nach sechs, ich bin schweinemüde und will
nur noch ins Bett und den Arm um sie legen, mit der Nase in ihren
Haaren einschlafen. Und was sagt sie? Sie sagt original: Ich muss nach
Hause und lernen! Dann gibt sie mir einen Kuss auf die Wange und
rennt die Treppe runter. Ich gehe dann in meine Wohnung und haue
mich in die Kiste. Am nächsten Tag rufe ich bei ihr an, keine Chance,
sie geht nicht ran, an keines der Telefone, beantwortet keine E-Mails, es
ist echt zum Kotzen. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen.“
Er dreht sich zu mir um, fummelt in der Jackentasche und holt seine
Zigaretten raus. Ich stehe auf, komme auf ihn zu. Nehme ihn am Arm

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und schiebe ihn bis zum Dachrand. Anfangs wehrt er sich.
„Was willst du? Lass mich doch in Ruhe rauchen!“
Ich packe ihn, drehe ihn mit dem Gesicht zu mir und nehme ihm die
Kippe aus dem Mund.
Halte sie in der Hand, zwischen Daumen und Zeigefinger, direkt vor
seine Nase.
„Sie ist diese Zigarette. Stell dir vor, dass sie diese Zigarette ist!“
„Und?“ fragt mein Bruder.
„Lass sie fallen. Lass sie einfach fallen. Keine Diskussion“.
Er schaut mich lange an, so lange, dass ich unruhig werde. Dann
nimmt er mir die Kippe aus der Hand. Zieht noch einmal daran, lehnt
sich vor und schnippt sie mit einer sanften Bewegung hinunter, in die
Straßenschlucht.

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Christoph Steier

Schonung

Arm steht die Wintersonne im schneegrauen Himmel. Eisig geht der


Wind über die verkommenen Felder, wie kleine schwarze Kinderzähne
ragen die Quader aus dem zertretenen Schnee von Buchenwald. In der
Ferne ein Anfang von Wald, Buchen, Äste, Rippen. Nach Auschwitz
keine Poesie, nach Buchenwald eine Reise. Ein Tagesausflug in die deut-
sche Nacht.
Wie meine Knochen nur wieder klappern, hart und achtlos schlägt
der Wind in die Hosen, ob eine dritte –? Sie alle sind erschüttert. Der
Führer, so heißt es auch hier, macht seine Sache gut. Leise, noch immer
betroffen, nach der hundertsten Gruppe – still can’t see how people can
do this to other people …, unsere Engländer nicken. Deutschland spricht
europäisch und unsere ausgetauschten Tommys bleiben nur acht Tage.
All diese fremden Leute. Ich kenne niemanden. Ein paar Namen, Noten
– dies ist meine letzte Reise.
Hinab in den Henkerskeller, zu den Fleischerhaken. Einige zittern,
die Bilder im Geschichtsbuch. Ich will es nicht sehen und werde am
Eingang warten. Allein.
Ich sitze auf einem Stein. Bedeutet er? Natürlich. Erinnere. Rosengar-
ten, 123 polnische Häftlinge erfrieren oder verhungern 1939 im Sta-
cheldrahtverhau. Es soll Sonntagsausflüge gegeben haben, Menschen-
zoo. Was suchen wir?
Ich werde auch verhungern. Ohne Kapo im Nacken, Gewehr im Rü-
cken, Hund auf den Fersen. Keine Schergen. Nur ich. Und doch ver-
hungere ich. Sie haben es gesagt. Wieder und wieder. Drei Monate,
wenn es so weiter geht. Ich so weit gehe. Sie wollten mich nicht fahren
lassen, verlöre ich ein weiteres Pfund. Ich verlor zwei, sie ließen mich
ziehen. Hier her, wo für einen Kanten Brot gestorben wurde. Sie hätten
meinen haben können. Doch ich bin zu spät, wie immer. Am vollen
Tisch verhungern, still can‘t see how people can do this – to themselves …
Wie konnte ich das nur sagen, nein, kein Vergleich mit dem Unver-
gleichlichen. Das ist nicht fair. Ich bin kein Jude, kein verdächtiges Sub-

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jekt, es ist längst Sommer in Deutschland, auch im Januar. Kein Jude,
kein Verdächtiger, nur ein weiterer Fall von Anorexie? Ein Junge, oben-
drein. Nein, kein Vergleich, sie wurden erniedrigt, verstümmelt, ge-
hetzt und gehenkt wie Vieh, verhungert, verdurstet, zu U-Boot-Wolle
gemacht, Lampenschirme – kein Vergleich.
Es ist eine Schande, seit sie meinen Tod wissen, hören sie plötzlich zu.
Doch ich habe nichts zu sagen, wenn doch, nur Schamloses. Als wäre
mein Bewacher von der SS… Und doch schneidet er mich ab, von allem.
Essen? Luftbrücke? No way, sagt unser Gastschüler immer.
Gleichgültig fährt der harte Wind durch meine verbrauchten Glieder.
Ein Engländer, klein, propper, rothaarig, kommt die maroden Treppen
vom Henkerskeller herauf und packt seine Brote aus. Ich würde gern
rauchen. Doch beides, Stulle und Rauch, ist hier wohl mächtig dane-
ben. Auch geht es schwer, meiner Lunge fehlt Wasser, Kapillarenverö-
dung. Was soll man hier nur machen – Verhungern und Stopfen, Wei-
nen und Lachen, Verzweifeln und Hoffen, nichts passt. Wie geht Erin-
nerung? Wie lautet der Auftrag?
Vorhin, am Menschenstein, war meine Hand viel kälter als die men-
schenwarme Platte. Schwindel beim Bücken. Ein Hase schlägt sich
in den rissigen Waldrand, wie können kahle Äste, nackt, dürr, nur so
schnell dunkel werden?
Eine kleine Bruchstelle tut sich auf in meiner eisstarren Maske. Eine
Träne, eine. Nicht für mich, nein. Das verdiene ich nicht. Vielleicht
für die Juden, die Verdächtigen, die anderen. Wie geht Erinnerung?
Oder meine Eltern, die paar Freunde, die das nicht verdient haben,
mich. Schon ist sie im Taschentuch verschwunden, eisig vernarbt auf
der Wange die Bruchstelle. Es ist gut. Ich bin ruhig. Dieser Ort ist die
Hölle, für immer. Still don’t know how, auch diese Frage werde ich hier
zurücklassen. Es ist gut. Dies ist die Hölle, ich bin ruhig. Was sollte ich
noch fürchten?
Der Wind von Buchenwald ist kalt und er streicht über das verkom-
mene Land, als suche er nach all dem Ausgelöschten, als wäre, tief ver-
borgen, noch ein Weg zurück. No way.

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Tobias Grüterich

Aphorismen

Die meisten Schriftsteller können erst nach dem Tod von der Literatur
leben.

Autoren reagieren eifersüchtig, wenn ihre Pseudonyme mehr Erfolg


haben.

Homer ist, wenn man trotzdem liest.

Das Wort „Mensch“ ist eine inhumane Verallgemeinerung.

Menschen, deren gemeinsamer Nenner null ist, haben unendlich viele


Gemeinsamkeiten.

Man muss ein Verwandlungskünstler sein, um bei jedem den gleichen


Eindruck zu hinterlassen.

Zwei Zyniker bemerken nie, dass sie Gleichgesinnte sind.

Ich bin von dir enttäuscht, weil du von mir positiv überrascht bist.

Elite ist immer das, zu dem man sich nicht zählen darf.

Die meisten sind in der Minderheit.

In aktuellen Fragen gilt Meinungslosigkeit als Profilierungssucht.

Im Wald denselben Weg zurückgehen, ist immer wie bereuen.

Dem Interessierten erscheint ein Geheimnis reizvoll,


dem Desinteressierten verlogen.

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Die Wahrheit liegt in der Mitte – zweier Relativierungen.

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Franziska Wilhelm

EIN und AUS

Ich fahre nachts nie Fahrrad. Ich kann es nicht ab, wenn mein Schat-
ten mich überholt. Unter jeder Straßenlaterne, egal wie schnell ich tre-
te, immer zieht dieses dunkle Mädchen am Boden an mir vorbei. Nee,
echt, ich nehme nachts lieber die Bahn. Leider kommt die ab elf Uhr
nur noch halbstündlich. Kein Abend endet zur vollen halben Stunde.
Ist „Auf-die-Straßenbahn-warten“ eigentlich eine Beschäftigung? Mmh,
wenn eine Beschäftigung auch dann eine Beschäftigung ist, wenn sie
darin besteht, sich eine Beschäftigung zu suchen… Kompliziert. Egal.
Letztens habe ich etwas gefunden. An der Haltestelle, nachts. Ich habe
mich ganz nah an das Glas des Wartehäuschens gestellt, an eine be-
leuchtete Scheibe mit einem Werbeposter dahinter. Dann habe ich sie
gesehen. Die Spots, die winzigen Farbpunkte, die ein Bild bauen. Man
sieht sie wirklich nur, wenn man ganz nah an der Scheibe steht. Sie sind
in einem bestimmten Muster gesetzt. Das Muster ist ein bisschen wie
ein Gewebe, geometrisch, aber auch irgendwie wirr.
Das Beste ist aber, dass die Spots atmen. EIN und AUS. Man muss
nur lange genug draufschauen. Du guckst und guckst und dann atmen
sie. Ganz von allein. EIN und AUS. Das hat was.
Einmal habe ich einen Mann gesehen. An der Haltestelle, nachts. Ei-
nen Penner oder so. Der hat mit dem Mund an der Scheibe gehan-
gen. Seine Zunge hat über das Glas gestreichelt. Waschmittelwerbung.
Nicht mal nackte Frauen. Ich glaube, so was kommt von den Spots. So
was kann nur von den Spots kommen. Die ziehen dich an sich ran mit
ihrem Geatme. Mit jedem EIN ein bisschen näher.
EIN und AUS. Mir hat einmal jemand gesagt, dass das Atmen aus ei-
nem aktiven und einem passiven Teil besteht. Das Einatmen ist passiv,
weil die Luft einfach nur in deinen Körper hineinströmt, das Zwerch-
fell hebt und den Bauch wölbt. Das Ausatmen ist aktiv, weil du die Luft
wieder aus deinem Körper hinauspressen musst. Das Zwerchfell senkt
sich, der Bauch zieht sich wieder zusammen. Wenn sich etwas zusam-
menzieht, ist es weiter von dir weg. Natürlich nur minimal, es bewegt

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sich ja nicht wirklich von dir fort. Aber stell dir jetzt mal vor, du rückst
nach. Nur dieses kleine Stück. Das Spot-Gewebe atmet: EIN. Zieht
dich an sich. Du folgst passiv. Dann wieder AUS. Das Gewebe entfernt
sich von dir. Du rückst nach. Aktiv.
Irgendwann bist du an der Scheibe. Wie der Penner. Ich habe aufge-
passt, dass er mich nicht sieht, an der Haltestelle, nachts. Wer nachts
allein an der Haltestelle steht, kann nur Sehnsucht haben. Ich brauche
das nicht. Ich brauche keine Sehnsucht und keinen, der denkt, ich habe
welche. Ich habe Gunnar. Gunnar gibt Streicheleinheiten, Parties bei
sich zu Hause und mir ab und zu seine Brille. Wir haben beide minus
0,75 Dioptrien. So was verbindet. Nein, nein, Gunnar ist nicht mein
Freund. Er ist ein guter Freund. Wir nennen unsere Beziehung eine „in-
nige Freundschaft“. Gut ja, Gunnar würde auch mehr wollen.
Nachdem ich Gunnar das mit dem Penner erzählt habe, bringt er
mich immer zur Haltestelle. Er will mich vor solchen Perverslingen
schützen, sagt er. Er wartet mit mir, bis die Bahn kommt. Nächtliche
Haltestellen sind scheiß romantisch. Gunnar rückt näher. Vor zwei Ta-
gen hat er mich geküsst. Er sagte, das wollte er schon immer. Ich wusste
nicht, ob ich das schon immer wollte und habe mitgemacht. Die Augen
habe ich dabei nicht geschlossen. Man muss es ja nicht gleich übertrei-
ben. Ich hatte ja auch Gunnars Brille auf. Ich habe versucht, aus etwa
zwei Meter Entfernung die Spots zu erkennen. Ging aber nicht. Dafür
habe ich mein Spiegelbild in der Scheibe gesehen. In Gunnars dicken
Wollpulli hätte ich Waschmittelmodel sein können. Die weibliche Ant-
wort auf den Wohlfühlbademanteltypen. Ich habe mich gefragt, ob der
zu Hause wirklich immer nur in seinem Bademantel rumrennt. Dann
habe ich mir vorgestellt, dass du der Wohlfühlmanteltyp bist und du
mir deinen kuscheligen weißen Bademantel entgegenhältst, der nach
dir duftet. Sofort hätte ich mir Gunnars langweiligen Zopfmusterpulli
vom Körper gerissen.
Aber du hältst mir deinen Bademantel nicht entgegen. Den kriegt nur
Jamila. Wenn ihr zusammen Baden geht und sie aus dem kalten Wald-
seewasser kommt, darf sie hineinschlüpfen. Damit sie in ihrem kleinen,
gelben Bikini-Höschen nicht friert.
Gestern hast du Jamila mit zu Gunnar gebracht. Immer wenn sie sich
beim sitzen ein bisschen vorbeugte, konnte man hinten unter ihrem

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Hosenbund den weißen Spitzentanga hervorblitzen sehen. Gunnar sag-
te, das sei erotisch. Und er kann mir so was erzählen, weil wir ja gute
Kumpel sind und eine innige Freundschaft haben. Ich habe ihm gesagt,
dass er mich heute nicht zur Haltestelle bringen braucht.
Ich habe mich dann noch mit dir unterhalten. Ich bin dabei ein bis-
schen näher zu dir rangerückt, als nötig gewesen wäre. Dein Atem auf
meinem Arm, habe ich gedacht und mir den dicken Wollpulli ausgezo-
gen. „Ist der nicht von Gunnar?“ hast du gefragt, als ich das Zopfmus-
terding neben das Sofa geschmissen habe. Du hast viel erzählt an die-
sem Abend. Über Jamila, hauptsächlich. Irgendwann hat sie sich dann
auch zu uns gesetzt.
Ich bin sehr rechtzeitig bei Gunnar zu Hause losgegangen, es ist ja
auch zu dumm, die letzte Bahn zu verpassen. Ich habe dann allein dage-
standen, an der Haltestelle, nachts, und habe mir die Spots angeschaut.
EIN und AUS haben sie geatmet und ich habe überlegt, ob ich dir mal
von ihnen erzählen soll. Aber ich glaube, ich werde es nicht tun. Du
würdest es nicht verstehen.

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Inga Grundke

Goldfischragout

Noch während sie darüber nachdachte, fiel ihr auf, dass sogar Fische
traurig sein können.
Ihr japanischer Koi, Cheeto, den sie schon seit zwei Jahren besaß,
schwamm heute nicht wie sonst in einem stetigen Kreis in der exakten
Mitte des Goldfischglases herum, dort, wo das Glas am dicksten ist.
Stattdessen schien er unten auf dem mit rundgelutschten kleinen Kie-
seln bedeckten Boden des Glases zu kauern. Als würde er die Stein-
chen bewachen, wie ein glucksender orangener Millionär der grauen
Murmeln. Seine linke Flosse berührte ganz leicht eine der Wasserpflan-
zen, die daraufhin schwankte, als wäre ihr übel geworden. ‚Eine kotzen-
de Wasserpflanze‘, dachte sie und lachte. Ihr Lachen prallte gegen das
Goldfischglas und fiel zu Boden, wo es für den Rest des Tages auch blei-
ben würde, bis es am Abend ihre zweieinhalbjährige Schwester Emily
finden und aufheben würde, unbemerkt von den Erwachsenen.
Cheeto schien sie gehört zu haben – Fische hören? – vielleicht nur die
Schwingungen fühlen und trotzdem taub sein – und hörte mit seinem
Steinestarren auf, schwamm zur Glasmitte und starrte stattdessen sie
an, mit seinen goldenen Fischaugen. Das Goldfischglas stand vor dem
Zimmerfenster mit den blauen Rahmen auf dem dunkelbraunen Holz-
schränkchen, dessen Lackierung teilweise gesprungen war, so dass das
nackte Holz glanzlos und verschämt herausschaute. Ihr Vater hatte ihr
Cheeto gekauft. Schon immer war er ein großer Tier- und Naturlieb-
haber gewesen, und er bestand auch darauf, dass die Wasserpflanzen in
Cheetos Glas echte seien, nicht aus Plastik, genauso, wie er auch immer
noch darauf bestand, dass ihr Weihnachtsbaum ein echter stacheliger
harztrunkener Tannenbaum war. Er hatte dem Fisch den Namen gege-
ben, weil er fand, dass seine hellorangene Farbe ihn an seinen Lieblings-
snack, Chee-To Chips, erinnerte.
Nur weil Cheeto so groß und elegant und schön war, weil seine Flos-
sen wie durchsichtige weiche wabernde Kissen das Wasser durchwisch-
ten, er den schimmerndsten Orangeton und eben diese Dunkelgold-

23
augen hatte, war er auserwählt worden, ihr Zimmer mit ihr zu teilen.
Draußen, in dem wunderschönen, gut gepflegten Vorstadtgarten be-
fand sich auch ein Goldfischteich mit Cheetos Verwandten, den weniger
glücklichen.
Der Garten. Die Nachbarn in der umzäunten Vorstadtwelt aus wei-
ßen Häusern, dichtgedüngten Rasenflächen und einem heimlich gehor-
teten Vorrat an stromverschlingenden Weihnachtsdekorationen benei-
deten sie darum. Sagten, wer soviel Zeit und Energie auf seinen Garten
verschwende, könne ja nichts Gescheites im Beruf leisten, doch die letz-
te aufwändige Europareise der ganzen Familie hatte ihnen die Münder
gestopft, für eine Weile. Ihr Vater war schon zuvor geschäftlich in Eu-
ropa gewesen und hatte ihnen erzählt, wie erhaben und würdevoll die
Kirchen dort waren und wie eng zusammen die Menschen lebten und
wieviel gutes, wirklich gutes Essen es gab. Brot, das nicht mit den nach-
giebigen rindenlosen Weißbroten und den künstlich gefärbten Körner-
broten hier zu vergleichen war, und Schokolade, die sich Meilen von den
körnigen krümeligen Hershey’s-Tafeln, die einem mit ihrer matschigen
Bitterkeit die Zunge wundrieben, unterschied.
Und es war wunderschön gewesen. Sie hatte davon geträumt, wie Ke-
vin, der dämliche Kinderstarheld, von ihrer Familie irgendwo vergessen
zu werden, sich gewünscht, in die elektrisch flimmernden Betonarme
einer der schillernden lebendigen alten Metropolen zu sinken und dort
zu bleiben, bis der europäische Großstadtgriff ihrer müde geworden war
und sie in ein anderes neues weites Leben entlassen hätte.
Doch die fremde, zischende Sprache der Menschen schreckte sie ab.
Sie erinnerte sich jetzt nicht einmal an alle Namen der Länder, die sie
gesehen hatten. Sie war nie besonders herausragend im Fremdspra-
chenunterricht gewesen, hatte dann eher hohe Mathematikfächer be-
legt, auch teilweise schon auf College-Niveau. Ihr Vater war stolz darauf,
dass sie in ihrem Talent für Mathe offenbar nach ihm geriet. Ihr Vater
war immer stolz auf sie.
Sie nahm die Brille ab und strich sich über die gerade glatte Stirn. Je-
der sagte, wie ähnlich sie einander sahen. Die Ähnlichkeit war mit den
Jahren immer stärker geworden, und jetzt, mit sechzehn, bewahrten
sie nur die etwas höheren Wangenknochen, die langen, samtig-dichten
braunen Locken, gezupfte Augenbrauen und einige Mengen Make-up

24
davor, so auszusehen wie ein jüngere Version seiner selbst. Von ihrem
Körper abgesehen.
Ohne die Brille sah sie Cheeto in seinem Glas leicht verschwommen
und sein Fischgesicht schmolz in das dicke Glas hinein und schien sie
anzulächeln, wie ihr Vater sie immer anlächelte, wenn er wieder eine der
kleinen Dummheiten gemacht hatte, die nur Väter von aufwachsenden
Mädchen machen können und von denen er wusste, dass sie ihm verge-
ben werden würden.
Er war klug und zeigte das auch gern. Er fasste sein Wissen in Sätzen
zusammen, die in ihrer Klarheit wie glatte Steine auf den Grund des Be-
wusstseins sanken, so dass auch jeder andere in der Familie sich daran
erinnerte, wenn er es für nötig hielt. Er hielt es meistens für nötig. Und
jetzt, wo sie blinzelnd das Sonnenspiel von Goldfischglas und Wasser
vor ihren Augen auftauchen sah, erinnerte sie sich.
‚Glas ist eine Flüssigkeit, mein Mädchen‘, hatte er ihr einmal erklärt.
Sie erinnerte sich an die Ungläubigkeit, die sich auch in der Sonntags-
schule der „First Methodist’s Church“ für Acht- bis Zwölfjährige immer
bei ihr breit machte (auch dort lernte man schon, dass Alkohol die ewi-
ge Verdammnis und Sex Gebärmutterkrebs bedeutete), und gleichzeitig
die Bereitschaft, jedes einzelne seiner Worte zu glauben. Er hockte sich
nieder und sah ihr eindringlich und ganz und gar belustigt in die Au-
gen. ‚Wirklich. Es fließt nur viel viel viel langsamer als jede andere Flüs-
sigkeit, deshalb können wir es nicht sehen.‘ Natürlich glaubte sie ihm
und würde sich danach immer daran erinnern. Wie lange schon?
Die glühgoldenen Sonnenstrahlen krochen immer gieriger zwischen
den Fensterscheiben und dem Goldfischglas umher und schlichen sich
blind in die Falten ihres grün-weiß gestreiften Sommerkleides. Wenn
sie jetzt zu Cheeto herübersah, dann war es, als würde er brennen in sei-
nem Goldfischglas, ein orangenes Flimmern, und dann wurde es weiter
und größer, und dann war da der Regenbogen, – der so funkelte, der so
alle ihre Farben trank und die Welt graugesaugt hatte – der durch die
Sonnenspiegelung an der gewölbten Glaskugel entstand.
Sie war sechs Jahre alt gewesen und wollte für ihren Daddy die Blu-
men im Garten gießen. So ein Sommertag, wo der Schweiß einem über-
allhin fließt – er fühlt sich wie Finger an, schmutzige Finger – und
die Hitze einem auf den Kopf schlägt, als würde einem ein verrück-

25
ter himmlischer Schmied ein Hufeisen auf der Schädelplatte in Form
schlagen.
Es war eine metallene Gießkanne und das Wasser gab einen ganz ei-
gentümlichen Klang, wie zersprungene Kleinstadtkirchenglocken, als
sie die Kanne füllte. Daddy fand sie, als sie gerade die große duftende
Orchidee wässerte und die Sonne den Wasserstrahl fing und zu Farben
machte, und sofort schrie er sie an: ‚Mädchen, das kannst du doch nicht
machen!‘ Verschreckt, ertappt, stellte sie die Gießkanne ab und fing an
zu weinen. Und ihr Daddy, ihr liebevoller sanfter Daddy, der sich sofort
neben ihr hinkniete und sie tröstete, während er ihr erklärte, dass man
niemals, niemals in der Sonne gießen dürfe, denn das Wasser wirke wie
ein Brennglas in dieser Hitze, und, als er sah, dass sie immer noch nicht
verstand, versuchte, es ihr deutlicher zu machen, während er ihr im-
mer wieder über das leinene Sommerkleid strich, war genauso blind wie
die Sonnenstrahlen. ‚Es ist wie ein brennender Regenbogen, schau mal,
mein Mädchen.‘ Und während er ihre runden Kinderwangen, ihre som-
mersprossigen Schultern abtastete, erklärte er weiter, um jeden Zweifel
auszulöschen, dass die prachtvolle Orchidee – sie wusste, dass sie eine
prachtsüchtige Prostituierte war sie die Schönheit schreiend dass man
sich schämen musste ja sie schämte sich wirklich so wie die Finger der
Schweiß die Finger der Schweiß an ihr herumkrochen sie kannte sie ja
nicht – verwelken würde, wenn sie das noch einmal täte.
Das war alles einfach. Sie dachte nach. Cheeto schwamm ja in einer
Flüssigkeit, die von einer anderen Flüssigkeit umgeben war. Er wusste
ja gar nicht, wie unsicher das war.
Sie hatte bisher jedes Mal angefangen zu zittern bei dem Gedanken,
was wäre, wenn alles Glas auf der Welt auf einmal anfangen würde zu
fließen, wenn es genug davon hätte, so langsam zu sein und sich an der
Geschwindigkeit, mit der die Eiskappen an den Polen schmolzen, mes-
sen wollte und sämtliche Kaffeekannen, Cola-Gläser, Fensterscheiben,
moderne Hochhäuser und auch die Goldfischgläser auf einmal in einer
Flutwelle von Zerbrechlichkeit auf sie niederstürzen würde – die Son-
ne würde immer heißer und ja, es gäbe soviel flüssiges Glas, in dem sie
sich bündeln konnte – dann wäre da ein riesenhafter Regenbogen, ein
gigantisches Brennglas, dessen Mittelpunkt sie sein würde. Wenn man
sich das so überlegte, dann war es wichtig, immer auf seinen Vater zu

26
hören. Ja, er sagte viele richtige und logische Dinge, die es sich zu mer-
ken lohnte, und selbst, wenn manche Dinge, die er sagte, nicht so lo-
gisch waren – ‚es gibt Geheimnisse zwischen Vater und Tochter, zwi-
schen Daddy und dir, von denen darf niemand was wissen, mein Mäd-
chen mein Mädchen mein Mädchen mein Mädchen‘ – so war es den-
noch immer wichtig, sie sich zu merken.
Sie stand auf und trug das Goldfischglas nach draußen. Die Bäume
im Garten waren gewachsen. Direkt neben dem Goldfischteich stand
eine dünne Birke, aber sie war schon so alt, dass das Weiße am unteren
Stamm ganz abgesprungen und abgewetzt war. Sie kniete neben dem
Goldfischteich und schüttete Cheeto samt seinem Wasser, den Kieseln
und den Pflanzen in den Teich. Wenn man so von oben in das Wasser
schaute, konnte man seine Goldaugen gar nicht sehen. Zwischen den
anderen nicht zu erkennen.
Sie nahm das Glas wieder mit herein und stellte es in den Geschirr-
spüler. Sie stieg die Treppe hinauf und betrat ihr kleines Badezimmer.
Es bestand praktisch nur aus einer Wanne, das hatte sie sich gewünscht
und bekommen. Sie ließ das warme Wasser ein. Als der Wasserdampf
die Scheiben beschlug, öffnete sie die Fenster. Dann klappte sie den Ba-
dezimmerschrank auf. Nicht nur ihre Kosmetika, Töpfchen und Salben
befanden sich dort, sondern auch einige persönliche Dinge von ihrem
Vater, denn er benutzte ihr Bad manchmal. Es war praktisch.
Wenn ihre Mutter einkaufen war. Oder ihren Spinning-Kurs besuch-
te. Oder mit Emily andere Mütter besuchte. Oder mit ihren Freundin-
nen in den Country Club ging. Sie gönnte es ihrer Mutter. Sie nahm die
Rasierklingen, setzte sich in die halbvolle Wanne und schnitt sich die
Pulsadern auf. Bevor sie den Kopf an den Wannenrand lehnte und ihre
blauen Augen die hereinfallende Sonne auffingen und sie noch lange
leuchten und tanzen ließen, dachte sie noch, ‚Orange ist eigentlich eine
Scheißfarbe.‘

27
Stefanie Boden

Knolpp und Knack

Nach beinahe zwei Jahren Arbeitslosigkeit hatte Roland endlich eine


Stelle gefunden. Er als Geisteswissenschaftler! Es kam einem kleinen
Wunder gleich. Was das nun für eine Stelle war, hätte er kaum sagen
können. Schon die Stellenanzeige war recht vage gewesen: Renommier-
tes Unternehmen in der Informationsbranche sucht Geisteswissenschaftler
mit abgeschlossenem Studium zum nächstmöglichen Termin. Beinahe geis-
tesabwesend hatte Roland auf die Anzeige geantwortet. Es war wohl die
hundertfünfzigste Bewerbung gewesen, ein Sandkorn in der Wüste, wer
wollte da Details wahrnehmen? Als er dann zum Vorstellungsgespräch
eingeladen wurde, konnte er sich kaum an die Anzeige oder an seine
eigene Bewerbung darauf erinnern. Endlich weckte der absonderliche
Klang des Namens ‚Knolpp & Knack‘ eine Erinnerung und er durch-
suchte seine Unterlagen, bis er die Anzeige wiedergefunden hatte. Da
erst fiel ihm auf, dass sie nur wenige oder, genau genommen, gar keine
konkreten Informationen enthielt. Wie sollte er sich auf das Gespräch
vorbereiten? Roland war ratlos. Am Ende reiste er nach Köln, ohne die
geringste Vorstellung von seinem möglichen Arbeitgeber zu haben.
Trotzdem wurde das Vorstellungsgespräch ein voller Erfolg. Die Bü-
ros der Firma befanden sich in einer kleinen Seitenstraße, zu der sich
Roland durchfragte. Er fand schließlich das richtige Haus, stieg die
Treppen hinauf, las die Schilder von Frauenärzten und Rechtsanwalts-
kanzleien an den Türen, konnte aber nirgends ein Schild mit der Auf-
schrift ‚Knolpp & Knack‘ erblicken und stieg schließlich die Treppen
wieder hinab, in der Hoffnung, das Schild bloß übersehen zu haben.
Schon war er fast wieder ganz unten angelangt, da öffnete sich eine der
Türen mit einem plötzlichen Ruck weit vor ihm. Das Schild an dieser
Tür war nun verdeckt und Roland konnte nicht erkennen, was darauf
stand. Ein sehr großer, dunkel gekleideter Mann machte ein überrasch-
tes Gesicht und eine einladende Geste und rief:
„Ach, der Herr Roland. Treten Sie doch bitte ein.“ Seltsamerweise war
Roland überhaupt nicht erstaunt, dass der Fremde ihn sofort erkannt

28
hatte. Es ärgerte ihn vielmehr, dass er sich nicht revanchieren konnte
und er überlegte, ob der Fremde wohl eher Knolpp oder Knack hieß.
Als hätte dieser seine Gedanken erraten, streckte er Roland zur Begrü-
ßung die Hand hin und sagte: „Knolpp.“ Es klang eigentlich nicht wie
ein Name, sondern mehr wie ein Geräusch, wie ein Startschuss, so dass
Roland für den Bruchteil einer Sekunde erschrocken war, bevor er be-
griff, dass der Andere sich ihm vorgestellt hatte. Daraufhin schüttelte er
die feste, trockene Hand und sagte, überflüssigerweise, wie ihm im sel-
ben Moment bewusst wurde: „Roland.“
„Sehr erfreut“, war die strahlende Antwort und Roland entspannte
sich ein wenig.
„Legen Sie doch bitte ab“, sagte Knolpp, kaum dass er eingetreten
war. Roland hatte eigentlich nichts bei sich, das er hätte ablegen kön-
nen, bis auf eine kleine schwarze Tasche. Die stellte er unter den leeren
Garderobenständer neben der Tür, während er sich gleichzeitig in dem
auffällig kargen Raum umblickte.
„Tee? Kaffee?“ fragte Knolpp, der an einem winzigen Tisch in der
Ecke herumhantierte, auf dem Roland eine Kaffeemaschine, einen
Wasserkocher und einige Schächtelchen ausmachen konnte.
„Kaffee, bitte“, sagte er ohne nachzudenken, wobei ihm im selben
Augenblick bewusst wurde, dass er lieber Tee gehabt hätte. Aber das
war wohl unerheblich. Der Kaffee schien bereits fertig gewesen zu sein,
denn kurz darauf drehte sich Knolpp zu ihm um, in den Händen hielt
er ein Tablett und darauf eine Kaffeekanne, Zuckerdose und drei Tas-
sen.
„Gehen wir am Besten ins Besprechungszimmer.“ Er wies mit dem
Tablett auf eine Tür, zu der Roland ihm vorausging, kurz überlegte, ob
er anklopfen sollte, es dann bleiben ließ und die Tür einfach öffnete. Im
‚Besprechungszimmer‘ stand ein kleiner runder Tisch mit drei Stühlen
darum, außerdem ein verschlossener Aktenschrank und ein Schreib-
tisch, an dem ein Mann saß, ebenfalls groß, aber viel korpulenter als
Knolpp. Dieser Mann, Roland hatte keinen Zweifel, dass er Knack hei-
ßen müsse, blickte bei ihrem Eintreten auf und rief, wie ein verspätetes
Echo in exakt dem gleichen Tonfall wie vorhin Knolpp: „Ach, der Herr
Roland.“ Roland begrüßte auch diesen Herrn, der tatsächlich Knack
war, und sie setzten sich um den runden Tisch.

29
„Da wollen wir uns doch gleich einmal Ihre Unterlagen ansehen“,
sagte Knolpp mit lauter, lebhafter Stimme und hielt schon eine Bewer-
bungsmappe in der Hand. Roland erkannte sie nicht wieder, aber es
musste wohl seine sein. Knolpp schlug sie auf und Roland erkannte
auch sein Gesicht auf dem Passbild nicht, wahrscheinlich weil er es ver-
kehrt herum sah.
„Oho!“ rief Knolpp anerkennend oder überrascht, und Knack echo-
te sofort im gleichen Tonfall: „Oho!“ Einen kurzen Moment lang hatte
Roland das Gefühl, im Zirkus zu sitzen und einer Clownsnummer zu-
zusehen. Doch ehe er so recht die Merkwürdigkeit der Situation emp-
finden konnte, nahm Knolpp eine korrekte, nüchterne Haltung an.
„Wie ich sehe“, sprach er, „haben Sie Germanistik und Kunstgeschich-
te studiert. Inwiefern fühlen Sie sich denn nach diesem Studium befä-
higt, für unser Unternehmen tätig zu werden?“ Rolands Gedanken ras-
ten eine Schnellstraße entlang – wo war ein Anhaltspunkt? Was würde
glaubhaft klingen? ‚Unternehmen in der Informationsbranche‘ war der
einzige Hinweis, der ihm einfiel. Schließlich stammelte er etwas von
‚viele Informationen zu verarbeiten gehabt‘ und von ‚interdisziplinärer
Verknüpfung der Inhalte‘. Es schien ihm vollkommen leeres Geschwätz
zu sein. Knolpp und Knack jedoch lauschten gebannt.
Knolpp nickte ihm ständig zu und strahlte vor Begeisterung, Knack
hatte einen geradezu andächtigen Gesichtsausdruck. Roland, während
er nun doch leicht verwundert und beklommen zwischen diesen bei-
den Gesichtern hin- und herblickte, hörte sich selbst nicht zu und wuss-
te eigentlich nicht, was er da redete. Irgendwann, vielleicht gar mitten
im Satz, hörte er einfach auf. Knolpp nickte noch ein paar Mal begeis-
tert in die Stille hinein und sprach dann: „Na wunderbar, Herr Roland.
Dann sind wir uns also einig. Wann können Sie denn anfangen?“ Ro-
land war unfähig zu antworten. Er wusste gar nicht, wie ihm geschah.
Da waren sie also, die Zauberworte. Für ihn völlig unerklärlich. Als er
nicht sofort antwortete, sagte Knack: „Uns wäre es natürlich am liebs-
ten, Sie fingen sofort an.“ „Aber gern“, stieß Roland hervor, ärgerte sich
dann aber, dass er so übereifrig klang. Und nachdem er so geantwortet
hatte, konnte er doch wohl schlecht fragen, worin eigentlich seine Auf-
gabe bestehen sollte. Überhaupt wurde ihm nun bewusst, dass er noch
immer nicht wusste, was für ein Unternehmen ‚Knolpp & Knack‘ war

30
und wofür er sich beworben hatte. Aber er kam nicht weit in seinen
Überlegungen, denn Knack war aufgesprungen und rief: „Das sollten
wir feiern.“
„Oh ja!“ rief auch Knolpp mit kindlicher Begeisterung. Wieder hatte
Roland kurz das Gefühl, Zuschauer einer Zirkusnummer zu sein und
er erwartete geradezu, dass Knolpp in die Hände klatschen und rufen
würde: „Oh ja, lasst uns feiern.“ Stattdessen verfiel er wieder in einen
sachlichen, aber freundlichen Ton.
„Mögen Sie mit uns auf Ihren Eintritt in die Firma anstoßen, Herr
Roland?“ Roland fand, dass er nicht wirklich eine Wahl habe und so
sagte er schlicht: „Sehr gern.“
Wie die nächsten Stunden verrannen, hätte Roland später nicht zu
sagen gewusst. Knack war aufgestanden, hatte den Aktenschrank auf-
geschlossen und eine Flasche Wein herausgeholt – und diese war bei
weitem nicht die einzige Flasche, die sich in dem Schrank befand. Bald
darauf saßen sie lachend, trinkend und erzählend beieinander. Hin und
wieder blickte Roland wie von außen auf die Runde und wunderte sich
darüber, mit wie viel Vertraulichkeit er bei diesen eigentlich wildfrem-
den Menschen saß. Er hatte auch keinerlei Gefühl dafür, ob er an ihrem
Gespräch beteiligt war, und wenn ja, was er ihnen erzählte. Er fühlte
sich eher wie der Zuschauer eines Films.
Irgendwann, es war wohl schon spät am Abend, stand Knolpp auf
und sagte mit schwerer Zunge: „Nun müssen wir Herrn Roland aber
auch seine neue Wohnung zeigen.“
„Richtig“, sagte Knack und erhob sich ebenfalls schwerfällig. Roland
war wohl selbst nicht mehr ganz klar im Kopf. Jedenfalls erschien es
ihm nur natürlich, dass Knolpp und Knack ihn nun zu ‚seiner‘ Woh-
nung führen würden. Zu dritt stiegen sie die Treppenstufen hinab und
standen auf der dunklen Straße. Das Licht der Straßenlaternen fiel
durch das spätsommerliche Laub einzelner Linden. Es war mild.
Als sie die Straße entlang liefen, war Roland bemüht, gerade und in
einem gleichmäßigen Rhythmus zu gehen, was ihm schwer fiel, nicht
etwa weil er zu betrunken gewesen wäre, sondern weil ihn Knolpp und
Knack, die ihn in ihre Mitte genommen hatten, ganz merkwürdig be-
drängten. Knolpp hatte seinen rechten Arm um Rolands Schulter ge-
legt, zog ihn halb fort, halb stützte er sich auf ihn; Knack hingegen

31
hatte sich auf der anderen Seite bei ihm eingehakt. So liefen sie zu dritt
eng umschlungen durch die Stadt. Für Roland war es denkbar unbe-
quem und er versuchte, seine Schritte bald dem einen, bald dem an-
deren anzupassen, so dass er mal weit ausschreitend wie Knolpp, mal
rasch dahertrippelnd wie Knack lief. Auch wurde ihre Gangart immer
schneller, Roland wechselte immer häufiger zwischen langen Sprüngen
und kurzem Gehoppel, und schließlich rannten sie in einem irrwitzigen
Tempo durch die nächtlichen leeren Straßen, wobei Knolpp und Knack
ihn hartnäckig weiter umfasst hielten, ja ihn gar noch stärker zwischen
sich zusammenpressten, so dass Roland fast die nötige Luft zum Atmen
fehlte.
Mit einem Mal bogen sie scharf links ab und rasten in unverminder-
tem Tempo in einen Hauseingang, dessen Tür offen stand, dann eine
Wendeltreppe hinauf. Die Energie, mit der Knolpp und Knack ihn mit
sich fortrissen, war für Roland unfassbar. Vier, fünf, sechs oder noch
mehr Runden waren sie bereits die Wendeltreppe hinaufgestürmt und
noch immer nahm der Lauf kein Ende. Roland wurde es schwindlig.
Knolpp hastete zu seiner Linken mit langen Sätzen die Treppe hinauf
und Knack, obwohl er keuchte und schnaufte, stand ihm in nichts nach.
Rolands Füße berührten kaum noch den Boden. Da endlich hatte ihr
Sprint ein jähes Ende. Alle drei stolperten sie durch eine offene Woh-
nungstür.
Kaum hatte Roland, Zeit ein großes Bett zu erkennen, schon lande-
te er mit weitem Schwung darauf und versank sofort in der weichen
Matratze. Knolpp und Knack breiteten ein schweres Federbett über
ihm aus – ein Berg von bleiernen Daunen, gebügelter Bettwäsche und
Weichspülergeruch. Roland hatte einen Drehwurm und ihm schwirr-
te der Kopf. Über ihm kreisten die großen Gesichter von Knolpp und
Knack wie zwei Vollmonde. Er schloss die Augen und spürte, wie sie
ihm das Kissen zurechtrückten und begütigend seine Wange tätschel-
ten.
„Ich glaube, er möchte jetzt schlafen“, hörte er Knolpps Stimme sagen.
Und Knack antwortete: „Es war ja auch ein anstrengender Tag für ihn.“
Dann, wie ein nachträglicher Gedanke: „Aber er wird sich schnell bei
uns einleben.“

32
Christoph Steier

Kunstraumverletzung

Man könne doch aber kein Kunstwerk ficken, polterte der alte Grau-
berg dazwischen, während er sich verschwitzt die Krawatte löste. Irr-
sinn, überhaupt sei die ganze Geschichte ein einziger Irrsinn! Einige der
jüngeren Anwälte zuckten, sie waren weder das viele Bier noch die derbe
Rede nach den langen Verhandlungstagen gewohnt.
Die Luft im amtsgerichtlichen Member’s Club wurde schwer. Man
war bei der vierten Runde, längst ruhten blütenweiß gestärkte Hemds-
ärmel auf dem biergetränkten Tisch. Unbeachtet rückte der Zeiger ge-
gen Mittemacht. Die Fenster waren leicht beschlagen, verschwommen
spiegelten sich die erhitzten Gesichter der üblichen Mannschaft.
Ja eben, deshalb sei dieses ganze Verfahren gegen den Michalski ja
auch eine Farce, rechtlich völliges Neuland! Überhaupt nur deshalb
hielten sich doch die Medien so zurück, mutmaßte nun Schlaufenbach,
der mit dem Aufbringen der Geschichte ein drohendes Gesprächsloch
gestopft hatte. Dass man aber diesen Bauern nicht einfach ungestraft
auf eine Frau springen lassen dürfe und alles in letzter Instanz – Para-
graphenmangel hin oder her – auf versuchte Vergewaltigung hinauslau-
fe, warf daraufhin der Trainee ein und winkte nach der Kellnerin.
Versuchte Vergewaltigung, Kunstwerk ficken. Paragraphenman-
gel? Klingt interessant! Unbemerkt war Staatsanwalt Krüger an den
Tisch getreten, hatte mit spitzen Fingern einen Hocker herangezogen
und blickte erwartungsfroh über die randlose Brille. Erzählen Sie mal.
Krause!
Woraufhin dieser, freilich nicht ohne zunächst die absolute Exklusi-
vität dieser nur off the records erhaltenen Details zu betonen, zur Erzäh-
lung des ersten je verhandelten sexuellen Übergriffs auf ein Kunstwerk
durch den Wattenhuder Busführer Werner Michalski im Hamburger
Arthaus anhob.
Im vergangenen Spätherbst sei der damals fünfzigjährige Michalski
als Fahrer einer Seniorengruppe in Hamburg unterwegs gewesen. Nach
eigenem Bekunden habe er in seiner Mittagspause, allein und völlig ah-

33
nungslos, bloß aus Schutz vor einem plötzlichen Regen, ein Nebenge-
bäude des Arthauses betreten. Weder sei ihm die Funktion des Hauses
noch der Umstand des dort gerade stattfindenden Performancefestivals
bekannt gewesen, was Krause beim Erzählen um die Pointe bereichern
konnte, der Staatsanwalt habe Michalski in der ersten Anhörung über-
haupt erst über den Begriff Performance aufklären müssen. Wie auch
immer, die Auswertung der Überwachungskameras habe ergeben, dass
Michalski nach seinem Eintritt ins Foyer um 13.16 Uhr offenkundig
orientierungslos durch die Ausstellung gestreift sei, um schließlich vor
einer abseitigen Tür zu verharren. Das Videomaterial zeige eindeutig,
dass Michalski mehr als drei Minuten ein an der Tür angebrachtes Pla-
kat studiert habe, welches Minderjährigen den Zutritt versagte, und
schließlich, um 13.31 Uhr, den Raum betreten habe. Leider sei mit
dem Eintritt Michalskis die bis dahin lückenlose Aufzeichnung unter-
brochen worden, bedauerte Krause und griff nach seiner Zigarre. Nach
einem tiefen Zug fuhr er fort und fast schien es, als tanzten seine Worte
auf den blauen Kringeln.
Ja, ausgerechnet jene entscheidenden acht Minuten, während derer in
dem Busfahrer der Entschluss zu seiner Tat – sofern man eben von einer
Tat sprechen könne – herangereift sei, müssten nun ohne Videomaterial
rekonstruiert werden. Merkwürdigerweise habe Michalski nämlich ge-
schlagene acht Minuten im toten Winkel der Raumkamera, also direkt
an die Tür gepresst, verbracht. Abgesehen von der bei Michalskis Ein-
tritt um 13.31 Uhr kurz im unteren Bildrand auftauchenden Türspitze
habe die Kamera bis 13.39 Uhr ein unverändertes Bild gezeigt – eben
die Installation der umstrittenen Künstlerin.
An der Stirnseite des Zimmers habe ein weißmetallenes, quadrati-
sches Himmelbett gestanden. Der aus weißem Tüll drapierte Himmel
habe die Sicht der in etwa 4,50 Meter Höhe installierten Kamera etwas
getrübt, dennoch hätten sich klar die unbekleideten Umrisse der Künst-
lerin abgezeichnet. Diese sei, alle vier Glieder fast schmerzvoll von sich
gestreckt, an die vier Bettpfosten gefesselt gewesen und habe eine wal-
lende Perücke, einen Knebel sowie eine Augenbinde getragen. Auf dem
Video nur als über der linken Brust grell zuckender Fleck zu erkennen,
habe in der Realität ein rot blinkendes Herz gehangen.
Ferner habe, allerdings im toten Winkel, ein umbrafarbener Automat

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im Zimmer gestanden, der auf Einwurf eines Euros ein rot blinkendes
Kondom ausgespuckt und blechern next please getönt habe.
An dieser Stelle betonte Krause noch einmal das Unglück der Auf-
zeichnungslücke, woraufhin die seit der Schilderung der obszönen In-
stallation in Bewegung geratene Zuhörerschaft räuspernd auf Fortfüh-
rung drängte. In Krauses Schläfen sammelte sich das Blut, hastig nahm
er die Erzählung wieder auf.
Sicher sei eben nur, was die Kamera aufgezeichnet habe. Plötzlich,
nach acht bewegungslosen Minuten, sei Michalski mit entblößtem Hin-
tern ins Bild getreten. Aufgrund der bis zu den Knien herabgezogenen
Hose habe er nur langsam gehen können. Nach Erreichen des Bettes
habe er umständlich auf die Künstlerin zu steigen versucht. Diese habe
daraufhin mehrfach den Alarmknopf gedrückt und Michalski durch
laute Geräusche von seinem Vorhaben abzubringen versucht. Der aber,
so ein Depp, habe das durch den Knebel verzerrte Stöhnen als Ermu-
tigung verstanden und munter weitergemacht. Der habe wohl gedacht,
er sei mal wieder im Puff gelandet! Nach etwa dreißigsekündigem Rin-
gen zeige die Kamera, wie Michalski von zwei Wachleuten in den toten
Winkel gezerrt werde.
Hier brach Krause ab, trank sein Glas in einem Zug leer, zuckte mit
den Schultern und brachte umständlich seine Zigarre wieder zum Glü-
hen. Die Runde saß schweigend da. Man lehnte sich entspannt zurück
und sann mit verschränkten Armen auf passende Paragraphen, Präze-
denzfälle, Möglichkeiten, das Unfassbare per Gesetz zu fassen. Ergeb-
nislos schwirrten die Fragen durch den Raum. Hatte Michalski wirk-
lich alles für ein Bordell gehalten und war unschuldig? Welchen Sta-
tus hatte die Künstlerin? Hatte sie Michalski provoziert? Wo ging der
Raum der Kunst in den der Wirklichkeit über – und wer bewachte diese
Pforte?
Gerade versiegte das Gespräch, als Krause noch einmal tief inhalier-
te und in seinen Dunst etwas von einem Interview mit der Künstlerin
murmelte. Sessel quietschten, man beugte sich noch einmal vor. Die
Künstlerin habe allerstrengste Strafverfolgung gefordert und sei nicht
müde geworden, auf den postfeministischen Hintergrund ihrer Instal-
lation hinzuweisen. Angeblich entspreche dieser Vorfall haargenau dem
von ihr kritisierten männlichen Verhalten – Verfügbarkeit, Gewalt, das

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übliche Gerede! Krause winkte müde ab, während die Kollegen sich
unter zustimmendem Nicken zurückfallen ließen und vereinzelt selber
schuld murmelten. Krüger, der die ganze Erzählung über hinter Krau-
se gehockt hatte, erhob sich, schüttelte gedankenverloren den Kopf, be-
sann sich und spendierte eine Runde. Beim Toast kam endlich der lang
ersehnte Vorschlag auf, den Abend doch im St. Tropez bei schwerem
Wein und leichten Mädchen ausklingen zu lassen. Als Krause daraufhin
heiser lachend fragte, ob nicht vielleicht auch das Arthaus noch geöffnet
sei – wie köstlich! – kochte die in Erwartung des Kommenden ohnehin
schon euphorische Stimmung fast über.
Unter allerlei Gelächter und Schulterklopfen brach man zur Gardero-
be auf. Die Scheiben waren nun völlig beschlagen, nur das dumpfe Not-
licht schimmerte grünlich zurück.

36
Daniel Windheuser

FLIEDERFARBEN
hinter aschgrau
ein Wort
ein kleiner Blick
und jeden Tag
ein Gedicht
in fallender
Tendenz
du webst
das Frühstück
ich fälle den Ton
und sonntags
fangen wir
den Nachbarn
mit Netzen
aus Klatschmohn
und wenn es
dunkel wird
bemale ich einzeln
die Härchen
deines Nackens
goldfarben
auf der Veranda
bei morschem Holz
und lila Duft
während vom Dach
die Ziegel fallen
lautlos ins Gras

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DAS UNGESTALTE
das wartet
vor dem Rahmen
hinter Glas
auf dich
von dem man sagt
es habe keine Worte
nur Taten
und Hände
und Augen
erwartungsvoll
blickt es auf Holz
fest umklammert
berührt die Luft
atmet
und Innen
hier
in dir
schnarrt etwas
das du nicht
bestellt hast
schnarrt
in fremden Zungen
spricht unverstanden
aber gehört
wie Fingerspitzen
die im Rhythmus
der Muskeln
vibrieren
während draußen
das Tageslicht
abrutscht
an den Farben
der Welt

38
SEIT WOCHEN regnet es
ein dicker Mann lacht
und wenn man die Hand
auf die Wiese legt
verschwindet sie
im braunen Wasser
die Wände sind feucht
es riecht nach dunklem Holz
die Schlingpflanzen
haben die Regenrinne
erreicht und in meinem
Waschbecken wohnt
eine Kröte in deren
schwarzen Augen sich die
Nester in meinem Bart
und die Löcher in der
Decke spiegeln
sie zählt die Schritte
auf der Treppe mittels
Kreide und einer
Schiefertafel und
wenn es an der Türe klopft
singt sie die Marseillaise

39
Franziska Wilhelm

Der in der dunkelblauen Turnhose

Seit sie denken konnte, hatte sie sich immer zu hässlichen Dingen hin-
gezogen gefühlt. Sie mochte die tristen Wohngebiete am Stadtrand mit
den grauen Hochhausblöcken, den bröckelnden Fassaden und den Wä-
scheleinen vor den Fenstern. Immer, wenn sie an den leuchtend rot ge-
ziegelten Fachwerkhäusern ihrer Stadt entlang ging, verspürte sie eine
seltsame Sehnsucht nach Beton. So oft sie konnte, verreiste sie. Die
Orte, die sie besuchte, waren entlegene Kleinstädte oder die Randbe-
zirke großer Metropolen, wo die Unterkünfte billig waren und selten
überfüllt. Tagsüber strich sie durch das Viertel auf der Suche nach Post-
karten. Einmal fand sie eine, die über zwanzig Jahre alt war, keiner hat-
te sie kaufen wollen. Seit einiger Zeit machte sie auch Fotos – von ihren
Herbergen, den Wohnhäusern und Trockenplätzen. Sie hatte sich eine
neue Kamera gekauft. „Die macht wunderbare Naturaufnahmen“, hat-
te der Verkäufer gesagt.
In einer Herberge weit außerhalb der Stadt lernte sie auch ihn kennen.
Er hatte in einem braunen Sessel vor dem Fernseher gesessen und nichts
weiter als eine kurze, dunkelblaue Turnhose getragen, mit einem grü-
nen Streifen an der Seite. Hinter ihm stehend betrachtete sie sein dich-
tes blondes Haar, die sehnigen Unterarme und die staubgrauen Beine.
Als er sich plötzlich zu ihr umdrehte, zuckte sie leicht zusammen. Er
schaute sie an, dann hielt er ihr, ohne ein Wort zu sagen, eine Tasse mit
Sonnenblumenkernen hin. Er konnte sie öffnen und herunterschlucken,
ohne die Finger zu benutzen. Die Schalen spuckte er in eine zweite Tas-
se. Sie versuchte, es ihm nachzumachen, schob sich einen der salzüber-
zogenen Kerne zwischen die Zähne, biss und spuckte. Die Schale blieb
in ihrem Mund, der Kern fiel in die Tasse. Sie versuchte es noch ein
paar Mal, aber es klappte nie. Er lachte. Es war ein offenes, freundliches
Auslachen mit einem Rest Sonnenblumenkern am Zahn. Sie fühlte, wie
ihre Wangen erröteten.
„Komm!“ sagte er in einer Sprache, die sie nicht sprach, und stand
auf. Er schlüpfte in seine Turnschuhe und warf sich ein T-Shirt über die

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Schulter, dann gingen sie zusammen die Straße hinunter, wo die Stadt
in einem sandigen Fußballplatz endete. Dort wartete bereits ein anderer
Junge auf sie. Er hatte langes braunes Haar und trug eine grüne Turn-
hose. Vor seinen Füßen lag ein Fußball, gegen den er immer wieder
leicht kickte und ihn dann mit der Ferse zurückholte.
Der Blonde deutete auf eine große Betonröhre, auf die sie sich setzen
konnte, dann ging er über den Platz zu dem anderen Jungen. Sie schaute
den beiden zu, beobachtete, wie der Staub aufwirbelte, jedes Mal wenn
sie um den Ball rangen. Sie fühlte, wie die warme Abendsonne ihr über
die Arme strich. Auf der anderen Seite des Fußballfeldes warfen die
Hochhäuser bereits Schatten. Sie holte ihre Kamera aus der Tasche und
begann zu fotografieren. Immer wieder drückte sie auf den Auslöser.
Alles, was sie fotografierte, schien sich von einer auf die andere Minute
zu verändern. Der Platz tauchte in ein steinernes Orange, dann in ein
brennendes Rot, bis er plötzlich dunkelblau war, wie die Turnhose des
Blonden.
Irgendwann setzten sich die beiden zu ihr auf die Betonröhre. Der
Dunkelhaarige hatte Bier besorgt und reichte ihr eine Flasche. Ihre Lip-
pen fühlten sich trocken an. Sie trank und behielt das Bier ein biss-
chen im Mund, bevor sie es herunterschluckte. Der Blonde kramte eine
kleine Tüte voll Sonnenblumenkernen hervor. Mit einem Augenzwin-
kern bot er sie ihr an, sie schüttelte nur den Kopf. Doch er ließ nicht
locker. Immer wieder machte er ihr vor, wie man die Schale knackte.
Man musste den Kern erst hochkant zwischen die Zähne schieben, zu-
beißen und dann mit der Zunge die Hülse abtrennen und ausspucken.
Bei den beiden Jungen sah es unglaublich einfach aus. Sie versuchte es.
Die Hälfte der Schale landete vor ihr auf dem Boden, die andere blieb
am Kern und ihrer Zunge kleben. Sie wollte sich keine Blöße geben,
schluckte trotzdem, verschluckte sich, hustete und spuckte alles wieder
aus. Die beiden Jungen lachten. Sie probierte es noch ein paar Mal, aber
es klappte nie. Da entschied sie sich, die Kerne einfach ganz herunter zu
schlucken, mit der Schale. Der Blonde schüttelte nur den Kopf. Dann
begann er, mit seinen Händen ein paar Kerne aus der Schale zu pulen,
und reichte sie ihr.
Als sie nach Hause gingen, waren sie ganz allein auf der Straße. Sie lie-
fen nebeneinander, ohne ein Wort zu sagen. Der mit der grünen Turn-

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hose hatte sich vor einer Kneipe von ihnen verabschiedet. Sie begann,
eine Melodie zu summen, er kickte ein kleines Steinchen vor sich her.
Ein paar Mal schaffte sie es, ihm den Kiesel vor den Füßen wegzuschie-
ßen. Dabei schlug ihr jedes Mal eine kleine Sandwelle vorn in die San-
dale. Vor der Tür der Herberge zog sie ihn an sich ran und küsste ihn. Er
lachte sein Sonnenblumenkernlachen und nahm ihr Gesicht zwischen
beide Hände.
Unten an der Hauptstraße fuhr der letzte Bus vorbei. Sie wusste, dass
es der letzte war, denn sie hatte vorgehabt, mit ihm zur Herberge zu-
rück zu fahren. Sie legte ihre Hände um seine, die noch immer ihr Ge-
sicht umfasst hielten. So wollte sie mit ihm nach oben gehen, doch dann
mussten sie erst die Eingangstür aufschließen. Er fand sich im Haus
auch ohne Licht zurecht. Sie überlegte, wie er zu dieser Pension gehörte.
Er hatte ja hier auf dem Sessel gesessen. Ob er hier arbeitete? Mit seinen
Händen fragte er, ob sie Hunger hatte. Sie nickte und er führte sie in
eine kleine Küche. Er suchte ein bisschen in den Schränken und fand
Brot und eine Dose mit Schmelzkäse-Ecken in Silberfolie. Er hielt ihr
die Dose hin, sie fischte sich eine Ecke heraus.
Plötzlich hörten sie ein Geräusch. Jemand kam die Treppe herunter.
Schnell schob er den Stuhl ein Stück beiseite, sie sprang unter den Kü-
chentisch. Kaum, dass er den Sitz wieder an seine Stelle und sich selbst
davor gestellt hatte, kam die Herbergsfrau zur Tür herein. Sie trug dre-
ckige, samtrote Nachtpuschen und einen Morgenmantel. Die Wirtin
sagte etwas zu ihm und es klang nicht besonders freundlich. Dann gin-
gen die Nachtpuschen auf den Tisch zu. Sie schluckte und hielt sich
hinter seinen und den Stuhlbeinen die Hand vor den Mund. Doch die
Herbergsfrau nahm dem Blonden nur die Dose mit den Käse-Ecken ab.
Sie stellte sie in den Schrank zurück und verließ, schläfrig vor sich hin-
murmelnd, den Raum.
Als sie weg war, beugte er sich zu ihr herunter, um ihr unter dem
Tisch hervor zu helfen. Sie hielt immer noch den Käse und als er ihre
Hand fasste, platzte das Silberpapier zwischen ihren Handflächen, so
dass ihnen die weiche Masse zwischen die Finger glitt. Er betrachtete
seine Schmelzkäsehand und lachte, sie lachte auch, ein etwas vorsich-
tigeres Lachen, wegen der Herbergsfrau. Sie griff nach einer Serviette
zum Abwischen, aber er schnalzte nur mit der Zunge und hielt ihren

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Arm fest. Dann begann er, ihren Handteller abzulecken. Sie griff mit
ihrer freien Hand nach einem Stückchen Brot und schob es an seinem
Zeigefinger entlang nach oben, dann steckte sie es sich in den Mund. Er
nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände, wie er es zuvor an der Haustür
getan hatte, und verschmierte dabei ihre Wangen mit Schmelzkäse. Sie
wollte sich die klebrige Masse abwischen, doch da fing er schon an, sie
zu küssen.
Er wusste, in welchem Zimmer sie untergebracht war, und sie folgte
ihm einfach durch den unbeleuchteten Flur. Sie gab ihm ihren Zim-
merschlüssel und er öffnete. Im Dunkeln ließen sie sich auf das Bett fal-
len. Die Tageswärme, die noch im Raum war, legte sich wie eine filzige
Decke über sie. Sie spürte seine Hand auf ihrem Schenkel und die Fe-
dern der alten Matratze im Rücken. Sein Haar war weich. Sie küsste ihn
und wischte dabei mit dem Daumen kleine Schweißtröpfchen von sei-
nen Schläfen. Er erhob sich, um das Fenster zu öffnen, aber die Nacht-
luft war zu warm, um Kühlung zu verschaffen.
Während sie sich ihre sandigen Sandalen abstreifte und das T-Shirt
auszog, überlegte sie, ob sie nicht duschen sollte, doch da war er schon
wieder, küsste sie, auf die Stirn, auf ihr Kinn, auf den Mund, grub sei-
ne Arme unter ihren Rücken und legte seine eigene sandige, über die
dunkle schwere Wärme des Zimmers. Sie spürte, wie sie immer weiter
in die durchgelegene Matratze einsanken. Irgendwann würden sie darin
verschwunden sein, genau wie die Sonnenblumenkerne im Mund des
Blonden oder das Knattern des Mopeds, das gerade unten auf der Stra-
ße vorbei fuhr.
Als sie am Morgen aufwachte, war es noch immer dunkel im Raum.
Er musste die Vorhänge zugezogen haben. Sie tastete neben sich und
fand das Bett leer. Mit Anstrengung richtete sie sich auf, ging zum Fens-
ter und öffnete es. Sie fühlte die Nacht noch seltsam schwer an ihrem
Körper hängen, jetzt bei Tageslicht kam sie ihr unwirklich und fremd
vor. Verschlafen stellte sie sich unter die Dusche, doch aus dem Dusch-
kopf tröpfelte nur ein schwaches Rinnsal. Einen Moment lang überlegte
sie, ob sie die Herbergsfrau rufen sollte, doch dann erinnerte sie sich an
die roten Samtpuschen und wie sie sich letzte Nacht vor ihr unter dem
Küchentisch versteckt hatte und es war ihr peinlich. Heute war ohne-
hin ihr letzter Tag, gegen Abend würde sie schon zu Hause ein Bad neh-

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men können. So gut es ging, wusch sie sich am Waschbecken, dessen
Wasserhahn funktionierte, dann packte sie ihre Sachen zusammen. Sie
hatte keine saubere Jeans mehr, aber es war egal, sie würde sich einfach
schnell davon machen und keiner würde sie sehen, auch er nicht. Mit
ihrem Rucksack auf dem Rücken schlich sie die Treppe hinunter.
Unten stand die Herbergsmutter, die ihre Puschen gegen ein paar
Sommerschuhe mit Holzsohle getauscht hatte. Die Wirtin wünschte ihr
ein lautes „Guten Morgen!“ Dann zeigte sie ihr den Frühstücksraum.
Als sie sagte, dass sie nichts essen mochte, wollte die Herbergsfrau da-
von nichts wissen. „Frühstück inklusive“, sagte sie, fasste mit ihrer kräf-
tigen Hand um ihren Arm und führte sie bestimmt zu einem der Tische.
Es gab Brötchen, Marmelade und Schmelzkäse-Ecken. Sie lächelte die
Wirtin vorsichtig an und begann, das Brötchen aufzuschneiden. Plötz-
lich sah sie ihn. Er hielt einen Wischmob und einen Eimer in der Hand.
Doch noch bevor sie etwas sagen konnte, hatte ihn die Herbergsfrau mit
strengem Ton aus dem Speisesaal herausgeschickt. Nur einen kleinen
Blick hatte sie erhaschen können.
Nach dem Frühstück zahlte sie, doch bevor ihr die Wirtin das Rück-
geld herausgeben konnte, schrillte das Telefon. Die Herbergsmutter ver-
schwand im Hinterzimmer. Kaum dass sie weg war, erschien er in der
Eingangshalle. Er hielt einen kleinen Fotoapparat in der Hand und deu-
tete ihr, sich auf den Treppenabsatz neben das Tischchen mit dem fal-
schen Blumengesteck zu stellen. Sie fühlte sich unwohl, von ihm fo-
tografiert zu werden, sie war doch die Fotografin. Außerdem waren
ihre Haare nicht gewaschen und ihre Jeans dreckig. Er hob den Finger,
drückte auf den Auslöser, dann kam er zu ihr.
Mit ein paar Worten, die sie nicht verstand, stellte er sich neben sie
und fotografierte sie beide mit ausgestrecktem Arm. Er trug ein Hemd
und hellblaue Jeans. Es schien, als habe er sich für dieses Foto zurecht
gemacht. Sie fand, er sah fürchterlich aus. Kaum, dass er das zweite Bild
geknipst hatte, erschien auch schon die Herbergsfrau, um ihr das Rück-
geld zu geben. Zwischen ihrer runden Stirn und den vollen Wangen
entdeckte sie plötzlich seine Züge in ihrem Gesicht. Es war ihr vorher
nicht aufgefallen, dass sie sich ähnelten. Mit gespielter Gleichgültigkeit
schnallte sie sich ihren Rucksack auf und ging zur Tür, ohne sich noch
einmal umzusehen.

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Später im Zug versuchte sie zu lesen. Aber sie konnte sich nicht auf ihr
Buch konzentrieren. Eine Weile kramte sie in ihrer Tasche, um nach ih-
rem alten Discman zu suchen, dann holte sie jedoch ihre Kamera hervor.
Sie begann, aus dem Zugfenster heraus Fotos zu machen: Von Wiesen,
Böschungen, Bahnhöfen und Straßenzügen. Immer wieder drückte sie
auf den Auslöser, selbst als der Film voll war, knipste sie weiter.
Irgendwann beugte sich ein alter Mann zu ihr und meinte, das Kli-
cken der Kamera störe ihn beim Lesen.
„Oh“, sagte sie und steckte die Kamera in ihre Tasche. Er schaute sie
freundlich an und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß
von der Stirn. „Es ist eine Hitze in diesen Tagen und dabei haben wir
schon September“, sagte er. Sie antwortete nichts, nickte nur und schau-
te aus dem Fenster, wo das warme Rot der Abendsonne bereits links und
rechts an kleinen, spitzen Vorstadtdächern herunterfloss.

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Lena Hammerschmidt

Leckermäulchen. Vanille.

Zwischen den Kühlregalen ist es angenehm. Ein Schritt zu weit nach


links oder rechts und Jule kriegt Gänsehaut. Aber genau in der Mitte,
zwischen den Milchprodukten auf der einen und dem eingeschweißten
Fleisch auf der anderen Seite, genau in der Mitte, geht es. Der Schweiß
auf Jules Stirn und am Rücken ist getrocknet. Dirk hat mehrere Quark-
becher in der Hand. Er betrachtet sie kritisch und schüttelt abschätzig
den Kopf. „Käsekuchengeschmack, Waldmeister, Vanilla auf Erdbeer,
Himbeere, Limone … ich glaub’s nicht. Jule, kannst du dir das vorstel-
len? Wer zum Teufel will denn so ’nen Scheiß?“ Dirk liest mit großer
Abscheu, als wären es die Namen ansteckender Krankheiten. Dirk hat-
te diesen Tick schon immer. Er zelebriert die Auswahl jedes Mal und
spricht so laut, dass fast alle Leute im Laden ihn hören können. Dabei
ist es doch nur Quark. Er wirft die Becher zurück ins Regal und greift
sich zwei andere, die er Jule vors Gesicht hält: „Vanille-Geschmack, das
einzig wahre Leckermäulchen!“ Er nickt bedeutsam und Jule hat es ei-
lig, zur Kasse zu kommen. Sie friert.
Dirk stellt die Becher auf das Kassenband und kramt in den aus-
gebeulten Taschen seiner Hose. Eine Münze fällt auf den Boden und
rollt unter ein Regal. Dirk grinst. Als Jule die Lücke zwischen den Vor-
derzähnen sieht, muss sie lächeln. Dieses Mal, ohne sich anzustrengen.
Dirk beugt sich zu ihr und küsst sie auf die Wange. Er kramt noch im-
mer. Jule beobachtet die alte Frau vor sich, die gerade Katzenfutter auf
das Band stapelt. In ihrem Einkaufskorb sitzt ein kleiner Hund mit ei-
ner roten Schleife im Haar. Leise redet die Frau mit ihm und Jule fragt
sich, ob der Hund getröstet werden muss, weil er bei diesem Einkauf
kein Futter bekommen hat oder ob das Katzenfutter für ihn ist. Ein
Pfiff erschreckt den Hund so sehr, dass er zusammen zuckt.
„Ey, da ist Holzer. Ich geh schon ma’ raus. Bezahlst du?“ Jule nickt.
Dirk drängelt sich unsanft an der Frau vorbei und der Hund wackelt
in seinem Korb. Dirk und Holzer begrüßen sich. Handschlag, Umar-
mung, Handschlag. Jule holt ihre Geldbörse aus der Tasche. Sie tut es

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mit einer Vorsicht, als nähme sie nicht ihre eigene, sondern die der Frau
vor ihr. Es wäre leicht, in den Korb zu greifen, der Hund würde sicher-
lich nicht bellen. Draußen gestikuliert Dirk wild und zündet sich eine
Zigarette an. Holzer runzelt die Stirn und tippt Nachrichten in sein
Handy. Als Jule bezahlen muss, legt sie schnell den 100-Euro-Schein
auf das Band und lächelt entschuldigend. Dirk hat es nicht gesehen.
Handschlag, Umarmung, Handschlag und Holzer ist weg, bevor Jule
aus dem Supermarkt kommt. Die Rolltreppe fährt die beiden langsam
in die Sommertemperaturen.
Vor dem Bahnhof drückt die heiße, schwere Luft. Jule steuert eine
Bank an. Sie weiß, dass Dirk ihr folgt, ohne dass sie sich umdrehen
muss. Als sie sitzen, reicht sie ihm seinen Quark. Dirk holt einen Löf-
fel aus seiner Tasche. Jule sieht ihn mit großen Augen an. „Keine Panik,
hab ich sauber gemacht.“ Ihr ist der Appetit vergangen. Dirk zieht vor-
sichtig die silberne Folie ab, leckt den Quark an der Innenseite des De-
ckels ab und verrührt dann den Inhalt des Bechers zu einer cremigen
Masse.
Jule beobachtet die Menschen, die aus dem Bahnhof kommen. Die
Hitze liegt schwer auf den Gesichtern. Die Kinder quengeln und die Al-
ten wischen sich die Stirn. „Jule, wat ’ne Farbe hat Vanille?“ Jule hört
Dirk, weiß aber nicht, was die Frage soll. Er tritt ihr vorsichtig auf den
Fuß. Jule horcht auf und sieht ihn an. „Jule, los, denk ma’ nach …“
„Gelb?“ Dirk versucht, ein enttäuschtes Gesicht zu machen, doch ei-
gentlich freut er sich über ihre Antwort.
„Oh Jule Mann, bist denn genauso doof wie die Westler, Mensch? Na,
Vanille hat gar keene Farbe. Eigentlich is’ es ja schwarz. Also die Scho-
ten. Und die Blüten sind gelb, haste schon recht. Aber an sich, also der
Geschmack, hat natürlich keene Farbe. Aber die Westler, Jule, die sind
genauso bekloppt wie du.“
Jule versteht gar nichts mehr. Vanille. Gelb. Schwarz.
„Also, hör zu. Ich hab ma’ gehört, dass Leckermäulchen im Westen
überhaupt nicht erfolgreich war, weil es zu weiß war.“ Jule wird klar,
dass sie sehr dumm guckt, doch bevor sie ihre Gesichtszüge geändert
hat, fährt Dirk mit seiner Erklärung fort. „Na, kannste dich noch erin-
nern? Früher war Leckermäulchen doch so richtig weiß, oder? Im Wes-
ten kennen die Vanille aber nur gelb. Also haben sie’s nich’ gefressen.

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Egal welchen Joghurt du dir da kaufst – wenn der Vanille ist, dann is’
der bei denen gelb. Weil die den extra so färben. So ’ne Idioten.“
Jule macht große Augen. Eine typische Dirk-Geschichte. „Also, wat
machen die von Leckermäulchen? Färben den Scheißquark gelb und
sieh an: Die Verkaufszahlen stimmen. Ich sag ja: Alle wollen immerzu
verarscht werden.“
Jule lächelt. Dirk hat ihr ein bisschen gefehlt. Sie wird nicht fragen,
woher er die Geschichte hat und ob es wirklich stimmt, was er sagt.
Man muss ihn nehmen, wie er ist. Vor allem, solange er gute Laune
hat.
„Ey Jule, guck mal da drüben, Thrombo-Tom.“ Auf der anderen Sei-
te der Straßenbahnschienen humpelt ein Junge von einem Wartenden
zum nächsten. Die Leute, die er anspricht, schütteln den Kopf und ver-
suchen krampfhaft, ihn nicht anzusehen. Er sieht noch kaputter aus, als
Jule ihn in Erinnerung hat. Er läuft gebückt, hält sich den Bauch und
ist dünner geworden. Jule läuft Schweiß zwischen den Brüsten entlang.
Tom trägt lange Hosen. Einmal hat Jule sein Bein gesehen.Zwei Mäd-
chen in bunten Kleidern weichen Tom aus und überqueren die Schie-
nen. Als die beiden an Dirk und Jule mit ihren Absatzschuhen vorbei-
klappern, weht ein schwacher Parfumduft mit.
Dirk lacht, als er den letzten Quark auskratzt. Die Bahn kommt. Dirk
wirft den leeren Becher weg und steckt den Löffel wieder ein. Jule setzt
sich ans Fenster. Der Sitz fühlt sich klebrig an. Sie kann sehen, wie Tom
sich suchend umblickt. Dann humpelt er Richtung Westeingang, wo
Holzer, an einen Fahrradständer gelehnt mit den Händen in den Ta-
schen auf ihn wartet.
In der Bahn schreit ein Baby. Es ist in einem Tuch vor den Bauch sei-
ner Mutter gewickelt. Die kleinen fleischigen Ärmchen und Beinchen
rotieren und sein Gesicht ist rot und verkrampft.
„Ist die neu?“ Dirk umklammert Jules Armgelenk und betrachtet ihre
Uhr.
„Ja“, antwortet Jule. „Von meiner Mutter.“
Es bleibt ihr noch eine halbe Stunde, bis sie im Schuhladen sein
muss.
„Sieht schick aus.“ Dirk lächelt. Jule lächelt zurück. „Schön, dass du
wieder da bist.“

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Jule nickt. Ihre Gedanken sind bei ihrer Mutter und deren strengem
Gesicht mit den traurigen Augen. Sie muss pünktlich sein.
„Jule, ich will noch mal schnell ins Choppi, muss ein bisschen was
klären und ich will mich mal duschen. Scheißhitze. Willste mit? Ich
mein, vielleicht willste den ganzen Leuten mal Hallo sagen oder so. Die
finden bestimmt total super, dass du’s geschafft hast. Voll weg, Mann.“
Jule muss schlucken und an Hannes aus der Therapie denken. Fast
jedes Mal beim Morgengespräch hat er gesagt: Wenn ihr mich dann
wirklich braucht, werde ich nicht da sein. Jetzt weiß sie, was er meint.
„Nee. Lass mal. Ich glaub, das wird zu knapp. Ein anderes Mal.“
„Na, okay. Ich kann denen ja Grüße sagen.“
Jule hat Angst, dass der Quark in ihrer Tasche ausgelaufen sein könn-
te und schaut nach. Der Deckel ist noch unbeschädigt und Jule drückt
Dirk den Becher, der längst seine Kühltruhentemperatur verloren hat,
in die Hand. „Schenk ich dir. Ich mag es eigentlich gar nicht so.“
Die Bahn wird langsamer und Dirk schaut Jule von der Seite an. Die
Türen öffnen sich, er springt die drei Stufen hinunter. Draußen zündet
er sich eine Zigarette an und ruft dann zu Jule in die Bahn zurück: „Wir
sehen uns doch demnächst, oder?“ Jule nickt eifrig.
Als das Warnsignal der Türen ertönt, presst Jule ihre Tasche mit der
linken Hand fest vor ihren Bauch und krallt die rechte in den klebrigen
Sitz. Erst als die Bahn schleppend angefahren ist, lässt sie los.

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Katrin Merten

Nach dem Hunger

Nach dem Hunger


Davon
Mit der Hälfte
Keinmeingeruch
In deiner Hand
Zeit
Zwischen Türen
ohne Worte
ohne Namen
Mut im Moment
Dann gehn
Beton unter Barfuß
Als Fremde
Unterwegs

Glaube mir

Ich hätte gern


Den Weg genommen
Von dem du sprachst
Hinter dem Pappelhain
Am Fluss entlang
Nach Norden

Unterwegs
Ein Berg am nächsten
Nichts glich
Dem Bild deiner Worte
In meinem Kopf

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Du hast für mich
Die Laube hergerichtet
Und stehst an der Hecke
Die Hecke steht noch
Ich stehe vor dir
Und spreche fremd.

Hände sind Häfen

Hände sind Häfen


Bei einander anzulegen

Meine Hände sind


Der Anfang von mir
Dahinter lebe ich

Wenn es lichtarm ist


der Tag nicht mehr Tag
die Nacht noch nicht Nacht
werde ich mich verkriechen
in deinen Körperhöhlen

Hauthüllen sind Grenzland


Finger streunen im Sperrgebiet
Wir sind einander Besuch

Hände sind Häfen


Bei einander anzulegen

Wir werden suchen


Dann streicheln
Dann reiben immerzu

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Mit Händen die wir später
Umeinander gefaltet
Mit uns herumtragen
Die ungefragt an Armen stecken
Und im selben Rhythmus pendeln

Hände die
Des Aufbruchs träge
Lange kein Besuch mehr sind

Hände ablegt im Umland


Arme werden ihre Parallelität verlieren

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Lena Hammerschmidt

Neuschnee

Es hat geschneit, doch das kann man nur ahnen, denn was auf den Dä-
chern und Bürgersteigen liegt, das hat mit Schnee nicht viel gemein-
sam.
Als sie mit Robert bei seiner Oma war, in dem kleinen Dorf in der
Hohen Tatra, hat sie das erste Mal richtig weißen Schnee gesehen. Sie
liefen über die verwehten Hügel und sie hat Robert erklärt, dass sie jetzt
in einer gigantischen Zuckerlandschaft seien und die Spitze des Zucker-
berges finden müssten. Er hat gleich genickt.
Hier ist der Schnee gelb oder grau. Oder braun, wenn ein Hund da
war. Sie hat ihren Blick an die Schuhe geheftet, die kleine Dreckschnee-
haufen zertreten. Der Dreckschnee liegt auf Bürgersteigen, die zu Stra-
ßen gehören, in einer Stadt, die nicht mehr ihre ist. Seit Robert weg ist,
hat diese Stadt sich von ihr abgewandt. Heute, jetzt durch die Straßen
zu laufen, fühlt sich an, als träfe sie eine Bekannte, die sie schon lange
nicht gesehen hat. Eine, die nicht einmal mehr grüßen kann, weil sie
nicht an etwas erinnert werden möchte, was ihr unangenehm ist. Eine,
die schnell auf den Boden schaut, bloß nicht in die Augen. Eine, die
hastig vorbeigeht und erleichtert ist, wenn sie nicht angesprochen wur-
de. So ist diese Stadt zu ihr.
Auch von außen ist sie hässlich geworden. Sie besteht nur noch aus
Gerüsten und Bratwürsten. Ein Typ auf einer Party, da hatte sie Ro-
bert noch gar nicht gekannt, der hat ihr mal erzählt, sein Onkel hätte
ein tolles Gerät erfunden: Eine Gasflasche auf dem Rücken, ein Dach
über dem Kopf, ein Grill vor dem Bauch. Er hat ihr das Prinzip erklärt
und sie hat es eine ganz hervorragende Idee genannt. Nun stehen diese
armen Typen mit den Bratwurstbauchläden hier, alle paar Meter einer,
und braten und schwitzen dabei und sehen lächerlich aus. „Eine ganz
hervorragende Idee“, hatte sie gesagt. Sie hätte seinen Onkel einen per-
versen Wichser nennen sollen, doch sie wollte sich von dem Bratwurst-
neffen abschleppen lassen. Endlich eine flüchtige Affäre, endlich mit je-
mandem schlafen und dann sagen, dass man es sich hätte sparen kön-

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nen und überhaupt all die unbedeutenden Geschichten leid sei.
Der Wind schleicht um ihre Ohren und sie möchte ihm so gerne all
das Robert hinterher schmeißen. Der Wind hatte Robert in ihr Leben
gebracht. Sie saß an der Ostsee, allein an einem kalten Strand auf ihrer
Regenjacke, nur das Meer und die eigenen, wehenden Haare im Blick.
Die Wellen waren so laut, dass sie ihn nicht kommen hörte und plötz-
lich stand er vor ihr und sagte „Hallo“, so als wären sie verabredet gewe-
sen. Und schon wieder schiebt sich sein Gesicht, drückt sich seine Stim-
me in ihre Gedanken. Sie will nicht an ihn denken. An nichts denken.
Sie muss sich konzentrieren, dann klappt es. Nichtsdenken ist anstren-
gend. Doch wenn da eine Ahnung ist, der flüchtige Hauch eines Gedan-
kens, dann kann sie ihn nicht fassen. Wie die Figuren eines Spielauto-
maten zeigt er sich kurz, versenkt sich aber wieder ganz schnell in sein
Loch, genau in dem Moment, in dem sie mit dem Hammer drauf hauen
will, um Punkte zu machen.
Als sie am großen Steintor vorbeikommt und ihr ein Schwarzer auf ei-
ner Parkbank etwas zumurmelt, das ein Kompliment sein kann, da hat
sie nur einen bösen Blick für ihn übrig und denkt: ‚Halt die Klappe!‘,
und das Wort dazu, dass sich nicht denken, schon gar nicht sagen lässt
und es fühlt sich gut an so böse zu sein, so richtig böse. Anderen weh zu
tun, hilft gegen Schmerz.
Vorhin bei der Mutter gab es ihr Lieblingsessen, Grießbrei mit Zu-
cker und Zimt, und sie hat einfach gegessen, ohne etwas zu schmecken,
und sie hat nicht geantwortet, als die Mutter fragte, was nun aus der
Wohnung werden solle. Alleine könne sie die doch nicht behalten. Sie
hat die Mutter nicht einmal angesehen. Sie sind dann ins Wohnzim-
mer gegangen. Sie hätte gerne geraucht, doch bei Mutter wird nicht
geraucht. Mutter hat das alte Fotoalbum aus dem untersten Schubfach
der Schrankwand geholt und wollte ihr das Bild von Klaus zeigen, mit
dem sie doch damals immer so gespielt hatte, im Garten, stundenlang.
Als sie sich bückte, da sah sie so ungelenk aus. Es hätte sie gerührt, vor-
her, aber nicht jetzt, deshalb sagte sie nur: „Bist wieder dicker geworden,
oder?“
„Aber Anna …“, hat die Mutter gestöhnt, war ganz leise geworden
und an ihrem Blick verstummt. Dann waren da wieder die Rücksicht
und das Mitleid in den Augen der Mutter. Dabei konnte sie Robert

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nicht leiden. Er sei so still, so anders, so abwesend. Mit dem stimmt was
nicht, das hatte sie ja gleich gesagt. Die Mutter saß dick und warm ne-
ben ihr, blätterte. Da war es dann, der Klaus und sie im Garten, zu zweit
auf der Schaukel. Zahnlückezeigend.
„Seine Mutter hat erzählt, er wäre jetzt in Belgien, er macht den Ein-
kauf für eine ganz große Firma, Flugzeugteile, glaub’ ich, ja Flugzeug-
teile. Flugzeugteile.“
„Und hat sie dir auch erzählt, dass er mal an mir rumgefummelt hat,
als wir zusammen gespielt haben, und es eine Mutprobe genannt hat?“
Sie schleuderte der Mutter, der ungelenken, die Worte entgegen. Sie
sagte ihr nicht, dass auch sie an Klaus rumgefummelt hatte, dass es
harmlos gewesen war. Sie hätte alles gesagt, um die Mutter zum Schwei-
gen zu bringen. Sie sprach es nicht aus, doch das „Aber …“, das konnte
Anna auch so in ihren Augen lesen. Ohne ein weiteres Wort, eine Geste,
ohne irgendetwas ging sie in den Flur, zog Mantel und Schuhe an und
rannte die Treppen hinunter. Sie zündete sich eine Zigarette an und lief
einfach weiter, als hätte sie schon am Morgen, auf dem Weg zur Mut-
ter, gewusst, dass der Tag sie auf diesen Weg bringen würde. Als sie die
Brücke überquert hatte, konnte sie von weitem den Turm sehen, und sie
war nicht erschrocken über den Gedanken, dass sie nun genau dorthin,
dort hoch musste. Fünfzehn Tage ist er jetzt weg.
Sie hatte nie einen Zweifel gehabt, solange er bei ihr war. In dem Mo-
ment, als er sich neben sie ihn den Sand gesetzt hatte und einfach sitzen
blieb, wusste sie, dass sie ihm vertrauen konnte. Manchmal blieb er drei,
vier Tage lang weg, einmal eine ganze Woche. Dann kam er wieder,
übermüdet und ohne zu erklären, wo er gewesen war. Er legt sich ins
Bett, zog die Beine an und schlief. Sie fragte nicht. Als Mareike davon
hörte, setzte sie ein besorgtes Freundinnengesicht auf. Anna schüttelte
nur ruhig den Kopf und Mareike kam gar nicht dazu, ihr zu erklären,
dass Robert eine Affäre haben müsse, sondern zog nur die Augenbrauen
hoch.
Das Leben geht weiter, Anna. Das Leben geht weiter.
Sie hat die Fußgängerzone hinter sich gelassen und geht durch den
Hinterhof der Bäckerei, es duftet wie bei Roberts Oma in der Hohen
Tatra. Sie durchquert Matschschneeseen. Links und rechts ist niemand
mehr. Der ockerfarbene Turm steht am Ende der Gasse, struppige

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Sträucher und verblasste Graffiti, mehr ist da nicht. Sie steigt die Stein-
stufen nach oben, „Leben heißt Kaufen“ hat jemand an die Steine ge-
schmiert, ein alter Kaugummi klebt daneben. Kippen liegen neben zer-
tretenen Taschentüchern.
Oft, wenn Robert so lange unterwegs gewesen war und dann schlief,
legte sie sich zu ihm, betrachtete sein Gesicht, die Barthaare, die Wim-
pern und streichelte seinen Arm, bis er aufwachte. Dann machten sie
Liebe, ganz warm und langsam und still. Danach lagen sie nebeneinan-
der, manchmal den ganzen Tag und spielten das Fleckenspiel. Die Was-
serflecken an der Decke begannen zu leben, Robert gab ihnen Stimmen
und ließ die Flecken miteinander reden, sie sprachen über ihre Kinder
und den alten runzligen Opafleck, über Liebeskummer und Urlaube in
der hinteren Ecke des Zimmers. Am Tag bevor er ging, lagen sie auch so
beieinander und als sie gerade einen besonders schönen Fleck betrachte-
ten, fragte sie Robert, ob er glaube, dass es auf der Welt zwei Menschen
gäbe, die genau jetzt genau dasselbe machen würden wie sie beide.
Fast ist sie ganz oben angekommen. Vielleicht hätte sie sich von ihrer
Mutter verabschieden sollen. Durch den Türbogen sieht sie den Him-
mel schon, der Wind kriecht eisig ihre Waden hoch. Langsam, weil es
anstrengt, geht sie zu der Mauer aus gelben Backsteinen, die ihr bis
ans Knie reicht. Unten laufen kleine Punkte durch Dreckschnee. Autos
schieben sich durch die Punkte, Bratwurstklötze mittendrin. Robert.
Ihr wird schlecht, es fühlt sich an, als ob ihr jemand durch die offene
Bauchdecke greift. Vorsichtig steigt sie auf die Mauer, bleibt in der Ho-
cke. Ihre Füße verankern sich im Backstein und sie wiegt sich leicht vor
und zurück. Achtet auf ihren Atem, hört ihren Herzschlag.
Robert liegt neben ihr in den Kissen und lacht. Sein Gesicht ist zer-
knautscht und er sagt: „Die Menschen wären ja dumm, wenn sie jetzt,
in genau dem Augenblick nicht das gleiche machen würden wie wir.“ Er
lächelt, dann küsst er sie.
Vor ihr steht der Himmel wie eine Wand, in derselben Farbe wie der
Dreckschnee. Sie schaut auf ihre Schuhspitze und schiebt sie langsam
ein paar Zentimeter über den Backsteinrand, wieder zurück, wieder vor.
Dann schließt sie die Augen und legt ihren Kopf auf die Knie, zieht die
Schultern an. In ihrem Schoß flutet der warme Atem eine wohlige Höh-
le. Die Finger spürt sie kaum noch. Sie legt die eisigen Hände an die

56
Ohren und drückt so fest sie kann gegen ihren Kopf, so fest, bis von der
Stadt nur ein Rauschen geblieben ist. Ihre Augenlider zugepresst, der
Kiefer starr wie Beton. Robert mit Mütze und Schal. Auf einem Schlit-
ten. Robert, ein Feuer machend. Im Wald. Die Mutter. Klaus. Belgi-
en. Das Zimmer. Der Opafleck. Du hast meinen Geburtstag verges-
sen. Du hast meinen Geburtstag vergessen! Das Bett. Robert. Robert.
Der Wind. Das Meer. Robert. Sein Mund. Ich will dir nicht wehtun.
Haar. Ein Grübchen. Lass mich in Ruhe. Ein Kuss. Heiraten? Seine
Hand. Der Turm. Robert wird immer komischer. Der Turm. Arme
Anna, arme Anna. Robert. Eine Welle. Ein Rauschen. Der Turm. Ro-
bert fliegt. Der Sand knirscht. Robert fliegt.
Ihr Kopf knackt wie ein Stück Holz im Schraubstock. Ein leises
Wimmern, ein erbärmliches Geräusch kommt von ihren Lippen. Ein
Quietschen, ein Sirren. Kurz bevor der Kopf zerspringen kann, atmet
sie aus und die Finger lassen ab und der Lärm der Stadt gräbt sich durch
die Ohren. Beim Schlucken schmerzt ihr Hals. Sie steigt von der Mau-
er und setzt sich erschöpft auf den Boden, der schneenass ist. Eine Wei-
le sitzt sie so, ganz ruhig. Sie hört der Stadt zu und stellt sich vor, wie
die Menschen durch die Straßen laufen, langsam, in Eile. Vielleicht mit
ersten Weihnachtseinkäufen. „Leben heißt kaufen“, kommt ihr in den
Sinn. Leben kann man nicht in einem Satz mit drei Wörtern erklären.
Diesmal war der Gedanke langsamer als sie. Sie sitzt, bis ihr ganz kalt
wird und die Nässe durch den Stoff kriecht.
Robert ist immer noch da. Er wird da bleiben. Robert, Fleckenspie-
le, Zuckerberge, Ostseewellen. Das warme Gefühl, das immer jemand
da sein würde, der sie auffängt, wenn sie fällt. Niemand hat Robert
auffangen können, denn niemand wusste, dass er sprang. Sie hat kei-
ne Antwort, sie hat keine Kraft mehr, um zu fragen. Es ist nicht gut, es
wird nicht mehr gut. Noch nicht. Die Beine fühlen sich zerbrechlich
an, doch sie steht aufrecht, hebt den Kopf nach oben und wünscht sich,
dass der Himmel weißen feinen Schnee auf die Stadt schneien wird. Sie
wird nach Hause gehen. Sie wird Roberts Dinge einpacken, heute. Sie
wird mit den Platten anfangen. Sie dreht sich um, sieht die Stufen, die
nach unten führen, und nimmt sich vor, die Stadt auf dem Rückweg zu
grüßen, egal wie sehr sie versuchen wird, sich wegzudrehen.

57
Franziska Wilhelm

Herbenknief

An dem Tag, an dem ich Jost kennen lernte, hatte ich meinen Flug
nach Lissabon verpasst. Die ganze Nacht hindurch war ich immer wie-
der aufgewacht, hatte das Licht angeknipst und auf mein Ticket ge-
schaut, um mich der genauen Abflugzeit zu vergewissern. Dann war ich
zum falschen Flughafen gefahren. Schönefeld. Als ich endlich in Te-
gel ankam, war der Check-in längst geschlossen. Ich fragte die Stewar-
dess des benachbarten Schalters, aber es hatte auch keinen Zweck mehr,
zum richtigen Gate zu rennen. Unschlüssig blieb ich stehen, schaute
auf mein Ticket, auf die leere Anzeigetafel und wieder auf mein Ticket,
dann drehte ich mich um und ging nach draußen zur Haltestelle. Ich
brauchte nicht lange auf den Bus zu warten. Als er kam, setzte ich mich
in eine der hinteren Reihen, lehnte meinen Kopf gegen das Fenster und
schloss die Augen. Der Fahrer fuhr los und ich spürte das Vibrieren der
Scheibe an meiner Wange. Irgendwo über mir war jetzt mein Flugzeug.
Am Zoo stieg ich in die S-Bahn um. Es war dieselbe S-Bahn, in der
Jost saß, aber ich bemerkte ihn nicht. Ich schaute auf meinen Koffer.
Ein Stück T-Shirt hing wie eine weiße Zunge links unten aus seinem
Maul. Ein paar Mal versuchte ich, das Hemd wieder zurück zu stopfen,
aber es ging nicht. Ich sah nach draußen. Beim nächsten Halt musste
ich aussteigen. Es macht keinen Sinn mehr, den Koffer jetzt noch zu
öffnen, sagte ich zu mir selbst. Dann schloss ich ihn doch auf. Als der
Wagen anhielt, fielen ein paar meiner Socken auf den Abteilboden. Has-
tig suchte ich sie zwischen den aussteigenden Passagieren zusammen,
klappte den Koffer wieder zu und zog ihn nach draußen. Ich vermied es,
nach links und rechts zu sehen. Ich wollte nicht wissen, was um mich
herum passierte. Eigentlich sollte ich doch gar nicht hier sein.
Erst kurz bevor ich in meine Straße einbog, bemerkte ich Jost. Er lief
dicht hinter mir. Ich ging ein wenig schneller, er folgte meinem Tem-
po. Dann kamen wir zu meinem Hauseingang. Ich bog ein, er kam mir
nach. Mit einem kurzen, tiefen Zug presste ich Luft in meinen Brust-
korb, dann fuhr ich mit einem Ruck herum: „Warum läufst du mir die

58
ganze Zeit hinterher?“ Jost schaute nach unten. Sein Kopf mit dem flau-
migen, hellblonden Haar wackelte leicht hin und her. Ich schien ihn er-
schreckt zu haben. Jost zeigte vorsichtig auf den Saum seines hellgrauen
Trenchcoats. Der Stoff hatte sich in meinem Rollkoffer verklemmt.
„Das ist beim Aussteigen passiert“, sagte er und sein Kopf wackelte
dabei noch ein wenig stärker.
Auf eine seltsame Weise rührte er mich. Ich öffnete den Kofferver-
schluss und lud ihn auf einen Kaffee zu mir in die Wohnung ein. Jost
sagte mir am Küchentisch, dass er hier in der Stadt zu ein paar Vorstel-
lungsgesprächen gehen wolle. Ich erzählte ihm von Lissabon und mei-
nem verpassten Flug.
„Eine Stadt sollte einfach nicht mehr als einen Flughafen haben“,
meinte Jost. Wir suchten zusammen im Internet nach Angeboten für
den nächsten Tag, aber alles war schon viel zu teuer. Schließlich rief ich
meine Freundin Elisa in Lissabon an und sagte ihr, dass ich nicht mehr
kommen würde. Während ich telefonierte, hörte ich Jost in der Küche
mit Töpfen und Pfannen hantieren. Als ich den Hörer aufgelegt hatte,
ging ich zu ihm: „Was machst du da?“ fragte ich.
„Spaghetti“, antwortete Jost. Ich hatte seit dem Frühstück nichts
mehr gegessen.
„Gut“, sagte ich.
Jost schien es keine Mühe zu machen, sich in meiner Küche zurecht-
zufinden. Ich beobachtete ihn eine Weile, wie er Wasser aufsetzte und
Zwiebeln für die Soße schnitt, dann holte ich eine Flasche Portwein aus
dem Regal. Elisa hatte sie mir zu Weihnachten geschickt.
„Ich mach’ schon mal den Wein auf“, sagte ich zu Jost.
„Aber Portwein trinkt man doch gar nicht zum Essen“, wandte er
ein.
„Wenn Portugal etwas dagegen hat, dann soll es nur herkommen“,
sagte ich und lachte über meinen eigenen bescheuerten Witz. Jost lach-
te mit.
Nach dem Essen saßen wir im Wohnzimmer auf dem Sofa, hörten
Musik und unterhielten uns. Es war gar kein schlechter Abend für einen
Tag, an dem man einen Flug nach Lissabon verpasst hatte. Ich schaute
mir Josts Gesicht von der Seite an. Es hatte etwas Weiches, mehr noch,
etwas Zartes.

59
„Hör mal“, sagte ich zu Jost, „wenn du Lust hast, kannst du ein, zwei
Nächte bei mir auf der Couch schlafen. Ich meine, bis du mit deinen
Vorstellungsgesprächen durch bist.“ Jost bedankte sich und seine Augen
waren von seinem breiten Lächeln ganz zugekniffen.
Später am Abend erzählte er mir von der Kleinstadt, aus der er kam,
und dass dort fast alle „Herbenknief“ mit Nachnamen hießen, er übri-
gens auch. Wenn jemand starb, gab es jedes Mal Verwirrung auf dem
Friedhof, weil die Zugereisten ihre Blumen an den falschen Gräbern ab-
legten. Ich hörte Jost zu, ohne ihn zu unterbrechen. Er sprach mit einem
leichten, angenehmen Lispeln. Irgendwann schlief ich auf dem Sofa ein
und Jost legte sich in mein Bett.
Am nächsten Morgen zog Jost seinen Trenchcoat an und verließ die
Wohnung. Für meinen Trip nach Lissabon hatte ich ein paar Tage Ur-
laub genommen und musste nicht zur Arbeit. Ich verbrachte den Tag
vor dem Fernseher.
Am Nachmittag klingelte Jost wieder an der Tür.
„War’s gut?“ fragte ich ihn. Er schüttelte den Kopf. „Aber morgen
habe ich ja das nächste Gespräch.“
Jost hatte Melone mitgebracht. Bei Melonen kannte ich mich aus. Ich
machte den Klopftest. Es klang hohl. Gut.
„Du musst oben am Strunk reiben und wenn es nach Gras riecht,
dann ist sie noch nicht reif“, erklärte mir Jost. Er schien ebenfalls Me-
lonenkenner zu sein. Ich rieb und hielt meine Nase an den Stumpf.
„Es riecht nach Melone“, sagte ich zu Jost.
„Dann ist alles bestens“, meinte er.
Auch an diesem Abend kochte uns Jost etwas zu essen. Wieder sa-
ßen wir später im Wohnzimmer, tranken Wein und Jost erzählte von
Leuten, die alle Herbenknief hießen. Ich beschloss, dass ich heute nicht
wieder auf der Couch einschlafen konnte.
Gegen halb zwölf ging ich ins Bad, um mir die Zähne zu putzen. Jost
kam mit und redete weiter. Ich sah ihn durch den Spiegel hinter mir
stehen. Irgendwie war er doch seltsam. Er redete und redete. Sein Kopf
wackelte beim Sprechen hin und her. Auch als ich in mein Zimmer ging,
folgte er mir. Während ich mir mein Nachthemd anzog, drehte er sich
um und erzählte mir – mit dem Rücken zugewandt – wie er bei seiner
Tante aufgewachsen war. Ich war müde und legte mich in mein Bett.

60
Jost sah zu, wie ich unter die Bettdecke kroch, dachte aber nicht daran,
aus meinem Zimmer zu verschwinden. Er erzählte von seinem Hund
„Kiste“, seinem einzigen Schulfreund Jens und der Nachbarin, die mor-
gens so laut gurgelte, dass man sie durch die Wand hören konnte.
„Ich mache jetzt das Licht aus“, sagte ich und drückte auf den Schal-
ter. Jost redete noch eine Weile weiter. Erst als ich ein leichtes Schnar-
chen andeutete, verließ er endlich mein Zimmer.

„Wie viele Vorstellungsgespräche hast du eigentlich noch?“ fragte ich ihn


am nächsten Morgen und spürte meinen Puls durch mein Ohr pochen.
„Nur noch ein paar“, antwortete er schnell, „gleich heute habe ich so-
gar zwei.“
Am Nachmittag klingelte Jost wieder an der Tür.
„Na, erfolgreich?“ fragte ich. Er schüttelte den Kopf.
„Aber ich habe in der Videothek zwei Truffaut-Filme gefunden, die
könnten wir uns heut’ Abend anschauen.“ Ich mochte französische Re-
gisseure.
So blieb Jost einen weiteren Tag, noch einen und auch dann noch, als
mein Urlaub zu Ende war und ich wieder arbeiten musste. Nachdem er
gemerkt hatte, dass mich seine Herbenkniefer Geschichten nicht son-
derlich interessierten, redeten wir meistens über Filme. Da kannten wir
uns beide aus.
Eines Nachts entdeckte ich Jost, wie er vor meinem Computer saß.
Ich fragte ihn, was er da mache, aber er sagte, es sei eine Überraschung.
Am Morgen lagen zwei ausgedruckte Tickets nach Lissabon auf dem
Tisch. Gleich heute Abend würde ich Elisa in Portugal anrufen, um ihr
die gute Nachricht mitzuteilen, überlegte ich mir. Auf dem Weg zur Ar-
beit traf ich eine Freundin in der U-Bahn.
„Von dir hört man ja gar nichts mehr in letzter Zeit“, sagte sie, „ich
habe dir bestimmt dreimal auf den Anrufbeantworter gesprochen, aber
du rufst nie zurück.“
„Seltsam“, sagte ich, „ich habe nie neue Nachrichten angezeigt gese-
hen.“
An diesem Tag ging ich früher nach Hause. Ich untersuchte mein Te-
lefon, konnte aber nichts finden. Plötzlich hörte ich einen Schlüssel im
Schloss. Es war Jost.

61
„Seit wann hast du einen Schlüssel?“ fragte ich ihn.
„Ich hab ihn mir nachmachen lassen, ich dachte, das wäre prakti-
scher“, sagte er mit wackelndem Kopf. Dann zog er etwas aus einer Su-
permarkt-Plastiktüte.
„Schau mal, ich hab uns Portwein mitgebracht. Als Einstimmung
auf Lissabon.“ Ich war zu durcheinander, um etwas zu sagen. Ich setzte
mich mit Jost ins Wohnzimmer und wir sahen uns einen Film an. Zwi-
schendurch musste ich zur Toilette. Ich ging durch den Flur und an der
Nussbaum-Kommode vorbei. In der ersten Schublade lag mein Schlüs-
sel, am gleichen Ort wie immer. Daneben lag der neue Schlüssel von
Jost. Ich nahm ihn in die Hand und spürte, wie etwas von innen gegen
meine Haut zu schlagen begann. Es pochte immer lauter und kräftiger.
Langsam lief ich ins Bad, öffnete den Klodeckel und ließ den Schlüssel
in die Schüssel fallen, dann warf ich Jost hinaus.
An diesem Abend fühlte ich mich frei. Ich stand am offenen Schlaf-
zimmerfenster, schaute auf den dunklen Hinterhof und atmete kühle
Nachtluft. Ja, dachte ich, und ob ich nach Lissabon fahren würde.
Am Flughafen trat ein, was ich befürchtet hatte. Jost stand am Schal-
ter und wartete auf mich. Schließlich habe er gebucht, sagte er. Wir
stellten uns in die Schlange. Lissabon ist groß, man kann sich aus dem
Weg gehen, dachte ich und schob mir einen Kaugummistreifen in den
Mund.
Ohne ein Wort zu sprechen, checkten wir ein und gingen zu unserem
Gate. Ich fühlte, wie die Anspannung in mir stieg, je näher wir dem
Flugzeug kamen. In der Röhre zum Eingang des Fliegers bemerkte ich,
dass mich Jost von der Seite betrachtete, und kam ins Schwanken. Ich
stieß gegen eine junge Frau, die rechts an mir vorbei laufen wollte. Sie
ließ ein paar Zeitungen fallen, die sie auf dem Arm getragen hatte.
Ich entschuldigte mich und wollte ihr helfen, alles zusammen zu su-
chen. Doch Jost kam mir zuvor. Er bot an, ihr die Sachen zu ihrem Platz
zu tragen und sie gingen gemeinsam weiter in Richtung Flugzeug. Ich
blieb stehen. Jost schaute sich noch einmal kurz nach mir um, lief dann
aber weiter. Ich schluckte meinen Kaugummi herunter, drehte mich um
und rannte zurück in die Flughafenhalle.

Fünfzig Minuten später stand ich wieder vor meinem Haus. Es war

62
seltsam still um mich herum. Bevor ich die Tür aufschloss, drehte ich
mich noch einmal um. Neben unserem Eingang hatte jemand einen
leeren Einkaufswagen abgestellt. Langsam strich ich über das silberne
Metall des Wagengitters. Ich hatte meinen Rollkoffer vergessen.

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Johannes Millan

Spiegelsaal

Rosengitter tauben unser unversprochenes Antlitz


Wie Morgensterne auf mattem Fensterglas
In breit bestellter Wirklichkeit

Tausendfach gebrochene Stimmen abendländischen


Martyriums
Bemalen Schicht um Schicht
Angelittenes Sollen aus Realitäten
Und Bücherzeilen kollektiver Wirklichkeit

Mein Ich zerfließt in clownbeschminkten Bahnen


In Lebenwollen und Grabenkrämpfe
In selbst bestimmtes Chaos
und Ordnung als Partisanenkampf

Knüpfe fein bestickten Stoff


Um unbestimmte Zentren eingebleichter Wirklichkeit
Knoten um Knoten
Faden für Faden

Wo der Rasen grünt

Begebt euch dorthin wo der Rasen grünt


Denn da ist Leben eitler Schein und frei
Samt schlauer Feen und Freilichtmalerei
Seid ihr geboren wo der Frühling sühnt

Von toten Bären Speichel speisen, roh


Und geil mit großer Sehnsucht präsentiert

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Echt freie Vögel vögeln deplaziert
Exklusiv für uns, leer doch lebensfroh

Popstars mit armen Schweinen kauen Tropeneis


Des Förderns wegen, Jugend sein ist schwer
Denn war er tot, ist tot, und weiß nichts mehr

Wenn Säufer weinen ohne Gegenwehr


Geschnürt und gut verstaut im Bauernkreis
Dann träum’ ich mir Verlorenheit, blattweiß

schlafmohnsee

träume
in leeren flaschenhälsen
entehrt in blumentoten nächten
greifen meist still bewohnte sucht
in mir
heraus

zungenlippen
nadelstiche süße
angst
über hals
und ohr
und rücken
über nacken
und
mund
und lippen
wie nypmphenflüstern
und krallenspuren
mein blut durchfließt sie pochend

65
wie weingetränkte gedanken
im morgenrot

flüchtige blicke
die an meinem wesen greisen
das wunde stillen gärender süchte
in unbefangenen schleierwäldern
wo meere eisen –
tauchgang

66
Franziska Schramm

es sind immer die kleinen

es sind immer die kleinen. die niedlichen. sie heißen lisa-marie oder ma-
rie-luise. sie sind perfekt. sie sind niedlich. und klein.
wir sind im wald, ihr lachen ist das einer gurrenden taube. sie schnurrt
und surrt um dich herum, mir wird schwindelig, ihr kussmund macht
mir angst, sie ist so taubig und gurrend. sie gaukelt um dich herum,
lacht, spricht, es macht mir angst, sie ist so lieblich und laubig.
ich eifere suchend, unter der buche treffe ich deinen blick. du lächelst,
es sieht nett aus, so viel neckische nettigkeit macht komplett harmlos
und adrett, du bist nett, sie ist nett, alle sind nett. es geht mir auf den
geist und zwischen die beine, ich will nicht nett sein, nicht zu ihr, lisa-
marie oder marie-lusie, wie auch immer, hauptsache ein bindestrich, so
was albernes, warum ein bindestrich, war ein name nicht niedlich ge-
nug?
später dann hast du sie im arm, lisa-marie oder marie-luise. sie passt
so sehr in deinen zwischenraum, kleiner verlorener wolkentraum, sie
ist wattig und weich. ohne ecken und kanten schmiegt sie sich, an mir
stößt du dich. sie ist so lieblich und laubig, sie ist in deinem arm, da ge-
hört sie nicht hin.
ich gehöre nicht dazu, zu den kleinen und niedlichen, ich lache zu
laut und habe eine eigene meinung. ich bin manchmal dagegen, eigent-
lich immer. ich trage buttons und bin gegen atom. und gegen nazis. und
gegen kleine niedliche mädchen mit doppelnamen und bindestrich, ich
weigere mich so zu sein. sie ist neckisch nett, süßer als zuckerguss und
klein, so klein. sie ist so perfekt, sie ist in deinem arm, da gehört sie
nicht hin.
ich eifere suchend, senke die augen vor deinem blick. wir sind gute
freunde, das ja, wir reden, das schätzt du an mir, mit mir kann man re-
den, reden sogar über atom, ich bin dagegen. ich hab ne meinung, we-
nigstens etwas, wenn schon kein busen oder zuckerguss. mit mir kann
man reden, meinung hab ich im überschuss. ich trage buttons an mei-
ner jacke, gegen nazis und gegen atom. leise reiße ich sie ab, weg hinab

67
in den müll. da bist du still.
du drehst dich um, siehst mich an, fragen laufen staunend über den
bildschirm deiner augen. ich trete gegen den eimer. kräftig, hart, schnell.
wir sind im wald und jetzt dreht auch sie sich um, lisa-marie oder marie-
luise, sie lächelt so nett, komplett harmlos und adrett. was ich mir jetzt
wünsche ist dünn dunkler himmel, düstere wolken, vielleicht regen. re-
gen, der ihr den zuckerguss nimmt, aber wahrscheinlich wär sie dann
immer noch niedlich, mit nassem haar und zucker auf den schultern
und einem bindestrich zwischen den beinen.
ich wünsche mir regen, ich bin immer dagegen, mein fuß tut weh. es
sind immer die kleinen. die niedlichen. es sind immer die anderen.

68
Schülerförderpreise 2003–2006

69
Kerstin Holzheu

Der letzte Akt

Ich laufe durch die Straßen, es ist noch relativ früh und der Großteil
der Stadtbürger hat gerade erst angefangen zu arbeiten. Die kleinen Ca-
fés sind leer, vereinzelt finde ich ein bebrilltes, zeitungslesendes Gesicht,
das mich grüßt, und ich grüße zurück, ohne in der Früh zu wissen, wen
ich grüße. Der Tag ist wie eingeschlafen, müde hängt der Rauch einer
Vergangenheit in den dürren Ästen der Bäume. Und auch die Sonne
ist noch in Träumen, kann sich nicht entscheiden, ob sie scheinen will.
Auch ich kann mich nicht entscheiden, was ich tun soll. Ich laufe durch
die sonst vollen Verkaufsstraßen, dezent geschmückte Kaufhausfenster
blicken mich an. Meine Schuhe klappern auf dem Kopfsteinpflaster, der
Ton hallt an den Häusern wieder und verebbt schließlich. Es ist frisch,
mein Mantel dünn und ich friere. Frühling soll es sein, doch noch im-
mer zieht es mich nicht hinaus und nur Leon, der mich für seine Arbeit
braucht, kann mich bewegen, in die erste Kälte der Stadt zu fahren. Ich
bin zu früh dran, Leon erwartet mich erst in einer halben Stunde. Das
passiert mir oft, zu früh dran sein, oder auch zu spät. Heute war nicht
einmal der Wecker nötig, eine unruhige Nacht hielt mich wach und so
laufe ich in einem eigenartigen, gedämpften Schleier durch die Straßen.
Ich kenne hier schon jedes Haus, jede Ecke, jeden Baum. Im Sommer
saßen wir oft hier, Leon und ich und haben über Gott und die Welt ge-
redet. Über seine, kleine Welt. Über Pinsel und Acrylfarben, über Lein-
wandqualitäten und Skizzenpapier.
Ich gehe Brötchen kaufen, Leon mag warme Brötchen. Der dicke
Mann hinter der Kasse schaut mich erstaunt an, er kennt mich, glaube
ich. Vielleicht kennt er mich in Gips oder in Stein.
Langsam tropft die Zeit, wie ich so durch die Straßen schlendere. Ir-
gendwann gehe ich zu seinem Haus zurück, ich klingle bei ihm. Lange
tut sich nichts. Dann öffnet er. Ich gehe die vielen, kalten Steintreppen
hoch. Sein Zimmer ist im obersten Stockwerk, des besseren Lichtes we-
gen, wie er immer sagt. Als ich oben ankomme, steht die Tür offen. Und
eigenartig ist es, die knarrende Tür zuzuziehen und in einem totenstil-

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len Nebelraum anzukommen. Leon ruft mir ein Hallo entgegen und
schon sehe ich seine hellwache Gestalt. Er sieht verändert aus. Das kla-
re Gesicht, die hellen Augen, die markante Nase, der energische Gang
sind geblieben und dazu gekommen ist ein weicher Blick, fast ängstlich,
und anstatt mir in die Augen zu sehen, auf mich zu zu kommen, fliegt
er hektisch durch den Raum, mit gesenktem Kopf und ungewöhnlicher
Geschäftigkeit, ich glaube, er hat die Nacht nicht geschlafen.
„Brötchen!“ sage ich und gucke ihn an. Leon dreht sich um, zu den
Staffeleien hin.
„Setz dich doch“, sagt er, seine Stimme ist trocken, ich glaube, er weiß
gar nicht richtig, dass ich da bin.
Ich bleibe stehen, das einzige Sofa ist mit einigen Tischtüchern über-
sät, Bettlaken auch, alle zu bunt, um seinem Geschmack zu entstam-
men. Ich lege meinen Mantel ab, obwohl es ziemlich kalt in Leons Woh-
nung ist. Eigentlich ist es nicht seine Wohnung, eher eine Arbeitsstelle
mit einem Sofa, auf dem er ab und zu schläft. Ich gehe in die provisori-
sche Küche, eine Ecke aus Waschbecken und Herd, manchmal ist noch
ein Kühlschrank da. Dieser ist allerdings leer, nicht einmal Butter für
die Brötchen ist da. Zum Glück steht eine Dose Kaffeepulver herum,
kein echter Kaffee, aber gut genug. Ich koche ihn und Leon macht die
Musik an. Es ist Mozart. Er macht immer Mozart an, wenn ich da bin.
Wir setzen uns auf das Sofa und ich schaue auf seine Bilder. Alle noch in
Arbeit, bunt und wild durcheinander. Arbeiten, Akte, die ich als Skizze
gewesen bin. Ein Bild, nein, zwei Bilder kenne ich nicht. Es ist ein dür-
res Mädchen darauf, dürrer, als ich es jemals war. „
Wie geht es dir?“ fragt Leon, während er in seinem Kaffee rührt, den
Boden sucht, zu den zwei mir unbekannten Bildern schaut. Er scheint
auf keine Antwort zu warten. Ich sehe ihn an, von ihm zu den Bildern.
„Was tust du grad so?“ presse ich über meine kaltgewordenen Lippen.
Leon rutscht auf der Couch von links nach rechts, sieht mich nicht an.
„Akte, viele viele Akte, Impressionen, was mir so zu dir einfällt und
so“.
Das „und so“ kam schnell, eine Wendung seines Blondschopfes zum
Fenster. Ich stehe auf, gehe zum Bad, ein kleiner Flur ist da, und ich
sehe Bilder von mir hängen. Sehe mich liegend, sitzend, das Bein ange-
winkelt und flach. Ein Stein, meine Büste. Mozart hilft uns, die Stim-

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mung ist müde oder auch verkrampft, das kann man so früh noch nicht
unterscheiden. Ich setze mich wieder zu ihm und seh ihn an, versuche
seine Augen auf mich zu lenken. Frage, ob wir anfangen wollen. Oder
ob er etwas von den Brötchen wolle, sie seien noch warm. Leon schaut
mich an, fast mitleidig.
„Ja, ich habe Hunger, lass uns aber erst arbeiten“, flüstert er mir zu
und schnell suche ich die Decke, den Ölradiator und meine Kleider
zusammen, lege mich hin und frage, was ich tun soll. Er schaut mich
an, begleitet jeden meiner Griffe, das Herabstreifen des Pullovers, das
Weglegen des Schals, greift zu einem Pinsel und schleicht von Fenster
zu Fenster, lässt die Rollläden herunter, bis nur noch ein fahles, dunkles
Licht auf mir ruht. Er sitzt vor mir, ich blicke ihn an.
„Du hast zugenommen?“ fragt er gleichgültig.
„Nein“, sage ich und sehe die zwei unbekannten dürren Frauenbilder
vor mir tanzen.
Zwei Monate hatten wir uns nicht gesehen, ich war unterwegs und er
auch. Nicht erreichbar eben, ich frage ihn nicht, wo er war. Es war nie
eine Frage der Verpflichtung gewesen zwischen uns. Wenn wir zusam-
men waren, waren wir dennoch frei. Eine Freiheit, die nicht wehtut, da
man sie vergisst in anderer Gesellschaft. Wir hatten es geliebt, zu lieben
und dennoch zu hassen. Wir hatten uns betrogen und hatten uns gern
gesehen in unserer Freiheit, die wir behaupteten zu brauchen.
„Leon“, frage ich, er arbeitet, kneift die Augen zusammen, misst mich
mit jedem Bleistiftmillimeter, lässt mich den Kopf schräg halten, nach
vorne beugen, die Augen schließen. Er hört mich wahrscheinlich gar
nicht. Ist woanders, entflohen von hier. Als er fertig ist, legt er den Block
weg, setzt sich zu mir, heißt mir, mich hinzulegen, und streicht mit sei-
ner Hand über meinen Arm, meinen Kopf, mein Gesicht und meinen
Hals. Wehmütig blickt er. Es ist eine eigenartige Situation. Ich will sei-
ne Hand greifen, will ihn fassen, doch er steht auf und blickt seine Skiz-
ze an. Lange steht er so, blickt von mir auf seine Bilder.
„Das ist übrigens Therese“, sagt er und zeigt auf die zwei neuen Bilder.
„Du kennst sie, sie studiert mit dir.“
Ich kenne keine Therese und selbst wenn ich sie gekannt hätte, hätte
ich sie nicht vor Leon gekannt. Ich ziehe mich an, frage, ob ich eine alte
Skizze haben kann. Eine unnütze, ungebrauchte. Ja, sagt er und scheint

73
froh, in seinen Abstellraum fliehen zu können, gibt mir sogar meinen
Stundenlohn, den ich seit zwei Jahren nicht mehr von ihm wollte. Er
schaut mich an, flüstert etwas von arbeiten und viel zu tun. Ich sage, ich
hätte noch eine Verabredung mit Armin, ob er sich noch an Armin er-
innern könne. Ich gebe ihm einen Kuss auf die Wange, er umarmt mich
und ich überlege kurz, ob es wirklich zu spät ist. Ich gehe aus der Woh-
nung und als ich die Tür zuziehe, denke ich an die Brötchen, die er nun
wegwerfen wird.

74
Clara Ehrenwerth

Tell me why I don‘t like Schwimmbäder

Früher war die Rutsche eigentlich wirklich gut. Aber heute ist jetzt, ich
bin inzwischen sechzehn und rutsche die ersten paar Meter nach Jahren.
Klar, ist ja auch nur Gefahrenstufe blau – nicht mal mehr Badeanzug in
die Arschritze, was ja immer als sicherer Tipp für besseres Rutschvermö-
gen und -vergnügen galt, hilft da noch: Ich würde eigentlich lieber wie-
der umkehren. Dummerweise ist unmittelbar hinter mir dieser schlak-
sige, lustvolle Laute ausstoßende Junge meines Alters mit den dunkel
und stark behaarten, aber bleichen Beinen, der mir sicherlich gleich mit
voller Geschwindigkeit hinten reinrutschen wird, wenn der bierbäuchi-
ge Familienvater vor mir, der die Haare im Gegenteil zu dem Jungen
schon seit langem auch auf der Brust trägt, endgültig stecken bleibt. Ir-
gendwie schaffen wir es dann doch noch bis unten, aber im Wasserbe-
cken falle ich dem Dicken natürlich sofort auf den Kopf und der hinter
mir landet auf meinem Rücken. Ist jetzt aber auch egal, weil das ja alles
dazugehört. Schmerzen müssen eben beim Schwimmen sein. Hoffent-
lich denkt sich das auch die Oma, der ich beim Tauchen aus Versehen
mein Bein in den Bauch ramme.
Alle hier verfolgen ein Ziel – Abnehmen, einen anderen erobern, sich
präsentieren oder die Langeweile vertreiben – und alle machen sich da-
bei lächerlich. Überhaupt sind hier nur:
– Präpubertäre, die sich noch nicht so ganz entscheiden können, ob
sie als Kinder oder Jugendliche hergekommen sind, und irgendwo zwi-
schen gegenseitigem Bespritzen und Flirten ihre Wirklichkeit einpen-
deln;
– Cliquen, die sich aus fiesen, pickligen und wasserstoffblondierten
Jungs zusammensetzen, die alle ihre Freundinnen mitgebracht haben
und nun konsequent versuchen, ihnen mit gekonnten Sprüngen oder
schnellem Kraulen zu imponieren;
– dicke Väter, die ihren mitgebrachten Kindern meist am Wochenen-
de das Schwimmen beibringen wollen, am Ende aber doch wieder auf
der Rutsche landen und sich ständig auf die Bäuche klopfen;

75
– Senioren, die mit 50-Gramm-Hanteln und elastischen Schläuchen,
die sie sich pausenlos zwischen die Beine schieben, im Nichtschwim-
merbecken von einem dynamischen Bademeister angeleitete Übungen
machen, deren Zweck mir bis heute weitgehend unerschlossen geblie-
ben ist.
Wir sind eigentlich nur hier, weil wir zwei ungarische Austauschschü-
lerinnen beschäftigen müssen. Und seit die da sind, gehen wir ja sogar
bowlen. Zumindest sind wir hier eindeutig fehl am Platz und ich hoffe
inständig, dass mich hier keiner sieht. Ich finde mich schrecklich häss-
lich und vor allem: fett in diesem neongestreiften Badeanzug. Aber was
macht das jetzt schon noch: Hier gibt es schließlich nur hässliche Kör-
per mit hässlichen Menschen dran. Ich füge mich der Mehrheit.
Früher wollten eigentlich immer alle sofort schwimmen gehen, aber
nur, wenn man etwas „voneinander wollte“, so hieß das ja damals. Da-
mals ist ungefähr zwei oder drei Jahre her und ich war im viel zu weit
entfernten Berlin zur Geburtstags„party“ meiner besten weil einzigen
Freundin Constanze. Der Typ, in den sie damals „verknallt“ war, hieß
Constantin, also natürlich „der Consti“, und sie redete mir ein, dass er
aussehe wie eine Juniorausgabe von Paul McCartney. Wir gingen Sams-
tagnachmittag um drei in eins dieser unsäglichen Spaßbäder, wo das
Gequieke der Kinder, das Gelächter der Jugend und das Gezeter der
Alten zu einem dem Wellenbecken ähnlichen an- und abschwellenden
Background-Klangteppich zusammenfließt. Und mittendrin waren:
Wir. Zwei Pärchen und ich. Besser gesagt:
Sie waren und ich war. Ich war alleine, traurig und unerfahren. Eine
völlig neue Welt tat sich mir auf: Das Schwimmbad diente plötzlich
nicht mehr dem Schwimmen, Erfrischen oder Spielen, wie man es mir
seit frühester Kindheit vorgespielt hatte, sondern einzig und allein dem
Flirten. Wenn man einen Freund hat, muss man sich ja mit dreizehn ir-
gendwie andauernd befummeln, und dann aber auch bitte mit Zunge.
Wir nannten das wohl „Zärtlichkeit“ oder „Liebe“.
Wenn man keinen Freund hat, aber gerne einen haben würde, muss
man mit dem Objekt der Begierde unbedingt ins Schwimmbad gehen,
am besten in größeren Gruppen, weil man dann ganz unkonventionell
Körperkontakt suchen und den anderen und besonders seinen „Body“
schon mal auschecken kann: Den anderen pausenlos untertauchen,

76
beim Wellengang auf ihn umfallen und am besten gemeinsam rutschen.
All diese Dinge waren mir nun nicht möglich, denn ich hatte zwar ein
Objekt der Begierde, aber das war leider der Consti, der die ganze Zeit
mit meiner Freundin Constanze all die Dinge auszuführen hatte, die
er meiner Meinung nach lieber mit mir hätte ausführen sollen. Damals
ging es mir auch nicht besser als heute. Die Komplexe und Selbstvor-
würfe sind geblieben: Ich bin zu dick. Ich schwimme zu langsam. Ich
bin die einzige, die hier unglücklich ist. Und ich bin alleine.
Schwimmbäder sind so groß, so anonym und trotzdem so offen. Je-
der zeigt, was er hat, aber nur dir wenigsten sind zufrieden. Niemand
kommt allein, aber alle finden sich gegenseitig unsympathisch. Die
Kinder rutschen zu langsam, die Jungs zu schnell und die Senioren gar
nicht. Schwimmbäder erinnern mich an die Zeit, als ich einsam war
und Schwimmbäder als mein Kontakt zum Leben herhalten mussten.
Als ich nur von und in Träumen lebte und mir im Spiegel tief in die
großen Augen blickte und in sie hineinfragte: ,,Warum liebt mich denn
keiner?“ Schwimmbäder haben mich schon immer melancholisch, sen-
timental und müde werden lassen. In einer Zeit, in der ich das sowieso
immer war, fiel mir das kaum auf. Aber heute? Wahrscheinlich habe ich
einfach eine Chlorallergie, die sich bei mir aber nicht auf die Haut, son-
dern auf die Seele auswirkt.
Dann liegt da dieser Typ in meinem Alter in dem knöcheltiefen Be-
cken und lässt es seinem Schwanz und somit auch sich mittels der Fon-
täne durch die Badehose deutlich erkennbar gut gehen. Da reicht’s mir
endgültig. Schwimmbäder sind eklig, verursachen Fußpilz und alle sind
nackig, aber niemand ist sexy, geschweige denn schön oder begehrens-
wert. Wer hier alleine ist, wird für immer ein bisschen alleine bleiben.
Ich bin alleine. Die anderen habe ich verloren und die Suche schon lan-
ge aufgegeben. Wahrscheinlich rutschen sie schon wieder. Ich dusche
in diesem Zwischenraum, ziehe mich dann aus Gruppenzwang auch
aus und kippe mir massenweise Shampoo über Haut und später Haa-
re, um das Chlor-Ekel-Gefühl zu verlieren. Dann fliehe ich vor dem
nächsten Senioren-Bewegungs-Kommando, das bereits dabei ist, den
Blick auf vierzehn durchschnittlich siebzig Jahre alte Körper freizuge-
ben, und versuche, halbwegs gelassen erst mein Schließfach und an-
schließend noch eine freie Umkleidekabine zu finden. Nach der Bewäl-

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tigung meiner Aufgaben schließe ich ab.
Dann ist da dieser Spiegel. Ich blicke tief in meine vom Chlor geröte-
ten Augen und frage sie, warum mich eigentlich keiner liebt.

78
Christian Gutsche

Defaitarkasmus
(Nr. Hundertneunundzwanzigzweidrittel)

zum elektrisch verzerrten Fagott


vollzieht sich der Weltuntergang
die Engelstrompeten sind uns ausgegangen
das jüngste Gericht wurde vertagt
da kann man sich nur eine gute Grillparty suchen
und warten

79
Clara Ehrenwerth

Kreaktivierung

„Kann man das gut finden?“ fragte Sara rhetorisch und meinte zwei bun-
te Buttons an meinem Kragen. „Bernd das Brot und Nein zum Krieg
am grau-intellektuellen Mantel?“
„Nein“, erwiderte ich, „aber wegschmeißen kann man den Blödsinn
ja auch nicht.“ Und: „Wohin denn sonst damit?“
„Messie!“ schimpfte Sara, wie immer übernatürlich ironisch – Mes-
sies sind Menschen, die nichts wegwerfen können, bei denen Küchen-
schaben zwischen und in thematisch sortierten Knabberzeugverpackun-
gen aller Art herumwirbeln, sich zivilisieren, stubenrein werden. Samuel
hatte mir mal beigebracht, dass Sara statt Arschloch oder Dumpfbacke
immer öfter Messie benutze, um sich von der „breiten Masse“, wie sie es
ausdrückte, abzuheben, ihr Leben individueller zu gestalten. Das wuss-
te ich nicht. Aber: Sara trank gern schwarzen Kaffee mit Unmengen von
Zucker. Samuel rauchte gern Parfumtabak-Selbstgedrehte, bis er sich
Zeige- und Mittelfinger verbrannte. Ich hörte gern russische Kurzwel-
lendialoge und dachte an Labyrinthe, Raumfahrer und junge Französi-
sche Revolutions-Witwen. Ich schlief manchmal gerne bei Sara. Samuel
schlief manchmal gerne bei mir. Sara schlief manchmal gerne mit Sa-
muel. So einfach.
Wir tranken manchmal zusammen Wodka, warum auch nicht, sag-
ten wir uns, so ist das eben: Jung, WG, Großstadt. Wenn Sara in der
Küche mit Samuel schlief, hörte ich Kurzwelle und versuchte gequält,
die aus dem Nebenzimmer dringenden Geräusche in das Radiopro-
gramm einzuordnen. Ob sie wohl zusammenkommen, fragte ich mich,
ob sie wohl zusammen kommen? Und ist das erste Bedingung für das
zweite?
Der Winter war von Anfang an im Arsch. („Im Arsch“ war auch so
ein Sara-Ausdruck, der sich über ihren zwanzigsten Geburtstag hinaus
gerettet hatte und den sie sich trotz aller Selbstkontrolle noch nicht hat-
te abgewöhnen können.) Erst ging die Heizung kaputt, dann die Kaf-
feemaschine und schließlich schraubte jemand nachts Sattel und Räder

80
von Samuels altem Diamant-Rad ab. Er ärgerte sich und überlegte zwei
Tage lang, ob er beginnen sollte, Ego-Shooter zu spielen, um seine Ag-
gressionen loszuwerden – er hatte im Sonntags-Kostenlos-Anzeiger ge-
lesen, dass Jugendliche zu diesem Zweck so etwas täten – Zielgruppen-
zugehörigkeitsgefühle keimten in ihm auf, wir rieten ihm davon ab und
hängten das tote Fahrradgestell im Flur als Kleiderständer auf.
„Und, wie ist es so als Krüppel am Galgen?“ Samuel stand in ehemali-
ger Reifenhöhe und streichelte mit der Hand in ehemaliger Hitlergruß-
höhe über den Lenker, den Sara, auf der Leiter stehend, in eine Schlin-
ge gesteckt und die Schnur an einem zufällig anwesenden Vormieter-
Deckenhaken umständlich festgeknotet hatte. Ich setzte nebenan Tee-
wasser auf und rief „Pfefferminz – Schwarz – Roibusch?“ „Schwarz!“
brüllten Sara und Samuel synchron zurück; Samuel steckte seinen Kopf
durch die Küchentür.
„Sara meint, wir nennen mein Rad ab jetzt ,die Leiche‘. Sie findet das
außergewöhnlich cliquentauglich.“
„In Ordnung, Leiche.“ Die Teebeutel klebten aneinander, alles war
wie immer, wir gingen tanzen; in der Wohnung herrschten Minustem-
peraturen.
Samuel hatte mir dank seines Waldorfschul-Abiturs einiges voraus
und brachte mir nachts auf seinem Hochbett Stricken bei, wenn er bei
mir schlief. Mein rot-weiß geringelter Schal, der Samuel später durch
den Winter begleitete, wurde gerade noch zu Weihnachten fertig.
„Nette Windhose!“ sagte Sara beim ersten Betrachten unterm Tan-
nenbaum.
Später wurde Januar, auch das wunderte uns, wir hatten Silvester ab-
sichtlich verschlafen und waren Neujahr mit großem Ach je (Samuel
und ich) und Uppsala (Sara) aufgestanden – endlich waren die Pläne
unseres „Silvester spontan in Freiheit“-Geheimbundes aufgegangen und
wir hatten Schuldgefühle, außerdem war die Heizung noch immer ka-
putt; herrjemine, stöhnte Sara, in deren Körper sich ein grippales Mo-
nopol herauskristallisiert hatte, und zog kapitulierend, aber nicht selbst-
mitleidslos ins Hotel. Als Samuel wenige Stunden später auch anfing zu
husten, folgten wir ihr prompt, aber nicht ohne Reststolz. Saras arro-
gante Ader für Umsichtigkeiten war wieder besonders stark durchblu-
tet gewesen: Sie hatte gleich ein Dreibettappartment genommen, zwei

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Zimmer, Küchenecke, Bad. Zwei Zimmer hieß drei Betten hieß ein
Doppelbett, ein Einzelbett.
„Wir können ja tauschen“, sie war immer noch sehr verschnupft, „heu-
te schläft Samuel erst mal bei mir im Doppelbett – weißt du, wir sind
beide sehr krank – und morgen oder: demnächst sehen wir weiter.“ Sa-
muel kam nachts manchmal noch zum Stricken vorbei; das Bett war
sehr eng und quietschte bei jeder beiläufigen Bewegung.
In meinem Zimmer gab es nicht einmal Radio. Sara erklärte es zum
Raucherraum und wir schrieben Postkarten an entfernte Freunde, weil
wir unsere Situation für die Ewigkeit aufbewahrungspflichtig hielten,
hatten Probleme, den Stift rechts zu halten und gleichzeitig links adä-
quat zu rauchen. Sara machte erst auf dem Postweg, dann per Hotelte-
lefon mit ihrem sardischen Freund Schluss, den sie vor zwei Jahren in
Berlin auf einem Festival für Nu Jazz in der modernen rumänischen
Folklore kennen gelernt und seitdem nicht mehr gesehen, aber oft genug
betrogen hatte.
Dann, Anfang März ungefähr, lag eines kargen Morgens der Schwan-
gerschaftstest zurückhaltend, höflich und positiv auf der Badezimmer-
spiegelarmatur. Ich wollte Sara einmal, ein einziges Mal kraft einer von
ihr hätte kommen könnenden Bemerkung imponieren und sagte: „Den
hat sicher nicht die Putze hier vergessen.“
Sara erbleichte, Samuel machte ihr einen Verlobungsantrag und ich
ging Teewasser aufsetzen, in der WG.
Nachdem ich die Tür zur nicht nur leerstehenden, sondern auch ver-
lassenen Wohnung aufgeschlossen hatte, fiel mir wieder ein, warum wir
vorübergehend ausgezogen waren (Wenn wir zu weit und zu lange weg
waren, vergaßen wir meistens sehr schnell): Die Heizung war kaputt
und der Winter noch immer in widerlich greifbarer Nähe. Ich beschloss,
wenigstens die Kaffeemaschine zu kreaktivieren. „Kreaktivierung“ war
das einzige brauchbare Wort, was ich je erschaffen hatte – nachts, in ei-
nem Park, unter schlechten Menschen und aus Versehen. Samuel hatte
es zufällig aufgeschnappt und propagierte den Begriff bei Sara, die ihn
mit „einer Sache jugendlichen Schwung bzw. künstlerischen Pepp ver-
leihen; etw. wiederbeleben“ definierte. Ich zeigte mich leichten Herzens
einverstanden.
Das Spiel zum Wort erfand Sara; wir beschäftigten uns WG-intern in

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regelmäßigen Wettbewerben mit ihm: Kaputte Haushaltsgegenstände
wurden zu dekorativen Elementen umgestaltet. Sara war voller Eupho-
rie für Wort und Spiel und sprach daher ständig von unseren Kreakti-
vierungs-Erfolgen, so dass bald alle glauben mussten, dass der Begriff
wohl von ihr stamme.
Ich machte mich an der Karreemaschine zu scharfen, montierte den
Filtertütentrichter prophylaktisch zum Laufrad für eine even-
tuelle Hamsteranschaffung um, stellte die Kanne als Aquarium für den
Goldfisch, den sich Samuel schon so lange kaufen wollte, bereit und
überlegte, ob ich einen Wellensittich in dem aus dem Restgehäuse ent-
standenen Käfig halten sollte.
Erst als ich alle vorrätigen Teesorten – Pfefferminz, Schwarz, Roi-
busch – getrunken und jede Zukunft vergessen hatte, besuchte ich Sa-
muel und Sara noch einmal im Hotel.
Meine Mantelbuttons waren vom Kragen auf die Knopfleiste gewan-
dert; ich hatte in einer Nacht zwei Knöpfe verloren, weil ich alles, was
ich finden konnte, auch die Schuhe, zum Schlafen anbehielt – nicht ein-
mal eine Kreaktivierung hätte den Heizungsapparat wieder zum Wär-
men gebracht. Nun nutzte ich die Anstecker als Ersatzknöpfe. Samuel,
der die Knöpfe wieder hätte annähen können, trug inzwischen den sel-
ben Alufolienring am Zeigefinger wie Sara. Mein Hotelbett hatte inzwi-
schen eine ehemalige Kommilitonin von Sara bezogen, die jetzt, nach
abgebrochenem Studium, eine Ausbildung zur Hebamme absolvierte.
Sie hieß Saskia und sah in gewisser Weise auch so aus: Pferdeschwanz,
eine komplette Bebe-Young-Care-Pflegeserie auf der Haut und einen
„Für-Drinnen-Pulli“ um den bulimiekranken Leib. Außerdem war sie
Nichtraucherin.
Sara hatte abgenommen oder abgetrieben – dass beides parallel hätte
passieren können, schloss ich nach einigem Nachdenken aus.
„Samuel, Sara, Saskia – Sasasabim“, hatte vermutlich Sara mit Lip-
penstift an eine Fensterscheibe geschrieben; ihr Schriftzug betonierte
ihre betonte Süffisance.
Ich lud Samuel ins Café ein, nachdem mich Sara geohrfeigt hatte,
weil ich Saskia Zigaretten angeboten hatte: „Ihr Vater ist vor drei Wo-
chen an Lungenkrebs gestorben, du Pflaume!“
Nach dem ersten Kaffee mit Amaretto begann Samuel sich zu be-

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schweren: „Saskia, weißt du – ich weiß nicht, sie …“
Nach dem zweiten Kaffee mit Baileys begann ich mich zu beschwe-
ren: „Hör mal, nur weil meine Initialen nicht deckungsgleich mit euren
sind, heißt das noch lange nicht, dass …“
Nach dem dritten Kaffee mit Whisky erkundigte ich mich nach ei-
nem Wiederannähungsversuch meiner Knöpfe seinerseits, versprach
mich wie selbstverständlich und wurde aus Gewohnheit rot: Wieder-
annäherungsversuch. Nach dem vierten Kaffee mit Rum zahlte ich
schwankend, dafür übernahm er die Rechnung in der Zoohandlung:
Einen Goldfisch und einen Wellensittich, bitte.
Anschließend gingen wir Wasser für Zitronentee-Produktproben auf-
setzen, in der WG, und riefen den Klempner an, später, Mitte Mai.

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Katja Grohmann

Sternenvolk

Serva betrachtete noch einen Moment lang den hellbraunen Samen auf
ihrer Handfläche, bevor sie ihn mit den Fingerspitzen behutsam auf-
nahm und in die kleine Kuhle in der trockenen, steinigen Erde legte.
Innerhalb von Sekunden keimte der Samen und öffnete winzige grüne
Blätter.
Serva lächelte still und sah zu, wie der Spross innerhalb von weni-
gen Augenblicken zu einem stattlichen jungen Baum heranwuchs. Ihr
Gewand schimmerte wie die unzähligen Sterne an dem wolkenlosen
Nachthimmel über ihr, als sie sich umdrehte und auf den Horizont zu-
lief. Unter ihren nackten Füßen knirschten die schwarzen Steine unan-
genehm.
Als sie ein Stück weit gelaufen war, drehte sie sich ein letztes Mal um
und blickte zurück zu ihrem Werk. Serva hatte den Keim eben erst der
Erde anvertraut, dennoch war hinter ihr bereits eine grüne Linie frischer
Vegetation entstanden.
Dieser Planet würde es schaffen. Er würde alleine eine eigene Natur
aufbauen, in der Lebewesen existieren konnten. Das Sternenvolk durfte
ein fremdes Land nur einmal berühren, so hieß es in einem ungeschrie-
benen Gesetz.
Serva drehte sich wieder dem Horizont zu und stieß einen hohen träl-
lernden Laut aus. Fast augenblicklich stürzte Fandango auf sie herab
und kam nur wenige Meter vor ihr mit kraftvollen Flügelschlägen zum
Landen. Sein grüner Panzer funkelte im Licht der vier Monde, die über
den Himmel wanderten, wie geschmolzenes Metall.
Der Drache faltete seine gewaltigen Schwingen knisternd zusammen
und neigte den großen Kopf Serva zu. Das junge Mädchen zeigte je-
doch keinerlei Angst vor dem vielfach gehörnten Ungeheuer, sondern
lächelte es an.
„Fandango, lass den Quatsch!“ rief sie lachend, als der Drache dro-
hend den Schädel noch ein Stück tiefer senkte und den Rachen öffnete,
so dass Serva das glühende Höllenfeuer in seinem Innersten leuchten

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sah. Fandango blickte sie aus seinen großen Bernsteinaugen noch einen
Moment lang beinahe flehend an, dann aber streckte er ergeben eine sei-
ner ledernen Schwingen aus, um sie aufsitzen zu lassen.
Die beiden ungleichen Freunde flogen lange durch das Nichts. Der
Drache hatte Gefallen daran gefunden, mit Serva durch Meteoritenfel-
der und über verkrustete Planeten zu kurven, bis seine Gefährtin fast
den Halt verlor. Serva lachte immer wieder hell auf, wenn Fandango
scharf die Richtung änderte, um einem Felsbrocken auszuweichen, auf
den er noch Sekunden zuvor mit halsbrecherischer Geschwindigkeit zu-
gerast war. So bemerkten weder sie noch ihr übergroßes Reittier, dass sie
beobachtet wurden.
Ein Paar grauer, harter Augen verfolgte seit ihrem Aufbruch ihren
Weg durch ein Sternenteleskop. Als der Drache beinahe verschwunden
war, startete ein kleines, wendiges Raumschiff, um ihrer Fährte nachzu-
fliegen, in die Unendlichkeit des Universums. Seine Motoren dröhnten,
als es die Spur aufnahm und wie ein Schatten über das Meteoritenfeld
hinwegschoss. Ein Computer zeigte dem grauen Augenpaar immer wie-
der die Position der Verfolgten.
Bald tauchte ein viel gigantischeres Objekt auf einem Planeten auf
dem Bildschirm auf, das die Pupillen in ihren Bann zog. Die größte
Stadt mit dem Palast des Sternenvolkes. Die harten Augen waren zufrie-
den. Das Steuer des unscheinbaren Gleiters wurde herumgezogen und
die Koordinaten der Siedlung zuverlässig gespeichert.
Serva und Fandango landeten unbekümmert vor den Toren des Ster-
nenpalastes. Der Planet strahlte ein wundersames grünes Licht aus, so
dass auch die gewaltigen Gebäude in dieser Farbe erhellt wurden.
Hinter der Stadt begann das Meer. Es war unvergleichlich groß, je-
doch ständig von üppig bewachsenen Inseln unterbrochen. Irgendwo
weit draußen gab es der Legende nach den grünen Gürtel, einen Land-
streifen, der den Planeten zur Gänze umschlang. Egal in welche Rich-
tung ein Schiff losfahren würde, irgendwann würde es auf dieses natür-
liche Hindernis stoßen. Dahinter war der eigentliche Ozean. Trotzdem
hieß dieses Land der grüne Stern.
Ein älterer Junge mit kurzem, rabenschwarzem Haar, wie Serva selbst
es auch geerbt hatte, kam die Stufen vom Palast herunter auf sie zuge-
laufen. An den hohen Säulen, die das kaiserliche Gelände von dem öf-

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fentlichen Hof trennten, blieb er stehen.
Serva ging mit ausgreifenden Schritten zu ihrem Bruder hinüber und
umarmte ihn.
„Sven! Ich habe es geschafft!“ erklärte sie aufgeregt. „Ich habe einer
kahlen Welt Leben geschenkt!“ Der Junge lächelte stolz.
Als sie zusammen in dem gigantischen Gebäude verschwanden, stieg
hinter ihnen Fandango wieder in die Luft, um sich zu seinen Artgenos-
sen zu gesellen.
Die beiden Geschwister liefen nebeneinander durch die Eingangshal-
le. An ihrem Ende thronte ein riesiger Stoffvorhang. Aus dem dunkel-
blauen Hintergrund stach der gelbe Stern mit dem roten Punkt in der
Mitte regelrecht hervor, das Wappen der Sternenkrieger und des Ster-
nenvolkes, welches auch an der Vorderseite des Palastes prangte.
„Ah“, ertönte eine tiefe Stimme und ließ Serva und Sven aufsehen.
„Mein Geburtstagskind ist zurück.“
Auf einer Seitentreppe war eine hochgewachsene, kräftige Gestalt er-
schienen, die in ein Gewand gekleidet war, das hell schimmerte, wie die
Sterne an einem wolkenlosen Nachthimmel.
„Papa!“ rief Serva erfreut, als der Mann mit dem kurzen Bart am
Fuße der Stufen angekommen war.
„Na, hat mein großes Kind seine Aufgabe erfüllt und das Leben ge-
teilt?“ fragte der Vater neugierig.
„Großes Kind?“ witzelte Sven. „Mit Zehn?!“ Sein Vater schaute ihn
nur schmunzelnd an. Nun begann Serva in die Stille hinein zu erzählen,
wie sie dem auserwählten Planeten die Chance der Natur gegeben hat-
te.
„Und da war plötzlich ein ganzer Wald hinter mir!“ schwärmte sie.
„Ich habe nicht gewusst, dass es so schnell geht!“
Zusammen gingen sie in einen geräumigen Saal, in dem eine lan-
ge, mit herrlichen Speisen und Getränken besetzte Tafel auf sie wartete.
Viele von Servas Freunden aus der ganzen Stadt waren gekommen, um
mit ihr den bedeutendsten Geburtstag zu feiern. Mit zehn Jahren durfte
ein königliches Sternenkind das erste Mal einen Planeten verändern.

In den folgenden Jahren lernte Serva alles über die Fähigkeiten und Tra-
ditionen ihres Volkes im Umgang mit der Natur.

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Obwohl es ihr gesetzlich verboten war, nahm sie heimlich bei ihrem
Bruder Unterricht in der Waffenkunst. Sie beherrschte den Umgang
mit dem Schwert bald besser als er und selbst listige Angriffe konnte sie
mit dem Schild blitzschnell abwehren. Als Sven seine Prüfung für den
Orden eines Sternenkriegers ablegte, verfolgte Serva verstohlen jede der
Aufgaben. Viele hätte sie schneller, einfacher oder besser lösen können.
So wurde Serva trotz aller Verbote in ihrem Innersten eine Sternen-
kriegerin. Und sie ahnte, dass sie dieses Talent eines Tages gebrauchen
könnte.
Es geschah am fünfzigsten Geburtstag ihres Vaters. Unzählige Gäste
waren mit Raumschiffen in den Palast gekommen, um ihm zu gratulie-
ren. Die Geschenke waren so verschieden wie die Völker, von denen sie
stammten.
Lange nachdem der letzte Gast wieder abgereist war, landete ein klei-
nes, unauffälliges Raumfahrzeug vor der Stadt. Ein Paar harter stahl-
grauer Augen musterte das Wappen der Sternenkrieger geringschätzig.
Knochige Finger huschten über das Armaturenbrett und ein Strahl glei-
ßenden weißen Lichts schoss auf das Symbol zu und zertrümmerte das
Wahrzeichen wie eine starke Faust eine Essigfliege.
Die unbewaffneten Wachen schrieen gellend auf und stürzten in
den Palast. Der Himmel schien plötzlich taghell durch die unzähligen
Scheinwerfer kleiner wendiger Raumschiffe. Ohne Vorwarnung griffen
sie die Stadt an. Innerhalb weniger Minuten brach Chaos in den Stra-
ßen aus. Die königliche Familie war in ihren Gemächern gefangen und
schon hatten die Raumfähren eine Spur der Verwüstung hinter sich
hergezogen.
Sven und sein Vater warfen sich mit schier unglaublicher Zähheit
dem unbekannten Feind entgegen, der nun zu Fuß zu ihnen durchdrin-
gen wollte. Serva hatte ihnen folgen wollen, doch ihre Mutter hielt sie
zurück.
Die beiden Sternenkrieger tauchten bald wieder bei ihnen auf. Die
Übermacht war einfach zu groß. Und sie stellten sich immer wieder die-
selben Fragen: „Wer waren die Angreifer und was wollten sie?“ Die Ant-
wort darauf kam schneller, als ihnen lieb war. Sven und Serva hatten
eine Barrikade vor der Tür aufgebaut, doch der wahre Feind kam durch
die Fenster: grüner, beißender Rauch. Die Familie erstarrte mitten in

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der Bewegung. Serva fand als erste ihre Sprache wieder.
„Nein“, ächzte sie. „Nein! Sie verbrennen die Stadt!“
Die Häuser waren aus dem gehärteten Holz eines anderen Planeten.
Und das Material, war es auch so hart wie Stein, war, wenn es erhitzt
wurde, hochgiftig.
Mitten in dem dichten Qualm, der bei den ungeschützten Sternen-
menschen einen alarmierenden Hustenreiz verursachte, tauchte eine rie-
sige männliche Gestalt auf. Sie schwebte direkt neben dem Fenster und
war kaum zu erkennen. Die stahlgrauen Augen musterten den Kaiser
verächtlich. Dann ertönte eine rasselnde, unnatürliche Stimme:
„Die Sternenkrieger haben lange genug die Vorherrschaft im grünen
All besessen. Ihr habt getan, was eure Tradition von euch verlangte, und
ich werde euch davon erlösen.“
Sein eisiger Blick glitt über die aschfahlen Gesichter der Familie. An
Serva blieb er für einen Moment lang hängen. Ihre dunkelblauen Au-
gen faszinierten ihn. Doch was den heimtückischen Mann noch mehr
verblüffte, war die Entschlossenheit darin.
„Ihr seid alle alt genug, um zu sterben“, sagte die kalte Stimme. „Au-
ßer dir“, wandte er sich an Serva. „Ich werde dich zu einem wunderschö-
nen Ort begleiten.“
Serva blinzelte in den Rauch, doch die Gestalt blieb immer noch ver-
schwommen.
„Ich bleibe hier“, sagte sie fest.
In den nächsten Minuten passierte zu viel, als dass die junge Sternen-
kriegerin ihr Wort hätte halten können.
Serva erwachte aus ihrer Ohnmacht an Bord eines winzigen Raum-
schiffes. Sie schreckte hoch und blickte aus einem der quadratischen
Fenster der Kabine nach draußen. Der grüne Stern verschwand gerade
aus ihrem Sichtwinkel.
„Nein, lasst mich raus!“ rief Serva entsetzt und trommelte mit den
Fäusten gegen die Wand, hinter der sie den Rest der Raumfähre vermu-
tete. Doch ihr antwortete nur eine unerträgliche Stille.
Dann wurde rauschend ein Lautsprecher angeschaltet: „Nur die Ruhe,
du wirst ihn noch einmal zu sehen bekommen“, sprach eine verzerrte
Stimme. Servas Puls raste.
Das Raumschiff hatte inzwischen einen gewaltigen Satelliten erreicht,

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der gut doppelt so groß war wie eine Enterprise. Er sah jedoch nicht
ganz so ungefährlich aus wie ein gewöhnlicher Satellit. Die Waffen wa-
ren unverkennbar. Das kleine Raumschiff landete auf einer Tragfläche
des riesigen Gefährtes und richtete sich nach seiner Spitze aus, die ge-
nau auf den grünen Heimatplaneten der Sternenkrieger wies.
Servas Nervosität war kurz davor, in Panik umzuschlagen. Sie hatte
das ungute Gefühl, dass sie das, was sie jetzt beobachten würde, nicht
sehen wollte.
Der immense Rumpf des Satelliten unter ihr begann erst leicht, dann
immer heftiger zu vibrieren.
Plötzlich schoss aus der Spitze des Raumfahrzeuges ein weißer, glü-
hend heller Strahl auf den Planeten vor ihnen zu. Dieser verschwand nur
Augenblicke später in einer markerschütternden Explosion.
Als die Gaswolken verschwanden, suchte Serva mindestens genauso
verzweifelt wie erfolglos den leeren Raum vor ihren Augen ab. Dann
übermannte sie Fassungslosigkeit. Sie hatten ihn zerstört.
Der Mann, den sie alle nicht hatten erkennen können, als er in dem
giftigen Rauch der Sternenstadt erschienen war, hatte ihre Heimat aus-
gelöscht. Der Planet war einfach verschwunden.
Aber warum? Was hatte das friedliche Volk der Sternenkrieger ihm
angetan?
Der unheimliche Satellit wendete und glitt ein paar Minuten lang in
die entgegengesetzte Richtung. Serva hockte auf dem metallenen Bo-
den und weinte hemmungslos.
Erst als das Raumschiff auf der Erde aufsetzte und sich eine Tür zu
ihrem Gefängnis öffnete, stand sie mit roten Augen wieder auf.
Die Raumfähre war auf einem herrlichen Planeten gelandet. Bäume
blühten und Pflanzen wuchsen üppig aus dem grauen steinigen Boden.
Es war das Land, dem Serva selbst vor sechs Jahren an ihrem zehnten
Geburtstag das Leben geschenkt hatte.
Kaum hatte sie das Gefährt verlassen, hob es dröhnend wieder ab.
Serva sah ihm nach und versuchte vergeblich zu fassen, was geschehen
war.
Das Raumfahrzeug über ihr ging in die Lichtgeschwindigkeit über
und leuchtete als greller Blitz noch einmal auf, bevor es verschwand.
Die vier Monde sandten einen grauen, traurigen Lichtschimmer auf

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die Szene und beleuchteten Servas Gesicht unheimlich.
Sie fühlte sich allein wie nie zuvor.

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Christoph Schubert & André Kirchner

Der Propellermann

Es gab mal einen Mann, der hatte an seiner Metallplatte am Kopf ei-
nen Propeller befestigt, der durch seinen Herzschrittmacher betrieben
wurde. So konnte er die Weltgeschichte erkunden. Er war auf der Bosto-
ner Tea Party, sah Luther schreiben, Hitler reden und Bush handeln. Er
wurde alt und müde. Die Falten und sein Propeller ließen ihn komisch
wirken. Das Volk lachte über ihn. Er wandte sich an seine Krankenkas-
se, die ihm verweigerte eine Operation zu bezahlen. Trotzdem legte er
sich unters Messer. Doch sein Sommerhäuschen in der Toskana über-
ließ er einem Immobilienhai.
Er wurde normal und ins Altersheim abgeschoben. Täglich sah er
durch sein verschmutztes Fenster. Regen fiel. Der Alte war froh und
starb. Sein Grab war kahl und leer, wie seine Welt ohne Propeller.

92
Marcus Quent

Vergessen

Es regnet Staub
Die letzten Vögel bluten
Der Mond segnet seine Kinder
Vergreist schließlich im Sternenall
Menschen beten zu stummen Göttern
Häuser verfallen
Der Wind schließt seine Hände
Um die von Licht durchdrungenen Körper
Durchflutet ihren knisternden Atem
Träume fliegen
Gleiten mit dem Wind davon
Ertrinken im See der Sonne
Verschüttet unter Tageslicht…
Vergessen durchzieht die Zeit
Es regnet Staub

Im Sand der Erinnerung

Tief unten
Im Sand der Erinnerung
Flüstert ein Schimmern durch Schattenfelder
Ein Duft von Vergangenheit schleicht durch
Gedankenräume

Hoch oben
In Wurzeln der Wirklichkeit
Schläft ein leises Tränenmeer im Inneren
Kein Sonnenhauch der Wasser zu stillen weiß

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Mittendrin
Ein getriebenes Herz
Das versinkt

Traumwarte

Und so verwelkt mein Traumstaub


Im grauen Wirklichkeitswind
Ich warte regungslos auf die Zeit
Die mich von all dem Leid befreit

Ein Lichtfunken fällt ins Wolkengrab


Stürzt aus dem hilflosen Himmel
Schweift tief hinab in brach liegendes Nichts
Und stirbt schließlich sich windend
In einem namenlosen Niemandstraum
Der im Anblick der aufgehenden Sonne zerbrach

Und wir hoffen im Nichts zu finden


Den Schlaf der uns das Leben stillt
Hoffen auf einen Traum zu stoßen
Der uns in süßwarmen Nebel hüllt
Doch die Hoffnung bleibt verwehrt

Verborgen bleibt unser Sinn


Und wir warten weiter
Warten weiter bis
Ein neuer Tag beginnt

94
Martin Tanz

Die Gesetzmäßigkeiten des freien Marktes

Selbst einem noch vom Schlaf benommenen Wirtschaftsmathematiker,


der mit einer Ausgabe des Handelsblattes unterm Arm und dank Tun-
nelblick geradlinig-souverän durch die Innenstadt steuerte, hätte er auf-
fallen müssen. Mitten in der morgendlichen Rushhour der Fußgänger-
zone passte dieser Junge, der nicht älter als acht zu sein schien, irgend-
wie nicht so ganz ins Bild. Wie er mit tänzelndem Gang über die Beton-
und Asphaltteppiche hinwegfegte, wie zu einer wahrhaft unerhörten
Melodie, hätte er eher in eine Spieluhr gepasst. Und er hätte dabei tat-
sächlich nicht an Glaubwürdigkeit verloren. Im Gegensatz zum Wirt-
schaftsmathematiker.
Aber Spieluhren verkauften sich seit Ende der Weltkriege immer
schlechter und so ergab es sich eben, dass eine etwas profanere Szenerie
als Schauplatz für diese Ausgeburt an Heiterkeit herhalten musste. Die
Pfützen, die der Regen hier letzte Nacht hinterlassen hatte, schienen ge-
radezu prädestiniert dafür zu sein, den roten Lichtschein widerzuspie-
geln, der der Grund für die Fröhlichkeit des Jungen war. Seine Mutter
und er hatten am Tag zuvor neue Schuhe für ihn gekauft und ihm war
beim Betreten des Ladens sofort ein Paar ins Auge gesprungen, das an-
fing zu blinken, wenn man damit etwas heftiger als normalerweise auf-
trat.
Entgegen den Vorstellungen seiner Mutter, die das Geld in eine ganz
andere Art von Schuhen investieren wollte, gab es für ihn nur noch die-
se zwei. Er hatte darauf bestanden, gedrängelt, gequengelt – ja, letzt-
endlich hatte er sogar um sie gekämpft. Und sie bekommen. Wieder aus
dem Geschäft raus, war er von Grund auf glücklich gewesen.
Schon von weitem sah man ihm das an. Den für ihn viel zu großen
Schulranzen mit sich herum tragend, bog er um die letzte Häuserecke
ein, bevor sein Pausenhof und die dazu gehörige Schule zu sehen waren.
In einiger Entfernung standen bereits einige andere am Tor und war-
teten auf den Unterrichtsbeginn, indem sie lustlos mit den Fußspitzen
Furchen in den Kies gruben, um so die Zeit zu überbrücken. Als er un-

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ter ihnen eine Gruppe seiner Freunde ausmachte, beschleunigte er seine
Schritte. Er konnte es kaum erwarten, ihnen seine neusten Habseligkei-
ten zu präsentieren.
Doch auf halber Strecke hielt er inne. Der Ausdruck auf ihren Ge-
sichtern brachte ihn aus dem Konzept. Er war zwar nicht unbedingt
eindeutig, aber offensichtlich nicht so, wie er ihn erwartet hätte. Für
ein oder zwei Sekunden stand der Junge so da. Und er begriff. Jeglicher
Hauch von Illusion, der da vielleicht vorher gewesen war, war nun aus
seinem Gesicht verschwunden. Natürlich konnte er seinen Freunden
die neuen Schuhe nicht zeigen. Er verstand zwar nicht, warum sie sei-
ne Freude an gewissen Dingen nie teilen konnten, aber Fakt war – sie
konnten es nicht. Also nahm er sich vor, die restlichen Schritte bis hin
zu ihnen in betont lässigem Schritttempo zu gehen. Aber es war ohne-
hin zu spät – das Blinken hatte ihn schon verraten. Einer würde ihn auf
die Schuhe ansprechen, so viel war sicher. Aber bloß nicht von selbst da-
mit anfangen. Denn das war uncool.

Na – neue Schuhe?
Ach die … ja. Seit gestern.

Und dann – dann folgte ein verschworener Seitenblick, flankiert von ei-
nem Grinsen, das Freude an der aufkommenden Aggression ausstrahl-
te. Was dann kam, war das Barbarischste, was man zu dieser Uhrzeit
zu sehen bekommen konnte und was als finaler Beweis dafür dienen
sollte, dass Kinder eben doch einfach nur grausam sind. Während die-
ses rituellen „Einweihens“ der neuen Schuhe wurde er von den anderen
eingekreist und zwei, drei endlose Minuten lang auf die Füße getreten.
So lange, bis die Schuhe völlig verdreckt und zerschlissen waren. Nach
der Prozedur sahen sie aus, als hätte sich das ganze vor mehreren Jah-
ren abgespielt. Das Schlimmste war jedoch das anschließende Verleug-
nen der Wut. Das gequälte, obligatorische Lächeln, das er zur Versöh-
nung aufsetzen musste. So verlangte es die Etikette und er hatte sich ihr
unterzuordnen, denn es war nichtsdestotrotz seine Kultur, die ihm das
hier antat.
In der Schule fehlte er die nächsten zwei Tage. Beim Nachhausegehen
dachte er noch gar nicht an die mögliche Strafe vonseiten seiner Eltern.

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Alles, was er tat, war die Risse und Kratzer auf der Kunstlederoberfläche
zu zählen. Die Lampen funktionierten nur noch am linken der beiden
Schuhe. Das änderte aber nichts daran, dass auch er sich anpasste und
mit einem gerade besonders gelassenen Gesichtsausdruck aus dem Re-
pertoire von bereits Toten zurückkam und irgendeine Ausrede erfand,
die sein Fehlen erklärte und – wieder einmal ein bisschen mehr von ihm
sterben ließ. Dabei steckte er die Hände in die Hosentaschen. Somit ge-
hörte dann auch er endlich zum Heer derer, bei denen es keiner merken
würde, wenn sie keine Pupillen hätten. Ein Märtyrer. Also einer von
vielen.
Im Ernst – hätte irgendein Spinner behauptet, dass dieser Junge der
Messias gewesen wäre – ich wäre ihm verdammt noch mal gefolgt. Für
seine Sache zu kämpfen, hieße, noch etwas Schönes zu kennen. Etwas
Schönes, das man hat, um morgens nach dem Aufstehen daran zu den-
ken, sodass der ganze Tag davon durchwirkt ist. Und es würde bedeu-
ten, es festzuhalten, auch wenn schon längst modernere, dem Zeitgeist
huldigendere Versionen davon erhältlich sind.
Die blinkenden Schuhe hat man inzwischen weitgehend aus dem Sor-
timent genommen. Ihr Vertrieb lohnte sich kaum noch. Wirtschaftsma-
thematiker hatten das bestätigt. Sinkt die Nachfrage nach ihnen, wer-
den Produkte aus dem Inventar gestrichen. Das gehörte schon immer zu
den Gesetzen des Marktes. Bücher, Ideen und Gedanken, die anfangen
zu blinken, wenn man zu sehr mit ihnen auftritt, folgen noch.

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Magdalena Keßler

Senf jagt Ketchup

London-Heathrow.
Mehr brauch’ ich, glaube ich, nicht zu sagen.
Meine Eltern hatten mich heute Morgen in ein Flugzeug gesetzt,
ich sollte für zwei Ferienwochen zu meinem Onkel und meiner Tante in
diese englische Metropole. Ich komme aus einer Thüringer Kleinstadt
und bin solch ein pulsierendes Leben daher nicht gewohnt.
So stand ich gut zwei Stunden später in dieser monströsen Halle und
betrachtete staunend das rege Treiben.
Da Onkel und Tante heute arbeiten mussten, sollte ich, mit Hilfe ei-
ner durchtrainierten Wegbeschreibung, den Weg zu ihrem Häuschen
in der City selbst finden. So machte ich mich frohen Mutes auf und
fand mich schließlich in einer überfüllten Straße direkt vor der Flugha-
fenhalle wieder.
Hier sollte nun irgendwo eine Bushaltestelle zu sehen sein … und da
war sie auch schon! Erleichtert kramte ich in meinem Geldbeutel, um
mir ein Ticket zu kaufen. Nach etlichem Suchen hatte ich ihn gefunden.
Meine Eltern waren so außerordentlich großzügig gewesen, mir drei-
hundert Euro mitzugeben.
Zu meinem Glück kam nach einer Weile der Bus, der mich in Rich-
tung City bringen sollte. Es war leider kein Londoner Doppeldeckerbus,
sondern ein hochmoderner Linienbus, der mich nun an den Stadtrand
fuhr.
Als ich schließlich an der entsprechenden Haltestelle ausgestiegen
war und nun gerade mein erstes Londoner-Bus-Ticket als Erinnerung
in meinem Geldbeutel verstauen wollte, hörte ich etwas auf mich zurol-
lern. Ich schaute mich um … und weg war mein Portemonnaie.
Der Dieb war ein atemberaubend schneller Skater, der nun in Rich-
tung City sauste – mit meinen 300 Euro! Ich hatte jetzt die reizende
Auswahl, diesem Schuft für seinen plötzlichen Reichtum alles Gute zu
wünschen oder meinen Rucksack schnappen und hinterher. Ich tat das
letztere, ersparte mir wenigstens ein weiteres Pfund für die Metro.

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Während ich stolpernd durch eine Straße nach der anderen hetzte,
zweimal über ein Skateboard hopste, einen Kinderwagen streifte und
mich mindestens viermal wunderte, woher meine plötzliche Ausdauer
kam, rief ich dem Kerl ein paar Wortfetzen hinterher. „Hey, … Stop!
You silly …“ Tja, da fehlten mir die Vokabeln.
Einer der Gründe für meinen England-Urlaub waren schließlich mei-
ne mehr als mangelhaften Englischkenntnisse. Doch ich lernte im Eng-
lischuntericht nur solche Lebensweisheiten, wie „He, she, it – das s muss
mit“ oder „I hate english food!“
Was ich diesem Rowdy jetzt aber sehr gerne zugebrüllt hätte: „Hey, du
ekelhafter Ketchupfutzi! Gib mir sofort mein Geld wieder, sonst kriegst
du es mal mit Thüringer Senf zu tun!“ konnte ich natürlich nicht! So
schmiss ich ihm noch ein paar deutsche Schimpfwörter an den Kopf.
Die Sonne brannte heiß vom Himmel herunter, was mir hier in Eng-
land etwas komisch vorkam. Klagte nicht jeder über das britische Wet-
ter?!
Allmählich kam ich mir vor, wie bei „Emil und die Detektive“. Nur,
dass Emil Hilfe von einheimischen Berlinern bekommen und bestimmt
auch besseres Wetter hatte, denn ich bekam zu meinem Entsetzen gera-
de einen Tropfen ab. Als ich jedoch besorgt nach oben blickte, sah ich,
dass eine britische Tee-time-Omi den Regenmacher spielte, indem sie
ihre Balkonpflanzen ersäufte.
Inzwischen waren wir in der Innenstadt angekommen, in der ein ge-
waltiger Verkehr herrschte. Sehnsüchtig schaute ich ein paar Kindern
nach, die Eis schleckend aus einem der Doppeldeckerbusse heraus guck-
ten.
Ich wollte schon einen letzten Abschiedsgruß an meine Euros senden,
da hielt der Knabe plötzlich an! Er setzte sich auf eine Bank und be-
trachtete verzückt den Inhalt seines Diebesguts.
Erleichtert bremste ich und verschnaufte erst einmal kurz. Als ich
meinen gesenkten, Schweiß überströmten Kopf wieder hob, sah ich mit
Entsetzen, dass der Kerl schon wieder losfuhr.
„Och nee, jetzt ist aber genug!“ rief ich, begann jedoch wieder, mich
an seine Fersen zu heften.
Unterwegs kam ich am Picadilly, am Tower und der Towerbridge, an
Covent Garden und einigen anderen Londoner Highlights vorbei, so

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dass ich überlegte, ob ich meinem Guide auf Skates nicht ein wenig
Geld für diese Stadtführung geben sollte – auch wenn die historischen
Kommentare fehlten. Wenn ich ihn denn nur endlich mal kriegen wür-
de!!!
Schließlich gelangten wir in eine Einkaufsmeile. Das war meine
Chance, denn nun musste der Kerl sein Tempo verlangsamen und ich
konnte zwischendurch verschnaufen.
Zu Hause würde ich einfach nur die 110 wählen, doch hier besaß ich
ja weder Telefon noch ausreichende Sprachkenntnisse. Meine Kraft ließ
von Schritt zu Schritt nach und ich fragte mich, wann dieser Dreckskerl
anfangen würde, mein Geld auszugeben!? Dann bräuchte ich ihn näm-
lich nur an der Kasse festzuhalten und dieser sportliche Alptraum hätte
endlich ein Ende.
Plötzlich und scheinbar zum ersten Mal seit dieser Verfolgung drehte
er sich um. Er grinste. Auch wenn ich von hunderten Menschen umge-
ben war, musste ich feststellen, dass dieses hundsgemeine Lächeln ge-
zielt mir galt!
Dieser einzige Blick gab mir noch ein letztes Mal Kraft, so dass ich
wieder etwas schneller lief. Nach nur ein paar Schritten teilte sich die
Menge und wir kamen an einen weitläufigen Platz. Na prima! Jetzt
langte es mir aber endgültig, aus die Maus! Doch was war das?!
Statt nun wieder wie ein Irrer los zu rasen, rollerte er gemächlich vor
sich hin! Er bog in eine Seitenstraße ein und hielt vor einem Lebens-
mittelladen. Das war die Gelegenheit, an mein Geld zu kommen! Be-
stimmt hatte er vor, den Laden zu betreten, und da könnte ich ihn end-
lich schnappen! Doch bevor er ihn betrat, schaute er sich noch einmal
um.
Schnell versteckte ich mich hinter einer Plakatwand. Nun wusste
ich sogar, dass Waldi, ein reinrassiger Yorkshireterrier, seit der gestri-
gen Teetimestunde nicht mehr zu Frauchen nach Hause gekommen war.
Vielleicht handelte es sich ja hierbei um die Regenmacherin, die nun aus
lauter Trauer ihre armen Pflänzchen ertränkte …
Ich wollte gerade den Laden betreten, da lief ich meinem Dieb direkt
in die Arme und sah, wie er mich wieder so komisch angrinste!
Ich holte tief Luft, um mir mein Leid der letzten Stunden von der
Seele zu schreien, da drückte er mir auf einmal eine Flasche Cola in die

100
Hand, gab mir meinen Geldbeutel samt Inhalt wieder und sagte iro-
nisch, in gebrochenem Deutsch: „Hier, Sport tut Deutschland gut!“
Dann drehte er sich um und sauste davon.

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Ulrike Rauchmaul

Wirklichkeit

Nachts
Träume ich
Wirres Zeug
Ein Sprudel, ein Sog, zieht mich mit sich

Eine andere Welt


So ganz anders
Kein Paradies

Weiß – Schwarz
Keine Farben –
Gewalt, Schreie, Angst

Mittendrin

Ich

Wache auf

In meinem Bett, in Schweiß gebadet


Tränen –

Meine Welt, kein Paradies und auch


Kein Traum.

102
Danach

Sie liegt da.


Er neben ihr.
Nackt,
Erschöpft, küsst sie.

Glücklich, wie noch nie,


Denkt sie,
Weil er perfekt war,
Weil es perfekt war.

Mann, bin ich müde,


Gähnt er,
Doch still,
Schließt die Augen.

Sie betrachtet die Decke,


Überlegt,
Sieht ihn an.
Schläfst du?

Sie ist nicht müde,


Steht auf,
Tanzt herum
In seinem Zimmer, Immer noch nackt:
I feel good.
~~~~~~
Es ist spät.
Dreizehnkommafünf Minuten nach halb fünf.
Nacht.
Sei leise, hör auf zu tanzen, leg dich hin,
Will er ihr sagen.
Geht nicht.

103
Er sieht sie an,
Ihren Körper,
keine Modellmaße
Aber trotzdem beautiful.

Sie zieht sich an,


Will gehen.
Steht nicht auf Kuscheln danach.
Ihre Energie reicht für den ganzen Tag.

Sie geht?
Lässt ihn allein?
Er erinnert sich:
Sie steht nicht auf Kuscheln danach.

Morgen voller Spätsommer

So gehe ich weiter


über das Feld
in dem jede Ähre dicht an dicht neben einer anderen steht
sie wollen sich wärmen

Der Wind weht schwach


aber kalt
so seltsam kalt
an diesem Morgen

Es ist ein Morgen voller Spätsommer

Und ich laufe über eine Wiese


begegne einem Mann
er ist nicht groß, auch nicht klein
aber sein Haar ist lang und müde
schaut er mich an

104
Ich zeige ihm ein Lächeln
er schüttelt den Kopf
und der Wind trägt ihn davon
wie Blütenstaub

Am Morgen voller Spätsommer

So klappe ich das Buch zu


über dem ich eingeschlafen bin
in dem jede Seite dicht an dicht neben einer anderen steht
sie wollen sich wärmen

Der Wind weht schwach


aber kalt
so seltsam kalt
an diesem Morgen

Es ist ein Morgen voller Spätsommer

105
Elisabeth Luther

der zeuge

ich sitze. schon seit zwei wochen habe ich meinen platz an der u-bahn-
station nicht mehr verlassen. hunderte menschen gehen jeden tag an mir
vorbei. meistens starren sie stur geradeaus und hasten von einem platz
zum anderen, rasch wie der wind, der mir das haar zerzaust, wenn eine
u-bahn ankommt. viele nehmen mich gar nicht wahr, merken nicht,
wie ich sie beobachte. inzwischen kenne ich sie alle. wenn ich die augen
schließe, kann ich sie sogar riechen. die erfolgreichen geschäftsmänner
riechen nach geld, die tüchtigen sekretärinnen duften nach süßem par-
füm, die frisch verliebten pärchen nach zuckerwatte und vielleicht ein
bisschen nach schweiß. ein wenig nach alten weihnachtsplätzchen und
kräutertee riechen die gemütlichen rentner, die armen schlucker von der
straße dagegen nach alkohol und urin. am liebsten mag ich aber die
kinder, die mich mit ihren großen unschuldigen augen ansehen. sie sind
diejenigen, die mich wirklich so sehen, wie ich bin. manchmal setzen sie
sich neben mich, reden mit mir oder bringen mir sogar etwas zu essen
mit. ohne sie wäre ich wahrscheinlich schon vor hunger gestorben. man-
che haben auch angst vor mir und schmiegen sich eng an die schützende
hand der mutter. leider bekomme ich hier unten auch ganz andere sze-
nen zu sehen. vor ein paar tagen zum beispiel sah ich, wie ein paar kahl-
köpfige jugendliche einen älteren herrn mit dunkler hautfarbe zusam-
menschlugen. ich versuchte, sie daran zu hindern, doch ich konnte mich
nicht von der stelle rühren. der strick, mit dem ich seit einiger zeit an die
wartebank gefesselt bin, ließ es nicht zu. so musste ich mit ansehen, wie
die täter ihr opfer blutend am boden liegen ließen und lachend die trep-
pe hinauftorkelten. ich riss und zerrte an meinen fesseln und versuchte,
um hilfe zu rufen, doch niemand kam. ein anderes mal wurde einer al-
ten dame die handtasche gestohlen. vor meinen augen rannte der junge
mit der tasche davon. keiner kam der armen frau zur hilfe. die anderen
wartenden schauten nur betreten zur seite und sagten nichts. gestern erst
beobachtete ich, wie ein mann vor seinen eigenen kindern seiner frau ins
gesicht schlug. die anderen passanten taten, als hätten sie nichts gesehen.

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wenn ich mir die menschen so ansehe, frage ich mich oft, warum sie
tun, was sie tun – sie verletzen sich gegenseitig mit taten und worten –
und alle sehen einfach darüber hinweg … ich frage mich, warum sie
sind, wie sie sind – rücksichtslos und kalt.
aber ich bin nur ein hund, der von seinem herrchen hier vergessen
wurde. ich kann den menschen nicht die augen füreinander öffnen.
vielleicht werden sie irgendwann einen weg finden, es selbst zu tun.

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Katja Grohmann

Der Mann an der Kante

Es war heiß und drückend an diesem Tag, als ich durch die Straßen und
gemütlich an einem Stau vorbeischlenderte, in dem die Autos sich am
liebsten alle gleichzeitig an der Baustelle vorbeigedrängelt hätten.
Ein Verkehrspolizist versuchte, mit Winken und Rufen Ordnung in
dem heillosen Chaos zu schaffen, was ihm kläglich misslang.
Ich befand mich in einer dieser Hochhausschluchten und hielt kurz
inne, um die Sonnenstrahlen, die zwischen zwei Häusern hindurchlug-
ten, trotz der Hitze auf meinem Gesicht zu genießen. Ich hob den Kopf
und öffnete die Augen wieder.
Verwirrt blinzelte ich in das grelle Licht. Dort oben, auf dem Dach an
der äußersten Kante, da saß jemand! Dreißig Stockwerke über mir und
seine Beine baumelten in der Luft!
Ich hatte von solchen verrückten Geschichten gehört, wie Leute sich
von Hochhäusern stürzen, aber mit eigenen Augen zuzusehen, unvor-
stellbar!
Ich hastete zu dem Polizisten, während ich die schattenhafte Gestalt
nicht aus den Augen ließ. „Dort oben sitzt jemand auf dem Dach! Se-
hen Sie nur.“ Ich packte den Uniformierten am Ärmel und deutete hi-
nauf. Der Mann sah nicht einmal richtig hin, sondern schüttelte meine
Hand ab und warf mir einen Blick zu, als sei ich verrückt.
„Der sitzt dort oben schon seit Tagen, mach mal ruhig, Mädchen.
Wenn er sich aufrichtet und abschätzend hier runter starrt, dann kannst
du durch die ganze Stadt rennen und nach Hilfe schreien, klar?“
Für Momente fehlten mir die Worte.
„Seit Tagen?“ fragte ich. „Wieso hat niemand davon gehört?“
„Die Presse beschränkt sich darauf Kleingetier am Boden aufzuspie-
ßen, anstatt den Himmel zu beobachten.“
„Wieso holt ihn keiner runter?“
„Er hat versprochen, dass er nicht springt, ehe er stand.“ Der Polizist
zuckte mit den Schultern. „Also lassen wir ihn in Ruhe über Gott und
die Welt nachdenken.“

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Er wandte sich wieder dem Verkehrstreiben zu und brüllte etwas zu ei-
nem roten Audi hinüber, der sich gerade quer stellte.
Verwirrt über die seltsame Neuigkeit sah ich noch einmal zu dem
Schatten hoch und wusste nicht, was ich denken sollte.
Nach einigen unentschlossenen Minuten überquerte ich die Straße
und ging zu einem der Wohnhauseingänge. Die Tür war unverschlos-
sen und so trat ich ein und fand mich in einem kalten Flur wieder. Un-
willkürlich fröstelte ich. Steintreppen führten zur Linken nach oben
und ich war ungemein erleichtert, auf der anderen Seite einen nachträg-
lich eingebauten Fahrstuhl zu finden.
Ich fuhr hinauf bis in den letzten Stock und überlegte währenddessen
mehrmals, ob ich nicht lieber umkehren sollte. Vielleicht saß dort wirk-
lich nur ein Verrückter, der mit dem Leben abgeschlossen hatte und
nicht mehr weiterwusste.
Doch meine Neugier siegte. Die Fahrstuhltür öffnete sich und ich
schaltete das Licht im Flur an. Am hinteren Ende gab es eine schmale
Leiter, die zur Dachluke hinaufführte. Was sollte denn schon passieren,
ich wollte schließlich nur ein paar Worte mit dem Verrückten wech-
seln.
Auf dem Dach war es noch brütender als auf den Straßen, doch ein
Windhauch kühlte meine Wangen. Die Aussicht war fantastisch. Wäre
der Tower neben uns nicht gewesen, man hätte die gesamte Stadt über-
blicken können.
Dort saß er und schaute hinab auf das geschäftige Treiben, das ich
von meinem Standpunkt aus nicht sehen konnte. Er hatte mich noch
nicht bemerkt und ich hoffte, dass er nicht erschrecken würde, wenn ich
ihn unvermittelt ansprach.
Einen Augenblick wartete ich, damit er meine Anwesenheit spürte
und nutze die Gelegenheit ihn zu mustern. Von hinten sah er alt und
mitgenommen aus, sein schwarzes Haar hing ihm in langen Strähnen
bis auf die Schultern und sein Nacken und sein Rücken waren vom Son-
nenbrand gerötet. Die Lumpen, die er trug schienen bestenfalls aus ei-
nem Müllcontainer zu stammen. Er hatte die Hände in den Schoß fal-
len lassen und saß gebückt mit hängenden Schultern.
„Was tun Sie hier?“ fragte ich, als ich einen Schritt zur Seite gegangen
war, damit er mich aus dem Augenwinkel heraus bemerkte.

109
Als er sich zu mir wandte, schnappte ich überrascht nach Luft. Der Kerl
war höchstens ein paar Jahre älter als ich, doch sein Gesicht war von
Leid gezeichnet. Seine Augen richteten sich auf mich und ein kalter
Schauer durchführ mich. Sein Blick war so anklagend als hätte ich ihn
mit der Androhung begrüßt, ihn eigenhändig hinabzustoßen.
„Ich schaue euch zu, wie ihr in einer Welt voller Lügen zurecht-
kommt“, sagte er schließlich mit rauer Stimme. Er schien nicht son-
derlich angetan, mich hier oben anzutreffen, doch als ich ihm einen
Schluck aus meiner Wasserflasche anbot, nahm er zögernd an.
„Und was machst du hier?“
Ich wusste nicht so recht was ich antworten sollte, deswegen sagte ich
unsicher: „Herausfinden, was du hier machst?“
Er rang sich ein gequältes Lächeln ab.
„Wieso bist du hier?“ fügte ich hinzu.
„Weil ich nicht sicher bin, ob ich weiterleben will oder nicht“, sagte er
mit schlichter Sachlichkeit. Wieder lief mir ein Schauer über den Rü-
cken, obwohl die Sonne uns im Nacken brannte.
„Hast du gar nichts, was dich hier hält?“
Einen Moment herrschte Schweigen und ich setzte mich mit unter-
geschlagenen Beinen – und weit genug von der Kante entfernt – neben
ihn. Einen Blick nach unten wagte ich nicht.
„Du weißt nicht, wie es ist“, begann er mit gesenkter Stimme. Sein
Blick wurde leer und ich wusste, dass er nicht mehr mich sah, sondern
andere, schreckliche Dinge. „Du weißt nicht, wie es ist, wenn man nie-
manden hat, der einem zuhört. Du weißt nicht, wie es ist, wenn man
schreit und weint und dazu noch ausgelacht wird. Kannst du dir vor-
stellen, dass deine eigene Mutter dich schlägt und dir jeden Tag aufs
Neue sagt, dass du ein dummer Fehler warst?“
„Ich habe seit zwei Jahren keine Mutter mehr“, antwortete ich und
wurde von meinen Erinnerungen schmerzhaft eingeholt.
„Das tut mir leid.“ Etwas erwachte in seinem Blick und er schien
mich neu zu mustern.
„Aber ich habe erkannt, dass das Leben auch ohne sie weitergeht“,
führ ich fort. „Menschen, die man liebt, sterben nicht, ehe man sie ver-
gisst. Und ich werde sie nie vergessen.“
Der Junge dachte über meine Worte nach und das Schweigen dauerte

110
unangenehm lange an.
„Erzähl mir von dir“, bat ich, denn ich konnte mir nicht vorstellen,
dass das, was er erlebt hatte, ausreichte, um ihn so verzweifeln zu las-
sen.
„Hast du dich je wie der letzte Dreck gefühlt, als wärst du nicht mehr
wert als eine stinkende Ratte in der Kanalisation? Niemand interessiert
sich für dich und dein Leben. Du wirst von hinten getreten, ohne Vor-
warnung, fällst mit dem Gesicht in den Schlamm und wirst noch hin-
eingedrückt, bis du das Zeug atmest und fast erstickst? Hast du das je
erlebt?“
Ich schüttelte mitfühlend den Kopf und vergaß den Kummer um
meine Mutter. Diesem Jungen ging es soviel schlechter als mir, dass
meine Probleme plötzlich völlig unbedeutend wurden.
„Ich weiß keinen anderen Ausweg mehr. Deswegen bin ich hier.“
„Was ist passiert?“ Ich wusste, dass er mir noch nicht alles erzählt hat-
te. Sein Schmerz saß tiefer.
Doch sollte dort noch etwas anderes gewesen sein, so verschwieg er es
mir. Stattdessen musterte er mich ein weiteres Mal und in seinen Augen
las ich Leere. Das Schweigen dauerte an und ich begriff, dass er allein
sein wollte. Deswegen war er hier.
Bevor ich ging, versprach ich ihm, morgen wiederzukommen, wenn
er nichts dagegen hatte. Er nickte müde. Als ich das Hochhaus wieder
verlassen hatte und zu dem Schatten des jungen Mannes aufschaute,
spürte ich seinen Blick auf mir ruhen.

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Zu den Autorinnen und Autoren

STEFANIE BODEN, Jahrgang 1976, aufgewachsen in Ilmenau, Studium


in Jena, Promotion über Shakespeare; seit 2006 Tätigkeit im St. Ben-
no-Verlag Leipzig
CLARA EHRENWERTH, Jahrgang 1987, Erfurt, derzeit in Leipzig; ist
dort gerade auf dem Weg von einem abgebrochenen Studium zu ei-
nem hoffentlich erfolgreicheren; eingeladen zum Treffen Junger Auto-
ren 2004, seit 2006 Teilnahme an Poetry Slams, Veröffentlichungen in
Anthologien und Zeitschriften
KATJA GROHMANN, Jahrgang 1989, derzeit Sportgymnasium Erfurt
mit Leistungssport Eiskunstlauf; Fantasy-Roman „Xanadu“ in Arbeit
TOBIAS GRÜTERICH, Jahrgang 1978, Diplom-Ingenieur für Geodäsie,
arbeitet derzeit im kaufmännischen Bereich; Veröffentlichungen: „Ver-
diente Ungerechtigkeiten. 101 Aphorismen“ (2005) sowie Veröffentli-
chungen in Anthologien und Zeitschriften, Webseite: www.aphorisma-
nia.de
INGA GRUNDKE, Jahrgang 1985, Kleinrudestedt, derzeit Studium der
Medizin
CHRISTIAN GUTSCHE, Jahrgang 1985, derzeit Studium der Physik in
Bremen; diverse Veröffentlichungen im Eigenverlag
LENA HAMMERSCHMIDT, Jahrgang 1982, Studium der Medien- und
Kulturwissenschaften in Leipzig, seit Mai 2005 Verlagsvolontärin in
Berlin; Veröffentlichungen u.a. in Nagelprobe, hEFt, Zeichen & Wunder,
L. Der Literaturbote
KERSTIN HOLZHEU, Jahrgang 1985, Erfurt, derzeit Studium der Poli-
tik, Sozialwissenschaften und Makroökonomie in Stuttgart und Bor-
deaux
MAGDALENA KESSLER, Jahrgang 1990, derzeit Gymnasiums in Erfurt
ANDRÉ KIRCHNER, Jahrgang 1985, derzeit Studium der Visuellen Kom-

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munikation in Offenbach
ELISABETH LUTHER, Jahrgang 1988, derzeit Abitur in Jena
KATRIN MERTEN, Jahrgang 1982, Bad Berka, derzeit Studium der So-
zialpädagogik, Veröffentlichungen u.a. in junge Welt, Freitag, Entwür-
fe, Ort der Augen, Federwelt; 2. Platz Regensburger Schriftstellergruppe
International 2006
JOHANNES MILLAN, Jahrgang 1984, Braunschweig, derzeit Studium
der Soziologie und Geschichte in Erfurt
MARCUS QUENT, Jahrgang 1990, zurzeit Abitur in Ruhla, Gründer
und Chefredakteur der Schülerzeitung Kellerfenster, Mitglied in The-
atergruppe Kreuz AS; Eigenveröffentlichungen: „2005 Jahre danach“
(2006), „auf dem pfade somnia“ (2007)
ULRIKE RAUCHMAUL, Jahrgang 1988, derzeit Gymnasium in Gebe-
see; regelmäßige Teilnahme am Treffen Junger Autoren bei den Berli-
ner Festspielen
FRANZISKA SCHRAMM, Jahrgang 1985, Marktredwitz (Bayern), seit
Oktober 2005 Studium der Kommunikationswissenschaft und der Li-
teraturwissenschaft in Erfurt
CHRISTOPH SCHUBERT, Jahrgang 1985, derzeit Studium der Wirt-
schaftsinformatik in Ilmenau.
PAULINA SCHULZ, 1973 in Polen geboren, lebt seit 1989 in Deutschland,
Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, arbeitet als Auto-
rin, Übersetzerin und Dozentin; Veröffentlichungen in deutschsprachi-
gen und polnischen Literaturzeitschriften und Anthologien, Kurzpro-
saband „Wasserwelt“ (2005, Konkursbuch Verlag), zwei Fotobände mit
Thomas Karsten; Website: www.paulinaschulz.de
CHRISTOPH STEIER, Jahrgang 1979, nach Studium der Literaturwis-
senschaft in Erfurt und Dublin derzeit Promotion in Zürich; diverse
Auszeichnungen bei Literaturwettbewerben (u.a. beim Würth-Preis,
Endrunde MDR-Preis, Junges Literaturforum), Veröffentlichungen in
Zeitschriften und Anthologien

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MARTIN TANZ, Jahrgang 1987, Weimar, derzeit Studium der Psycho-
logie in Magdeburg; Redaktionsmitglied der Schülerzeitung Berg Beat
und Mitarbeit bei der Theatergruppe am Marie-Curie-Gymnasium Bad
Berka
FRANZISKA WILHELM, Jahrgang 1981, Erfurt, derzeit Studium der
Kommunikations- und Medienwissenschaften in Leipzig, mehrmalige
Preisträgerin des Jungen Literaturforums Hessen/Thüringen, Veröffent-
lichungen in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften (L.
Der Literaturbote, Palmbaum, Zeichen & Wunder, hEFt); Website: www.
franziska-wilhelm.de
DANIEL WINDHEUSER, Jahrgang 1978, lebt und arbeitet in Erfurt;
Stationen u.a.: Studium der Literaturwissenschaft, Philosophie und
Kunstgeschichte. Bamberg, Bangkok, Köln; Preise (Auswahl): 2. Platz
im Wettbewerb des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen (2004).
Wiederholte Einladung zur Autorenwerkstatt in Bad Salzhausen; Ver-
öffentlichungen u.a. in Libri, Die Niemandsrose, Nagelprobe 21 und L.
Der Literaturbote.

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