GOLDFISCH

TEXTE AUS DEM EOBANUS-HESSUSSC H R E I BWET TB EWE R B 20 03−20 06

RAGOUT

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Die Wettbewerb wird veranstaltet und finanziert durch:

Studentenzentrum Engelsburg

Stadt Erfurt

Thüringer Kultusministerium

Universitätsgesellschaft Erfurt

Universität Erfurt

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GOLDFISCHRAGOUT
Preistexte aus dem Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb 2003−2006
Herausgegeben von der Stadt Erfurt und dem Studentenzentrum Engelsburg Erfurt

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Die Druck der Anthologie wurde gefördert durch die Stadt Erfurt.

Erfurt 2007 Herausgeber: Stadt Erfurt und Studentenzentrum Engelsburg Auflage: 500 Stück Alle Rechte liegen bei den Autorinnen und Autoren Druck: Sächsisches Digitaldruck Zentrum Dresden Satz und Gestaltung: Thomas Putz Korrektur: Sven Kühnhold

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Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Jurypreise 2003 PAULINA SCHULZ: Keine Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 CHRISTOPH STEIER: Schonung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 TOBIAS GRÜTERICH: Aphorismen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 FRANZISKA WILHELM: Ein und Aus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 Jurypreise 2004 INGA GRUNDKE: Goldfischragout . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . STEFANIE BODEN: Knolpp und Knack . . . . . . . . . . . . . . . . . CHRISTOPH STEIER: Kunstraumverletzung . . . . . . . . . . . . . DANIEL WINDHEUSER: Fliederfarben, Das Ungestalte, Seit Wochen regnet es . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 28 33 37

Jurypreise 2005 FRANZISKA WILHELM: Der in der dunkelblauen Turnhose. . . . . . . 40 LENA HAMMERSCHMIDT: Leckermäulchen. Vanille. . . . . . . . . . . . . 46 KATRIN MERTEN: Nach dem Hunger, Glaube mir, Hände sind Häfen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 Jurypreistexte 2006 LENA HAMMERSCHMIDT: Neuschnee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . FRANZISKA WILHELM: Herbenknief . . . . . . . . . . . . . . . . . . . JOHANNES MILLAN: Spiegelsaal, Wo der Rasen grünt schlafmohnsee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . FRANZISKA SCHRAMM: es sind immer die kleinen . . . . . . . . . 53 58 64 67

Schülerförderpreise 2003 KERSTIN HOLZHEU: Der letzte Akt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 CLARA EHRENWERTH: Tell me why I don't like Schwimmbäder . . . . 75 CHRISTIAN GUTSCHE: defaitarkasmus . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 Schülerförderpreise 2004 CLARA EHRENWERTH, Prosa: Kreaktivierung . . . . . . . . . . . 80 KATJA GROHMANN, Prosa: Sternenvolk . . . . . . . . . . . . . . . . 85

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CHRISTOPH SCHUBERT & ANDRÉ KIRCHNER: Der Propellermann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 Schülerförderpreise 2005 MARCUS QUENT: Vergessen, Im Sand der Erinnerung, Traumwarte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 MARTIN TANZ: Die Gesetzmäßigkeiten des freien Marktes . . . . . . 95 MAGDALENA KESSLER: Senf jagt Ketchup . . . . . . . . . . . . . . . 98 Schülerförderpreise 2006 ULRIKE RAUCHMAUL: Wirklichkeit, Danach, Morgen voller Spätsommer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 ELISABETH LUTHER: Der Zeuge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 KATJA GROHMANN: Der Mann an der Kante . . . . . . . . . . . . . . 108 Zu den Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113

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Vorwort
Vor knapp fünfhundert Jahren lud der junge „Poetenkönig“ Eobanus Hessus regelmäßig Freunde und Kollegen in die Erfurter Engelsburg, um über Dichtkunst, Zeitgeschehen und Politik zu debattieren. Die Abende beim Professor für Sprache, Poesie und Rhetorik an der Erfurter Universität waren so legendär, dass die Engelsburg im Volksmund bald nur noch „Poetenburg“ genannt wurde. In einer Zeit gewaltiger gesellschaftlicher Umbrüche war die Engelsburg ein Ort der Diskussion und des produktiven Austauschs. An diese Tradition anschließend wurde im Jahr 2000 der EobanusHessus-Schreibwettbewerb ins Leben gerufen. Er soll den literarischen Nachwuchs in Erfurt und Thüringen fördern, zusammenbringen und Veröffentlichungsmöglichkeiten schaffen. Seitdem wird der Wettbewerb jährlich für Schreibende, die zwischen 15 und 35 Jahren alt sind und in Thüringen leben, ausgeschrieben. Inzwischen hat er sich als zweiter großer Thüringer Schreibwettbewerb für junge Autorinnen und Autoren neben dem „Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen“ etabliert. Der ersten Anthologie mit Wettbewerbsbeiträgen aus den ersten zwei Jahren folgt nun die zweite, hier vorliegende Auswahl. Enthalten sind alle Hessus-Preistexte der Jahre 2003 bis 2006, unterteilt in Jury-Preise und Schülerförderpreise (für Teilnehmer/innen zwischen 9. und 12. Klassenstufe). In diesen Jahren hat sich in Thüringen eine kleine, aber feine Spitze etabliert, die immer wieder auf den vorderen Plätzen zu finden ist. Einige Autorinnen und Autoren tauchen daher mehrfach auf. In den bis zu zweihundert eingesandten, anonymisierten Texten fiel es der Jury nicht immer leicht, den oder die Sieger/in zu finden. Literatur ist in höchstem Maße subjektiv. Wir danken den Mitgliedern der Wettbewerbsjury, die sich jedes Jahr durch die dicken Einsendungsordner gekämpft haben: Ingrid Annel, Marion Fritzsche, Ellen Zschiesche, Stefan Schütz und Prof. Dr. Fritz-Wilhelm Neumann.

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Es gibt in Thüringen nur wenig Möglichkeiten für junge Schreibende, ihre Texte kritisch bewertet und veröffentlicht zu wissen. An dieser Stelle möchten wir uns bei allen herzlich bedanken, die in den letzten Jahren den Wettbewerb ermöglicht haben – und hier besonders bei Ines Beese und Hans-Christian Piossek von der Kulturdirektion Erfurt, Dr. Christoph Werth vom Thüringer Kultusministerium, Gerlinde Transchel von der Universitätsgesellschaft Erfurt sowie beim Studentenzentrum Engelsburg und der Universität Erfurt. Wir wünschen dem Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb, dass er auch in den nächsten Jahren junge Talente in dem schwierigen Prozess des Schreibens begleitet und fördert.

Thomas Putz (Organisation)

Stefan Schütz (Jury)

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Jurypreise 2003–2006

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Paulina Schulz Keine Diskussion Mein Bruder und ich sitzen in einem russischen Club, irgendwo in einem dieser Hinterhöfe, die entweder jeder oder niemand kennt. Eigentlich ist es ein Wellblechschuppen, kaum größer als das Zimmer meines Bruders, die Innenwände sind mit Goldpapier ausgekleidet, an den Wänden hängen verstaubte Plastikgewehre und Puppenköpfe mit verklebten Haaren. An der Eingangstür kleben tapetenartig Aldi- und LidlTüten, in der Ecke zwischen Tür und Klo küssen sich zwei stämmige Typen mit gelbblond gefärbten Haaren. Beinahe sieht es aus, als ob sie miteinander ringen würden, sie strahlen eine Aggression aus, die entweder Liebe ist, oder das vollkommene Fehlen davon. Als der Größere seinem Gefährten die Hand zwischen die Beine schiebt, sagt mein Bruder: „Ich glaube, sie versteht mich einfach nicht.“ Ich drehe ihm mein Gesicht zu und antworte, sie wolle ihn einfach nicht verstehen, wäre es so, hätte sie längst schon auf das Eine oder Andere reagiert. „Frauen kommen schon von alleine, wenn sie wirklich wollen“, sage ich und mein Bruder nickt. „Scheiß drauf!“ sagen wir gleichzeitig, heben unsere Wodkagläser und kippen sie auf ex. Mein Bruder mag es, wenn ich mich so hart gebe, er sagt, ich sei sein bester Kumpel. Beste Kumpels, wie wir es sind, besorgen einander die geilsten Platten, ziehen über Frauen und unfähige DJs her, saufen um die Wette und brauchen einander nicht viel zu erklären, wenn sie Liebeskummer haben. Mein Bruder weiß alles über meine Liebschaften und große Lieben. Von den Ersteren gab es ungefähr hundert, von den Letzteren nur eine. Und die zweite ist so frisch, dass ich mich nicht auf den Begriff „große Liebe“ festlegen will, aber ich glaube schon. Als ich mich umdrehe, sind die blonden Typen verschwunden. Die Musik wechselt gerade von Discopolka zu Anastacia. Anastacia hat
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zweifelsohne eine großartige Stimme, bloß hat sie in einem russischen Goldpapierclub nichts zu suchen. Mein Bruder und ich kippen schnell noch einen Wodka und gehen. Draußen ist es so sommerlich grau, wie es manchmal ist, bevor ein irre heißer Tag anbricht, alleine bei dem Gedanken daran schwitze ich schon. Im Hof vor dem Wellblechschuppen liegen verbeulte Fahrräder und verstaubte Autoreifen. Das Auto dazu lehnt am Zaun, lehnte es nicht, würde es im Bruchteil einer Sekunde auseinander fallen. Durch die Fenster wachsen Brennnesseln und Beifuß, riesengroß, Büsche beinahe. Wir schauen uns an. „Und was jetzt?“ fragt mein Bruder. „Was essen?“ sage ich und zünde mir eine Zigarette an. Mein Bruder holt seine aus der Innentasche seiner Jacke und sucht nach einem Feuerzeug. Ich gebe ihm Feuer und betrachte noch eine Weile die kleine Flamme. Das sagt viel über uns aus, denke ich, dass jeder seine Zigaretten raucht, wir tauschen nie, lieber rauchen wir gar nicht, als eine andere Marke zu nehmen. Das fällt in den Intimbereich, genauso wenig wie wir einander die Zahnbürsten leihen würden. „Das ist es, was ich unter Respekt verstehe“, sage ich laut und erkläre meinem Bruder, wie ich es meine. „Keine Diskussion“, sagt er. „Zero tolerance“, antworte ich und wir brüllen los, es ist der running gag, schon immer gewesen. Zehn Minuten später sitzen wir in der Tram. Mein Bruder holt seine alte Zenith-Kamera aus dem Rucksack. Das Licht ist gut, kühl und sanft – ein Licht, um alte Häuser und alte Frauen zu fotografieren. An der nächsten Haltestelle sitzt eine alte Frau, eine sehr eindrucksvolle Roma, mit langen grauen Haaren und Augen wie zwei Kohlesplitter. Mein Bruder drückt das Objektiv an die Scheibe und stellt das Bild scharf. In dem Moment, als er auslöst, bemerkt ihn die Frau und zeigt ihm den Mittelfinger. Wir winken ihr zu, als die Tram weiterfährt. „Aber warum merkt sie es nicht?“ fragt mein Bruder. „Ich mache doch alles, anrufen, sie ausführen, mit ihr um die Häuser ziehen, ich mache alle ihre schrägen Ideen mit, wenn sie will, gehen wir mitten in der Nacht los und picknicken im Park, oder klingeln früh um vier Freunde raus, um an der Tankstelle einen Kaffee zu trinken, ach, und
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überhaupt, ich mache ihr Komplimente und schreibe ihr Briefe, jede andere wäre hingerissen, und sie?“ „Nur sie nicht …“, sage ich und scharre mit dem Fuß. Unter meiner Schuhsohle bleibt ein Kaugummi kleben. Er hört nicht wirklich hin. „Neulich waren wir im Icon und nach dem Konzert sagt sie, dass sie noch nicht nach Hause will. Und dann, dass sie jetzt am liebsten auf Dächer steigen würde. Was machen wir? Laufen los, schnappen uns die erste U-Bahn, fahren zu mir, gehen ins Haus, ganz hoch, ich sperre den Dachboden auf und wir klettern durch die Luke raus, aufs Dach. Es ist eine irre Nacht, es riecht nach Flieder und Abgasen, das Licht von den Straßen flirrt so komisch, wie in einem Film. Und da denke ich, die ganze Geschichte mit dieser Frau ist ein Film, irgendetwas wie die letzten David-Lynch-Filme, wo man am Ende gar nichts mehr versteht. Und da nimmt sie meine Hand, und wir gehen los, zum Glück sind das auf der Strecke lauter Flachdächer, aber hier und da ist eine reparaturbedürftige Stelle oder irgendwelche Unebenheiten, außerdem muss man den ganzen Schornsteinen ausweichen – egal. Es ist wie im Rausch. Nachts über der Stadt wandeln, mit dieser Frau. Wir laufen mehrere hundert Meter, bis zur nächsten Kreuzung. Stehen dann am Rand und schauen hinunter auf die Straße, in die Schlucht. Irre. Langsam wird es hell, wir beschließen zurückzukehren. Die Sonne fällt auf ihre Haare, sie sieht schöner aus, als alles, was ich je gesehen habe. Ich hätte sie so gerne fotografiert in diesem Moment …“ „Hast du aber nicht“, sage ich, damit er wieder runterkommt. „Nein“, antwortet er und schaut weg, auf vorbeifahrende Autos. Mir ist nach Aussteigen und Weiterlaufen, zu Fuß. „Wollen wir die nächste raus?“ fragt mein Bruder. „Mhhm …“ An der Kreuzung stellen wir fest, dass wir unweit seiner Wohnung sind. Ich hätte Lust auf einen Kaffee, und ich weiß, wenn jemand einen kochen kann, dann mein Bruder. Wir sitzen bei ihm in der gelben Küche, an dem komischen schiefen Mosaiktisch, der aussieht, als hätte man ihn vor Ewigkeiten in Griechenland ausgegraben – winzige blaue, grüne und türkisfarbene Steinchen, zum Teil gesprungen, in den Ritzen Dreck, Öl- und Weinreste. Mein Bruder stellt zwei riesige Kaffeetassen auf den Tisch, grün-blau
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gestreift. Der Kaffee riecht nach irgendwelchen Gewürzen und hat eine leichte Schokoladennote – ich weiß nicht, wie er das macht, aber bei meinem Bruder schmecken manche Sachen wie in einem dieser ägyptischen Läden. Er starrt an die Wand, die Tasse zwischen beiden Händen eingeklemmt, trinkt nicht. Im Aschenbecher verglimmt seine angerauchte Kippe. Dabei raucht er doch so gerne, genüsslich und präzise. Genauso exakt, wie er seine Tapes oder mir die Haare schneidet, genauso präzise raucht er stets seine Zigaretten bis zum Schriftzug hinunter. Es ist wirklich beeindruckend, man könnte es jedes Mal mit dem Lineal nachmessen, wie die Asche an dem Wort NIL halt macht. Er ist schon was Besonderes, mein Bruder. „Lass uns hochgehen“, sage ich unvermittelt. Mein Bruder schaut zu mir herüber. „Wie: hoch?“ „Aufs Dach, damit du wieder runterkommst“. Er grinst halb und nimmt einen Schluck. „Verdammt guter Kaffee?“ frage ich. „Verdammt guter Kaffee“, stellt er fest und stößt mit mir an. Oben ist es schon total warm. Allzu lange möchte ich nicht hier bleiben, zum einen, weil es bald wirklich heiß wird, zum anderen, weil ich nicht gerade schwindelfrei bin. Mein Bruder geht auf und ab, ich lehne mich an einen Schornstein und rauche. Will abwarten, dass er etwas zur Ruhe kommt, sonst wird das alles nichts. „Als wir dann wieder hier sind, frage ich, ob sie Lust hätte, bei mir zu übernachten. Es ist schon nach sechs, ich bin schweinemüde und will nur noch ins Bett und den Arm um sie legen, mit der Nase in ihren Haaren einschlafen. Und was sagt sie? Sie sagt original: Ich muss nach Hause und lernen! Dann gibt sie mir einen Kuss auf die Wange und rennt die Treppe runter. Ich gehe dann in meine Wohnung und haue mich in die Kiste. Am nächsten Tag rufe ich bei ihr an, keine Chance, sie geht nicht ran, an keines der Telefone, beantwortet keine E-Mails, es ist echt zum Kotzen. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen.“ Er dreht sich zu mir um, fummelt in der Jackentasche und holt seine Zigaretten raus. Ich stehe auf, komme auf ihn zu. Nehme ihn am Arm
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und schiebe ihn bis zum Dachrand. Anfangs wehrt er sich. „Was willst du? Lass mich doch in Ruhe rauchen!“ Ich packe ihn, drehe ihn mit dem Gesicht zu mir und nehme ihm die Kippe aus dem Mund. Halte sie in der Hand, zwischen Daumen und Zeigefinger, direkt vor seine Nase. „Sie ist diese Zigarette. Stell dir vor, dass sie diese Zigarette ist!“ „Und?“ fragt mein Bruder. „Lass sie fallen. Lass sie einfach fallen. Keine Diskussion“. Er schaut mich lange an, so lange, dass ich unruhig werde. Dann nimmt er mir die Kippe aus der Hand. Zieht noch einmal daran, lehnt sich vor und schnippt sie mit einer sanften Bewegung hinunter, in die Straßenschlucht.

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Christoph Steier

Schonung
Arm steht die Wintersonne im schneegrauen Himmel. Eisig geht der Wind über die verkommenen Felder, wie kleine schwarze Kinderzähne ragen die Quader aus dem zertretenen Schnee von Buchenwald. In der Ferne ein Anfang von Wald, Buchen, Äste, Rippen. Nach Auschwitz keine Poesie, nach Buchenwald eine Reise. Ein Tagesausflug in die deutsche Nacht. Wie meine Knochen nur wieder klappern, hart und achtlos schlägt der Wind in die Hosen, ob eine dritte –? Sie alle sind erschüttert. Der Führer, so heißt es auch hier, macht seine Sache gut. Leise, noch immer betroffen, nach der hundertsten Gruppe – still can’t see how people can do this to other people …, unsere Engländer nicken. Deutschland spricht europäisch und unsere ausgetauschten Tommys bleiben nur acht Tage. All diese fremden Leute. Ich kenne niemanden. Ein paar Namen, Noten – dies ist meine letzte Reise. Hinab in den Henkerskeller, zu den Fleischerhaken. Einige zittern, die Bilder im Geschichtsbuch. Ich will es nicht sehen und werde am Eingang warten. Allein. Ich sitze auf einem Stein. Bedeutet er? Natürlich. Erinnere. Rosengarten, 123 polnische Häftlinge erfrieren oder verhungern 1939 im Stacheldrahtverhau. Es soll Sonntagsausflüge gegeben haben, Menschenzoo. Was suchen wir? Ich werde auch verhungern. Ohne Kapo im Nacken, Gewehr im Rücken, Hund auf den Fersen. Keine Schergen. Nur ich. Und doch verhungere ich. Sie haben es gesagt. Wieder und wieder. Drei Monate, wenn es so weiter geht. Ich so weit gehe. Sie wollten mich nicht fahren lassen, verlöre ich ein weiteres Pfund. Ich verlor zwei, sie ließen mich ziehen. Hier her, wo für einen Kanten Brot gestorben wurde. Sie hätten meinen haben können. Doch ich bin zu spät, wie immer. Am vollen Tisch verhungern, still can‘t see how people can do this – to themselves … Wie konnte ich das nur sagen, nein, kein Vergleich mit dem Unvergleichlichen. Das ist nicht fair. Ich bin kein Jude, kein verdächtiges Sub16

jekt, es ist längst Sommer in Deutschland, auch im Januar. Kein Jude, kein Verdächtiger, nur ein weiterer Fall von Anorexie? Ein Junge, obendrein. Nein, kein Vergleich, sie wurden erniedrigt, verstümmelt, gehetzt und gehenkt wie Vieh, verhungert, verdurstet, zu U-Boot-Wolle gemacht, Lampenschirme – kein Vergleich. Es ist eine Schande, seit sie meinen Tod wissen, hören sie plötzlich zu. Doch ich habe nichts zu sagen, wenn doch, nur Schamloses. Als wäre mein Bewacher von der SS… Und doch schneidet er mich ab, von allem. Essen? Luftbrücke? No way, sagt unser Gastschüler immer. Gleichgültig fährt der harte Wind durch meine verbrauchten Glieder. Ein Engländer, klein, propper, rothaarig, kommt die maroden Treppen vom Henkerskeller herauf und packt seine Brote aus. Ich würde gern rauchen. Doch beides, Stulle und Rauch, ist hier wohl mächtig daneben. Auch geht es schwer, meiner Lunge fehlt Wasser, Kapillarenverödung. Was soll man hier nur machen – Verhungern und Stopfen, Weinen und Lachen, Verzweifeln und Hoffen, nichts passt. Wie geht Erinnerung? Wie lautet der Auftrag? Vorhin, am Menschenstein, war meine Hand viel kälter als die menschenwarme Platte. Schwindel beim Bücken. Ein Hase schlägt sich in den rissigen Waldrand, wie können kahle Äste, nackt, dürr, nur so schnell dunkel werden? Eine kleine Bruchstelle tut sich auf in meiner eisstarren Maske. Eine Träne, eine. Nicht für mich, nein. Das verdiene ich nicht. Vielleicht für die Juden, die Verdächtigen, die anderen. Wie geht Erinnerung? Oder meine Eltern, die paar Freunde, die das nicht verdient haben, mich. Schon ist sie im Taschentuch verschwunden, eisig vernarbt auf der Wange die Bruchstelle. Es ist gut. Ich bin ruhig. Dieser Ort ist die Hölle, für immer. Still don’t know how, auch diese Frage werde ich hier zurücklassen. Es ist gut. Dies ist die Hölle, ich bin ruhig. Was sollte ich noch fürchten? Der Wind von Buchenwald ist kalt und er streicht über das verkommene Land, als suche er nach all dem Ausgelöschten, als wäre, tief verborgen, noch ein Weg zurück. No way.

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Tobias Grüterich

Aphorismen
Die meisten Schriftsteller können erst nach dem Tod von der Literatur leben. Autoren reagieren eifersüchtig, wenn ihre Pseudonyme mehr Erfolg haben. Homer ist, wenn man trotzdem liest. Das Wort „Mensch“ ist eine inhumane Verallgemeinerung. Menschen, deren gemeinsamer Nenner null ist, haben unendlich viele Gemeinsamkeiten. Man muss ein Verwandlungskünstler sein, um bei jedem den gleichen Eindruck zu hinterlassen. Zwei Zyniker bemerken nie, dass sie Gleichgesinnte sind. Ich bin von dir enttäuscht, weil du von mir positiv überrascht bist. Elite ist immer das, zu dem man sich nicht zählen darf. Die meisten sind in der Minderheit. In aktuellen Fragen gilt Meinungslosigkeit als Profilierungssucht. Im Wald denselben Weg zurückgehen, ist immer wie bereuen. Dem Interessierten erscheint ein Geheimnis reizvoll, dem Desinteressierten verlogen.

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Die Wahrheit liegt in der Mitte – zweier Relativierungen.

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Franziska Wilhelm

EIN und AUS
Ich fahre nachts nie Fahrrad. Ich kann es nicht ab, wenn mein Schatten mich überholt. Unter jeder Straßenlaterne, egal wie schnell ich trete, immer zieht dieses dunkle Mädchen am Boden an mir vorbei. Nee, echt, ich nehme nachts lieber die Bahn. Leider kommt die ab elf Uhr nur noch halbstündlich. Kein Abend endet zur vollen halben Stunde. Ist „Auf-die-Straßenbahn-warten“ eigentlich eine Beschäftigung? Mmh, wenn eine Beschäftigung auch dann eine Beschäftigung ist, wenn sie darin besteht, sich eine Beschäftigung zu suchen… Kompliziert. Egal. Letztens habe ich etwas gefunden. An der Haltestelle, nachts. Ich habe mich ganz nah an das Glas des Wartehäuschens gestellt, an eine beleuchtete Scheibe mit einem Werbeposter dahinter. Dann habe ich sie gesehen. Die Spots, die winzigen Farbpunkte, die ein Bild bauen. Man sieht sie wirklich nur, wenn man ganz nah an der Scheibe steht. Sie sind in einem bestimmten Muster gesetzt. Das Muster ist ein bisschen wie ein Gewebe, geometrisch, aber auch irgendwie wirr. Das Beste ist aber, dass die Spots atmen. EIN und AUS. Man muss nur lange genug draufschauen. Du guckst und guckst und dann atmen sie. Ganz von allein. EIN und AUS. Das hat was. Einmal habe ich einen Mann gesehen. An der Haltestelle, nachts. Einen Penner oder so. Der hat mit dem Mund an der Scheibe gehangen. Seine Zunge hat über das Glas gestreichelt. Waschmittelwerbung. Nicht mal nackte Frauen. Ich glaube, so was kommt von den Spots. So was kann nur von den Spots kommen. Die ziehen dich an sich ran mit ihrem Geatme. Mit jedem EIN ein bisschen näher. EIN und AUS. Mir hat einmal jemand gesagt, dass das Atmen aus einem aktiven und einem passiven Teil besteht. Das Einatmen ist passiv, weil die Luft einfach nur in deinen Körper hineinströmt, das Zwerchfell hebt und den Bauch wölbt. Das Ausatmen ist aktiv, weil du die Luft wieder aus deinem Körper hinauspressen musst. Das Zwerchfell senkt sich, der Bauch zieht sich wieder zusammen. Wenn sich etwas zusammenzieht, ist es weiter von dir weg. Natürlich nur minimal, es bewegt
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sich ja nicht wirklich von dir fort. Aber stell dir jetzt mal vor, du rückst nach. Nur dieses kleine Stück. Das Spot-Gewebe atmet: EIN. Zieht dich an sich. Du folgst passiv. Dann wieder AUS. Das Gewebe entfernt sich von dir. Du rückst nach. Aktiv. Irgendwann bist du an der Scheibe. Wie der Penner. Ich habe aufgepasst, dass er mich nicht sieht, an der Haltestelle, nachts. Wer nachts allein an der Haltestelle steht, kann nur Sehnsucht haben. Ich brauche das nicht. Ich brauche keine Sehnsucht und keinen, der denkt, ich habe welche. Ich habe Gunnar. Gunnar gibt Streicheleinheiten, Parties bei sich zu Hause und mir ab und zu seine Brille. Wir haben beide minus 0,75 Dioptrien. So was verbindet. Nein, nein, Gunnar ist nicht mein Freund. Er ist ein guter Freund. Wir nennen unsere Beziehung eine „innige Freundschaft“. Gut ja, Gunnar würde auch mehr wollen. Nachdem ich Gunnar das mit dem Penner erzählt habe, bringt er mich immer zur Haltestelle. Er will mich vor solchen Perverslingen schützen, sagt er. Er wartet mit mir, bis die Bahn kommt. Nächtliche Haltestellen sind scheiß romantisch. Gunnar rückt näher. Vor zwei Tagen hat er mich geküsst. Er sagte, das wollte er schon immer. Ich wusste nicht, ob ich das schon immer wollte und habe mitgemacht. Die Augen habe ich dabei nicht geschlossen. Man muss es ja nicht gleich übertreiben. Ich hatte ja auch Gunnars Brille auf. Ich habe versucht, aus etwa zwei Meter Entfernung die Spots zu erkennen. Ging aber nicht. Dafür habe ich mein Spiegelbild in der Scheibe gesehen. In Gunnars dicken Wollpulli hätte ich Waschmittelmodel sein können. Die weibliche Antwort auf den Wohlfühlbademanteltypen. Ich habe mich gefragt, ob der zu Hause wirklich immer nur in seinem Bademantel rumrennt. Dann habe ich mir vorgestellt, dass du der Wohlfühlmanteltyp bist und du mir deinen kuscheligen weißen Bademantel entgegenhältst, der nach dir duftet. Sofort hätte ich mir Gunnars langweiligen Zopfmusterpulli vom Körper gerissen. Aber du hältst mir deinen Bademantel nicht entgegen. Den kriegt nur Jamila. Wenn ihr zusammen Baden geht und sie aus dem kalten Waldseewasser kommt, darf sie hineinschlüpfen. Damit sie in ihrem kleinen, gelben Bikini-Höschen nicht friert. Gestern hast du Jamila mit zu Gunnar gebracht. Immer wenn sie sich beim sitzen ein bisschen vorbeugte, konnte man hinten unter ihrem
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Hosenbund den weißen Spitzentanga hervorblitzen sehen. Gunnar sagte, das sei erotisch. Und er kann mir so was erzählen, weil wir ja gute Kumpel sind und eine innige Freundschaft haben. Ich habe ihm gesagt, dass er mich heute nicht zur Haltestelle bringen braucht. Ich habe mich dann noch mit dir unterhalten. Ich bin dabei ein bisschen näher zu dir rangerückt, als nötig gewesen wäre. Dein Atem auf meinem Arm, habe ich gedacht und mir den dicken Wollpulli ausgezogen. „Ist der nicht von Gunnar?“ hast du gefragt, als ich das Zopfmusterding neben das Sofa geschmissen habe. Du hast viel erzählt an diesem Abend. Über Jamila, hauptsächlich. Irgendwann hat sie sich dann auch zu uns gesetzt. Ich bin sehr rechtzeitig bei Gunnar zu Hause losgegangen, es ist ja auch zu dumm, die letzte Bahn zu verpassen. Ich habe dann allein dagestanden, an der Haltestelle, nachts, und habe mir die Spots angeschaut. EIN und AUS haben sie geatmet und ich habe überlegt, ob ich dir mal von ihnen erzählen soll. Aber ich glaube, ich werde es nicht tun. Du würdest es nicht verstehen.

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Inga Grundke

Goldfischragout
Noch während sie darüber nachdachte, fiel ihr auf, dass sogar Fische traurig sein können. Ihr japanischer Koi, Cheeto, den sie schon seit zwei Jahren besaß, schwamm heute nicht wie sonst in einem stetigen Kreis in der exakten Mitte des Goldfischglases herum, dort, wo das Glas am dicksten ist. Stattdessen schien er unten auf dem mit rundgelutschten kleinen Kieseln bedeckten Boden des Glases zu kauern. Als würde er die Steinchen bewachen, wie ein glucksender orangener Millionär der grauen Murmeln. Seine linke Flosse berührte ganz leicht eine der Wasserpflanzen, die daraufhin schwankte, als wäre ihr übel geworden. ‚Eine kotzende Wasserpflanze‘, dachte sie und lachte. Ihr Lachen prallte gegen das Goldfischglas und fiel zu Boden, wo es für den Rest des Tages auch bleiben würde, bis es am Abend ihre zweieinhalbjährige Schwester Emily finden und aufheben würde, unbemerkt von den Erwachsenen. Cheeto schien sie gehört zu haben – Fische hören? – vielleicht nur die Schwingungen fühlen und trotzdem taub sein – und hörte mit seinem Steinestarren auf, schwamm zur Glasmitte und starrte stattdessen sie an, mit seinen goldenen Fischaugen. Das Goldfischglas stand vor dem Zimmerfenster mit den blauen Rahmen auf dem dunkelbraunen Holzschränkchen, dessen Lackierung teilweise gesprungen war, so dass das nackte Holz glanzlos und verschämt herausschaute. Ihr Vater hatte ihr Cheeto gekauft. Schon immer war er ein großer Tier- und Naturliebhaber gewesen, und er bestand auch darauf, dass die Wasserpflanzen in Cheetos Glas echte seien, nicht aus Plastik, genauso, wie er auch immer noch darauf bestand, dass ihr Weihnachtsbaum ein echter stacheliger harztrunkener Tannenbaum war. Er hatte dem Fisch den Namen gegeben, weil er fand, dass seine hellorangene Farbe ihn an seinen Lieblingssnack, Chee-To Chips, erinnerte. Nur weil Cheeto so groß und elegant und schön war, weil seine Flossen wie durchsichtige weiche wabernde Kissen das Wasser durchwischten, er den schimmerndsten Orangeton und eben diese Dunkelgold23

augen hatte, war er auserwählt worden, ihr Zimmer mit ihr zu teilen. Draußen, in dem wunderschönen, gut gepflegten Vorstadtgarten befand sich auch ein Goldfischteich mit Cheetos Verwandten, den weniger glücklichen. Der Garten. Die Nachbarn in der umzäunten Vorstadtwelt aus weißen Häusern, dichtgedüngten Rasenflächen und einem heimlich gehorteten Vorrat an stromverschlingenden Weihnachtsdekorationen beneideten sie darum. Sagten, wer soviel Zeit und Energie auf seinen Garten verschwende, könne ja nichts Gescheites im Beruf leisten, doch die letzte aufwändige Europareise der ganzen Familie hatte ihnen die Münder gestopft, für eine Weile. Ihr Vater war schon zuvor geschäftlich in Europa gewesen und hatte ihnen erzählt, wie erhaben und würdevoll die Kirchen dort waren und wie eng zusammen die Menschen lebten und wieviel gutes, wirklich gutes Essen es gab. Brot, das nicht mit den nachgiebigen rindenlosen Weißbroten und den künstlich gefärbten Körnerbroten hier zu vergleichen war, und Schokolade, die sich Meilen von den körnigen krümeligen Hershey’s-Tafeln, die einem mit ihrer matschigen Bitterkeit die Zunge wundrieben, unterschied. Und es war wunderschön gewesen. Sie hatte davon geträumt, wie Kevin, der dämliche Kinderstarheld, von ihrer Familie irgendwo vergessen zu werden, sich gewünscht, in die elektrisch flimmernden Betonarme einer der schillernden lebendigen alten Metropolen zu sinken und dort zu bleiben, bis der europäische Großstadtgriff ihrer müde geworden war und sie in ein anderes neues weites Leben entlassen hätte. Doch die fremde, zischende Sprache der Menschen schreckte sie ab. Sie erinnerte sich jetzt nicht einmal an alle Namen der Länder, die sie gesehen hatten. Sie war nie besonders herausragend im Fremdsprachenunterricht gewesen, hatte dann eher hohe Mathematikfächer belegt, auch teilweise schon auf College-Niveau. Ihr Vater war stolz darauf, dass sie in ihrem Talent für Mathe offenbar nach ihm geriet. Ihr Vater war immer stolz auf sie. Sie nahm die Brille ab und strich sich über die gerade glatte Stirn. Jeder sagte, wie ähnlich sie einander sahen. Die Ähnlichkeit war mit den Jahren immer stärker geworden, und jetzt, mit sechzehn, bewahrten sie nur die etwas höheren Wangenknochen, die langen, samtig-dichten braunen Locken, gezupfte Augenbrauen und einige Mengen Make-up
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davor, so auszusehen wie ein jüngere Version seiner selbst. Von ihrem Körper abgesehen. Ohne die Brille sah sie Cheeto in seinem Glas leicht verschwommen und sein Fischgesicht schmolz in das dicke Glas hinein und schien sie anzulächeln, wie ihr Vater sie immer anlächelte, wenn er wieder eine der kleinen Dummheiten gemacht hatte, die nur Väter von aufwachsenden Mädchen machen können und von denen er wusste, dass sie ihm vergeben werden würden. Er war klug und zeigte das auch gern. Er fasste sein Wissen in Sätzen zusammen, die in ihrer Klarheit wie glatte Steine auf den Grund des Bewusstseins sanken, so dass auch jeder andere in der Familie sich daran erinnerte, wenn er es für nötig hielt. Er hielt es meistens für nötig. Und jetzt, wo sie blinzelnd das Sonnenspiel von Goldfischglas und Wasser vor ihren Augen auftauchen sah, erinnerte sie sich. ‚Glas ist eine Flüssigkeit, mein Mädchen‘, hatte er ihr einmal erklärt. Sie erinnerte sich an die Ungläubigkeit, die sich auch in der Sonntagsschule der „First Methodist’s Church“ für Acht- bis Zwölfjährige immer bei ihr breit machte (auch dort lernte man schon, dass Alkohol die ewige Verdammnis und Sex Gebärmutterkrebs bedeutete), und gleichzeitig die Bereitschaft, jedes einzelne seiner Worte zu glauben. Er hockte sich nieder und sah ihr eindringlich und ganz und gar belustigt in die Augen. ‚Wirklich. Es fließt nur viel viel viel langsamer als jede andere Flüssigkeit, deshalb können wir es nicht sehen.‘ Natürlich glaubte sie ihm und würde sich danach immer daran erinnern. Wie lange schon? Die glühgoldenen Sonnenstrahlen krochen immer gieriger zwischen den Fensterscheiben und dem Goldfischglas umher und schlichen sich blind in die Falten ihres grün-weiß gestreiften Sommerkleides. Wenn sie jetzt zu Cheeto herübersah, dann war es, als würde er brennen in seinem Goldfischglas, ein orangenes Flimmern, und dann wurde es weiter und größer, und dann war da der Regenbogen, – der so funkelte, der so alle ihre Farben trank und die Welt graugesaugt hatte – der durch die Sonnenspiegelung an der gewölbten Glaskugel entstand. Sie war sechs Jahre alt gewesen und wollte für ihren Daddy die Blumen im Garten gießen. So ein Sommertag, wo der Schweiß einem überallhin fließt – er fühlt sich wie Finger an, schmutzige Finger – und die Hitze einem auf den Kopf schlägt, als würde einem ein verrück25

ter himmlischer Schmied ein Hufeisen auf der Schädelplatte in Form schlagen. Es war eine metallene Gießkanne und das Wasser gab einen ganz eigentümlichen Klang, wie zersprungene Kleinstadtkirchenglocken, als sie die Kanne füllte. Daddy fand sie, als sie gerade die große duftende Orchidee wässerte und die Sonne den Wasserstrahl fing und zu Farben machte, und sofort schrie er sie an: ‚Mädchen, das kannst du doch nicht machen!‘ Verschreckt, ertappt, stellte sie die Gießkanne ab und fing an zu weinen. Und ihr Daddy, ihr liebevoller sanfter Daddy, der sich sofort neben ihr hinkniete und sie tröstete, während er ihr erklärte, dass man niemals, niemals in der Sonne gießen dürfe, denn das Wasser wirke wie ein Brennglas in dieser Hitze, und, als er sah, dass sie immer noch nicht verstand, versuchte, es ihr deutlicher zu machen, während er ihr immer wieder über das leinene Sommerkleid strich, war genauso blind wie die Sonnenstrahlen. ‚Es ist wie ein brennender Regenbogen, schau mal, mein Mädchen.‘ Und während er ihre runden Kinderwangen, ihre sommersprossigen Schultern abtastete, erklärte er weiter, um jeden Zweifel auszulöschen, dass die prachtvolle Orchidee – sie wusste, dass sie eine prachtsüchtige Prostituierte war sie die Schönheit schreiend dass man sich schämen musste ja sie schämte sich wirklich so wie die Finger der Schweiß die Finger der Schweiß an ihr herumkrochen sie kannte sie ja nicht – verwelken würde, wenn sie das noch einmal täte. Das war alles einfach. Sie dachte nach. Cheeto schwamm ja in einer Flüssigkeit, die von einer anderen Flüssigkeit umgeben war. Er wusste ja gar nicht, wie unsicher das war. Sie hatte bisher jedes Mal angefangen zu zittern bei dem Gedanken, was wäre, wenn alles Glas auf der Welt auf einmal anfangen würde zu fließen, wenn es genug davon hätte, so langsam zu sein und sich an der Geschwindigkeit, mit der die Eiskappen an den Polen schmolzen, messen wollte und sämtliche Kaffeekannen, Cola-Gläser, Fensterscheiben, moderne Hochhäuser und auch die Goldfischgläser auf einmal in einer Flutwelle von Zerbrechlichkeit auf sie niederstürzen würde – die Sonne würde immer heißer und ja, es gäbe soviel flüssiges Glas, in dem sie sich bündeln konnte – dann wäre da ein riesenhafter Regenbogen, ein gigantisches Brennglas, dessen Mittelpunkt sie sein würde. Wenn man sich das so überlegte, dann war es wichtig, immer auf seinen Vater zu
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hören. Ja, er sagte viele richtige und logische Dinge, die es sich zu merken lohnte, und selbst, wenn manche Dinge, die er sagte, nicht so logisch waren – ‚es gibt Geheimnisse zwischen Vater und Tochter, zwischen Daddy und dir, von denen darf niemand was wissen, mein Mädchen mein Mädchen mein Mädchen mein Mädchen‘ – so war es dennoch immer wichtig, sie sich zu merken. Sie stand auf und trug das Goldfischglas nach draußen. Die Bäume im Garten waren gewachsen. Direkt neben dem Goldfischteich stand eine dünne Birke, aber sie war schon so alt, dass das Weiße am unteren Stamm ganz abgesprungen und abgewetzt war. Sie kniete neben dem Goldfischteich und schüttete Cheeto samt seinem Wasser, den Kieseln und den Pflanzen in den Teich. Wenn man so von oben in das Wasser schaute, konnte man seine Goldaugen gar nicht sehen. Zwischen den anderen nicht zu erkennen. Sie nahm das Glas wieder mit herein und stellte es in den Geschirrspüler. Sie stieg die Treppe hinauf und betrat ihr kleines Badezimmer. Es bestand praktisch nur aus einer Wanne, das hatte sie sich gewünscht und bekommen. Sie ließ das warme Wasser ein. Als der Wasserdampf die Scheiben beschlug, öffnete sie die Fenster. Dann klappte sie den Badezimmerschrank auf. Nicht nur ihre Kosmetika, Töpfchen und Salben befanden sich dort, sondern auch einige persönliche Dinge von ihrem Vater, denn er benutzte ihr Bad manchmal. Es war praktisch. Wenn ihre Mutter einkaufen war. Oder ihren Spinning-Kurs besuchte. Oder mit Emily andere Mütter besuchte. Oder mit ihren Freundinnen in den Country Club ging. Sie gönnte es ihrer Mutter. Sie nahm die Rasierklingen, setzte sich in die halbvolle Wanne und schnitt sich die Pulsadern auf. Bevor sie den Kopf an den Wannenrand lehnte und ihre blauen Augen die hereinfallende Sonne auffingen und sie noch lange leuchten und tanzen ließen, dachte sie noch, ‚Orange ist eigentlich eine Scheißfarbe.‘

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Stefanie Boden

Knolpp und Knack
Nach beinahe zwei Jahren Arbeitslosigkeit hatte Roland endlich eine Stelle gefunden. Er als Geisteswissenschaftler! Es kam einem kleinen Wunder gleich. Was das nun für eine Stelle war, hätte er kaum sagen können. Schon die Stellenanzeige war recht vage gewesen: Renommiertes Unternehmen in der Informationsbranche sucht Geisteswissenschaftler mit abgeschlossenem Studium zum nächstmöglichen Termin. Beinahe geistesabwesend hatte Roland auf die Anzeige geantwortet. Es war wohl die hundertfünfzigste Bewerbung gewesen, ein Sandkorn in der Wüste, wer wollte da Details wahrnehmen? Als er dann zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, konnte er sich kaum an die Anzeige oder an seine eigene Bewerbung darauf erinnern. Endlich weckte der absonderliche Klang des Namens ‚Knolpp & Knack‘ eine Erinnerung und er durchsuchte seine Unterlagen, bis er die Anzeige wiedergefunden hatte. Da erst fiel ihm auf, dass sie nur wenige oder, genau genommen, gar keine konkreten Informationen enthielt. Wie sollte er sich auf das Gespräch vorbereiten? Roland war ratlos. Am Ende reiste er nach Köln, ohne die geringste Vorstellung von seinem möglichen Arbeitgeber zu haben. Trotzdem wurde das Vorstellungsgespräch ein voller Erfolg. Die Büros der Firma befanden sich in einer kleinen Seitenstraße, zu der sich Roland durchfragte. Er fand schließlich das richtige Haus, stieg die Treppen hinauf, las die Schilder von Frauenärzten und Rechtsanwaltskanzleien an den Türen, konnte aber nirgends ein Schild mit der Aufschrift ‚Knolpp & Knack‘ erblicken und stieg schließlich die Treppen wieder hinab, in der Hoffnung, das Schild bloß übersehen zu haben. Schon war er fast wieder ganz unten angelangt, da öffnete sich eine der Türen mit einem plötzlichen Ruck weit vor ihm. Das Schild an dieser Tür war nun verdeckt und Roland konnte nicht erkennen, was darauf stand. Ein sehr großer, dunkel gekleideter Mann machte ein überraschtes Gesicht und eine einladende Geste und rief: „Ach, der Herr Roland. Treten Sie doch bitte ein.“ Seltsamerweise war Roland überhaupt nicht erstaunt, dass der Fremde ihn sofort erkannt
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hatte. Es ärgerte ihn vielmehr, dass er sich nicht revanchieren konnte und er überlegte, ob der Fremde wohl eher Knolpp oder Knack hieß. Als hätte dieser seine Gedanken erraten, streckte er Roland zur Begrüßung die Hand hin und sagte: „Knolpp.“ Es klang eigentlich nicht wie ein Name, sondern mehr wie ein Geräusch, wie ein Startschuss, so dass Roland für den Bruchteil einer Sekunde erschrocken war, bevor er begriff, dass der Andere sich ihm vorgestellt hatte. Daraufhin schüttelte er die feste, trockene Hand und sagte, überflüssigerweise, wie ihm im selben Moment bewusst wurde: „Roland.“ „Sehr erfreut“, war die strahlende Antwort und Roland entspannte sich ein wenig. „Legen Sie doch bitte ab“, sagte Knolpp, kaum dass er eingetreten war. Roland hatte eigentlich nichts bei sich, das er hätte ablegen können, bis auf eine kleine schwarze Tasche. Die stellte er unter den leeren Garderobenständer neben der Tür, während er sich gleichzeitig in dem auffällig kargen Raum umblickte. „Tee? Kaffee?“ fragte Knolpp, der an einem winzigen Tisch in der Ecke herumhantierte, auf dem Roland eine Kaffeemaschine, einen Wasserkocher und einige Schächtelchen ausmachen konnte. „Kaffee, bitte“, sagte er ohne nachzudenken, wobei ihm im selben Augenblick bewusst wurde, dass er lieber Tee gehabt hätte. Aber das war wohl unerheblich. Der Kaffee schien bereits fertig gewesen zu sein, denn kurz darauf drehte sich Knolpp zu ihm um, in den Händen hielt er ein Tablett und darauf eine Kaffeekanne, Zuckerdose und drei Tassen. „Gehen wir am Besten ins Besprechungszimmer.“ Er wies mit dem Tablett auf eine Tür, zu der Roland ihm vorausging, kurz überlegte, ob er anklopfen sollte, es dann bleiben ließ und die Tür einfach öffnete. Im ‚Besprechungszimmer‘ stand ein kleiner runder Tisch mit drei Stühlen darum, außerdem ein verschlossener Aktenschrank und ein Schreibtisch, an dem ein Mann saß, ebenfalls groß, aber viel korpulenter als Knolpp. Dieser Mann, Roland hatte keinen Zweifel, dass er Knack heißen müsse, blickte bei ihrem Eintreten auf und rief, wie ein verspätetes Echo in exakt dem gleichen Tonfall wie vorhin Knolpp: „Ach, der Herr Roland.“ Roland begrüßte auch diesen Herrn, der tatsächlich Knack war, und sie setzten sich um den runden Tisch.
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„Da wollen wir uns doch gleich einmal Ihre Unterlagen ansehen“, sagte Knolpp mit lauter, lebhafter Stimme und hielt schon eine Bewerbungsmappe in der Hand. Roland erkannte sie nicht wieder, aber es musste wohl seine sein. Knolpp schlug sie auf und Roland erkannte auch sein Gesicht auf dem Passbild nicht, wahrscheinlich weil er es verkehrt herum sah. „Oho!“ rief Knolpp anerkennend oder überrascht, und Knack echote sofort im gleichen Tonfall: „Oho!“ Einen kurzen Moment lang hatte Roland das Gefühl, im Zirkus zu sitzen und einer Clownsnummer zuzusehen. Doch ehe er so recht die Merkwürdigkeit der Situation empfinden konnte, nahm Knolpp eine korrekte, nüchterne Haltung an. „Wie ich sehe“, sprach er, „haben Sie Germanistik und Kunstgeschichte studiert. Inwiefern fühlen Sie sich denn nach diesem Studium befähigt, für unser Unternehmen tätig zu werden?“ Rolands Gedanken rasten eine Schnellstraße entlang – wo war ein Anhaltspunkt? Was würde glaubhaft klingen? ‚Unternehmen in der Informationsbranche‘ war der einzige Hinweis, der ihm einfiel. Schließlich stammelte er etwas von ‚viele Informationen zu verarbeiten gehabt‘ und von ‚interdisziplinärer Verknüpfung der Inhalte‘. Es schien ihm vollkommen leeres Geschwätz zu sein. Knolpp und Knack jedoch lauschten gebannt. Knolpp nickte ihm ständig zu und strahlte vor Begeisterung, Knack hatte einen geradezu andächtigen Gesichtsausdruck. Roland, während er nun doch leicht verwundert und beklommen zwischen diesen beiden Gesichtern hin- und herblickte, hörte sich selbst nicht zu und wusste eigentlich nicht, was er da redete. Irgendwann, vielleicht gar mitten im Satz, hörte er einfach auf. Knolpp nickte noch ein paar Mal begeistert in die Stille hinein und sprach dann: „Na wunderbar, Herr Roland. Dann sind wir uns also einig. Wann können Sie denn anfangen?“ Roland war unfähig zu antworten. Er wusste gar nicht, wie ihm geschah. Da waren sie also, die Zauberworte. Für ihn völlig unerklärlich. Als er nicht sofort antwortete, sagte Knack: „Uns wäre es natürlich am liebsten, Sie fingen sofort an.“ „Aber gern“, stieß Roland hervor, ärgerte sich dann aber, dass er so übereifrig klang. Und nachdem er so geantwortet hatte, konnte er doch wohl schlecht fragen, worin eigentlich seine Aufgabe bestehen sollte. Überhaupt wurde ihm nun bewusst, dass er noch immer nicht wusste, was für ein Unternehmen ‚Knolpp & Knack‘ war
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und wofür er sich beworben hatte. Aber er kam nicht weit in seinen Überlegungen, denn Knack war aufgesprungen und rief: „Das sollten wir feiern.“ „Oh ja!“ rief auch Knolpp mit kindlicher Begeisterung. Wieder hatte Roland kurz das Gefühl, Zuschauer einer Zirkusnummer zu sein und er erwartete geradezu, dass Knolpp in die Hände klatschen und rufen würde: „Oh ja, lasst uns feiern.“ Stattdessen verfiel er wieder in einen sachlichen, aber freundlichen Ton. „Mögen Sie mit uns auf Ihren Eintritt in die Firma anstoßen, Herr Roland?“ Roland fand, dass er nicht wirklich eine Wahl habe und so sagte er schlicht: „Sehr gern.“ Wie die nächsten Stunden verrannen, hätte Roland später nicht zu sagen gewusst. Knack war aufgestanden, hatte den Aktenschrank aufgeschlossen und eine Flasche Wein herausgeholt – und diese war bei weitem nicht die einzige Flasche, die sich in dem Schrank befand. Bald darauf saßen sie lachend, trinkend und erzählend beieinander. Hin und wieder blickte Roland wie von außen auf die Runde und wunderte sich darüber, mit wie viel Vertraulichkeit er bei diesen eigentlich wildfremden Menschen saß. Er hatte auch keinerlei Gefühl dafür, ob er an ihrem Gespräch beteiligt war, und wenn ja, was er ihnen erzählte. Er fühlte sich eher wie der Zuschauer eines Films. Irgendwann, es war wohl schon spät am Abend, stand Knolpp auf und sagte mit schwerer Zunge: „Nun müssen wir Herrn Roland aber auch seine neue Wohnung zeigen.“ „Richtig“, sagte Knack und erhob sich ebenfalls schwerfällig. Roland war wohl selbst nicht mehr ganz klar im Kopf. Jedenfalls erschien es ihm nur natürlich, dass Knolpp und Knack ihn nun zu ‚seiner‘ Wohnung führen würden. Zu dritt stiegen sie die Treppenstufen hinab und standen auf der dunklen Straße. Das Licht der Straßenlaternen fiel durch das spätsommerliche Laub einzelner Linden. Es war mild. Als sie die Straße entlang liefen, war Roland bemüht, gerade und in einem gleichmäßigen Rhythmus zu gehen, was ihm schwer fiel, nicht etwa weil er zu betrunken gewesen wäre, sondern weil ihn Knolpp und Knack, die ihn in ihre Mitte genommen hatten, ganz merkwürdig bedrängten. Knolpp hatte seinen rechten Arm um Rolands Schulter gelegt, zog ihn halb fort, halb stützte er sich auf ihn; Knack hingegen
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hatte sich auf der anderen Seite bei ihm eingehakt. So liefen sie zu dritt eng umschlungen durch die Stadt. Für Roland war es denkbar unbequem und er versuchte, seine Schritte bald dem einen, bald dem anderen anzupassen, so dass er mal weit ausschreitend wie Knolpp, mal rasch dahertrippelnd wie Knack lief. Auch wurde ihre Gangart immer schneller, Roland wechselte immer häufiger zwischen langen Sprüngen und kurzem Gehoppel, und schließlich rannten sie in einem irrwitzigen Tempo durch die nächtlichen leeren Straßen, wobei Knolpp und Knack ihn hartnäckig weiter umfasst hielten, ja ihn gar noch stärker zwischen sich zusammenpressten, so dass Roland fast die nötige Luft zum Atmen fehlte. Mit einem Mal bogen sie scharf links ab und rasten in unvermindertem Tempo in einen Hauseingang, dessen Tür offen stand, dann eine Wendeltreppe hinauf. Die Energie, mit der Knolpp und Knack ihn mit sich fortrissen, war für Roland unfassbar. Vier, fünf, sechs oder noch mehr Runden waren sie bereits die Wendeltreppe hinaufgestürmt und noch immer nahm der Lauf kein Ende. Roland wurde es schwindlig. Knolpp hastete zu seiner Linken mit langen Sätzen die Treppe hinauf und Knack, obwohl er keuchte und schnaufte, stand ihm in nichts nach. Rolands Füße berührten kaum noch den Boden. Da endlich hatte ihr Sprint ein jähes Ende. Alle drei stolperten sie durch eine offene Wohnungstür. Kaum hatte Roland, Zeit ein großes Bett zu erkennen, schon landete er mit weitem Schwung darauf und versank sofort in der weichen Matratze. Knolpp und Knack breiteten ein schweres Federbett über ihm aus – ein Berg von bleiernen Daunen, gebügelter Bettwäsche und Weichspülergeruch. Roland hatte einen Drehwurm und ihm schwirrte der Kopf. Über ihm kreisten die großen Gesichter von Knolpp und Knack wie zwei Vollmonde. Er schloss die Augen und spürte, wie sie ihm das Kissen zurechtrückten und begütigend seine Wange tätschelten. „Ich glaube, er möchte jetzt schlafen“, hörte er Knolpps Stimme sagen. Und Knack antwortete: „Es war ja auch ein anstrengender Tag für ihn.“ Dann, wie ein nachträglicher Gedanke: „Aber er wird sich schnell bei uns einleben.“

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Christoph Steier

Kunstraumverletzung
Man könne doch aber kein Kunstwerk ficken, polterte der alte Grauberg dazwischen, während er sich verschwitzt die Krawatte löste. Irrsinn, überhaupt sei die ganze Geschichte ein einziger Irrsinn! Einige der jüngeren Anwälte zuckten, sie waren weder das viele Bier noch die derbe Rede nach den langen Verhandlungstagen gewohnt. Die Luft im amtsgerichtlichen Member’s Club wurde schwer. Man war bei der vierten Runde, längst ruhten blütenweiß gestärkte Hemdsärmel auf dem biergetränkten Tisch. Unbeachtet rückte der Zeiger gegen Mittemacht. Die Fenster waren leicht beschlagen, verschwommen spiegelten sich die erhitzten Gesichter der üblichen Mannschaft. Ja eben, deshalb sei dieses ganze Verfahren gegen den Michalski ja auch eine Farce, rechtlich völliges Neuland! Überhaupt nur deshalb hielten sich doch die Medien so zurück, mutmaßte nun Schlaufenbach, der mit dem Aufbringen der Geschichte ein drohendes Gesprächsloch gestopft hatte. Dass man aber diesen Bauern nicht einfach ungestraft auf eine Frau springen lassen dürfe und alles in letzter Instanz – Paragraphenmangel hin oder her – auf versuchte Vergewaltigung hinauslaufe, warf daraufhin der Trainee ein und winkte nach der Kellnerin. Versuchte Vergewaltigung, Kunstwerk ficken. Paragraphenmangel? Klingt interessant! Unbemerkt war Staatsanwalt Krüger an den Tisch getreten, hatte mit spitzen Fingern einen Hocker herangezogen und blickte erwartungsfroh über die randlose Brille. Erzählen Sie mal. Krause! Woraufhin dieser, freilich nicht ohne zunächst die absolute Exklusivität dieser nur off the records erhaltenen Details zu betonen, zur Erzählung des ersten je verhandelten sexuellen Übergriffs auf ein Kunstwerk durch den Wattenhuder Busführer Werner Michalski im Hamburger Arthaus anhob. Im vergangenen Spätherbst sei der damals fünfzigjährige Michalski als Fahrer einer Seniorengruppe in Hamburg unterwegs gewesen. Nach eigenem Bekunden habe er in seiner Mittagspause, allein und völlig ah33

nungslos, bloß aus Schutz vor einem plötzlichen Regen, ein Nebengebäude des Arthauses betreten. Weder sei ihm die Funktion des Hauses noch der Umstand des dort gerade stattfindenden Performancefestivals bekannt gewesen, was Krause beim Erzählen um die Pointe bereichern konnte, der Staatsanwalt habe Michalski in der ersten Anhörung überhaupt erst über den Begriff Performance aufklären müssen. Wie auch immer, die Auswertung der Überwachungskameras habe ergeben, dass Michalski nach seinem Eintritt ins Foyer um 13.16 Uhr offenkundig orientierungslos durch die Ausstellung gestreift sei, um schließlich vor einer abseitigen Tür zu verharren. Das Videomaterial zeige eindeutig, dass Michalski mehr als drei Minuten ein an der Tür angebrachtes Plakat studiert habe, welches Minderjährigen den Zutritt versagte, und schließlich, um 13.31 Uhr, den Raum betreten habe. Leider sei mit dem Eintritt Michalskis die bis dahin lückenlose Aufzeichnung unterbrochen worden, bedauerte Krause und griff nach seiner Zigarre. Nach einem tiefen Zug fuhr er fort und fast schien es, als tanzten seine Worte auf den blauen Kringeln. Ja, ausgerechnet jene entscheidenden acht Minuten, während derer in dem Busfahrer der Entschluss zu seiner Tat – sofern man eben von einer Tat sprechen könne – herangereift sei, müssten nun ohne Videomaterial rekonstruiert werden. Merkwürdigerweise habe Michalski nämlich geschlagene acht Minuten im toten Winkel der Raumkamera, also direkt an die Tür gepresst, verbracht. Abgesehen von der bei Michalskis Eintritt um 13.31 Uhr kurz im unteren Bildrand auftauchenden Türspitze habe die Kamera bis 13.39 Uhr ein unverändertes Bild gezeigt – eben die Installation der umstrittenen Künstlerin. An der Stirnseite des Zimmers habe ein weißmetallenes, quadratisches Himmelbett gestanden. Der aus weißem Tüll drapierte Himmel habe die Sicht der in etwa 4,50 Meter Höhe installierten Kamera etwas getrübt, dennoch hätten sich klar die unbekleideten Umrisse der Künstlerin abgezeichnet. Diese sei, alle vier Glieder fast schmerzvoll von sich gestreckt, an die vier Bettpfosten gefesselt gewesen und habe eine wallende Perücke, einen Knebel sowie eine Augenbinde getragen. Auf dem Video nur als über der linken Brust grell zuckender Fleck zu erkennen, habe in der Realität ein rot blinkendes Herz gehangen. Ferner habe, allerdings im toten Winkel, ein umbrafarbener Automat
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im Zimmer gestanden, der auf Einwurf eines Euros ein rot blinkendes Kondom ausgespuckt und blechern next please getönt habe. An dieser Stelle betonte Krause noch einmal das Unglück der Aufzeichnungslücke, woraufhin die seit der Schilderung der obszönen Installation in Bewegung geratene Zuhörerschaft räuspernd auf Fortführung drängte. In Krauses Schläfen sammelte sich das Blut, hastig nahm er die Erzählung wieder auf. Sicher sei eben nur, was die Kamera aufgezeichnet habe. Plötzlich, nach acht bewegungslosen Minuten, sei Michalski mit entblößtem Hintern ins Bild getreten. Aufgrund der bis zu den Knien herabgezogenen Hose habe er nur langsam gehen können. Nach Erreichen des Bettes habe er umständlich auf die Künstlerin zu steigen versucht. Diese habe daraufhin mehrfach den Alarmknopf gedrückt und Michalski durch laute Geräusche von seinem Vorhaben abzubringen versucht. Der aber, so ein Depp, habe das durch den Knebel verzerrte Stöhnen als Ermutigung verstanden und munter weitergemacht. Der habe wohl gedacht, er sei mal wieder im Puff gelandet! Nach etwa dreißigsekündigem Ringen zeige die Kamera, wie Michalski von zwei Wachleuten in den toten Winkel gezerrt werde. Hier brach Krause ab, trank sein Glas in einem Zug leer, zuckte mit den Schultern und brachte umständlich seine Zigarre wieder zum Glühen. Die Runde saß schweigend da. Man lehnte sich entspannt zurück und sann mit verschränkten Armen auf passende Paragraphen, Präzedenzfälle, Möglichkeiten, das Unfassbare per Gesetz zu fassen. Ergebnislos schwirrten die Fragen durch den Raum. Hatte Michalski wirklich alles für ein Bordell gehalten und war unschuldig? Welchen Status hatte die Künstlerin? Hatte sie Michalski provoziert? Wo ging der Raum der Kunst in den der Wirklichkeit über – und wer bewachte diese Pforte? Gerade versiegte das Gespräch, als Krause noch einmal tief inhalierte und in seinen Dunst etwas von einem Interview mit der Künstlerin murmelte. Sessel quietschten, man beugte sich noch einmal vor. Die Künstlerin habe allerstrengste Strafverfolgung gefordert und sei nicht müde geworden, auf den postfeministischen Hintergrund ihrer Installation hinzuweisen. Angeblich entspreche dieser Vorfall haargenau dem von ihr kritisierten männlichen Verhalten – Verfügbarkeit, Gewalt, das
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übliche Gerede! Krause winkte müde ab, während die Kollegen sich unter zustimmendem Nicken zurückfallen ließen und vereinzelt selber schuld murmelten. Krüger, der die ganze Erzählung über hinter Krause gehockt hatte, erhob sich, schüttelte gedankenverloren den Kopf, besann sich und spendierte eine Runde. Beim Toast kam endlich der lang ersehnte Vorschlag auf, den Abend doch im St. Tropez bei schwerem Wein und leichten Mädchen ausklingen zu lassen. Als Krause daraufhin heiser lachend fragte, ob nicht vielleicht auch das Arthaus noch geöffnet sei – wie köstlich! – kochte die in Erwartung des Kommenden ohnehin schon euphorische Stimmung fast über. Unter allerlei Gelächter und Schulterklopfen brach man zur Garderobe auf. Die Scheiben waren nun völlig beschlagen, nur das dumpfe Notlicht schimmerte grünlich zurück.

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Daniel Windheuser

FLIEDERFARBEN

hinter aschgrau ein Wort ein kleiner Blick und jeden Tag ein Gedicht in fallender Tendenz du webst das Frühstück ich fälle den Ton und sonntags fangen wir den Nachbarn mit Netzen aus Klatschmohn und wenn es dunkel wird bemale ich einzeln die Härchen deines Nackens goldfarben auf der Veranda bei morschem Holz und lila Duft während vom Dach die Ziegel fallen lautlos ins Gras

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DAS UNGESTALTE

das wartet vor dem Rahmen hinter Glas auf dich von dem man sagt es habe keine Worte nur Taten und Hände und Augen erwartungsvoll blickt es auf Holz fest umklammert berührt die Luft atmet und Innen hier in dir schnarrt etwas das du nicht bestellt hast schnarrt in fremden Zungen spricht unverstanden aber gehört wie Fingerspitzen die im Rhythmus der Muskeln vibrieren während draußen das Tageslicht abrutscht an den Farben der Welt

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SEIT WOCHEN regnet es ein dicker Mann lacht und wenn man die Hand auf die Wiese legt verschwindet sie im braunen Wasser die Wände sind feucht es riecht nach dunklem Holz die Schlingpflanzen haben die Regenrinne erreicht und in meinem Waschbecken wohnt eine Kröte in deren schwarzen Augen sich die Nester in meinem Bart und die Löcher in der Decke spiegeln sie zählt die Schritte auf der Treppe mittels Kreide und einer Schiefertafel und wenn es an der Türe klopft singt sie die Marseillaise

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Franziska Wilhelm

Der in der dunkelblauen Turnhose
Seit sie denken konnte, hatte sie sich immer zu hässlichen Dingen hingezogen gefühlt. Sie mochte die tristen Wohngebiete am Stadtrand mit den grauen Hochhausblöcken, den bröckelnden Fassaden und den Wäscheleinen vor den Fenstern. Immer, wenn sie an den leuchtend rot geziegelten Fachwerkhäusern ihrer Stadt entlang ging, verspürte sie eine seltsame Sehnsucht nach Beton. So oft sie konnte, verreiste sie. Die Orte, die sie besuchte, waren entlegene Kleinstädte oder die Randbezirke großer Metropolen, wo die Unterkünfte billig waren und selten überfüllt. Tagsüber strich sie durch das Viertel auf der Suche nach Postkarten. Einmal fand sie eine, die über zwanzig Jahre alt war, keiner hatte sie kaufen wollen. Seit einiger Zeit machte sie auch Fotos – von ihren Herbergen, den Wohnhäusern und Trockenplätzen. Sie hatte sich eine neue Kamera gekauft. „Die macht wunderbare Naturaufnahmen“, hatte der Verkäufer gesagt. In einer Herberge weit außerhalb der Stadt lernte sie auch ihn kennen. Er hatte in einem braunen Sessel vor dem Fernseher gesessen und nichts weiter als eine kurze, dunkelblaue Turnhose getragen, mit einem grünen Streifen an der Seite. Hinter ihm stehend betrachtete sie sein dichtes blondes Haar, die sehnigen Unterarme und die staubgrauen Beine. Als er sich plötzlich zu ihr umdrehte, zuckte sie leicht zusammen. Er schaute sie an, dann hielt er ihr, ohne ein Wort zu sagen, eine Tasse mit Sonnenblumenkernen hin. Er konnte sie öffnen und herunterschlucken, ohne die Finger zu benutzen. Die Schalen spuckte er in eine zweite Tasse. Sie versuchte, es ihm nachzumachen, schob sich einen der salzüberzogenen Kerne zwischen die Zähne, biss und spuckte. Die Schale blieb in ihrem Mund, der Kern fiel in die Tasse. Sie versuchte es noch ein paar Mal, aber es klappte nie. Er lachte. Es war ein offenes, freundliches Auslachen mit einem Rest Sonnenblumenkern am Zahn. Sie fühlte, wie ihre Wangen erröteten. „Komm!“ sagte er in einer Sprache, die sie nicht sprach, und stand auf. Er schlüpfte in seine Turnschuhe und warf sich ein T-Shirt über die
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Schulter, dann gingen sie zusammen die Straße hinunter, wo die Stadt in einem sandigen Fußballplatz endete. Dort wartete bereits ein anderer Junge auf sie. Er hatte langes braunes Haar und trug eine grüne Turnhose. Vor seinen Füßen lag ein Fußball, gegen den er immer wieder leicht kickte und ihn dann mit der Ferse zurückholte. Der Blonde deutete auf eine große Betonröhre, auf die sie sich setzen konnte, dann ging er über den Platz zu dem anderen Jungen. Sie schaute den beiden zu, beobachtete, wie der Staub aufwirbelte, jedes Mal wenn sie um den Ball rangen. Sie fühlte, wie die warme Abendsonne ihr über die Arme strich. Auf der anderen Seite des Fußballfeldes warfen die Hochhäuser bereits Schatten. Sie holte ihre Kamera aus der Tasche und begann zu fotografieren. Immer wieder drückte sie auf den Auslöser. Alles, was sie fotografierte, schien sich von einer auf die andere Minute zu verändern. Der Platz tauchte in ein steinernes Orange, dann in ein brennendes Rot, bis er plötzlich dunkelblau war, wie die Turnhose des Blonden. Irgendwann setzten sich die beiden zu ihr auf die Betonröhre. Der Dunkelhaarige hatte Bier besorgt und reichte ihr eine Flasche. Ihre Lippen fühlten sich trocken an. Sie trank und behielt das Bier ein bisschen im Mund, bevor sie es herunterschluckte. Der Blonde kramte eine kleine Tüte voll Sonnenblumenkernen hervor. Mit einem Augenzwinkern bot er sie ihr an, sie schüttelte nur den Kopf. Doch er ließ nicht locker. Immer wieder machte er ihr vor, wie man die Schale knackte. Man musste den Kern erst hochkant zwischen die Zähne schieben, zubeißen und dann mit der Zunge die Hülse abtrennen und ausspucken. Bei den beiden Jungen sah es unglaublich einfach aus. Sie versuchte es. Die Hälfte der Schale landete vor ihr auf dem Boden, die andere blieb am Kern und ihrer Zunge kleben. Sie wollte sich keine Blöße geben, schluckte trotzdem, verschluckte sich, hustete und spuckte alles wieder aus. Die beiden Jungen lachten. Sie probierte es noch ein paar Mal, aber es klappte nie. Da entschied sie sich, die Kerne einfach ganz herunter zu schlucken, mit der Schale. Der Blonde schüttelte nur den Kopf. Dann begann er, mit seinen Händen ein paar Kerne aus der Schale zu pulen, und reichte sie ihr. Als sie nach Hause gingen, waren sie ganz allein auf der Straße. Sie liefen nebeneinander, ohne ein Wort zu sagen. Der mit der grünen Turn41

hose hatte sich vor einer Kneipe von ihnen verabschiedet. Sie begann, eine Melodie zu summen, er kickte ein kleines Steinchen vor sich her. Ein paar Mal schaffte sie es, ihm den Kiesel vor den Füßen wegzuschießen. Dabei schlug ihr jedes Mal eine kleine Sandwelle vorn in die Sandale. Vor der Tür der Herberge zog sie ihn an sich ran und küsste ihn. Er lachte sein Sonnenblumenkernlachen und nahm ihr Gesicht zwischen beide Hände. Unten an der Hauptstraße fuhr der letzte Bus vorbei. Sie wusste, dass es der letzte war, denn sie hatte vorgehabt, mit ihm zur Herberge zurück zu fahren. Sie legte ihre Hände um seine, die noch immer ihr Gesicht umfasst hielten. So wollte sie mit ihm nach oben gehen, doch dann mussten sie erst die Eingangstür aufschließen. Er fand sich im Haus auch ohne Licht zurecht. Sie überlegte, wie er zu dieser Pension gehörte. Er hatte ja hier auf dem Sessel gesessen. Ob er hier arbeitete? Mit seinen Händen fragte er, ob sie Hunger hatte. Sie nickte und er führte sie in eine kleine Küche. Er suchte ein bisschen in den Schränken und fand Brot und eine Dose mit Schmelzkäse-Ecken in Silberfolie. Er hielt ihr die Dose hin, sie fischte sich eine Ecke heraus. Plötzlich hörten sie ein Geräusch. Jemand kam die Treppe herunter. Schnell schob er den Stuhl ein Stück beiseite, sie sprang unter den Küchentisch. Kaum, dass er den Sitz wieder an seine Stelle und sich selbst davor gestellt hatte, kam die Herbergsfrau zur Tür herein. Sie trug dreckige, samtrote Nachtpuschen und einen Morgenmantel. Die Wirtin sagte etwas zu ihm und es klang nicht besonders freundlich. Dann gingen die Nachtpuschen auf den Tisch zu. Sie schluckte und hielt sich hinter seinen und den Stuhlbeinen die Hand vor den Mund. Doch die Herbergsfrau nahm dem Blonden nur die Dose mit den Käse-Ecken ab. Sie stellte sie in den Schrank zurück und verließ, schläfrig vor sich hinmurmelnd, den Raum. Als sie weg war, beugte er sich zu ihr herunter, um ihr unter dem Tisch hervor zu helfen. Sie hielt immer noch den Käse und als er ihre Hand fasste, platzte das Silberpapier zwischen ihren Handflächen, so dass ihnen die weiche Masse zwischen die Finger glitt. Er betrachtete seine Schmelzkäsehand und lachte, sie lachte auch, ein etwas vorsichtigeres Lachen, wegen der Herbergsfrau. Sie griff nach einer Serviette zum Abwischen, aber er schnalzte nur mit der Zunge und hielt ihren
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Arm fest. Dann begann er, ihren Handteller abzulecken. Sie griff mit ihrer freien Hand nach einem Stückchen Brot und schob es an seinem Zeigefinger entlang nach oben, dann steckte sie es sich in den Mund. Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände, wie er es zuvor an der Haustür getan hatte, und verschmierte dabei ihre Wangen mit Schmelzkäse. Sie wollte sich die klebrige Masse abwischen, doch da fing er schon an, sie zu küssen. Er wusste, in welchem Zimmer sie untergebracht war, und sie folgte ihm einfach durch den unbeleuchteten Flur. Sie gab ihm ihren Zimmerschlüssel und er öffnete. Im Dunkeln ließen sie sich auf das Bett fallen. Die Tageswärme, die noch im Raum war, legte sich wie eine filzige Decke über sie. Sie spürte seine Hand auf ihrem Schenkel und die Federn der alten Matratze im Rücken. Sein Haar war weich. Sie küsste ihn und wischte dabei mit dem Daumen kleine Schweißtröpfchen von seinen Schläfen. Er erhob sich, um das Fenster zu öffnen, aber die Nachtluft war zu warm, um Kühlung zu verschaffen. Während sie sich ihre sandigen Sandalen abstreifte und das T-Shirt auszog, überlegte sie, ob sie nicht duschen sollte, doch da war er schon wieder, küsste sie, auf die Stirn, auf ihr Kinn, auf den Mund, grub seine Arme unter ihren Rücken und legte seine eigene sandige, über die dunkle schwere Wärme des Zimmers. Sie spürte, wie sie immer weiter in die durchgelegene Matratze einsanken. Irgendwann würden sie darin verschwunden sein, genau wie die Sonnenblumenkerne im Mund des Blonden oder das Knattern des Mopeds, das gerade unten auf der Straße vorbei fuhr. Als sie am Morgen aufwachte, war es noch immer dunkel im Raum. Er musste die Vorhänge zugezogen haben. Sie tastete neben sich und fand das Bett leer. Mit Anstrengung richtete sie sich auf, ging zum Fenster und öffnete es. Sie fühlte die Nacht noch seltsam schwer an ihrem Körper hängen, jetzt bei Tageslicht kam sie ihr unwirklich und fremd vor. Verschlafen stellte sie sich unter die Dusche, doch aus dem Duschkopf tröpfelte nur ein schwaches Rinnsal. Einen Moment lang überlegte sie, ob sie die Herbergsfrau rufen sollte, doch dann erinnerte sie sich an die roten Samtpuschen und wie sie sich letzte Nacht vor ihr unter dem Küchentisch versteckt hatte und es war ihr peinlich. Heute war ohnehin ihr letzter Tag, gegen Abend würde sie schon zu Hause ein Bad neh43

men können. So gut es ging, wusch sie sich am Waschbecken, dessen Wasserhahn funktionierte, dann packte sie ihre Sachen zusammen. Sie hatte keine saubere Jeans mehr, aber es war egal, sie würde sich einfach schnell davon machen und keiner würde sie sehen, auch er nicht. Mit ihrem Rucksack auf dem Rücken schlich sie die Treppe hinunter. Unten stand die Herbergsmutter, die ihre Puschen gegen ein paar Sommerschuhe mit Holzsohle getauscht hatte. Die Wirtin wünschte ihr ein lautes „Guten Morgen!“ Dann zeigte sie ihr den Frühstücksraum. Als sie sagte, dass sie nichts essen mochte, wollte die Herbergsfrau davon nichts wissen. „Frühstück inklusive“, sagte sie, fasste mit ihrer kräftigen Hand um ihren Arm und führte sie bestimmt zu einem der Tische. Es gab Brötchen, Marmelade und Schmelzkäse-Ecken. Sie lächelte die Wirtin vorsichtig an und begann, das Brötchen aufzuschneiden. Plötzlich sah sie ihn. Er hielt einen Wischmob und einen Eimer in der Hand. Doch noch bevor sie etwas sagen konnte, hatte ihn die Herbergsfrau mit strengem Ton aus dem Speisesaal herausgeschickt. Nur einen kleinen Blick hatte sie erhaschen können. Nach dem Frühstück zahlte sie, doch bevor ihr die Wirtin das Rückgeld herausgeben konnte, schrillte das Telefon. Die Herbergsmutter verschwand im Hinterzimmer. Kaum dass sie weg war, erschien er in der Eingangshalle. Er hielt einen kleinen Fotoapparat in der Hand und deutete ihr, sich auf den Treppenabsatz neben das Tischchen mit dem falschen Blumengesteck zu stellen. Sie fühlte sich unwohl, von ihm fotografiert zu werden, sie war doch die Fotografin. Außerdem waren ihre Haare nicht gewaschen und ihre Jeans dreckig. Er hob den Finger, drückte auf den Auslöser, dann kam er zu ihr. Mit ein paar Worten, die sie nicht verstand, stellte er sich neben sie und fotografierte sie beide mit ausgestrecktem Arm. Er trug ein Hemd und hellblaue Jeans. Es schien, als habe er sich für dieses Foto zurecht gemacht. Sie fand, er sah fürchterlich aus. Kaum, dass er das zweite Bild geknipst hatte, erschien auch schon die Herbergsfrau, um ihr das Rückgeld zu geben. Zwischen ihrer runden Stirn und den vollen Wangen entdeckte sie plötzlich seine Züge in ihrem Gesicht. Es war ihr vorher nicht aufgefallen, dass sie sich ähnelten. Mit gespielter Gleichgültigkeit schnallte sie sich ihren Rucksack auf und ging zur Tür, ohne sich noch einmal umzusehen.
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Später im Zug versuchte sie zu lesen. Aber sie konnte sich nicht auf ihr Buch konzentrieren. Eine Weile kramte sie in ihrer Tasche, um nach ihrem alten Discman zu suchen, dann holte sie jedoch ihre Kamera hervor. Sie begann, aus dem Zugfenster heraus Fotos zu machen: Von Wiesen, Böschungen, Bahnhöfen und Straßenzügen. Immer wieder drückte sie auf den Auslöser, selbst als der Film voll war, knipste sie weiter. Irgendwann beugte sich ein alter Mann zu ihr und meinte, das Klicken der Kamera störe ihn beim Lesen. „Oh“, sagte sie und steckte die Kamera in ihre Tasche. Er schaute sie freundlich an und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. „Es ist eine Hitze in diesen Tagen und dabei haben wir schon September“, sagte er. Sie antwortete nichts, nickte nur und schaute aus dem Fenster, wo das warme Rot der Abendsonne bereits links und rechts an kleinen, spitzen Vorstadtdächern herunterfloss.

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Lena Hammerschmidt

Leckermäulchen. Vanille.
Zwischen den Kühlregalen ist es angenehm. Ein Schritt zu weit nach links oder rechts und Jule kriegt Gänsehaut. Aber genau in der Mitte, zwischen den Milchprodukten auf der einen und dem eingeschweißten Fleisch auf der anderen Seite, genau in der Mitte, geht es. Der Schweiß auf Jules Stirn und am Rücken ist getrocknet. Dirk hat mehrere Quarkbecher in der Hand. Er betrachtet sie kritisch und schüttelt abschätzig den Kopf. „Käsekuchengeschmack, Waldmeister, Vanilla auf Erdbeer, Himbeere, Limone … ich glaub’s nicht. Jule, kannst du dir das vorstellen? Wer zum Teufel will denn so ’nen Scheiß?“ Dirk liest mit großer Abscheu, als wären es die Namen ansteckender Krankheiten. Dirk hatte diesen Tick schon immer. Er zelebriert die Auswahl jedes Mal und spricht so laut, dass fast alle Leute im Laden ihn hören können. Dabei ist es doch nur Quark. Er wirft die Becher zurück ins Regal und greift sich zwei andere, die er Jule vors Gesicht hält: „Vanille-Geschmack, das einzig wahre Leckermäulchen!“ Er nickt bedeutsam und Jule hat es eilig, zur Kasse zu kommen. Sie friert. Dirk stellt die Becher auf das Kassenband und kramt in den ausgebeulten Taschen seiner Hose. Eine Münze fällt auf den Boden und rollt unter ein Regal. Dirk grinst. Als Jule die Lücke zwischen den Vorderzähnen sieht, muss sie lächeln. Dieses Mal, ohne sich anzustrengen. Dirk beugt sich zu ihr und küsst sie auf die Wange. Er kramt noch immer. Jule beobachtet die alte Frau vor sich, die gerade Katzenfutter auf das Band stapelt. In ihrem Einkaufskorb sitzt ein kleiner Hund mit einer roten Schleife im Haar. Leise redet die Frau mit ihm und Jule fragt sich, ob der Hund getröstet werden muss, weil er bei diesem Einkauf kein Futter bekommen hat oder ob das Katzenfutter für ihn ist. Ein Pfiff erschreckt den Hund so sehr, dass er zusammen zuckt. „Ey, da ist Holzer. Ich geh schon ma’ raus. Bezahlst du?“ Jule nickt. Dirk drängelt sich unsanft an der Frau vorbei und der Hund wackelt in seinem Korb. Dirk und Holzer begrüßen sich. Handschlag, Umarmung, Handschlag. Jule holt ihre Geldbörse aus der Tasche. Sie tut es
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mit einer Vorsicht, als nähme sie nicht ihre eigene, sondern die der Frau vor ihr. Es wäre leicht, in den Korb zu greifen, der Hund würde sicherlich nicht bellen. Draußen gestikuliert Dirk wild und zündet sich eine Zigarette an. Holzer runzelt die Stirn und tippt Nachrichten in sein Handy. Als Jule bezahlen muss, legt sie schnell den 100-Euro-Schein auf das Band und lächelt entschuldigend. Dirk hat es nicht gesehen. Handschlag, Umarmung, Handschlag und Holzer ist weg, bevor Jule aus dem Supermarkt kommt. Die Rolltreppe fährt die beiden langsam in die Sommertemperaturen. Vor dem Bahnhof drückt die heiße, schwere Luft. Jule steuert eine Bank an. Sie weiß, dass Dirk ihr folgt, ohne dass sie sich umdrehen muss. Als sie sitzen, reicht sie ihm seinen Quark. Dirk holt einen Löffel aus seiner Tasche. Jule sieht ihn mit großen Augen an. „Keine Panik, hab ich sauber gemacht.“ Ihr ist der Appetit vergangen. Dirk zieht vorsichtig die silberne Folie ab, leckt den Quark an der Innenseite des Deckels ab und verrührt dann den Inhalt des Bechers zu einer cremigen Masse. Jule beobachtet die Menschen, die aus dem Bahnhof kommen. Die Hitze liegt schwer auf den Gesichtern. Die Kinder quengeln und die Alten wischen sich die Stirn. „Jule, wat ’ne Farbe hat Vanille?“ Jule hört Dirk, weiß aber nicht, was die Frage soll. Er tritt ihr vorsichtig auf den Fuß. Jule horcht auf und sieht ihn an. „Jule, los, denk ma’ nach …“ „Gelb?“ Dirk versucht, ein enttäuschtes Gesicht zu machen, doch eigentlich freut er sich über ihre Antwort. „Oh Jule Mann, bist denn genauso doof wie die Westler, Mensch? Na, Vanille hat gar keene Farbe. Eigentlich is’ es ja schwarz. Also die Schoten. Und die Blüten sind gelb, haste schon recht. Aber an sich, also der Geschmack, hat natürlich keene Farbe. Aber die Westler, Jule, die sind genauso bekloppt wie du.“ Jule versteht gar nichts mehr. Vanille. Gelb. Schwarz. „Also, hör zu. Ich hab ma’ gehört, dass Leckermäulchen im Westen überhaupt nicht erfolgreich war, weil es zu weiß war.“ Jule wird klar, dass sie sehr dumm guckt, doch bevor sie ihre Gesichtszüge geändert hat, fährt Dirk mit seiner Erklärung fort. „Na, kannste dich noch erinnern? Früher war Leckermäulchen doch so richtig weiß, oder? Im Westen kennen die Vanille aber nur gelb. Also haben sie’s nich’ gefressen.
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Egal welchen Joghurt du dir da kaufst – wenn der Vanille ist, dann is’ der bei denen gelb. Weil die den extra so färben. So ’ne Idioten.“ Jule macht große Augen. Eine typische Dirk-Geschichte. „Also, wat machen die von Leckermäulchen? Färben den Scheißquark gelb und sieh an: Die Verkaufszahlen stimmen. Ich sag ja: Alle wollen immerzu verarscht werden.“ Jule lächelt. Dirk hat ihr ein bisschen gefehlt. Sie wird nicht fragen, woher er die Geschichte hat und ob es wirklich stimmt, was er sagt. Man muss ihn nehmen, wie er ist. Vor allem, solange er gute Laune hat. „Ey Jule, guck mal da drüben, Thrombo-Tom.“ Auf der anderen Seite der Straßenbahnschienen humpelt ein Junge von einem Wartenden zum nächsten. Die Leute, die er anspricht, schütteln den Kopf und versuchen krampfhaft, ihn nicht anzusehen. Er sieht noch kaputter aus, als Jule ihn in Erinnerung hat. Er läuft gebückt, hält sich den Bauch und ist dünner geworden. Jule läuft Schweiß zwischen den Brüsten entlang. Tom trägt lange Hosen. Einmal hat Jule sein Bein gesehen.Zwei Mädchen in bunten Kleidern weichen Tom aus und überqueren die Schienen. Als die beiden an Dirk und Jule mit ihren Absatzschuhen vorbeiklappern, weht ein schwacher Parfumduft mit. Dirk lacht, als er den letzten Quark auskratzt. Die Bahn kommt. Dirk wirft den leeren Becher weg und steckt den Löffel wieder ein. Jule setzt sich ans Fenster. Der Sitz fühlt sich klebrig an. Sie kann sehen, wie Tom sich suchend umblickt. Dann humpelt er Richtung Westeingang, wo Holzer, an einen Fahrradständer gelehnt mit den Händen in den Taschen auf ihn wartet. In der Bahn schreit ein Baby. Es ist in einem Tuch vor den Bauch seiner Mutter gewickelt. Die kleinen fleischigen Ärmchen und Beinchen rotieren und sein Gesicht ist rot und verkrampft. „Ist die neu?“ Dirk umklammert Jules Armgelenk und betrachtet ihre Uhr. „Ja“, antwortet Jule. „Von meiner Mutter.“ Es bleibt ihr noch eine halbe Stunde, bis sie im Schuhladen sein muss. „Sieht schick aus.“ Dirk lächelt. Jule lächelt zurück. „Schön, dass du wieder da bist.“
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Jule nickt. Ihre Gedanken sind bei ihrer Mutter und deren strengem Gesicht mit den traurigen Augen. Sie muss pünktlich sein. „Jule, ich will noch mal schnell ins Choppi, muss ein bisschen was klären und ich will mich mal duschen. Scheißhitze. Willste mit? Ich mein, vielleicht willste den ganzen Leuten mal Hallo sagen oder so. Die finden bestimmt total super, dass du’s geschafft hast. Voll weg, Mann.“ Jule muss schlucken und an Hannes aus der Therapie denken. Fast jedes Mal beim Morgengespräch hat er gesagt: Wenn ihr mich dann wirklich braucht, werde ich nicht da sein. Jetzt weiß sie, was er meint. „Nee. Lass mal. Ich glaub, das wird zu knapp. Ein anderes Mal.“ „Na, okay. Ich kann denen ja Grüße sagen.“ Jule hat Angst, dass der Quark in ihrer Tasche ausgelaufen sein könnte und schaut nach. Der Deckel ist noch unbeschädigt und Jule drückt Dirk den Becher, der längst seine Kühltruhentemperatur verloren hat, in die Hand. „Schenk ich dir. Ich mag es eigentlich gar nicht so.“ Die Bahn wird langsamer und Dirk schaut Jule von der Seite an. Die Türen öffnen sich, er springt die drei Stufen hinunter. Draußen zündet er sich eine Zigarette an und ruft dann zu Jule in die Bahn zurück: „Wir sehen uns doch demnächst, oder?“ Jule nickt eifrig. Als das Warnsignal der Türen ertönt, presst Jule ihre Tasche mit der linken Hand fest vor ihren Bauch und krallt die rechte in den klebrigen Sitz. Erst als die Bahn schleppend angefahren ist, lässt sie los.

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Katrin Merten

Nach dem Hunger
Nach dem Hunger Davon Mit der Hälfte Keinmeingeruch In deiner Hand Zeit Zwischen Türen ohne Worte ohne Namen Mut im Moment Dann gehn Beton unter Barfuß Als Fremde Unterwegs

Glaube mir
Ich hätte gern Den Weg genommen Von dem du sprachst Hinter dem Pappelhain Am Fluss entlang Nach Norden Unterwegs Ein Berg am nächsten Nichts glich Dem Bild deiner Worte In meinem Kopf
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Du hast für mich Die Laube hergerichtet Und stehst an der Hecke Die Hecke steht noch Ich stehe vor dir Und spreche fremd.

Hände sind Häfen
Hände sind Häfen Bei einander anzulegen Meine Hände sind Der Anfang von mir Dahinter lebe ich Wenn es lichtarm ist der Tag nicht mehr Tag die Nacht noch nicht Nacht werde ich mich verkriechen in deinen Körperhöhlen Hauthüllen sind Grenzland Finger streunen im Sperrgebiet Wir sind einander Besuch Hände sind Häfen Bei einander anzulegen Wir werden suchen Dann streicheln Dann reiben immerzu

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Mit Händen die wir später Umeinander gefaltet Mit uns herumtragen Die ungefragt an Armen stecken Und im selben Rhythmus pendeln Hände die Des Aufbruchs träge Lange kein Besuch mehr sind Hände ablegt im Umland Arme werden ihre Parallelität verlieren

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Lena Hammerschmidt

Neuschnee
Es hat geschneit, doch das kann man nur ahnen, denn was auf den Dächern und Bürgersteigen liegt, das hat mit Schnee nicht viel gemeinsam. Als sie mit Robert bei seiner Oma war, in dem kleinen Dorf in der Hohen Tatra, hat sie das erste Mal richtig weißen Schnee gesehen. Sie liefen über die verwehten Hügel und sie hat Robert erklärt, dass sie jetzt in einer gigantischen Zuckerlandschaft seien und die Spitze des Zuckerberges finden müssten. Er hat gleich genickt. Hier ist der Schnee gelb oder grau. Oder braun, wenn ein Hund da war. Sie hat ihren Blick an die Schuhe geheftet, die kleine Dreckschneehaufen zertreten. Der Dreckschnee liegt auf Bürgersteigen, die zu Straßen gehören, in einer Stadt, die nicht mehr ihre ist. Seit Robert weg ist, hat diese Stadt sich von ihr abgewandt. Heute, jetzt durch die Straßen zu laufen, fühlt sich an, als träfe sie eine Bekannte, die sie schon lange nicht gesehen hat. Eine, die nicht einmal mehr grüßen kann, weil sie nicht an etwas erinnert werden möchte, was ihr unangenehm ist. Eine, die schnell auf den Boden schaut, bloß nicht in die Augen. Eine, die hastig vorbeigeht und erleichtert ist, wenn sie nicht angesprochen wurde. So ist diese Stadt zu ihr. Auch von außen ist sie hässlich geworden. Sie besteht nur noch aus Gerüsten und Bratwürsten. Ein Typ auf einer Party, da hatte sie Robert noch gar nicht gekannt, der hat ihr mal erzählt, sein Onkel hätte ein tolles Gerät erfunden: Eine Gasflasche auf dem Rücken, ein Dach über dem Kopf, ein Grill vor dem Bauch. Er hat ihr das Prinzip erklärt und sie hat es eine ganz hervorragende Idee genannt. Nun stehen diese armen Typen mit den Bratwurstbauchläden hier, alle paar Meter einer, und braten und schwitzen dabei und sehen lächerlich aus. „Eine ganz hervorragende Idee“, hatte sie gesagt. Sie hätte seinen Onkel einen perversen Wichser nennen sollen, doch sie wollte sich von dem Bratwurstneffen abschleppen lassen. Endlich eine flüchtige Affäre, endlich mit jemandem schlafen und dann sagen, dass man es sich hätte sparen kön53

nen und überhaupt all die unbedeutenden Geschichten leid sei. Der Wind schleicht um ihre Ohren und sie möchte ihm so gerne all das Robert hinterher schmeißen. Der Wind hatte Robert in ihr Leben gebracht. Sie saß an der Ostsee, allein an einem kalten Strand auf ihrer Regenjacke, nur das Meer und die eigenen, wehenden Haare im Blick. Die Wellen waren so laut, dass sie ihn nicht kommen hörte und plötzlich stand er vor ihr und sagte „Hallo“, so als wären sie verabredet gewesen. Und schon wieder schiebt sich sein Gesicht, drückt sich seine Stimme in ihre Gedanken. Sie will nicht an ihn denken. An nichts denken. Sie muss sich konzentrieren, dann klappt es. Nichtsdenken ist anstrengend. Doch wenn da eine Ahnung ist, der flüchtige Hauch eines Gedankens, dann kann sie ihn nicht fassen. Wie die Figuren eines Spielautomaten zeigt er sich kurz, versenkt sich aber wieder ganz schnell in sein Loch, genau in dem Moment, in dem sie mit dem Hammer drauf hauen will, um Punkte zu machen. Als sie am großen Steintor vorbeikommt und ihr ein Schwarzer auf einer Parkbank etwas zumurmelt, das ein Kompliment sein kann, da hat sie nur einen bösen Blick für ihn übrig und denkt: ‚Halt die Klappe!‘, und das Wort dazu, dass sich nicht denken, schon gar nicht sagen lässt und es fühlt sich gut an so böse zu sein, so richtig böse. Anderen weh zu tun, hilft gegen Schmerz. Vorhin bei der Mutter gab es ihr Lieblingsessen, Grießbrei mit Zucker und Zimt, und sie hat einfach gegessen, ohne etwas zu schmecken, und sie hat nicht geantwortet, als die Mutter fragte, was nun aus der Wohnung werden solle. Alleine könne sie die doch nicht behalten. Sie hat die Mutter nicht einmal angesehen. Sie sind dann ins Wohnzimmer gegangen. Sie hätte gerne geraucht, doch bei Mutter wird nicht geraucht. Mutter hat das alte Fotoalbum aus dem untersten Schubfach der Schrankwand geholt und wollte ihr das Bild von Klaus zeigen, mit dem sie doch damals immer so gespielt hatte, im Garten, stundenlang. Als sie sich bückte, da sah sie so ungelenk aus. Es hätte sie gerührt, vorher, aber nicht jetzt, deshalb sagte sie nur: „Bist wieder dicker geworden, oder?“ „Aber Anna …“, hat die Mutter gestöhnt, war ganz leise geworden und an ihrem Blick verstummt. Dann waren da wieder die Rücksicht und das Mitleid in den Augen der Mutter. Dabei konnte sie Robert
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nicht leiden. Er sei so still, so anders, so abwesend. Mit dem stimmt was nicht, das hatte sie ja gleich gesagt. Die Mutter saß dick und warm neben ihr, blätterte. Da war es dann, der Klaus und sie im Garten, zu zweit auf der Schaukel. Zahnlückezeigend. „Seine Mutter hat erzählt, er wäre jetzt in Belgien, er macht den Einkauf für eine ganz große Firma, Flugzeugteile, glaub’ ich, ja Flugzeugteile. Flugzeugteile.“ „Und hat sie dir auch erzählt, dass er mal an mir rumgefummelt hat, als wir zusammen gespielt haben, und es eine Mutprobe genannt hat?“ Sie schleuderte der Mutter, der ungelenken, die Worte entgegen. Sie sagte ihr nicht, dass auch sie an Klaus rumgefummelt hatte, dass es harmlos gewesen war. Sie hätte alles gesagt, um die Mutter zum Schweigen zu bringen. Sie sprach es nicht aus, doch das „Aber …“, das konnte Anna auch so in ihren Augen lesen. Ohne ein weiteres Wort, eine Geste, ohne irgendetwas ging sie in den Flur, zog Mantel und Schuhe an und rannte die Treppen hinunter. Sie zündete sich eine Zigarette an und lief einfach weiter, als hätte sie schon am Morgen, auf dem Weg zur Mutter, gewusst, dass der Tag sie auf diesen Weg bringen würde. Als sie die Brücke überquert hatte, konnte sie von weitem den Turm sehen, und sie war nicht erschrocken über den Gedanken, dass sie nun genau dorthin, dort hoch musste. Fünfzehn Tage ist er jetzt weg. Sie hatte nie einen Zweifel gehabt, solange er bei ihr war. In dem Moment, als er sich neben sie ihn den Sand gesetzt hatte und einfach sitzen blieb, wusste sie, dass sie ihm vertrauen konnte. Manchmal blieb er drei, vier Tage lang weg, einmal eine ganze Woche. Dann kam er wieder, übermüdet und ohne zu erklären, wo er gewesen war. Er legt sich ins Bett, zog die Beine an und schlief. Sie fragte nicht. Als Mareike davon hörte, setzte sie ein besorgtes Freundinnengesicht auf. Anna schüttelte nur ruhig den Kopf und Mareike kam gar nicht dazu, ihr zu erklären, dass Robert eine Affäre haben müsse, sondern zog nur die Augenbrauen hoch. Das Leben geht weiter, Anna. Das Leben geht weiter. Sie hat die Fußgängerzone hinter sich gelassen und geht durch den Hinterhof der Bäckerei, es duftet wie bei Roberts Oma in der Hohen Tatra. Sie durchquert Matschschneeseen. Links und rechts ist niemand mehr. Der ockerfarbene Turm steht am Ende der Gasse, struppige
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Sträucher und verblasste Graffiti, mehr ist da nicht. Sie steigt die Steinstufen nach oben, „Leben heißt Kaufen“ hat jemand an die Steine geschmiert, ein alter Kaugummi klebt daneben. Kippen liegen neben zertretenen Taschentüchern. Oft, wenn Robert so lange unterwegs gewesen war und dann schlief, legte sie sich zu ihm, betrachtete sein Gesicht, die Barthaare, die Wimpern und streichelte seinen Arm, bis er aufwachte. Dann machten sie Liebe, ganz warm und langsam und still. Danach lagen sie nebeneinander, manchmal den ganzen Tag und spielten das Fleckenspiel. Die Wasserflecken an der Decke begannen zu leben, Robert gab ihnen Stimmen und ließ die Flecken miteinander reden, sie sprachen über ihre Kinder und den alten runzligen Opafleck, über Liebeskummer und Urlaube in der hinteren Ecke des Zimmers. Am Tag bevor er ging, lagen sie auch so beieinander und als sie gerade einen besonders schönen Fleck betrachteten, fragte sie Robert, ob er glaube, dass es auf der Welt zwei Menschen gäbe, die genau jetzt genau dasselbe machen würden wie sie beide. Fast ist sie ganz oben angekommen. Vielleicht hätte sie sich von ihrer Mutter verabschieden sollen. Durch den Türbogen sieht sie den Himmel schon, der Wind kriecht eisig ihre Waden hoch. Langsam, weil es anstrengt, geht sie zu der Mauer aus gelben Backsteinen, die ihr bis ans Knie reicht. Unten laufen kleine Punkte durch Dreckschnee. Autos schieben sich durch die Punkte, Bratwurstklötze mittendrin. Robert. Ihr wird schlecht, es fühlt sich an, als ob ihr jemand durch die offene Bauchdecke greift. Vorsichtig steigt sie auf die Mauer, bleibt in der Hocke. Ihre Füße verankern sich im Backstein und sie wiegt sich leicht vor und zurück. Achtet auf ihren Atem, hört ihren Herzschlag. Robert liegt neben ihr in den Kissen und lacht. Sein Gesicht ist zerknautscht und er sagt: „Die Menschen wären ja dumm, wenn sie jetzt, in genau dem Augenblick nicht das gleiche machen würden wie wir.“ Er lächelt, dann küsst er sie. Vor ihr steht der Himmel wie eine Wand, in derselben Farbe wie der Dreckschnee. Sie schaut auf ihre Schuhspitze und schiebt sie langsam ein paar Zentimeter über den Backsteinrand, wieder zurück, wieder vor. Dann schließt sie die Augen und legt ihren Kopf auf die Knie, zieht die Schultern an. In ihrem Schoß flutet der warme Atem eine wohlige Höhle. Die Finger spürt sie kaum noch. Sie legt die eisigen Hände an die
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Ohren und drückt so fest sie kann gegen ihren Kopf, so fest, bis von der Stadt nur ein Rauschen geblieben ist. Ihre Augenlider zugepresst, der Kiefer starr wie Beton. Robert mit Mütze und Schal. Auf einem Schlitten. Robert, ein Feuer machend. Im Wald. Die Mutter. Klaus. Belgien. Das Zimmer. Der Opafleck. Du hast meinen Geburtstag vergessen. Du hast meinen Geburtstag vergessen! Das Bett. Robert. Robert. Der Wind. Das Meer. Robert. Sein Mund. Ich will dir nicht wehtun. Haar. Ein Grübchen. Lass mich in Ruhe. Ein Kuss. Heiraten? Seine Hand. Der Turm. Robert wird immer komischer. Der Turm. Arme Anna, arme Anna. Robert. Eine Welle. Ein Rauschen. Der Turm. Robert fliegt. Der Sand knirscht. Robert fliegt. Ihr Kopf knackt wie ein Stück Holz im Schraubstock. Ein leises Wimmern, ein erbärmliches Geräusch kommt von ihren Lippen. Ein Quietschen, ein Sirren. Kurz bevor der Kopf zerspringen kann, atmet sie aus und die Finger lassen ab und der Lärm der Stadt gräbt sich durch die Ohren. Beim Schlucken schmerzt ihr Hals. Sie steigt von der Mauer und setzt sich erschöpft auf den Boden, der schneenass ist. Eine Weile sitzt sie so, ganz ruhig. Sie hört der Stadt zu und stellt sich vor, wie die Menschen durch die Straßen laufen, langsam, in Eile. Vielleicht mit ersten Weihnachtseinkäufen. „Leben heißt kaufen“, kommt ihr in den Sinn. Leben kann man nicht in einem Satz mit drei Wörtern erklären. Diesmal war der Gedanke langsamer als sie. Sie sitzt, bis ihr ganz kalt wird und die Nässe durch den Stoff kriecht. Robert ist immer noch da. Er wird da bleiben. Robert, Fleckenspiele, Zuckerberge, Ostseewellen. Das warme Gefühl, das immer jemand da sein würde, der sie auffängt, wenn sie fällt. Niemand hat Robert auffangen können, denn niemand wusste, dass er sprang. Sie hat keine Antwort, sie hat keine Kraft mehr, um zu fragen. Es ist nicht gut, es wird nicht mehr gut. Noch nicht. Die Beine fühlen sich zerbrechlich an, doch sie steht aufrecht, hebt den Kopf nach oben und wünscht sich, dass der Himmel weißen feinen Schnee auf die Stadt schneien wird. Sie wird nach Hause gehen. Sie wird Roberts Dinge einpacken, heute. Sie wird mit den Platten anfangen. Sie dreht sich um, sieht die Stufen, die nach unten führen, und nimmt sich vor, die Stadt auf dem Rückweg zu grüßen, egal wie sehr sie versuchen wird, sich wegzudrehen.

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Franziska Wilhelm

Herbenknief
An dem Tag, an dem ich Jost kennen lernte, hatte ich meinen Flug nach Lissabon verpasst. Die ganze Nacht hindurch war ich immer wieder aufgewacht, hatte das Licht angeknipst und auf mein Ticket geschaut, um mich der genauen Abflugzeit zu vergewissern. Dann war ich zum falschen Flughafen gefahren. Schönefeld. Als ich endlich in Tegel ankam, war der Check-in längst geschlossen. Ich fragte die Stewardess des benachbarten Schalters, aber es hatte auch keinen Zweck mehr, zum richtigen Gate zu rennen. Unschlüssig blieb ich stehen, schaute auf mein Ticket, auf die leere Anzeigetafel und wieder auf mein Ticket, dann drehte ich mich um und ging nach draußen zur Haltestelle. Ich brauchte nicht lange auf den Bus zu warten. Als er kam, setzte ich mich in eine der hinteren Reihen, lehnte meinen Kopf gegen das Fenster und schloss die Augen. Der Fahrer fuhr los und ich spürte das Vibrieren der Scheibe an meiner Wange. Irgendwo über mir war jetzt mein Flugzeug. Am Zoo stieg ich in die S-Bahn um. Es war dieselbe S-Bahn, in der Jost saß, aber ich bemerkte ihn nicht. Ich schaute auf meinen Koffer. Ein Stück T-Shirt hing wie eine weiße Zunge links unten aus seinem Maul. Ein paar Mal versuchte ich, das Hemd wieder zurück zu stopfen, aber es ging nicht. Ich sah nach draußen. Beim nächsten Halt musste ich aussteigen. Es macht keinen Sinn mehr, den Koffer jetzt noch zu öffnen, sagte ich zu mir selbst. Dann schloss ich ihn doch auf. Als der Wagen anhielt, fielen ein paar meiner Socken auf den Abteilboden. Hastig suchte ich sie zwischen den aussteigenden Passagieren zusammen, klappte den Koffer wieder zu und zog ihn nach draußen. Ich vermied es, nach links und rechts zu sehen. Ich wollte nicht wissen, was um mich herum passierte. Eigentlich sollte ich doch gar nicht hier sein. Erst kurz bevor ich in meine Straße einbog, bemerkte ich Jost. Er lief dicht hinter mir. Ich ging ein wenig schneller, er folgte meinem Tempo. Dann kamen wir zu meinem Hauseingang. Ich bog ein, er kam mir nach. Mit einem kurzen, tiefen Zug presste ich Luft in meinen Brustkorb, dann fuhr ich mit einem Ruck herum: „Warum läufst du mir die
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ganze Zeit hinterher?“ Jost schaute nach unten. Sein Kopf mit dem flaumigen, hellblonden Haar wackelte leicht hin und her. Ich schien ihn erschreckt zu haben. Jost zeigte vorsichtig auf den Saum seines hellgrauen Trenchcoats. Der Stoff hatte sich in meinem Rollkoffer verklemmt. „Das ist beim Aussteigen passiert“, sagte er und sein Kopf wackelte dabei noch ein wenig stärker. Auf eine seltsame Weise rührte er mich. Ich öffnete den Kofferverschluss und lud ihn auf einen Kaffee zu mir in die Wohnung ein. Jost sagte mir am Küchentisch, dass er hier in der Stadt zu ein paar Vorstellungsgesprächen gehen wolle. Ich erzählte ihm von Lissabon und meinem verpassten Flug. „Eine Stadt sollte einfach nicht mehr als einen Flughafen haben“, meinte Jost. Wir suchten zusammen im Internet nach Angeboten für den nächsten Tag, aber alles war schon viel zu teuer. Schließlich rief ich meine Freundin Elisa in Lissabon an und sagte ihr, dass ich nicht mehr kommen würde. Während ich telefonierte, hörte ich Jost in der Küche mit Töpfen und Pfannen hantieren. Als ich den Hörer aufgelegt hatte, ging ich zu ihm: „Was machst du da?“ fragte ich. „Spaghetti“, antwortete Jost. Ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. „Gut“, sagte ich. Jost schien es keine Mühe zu machen, sich in meiner Küche zurechtzufinden. Ich beobachtete ihn eine Weile, wie er Wasser aufsetzte und Zwiebeln für die Soße schnitt, dann holte ich eine Flasche Portwein aus dem Regal. Elisa hatte sie mir zu Weihnachten geschickt. „Ich mach’ schon mal den Wein auf“, sagte ich zu Jost. „Aber Portwein trinkt man doch gar nicht zum Essen“, wandte er ein. „Wenn Portugal etwas dagegen hat, dann soll es nur herkommen“, sagte ich und lachte über meinen eigenen bescheuerten Witz. Jost lachte mit. Nach dem Essen saßen wir im Wohnzimmer auf dem Sofa, hörten Musik und unterhielten uns. Es war gar kein schlechter Abend für einen Tag, an dem man einen Flug nach Lissabon verpasst hatte. Ich schaute mir Josts Gesicht von der Seite an. Es hatte etwas Weiches, mehr noch, etwas Zartes.
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„Hör mal“, sagte ich zu Jost, „wenn du Lust hast, kannst du ein, zwei Nächte bei mir auf der Couch schlafen. Ich meine, bis du mit deinen Vorstellungsgesprächen durch bist.“ Jost bedankte sich und seine Augen waren von seinem breiten Lächeln ganz zugekniffen. Später am Abend erzählte er mir von der Kleinstadt, aus der er kam, und dass dort fast alle „Herbenknief“ mit Nachnamen hießen, er übrigens auch. Wenn jemand starb, gab es jedes Mal Verwirrung auf dem Friedhof, weil die Zugereisten ihre Blumen an den falschen Gräbern ablegten. Ich hörte Jost zu, ohne ihn zu unterbrechen. Er sprach mit einem leichten, angenehmen Lispeln. Irgendwann schlief ich auf dem Sofa ein und Jost legte sich in mein Bett. Am nächsten Morgen zog Jost seinen Trenchcoat an und verließ die Wohnung. Für meinen Trip nach Lissabon hatte ich ein paar Tage Urlaub genommen und musste nicht zur Arbeit. Ich verbrachte den Tag vor dem Fernseher. Am Nachmittag klingelte Jost wieder an der Tür. „War’s gut?“ fragte ich ihn. Er schüttelte den Kopf. „Aber morgen habe ich ja das nächste Gespräch.“ Jost hatte Melone mitgebracht. Bei Melonen kannte ich mich aus. Ich machte den Klopftest. Es klang hohl. Gut. „Du musst oben am Strunk reiben und wenn es nach Gras riecht, dann ist sie noch nicht reif“, erklärte mir Jost. Er schien ebenfalls Melonenkenner zu sein. Ich rieb und hielt meine Nase an den Stumpf. „Es riecht nach Melone“, sagte ich zu Jost. „Dann ist alles bestens“, meinte er. Auch an diesem Abend kochte uns Jost etwas zu essen. Wieder saßen wir später im Wohnzimmer, tranken Wein und Jost erzählte von Leuten, die alle Herbenknief hießen. Ich beschloss, dass ich heute nicht wieder auf der Couch einschlafen konnte. Gegen halb zwölf ging ich ins Bad, um mir die Zähne zu putzen. Jost kam mit und redete weiter. Ich sah ihn durch den Spiegel hinter mir stehen. Irgendwie war er doch seltsam. Er redete und redete. Sein Kopf wackelte beim Sprechen hin und her. Auch als ich in mein Zimmer ging, folgte er mir. Während ich mir mein Nachthemd anzog, drehte er sich um und erzählte mir – mit dem Rücken zugewandt – wie er bei seiner Tante aufgewachsen war. Ich war müde und legte mich in mein Bett.
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Jost sah zu, wie ich unter die Bettdecke kroch, dachte aber nicht daran, aus meinem Zimmer zu verschwinden. Er erzählte von seinem Hund „Kiste“, seinem einzigen Schulfreund Jens und der Nachbarin, die morgens so laut gurgelte, dass man sie durch die Wand hören konnte. „Ich mache jetzt das Licht aus“, sagte ich und drückte auf den Schalter. Jost redete noch eine Weile weiter. Erst als ich ein leichtes Schnarchen andeutete, verließ er endlich mein Zimmer. „Wie viele Vorstellungsgespräche hast du eigentlich noch?“ fragte ich ihn am nächsten Morgen und spürte meinen Puls durch mein Ohr pochen. „Nur noch ein paar“, antwortete er schnell, „gleich heute habe ich sogar zwei.“ Am Nachmittag klingelte Jost wieder an der Tür. „Na, erfolgreich?“ fragte ich. Er schüttelte den Kopf. „Aber ich habe in der Videothek zwei Truffaut-Filme gefunden, die könnten wir uns heut’ Abend anschauen.“ Ich mochte französische Regisseure. So blieb Jost einen weiteren Tag, noch einen und auch dann noch, als mein Urlaub zu Ende war und ich wieder arbeiten musste. Nachdem er gemerkt hatte, dass mich seine Herbenkniefer Geschichten nicht sonderlich interessierten, redeten wir meistens über Filme. Da kannten wir uns beide aus. Eines Nachts entdeckte ich Jost, wie er vor meinem Computer saß. Ich fragte ihn, was er da mache, aber er sagte, es sei eine Überraschung. Am Morgen lagen zwei ausgedruckte Tickets nach Lissabon auf dem Tisch. Gleich heute Abend würde ich Elisa in Portugal anrufen, um ihr die gute Nachricht mitzuteilen, überlegte ich mir. Auf dem Weg zur Arbeit traf ich eine Freundin in der U-Bahn. „Von dir hört man ja gar nichts mehr in letzter Zeit“, sagte sie, „ich habe dir bestimmt dreimal auf den Anrufbeantworter gesprochen, aber du rufst nie zurück.“ „Seltsam“, sagte ich, „ich habe nie neue Nachrichten angezeigt gesehen.“ An diesem Tag ging ich früher nach Hause. Ich untersuchte mein Telefon, konnte aber nichts finden. Plötzlich hörte ich einen Schlüssel im Schloss. Es war Jost.
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„Seit wann hast du einen Schlüssel?“ fragte ich ihn. „Ich hab ihn mir nachmachen lassen, ich dachte, das wäre praktischer“, sagte er mit wackelndem Kopf. Dann zog er etwas aus einer Supermarkt-Plastiktüte. „Schau mal, ich hab uns Portwein mitgebracht. Als Einstimmung auf Lissabon.“ Ich war zu durcheinander, um etwas zu sagen. Ich setzte mich mit Jost ins Wohnzimmer und wir sahen uns einen Film an. Zwischendurch musste ich zur Toilette. Ich ging durch den Flur und an der Nussbaum-Kommode vorbei. In der ersten Schublade lag mein Schlüssel, am gleichen Ort wie immer. Daneben lag der neue Schlüssel von Jost. Ich nahm ihn in die Hand und spürte, wie etwas von innen gegen meine Haut zu schlagen begann. Es pochte immer lauter und kräftiger. Langsam lief ich ins Bad, öffnete den Klodeckel und ließ den Schlüssel in die Schüssel fallen, dann warf ich Jost hinaus. An diesem Abend fühlte ich mich frei. Ich stand am offenen Schlafzimmerfenster, schaute auf den dunklen Hinterhof und atmete kühle Nachtluft. Ja, dachte ich, und ob ich nach Lissabon fahren würde. Am Flughafen trat ein, was ich befürchtet hatte. Jost stand am Schalter und wartete auf mich. Schließlich habe er gebucht, sagte er. Wir stellten uns in die Schlange. Lissabon ist groß, man kann sich aus dem Weg gehen, dachte ich und schob mir einen Kaugummistreifen in den Mund. Ohne ein Wort zu sprechen, checkten wir ein und gingen zu unserem Gate. Ich fühlte, wie die Anspannung in mir stieg, je näher wir dem Flugzeug kamen. In der Röhre zum Eingang des Fliegers bemerkte ich, dass mich Jost von der Seite betrachtete, und kam ins Schwanken. Ich stieß gegen eine junge Frau, die rechts an mir vorbei laufen wollte. Sie ließ ein paar Zeitungen fallen, die sie auf dem Arm getragen hatte. Ich entschuldigte mich und wollte ihr helfen, alles zusammen zu suchen. Doch Jost kam mir zuvor. Er bot an, ihr die Sachen zu ihrem Platz zu tragen und sie gingen gemeinsam weiter in Richtung Flugzeug. Ich blieb stehen. Jost schaute sich noch einmal kurz nach mir um, lief dann aber weiter. Ich schluckte meinen Kaugummi herunter, drehte mich um und rannte zurück in die Flughafenhalle. Fünfzig Minuten später stand ich wieder vor meinem Haus. Es war
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seltsam still um mich herum. Bevor ich die Tür aufschloss, drehte ich mich noch einmal um. Neben unserem Eingang hatte jemand einen leeren Einkaufswagen abgestellt. Langsam strich ich über das silberne Metall des Wagengitters. Ich hatte meinen Rollkoffer vergessen.

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Johannes Millan

Spiegelsaal
Rosengitter tauben unser unversprochenes Antlitz Wie Morgensterne auf mattem Fensterglas In breit bestellter Wirklichkeit Tausendfach gebrochene Stimmen abendländischen Martyriums Bemalen Schicht um Schicht Angelittenes Sollen aus Realitäten Und Bücherzeilen kollektiver Wirklichkeit Mein Ich zerfließt in clownbeschminkten Bahnen In Lebenwollen und Grabenkrämpfe In selbst bestimmtes Chaos und Ordnung als Partisanenkampf Knüpfe fein bestickten Stoff Um unbestimmte Zentren eingebleichter Wirklichkeit Knoten um Knoten Faden für Faden

Wo der Rasen grünt
Begebt euch dorthin wo der Rasen grünt Denn da ist Leben eitler Schein und frei Samt schlauer Feen und Freilichtmalerei Seid ihr geboren wo der Frühling sühnt Von toten Bären Speichel speisen, roh Und geil mit großer Sehnsucht präsentiert
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Echt freie Vögel vögeln deplaziert Exklusiv für uns, leer doch lebensfroh Popstars mit armen Schweinen kauen Tropeneis Des Förderns wegen, Jugend sein ist schwer Denn war er tot, ist tot, und weiß nichts mehr Wenn Säufer weinen ohne Gegenwehr Geschnürt und gut verstaut im Bauernkreis Dann träum’ ich mir Verlorenheit, blattweiß

schlafmohnsee
träume in leeren flaschenhälsen entehrt in blumentoten nächten greifen meist still bewohnte sucht in mir heraus zungenlippen nadelstiche süße angst über hals und ohr und rücken über nacken und mund und lippen wie nypmphenflüstern und krallenspuren mein blut durchfließt sie pochend

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wie weingetränkte gedanken im morgenrot flüchtige blicke die an meinem wesen greisen das wunde stillen gärender süchte in unbefangenen schleierwäldern wo meere eisen – tauchgang

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Franziska Schramm

es sind immer die kleinen
es sind immer die kleinen. die niedlichen. sie heißen lisa-marie oder marie-luise. sie sind perfekt. sie sind niedlich. und klein. wir sind im wald, ihr lachen ist das einer gurrenden taube. sie schnurrt und surrt um dich herum, mir wird schwindelig, ihr kussmund macht mir angst, sie ist so taubig und gurrend. sie gaukelt um dich herum, lacht, spricht, es macht mir angst, sie ist so lieblich und laubig. ich eifere suchend, unter der buche treffe ich deinen blick. du lächelst, es sieht nett aus, so viel neckische nettigkeit macht komplett harmlos und adrett, du bist nett, sie ist nett, alle sind nett. es geht mir auf den geist und zwischen die beine, ich will nicht nett sein, nicht zu ihr, lisamarie oder marie-lusie, wie auch immer, hauptsache ein bindestrich, so was albernes, warum ein bindestrich, war ein name nicht niedlich genug? später dann hast du sie im arm, lisa-marie oder marie-luise. sie passt so sehr in deinen zwischenraum, kleiner verlorener wolkentraum, sie ist wattig und weich. ohne ecken und kanten schmiegt sie sich, an mir stößt du dich. sie ist so lieblich und laubig, sie ist in deinem arm, da gehört sie nicht hin. ich gehöre nicht dazu, zu den kleinen und niedlichen, ich lache zu laut und habe eine eigene meinung. ich bin manchmal dagegen, eigentlich immer. ich trage buttons und bin gegen atom. und gegen nazis. und gegen kleine niedliche mädchen mit doppelnamen und bindestrich, ich weigere mich so zu sein. sie ist neckisch nett, süßer als zuckerguss und klein, so klein. sie ist so perfekt, sie ist in deinem arm, da gehört sie nicht hin. ich eifere suchend, senke die augen vor deinem blick. wir sind gute freunde, das ja, wir reden, das schätzt du an mir, mit mir kann man reden, reden sogar über atom, ich bin dagegen. ich hab ne meinung, wenigstens etwas, wenn schon kein busen oder zuckerguss. mit mir kann man reden, meinung hab ich im überschuss. ich trage buttons an meiner jacke, gegen nazis und gegen atom. leise reiße ich sie ab, weg hinab
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in den müll. da bist du still. du drehst dich um, siehst mich an, fragen laufen staunend über den bildschirm deiner augen. ich trete gegen den eimer. kräftig, hart, schnell. wir sind im wald und jetzt dreht auch sie sich um, lisa-marie oder marieluise, sie lächelt so nett, komplett harmlos und adrett. was ich mir jetzt wünsche ist dünn dunkler himmel, düstere wolken, vielleicht regen. regen, der ihr den zuckerguss nimmt, aber wahrscheinlich wär sie dann immer noch niedlich, mit nassem haar und zucker auf den schultern und einem bindestrich zwischen den beinen. ich wünsche mir regen, ich bin immer dagegen, mein fuß tut weh. es sind immer die kleinen. die niedlichen. es sind immer die anderen.

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Schülerförderpreise 2003–2006

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Kerstin Holzheu

Der letzte Akt
Ich laufe durch die Straßen, es ist noch relativ früh und der Großteil der Stadtbürger hat gerade erst angefangen zu arbeiten. Die kleinen Cafés sind leer, vereinzelt finde ich ein bebrilltes, zeitungslesendes Gesicht, das mich grüßt, und ich grüße zurück, ohne in der Früh zu wissen, wen ich grüße. Der Tag ist wie eingeschlafen, müde hängt der Rauch einer Vergangenheit in den dürren Ästen der Bäume. Und auch die Sonne ist noch in Träumen, kann sich nicht entscheiden, ob sie scheinen will. Auch ich kann mich nicht entscheiden, was ich tun soll. Ich laufe durch die sonst vollen Verkaufsstraßen, dezent geschmückte Kaufhausfenster blicken mich an. Meine Schuhe klappern auf dem Kopfsteinpflaster, der Ton hallt an den Häusern wieder und verebbt schließlich. Es ist frisch, mein Mantel dünn und ich friere. Frühling soll es sein, doch noch immer zieht es mich nicht hinaus und nur Leon, der mich für seine Arbeit braucht, kann mich bewegen, in die erste Kälte der Stadt zu fahren. Ich bin zu früh dran, Leon erwartet mich erst in einer halben Stunde. Das passiert mir oft, zu früh dran sein, oder auch zu spät. Heute war nicht einmal der Wecker nötig, eine unruhige Nacht hielt mich wach und so laufe ich in einem eigenartigen, gedämpften Schleier durch die Straßen. Ich kenne hier schon jedes Haus, jede Ecke, jeden Baum. Im Sommer saßen wir oft hier, Leon und ich und haben über Gott und die Welt geredet. Über seine, kleine Welt. Über Pinsel und Acrylfarben, über Leinwandqualitäten und Skizzenpapier. Ich gehe Brötchen kaufen, Leon mag warme Brötchen. Der dicke Mann hinter der Kasse schaut mich erstaunt an, er kennt mich, glaube ich. Vielleicht kennt er mich in Gips oder in Stein. Langsam tropft die Zeit, wie ich so durch die Straßen schlendere. Irgendwann gehe ich zu seinem Haus zurück, ich klingle bei ihm. Lange tut sich nichts. Dann öffnet er. Ich gehe die vielen, kalten Steintreppen hoch. Sein Zimmer ist im obersten Stockwerk, des besseren Lichtes wegen, wie er immer sagt. Als ich oben ankomme, steht die Tür offen. Und eigenartig ist es, die knarrende Tür zuzuziehen und in einem totenstil71

len Nebelraum anzukommen. Leon ruft mir ein Hallo entgegen und schon sehe ich seine hellwache Gestalt. Er sieht verändert aus. Das klare Gesicht, die hellen Augen, die markante Nase, der energische Gang sind geblieben und dazu gekommen ist ein weicher Blick, fast ängstlich, und anstatt mir in die Augen zu sehen, auf mich zu zu kommen, fliegt er hektisch durch den Raum, mit gesenktem Kopf und ungewöhnlicher Geschäftigkeit, ich glaube, er hat die Nacht nicht geschlafen. „Brötchen!“ sage ich und gucke ihn an. Leon dreht sich um, zu den Staffeleien hin. „Setz dich doch“, sagt er, seine Stimme ist trocken, ich glaube, er weiß gar nicht richtig, dass ich da bin. Ich bleibe stehen, das einzige Sofa ist mit einigen Tischtüchern übersät, Bettlaken auch, alle zu bunt, um seinem Geschmack zu entstammen. Ich lege meinen Mantel ab, obwohl es ziemlich kalt in Leons Wohnung ist. Eigentlich ist es nicht seine Wohnung, eher eine Arbeitsstelle mit einem Sofa, auf dem er ab und zu schläft. Ich gehe in die provisorische Küche, eine Ecke aus Waschbecken und Herd, manchmal ist noch ein Kühlschrank da. Dieser ist allerdings leer, nicht einmal Butter für die Brötchen ist da. Zum Glück steht eine Dose Kaffeepulver herum, kein echter Kaffee, aber gut genug. Ich koche ihn und Leon macht die Musik an. Es ist Mozart. Er macht immer Mozart an, wenn ich da bin. Wir setzen uns auf das Sofa und ich schaue auf seine Bilder. Alle noch in Arbeit, bunt und wild durcheinander. Arbeiten, Akte, die ich als Skizze gewesen bin. Ein Bild, nein, zwei Bilder kenne ich nicht. Es ist ein dürres Mädchen darauf, dürrer, als ich es jemals war. „ Wie geht es dir?“ fragt Leon, während er in seinem Kaffee rührt, den Boden sucht, zu den zwei mir unbekannten Bildern schaut. Er scheint auf keine Antwort zu warten. Ich sehe ihn an, von ihm zu den Bildern. „Was tust du grad so?“ presse ich über meine kaltgewordenen Lippen. Leon rutscht auf der Couch von links nach rechts, sieht mich nicht an. „Akte, viele viele Akte, Impressionen, was mir so zu dir einfällt und so“. Das „und so“ kam schnell, eine Wendung seines Blondschopfes zum Fenster. Ich stehe auf, gehe zum Bad, ein kleiner Flur ist da, und ich sehe Bilder von mir hängen. Sehe mich liegend, sitzend, das Bein angewinkelt und flach. Ein Stein, meine Büste. Mozart hilft uns, die Stim72

mung ist müde oder auch verkrampft, das kann man so früh noch nicht unterscheiden. Ich setze mich wieder zu ihm und seh ihn an, versuche seine Augen auf mich zu lenken. Frage, ob wir anfangen wollen. Oder ob er etwas von den Brötchen wolle, sie seien noch warm. Leon schaut mich an, fast mitleidig. „Ja, ich habe Hunger, lass uns aber erst arbeiten“, flüstert er mir zu und schnell suche ich die Decke, den Ölradiator und meine Kleider zusammen, lege mich hin und frage, was ich tun soll. Er schaut mich an, begleitet jeden meiner Griffe, das Herabstreifen des Pullovers, das Weglegen des Schals, greift zu einem Pinsel und schleicht von Fenster zu Fenster, lässt die Rollläden herunter, bis nur noch ein fahles, dunkles Licht auf mir ruht. Er sitzt vor mir, ich blicke ihn an. „Du hast zugenommen?“ fragt er gleichgültig. „Nein“, sage ich und sehe die zwei unbekannten dürren Frauenbilder vor mir tanzen. Zwei Monate hatten wir uns nicht gesehen, ich war unterwegs und er auch. Nicht erreichbar eben, ich frage ihn nicht, wo er war. Es war nie eine Frage der Verpflichtung gewesen zwischen uns. Wenn wir zusammen waren, waren wir dennoch frei. Eine Freiheit, die nicht wehtut, da man sie vergisst in anderer Gesellschaft. Wir hatten es geliebt, zu lieben und dennoch zu hassen. Wir hatten uns betrogen und hatten uns gern gesehen in unserer Freiheit, die wir behaupteten zu brauchen. „Leon“, frage ich, er arbeitet, kneift die Augen zusammen, misst mich mit jedem Bleistiftmillimeter, lässt mich den Kopf schräg halten, nach vorne beugen, die Augen schließen. Er hört mich wahrscheinlich gar nicht. Ist woanders, entflohen von hier. Als er fertig ist, legt er den Block weg, setzt sich zu mir, heißt mir, mich hinzulegen, und streicht mit seiner Hand über meinen Arm, meinen Kopf, mein Gesicht und meinen Hals. Wehmütig blickt er. Es ist eine eigenartige Situation. Ich will seine Hand greifen, will ihn fassen, doch er steht auf und blickt seine Skizze an. Lange steht er so, blickt von mir auf seine Bilder. „Das ist übrigens Therese“, sagt er und zeigt auf die zwei neuen Bilder. „Du kennst sie, sie studiert mit dir.“ Ich kenne keine Therese und selbst wenn ich sie gekannt hätte, hätte ich sie nicht vor Leon gekannt. Ich ziehe mich an, frage, ob ich eine alte Skizze haben kann. Eine unnütze, ungebrauchte. Ja, sagt er und scheint
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froh, in seinen Abstellraum fliehen zu können, gibt mir sogar meinen Stundenlohn, den ich seit zwei Jahren nicht mehr von ihm wollte. Er schaut mich an, flüstert etwas von arbeiten und viel zu tun. Ich sage, ich hätte noch eine Verabredung mit Armin, ob er sich noch an Armin erinnern könne. Ich gebe ihm einen Kuss auf die Wange, er umarmt mich und ich überlege kurz, ob es wirklich zu spät ist. Ich gehe aus der Wohnung und als ich die Tür zuziehe, denke ich an die Brötchen, die er nun wegwerfen wird.

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Clara Ehrenwerth

Tell me why I don‘t like Schwimmbäder
Früher war die Rutsche eigentlich wirklich gut. Aber heute ist jetzt, ich bin inzwischen sechzehn und rutsche die ersten paar Meter nach Jahren. Klar, ist ja auch nur Gefahrenstufe blau – nicht mal mehr Badeanzug in die Arschritze, was ja immer als sicherer Tipp für besseres Rutschvermögen und -vergnügen galt, hilft da noch: Ich würde eigentlich lieber wieder umkehren. Dummerweise ist unmittelbar hinter mir dieser schlaksige, lustvolle Laute ausstoßende Junge meines Alters mit den dunkel und stark behaarten, aber bleichen Beinen, der mir sicherlich gleich mit voller Geschwindigkeit hinten reinrutschen wird, wenn der bierbäuchige Familienvater vor mir, der die Haare im Gegenteil zu dem Jungen schon seit langem auch auf der Brust trägt, endgültig stecken bleibt. Irgendwie schaffen wir es dann doch noch bis unten, aber im Wasserbecken falle ich dem Dicken natürlich sofort auf den Kopf und der hinter mir landet auf meinem Rücken. Ist jetzt aber auch egal, weil das ja alles dazugehört. Schmerzen müssen eben beim Schwimmen sein. Hoffentlich denkt sich das auch die Oma, der ich beim Tauchen aus Versehen mein Bein in den Bauch ramme. Alle hier verfolgen ein Ziel – Abnehmen, einen anderen erobern, sich präsentieren oder die Langeweile vertreiben – und alle machen sich dabei lächerlich. Überhaupt sind hier nur: – Präpubertäre, die sich noch nicht so ganz entscheiden können, ob sie als Kinder oder Jugendliche hergekommen sind, und irgendwo zwischen gegenseitigem Bespritzen und Flirten ihre Wirklichkeit einpendeln; – Cliquen, die sich aus fiesen, pickligen und wasserstoffblondierten Jungs zusammensetzen, die alle ihre Freundinnen mitgebracht haben und nun konsequent versuchen, ihnen mit gekonnten Sprüngen oder schnellem Kraulen zu imponieren; – dicke Väter, die ihren mitgebrachten Kindern meist am Wochenende das Schwimmen beibringen wollen, am Ende aber doch wieder auf der Rutsche landen und sich ständig auf die Bäuche klopfen;
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– Senioren, die mit 50-Gramm-Hanteln und elastischen Schläuchen, die sie sich pausenlos zwischen die Beine schieben, im Nichtschwimmerbecken von einem dynamischen Bademeister angeleitete Übungen machen, deren Zweck mir bis heute weitgehend unerschlossen geblieben ist. Wir sind eigentlich nur hier, weil wir zwei ungarische Austauschschülerinnen beschäftigen müssen. Und seit die da sind, gehen wir ja sogar bowlen. Zumindest sind wir hier eindeutig fehl am Platz und ich hoffe inständig, dass mich hier keiner sieht. Ich finde mich schrecklich hässlich und vor allem: fett in diesem neongestreiften Badeanzug. Aber was macht das jetzt schon noch: Hier gibt es schließlich nur hässliche Körper mit hässlichen Menschen dran. Ich füge mich der Mehrheit. Früher wollten eigentlich immer alle sofort schwimmen gehen, aber nur, wenn man etwas „voneinander wollte“, so hieß das ja damals. Damals ist ungefähr zwei oder drei Jahre her und ich war im viel zu weit entfernten Berlin zur Geburtstags„party“ meiner besten weil einzigen Freundin Constanze. Der Typ, in den sie damals „verknallt“ war, hieß Constantin, also natürlich „der Consti“, und sie redete mir ein, dass er aussehe wie eine Juniorausgabe von Paul McCartney. Wir gingen Samstagnachmittag um drei in eins dieser unsäglichen Spaßbäder, wo das Gequieke der Kinder, das Gelächter der Jugend und das Gezeter der Alten zu einem dem Wellenbecken ähnlichen an- und abschwellenden Background-Klangteppich zusammenfließt. Und mittendrin waren: Wir. Zwei Pärchen und ich. Besser gesagt: Sie waren und ich war. Ich war alleine, traurig und unerfahren. Eine völlig neue Welt tat sich mir auf: Das Schwimmbad diente plötzlich nicht mehr dem Schwimmen, Erfrischen oder Spielen, wie man es mir seit frühester Kindheit vorgespielt hatte, sondern einzig und allein dem Flirten. Wenn man einen Freund hat, muss man sich ja mit dreizehn irgendwie andauernd befummeln, und dann aber auch bitte mit Zunge. Wir nannten das wohl „Zärtlichkeit“ oder „Liebe“. Wenn man keinen Freund hat, aber gerne einen haben würde, muss man mit dem Objekt der Begierde unbedingt ins Schwimmbad gehen, am besten in größeren Gruppen, weil man dann ganz unkonventionell Körperkontakt suchen und den anderen und besonders seinen „Body“ schon mal auschecken kann: Den anderen pausenlos untertauchen,
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beim Wellengang auf ihn umfallen und am besten gemeinsam rutschen. All diese Dinge waren mir nun nicht möglich, denn ich hatte zwar ein Objekt der Begierde, aber das war leider der Consti, der die ganze Zeit mit meiner Freundin Constanze all die Dinge auszuführen hatte, die er meiner Meinung nach lieber mit mir hätte ausführen sollen. Damals ging es mir auch nicht besser als heute. Die Komplexe und Selbstvorwürfe sind geblieben: Ich bin zu dick. Ich schwimme zu langsam. Ich bin die einzige, die hier unglücklich ist. Und ich bin alleine. Schwimmbäder sind so groß, so anonym und trotzdem so offen. Jeder zeigt, was er hat, aber nur dir wenigsten sind zufrieden. Niemand kommt allein, aber alle finden sich gegenseitig unsympathisch. Die Kinder rutschen zu langsam, die Jungs zu schnell und die Senioren gar nicht. Schwimmbäder erinnern mich an die Zeit, als ich einsam war und Schwimmbäder als mein Kontakt zum Leben herhalten mussten. Als ich nur von und in Träumen lebte und mir im Spiegel tief in die großen Augen blickte und in sie hineinfragte: ,,Warum liebt mich denn keiner?“ Schwimmbäder haben mich schon immer melancholisch, sentimental und müde werden lassen. In einer Zeit, in der ich das sowieso immer war, fiel mir das kaum auf. Aber heute? Wahrscheinlich habe ich einfach eine Chlorallergie, die sich bei mir aber nicht auf die Haut, sondern auf die Seele auswirkt. Dann liegt da dieser Typ in meinem Alter in dem knöcheltiefen Becken und lässt es seinem Schwanz und somit auch sich mittels der Fontäne durch die Badehose deutlich erkennbar gut gehen. Da reicht’s mir endgültig. Schwimmbäder sind eklig, verursachen Fußpilz und alle sind nackig, aber niemand ist sexy, geschweige denn schön oder begehrenswert. Wer hier alleine ist, wird für immer ein bisschen alleine bleiben. Ich bin alleine. Die anderen habe ich verloren und die Suche schon lange aufgegeben. Wahrscheinlich rutschen sie schon wieder. Ich dusche in diesem Zwischenraum, ziehe mich dann aus Gruppenzwang auch aus und kippe mir massenweise Shampoo über Haut und später Haare, um das Chlor-Ekel-Gefühl zu verlieren. Dann fliehe ich vor dem nächsten Senioren-Bewegungs-Kommando, das bereits dabei ist, den Blick auf vierzehn durchschnittlich siebzig Jahre alte Körper freizugeben, und versuche, halbwegs gelassen erst mein Schließfach und anschließend noch eine freie Umkleidekabine zu finden. Nach der Bewäl77

tigung meiner Aufgaben schließe ich ab. Dann ist da dieser Spiegel. Ich blicke tief in meine vom Chlor geröteten Augen und frage sie, warum mich eigentlich keiner liebt.

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Christian Gutsche

Defaitarkasmus (Nr. Hundertneunundzwanzigzweidrittel)
zum elektrisch verzerrten Fagott vollzieht sich der Weltuntergang die Engelstrompeten sind uns ausgegangen das jüngste Gericht wurde vertagt da kann man sich nur eine gute Grillparty suchen und warten

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Clara Ehrenwerth

Kreaktivierung
„Kann man das gut finden?“ fragte Sara rhetorisch und meinte zwei bunte Buttons an meinem Kragen. „Bernd das Brot und Nein zum Krieg am grau-intellektuellen Mantel?“ „Nein“, erwiderte ich, „aber wegschmeißen kann man den Blödsinn ja auch nicht.“ Und: „Wohin denn sonst damit?“ „Messie!“ schimpfte Sara, wie immer übernatürlich ironisch – Messies sind Menschen, die nichts wegwerfen können, bei denen Küchenschaben zwischen und in thematisch sortierten Knabberzeugverpackungen aller Art herumwirbeln, sich zivilisieren, stubenrein werden. Samuel hatte mir mal beigebracht, dass Sara statt Arschloch oder Dumpfbacke immer öfter Messie benutze, um sich von der „breiten Masse“, wie sie es ausdrückte, abzuheben, ihr Leben individueller zu gestalten. Das wusste ich nicht. Aber: Sara trank gern schwarzen Kaffee mit Unmengen von Zucker. Samuel rauchte gern Parfumtabak-Selbstgedrehte, bis er sich Zeige- und Mittelfinger verbrannte. Ich hörte gern russische Kurzwellendialoge und dachte an Labyrinthe, Raumfahrer und junge Französische Revolutions-Witwen. Ich schlief manchmal gerne bei Sara. Samuel schlief manchmal gerne bei mir. Sara schlief manchmal gerne mit Samuel. So einfach. Wir tranken manchmal zusammen Wodka, warum auch nicht, sagten wir uns, so ist das eben: Jung, WG, Großstadt. Wenn Sara in der Küche mit Samuel schlief, hörte ich Kurzwelle und versuchte gequält, die aus dem Nebenzimmer dringenden Geräusche in das Radioprogramm einzuordnen. Ob sie wohl zusammenkommen, fragte ich mich, ob sie wohl zusammen kommen? Und ist das erste Bedingung für das zweite? Der Winter war von Anfang an im Arsch. („Im Arsch“ war auch so ein Sara-Ausdruck, der sich über ihren zwanzigsten Geburtstag hinaus gerettet hatte und den sie sich trotz aller Selbstkontrolle noch nicht hatte abgewöhnen können.) Erst ging die Heizung kaputt, dann die Kaffeemaschine und schließlich schraubte jemand nachts Sattel und Räder
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von Samuels altem Diamant-Rad ab. Er ärgerte sich und überlegte zwei Tage lang, ob er beginnen sollte, Ego-Shooter zu spielen, um seine Aggressionen loszuwerden – er hatte im Sonntags-Kostenlos-Anzeiger gelesen, dass Jugendliche zu diesem Zweck so etwas täten – Zielgruppenzugehörigkeitsgefühle keimten in ihm auf, wir rieten ihm davon ab und hängten das tote Fahrradgestell im Flur als Kleiderständer auf. „Und, wie ist es so als Krüppel am Galgen?“ Samuel stand in ehemaliger Reifenhöhe und streichelte mit der Hand in ehemaliger Hitlergrußhöhe über den Lenker, den Sara, auf der Leiter stehend, in eine Schlinge gesteckt und die Schnur an einem zufällig anwesenden VormieterDeckenhaken umständlich festgeknotet hatte. Ich setzte nebenan Teewasser auf und rief „Pfefferminz – Schwarz – Roibusch?“ „Schwarz!“ brüllten Sara und Samuel synchron zurück; Samuel steckte seinen Kopf durch die Küchentür. „Sara meint, wir nennen mein Rad ab jetzt ,die Leiche‘. Sie findet das außergewöhnlich cliquentauglich.“ „In Ordnung, Leiche.“ Die Teebeutel klebten aneinander, alles war wie immer, wir gingen tanzen; in der Wohnung herrschten Minustemperaturen. Samuel hatte mir dank seines Waldorfschul-Abiturs einiges voraus und brachte mir nachts auf seinem Hochbett Stricken bei, wenn er bei mir schlief. Mein rot-weiß geringelter Schal, der Samuel später durch den Winter begleitete, wurde gerade noch zu Weihnachten fertig. „Nette Windhose!“ sagte Sara beim ersten Betrachten unterm Tannenbaum. Später wurde Januar, auch das wunderte uns, wir hatten Silvester absichtlich verschlafen und waren Neujahr mit großem Ach je (Samuel und ich) und Uppsala (Sara) aufgestanden – endlich waren die Pläne unseres „Silvester spontan in Freiheit“-Geheimbundes aufgegangen und wir hatten Schuldgefühle, außerdem war die Heizung noch immer kaputt; herrjemine, stöhnte Sara, in deren Körper sich ein grippales Monopol herauskristallisiert hatte, und zog kapitulierend, aber nicht selbstmitleidslos ins Hotel. Als Samuel wenige Stunden später auch anfing zu husten, folgten wir ihr prompt, aber nicht ohne Reststolz. Saras arrogante Ader für Umsichtigkeiten war wieder besonders stark durchblutet gewesen: Sie hatte gleich ein Dreibettappartment genommen, zwei
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Zimmer, Küchenecke, Bad. Zwei Zimmer hieß drei Betten hieß ein Doppelbett, ein Einzelbett. „Wir können ja tauschen“, sie war immer noch sehr verschnupft, „heute schläft Samuel erst mal bei mir im Doppelbett – weißt du, wir sind beide sehr krank – und morgen oder: demnächst sehen wir weiter.“ Samuel kam nachts manchmal noch zum Stricken vorbei; das Bett war sehr eng und quietschte bei jeder beiläufigen Bewegung. In meinem Zimmer gab es nicht einmal Radio. Sara erklärte es zum Raucherraum und wir schrieben Postkarten an entfernte Freunde, weil wir unsere Situation für die Ewigkeit aufbewahrungspflichtig hielten, hatten Probleme, den Stift rechts zu halten und gleichzeitig links adäquat zu rauchen. Sara machte erst auf dem Postweg, dann per Hoteltelefon mit ihrem sardischen Freund Schluss, den sie vor zwei Jahren in Berlin auf einem Festival für Nu Jazz in der modernen rumänischen Folklore kennen gelernt und seitdem nicht mehr gesehen, aber oft genug betrogen hatte. Dann, Anfang März ungefähr, lag eines kargen Morgens der Schwangerschaftstest zurückhaltend, höflich und positiv auf der Badezimmerspiegelarmatur. Ich wollte Sara einmal, ein einziges Mal kraft einer von ihr hätte kommen könnenden Bemerkung imponieren und sagte: „Den hat sicher nicht die Putze hier vergessen.“ Sara erbleichte, Samuel machte ihr einen Verlobungsantrag und ich ging Teewasser aufsetzen, in der WG. Nachdem ich die Tür zur nicht nur leerstehenden, sondern auch verlassenen Wohnung aufgeschlossen hatte, fiel mir wieder ein, warum wir vorübergehend ausgezogen waren (Wenn wir zu weit und zu lange weg waren, vergaßen wir meistens sehr schnell): Die Heizung war kaputt und der Winter noch immer in widerlich greifbarer Nähe. Ich beschloss, wenigstens die Kaffeemaschine zu kreaktivieren. „Kreaktivierung“ war das einzige brauchbare Wort, was ich je erschaffen hatte – nachts, in einem Park, unter schlechten Menschen und aus Versehen. Samuel hatte es zufällig aufgeschnappt und propagierte den Begriff bei Sara, die ihn mit „einer Sache jugendlichen Schwung bzw. künstlerischen Pepp verleihen; etw. wiederbeleben“ definierte. Ich zeigte mich leichten Herzens einverstanden. Das Spiel zum Wort erfand Sara; wir beschäftigten uns WG-intern in
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regelmäßigen Wettbewerben mit ihm: Kaputte Haushaltsgegenstände wurden zu dekorativen Elementen umgestaltet. Sara war voller Euphorie für Wort und Spiel und sprach daher ständig von unseren Kreaktivierungs-Erfolgen, so dass bald alle glauben mussten, dass der Begriff wohl von ihr stamme. Ich machte mich an der Karreemaschine zu scharfen, montierte den Filtertütentrichter prophylaktisch zum Laufrad für eine eventuelle Hamsteranschaffung um, stellte die Kanne als Aquarium für den Goldfisch, den sich Samuel schon so lange kaufen wollte, bereit und überlegte, ob ich einen Wellensittich in dem aus dem Restgehäuse entstandenen Käfig halten sollte. Erst als ich alle vorrätigen Teesorten – Pfefferminz, Schwarz, Roibusch – getrunken und jede Zukunft vergessen hatte, besuchte ich Samuel und Sara noch einmal im Hotel. Meine Mantelbuttons waren vom Kragen auf die Knopfleiste gewandert; ich hatte in einer Nacht zwei Knöpfe verloren, weil ich alles, was ich finden konnte, auch die Schuhe, zum Schlafen anbehielt – nicht einmal eine Kreaktivierung hätte den Heizungsapparat wieder zum Wärmen gebracht. Nun nutzte ich die Anstecker als Ersatzknöpfe. Samuel, der die Knöpfe wieder hätte annähen können, trug inzwischen den selben Alufolienring am Zeigefinger wie Sara. Mein Hotelbett hatte inzwischen eine ehemalige Kommilitonin von Sara bezogen, die jetzt, nach abgebrochenem Studium, eine Ausbildung zur Hebamme absolvierte. Sie hieß Saskia und sah in gewisser Weise auch so aus: Pferdeschwanz, eine komplette Bebe-Young-Care-Pflegeserie auf der Haut und einen „Für-Drinnen-Pulli“ um den bulimiekranken Leib. Außerdem war sie Nichtraucherin. Sara hatte abgenommen oder abgetrieben – dass beides parallel hätte passieren können, schloss ich nach einigem Nachdenken aus. „Samuel, Sara, Saskia – Sasasabim“, hatte vermutlich Sara mit Lippenstift an eine Fensterscheibe geschrieben; ihr Schriftzug betonierte ihre betonte Süffisance. Ich lud Samuel ins Café ein, nachdem mich Sara geohrfeigt hatte, weil ich Saskia Zigaretten angeboten hatte: „Ihr Vater ist vor drei Wochen an Lungenkrebs gestorben, du Pflaume!“ Nach dem ersten Kaffee mit Amaretto begann Samuel sich zu be83

schweren: „Saskia, weißt du – ich weiß nicht, sie …“ Nach dem zweiten Kaffee mit Baileys begann ich mich zu beschweren: „Hör mal, nur weil meine Initialen nicht deckungsgleich mit euren sind, heißt das noch lange nicht, dass …“ Nach dem dritten Kaffee mit Whisky erkundigte ich mich nach einem Wiederannähungsversuch meiner Knöpfe seinerseits, versprach mich wie selbstverständlich und wurde aus Gewohnheit rot: Wiederannäherungsversuch. Nach dem vierten Kaffee mit Rum zahlte ich schwankend, dafür übernahm er die Rechnung in der Zoohandlung: Einen Goldfisch und einen Wellensittich, bitte. Anschließend gingen wir Wasser für Zitronentee-Produktproben aufsetzen, in der WG, und riefen den Klempner an, später, Mitte Mai.

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Katja Grohmann

Sternenvolk
Serva betrachtete noch einen Moment lang den hellbraunen Samen auf ihrer Handfläche, bevor sie ihn mit den Fingerspitzen behutsam aufnahm und in die kleine Kuhle in der trockenen, steinigen Erde legte. Innerhalb von Sekunden keimte der Samen und öffnete winzige grüne Blätter. Serva lächelte still und sah zu, wie der Spross innerhalb von wenigen Augenblicken zu einem stattlichen jungen Baum heranwuchs. Ihr Gewand schimmerte wie die unzähligen Sterne an dem wolkenlosen Nachthimmel über ihr, als sie sich umdrehte und auf den Horizont zulief. Unter ihren nackten Füßen knirschten die schwarzen Steine unangenehm. Als sie ein Stück weit gelaufen war, drehte sie sich ein letztes Mal um und blickte zurück zu ihrem Werk. Serva hatte den Keim eben erst der Erde anvertraut, dennoch war hinter ihr bereits eine grüne Linie frischer Vegetation entstanden. Dieser Planet würde es schaffen. Er würde alleine eine eigene Natur aufbauen, in der Lebewesen existieren konnten. Das Sternenvolk durfte ein fremdes Land nur einmal berühren, so hieß es in einem ungeschriebenen Gesetz. Serva drehte sich wieder dem Horizont zu und stieß einen hohen trällernden Laut aus. Fast augenblicklich stürzte Fandango auf sie herab und kam nur wenige Meter vor ihr mit kraftvollen Flügelschlägen zum Landen. Sein grüner Panzer funkelte im Licht der vier Monde, die über den Himmel wanderten, wie geschmolzenes Metall. Der Drache faltete seine gewaltigen Schwingen knisternd zusammen und neigte den großen Kopf Serva zu. Das junge Mädchen zeigte jedoch keinerlei Angst vor dem vielfach gehörnten Ungeheuer, sondern lächelte es an. „Fandango, lass den Quatsch!“ rief sie lachend, als der Drache drohend den Schädel noch ein Stück tiefer senkte und den Rachen öffnete, so dass Serva das glühende Höllenfeuer in seinem Innersten leuchten
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sah. Fandango blickte sie aus seinen großen Bernsteinaugen noch einen Moment lang beinahe flehend an, dann aber streckte er ergeben eine seiner ledernen Schwingen aus, um sie aufsitzen zu lassen. Die beiden ungleichen Freunde flogen lange durch das Nichts. Der Drache hatte Gefallen daran gefunden, mit Serva durch Meteoritenfelder und über verkrustete Planeten zu kurven, bis seine Gefährtin fast den Halt verlor. Serva lachte immer wieder hell auf, wenn Fandango scharf die Richtung änderte, um einem Felsbrocken auszuweichen, auf den er noch Sekunden zuvor mit halsbrecherischer Geschwindigkeit zugerast war. So bemerkten weder sie noch ihr übergroßes Reittier, dass sie beobachtet wurden. Ein Paar grauer, harter Augen verfolgte seit ihrem Aufbruch ihren Weg durch ein Sternenteleskop. Als der Drache beinahe verschwunden war, startete ein kleines, wendiges Raumschiff, um ihrer Fährte nachzufliegen, in die Unendlichkeit des Universums. Seine Motoren dröhnten, als es die Spur aufnahm und wie ein Schatten über das Meteoritenfeld hinwegschoss. Ein Computer zeigte dem grauen Augenpaar immer wieder die Position der Verfolgten. Bald tauchte ein viel gigantischeres Objekt auf einem Planeten auf dem Bildschirm auf, das die Pupillen in ihren Bann zog. Die größte Stadt mit dem Palast des Sternenvolkes. Die harten Augen waren zufrieden. Das Steuer des unscheinbaren Gleiters wurde herumgezogen und die Koordinaten der Siedlung zuverlässig gespeichert. Serva und Fandango landeten unbekümmert vor den Toren des Sternenpalastes. Der Planet strahlte ein wundersames grünes Licht aus, so dass auch die gewaltigen Gebäude in dieser Farbe erhellt wurden. Hinter der Stadt begann das Meer. Es war unvergleichlich groß, jedoch ständig von üppig bewachsenen Inseln unterbrochen. Irgendwo weit draußen gab es der Legende nach den grünen Gürtel, einen Landstreifen, der den Planeten zur Gänze umschlang. Egal in welche Richtung ein Schiff losfahren würde, irgendwann würde es auf dieses natürliche Hindernis stoßen. Dahinter war der eigentliche Ozean. Trotzdem hieß dieses Land der grüne Stern. Ein älterer Junge mit kurzem, rabenschwarzem Haar, wie Serva selbst es auch geerbt hatte, kam die Stufen vom Palast herunter auf sie zugelaufen. An den hohen Säulen, die das kaiserliche Gelände von dem öf86

fentlichen Hof trennten, blieb er stehen. Serva ging mit ausgreifenden Schritten zu ihrem Bruder hinüber und umarmte ihn. „Sven! Ich habe es geschafft!“ erklärte sie aufgeregt. „Ich habe einer kahlen Welt Leben geschenkt!“ Der Junge lächelte stolz. Als sie zusammen in dem gigantischen Gebäude verschwanden, stieg hinter ihnen Fandango wieder in die Luft, um sich zu seinen Artgenossen zu gesellen. Die beiden Geschwister liefen nebeneinander durch die Eingangshalle. An ihrem Ende thronte ein riesiger Stoffvorhang. Aus dem dunkelblauen Hintergrund stach der gelbe Stern mit dem roten Punkt in der Mitte regelrecht hervor, das Wappen der Sternenkrieger und des Sternenvolkes, welches auch an der Vorderseite des Palastes prangte. „Ah“, ertönte eine tiefe Stimme und ließ Serva und Sven aufsehen. „Mein Geburtstagskind ist zurück.“ Auf einer Seitentreppe war eine hochgewachsene, kräftige Gestalt erschienen, die in ein Gewand gekleidet war, das hell schimmerte, wie die Sterne an einem wolkenlosen Nachthimmel. „Papa!“ rief Serva erfreut, als der Mann mit dem kurzen Bart am Fuße der Stufen angekommen war. „Na, hat mein großes Kind seine Aufgabe erfüllt und das Leben geteilt?“ fragte der Vater neugierig. „Großes Kind?“ witzelte Sven. „Mit Zehn?!“ Sein Vater schaute ihn nur schmunzelnd an. Nun begann Serva in die Stille hinein zu erzählen, wie sie dem auserwählten Planeten die Chance der Natur gegeben hatte. „Und da war plötzlich ein ganzer Wald hinter mir!“ schwärmte sie. „Ich habe nicht gewusst, dass es so schnell geht!“ Zusammen gingen sie in einen geräumigen Saal, in dem eine lange, mit herrlichen Speisen und Getränken besetzte Tafel auf sie wartete. Viele von Servas Freunden aus der ganzen Stadt waren gekommen, um mit ihr den bedeutendsten Geburtstag zu feiern. Mit zehn Jahren durfte ein königliches Sternenkind das erste Mal einen Planeten verändern. In den folgenden Jahren lernte Serva alles über die Fähigkeiten und Traditionen ihres Volkes im Umgang mit der Natur.
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Obwohl es ihr gesetzlich verboten war, nahm sie heimlich bei ihrem Bruder Unterricht in der Waffenkunst. Sie beherrschte den Umgang mit dem Schwert bald besser als er und selbst listige Angriffe konnte sie mit dem Schild blitzschnell abwehren. Als Sven seine Prüfung für den Orden eines Sternenkriegers ablegte, verfolgte Serva verstohlen jede der Aufgaben. Viele hätte sie schneller, einfacher oder besser lösen können. So wurde Serva trotz aller Verbote in ihrem Innersten eine Sternenkriegerin. Und sie ahnte, dass sie dieses Talent eines Tages gebrauchen könnte. Es geschah am fünfzigsten Geburtstag ihres Vaters. Unzählige Gäste waren mit Raumschiffen in den Palast gekommen, um ihm zu gratulieren. Die Geschenke waren so verschieden wie die Völker, von denen sie stammten. Lange nachdem der letzte Gast wieder abgereist war, landete ein kleines, unauffälliges Raumfahrzeug vor der Stadt. Ein Paar harter stahlgrauer Augen musterte das Wappen der Sternenkrieger geringschätzig. Knochige Finger huschten über das Armaturenbrett und ein Strahl gleißenden weißen Lichts schoss auf das Symbol zu und zertrümmerte das Wahrzeichen wie eine starke Faust eine Essigfliege. Die unbewaffneten Wachen schrieen gellend auf und stürzten in den Palast. Der Himmel schien plötzlich taghell durch die unzähligen Scheinwerfer kleiner wendiger Raumschiffe. Ohne Vorwarnung griffen sie die Stadt an. Innerhalb weniger Minuten brach Chaos in den Straßen aus. Die königliche Familie war in ihren Gemächern gefangen und schon hatten die Raumfähren eine Spur der Verwüstung hinter sich hergezogen. Sven und sein Vater warfen sich mit schier unglaublicher Zähheit dem unbekannten Feind entgegen, der nun zu Fuß zu ihnen durchdringen wollte. Serva hatte ihnen folgen wollen, doch ihre Mutter hielt sie zurück. Die beiden Sternenkrieger tauchten bald wieder bei ihnen auf. Die Übermacht war einfach zu groß. Und sie stellten sich immer wieder dieselben Fragen: „Wer waren die Angreifer und was wollten sie?“ Die Antwort darauf kam schneller, als ihnen lieb war. Sven und Serva hatten eine Barrikade vor der Tür aufgebaut, doch der wahre Feind kam durch die Fenster: grüner, beißender Rauch. Die Familie erstarrte mitten in
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der Bewegung. Serva fand als erste ihre Sprache wieder. „Nein“, ächzte sie. „Nein! Sie verbrennen die Stadt!“ Die Häuser waren aus dem gehärteten Holz eines anderen Planeten. Und das Material, war es auch so hart wie Stein, war, wenn es erhitzt wurde, hochgiftig. Mitten in dem dichten Qualm, der bei den ungeschützten Sternenmenschen einen alarmierenden Hustenreiz verursachte, tauchte eine riesige männliche Gestalt auf. Sie schwebte direkt neben dem Fenster und war kaum zu erkennen. Die stahlgrauen Augen musterten den Kaiser verächtlich. Dann ertönte eine rasselnde, unnatürliche Stimme: „Die Sternenkrieger haben lange genug die Vorherrschaft im grünen All besessen. Ihr habt getan, was eure Tradition von euch verlangte, und ich werde euch davon erlösen.“ Sein eisiger Blick glitt über die aschfahlen Gesichter der Familie. An Serva blieb er für einen Moment lang hängen. Ihre dunkelblauen Augen faszinierten ihn. Doch was den heimtückischen Mann noch mehr verblüffte, war die Entschlossenheit darin. „Ihr seid alle alt genug, um zu sterben“, sagte die kalte Stimme. „Außer dir“, wandte er sich an Serva. „Ich werde dich zu einem wunderschönen Ort begleiten.“ Serva blinzelte in den Rauch, doch die Gestalt blieb immer noch verschwommen. „Ich bleibe hier“, sagte sie fest. In den nächsten Minuten passierte zu viel, als dass die junge Sternenkriegerin ihr Wort hätte halten können. Serva erwachte aus ihrer Ohnmacht an Bord eines winzigen Raumschiffes. Sie schreckte hoch und blickte aus einem der quadratischen Fenster der Kabine nach draußen. Der grüne Stern verschwand gerade aus ihrem Sichtwinkel. „Nein, lasst mich raus!“ rief Serva entsetzt und trommelte mit den Fäusten gegen die Wand, hinter der sie den Rest der Raumfähre vermutete. Doch ihr antwortete nur eine unerträgliche Stille. Dann wurde rauschend ein Lautsprecher angeschaltet: „Nur die Ruhe, du wirst ihn noch einmal zu sehen bekommen“, sprach eine verzerrte Stimme. Servas Puls raste. Das Raumschiff hatte inzwischen einen gewaltigen Satelliten erreicht,
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der gut doppelt so groß war wie eine Enterprise. Er sah jedoch nicht ganz so ungefährlich aus wie ein gewöhnlicher Satellit. Die Waffen waren unverkennbar. Das kleine Raumschiff landete auf einer Tragfläche des riesigen Gefährtes und richtete sich nach seiner Spitze aus, die genau auf den grünen Heimatplaneten der Sternenkrieger wies. Servas Nervosität war kurz davor, in Panik umzuschlagen. Sie hatte das ungute Gefühl, dass sie das, was sie jetzt beobachten würde, nicht sehen wollte. Der immense Rumpf des Satelliten unter ihr begann erst leicht, dann immer heftiger zu vibrieren. Plötzlich schoss aus der Spitze des Raumfahrzeuges ein weißer, glühend heller Strahl auf den Planeten vor ihnen zu. Dieser verschwand nur Augenblicke später in einer markerschütternden Explosion. Als die Gaswolken verschwanden, suchte Serva mindestens genauso verzweifelt wie erfolglos den leeren Raum vor ihren Augen ab. Dann übermannte sie Fassungslosigkeit. Sie hatten ihn zerstört. Der Mann, den sie alle nicht hatten erkennen können, als er in dem giftigen Rauch der Sternenstadt erschienen war, hatte ihre Heimat ausgelöscht. Der Planet war einfach verschwunden. Aber warum? Was hatte das friedliche Volk der Sternenkrieger ihm angetan? Der unheimliche Satellit wendete und glitt ein paar Minuten lang in die entgegengesetzte Richtung. Serva hockte auf dem metallenen Boden und weinte hemmungslos. Erst als das Raumschiff auf der Erde aufsetzte und sich eine Tür zu ihrem Gefängnis öffnete, stand sie mit roten Augen wieder auf. Die Raumfähre war auf einem herrlichen Planeten gelandet. Bäume blühten und Pflanzen wuchsen üppig aus dem grauen steinigen Boden. Es war das Land, dem Serva selbst vor sechs Jahren an ihrem zehnten Geburtstag das Leben geschenkt hatte. Kaum hatte sie das Gefährt verlassen, hob es dröhnend wieder ab. Serva sah ihm nach und versuchte vergeblich zu fassen, was geschehen war. Das Raumfahrzeug über ihr ging in die Lichtgeschwindigkeit über und leuchtete als greller Blitz noch einmal auf, bevor es verschwand. Die vier Monde sandten einen grauen, traurigen Lichtschimmer auf
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die Szene und beleuchteten Servas Gesicht unheimlich. Sie fühlte sich allein wie nie zuvor.

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Christoph Schubert & André Kirchner

Der Propellermann
Es gab mal einen Mann, der hatte an seiner Metallplatte am Kopf einen Propeller befestigt, der durch seinen Herzschrittmacher betrieben wurde. So konnte er die Weltgeschichte erkunden. Er war auf der Bostoner Tea Party, sah Luther schreiben, Hitler reden und Bush handeln. Er wurde alt und müde. Die Falten und sein Propeller ließen ihn komisch wirken. Das Volk lachte über ihn. Er wandte sich an seine Krankenkasse, die ihm verweigerte eine Operation zu bezahlen. Trotzdem legte er sich unters Messer. Doch sein Sommerhäuschen in der Toskana überließ er einem Immobilienhai. Er wurde normal und ins Altersheim abgeschoben. Täglich sah er durch sein verschmutztes Fenster. Regen fiel. Der Alte war froh und starb. Sein Grab war kahl und leer, wie seine Welt ohne Propeller.

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Marcus Quent

Vergessen
Es regnet Staub Die letzten Vögel bluten Der Mond segnet seine Kinder Vergreist schließlich im Sternenall Menschen beten zu stummen Göttern Häuser verfallen Der Wind schließt seine Hände Um die von Licht durchdrungenen Körper Durchflutet ihren knisternden Atem Träume fliegen Gleiten mit dem Wind davon Ertrinken im See der Sonne Verschüttet unter Tageslicht… Vergessen durchzieht die Zeit Es regnet Staub

Im Sand der Erinnerung
Tief unten Im Sand der Erinnerung Flüstert ein Schimmern durch Schattenfelder Ein Duft von Vergangenheit schleicht durch Gedankenräume Hoch oben In Wurzeln der Wirklichkeit Schläft ein leises Tränenmeer im Inneren Kein Sonnenhauch der Wasser zu stillen weiß

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Mittendrin Ein getriebenes Herz Das versinkt

Traumwarte
Und so verwelkt mein Traumstaub Im grauen Wirklichkeitswind Ich warte regungslos auf die Zeit Die mich von all dem Leid befreit Ein Lichtfunken fällt ins Wolkengrab Stürzt aus dem hilflosen Himmel Schweift tief hinab in brach liegendes Nichts Und stirbt schließlich sich windend In einem namenlosen Niemandstraum Der im Anblick der aufgehenden Sonne zerbrach Und wir hoffen im Nichts zu finden Den Schlaf der uns das Leben stillt Hoffen auf einen Traum zu stoßen Der uns in süßwarmen Nebel hüllt Doch die Hoffnung bleibt verwehrt Verborgen bleibt unser Sinn Und wir warten weiter Warten weiter bis Ein neuer Tag beginnt

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Martin Tanz

Die Gesetzmäßigkeiten des freien Marktes
Selbst einem noch vom Schlaf benommenen Wirtschaftsmathematiker, der mit einer Ausgabe des Handelsblattes unterm Arm und dank Tunnelblick geradlinig-souverän durch die Innenstadt steuerte, hätte er auffallen müssen. Mitten in der morgendlichen Rushhour der Fußgängerzone passte dieser Junge, der nicht älter als acht zu sein schien, irgendwie nicht so ganz ins Bild. Wie er mit tänzelndem Gang über die Betonund Asphaltteppiche hinwegfegte, wie zu einer wahrhaft unerhörten Melodie, hätte er eher in eine Spieluhr gepasst. Und er hätte dabei tatsächlich nicht an Glaubwürdigkeit verloren. Im Gegensatz zum Wirtschaftsmathematiker. Aber Spieluhren verkauften sich seit Ende der Weltkriege immer schlechter und so ergab es sich eben, dass eine etwas profanere Szenerie als Schauplatz für diese Ausgeburt an Heiterkeit herhalten musste. Die Pfützen, die der Regen hier letzte Nacht hinterlassen hatte, schienen geradezu prädestiniert dafür zu sein, den roten Lichtschein widerzuspiegeln, der der Grund für die Fröhlichkeit des Jungen war. Seine Mutter und er hatten am Tag zuvor neue Schuhe für ihn gekauft und ihm war beim Betreten des Ladens sofort ein Paar ins Auge gesprungen, das anfing zu blinken, wenn man damit etwas heftiger als normalerweise auftrat. Entgegen den Vorstellungen seiner Mutter, die das Geld in eine ganz andere Art von Schuhen investieren wollte, gab es für ihn nur noch diese zwei. Er hatte darauf bestanden, gedrängelt, gequengelt – ja, letztendlich hatte er sogar um sie gekämpft. Und sie bekommen. Wieder aus dem Geschäft raus, war er von Grund auf glücklich gewesen. Schon von weitem sah man ihm das an. Den für ihn viel zu großen Schulranzen mit sich herum tragend, bog er um die letzte Häuserecke ein, bevor sein Pausenhof und die dazu gehörige Schule zu sehen waren. In einiger Entfernung standen bereits einige andere am Tor und warteten auf den Unterrichtsbeginn, indem sie lustlos mit den Fußspitzen Furchen in den Kies gruben, um so die Zeit zu überbrücken. Als er un95

ter ihnen eine Gruppe seiner Freunde ausmachte, beschleunigte er seine Schritte. Er konnte es kaum erwarten, ihnen seine neusten Habseligkeiten zu präsentieren. Doch auf halber Strecke hielt er inne. Der Ausdruck auf ihren Gesichtern brachte ihn aus dem Konzept. Er war zwar nicht unbedingt eindeutig, aber offensichtlich nicht so, wie er ihn erwartet hätte. Für ein oder zwei Sekunden stand der Junge so da. Und er begriff. Jeglicher Hauch von Illusion, der da vielleicht vorher gewesen war, war nun aus seinem Gesicht verschwunden. Natürlich konnte er seinen Freunden die neuen Schuhe nicht zeigen. Er verstand zwar nicht, warum sie seine Freude an gewissen Dingen nie teilen konnten, aber Fakt war – sie konnten es nicht. Also nahm er sich vor, die restlichen Schritte bis hin zu ihnen in betont lässigem Schritttempo zu gehen. Aber es war ohnehin zu spät – das Blinken hatte ihn schon verraten. Einer würde ihn auf die Schuhe ansprechen, so viel war sicher. Aber bloß nicht von selbst damit anfangen. Denn das war uncool. Na – neue Schuhe? Ach die … ja. Seit gestern. Und dann – dann folgte ein verschworener Seitenblick, flankiert von einem Grinsen, das Freude an der aufkommenden Aggression ausstrahlte. Was dann kam, war das Barbarischste, was man zu dieser Uhrzeit zu sehen bekommen konnte und was als finaler Beweis dafür dienen sollte, dass Kinder eben doch einfach nur grausam sind. Während dieses rituellen „Einweihens“ der neuen Schuhe wurde er von den anderen eingekreist und zwei, drei endlose Minuten lang auf die Füße getreten. So lange, bis die Schuhe völlig verdreckt und zerschlissen waren. Nach der Prozedur sahen sie aus, als hätte sich das ganze vor mehreren Jahren abgespielt. Das Schlimmste war jedoch das anschließende Verleugnen der Wut. Das gequälte, obligatorische Lächeln, das er zur Versöhnung aufsetzen musste. So verlangte es die Etikette und er hatte sich ihr unterzuordnen, denn es war nichtsdestotrotz seine Kultur, die ihm das hier antat. In der Schule fehlte er die nächsten zwei Tage. Beim Nachhausegehen dachte er noch gar nicht an die mögliche Strafe vonseiten seiner Eltern.
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Alles, was er tat, war die Risse und Kratzer auf der Kunstlederoberfläche zu zählen. Die Lampen funktionierten nur noch am linken der beiden Schuhe. Das änderte aber nichts daran, dass auch er sich anpasste und mit einem gerade besonders gelassenen Gesichtsausdruck aus dem Repertoire von bereits Toten zurückkam und irgendeine Ausrede erfand, die sein Fehlen erklärte und – wieder einmal ein bisschen mehr von ihm sterben ließ. Dabei steckte er die Hände in die Hosentaschen. Somit gehörte dann auch er endlich zum Heer derer, bei denen es keiner merken würde, wenn sie keine Pupillen hätten. Ein Märtyrer. Also einer von vielen. Im Ernst – hätte irgendein Spinner behauptet, dass dieser Junge der Messias gewesen wäre – ich wäre ihm verdammt noch mal gefolgt. Für seine Sache zu kämpfen, hieße, noch etwas Schönes zu kennen. Etwas Schönes, das man hat, um morgens nach dem Aufstehen daran zu denken, sodass der ganze Tag davon durchwirkt ist. Und es würde bedeuten, es festzuhalten, auch wenn schon längst modernere, dem Zeitgeist huldigendere Versionen davon erhältlich sind. Die blinkenden Schuhe hat man inzwischen weitgehend aus dem Sortiment genommen. Ihr Vertrieb lohnte sich kaum noch. Wirtschaftsmathematiker hatten das bestätigt. Sinkt die Nachfrage nach ihnen, werden Produkte aus dem Inventar gestrichen. Das gehörte schon immer zu den Gesetzen des Marktes. Bücher, Ideen und Gedanken, die anfangen zu blinken, wenn man zu sehr mit ihnen auftritt, folgen noch.

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Magdalena Keßler

Senf jagt Ketchup
London-Heathrow. Mehr brauch’ ich, glaube ich, nicht zu sagen. Meine Eltern hatten mich heute Morgen in ein Flugzeug gesetzt, ich sollte für zwei Ferienwochen zu meinem Onkel und meiner Tante in diese englische Metropole. Ich komme aus einer Thüringer Kleinstadt und bin solch ein pulsierendes Leben daher nicht gewohnt. So stand ich gut zwei Stunden später in dieser monströsen Halle und betrachtete staunend das rege Treiben. Da Onkel und Tante heute arbeiten mussten, sollte ich, mit Hilfe einer durchtrainierten Wegbeschreibung, den Weg zu ihrem Häuschen in der City selbst finden. So machte ich mich frohen Mutes auf und fand mich schließlich in einer überfüllten Straße direkt vor der Flughafenhalle wieder. Hier sollte nun irgendwo eine Bushaltestelle zu sehen sein … und da war sie auch schon! Erleichtert kramte ich in meinem Geldbeutel, um mir ein Ticket zu kaufen. Nach etlichem Suchen hatte ich ihn gefunden. Meine Eltern waren so außerordentlich großzügig gewesen, mir dreihundert Euro mitzugeben. Zu meinem Glück kam nach einer Weile der Bus, der mich in Richtung City bringen sollte. Es war leider kein Londoner Doppeldeckerbus, sondern ein hochmoderner Linienbus, der mich nun an den Stadtrand fuhr. Als ich schließlich an der entsprechenden Haltestelle ausgestiegen war und nun gerade mein erstes Londoner-Bus-Ticket als Erinnerung in meinem Geldbeutel verstauen wollte, hörte ich etwas auf mich zurollern. Ich schaute mich um … und weg war mein Portemonnaie. Der Dieb war ein atemberaubend schneller Skater, der nun in Richtung City sauste – mit meinen 300 Euro! Ich hatte jetzt die reizende Auswahl, diesem Schuft für seinen plötzlichen Reichtum alles Gute zu wünschen oder meinen Rucksack schnappen und hinterher. Ich tat das letztere, ersparte mir wenigstens ein weiteres Pfund für die Metro.
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Während ich stolpernd durch eine Straße nach der anderen hetzte, zweimal über ein Skateboard hopste, einen Kinderwagen streifte und mich mindestens viermal wunderte, woher meine plötzliche Ausdauer kam, rief ich dem Kerl ein paar Wortfetzen hinterher. „Hey, … Stop! You silly …“ Tja, da fehlten mir die Vokabeln. Einer der Gründe für meinen England-Urlaub waren schließlich meine mehr als mangelhaften Englischkenntnisse. Doch ich lernte im Englischuntericht nur solche Lebensweisheiten, wie „He, she, it – das s muss mit“ oder „I hate english food!“ Was ich diesem Rowdy jetzt aber sehr gerne zugebrüllt hätte: „Hey, du ekelhafter Ketchupfutzi! Gib mir sofort mein Geld wieder, sonst kriegst du es mal mit Thüringer Senf zu tun!“ konnte ich natürlich nicht! So schmiss ich ihm noch ein paar deutsche Schimpfwörter an den Kopf. Die Sonne brannte heiß vom Himmel herunter, was mir hier in England etwas komisch vorkam. Klagte nicht jeder über das britische Wetter?! Allmählich kam ich mir vor, wie bei „Emil und die Detektive“. Nur, dass Emil Hilfe von einheimischen Berlinern bekommen und bestimmt auch besseres Wetter hatte, denn ich bekam zu meinem Entsetzen gerade einen Tropfen ab. Als ich jedoch besorgt nach oben blickte, sah ich, dass eine britische Tee-time-Omi den Regenmacher spielte, indem sie ihre Balkonpflanzen ersäufte. Inzwischen waren wir in der Innenstadt angekommen, in der ein gewaltiger Verkehr herrschte. Sehnsüchtig schaute ich ein paar Kindern nach, die Eis schleckend aus einem der Doppeldeckerbusse heraus guckten. Ich wollte schon einen letzten Abschiedsgruß an meine Euros senden, da hielt der Knabe plötzlich an! Er setzte sich auf eine Bank und betrachtete verzückt den Inhalt seines Diebesguts. Erleichtert bremste ich und verschnaufte erst einmal kurz. Als ich meinen gesenkten, Schweiß überströmten Kopf wieder hob, sah ich mit Entsetzen, dass der Kerl schon wieder losfuhr. „Och nee, jetzt ist aber genug!“ rief ich, begann jedoch wieder, mich an seine Fersen zu heften. Unterwegs kam ich am Picadilly, am Tower und der Towerbridge, an Covent Garden und einigen anderen Londoner Highlights vorbei, so
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dass ich überlegte, ob ich meinem Guide auf Skates nicht ein wenig Geld für diese Stadtführung geben sollte – auch wenn die historischen Kommentare fehlten. Wenn ich ihn denn nur endlich mal kriegen würde!!! Schließlich gelangten wir in eine Einkaufsmeile. Das war meine Chance, denn nun musste der Kerl sein Tempo verlangsamen und ich konnte zwischendurch verschnaufen. Zu Hause würde ich einfach nur die 110 wählen, doch hier besaß ich ja weder Telefon noch ausreichende Sprachkenntnisse. Meine Kraft ließ von Schritt zu Schritt nach und ich fragte mich, wann dieser Dreckskerl anfangen würde, mein Geld auszugeben!? Dann bräuchte ich ihn nämlich nur an der Kasse festzuhalten und dieser sportliche Alptraum hätte endlich ein Ende. Plötzlich und scheinbar zum ersten Mal seit dieser Verfolgung drehte er sich um. Er grinste. Auch wenn ich von hunderten Menschen umgeben war, musste ich feststellen, dass dieses hundsgemeine Lächeln gezielt mir galt! Dieser einzige Blick gab mir noch ein letztes Mal Kraft, so dass ich wieder etwas schneller lief. Nach nur ein paar Schritten teilte sich die Menge und wir kamen an einen weitläufigen Platz. Na prima! Jetzt langte es mir aber endgültig, aus die Maus! Doch was war das?! Statt nun wieder wie ein Irrer los zu rasen, rollerte er gemächlich vor sich hin! Er bog in eine Seitenstraße ein und hielt vor einem Lebensmittelladen. Das war die Gelegenheit, an mein Geld zu kommen! Bestimmt hatte er vor, den Laden zu betreten, und da könnte ich ihn endlich schnappen! Doch bevor er ihn betrat, schaute er sich noch einmal um. Schnell versteckte ich mich hinter einer Plakatwand. Nun wusste ich sogar, dass Waldi, ein reinrassiger Yorkshireterrier, seit der gestrigen Teetimestunde nicht mehr zu Frauchen nach Hause gekommen war. Vielleicht handelte es sich ja hierbei um die Regenmacherin, die nun aus lauter Trauer ihre armen Pflänzchen ertränkte … Ich wollte gerade den Laden betreten, da lief ich meinem Dieb direkt in die Arme und sah, wie er mich wieder so komisch angrinste! Ich holte tief Luft, um mir mein Leid der letzten Stunden von der Seele zu schreien, da drückte er mir auf einmal eine Flasche Cola in die
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Hand, gab mir meinen Geldbeutel samt Inhalt wieder und sagte ironisch, in gebrochenem Deutsch: „Hier, Sport tut Deutschland gut!“ Dann drehte er sich um und sauste davon.

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Ulrike Rauchmaul

Wirklichkeit
Nachts Träume ich Wirres Zeug Ein Sprudel, ein Sog, zieht mich mit sich Eine andere Welt So ganz anders Kein Paradies Weiß – Schwarz Keine Farben – Gewalt, Schreie, Angst Mittendrin Ich Wache auf In meinem Bett, in Schweiß gebadet Tränen – Meine Welt, kein Paradies und auch Kein Traum.

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Danach
Sie liegt da. Er neben ihr. Nackt, Erschöpft, küsst sie. Glücklich, wie noch nie, Denkt sie, Weil er perfekt war, Weil es perfekt war. Mann, bin ich müde, Gähnt er, Doch still, Schließt die Augen. Sie betrachtet die Decke, Überlegt, Sieht ihn an. Schläfst du? Sie ist nicht müde, Steht auf, Tanzt herum In seinem Zimmer, Immer noch nackt: I feel good. ~~~~~~ Es ist spät. Dreizehnkommafünf Minuten nach halb fünf. Nacht. Sei leise, hör auf zu tanzen, leg dich hin, Will er ihr sagen. Geht nicht.

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Er sieht sie an, Ihren Körper, keine Modellmaße Aber trotzdem beautiful. Sie zieht sich an, Will gehen. Steht nicht auf Kuscheln danach. Ihre Energie reicht für den ganzen Tag. Sie geht? Lässt ihn allein? Er erinnert sich: Sie steht nicht auf Kuscheln danach.

Morgen voller Spätsommer
So gehe ich weiter über das Feld in dem jede Ähre dicht an dicht neben einer anderen steht sie wollen sich wärmen Der Wind weht schwach aber kalt so seltsam kalt an diesem Morgen Es ist ein Morgen voller Spätsommer Und ich laufe über eine Wiese begegne einem Mann er ist nicht groß, auch nicht klein aber sein Haar ist lang und müde schaut er mich an
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Ich zeige ihm ein Lächeln er schüttelt den Kopf und der Wind trägt ihn davon wie Blütenstaub Am Morgen voller Spätsommer So klappe ich das Buch zu über dem ich eingeschlafen bin in dem jede Seite dicht an dicht neben einer anderen steht sie wollen sich wärmen Der Wind weht schwach aber kalt so seltsam kalt an diesem Morgen Es ist ein Morgen voller Spätsommer

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Elisabeth Luther

der zeuge
ich sitze. schon seit zwei wochen habe ich meinen platz an der u-bahnstation nicht mehr verlassen. hunderte menschen gehen jeden tag an mir vorbei. meistens starren sie stur geradeaus und hasten von einem platz zum anderen, rasch wie der wind, der mir das haar zerzaust, wenn eine u-bahn ankommt. viele nehmen mich gar nicht wahr, merken nicht, wie ich sie beobachte. inzwischen kenne ich sie alle. wenn ich die augen schließe, kann ich sie sogar riechen. die erfolgreichen geschäftsmänner riechen nach geld, die tüchtigen sekretärinnen duften nach süßem parfüm, die frisch verliebten pärchen nach zuckerwatte und vielleicht ein bisschen nach schweiß. ein wenig nach alten weihnachtsplätzchen und kräutertee riechen die gemütlichen rentner, die armen schlucker von der straße dagegen nach alkohol und urin. am liebsten mag ich aber die kinder, die mich mit ihren großen unschuldigen augen ansehen. sie sind diejenigen, die mich wirklich so sehen, wie ich bin. manchmal setzen sie sich neben mich, reden mit mir oder bringen mir sogar etwas zu essen mit. ohne sie wäre ich wahrscheinlich schon vor hunger gestorben. manche haben auch angst vor mir und schmiegen sich eng an die schützende hand der mutter. leider bekomme ich hier unten auch ganz andere szenen zu sehen. vor ein paar tagen zum beispiel sah ich, wie ein paar kahlköpfige jugendliche einen älteren herrn mit dunkler hautfarbe zusammenschlugen. ich versuchte, sie daran zu hindern, doch ich konnte mich nicht von der stelle rühren. der strick, mit dem ich seit einiger zeit an die wartebank gefesselt bin, ließ es nicht zu. so musste ich mit ansehen, wie die täter ihr opfer blutend am boden liegen ließen und lachend die treppe hinauftorkelten. ich riss und zerrte an meinen fesseln und versuchte, um hilfe zu rufen, doch niemand kam. ein anderes mal wurde einer alten dame die handtasche gestohlen. vor meinen augen rannte der junge mit der tasche davon. keiner kam der armen frau zur hilfe. die anderen wartenden schauten nur betreten zur seite und sagten nichts. gestern erst beobachtete ich, wie ein mann vor seinen eigenen kindern seiner frau ins gesicht schlug. die anderen passanten taten, als hätten sie nichts gesehen.
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wenn ich mir die menschen so ansehe, frage ich mich oft, warum sie tun, was sie tun – sie verletzen sich gegenseitig mit taten und worten – und alle sehen einfach darüber hinweg … ich frage mich, warum sie sind, wie sie sind – rücksichtslos und kalt. aber ich bin nur ein hund, der von seinem herrchen hier vergessen wurde. ich kann den menschen nicht die augen füreinander öffnen. vielleicht werden sie irgendwann einen weg finden, es selbst zu tun.

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Katja Grohmann

Der Mann an der Kante
Es war heiß und drückend an diesem Tag, als ich durch die Straßen und gemütlich an einem Stau vorbeischlenderte, in dem die Autos sich am liebsten alle gleichzeitig an der Baustelle vorbeigedrängelt hätten. Ein Verkehrspolizist versuchte, mit Winken und Rufen Ordnung in dem heillosen Chaos zu schaffen, was ihm kläglich misslang. Ich befand mich in einer dieser Hochhausschluchten und hielt kurz inne, um die Sonnenstrahlen, die zwischen zwei Häusern hindurchlugten, trotz der Hitze auf meinem Gesicht zu genießen. Ich hob den Kopf und öffnete die Augen wieder. Verwirrt blinzelte ich in das grelle Licht. Dort oben, auf dem Dach an der äußersten Kante, da saß jemand! Dreißig Stockwerke über mir und seine Beine baumelten in der Luft! Ich hatte von solchen verrückten Geschichten gehört, wie Leute sich von Hochhäusern stürzen, aber mit eigenen Augen zuzusehen, unvorstellbar! Ich hastete zu dem Polizisten, während ich die schattenhafte Gestalt nicht aus den Augen ließ. „Dort oben sitzt jemand auf dem Dach! Sehen Sie nur.“ Ich packte den Uniformierten am Ärmel und deutete hinauf. Der Mann sah nicht einmal richtig hin, sondern schüttelte meine Hand ab und warf mir einen Blick zu, als sei ich verrückt. „Der sitzt dort oben schon seit Tagen, mach mal ruhig, Mädchen. Wenn er sich aufrichtet und abschätzend hier runter starrt, dann kannst du durch die ganze Stadt rennen und nach Hilfe schreien, klar?“ Für Momente fehlten mir die Worte. „Seit Tagen?“ fragte ich. „Wieso hat niemand davon gehört?“ „Die Presse beschränkt sich darauf Kleingetier am Boden aufzuspießen, anstatt den Himmel zu beobachten.“ „Wieso holt ihn keiner runter?“ „Er hat versprochen, dass er nicht springt, ehe er stand.“ Der Polizist zuckte mit den Schultern. „Also lassen wir ihn in Ruhe über Gott und die Welt nachdenken.“
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Er wandte sich wieder dem Verkehrstreiben zu und brüllte etwas zu einem roten Audi hinüber, der sich gerade quer stellte. Verwirrt über die seltsame Neuigkeit sah ich noch einmal zu dem Schatten hoch und wusste nicht, was ich denken sollte. Nach einigen unentschlossenen Minuten überquerte ich die Straße und ging zu einem der Wohnhauseingänge. Die Tür war unverschlossen und so trat ich ein und fand mich in einem kalten Flur wieder. Unwillkürlich fröstelte ich. Steintreppen führten zur Linken nach oben und ich war ungemein erleichtert, auf der anderen Seite einen nachträglich eingebauten Fahrstuhl zu finden. Ich fuhr hinauf bis in den letzten Stock und überlegte währenddessen mehrmals, ob ich nicht lieber umkehren sollte. Vielleicht saß dort wirklich nur ein Verrückter, der mit dem Leben abgeschlossen hatte und nicht mehr weiterwusste. Doch meine Neugier siegte. Die Fahrstuhltür öffnete sich und ich schaltete das Licht im Flur an. Am hinteren Ende gab es eine schmale Leiter, die zur Dachluke hinaufführte. Was sollte denn schon passieren, ich wollte schließlich nur ein paar Worte mit dem Verrückten wechseln. Auf dem Dach war es noch brütender als auf den Straßen, doch ein Windhauch kühlte meine Wangen. Die Aussicht war fantastisch. Wäre der Tower neben uns nicht gewesen, man hätte die gesamte Stadt überblicken können. Dort saß er und schaute hinab auf das geschäftige Treiben, das ich von meinem Standpunkt aus nicht sehen konnte. Er hatte mich noch nicht bemerkt und ich hoffte, dass er nicht erschrecken würde, wenn ich ihn unvermittelt ansprach. Einen Augenblick wartete ich, damit er meine Anwesenheit spürte und nutze die Gelegenheit ihn zu mustern. Von hinten sah er alt und mitgenommen aus, sein schwarzes Haar hing ihm in langen Strähnen bis auf die Schultern und sein Nacken und sein Rücken waren vom Sonnenbrand gerötet. Die Lumpen, die er trug schienen bestenfalls aus einem Müllcontainer zu stammen. Er hatte die Hände in den Schoß fallen lassen und saß gebückt mit hängenden Schultern. „Was tun Sie hier?“ fragte ich, als ich einen Schritt zur Seite gegangen war, damit er mich aus dem Augenwinkel heraus bemerkte.
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Als er sich zu mir wandte, schnappte ich überrascht nach Luft. Der Kerl war höchstens ein paar Jahre älter als ich, doch sein Gesicht war von Leid gezeichnet. Seine Augen richteten sich auf mich und ein kalter Schauer durchführ mich. Sein Blick war so anklagend als hätte ich ihn mit der Androhung begrüßt, ihn eigenhändig hinabzustoßen. „Ich schaue euch zu, wie ihr in einer Welt voller Lügen zurechtkommt“, sagte er schließlich mit rauer Stimme. Er schien nicht sonderlich angetan, mich hier oben anzutreffen, doch als ich ihm einen Schluck aus meiner Wasserflasche anbot, nahm er zögernd an. „Und was machst du hier?“ Ich wusste nicht so recht was ich antworten sollte, deswegen sagte ich unsicher: „Herausfinden, was du hier machst?“ Er rang sich ein gequältes Lächeln ab. „Wieso bist du hier?“ fügte ich hinzu. „Weil ich nicht sicher bin, ob ich weiterleben will oder nicht“, sagte er mit schlichter Sachlichkeit. Wieder lief mir ein Schauer über den Rücken, obwohl die Sonne uns im Nacken brannte. „Hast du gar nichts, was dich hier hält?“ Einen Moment herrschte Schweigen und ich setzte mich mit untergeschlagenen Beinen – und weit genug von der Kante entfernt – neben ihn. Einen Blick nach unten wagte ich nicht. „Du weißt nicht, wie es ist“, begann er mit gesenkter Stimme. Sein Blick wurde leer und ich wusste, dass er nicht mehr mich sah, sondern andere, schreckliche Dinge. „Du weißt nicht, wie es ist, wenn man niemanden hat, der einem zuhört. Du weißt nicht, wie es ist, wenn man schreit und weint und dazu noch ausgelacht wird. Kannst du dir vorstellen, dass deine eigene Mutter dich schlägt und dir jeden Tag aufs Neue sagt, dass du ein dummer Fehler warst?“ „Ich habe seit zwei Jahren keine Mutter mehr“, antwortete ich und wurde von meinen Erinnerungen schmerzhaft eingeholt. „Das tut mir leid.“ Etwas erwachte in seinem Blick und er schien mich neu zu mustern. „Aber ich habe erkannt, dass das Leben auch ohne sie weitergeht“, führ ich fort. „Menschen, die man liebt, sterben nicht, ehe man sie vergisst. Und ich werde sie nie vergessen.“ Der Junge dachte über meine Worte nach und das Schweigen dauerte
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unangenehm lange an. „Erzähl mir von dir“, bat ich, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass das, was er erlebt hatte, ausreichte, um ihn so verzweifeln zu lassen. „Hast du dich je wie der letzte Dreck gefühlt, als wärst du nicht mehr wert als eine stinkende Ratte in der Kanalisation? Niemand interessiert sich für dich und dein Leben. Du wirst von hinten getreten, ohne Vorwarnung, fällst mit dem Gesicht in den Schlamm und wirst noch hineingedrückt, bis du das Zeug atmest und fast erstickst? Hast du das je erlebt?“ Ich schüttelte mitfühlend den Kopf und vergaß den Kummer um meine Mutter. Diesem Jungen ging es soviel schlechter als mir, dass meine Probleme plötzlich völlig unbedeutend wurden. „Ich weiß keinen anderen Ausweg mehr. Deswegen bin ich hier.“ „Was ist passiert?“ Ich wusste, dass er mir noch nicht alles erzählt hatte. Sein Schmerz saß tiefer. Doch sollte dort noch etwas anderes gewesen sein, so verschwieg er es mir. Stattdessen musterte er mich ein weiteres Mal und in seinen Augen las ich Leere. Das Schweigen dauerte an und ich begriff, dass er allein sein wollte. Deswegen war er hier. Bevor ich ging, versprach ich ihm, morgen wiederzukommen, wenn er nichts dagegen hatte. Er nickte müde. Als ich das Hochhaus wieder verlassen hatte und zu dem Schatten des jungen Mannes aufschaute, spürte ich seinen Blick auf mir ruhen.

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Zu den Autorinnen und Autoren
STEFANIE BODEN, Jahrgang 1976, aufgewachsen in Ilmenau, Studium in Jena, Promotion über Shakespeare; seit 2006 Tätigkeit im St. Benno-Verlag Leipzig CLARA EHRENWERTH, Jahrgang 1987, Erfurt, derzeit in Leipzig; ist dort gerade auf dem Weg von einem abgebrochenen Studium zu einem hoffentlich erfolgreicheren; eingeladen zum Treffen Junger Autoren 2004, seit 2006 Teilnahme an Poetry Slams, Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften KATJA GROHMANN, Jahrgang 1989, derzeit Sportgymnasium Erfurt mit Leistungssport Eiskunstlauf; Fantasy-Roman „Xanadu“ in Arbeit TOBIAS GRÜTERICH, Jahrgang 1978, Diplom-Ingenieur für Geodäsie, arbeitet derzeit im kaufmännischen Bereich; Veröffentlichungen: „Verdiente Ungerechtigkeiten. 101 Aphorismen“ (2005) sowie Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften, Webseite: www.aphorismania.de INGA GRUNDKE, Jahrgang 1985, Kleinrudestedt, derzeit Studium der Medizin CHRISTIAN GUTSCHE, Jahrgang 1985, derzeit Studium der Physik in Bremen; diverse Veröffentlichungen im Eigenverlag LENA HAMMERSCHMIDT, Jahrgang 1982, Studium der Medien- und Kulturwissenschaften in Leipzig, seit Mai 2005 Verlagsvolontärin in Berlin; Veröffentlichungen u.a. in Nagelprobe, hEFt, Zeichen & Wunder, L. Der Literaturbote KERSTIN HOLZHEU, Jahrgang 1985, Erfurt, derzeit Studium der Politik, Sozialwissenschaften und Makroökonomie in Stuttgart und Bordeaux MAGDALENA KESSLER, Jahrgang 1990, derzeit Gymnasiums in Erfurt ANDRÉ KIRCHNER, Jahrgang 1985, derzeit Studium der Visuellen Kom-

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munikation in Offenbach ELISABETH LUTHER, Jahrgang 1988, derzeit Abitur in Jena KATRIN MERTEN, Jahrgang 1982, Bad Berka, derzeit Studium der Sozialpädagogik, Veröffentlichungen u.a. in junge Welt, Freitag, Entwürfe, Ort der Augen, Federwelt; 2. Platz Regensburger Schriftstellergruppe International 2006 JOHANNES MILLAN, Jahrgang 1984, Braunschweig, derzeit Studium der Soziologie und Geschichte in Erfurt MARCUS QUENT, Jahrgang 1990, zurzeit Abitur in Ruhla, Gründer und Chefredakteur der Schülerzeitung Kellerfenster, Mitglied in Theatergruppe Kreuz AS; Eigenveröffentlichungen: „2005 Jahre danach“ (2006), „auf dem pfade somnia“ (2007) ULRIKE RAUCHMAUL, Jahrgang 1988, derzeit Gymnasium in Gebesee; regelmäßige Teilnahme am Treffen Junger Autoren bei den Berliner Festspielen FRANZISKA SCHRAMM, Jahrgang 1985, Marktredwitz (Bayern), seit Oktober 2005 Studium der Kommunikationswissenschaft und der Literaturwissenschaft in Erfurt CHRISTOPH SCHUBERT, Jahrgang 1985, derzeit Studium der Wirtschaftsinformatik in Ilmenau. PAULINA SCHULZ, 1973 in Polen geboren, lebt seit 1989 in Deutschland, Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, arbeitet als Autorin, Übersetzerin und Dozentin; Veröffentlichungen in deutschsprachigen und polnischen Literaturzeitschriften und Anthologien, Kurzprosaband „Wasserwelt“ (2005, Konkursbuch Verlag), zwei Fotobände mit Thomas Karsten; Website: www.paulinaschulz.de CHRISTOPH STEIER, Jahrgang 1979, nach Studium der Literaturwissenschaft in Erfurt und Dublin derzeit Promotion in Zürich; diverse Auszeichnungen bei Literaturwettbewerben (u.a. beim Würth-Preis, Endrunde MDR-Preis, Junges Literaturforum), Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien
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MARTIN TANZ, Jahrgang 1987, Weimar, derzeit Studium der Psychologie in Magdeburg; Redaktionsmitglied der Schülerzeitung Berg Beat und Mitarbeit bei der Theatergruppe am Marie-Curie-Gymnasium Bad Berka FRANZISKA WILHELM, Jahrgang 1981, Erfurt, derzeit Studium der Kommunikations- und Medienwissenschaften in Leipzig, mehrmalige Preisträgerin des Jungen Literaturforums Hessen/Thüringen, Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften (L. Der Literaturbote, Palmbaum, Zeichen & Wunder, hEFt); Website: www. franziska-wilhelm.de DANIEL WINDHEUSER, Jahrgang 1978, lebt und arbeitet in Erfurt; Stationen u.a.: Studium der Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte. Bamberg, Bangkok, Köln; Preise (Auswahl): 2. Platz im Wettbewerb des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen (2004). Wiederholte Einladung zur Autorenwerkstatt in Bad Salzhausen; Veröffentlichungen u.a. in Libri, Die Niemandsrose, Nagelprobe 21 und L. Der Literaturbote.

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