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Pfr. Frank Lorenz, MBA Journalist BR

Kurzer Festvortrag

„Kirchliche Krisen-, Übergangs- und Zukunftskompetenz“ anlässlich des 50.

Firmenjubiläums von Endress&Hauser Metso AG Reinach, Sternhof, 29.8.2010

Hochverehrte Frau Endress Senior

Hochverehrte Klaus Endress und Familie Endress

Sehr geehrter Herr Meier

Sehr geehrter Herr Riemenschneider

Verehrte Festgäste

Ich danke, lieber Klaus Endress für die Einladung zum Fest, denn ich feiere gerne.

Ich danke auch für die Gelegenheit, einige Worte zu sagen. Diese sollen nicht nur der

Festlichkeit, sondern auch der Würde des Anlasses eines Firmenjubiläums entsprechen.

Und darum dürfen sie auch etwas ernster sein.

Sie sind jedenfalls im Grenzbereich zwischen Theologie und Ökonomie, zwischen Kirche

und Gesellschaft.

Und diese ist im Wandel begriffen: Der globale Neoliberalismus hat einem lokalen Gesell-

schaftsmodell des Gemeinschaftlichen ein Ende gesetzt. Ein grenzenlos egoistischer Ma-

terialismus nach dem Geiz-ist-geil-Motto und ein Werteverfall lassen die Gesellschaft

von innen

erodieren.

Wie sozialer Zusammenhalt wieder hergestellt und erhalten wird, ist jedoch von grundle-

gender Bedeutung für unsere Zukunft. In der Zukunft werden wir umgehen müssen mit

einer stetig komplexeren und diversifizierteren Welt, mit immer mehr Ambivalenzen und

Widersprüchen - ein Zustand der seinerseits uns immer häufiger zwingt, gemeinsame

Realitäten und Werte immer wieder neu auszuhandeln.

- Damit steigt der Bedarf an Kompetenz zu solchem Aushandeln und zum Gestal-

ten menschlicher Beziehungen und sozialer Netze.

- Die aus den Ambivalenzen immer häufiger resultierenden Krisen und Lebens-

brüche wollen bewältigt und integriert werden.

- Und gefragt ist: Ein umfassender Horizont zur Wirklichkeitsdeutung, der un-

ideologisch und ohne falsche Heilsversprechen und Leerformeln eine komplexe

Wirklichkeit deuten und erschliessen hilft.

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Seit langer Zeit schon tun dies die verfassten Landeskirchen in unserem Kanton und Land, also die christlichen Kirchen und die jüdische Gemeinden. Sie – WIR – standen und stehen an der Seite aller Menschen und halfen ihnen mit Rat und Ritualen weiter, in und nach Krisen, Krankheit, Tod und Trauer und an den unumgänglichen Sollbruchstellen je- der Biographie (wie erwachsen werden, heiraten, Kinder bekommen, alt werden und sterben).

Dafür zahlen juristische Personen aus ihren Unternehmensgewinnen Beiträge an die ver- fassten Religionsgemeinschaften. An dieser Stelle auch einmal: Herzlichen Dank hierfür.

Wir von den Kirchen sind so – auf eine Art – auch „Dienstleister“ für euch in den Unter- nehmen: Wir machen – in Seelsorge und Ritualen – einen guten Teil jener Arbeit, die – würden wir sie nicht machen – das Gesundheits- und Sozialsystem mit Beratungs-, The- rapie- und Medikamentenkosten in der vielfacher Milliardenhöhe belasten würden.

Wir tragen und begleiten Menschen durch Krisen und an Lebensübergängen.

Das ist kirchliche Krisen- und Übergangs-Kompetenz, und diese liegt im Kern unseres

Glauben begründet

und

ist in den Ressourcen der Kirchen bewahrt: Z.B.:

- Wir haben einen – nach menschlichen Ermessen – Gescheiterten als Zentralfigur,

einen Juden am Kreuz, der dann doch zu einem Wunder wurde, das wir Auferstehung nennen. Selbst in den Augen nicht-gläubiger Menschen gibt uns das – so meine ich – einige

Krisenkompetenz und einiges Hoffnungspotenzial, das wir seit Jahrtausenden weiter- geben.

- Eine andere Kompetenz, die wir vermitteln ist das Gebet: Im Wesentlichen Selbst- reflexion und Rechenschaft auf dem Horizont eines Grossen Ganzen.

- Und schliesslich: Unsere Ethik - die zehn Gebote. Sie sind

im Kern

Codes of

Conduct

und undeklariertes Vorbild einer jeden Unternehmenscharta, auch der ih-

ren.

Ihre Firma, liebe Endress&Hausers, meine Damen und Herren, geprägt durch die unter- nehmerische Verantwortung der Gründer Georg Endress und Ludwig Hauser hat auf der

Basis ihrer Unternehmenscharta

die Businesschulen dieser Welt, von deren drei (der Bocconi in Milano, der Stern in New York und der Steinbeiss in Berlin) auch ich meinen MBA habe, diesen Begriff in ihren Fä- cherkanon aufgenommen haben.

Corporate Social Responsibility

gelebt, lange bevor

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- Als Unternehmen gesellschaftlich verantwortlich zu handeln, das nämlich heisst CRS wörtlich, ist aber nicht nur eine feine Sache für jene, die davon profitieren. In Ihrem Fall behinderte Menschen, eine Basketballmannschaft oder Jugendliche, die Gewaltprävention machen.

- Corporate Social Responsibility ist auch eine innere Notwendigkeit für Unterneh- men: Die Möglichkeit für Lehrlinge Sozialdienst in Berggemeinden zu machen, in- terne Aus- und Weiterbildungen, die zur Berufsmatur führen, oder ihre trinationale Ausbildung – solche und mehr Projekte erhöhen massiv die Mitarbeitermotivation, verbessern die Arbeitsatmosphäre und das Image des Unternehmens nach au- ssen. Und wir wissen heute, dass solche Intangible Assets und das Image geldwerte Posten in einer Unternehmensbilanz sind.

- Und schliesslich gibt gesellschaftliches Handeln als Unternehmen einem KMU (das Sie ja immer noch sind) einen deutlichen Wettbewerbsvorteil: Es wird nämlich at- traktiv für qualifizierte Fachkräfte, die derzeit Händeringend gesucht werden, und die dann flexibel, vielseitig, lebenserfahren und dienstleistungsbereit wirkliche „Lösungen“ für Ihre Kunden finden, statt nur zu „funktionieren“.

Zu Ihrer Corporate Social Responsibility möchte ich Ihnen als Kirchenmann besonders gratulieren.

heute abend

Lassen Sie mich schliessen mit einem Wunsch, einer Vision und einem Angebot.

- Mein Wunsch für Sie ist es, dass Ihr Unternehmen zum Nutzen von Reinach und der Triregio, zum Nutzen ihrer Mitarbeitendenschaft und auch – und nicht zuletzt – zum Nutzen Ihres weltweiten Kundenstammes weiterhin floriert und der Krise trotzt.

- Meine Vision ist es, dass Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Sozialwesen und Kirchen recht bald und am besten so lokal wie möglich an einen Tisch kommen und un- ideologisch und wertschätzend und ehrlich im Sinne eines Think Tanks die Pro- bleme dieser Zeit auf allen Ebenen des Menschseins diskutieren. Das wäre dann eine Art „Reinach Open Forum“.

- Mein Angebot und das meiner KollegInnen in den beiden Kirchgemeinden ist es, auch in der Zukunft dazu sein, wenn Sie, wenn Ihre Mitarbeitenden oder Sie auf den verschiedenen Ebenen der Unternehmensleitung uns brauchen: Mit unserer Krisen-, unserer Übergangs- und mit unserer Zukunftskompetenz.

In diesem Sinne, hochverehrte Frau Endress, lieber Klaus Endress und liebe Familie En- dress, verehrter Herr Meier und Herr Riemenschneider, liebe Festgäste, erhebe ich mein Glas: Ad multos annos – Auf noch viele Jahre – Viva!