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Adieu, McKinsey

Aufnahmeprüfung beim größten Unternehmensberater der Welt – oder wie man versucht,
würdevoll zu scheitern.

© Chris Hondros/Getty Images

Wie hoch ist die Profitabilität von Handynetzbetreiber Y im Kundensegment 2 auf einer Basis
von 24 Monaten? Beim Bewerbungsverfahren bei McKinsey wird viel verlangt

Vor fünf Minuten war ich noch knapp davor, in die große Managementwelt aufgenommen zu
werden. Jetzt stehe ich wieder auf der Straße, und ein kräftiger Wiener Frühlingswind bläst
mir ins Gesicht. Die Tür hinter mir ist zu, und das bleibt sie auch. Es war zu schön, um wahr
zu sein. Oder doch nicht so schön? »McKinsey hätte dich in zwei Jahren fertiggemacht«,
versucht mich ein Freund zu trösten. Ehrlich gesagt, ich hätte es drauf ankommen lassen.

McKinsey & Company ist der größte Unternehmens- und Strategieberater der Welt. Zu den
Klienten zählen Industriegiganten, führende Banken und Versicherungen, aber auch
Regierungen – in Österreich etwa das Bundesministerium für Finanzen, in dem einst
Ressortchef Karl-Heinz Grasser eine McKinsey-Kohorte anforderte, um das Budgetziel
Nulldefizit herbeizusparen.

»McKinsey verfolgt das Ziel, die Leistungsfähigkeit seiner Klienten substanziell und
dauerhaft zu verbessern«, ist auf der Homepage des Unternehmens zu lesen. Geschliffene
Management-Spreche, allenthalben: Die Firma gilt als der härteste Cost-Cutter, Sanierer,
Rauswerfer der Welt. In 52 Ländern arbeiten 9000 Berater für die Firma, 80 davon in
Österreich.

Ruft das Management eines Unternehmens den Edelconsulter mit Hauptsitz in New York zu
Hilfe, ist das für die Belegschaft kein gutes Zeichen. Dann ist Feuer am Dach. Das
Engagement ist teuer, und die Kohle für die Berater muss wieder hereinkommen. Dafür gibt
es zwei Mittel: Der Umsatz steigt, oder die Kosten werden gesenkt. In Zeiten der Krise
passiert meist Letzteres. »Das Management erschießt die Leute, aber McKinsey schreibt die
Namen auf die Kugeln«, raunt man in der Finanzbranche.

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Bewerbung | Unternehmen | Unternehmensberatung

McKinsey nimmt nur die Besten in die eigenen Reihen auf. Die strenge Einladungspolitik zu
Aufnahmegesprächen, die edle Optik der Büros und die akkurat gekleideten Mitarbeiter sind
Teil des Mythos, der sich nicht zuletzt aus markigen Slogans speist. »Riskieren Sie, dass Ihr
Vater stolz auf Sie ist« lautet einer. Oder: »Jeder will die Besten. Deshalb will McKinsey die
Außergewöhnlichen.« Letztere werden im deutschen Sprachraum aus jährlich rund 15.000
Bewerbern ausgesiebt. Nur die besten fünf Prozent werden zum Interviewtag nach Wien oder
Köln eingeladen. 150 Aspiranten oder ein Prozent aller Bewerber werden aufgenommen. Ich
will nicht zu den 99 Prozent gehören, die durchfallen.

Etwa die Hälfte der Berater sind gelernte Betriebswirte, der Rest verteilt sich auf
unterschiedliche Ausbildungen und Studienfächer. Angeblich will die Firma analytische
Problemlösungskompetenz aus möglichst vielen Perspektiven in sich aufnehmen. Unter den
sieben Bewerbern, die am Vorabend des Interviews zum Nobelitaliener Procacci in der
Wiener City eingeladen sind, bin ich der einzige Politikwissenschaftler. Nirgendwo sonst
könnte ich mit diesem Abschluss so viel Geld verdienen.

Uns wird mitgeteilt, das Abendessen sei »risk-free«, könne also keinen negativen Einfluss auf
unseren Bewerbungsprozess haben. Viele von uns glauben das nicht. Keiner will riskieren,
aufgrund eines schlecht sitzenden Anzugs, einer kritischen Bemerkung oder zweifelhafter
Tischmanieren auszuscheiden. Ich auch nicht.

Also habe ich mich zuvor auf der Homepage des Lokals in die Speisekarte vertieft und eine
Auswahl einstudiert. Rinderfilet, Kostenpunkt 32 Euro, dazu Antipasti und Primo, zur
Begleitung einen Mezzo Braccio 2007 von Monteloro, Toskana, Crème brûlée zum
Abschluss. Doch am Abend stehen nur zwei Menüs zur Wahl: mit Fleisch oder vegetarisch.
Nicht einmal McKinsey ist noch das, was es einmal war.

Am nächsten Morgen geht es pünktlich um 8.30 Uhr los. McKinsey quartiert sich
grundsätzlich an den besten Adressen ein. In diesem Fall im Wiener Palais Herberstein in der
Herrengasse, nächst der ehemals kaiserlichen Hofburg. Die Consulter okkupieren alle vier
Stockwerke des neobarocken Prunkbaus. Natürlich auch das Dachgeschoss. Und das, obwohl
die meisten Berater von Montag bis Donnerstag bei ihren Kunden in Europa unterwegs sind,
nur Freitag ist Home-Office-Day. Doch selbst an diesem Tag begegnet man in den langen
Gängen kaum einer Menschenseele, viele der Büros sind verwaist.

Sechs Männer und eine Frau nehmen an diesem Tag die Interviews mit den Bewerbern vor.
Alle in schwarzen Anzügen, alle mit korrekten Frisuren. Ich fühle mich in meinem metallic
blauen Anzug ein wenig wie der US-Rapper Snoop Dogg in einem Kirchenchor. Nach dem
ersten Wortwechsel bin ich erleichtert. Ich habe es wider Erwarten mit Menschen zu tun: Ein
Typ hustet, einer hat eine Glatze, einer ist sogar Vater eines Kindes. Anscheinend handelt es
sich doch nicht um Außerirdische, eher schon um Vertreter einer besonderen Spezies. Jeder
lächelt, was sie sagen, klingt jovial und freundlich. So, als wollten sie uns mitteilen: »Klar
sind wir anders, wir sind viel besser als ihr. Aber wir können auch so tun, als wären wir
Gleiche unter Gleichen – wir sind für euch völlig unberechenbar.«

Ich werde als Erster zum Test aufgerufen. Für die Beantwortung von 26 Multiple-Choice-
Fragen habe ich eine Stunde Zeit. Es geht um das Lösen von cases , Fallstudien aus dem
Alltag eines Consulters. Ein Beispiel: Welcher der folgenden Beträge ist der beste Schätzwert
für den Umsatzerlös einer fiktiven Hotdogkette in Jahr 4 unter Szenario C in Schaubild 1?
Man muss viel rechnen, Taschenrechner sind verboten.

Es gibt viele Karrieren bei McKinsey. Nur keine bequemen

Slogan bei McKinsey

In Internetforen berichten (meist gescheiterte) McKinsey-Bewerber von ihren Erfahrungen


mit dem Test, ich weiß also, dass es unmöglich ist, alle Fragen zu beantworten. Vielmehr will
man sehen, wie ein Proband mit Stress umgeht. Bei etwa der Hälfte der Antworten bin ich mir
einigermaßen sicher, den Rest kreuze ich nach Zufall an. 50 Prozent richtige Antworten sind
notwendig, um überhaupt noch für McKinsey infrage zu kommen.

Dann folgen die Interviews. Drei hintereinander, mit drei verschiedenen Interviewern, jeweils
eine Stunde lang. Sie fragen mich nach meinen größten Erfolgen. Danach, ob ich schon
einmal ein Team auch gegen Widerstände an ein Ziel geführt habe. Ob der europäische
Autobauer X in den asiatischen Markt eintreten soll. Mit welchen Modellen? Zu welchen
Kosten? Wie hoch die Profitabilität von Handynetzbetreiber Y im Kundensegment 2 auf einer
Basis von 24 Monaten ist. Welche Auswirkungen ein Ausstieg aus der Atomstromerzeugung
für den staatlichen Energieversorger Elektron aus dem Land Fiktivia haben wird. Warum ich
diese und nicht jene Motorrad-Marke fahre und was ich von neoliberaler Wirtschaftspolitik
halte.

Während der anschließenden Mittagspause ziehen sich die Interviewer zurück und
entscheiden, wer die Pforte ins Himmelreich des Neokapitalismus überschreiten darf. Wessen
Einkommen bereits im ersten Jahr nach dem Einstieg an der sechsstelligen Euroschwelle
kratzen wird. Wer sich schnell damit abfinden muss, dass sein Privatleben auf ein Minimum
schrumpft. »Mein Arbeitstag beginnt üblicherweise um 8.30 Uhr und endet um 21.30 Uhr.
Aber das kann bei einem schwierigen case natürlich auch länger dauern«, hat mir ein
McKinsey-Berater eine Woche zuvor in einem Telefon-Briefing mitgeteilt. Den passenden
Firmenslogan zu dieser etwas in Schieflage geratenen Work-Life-Balance hat man natürlich
auch: »Es gibt viele Karrieren bei McKinsey. Nur keine bequemen.«

Während ich warte, genieße ich den Ausblick von der Dachterrasse, schnuppere die Stadtluft
und stelle mir vor, wie das Leben unter erfolgreichen Global Playern einmal sein wird. Die
Interviews sind eher mäßig verlaufen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dem Ziel sehr nah zu
sein. Wie soll man hier auch nicht die Bodenhaftung verlieren? Wer gerne auf Politiker
herabsieht, kann das in der Kantine von McKinsey buchstäblich tun. Hier speist man hoch
über den Dächern der Präsidentschaftskanzlei von Heinz Fischer und Werner Faymanns
Bundeskanzleramt.
Dann plötzlich, eine Viertelstunde früher als erwartet, betreten unsere Richter den Raum.
Jeweils ein Berater nimmt sich einen Kandidaten vor. »Folgen Sie mir bitte, und nehmen Sie
Ihre Sachen gleich mit«, sagt einer kühl zu mir. Das Lächeln von vorhin ist weg.

Kurz darauf weiß ich: Die Global Player müssen ohne meine Einflüsterungen auskommen. Es
hat nicht geklappt. Zwar habe ich in den Bereichen Personal Impact, Drive/Achievement,
Leadership und Problem Solving gut abgeschnitten, doch die von mir angebotenen
Lösungsansätze in den Interviews seien unzureichend strukturiert gewesen. Außerdem hätte
ich Mängel im quantitativen Bereich. Auf die Nachfrage, ob ich mich noch einmal bewerben
könne, wird mir mitgeteilt: »Theoretisch können Sie das nach einem Jahr. Aber ganz ehrlich
gesagt, man wird sich Ihre Bewerbung dann sehr genau vornehmen und sich fragen, warum
Sie es denn schon damals nicht geschafft haben.«

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Schlagworte
Bewerbung | Unternehmen | Unternehmensberatung

Das Gespräch hat keine fünf Minuten gedauert. Der Interviewer begleitet mich noch zum Lift
und verschwindet. Ich stehe wieder auf der Straße, einer nach dem anderen der Gescheiterten
kommt hinzu. Darunter ein Jus-Doktor mit 26 Jahren, die Vita mit Diplomen in
Betriebswirtschaft und Romanistik aufgepeppt. Außerdem ein Dipl. Ing. Dr. tech., der für
einen österreichischen Industriekonzern zwei Jahre lang in Asien ein Werk aufgebaut hat. Nur
ein Einziger von uns, ein Mag. rer. soc. oec. Dipl. Ing. DDr., schafft es auf den McKinsey-
Olymp.

Fünf Minuten: So schnell bin ich wieder auf dem Boden der Realität gelandet, so rasch platzt
ein kleiner Traum. Willkommen bei den 99 Prozent.