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Peter Sloterdijk Die Atemlosigkeit der Moderne


von Peter Sloterdijk

Könnte es sein, dass wir uns in einer wahnhaften Erneuerungskultur


befinden, weil für uns das Neue die Aura des Besseren hat? Der Philosoph
Peter Sloterdijk räsonniert über unsere „Aufbruchsautomatik“ und die
Kunst der Vollendung.

Der Text erscheint auf Wunsch von Peter Sloterdijk in alter Rechtschreibung.

Herr Sloterdijk, es heißt: „Der Fortschritt sitzt im Sattel und reitet die
Menschen“ – hat der Fortschritt mittlerweile die Menschheit im Griff?
Für Pferdenarren ist das vielleicht akzeptabel – dennoch sollte man sich vor
schiefen Bildern hüten. Ein Schritt kann nicht zugleich ein Griff sein. Trotzdem ist es
gut, ein wenig exzentrisch anzufangen. Tatsächlich hat sich seit dem 18.
Jahrhundert dieser fatale Begriff des Fortschritts zu so etwas wie einer modernen
Form des Heiligen entwickelt. Man findet heute allenthalben den Bezug auf das
Progressive, ob es die Ornamente auf Geldscheinen sind oder die Firmenlogos der
großen Unternehmen. Es scheint geradezu, als ob dieses seltsame Wort eine
universale Bewegungsmetapher darstellt, ohne die sich die Modernen in der Welt
nicht mehr orientieren können. Es gibt nicht viele Ausdrücke dieses Typs. Der
einzige Begriff, der in seiner Allgemeinheit und Bedeutsamkeit gleich mächtig wäre,
ist vielleicht noch der der Zirkulation, des Kreislaufs. Die herkömmliche Ehrfurcht
vor den Kreisprozessen – beginnend bei der Selbstbespiegelung Gottes bis hin zum
ökologischen Abfallrecycling – geht auf die metaphysische These zurück, daß Gutes
und Zirkuläres letztlich dasselbe sind.

Zunächst also eine ganz runde Sache. Und doch kam etwas dazwischen?
So kann man sagen. Die bürgerliche Welt hat seit dem 18. Jahrhundert angefangen,
das Gute in der Linie zu suchen. Das ist ein bemerkenswerter Vorgang, weil die
Linie in der traditionellen Geometrie keine hohe Reputation besessen hat. Man sah
die linearen Abläufe früher immer als die endlichen und ermüdbaren Bewegungen
an, die im Grunde nirgendwo hinführen können, außer in den Verfall. Die Kreisläufe
hingegen führen in sich selbst zurück, und das qualifiziert sie für die gute
Unendlichkeit. Der große Bruch der Neuzeit besteht darin, daß man eine absolute
Bewegung neuen Typs konzipiert hat, die stetig von einem weniger wertvollen zu
einem wertvolleren Zustand überleitet. Das meint so etwas wie ein „Upgrading“ des
Seins überhaupt. Ein ziemlich ketzerischer Gedanke – denn wenn man davon
ausgeht, daß die Welt von Gott geschaffen worden ist, dann ist ein solches
Verfahren die pure Lästerung. Gott kann ja nichts anderes als das Beste geschaffen
haben.
Wie kommt es aber, dass wir uns nicht alle wegen Ketzerei verflucht fühlen? Die
Antwort lautet: Weil sich bei uns etwa seit dem 16. Jahrhundert eine mentale
Umstellung vollzogen hat, deren Tiefgang die zeitgenössischen Menschen noch
immer nicht vollständig ermessen können: die Umstellung von einer Metaphysik der
fertigen Welt zu einer Metaphysik der unfertigen Welt. Das heißt, wir haben von
dem Begriff der Schöpfung, also des fertigen Werks, umgestellt auf den Begriff der
graduellen Entwicklung – vom vollendeten Sein zum relativen Werden, wenn man
so will. Und damit wurden wir befähigt, uns an Bewegungen zu beteiligen, die vom
weniger Guten zum Besseren führen, ohne der Blasphemie verdächtig zu sein.

Wie soll man sich diese Verwandlung vorstellen?


Mit der Moderne hat sich eine große Vorzeichenumkehrung vollzogen, und zwar
durch den erwähnten starken Gedanken des Fortschritts – wir müssen allerdings
zugeben, daß wir von ihm üblicherweise nur noch eine völlig ausgeleierte Form
kennen. Immerhin ziehen auch wir unsere Vergleiche unter einem
semi-optimistischen Licht, da wir gewohnt sind, das weniger Gute mit dem
Besseren zusammenzustellen. Wir bleiben Optimierungslogiker oder
Weltverbesserer, zumindest aber Dinge-Verbesserer.
Diese Logik steht im Hintergrund aller bis heute verbindlichen pragmatischen
Programme. Die Verbesserungspflicht bezieht sich auf sämtliche Existenzbereiche –
das alltägliche Umfeld, die Maschinen, die Produktionsprozesse, die Medikamente,
die Unterrichtsmethoden, die Wohnverhältnisse und so weiter. Folglich besteht das
Seiende für uns nicht mehr aus perfekten Archetypen, sondern aus einer Serie von
Verbesserungen. Die Urbilder Platos verwandeln sich in optimierbare Modelle.
Modelle sind Konstruktionsvorlagen, die nach weiterer Perfektionierung streben.

Nennen Sie uns ein Beispiel.


Das moderne Design liefert anschauliche Vorgänge überall. Nehmen wir ein
typisches Design-Objekt wie einen Kugelschreiber. Der mußte zunächst einmal
erfunden werden: Alles beginnt mit einer Mine, an deren Spitze eine winzige Kugel
eingesetzt ist, das Ganze eingefügt in einen haltgebenden Schaft.
In einer platonischen Welt wäre der Urkugelschreiber auch schon der endgültige
Kugelschreiber, denn nach ihm könnte nichts Besseres mehr folgen. Aus moderner
Sicht stellt sich die Sache anders dar, und wir wundern uns gar nicht, daß die Welt
überschwemmt wird mit tausenden von Varianten der Kugelschreiberidee –
Variationen, die zum Teil doch mehr sind als bloße Abwandlungen des Archetypus;
sie stellen hin und wieder echte Optimierungen oder Weiterentwicklungen dar.
Solche Verbesserungen betreffen zum Beispiel den Clip, der bei manchen Modellen
versenkbar ist, so daß man sich den besten Anzug nicht mehr versaut, auch wenn
man vergißt, die Mine zurückzufahren.
Aber hat es Sinn, hierbei von Fortschritt zu reden? An dem Kuli-Beispiel kann man
ganz gut zeigen, daß es nicht möglich ist, den Anfangsfortschritt, also den
konzeptionellen und technischen Sprung, der sich bei der Ersterfindung des
Kugelschreibers vollzogen hat, mit der ganzen Wucht des Zum-ersten-Mal zu
wiederholen. Es ist nicht möglich, das Objekt wirklich ein zweites Mal zu erfinden.
Hingegen kann man den Grundgedanken unendlich oft und geistreich variieren –
und das genügt in der Regel, um das Gefühl zu wecken, daß der Horizont offen sei.
Wir legen Wert auf die Feststellung, daß Mikrooptimierungen ständig möglich
bleiben. Vielleicht ist das die eigentliche Gangart des Fortschritts.
Überall dort, wo die Modelle weitgehend perfektioniert sind, tritt ein gewisser
Stillstand auf, der sich nur ästhetisch überspielen lässt – man denke an die
Automobilindustrie, die ganz gewiß über ein weitgehend zu Ende gedachtes Produkt
verfügt. Man kann zwar weiter Mikroninnovationen akkumulieren, etwa den
einklappbaren Außen-
spiegel, und
diese als Revolutionen feiern, aber jedermann ist klar, daß es über das schon sehr
Gute hinaus keine wirkliche Verbesserung geben kann. Es dürfte inzwischen
feststehen, daß der Begriff Fortschritt eine naive Bewegungsmetapher ist, die sich
nur in der Anlaufphase der Industriegesellschaft teilweise bewährt hat. Für diese
Übergangszeit war der Begriff des Fortschritts eine nützliche, fast unentbehrliche
Pilotmetapher, weil er denen, die diesen Übergang vollzogen haben, geholfen hat zu
glauben, sie führen mit einem progressiven Fahrzeug in die richtige Richtung. Die
Konservativen teilten übrigens diesen Glauben nie und haben sich daher von Anfang
an über den Begriff des Fortschritts mokiert.

Wer sind diese Konservativen?


Konservative sind zum Beispiel die christlichen Antimodernisten, die religiösen
Fundamentalisten, die Liebhaber der klassischen Metaphysik und die Besitzer
erlesener Bibliotheken und Weinkeller. Also all die, die an der Metaphysik der
Vollendung festhalten und eher an den Verfall als an die Verbesserung glauben.
Ferner die moralisch Konservativen, die überzeugt bleiben, daß der Mensch schlecht
ist, weswegen man ihn eher zügeln als loslassen soll.

Wie kommt aus Ihrer Sicht die Atemlosigkeit zustande, die mit dem Begriff
des Fortschritts verbunden ist? Warum sind wir nie mit dem zufrieden, was
wir haben?
Wir haben jahrhundertelang ausschließlich die Bewegung des Aufbruchs kultiviert
und die Kultur des Ankommens vernachlässigt. Mit einer Flußmetapher gesprochen:
Im Entspringen sind wir stark, im Münden hingegen ziemlich ungeschickt. Nur in
seltenen Momenten gestatten wir uns Rückfälle ins Vollendungsgefühl – das reicht
nicht aus, um eine Kultur der Mündung auszubilden. Dabei sind die entsprechenden
Szenen jedem gegenwärtig. Sitzen einige progressive Herren in einem wirklich
exzellenten Haute-Cuisine-Restaurant beisammen, vergessen sie für ein paar
Augenblicke den Fortschritt und begreifen, daß jetzt Vollendung angesagt ist. Sie
loben, was sie auf dem Teller haben, so überschwenglich, daß man begreift: Diese
Leute brechen nicht auf, sie sind angekommen. Fast überall sonst vermeidet man
es, am Ziel zu sein. Man lebt gewohnheitsmäßig in der Aufbruchs-automatik.
Die wenigen bekennenden Angekommenen von heute, die seltenen Genießenden,
die Leute in der Mündung des Stroms sind vielleicht Vorboten einer künftigen
Zivilisation.
Wir verstehen solche Figuren noch nicht sehr gut, denn sie scheinen das heilige
Feuer der Unzufriedenheit nicht mehr zu spüren, aus dem der ursprüngliche
Fortschritt kam. Ich denke, dies wird sich mit den Jahrzehnten ändern. Am Beginn
des 21. Jahrhunderts sind unsere Erfahrungen mit der Innovationsdynamik der Welt
so komplex geworden, daß wir mit einer progressistischen Sprache allein unsere
Erfahrungen nicht mehr angemessen ausdrücken können. Deswegen ist neben die
gewöhnliche Rhetorik des Fortschritts eine Rhetorik der Mündung zu setzen. Man
wird früher oder später den Stillstand auf hohem Niveau als äußerst wertvolles Gut
begreifen, auch wenn das gewissen zur Dynamik verdammten Unternehmern fürs
erste die Haare zu Berge stehen läßt. Aber auch sie sind nicht völlig in Sicherheit
vor der subversiven Einsicht, daß sie in manchen Dingen, vielleicht den wichtigsten,
längst am Ziel sind.

Ist der Zustand des Angekommenseins ein Zustand des Glücks?


Ich erinnere an die berühmte Metapher von Thomas Hobbes, nach der das Leben
ein Wettrennen bedeutet: Ständig überholt zu werden, ist Unglück, ständig andere
zu überholen, ist Glück, sagt der Philosoph. Für diejenigen hingegen, die im
Mündungsbereich stehen, hören das Überholen und Überholtwerden auf, weil solche
Bewegungen nur am Anfang einer Optimierungsreihe sinnvoll sind und ihren Zweck
verlieren, wenn man die Lösung gefunden hat.

Kann die westliche Kultur in diesen Fragen von anderen Kulturen lernen?
Die meisten Angehörigen der westlichen Welt gehen davon aus, daß die übrige Welt
von ihr lernen muß und nicht umgekehrt. Dabei könnten wir sehr viel von den
nicht-westlichen Kulturen lernen: eine andere Einstellung zum Glück, zum Tod, zu
den einfachen, den elementaren Dingen. Mir scheint, es ist ein ernstes Symptom,
daß bei uns die einfachen Dinge jetzt als ein Luxus zweiter Ordnung
wiedereingeführt werden.
Es gibt ein Heimweh nach der Armut, so seltsam das klingt, und zwar um der
elementaren Dinge willen, die mit den ärmeren Verhältnissen verbunden sein
können. Es manifestiert sich bei uns ein Überdruß am Reichtum und an der Vielzahl
der Optionen, mit denen wir uns ständig zu beschäftigen haben. Darum
interessieren sich so viele westliche Menschen jetzt für die Lebensweisen von
Kulturen, die erst vor dem Übergang zum Reichtum stehen. Ob wir allerdings
wirklich daraus etwas lernen können, halte ich für fraglich. Von jemandem etwas zu
lernen, heißt ja letztlich, mit ihm tauschen zu wollen und ihn als Vorbild zu nehmen.
Soweit gehen die westlichen Interessenten üblicherweise nicht. Eher wollen sie
zusätzlich zu den eigenen Vorteilen auch die anderen hinzuhaben.

Das Gespräch führte M. Walid Nakschbandi

Das Interview ist die gekürzte Fassung eines Gesprächs, das der Autor für das von
Utz Claassen und Jürgen Hogrefe herausgegebene Buch „Das neue Denken – das
Neue denken“ geführt hat.
Ausdruck von http://www.cicero.de/97.php?ress_id= 7&item= 850

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