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Karlheinz Schweitzer

Wortschönheiten

Da haben wir es nun! Quasi amtlich. Man sollte das Wort


mit bunten Fäden auf Stoff sticken und eingerahmt über
das Sofa hängen. Im 17. Jahrhundert trat es das Erbe eines
ausgestorbenen Wortes an, entwickelte sich zum
Pluraletantum und wurde nun zur Wortschönheit der
deutschen Sprache gekürt.
Ebenso gut könne man fragen, welches der schönste Ton
eines Klaviers sei, sträubte sich Kosztolányi zunächst, die
zehn schönsten Worte der ungarischen Sprache
aufzulisten. Das Schönheitsempfinden hänge unter
anderem von unserer momentanen Seelenverfassung ab,
begründete er seine Entscheidung. Dem französischen
Dichter Paul Valéry gelang die Auswahl von zehn Worten
scheinbar mühelos: pur, jour, or, lac, pic... Nachdem er die
französische Liste studiert hatte, zögerte auch Kosztolányi
nicht mehr und verkündete: láng, gyöngy, anya, ősz, szűz,
kard, csók, vér, szív, sír. (Flamme, Perle, Mutter, Herbst,
Jungfrau, Schwert, Kuss, Blut, Herz, Grab)
Der Deutsche Sprachrat erließ einen Aufruf, das schönste
deutsche Wort zu ermitteln und mehr als zwanzigtausend
Menschen aus aller Herren Länder beteiligten sich an der
Suche. Den Sieg trug das Wort "Habseligkeiten" davon.
Entscheidend war nicht, wie die Häufigkeit der Nennung,
sondern die Begründung. Schauen wir uns also die
Erklärung der Preisträgerin an: „Das Wort bezeichnet
nicht den Besitz, nicht das Vermögen eines Menschen,
wohl aber seine Besitztümer, und es tut dies mit einem
freundlich mitleidigen Unterton, der uns den Eigentümer
dieser Dinge sympathisch und liebenswert erscheinen
läßt.“
In Habseligkeiten vereinige sich daher der Gegensatz des
menschlichen Strebens nach Besitz mit dem
unerreichbaren Ziel der Seligkeit.
Dass die Endung „–selig“ etwas mit der Seligkeit zutun
hat, muss in das sumpfige Reich der Volketymologie
verwiesen werden. Es ist schlichtweg eine alte Endung,
mit der Adjektive aus Substantiven gebildet wurden, die
auf „–sal“ endeten. Wie armselig, aus Armsal, dem
mittelhochdeutschen Wort für Elend, oder Mühsal,
mühselig. Niemand würde im Ernst annehmen, dass man
es mit der Seligkeit der Mühen zu tun habe.
Auch gegen die Besitztümer muss Einspruch erhoben
werden, denn mit diesem Wort bezeichnet man größere
Landgüter. Von wegen Habseligkeiten...
Gut, die Begründung sprach von Poesie und nicht von
Sprachwissenschaft. Über Geschmack lässt sich auch
trefflich streiten, über die seelische Verfassung der Jury
jedoch ziemt es sich nicht öffentlich zu spekulieren.
Die Würfel sind gefallen. Habt das Wörtchen also selig!