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Handelsblatt Nr. 116 vom 18.06.

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18.06.2008

International

Wie das teure Öl die Welt aus den Angeln hebt HOHE ENERGIEKOSTEN zwingen Politik
und Gesellschaft, ihr Verhalten anzupassen. Während die Industriestaaten an Boden
verlieren, wachsen am Golf märchenhafte Reichtümer.

Die neuen Reichen drängen an die Macht

Vom Boom profitieren die Bösen, die Guten verlieren

Anlagen:
Zeitungsseite
Anlage PDFHB20080618006.pdf
GEORG WATZLAWEK | DÜSSELDORF Verschwörungstheoretikern bietet der Welt-Ölatlas
viel Material: Warum sind es die autoritären Regime dieser Welt, die auf
großzügigen Vorräten an Öl, Gas und anderen lukrativen Rohstoffen sitzen? Warum
sind die Demokratien so stark auf die Lieferungen eben dieser Despoten angewiesen?
Die Frage ist brisant - weil der Ölboom zu einem gigantischen Wohlfahrtstransfer
führt und die Machtbalance des Globus verändert.

Tatsächlich profitieren nicht nur die traditionellen Ölstaaten am Golf vom


Energieboom - sondern mehr oder weniger suspekte Länder rund um den Globus:
Linkspopulistische Regierungen wie die von Hugo Chavez in Venezuela, islamistische
Staaten wie Iran oder autoritäre Staaten in Afrika, Zentralasien und eben auch
Russland. Diese Ölstaaten sind tendenziell instabil, unberechenbar - und
fürchterlich reich. Ihre zum Teil erratischen Ankündigungen treiben den Ölkurs
immer mal wieder auf Höchststände.

Basis der neuen Weltordnung sind die Ölreserven - die durch den Boom gewaltig an
Wert gewinnen. Bei einem Preis von 200 Dollar je Fass wären die gesicherten
Ölvorräte der Golfregion 95 Billionen Dollar wert - genug, um alle börsennotierten
Unternehmen dieser Welt zu kaufen, errechnete Morgan Stanley. Bereits beim Preis
von gut 130 Dollar findet jedes Jahr ein Wohlstandtransfer von zwei Billionen
Dollar zwischen den Nettoimporteuren (also uns) und den Nettoexporteuren (den
Suspekten) statt. Ein Teil fließt in Form von Aufträgen an die deutsche Industrie
zurück, aber durch die anziehende Inflation und Wachstumsverluste zahlen wir
drauf.

Damit verbunden ist ein Machttransfer. Nicht die großen Industrienationen, sondern
die Rohstoffanbieter geben zunehmend den Ton an. Das spiegelt sich im aktuellen
Krisenmanagement: Das G8-Finanzminister-Treffen blieb bedeutungslos, nun hoffen
alle auf den Energiegipfel der Saudis am nächsten Wochenende.

Dabei zeigt sich die neue Machtkonstellation auf verschiedenen Ebenen. Die
Industriestaaten hängen nicht nur von den Energielieferungen ab, sondern indirekt
auch vom Kapital der Ölstaaten - das diese über die Staatsfonds in westlichen
Unternehmen investieren. Zudem verlieren die Industriestaaten an Gestaltungsmacht.
Zum Beispiel in Iran - das sich durch seine Bedeutung für den Ölmarkt politisch
und militärisch unantastbar fühlt. Oder in der Wirtschaftspolitik: Trieb einst der
IWF marktwirtschaftliche Reformen in aller Welt voran, so sind es heute die
lateinamerikanische "Bank des Südens" oder direkt Hugo Chavez, die den Ton
angeben.