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Der letzte Sieg der Tiroler 1809 – 18. bis 22.

November in Sankt Leonhard im Passeier


von Gian Marzoli, Berni Pfeifer und Albin Pixner - zusammengefasst von Paul Lampl

Ü
ber einer Gedenkstätte in St. Leonhard im hinters- gen auch mit den Gewehrkol- Soldaten, 30 Offiziere und 22 Tiroler (nur einer ist von
ten Passeiertal weht die Tricolore Frankreichs. ben zu, wäh- rend die Franzo- St. Leonhard). Viele Franzosen und auch Tiroler wur-
Diese Stätte wird „Franzosenfriedhof“ genannt. sen sich mit den Bajonetten den verwundet.
verteidigten. Die Belagerer Hofer in einer „offenen Ordre“: „An die löbliche Ge-
Was lässt sich historisch erhielten Hil- fe und eröffneten meinde Mais, Schenna. Einen neuen Beweis des Gött-
über diesen Friedhof sagen? lichen Beistandes seht ihr jetzt in Passayer, wo der
Feind, auf eine leichte Art, bey größter Verwirrung
G. P. Marzoli aus Meran, ein emeritierter Chi- unseren Truppen, in der Zahl über 1000 Mann, sich
rurg, erforschte dessen Geschichte, weil dieser gefangen gegeben haben“.
Ort seit 1809 von den Einheimischen pietätvoll Sant i. Passeyer. 22.11.09
gepflegt wird. Das Französische Generalkonsu-
lat in Mailand überweist alljährlich zur Pflege Bitteres Ende
und Erhaltung des Friedhofs einen G e l d b e t r a g
und gedenkt damit der gefallenen Schon am 23. November
Landsleute im Tiroler Freiheits- stieg eine weitere Kolonne
kampf. von 2.000 französischen Sol-
daten unter dem Kommando
Letzte Kampfhandlungen des Generals J. Barbou De-
sconniers vom Jaufen herab.
Vom 17. auf den 18. November Die Nachricht davon verbrei-
1809 marschierten 1500 Franzo- tete sich in Windeseile im
sen unter Major Dorelli (größten- Passeiertal. Die Bewohner
teils wohl Bayern und andere Ver- verließen ihre Dörfer. Aus
bündete Napoleons) über den Jaufenpass in Richtung mit einer Kanone, die sie den Franzosen bei Sinich na- dem Sandwirtshaus brachten die Tiroler die Beute in
Meran. Sie sollten sich den Truppen des Generals S. he Meran abgenommen hatten, erneut das Feuer. Aus Sicherheit. Hofer verließ den Sandhof und nahm in der
B. Rusca anschließen. Die Schützen hielten die Durch- Meran kam auch Pater Haspinger herbei. Im „Strick- Kellerlahn Zuflucht. Am 24. November rückte Barbou
marschierenden aber auf und dabei kam es bis zum 22. lerhaus“ hatten zwei Dutzend Franzosen Zuflucht ge- von St. Leonhard ab und ließ eine Abteilung zurück, die
November zu erbitterten Kämpfen. sucht. Sie schossen aus allen Fenstern. Alle Versuche beauftragt war, die Waffen zu sammeln.
Die Franzosen machten in Walten Halt, wo sie über- der Tiroler, dieses Haus zu stürmen, wurden vereitelt.
nachteten. Um 4 Uhr in der Früh läuteten in St. Leon- Laner befahl J. Thurnwalder, ins Haus einzudringen Franzosenfriedhof
hard die Sturmglocken. Darauf sammelten sich 70 bis und die Kapitulation der Franzosen zu fordern. Dieser
200 Schützen unter der Führung J. Holzknechts, des lief mit gezücktem Schwert (er war Offizier) auf das Bisher war man der Meinung, dass die Franzosen
Stroblwirts, und G. Laners, des Salzträgers Jörgl. Sie Haus zu, trat in die Stube ein, doch da starrten ihm drei auf einem eigenen „Franzosenfriedhof“ in Passernähe
stiegen in Richtung Walten auf und warteten in einem schießende Gewehrläufe entgegen. Eine Kugel durch- begraben worden wären. Dort haben 1959 die Schüt-
Hinterhalt. Gleichzeitig schickte Laner einen Boten zu löcherte seinen Hut. Da floh er über den Söller. zen eine Tafel angebracht, auf der es heißt, dass hier
Pferd auf den Tschöggelberg, wo sich die drei Schüt- Laner wollte, dass er es noch einmal versuchte. Ein 200 Franzosen sowie 30 Offiziere begraben sind. Die
zenkompanien des Tales befanden, die von der Höhe zweiter Sturmversuch veranlasste einen Offizier, die Quelle dieser Information ist unbekannt. 2007 wurden
aus den Rückzug des Generals Rusca gegen Bozen Kapitulation anzubieten, wenn die Tiroler versprechen Grabungen durchgeführt, die bestätigen, dass nur zwei
verfolgten. Die Franzosen ließen eine schwache Kom- würden, sie nicht zu misshandeln. Hofer kehrte inzwi- russische Soldaten an diesem Ort begraben sind. Nach
panie in Walten zurück und verließen das Dorf in den schen zum Sandhof zurück. In einem Brief nennt er Aufzeichnungen des Johann Thurnwalder wurden die
ersten Stunden des 18. November und stiegen Mann für diese Kämpfe „eine Affäre Passeirer am Ortsfriedhof begraben und die Franzosen
Mann, staffelweise getrennt, im Abstand von ungefähr in Passeier“. dort, wo sie im Kampf starben, verscharrt. Das Grund-
einer Viertelstunde ins Tal hinab. stück des heutigen Franzosenfriedhofs wurde bereits
Zweimal wurden die Franzosen von den 1763 angelegt, um bei einem Ausbruch einer Epidemie
Tirolern angegriffen. Das erste Mal in der (Pest, Cholera,…) einen Platz für die vielen
Hochkehre. Hier, wo der Steig besonders Verstorbenen zu haben. Er scheint in den Ur-
schmal und ausgesetzt ist, ließ man un- kunden als „Freythof Wiß“ auf, also geraume
ter dem Gewehrfeuer Felsbrocken auf sie Zeit vor den Freiheitskriegen. Dass dort kei-
hinunter. Sie beklagten Tote, Verwundete ne Franzosen begraben sind ist wohl deshalb
und mehrere wurden gefangen genommen. so, weil das Grundstück dem Schwarzadler-
Doch die Truppe der Franzosen hielt nicht wirt und damit einem Privaten gehörte, der
an, sondern stieg eilends nach St. Leonhard die Wiese mähte und wahrscheinlich auch
ab. Gegen Mittag besetzten sie die größeren (Fotos: B. Pfeifer) die Beerdigung der Franzosen nicht zuließ,
Häuser, die Kirche, den Turm und die be- da er in der Schlussphase des Freiheitskamp-
nachbarten Anhöhen. Die Tiroler waren zu fes ohnehin ein Gegner weiterer Aufstände
Kapitulation
schwach, um ernsthaft Widerstand zu lei- war.
sten. Am 20. November ersuchten die Franzosen um frei- 1913 gibt es in einer Wiener Zeitung den Hinweis,
Später trennten sich die Franzosen. Während es Do- en Abzug. Hofer lehnte ab. Auf seinen Befehl hin stürz- dass dieser Friedhof restauriert werden sollte, weil al-
relli vorzog in St. Leonhard zu bleiben, verließ Klipp- te sich J. Öttl, „der große Schwarze“, ein wahrer Riese, te Leute sagten, dort seien Franzosen begraben. Wegen
feld mit seinem Bataillon das Dorf und zog talwärts. gegen die von innen versperrte Tür eines Hauses und des Ersten Weltkrieges unterblieb dann die Restaurie-
Doch auf den Gandöllwiesen stieß er auf das Gewehr- ein wilder Kampf brach los. Zimmer für Zimmer wurde rung. Diese Vermutungen haben dann wohl zur An-
feuer der Schützen. In der Überzeugung, eine große erobert, bis die Franzosen aufgaben. bringung der Tafel unter Sepp Doná 1959 geführt. In-
Schar von Feinden vor sich zu haben, zog Klippfeld Am 22. November sahen sich die Franzosen in ei- teressant ist der Hinweis, der sich in den Schriften des
sich zurück und besetzte die Höfe Happerg und Kol- ner ausweglosen Situation, weil sie in der Kirche und Johann Thurnwalder fand, dass „Alle todte Bauern in
ber. Für einen Augenblick entstand eine Pattsituation. im Friedhof eingeschlossen waren. Ohne Lebensmittel, St. Leonhard wurden im Kirchhof begraben, alle Fran-
Die Franzosen hatten sich im Dorf verschanzt und die ohne Munition und ohne Wasserzufuhr konnten sie sich zosen, wo sie lagen eingescharrt, so abergläubisch war
Tiroler behinderten ihre Bewegungsfreiheit. Später er- nicht mehr halten. Da die Tiroler nun mit zwei Kano- man“. Auch vom Küchlberg weiß man, dass die Fran-
zwangen die Schützen durch Beschuss den Rückzug nen zu schießen begannen, boten sie die bedingungslo- zosen an Ort und Stelle eingegraben wurden.
der Franzosen von den Höfen der Umgebung. se Kapitulation an. Dennoch blieb dieser Ort als Gedenkstätte an die
Nach der Kapitulation verließen die Tiroler die Stät- Freiheitskriege erhalten.
Hilfe in der Not te des Geschehens und zogen sich zum Teil physisch
und psychisch erschöpft nach Hause zurück. Weil es Dr. Werner Graf aus St. Leonhard hat in seinem Buch
In der Nacht kamen drei Schützenkompanien des Ta- unmöglich war, alle Gefangenen im Passeiertal zu be- „Andreas Hofer und die Passeirer 1809“ die neuesten
les herbei, denen sich die Schützen von Schenna, Tirol, halten, beauftragte Hofer Pater Haspinger, die Marsch- Erkenntnisse über die Kämpfe und die Gefallenen auf-
Kuens und Riffian anschlossen. Am 19. November in fähigen in den Vinschgau zu beordern. Pater Haspinger gezeichnet.
der Früh begann der Kampf erneut. Die Tiroler drangen verabschiedete sich von Hofer - sie sahen einander zum
Quellen:
in das Dorf ein. Die Franzosen zogen sich aber in die letzten Mal - und führte die Franzosen fort, die von we-
Albin Pixner, Obmann des MuseumPasseier, Veröffentli-
größeren Häuser zurück, die sie wie Bunker benützten nigen Tirolern bewacht wurden. chung in der Monatszeitschrift „Der Schlern“ von Gian
und aus den Fenstern schossen. Es war ein ungleicher Marzoli
Kampf. Da und dort griffen mit wilder Hartnäckigkeit Opferbilanz
die Tiroler bald dieses, bald jenes Haus an, in denen die OStR. Mag. Paul Lampl ist Prof. i. P. der ehemaligen
Franzosen verschanzt waren. Entfesselte Tiroler schlu- Bei diesen Kämpfen starben etwa 200 französische Pädagogischen Akademie des Bundes in Tirol.

Herausgegeben vom Bund der Tiroler Schützenkompanien - Innsbruck. Redaktion: EMjr. Karl Pertl, Völs. Herstellung: dtp Tyrol, Klaus Leitner, Innsbruck.
Rückblick auf das Gedächtnisjahr 2009 im Bundesland Tirol
Teil 1 - Von Otto Sarnthein

Gedenkfeier 20. Feber he zum Gedenkjahr 2009


Bergisel „Glaube und Heimat“.
Diese Veranstaltungsreihe
Das 200-jährige Geden- wurde von der Diözese
ken an die Tiroler Frei- Innsbruck, den katholi-
heitskämpfe von 1809 be- schen Bildungswerken
gann für uns Schützen am von Tirol und Salzburg
20. Feber 2009 mit einer (für den Tiroler Teil der
feierlichen Kranznieder- Erzdiözese Salzburg) und
legung am Andreas-Ho- dem BTSK durchgeführt.
fer-Denkmal am Bergisel Insgesamt fanden 106
und einem anschließen- Veranstaltungen statt, und
den Pontifikalamt in der zwar 85 in der Diözese
Hofkirche in Innsbruck in Innsbruck und 21 im Ti-
Anwesenheit der Landes- roler Teil der Erzdiözese
hauptleute, der Landes- Salzburg. Involviert wa-
kommandanten und zahl- ren dabei 160 Schützen-
reicher Ehrengäste aus kompanien und 145 Pfar-
dem historischen Tirol. ren; die Gesamtteilneh-
merInnenzahl betrug er-
Bundes- und Festver- freuliche 7.412 Personen.
sammlung des BTSK Erzbischof Kothgas-
ser, die Bischöfe Scheu-
Die Dogana des Inns- er, Stecher und Laun, die
brucker Congresshauses Generalvikare Hofer und
bot den würdigen Rah- Bürgler, die Äbte Erd und
men für die Bundes- und Schreier sowie weitere
Festversammlung des Die Dogana des Innsbrucker Congresshauses bot den würdigen Rahmen für die Bundes- und Festversammlung zahlreiche Persönlichkei-
BTSK am 26. April. Im des BTSK am 26. April. (Fotos: M. Wedermann) ten stellten sich als Vor-
Anschluss an die Bundesversammlung und den Fest- ren des BTSK ernannt und Obm. Dr. Hermann Eben- tragende zur Verfügung und gaben damit dieser Veran-
gottesdienst, der von Bischof Dr. Manfred Scheuer bichler mit der Silbernen Verdienstmedaille des BTSK staltungsreihe nicht nur einen besonderen Inhalt. Ein
gemeinsam mit den Prälaten Prof. Dr. Johann Paar- ausgezeichnet. Abschließend erfolgte vor der Hofburg besonderer Dank gilt der Initiatorin, Seelsorgeamtslei-
hammer (Erzdiözese Salzburg) und Abt Mag. Raimund der Landesübliche Empfang mit der Ehrenkompanie terin Mag. Elisabeth Rathgeb und ihren MitarbeiterIn-
Schreier (Stift Wilten) sowie dem Landeskuraten Msgr. Axams und der Marsch der rund 1.000 Teilnehmer nen.
Josef Haselwanner zelebriert wurde, erfolgte als Bei- durch die Altstadt mit der Defilierung am Rennweg.
trag der Tiroler Schützen zum Gedächtnisjahr die feier- Herz-Jesu-Prozessionen
liche Unterzeichnung des Allianzvertrages. Darin ver- Landesschießen
pflichten sich die Kompanien des BTSK gegenüber den Am Herz Jesu Sonntag (21. Juni) wurden unter dem
Bischöfen und den Gemeinden des Bundeslandes Tirol Um die Zusammenarbeit mit dem Tiroler Schüt- Motto „im Glauben verbunden“ in allen Gemeinden die
- in Beachtung der Grundsätze des Tiroler Schützenwe- zenbund und dem Südtiroler Sportschützenverband zu Herz-Jesu-Prozessionen oder -Andachten abgehalten.
sens - für kirchliche, soziale und kulturelle Belange in fördern, wurde mit den Gilden in allen Bezirken der Als Grundlage hiefür diente ein von den Bischöfen des
den Gemeinden Tirols zur Verfügung zu stehen und ihre Landesteile auf KK-Ständen ein gemeinsames Landes- historischen Tirols gemeinsam verfasster Hirtenbrief.
Hilfe anzubieten – soweit es ihnen neben der Erfüllung schießen organisiert. Die Eröffnung erfolgte traditionell Gleichzeitig fand mit der Herz-Jesu-Prozession in Bo-
ihrer sonstigen Aufgaben möglich ist. am 29. Mai am Bergisel, dem Tag der zweiten Bergi- zen der kirchliche Höhepunkt des Gedenkjahres statt.
Dieser Vertrag wurde von Bischof Dr. Scheuer (Diö- selschlacht von 1809 (Ehrenkompanie Wilten). Das im In Anwesenheit von Erzbischof Kothgasser - Salzburg,
zese Innsbruck), Prälat Dr. Paarhammer (Erzdiözese Juni durchgeführte Landesschießen war leider von ver- Erzbischof Bressan - Trient, Bischof Scheuer - Inns-
Salzburg), Bgm. Schöpf (Tiroler Gemeindeverband) schiedenen Pannen geprägt, die sich für das beabsich- bruck und Bischof Golser - Bozen/Brixen, der Äbte
und Landeskdt. Dr. Sarnthein (BTSK) unterzeichnet. tigte kameradschaftliche Zusammenrücken zwischen der Hochstifte von Stams, Wilten, Georgenberg/Fiecht,
Musikalisch umrahmt wurde die Festveranstaltung von den Schützenbünden und den Gilden nicht nützlich Neustift und Marienberg, der Landeshauptleute sowie
der BMK Matrei-Mühlbachl-Pfons sowie vom Chor erwiesen. Den feierlichen Abschluss organisierte Mjr. der Landtagspräsidenten und Mitglieder der Landtage
Vocappella. Hubert Straudi am 31. Oktober in St. Leonhard im Pas- beteiligten sich mit der Bundesleitung über dreitausend
Als äußeres Zeichen der Verbundenheit zu den an- seier. Gläubige an dieser eindrucksvollen Prozession.
deren Schützenbünden sowie zum Tiroler Blasmusik-
verband wurden der Landeshptm. der Bayerischen Ge- „Glaube und Heimat“ Gedenktag 3. Bergiselschlacht 13. August
birgsschützenkompanien Karl Steininger und der ehem.
stv. Landeskdt. des SSB Hans Graber zu Ehrenmajo- Ein voller Erfolg hingegen war die Veranstaltungsrei- Anlässlich des Gedenktages an die 3. Bergisel-
schlacht am 13. August 1809 feierte das Militärkom-
mando Tirol seinen 43. Traditionstag gemeinsam mit
einer gemischten Ehrenformation der Kompanien Wil-
ten und Meran am Eduard Wallnöfer Platz vor dem
Landhaus in Innsbruck. In Anwesenheit des Gardere-
giments aus Wien, der Traditionsverbände und zahlrei-
cher Ehrengäste legten zu diesem Anlass 350 im Juli
2009 einberufene Präsenzdiener des Österr. Bundeshee-
res den feierlichen Treueeid ab.

Hoher Frauentag

Die Ehrung verdienter Bürgerinnen und Bürger am


Hohen Frauentag durch die Landeshauptleute von Ti-
rol und Südtirol fand in besonders feierlicher Form im
Congress statt.
Zuvor gab es einen Landesüblichen Empfang vor der
Hofburg mit der Ehrenkompanie Elbigenalp und einen
Festgottesdienst in der Jesuitenkirche.

(Fortsetzung siehe Rückseite Kalenderblatt März!)

Vor der Hofburg erfolgte der Landesübliche Empfang mit der HR Dr. Otto Sarnthein ist seit 1993 Kommandant des
Ehrenkompanie „Georg Bucher“ Axams. Bataillons Wipptal und seit 1999 Landeskommandant
des Bundes der Tiroler Schützenkompanien.

Herausgegeben vom Bund der Tiroler Schützenkompanien - Innsbruck. Redaktion: EMjr. Karl Pertl, Völs. Herstellung: dtp Tyrol, Klaus Leitner, Innsbruck.
Die deutschen Sprachinseln im Trentino
Von Hugo Penz

D
ie deutschen Sprach- der Fraktion San Sebastiano erloschen.
inseln am Südrand der Diese gehört zur Gemeinde Folgaria,
Alpen haben frühzeitig wo heute noch eine Schützenkompanie
das Interesse der Forschung die Erinnerung an das alte Tirol hoch-
erweckt, wobei für die Erklä- hält. Seither gibt es im Trentino mit
rung ihrer Entstehung zahlrei- dem deutschen Fersental und der Ge-
che, teilweise abenteuerliche, meinde Lusern nur noch zwei Sprach-
stark vom Zeitgeist geprägte inseln, in denen rund 1.000 Personen
Hypothesen entwickelt wur- die alten deutschen Dialekte noch ver-
den. stehen.

Zur Entstehung der


Sprachinseln Gegenwärtige Entwicklungs-
tendenzen im Fersental
Die Bewohner der „Sieben und in Lusern
Gemeinden“ (Sette Comuni)
galten bereits im Spätmit- Im Fersental und in der Gemeinde
telalter als „Zimbern“. Der Lusern konnte sich das Deutschtum in-
dort und in Lusern (Luserna) folge der peripheren Lage und der Sai-
gesprochene alte deutsche sonarbeit bis in die Gegenwart halten.
Um 1900 ist die deutsche Sprache auch in der Fraktion San Sebastiano erloschen. Diese gehört zur Gemeinde
Dialekt wird heute noch als Während die Frauen und Kinder das
Folgaria (Vielgereuth), wo heute noch eine Schützenkompanie die Erinnerung an das alte Tirol hochhält. Seit-
„zimbrisch“ bezeichnet und her gibt es im Trentino mit dem deutschen Fersental und der Gemeinde Lusern nur noch zwei Sprachinseln. ganze Jahr zu Hause blieben, zogen
viele Bewohner sind über- (Foto: M. Dalprà) die Fersentaler Männer seit dem 17. Jh.
zeugt, sie würden von diesen als Hausierer in die Fremde und belie-
in der Schlacht bei Vercelli (101 v. Chr.) von Römern terstanden war, wurde erst um 1300 unter der Anlei- ferten die Südtiroler Bergbauernhöfe bis in die 1970er
geschlagenen Germanen abstammen. Andere haltlose tung der Herren von Schenna, die als Hauptleute der Jahre mit Stoffen und Kurzwaren. Die Luserner ver-
Hypothesen führen das Deutschtum auf die Goten und Grafen von Tirol auf der Burg Pergine saßen, durch dingten sich hingegen während der Sommermonate als
Langobarden zurück. Obwohl die sprachwissenschaft- Kolonisten aus dem Burggrafenamt erschlossen. Als Maurer und arbeiteten vorwiegend in deutschsprachi-
lichen Befunde dagegen sprechen, werden diese An- letzte der Sprachinseln entstand das Dorf Lusern (Lu- gen Gebieten, nach dem II. Weltkrieg vor allem in der
sichten noch häufig in den Medien vertreten. Bereits in serna) im 15. Jahrhundert, als Bauern aus dem damals Schweiz. Infolge des Berliner Abkommens (1939), das
der ersten Hälfte des 19. Jh. erkannte der Verfasser des gemischtsprachigen Val d’Astico ihre Almen in Dauer- auch für die Sprachinseln galt, mussten viele im Rah-
„Bayerischen Wörterbuches“, Johann Andreas Schmel- siedlungen umwandelten. Alle deutschen Sprachinseln men der „Option“ die Heimat verlassen, wurden nach
ler (1785–1852), dass in den „Sieben und Dreizehn liegen östlich der Etsch, im westlichen Trentino hat das Südböhmen umgesiedelt und von dort 1945 wieder ver-
Gemeinden“ tirolisch-bairische Mundarten gesprochen Deutschtum hingegen nie eine Rolle gespielt. trieben. Von diesen kehrten nur wenige nach Hause zu-
werden. 1925 bestätigte der österreichische Germanist rück, die Restlichen sind in Österreich geblieben.
Eberhard Kranzmayer in seiner Dissertation diesen Als es nach 1970 im Trentino zu einem beachtlichen
Befund. Zum gleichen Ergebnis kam Maria Hornung, Der Rückgang der deutschen Besiedlung im Wirtschaftsaufschwung kam, wanderten immer mehr
welche sich in den letzten Jahrzehnten intensiv mit den Verlauf der Neuzeit Junge aus den Sprachinseln ab und fanden in den na-
Dialekten und der Volkskunde der Sprachinseln be- he gelegenen Zentren eine Arbeit. Dies führte zu be-
schäftigt hat. In der national eingestellten Literatur wird vielfach trächtlichen Bevölkerungsverlusten, die durch amtliche
behauptet, das gesamte Berggebiet zwischen der Etsch Zahlen nur unvollständig erfasst werden, weil viele mit
Besiedlung durch den deutschen Hochadel und dem Durchbruchstal der Brenta sei am Ende des dem Hauptwohnsitz in der Heimatgemeinde gemeldet
Mittelalters von Deutschen besiedelt gewesen. In den sind, obwohl sie nur die Wochenenden dort verbrin-
Die Besiedlung der deutschen Sprachinseln erfolgte alt besiedelten Haupttälern, dem Etschtal, dem Avisio- gen (Bevölkerungsentwicklung siehe nachstehende
nicht durch die Landnahme eines germanischen Stam- tal, der Valsugana und dem Primiero, haben jedoch seit Tabelle!). Als Folge des zweiten Autonomiestatutes
mes, sondern war in die Kulturlandschaftsentwicklung der Antike Romanen gelebt. Die bairischen Dialekte kam es zu einer verstärkten kulturellen Förderung der
der einzelnen Regionen eingebunden. Daher treten wurden nur in den Hanglagen, in manchen Seitentälern beiden Sprachinseln durch die Provinz Trient. Neben
regionale Unterschiede hervor, die teilweise mit dem und auf den Hochflächen der Lessinischen Alpen ge- dem Kulturinstitut Bersntol Lusérn/Istituto Culturale
Zeitpunkt der Kolonisation zusammenhängen. Nach- sprochen, wobei es auch dort zahlreiche Mischgebiete Mòcheno-Cimbro fördert diese zahlreiche weitere kul-
dem der deutsche König Otto I. der Große die italieni- gegeben hat. turelle Aktivitäten. Der Schulunterricht erfolgt jedoch
sche Königskrone erlangt hatte und 962 zum römischen Das Deutschtum wurde im Verlauf der Neuzeit in in italienischer Sprache. Daneben werden die Schüler
Kaiser gekrönt worden war, suchten er und seine Nach- mehreren Phasen zurückgedrängt. Im 16. und 17. Jh. in der Grundschule in den altbairischen Dialekt (zwei
folger die Herrschaft zu festigen, indem sie die weltli- unterstützten die Kirche und die Tiroler Landesfürs- Wochenstunden) eingeführt und in den zuständigen
che Macht den Bischöfen übertrugen und am Verbin- ten die italienische Sprache aus Furcht, die Deutschen Mittelschulen ist Deutsch die erste Fremdsprache. Am
dungsweg von Deutschland nach Rom treue Gefolgs- könnten sich dem Protestantismus zuwenden. Als Folge stärksten ist der Weiterbestand der Sprachinseln jedoch
leute aus dem deutschen Hochadel als Kirchenfürsten davon verschob sich die Sprachgrenze von der Mün- durch die geringe Wirtschaftskraft der Gemeinden ge-
einsetzten, welche als Herren über die Allmende neue dung des Avisio kapp nördlich von Trient bis nach fährdet, die angehoben werden müsste, um den weni-
Höfe im Waldland anlegen konnten. Auf diese Weise Salurn. Nach 1700 hing der Rückgang mit der gesamt- gen Jungen vor Ort Chancen für die Zukunft zu bieten.
entstanden die „Dreizehn Gemeinden“ (XIII Comu- gesellschaftlichen Entwicklung zusammen. Als die Ei-
ni), die von Verona aus besiedelt wurden, und die vom genversorgung abnahm, verstärkten sich die Handels- Literaturhinweise:
Bischof von Padua gegründeten „Sieben Gemeinden“ beziehungen zu den von Italienern bewohnten zentralen Gorfer, A.: Le valli del Trentino..Guida geografico-storico-
(VII Comuni). Mit dem Aufkommen der städtischen Orten in den Haupttälern. Infolge dieser Kontakte wur- artistico-ambientale. Trentino orientale. Calliano (TN)1977,
Bürgerschaft schwand in der ersten Hälfte des 12. Jh. de die deutsche Bevölkerung in der Nähe dieser grö- 1118 S.
Steinicke, Ernst (Hsg.): Geographischer Exkursionsführer
die Macht der Bischöfe und nach der Niederlage von ßeren Siedlungen zwischen 1600 und 1800 zunehmend
Europaregion Tirol, Südtirol, Trentino. Band 4: Spezi-
Friedrich I. in der Schlacht bei Legnano (1176) setzten assimiliert und konnte sich am längsten in Gebieten mit alexkursionen im Trentino und in Ladinien (=Innsbrucker
sich die Städte endgültig durch. Dadurch kam der Zu- geringen Beziehungen nach außen halten. Als ab dem Geographische Studien 33/4). Innsbruck 2005, 423 S., be-
zug deutscher Siedler in Oberitalien am Ende des 12. 18. Jahrhundert immer mehr Bergbewohner als Saison- sonders Beiträge: Hans Mirtes: Das Fersental S. 157-194;
Jh. zum Erliegen. In das zum Deutschen Reich gehö- arbeiter in die oberitalienische Ebene zogen, verstärkte Hugo Penz: Lusern. S. 125-156.
rende Trentino wanderten hingegen bis in das Spätmit- sich dieser Prozess. Als nach 1850 die Bemühungen
telalter deutsche Kolonisten zu. zum Schutz der altbairischen Dialekte einsetzten, wur- Ao. Prof. Dr. Hugo Penz. Seine räumliche wissenschaft-
Besonders gut ist die deutsche Besiedlung von Fol- den diese nur noch in sehr peripheren Siedlungen ge- liche Spezialisierung drückt die große Verbundenheit
garia, dem deutschen Vielgereuth, durch Urkunden sprochen. Um 1900 ist die deutsche Sprache auch in mit der Region Tirol - Südtirol - Trentino aus.
belegt. Dort ließ der mächtige Fürstbischof von Tri-
ent, Friedrich von Wangen, um 1216 durch die Brüder 1869 1910 1951 1971 1991 2001 2009
Bevölkerungsentwicklung
Odolricus und Henricus aus Posina in der Nähe der
Dreizehn Gemeinden 20 Höfe anlegen. Zur gleichen Palai i. F./Palú 432 402 340 323 221 195 179
Zeit organisierten romanische Adelsgeschlechter die Florutz/Fierozzo 620 681 601 447 437 441 474
Rodung der Hochfläche von Lavarone und von Palai Gereuth/Frassilongo 720 703 638 472 380 357 329
im hintersten Fersental sowie des sonnseitigen Hanges Fersental 1.772 1.786 1.579 1.242 1.038 993 982
zwischen Pergine und Castel Telvana durch deutsche
Lusern/Luserna 649 842 640 561 386 297 299
Bauern. Der schattseitige Florutzer Berg (Fierozzo) im
Fersental, der vorher dem Domkapitel von Trient un- Summe 2.421 2.628 2.219 1.803 1.424 1..290 1.281

Herausgegeben vom Bund der Tiroler Schützenkompanien - Innsbruck. Redaktion: EMjr. Karl Pertl, Völs. Herstellung: dtp Tyrol, Klaus Leitner, Innsbruck.
Rückblick auf das Gedächtnisjahr 2009 im Bundesland Tirol
Teil 2 - Von Otto Sarnthein

(Fortsetzung von Kalenderblatt Januar!) (ca. 115 MusikantInnen) angeführt, wobei die
Marschreihenfolge auf die Einheit und Zusam-
Landesfestumzug mengehörigkeit der Landesteile abgestimmt
war.
Höhepunkt des Gedenkjahres war der Lan- Die offiziellen Gesamtteilnehmerzahlen der
desfestumzug am 20. September in Innsbruck. einzelnen Schützenbünde betrugen: 90 aus
Die im Vorfeld vor allem in den Medien breit- dem ladinischen Teil, 313 vom Welschtiroler
getretenen Störaktionen und Unstimmigkei- Schützenbund , 2.747 vom Südtiroler Schüt-
ten wie: Kosten des Festumzuges, Mittragen zenbund und 9.634 vom Bund der Tiroler
von Dornenkrone und Transparenten oder Be- Schützenkompanien. Der Blasmusikverband
schränkung der Teilnehmer, waren an diesem war mit 3.971 MusikantInnen vertreten.
Wochenende kein Thema mehr. Im Gegenteil Die von den Jungschützen, Ladinern, Süd-
- es herrschte eine derart positive Stimmung, und Welschtirolern mitgetragenen Transparen-
wie sie auch von den Verantwortlichen des ORF Bischof Dr. Manfred Scheuer zelebrierte im Dom St. Jakob zu Innsbruck ein Ponti- te (siehe Schützenzeitung: 33. Jahrgang, Nr. 6)
noch bei keiner Großveranstaltung erlebt wur- fikalamt mit hohen und höchsten Repräsentanten des Bundes und des Landes. unterstrichen den Willen nach Zusammenge-
de. Bei strahlendem Sonnenschein verfolgten hörigkeit und Selbstbestimmung und wurden
sicherlich 90.000 begeisterte Zuschauer den über vier Bundespräsident Fischer meinte: „Tirol ist ein ge- von den Zusehern mit unterschiedlichem Applaus be-
Stunden dauernden Aufmarsch der 26.000 Teinehmer schichtsbewusstes und zukunftsorientiertes Land. Ti- dacht.
von 1.000 Vereinen der Traditionsverbände aus allen rol hat nicht vergessen, was vor 200 Jahren geschehen Ein besonderer Höhepunkt des Festumzuges war die
Landesteilen Tirols, aus den österr. Bundesländern, aus ist, nicht vergessen den Vertrag von Saint Germain und unter der Verantwortung von Hptm. Hermann Pittl mit-
Bayern, Liechtenstein, Belgien, Rumänien und aus den die schändliche Behandlung von Hitler und Mussolini. geführte und mit 2009 Rosen geschmückte Rosenkrone,
Partnerstädten. Heute steht Tirol nördlich und südlich des Brenners auf die abwechselnd von zwei Partien von je 20 Schützen
Bis 350.000 TV-Zuseher verfolgten die Übertragung beiden Beinen. Südtirol kann sich wie bisher auf Öster- aus allen Landesteilen getragen wurde. Große Beach-
aus Innsbruck, allein in Tirol saßen 90.000 vor dem reich verlassen“. tung fand auch die unter der Bewachung der Schildhof-
Fernseher. Rund ein Viertel der Tiroler Bevölkerung hat Unter dem Moto „Unsere Jugend – Unsere Zukunft“ bauern mitgetragene Goldene Kette und der Säbel von
den Festumzug vor Ort oder im Fernsehen mitverfolgt. führten 3.000 Jugendliche aus allen Landesteilen, da- Andreas Hofer.
Es war der größte Transportauftrag in der Geschichte von 898 Jungschützen (778 vom BTSK und 120 vom Die reibungslose Verpflegung der 17.000 Teilneh-
der ÖBB-Postbus GmbH, welcher an einem Tag abge- SSB) mit ihren Betreuern, den Festumzug an und be- merInnen erfolgte anschließend in der Messehalle
wickelt wurde. Über 400 Busse mit Teilnehmern muss- eindruckten nicht nur die weiteren Ehrengäste wie durch die Fa. Piegger. Dazu waren 40.000 Scheiben
ten koordiniert nach Innsbruck kommen, sodass es zu Bundeskanzler Faymann, Vizekanzler Pröll, National- Brot, 4.000 kg Erdäpfel, 30.000 l Getränke und 4.000
keinem Verkehrschaos kam. Dazu wurde ein genaues ratspräsident Graf, Landtagspräs. van Staa, Bgm. Zach kg Bratwurst (aneinandergereiht entspricht dies einer
Verkehrskonzept ausgearbeitet. Es wurden insgesamt (Innsbruck), Bgm. Spagnolli (Bozen), Bischof Scheuer, Länge von fünf km) notwendig.
über 50.000 km mit Bussen zurückgelegt. die Generalvikare, die Äbte der Hochstifte u.v.m. mit Ein besonderer Dank gilt der Protokollabteilung des
Für die An- und Abreise der Teilnehmer waren 22 ihrer Begeisterung und ihren Einlagen. Als sichtbares Landes Tirol unter der Regie von ADir. Herbert Gassler
Sonderzüge erforderlich. Das dafür benötigte Rollmate- Zeichen für eine gemeinsame Zukunft wurden eine von und seinen über 1.500 Helfern für die mustergültige
rial musste zur Gänze in anderen Regionen ausgeliehen 40 Jugendlichen getragene Europafahne und ein Trans- Planung und Abwicklung dieser mehr als gelungenen
werden, da die in Tirol stationierten Wagen und Nah- parent „Wir Jungschützen bauen Tirol“ mitgetragen so- Großveranstaltung.
verkehrszüge für die Beförderung der Besucher benö- wie ein aus 2009 Dahlien zusammengesetzter Tiroler
tigt wurden. Für den Transport der Besucher waren 25 Adler mitgeführt. Schützenwallfahrt
Sonderzüge im Einsatz. Bei weiteren 16 Zügen wurden Der Jugend folgten die Landestrachtenverbände, die
zusätzlich Verstärkungsmaßnahmen geplant. Insgesamt Sängerbünde, der Tiroler Landes- und der Südtiroler An der traditionellen Gesamttiroler Schützenwall-
wurde daher an diesem Tag eine Zusatzleistung von Sportschützenbund, der Kameradschaftsbund, die Blas- fahrt am 2. Sonntag im Oktober in Absam nahmen an
fast 12.000 km auf der Schiene erbracht. Das Angebot musikverbände, Freiheitskämpfer, Kaiserjäger und Kai- die 800 Schützen mit ihren Familien teil. Als besonde-
wurde von etwa 40.000 Besuchern und Teilnehmern ge- serschützen, das Österr. Bundesheer, die Mittelschul- re Geste zu unseren ehemaligen Feinden von 1809 und
nutzt. und Studentenverbindungen sowie die Partisaner- und nunmehr in Freundschaft verbundenen Nachbarn lei-
Nach einem von Bischof Dr. Manfred Scheuer im Landsturmgruppen. tete erstmals ein bayerischer Bischof, der Weihbischof
Dom St. Jakob zu Innsbruck zelebrierten Pontifikalamt Die Landeskommandanten Bacher, Cadrobbi, Dr. Bernhard Haßlberger der Erzdiözese München und
kündigte pünktlich um 11.30 Uhr Bundeshornist Mag. Sarnthein und der Landeshptm. des BBGK Steininger Freising, die Wallfahrt und beeindruckte mit seiner le-
Manfred Heidegger das Eintreffen des Österreichischen sowie die jeweiligen Bundesleitungen führten unter bensnahen Predigt.
Bundespräsidenten auf der Ehrentribühne vor der Hof- dem Trommelwirbel des Ötztaler Schützenbataillons
burg an. Mit 21 Salutschüssen zu seinen Ehren aus die Schützen der Europaregion Tirol an. Die in Achter- Bundesausschuss und Nationalfeiertag
sieben Kanonen des Bataillons Sonnenburg unter dem reihen formierten Marschblöcke der einzelnen Schüt-
Kommando ihres Kdt. Mjr. Toni Pertl begann der fei- zenbataillone und -bezirke in einer Stärke von 150 bis Im Zeichen des Gedenkjahres stand auch der zwei-
erliche Akt. 400 Ausrückenden wurden von ihren Musikblöcken tägige Bundesausschuss am 25. und 26. Oktober in St.
Der Gesamtkommandierende, LKdt. Mjr. Dr. Otto Michael in Pfons. Am Vorabend des Nationalfeierta-
Sarnthein, meldete Bundespräsident Dr. Heinz Fischer ges spielte die Militärmusikkapelle Tirol am Eduard-
die zum Landesüblichen Empfang vor der Hofburg an- Wallnöfer-Platz vor dem Landhaus den Österr. Zapfen-
getretenen Formationen: Bundesstandarte des BTSK, streich unter der Beteiligung der Ehrenkompanie Lienz
Ehrenmusikkapelle „Peter Mayr“ Pfeffersberg, Ehren- und des gesamten Bundesausschusses. Im Anschluss
kompanie Breitenbach am Inn und Kommandanten, daran bedankten sich LHptm. Platter und Landesrätin
Präsidenten und Obleute der Traditionsverbände des Dr. Palfrader im großen Landhaussaal bei den Landes-
historischen Tirols mit ihren Landesfahnen sowie den kommandanten Bacher und Sarnthein und den Mitglie-
Beginn des Landesfestumzuges. dern des Bundesausschusses für ihren Beitrag zum Lan-
Nach der Bundeshymne und der Frontabschreitung desfestumzug und überreichten persönlich die bezugha-
mit dem Bundespräsidenten und den drei Landeshaupt- benden Erinnerungsmedaillen und Fahnenbänder.
leuten Platter, Durnwalder und Dellai erfolgte unter
dem Kommando von Hptm. Josef Gruber eine erstklas- Sonstige Veranstaltungen
sige Salve der mit 101 Marketenderinnen und Schützen
ausgerückten Ehrenkompanie. Das Abspielen der Tiro- Zusätzlich zu diesen Festlichkeiten haben die Bezir-
ler Landeshymne, die symbolische Überreichung der ke, Bataillone und Kompanien im gesamten Bundes-
Fahnenbänder an die Schützenbünde (BTSK, SSB und land zahlreiche Gedenk- und Festveranstaltungen zur
WSB), das obligatorische „Schnapsl“ und die Anspra- Erinnerung an die Freiheitskämpfe von 1809 durch-
chen von LHptm. Platter und Bundespräsident Fischer geführt oder diesbezügliche Ausstellungen organisiert.
gaben dem Empfang eine besondere Note. Darüber hinaus wurden viele Kapellen und Denkmäler
Landeshauptmann Platter sagte unter anderem in sei- renoviert. Die Vielzahl der Veranstaltungen, die leider
ner Ansprache: „Heute ist unser Tag; Geschichte trifft aus Platzgründen nicht einzeln angeführt werden kön-
Zukunft. Vor 200 Jahren haben Andreas Hofer und mit nen, wie auch deren Inhalte und Visionen haben nicht
ihm viele Tiroler um ihre Freiheit gekämpft. Tirol ist nur den Stellenwert der eigenen Geschichte in der Be-
heute frei im Herzen Europas. In diesem Europa wer- völkerung aufgezeigt, sondern geben auch Zeugnis da-
den wir die Grenzen in unseren Köpfen überwinden. Unter dem Motto „Unsere Jugend - Unsere Zukunft“ führten von, wie diese in einer objektiven Form aufgearbeitet
Schauen wir mit Respekt zurück und mit Optimismus 3.000 Jugendliche aus allen Landesteilen mit ihren Betreu- und die Zukunft mit den daraus gewonnenen Erkennt-
nach vorne“. ern den Festumzug an. (Fotos: M. Wedermann) nissen mit Optimismus angegangen werden kann.

Herausgegeben vom Bund der Tiroler Schützenkompanien, Redaktion: EMjr. Karl Pertl, Völs. Herstellung: dtp Tyrol, Klaus Leitner, Innsbruck.
Das Tiroler Landlibell und seine Bedeutung in der Geschichte Tirols
Von Richard Schober

D
as zeitgenössisch genannte „Elfjährige Landli- 17., 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts auf das roler Wehrverfassung uneins waren; vor allem befürch-
bell“, das in der Form eines kaiserlichen Privilegs Landlibell Bezug genommen. (1605, 1636, 1704, 1714, tete die Hofkanzlei nicht grundlos Ausschreitungen
ausgefertigt wurde und den Landtagsabschied (= 1799, 1802 und 1804). bei der Einführung von Neuerungen, wie die Tumulte
Landtagsbeschluss) vom 23. Juni 1511 beinhaltet, hat Inhaltlich fand jedoch in diesen Ordnungen eine Viel- im Burggrafenamt 1762 und die Vorgänge rund um
eine Jahrhunderte lange politisch-rechtliche Rezepti- zahl von das Aufgebot bzw. die Landmiliz regelnden die Einführung der Konskription durch Josef II. deut-
onsgeschichte. Bestimmungen im Landlibell keine Grundlage. Es gab lich gezeigt hatten. Der Offene Landtag von 1790 war
In dieser und nicht in den Bestimmungen oder in sogar Bestimmungen, die diesem diametral entgegen- schließlich bei seiner Forderung nach der Rücknahme
der Form, auch nicht im Vergleich zur wehrgeschicht- gesetzt waren. Als eines von mehreren, weil zentrales der Konskription erfolgreich, wobei ebenfalls wohl
lichen Entwicklung anderer benachbarter Territorien Beispiel, sei angeführt, dass bereits bei Aufstellung des auf das Landlibell rekurriert wurde, aber hauptsächlich
liegt das Einzigartige dieses Libells, das nicht nur das Tiroler Landregiments (1636) die Landschaft zugestan- pragmatische Gründe wie die wirtschaftlichen und de-
Tiroler Wehr-, sondern auch das Steuerrecht regelt. Da den hatte, dass unter der Voraussetzung, dass Tirol nicht mographischen Rahmenbedingungen des Landes ange-
man sich bei der Steuerberechnung auf den Landtags- bedroht sei, die Hälfte der Mannschaft an auswärtigen führt wurden.
abschied von 1511 beziehen musste, dürften auch die Kriegsschauplätzen eingesetzt werden dürfe. Es kann also festgehalten werden: Das Landlibell
Wehrbestimmungen immer wieder in Erinnerung ge- Daher war es nur folgerichtig, dass gegen Ende des spielte im 18. Jahrhundert wohl in den Debatten durch-
rufen worden sein. Im Gegensatz dazu hatte das aus- 18. Jahrhunderts nicht mehr nur auf das Landlibell al- wegs eine wenn auch zunehmend geminderte Rolle.
schließlich Fragen der Landesverteidigung behandeln- leine, sondern auch auf die noch folgenden Zuzugsord- Die Besonderheiten des Tiroler Landesverteidigungs-
de „Libell der Rüstung halben“ aus dem Jahre 1518 nungen von 1605, 1636, 1647, 1704 und 1714 als „Fun- wesens konnten sicher weniger wegen des Landlibells,
keine entsprechende Nachwirkung. damental-„ oder „Grundgesetze“ Bezug genommen sondern wegen wirtschaftlicher und demographischer
Das Landlibell, das durch den Venetianerkrieg ini- wurde. Argumentationslinien und der Furcht vor Unruhen im
tiiert wurde, sollte vor allem die Verteidigung des al- 1803 bezeichneten selbst die Stände das Landlibell Falle zwangsweiser Einziehung halten.
pinen Tiroler Raums sichern, die durch die üblichen von 1511 nur mehr als „Urverfassung“, wobei „diese Auch nach der Rückkehr Tirols zu Österreich 1814
Söldnerheere kaum zu bewerkstelligen war. Sein Vor- dem Land so wichtige Vertrags-Urkunde den Grund- blieb die Kontinuität der Tiroler Argumentation erhal-
teil lag auf beiden Seiten: Kaiser Maximilian I. hatte stein zur geheiligten Verbindlichkeit“ zur Landesver- ten, wenn es um die Tiroler Landesverteidigung ging,
eine starke ortskundige Streitmacht in der Zitadelle des allerdings mit wenig Erfolg. Schon im Jahr 1815
Reiches, die Tiroler waren nicht gezwungen, außer- war die Pflicht Tirols zur Stellung des Kaiserjä-
halb der Grenzen, außer bei Verfolgung des Feindes, gerregimentes als Beitrag des Landes zum stehen-
zu kämpfen. Schon sehr früh, bereits in der Mitte des den Heer festgelegt worden - einzige Konzession:
16. Jahrhunderts, wurde das Landlibell als Rechtsgut Die Stellung erfolgte durch Los und nicht durch
instrumentalisiert, als 1552 festgestellt wurde, dass die Zwangsaushebung. Die weitere Ausgestaltung des
zuletzt durch die Landstände verabschiedete Zuzugs- Tiroler Landesverteidigungswesens ließ allerdings
ordnung „nit anders, dann was und sovil hierynnen die das Verfassungspatent vom 24. März 1816 offen.
landtsfreyhaiten und das 11. jarig libell maß und ord- In den Debatten der nächsten Jahrzehnte spiel-
nung geben, verstanden werden wolle.“ te das Landlibell keine Rolle mehr, vor allem aber
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts blieb nicht im rechtlichen Sinne. Selbst formale Nen-
es in Tirol mit Ausnahme der kurzen Episode im nungen erfolgten im Vormärz nur sehr sporadisch.
Schmalkaldischen Krieg ruhig und friedlich. Dement- Die militärpolitische Sonderstellung Tirols wurde
sprechend gab es auch kaum eine Diskussion um das vielmehr mit Verweis auf die Verdienste der Lan-
Landlibell im militärischen Bereich; dies galt aber desverteidiger bis 1809 und auf die strategische
nicht für die steuerrechtlichen Bestimmungen, die Stellung des Landes beansprucht.
Gegenstand heftiger Debatten waren, obwohl letzt- Wenn die Tiroler Landesverteidigung auch bei
lich drei Jahrhunderte lang grundsätzlich am alther- den Reformen nach 1848 und bis 1918 gewisse
gebrachten, im Landlibell normierten Steuerwesen Partikularitäten behielt, so waren diese nicht mehr
festgehalten wurde. Auch der in den 1770-er Jahren auf das Landlibell, sondern auf die föderalistische
entstandene Maria-Theresianische Kataster hielt an Tradition des Landes zurückzuführen. Die bedeu-
den 5.000 Steuerknechten à 36 Gulden fest. tendste Besonderheit stellte die in der Landesord-
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts, besonders aber nung von 1861 festgelegte „Mitwirkung bei der
im Dreißigjährigen Krieg, trat die Landesverteidi- Regelung des Landesverteidigungs- und Schieß-
gung und mit ihr das Landlibell naturgemäß wieder standswesens“ dar - eine Regelung im Sinne einer
in den Vordergrund. Bereits die Zuzugsordnung des Ausführungsgesetzgebung im Bereich der Landes-
Jahres 1605 unter Erzherzog Maximilian III. betonte, verteidigung, über die kein anderes Kronland ver-
dass das Landlibell unverändert weiter gelten soll- fügte. Bemerkenswert erscheint aber, dass selbst
te – die neue Ordnung wurde also quasi als Aus- Landlibell, 23. Juni 1511. nach der Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht
führungsgesetz begriffen. Im Dreißigjährigen Krieg Original Tiroler Landes- (1868) die Landesverteidigungsordnung von 1871
diente das Landlibell den Landständen als hervorragen- archiv (Landschaftliches noch festlegte, dass die Landesschützen außerhalb
des Mittel, um neue Belastungen durch den Landesfür- Archiv), 1. Seite der Grenzen Tirols nur bei Fehlen einer Bedrohung
sten abzuwehren. So 1621 und 1629 unter Erzherzog des Landes und mit Zustimmung des Landtages
Leopold V. Auch die Milizreform von 1636 unter Clau- eingesetzt werden dürften.
dia von Medici durfte das Landlibell nicht tangieren. Letztmalig in seiner Geschichte beschloss der
Die Stände setzten sich in der ersten Hälfte des 17. teidigung legen würde. Schon zuvor hatte Kaiser Franz Tiroler Landtag unmittelbar vor dem I. Weltkrieg eine
Jahrhunderts noch weitgehend mit ihrer Rechtsauffas- I. in der Präambel zur Zuzugsordnung von 1802 klar Landesverteidigungsordnung (1913), die allerdings we-
sung durch, beim Landlibell handle es sich um eine ver- gemacht, dass das Libell von 1511 wohl das „Grund- sentliche traditionelle Besonderheiten verloren hatte.
traglich vereinbarte Landesfreiheit, die nicht einseitig gesetz“ des Landes sei, dass aber auch „die Fortschritte Was vor allem blieb waren die Standschützen, die im
vom Landesfürsten abgeändert werden könne. Auch der Kriegskunst“ bei der Organisierung der Landmiliz Ersten Weltkrieg mit Erfolg eingesetzt wurden.
in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ebenso wie berücksichtigt werden müssten. Von einer ausschließ- Obwohl naturgemäß das Landlibell von 1511 im Lau-
im 18. Jahrhundert argumentierten sie in diesem Sin- lichen Geltung des Landlibells konnte also keine Rede fe der Jahrhunderte im Zuge des historischen Prozesses
ne, wenn es auch schon seit dem späten 17. Jahrhundert mehr sein. zunehmend an direkter Bedeutung verloren hatte, wur-
greifbare Ansätze zur Nichtbeachtung einzelner Be- Trotzdem blieben viele Besonderheiten der Tiroler de auf dieses zur Verteidigung der Rechte des Landes
stimmungen des Landlibells gab. Wehrverfassung bis zur Aufhebung der landständischen bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts Bezug genomnen.
Daher argumentierten die Stände im 18. Jahrhun- Verfassung (1808) bestehen: Josef II. scheiterte mit der Dann wurde es wohl stiller um das Landlibell, aber
dert nicht nur, wenn auch stetig, mit dem Landlibell, Einführung der Konskription, das Rekrutenkontingent es hatte bereits seine Wirkungsmächtigkeit in der Ge-
sondern zunehmend auch mit der großen finanziellen war deutlich geringer als in anderen Erbländern. Das schichte insoferne bewiesen, als es die ideelle und iden-
Belastung und der Armut des Landes, um Begehrlich- Aufgebot blieb bis zur Zuzugsordnung von 1804 das- titätsstiftende Grundlage der Partikularismen der Tiro-
keiten des Landesfürsten zurückzuweisen. So rangierte selbe. Darüber hinaus gab es weiterhin den Landsturm ler Landesverteidigung über Jahrhunderte darstellte.
schließlich insbesondere nach dem Aussterben der Ti- sämtlicher wehrfähiger Männer. Konkrete und direkte Nach 1918 wurde und ist es bis zum heutigen Tage ein
roler Linie (1665) bis zur Aufhebung der Landstände rechtliche Bedeutung hatte das Landlibell allerdings wesentlicher Teil der historischen, aber insbesondere
durch die Bayern (1808) das Argument des Landlibells noch immer in zwei Bereichen: der internen Lastenver- der politischen Erinnerungskultur. Vor allem darin be-
untergeordnet, wenn es auch stets erwähnt wird, um teilung der Landesverteidigung und des Verhältnisses steht in erster Linie das vielfach behauptete Alleinstel-
belastenden Neuerungen entgegenzutreten. Der tiefere zu den bis 1803 rechtlich rechtsunmittelbaren Fürsten- lungsmerkmal und nicht sosehr in Form, Ausstellungs-
Grund dieses Wandels lag im zunehmend erstarkenden tümern Brixen und Trient. art und Inhalt.
Absolutismus, der insbesondere seit dem 17. Jahrhun- Der in Summe zumindest formalen Gültigkeit kam
dert die Macht der Stände zurückdrängte. Allerdings zugute, dass die Hofstellen, Hofkanzlei und Hofkriegs- A.o. Univ.-Prof. HR Dr. Richard Schober
wird zumindest verbal bei allen Zuzugsordnungen des rat, in ihrer Einstellung zu den Partikularitäten der Ti- ist Direktor des Tiroler Landesarchivs.

Herausgegeben vom Bund der Tiroler Schützenkompanien - Innsbruck. Redaktion: EMjr. Karl Pertl, Völs. Herstellung: dtp Tyrol, Klaus Leitner, Innsbruck.
1809-2009 - „Vergangenheit trifft Zukunft“
Von Josef Haselwanner

Sind wir Schützen selbst davor gefeit: Vor dem Verschwin- Haben wir Schützen nicht deshalb den Allianzvertrag mit den beiden Tiroler Diözesen und dem Gemeindebund geschlossen
den der Religion und dem Verdunsten des Glaubens aus un- aus dem Wissen, dass die genannten Grundbedürfnisse der Menschen verwirklicht werden müssen in unseren kleinen, über-
serem Alltag, unserem Leben, Tun und Lassen? schaubaren Gemeinschaften und den freiwilligen Diensten, die in unserem Lande geleistet werden, in Kirche und Welt.

D
ie Festlichkeiten und Höhepunkte des Gedenkjah- und Nächstenliebe, dort ein Häppchen aus fernöstli- ständig immer wieder Leuchtfeuer des Miteinander ent-
res sind vorüber und es ist wiederum der Alltag chen Religionen mitnehmen oder Schamanenweisheit zündet in unseren Kompanien und Verbänden, die es
eingekehrt. Wie niemals zuvor wurde versucht, und Jesus „irgendwie gut“ finden. Es läuft der Trend nur immer wieder auch neu zu entdecken gilt wie Ju-
die vergangene Geschichte aufzuarbeiten und aufzu- in Richtung „ich bastle mir meine Religion und Moral gendarbeit, Behindertenbetreuung, Sonntagsdienst im
bereiten und man hat damit eine breite Bevölkerung selbst und gut ist all das, was mir nützt“. Krankenhaus und Altersheim, in Pflegeeinrichtungen
Tirols und weit darüber hinaus erreicht. Eifrig wurde Welche Chancen haben da unsere Grundsätze, zu de- und im Hospiz, Essen auf Rädern. Und haben wir nicht
auch die Zukunft beschworen und man versuchte, nach nen wir uns bekennen: Der Glaube an Gott, die Treue in unserem Lande ein großes Netzwerk helfender und
vorne zu schauen und Hoffnung aufzuzeigen für ein gu- zum Erbe der Väter, das Bekenntnis zur Heimat, zur unterstützender Kräfte wie Feuerwehr, Bergrettung,
tes Gelingen für unser Land und die Leute. Einheit und einem brüderlichen, geschwisterlichen Rotes Kreuz, karitative Vereinigungen, Vinzenzgrup-
Miteinander, zur Freiheit und Menschenwürde. Ja, was pen und die verschiedensten Serviceclubs.
Was bleibt vom Gedenkjahr? ist zu erwarten und zu erhoffen von einer Wertegemein- Quelle der Kraft dazu müsste für einen Schützen die
schaft wie wir Schützen es sind und wozu wir uns auch christliche Gemeinschaft sein, die auf Gottes Wort hört,
Und haben wir Schützen uns da nicht zu fragen: Was bekennen. die sich um seinen Tisch versammelt, die Sakramente
bleibt, was ist gefragt, was zu tun angesichts der ak- Sind unsere Grundsätze eine Alternative zu den feiert und daraus die Kraft gewinnt für das achte Sakra-
tuellen Entwicklungen und Herausforderungen unserer Heilsbotschaften der Welt, deren Verheißungen sich ment - so der große Theologe Guardini - jenes Sakra-
Gesellschaft. wohl nicht erfüllen in einem bloß künstlichen Glück- ment, das außerhalb der Kirchtüren gespendet wird in
Im Sog der Finanzmarktkrise und deren negativen gefühl des Konsumierens, des Hedonismus und Genie- der Tat der Liebe und Solidarität. Und würde ein solch
Folgen, des Werteverlustes bei uns Heutigen, der Un- ßens, des Auslebens und den Drogen. Bauen auf das „Gottmögliche“ nicht den Horizont un-
verbindlichkeit gegenüber von Ethik und Moral, des Sind wir Schützen selbst davor gefeit: Dem Ver- seres Lebens erweitern und uns neue Möglichkeiten
Glaubensschwundes und des Glaubensverlustes. schwinden der Religion und dem Verdunsten des Glau- und Perspektiven eröffnen für eine gute Zukunft.
Ist es nicht eine modische Tendenz zu einer unver- bens aus unserem Alltag, unserem Leben, Tun und
bindlichen Auswegsethik und Auswegsreligiosität: Lassen. Erfahren wir nicht gerade in unserer Zeit der Monsignore Josef Haselwanner ist als Landeskurat
Hier ein Quäntchen Menschlichkeit, Menschenrecht Globalisierung und der Internationalisierung eine star- geistlicher Berater und Begleiter unserer Schützenkom-
ke Sehnsucht der Menschen nach Heimat, einem guten panien.
und geglückten Verlauf ihrer Unternehmungen, ein ge-
lingendes Leben, menschliche Erfüllung in einer stabi-
len, glücklichen Familie, Geborgenheit im Freundes-
und Kameradenkreis, einer gut nachbarschaftlichen
Beziehung, Einbettung in ein soziales Netzwerk von
Sicherheit in Krisen - und Notlagen, auf auskömmliche
soziale Verhältnisse, auf Gesundheit und Lebenskraft,
ein glückliches Alter, ein umsorgtes Scheiden aus die-
ser Welt, auf Frieden im Nahen und im Fernen.
Möge das für so manchen Skeptiker oder Pessimis-
ten nicht zu verwirklichen sein, da es ja nicht möglich
sei, die Welt zu verändern, der möge sich an den Rat-
schlag Voltaires, des Aufklärers und Polemikers halten,
er möge sich zufrieden geben, wenn er sagt: „Unseren
Garten gilt es zu bestellen“. Und Bischof Dr. Reinhold
Stecher meint in seinem Büchlein „Der Gletscherhah-
nenfuß“, diese Blume in einer eisigen Umwelt müsste
uns mit ihrer Lebens- und Wiederstandskraft Vorbild
sein, denn wenn das Makroklima in der Welt nicht ver-
änderbar scheint, im Mikroklima läge noch alles offen.
Haben wir Schützen nicht deshalb den Allianzvertrag
mit den beiden Tiroler Diözesen und dem Gemeinde-
bund geschlossen aus dem Wissen, dass die genannten
Grundbedürfnisse der Menschen verwirklicht werden
Fulpmer Jungschütze als Ministrant beim Festgottesdienst
müssen in unseren kleinen, überschaubaren Gemein- anlässlich des Alpenregionsfestes in Fulpmes 2010: Und
Quelle der Kraft dazu müsste für einen Schützen die christli- schaften und den freiwilligen Diensten, die in unserem werden nicht ständig immer wieder Leuchtfeuer des Mit-
che Gemeinschaft sein, die auf Gottes Wort hört, die sich um Lande geleistet werden, in der Kirche und der Welt. einander entzündet in unseren Kompanien, die es nur immer
seinen Tisch versammelt, die Sakramente feiert und daraus Herbergen der Hoffnung und der Solidarität gilt es zu wieder auch neu zu entdecken gilt: wie Jugendarbeit, . . .
die Kraft gewinnt. schaffen, Schutzräume des Lebens. Und werden nicht (Fotos: M. Wedermann)

Herausgegeben vom Bund der Tiroler Schützenkompanien - Innsbruck. Redaktion: EMjr. Karl Pertl, Völs. Herstellung: dtp Tyrol, Klaus Leitner, Innsbruck.
50 Jahre „Feuernacht“ - Wendepunkt für Südtirol
Teil 1 - Von Bruno Hosp

A
b Mitte der 50er-Jahre wurde das politische Klima
in Südtirol immer unerträglicher. Längst waren
Sinn und Zweck des Pariser Südtirol-Abkommens
vom 5. September 1946 ins Gegenteil verkehrt worden.
Nicht der Südtiroler Landtag, sondern der Regional-
rat schöpfte die Kompetenzen aus, die zum Schutz der
deutschen Volksgruppe von den Außenministern Alci-
de Degasperi und Karl Gruber vereinbart worden wa-
ren. Im Regionalrat aber, dem gemeinsamen Parlament
der beiden Provinzen Südtirol und Trentino, waren die
Südtiroler einer Zweidrittelmehrheit von italienischen
Ratsmitgliedern ausgeliefert. Die durch das Pariser
Abkommen völkerrechtlich garantierte Gesetzgebungs-
und Vollzugsgewalt für das Land Südtirol allein war
uns versagt geblieben. Es herrschte mehr und mehr eine
Atmosphäre geradezu provokativer Repression. Unsere
Landsleute waren laufend Anpöbelungen, Verhöhnun-
gen und Diffamierungen ausgesetzt. Vor dem Bozner
Schwurgericht wurden am laufenden Band so genannte
Schmähprozesse (z.B. wegen des Hissens von Tiroler
Fahnen) abgewickelt. Immer wieder wurden öffentliche
Versammlungen der Südtiroler Volkspartei (SVP) von
neufaschistischen Randalierern gestört.

Forcierte Zuwanderung aus Italiens Süden

Mit der praktischen Ausgrenzung der Südtiroler von


den staatlichen und halbstaatlichen Stellen ging eine
Vor 50 Jahren - am 30. Jänner 1961 - wurde das Mussolini-Reiterstandbild in Waidbruck gesprengt.
forcierte Zuwanderung aus dem Süden Italiens einher,
die geradezu beängstigende Ausmaße annahm. Mehrere
Tausend Südtiroler mussten jährlich ihre angestamm- lerinnen und Südtiroler wachzurütteln und ihr Selbst- SVP-Funktionären, standen von nun an auf der Tages-
te Heimat verlassen, um in Deutschland und in der bewusstsein in Zeiten stärkster politischer Repression ordnung. Anschläge im Sinne der von Sepp Kerschbau-
Schweiz Arbeit zu suchen, weil sie von den öffentlichen zu stärken. mer vorgegebenen Strategie der „feinen Nadelstiche“
Stellen ausgesperrt blieben und weil gleichzeitig durch folgten in beinahe regelmäßiger Abfolge.
die Technisierung der Landwirtschaft immer mehr Ar- Mussolini-Standbild gesprengt
beitskräfte freigesetzt wurden. Durch ein vom Staat Der große Schlag
massiv gefördertes Wohnbauprogramm wurden in Süd- 1961, vor nunmehr genau 50 Jahren - inzwischen
tirol, vorab in Bozen, mehrere Tausend Volkswohnun- auch im Auftrag der UNO-Generalversammlung zwi- In der Nacht des Herz-Jesu-Sonntags vom 11. auf
gen errichtet, von denen aber nur knapp 6% Südtirolern schen Österreich und Italien laufende Verhandlungen den 12. Juni schließlich wurde zum großen Schlag aus-
zugewiesen worden sind. Auf diese beängstigende Ge- zum Abbau der Spannungen in Südtirol bewegten sich geholt. 37 Hochspannungsmasten und weitere Objekte
samtsituation eingehend schrieb damals Kanonikus Mi- ergebnislos auf der Stelle - begann die Lage zu eskalie- wurden in dieser „Feuernacht“ durch mächtige Spreng-
chael Gamper (1885–1956), über Jahrzehnte hindurch ren. ladungen zerstört, eine Reihe weiterer Masten stark
bewährt als Fels in der politischen Brandung Südtirols, Bereits zum Jahresbeginn, am 30. Jänner um 4 Uhr beschädigt. Einige blieben auch unversehrt, da die dar-
in einem „Dolomiten“-Leitartikel: „ . . . Es ist ein To- an angebrachten Ladungen durch
desmarsch, auf dem wir Südtiroler uns seit 1945 befin- Versagen der Zeitzünder nicht zur
den, wenn nicht noch in letzter Stunde Rettung kommt.“ Explosion gelangt waren. Einzelne
dieser Masten wiederum wurden
Der BAS wurde gegründet sogar noch in der Nacht darauf er-
folgreich „nachgezündet“.
So nimmt es nicht wunder, dass eine große Mehr-
heit der Südtiroler, wenn auch hinter vorgehaltener
Hand, zustimmend reagierte, als ab Herbst 1956 eine
kleine Gruppe um Hans Stieler (1920-2010) mit eini-
gen demonstrativen Sprengstoffanschlägen aufhorchen
ließ. Noch im selben Jahr haben ein paar Patrioten mit
dem Frangarter Kaufmann und SVP-Ortsobmann Sepp
Kerschbaumer (1913-1964) an der Spitze den „Befrei-
ungsausschuss Südtirol“ (BAS) gegründet, der in den (Forsetzung siehe Rückseite
folgenden Jahren mit Flugzetteln und Rundbriefen auf Kalenderblatt September!)
die unhaltbar gewordene politische Lage in Südtirol
aufmerksam machte mit dem Ziel, über das Selbstbe-
stimmungsrecht die Wiedervereinigung mit Tirol und
Österreich zu erlangen. Luis Amplatz beim Vorbereiten
einer Sprengladung.
„Los von Trient“

Die Ankündigung des Ministers für öffentliche Ar- früh, wurde beim Kraftwerk
beiten Giuseppe Togni, in Bozen weitere 5.000 Volks- Waidbruck das überlebens-
wohnungen errichten zu lassen, brachte das Fass zum große Reiterstandbild Be-
Überlaufen. Die SVP rief unter dem Motto „Los von nito Mussolinis vom Sockel
Trient“ zu einer Protestkundgebung nach Schloss Sig- gesprengt. Zwei Tage spä-
mundskron. 35.000 Südtiroler haben sich am 17. No- ter, am 1. Februar, erfolg-
vember 1957 im Schlossareal versammelt und der da- te ein ebenfalls Aufsehen
mals frisch gebackene Parteiobmann Silvius Magnago erregender Anschlag auf
hatte alle Mühe, die Menge von einem Marsch nach das Haus Ettore Tolomeis
Bozen abzuhalten. Den damals noch wenigen BAS- (1865–1952), berüchtigt
Leuten um Sepp Kerschbaumer missfiel dies genauso als „der Totengräber Südti-
wie das „Los von Trient“. rols“, in Glen bei Montan.
Sie standen für das „Los von Rom“ und konnten in Hausdurchsuchungen
den Monaten nach der Kundgebung einen starken Zu- und Festnahmen, auch für
lauf verzeichnen. Die friedlich verlaufene Großkund- mehrere Tage, insbesondere
gebung hatte es überdies vermocht, tausende Südtiro- von Schützenoffizieren und

Herausgegeben vom Bund der Tiroler Schützenkompanien - Innsbruck. Redaktion: BBO Mjr. Karl Pertl, Völs. Herstellung: dtp Tyrol, Klaus Leitner, Innsbruck.
Innsbruck, die Weltstadt Maximilians I.
von Norbert Hölzl

D
es Reiches Adlerhorst nennt Maximilian Tirol. sollte ganz anders in unserem Bewusstsein wurden „nur“ 28 vollendet. In Wirklichkeit gelang die
Innsbruck mit der Hofburg, die Albrecht Dürer stehen als es heute der Fall ist“. Das schrieb gewaltigste Erhöhung eines Herrschers. Am Kenotaph
malt, ist seine Lieblingsresidenz. Innsbruck und vor 85 Jahren Wil- helm Pinder, damals zeigen 24 Marmorreliefs das aufregende Leben des
nicht Wien ist die Kaiserstadt. Zentrale Behörden ma- der bedeutendste Kunsthistoriker Kaisers vom Einzug in Wien nach der ungarischen Be-
chen Innsbruck zu einer Art Reichshauptstadt, auch in Berlin. Tatsäch- lich war das Werk setzung bis zum Weltreich mit so vielen Figuren, dass
wenn es diesen Begriff nie gab. Zwischen Innsbruck für Innsbruck zeit- weise „ein paar man sie nicht zählen kann. Man sieht die berüchtigsten
und Brüssel funktioniert die 1. Postverbindung seit der Schuhnummern zu groß“, wie man in Machtpolitiker der Epoche, den Borgiapapst Alexan-
Antike. Von Innsbruck aus wird Weltpolitik gemacht. Wien sagte. 1816 wurden die Bron- der VI. und den herrschsüchtigen Julius II., die Köni-
Maximilian erbt ein Land, das kleiner ist als das heutige zefiguren mit schwarzer Öl- ge von Frankreich, Spanien, Böhmen und Ungarn, den
Österreich. Seinen Nachfolgern hinterläßt er das größ- farbe über- strichen. Dogen von Venedig, den Fürsten von Mailand und den
te Weltreich vor dem Britischen Empire. Die Hochzeit blutrünstigen König Heinrich VIII. von England. Ihm
mit der Erbin Burgunds macht Austria zur Großmacht. schenkte Maximilian nach dem gemeinsamen Sieg über
Mit der spanischen Hochzeit steigt Österreich zur Welt- die Franzosen etwas vom Kostbarsten, das Innsbruck
macht auf. Die böhmisch-ungarische Hochzeit begrün- damals produzierte: Einen Groteskhelm von Konrad
det die Donaumonarchie. Sie überlebt Maximilian um Seusenhofer. Heute wirbt dieser Helm für die königli-
genau 400 Jahre. che Harnischsammlung in England. Von seinen Bogen-
schützen hatte Maximilian Englisch gelernt. Der Mann,
Goldenes Prunkdach der Innsbruck zur Weltstadt machte, beherrschte sieben
und größtes Kaisermonument Europas Sprachen. Er sagte, ein König ohne Bildung ist wie ein
gekrönter Esel. Leider weiß man erst im nachhinein,
Diese Politik übertrifft alle Vorstellungen. Die Kunst- wann Esel regiert haben.
werke sind kaiserliche Propaganda. Auch damit will Und leider wissen viele Innsbrucker bis heute nicht,
Maximilian alles übertreffen. Im Jahre 1500 vollendet daß sie das internationalste Monument der Welt besit-
er seinen goldenen Prunkerker. Nicht der Protz eines zen.
Neureichen, sondern Symbol für seine Überzeugung,
er sei jener Kaiser, der die Welt in ein neues Zeitalter Dr. Norbert Hölzl war viele Jahre Referatsleiter im
führt. Man sagte „Neuzeit“ und glaubte an ein „Golde- ORF-Tirol. Er verfasste zahlreiche Publikationen und
nes Zeitalter“. Es ist aufregender als die Mondlandung. ist ein besonderer Kenner der Zeit Kaiser Maximilians.
Die Spanier bringen Gold aus Amerika und die Portu-
giesen entdecken jedes Jahr neue Länder von Afrika bis
Indien. Alle diese Länder gehören einmal zur Casa de
Austria, glaubt Maximilian. Er fühlt sich als Herr des
Erdkreises. Der Realpolitiker Papst Julius II. nennt die- Kaiser Maximilian I. auf dem Kenotaph in der Hofkirche.
sen Kaiser einen Narren und verweigert ihm die Krö-
nung in Rom, doch der „Narr“ behält recht.
1502 bestellt Maximilian das größte Kaisergrab al- Die irreführende Bezeichnung „Schwarze Mander“
ler Zeiten. Seine Vorfahren sollen ihn umgeben und die blieb bis heute, obwohl die schwarze Schmiere seit 130
größten Herrscher seit Julius Cäsar. Deshalb stehen in Jahren entfernt ist und obwohl der Kaiser seine Figuren
Innsbruck großartiger als in ihren Heimatländern Herr- ebenso goldstrahlend wünschte wie sein Prunkdach.
scher von Spanien und Portugal, Burgund und Polen, So wie in seiner Weltpolitik verliert Maximilian
Böhmen und Ungarn, England, Italien und Frankreich, auch bei seinem Riesenmonument jedes Maß. Doch der
Deutschland und sogar der König von Jerusalem. Über- Phantast erreicht alles, was er erträumte: Sein Enkel
lebensgroße Bronzefiguren. Der Bronzeguss ist so hoch und sein Urenkel bezahlen ein Vermögen für die Fertig-
entwickelt, weil Maximilian im Bergwerksland Tirol stellung. Die Figur des Kaisers im Mittelpunkt der Kir-
die modernsten Kanonen gießen läßt - zum ersten Mal che wird erst 82 Jahre nach Beginn der Arbeiten fertig.
als kriegsentscheidende Waffe. Sie durchschlagen sechs Die Hofkirche und das Kloster werden nur für dieses ei-
Meter dicke Mauern. ne Monument gebaut. An keinem Herrschermonument
der Welt von den Pharaonen bis zum Kaiser von China
Neue Dimensionen in der Kunstgeschichte wurde ähnlich lange gearbeitet und eine vergleichba-
re Erhöhung eines Kaisers gegenüber dem Hochaltar
Maximilian holt die besten Künstler des Reiches. gibt es nur noch einmal, im Escorial in Spanien für den
Albrecht Dürer entwirft die Statuen von König Artus Nachfolger Maximilians, Kaiser Karl V., nach dem Vor-
von England oder von König Theoderich, dem Dietrich bild in Innsbruck.
von Bern der deutschen Heldensage. Kopien davon ste-
hen im Puschkinmuseum in Moskau. Mit der Statue des „Nur“ 28 Figuren wurden fertiggestellt
Grafen Albrecht stößt Dürer in eine neue Dimension
der Kunstgeschichte vor. Die kühnste Figur wird kaum Statt sich in die Größe des Werkes zu vertiefen
beachtet, weil ein kleiner Graf nicht mit dem Weltruhm nörgeln manche bis heute, das Monument sei ja noch
eines König Artus mithalten kann. „Dieses Monument größer geplant gewesen. Von 40 Monumentalfiguren

Die überlebensgroßen Bronzestatuen Kaiser Friedrich III., des Vaters Maximilian I., Maximilians erste Frau Maria von Burgund, deren Sohn Philipp der Schöne, des Kaisers zweite Gattin
Maria Bianca Sforza (v.l.) in der Hofkirche in Innsbruck. (Fotos: M. Wedermann)

Herausgegeben vom Bund der Tiroler Schützenkompanien - Innsbruck. Redaktion: EMjr. Karl Pertl, Völs. Herstellung: dtp Tyrol, Klaus Leitner, Innsbruck.
Innsbruck - eine Berg(bau)stadt?
Von Peter Gstrein

T
irol gehörte einst zu den klassischen Grundmoräne verlegte den Erzweg sehr
Bergbauländern der Alpen. Wenn oft, sodass Maximilian dann den „Neuen
wir allerdings etwa einen Passanten Weg“ bauen ließ, der nun als der am tiefs-
in der Landeshauptstadt fragen, wo denn ten drunten verlaufende sinnigerweise
in unserem Land im Gebirge Bergbau be- „Hoher Weg“ heißt. Er musste zum Teil
trieben wurde, so wird man fast nur das aus dem Fels herausgearbeitet werden,
„Schwazer Silber“ in den Antworten ver- was Schwazer Bergleute besorgten. Da-
nehmen. Vielleicht auch noch den Salz- bei ist man auf „Glaserze“ (silberreiche
bergbau bei Hall in Tirol. Imst, Kitzbühel Erze mit über 10 % Silber) gestoßen.
und Rattenberg sind sicherlich sehr weit Sie waren sehr wahrscheinlich der An-
abgeschlagen. lass für eine tiefer reichende Erzsuche,
den Vortrieb des Maximilianstollens, der
Gruben am „Höttinger Berg“ uns auch zeigt, dass das damalige Wis-
sen über den geologisch-tektonischen
Den Schwazer Bergbüchern von 1556 Aufbau der Innsbrucker Nordkette aus-
(wie auch späteren Abschriften) ist ein gezeichnet war und dieser Vortrieb nicht
„Bildteil“ angeschlossen, in dem die einst nur auf die Suche nach den „Nördlichen
bergbaulich wichtigen Orte - es mussten Erzen“ ausgerichtet war, sondern auch
keine Städte sein - mit einiger geogra- als über drei Kilometer langer „Erbstol-
phisch-künstlerischer Freiheit dargestellt Schwazer Bergbuch, Codex Vindobonensis (1556??), Ansicht von Hötting mit der Innsbrucker len“ zur Unterfahrung der Gruben am
Nordkette. Typisch ist der Turm der Pfarrkirche.
sind. Und da treffen wir auch auf eine Höttinger Berg angedacht war. Er muss-
Darstellung von Innsbruck. Sie zeigt den te nach einer Vortriebslänge von 623 m,
Stadtteil Hötting mit der dahinter aufragenden Nord- mehr Silber im Konzentrat (Schwaz: Ø 0,5%!). unterhalb der Hungerburg stehend, wegen nicht mehr
kette. Besonders fällt natürlich das „Wahrzeichen“, der Mengenmäßig zurücktretend war das genauso wich- bewältigbarer technischer Probleme vorzeitig aufgege-
eigenwillige Turm der alten Höttinger Kirche auf. Es tige Erzmineral, der Bleiglanz (Galenit), den man un- ben werden. Er war zu seiner Zeit nicht nur das kühnste
muss also dort Bergbau bestanden haben. bedingt benötigte, um aus diesen Fahlerzen das Silber montanistische Projekt, sondern auch der wahrschein-
Den zentralen Bereich - und hier konnten auch die „herauszubringen“. Während man im Unterinntal dafür lich größte bergbauliche Defizitbetrieb, was eine Ein-
reichsten Erze gebrochen werden, bilden die Gruben die Bleierze aus Südtirol (Bergbau Schneeberg, Rid- zelgrube betrifft!
am „Höttinger Berg“. Das ist der Bereich des Höttin- naun) und dem Karwendel (Haller Anger) sowie dem
ger Grabens mit seinem weiteren Umfeld in einer Höhe Raum Imst-Nassereith mühsam zuliefern musste, war Das Höttinger-Bild-Kirchl
zwischen 850 m und 900 m ü.A., also ober- und unter- der Höttinger Bergbau diesbezüglich ziemlich autark.
halb des Kollnerweges etwa zwischen dem Höttinger- Ein Grund mehr, ein „Liebling“ des/der Landesherren Was wenige wissen: Das Höttinger-Bild-Kirchl,
Bild-Kirchl im Westen und Gramart im Osten. Eigent- zu sein, die nur das Silber interessierte. einst Bet- und Bittplatz der Innsbrucker Studenten vor
lich ist der Bereich der einst betriebenen über 100 Gru- schwierigen Prüfungen, wurde 1774 erbaut (erste Ver-
ben viel größer und reicht von der Kranebitter Klamm Die Hütte an der Sull ehrungen ab 1690, also noch innerhalb der „bergbauli-
bis zum Halltal. chen“ Zeit). Es liegt auf einem deutlichen „Bödele“, der
Die gebauten, geförderten und nachfolgend an Ort Halde des St.-Matheus-Stollens, Hauptgrube des dor-
1479 - Erste schriftliche Erwähnung und Stelle, besonders aber bei Gramart aufbereiteten tigen Revieres „Perwinchl“. Wie die Erfahrung zeigt,
Erze wurden anfangs in der landesfürstlichen Hüt- handelt es sich dabei mit großer Wahrscheinlichkeit um
Hötting war bereits in vorgeschichtlicher Zeit unge- te „an der Sull“ (= Sill) verhüttet. Die Kohlstattgasse eine „Nachfolgekapelle“ einer alten Knappenkapelle.
wöhnlich „dicht“ besiedelt und da ein Verkehrsknoten- in Dreiheiligen erinnert noch daran. Später wurde, da Immerhin sind drei der vier Heiligen am Altar solche,
punkt wahrscheinlich nicht vorliegt, könnte der Grund meist am Nachmittag der übel riechende (giftige) „Hüt- die mit dem Bergbau verbandelt sind. Es sind dies die
in einem sehr alten, vielleicht bereits vor fast 4.000 Jah- tenqualm“ vom „Unteren Wind“ in die Stadt geblasen hl. Notburga, der hl. Christophorus und der hl. Isidor.
ren betriebenen Bergbau zu sehen sein. Auch montan- wurde, dieses Hüttenwerk an den Mühlauer Bach ver-
archäologische Befunde weisen in diese Richtung. legt, wodurch sich auch die Erzanlieferwege änderten. Die älteste Innsbrucker Wasserleitung
Auch ist, wie bei den meisten Altbergbauen Tirols, So wurde nun der Knappensteig angelegt, der unterhalb
der genaue Zeitpunkt nicht festzulegen, wann im spä- der Hungerburg hindurch nach Mühlau führt(e). Das älteste „Innsbrucker Wassergeleit“ (Wasserlei-
ten Mittelalter der erste Venediger den Höttinger Gra- Die vom Oberland am Inn angelieferten Erze, die tung von der Quelle in die Stadt) nutzte übrigens bereits
ben hinaufgestiegen ist, um die leicht erkennbare La- für die landesfürstliche Hütte Innsbruck bestimmt wa- Mitte des 15. Jahrhunderts die Wässer des bereits sehr
gerstätte beim „Wasserfall“ zu lokalisieren und somit ren, mussten nun vom Rechen (Rechengasse) durch die früh aufgelassenen Lehnerstollens, der einst auf ca.
den ersten Knappen den Weg bereitete, hier ihre Eisen Stadt, über die Innbrücke und den Alpenzoo - Juden- 1.150 m ü.A. vorgetrieben wurde.
anzulegen. bichl - nach Mühlau gebracht werden. Die tieferen Quellen der Stollen am Höttinger Berg
Es war sicherlich lange vor der ersten schriftlichen Wegen dieser Mühsal wurde dann der „Hohe Weg“ werden zum Teil als Trinkwässer genutzt. Dabei ent-
Erwähnung von 1479, da damals ein Knappe beim gebaut, der etwa von der Voliere bei der Villa Blanca sprechen die tief im Berg gelegenen Wasseraustritten
Forstmeister um Zimmerholz angesucht hat - es muss hangquerend inntalabwärts führte. Ein Teil des Steilan- von der Art der Wässer her - und das ist aufgrund der
ein „jüngerer“ Unterbaustollen gewesen sein, der nicht stieges bestand noch immer und die angeschnittene geologischen Verhältnisse leicht erklärbar - jenen der
mehr direkt im gut standfesten Fels angeschlagen und Mühlauer Quellen! Die in den vorderen Grubenteilen
aufgefahren worden ist. Eine Zeit um 1420–1440 dürf- erschroteten Bergwässer entstammen einer tektonisch
te für die Betriebsaufnahme am wahrscheinlichsten in tiefer gelegenen Gesteinseinheit, weshalb ihre physika-
Frage kommen. Die Blütezeit kann man zwischen 1450 lischen und chemischen Daten deutlich anders liegen.
und 1560 annehmen. Dann wird es zusehends ruhiger Somit darf sich Innsbruck mit Recht auch als Berg-
um diese relativ weit reichenden Gruben. Es scheinen baustadt bezeichnen. Schrifttum und besonders die zum
zwar jüngere Verleihungen von Gruben auf - über eine Teil gut gebauten Gruben am Höttinger Berg bezeugen
Erzförderung finden sich nach 1650 keine eindeutigen dies.
Hinweise mehr.
Dies zeigt auch das Bild in den Gruben: Nahezu al- Literaturhinweis:
le Stollen, Strecken und Abbaue sind mit Schlägel und Gstrein, P. und G. Heißel (1989): Zur Geschichte und
Eisen in klassischer Schrämtechnik getrieben, was für Geologie des Bergbaues am Südabhang der Innsbrucker
eine Zeit vor (etwa!) 1650 spricht. Spuren der jüngeren Nordkette. Veröffentlichungen des Museum Ferdinandeum,
Bd.69, S.5-58, Innsbruck.
Schießarbeit mit Schwarzpulver finden sich zwar im-
Gstrein, P: (2008): Der Bergbau am Höttinger Berg – ältes-
mer wieder. So die Grubenaufschlüsse zeigen, konnten ter Kupferbergbau Tirols? In: Westwind. Die Stadtzeitung
aber nur mehr Erzreste gebrochen werden. von Hötting-West und Kranebitten, Innsbruck, 13. Jg, 2.
Ausgabe, Juni 2008.
Um welche Erze handelt es sich, die das Ziel
des Bergbaues am Höttinger Berg waren? Dr. Peter Gstrein ist Landesgeologe und mit Leib und
Bergbau bei St. Nikolaus, Maximilianstollen, zweite Focher-
Seele mit seinem Beruf verbunden. Er ist Autor mehre-
In erster Linie waren es Arsenfahlerze (Tennanti- rer Bücher über das Schwazer Silberbergwerk und Eh-
stube (Raum, in dem ein Blasebalg für die „Frischluftzu-
te), komplexe Verbindungen von Schwefel mit Kup- fuhr“ an den Ort eingebaut war), etwa bei Stollenmeter 310, renmitglied des Bergwerksvereins Tarrenz. Der Berg-
fer (≈ 40%), Arsen (≈ 20%), Zink, Eisen sowie Silber knapp westlich und gut 100 m unterhalb des Gämsengehe- werksfan Gstrein, in Schwaz auch als Stollenpeterle
mit ≈ 0,8%. Also Erze ähnlich den „Silbererzen“ von ges des Alpenzoo. Zuletzt wurde der Focher mittels eines bekannt, hat beim Konzept der Knappenwelt in Tarrenz
Schwaz-Brixlegg, allerdings mit viel mehr Arsen, aber unterschlächtigen Wasserrades angetrieben. und Schwaz massiv mitgearbeitet und zeichnet für die
nahezu keinem Antimon und Quecksilber, dafür aber (Fotos und Archiv: P. Gstrein, Innsbruck) Schulung der Führer verantwortlich.

Herausgegeben vom Bund der Tiroler Schützenkompanien - Innsbruck. Redaktion: EMjr. Karl Pertl, Völs. Herstellung: dtp Tyrol, Klaus Leitner, Innsbruck.
50 Jahre „Feuernacht“ - Wendepunkt für Südtirol
Teil 2 - Von Bruno Hosp
(Fortsetzung vom Kalenderblatt Juni!)

A
ber auch ein erstes tödliches Unglück am Mon-
tagvormittag der Feuernacht senkte sich wie ein
schwarzer Schatten auf das ganze Unternehmen.
Der Straßenarbeiter Giovanni Postal entdeckte an ei-
nem Baum an der Sprach- und Provinzgrenze bei Salurn
einen Sprengsatz, dessen Zeitzünder offensichtlich ver-
sagt hatte. Beim leichtsinnigen Versuch, die Ladung zu
entfernen, fand er den Tod. Die BAS-Aktivisten wa-
ren von dieser Tragödie umso schwerer betroffen, als
ihr Führer Sepp Kerschbaumer ja auch in ihrem Sinne
immer wieder betont hatte, einen unblutigen Freiheits-
kampf führen zu wollen. Ein wesentliches politisches
Ziel jedenfalls hat der BAS durch die Feuernacht er-
reicht: Die Welt blickte nun auf den Konfliktherd Südti-
rol, der noch dazu im Herzen Europas lag.

Der Ausnahmezustand wurde verhängt Unvergessen - Sepp Kerschbaumer, Franz Höfler und Georg Klotz.

Waren in Südtirol schon vorher Polizei- und Heeres- Unrechtsgrenze derart hoch, dass die offizielle Politik der Sechzigerjahre eine vom Südtiroler Heimatbund,
kräfte überpräsent, so glich das Land nun binnen kürzes- endlich reagieren musste. der Vereinigung der ehemaligen politischen Häftlinge,
ter Zeit einem einzigen Heerlager. Mit der Verhängung und vom Südtiroler Schützenbund gemeinsam ausge-
des Ausnahmezustandes wurden ganze Heeres- und Demütigungen für die Gefolterten richtete Gedenkfeier an alle Opfer der hier angespro-
Polizeieinheiten, 40.000 Mann an der Zahl, ins kleine chenen Schicksalsjahre ausgerichtet. Dass diese Feier
Südtirol verlegt. Das Mittel der Folter wurde in den Ca- Ab Frühherbst 1961 brachten nach und nach 44 Häft- Jahr für Jahr einen sehr starken Besucherandrang ver-
rabinieri-Kasernen mit skrupellosem Sadismus einge- linge den Mut auf, Anzeigen gegen die Folterknechte zeichnet, ist ein Zeichen dafür, dass die Bevölkerung
setzt, hatte doch der christdemokratische Innenminister zu erstatten, nachdem von seiten der Politik trotz des sich dankbar dessen bewusst ist, dass die Aktivisten ei-
Mario Scelba (1901–1991) unbeschränkte Vollmachten Vorliegens Dutzender von Folterbriefen nichts zu ih- nen wesentlichen Beitrag zur Internationalisierung des
für die Anwendung von Foltermethoden bei Verhören rem Schutz unternommen worden war. Im August 1963 Südtirol-Problems geleistet haben, womit wiederum die
ausgestellt. Bis Ende September erfolgten nicht weni- wurden zehn Folter-Carabinieri vom Gericht in Trient säumige italienische Regierung unter gehörigen Druck
ger als 140 Verhaftungen. freigesprochen, für die restlichen kam eine Amnestie geriet. Folgerichtig hat diese auch nicht von ungefähr
Genau einen Monat nach der Feuernacht wurde zur Anwendung. Gelinde gesagt, eine Farce sonders- schon bald nach der Feuernacht, am 1. September 1961,
in Laas als erster Verdächtiger Schützenmajor Franz gleichen! Schon drei Tage nach diesem Urteilsspruch die „19er-Kommission“ eingesetzt. Diese erarbeitete
Muther (1922–1986) verhaftet und in der Carabinieri- wurden die Freigesprochenen in voller Uniform vom in den Folgejahren ein Paket von Maßnahmen für eine
Kaserne von Meran einer zweitägigen „Sonderbehand- Oberbefehlshaber der Carabinieri und Chef des mili- bessere Autonomie natürlich für Südtirol allein. Im Jän-
lung“ unterzogen. Beinahe täglich erfolgten von nun tärischen Geheimdienstes „SIFAR“, General Giovanni ner 1972 ist das so genannte „Neue Autonomiestatut“
an neue Verhaftungen mit anschließender Folter, dar- De Lorenzo, feierlich in Rom empfangen und für ihren schließlich in Kraft getreten.
unter Schützenmajor Jörg Pircher aus Lana und auch „vorbildlichen Einsatz“ öffentlich ausgezeichnet, ja ei-
Sepp Kerschbaumer selbst. Schützenmajor Georg nige von ihnen wegen „beispielhafter Pflichterfüllung“ Für eine verbesserte Autonomie
Klotz (1919–1976) konnte, wie vor ihm schon Schüt- sogar befördert. Eine glatte zweite Demütigung somit
zenleutnant Luis Amplatz (1926–1964), den Häschern - nicht nur für alle Gefolterten, sondern auch für alle Wer die geschilderten schweren, ja turbulenten Zei-
entkommen. Beide agierten künftig zusammen mit an- Tiroler. ten hautnah miterlebt hat, hegt keinen Zweifel darüber,
deren Freiheitskämpfern vom österreichischen Exil aus. dass die Aktivisten der 60er-Jahre durch ihren beherzten
Amplatz wurde in der Nacht auf den 7. September 1964 Monsterprozess in Mailand Einsatz und ihr großes Opfer einen wesentlichen Bei-
in einer Heuhütte auf den „Brunner Mahdern“ (Pas- trag zur Erreichung der neuen, qualitativ unvergleich-
seier) von einem vom italienischen Geheimdienst ge- Am 9. Dezember 1963 begann im Justizpalast von lich besseren Autonomie Südtirols, geleistet haben.
dungenen Mörder im Schlafe erschossen. Klotz wurde Mailand ein Monsterprozess rund um die Geschehnis- Die Fotos, alle aus dem Buch von Dr. Helmut Golowitsch:
dabei schwer verwundet und konnte sich wie durch ein se der Feuernacht gegen 94 Angeklagte, von denen 68 „Für die Heimat kein Opfer zu schwer: Folter - Tod - Er-
Wunder aus eigener Kraft über die Grenze nach Nordti- schon seit über zwei Jahren in Untersuchungshaft wa- niedrigung, Südtirol 1961–1969“, Edition Südtiroler Hei-
rol in Sicherheit bringen. Der Mörder Christian Kerbler ren. Der Prozessverlauf und vor allem die teils drako- matgeschichte, wurden uns freundlicherweise vom Autor zur
hat seine Strafe bis zum heutigen Tag nicht verbüßen nischen Urteile nach fast achtmonatiger Prozessdauer Verfügung gestellt.
müssen. Aufsehen erregende Aktionen nach der Feuer- (Urteilsverkündung am 16. Juli 1964) erregten großes,
nacht, sogar über mehrere Jahre hindurch, setzten die so auch internationales Aufsehen. Alle Häftlinge, ob sie
genannten „Puschtra Buibm“ um Siegfried Steger und nun zu kürzeren oder sehr langen Gefängnisstrafen ver- Dr. Bruno Hosp wurde 1968 zum Bundesmajor des SSB
Sepp Forer. Sie und andere in Österreich lebende Süd- urteilt worden sind, haben diese aufrecht verbüßt und bestellt, 1977 wird er LKdt.-Stv., 1984 Landeskomman-
tirol-Aktivisten warten nach bald fünf Jahrzehnten im- zusammen mit ihren Familien, ihren Frauen und Kin- dant. 1989 wird er Kulturlandesrat in der Südtiroler
mer noch vergeblich auf eine Begnadigung durch den dern, unsägliches Leid erlitten. Landesregierung und tritt wegen der Unvereinbarkeit
italienischen Staatspräsidenten! Dies ist umso schänd- Jedes Jahr am 8. Dezember wird in St.Pauls am ur- beider Ämter von der Spitze des SSB ab. Er ist EMjr.
licher, als in Italien der „schwarze“ und der „rote“ Ter- sprünglichen Grab von Sepp Kerschbaumer vor der beider Schützenbünde - nördlich und südlich des Bren-
rorismus einige Jahre nach der Südtiroler Feuernacht Gedenktafel für die verstorbenen Freiheitskämpfer ners.
wahre Blutbäder angerichtet hat. Richter und Staatsan-
wälte, sogar ein Aldo Moro (1916–1978) sind gewalt-
samen Entführungen und Mordanschlägen zum Opfer
gefallen. Da waren wirkliche Terroristen am Werk, aber
schon seit über 10 Jahren sind sie alle in Freiheit.

Eiskalter Zynismus durch die Obrigkeit

Inzwischen sickerten grässliche Einzelheiten über er-


littene Folterungen an die Öffentlichkeit (im Buch „Für
die Heimat kein Opfer zu schwer“ von Helmut Golo-
witsch sind die Folterbriefe authentisch abgedruckt).
Mit eiskaltem Zynismus hat die staatliche Obrigkeit
versucht, jede Freiheitsregung zu unterbinden. Die offi-
zielle Politik in Südtirol wie auch in Österreich reagierte
nur zaghaft. Erst als kurz hintereinander zwei politische
Häftlinge, am 22. November 1961 Schützen-Oberjäger
Franz Höfler aus Lana und am 7. Jänner 1962 der Fa-
milienvater Anton Gostner aus St. Andrä, an den Folgen
der erlittenen Folterungen starben, gingen die Wogen
der Erregung bei der Bevölkerung dies- und jenseits der Unzählige Trauergäste gaben Sepp Kerschbaumer das letzte Geleit.

Herausgegeben vom Bund der Tiroler Schützenkompanien - Innsbruck. Redaktion: EMjr. Karl Pertl, Völs. Herstellung: dtp Tyrol, Klaus Leitner, Innsbruck.
„Mit den Schützen“ - 20. September 2009
Von Franco Bellegrandi

F
rüh am Morgen des 20. September 2009, nennt uns die Kompanien. Es defiliert das Inns-
Bahnhof Wörgl. Während wir auf brucker Bataillon, Erich Enzinger,
den Zug nach Innsbruck der Kommandant, ihr Mann, ist
warten, trinken wir einen an der Spitze und grüßt mit
Kaffee im Gasthaus, dem Säbel. Der lange,
wo man den besten gellende Ruf, kenn-
der Stadt kriegt. An zeichnend für die
der Theke trinken Tiroler, zerreißt
zwei Schützen mehrmals die
und reden leise Luft; beschriftete
miteinander. Ihre Banner kommen
Trachten schallen und wehen über
wie Trompeten- den Reihen, erin-
stöße in der stillen nern an Ereignisse
Alltäglichkeit des der Vergangenheit,
Lokals und der Gäste, schmerzhafte und un-
die an den Tischen sitzen. auslöschliche.
Ich beobachte sie aus meinem Die Kaiserjäger marschieren
Eck und fühle mich wie zu Hause. vorbei und ein Zug kaiserli-
Mädchen der Jungschützengruppe
Sie sind das Tirol von cher Dragoner, von je-
der Kompanie Lienz. (Foto: Ch. Pertl) sind, solche Leute umgeben von einer Schar servi-
gestern und heute; von nem Regiment, in dem
immer; wo ich mich wieder erkenne, wo ich mich er- auch Kaiser Karl und Hugo von Hofmannsthal gedient ler Speichellecker zu sehen, mit Panzerautos und den
hebe in einem ganz persönlichen Stolz von alter Kame- haben, Aristokratie der Soldaten, denen in den Zeiten höchsten Gehältern Europas, stößt es scharf auf und wir
radschaft, von überzeugter, ungescheuter Bruderschaft der grauen demokratischen Sintflut nie wieder etwas beginnen nachzudenken.
mit diesen Kriegern, die in einer Welt, vergiftet von Op- gleich kam. Vielleicht blickte hinter den großen Fen- Der Zug fährt ab, die Wägen sind übervoll mit Schüt-
portunismus und Kriecherei, hoch im Berghimmel mit stern der Hofburg der Geist Franz Josephs herab und zen, die in ihre Dörfer zurückkehren; am Boden, in den
ausgebreiteten Schwingen den (roten) Adler schweben salutierte. Gängen, Bündel von Gewehren. Mit Mühe finden wir
lassen, Symbol ihrer Ehre und ihrer Treue. einen Tisch im Speisewagen. Ich biete meinen Nach-
Dann der Zug, die Fahrt in der Sonne, Innsbruck. barn, die ich als Kameraden empfinde, einen Trunk
Heute feiert man das zweihundertste Jahr der berühm- an, dann trinken auch wir einen Schnaps aus dem Sil-
ten Schlacht am Bergisel und den Triumph des Andreas berbecher einer hübschen Marketenderin, die ich an
Hofer mit einer feierlichen Kundgebung von tausenden den Tisch eingeladen habe.
Menschen, Schützen, Delegationen aus Österreich und Mit dem Schluck Alkohol kommt die Inspiration ins
aus dem Ausland. Herz: Ich leihe mir von meinen Nachbarn eine Mannli-
Frau Anna Enzinger, Gattin des Kommandanten des cher; mit der Rechten schwinge ich die Waffe, mit der
Innsbrucker Schützenbataillons, wartet; effizient und Linken umarme ich das Mädchen: So lasse ich mich fo-
informiert leitet sie unsere Schritte in dieser Welt . . . tografieren.
hinein in eine andere.
Vom Bahnhof weg sind die Straßen, die zur Hofburg
führen, ein ununterbrochener Strom kleiner vielfarbiger
Gruppen, eingebettet in einem Gesumme von Erzählen,
Rufen, Trommelrollen.
Die alte Alpenstadt scheint heute Früh in einem Mor- Die große Dornenkrone, Symbol des Leidens seines
gen des neunzehnten Jahrhunderts erwacht zu sein. Das entzweigerissenen Tirols, der Säbel und die Ehrenkette
Herz schlägt hoch, während wir inmitten dieses Volkes Andreas Hofers, von Schützenoffizieren auf Kissen ge-
gehen, wo die Mannlicher über der Schulter und die Sä- tragen, bilden den Höhepunkt der beeindruckenden Fei-
bel am Gürtel in den Sonnestrahlen Blitze schleudern. er. Die Menge applaudiert, Bundespräsident, Bundes-
Wir kommen zur Hofburg, sehen die Tribünen ent- kanzler und Landeshauptleute, die ganze Ehrentribüne
lang der breiten Straße, wo sich schon die Zuschauer uns gegenüber, sind aufgestanden und applaudieren.
und die Würdenträger versammeln. Das ist Tirol, das sind die Tiroler, sie haben nichts zu
Aus einer Gruppe von Schützenoffizieren löst sich tun mit dem Politisieren-Feilschen des uneinigen Ver-
die Riesengestalt des LKdt.-Stv. Stefan Zangerl, er einten Europas. So, in der einen Hand der kalte, glänzende, kurz an-
kommt uns mit einem anderen Offizier entgegen, be- Während wir zurückgehen, tönen die Straßen Inns- gebundene Realismus der Waffe, in der anderen, die
grüßt uns und schenkt uns den Band „Die Tiroler Schüt- brucks von Trommeln und Liedern. Züge und Kompa- pulsierende Wärme des Lebens und der Jugend des Ti-
zen und ihre Geschichte“ von Professor Hye. nien von Schützen streben von allen Seiten zum Bahn- roler Mädchens, sehe ich für mich die Essenz, die Be-
Wir erreichen unsere Tribüne und können von da aus, hof. Der ist heute ein Schauspiel: keine Stadtstreicher, deutung, die ideale Personifizierung des Tiroler Landes.
links gewärmt von der Sonne und rechts umschmeichelt keine Zivilisten, ein einziges Gewimmel von Kriegern. Ich weiß, dass ich zusammen mit dem Foto die unver-
von einer Brise voller Wald- und Schneegerüche vier Unter dem Vordach, wo unser Zug nach Wien steht, gessliche Erinnerung an diesen Frühherbsttag forttra-
Stunden lang den Vorbeimarsch bewundern. geht nahe an uns ein Herr in schwarzem Anzug vorbei. gen werde, während der Zug immer schneller in die
Kompanien und Bataillone in Achterreihen zum Das ist der Bundeskanzler, sagt man mir. Er geht ganz ersten Abendschatten fährt.
Klang der alten Märsche mit den Fahnen an der Spitze; allein und nimmt den Zug nach Hause. Ich schaue un-
Kanonensalven; Mädchen in Tracht, im Tanz sich wie- gläubig. Einer wie jeder andere, ohne Leibwache, ohne Dr. Franco Bellegrandi war Journalist beim »L'Osser-
gend; fremde Abordnungen in altertümlichen Unifor- einen Polizisten, der ihm den Aktenkoffer trägt. Uns, vatore Romano«, der Zeitung des Heiligen Stuhls in
men. Aber in erster Linie die Schützen. Anna Enzinger die wir auf der anderen Seite des Brenners gewohnt Rom. (Fotos: M. Wedermann, W. Kathrein)

Herausgegeben vom Bund der Tiroler Schützenkompanien - Innsbruck. Redaktion: EMjr. Karl Pertl, Völs. Herstellung: dtp Tyrol, Klaus Leitner, Innsbruck.
Der Pilgerweg nach Santiago de Compostela und seine Spuren in Tirol
Von Sebastian Huber

I
n den letzten Jahrzehnten hat die Pilgerbewegung Lauf der Zeit schloss sich dem Pilgerzug auch „leich-
nach Santiago de Compostela einen großen Auf- tes Volk“ an, sodass die Jakobuspilger bisweilen in
schwung genommen und knüpft damit an eine große schlechten Ruf gerieten, Angst verbreiteten oder ihnen
mittelalterliche Tradition an. Was aber steckt dahinter? der Zutritt zu Ortschaften verwehrt und sie vertrieben
wurden. So hatte die Wallfahrt seit dem 16. Jahrhun-
Santiago de Compostela - dert mit verschiedenen Schwierigkeiten zu kämpfen, ist
St. Jakob am Steinfeld aber nie gänzlich zum Erliegen gekommen. Heute ist
eine erstaunliche Wiederbelebung der Jakobspilgerfahrt
Der Name verrät schon, dass es sich um eine Wall- zu beobachten. 1982 pilgerte Papst Johannes Paul II
fahrt zum hl. Jakobus handelt. Wer ist der hl. Jakobus? nach Santiago de Compostela und rief dort Europa dazu
Jakobus der Ältere, Sohn des Zebedäus, gehört mit auf, seine christlichen Wurzeln neu zu beleben - wohl
seinem Bruder Johannes zu den erstberufenen Jüngern nicht zu Unrecht . . .
(Mk 1,19) und mit Simon Petrus zu den Jüngern, die Der hl. Apostel Jakobus ist in vielen unserer Kirchen,
besonders eng mit Jesus verbunden waren (bei der Er- die vielleicht auf einem der Jakobswege liegen, zu se-
weckung der Tochter des Jairus, bei der Verklärung Jesu hen. Als oberster Schutzherr aller Pilger und Wallfahrer
am Berg und bei seiner Todesangst im Garten Getsema- erscheint er seit dem 13. Jh. selbst in Pilgertracht: mit
ni). Als erster Apostel hat Jakobus 43/44 seine Zeugen- Pilgerstab, Pilgermuschel und Pilgerkalabasse (Trink-
schaft für Jesus mit dem Tod besiegelt (Apg 123,1f). gefäß aus einem Flaschenkürbis). Vielleicht können wir
Was aber hat der Apostel Jakobus, der in Jerusalem den ihn in unserer eigenen Pfarrkirche entdecken. Das Fest
Tod erlitten hat, mit dem äußersten Nordwesten Spani- des hl. Apostels Jakobus feiert die ganze Kirche jedes
ens zu tun? Jahr am 25. Juli. Dieser Festtag ist auch der Patrozini-
Das Evangelium Christi ist schon bald bis an die umstag unserer Domkirche, der Bischofskirche zu St.
Grenzen der (damals bekannten) Erde verkündet wor- Jakob in Innsbruck. (Übrigens war in Santiago de Com-
den (vgl. Apg 1,9), in diesem Falle bis nach Finister- postela ein Heiliges Jahr; denn 2010 ist der 25. Juli auf
re (= finis Terrae, Ende der Welt), dem heute noch so einen Sonntag gefallen.)
genannten westlichsten Kap Spaniens in den Atlantik
hinein, nicht weit entfernt von Santiago. Wie das ganz Jakobus: Festaltarschmuck im Dom zu St. Jakob, Innsbruck:
Sebastian Huber OPraem. ist Pfarrer in Tulfes.
genau geschehen ist, wissen wir nicht; doch schon früh der Hl. Jakobus wurde 1732 von Franz Christoph Mäderl in
wurde darauf sehr Wert gelegt, dass diese erste Evange- Silber getrieben. (www.kunstverlag.peda.de)
lisierung Spaniens mit dem Ursprung, der Sendung der
Apostel in die Welt, verbunden ist. Auch der Apostel
So war die „Echtheit des Apostelgrabes“ de facto durch
Paulus hatte Reisepläne, in den äußersten Westen, nach
den massenhaften Zustrom von Pilgern gegeben.
Spanien, zu kommen (Röm 15, 239). Paulus gelangte
Die vielen Pilgerwege aus ganz Europa waren zeit-
nicht nach Spanien, natürlich auch Jakobus nicht: Im
weise die größte europäische Pilgerfahrt (neben der
Nordwesten Spaniens aber, im äußersten Westen der
Wallfahrt zu den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus
spanischen Provinz Galicien, die sicher um 400 christ-
in Rom – und nachdem der Weg in das Heilige Land, in
lich geworden ist, entstand eine lateinische Überset-
das Land Jesu, wegen der Eroberung der heiligen Stät-
zung des griechischen Bibeltextes mit zwei wichtigen
ten durch den Islam fast nicht mehr möglich war.)
Einschüben zur Tätigkeit der Apostel, wonach Philip-
Die Pilgerwege nach Santiago de Compostela, die im
pus und Jakobus der Ältere Spanien missioniert hätten
12. Jahrhundert ihren Höhepunkt und ab der 2. Hälf-
(ein Gedanken, auf den man später um 1100 verzichtet
te des 16. Jahrhunderts ihren Niedergang erlebten, ha-
hat). Um 600, vom 3. Konzil von Toledo, gibt es den
ben eine immense Bedeutung für die Entstehung eines
frühesten schriftlichen Beleg, der von einer spanischen
gemeinsamen christlichen Europas. In ganz Europa
Missionstätigkeit Jakobus des Älteren spricht. Pilgereinzug: Der in Saint-Jean-de-Pied-de-Port, Frank-
weihte man dem hl. Jakobus Kirchen - er ist nach dem reich beginnende und quer durch Nordspanien Camino
Wir dürfen mit unseren heutigen Augen diese Annah-
hl Nikolaus und mit dem hl. Christopherus der große Francés sich erstreckende Pilgerweg stellt den wohl be-
men nicht einfach als geschichtlichen Schwindel und
Patron der Pilger der Wege. Diese Kirchen wurden an rühmtesten Abschnitt der Europa durchziehenden Jakobswe-
als Lüge ansehen. In dieser Berufung auf den Apostel
besonders ausgesetzten Plätzen, z. B. an Berg- oder ge dar. Hier bekommt man den Pilgerpass und die Jakobs-
Jakobus drückt sich das tiefe Bewusstsein der Apostoli-
Flussübergängen, errichtet, bei uns in Tirol z.B. in St. muschel, die als Erkennungszeichen und treuer Wegbegleiter
zität der Kirche, dass sie ihren Ursprung bei den Apos-
Jakob am Arlberg, in St. Jakob in Nößlach oder in St. dient.
teln hat, und der (tief berechtigte) Wunsch aus, dass die
Jakob in der Au - heute Innsbruck, St. Jakob. Man grün-
Kirche eine Einheit ist (und sein soll/muss).
dete Pilgerherbergen und Bruderschaften, die die Ja-
Kurz vor 834 fand man das sogenannte Grab Jakobus
kobsverehrung und die Jakobspilgerfahrt förderten.
des Älteren und errichtete darüber eine erste Kirche,
Die Wallfahrt nach Santiago war vor allem eine be-
womit man die alte, auf die Missionsberichte gestützte
schwerliche Bußwallfahrt. Nach einem schweren Un-
Verehrung des Apostels wiederbeleben wollte. So be-
recht, Verbrechen oder einem sündigen Leben hat sich
gründete man die auf Jakobus bezogene Apostolizität
jemand selbst auf den Weg gemacht - oder er wurde zur
der spanischen Kirche - eine wichtige Stütze gegen
Buße und Sühne auf diesen weiten Weg geschickt. Da
die Macht des Islams, gegen die Mauren, die zu die-
manche die Strapazen nicht überlebten, musste ein Ja-
ser Zeit einen Großteil Spaniens erobert hatten. Schon
kobspilger vor Antritt der Pilgerschaft sein Testament
bald nach 900 fanden sich die ersten Pilger von jenseits
machen. Auch wurde die Wallfahrt zeitweise mit einem
der Pyrenäen ein, um den Apostel des Westens an seiner
vollkommenen Ablass versehen, der den auf dem Weg
Grabstätte zu verehren. Pilgergruppen aus Frankreich,
nach Santiago verstorbenen Pilgern gewährt wurde. Im
Italien und Deutschland sind seit 1072 nachgewiesen.

Die Kathedrale von Santiago de Compostela. Als Ziel des


Jakobsweges gehörte sie neben Rom und Jerusalem zu den
Die Benediktinerabtei Einsiedeln ist der meistbesuchte Die Stadt Le Puy in Le Puy-en-Velay in der französischen bedeutendsten Pilgerzielen des christlichen Mittelalters. Seit
Wallfahrtsort der Schweiz, eine bedeutende Station auf dem Region Auvergne ist der Ausgangspunkt des Französischen dem Heiligen Jahr 1976 erlebt der Jakobsweg eine Renais-
Jakobsweg und das Ziel zahlreicher Pilger. Die Schwarze Jakobsweges „Via Podiensis“. Blickfang der Stadt ist die sance. Jährlich treffen etwa 75.000 Pilger zu Fuß, auf dem
Madonna von Einsiedeln in der Gnadenkapelle ist Anzie- Kirche Saint-Michel d'Aiguilhe (Heiliger Michael auf der Fahrrad, zu Pferd oder als Rollstuhlfahrer in Santiago ein.
hungspunkt für Pilger und Touristen. Nadel) auf einer Basaltspitze. (Fotos: Alois Norz)

Herausgegeben vom Bund der Tiroler Schützenkompanien - Innsbruck. Redaktion: EMjr. Karl Pertl, Völs. Herstellung: dtp Tyrol, Klaus Leitner, Innsbruck.
Landeshauptleute von Tirol
Von Heinz Wieser

E
s gibt Hinweise aus den Jahren 1314 und 1316 über Landesverwaltung einzurichten. Bereits im Septem- Konrad von Teck 1348 - 1352; Albrecht von Wolfstein
die Einsetzung eines Hauptmannes als Vertreter ber 1945 wurde er ins Außenministerium berufen. Als 1353 - 1354; Heinrich von Bopfingen 1354 - 1359; Kon-
des Landesfürsten in seiner Abwesenheit. Damit ist Außenminister schloss er 1946 das sogenannte Gruber- rad von Frauenberg 1359 - 1361; Ulrich von Matsch
noch keineswegs die Einrichtung einer Landeshaupt- Degasperi-Abkommen ab, das den Grundstein für das 1361 - 1363; Bertold von Gufidaun 1364 - 1371; Ru-
mannschaft geschaffen, wohl aber schon die ursprüng- Mitspracherecht Österreichs für eine Autonomie Süd- dolf Graf von Habsburg-Laufenburg 1373; Heinrich IV.
liche Funktion des Landeshauptmannes, nämlich die tirols legte. Er starb am 1. Februar 1995 in Innsbruck. von Rottenburg 1374 - 1400; Heinrich V. von Rotten-
Vertretung des Landesfürsten, angesprochen. In der Bevölkerung besonders beliebt war Eduard burg 1400 - 1404; Peter von Spaur 1404 - 1406; Hein-
Zu einer ständigen Einrichtung wurde das Amt des Wallnöfer (Landeshauptmann von 1963 - 1987), wel- rich VI. von Rottenburg 1406 - 1408; Leonhard von
Landeshauptmannes von Tirol, als sich Margarethe cher am 15. März 1989 seine Augen für immer schloss. Lebenberg 1408 - 1409; Heinrich VI. von Rottenburg
Maultasch nach Vertreibung des Prinzen Johann mit Am 13. Juli 1963 wählte ihn der Tiroler Landtag ein- 1409 - 1410; Vogt Ulrich von Matsch 1410 - 1411; Pe-
Markgraf Ludwig von ter von Spaur 1412 - 1416;
Brandenburg im Jahre Wilhelm von Matsch 1417
1342 verband. Markgraf - 1428; Ulrich der Jüngere
Ludwig von Brandenburg von Matsch 1428 - 1448;
setzte in diesem Jahr Con- Parzival von Annenberg
rad von Schenna in dieses 1449 - 1455; Oswald Seb-
Amt ein. Ihn setzte dann ner von Reifenstein 1456
Markgraf Ludwig 1342 - 1460; Christoph Botsch
zum ersten eigentlichen 1460 - 1471; Ulrich von
Landeshauptmann ein. Matsch 1471 - 1475; Chri-
Er führte dieses Amt als stoph Botsch 1476 - 1478;
Landeshauptmann und Gaudenz von Matsch
Burggraf bis 1346. Die 1478 - 1482; Jörg Häl von
Einrichtung eines Lan- Maienburg 1482 - 1483;
deshauptmannes von Tirol Degen Fuchs von Fuchs-
wurde auch von den Habs- berg 1483 - 1484; Viktor
burgern übernommen. Im von Thun 1484 - 1487;
Freiheitsbrief der Herzoge Nikolaus von Firmian
Leopold und Friedrich von Die Tiroler Landeshauptmänner Joseph Schraffl, Karl Gruber und Eduard Wallnöfer. (Fotos: Heinz Wieser) 1488 - 1498; Leonhard I.
Österreich 1406 wird ausdrücklich von Völs 1499 - 1530; Leonhard
versprochen, „unsere Hauptmannschaft an der Etsch stimmig zum Landeshauptmann von Tirol. Der große II. von Völs 1531 - 1532; Georg von Firmian 1533 -
und unser Burggrafenamt auf Tirol mit Landsleuten an Landespolitiker, der am 11. Dezember 1913 in Schlu- 1540; Hans Jakob von Völs 1545 - 1551; Hans von
der Etsch zu besetzen“. 1551 wurde der Landeshaupt- derns im Vinschgau zur Welt kam, 1949 Abgeordneter Trautson 1551 - 1589 (Titularhauptmannschaft); Simon
mann verpflichtet, der katholischen Religion zu dienen zum Tiroler Landtag wurde und dann das Landwirt- Botsch zu Auer 1551 - 1562; Wilhelm Freiherr von
und für die öffentliche Sicherheit zu sorgen. 1420 er- schaftsreferat in der Tiroler Landesregierung über- Wolkenstein 1562 - 1570; Lukas Römer von Maretsch
folgte die Verlegung des Sitzes des Landeshauptman- nahm, wurde in den langen Auseinandersetzungen um 1570 - 1582; Franz Hendl von Goldrain 1582 - 1592;
nes nach Innsbruck. die Südtirol-Frage zu einer Politikererscheinung, der in Hans Jakob Khuen von Belasi 1592 - 1607; Ferdinand
Als 1720 die ständische Aktivität eingerichtet wurde, Italien von vielen politischen Kreisen hoher Respekt von Khuepach 1607 - 1610; Jakob Andrä Freiherr von
übernahm der Landeshauptmann den Vorsitz. Die Lan- gezollt wurde. Als ein Pionier der europäischen Integra- Brandis 1610 - 1622; Ehrenreich von Trauttmanstorff
desverfassung von 1816 bestimmte, dass das Amt des tion galt er als einer der bekanntesten und respektierte- 1622 - 1628; Hans Viktor von Kässler 1628; Hans Frei-
Landeshauptmannes mit der Funktion des Landesgou- sten Politiker der europäischen Alpenregion. Der Name herr von Wolkenstein-Rodenegg 1628 - 1636; Domi-
verneurs vereinigt wird. Der letzte vom Kaiser ernann- Eduard Wallnöfer war mit dem Namen unseres Landes nikus Vigilius Graf zu Spaur 1636 - 1647; Veit Benno
te Landeshauptmann war Joseph Schraffl. Dieser war stets auf das engste verbunden. Der Mann, der das Land Graf zu Brandis 1647 - 1651; Anton Girardi Freiherr
auch der erste gewählte Landeshauptmann nach den am Tirol entscheidend prägte und auch auf bundespoliti- von Castell 1651 - 1660; Johann Dominikus Graf zu
15. Juni 1919 stattgefundenen Landtagswahlen. sche Entscheidungen großen Einfluss ausüben konnte, Wolkenstein-Trostburg 1661 - 1675; Johann Georg
Der in Sillian am 13. Juni 1855 geborene Sohn ei- hat mit seinem Lebenswerk tiefe Spuren in der neueren Graf Künigl 1675 - 1694; Johann Georg Sebastian
nes Wirtes und Kramers war von 1917 bis 1921 Lan- Geschichte Tirols hinterlassen. Wallnöfer hat mit den Künigl 1695 - 1739; Paris Kaspar Dominikus Graf
deshauptmann von Tirol und starb am 11. Jänner 1922. ihm zur Verfügung stehenden Mitteln das Kunststück Wolkenstein-Trostburg 1739 - 1774; Johann Gottfried
Bereits 1884 zum Bürgermeister seines Heimatortes vollbracht, das ihm anvertraute Land mit Geschick und Graf Heister 1774 - 1786; Wenzel Graf von Sauer 1787
Sillian gewählt, entsandten ihn 1898 die Landgemein- starker Hand in eine wirtschaftlich blühendes Land zu - 1790; Franz Joseph Graf von Lodron 1790; Josef Graf
den der Bezirke Lienz, Sillian und Windisch-Matrei in verwandeln, nachdem er es von seinen Vorgängern als Spaur 1791 - 1793; Paris Graf Wolkenstein-Rodenegg
den Tiroler Landtag. Zwei Jahre später zog Schraffl in ein von den Kriegsereignissen gut restauriertes Land 1793 - 1808; Graf Ferdinand Bissingen-Nippenburg
das Abgeordnetenhaus in Wien ein. 1898 hatte er zu- übernommen hat. 1815 - 1819; Karl Graf Chotek 1820 - 1825; Friedrich
sammen mit Prälat Aemilian Schöpfer die Cristlich- Zu seinem 20-jährigen Regierungsjubiläum im Juli Graf Wilczek 1825 - 1837; Hofrat Robert Ritter von
Soziale Partei Tirols gegründet, womit er zu einem der 1983 gab Wallnöfer in herzlichen und bewegten Worten Benz (mit der Verwaltung des Amtes betraut) 1837
maßgeblichsten Politiker Tirols vor dem Ersten Welt- einen kleinen Einblick in seinen Werdegang. Zunächst - 1841; Clemens Graf Brandis 1841 - 1848; Leopold
krieg wurde. Schraffl gründete im Jahre 1902 die „Ti- erinnerte er an seine Wahl zum Landeshauptmann von Graf Wolkenstein 1848 - 1852; Erzherzog Karl Ludwig
roler Bauernzeitung - politisches Organ zur Förderung Tirol am 13. Juli 1963 und meinte dazu, er habe die- 1852 - 1860; Leopold Graf Wolkenstein 1860 - 1861;
der Interessen des Bauernstandes“, für die er selbst bis se Wahl mit gemischten Gefühlen angenommen, da es Dr. Hieronymus von Klebelsberg 1861 - 1862; Johann
April 1920 als Herausgeber zeichnete. 1904 gründete durch die kurzen Regierungsperioden seiner Vorgänger Kiechl 1862 - 1866; Dr. Johann Haßlwanter 1867 -
Schraffl trotz heftigsten Widerstandes der katholisch- fast als eine Gesetzmäßigkeit galt, dass man auf diesem 1869; Dr. Eduard von Grebmer zu Wolfsthurn 1869 -
konservativen Landtagsmehrheit und des hohen Klerus Posten nicht lange lebt. „Mir kommt heute das Gan- 1871; Dr. Franz Xaver Maria Josef Rapp, Freiherr von
in Sterzing den Tiroler Bauernbund. Die Erweiterung ze fast vor wie ein Traum.“ Er habe seit 1969 an über Heidenburg 1871 - 1876 und 1881 - 1889; Dr. Wilhelm
des Tiroler Landtagswahlrechtes im Jahre 1914 gehört 1.200 Regierungssitzungen teilgenommen und davon Freiherr von Bossi-Fedrigotti 1877 - 1881; Anton Graf
sicherlich zu Schraffls schönsten politischen Erfolgen. 700 als Landeshauptmann geleitet. „Mich freut es sehr, Brandis 1889 - 1904; Dr. Theodor Freiherr von Ka-
Am 23. Mai 1917 wurde er vom Kaiser zum Landes- dass wir dabei nie in Bosheit oder Gehässigkeit aus- threin 1904 - 1916; Joseph Schraffl 1917 - 1921; Dr.
hauptmann von Tirol ernannt. Vom Tiroler Landtag einander gegangen sind. So sei dies bei Hüttenberger, Franz Stumpf 1921 - 1935; Dr. Josef Schumacher, 1935
am 25. November 1920 zum Bundesrat gewählt, übte Heinz, Kunst, Zechtl und Salcher von der SPÖ sowie - 1938; Dr. Karl Gruber 1945; Dr. Ing. Alfons Weiß-
Schraffl dieses Mandat bis zu seinem Tode aus. auch bei FPÖ-Klubobmann Eigentler stets gewesen. Es gatterer 1945 - 1951; Alois Grauß 1951 - 1957; Dr.
Dipl.-Ing. Dr. Karl Gruber war der erste Landes- war jedenfalls „Gott-sei-Dank“ nie so, dass man den Hans Tschiggfrey 1957 - 1963; Eduard Wallnöfer 1963
hauptmann der 2. Republik. Er wurde am 3. Mai 1909 anderen als Todfeind betrachtet hätte. Lauter Uneben- - 1987; Dipl.-Ing. Dr. Alois Partl 1987 - 1993; Dr. Wen-
in Innsbruck geboren, in Wien 1936 zum Dr. der Rech- heiten habe ich jedenfalls mit den Vertretern der ande- delin Weingartner 1993 - 2002; Univ.-Prof. DDr. Her-
te promoviert und war schon während des Studiums ren Fakultäten nie gehabt“. wig van Staa 2002 - 2008; Günther Platter seit 2008.
frühzeitig in der Gewerkschaftsbewegung und katholi- Eduard Wallnöfer legte am 2. März 1987 das Amt Landeshauptleute von Südtirol: Dr. Karl Erckert
schen Studentenschaft tätig. Er war Mitglied der Wi- des Landeshauptmannes von Tirol nach rund 24-jäh- 1948 - 1955; Dr. Ing. Alois Pupp 1956 - 1960; Dr. Sil-
derstandsbewegung, wurde zum Operationsleiter dieser riger Tätigkeit zurück. Der arme Halbwaisenbub aus vius Magnago 1960 - 1989; Dr. Luis Durnwalder seit
Organisation bestellt und trug wesentlich zur Befreiung dem Vinschgau war ein Mensch mit einer tiefen Liebe 1989.
Innsbrucks von den Nationalsozialisten noch vor dem zur Heimat, zu den Menschen des Landes, zu den Be-
Einmarsch der Amerikaner im Frühjahr 1945 bei. Am nachteiligten, zur Kirche und zu seinem Herrgott. HR Dr. Heinz Wieser war viele Jahre persönlicher Se-
22. Mai 1945 bestellte ihn der Chef der Militärregie- Landeshauptleute: Konrad von Schenna 1342 - 1346; kretär von LT-Präsident Prof. Helmut Mader. Er ist
rung Lt. Co. Watt zum Landeshauptmann von Tirol und Friedrich Mautner 1346; Swicker von Gundelfingen auch für viele interessante Artikel in der Tiroler Schüt-
damit erhielt Gruber die schwierige Aufgabe, die neue 1346; Engelmar von Villanders 1346 - 1347; Herzog zenzeitung und im Schützenkalender verantwortlich.

Herausgegeben vom Bund der Tiroler Schützenkompanien - Innsbruck. Redaktion: EMjr. Karl Pertl, Völs. Herstellung: dtp Tyrol, Klaus Leitner, Innsbruck.

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