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Herr Keuner und die Flut – Interpretation

Herr Keuner ging durch ein Tal, als er plötzlich bemerkte, daß seine
Füße in Wasser gingen. Da erkannte er, daß sein Tal in Wirklichkeit ein
Meeresarm war und daß die Zeit der Flut herannahte. Er blieb sofort
stehen, um sich nach einem Kahn umzusehen, und solange er auf einen
Kahn hoffte, blieb er stehen. Als aber kein Kahn in Sicht kam, gab er
diese Hoffnung auf und hoffte, daß das Wasser nicht mehr steigen
möchte. Erst als ihm das Wasser bis ans Kinn ging, gab er auch diese
Hoffnung auf und schwamm. Er hatte erkannt, daß er selber ein Kahn
war.

Die Kalendergeschichte „Herr Keuner und die Flut“ von Berthold Brecht aus dem 20.
Jahrhundert handelt von Herrn Keuner, der in eine Missliche Situation gerät. Brecht
(gebürtig Eugen Berthold Friedrich Brecht) lebte von 1898 bis 1956 und war in seiner Zeit,
auch während des Nationalsozialismus, ein einflussreicher deutscher Dramatiker und
Lyriker.

„Herr Keuner und die Flut“ handelt von G. Keuner, der durch ein vermeintliches
Tal wandert, welches sich als Meeresarm herausstellt. Als er von der Flut überrascht wird,
hofft er auf einen Kahn, der kommt um ihn zu retten, doch diese Hilfe bleibt aus. Daraufhin
hofft er, dass das Wasser aufhört zu steigen, auch das passiert nicht. Letztendlich, als ihm
das Wasser bis zum Hals steht, erkennt er, dass nie ein Kahn kommen wird und schwimmt
weg.

In „Herr Keuner und die Flut“ wird deutlich gemacht, dass man sich nicht immer auf Andere
verlassen, sondern selbst handeln sollte, bevor es zu Spät ist.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Er-Erzähler erzählt (Z. 8 „Er hatte erkannt, daß
er selber ein Kahn war.“), es werden Objektiv die Gedanken und Taten des Protagonisten
wiedergegeben. Der Stil ist parataktisch (Z. 1-3): „Herr Keuner ging durch ein Tal, als er
plötzlich bemerkte, daß seine Füße in Wasser gingen. Da erkannte er, daß sein Tal in
Wirklichkeit ein Meeresarm war und daß die Zeit der Flut herannahte.“, wodurch Spannung
aufgebaut wird. Ein weiteres Stilmittel zum Aufbau von Spannung ist das kontinuierlich
ansteigende Wasser von den Füßen (Z. 2 „...daß seine Füße in Wasser gingen.“) bis zum
Kinn (Z. 7 „...als ihm das Wasser bis ans Kinn ging...“). Der Ort des Geschehens ist der
Meeresarm, der auch eine gewisse Aussichtslosigkeit vermittelt. Der metaphorische Kahn,
der in den Zeilen 4, 5 und 8 erwähnt wird, steht für die Rettung aus den Fluten und drückt

1 by Marius Scholz
auch eine gewisse stärke aus.
Dadurch, dass Herr Keuner anfangs gar nicht gemerkt hat, dass er sich in einem Meeresarm
befindet (Z. 2-3) „Da erkannte er, daß sein Tal in Wirklichkeit ein Meeresarm war und daß
die Zeit der Flut herannahte.“, lässt auf Ahnungs- bzw. Orientierungslosigkeit, schließen. Er
vertraut darauf, dass er das Glück hat, gerettet zu werden, dass es Menschen gibt, die ihn
aus dieser misslichen Situation befreien, was von einer gewissen Hilflosigkeit aber auch
Vertrauen an das Schicksal zeugt (Z. 3- 7) „Er blieb sofort stehen, um sich nach einem Kahn
umzusehen, und solange er auf einen Kahn hoffte, blieb er stehen. Als aber kein Kahn in
Sicht kam, gab er diese Hoffnung auf und hoffte, daß das Wasser nicht mehr steigen
möchte.“. Doch im letzten Moment verlässt ihn diese Hoffnung auf Rettung, und er ergreift
die Eigeninitiative, bevor es zu Spät ist (Z. 7-8) „Erst als ihm das Wasser bis ans Kinn ging,
gab er auch diese Hoffnung auf und schwamm.“. Und er erkennt, dass er nicht immer auf
die Hilfe von anderen Vertrauen sollte (Z. 8.) „Er hatte erkannt, daß er selber ein Kahn war.“.

Die ersten Herangehensweisen an das Problem sind eher passiv, Keuner hofft, dass ihm
geholfen wird, oder sich das Problem von selbst löst. Erst als er erkennt, dass dem nicht so
ist, wird er aktiv und Hilft er sich selber. Brecht will damit verdeutlichen, dass man nicht
immer auf fremde Hilfe hoffen soll, anstatt sich selbst zu helfen.

Anhand dieser symbolischen Parabel wird gezeigt, was uns sicher allen schon einmal
passiert ist. Man verlässt sich auf die Hilfe von Anderen, und schafft es aber, als diese
ausbleibt, sich selbst zu helfen. Daher und wegen des Brecht-typischen Schreibstils gefällt
mir die Geschichte.

2 by Marius Scholz