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DAS DEUTSCHE NACHRICHTEN - MAGAZIN

Hausmitteilung
20. September 2010 Betr.: Hunger, Hundertjährige, „Dein SPIEGEL“

S taats- und Regierungschefs aus aller Welt debattieren diese Woche in New York
über die Bilanz ihrer Politik gegen Hunger, Armut und Umweltzerstörung. Sie
ist schockierend: Über 900 Millionen Menschen hungern – weit mehr als vor zehn
Jahren. SPIEGEL-Redakteure haben auf mehreren Kontinenten nach den Gründen
geforscht. Christian Schwägerl, 42, reiste zu indischen Kleinbauern, Jens Glüsing,
49, sprach in Brasilien mit einem Zuckerrohrarbeiter. Horand Knaup, 51, traf
kenianische Bauern, die um ihre Existenz kämpfen, Petra Bornhöft, 59, besuchte
internationale Konferenzen, auf denen die Zukunft der Landwirtschaft beraten
wurde. Vor zwei Wochen traf sie in Ber-
lin den früheren Uno-Generalsekretär
Kofi Annan, 72, der eine „deutsche Füh-
rungsrolle“ im Kampf gegen den Welt-
MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

hunger anmahnte. Die SPIEGEL-Leute


halten eine Welt ohne Hunger für
realisierbar. „Wir brauchen eine neue
Grüne Revolution, die Kleinbäuerinnen
und ökologische Technologien ins Zen-
Bornhöft, Annan in Berlin trum rückt“, so Schwägerl (Seite 158).

W ie schafft man es, 100 Jahre alt zu werden und dabei gesund und lebensfroh
zu bleiben? Die Ratschläge, die SPIEGEL-Redakteurin Samiha Shafy, 30,
von den drei New Yorker Geschwistern Kahn bekam, könnten unterschiedlicher
kaum sein: Helen, 108, rauchte und feierte zeitlebens gern, ihr Bruder Irving, 104,
empfahl Rohkost und viel Bewegung, während Peter, 100, Sport verabscheut. Ge-
meinsam war dem Trio, so Shafy, „ein wacher Geist, die Vielseitigkeit der Interessen
und die ungebrochene Neugier auf das Leben“.
Als sie Irving Kahn, den ältesten Investor an der
Wall Street, in seinem Büro interviewen wollte,
stellte erst einmal der alte Herr die Fragen. Wor-
über sie denn sonst so schreibe, fragte er Shafy
und ließ sich ihre Reportage über irakische Natur-
schützer aus dem Internet herunterladen. Wie die
SPIEGEL-Frau denn die Lage in dem Zweistrom-
land einschätze, wollte er wissen. „Was denken
JÜRGEN FRANK

Sie, wann kommt der richtige Moment, in iraki-


sches Öl zu investieren?“, fragte der 104-Jährige.
Shafy riet, nichts zu überstürzen (Seite 152). Irving Kahn, Shafy in New York

I n wohl jeder Familie kommt es früher oder später zu dieser Situation: Eltern und
Kinder sitzen bei Tisch, und plötzlich taucht die Frage auf, was für ein Tier der
leckere Sonntagsbraten früher einmal war, ob es ein gutes Leben hatte und wie es
geschlachtet wurde. Der Frage „Darf man Tiere essen?“ widmet „Dein SPIEGEL“,
das Nachrichten-Magazin für Kinder, eine Titelgeschichte. Sie
klärt über die Folgen des Fleischkonsums für Tier, Mensch
und Umwelt auf – und über den Einfluss, den Verbraucher
darauf haben. Weitere Themen im Heft: Kinderreporter be-
fragen Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel, 47, zur Hilfe
für die Flutopfer in Pakistan, und die Kinderbuchautorin Cor-
nelia Funke, 51, gibt über ihren neuen Roman „Reckless“ Aus-
kunft. Außerdem werden die herausragenden neuen Kinder-
und Jugendbücher dieses Herbstes vorgestellt. „Dein SPIEGEL“
erscheint an diesem Dienstag und kostet 3,40 Euro.

Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 5
In diesem Heft
Titel
Das teure Öko-Gewissen – weshalb
das Klimakonzept der Regierung kaum
zu realisieren ist ............................................. 88 Wulffs Fehlstart Seite 24
Eine Emdener Werft sieht ihre Ein Urlaub mit Fragezeichen,
Zukunft nicht mehr im Schiffs-, sondern die voreilige Rücktritts-
im Windgeschäft ............................................ 94
forderung an Duisburgs
Oberbürgermeister, die
Deutschland Vermittlung im Fall
Panorama: Arbeitsministerium warnt vor Sarrazin – mit Christian
Problemen bei der geplanten
Hartz-IV-Reform / Bundeswehr zieht Wulff sollte ein Polit-Profi
„Tornado“-Aufklärer aus Afghanistan ab / Bundespräsident werden,
Ex-Guantanamo-Häftlinge werden jetzt hagelt es Fehler.
nicht überwacht .............................................. 19 Auch wenn mancher Vor-
Bundespräsident: Warum Christian Wulff wurf überzogen ist, steigt
noch nicht Tritt gefasst hat ............................. 24 der Druck: Mit seiner Rede
Affären: Christian Wulffs Ex-Wahlkampfchef zum 3. Oktober muss der
JAN WOITAS / DPA

soll illegal Personal und Geld der Befreiungsschlag gelingen.


Wolfsburger Stadtwerke genutzt haben ......... 28
CDU: Der Zweikampf um den Vorsitz des
nordrhein-westfälischen Landesverbands ....... 32 Wulff
Grüne: SPIEGEL-Gespräch mit
Fraktionschefin Renate Künast über den
Höhenflug in den Umfragen und sinkende
Chancen für Schwarz-Grün ............................ 34
Brandenburg: Macht ein verschwundener
Laptop den Innenminister erpressbar? ........... 36
SPD: Der neue Partei-Liebling
Milliardengrab HRE Seite 98
Heinz Buschkowsky ....................................... 38 In Berlin wächst die Wut über die staatseigene HRE, die schon wieder nach
Verkehr: Ein Kieler Fuhrunternehmer staatlichen Garantien ruft – und die Sorge, ob die Bank tatsächlich zu retten
wehrt sich vor Gericht gegen ist. Die Risiken trägt auch in Zukunft der Steuerzahler.
die vielen Lkw-Überholverbote
auf Autobahnen ............................................. 41
Strafjustiz: Entscheiden den
Mannheimer Kachelmann-Prozess
am Ende die Gutachter? ................................. 42

Gesellschaft
Blühende Landschaften auf Papier Seite 50
Die „Super Illu“, Lieblingszeitschrift der Ostdeutschen, erzielt Rekordauflagen
Szene: Mission mit dem Skateboard / Sachbuch mit Geschichten über Stars, die im Westen keiner kennt. Ein Chefredakteur
über das Berliner Problemviertel Wedding .... 47
Eine Meldung und ihre Geschichte –
aus Bayern verwandelt den Osten einmal pro Woche in eine bunte Erlebniswelt.
Wie eine Friseurin ihr Einkommen mit
Strumpfhosen aufbessern wollte .................... 48
Deutsche Einheit: Der märchenhafte Erfolg
der ostdeutschen Zeitschrift „Super Illu“ ....... 50
Ortstermin: Mönchengladbacher Bürger
protestieren gegen eine Islamschule ............... 58
Entführungen: SPIEGEL-Gespräch mit
der ehemaligen Geisel Ingrid Betancourt
über die Folgen ihrer sechsjährigen
Gefangenschaft ............................................... 61
Justiz: Im Gefängnis der Kleinstadt Werl
leben 60 Sicherungsverwahrte, die nun
teilweise freikommen ..................................... 66

Wirtschaft
Trends: Lufthansa fliegt mit dem Jumbo
durch Deutschland / Siemens-Problemsparte
bricht ein / Deutsche Banken
LUCAS JACKSON / REUTERS (G.); GERO BRELOER / AP (K.)

brauchen weitere 50 Milliarden Euro


Eigenkapital ................................................... 87
Banken: Die Skandalbank HRE kämpft
weiter ums Überleben .................................... 98
Gesundheit: Wie die Pharmalobby das neue
Arzneimittelgesetz beeinflusst ...................... 102
Großprojekte: SPIEGEL-Streitgespräch
zwischen Bahn-Chef Rüdiger Grube
und dem grünen Verkehrsexperten
Winfried Hermann über „Stuttgart 21“ ......... 112 Attacke auf die Lady Seite 168
Konzerne: In der jüngsten Telekom-
Affäre macht auch die Staatsanwaltschaft
Stephanie zu Guttenberg pflegt ihr konservatives Image: Die
keine glückliche Figur ................................... 116 Frau des Verteidigungsministers attackiert Popstars wie
Sozialstaat: Was folgt auf den Zivildienst? ... 118 Lady Gaga: Sie seien pornografisch und jugendgefährdend.
8
Ausland
Panorama: Abfuhr für Israel in Brüssel /
Angst vor weiterer Gewalt in Tibet .............. 120
USA: Ein neuer Star beflügelt die Tea Party ... 122
Frankreich: Die Einsamkeit des
Nicolas Sarkozy ............................................ 124
Schweiz: Wie zeitgemäß ist Europas
seltsamste Regierung? ................................... 126
Russland: Der Kampf des Kreml gegen
Moskaus Oberbürgermeister ......................... 128
Afghanistan: Die milliardenschweren
Projekte der ausländischen Helfer ................. 130
Global Village: Der Sexshop von Manama .... 139

Sport
Szene: Yachtkonstrukteur Rolf Vrolijk über die
Zulassung von Katamaranen beim America’s
Cup / Umstrittener Uefa-Mitarbeiter soll
DFB-Schiedsrichter denunziert haben .......... 144
Golf: Für den deutschen Weltklassespieler Martin
Kaymer liegt die Zukunft in den USA .......... 146
Fußball-Wettskandal: Der inhaftierte
Zockerkönig Ante Sapina packt aus ............. 148

Wissenschaft · Technik
Rechtsruck bei den Republikanern Seite 122 Prisma: Kleider aus der Sprühdose / Archäologe
fordert Persönlichkeitsrechte für Mumien ..... 150
Konservative Tea-Party-Anhänger wie Christine O’Donnell in Delaware Genetik: Worin liegt das Geheimnis der
haben bei den Vorwahlen ihre republikanischen Konkurrenten besiegt. Die Hundertjährigen? .......................................... 152
Verachtung der Parteirechten für die Washingtoner Eliten wird nun die Bildung: Warum die meisten Studenten
so wenig fürs Studium tun ............................ 156

ROB CARR / AP
Kongresswahlen prägen. Ernährung: Die Uno sucht neue Wege
im Kampf gegen den Hunger ........................ 158
Automobile: Die erste A-Klasse von
Mercedes mit Elektroantrieb ......................... 164

Kultur
Szene: Volksbegehren in Zürich gegen ein
Bummelnde Studenten Seite 156 Projekt des Künstlers Thomas Demand ........ 167
Konservatismus: Stephanie zu Guttenbergs
Studenten klagen über wachsenden Leistungsdruck. Nun zeigt eine Studie: Kreuzzug gegen Lady Gaga .......................... 168
Die meisten büffeln wenig fürs Studium, der mittlere Aufwand liegt nur bei Essay: Rüdiger Safranski über Arthur
Schopenhauer ............................................... 171
26 Wochenstunden. Das Leben außerhalb der Uni ist offensichtlich wichtiger. Musik: Kinshasa beheimatet das einzige
Symphonieorchester Zentralafrikas .............. 174
Autoren: Herta Müllers Freund Oskar Pastior
als Securitate-IM enttarnt ............................. 176
Schriftsteller: SPIEGEL-Gespräch mit
Ingrid Betancourt: Das Leben danach Seite 61 dem britischen Autor Ian McEwan über
seinen Klimaforscher-Roman „Solar“ ........... 178
Bestseller ..................................................... 181
2322 Tage war die Kolumbianerin Ingrid Betancourt in den Fängen der Integration: Warum die Sarrazin-Debatte
Terrorgruppe Farc. Jetzt sucht sie nach einem neuen Leben. „Den richtigen Ort Einwanderer wieder in die Opferrolle bringt ... 182
für mich muss ich erst noch finden“, sagt sie im SPIEGEL-Gespräch. Aus Angst vor Exzessen schränken Internetforen
ihre Kommentarfunktionen ein .................... 183
Theaterkritik: „Verrücktes Blut“, aufgeführt in
Berlin-Kreuzberg, gilt als Stück der Saison ... 184

Afghanistan-Helfer im Fadenkreuz Seite 130 Medien


Trends: ZDF-Star Thomas Gottschalk über
Gutmenschen und Geldgie- seinen Ausflug ins Talkshow-Geschäft /
rige, Romantiker und Ent- Sechsstellige Zahl von Einsprüchen gegen
Google-Dienst Street View erwartet ............. 187
täuschte – das Elend in Afgha- Polit-PR: Der einstige ZDF-Journalist
nistan hat ein Heer von nicht Steffen Seibert im Stress-Test
TIM WIMBORNE / REUTERS

immer seriösen Helfern an als Regierungssprecher ................................ 188


den Hindukusch gelockt. Oft-
mals werden sie zu Opfern Briefe .............................................................. 10
der Taliban. Für Ausländer Impressum, Leserservice .............................. 190
herrscht Alarmstufe Rot. Register ........................................................ 192
Personalien ................................................... 194
US-Soldaten in Kunar Hohlspiegel / Rückspiegel ............................. 196
Titelbild: Illustration Michael Pleesz für den SPIEGEL
Umklapper: Fotos Atlaspress, POP-EYE, Action Press

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Briefe

Danke für diesen Artikel, der seit Jahren


unter aufgeschlossenen Menschen disku-
„Nicht nur die Politik hat bei der tierte Missstände anschaulich zusammen-
fasst. Hätten Sie ihn auch gebracht, wenn
Integration versagt. Auch das Buch des vielgeschmähten Herrn Sar-
die Medien haben das Thema razin jetzt nicht erschienen wäre?
HALBERSTADT (SACHS.-ANH.) SABINE KLAMROTH
verschlafen. Dieser im Gegensatz
Warum regen wir uns so auf über den
zu Herrn Sarrazins Buch Biologismus von Herrn Sarrazin, über
ausgewogene SPIEGEL-Bericht seine These der genetisch festgelegten
Dummheit oder Gescheitheit? Wir haben
war mehr als überfällig.“ diese dumme Behauptung in unserem
Jutta Birken aus Wiefelstede in Niedersachsen zum Titel dreigliedrigen Schulwesen doch immer
SPIEGEL-Titel 37/2010 „Das Staatsversagen – Warum Deutschland an der Integration scheiterte“ umgesetzt. „Begabungsgerechtigkeit“ ha-
ben wir das genannt. Integrative Schul-
systeme wären der beste Weg für eine er-
Herkunft einen nachweislich erfolgrei- folgreiche Integration unserer ausländi-
Die Rechnung zahlt der Staat chen Weg gegangen. Die Anträge auf För-
dermittel für eine Ausweitung des Pro-
schen Mitbürgerinnen und Mitbürger.
Wie sagte man mir in Finnland und Ka-
Nr. 37/2010, Titel: Das Staatsversagen – Warum
Deutschland an der Integration scheiterte gramms wurden sämtlich abgelehnt. Die nada: Ihr habt die Reformpädagogik er-
Folgen der abgeblockten Initiativen zahl- funden, wir haben sie umgesetzt.
Wie kommt es eigentlich, dass gerade die reicher engagierter Pädagogen müssen LANDAU (RHLD.-PF.) DR. PAUL SCHWARZ
Deutschen, die in der ganzen Welt als ein wir heute tragen und ertragen, dass Popu-
sehr reisefreudiges Volk angesehen wer- listen rechter Gesinnung Beifall für ihre Ich frage mich bei der ganzen Integra-
den, solch eine übertriebene Angst vor unsäglichen Thesen erhalten. tionsdebatte, wie gut eigentlich die Deut-
Überfremdung im eigenen Land haben? GLEICHEN (NIEDERS.) SILKE KOBOLD schen in anderen Ländern integriert sind.
BERLIN THOMAS HENSCHKE Ich habe Deutsche in Kenia, Südafrika
und Brasilien erlebt, und immer waren
„Der Islam“, den die Menschen im Alltag sie unter sich. Keiner von ihnen be-
erleben und der in Deutschland und herrschte die jeweilige Sprache.

HENNING CHRISTOPH / DAS FOTOARCHIV


Europa von bestimmten islamischen HEIDELBERG CHERIF DIALLO
Verbänden vertreten wird, stellt keinen
modernen, aufgeklärten Islam dar. Nicht Ich werde von einem türkischsprachigen
der Islam als Religion muss uns Sorgen Arzt auf besonderen Wunsch mit Hilfe
machen, sondern die Tatsache, dass die einer türkischsprachigen Krankenschwes-
islamischen Verbände inzwischen in vie- ter auf die Welt gebracht. Ich besuche
len wichtigen Bereichen wie bei der Be- eine Schule, an der ich durch türkisch-
stimmung von Universitätsdozenten für sprachige Lehrer an meine türkische
Islampädagogik, Ausbildung von islami- Koranschüler in Duisburg Sprache und Kultur herangeführt werde.
schen Religionslehrern und Imamausbil- Wachsender Einfluss islamischer Verbände Ich werde in einem Betrieb ausgebildet,
dung zunehmend Einfluss ausüben. Diese in dem ich dank türkischer Seilschaften
Entwicklung ist ausschlaggebend für die An meinem Arbeitsplatz, einer Sprach- einen Arbeitsplatz erhalte. Ich werde am
Veränderungen unserer Gesellschaft. und Bildungsförderung im Berliner Ende meines Aufenthalts in Deutschland
FRANKFURT AM MAIN DR. EZHAR CEZAIRLI Brennpunktbezirk Wedding, helfen 50 türkischsprachig / arabisch beerdigt. War-
BERATERIN DER DEUTSCHEN ISLAM KONFERENZ Lehramtsstudenten etwa 300 Jugendli- um sollte ich mich also assimilieren?
chen mit Migrationshintergrund, bessere Gründe? Keine! Ein trotzdem glücklich
Im Kern geht es für Migranten nur um Schulergebnisse zu erzielen. Trotz viel- assimilierter Türke.
eine Frage: Wollen wir dazugehören oder facher Nachfragen bei Bund, Land und OSNABRÜCK SERVER MUCUR
Fremde bleiben? Beides zusammen dürf- Bezirk haben sich bisher keine 40 000
te nicht gehen. Und die Rechnung wird Euro gefunden, um das Projekt im nächs- Selten hat ein Buch, das als „nicht hilf-
nicht die Türkei, sondern Deutschland ten Jahr weiterzuführen. Das ist die Rea- reich“ (Angela Merkel) disqualifiziert
zahlen. lität, die im krassen Gegensatz zu den wurde, sich als so hilfreich erwiesen. Und
KORNWESTHEIM (BAD.-WÜRTT.) HEINZ SKRZIPIETZ Polit-Talkshow-Beteuerungen steht, alles selten war der Graben zwischen Politik
für Bildung und Integration zu tun. und Wählern tiefer.
Die Parteien haben nichts zur Lösung des BERLIN HERBERT WEBER SULZBURG-LAUFEN (BAD.-WÜRTT.) ROLF HOMANN
Integrationsproblems beigetragen. Jetzt
verhalten sie sich so wie einst despotische
Herrscher: Sie versuchen, den Überbrin- Diskutieren Sie auf SPIEGEL ONLINE
ger schlechter Nachrichten politisch zu
„köpfen“. Und glauben damit das Pro- ‣ Titel Können Wind, Wasser und Sonne ganz
blem weiter verdrängen zu können. Das Deutschland mit Energie versorgen?
wird aber nicht mehr gelingen. www.spiegel.de/forum/Energieumbau
OBERKIRCH (BAD.-WÜRTT.) ‣ Popkultur Sind Musikvideos zu pornografisch?
BERNHARD ZIMMERMANN
www.spiegel.de/forum/Pop
Die Kita des Studentenwerks Göttingen ‣ Hochschulen Arbeiten Studenten zu wenig für
ist Anfang der neunziger Jahre mit der ihr Studium? www.spiegel.de/forum/Studienkosten
Unterstützung von Eltern ausländischer
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Briefe

Sehr überzeugend und kenntnisreich


Jenseits des Kuschel-Mainstreams argumentiert von Herrn Broder. Wahr-
scheinlich durfte aber nur er als jüdischer
Nr. 36/2010, Debatte:
Henryk M. Broder über den Streitfall Sarrazin Autor sich über die große Aufregung lus-
tig machen, die Sarrazins „Juden-Gen“
Wie entspannt Henryk Broder die hoch- bei den Politikern hervorgerufen hat. Hat
gekochte Sarrazin-Debatte erdet, ist ein sich eigentlich irgendein Baske darüber
Genuss. Ist das nun der smarte Publizist, empört, dass es laut Thilo Sarrazin gene-
der da denkt, oder das jüdische Gen, das tisch manifestierte Besonderheiten seines
da fließt? Mir wurst, solange er Deutsch- Volkes gibt?
land auf den Teppich holt. Mehr Broders MÜHLHAUSEN (THÜR.) GUNTER AULEPP
braucht das Land!
BERLIN FELICITAS RIEBNER Zur Zeit der Söldnerheere waren Schwei-
zer für drei Jahrhunderte die begehrtes-
Glückwunsch zu diesem intelligenten Es- ten Söldner in Europa, weil sie als beson-
say. Es ist wirklich bemerkenswert, wie ders widerstandsfähig, unerschütterlich
das Land in Verhaltensmuster aus den und kampfesmutig galten. Ob diese Qua-
litäten kulturell oder genetisch geprägt
waren, dürfte den damaligen Kriegsherrn
egal gewesen sein.
PRIEN (BAYERN) BRUNO MELLINGER

GOETZ SCHLESER / IMAGETRUST


Aktionismus der Mittelschicht
Nr. 36/2010, Psychologie:
Wie vererbbar ist Intelligenz wirklich?

Das entscheidende Manko der deutschen


Buchautor Sarrazin Integrationspolitik ist die unzureichende
Unklug interpretierte Meinungsfreiheit Ausbildung von Migrantenkindern in der
deutschen Sprache. Förderlich wäre auch
Achtzigern oder Neunzigern zurückfällt. ein umfassenderes schulisches Angebot
Allerorts, über alle Parteigrenzen hinweg, in den Erstsprachen der Migrantenfami-
ist man empört, wie man in Deutschland lien, vor allem in Türkisch, Arabisch und
ebenso empört ist, bei in diesem Fall zu- Polnisch. Dies wäre dann auch ein prak-
gegebenermaßen kruden Äußerungen zu tischer Test für die angeblichen geneti-
Judentum und Migration. Liebe Leute, schen Schranken der Intelligenzentfal-
das nennt man Demokratie! tung bei ethnischen Minderheiten.
WENNIGSEN (NIEDERS.) DIRK LANGE BERLIN PROF. DR. WILLFRIED SPOHN

Es ist unklug, Meinungsfreiheit so zu in- Schön wäre es, wenn in einem so reichen
terpretieren, dass jeder alles sagen darf. Land wie dem unseren alle Kinder, die
Ein Mann, der seiner Ehefrau in der Öf- vom Elternhaus nicht die notwendige För-
fentlichkeit sagt, sie sei zu dick, wird nicht derung erhalten können, in einer Krippe
verurteilt, sondern schlicht verlassen. Sar- Unterstützung bekämen. Stattdessen ist
razins Thesen jedoch bergen eine zu gro-
ße Gefahr, als dass wir seine Meinungs-
freiheit billigen könnten.
WÜRZBURG DMITRI NEDRENCO

F. SCHULTZE / ZEITENSPIEGEL
Allein der Artikel von Henryk M. Broder
lohnte die Anschaffung des SPIEGEL!
„Hyperventiliert in die falsche Richtung“
– köstlich. Wer jahrelang ziemlich klaglos
eine Alice Schwarzer ertragen hat, den
kann ein Thilo Sarrazin nicht erschüttern. Grundschulkinder
ARNSTEIN (BAYERN) RALF MARKERT Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten

Broders „Thilo und die Gene“ und Schi- Geld für ein neues RWE-Stadion vorhan-
rachs „Verfahren als Strafe“ behandeln den oder für „Stuttgart 21“. Unser Staat
dasselbe Problem – den offensichtlichen hat versagt und nicht die Migranten!
Abschied von der Chance und vom Wil- ESSEN ARIANE BERGFORT
len, kontroverse Sachverhalte unvorein-
genommen zu verhandeln, bevor ein Ur- Die von Ihnen erwähnten Mütter und Vä-
teil fällt. Schön, dass Autoren jenseits des ter, die „ihr Kind schon jetzt auf eine gute
kuscheligen Gutmenschen-Mainstreams Schule schicken, nachmittags zur Geigen-
im SPIEGEL noch einen Einspruch wagen stunde karren und am Wochenende noch
dürfen. ins Museum schleppen“, sind meistens
BONN HEINRICH SCHÖNESEIFEN jene der höheren Mittelschicht; die Eltern
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Briefe

aus der Arbeiterklasse können sich diesen garter Hauptbahnhofs jedenfalls nicht ab-
Förder-Schnickschnack gar nicht leisten. gehängt von der großen weiten Welt.
Zudem glaube ich, dass die Ergebnisse LEINFELDEN-ECHTERDINGEN (BAD.-WÜRTT.)
der Intelligenzforschung gerade nicht be- JOCHEM OBERREUTER
deuten, dass die Eltern diesen sinnlosen
Förderaktionismus betreiben sollten, Die Schweizer Bundesbahn ist das Maß:
denn zwischen all dem Gekarrt- und Ge- klare Tarife und Fahrpläne, saubere Zü-
schlepptwerden geht die Selbständigkeit ge, kompetente Mitarbeiter, Pünktlich-
des Kindes und damit auch sein Vertrau- keit, beste Verbindungen. Bevor die Bahn
en in die eigenen Fähigkeiten verloren. Milliarden in Großprojekten versenkt,
BERLIN GUDRUN RUPP sollte das kleine Einmaleins beherrscht
werden.
HERRENBERG (BAD.-WÜRTT.) JOACHIM BUCH
Ursache für Wohlstandskrankheiten
Nr. 36/2010, Nahrungsmittelindustrie:
Interview mit Verbraucherschützer Thilo Bode
über die Sünden der Ernährungsindustrie
Alkoholverbot für Täter?
Nr. 36/2010, Zivilcourage: In Freiburg will
ein Mann einen Angriff auf einen
Thilo Bodes Kritik an der Plattform Er- Jugendlichen verhindern – und wird selbst zum Opfer
nährung und Bewegung (PEB) teile ich
nicht. Gerade bei Kindern und Jugendli- Ein großes Dankeschön an Herrn Kröger
chen sind krankhaftes Übergewicht oder und seinen Mut! Mich macht es immer
Adipositas nicht allein an falscher Ernäh- wieder traurig und fassungslos, zu sehen
rung festzumachen. Essstörungen sind im- oder zu lesen, wie viele Leute, „Gaffer“,
mer ein multifaktorielles Problem und ge- sich durch Nichteingreifen zu Mittätern
hen eng mit gesellschaftlichen Grund- machen. Ich persönlich könnte nicht mit
lagen einher. Aus wissenschaftlicher Sicht meinem Gewissen leben, wenn ich durch
ist der eklatante Mangel an Bewegung in Untätigkeit am Tod eines Menschen mit-
vielen Familien ebenso bedeutend wie schuldig würde! Außerdem habe ich er-
deren ungenügendes Ernährungswissen. lebt, dass, sobald ich handelte, auch an-
Diese Faktoren sind Ursache für viele dere Personen sich ein Herz fassten und
Wohlstandskrankheiten. Deswegen sind nicht länger tatenlos zusahen!
die Aktivitäten der PEB besonders geeig- WIESBADEN CATHARINA LATHOMUS
net, hier eine Verbesserung zu erzielen.
BERLIN DR. CHRISTEL HAPPACH-KAZAN
SPRECHERIN FÜR ERNÄHRUNG UND
LANDWIRTSCHAFT DER FDP-BUNDESTAGSFRAKTION

Große weite Welt


Nr. 36/2010, Verkehr: Wie die Bahn an den
falschen Stellen investiert
CIRA MORO

Wenn ich ein Haus bauen will und schon


während der Planung von Fachleuten dar- Helfer Kröger in Freiburg-Kappel
auf hingewiesen werde, dass sich die Kos- Ein großes Dankeschön
ten verdoppeln, dann baue ich nicht. Ob
die Verbindung Paris–Bratislava durch 30 Man höre und staune: Alkoholverbot für
Minuten Zeitgewinn bei der Fahrt von die Täter. Sie wundern sich über den Er-
Stuttgart nach Ulm wirklich so attraktiv folg von Herrn Sarrazin?
wird, dass sich die Investitionen in Mil- BRUCHSAL (BAD.-WÜRTT.) RALPH KLOTZ
liardenhöhe lohnen, bezweifle ich. Ich füh-
le mich als Benutzer des heutigen Stutt- Solange jugendliche Gewalttäter für ge-
fährliche Körperverletzung wie im vor-
liegenden Fall mit harmlosen Bewäh-
Korrekturen rungsstrafen, ein paar Arbeitsstunden
und maximal vier Wochen Jugendarrest
zu Heft 36/2010 davonkommen, ist deren nächste Attacke
Seite 162, „Thilo und die Gene“: Erik bereits programmiert. Wem möchte man
der Rote gehörte zu den ersten skan- bei solchen Richtern noch Zivilcourage
dinavischen Siedlern auf Grönland, empfehlen?
nicht auf Island. TÜBINGEN HUBERTUS WINDTHORST

zu Heft 37/2010 Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit
Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-
Seite 32, „Geruch des Gestern“: Der tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:
bayerische Ministerpräsident Horst leserbriefe@spiegel.de
Seehofer war nicht wie berichtet vier
Wochen in Urlaub, sondern nur zwei. In dieser SPIEGEL-Ausgabe befindet sich im Mittelbund
ein achtseitiger Beihefter der Firma WOLFSKIN, Idstein.

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Panorama Deutschland

PETER VON STAMM / ACTION PRESS (R.)

Shurfa Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

INNENPOLITIK

Überwachung von Guantanamo-Häftlingen abgelehnt


B undesinnenminister Thomas de Maizière (CDU)
ist mit seinem Vorstoß gescheitert, die beiden
ehemaligen Guantanamo-Gefangenen in Deutsch-
in Guantanamo das Leben in einer fast völlig neuen
Welt einzuüben“, sagt der rheinland-pfälzische In-
nenminister Karl Peter Bruch (SPD). Al-Ali ist vor-
land durch den Verfassungsschutz überwachen zu erst in einer Wohnung außerhalb von Mainz unter-
lassen. Die Länder Hamburg und Rheinland-Pfalz gebracht und wird von einem Sozialverband betreut,
SIMONE M. NEUMAN

verweigerten sich dem Ansinnen mit der Begrün- für al-Shurfa, der sich zur Untersuchung im Univer-
dung, de Maizière habe die Männer schließlich als sitätsklinikum Hamburg-Eppendorf aufhält, haben
ungefährlich eingestuft. Eine Delegation von Beam- die Behörden eine Zweizimmerwohnung einer Woh-
ten des Bundesinnenministeriums und des Bundes- nungsbaugesellschaft der Stadt bereitgestellt. Die
kriminalamts hatte den Syrer Mahmud Salim al-Ali De Maizière beiden Männer waren Ende 2001 und Anfang 2002
und den Palästinenser Ahmed Mohammed al-Shurfa in Afghanistan festgenommen und später nach Gu-
Mitte vergangener Woche in Ramstein in Empfang genom- antanamo gebracht worden. Anfang April war eine Delega-
men. Der Bund und die Länder gehen davon aus, dass die tion des Innenministeriums aus Guantanamo zurückgekehrt
Eingliederung der beiden Ex-Häftlinge bis zu einem Jahr und hatte sogar drei Gefangene für eine Aufnahme empfoh-
dauern wird. Den Männern steht ein umfangreiches Integra- len; die Gefangenen seien allesamt ungefährlich. De Maizière
tionsprogramm mit jeweils 600 Trainingseinheiten bevor. hatte jedoch entschieden, lediglich zwei der Männer nach
Dazu zählt Unterricht über das demokratische System Deutschland zu lassen. Bei dem Dritten sah der Minister Si-
Deutschlands, ein Sprachkurs und mittelfristig die Suche cherheitsprobleme – die Ablehnung befriedete zugleich den
nach Arbeit. „Es geht darum, nach vielen isolierten Jahren konservativen Flügel der Union.

H A RT Z - I V- R E F O R M für Kinder und Jugendliche stärker be- zwischen Jobcentern und Schulen be-
rücksichtigt werden müssen. Anfang reitet Probleme. Weil weder die Gut-
Illusorische Fristen dieser Woche stellt von der Leyen ihre
Pläne für das Bildungspaket vor, das
scheine noch das Abrechnungsverfah-
ren bei Vereinen und anderen Einrich-

D ie Pläne von Bundesarbeitsminis-


terin Ursula von der Leyen zur Re-
form der Hartz-IV-Leistungen werden
Kindern aus Hartz-IV-Familien unter
anderem Zugang zu Nachhilfe und
Musikunterricht sowie Zuschüsse für
tungen bislang bekannt seien, bestehe
die Gefahr, dass im Januar 2011 bereits
genehmigte Leistungen nicht erbracht
nach Einschätzung ihres eigenen Minis- Schulessen verschaffen soll. Mittel- werden könnten: „In der Folge wird
teriums auf erhebliche Schwierigkeiten fristig will von der Leyen diese Sach- ein gesetzlich anerkannter Bedarf in
stoßen. Insbesondere die „modellhafte leistungen über eine elektronische den ersten Monaten der Übergangszeit
Einführung“ der von der Ministerin für Bildungskarte für Hartz-IV-Kinder nicht gedeckt werden können.“ Die
Mitte 2011 angekündigten Bildungskar- abrechnen. In einem Papier des Empfehlung der Fachabteilung, in der
te wird in einem internen Vermerk als Ministeriums heißt es allerdings, dass Übergangszeit den Bedarf über Geld-
„illusorisch“ bezeichnet. Im Februar der geplante Start im Juli 2011 kaum leistungen zu regeln, wurde von der
hatte das Bundesverfassungsgericht zu schaffen sei. So seien wegen des Ministeriumsleitung mit dem Hinweis
entschieden, dass bis Ende des Jahres Vergaberechts bei der Ausschreibung abgelehnt, dass „vorrangig andere
die Regelsätze für Hartz-IV-Empfänger längere Fristen einzuhalten. Auch die Möglichkeiten für eine Übergangsre-
neu berechnet und Bildungsausgaben Abrechnung der Bildungsleistungen gelung zu prüfen sind“.
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Panorama

JOHANNES EISELE / DPA


A F G H A N I S TA N programme der Schutztruppe für die afghanische Armee zu
stecken. Das Angebot der Überwachungsflüge, so der zwei-

Rückzug der „Tornados“ seitige Brief, sei zwar „großzügig“ und die Jets „wertvolle
Aufklärungsmittel“. Angesichts der Limitierung des deutschen
Afghanistan-Mandats auf derzeit bis zu 5350 Soldaten und

D ie Bundeswehr will die sechs deutschen „Tornado“-


Kampfjets aus dem Kriegsgebiet Afghanistan endgültig
abziehen. Generalinspekteur Volker Wieker hat Verteidigungs-
„unserem dringenden Bedarf an Trainings- und Beratungsein-
heiten“, so Petraeus’ Vorschlag, solle Deutschland jedoch bes-
ser mehr Truppen am Boden bereitstellen als die „Tornados“
minister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) kürzlich eine weiter fliegen zu lassen. Zusätzlich hat Petraeus die Bundes-
entsprechende militärische Empfehlung zur Entscheidung wehr aufgefordert, 350 Soldaten aus der sogenannten flexiblen
vorgelegt. Der Abzug der Aufklärer, die seit 2007 für die in- Reserve nach Afghanistan zu schicken. Die Wünsche des US-
ternationale Schutztruppe Isaf über Afghanistan mit einer Generals stellen Berlin vor Probleme. Laut Mandat soll der
hochauflösenden Kamera Lagebilder liefern, geht auf einen Einsatz der Reserve ausschließlich zweckgebunden und nur
Vorschlag des Isaf-Oberkommandierenden David Petraeus zu- zeitlich befristet möglich sein, wie etwa zur Absicherung der
rück. Der US-General hatte Wieker am 12. August in einem Parlamentswahlen. Außerdem steht die Entsendung unter ei-
Brief empfohlen, die Aufklärungsjets abzuziehen und die da- nem Vorbehalt. Verteidigungsausschuss und Auswärtiger Aus-
durch freiwerdenden Personalressourcen in die Ausbildungs- schuss müssen dem Einsatz zustimmen.

ROMA schiebung wird es nicht geben“, sagt ren Härten bei Rückführungen in
etwa Nordrhein-Westfalens Innen- den Kosovo kommt.“
Abschiebung nur im minister Ralf Jäger (SPD), in dessen
Bundesland rund 3700 „ausreisepflich-
Im Übrigen, betont Berlins Innen-
senator Körting, „gehen viele der
Ausnahmefall tige“ Roma leben: „Wir werden unter
Ausschöpfung der landesrechtlichen
Bürgerkriegsflüchtlinge hier zur
Arbeit, verdienen Geld und ihre

B erlins Innensenator Ehrhart Kör-


ting (SPD) hält das Abkommen,
das die Bundesregierung im April mit
Möglichkeiten darauf achten, dass es
zu keinen individuellen oder familiä-
Kinder sind hier sozialisiert“. Das
eigentliche Problem sieht Körting in
den aus den EU-Län-
dem Kosovo über die Rückführung dern Rumänien und
von Bürgerkriegsflüchtlingen verein- Bulgarien nach Deutsch-
barte, für unpraktikabel: „Es besteht land einreisenden Roma.
die Gefahr, dass Abschiebungen in Sie heuern auf Baustel-
nicht gesicherte Gebiete erfolgen.“ Für len oder in Restaurants
solche Minderheiten sei eine Einzel- „schwarz“ an, putzen
fallprüfung nötig. Autoscheiben, musizie-
Zwar sind seit dem deutsch-kosovari- ren in öffentlichen Ver-
schen Vertrag rund 12 000 Flüchtlinge kehrsmitteln oder schi-
der Volksgruppe der Roma von einer cken ihre Kinder zum
Abschiebung grundsätzlich bedroht. Betteln. Im Bezirk Neu-
LIVIO MANCINI / REDUX / LAIF

Im ersten Halbjahr wurden bundes- kölln wurde eigens eine


weit jedoch lediglich 87 Roma in die „Task Force“ aus Sozia-
Republik Kosovo überstellt. Und dass larbeitern, Behörden
es in Zukunft sehr viel mehr werden, und Polizei gebildet, um
wie Frankreichs Staatspräsident Nico- die Konflikte mit und
las Sarkozy vorige Woche behauptete, unter den Roma zu
ist auch nicht zu erwarten: „Massenab- Roma im Kosovo schlichten.
20 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Deutschland
SCHIENENVERKEHR

„Die Bahn wird nicht verramscht“


Bundesverkehrsminister Peter eine jährliche Dividende an
Ramsauer (CSU), 56, über den Bund zahlt, können wir
die Chancen der geplanten das Geld zur Sanierung des
Privatisierung Haushaltes nutzen. Ein einma-

FRANK OSSENBRINK
liger Erlös aus der Privatisie-
SPIEGEL: Die Koalition hat ver- rung würde die Regierung
einbart, die Bahn an die Börse dagegen zwingen, noch mehr
zu bringen. Wann ist es so zu sparen. Das macht keinen
weit? Sinn.
Ramsauer: Die Voraussetzungen für SPIEGEL: Jetzt tragen die Kunden die
einen Börsengang sind noch nicht ge- Last. Weil die Bahn zur Haushalts-
geben. Die Lage am Aktienmarkt ist sanierung beitragen muss, sinkt die
schwierig, es ist unwahrscheinlich, Qualität im Zugverkehr.
dass wir bei einem Börsengang in die- Ramsauer: Unfug. Ich werde die Bahn
sem Umfeld jene rund fünf bis acht nicht kaputtsparen. Eine Dividenden-
Milliarden Euro erzielen, die die Bahn zahlung ist an sich völlig in Ordnung.
laut Schätzungen wert ist. Die Deut- Über die Höhe kann aber erst nach
schen achten sehr darauf, was mit Abschluss des Geschäftsjahres 2010
ihrer Bahn passiert. Ich sage den Men- geredet werden und nicht heute. Ent-
schen: „Die Bahn wird nicht ver- scheidend ist dabei die Gewinnlage der
ramscht. Sie ist kein x-beliebiges Pri- Bahn und nicht der Bundeshaushalt.
vatisierungsgut.“ SPIEGEL: Fest steht schon heute, dass
SPIEGEL: Was die Menschen erleben, zum Beispiel für den Ausbau des Gü-
sind andauernde Verspätungen, ausge- terverkehrs das Geld fehlt, andererseits
fallene Klimaanlagen, kaputte Achsen. Milliarden in umstrittenen Projekten
Ramsauer: Deshalb sollten wir uns Zeit wie „Stuttgart 21“ vergraben werden.
lassen. Wenn es zu einem Börsengang Ramsauer: Jetzt mal langsam! Das Pro-
kommt, muss die Aktie ein gutes jekt ist nach rechtsstaatlichen Regeln
zustande gekommen. Ich stehe in der
Verpflichtung all dieser Parlaments-
und Gerichtsbeschlüsse und habe kei-
ne Veranlassung daran zu rütteln.
SPIEGEL: Halten Sie auch an der Zusage
Ihres Vorgängers Wolfgang Tiefensee
fest, alle Mehrkosten für die Neubau-
strecke von Ulm nach Wendlingen zu
STEFAN WARTER / AGENTUR FOCUS

übernehmen? Die könnte den Bund


bis zu fünf Milliarden Euro kosten.
Ramsauer: Ich habe da eine Erbschaft
anzutreten, die ich nicht ausschlagen
kann. Ich hätte so eine Entscheidung
wahrscheinlich nicht getroffen. Wich-
tig ist aber, dass wir bei der Neubau-
ICE strecke mit 2,89 Milliarden Euro jetzt
eine aktuelle Kostenschätzung haben.
Image haben. Da muss der Bahn-Chef SPIEGEL: Unlängst waren Sie im ober-
an vielen Ecken Schwerstarbeit leisten: bayerischen Freilassing demonstrieren.
Ist das Personal freundlich? Funktio- Sie machten gegen die Schließung
nieren die Automaten am Bahnsteig? einer Bahnhofstoilette mobil.
Sind die Durchsagen auch für alte Ramsauer: Der Verkehrsminister de-
Menschen verständlich? Vorstandschef monstriert nicht, er handelt. Aber stel-
Rüdiger Grube hat mit seiner Quali- len Sie sich das mal vor: Freilassing ist
tätsoffensive die Probleme angepackt. ein wichtiger Umsteigebahnhof in
Das ist wichtig. meinem Wahlkreis an der österrei-
SPIEGEL: Mit anderen Worten: Es wird chischen Grenze. Unlängst habe ich da
nichts mit der Privatisierung in dieser noch eine Lobrede auf die Bahn gehal-
Legislaturperiode. ten – auch der Sauberkeit wegen. Und
Ramsauer: Wenn wir bis 2013 zum Ab- jetzt schließen die einfach die Bahn-
schluss kommen wollten, müssten wir hofstoilette. Ich bin nicht bereit, so et-
jetzt mit den Vorarbeiten starten. Das was zu akzeptieren. Wer an die Börse
halte ich für nicht realistisch. Dazu will, muss darauf achten, dass das
kommen die Folgen der Schuldenbrem- Image stimmt. Und das fängt bei sol-
se im Grundgesetz. Wenn die Bahn chen Kleinigkeiten an.
D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 21
Deutschland Panorama
SPD
HSH-NORDBANK
Proteste der Jusos
Hauptwohnsitz Frankfurt? V or ihrem Bundesparteitag droht
der SPD Streit über ihre Steuer-

D er durch ein Strafermittlungsver-


fahren in den USA belastete Vor-
standsvorsitzende der HSH-Nordbank,
sie in der vertraulichen Bewertung auf
erhebliche Probleme für den Fall hin,
dass der Meldestatus von Nonnenma-
politik. „Wenn wir den Leitantrag in
seiner jetzigen Form beschließen,
wäre das fatal“, sagt der Juso-Vorsit-
Dirk Jens Nonnenmacher, hat jetzt wo- cher öffentlich bekannt werde. Dort zende Sascha Vogt. „Damit würden
möglich auch ein Steuerproblem. Laut heißt es: „Sein Hauptwohnsitz ist wir die FDP als Steuersenkungspartei
einem als „streng vertraulich“ gekenn- Frankfurt. Im Normalfall müsste sein überholen.“ Hintergrund sind die
zeichneten Papier der HSH-Tochter- Zweitwohnsitz in Hamburg angemel- Pläne der Parteispitze zum Spitzen-
firma Facility Management hat der Chef det werden und ein Eintrag im Melde- steuersatz. Der soll laut Leitantrag
der Landesbank mindestens bis Juli register erfolgen.“ Prevent habe darauf von 42 auf 49 Prozent steigen, aller-
2009 seinen Erstwohnsitz in Frankfurt hingewirkt, dass genau dies nicht er- dings erst ab einem Jahreseinkommen
am Main geführt. Eine Zweitwohnungs- folgt sei, „was jedoch zur Auswirkung von 100 000 Euro für Alleinstehende –
statt wie bisher von knapp 53 000
Euro an. Im Antrag des Parteivor-
stands ist offengelassen, wie genau die
Steuerkurve steigen soll. Zwei
Varianten sind grundsätzlich denk-
bar: Nach der einen würden Gut-
verdiener stärker belastet, nach der
anderen aber würden Steuerzahler
mit einem Jahreseinkommen von bis
zu etwa 117 000 Euro entlastet. Die
Jusos wollen nun einen Änderungs-
antrag einbringen, der Klarheit
schafft. „Wir dürfen nicht zulassen,
dass die SPD sich ausgerechnet zum
Anwalt einer kleinen Schicht von
Besserverdienenden macht, die das
wirklich nicht nötig hat“, sagt Juso-
Chef Vogt.
RONALD SAWATZKI

LINKE

Nonnenmacher vor dem HSH-Nordbank-Untersuchungsausschuss


Rotes Finanzchaos
steuer für seine Unterkunft in Hamburg
hat er demnach allerdings nicht gezahlt
hat, dass die Schutzperson keine Zweit-
wohnungssteuer abführt“. Dies sei
D er Landesverband von Linken-
Parteichef Klaus Ernst steht
vor einem buchhalterischen Fiasko:
– dies offenbar dank einer fragwürdigen auch für die Behörden so „sensibel“, Einem internen Bericht der Landesfi-
Kungelei mit den Behörden. dass „auf unbedingte Vertraulichkeit/- nanzrevision zufolge ist die Buchhal-
Hintergrund des Geheimpapiers ist Verschwiegenheit in dieser Sache ver- tung des bayerischen Verbands
eine Rechnung, die die Münchner Si- wiesen wurde“. „unzulänglich, fehlerhaft und ent-
cherheitsfirma Prevent im August 2009 Nach geltendem Recht muss der Le- spricht nicht den Anforderungen“.
gestellt und die die Bank auch kurz da- bensmittelpunkt auch der Erstwohn- Teils fehlten Belege, teils seien sie
nach beglichen hat – und die nun die sitz sein. Da Nonnenmacher in Ham- nur in Kopie vorhanden. Die
deutsche Bankenaufsicht Bafin im Rah- burg nicht nur arbeitet, sondern mit Kommunikation zwischen der Finanz-
men einer laufenden Sonderprüfung seiner Partnerin dort auch wohnt, buchhaltung und dem Schatzmeister
untersucht. Der Rechnung zufolge fie- stellt sich die Frage, ob sich der HSH- sei „mittlerweile völlig unterbrochen“.
len im Juli 2007 Kosten von 113 877,68 Nordbank-Boss eine fällige Zweitwoh- Ein dringend nötiger Finanzbericht
Euro an, um den angeblich gefährdeten nungssteuer gespart und gegen das sei „nicht erstellbar“. Nicht einmal
Nonnenmacher und dessen Partnerin Melderecht verstoßen hat. Die Bank gezahlte Mitgliedsbeiträge kämen
ein Wochenende lang unter Personen- lehnte gegenüber dem SPIEGEL jede wegen des Finanzchaos in den Kreis-
schutz an der Ostsee einzuquartieren, Stellungnahme ab. „Anfragen zum pri- verbänden an. Wegen der mangelhaf-
seine Wohnsitze in Hamburg und vaten Umfeld von Mitarbeitern und ten Abrechnung drohen den ohnehin
Frankfurt kurzzeitig zu bewachen und Führungskräften kommentieren wir klammen Bayern 80 000 Euro aus
seine Schutzakte zu erweitern, also die grundsätzlich nicht“, teilte HSH-Nord- dem Länderfinanzausgleich der
Wohnadressen in allen öffentlichen Re- bank-Sprecher Frank Laurich mit. Of- Bundespartei zu entgehen. Die Revisi-
gistern sperren zu lassen. Als die HSH- fen bleibt damit auch, ob der im Pa- on empfiehlt jetzt, für eine „De-Eska-
Tochter Facility Management die Rech- pier geschilderte Meldestatus bis heute lationsplanung“ Personen aus
nung („Projekt Silence“) erhielt, wies fortbesteht. der Bundesebene „nach Bayern
zu berufen“.
22 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Deutschland

CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL


Staatsoberhaupt Wulff

BUNDESPRÄSIDENT

Angst vor den eigenen Worten


Christian Wulff tut sich schwer mit seinem neuen Amt. Für seine
Vermittlungsbemühungen im Fall Sarrazin hagelt es Kritik, und er hat noch nichts Bemerkenswertes
gesagt. Kann seine Rede am Tag der Einheit die Wende bringen?

D
er Bundespräsident soll schießen. Der Wikinger vom Dienst, gewandet Kein Treffer. So geht es nun seit Wo-
Das Ziel ist eine schwarze Wild- in Walkwolle und Wildleder, kann gar chen. Was der Bundespräsident auch
sau aus Styropor, die im Wikin- nicht so viel korrigieren, wie Wulff falsch macht oder sagt, es gelingt ihm nicht rich-
gerdorf des Museums von Haddeby steht. macht. Endlich scheint er es zu schaffen, tig. Kaum war er im Amt, verbrachte er
Christian Wulff gibt einem Sicherheitsbe- doch er überspannt den Bogen, bis die einen etwas anrüchigen Urlaub im Luxus-
amten sein Jackett, er nimmt Pfeil und Spitze des Pfeils hinter das Holz gerät domizil des Unternehmerfreundes Cars-
Bogen, und dann will er das Pfeilende und der Pfeil zu Boden fällt. Als dann ten Maschmeyer, dann äußerte er sich
auf die Sehne setzen und den Bogen span- doch ein Pfeil die Sehne verlässt, stürzt unglücklich zum Duisburger Oberbürger-
nen. Er nestelt, er fummelt. er weit vor der Wildsau ab. meister und dessen politischer Verantwor-
24 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
tung an der Katastrophe bei der Love Pa- sich falsch verstanden und verfolgt. Er Er schaut sich das Albertinum an, und
rade, und mit dem Fall Sarrazin ist er so will ein moderner Präsident sein, einer, als er herauskommt, steht da ein Fernseh-
umgegangen wie mit Pfeil und Bogen: un- der zum zweiten Mal verheiratet ist und team von N24. Wieder diese Frage. Wulff
geschickt. stolz darauf, als Ministerpräsident die weicht aus. Der Reporter fragt noch ein-
Dazu kommt das Schweigen. Seit vier erste türkischstämmige Ministerin in mal. Wulff weicht wieder aus. Ein dritter
Wochen läuft in Deutschland eine gewal- Deutschland verpflichtet zu haben. Versuch. Was die Diskussion um Sarrazin
tige Integrationsdebatte. Wer hat sich Den ersten größeren Presseschock sei- für Deutschland allgemein bedeute? Wulff
noch nicht ausführlich geäußert, obwohl ner Amtszeit erlebte Wulff am Mittwoch ist jemand, der auch gefallen will. Für ei-
er die Integrationsfrage zu einem seiner der vergangenen Woche. Da erschien die nen kurzen Moment wird ihm das zum
wichtigsten Themen machen wollte? „Frankfurter Allgemeine“ mit der Über- Verhängnis. Der Reporter hat Wulff jetzt
Christian Wulff, Bundespräsident seit schrift: „Wulff diktierte Bundesbank Sar- da, wo er ihn haben wollte: „Ich glaube“,
dem 30. Juni 201o. razins Bedingungen“. Das roch nach ei- sagt der Bundespräsident, „dass jetzt der
So wird in Berlin schon vom Fehlstart nem schlimmen Fehltritt des Bundesprä- Vorstand der Deutschen Bundesbank
gemunkelt. Die Macht des Bundespräsi- sidenten, einem Skandal. Denn die Un- schon einiges tun kann, damit die Diskus-
denten sind die Worte. Er kann nicht re- abhängigkeit der Bundesbank ist ein deut- sion Deutschland nicht schadet.“
gieren, aber er kann durch Reden Einfluss sches Heiligtum. Gesagt ist gesagt. Die Worte sind her-
nehmen. Daran wird er gemessen. Worte Der geschäftsführende SPD-Fraktions- aus, und Worte sind die Energieträger des
sind aber auch das Gefahrengut der Poli- chef Joachim Poß sah daraufhin das Amt politischen Betriebs. Diese bringen ihn
tik. Wer nicht geschickt damit umgeht, des Bundespräsidenten „schon jetzt be- gleich auf Hochtouren. Was Wulff gesagt
kann nicht erfolgreich sein oder scheitert. schädigt“. Die Spitze des Präsidialamts hat, könnte seine Sympathie für eine Ent-
Wulffs Vorgänger Horst Köhler hat das verwechsle offenbar die Rolle eines Bun- lassung Sarrazins ausdrücken. So ist die
erlebt. Als er auf dem Rückflug von Af- despräsidenten mit der eines Ministerprä- Deutung. Also könne er nicht neutral auf
ghanistan davon sprach, zu den
deutschen Interessen zählten
„freie Handelswege“, wurde das
so verstanden, als solle die
Bundeswehr in Afghanistan
deutsche Wirtschaftsinteressen
durchsetzen. In den Medien er-
schienen kritische Berichte, Köh-
ler trat zurück.
Wulff, dachte man, werde das
nicht passieren. Er ist, anders als
Köhler, Berufspolitiker, seine Er-
fahrung werde ihn vor unge-
schickten Reden bewahren. Die-
se Erfahrung galt sogar als ein
Vorteil Wulffs gegenüber sei-
CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL (L.)

nem Gegenkandidaten Joachim


Gauck, der ebenfalls kein Be-
rufspolitiker ist. Wulff schien
der Garant für eine pannensi-
chere, wenn auch etwas langwei-
lige Präsidentschaft zu sein.
Nach zwölf Wochen sieht das
anders aus. Der Berufspolitiker Wulff-Problemfälle Sarrazin, Mallorca-Urlaub: Ungelenker Auftakt einer Präsidentschaft
Wulff tut sich schwer mit seinem
Wechsel vom beschaulichen Hannover, sidenten. „Das wäre fatal, wenn das Amt dieses Verfahren schauen. Sarrazin und
wo er als niedersächsischer Ministerprä- die unterschiedlichen Dimensionen der seine Unterstützer frohlocken. Mit diesem
sident residierte, ins nervöse Berlin, wo Aufgaben nicht erkennen würde“, sagte Satz kann er prima vor Gericht auftrump-
jedes Wort auf Hunderte Feinwaagen ge- Poß der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. fen, sollte Wulff Sarrazin entlassen. Der
legt wird und wo die Ämter so viel Ge- Wulff schien zum Opfer von Sarrazins Präsident wirkte so, als wäre er befangen.
wicht haben, dass sie bald zur Bürde wer- Buch „Deutschland schafft sich ab“ zu Wulff weiß, dass er einen Fehler ge-
den können. Die Ministerpräsidenten werden. Dort hatte das Vorstandsmitglied macht hat, seine Leute im Bundespräsi-
Matthias Platzeck, Brandenburg, und der Bundesbank biologistische Gedanken dialamt wissen es auch. Wie kommen sie
Kurt Beck, Rheinland-Pfalz, haben diesen geäußert. Die Bank wollte ihn daraufhin da wieder raus?
Wechsel nicht verkraftet. Beide haben loswerden, aber nur der Bundespräsident Am Tag darauf, dem Donnerstag, sitzt
das Amt des SPD-Vorsitzenden nach kur- konnte über seine Abberufung entschei- Sarrazin in Frankfurt mit seinen Vor-
zer Zeit aufgegeben. den. In diesem Verfahren gab es einige standskollegen von der Bundesbank zu-
Wulff ist längst nicht an diesem Punkt. Merkwürdigkeiten. sammen. Sie haben ihn in dieser Woche
Aber er vermittelt schon den Eindruck, Der Schlamassel des Christian Wulff schon zweimal getroffen und ihm einen
als spüre er die Angst vor den eigenen beginnt am 1. September, einem Mitt- Rücktritt nahegelegt. Er hat abgelehnt.
Worten. Am 3. Oktober, am Tag der Deut- woch, und er beginnt mit Worten, die Jetzt, nach Wulffs Worten, ist seine Posi-
schen Einheit, muss er seine erste große Wulff besser nicht gesagt hätte. Wulff be- tion noch besser, er lenkt nicht ein. Sar-
Rede halten. Für einen Bundespräsiden- sucht Dresden, und während des ganzen razin muss den Raum verlassen. Seine
ten sind solche Reden eine Art Staatsexa- Besuchs fragen Journalisten den Bundes- Kollegen beschließen, eine Abberufung
men, er kann durchfallen oder bestehen. präsidenten nach der Integrationsdebatte. beim Bundespräsidenten zu fordern.
Und Wulff hadert schon, wie sein Vor- Wulff weicht aus, er weiß, dass dies glat- Am Freitag geht am späten Vormittag
gänger, mit manchen Medien. Er fühlt tes Eis ist für ihn. der Antrag per Fax im Bundespräsidial-
D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 25
Deutschland

amt ein. Das Verfahren müsste nun so Die Pressemitteilung wird ebenfalls
seine Beamten sollten die Möglichkeit ei-
aussehen: Zunächst prüfen das Bundes- noch an einigen Punkten geändert. Ge-
ner Einigung zwischen Sarrazin und der
finanz- und das Bundesinnenministerium gen 19 Uhr tauschen die Juristen der Bun-
Bundesbank weiter ausloten.
im Auftrag des Kanzleramts den Antrag. desbank und Sarrazins Anwalt in Berlin
Am Mittwoch reist Wulff in die
Tatsächlich bekommt Kanzleramtschef die Erklärungen aus. Die Bundesbank
Schweiz. Um zehn Uhr treffen die beiden
Ronald Pofalla (CDU) das Papier, aber zieht daraufhin ihren Antrag auf Entlas-
Emissäre der Bundesbank, Chefjurist
parallel dazu beschreitet das Bundesprä- sung Sarrazins zurück. Im Gegenzug
Bernd Krauskopf und ein Mitarbeiter, im
sidialamt einen eigenen Weg. bittet Sarrazin Wulff um seine Entlassung.
Präsidialamt ein. Gemeinsam mit Wulffs
Noch am Freitag erscheint gegen 18 Es ist das einzige Mal, dass Vertreter der
Juristen, dem Leiter der Zentralabteilung
Uhr Sarrazins Anwalt Stephan Eiden im Bundesbank und der Anwalt Sarrazins
Rüdiger Hütte, dem Chef des Rechtsre-
Präsidialamt und gibt eine rechtliche Stel- sich im Schloss Bellevue gegenüber-
ferats Stefan Ulrich Pieper sowie einem
lungnahme aus Sarrazins Sicht ab. Wulffs stehen.weiteren Verwaltungsjuristen, überlegen
Staatssekretär Lothar Hagebölling nimmt Das Finanzministerium bricht darauf-
sie, wie sie sich mit Sarrazin einigen
das Papier entgegen. Er hat den Eindruck, hin seine Prüfung ab. Bis hinauf zu Mi-
könnten. Es geht um drei Punkte: die
dass es noch möglich ist, zu einer gütli- nister Wolfgang Schäuble herrscht Ver-
Pension, das Datum des Ausscheidens
chen Einigung zu kommen. wunderung. Die Hausjuristen hatten den
und die richtigen Worte für die Presse-
Am Sonntag und am Montag beugen Eindruck, dass es möglich sei, Sarrazin
mitteilung. Später kommt Hagebölling
sich die drei Hausjuristen des Bundesprä- auf dem geplanten Weg abzuberufen.
hinzu, bis 15.30 Uhr ist man sich einig.
sidenten über den Antrag der Bank und Dies wurde auch schon dem Kanzleramt
Um 17.30 Uhr kommt Sarrazins Anwalt
die Stellungnahme Sarrazins. Am Diens- signalisiert.
Eiden ins Präsidialamt. Bis 21 Uhr berät
tag, dem 7. September, ruft Hagebölling Am Sonntag, dem 12. September, zi-
er mit Hagebölling und den Hausjuristen
bei Bundesbank-Präsident Axel Weber in tiert der Berliner „Tagesspiegel“ Wulffs
des Präsidenten die Bedingungen eines
Sprecher Olaf Glaeseker mit
den Worten: „Das Bundes-
präsidialamt hat die Rolle der
Mediation im Rahmen recht-
lichen Gehörs der Beteiligten
übernommen.“ Allerdings:
„Alle inhaltlichen Vereinba-
rungen wurden ausschließlich
von den Vertragspartnern ge-
troffen.“
Das erweckt den Eindruck,
als habe das Bundespräsidial-
amt eine kleine Rolle gespielt,
OLIVER BERG / DPA (L.); FRANK OSSENBRINK (R.)

in Wahrheit war es die ent-


scheidende. Wulffs Beamte ha-
ben die Verhandlungen ange-
stoßen und gesteuert. Sie wa-
ren auch nicht neutraler Me-
diator, sondern Partei, weil sie
Wulff vor einer Klage Sarra-
zins schützen wollten. Seine
ungeschickten Worte von Dres-
den haben ihn und sein Amt
Protest gegen Duisburgs Bürgermeister Sauerland, Bundesbank-Chef Weber: Tausend Euro mehr in diesem Verfahren in eine
zweifelhafte Rolle gebracht.
Frankfurt an. Er berichtet von den Alter- vorzeitigen Ausscheidens seines Mandan- Wulff hat der Bundesbank aber nichts
nativen, die Wulff in der verfahrenen ten. Die Juristen der Bundesbank sind diktiert.
Lage hat. Lehnt er die Entlassung Sarra- diesmal nicht dabei. Die Sache passt sich ein in diesen selt-
zins ab, führt er die Bundesbank vor. Nach diesem Gespräch haben alle den sam ungelenken Auftakt einer Präsident-
Stimmt er zu, kann Sarrazin womöglich Eindruck, dass man sich einigen kann. schaft, die schon mit dem falschen Urlaub
mit Erfolg dagegen klagen. Wieder setzen sich die Vertreter des Prä- begann. Kaum gewählt, verbrachte Wulff
Hagebölling drängt darauf, es noch ein- sidialamts mit dem Juristen der Bundes- seine freien Tage in der Luxusvilla seines
mal mit einer gütlichen Einigung zu ver- bank zusammen. Bis 23 Uhr klären sie Freundes Carsten Maschmeyer, der mit
suchen. Weber muss nicht lange über- Details. dem Finanzdienstleister AWD steinreich
zeugt werden. Binnen zehn Minuten sagt Donnerstags ruft Hagebölling bei We- geworden ist und besonders gern Politiker
er zu, den Chefjuristen der Bundesbank ber an und erläutert ihm das Angebot für um sich schart. Zwar zahlte Wulff selbst
am folgenden Tag ins Schloss Bellevue Sarrazin. Er soll am 31. Dezember 2010 für das Appartement auf dem Anwesen,
zu entsenden. Genau wie Wulff hat We- ausscheiden. Seine Pension soll um mo- aber es sah so aus, als wolle er hannover-
ber ein Interesse, den Fall rasch abzu- natlich tausend Euro auf das Niveau an- schen Klüngel ins Schloss Bellevue über-
schließen. Er will Präsident der Europäi- gehoben werden, das ihm beim regulä- tragen.
schen Zentralbank werden. Wenn er Wo- rem Dienstende 2014 zugestanden hätte. Dann missrieten ihm die Worte. Man-
che für Woche an der Seite Sarrazins Vor- Weber akzeptiert den zweiten Punkt, cher Parteifreund fand es falsch, dass
standssitzungen abhalten muss, könnte aber nicht den ersten. Er möchte Sarrazin Christian Wulff Duisburgs Oberbürger-
ihm das bei den anderen Euroländern nie mehr in seiner Bank sehen. Deshalb meister Adolf Sauerland (CDU) den
schaden. soll er sofort ausscheiden. Hagebölling Rücktritt nahegelegt hatte, da er die „po-
Abends unterrichtet Hagebölling den handelt mit ihm einen Kompromiss aus: litische Verantwortung“ für das Unglück
Bundespräsidenten. Wulff entscheidet, 30. September. trage.
26 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Schon wurde in Berlin ge-
ätzt. Die Kritik wurde lauter,
als der Fall Sarrazin seinen
Lauf nahm.
Wulff und die Worte – das
passt so richtig nicht. Kürzlich
sprach er vor Offiziersanwär-
tern und deren Angehörigen
in Flensburg, rund tausend
Leute waren vor dem impo-
santen Backsteinbau versam-
melt. Der Präsident knödelte
monoton eine Rede herunter,
die sich in Allgemeinplätzen
erging, und das in einer Wo-
che, in der bekannt wurde,
dass Verteidigungsminister
Karl-Theodor zu Guttenberg
(CSU) in Berlin die Wehr-
pflicht praktisch aussetzen
will. Wäre es zu viel erwartet
von einem Bundespräsiden-
ten, vor Soldaten etwas zu die-
ser umstürzenden Reform zu
sagen – und sei es nur, um Mit-
gefühl zu zeigen für eine Trup-
pe, die in den vergangenen 20
Jahren viel Wandel durchge-
macht hat?

CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL


Kein Wort. Eine Hülse reih-
te sich betonungslos an die
nächste. „Sie werden jetzt Ih-
ren Eid ablegen, ich habe erst
vor wenigen Wochen meinen
Eid abgelegt. Es ist eine Freu-
de, unserem Land dienen zu Präsident Wulff: „Es ist eine Freude, Deutschland dienen zu dürfen“
dürfen.“ Wulff redete wie ei-
ner, dem das Zwerchfell auf die Lunge eigene Party am Reichstag. Geplant ist Er wirkt ängstlich in diesen ersten Wo-
drückt, ängstlich. eine Feier vor dem Reichstagsgebäude, chen seiner Amtszeit. Die Aufgabe sei
Nun soll der 3. Oktober die Wende „ein öffentliches Fest, für jedermann zu- noch viel größer als befürchtet, hat er in
bringen, die große Rede zum Tag der gänglich“, heißt es intern. Gedacht wird einem Interview gesagt. Er sucht gerade
Deutschen Einheit in Bremen. Um den an eine große Show – mit einem Heli- nach einem Selbstbewusstsein, das ihn
Auftritt vorzubereiten, trifft sich Wulff kopter, der die deutsche Fahne bringt, nicht aus Angst vor Fehlern Fehler ma-
mit vielen Menschen, von denen er Im- und Feuerwerk. chen lässt.
pulse erwartet, Lothar de Maizière zum Das Problem ist, dass auf Lammerts in- Es ist der 6. August, Wulffs offiziell ers-
Beispiel, Joachim Gauck, Frank-Walter offizieller Gästeliste all jene stehen, die ter Tag am Schreibtisch des Präsidenten.
Steinmeier. am selben Tag nach Bremen geladen sind, Die Fotografen sind futterneidisch, der
Er hat auch Friedbert Pflüger getroffen, zum offiziellen Fest: Ministerpräsidenten, Zeremonienmeister muss die Horde be-
einst Mitarbeiter des Bundespräsidenten ruhigen: „Ihr kriegt eure Bilder, der Bun-
Richard von Weizsäcker, dem eine wirk- Wulff wirkt ängstlich in den ersten despräsident nimmt sich die Zeit, sich am
lich große Rede gelungen ist, zum 8. Mai Tisch zu bewegen, etwas zu lesen.“ Auf
1945, dem Tag der Kapitulation. Drei Wochen seiner Amtszeit. Die dem Schreibtisch liegen einige sorgsam
Stunden lang haben sie im Charlotten- Aufgabe ist größer als befürchtet. wie zufällig hingelegte Bücher. Fritz
burger Restaurant „Adnan“ miteinander Stern/Helmut Schmidt: „Unser Jahrhun-
geredet. „Das kann dein 8. Mai sein“, hat die Bundesregierung, ehemalige Bundes- dert“. „Zukunftsfähiges Deutschland“,
Pflüger zu Wulff gesagt. Das hat den Prä- präsidenten, die Bundestagsabgeordne- „Schicksal Afrika“.
sidenten nicht ruhiger gemacht. ten. Es wird deshalb an einen Shuttle- Wulff geht an das Fenster, das den
Zudem hat er rund um den 3. Oktober Service Bremen–Berlin gedacht – absur- Blick auf den Garten im Schloss Bellevue
harte Konkurrenz. Zwei Großmeister des der geht es kaum. freigibt. „Das ist wirklich ein schöner
Wortes werden die Einheit würdigen: Vor Wochen hatte Lammert dem am- Blick“, sagt der Präsident, „den Blick al-
Joachim Gauck, Wulffs Gegenkandidat tierenden Bundesratspräsidenten, dem lein sollten Sie mal fotografieren.“ Und
bei der Präsidentschaftswahl, und Bun- Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen, er setzt hinzu: „Wir haben viele Füchse
destagspräsident Norbert Lammert, der fest versprochen, die offizielle Feier in im Garten. Die fürchten sich vor nichts.“
ebenfalls als Kandidat für das Schloss der Hansestadt nicht zu konterkarieren. Vielleicht wäre Wulff gern wie einer
Bellevue gehandelt worden war. Auch ans Präsidialamt gab es ein entspre- dieser Füchse auf diesem getrimmten Ra-
Gauck wird schon am 2. Oktober spre- chendes Signal. Nun will Lammert aber sen. Wie so ein Berliner Bellevue-Fuchs,
chen, als Festredner im Berliner Abge- doch ein bisschen Bundespräsident spie- der sich vor gar nichts fürchtet.
ordnetenhaus. Lammert organisiert für len. Wulff hat es wirklich nicht leicht mit KIM BODE, DIRK KURBJUWEIT, PETER MÜLLER,
sich und den Bundestag in aller Stille eine Berlin. CHRISTOPH PAULY, CHRISTOPH SCHWENNICKE

D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 27
Deutschland

Wenn das stimmt, belastet sich Nahr-


stedt selbst, aber er sagt, er habe ohnehin
A F FÄ R E N
nicht viel zu verlieren. Karp bestreitet
alle Vorwürfe. Auch die CDU in Wolfs-

Trutzburg der Partei burg sagt, sie habe von nichts gewusst,
genauso wenig wie die Landespartei. Bun-
destagspräsident Norbert Lammert will
jetzt prüfen, ob er wegen versteckter Par-
Gegen den früheren Wahlkampfmanager von Christian Wulff teispenden tätig werden muss.
ermittelt die Staatsanwaltschaft. Er soll Personal und Geld Karp und Nahrstedt: Es ist die Ge-
der Wolfsburger Stadtwerke für die CDU zweckentfremdet haben. schichte zweier ungleicher Männer aus
der niedersächsischen Provinz, die sich
sehr clever fanden. Doktor Karp, der im-
mer größer werdende Politikstratege und
Wahlkampfexperte, und Maik Nahrstedt,
Diplom-Redakteur, nun ja, der gar nicht
so unwichtige Helfer des großen Karp.
Karp ist in Wolfsburg geboren, studier-
te in Erlangen-Nürnberg und Straßburg,
promovierte, lehrte als Professor, er woll-
te immer besser sein als die Alten in der
Partei, frischer, neuer. 2001 gelang es ihm,
als Leiter des Wahlkampfteams den Kan-
didaten der CDU in das Amt des Bürger-
meisters von Wolfsburg zu lupfen. Er hat-
te es fertiggebracht, einen Konservativen
an die Spitze der Stadt zu setzen, in das
VW-Wolfsburg, und die SPD abzulösen.
Karp war der Bürgermeistermacher.
Im selben Jahr lenkte er den Kommu-
nalwahlkampf für die CDU, sein Name
verbreitete sich über die Stadt bis nach
Hannover, bis zu Wulff, der seit fast zehn
Jahren darauf wartete, endlich Minister-
präsident von Niedersachsen zu werden.
Karp nahm Nahrstedt überallhin mit,
er gab ihm auch einen Spitznamen:
Mieke. Die Beziehung zwischen Mieke
und Karp war derjenigen zwischen Da-
niel Düsentrieb und seinem Helferlein,
FRANK OSSENBRINK

der Glühbirne mit den Beinen und Ar-


men, gar nicht unähnlich: Karp war das
Hirn und Mieke der Bewunderer, der die
Einfälle zusammenbauen sollte.
Wahlkämpfer Karp, Wulff 2003*: „Herzlichen Dank für all die Unterstützung“ Nahrstedt hatte bei einer Zeitung in
Wolfsburg volontiert, 1986 fing er bei den

M
arkus Karp war nie der Typ, der erregen würde, wenn nicht der Mann, der Stadtwerken im Kundenzentrum an und
an seiner Genialität zweifelte, so vor acht Jahren auf Markus Karp zutrat, arbeitete sich bis zum Pressesprecher
konnte es ihn nicht überraschen, vor kurzem Bundespräsident geworden hoch. Er fühlte sich wohl in der Provinz
als vor acht Jahren ein Mann auf ihn zu- wäre. Wulff hat Karp viel zu verdanken, und musste nicht die große Karriere ma-
kam und fragte, ob Karp ihm nicht helfen ohne seine Hilfe wäre er womöglich nie chen. Nahrstedt übernahm lieber die Pres-
könne, Ministerpräsident zu werden. Ministerpräsident und damit auch nicht searbeit für die CDU-West in Wolfsburg.
Karp, CDU-Mitglied, hat den Job als später Staatsoberhaupt geworden. Nahrstedts Geschichte begann 2000, als
Ministerpräsidenten-Macher vor der Ein früherer Freund von Karp erhebt er Karp über einen Parteifreund kennen-
Landtagswahl 2003 in Niedersachsen an- nun schwere Vorwürfe, die bis ins Jahr lernte. Später hatte Karp Nahrstedts Vor-
genommen. Später wurde er Chef der 2001 zurückgehen. Der Mann heißt Maik gesetzten gedrängt, Nahrstedt für „Son-
Stadtwerke von Wolfsburg, vergangene Nahrstedt, bis zu seinem Rauswurf ver- deraufgaben“ halbtags freizustellen, also
Woche beschloss er, sein Amt zunächst gangene Woche war der 42-Jährige Pres- für den Wahlkampf, bei laufenden Bezü-
einmal ruhenzulassen. Die Staatsanwalt- sesprecher der Wolfsburger Stadtwerke gen durch die Stadtwerke. Das bestätigt
schaft Braunschweig ermittelt gegen ihn und half ebenfalls bei Wahlkämpfen der auch einer von Nahrstedts früheren Vor-
wegen Untreue und Vorteilsgewährung. CDU in Wolfsburg und in Niedersachsen. gesetzten. Karp hatte laut Nahrstedt bes-
Der 44-Jährige wird verdächtigt, als CDU- Nahrstedt sagt, Karp habe ihn als ten Kontakt zur Chefetage der Stadt-
Wahlkampfmanager illegal Personal und Pressemann für CDU-Wahlkämpfe einge- werke: Er habe dem kaufmännischen
Geld der Wolfsburger Stadtwerke in An- spannt, er sei seit 2001 während der Ar- Vorstand zu dessen Job verholfen.
spruch genommen zu haben. beitszeit auch für die Partei tätig gewesen. Karp habe zudem verlangt, die Stadt-
Es ist eine klebrige Provinzaffäre, die Auf Wunsch von Karp habe er die dienst- werke sollten die Fotos im Bürgermeis-
nicht notgedrungen viel Aufmerksamkeit liche Ausstattung der Wolfsburger Stadt- ter-Wahlkampf 2001 bezahlen, laut Nahr-
werke für die CDU genutzt: Dienstwagen, stedt rund tausend Euro im Monat. Nahr-
* Mit Wulffs damaliger Ehefrau Christiane. Diensthandy und Dienstcomputer. stedt bekam ein Diensthandy, das er
28 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
aus Karps Sicht von Gewerkschaftern und
Sozialdemokraten im Würgegriff gehal-
ten wurde. Karp habe daher angeordnet,
Büromöbel bei Firmen von CDU-Leuten
zu bestellen, nirgendwo sonst.
Nahrstedt behauptet, Karp habe ihn
beauftragt, Material gegen einen Vor-
standskollegen zu sammeln und gegen ei-
nen Aufsichtsrat der SPD. Gleichzeitig
beäugte Karp offenbar mit Argwohn, dass
Nahrstedt als Stadtwerke-Sprecher häufig
mit seinen Fotos in den lokalen Zeitungen
erschien. Als er auch noch gesehen habe,
dass Nahrstedt als überragender Torschüt-
ze im Sportteil gefeiert wurde, sei er vor
Neid fast geplatzt. Er sei der Mann, der
in die Öffentlichkeit gehöre! Er, der große
Karp! Er habe Nahrstedt zu sich gerufen.
„Mieke, wir müssen reden.“ Er schieße
ab sofort bitte weniger Tore, alles klar?
Karp machte sich Feinde. Es tauchten
Pressesprecher Nahrstedt, Altkanzler Kohl 2004: 16 anonyme Briefe 16 anonyme Briefe auf, die in Wolfsburg
verteilt wurden, abgeschickt von einer
ebenfalls für den CDU-Wahlkampf ge- David McAllister, damals Generalsekre- „Mitarbeiter-Initiative Pro Stadtwerke“.
nutzt habe. Monatliche Handyrechnung: tär der niedersächsischen CDU und heute Die Verfasser offenbarten nicht nur er-
500 Euro und mehr, abgerechnet über die Wulffs Nachfolger als Ministerpräsident, staunlich gute Einblicke in die Stadtwer-
Marketing-Abteilung der Stadtwerke. Be- kann sich an Nahrstedt gut erinnern – ke, sondern auch in die Buchhaltung.
sonders angenehm lief die Pressearbeit selbst wenn er dessen Funktion heute her- Manchen Briefen lagen Essensquittungen
mit dem Lokalblatt „Wolfsburger Kurier“. unterredet: „Eine tragende Rolle hat er und Taxibelege bei, die beweisen sollten,
In schöner Regelmäßigkeit erschienen im Wahlkampf nicht gespielt.“ wie Karp, der Vorstandschef, das Geld
hübsche Artikel über die CDU. Nahrstedt Für Wulff lief der Wahlkampf wunder- der Stadtwerke verschwendet habe.
sagt, er habe deshalb über die Stadtwerke bar. Karp entwarf mit einer Werbeagen- Das Rechnungsprüfungsamt der Stadt
jede Woche Anzeigen im Wert von etwa tur die „Besser-Kampagne“, die Wulff als konnte viele Vorwürfe aus den Briefen
1300 Euro geschaltet. zuverlässiger und kompetenter als den bestätigen. Es treffe zu, dass Karp sich in
Im Kommunalwahlkampf behielten SPD-Amtsinhaber Sigmar Gabriel porträ- seinem Dienstwagen von einem Taxifah-
Karp und Nahrstedt die Hirn-und-Helfer- tieren sollte. Karp ließ auf eine halbe Mil- rer habe chauffieren lassen, in der ersten
Arbeitsteilung bei. Karp gab die Leitlini- lion Päckchen mit Blumendünger den Hälfte des Jahres 2009 für 1829 Euro. Es
en vor, Nahrstedt buchte Anzeigen und Spruch drucken: „Wir machen Wachstum. treffe zu, dass Karp beim Umbau seines
telefonierte aus seinem Büro. Sie hielten Besser.“ Am Ende gewann Wulff überra- Badezimmers durch eine Tochterfirma
sich für ein ziemlich schlaues Team. schend deutlich, und Karps der Stadtwerke einen Abschlag
Wulff sei von Karp, dem Bürgermeis- Werbeoffensive wurde ausge- bekommen habe. Es sei richtig,
termacher, entzückt gewesen, erinnern zeichnet als politische Kampa- Karp habe ge- dass Karp für ein Essen mit
sich CDU-Leute in Hannover. Karp war gne des Jahres. Hinterher freu- sagt, er sei der dem Betriebsratschef in einer
das Gegenteil von Wulff: lebendig, opti- te sich Karp: „Wir haben gut Mann, der in Pizzeria 200 Euro bezahlt
mistisch, ein Siegertyp. Wulff wollte im kalkuliert.“ die Zeitungen habe – allerdings fehlen Richt-
März 2003 endlich Ministerpräsident von In der Parteizentrale in Han- gehöre, nie- linien für all das. Man konnte
Niedersachsen werden, nach zwei vergeb- nover aber traf er nicht nur auf
lichen Versuchen 1994 und 1998, als er Freude. Es gab Ärger, weil er
mand sonst. Er, keine „Rechtsverstöße“ feststel-
len. Die Wolfsburger Staatsan-
gegen Gerhard Schröder verloren hatte. sich zunehmend für Wulffs da- der große Karp! waltschaft stellte die Ermittlun-
Wulff holte Karp 2002 von Wolfsburg malige Chefsekretärin interessier- gen ohne eigene Prüfung ein.
nach Hannover und machte ihn zum stra- te. Wulff fand jedenfalls keinen Platz für Umso aktiver wurden die Ermittler, als
tegischen Leiter seines Wahlkampfteams. Karp in seiner neuen Landesregierung. Die die Stadtwerke Strafanzeige wegen Ver-
Nahrstedt blieb von seinem Pressespre- Helfer waren abgemeldet. Nahrstedt blieb leumdung gegen die unbekannten Briefe-
cher-Job nach eigener Aussage halbtags zumindest eine Postkarte von Wulff: „Maik schreiber stellte. Karp habe Nahrstedt noch
weiter freigestellt, um auf Kosten der Nahrstedt, herzlichen Dank für all die Un- erzählt, er habe mit den Ermittlungen nichts
Stadtwerke beim Landtagswahlkampf zu terstützung und frohe Ostern.“ zu tun. Die Polizei forderte 15 Führungs-
helfen, manchmal auch mehrere Tage am Karp heiratete später Wulffs frühere kräfte der Stadtwerke auf, Fingerabdrücke
Stück, wie bei der Klausurtagung des Sekretärin, Nahrstedt schoss die Fotos und Speichelproben abzugeben. Nahrstedt
wulffschen Wahlkampfteams auf Norder- und rechnete, so erzählt er, die Abzüge hätte auch antreten müssen, doch er wei-
ney. Weil Karp nicht gewollt habe, dass für die Hochzeitsgäste wie gewohnt über gerte sich, weil er allmählich sauer wurde
Nahrstedt den Privatwagen nutze, habe die Stadtwerke ab. Zwischenzeitlich fuhr auf seinen früheren Kumpel, den plötzlich
er für ihn einen Dienstwagen angefordert. Nahrstedt ins Büro von Helmut Kohl nicht mehr ganz so großen Karp.
Nahrstedt saß fortan hinter dem Steuer nach Berlin, ebenfalls in der Arbeitszeit. Noch ist nicht klar, wer die Briefe ge-
eines VW-Polo der Wolfsburger Stadtwer- 2008 wurde Karp Chef der Stadtwerke, schrieben hat. Im August klingelten Poli-
ke und fuhr damit für Wulffs Sieg durch deren Pressesprecher Nahrstedt war. zisten an Nahrstedts Tür und nahmen
Niedersachsen. Auch die Kosten für Fo- Dort gab es viel zu tun. Karp habe das zwei Computer mit. Im Durchsuchungs-
toabzüge, die Handyrechnung, die neue kommunale Unternehmen zu einer Par- beschluss las er, der „Zeuge Karp“ habe
Funkkarte für den Laptop: Alles hätten tei-Trutzburg ausbauen wollen, sagt Nahr- ihn belastet. MICHAEL FRÖHLINGSDORF,
freundlicherweise die Stadtwerke bezahlt. stedt, zu einer Festung in jener Stadt, die CHRISTOPH SCHEUERMANN

30 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Umweltminister Röttgen
Keine Angst vor dem Rausch der Idee

Sie war in den vergangenen Jahren


eine weitgehend leidenschaftsfreie Zone.
Deutschland wurde zwar von den Welt-
problemen geschüttelt, der Finanzmarkt-
krise und dem Klimawandel. Aber die
Kanzlerin in Berlin verstand es, auch die
großen Fragen der Zeit so lange in ihre
Einzelteile zu zerlegen, dass es am Ende
nur noch um Kreditvergaberichtlinien
und Emissionszertifikate ging. Ihre Politik
war deshalb wie eine Einweisung in die
Ausnüchterungszelle.
Röttgen hat keine Angst vor dem
Rausch der Idee. Er steht in Iserlohn, ei-
ner schmucklosen Stadt am nordwestli-
chen Rand des Sauerlandes, und redet
von der Finanzmarktkrise. Er nennt sie
einen „Exzess des Egoismus“ und ver-
langt, „Politik mit den Augen unserer
Kinder“ zu machen. Während er redet,
durchschneidet er die Luft mit Handkan-
tenschlägen, er ballt die Faust. Solche Em-
phase gibt es derzeit selten in der CDU,
und so gesehen ist sein Wahlkampf auch

CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL


ein kleiner Aufstand gegen die emotions-
lose Kanzlerin.
Auch Laschet macht Wahlkampf gegen
Berlin, nur beklagt er nicht die freudlose
Politikverwaltung, sondern die ewigen
Streitereien in der Hauptstadt, damit hat
er gleich seinen Konkurrenten getunkt,
der mit an Merkels Kabinettstisch sitzt.
CDU
Ansonsten präsentiert er sich als braver
Diener der Landespolitik, der nichts am

Der Obama-Test Hut hat mit der hochfliegenden Rhetorik


Röttgens.
Anfang September spricht er im Schüt-
zenhof in Paderborn. Der Boden ist mit
In Nordrhein-Westfalen kämpfen Norbert Röttgen und dunklem Holz ausgelegt, es gibt Pils und
Armin Laschet um den Vorsitz der CDU. Es geht dabei auch um Schinkenbrötchen, und Laschet ver-
die Frage, wie viel Pathos die deutsche Politik erlaubt. spricht seinen Zuhörern, als Landes-
vorsitzender jährlich das Liborifest zu be-

E
ines muss man Norbert Röttgen las- mehr“, rief er, in seiner Stimme lag die suchen. Das wird in der Innenstadt
sen. Er weiß, wie man die Tür zur Euphorie eines Mannes mit einer Mission. Paderborns zu Ehren des heiligen Libo-
großen Politik aufstößt. Da sind zu- Und nun ist er wieder gezwungen, öde rius gefeiert, Schutzpatron für alle Men-
nächst die Gefahren des Klimawandels, Organisationsfragen zu besprechen. schen, die unter Koliken oder Gallenstei-
die es zu besprechen gilt. Dann natürlich Es ist alles nicht leicht. In sechs Wochen nen leiden.
der Aufstieg Chinas zur Supermacht. Und will sich Röttgen zum Chef der nordrhein- Das Liborifest und die Finanzmarkt-
als Abschluss für alle, denen das noch westfälischen CDU wählen lassen, er krise sind die beiden Pole dieses Wahl-
nicht reicht, eine Neudefinition des kon- wagt dabei ein Experiment, das es so kampfs, es ist ein Wettstreit zwischen
servativen Gedankens. Jetzt sitzt Röttgen noch nie gab in der deutschen Politik. großer und kleiner Politik. Zu Beginn
zufrieden, wenn auch etwas ermattet, auf Denn während sein Gegenspieler Armin lief es nicht schlecht für Röttgen, die Spit-
der Bühne der Stadthalle Bad Godesberg. Laschet als Fachkraft für Landespolitik zenfunktionäre der Landespartei hatten
Zeit für Fragen aus dem Publikum. um die Stimmen der Basis wirbt, tritt sich zwar gegen ihn verbündet, aber als
Es erhebt sich ein Rentner, Blouson, at- Röttgen als Experte für politische Grund- er dann die ersten Regionalkonferenzen
mungsaktive Mokassins. „Wer wird Ihr satzfragen vor sein Publikum, als Mann bestritt, saß er vergnügt auf der Bühne,
Generalsekretär, wenn Sie Vorsitzender für die Weltrettung. das Kinn reckte er steil nach vorn. Er
der nordrhein-westfälischen CDU wer- Bis Ende September werden sich La- hatte das Gefühl, dass seine Ideen stärker
den?“ China ist wieder ganz weit weg, schet und Röttgen in acht Regionalkonfe- sind als die Macht des Parteiestablish-
der Bundesumweltminister seufzt leise. renzen den Anhängern der CDU Nord- ments.
Versteht denn wieder niemand, um was rhein-Westfalen vorgestellt haben. Da- Es gibt ein großes Vorbild für die Kam-
es ihm geht? nach werden die 160 000 Parteimitglieder pagne Röttgens. Als er vor zwei Jahren
Seit zwei Stunden müht er sich, seinen nicht nur darüber entscheiden, wer den noch Parlamentarischer Geschäftsführer
Zuhörern das Denken im kleinen Karo mächtigsten CDU-Landesverband führt. der Unions-Bundestagsfraktion war, be-
auszutreiben. „Schräubchendreherei am Es geht auch um Stil und die Frage, wie suchte er den Wahlkampf des damaligen
Grenzsteuersatz, das begeistert keinen viel Pathos die deutsche Politik verträgt. Präsidentschaftskandidaten Barack Oba-
32 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Deutschland

ma. Als er aus den USA zurückkehrte,


kam ihm die deutsche Politik geschrumpft
vor, er schwärmte von den Reden Obamas,
der es verstehe, Begeisterung bei den Men-
schen zu wecken. „Das ist viel mehr wert
als ein Steuerkonzept oder ein Konzept
zur Reform der Krankenversicherung.“
Der Wahlkampf in NRW ist ein Test für
das Prinzip Obama. Das ist erst einmal
keine schlechte Idee. Der Vorteil des gro-
ßen Gedankens ist ja, dass er auch den
erhebt, der ihn ausspricht. Das hat bei
Obama lange funktioniert, auch wenn
jetzt seine Beliebtheitswerte absacken.
Wer eine Zukunft Deutschlands ohne Koh-
le und Öl entwirft, dem traut man auch
weniger ambitionierte Aufgaben wie die
Führung eines CDU-Landesverbands zu.
Das jedenfalls ist Röttgens Kalkül.
Sein Konkurrent Laschet dagegen ver-
spricht, dass er als Landeschef die Kreis-
verbände in Höxter, Borken und Neuss
besucht. Er war bis vor kurzem Integra-
tionsminister in Nordrhein-Westfalen und
hat die CDU herangeführt an eine zeit-
gemäße Ausländerpolitik, aber jetzt will
er wirken wie ein Mann, der vor allem

HANS-BERNHARD HUBER / LAIF


ein Auge hat für die Sorgen der Landes-
partei.
Im Gedächtnis der CDU lasten immer
noch die Jahre, als Norbert Blüm die Par-
tei führte, der als Arbeitsminister in Bonn
kaum Muße hatte, sich um die Nöte der
Basis zu kümmern. Es war eine bleierne CDU-Politiker Laschet: Jährlich zum Liborifest
Zeit. Die Lokalfürsten der Partei zerstrit-
ten sich, während Johannes Rau in der teidigungsminister Karl-Theodor zu Gut- Röttgens wäre für sie eine große Genug-
Staatskanzlei Wurzeln schlug. tenberg will die Bundeswehr reformieren tuung, der Beweis, dass sich die CDU
Röttgen treibt das weniger um. Er ver- und dabei die Wehrpflicht faktisch ab- nicht ändern muss. „Ich bin dagegen,
sucht, praktischen Fragen mit Ausflügen schaffen, und es sieht im Moment nicht dass Norbert Röttgen Landesvorsitzen-
in die Stratosphäre der Großpolitik zu ent- so aus, als würde er am Ende mit einem der wird“, sagt Reul. Das hat sachliche
wischen. Er kämpft mit dem globalen Kli- kläglichen Kompromiss dastehen. Das Gründe, Reul sitzt dem Energieausschuss
mawandel, Fragen der Parteiorganisation lässt Röttgen noch ein Stück schrumpfen. des Europaparlaments vor, er versucht
sind in seinen Reden allenfalls Fußnoten. Laschet und seine Leute amüsiert das dort, die deutsche Industrie vor immer
Das wird jetzt zum Problem. Seit das prächtig. Sie wissen, dass die hässliche neuen Lasten zu bewahren, und dem
Energiekonzept der Regierung steht, wird Schwester des Pathos Lächerlichkeit Minister in Berlin fielen immer neue
die Größe seiner Worte an Taten gemes- heißt. Die CDU in NRW ist gerade nach Klimaauflagen ein.
sen. Als Umweltminister hatte er das Ende fünf Regierungsjahren in der Opposition Reul hat aber auch ganz persönliche
der Kernenergie und das Zeital- gelandet, sie wird künftig vor Gründe. Vor langen Jahren gründete er
ter der erneuerbaren Energien allem danach gefragt werden, den Leichlinger Kreis mit, in ihm sitzen
ausgerufen. Er wollte damit Fragen in Kanz- wie sie es mit der Zukunft des viele, die jetzt etwas zu sagen haben in
auch den Weg ebnen für eine lerformat kön- Kohlekraftwerks Datteln hält der rheinischen CDU, auch Röttgen und
Koalition der Union mit den nen vermessen und dem Ausbau der Wohnbau- Laschet. Bündnisse wie den Leichlinger
Grünen als Bündnis des moder- wirken, wenn förderung. Kreis gibt es etliche in der Politik, es
nen Bürgertums. Damit bewegte man in das Tal Röttgen dagegen stellt Fragen, sind Seilschaften, in denen man sich auf
er sich auf der obersten Etage die mindestens Kanzlerformat dem Weg nach oben stützt. Aber wenn
der Machtfragen.
der Landes- haben, und das kann schnell ver- es Röttgen nützlich erscheint, kandidiert
Jetzt jubeln die großen Ener- politik steigt. messen wirken für einen Mann, er auch gegen Bundesgenossen und
giekonzerne. Er wollte die Lauf- der doch eigentlich in das Tal Freunde von gestern. Er vertraut auf die
zeiten der Atommeiler um acht Jahre ver- der Landespolitik herabsteigen will. „Viel- Kraft seiner Rede, nicht auf die Macht
längern, nun werden es zwölf. Und es leicht wäre es besser, wenn sich der der Seilschaft.
stellt sich heraus, dass er wichtige Teile Norbert gleich als Bundeskanzler bewer- Kann das in der deutschen Politik funk-
des Energiekonzepts nicht einmal mitver- ben würde“, lästert einer von Laschets tionieren? Als Röttgen von seiner Reise
handelt hat. Die Grünen haben sich von Leuten. zu Obama zurückkehrte, war er auch des-
der Atompartei CDU abgewendet. All Es gibt inzwischen eine hübsche Schar halb so fasziniert, weil sich ein Mann ge-
das lässt den Großdenker Röttgen im Mo- von Röttgen-Gegnern, nicht nur Laschet gen das Establishment durchgesetzt hatte,
ment ziemlich klein erscheinen. gehört dazu, sondern auch Kanzleramts- allein mit dem Funkeln seiner Ideen. Er
Außerdem müssen großes Denken und minister Ronald Pofalla und Leute wie sagte aber auch: „Ich fürchte, unsere Be-
großes Handeln nicht auseinanderfallen, Herbert Reul, der ehemalige General- geisterungsresistenz ist etwas stärker als
das hat gerade ein anderer bewiesen. Ver- sekretär der NRW-CDU. Ein Scheitern die der Amerikaner.“ RENÉ PFISTER

D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 33
Deutschland

Künast: Ich habe ein Geräusch gehört: Es


hat klack gemacht, als Frau Merkel die
Tür für Schwarz-Grün zugezogen hat.
Und jetzt ist die Tür eben zu. Merkel
muss ihren ideologischen Kampf für die
Atomkraft führen, um den eigenen Laden
zusammenzuhalten. Dafür wird sie einen
hohen Preis bezahlen. Solange der Atom-
beschluss steht, läuft Schwarz-Grün nicht.
Der Kampf gegen die Atomkraft steht
in der Geburtsurkunde der Grünen, die
wird nicht geändert.
SPIEGEL: Sehen Sie Möglichkeiten, den
Ausstieg aus dem Ausstieg zu stoppen?
Künast: Noch ist nichts entschieden. Wir
werden alle Werkzeuge einsetzen, kla-
gen, demonstrieren, Wahlkämpfe führen.
Frau Merkel wird den Tag ihres Atom-
deals noch bereuen. Sie wird Gegenwehr
auf allen Ebenen kriegen, selbst aus den
eigenen Reihen.
SPIEGEL: Sie sollten Frau Merkel dankbar

CARSTEN KOALL / VISUM


sein, weil die Grünen jetzt ihre Anhänger
noch besser mobilisieren können. Werden
Sie nun anstelle der SPD zum Hauptgeg-
Politikerin Künast ner der CDU?
Künast: Die Frage, wer im linken Lager
die Hegemonie hat, ist heute offen. In
der Energiepolitik sieht man das am deut-
SPI EGEL-GESPRÄCH
lichsten: Wir kämpfen gegen die Regie-
rung, die SPD schwimmt in unserem

„Frau Merkel wird das bereuen“ Fahrwasser. Aber es gibt auch andere Be-
reiche, in denen das so ist.
SPIEGEL: Ist das noch Selbstbewusstsein
oder schon Größenwahn?
Grünen-Fraktionschefin Renate Künast, 54, über die Atompläne Künast: Grübeln Sie weiter – ich habe Be-
der Regierung, die gesunkenen Chancen für lege. Unser Familienbild steht dem der
Schwarz-Grün und den Höhenflug ihrer Partei in den Umfragen CDU diametral entgegen, weil wir nicht
den Trauschein als zentrales Kriterium
SPIEGEL: Frau Künast, wo liegen die Gren- SPIEGEL: Die Landtagswahl in Baden- nehmen. In der Verkehrspolitik, siehe
zen des Wachstums? Württemberg am 27. März kommt zuerst. „Stuttgart 21“, bieten wir der Union die
Künast: Ich könnte jetzt darüber reden, Sollten die Grünen dort den Anspruch Stirn, nicht die Sozialdemokraten. Daran
welche Teile der Wirtschaft radikal auf das Amt des Ministerpräsidenten an- sehen Sie: Es ist nicht automatisch so,
schrumpfen müssen und welche radikal melden? dass die SPD im linken Lager den Ton
wachsen. Aber ich ahne, worauf Sie hin- Künast: Ich will den Baden-Württember- angibt.
auswollen. gern nicht vorgreifen. Unser erstes Ziel SPIEGEL: Kanzlerin Merkel hat angekün-
SPIEGEL: In der jüngsten Forsa-Umfrage ist es, dass ohne die Grünen nicht regiert digt, die Landtagswahl in Baden-Würt-
standen die Grünen bundesweit bei 22 werden kann. Dann greifen die Grund- temberg zur Bürgerbefragung über das
Prozent, in Ländern wie Berlin und Ba- rechenarten: Der Stärkste ist zuerst dran, umstrittene Bahnprojekt „Stuttgart 21“
den-Württemberg, in denen nächstes Jahr eine Regierung zu bilden. Wenn das nicht zu machen. Nehmen Sie auch diesen Feh-
gewählt wird, geht es gen 30 Prozent. geht, der Zweitstärkste. dehandschuh auf?
Künast: Das sind schöne Zahlen, aber sie SPIEGEL: Bislang galt Baden-Württemberg Künast: Mit Vergnügen. Den Volksent-
stellen eine Stimmung dar und noch kei- als Land, in dem es auch zu einem scheid kann sie haben. Nur muss Merkel
ne Stimmen. Wir wollen auf dem Teppich schwarz-grünen Bündnis kommen könn- dann auch fair spielen und dafür sorgen,
bleiben und müssen auch dafür sorgen, te. Gibt es dafür noch Chancen, nachdem dass bis zur Wahl nicht weiterhin voll-
dass wir nicht mit dem Teppich abheben. die Bundesregierung beschlossen hat, die endete Tatsachen geschaffen werden. Wir
Wir träumen nicht davon, eine Volkspar- Laufzeiten der Kernkraftwerke im Schnitt fordern einen sofortigen Stopp der Bau-
tei neuen Typs zu werden. Ich klebe mir um zwölf Jahre zu verlängern? und Abrissarbeiten bis zum Wahltag.
auch keine albernen Zahlen unter die Künast: Die Atombeschlüsse verstehen die SPIEGEL: Und wenn die Grünen gewinnen,
Schuhsohlen. Grünen als Kampfansage, das ist doch garantieren Sie den Wählern, dass „Stutt-
SPIEGEL: Aber den Zahlen lässt sich ent- klar. Es gab in der Atomfrage einen Kon- gart 21“ gestoppt wird?
nehmen, dass sich in der Republik gerade sens zwischen Staat und Energiekonzer- Künast: Das Projekt kann gestoppt wer-
die Gewichte verschieben. Könnte es sein, nen, den hat Schwarz-Gelb spätestens mit den, egal was die Landesregierung den
dass nächstes Jahr der erste Grüne Regie- dem Milliardengeschenk verlassen. Menschen erzählt. Es sind weitgehend
rungschef eines Bundeslandes wird? SPIEGEL: Sie müssten diesen neuerlichen Bundesmittel im Spiel, und es sind noch
Künast: Möglich ist das. Konflikt am meisten bedauern. Sie woll- nicht alle Planfeststellungen getroffen.
ten doch eine neubürgerliche Koalition SPIEGEL: Auch in Berlin wird im kommen-
Das Gespräch führten die Redakteure Ralf Beste und mit der Union bilden und pflegten einen den Jahr ein neues Parlament gewählt.
Christian Schwägerl. guten Draht zu Frau Merkel. Viele fordern, dass Sie als Kandidatin für
34 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
das Amt der Regierenden Bürgermeiste-
rin antreten, selbst Amtsinhaber Klaus
Wowereit kann es kaum erwarten. Wann
sagen Sie ja?
Künast: Mein Zeitplan richtet sich nicht
nach den Wünschen der SPIEGEL-Redak-
tion. Der Berliner Landesverband arbei-
tet zuerst an einem neuen, umfassenden
Programm, das den Anspruch der Grünen
untermauert, eine Partei für die ganze
Stadt zu sein. Danach kommen die Per-
sonalentscheidungen.
SPIEGEL: Aber als Berliner Bürgerin kön-
nen Sie uns doch sicher sagen, wie Sie sich
ein grün regiertes Berlin vorstellen.
Künast: Überlassen wir die Programmfra-
gen dem Landesverband. Berlin ist aber
eine spannende Stadt und kann zum Mus-
ter einer grünen Metropole werden, wenn
wir das Potential der Initiativen, der For-
scher, der Unternehmer und auch seiner
vielen ausländischen Mitbürger nutzen.

DANIEL MAURER / DAPD


SPIEGEL: Arm, aber multikulti?
Künast: Sparen Sie sich die Klischees. Wir
Grünen waren die Ersten, die auch den
Anspruch an die Migranten formuliert ha-
ben, sich in unsere demokratische Gesell-
schaft einzufügen und ihre Kinder in den Protestveranstaltung gegen „Stuttgart 21“: „Auf angenehme Weise radikal“
Kindergarten zu schicken. Auch in einer
grünen Metropole muss man Deutsch monstranten regelmäßig zusammenge- Künast: Ich diskutiere mit ihnen. Zu deren
können. knüppelt wurden, ist auch der Deeskala- großer Freude zitiere ich Karl Marx, sei-
SPIEGEL: Wir haben Zweifel, dass die Grü- tionsstrategie zu verdanken, die wir maß- nen Satz im Haupteingang der Humboldt-
nen personell und programmatisch so auf- geblich mitentwickelt haben. Die Polizei Universität in Berlin: „Die Philosophen
gestellt sind, dass sie ein Land von der ist grüner geworden, auch wenn sie mitt- haben die Welt nur verschieden interpre-
Spitze her regieren können. Dazu braucht lerweile blaue Uniform trägt. Aber wo tiert, es kommt aber darauf an, sie zu ver-
man zum Beispiel auch Minister für In- Sie das Personal ansprechen: Ein Defizit ändern.“ Ein Politiker ist nicht radikal,
neres und Finanzen, nicht allein für Um- der Grünen will ich zugeben. nur weil er eine radikale Forderung auf-
welt und Bildung. SPIEGEL: Selbstkritik? Wir sind gespannt. stellt, sondern durch seine Praxis, wenn
Künast: Ihre Sorge rührt mich, ist aber Künast: Wir müssen uns mehr Gedanken er nüchtern und konsequent Geld um-
unbegründet. Es gab auch schon Grünen- darüber machen, wie wir unser Personal- schichtet, Schulen reformiert, Kindergär-
Minister für Außen, Gesundheit, Land- angebot erweitern können. Ich schlage ten baut, Energiemonopole aufbricht –
wirtschaft, in den Ländern für Verkehr, vor, dass wir uns auf eine alte Tugend solche Sachen.
Justiz und Finanzen. Wir würden uns aus der Gründungsphase besinnen und SPIEGEL: Die Grünen surfen auf einer Wel-
auch nicht scheuen, den Innenminister wieder verstärkt Menschen von außer- le des Zeitgeistes, den Kritiker als Öko-
zu stellen. Dass Polizeieinsätze heute an- halb der Partei hereinholen. Wir brau- Biedermeier verspotten. Wo ist die Partei
ders als vor 20, 30 Jahren laufen, als De- chen Leute mit praktischer Erfahrung eigentlich noch unbequem?
in Beruf und Management, vom Sozial- Künast: Wir schützen keine Klientel-Inter-
arbeiter bis zum Unternehmer. essen. Unser Ziel ist es, anders zu leben,
Grüner Aufschwung 22 SPIEGEL: Die Grünen haben zu viele Kar- zu produzieren, zu transportieren. Wir
Sonntagsfrage von Forsa rierepolitiker? setzen uns zum Beispiel für vernetzte Mo-
jeweils Mitte des Monats Künast: Diejenigen, die heute bei uns neu bilität ein statt nur für Elektroautos.
20 anfangen, starten unter völlig anderen Wenn Sie für den Wochenendausflug das
Antwort: „Bündnis 90/Die Grünen“, Voraussetzungen als die Gründergenera- eigene Auto nicht mehr brauchen, son-
Angaben in Prozent
tion. Wir haben auf der Straße protestiert, dern mit Bus, Bahn und Elektro-Leih-
18
wir haben im Parlament opponiert, wir wagen vor Ort fahren können, mit Ticket
haben in einzelnen Sektoren der Politik und Fahrplan auf dem Handy, dann ist
16 regiert. Jetzt schicken wir uns an, auch das auf angenehme Weise radikal. Früher
als führende Regierungspartei gestalten haben wir autofreie Innenstädte gefor-
zu wollen. Wir rücken in eine andere Ver- dert, das allein empfindet heute ja kaum
14 antwortung, dazu brauchen wir einen um- noch jemand als Provokation.
fassenden Gesellschaftsentwurf und gute SPIEGEL: Vielleicht wäre es anders, wenn
Leute, die das ganze Spektrum an Fragen Sie das konkret fordern würden.
12
abdecken, die man für professionelles Re- Künast: Mit plakativen Forderungen er-
gieren braucht. reicht man heute nichts mehr. Radikalität
10,7 WAHLERGEBNIS SPIEGEL: Ihr Parteinachwuchs klagt schon geht heute anders. Der real stattfindende
Bundestagswahl vom 27. September über so viel Professionalität: Die Grünen Umbau ist radikal. Wir setzen auf die
verzichteten auf Radikalität, heißt es, um intelligente Verbindung von Regeln und
2009 2010
in bürgerlichen Kreisen nicht anzuecken. Anreizen. Wir wollen zum Beispiel die
Nov. Jan. März Mai Juli Sept. Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um? Kfz-Steuer nach dem CO²-Ausstoß staf-
D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 35
feln. Wer einen Spritfresser fährt, zahlt
dann 3000 statt 1000 Euro im Jahr. Für
große Dienstwagen senken wir schrittwei-
se die Beträge, die man von der Steuer
absetzen kann. Für Elektroautos braucht
es ein Marktanreizprogramm.
SPIEGEL: Früher wollten Sie das Dienstwa-
genprivileg, das die private Nutzung von
Firmenwagen begünstigt, abschaffen.
Künast: Was wir damals wie heute abschaf-
fen wollen, ist, dass Umweltzerstörung
mit Steuergeldern unterstützt wird. Das
verhindern wir mit der Kappung des
Dienstwagenprivilegs – und sichern dabei
noch Jobs in der Autoindustrie.
SPIEGEL: Sie bestätigen mit jedem Beispiel
die Kritik der grünen Jugend. Wieso for-
dern Sie nicht einmal mehr die generelle
Erhöhung der Ökosteuer?
Künast: Wir lehnen das ja gar nicht ab.
Aber wieso sollen wir dem Normalver-
braucher eine höhere Ökosteuer auferle-
gen, solange noch so viele Unternehmen
ohne triftige Gründe von ihr befreit sind?
An diese schlummernden Milliarden wol-
len wir als Erstes ran. Wir reden über ei-
nen Umbau unserer Industriegesellschaft,
inklusive der Schlüsselbranchen Auto,
Chemie, Maschinenbau. Wir wollen diese
Kernbereiche umbauen, aber nicht rui-
nieren. Deshalb müssen wir systematisch

MICHAEL URBAN / DAPD


vorgehen. Wir ändern die Regeln, wir
schaffen Angebote, wir kommen von al-
len Seiten, aber wir wollen nicht mit dem
Kopf durch die Wand.
SPIEGEL: Die grüne Bundestagsfraktion
vermeidet in Haushaltsfragen beinahe Sozialdemokrat Speer 2008: Verteidigungsminister in eigener Sache
jede Festlegung auf Zahlen. Das Konkre-
teste ist noch die Forderung nach dem
BRANDENBURG
vollen Mehrwertsteuersatz auf Tierfutter
und Überraschungseier.
Künast: Da liegen Sie falsch. Die Prinzi-
pien haben wir auf unserer Klausur be-
schlossen. Bei den Haushaltsberatungen
werden wir für alle Bereiche unsere prä-
Wilde Tänze
zisen Zahlen nennen.
Der verschwundene Laptop des Innenministers Rainer Speer (SPD)
SPIEGEL: Die Bundesregierung agiert doch beschäftigt Ermittler und Landesregierung. Brisante
ziemlich radikal, wenn sie die erneuer- Daten landeten offenbar bei Rockern. Ist Speer erpressbar?
baren Energien bis 2050 massiv ausbaut.

A
Braucht man da noch die Grünen? m 30. Oktober 2009 ging bei der An diesem Oktober-Tag nahm eine Ge-
Künast: Das nenne ich Scheinradikalität. Potsdamer Polizei ein ungewöhn- schichte ihren Lauf, die inzwischen zur
Mit ihrem Atomkurs bewirkt Frau Merkel licher Notruf ein. Am Telefon war Belastung der Potsdamer Koalition ge-
das exakte Gegenteil. Wir wollen den ein Mitarbeiter des brandenburgischen worden ist. Es geht um brisante Informa-
Umstieg auf erneuerbare Energien bis Finanzministeriums. Er meldete den Ver- tionen, die nun im Umlauf sind, politi-
2030. Das wird ohne die treibende Kraft lust eines Laptops Marke Apple, verpackt sche, private, und Material, bei dem zwi-
der Grünen nicht gehen. in einem Aluminiumkoffer mit Frank- schen beidem schwer zu trennen ist.
SPIEGEL: Einig sind Sie mit der schwarz- Zappa-Aufkleber. Das Gerät sei gestohlen Die Affäre beschäftigt Staatsanwälte,
gelben Koalition aber in der Frage, dass worden – aus dem Dienstwagen von Lan- das Landeskriminalamt, Gerichte und die
es eine andere Infrastruktur für die neuen desminister Rainer Speer. Potsdamer Halbwelt. Ihr Ausgang wird
Energieträger braucht. Werden Sie für den Es herrschte Hektik an diesem Tag. über die politische Zukunft von Speer, 51,
Bau neuer Stromautobahne kreuz und Speer ist engster Vertrauter von Minister- entscheiden, einem machtbewussten Strip-
quer durch Deutschland demonstrieren? präsident Matthias Platzeck (SPD). Der penzieher, der sich Hoffnungen auf die
Künast: Wir brauchen dringend den Aus- Mann mit dem Drei-Tage-Bart war als Nachfolge Platzecks machen konnte.
bau der Stromnetze, aber solange Frau Chefunterhändler unterwegs für die lau- Speers Laptop enthält offensichtlich
Merkel das Geschäft der Atomlobby be- fende rot-rote Koalitionsbildung, die von politischen Sprengstoff. Datensätze über
treibt, werden wir nicht für sie demon- Stasi-Enthüllungen belastet wurde. Sein die Landespartei, die damaligen Koali-
strieren. Laptop weg, das fehlte gerade noch. Das tionsverhandlungen, über seine Vereins-
SPIEGEL: Frau Künast, wir danken Ihnen Gerät gilt in Potsdam als eine Art virtuel- arbeit und sein Privatleben. Und die Bri-
für dieses Gespräch. le Regierungszentrale. sanz nahm noch zu durch einen Wechsel,
36 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Deutschland

den er selbst vollzog. Wenige Tage nach Band Ton Steine Scherben einst zum Wi- Leute glauben, dass der Minister und eine
dem Verlust des Laptops wurde Speer In- derstand gegen das System aufrief. Die Mitarbeiterin der Landesverwaltung an
nenminister und damit Herr über die Po- Rocker studieren Speers private Schrei- einem Betrug beteiligt gewesen sein könn-
lizei. Nun geht es um Grundsätzliches: ben, allerlei Texte und Unterlagen zu sei- ten. Mails werden ihm vorgehalten. Speer
Hat Brandenburg einen erpressbaren In- nen Ehrenämtern in Brandenburger Ver- weist die Vorwürfe zurück.
nenminister? einen. Das Gespräch lässt der Innenminister
Der macht vorerst weiter wie bisher. Im Milieu beginnen die Geschichten mitschneiden – im Einvernehmen. Er ist
Bodyguards lehnt Speer ab, Regierungs- von Speers Laptop zu kursieren. Ein sich nun endgültig sicher, dass der Stoff
geschäfte führt er gern aus seinem Lieb- Mann, der zeitweilig für einen früheren nur von seinem Laptop stammen kann.
lingsrestaurant, öffentlich zeigt er sich als Stasi-Mann und heutigen Potsdamer Im- Die von den „Bild“-Leuten vorgetrage-
cooler, lebenslustiger Typ, der lang und mobilienentwickler jobbte, soll das Ma- nen Geschichten hält er für reine Privat-
ausgelassen feiert. terial vermarkten. Er telefoniert viel, aber sache. Sein Anwalt Eisenberg stoppt des-
In Potsdam fahndet die Polizei derweil erreicht zunächst wenig. halb zunächst per einstweiliger Verfügung
nach dem Computer. Ein Ermittlungsver- Auch einer der Rocker gibt sich Mühe, eine mögliche Veröffentlichung. Ein Spre-
fahren läuft – voller Merkwürdigkeiten. er kennt den Kneipengänger Speer vom cher des Verlags will sich zu dem laufen-
Spekulationen machen unter Polizisten Sehen. Er ruft einen befreundeten Ge- den Verfahren nicht äußern.
die Runde: Gab es tatsächlich einen Ein- schäftsmann in Berlin an. Der sieht sich Speer ist längst vom Innenminister
bruch in das Auto? Hatte Speer den Lap- die Dateien an. Er sagt, er könne helfen. Brandenburgs zum Verteidigungsmi-
top überhaupt mit? Gegen 17 Uhr nister in eigener Sache ge-
stellt er am 30. Oktober seinen worden. Er hat Platzeck infor-
Dienstwagen in der Potsdamer miert, in der Staatskanzlei
Parkstraße ab, angeblich mit herrscht Alarmstimmung. Au-
der Fernbedienung verschlossen. ßerdem schaltet Speer General-
Dann geht er, trotz hektischer staatsanwalt Erardo Rautenberg
Koalitionsgespräche, eine halbe ein und schickt ihm eine Mit-
Stunde spazieren. Dass er dabei schrift des Gesprächs mit den
in Begleitung ist, erfährt die „Bild“-Leuten.
Polizei nicht, Privatsache, sagt Die Potsdamer Staatsanwalt-
Speer. schaft prüft die Vorwürfe der
Gegen 17.30 Uhr fährt er wei- Springer-Journalisten, die an-

CARSTEN KOALL / GETTY IMAGES


ter, wenig später öffnet er seinen geblich über zahlreiche Doku-
Kofferraum und vermisst den mente verfügten. Am Ende se-
Laptop. Aber er ist sich offenbar hen die Ermittler „keine konkre-
nicht sicher, dass er ihn ins Auto ten Anhaltspunkte“ für eine
getan hatte. Er ruft im Ministe- Straftat, sie votieren gegen die
rium an. Steht der Laptop da Einleitung eines Verfahrens ge-
herum? Fehlanzeige. Die Polizei Politiker Speer, Platzeck: Alarm in der Staatskanzlei gen Speer. Das ist ein Punktsieg
untersucht den Wagen, aber sie für Speer.
kann keine Spuren eines Einbruchs fin- Denn er hat einen Bekannten mit noch Der schaltet weiter auf Angriff. In ei-
den, auch am Kofferraum nicht. besseren Kontakten, Jörg Schönbohm, nem SPIEGEL-ONLINE-Interview warnt
Die Beamten versuchen Speers Com- CDU-Mann, Speers Vorgänger als Innen- er die Presse vor Hehlerei. Er habe „jour-
puter elektronisch zu orten, vergebens. minister. Schönbohm sagt, er habe nur nalistische Besitzer“ seiner Dateien zur
Andere Ermittlungsansätze haben sie gehört, dass es etwas gebe, aber nie etwas Herausgabe aufgefordert. Das Material
nicht, mögliche Zeugen werden nicht ver- gesehen und sich nie gekümmert. Im Mi- könne manipuliert worden sein. „Ich bin
nommen. In dem Haus, in dessen Nähe lieu wird die Geschichte so erzählt: Der nicht erpressbar“, sagt der Minister. Er
Speer seinen Dienstwagen geparkt hat, Berliner Geschäftsmann mit dem promi- macht demonstrativ weiter mit seiner Po-
ist eine Anwaltskanzlei untergebracht, nenten Freund habe plötzlich die Handy- lizeireform. Knapp 2000 aller Stellen sol-
auch ein mit Speer befreundeter Unter- Nummer eines „Bild“-Mannes gehabt. len entfallen. Hat er noch die politische
nehmensberater arbeitet hier. Aber die Speer ist im Amerika-Urlaub, als da- Kraft für diese Reform?
Beamten fragen weder ihn noch andere heim Vorwürfe gegen ihn erhoben werden. Und was ist mit Platzeck, vor den sich
Anwohner, ob sie etwas Auffälliges ge- Erst geht es um eine Landesimmobilie, die Speer oft schützend stellte? Als der Re-
sehen hätten. Am 23. Juni wird das Er- unter seiner Regie vor Jahren verkauft gierungschef im Herbst 2009 entnervt von
mittlungsverfahren wegen „schweren wurde, dann um Parteispenden und Ver- der Stasi-Debatte die Koalitionsverhand-
Diebstahls“ ergebnislos eingestellt. einsfreunde. Ein rotes Netzwerk – oder lungen mit den Linken beenden wollte,
Ende Juni sitzen ein paar Rocker in Filz? Die Opposition nimmt Witterung auf. behielt Speer die Ruhe. Gilt das nun auch
Potsdam zusammen. Es sind Motorrad- Speer auch. Für die Vorhaltungen hat umgekehrt?
freaks, einige haben Kontakt zu den Hells er eine Erklärung – Material vom Laptop An diesem Dienstag wird vor der Pres-
Angels. Irgendjemand hat Dateien vor- gehe um. Der Minister schaltet das Lan- sekammer im Landgericht Berlin der
beigebracht. Leute, die sich mit Autos gut deskriminalamt ein, außerdem den Berli- Streitfall Speer gegen „Bild“ verhandelt.
auskennen, auch mit Computern, aber ner Presserechtler Johannes Eisenberg. Was passiert, wenn Speer verliert?
nicht so sehr mit der deutschen Sprache, Denn inzwischen hat sich die „Bild“-Zei- Speer weiß, dass ihm nun wochenlang
so wird erzählt. Für die Dateien jedenfalls tung bei Speer angemeldet. Material vorgehalten werden kann. „Das
hatten sie keine Verwendung. Am 31. August sitzen ihm drei „Bild“- Datenmaterial ist umfangreich“, sagt er.
Die Rocker staunen über das Material, Journalisten gegenüber, sie befragen ihn, „Es geht teilweise bis in die neunziger
sie schauen sich Videos vom amtieren- sie machen Vorhaltungen, die auch sein Jahre zurück. Was ich ausschließen kann
den Innenminister an, man sehe Speer Privatleben betreffen. Eine alte Geschich- ist, dass sich auf dem Rechner Verschluss-
wild tanzen, erzählen sie, freier Ober- te, die in den neunziger Jahren begann, sachen befinden.“
körper, mal gröle er „keine Macht für nie- als Platzeck Umweltminister war und Ansonsten kann er nichts ausschließen.
mand“, jenen Anarcho-Song, mit dem die Speer dessen Staatssekretär. Die „Bild“- STEFAN BERG

D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 37
Deutschland

fast das Amt kostete, als er es auch im


Rechtsaußen-Blatt „Junge Freiheit“ tat.
SPD
Aber jetzt gibt es Thilo Sarrazin, der
mit seinem biologistischen Thesengebräu

Rechtsaußen in der Mitte durch die Öffentlichkeit marodiert und


dummerweise auch Sozialdemokrat ist,
weshalb sie an der Parteispitze jetzt heil-
froh sind, dass sie Buschkowsky haben.
Der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky war in seiner Der redet über Integrationsprobleme so,
Partei lange verpönt. Nun ist er zum Vorzeigepolitiker auf- wie viele sie empfinden, ortet aber Sar-
gestiegen – dank Thilo Sarrazins fragwürdiger Integrationsthesen. razins gedankliche Basis nur „Millimeter
von der Herrenrasse“ entfernt.

M
ontagabend in Berlin-Neukölln, Sie stehen um die Stände mit Bier, Der Rechtsaußen-Buschkowsky ist
Saalbau: Die Diskussion ist vor- Wein und Currywurst in Porzellanschäl- jetzt der Vorzeige-Integrierer, und beson-
bei, Heinz Buschkowsky ist vom chen. Als der Name Buschkowsky fällt, ders froh über ihn ist Parteichef Sigmar
Podium gestiegen und hat für heute ge- rollt einer mit den Augen: „Und? Weiß Gabriel. Der hat Buschkowsky vor Mo-
nug geredet, über kriminelle junge Mi- der etwa, wie’s funktioniert?“ naten einen Preis für bürgerschaftliches
granten, Kinder ohne Schulabschluss und Heinz Buschkowsky, 62, Bezirksbürger- Engagement verliehen und kann nun dar-
Eltern, denen man das Kindergeld strei- meister von Neukölln, ist Sozialdemokrat, auf verweisen, dass er ihn ja schon lange
chen sollte. Was man hier halt so redet. aber in den vergangenen Jahren waren vor der Causa Sarrazin gut fand.
Beim SPD-Bundesparteitag am
kommenden Wochenende soll
Heinz Buschkowsky auf einem Po-
dium sitzen und über Integration
diskutieren, er sagt: „Thilo Sarra-
zin hat mich in die Mitte der Partei
gerückt. Der hat nämlich zu der
Erkenntnis beigetragen: Es gibt
Schlimmeres als Buschkowsky.“
Die Frage ist, was das über diese
Partei aussagt.
Berlin, Reichstag, ein Abend im
Frühjahr, die Netzwerker in der
SPD-Bundestagsfraktion haben
zum Diskussionsabend geladen.
Diese Treffen sind eine kleine In-
stitution, man ist ein bisschen in-
tellektuell, nimmt sich ein Ge-
tränk und lauscht zumeist klugen
Menschen. Minister waren schon
da, Professoren, sonstige Nachden-
ker. Heute kommt der Diplom-Ver-
waltungswirt Buschkowsky.
Der Saal ist voll, er sitzt vorn,
kneift die Augen zusammen und
sagt: „Ich werd euch heute mal
MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

mitnehmen in meine Welt.“ Dann


legt er los.
„In Nord-Neukölln entscheidet
nur der Straßenzug, ob zwei Drit-
tel oder drei Viertel der Kinder im
Sozialtransfer leben.“
Bezirkschef Buschkowsky*: „Kindern Lesen und Schreiben beibringen“ „Die Parallelgesellschaften ha-
ben sich verfestigt.“
Buschkowsky steht vor der Bühne, eine viele andere Sozialdemokraten darüber „Von der türkischen Hebamme bis zum
alte Frau fasst ihn am Arm: „Bleiben Sie nicht immer so glücklich. islamischen Bestatter ist ja alles da. Ich
stark!“, er sagt: „Ich versuch’s.“ Er wurde berühmt mit dem Satz „Mul- kann mein Leben regeln, ohne ein Wort
Montagabend in Berlin-Prenzlauer tikulti ist gescheitert“, als Bürgermeister Deutsch zu sprechen, also wieso Stress?“
Berg, Kulturbrauerei: Das Sommerfest von „Deutschlands härtestem Kiez“, wäh- Es ist ein Vortrag wie ein Schlag ins
der SPD-Parteizeitung „Vorwärts“ ist in rend die meisten Parteifreunde Multikulti Gesicht. Manchmal kichern die Leute,
vollem Gang, auf dem Hof stehen Men- noch als eine Verheißung ohne Schatten- weil Buschkowsky einen Witz gemacht
schen in Anzug und haben noch nicht ge- seiten propagierten. Er sagte Sätze über hat, meistens schauen sie sich an und
nug geredet, über schwankende Umfrage- türkische Parallelgesellschaften und ara- schütteln den Kopf, nicht empört, son-
werte, die Schwangerschaft der Gene- bische Großfamilien, nach denen ihn so dern staunend. Buschkowsky schildert da
ralsekretärin und Leitartikler, die mal mancher Berliner Parteifunktionär gern gerade eine ziemlich fremde Welt.
wieder alles ganz falsch verstanden ha- aus der SPD geworfen hätte. Er wollte Der Prototyp des höheren sozialdemo-
ben. Was man hier halt so redet. schon fordern, als seine Genossen erst mal kratischen Großstadtfunktionärs trägt
nur fördern wollten, er polemisierte, spitz- zum Sakko ein schwarzes oder weißes
* Bei Einbürgerungszeremonie im Neuköllner Rathaus. te zu bis hart an die Grenze, was ihn 2005 Hemd, dazu Hornbrille, hält Krawatten-
38 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Deutschland

nadeln für ein modisches Kapitalverbre- sprechen nicht mehr abgenommen haben. Gefahr hin vor die Schule stellen, dass
chen und sagt, dass er wegen Willy Die Spitzenleute der Partei haben das lan- meine Berliner Partei das ganz grässlich
Brandt in die Partei eingetreten sei. Oder, ge gar nicht richtig wahrgenommen. Ihre findet und dabei fast kollabiert.“
wenn er jünger ist, wegen Helmut Kohl. Berührungspunkte mit den Menschen, an „Und wenn Gesprächszirkel mal wie-
Buschkowsky trägt lila Hemden, Kra- die es einmal gerichtet war, halten sich der das Wahlrecht für EU-Ausländer oder
watten mit lila Querstreifen oder Tier- inzwischen doch in eher engen Grenzen. die doppelte Staatsbürgerschaft als die
motiven, Krawattennadeln, Hosenträger Am Wahlkampfstand begegnen sie ih- zentralen Aufgaben der Integrationspoli-
über dem gewaltigen Bauch, Brille mit nen vielleicht hin und wieder mal, lassen tik entdeckt haben, dann ist mein Kom-
Goldrand und sagt: „Ich weiß ja, die meis- sich beschimpfen und drücken ihnen bei mentar: Wir versuchen in Neukölln, Kin-
ten in der Partei machen ihre Erleuchtung spezielleren Anliegen die Nummer des dern Lesen und Schreiben beizubringen!“
an einem bestimmten Ereignis fest. Meist Bürgerbüros in die Hand. Man muss ja Kann man alles unterschreiben, und
ist Willy Brandt schuld. Der Kniefall von schließlich Politik machen, regieren, op- trotzdem kann man nach eineinhalb Stun-
Warschau oder das Misstrauensvotum. ponieren, taktieren. den Buschkowsky verstehen, warum er
Das kann ich von mir nicht sagen. Ich Als Sigmar Gabriel sich vor zehn Mo- speziell seinen Berliner Parteifreunden
wollte halt was bewegen, und als Person naten um den Parteivorsitz bewarb, rief bisweilen kolossal auf die Nerven geht,
hat mich die Art von Helmut Schmidt fas- er vom Rednerpult aus, man müsse wie- nicht zuletzt dem Regierenden Berliner
ziniert.“ der dahin, „wo es brodelt, wo es manch- Bürgermeister Klaus Wowereit. Mit dem
Hinter der Sozialdemokratie steht eine mal riecht, gelegentlich auch stinkt“. In hat Buschkowsky nämlich gemeinsam,
so einfache wie überzeugende Kernidee. Neukölln brodelt und stinkt es meist dass er sich selbst ziemlich gut findet.
Statt Revolution zu machen, sollten die gleichzeitig. Und öfter knallt es auch mal. Er schreibt eine Kolumne in der „Bild“
und zieht dabei auch über das Integra-
tionsgesetz des Senats her. Er ist seit drei
Jahrzehnten in der Kommunalpolitik, be-
klagt aber Missstände, als hätte er nichts
damit zu tun. Stattdessen kultiviert er die
Nestbeschmutzung, weil er weiß, dass die
Leute es mögen, wenn ein Politiker über
„die Politiker“ lästert. Er übersieht dabei,
dass eine Partei nicht funktionieren könn-
te, gäbe es dort nur Leute wie ihn.
Immerhin hat die Berliner SPD Busch-
kowsky neulich als einen von drei Ver-
tretern in den Parteirat gewählt. Es ist
das höchste Gremium zwischen den Bun-
desparteitagen, Buschkowsky hat dort in
der vergangenen Woche seine erste Sit-
zung erlebt, er sagt, es sei „erstaunlich
differenziert diskutiert worden, das war
eine neue Erfahrung für mich“.
Buschkowsky hat die Amtskette umge-
legt, im Sitzungssaal der Neuköllner Be-
zirksverordneten spielen ein Cellist und
ein Mann am Elektro-Piano 17 National-
hymnen an, Libanon, Iran, Bangladesch
und so weiter. Auf dem Boden liegt Lino-
leum, der Pianomann trägt ein weißes
MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

Sakko, heute ist Einbürgerung.


Nach den Hymnen treten sie vor, einer
nach dem anderen, 50 insgesamt, erklä-
ren, das Grundgesetz zu achten, mal laut
und deutlich, mal flüsternd und vernu-
schelt. Buschkowsky hält jedem den Text
Parteivorsitzender Gabriel: „Dahin, wo es brodelt und stinkt“ hin, mit Frauen flirtet er kurz, den Kin-
dern drückt er Stoffeisbären in die Hand.
einfachen Leute die Möglichkeit zum Auf- Ein Morgen im Neuköllner Rathaus, Zum Abschluss kommt die deutsche
stieg innerhalb der Gesellschaft haben, Buschkowsky bittet zum Gespräch in sein Hymne, alle zusammen, eine Dame von
vor allem durch Bildung. Wer sich an- Büro. Es gibt einen Zimmerfarn, ein paar der Neuköllner Musikschule singt sehr
strengt, dem soll es mal bessergehen, das Bilder mit Lilastich und eine Schale mit durchdringend vor. In den Sitzreihen sind
ist das große Versprechen. Bonbons, aus der er sich eins nimmt, be- sie aufgestanden, manche singen, manche
Thilo Sarrazin stellt dieses Versprechen vor er einen 25 Minuten langen Eingangs- starren nur auf den Text, einer kaut Kau-
in Frage, wenn er die Chancen eines Men- monolog hält. Am Ende sagt er: „So, das, gummi und schaut ins Leere.
schen an seinen Erbanlagen bemisst. um Ihre Eingangsfrage zu beantworten.“ Man weiß nicht, was mit ihnen werden
Heinz Buschkowsky hält an diesem Ver- Dabei hatte man noch keine gestellt. wird in dem Land, das jetzt ihres ist.
sprechen mit aller Gewalt fest, wenn er Buschkowsky sagt: „Ich kann mich Wenn es aber schiefläuft, besteht zumin-
Eltern zwingen will, ihre Kinder in den doch hier nicht jeden Tag fragen, was ir- dest eine Chance, dass Buschkowsky das
Kindergarten zu schicken. gendein Arbeitskreis tiefschürfend hin irgendwann mal mitbekommt. Und das
Der SPD sind in den vergangenen Jah- und her bewegt oder beschlossen hat. ist nicht das Schlechteste, was man über
ren sehr viele Mitglieder und Wähler da- Wenn sich die Gewaltvorfälle häufen, einen Sozialdemokraten sagen kann.
vongelaufen, weil sie ihr das große Ver- muss ich den Wachschutz auch auf die CHRISTOPH HICKMANN

40 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
VERKEHR

Dicht wie eine


Perlenkette
Überholverbote für Lkw auf den
Autobahnen wurden drastisch aus-
geweitet. Ein Kieler Transporteur
kämpft dagegen – jetzt entschei-
det das Bundesverwaltungsgericht.

VOLKMAR SCHULZ / KEYSTONE PRESS

E
s war eng auf der rechten Spur der
A 99, der Nordumfahrung Mün-
chens. Dicht drängten sich die Las-
ter, denn obwohl die Strecke dreispurig
ausgebaut ist, durften sie nicht überholen.
Zwischen einem Parkplatz und der Aus-
fahrt Kirchheim versuchte ein Pkw, sich Stockender Verkehr auf der A 7: Fahren wie hinter einer Wand
durch den Kordon der Brummis zu schie-
ben, da passierte es. Vier Lkw schoben tungsgerichtshof hatte im Mai 2009 auf mens samt einem „überproportional ho-
sich ineinander, einer stellte sich quer seine Klage hin etliche Überholverbote hen Anteil des Schwerlastverkehrs“ ein
und streifte ein weiteres Auto, nur der auf der A 7 und der A 45 wiederaufgeho- Überholverbot rechtfertigen kann.
Unfallverursacher fuhr heil davon. ben; der Bayerische Verwaltungsgerichts- Zum 1. September 2009 erweiterte das
Der Kieler Fuhrunternehmer Günter hof dagegen billigte die Beschränkungen Bundesverkehrsministerium die maßgeb-
Obst, der sich auf Bootstransporte spe- auf der A 8 Ost. liche Verwaltungsvorschrift: Seitdem kön-
zialisiert hat, bemerkte von weiter hinten Strittig ist immer wieder, wann solche nen Passierverbote auf zweistreifigen Au-
den Unfall und steuerte auf den Park- Überholverbote gerechtfertigt sind: Darf tobahnen ausdrücklich auch auf „länge-
platz. Von dort aus sah er sich die Be- man Lkw nur an Unfallschwerpunkten, ren Strecken“ verhängt werden, wenn es
scherung an – und fühlte sich in seiner Steigungen, Tunnels, Brücken oder zu- durch überholende Lkw häufig zu einem
Ansicht bestätigt, dass „ein Lkw-Über- mindest stark frequentierten Abschnitten „stark gestörten Verkehrsfluss“ kommt.
holverbot oft erst gefährliche Situationen auf die rechte Fahrspur zwingen? Oder Transporteur Obst führt dagegen drei
entstehen lässt, statt sie zu verhindern“. sind Überholverbote auch sonst zulässig, generelle Argumente an: Erstens spiele
Seit gut zehn Jahren geht Obst gericht- um Autofahrer vor den lästigen und mit- der Sicherheitsaspekt oft gar keine Rolle,
lich gegen „flächendeckende“ Überhol- unter sogar gefährlichen Elefantenrennen sondern nur „die freie Fahrt für Pkw“.
beschränkungen für den Schwerlastver- der meist unter Termindruck stehenden Zweitens sei das Fahren in der erzwun-
kehr vor – nicht immer, aber auch mit Er- Fernfahrer zu schützen? genen Lkw-Kolonne eine erhebliche Be-
folg. Die bayerischen Behörden In Nordrhein-Westfalen ha- lastung, weil man ständig „wie hinter ei-
konnte Obst sogar dazu bewe- ben sich die entsprechenden ner Wand“ herfahre. Und drittens genüge
gen, auf der A 8 am Irschenberg „Man braucht Autobahnabschnitte seit 2007 bei 100 Kilometern fortlaufendem Über-
eines der Überholverbote wie- auf den Auto- nahezu verdoppelt, von rund holverbot schon ein langsames Fahrzeug,
der aufzuheben. bahnen immer 650 auf 1210 Kilometer. Im sel- um den Lkw-Verkehr zusammenbrechen
Auch politisch wird ange- wieder Stellen, ben Jahr ließ der niedersächsi- zu lassen. Auch der Münchner Verkehrs-
sichts des stetig zunehmenden wo sich der sche Verkehrsminister auf allen experte Hartmut Keller hält nichts von
Schwerlastverkehrs seit Jahren
gestritten, in welchem Umfang
Pulk entzerren zweistreifig ausgebauten Stre- durchgängigen Verboten: „Man braucht
ckenabschnitten der Autobah- auf den Autobahnen immer wieder Stel-
man Fahrzeuge mit mehr als kann.“ nen 1 und 7 tagsüber Lkw-Über- len, wo sich der Pulk entzerren kann.“
3,5 Tonnen zulässigem Gesamt- holverbote anordnen. Bayern Manche Länder, wie Sachsen-Anhalt,
gewicht von der Überholspur verbannen erwägt derzeit, den Streckenanteil mit sind deshalb gegen ein „generelles Lkw-
kann und muss. In der Verkehrsminister- Überholverbot von derzeit knapp 30 auf Überholverbot durch die Hintertür“. Es
konferenz gibt es bislang zwar keine 35 bis 40 Prozent auszuweiten. In Hessen sei „kontraproduktiv“, wenn sich auf ei-
Mehrheit für das immer wieder geforder- immerhin wollte man 2007 statt der von ner längeren Strecke hinter einem lang-
te generelle Lkw-Überholverbot auf zwei- einem Planungsbüro vorgeschlagenen 350 sam fahrenden Sattelzug eine Kolonne
spurigen Autobahnen. Dennoch haben nur 120 Kilometer zusätzlich mit Über- bilde „dicht wie eine Perlenkette“, heißt
die Strecken zuletzt drastisch zugenom- holverboten belegen, „auch unter dem es im Magdeburger Verkehrsministerium.
men, auf denen Brummis nur die rechte Aspekt der ,Gerichtsfestigkeit‘“, wie das Dabei sieht selbst Kläger Obst durch-
Spur nutzen dürfen. Die Kraftfahrerge- zuständige Landesamt schrieb. aus Potential für weitere Überholverbote:
werkschaft will nun einen Runden Tisch Nach der Straßenverkehrsordnung dür- an Gefällstrecken, wo der automatische
zu dem Thema, in dieser Woche soll ein fen Verkehrszeichen nur dort angeordnet Geschwindigkeitsbegrenzer nur einge-
Bund-Länder-Fachausschuss beraten. werden, wo dies „aufgrund der besonde- schränkt greift, weil der Lkw schon durch
Rechtliche Orientierung dürfte am ren Umstände zwingend geboten ist“. sein Gewicht beschleunigt. Dabei könne
Donnerstag aus Leipzig kommen. Dort Das Bundesverwaltungsgericht erklärte ein unerfahrener Trucker leicht die Kon-
steht ein Urteil des Bundesverwaltungs- allerdings 2007 in einem Beschluss, den trolle verlieren, Überholverbote gebe es
gerichts an in zwei Verfahren, die Ein- ebenfalls Obst veranlasst hatte, dass auch an solchen Stellen aber kaum: „Da sind
zelkämpfer Obst schon vor längerer Zeit eine „ganz erhebliche Überschreitung“ die Kollegen so schnell, dass sie den Pkw-
angestrengt hat. Der Hessische Verwal- des durchschnittlichen Verkehrsaufkom- Verkehr nicht stören.“ DIETMAR HIPP

D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 41
Deutschland

BABIRADPICTURE / ALEX GRIMM / GETTY IMAGES


Angeklagter Kachelmann (M.), Verteidiger Reinhard Birkenstock, Andrea Combé: Sind aus dem Mangel an Moral Schlüsse zu ziehen?

steht und sonstige Beweise fehlen, ist eine


STRAFJUSTIZ
Verurteilung oft nicht möglich.
Ein Großteil des Verfahrensstoffs im

High Noon in Mannheim Fall Kachelmann geht die Öffentlichkeit


nichts an und wird hinter verschlossenen
Türen erörtert werden. Das meiste davon
gehört zur Intimsphäre des Angeklagten
Noch gibt es im Fall Kachelmann mehr Zweifel als und jener Frauen, die ihn einmal geliebt
Gewissheiten. Ein überraschend eindeutiges Gutachten könnte haben. Und die er zeitweilig vielleicht
die Entscheidung bringen. Von Gisela Friedrichsen auch liebte. Oder nur benutzte. Oder
die er nahm, weil sie so leicht zu haben

M
it der Wahrheit verhält es sich Taschentücher liegen auf dem Tisch für waren.
ähnlich wie mit der Gerechtig- den Fall, dass sie weinen muss. Sie Es gibt kaum Gewissheiten in diesem
keit. Jeder versteht etwas ande- braucht sie nicht. Denn Staatsanwalt Lars- Fall und sichere Wahrheiten noch weni-
res darunter. Der Täter und sein Opfer, Torben Oltrogge ist mit der Verlesung der ger. Die von Simone behaupteten Verlet-
der Schuldige und der Unschuldige, der knappen Anklage schnell zu Ende. Simo- zungen werden von Rechtsmedizinern
Reiche und der Arme, der Glückliche ne steht auf, wendet sich brüsk ab und unterschiedlich interpretiert. Wie schnell
und der Unglückliche – jeder gibt den verschwindet durch eine Tür hinter ihrem sich ein Verdacht zur vermeintlichen Ge-
Begriffen einen anderen, seinen eigenen Stuhl. wissheit verdichtet, zeigte sich am dritten
Sinn. Der Prozess gegen den Wettermodera- Sitzungstag beispielhaft, als ein Kriminal-
So ist auch Jörg Kachelmanns Wahr- tor mit dem unüberhörbaren Schweizer techniker als Zeuge vernommen wurde,
heit eine andere als die jener Simone, Idiom ist einer jener zunächst wenig ein- der am Morgen des 9. Februar in der Woh-
die in ihm elf Jahre lang den Mann ihres deutig erscheinenden Fälle, die täglich nung der Nebenklägerin Spuren gesichert
Lebens sah und nun behauptet, er habe vor Gericht entschieden werden. Anzei- hat. Auf dem Bettbezug, sagte er, seien
sie in der Nacht vom 8. auf den 9. Fe- gen wegen Vergewaltigung im heimischen zahlreiche trockene Sekretspuren gewe-
bruar in ihrer Schwetzinger Wohnung Schlafzimmer – das ist Polizei- und Justiz- sen, die „einen frischen Eindruck“ ge-
vergewaltigt und dann „wie Dreck“ lie- alltag. Wenn Aussage gegen Aussage macht hätten.
gen gelassen. Schon der Aussagepsychologin Luise
Sieben Monate nach der angeblichen Greuel waren bei Durchsicht der Tatort-
Tat trafen die beiden im Landgericht fotos die Flecken aufgefallen, die über die
Mannheim erstmals wieder aufeinander, ganze Fläche des Bezugs verteilt waren.
wo Kachelmann seit dem 6. September Wie passt das zu einem einzigen kurzen
der Prozess gemacht wird. Sexualakt, so wie ihn Simone beschrieben
Im Trubel des ersten Verhandlungstags, hat? „Woran merkten Sie, dass die Fle-
als es scheint, ein nationales Großereignis cken frisch waren?“, fragt die Beisitzerin.
werde in Mannheim verhandelt, kann sie Die Wohnung sei so ordentlich gewesen,
seinen Blicken noch ausweichen. Am erklärt der Polizeizeuge, da habe er sich
SVEN DOERING / VISUM

zweiten Tag sitzen sich die beiden direkt nicht vorstellen können, „dass jemand das
gegenüber. Er fixiert sie weiter. Flehend? so lässt“. Einen solchen Bettbezug, „den
Fassungslos? Um Verzeihung bittend? Sie will man doch gewaschen haben“. Frische
blickt, vor allem während der Anklage- Flecken, so der Zeuge, ließen sich über-
verlesung, so angestrengt zu Boden, dass dies mit der Aussage der „Geschädigten“,
die Spannung zwischen den beiden fast Psychiater Kröber wie er die angeblich vergewaltigte Neben-
körperlich spürbar wird. Vernichtende Expertise klägerin immer wieder nennt, mühelos in
42 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Deutschland

sen verneint werden, bleibt die Annahme


unwiderlegt, dass die Aussage auf einem
Erlebnis beruht.
Für die Staatsanwaltschaft ist der Trau-
matologe Seidler so etwas wie der retten-
de Strohhalm, nachdem Frau Greuel
einen „etwaigen Erlebnisgehalt“ der Aus-
sage Simones nicht bestätigte. Aussage-
tüchtig sei die Frau, sagen alle Gutachter
einschließlich des Traumatologen. Sie sei
intelligent, sie nehme das, was um sie her-

BABIRADPICTURE / ALEX GRIMM / GETTY IMAGES


um vorgeht, richtig wahr und könne dies
auch wiedergeben. Frau Greuel schränkt
dies nur mit der Bemerkung ein, dass die
Verstrickung der Frau in Kachelmanns
Scheinwelt zu „anhaltenden Umdeutun-
gen und Umstrukturierungen“ in der
Wahrnehmung von Wirklichkeit verleite.
Doch vielleicht ist Simone doch nicht
so aussagetüchtig, wie man es bei einer
Radiomoderatorin annehmen möchte?
Staatsanwälte Oltrogge, Oskar Gattner: Schnelle Verlesung der Anklage Die 5. Große Mannheimer Strafkammer
mit dem Vorsitzenden Richter Michael
Einklang bringen. So steht es auch in sei- Seit dem 24. März ist sie in psychothe- Seidling bat im Juli den Berliner forensi-
nem Bericht. rapeutischer Behandlung bei dem Heidel- schen Psychiater Hans-Ludwig Kröber,
Wie soll ein Gericht ein Bild gewinnen berger Traumatologen Günter Seidler. Er dieser Frage noch einmal nachzugehen.
von der Beziehung Kachelmanns zu je- attestiert ihr unter anderem eine Posttrau- Möglicherweise beschlichen die Richter
ner 37 Jahre alten Radiomoderatorin, matische Belastungsstörung, eine „schwe- Zweifel, ob ein Therapeut die richtige
einer Langzeitgeliebten? Die Richter wer- re depressive Episode ohne psychotische Auskunftsperson ist, wenn es um die
den weitere Frauen als Zeuginnen hören, Symptome“ und eine „traumaspezifische Glaubhaftigkeit einer Aussage seiner Pa-
die zum Teil gleichzeitig mit dem Ange- Gedächtnisstörung aufgrund schwerer pe- tientin geht. Vielleicht kamen ihnen aber
klagten liiert waren und, als die erste Ver- ritraumatischer Dissoziation“. Seidler be- auch einige der emotionalen Ausführun-
liebtheit vorbei war oder seine manische gründet nicht nur die Lücken in der Aus- gen Seidlers merkwürdig vor.
Untreue ans Licht kam, undramatisch sage mit der vermeintlichen Gewalttat, er Wer Kröber beauftragt, bekommt ein
mit ihm Schluss machten. Die Richter glaubt seiner Patientin, ohne nachzuha- streng wissenschaftliches, nüchtern-logi-
werden fragen, ob er als Liebhaber zärt- ken. Er fragt nicht einmal, warum sie bei sches, vom Zeitgeist unbeeindrucktes, bis-
lich oder brutal war. Sie werden sich ver- ihm eine Lüge noch aufrechterhielt, die weilen mit beißender Ironie gewürztes
mutlich über seinen Charakter, den Man- sie bei der Polizei schon zugegeben hatte. Gutachten. Er sollte prüfen, ob sich eine
gel an Moral und Verantwortungsbe- Den Laien irritieren Gedächtnislücken psychische Störung aufgrund eines Trau-
wusstsein wundern. Sind daraus Schlüs- zunächst nicht, wenn es um eine Gewalt- mas auf die Aussagetüchtigkeit der Ne-
se zu ziehen in Bezug auf den Anklage- tat geht: Die Frau kann sich halt an das benklägerin ausgewirkt haben könnte und
vorwurf? Schlimmste des schrecklichen Gesche- ob gegebenenfalls diese Störung sogar ty-
Kann ein Außenstehender jene oszil- hens nicht erinnern. Oder sie hat das pisch sei für ein bestimmtes traumatisie-
lierende Scheinwelt aus Traum und Spiel Furchtbare verdrängt. Da muss man doch rendes Erlebnis. Kurz: ob die Aussage-
begreifen, in der die beiden, Kachelmann Rücksicht nehmen, wenn eine geschän- mängel Simones mit einer Vergewaltigung
und die Schwetzingerin, kurzzeitig in ihre dete Frau über das traumatische Erlebnis erklärt werden können oder gar müssen.
Rollen schlüpften, ihre Rituale vollführ- nicht detailliert reden kann. Die Alltags- Vielleicht haben sich die Mannheimer
ten und sich anschließend bürgerlicher erfahrung des Strafprozesses aber zeigt Richter an Kröbers Heidelberger Vergan-
Häuslichkeit hingaben? Irgendwie pass- das Gegenteil: Gerade die besonders ge- genheit erinnert und gehofft, er werde mit
ten sie zusammen. Kachelmann, der Illu- fährlichen, über Leben und Tod entschei- seinem früheren Kollegen Seidler schon
sionskünstler, den vom Heiratsschwindler denden Situationen des Tatgeschehens freundlich umgehen. Vielleicht haben sie
nur unterscheidet, dass er die Frauen fi- werden klar und deutlich ihn beauftragt, weil er als
nanziell nicht ausnahm, sondern bezahlte, erinnert. Das Kerngesche- Koryphäe gilt. Was er
wenn sie Geld brauchten, so auch die hen ist eingebrannt ins über Seidler und dessen
Schwetzinger Geliebte. Gedächtnis, weil die Auf- unkontrollierte und unpro-
Sie tauchte ein in seine Scheinwelt, merksamkeit zur Abwehr fessionelle Nähe zur Pa-
wenn er ihr ein irreales Eheleben vorgau- der Gefahr maximal ge- tientin sagt, ist vernich-
kelte wie seinen vielen anderen Gelieb- steigert war. tend. Was er zum Aussa-
ten auch, ein Wolkenkuckucksheim mit Psychologen, die Aussa- geverhalten der Frau sagt,
Kindern, Haus und Garten, und wenn es gen auf ihre Glaubhaftig- die Kachelmann beschul-
jeweils nur für ein paar Stunden im Mo- keit hin analysieren, stel- digt, nicht minder.
nat war, in denen es hauptsächlich um len Hypothesen auf, zum Wenn sie am 13. Ok-
SENATSKANZLEI BREMEN

Sex ging. In diesen Spielstunden war das Beispiel: Kann es sich um tober als Zeugin vor Ge-
Glück perfekt. Dann ging er, träumte und eine Lüge handeln? Gibt richt steht und die Richter
spielte mit der Nächsten. es ein Motiv dafür? Kann dann die Glaubhaftigkeit
Als er Simone in jener Nacht verließ, sich der Betreffende etwas ihrer Angaben erörtern,
verlor sie nicht nur ihn, sondern auch die einreden? Ist er beein- wird Kröber anwesend
Illusion, sie sei für ihn von Bedeutung. flusst worden? Können Psychologin Greuel sein. High Noon in Mann-
Es muss grausam kränkend gewesen sein. alle derartigen Hypothe- „Anhaltende Umdeutungen“ heim.

44 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Szene Gesellschaft
Was war da los,
Herr Lendvai?
Der ungarische Pfarrer Zoltán Lend-
vai, 45, über Gott und Skateboards

„Mit 14 fing ich an, ich habe schnell


große Sprünge gemacht, konnte sogar
einen Handstand auf dem Board.
Jetzt traue ich mich das nicht mehr,
ich glaube, dafür bin ich zu dick ge-
worden, und mit meinem Talar ist es
zu gefährlich. Ich habe aber sogar
noch mein eigenes Brett, das von ei-
nem Kreuz und einem M geziert wird,
für Jesus und Maria. Und wenn ich
in meinem Dorf Rédics spazieren
gehe und Jugendlichen mit Skate-
boards begegne, frage ich sie, ob sie
mir zeigen können, wie gut sie sind.
Oft sagen sie: ‚Herr Pfarrer, probieren
Sie!‘ Sprünge bekomme ich zwar
nicht mehr hin, dafür bin ich noch
ziemlich schnell unterwegs, fahre
zickzack oder im Kreis. Einmal haben
mich ein paar Jugendliche bei meiner
kleinen Darbietung gefilmt und den
Clip bei YouTube reingestellt. Seit-
dem wurde er fast 800 000-mal ange-
klickt. Solche Bekanntheit kann man
natürlich nutzen. Generell ist es

ATTILA KISBENEDEK / AFP


schwierig, Jugendliche für die Kirche
zu begeistern. Aber nach meiner
Show kommen wir oft ins Gespräch,
reden über Jesus.“ Lendvai

I N T E G R AT I O N die Menschen im Wedding. Manchmal hielten mich drei Jungs auf, Migrati-
sind Menschen wie Leguane. onshintergrund. Sie behaupteten, sie
„Menschen sind SPIEGEL: Woran muss man sich denn ge-
wöhnen, wenn man im Wedding lebt?
würden mich jetzt überfallen. Wir ha-
ben dann darüber diskutiert, ob das
wie Leguane“ Werning: Das ist hier nicht gerade ein
Wunsch-Wohnbezirk. Die Liebenswür-
tatsächlich ein Überfall sei. Am Ende
haben wir uns mit Handschlag verab-
Der Berliner Autor Heiko digkeit von Jugend-Gangs und Alko- schiedet. Diese Jugendlichen begin-
Werning, 40, über das hu- holikern erschließt sich oft erst auf nen, mit den Klischees zu spielen.
moristische Potential eines den zweiten Blick. SPIEGEL: Aber es gibt doch tatsächlich
Problemviertels SPIEGEL: Wieso kam es zu Ihren „Ge- viele Arme und einen sehr hohen Aus-
schichten aus dem Prekariat“? länderanteil?
SPIEGEL: Herr Werning, Sie sind eigent- Werning: Es gibt hier Situationen, die Werning: Natürlich. Damit ist der Wed-
lich Reptilienforscher, haben aber ein mich zum Lachen bringen. Einmal ding aber auch eine sehr spannende
Buch über das Berliner Problemvier- Forschungsumgebung. Und hat auch
tel Wedding geschrieben. Was inter- komische Seiten. Das reicht vom Nach-
essiert Sie mehr: Menschen oder barn, der mir bei seiner Flucht vor der
Schlangen? Polizei sein Baby aufdrückt, bis hin zur
MARTIN LENGEMANN / INTRO

Werning: Mich interessieren alle Lebe- Deutsch-Türkin, die einen anderen


wesen. Ich betrachte sie mit dem Blick Deutsch-Türken anmotzt, weil er in
des Verhaltensforschers. In der Biologie Deutschland Türkisch spricht.
sprechen wir von Einnischung, wenn
sich Lebewesen an ihren Lebensraum Heiko Werning: „Mein wunderbarer Wedding.
anpassen. Das gilt für einen Leguan im Geschichten aus dem Prekariat“. Edition Tiamat,
Wüstenbiotop – das gilt aber auch für Hausfassade im Wedding Berlin; 192 Seiten; 14 Euro.

D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 47
Gesellschaft Szene

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Das erste Angebot kam schnell.
„Bei unserem Treffen sollen Strumpf-
hosen eine tragende Rolle spielen,
Cut and go liebe Grüße, Anton“, diesen Teil der
Mail lasen sie sich immer wieder laut
vor. Die beiden sollten Strumpfhosen
Wie eine Friseurin ihr Gehalt mit Strumpfhosen aufbessern wollte anziehen und sich darin berühren
lassen.

S
ie sind beste Freundinnen, sie ha- nen lachten lange darüber. Sie lachten lange darüber. Dann la-
ben, das sagen sie selbst, schon Jacqueline stellte sich das dann vor, sen sie, was dieser Mann dafür bot,
viele blöde Sachen gemacht. Die die beiden und dieser Mann, und sie 6500 Euro. Jetzt sah sich Jacqueline
erste blöde Sache war mit dem Freund, war entsetzt. Aber dann fiel ihr der nicht mehr nur vor den Pyramiden in
den sie gleichzeitig hatten, was sie Urlaub wieder ein, Ägypten und die Ägypten, sondern auch in einem Maz-
aber nicht wussten. Die letzte Sache, Pyramiden, und je älter der Tag wurde, da MX-5, dem Wagen, von dem sie
sagen sie, sei so blöd gewesen, dass desto fester glaubte sie, dass es einen schon lange träumte, in Lila.
sie ihren vollen Namen nicht nen- Natürlich machte sie das viele
nen wollen. Sie endete auf einer Geld auch skeptisch. Zur Sicher-
Polizeiwache in Hagen. heit ließen die beiden Freundin-
„War ja eigentlich auch nur ein nen sich vom Absender der Mail
Scherz“, sagt Jacqueline, 25 Jahre die Kopien seines Personalauswei-
alt, Friseurmeisterin, sie trägt eine ses und seiner Kreditkarte schi-
violette Strähne vorn im dunklen cken. Zur weiteren Sicherheit ga-
Haar, breiten Kajalstrich, silberne ben sie einem Freund die Adresse
Piercings an der Schläfe. Sie sitzt des Mehrfamilienhauses in Hagen,
mit ihrer Freundin in einer Dort- in dem der Mann wohnte und das
munder Bar und bestellt einen er als Treffpunkt vorgeschlagen
Cocktail mit Tequila und Kokos- hatte.
milch. Ihre Freundin ist 20 Jahre Sie trugen schwarze und beige-
alt und arbeitet als Technische farbene Strumpfhosen, so, wie es
Zeichnerin. Sie haben Feierabend. gewünscht war. Sonst waren sie an-
Sie arbeiten viel, jeden Tag gezogen wie immer, Pulli, Jeans-
neun Stunden. Seit Jacqueline Rock, Schläppchen. Ein Mann öff-
Meisterin ist, verdient sie 1050 nete die Tür, er war klein, unter-
Euro netto im Monat. Früher war setzt, mit roten Haaren, er führte
TPG / ULLSTEIN BILD

sie mal arbeitslos gewesen und hat- die beiden Freundinnen in einen
te nicht weniger. Keller, sie setzten sich auf einen
1050 Euro, die reichen für ihre Tisch.
Miete, für Sprit, für eine Telefon- Eineinhalb Stunden rieb der
und Handy-Flatrate, zum Ausge- Damenstrumpfhose Mann an den Strumpfhosen und
hen ab und zu, aber sie reichen sich selbst, dann war er fertig. Er
nicht für einen Urlaub. Sie reichten stand auf und sagte, er müsse kurz
nicht für Ägypten, und genau das war weg. Jacqueline dachte sich nichts da-
das Problem. bei, sie hatte keine Erfahrung mit sol-
„Wir brauchen einen Nebenjob“, chen Kunden.
sagte Jacqueline ihrer Freundin des- Sie wartete also mit ihrer Freundin
halb an einem Nachmittag Ende Juli, in dem Keller des Mietshauses. Sie
sie telefonierten, das tun sie gern. dachten vielleicht, dass der Mann noch
Jacqueline wuchs behütet auf, als Kind zum Geldautomaten müsste und dann
hatte sie Hunde zu Hause, sie schmink- Aus der „Berliner Zeitung“ mit 6500 Euro zurückkäme. Aber der
te die Püppchen und machte ihnen die Mann kam nicht zurück.
Haare, sie hatte kaum Erfahrung mit Weg dorthin geben könnte, der weni- Sie klingelten bei den Anwohnern,
Nebenjobs. ger beschwerlich sein würde als der immer wieder, aber keiner machte auf.
Also googelten die Freundinnen das über einem großen Haufen knittriger Dann fuhren sie zur Polizei und zeig-
Wort „Nebenjob“. Auf markt.de gaben Wäsche. Jacqueline und ihre Freundin ten den Mann an. Die Polizei sagte,
sie an, was sie sich vorstellen konnten, waren bereit, weiterzugehen. ihr sei der Mann bekannt, und sie prü-
„Babysitting“, „Hundesitting“, „Put- Im Internet googelten sie deshalb fe auch in anderen Fällen, ob „Leis-
zen“, „Bügeln“. Fürs Bügeln bekämen jetzt andere Wörter, „Escort“ und „Be- tungsbetrug“ vorliege.
sie in einer Stunde 5 Euro. gleitung“. Wieder fanden sie eine Zu Hause warfen die beiden Freun-
Das erste Angebot kam schnell, Seite, die ihnen passend erschien, dinnen ihre Klamotten in den Müll
nach einer halben Stunde: „Hast Du kaufmich.de. Wieder gaben sie an, was und duschten. Sie seien geheilt jetzt,
nicht Lust, mich auf ein Hotel zu be- sie sich vorstellten, „Abendessen“, sagen sie, trinken ihren Cocktail aus,
gleiten? Du musst Dich nicht auszie- „Partybegleitung“. „Erotische Hand- denn sie müssen früh raus am nächsten
hen, Du musst mich nur auspeitschen“, lungen“ nur für den Fall, dass ihnen Morgen.
hatte da jemand geschrieben, er bot jemand gefallen würde. Das Feld „Bei- Sie wollen Trödel verkaufen auf
1000 Euro dafür. Die beiden Freundin- schlaf“ ließen sie frei. dem Flohmarkt. BARBARA HARDINGHAUS

48 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
CARSTEN KOALL / VISUM

Chefredakteur Wolff

DEUTSCHE EINHEIT

Kohls letzter Mann


Seit 20 Jahren führt ein Westdeutscher die ostdeutsche Zeitschrift „Super Illu“. Mit Geschichten
über Frühstückseier und Stars, die im Westen niemand kennt, erzielt das Blatt Rekord-
auflagen – weil es dem Osten endlich blühende Landschaften schenkt. Von Alexander Osang
50 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Gesellschaft

Die wichtigste Woche des „Und was machst du?“, fragt der Inge- Ramsauer, Wowereit, Genscher, Gauck
deutschen Jubiläumsjahres nieur. und er selbst.
beginnt für Jochen Wolff auf „Die ,Super Illu‘“, sagt Jochen Wolff. Jochen Wolff hat eine Flasche Bier in
einem Golfplatz am Rande Der Ingenieur nickt anerkennend. Dann der einen Hand und ein Kärtchen mit
JAHRE von Leipzig. Die Wolken jagen die vier ihre ersten Golfbälle in den dem Namen von Katarina Witt in der
hängen tief und schwarz zwi- kleinen See. Wolffs Ball fliegt zu weit, die anderen. Die „Super Illu“ unterstützt
schen Starkstrommasten, die nahe Auto- anderen drei zu kurz. Vom benachbarten Katarina Witt als Botschafterin für die
bahn brummt, an der Driving Range Loch winkt Jens Weißflog. Wolff winkt Münchner Olympiabewerbung, sagt
schlagen sich ein paar Männer und Frau- zurück. Weißflog ist ja auch Henne-Preis- Wolff. Eine Ostdeutsche für Bayern.
en warm. Die Sportler Anke Huber und träger. Der Regen wird stärker und suppt Wolff steckt die Witt zwischen Hans-Diet-
Lars Riedel sind dabei, aber auch Max die helle Golferhose von Jochen Wolff rich Genscher, der die Goldene Henne
Schautzer, der einst die Sendung „Pleiten, durch. Ireen Sheer schaut auf die Strom- bereits zweimal gewonnen hat, und Wolf-
Pech und Pannen“ moderierte. José Car- masten, die Lagerhallen und die Trümmer- gang Stumph, der mit vier Goldenen Hen-
reras, für dessen Stiftung das Wohltätig- berge im Hintergrund. „Ganz schön nen Rekordpreisträger ist. Dann nimmt
keitsturnier organisiert wurde, befindet rough“, sagt sie. „Eher industrial.“ Der er sich Ulrike Poppes Karte, die bislang
sich bereits wieder auf dem Rückflug Ingenieur aus Apolda erklärt, dass es auf schräg hinter den Musikern der Gruppe
nach Barcelona. Vielleicht hat er den Wet- seinem Golfkurs einen See in der Form Karat steckte. Poppe ist die Stasi-Beauf-
terbericht gehört. Es fängt an zu nieseln. der Insel Hiddensee geben werde. tragte des Landes Brandenburg. „Tolle
Wolff drischt ein paar Bälle in den trüben Wolff nickt. Das ist doch das, was ihm Frau“, sagt Wolff. „Die muss weiter nach
Horizont. Er ist hier, weil Carreras einst gefällt. Der Osten ist noch nicht so fest- vorn.“ Er setzt Alana Netzer in die Nähe
die Goldene Henne gewonnen hat, sagt zementiert wie der Westen, aus dem er ihres Vaters Günter, „weil man die zu-
er, den Preis der „Super Illu“, deren Chef- einst aufbrach, sagt er später. Alles ist sammen sehen will“, er mischt Guido
redakteur Jochen Wolff ist. möglich, formbar. Eine Welt, in der Ra- Knopp, Franziska van Almsick, Jan Josef
Wolff hat überlegt, ob er sich beim ketenabschussplätze zu Golfplätzen wer- Liefers, Christo und Gojko Mitic dorthin,
Golfspielen begleiten lässt. „Super Illu“- wo sie ihm am besten gefallen.
Leser sind keine Golfspieler. Sie spielen Man muss an Walter Ulbricht denken,
eher Minigolf. Andererseits hat er keine dessen Kadermotto „Den zieh ich da raus
Lust, sich zu verstecken wie Klaus Wowe- und steck ihn hierhin“ lautete, und an
reit, der fürchte, dass ein Golfsack nicht Gott, einen Gott mit Golferweste.
sozialdemokratisch genug aussehe, sagt Die „Super Illu“ hat im Osten Deutsch-
Jochen Wolff. Golf ist in sein Leben hin- lands etwa drei Millionen Leser, sagt
eingetröpfelt wie die Sängerin Dagmar Wolff, das ist eine halbe Million mehr als
Frederic und all die anderen Dinge, sagt „Stern“, „Spiegel“, „Focus“ und „Zeit“
er. Er hat damit angefangen, als Tennis zusammengenommen. Sie ist eine der
und Fußball zu beschwerlich wurden. Sei- größten ostdeutschen Erfolgsgeschichten
ne Frau spielt nun auch Golf. Man trifft der Nachwendezeit und eines der größten
interessante Leute, und schließlich ist der Geheimnisse dazu. Wenn man eine der
Golfsport auch ein Wirtschaftsfaktor in Blattkonferenzen besucht, hat man das
ULLSTEIN BILD

den neuen Ländern, sagt er, wo ja noch Gefühl, dass Jochen Wolff das alles ganz
viel Platz für Fairways ist. Der Kurs hier allein macht. Es sind natürlich Kollegen
ist Ende der neunziger Jahre fertiggestellt da, und im Hintergrund laufen auf zwei
worden und damit auch Teil der ostdeut- „Super Illu“-Leser in Heiligendamm großen Flachbildschirmen Nachrichten-
schen Erfolgsgeschichte, die Wolff jede Worte, die klingen wie Heino-Lieder sendungen, es gibt Fotowände, Computer
Woche für seine Leser erzählt. Zur Sicher- und viel Manuskriptpapier, aber mitten-
heit erwähnt er noch, dass auf der Golf- den. Eine Welt, in der er an einem Tag drin sitzt der große Mann mit der Knub-
gala gestern Abend Dirk Michaelis die den Schlägersänger Frank Schöbel nach belnase und macht, was er will.
Wendehymne „Als ich fortging“ gesun- dem Stand seines Liebeslebens befragen „Heute ist Sarrazin-Tag“, sagt Wolff zu
gen hat. kann und Angela Merkel nach dem Stand Beginn einer Konferenz vor zwei Wo-
Carreras, Leipzig, Dirk Michaelis, Golf, der deutschen Einheit. Er schraubt einen chen. „Was denken unsere Leser?“
das passt schon alles irgendwie zusammen. Schirm auf sein Golfwägelchen und zieht „In Schmalkalden haben sie nicht so
Es gehört zu Jürgen Wolffs deutscher Ein- zum nächsten Loch, die anderen folgen. viel mit muslimischer Bevölkerung zu
heit. Sein Handicap liegt bei 17,9. Ein paar Stunden später wird er, immer tun“, sagt Chefreporter Gerald Praschl.
Im Hintergrund feuert ein Mann in ei- noch in Poloshirt und Golferweste, im „Da gibt es eher Vietnamesen.“
ner historischen Uniform eine Kanone Konferenzraum seiner Redaktion in der „Vietnamesen“, sagt Wolff. „Dann ma-
ab. Berliner Mitte stehen und die Sitzord- chen wir die.“
Wolff greift seine Golfkarre und zieht nung für die Goldene Henne festlegen, Eine stellvertretende Chefredakteurin
zum Loch 15. In seiner Gruppe spielen die in dieser Woche zum 16. Mal verlie- schlägt vor, im Ratgeberteil etwas zu
die Schlagersängerin Ireen Sheer und hen wird. Wolff hat sich den Preis 1995 giftigen und ungiftigen Pilzen zu machen.
„zwei Ostdeutsche“, wie er sagt. Loch 15 spontan ausgedacht, nachdem ihm auf- „Unsere Leser gehen ja traditionell gern
befindet sich auf einer kleinen Insel in ei- gefallen war, dass kein ostdeutscher Star in den Wald und sammeln“, sagt sie.
nem künstlichen See. Die Gruppe steht irgendeinen der großen deutschen Preise Wolff nickt. Pilze. Die Leser. Vielleicht
am Ufer und macht sich bekannt. Die bei- gewinnen konnte. Seitdem feiern sie im könnte man auch mal was zu Verkehrs-
den Ostdeutschen entpuppen sich als eine Berliner Friedrichstadtpalast jedes Jahr unfällen machen, sagt er. Er wisse zum
Chefärztin aus Leipzig und ein Ingenieur eine eigene Gala. Der aktuelle Sitzplan Beispiel gar nicht, welche Nummer er im
aus Apolda, der momentan damit be- ist auf zwei großen Tafeln vor ihm aufge- Notfall anrufen muss. Im Hintergrund
schäftigt ist, ein ehemaliges Raketenab- baut. In den beiden ersten Reihen sitzen zeigt N24 Bilder vom ersten Verhandlungs-
schussgelände der Nationalen Volksar- die ostdeutschen Unterhaltungsstars, da- tag im Kachelmann-Prozess. Ein Reporter
mee an der Ostsee in einen Golfkurs um- hinter, mit mehr Beinfreiheit, die Polit- sagt, dass er eine Woche lang die Qualität
zuwandeln. Prominenz, in diesem Jahr vor allem des deutschen Eis untersucht habe. Die
D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 51
Gesellschaft

schen auf, öfter den Osten zu besuchen,


um zu sehen, wie viel Schönes hier ent-
standen ist. Er sagt, dass er im Moment im
Auto immer die CD „Schwanenkönig“ von
der Gruppe Karat höre. Ein wunderbares
Lied, wie er findet. „Wenn ein Schwan
stirbt, schweigen die Tiere“, sagt Wolff.
Dann gibt er dem Kollegen von der Deut-
schen Welle noch das Jubiläumsheft „Un-
sere schöne Heimat“ mit, auf dem der Os-
ten Deutschlands aussieht, als wäre er für
eine Frühstücksmargarinewerbung entwor-
fen worden. Später sagt Wolff leise:
„Manchmal komme ich mir vor, als soll ich
erklären, wie man den Hunger in der Welt
abschafft. Ich weiß das doch auch nicht.“
Dann zieht er sich zurück, um eines
der Editorials zu schreiben, die alle so
klingen wie Heino-Lieder. Die Leute lie-
ben es. Jochen Wolff stammt aus dem

MARKO GREITSCHUS / PEOPLE IMAGE


Bayerischen Wald und wohnt in Berlin-
Zehlendorf. Den Osten, den er in seiner
Zeitschrift beschreibt, hat er sich ein Le-
ben lang ausgemalt, wie Karl May einst
den Westen.
Jochen Wolff wurde vor 61 Jahren in
Furth im Wald geboren, direkt am Eiser-
nen Vorhang, wie er sagt. Etwa drei Kilo-
Verleihung der Goldenen Henne*: „Eine Therapie für ganz Deutschland“ meter von seinem Heimatort entfernt ver-
lief die Staatsgrenze zur ČSSR. Als Kind
schlechte Nachricht sei, alle Eier haben entwirft Wolff die Ankündigungen: „Das habe er sich die Welt dahinter als schwar-
eine gute Qualität, egal ob sie aus der Le- turbulente Liebesleben von Dagmar Fre- ze Wüste vorgestellt, sagt er. Eine Art Si-
gebatterie stammen oder vom Biohof. deric“ und „Wie gut ist unser Frühstücks- birien, wie immer es dort wieder aussah.
„Wieso ist das denn eine schlechte ei?“. Die Nachrichten des Tages ziehen Sein Vater war ein gelernter Friseur, der
Nachricht?“, fragt Wolff. an der „Super Illu“ vorbei. Jochen Wolff nach dem Krieg ein kleines Fuhrunterneh-
Eier sind eine Sache, die wichtig ist für mag das Geflimmer auf den Flatscreens men aufmachte. Sie hatten gerade genug
die Leser. Was Bodenständiges, sagt Wolff. sowieso nicht, weil es einen nur verrückt zum Leben, zu Weihnachten stritten sich
Es gibt drei Seiten. Chefreporter Praschl macht. Neulich hat er sich einmal anste- die Eltern, weil Wolffs Mutter Geschenke
hat ein Manuskript der Erinnerungen des cken lassen und den Titel „Unser schönes und Süßigkeiten für ihn und seine beiden
Doppelagenten Werner Stiller auf dem Dresden“ gegen die isländische Asche- Geschwister kaufte. Als in Furth Anfang
Tisch. Den hätte Markus Wolf gekillt, wolke eingetauscht. Schon ging die Auf- der Sechziger ein Grenzübergang eröffnet
wenn er ihn gekriegt hätte, sagt Praschl. lage runter. Es ist besser, auf die Stimme wurde, wurde das Leben der Wolffs bes-
„Das machen wir kompakt“, sagt Wolff. in seinem Bauch zu hören, die ihm sagt, ser. Der Vater kaufte einen Bus und orga-
„Zusammenschreiben. Kompakt.“ was seine Leser wollen. nisierte Tagesreisen nach Prag. „Wolffs
Es gibt Urlaubsfotos von Monika Herz, Ostreisen“ wurde ein wirtschaftlicher Er-
Kürzungen bei Hartz IV, und den Einheits- EINE SHOW, DIE BEWEISEN folg, bald mussten sie einen zweiten Om-
preis de luxe, den die „Super Illu“ neben nibus kaufen. Im August 1968 strandeten
der Goldenen Henne im Jubiläumsjahr zu- SOLL, DASS AUCH DER 120 ihrer Touristen in Prag, das von so-
sätzlich vergibt, gewinnt der Rotkäppchen- wjetischen Panzern besetzt war. Jochen
Sekt-Chef, genau wie es Wolff vorherge- OSTEN WELTSPITZE IST. Wolff und sein Bruder Hartmut fuhren
sagt hat. Als er die Bilder von den Volks- nach Prag, um ihre Klienten herauszulot-
festen sieht, die am Wochenende in den Jochen Wolff ist ein Medium für ostdeut- sen. Furth war zu diesem Zeitpunkt von
ostdeutschen Städten stattfanden, hält der sche Sehnsüchte. Und so kommen in die- Journalisten aus aller Welt bevölkert, die
Chef eine kurze, grundsätzliche Ansprache: sen Wochen immer mal Journalisten vor- auf ein Visum warteten. Die Wolffs brach-
„Das ist die gebündelte Lebensfreude. bei, um ihn zu fragen, wie es so steht mit ten Fotos vom Prager Frühling mit. Später
Überall diese Feste, wo sich unsere Leser der deutschen Einheit. Zum 20. Jahrestag fotografierte Hartmut Wolff im Auftrag
zusammenfinden, die Alltagssorgen verges- des Einigungsvertrags war Jochen Wolff in des „Stern“ den Leichnam von Jan Palach,
sen. Ritterspiele, Störtebeker und so weiter. den „Tagesthemen“ Spitzenmeldung, als der sich öffentlich verbrannt hatte. Hart-
Die Leute haben so einen unglaublichen Phänomen gewissermaßen. An diesem mut Wolff sagt, es waren keine politischen
Nachholbedarf. Früher gab’s immer nur Morgen gibt er nach der Konferenz ein In- Motive, die sie trieben. Es war die Aben-
den Jahrestag Oktoberrevolution, jetzt ler- terview für die Deutsche Welle. Er sitzt in teuerlust. Der ältere Bruder übernahm
nen die Menschen ihre Geschichte kennen.“ seinem Büro, hinter ihm in der Schrank- später das Busunternehmen des Vaters
Am Ende schaffen es die Schlagersän- wand stehen ein Bild von Roman Herzog, und machte es zu einem Reiseveranstalter,
gerinnen Lena Meyer-Landrut und He- zwei Flaschen Rotkäppchen-Sekt, ein paar der heute Osttouren bis nach Russland,
lene Fischer auf den Titel, die beide um Lexika und eine CD-Box der Gruppe Silly. China und Albanien organisiert. Jochen
die Goldene Henne konkurrieren. Dazu Wolff redet davon, dass man die Unter- aber war seit jenen Tagen im August fas-
schiede zwischen Ost- und Westdeutschen ziniert von Zeitschriften.
* Mit den Preisträgern Helene Fischer, Lang Lang, Chris- nicht überbewerten dürfe. Aber auch nicht Nach dem Abitur ging er nach Mün-
to, Joachim Gauck am 15. September in Berlin. unterbewerten. Er fordert die Westdeut- chen, absolvierte eine Journalistenschule
52 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Gesellschaft

und arbeitete 15 Jahre lang bei der Illu- bensgefährten, das Angebot des Burda- ten irgendwann begonnen, für die Leute
strierten „Quick“. Er wurde stellvertre- Verlags anzunehmen und für die „Super zu schreiben und nicht mehr nur über sie.
tender Chefredakteur, aber weil es von Illu“ nach Berlin zu ziehen. Die Texte, die der „Spiegel“ über Ost-
dort nicht weiterging, wechselte er Ende Im Januar 1991 kamen sie an. Wolff deutschland schrieb, klangen ja immer
der achtziger Jahre zur „Neuen Welt“ wurde Chefredakteur, seine Frau Grafi- wie Auslandsreportagen, sagt Praschl, der
nach Düsseldorf. Er wollte sich beweisen, kerin. Sie zogen in den Westen, weil aus Bayern kommt wie sein Chef.
dass er es auch außerhalb von Bayern Wolff im Osten Angst hatte, von den Wolff jedenfalls stellte fest, „dass die
schaffe, sagt er. In Düsseldorf lernte er bröckligen Balkons zu fallen, wie er sagt. Ostdeutschen eigene Lebenswelten ha-
seine Frau Angelika kennen, die sein Ost- Die Redaktion befand sich im Gebäude ben, eine eigene Kultur, ganz eigene Pro-
bild verfeinerte. der DDR-Nachrichtenagentur ADN, in ei- bleme“.
Angelika Wolff wuchs in Ost-Berlin auf, nem Plattenbau in der Nähe des Alexan- Die Erfahrungen seiner Frau wurden
sie wurde Grafikerin im Bauernverlag nun mit den Erfahrungen Dagmar Frede-
und stellte Mitte der achtziger Jahre einen „ICH KOMME MIR VOR, ALS SOLL rics vermischt, die ein Star des DDR-Fern-
Ausreiseantrag, weil sie es satthatte, dass sehens gewesen war. Von ihr erfuhr er,
ihr Leben bis zur Rente verplant war. ICH ERKLÄREN, WIE MAN DEN dass es ostdeutsche Künstler gab, die in-
Zwei Jahre lang wurde sie drangsaliert zwischen als Jeansverkäufer arbeiteten,
und gedemütigt, dann ließ man sie gehen. HUNGER IN DER WELT ABSCHAFFT.“ er erfuhr, dass die Ostdeutschen die Nase
Sie ging nach Düsseldorf, weil sie dort voll hatten von Stasi-Artikeln, und auch,
Verwandte hatte, und versuchte lange derplatzes. Die Ausgaben der ersten Jah- dass es Ostprodukte gab, an die sich der
vergebens, einen Job zu finden. Man hielt re beschäftigten sich vor allem mit Sex, Ostdeutsche gern erinnerte. Er holte all
sie als Ostgrafikerin für zu doof, eine Stasi und Ratgebern zum Gebrauchtwa- das in sein Heft, und mit jedem weiteren
Westzeitung zu gestalten, sagt sie. Weil genkauf. Wolff verbrachte den Großteil Unterhaltungsstar begann er die Welt
sie nicht an der Aldi-Kasse enden wollte, seiner Zeit in der Redaktion, er kam um mehr mit den Augen Dagmar Frederics
arbeitete sie ein Jahr lang für eine Werbe- neun Uhr morgens und ging nachts um zu sehen. Es half sicher, dass sich die Zeit-
agentur, ohne einen Pfennig zu bekom- zwei, vom Leben dort draußen sah er schriften, bei denen sie auf dem Titel war,
men. In der Zeit gestaltete sie den Kata- nichts. Irgendwann, manche sagen, es war bestens verkauften. Wolff entdeckte die
log für ein großes Versandhaus, eine Re- der Moment, als die Unterhaltungskünst- Schönheit Ostdeutschlands, er erfuhr, dass
ferenz, die sie schließlich in die Redaktion lerin Dagmar Frederic in seinem Zimmer das „Häuschen im Grünen wichtig für die
von „Echo der Frau“ führte, die im selben auftauchte, um sich darüber zu beschwe- Menschen ist, das ständige Auf und Ab.
Haus erschien wie die „Neue Welt“, de- ren, dass niemand etwas über ostdeutsche Eine schöne Reise, ein gutes Auto“.
ren Chefredakteur Jochen Wolff damals Stars schreibe, begann sich seine Perspek- Die ostdeutschen Unterhaltungskünst-
war. Sie wurden ein Paar, und als die tive zu verändern. Chefreporter Praschl, ler gingen bei Wolff ein und aus, und
Mauer fiel, überredete Angelika ihren Le- der seit Anfang an dabei ist, sagt, sie hät- auch die Distanz zu den ehemaligen Ver-
antwortungsträgern der DDR ließ nach. deutschen“ oder auch eine „ostdeutsche Spange des Bundesverdienstkreuzes lie-
Seine Frau hatte manchmal den Eindruck, Medienheimat“. In diesen Momenten gen, die er am Revers trägt.
sie reise wieder in das Land zurück, aus scheint er mehr ein Missionar als ein Chef- Wolff hat lange darum gekämpft, als
dem sie einst geflohen war. redakteur zu sein. Er hat den Lesern seit Chefredakteur ernst genommen zu wer-
„Einmal hat er mir gesagt, dass er gern vielen Jahren auf seinen Zeitungsseiten den. Einige Kollegen, mit denen er bei
Egon Krenz zum Frühstück auf unsere die blühenden Landschaften geschenkt, den Hintergrundgesprächen bei der Kanz-
Terrasse einladen würde“, sagt sie. „Ich die ihnen einst versprochen worden wa- lerin sitzt, wissen bis heute nicht, wer er
hab gesagt, nur über meine Leiche. Und ren. Er erfüllt Helmut Kohls Traum, zu- eigentlich ist. Auch die Politiker haben
er hat mich überhaupt nicht verstanden.“ mindest auf dem Zeitungspapier. Wolff und sein Blatt belächelt, bis sie
„Meine Frau ist unversöhnlich gegen- „Er weiß alles über den Osten. Er denkt merkten, dass man über ihn am besten
über den Machthabern und Bürokraten. so, wie sie lesen“, sagt seine Frau, und und ungefiltertsten zum ostdeutschen
Ich habe nicht in der DDR gelebt und Volk sprechen kann. Er gibt ihnen eine
habe diesen Rucksack nicht. Ich habe na- DIE ERSTE LAUDATIO, IN DER DIE Bühne, in seiner Zeitung, aber auch hier
türlich auch meine Meinung, aber ich im Friedrichstadtpalast. Genscher, Köhler,
schaue lieber nach vorn“, sagt er. WÖRTER SPREEWALDGURKE UND Merkel, Kohl, Herzog und Biedenkopf
Am Ende hat er alles wunderbar mit- haben seinen Preis bekommen. Und ein-
einander verknüpft wie in seiner Zeitung. ROTKÄPPCHEN-SEKT VORKAMEN. mal auch Michail Gorbatschow. Das war
Zum zehnten Jahrestag der deutschen im Herbst 2001, und wenn Wolff darüber
Einheit heirateten Angelika und Jochen wenn man ein bisschen länger über den spricht, klingt es so, als hätte hier die Pots-
Wolff unterm Brandenburger Tor. Später Satz nachdenkt, klingt er eher wie eine damer Konferenz stattgefunden.
wurde er Trauzeuge von Dagmar Frede- Drohung und weniger wie ein Kompli- „Es war kurz nach dem 11. September“,
ric. Er hat Helmut Kohl, Gerhard Schrö- ment. sagt Wolff. „Der hatte sich ja wie ein Lei-
der und Angela Merkel interviewt, aber Am Abend vor der diesjährigen Gala chentuch über uns alle gelegt, und wir
auch Andrea Kiewel nach ihrem Raus- besucht Jochen Wolff die Generalprobe hatten überlegt, die Veranstaltung zu ver-
wurf aus dem „ZDF-Fernsehgarten“. In im Friedrichstadtpalast. Er steht im leeren schieben. Siegfried und Roy, die den Preis
diesem Jahr bekam er aus den Händen Zuschauerraum hinter dem Stuhl, auf bekommen sollten, hatten verständlicher-
von Ministerpräsident Platzeck das Bun- dem er morgen Platz nehmen wird. „Man weise abgesagt. Aber Gorbatschow und
desverdienstkreuz. Es war sicher die erste nennt ihn den Honecker-Stuhl“, sagt Kohl haben uns ermutigt, die Goldene
Laudatio für ein Bundesverdienstkreuz, Wolff, „obwohl Honecker nur ein einziges Henne zu machen. Wir haben dann einen
in dem die Wörter Spreewaldgurke und Mal hier gesessen hat.“ Er lächelt, und New Yorker Feuerwehrmann eingeflogen,
Rotkäppchen-Sekt vorkamen. für einen Moment hat man das Gefühl, er dem der US-Botschafter stellvertretend
Jochen Wolff nennt die „Super Illu“ empfinde sich als eine Art Nachfolger auf eine Henne überreichte. Das war die be-
heute einen „Anker im Leben der Ost- diesem Stuhl. Aber das kann auch an der wegendste Veranstaltung überhaupt. Erst
Gesellschaft

und mit ihm darunter leidet, dass die „Su-


per Illu“ nie im Westen akzeptiert wurde.
Sein Bruder wird bestaunt, aber nicht
ernst genommen. „Es tut mir im Herzen
weh, wenn ich die hochgezogenen Augen-
brauen bei uns zu Hause sehe“, sagt Hart-
mut Wolff. Als ihre Mutter noch lebte, hat
sie jedem Händler in Furth gedroht, dass
sie nicht mehr bei ihm einkaufe, wenn er
nicht auch die „Super Illu“ im Angebot
habe. Geholfen hat es nichts, und die Mut-
ter ist jetzt auch schon fast zehn Jahre tot.
Die Erfolgsgeschichte der „Super Illu“
ist auch eine Geschichte über Schwierig-
keiten der deutschen Einheit. Niemand
weiß das besser als Jochen Wolff. Vor 12
Stunden hat er den Bundespräsidenten
interviewt, in 48 Stunden wird er die
Kanzlerin interviewen. Er hat eine Menge
geschafft, aber Deutschland bekommt er
wohl nicht mehr zusammen.
Man spürt das, wenn man nach Furth
im Wald fährt, von wo Jochen Wolff einst

CARSTEN KOALL / VISUM


aufbrach. Die Stadt scheint festgefroren
in den frühen siebziger Jahren. Man kann
das Reisebüro besichtigen, von dem sein
Vater einst nach Osten aufbrach, und
auch das Mietshaus, in dem Wolff seine
Ehepaar Wolff*: Gott mit Golferweste Kindheit verbrachte. Kastenförmige Häu-
ser mit kleinen quadratischen Fenstern,
der Feuerwehrmann, und eine halbe Stun- Fußballnationalmannschaft, Günter Net- aus denen man auf leere Straßen schaut.
de später bekommt Gorbatschow den zer und Gerhard Delling, Janina Hartwig In den siebziger Jahren zog die Familie
Preis für seine Verdienste um die deut- und Fritz Wepper, für Christo und Joa- in ein Eigenheim am Stadtrand um, wo
sche Einheit. Das war eine Therapie für chim Gauck. Helene Fischer gewinnt zum heute noch Wolffs Schwester mit ihrem
ganz Deutschland.“ dritten Mal das Rennen um den Musik- Mann wohnt. Sie sitzt in der Bauernsitz-
Es gibt Gerüchte, dass Wolff bald auf- preis, aber weil Lena Meyer-Landrut ecke und holt die Sonderausgaben hervor,
hört als Chefredakteur. Er möchte dazu schon mal da ist, kriegt sie eine Sonder- die die „Super Illu“ zur Hochzeit von Jo-
nichts Konkretes sagen. Aber er sagt, dass henne für ihre Charmeoffensive. Im Kul- chen und Angelika Wolff produzierte,
20 Jahre eine lange Zeit sind. Er wolle turprogramm treten Paul Potts, Lang und auch ein „Medium Magazin“ aus
nicht mehr derjenige sein, der auf die Lang, das Ballett des Friedrichstadtpalasts dem Jahr 1999, das Wolff auf dem Titel
Jagd geht. Er will lieber am Lagerfeuer und eine russische Künstlerin auf, die zu hat. Sie ist stolz auf ihren Bruder, aber
sitzen und die Geschichten derer hören, Phil Collins’ Musik Sandzeichnungen an- auch ein bisschen ärgerlich, weil er sich
die von der Jagd zurückkehren. Die Frage fertigt. Es gibt ein paar wenige berüh- so aus ihrem Leben verabschiedet hat.
ist, welche Geschichten sie mitbringen, rende Momente, als die Torhüterin des Er hat sich vor vielen Jahren hier im
wenn die letzten Oststars gestorben sind. Bayerischen Wald ein Stück Land ge-
Es ist zu befürchten, dass die Leser der WELCHE GESCHICHTEN BRINGEN kauft, wo er einmal ein Haus bauen woll-
„Super Illu“ dann neu anfangen müssen. te, in dem er sich mit seiner Frau zur
Vielleicht in den sechziger Jahren der SIE MIT, WENN DIE LETZTEN Ruhe setzt, sagt sie. Aber er kommt kaum
Bundesrepublik. Die beiden Titel, die in noch her. Als er vor drei Jahren das letzte
diesem Jahr am besten liefen, spielten im OSTSTARS GESTORBEN SIND? Mal in der Gegend war, sollte sie richtig
schwedischen Königshaus. was Bayerisches kochen. Am besten ge-
„Wir haben ja in diesem Jahr das 20- Champions-League-Siegers Turbine Pots- bratene Nudeln. Die Tische haben sich
jährige Jubiläum der deutschen Einheit, dam sich bei ihrer Mutter bedankt und gebogen, sagt sie, aber er hat in letzter
und dann im Januar ist es das 20-jährige die Gruppe Silly auftritt, aber die gehen Minute angerufen und abgesagt. Und in
Jubiläum von mir als Chefredakteur“, fast unter in der süßen Riesenshow, die – diesem Sommer wollte er zum Drachen-
sagt Wolff. So sieht er die Dinge, und ähnlich wie seinerzeit der „Kessel Bun- stich nach Furth kommen, Deutschlands
wahrscheinlich nicht mal zu Unrecht. tes“ – vor allem beweisen soll, dass auch ältestem Volksschauspiel. Sie haben ja
Jochen Wolff sagt, dass die teuer pro- der Osten Weltspitze ist. jetzt den neuen Drachen, 16 Meter lang.
duzierten Jubiläumshefte der „Super Illu“ Nach der Show streift Jochen Wolff Aber er war wieder nicht da. Sie wäre
nicht nur Geschenke an die Leser sind, stundenlang durch den Friedrichstadt- auch gern zur Goldenen Henne nach Ber-
sondern auch an sich selbst. Und wahr- palast und genießt die Nacht. An der Bar lin gefahren, aber er hat sie nicht einge-
scheinlich ist auch die Gala zur Verleihung steht sein Bruder mit seiner Frau und ein laden. Er ist inzwischen mehr Ostler als
der Goldenen Henne, die am nächsten paar Freunden und trinkt ein Bier. Es ist Westler, sagt seine Schwester. Sie sei ja
Abend stattfindet, ein Geschenk an ihn. die zwölfte Gala, die er miterlebt. Hartmut auch nur eine einfache Frau. Es sieht so
Sie ist wieder über drei Stunden lang. Wolff hat schon vor vielen Jahren ein Bun- aus, als habe Jochen Wolff sich seinen
Es gibt Goldene Hennen für die deutsche desverdienstkreuz für seine Verdienste um Osten so schön gemacht, dass er ihm sei-
den osteuropäischen Tourismus bekom- ne Schwester nicht mehr vermitteln kann.
* Am 13. September bei einem Wohltätigkeits-Golftur- men. Er ist ein entspannter, freundlicher Anfang September hat er sein Stück
nier in Leipzig. Mann, der sich für seinen Bruder freut Land im Bayerischen Wald verkauft. 
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Gesellschaft

Allahs Marktplatz
Ortstermin: Die Bürger von Mönchengladbach protestieren
gegen eine Islamschule.

I
n Woche drei nach Ankunft des Sarra- bach nicht um Ausländer, es geht um Aufklebern in Form von Flusskieseln ge-
zin-Buchs umfasst Reinhold Schiffers Deutsche gegen Deutsche. spickt, aus Protest gegen Steinigungen.
auf einem Marktplatz in Mönchen- Die Macht von Reinhold Schiffers ist Vor kurzem schaltete sich das Baude-
gladbach ein Mikrofon und muss ein- begrenzt, aber er mischt sich ein, wo sich zernat mit der Anmerkung in die Debatte
sehen, dass die Islamdebatte allmählich die Mächtigen in der Stadt zurückhalten. ein, der Moscheeverein habe ein Formular
komplizierter wird. Islam ist ein heikles Thema. Schiffers ist nicht ausgefüllt, außerdem fehle der Nut-
Schiffers ist Bezirksvorsteher von Mön- einer der wenigen aus der Verwaltung, zungsänderungsantrag. Bedienstete der
chengladbach-Nord, 59 Jahre alt, SPD, die noch mit allen reden, mit den Eicke- Stadt versiegelten die Eingangstür zum
trägt einen an den Übersetzer und Autor nern und den Muslimen. Er kann die Bür- Gebetsraum. Es sah nach einer pfiffigen
Harry Rowohlt erinnernden Vollbart sowie ger verstehen, auch er hält die Islamschu- Lösung aus. Der fehlende Antrag ist die
lange weiße Haare. Er hat die im Rhein- le für einen Treffpunkt der Extremisten. Landmine des Verwaltungsangestellten.
land nicht untypische Angewohnheit, an Er kann bis zu einem gewissen Grad auch Die Muslime beschlossen, ihr Nachtgebet
manche Wörter, die aus seinem Bart pur- die Muslime verstehen, tief im Herzen auf dem Marktplatz zu verrichten.
zeln, ein -schen zu hängen. Vor ihm ste- versteht Schiffers alles und jeden. Die Sache wurde heißer. Die Anwoh-
hen etwa 150 Bürger, die schlechte Laune Er sagt ins Mikro, dass er hergekom- ner treffen sich jetzt auf dem Marktplatz,
haben. Eine Islamschule will nahe dem men sei, um für Verständnis zu werben, weil sie ihn nicht den Extremisten
Marktplatz im Stadtteil Eicken schenken wollen. Die Mus-
ein Gebäude beziehen, es geht lime halten Kundgebungen
um tausend Quadratmeter Flä- ab. Am 9. Oktober wollen
che, die Eickener fürchten sich Rechtsextreme in Mönchen-
nun vor Extremisten. Sie wol- gladbach demonstrieren, sie
len von Reinhold Schiffers nutzen die Wut auf den Islam
hören, dass er die Schule ver- für ihre Zwecke. Es ist der
hindert und sich dem Islamis- Kampf um ein gepflastertes
mus mit aller Kraft entgegen- Stück Deutschland.
wirft. Schiffers ruft ins Mikro: Schiffers kennt den Zorn
„Hallöschen zusammen!“ der Straße von früher, aber er
Er ist als junger Mann in die hat gelernt, dass Gespräche
FOTOS: ROLAND GEISHEIMER / ATTENZIONE

SPD eingetreten, war in der und die Arbeit in Gremien


Friedens- und in der Anti-AKW- und Ausschüssen langfristig
Bewegung und macht seit 1975 gesehen erfolgreicher sind.
Lokalpolitik. Seine Aufgabe Gremien sind zäh, langsam
sieht er darin, die Menschen wie die Demokratie, aber
seines Bezirks zusammenzu- Schiffers sagt, er freue sich
bringen und Konflikte durch halt, wenn alle an einem Tisch
Gespräche zu befrieden, nicht sitzen.
mit Provokationen anzuhei- Er schlendert in die Seiten-
zen. Er ist eine Art Problem- Bezirksvorsteher Schiffers (r.): „Hallöschen zusammen“ straße zu den Jungs mit Bart
lösebär. Der Anti-Sarrazin. und streckt ihnen die Hand
Von der Islamschule hat er aus der Zei- aber als er erläutert, weshalb eine Ver- entgegen: „Tachchen.“ Ob die Einla-
tung erfahren, er hat gelesen, dass die Schu- waltung Rechtssicherheit für ihr Vorge- dungs-Mail für das Gespräch in seinem
le zuvor in Braunschweig ihren Sitz hatte, hen haben müsse, hageln Pfiffe und Buh- Büro angekommen sei? Die Jungs zucken
von Extremisten besucht werde und der rufe der Bürger auf ihn. Schiffers dreht die Schultern. Sie lächeln ihn an, er sieht
niedersächsische Verfassungsschutz froh den Kopf nach links, dort steht, in einer fast aus wie einer von ihnen, wobei Schif-
sei, wenn sie aus Niedersachsen wegziehe. Seitenstraße, ein halbes Dutzend junger fers’ Vollbart seine weltanschaulichen
Schiffers weiß, dass die Schule von Streng- Männer mit dunklem Bart. Die Muslime Wurzeln in den deutschen Siebzigern hat.
gläubigen besucht wird, von jungen Män- wirken auch nicht unbedingt heiter. Womöglich ist er auch noch Atheist.
nern mit Hang zu radikalen Ideen. Aber Die Eickener rufen, der Oberbürger- Es dauert nicht lange, dann zitieren sie
was kann ein Bezirksvorsteher gegen Ideen meister solle auf dem Marktplatz reden, Koranverse. Schiffers nickt und nuschelt
tun, selbst wenn sie etwas radikaler sind? nicht immer nur Schiffers. Es wird disku- etwas von einer schwierigen Situation,
Hauptberuflich leitet Schiffers das Wei- tiert, am Samstag zum Landtag zu fahren, im Übrigen sei auch er sicherlich vom
terbildungskolleg in der Stadt, einige jun- und als die Frage auftaucht, ob der Land- Verfassungsschutz beobachtet worden,
ge Muslime kennt er aus dem Unterricht. tag samstags überhaupt offen sei, brüllt vor Jahren, weil er sich mit dem Chef der
„Jungs mit Macho-Allüren“ nennt er sie, einer: Wir verschwenden unsere Freizeit, marxistisch-leninistischen Schule getrof-
die plötzlich, als wären sie einem Zauber das erwarte ich auch von Politikern! Sie fen habe. Eine kleine Gemeinsamkeit,
erlegen, zu sanften Männern wurden. wirken aufgepeitscht, auch wenn sie sa- findet Schiffers, könnte eine Grundlage
Viele sind Deutsche, die zum Islam über- gen, mit Sarrazin habe das nichts zu tun. für ein Gespräch sein, von Bartträger zu
getreten sind. Es geht in Mönchenglad- Eine Frau hat ihren Herbstmantel mit Bartträger. CHRISTOPH SCHEUERMANN

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Gesellschaft

SPI EGEL-GESPRÄCH

„Ich wollte wieder Mutter sein“


Entführungsopfer Ingrid Betancourt über die Folgen von sechs Jahren
Gefangenschaft, Traumata und Schuldgefühle sowie Schreiben als Befreiung und Qual
Sie ist eine zarte Frau, und leise lächelnd,
fast schüchtern betritt sie das Zimmer,
West Village, New York. Ingrid Betan-
court, 48, war Präsidentschaftskandidatin
in Kolumbien, als sie am 23. Februar 2002
auf dem Weg zu einer Veranstaltung im
Süden entführt wurde. 2322 Tage lang war
sie in der Gewalt der Untergrundbewe-
gung Farc, gefangen im Dschungel, oft
angekettet, ständig bedroht, manchmal
gefoltert. Nachdem ein Militärkommando
am 2. Juli 2008 sie und 14 Mitgefangene
befreit hatte, kam die Kritik: Ingrid Be-
tancourt sei eine Diva gewesen, sagten
andere Geiseln, sie sei eine undankbare
Ehefrau, schrieben kolumbianische Zei-
tungen, nachdem sie sich von ihrem
Mann getrennt hatte. Betancourt hat so-
wohl die französische als auch die kolum-
bianische Staatsbürgerschaft.

SPIEGEL: Frau Betancourt, wir möchten


mit einer banalen Frage anfangen: Wie
geht es Ihnen?
Betancourt: Besser als vor zwei Jahren
oder vor einem Jahr oder vor sechs Mo-
naten. Manchmal bin ich fragil, manch-
mal noch zu emotional, aber ich kämpfe
mit allen Mitteln darum, ein glücklicher
Mensch zu werden.
SPIEGEL: Ist Glück für Sie heute etwas an-
deres als vor der Gefangenschaft?
Betancourt: Ja, früher hatte es viel mit Er-
folg zu tun. Heute ist es Ruhe, Frieden,
Gelassenheit.
SPIEGEL: Sie waren eine sehr ehrgeizige,
kämpferische Frau. Ist es nicht unmöglich,
die eigene Ungeduld aufzugeben?
Betancourt: Sechseinhalb Jahre sind lang,
der Verlust von Ungeduld ist ein Prozess.
Irgendwann ist sie weg.
SPIEGEL: Sie sagten schon während Ihrer
Jahre im Dschungel, Sie wollten ein an-
derer Mensch werden.
Betancourt: Ja, denn die Prioritäten ver-
ändern sich. Nichts, was das Leben nun
noch bringen wird, kann so schlimm
werden wie das, was hinter mir liegt.
Bei kleinen Sachen, die mich früher auf-
geregt haben, denke ich jetzt: Wen küm-
mert’s?
SPIEGEL: Als Sie im Sommer 2008 befreit
wurden, waren alle von Ihren ersten Auf-
ANNA SCHORI

tritten erstaunt: zunächst eine kühle Be-


gegnung mit Ihrem Ehemann, dann Fotos
und Interviews, schließlich Pressekonfe-
renzen mit Nicolas Sarkozy. Und Sie wirk- Ex-Geisel Betancourt: „Nichts kann so schlimm werden wie das, was hinter mir liegt“

D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 61
Gesellschaft

ten bei allem ungebrochen. Standen Sie deren Angehörige selbst die Stimme mei- nicht gesperrt, da waren Taxis, Motorrä-
da unter Schock, oder waren einfach die ner Mutter gehört und verstanden, wel- der, Busse und direkt vor mir ein Wagen
alten Reflexe des Polit-Profis wieder da? che Kraft das ist: die Stimme einer Mutter, des Roten Kreuzes. Wenn das Militär ge-
Betancourt: Oh, ich fühlte mich wie er- die Stimme eines Vaters. Meine Kinder wusst hätte, dass die Farc einen Hinter-
leuchtet von diesem Freiheitsgefühl, wie wollten mich ja sehen und hören, nur ihre halt planen, dass wir also im Kriegsgebiet
verwandelt, wie im Glücksrausch. Aber Reaktionen waren eben anders, als ich es waren, hätte es nur die Straße sperren
wenn ich mir heute die Fotos von damals erwartet hatte. Wir haben erst lernen müssen. Das taten sie aber nicht. Erst da-
anschaue, dann sehe ich auch ganz deut- müssen auszusprechen, was wir fühlen, nach haben sie die Sache so dargestellt,
lich, was sechs Jahre anrichten können. und so begann dann der Fluss der Kom- als sei ich gewarnt worden oder total naiv.
SPIEGEL: Den rauschhaften ersten Tagen munikation von neuem. Und irgendwann, SPIEGEL: Sie haben von der Regierung eine
folgten Leere und Zusammenbruch? das war sehr erfüllend, war ich wieder Entschädigung gefordert und sind dafür
Betancourt: Natürlich. Ich hatte das Glück, ihre Mutter. hart kritisiert worden.
dass die französische Regierung mir sofort SPIEGEL: Konnten Ihre Kinder verstehen, Betancourt: Was sehr ungerecht ist. In Ko-
Ärzte zur Seite stellte. Die Untersuchun- was Ihnen zugestoßen ist? lumbien gibt es wie in vielen Ländern ei-
gen dauerten einige Wochen. Betancourt: Ja, aber noch wichtiger war, nen Rechtsanspruch auf Entschädigung
SPIEGEL: Und ergaben was? dass sie ebenfalls als Opfer wahrgenom- für Opfer von Terroristen. Die Summe,
Betancourt: Ach, viele kleine Dinge. Die men wurden, sogar von mir. Auch für sie die ich forderte, wurde berechnet nach
Haut leidet im Dschungel, sechs Jahre war es nicht fair, auch ihnen sind im Fe- Gehältern, die ich nicht bekommen habe,
ohne Zahnarzt haben Folgen, aber ich bruar 2002 viele Dinge geraubt worden. und diversen anderen Faktoren. Aber
kam immerhin nicht mit
Krebs zurück. Und dann
boten sie mir jemanden für
Gespräche an. Ich dachte
erst, ich bräuchte das nicht,
aber andere waren klüger.
SPIEGEL: Eine Therapie, um
das Trauma zu verarbeiten?
Betancourt: Ja, und eine
Therapie, die viele Erklä-
rungen gab. Geiseln wollen
überleben, sie sind sehr
konzentriert auf ihren eige-
nen kleinen Blickwinkel.
SPIEGEL: Geiseln werden
also zu Egoisten?
Betancourt: Ja, und in mei-
nem Fall war es so, dass die

ALAIN KELER / REUTERS


Entführer gesagt hatten:
Wenn es innerhalb eines
Jahres keine erfolgreichen
Verhandlungen gibt, wer-
den die Geiseln erschossen.
Und später dann: Wenn Präsidentschaftskandidatin Betancourt kurz vor ihrer Entführung 2002, als Geisel im November 2007, mit ihren
das Militär kommt, sterben
die Geiseln. So etwas brennt sich ein – SPIEGEL: Angeblich sind Sie damals ge- man hat mir vorgeworfen, ich würde die
ich habe an jedem einzelnen Tag nur an warnt worden, nach San Vicente zu fah- Soldaten, die mich befreit haben, mit die-
mich selbst und meine Flucht gedacht. ren. Ihre Ex-Wahlkampfhelferin Clara ser Forderung angreifen und verhöhnen.
Empathisch wird man in so einer Situa- Rojas deutet an, Sie hätten aus politi- Noch so eine politische Volte.
tion nicht. schem Ehrgeiz eine Entführung riskiert. SPIEGEL: Werden Sie in die Politik zurück-
SPIEGEL: Und in Freiheit? Betancourt: Wahr ist, dass ich in Florencia kehren?
Betancourt: Musste ich vor allem das Ver- war, auf dem Weg zu einer Veranstaltung Betancourt: Nicht im engeren Sinne. Für
hältnis zu meinen Kindern neu aufbauen, in San Vicente. Wir wollten mit dem Auto Prinzipien zu kämpfen ist für mich noch
das war meine absolute Priorität. Ich woll- weiterfahren, aber das Militär sagte: Wir immer wichtig. Aber mit der schmutzigen
te wieder Mutter sein. haben Hubschrauber für Sie, alle 20 Mi- Seite der Politik möchte ich nichts mehr
SPIEGEL: Ihre Kinder waren 13 und 16 Jah- nuten. Dann warteten wir, zwei Stunden zu tun haben, mit diesen ewigen destruk-
re alt, als Sie entführt wurden … lang, zwischendurch landete der Präsi- tiven Konfrontationen.
Betancourt: … und erwachsen, als ich zu- dent, stieg in einen Hubschrauber, flog SPIEGEL: Das heißt, Sie werden nicht mehr
rückkam. Loszulassen ist bestimmt für weiter nach San Vicente, und ich wartete für politische Ämter kandidieren?
alle Eltern heikel, aber ich hatte keine Ah- immer noch. Dann wurde meine Sicher- Betancourt: Eher nicht, man kann den Be-
nung, was ich nun tun sollte. Es war wie heitseskorte abgezogen, sieben Leute. griff „Politik“ ja auch anders verstehen,
eine Zeitreise, als versuchte ich, eine ver- Das war politisches Kalkül: Ich sollte als ein Instrument, Dinge zu verändern.
schlossene Tür zu öffnen. Ich tat, was ich nicht nach San Vicente reisen, während Das geht mit Büchern, das geht hoffent-
immer getan hatte, und dachte, ich würde der Präsident dort war. lich mit meiner Stiftung, mit der ich mich
ihnen so helfen – aber sie hatten das Ge- SPIEGEL: Geben Sie der Regierung die für die Angehörigen von Geiseln einset-
fühl, ich breche in ihre Privatsphäre ein. Schuld an der Entführung? zen will, auch für Freigelassene, die ein
SPIEGEL: Gelang es, wieder Mutter zu sein? Betancourt: Nein, aber ich hatte auch keine neues Leben beginnen müssen, und für
Betancourt: Das klingt bestimmt kitschig, Schuld. Niemand konnte wissen, was pas- die Geiseln, die noch im Dschungel sind.
aber Liebe hilft. Ich hatte im Dschungel sieren würde. Mein Team und ich brachen SPIEGEL: Was war Ihre Überlebensstrategie
über einen Radiosender für Geiseln und dann mit dem Auto auf, die Straße war während der sechs Jahre in Geiselhaft?
62 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Betancourt: Es geht darum, dass man sich freiung dieses kleine merkwürdige Tele- ich wollte dem Ganzen einen Sinn, diesen
einen Bereich schafft, in dem man auto- fon in der Hand, das alles konnte. sechs Jahren eine Bedeutung geben.
nom ist. Wenn ich nicht entscheiden darf, SPIEGEL: Ein iPhone? SPIEGEL: War es ein heilendes Schreiben?
wie ich leben will, entscheide ich eben Betancourt: Nein, einen BlackBerry, ich Betancourt: Ja und nein. Manchmal fühlte
über meinen Tagesablauf. Gymnastik und kam direkt aus dem Dschungel und hatte es sich heilsam an, aber oft tat es weh, es
Yoga, baden, meditieren, darüber konnte einen BlackBerry. Ich starrte auf mein verbrannte mich von innen. Ich habe mit
ich entscheiden. Ich hatte zwei Bücher, Telefon, und dann dachte ich, wenn Kom- den anderen Geiseln gesprochen, sie hei-
„Harry Potter“ und die Bibel, und mit munikation jetzt jederzeit und von über- rateten, bekamen Kinder, während ich in
der Bibel habe ich mir ein fotografisches all möglich ist, wieso ruft dich keiner an? Gedanken immer wieder in den Dschun-
Gedächtnis antrainiert: Welche Textstelle Warum rufen meine Kinder nicht an? Ein- gel zurückkehrte. Im Nachhinein glaube
war noch mal wo? Und dann habe ich mal pro Tag wenigstens, lieber zweimal! ich, dass es mich stärker gemacht hat, fä-
mich selbst erkundet: Wie will ich leben, Ich habe dann mit meinem Sohn gespro- higer, glücklich zu sein. Ich habe durch
wenn ich frei bin, wer war ich, und wer chen und ihm gesagt: „Lorenzo, ich ver- das Schreiben gelernt zu verzeihen.
will ich künftig sein? Das Wichtigste ist, suche, dich den ganzen Tag lang anzuru- SPIEGEL: Wem?
dass du dir diesen kleinen Raum für dich fen, und du gehst nicht ran.“ Und er sagte: Betancourt: Allen. Den Geiselnehmern.
selbst erhältst, denn egal, was sie dir an- „Mama, ich habe Freunde, ich habe be- Den Geiseln. Mir selbst.
tun – dann erreichen sie dich nicht. stimmte Dinge zu tun, ich kann nicht stän- SPIEGEL: Wieso müssen Sie sich verzeihen?
SPIEGEL: Kennen Sie inzwischen die Hin- dig mit dir reden.“ Es war unfassbar hart, Betancourt: Weil ich nicht die Heldin war,
tergründe Ihrer Befreiung? ich habe tagelang geweint. die ich so gern gewesen wäre.
SPIEGEL: Sie haben Dinge
ausgehalten, die wenige
Menschen ertragen müssen.
Betancourt: Glauben Sie
mir: Ich war schwach, ich
war nicht vorbereitet, auf
gar nichts. Ich muss mir
Dinge verzeihen, die ich tat
und die ich selbst an mir
nicht mochte. Ich habe auf
vieles falsch reagiert, hatte
die falsche Haltung. Es dau-
erte viel zu lange, bis ich
Mitgefühl für die anderen
entwickeln konnte, weni-
ger hart in meinem Urteil
war. Mit den Fingern auf
Schwächen anderer zu zei-

JORGE SILVA / REUTERS


gen ist in Krisensituationen
nicht konstruktiv.
SPIEGEL: Warum taten Sie
das?
AFP

Betancourt: Wir waren alle


Kindern in Bogotá im Juli 2008: „Wenn ich Hubschrauber höre, werde ich panisch“ manipuliert und verstan-
den es nicht. Oder zu spät.
Betancourt: Ja, ich habe mit den Soldaten SPIEGEL: So begann Ihr neues Leben? Die Entführer wollten, dass es keine So-
gesprochen. Es hatte Todesfälle bei den Betancourt: Ja, und ich begriff, dass mein lidarität zwischen uns gab, sie wollten
Farc gegeben, einen Machtwechsel, die Sohn recht hatte – und dass ich kein eige- keine starke Gruppe, sondern verzweifel-
Soldaten hatten die Kommunikation ge- nes Leben mehr hatte. Keine Wohnung, te Einzelne, die sich gegenseitig hass-
knackt und unseren Entführern gesagt, keinen Mann, keine Kinder, keinen Beruf. ten – also intrigierten sie, erzählten den
die Geiseln müssten zur neuen Komman- SPIEGEL: Haben Sie es wiedergefunden, anderen Schlechtes über mich und mir
dozentrale gebracht werden. Es war ein das eigene Leben? Schlechtes über die anderen. Es war
mutiger Einsatz. Ein Offizier erzählte mir Betancourt: Einiges davon. Ich habe immer furchtbar: Ich hatte immer nur Angst, und
später, dass er am Abend vorher in der noch keine eigene Wohnung. Ich will erst die anderen kritisierten mich ständig, ich
Bibel las, von Petrus, der von einem En- einmal bei meinem Sohn in Paris und bei konnte das nicht verstehen, weil mir mei-
gel aus der Gefangenschaft geführt wird meiner Tochter in New York sein, darum ne Sonderrolle damals nicht bewusst war.
mit den Worten: „Folge mir.“ Er hat den teile ich meine Zeit zwischen diesen Städ- SPIEGEL: Sie waren der Star im Lager.
anderen aus der Einheit von dem Traum ten auf und wohne bei ihnen. Den richti- Betancourt: Ich dachte, es sei wichtig, dass
erzählt, und sie haben das dann als Zei- gen Ort für mich muss ich erst noch fin- die Welt wusste, dass wir lebten. Dass
chen genommen und tatsächlich darauf- den, manchmal will ich ans Meer, manch- wir in den Medien waren.
hin entschieden, am nächsten Tag zuzu- mal möchte ich Pferde um mich haben. SPIEGEL: Doch die anderen Entführten …
schlagen. Erst im Hubschrauber, als sie SPIEGEL: Was hat Sie dazu gebracht, ein Betancourt: … fühlten sich ein zweites Mal
die Entführer überwältigten, haben wir Buch* zu schreiben? ihrer Existenz beraubt. In der Öffentlich-
verstanden, dass wir frei waren. Betancourt: Ich hatte das Gefühl, dass ich keit gab es nur mich, das verletzte sie.
SPIEGEL: Lässt sich eine Lebenslücke von etwas schuldig war, all jenen, die mich Ich habe das damals nicht begriffen. Wir
sechs Jahren irgendwann schließen? unterstützt hatten, und der Öffentlichkeit. haben sehr verschieden auf die Situation
Betancourt: Nein, als ich zurückkam, hatte Ich fand, es musste erzählt werden. Und reagiert, mein Verhalten verärgerte die
ich so viel verpasst: den Irak-Krieg, Wah- anderen. Für mich war es wichtig, meine
len, Filme, Bücher, Musik. Und dann hat- * Ingrid Betancourt: „Kein Schweigen, das nicht endet“. Würde zu bewahren. Sie sahen darin nur
te ich auf einmal kurz nach meiner Be- Droemer Verlag, München; 736 Seiten; 22,99 Euro. ein zusätzliches Problem.
D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 63
Gesellschaft

SPIEGEL: Haben Sie sich nach Ihrer Befrei-


ung noch einmal gesehen?
Betancourt: Ja, sie kam zu mir, wir haben
uns umarmt, und sie hat mir ihren Sohn
Emmanuel gezeigt, das war sehr bewe-
gend. Dann folgte eine eher unschöne Zeit,
in der sie viele Dinge über mich sagte.
SPIEGEL: Ebenso wie Ihre Beziehung zu
Clara Rojas wurde auch Ihre Ehe in der
Öffentlichkeit diskutiert.
Betancourt: Ich war gefangen, und das Ein-
zige, was ich hatte, war ein kleines Radio.
Ich hörte täglich meine Mutter und zwei-
mal pro Woche meine Kinder, und weil
ein Brief von mir herausgeschmuggelt wor-
den war, wussten alle, dass ich sie hören
konnte. Nur meinen Ehemann hörte ich
kaum, jedenfalls nicht, bis er ein Interview
gab, nach zwei Jahren, als er sein erstes
Buch schrieb. Da sagte er, dass er sein Le-

ZOE SELSKY / DAPD


ben zurückhaben wolle, und mir war klar,
was das hieß. Ich erwartete ja nicht, dass
er jahrelang wie ein Mönch lebte, aber
dann sprach er von seiner Freundin und
Farc-Rebellen bei einer Übung 2001: „Diese Rohheit, diese Gemeinheiten“ sagte: Ich hatte keine Kinder mit Ingrid,
sie war immer zu beschäftigt. Aber wenn
SPIEGEL: Rührt aus dieser Konstellation sen wir, nicht mehr miteinander zu re- ich die Frau meines Lebens treffe, möchte
die Schlammschlacht danach? Sie wurden den, um Eskalationen zu vermeiden. Wir ich welche haben. Es war gemein, ich hock-
gern als Zicke beschrieben. wandten uns gegeneinander, weil wir un- te dort und fühlte mich auch noch ersetzt.
Betancourt: Selbstverständlich. Und hinzu sere Entführer nicht schlagen konnten für SPIEGEL: War das der Grund für die Tren-
kam die Strategie der Farc, Zwietracht zu all ihre Rohheit, all die Gemeinheiten, nung?
säen, Konflikte zwischen uns zu schaffen. das Vulgäre und all das andere. Betancourt: Als ich nach meiner Befreiung
Und bei den Veröffentlichungen danach SPIEGEL: Über sexuelle Belästigung woll- aus dem Flugzeug stieg, war eines der
gab es viel Sensationalismus. Ich wurde ten Sie bisher nie sprechen. ersten Dinge, die er mich fragte, ob er in
zu einer Art Monster. Dabei habe ich mich Betancourt: Ja, und das ist noch immer so. meiner Wohnung wohnen bleiben könne.
mit vielen Mitgefangenen gut verstanden. SPIEGEL: Clara Rojas wollte unbedingt ein Da wusste ich, dass ich ein Problem hatte.
Wir treffen uns heute noch, wir tauschen Kind bekommen, selbst im Dschungel. Ich bin dann zu meiner Mutter gegangen.
uns aus, wir werden ewig verbunden blei- Betancourt: Ja, sie hat das mit unseren Ent- Das Erste, was ich tat, war: lange du-
ben. Ich habe mit ihnen mehr Zeit als mit führern besprochen und einen entspre- schen. In einem Bett konnte ich in dieser
allen anderen Menschen verbracht. Wir chenden Antrag gestellt. Bei den Farc ersten Nacht nicht schlafen, es war zu
haben einander nicht ausgesucht, aber wir musste man immer Anträge stellen. Einer weich, also habe ich mich auf den Boden
wissen alles voneinander. Sie sind meine unserer Geiselnehmer hat mir als Erster gelegt.
neue Familie. davon erzählt. Später kam Clara dann zu SPIEGEL: Frau Betancourt, haben Sie noch
SPIEGEL: Mit Ihrer Wahlkampfhelferin Cla- mir, ich lag gerade zwischen den Stock- Alpträume?
ra Rojas aber sprechen Sie nicht mehr? betten in unserer Hütte und machte Gym- Betancourt: Ja, ständig. William, einer mei-
Betancourt: Leider. Wir waren in zwei nastik, sie schob ihr T-Shirt hoch und zeig- ner Mitgefangenen, sagte mir neulich,
ganz und gar unterschiedlichen Lebens- te mir ihren Bauch. Ich sagte ihr, es werde dass er noch immer diese Stressmomente
situationen und Verfassungen: Ich war im schmerzhaft werden unter diesen Um- habe, die wir alle hatten, wenn wir flie-
Fluchtmodus, Clara war im Anpassungs- ständen, aber auch, dass jedes Kind ein hen und hektisch das Lager wechseln
modus. Ich wollte zu meinen Kindern, sie Segen sei. Und als ihr Sohn zur Welt kam, mussten. Aber ihn ereilt die Panik, wenn
wollte überleben und nichts riskieren. war ich sehr gerührt von diesem kleinen er am Flughafen ist oder durch eine Stadt
SPIEGEL: Zwei entführte Frauen in einem Baby im Dschungel. geht. Ich kenne das gut.
von Männern dominierten Lager: Warum SPIEGEL: Ist das bis heute so?
haben Sie es nicht geschafft, Verbündete Betancourt: Ja, auch hier in New
zu bleiben? York drehe ich mich ständig um.
Betancourt: Stellen Sie sich größtmögliche Das Schlimmste sind Hubschrau-
Enge vor. Stellen Sie sich einen Mittel- ber. Wenn ich einen Hubschrau-
platz im Flugzeug vor und einen entsetz- ber höre, werde ich panisch, dann
lich dicken Mann, der sich neben Sie setzt, schwitze ich, muss ein Badezim-
für sechs Jahre. Wir hatten zusammen mer finden, dann werde ich krank.
eine Fläche von der Größe eines Bettes. SPIEGEL: Mit einem Hubschrauber
Wir hockten nebeneinander und berühr- wurden Sie gerettet?
ten uns; wenn Clara sich umdrehte, hatte Betancourt: Ja, aber in den sechs
ich ihre Füße im Gesicht. Keine Privat- Jahren zuvor kreisten Dutzende
ANNA SCHORI

sphäre, nichts. Menschen brauchen Raum, Hubschrauber über uns, und je-
sonst gehen sie ein. Irgendwann beschlos- des Mal dachten wir, gleich wür-
den wir sterben.
* Mit den Redakteuren Klaus Brinkbäumer und Britta Betancourt beim SPIEGEL-Gespräch* SPIEGEL: Frau Betancourt, wir dan-
Sandberg in New York. „Ich suche noch den richtigen Ort für mich“ ken Ihnen für dieses Gespräch.
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Gesellschaft

JUSTIZ

Die Rückkehr des Bösen


Im Gefängnis einer Kleinstadt in Westfalen leben 60 Sicherungsverwahrte: Mörder, Vergewaltiger,
notorische Räuber, vor denen die Allgemeinheit geschützt werden soll. Fünf kamen schon in
Freiheit. Nun wächst die Angst, dass weitere folgen. Von Udo Ludwig und Christoph Scheuermann

M
ichael Skirl läuft über den langen se. Skirls Haftanstalt liegt in einem Skirl bald noch mehr Männern aus der
Flur von Haus II, vorbei an Wohngebiet am nördlichen Rand der Sicherungsverwahrung die Tore öffnen
schweren Eisentüren. Manchmal Stadt, aus der Luft sieht das Gebäude aus muss. Die Werler haben davor Angst, wie
steht eine der Türen offen, und er sieht wie ein großes X, 900 Häftlinge und 60 viele Menschen im ganzen Land.
einen Mann, der in seiner Zelle vor dem Sicherungsverwahrte leben darin. Es ist Der frühere Sextäter Günter L., der
Fernseher sitzt. Skirl ist der Leiter der nicht unwahrscheinlich, dass Michael nun in der Stadt wohnt, wurde in eine
Haftanstalt von Werl, 30 Kilometer öst- fremde Welt geschleudert wie die übrigen
lich von Dortmund. Er ist verantwortlich 19, die in den vergangenen Wochen in
für Mörder, Geiselnehmer, Vergewaltiger, Deutschland entlassen werden mussten.
notorische Räuber und Betrüger. Rund hundert weitere ehemalige Straftä-
In Haus II sind die Sicherungsverwahr- ter warten unmittelbar darauf, und wie
ten untergebracht, also Männer, die ihre es aussieht, haben sie große Chancen auf
Strafe längst verbüßt haben. In Freiheit die Freiheit, auch wenn das Justizminis-
sind sie trotzdem nicht, weil man die Ge- terium in Berlin in großer Eile das Straf-
sellschaft vor ihnen schützen will. Aller- gesetzbuch ändern will.
dings sind fünf Zellen in Skirls Knast vor Die Gesetze für Mehrfachtäter sind in
kurzem frei geworden. den vergangenen Jahren immer wieder
Skirl musste den fünf Männern die Knast- verschärft worden, obwohl die Zahl etwa
tore gegen seinen Willen aufschließen, zu- der Sexualstraftaten rückläufig ist. Vor
letzt drei ehemaligen Sexualstraftätern in knapp zehn Jahren erlaubte die rot-grüne
der vergangenen Woche. Einer von ihnen Regierung den Gerichten, auch später
wohnt jetzt nicht weit entfernt, er heißt während der Haft eine Sicherungsver-
Günter L. und wird von Polizisten bewacht, wahrung anzuordnen. Zuvor hatte ein
rund um die Uhr. Er hat sich wenige hun- Maskenmörder im bayerischen Fasching
dert Meter vom Knast ein Zimmer gesucht. ein zwölfjähriges Mädchen umgebracht.
Werl ist ein Städtchen mit 32 000 Ein-
wohnern, einer Wallfahrtsbasilika und ei- Gefängnisdirektor Skirl
nem der größten deutschen Gefängnis- Auch gefährliche Männer entlassen
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Garten für Verwahrte im Werler Gefängnis ner von Haus II nennen ihren Zellentrakt
Nicht auf die Freiheit vorbereitet „das Haus am See“, fast wie im Urlaub.
Skirl hat die Sorge, dass viele Männer,
bangten, nachdem ein früherer Triebtäter nachdem sie freigekommen sind, in der
in die Nachbarschaft gezogen war. Stadt bleiben, genau wie Günter L. Der
Werl ist dieser Hysterie bislang entgan- Knast ist über hundert Jahre alt und mit
gen, doch die Ruhe ist alles andere als sta- Werl verwachsen wie das Efeu mit der
bil. Denn viele Fragen sind nicht beant- Außenmauer. Es gab wenig Schwierigkei-
wortet, die den Leiter der Haftanstalt ge- ten. Skirl will, dass es so bleibt. Er weiß,
nauso umtreiben wie den Bürgermeister, dass Werl nur eine begrenzte Zahl von
eine Psychiaterin, die Bundesjustizminis- Männern aus Haus II aufnehmen kann,
terin und etliche der noch Eingesperrten. bevor die Menschen unruhig werden.
Wie viele gefährliche Männer hält ein Die Sicherungsverwahrung ähnelt ei-
Land aus? Wie stellt man fest, wer noch ner riesigen Maschine, die von den Juris-
gefährlich ist und wer nicht? Darf der ten in den vergangenen Jahren ständig
Staat Menschen für unbestimmte Zeit auseinandergenommen, ausgebaut, er-
wegsperren, nur weil er das Risiko ver- weitert und auf verwirrende Art wieder
meiden will, sie könnten rückfällig wer- zusammengesetzt wurde. Skirl hat dafür
den, irgendwann, irgendwie? zu sorgen, dass diese Maschine möglichst
geräuscharm läuft. Er musste mehr Ver-
Michael Skirl wahrte aufnehmen, weil die Gesetze
strenger wurden. Er muss Männer ent-
Der Chef im Schwerverbrecher- lassen, auch wenn sie gefährlich sind. Er
Knast muss sie auf die Entlassung vorbereiten,
Skirl ist ein gemütlicher Mann mit knittri- damit sie draußen keinen Ärger machen.
gem Jackett, er ist 53 Jahre alt und leitet Anfang der Neunziger dachte man
das Werler Gefängnis seit zwölf Jahren. noch, dass die 60 Zellen in Werl für alle
Ein Drittel seiner Häftlinge hat Sexual- Verwahrten aus Nordrhein-Westfalen,
straftaten begangen, ein weiteres Drittel dem Saarland und Rheinland-Pfalz rei-
sitzt wegen Gewalttaten oder Organisier- chen würden. Als die Bundesregierung
ter Kriminalität. Die meisten bleiben viele 1998 beschloss, die Sicherungsverwahrten
FOTOS: ROLAND GEISHEIMER / ATTENZIONE

Jahre in Werl. Skirl nennt sie „Langstrafi- im Extremfall bis an ihr Lebensende ein-
ge mit ungünstiger Prognose“. Sein Pro- zusperren, sah Skirl, wie Haus II immer
blem ist, dass er zu wenig Platz hat. voller wurde. Sein Anstaltskollege in Aa-
Er muss rund 900 Gefangene auf 863 chen musste helfen, Werl zu entlasten.
Haftplätze verteilen. Für die Sicherungs- Überall in Deutschland füllten sich die
verwahrten in Haus II stehen ihm 60 Zel- Zellen mit den Sicherungsverwahrten.
len zur Verfügung, doch auch dort wird Inzwischen muss Skirl immer wieder
es eng, da immer mehr Männer in die Ver- Männer in einen Trakt aus der Jahrhun-
wahrung kommen. Eigentlich müsste er dertwende legen, selbst wenn die alten
froh sein, wenn einige von ihnen weg sind. Zellen dort kleiner und dunkler sind.
Die Große Koalition führte die Siche- Skirl steht im Haus II an einem Fenster Denn das ist sein nächstes Problem: Die
rungsverwahrung auch für Schwerverbre- und schaut nach draußen auf den Hof. Sicherungsverwahrten sind laut Gesetz
cher ein, die nach dem Jugendstrafrecht Ein Stück Rasen ist von dem grauen Ge- keine Strafgefangenen mehr, weil sie ihre
verurteilt wurden. Die Verschärfung war fängnishof abgetrennt wie eine grüne In- Strafe bereits verbüßt haben. Ihnen ste-
auch eine Reaktion auf die Tat eines 28- sel. Es gibt dort Sitzbänke, einen Teich hen bessere Bedingungen zu. Skirl muss
Jährigen, der in München einen neun mit Seerosen und zwei Enten. Die Män- also mehr Komfort bieten, auch wenn das
Jahre alten Jungen mit einer Plastiktüte
erstickt hatte. Der Mörder war einige Mo- 524
nate zuvor aus der Haft entlassen wor- In Sicherungsverwahrung Deliktsgruppen (2009)
den. Als Heranwachsender hatte er einen
Jungen mit 70 Messerstichen umgebracht.
Dem Europäischen Menschenrechtsge- Zahl der Straftäter insgesamt, 248 100
jeweils am 31. März 415
richtshof gingen die Verschärfungen zu Sexual- Raub,
weit. Im Dezember 2009 entschieden die straftaten Erpressung
Straßburger Richter in einem Fall, die 306
Bundesrepublik dürfe den zu Unrecht
Verwahrten nicht weiter festhalten. Es sei 80 Gewalt-
unzulässig, Strafgesetze rückwirkend zu delikte
erlassen, denn im Vollzugsalltag werde 206
nicht zwischen Strafgefangenen und Si-
cherungsverwahrten unterschieden. 33
Die öffentliche Erregung war groß, als 183 16 14
im Sommer die ersten freikamen. Man
sah, wie manche Männer von Fotografen sonstige
und Journalisten gejagt wurden, man sah gemein- Diebstahl,
überforderte Politiker, hilflose Richter und Quelle: Statistisches Bundesamt gefährliche Unter-
Staatsanwälte – und Mütter mit Pappschil- Straftaten schlagung,
dern, die um das Leben ihrer Kinder 1995 97 99 01 03 05 07 09 2010 (z. B. Brandstiftung) Betrug

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Gesellschaft

einigen Leuten, die einen viel zu laschen


Strafvollzug kritisieren, nicht passt.

Günter L.
Der frühere Sexualstraftäter
Es war ein Donnerstag Ende Juli gegen
15.35 Uhr, als Günter L. erfuhr, dass er
ab sofort ein freier Mann war. L. war
mehr als 30 Jahre seines Lebens einge-
sperrt, die letzten 27 Jahre ohne Unter-
brechung. Er hatte eine Stunde Zeit, seine
Zelle zu räumen. L. stopfte Hosen, Pullo-
ver und T-Shirts in Pappkartons und fügte
sich. Er wusste nicht, ob er lachen oder
weinen sollte. Er war frei. Aber wohin
sollte er nun gehen?
Günter L. ist der Mann, vor dem sich
Werl fürchtet, obwohl es im Moment er
selbst ist, der die größte Angst hat. Er ist
52, ein scheuer Mensch, der erstmals mit
16 wegen Diebstahls vier Wochen im Ar-
rest verbrachte. Ein Jahr später bedrohte
er ein elf Jahre altes Mädchen mit einem
Messer und zwang es zum Geschlechts-
verkehr. Er wurde zu drei Jahren Jugend-
strafe verurteilt und durfte schließlich au-
ßerhalb der Anstalt arbeiten. Während
er die Strafe verbüßte, auf dem Weg von
der Arbeit in den Knast, vergewaltigte er
eine erwachsene Frau. Später zwang er
eine weitere Frau zum Oralverkehr. Das
Landgericht Münster verurteilte ihn 1983
zu fünf Jahren Freiheitsstrafe mit an-
schließender Sicherungsverwahrung.
Werl und er belauern sich jetzt gegen-
seitig. Günter L. wird im Schichtbetrieb
tagsüber von drei und nachts von zwei
Polizisten bewacht, sie haben sich neben
L.s Zimmer in der Küche Feldbetten auf-
gestellt. Mit einigen Beamten, die er re-
gelmäßig sieht, ist er inzwischen gut be-
kannt. Sie geben ihm Sicherheit, weil nie-
mand sonst da ist. Mit seiner Familie hat
er seit Jahren keinen Kontakt mehr, die
Polizisten sind seine Helfer und Berater
in einer Welt geworden, in der er sich
nicht mehr zurechtfindet. „Bei ihm
kommt eine gewaltige Portion Lebens-
angst dazu“, sagt der Soester Kripo-Chef.
Ein Mitgefangener hat ihm nach der
Entlassung ein Zimmer vermittelt. Günter
L. lebt jetzt in Werl in einem privaten
Wohnheim für mittellose Menschen. Die
neuen Mitbewohner sind skeptisch. Sie
fragen sich, wie gefährlich er noch ist, sie
taxieren ihn und wollen nicht, dass noch
mehr Männer von seiner Sorte kommen.
L. versucht möglichst wenig Schwie-
rigkeiten zu machen. Morgens kauft er
eine Zeitung, um zu sehen, ob Artikel
über ihn erschienen sind. Meistens sitzt
er aber in seinem Zimmer, raucht Ziga-
retten, schaut Fernsehen oder spielt Au-
torennen auf der Playstation.
Als er 1988 seine Strafe verbüßt hatte,
kam er als Sicherungsverwahrter in die
forensische Psychiatrie nach Eickelborn,
30 Kilometer von Werl entfernt. Er hat
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Gesellschaft

dort eine Therapie begonnen, seinem An- tiger sollten KEIN Menschenrecht ha-
walt erzählte er, er habe sich damals ben“. Jetzt hat auch Werl einen ehema-
durch gutes Betragen sogar Freigänge bis ligen Sextäter, wie die anderen. Gross-
zu vier Stunden erarbeitet. Er wollte eine mann nennt den Freigelassenen Günter
Lehre als Schriftsetzer anfangen, doch als L. „unseren Fall“.
ein anderer Patient der Klinik bei einem Als Bürgermeister sitzt er im Beirat des
Ausgang ein Mädchen missbrauchte und Gefängnisses und ist dort auch zur Ad-
erstach, wurde ihm, wie allen anderen ventsfeier eingeladen. Grossmann will
Patienten, der Freigang untersagt. Das vor allem Ruhe in seiner Stadt, möglichst
beschäftigt ihn bis heute. Warum hatte ohne Konflikte. Andererseits kann er die
er unter der Tat eines anderen zu leiden? Angst verstehen. Ist Günter L. noch ge-
Später wurde er in die Werler Haftan- fährlich? Weiß ja keiner so genau, „wie
stalt verlegt. Nach fast zehn Jahren in der der überhaupt tickt“.
Verwahrung kippte die Bundesregierung Bis jetzt hatte Grossmann Erfolg mit
die Höchstfrist von zehn Jahren. L. blieb seiner Strategie der Deeskalation, viel-
eingesperrt. Seine Anträge auf Entlassung leicht war es aber auch nur Glück, dass
wurden abgelehnt, und auch die psycho- sich die Angst der Werler nicht entladen
logischen Gutachten fielen negativ aus. hat. Der Chef der Werler Lokalzeitung
Er habe eine schwer gestörte Persönlich- sagt, er wisse, wo Günter L. wohne, „ge-
keit und verfüge über eine geringe Im- schrieben haben wir es aber nicht“. Als
pulskontrolle, schrieb eine Ärztin aus der in den Leserkommentaren auf der Home-
Psychiatrie. Dem Europäischen Men- page seiner Zeitung Worte wie „Mons-
schenrechtsgerichtshof verdankt er die ter“ auftauchten und Vorschläge für eine
Freiheit, an die er selbst nicht mehr glaub- Demo gegen L. diskutiert wurden, schal-
te. Sein Anwalt fordert
nun von der Bundesregie-
rung mehr als 100 000 Euro
Schadensersatz für die
zwölf Jahre, die L. zu lang
im Gefängnis saß.
Michael Skirl, der
Knastchef, hätte Günter L.
lieber drinbehalten, doch ROLAND GEISHEIMER / ATTENZIONE
so muss Günter L. jetzt
feststellen, dass sich die
Stadt, in der er lebt, über
seine Freiheit wenig freut.
In den ersten 30 Tagen
nach seiner Entlassung
musste er sich jeden Mor-
gen auf der Werler Polizei- Bürgermeister Grossmann: „Niemand weiß, wie der tickt“
wache melden. Er darf kei-
nen Alkohol trinken. Er lebt in einem tete der Zeitungschef die Kommentar-
Haus, in dem er genau beobachtet wird, funktion ab. Grossmann fand das gut.
in einer Stadt, die sich vor ihm fürchtet. Er hat auch die Vermieter von L. ge-
troffen, das christliche Ehepaar, das in
Michael Grossmann der ehrenamtlichen Gefangenenhilfe tätig
ist. Vor Jahren hat es ein großes Haus in
Der Bürgermeister der Stadt, die Werl gekauft, gar nicht weit vom Rat-
mit den Verbrechern lebt haus. Das Ehepaar veranstaltet dort Ein-
Grossmann ist schwarz gekleidet, Kurz- kehrtage, an denen auch Jugendliche teil-
armhemd, Krawatte, Jeans, er ist 61 Jahre nehmen. In dem Haus wohnt eine Familie
alt und noch gut in Form. Früher war er mit Kindern. Das Christenpaar glaubt an
Offizier bei der Bundeswehr, seit elf Jah- das Gute im Menschen, an das Erbarmen
ren ist er Bürgermeister in Werl. Er muss Gottes, es schaut nicht zurück, auch nicht
die Angst der Bürger vor den Verbre- in die Vergangenheit von Günter L.
chern aus Skirls Gefängnis dämpfen, und Grossmann hat mit den Polizisten ge-
er organisiert diese Aufgabe wie ein Sol- sprochen, die L. überwachen, und die
dat. Er sagt: „Einen Tag nachdem aus Polizisten wiederum klingelten bei den
dem Knast der Anruf kam, hatte ich alle Nachbarn. „Wir haben den Leuten gesagt,
hier an meinem Tisch: die Polizei, den dass es in Nordrhein-Westfalen wahr-
Gewaltopferverein. Die Presse auch.“ scheinlich keinen Ort gibt, der sicherer
Grossmann weiß, was ein Mensch aus- ist als bei ihnen“, sagt der Dienststellen-
lösen kann, der als Monster gilt. Im rhei- leiter der Werler Polizei. Grossmann hat
nischen Heinsberg, knapp zwei Stunden zudem die Mitarbeiter im Rathaus auf-
entfernt, protestieren die Bürger seit gefordert, sie sollten die Augen aufma-
Monaten gegen einen entlassenen Verge- chen und sich umhören.
waltiger. In Hamburg hielten Mütter Er will sofort reagieren, wenn die Ruhe
selbstgemalte Schilder hoch: „Vergewal- in seiner Stadt in Gefahr geraten soll-
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Gesellschaft

te. Alle Werler konnte Grossmann aller- des Zentrums für Forensische Psychiatrie Die Psychiaterin sagt, sie hoffe auf die
dings nicht beruhigen. Es gibt einen in Lippstadt-Eickelborn, eine schmale Vernunft der Menschen, in Werl und an-
Mann, der sich vorgenommen hat, noch Frau mit schwarzen Haaren, zuständig derswo. So gut sie die Angst verstehe, so
besser aufzupassen als alle anderen. Er für über 400 Patienten, darunter Verge- riskant sei die Wut, weil sich durch eine
ist kein Polizist, auch kein Angestellter waltiger, Kinderquäler, Raubmörder, die Hetzjagd der Druck auf die Männer noch
der Stadt, sondern der Vorsitzende des wie Gefangene hinter hohen Mauern und erhöhe und das Risiko damit steigere.
Vereins für Gewaltopferhilfe. Der Auf- Stacheldraht weggesperrt sind. Saimehs Als Leiterin des Zentrums für Forensik
passer heißt Albrecht Kersting, und wie Männer werden nicht von Vollzugsbeam- hat Saimeh eine Gemeinsamkeit von
es der Zufall will, wohnt er nicht weit ten bewacht, sondern von Ärzten, Psy- Schwerstverbrechern festgestellt: „So un-
von dem Haus entfernt, in dem Günter chologen und Pflegern behandelt, weil geheuer deren Gewalttätigkeit auch ist,
L. seit kurzem ein Zimmer bezogen hat. Richter sie für krank und damit für schuld- im Kern ist ihre Kriminalität Ausdruck
Kersting ist gut vernetzt in der Stadt, unfähig hielten. innerer Schwäche.“ Saimeh nennt das die
bei ihm klingelt sofort das Telefon, wenn Nahlah Saimeh kennt viele Insassen des „Entdämonisierung des Bösen“.
wieder einer aus dem Gefängnis kommt. Gefängnisses in Werl, sie schreibt auch
Er ist ein wichtiger Mann für Grossmann, Gutachten über Gefangene und sitzt im Sabine Leutheusser-
den Bürgermeister, und auch für Skirl, Gefängnis-Beirat. Dass jetzt im ganzen
den Knastchef, weil er die Kontrolle hat Land Sicherungsverwahrte freikommen, Schnarrenberger
über den Zorn. Kersting fühlt sich als Op- hält sie für „skandalös“, weil diese Männer, Justizministerin in Berlin
ferhelfer dafür verantwortlich, die Bewa- die jahrzehntelang weggesperrt werden, Eigentlich könnte es für Sabine Leutheus-
chung L.s zu kontrollieren. Er kontrolliert nicht auf die Freiheit vorbereitet wurden. ser-Schnarrenberger ganz einfach sein.
Vor zwei Wochen hat sie im Bundeskabi-
nett Eckpunkte durchgebracht, mit denen
sie die Sicherungsverwahrung in Deutsch-
land grundsätzlich und ganz neu regeln
will. Die Ministerin der FDP hat nicht
nur kritische Experten aus Wissenschaft
und Justiz auf ihre Seite gezogen. Sie hat
auch ihre ärgsten Gegner in dieser Frage,
die Sicherheitspolitiker aus CDU und
CSU, auf Linie gebracht.
Zustimmung hat ihr das nicht verschafft,
jedenfalls nicht in den Zeitungskommen-
taren. Im Moment fragt niemand, mit wel-
chen Mitteln die Ministerin gefährliche
Straftäter in Schach halten will, die inter-
essanteste Frage lautet, wie es mit den
Triebtätern weitergeht, die im Gefängnis
sitzen; was mit Günter L. aus Werl und
ROLAND GEISHEIMER / ATTENZIONE

den anderen Entlassenen passiert; was mit


den rund hundert Schwerstverbrechern
geschieht, die womöglich bald entlassen
werden müssen; und wie mit jenen zu-
sätzlichen rund 40 Mördern, Räubern und
notorischen Betrügern umzugehen ist, die
aus der Sicherungsverwahrung in die Frei-
Psychiaterin Saimeh: „Kriminalität als Ausdruck innerer Schwäche“ heit drängen, weil sie aufgrund von Ge-
setzen weggeschlossen wurden, die um-
vor allem die Polizisten und prüft, ob sie Dabei seien Fachleute in der Lage, das stritten sind.
ihre Arbeit sorgfältig verrichten. Er sagt, Risikopotential eines Menschen zu be- Viele wollen Günter L. hinter Gittern
der Ausbruch des Bürgerzorns habe in urteilen. Sie vergleicht die Entwicklung sehen, auch Hans-Peter W. aus Hamburg,
Werl kurz bevorgestanden, aber er habe der forensischen Psychiatrie mit dem Reinhard M. aus Marburg, Walter H. aus
seine Mitbürger vorerst beruhigen können Fortschritt in der Autoindustrie: Die Saarbrücken. Für diese Männer hat die
mit dem Hinweis, dass die Politiker in Psychiatrie sei lange Zeit wie ein Klein- Ministerin keine Lösung, vielleicht auch
Berlin schuld seien. Und so gab es keine wagen aus den Siebzigern gewesen, heu- deshalb, weil es keine gibt.
Mahnwachen und keine Protestmärsche. te habe sie die Qualität der gehobenen Sie sagt, sie müsse „erst einmal einen
Kersting tritt aus seiner Tür ins Freie. Mittelklasse. Scherbenhaufen zusammenklauben“, den
Im Fenster eines Hauses brennt Licht. Es Saimeh sagt, dass es natürlich Rück- ihr andere hinterlassen hätten. Ob Union,
muss L.s Zimmer sein. „Ich weiß, wie er schläge gebe. Das Verhalten eines Men- SPD oder Grüne, alle Parteien, die in den
aussieht, ich weiß, wie er heißt“, sagt er. schen lasse sich niemals exakt berechnen, letzten zwölf Jahren an der Regierung
Er schlendert um das Haus herum, quert und Risikoanalysen würden nur für kurze beteiligt waren, hätten die Gesetze zur
einen Parkplatz, passiert ein Hoftor. Alles Zeit gelten. Sie hat einen Serien-Verge- Sicherungsverwahrung verschärft. Sieben
ruhig. Er macht die Runde jeden Abend. waltiger erlebt, einen netten Mann, der Verschärfungen habe es seit 1998 gege-
über 160-mal in Begleitung Ausgang hat- ben. Und dann kam im Dezember 2009
Nahlah Saimeh te. Dann fiel er in der Klinik über eine der Gerichtshof für Menschenrechte und
Krankenschwester her. verkündete, das Maß der Rechtsstaatlich-
Die Therapeutin kranker Straftäter Doch um wie vieles unverantwortlicher keit sei längst überschritten.
Wer wissen will, wie gefährlich Männer ist es nun, einige Männer überstürzt in Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
wie L. wirklich sind, muss Nahlah Saimeh die Freiheit zu entlassen? Ohne vorher kann allerdings nicht erklären, weshalb
fragen. Sie ist die Ärztliche Direktorin mit Fachleuten gesprochen zu haben? es ihr und den Landesjustizministern seit
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Gesellschaft

Dezember nicht gelungen ist, die Ver- rung. Siggi ist der ewige Gefangene. Auf überfordert. Jetzt muss er drinbleiben,
wahrten auf ihre Entlassung vorzuberei- ihn hat das Urteil des Menschenrechts- weil er neulich abgehauen ist.
ten. Alle hofften, es möge eine Lösung gerichtshofs keine Auswirkung, weil er Er lebt nicht ungern im „Haus am See“.
geben. Eine Hintertür. Gab es aber nicht. noch nicht lange genug in der Verwah- Man darf dort als Verwahrter zwischen
Niemand hatte einen Plan B für den rung sitzt. Er ist ein Beispiel dafür, welche der Wandfarbe Weiß oder blauen, gelben
Fall, dass die Männer aus dem Gefängnis seltsame Logik der Sicherungsverwah- und grünen Pastelltönen wählen. Die
kommen; kein Knastchef, kein Psychia- rung zugrunde liegt. Zellentüren stehen tagsüber offen, die
ter, keine Justizministerin. Die Männer Siggi sitzt im Therapiezimmer in Haus Verwahrten dürfen im Aufenthaltsraum
kamen erst nach und nach frei, weil sich II des Werler Gefängnisses, ein alter Zigaretten rauchen, Zeitung lesen, im
die Richter Zeit ließen. Manche Richter Mann in blauen Schlappen und Trainings- Kraftzimmer Gewichte pumpen und am
wollen jetzt erst noch auf die Entschei- hose, weißhaarig, gichtfüßig, trübäugig, Ententeich die Zeit verstreichen lassen.
dung des Bundesgerichtshofs warten, be- schwerhörig. Vor ihm liegt ein gelber Siggi arbeitet als Küster in der Knastka-
vor sie die nächsten aus der Sicherungs- Pappordner, in dem er seine psychiatri- pelle und stellt Tische und Stühle auf,
verwahrung entlassen. schen Gutachten aufbewahrt. Seinen kri- wenn Autoren aus ihren Krimis lesen.
Die Ministerin schlägt nun vor, die be- minellen Werdegang. Er begann mit Er streicht über den ausgebleichten
reits Entlassenen mit einer elektronischen Diebstählen, dann kamen Raubüberfälle. Ordner mit den Gutachten. Psychologen
Fußfessel zu überwachen. Sie hilft, Täter 1993 betrat er mit einer Gaspistole einen mochte er noch nie, aber vor drei Jahren
zu entdecken, sie hilft auch, wenn man Juwelierladen und später eine Bank. Er begann er sich dann doch zu öffnen. Er
nicht dauernd Polizisten einsetzen will, sagt, er habe gern in Hotels übernachtet. sah sein Leben schwinden. Die Koopera-
um die Männer zu bewachen. Sie hilft Das Geld war bei ihm schnell weg. tion war die letzte Chance. Die Psycho-
aber nicht gegen Straftaten.
Die Justizministerin will die psychisch
gestörten Gewalttäter in spezielle Häuser
stecken, die Regierung hat sich ein neues
Wort dafür ausgedacht: Sicherungsunter-
bringung. Fachleute halten das für unaus-
gegoren. Es gebe keinen Platz zwischen
der Sicherungsverwahrung und der fo-
rensischen Psychiatrie, also zwischen Mi-
chael Skirl und Nahlah Saimeh.
Als Skirl, der Werler Knastchef, und
fünf weitere Experten für eine Anhörung
vor gut zwei Wochen bei der Ministerin
waren, diskutierte die Runde fast vier
Stunden über die Zukunft der Siche-
rungsverwahrung. Die Altfälle waren
nach wenigen Minuten abgehakt, also die
Männer, die kurz vor der Entlassung ste-

ROLAND GEISHEIMER / ATTENZIONE


hen. Es sieht aus, als habe die Regierung
in Berlin vor diesen Männern kapituliert.
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
beteuert, sie arbeite „mit Hochdruck“ an
einer Lösung, aber das hat sie schon im
Februar gesagt. Das Thema sei komplex
und „ganz, ganz sensibel“. Ihr fällt aber
auch nichts ein, was Günter L. in Werl Sicherungsverwahrter Siegfried T.: Küster in der Knastkapelle
zurück ins Gefängnis bringen könnte.
Das Landgericht Arnsberg verurteilte logen gestatteten begleitete Ausgänge, er
Siegfried T. ihn wegen schwerer räuberischer Erpres- durfte nach Gelsenkirchen und in den
sung zu zwölf Jahren Gefängnis mit Zoo. Er hat eine Freundin gefunden und
Der ewige Gefangene anschließender Sicherungsverwahrung. will jetzt zu ihr, nach draußen.
Neulich hat Siggi einen Fehler gemacht, Siegfried T. erlebte in seiner Karriere vie- Im Haus am See gibt es einige Männer,
er ist abgehauen. Er hatte Ausgang, eine le Psychologen, sie schrieben meist Gut- die noch gebrechlicher sind als Siggi.
Sozialarbeiterin und ein Polizist beglei- achten, in denen sie sich gegenseitig zi- „Furchtbar, was da morgens aus den Zel-
teten ihn. Als die Sozialarbeiterin sagte, tierten. Es brachte ihm nichts. 2004 re- len gekrochen kommt“, sagt ein ehema-
er müsse lernen, sich allein im Kaufhaus dete wieder eine Psychologin mit ihm. liger Mitgefangener. Humpelnde Männer,
zu bewegen, machte Siggi das, was er sich Siggi hatte sich in Haft vorbildlich betra- Greise, einer, der sich am Rollwägelchen
lange gewünscht hatte. gen, war Streit ausgewichen und hatte stützen muss. Im Knast gealterte Verbre-
Siegfried T., 65, für seine Mitgefange- früher einen Job in der Knastbäckerei. cher. Siggi sagt, er habe schon fünf Mit-
nen der „Siggi“, ist ein Dieb, ein Einbre- Michael Skirl schätzt Siggi, weil er ein gefangene sterben sehen.
cher, ein Räuber. Er gehört zu dem Teil kooperativer Häftling ist. Die Psycholo- Vor ein paar Wochen, als er wieder mit
der Sicherungsverwahrten, die weder gin schrieb: „Herr T. ist vollständig an- der Sozialarbeiterin durch Gelsenkirchen
eine Sexualstraftat noch einen Mord be- gepasst.“ spazierte, floh er vor der Angst, nie wie-
gangen haben. T. war seit seinem 17. Ge- Gleichzeitig sah sie aber „Hospitalis- der freizukommen. Er fuhr nach Köln.
burtstag nie länger als höchstens ein Jahr musschäden“ bei ihm, T. sei auch durch Siggi sagt, er habe endlich das Grab seiner
in Freiheit, und wenn man alle Haftstra- seine Jahre in der Zelle dem Leben kaum Eltern besuchen wollen. Am Tag darauf
fen zusammenzählt, was nicht einfach ist, gewachsen. Es könne nur schiefgehen, stellte er sich der Polizei. Er wirkte unsi-
kommt man auf 37 Jahre hinter Gittern, wenn man ihn entlasse. Siggi blieb drin, cher. Sie fuhren ihn dann dorthin zurück,
die letzten 4 Jahre in Sicherungsverwah- weil man fürchtete, er wäre draußen wo er sich am besten auskennt. 
D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 85
Trends Wirtschaft
BASEL I I I Bankenmetropole Frankfurt am Main

Banken brauchen
50 Milliarden
D ie zehn größten Kreditinstitute Deutschlands brauchen
wegen neuer Eigenkapitalvorschriften („Basel III“) bis
2019 rund 50 Milliarden Euro. Das geht aus einer vertraulichen
Expertise der Bundesbank hervor. Die Fachleute haben un-
tersucht, wie sich die neuen Auflagen auf Banken mit einem
Kernkapital von mehr als drei Milliarden Euro auswirken.
Dazu zählen neben der Deutschen Bank und der Commerz-
bank auch Landesbanken wie die WestLB, die LBBW oder
die BayernLB. Auf Basis historischer Daten kommen die
Bundesbankexperten zu dem Schluss, dass die Institute bis
Ende 2019 etwas mehr als 40 Milliarden Euro durch einbehal-
tene Gewinne und Kapitalaufnahme von außen aufbringen
können. Für den Rest müssten sie neue Geldquellen erschlie-
ßen, was vor allem die wenig profitablen Landesbanken vor
HANS F. DANIEL / DARCHINGER.COM
Probleme stellt. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble
(CDU) will die prekäre Lage der Landesbanken nun nutzen,
um deren Sanierung voranzutreiben. In getrennten Schreiben
an Landesregierungen und Sparkassenverbände mahnt er
an, bereits getroffene Zusagen einzuhalten. Ende September
will sich Schäuble zudem mit den Eigentümergruppen der
Landesbanken treffen, um den Druck zu erhöhen.

LUFTHANSA SIEMENS

Jumbo auf Extratouren IT-Tochter bricht ein


D ie Lufthansa reagiert unkonventionell auf den unerwarteten Anstieg der
Passagiernachfrage auf einigen innerdeutschen Strecken. Zwischen Frankfurt
und den drei Großstädten Hamburg, Berlin und München sind neuerdings erst-
B ei der Siemens-Tochter SIS ist vor-
erst keine Besserung in Sicht. Das
geht aus einer Betriebsvereinbarung
mals Boeing-Jumbos vom Typ 747 im regulären Dienst. Die Riesenjets mit bis zu zum Personalabbau von 2000 Jobs in
380 Sitzplätzen sind im Betrieb zwar deutlich teurer als Kurzstreckenmodelle. Deutschland hervor. Demnach haben
Deshalb operieren sie normalerweise nur auf Interkontinentalrouten. Doch weil es die Manager nicht geschafft, den
das Geschäft vor allem durch Messen im Herbst stark angezogen hat, nutzt die Nachfrageeinbruch zu stoppen oder
Lufthansa einen Teil ihrer Boeing-747-Flotte nun vorübergehend im Inlandsver- wenigstens deutlich zu verlangsamen.
kehr. Bis Ende dieses Monats sollen die Riesenvögel allein 40-mal zwischen Berlin Für das am 30. September ablaufende
und dem Rhein-Main-Airport verkehren. Weitere knapp zwei Dutzend Flüge sind Geschäftsjahr rechnet der Konzern
von und nach Hamburg und München geplant. nur noch mit Verkaufserlösen von
rund 4,1 Milliarden Euro. Im Vorjahr
hatte der Hightech-Ableger von Sie-
mens immerhin knapp 4,7 Milliarden
Euro umgesetzt. In dem Papier erläu-
tert die Geschäftsleitung zudem, wie
sie ihre Problemtochter sanieren will.
Die oberste Hierarchieebene soll
halbiert werden. Aus sieben Geschäfts-
feldern werden drei. Langjährigen
Mitarbeitern, die bis Ende September
ARNE DEDERT / PICTURE-ALLIANCE / DPA

freiwillig ausscheiden, bietet der


Konzern eine Abfindung von bis zu
300 000 Euro. Wer zunächst in eine
Transfergesellschaft wechselt, be-
kommt maximal 210 000 Euro. Der
Plan geht optimistisch davon aus, dass
die Siemens-Tochter ab 2012 wieder
deutlich wächst und ein Jahr später
Boeing 747 der Lufthansa branchenübliche Renditen erzielt.
D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 87
WAS DIE ENERGIE TEUER MACHT

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Solarkraft Windkraft Netze

Stromverbrauch im nächtlichen Berlin

Titel

Öko um jeden Preis


Grün und kühn: Bis zum Jahr 2050 sollen Wind und Sonne, Wasser und Biomasse
das gesamte Land mit Energie versorgen. Doch die Politik in Berlin
verschweigt bislang die Risiken des Umbaus – und vor allem die gewaltigen Kosten.

88 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
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Speicher Biomasse Effizienz

PAUL LANGROCK / AGENTUR ZENIT; PAUL LANGROCK /AGENTUR ZENIT / LAIF; JOACHIM E. RÖTTGERS / ULLSTEIN BILD; PAUL LANGROCK / AGENTUR ZENIT; MARK MÜHLHAUS / ATTENZIONE; DAPD; (V.L.N.R.); KARL KINNE PHOTODESIG/AGE/F1ONLI (U.)

D
ie Avantgarde hat sich gut getarnt: trischen Strom, 4000 Quadratmeter Pho- In der abgeschiedenen Hunsrück-Ge-
Mitten im Hunsrück, eingebettet tovoltaikmodule fangen jeden Sonnen- meinde ist gelungen, was Eibes’ Partei-
zwischen Wäldern und Hügeln, strahl ein, und eine Biogasanlage verwer- chefin Angela Merkel nun für ganz
liegt Morbach, eine 11 000-Einwohner- tet obendrein tonnenweise Pflanzenreste. Deutschland anstrebt: die grüne Energie-
Gemeinde mit Karnevalsverein, Kegel- Das System erzeugt gut dreimal so viel wende. In nur vier Jahrzehnten, so der
zentrum und einem prominenten Spross. Strom, wie die Morbacher benötigen. verwegene Plan, will die Kanzlerin die
Edgar Reitz, Regisseur des Provinzepos Der Bürgermeister hat schon Politiker Republik auf Morbach-Niveau hieven.
„Heimat“, stammt aus Morbach, das aber und Manager aus aller Welt auf der ehe- Dann sollen Sonne und Wind, Biomas-
noch weit mehr zu bieten hat. maligen Militärbasis herumgeführt. „Die se und Wasser das Land größtenteils mit
Oberhalb der Kommune erstreckt sich wollen alle sehen, wie es geht“, erzählt Energie versorgen, was bedeuten würde:
die „Energielandschaft“, wie Bürgermeis- er. Eibes fährt im schwarzen BMW-Coupé nie mehr Angst vor der arabischen Öl-
ter Gregor Eibes das Gelände nennt: Hier vor, er sei „auf keinen Fall ein Öko“, sagt waffe, keine Probleme mit den Launen
verwandeln 14 Windräder die Luftströ- er. Bei der jüngsten Kommunalwahl hat russischer Gaslieferanten, keine Furcht
mungen über dem Mittelgebirge in elek- er 42 Prozent geholt, für die CDU. vor atomaren Störfällen. Die erneuerba-
D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 89
Titel

ren Energien schützen schließlich die Um- gebung in Berlin zu erreichen. Ihr Protest gentlich wollte sie noch einiges investie-
welt und schonen das Klima, und sie ste- richtet sich gegen die Bundesregierung ren: in eine neue Heizung, bessere Fens-
hen in unendlicher Fülle zur Verfügung: und gegen die Stromkonzerne, die nun ter. Doch nun ist ihr die Lust vergangen.
auf den Feldern wie auf hoher See. noch einmal richtig Kasse machen kön- „Die machen mir meinen Traum kaputt“,
Es ist der ebenso kühne wie grüne nen. Allerdings wissen auch die Manager: schimpft sie über das Vorhaben des Netz-
Traum einer kohlenstoffarmen Zukunft, Es ist ein Aufschub, mehr nicht. betreibers Transpower.
wie die Bundesregierung sie in ihrem Die Zeit läuft gegen sie – und gegen Das Unternehmen will von Ganderke-
Energiekonzept entworfen hat. Der An- ein Energiesystem, das seit zwei Jahrhun- see nach St. Hülfe eine neue Höchstspan-
teil regenerativen Stroms würde von heu- derten fast ausschließlich auf fossilen nungstrasse errichten. Es soll eine der
te 16 Prozent bis 2050 kontinuierlich auf Brennstoffen basiert, auf Kohle, Öl und „Hauptschlagadern im europäischen Ver-
80 Prozent steigen, lautet das ambitio- Gas. Die Dampfmaschine, die Glühbirne, bundnetz“ werden, so der zuständige Ma-
nierte Ziel in dem 39-seitigen Papier. Zu- das Automobil haben Leben und Lebens- nager Axel Schomberg. 160 Millionen
letzt freilich kreiste die Diskussion nur stil von Milliarden Menschen zwar von Euro kostet allein die 60-Kilometer-Lei-
um einen kleinen Passus auf Seite 16. Grund auf verändert und verbessert. tung, die an Dierings Haus vorbeiführt.
Dort steht, dass die Laufzeiten der Doch die Kollateralschäden sind hoch. Bald soll ganz Europa von solchen
Atomkraftwerke um durchschnittlich Das Eis an den Polkappen schmilzt, der Strom-Autobahnen durchzogen sein. Sie
zwölf Jahre verlängert werden. Die Kanz- Anteil schädlicher Treibhausgase in der sind nötig, um die wachsenden Mengen
lerin verteidigt den Deal, ihr eigener Um- Luft steigt, weil die Menschen in jedem an Windenergie aus dem Norden und Son-
weltminister Norbert Röttgen geht auf Jahr so viele Energievorräte verbrennen, nenstrom aus dem Süden zu den Verbrau-
chern zu transportieren. Rund 40 Milliar-
den Euro werden die Netzbetreiber in den
Hochgestecktes Ziel Erneuerbare Energien kommenden zehn Jahren nach Branchen-
Stromerzeugung und Primärenergieverbrauch in Fossile Energieträger schätzung allein in Deutschland investie-
Deutschland, 2009 und Energieszenario für 2050*, ren müssen: für Hochspannungsleitungen,
in Prozent Kernenergie
*12 Jahre Laufzeitverlängerung Umspannwerke, Transformatoren.
Stromerzeugung Primärenergieverbrauch Die Runderneuerung der Infrastruktur
2009 2050 2009 2050 ist nur ein Beispiel dafür, welche immen-
Erneuerbare Erneuerbare sen Kosten die Öko-Revolution noch ver-
Energien 16 81 Energien 9 50 ursachen wird: für Netze und Energie-
darunter: speicher, für Solaranlagen und Windräder,
Braunkohle 11 Windkraft 9 für die Gewinnung von Biomasse und für
Effizienzverbesserungen in Häusern und
Wohnungen. Noch macht sich kaum je-
Steinkohle 11 Biomasse 31 mand eine Vorstellung von der Dimen-
Braunkohle 25
sion der Aufgabe, die zu bewältigen ist.
„Im Moment sehen die Kunden noch
darunter: nicht, welche Welle auf sie zuläuft“, mein-
Windkraft 48 Erdgas 22 Sonstige 10 te der E.on-Energie-Vorstand Hartmut
erneuerbare Geldmacher kürzlich auf einem Kongress,
Steinkohle 18
12 Braun- und wo er sagte: „Wir werden höhere Strom-
Biomasse
Steinkohle 7
preise bekommen.“
Davon ist auch der Ökonom Manuel
Erdgas 13 Fotovoltaik 11 Erdgas 16 Frondel vom Rheinisch-Westfälischen In-
stitut für Wirtschaftsforschung (RWI)
Sonstige 10 Mineralöl 35 überzeugt. „Es wird so teuer, dass es ei-
erneuerbare nen heftigen gesellschaftlichen Diskurs
Kernenergie 23 Braun- und Mineralöl 20 über die Strompreise geben wird.“ Mach-
Quelle:
BDEW,
Steinkohle 9 Quellen:
AGEB,
bar ist sie, die Energiewende, das räumen
EWI, Kernenergie 11 EWI, sogar die größten Skeptiker ein. Was aber
Prognos, Prognos, Stromimport 5 kostet der grüne Traum?
Sonstige 5 gws Sonstige 10 Sonstige 1 gws Sonstige 2 Um diese Frage hat sich die Politik bis-
lang herumgedrückt, nur wenige weisen
Distanz (siehe Seite 32), die Opposition wie in Millionen Jahren entstanden sind, auf die Kosten hin. Doch allmählich
tobt über die Lobby-Politik. die Ressourcen werden knapper. Die Öko- wächst der Widerstand. Michael Fuchs,
Die Regelung kommt den Versorger- Energien bieten die einzige Chance, die wirtschaftspolitischer Sprecher der Uni-
riesen zweifellos zupass. RWE, E.on, Welt in eine saubere Zukunft zu führen. onsfraktion, fürchtet, dass die Stromprei-
EnBW und Vattenfall, die gemeinsam Deshalb verkündet auch die Kanzlerin se vor allem für Familien und den Mittel-
noch immer 80 Prozent des deutschen jetzt allerorten, dem Standort Deutsch- stand „deutlich steigen“ werden. Fuchs
Strommarkts beherrschen, können ihre land stehe eine wahre Revolution bevor. mahnt deshalb Korrekturen am Konzept
Meiler dadurch länger als gedacht am Was Merkel verschweigt: Jede Revolu- an, „damit die Gesellschaft und die Wirt-
Netz halten – was von großen Teilen der tion hat ihren Preis. schaft nicht überfordert werden“.
Bevölkerung zutiefst missbilligt wird. Den wird zum Beispiel auch Nora Die- In der Koalition ist schon die Rede da-
Die „Atomkraft? Nein danke!“-Bewe- ring bezahlen müssen – einfach dadurch, von, das CO2-Einsparziel von 80 auf 60
gung aus den siebziger Jahren sieht die dass ihre Immobilie schon bald weniger Prozent herabzusetzen. Damit könnte
rot lachende Sonne ihres Logos nun wie- wert sein wird. Die Lehrerin steht vor ih- Thomas Bareiß, der energiepolitische
der neu aufgehen. Bereits Mitte vergan- rem hübschen Backsteinhaus im nieder- Fraktionssprecher, leben: „Unrealistische
gener Woche brachen die ersten Demon- sächsischen Eydelstedt und deutet hinter Ziele nutzen keinem“, sagt er.
stranten auf, um per Fahrrad pünktlich eine Baumreihe, wo demnächst ein 60 Vor allem Hausbesitzer fürchten sich
am Samstag die große Anti-Atom-Kund- Meter hoher Strommast stehen soll. Ei- vor den enormen Kosten. Vergangene
90 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Woche machten Immobilienwirtschaft,
Makler und Hauseigentümerverbände
mobil. Sie alle treibt die Angst, dass Wär-
medämmung und Energieeffizienz viele
Bürger finanziell überfordern könnten.
Bundesbauminister Peter Ramsauer
(CSU) taxiert die nötigen Investitionen
auf mindestens 75 Milliarden Euro – pro
Jahr. „Wenn das Energiekonzept bei den
Leuten ankommen soll, muss ich mir
doch überlegen: Was kann ich den Men-
schen zumuten?“ Ramsauer hat sich mit
Umweltminister Röttgen darauf verstän-
digt, zwar das Ziel der CO2-Neutralität
zu definieren, aber nicht den Weg dorthin
vorzugeben. „Wie die Menschen damit
umgehen, bleibt ihre Entscheidung.“
Zwangsmaßnahmen lehnt Ramsauer ab.
Langsam wird klar, welch gewaltige
Veränderungen der Umbau der deutschen
Energielandschaft anstößt: für die 200 000
Menschen, die bei den vier Großversor-
gern arbeiten, für die 850 000 Beschäftig-
ten der Land- und Forstwirtschaft, die
sich immer mehr auch als Energiewirte
verstehen, und vor allem für die Millio-
nen Verbraucher, von denen so mancher
die Stromkosten erstmals als ernsthaften
Faktor im Haushaltsbudget wahrnimmt.
Schon immer in der Menschheitsge-
schichte war Energie zwar ein knappes
und darum kostspieliges Gut, allerdings
haben die Verbraucher nie die wahren
Kosten bezahlt. In allen Rechnungen wur-
de der ökologische Preis weitgehend igno-
SEAN GALLUP / GETTY IMAGES

riert, den die Verfeuerung von Kohle, Öl


und Gas und die Spaltung von Uran ge-
kostet hat und über Jahrtausende noch
kosten wird. Diese billigen Zeiten sind
vorbei, seit sich immer dringlicher die
Frage stellt, was das System Erde über-
Anti-Atom-Protest vorm Berliner Kanzleramt: Die rot lachende Sonne geht wieder auf haupt noch verträgt und wie die Welt von
den endlichen fossilen und nuklearen
Brennstoffen loskommen kann.
Einen ersten Schritt hat die Regierung
von Gerhard Schröder (SPD) unternom-
men, als sie vor gut zehn Jahren im
Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) die
Netzbetreiber verpflichtete, regenerative
Energien vorrangig einzuspeisen. Viel-
leicht war es neben der Agenda 2010 das
bedeutsamste Paragrafenwerk der rot-grü-
nen Ära überhaupt.
Die Folgen sind bis heute spürbar und
weithin sichtbar: Mehr als 21 300 Windrä-
der drehen sich zwischen Passau und Wes-
terland, fast 13 Millionen Quadratmeter
Dächer und Felder sind mit Sonnenkol-
lektoren gepflastert. Wenn erneuerbare
Energien heute mehr als 16 Prozent des
Strombedarfs decken, dann klingt das fa-
belhaft. Doch es bedeutet zugleich: Der
CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL

größte Teil des Weges steht noch bevor.


Dieser Part wird ungleich schwerer zu be-
wältigen sein. Und mit jedem Schritt wird
es mühsamer und kostspieliger.
Die Strategen bei RWE, dem größten
deutschen Stromproduzenten, taxieren
Energiepolitikerin Merkel, RWE-Chef Großmann (M.): Jede Revolution hat ihren Preis den Investitionsbedarf für eine komplette
D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 91
Titel

Umstellung der Energieversorgung in


Europa bis 2050 in einer internen Studie
auf bis zu sagenhafte drei Billionen Euro
allein für die Stromerzeugung. Und darin
sind die nötigen Ausgaben für Netze und
Speicher noch gar nicht enthalten.
Der Strompreis würde in den kom-
menden 25 Jahren rapide steigen, im
schlimmsten Fall, wenn Deutschland kom-
plett autark und dezentral versorgt würde,
in der Erzeugung auf bis zu 23,5 Cent pro
Kilowattstunde. Zum Vergleich: Zurzeit
liegt der Preis dafür bei 6,5 Cent.
Es ist zweifellos ein Extremszenario,
selbst RWE kommt bei längeren Laufzei-
ten von Atomkraftwerken auf deutlich
niedrigere Werte. Andere Fachleute kom-
men zu ganz anderen Ergebnissen. Es
tobt auch eine Schlacht der Studien.
„Klimaverträglich, sicher, bezahlbar“,
lautet etwa die fröhlich-dynamische Über-
PAUL LANGROCK / AGENTUR ZENIT

schrift jenes Gutachtens, das der Sachver-


ständigenrat für Umweltfragen der Bun-
desregierung im Mai vorgelegt hat. Dem-
nach könnte sich Deutschland 2050 zu
100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren
Energien versorgen, zu wettbewerbsfähi-
gen Kosten und zu jeder Stunde des Jah-
res – aber nur, sofern die Preise für Kohle, Solarkraftwerk in Andalusien: Teuer erkaufter Boom
Gas und Uran deutlich steigen.
Das ist die Crux solcher Szenarien: Die Für jede Kilowattstunde Sonnenstrom Nutzen freilich ist bescheiden. Trotz des
Wahl der Grundannahmen entscheidet, bekommen die Betreiber eine feste Ver- Aufwands deckt die Sonne gerade einmal
welches Resultat am Ende herauskommt. gütung, die deutlich über dem handels- 1,1 Prozent des deutschen Strombedarfs.
Auf Euro und Cent genau sind die Aus- üblichen Strompreis liegt, im Schnitt sind Schreitet der Zubau in diesem Jahr un-
gaben nicht zu beziffern, schon gar nicht es etwa 31 Cent, garantiert über 20 Jahre gebremst voran, und danach sieht es aus,
auf Sicht von 40 Jahren. Überhaupt wird hinweg. Anfangs erkannte kaum jemand wird bald die 100-Milliarden-Euro-Grenze
in all den ambitionierten Zukunftsszena- die Tragweite. Wegen der geringen Mo- erreicht, schätzt zum Beispiel RWI-Öko-
rien bislang oft ausgeblendet, was an Pro- dulkapazität und der vergleichsweise we- nom Frondel.
blemen noch kommen kann: durch müh- nigen Sonnenstunden in Deutschland fiel Mit Marktwirtschaft, kritisierte Bun-
same Genehmigungsverfahren, Rechts- die Förderung nicht weiter ins Gewicht. deskartellamtschef Andreas Mundt ver-
streitigkeiten, Bürgerproteste. Zumal ge- Doch längst hat sich bei Privatleuten gangene Woche, habe diese ganze Förde-
gen die angestrebte grüne Deutschland- wie Unternehmern herumgesprochen, rung nichts mehr zu tun. Das sei ja viel
Revolution selbst so schwierige Verfahren wie beispiellos großzügig der Bund die eher Planwirtschaft. Die Bundesregierung
wie das Stuttgarter Bahnhofsprojekt 21 Solarenergie subventioniert. Inzwischen versucht nun, den weiteren Ausbau zu
eher einem Kindergeburtstag ähneln. summiert sich die Förderung für die ver- bremsen, im Energiekonzept spielt die
Zumindest lassen sich sechs Kostenfak- gangenen zehn Jahre laut RWI hochge- Photovoltaik eine deutlich bescheidenere
toren identifizieren, sie geben Anhalts- rechnet auf 60 bis 80 Milliarden Euro. Ihr Rolle als früher. Doch das schmälert nicht
punkte dafür, ob ein regeneratives Ener- die Ansprüche, die sich in zehn Jahren
giesystem verlässlich arbeiten kann. Und angesammelt haben.
mit welchen Summen zu rechnen ist. Unstete Kraft Bereits im kommenden Jahr dürfte sich
Stromverbrauch und Windenergieschwankungen die EEG-Umlage, die jeder Stromkunde
1. Die Sonne schickt in Deutschland, Dezember 2009, in Gigawatt mit seiner Rechnung bezahlt, von derzeit
doch eine Rechnung gut 2 auf 3,5 Cent pro Kilowattstunde
70 Quelle: Dena dramatisch erhöhen, schätzt der Energie-
Die erste Antwort auf die Frage nach dem experte Holger Krawinkel von der Ver-
Preis der Zukunft findet sich auf den 60 braucherzentrale Bundesverband. Das
Feldern östlich von Straubing. Wo früher bedeutet: Die EEG-Umlage kostet den
Kartoffeln und Mais angebaut wurden, 50 Durchschnittsverbraucher dieses Jahr in-
reiht sich heute Modul an Modul, eine klusive Mehrwertsteuer rund 85 Euro, im
blau schimmernde Spiegellandschaft. Der 40 kommenden Jahr steigt die Belastung um
größte Solarpark in Deutschland ist hier STROMVERBRAUCH weitere 60 Euro auf 145 Euro, entspre-
entstanden, auf einem Areal so groß wie 30 chend steigen die Stromkosten.
180 Fußballfelder. Ganz in der Nähe will
die Adelsfamilie Thurn und Taxis in noch 20 2. Für Windparks im Meer
gewaltigeren Dimensionen ins Sonnenge- rund 75 Milliarden Euro
schäft einsteigen. 10
WINDENERGIE
Die junge Branche erlebt einen unge- Auch der bisher so erfolgreiche Ausbau
heuren Aufschwung. Allerdings ist der 0 der Windenergie, ein zweiter wichtiger
Boom teuer erkauft. 1. Dez. 15. Dez. 31. Dez. Kostenfaktor, stößt an Grenzen. Die güns-
92 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Elektrizität. Bislang freilich liegt kaum
eines der neuen Projekte im Zeitplan.
Von den 850 Kilometern, die die Deut-
sche Energie-Agentur (Dena) in ihrer
ersten Netzstudie vor fünf Jahren für
Deutschland als vordringlich einstufte,
sind erst 90 Kilometer fertiggestellt. In-
zwischen ist der Erweiterungsbedarf noch
erheblich gewachsen, Experten rechnen
mit einer Vervierfachung.
„Wir brauchen nicht nur neue Autobah-
nen, sondern müssen sie noch achtspurig
ausbauen, und zwar in beiden Fahrtrich-
tungen“, umschreibt Gerald Kaendler,
Stratege beim Netzbetreiber Amprion,
die Anforderungen. Darunter versteht er
etwa die Technologie der Hochspan-
nungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ).
Der Vorteil der Super-Leitungen: Beim
Transport selbst über Tausende Kilome-
ter geht kaum Strom verloren. Ihr Nach-

PAUL LANGROCK / AGENTUR ZENIT


teil: Der Aufbau eines HGÜ-Systems ist
ungeheuer aufwendig. Allein 1,4 Milliar-
den Euro will das schweizerisch-norwe-
gische Konsortium NorGer investieren,
um Deutschland mit Norwegen zu ver-
binden.
Das ist der Plan: Ein Seekabel, elf Zen-
Offshore-Windanlage in der Ostsee: Nie mehr Angst vor der arabischen Ölwaffe? timeter dick, wird mit einem Spezialschiff
in den Nordseegrund eingepflügt, die Lei-
tigen Standorte an Land lassen sich nicht nicht“, sagt der für erneuerbare Energien tung reicht von der Südspitze Norwegens
vermehren, das sogenannte Repowering, zuständige E.on-Manager Frank Mas- bis an die niedersächsische Küste. Sie soll
bei dem die Betreiber ältere Anlagen tiaux; den Offshore-Windparks in Nord- Strom aus Wasserkraft nach Deutschland
durch neue, leistungsstärkere ersetzen, europa gehöre die Zukunft. befördern und deutschen Windstrom
ist ins Stocken geraten; es hakt oft an „Doch ganz preiswert ist die sanfte Re- nach Norwegen transportieren.
den Genehmigungen für die neuen Wind- volution auf dem Meer nicht zu haben“, Derzeit läuft das Raumordnungsver-
mühlen, die teilweise doppelt so weit in räumt sein Kollege Fritz Vahrenholt ein, fahren, in fünf Jahren will NorGer den
den Himmel ragen. Deshalb weichen die der bei RWE Innogy Milliarden in Wind- Betrieb aufnehmen. Wenn die Behörden
Betreiber auf Meeresstandorte aus, dort kraftanlagen investiert. mitspielen. Und die Bürger mitmachen.
weht der Wind zwar relativ beständig, Denn wo immer neue Leitungen
aber der Aufwand ist ungleich größer. 3. Stromautobahnen quer Schneisen schlagen, formiert sich oftmals
Im Regierungskonzept rechnen die Be- durch den Kontinent Widerstand. In der Heimat der Anti-Tras-
amten mit 75 Milliarden Euro, die bis 2030 sen-Aktivistin Diering zum Beispiel ha-
allein für den Ausbau der Offshore-Wind- Denn mit der Installation des Windparks ben sich rund 3500 Anwohner in der In-
parks nötig sind, allerdings auch das unter ist es nicht getan. Man braucht auch Tras- itiative „Vorsicht Hochspannung“ organi-
Vorbehalt. Die Investitionsrisiken seien sen, um den Windstrom in südlichere Ge- siert, sie haben Verfassungsbeschwerde
nur „schwer kalkulierbar“, heißt es. Mit filde zu transportieren. Der Ausbau der eingereicht. Wird sie angenommen, ver-
anderen Worten: Es kann auch deutlich Netze, der dritte Kostenfaktor, nimmt zögert sich der Ausbau weiter.
teurer kommen, zumal es sich um tech- eine Schlüsselrolle im künftigen Energie-
nisch sehr empfindliche Anlagen handelt, system ein. Die EU-Kommission kalku- 4. Norwegen als grüne
wie die Erfahrungen mit dem ersten deut- liert mit Investitionen von über 400 Mil- Batterie Europas?
schen Windpark Alpha Ventus zeigen. liarden Euro. „Zwei Jahrzehnte des Aus-
Rund 45 Kilometer vor der ostfriesi- baus unserer Netze liegen vor uns“, so Noch unberechenbarer sind die Summen,
schen Insel Borkum ragen zwölf Wind- Energiekommissar Günther Oettinger. die für den Ausbau der Energiespeicher
türme aus der rauen See, jeder so hoch In der Nordsee allein sind rund 6000 anfallen, den vierten Kostenblock. Die
wie der Kölner Dom und so schwer wie Kilometer Unterseekabel zu verlegen. Speicher sind unabdingbar, weil die er-
25 vollbeladene Sattelschlepper. Fast alles Geschätzte Kosten von Seatec, wie das neuerbaren Energiequellen naturgemäß
hier haben die Ingenieure neu entwickelt, Projekt umschrieben wird: 30 Milliarden höchst unstet fließen: Mal weht der Wind
von den Verlegeschiffen bis zu den Krä- Euro. Im Süden des Kontinents fallen kräftig, mal dreht sich kein einziges Rad
nen, die die Rotoren in 100 Meter Höhe noch einmal rund 50 Milliarden Euro an, im Land. Die Zuverlässigkeit der Sonnen-
zentimetergenau vor den Gondeln posi- um die Wüstenstrom-Initiative Desertec energie ist ohnehin begrenzt.
tionieren. Eine viertel Milliarde Euro hat anzubinden. Am Ende soll Europa von Schon heute haben die Versorger ihre
E.on und seine Partner die Anlage gekos- einer Art Supernetz überzogen sein, ei- liebe Mühe, wenn ein Sturmtief große
tet, 50 000 Haushalte kann sie mit Strom nem sogenannten Smart Grid, das die Mengen an Windstrom ins Netz zwängt
versorgen. Wenn sie läuft. Energie intelligent verteilt. und sie schnell die Kohle- und Atommei-
Schon kurz nach der Einweihung stand Deutschland kommt aufgrund seiner ler herunterfahren müssen, um das Sys-
die Hälfte der Turbinen still, für Monate: zentralen Lage zwischen Nordsee und Al- tem zu stabilisieren. Immer häufiger ge-
ein Fehler im Getriebe. „Entmutigen las- pen eine besondere Rolle zu, es ist das rate es in kritische Situationen, klagen die
sen wir uns von solchen Rückschlägen wichtigste europäische Transitland für Ingenieure. Regenerative Energien sind
D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 93
Titel

Wind statt Waffen


Eine norddeutsche Werft baut keine Schiffe mehr – sondern Offshore-Anlagen.

I
rgendwann werden eben auch aus leichterung auf, sagt Bolze. Und so un- Bolze öffnet die Tür zu einer Halle,
den letzten Schwertern Pflugscha- terschiedlich sei das Geschäft ja auch in der sich die bisherige Dreherei der
re – oder aus Kriegsschiffen Wind- gar nicht: „Eine Plattform im Meer ist Werft befindet. An einer der Maschi-
räder wie jetzt bei den Nordseewer- quasi ein Schiff, das nicht fährt.“ nen steht Martin Lerchenberger im
ken in Emden. Bolze bleibt bei seinem Rundgang Blaumann. Der 38-Jährige sagt, dass
Noch schaukelt dort angeleint am über die Werft vor Halle 117 stehen, sein Arbeitsvertrag der gleiche geblie-
Kai die graugestrichene Korvette „Er- ein haushohes orangegestrichenes Me- ben sei, auch an seinem Lohn habe
furt“ kurz vor der Fertigstellung. Im talltor versperrt den Blick ins Innere. sich nichts verändert. Okay, Stapel-
Trockendock überprüfen Arbeiter das „In dieser Halle werden künftig die lauf, Schiffstaufe und ähnliche Feste
Containerschiff „Alexander B“. Doch Türme für die Windräder gebaut“, er- werde man künftig nicht mehr feiern
es sind die letzten Aufträge, die die klärt er. „Vorne kommt ein gerades können. Aber sonst? „Früher haben
Arbeiter hier erledigen. 106 Jahre Blech rein, hinten der lackierte Turm wir für den Krieg gearbeitet, jetzt für
nach ihrer Gründung wurde die Werft raus.“ die normale Wirtschaft.“ Das sei doch
im März von einem Mittelständler aus Dazu wird die Halle auf 260 Meter keine schlechte Veränderung, oder?
dem Westerwald geschluckt: der Länge fast verdoppelt, die Betonfun- Zuversichtlich gibt sich auch der
SIAG Schaaf Industrie, die sich auf damente stehen schon. Im Oktober neue kaufmännische Geschäftsführer
das Geschäft als Zulieferer für Wind- soll mit der Produktion des ersten der Nordseewerft, Frank Wübben, 38.
räder spezialisiert hat. Turms begonnen werden. Er kam erst im Juli vom Konkurren-
Mit dem Schiffsbau und erst recht Bolze ist überzeugt, dass seine ten Enercon zu SIAG und kennt das
der Rüstung will die Firma nichts Werftarbeiter dafür bestens geeignet Geschäft mit Windrädern. Wenn man
mehr zu tun haben. Öko verheißt grö- sind. „Die meisten hier sind gelernte alle Planungen der Anrainerstaaten
ßere Chancen. Schweißer. Und wenn ich ein Schiff zusammenrechne, sei in der Nord-
So geht in Emden gerade eine Ära gebaut habe, bin ich ein richtig guter und Ostsee bis zum Jahr 2015 der Bau
zu Ende. „Wir haben hier alles gebaut, Schweißer.“ von mehr als 20 000 Windrädern ge-
was schwimmt“, sagt Ole-Christian Daneben arbeiten auf der Werft plant. Davon seien erst 3700 geneh-
Bolze, 39, Assistent des technischen Tischler, Elektriker, Rohrschlosser, migt. „Ein Riesenmarkt“, sagt Wüb-
Geschäftsführers der Werft: U-Boote, Blechschlosser, Mechaniker und Me- ben. Und viele Konkurrenten gebe es
Kriegs- und Containerschiffe, Yachten, chatroniker. Sie alle müsse man nicht nicht, in Deutschland seien es gerade
sogar den bis dahin weltgrößten Saug- wirklich umschulen, allenfalls auf das mal zehn Firmen, die ebenfalls Türme
bagger „Vasco da Gama“. neue Produkt einarbeiten. und Fundamente herstellen.
Bolze selbst ist ein nüchterner Einen ersten Rahmenvertrag
Typ. Er kennt die Werft seit 1991, für 180 Türme bis 2014 hätten die
als er seine Ausbildung zum In- neue Nordseewerke bereits unter-
dustriekaufmann hier begann. schrieben. Die Firma sei in der
Und er wirkt nicht so, als ob er Lage, künftig 50 bis 100 Türme
dem Ende des Schiffsbaus nach- im Jahr zu bauen. Wenn die
trauert. „Wir müssen akzeptieren, Nachfrage wachse, könne man so-
dass die Koreaner Containerschif- gar auf 300 Türme aufstocken.
fe heute genauso gut bauen wie Mit anderen Worten: Bisher sei
wir, nur billiger.“ die Produktionskapazität für die-
Unter den Veränderungen lei- se großen Mengen an geplanten
den fast alle deutschen Werften. Offshore-Anlagen noch gar nicht
Im vergangenen Krisenjahr ging vorhanden. Zwar könnten nicht
die Zahl der Aufträge um fast 40 alle Werften plötzlich auf Wind-
Prozent zurück, die der Beschäf- räder umsatteln. Aber für ein
tigten sank seit 2008 um rund 20 paar Firmen sei wohl noch Platz,
Prozent, viele Eigentümer wollen vermutet Wübben. Die Verlänge-
ihre Betriebe loswerden. rung der Laufzeiten für Atom-
Russische und arabische Inves- kraftwerke gefährde die Ge-
JÖRG MÜLLER / AGENTUR FOCUS

toren geben sich interessiert und schäftsaussichten für die Nordsee-


versprechen neue Geschäfte. In werke jedenfalls nicht, sagt er.
den meisten Fällen blieb es bisher Der Geschäftsführer gibt sich
aber bei Ankündigungen. Dass zuversichtlich: „Die Nachfrage
ThyssenKrupp in dieser Situation nach Windrädern wird wohl ein
seine Nordseewerke an die SIAG bisschen gedämpft, aber für uns
verkauft hat, nahmen die über Werftmanager Bolze bedeutet der Atomdeal keine Ver-
1000 Mitarbeiter dort eher mit Er- „Wir haben alles gebaut, was schwimmt“ änderung.“ MARKUS GRILL

94 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
RAINER WEISFLOG
Pumpspeicherkraftwerk Hohenwarte in Thüringen: Massiver Widerstand gegen den Aushub neuer Becken

kaum in der Lage, Strom so zuverlässig Möglichkeiten, die sich in Nordeuropa er- zen zu können, „mit Nachhaltigkeitsnach-
zu liefern. Es sei denn, Energiespeicher öffnen, vor allem in Norwegen. Dort neh- weis“, so die Reklame.
gleichen Überschuss und Knappheit aus. men die Wasserreservoirs solche Dimen- Aber das kann nur der Anfang sein:
Pumpspeicherkraftwerke gelten dafür sionen ein, dass der wichtigste heimische Bis 2050 will die Bundesregierung die Ver-
als beste Lösung, wegen ihres hohen Wir- Energieversorger Statkraft die gesamte wendung von Biomasse in gigantischem
kungsgrads von bis zu 80 Prozent und Stromproduktion eines Jahres darin spei- Ausmaß erhöhen, ihre Gutachter spre-
der ausgereiften Technik. Das Prinzip ist chern könnte. Allerdings betreiben die Nor- chen vom Faktor 13 bis 17. Um dieses
einfach: Bei Stromüberschuss wird Was- weger bislang nur wenige Becken auch als ehrgeizige Ziel zu erreichen, müssten im
ser in Becken gepumpt, die viele hundert Pumpspeicher, und was noch wichtiger ist: Optimalfall nur Pflanzenabfälle verwertet
Meter höher liegen. Wird umgekehrt Leitungen nach Zentraleuropa fehlen völlig. werden – was möglich wäre, aber tech-
Strom benötigt, lässt man die Wassermas- Die NorGer-Verbindung ist bislang das nisch erst am Anfang steht.
sen durch Rohre wieder herabstürzen und einzige Projekt, das Norwegen mit Nach heutigem Stand müssten die Bau-
dabei Turbinen antreiben. Deutschland verbinden soll, sie hat eine ern viele weitere Millionen Hektar Acker-
Im Moment stehen bundesweit nach Kapazität von 1400 Megawatt, das ent- fläche in Energieland umwidmen. Es dro-
Dena-Rechnung Speicher mit einer Ka- spricht gerade mal der Leistung eines hen Monokulturen von Mais oder Raps,
pazität von rund 6400 Megawatt zur Ver- einzigen Atomkraftwerks. Soll sich Nor- Wiesenland wird verdrängt. Weil diese
fügung, das weitere Ausbaupotential wird wegen zur grünen Batterie Europas ver- Mengen aber nicht ausreichen, wird noch
mit 2500 Megawatt beziffert – nötig aber wandeln, müssen noch Milliarden um mehr Ware aus Asien oder Lateinamerika
wäre die zehnfache Größenordnung: Milliarden investiert werden. importiert: Dort wird nicht selten auf ge-
rund 25 000 Megawatt. rodeten Regenwaldflächen Palmöl gewon-
„Mir ist immer noch ein Rätsel, wo in 5. Agrarrohstoffe für nen und zu Dumpingpreisen verkauft.
so kurzer Zeit die Speicher für den Öko- Teller und Tank Mit Nachhaltigkeit hat das alles wenig
strom herkommen sollen“, wundert sich zu tun. Eine viertel Tonne Weizen genügt,
RWE-Mann Vahrenholt. Bislang ist nur Ausgaben ganz anderer Art kommen auf um einen Menschen ein Jahr lang zu er-
ein einziger Neubau eines Pumpspeicher- die Verbraucher zu, wenn Biomasse stär- nähren – oder einen schweren Gelände-
kraftwerks in konkreter Planung, in At- ker noch als bisher auch Energie spenden wagen einmal von Potsdam nach Kampen
dorf im Südschwarzwald. Wo heute noch soll. Wenn die Verbraucher also Weizen auf Sylt zu bewegen.
auf gut 1000 Meter Höhe die Fichten des oder Mais nicht mehr nur als Nahrungs- Gerade erst warnte der Bioökonomie-
Hotzenwaldes stehen, will das Schluch- mittel, sondern auch als Treibstoff nutzen, rat vor einer zerstörerischen Konkurrenz
seewerk ein gewaltiges Becken ausheben. verknappen sich die Agrarressourcen. Es in der Frage, wofür die knappen Ressour-
Rund 700 Millionen Euro plant das Un- drohen Engpässe und Preisschübe, der cen genutzt werden sollen: für den Teller
ternehmen hier zu investieren, es ist das Kostenfaktor Nummer fünf. oder den Tank. Notwendig sei „eine er-
zweitgrößte Bauprojekt überhaupt in Ba- Bereits jetzt werden auf zwei Millionen hebliche Steigerung der Ernteerträge von
den-Württemberg, nach „Stuttgart 21“. der insgesamt zwölf Millionen Hektar Nahrungs- und Futterpflanzen sowie der
Der Betrieb soll 2019 beginnen. Auch hier Ackerfläche in Deutschland Energiepflan- Produktivität in der tierischen Produk-
schlägt den Investoren massiver Wider- zen angebaut. Biogas aus Mais, Sprit aus tion“, so die Wissenschaftler.
stand der Bevölkerung entgegen. Roggen, Diesel aus Raps: Die Energiege- Denn mit den Getreidepreisen ziehen
Ansonsten sind die Speicherpotentiale winnung läuft oft schon im großindu- auch die Ausgaben für Futtermittel an,
in Deutschland aufgrund seiner Topografie striellen Maßstab. Der Biokraftstoffher- damit steigen wiederum die Kosten für
und der dichten Besiedlung eher begrenzt. steller Verbio etwa wirbt damit, von 2013 die Viehzucht, mithin für Rind- oder
Alle Hoffnung richtet sich deshalb auf die an ein komplettes Kernkraftwerk erset- Schweinefleisch. Und das merkt jeder
D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 95
Titel

Verbraucher, wenn er an der Supermarkt-


kasse die Rechnung überschlägt. Bioener-
gie-Fans sollten besser vegetarisch leben.

6. Fürs Sparen braucht man


zunächst mal viel Geld
Was die Bürger ebenfalls ganz unmittel-
bar zu spüren bekommen: Die Regierung
beabsichtigt, die Energieeffizienz erheb-
lich zu steigern, gerade in Wohnungen
und Häusern, der sechste Kostenfaktor.
Bis zum Jahr 2050 soll quasi kein Haus
mehr Energie vergeuden, der Wärmebe-
darf um 80 Prozent sinken.
Dadurch sparen die Hausbesitzer zwar
tatsächlich Energieausgaben, zunächst
aber müssen sie enorme Summen einset-
zen: Zwischen 35 und 250 Euro pro Qua-
dratmeter kostet eine Sanierung, je nach
Aufwand. Auch Julia Klöckner, Unions-
Spitzenkandidatin für die Wahlen in
Rheinland-Pfalz, hat die Brisanz erkannt.
„Für viele Menschen kommt eine teure
RAINER WEISFLOG

Zwangssanierung einer Enteignung


gleich“, sagt sie, „das darf die CDU als
Partei des Eigentums nicht zulassen.“
Das Problem sind weniger die Neubau-
ten, sondern der Bestand. Die meisten Kupferproduktion in Hamburg: Schleichende Deindustrialisierung in Deutschland?
Immobilien stammen aus der Zeit vor
1977, als die erste Wärmeschutzverord- Jahrelang konnten sie mit ihrem klas- den Ofen verlässt. Es entstehen Platten,
nung in Kraft trat, so auch das Einfami- sischen Geschäftsmodell bequeme Milliar- jede circa 407 Kilo schwer und von 99-
lienhaus in Berlin-Spandau, das der Archi- dengewinne einfahren: In der Nähe der prozentiger Reinheit. Um auch das letzte
tekt Günther Ludewig gerade saniert hat. Ballungszentren bauten sie gewaltige Prozent herauszuziehen, bedarf es aber
Das Objekt ist Baujahr 1938, Ludewig Kohle-, Atom- oder Gaskraftwerke und viel mehr Energie.
hat es rundum mit Dämmung eingepackt, lieferten den Kunden Strom zu mehr als Dazu werden sie in einer Kupfersulfat-
44 Zentimeter ist die Schutzhülle dick. auskömmlichen Preisen, „ein wunderbar lösung drei Wochen lang permanent unter
Früher wurden hier 400 Kilowattstunden funktionierendes System“, schwärmt ein Strom gesetzt. Alle Reststoffe sinken auf
pro Quadratmeter Wohnfläche ver- Spitzenmanager. Zwar versichern Strom- den Boden, übrig bleibt ein Block, der zu
braucht, jetzt sind es 24. Im Keller erzeugt bosse wie RWE-Chef Jürgen Großmann 99,99 Prozent aus Kupfer besteht. Mehr
eine Holzpelletheizung mehr Wärme, als stets wortreich, die Zukunft gehöre den als 1000 dieser Elektrolysebäder hat das
Ludewig benötigt: Der Nachbar nimmt erneuerbaren Energien. Im Hintergrund Unternehmen in einer Halle hinterein-
sie ab und hat seinen Ölkonsum um 90 aber arbeiten sie und ihre Lobbyisten andergeschaltet. Nur wenige industrielle
Prozent reduziert. daran, den Status quo zu zementieren, Prozesse verschlingen derart viel Energie.
Die energetische Sanierung hat 170 000 und attackieren sogar den gesetzlichen Bei Aurubis machen die Ausgaben da-
Euro verschlungen. Etwa 5000 Euro spart Vorrang für erneuerbare Energien. für rund ein Drittel der Gesamtkosten aus.
er nun jährlich, durch geringere Heizkos- Je mehr Ökostrom ins Netz drückt, des- „Mit großer Sorge“ beobachtet Bernd
ten und den Wärmeverkauf an den Nach- to häufiger müssen die Versorger ihre Drouven, der Vorstandschef, dass die Ber-
barn. Vermutlich rechne sich das erst Atom- und Kohlekraftwerke vom Netz liner Koalition Unternehmen wie Aurubis
nach 20 bis 30 Jahren, sofern die Energie- nehmen, der Betrieb wird unkalkulierbar zuletzt Privilegien bei der Ökosteuer ent-
preise so bleiben, sagt Ludewig. „Wir wür- und unrentabel. Deshalb denken sie in- zogen hat, als Teil des Sparpakets. Die
den es trotzdem wieder machen“, sagt tern schon über neue Preismodelle nach; Ausgaben für die Stromsteuer würden
der Architekt: „Das ist die Zukunft.“ danach sollen die Kunden für die Bereit- sich von 900 000 Euro auf rund drei Mil-
Doch diese Zukunft ist teuer – ob dafür stellung von Kraftwerken bezahlen, auch lionen Euro etwa verdreifachen, rechnet
solche aufwendigen Haussanierungen ver- wenn die gar nicht benötigt werden. Al- Drouven vor: „Die geplanten Steuermehr-
antwortlich sind oder der absehbare Preis- ternativ, so die Überlegung, müsse der belastungen gefährden die internationale
anstieg für Biomasse, der komplexe Aus- Gesetzgeber „in bestimmten Bereichen“ Wettbewerbsfähigkeit.“
bau der Netze und Speicher oder die über eine Lockerung der Einspeisevergü- Die Schwerindustrie macht deshalb mo-
hohen Investitionen in Solartechnik und tungen nachdenken. bil gegen die drohende Energieverteue-
Wasserkraft: Die neue, saubere Energie- Zu den Bremsern gehören aber auch rung. Die Branche ist noch immer eine
welt, das zeigen die sechs Kostenfaktoren, große Teile des produzierenden Gewer- Macht im Land, sie beschäftigt 875 000
ist nicht zum Nulltarif zu haben. bes, insbesondere die Schwerindustrie. Menschen, bei Stahlerzeugern, Zement-
Wenn sich die Deutschen den Ausstieg Der Sektor verbraucht ein Viertel des Be- herstellern oder Aluminiumhütten. Kein
aus der fossilen und nuklearen Brennstoff- darfs an Strom und Gas in Deutschland. anderes Land in Europa kann einen grö-
Wirtschaft so sehr wünschen, muss sich Am Anodenofen des Kupferverarbeiters ßeren Produktionssektor vorweisen. Es
die Gesellschaft den Systemwandel auch Aurubis in Hamburg ist die Bedeutung gibt also einiges zu verlieren.
etwas kosten lassen. Und sie muss dazu des Faktors Energie sogar hörbar. BASF-Vorstandschef Jürgen Ham-
den Widerstand der Bremser überwinden, Hier zischt es jedes Mal scharf auf, brecht hält eine Energiepolitik, die teure,
allen voran der großen Stromversorger. wenn das 1240 Grad Celsius heiße Kupfer regenerative Quellen derart bevorzugt,
96 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
DOROTHEA SCHMID / LAIF
Biogasanlage in Bottrop: Die Veränderung beginnt auf der Mikroebene

für traumtänzerisch. Er befürchtet „eine Kommunen oder Firmen, welcher Mix bahnen, von Großspeichern in den Ber-
schleichende Deindustrialisierung in aus Sonne, Wind, Biomasse, Wasserkraft gen und Windparks vor den Küsten be-
Deutschland“. Schon drohen Unterneh- und Erdwärme für sie am günstigsten ist, schränken. Die Veränderung beginnt auf
men unverhohlen damit, die nächste Fer- dann zieht Juwis die passenden Öko- der Mikroebene, in zahllosen regionalen
tigungsstraße lieber im Ausland aufzu- Kraftwerke hoch. Willenbacher ist Physi- Initiativen, die Zug um Zug zusammen-
bauen, wo die Energiekosten niedriger ker, Mitte der neunziger Jahre war er ei- wachsen können. Diese Maxime wird im
sind und die Umweltauflagen geringer. ner der Ersten in Rheinland-Pfalz, die ein Energiekonzept der Regierung nur unzu-
Fraglich allerdings, ob die Manager Windrad errichteten. Damals verband er reichend berücksichtigt.
wirklich Ernst machen. Zudem könnten die Technikbegeisterung mit seinem Um- Die Kosten der Öko-Wende sind gewal-
viele Unternehmer auch aus eigener Kraft weltinteresse und entwickelte seine Ge- tig, das steht fest. Die Politik muss dafür
noch eine Menge Energiekosten sparen. schäftsidee, mit phänomenalem Erfolg. sorgen, dass sie nicht ausufern. Auf den
Und dann stellt sich noch eine grund- Vor zehn Jahren beschäftigte Willen- Umbau zu verzichten könnte Deutsch-
sätzliche Frage: Warum eigentlich sollte bacher 30 Mitarbeiter, bald werden es land indes noch viel teurer zu stehen kom-
der Staat energieintensive Betriebe in Fra- 1000 sein. „Wir stellen jeden Tag jeman- men: durch die steigende Abhängigkeit
gen der Ökosteuer nicht genauso behan- den ein, vor allem Ingenieure und Pro- von Rohstoffimporten und die Gefahren,
deln wie jeden privaten Stromkunden jektmanager.“ In diesem Jahr erwirtschaf- die der Klimawandel birgt. Ob das Berli-
oder Autofahrer? Vielleicht wäre es sogar tet Juwi rund 900 Millionen Euro Umsatz, ner Papier so verwirklicht wird, wie es
wünschenswert, wenn die traditionelle die Hälfte mehr als im Vorjahr. Das Wörr- erdacht wurde, ist auf jeden Fall fraglich.
Schwerindustrie geopfert würde zuguns- stadter Unternehmen ist inzwischen eine Denn Energiepolitik wird heute nicht nur
ten neuer, aufstrebender Branchen. feste Größe im Rhein-Main-Gebiet. in der Hauptstadt gemacht, sondern vor
Bei den Nordseewerken in Emden etwa Willenbacher steht für einen Trend, der allem auf EU-Ebene, in Brüssel.
wurden früher Fregatten gebaut, heute in Energiefragen überall im Land zu be- Dort will der zuständige Kommissar
fertigen die Arbeiter Türme für Wind- obachten ist: die Rückbesinnung auf das Oettinger im Februar ein neues Konzept
kraftanlagen (siehe Seite 94). Ein solcher Regionale. Die Kommunen wollen sich vorlegen, wie die Energiemärkte Europas
Umbau geht sicher nicht ohne Schmerzen frei machen von den Großkonzernen. Sie zusammenwachsen können. Es geht etwa
ab, womöglich aber erwächst dadurch der investieren in regenerative Energien und darum, wo genau die Staaten die konti-
Volkswirtschaft am Ende mehr Wert- in kleine Blockheizkraftwerke, die nahe nentalen Trassen ziehen oder wie sie die
schöpfung, als ihr wegbricht. Und bei al- gelegene Abnehmer, etwa Schulen, mit höchst unterschiedlichen Fördersätze für
len Kosten, die auf die Gesellschaft zu- Strom und Wärme beliefern. Ökostrom angleichen können. Noch sind
kommen, bedeutet jeder Euro, der für Die Regionalbetriebe treiben den öko- das alles vage Pläne. Sicher ist nur, dass
Sonne, Wind und Biomasse ausgegeben logischen Umbau der Energieversorgung die Nationalstaaten einen Teil ihrer Pla-
wird, schließlich auch Investition. voran, im Stillen, gleichsam von unten. nungshoheit abgeben müssen.
Davon profitieren Großkonzerne wie „Es wäre viel ökonomischer“, meint Un- Und damit ist auch klar: Das Berliner
Siemens ebenso wie kleine Handwerks- ternehmer Willenbacher, „das ganze Papier, das derzeit für so viel Wirbel
betriebe. „Clean-Tech“ ist zur neuen Leit- Land mit kleinen, dezentralen Kraftwer- sorgt, wird nicht das letzte Energiekon-
industrie geworden. Hier entwickeln sich ken zu überziehen.“ zept sein. Dann wird ein neues formuliert.
ganz neue Branchen, etwa die Dienstleis- Die Energiewende darf sich am Ende Von welcher Regierung auch immer.
tung, die Matthias Willenbacher anbietet. also nicht nur auf den Aufbau eines Sys- KIM BODE, FRANK DOHMEN, ALEXANDER JUNG,
Juwi heißt seine Firma, sie analysiert für tems von transkontinentalen Stromauto- KIRSTEN KRUMREY, CHRISTIAN SCHWÄGERL

D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 97
Bankenretter Merkel, Steinbrück 2008

HRE-Zentrale in Unterschleißheim Demonstrierende HRE-Aktionäre in München

BANKEN

Zähmung eines Zombies


Die Rettung der Skandalbank Hypo Real Estate kommt in die entscheidende Phase: Das
mittlerweile verstaatlichte Unternehmen wird aufgespalten, der größte Teil soll
möglichst geräuschlos abgewickelt werden. Die Milliardenrisiken für den Steuerzahler bleiben.

Ex-Chef Funke Ex-Chef Wieandt Interims-Chefin Better

ANDREAS GEBERT / PICTURE ALLIANCE / DPA (O.L.& R.); RAINER JENSEN / DADP (O.R.); HENNING SCHACHT / ACTION PRESS (L.& M.); MICHAELA REHLE / REUTERS (R.)

98 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Wirtschaft

B
anker mit Politikerfahrung wie Bank auf weitere Garantien am 27. Au- aufgebaut und die aufgeblähten Geschäf-
Commerzbank-Chef Martin Bles- gust beim Soffin einging. Auch die Bun- te auch noch mit kurzfristigen Krediten
sing wissen, auf was es ankommt, desregierung traf das Ansinnen vollkom- finanziert. Nach dem Beinahekollaps der
wenn sie zum Rapport nach Berlin be- men unvorbereitet. Die Beamten von Bank musste er gehen. Er klagt noch im-
stellt werden: Sie müssen vor allem mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mer gegen seine Kündigung – und auf die
ihrer Persönlichkeit punkten. Sie müssen klagten wie die Abgeordneten über die Zahlung seiner Pension.
Vertrauen schaffen und den Politikern das Kommunikationsschwäche der HRE-Che- Nicht er, die Lehman-Pleite sei schuld
Gefühl vermitteln, ernst genommen zu fin. „Da hätte man uns schon einmal vor- am Niedergang der Bank, argumentieren
werden. Fachliche Details sind weniger her anrufen und vorwarnen können“, be- seine Anwälte. Das Urteil steht noch aus.
wichtig, manchmal sogar störend. schwert sich ein Schäuble-Mitarbeiter. Möglicherweise wartet der Richter, wie
Manuela Better weiß das ganz offen- Wieder einmal hat es die HRE ge- die weitere juristische Aufarbeitung des
sichtlich nicht. schafft, Berlin und den Rest der Republik Falls ausgeht. Die Staatsanwaltschaft
Es ist Dienstag vergangener Woche, 15 aufzuschrecken – wie so oft in den ver- München ermittelt gegen Funke wegen
Uhr: Der Kontrollausschuss, der die Ver- gangenen zwei Jahren, seit der Finanz- Untreue. Und der Aufsichtsrat lässt prü-
gabe staatlicher Hilfen durch den Sonder- konzern kurz nach der Pleite der US- fen, ob eine Schadensersatzklage gegen
fonds Finanzmarktstabilisierung (kurz: Investmentbank Lehman Brothers in den Ex-Konzernchef Erfolg verspricht; bis
Soffin) überwacht, hat die Interims-Vor- mehreren Krisenrunden vor dem Kollaps Ende des Jahres will das Kontrollgre-
standschefin der verstaatlichten Sorgen- bewahrt werden musste. Damals feilsch- mium entscheiden.
bank Hypo Real Estate (HRE) einbestellt. ten Regierungs- und Bankenvertreter bis Die HRE – das ist vor allem ein Brenn-
Mit dabei: ihr Aufsichtsratsvorsitzender nach Mitternacht um eine Lösung, Kanz- glas, in dem das ganze Drama der Finanz-
Bernd Thiemann. Die Stimmung der lerin Angela Merkel und Finanzminister krise sich noch immer konzentriert.
neun Abgeordneten ist gereizt, als das Peer Steinbrück einigten sich mit Deut- Die wirtschaftliche Lösung des Falls ist
Duo im abhörsicheren Raum 2400 im sche-Bank-Chef Josef Ackermann schließ- dabei mindestens genauso kompliziert
Paul-Löbe-Haus des Bundes- wie die juristische, sie liegt in den Händen
tags Platz nimmt.
Die Abgeordneten Bad Bank von Manuela Better, seit ihr Vorgänger
Axel Wieandt im März entnervt aufgab.
mussten aus der Presse Bisherige Unterstützung Wieandt war von der Deutschen Bank
erfahren, dass die des Soffin für die Hypo entsandt worden, er galt dort als rechte
HRE staatliche Garan- Garantierahmen: Real Estate Hand von Josef Ackermann. Die HRE
tien in Höhe von 40 war erkennbar nicht seine Welt. Ihn är-
Milliarden Euro be-
antragt hat. Zusätz-
lich zu den Garantien
142,0 Mrd. € gerte, dass er nicht frei entscheiden konn-
direkte Kapitalhilfen te, sondern sich ständig vor Beamten
rechtfertigen musste.
Weitere 2,3 Mrd. €
7,7
in Höhe von 102 Milli- So kürte der Aufsichtsrat überraschend
arden Euro, die bereits sind vorgesehen. die Risiko-Expertin Better, die fast ihr ge-
gewährt wurden. Und 4,8 Mrd. € hat samtes Berufsleben bei der HRE und ver-
zusätzlich zu den 7,7 Mil-
Mrd. € der Soffin bereits wandten Instituten verbracht hat. Mit den
liarden Eigenkapitalhilfen, die abgeschrieben. aktuellen Risiken der Bank aber hatte sie
der Soffin bereitgestellt hat, sowie damals nichts zu tun, sie ging für die HRE
weiteren rund zwei Milliarden, die für lich telefonisch über den Sanierungsbei- 2007 nach Hongkong, als Funke seinen
Oktober so gut wie zugesagt sind. trag der Banken. riskanten Kurs unbeirrt fortsetzte, ob-
Alles in allem bürgen die Steuerzahler Wieder einmal fragen sich die Politiker, wohl sich die Immobilienkrise damals
bei der Münchner Krisenbank in unvor- ob die Zombie-Bank überhaupt zu sanie- schon abzeichnete. Die Nachricht über
stellbarer Größenordnung. ren ist, während sie doch immer weitere die Beinahepleite erreichte sie in Asien.
Die Nachricht über den neuen Hilferuf Milliarden an Steuergeldern benötigt. Jetzt sitzt sie in München-Unterschleiß-
traf die parlamentarischen Kontrolleure Bis zu jenen dramatischen Wochen im heim, in einem nüchternen Zweckbau
vollkommen unvorbereitet. Noch am September 2008 war das Institut nur Fach- mitten im Gewerbegebiet an der S-Bahn.
Mittwoch vorvergangener Woche hatte leuten ein Begriff. Kaum jemand ahnte, Die alte Zentrale in der Münchner Innen-
Better für 2011 sogar einen Gewinn in wie gefährlich die aggressive Expansions- stadt wurde aufgegeben, ebenso wie Fun-
Aussicht gestellt. Da war der Antrag auf strategie ihres Chefs Georg Funke war, kes Plan für ein neues repräsentatives Ge-
neue Staatsgarantien bereits unterwegs. nicht nur für das Unternehmen selbst. bäude.
Was sie sich dabei gedacht habe, wollen Mit der HRE wäre auch der gesamte „pbb“ steht auf dem Schild am Eingang,
die erzürnten Abgeordneten wissen. Pfandbriefmarkt zusammengebrochen, das Kürzel für die Deutsche Pfandbrief-
Eine Viertelstunde lang redet die 49- mit unvorhersehbaren Folgen für das glo- bank, so heißt das neue Institut, das das
Jährige, ruhig und emotionslos, dann gibt bale Finanzsystem. Er habe in einen Ab- Stammgeschäft der alten HRE weiterbe-
es neue Fragen, auf die Kommunika- grund geblickt, bekannte Steinbrück spä- treiben soll. Glaubt man Better, steht es
tionspanne geht sie mit keinem Wort ein. ter. Seitdem ist viel passiert, aber hat sich auch für eine verheißungsvolle Zukunft.
Sie beschränkt sich aufs Technische und wirklich etwas gebessert? „Wir wollen die Bank reprivatisierungs-
erzählt, weshalb Wechselkurs- und ande- Die HRE wurde, gegen den Wider- fähig machen“, sagte sie bei jenem öffent-
re Risiken neue Liquiditätsgarantien stand des damaligen Großaktionärs Chris- lichen Auftritt vorletzte Woche, der ihr
rechtfertigten. topher Flowers und anderer Anteilseig- von ihren Kritikern nun vorgehalten wird.
Das Urteil der Politiker ist nieder- ner, verstaatlicht. Sie hängt am Tropf des Der Blick in die Zukunft blendet die
schmetternd. „Ich traue dieser Frau nicht Bankenrettungsfonds Soffin. Ohne die triste Gegenwart aus. Die Bilanzsumme
zu, diese Bank an die Börse zu führen“, staatlichen Garantien könnte sie ihren der eigentlich zum Schrumpfen verdon-
sagt ein SPD-Abgeordneter. „Wenn wir laufenden Geschäftsbetrieb und die Ab- nerten Bank blähte sich in den ersten
jemand Besseren hätten, wäre sie längst wicklung des alten gar nicht fortführen. sechs Monaten des Jahres um 25 Milliar-
weg“, murmelt ein CDU-Kollege. Funke hatte die einst im Deutschen Ak- den Euro auf 385 Milliarden Euro auf.
Nicht nur die Parlamentarier zweifeln tienindex Dax notierte Bank zum welt- Die Begründung ist so plausibel wie un-
an der HRE-Führung, seit der Antrag der weiten Immobilien- und Staatsfinanzierer befriedigend: Weil der Dollar und andere
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Währungen gegenüber dem Das Geld werde nur kurz-
Euro aufwerteten, stiegen au- fristig benötigt, außerdem habe
tomatisch auch die Werte der sich der Markt inzwischen auch
Fremdwährungsposten in den wieder besser entwickelt, ver-
Büchern der Bayern. sicherten Better und ihr
Nach einem Verlust von 2,2 Aufsichtsratsvorsitzender Thie-

PANAGIOTIS MOSCHANDREOU / DPA


Milliarden Euro im Jahr 2009 mann den aufgebrachten Mit-
machte die Bank in den ersten gliedern des Kontrollausschus-
sechs Monaten dieses Jahres ses vergangene Woche.
noch einmal 700 Millionen Also alles kein Problem?
Euro Miese. Tatsächlich werden die Garan-
Zielgerichtet hatte sich das tien schon bald fast wie von
alte Management der HRE in selbst verschwinden. Die Risi-
allen Märkten eingekauft, die Proteste in Athen: Deutsche Steuerzahler im Risiko ken der alten HRE bleiben den-
höhere Zinsen und, natürlich, noch.
auch höhere Risiken mit sich brachten. Dimension hat es noch nie gegeben. „Das Grund: Die neue Gesellschaft ist eine
Allein in Portugal, Italien, Irland, Grie- ist ein Vorgang von einmaliger Komple- Anstalt öffentlichen Rechts, sie gehört
chenland und Spanien, den sogenannten xität“, sagt ein damit vertrauter Finanz- dem Bund und hat auch dessen AAA-Ra-
PIIGS-Ländern, hat die Bank ein Ausfall- fachmann. „Da muss nur ein Notar auf ting. Sie kann sich deshalb – anders als
risiko von über 80 Milliarden Euro. den Cayman Islands in Urlaub sein, und heute die Bank HRE – auch ohne Garan-
Obwohl diese im Markt durch die Euro- schon kann es Probleme geben“, meint tien des Bundes Mittel für die Refinan-
krise mit Abschlägen von teilweise bis zu ein anderer. zierung ihrer Anlagen besorgen. Die alten
30 Prozent gehandelt werden, hat die Allein die Hälfte der beantragten neu- Garantien laufen deshalb nach und nach
HRE bisher kaum etwas wertberichtigt. en Garantien, 20 Milliarden Euro, sind aus und müssen nicht ersetzt werden.
„Wir gehen davon aus, dass die PIIGS- dafür bestimmt, diese Umbuchungen Zurück bleiben die 185 Milliarden an
Staaten ihre Schulden vollständig zurück- gegenüber solchen Problemen abzusi- Vermögenswerten, die von der FMS ab-
zahlen“, entgegnet Better Kritikern ihrer chern. gewickelt werden müssen, bis 2020 und
Bilanzierungspraxis. darüber hinaus. Was sie dann wert sind,
Immerhin kann man ihr und ihrem muss sich zeigen.
Management nicht vorwerfen, dass sie
die Risiken wie viele ihrer Konkurrenten Explosives Der Staat als Eigentümer hat sich also
vor allem Zeit gekauft. Zeit, bis sich die
verschleiern. Leider sei der erwartete
LIE
N Portfolio Märkte wieder erholt haben und, so die
Verlust bei den Immobiliengeschäften ITA Hoffnung, Schuldner wie zum Beispiel
,7Ausfallrisiken
2010 gestiegen, heißt es in offiziellen
Bankdokumenten. Die Marktentwicklun- 39 der HRE in den
PIIGS-Staaten*
Griechenland ihre Verpflichtungen voll
erfüllen können.
gen in den USA, Großbritannien und Noch ist offen, wie viele Milliarden die
Spanien seien weiter besorgniserregend. in Mrd. Euro FMS als Kapital zur Abdeckung mög-
Auch in diesen Ländern hat die HRE of- ■ Staatsanleihen licher Verluste bekommt und wie viel die
fenbar Risiken angepackt, die sonst kei- Deutsche Pfandbriefbank, die nach der
ner mehr finanzieren wollte.
■ sonstige Abspaltung übrig bleibt. Auch sie kämpft
Verbindlichkeiten
In den nächsten Wochen sollen solche um eine möglichst stattliche Mitgift vom
Altlasten im Wert von etwa 185 Milliar- Staat, denn nur mit einer hohen Eigen-
den abgespalten und in eine rechtlich kapitalquote ist der Pfandbriefriese über-
selbständige Gesellschaft überführt wer- lebensfähig.
den. Sie soll die Forderungen notfalls bis Ob die bisher geplanten Kapitalhilfen
zur Fälligkeit halten – in der Hoffnung, ERGEBNIS von zehn Milliarden Euro für beide Un-
dass die meisten von ihnen am Ende voll NACH STEUERN ternehmen reichen? Und wie viel der
bedient werden. N IM ERSTEN Bund davon jemals wiedersieht? Das
Die neue Gesellschaft trägt den schö- PA NIE kann im Moment niemand sagen.
HALBJAHR 2010:
nen Namen FMS Wertmanagement, wo-
S
,7 Interims-Chefin Better glaubt fest an
bei die Werte, die dort gemanagt werden, 22 – 700 Mio.€
die Zukunft der Rest-HRE. Für die Finan-
durchaus zweifelhafter Natur sind. Der zierung des öffentlichen Sektors, insbe-
Begriff Bad Bank trifft die Sache besser. sondere der Kommunen, stünden nur
Es ist wohl die gewaltigste Finanz-Gift- BILANZSUMME: noch wenige Kreditinstitute bereit, sagte
deponie Europas. sie in ihrer umstrittenen Rede auf einem
Beispielsweise sollen Risiken aus den Bankenkongress. Hier gebe es „ausrei-
PIIGS-Staaten in Höhe von etwa 70 Mil- 385 Mrd.€* chend Marktpotential für Pfandbriefban-
liarden Euro in der FMS landen. Wenn ken als Berater und Finanzierer“.
Griechenland doch noch umschulden * zweites
An einen Börsengang in ferner Zu-
muss, sind fortan die deutschen Steuer- N- Quartal 2010 kunft glaubt dennoch kaum jemand. Es
zahler über die FMS direkt im Risiko. H E wäre schon ein Erfolg, wenn die Bank ir-
I E C 7
Auch besonders riskante Immobilienfi- GR D 9 , gendwann an einen anderen Finanzkon-
nanzierungen in Höhe von etwa 30 Mil- L AN zern verkauft werden könnte. Frühestens
liarden Euro verschwinden aus den Bü- in vier bis fünf Jahren, so Schätzungen
chern der HRE in die Bad Bank. im Finanzministerium, könnte es so weit
AALL
3600 Geschäftsbeziehungen zu Part-
R
R TTUUGG sein – wenn überhaupt.
nern aus 60 Ländern müssen innerhalb PPOO Manchem Politiker dauert das zu lan-
kurzer Zeit auf das neue Institut übertra- 5,2 ge, die Geduld mit der Zombie-Bank ist
gen werden. Eine Transaktion in dieser 3,1
D
erschöpft. „Die HRE sollte auf weiteres
AN
100 IRL
Neugeschäft verzichten und abgewickelt miert habe, und vom Staat, der sie ent- Sommer für nicht zuständig und reichte
werden“, fordert etwa der SPD-Haushäl- eignet hat. die Entscheidung an die Bank zurück.
ter Carsten Schneider. Auch sein Kollege So wird das Institut noch lange die Better entschied schließlich mit Rü-
bei den Grünen, Alexander Bonde, kri- gefährlichste Bank der Republik bleiben. ckendeckung des Aufsichtsrats, die von
tisiert, dass „bisher weder Regierung Umso verärgerter dürften nicht nur die Wieandt ausgelobten 25 Millionen Euro
noch Bank ein solides Geschäftsmodell Parlamentarier auf die Nachricht reagie- auszuzahlen. Mittlerweile wurde das
zur Weiterführung der Kernbank vorle- ren, dass die HRE vor kurzem für das Geld überwiesen. Einige wenige Banker
gen“ konnten. Prominente Unterstüt- vergangene Jahr Boni in Höhe von 25 haben mehr als eine Million Euro kas-
zung kam aus Brüssel: Die Europäische Millionen Euro ausbezahlt hat. Es sind siert, während die Gehälter der Vorstän-
Kommission, die das Sanierungskonzept genau jene Boni, die Betters Vorgänger de auf 500 000 Euro begrenzt sind. Der
noch genehmigen muss, hatte bereits im Wieandt noch vergebens forderte. Seine Vorgang blieb streng vertraulich – bis
Januar „Zweifel an der Lebensfähigkeit Argumentation: Wenn die Bank noch jetzt.
der HRE“ angemeldet – „auch unter Be- mehr wichtige Leute verliert, steigen Die Berliner Parlamentarier ahnen,
rücksichtigung des Umstrukturierungs- auch die potentiellen Verluste. dass das Thema HRE weiter für negative
plans“. Mit Wieandts Abgang Ende März war Schlagzeilen sorgen wird. Der FDP-Ab-
In Berlin rechnen manche mit weiteren aber immer noch keine Entscheidung über geordnete und Soffin-Kontrolleur Florian
Hiobsbotschaften von der HRE. Und das umstrittene Geldgeschenke-Paket ge- Toncar sagt: „Wenn meine Kollegen diese
auch die juristischen Auseinandersetzun- fallen. Investmentbanker der HRE pochten drei Buchstaben hören, kriegen sie es mit
gen bergen Risiken, ehemalige HRE-Ak- auf alte Zusagen und drohten mit Klagen. der Angst zu tun.“
tionäre klagen auf Schadensersatz vom Der Lenkungsausschuss des Soffin, der die ARMIN MAHLER, PETER MÜLLER,
Unternehmen, weil es sie falsch infor- HRE kontrollieren soll, erklärte sich im CHRISTOPH PAULY, CHRISTIAN REIERMANN
Wirtschaft

Rösler geplante neue Arzneimittelgesetz


(AMNOG) sieht in Artikel 1 Punkt 9 vor,
GESUNDHEIT
dass das Kartellrecht künftig rigoros auch
auf Krankenkassen angewendet werden

Einladung zur Manipulation soll. Die Konsequenz: Hermann kann


dann künftig wohl nicht mehr mehrere
AOK gemeinsam als Marktmacht in die
Waagschale werfen, sondern muss für jede
Die AOK kämpft für preiswerte Medikamente, doch das einzelne extra Ausschreibungen organi-
neue Arzneimittelgesetz torpediert ausgerechnet die bisherigen sieren. „In dem Moment, wo es in die Flä-
Rabattverträge. Die Lobbyisten setzen sich erneut durch. che geht, werden die Rabattverträge ka-
puttgemacht“, fürchtet der Kassen-Mann.
Im Klartext: Die Konzerne torpedieren
den Wettbewerb ausgerechnet mit dem
Wettbewerbsrecht. Die Dummen sind die
Beitragszahler.
Und das ist nicht mal die einzige Ge-
fahr des neuen Gesetzes, das kommende
Woche im Gesundheitsausschuss des
Bundestags beraten und am 1. Januar in
Kraft treten soll. Die Generikalobby hat
noch andere Erfolge zu verbuchen: Zum
Beispiel sollten neue Packungsgrößen
eigentlich künftig Tricksereien bei der
Abgabe von Rabattarzneimitteln verhin-
dern. Nun aber soll die Neuregelung frü-
hestens im Jahr 2013 greifen.
Auch die Vorkämpfer der großen Phar-
mamultis, vereint im Verband forschen-
der Arzneimittelhersteller, waren erfolg-

LENNART PREISS / DAPD


reich: Künftig soll nicht mehr der unab-
hängige Gemeinsame Bundesausschuss
die Kriterien festlegen, nach denen neue
Arzneimittel bewertet werden, sondern
das Gesundheitsministerium – das die
Industrie für beeinflussbarer hält.
Die Private Krankenversicherung (PKV)
wiederum kann sich darüber freuen, dass
Arbeitnehmer, die mehr als 4162,50 Euro
im Monat verdienen, künftig schon nach
einem Jahr in die PKV wechseln dürfen,
was den Versicherungskonzernen einen
Schwung neuer, gutverdienender Bei-
tragszahler bringen wird. Und die Apo-
theker schließlich können zufrieden sein,
dass sie bei allen geplanten Einsparungen
ungeschoren davonkommen.
AOK-Verhandlungsführer Hermann
kennt die Tricks der Gegenseite zur Ge-
nüge. Weil die Pharmafirmen sich seine
Rabattschlachten nicht gefallen lassen
MARTIN MEISSNER / AP

wollten, zerrten sie den Kassen-Mann


landauf, landab vor Gericht und führten
mehr als hundert juristische Auseinan-
dersetzungen mit ihm. Es ging um Aus-
schreibungsbedingungen, Termine, Klein-
Minister Rösler, Apotheke einer Uni-Klinik: „Ausgenommen wie eine Weihnachtsgans“ gedrucktes: „Die haben keinen Zweifel
daran gelassen, dass sie mich einbuchten

W
enn die Manager großer Phar- same Rabattverträge für Arzneimittel zu lassen wollen“, sagt Hermann.
makonzerne neben ihren Ren- verhandeln, hat er als Vizechef der AOK Der 55-jährige Hobby-Marathonläufer
diten an etwas Höheres glauben, Baden-Württemberg sofort zugeschlagen ist immer wieder überrascht, welche Ge-
müssten sie sich wohl bekreuzigen, wenn und den Generikaherstellern 91 Millionen winnspannen selbst bei Generika kalku-
der Name Christopher Hermann fällt. Der Euro abgetrotzt. Dieses Jahr will er den liert werden, also jenen wirkstoffgleichen
Mann hat sich innerhalb von vier Jahren Pharmaunternehmen 520 Millionen ab- Medikamenten von Nachahmern ohne
zum leibhaftigen Schrecken der Pillen- knöpfen. Bundesweit sparen die Kassen Patentschutz. In diesem Jahr hat Her-
branche entwickelt. Hermann drückt ihre mit Hilfe solcher Rabattverträge schon mann zum Beispiel den Wirkstoff Clopi-
hohen Preise, wo er nur kann. mehr als eine Milliarde Euro. dogrel ausgeschrieben, ein Blutverdün-
Als die Bundesregierung im Jahr 2007 Doch damit dürfte bald Schluss sein, nungsmittel, das vor Herzinfarkt und
den Krankenkassen ermöglichte, wirk- denn das von Gesundheitsminister Philipp Schlaganfall bewahren soll. Mehr als
102 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Wirtschaft

400 000 Patienten in ganz Deutschland Pro Generika, die Lobbyorganisation pflichtige Medikamente zwar verboten.
schlucken das Mittel regelmäßig. der großen Firmen, begleitet die neuen Nicht verboten ist es aber, wenn ein Phar-
Noch vor zwei Jahren wurde das Clo- Wettbewerbsregeln ebenfalls mit Wohl- mareferent dem Apotheker etwa für jede
pidogrel-Original von Sanofi-Aventis für wollen. „Die CDU/CSU hat erkannt, dass verkaufte Packung Clopidogrel noch
268,12 Euro pro Packung angeboten. 2008 vielen mittelständischen Unternehmen zehn Schachteln verschreibungsfreie
begannen Generikahersteller damit, Clo- angesichts der enormen preislichen Sog- Schmerztabletten schenkt.
pidogrel nachzumachen. Hexal und Ratio- wirkung nach unten die Luft auszugehen AOK-Manager Hermann vermutet,
pharm boten den Wirkstoff im Jahr 2009 droht“, heißt es in einem Positionspapier dass vor allem wohlhabende Kassenpa-
für 180,42 Euro an. In diesem Jahr senk- des Verbands zum AMNOG. tienten, die bereit sind, mehr zu zahlen,
ten sie den Preis auf 149,50 Euro. „Hauptursache für die wettbewerbs- auf diese Weise künftig über den Tisch
Dann kam Hermann. Er schrieb Clopi- feindliche Wirkung der Rabattverträge ist gezogen werden.
dogrel aus und forderte alle Hersteller Das war anders gedacht: Als Gesund-
auf, ihm den Preis zu nennen, zu dem sie heitsminister Rösler sein Arzneimittel-
das Präparat exklusiv an die AOK-Patien- gesetz im Juli dieses Jahres vorstellte,
ten liefern würden. Neun Generikafirmen 268,12 € kündigte er zugleich an, bei der Pharma-
offerierten Preise unter zehn Euro (siehe industrie rund zwei Milliarden Euro spa-
Grafik). Am günstigsten war die Firma ren zu wollen. Hermann zweifelt die Rech-
TAD, die vom 1. Oktober an die AOK-
Patienten beliefert. Rechnet man Mehr-
wertsteuer und Apothekengebühr dazu, 180,82 €
zahlt die AOK für eine Packung künftig
Preisverfall
nur noch knapp 18 Euro – gegenüber dem seit 2008:
heute billigsten Anbieter ein Rabatt von
mehr als 60 Prozent. Gesundgeschrumpft – 93%
„Das zeigt doch, dass uns die Pharma- Preisentwicklung für Medikamente
firmen zuvor ausgenommen haben wie mit dem Blutgerinnungswirkstoff
eine Weihnachtsgans“, wettert Hermann, Clopidogrel, ausgewählte Anbieter
der die hohen Rabatte aber nur deshalb 50,50 € geschätzt: 18 €
bekommt, weil er die Marktmacht des ge-
samten AOK-Verbands ins Spiel bringt.
Bundesweit sind bei den Ortskranken- Juli 2008 September 2009 September 2010 ab Oktober 2010
kassen über 25 Millionen Menschen ver- Originalmedikament Generikapreis Generikapreis Rabattpreis der Firma
sichert. Sie decken ein Drittel der Bevöl- von Sanofi-Aventis und von Hexal und von Stada TAD für die AOK
kerung ab – mit entsprechender Nach- Bristol-Myers Squibb Ratiopharm
fragemacht. Wenn eine Generikafirma
wie TAD den Zuschlag der AOK be- die Abgabeverpflichtung des Apothekers nung an: „Die paar Kröten, die die Regie-
kommt, vervielfacht sich ihr Umsatz bei zugunsten rabattierter Arzneimittel“, rung im Patentgeschäft einspart, verlieren
dem entsprechenden Medikament schlag- schreiben die Lobbyisten von Ratio- wir im Rabattgeschäft wieder.“
artig – die Konkurrenz geht leer aus. pharm, Hexal und Co. Doch auch in die- Hermann rechnet inzwischen sogar da-
Nutznießer dieses Wettbewerbs sind sem zweiten Punkt kommt ihnen Röslers mit, dass eine neue Klagewelle über ihn
vor allem die Beitragszahler. Nicht zu- neues Gesetz entgegen. Denn laut Artikel hereinbrechen wird, wenn das Gesetz am
letzt dank Hermanns Rabattverträgen 1, Punkt 15 soll mit der bisherigen Abga- 1. Januar wie geplant in Kraft tritt. „Dann
müssen AOK-Versicherte im Unterschied beverpflichtung durch den Apotheker werden die Firmen vermutlich ihre An-
zu anderen Kassen bisher keinen Zusatz- Schluss gemacht werden: „Abweichend waltskanzleien losschicken, um meine
obolus bezahlen. können Versicherte gegen Kostenerstat- schon bestehenden Rabattverträge erneut
Die Lobby der Generikagrößen spielte tung ein anderes Arzneimittel erhalten.“ anzugreifen.“
sozusagen über Bande: Indem sie mehr Was sich nach mehr Wahlfreiheit anhört, Wäre er am Mittwoch vergangener Wo-
Wettbewerb einforderte, stellte sie zu- dürfte sich im Alltag als Einladung zur che in Berlin gewesen, hätte er seine Sor-
gleich sicher, dass große Gemeinschaften Manipulation von Patienten erweisen. gen bestätigt gefunden. Da trafen sich im
wie die der AOK ihnen künftig nicht Denn wenn, wie im Fall Clopidogrel, Novotel am Tiergarten mehrere Pharma-
mehr Tiefstpreise diktieren können. der Preisunterschied pro Packung über manager, um über geplante Änderungen
Das Kartellamt findet die Rabatt- hundert Euro beträgt, dürfte auch die des Arzneigesetzes zu debattieren. Die
verträge als wettbewerbsförderndes In- Motivation einer Firma steigen, den Apo- CDU-Staatssekretärin im Gesundheits-
strument zwar grundsätzlich gut, will sie theker mit Geschenken zu ködern, dass ministerium, Annette Widmann-Mauz,
sich aber „künftig genau anschauen“, er dem Patienten vielleicht von dem „bil- sprach den Managern Mut zu.
sagt Behördensprecher Kay ligen Rabattarzneimittel“ ab- Bei den Rabattverträgen brauche es
Weidner. „Allzu machtvolle rät und ihm stattdessen ein nun wirklich einen „Stoßdämpfer“, sagte
Einkaufsgemeinschaften der „Markengenerikum“ der be- die Top-Beamtin. Gegenüber einer gro-
Krankenkassen könnten kannten, großen Firmen ßen Krankenkasse „hat man als Hersteller
durch die Anwendung des empfiehlt. ja keine Chance“. So viel Verständnis aus
Kartellrechts verhindert wer- So war es bis 2006 üblich: der Politik tat den Firmenvertretern gut.
den.“ Damals hatten Firmen wie Einer fragte, ob die Regierung selbst ge-
STEFAN BONESS / IPON

Konkurrenten wie die Ratiopharm den Apotheken gen die Rabattverträge vorgehen werde
Techniker Krankenkasse se- in großen Mengen sogenann- oder ob man das mit Hilfe der eigenen
hen das neue Gesetz keines- te Naturalrabatte gewährt, Anwaltskanzleien selbst machen solle.
wegs so kritisch und hoffen damit möglichst oft die fir- Die Staatssekretärin ermunterte die Phar-
darauf, dass die AOK künftig meneigenen Präparate abge- mamanager kaum verhohlen: „Die Markt-
nur noch ähnliche Rabatte AOK-Vize Hermann geben würden. Heute sind partner dürfen sich über die Erfüllung des
bekommt wie sie. Leibhaftiger Schrecken Naturalrabatte für rezept- Rahmens gern streiten.“ MARKUS GRILL

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Wirtschaft

SPI EGEL-STREITGESPRÄCH

„Die Wahrheit muss auf den Tisch“


Bahn-Chef Rüdiger Grube, 59, und der grüne Verkehrsexperte Winfried Hermann, 58, über wütende
Schwaben, Eieruhren und den Streit um das Großprojekt „Stuttgart 21“

SPIEGEL: Herr Grube, Herr Hermann, noch Grube: Dann passiert in Stuttgart gar rechnen. Ein kostengünstiger Trassen-
nie hat ein Bahnprojekt so heftige Proteste nichts. Das bedeutet ganz konkret: voll- vorschlag verliefe etwa durch das Ha-
ausgelöst wie „Stuttgart 21“, der milliarden- ständiger infrastruktureller Stillstand. fengelände. Wenn Ihre tollen Ingenieure
teure Umbau des Stuttgarter Hauptbahn- SPIEGEL: Kann sich das eine Wirtschafts- 60 Kilometer Tunnel durch die Alb boh-
hofs. Haben Sie eine Erklärung dafür? region wie Stuttgart leisten? ren können, dann werden sie ja wohl
Grube: Als ich 1996 nach Stuttgart kam, gab Hermann: Das sind doch Horrorszenarien noch eine Brücke über den Neckar schaf-
es eine riesige Debatte um die neue Messe, der Bahn. Es gibt sehr wohl intelligente fen.
angeblich kamen 32 000 Demonstranten Alternativen zu Stuttgart 21, die zudem SPIEGEL: Die Grünen, Herr Hermann, ge-
zum Spatenstich. Heute habe ich schon noch günstiger wären. hörten sieben Jahre lang der Bundes-
lange keinen mehr getroffen, der gegen SPIEGEL: Sie spielen auf den „K21“-Vor- regierung an. Warum hat Ihre Partei das
die Messe ist. Das Gleiche hat sich abge- schlag an, der eine Umgestaltung des Projekt damals nicht gestoppt?
spielt beim Bau des Fernsehturms, beim alten Kopfbahnhofs vorsieht. Hermann: Weil unser Koalitionspartner
Pragsatteltunnel und bei der Liederhalle. Hermann: Zum Beispiel. SPD das Projekt stets befürwortete. Wir
Offensichtlich steht man in konnten nur den Kompro-
Stuttgart großen Projekten, miss durchsetzen, dass
vor allem Infrastrukturpro- ganz am Ende, wenn alle
jekten, immer erst einmal Zahlen nach den Planfest-
kritisch gegenüber. Und stellungsverfahren auf dem
jetzt sind wir leider auch Tisch liegen, die Bahn ent-
noch zwischen die Fronten scheidet. Das wäre rational
der Wahlkampfstrategen ge- gewesen. Aber die Große
raten. Koalition hat diese Ent-
Hermann: Aber das wün- scheidung im Aufsichtsrat
schen wir uns doch immer: der Bahn sofort wieder ge-
dass es im Wahlkampf um kippt. Es stimmt, wir Grü-
konkrete Themen geht; nen hätten das Projekt gern
dass die Bürger sich enga- beerdigt, aber diese Macht
gieren. Und was die Dauer hatten wir als kleiner Ko-
des Protests anbelangt, da alitionspartner leider nicht.
werden Sie sich noch um- Heute sähe das anders aus.
gucken. Die Projekte, die Grube: Die Mehrheit des
Sie eben genannt haben, Bundestags hat diesem Pro-
hatten ganz andere Dimen- jekt aber doch 2008 zuge-
sionen. Die Demonstranten stimmt, 2009 wurden die
gegen Stuttgart 21 werden Verträge unterzeichnet. Ich
noch Monate durchhalten, bin Hanseat und ehrbarer
und das wird insgesamt Kaufmann, und ich habe ge-
dem Image der Bahn erheb- lernt: Ein Vertrag wird ge-
lich schaden. schlossen, damit er erfüllt
BAHN / DPA

SPIEGEL: Warum gönnen Sie „Stuttgart 21“-Entwurf wird. Ich werde meinen An-
Stuttgart keinen modernen teil an diesem Vertrag rea-
Hauptbahnhof? lisieren.
Hermann: Es geht bei diesem Streit doch Grube: K21 ist doch nur ein Phantom! Da Hermann: Aber auch hanseatische Kauf-
nicht allein um die Modernisierung eines wird ein komplett durchfinanziertes, plan- leute überprüfen doch die Grundlagen
Bahnhofs. Bei Stuttgart 21 werden Milliar- festgestelltes Projekt wie Stuttgart 21 mit eines Vertrags. Wenn sich herausstellt,
den vergraben, die man bundesweit viel einem Modell verglichen, das nicht ein- dass die Informationen bei der Unter-
sinnvoller in den Güterverkehr investieren mal konzeptionell existent ist. In all den zeichnung nicht vollständig waren, wird
sollte, da gibt es ganz andere Engpässe. Zu- Jahren wurde von Ihnen im Verkehrs- eben nachverhandelt. Die Zahlen und
dem ist das Projekt ökologisch extrem ris- ausschuss nie eine K21-Alternative einge- Gutachten zu den Kostensteigerungen bei
kant: Denken Sie nur mal an die Mineral- bracht. Warum kommen Sie damit erst Stuttgart 21, die uns heute bekannt sind,
wasserquellen unter der Stadt und die Tun- jetzt? lagen uns Abgeordneten damals einfach
nelbauarbeiten in der Schwäbischen Alb. Hermann: Wesentliche Abschnitte von nicht vor. Zugegeben: Es war im Rück-
Grube: Aber es gibt doch gar keine Alter- Stuttgart 21 und der Neubaustrecke sind blick naiv, Ihren schönen Zahlen zu
native. Die Verträge sind längst unter- eben noch nicht rechtskräftig planfest- glauben.
zeichnet und müssen jetzt erfüllt werden. gestellt. Die Bahn und die Landesre- SPIEGEL: Die Bahn spricht bei Stuttgart 21
SPIEGEL: Warum wäre es so schlimm, wenn gierung Baden-Württemberg wollten momentan von Baukosten von rund sie-
Stuttgart 21 gestoppt würde, Herr Grube? doch nie Alternativkonzepte seriös durch- ben Milliarden Euro, inklusive der Neu-
112 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
tun, als seien das schlechtinformierte Psy-
chologen, die sich ins Eisenbahnwesen
verirrt haben, ist schäbig.
SPIEGEL: Herr Grube, wo liegt bei Ihnen
die Schmerzgrenze, ab der für Sie mit
der Neubaustrecke Schluss wäre? Wie teu-
er darf dieser Abschnitt maximal werden?
Grube: Für mich ist das Ziel, dass wir die
eben genannten 2,89 Milliarden einhalten.
Aber ob diese Summe auch in zehn Jah-
ren noch so stehen kann, kann doch heu-
te niemand seriös voraussagen. Auch
Herr Hermann weiß nicht, wie sich die
Stahlpreise entwickeln werden. Da eine
Garantie zu geben ist unseriös.
SPIEGEL: Wenn die CDU-geführte Landes-
regierung in Baden-Württemberg sich heu-
te von Stuttgart 21 verabschieden würde …
Grube: … würde sie vertragsbrüchig …
SPIEGEL: … und Sie, Herr Grube, wären
fein raus.
Grube: Dieses Szenario kann ich mir nicht
vorstellen. Auch wenn ich zugeben muss,
dass ich mir derzeit durchaus wünschen
würde, dass die politischen Verantwort-
lichen in Stuttgart bei ihren Landsleuten
noch einstimmiger und nachdrücklicher
für unser Projekt werben. Aber noch mal:
Ich habe einen Vertrag, und den muss ich
erfüllen, sonst wird man mich verklagen.
Ich kann dieses Projekt nicht mehr um-
kehren.
Hermann: Sie persönlich können das viel-
leicht nicht. Aber die Politik kann es, und
Sie könnten dazu durchaus Ihren Beitrag
leisten. Wenn nach der nächsten Land-
tagswahl die Karten neu gemischt werden,
glaube ich nicht daran, dass eine neue
Regierung zwei Milliarden Euro Landes-
mittel in so ein Wahnsinnsprojekt stecken
wird.
SPIEGEL: Wenn die Grünen nach der Wahl
in Baden-Württemberg mitregieren, wür-
Rüdiger Grube Winfried Hermann de Stuttgart 21 sofort gestoppt?
ist seit Mai 2009 Vorstandsvorsitzender der sitzt dem Verkehrsausschuss des Deut- Hermann: Ja, mit neuer Mehrheit. Wir wol-
Deutschen Bahn AG. Zuvor war der Ingenieur schen Bundestags vor. Der Grünen- len eine preisgünstigere Modernisierung
beim schwäbischen Autobauer Daimler für Abgeordnete kämpft seit Jahren gegen das des bestehenden Kopfbahnhofs.
MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

die Konzernentwicklung zuständig. Der Bahnprojekt Stuttgart 21. Von 1992 bis 1997 Grube: Und die wird dann wann fertig?
gebürtige Hamburger Grube lebt seit 1996 war Hermann Vorsitzender der Grünen in 2030?
in der Nähe von Stuttgart. Baden-Württemberg. Hermann: Das wird sicherlich lange dau-
ern. Aber an Ihrem Mammutprojekt wird
garantiert noch sehr viel länger gebaggert
werden.
SPIEGEL: Auch der Ausstieg aus diesem Pro-
baustrecke Wendlingen–Ulm. Die Grü- mit der Berechnung eines Planungsbüros jekt wäre mit hohen Kosten verbunden.
nen haben vor zwei Wochen ein Gut- daher, das unter anderem aus einem Di- Hermann: Absolut. Wir gehen davon aus,
achten vorgelegt, das die Kosten auf plompsychologen besteht, und sagen, al- dass es zwischen 400 und 500 Millionen
etwa zehn Milliarden taxiert. Wie viel lein diese Strecke würde 5,3 Milliarden Euro sein werden. Das sind für Schwaben
wird das Ganze am Ende nun wirklich kosten. Entschuldigen Sie, aber das kann keine Peanuts. Aber besser ein Ende mit
kosten? man doch nicht ernsthaft miteinander ver- Schrecken, als immer noch weitere Mil-
Grube: Wir sollten hier erst einmal über gleichen. liarden hinterherzuschieben.
die Seriosität der angesprochenen Zahlen Hermann: Im dem angesprochenen Gut- Grube: Das ist völlig unrealistisch. Wir
reden. Bei der Berechnung der Kosten der achten von Vieregg-Rößler wird die Stre- rechnen mit 1,4 Milliarden – darin sind
Neubaustrecke Wendlingen–Ulm etwa cke kilometerscharf nachgerechnet. Wir unter anderem die Ausgaben für bereits
haben auf unserer Seite 31 internationale haben diese Gutachter beauftragt, weil begonnene Bauaufträge enthalten, die
Ingenieurbüros mitgewirkt. Weltweite sie auch schon für die Deutsche Bahn ge- Rückabwicklung der Grundstücksverkäu-
Spezialisten für Geologie, für Geotechnik, arbeitet haben und unter anderem Groß- fe inklusive Verzinsung, Vorplanungskos-
für Tunnelbau. Sie kamen auf 2,89 Mil- projekte wie die Transrapid-Strecke in ten. Aber darüber hinaus müssten wir
liarden Euro. Jetzt kommen die Grünen München begutachtet haben. Jetzt so zu noch einmal 1,8 Milliarden finanzieren,
D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 113
Wirtschaft

da wir hier von einem Gleisvorfeld spre-


chen, in das seit 15 Jahren nicht investiert
wurde, dazu Abstell- und Behandlungs-
anlagen, die dringend saniert werden
müssen.
SPIEGEL: Gibt es eine einzige Zahl zu Stutt-
gart 21, auf die Sie sich beide einigen kön-
nen?
Grube: Ich halte gern meine Hand hin und
sage das im Namen aller Projektpartner:
Lasst uns an einen Tisch setzen, lasst uns
gemeinsam die Experten anhören. Die
Wahrheit muss endlich auf den Tisch.
Hermann: Da nehme ich Sie gern beim
Wort. Ihre hohen Ausstiegskosten rech-
nen wir nach. Und bitte legen Sie dann
auch gleich die Wirtschaftlichkeitsrech-
nung der Bahn für dieses Projekt mit
dazu. Die hat Ihr Vorgänger nämlich stets
als Betriebsgeheimnis deklariert und nie
rausgerückt.
SPIEGEL: Ein erster Anlauf zu einem Run-
den Tisch ist bereits gescheitert.
Hermann: Ein Baustopp während solcher
Gespräche wäre momentan das Mindeste,
was die Bahn den Gegnern anbieten
müsste. Ich kann doch nicht offen über
ein Projekt diskutieren, während Grube
nebenbei weiter die Grube gräbt.

MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

Hermann, Grube, SPIEGEL-Redakteure*


„Da nehme ich Sie beim Wort“

Grube: Der Unterschied zwischen uns ist,


dass durch Ihre Eieruhr nur Sand läuft;
Zeit bis zur Landtagswahl, bei der Sie
von diesem Streit noch profitieren wollen.
Sie denken doch nur an Ihr Wahlergebnis.
Bei mir läuft da Geld durch. Auch das
des Steuerzahlers. Da kann ich keine Ver-
zögerungen verantworten.
SPIEGEL: Herr Grube, einer Ihrer Vorgän-
ger als Bahn-Chef, Johannes Ludewig,
hatte bereits vor elf Jahren das Projekt
beerdigt. Warum kassieren Sie heute ei-
gentlich bereitwillig die Prügel für ein
Vorhaben, das sich längst abgewählte Lan-
despolitiker vor fast zwei Jahrzehnten zu-
sammengeträumt haben?
Grube: Zum dritten Mal: weil wir einen
Vertrag unterzeichnet haben. Und natür-
lich ist Stuttgart 21 auch ein politisch mo-
tiviertes Vorhaben. Am 22. Mai 1992 wur-
de ein Staatsvertrag zwischen Frankreich

* Andreas Wassermann und Simone Kaiser.

114 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
und Deutschland geschlossen, der den
Ausbau des Schienenschnellnetzes vor-
sieht. Die Franzosen haben ihre Strecke
längst ausgebaut, wir müssen jetzt end-
lich nachlegen.
Hermann: Damals hat man geglaubt, dass
man mit Hochgeschwindigkeitsverbin-
dungen zwischen Großstädten der Luft-
fahrt richtig Konkurrenz machen kann.
Dort gibt es allerdings, trotz Milliarden-
subventionen, keine nennenswerten Zu-
wächse mehr.
Grube: Derzeit werden auch in Zürich,
Wien und Malmö veraltete Kopfbahnhöfe
umgebaut. In Stuttgart einen Durchgangs-
bahnhof zu bauen, halte ich also durchaus
nicht für eine Idee von gestern. Ein Kopf-
bahnhof bleibt immer ein enger Flaschen-
hals, und der ist auf einer Magistrale wie
Paris–Stuttgart–Wien–Bratislava nicht zu-
kunftstauglich.
Hermann: Diese Magistrale ist eine Planer-
fiktion. Durch die Tieferlegung des Bahn-
hofs wird der Engpass überhaupt erst ge-
schaffen, weil sich die Gleiszahl verrin-
gert. Wenn wir uns objektiv anschauen,
wo es im deutschen Schienennetz gravie-
rende Engpässe gibt, dann kommen wir
in Stuttgart gar nicht erst auf einen Be-
darf. Dieser Kopfbahnhof funktioniert,
das kann man jeden Tag beobachten, er
gehört zu den Stopps mit den geringsten
Verspätungszeiten.
SPIEGEL: Welche Kriterien sollten in Zu-
kunft für derartige Großprojekte gelten,
die so viele Milliarden binden?
Grube: Sie müssen verkehrswirtschaftlich
notwendig sein. Sie müssen ökologisch
sein. Und sie müssen natürlich finanzier-
bar sein.
Hermann: Danke! Nach diesen drei Krite-
rien wären Stuttgart 21 und die Neubau-
strecke tot.
Grube: Sie beschweren sich, dass Sie nicht
alle Zahlen kennen, aber dass es unwirt-
schaftlich wird, wissen Sie.
SPIEGEL: Wie könnte denn eine friedliche
Lösung des Streits um Stuttgart 21 aus-
sehen?
Grube: Proteste ersetzen keine Demokra-
tie. Wir müssen natürlich miteinander
reden, die Bürger aufklären. Aber wenn
Beschlüsse, die in Parlamenten, Gemein-
deräten, im Bundestag gefasst werden,
nicht mehr zählen, sondern alle Entschei-
dungen durch Volksentscheide rückgän-
gig gemacht werden können, dann wer-
den Sie in Deutschland keine Investoren
mehr finden. Denn die brauchen Pla-
nungssicherheit, alles andere wäre fatal.
Hermann: Ich glaube, es gibt in Wirklich-
keit nur einen Ausweg aus dieser aktuel-
len Misere: eine sofortige Volksbefragung
oder einen Volksentscheid. Wenn das
nicht klappt, hilft nur ein entsprechendes
Wahlergebnis bei der Landtagswahl im
März 2011.
SPIEGEL: Herr Hermann, Herr Grube, wir
danken Ihnen für dieses Gespräch.
D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 115
Wirtschaft

Vorstandschef Obermann
Unangemeldeter Besuch

garischen Unternehmen plötzlich das not-


wendige Testat unter seiner Bilanz.
Der Grund für das ungewöhnliche Ver-
halten: Beim Durchforsten des Zahlen-
werks sind den Prüfern Verträge mit
Dienstleistungsfirmen und Beratern auf-
gefallen, für die zwar Zahlungen in Mil-
lionenhöhe vorlagen, für die jedoch gar
keine entsprechenden Leistungen er-
bracht worden waren. Es bestehe der Ver-
dacht auf Manipulation, stellen die PwC-
Leute schon damals in einem Unter-
suchungsbericht fest, der dem SPIEGEL
vorliegt. Ohne Klärung werde es keine
Freigabe des Zahlenwerks geben.
In der Telekom-Zentrale ist man alar-
miert. Mit dem fehlenden Testat ist auch
der Gesamtabschluss des Unternehmens

HENNING KAISER
in Gefahr. Konzernsicherheit und Revi-
sionsabteilung werden in Bewegung ge-
setzt, um die fehlenden Beträge aufzu-
spüren – mit überraschendem Resultat.
Die Gelder, heißt es in internen Berich-
KONZE RNE
ten, seien aufgrund bestehender Seilschaf-
ten und alter Verbindungen an diverse

Manipuliert und gelöscht Beamte, aber auch an Manager der Grup-


pe geflossen. Dazu seien Scheinverträge
mit Firmen in Millionenhöhe abgeschlos-
sen worden. Konkret sei es etwa um fin-
In der jüngsten Telekom-Affäre spielt nicht nur gierte Beraterleistungen im Zusammen-
Konzernchef Obermann eine noch ungeklärte Rolle, sondern hang mit Telekommunikationsgesetzen
auch die ermittelnde deutsche Staatsanwaltschaft. gegangen. Aber auch für angebliche
Marktstudien und wertlose Marketing-

B
eruflich wie privat schien für René Gegen sieben andere Manager hegen konzepte seien etliche Millionen Euro
Obermann zuletzt alles prima zu die Ermittler einen schwerwiegenden Ver- ausgegeben worden.
laufen. Gerade erst war bekannt dacht. Es geht – so viel steht fest – um Selbst die Zahlungsströme können teil-
geworden, dass der Chef der Deutschen Korruption und Schmiergeldzahlungen weise rekonstruiert werden. Im Mittel-
Telekom AG ohne das übliche mediale an Staatsbeamte in Montenegro und Ma- punkt habe eine zypriotische Firma ge-
Begleit-Tamtam seine Lebensgefährtin, zedonien. Möglicherweise spielen auch standen. Von dort seien die Gelder über
die ZDF-Talkerin Maybrit Illner, gehei- Steuerhinterziehung und Geldwäsche die Schweiz und die British Virgin Islands
ratet hat. Ähnlich geräuschlos sollte spä- eine Rolle. Aber hat Obermann sich auch zu ihren Empfängern geleitet worden.
testens im November der Bespitzelungs- persönlich etwas zuschulden kommen las- Der Fall nimmt allmählich immer
prozess vor dem Bonner Landgericht zu sen, wie die Ermittler nun untersuchen? größere Dimensionen an. Erschwerend
den Akten gelegt werden. Der komplexe Fall reicht bis ins Jahr kommt hinzu: Die Telekom ist zu jenem
Es wäre das ruhige Ende einer skandal- 2005 zurück. Die Telekom ist zu jenem Zeitpunkt auch an der New Yorker Ak-
trächtigen Datenaffäre, deren Aufarbei- Zeitpunkt stolzer Besitzer eines knapp tienbörse notiert. Deshalb wird auch die
tung Obermann bislang ohne größere 60-prozentigen Anteils an der ungari- strenge amerikanische Finanzaufsicht
Blessuren überstanden hat. Einer zweiten schen Magyar Telekom. Das aus der staat- SEC aufmerksam. Die renommierte in-
fünfjährigen Amtszeit stünde nichts mehr lichen Matav hervorgegangene Unterneh- ternationale Anwaltskanzlei White &
im Wege, signalisierte der Aufsichtsrat. men ist eine der größten privatisierten Case wird beauftragt, die Hintergründe
Doch was noch vor kurzem wie eine Telefongesellschaften Südosteuropas. der Deals zu beleuchten.
Pflichtmitteilung geklungen hätte, gewann Weil die Telekom zu dieser Zeit nur Schnell stoßen auch die US-Juristen
plötzlich einen trotzigen Jetzt-erst-recht- wenige wirklich vorzeigbare Auslands- auf weitere Ungereimtheiten. In Zwi-
Beigeschmack. Denn neuerdings muss töchter vorweisen kann, wird die ungari- schenberichten der Kanzlei heißt es, rund
sich Obermann wieder rechtfertigen. sche Beteiligung vom damaligen Vor- um die beanstandeten Verträge seien Da-
Am 31. August stand unangemeldeter standschef Kai-Uwe Ricke und seinem ten manipuliert und gelöscht worden.
Besuch vor der Tür seiner Berliner Pri- Duzfreund und Mobilfunk-Chef Ober- Eine Aufarbeitung sei schwierig.
vatwohnung. Ermittler der Staatsanwalt- mann mit besonderem Wohlwollen be- Doch die Ermittler graben sich tiefer
schaft verlangten Einlass in die Räume, dacht. Es gibt Geld aus Bonn für die Auf- ein. Insgesamt können sie mittlerweile
die Obermann mit Illner bewohnt. stockung von Anteilen und Zukäufen. etwa 30 fingierte Verträge mit einem Ge-
In einer bundesweit koordinierten Ak- Selbst eine gemeinsame Unternehmens- genwert von rund 30 Millionen Euro iden-
tion versuchten die Staatsanwälte, Be- strategie wird mit den Ungarn erarbeitet. tifizieren.
weismittel zu sichern – in diversen Nie- Alles scheint gut zu laufen, zumindest In dieser Zeit sei „sicher einiges schief-
derlassungen der Telekom, am Bonner bis zum Januar 2006. Da nämlich verwei- gelaufen“, räumt auch das Telekom-Ma-
Konzernsitz des Telefonmultis und eben gert die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft nagement ein. Wie schief, belegt eine Ab-
auch in Obermanns Wohnung. PricewaterhouseCoopers (PwC) dem un- höraktion bei der Magyar Telekom aus
116 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Wirtschaft

S O Z I A L S TA AT

Kampf um
Freiwillige
Kippt die Wehrpflicht, endet auch
der bisherige Zivildienst. Vielen
sozialen Einrichtungen fehlen schon
jetzt die Mitarbeiter.

I
n einem kleinen Büro am Düsseldorfer

PANOS PICTURES / VISUM


Fürstenwall sitzt Thomas Undorf und
brütet über den Dienstplänen seiner
neun Zivildienstleistenden. Sie fahren Es-
sen aus und kümmern sich im Hausnot-
rufdienst um die, die nachts aus dem Bett
Handynutzerinnen vorm ungarischen Parlament in Budapest: „Sicher einiges schiefgelaufen“ gefallen sind oder Atemnot bekommen.
Aber wie lange noch? Wenn der Zivil-
dem Jahr 2007, die in internen Unterlagen Die Argumentation der Staatsanwälte dienst mit der Wehrpflicht kippt, ist Un-
der Telekom dokumentiert ist. sei dürftig, heißt es nicht nur in der Bon- dorfs Malteser-Notrufdienst mit derzeit tau-
Damals haben die Ungarn offenbar Te- ner Konzernzentrale. Denn solche Dro- send Kunden in Gefahr. Im Moment wird
lefongespräche bei Subunternehmern ab- hungen sind in der Branche fast Usus. In er fast komplett über die Zivis abgedeckt.
gehört, die gegen eine Kündigung ihrer Deutschland hat fast jeder Telekom-Chef „Wir sind auf sie angewiesen“, sagt er.
Verträge vorgegangen waren. Eine CD – von Ron Sommer über Ricke bis zu Berlin-Neukölln, ein Backsteinhaus in
mit einem Mitschnitt geht Mitte 2008 in Obermann – dem Bund als Großaktionär einem grünen Innenhof: Im Jugendclub
der Telekom-Zentrale ein – übersandt immer wieder signalisiert, Dividenden in „Die Scheune“ können Kinder nach der
von einem ungarischen Anwalt. Milliardenhöhe zu streichen, wenn die Schule spielen oder Hausaufgaben ma-
In Bonn prüft man die Angelegenheit Marktöffnung zu schnell voranschreite.
und begnügt sich schließlich mit der Er- Aufgeschreckt hat das bislang nur die Kar-
klärung des Tochterunternehmens, dass tellrechtler.
die Sache nach „ungarischem Gesetz“ le- Warum also leitete die Staatsanwalt-
gal sei, und legt den Fall zu den Akten. schaft das Verfahren ein? Warum durch-
Es soll kein weiterer Wirbel entstehen. suchen die Beamten die Privatwohnung
Wegen der US-Untersuchung ist es zu des Telekom-Chefs? Haben Apostel und
diesem Zeitpunkt schon unruhig genug. seine Mannen noch Fakten, die sie der
Schritt um Schritt weitet die Börsenauf- Öffentlichkeit noch nicht mitteilen wollen
sicht die Untersuchungen aus. Im Mai die- oder können?
ses Jahres schicken die Amerikaner Vielleicht hat man aber auch einfach
schließlich ein Rechtshilfeersuchen nach die Übersicht verloren. So hat die US-
Deutschland, um auf diesem Wege noch Justizbehörde bereits im Sommer 2007
CARSTEN KOALL / VISUM

Zeugen zu vernehmen, an die sie sonst angeordnet, sämtliche Festplatten von


nicht herangekommen wären. Vorständen und Top-Managern des Tele-
Telekom-Juristen glauben, die US-Be- kom-Konzerns zu kopieren und zur Be-
hörden wollen das langjährige Verfahren weissicherung bei einer eigens auf solche
zu einem Abschluss bringen. Schon im Fälle spezialisierten Dienstleistungsfirma
Vorfeld sei auch über mögliche Geldzah- zu deponieren. Jugendbetreuerin Al-Wakeel: Widerstand aus den
lungen gesprochen worden. Anschul- Die Telekom hat das auch getan, das
digungen gegen den Telekom-Chef, ver- belegen umfangreiche E-Mails, die dem chen, betreut von Ghade Al-Wakeel. Die
sicherten die US-Ermittler dem Unter- SPIEGEL vorliegen. Doch die Datenträ- 19-Jährige hat hier gerade ein Freiwilliges
nehmen, seien in den Unterlagen nicht ger, auf denen das möglicherweise um- Soziales Jahr (FSJ) begonnen; wenn es
enthalten. Aus ihrer Sicht sei Obermann fangreichste Material für eine eventuelle ihr gefällt, will sie danach eine Ausbildung
Zeuge und nicht Beschuldigter. Verstrickung des Vorstands und des Top- zur Heimerzieherin machen. 240 Euro im
Doch das sieht die Bonner Staatsan- Managements in den zahlreichen Affären Monat bekommt sie als Taschengeld. „Das
waltschaft nun völlig anders. In unter- zu finden wäre, hat die Staatsanwalt- ist nicht viel, aber immerhin mehr als bei
schiedlichen Rechtssystemen könne man schaft nach Aussagen von Sicherheitsex- einem unbezahlten Praktikum“, sagt sie.
zu unterschiedlichen Auffassungen gelan- perten weder in der Bespitzelungsaffäre Leute wie Ghade Al-Wakeel werden
gen, sagt Oberstaatsanwalt Fred Apostel. noch im aktuellen Fall angefordert. künftig scharenweise gesucht. Denn mit
Konkret wirft seine Behörde Obermann Der Konzern selbst wollte sich zu den der geplanten Aussetzung des Wehrdiens-
vor, im Gespräch mit dem Chef einer Vorgängen nicht äußern. Die Bonner tes endet auch der Zivildienst in seiner
Magyar-Tochter Dividendenzahlungen Staatsanwaltschaft erklärt: Der Datenbe- bisherigen Variante: Es beginnt das Zeit-
davon abhängig gemacht zu haben, dass stand, den man in den diversen Telekom- alter der Freiwilligen.
der dortige Telekommunikationsmarkt Verfahren aufgebaut habe, sei inzwischen Geht es nach Familienministerin Kris-
möglichst lange vor unliebsamen Wett- so groß, dass man auf die „damals gespie- tina Schröder (CDU), wird der alte
bewerbern abgeschottet bleibe. Die Tele- gelten Festplatten“ nicht zwingend ange- Zwangsdienst für junge Männer künftig
kom streitet das ab. wiesen sei. FRANK DOHMEN schlicht durch einen freiwilligen Zivil-
118 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
dienst ersetzt. 35 000 Plätze soll es geben, keit auszubauen. Sie pochen auf die Trä- fordern deshalb eine Kurskorrektur: Das
offen für Männer und Frauen, ganz egal gerautonomie und schielen ebenfalls auf Freiwillige Soziale Jahr müsse deutlich
ob 16 oder 60 Jahre alt. Start: 1. Juli 2011. das nun frei werdende Geld. Schließlich besser finanziert werden, sagt er, aller-
Er soll die Einschnitte bei den sozialen möchten sie ihre bisherigen Zivi- und FSJ- dings ohne die steifen Strukturen des
Einrichtungen zumindest zum Teil auf- Stellen weiter mit billigen Arbeitskräften Bundesamts für den Zivildienst. „Die
fangen. Ihr Motto: Freiwillige vor! besetzen. Behörde verschlingt so viel Geld“, sagt
Doch so einfach, wie Schröder hofft, Was also soll geschehen? Stundenlang Bode, „das sollte man lieber zur Unter-
wird es nicht. Im Sozialstaat droht nun verhandelten am vergangenen Mittwoch stützung der Dienste verwenden.“
eine Doppelstruktur mit zwei freiwilligen die Vertreter der Sozialverbände mit Auch aus den Gewerkschaften kommt
Dienstarten zu unterschiedlichen Kondi- Schröders Leuten im Familienministeri- Kritik, sie fürchten eine Ausweitung des
tionen. Die neuen Zivildienstleistenden um über „Eckpunkte für die Einführung Niedriglohnsektors. „Es ist ein Skandal,
sollen nach den bisherigen Plänen rund eines freiwilligen Zivildienstes“. Zentrale wenn gerade mühsam ein Mindestlohn
doppelt so viel Geld bekommen wie Teil- Idee dabei ist ein Koppelungsmodell: Wer von 8,50 Euro im Westen und 7,50 Euro
nehmer am Freiwilligen Sozialen Jahr künftig als Verband einen besser bezahl- im Osten für Pflegehilfskräfte eingeführt
(FSJ). So entsteht eine neue Konkurrenz ten Zivildienstleistenden haben will, wurde, nun aber die Bundesregierung
auf dem Freiwilligenmarkt. Schröders muss eben auch einen schlechter bezahl- hingeht, um mehr als 30 000 Hilfskräfte
Plan führt zu einem Machtkampf um ten FSJler nehmen. für 3,75 Euro pro Stunde zu beschäfti-
Kompetenzen, Geld und Freiwillige. Die Verbände überlegen, wie das im gen“, klagt Ver.di-Chef Frank Bsirske.
Niemand weiß zudem, wie groß das Alltag aussehen kann. Beliebte Stellen In den Bundesländern regt sich gleich-
Interesse an freiwilligem Engagement wie Kinderbetreuung würden demnach falls Widerstand gegen Schröders Pläne.
überhaupt noch sein wird. Werden die für schlecht bezahlte FSJler reserviert. Rheinland-Pfalz hat bereits ein Konzept
Zivis, zuletzt gab es 90 000 Einberufungen Besser bezahlte Freiwilligen-Zivis dage- für einen „Freiwilligen Sozialen Dienst“
pro Jahr, wirklich problemlos ersetzt, gen würden gleich in die anstrengendere erarbeitet. Es sieht eine Zusammenlegung
wenn künftig jeder Zwang entfällt? Und Altenpflege geschickt. von Zivildienst und Jugendfreiwilligen-
was passiert mit dem Bundesamt für den Der Nachwuchs hätte also die freie diensten vor, ein Entgelt „mindestens in
Zivildienst und seinen tausend Mitarbei- Wahl, wie er fortan Gutes für die Gesell- Höhe der Eingangsstufe der Ausbildungs-
tern? Vor allem die 630 Millionen Euro, schaft tut. Aber will er das überhaupt? vergütung (...) im öffentlichen Dienst“
die der Dienst in diesem Jahr kostet, we- Jugendliche seien, so die neue Shell-Ju- und ein Bonussystem, das etwa Vorteile
cken Begehrlichkeiten. gendstudie, durchaus bereit, sich zu en- bei der Rentenberechnung verspricht.
Bedroht fühlen sich vor allem die Ver- gagieren, je gebildeter und privilegierter, Am 15. Oktober soll der Bundesrat dar-
fechter des FSJ. Der Bund unterstützt bis- desto mehr. Doch sie sind auch wähle- über beraten.
Für Probleme sorgt das voraussichtli-
136
Zivildienst ... . . . im Alltag che Ende von Wehr- und Zivildienst
schließlich bei den Universitäten und auf
120 Einberufungen Tätigkeiten von Zivildienstleistenden, dem Lehrstellenmarkt. Sobald die Wehr-
zum Zivildienst, in Prozent pflicht fällt, müssen sie früher als gedacht
in tausend Stand: 1. September 2010
einen Ansturm von Schulabgängern be-
91 wältigen, die dann nicht mehr in Kaser-
90
Umweltschutz sonstige nen und Altersheimen anrücken müssen.
11,4 „Wir haben ohnehin einen Studienan-
3,8 fängerberg und setzen nun womöglich
60 Versorgungs-
tätigkeiten 6,8 60,2 noch eine Spitze obendrauf“, sagt der Sta-
Pflegehilfe, tistik-Fachmann Ulrich Meyer zu Hörste
hand- Betreuungs- aus der Hamburger Wissenschaftsbehörde.
30 werkliche 17,8 dienste In den nächsten Jahren werden so viele
Tätigkeiten junge Leute wie noch nie ein Studium auf-
nehmen, auch weil in den großen Bundes-
0 Quelle: Bundesamt ländern nun zwei Jahrgänge gleichzeitig
1961 1970 1980 1990 2000 09 für den Zivildienst das Gymnasium verlassen: die einen nach
Bundesländern gegen Ministerin Schröders Pläne neun, die anderen nach acht Jahren. 2011
ist es in Bayern und Niedersachsen so weit,
her nur zwei Drittel der fast 40 000 jungen risch. Die Arbeiterwohlfahrt etwa, bei 2012 in Baden-Württemberg, 2013 in Nord-
Freiwilligen – in der Regel mit einem Bil- der Ghade Al-Wakeel ihr FSJ leistet, rhein-Westfalen. Die Konkurrenz in be-
dungszuschuss von 72 Euro pro Monat konnte von 500 Stellen in Berlin und gehrten Fächern wird sich dann weiter
und Teilnehmer. Trotzdem sollen sie vom Brandenburg nur 350 besetzen. Vor allem verschärfen – mancher Abiturient könnte
630-Millionen-Etat des alten Zivildienstes für den anstrengenden Einsatz in Pflege- trotz guter Noten seinen Wunsch-Studien-
nur einen Bruchteil bekommen: gut 55 heimen gab es einfach nicht genügend platz nicht bekommen.
Millionen Euro und damit 20 Millionen Bewerber. Mit „Verdrängung“ rechnet Joachim Ul-
mehr als bisher versprochen. An vielen Stellen im Sozialwesen fehlt rich vom Bundesinstitut für Berufsbildung
Der Löwenanteil, 300 Millionen Euro, es schon jetzt an Geld und Arbeitskräf- in Bonn auch bei den Lehrstellen. Das sei
soll in den neuen, freiwilligen Zivildienst ten, der Wegfall des Pflicht-Zivildienstes zwar tendenziell gut für die Firmen, die
fließen. Der Rest wird eingespart – so die würde das Problem nochmals verschär- hätten dann mehr Auswahl – aber nach-
aktuelle Planung. Selbstverständlich er- fen. 1,8 Milliarden Euro würde es kosten, teilig für schwächere Bewerber. Schon
halten bleiben soll indes das Bundesamt die alten Zivi-Stellen durch ausgebildete jetzt gelangten Jugendliche mit niedrige-
für den Zivildienst. Die Familienministerin Pflegekräfte zu ersetzen. So hat es der ren Schulabschlüssen nicht „so rasch in
möchte mit der ihr unterstellten Behörde Bundesbeauftragte für den Zivildienst eine Berufsausbildung, wie dies wün-
ihren Einfluss wahren. Die Wohlfahrtsver- seiner Ministerin vorgerechnet. Bran- schenswert wäre“. MARKUS DEGGERICH,
bände wie die Caritas wollen dagegen die chenvertreter wie der Berliner Landes- SEBASTIAN ERB, JAN FRIEDMANN,
MIRIAM OLBRISCH, MARKUS VERBEET
Gelegenheit nutzen, um ihre Unabhängig- geschäftsführer des DRK, Andreas Bode,
D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 119
Panorama

S Ü DA F R I KA

Parade
der Jungfrauen
R eden will er nicht darüber, aber
die Teilnahme war Präsident Jacob
Zuma, 68, doch eine Herzenssache.
Als Ehrengast hatte das Staatsober-
haupt vorletztes Wochenende in Non-
goma dem „Reed Dance“ zugeschaut,
dem „Schilftanz“ von über 25 000 bar-

DREW ANGERER / REDUX / LAIF


busigen Mädchen und jungen Frauen
am Hofe des Königs von Zululand.
Das Spektakel ist höchst umstritten,
weil die Frauen aufgefordert sind, sich
vor der Teilnahme ihre Jungfräulich-
keit bestätigen zu lassen. Die Verfech-
ter des Ritus behaupten, der Test beu- Netanjahu, Hillary Clinton, Abbas
ge allzu frühem Sex, Krankheiten und
sogar Vergewaltigungen vor. E U R O PA
Auch Zuma, der bald zum sechsten
Mal heiraten will und demnächst mut-
maßlich zum 22. Mal Vater wird, ver-
teidigte früher die Zeremonie. Die
Kalte Schulter
Keuschheit der Frauen sei nun mal
„der Schatz ihrer Familien“. Insbeson-
dere auf dem Land hält sich zudem
E ine diplomatische Offensive Israels zur Verbesserung seiner Beziehungen zu den
Europäern ist gescheitert. Anders als von der Regierung in Jerusalem erwartet, ist
die EU nicht bereit, mit dem jüdischen Staat wirtschaftlich und politisch enger zu ko-
hartnäckig die Mär, Sex mit Jungfrau- operieren. Von der Zusammenarbeit erhoffte sich Premier Benjamin Netanjahu etwa
en beuge einer HIV-Infektion vor. Vor Zollfreiheit für weitere israelische Produkte und dadurch bessere Absatzmöglichkeiten
wenigen Jahren war der heutige Präsi- auf dem europäischen Binnenmarkt. Doch Brüssel will die Verhandlungen über eine
dent Zuma zudem noch der Meinung, Aufwertung der Beziehungen vorerst nicht wiederaufnehmen – sie waren nach dem
ein Mann könne der Aids-Gefahr Gaza-Krieg im Januar 2009 und der anschließenden Wahl des Hardliners Netanjahu ab-
durch Duschen sofort nach dem Ge- gebrochen worden. Die Abfuhr in Brüssel ist die Folge einer israelischen Fehlkalkulation.
schlechtsverkehr entgehen. Südafrika Jerusalem hatte geglaubt, Brüssel würde die Wiederaufnahme der Friedensgespräche
und dort nicht zuletzt die Region der mit den Palästinensern Anfang des Monats in Washington honorieren. Doch während
die Regierung Netanjahu das bloße Zusammentreffen des Premiers mit Palästinenser-
Präsident Mahmud Abbas bereits für einen Meilenstein hält, sehen die Europäer die
Gespräche mit großer Skepsis. Die Hohe Vertreterin für Außenpolitik, Catherine Ashton,
hielt es nicht einmal für nötig, zur Begegnung zwischen Netanjahu und Abbas in die
USA zu reisen: Statt symbolischer Gesten fordert die EU reale Fortschritte im Friedens-
prozess. So verlangten die EU-Außenminister beim Brüsseler Sondergipfel am vergan-
genen Donnerstag von Israel, den Baustopp für Siedlungen im besetzten Westjordanland
über den September hinaus zu verlängern. Das jedoch will Netanjahu bislang nicht.

POLEN tiv einzuschätzen“. Steinbach, die 1943


als Tochter eines Besatzungssoldaten im
Verhängnisvolle Affäre polnischen Rumia geboren wurde, sei
eine „falsche Vertriebene“. Bartoszewski
GETTY IMAGES

S ie sind einander in tiefer Abneigung


verbunden: Polens Deutschland-Be-
auftragter Wladyslaw Bartoszewski und
hatte immer wieder deutlich gemacht, er
glaube ihr nicht, wenn sie beteure, die
Vertriebenen seien zuallererst „Opfer der
Tänzerinnen in Nongoma die deutsche Vertriebenenchefin Erika Politik Hitlers“ gewesen, der Polen über-
Steinbach. Als die CDU-Politikerin jetzt fallen ließ. Im Februar 2009 sprach Barto-
Zulus ist eines der Länder mit den dem Auschwitz-Überlebenden und ehe- szewski bei Angela Merkel vor: Die Kanz-
weltweit meisten HIV-Infektionen. maligen Außenminister einen „schlechten lerin sollte verhindern, dass Steinbach in
Rund 18 Prozent der erwachsenen Charakter“ nachsagte, löste sie einen Pro- den Rat der Stiftung „Flucht, Vertreibung,
Südafrikaner sollen infiziert, an die teststurm aus. Der Geschmähte jedoch Versöhnung“ gelangt. Ihre Ernennung
900 000 Menschen 2009 an der Immun- gab sich gelassen: „Ich kenne die Frau gar wäre so, „als ob der Vatikan den Holo-
schwächekrankheit gestorben sein. In- nicht.“ Diese Kühle ist wohl gespielt. Seit caust-Leugner Bischof Williamson zum
zwischen engagiert sich die Regierung Jahren teilt auch Bartoszewski kräftig aus: Bevollmächtigten für die Beziehungen zu
bei Vorbeugung und Behandlung deut- Er nannte Steinbach eine „Anti-Polin“ Israel machen würde“, hatte er zuvor ge-
lich stärker. und warf ihr vor, seine Landsleute „nega- sagt. Die Kanzlerin kam dem 88-Jährigen
120 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Ausland
TIBET Woeser: … patrouilliert die Polizei ent- SPIEGEL: Was muss geschehen, um wei-
gegen der vorgeschriebenen Richtung tere Unruhen zu vermeiden?
„Wie im Gefängnis“ auf dem Pilgerweg. Das schafft böses
Blut. In den Klöstern sind Polizei und
Woeser: Die Regierung sollte dem Dalai
Lama erlauben, nach Tibet zurückzu-
Die in Peking leben- Militär untergebracht, Kameras sind kehren.

NEW YORK TIMES / REDUX / LAIF


de tibetische Auto- allgegenwärtig. Besucher, die abseits SPIEGEL: Für die chinesische
rin Tsering Woeser, der Wege mit Mönchen sprechen, wer- Regierung ist er ein Separatist
44, über die Lage in den von Polizisten gewarnt und fortge- und Verräter. Fürchten Sie trotz der
Lhasa und die Ge- schickt. starken Militärpräsenz neue Auf-
fahr weiterer Aus- SPIEGEL: Ist die starke Präsenz chinesi- stände?
schreitungen scher Händler und Wanderarbeiter eben- Woeser: Vor allem jüngere Leute sind
falls ein Grund für die Unzufriedenheit? zornig. Sie sagen: „Wenn sich der Da-
SPIEGEL: Mehrere tibetische Umweltak- Woeser: Der Zustrom reißt nicht ab, er lai Lama bis zu seinem Tod nicht mit
tivisten, Journalisten und Autoren sind wird sogar offiziell gefördert. In der seinem Volk treffen darf, werden wir
verhaftet oder verurteilt worden. Ver- Weststadt von Lhasa ist eine neue Ent- Widerstand leisten. Wir sind bereit, un-
schärft sich die Lage für die Tibeter? wicklungszone entstanden. Investoren ser Leben zu opfern.“ Das wäre eine
Woeser: Niemand kennt die Zahl der von außen genießen Steuervorteile. Tragödie.
Verhafteten. Ich schätze, es sind rund
60 bis 70. Die Unterdrückung richtet Potala-Palast
sich mehr und mehr gegen die tibeti- in Lhasa
sche Elite. Sie wird absichtlich ausge-
löscht.
SPIEGEL: Sie waren kürzlich wieder
mehrere Monate in Lhasa. Ist die Lage
angespannt?
Woeser: Es ist auffällig, wie viel Militär
und Polizei in der Stadt stationiert
CHINA PHOTOS / GETTY IMAGES

sind. Die Anwohner fühlen sich als


Volk diskriminiert, sie können nicht at-
men, sie fühlen sich wie im Gefängnis.
Um den Jokhang-Tempel …
SPIEGEL: … dem wichtigen Heiligtum
der Tibeter …

IRAN liefern. Da diese Art von Spezialstahl aber auch für den Bau
unterirdischer Anlagen zur Urananreicherung verwendet wer-
Umstrittene Lieferung den könnte, verlangen Israel und die USA einen Stopp des Ge-
schäfts. Auf iranischer Seite ist die Firma Rahab betroffen, die

W ashington und Jerusalem erhöhen den Druck auf die


Schweiz, keine Geschäfte mehr mit Iran abzuschließen.
Die Schweizer Delegation bei den Vereinten Nationen hatte im
seit vergangenem Juni auf der Sanktionsliste der Vereinten Na-
tionen steht. Schweizer Diplomaten argumentieren, der Ver-
trag zwischen Ceresola und Rahab, die zum Firmenkonglome-
August um grünes Licht für ein Engagement eidgenössischer rat der gefürchteten Revolutionswächter, der Pasdaran, gehört,
Tunnelbauspezialisten in Iran gebeten: Die Firma Ceresola soll- sei bereits im April abgeschlossen worden – also vor der Auf-
te Stahlelemente für ein U-Bahn-Projekt in der Stadt Maschad nahme des iranischen Unternehmens auf die schwarze Liste.

entgegen. Seine Angriffe auf Steinbach wer- G R O S S B R I TA N N I E N rückkehren, wenn sie sich weiterhin
den auch von einigen Politikern in Polen für auf die Mitte der Gesellschaft konzen-
unklug gehalten. Sie hätten der anti-deut-
schen Rhetorik von Nationalisten Vorschub
Ed holt auf triere. Ed hingegen strebt einen klare-
ren Bruch mit dem Kurs der früheren
geleistet und dazu beigetragen, „dass die
Bedeutung Steinbachs in Polen überschätzt
wird“, meint ein hoher Diplomat.
D er Ausgang der Urwahl des Chefs
der britischen Labour-Partei ist
wieder völlig offen. Obwohl der ehema-
Vorsitzenden Tony Blair und Gordon
Brown an. Labour, so sagt er, sei zur
„Partei der Banker-Boni“ verkommen.
lige Außenminister David Miliband, 45, Während beide Brüder versuchen,
vor vier Monaten als klarer Favorit in nicht öffentlich zu zanken, halten sich
den parteiinternen Wahlkampf gestar- ihre Lager weniger zurück. Davids An-
tet war, hat Bruder Ed, 40, ehemals hänger verspotten „Red Ed“ gern als
MICHAEL GOTTSCHALK / DAPD

Energieminister, seinen Rückstand in „Forrest Gump“, den dümmlichen Film-


CHRISTIAN THIEL / IMAGO

einzelnen Umfragen wettgemacht. Zu- helden. An der Urwahl zum Labour-


sehends nervös warnen beide jetzt da- Vorsitzenden nehmen Abgeordnete
vor, dass der jeweils andere Miliband und Parteimitglieder teil, zudem ver-
die Partei in die Bedeutungslosigkeit schiedene Gewerkschaften und sozialis-
stürzen werde. Laut David könne die tische Gesellschaften. Das Ergebnis
Bartoszewski Steinbach Labour Party nur an die Regierung zu- wird kommenden Samstag verkündet.
D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 121
Ausland

USA

Aufstand der
Amateure
Die Republikaner hatten gehofft, die Wut der
Tea-Party-Anhänger für sich zu nutzen. Doch deren Hass auf alle
traditionellen Politiker fegte in der jüngsten Vorwahlrunde
auch die konservative Partei-Elite hinweg. Amerikanische Wähler
wollen Kandidaten, die genauso sind wie sie selbst.

E
inen Tag lang gab es von Christine teiapparat aufnehmen kann, der nun
O’Donnell keine Web-Seite mehr. schon mehr als 150 Jahre alt ist.
Die stürzte ab, als am Dienstag- O’Donnells Sieg war ein Schock für die
abend plötzlich alle die Wahlsiegerin aus Republikanische Partei. Die hatte schon
Delaware googeln wollten, Tausende, fest damit gerechnet, bei den Wahlen im
Hunderttausende auf der Suche danach, November in beiden Kammern des Kon-
wer sie eigentlich ist und wofür sie steht. gresses die Mehrheit zu übernehmen.
Lange schafften es ihre Doch daraus dürfte nun
Mitarbeiter nicht, die Sei- wohl nichts werden,
te wieder hochzufahren. denn gleich 16 Prozent
Erst Donnerstagmorgen liegt O’Donnell hinter ih-
ging sie wieder online, rem demokratischen Ri-
und auch das nur ohne valen Chris Coons. Und
die üblichen Infoboxen ohne den Sitz in Dela-
„About Christine“ und ware wird für die Repu-
„Why Christine?“ Sie blikaner im Senat eine
brauchte das nicht mehr. Mehrheit praktisch un-
Über Nacht ist O’Don- möglich werden. Chris Tea-Party-Kundgebung vor dem Lincoln-Memorial
nell, 41, die neueste Hel- Van Hollen, ein führen-
din der Tea Party ge- der Demokrat, frohlockt: tin O’Donnell zu ihrer Kandidatin zu
TIM SHAFFER / REUTERS

worden, ein frisches, „Die Republikaner haben küren, die zu fast allem, was staatliches
hübsches Gesicht für ei- gehofft, sie könnten die Handeln ausmacht, nein sagt und noch
nen wütenden Wähler- Energie der Tea Party mal nein.
aufstand gegen das Esta- nutzen. Aber jetzt kön- O’Donnells Positionen sind extrem, für
blishment, der seit mehr nen sie sie nicht einmal die eher moderaten Standards in Dela-
als einem Jahr Amerika Wahlsiegerin O’Donnell mehr kontrollieren.“ ware sowieso. Über Präsident Barack
in Atem hält und dessen Nein und noch mal nein Wie konnte es so weit Obama redet O’Donnell wie über einen
Name an den Beginn der kommen? Haben die Re- Landesverräter, den sie schon deshalb als
amerikanischen Revolu- publikaner falsch kal- eine Bedrohung für Amerika darstellt,
tion erinnern soll. kuliert, indem sie alles weil er als Senator 2007 gegen Englisch
Sie ist nicht die ers- ablehnten, was die Regie- als einzige Landessprache gestimmt habe.
te Überraschungssiegerin rung von Präsident Ba- Aber auch sonst ist O’Donnell nicht um
der Tea Party in einer rack Obama vorgeschla- gemäßigte Standpunkte bemüht: Mastur-
entscheidenden Vorwahl, gen hat, von der Gesund- bation hält sie für eine Sünde; wer Pornos
aber sie ist, unterstützt heitsreform bis zu den anschaut, begeht Ehebruch, Aidskranke
vom Star der Konservati- Steuersenkungen? Haben sind selbst an ihrem Schicksal schuld.
ven, der ehemaligen Alas- sie damit eine Protesthal- Mehrheiten lassen sich damit in Delaware
ka-Gouverneurin und Ex- tung legitimiert, die sie eigentlich nicht gewinnen.
Kandidatin für den Pos- jetzt nicht mehr einfan- Während des gesamten Wahlkampfs
ten einer Vizepräsidentin gen können? Jedes Nein blieben stets Zweifel an ihrer Person. Von
Sarah Palin, die Erste, die schien ihnen gerechtfer- einer republikanischen Interessengruppe,
DOULIERY OLIVIER / ABACA

gegen den ausdrückli- tigt, jeder Irrsinn, solange für die sie als Pressesprecherin arbeitete,
chen Wunsch der Partei- er nur Obama schadete. wurde ihr 2005 fristlos gekündigt, danach
führung gewählt wurde. Und nun scheint es nur verklagte sie die Organisation auf Scha-
Ihr Sieg zeigt, wie stark logisch, dass die republi- densersatz in Höhe von mehr als 6,9 Mil-
die Bewegung inzwi- kanischen Wähler in De- lionen Dollar. Sie hat die Klage später zu-
schen geworden ist. Und Präsident Obama laware nichts dabei fan- rückgezogen, aber dass sie es überhaupt
dass sie es mit einem Par- Die Wähler wenden sich ab den, die Marketingexper- versuchte, kam in Kreisen der Republi-
122 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
DOULIERY OLIVIER / ABACA
in Washington: „Verdammt wütend auf die ganzen Politiker“

kaner nie gut an, weil die das Klagewesen Als sich O’Donnell 2006 schon einmal Die alten Parteigrößen sind ratlos. „Sie
gemeinhin für Schmarotzertum halten, für den Senatssitz bewarb, mussten die ist eine Frau mit ernsten Charakterpro-
von dem vor allem demokratische Rechts- Wahlbehörden sie laufend daran erin- blemen. Sie sagt ein bisschen verrückte
anwälte profitieren. nern, Spendengelder ordentlich zu dekla- Sachen“, äußert George W. Bushs ehe-
Es war auch nie ganz klar, wie ehrlich rieren und ausschließlich für ihren Wahl- maliger Wahlkampfstratege Karl Rove
O’Donnell war, ob sie ihre Biografie fri- kampf zu verwenden. über O’Donnell.
siert hatte, Steuern anständig bezahlt und Fast sieht es so aus, als sei die Wahl In der US-Politik galt für Kandidaten
Schuldarlehen rechtzeitig beglichen hatte. der zwar frommen, aber wenig berechen- eigentlich die Regel: je perfekter, desto
Sie schien nicht die Mindestanforderun- baren Kandidatin eine bewusste Demon- besser. Nichts wurde dem Zufall überlas-
gen zu erfüllen, die für ein politisches stration, wie unzufrieden die republika- sen, das Privatleben bis ins Kleinste aus-
Amt verlangt werden. „O’Donnell könnte nischen Wähler mit dem eigenen Personal geleuchtet. Ein falsches Wort, eine dum-
nicht mal für einen Job als Hundefänger sind. „Solche Wahlresultate kommen mir me Geste konnte Karrieren beenden.
gewählt werden“, hat der republikanische wie eine feindliche Übernahme der Re- Nun ist es ein neuer Ton, der langsam
Parteichef von Delaware vor der Abstim- publikanischen Partei vor“, sagt ein Top- in die Partei einzieht, er fordert andere
mung noch gelästert. Funktionär. Umgangsformen, andere Mindeststan-
Lange Zeit behauptete die Kandidatin, Und der ehemalige demokratische Prä- dards. Carl Paladino, ein weiterer Tea-
einen Abschluss der Fairleigh Dickinson sidentschaftskandidat John Kerry bringt Party-Liebling, der vorigen Dienstag bei
University in New Jersey erworben zu es auf den Punkt: „Die Partei gehört jetzt den Republikaner-Vorwahlen für das Gou-
haben, aber weil sie ihre Studiengebüh- Sarah Palin.“ Deren Wähler achteten verneursamt in New York triumphierte,
ren nicht bezahlt hatte, hat sie auch nie auch schon bei der letzten Präsident- hat viele Gesichter, er ist Geschäftsmann,
eine Abschlussurkunde erhalten. Erst vor schaftswahl weniger auf inhaltliche Ko- Ex-Soldat, Vater von drei Kindern, in kei-
kurzem, 17 Jahre später, brachte sie das härenz der Kandidatin, sondern darauf, nem Fall aber ein Gentleman.
Geld zusammen, und seither gilt ihr Stu- dass sie ordentlich gegen „die da in Wa- Als Gouverneur will er den Staat New
dium offiziell als abgeschlossen. shington“ austeilte. Es geht dabei auch York mit einem Baseballschläger aufräu-
Auch die Raten für ihr Haus konnte sie um einen neuen, populistischeren Ton, men, schließlich seien die Menschen „ver-
nicht aufbringen, es drohte ihr zwischen- der getragen wird von den Radio- und dammt wütend auf die ganzen Politiker“.
zeitlich die Zwangsversteigerung. Das Fi- TV-Talkern, von konservativen Stim- Sozialhilfeempfänger möchte er ins Ge-
nanzamt mahnte sie wegen 11 744 Dollar mungsmachern wie Rush Limbaugh und fängnis „karren“, um ihnen erst mal Ma-
Steuerschulden. Glenn Beck. nieren und Sauberkeit beizubringen. Im
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Ausland

Netz zirkulieren E-Mails, die er an Freun-


de verschickt hat. In einer ist ein Foto an-
FRANKREICH
gehängt, das Präsident Obama als Zuhäl-
ter zeigt und dessen Frau Michelle als
Prostituierte.
Seine Freunde fänden so etwas halt lus-
tig, rechtfertigt sich Paladino, er arbeite
im Baugewerbe, und da herrsche eben
Mann ohne Grenzen
ein anderer Ton. Offenbar genügte das
Nicolas Sarkozy hat nicht nur die Europäer gegen sich aufge-
seinen Anhängern als Erklärung. bracht, auch das eigene Land distanziert sich von ihm.
Die Demokraten hoffen, den Macht- Nie wurde einem amtierenden Präsidenten so viel Häme zuteil.
kampf bei den Republikanern für sich zu

W
nutzen. „Die Tea-Party-Aktivisten kön- ie ein Derwisch ist er in den ver- Politik als Reality-Show betreibt. Der pro-
nen jetzt vor Freude tanzen. Aber die gangenen Wochen durch sein voziert, groteske Wahrheiten verkündet
Demokraten dürften in Delaware zuletzt Land gereist und hat überall das und selbst auf Gipfeltreffen noch anzüg-
lachen“, sagt Wahlkampfexperte Stuart hinterlassen, was er am besten kann: Ver- liche Bemerkungen macht – den Teint ge-
Rothenberg. Unter den wichtigen unent- sprechungen. pudert, das Gesicht geliftet. Hat Europa
schlossenen Wählern in der Mitte wird Bergbauern in der Provence sagte Ni- jetzt einen zweiten Operettendarsteller?
die radikale Bewegung immer unbelieb- colas Sarkozy Unterstützung bei der Einen in Paris?
ter, 30 Prozent von ihnen wollen mit Tea- Schafzucht zu, Plattenbaube-
Party-Kandidaten gar nichts mehr zu tun wohnern am Rand von Paris
haben. Zu verschreckt sind sie von Kan- Subventionen für ein Eigen-
didaten wie O’Donnell, die mit nur 30 000 heim, den Angehörigen in Af-
Stimmen, weniger als drei Prozent der ghanistan gefallener Soldaten
Bürger von Delaware, die Vorwahl für die Fortführung des Kampfes
sich entscheiden konnte. gegen den Terror. Es war das
Doch die Demokraten sollten sich nicht alte Rezept: Sarkozy, der Hy-
zu früh freuen, immerhin ist es ihrem gro- per-, der Omni- und Ankün-
ßen Star Obama nach nur zwei Jahren digungspräsident, der von ei-
gelungen, dieselben schlechten Umfrage- nem Krisenherd zum nächs-
werte einzufahren, für die sein Vorgänger ten eilt.
Bush zwei Amtszeiten gebraucht hat. Mit Gattin Carla Bruni be-
Für viele Amerikaner symbolisieren er suchte er zwischendurch die
und seine Regierung jene intellektuelle prähistorische Höhle von Las-
Elite, die Washingtoner Politik wie ein caux, besichtigte über 17 000
Brettspiel betreibt. Man sieht sie bei CNN Jahre alte Wandmalereien
Statistiken diskutieren und Balkendia- und sagte anschließend ergrif-
gramme verschieben. Stets erwecken sie fen: „Wirklich, die Gegen-
den Eindruck, sie hätten alles im Griff. wart des Präsidenten an die-
Und dann haben sie nichts im Griff. Den sem Ort ist vonnöten.“ War-
Krieg in Afghanistan nicht, die Wirt- um, das erklärte er nicht.
schaftslage schon gar nicht. Auch die Franzosen wissen
Die Anhänger der Tea Party verbindet es nicht mehr so recht.
nicht nur der Protest gegen Steuern, nicht Am Donnerstag dann fuhr
nur der bloße Wunsch nach niedrigeren Sarkozy zum Europa-Sonder-
Abgaben. Es geht um einen Vertrauens- gipfel nach Brüssel. Zuvor
verlust in die politischen Eliten, wie sie hatte EU-Justizkommissarin
Amerika schon Mitte der sechziger Jahre Viviane Reding die von ihm Präsident Sarkozy, Ehefrau Bruni in der Dordogne, Anti-Sarkozy-
einmal durchlebte, als John F. Kennedy in Gang gesetzten Roma-Ab-
sein „Team der Besten und Klügsten“ prä- schiebungen eine „Schande“ genannt, sie Ja, sagen die Pariser Zeitungen, die
sentierte und dann im Vietnam-Krieg mit Vorgängen in der Nazi-Zeit vergli- schon von „Sarkosconi“ schreiben. Ja,
ebenso scheiterte wie im sogenannten chen und mit einem Verfahren gegen sagt der Politologe Olivier Duhamel, Mit-
Krieg gegen die Armut. Frankreich gedroht. unterzeichner des Appells „Wir sind alle
Eine wichtigere Rolle spielt wohl, dass Sarkozy tobte und stritt schon beim Franzosen“ – einer Initiative, die sich ge-
sich die Unzufriedenen mit den Kandida- Mittagessen mit Kommissionspräsident gen Sarkozys Vorhaben wendet, straffäl-
ten identifizieren können. „Ich glaube, José Manuel Barroso. Es folgte dieser eine lig gewordenen Franzosen ausländischer
dass ich selbst mal Geldprobleme hatte, Satz: Frau Merkel beabsichtige doch auch, Herkunft die Staatsbürgerschaft abzuer-
macht mich mitfühlender“, wirbt O’Don- so der Präsident, Roma-Lager in Deutsch- kennen. Wie Berlusconi sei Sarkozy hoff-
nell für sich. land räumen zu lassen. Dann schaute er nungslos selbstverliebt, besessen von der
Vielleicht ist das das Geheimnis der – ein wenig irr – in die Runde. Idee, die Medien zu steuern, und getrie-
neuen Kandidaten – je mehr über ihre Berlin dementierte, die EU-Kommissa- ben vom Willen, alles und jeden zu kon-
Fehler gesprochen wird, desto trotziger re waren verstört: eine deutsche Kanzle- trollieren.
unterstützen ihre Anhänger sie. Sie den- rin, die Lager räumen lässt. Ein französi- Und wie der italienische Premier habe
ken: Die sind also auch nicht perfekt. scher Präsident, der das triumphierend er seit langem Schlüsselstellen in Politik
„Karl Rove hat gesagt, ich würde nie verkündet. Eine absurde Vorstellung. (Sie- und Medien mit Vertrauten besetzt, hin-
eine Vorwahl gewinnen“, freut sich O’Don- he Seite 20.) zu komme nun ein xenophober Populis-
nell. „Wenn Leute wie er jetzt schlechte Es war einer dieser Auftritte, wie man mus. Es fehle nur, so Duhamel, „die of-
Verlierer sein wollen, dann ist das okay.“ sie bisher nur von Silvio Berlusconi kann- fene Allianz mit der extremen Rechten“.
MARC HUJER, GREGOR PETER SCHMITZ te, dem Italiener, der seit Jahren schon Berlusconi war dann auch der Einzige,
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der Sarkozy vergangene Woche Beistand Jahr zahlte der Staat dank dieser Rege-
Jacques Chirac wurde nur deswegen
leistete. lung 679 Millionen Euro an Spitzenver-
nicht der Korruption angeklagt, weil
Die Roma-Pläne des Nicolas Sarkozy diener zurück, im Schnitt erhielten sie
ihn die Immunität des Präsidentenamts
sind eine Verzweiflungstat, seine Popula- gut 36 000 Euro.
schützte. Hunderttausende Francs soll er
ritätswerte an einem neuen historischen „Man hat mich damals gefragt, was ich
als Pariser Bürgermeister illegal für Par-
Tiefpunkt angelangt: Drei Jahre erst ist für die größte Gefahr einer Präsident-
teizwecke abgezweigt haben, aber die
dieser Präsident im Elysée, aber schon schaft Sarkozys halte“, sagt Edwy Plenel,
Franzosen mochten ihn, weil er mit ihnen
lehnen zwei Drittel aller Franzosen eine Chef des Internetdienstes Mediapart. „Ich
sprach, ihnen die Hand schüttelte und bo-
zweite Amtszeit ab. 55 Prozent wollen, habe immer gesagt, die größte Gefahr ist
denständig war.
dass die Linke wieder an die Macht er selbst, denn mit Sarkozy traf ein Mann,
Sarkozy dagegen, der sechste Präsident
kommt. Würde der Sozialist Dominique der keine Grenzen kennt, auf ein System,
der Fünften Republik, wirkte von Anfang
Strauss-Kahn, zurzeit Chef des Weltwäh- dessen politische Institutionen ganz und
an wie ein zappeliger Parvenu ohne das
rungsfonds in Washington, 2012 kandidie- gar auf den Präsidenten zugeschnitten
notwendige Rüstzeug zum Staatsmann.
ren, so eine andere Umfrage, könnte er sind.“ An die Macht gekommen, führte er sich
Sarkozy im zweiten Wahlgang mit 59 zu Plenel, 58, dunkler Schnauzbart, offe-
auf wie ein Neureicher, mit Frauen wie
41 Prozent schlagen. nes Hemd, sitzt in einem großen, lichten
Trophäen an seiner Seite: erst die schöne
Der Präsident regiert ein Land, das sich Büro, das er „Open Space“ nennt, in
Cécilia, dann die wilde, reiche Carla. Sei-
öffentlich von ihm distanziert, es glaubt einer Seitenstraße des Pariser Bastille-
nen Wahlsieg feierte er mit Unternehmer-
ihm einfach nicht mehr. An Pariser Bus- Viertels, er ist einer der bekanntesten
freunden und Schauspielern im Pariser
Journalisten Frankreichs.
Der ehemalige Chefredak-
teur von „Le Monde“ deckte
die Affäre um die Ver-
senkung des Greenpeace-
Boots „Rainbow Warrior“
auf, schon unter Mitterrand
wurde sein Telefon abgehört.
Nun werde wieder beobach-
tet, wann er mit wem telefo-
niere, da ist er sich sicher.
Genau wie bei den Kollegen
von „Le Monde“, auf die der
Elysée offenbar den Geheim-
dienst angesetzt hatte, um
LIONEL BONAVENTURE / AFP (L.); DAMOURETTE / SIPA PRESS (R.)

die Quellen der Zeitung in


der Bettencourt-Affäre zu
enttarnen. Plenels Internet-
dienst hatte die Affäre um
Arbeitsminister Eric Woerth
und illegale Parteienfinanzie-
rung erst angestoßen. „Eine
Sarkozy-, keine Woerth-Af-
färe“, sagt er.
Es könnte sein, dass diese
Enthüllungen der Vorlauf zur
Attacke gegen die Roma wa-
ren. Und Sarkozy, als er sah,
Demonstration in Sète: Seine Popularitätswerte sind an einem historischen Tiefpunkt angelangt dass er den Flächenbrand
nicht stoppen konnte, ein-
haltestellen hängt inzwischen das abge- Luxusrestaurant Fouquet’s; anschließend fach den nächsten entzündete. Am 23. Juli
wandelte Titelbild des „Economist“: ein machte er auf der Yacht eines der reichs- erklärte ein Gericht die Mediapart-Infor-
auf Cockerspaniel-Größe geschrumpfter ten Männer Frankreichs Urlaub. mationen für rechtmäßig erlangt und ver-
Sarkozy unterm Napoleon-Hut. Seinen Wählern hatte er die „rupture“ wertbar. Am 28. Juli gingen erste Anwei-
Noch nie wurde in Frankreichs Präsidial- versprochen, den Bruch mit der Vergan- sungen an die Präfekten, jede Woche min-
demokratie der Wahlmonarch mit so viel genheit. Oma und Opa sollten aus dem destens ein Roma-Lager aufzulösen. Zwei
Häme übergossen. „Ist dieser Mann gefähr- Elysée aus-, der „Präsident der modernen Tage später machte Sarkozy die neue Si-
lich?“, fragt der „Nouvel Observateur“ auf Republik“ einziehen. Einem „Frankreich, cherheitsoffensive öffentlich und erklärte
dem Titel und zeigt einen unrasierten Prä- das früh aufsteht“, wollte er vorstehen den Roma „den nationalen Krieg“.
sidenten in Schwarzweiß und Verbrecher- und kündigte Reformen sowie die radi- Inzwischen wurde bekannt, dass der
pose. Internetvideos dokumentieren ge- kale Abkehr vom alten System an. Zuerst Geheimdienst auch den Auftrag erhielt,
nüsslich das Schulterzucken und andere fanden die Franzosen das wohltuend an- Personen im Umfeld des Präsidentenpaa-
Marotten Sarkozys, Psychiater zerlegen in ders, sie hofften auf mehr Kaufkraft und res zu überwachen. Er sollte herausbe-
Magazinen sein narzisstisches Wesen. eine Neuorientierung in der Außenpolitik. kommen, wer die Gerüchte verbreitete,
François Mitterrand hatte eine unehe- Dann aber setzte ihr Präsident als erste beide gingen fremd.
liche Tochter und eine fragwürdige Vi- politische Maßnahme eine Vergünstigung Es heißt, Carla Bruni habe persönlich
chy-Vergangenheit, aber er las Chateau- für seine reichen Freunde durch, die die Einblick in die Polizei- und Geheimdienst-
briand, Stendhal und Tolstoi, er trat auf Gesamtsteuerlast auf 50 Prozent der Ein- berichte erhalten. Sie ist ja auch die Frau
wie ein Staatsmann, die Franzosen re- nahmen begrenzt. Im Land kamen erste des Mannes ohne Grenzen.
spektierten ihn. Zweifel auf. Allein für das vergangene BRITTA SANDBERG, STEFAN SIMONS

D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 125
Ausland

berechtigten Mitgliedern, den Bundesräten,


derzeit drei Frauen und vier Männern, die
SCHWEIZ
als Kollektiv regieren. Jeder Bundesrat
führt ein Ministerium, über alle Entschei-

Der siebenfache Präsident dungen stimmen die sieben ab, einen Boss
gibt es nicht. Der Posten des Bundespräsi-
denten, den jedes Jahr einer übernimmt,
ist ein zeremonielles Amt und die Regie-
Die seltsamste Regierung Europas erhält zwei neue Mitglieder, rung ein Präsidialkollektiv, ein durch sie-
gebannt verfolgen die Eidgenossen das öffentliche ben geteilter Präsident. Die Schweiz ist ein
Casting. Aber ist das Schweizer System noch zukunftsfähig? Land, dessen Verfassung Machtballungen
verhindern will. Es gibt viele

E
in seltsames Fieber hat Regeln, wenn neue Mitglieder
die Schweizerinnen und des Bundesrats gecastet wer-
Schweizer dieser Tage den: Alle Regionen des Lan-
befallen, doch jeder Besucher des müssen vertreten sein, die
des Landes wird sich verloren Geschlechter im richtigen Ver-
vorkommen, der die Aufre- hältnis, möglichst alle Sprach-
gung verstehen möchte, die gemeinschaften. Auch die Par-
ihm aus Zeitungen und dem teien müssen im richtigen Pro-
Fernsehen entgegenschlägt. porz berücksichtigt werden,
Zwar wird er ohne Proble- denn in der Konsensdemokra-
me erfahren, dass es um eine tie regieren alle wichtigen po-
Wahl geht, unter anderem um litischen Kräfte gemeinsam.
ein „Kopf-an-Kopf-Rennen“ Doch über das richtige Ver-
zwischen einer gewissen Ka- hältnis herrscht Streit unter
rin Keller-Sutter und einem den Parteien, seit der rechts-
Johann Schneider-Ammann konservative Star Christoph
und um die Frage, ob in der Blocher 2003 in den Bundesrat
Regierung wirklich Platz für gewählt und vier Jahre später
fünf Frauen oder gleich zwei nicht wiedergewählt wurde.
Berner sei. Verstehen wird er In diesem Jahr sind eigent-
trotzdem nichts. lich die liberale FDP und die
Wenn das Schweizer Parla- Sozialdemokraten an der Rei-
ment am Mittwoch dieser Wo- he, ihre bisherigen Vertreter
che zwei neue Mitglieder in zu ersetzen. Deshalb kämpfen
die Regierung wählt, wird im Karin Keller-Sutter und Jo-
Rest Europas kaum jemand hann Schneider-Ammann von
davon Notiz nehmen. Die der FDP sowie Simonetta
Schweiz ist bekannt als Land, Sommaruga und Jacqueline
in dem die Bürger jede wich- Fehr von der SP, aber auch ein
tige Frage entscheiden. Aber Vertreter der Blocher-Partei
wer regiert sie eigentlich? um die Gunst der Abgeordne-
Vor fast drei Jahren verbrei- ten – in Hearings und Hinter-
ALEX SPICHALE / KEYSTONE

tete die Web-Seite stern.de zimmergesprächen. Die Me-


die Schlagzeile: „Casanova re- dien verkünden jeden Tag,
giert die Schweiz“. Sie beruh- wer gerade vorn liege. Es ist
te auf einer Meldung der ein schönes Ritual, und doch
Nachrichtenagentur AP, in gab es selten so viel Unzufrie-
der stand, die neue Bundes- Offizielles Foto des Schweizer Bundesrats*: Einen Boss gibt es nicht denheit mit dem Regierungs-
kanzlerin in Bern heiße Cori- system wie in letzter Zeit.
na Casanova. Das war richtig. Bloß ist Fußball. Aber das Spiel, um das es hier Die Schweiz hat Krisen erlebt wie die
die Bundeskanzlerin in der Schweiz nicht geht, ist nur den Schweizern begreiflich. Entführung zweier Staatsbürger in Libyen
das Äquivalent von Angela Merkel, son- Es geht grob um Folgendes: Zwei der oder internationale Angriffe auf das Bank-
dern bloß die Stabschefin der Regierung. sieben Mitglieder des Bundesrats werden geheimnis. Von allen Seiten ertönte harte
Die Schweizer fassen solch grundlegen- neu gewählt. An der politischen Richtung Kritik an der Regierung und ihren Schwie-
des Unwissen nicht als Kränkung auf, sie des Landes wird sich dadurch vermutlich rigkeiten, Gaddafi sowie der EU die Stirn
nehmen es als Schicksal hin. Er habe es nichts ändern. Aber die Persönlichkeiten, zu bieten. Die Bundesräte wurden des Di-
aufgegeben, im Ausland Details des Re- die in die Regierung einziehen, werden lettantismus bezichtigt. Das System funk-
gierungssystems zu erklären, sagt der His- dort viele Jahre bleiben, meist bis sie tioniert auch deswegen nicht mehr wie
toriker Urs Altermatt, der bekannteste selbst ihren Rücktritt beschließen. Es ist früher, weil die Schweiz stark polarisiert
Regierungsexperte der Schweiz. Als er ein wenig, als würden in eine TV-Soap ist in ein rechtes und ein Mitte-links-Lager.
an einem sonnigen Septembertag in der neue Hauptfiguren Einzug halten. Das Klima ist manchmal toxisch.
Altstadt von Solothurn sitzt, kommt er Die Schweizer Regierung hat ja auch et- Die Frage, wer eigentlich die Schweiz
kaum zum Reden, weil wildfremde Pas- was von einer WG mit ihren sieben gleich- regiert, hat Moritz Leuenberger von aus-
santen mit ihm über die Chancen ihrer ländischen Ministern immer wieder ge-
Lieblingskandidaten für die Regierung * Mit Bundeskanzlerin Corina Casanova (2. v. l.), Bun- stellt bekommen. Kann er sie auch beant-
fachsimpeln möchten. Es ist, als wäre Al- despräsidentin Doris Leuthard (2. v. r.), Bundesrat worten? „Klar“, sagt er. Er sitzt in seinem
termatt Günter Netzer und das Thema Moritz Leuenberger (r.). Büro in Bern. „Die Stimmbürger. Da ist
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verfassungsmäßig die höchste Macht, und „Die neue Alpentransversale wird bald habe liberalisieren können. Denn ein So-
das trifft auch machtpolitisch zu.“ Leu- fertiggestellt sein“, sagt Leuenberger. zialdemokrat kann die Gewerkschaften
enberger weiß sehr gut, dass es in der „Und wo ist der Brenner-Tunnel? Es dau- von einem Referendum abhalten.
Schweiz nicht die Regierung ist, die das ert wohl noch lange, bis der eröffnet wird. Dennoch war es für Leuenberger nicht
letzte Wort hat, sondern der Bürger in Lyon–Turin? Kommt überhaupt nicht, einfach, in der Regierung vier Jahre an
Volksabstimmungen. auch wenn die dauernd davon reden.“ seinen größten politischen Gegner, Chris-
Er ist sozialdemokratischer Bundesrat, Das hält Leuenberger jenen entgegen, toph Blocher, gekettet zu sein. Oder den
und er war 15 Jahre lang in der Regierung, die daran zweifeln, dass man in der di- Schutz von Steuerhinterziehern durch das
als Minister für Umwelt, Verkehr, Energie rekten Demokratie konstant regieren kön- Bankgeheimnis verteidigen zu müssen,
und Kommunikation. Er ließ einmal aus- ne. „Gerade in der Verkehrspolitik sieht den er eigentlich stets ablehnte. „Regieren
rechnen, wie viele Ministerkollegen er man, dass die Stimmbürger während meh- fordert dem Einzelnen viel ab, auch psy-
in dieser Zeit in den Nachbarländern rerer Jahrzehnte über detailreiche Sach- chisch“, sagt Leuenberger. Er hält aber
Deutschland, Frankreich, Italien und verhalte abstimmten und einer nachhal- nicht viel von grundsätzlicher Kritik am
Österreich in seinen Ressorts erlebt hat. System. Ein Verein, der schlecht geführt
Es waren 115. Nun verlässt er mit seinem Neue Bundesräte – das ist ein werde, brauche keine neuen Statuten, sagt
Kollegen, Finanzminister Hans-Rudolf er, sondern jemand Neuen an der Spitze.
Merz, die Regierung. Ihre Nachfolger sind wenig, als würden in eine TV-Soap Es gibt nun Leute, die fünf oder neun
es, die in dieser Woche gewählt werden. neue Darsteller Einzug halten. Bundesräte anstatt der sieben fordern. Es
Mit seiner langen Amtszeit verkörpert gibt auch einen Vorschlag, die Amtszeit
Leuenberger die ungeheure Stabilität des tigen Verlagerungspolitik von der Straße des machtlosen Bundespräsidenten auf
schweizerischen Systems. Er mag außer- auf die Schiene immer treu geblieben zwei Jahre zu verlängern. Davon hält
halb der Politik in Europa weitgehend un- sind“, sagt Leuenberger. Anders als im Leuenberger nichts. Er sagt: „Wenn schon
bekannt sein, doch in seiner Amtszeit Ausland funktionierten Volksabstimmun- eine Veränderung, warum dann nicht ei-
wurden einige der größten Verkehrspro- gen in der Schweiz nicht als Ventil. Gut, nen Bundespräsidenten für vier oder fünf
jekte Europas realisiert. Unter anderem die Bürger haben vor einem Jahr den Bau Jahre, der kein eigenes Ministerium füh-
der neue Gotthard-Tunnel, der längste Ei- von Minaretten verboten, doch dies sei ren muss und der vielleicht sogar vom
senbahntunnel der Welt. Nächsten Monat „das einzig bekannte Beispiel“, sagt er. Volk gewählt würde? Er müsste natürlich
wird der Durchstich gefeiert. Die Schweiz Leuenberger ist ein großer Verfechter dreisprachig sein, eine Integrationsfigur
will den Schwerverkehr auf die Schiene jenes Systems, in dem alle Parteien mit- für das ganze Land.“ Dass es dafür eine
verlagern, sie hat eine Lastwagenmaut einander an Lösungen arbeiten. Es sei Mehrheit gäbe, könne er sich allerdings
eingeführt, Milliarden in den öffentlichen kein Zufall, sagt er, dass er als Sozial- kaum vorstellen.
Verkehr gesteckt. Jeden dieser Schritte demokrat die früheren Staatsbetriebe Die Schweiz ist für Revolutionen ein-
haben die Bürger abgesegnet. Post, Telekom und Bahn weitgehend fach nicht gemacht. MATHIEU VON ROHR
Bürgermeister Luschkow auf einem Stadtfest
„Das Volk ist mein Freund“

Auge, er führte die Stadt wie ein mongoli-


scher Khan und forderte den Kreml auch
politisch heraus. Nur noch Tage dauere es,
bis Luschkow falle, wurde vorige Woche
kolportiert. Aber gelingt es Medwedew

MIKHAIL FOMICHEV / ITAR-TASS / PHOTO PRESS SERVICE VIENNA


wirklich, den Glatzkopf zu stürzen?
Wenn nicht, stünde er wie ein Zar ohne
Kleider da; eine zweite Amtszeit wäre in
die Ferne gerückt. Der Versuch mehrerer
Duma-Abgeordneter, diese Woche eine
Bewegung zur Unterstützung Medwe-
dews zu gründen, wirkt wenig überzeu-
gend, weil es Hinterbänkler sind. So
könnte Putin, der in Sachen Luschkow
bisher schweigt, als lachender Dritter aus
der Auseinandersetzung zwischen Kreml
und Bürgermeister hervorgehen – und
das, obwohl ja eigentlich er die nun be-
drohte Staatspartei führt.
kow am Montag vergangener Woche zum Selbst wenn es dem Kreml-Herrn ge-
RUSSLAND
SPIEGEL. Und legte am Tag darauf noch lingt, Luschkow aus dem Amt zu drängen,

Der Feind im nach: Mit Ovationen ließ er sich vom Mos-


kauer Verband der Staatspartei „Jedinaja
Rossija“ feiern – und drohte zugleich mit
wird er beschädigt. Denn dieser Konflikt
ruft bei den Russen Erinnerungen an die
Grabenkämpfe der verhassten neunziger

Kreml deren Spaltung. Bereits vor dieser Attacke


waren die Umfragewerte der Partei, die
sich im Oktober bei Regionalwahlen be-
währen muss, bis auf 40 Prozent gefallen.
Jahre wach. Auch scheint Medwedew zu
schwach, seinen eigenen Mann als Lusch-
kow-Ersatz durchzudrücken – einen frü-
heren Chef der Kreml-Administration.
Präsident Medwedew will
Das Ringen zwischen Medwedew und Wie Medwedew will allerdings auch
den Moskauer Oberbürgermeister Luschkow, dem letzten aus der Jelzin- Putin den Bürgermeister seit langem los-
loswerden – und stürzt damit Zeit verbliebenen politischen Schwerge- werden. Nur setzte er darauf, ihn durch
das Land in eine politische Krise. wicht, hat eine ähnlich große Erschütte- Demütigungen zu zermürben und sandte
rung im Land ausgelöst wie die Festnah- ihn etwa nach Venezuela, um dort Hugo

J
urij Luschkow, seit 18 Jahren Bürger- me des Ölbarons Michail Chodorkowski Chávez beim Wohnungsbau zu helfen.
meister an der Moskwa, gab sich gut- in der Ära Wladimir Putins 2003. Es ist Dabei sieht Luschkow sein Moskau auf
gelaunt: Er sang Revolutionslieder, als die erste wirkliche Krise jenes Macht- Augenhöhe mit London und Paris.
er Montagabend voriger Woche auf einem systems, das der jetzige Premier Putin Als der Nationalist Wladimir Schiri-
Empfang in Kreml-Nähe erschien. schuf – weil eine Spaltung der Staatspar- nowski im Parlament Luschkow einen
Dabei hatte ihn Russlands Präsident bei tei Russlands Elite zersplittern könnte. „Betrüger und Halunken“ nannte, der Mos-
einem Treffen mit Chefredakteuren in kaus Filetstücke an Ausländer verscherbe-
St. Petersburg einen „dummschwätzenden le, nahm Putin ihn nicht etwa in Schutz,
Hodenklingler“ genannt und gerade mit sondern lächelte maliziös: „Sie glauben
reichlich Enthüllungsmaterial im Fernse- doch nicht im Ernst, dass Luschkow die
hen zum Abschuss freigegeben. Nun aber fettesten Stücke weggibt.“ Es war eine
plauderte Luschkow entspannt mit dem überdeutliche Anspielung auf den zusam-
DMITRY ASTAKHOV / DPA

Katastrophenschutzminister, einem Mann, mengerafften Reichtum des Ehepaars.


der als sein möglicher Nachfolger gilt. Ein Kronzeuge für Luschkows Machen-
An den Nebentischen jedoch munkelten schaften sitzt im Exil in der litauischen
die Gäste, dass dem einst Allmächtigen, Hauptstadt Vilnius. „300 Wölfe habe ich
der mindestens noch bis 2011 amtieren erlegt und mehr als 40 Bären“, sagt Jurij
dürfte, nun die größtmögliche Katastrophe Führungsduo Medwedew, Putin Chardikow, „jetzt bin ich selbst ein Ge-
drohe: die Absetzung durch Dmitrij Med- Der Premier als lachender Dritter? jagter.“ Chardikow, ein ehemaliger Poli-
wedew, der Russlands Gouverneure beruft. zist aus Sibirien, stieg in Moskau zum
Und womöglich ein Schauprozess wegen Beim Kampf um die Vorherrschaft in Präfekten eines Stadtbezirks auf, habe
Korruption, in den auch Gattin Jelena Ba- Moskau treten drei Clans gegeneinander sich dann aber „Anweisungen Luschkows,
turina hineingezogen werden könnte, mit an: die Luschkow verbundene Hauptstadt- den Freunden des Bürgermeisters Vortei-
geschätzt zwei Milliarden Euro Russlands Elite, die um ihre Besitzstände bangt, li- le zu gewähren“, widersetzt, wie er be-
reichste Frau. „Luschkow sollte sich er- berale Reformer, die auf Medwedew hof- hauptet. Mit Baturina war er wegen eines
schießen wie ein Offizier“, riet ein Pro- fen, und Gefolgsleute Putins, meist Ge- Grundstückgeschäfts in der Olympiastadt
vinzgouverneur. heimdienstler oder Chefs lukrativer Sotschi über Kreuz geraten; als ihn Mos-
Während das Stadtoberhaupt feierte, ar- Staatsfirmen. „Die Luschkow-Leute sind kaus Staatsanwälte ins Visier nahmen,
beitete der Sender NTW bereits an einer die Gefräßigsten, die von Medwedew die flüchtete er ins Ausland.
weiteren TV-Dokumentation, die die Mos- Frechsten“, sagt ein Moskauer Starmode- „Luschkows Stadtverwaltung verlässt
kauer gegen das Ehepaar aufbringen soll. rator. „Die von Putin die Mächtigsten.“ man nur auf zweierlei Art“, sagt Chardi-
„Meine Feinde sitzen im Kreml, das Medwedew war der selbstherrliche Ober- kow. „In Handschellen oder als toter
Volk aber ist mein Freund“, sagte Lusch- bürgermeister schon lange ein Dorn im Mann“. BENJAMIN BIDDER, MATTHIAS SCHEPP
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FOTOS: PHILIP POUPIN / DER SPIEGEL
Ausländer-Bar in Kabul: Auf der Suche nach dem edlen Wilden

A F G H A N I S TA N

Bunte Vögel im Käfig


Spätestens seit dem Mord an zehn Mitarbeitern eines Ärzteteams gilt für Ausländer am Hindukusch
höchste Alarmstufe. Milliardenschwere Entwicklungsprojekte werden zunehmend von der
Hauptstadt Kabul aus gesteuert – dort hat sich das Gros der Helferszene verschanzt. Von Walter Mayr

I
m Gewirr der Basargassen von Kanda- riskiert hier sein Leben. Ende August star- Kreuz (IRK) in der Provinz Kandahar, wo
har hocken die Händler in Verschlägen ben zwei Mitstreiter des Präsidentenbru- 35 ausländische Mitarbeiter die Fahne im
nicht breiter als eine Schrankwand. Un- ders Ahmed Wali Karzai aus dem Pro- Kriegsgebiet hochhalten. Ihr Hauptaugen-
ter Turbanen, fladenförmigen Pakul-Müt- vinzrat durch Bomben. Am 9. Juni, bei merk gilt dem Mirwais-Krankenhaus und
zen oder Käppis: Gesichter undurchdring- der Hochzeit eines von US-Einheiten aus- dort der chirurgischen Notaufnahme.
lich wie Wachsmasken. Aus den Augen- gebildeten Mitglieds der Dorfmiliz im Grün-weiß gekachelter Flur, Neonröh-
winkeln wird gemustert, wer nicht hierher- Arghandab-Tal, sprengte ein Selbstmord- renlicht, 180 Betten – 8 pro Zimmer. Es
gehört – in die alte neue Hochburg der attentäter mindestens 40 Gäste mit sich riecht nach Bohnensuppe, nach Mensch,
Taliban. Einen zerbeulten Jeep ziert der in die Luft. Und von bis zu 30 toten Be- nach schreiendem Elend.
Aufkleber: „Life is short – pray hard“, das amten pro Woche – erschossen, erstochen „Was wollen Sie sehen?“, fragt einer
Leben ist kurz, bete viel. Kein Ausländer oder vergiftet von den Taliban – ist im der Pfleger, „Minen- oder Bombenopfer,
zeigt sich mehr offen auf den Straßen. Polizeihauptquartier die Rede. Schusswunden?“
Wer als Fremder in Kandahar etwas Wenn aber schon Ordnungskräfte rei- An den Betten ihrer Enkel, Söhne, Brü-
ausrichten will, muss Zeit und mächtige henweise dem Terror der Koranschüler der halten ausschließlich Männer Wache.
Fürsprecher mitbringen. Oder unerschüt- zum Opfer fallen: Wer schützt dann die Den wimmernden zwölfjährigen Ezatul-
terlichen Optimismus: Militärische Fort- letzten Ausländer in Kandahar? lah aus dem Dorf Zangawat hat der Groß-
schritte seien inzwischen auch im afgha- Vorbei an den in Schutt und Asche ge- vater hergebracht. Er schaut in stummem
nischen Süden erkennbar, sprach der Isaf- legten Niederlassungen zweier US-Fir- Schmerz auf das Kind, dem eine Mine
Oberkommandierende, General David men führt der Weg in den von Zypressen den Unterschenkel sowie die Kuppen
Petraeus, am 31. August – einen Tag nach- bestandenen Hof des Mirwais-Kranken- von fünf Fingern abriss, und sieht zu, wie
dem in Kandahar fünf amerikanische Sol- hauses. Hier wie kaum irgendwo sonst die Ärzte ihr Werk tun. Fürs Bein soll es
daten in den Trümmern ihres Fahrzeugs mehr in Kandahar begegnen sie einander eine Prothese geben. Was aus den Kup-
starben. Ein aus Düngemitteln und Sal- noch in Zivil: Afghanen und Menschen pen wird, ist offen. „Wir machen keine
petersäure gebastelter Sprengsatz hatte aus der westlichen Welt. Finger, nur ganze Hände“, sagt kühl der
sie am Stadtrand in den Tod gerissen. Pfleger.
Es läuft nicht gut für die westliche
Schutztruppe und ihre letzten Freunde
in Kandahar. Wer auch nur im Verdacht
A ls Markus Geisser zur Visite antritt,
sind es 41 Grad im Schatten. Der
Deutsch-Schweizer leitet die Mission des
„Vom Himmel feuern die Amerikaner
aus Hubschraubern, und am Boden treten
wir auf die Minen der Taliban“, klagt Eza-
steht, Söldner der Amerikaner zu sein, Internationalen Komitees vom Roten tullahs Großvater. Erbitterte Kämpfe to-
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Ausland

Basarbesucher in Kandahar: „Vom Himmel feuern die Amerikaner, am Boden treten wir auf die Minen der Taliban“

ben rund um Kandahar. Jeder zweite Pa-


tient in der Notaufnahme ist Kriegsopfer. W enn heute ein ausländischer Helfer
getötet wird“, sagt Ramazan Ba-
Das Rote Kreuz als „die große alte shardost, „ist von vielen Afghanen nur
„Ich bin doch auch euer einziger An-
walt in Afghanistan“, sagt er mit bitterem
Lächeln. „Denn ich vertrete die Interes-
Dame der humanitären Hilfe“, sagt Geis- noch zu hören: ,Was soll’s, ein Dieb we- sen amerikanischer und europäischer
ser, ein freundlicher Blonder von 40 Jah- niger. Sie tun sowieso nichts für uns; sie Steuerzahler. Warum fragt ihr nicht selbst
ren, achte in diesem Konflikt auf Neutra- sind Waffen in den Händen der Taliban.‘“ genauer nach, wo euer Geld bleibt? War-
lität. „Wir müssen vorsichtig sein hier, Bashardost ist alles andere als ein Hass- um begnügt sich ein deutscher Arbeiter
weil wir unter Beobachtung von allen Sei- prediger. Manche nennen ihn den „Gan- mittags mit einem belegten Brot, wäh-
ten stehen.“ dhi Afghanistans“. Er hat Abschlüsse an rend unser Präsident Karzai 150 Gäste
Hilfe leisten, ohne Partei zu ergreifen, französischen Elite-Hochschulen, er war empfängt? Im Präsidentenpalast feiern
ist das Motto des IRK. Aber macht sich Planungsminister. Bei der Präsidenten- Kriminelle auf eure Kosten Fiesta.“
nicht mitschuldig, wer mit Geld und wahl 2009 kam der Mann vom Volk der Mit der Korruption im afghanischen
Nächstenliebe reparieren hilft, was Kriegs- Hazara unter 32 Kandidaten auf Platz 3 Regierungsapparat beschäftigen sich in-
treiber zerstören? Sind Helfer nicht schon – geschlagen nur von Amtsinhaber Hamid zwischen amerikanische Sonderermittler.
Partei, wenn sie, wie Rot-Kreuz-Mitar- Karzai und dessen Rivalen Abdullah Mit der Korruption in der NGO-Szene
beiter unweit Kandahars, Posten auch auf Abdullah. befasst sich das afghanische Wirtschafts-
Taliban-Gebiet unterhalten? Doch wie Bashardost da jetzt sitzt, in ministerium. Erste Ergebnisse: Internatio-
„Die Frage ist legitim“, sagt Geisser, der seinem olivgrünen Wahlkampfzelt am nale NGOs verbuchten 60 Prozent aller
zuvor in Darfur und Burma, im Rand des Kabuler Parlamentsviertels, verfügbaren Mittel für eigene Ausgaben.
Kongo und im Irak zwischen den Fronten und wie er wettert über die Geldver- Wie ein mächtiger Strom im Delta ver-
stand und dennoch Wert darauf legt, nicht schwender von den NGOs, den Nichtre- zweigt sich der internationale Kapitalfluss
als mobiles „Schlachtross“ im Arztkittel gierungsorganisationen, spricht aus ihm auf dem Weg nach Afghanistan. In Haupt-
missverstanden zu werden. „Hier in Kan- heiliger Zorn: Afghanistan, sagt er, könne arme (Militär, regierungsnahe Organisa-
dahar kann ich nicht erkennen, dass wir auf NGOs verzichten, deren Mitarbeiter tionen, große Hilfswerke), Nebenarme,
den Krieg verlängern helfen.“ „nicht aus ihren Mietshäusern zu 15 000 Altwasser und Rinnsale. Derzeit gibt es
Zehn Mitarbeiter eines Ärzteteams der Dollar herauskommen und aus ihren ge- 1327 afghanische NGOs. Und 303 inter-
International Assistance Mission sind An- panzerten Autos zu 40 000 Dollar, weil nationale, auch INGOS genannt – darun-
fang August im Nordosten Afghanistans sie vergessen haben, dem Volk zu dienen ter BINGOS (Business-nahe NGOs) wie
ermordet worden – ob Taliban oder ein- – das war doch die ursprüngliche Idee“. MANGOS (Mafia-verdächtige NGOs).
fach nur Kriminelle die Täter waren, ist Bashardost selbst bewegt sich in einem Sie bauen Krankenhäuser oder Bewässe-
bis heute ungeklärt. Doch wagen sich nun kleinen Suzuki durch Kabul, er bleibt nah rungskanäle, richten Schulen ein und or-
noch weniger Ausländer aus der Haupt- an den Menschen. Eine Alte mit verkrüp- ganisieren die ländliche Verwaltung, räu-
stadt Kabul hinaus in die Provinzen. In pelten Füßen, ein Blinder und zwei Wit- men Minen und verhelfen Frauen zu wirt-
Kandahar seien allenfalls ein paar Dut- wen in Nylon-Burka sitzen diesen Mor- schaftlicher Unabhängigkeit.
zend Fremde verblieben, sagt Geisser: gen bei ihm im Zelt. Bashardost hört sich Mehr als 2000 Organisationen seien we-
„Einige davon sind in Winterstarre, völlig die Leidensgeschichten an, fingert ein gen fehlender Tätigkeitsnachweise bereits
untergetaucht.“ paar Scheine hervor, macht sich Notizen. aufgelöst worden, sagt Sayeed Hashim
Er und seine Rot-Kreuz-Kollegen hät- Er hat sich bei der Wahl am vergangenen Bassirat, Chef der NGO-Abteilung des
ten bis auf weiteres keine Absicht zu wei- Samstag wieder um einen Sitz im Parla- Kabuler Wirtschaftsministeriums, in sei-
chen, auch wenn ihm bewusst sei: „Wir ment beworben. Als Interessenvertreter nem Büro. Dass er keinen Computer hat,
sind bunte Vögel im Käfig.“ nicht nur des afghanischen Volks. kaum Macht und nur bruchstückhafte In-
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Ausland

formationen über das Milliardengewerbe Fachkenntnis. Der Großteil allerdings nern gewählt, und das Hilfsprojekt, das
der Helfer draußen vor seiner Tür, lässt könnte genauso gut woanders arbeiten. sie beaufsichtigen sollen, haben sie auch
er sich nicht anmerken. Oder ist in Afghanistan auf der Suche selbst bestimmt – nicht wir.“
„Die internationalen Helfer reden nicht nach dem edlen Wilden und jetzt ent- Das Prinzip Bürgerreporter funktio-
mit der Regierung und kümmern sich zu täuscht, weil die hier auch Hollywood- niert, auch am Hindukusch. „Die Geber
wenig um die wirklichen Bedürfnisse des Filme schauen und Handys haben.“ fallen häufig aus allen Wolken, wenn sie
Volks“, klagt Bassirat. Mehr als drei Vier- Lorenzo Delesgues ist einer von denen, durch uns erfahren, was aus ihrem Geld
tel aller Gelder würden von den Geber- die es ernst meinen. Er spricht Dari, die geworden ist“, sagt Lorenzo Delesgues.
ländern an den Ministerien vorbei verteilt, Verkehrssprache in Kabul. So perfekt, dass „Bis es zum Bau kommt, werden ja im
überwiegend auf militärischen Kanälen, er vor dem „Zadar“, wenn ihn Freunde Schnitt vier bis fünf Zwischenunterneh-
heißt es in einem Bericht des afghanischen dorthin schleppen, nach dem Ausweis ge- mer eingeschaltet; jeder behält zehn bis
Finanzministeriums vom November. fragt wird – ein Bier für 7, eine Pizza für zwölf Prozent für sich. Wenn es losgehen
Knapp 40 Milliarden Dollar an Ent- 18 Dollar gibt es hier nur für Nichtafghanen. soll, ist natürlich fast nichts mehr übrig.“
wicklungshilfe sind seit Kriegsbeginn Alkoholausschank ist in der Islamischen Vermutlich wäre das Milliardengrab,
nach Afghanistan geflossen. In ein Ge- Republik – eigentlich – verboten. das sich die internationale Gemeinschaft
werbe, das mit der schwer angreifbaren Delesgues beschäftigt keine Sicherheits- gerade am Hindukusch schaufelt, beschei-
Begründung, Gutes zu tun, nicht zuletzt leute, hat keinen allradgetriebenen Toyo- dener ausgefallen, hätten mehr Helfer
eigene Posten und Funktionen zemen- ta und auch kein fettes Spesenkonto. Er wie Delesgues etwas zu sagen gehabt. Er
tiert. „Hilfsorganisationen sind Wirt- geht zu Fuß durch die nächtliche Stadt, kennt genügend Einheimische, um zu ver-
schaftsbetriebe“, schreibt die Autorin Lin- vorbei an Bettlern, Straßenkindern und stehen, wie es sich in den Elendsvierteln
da Polman in ihrem schonungslosen Ab- fliegenden Händlern. Er sagt, die Budgets an den Hügeln über Kabul lebt, wohin
die explodierenden Mietpreise die Armen
vertrieben haben. Und er weiß, warum
ein Staat nicht funktionieren kann, des-
sen beste Beamte den Dienst kündigen,
weil sie als Fahrer oder Dolmetscher in
der internationalen Helferszene das Zehn-
fache nach Hause bringen.
Lorenzo Delesgues lässt sich davon
nicht beirren. Auch wenn die Helferkara-
wane bald weiterziehen sollte, weg von
Afghanistan. Er ist noch lange nicht fertig
mit diesem Land. „Mein Traum ist es“,
sagt er, „unser System hier auszuweiten
– dass wir größere Netzwerke bilden und
das Volk auch den eigenen Machthabern
auf die Finger schaut. Tag für Tag, in der
Justiz, in der Umweltpolitik, überall.“
PHILIP POUPIN / DER SPIEGEL

D ie Träume der meisten Ausländer in


Kabul sehen anders aus.
Ob beim Jour fixe in der Rot-Kreuz-
Kellerbar, beim Sundowner im Restaurant
„L’Atmosphère“ oder beim Brainstorming
Minenopfer Ezatullah, Großvater: Verlängern die Helfer den Krieg? am Swimmingpool der Deutschen Gesell-
schaft für Technische Zusammenarbeit
rechnungswerk „Die Mitleidsindustrie“ Tausender ausländischer Helfer würden (GTZ): Einheimische sind meist nur in
(Campus Verlag Frankfurt/New York) – die soziale Kluft nur weiter vertiefen. Nebenrollen dabei. Als Kellner oder
nur tarnten sie sich „als Mutter Teresa“. Als Chef von Integrity Watch Afghani- Wachmänner.
Der Einsatz für die gute Sache ernährt stan bezieht Delesgues ein Nettogehalt An ihnen vorbei streben bei sinkender
Tausende Helfer. „Nachhaltige Entwick- von 3800 Dollar monatlich. Amerikani- Sonne die Ausländer: „Berater“ Anfang
lung, Empowerment, Gender Balance sche Berater in Kabul verdienen das Glei- dreißig von großen Hilfsorganisationen;
Approach“ – so klingen die Zauberwörter, che in vier Tagen. Dem smarten Italo-Fran- „Experten“, meist amerikanischer Ab-
die das Tor zu Fördergeldern öffnen. In zosen aber geht’s nicht ums Geld. Ihm geht kunft, die für ihre Arbeit in afghanischen
der Helferkarawane kennen sie die Codes, es um Afghanistan. Wenn er erklären will, Ministerien ein Drittel des Gehalts zusätz-
weil viele schon in Ruanda, Bosnien oder warum er nach fünf Jahren immer noch lich als Gefahren- und Erschwerniszulage
im Kongo waren, für Weltbank, Uno oder hier ist, fährt er seinen Computer hoch bekommen; und Idealisten, die abends
NGOs, ehe sie nach Afghanistan kamen. und klickt Videos an. Auf den Bildern sind ein wenig Spaß haben wollen.
Manchmal, im kleinen Kreis oder beim afghanische Dörfler zu sehen, die nagel- Hüfthoch geschlitzte Kleider und viel-
Bier in Ausländer-Restaurants rund um neue Entwicklungsprojekte prüfen: Sie fin- versprechende Tops, Sachen also, die
den Kabuler Stadtteil Qala-i-Fatullah, den Schulgebäude mit Türen, die lose in Frauen in Kabul sonst nirgendwo tragen
sickern auch im Helfermilieu Zweifel den Angeln hängen, oder stehen fassungs- können: Donnerstags in der Kellerbar
durch. „Donor-driven“ sei ihr Gewerbe, los in Waschräumen, in denen die Toilet- vom Roten Kreuz, drei Räume im Sou-
sagen sie, wenn gemeint ist: Die Geldge- tenschüsseln vergessen wurden. terrain, ist alles im Angebot. Dazu Marti-
ber fragen die Empfänger nicht, was sie „15 Dollar pro Monat bekommen unse- ni, Bacardi und Beck’s Bier in Dosen zu
brauchen. Über ihre Mitstreiter, Jungaka- re Mitarbeiter in den Provinzen“, sagt zwei Dollar fünfzig. Wer es nicht auf die
demiker aus aller Welt zumeist, urteilt Delesgues, „dazu eine Videokamera und Gästeliste schafft, muss draußen bleiben.
eine erfahrene Deutsche: „Natürlich gibt einen Fotoapparat. In jedem Dorf beschäf- Sie lassen sich von Fremden ungern
es welche mit echtem Engagement und tigen wir zwei; sie sind von den Bewoh- in die Karten schauen, die Helfer in Ka-
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Ausland

bul. Nicht beim Feiern, nicht bei Bilanzen.


Über Zahlen und Bilder, die vom Afgha-
nistan-Einsatz um die Welt gehen, möch-
I n naher Zukunft sollen gut 170 000 Sol-
daten und 134 000 Polizisten die Sicher-
heit Afghanistans garantieren. Sobald die
an den Hindukusch pumpt. Auf 445 Mil-
liarden Dollar bis zum Jahr 2011 beziffert
die Verteidigungsexpertin Amy Belasco
ten die Geldgeber selbst bestimmen. Privatarmeen westlicher Security-Leute die US-Ausgaben – die Ausgaben sämtli-
Neue Naturkatastrophen, neue Kriege verschwunden sind, wird es vor allem auf cher OECD-Staaten für weltweite Ent-
bringen Bewegung in die Helferkarawane. die Polizisten ankommen. wicklungshilfe im Jahr 2009 belaufen sich
Bleiben oder gehen? „Ich entscheide das Deutschland spielt eine Schlüsselrolle auf weniger als ein Drittel.
inzwischen auch nach Jahreszeit“, sagt bei der Ausbildung afghanischer Ord- Großmütige Gaben im Krieg gegen den
eine junge Französin an der Bar des „At- nungshüter – unter dem Dach der Euro- Terror? Bis zu 80 Prozent der amerikani-
mosphère“. „Haiti ginge ab Herbst, even- päischen Union (Eupol) und mit dem bi- schen Gelder fließen laut Schätzungen
tuell auch Jemen. Aber 45 Grad plus oder lateralen Polizeiprojekt GPPT. Die Kos- über Beraterhonorare, Firmenaufträge
14 Grad minus, das mache ich nicht ten allein für das Jahr 2010 liegen bei und Warenexport in die USA zurück.
mehr.“ Afghanistan-müden Kollegen rate 77 Millionen Euro.
er zu Haiti, spottet ein Langgedienter:
„Elend gibt’s dort auch genug, und dazu
anders als hier willige Weiber.“
Dort verdienen sich Männer etwas hin-
zu wie der Beamte, der hier Holger Beh-
rens genannt werden soll. Unter seinem
D er Sieg „über die Ungläubigen“ ste-
he unmittelbar bevor – Milliarden
Dollar an Steuergeldern seien in Afgha-
Für 20 000 bis 40 000 Nebendarsteller wirklichen Namen will er aus dienstrecht- nistan verschwendet worden, verkündete
im Afghanistan-Krieg soll am Jahresen- lichen Gründen nichts gesagt haben. vorvorige Woche der einäugige Taliban-
de schon Schluss sein. Präsident Hamid „In Deutschland habe ich 3000 Euro Führer Mullah Omar. Von seiner alten
Karzai hat verkündet, sämtliche im Land netto im Monat; durch den Afghanistan- Kommandozentrale in Kandahar nur ei-
vertretenen Sicherheitsfirmen müssten Einsatz kommen 5000 netto dazu“, sagt nen Steinwurf entfernt liegen verlassen
FOTOS: PHILIP POUPIN / DER SPIEGEL

Kritiker Bashardost, NGO-Chef Delesgues: „Im Präsidentenpalast feiern Kriminelle auf eure Kosten Fiesta“

bis Ende Dezember die Arbeit einstellen Behrens. „Ist schon Wahnsinn, was die hinter einem verriegelten Eisentor auf
– weil durch sie „Milliarden Dollar“ ver- EU für uns springen lässt.“ dem Universitätsgelände zwei leere
schwendet würden und unklar sei, ob Der Polizist wohnt und arbeitet, wenn Wohnblöcke. Der Rektor der Hochschu-
nicht, was sich „tagsüber Sicherheitsfir- nicht gerade Training mit den Afghanen le, Professor Hazrat Mir Totakhil, lässt
ma nennt, nachts zur Terrortruppe ansteht, im „Green Village“, das unter sich Schlüssel bringen, schreitet über den
wird“. Ausländern in Kabul auch „Pleasantville“ staubigen Innenhof und blinzelt durch
Was Karzai im Sinn hat, wäre nicht we- – Hübschhausen – genannt wird. In dem die Fenster.
niger als das Ende eines Gewerbes, das zu von nepalesischen Gurkhas bewachten „Fertig“, sagt er, „seit 2006 schon, aber
den lukrativsten am Hindukusch zählt – Areal gibt es Zierbrunnen und Wandel- immer noch leer – keine Möbel, Toiletten,
weil es den Faktor Angst zur Berechnungs- gänge, Kurierservice, Bank, Souvenir- Klimaanlagen.“ 400 Studentinnen sollten
grundlage hat. shop. Sein Leben in diesem Luxusgefäng- hier unterkommen, schlafen und studie-
Der Mann, der im Kabuler Hotel Sere- nis sei trotzdem wenig beneidenswert, ren: ein ehrgeiziges Projekt für eine Stadt
na ein San-Pellegrino-Fläschchen in sei- sagt der Ausbilder Behrens: „Wir können wie Kandahar, wo viele Frauen nicht ein-
ner Pranke rollt, war schon im Irak als nirgends hingehen; wenn ich in die Stadt mal das Haus verlassen dürfen.
Sicherheitsmann an der Front. Er will will oder zum Preisskat ins Camp Ware- Die GTZ hatte mit Geldern der Bun-
„Steve“ genannt werden und sagt: „Bei house, muss ich Security bestellen.“ Ein desregierung den ersten Block hinstellen
einem Projekt von 100 000 Dollar gehen Polizist, mit Bodyguards unterwegs zum lassen. USAID hat, noch ehe ein einziges
20 Prozent für Sicherheit drauf. Ein ge- Skat in Kabul – der Vorgang beschreibt, Bett angeliefert war, ein zweites Wohn-
panzerter Wagen kostet bis zu 8000 Dol- en miniature, den Kern einer monströsen heim beigesteuert. Danach ist nichts mehr
lar im Monat, ein ausländischer Sicher- Operation. passiert, weil die Inneneinrichtung nicht
heitsmann 10 000.“ Vielfach kommt der Das Deutsche Institut für Wirtschafts- zum Lieferumfang gehörte, die Afghanen
Schutz der Helfer teurer als der Rest des forschung hat Zahlen vorgelegt über die selbst aber kein Geld haben.
Projekts. Die Bewachung einer durch- voraussichtlichen Gesamtkosten des Außer dass von drüben, von der einsti-
schnittlichen Kabuler Residenz, sagt Steve, Kriegs. Bei schrittweisem Abzug ab 2013 gen Taliban-Bastion, neuerdings öfter lei-
schlage mit 600 000 Dollar jährlich zu Bu- werde Deutschland, alle Belastungen ein- ses Wummern herüberdringt. US-Ausbil-
che. Afghanische Wachleute verdienten geschlossen, 36,5 Milliarden Euro für Af- der proben dort mit Bomben den Ernst-
um die 220 Dollar im Monat, den Kunden ghanistan aufgewendet haben. Das ist gut fall. Weil die Koranschüler wieder vor
werde das Dreifache berechnet. ein Zehntel der Summe, die Washington den Toren Kandahars stehen. 
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Ausland

M AN AM A Oh, wie schön ist Manama


Global Village: Von den Schwierigkeiten, vor den Toren Saudi-Arabiens einen
Sexshop zu betreiben

D
er König-Fahd-Damm verbindet line-Bestellungen und verhandelt mit Lie- ihrem Laden entfernt, in Saudi-Arabien,
Saudi-Arabien mit dem Insel-Kö- feranten in Kalifornien und Guangzhou. dürfen Frauen in der Öffentlichkeit noch
nigreich Bahrain, wo manche Re- Am beliebtesten seien Vergrößerungs- nicht einmal angesprochen werden.
geln etwas großzügiger ausgelegt werden. cremes und essbare Unterwäsche, sagt Khadija Mohammed will die Welt nicht
Und wer gleich nach Passieren der Stadt- sie, in Geschmacksrichtungen von Erd- ändern, nur ihr die Heuchelei ein wenig
grenze von Manama, der Hauptstadt, die beere bis Mango. Und ständig werde sie austreiben. „Jedem gefällt es“, sagt sie,
Bagdad-Avenue rechts ab nach Süden nach Dildos gefragt, auch von männli- „jeder macht es, jeder kauft, aber keiner
fährt bis zum Kreisverkehr am „Last chen Kunden. Aber die führt das Fashion hier würde über Sexy Toys reden. Ich hät-
Chance“-Supermarkt – der ist sehr weit House nicht. Ebenso wenig wie Bücher, te weniger Probleme, wenn ich meinen
entfernt von Sittenstrenge, Zwangs- Filme, Aufblaspuppen und Fotos. „Das Laden heimlich betreiben würde, von zu
keuschheit und Prüderie. ist gegen den Islam“, sagt die Erotikex- Hause aus übers Internet. Aber ich will
„Am Kreisverkehr … neben der Wä- pertin. Ihr Glaube verbiete die Abbildung mich nicht verstecken.“
scherei. Ja. Nein, ich habe keine Dildos, empfindlicher Körperpartien. Der kleine Laden am Kreisverkehr
nur Massagegeräte … Gut. Bis später. Maa Dafür gibt es im Sortiment einen selbst- boomt, und es sind nicht weniger Frauen
al-Salama.“ Das Telefon von Khadija Mo- leuchtenden Vibrationsring für einen als Männer, die kommen. Mehr Kund-
hammed klingelt alle zehn schaft, sagt sie, könne sie
Minuten. Gerade stand eine gar nicht verkraften.
++966-Nummer auf dem Mit den Nachbarn und
Display: „Eine Dame aus Passanten gab es nie
Saudi-Arabien“. Die typi- Schwierigkeiten. Nur einige
sche Kundin vom Khadija gewagtere Exponate muss-
Fashion House in Manama. ten aus dem Schaufenster
Später am Nachmittag verschwinden. Auch der
wird die Dame vorbeikom- Prediger der benachbarten
men, verborgen unter ei- Moschee hatte nichts zu be-
nem Hidschab, der nur ihre anstanden: „Er ist Schiit
Augen freilässt, und sie wird und sehr aufgeschlossen.
den magentafarbenen „Oui“ Was Mann und Frau in ih-
erwerben, laut Verpackung rem Ehebett treiben, um
ein „einfacher, eleganter glücklich zu sein, ist deren
persönlicher Massierer, so Sache. Nein, die Imame
ADAM JAN / AFP

dünn, dass er in Ihre Hand- sind nicht das Problem …“


fläche passt“. Einen Erotikshop zu füh-
Manchmal, sagt Khadija ren ist nicht verboten. Erst
Mohammed, sei ein Ge- Erotikberaterin Mohammed: Sadomaso-Sets für die Scheichs im März gewann Khadija
sichtsschleier von großem Mohammed einen entspre-
Vorteil. Aber es kämen auch Frauen mit empfindlichen Körperteil des Mannes, chenden Prozess. Sie klappt ihren rosa-
offenem Gesicht. Die Männer würden den „Humm Dinger“. farbenen Laptop auf und klickt die Web-
dann zur Seite treten. Seit zwei Jahren führt sie ihren Laden, Seite des Zolls an: „Sehen Sie.“ Die Ein-
Hinter der Kasse ihres Ladens hängt ein den wohl ersten und einzigen Erotikshop fuhrbestimmungen Bahrains verbieten
„Beginner’s Bondage Kit“ an der Wand, der Golfregion. Sie hatte mit dem Inter- den Import von Gebrauchtreifen, spalt-
mit Handschellen und Augenbinde, das netverkauf von traditioneller Mode an- barem Material, Schweinen und Pferden
typische Sadomaso-Zubehör. Dinge, die gefangen. „Am besten aber lief sexy Un- – „aber von sexy Produkten steht nichts
man landläufig eher mit „Abu Ghuraib“ terwäsche. Das ging auf wie ein Hefeku- im Gesetz“.
verbinden würde. Es gibt Neunschwänzige chen. Also habe ich umgesattelt.“ Trotzdem werden Lieferungen einbe-
Katzen für sieben Bahrain-Dinar, Züchti- Im 16. Jahrhundert war der nackte Kör- halten. Weshalb? „Mein Name klingt sun-
gungspatschen und G-Punkt-Stimulato- per noch Gegenstand üppiger Dichtung. nitisch, aber ich bin Schiitin. Kaum hatte
ren. In den Regalen liegen Analduschen, Mohammed al-Nafsawis „Der duftende sich das bei den Behörden herumgespro-
Vergrößerungscremes, Bauchtänzerinnen- Garten“ ist ein Handbuch orientalischer chen, begannen die Schikanen. Sie gön-
Ausstattung, Stilettos der Marke „Dress Liebeskünste: „Wisse, oh Wesir, die weib- nen mir den Erfolg nicht.“
black Gladiator“ und im Dunkeln leuch- liche Scham trägt verschiedene Namen, Im Insel-Königreich Bahrain ist die
tende Fingerfarben. Die Würfel für Party- so zum Beispiel …“, und es folgen 42 de- Mehrheit der Bevölkerung schiitischen
spiele seien gerade ausverkauft. taillierte Beschreibungen von „Die Bo- Glaubens, die herrschenden Eliten jedoch
Khadija Mohammed ist eine 33-jährige denlose“ bis „Die Unermüdliche“, „Die sind Sunniten.
Mutter dreier Kinder, sie trägt den mit dem Vorsprung“ oder „Die in ihr Nicht die Vibratoren sind das Problem,
schwarzen Abaja-Umhang und wünschte Schicksal Ergebene“. nicht die Sadomaso-Grundausstattungen
sich, ein paar Kilo weniger darunter zu Doch in den meisten arabischen Län- und Flutsch-Cremes. Es ist schlicht der
tragen. Seit kurzem ist sie geschieden. dern hat die Prüderie zugenommen, bis wirtschaftliche Erfolg. Und das ist eine
Sie erledigt alles allein, verpackt die On- ins Bodenlose. Etwa 40 Kilometer von gute Nachricht. ALEXANDER SMOLTCZYK

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Sport
Boote von BMW Oracle
BASKETBALL und Alinghi
beim America’s Cup
Erdumspannende Liga
N ordamerikas Basketball-Profiliga
NBA treibt ihre Globalisierung

THIERRY MARTINEZ / SEA&CO (GR.); EDUARDO RIPOLL (KL.)


weiter voran. Die Liga, die bereits seit
2002 ein Büro in Peking besitzt und im
Frühjahr eine Außenstelle in Johannes-
burg eröffnete, hat nun auch eine Ver- SEGELN
tretung in Moskau gegründet. Russ-
land wird als Markt für die NBA im-
mer wichtiger – nicht zuletzt, weil der
Milliardär Michail Prochorow kürzlich
„Ferrari statt
das Team der New Jersey Nets gekauft
hat. Um das weltumspannende Profil
zu schärfen, spielen in den nächsten
Wochen die Houston Rockets zur
Lastwagen“
Saisonvorbereitung in China, die New
York Knicks in Paris und Mailand, die Der Bremerhavener nur so seien künftig Sponsoren zu ge-
Los Angeles Lakers in Barcelona und Yachtkonstrukteur Rolf winnen.
London. In der englischen Hauptstadt Vrolijk, 63, Chefdesigner SPIEGEL: Das letzte Duell zwischen
sollen später auch reguläre Liga-Par- im Alinghi-Team, über Alinghi und BMW Oracle wurde auch
tien ausgetragen werden. Auf der die Revolution beim tra- schon mit Mehrrumpf-Yachten ausge-
Suche nach internationalen Investoren ditionsreichen America’s fochten – was macht sie attraktiver?
ist die NBA jetzt in Spanien fündig Cup – künftig sollen große Katamara- Vrolijk: Sie brauchen keinen Ballast, sie
geworden. Die Liga unterschrieb einen ne mit 40 Meter hohen Flügeln gegen- segeln ungefähr doppelt so schnell, und
Sponsorenvertrag mit dem Kredit- einander antreten. wenn einer der beiden Rümpfe abhebt,
institut BBVA, der zweitgrößten Bank über die Wellen fliegt, wird es schon
des Landes. Der in Bilbao ansässige SPIEGEL: Die Organisatoren des Ameri- spektakulär. Einer der Mitorganisatoren
Finanzdienstleister soll in vier Jahren ca’s Cup haben vergangene Woche mit hat gesagt, bislang hätten wir Lastwa-
angeblich über 75 Millionen Euro allem gebrochen, was seit 1851 heilig gen gefahren. Jetzt kämen Ferrari. Das
zahlen. war. Was soll das? ganze Leben ist schneller geworden,
Vrolijk: Beim America’s Cup wurde und das passt jetzt in die Zeit, das passt
schon immer die jeweils modernste zur Facebook-Generation. Natürlich
Technik genutzt. Der Titelverteidiger geht dabei ein Stück Tradition verloren,
BMW-Oracle-Racing kann ja im We- vor allem die Einzigartigkeit des Cups.
sentlichen bestimmen, wie die Regeln SPIEGEL: Wird der Cup jetzt auch ge-
aussehen. Und die wollen, dass die fährlich wie die Formel 1?
Regatta so spektakulär wird wie Vrolijk: Die Katamarane sollen zudem
möglich – vor allem fürs Fernsehen. noch bei deutlich mehr Wind rausge-
Dazu wird der Cup 2013 nun als hen als bislang. Das wird ruppig, da
MARK DUNCAN / AP

Höhepunkt eingebettet in eine Welt- geraten die Boote an ihre Belastungs-


meisterschaft, die Läufe beginnen grenzen. Es wird jetzt immer auch dar-
schon kommendes Jahr. Das Ganze um gehen, wieder heile nach Hause
wird also ein Zirkus wie die Formel 1, zu kommen.
NBA-Spieler

FUSSBALL (DFB) Schiedsrichter namentlich der Über einen weiteren Zweitliga-Linien-


Korrumpierbarkeit beschuldigt – ohne richter behauptete der Informant laut
Denunzierte dafür Beweise vorzulegen. Dies ergibt
sich aus einer Zeugenaussage des
Koch, dieser habe „vor circa sechs
Monaten 5000 Euro erhalten“ und sei
Schiedsrichter DFB-Vizepräsidenten Rainer Koch am
12. Januar vor Beamten des Polizeiprä-
„allgemein geschmiert worden“. Kochs
Aufforderung, Anzeige zu erstatten,

D ie Affäre um einen mutmaßlichen


Hochstapler aus dem Wettmilieu,
der für die Disziplinarkommission der
sidiums München. Demnach traf sich
Koch Anfang Dezember zweimal mit
einem ihm unbekannten Mann, der
habe der Unbekannte abgelehnt: Er
wolle „nur mit den Verbänden zusam-
menarbeiten“. Mit Hilfe der Mobil-
Europäischen Fußball-Union (Uefa) ar- Hinweise „zu Spiel- und Wettmanipu- nummer des Informanten und anhand
beitet, weitet sich aus. Der Kroate Ro- lationen im Fußball“ angekündigt hat- von Fotos, die Koch vorgelegt wurden,
bin Boksic, 32, der laut einem Bericht te. Der Informant habe einen Zweit- wollen die Ermittler den Unbekannten
des Magazins „Stern“ Vorstandsmit- liga-Linienrichter als „empfänglich“ als Robin Boksic identifiziert haben –
glieder und Spieler des FC Bayern bezichtigt. Dieser habe von einem jenen Mann, der damals bei der Uefa
fälschlicherweise der Bestechlichkeit Zocker „Finanzspritzen bekommen“ anheuerte. Die Uefa äußerte sich zu
bezichtigt haben soll, hat offenbar und werde seit „über einem Jahr auf- den Vorgängen nicht, Boksic war für
auch beim Deutschen Fußball-Bund gebaut“, um Spiele zu verschieben. den SPIEGEL nicht zu erreichen.
144 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Golfer Kaymer

GOLF

„Ein Sechser im Lotto“


Martin Kaymers Sieg bei der PGA Championship soll, so hoffen die Funktionäre, seiner Sportart
in Deutschland neuen Schub verleihen. Doch der Profi aus Mettmann
hat längst einen anderen Plan – er sucht die Herausforderung in den Vereinigten Staaten.

D
er Parkettboden funkelt, es läuft ner Jeans betritt die Bühne. Martin Kay- Deutschland? Kaymer überlegt, zuckt mit
gedämpfte Loungemusik. Die Gäs- mer, 25, Golfprofi, Nummer fünf der Welt- den Schultern. Da müsse er selbst „erst
te im großen Saal der BMW Welt rangliste, wirkt, als hätte er sich hierher mal nachdenken“, sagt er dann.
in München tragen dunklen Anzug, man- verlaufen, auf diesen Empfang, zwischen Mitte August gewann Martin Kaymer
che mit Einstecktuch in der Sakkotasche. all den feinen Leuten. Er setzt sich in ei- eines der wichtigsten Profi-Turniere, die
Auf einem Podest stehen drei weiße Le- nen der Sessel und lächelt, beantwortet PGA Championship im US-Bundesstaat
dersessel. Der Moderator sagt: „Lassen ein paar Fragen, so gut es geht. Wisconsin. Kaymer gehört nun endgültig
Sie uns unseren Helden mit einem hefti- Irgendwann will jemand wissen, was zu den besten Spielern der Welt, er wird
gen Applaus begrüßen.“ Ein junger Mann sein großer Major-Sieg neulich in den USA in zwei Wochen beim Kontinentalwett-
mit beigefarbenem Pulli und verwasche- denn eigentlich genau bedeute für ihn, für kampf zwischen Europa und den Verei-
146 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Bruhns hat einen Auftrag. Er muss die
internationale Golfgemeinde davon über-
zeugen, dass Golf in Deutschland eine
große Sache ist, prosperiert, ansonsten
könnte es schwierig werden mit dem Zu-
schlag für die renommierte Veranstal-
tung. Im April 2011 fällt die Entscheidung.
Aber Bruhns ist optimistisch. Er sieht
die Chancen gestiegen. Wegen Kaymer.
„Ein Sechser im Lotto für unser Land“
sei dessen Major-Sieg. Kaymer sei der Be-
weis für die funktionierende Förderarbeit
in Deutschland. „Martin wurde von un-
serem Verband erfolgreich getragen“, sagt
Bruhns und wippt vor Freude im Stuhl.
Nun muss Bruhns nur noch dafür sor-
gen, dass auch Kaymer dies so sieht.
Martin Kaymer sagt: „Natürlich wün-
sche ich mir, dass Deutschland den Ryder
Cup ausrichtet.“ Dann will er nicht mehr
über das Thema reden. Er lässt sich nicht
gern vereinnahmen.
Kaymer stammt aus Mettmann, einer
Kleinstadt nahe Düsseldorf. Mit zehn Jah-
ren begleitete er seinen Vater Horst das
erste Mal in den heimischen Golfverein,
drei Jahre später wurde er in den Leis-
tungskader Nordrhein-Westfalens beru-
fen. Kaymer spielte auch Fußball für die
Jugend von Fortuna Düsseldorf. Mit 15
Jahren verbesserte er sein Handicap auf
null, er entschied sich gegen den Fußball,
machte Abitur und begann 2006 die Kar-
riere als Golfprofi. 2008 gewann Kaymer
in Abu Dhabi sein erstes großes Turnier.
„Das Schöne am Golfen ist, dass man
nicht alles mit seinen Mitspielern oder
CHRIS GRAYTHEN / GETTY IMAGES

dem Trainer diskutieren muss, keiner re-


det mir rein“, sagt er.
Kaymer arbeitet seit zwölf Jahren mit
dem Golftrainer Günter Kessler, 53, zu-
sammen. Der ist Stützpunkttrainer in
Nordrhein-Westfalen, trainiert dort 80 Ju-
gendliche. Dass der Golfverband Kay-
mers Erfolg jetzt für sich reklamiert, dar-
über schmunzelt Kessler. Er ist keiner,
nigten Staaten, dem Ryder Cup, für das USA den Sprung zum Breitensport ge- der sich in den Vordergrund drängt, am
Europa-Team starten. Bernhard Langer, schafft. liebsten wäre ihm, wenn die Herren in
vor 25 Jahren der erste deutsche Major- Es gibt jedoch ein Projekt, das den Wiesbaden von selbst merkten, dass sie
Sieger, wurde nicht nominiert. Golfsport hierzulande nach vorn bringen sich falsch verhielten. Dann spricht er es
In Deutschland passiert nun das, was soll. Deutschland hat sich um die Aus- doch aus. „Im DGV wird Verbandsgescha-
immer passiert, wenn einem jungen Ta- richtung des Ryder Cup 2018 beworben cher betrieben.“
lent etwas Außergewöhnliches gelungen neben Spanien, Portugal, den Niederlan- Kaymer verdankt seinen Erfolg der in-
ist. Funktionäre und Lobbyisten erhoffen den und Frankreich. tensiven Betreuung Kesslers, der für sei-
sich von dem neuen Star einen Schub für Florian Bruhns, der Geschäftsführer nen Schützling Trainer, Freund und Ver-
den Sport. So war es im Tennis, als Boris des Deutschen Golf Verbands (DGV), hat trauter zugleich ist. Kessler hatte immer
Becker als 17-Jähriger erstmals in Wim- sein Büro in Wiesbaden. Anrufer müssen ein Auge darauf, dass Kaymer auf dem
bledon gewann. So war es in der Formel 1, damit rechnen, von seiner Sekretärin Teppich bleibt. „Die meisten Talente
als Michael Schumacher 1994 seinen ers- nach ihrem Handicap gefragt zu werden. scheitern in Deutschland daran, zu früh
ten WM-Titel einfuhr. Im Fall von Kay- Bruhns lehnt sich in seinem Stuhl zurück zu hoch gelobt zu werden“, sagt Kessler.
mer hoffen nun die deutschen Golfer. und faltet die Hände hinter dem Kopf. Man kann die Laufbahn Kaymers mit
Die Frage ist allerdings, ob Kaymer Er hat gute Nachrichten. „Rund 700 000 der des Basketballers Dirk Nowitzki ver-
dem deutschen Golf überhaupt einen aktive Golfer spielen in 750 Golfclubs in gleichen. Nowitzki ging als 19-Jähriger aus
Schub verleihen will. Deutschland“, sagt Bruhns. Das ist eine Deutschland weg, um in der US-Profiliga
Deutschland und der Golfsport – das Vervierfachung innerhalb der vergange- zu spielen. Auch Kaymer hat sich früh in
war schon immer eine schwierige Ge- nen 20 Jahre. Dass ein Drittel der Golf- Richtung USA orientiert. Er lebt in Arizo-
schichte. Noch immer gilt das Spiel hier anlagen bei einer Untersuchung 2008 sta- na mit seiner Freundin. Hier arbeitet er
als elitärer Zeitvertreib. Deshalb hat Golf gnierende oder sinkende Mitgliederzah- an seinem Abschlag und Finessen wie dem
nie wie in Großbritannien oder in den len beklagten, erwähnt er aber nicht. Rechts-links-Flug, einem Schlag mit Effet,
D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 147
Sport

Kaymers Sponsorenverträge
F U S S BA L L -W E T T S KA N DA L
sind für einen Weltranglisten-
golfer bislang überschaubar. In
diesem Jahr soll er rund zwei
Millionen Euro verdient haben.
Tiger Woods nahm während
Fünf Sterne
Der inhaftierte Wettpate
seiner Glanzzeit rund hundert
Millionen Dollar pro Jahr ein. Ante Sapina packt vor den Ermitt-
Bislang sorgte Elliot dafür, dass lern aus. Demnach verschob
das Privatleben seines Klienten er schon als Freigänger bei seiner
nicht in der Öffentlichkeit aus- ersten Haftstrafe wieder Spiele.
gebreitet wurde.

ALY SONG / REUTERS


N
Schwer zu sagen, ob das so ach Aussagen stand dem Zocker-
bleibt. könig Ante Sapina lange Zeit
Nach dem Major-Sieg in nicht der Sinn, seit er am 19. No-
Wisconsin entstand ein irritie- vember vorigen Jahres als einer der
Profi Woods: Implodiertes Saubermann-Image rendes Bild. Nach der Sieger- Hauptbeschuldigten einer Bande mut-
ehrung stemmte Elliot gemein- maßlicher Fußball-Wettbetrüger festge-
den er „noch immer nicht im Schlaf“ be- sam mit Kaymer den zwölf Kilogramm nommen worden war. Nach Beichten
herrsche. Sein Coach kontrolliert die Schlä- schweren Wanamaker-Pokal in die Luft. wohl schon eher.
ge in Neuss per Videoanalyse. Kaymer strahlte, Elliot strahlte. Das Foto Zum Jahreswechsel beantragte einer
Je erfolgreicher Kaymer wurde, desto wurde auf der ganzen Welt abgedruckt, seiner Verteidiger bei der Bochumer
weiter entfernte er sich von Deutschland. und seither diskutieren Golffans in Inter- Staatsanwaltschaft, einen Weihbischof
Er ist jetzt deutlich öfter in Arizona als netforen, ob Elliot womöglich seine Be- des Bistums Trier zu einem Besuch bei
in Mettmann. In den USA ist Golf schon scheidenheit abgelegt habe, ob man sich Sapina in den Dortmunder Knast vorzu-
lange Volkssport, Turniere werden im Sorgen machen müsse um Martin Kaymer. lassen. Die Bitte wurde abgewiesen. Es
Fernsehen live übertragen. Es gibt keine Dirk Schimmel fährt sich mit der Hand sei „nicht ersichtlich“, notierte der ver-
größere Herausforderung für Profis als durch die gegelten Locken. Der Medien-
Amerika. agent hat eingeladen zu einer Vernissage
Mit dem Gewinn der PGA Champion- in ein Modegeschäft auf der Düsseldorfer
ship hat Kaymer sich die Spielberechti- Königsallee, es ist Freitagabend. Schim-
gung an der US-Tour für die nächsten mel gehört neuerdings zu Kaymers PR-
fünf Jahre gesichert. Laut Kessler wird er Beratern. Elliot, Kaymers Manager, hat
in der kommenden Saison elf Turniere in Schimmel ins Team geholt. Schimmel soll
Amerika spielen. Kaymer könnte zu ei- sich um die „öffentliche Wirkung“ Kay-
nem der großen Helden des US-Golf- mers kümmern.
sports werden. Nach seinem Major-Sieg Am Sektempfang steht Ansgar, der
durfte er an der Technologiebörse Nasdaq Böse aus „Verbotene Liebe“. Die ausstel-
am New Yorker Times Square die Eröff- lende Künstlerin räkelt sich zwischen Isa-
nungsglocke läuten, danach wurde er in bel-Marant- und Juicy-Couture-Kleid-
die Redaktion von „Sports Illustrated“ chen auf einer Couch.
eingeladen, einer Sportzeitung, die wö- „Der Martin ist ja noch ein scheues Reh.
chentlich 21 Millionen Menschen lesen. Den müssen wir jetzt erst mal step by
Die Fans in Amerika schätzen Kaymer step entwickeln“, sagt Schimmel. Seine
nicht nur für sein Spiel, sondern auch für erfolgreichste Entwicklung der letzten
seine Disziplin. Er scheint gegen die Ver- Jahre ist die ehemalige Talkmasterin Sa-
lockungen der Branche immun zu sein. bine Christiansen. Eigentlich wolle er
Bis vor drei Jahren wurde Kaymer von nicht mehr mit Sportlern zusammenar-
seinem Vater gemanagt. Irgendwann be- beiten, sagt Schimmel, die Fernsehbran-

IMAGO
kam er ein Angebot vom Sportvermark- che interessiere ihn mehr. Aber bei Kay-
ter IMG, jener Agentur, die das Sauber- mer mache er noch mal eine Ausnahme. Schiedsrichter Zwayer, Beschuldigter Sapina 2008
mann-Image von Tiger Woods kreierte, „Er ist jung, das ist Wahnsinn.“ Schim-
das im Zuge einer Sexaffäre so krachend mels Stimme überschlägt sich. „Sollte es antwortliche Staatsanwalt handschriftlich
implodierte. Kaymer lehnte die Offerte gut laufen, wird der Junge 20 Jahre Pro- auf dem Gesuch, „warum der benannten
des Branchenführers ab und entschied Tour spielen.“ Person eine Erlaubnis erteilt werden soll“.
sich für den Manager Johan Elliot, der Martin Kaymer ist nicht auf der Ver- Nun erleichtert Sapina doch noch sein
eine kleinere Agentur in Stockholm führt. nissage. Er interessiert sich nicht für B- Gewissen – nicht gegenüber dem Gottes-
„Schweden sind ruhig, gelassen, fleißig Promis und Cocktailkleider. Er hat sich mann, dafür aber gegenüber den Ermitt-
und dabei locker. Das passt zu mir“, sagt durch den Regen im holländischen Hil- lern. In mehr als einem Dutzend Verneh-
Kaymer. versum gekämpft. Es ist der zweite Tur- mungen hat der Beschuldigte seit Ende
Elliot gibt sich als Gegner aggressiver niertag bei den KLM Open. Kaymer wird April seine Rolle im größten Wettskandal
Vermarktung. Er ist 38 Jahre alt und sieht am Ende mit vier Schlägen Vorsprung ge- des europäischen Fußballs zu Protokoll
aus wie das männliche Pendant zu Kate winnen. Sein dritter Turniersieg in dieser gegeben. Auch wenn die Verhöre im Bo-
Moss. Er ist schlank, seine Gesichtszüge Saison, der siebte insgesamt. chumer Polizeipräsidium andauern sollen,
sind zart wie die eines Kindes, er bewegt Kaymer sagt, die größte Gefahr für ei- so zeichnet sich ab: Sapina, der bereits
sich elegant. „Es gibt keinen Masterplan, nen Golfspieler sei, den „Hunger auf Ver- im Jahr 2005 vom Berliner Landgericht
nach dem ich Martin forme“, sagt Elliot, besserung“ zu verlieren. wegen Wettbetrugs zu einer Haftstrafe
an Kaymer schätze er dessen bodenstän- Dann fliegt er nach Amerika. von zwei Jahren und elf Monaten verur-
dige und unprätentiöse Art. CATHRIN GILBERT teilt worden war, ist in vielen Manipula-
148 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
tionsfällen, die ihm die Ermittler vorhal- reüssierte – es stimme, dass er in dieser kenntnissen der Fahnder transferierten
ten, geständig. Zeit auf manipulierte Spiele gesetzt habe. seine Londoner Wettagenten allein auf
Nach Aktenlage soll der Liebhaber Noch als Häftling platzierte Sapina eines seiner Konten bei der Ersten & Stei-
schneller Autos insgesamt 172 Fußball- demnach seine Einsätze über ein Londo- ermärkischen Bank in der kroatischen
spiele verschoben haben – in Deutschland ner Maklerbüro auf dem asiatischen Wett- Küstenstadt Rijeka 1,22 Millionen Euro.
von der zweiten Liga abwärts, in der markt, ohne selbst in Erscheinung zu tre- Fragen der Beamten nach finanziellen
Schweiz, auf dem Balkan, in Ungarn, in ten. Ein österreichischer Geschäftsmann Details beantwortete Sapina bei den Ver-
der Türkei und sogar in der ersten kana- half ihm dabei, er setzte Sapinas Geld nehmungen erstaunlich präzise, auch mit
dischen Soccer League. auf seinen Namen. Namen hielt er sich nicht zurück. So be-
Dass Ante Sapina, der mal Student der Doch kaum war Sapina im Juli 2008 schuldigte Sapina die beiden Profis des
Volkswirtschaft war, mittlerweile aussagt, wieder ein freier Mann, traf er sich nach damaligen Zweitligisten VfL Osnabrück,
hat wohl nicht nur mit der erdrückenden eigenen Worten in Wien mit den Londo- Thomas Cichon und Marcel Schuon, im
Beweislast der Fahnder, sondern mögli- ner Wettmaklern. Von nun an dealte er Spiel gegen den FC Augsburg am 17. April
cherweise auch mit der Redebereitschaft direkt mit den Männern, die seine Tür- 2009 von seinem Kompagnon Nürettin G.
des ebenfalls inhaftierten Nürettin G. zu öffner für den wilden asiatischen Wett- bestochen worden zu sein und dafür ge-
tun. Der 35-jährige Türke, den die Ermitt- markt wurden. sorgt zu haben, dass ihr Team wie ver-
ler wie Sapina zur „Führungsebene“ der Mit ihnen vereinbarte er ein perfides einbart verlor.
mutmaßlichen Wettbetrügerbande zäh- System: Wenn er auf ein Match setzte Nach Schuons Aussage kam es vor
len, hat von Ende Januar bis Ende Juli und von „einem Stern“ sprach, konnten diesem Spiel lediglich zur Manipulations-
an 37 Vernehmungstagen ein umfassen- sie in London von einer „schwachen Ma- absprache, tatsächlich manipuliert habe
des Geständnis abgelegt – und dabei auch nipulation“ ausgehen. „Fünf Sterne“ hieß: er nie. Das Amtsgericht Bochum been-
Sapina belastet. „starke Manipulation“, wie Sapina den dete das Ermittlungsverfahren gegen
Wie drei weitere Angeschuldigte muss Bochumer Kriminalbeamten erklärte, den Abwehrspieler deshalb bereits am
sich Nürettin G. vom 6. Oktober an vor etwa „Torhüter, drei Abwehrspieler und 14. Dezember wegen Verabredung zum
dem Bochumer Landgericht verantwor- ein Mittelfeldspieler“. Diese Informatio- Verbrechen mit einem Strafbefehl. Schu-
ten, dem Quartett wird „gewerbs- und nen nutzten offenbar seine Wettvermitt- on erhielt eine Freiheitsstrafe von zehn
bandenmäßiger Betrug“ in insgesamt ler ebenfalls – und platzierten in Asien Monaten auf Bewährung und musste
eine Geldstrafe in Höhe von 5000 Euro
zahlen.
Den mittlerweile in Südafrika spielen-
den Cichon, den Sapina in seinen Verhö-
ren mehrmals als käuflich beschrieb, hiel-
ten auch die Bochumer Kriminalbeamten
noch im April für dringend tatverdächtig.
Damals regten sie bei der Staatsanwalt-
schaft in einer ausführlichen Begründung
einen Antrag auf Erteilung eines Haftbe-
fehls an. Doch dazu kam es nicht. Cichon
erschien am 20. Juni in Bochum zu einer
Beschuldigtenvernehmung, bei der er er-
klärte, weder auf eigene Spiele gewettet
noch in irgendeiner Form manipuliert zu
haben.
Ante Sapina, der Zockerkönig aus dem
Berliner Café King, wollte bei seinen Ver-
hören möglicherweise auch noch alte
Rechnungen begleichen. Gleich bei seiner
OTTMAR WINTER

ersten Vernehmung behauptete er unauf-


gefordert, er habe vor dem Regionalliga-
spiel Wuppertaler SV gegen Werder Bre-
in Berlin: Alte Rechnungen beglichen? men II im Mai 2004 nicht nur den später
verurteilten Schiedsrichter Robert Hoy-
52 Fällen vorgeworfen. Es ist der erste gezielt auch eigenes Geld auf Sapinas ge- zer bestochen, sondern mit 500 Euro auch
Prozess in dem Mammutverfahren mit fixte Spiele. dessen damaligen Linienrichter Felix
dem Aktenzeichen 35 Js 40/09. Immerhin: Sapina besaß nun, auch das fanden die Zwayer. Es sei für ihn „völlig klar, dass
Nürettin G., dessen Hinweise auch zu Ermittler heraus, eigene Konten bei asia- Zwayer absprachegemäß an der Manipu-
zahlreichen Verhaftungen im türkischen tischen Wettbüros wie SBO oder IBC und lation mitgewirkt hatte“.
Fußball führten, kann aufgrund seiner bei seinen Londoner Mittelsmännern. Die Wegen desselben Vorwurfs, den 2005
Kooperation mit den Ermittlern wohl mit Summen, mit denen er jonglierte, waren bereits Hoyzer erhob, hatte die Berliner
einem milden Urteil rechnen. demnach gigantisch. Sapina und zwei wei- Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfah-
Ante Sapina, dessen U-Haft das Ober- tere beschuldigte Kroaten, so steht es in ren gegen Zwayer eingeleitet, das später
landesgericht Hamm am 29. Juni verlän- den Akten, sollen bis zu ihrer Verhaftung eingestellt wurde. Zwayer, der die An-
gerte, drohen hingegen mehrere Jahre mit knapp 6000 Wetten in Asien annä- schuldigung stets von sich gewiesen hatte,
Haft: Er ist Wiederholungstäter. Den Bo- hernd 32,5 Millionen Euro platziert und pfeift heute in der Bundesliga.
chumer Polizeibeamten erzählte er, dass dabei exakt 2 182 387 Euro gewonnen ha- Er war es, der damals beim Deut-
er noch vor Ablauf seiner Berliner Ge- ben. schen Fußball-Bund den Kollegen Hoyzer
fängnisstrafe im Juli 2008, die er größten- Während Sapina weiterhin in Berlin auffliegen ließ. Und damit auch Ante
teils als Freigänger verbrachte, bereits lebte, leitete er seine Gewinne weiträu- Sapina. CLAAS MEYER-HEUER, SVEN RÖBEL,
wieder mit verschobenen Fußballspielen mig um Deutschland herum. Nach Er- JÖRG SCHMITT, MICHAEL WULZINGER

D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 149
Prisma

ARCHÄOLOGI E

„Mumien wie Patienten


behandeln“
Der Paläopathologe
Frank Rühli, Leiter des
„Swiss Mummy Project“
an der Universität Zürich,
über ethische Probleme
der Mumienforschung

SPIEGEL: Sie behaupten, auch Mumien


hätten Persönlichkeitsrechte. Ist das
GENE KIEGEL / FABRICAN
nicht etwas übertrieben?
Rühli: In der modernen Medizin sind
moralische Themen von großer Bedeu-
tung. Für antike Mumien fehlt eine sol-
che Diskussion. Dabei ist doch zu
überlegen, ob persönliche Belange ver- Designer Torres beim Aufsprühen eines Kleides
öffentlicht oder gewebezerstörende
Untersuchungen einfach so vorgenom- ERFINDUNGEN
men werden dürfen.
SPIEGEL: Ist es unmoralisch, die Mumie
eines Pharaos wie Tutanchamun zu
Haute Couture aus der Sprühdose
obduzieren und dessen Krankheits-
geschichte zu veröffentlichen?
Rühli: Der Wille des Pharao ist schwer
G erade erst sorgte der Popstar Lady Gaga für Wirbel mit einem Kleid aus an-
geblich echten Fleischfetzen. Viel Aufmerksamkeit dürfte nun auch den Mo-
dels zuteilwerden, die diese Woche für den spanischen Modedesigner Manel Tor-
abzuschätzen. Die physische Unver- res zur London Fashion Week auflaufen: Ihre recht spärlichen Kleider stammen
aus der Sprühdose. In Zusammenarbeit mit Chemikern des Imperial College in
London hat Torres einen flüssigen Stoff entwickelt, der sich auf die Haut aufsprü-
B. QUILICI / AGENTUR FOCUS

hen lässt und dort augenblicklich fest wird. Das filzartige Produkt mit dem Namen
Fabrican gibt es in einer ganzen Reihe von Farben. „Ich wollte ein futuristisches,
nahtloses und komfortables Material kreieren“, sagt Torres über seine Spray-Klei-
dung, die auch als Verbandsmaterial bei Brandwunden verwendet werden könnte.

Tutanchamun-Mumie im Tomografen
U M W E LT herausgefunden hat. So würde die
sehrtheit des Körpers war im Glauben Rückverlegung der Elbe in ihren ur-
der antiken Ägypter ein wichtiges
Gut, jedoch kannten sie auch nicht die
Zurück zur Natur sprünglichen Flusslauf viel Geld spa-
ren: Hochwasserschäden fielen gerin-
Vorteile moderner Forschung. In unse-
rem Projekt bemühen wir uns, Mu-
spart Millionen ger aus, die Unterhaltung der Deiche
wäre günstiger. Außerdem könnten
mien wie Patienten zu behandeln.
SPIEGEL: Woher wollen Sie den Willen
eines vor Jahrtausenden Verstorbenen
A ls teurer Öko-Luxus gilt die Rena-
turierung von Flussauen – zu Un-
recht, wie der Landschaftsökonom
Kläranlagen kleiner ausfallen, weil die
natürlichen Ufer Schadstoffeinträge in
den Fluss reduzieren helfen. Der
kennen? Malte Grossmann von der TU Berlin Schiffsverkehr wäre nicht beeinträch-
Rühli: Den können wir heute nur erah- tigt. Grossmann ging in
nen. Jede Kultur und Zeit hat andere seiner Modellrechnung
Maßstäbe. davon aus, 35 000 Hektar
SPIEGEL: Macht es einen Unterschied, neues Überschwem-
ob der Tote absichtlich mumifiziert mungsgebiet an der Elbe
wurde? zurückzugewinnen. Den
Rühli: Man könnte in der Tat argumen- Investitionskosten von
tieren, dass in diesen bewussten Mumi- jährlich 18 Millionen
fizierungen – getragen von dem Euro stünden dabei Ein-
Wunsch, nach dem Tod einen Verfall sparungen in dreifacher
der Weichteile zu stoppen – die Person Höhe entgegen. „Was für
eher in Kauf genommen hat, dass je- die Natur gut ist, zahlt
mand in späterer Zeit den Körper sich auch für die Bevölke-
untersucht. Anders liegt der Fall bei rung aus“, kommentiert
einer Mumie wie Ötzi, die vom Beate Jessel, Präsidentin
LUFTBILD.DE

Gletschereis auf natürliche Weise kon- des Bundesamtes für Na-


serviert wurde. Gerade Ötzi aber ist turschutz, das die Studie
sehr wertvoll für die Forschung. Elbe-Hochwasser bei Hitzacker 2006 in Auftrag gegeben hat.
150 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Wissenschaft · Technik
TIERE

Riff mit Stromanschluss


D ie Ökostrom-Anlage „Alpha Ventus“, der erste deutsche Offshore-Wind-
park in der Nordsee, lässt neue Biotope entstehen. An den Fundamenten
der erst in diesem Frühjahr eingeweihten Rotoren 45 Kilometer vor Borkum sie-
deln sich Austern, Taschenkrebse, Seeanemonen und Miesmuscheln an. „Wir
finden dort Tiere, die in dem feinsandigen Meeresgebiet eigentlich gar nicht be-
heimatet sind“, erklärt Kristin Blasche vom Bundesamt für Seeschifffahrt und
Hydrographie in Hamburg. „Das ist wie ein künstliches Riff und beeinträchtigt
das Bauwerk zum Glück nicht“, sagt die Umweltwissenschaftlerin, die die öko-
logische Begleitforschung koordiniert. Der Windpark, der im Vollbetrieb 50000

INGO WAGNER / DPA


Haushalte mit Strom versorgen soll, wird von Naturschützern kritisiert. Sie be-
fürchten Auswirkungen auf Zugvögel und Meeressäuger. Die Rammarbeiten
für die Fundamente verursachten in der Tat großen Krach und vertrieben die
in diesem Seegebiet vorkommenden Schweinswale. Blasche: „Doch nach
Beendigung der Bauarbeiten sind die wieder zurückgekehrt.“ Offshore-Windpark „Alpha Ventus“

L U F T FA H R T

Ahnungslos ins
Unwetter
D er Fluglinie Air France werden er-
neut Sicherheitsmängel vorgewor-
THOMAS BRUNS
fen. So protestiert die Pilotengewerk-
schaft UNPL gegen den Einsatz veral-
teter Radargeräte. Diese machen es
den Piloten schwer, Unwetter rechtzei-
Militärärztliches Besteck 194o tig zu erkennen. Noch immer fliegen
Air-France-Maschinen vom Typ A320
mit diesen Geräten. Die Piloten-
gewerkschaft empfiehlt ihren Mitglie-
dern, den Flug mit diesen Jets bei
schlechtem Wetter zu verweigern. Die
australische Fluglinie Qantas hatte sich
nach einem Zwischenfall im Juni 2009
dazu entschlossen, die älteren Radar-
geräte zu modernisieren. Air France
verteidigt sich damit, dass der Herstel-
FOTOS: CHRISTOPH WEBER

ler „keinerlei Empfehlung“ zum Aus-


wechseln gegeben habe und Probleme
mit den Radaren nicht bekannt seien.
Ungeklärt ist zudem der Rücktritt
zweier Sicherheitsbeauftragter, die bei
Hirn-Präparat Hirn-Aneurysma Bandwurm Air France zuständig waren für den
A330 – ein Flugzeug dieses Typs war
MEDIZIN im Juni 2009 auf dem Flug von Rio de
Janeiro nach Paris abgestürzt. Zum

Ästhetisches Gruselkabinett Absturz geführt hatte damals womög-


lich der Einsatz mangelhafter Ge-
schwindigkeitssensoren. Air France

A ls Gutenachtlektüre ist das Werk nicht zu empfehlen: Auf den Fotos sind
Knochensägen, präpariertes Tumorgewebe und eine eiserne Lunge zu sehen.
Dennoch geben die ästhetischen Aufnahmen aus dem Berliner Medizinhistorischen
erklärt, einer der Sicherheitsbeauftrag-
ten wollte sich lediglich „in seiner Kar-
riere neu orientieren“. Die Piloten-
Museum der Charité spannende Einblicke, wie sich die Heilkunde entwickelt hat. gewerkschaft hält das für eine „armse-
Der Bildband „Dem Leben auf der Spur“ (herausgegeben von Thomas Schnalke lige“ Schutzbehauptung. Vielmehr sei
und Isabel Atzl) erzählt Schicksale von Patienten aus drei Jahrhunderten – und es ein „mutiger Akt“ der beiden Mitar-
spart auch nicht das düstere Kapitel der Charité während der NS-Zeit aus. beiter gewesen und ein „Paukenschlag,
nachdem ihre Warnungen ohne Ant-
* Thomas Schnalke und Isabel Atzl: „Dem Leben auf der Spur im Berliner Medizinhistorischen Museum der wort geblieben sind“, heißt es in ei-
Charité“. Prestel Verlag, München; 320 Seiten; 49,95 Euro. nem Informationsblatt der Gewerk-
schaft für ihre Mitglieder.
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Wissenschaft

GENETIK

Happy und ihre


Brüder
Wie gelingt es, ein Jahrhundert lang gesund und vital zu bleiben?
Mediziner und Biologen untersuchen Hundertjährige, um das
Geheimnis der Langlebigkeit zu entschlüsseln. Eine Begegnung
mit den Geschwistern Kahn – 108, 104 und 100 Jahre alt.

H
elen, 108, verabscheut Salat, Ge- chologin, Modeexpertin, ehemalige Fern-
müse, frühes Aufstehen und das sehmoderatorin und emeritierte Profes-
gesunde Leben überhaupt. Sie sorin für Marketing an der New York Uni-
liebt kurzangebratene Hamburger, Scho- versity. Sie war verheiratet mit einem
kolade, Cocktails und das Nachtleben Kardiologen; Kinder hat sie nicht. Als ihr
von New York – die exotischen Restau- Mann vor 25 Jahren 88-jährig starb, reiste
rants, den Broadway, das Kino, in dem die damals 84-Jährige um die Welt, nach
sie sich zuletzt „Iron Man 2“ anschaute, Irland, Spanien, Italien, in die Türkei,
und die Metropolitan Opera. Dort hat sie nach Ägypten, China, Japan und Austra-
im Jahr 1918 „Samson et Delila“, ihre ers- lien – ihre Art, den Verlust zu verarbei-
te Oper, erlebt. Es war ein Geschenk ihres ten. „Nur in Indien war ich nicht“, sagt
Vaters zum 17. Geburtstag. sie, „da würde ich gern mal hin.“
Ach ja, und das Rauchen natürlich: Auf ihre alten Tage nun ist Happy, die
„Ich habe mehr als 80 Jahre lang ge- Unverwüstliche, zum Fall für die Wissen-
raucht, den ganzen Tag, jeden Tag, es wa- schaft geworden – gemeinsam mit ihren
ren ganz schön viele Zigaretten“, gesteht Brüdern Irving, 104, und Peter, 100, und
Helen, die seit Kindertagen nur „Happy“ ihrer 2005 im Alter von 102 Jahren ver-
gerufen wird, „die Glückliche“, und lässt storbenen Schwester Lee.
sich kichernd in ihren plüschweichen Ses- Das wohl älteste Geschwisterquartett
sel zurückfallen. So klein und zierlich ist der Welt hat Blutproben abgegeben und
die 108-Jährige, dass sie beinahe darin sich viele Stunden lang von Altersfor-
verschwindet. Sie trägt eine Bundfalten- schern aus Boston und New York inter-
hose, Ballerinas, ein rosa Strickjäckchen viewen lassen – um bei der Klärung von
mit Rüschen, einen passenden Schal und Fragen zu helfen, die angesichts der al-
viele lange Perlenketten. Ihre kurzen hell- ternden Gesellschaft in den Industrie-
braunen Locken sind perfekt geföhnt; sie ländern immer drängender werden: Wie
hat Rouge und Lippenstift aufgelegt. Zart schaffen es manche Glückspilze, 100 Jah-
und fast fleckenlos ist ihre Haut, die brau- re und länger zu leben – und dabei auch
nen Augen hinter der Brille funkeln ver- noch so unerhört gesund und aktiv zu
gnügt. bleiben? Wie kann es sein, dass Hundert-
Seit einem Schlaganfall vor fünf Jahren jährige das Gesundheitssystem im Schnitt
ist ihre Aussprache etwas undeutlich; deutlich weniger belasten als Normal-
doch ihr Geist ist wach, ihre Entdeckungs- sterbliche?
freude ungetrübt und ihr Gedächtnis oft Demografen haben errechnet, dass die
besser als dasjenige ihrer 37-jährigen phi- Lebenserwartung der Menschen in der
lippinischen Betreuerin. In diesen Tagen entwickelten Welt seit über 170 Jahren
ist sie erkältet und soll sich schonen – um durchschnittlich drei Lebensmonate
deshalb empfängt sie in ihrer Wohnung pro Jahr steigt. In Deutschland liegt sie
in der Park Avenue und nicht beim Inder für Frauen derzeit bei 82, für Männer bei
um die Ecke oder in einem anderen ihrer 77 – und ein Ende des Trends ist nicht in
Lieblingsrestaurants. „Aber am Sams- Sicht. Doch wie lässt sich verhindern,
tag“, sagt Happy, richtet sich schon wie- dass sich parallel dazu die typischen Lei-
der auf und strahlt, „am Samstag verab- den des Alters ausbreiten – langwierige
reden wir uns mit meinem Bruder Irving Gebrechen wie Arteriosklerose, Diabe-
zum Lunch. Okay?“ tes, Krebs und Alzheimer? Lassen sich
Helen Faith Keane Reichert, geboren aus den Lebensabläufen der Jahrhundert-
am 11. November 1901 auf Manhattans menschen Rezepte gegen das drohende
Lower East Side als Tochter polnisch-jü- Siechtum in einer vergreisenden Gesell-
discher Einwanderer, ist diplomierte Psy- schaft ableiten? Geschwister Peter Keane, Helen Reichert, Irving

152 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Rund 50 000 über Hundertjährige soll
es in den USA geben, in Deutschland im-
merhin knapp 6000. Einer von sieben Mil-
lionen lebt gar 110 Jahre und länger – für
diese Urgesteine gibt es im Englischen
einen eigenen Begriff: „Supercentena-
rians“. Weltweit, auch in Deutschland,
fahnden Forschungsteams seit einiger
Zeit nach Hundert- und Super-Hundert-
jährigen, um in deren Genen, Kranken-
akten und Lebensgeschichten nach Er-
klärungen zu suchen.
Der israelische Mediziner Nir Barzilai
und seine Mitarbeiter am Institut für Al-
tersforschung des Albert Einstein College
in New York haben Hunderten Hundert-
jährigen Hunderte Fragen gestellt, unter
anderem zu Lebensumständen, Ernäh-
rung, Alkoholkonsum, Rauchen, körper-
licher Aktivität, Schlaf, Bildung, Status
und Spiritualität – in der Hoffnung, auf
Gemeinsamkeiten zu stoßen.
Das Resultat ist ernüchternd: „Es gibt
keine Muster“, konstatiert Barzilai, 54.
„Die üblichen Empfehlungen für ein ge-
sundes Leben – nicht rauchen, nicht trin-
ken, viel Sport, ausgewogene Ernährung,
kein Übergewicht –, die gelten für uns
Durchschnittsmenschen“, so der For-
scher, „aber nicht für sie. Hundertjährige
sind eine Klasse für sich.“ Er holt Tabel-
len aus einer Schublade, rückt seine Brille
zurecht und liest vor: „Mit 70 Jahren wa-
ren 37 Prozent unserer Probanden nach
eigener Aussage übergewichtig, 8 Prozent
fettleibig. 37 Prozent waren Raucher, im
Schnitt 31 Jahre lang. 44 Prozent sagen,
sie hätten sich in Maßen bewegt. 20 Pro-
zent haben null Sport getrieben.“
Barzilai ist es wichtig, nicht missver-
standen zu werden: „Der Lebenswandel
trägt schon dazu bei, ob jemand mit 85
stirbt oder bereits mit 75.“ Aber um 100
zu werden, so der Forscher, brauche man
eine besondere genetische Ausstattung.
„Diese Menschen altern anders. Langsa-
mer. Am Ende sterben sie zwar an den-
selben Krankheiten wie wir – aber 30
Jahre später und meist schneller, ohne
langes Dahinsiechen.“
Andere Altersforscher kommen zu
ähnlichen Ergebnissen: „Ich habe leichtes
Übergewicht und mache wenig Sport“,
sagt Stefan Schreiber, 48, Leiter der For-
schungsgruppe Gesundes Altern an der
Universität in Kiel, die ebenfalls Studien
mit Hundertjährigen durchführt. „Wenn
ich fest daran glaubte, dass es einen Un-
terschied macht, würde ich das ändern.“
Gewiss seien Fettleibigkeit, Rauchen
oder krasse Bewegungsarmut nicht för-
derlich für die Gesundheit. Ein Patent-
rezept aber, wie man leben, essen oder
sich verhalten müsse, um bis ins hohe Al-
FOTOS: JÜRGEN FRANK

ter gesund zu bleiben, hätten all die Be-


fragungen nicht ergeben: „Keiner unserer
Hundertjährigen hat eine Algendiät ge-
macht“, spottet er. Eine Gemeinsamkeit
Kahn (u.): „Die üblichen Empfehlungen für ein gesundes Leben gelten nicht für sie“ allerdings sei ihm doch aufgefallen, be-
D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 153
Wissenschaft

richtet Schreiber: „Viele haben in ihrem


Leben nur eine einzige Frau geküsst.“
Geküsst, wohlgemerkt, wiederholt er und
lacht. „Vielleicht ist das ja die Essenz,
warum jemand 100 wird?“
Happys kleiner Bruder Irving, 104, ist
an Arbeitstagen zwischen 8.30 und 15.30
Uhr eine Parallelstraße und drei Blocks
vom Apartment seiner Schwester entfernt
in seinem Büro im 22. Stock eines Wol-
kenkratzers an der Madison Avenue an-
zutreffen. Kahn Brothers heißt die Invest-
mentfirma, die er 1978 mit zwei seiner
drei Söhne gegründet hat; der ältere
Sohn, heute 72, ging allerdings vor fünf
Jahren in Rente.
Irving Kahn, ein kleiner, rundlicher
Mann mit akkurat nach rechts geschei-
teltem Haar, Lesebrille und Hörgerät,
sitzt hinter einem Flachbildschirm, vor
ihm auf dem Schreibtisch liegen Papier-
stapel und eine große Lupe. Er denkt
nicht ans Aufhören: „Ich interessiere
mich für viele verschiedene Branchen
und Technologien“, erklärt er, „und ich
lese leidenschaftlich gern. Deshalb ist
Investor der perfekte Job für mich.“ Seit
dem Tod seiner Frau vor 14 Jahren ar-
beite er sogar noch mehr: „Ich habe ein-
fach niemanden mehr gefunden, der so
interessant wäre wie die Frau, mit der ich
65 Jahre lang das Bett geteilt habe.“
Sein Debüt an der Wall Street gab
Kahn, nach einem abgebrochenen Stu-
dium und Lehrjahren als Assistent des
legendären Wirtschaftswissenschaftlers
Benjamin Graham an der Columbia Uni-
versity, im Jahr 1928. Als kurz darauf die
große Depression das Land erfasste, sei Im Jahr 1999 nachgestelltes Kindheitsfoto, Werbefoto von Helen Keane 1951*, Erbgutanalyse:
er noch glimpflich davongekommen, er-
zählt er: „Mein Lohn wurde auf 60 Dollar ein alter Witz in unserer Familie. Happy sind Hundertjährige eben von Natur aus
pro Woche gekürzt. Ich erinnere mich, liebt es, sich mit einer Zigarette in der mit einem sonnigen Gemüt gesegnet und
wie mein Chef mich fragte: Warum gucken einen Hand und einem Cocktail in der darum weniger anfällig für Stress und
Sie so fröhlich? Und ich antwortete: Ich anderen fotografieren zu lassen.“ Krankheiten? „Wie viel davon genetisch
dachte, Sie würden mich feuern.“ Irvings Gebote vier und fünf allerdings bedingt ist, wissen wir nicht“, sagt Perls.
Was ist sein persönliches Rezept für sind wissenschaftlich bestätigt: „Wir ha- „Aber wir lernen, dass es nützlich ist, aus
ein 100-jähriges Leben? Irving reckt Dau- ben ein paar interessante Persönlichkeits- sich herauszugehen.“
men, Zeigefinger und Mittelfinger in die merkmale gefunden“, sagt Tom Perls, 50, „Ich habe ehrlich keine Ahnung, war-
Höhe und beginnt zu dozieren: von der Boston University, der um ich so alt geworden bin“, sagt Peter,
„Erstens muss man sich gesund die New England Centenarian 100, das Nesthäkchen der Familie Kahn.
ernähren, mit viel Gemüse und Sind Hundert- Study leitet, die größte Hun- Er habe „absolut normal“ gelebt, nie groß
Salat. Zweitens: viel Zeit an der jährige mit dertjährigen-Studie der Welt auf seine Gesundheit geachtet und auch
frischen Luft verbringen. Drit- einem sonnigen mit rund 2600 Teilnehmern. nie groß über sein Alter nachgedacht, be-
tens: nicht trinken, nicht rau- Gemüt aus- „Unsere Probanden sind in der teuert er.
chen. Ich trinke höchstens alle gestattet und Regel extrovertiert und kon- Wie seine Schwester Happy amerika-
drei Monate ein Glas Wein.“ taktfreudig und haben ein sta- nisierte auch Peter einst seinen Nach-
Ringfinger und kleiner Fin-
darum weniger biles soziales Netz.“ namen. Als Peter Keane machte er im
ger schnellen nun ebenfalls em- stressanfällig? Außerdem seien sie nicht Showbusiness Karriere – als Fotograf und
por, der alte Herr redet sich in neurotisch – sie haderten nicht Kameramann in Hollywood. Er war da-
Schwung: „Viertens, man muss immer in mit den Widernissen des Lebens, und sie bei, als Ende der dreißiger Jahre „Vom
Bewegung bleiben, offen sein, Menschen beherrschten die Kunst des Loslassens. Winde verweht“ gedreht wurde. Und als
von überall auf der Welt kennenlernen. Ähnliches berichtet der Kieler Mediziner die junge Judy Garland am Set von „Der
Und fünftens viele Interessen haben und Stefan Schreiber: „Diese Wachheit des Zauberer von Oz“ ihr legendäres „Over
Dinge lernen, die man noch nicht kann – Geistes, die Offenheit, das ist bemerkens- the Rainbow“ gesungen habe, so erzählt
das hält jung!“ wert – zumal diese Leute ja kein ein- es Peter, sei die gesamte Crew in Tränen
Aber was ist mit seiner ältesten faches Leben hatten, sie haben Kriege, ausgebrochen.
Schwester? Irving schüttelt den Kopf und Hunger und Armut erlebt.“
grummelt vor sich hin. „Schon klar“, sagt Lässt sich das Leben also mit Lebens- * Links: Helen, Peter, Lee, vorn mit Gewehr: Irving;
er dann, ein wenig verschnupft, „das ist freude und Optimismus verlängern? Oder rechts: für ihre TV-Show „For your Information“.
154 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
von Hundertjährigen entdeckt hätten. Mit
77-prozentiger Treffsicherheit könnten
sie anhand dieser Erbanlagen die Lang-
lebigkeit voraussagen. Die Varianten
gruppierten sie zu 19 typischen geneti-
schen Signaturen.
Hundertjährige hätten zwar ein kaum
geringeres Risiko für Altersleiden wie
Diabetes oder Bluthochdruck, erklärt
Perls weiter – doch sie hätten genetisch
bedingte Schutzmechanismen, die den
Ausbruch dieser Krankheiten verzögern
und ein langes Leben begünstigen.
Als Durchbruch und Meilenstein der
Altersforschung wurde die Studie von
Fachkollegen und Presse gefeiert – doch
sie stieß auch auf Kritik. Denn bei der
Auswertung gab es ein technisches Pro-
blem, zehn Prozent der Daten wurden
dadurch unbrauchbar. Die Erkenntnisse
aus der Studie scheint dies indes nicht in
Frage zu stellen. „Unsere Probanden-
gruppe ist zum Glück so groß, dass wir
die fraglichen Daten eliminieren kön-
nen“, sagt Perls, „und die Resultate blei-
ben trotzdem äußerst robust.“
Andere Forschungsgruppen wetteifern
nun darum, seine Ergebnisse mit ihren
Hundertjährigen zu replizieren – darun-
ter auch das deutsche Team in Kiel.
„Perls’ Idee ist smart und sexy“, sagt Stu-
dienleiter Schreiber. „Wenn sie sich er-
härten ließe, wäre das in der Tat ein
Durchbruch.“
SPL / AGENTUR FOCUS

Altersforscher Barzilai in New York


denkt sogar schon einen Schritt weiter:
„Als Nächstes müssen wir verstehen, wie
diese 150 Varianten ihre Träger vor
„Bemerkenswerte Wachheit des Geistes“ Krankheiten schützen“, sagt er, „damit
wir therapeutische Ansätze entwickeln
Körperlich ist der Jüngste zugleich der können.“ Auf diese Weise, hofft Barzilai,
Gebrechlichste der drei. Vor drei Jahren könne man viele Alterskrankheiten in
ist er erblindet; seit einem unglücklichen den Griff bekommen.
Sturz trägt er eine Halskrause. Sein Haus Happy ist unterdessen von ihrer Erkäl-
in Westport, Connecticut, verlässt er tung genesen. Fünf Tage hat sie in ihrer
kaum noch. Am liebsten sitzt er vor dem Wohnung verbracht, wobei sie vor Lan-
Kamin im Wohnzimmer und hört sich geweile immer hibbeliger wurde. Nun
Krimis, naturwissenschaftliche und his- aber trifft sie ihren Bruder Irving in einem
torische Sachbücher an. Restaurant am Central Park zum Lunch;
Peters Frau Beth, 66, mit der er seit 26 beide kommen mit einer Betreuerin. „Ich
Jahren verheiratet ist, kümmert sich um fühle mich, als wäre ich zwei Wochen
ihn und dirigiert ihn, wenn er sich blind lang eingesperrt gewesen“, sagt Happy,
und mit Gehhilfe durchs Haus tastet. Er während sie genüsslich Krabbenkuchen
könnte sich auch in den Rollstuhl setzen mit Kartoffeln verspeist und hinterher
und sich schieben lassen, das ginge leich- noch ein Stück Schokoladentorte.
ter und schneller – aber er geht lieber. Ihr Bruder isst derweil einen gemisch-
Sie hätten sich damals auf einer Party ten Salat. Er schüttelt den Kopf, alters-
von Freunden kennengelernt, erzählt milde. „Meine Wochenenden sind auch
Beth. Sein Alter sei ihr nicht aufgefallen, immer sehr aufregend“, erklärt er, „ich
sagt sie und lächelt. „Ich dachte nur: Der spiele Tennis, gehe schwimmen und lau-
ist aber charmant!“ Peter lächelt jetzt fen – aber nur in meiner Erinnerung!“
auch. Er verstehe ja nicht viel von Gen- Nach dem Essen will er wieder nach
forschung, sagt er, „aber die Forscher be- Hause, zu seinen Sachbüchern. Seine
haupten, ich hätte ungewöhnliche Gene“. Schwester blickt aus dem Fenster. Die
Vor einigen Wochen sorgte die Bosto- Sonne scheint, Menschenmassen wuseln
ner Forschergruppe um Tom Perls welt- über die Bürgersteige, es ist ein zauber-
weit für Aufsehen: Im Fachjournal hafter Sommertag in New York City.
„Science“ vermeldeten die Wissenschaft- „Lass uns in den Park gehen, Irving!“,
ler, dass sie 150 Genvarianten im Genom sagt Happy. SAMIHA SHAFY

D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 155
Wissenschaft

Vorlesung an der Uni Jena


Wochenplan wie ein Flickenteppich

Am Ende, als die Auswertung kam, wa-


ren viele Teilnehmer selbst schockiert. Ih-
rer Überzeugung nach hatten sie viel
mehr Zeit ins Studium investiert.
Ebendaran aber kranken die üblichen
Studien, in denen die Probanden nur aus
der Erinnerung einschätzen, wie hoch ihr
Aufwand war. In der Rückschau nehmen
sich ein paar Stunden des Lernens, abge-
rungen dem versuchungsreichen Alltag,
leicht wie ein Kraftakt aus. Nur wer ein
Stundenbuch quasi in Echtzeit führt, ist
vor Selbstbetrug gefeit.
Schulmeisters Studie, die nun erstmals
das reale Zeitbudget gemessen hat, dürfte
die Debatte um die Arbeitslast an den
Hochschulen neu befeuern. „Der typische
Student hat zwölf Stunden Privatleben
am Tag“, bilanziert der Forscher. „Die
Freizeit hat für diese Generation offenbar
einen hohen Wert.“

JENS-ULRICH KOCH / DAPD


Neue Zahlen aus den USA lassen auf
einen globalen Trend schließen. Die kali-
fornischen Soziologen Philip Babcock
und Mindy Marks haben Untersuchungen
zum Zeithaushalt aus einem halben Jahr-
hundert ausgewertet. Ihr Befund: Im Jahr
1961 wendeten die Studenten noch im
BILDUNG
Schnitt 24 Stunden in der Woche fürs
Selbststudium auf. Im Jahr 2003 war der

Erschöpft vom Bummeln Wert auf 14 Stunden gesunken.


Der deutlichste Rückgang war schon
vor 1981 festzustellen, und er vollzog sich
quer durch alle Milieus, in elitären wie
Studenten klagen über steigenden Leistungsdruck – in mittelmäßigen Colleges. Die Forscher
nun aber enthüllt eine neue Studie, haben nur eine Erklärung: Das Leben jen-
wie wenig die meisten in Wahrheit für ihr Studium tun. seits der Universität muss den jungen Leu-
ten wichtiger geworden sein.

T
rostlos ist das Studentenleben, so Das ergab eine Stichprobe an vier deut- Freilich wird auch oft beklagt, dass im-
geht seit Jahren die Sage: nichts als schen Hochschulen, geleitet von dem mer mehr Studenten nebenher Geld ver-
Gebüffel, Prüfungen ohne Unter- Hamburger Bildungsforscher Rolf Schul- dienen. Das erklärt aber kaum, warum
lass und abends in der Kneipe bedienen meister. In sechs verschiedenen Bachelor- ihr Studieneifer so drastisch nachgelassen
für die Miete. Um schlimmen Leistungs- Studiengängen wurde dafür jeweils ein
druck ging es auch bei den Massenpro-
testen im vergangenen Wintersemester.
Studentenjahrgang gründlich überprüft –
von den Erziehungswissenschaftlern an
Studentische Arbeitslast
So mancher Kommilitone, hieß es damals, der Uni Mainz bis hin zu den Mechatro- Durchschnittlich in das Studium investierte
müsse 60 Stunden in der Woche fronen. nikern an der TU Ilmenau. Zeit pro Woche, in Stunden*
Sogar Bildungsfunktionäre und Profes- Eigentlich wollten die Forscher nur das Bologna-Vorgabe: 40 Stunden
soren ließen sich anrühren vom Elend der Ausmaß der allseits beklagten Überlas-
studierenden Jugend – einen „Fall für den tung dokumentieren. „Es hat uns sehr Kulturwissenschaften Hildesheim
Europäischen Menschenrechtsgerichts- überrascht, wie wenig die meisten Stu- 27
hof“ sah darin der Münchner Philosoph denten tatsächlich tun“, sagt Schulmeis-
Medien- u. Kommunikationswissenschaften Hamburg
Julian Nida-Rümelin, ehemals Kultur- ters Mitarbeiterin Christiane Metzger.
staatsminister unter Bundeskanzler Ger- Kann es sein, dass Selbstwahrnehmung 26
hard Schröder. und Realität in der Studentenschaft der- Sozial- und Organisationspädagogik Hildesheim
Das war wohl doch ein wenig übertrie- art weit auseinanderklaffen? Die Metho-
ben. Eine neue Studie zeigt: Die aller- de, die bei der Studie zum Einsatz kam,
24
meisten Studenten bringen es nicht ein- lässt wenig Raum für Zweifel: Insgesamt Mechatronik Ilmenau
mal auf eine 40-Stunden-Woche, Jobben 121 Probanden mussten ein ganzes Se- 24
inklusive. Der mittlere Aufwand fürs Stu- mester lang täglich in ein Web-Formular
dium liegt bei 26 Wochenstunden – und eintragen, womit sie jeweils beschäftigt Erziehungswissenschaften Bachelor, Mainz
auch das nur, weil einzelne besonders ar- waren, wann und wie lange: Lektüre zur 23
beitsame Geister den Durchschnitt heben. Vorbereitung eines Seminars, Selbststu-
Erziehungswissenschaften Diplom, Mainz
Ein sattes Viertel der Vielgeplagten mo- dium in der Bibliothek, Vorlesung, Lohn-
gelt sich mit 20 Stunden und weniger arbeit. Auch private Zeiten wurden genau 20
durch die Semester. erfasst. *Wintersemester 2009/10; Quelle: ZHW

156 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
hat. Denn die breite Masse verausgabt
sich im Job nur in höchst erträglichem
Maß. Die Probanden der Zeitbudget-Stu-
die etwa gingen im Schnitt 6,4 Stunden
pro Woche einem Nebenerwerb nach.
Und auch hier waren es wieder verein-
zelte Rekordarbeiter, die mit 40 Stunden
und mehr den Durchschnitt hoben – sie
wären eher als Teilzeitstudenten einzu-
ordnen. Bei den übrigen aber sollte das
Studium nicht ernstlich unter den paar
Stunden Jobberei leiden.
In Europa war es die Bologna-Reform,
die überhaupt erst die Frage nach der
Messbarkeit studentischen Einsatzes auf-
warf. Seit 1999 werden nicht nur mehr
und mehr Studiengänge auf Bachelor-
und Master-Abschlüsse umgestellt; auch
den erforderlichen Zeitaufwand pro Stu-
dium haben die Bildungsbürokraten be-
ziffert. In Deutschland ist für den Bache-
lor ein Gesamtpensum von 1800 Stunden
im Jahr vorgesehen. Das sind, bei sieben
Wochen Urlaub, genau 40 Stunden in der
Woche. Erwachsenen Menschen sollte das
GEORG KNOLL / LAIF

zumutbar sein.
Was heißt es nun aber, wenn schon
eine normale Arbeitswoche die Studen-
ten von heute überfordert? Wächst da
eine Generation lamentierender Faul- Berliner Internetcafé: „Die Freizeit hat für diese Generation einen hohen Wert“
pelze heran? So weit würden die Forscher
keineswegs gehen. Gelernt wird erst, wenn es nicht mehr an- senschaftler müssen wir uns dagegen
„Wir haben einige Probanden genauer ders geht, also kurz vor den Prüfungen.“ keine Sorgen machen, die sind gut aus-
befragt“, sagt Christiane Metzger. „Viele Die meisten Klausuren finden oben- gelastet.“
fühlen sich ja wirklich stark gestresst. Im drein erst am Ende des Semesters statt; Für die anderen Fächer heißt es nun
Nachhinein glauben sie dann, sie müssten zuvor erfahren die Studenten wenig über Abhilfe schaffen: „Das Studium müsste
auch entsprechend viel geleistet haben.“ die Folgen ihres Tuns oder Lassens. Auch blockweise organisiert werden“, sagt der
Eine Frau erzählte, sie habe vor dem das fördert das Trödelverhalten, das die Bildungsforscher. Statt zwölf Wissensge-
Studium 50 Stunden die Woche gearbei- Forscher immer wieder beobachteten: Im biete in Anderthalbstunden-Portionen
tet. Das habe sie weit weniger zerrüttet vergangenen Wintersemester verbrachten übers ganze Semester zu verstreuen, bö-
als die 30 Stunden, die sie nun an der Uni ihre Probanden den Oktober, November te es sich an, sie konzentriert in Blöcken
aufwendet. Die Studie legt eine überra- und Dezember sehr geruhsam – die meis- von ganzen Tagen zu bearbeiten. Nach
schende Erklärung für das Missverhältnis ten saßen nur in ihren Seminaren und vier, fünf Wochen käme dann das nächste
nahe. Sie zeigt, dass das Studium zumeist Vorlesungen, der Anteil des Selbststu- Thema dran. Auf diese Weise blieben die
höchst lernwidrig organisiert ist. diums war nicht nennenswert. Erst im Ja- Studenten im Stoff, und sie wüssten, wo-
Der typische Wochenplan eines Bache- für sie anfallende Freistunden sinnvoller-
lor-Studenten ist scheckig wie ein Flicken- „Das Internet ist der größte weise verwenden sollten.
teppich: Bunt über die Woche verstreut Im nächsten Abschnitt der Zeitbudget-
finden sich da Seminare und Vorlesungen Zeitfresser – das sagen auch die Studie wollen die Forscher nun erproben,
zu zehn oder zwölf verschiedenen The- Studenten selbst.“ wie sich die gefühlte Überforderung der
men. Jede Veranstaltung verlangt eigent- Studenten beheben ließe. An der TU Il-
lich ein gewisses Pensum des Vor- und nuar, kurz vor den Prüfungen, schnellte menau werden deshalb die Mechatroni-
Nachbereitens, aber die leere Zeit zwi- die Kurve nach oben. Bei den Mechatro- ker im Wintersemester nach einem neuen
schen den Terminen ist nur schwer sinn- nikern in Ilmenau verdreifachte sich jäh System studieren: Prüfungen gibt es nicht
voll zu nutzen – zu kurz sind meist die der Aufwand. mehr nur am Ende des Studienhalbjahrs.
Lücken. Für anderthalb Stunden in die „Wir nennen das Bulimie-Lernen“, sagt Stattdessen schreiben sie mehrere „Mi-
Bibliothek? Dann lieber ein Weilchen bei Schulmeister. „Die Studenten sind nicht kroklausuren“ zwischendurch; etliche da-
Facebook herumklicken. in der Lage, sich die Arbeit einzuteilen.“ von nur zur Selbstkontrolle, ohne Wer-
„Das Internet ist der größte Zeitfres- An den vier beteiligten Hochschulen – tung für die Endnote.
ser“, meint Schulmeister. „Das sagen Hamburg, Mainz, Hildesheim und Ilme- Vor allem aber sind gleich drei Tage in
auch die Studenten selbst.“ Das Grund- nau – werden nun der Reihe nach weite- der Woche einem einzigen Schwerpunkt-
problem aber sieht er in der chaotischen re Studiengänge examiniert. Im kommen- seminar vorbehalten. In der Regel bekom-
Fülle des Stoffs. „Wer sich mit zwölf The- den Wintersemester sind in Hamburg men die Studenten vormittags neuen
men gleichzeitig beschäftigen müsste, rund hundert Studenten der Betriebswirt- Stoff vermittelt; dann gehen sie auseinan-
weiß eben oft nicht, wo er anfangen soll. schaft an der Reihe. Die Forscher erwar- der zum Selbststudium, und danach tra-
Das können die offenbar noch nicht“, ten ähnliche Befunde. gen sie, wieder gemeinsam, ihre Ergeb-
sagt der Forscher. „Lieber machen sie „Auch bei den Juristen dürfte es nicht nisse zusammen – das beste Mittel, hofft
dann gar nichts, gehen in die Cafeteria viel anders zugehen“, sagt Schulmeister. Schulmeister, „gegen die chronische Ver-
oder fahren zwischendurch nach Hause. „Über die Mediziner und die Naturwis- zettelung“. MANFRED DWORSCHAK

D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 157
Wissenschaft

ERNÄH RUNG

Die immergrüne
Revolution
Im Kampf gegen den Hunger hat die Weltgemeinschaft ihre Ziele
verfehlt – so lautet die Bilanz vor dem Uno-Gipfel. Eine Wende
muss her. Damit künftig neun Milliarden Menschen satt werden,
sollten nicht Großfarmen, sondern Kleinbauern gefördert werden.

D
as Essen war knapp im vergange- das moderne Gesicht des Hungers: Neben
nen Sommer. Monatelang hatte es Slumbewohnern in den Megacitys der
nicht geregnet. Dorca Mutua, 35, Entwicklungsländer leiden ausgerechnet
sah, wie erst ihr Kalb und dann ihre Kuh Kleinbauern häufig unter Armut und
starben. „Es gab kein Gras mehr“, sagt Mangel. Sie ackern den ganzen Tag, ha-
die Bäuerin. Was der Boden hergab, reich- ben aber nicht genug zu essen.
te nur für eine Mahlzeit am Tag: ein we- Dabei ist die kleinbäuerliche Landwirt-
nig Maisbrei. schaft das Rückgrat der weltweiten
2004 hatte sich Mutua mit acht Kindern Nahrungsmittelproduktion. Rund zwei
und ihrer Schwiegermutter in Vololo, Milliarden Bauern erzeugen trotz mise-
etwa 200 Kilometer östlich von Nairobi, rabler Bedingungen das tägliche Brot für
zwei Hektar Land gekauft. Ihr Mann war die meisten Menschen. „Mehr als die

TON KOENE / PICTURE-ALLIANCE / DPA


gestorben, das Land im Heimatdorf zu Hälfte des Weltbedarfs an Getreide wird
teuer. Sie hatte nicht viel Ahnung von von kleinen Familienhöfen erzeugt“, sagt
Landwirtschaft, für teures Werkzeug und Carlos Seré aus Nairobi, einer der füh-
modernes Saatgut fehlte das Geld. renden Köpfe der Gemeinschaft interna-
An künstliche Bewässerung ist nicht zu tionaler Agrarforschungsinstitute. Auf sie
denken. Wenn der nahe Fluss kein Was- komme es an, wenn die Weltbevölkerung
ser mehr führt, und er führt oft keines in den nächsten Jahrzehnten um weitere
mehr, marschiert Mutua mit dem Esel zwei bis drei Milliarden Menschen
und einigen Kanistern 20 Kilometer zum wächst. Armenküche in Angola: Unterernährte Kinder
nächsten Fluss. Und wieder zurück, alle Am Montag treffen Staats- und Regie-
zwei Tage. rungschefs aus aller Welt am Sitz der Ver- Beim Uno-Gipfel in New York im Mil-
Die Bäuerin hat alles probiert. Sie hat einten Nationen in New York zusammen, lenniumsjahr 2000 hatten die Regierungen
Terrassen angelegt, um die Feuchte im um über die selbstgesteckten „Jahrtau- „Ernährungssicherheit“ für alle zur obers-
Boden zu halten. Ergebnislos. Sie hat ver- send-Ziele“ zu beraten. Neben Bildung ten Priorität erklärt. Der prozentuale An-
sucht, Bäume zu pflanzen, um Wasser zu und Gesundheitsversorgung gehört dazu teil der Hungernden in den Entwicklungs-
speichern. Vergebens. Drei Mangobäum- vor allem der Kampf gegen den Hunger. ländern sollte im Vergleich zu 1990 bis
chen kümmern dahin, tragen keine Früch- Die Delegierten müssen sich selbst ein zum Jahr 2015 halbiert werden, auf etwa
te. Die Familie von Dorca Mutua zeigt Armutszeugnis ausstellen. 600 Millionen.
Doch bislang sind keine Fortschritte er-
kennbar. Im Gegenteil: In den letzten Jah-
ren ist die Zahl der Hungernden steil ge-
Welthunger-Index 2009 stiegen, zeitweise auf über eine Milliarde.
Erhebung auf der Basis folgender Bewertungskriterien: In diesem Jahr werden der Welternäh-
Prozentualer Anteil der Unterernährten, rungsorganisation FAO zufolge immer
Untergewicht von Kindern unter 5 Jahren, noch rund 925 Millionen Menschen von
Kindersterblichkeit Hunger und Unterernährung geplagt.
Schätzungsweise eine weitere Milliarde
sind mangelernährt. Sie leiden am soge-
nannten stillen Hunger. Kinder, die un-
Tschad Eritrea
terernährt sind, wachsen langsamer, blei-
Sierra Leone Äthiopien ben oft geistig zurück und sind anfällig
Burundi für Krankheiten. Wer als Kleinkind nicht
Dem. Rep. Kongo ausreichend Vitamine und Mineralien be-
kommt, erzielt einer Studie zufolge 30
Jahre später rund 40 Prozent weniger Ar-
Quelle: IFPRI,
Welthungerhilfe, Concern beitslohn als gut ernährte Kinder.
Das Ausmaß (Daten von 2002 bis 2007) Wenn die Staats- und Regierungschefs
des Hungers ist: extrem alarmierend alarmierend ernst mäßig in New York wirklich die Weichen stellen
niedriger Index oder keine Daten
wachsen langsamer, bleiben oft geistig zurück und erzielen später als Erwachsene erheblich weniger Arbeitslohn

wollen, um den Hunger nachhaltig zu „Wir wissen noch nicht, wie eine derart Opfer, auch weil großflächig Moore tro-
mindern, müssen sie eine entscheidende gewaltige Ertragssteigerung nachhaltig zu ckengelegt worden waren. Der Klimawan-
Frage lösen: Was hilft wirklich? erzielen ist, deshalb muss mehr in Agrar- del führt dazu, dass künftig häufiger ex-
Dieser Frage muss sich auch Bundes- forschung investiert werden“, sagt der treme Wetterlagen wie Dürren oder Über-
kanzlerin Angela Merkel (CDU) stellen. Agrarökonom Joachim von Braun, der schwemmungen drohen.
Deutschland ist der drittgrößte Agrarex- das Zentrum für Entwicklungsforschung Was das bedeuten kann, zeigt die Jahr-
porteur und der drittwichtigste Geber in in Bonn leitet. „Was wir aber wissen, ist, hundertflut in Pakistan, wo sieben Mil-
der Entwicklungshilfe zugleich. Deutsch- dass junge Kleinbauern, vor allem die lionen Hektar Agrarland überschwemmt
lands Haltung hat großen Einfluss auf die Frauen, zu den weltweit am meisten un- wurden und ein großer Teil der Infrastruk-
Entscheidungen der Staatengemeinschaft. terschätzten Innovatoren zählen“, sagt er. tur im Wasser versank. Hinzu kommt als
In ihrem Kabinett hat Merkel allerdings In den sechziger und siebziger Jahren Preistreiber der wachsende Fleischkon-
Minister, die wenig Interesse an der Lin- gab die „Grüne Revolution“ der Agrar- sum, der riesige Flächen bindet, um Fut-
derung des Hungers zeigen. Im Entwick- wirtschaft in Asien und Lateinamerika termittel anzubauen.
lungsministerium von Dirk Niebel (FDP) enormen Schub. Sie setzte neben moder- Wie der drohende Mangel am besten
gilt die Förderung ländlicher Entwicklung ner Pflanzenzucht vor allem auf massiven beseitigt werden kann, ist unter Experten
als „Modeerscheinung“, Agrarministerin Einsatz fossiler Energien für Dünger, Pes- heftig umstritten. Die einen setzen auf
Ilse Aigner (CSU) agiert allein im Inter- tizide und Maschinen. Gentechnik. „Was wir brauchen, ist nichts
esse der deutschen Agrarwirtschaft, und Millionen Menschenleben wurden ge- weniger als eine zweite Grüne Revolu-
bei Forschungsministerin Annette Scha- rettet, doch dieser Erfolg hatte seinen tion“, sagt Friedrich Berschauer, Vorstands-
van (CDU) rangiert Agrarforschung bis- Preis. Die ökologischen Folgen werden vorsitzender von Bayer Cropscience,
her weit hinten. immer stärker sichtbar. Neue Agrarflä- einem der führenden Agrarunternehmen –
Die Herausforderungen sind gigantisch. chen lassen sich heute meist nur noch und meint vor allem Gentechnik. Das
Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölke- schaffen, indem überlebenswichtige Öko- weckt Widerstände. „Wir müssen skep-
rung von derzeit sieben auf neun Milliar- systeme wie Regenwälder und Savannen tisch bleiben, wenn Agrarkonzerne erklä-
den Menschen zunehmen. Um sie zu er- zerstört werden. Schon jetzt häufen sich ren, dass Gentechnik die Ernteerträge in
nähren, muss die Lebensmittelproduktion Warnzeichen. In Russland fielen im Som- die Höhe treibt und die Hungrigen er-
um etwa 70 Prozent steigen, prognosti- mer zehn Millionen Hektar Getreide-Mo- nährt“, sagt Peter Rosset von Food First.
ziert die FAO. nokulturen der Dürre und Bränden zum Der Streit wird auf beiden Seiten oft ideo-
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PAULO FRIDMAN / BLOOMBERG VIA GETTY IMAGES

HORAND KNAUP / DER SPIEGEL


Sojaernte in Brasilien, kenianische Bäuerin Mutua: Zwei Milliarden Kleinbauern sind das Rückgrat der Welternährung

logisch geführt und geht an den Interessen erhöht, und Pensionsfonds für Arme wur- Soja, Orangen und Zuckerrohr verdrängt.
der Kleinbauern vorbei. Sie sind Opfer ei- den eingeführt. Herzstück des Projekts „Die Großgrundbesitzer sind stark im
ner Agrarpolitik, deren Erfolge bestenfalls „Fome Zero“ (null Hunger) ist „Bolsa Fa- Parlament, sie unterstützen Lula, aber sie
zweischneidig ausfallen – selbst dort, wo mília“, ein Programm der Einkommens- verhindern auch die überfällige Land-
sie sich in Zentimetern messen lassen. umverteilung zugunsten der Armen. reform“, sagt Flávio Valente, Chef der
Noch in den neunziger Jahren hunger- Über zwölf Millionen Haushalte erhal- Hilfsorganisation Fian und früherer Lula-
ten im Nordosten Brasiliens Zehntausen- ten Stütze. Das Geld ziehen die Bedürfti- Berater. „Das Vordringen riesiger Plan-
de. Sie waren auffällig kleinwüchsig. gen mit einer Plastikkarte aus speziellen tagen stellt ein Risiko für die Familien-
Auch der Zuckerrohrschneider Amaro da Geldautomaten in Lottoannahmestellen landwirtschaft dar“, räumt Ministerin
Silva ist nur 1,35 Meter groß. In jungen oder Sparkassen. Lopes ein.
Jahren musste er meist auf das Mittages- Der Erfolg ist riesig: Rund 20 Millionen Agrarforscher suchen deshalb nach
sen verzichten, dafür gab es „Kaffee und Brasilianer haben die Armutszone verlas- neuen Wegen: „Kleinbauern müssen im
ein Stück Zuckerrohr“ zum Auslutschen. sen, 12 Millionen haben den Aufstieg in Zentrum der nächsten Grünen Revolu-
Als Tagelöhner verdiente er 40 Euro im die Mittelschicht geschafft. Die Kinder- tion stehen“, erklärt Olivier de Schutter,
Monat. An besonderen Tagen kaufte sei- sterblichkeit ist drastisch zurückgegangen. Uno-Berichterstatter für das Recht auf
ne Frau Knochenabfälle, ihre zehn Kin- „Bolsa Família hat den Wirtschaftszyklus Nahrung. „Die nächste Grüne Revolution
der saugten das Mark aus. In einer Kiste ganzer Städte und Dörfer angekurbelt“, ist eine Wissensrevolution. Die Kleinbau-
mästeten die Kleinen eine Echse für den sagt Márcia Lopes, die Ministerin für so- ern müssen lernen, mit knappen Flächen
nächsten Feiertag. ziale Entwicklung und Hungerbekämp- produktiv und umweltfreundlich zu wirt-
19 Jahre später lebt da Silva mit seinem fung mit einem Budget von 18 Milliarden schaften“, sagt Agrarforscher Seré.
jüngsten Sohn João, 23, in einem schmu- Euro. Die Millionen Kleinbauern brauchen
cken Häuschen südlich von Recife. Der Finanziert wird das Projekt auch mit nicht nur bessere Pflanzen, sondern mo-
Sohn überragt den Vater um 40 Zentime- Steuereinnahmen aus dem Boom der dernste Beratung. Sie benötigen keine sa-
ter. Im Wohnzimmer flimmert ein Fern- tellitengesteuerten Hightech-Traktoren,
seher, in der Küche steht ein neuer Kühl- Zwischen Krume und Küche gehen aber Zugang zu regionalen Datenbanken
schrank. Da Silva wiegt jetzt 56 Kilo, zum mit Informationen über die Bodenquali-
Mittagessen gibt es Fleisch und Bohnen. 40 Prozent der Ernten tät. Sie brauchen Kapital, ohne dafür von
„Mir ging es noch nie so gut wie heute“, in armen Ländern verloren. Großkonzernen abhängig zu werden oder
sagt der 65-Jährige. Er bekommt eine in die Schuldenfalle zu laufen.
staatliche Rente in Höhe eines Mindest- Agroindustrie im Westen Brasiliens. Wie Die Bauern müssen lernen, wie sie ver-
lohns, etwa 230 Euro im Monat. „Das ha- Trutzburgen stehen die Silos an jedem stärkt biologische Anbaumethoden nutzen
ben wir Lula zu verdanken“, sagt er. Ortseingang. Die Großfarmer züchten und ihren Boden fruchtbar halten können.
Präsident Luiz Lula da Silva weiß, was Rinder, Schweine und Geflügel oder Sie brauchen eine bessere Infrastruktur,
es bedeutet, mit knurrendem Magen ein- pflanzen gentechnisch verändertes Soja. damit ihre Ernte nicht verdirbt, sondern
zuschlafen. Als der Arbeitersohn 2003 sein Die politische Doppelstrategie der den Markt erreicht. Und sie brauchen auf
Amt antrat, galt ein Drittel der 178 Millio- Regierung – staatliche Fürsorge für die diesem Markt faire Bedingungen.
nen Brasilianer als arm, fast 11 Millionen Armen und ungebremstes Wachstum der „Wir müssen die kleinen Landwirte
litten Hunger. Heute betreibt die Regie- Agroindustrie – dürfte auf Dauer aber dazu befähigen, ihre Produktivität ökolo-
rung kommunale Suppenküchen und nicht aufgehen. Kleinbauern erzeugen gisch nachhaltig zu steigern“, sagt David
Volksrestaurants, sie finanziert Bewässe- 70 Prozent des brasilianischen Eigenbe- Nabarro, Vorsitzender der Uno-Taskforce
rungsprojekte und unterstützt Bauern mit darfs. Doch sie werden von den wachsen- gegen den Hunger, „das ist der wichtigste
günstigen Krediten. Mindestlöhne wurden den Großplantagen für Exportwaren wie Schlüssel.“ Von einer „immergrünen Re-
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Wissenschaft

volution“ spricht M. S. Swaminathan. ern in kühleren Hanglagen in eine zen- beit“, sagt Kanayo Nwanze, Präsident des
Einst war er Pionier der ersten Grünen trale Rolle für Indiens Ernährung rücken. Uno-Fonds für ländliche Entwicklung. Je
Revolution in Indien. Nun will er das Bes- Bauer Milkani ist zufrieden. „Erstmals weniger Gleichberechtigung in einem
te aus Öko- und Hightech-Landbau kom- sparen wir“, sagt er. Mit dem Geld kann Land herrsche, desto größer das Hunger-
binieren. „Gut kooperierende, gut infor- er Bücher und Medikamente für die Kin- problem, schreibt die Asiatische Entwick-
mierte Kleinbauern können ihre Produk- der oder hochwertiges Saatgut kaufen. lungsbank. Gleichberechtigung der Frau-
tivität genauso schnell steigern wie große Hunderte ähnlicher Vorhaben wie im en in Südasien könnte Experten zufolge
Unternehmen“, hat Braun in Ostasien und Dorf Selalekh leitet Shiv Kumar Upad- die Zahl der unterernährten Kinder um
Lateinamerika festgestellt. hyaya in der Region. Unter Regie des ge- einige Millionen verringern.
Wie die nötige Umwälzung beginnen lernten Pflanzengenetikers entstehen Der indische Entwicklungshelfer Pa-
kann, lässt sich im Himalaja besichtigen. Wasserbecken, um die Trockenzeit zu wan Kumar erlebt täglich, was Frauen
Drei Stunden dauert die halsbrecherische überbrücken und Sturzfluten abzufan- verändern können. Von einem Büro in
Fahrt von der Stadt Haldwani hinauf nach gen. Die Bauern wagen sich an Fisch- Dehradun aus leitet Kumar eines der gro-
Selalekh, einem Dorf auf 2200 Meter zucht, den Anbau von Aromapflanzen ßen Projekte für Kleinbauern in Indien.
Höhe. und an Ökotourismus. Frauen produ- Rund 3500 Selbsthilfeorganisationen
Indien ist das Land der Kleinbauern. zieren „Bio-Kohle“ aus Kiefernnadeln. sind mit Entwicklungsgeldern im nord-
80 Prozent der Landwirte verfügen über Das erspart ihnen den gefährlichen Weg indischen Bundesstaat Uttarakhand seit
weniger als zwei Hektar Land. Zugleich zum Brennholzsammeln und schont die 2004 entstanden. Zu den Treffen kommen
gibt es in Indien mit seinen fast 1,2 Mil- Wälder. zu 80 Prozent Frauen. „Sie sind die Säule
liarden Einwohnern mehr hungernde „Es sind kleine Projekte. Zusammen der ländlichen Ökonomie, die Männer
Kinder als in ganz Afrika. 230 Millionen aber ergeben sie eine erneuerte ländliche arbeiten entweder weit entfernt, sind
Inder verfügen laut Uno über keine gesi- Infrastruktur“, sagt Upadhyaya. Denn die krank oder ertragen ihr Schicksal eher
cherte Ernährung. Vier von zehn Kindern leistungsstärksten Pflanzensorten nützen passiv“, sagt Kumar.
haben nicht genug zu essen. nichts, wenn es etwa an Lagerhallen oder Projekte wie diese erreichen aber nur
Oben in Selalekh steht Pitambhae Mil- Lkw fehlt. Indien hat in diesem Jahr eine eine Minderheit der indischen Kleinbau-
kani, 42, in einem weißgetünchten Neu-
bau und lässt frisch geerntete Kartoffeln
durch seine Finger gleiten. Milkani baut
auf seinen 1,2 Hektar vieles an: Erbsen,
Birnen, Äpfel, Kartoffeln, Paprika, Blu-
menkohl, Buschbohnen. Der Erlös muss
reichen für seine siebenköpfige Familie.
„Es geht uns besser als früher“, sagt er.
Dieser Fortschritt beruht auf einem
Konzept von Weltbank, der Deutschen
Gesellschaft für Technische Zusammen-
arbeit und der indischen Regierung. Bis-
her hatte jeder Bauer einzeln an Zwi-
schenhändler aus dem Tal verkauft. Was
auf dem Großmarkt in Haldwani dafür

HANS VON MANTEUFFEL


erlöst werden konnte, wussten sie nicht.
Ideal für den Zwischenhändler, der sie
übervorteilte und satte Gewinne einstrich.
Das weiße Haus von Selalekh steht für
einen tiefgreifenden Wandel. Der Neubau
ist eine Sammelstelle, von der aus die Zuckerrohrschneider da Silva, Sohn João: Dem Hunger Stück für Stück entkommen
Bauern ihre Produkte selbst vermarkten.
Per SMS bekommt die Dorfgemeinschaft Rekordernte beim Weizen – nur gibt es ern. Besser funktioniert der nötige Wan-
mitgeteilt, wie die Preise auf den Märkten zu wenig Speicher, das Korn verrottet. del in China.
der Region stehen. „Wir können jetzt im- Bis zu 40 Prozent der Ernten in den Ent- Vize-Landwirtschaftsminister Niu Dun
mer dorthin verkaufen, wo es am meisten wicklungsländern gehen heute auf dem rechnet vor, dass die Zahl der Hungern-
bringt“, sagt Milkani. Gemeinsam ernten Weg zwischen Krume und Küche verlo- den auf dem Land von 250 Millionen
sie genug Obst und Gemüse, um tagtäg- ren, beim Transport, durch Schädlinge, Ende der siebziger Jahre auf 14 Millionen
lich einen Lastwagen ins Tal schicken zu falsche Lagerung. geschrumpft sei. Im Jahr 2030 muss das
können. Eine Waage wurde angeschafft. „Wir reden über intensivere Bewässe- Land rund 140 Millionen Tonnen Nah-
„Früher haben uns die Zwischenhändler rung, besseres Saatgut, Kredite und Me- rungsmittel mehr produzieren als heute.
einfach mal zehn Prozent vom Gewicht chanisierung“, sagt Achim Steiner, Chef Dabei setzt die Regierung weniger auf
abgezogen“, sagt Milkani, „jetzt passiert des Uno-Umweltprogramms, „dabei lie- die durchindustrialisierte Landwirtschaft
das nicht mehr.“ gen enorme Effizienzpotentiale zwischen als auf „die genossenschaftliche Zusam-
Als Nächstes wollen die Bauern Vor- Produktion und Verbrauch.“ menarbeit der Bauern“. Niu fügt selbst-
produkte fertigen für Ketchup, Pickles Die vielleicht wichtigste Frage, die bei bewusst hinzu: „Wir ernähren mit 9 Pro-
und Chutneys. Besonders attraktiv ist der letzten Grünen Revolution ignoriert zent des weltweiten Agrarlands 20 Pro-
eine fünfte Jahreszeit: die „off-season“, wurde, ist die Geschlechterfrage. Wo im- zent der Weltbevölkerung.“
wenn es in den überfüllten Tiefebenen mer Agrarfachleute versuchen, entlegene Was der Funktionär nicht sagt: Um die
so heiß ist, dass kaum etwas wächst. ländliche Regionen produktiver zu ma- Nahrungsmittelproduktion zu steigern,
Dann können die Bauern von ihren küh- chen, stellen sie fest, dass der Erfolg ent- greift die Volksrepublik in erheblichem
leren Hängen die hungrigen Talbewohner scheidend von den Frauen abhängt. Umfang auf Flächen im Ausland zu. Chi-
versorgen. Der Klimawandel wird dies „Von der Aussaat bis zum Verkauf er- na ist einer der Akteure beim „land grab-
vermutlich noch verstärken und die Bau- ledigen Frauen 60 bis 80 Prozent der Ar- bing“, der ungeregelten Landnahme auf
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Wissenschaft

dem afrikanischen Kontinent, zu Lasten Enorm unter Druck gerieten Kleinbau-


der einheimischen Bevölkerung. ern durch Exportsubventionen in Europa
Eine neue Zwei-Klassen-Ordnung ent- und den USA. In Kamerun und anderen
steht. „Die Hälfte der Hungernden lebt afrikanischen Ländern brach zum Bei-
in Ländern mit stark wachsenden Öko- spiel der florierende Binnenmarkt für
nomien, die massiv in die ländliche Ent- Hühner Ende der neunziger Jahre fast
wicklung investieren können“, sagt Dirk zusammen, als Billigimporte von Hühn-
Messner, Direktor des Deutschen Instituts chenteilen aus Europa die Märkte über-
für Entwicklungspolitik. „Das ist die gute schwemmten. Die Welthandelsorganisa-
Nachricht.“ Die schlechte sei, dass die an- tion WTO ist bisher gescheitert, faire Han-
dere Hälfte komplett abgehängt von die- delsbedingungen zu schaffen.
ser Entwicklung lebe, in Ländern mit Zudem profitiert die europäische Er-
schwachen Regierungen, unter denen es nährungsindustrie von hohen Subventio-
immer wieder zu Konflikten und Kriegen nen und verbilligt damit ihre Fleisch- und
kommt, vor allem südlich der Sahara. Milchexporte.  Diese Agrarpolitik unter-
Dabei hatten sich die afrikanischen gräbt das proklamierte Ziel, den Hunger
Länder viel vorgenommen. 2003 ver- zu bekämpfen, und macht Erfolge der Ent-
pflichteten sich die Staatschefs des Kon- wicklungshilfe vielfach wieder zunichte.
tinents, bis 2008 mindestens zehn Prozent Der rumänische EU-Agrarkommissar
ihrer nationalen Budgets in die Landwirt- Dacian Ciolos muss bis zum November
schaft zu investieren. Das wäre bitter nö- die gemeinsame EU-Agrarpolitik für die
tig. 70 Prozent der Afrikaner leben von Jahre 2014 bis 2020 entwerfen. Die
dem, was die eigene Scholle abwirft. Bundesregierung sieht bisher keinen Re-
Doch nur eine Handvoll Länder haben formbedarf: „Das europäische Landwirt-
das selbstgesteckte Investitionsziel inzwi- schaftsmodell hat sich bewährt“, heißt es
schen erreicht, darunter Malawi, Ghana in einem Grundsatzpapier von Agrarmi-
oder Ruanda. Allein in Kenia sterben je- nisterin Aigner. Ihre Beamten rechnen
den Tag 280 Kinder unter fünf Jahren we- fieberhaft, wie die zu erwartenden Sub-
gen einseitiger und mangelhafter Ernäh- ventionskürzungen im EU-Etat möglichst
rung. In Ländern wie Somalia, dem Kon- gering gehalten werden können.
Es ist offen, wer sich in Brüssel durch-
„Je weniger Gleichberechtigung setzt. Erstmals kann das Parlament im
kommenden Jahr gleichberechtigt mitent-
für die Frauen, desto scheiden. Doch ob die Abgeordneten die
größer ist das Hungerproblem.“ Chance nutzen, sich von den Fehlern der
Vergangenheit zu verabschieden, ist mehr
go oder dem Sudan machen Clan-Kon- als fraglich.
flikte und Bürgerkriege eine Entwicklung Da passt es ins Bild, dass die EU beim
der Landwirtschaft nahezu unmöglich. New Yorker Gipfel kein zusätzliches Geld
Verantwortlich für die Misere sind zu geben bereit ist. Beim G-8-Gipfel von
nicht nur die korrupten und unfähigen L’Aquila im Jahr 2009 versprachen die
Regime Afrikas, sondern auch die reichen Industrieländer sechs Milliarden „frisches
Länder des Nordens. Ihre Neuerungen Geld“ – bisher steht das meiste davon nur
sind für viele Kleinbauern entweder zu auf dem Papier. Die Zeit drängt. Nicht nur
teuer oder unbrauchbar. Das gilt vor al- Agrarexperte Seré warnt vor einem „Jahr-
lem für gentechnisch veränderte Pflanzen, hundert der Nahrungsunsicherheit“.
die jedes Jahr neu gekauft werden müs- In Maputo, der mosambikanischen
sen, weil sie Patenten von Großkonzer- Hauptstadt, kam es Anfang September
nen unterliegen. Um die Kosten dafür zu zu heftigen Protesten gegen die um 20
erwirtschaften, müssen die Bauern sich Prozent erhöhten Brotpreise. Zwei Tage
verschulden und möglichst expandieren. lang demonstrierten Menschen, warfen
Es fehlt eine globale Forschungsoffen- Steine, zündeten Reifen an und plünder-
sive, um speziell Kleinbauern die Er- ten Geschäfte. Mindestens 13 Personen
kenntnisse der modernen Agrarwissen- kamen ums Leben, 400 wurden verletzt.
schaft nutzbar zu machen. Auf jährlich Vorvergangene Woche war Kofi An-
zwei Milliarden Dollar schätzt das Inter- nan, der frühere Uno-Generalsekretär, in
nationale Institut für Ernährungspolitik Berlin, um rechtzeitig vor dem New Yor-
den Mehrbedarf für staatliche Agrarfor- ker Gipfel Kanzlerin Merkel „an die deut-
schung, um Pflanzen zu entwickeln, die sche Führungsrolle im Kampf gegen Hun-
umweltverträglich sind und die Bauern ger und Armut“ zu erinnern. „Was bei
nicht von Konzernen wie Monsanto ab- den Millenniumszielen versprochen wur-
hängig machen. de, muss eingehalten werden“, mahnte
Doch die Regierungen setzen andere er. Noch sei der Weg weit, eine Welt ohne
Schwerpunkte. 1979 entfielen noch 18 Pro- Unterernährung zu schaffen. Das zu er-
zent der öffentlichen Entwicklungshilfe reichen liege auch im ureigenen Interesse
auf Investitionen in der Landwirtschaft. der reichen Länder, sagte Annan. „Die
2007 waren es nur noch 5,5 Prozent. „Die Stabilität der Weltgemeinschaft hängt da-
Folgen waren verheerend“, sagt FAO-Prä- von ab.“ PETRA BORNHÖFT, JENS GLÜSING,
sident Jacques Diouf. HORAND KNAUP, CHRISTIAN SCHWÄGERL

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Technik

entschied, bei Tesla einzusteigen, hagelte brücken. Der Konzern hat längst eine ei-
AU TOM O B I L E
es Widerspruch im Führungszirkel. Doch gene Batterieentwicklung in Vorberei-

Fahrstrom aus Weber blieb hart: „Ich will jetzt nicht hö- tung. Zusammen mit der Evonic-Tochter
ren, was schlecht daran ist“, erklärte er, Li-Tec will er in zwei Jahren im sächsi-
„ich will wissen, was gut ist.“ schen Kamenz leistungsfähigere Flachzel-

Ampullen Heute weiß er es. Teslas Trumpf ist das len herstellen und damit dann in eine grö-
Tempo, in dem Entscheidungen umge- ßere Serienproduktion gehen.
setzt und Projekte verwirklicht werden. Tesla-Cheftechniker Jeffrey Straubel
Der Prototyp einer Elektro-A-Klasse war sieht sich dem Wettbewerb gewachsen:
Mercedes und Toyota bringen
in nur vier Wochen fahrbereit. „Unsere Batterien sind viel ausgereifter
erste Elektroautos auf den Markt. Die Stromfahrt-Pioniere setzen auf als die von Li-Tec. Außerdem haben wir
Beide Weltkonzerne beziehen eine gut berechenbare Technik. Ihre einen sehr wettbewerbsfähigen Preis.“
Entwicklungshilfe von einer Kleinbatterien – aktueller Tesla-Lieferant Dieser jedoch kann so niedrig nicht
kalifornischen Start-up-Firma. ist Panasonic – sind schon lange im Pra- sein. Die Elektro-A-Klasse soll lediglich
xiseinsatz; ihr Verhalten ist gut kalkulier- vermietet werden, voraussichtlich zu ei-

D
ie Idee, mit Strom aus Laptop-Bat- bar. Es war der einfachste Weg, die im ner monatlichen Rate von über tausend
terien ein Auto anzutreiben, er- Kleingerätemarkt bereits etablierte Lithi- Euro. Für den Massenmarkt ist so ein
schien Fachleuten zunächst bes- um-Ionen-Technik ins Auto zu bringen. Auto noch viel zu teuer.
tenfalls komisch. Doch als dieses Auto Zudem ist der Wissensschatz der Firma So bleibt die ökonomische Fortune vor-
dann funktionierte, fuhr gleichsam ein im Bereich der Steuerelektronik durchaus erst weit hinter den PR-Erfolgen von Tes-
Elektroschock durch die Branche. respektabel. la zurück. Firmenchef Elon Musk erwies
Im Sommer 2006 präsentierte das Start- Großmeister der Computerbranche sich bisher als virtuos im Prognostizieren
up-Unternehmen Tesla im Silicon Valley zählen zu den Gründern und Geldgebern des Durchbruchs, während die Investo-
einen wunderlichen E-Sportwagen. Die der jungen Firma, unter ihnen die formi- ren – unter ihnen er selbst – fortwährend

EMILIO FLORES / NEW YORK TIMES / REDUX / LAIF


Mercedes der A-Klasse mit Elektroantrieb, Tesla-Chef Musk: Hauch von Coolness

Karosserie kam von Lotus, die Antriebs- dablen Suchmaschinisten von Google. drauflegen. Der Roadster-Verkauf, heißt
kraft aus 6831 handelsüblichen Kleinbat- 1200 Exemplare des Sportwagens hat Tes- es, sei profitabel. Momentan drückten je-
terien, gebündelt zu einem Starkstrom- la nach eigenen Angaben inzwischen aus- doch die enormen Investitionen in die
paket, das dem Wagen die Spurtstärke ei- geliefert. Der Roadster wurde zum Kult- künftige Elektro-Limousine „Model S“
nes Porsche bescherte. vehikel der Hollywood-Prominenz. aufs Budget. Sie soll vom Jahr 2012 an in
Diese Bastelei macht nun Schule bei Ein Hauch dieser Coolness soll auf die einer früheren Toyota-Fabrik in Fremont,
den renommiertesten Autokonzernen der biederen Großkonzerne abstrahlen. Toyo- Kalifornien, produziert werden und wirft
Welt: Toyota und Daimler. Beide Unter- ta, vom Trauma vermeintlich klemmen- weitere Fragen auf. Was soll eine Reiseli-
nehmen sind inzwischen Anteilseigner der Gaspedale gebeutelt, hat in den USA mousine mit Stromantrieb, der nicht für
von Tesla und lassen sich Akkus und Steu- ein handfestes Akzeptanzproblem. Der Langstrecken taugt?
ertechnik für Pkw-Kleinserien von der Schulterschluss mit Tesla könnte helfen, Die „New York Times“ zitierte bereits
kalifornischen Firma liefern. Sympathien zurückzugewinnen. Noch in einen Finanzberater, den Tesla an die Fir-
Mercedes-Benz beginnt im Herbst mit diesem Jahr will der Fernostkonzern ei- mengründung des einstigen General-Mo-
der Produktion von 500 Exemplaren ei- nen kleinen Elektro-Geländewagen mit tors-Vizechefs John DeLorean erinnert.
ner E-Version der A-Klasse. In deren Wa- Tesla-Batterien vorstellen. Der präsentierte in den frühen Achtzi-
genboden lagern zwei Tesla-Akkus, be- Angewiesen kann Toyota auf diese Hil- gern einen Edelstahl-Sportwagen, dessen
stehend aus je 1960 Einzelbatterien. Mit fe nicht sein. Der Hybridpionier hat welt- blanke Karosserie an frisch gewienertes
der Kraft aus den Stromampullen erreicht weit die größte Erfahrung mit elektri- Küchengeschirr gemahnte – und ging in
der Wagen 150 km/h und soll bei mode- schen Antrieben, Teslas Zellenlieferant rasendem Tempo pleite.
rater Fahrweise mit einer Ladung gut 200 Panasonic ist seit langem Toyotas Ent- Musk verwahrt sich gegen den Ver-
Kilometer weit kommen. wicklungspartner. Die Kooperation kann gleich. Im Gegensatz zu seinem Roadster
Braucht Daimler dafür Tesla? nur vom Marketing getrieben sein. sei der DeLorean „kein großer Sportwa-
Im Moment offenbar. Als Chefentwick- Daimler wiederum hilft die Tesla-Tech- gen“ gewesen. PHILIP BETHGE,
ler Thomas Weber im vergangenen Jahr nik derzeit, eine Durststrecke zu über- CHRISTIAN WÜST

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Szene Kultur
Kino in Kürze
„Eat, Pray, Love“ lautet die Methode
der New Yorker Journalistin Liz (Julia
Roberts), um die Sinnkrise nach ihrer
Scheidung zu überstehen. Je vier Mo-
nate verbringt sie als Luxus-Aussteige-
rin in Ländern, die mit dem Buchsta-
ben „I“ beginnen, „I“ wie ich. In Ita-
lien isst sie gut, in Indien meditiert sie,
auf der indonesischen Insel Bali ver-
fällt sie Felipe, einem Brasilianer (Ja-
vier Bardem). Regisseur Ryan Murphy
(„Glee“) hat für seinen Film fast alle
selbstironischen Passagen aus dem au-
PETER LINDBERGH

tobiografischen Bestseller von Eliza-


New Yorker Lindbergh-Foto, 1997 beth Gilbert gestrichen. Übrig bleiben
eine eher schlichte Glückskeks-
Philosophie, wunderschön abgefilmte
AU S ST E L LU N GE N Nudelgerichte und das strahlende
Lächeln von Julia Roberts.

Lindberghs Schnappschüsse
Z wei Bedingungen stellte der Fotograf Peter Lindbergh: „Keine Retrospektive,
und wir zeigen nichts, was wir in Berlin schon mal gezeigt haben.“ C/O Berlin,
ein längst etablierter Ausstellungsort für moderne Fotografie in Berlin-Mitte, ließ
sich darauf ein, und so werden dort von diesem Samstag an über 120 Fotografien
und Filme des deutschen Modefotografen Peter Lindbergh, 65, zu sehen sein (bis
9. Januar). Darunter sind ungewöhnliche Fotos aus der Serie „On Street“, die der
Ausstellung den Titel lieh: schnappschussartige Schwarzweißaufnahmen aus New
York, die bei einem Streifzug mit Models durch die Stadt entstanden. Auch die
„Looking At“-Serie ist auf New Yorks Straßen entstanden. Lindbergh engagierte
eine Gruppe junger Breakdancer und fotografierte bei deren Auftritten in Brooklyn
die Zuschauerreaktionen auf die artistischen Einlagen der Tänzer. Herausgekom-

SONY PICTURES
men sind dabei surreal anmutende Szenerien des Staunens. Die Ausstellung ver-
spricht einen frischen Blick auf den erfolgreichen Fotografen, der zuletzt durch
Porträts von sittsam inszenierten Superstars von sich reden machte.
Roberts in „Eat, Pray, Love“

ARCHITEKTUR gegen das Regime. Demands Reminiszenz soll ebenfalls ein


asiatisches Restaurant beherbergen sowie einen Kiosk und
Mehrheitsfähige Kunst öffentliche Toiletten. Der Gemeinderat stimmte mit Zweidrit-
telmehrheit für das Kunstprojekt. Doch der Zürcher Ableger

D er Berliner Künstler Thomas Demand, 46, ist in die Müh-


len der Schweizer Demokratie geraten. Am Sonntag dür-
fen die Zürcher darüber abstimmen, ob sein dort geplantes
der SVP erzwang das Referendum. Die eher für ihre rechts-
populistischen Positionen als für einen differenzierten Kunst-
diskurs bekannte Partei reduziert das Projekt auf „ein WC-
Kunst-am-Bau-Projekt, das sogenann- Haus mit etwas Kunst“, das auch
DEMAND/CARUSO ST JOHN ARCHITECTS(O);CHINA PHOTOS/GETTY IMAGES(U)

te Nagelhaus, realisiert werden soll. noch 5,9 Millionen Franken koste.


Demand, dessen große Ausstellung in „Elitäre, professionelle Prestigekul-
der Berliner Nationalgalerie vergange- tur“ dürfe „nicht von Sparbemühun-
nes Jahr gefeiert wurde, konzipierte gen ausgenommen werden“. Für den
gemeinsam mit dem Londoner Archi- Zürcher Kunstsachverständigen Chris-
tektenbüro Caruso St John einen toph Doswald ist der Bau hingegen
Kiosk-Komplex für den unwirtlichen „ein Kunstwerk mit internationaler
Escher-Wyss-Platz in Zürichs Westen. Strahlkraft“. 1967 stimmten Schwei-
Demand und die Architekten wollen zer Bürger schon einmal über Kunst
dort ein im chinesischen Chongqing ab. Damals entschied sich die Mehr-
abgerissenes Haus wiederauferstehen heit der Basler für den Ankauf zwei-
lassen. 2007 hatte dort ein Ehepaar ge- er Picasso-Gemälde, Kosten: sechs
gen den Abriss seines Restaurants pro- Millionen Schweizer Franken. Picasso
testiert, ein Foto des Hauses, das wie war gerührt und schenkte der Stadt
ein Nagel aus der Baugrube heraus- vier weitere Bilder. Die Gemälde
ragte, ging damals um die Welt und haben heute einen Marktwert von
gilt als Symbol für den Widerstand Nagelhaus-Modell, Abrisshaus in Chongqing 2007 über hundert Millionen Dollar.
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Kultur

K O N S E R VA T I S M U S

Lady Guttenberg
Karl-Theodor zu Guttenberg und seine Ehefrau Stephanie gelten als Traumpaar eines modernen,
aufgeklärten Konservatismus. In einem Buch, das eigentlich sexuellen Missbrauch
zum Thema hat, verdächtigt die Freifrau nun die Pop-Ikone Lady Gaga der Pornografie.

A
ls Stephanie zu Guttenberg ihren chen Einfluss der zeitgenössischen Pop-
zukünftigen Mann kennenlernt, kultur auf Kinder und Jugendliche. „Die
heißt sie mit Nachnamen noch Mädchen und Jungen von heute wachsen
von Bismarck-Schönhausen. Alter Adel, auf mit Popsängern, die einerseits den
genau wie die Familie von Karl-Theodor. Mainstream verkörpern und andererseits
Es ist am Rande der Berliner Love Parade, aussehen wie Pornostars.“ Sie meint Rap-
die im Sommer 1995 noch ein ziemlich per wie Snoop Dogg, Sängerinnen wie
wildes Spektakel ist, auf dem Wagen ei- Rihanna, Christina Aguilera, Britney
nes stadtbekannten Techno-Clubs wird Spears – aber vor allem Lady Gaga.
eine Orgie gefeiert. Stephanie ist 18 Jahre Das Internet sei voller Pornografie, ar-
alt. Als Karl-Theodor sie anspricht, sagt gumentiert sie, es sei auch für Kinder sehr
er laut „Bild am Sonntag“: „Kann man einfach, an sie heranzukommen, gleich-
eine Techno-Nudel wie dich auch zu ei- zeitig wird im Pop mit sexuellen Images
nem klassischen Konzert überreden?“ gespielt, auch dafür sei das Internet ein
Eine aristokratische Geste, angesichts des wichtiges Medium. Also habe Lady Gaga
Volkes, das zu Techno durch die Straßen etwas mit Pornografie zu tun. Und werde
tobt. Aber auch ein Satz wie ein Popsong: zur Gefahr für Kinder.
Kümmer dich nicht um das, was die an- Das ist natürlich Unfug.
deren denken, komm zu mir, Baby, denn Nicht nur, weil es einen himmelweiten
wir sind doch nicht so wie sie. CHR.STIEFLER / ABP / BABIRADPICTURE Unterschied zwischen dem Spiel mit se-
Noch 15 Jahre später spiegeln sich all xuellen Images und der Pornografie gibt.
die Sehnsüchte, die die Guttenbergs auf Kulturell, strafrechtlich und wirkungs-
sich vereinigen, in diesem Satz. Er sagt: praktisch.
Ein moderner Konservatismus ist mög- Auch weil die kulturelle Verfallsge-
lich, man kann auch als Mitglied der CSU schichte, die Guttenberg erzählt, völlig
cool sein. Man kann gleichzeitig einen falsch ist. „Als ich ein junges Mädchen
imposanten Stammbaum haben, der Hun- war“, schreibt sie, „trugen Popdiven wie
derte Jahre zurückreicht, und in den pop- Buchautorin Guttenberg Whitney Houston noch enge Seidenroben
geprägten Achtzigern aufgewachsen sein, Komm zu mir, Baby, wir sind anders und Deutschpop-Sängerinnen wie Nena
zwischen Neuer Deutscher Welle und be- weite T-Shirts zu Röhrenjeans.“ In den
ginnender DJ-Kultur. tion, „Schaut nicht weg!“ ein Handbuch „späten 1980ern dann begannen Popgrö-
Ein cooler CSU-Politiker. Einer, der an- für den Umgang mit sexueller Gewalt. ßen wie Madonna, Prince oder Michael
ders ist als die nie Klartext redenden alten Woran erkennt man Kinder, die ihr aus- Jackson mit ihren aus dem Rotlichtmilieu
Männer in schlechten Anzügen. Einer, gesetzt sind? Wie geht man mit ihnen entliehenen Outfits gezielt auf Provoka-
der in einer Welt aufwuchs, in der Pop um? Wie hilft man? Was sollte man ver- tion zu setzen“. Man hört den Degout
die Leitkultur für jeden jungen Menschen meiden? All die einfachen Fragen, die so durch, sich auf so ordinäre Phänomene
war und dessen Überzeugungen prägte, schwer zu beantworten sind. Es gibt eine einzulassen. Das macht es nicht besser.
auch die, dass die Politik und dieses Land Adressliste mit Anlaufstellen für Betrof- Pop, wie wir ihn kennen, ist seit seiner
einen anderen Stil gebrauchen könnten, fene und ein Nachwort von Jörg Ziercke, Erfindung Anfang der Fünfziger die
aber sicherlich keine Wehrpflicht. Das al- dem Chef des Bundeskriminalamts. Kunst der Provokation und der Sexua-
les hat Karl-Theodor zu Guttenberg, 38, Dass das Buch einigen Wirbel macht, lisierung des Alltags. Mit allen Konse-
zum beliebtesten deutschen Politiker ge- hat allerdings weniger mit der fast durch- quenzen, die das haben kann: Emanzipa-
macht. gehend klugen und unaufgeregten Dar- tionsprozessen, Sexismen jeder Art, dem
Nun hat seine Frau Stephanie, 33, ein legung seines Hauptthemas zu tun. Gut- Erfinden und Ausstellen der unterschied-
Buch geschrieben. „Schaut nicht weg!“ tenbergs Medienschelte und Popkritik lichsten Körperbilder.
heißt es, sie hat es zusammen mit einer schaffte es auf die erste Seite der „Bild“- Wenn es in den vergangenen Jahren ei-
Co-Autorin verfasst. In ihm verbirgt sich Zeitung. „Pornografie verdirbt unsere nen Großtrend gegeben hat, dann lief er
eine interessante Pointe: „Schaut nicht Kinder“, hieß es da, und der dazugehöri- genau andersherum, als Lady Guttenberg
weg!“ handelt davon, dass Konservatis- ge Abdruck war unter anderem mit Bil- ihn beschreibt. Frauen und Mädchen, die
mus heute nur noch ein Fassadentrick ist, dern des Superstars Lady Gaga illustriert, jahrzehntelang vor allem als Objekte
weil der moderne Konservatismus gar die am Abend vorher sensationelle acht männlicher Ideen von Weiblichkeit herhal-
nicht konservativ ist. Auszeichnungen bei den MTV Video ten mussten, sind selbst Künstlerinnen ge-
Stephanie zu Guttenberg ist Präsiden- Music Awards abgeräumt hatte. worden. Sie verkörpern ihre eigenen Vor-
tin der deutschen Sektion von Innocence Und darum geht es in Guttenbergs stellungen davon, was es heißt, Frau oder
in Danger, einer Kinderschutzorganisa- Buch auch: den vermeintlich verderbli- Mädchen zu sein.
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UNIVERSAL (O.L.); MIKE BLAKE / REUTERS (O.R.); GARY HERSHORN / REUTERS (U.L.); MR PHOTO / CORBIS OUTLINE (U.R.)

Superstar Lady Gaga: Der Warhol unserer Tage, nur noch größer, noch offensichtlicher, noch oberflächlicher

D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0 169
Davon handelt nicht zuletzt
die Kunst von Stefani Germa-
notta alias Lady Gaga. Manch-
mal fast schmerzhaft offensicht-
lich, etwa bei der MTV-Gala,
als sie sich in einem Kleid aus
Fleischstücken zeigte.
Ihre Songs, ihre Videoclips,
ihre Auftritte auf dem roten

ANTHONY MANDLER / UNIVERSAL MUSIC


Teppich – immer geht es um
die heißdrehenden Phanta-
sien einer Frau Mitte zwanzig,
die sich entschlossen hat, ih-
ren Körper zum Kunstwerk zu
erklären, und die die endlosen
Möglichkeiten, die ihr das bie-
tet, nun auslotet. Lady Gaga
ist der Andy Warhol unserer Rapper Snoop Dogg: Unterschiedliche Körperbilder
Tage. Nur noch größer, noch
offensichtlicher, noch oberflächlicher. kulturellen Verfall zu suchen, wahrschein-
Und auf eine eigentümliche Art ähnlich lich der letzten, die vom Konservatismus
geschlechtslos. noch übrig ist. Die sonstige Lebenswelt
All das sind keine Geheimnisse. Lady ist über ihn hinweggegangen.
Gaga ist gerade die wahrscheinlich sicht- Dazu passt, dass ihr Mann Karl-Theo-
barste Künstlerin des Planeten. Zusam- dor gerade die Wehrpflicht abschafft, ein
menhang mit Porno? Keiner. Schritt, der wahrscheinlich nur dem Josch-
Warum schreibt Guttenberg dann so et- ka Fischers vergleichbar ist, als der Ende
was? Zumal sie und ihr Mann sich schon der Neunziger die Grünen von der Rich-
auf einem Konzert von AC/DC haben fo- tigkeit des Kosovo-Kriegs überzeugte.
tografieren lassen, einer Band, die ihren Auch Fischer setzte Pop ein, wenn es
Sänger durch den klassischen Rock’n’Roll- ihm passte, zu seiner Vereidigung als hes-
Tod des Erstickens in der eigenen Kotze sischer Umweltminister trug er die be-
verlor und deren Gitarrist Angus Young rühmten Turnschuhe, bei Frankfurter DJs
berühmt dafür ist, in einer Schuluniform wünschte er sich manchmal „Street Fight-
aufzutreten, einem bekanntermaßen fe- ing Man“ von den Stones. Fischers Pop
tischisierten Kleidungsstück. war noch gegenkulturell geprägt. Aber
Warum also? Guttenbergs Popkritik ist auch darüber ist die Zeit hinweggegangen.
ein Ablenkungsmanöver, das überspielen Es ist ein neues Deutschland, das hier
soll, dass sich in ihrer Lebenswelt kaum entsteht. Es ist bunter, komplizierter und
noch Konservatismus findet. unübersichtlicher als die alte Bundesre-
Das Erziehungsbild, das Stephanie zu publik. Es kann Krieg führen, das haben
Guttenberg in ihrem Buch zeichnet, un- die Grünen durchgesetzt. Es hat ein
terscheidet sich nur noch in Nuancen von durchlässigeres soziales Netz, das haben
dem des durchschnittlichen Grünen-Wäh- die Sozialdemokraten durchgesetzt. Es
lers und ist Lichtjahre von den Vorstel- ist ein Einwanderungsland, es wird bald
lungen entfernt, die noch vor kurzem in keine Wehrpflicht mehr haben. Das muss
der CSU Konsens waren. Erziehung, so die Union schlucken. Die Kirchen stehen
wie Guttenberg sie skizziert, ist von Ver- nicht mehr neben der Rechtsordnung.
trauen getragen, vom Zuhören, vom stän- Wo genau in diesem neuen Gefüge
digen Hinterfragen der Elternrolle, davon, links ist und wo rechts, ist noch keine aus-
dass Kinder Rechte haben. Die Kinder zu gemachte Sache.
stärken, ihnen Selbstbewusstsein zu ge- Das enorme Getöse der Sarrazin-De-
ben sollte Ziel aller Erziehungsbemühun- batte überdeckt ja nur, dass hier vielleicht
gen sein, schreibt Guttenberg. Autoritäre ein letztes Mal zwei bundesrepublikani-
Vorstellungen finden sich nicht einmal in sche Milieus und ihre ideologischen Vor-
Spurenelementen. lieben aufeinandergeprallt sind: eine Lin-
Nebenbei wischt Guttenberg auch das ke, die Deutschland immer noch für la-
jahrzehntealte Verständnis beiseite, mit tent gefährlich hält, und eine Rechte, die
dem die katholische Kirche bei konser- sich von niemandem das Recht wegneh-
vativen Parteien immer rechnen konnte. men lassen will, „Negerkuss“ und „Kopf-
Sexueller Missbrauch von Kindern durch tuchmädchen“ zu sagen. Es sind Milieus,
Priester? „Mich zumindest überrascht das die vor allem von sich reden, wenn sie
alles überhaupt nicht.“ Zölibat? Hindert das Land da draußen meinen. Ihre Zei-
Priester an einer „reifen Auseinanderset- chensysteme verlöschen.
zung mit der eigenen Sexualität“, stimmt Das neue Deutschland wird andere Le-
sie einem Psychotherapeuten zu. benslügen haben. Der Glaube, Konserva-
Lady Gaga ist Stephanie zu Gutten- tismus und Pop könnten ohne weiteres
bergs Pappkameradin. Sie braucht sie, um zusammengehen, dürfte eine der kleine-
Anschluss an die große Erzählung vom ren sein. TOBIAS RAPP

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Kultur

E S S AY

DIE ZÄHMUNG DES MENSCHEN


DER PHILOSOPH ARTHUR SCHOPENHAUER IST HILFREICH – AUCH 150 JAHRE NACH SEINEM TOD .
VON RÜ DI GE R SAF RANSK I

S
chopenhauer war mit seiner Philosophie die längste Zeit lichen Bewusstsein nicht gelten lassen. Das konnte man einst
seines Lebens nicht aktuell. Sein Menschenbild war nicht, bei der Sloterdijk-Debatte zum Thema der biologischen Op-
wie man es damals bevorzugte, vom Geist her entworfen, timierung des Menschen („Menschenpark“) beobachten und
sondern vom Leib und den Trieben, der Biologie. Mit Schopen- jüngst wieder bei der Sarrazin-Debatte. Mit eugenischen Über-
hauer vollzieht sich, provozierend für die damalige Zeit, eine legungen, Behauptungen über Erblichkeit der Intelligenz und
biologische Wende in der Philosophie. unterschiedliche Begabungsverteilungen in den Volksgruppen
Die durchschnittlichen Exemplare der „Zweifüßler“, wie er zieht man immer noch die stärksten Bannsprüche auf sich.
sie bisweilen grimmig nennt, schätzt er weniger als manche Diese Tabus haben bekanntlich ihre Geschichte, denn der Bio-
klugen Tiere. Wenn ihn sein Pudel ärgerte, schimpfte er ihn „du logismus hat nach den Verbrechen des Nationalsozialismus sei-
Mensch!“. Für Schopenhauer gehört der Mensch wirklich noch ne Unschuld verloren, und deshalb sind die bisweilen hysteri-
zum Tierreich, deshalb seine häufigen Tiervergleiche. Den schen Reaktionen nicht erstaunlich.
menschlichen Geselligkeitstrieb etwa il- Freilich dienen sie auch schlicht dazu,
lustrierte er am Beispiel der Stachel- sich unliebsame Themen und Personen
schweine, die an kalten Wintertagen sich vom Halse zu schaffen. Dass solches
zusammendrängen, um sich zu wärmen. beim gegebenen Thema – die dramati-
Aber die Stacheln treiben sie wieder aus- schen Integrationsdefizite und die Me-
einander. So werden sie zwischen zwei thoden ihrer Behebung – geschehen ist,
Übeln hin- und hergeworfen. scheint offensichtlich. Das ändert indes
So auch der Mensch. Er sucht Gesell- nichts daran, dass sich beim Menschen-
schaft und wird von ihr geplagt. Deshalb bild schon längst eine biologische Wende
rät Schopenhauer zur Halbdistanz. Die vollzogen hat. Und es war eben Scho-
Bosheit sei es, die den Menschen vom penhauer, der damit begonnen hat, noch
Tier unterscheidet. Zur Grausamkeit, abseits des damals vorherrschenden
zum Betrug, Neid und Übelwollen jeder Zeitgeists. Auch sonst war er geradezu
Art braucht es Verstand. Mit Verstand trotzig auf seine Unabhängigkeit bedacht
hat der Mensch sich allerdings auch eine und scheute geistigen Konformismus.
kulturelle Zwischenwelt geschaffen, er Als 1813 in Berlin bei Beginn des Be-
ist aber deshalb in der Regel nicht besser freiungskrieges gegen Napoleon ein mi-
geworden. Gern zitiert Schopenhauer litanter Patriotismus aufkommt, macht
Goethes Mephisto: „Er nennt’s Vernunft sich Schopenhauer aus dem Staube. Er
GETTY IMAGES

und braucht’s allein, / Nur tierischer als sei aus Berlin geflohen, so rechtfertigt
jedes Tier zu sein.“ er sich, weil sein Vaterland „größer als
Dass Schopenhauer auch in der Deutschland“ sei und er nicht dazu ge-
schwärmerischen Liebe letztlich nur Schopenhauer (1788 bis 1860) boren sei, „der Menschheit mit der Faust
Biologisches, nämlich das Fortpflan- zu dienen“. Sondern mit einem philo-
zungsverhalten am Werke sieht, hat er Der Mensch sucht Gesellschaft sophischen Werk, das er in petto hatte.
in dem berühmten Kapitel über die und wird von ihr geplagt. Der In seinem Tagebuch notiert er zur sel-
„Metaphysik der Geschlechtsliebe“ dar- Philosoph rät zur Halbdistanz. ben Zeit: „Das Werk wächst wie das
gelegt. Dort schildert er mit erheblichem Kind im Mutterleibe. Ich seh es an und
satirischem Talent die Blamagen des spreche wie die Mutter: ,Ich bin mit der
Geistes, wenn er mit den Trieben und Umtrieben des Körpers Frucht gesegnet.‘ Zufall, Beherrscher dieser Sinnenwelt! lass
in Kollision gerät. Etwa bei der Sexualität. Die Genitalien mich leben und Ruhe haben noch wenige Jahre! denn ich liebe
nennt er den „eigentlichen Brennpunkt des Willens“. Dem mein Werk wie die Mutter ihr Kind.“
Bewusstsein stellt sich der Fortpflanzungstrieb als seelisches Dieses Werk kommt einige Jahre später, 1818, zur Welt und
Verlangen und Verliebtheit dar. Die Genitalien suchen sich, trägt den Titel „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Die Arbeit
und die Seelen glauben sich zu finden. „Diese Sehnsucht und daran und sein Erscheinen war der Lebenshöhepunkt dieses
dieser Schmerz der Liebe sind der Seufzer des Geistes der Gat- Einzelgängers, der 1788 als Sohn eines reichen Kaufherrn in
tung.“ Die postkoitale Depression ist dann die Desillusionie- Danzig geboren wurde.
rung der Seele, die sich irgendwie doch mehr von der ganzen Schopenhauer war ein leidenschaftlicher Mensch, und darum
Sache versprochen hat. blieb auch sein Wille zur Wahrheit leidenschaftlich. Als schließ-
In einer Zeit, die sich von Theorien über „egoistische Gene“ lich sein Hauptwerk 1818 erschien, glaubte er, seine eigentliche
und über die Reduktion des Geistes auf Gehirnfunktionen fas- Lebensaufgabe erfüllt zu haben.
zinieren lässt, müsste eigentlich eine Philosophie wie die scho- Er reist nach Italien, um in gehörigem Abstand abzuwarten,
penhauersche als höchst aktuell erscheinen. Doch etwas sperrt wie die Blitze seiner Gedanken einschlagen. Aber nichts ge-
sich dagegen. Zwar feiert man den Siegeszug der Biologie in schieht. Man ignoriert ihn über 30 Jahre. Schopenhauer musste
Technik und Wissenschaft, will ihn aber im allgemeinen öffent- Geduld haben, ein ganzes Leben lang Geduld. Und was nun
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Kultur

charakteristisch ist für seine Philosophie: Er konnte aus ihr Tier“. Ausdrücklich widerspricht Schopenhauer den Theorien,
Kraft ziehen. Er hielt seine Philosophie gerade darum für wahr, die in der Nachfolge Hegels vom Staat eine Verbesserung und
weil sie dem allgemeinen vernunftgläubigen Geschmack wi- Versittlichung des Menschen erwarten oder, in eher romanti-
dersprach. scher Gesinnung, im Staat einen höheren, gar völkischen Men-
schenorganismus sehen.

I
m Jahr 1850, nach dem Scheitern der 48er-Revolution, be- Für Schopenhauer ist der Staat nichts anderes als eine soziale
ginnt schließlich, was Schopenhauer die „Komödie meines Maschine, die im besten Falle die Egoismen bändigt und mit
Ruhmes“ nennt: ein behagliches Kokettieren mit der pessi- dem kollektiven Egoismus des Überlebensinteresses verknüpft.
mistischen Weltsicht dieses altertümlich gekleideten philoso- Er wünscht sich für diesen Zweck einen mit starken Machtmit-
phischen Eremiten, den man alle Tage seinen Spaziergang hin- teln ausgestatteten Staat, aber er soll eine Macht des Äußeren
über nach Sachsenhausen machen sieht, begleitet vom unver- bleiben, der sich an rechtsstaatliche Prinzipien hält. In der Ge-
meidlichen Pudel. In Frankfurt schreitet man zur nachahmenden sinnung und Denkweise seiner Bürger hat er nichts zu suchen
Anschaffung von Pudeln. Im Englischen Hof, wo Schopenhauer und anzuordnen. Ein starker Staat, aber ein abgemagerter Poli-
zu Mittag speist, hört man ihm begierig zu, liest ihn auch. Nicht tikbegriff. Schopenhauer warnt vor einem Staat mit Sinn-
lange vor seinem Tod im Jahr 1860 sagte er: „Die Menschheit stiftungsambitionen, vor einem Staat mit Seele, der dann wo-
hat einiges von mir gelernt, was sie nie vergessen wird.“ möglich nach der Seele seiner Bürger greift.
Man hat von ihm gelernt, aber oft ver- Mit Schopenhauers Menschenbild
gessen oder nicht wahrhaben wollen, lässt sich also durchaus die Idee von
dass er es war, von dem man lernte. Es Liberalität verbinden. Er plädiert für
war Schopenhauer, der zuerst jene später Meinungsfreiheit und Denkfreiheit, aber
von Freud sogenannten drei großen für eine starke Handlungshemmung.
Kränkungen des menschlichen Größen- Denn mit der Moral ist es nicht weit her.
wahns im Zusammenhang bedacht hat, Das Mitleid – für ihn die einzige authen-
Kränkungen, die zur Signatur des mo- tische Quelle der Moral – ist allzu selten.
dernen Welt- und Selbstbewusstseins ge- Deshalb kann man bei der Staatsbildung
hören. Die kosmologische Kränkung: Un- nicht auf Moral bauen, sondern muss
sere Welt ist eine der zahllosen Kugeln auf einen wohlverstandenen Egoismus
im unendlichen Raum, „auf der ein auf Gegenseitigkeit setzen.
Schimmelüberzug lebende und erken- Schopenhauer sah die Wirklichkeit in
nende Wesen erzeugt hat“. Die biologi- düsteren, vielleicht zu düsteren Farben.
sche Kränkung: Der Mensch ist ein Tier, Und so war ihm das „metaphysische Be-
bei dem die Intelligenz lediglich den dürfnis“ durchaus nicht fremd, auch
Mangel von Instinkten ausgleicht. Die wenn er tröstliche metaphysische Ant-
psychologische Kränkung: Das bewusste worten zurückwies.
BIFAB / PICTURE-ALLIANCE / DPA

Ich ist nicht Herr im eigenen Hause. Die Metaphysik, ob alltäglich oder spe-
Schopenhauer hat zu einer Zeit, die noch kulativ verstiegen, fragt bekanntlich nach
vom Vernunftglauben erfüllt war, mit dem Sinn des Ganzen. Weshalb strampeln
rationaler Erkenntnis das Nichtrationale wir uns ab, weshalb diese Tüchtigkeit, die-
der Lebensprozesse aufgedeckt, weshalb se Arbeitswut, dieses Laufen im Hams-
ihn Thomas Mann den „rationalsten Phi- terrad, dieser Fortpflanzungseifer? Was
losophen des Irrationalen“ nannte. Schopenhauer-Karikatur* soll das Ganze? Worauf läuft es hinaus?
Das ganze Programm der schopenhau- Schopenhauer gibt zu, dass sich diese Fra-
erschen Philosophie ist prägnant im Titel In Frankfurt schreitet man gen unvermeidlich stellen, erklärt aber
des Hauptwerks bezeichnet. Die Welt ist zur nachahmenden zugleich, dass sie sich nicht beantworten
unsere „Vorstellung“, und darüber hinaus, Anschaffung von Pudeln. lassen. Der Wille als Triebgrund will nur
ihrer Substanz nach ist sie „Wille“. Beide sich selbst, will seine Selbsterhaltung und
Begriffe können missverständlich sein. möglicherweise seine Selbststeigerung. Er
Für Schopenhauer ist „Vorstellung“ alles, was von der Au- ist auf keine übergreifenden Zwecke gerichtet. Es steckt nichts
ßenwelt im Bewusstsein erscheint und dort verarbeitet wird, dahinter als eben der blinde Lebenstrieb – heute würde man sa-
in der Alltagswahrnehmung, der Phantasie, der Spekulation gen: das egoistische Gen –, ein Trieb, der sich im Menschen mit
und in den Theorien. Diese von außen erfasste Wirklichkeit Verstand verbindet, der in der Regel auf das Kommando des Trie-
aber kann nicht alles sein. Es gibt noch einen zweiten Zugang. bes („Interesse“) hört und nur in seltenen Fällen sich von diesem
„Man ging nach außen in alle Richtungen, statt in sich zu Treiben losreißt und ihm aus Distanz zusieht, in der Kunst, in der
gehen, wo jedes Rätsel zu lösen ist.“ Dort findet man die von nüchternen Wissenschaft und in einer illusionslosen Philosophie.
innen erlebte Wirklichkeit am eigenen Leibe: Schmerz, Be- Für Schopenhauer ergibt sich Enttäuschendes: Das Leben will
gehren, Lust, Trieb. Sie nennt Schopenhauer „Wille“. nur sich selbst und sonst nichts. Es steckt nichts weiter dahinter.
Der Begriff „Wille“ bezeichnet nicht die rationale Absicht,

A
sondern den unersättlichen Trieb, das ruhelose Begehren. Der ber ist diese „Wahrheit“ wirklich so enttäuschend oder
Wille will nur sich selbst, will leben, überleben. Vor der Natur gar unerträglich? Sind wir denn nicht an solche Wahr-
des Willens müsste es uns eigentlich „grausen“. Da gibt es kein heiten inzwischen gewöhnt: die monströse Gleichgül-
bergendes Reich der Mütter. Wir können nicht mit einer Erde tigkeit leerer Räume, Materiegestöber darin und schwarze Lö-
befreundet sein, deren Zufallsprodukt wir sind und die mit cher; schwarze Löcher auch in der Seele und Neuronengewitter
unserem Tod das Leben der Gattung erhält. Die Natur ist kein in den Köpfen, das Fressen und Gefressenwerden in der Natur
Ort stiller Besänftigung, sondern ein dschungelhaftes Kampf- und dann noch die Geschichte als Gemetzel? Kann uns das
getümmel. Fehlen einer übergeordneten Sinn-Instanz noch schrecken?
Vor diesem Hintergrund entwickelt Schopenhauer dann auch Solche Einsichten scheinen doch inzwischen zur Innenausstat-
seine an Hobbes angelehnte Staatstheorie: Der Staat hängt tung des abgebrühten Abendländers zu gehören.
den „Raubtieren“ einen „Maulkorb“ um, so werden sie zwar
moralisch nicht besser, aber „unschädlich wie ein grasfressendes * Von Wilhelm Busch.
172 D E R S P I E G E L 3 8 / 2 0 1 0
Man wird überprüfen müssen, ob solche Einsichten wirklich Aber da gibt es eine große Schwierigkeit. Denn Verzicht
bis ins elementare Lebensgefühl durchgedrungen sind, ob wir und Askese müssen offenbar um ihrer selbst willen und nicht
nicht noch aus anderen, verschwiegenen Prämissen leben, ob mehr im Blick auf eine höhere Instanz, auf ein höheres Mandat
wir zwar kopernikanisch denken, aber gefühlsmäßig Ptolemäer vollzogen werden. Hochgesinnt und hochgemut sein auch ohne
geblieben sind. Vielleicht leben wir doch auf Kredit, fühlen Glauben an ein höheres Wesen – darauf käme es an. Das wäre
uns doch noch von einer Art Urvertrauen getragen. In seinem jene Einstellung, die Sloterdijk treffend „Vertikalspannung“
Tagebuch notierte der junge Schopenhauer einmal: „Tief im nennt. Daraus kann die Kraft zum Verzicht, zur Großzügigkeit,
Menschen liegt das Vertrauen, dass etwas außer ihm sich seiner zur Selbstdisziplin bis hin zur Askese kommen. Wenn man an
bewusst ist wie er selbst; das Gegenteil lebhaft vorgestellt, ne- keinen Gott mehr glaubt, übt man solche Tugenden seinem
ben der Unermesslichkeit, ist ein schrecklicher Gedanke.“ besseren Selbst zuliebe. Genau an diesem Punkt geht Scho-
penhauer über die Biologie hinaus: In der Kraft zur Überwin-

G
enau diesen „schrecklichen Gedanken“ hat Schopen- dung des selbstsüchtigen Willens liegt für ihn die Würde des
hauer zu denken versucht. Die Sinnstiftungsangebote Menschen beschlossen.
durch Metaphysik und Religion, für ihn eine Art Meta- Schopenhauer hat solche Willensüberwindung als gelöste,
physik für das Volk, weist er zurück. Wir werden, sagt er, um nicht zu sagen erlöste Augenblicke unvergesslich beschrie-
lernen müssen, ohne das dort angebotene Weltvertrauen zu ben. Aber hat er sie auch gelebt? Damit haperte es bekannt-
leben. Wir sind alleine. Der Himmel ist leer. lich. Ein Heiliger war er nicht, auch kein Asket. Er wurde auch
Was folgt daraus? Man könnte denken, dass es mit der Religion später nicht zum Buddha von Frankfurt. Es kam vor, dass er
jedenfalls vorbei ist. Doch nicht bei Schopenhauer. Das über- mit dem Spazierstock auf die Möbel schlug. Zur Rede gestellt,
rascht, und genau an diesem Punkt lässt sich von ihm lernen. Er bemerkte er knurrend: „Ich zitiere meine Geister.“ Aber dieser
hat eben nicht nur die biologische Wende in die Philosophie ge- Poltergeist hatte seine Augenblicke des „besseren Bewusst-
bracht, sondern mit seiner Philosophie der Willensverneinung seins“, wie er das nannte, und es blieb bei ihm immer ein Sta-
angeknüpft an die östliche Weisheit und die ihr entsprechenden chel zurück, wenn er wieder einmal nicht auf der Höhe seiner
Aspekte der christlich religiösen Kultur, an den Geist des Ver- Einsichten lebte. Und doch hat er recht mit seiner Philosophie
zichts und der Askese. Schopenhauer beschreibt die Verneinung der Überwindung des selbstsüchtigen Willens. Es geht nicht
des Willens als eine Wendung des Willens gegen sich selbst. anders. Wir müssen Verzicht und Askese lernen. Die Gier
Durch Selbsterfahrung klug geworden und durch Mitleid mit dämpfen. Wir müssen zurückrudern. Das wäre der Fortschritt,
dem Leidenscharakter der Welt vertraut, nimmt der Wille sich der an der Zeit ist. Schopenhauers Philosophie kann dabei
zurück und rüstet ab bei der Selbstbehauptung um jeden Preis. helfen.
Der Furor der Lebensgier, des Konsums, des Willens zur Macht
muss gedämpft werden. Es ist nicht nötig, im Einzelnen auszu- Rüdiger Safranski, 65, ist Philosoph und Schriftsteller. Zuletzt
malen, wie hilfreich heute eine solche Kultur der Askese und erschien von ihm in einer Neuausgabe sein Buch „Schopen-
des Verzichts sein könnte und wie dringend wir sie brauchen. hauer und die wilden Jahre der Philosophie“ (Hanser).
Kultur

Mehrzweckhalle nebenan, außer sonn-


tags, dann ist Gottesdienst. Am Ende
MUSIK
wird eine Aufführung unter freiem Him-
mel stehen, der Armand Diangienda, der

Götterfunke auf dem Hof Dirigent, mit Sorgen entgegensieht. Es


kann sein, dass ihm nicht gefällt, was da
erklingt. Es kann sein, dass es dem Publi-
kum nicht gefällt.
Der Dokumentarfilm „Kinshasa Symphony“ erzählt In seinem früheren Leben war der Ber-
vom einzigen Symphonieorchester Zentralafrikas und davon, wie liner Regisseur Wischmann, 43, klassi-
Beethoven und Händel das Elend erträglicher machen. scher Pianist. Vielleicht hat ihn auch des-

ANDREW MCCONNELL / PANOS (L.); BOISOT / LE FIGARO MAGAZIN / LAIF (R.)

Musiker des Orchestre Symphonique Kimbanguiste: Eine Musik, die im Kongo weder Tradition hat noch Prestige

D
er Sound des Elends ist sanft. Die Musik, die im Kongo weder Tradition hat halb die Idee der RBB-Redakteurin Petra
Stimmen spielender Kinder, Ge- noch Prestige, etwas so Fernes wie Eis- Schmitz sofort überzeugt, die Arbeit des
spräche von Frauen unter sich, von stockschießen und Golf. Der Film wird einzigen Symphonieorchesters Zentral-
Männern, die auch etwas sagen, im Halb- ihr und den anderen Musikern am nächs- afrikas zu dokumentieren.
dunkel der Wohnung von Nathalie Bahati ten Tag hier zum ersten Mal gezeigt. Schmitz hatte 2006 von einem Bundes-
in der Avenue Yassa. Geräusche von Wrin- Auf der Hauptstraße rasseln die Die- wehrsoldaten erfahren, dass man zum
gen und Klopfen, das Pochen nackter Füße selmotoren der Busse, verbeult und rostig, Friedenseinsatz in Kinshasa Instrumente
auf festgetretenem Schlamm, das Kratzen mit Öffnungen, wo einmal Türen waren. mitnehmen wolle: Das dortige Laienor-
eines Löffels auf Blech. Bahatis Sohn Dan Die ambulanten Waffelbäcker, die Frau- chester sei von den Plünderungen bei den
spielt mit Spielzeugautos und brummt en, die in Körben Baguettes auf dem Kopf letzten Unruhen stark mitgenommen,
dazu. Eine Freundin summt Bahatis Toch- transportieren, die Männer, die 30 Eier- man spiele mit Flöten aus PVC-Röhren,
ter in den Schlaf, der Säugling heißt Bel- kartons balancieren und beide Hände in die man Löcher bohre. Wischmann
meande. Bahati hat den Namen in einem zum Geldwechseln frei haben, rufen ihre und Kameramann Baer, 47, flogen nach
Heiligenkalender gefunden, ihr gefiel sein Angebote aus. Jeder hat seinen Sound: Kinshasa und verfielen den Sounds der
Klang. Der Mann mit dem Kanister Benzin Stadt und des Orchesters, der Tapferkeit
Sie ist 34 Jahre alt und Flötistin, eine klatscht in seinem Rhythmus, die Hand- seiner Musiker und der grotesken Poesie
von mehr als 200 Musikern, die den werker lassen in Pappkartons Kieselstein- des Unternehmens. „Wie der Hirsch
Sound Kinshasas um eine Variante berei- chen gegeneinanderrasseln, der Schuh- schreit nach frischem Wasser, so schreit
chern: Im Land des polyphonen Grooves putzer klopft mit dem Bürstenrücken auf meine Seele, Gott, zu dir“ – der 42. Psalm
aus Afrobeat und Pop, aus Rumba und seine Fußablage. Eine große Schule des in der Vertonung von Felix Mendelssohn
Reggae spielt das Orchestre Sympho- Hörens in einer Welt fast ohne optische Bartholdy, betörend geschmettert von der
nique Kimbanguiste europäische Klassik, Reklame; wer hier etwas verkaufen will, Choristin Mireille Kinkina in einer Mehr-
ungebeten, ungefragt, aber unermüdlich. setzt sich akustisch durch. zweckhalle aus Beton, wie ist diesem
Über die letzte große Aufführung und Um die Ecke, hinter einem manns- Schrei zu widerstehen? Und wie dem Bild
wie es dazu kam, gibt es jetzt einen deut- hohen leuchtend grünen Plastikverschlag eines Cellisten, der sein Instrument bar-
schen Film. Er heißt „Kinshasa Sympho- ertönt europäische Kakophonie. Ein klei- füßig über Pfützen und Starkstromkabel
ny“ und kommt am 23. September in die ner Chor singt unermüdlich die schwieri- im Schlamm balanciert? Wie dem spie-
Kinos. Der Film von Claus Wischmann gen Worte „Freude, schöner Götterfun- gelnden Glanz einer Tuba zwischen
und Martin Baer kreist um das Rätsel, ken, Tochter aus Elysium“ im strengen, schwelenden Abfallhaufen, wie der Zeile
was Menschen wie Bahati dazu bringt, in treibenden Rhythmus Beethovens, wäh- „Alle Menschen werden Brüder“, mit
einer der ärmsten Metropolen der Welt rend vier Violinisten eine Passage Mozart Kreide auf eine Schultafel im Slum ge-
auf langen, chaotischen Wegen nach ei- tranchieren: nach fünf Takten Wiederho- malt?
nem harten Arbeitstag auf einem brut- lung und dann noch einmal von vorn. All diese Szenen finden sich in dem
heißen Hof zu sitzen und über Stunden Hier wird an jedem Nachmittag, den Gott Film „Kinshasa Symphony“, der auf jede
Händel und Orff zu üben. Eine Art von werden lässt, geprobt, bei Regen in der Art Volkshochschule verzichtet und sich
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auf die Impression von Bildern, Musik ten Künstler der Welt und Pavarotti sein Putschversuche, diverse Krisen und einen
und Lebensgeschichten verlässt. Vorbild. Sein Traum ist das große Solo. Krieg überstand.
Die Geschichte des Orchesters wird in Wamba ist androgyn schön, von tän- Diangiendas Großvater Simon Kimban-
„Kinshasa Symphony“ nur in Andeutun- zerischer Beweglichkeit und mit einer Be- gu, Märtyrer im Kampf gegen die belgi-
gen erzählt. Dirigent Diangienda, 46, be- gabung zum Enthusiasmus gesegnet: Für sche Kolonialmacht, starb nach 30 Jahren
gann vor gut 16 Jahren mit vier Violinen, Wamba ist, wie für die meisten, die klas- Haft in seinen Ketten, seine Bibelausle-
einem Kontrabass und zehn Laien aus sische Musik auch die Erfahrung von Re- gung und Prophezeiungen bilden das spi-
der christlichen Kimbanguisten-Gemein- ligion. Ein spirituelles Erlebnis von der rituelle Rückrat der Kimbanguisten, einer
de. Chor und Orchester haben zur 50- Überzeugungskraft, die mönchische Chö- machtvollen christlichen Kirche, die allein
Jahr-Feier der Demokratischen Republik re im europäischen Mittelalter entfalteten, im Kongo mehr als fünf Millionen An-
Kongo Beethovens Ode „An die Freude“ als Gott und die Schönheit noch eine Ein- hänger hat. Diangienda selbst war Pilot,

FOTOS: MARCUS BLEASDALE / VII

Dirigent Diangienda, Orchestermusiker: Der Traum vom großen Solo

und Orffs „Carmina Burana“ aufgeführt, heit waren. Allein die Erfahrung des Fort- bis die Berufung ihn packte: Ein Flugzeug,
am Ende von etwa 3000 Zuschauern be- schritts, die tägliches Üben mit sich bringt, das er hätte steuern sollen, stürzte ab,
jubelt. Der Film konzentriert sich auf den ist auch eine der Selbstachtung und der fortan verschrieb er sich Religion und Mu-
Alltag und die Träume Einzelner, er folgt Macht: In einer Umgebung von Willkür sik. Er führt seine Gemeinde, inzwischen
dem Weg der Gruppe hin zum großen und Korruption ist die Kontrolle über ei- eine Abspaltung der Kimbanguisten,
Tag der Jubiläumsaufführung. „Kinshasa nen Triolenlauf ein kleiner Triumph. komponiert und betreibt sein eigenes
Symphony“ spart die Misere nicht aus: Das Loch aus Beton, dessen Besichti- Tonstudio. Verheiratet mit einer Botschaf-
Wo man gerissene Geigensaiten durch gung so erheiterte, bezog Bahati schließ- tertochter, mehrsprachig und weitgereist,
Fahrradbremszüge ersetzt und eine Glo- lich nicht. Sie lebt jetzt in einem anderen. ist er ein Mitglied der Oberschicht, das
cke aus Altmetall baut, kann der Sound Im Sommer 2010 ist die Avenue Yassa inmitten der Armut residiert.
dem der Berliner Philharmoniker nicht ihre vierte Adresse binnen zwei Jahren. Am Tag nach dem Public Viewing des
wirklich ähnlich sein. Während der ersten Dreharbeiten musste Films üben die Musiker in Diangiendas
Nun sitzen 400 Männer, Frauen und sie kündigen, weil der Vermieter nach Hof, wie üblich zwischen temperament-
Kinder im Saal des Hotel Venus in Kin- dem Besuch der Weißen mit der Kamera vollen Hühnern. Der Instrumentenbauer
shasa vor einer schnell zusammengezim- die Miete um 20 Dollar erhöhte, denn sie Albert Matubanza, Autodidakt wie alle,
merten Leinwand und warten auf den eu- habe ja „reiche Freunde“. Sie kam bei prüft mit sachlichen Händen und mitfüh-
ropäischen Blick. Sie werden endlich den entfernten Verwandten unter, bis sie die lendem Blick einen von Holzkäfern an-
Film sehen, in dem sie die Hauptrollen nächste Bleibe hatte und wieder verlor, gefressenen Kontrabass. Der Elektriker
spielen. Regisseur Wischmann und sein weil bei dem nächsten Dreh die Weißen Joseph Lutete balanciert oben am Strom-
Kameramann Baer stehen am Rand. Zwei sie wieder besuchten: Als am Tag darauf mast und knipst an den Leitungen herum,
Jahre hatten sie die Macht über Bild, Ton bei Nachbarn eingebrochen wurde, gab bevor die Probe beginnt und er zur Brat-
und Schnitt; jetzt liefern sie sich aus – man ihr die Schuld. Die Diebe hätten sich sche greift. Heute steht kongolesische
dem afrikanischen Blick. wohl in der Adresse geirrt. Volksmusik auf dem Programm, von
Das Dunkel ist von Glucksen und La- Bahati lebt von Hochzeitsdekorationen Diangienda arrangiert, ein Sound wie
chen erfüllt, als fünf Minuten vergangen – kleinen Gebinden aus Plastikblumen, Gershwin in Afrika. Doch man beginnt
sind. Die Szene, in der die Flötistin Bahati Tischschmuck für das Festmahl des Le- mit Händel. Der Hof Diangiendas ist ein
eine Wohnung besichtigt und der Makler bens. Eine Glühbirne hängt unter dem irdischer und ein jenseitiger Ort. Hier
ein Loch aus Beton als „Salon“ bezeichnet, Wellblechdach, Wasser und die Latrinen walten Ordnung und Disziplin. Hier fin-
löst Lachsalven aus. Ernst wird es, als die gibt es am Ende der Straße. Die Strom- det die Mühsal statt, von der Simon Kim-
Musiker im Film eine Antwort auf die Fra- versorgung ist vom Zufall abhängig. bangus Lehre sagt, dass sie zur Erlösung
ge versuchen, warum sie tun, was sie tun. Das Anwesen des Dirigenten ist in ei- führt: zu jenem Zustand, in dem der Afri-
„Wenn ich singe, dann bin ich weit fort“, nem kühlen Grün gehalten, der Farbe sei- kaner ein Mensch ist, wertvoll wie ein
sagt die Choristin Mireille Kinkina im Film, ner Religion. Hier wird die Unwahrschein- Europäer. In dem aller Jammer ein Ende
„in einer anderen Welt.“ Der Tenor Trésor lichkeit ins Werk gesetzt: das Sympho- hat und die Verheißung sich schließlich
Wamba nennt Michael Jackson den größ- nieorchester der Kimbanguisten, das zwei erfüllt. ELKE SCHMITTER

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Kultur

war von dem Germanisten Stefan Sien- In den Akten selbst findet sich, bis auf
AU TO R E N
erth gefunden worden. Sienerth ist Di-
einen Bericht eine Kulturfunktionärin be-

Auch du, mein rektor des Instituts für deutsche Kultur


und Geschichte Südosteuropas an der
treffend, kein belastendes Material. Pastior
jedoch war vor allem auf Besucher aus
Ludwig-Maximilians-Universität in Mün-
dem Westen angesetzt – und diese Akten

Freund chen. Herta Müller, mit diesem Fund kon-


frontiert, empfand erst „Erschrecken,

nahme“ und „Trauer“.


sind, weil der Auslandsgeheimdienst für
sie zuständig ist, nicht öffentlich. Es findet
auch Wut“, so sagte sie, dann „Anteil-
sich, so sagt es der Germanist Sienerth,
auch kein einziger Versuch Pastiors, dem
Oskar Pastior, Vorbild für den
Erschrecken, Wut, Anteilnahme, Trau-
rumänischen Geheimdienst die Mitarbei-
Roman „Atemschaukel“ der er, das ist sehr viel auf einmal. Herta
terschaft aufzukündigen. Das Ende seiner
Nobelpreisträgerin Herta Müller, Müller erklärte es in einem Interview mit
IM-Tätigkeit kam, als er 1968 nach Öster-
wurde als Spitzel enttarnt. der „Frankfurter Allgemeinen“: Natür-reich und in die Bundesrepublik reisen
Muss das Buch neu gelesen werden? durfte und nicht zurückkehrte.
lich sei es schrecklich, wenn man von je-
mandem, den man zu kennen glaubte, Ernest Wichner, langjähriger Freund

S
ie hatte sich hineingeschraubt in sein Pastiors und Herausgeber seiner Werk-
etwas Dunkles, kaum Fassbares erfahre,
Leben, monatelang, jahrelang. Erst ausgabe, sagt: „Ich weiß schon lange, dass
etwas, was einem nie anvertraut wurde.
haben sie zusammen gearbeitet, irgendetwas war.“ Er habe im Sommer
Dann aber habe sie sich darauf besonnen,
Herta Müller und ihr enger Freund Oskar des vergangenen Jahres im Marbacher Li-
wie verletzbar, erpressbar Pastior gewe-
Pastior, um ihn sollte es gehen, seine Ge- sen sei: ein Homosexueller in einem teraturarchiv dessen Nachlass ausgewer-
schichte wollten sie erzählen, wie er als tet und darin Notizen gefunden, in denen
Staat, der Homosexualität mit mehreren
junger, rumäniendeutscher Schwuler ge- Pastior sich gefragt habe, was passieren
Jahren Haft ahndete. Daher: Anteilnah-
gen Ende des Zweiten Weltkriegs in ein me, Trauer. werde, wenn man seine Akte finde. Man
sowjetisches Lager kam, welches dürfe nicht vergessen, dass Pastior
Grauen er da durchlebte. Als der selbst als tendenziell regimekriti-
Freund 2006 gestorben war, hat sie scher Dichter jahrelang „von allen
allein an dem Buch weitergearbei- Seiten“ bespitzelt worden sei und
tet, sie hatte ihn zum Ich-Erzähler sich bei seiner Einreise bundes-
gemacht – eine größere Nähe gibt deutschen Behörden wohl offen-
es nicht als die einer Schriftstelle- bart habe.
rin zu ihrer Hauptfigur. Und was ist mit der Literatur,
Das Buch „Atemschaukel“ er- mit „Atemschaukel“? Müller er-
schien im Sommer vergangenen zählt darin ganz ohne Idealisie-
Jahres, wenig später wurde be- rung von Pastiors Schicksal, ohne
kannt, dass Herta Müller den Lite- Vereinnahmung, ohne Heldenkult.
raturnobelpreis bekommen sollte. In ihrer grandiosen Einfühlungs-
Plötzlich war sie raus aus der li- leistung gibt es keine Idyllen, keine
terarischen Nische, plötzlich kann- schönfärberische Taktik, sondern
te man sie auf der ganzen Welt, poetische Radikalität.
wusste von ihrem Leben, wie sie Wer einen verstorbenen Men-
als Rumäniendeutsche bei den Ba- schen ins Leben zurückdichtet,
nater Schwaben aufgewachsen war, muss viel wissen, aber nicht alles.
wie sie, von der Securitate bespit- So merkwürdig es ist, in dem Fall
zelt und drangsaliert, 1987 in die dieser verheimlichten oder ver-
Bundesrepublik ging und hier schwiegenen Spitzelverpflichtung
weiterschrieb, Buch um Buch, 15 zählt wohl nicht die äußere, son-
Stück, mit denen sie die Anerken- dern die innere Wahrheit der
nung der Kritiker, aber nie das gro- Kunst. Eine Selbstbezichtigung hät-
ISOLDE OHLBAUM

ße Publikum gewonnen hatte. te daran nichts geändert.


Die „Atemschaukel“ wurde, na- Am Freitagabend vergangener
turgemäß, zum Bestseller und die Woche wurde im Berliner Litera-
Hauptperson, die so sehr Oskar Freunde Müller, Pastior 2006: Verheimlicht oder vergessen? turhaus eine Ausstellung über das
Pastior, Müllers engem und ver- Leben von Herta Müller eröffnet,
storbenem Freund nachempfunden mit Fotos, Manuskripten, Collagen
war, zum Freund der Leser, die und ihrer 900-seitigen Opferakte
ebenfalls hineinkrochen in sein bei der Securitate. Müller stand im
Schicksal, mit ihm litten, ihn vor Regen, tief in Schwarz gekleidet.
sich sahen in seinem Lagerdasein. Sie sagte: „Ich muss mich von Os-
Am Ende vergangener Woche kar Pastior nicht distanzieren. Und
ging eine Meldung durch das Land ich habe einen Menschen so lieb,
der Literaten, die ihnen den wie ich ihn vorher hatte.“ Dann
Schreck in die Glieder schickte: fügte sie, die als große Wortschöp-
BOGDAN CRISTEL / REUTERS

Auch du, mein Freund. Es wurde ferin gilt, noch einen Satz hinzu.
bekannt, dass ebenjener Lyriker Es war nur ein Versprecher, eine
Oskar Pastior seit 1961 als Spitzel Kreuzung zwischen tragisch und
der Securitate geführt wurde, traurig. „Es ist eine traugische Ge-
Deckname: Otto Stein. Seine Akte schichte.“ SUSANNE BEYER,
NIKOLAUS VON FESTENBERG,
ELKE SCHMITTER
* Für die Öffnung der Securitate-Akten. Demonstration in Bukarest 2003*: Im Reich der Akten

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Kultur

SPI EGEL-GESPRÄCH

„Das Durcheinander des Lebens“


Der britische Schriftsteller Ian McEwan über seinen neuen Roman „Solar“, explosionsartige
Sexszenen, politische Botschaften und seine Erkenntnis, dass Atomkraft eine Lösung ist
SPIEGEL: Mr. McEwan, Ihr neuer ist wirklich amüsant, während
Roman „Solar“ erzählt von der wir hier die Rettung der Welt
drohenden Klimakatastrophe*. entwerfen, gelingt es uns nicht,
Ist das ein Thema für einen Ordnung im Raum nebenan zu
Roman? halten. Mir fiel mein Nobel-
McEwan: Obwohl ich seit Mitte preisträger wieder ein. Aus die-
der neunziger Jahre ein wach- sen Beobachungen entwickelte
sendes Interesse am Klimawan- sich der Roman.
del habe, konnte ich mir lange SPIEGEL: Ihr Held in „Solar“
nicht vorstellen, wie das Thema heißt Michael Beard. Als der
in einem Roman lebendig wer- Roman einsetzt, ist er Anfang
den könnte. Erst nach „Abbit- fünfzig. Bereits als junger Mann
te“ und „Saturday“ hatte ich hat Beard den Nobelpreis er-
mehr Selbstvertrauen, was den halten, mittlerweile leitet er ein
Umgang mit großen Themen- Institut für erneuerbare Ener-
feldern angeht. Ich fing an, Kli- gien. Und er wird von seiner
makonferenzen zu besuchen. Ehefrau, seiner fünften, betro-
SPIEGEL: Hatten Sie da schon die gen. Diese Erfahrung macht er
Idee zu „Solar“ im Kopf? zum ersten Mal, bisher hat
McEwan: Nein, anfangs dachte Beard die Frauen betrogen. Er
ich noch nicht an einen Roman. ist überhaupt unersättlich, was
Zwischen der Arbeit an meinen Frauen und auch was das Essen
Büchern gehe ich oft zu wissen- angeht. Warum ist Ihr Held so

GERAINT LEWIS
schaftlichen Vorträgen, einfach unsympathisch?
aus Neugier. Ich treffe dort in- McEwan: Es ist immer schwierig,
teressante Leute, einmal war keinen positiven Helden zu ha-
der deutsche Physiker Hans ben. Und Michael Beard ist ein
Joachim Schellnhuber darunter. Ian McEwan Dummkopf. Aber ich hoffe,
Er lud mich zu einer Tagung lebt in einem Townhouse im Zentrum von London, nicht weit von dass seine Cleverness die Leser
nach Potsdam ein. Lauter No- King’s Cross. Er gehört zu den bekanntesten Schriftstellern Englands. neugierig macht. Egal wie weit
belpreisträger. Ich sollte nach Im Mittelpunkt seines neuen Romans „Solar“ steht der Klimafor- wir mit den ästhetischen Dis-
dem Abendessen eine kleine scher Michael Beard, der zwar Nobelpreisträger ist, aber als Physiker kussionen über Literatur im 20.
Rede halten. Da saß ich also in seit Jahrzehnten nichts Großes geleistet hat. Durch einen Todesfall, Jahrhundert gekommen sind,
einem Raum mit 30 oder 40 an dem er nicht unschuldig ist, gerät Beard an die Ideen eines Kolle- wir haben am liebsten einen
Männern, nur Männern, die ei- gen zur künstlichen Fotosynthese und macht sich diese zu eigen. Helden, der unsere besseren
nen Nobelpreis hatten, und ich „Solar“ ist nach „Saturday“ ein weiterer Roman, in dem McEwan, 62, Seiten repräsentiert. Ich weiß,
meinte einen Hauch von Tra- der in den siebziger Jahren mit Kurzgeschichten bekannt wurde, ein dass manche Leser „Solar“
gödie zu beobachten, eine amü- tagespolitisches Thema aufgreift. nicht mögen, weil sie Michael
sante Tragödie, die vielleicht Beard nicht mögen. Mir hat er
nur eine Projektion von mir Spaß gemacht. Sein katastro-
war. Die Arbeiten, für die diese Super- McEwan: Ich fuhr 2005 mit einer Gruppe phales Liebesleben, seine katastrophale
alphamänner ausgezeichnet worden wa- Künstler in die norwegische Arktis. Wir Gesundheit.
ren, lagen schon einige Zeit zurück. Viele lebten auf einem Schiff, das im Eis einge- SPIEGEL: Ist Beard, der Mann, der zu kei-
von ihnen bekleideten mächtige Positio- froren war. Es war eine wunderschöne nem Genuss nein sagen kann, eine Para-
nen, leiteten Institute, es waren berühmte, Landschaft, eiskalt, ich bin viel gewandert. bel auf unseren Umgang mit der Natur?
interessante, intellektuelle Männer, aber Abends saßen wir im Bauch des Schiffs McEwan: Ich habe im Stil einer düsteren
womöglich waren sie keine richtigen Wis- und führten Gespräche über den Klima- Komödie einen Charakter entworfen, der
senschaftler mehr. Und plötzlich tauchte wandel. Wir sprachen darüber, was sich mehr und mehr Chaos produziert. Das-
eine Idee in meinem Kopf auf: ein Held ändern müsste. Und während wir zum Teil selbe Chaos war während der Klimakon-
im Schatten seines Nobelpreises. So habe sehr idealistisch diskutierten, fiel mir et- ferenz in Kopenhagen zu beobachten, wo
ich begonnen. was auf, das mich erheiterte. Nebenan war die Wissenschaft und die Vernunft gegen
SPIEGEL: Und wie kamen der Held, der No- so eine Art Stiefelkammer, in der wir un- selbstsüchtige Standpunkte und kurzsich-
belpreis und der Klimawandel zusammen? sere Anoraks und Boots unterbrachten. tiges Denken gekämpft haben. Auch
Und je weiter die Woche voranschritt, des- Michael Beard arbeitet mit seinem Appetit
* Ian McEwan: „Solar“. Aus dem Englischen von Werner to größer war das Chaos in dieser dunklen gegen seine eigenen Interessen. Ich glau-
Schmitz. Diogenes Verlag, Zürich; 416 Seiten; 21,90
Euro. Erscheint am 28. September. Kammer; es war unmöglich, sein eigenes be, kaum jemand von uns ist sehr gut dar-
Das Gespräch führte die Redakteurin Claudia Voigt. Zeug wiederzufinden. Ich dachte mir: Das in, den materiellen Angeboten des Wes-
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tens zu widerstehen. In den britischen Zei- SPIEGEL: Ihre Freude an dem Leben, wie mir sicher kein Vergnügen, aber die Din-
tungen war gerade viel über den giganti- wir es in der westlichen Welt heute leben, ge enden nicht gut für Michael Beard,
schen Plastikmüllteppich auf dem Pazifi- liest man deutlich aus Ihrem Roman „Sa- und mit der Klimakonferenz in Kopen-
schen Ozean zu lesen. Angeblich verbrau- turday“ heraus. Damals war Ihr Thema hagen endeten sie auch nicht gut für all
chen wir pro Person heute zehnmal so die Gefährdung unseres Lebensstils durch jene, die der Klimawandel beschäftigt.
viel Plastik wie 1970. Wir sind ungeheuer die Anschläge vom 11. September. „So- Es sollten jetzt viele Romane zu diesem
großzügig und gedankenlos geworden im lar“ ist ebenfalls ein Roman mit einem Thema geschrieben werden. Denn es gibt
Umgang mit unserem Appetit. politischen Hintergrund. Wie tagespoli- konservative Politiker in den Vereinigten
SPIEGEL: Um die Klimakatastrophe zu be- tisch darf ein Roman sein? Staaten oder Blogger, die uns glauben
kämpfen, müssten wir uns enorm zügeln. McEwan: Auch wenn meine Romane einen machen wollen, dass der Klimawandel
Und unser Verzicht wäre ein Verzicht für politischen Hintergrund haben, bin ich nicht stattfindet oder dass er eine Idee
die nachfolgenden Generatio- der Sozialisten sei, um Regie-
nen. Sind wir dafür nicht viel rungen mehr Macht zu ver-
zu egoistisch? schaffen.
McEwan: Es geht eindeutig ge- SPIEGEL: Also doch ein Roman
gen unsere Natur, Menschen ei- mit einer politischen Botschaft?
nen Gefallen zu tun, die wir McEwan: Es geht darum, dem et-
niemals treffen werden. Das ist was entgegenzusetzen. Es geht
eine große Herausforderung für um Deutungshoheit. Diese
uns. Aber etwas gegen den Kli- Machtkämpfe allein wären
mawandel zu unternehmen be- schon wieder ein Roman.
deutet ja nicht, wie im Mittel- SPIEGEL: Sollte die Literatur sich
alter zu leben. Es ist zugleich an so einem Machtkampf be-
viel einfacher und viel schwie- teiligen?
riger: Wir brauchen mehr sau- McEwan: Meiner Meinung nach
bere Energie. Solarenergie, ja. Aber ich bin der Letzte, der
Windenergie, aber auch – und sagt, was Literatur sollte. Lassen
hier habe ich meine Meinung Sie mich eine Geschichte erzäh-

GETTY IMAGES
geändert – Atomkraft. len. In den achtziger Jahren war
SPIEGEL: In Deutschland gibt es i