You are on page 1of 214

Werbeseite

Werbeseite
DAS DEUTSCHE NACHRICHTEN-MAGAZIN

Hausmitteilung
9. Februar 2002 Betr.: Titel, Zentralasien

D en größten Wurf seiner bisherigen Forscherkarriere bekommt der Biochemiker


Erwin Bischoff, 58, nur selten zu Gesicht: Die neuen Potenzpillen der Bayer AG,
die Bischoff maßgeblich entwickelt hat, sind unter Verschluss. Für SPIEGEL-Titel-
autor Jörg Blech, 35, jedoch ließ Bayer ausnahmsweise zehn der die Manneskraft stär-
kenden Tabletten in Bischoffs Labor im Pharmaforschungszentrum Wuppertal brin-
gen – unter strenger Bewachung, versteht sich.
Mit dem Markennamen Nuviva soll das apriko-
senfarbene Medikament Anfang nächsten Jah-
res auf den Markt kommen und dem bisherigen
Monopolisten Viagra Konkurrenz machen. Den
Bayer-Betriebsrat erregt der Penis-Aufrichter
RONALD FROMMANN

schon jetzt. „Erstmals in der Firmengeschichte


soll eine Überwachungskamera Angestellte des
Unternehmens bei der Arbeit filmen – damit
sich niemand die Potenzpillen heimlich in die
Bischoff, Blech Tasche steckt“, sagt Wissenschaftsredakteur
Blech. Auch andere Pharmafirmen haben in-
zwischen anregende Mittel in der Pipeline. „Viele der neuartigen Substanzen sollen
die Lust auf Sex direkt im Gehirn wecken“, so Blech, „erstmals werden jetzt auch
Stoffe getestet, die das Begehren der Frau verstärken sollen“ (Seite 184).

Z ehntausende Touristen reisen jährlich nach Nepal, doch bald könnte es mit den
friedlichen Trekkingtouren in dem pittoresken Königreich vorbei sein. SPIEGEL-
Redakteur Carsten Holm, 46, registrierte eine wachsende Verunsicherung bei den Ein-
heimischen: „Vielerorts herrscht Angst vor Anschlä-
gen maoistischer Guerrilleros.“ So begegnen Reisende
auf den schmalen Wanderpfaden im Himalaja immer
häufiger Soldaten auf der Suche nach Untergrund-
milizionären, Hoteliers klagen über bewaffnete Mao-
isten, die in Bergsiedlungen Schutzgelder erpres-
sen. „Noch gilt das Land zwar für Touristen als
sicher“, so Holm, „das kann aber schnell umschlagen“
(Seite 146). Eine Krisenregion mehr in Zentralasien,
wo es nach dem Afghanistan-Krieg auch in den frühe-
ren Sowjetrepubliken gärt. Ursachen sind meist bittere
Armut und der Aufzug amerikanischer Militärs, die im
Kampf gegen den internationalen Terrorismus Stütz-
punkte errichtet haben. „Vor allem junge Menschen
sympathisieren inzwischen stark mit dem islamischen
Fundamentalismus“, sagt der Moskauer SPIEGEL-
Korrespondent Uwe Klußmann, 40, der die Region
bereist hat und sich mancherorts schon ins Reich der
Taliban versetzt fühlte (Seite 132). Wie deren Nach-
lass in Afghanistan aufgeräumt wird, hat SPIEGEL-
Reporter Alexander Smoltczyk, 43, beobachtet. In
Kabul ging er den Spuren des langsam wieder kei-
menden Kulturlebens nach. „Mit wenig Geld lässt
sich hier viel schaffen“, sagt Smoltczyk: „Fünfzig
THOMAS GRABKA

Dollar – und der Theaterdichter kann zwei neue


Stücke schreiben. Hundert Dollar – und das freie
Medienzentrum kann eine Woche lang Seminare
anbieten“ (Seite 164). Holm (o.), Smoltczyk

Im Internet: www.spiegel.de d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 3
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
In diesem Heft
Titel
Wettlauf um Super-Viagra – die neuen
Sexpillen aus den Pharmalabors ..................... 184
Orgasmus-Beratung für lustlose Frauen .......... 190 Schröder attackiert Brüssel Seiten 22, 24
In Sonntagsreden präsentiert sich der Kanzler gern als überzeugter Europäer. Seit je-
Deutschland doch ein blauer Brief der EU-Kommission wegen zu hoher Staatsschulden droht, sieht
Panorama: Entmachten die USA die Nato? / Gerhard Schröder in
Nutzloser Lauschangriff / Brüssel finstere Mächte
Deutscher Satellit stürzt auf die Erde ............... 17 am Werk – vor allem in
Regierung: Schröder legt sich mit Brüssel an .. 22
Wer ist der deutsche EU-Beamte, der den blauen Gestalt eines deutschen
Brief an seine Landsleute formuliert hat? ......... 24 EU-Beamten. Doch der
Haushalt: Rot-grünes Gezänk um Mann tut nur seine
Milliardensubventionen für den Transrapid....... 26 Pflicht. Hinter den Ku-
Union: Edmund Stoiber auf Tour lissen versucht Berlin
im deutschen Osten........................................... 27 derweil, bei den EU-
NPD: Wie Berlin die V-Mann-Schlappe im Partnerländern eine

OLIVER STRATMANN / DPA


Verbotsverfahren ausbügeln will ...................... 28
Beschäftigung: Die geschönten Bilanzen Mehrheit gegen den un-
der Arbeitsämter haben Methode .................... 30 erwünschten Mahnbrief
Diplomatie: Die Bundesregierung zu mobilisieren.
will mehr Deutsche in internationalen
Organisationen unterbringen............................. 32 Kanzler Schröder
Thüringen: DDR-Vergangenheit belastet
CDU-Kronprinz Dieter Althaus ....................... 34
BSE: Gefährlicher Pfusch bei Rindfleischtests ... 38
Essay: Peter Glotz über
den Wirtschaftswahlkampf ............................... 40
Zeitgeschichte: Historiker erforschen die
Geheimnisse der Wannseekonferenz ................ 48
„Sizilianische Verhältnisse“ Seite 56
Wie das einzige erhaltene Seit Jahren pflegt der Klinik-Groß-
Konferenzprotokoll gefunden wurde ................ 50 unternehmer Ulrich Marseille die poli-
Hauptstadt: Das Mauermuseum tische Landschaft mit Parteispenden –
am Checkpoint Charlie wird geplündert .......... 54
Karrieren: Der umstrittene
nun will er selbst an die Macht: als Spit-
Klinik-Magnat Ulrich Marseille kandidiert zenkandidat der Partei des Rechts-
CHRISTIAN DITSCH / VERSION
für die Schill-Partei in Sachsen-Anhalt ............. 56 populisten Ronald Schill in Sachsen-
Bestatter: Kirchenmänner wollen ins Anhalt. Sollte er Erfolg haben, drohen
Geschäft mit den Toten einsteigen .................... 61 „Verhältnisse wie in Sizilien“, warnt ein
Kritiker. Denn um seinem Konzern
Medien staatliche Millionen zu verschaffen,
Trends: Interview mit dem Pornoproduzenten nutzt Marseille alle Tricks, Gegner wer-
Berth Milton über seinen geplatzten Börsengang / Schill, Marseille den massiv unter Druck gesetzt.
Neue Strategien im ZDF-Intendantenstadl ....... 65
Fernsehen: Nachrichtensender CNN
verliert Zuschauer / Starker
Start für Anwaltsreihe „Edel & Starck“ ........... 66
Vorschau / Rückblick ....................................... 67
Sportfernsehen: Bei den großen Events der
nächsten Monate darf kein kritischer Unterton
Rabatte ködern Kunden Seiten 90, 91
der Berichterstatter die Inszenierung stören .... 68 Eifrig wie nie umgarnen die Handels-
Sport-Experte Werner Schneyder über konzerne Verbraucher mit Rabatten und
den Niedergang journalistischer Ideale ............ 70 Bonusprogrammen. Millionen Bundes-
Karneval: Das Quasi-Monopol von ARD und
ZDF auf den TV-Fasching ................................. 74 bürger haben sich schon als Schnäpp-
chenjäger registrieren lassen und kaufen
mit einer von rund 300 Kundenkarten
CHRISTIAN AUGUSTIN

Wirtschaft
Trends: Bundesregierung will Tariftreuegesetz ein. Gleichzeitig beschweren sich Kon-
ändern / Flughafen Frankfurt sumenten seit Jahresbeginn bei den
streitet mit Lufthansa / Deutsche Bank Verbraucherzentralen über angeblichen
über Schrempp verärgert .................................. 79 Preiswucher: Euro oder Teuro?
Geld: Auslandsimmobilien immer beliebter /
Mario Ohoven muss sich „vorsätzliche Einkauf mit Kundenkarte
Fehlinformation“ vorwerfen lassen ................... 81
Imperien: Konzertierte Aktion –
„Stoppt Murdoch!“ ........................................... 82
Konzerne: Wie Bundeswirtschaftsminister
Werner Müller die alten Monopole hütet ......... 86
Preise: Boom der Rabatt-Kundenkarten.......... 90
Euro als Teuro – Kirchs letztes Gefecht Seite 82
das Phänomen der „gefühlten Inflation“ .......... 91 Eine große Allianz von Kanzler Schröder bis Deutsche-Bank-Chef Breuer ordnet Leo
Altenpflege: Pleitewelle rund um Kirchs desolates Medien-Imperium neu. Banker, Politiker und Konzernchefs fürchten,
luxuriöse Rentnerresidenzen ............................ 94
Tourismus: In der Kreuzfahrtbranche tobt der konservative Rupert Murdoch könne sonst den hiesigen Meinungsmarkt erobern.
eine Übernahmeschlacht .................................. 97
6 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Gesellschaft

P. LAVIEILLE / AFP (G.); PATRICK KOVARIK / AFP (K.)


Szene: Strip-Aerobic als neuer Trend /
Kernspintomografien des Schädels enttarnen
Lügner / Tahar Ben Jelloun über
sein Buch „Papa, was ist der Islam?“ ............... 99
Karrieren: Die einstigen Apo-Gefährten Otto
Schily, Horst Mahler, Hans-Christian Ströbele ... 102
Ortstermin: Der Münchner Auftritt der
Skandalautorin Catherine Millet ..................... 112

Olympia
Eiskunstlauf: Das kostbarste Gold der Spiele...114
Bob: Olympiafavorit Christoph Langen –
Premier Jospin, Staatschef Chirac, ein Egomane und seine Anschieber ................ 118
Protestierende in Paris Biathlon: Der Wandel zum Fernsehsport ....... 122

Ausland
Frankreichs schmutziger Wahlkampf Seite 128 Panorama: USA mobilisieren Kurden gegen
Saddam / Aufstand von Israels Reservisten ..... 125
Rapide nimmt die Kriminalität und auch wieder die Zahl der Arbeitslosen zu, doch der Frankreich: Aggressiver Auftakt zum
Präsidentschaftswahlkampf ............................. 128
Präsidentschaftswahlkampf Frankreichs dreht sich vor allem um die Korruptionsaffären Argentinien: Pampastaat schliddert ins Chaos 131
des Amtsinhabers. Aus den Rivalen Chirac und Jospin sind erbitterte Feinde geworden. Zentralasien: Moskaus Missmut über den
Aufmarsch der Amerikaner ............................ 132
Europa: Verfassungskonvent zur EU-Reform .. 136
Interview mit Vizepräsident Jean-Luc Dehaene
über die neue Machtverteilung in der Union ... 136
Philip Roth verspottet Großbritannien: Wenig Begeisterung für
das Thronjubiläum Elizabeths II. .....................138
USA: Die Angehörigen der Attentatsopfer
Präsident Bush Seite 170 vom 11. September streiten um Entschädigung .. 144
Nepal: Maoistische Rebellen
In seinem neuen Roman „Der menschliche Makel“
TYLER MALLORY / AP (L.); ASHKAN SAHIHI (R.)

verschrecken Touristen ................................... 146


malt US-Autor Philip Roth ein krasses Sittenbild
Amerikas – von verkorksten Vietnam- Serie
Veteranen bis hin zur Hexenjagd auf Robert Darnton über die weltweite Wirkung
Bill Clinton. Im SPIEGEL-Gespräch der europäischen Aufklärung ....................... 148
verteidigt Roth den Afghanistan-Krieg,
spottet aber über das intellektuelle Kultur
Niveau des Präsidenten. George W. Szene: Jüdische Musikkultur im Berlin
Bush sei nicht einmal zu einem „sim- der Nazi-Zeit dokumentiert /
plen Aussagesatz“ in der Lage. Kritik am Leipziger Museums-Neubau ............ 161
Afghanistan: Kultureller Neubeginn
in den Ruinen von Kabul ................................ 164
Vietnam-Denkmal, Roth Berlinale: Probenaufnahmen zu Chaplins
„Großem Diktator“ entdeckt .......................... 168
Autoren: SPIEGEL-Gespräch mit dem
US-Schriftsteller Philip Roth über politische
Korrektheit und seinen neuen Roman ............ 170
Psycho-Guru mit Schocktherapie Seite 200 Kino: Der Regisseur Wes Anderson und seine
Komödie „The Royal Tenenbaums“ ................ 176
Bestseller....................................................... 179
Mit einer demütigenden Blitz-Behandlung auf großer Bühne zieht Ex-Missionar Bert
Hellinger Massen in Bann. Er verspricht Hilfe für Inzestopfer, Süchtige oder Krebs-
Wissenschaft · Technik
kranke. Kritiker geißeln das Psycho-Schauspiel als nutzlos und menschenverachtend.
Prisma: Minusrekord in deutschen
Kreißsälen / Älteste Kupferstatue der
Welt restauriert ............................................... 181
Psychologie: Wie der Therapie-Guru
Bert Hellinger seine Patienten demütigt ......... 200
Olympia: Erst Gold, Physiker: Neue Dokumente zum
legendären Treffen zwischen
dann Geld Seite 114
Werner Heisenberg und Niels Bohr 1941 ........ 202
Automobile: Hilft der neue Vectra
Opel aus der Krise? ........................................ 204
Vor vier Jahren war Michelle Kwan Favo- Aberglaube: Ursprung der
ritin auf den Olympiasieg im Eiskunstlauf. Vampirlegenden enträtselt .............................. 206
BOB GALBRAITH / AP

Sie wurde nur Zweite. Jetzt versucht es die


Amerikanerin erneut. Und weiß: Silber ist Briefe ................................................................. 8
ein Trostpreis, Gold ist das Los für ein hoch Impressum, Leserservice ............................ 208
dotiertes Engagement in einer Eisrevue. Chronik ......................................................... 209
Register.......................................................... 210
Personalien .................................................... 212
Olympia-Favoritin Kwan Hohlspiegel/Rückspiegel............................. 214
TITELBILD: Frank P. Wartenberg

7
Briefe

Reicht Kompetenz in Sachen Kumpanei


mit Kapital und Klerus zur Lösung der Pro-
„Die Bayern lieben ihn, den Herrn bleme in ganz Deutschland?
Ministerpräsidenten. Was liegt Bremen Reinhard Fies

näher, als den bayerischen Wählern Zum Titelbild wäre Folgendes zu sagen:
Stinkefinger Effenberg ist doch wohl fehl
zu empfehlen, im September am Platz, hier hätte Lothar Matthäus hin-
gehört.
Schröder zu wählen. So bleibt er den Gummersbach Werner Müller

Bayern erhalten und uns erspart.“ Dass in Bayern härter gegen Kriminelle
Norbert Molitor aus Velbert in Nordrhein-Westfalen zum Titel vorgegangen wird, ist seit langem allge-
„Bayern – Modell für Deutschland?“ mein bekannt. Dass aber gleichzeitig auch
SPIEGEL-Titel 5/2002 mehr für die Resozialisierung von Rechts-
brechern getan wird als in anderen Bun-
desländern, bleibt in Ihrer Titelgeschichte
der SPIEGEL: „Bayern – Modell für leider unerwähnt. Nur im Freistaat des
Kompetenz in Sachen Kumpanei Deutschland?“. Zumindest für Fußball-
Deutschland war die Frage schon beant-
Stoiber Edi kann einer Wirtschafts- und
Verkehrsminister werden, obwohl er mal
Nr. 5/2002, Titel: Bayern – Modell für Deutschland?
wortet, bevor sie überhaupt gestellt wurde. als angetrunkener Verkehrsteilnehmer (um
Zerstörte Wählerhoffnungen, abrutschen Winnweiler (Rhl.-Pf.) Wolfgang Mayer die 1,7 Promille) einen Menschen tot-
in die Mittelmäßigkeit auf allen Gebieten gefahren hat. Gibt es einen eindrucksvol-
und drohender Absturz der Wirtschaft sind Geschichtlich bedingte Industrieansied- leren Beweis für die Liberalitas Bavariae als
beste Voraussetzungen für Stoiber. Ob der lungen, Infrastruktur und eine export-idea- diese Personalentscheidung des Minister-
Charismatiker aus Bayern die Kurskorrek- le Lage bringen den Bayern das Geld in präsidenten von 1993 zu Gunsten Otto
tur schafft oder nicht, die amtierende Re- den Sack. Dabei könnte nicht einmal die Wiesheus?
gierung wird es schwer haben, einer dro- PDS etwas falsch machen. Mit einem Geld- Lemgo (Nrdrh.-Westf.) Uwe Tünnermann
henden Abwahl zu entgehen. Die Zeit für
die andere große westdeutsche Blockpar- Im September 2001
tei scheint reif zu sein. So wird die SPD mit geriet ich zufällig
ihren „Hilfsparteien“ wohl wieder auf der bei einer Führung
oppositionellen Wartebank Platz nehmen durch die erzbischöf-
müssen. liche Residenz in
Erfurt Alexander Baumbach Eichstätt in eine
Besuchergruppe von
Bayern ein Modell? Vielleicht ja, aber trotz- etwa 50 bayerischen
dem ein Witz aus Stuttgart für unsere Hausfrauen vom Lan-
Freunde in München: Was bedeutet BMW? de. Der Führer war
Antwort: Bei Mercedes weggeworfen! ein älteres, knor-
Dordrecht (Niederlande) Bert Ten Holter riges, bayerisches
Männlein, das es
JOERG KOCH / DDP
Bravo, bravissimo, dass Sie mit der Lüge darauf abgesehen
vom schönen, trauten, allein glückselig ma- hatte, die Hausfrau-
chenden Bayernland aufgeräumt haben. enriege während der
Eine treffsichere Analyse des Status quo im Führung mit aller-
Süden der Republik. Zur Ergänzung: Der Ehepaar Stoiber beim Fasching: „Wissen’s, wann’s uns guat geht?“ lei stimmungsför-
Münchner mag zwar durchaus mehr Euro dernden Scherzen zu
in der Tasche haben als der Durchschnitts- sack „rumlaufen“ und großzügig Vertei- unterhalten. Eine seiner Schnurren ging
„Wessi“. Doch hat er damit auch dieselbe lungen vornehmen kann jeder, doch mit so: „Wissen’s, meine Damen, wann’s uns
Kaufkraft? In kaum einem Ballungsgebiet leeren Kassen umgehen kann nicht jeder. guat geht? – Wann der Bundeskanzler Stoi-
Deutschlands liegen die Verbraucherprei- Dresden André Lehmann ber von der Witwe vom Lafontaine erfährt,
se so hoch wie in München – wo selbst was die Witwe vom Schröder ihr g’sagt hat,
eine Butterbrezel nicht unter einem Euro Ihre schonungslose Berichterstattung über dass nämlich der Trittin dood is – dann
zu haben ist. Jahrelang wurde nach dem die wahren Zustände im „Nationalpark geht’s uns guat!“ Quietschendes Entzücken
Motto „Gewerbeansiedlung um jeden Bayern“ provoziert die nächste K-Frage: bei den Damen. Ich lernte zwei Dinge ken-
Preis“ um Firmen und Konzerne gebuhlt –
ohne allerdings für die nötige Infrastruktur,
namentlich Wohnstätten, zu sorgen. Die
Folge: Die höchsten Immobilien- und Miet-
Vor 50 Jahren der spiegel vom 13. Februar 1952
Kanzler Adenauer ohne Konzept in der Wehrdebatte Rhetorische
preise in Deutschland. Auf gut Bayerisch: Unterstützung von Franz Josef Strauß. Ist die Wehrpflicht im Grund-
„Wannst ned reich bist, bist a arme Sau.“ gesetz verankert? Beweise durch Umkehrschlüsse. Sturm auf
Der Freistaat hat sich einen guten Teil sei- Schifffahrtsabteilung des Verkehrsministeriums Großes Loch in der
nes augenwischerischen Schein-Wohlstands Steuergesetzgebung. Falscher Spätheimkehrer vor Gericht Drei
Lebensläufe, drei Mütter. Betrübliche Nachrichten für Europa-
auf Kosten seiner Bürger erkauft. Enthusiasten Unmögliche Bedingungen. Fernsehsender im Aufbau
Erding (Bayern) Stefan Becker Pannen wird es immer geben.
Diese Artikel sind im Internet abzurufen unter www.spiegel.de
Am Samstag werden die „Bayern“ auf Titel: Nato-Weiser W. Averell Harriman
Schalke vorgeführt, montags drauf titelt
8 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Briefe

nen: eine Spielart des bayerischen Humors wenn die befruchtete Eizelle in der Lage
und eine wahrhaft christliche Gesinnung. wäre, sich bis zu einem selbständigen le-
Lübeck Michael Rothacker bensfähigen Wesen zu entwickeln. Der
nicht eingenistete Embryo, in vitro mei-
Wo Vergleiche zwischen den Verhältnissen netwegen bis zur Blastozyste kultiviert,
in Bayern einerseits und den übrigen Bun- hat zwar mit Leben, aber nichts mit
desländern andererseits objektiv angebracht Menschsein zu tun. Die Frage, ob diese Be-
wären, reicht es gerade zu der Feststellung, trachtung geändert werden müsste, wenn
dass von 1950 an in vier Jahrzehnten Bay- es möglich wäre, die Entwicklung bis zum
ern 3,4 Milliarden Euro aus dem Länder- selbständig lebensfähigen Menschen in
finanzausgleich erhalten hätte. Dass umge- vitro fortzusetzen, stellt sich gegenwärtig
kehrt 9,8 Milliarden Euro seit der Wende nicht. Was leider auch von christlich moti-
von Bayern zur Stützung norddeutscher vierten Gegnern des Stammzellenimports
SPD-Länder aufgebracht werden mussten, nicht deutlich genug gemacht wird: Die
wird zwar in einer Grafik gezeigt, bleibt im Triebkräfte sind auch hier in Europa nicht
Text aber unerwähnt. Anders geartete Tra- etwa der Wunsch, dem leidenden Men-
ditionen und Identität (Kirchenglocken, schen zu helfen, sondern damit das große
Trachtengruppen und Schuhplattler) müs- Geld zu verdienen.
sen norddeutschen Journalisten ja nicht ge- Bad Dürkheim (Rhld.-Pf.)
nauso gefallen wie Rundfunksendungen in Dr. Helmut Mutzbauer
Plattdeutsch. Im Wahlkampf der Parteien
haben sie jedenfalls nichts verloren. Das Problem lässt sich auf eine Frage re-
Goslar (Nieders.) Heribert Wallner duzieren: Heiligt der Zweck die Mittel? Ist
europäischer Ethikkonsens und Grundlage
An der Titelgeschichte waren vier bayeri- unserer Rechtsprechung ein klares Nein zu
sche Kollegen beteiligt. –Red. dieser Frage? Nur ein Nein rechtfertigt zum
Beispiel das Verbot der Todesstrafe und
Stoiber hat Strauß „angebetet“? Wie hab der Selbstjustiz. Bei einem Ja kann jeder
ich mir das vorzustellen? Abends, beim im recht- und wertefreien Raum selbstbe-
Einschlafen? Beim Kirchgang? Die Titelge- stimmt handeln. Daher hat Europa mit
schichte bedient uralte Klischees. 6, setzen. dem Ja zur Stammzellenforschung einen
Hamburg Rüdiger Winter Damm gebrochen, was mit Sicherheit noch
viele negative Folgen haben wird. Wenn
Wer hier lebt und beispielsweise nachts die unschuldige Ungeborene für die Gesund-
Polizei wegen nächtlicher Ruhestörung heit Lebender getötet werden dürfen (zu-
ruft, muss mit der Frage rechnen, warum er mindest in einigen Ländern) – warum dann
denn so spät ins Bett gehe. Neulich wurde nicht schuldige Lebende töten?
in einer Münchner Buchhandlung ein ero- Trier Hans-Werner Degen
tisches Werk in Gegenwart von sieben Po-
lizisten beschlagnahmt. Und das soll nun Vor einigen hundert Jahren schlichen die
die bundesweite Zukunft sein? forschungswilligen Medizi nachts heimlich
München Franz Josef Piwonka auf Friedhöfe, um sich Leichen zu holen,
die sie sezierten, um tiefere Kenntnisse
über den menschlichen Körper zu erlan-
Heiligt der Zweck die Mittel? gen. Der heutige Wissenschaftler darf genau
wie seine Vorgänger nicht das tun, was ihm
Nr. 5/2002, Stammzellen: Gewissensentscheidung
im Bundestag – Interview mit dem CDU-Abgeordneten sein Erkenntnisstand und auch sein For-
und Stammzell-Verfechter Friedbert Pflüger – schungsdrang raten: Forschungen betrei-
Interview mit dem SPD-Abgeordneten und Stammzell-
Skeptiker Ernst Ulrich von Weizsäcker
ben, die dem Wohl künftiger Menschenge-
nerationen dienen. Die Bundestagsdebatte
Derselbe Bundestag, der sich schwer tut, war nach meiner Ansicht ein Anschau-
die Forschung zur Entwicklung eventueller ungsstück der Darstellung verworrener
Heilungsmöglichkeiten durch einen Zell- Meinungen und Betrachtungsweisen von
haufen zu genehmigen, hat
sich zu circa 90 Prozent für die Achtzelliger Embryo: Sophistisches Gezänk
Bereitstellung (vor der Ver-
trauensfrage ) „geeigneter mi-
litärischer Fähigkeiten“ in ein
sicherlich gefährliches Kriegs-
gebiet (Todesfälle muss man
einkalkulieren) – ethisch un-
YORGOS NIKAS / SPL / AGENTUR FOCUS

belastet – ausgesprochen.
Neu-Anspach (Hessen)
Egon W. Lippmann

Der Streit darum, wann das


menschliche Leben beginnt,
ist sophistisches Gezänk.
Natürlich beginnt es erst,
12
wissenschaftlichen Laien. Wie viel An-
maßung, Überheblichkeit und letztlich auch
Bedenkenlosigkeit muss man besitzen, um
sich auf diese Weise in eine essenzielle De-
batte einzubringen und damit ernsthafte
und notwendige Forschung langfristig zu
behindern oder gar zu verhindern.
Oschersleben (Sachs.-Anh.) Dieter Köhler

Britney Spears contra Politik


Nr. 5/2002, Quoten: „RTL II News“ –
eine Nachrichtensendung (fast) ohne Nachrichten

Hier wird einmal mehr der kulturelle Ver-


fall der Medienlandschaft beklagt. Aber
sind solche „Nachrichtensendungen“ viel-
leicht nicht doch noch ehrlicher? Sie geben
wenigstens zu, nichts zu sagen. Im Gegen-
GUIDO OHLENBOSTEL / ACTION PRESS

„RTL II News“-Moderatorin Nazan Eckes


Wenigstens ehrlich

satz zu den vermeintlich aktuellen offiziel-


len Nachrichtensendungen, die zum größ-
ten Teil nur eine unreflektierte Hofbericht-
erstattung aus den Hauptstädten bieten:
mediengerecht durchgestylte Auftritte ir-
gendwelcher Kandidaten, hinter denen PR-
Berater, Ghostwriter und ein Heer von wei-
teren Aktualitätenproduzenten stehen.
Berlin Wolf Bednarz

Ich kann Ihnen nur gratulieren zu diesem


Thema. Ich habe es inzwischen aufgege-
ben, meine Tochter (13) für eine „seriöse“
Nachrichtensendung zu interessieren. Aber
RTL II hat wohl den Nerv der Zielgruppe
getroffen. Politik ödet sie so an, dass jeder
Beitrag über Parteiengezänk mit Zappen
quittiert wird. Und irgendwo kann ich das
auch verstehen. Jedes Thema wird ja in-
zwischen so zerredet, dass man am Ende
kaum noch unterschiedliche Positionen
ausmachen kann. Im Gegenteil, die Un-
terschiede innerhalb einer Partei sind oft
größer als zwischen den Parteien. Jede
Neuigkeit über Britney Spears ist für die-
se Zielgruppe relevanter als ein Gesetzes-
vorhaben. Ein weiterer Grund liegt darin,
dass die „RTL II News“ genau in der Wer-
bepause von „Gute Zeiten, Schlechte Zei-
ten“ liegen und man diese so elegant fül-
len kann.
Brühl (Nrdrh.-Westf.) Armin Schoeller

d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 13
Briefe

Das Skandalöse an der SPD-Steuerre-


form ist nicht, dass so viel Geld in den Fir-
men verbleibt, anstatt bei Herrn Eichel
und seinen Ministerkollegen zu landen.
Der Skandal besteht darin, dass diese
Möchtegern-Manager in den Firmen und
die Spitze der Arbeitgeberverbände die
Zeichen nicht erkannt und die gesparten
Steuerbeträge nicht in Arbeitsplätze um-
gewandelt haben, so dass jetzt jeder selbst
ernannte Arbeitnehmerfreund (zu Recht?)
lautstark die Rücknahme der Reform for-

RALPH ORLOWSKI / REUTERS


dern kann.
Freiberg (Bad.-Württ.) Angelo Mazzon

Eine unsozialere und das Gemeinwohl


schädigendere Finanzpolitik ist ja kaum
möglich, das würde noch nicht einmal die
NPD-Demonstration (in Göttingen, Juni 2001): Wer unterwandert wen? PDS hinkriegen.
Stuttgart Frank Hoppe
geraten, die dem deutschen Rechtsstaat
Mieser Fehlstart schon zur Genüge geschadet hat. Das
Verfahren jetzt platzen zu lassen wäre sehr
Die von Ihnen geschilderten Auswirkungen
der rot-grünen Steuerreform zeigen in
Nr. 5/2002, Geheimdienste: Paukenschlag-Panne
beim NPD-Verbotsverfahren viel verhängnisvoller und skandalöser als beängstigender Weise, dass der Finanzmi-
jegliche Schlamperei im Innenministerium. nister und seine Ministerialbeamten offen-
Kann es sein, dass die NPD mittlerweile Hamburg Dr. Hanno Lunin sichtlich völlig losgelöst von der Realität
nur noch eine virtuelle Partei ist und
primär im Sinne von Arbeitsbeschaffungs- In Ihrem Artikel berichten Sie in einem
maßnahmen vom Verfassungsschutz als Kasten über die Wahlerfolge der NPD. Un-
Übungsfirma geführt wird, für die diversen, ter anderem erwähnen Sie auch den Anteil
nach der Auflösung des Ostblocks, mehr der NPD bei den Wahlen zur Stadtverord-
oder weniger arbeitslosen Geheimdienst- netenversammlung der Stadt Leun im Jah-
ler? Dieser Geniestreich würde dann aber re 1997. Der darin enthaltene Prozentsatz
aus schwarz-gelben Zeiten resultieren. ist zutreffend. Jedoch sollten Sie sich fragen
Kehl (Bad.-Württ.) lassen, ob es richtig ist, eine Kommunal-
Marliese Schmidt-Haidorfer wahl aus dem Jahre 1997 an dieser Stelle zu
zitieren, während wir bereits eine neue

MARKUS SCHREIBER / AP
Einen mieseren Fehlstart als den von Bun- Wahl im Jahre 2001 hatten. Bei dieser Wahl
desregierung, Bundesrat und Bundestag konnte die NPD auf 8,9 Prozent zurück-
kann man kaum vor dem Bundesverfas- gedrängt werden, was auf verschiedene
sungsgericht vorweisen. Wäre dies 1956 im Aktivitäten hier vor Ort und in dem Nach-
Verfahren gegen die KPD geschehen, wür- barort Ehringshausen, der ebenfalls in
de sie wohl noch heute auf dem Stimm- Ihrem Artikel erwähnt wird, zurückzu- Finanzminister Eichel
zettel stehen. Aber ich bin davon über- führen ist. Undurchdachter, unsozialer Flop
zeugt, dass dies der Bundesrepublik nicht Leun (Hessen) Peter Kaufmann
geschadet hätte. Aus Verboten werden nur Bürgermeister sind. Durch die Fehlplanung des Finanz-
Wechselspiele. Vor der NPD gab es die ministeriums werden nicht nur der Bun-
SRP und DRP, nach der NPD gibt es eine Nach der nationalen und internationalen deshaushalt, sondern auch die Finanzen
xy-Partei. Katastrophe des Nationalsozialismus ist es der Kommunen und Länder in einer bisher
Kaiserslautern Jürgen Schöfer für mich als Zeitzeuge völlig unverständ- ungekannten Dimension gefährdet. Die als
lich, dass das NPD-Verbot an juristischen „großer Wurf“ ausgelobte Steuerreform
Eins ist mir nicht klar geworden: Ist die Spitzfindigkeiten scheitern soll. Ich habe entpuppt sich als undurchdachter und un-
NPD vom Verfassungsschutz unterwandert den Eindruck, dass die Politiker der Op- sozialer Flop. Die großen Unternehmen
oder der Verfassungsschutz von der NPD? position zwar empört die Fehler des Herrn und Konzerne wurden ungewollt praktisch
Ingolstadt (Bayern) Peter Porath Schily beklagen, aber klammheimlich das komplett aus der Steuerverantwortung ent-
eventuelle Scheitern des Verbots begrüßen. lassen.
Die Richter des Bundesverfassungsgerich- Gera (Thüringen) Hans Richter Köln Christoph Bell
tes mögen bitte nicht vergessen, dass sie in
erster Linie Bürger eines Staates sind, der
Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit An-
die Stigmatisierung durch Hitler noch kei-
neswegs verwunden hat. Jeder in Deutsch-
Losgelöst von der Realität schrift und Telefonnummer – gekürzt zu veröffentlichen.
Nr. 4/2002, Steuern: Die E-Mail-Adresse lautet: leserbriefe@spiegel.de
land weiß, dass die NPD eine Nachfolge- Eichels Milliarden-Geschenk an die Konzerne
organisation der NSDAP ist. Der juristi-
sche Nachweis ihrer Verfassungswidrigkeit Klasse … und wer zahlt mal wieder die Eine Teilauflage dieser SPIEGEL-Ausgabe enthält einen
ist zwar ehrbar, letztlich jedoch eine For- Zeche, die von Unfähigen gemacht wurde? Postkartenbeihefter der DiBa, Frankfurt/Main, und des
malität. Wenn er uns jetzt aus ehrpusseli- Der kleine Mann, die Handwerker und SPIEGEL Verlages/Abo, Hamburg. In der Gesamtauflage
ger Empfindlichkeit verweigert wird, wür- Kleinunternehmen! Und unter Stoiber dieser SPIEGEL-Ausgabe befindet sich ein Postkarten-
beikleber der DeMoss Foundation, West Palm Beach. Eine
de unser Bundesverfassungsgericht in den wird’s garantiert auch nicht besser. Teilauflage enthält eine Beilage der „Financial Times
Geruch einer Nachfolge jener Nazi-Justiz Alzenau (Bayern) Paul W. Kirchhoff Deutschland“, Hamburg.

14 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Panorama Deutschland

STEFAN SCHULZ / RETRO


Soldaten der Bundeswehr und der US-Armee (im Kosovo), Scharping, Wolfowitz auf der Münchner Sicherheitskonferenz

N AT O den künftig 25 Partnern


nicht mehr – wie 1999 im

Amerika im Alleingang Kosovo – in die Krieg-


führung hineinreden las-
sen werde: „Die Aufgabe

MAURIZIO GAMBARINI / DDP


D ie Vereinigten Staaten wollen den weltweiten Kampf gegen
den Terrorismus zur neuen Hauptaufgabe der Nato aus-
rufen. Ob die Allianz sicherheitspolitisch in Zukunft noch et-
entscheidet über die je-
weilige Koalition“, so
Wolfowitz, „nicht die
was zähle, werde danach beurteilt, wie sie sich zu diesem The- Koalition über die Auf-
ma stelle, erklärten US-Diplomaten in einer vertraulichen Sit- gabe.“
zung des Brüsseler Nato-Rats. Vorbehalte, unter anderem von Generäle und Diploma-
Deutschland und Frankreich, wischten die Amerikaner vom ten in Brüssel befürch-
Tisch: Präsident George W. Bush werde beim Prager Nato- ten, dass die Nato vom Militärbündnis zu einer „Schwatzbude“
Gipfeltreffen im November, wo die Aufnahme von sieben ost- degradiert werde, die den USA in Konflikten nur noch politi-
europäischen Staaten beschlossen werden soll, den Terrorismus sche Rückendeckung verschaffen solle. Militärisch würden die
zum wichtigsten Thema erklären. Bislang betrachtete die Nato technologisch abgehängten Europäer wohl nur noch als Hilfs-
die Verteidigung des Territoriums ihrer Mitglieder als Kern- truppen gebraucht, um nach einem Krieg die Scherben aufzu-
aufgabe; Risiken aus dem Terrorismus hatte sie in ihrem „Stra- kehren und – wie derzeit in Afghanistan – für Ruhe zu sorgen:
tegischen Konzept“ von 1999 nur beiläufig erwähnt. „Der ganz große Krieg kommt nicht mehr – und die kleinen
Bei der Münchner Sicherheitskonferenz am vergangenen Wo- Kriege führen die Amerikaner künftig alleine“, prophezeit ein
chenende machte der stellvertretende US-Verteidigungsminister erfahrener Diplomat in der Brüsseler Nato-Zentrale, „da stören
Paul Wolfowitz zudem deutlich, dass die Supermacht sich von wir nur.“

POLIZEI I richt zufolge ohnehin fast gen der Wanzen schwer


nie eingesetzt. Lediglich in tun, fordern Innenminister
Großes Rauschen einem Fall hätten Fahnder
in Nordrhein-Westfalen die
der Länder von Bundes-
innenminister Otto Schily

F ür die Verbrechensbekämpfung
bringt der Große Lauschangriff, mit
dem die Polizei seit 1998 Wohnungen
Wohnung eines Verdächti-
gen verwanzt. In belebten
Vereinsräumen radikaler
(SPD) eine Änderung der
Strafprozessordnung: Fir-
men sollen verpflichtet
abhören darf, weit weniger als anfangs Gruppen seien Horchaktio- werden, den Behörden
angenommen. Nach einem jetzt vorge- nen schon wegen des Stim- beim Ausspähen zur Hand
legten Erfahrungsbericht der Bundes- mengewirrs ausgesprochen zu gehen. Die Dienste
regierung ist bisher mehr als jede zweite schwer durchzuführen. „von Alarmanlagenbau-
Abhörmaßnahme (58 Prozent) fehlge- Insgesamt hätten die Er- Steckdosen-Wanze ern, Schornsteinfegern
schlagen; in vielen Fällen habe schlicht mittler bis Ende 2000 in und Stromablesern“ so-
die Technik versagt. In der Praxis zeige gerade mal 70 Strafverfahren Wohnun- wie die Unterstützung durch Schlüssel-
sich daher ein „eher ernüchterndes gen abgehört. Rund 90 Prozent aller dienste seien nötig, „um die verdeckte
Bild“, so die Einschätzung Hessens. Als Maßnahmen hätten auf Drogendealer Installation des technischen Geräts zu
Mittel zur Bekämpfung des Terrorismus gezielt oder Tötungsdelikte betroffen. ermöglichen“, zitiert der Bericht den
wird der Große Lauschangriff dem Be- Weil die Fahnder sich mit dem Anbrin- Wunsch der Länder.
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 17
Panorama

R AU M FA H R T

Röntgensatellit „Rosat“ (Simulation)


Kurs Erde
D er im Februar 1999 abgeschaltete deutsche
Röntgensatellit „Rosat“ wird unkontrolliert
auf die Erde stürzen. Das ergibt sich aus einer in-
ternen Studie des Deutschen Zentrums für Luft-
und Raumfahrt (DLR). Das 1990 zum Aufspüren
von Pulsaren und anderen Röntgenstrahlenquel-
len ins All geschossene Himmelsobservatorium
ist rund 2,4 Tonnen schwer und verfügt über kei-
nerlei Vorrichtungen, um es beim Absturz steuern
zu können. Zwei Drittel der Satellitenmasse wer-
den deshalb voraussichtlich beim unkontrollierten
Wiedereintritt in die Atmosphäre nicht verglühen,
sondern auf der Erdoberfläche aufschlagen, warnt
das DLR. Eingeweihte Wissenschaftler erhielten
die Anordnung, Stillschweigen über den gefährli-
chen Rückkehrer zu bewahren, weil, so DLR-Pro-
jektdirektor Klaus Berge, „eine abschließende Be-
wertung“ für das Bundesforschungsministerium
noch ausstehe. Tatsächlich fürchten die Verant-

ASTROPHYSISCHES INSTITUT POTSDAM


wortlichen öffentliche Debatten über eine ver-
säumte Risikovorsorge und die immensen Kosten
eines Noteinsatzes. Diskutiert wird unter anderem
eine Art Abfang-Mission, bei der ein Spezial-
satellit an „Rosat“ ankoppeln und den Irrläufer ge-
zielt über dem Meer abstürzen lassen würde. Zeit
genug bliebe noch für ein solches Projekt: „Rosat“
soll frühestens in drei Jahren vom Himmel fallen.

E U R O PÄ I S C H E Z E N T R A L B A N K S C H I F F FA H R T

Deutschland für Trichet Milde für blaue Jungs


D er Franzose Jean-Claude Trichet hat
nach Ansicht der Bundesregierung
beste Chancen, Nachfolger von Wim
K apitäne, die angetrunken auf der
Nord- oder Ostsee unterwegs sind,
müssen künftig nicht mehr fürchten,
dass sie nach einer Kontrolle umgehend
ihre Kapitänspatente verlieren. Dafür
sorgt ein neues Seeunfalluntersuchungs-
Duisenberg als Präsident der Europäi- gesetz (SeeUG), dessen Entwurf der
schen Zentralbank zu werden. „Er ist Verkehrsausschuss des Deutschen Bun-
der natürliche Kandidat“, heißt es in destages am vergangenen Mittwoch ver-
Berliner Regierungskreisen. Trichet, der- abschiedet hat. Eine Klausel des derzeit
zeit Chef der französischen Notenbank, gültigen SeeUG, wonach die Seeämter
könne mit der Unterstützung Berlins schon bei 1,1 Promille auf Fahruntüchtig-
rechnen. Den Franzosen kommt zupass, keit erkennen und sofort das Patent ent-
dass Duisenberg erst Mitte 2003 aus dem ziehen können, fällt damit weg. Dabei
Amt scheiden will. So hat Trichet Zeit, lagen die Blutalkoholwerte blauer Jungs,
die Vorwürfe der französischen Justiz die etwa nach Unfällen von der Wasser-
auszuräumen. Er soll daran mitgewirkt schutzpolizei überprüft wurden, zumeist
haben, das wahre Ausmaß der Schieflage zwischen 1,7 und 2,7 Promille. Reichen
der Staatsbank Crédit Lyonnais zu ver- im Straßenverkehr 0,5 Promille für ein
schleiern. Duisenberg hatte den Termin Fahrverbot und gilt für die Luftfahrt gar
für seine Erklärung mit Bedacht gewählt: die 0,0-Promille-Grenze, zeigt Berlin
Er verkündete seinen Plan am 7. Febru- nun mit Nautikern erstaunliche Nach-
ar, dem zehnten Jahrestag der Vertrags- sicht. Mindestens vier Monate, rechnen
unterzeichnung von Maastricht. Am Experten, werde es künftig dauern, bis
MATTHIAS JÜSCHKE

Abend zuvor hatte der Niederländer be- das Patent einkassiert werde. Wehre sich
reits EU-Ratspräsident José María Aznar der Betroffene vor Verwaltungsgerich-
in Kenntnis gesetzt und ihn gebeten, ten, könne durchaus noch ein weiteres
auch die anderen Staats- und Regie- Jahr vergehen, bis trinkfreudige Kapitä-
rungschefs zu informieren. Schiffsschaden nach Alkoholunfall ne trocken gelegt würden.
18 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Deutschland
GLOBALISI ERUNG ausschließen, der erst im vergangenen
November eingetreten war. Politische
Feindliche Übernahme Parteien sollen künftig nicht mehr
stimmberechtigte Mitglieder werden

G egen die Vereinnahmung durch


etablierte Parteien und linke Splitter-
gruppen wehrt sich das Polit-Netzwerk
können. „Unsere Mitgliedschaft war ein
Hilfsangebot und keine feindliche Über-
nahme“, wundert sich der SPD-Hessen-
Attac, das bekannteste Bündnis von Glo- Süd-Vorsitzende Gernot Grumbach.
balisierungskritikern in Deutschland. Attac, dessen Mitgliederzahl sich seit
Attac will den SPD-Bezirk Hessen-Süd den Straßenschlachten beim Weltwirt-
schaftsgipfel von Genua im
Juli vergangenen Jahres auf
4500 verzehnfacht hat, grenzt
sich auch gegen Unterwande-
rung von links außen ab:
Nachdem die trotzkistische
Organisation „Linksruck“
kürzlich ihre Mitglieder dazu
aufrief, sich Attac anzuschlie-
ßen, um „in der Bewegung
eine revolutionäre Arbeiter-
partei aufzubauen“, verlan-
gen die Globalisierungskriti-
PETER JUELICH

ker von den Trotzkisten nun,


die „organisierte Form der
Mitarbeit und Mitgliederwer-
Attac-Demonstranten (in Brüssel) bung in Attac einzustellen“.

HOCHSCHULEN haben. „Niemand wird wegen der Ge-


setzesänderung aus laufenden Verträgen
Fakten für Forscher entlassen“, heißt es dagegen aus dem
Ministerium, „mit der Kampagne wollen

I m Streit um das neue Hochschuldienst-


recht, das jungen Akademikern über
den Einstieg als „Juniorprofessor“ den
wir solchen Ängsten entgegenwirken.“
Das scheint nötig: Die kürzlich einge-
richtete Telefon-Hotline ist überlastet
Weg in die Lehre erleichtern soll, geht und soll personell verstärkt werden.
Bildungsministerin Edelgard Bulmahn
(SPD) in die Offensive. Ab Mitte Februar
soll eine Info-Kampagne (Motto: „Fakten
statt Verunsicherung“) das Image der Zitate
heftig kritisierten Regelung aufpolieren.
Das im vergangenen November vom „Warum lasst ihr
nicht Deutschland den
Deutschen?“
Norbert Geis, rechtspolitischer Sprecher der
MICHAEL MEYBORG / SIGNUM / LAIF

CDU/CSU-Bundestagsfraktion, in der TV-Sen-


dung des Talkmasters Michel Friedman zur
Verteidigung von Edmund Stoibers Warnung
vor einer „durchrassten Gesellschaft“.

„Die Aufdringlichkeit,
mit der sich Homosexuelle
öffentlich prostituieren,
Ordentlicher Professor im Ornat ist nur noch schwer zu er-
tragen … Der Verlust
Bundestag geänderte Zeitvertragsrecht,
bislang wegen der fehlenden Unterschrift der sexuellen Scham aber
des Bundespräsidenten nicht in Kraft, ist immer ein Zeichen
löste erhebliche Proteste beim akademi- von Schwachsinn, wie es
schen Nachwuchs aus. Die neuen Ju- Freud formuliert hat.“
niorprofessoren, so die Kritiker, könnten
Wissenschaftler verdrängen, die die bis- Geis in einem Aufsatz, den er nach Einstel-
lung eines Verfahrens wegen Verleumdung
lang übliche Professorenlaufbahn einge- wieder auf seiner Internet-Seite verbreitet.
schlagen, aber noch keine Festanstellung
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 19
Panorama Deutschland

Am Rande

Vollbeschäftigung
Manchmal ist das
Leben so gnaden-
los, da reicht es am
Ende nicht mal
mehr zum Gnaden-
brot. Die Erspar-
nisse sind weg, die
Verwandten wer-

STEFAN THOMAS /DPA


den angepumpt.
Wollen auch die
nichts mehr geben, muss sogar der
treue Fifi ins Hundeheim. Und
der Alte selbst geht betteln – oder Agrarflugzeug im Einsatz (in Ostdeutschland)
wird entmündigt.
U M W E LT
Auf Berlin übertragen heißt das:
Bald muss wohl ein Spar-Kom-
missar bestellt werden, der die
Fliegende Giftspritze
leere Stadtkasse bewacht. Denn
die Berliner wissen nicht einmal,
D as Umweltbundesamt (UBA) beklagt den „illegalen“ Einsatz von Flugzeugen bei
der Schädlingsbekämpfung auf ostdeutschen Äckern. Mit den Agrarfliegern, ei-
nem Relikt aus DDR-Zeiten, werden jedes Jahr bis zu 100 000 Hektar in den neuen
wie viel Geld ihnen genau fehlt – Bundesländern mit Düngemitteln berieselt – und zum Teil auch mit Pestiziden. Bei
fest steht nur, dass der Betrag täg- der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln ist das Spritzen per Flugzeug laut UBA je-
lich wächst. In diesem Jahr müs- doch „für Ackerkulturen bislang nicht genehmigt“. Es fehlten Daten über die Sprüh-
verluste und damit über die Umweltverträglichkeit der Methode, argumentiert die
sen sie 2,3 Milliarden Euro allein Behörde. Betreiber der heute noch 16 Agrarflieger ist die FSB Airservice GmbH im
an Zinsen hinblättern. Rechnen brandenburgischen Heinrichsfelde. Geschäftsführer Bertram Diezemann versichert
wir schnell mal nach: 2,3 Milliar- zwar: „Wir fliegen grundsätzlich nur dann, wenn der Kunde eine amtliche Genehmi-
den pro Jahr, das sind rund gung vorlegt.“ Dass Pflanzenschutzämter solche Bescheide ausstellen, hält das Um-
200 Millionen Euro im Monat weltbundesamt jedoch für eine Eigenmächtigkeit der Länder, für die es keine recht-
liche Grundlage gebe.
oder 6,3 Millionen Euro pro
Tag. In der Stunde wäre das eine
viertel Million Euro. Die Ab-
schaffung der Berliner Reiterstaf- POLIZEI II
Nachgefragt
fel, jetzt als Sparmaßnahme in
aller Munde, bringt gut 600 000 Ab nach Afghanistan Bitte sitzen bleiben
Euro im Jahr – also etwas mehr
als das, was in etwa zwei Stunden B und und Länder wollen spätestens
Anfang März die ersten zehn deut-
schen Polizisten an den Hindukusch
Die niedersächsische Kultus-
ministerin möchte das Sitzen-
allein für Zinsen aus dem Haupt- bleiben abschaffen. Wie stehen
schicken. „Wir arbeiten mit Hochdruck
stadtsäcklein rieselt. Statt heili- am Aufbau einer Polizeitruppe für Af- Sie zu der Forderung?
ge Kühe zu schlachten, opfert der ghanistan“, hieß es im Bundesinnenmi-
Party-Bürgermeister aber lieber nisterium. Vergangenen Freitag trafen
ein paar alte Gäule. So erweist sich Vertreter der Länderinnenministe- dagegen dafür
rien in Berlin, um zu klären, welche Län-
sich die rot-rote Kostensenkungs- der wie viele Beamte kurzfristig zur Ver-
Revolution in der Hauptstadt nur fügung stellen können. Am Mittwoch sol-
68 % 26 %
als weitere Spielart der klassi- len im Auswärtigen Amt (AA) Details Befragte nach Schulabschluss:
schen Berliner Arbeitsteilung: mit Abgesandten der Staaten der Afgha- Volks-/
Wir geben das Geld nur aus, da- nistan-Geberkonferenz und internationa- 58 Hauptschule 37
ler Organisationen geklärt werden. Zu- mittlere Reife/
mit haben wir alle Hände voll zu nächst werden die Deutschen ein Projekt- 71 Polytechn. Oberschule 22
tun – für die Einnahmen sind an- büro in Kabul aufbauen und der afghani- Abitur / Fach-
dere zuständig. Und das ist auch schen Polizei bei der Ausbildung und mit 77 hochschulreife 19
gut so. Ausstattung helfen. Dafür stellt das AA NFO-Infratest-Umfrage für den SPIEGEL vom 4. und 5.
4,5 Millionen Euro aus dem Stabilitäts- Februar; 736 Befragte; an 100 fehlende Prozent: „egal“,
„weiß nicht“/ keine Angabe
pakt für Afghanistan zur Verfügung.
20 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Werbeseite

Werbeseite
Deutschland

A
lle hatten sie ihn gewarnt. Tu es
nicht, Kanzler. Dreimal setzte Au-
ßenminister Joschka Fischer in der REGIERUNG
Kabinettssitzung am Mittwoch vorvergan-
gener Woche an, um Gerhard Schröder zu
mäßigen.
Die EU-Kommission, maulte der Regie-
rungschef, wolle Deutschland mit dem
blauen Brief, der die hohen Staatsschul-
den kritisiert, „einen mitgeben“. Dagegen
müsse man „offensiv vorgehen“.
Die Maastricht-Falle
Gerhard Schröder versucht, gegen Mahnungen und neue
Doch der Diplomat Fischer befand: Dies
wäre ein Fehler. Statt sich an dem drohen-
Richtlinien aus Brüssel anzutrotzen, doch dadurch
den Mahnschreiben aus Brüssel zu reiben, legt der Wahlkämpfer im Kanzleramt nur umso schmerzlicher
belehrte der Vizekanzler seinen Regie- die Versäumnisse seiner Koalition bloß. Selbst wenn
rungschef, sollten die Deutschen doch den
anderen Europäern „ein gutes Beispiel“ es ihm gelingt, den blauen Brief zu blockieren, wird die
sein – und das „gemeinsame Interesse an Rüge der EU-Kommission drastisch ausfallen.
der Stabilität“ der Währung wahren.
Auch Finanzminister Hans Eichel emp-
fahl, ruhig zu bleiben. Die Regierung solle
die Mahnung aus Brüssel lieber nicht kom-
mentieren – sondern sie still kassieren.
Den Kanzler störten die Bedenken sei-
ner Minister herzlich wenig. Nur einen Tag
später, bei einem Mittagessen mit zwölf
amerikanischen Top-Journalisten in der
Deutschen Botschaft in Washington, plat-
zierte der Regierungschef eine Bombe, die
mit einigen Tagen Verzögerung auch an
der Heimatfront detonierte.
Die EU-Kommission, orakelte Schröder,
habe sich bei dem blauen Brief, den sie am
Dienstag dem Ex-Musterschüler Deutsch-
land zusenden will, ganz sicher nicht von
ökonomischen Überlegungen leiten lassen
– sondern von „anderen Gründen“. Zwei
Tage später standen die trüben Verdächti-
gungen in der „International Herald Tri-
bune“ – der Eklat war perfekt.
Der Kanzler gegen Brüssel, Deutschland
im Clinch mit der überflüssigen Bürokratie:
Da war er wieder, der Europa-Skeptiker,
der den Euro einst als „kränkelnde Früh-
geburt“ beschimpft hatte. Da kam er wie-
der hoch – Schröders anti-europäischer Po-
pulismus: Schon als frisch gewählter Kanz-
ler ätzte er 1998, Brüssel sei ein Ort, wo
deutsche Steuergelder „verbraten“ würden.
Wir gegen die – es scheint, als würde
der bedrängte Regierungschef nun in solch
schlichten Formeln jene Sicherheit suchen,
die ihm selbst abhanden gekommen ist. Als
die eigentlichen Herausforderer bei der
Bundestagswahl im September sieht Schrö-
der hinter dem noch tastenden Unions-
Kandidaten Edmund Stoiber stärkere
Mächte heraufziehen: die steigende Ar-
beitslosigkeit, die lahmende Konjunktur.
Dagegen hilft keine hastig entworfene So-
fortmaßnahme. Allein die Schuldzuwei-
sung an andere Adressen, sei es die aus
Amerika importierte Rezession oder der
OLIVER STRATMANN / DPA

angebliche Unfug aus Brüssel, verspricht


da ein wenig Entlastung.
Vergangenen Mittwoch nahm der trot-
zige Kanzler sich die neueste europäische

* Am vergangenen Dienstag bei Opel in Rüsselsheim. Kanzler Schröder*: In schlichten Formeln Sicherheit suchen

22 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
über Amtsvorgänger Wai-
gel gesenkt. Doch übertrug
er Lasten auf die Länder,
die nun das Gesamtdefizit
nach oben treiben.
• Trotz aller Ankündigungen
ist es dem Kanzler zudem

BERT BOSTELMANN / ARGUM


nicht gelungen, die Ar-
beitslosigkeit zu senken.
Wegen der Konjunkturkri-
se und des starren Arbeits-
markts muss die Regierung
zusätzliche Milliarden für
Europäische Kommission in Brüssel: Bittere Lektion für den Kanzler die Arbeitslosenunterstüt-
zung aufbringen.
Zumutung vor. Die EU-Kommission will blauen Brief kriegen und trotzdem be- Nun wird die Warnung aus Brüssel für
den Autohandel liberalisieren, doch Schrö- haupten, dass wir alles richtig machen.“ den Kanzler zu einer bitteren Lektion. Aus-
der fürchtet böse Folgen für Autohersteller Der Sparkurs galt als das wichtigste Mar- gerechnet im Wahljahr beraubt die Drei-
und Kfz-Werkstätten – immerhin eine kenzeichen seiner Koalition, die ja ohne Prozent-Grenze Schröder beinahe sämtli-
Branche, von der in Deutschland jeder das Versprechen, für gutes Geld und Jobs cher politischer Handlungsmöglichkeiten
siebte Job abhängt. „Angesichts der Mas- zu sorgen, kaum ins Amt gekommen wäre. – er steckt in der Maastricht-Falle.
senarbeitslosigkeit können wir es uns nicht Doch eindrücklich wie keine Nachricht zu- Bricht die Konjunktur weiter ein und
leisten, durch solche Entscheidungen wei- vor dokumentiert der Brief die Schwächen sinken die Steuereinnahmen nochmals,
tere Arbeitslose zu produzieren“, schimpf- der rot-grünen Wirtschaftspolitik: reißt er die Marke. Streicht er den Etat
te er beim Besuch des Opel-Werks in Rüs- • Trotz der Steuerreform ist es Schröder weiter zusammen, verschärft er noch den
selsheim – und diente sich an wie der ers- nicht gelungen, die Wirtschaft anzukur- Abschwung. Und so bleibt Schröder nur
te Betriebsrat der Republik: „Wir haben beln. Webfehler im rot-grünen Prestige- das Prinzip Hoffnung: Allein eine ökono-
jetzt erneut eine Sache vor uns, die wir projekt produzieren, zusätzlich gedrückt mische Trendwende kann ihn noch aus der
miteinander bewältigen müssen.“ vom Konjunkturabschwung, nun weit Falle befreien.
Häufig genug besucht Schröder das gro- größere Steuerausfälle als vorausgesagt. Ironie der Geschichte: Gerade jenes
ße, gemeinsame Haus Europa als außen- • Dank des Sparkurses hat Eichel zwar die Land, das einst als Lehrmeister des ganzen
politischer Festredner und preist das Jahr- jährliche Nettoneuverschuldung gegen- Kontinents auftrat, empfindet jetzt die
hundertprojekt der Einigung. Aber immer Zwangsjacke Europa als zu
wenn Brüssel ihm ins Handwerk pfuscht, eng und stemmt sich mit
dann wird er grantig. Und im Moment, sagt + 103 Macht gegen den Stabili-
Saarland + 67 Die Schulden-
ein enger Beobachter, „stinkt ihm Brüssel tätspakt, den es selbst er-
gewaltig“. – 241 parade funden hat.
Die Übernahmerichtlinie, die Fusionen Sachsen – 157 Dabei war das Verspre-
Defizite/Überschüsse
ausländischer Konzerne mit deutschen Un- – 114 der Länder in Millionen Euro chen, das die EU-Staats-
ternehmen erleichtern soll – von Berlin ge- Bremen – 305 und Regierungschefs sich
stoppt. Der Angriff auf die Sparkassen und – 348 2000 1992 in Maastricht gaben,
die Subventionen für Ostdeutschland – von
Mecklenburg- eindeutig: Solide Staats-
2001
Vorpommern – 550
Schröder vehement bekämpft. finanzen sollten dafür sor-
Ist der blaue Brief nun also die späte – 349 Länder insgesamt gen, dass der Euro so stabil
Schleswig-Holstein – 620
Rache aus Brüssel? Schlägt das Imperium 2000 –9,8 Mrd. Euro wird wie die Mark.
Europa zurück? Oder steckt hinter der + 939 Allenfalls drei Prozent,
– 881 2001 –27,6 Mrd. Euro
Attacke womöglich noch jemand ganz an- Bayern gemessen am Bruttoinlands-
deres – CSU-Chef Stoiber? Bund* produkt, sollten demnach
– 455
Schnell brachten jedenfalls Büchsen- Brandenburg – 864 2000 –24,1 Mrd. Euro die jährlichen Staatskredite
spanner der Regierung wilde Verschwö- – 728 2001 –27,6 Mrd. Euro betragen, die jeder der Kan-
rungstheorien in Umlauf: Es sei kein Zufall, Sachsen-Anhalt – 1008 *berechnet nach EU-Standards didaten für die Währungs-
dass sich Pedro Solbes, der zuständige EU- union aufnehmen durfte.
– 477
Kommissar, bei der Ermahnung ausge- Rheinland-Pfalz – 1017 Das Maastricht-Kriterium
rechnet auf einen Spitzenbeamten verließ, war ein Mittelwert, der sich
der einst CSU-Finanzminister Theo Waigel – 734 aus dem seinerzeitigen
Thüringen – 1043
diente (siehe Kasten Seite 24). Schuldenstand errechnete.
Hat der auch nicht gerade als Europäer – 419 Doch weil der damali-
Hessen – 1337
bekannte Herausforderer aus München ei- ge Bundeskanzler Helmut
nen willigen Helfer mobilisiert? Der Ver- – 687 Kohl und sein Finanzminis-
dacht erscheint verwegen. Dass er über- Hamburg – 1564
**Sondereffekt wegen Erwerbs
ter Theo Waigel („Drei-
einer stillen Beteiligung an der
haupt geäußert und gehört wurde, macht – 690 Landesbank Baden-Württemberg kommanull ist Dreikom-
deutlich, wie schwer der Brüsseler Schat- Baden-Württemberg** – 2647 manull“) am dauerhaften
ten über dem Kanzleramt liegt. Sparwillen der südeuropäi-
– 938
Denn ganz egal, ob Deutschland in die- Niedersachsen – 3623 schen Länder zweifelten,
sem Jahr die magische Drei-Prozent-Gren-
ze bei den Staatsschulden durchbricht – – 2545
Berlin – 5232
schon jetzt ist der Image-Schaden für die
Koalition riesig. „Die Leute“, schimpft der – 2088
Nordrhein-Westfalen – 6773
Kanzler, „verstehen nicht, dass wir einen
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 23
Deutschland

kam 1997 der Stabilitätspakt hinzu. Als wunderten wie gefürchteten Kunst ent- „angemessen“, wie er in einer Sitzung des
Drängler profilierte sich vor allem Bayerns wickelt hatte. Bundesbankdirektoriums kundtat. Direkto-
Ministerpräsident Stoiber, der gern gegen Kein Wunder, dass auch heute wieder riumsmitglied Edgar Meister assistiert: „Es
das neue „Esperanto-Geld“ stänkerte. die Frankfurter Notenbanker auf die Ein- ist richtig, dass die Regeln des Stabilitäts-
In einer hitzigen Nachtsitzung auf dem haltung ihrer geheiligten Grundsätze po- pakts eingehalten werden, nichts anderes tut
EU-Gipfel in Dublin überzeugten die Deut- chen. Von der Öffentlichkeit bislang unbe- die Kommission.“ Auch Hans Reckers, Prä-
schen ihre Partner, das Drei-Prozent-Ziel merkt, sind sie auf massiven Gegenkurs zu sident der hessischen Landeszentralbank,
bis in alle Ewigkeit festzuschreiben. Letzt- Schröder und Eichel gegangen. glaubt: „Der blaue Brief ist berechtigt.“
lich entspringt dieses Regelwerk einem Bundesbankpräsident Ernst Welteke, ein Uneingeschränkte Solidarität mit der Kom-
Stabilitätsdenken, wie es in Deutschland Kabinettskollege Eichels aus gemeinsamen mission demonstrierten auch die Vertreter
vor allem die Bundesbank zur ebenso be- Tagen in Hessen, hält die Frühwarnung für der Europäischen Zentralbank (EZB). Beim
Treffen des europäischen Wirtschafts- und
Finanzausschusses fragte EZB-Chefvolkswirt
Otmar Issing viel sagend in die Runde:

Beamter mit Prinzipien „Wenn die Kommission den Stabilitätspakt


jetzt nicht anwendet, wann soll sie es dann
tun?“ Die Wächter des Geldes fürchten, dass
Die Bundesregierung macht einen Deutschen in Brüssel für den die Glaubwürdigkeit der gemeinsamen Wäh-
blauen Brief verantwortlich. Doch der tut nur seine Pflicht. rung leidet, sollte Deutschland nicht ver-
warnt werden. Alle anderen EU-Staaten wür-

D
ie Gefolgsleute des Kanzlers sa- Sich selbst bezeichnet Regling den das Gleiche für sich verlangen, das
hen finstere Mächte am Werk: als überzeugten Anhänger des eu- Frühwarnsystem wäre wirkungslos.
Für den angedrohten blauen ropäischen Wirtschaftssystems, das Noch schlimmer erscheint die Wirkung
Brief der EU-Kommission an die Bun- stets auch nach sozialem Ausgleich eines Präzedenzfalls auf die Finanzmärkte:
desregierung seien „schwarze Seil- strebt. „Ich habe lange genug in Dort hat der ominöse Pakt längst seine
schaften“ verantwortlich, namentlich den USA und Großbritannien ge- ganz eigene Realität entwickelt, er gilt als
der Brüsseler Beamte Klaus Regling. lebt, um die Nachteile des angelsächsi- Maßstab dafür, ob die Staaten tatsächlich
Nachdem Kanzler Gerhard Schröder schen Modells zu erkennen“,
mit seiner Unterstellung, die EU-Kom- sagt er.
mission mische sich in den deutschen Kollegen und Vorgesetzten gilt
Wahlkampf ein, die er als ein Mann von Prinzipien.
verschwörungstheoreti- Beim Regierungswechsel 1998
sche Vorlage geliefert empfahl Waigel seinem Nachfol-
hatte, passte Regling ger Oskar Lafontaine, drei sei-
gut ins Bild. Als Gene- ner Mitarbeiter zu übernehmen:
raldirektor von Finanz- den Chauffeur, Haushaltsstaats-
kommissar Pedro Sol- sekretär Manfred Overhaus –
bes führte er bei der und Regling. Lafontaine zeigte
Rüge die Feder. Da sich willens, nicht aber der Be-
er früher als Abtei- amte, denn die Ansichten seines
lungsleiter unter CSU- neuen Chefs erschienen ihm all-
Finanzminister Theo zu verquer. „Wenn Sie mich nicht
Waigel gewirkt, noch entlassen, dann kündige ich“,
dazu den Stabilitäts- teilte er Lafontaine mit. Keine
ANNA-MARIA ROMANELLI

pakt mitkonzipiert hat- leichte Entscheidung, Regling


ANNA-MARIA ROMANELLI

te, war der Bösewicht hätte durch diesen Schritt seine


schnell ausgemacht. Pensionsansprüche verloren.
Doch wie meist bei So weit kam es dann doch
Verschwörungstheorien nicht, Lafontaine versetzte ihn
Ökonom Regling geht auch die jüngste in den einstweiligen Ruhestand.
Finstere Mächte? Berliner Variante an Bald darauf heuerte der Wirt- Kontrahenten Eichel, Solbes*: Schwächen aufgezeigt
der Wirklichkeit vorbei. schafts- und Finanzexperte bei
Weder ist Regling Mitglied einer Partei, Moore Capital in London an, einem der zum harten Euro stehen. Wer gegen den
noch verdankt der 51-jährige Ökonom weltweit größten Hedge-Fonds, einem Pakt verstößt, so lautet das Verdikt der
seinen Posten irgendwelchen konser- Finanzinstitut also für hochriskante Börsianer, der will eine weiche Währung.
vativen Strategen. Vielmehr hatte sich Börsenanlagen. In dieser Logik agierten auch die Spit-
Schröder selbst bei Kommissionspräsi- In dieser Zeit knüpfte er guten Kon- zenbeamten der EU-Kommission. Sie tra-
dent Romano Prodi für den deutschen takt zu Finanzminister Hans Eichel, für fen eine bewusste politische Entscheidung,
Spitzenbeamten stark gemacht. den Regling schon bald einen illustren rein rechtlich hätten sie durchaus noch
Reglings fachliche Fähigkeiten sind Gesprächskreis mit Chefvolkswirten Spielraum gehabt, sich die peinliche Mah-
unbestritten. Elf Jahre hat er beim und Geldmarktexperten bedeutender nung für Deutschland zu verkneifen. Der
Internationalen Währungsfonds (IWF) Banken organisierte. Als der Spitzenjob Vorgang ist keineswegs so zwingend, wie es
gearbeitet, die meiste Zeit in der in Brüssel zu besetzen war, galt Regling EU-Kommissar Solbes Glauben macht.
Zentrale in Washington, aber auch bald als erste Wahl der Deutschen. Wörtlich heißt es in Artikel 104 Absatz
zwei Jahre als Leiter des IWF-Büros Dass er jetzt ausgerechnet seinen För- 3 des Amsterdamer Vertrags: „Die Kom-
in der indonesischen Hauptstadt Ja- derern die Stirn bietet, spricht nicht ge- mission kann … einen Bericht erstellen,
karta. gen den Beamten. Christian Reiermann
* Am 9. Januar in Brüssel, im Hintergrund: Finanzstaats-
sekretär Caio Koch-Weser.

24 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
+ 2,9 % +2,8%
Das deutsche Debakel
+1,8% Haushaltsüberschüsse/-defizite der
Quelle: Prognosen der EU-Kommission Euro-Staaten für 2002 in Prozent des
jeweiligen Bruttoinlandsprodukts
+0,5%
+0,3%
Spanien Belgien Österreich Italien Portugal Frankreich Deutschland
Finnland Luxemburg Irland Niederlande Griechenland
–0,2 % –0,2 %
–0,4%
wenn sie … der Auffassung ist, dass in ei- –1,2 %
nem Mitgliedstaat die Gefahr eines über- alle geeigneten Maßnahmen in die Wege Euroland insge-
–1,6 %
mäßigen Defizits besteht.“ zu leiten, um einen ausgeglichenen Etat samt –1,4% –2,0%
Kann, wohlgemerkt. Und nicht: muss. 2004 zu erreichen und ihn 2005 zu halten.
„Übermäßig“ sei ein Defizit zudem erst, Gleichzeitig wird genau umrissen, wie –2,7%
so heißt es im Standardkommentar zum Schröder und Co. die Symptome der deut-
Vertragstext, wenn unter Berücksichtigung schen Krankheit kurieren können: Defizit-Höchst-
der Konjunktur „die nachhaltige Finan- Die Regierung sollte die Haushaltspla- grenze –3%
zierbarkeit des öffentlichen Haushaltes ge- nung des laufenden Jahres sorgfältig dar-
fährdet ist – oder eine stabilitätswidrig ex- auf ausrichten, jedes weitere Ausufern
pansive Haushaltspolitik betrieben wird“. des Defizits zu vermeiden. Die Gesun-
Beides ist in Deutschland kaum der Fall. dung der öffentlichen Finanzen sollte un- Wie Deutschland strenge Stabilitätskriterien
Das Politikum rief auch den deutschen EU- terstützt werden durch entschlossene für die Währungsunion durchsetzte
Kommissar Günter Verheugen (SPD) auf strukturelle Reformen. Juli 1990 Erste Stufe der Wirtschafts- und
den Plan, der daran erinnerte, dass die ge- Konkrete Ansätze sehen die Verfasser Währungsunion (WWU): Liberalisierung des
meinsamen Regeln die Rüge nicht erzwun- des Papiers „besonders auf dem Arbeits- Kapitalverkehrs.
gen hätten. Kommissionschef Romano Pro- markt, bei den Sozialversicherungen und
Februar 1992 Unterzeichnung des Vertrags von
di setzte den ungewöhnlichen Schlagab- den Transfersystemen“, genau dort also, Maastricht über eine Europäische Union mit
tausch mit einem Rüffel für Verheugen fort. wo Rot-Grün die Reformen versäumt hat. gemeinsamer Währung.
Den Brüsseler Druck hatten vor allem Solches Unterfutter ist schon jetzt reiner
die kleineren Länder aufgebaut, allen vor- Wahlkampfstoff – der Regierungschef lie- Januar 1994 Zweite Stufe der WWU: Das Euro-
an die Niederlande, Belgien und Öster- fert bei seinen Abwehrversuchen nur die päische Währungsinstitut (EWI) nimmt in Frankfurt
reich. Denn Irland, ein kleines Land, war Vorlagen. Herausforderer Edmund Stoiber am Main die Arbeit auf. Übermäßige Defizite in den
öffentlichen Finanzen sollen vermieden werden.
vor einem Jahr abgewatscht worden. Und unterstreicht bei jeder Gelegenheit, die rot-
jetzt stand Portugal, wiederum ein Junior- grüne Wirtschaftspolitik habe auf der November 1995 Finanzminister Theo Waigel entwirft
partner im Euro-Club, auf der Mahnliste. ganzen Linie „versagt“. einen Stabilitätspakt mit dem Ziel, finanzpolitisches
Durfte die Kommission die Kleinen strafen, Gleichzeitig hat Eichel einen gewaltigen Fehlverhalten der Teilnehmer zu verhindern und die
aber vor den Großen zurückzucken? Streit zwischen Berlin und den Bundes- Akzeptanz der WWU in Deutschland zu erhöhen.
Die Scharmützel dauern an. Gut mög- ländern ausgelöst. Der Finanzminister sieht Staaten, die bei „kreativer Haushaltsführung“, das
heißt mit zu hohen oder verschleierten Staatsdefizi-
lich, dass der blaue Brief am 12. Februar gar die Ursache für die explodierenden deut-
ten erwischt werden, sollen „Zwangseinlagen“ und
nicht abgeschickt wird. Still und aus- schen Schulden, außer im Konjunkturein- „Geldbußen“ riskieren.
dauernd bemühten sich Kanzleramtschef bruch, in einer wachsenden Ausgabelust
Frank-Walter Steinmeier und Finanzstaats- der Länder (siehe Grafik Seite 23). Dezember 1995 Die Staats- und Regierungschefs ei-
sekretär Caio Koch-Weser in den vergan- Die Landesfürsten verweisen indes dar- nigen sich auf dem Gipfel in Madrid auf den von Wai-
genen Tagen, ein Gegenvotum im EU- auf, dass sie – anders als der Bund – in gel favorisierten Namen „Euro“ für die Gemein-
schaftswährung.
Finanzministerrat zu mobilisieren. ihren Haushalten höhere Fixkosten zu tra-
Dazu reicht es, dass sich die potenziel- gen haben, vor allem für Lehrer, Polizisten Dezember 1996 Die Staats- und Regierungschefs ei-
len Empfänger Deutschland und Portugal und Verwaltung. Zudem mokieren sie sich, nigen sich in Dublin auf den Stabilitätspakt, der den
der Stimme enthalten und Großbritannien, dass die Ausfälle durch die Steuerreform Euro vor Schuldenmachern schützen soll: Die Defizit-
wie angekündigt, wegen seiner üblichen weitaus größer sind als vorausberechnet. Obergrenze liegt bei drei Prozent. Auf Waigels Druck
Vorbehalte gegen die Brüsseler Zentralge- Noch bemüht sich der Finanzminister, wei- werden Abmahnungsverfahren und quasi-automa-
ter den „eisernen Hans“ zu markieren. tische Sanktionen für Haushaltssünder verabredet.
walt den Verwarnten beispringt.
Doch selbst dann wird eine abge- Doch hinter den Kulissen versuchen seine Juni 1997 Die WWU-Staaten unterzeichnen im
schwächte Form der Rüge nach Berlin ge- Emissäre, eine Allianz zur Korrektur des Vertrag von Amsterdam den „Stabilitäts- und
hen. Im Brüsseler Jargon heißt diese Va- lästigen Stabilitätspakts zu schmieden. Wachstumspakt“.
riante schlicht „Empfehlungen für das Sta- Bündnispartner verschiedenster Couleur Mai 1998 Der EU-Sondergipfel in Brüsselgibt
bilitätsprogramm“. Schon dieses Schreiben stehen bereit. So hat Italiens Premier Sil- grünes Licht für den Euro.
enthält kräftig Sprengstoff. vio Berlusconi öffentlich angekündigt, an Juni 1998 Die Europäische Zentralbank
Drastisch, wenn auch in der Sprache von den Kriterien drehen zu wollen. löst das EWI in Frankfurt ab.
Beamten, werden darin auf drei Seiten die Inoffiziell hat Frankreichs Regierung zu-
Schwächen der rot-grünen Finanzpolitik gesagt: Wenn die Linksbündnisse in Paris Januar 1999 Dritte Stufe der WWU: unwiderrufliche
aufgezeigt. Vor allem kritisiert die Kom- und Berlin bei den Wahlen dieses Jahres Festlegung der Euro-Wechselkurse von 11 Teilneh-
merstaaten.
mission, dass sich Berlin von seinem Plan ihre Macht verteidigen, werden die lästigen
verabschiedet hat, 2004 einen ausgegliche- Vorschriften des Pakts gelockert. Das Januar 2002 Der Euro ist in 12 EU-Staaten
nen Staatshaushalt vorzulegen. Im ver- Grundgesetz, das den Euro schützen soll, gültige Währung.
traulichen Entwurf heißt es: wäre dagegen schutzlos. Ralf Beste, 29. Januar 2002 Die EU-Kommission beschließt eine
Der Rat bedauert das Abgleiten zutiefst Winfried Didzoleit, Christian Reiermann, Frühwarnung an Deutschland wegen drohenden
Ulrich Schäfer
und fordert die deutsche Regierung auf, übermäßigen Haushaltsdefizits.
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 25
Deutschland

Da hatte er wohl etwas falsch verstan- de Metrorapid-Projekte seien technisch


H AU S H A LT
den. An ein festes Versprechen mochte sich und wirtschaftlich realisierbar – doch sofort
der Kanzler plötzlich nicht mehr erinnern, kam der Verdacht auf, Nordrhein-Westfa-

Zwei Männer, höchstens an eine lockere Zustimmung.


Und so katapultierte sich Schröder wieder
auf seinen politischen Stammplatz, der ihm
len und Bayern hätten die Kosten nach un-
ten und die Erträge nach oben gerechnet.
So verspricht das Düsseldorfer Kabinett

ein Chaos gegenwärtig offenbar zu gefallen scheint:


zwischen allen Stühlen.
Erkennbar sauer ist der Berliner Fi-
protestierenden Anliegern der Schwebe-
bahn teure Lärmschutztunnel, die sich bis-
lang in keiner Rechnung finden.
Kanzler Schröder versprach nanzminister Hans Eichel – er hat im Haus- Verzweifelt hatte Bodewig, der bis vor
seinen Freunden in NRW halt 2002 kein Geld für den Transrapid vor- kurzem noch als stellvertretender SPD-Be-
leichtfertig Milliardenhilfen gesehen, und wie beim Gezerre um den zirkschef am Niederrhein fungierte, bei Ei-
Kauf der 73 Militärtransportflugzeuge chel antichambriert, den NRW-Genossen
für den Transrapid. müsste die Regierung mit einer Finanzie- ein positives Signal zu geben. Aber der
rungszusage eine Entscheidung treffen, zu klamme Finanzchef blieb hart.
der sie gar nicht befugt ist. Sie benötigt Darüber hinaus weiß Clement noch nicht
dafür die Genehmigung des Bundestags. einmal, wie sein Land einen möglichen Ei-
Allen voran zeigt sich der SPD-Frak- genanteil von weit mehr als einer Milliarde
tionschef Peter Struck nicht bereit, dem Euro für das Prestigeprojekt aufbringen
Kanzler wie bei der versprochenen Bestel- soll. Immerhin legten SPD und Grüne in
lung des Militär-Airbus aus dem Schlamas- der Düsseldorfer Koalitionsvereinbarung
sel zu helfen. Statt Verfahrenstricks oder fest, keine Steuermittel für den Bau aus
Interpretationskünste zuzulassen, so warn- dem eigenen Etat zu verwenden. Ein pri-
te der Adlatus letzten Montag, werde er vater Investor ist auch nicht in Sicht.
auf eine „saubere Finanzierung pochen“. Um Schröder zum Handeln zu treiben,
Auch die Fachleute im Parlament kün- drängt Clement den Kanzler mit dem
digten Widerstand an. „Der Kanzler ist schlagendsten aller Argumente – der Bun-
nicht Herr über den Bundesetat“, rügte destagswahl im September. „Die Entschei-
DIRK DOBIEY / CARO

die grüne Expertin Franziska Eichstädt- dung fällt in NRW“, droht ein hochrangi-
Bohlig, während ein SPD-Haushälter trot- ger SPD-Mann aus Düsseldorf.
zig die Prognose wagte: „In diesem Jahr Im Klartext: Der Berliner Regierungs-
geht gar nichts.“ chef soll sich das Wohlwollen seiner Mit-
Sozialdemokrat Clement (M.)* Das Fiasko begann im Januar mit einem streiter von Rhein und Ruhr etwas kosten
Spezi trifft Spezi 351 Seiten starken Papier. Der von den Ge- lassen, doch ohne den Segen des sperrigen
nossen in der NRW-Regierung unter Druck Parlaments bleiben Schröder die Hände

B
ei einem ihrer diskreten Treffen wa- gesetzte Verkehrsminister Kurt Bodewig gebunden. Bei einem vorerst letzten
ren sich die Macher aus Berlin und präsentierte da eine Machbarkeitsstudie Treffen an Weiberfastnacht diskutierte er
Düsseldorf rasch einig. NRW-Regie- für den Transrapid, die noch gar nicht rich- mit seinem Spezi Clement deshalb über
rungschef und SPD-Vize Wolfgang Clement tig fertig war. Die Expertise kursiert zurzeit eine „politische Absichtserklärung“ von
erläuterte dem Kanzler und Parteivorsit- in den verschiedensten Versionen in Mün- Bundesregierung oder Bundestag mit Blick
zenden, warum der 2,3 Milliarden Euro chen, Düsseldorf und Berlin. auf den Haushalt 2003. Das klang dann
umfassende Zuschuss des Bundes für eine In dem Konvolut, dessen Endfassung der wieder so unverbindlich, wie dem Kanzler
Transrapidstrecke zum Großteil in den Minister jetzt für Mitte Februar in Aussicht in letzter Zeit manches über die Lippen
Westen und nicht nach Bayern fließen stellt, behaupten Regierungsgutachter, bei- kommt. Petra Bornhöft, Barbara Schmid
sollte.
Anders als die Nordrhein-Westfalen,
begründete der Landesherr, könnten die
Süddeutschen ihre zwischen Münchner
Hauptbahnhof und Flughafen geplante
Magnetschwebebahn allein vom Ticket-
verkauf rentabel betreiben – da bräuchten
sie doch kein Geld aus Berlin. Das fand
auch Gerhard Schröder.
Die Reaktion des Kanzlers beflügelte das
Düsseldorfer Kabinett. Schwungvoll ver-
kündete Wirtschafts- und Verkehrsminis-
ter Ernst Schwanhold (SPD) vergangenen
Montag, noch im Februar könne der Land-
tag für den Bau der 78 Kilometer langen
Strecke zwischen Düsseldorf und Dort-
mund das Startsignal geben. Pünktlich zur
Fußball-WM 2006 will Clement sein Lieb-
lingsprojekt durchs Ruhrgebiet schweben
PAUL LANGROCK / ZENIT

sehen. „Wir haben eine Zusage auf höchs-


ter Ebene“, brüstete sich NRW-Finanzmi-
nister Peer Steinbrück.

* Mit ThyssenKrupp-Vorstand Ekkehard Schulz (l.) und


Bahnchef Hartmut Mehdorn im Cockpit eines Transrapid. Prestigeobjekt Transrapid: Pünktlich zur Fußball-WM durchs Ruhrgebiet?

26 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
MARCO-URBAN.DE
Wahlkämpfer Stoiber in Neubrandenburg: Kerzengerader Bayer bei einer „Informationsoffensive Zukunft Ost“

Morgen hat die Betriebsleitung erklärt,


UNION
dass man den Mann aus Bayern mit „Herr
Ministerpräsident“ anreden soll.

„Wo sind wir jetzt?“ Jemand will von Jörg Habrich wissen,
was er von diesem Besuch erwartet.
„Nüscht. Er kommt, und denn wird er
wieder gehn. Geld bringt er ja keens mit.“
Kanzlerkandidat Edmund Stoiber testet seine Wirkung in Um kurz nach eins lärmt es draußen,
Mecklenburg-Vorpommern: Ein Politiker, der den Menschen nahe Edmund Stoiber ist gelandet, mit einer
sein möchte, aber noch manches lernen muss. Zweimotorigen. Auf dem Rollfeld warten
Eckhardt Rehberg, der CDU-Landesvor-

W
enn alles so wäre wie immer, amtsbezirk Neubrandenburg kletterte zu- sitzende, und Michael Spreng, der Me-
würde Jörg Habrich jetzt, mittags letzt auf eine Quote von 22,2 Prozent. Am dienberater. Rehberg sagt, wie schön die
um halb eins, seine Stullen aus Mittwoch kamen die neuen Zahlen, 24,5 Sonne scheint. Spreng sagt: „Passen Sie
dem Papier schälen und Pause machen. Prozent, schlecht für den Osten – gar nicht auf die Flugzeuge auf!“ Die Flugzeuge sind
Habrich ist Flugzeugbauer aus Neubran- so übel für den Kandidaten. klein, und der Medienhaufen ist groß, und
denburg in Mecklenburg-Vorpommern, er Außerdem passiert es nicht oft, dass Per- wenn sich der Kandidat im Gedränge den
trägt einen Schnurrbart und eine blaue sonen der Zeitgeschichte den Weg nach Kopf an einem Flugzeugflügel stieße, dann
Latzhose. Habrich arbeitet für die OMF Neubrandenburg finden. Der einzige wäre es unter dem Gesichtspunkt der PR
Aircraft GmbH, er lehnt in der Werkshalle Mensch, der hier zur Welt und dann zu besser, er wäre nie gekommen.
an einer einmotorigen „OMF 100/160 Sym- Ruhm kam, war die Sprinterin Katrin Krab- Michael Spreng sagt außerdem, dass Ed-
phony“. Von dort aus kann man auf die be, bei der sich allerdings später heraus- mund Stoiber hier erst einmal zuhören will,
Landebahn des Flugplatzes von Neubran- es gehe darum, voneinander zu lernen und
denburg gucken. die Probleme zu verstehen.
Habrich guckt nach draußen. Er darf Stoiber zur Haltung der Ostdeutschen Drinnen in der Halle hat die Werkslei-
jetzt nichts essen. Er muss auf den Minis- gegenüber dem Solidarpakt: tung die Männer mit den blauen Latzhosen
terpräsidenten aus Bayern warten. in eine Reihe unter die Flügel von „OMF
Für den Kanzlerkandidaten der Union, „Leider besteht dort aber teil- 100/160 Symphony“ gestellt. Edmund Stoi-
Edmund Stoiber, ist dieser Mittwoch vor weise ein nur gering ber nähert sich mit kreisendem Schritt, er
Karneval anstrengender als jedes Frühstück trägt einen dreiteiligen Anzug und hat die
mit störrischen Frauen in Wolfratshausen.
ausgeprägtes Bewusstsein dafür, Hände auf dem Rücken gekreuzt.
Er hat sich im Osten zu bewähren, im be- dass diese gewaltigen Der erste Mann in der Reihe mit den
ginnenden Wahlkampf, den sein Team al- Transferleistungen durch Verzicht blauen Latzhosen ist Jörg Habrich. Stoiber
lerdings nicht Wahlkampf nennt, sondern und Mehrbelastung der Bürger legt seinen Arm um Habrichs Schultern
„Informationsoffensive Zukunft Ost“. im Westen aufgebracht werden.“ und dreht ihn zu den Kameras. Dann fragt
Eine der vielen Fragen, die Edmund Stoi- (Januar 1995)
er ihn: „Was machen Sie hier?“
ber in diesen Tagen durch den Kopf zucken, „Na, Flugzeuge bauen.“
ist ja die: Was halten die Leut’ hier, tief im „Und was haben Sie vorher gemacht?“
Osten, von diesem fremden Mann aus dem stellte, dass sie mit dem Kälbermastmittel „Na, Flugzeuge gebaut.“
Süden? Um die Temperatur zu fühlen, hat Clenbuterol flott gemacht wurde. Ende der Das Gespräch dauert 17 Sekunden. Der
er sich Mecklenburg-Vorpommern ausge- neunziger Jahre hat Michail Gorbatschow Kandidat hat zugehört und etwas gelernt.
sucht. Mecklenburg-Vorpommern ist An- dortselbst mal eine Zufeuerung des örtli- Er redet danach auch mit anderen Männern.
gela Merkels Heimatverband. Man kann chen Gas- und Dampfturbinen-Heizkraft- Dann muss er weiter, zum nächsten Betrieb.
nicht sagen, Edmund Stoiber habe keinen werks anfahren dürfen. Sonst war nicht viel. Edmund Stoiber sitzt im Fond eines
Mut. Einerseits. Der Flugzeugbauer Jörg Habrich wartet BMW, vor ihm fährt ein Polizeiauto, hinter
Andererseits: Mecklenburg-Vorpommern noch immer. Er dreht an einem Propeller. ihm fahren noch ein Polizeiauto und ein ro-
ist gar keine dumme Wahl. Mecklenburg- Gestern, sagt er, musste die Belegschaft ter Wagen vom Rettungsdienst. Sie fahren
Vorpommern ist in Bezug auf Arbeitslosig- noch mehr schuften als sonst. Die Halle mit 90 Stundenkilometern durch die In-
keit führend im Land, allein der Arbeits- musste geschrubbt werden. Und heute nenstadt. Stoiber guckt aus dem Fenster,
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 27
Deutschland

die Sonne scheint jetzt nicht mehr, er sieht


viele Plattenbauten, aber er sieht keine
NPD
Menschen.
Vielleicht will ihn hier ja auch gar keiner
sehen.
Denn die Frage ist ja auch die, ob man
das, was er hier treibt, überhaupt ernst
nehmen kann. Ein kerzengerader Bayer
Rabulistik für die Richter
als Wohltäter des Ostens? Immerhin war es
Die Rechtfertigung für die Fehler im Verbotsantrag wird
seine Partei, die den Osten eigentlich schon zur juristischen Gratwanderung: Man entschuldigt sich und äußert
mehrfach zu versenken beabsichtigte. Unverständnis für die Bedenken des Bundesverfassungsgerichts.
Erst drohte der stramme Münchner
Staatskanzleichef Erwin Huber, es gäbe
aus Bayern kein Geld mehr für den Osten,
wenn die SPD weiter mit der PDS hantie-
re. Dann kam Bayerns Verfassungsklage
gegen den Länderfinanzausgleich, und
schon wieder fürchtete sich der Osten.
Edmund Stoibers Konvoi ist auf dem
Gelände der Tollense Fahrzeug- und An-
lagenbau GmbH angekommen. Der frühe-
re VEB Baumechanik stellte nach der Wen-
de Produkte für die Umwelttechnik her,
seit Mai letzten Jahres läuft das Insolvenz-
verfahren. Vor dem Gelände steht eine
Hecke, davor stehen sieben Jugendliche,
und über der Hecke hängt ein Plakat.
„Stoiber stinkt“, steht darauf zu lesen.
Als der Kandidat aus seinem Auto steigt,
fragt er einen Mitarbeiter: „So, und wo
sind wir jetzt?“ Eine Frau in einem orange-
farbenen Kostüm gibt ihm die Hand und
sagt: „Guten Tag, ich bin die Insolvenz-
PHOTOGUERILLA.COM

verwalterin.“ Stoiber sagt: „Aha.“ Von der


Hecke ruft einer: „Arschloch!“
Edmund Stoiber spricht mit der Insol-
venzverwalterin und dem Betriebsrat und
dem Firmenchef, und dann geht er rüber NPD-Demonstration: Offenbar noch das eine oder andere Problem
zu Halle 2. Seine Ledersohlen klacken über

A
verrostete Schienen, und irgendwann steht n den Sätzen gefeilt und ihre An- lys politische Zukunft entscheidend be-
merkungen gekritzelt haben sie alle einflussen.
bis zuletzt: der Innenminister Otto Nur so lässt sich erklären, dass der
Stoiber über die Bildung Schily (SPD) und seine Kollegen in den Schriftsatz aller drei Antragsteller – Bun-
der SPD-PDS-Koalition in Schwerin: Ländern, die Obleute des Innenausschus- destag, Bundesrat und Bundesregierung –
ses des Deutschen Bundestages und ein einer juristischen Gratwanderung gleich-
„Das bedeutet die Wiederherstel- halbes Dutzend Juristen aus den renom- kommt. Es soll zwei Botschaften enthal-
miertesten Kanzleien der Republik. Und ten, die sich eigentlich gegenseitig aus-
lung wesentlicher Teile der DDR. alle wollten auch noch die letzten Tage schließen. Die Rabulistik aus Berlin liest
Bayern wird diesen Unsinn auf der Woche für endgültige Formulierungen sich so: Tut uns Leid, dass es so gelaufen ist
Dauer nicht über den Länder- nutzen. – aber eigentlich habt ihr Richter in Karls-
Finanzausgleich mitbezahlen.“ Das Papier, das spätestens Rosenmontag ruhe gar keinen Grund gehabt, euch auf-
(November 1998) beim Bundesverfassungsgericht in Karls- zuregen.
ruhe abgeliefert werden muss, ist, das zeig- Die in den Verbotsanträgen aufgeführten
ten schon die ersten Entwürfe, schließlich antisemitischen und antidemokratischen
er vor dem Angestellten Ralf Hintze. Ralf kein gewöhnlicher Schrift- Äußerungen von fünf Partei-
Hintze ist ein dicker Schlosser, der Ed- satz. Es muss ein „Drama“ mitgliedern, die gleichzeitig
mund Stoiber fragen wollte, ob er hier ist, (CDU-Fraktionsvize Wolf- auch V-Leute des Verfas-
um etwas für den Betrieb zu tun, oder ob gang Bosbach) erklären. Drei sungsschutzes waren, glaubt
das eher mit der Bundestagswahl zu tun Verfassungsorgane wollen der innenpolitische Sprecher
hat. Aber Ralf Hintze hat nur Zeit zu er- sich beim Vierten entschuldi- der SPD-Fraktion, Dieter
zählen, „dass ick jetze hier Schlosser bin“. gen – gleichwohl sich aber Wiefelspütz, seien für die Be-
Edmund Stoiber muss weiter. Beim Ra- nicht völlig flach legen. weisführung doch „peri-
diosender erzählt er, dass er am Vormittag Die Wirkung der fast 40 pher“. Würden sie nicht in
MARCO-URBAN.DE

im Flugzeug einen wundervollen Blick auf eng bedruckten Seiten ent- den Anträgen stehen, reiche
Mecklenburg-Vorpommern hatte. „Und scheidet nicht nur darüber, es dennoch allemal für ein
wenn man dieses Land von oben sieht, ob das schwer in Schräglage Verbot.
dann zeigt sich seine ganze Schönheit.“ geratene NPD-Verbotsver- Und schließlich, argumen-
Jetzt kennt er es auch von unten. fahren noch zu retten ist. Sie Innenminister Schily tieren die Anwälte in der
Matthias Geyer könnte womöglich auch Schi- „Blinder Jagdeifer“ Rechtfertigungsschrift an das
28 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
bedeutendste deutsche Gericht, könne der seine V-Männer und deren Partei geben sollten. Dieses
Staat ohnehin nichts für seine Spitzel. Die
seien nun mal überzeugte Neonazis, und
Polit-Prosa, die sich in den
Aufträgen wiederfindet. Die
Die Verhalten ist tatsächlich rätsel-
haft. Denn insbesondere der
wenn sie prügeln oder hetzen, müsse sich sei das Problem der NPD, die V-Männer Fall Brandt gilt nach Einschät-
die NPD das zurechnen lassen. sie sich mit der Veröffentli- zung von Juristen als weit bri-
Jurist Schily beharrt darauf, dass es ei- chung zu Eigen gemacht habe. santer als der von Frenz, der
gentlich gar kein rechtliches Problem gebe. Mit dieser Diktion wollen die Richter veranlasste, die
Allenfalls machten voreilige Richter, „blin- die Antragsteller den Verfas- Verhandlung abzublasen.
der Jagdeifer auf Seiten der Opposition“ sungsrichtern die Unbedenk- Zu weiteren Geständnissen
und sensationslüsterne Medien ihm die Ar- lichkeit von drei weiteren von Staats wegen soll es in
beit schwer. Selbst der Spitzen-Spitzel Udo V-Leuten erklären, die eben- dem Rechtfertigungsschriftsatz
Holtmann, den Schilys Bundesamt für Ver- falls in den Anträgen auftau- nicht kommen. Schließlich will
fassungsschutz (BfV) auch dann noch als chen. So ist man die bisher unentdeckten
Quelle führte, als er zum stellvertretenden • Tino Brandt, 27, im Mai V-Leute vor der NPD schüt-
Bundesvorsitzenden der Partei aufstieg, vergangenen Jahres auf- zen. Vor allem einige der uni-
soll dem Gericht als branchenüblicher In- geflogene Top-Quelle des onsregierten Länder haben of-
formant verkauft werden. Schließlich müs- Thüringer Verfassungsschut- fenbar noch das eine oder an-
se man auch ganz oben Nachrichten ab- zes, dort als Beleg für die dere V-Mann-Problem. Von
greifen. enge Verflechtung der NPD bis zu drei weiteren Quellen

SEBASTIAN BOLESCH / DAS FOTOARCHIV


Das ist eine gewagte Sicht der Dinge. mit der Nazi-Szene aufge- ist die Rede.
Als am vergangenen Mittwoch die führt; Auch eine dem Gericht
Obleute des Innenausschusses des Bun- • Matthias Meier, den das übergebene Straftatenliste, in
destages erstmals den Entwurf des Schrift- BfV bis Januar 2000 als der Brandanschläge, Volks-
satzes zu sehen bekamen, ließen Teile der Spitzel in Stralsund be- verhetzungen und Überfälle
Opposition erkennen, dass sie diese Linie schäftigte, mit Sätzen aus von NPD-Mitgliedern und
wohl nicht mittragen werden. der NPD-Postille „Der Ka- Sympathisanten aufgelistet
Ob sich die Richter mit den Erklärungs- merad“ zitiert, die er gelei- wurden, gilt als brisant. Denn
versuchen von Schily und Co. zufrieden tet hatte. Meier wurde ab- Wolfgang Frenz in ihr finden sich auch Taten,
geben werden, ist höchst unsicher. Denn geschaltet, nachdem er sich die von V-Leuten begangen
der komplizierten V-Mann-Problematik selbst offenbart hatte; wurden. Aufgeführt ist etwa
begegnet der Schriftsatz mit zwei ziem- • Wolfgang Frenz, 66, dut- auch ein Brandanschlag des
lich simplen Verteidigungslinien. Der Fall zendfach mit antisemiti- damaligen NPD-Funktionärs
Holtmann liest sich danach so: Der Mann schen Schmierereien in al- und Spitzels Michael Grube
sei ein einfacher „Parteisoldat“, so gut wie len Anträgen vertreten. Der auf eine Pizzeria in Greves-

PETER JUELICH
unschuldig an der Radikalisierung der stellvertretende nordrhein- mühlen im März 1999.
NPD – trotz seiner herausragenden Stel- westfälische NPD-Landes- Jetzt hoffen die Antragstel-
lung. Und wenn er auch der Chefredakteur vorsitzende hatte sie mal un- ler, dass sich das Verfassungs-
der Parteizeitung „Deutsche Stimme“ ge- ter seinem Namen, mal un- Tino Brandt gericht auf eine Art Geheim-
wesen sei, dem Zentral- und Hetzorgan ter wechselnden Pseudony- verfahren einlässt, in dem mög-
Nummer eins der NPD – auf die redak- men in einer von Holt- liche weitere V-Leute offen
tionelle Linie habe er kaum Einfluss ge- mann herausgegebenen Zei- gelegt werden können. Die
nommen. tung veröffentlicht. Frenz’ Idee ist einfach: Wenn die NPD
Selbst in Verfassungsschutzkreisen gilt Pamphlete seien „taugliche außen vor bleibt, könne das
das als fragwürdige Neuinterpretation ei- Beweismittel“, weil sie nach Verfassungsgericht alles, aber
ner ganz anders gemeinten Dienstvor- seiner Abschaltung im Ok- auch alles erfahren, was es will.
schrift, nach der Spitzel nicht in steuernden tober 1995 entstanden seien. Auch Schily, der ein solches
DDP

Funktionen tätig sein dürfen. Ein V-Mann Der Fall Brandt machte die Verfahren noch vergangene
müsse jemand sein, „der mitschwimmt, der V-Leute-Problematik erstmals Udo Holtmann Woche kategorisch ablehnte,
ein unauffälliges Mitglied der jeweiligen deutlich (SPIEGEL 21/2001). weil er daran zweifelte, dass die
Gremien ist“, sagt der bayerische Innen- Wenige Wochen später ent- Richter in einem so sensiblen
minister Günther Beckstein (CSU). „In hüllte der SPIEGEL (28/2001), Verfahren die NPD zeitweilig
dem Augenblick, in dem jemand aus dem dass noch zwei weitere im Ver- aussperren, hat mittlerweile
Ruder läuft und selber die Radikalität und botsantrag zitierte NPD-Mit- Gefallen daran gefunden. Es
PHOTOGUERILLA.COM

den Extremismus vorantreibt, kann er glieder eine Doppelrolle spiel- muss ja irgendwie weitergehen.
nicht länger V-Mann sein.“ ten: Meier und der frühere Der Versuchung, dem Ge-
Weil die Richter entgegen dem Minis- baden-württembergische Par- richt auch noch gleich zu er-
tervotum durchaus zu der Ansicht kom- teifunktionär Mike Layer, 24. klären, wie eine solche Beicht-
men können, dass genau diese Voraus- Beide hatten jeweils nur kurze Mike Layer stunde ablaufen könnte, ha-
setzungen bei Holtmann unzweifelhaft Zeit für den Verfassungsschutz ben Juristen und Politiker
J. KOEHLER / ULLSTEIN BILDERDIENST

vorliegen, argumentieren die Anwälte vor- gearbeitet. Layer war abge- widerstanden. Schließlich will
sorglich auch noch so: Wenn V-Leute, die schaltet worden, weil er als man Karlsruhe nicht noch
der Staat ja nicht als Agenten einge- nicht steuerbar galt. Auch mehr düpieren. „Wir geben
schleust, sondern im rechten Lager als In- darauf baut Schily – schließ- uns völlig in die Hand des Ge-
formanten angeworben habe, überreagier- lich habe das Verfassungsge- richtes“, sagt Ex-Richter Wie-
ten, handelten sie doch nicht im Auftrag richt durch die Veröffentli- felspütz, noch immer voller
des Verfassungsschutzes, sondern als über- chung von deren Spitzeltätig- Hoffnung: „Richter sind weise
zeugte Rechte. keit schon gewusst, als es im Menschen, die werden schon
Feinsinnig differenziert Schily zwischen Dezember 14 Personen be- Matthias Meier einen Weg finden.“
dem Auftrag des Verfassungsschutzes an nannte, die Auskünfte über die Georg Mascolo, Holger Stark

d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 29
Deutschland

ne Koalition eine tief greifen-


de Reform der Arbeitsver-
mittlung beschlossen, das so
genannte Job-Aktiv-Gesetz.
Jetzt wird klar, dass nicht ein-
mal die Zahlenbasis für die
Neuregelung stimmt. „Die
Statistik war die Grundlage für
all unsere Überlegungen“,
klagt die Grünen-Arbeits-
marktexpertin Thea Dückert.
„Wie soll das jetzt in der Pra-
xis funktionieren?“
Vorsorglich schoben sich
Politiker und Funktionäre in
den Kontrollgremien der An-
stalt schon einmal gegenseitig
die Verantwortung für die
Pleite zu. Arbeitsminister Wal-
ter Riester deutete auf seinen
Staatssekretär Werner Tegt-
meier. Der verwies auf die An-
PETER ROGGENTHIN

staltsaufseher aus Arbeitgeber-


verbänden und Gewerkschaf-
ten. Aber auch die waren sich
keiner Schuld bewusst. Für die
Ämterchef Jagoda: Posten zur Disposition Statistik, konterte die stellver-
tretende DGB-Vorsitzende Ur-
sula Engelen-Kefer, sei ausschließlich „der
BESCHÄFTIGUNG
Arbeitsminister verantwortlich“.
Am meisten gefährdet ist jedoch Präsi-

Schwer vermittelbar dent Jagoda selbst. Im Laufe der Woche


stellte sich heraus: Seine eigene Revisions-
abteilung hatte schon vor Jahren ähnliche
Ergebnisse gemeldet, wie sie nun die Rech-
Weil die Arbeitsämter seit Jahren ihre Bilanzen schönen, nungsprüfer vorlegten – ohne dass Konse-
steht ihr Chef Jagoda unter Druck. Experten fordern grundlegende quenzen gezogen wurden.
Reformen des Apparats, der sich vor allem selbst verwaltet. Ende Januar meldete sich einer von Ja-
godas Prüfern sogar beim Arbeitsminister.

U
nerklärlich, schleierhaft, ein Rätsel! Weit über 3000 waren falsch: Mal hatten die Per E-Mail schickte er dem Ressortchef
Bernhard Jagoda rang nach Wor- Ämter Jobs gezählt, die es gar nicht gab. Mal umfangreiche Dateien aus der Nürnberger
ten, als er am vergangenen Mitt- gaben sie dreist als ihren Erfolg aus, wenn Anstalt, die den Schluss nahe legten: Die
woch vor die Kameras trat. Eigentlich woll- Arbeitslose und Betriebe auf eigene Initia- Behördenspitze war über die Schmu-Vor-
te der Präsident der Nürnberger Bundes- tive zueinander gefunden hatten. würfe seit langem informiert.
anstalt für Arbeit nur den neuesten, Der Prüfbericht ist geeignet, das Ver- Jagoda müsse gehen, forderten darauf-
bedrückenden Arbeitslosenrekord von fast trauen in Jagodas Statistiken endgültig zu hin die ersten Koalitionsabgeordneten. All-
4,3 Millionen verkünden. Doch dafür in- zerstören. Erst vor wenigen Wochen war zu deutlich hatten die Prüfberichte offen
teressierte sich kaum noch jemand. Dies- herausgekommen, dass ein großer Teil der gelegt, was Kritiker der Nürnberger Zen-
mal ging es nicht um das namenlose Heer offiziell gemeldeten Arbeitslosen gar nicht trale schon lange vorwerfen. Die größte
der Jobsuchenden. Diesmal stand Jagodas ernsthaft einen Job sucht (SPIEGEL 1/2002). Behörde der Republik, die doch die
eigener Posten zur Disposition. Jetzt zeigt sich: Auch die Nürnberger Massenarbeitslosigkeit bekämpfen soll,
Den Präsidenten hatte eine schmale Zahlen über die vermittelten Stellen sind ist in Wahrheit Teil des Problems. Statt
„Prüfungsmitteilung“ des Bundesrech- kaum das Papier wert, auf dem sie allmo- Arbeitslose zu vermitteln, sind die Äm-
nungshofes in Bedrängnis gebracht. Auf natlich veröffentlicht werden. ter vollauf damit beschäftigt, sie in einer
16 Seiten hatten die Bonner Kontrolleure Statt der 3,8 Millionen Jobsuchenden, grotesk aufgeblähten Bürokratie zu ver-
erstmals mit harten Zahlen belegt, was denen die Ämter angeblich jedes Jahr eine walten.
Experten schon seit längerem mutmaßen: neue Stelle verschaffen, wären es dem Be- • Beispiel Personal: In zehn Landesar-
In den Arbeitsämtern werden offenbar richt zufolge allenfalls 1,1 Millionen. Die beitsämtern, 181 Arbeitsämtern und 660
flächendeckend die Statistiken geschönt. vermeintlichen Beschäftigungserfolge der Geschäftsstellen der Republik arbeiten
Die Erfolge beim Kampf gegen die Ar- Bundesanstalt schrumpfen zur Restgröße. 90 000 Leute. Nur 10 300 von ihnen sind
beitslosigkeit sind viel geringer, als die Rund 59 Prozent aller Arbeitslosen als Arbeitsvermittler tätig. Die Übrigen
offiziellen Daten ausweisen. werden von den Ämtern untergebracht, berechnen Leistungsansprüche, prüfen
In fünf Arbeitsämtern kontrollierten die heißt es offiziell. Tatsächlich liegt die Quo- Arbeitserlaubnisse und verfassen wis-
Rechnungsprüfer die Zahlen der Behörde. te wohl nicht einmal bei 18 Prozent, so senschaftliche Studien. Allein 10000 Mit-
Das Ergebnis übertraf die schlimmsten Be- geht aus dem Bericht hervor. Schwer ver- arbeiter sind nur damit beschäftigt, die
fürchtungen: Von den 5127 gemeldeten Ver- mittelbar ist damit vor allem eines: die eigene Behörde zu verwalten.
mittlungen in Bremerhaven, Dortmund, Bundesanstalt selbst. • Beispiel Beschäftigungsförderung: Jedes
Halle, Neuwied und Frankfurt/Oder erwies Für die Regierung ist die jüngste Affäre Jahr geben die Arbeitsämter 22 Milliar-
sich gerade mal ein knappes Drittel als echt. ein Desaster. Gerade erst hat die rot-grü- den Euro für Training, Fortbildung oder
30 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Software-Experten an dem Netzwerk. beitsämter, wenn sie eine Stelle zu ver-
Doch das System läuft bis heute nicht geben haben.
Kennzahlen 2000 richtig. Um ihren anhaltenden Bedeutungsver-
der Bundesanstalt Seinen Kunden bringen Jagodas Schein- lust auf dem Arbeitsmarkt zu verschleiern,
für Arbeit (BA) reformen wenig. Noch immer vergehen in haben die Ämter offenbar flächendeckend
Deutschland im Schnitt fast neun Mona- ihre Statistik geschönt, enthüllt jetzt der
te, bis ein Arbeitsloser wieder eine Rechnungshofbericht. Im Ergebnis be-
Vermittelte Stelle findet. Arbeitslosigkeit kostet die kommt Jagoda damit nun genau das, was
Stellen 3,8 Millionen sagenhafte Summe von rund 120 Millionen er immer verhindern wollte: Die Diskus-
Euro – täglich. sion um einen radikalen Umbau seiner
Personalausgaben 3,2 Milliarden
Euro Behörde ist in vollem Gange.
Beschäftigte Eine „Reform an Haupt und Gliedern“
gesamt 90 000 VERMITTLUNGSQUOTE verlangt etwa Arbeitgeberpräsident Dieter
davon Arbeits- Anteil der BA bei Hundt. Eine „grundlegende Neuordnung“
vermittler
10 300 der Vermittlung von hält der nordrhein-westfälische SPD-Vor-
Arbeitslosen sitzende Harald Schartau für angebracht.
EINSCHALTUNGSGRAD
Arbeitsminister Riester lässt seine Be-
Falsch erfasst Anteil der BA bei der Personal-
amten bereits erste Konzepte entwickeln.
beschaffung von Wirtschaft
Stellenvermittlung im Jahr 2000 und öffentlicher Verwaltung Um der Behörde mehr Druck zu machen,
soll vor allem der Wettbewerb mit privaten
MARKTANTEIL
Vermittlern verstärkt werden. So plant
Anteil der BA bei der
Riester, die Auflagen für die Zulassung
Besetzung offener Stellen
privater Jobmakler zu lockern. Zudem sol-
len Stellensuchende künftig schon ab dem
Bundesanstalt ersten Arbeitslosentag einen privaten Ver-
für Arbeit 35,1% 46,0% 59,0% mittler einschalten dürfen. Derzeit ist das
erst nach sechs Monaten erlaubt.
Solche Ideen sind in anderen Ländern
Berechnung weniger als längst Realität, zum Beispiel in den be-
des Bundes- möglicher- 18 % nachbarten Niederlanden. Dort zahlen die
rechnungshofs 10,2 % weise nur staatlichen Behörden nur noch die Unter-
13,3 % stützungszahlungen aus, für die Vermitt-
lung sind vornehmlich private Agenturen
zuständig.
Bei der Bundesanstalt selbst ist die Nei-
Arbeitsbeschaffung aus. Doch neue Stel- Dabei endeten die Versuche der Ämter, gung zu solch tief greifenden Reformen ge-
len bringt das kaum, wie jüngst mehre- die Vermittlung zu beschleunigen, allzu oft ring. Am vergangenen Mittwoch beriet der
re Gutachten für das Bundesfinanzmi- als Fehlschlag. Stolz preisen etwa Jagodas Vorstand der Behörde den Prüfbericht.
nisterium belegten. PR-Helfer derzeit die elektronischen Ver- Wichtigstes Ergebnis: Jagoda bleibt vorerst
• Beispiel Datenverarbeitung: Rund 260 mittlungssysteme unter den Namen „AIS“ im Amt, zumindest so lange, bis weitere
Millionen Euro gab Jagoda in den ver- oder „SIS“. Doch in der Praxis haben pri- Arbeitsämter vom Rechnungshof überprüft
gangenen Jahren aus, um seine Behörde vate Jobbörsen den Anstaltsangeboten worden sind.
mit einem neuen Computersystem aus- längst den Rang abgelaufen. Immer weni- Immerhin ist da für eine Menge Arbeit
zustatten. Mehrere Jahre lang knüpften ger Firmen vertrauen auf die Hilfe der Ar- gesorgt. Alexander Jung, Michael Sauga
Deutschland

nachdem ihr erster Kandidat Caio Koch-


Weser durchgefallen war. Künftig soll auch
D I P L O M AT I E
auf höherer Beamtenebene mehr Druck
ausgeübt werden, um gute Jobs für Deut-

Deutsche Delle sche zu sichern. In Brüssel gebe es eben


einen „knallharten Wettbewerb“ um die
besten Posten, so ein Teilnehmer der Stein-
meier-Runde.
Um ihren Einfluss zu mehren, will die Bundesregierung Gezielt analysieren die Staatssekretäre
mehr Landsleute in internationalen bei ihren Treffen, für welche Posten – etwa
Organisationen unterbringen. Noch ist das deutsche Netzwerk dünn. bei Weltbank, Uno oder EU – deutsche

D
er Arbeitsplatz liegt in
Manhattan, Kollegen aus
aller Welt verbreiten in-
ternationales Flair, und Dienstrei-
sen in exotische Länder gehören
zum Alltag. Sabine Warschburger,
30, hat ihren Traumberuf gefun-
den und sieht sogar einen „kon-
kreten Sinn“ in ihrer Aufgabe.
Seit Mai 2000 arbeitet die pro-
movierte Volkswirtin in der Sta-
tistik-Abteilung der Vereinten
Nationen – der Weltagentur für
Frieden, Freiheit und Entwick-
lung. „Unheimlich flexible und
mobile Leute“ würden dort ge-
braucht, sagt Warschburger. Ei-
ne Rückkehr nach Deutschland
kann sie sich kaum vorstellen:
„Dieses Arbeiten in einem inter-
nationalen Umfeld macht ein biss-
chen süchtig.“

FRANK DARCHINGER
Von Leuten wie Sabine Warsch-
burger hätte der Kanzler gern
mehr. Die Bundesregierung, die
nach dem Willen Gerhard Schrö-
ders seit dem 11. September eine Uno-Mitarbeiterin Warschburger, Diplomaten-Ausbildung in Berlin
bedeutendere Rolle in der Welt Strippenzieherei im nationalen Interesse
anstrebt, möchte auch personell
größeren Einfluss nehmen. Mög- französischen. Dabei zählt Kandidaten notfalls auch gegen Konkur-
lichst viele junge Deutsche sollen Deutschland 23 Millionen renten protegiert werden sollen.
FRANK DARCHINGER

in internationalen Organisationen Einwohner mehr als Frank- Der Andrang qualifizierter Beamter für
wie Uno, EU oder Weltbank einen reich. Auslandsposten ist bislang gering – und
Job ergattern, die Karriereleiter In zahlreichen internatio- viele zögern aus guten Gründen. Zahlrei-
erklimmen – und immer daran nalen Behörden naht zudem che Rückkehrer mussten bereits erleben,
denken, woher sie kommen. die „deutsche Delle“, war- dass ihnen frühere Kollegen die spärlichen
Andere wichtige Staaten wie Frankreich nen Experten wie Matei Hoffmann, Koor- Beförderungen weggeschnappt hatten. Auf
oder Großbritannien verfolgen ihre Inter- dinator für internationale Personalpolitik Druck der Steinmeier-Runde soll darum
essen schon lange mit Hilfe geschickter Ka- im Auswärtigen Amt. Viele der rund 450 jetzt die Bundeslaufbahnverordnung geän-
derpolitik. Gezielt rekrutieren Briten und deutschen höheren Uno-Bürokraten zogen dert werden: Wer im Ausland war, kommt
Franzosen ihre Leute und bringen sie auf kurz nach dem Beitritt der Bundesrepu- künftig schneller voran. Zehn Jahre habe
strategischen Posten unter. blik 1973 nach Manhattan – und erreichen das Bundesinnenministerium „systemati-
Wirtschaftsvertreter sehen den deut- demnächst die Pensionsgrenze. Auch bei schen Widerstand“ gegen diese Novellie-
schen Rückstand mit Sorge. Die Experten der EU-Kommission verabschiedet sich bis rung geleistet, heißt es in der Bundesre-
im „Tönissteiner Kreis“, einem Verbund 2010 fast ein Viertel der rund 680 deut- gierung – dahinter steckten offenbar die
international orientierter Führungskräfte schen Spitzenbeamten in den Ruhestand. Personalchefs der einzelnen Ministerien,
mit Sitz im Berliner „Haus der Deutschen Jetzt ist die Zeit der Bonner Republik die um ihren Einfluss fürchteten.
Wirtschaft“, kommen zu dem Ergebnis, die mit ihrer außenpolitischen Zurückhaltung Auch Nicht-Beamte sollen jetzt gezielt
Bundesbürger seien international „nicht auch in Personalfragen vorbei. Kanzler- für die Behördenjobs im Ausland gewon-
adäquat repräsentiert“. amtschef Frank-Walter Steinmeier ver- nen werden. Die Stabsstelle im Auswärti-
So stellen die Deutschen in der Zentra- sammelt viermal im Jahr die Staatsse- gen Amt unter Leitung von Botschafter
le der Vereinten Nationen nur 5,1 Prozent kretäre der wichtigsten Ressorts, um in- Hoffmann sammelt derzeit freie Stellen
des Spitzenpersonals, obwohl sie 9,5 Pro- ternationale Posten gezielt besetzen zu und interessierte Bewerber, um Jobs und
zent des Uno-Etats zahlen. In der EU-Kom- können. Auf den Chefsessel beim Welt- Köpfe via Internet zusammenzubringen.
mission haben von den rund 5600 höhe- währungsfonds hatten die Deutschen vor Beim Karriereeinstieg in die Mammut-
ren Beamten lediglich 12 Prozent einen zwei Jahren bereits mit aller Macht den behörden Uno und EU hilft das Ministe-
deutschen Pass, aber gut 15 Prozent einen Ex-Staatssekretär Horst Köhler bugsiert, rium sogar mit eigenen Repetitorien – ge-
32 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Deutschland im Nachteil
gen 120 Euro Gebühr. Bereits vor Einwohner in der EU: 375,3 Millionen bei Bürokraten mit spanischem
einem Jahr begannen die Vorbe- Höhere Beamte in der EU-Kommission* 2001: 5618 oder schwedischem Pass. Ein Be-
reitungskurse für die so genann- Anteil an der Höhere Beamte amter deutscher Herkunft vergisst
ten Concours, Auswahlwettbe- EU-Bevölkerung in der EU-Kommission* auch in Brüssel nicht, dass das
werbe für die EU-Laufbahnen in Prozent in Prozent EU-Mitglied Deutschland aus 16
nach französischem Vorbild. 1500 21,9 Deutschland 12,0 Bundesländern besteht, die eigene
junge Deutsche haben bereits das 15,8 Großbritannien 10,3 Kompetenzen in Europafragen re-
Nachhilfeangebot in Anspruch ge- klamieren.
nommen. Erste Resultate in den 15,7 Frankreich 15,2 An der Spitze angekommen,
langwierigen Auswahlverfahren 15,3 Italien 12,0 können Deutsche richtig Ein-
können sich sehen lassen: Die fluss nehmen. So hat der Chef
zehn Kandidaten, die das Amt 10,6 Spanien 10,7 des Uno-Umweltprogramms, der
auf die letzte, mündliche Prüfung 4,2 Niederlande 4,6 frühere Bundesminister Klaus
für Jobs in der EU-Finanzverwal- 2,8 Griechenland 5,2 Töpfer, mit deutscher Gründlich-
tung vorbereitete, haben alle be- keit erst einmal die Verwaltung
standen. 2,7 Belgien 11,2 der Behörde in Nairobi refor-
Seit Januar hilft das Auswärtige 2,6 Portugal 3,9 miert.
Amt auch bei der Vorbereitung Strippenzieherei im nationalen
auf das „National Competitive
2,4 Schweden 3,4 Interesse müssen die Deutschen
Recruitment Exam“ (NCRE), ei- 2,2 Österreich 2,9 oft noch üben. Erst neuerdings
nem Aufnahmetest der Verein- 1,4 Dänemark 2,6 lädt das Kanzleramt gezielt die
ten Nationen. Diese Prüfung wird deutschen Mitglieder der mächti-
nur in Ländern angeboten, die in 1,4 Finnland 2,7 gen Leitungsbüros in der EU-
der Weltorganisation personell 1,0 Irland 2,8 *Lebenszeit- Kommission nach Berlin ein. Dort
unterrepräsentiert sind – neben beamte der werden sie, natürlich ganz zwang-
0,1 Luxemburg 0,6 Laufbahn A
Deutschland etwa Portugal, Katar los, über die Meinung der Bun-
oder Tonga. desregierung zu Themen wie
Die meisten Kandidaten bei den Repe- len („Nennen Sie die drei am meisten von Osterweiterung oder Verbraucherschutz
titorien sind Mitte bis Ende 20, haben einen Trockenheit geplagten Regionen der Erde informiert.
Hochschulabschluss, internationale Erfah- und erklären Sie ihre jeweiligen Proble- Beim deutschen Nachwuchs ist der neue
rung – und Lust aufs Ausland. „Ich kann me!“). Eine mündliche Prüfung kommt politische Schub noch nicht richtig ange-
mir einfach nicht vorstellen, ein Leben lang hinzu. kommen. 500 Prüfungsplätze bieten die
in einem Büro in Deutschland zu bleiben“, Die Amtshilfe der Regierung erfolgt Vereinten Nationen in diesem Jahr deut-
sagt Christine Lang, 27. Die studierte His- natürlich nicht ohne Hintersinn. „Wir wol- schen Bewerbern an – doch für den zen-
torikerin bewirbt sich bei der Uno um ei- len Dolmetscher im deutschen Sinne“, sagt tralen NCRE-Test Anfang dieses Monats in
nen Job in der Öffentlichkeitsarbeit. Ingo AA-Koordinator Hoffmann. Es gehe um Bonn haben sich gerade 136 geeignete Kan-
Pittele, 30, hat mal ein Jahr in Chile stu- „subtile Kommunikation“ deutscher In- didaten gemeldet.
diert. Der Volkswirtschaftler wollte „schon teressen. Dabei kann ein Job am East River weit
längst raus“ und sucht draußen in der Welt Dahinter steht die Erfahrung: Wer an ei- nach oben führen. 1962 heuerte ein 24-
eine Arbeit mit einem „sinnvollen Ziel“. ner internationalen Schaltstelle sitzt, kann jähriger Betriebswirt aus Ghana als Ver-
Beim NCRE-Test müssen die Kandidaten im Sinne seines Landes viel bewirken. Das waltungsbeamter bei den Vereinten Natio-
vier Stunden auf Englisch oder Französisch Verständnis für deutsche Sonderwünsche, nen an. Heute ist Kofi Annan General-
analytisches Denken, Wissen über die Uno so die Erwartung der Berliner Ministerialen, sekretär, und den Friedensnobelpreis hat
und das Weltgeschehen unter Beweis stel- ist bei Landsleuten besser ausgeprägt als er auch. Ralf Beste, Sonja Niemann
Deutschland

Der Befreiungsschlag
THÜRINGEN
ging gründlich daneben.

Wendehals mit Der CDU-Landeschef


habe eine „Allergie ge-
gen die eigene Ver-

Orden

MARTIN SCHUTT / DPA(L.); SVEN DÖRING / PLUS 49 / VISUM (U.)


gangenheit“, ätzte das
linke Fachblatt „Neues
Deutschland“ und er-
Ein Karrierist in Nöten: Dieter munterte Ramelow zum
Weitermachen; prompt
Althaus, Kronprinz von sorgten alte Dokumente
Regierungschef Vogel, wird von für Ärger im beschauli-
seiner Vergangenheit als chen Freistaat. Etwa ein
linientreuer Pädagoge eingeholt. Redeentwurf zur Tagung
des Volksbildungsaktivs

D
as ovale Blech ist von schlichtem vom 25. August 1989, we-
Reiz. Ein Lorbeerzweig umrankt nige Monate vor dem
das wehende Ehrenbanner, das die Ende des Mauer-Staates.
SED einst treuen Gefährten überreichte. Über dem Papier prangt
Das 40 Millimeter breite, in Gold geprägte CDU-Chef Althaus, Parteifreund Vogel deutlich der Name
Schmuckstück war, so schrieb es die Aus- „Allergie gegen die eigene Vergangenheit“ Dieter Althaus, seiner-
zeichnungsordnung von 1972 vor, „auf der zeit Vorsitzender der
oberen linken Brustseite“ zu tragen. Schulgewerkschafts-
Die Empfänger durften sich über eine leitung. Auszug:
Prämie von 500 Ost-Mark freuen – und die „Wie schaffen
„Medaille für hervorragende Leistungen wir es, unsere
bei der kommunistischen Erziehung in der Schüler die Wer-
Pionierorganisation Ernst Thälmann“ in te des Sozialis-
der Schublade verschwinden lassen. Doch mus als mora-
manchem haftet das Abzeichen, das vom lisch erstrebens-
FDJ-Zentralrat in Berlin vergeben wurde, wert erkennen
noch heute an: Das güldene Blechoval und erleben zu las-
droht jetzt die rasante Karriere des Christ- sen, um sich dafür zu
demokraten Dieter Althaus vom Lehrer an entscheiden und entsprechend zu han-
einer kleinen Schule im Eichsfeld zum de- Ehrenliste in der „Jungen Welt“, Medaille deln?“ Antwort: Wichtig für den Lehrer
signierten Ministerpräsidenten von Thürin- Auf der linken Seite zu tragen seien „politischer Weitblick, ein fester
gen jäh zu stoppen. Klassenstandpunkt“.
Denn der Christdemokrat, Partei- und der FDJ-Bezirksleitung Erfurt erklärt, er Die Rede habe man im Gewerkschafts-
Fraktionschef im Land, hat sich zu seiner habe zwei Stühle neben Althaus gesessen. büro erstellt und wohl für das Proto-
Vergangenheit schon mehrfach eindeutig Eine ehemalige FDJ-Sekretärin bestätigt koll abgegeben, mutmaßt Althaus. Der
festgelegt: Jene Medaille sei ihm zwar „an- die Übergabe in dem Hotel. Christdemokrat, immerhin acht Jahre
getragen“ worden – angenommen habe er Ehrentafel und Zeugenaussagen dürften lang Kultusminister im Kabinett Vogel,
sie aber nie. Althaus jetzt in Bedrängnis bringen. Denn will das Pamphlet so nie vorgetragen
Doch eine Umlaufvorlage (Nummer dass er zu DDR-Zeiten dem System weit haben. Der Wendehals hält die Auf-
1/141) des FDJ-Zentralrates vom Mai 1989, ergebener diente, als er das heute wahrha- deckung dieser Peinlichkeiten für eine
die sich mit den Auszeichnungen „anläss- ben möchte, beflügelt seit Wochen die politisch motivierte Kampagne von alten
lich des Tages des Lehrers“ befasst, deutet PDS-Opposition. Deren neuer Fraktions- Genossen.
darauf hin, dass Althaus da wohl eine Er- chef Bodo Ramelow kommt aus dem Wes- Das mag sogar stimmen, nur ist Peter
innerungslücke hat. Punkt 5 legt fest: Die ten und mag nicht mehr einsehen, „dass Wickler über diesen Vorwurf weit erha-
„Ehrentafel“ der vom Zentralrat bereits die Vergangenheit der DDR einzig und al- ben: Der Vizepräsident des Thüringer Lan-
bestätigten Auszeichnungen werde Mitte lein der PDS“ vorgeworfen wird. Rame- desarbeitsgerichts – auch er ein Westler –
Juni in den FDJ-Organen „Junge Welt“ low hatte den PDS-Kritiker Althaus schon verkündete bereits im April 1994 ein Urteil,
und „Pionierleiter“ veröffentlicht. Mehr vor Wochen in einen peinlichen Schrift- das weitgehend unbeachtet blieb, obwohl
als 100 „verdiente Lehrer, Erzieher und wechsel verwickelt. es doch Bände sprach.
Wissenschaftler“ durften sich nach diesen In einem offenen Brief versicherte Als eine Lehrerin gegen ihre Kündigung
Tafeln über die Medaille freuen – wegen Christdemokrat Althaus der Öffentlichkeit wegen Systemnähe klagte, stellte die Kam-
des Alphabets ganz oben steht Althaus, da- daraufhin wieder einmal, er habe den Or- mer fest, dass der oberste Dienstherr der
mals stellvertretender Direktor der Wer- den nie angenommen, nur eine Prämie Pädagogin, Kultusminister Althaus, „sogar
ner-Seelenbinder-Oberschule Geismar. über 500 Ost-Mark. Die sei als Auszeich- kurz vor dem Zusammenbruch des SED-
Das belegt zwar noch nicht zweifelsfrei, nung unter anderem für die Betreuung ma- Staats noch aktiv für dessen Ziele einzu-
dass er das Blech auch entgegengenommen thematisch besonders begabter Schüler treten bereit war“ und „die Bundesrepublik
hat – nun aber erinnern sich Augenzeugen ausgelobt worden. in Versammlungen mit ideologischen Hetz-
auch noch an den Akt der Übergabe: Nicht In höchster Not spielte der potenzielle parolen“ bekämpft habe. Dass Althaus nun
in Berlin bei der zentralen Feier am 10. Juni Nachfolger von Regierungschef Bernhard Minister sei und ausgerechnet ein Mann
1989 habe Althaus das Lametta empfangen, Vogel gegen den Westler Ramelow auch mit einer solchen Vergangenheit Lehrern
sondern bei einer Nachverleihung in der noch die Ossi-Karte. Dessen Aussagen, wegen Systemnähe kündige, sei freilich
Discothek des Erfurter Jugendtourist-Ho- rügte Althaus den zugezogenen PDS- „eine nicht justiziable Frage der politischen
tels, sagt Jürgen Spilling. Der einstige Se- Mann, seien „ein deutliches Indiz dafür, Glaubwürdigkeit“. Die Althaus-Unterge-
kretär für Agitation und Propaganda bei dass Sie eben noch kein Hiesiger sind“. bene musste gehen. Steffen Winter

34 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Deutschland

BSE

Pfusch
aus Profitgier?
Fahnder haben gefährliche
Schlampereien in Labors entdeckt.
Für ein paar Euro riskieren

MICHAEL DALDER / REUTERS


Unternehmer offensichtlich die Ge-
sundheit der Fleischkonsumenten.

J
eder hatte ihm von diesem Schritt ab-
geraten: weil so etwas doch nur Ärger
einbringe, weil man Kollegen nicht an-
schwärze und weil er sich auch selbst be- BSE-Test an Rinderhirn: Längst über die Ladentheke gegangen
laste. Dennoch setzte sich ein ehemaliger
Laborleiter aus München am 17. Januar an der vergangenen Woche gleich zwei Privat-
den Computer, um einen bedrohlichen labors wegen diverser Unregelmäßigkeiten. Tödliche Erreger
Missstand aufzudecken. Schuld ist eine Gemengelage aus BSE-Tests in Deutschland im Jahr 2001
In einem Fax an die Staatsanwaltschaft Schlamperei, Geschäftemacherei und la-
Untersuchungen gesamt: 2,9 Millionen;
Kempten, die bereits Unregelmäßigkeiten scher Kontrollpraxis. Fachleute schütteln positiv getestete BSE-Fälle bei:
bei BSE-Tests bearbeitete, beschrieb der vor allem den Kopf über das Haus von
Mann die „katastrophalen Zustände“ in Bayerns Verbraucherschutz-Minister Eber- verendeten Tieren 47
BSE-Testlabors, in denen er gearbeitet hat- hard Sinner – seine Amtstierärzte hatten
te. In einem Institut, so der 45-Jährige, ein halbes Jahr lang nicht gemeldet, dass in symptomfrei
würden Einwegspritzen zur Entnahme von einem nicht zugelassenen Labor Proben geschlachteten 36
Tieren
Hirnmasse aus Kostengründen wieder ver- getestet worden waren. Ob aus Versehen
wendet, positive Testergebnisse nicht ord- oder bewusst, das prüft nun die Kripo. Notschlachtungen 21
nungsgemäß gemeldet, Flüssigabfälle un- Auch in München und Nürnberg funk-
gefiltert ins Abwasser gespült. tionierte die Kontrolle offensichtlich nicht. BSE-
Wenige Tage später durchsuchte das Dort inspizierten Sinners Emissäre zwar Verdachtsfällen 17
Bayerische Landeskriminalamt (LKA) ein die Laborräume, Mängel entdeckten sie Tieren aus Bestand Quelle: Bundesministerium
mit BSE-Fällen 4 Ernährung und Landwirtschaft
für Verbraucherschutz,
Münchner und ein Nürnberger Labor der offenbar nicht. In einem internen „Be-
Firma Diagnostic-Lab. „Wer einige Labors suchsprotokoll“ vom September 2001
von innen kennt“, hatte der Tippgeber den zählte eine Mitarbeiterin der Münchner
Staatsanwälten gesagt, „der kann derzeit Firmenzentrale dagegen schwere Mängel gebe vor allem dort Lücken im System, wo
ruhigen Gewissens kein auf: „Die Zentrifugen sind die BSE-Tester unter „Zeit- und Preisdruck“
Rindfleisch essen.“ dreckig“, vorgeschriebene stehen. Sie will jetzt präzise „Leitlinien für
Seit Januar 2001 muss Testzeiten würden nicht BSE-Tests“ durchsetzen und die Länder
das Hirn jedes über zwei eingehalten, und die La- drängen, das Kontrollpersonal zu verstär-
Jahre alten Rindes in borleitung habe „Wis- ken. Außerdem fühlte sich die Ministerin
Deutschland auf BSE getes- sensdefizite“. von ihrem bayerischen Kollegen wochen-
tet werden – eine Folge des Bei positiven Ergebnis- lang hingehalten, weil Sinner nicht preis-
Fleischskandals in den Mo- sen im Münchner Dia- gab, wohin die 39 000 nicht ordnungsgemäß
naten zuvor. Jetzt zeigen gnostic-Labor, teilte der getesteten Rinder geliefert worden waren.
mehrere Fälle von Schlam- ehemalige Mitarbeiter dem Nun soll Bayern für den Schaden aufkom-
MATTHIAS SCHRADER / DPA

perei, dass es die von Po- LKA zudem mit, sei nicht men, der durch die Rückrufaktion entsteht.
litikern versprochene Si- unverzüglich das Lan- Bayern wird jetzt zum Verhängnis, dass
cherheit nicht gibt, weil pri- desuntersuchungsamt ein- es fast ausnahmslos in privaten Labors
vate Labors, offensichtlich geschaltet worden – so testen lässt. Denn unter dem Druck der
aus Profitgier, pfuschen. wie das die Vorschriften Fleischindustrie, billig und schnell zu tes-
Schlimm trifft es Bay- verlangen. Auch seien in ten, leidet offenbar die Analysequalität.
ern. Denn noch bevor die Verbraucherminister Sinner Nürnberg mehrere hundert Nur etwas über 20 Euro nahm das Münch-
Diagnostic-Labors gefilzt Lasche Kontrolle Tests als negativ deklariert ner Diagnostic-Labor von Schlachtern für
wurden, hatten Behörden worden, obwohl die Test- das Testen eines Rinderhirns. Zum Ver-
bereits ein nicht zugelassenes Labor der ergebnisse eigentlich ungültig gewesen gleich: Staatliche Tests in Niedersachsen
Passauer Firma Milan geschlossen – mit jähr- seien. kosten die Metzger 25 bis 26 Euro.
lich über 350 000 Tests von Rinderhirnen Diagnostic-Lab bestreitet alle Vorwürfe Mindestens 14 Euro müssen die Labors
einer der größten Anbieter der Branche. – man habe sich stets an die Vorschriften an den Hersteller der Testmaterialien be-
Ein Teil des von Milan getesteten Fleischs des Staatsministeriums und des Test-Her- zahlen, dazu kommt Geld für Personal und
war längst über Ladentheken gegangen. stellers gehalten, dem Laborchef sei von Sachmittel, für Transport, Dokumentation
Nach den üblen Nachrichten aus Bayern den Behörden ein „zuverlässiges Manage- und Entsorgung. „Und wer permanent die
schauten andere Länder genauer hin – in ment attestiert worden“. Kosten drückt“, sagt der ehemalige La-
Baden-Württemberg flog ein pfuschendes Renate Künast (Grüne), Bundesministe- borleiter, „der missachtet die Qualität der
Labor auf, und Rheinland-Pfalz sperrte in rin für Verbraucherschutz, schimpft nun, es Proben.“ Michael Loeckx, Udo Ludwig

38 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Werbeseite

Werbeseite
Deutschland

E S S AY

Der Wi rtschaf tswah lkam pf von Peter Glotz

I
nzwischen weiß es jeder: „It’s the economy, stupid.“ Edmund lismus fähige Zusammenhalter, zwei entschiedene Protagonis-
Stoiber, der noch ein wenig verkrampfte, aber mit den wirt- ten der produktivistischen Zweidrittelmehrheit der Bevölkerung,
schaftlichen Eliten vertraute Premier des wachstumsstarken zwei misstrauische, erfahrene Berufspolitiker, die durchaus re-
Hochtechnologielandes Bayern will Gerhard Schröder mit einem formbereit, aber davon überzeugt sind, dass sie ihre Wähler nicht
Wirtschaftswahlkampf vor sich hertreiben. Wollte sich der Kanz- überfordern dürfen. Beide wissen genau, was man im digitalen Ka-
ler nicht an der Senkung der Zahl der Arbeitslosen auf höchstens pitalismus (den beide gravitätisch „unsere soziale Marktwirtschaft“
3,5 Millionen messen lassen? Ist ihm das nicht grandios misslun- nennen würden) tun müsste, um die Arbeitslosigkeit zu verringern:
gen? Hat er 2001 seine Reformpolitik (Haushaltskonsolidierung, Privatisierung von Staatsaktivitäten, Lockerung des Kündigungs-
Steuer- und Rentenreform, neues Staatsbürgerrecht, Green Card, schutzes, Kürzung der Subventionen, zum Beispiel für Werften,
Bundeswehrreform, Atomkonsens) nicht abrupt eingestellt? Hat er Kohle oder Landwirtschaft. Schröder hat kaum etwas davon an-
anschließend nicht törich- gerührt. Stoiber aber tut
te Geschenke (zum Bei- nicht einmal so, als ob er
spiel ein bürokratisches diese Politik ändern wollte.
Betriebsverfassungsgesetz) Das aktuelle Buch über ihn
verteilt? Der Wolfratshau- (von Friedrich Kaber-
ser Perfektionist wird dem mann) heißt „Das Maß der
Medienkanzler einheizen. Dinge“, konkrete Fragen
Die Parolen dieser nach den ökonomischen
Schlacht sind absehbar. Erfolgsrezepten aus den
Rot-Grün hat ein schlech- USA beantwortet er mit
tes Gewissen. „Ziel ist es“, pastoralen Versatzstücken
hat Franz Müntefering ge- („Wir haben in Deutsch-
rade wieder geschrieben land eine andere Menta-
„Erwerbsarbeit für alle zu lität“), und konkrete Fest-
haben.“ Ja, dann. Die legungen (so zum Kündi-
PETER ENDIG / REUTERS

„neue Mitte“ (ein alter gungsschutz) suchen selbst


FALK HELLER / ARGUM
Joke von Bodo Hombach) Archivspezialisten der Re-
hat man schon einge- gierung in tagelangen Re-
dampft. Jetzt ist nur noch chercheübungen verge-
von der Mitte die Rede. bens. Stoiber will in
Die Linke wird für alle Kontrahenten Schröder, Stoiber: Zwei, die sich nahe sind Rottach-Egern nicht nur
ökonomischen Probleme die Handwerksmeister ge-
eine aus den USA hereingeschwappte Rezession verantwortlich winnen, sondern auch den IG-Metall-Vertrauensmann. Nach dem
machen, während die Union mit überkippender Stimme das Wort von der EU-Kommission angedrohten blauen Brief, der die hohe
„hausgemacht“ skandieren dürfte. Das Willy-Brandt-Haus wird Verschuldung der öffentlichen Haushalte in Deutschland rügen
Stoiber als Rechten und Spalter abmalen, der jetzt nur Kreide fres- soll, kann er genauso wenig in die Kasse greifen wie der gegen-
se. Und das „Headquarter“ der von Konfusion geschüttelten C-Par- wärtige Kanzler, Mittelstand hin oder her. Die Milliardentransfers
teien wird den Kanzler als seelen- und erfolglosen Manager dar- nach Ostdeutschland muss er fortsetzen wie Schröder. Wirt-
zustellen versuchen, der weder die „Sprache der Werte“ noch die schaftswahlkampf? Worüber?
Gesetze der Ökonomik beherrsche. Die alten Lager werden (für ein

N
halbes Jahr) notdürftig wieder zusammengenagelt. Stoppt Stoiber! atürlich hat Gerhard Schröder einen handwerklichen Feh-
Praktisch mag dieses Spiel aufgehen; man weiß nur noch nicht, ler gemacht, als er sich im Mai 2000 zu der Festlegung ver-
für wen. Beim zweiten Zug (der erste war die Nominierung Stoi- leiten ließ, er werde die Arbeitslosigkeit auf 3,5 Millionen
bers durch die Union) hat sich die SPD in Vorteil gebracht. Die senken und lasse sich an dieser Versprechung messen. Die Spin-
Markierung Stoibers als Rechter hat ihn zu einem schlecht vor- Doctors, die diese Festlegung aufgeschrieben haben, hofften auf
bereiteten Purzelbaum in die Mitte veranlasst. Die SPD sagte sich die Verringerung der Zahl der Erwerbstätigen. Die rot-grüne Re-
klug: Wer in der Mitte agiert, kann rechts nicht mobilisieren. gierung wollte in Anspruch nehmen, was sie selbst gar nicht be-
Spitz hat die „Welt am Sonntag“ Stoiber schon als Sowohl-als- wirkt hatte: die Demografie. Aber abgesehen davon, dass die
auch-Kandidaten und „zweiten Schröder“ kritisiert. Was werden schlauen Strategen übersehen hatten, dass Konjunktureinbrüche
die Pokémon-Trainer aus dem „Headquarter“ im dritten Zug tun? nun einmal zyklisch wiederkehren, konstruierten sie eine mora-
Es bleiben noch sieben Monate Zeit. lische Falle, in der die Bundesregierung nun mit einem blutenden
Bei der wachsenden Minderheit von Wählerinnen und Wählern, Bein hängt. Sie hat, so lautet der Vorwurf, eine Politik für „Ar-
die sich nicht in politische Lager sperren lassen und nur von Pro- beitsplatz-Besitzer“ betrieben, sie hat die Arbeitslosen im Stich
blemlösungen angesprochen werden, löst dieser Schaukampf Ach- gelassen, sie hat die Arbeitslosigkeit nicht verringert. Ist das ein
selzucken aus. Sie wissen, wie nah sich die beiden Spitzenkandi- wirksamer Prügel, mit dem der soziale Konservative Stoiber den
daten sind: Zwei pragmatische Industriepolitiker, zwei zum Popu- sozialdemokratischen Modernisierer Schröder vertreiben könnte?
40 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Diese Debatte ist verlogen. Warum? hertobenden Beschäftigungswahn ihrer Zeitgenossen. Bald kamen
Erstens bringt die digitale Ökonomie – die so genannte Wis- Schaulustige und Neugierige auf sie zu und fanden, dass das, was
sensgesellschaft – nicht mehr, sondern weniger Jobs. Das darf sie nicht taten, gut war. Sie legten sich mit nieder und genossen die
man, gemäß einer Schweigevereinbarung unseres Establishments, Sonne und den mitgebrachten Sekt. Es kamen aber auch andere,
nicht sagen. Es ist aber so. Am radikalsten hat es Ralf Dahrendorf die ebenfalls behaupteten, die ,Glücklichen Arbeitslosen‘ wären toll,
formuliert: „Für die Hightech-Ökonomie und ihr Wachstum ist die doch um sogleich deren Ruhe mit obszönen Angeboten zu stören.
Mehrheit der Arbeitsfähigen entbehrlich.“ Das mit der „Mehr- ,Wollt ihr nicht an einem Marsch für die Vollbebeschäftigung teil-
heit“ mag übertrieben sein. Im Kern aber hat der Mann Recht. nehmen?‘, fragten die einen. ,Wir möchten Sie gern für unsere
Einer der wenigen Unternehmer, die Tacheles reden, Jürgen Dor- Fernsehshow gewinnen‘, meinten die anderen. Enttäuscht nahmen
mann von Aventis: „Ich mache die Scheinheiligkeit, die überall sie die Antwort entgegen: ‚Wir bleiben liegen‘.“
blüht, nicht mehr mit. Unser Ziel ist es, den heutigen Beschäfti- Horx hat seine Analyse unter die bewusst provozierende Über-
gungsstand zu halten. Dazu müssen wir extrem erfolgreich sein.“ schrift gestellt: „Arbeitslosigkeit ist nicht so schlimm.“ Das ist
falsch. Der 45-jährige Angestellte, dessen Stelle wegrationalisiert

U
nd was ist, wenn einer nicht „extrem“ erfolgreich ist? Ein worden ist und der ein Jahr lang vergebens nach einer neuen ge-
gutes Beispiel bietet die Wachstumsbranche Telekommu- sucht hat, kann jede Orientierung verlieren. Der Jugendliche, der
nikation. Die neuen Wettbewerber der alten Post haben al- trotz Ausbildung keinen Betrieb findet, der ihn beschäftigt, be-
les in allem circa 50 000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Die Tele- ginnt auf die Marktwirtschaft, von der ihm so viel erzählt worden
kom selbst musste gleichzeitig nicht weniger als 70 000 Plätze ab- ist, zu pfeifen. Die Frau, die vergebens nach einer Teilzeitarbeit
bauen; und das ist noch nicht das Ende. Auch darf man sich nicht sucht, die mit der Erziehung ihrer Kinder vereinbar ist, lebt un-
in die Tasche lügen: Ein erheblicher Teil unserer Arbeitskräfte ist ter schrecklichem Druck. All das ist durchaus schlimm. Man soll
für wissensbasierte Aufgaben ungeeignet; nur ein Bruchteil davon sich nur nicht einbilden, dass es von Berlin aus mit ein paar Ge-
kann durch Weiterbildung für solche Jobs qualifiziert werden. setzen zu verändern wäre.
Das ist einer der Gründe dafür, warum wir 1,3 Millionen Lang- Denn die Entscheidung der „Starnberger“ oder der „Prenzlau-
zeitarbeitslose haben und warum trotzdem jedes zweite Unter- er“ ist zuerst einmal höchst rational. Man kann sicher ein intelli-
nehmen in der Bundesrepublik verzweifelt Leute sucht. Wer be- gentes System von Zuckerbrot und Peitsche etablieren, das einen
hauptet, dass eine Regierung – gleichgültig ob unter Schröder, Bruchteil des „dritten Drittels“ wieder in den Produktivismus
Stoiber oder dem heiligen Petrus – diese Situation grundlegend zurückholt. Aber man muss vorsichtig sein. Wer zu „amerikanisch“
ändern könnte, macht sich zur Grölbacke. Was den wird, bekommt amerikanische Verhältnisse. In New
weniger Qualifizierten bleibt, sind Bad-Jobs oder York sind 30000 Menschen obdachlos; die sieht man
persönliche Dienstleistungen. Für die Bad-Jobs gilt inzwischen zwar nicht mehr, weil Ex-Bürgermeister
der berühmte Witz aus den USA. Clinton verkün- Weder Schröder Rudolph Giuliani dafür gesorgt hat, dass jeder, der
det, er habe 70 000 neue Arbeitsplätze geschaffen. noch Stoiber im Freien übernachtet, abgeführt wird. Die Folge ist
Meldet sich einer aus Detroit: Jawohl, ich habe wollen in aber auch, dass man bestimmte Quartiere großer
drei davon. Die Bereitschaft, Kindermädchen ein- Deutschland amerikanischer Städte gar nicht mehr betreten kann,
zustellen, sollte man weiß Gott begünstigen und er- wenn man Kreditkarten in der Tasche hat. Wer sol-
leichtern. Aber es gibt Millionen junge Frauen (von amerikanische che Bedingungen in Deutschland einführen wollte,
den jungen Männern nicht zu reden), die nicht Verhältnisse bekäme scharfen Gegenwind. Stoiber will das ge-
„dienen“ wollen. Der Kombilohn ist eine gute Idee, einführen. nauso wenig wie Schröder. Im Prinzip wollen beide
aber er greift nur in verschwindend wenigen Fäl- die Toleranz zwischen unterschiedlichen Lebenssti-
len. Das heißt: Regierungen können Rahmenbe- len, das einigermaßen friedliche Nebeneinander pro-
dingungen ändern, durch Steuer-, Bildungs-, Wett- duktivistischer und nichtproduktivistischer Lebens-
bewerbs- und Sozialpolitik. Das kann man sowohl Schröder als modelle. Die Sozialwissenschaft spricht von „multiple moderni-
auch Stoiber zutrauen. Die Sprüche über „Erwerbsarbeit für alle“ ties“. Soll man den Kanzler und den Gegenkandidaten schelten, weil
aber sind heilige Formeln aus einer vergangenen Welt. sie beide von der Kalifornisierung Deutschlands nichts halten?
Zweitens gibt es nicht nur Leute, die keine wettbewerbsfähigen

D
Arbeitsplätze bekommen, sondern auch solche, die keine wollen, ie landläufige Kritik gegen diese Vorsicht (oder „Untätig-
und zwar aus durchaus legitimen Gründen. Der wichtigste Grund- keit“) kommt sowohl von links als auch von rechts, und
zug des digitalen Kapitalismus ist die Beschleunigung. Sie erzwingt zwar mit der ausgeschlupft gleichen Logik. Die Linke
Mobilität und Nomadismus, lange Arbeitszeiten, Präzision unter geißelt die „Profitgier“ der Unternehmen, die heldenhaften Ver-
dem Druck hoher Geschwindigkeit, Anfunkbarkeit (fast) rund um bandsvertreter der Wirtschaft beklagen die Verfolgung von Grup-
die Uhr. Diese Zwänge erzeugen „Down-Shifter“, Entschleuniger, peninteressen als Ursache von Wachstumsschwäche und rufen
Abtrünnige. Manch einem ist es wichtiger, seine Kinder vernünf- laut nach „mutigen Politikern“, die solchem Verhalten endlich Ein-
tig zu erziehen als 80 000 Euro zu machen. Der Trendforscher Mat- halt gebieten. Beides ist, wie der Münchner Wirtschaftsethiker
thias Horx hat die Lage treffend gekennzeichnet: „Unsere Gesell- Karl Homann kürzlich bösartig bemerkt hat „ökonomischer An-
schaft wird sich den Luxus von 20 Prozent Ausrangierten leisten, alphabetismus“. „Nicht gemeinsame Ziele oder Werte integrieren
die ihr Leben vor 35 Fernsehprogrammen fristen, sich auskömm- alle Menschen, sondern individuelle Vorteile und Vorteilserwar-
lich bei Aldi, Hofer und Penny versorgen können. Bei haushälteri- tungen.“ Es ist unpolitisch, von den Vorsitzenden großer Volks-
schem Sinn reicht es sogar gelegentlich zu Billigflügen nach Ma- parteien zu erwarten, dass sie die Interessen der größten Grup-
llorca. Schon heute liegt der Anteil der ,ökonomisch Randständi- pe ihrer Wähler (der „Arbeitsplatz-Besitzer“) leichtfertig und
gen‘ in Deutschland bei fast 20 Prozent.“ Manche leben nach dem möglichst noch kurz vor Wahlen massiv verletzen.
„Starnberger Modell“: ein von den Eltern geerbtes Haus, sparsa- Stoiber, heißt das, wird zwar einen „Wirtschaftswahlkampf“
me Lebensführung, Einkünfte über die Veranstaltung von Tai-Chi- führen. Aber er würde sich als Kanzler wirtschaftspolitisch nicht
Kursen. Andere realisieren das „Prenzlauer Modell“: Stütze, Kul- viel anders verhalten können als Schröder. Vielleicht gibt es ja vie-
tursponsoring, billige Mieten. Und wieder andere verteidigen ihr le gute Gründe, Stoiber statt Schröder zu wählen. Der Wirt-
entschleunigtes Leben sogar aggressiv. Der Chefideologe der schaftswahlkampf liefert keine.
„Glücklichen Arbeitslosen“ aus Berlin, Guillaume Paoli, durfte in
der hochbürgerlichen „FAZ“ schreiben: „Eines Tages kamen eini- Peter Glotz, 62, lehrt Kommunikationswissenschaft an der Uni-
ge ,Glückliche Arbeitslose‘ auf eine Wiese inmitten der Großstadt. versität St. Gallen. Er war 26 Jahre sozialdemokratischer Be-
Sie legten sich auf Liegestühle nieder und beobachteten den um- rufspolitiker, unter anderem Bundesgeschäftsführer der SPD.
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 41
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Deutschland

sion als Faksimile veröffentlichte, die sich


leicht von jener unterschied, welche die
ZEITGESCHICHTE
Amerikaner in Nürnberg 1947 vorgelegt hat-
ten. Nute bestätigt nun, dass das Dokument

Das Dokument des Terrors von 1947 echt ist: „Ich war ja dabei, als es ge-
funden wurde.“ Den genauen Zweck der
Konferenz kennt freilich auch die Zeitzeugin
nicht.
Auf der Wannseekonferenz 1942 sprachen die Im Zentrum des Rätsels steht der da-
Organisatoren des Holocaust ihre Mordpläne ab. Wie das Protokoll mals 37-jährige Heydrich. Der kühle Mu-
überliefert wurde, klärt nun eine Zeitzeugin auf. sikersohn hatte sich im Sommer 1941 aus-
drücklich von Hitlers damaligem Kron-
prinz Hermann Göring beauftragen lassen,
alle „Vorbereitungen … für eine Gesamt-
lösung der Judenfrage“ zu treffen. Von sei-
nen Mitarbeitern ließ er sich gern als „Ju-
denkommissar von Europa“ titulieren.
Noch wollten Hitler und seine Helfer die
Juden aus ihrem Reich entfernen und sie in
einem fernen Territorium, die Rede war
von Sibirien, zugrunde gehen lassen.
Als Heydrich am 29. November 1941 zur
Konferenz lud, hatte der Völkermord al-
lerdings bereits begonnen. Einsatzgruppen
der SS, unterstützt von der Wehrmacht,
erschossen bis zum Jahresende einen
Großteil der Juden im Baltikum, in
Weißrussland und der Ukraine, in Serbien
ermordeten sie fast alle jüdischen Männer.
Aus der offenkundigen Rivalität zwischen

MARCO-URBAN.DE
SS-Chef Heinrich Himmler und seinem
einstigen Zögling Heydrich zogen Historiker
den Schluss, der ehrgeizige SS-Karrierist
habe sich mit der „Endlösung“ beim „Füh-
Haus der Wannseekonferenz in Berlin: Streng geheime Zusammenkunft rer“ profilieren wollen. Und da Hitler über
den Holocaust nichts Schriftliches aus der

D
ie berüchtigtste Konferenz der Dabei sind sich Experten längst einig, Hand geben wollte, sei der wahre Zweck der
Weltgeschichte begann um 12 Uhr dass die Teilnehmer der Wannseekonfe- Konferenz gewesen, den zuständigen Be-
mittags. Langsam rollten dunkle Li- renz entgegen landläufiger Meinung nicht amten Heydrichs Bestallung zum Chef der
mousinen die Uferstraße am Wannsee hin- den Holocaust beschlossen. Zwar waren „Endlösung“ bekannt zu geben. Dagegen
unter auf das Gelände der SS-Villa. Der Staatssekretäre in Hitlers Reich besonders spricht jedoch: Der Organisator hatte be-
Schnee knirschte unter den Reifen. Der 20. mächtig, doch eine solche Entscheidung reits in den Einladungsschreiben den Auf-
Januar 1942 war ein herrlicher Wintertag. überstieg die Befugnis der Versammelten. trag Görings an ihn mitgeteilt; eine Konfe-
Reinhard Heydrich, der große, blonde Aber warum hat Heydrich dann die an- renz war dafür nicht nötig.
Chef von Hitlers Sicherheitspolizei, führte deren 14 Männer zu sich gebeten oder be- Heydrich war ein skrupelloser Techniker
seine Gäste in den Konferenzsaal, durch fohlen? Und woher stammt die einzig er- der Macht, überzeugt von der „totalen
dessen Fenster der Blick auf das Seeufer haltene 16. Ausfertigung des Protokolls? Ohnmacht des Moralischen“, wie Hitler-
fiel. Die Geschichte des grausigen Jahrhun- Biograf Joachim C. Fest analysierte. Woll-
Die 15 Männer, Staatssekretäre, Spitzen dertdokuments scheint sich jetzt endgültig te der SS-Mann die deutschen Spitzenbe-
der NS-Verwaltung im besetzten Osteuro- zu klären. Die Britin Betty Nute, 85, ar- amten zu Komplizen machen, ihnen gar
pa und hochrangige SS-Führer, waren un- beitete nach dem Krieg für das amerikani- „eine Falle“ stellen? Das behauptet der bri-
gewöhnlich jung – die Hälfte unter 40 Jah- sche Anklägerteam von Nürnberg. Sie be- tische Historiker Mark Roseman in einer
re alt –, ungewöhnlich gebildet – jeder richtet nun erstmals,
zweite ein Doktor – und ungewöhnlich ehr- wie das Protokoll im
geizig. Das Thema ihres Treffens: der Ho- Frühjahr 1947 in den
locaust. Akten des Auswärti-
Anderthalb Stunden dauerte die streng gen Amtes entdeckt
geheime Zusammenkunft. Es gab Schnitt- wurde (siehe Inter-
chen und französischen Cognac, an- view Seite 50).
schließend schrieb Heydrichs „Judenrefe- Zweifel an der Echt-
rent“ Adolf Eichmann ein Protokoll. Fünf heit des Dokuments
CAMERA PRESS / PICTURE PRESS

Jahre später fanden amerikanische Ermitt- waren entstanden, als


ler die 16. Ausfertigung des Papiers. Die Robert Kempner, einer
Wannseekonferenz wurde schlagartig welt- der Nürnberger US-
berühmt – als Symbol für den staatlich ver- Ankläger, in den sech-
ordneten Massenmord an den Juden. In- ziger Jahren eine Ver-
zwischen strömen jedes Jahr Zehntausen-
de in die Villa im Südwesten Berlins, seit * Links: in Prag 1941; rechts: als
1992 Sitz einer Gedenkstätte. Angeklagter in Jerusalem 1961. Holocaust-Planer Heydrich, Eichmann*: „Kommende Endlösung“

48 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
neuen Studie, und dafür scheint zu spre-
chen: Heydrichs Adlatus Eichmann erklär-
te während seines Prozesses in Jerusalem,
sein Chef habe damals „die Staatssekretä-
re annageln“ wollen.
Für die Deportation der Juden aus Va-
sallenstaaten des Dritten Reiches wie
Vichy-Frankreich benötigte Heydrich die
Kooperation des Auswärtigen Amtes. Aber
ausgerechnet dessen wichtigsten Staatsse-
kretär, den immer zögerlichen Ernst von
Weizsäcker, hatte er nicht geladen, son-
dern Unterstaatssekretär Martin Luther.
Das passt nicht zu Rosemans Deutung.
Ohnehin waren die wichtigeren Teilneh-
mer der Wannseekonferenz bereits Mitwis-
ser. Luther wusste von der Erschießung der
serbischen Juden. Wilhelm Stuckart, Staats-
sekretär des Innenministeriums, erhielt die
Berichte der Einsatzgruppen über deren
Morde. Gauleiter und Staatssekretär Alfred
Meyer vom Reichsministerium für die be-
setzten Ostgebiete verwaltete ein Gebiet, in
dem zur Zeit der Wannseekonferenz die
meisten Juden bereits ermordet waren.
Historiker der Wannsee-Gedenkstätte
glauben, die Konferenz sollte primär die
„Kooperation aller Ministerien unter Fe-
derführung Heydrichs sicherstellen“. SS
und Zivilinstanzen befehdeten einander
heftig: Wann sollten welche Juden depor-
tiert werden, wer musste wen aufnehmen?
Doch die Zuständigkeiten wollte Himm-
ler selbst klären. In den Wochen vor dem
Treffen sprach er persönlich mit Ministern
oder Staatssekretären jener Ressorts, die
zur Konferenz geladen waren. In seinem
Dienstkalender notierte Himmler nach ei-
nem Treffen mit Stuckart vom Innenminis-
terium: „Judenfrage gehören (sic) zu mir.“
Am wahrscheinlichsten ist, dass Hey-
drichs Einlassung, die er in die Einladungen
schreiben ließ, der Wahrheit entsprach: Er
wolle Göring als Ergebnis der Konferenz ei-
nen „Gesamtentwurf“ für eine „Endlö-
sung“ vorlegen. Noch schien der Sieg nahe,
und einen umfassenden Plan über das
Schicksal der Opfer gab es nicht.
Zu dieser Lesart passt, dass Heydrich auf
der Konferenz erst einmal die anderen
Ministerien über seine Vision informierte:
Die „kommende Endlösung“ sollte min-
destens elf Millionen jüdische Europäer
betreffen, auch aus neutralen Ländern
wie der Schweiz oder Schweden sowie
dem dann besiegten Großbritannien. Das
den Opfern zugedachte Schicksal war
grauenvoll: Straßenbau im Osten, „wobei
zweifellos ein Großteil durch natürliche
Verminderung ausfallen wird“. Der „ver-
bleibende Restbestand wird, da es sich bei
diesem zweifellos um den widerstands-
fähigsten Teil handelt, entsprechend be-
handelt werden“.
Die Nazis benutzten zumeist Tarnspra-
che, wenn sie sich über die Vergasung ih-
rer Opfer verständigten. Hinter dem im
Konferenzprotokoll beschriebenen „Stra-
ßenbau im Osten“ vermuteten deshalb vie-
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 49
Deutschland

le Zeitgeschichtler einen verschlüsselten gewesen, würde heute


Hinweis auf Auschwitz oder Treblinka. Das NS-Reich im Osten Dezember 1941 wohl nicht einmal das
Doch nun hat der Historiker Jan Erik 1 Protektorat Böhmen und Mähren
Protokoll der Sitzung
Schulte festgestellt, dass die SS tatsächlich vorliegen.
2 Generalgouvernement Leningrad
jüdische Zwangsarbeiter in großem und Eichmann hatte 30
mörderischem Stil einsetzen wollte.* Reichskommissariate Exemplare tippen las-
des Ministeriums für die Moskau
Himmler plante, Europas Osten mit gigan- besetzten Ostgebiete: sen; Luther bekam die
tischen Wehrsiedlungen zu überziehen, 3 Ostland 4 Ukraine 16. Ausfertigung und
S O W J E T U N I O N
verbunden durch riesige Autobahnen. Als Minsk heftete sie ab. Später
Erste sollten die Juden aus Deutschland Operations- versuchte der Unter-
gebiet Frontverlauf
dafür schuften. Berlin Warschau 6.12.1941 staatssekretär, seinen
Wie in einem ganz normalen bürokrati- DEUTSCHES REICH Stalingrad Minister Joachim von
schen Verfahren wollte Heydrich offenbar Kiew Ribbentrop zu stürzen
Prag
auf der Wannseekonferenz die zuständi- Lemberg und endete im KZ
gen Stellen informieren. Weitere Mitarbei- Wien Sachsenhausen. Luthers
terbesprechungen zu Detailfragen folgten, Protokoll-Ausfertigung
ein anschließendes Treffen der Staatsse- überdauerte deshalb als
kretäre war geplant. Die zweite Wannsee- einzige das Kriegsende
konferenz kam nicht zu Stande, weil tsche- nach der Konferenz begann die Ermordung unversehrt. Alle anderen Konferenz-
chische Widerstandskämpfer Heydrich am europäischer Juden in Auschwitz und an- teilnehmer hatten Zeit und Gelegen-
27. Mai 1942 eine Bombe in die offene Li- deren Vernichtungslagern. heit, ihre Unterlagen rechtzeitig zu ver-
mousine warfen; wenige Tage später starb Von den 15 Teilnehmern des Geheim- nichten.
er an den Verletzungen. treffens waren nach Kriegsende noch Der letzte, der noch zur Aufklärung
Das Protokoll der Wannseekonferenz 9 am Leben. Wegen der Mitwirkung in hätte beitragen können, starb 1987:
enthüllt insofern einen gigantischen Mord- der mörderischen Runde wurde mit Aus- SS-Gruppenführer Gerhard Klopfer aus
plan, der so weder im Detail ausgearbeitet nahme Eichmanns nach 1945 niemand der Parteikanzlei der NSDAP, nach dem
noch umgesetzt wurde. Wenige Monate verurteilt. Krieg erfolgreicher Anwalt in Ulm. In der
Zur Klärung des Rätsels Wannseekonfe- Traueranzeige schrieb die Familie, Klopfer
* Vom Arbeits- zum Vernichtungslager. Die Entstehungs-
renz hat keiner der überlebenden Funk- habe ein erfülltes Leben geführt, „zum
geschichte von Auschwitz-Birkenau 1941/42. Vierteljah- tionäre beigetragen. Und wäre Unter- Wohle aller, die in seinem Einflussbereich
reshefte für Zeitgeschichte, 1/2002. staatssekretär Luther nicht so ein Intrigant waren“. Axel Frohn, Klaus Wiegrefe

sung der Judenfrage“. Ich meine, dass

„Ich war gleich alarmiert“ sie grün unterstrichen war.


SPIEGEL: Dann muss Außenminister Jo-
achim von Ribbentrop die Mappe in
Wie die Britin Betty Nute das einzige erhaltene Protokoll der den Händen gehabt haben.
Wannseekonferenz in die Hände bekam Nute: Genau, nur Ribbentrop verwen-
dete einen grünen Stift. Deshalb war
Nute, geborene Richardson, studierte terfelde, das die amerikanischen Streit- ich gleich alarmiert. Und natürlich
Französisch und Deutsch im nordeng- kräfte beschlagnahmt hatten. Ich saß in auch, weil ich Kenneths Urteil vertrau-
lischen Leeds. Während des Nürnberger meinem Büro, als Kenneth Duke auf- te, der so aufgeregt war.
Hauptkriegsverbrecherprozesses über- geregt hereinkam. Kenneth war Brite SPIEGEL: Was haben Sie mit der Mappe
setzte sie für das ame- und hatte ursprünglich gemacht?
rikanische Ankläger- im Nürnberger Haupt- Nute: Ich habe sofort Robert Kempner in
team, darunter Robert kriegsverbrecherprozess Nürnberg angerufen und ihm gesagt, ein
Kempner, später werte- für den britischen An- Dokument liege vor, das für den so ge-
te sie in Berlin Nazi-Ak- kläger gearbeitet; da- nannten Wilhelmstraßenprozess gegen
ten für die Nachfolge- nach war er der briti- Diplomaten, Spitzenbeamte und ehe-
prozesse aus. Nute, 85, sche Vertreter in einer malige Kabinettsmitglieder wichtig sei.
lebt heute in den USA. alliierten Kommission, SPIEGEL: War es ungewöhnlich, dass Sie
die im Telefunken-Ge- Kempner direkt anriefen?
SPIEGEL: Seit Jahrzehn- bäude gelagerte Akten Nute: Ja, sonst schickte ich ihm meist
ten tauchen immer wie- des Auswärtigen Amtes nur Vermerke. Er bat mich, gleich mit
AXEL FROHN

der Zweifel an der Echt- sichtete. Dabei stieß er dem Dokument nach Nürnberg zu flie-
heit des Protokolls der auf das Protokoll der gen, was ich dann auch getan habe.
Wannseekonferenz auf. Zeitzeugin Nute Wannseekonferenz. SPIEGEL: Hat es Sie damals überrascht,
Halten Sie das Doku- „Rosafarbene Mappe“ SPIEGEL: Wo genau hat- ein Dokument zu finden, in dem die Er-
ment für authentisch? te es gelegen? mordung von Millionen Menschen of-
Nute: Ja, ich war ja dabei, als es gefun- Nute: In einem der riesigen Stapel, die fen diskutiert wurde?
den wurde. aus dem Auswärtigen Amt stammten. Nute: Nein, wir hatten die ganze Zeit
SPIEGEL: Wann und wo war das? Ich erinnere mich noch genau an die mit Papieren zu tun, die von Er-
Nute: Im Frühjahr 1947, im Gebäude scheußlich rosafarbene Mappe mit der schießungen und den Gräueln in den
der Telefunken GmbH in Berlin-Lich- handgeschriebenen Aufschrift „Endlö- Konzentrationslagern zeugten.

50 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Deutschland

TOM MAELSA / DPA


Berliner Mauermuseum*: Eine Art Selbstbedienungsladen

den Sieg der Demokratie che Zahlungen“ vereinbart, knapp 9000


angekarrt. Euro fortlaufend bis zum 31. Juli 2010. Zu-
Friede herrschte auf sätzlich eine „Einmalzahlung“ in Höhe ei-
dem Abenteuerspielplatz ner halben Million Euro. Darüber hinaus
– bis der legendäre Mu- erhält der nur noch sporadisch anwesende
seumsgründer Rainer Hil- Hildebrandt ein Monatsgehalt von 1000
debrandt, 87, Mitte der Euro nebst Dienstwagen und „Erstattung
neunziger Jahre die Ukrai- zweckdienlicher Spesen“. Alles sei legal,

JOCHEN ECKEL / DDP


nerin Alexandra kennen sagt Alexandra, und „im Interesse Berlins“.
lernte. Damit habe das Für den Steuerberater Gert Behrens steht
ganze Unglück begonnen, fest, dass das Museum „für den persönli-
sagen viele Mitstreiter der chen Vorteil ausgeweidet“ werden soll. Als
„Arbeitsgemeinschaft 13. er im Verein die „Ungereimtheiten bei der
August“; über den gemeinnützigen Träger- Privatisierung“ kritisierte, wurde Behrens
H AU P T S TA D T
verein des Museums lief jahrzehntelang die kurzerhand ausgeschlossen. Der DDR-Op-

Goldener öffentliche Förderung. Hildebrandt ehelich- positionelle Wolfgang Templin, der als Re-
te die 45 Jahre jüngere Malerin, machte sei- ferent im Museum wirkte, stieg aus, als er
ne Frau schließlich zur persönlichen Assis- feststellte, dass er als Galionsfigur eine Art

Lebensabend tentin und vertraute ihr die Finanzen an.


Alexandra Hildebrandt, werfen ihr jetzt
Selbstbedienungsladen kaschieren sollte.
Der Präsident der Bundeszentrale für
Mitarbeiter und ehemalige Vereinsmitglie- politische Bildung reagierte ebenfalls. Die
der vor, habe mehr den goldenen Lebens- Geldzuwendungen des Bundes, schrieb
Im Berliner Mauermuseum
abend ihres Mannes und das eigene
bedient sich der Direktor mit Auskommen im Sinn als die Zukunft
Millionen – und gefährdet des Museums. Jedenfalls gelang es
womöglich die Existenz des Hauses. dem Paar mit einem ganz schlichten
Trick, zwei Millionen Euro aufs ei-

D
ie Friedrichstraße wirkt hier wie ein gene Konto umzuleiten. Der loyale

JOSE GIRIBAS / IMAGES.DE


Trödelladen des Kalten Krieges. Vorstand des Vereins ließ sich über-
Mauerstücke zieren einen Haus- zeugen, von sich aus auf die Ge-
eingang, die Ausstellung dahinter bietet meinnützigkeit zu verzichten. Da-
von der Vopo-Uniform bis zum Fluchtauto mit, so die Hildebrandts, habe man
alles. Sogar ein Grenzkontrollhäuschen mit mehr Handlungsspielraum. Der ma-
einem Wall aus Sandsäcken steht dort, wo che den Verzicht auf öffentliche För-
einst der „Checkpoint Charly“ den Über- derungen, die ohnehin spärlicher Ehepaar Hildebrandt: Millionen aufs Konto
gang von West nach Ost erlaubte. Und im fließen würden, leicht. Hildebrandt,
Mauermuseum gleichen Namens, das in das sahen die Mit-Vorständler zudem ein, Thomas Krüger in der vergangenen Wo-
den Hoch-Zeiten Berlins als Frontstadt müsse für seine Mühen entschädigt werden. che, seien ab sofort eingestellt. Seit Mon-
auch „Menschenrechtsmuseum“ genannt Die Zustimmung war eine Art Blan- tag kontrollieren seine Prüfer die Bücher
wurde, hängen immer noch die Hinweise, koscheck zur Selbstbedienung. im Scheck-Point Charly.
dass der Kampf gegen das Böse nur dank Aus den internen Vereinsbeschlüssen Schon seit dem Sommer warten einige
öffentlicher Förderung und mit Hilfe pri- geht hervor, dass dem Museumsdirektor Mitarbeiter auf ausstehende Zahlungen,
vater Spenden zu führen ist. allein „für die Überlassung von Vermö- manche klagen vor Gericht. Einer von ih-
Der Rummelplatz der Geschichte wurde gensgegenständen“ insgesamt knapp eine nen, der Referent Bertolt Bengsch, fürch-
zum zweithäufigst frequentierten Berliner halbe Million Euro bewilligt wurden. Meh- tet, das Museum solle „gezielt ruiniert wer-
Museum, rund 600 000 Besucher kommen rere Abschlagszahlungen hat er bereits er- den“. Templin mahnt, die Ausstellung kön-
jährlich. Und weil nicht nur besichtigt, son- halten. Dabei war völlig unklar, welche ne man „wohl kaum sich selbst und damit
dern auch gekauft werden kann, kalkuliert Ausstellungsstücke dem Museumsgründer einem ungewissen Schicksal überlassen“.
der Laden mit ein und zwei Millionen Euro persönlich gehören und welche dem Mu- Da es aber jetzt keine öffentliche Aufsicht
Gewinn. Renner sind sündhaft teure Mau- seum von Spendern überlassen wurden. mehr gibt, regiert Alexandra Hildebrandt
ersteine, die scheinbar nie ausgehen. Für Hildebrandts Autorenrechte und Ho- das Museum nach Landessitte ihrer alten
Auch die Bundeszentrale für politische noraransprüche an 18 im Museum vertrie- Heimat. So begegnet sie Honorarforderun-
Bildung kommt hier zum Bürger. Schul- benen Broschüren wurden feste „monatli- gen der Mitarbeiter am liebsten mit einer
klassen, Vereine oder Parteigänger auf Ber- ukrainischen Volksweisheit: „Habt ihr Brot
lin-Besuch werden in Bussen zu einem * Links: Besucher am Wärterhäuschen des ehemaligen aufgegessen im Sommer, habt ihr kein Brot
Schnellkurs über die deutsche Teilung und Grenzübergangs. im Winter.“ Peter Wensierski, Sandra Wiest
54 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Werbeseite

Werbeseite
Deutschland

Blüm, Ex-Bundessozialminister. Als politi-


scher Türöffner fungiert Hans-Hermann
KARRIEREN
Tiedje, Ex-Chef von „Bild“ und Berater
von Altkanzler Helmut Kohl.

„Wie in Sizilien“ Marseille, ein Bonvivant mit Privat-Jet


und einer prachtvollen Villa an der Ham-
burger Außenalster, begann ganz un-
scheinbar als Ulrich Hansel. Die Mutter
Seit Jahren versucht der umstrittene Millionär Ulrich Marseille, die starb früh, der Vater kam bei einem Auto-
Politik für seine Geschäftsinteressen zu nutzen. Jetzt will er mit unfall ums Leben. Das Waisenkind wuchs
der rechtspopulistischen Schill-Partei Sachsen-Anhalt aufmischen. bei Pflegeeltern auf, dem Ehepaar Mar-
seille. Mit Pflegevater Theo stieg er 1984 ins
Geschäft mit der Altenpflege ein.
Nach dem Fall der Mauer wurde aus
dem Newcomer ein Konzernlenker. Rei-
henweise kaufte Hansel realsozialistische
Alteneinrichtungen in Sachsen-Anhalt und
Brandenburg und errichtete „Senioren-
Wohnparks“ und Rehakliniken. 1994
schließlich wandelte er sein Unternehmen
in eine Aktiengesellschaft um.
Nun war Hansel, der sich mit über 40
von Ilse Marseille adoptieren ließ, nicht
mehr zu bremsen. In seinem Expansions-
drang scherte er sich wenig um Vorgaben
der Länder: Er sanierte und baute bei-
spielsweise oft einfach drauflos, waren die
Einrichtungen dann eröffnet, forderte er
staatliche Subventionen – rückwirkend.
Doch weder die Behörden in Sachsen-
Anhalt noch in Brandenburg wollten im-
mer widerstandslos zahlen. Reihenweise
überzog er sie also mit Klagen. Bis Ende
ECKEHARD SCHULZ / AP der neunziger Jahre führte Marseille meh-
rere Dutzend gerichtliche Auseinanderset-
zungen.
Einer dieser Vorgänge hat das Akten-
zeichen 11 C 1780/97 und kostete Stock-
Spitzenkandidat Marseille, Parteichef Schill: Unternehmerische Lichtgestalt? hausen reichlich Nerven. Der Caritas-Ma-
nager kam Marseille mit einer eigenen Be-

D
er Schlaks im Manager-Outfit blin- Pflege von alten Menschen seinem Ge- hinderteneinrichtung ins Gehege, die nach
zelte über den Brillenrand in den winnstreben entgegenstehen, werden die- Behördenberechnung deutlich günstiger
großen Saal des Hotels Kempinski se gern ignoriert, was diverse Gerichtsur- war als Marseilles Anlage. Als Stockhausen
in Halle. Hunderte Parteifreunde hatten teile bestätigen. Immer wieder versucht das Zahlenwerk öffentlich machte, klagte
sich erhoben, um dem Heilsbringer für Marseille zudem, Millionenbeträge aus eh Marseille auf Unterlassung. Vergebens: Am
Sachsen-Anhalt zu huldigen – als erstem arg strapazierten Landeskassen zu bekom- 26. März 1997 wies das Amtsgericht Mag-
Vorsitzenden des soeben gegründeten men. Kritiker werden mit Prozessen über- deburg die Klage in allen Punkten ab, da
Landesverbandes der rechten Schill-Partei zogen – bisweilen mit Methoden, die den die Äußerungen des Beklagten „im we-
in Sachsen-Anhalt. Ulrich Marseille, mil- Staatsanwalt auf den Plan rufen. sentlichen richtig“ waren.
lionenschwerer Klinik-Unternehmer aus „Wenn Marseille in der Politik Erfolg Marseilles Gegenspieler werden schon
Hamburg, musste glauben, dass diese Ver- hat“, schwant dem Magdeburger Caritas- mal Opfer unfeiner Methoden: Eine klei-
anstaltung am 2. Februar nicht der Mo- Manager Hans-Georg Stockhausen, der nen Vorgeschmack auf den Wahlkampf be-
ment für falsche Bescheidenheit ist: „Ich den Klinik-Unternehmer schon zum Pro- kam Ende Januar Sachsen-Anhalts Sozial-
kann mir gut vorstellen, Ministerpräsident zessgegner hatte, „dann drohen in Sach- ministerin Gerlinde Kuppe (SPD). Als die
zu werden.“ sen-Anhalt Verhältnisse wie in Sizilien.“ Politikerin den Marseilleschen Alten-
Als „unternehmerische Lichtgestalt“ Ein Erfolg der Schill-Partei, der nach wohnpark in Tangerhütte besuchen wollte,
pries Parteigründer Ronald Schill seinen Umfragen zumindest nicht ausgeschlossen wurde sie vom Niederlassungsleiter des
Kompagnon, Marseilles „berufliches Wis- ist, könnte Marseille ungemein helfen – Hauses verwiesen, weil der Heimbeirat die
sen könne dem Land ebenso nützen wie aber der smarte Unternehmer pflegt auch Sozialministerin zur „unerwünschten Per-
seine breiten nationalen und internationa- Kontakte zu anderen Parteien. Über Jah- son“ erklärt hatte.
len Kontakte“. re hat Marseille ein Geflecht aufgebaut, Auch die inzwischen verstorbene
Kritiker spotten, es sei wohl eher anders- das über großzügige Parteispenden eng- Potsdamer SPD-Sozialministerin Regine
herum gedacht: Das Land könne Marseil- maschig gehalten wird. Hildebrandt sollte in einer regelrechten
les beruflichen Zielen nützen. Sie verhöh- Im Aufsichtsrat seiner Marseille-Klini- Kampagne mit Unterschriftenlisten und
nen ihn als „Westentaschen-Berlusconi“, ken AG sitzt der umtriebige Rechtsanwalt Rentnerdemonstrationen auf Marseille-
denn wie Italiens rechter Regierungschef mit SPD-Parteibuch Peter Danckert, der freundlicheren Kurs getrimmt werden.
predigt Marseille immer dann Recht und über enge Kontakte in die Brandenburger Doch erst mit der CDU-Regierungsbeteili-
Gesetz, wenn es andere betrifft – wenn Landesregierung verfügt. Zierde des Kon- gung – den Unionswahlkampf sponserte
aber Vorschriften der Länder etwa für die trollgremiums war bis Januar Norbert Marseille mit 165 000 Mark – wendete sich
56 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
CHRISTOPH BUSSE (R.); SVEN DÖRING / PLUS 49 / VISUM
Marseille-Klinik in Sachsen-Anhalt: Unfeine Methoden

das Blatt für Marseille auf wundersame von denen viele laut interner
Weise. Überraschend stimmte das Potsda- Unterlagen zu schlechten Geschäf-
mer Sozialministerium im vorigen März ei- ten wurden. Exemplarisch ist das
nem Vergleich zu, der Marseille 86 Millio- frühere Tochterunternehmen SCS
nen Mark frisches Kapital bescherte. Standard Computersysteme, das
Der zuständige Beamte Gregor Kemp- Pflegeheime mit Software ausrüstet.
kens, der das Schriftstück abgezeichnet hat, Die Marseille-Kliniken AG lieh
hat heute sein Auskommen in Hamburg – dem Unternehmen 8,5 Millionen
als Staatsrat in der von der Schill-Partei Mark. Im Geschäftsjahr 2000/2001
geführten Gesundheitsbehörde. schrieb sie davon rund sechs Mil- Plattenbauten in Halle: Fass ohne Boden
Mit dem ständigen Zukauf neuer Ein- lionen ab.
richtungen sowie seiner regen Bautätigkeit Als Fass ohne Boden sollte sich das pri- maligen GWG-Mitarbeiter angesprochen.
im Osten hatte Marseille seinen Konzern vate Immobilienengagement Marseilles Marseille bestritt, das Schreiben initiiert zu
freilich bereits 1998 hart belastet. Die Ei- herausstellen. Mitte der neunziger Jahre haben. Das Ermittlungsverfahren gegen ihn
genkapitalquote lag gerade mal bei 13 Pro- kaufte er 2700 Plattenbauwohnungen in wegen des Verdachts der Zeugenbeeinflus-
zent, für einen Konzern dieser Größe eine Halle-Neustadt. Doch der 75-Millionen- sung wurde eingestellt. Marseille: „Da stand
kritische Marge. Das Unternehmen stand Mark-Deal erwies sich als Fehlinvestition. dann Aussage gegen Aussage.“ Im August
mit rund 434 Millionen Mark bei den Ban- DDR-Plattenbauten waren nicht mehr at- 2000 wies das Oberlandesgericht Naumburg
ken in der Kreide. Marseille räumte den traktiv, auch Marseille-Wohnungen stan- freilich auch Marseilles Klage ab.
Posten des Vorstandschefs. den weitgehend leer. Typisch Marseille ist auch ein anderes
Doch auch mit seinem Rückzug aus Der hemdsärmelige Geschäftsmann zog klotziges Projekt: Im Jahr 2000 durfte der
der aktiven Geschäftspolitik blieb er als alle Register, um aus dem verlustbringen- Selfmademan im New Yorker Büro des
Mehrheitsaktionär der starke Mann im den Deal möglichst schadlos herauszu- Immobilientycoons Donald Trump einen
Konzern. Auch die Risiken blieben. Mar- kommen. Erst versuchte er, sich mit der Blick auf die Skyline werfen. Im Herzen
seille hatte immer neue Firmen gegründet, Hallenser Wohnungsbaugesellschaft GWG Berlins wollte Marseille wenig später ge-
außergerichtlich zu einigen. meinsam mit dem US-Milliardär den ersten
Das Marseille-Imperium Die regierende CDU bekam Trump-Tower Deutschlands hochziehen.
Quelle: Spenden von 40 000 Mark. Marseille-Berater Tiedje hatte schon den
SCHLESWIG- Geschäftsbericht Als die Einigung nicht zu großen Bahnhof bereitet: Berlins damaliger
HOLSTEIN 2000/2001
Verwaltungs- Stande kam, verklagte der Regierender Bürgermeister Eberhard Diep-
hauptsitz MECKLENBURG- Prozess-Profi, der inzwi- gen sollte zur Vorstellung des Plans kom-
VORPOMMERN schen eine neu gegründete men, das Nobelhotel Adlon war fest für
BREMEN HAMBURG „Mieter- und Bürgerliste“ den Event gebucht. Nur der Gast aus den
mit mehreren 100 000 Mark USA kam nicht.
NIEDERSACHSEN gesponsert hatte, die GWG Denn Trump hatte sich aus der Liaison
SACHSEN- BERLIN auf 115 Millionen Mark mit dem Gernegroß aus der norddeutschen
ANHALT BRANDEN- Schadensersatz. Angeblich Provinz verabschiedet: Im März vorigen
BURG habe ihm die GWG Scha- Jahres verließ Trump den Aufsichtsrat der
benbefall und Leerstand Trump Deutschland AG. Geld hatte der
NORDRHEIN-
verschwiegen. US-Milliardär Marseille ohnehin nicht an-
WESTFALEN SACHSEN Im Streit mit der GWG, vertraut. Das Grundkapital von 7,8 Millio-
THÜRINGEN so Akten der Hallenser nen Mark hält die Marseille-Kliniken AG
HESSEN Staatsanwaltschaft, soll Mar- allein, wie der Geschäftsbericht ausweist.
RHEINLAND- Seniorenwohnanlage seille auch auf dubiose Marseille wäre nicht Marseille, hätte
PFALZ geplant Methoden zurückgegriffen nach dem Auszug nicht auch Trump mit ei-
Behindertenpflegehaus haben. So gab ein ehemals ner Klage rechnen müssen. Vollmundig er-
Fach- oder Reha-Klinik
enger Vertrauter des Kon- klärte ein Marseille-Adlatus, man werde
SAAR- zerngründers den Staatsan- Trump und zwei Mitarbeiter wegen Ver-
LAND
BAYERN wälten zu Protokoll, Mar- lassens des Aufsichtsrats auf rund 600 Mil-
seille habe sich damit gebrüs- lionen Mark verklagen. Die Klage hat die
tet, er lasse Zeugen mit Marseille-Truppe inzwischen fallen gelas-
BADEN- anonymen Schreiben ein- sen. Und der Tower wird nicht in Berlin ge-
WÜRTTEMBERG schüchtern. In der Tat wur- baut, sondern in Stuttgart. Wenn über-
de vor Gericht ein Droh- haupt. Stefan Berg, Wilfried Voigt,
schreiben an einen ehe- Andreas Wassermann, Steffen Winter

d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 57
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
B E S TAT T E R

Schöner trauern
Amtsträger der evangelischen
Kirche wollen ins
Beerdigungsgeschäft einsteigen –
Firmen protestieren gegen
die übermächtige Konkurrenz.

W
er es verspielt mag, auch wenn
er seine Angehörigen unter die
Erde bringt, ist bei dem Unter-
nehmen „Trauer Akademie Fritz Roth“
genau richtig: Helle Vorhänge in den
Hallen, bunte Bilder dazu, und beim Ab-
schied wird auf Wunsch
die Lieblingsmusik der Lukratives Geschäft
Verblichenen gespielt. Das deutsche Bestattungsgewerbe
Wenn Martin Dutz-
Bestattungen pro Jahr
mann, 45, Superintendent
des Kirchenkreises Len- 2001 760000 Trauernde bei Beerdigung: „Schon bei Jesus wichtig“ M. SCHARNBERG / VISUM

nep im Bergischen Land, Durchschnittliche Kosten


an die Leichenhallen des 1750 bis 2000 ¤ scher Bestatter, könne die Protest haben die ersten Unternehmer be-
rheinischen Bestattungs- (ohne Grabstein/Friedhofsgebühren) Kirche ordentlichen Fir- reits ihren Austritt aus der künftigen Kon-
unternehmers Roth denkt, men das Geschäft vermie- kurrenz-Firma Kirche angekündigt. Für sie
gerät er ins Schwärmen. Branchenumsatz sen: „Wenn was schief ist völlig klar, dass „die Kirche Kasse ma-
Seit der evangelische Kir- rund 1,4 Mrd. ¤ geht, springt der Kirchen- chen“ will (Lichtner).
chenmann sich dort um- Quelle: BDB steuer-Zahler ein.“ Jurist Dutzmann und seine Mitstreiter trafen
gesehen hat, ist er be- Lichtner will nun prüfen, sich also zum Bibelstudium, um ihre Pläne
seelt von einer Idee: Die Deutschen sollen ob die Pläne gegen das Wettbewerbsrecht theologisch zu begründen. Bei einer „Neu-
schöner trauern. Und seine Kirche müsse verstoßen – zumal die Synode ihrem Pio- lektüre“ der Heiligen Schrift, verkündet
ihnen dabei helfen – als Bestattungsunter- nier Dutzmann mit einem 150 000-Euro- der Kirchenmann, sei ihnen aufgefallen,
nehmen. Kredit zu freundlichen drei Prozent Zinsen dass „die Zeit zwischen Tod und Begräb-
Mit missionarischem Eifer plant Dutz- aufhelfen möchte. nis schon bei Jesus unheimlich wichtig
mann derzeit den Einstieg der Kirche ins Besonders verwerflich findet Lichtner war“.
Geschäft. Mitte Februar wird sich die Su- die Nähe zu den kirchlichen Altenheimen: Spott für solch tiefschürfende Erkennt-
perintendenten-Konferenz der rheinischen „Wer sich um mein Seelenheil bemüht, darf nisse ist ihm gewiss. „Genauso könnte man
Landeskirche, mit drei Millionen Mitglie- kein kommerzielles Interesse an meinem die Speisung der Fünftausend anführen,
dern die zweitgrößte in Deutschland, mit Ableben haben.“ Doch über Jahrhunder- um eine kirchliche Fast-Food-Kette zu
dem Thema befassen. Wie auch immer die te hinweg war es das Privileg der Kirche, eröffnen“, höhnt Bestatter-Vertreter Licht-
Landeskirche reagiert – Dutzmann will das ihre Toten selbst zu bestat- ner – zum Beispiel unter dem
Kirchen-Unternehmen auf jeden Fall grün- ten. Und das ließ sie sich Namen „Mac Sankta“.
den. Auch Kölner Christen überlegen in- meistens gut bezahlen. Erst Findige Unternehmer bau-
zwischen, ob sie mit einer eigenen Beerdi- von den fünfziger Jahren en unterdessen schon mal mit
gungsfirma nachziehen. des 19. Jahrhunderts an er- Innovationen vor. So dürfen
Für marktübliche 2000 Euro sollen An- oberten die privaten Be- die Kunden beim Bestatter
gestellte eines kircheneigenen Trauerhau- statter den Beerdigungs- und Dutzmann-Vorbild Fritz
ses namens „Emmaus“, so Dutzmanns markt. Roth („Trauer ist so bunt wie
Konzept, künftig Tote stilvoll und kreativ Dutzmanns Rückkehr zu die Liebe“) selber Särge be-
unter die Erde bringen, erst mal nur in den Wurzeln dürfte sich malen, Totenmasken bauen
Remscheid und Umgebung. Vom Gewinn freilich noch etwas kom- und Grabbeigaben basteln.
will der Kirchenmann mit Vorträgen und pliziert gestalten. Das Kir- Roths jüngstes Projekt ist
ULRICH BAATZ

Workshops die „Trauerkultur“ der Leben- chen-Personal müsste da- ein „Urnen-Wald“, in dem
den fördern. für unter anderem Be- Familien oder Arbeitskol-
Den Bestattungsunternehmern gefällt triebswirtschaft und Beer- legen künftig gemeinsam
die Idee überhaupt nicht – die Konkurrenz digungstechnik erlernen. Superintendent Dutzmann ihre Asche in durchsichtigen
wäre doch wohl übermächtig. Denn die Schon empfehlen Be- Stilvoll und kreativ Plexiglasröhren ausstellen
Kirche kontrolliert mit den Pastoren nicht statter den Pastoren spöt- sollen.
nur das religiöse Drumherum bei den Be- tisch Fortbildungen ihres eigenen Verban- Andere Unternehmer möchten die Kir-
erdigungen – sie könnte auch in den eige- des: Ein Kursus zum Thema „Kosmetische che im Gegenangriff mit ihren eigenen
nen Altersheimen ihren Einfluss nutzen, Behandlung Verstorbener“ kostet dort bei- Waffen schlagen – sie wollen ihrerseits nun
um die Nachfrage zu sichern. spielsweise 350 Euro. religiösen Service anbieten. „Wenn die Kir-
Die privaten Unternehmer sind empört Auf der Suche nach einer Lösung er- che uns ins Geschäft pfuschen will“, so ein
über die todsichere Geschäftsidee. Ohne wägt Dutzmann auch schon eine Art Joint Bestatter aus Remscheid, „dann stellen wir
eigenes Risiko, wettert Rolf Lichtner, Ge- Venture zwischen Kirche und Bestattern. eben selber einen arbeitslosen Theologen
schäftsführer des Bundesverbandes Deut- Doch noch ist kein Friede geschlossen. Aus ein.“ Andrea Stuppe

d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 61
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Trends Medien
U N T E R H A LT U N G

„Überrascht und
enttäuscht“
Berth Milton, 44, Chef des Erotik-Kon-
zerns Private Media, über seinen
geplatzten Börsengang und Pläne für
einen deutschen Softporno-Kanal

SPIEGEL: Private Media sollte dieses Jahr


der erste Neuzugang am Neuen Markt
in Frankfurt sein und das kriselnde Ak-
ZDF
tiengeschäft beflügeln. Warum haben
Sie in letzter Minute gekniffen? Reitze
Milton: Unser Kurs an der New Yorker
Nasdaq ist von fast 10 auf rund 7 Dollar Z D F- I N T E N DA N Z
gefallen. Das ist kein Klima für einen
Börsengang.
SPIEGEL: Offenbar hatten die Banken
aber auch Mühe, in Deutschland genug
Rote für Reitze
Investoren aufzutreiben. Sind deutsche
Anleger zu prüde fürs Pornogeschäft?
Milton: Das mag für ein paar institutio-
E ine überraschende Wendung gibt es
bei der seit gut neun Monaten
währenden Suche nach einem neuen
der Union, seit die Konservativen beim
zweiten Wahltermin im Januar mit dem
ZDF-Mann Gottfried Langenstein ins
nelle Anleger gelten, sicher aber nicht ZDF-Intendanten. Während die offi- Rennen gegangen waren. Andererseits
für private. Die hat wohl eher die Ent- ziellen Kandidaten-Fahnder um die Mi- könne der schwarze Freundeskreis, der
wicklung des Neuen Marktes miss- nisterpräsidenten Kurt Beck (SPD) und Reitze im Dezember noch geschlossen
Bernhard Vogel (CDU) nach neuen ex- unterstützte, ihn „in dieser Situation
ternen Kandidaten Ausschau halten, nicht ablehnen“. Für die SPD böte der
kursiert in SPD-Kreisen ein Papier, das Vorstoß dem Papier zufolge erhebliche
ausgerechnet Helmut Reitze als Nach- Chancen. So könne „in der Öffentlich-
folger von Dieter Stolte favorisiert. Der keit dargestellt werden, dass Reitze nur
bekannte „heute-journal“-Moderator auf Grund der Hilfe des Bundeskanzlers
und Leiter der ZDF-Hauptredaktion Intendant werden konnte“. Auch werde
Aktuelles war als Kandidat des CDU- durch den Schachzug eine „weit rei-
nahen schwarzen Freundeskreises bei chende Loyalität seitens Reitze“ gesi-
der ersten Wahlrunde im Dezember chert. Auszahlen könne sich die Strate-
Private-Media-Werbung durchgefallen. Reitze, so heißt es in dem gie vor allem dann, wenn Reitzes aktu-
internen Strategiepapier („streng ver- eller Posten „mit dem roten Freundes-
trauisch und vorsich- traulich“) vom 28. Januar, sei aus SPD- kreis nahe stehenden Personen“ besetzt
tig gemacht. Immer- Sicht ein „kompetenter Kompromiss- werde, heißt es in dem Papier weiter –
hin ist Deutschland kandidat“, und das „in doppelter Hin- „gerade mit Blick auf die anstehende
nach den USA der sicht“. Er gelte nicht mehr als Favorit Bundestagswahl“.
zweitwichtigste
Markt für unsere
Produkte. Schon
PRIVATE MEDIA

deshalb waren wir


sehr hoffnungsvoll PRESSE Flaggschiffs. „Die Leute greifen nicht
und sind überrascht mehr blind ins Portemonnaie“, erklärt
Milton und auch ein biss-
chen enttäuscht.
Euro drückt eine Springer-Sprecherin die finanzielle
Unsicherheit der Leser, die im Januar –
SPIEGEL: Sie haben mit frischem Kapital
von rund 58 Millionen Euro gerechnet.
die „Bild“-Auflage nach einem Auflagenschwund von sechs
Prozent im letzten Quartal 2001 – er-
Kehren Sie Deutschland und dem Neu-
en Markt jetzt den Rücken?
Milton: Auf keinen Fall. Die Vorberei-
N icht nur redaktionelle Gründe hat
offenbar eine neue „Bild“-Serie
über den Wert des Euro-Kleingelds.
neut spürbar seltener zur „Bild“ griffen.
Um den Lesern die Furcht am Kiosk zu
nehmen, hat „Bild“-Chef Kai Diek-
tungen haben uns zwar rund eine Mil- Während die Redaktion mit Listen über mann deshalb jetzt den Kaufpreis von
lion Dollar gekostet, aber das ist kein den Gegenwert von 50 45 Cent mit Münzbildern
verschwendetes Geld. Wenn der Markt Cent („5 Minuten Auto- in Originalgröße über das
und unsere Aktie sich erholen, dann Staubsaugen bei BP“) oder „Bild“-Logo gelegt. Schon
starten wir einen zweiten Versuch. In- 20 Cent („1 Portion Ket- seit Januar druckt die
haltlich müssen Sie sogar verstärkt mit schup oder Mayo im Im- Münchner Konkurrenz
uns rechnen: Wir verhandeln gerade mit biss“) ein „Gefühl für die „tz“ ihren Preis von 50
Kabel-Anbietern über einen TV-Soft- Preise“ schaffen will, sorgt Cent in Münzform deut-
porno-Kanal namens „Private Blue“ – sich der Verlag vor allem lich sichtbar auf dem Titel
schon im Sommer könnte es losgehen. um die Auflage seines – bei steigender Auflage.
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 65
Medien
doch die psychologische Wirkung
ist erheblich. Die Anschläge vom
Falsch & Richtig 11. September hatten CNN Re-
kord-Einschaltquoten beschert.
Doch nach der Kapitulation der
Taliban ließ das Interesse an CNN
rapide nach, während der Mur-
doch-Sender Fox mit seichten
Talkshows und populistischen De-
batten weiter Stimmung – und
s gebe „kein richtiges Leben im
E falschen“, hat mal ein berühm-
ter deutscher Philosoph gesagt;
Quote – machte. In der CNN-
Zentrale in Atlanta, wo wegen
strikter Sparmaßnahmen ohnehin
dafür gibt es viel falsches Leben im Verunsicherung herrscht (SPIE-
Fernsehen, das uns immer als das GEL 31/2001), hat man noch kein
Rezept gegen die erstarkte Kon-
wahre verkauft wird. Was früher
kurrenz gefunden. CNN-Boss

LUIS MARTINEZ / NEWSMAKERS


die Ärzte, die Förster und die Walter Isaacson propagiert zwar
Dienstmädchen in den Groschen- „solide Berichterstattung statt
romanen waren, das sind heute die Meinung“; seine Personalpolitik
Teilnehmer der Reality-Formate, jedoch weist in eine andere Rich-
die es schaffen, länger im Gespräch tung: Altgediente Stars wie der
Golfkriegs-Reporter Bernard
zu bleiben als die Sendungen, de- CNN-Moderatorin Thompson Shaw oder die Modeexpertin Elsa
nen sie ihren Ruhm verdanken. Klensch verließen den Sender;
Dani und Karim zum Beispiel, un- NACH RICHTENSENDER stattdessen heuerte Isaacson etwa die
ter den vielen No-name-Produkten ehemalige „NYPD Blue“-Aktrice An-
aus dem RTL-Angebot beinah zwei
Markenartikel, hatten sich bei „Big
Schlingerkurs in Atlanta drea Thompson als Moderatorin an.
Prompt tauchten im Internet Nacktfotos
Brother“ unter der Decke getroffen
und dann ein Leben im Glashaus
D en US-Nachrichtensender CNN
schreckte jetzt eine Meldung in ei-
gener Sache auf: Die Konkurrenz von
der Nachrichtenfrau auf. Auch der neue
Vertrag für Talk-Legende Larry King
sorgt für Wirbel: King kassiert dem Ver-
geführt. Wir, die unschuldigen Zu- Fox Cable News hatte im Januar – erst- nehmen nach für vier Jahre 28 Millio-
schauer, wurden Zeugen, wie die mals in der TV-Geschichte – eine höhere nen Dollar plus Aktienoptionen. Letztes
fränkische Blondine und der hessi- Einschaltquote als CNN. Zwar trennen Jahr war King für seinen – im Wortsinne
sche Moslem zu einem multikultu- die beiden Sender nur 60 000 Zuschauer – Schmusekurs mit dem Präsidenten in
– Fox kommt im Tagesdurchschnitt auf die Kritik geraten: Er hatte George W.
rellen Bilderbuch-Paar verschmol- 656 000, CNN auf 596 000 Zuschauer –, Bush öffentlich umarmt.
zen. Wir lernten ihre verlassenen
Partner und die Eltern kennen,
durften in den Urlaub mitfahren,
die Hochzeit mitplanen und bei der 18,5 % QUOTEN
Wohnungssuche mitlaufen. Eine Marktanteil
Weile war es kaum möglich, den 6,04 Mio.
Zuschauer
Zuschauers Liebling
Fernseher einzuschalten, ohne die
Dani und ihren Karim zu sehen. Im
Zuge der großen Luder-Debatte
5,2 %
Marktanteil
im Durchschnitt 12,7 %
Marktanteil R echtsanwälte im Fernsehen sind be-
liebter als in Wirklichkeit: Humor-
volle TV-Anwälte wie Jurek Beckers
1,12 Mio. 3,96 Mio.
wurde es um die beiden etwas ru- Zuschauer Zuschauer legendär-raubauziger „Liebling Kreuz-
hig. Doch jetzt sind sie wieder auf- im Durchschnitt berg“ (ARD) oder die neurotische Bos-
„Edel & toner Advokatin „Ally McBeal“ (Vox)
getaucht, bei „Extra“, dem Schick- „Ally „Liebling Starck“ gehören seit Jahren zu den Publikums-
salsmagazin von RTL. Sie saßen auf McBeal“ Kreuzberg“ Sat.1, lieblingen; Kabale und Liebe vor Gericht
einem Sofa und redeten schlecht Vox, 2001/02 ARD, 1997/98 4. Febr. 2002 und in Kanzleien fesselt viele Zuschauer.
übereinander. Karim war fremd- Das belegt auch der Start der neuen An-
gegangen, und Dani nannte ihn waltsreihe „Edel & Starck“ am vergan-
genen Montag auf Sat.1: Trotz starker
„berechnend“. Bald werden wir die
Konkurrenz verfolgten fast vier Millio-
Trennung miterleben, mit allen nen Zuschauer den Einstand der schlag-
grausamen Einzelheiten. Was für fertigen Robenträger. Auch die Kritiker
ein Rückschlag für den Multikulti- waren angetan: Die „Süddeutsche Zei-
Gedanken, doch was für ein Er- tung“ lobte „diese Beine!“ von Haupt-
kenntnisgewinn für die Philoso- darstellerin Rebecca Immanuel, während
die „Frankfurter Rundschau“ durch
phie: Es gibt doch ein richtiges Le-
Marc Terjungs Drehbücher den Beweis
ben im falschen. erbracht sieht, „dass Intelligenz nicht
wehtun muss im deutschen Fernsehen“.
66 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Fernsehen

TV-Vorschau Die Männer vom K3:


Tyrannenmord
Ich lass mich scheiden Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
Donnerstag, 15.10 Uhr, ZDF „Die Gräber haben sich geöff-
Schwarzer Humor à la ZDF: Ausge- net, die Toten steigen heraus,
rechnet am Valentinstag starten die und einer ist unter uns, uns zu

WOLFGANG MEIER / NDR


Mainzer eine zwölfteilige Serie, die holen“, deklamiert die Diva (Ka-
gescheiterte Liebende, ihre Kinder trin Saß) eines Hamburger Thea-
und Anwälte durch das Trennungsjahr ters. In der Tat: Erst wird der
begleitet. Das ZDF verspricht „fas- Intendant ermordet, dann der
zinierende, auch komische Elemente Bühnenmeister, schließlich ist
der einst trauten Zweisamkeit“. die Schauspielerin selbst in Ge- Szene aus „Die Männer vom K3“
fahr. Die wahren Toten, die in
90° Süd diesem NDR-Krimi (Regie: Jan Ru- Ein Doc für alle Felle
Samstag, 20.45 Uhr, Arte zicka) auferstehen, sind allerdings die Sonntag, 22.30 Uhr, WDR
Der englische Regisseur Herbert Pon- kleinbürgerlichen Vorstellungen vom Tiere, wissen Fernsehschaffende, ge-
ting (1870 bis 1935) beherrschte sein Künstler. An Realitätsverlust leidend, hen immer – und oft wird es dabei
Handwerk. Zuerst kam der Spaß: In arrogant, Säufer, hormonell durchge- kitschig. Der Autor Joachim Vollen-
grotesk gepolsterter Kleidung klop- knallt? Alles da. Gut, dass die gemüt- schier beweist mit dieser fünfteiligen
pen sich Kerle auf einem Schiff, als lichen, immer wieder Würstchen kauen- Doku-Soap, dass es auch sachlich-
wären sie Dick & Doof. Dann etwas den Kommissare zwischen Realität und analytisch geht. Sechs Wochen lang
fürs Gefühl: Rührende Robbenbabys Illusion unterscheiden können. begleitete er die Arbeit einer Dort-
blicken in die Kamera, als bettle eine munder Fachärztin für Zootiere, die
Tierschutzorganisation um Spenden. Mensch Markus Berberlöwen mit Betäubungspfeil und
Schließlich das Erhabene: Eisberge Sonntag, 22.15 Uhr, Sat.1 Blasrohr narkotisiert, die Zähne von
werden derart majestätisch abgefilmt, Markus Maria Profitlich, 41, schwerge- Kängurus mit Prothesen ergänzt oder
dass „Titanic“-Regisseur James Ca- wichtiges Ex-„Wochenshow“-Mitglied, Pumas mit Pediküre malträtiert. Auch
müht sich in dieser neuen Sketch-Serie beim tierischen Nachwuchs, sonst im-
als humoristischer Grabräuber in der mer für Großaufnahmen von knudde-
Tradition von Dieter Hallervorden: Er ligen Tierbabys gut, bleibt Vollenschier
lässt sich mit Torten bewerfen und trägt souverän – und zeigt trächtige Amei-
XXL-Dessous. Es darf gelacht werden. senbärinnen unterm Ultraschall.

TV-Rückblick SPIEGEL: „Der Kerl, der Grass wird uns


alle noch überraschen mit irgendetwas
sehr Schönem… vielleicht mit einer Er-
Reich-Ranicki Solo zählung.“ Das war prophetisch und ange-
5. Februar, ZDF sichts der Pleite mit dem „Weiten Feld“
ZDF

Einen Zuschauer hat diese halbe Stunde durchaus mutig. Aber Reich-Ranicki ver-
Szene aus Ponting-Film „90° Süd“ gewiss beglückt: den Schriftsteller Günter mied es vornehm, daran zu erinnern. Was
Grass. Der hatte kurz vor der Sendung bot die neue Sendung sonst noch Positi-
meron vor Ehrfurcht erblassen könn- angekündigt, er werde sich Marcel Reich- ves? Zu viel. Der warme Regen aus „fa-
te. Doch was nach modernem Kalkül Ranickis ersten „Solo“-Auftritt im ZDF belhaft“, „glänzend“, „höchstes Niveau“
klingt und dramatisch endet, stammt ansehen – er wusste ja, dass es dabei wollte nicht enden. Dieser einsame,
aus der Frühzeit des Kinos: Pontings auch um seine neue Schiffsuntergangs- manchmal bloß konfuse Lobredner weck-
Dokumentation der Südpol-Expedi- Novelle „Im Krebsgang“ gehen würde. te Sehnsucht nach dem knarzenden Knö-
tion von Robert Falcon Scott entstand Und Deutschlands öffentlichster Litera- terich des „Literarischen Quartetts“.
zwischen 1910 und 1912. Damals ge- turkritiker enttäuschte dies-
wann Scotts Konkurrent Amundsen mal Deutschlands erfolgreichs-
den Wettlauf zum Pol mit einigen Wo- ten Danzig-Trilogisten nicht:
chen Vorsprung; Scott kam entkräftet Reich-Ranicki, der etliche
und gebrochen bei einem Schnee- Grass-Romane, zuletzt „Ein
sturm ums Leben. Doch selbst für weites Feld“ (1995), in Grund
dessen letzte Tagebucheintragungen, und Boden kritisiert hatte,
Monate später geborgen und für die nannte die Gustloff-Geschich-
Tonfassung von 1933 aus dem Off vor- te eine „ergreifende, erschüt-
getragen, findet Ponting Bilder, die ternde Erzählung“, manchmal
auf der Netzhaut gefrieren: ein mick- habe er beim Lesen fast ge-
RICO ROSSIVAL /ZDF

riges Zelt, umgeben von endlosen Eis- weint – „und ich weine nicht
barrieren. Filme von heute mögen unter meinem Niveau“. Im
bunter, lauter und schneller sein – Oktober 1999, Grass war der
eindrucksvoller sind sie nicht. Nobelpreis zuerkannt wor-
den, sagte Reich-Ranicki im Reich-Ranicki
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 67
Medien

IMAGO (L.); ZDF (R.)


ARD-Reporter Hartmann (l.), ZDF-Sportchef Poschmann (r.), RTL-Reporter Ebel (r.)*: Die einstigen Grenzen zwischen Public Relations

SPORTFERNSEHEN

„Es soll menscheln“


Olympische Winterspiele, Fußball-Weltmeisterschaft, Leichtathletik- und Schwimm-EM –
die TV-Sender haben 2002 zum „Supersportjahr“ erklärt. Doch weil die Rechte immer teurer werden,
darf kein kritischer Unterton der Journalisten die quotenträchtigen Inszenierungen stören.

A
ls am Freitagabend im Univer- mit auf den Weg: „Es soll menscheln.“ oder Poschi mit Anni: Man kennt sich. Man
sitätsstadion von Salt Lake City die Damit es richtig menschelt, sollen unter duzt sich. Man schätzt sich. Und – man
Olympischen Winterspiele eröffnet anderen Waldemar Hartmann für die ARD braucht sich.
wurden, hatte einer der „Teamchefs“ den und Wolf-Dieter Poschmann sowie Michael Die Athleten müssen auch bei sportli-
Großteil seiner Arbeit schon hinter sich. Steinbrecher fürs ZDF die Stars der Win- chem Totalausfall keine Angst vor verbalen
Zwei Jahre lang bereitete Werner Rabe die- tersport-Szene einvernehmen – allesamt Bodychecks haben. Viel größer ist die Ge-
sen Moment vor. Er sondierte das Terrain erwiesene Profis in Sachen gefällig gefüh- fahr, dass sie von einem mitfühlenden Re-
in Utah, entwarf Sendepläne und baute mit liger Interviewtechnik. porter in den Arm genommen werden.
seiner Mannschaft 36 eigene Kameras auf Tatsächlich hätte es des mahnenden Hin- Seit öffentlich-rechtliche wie private
– damit Sven Hannawald oder Georg Hackl weises auf ein bisschen Menschlichkeit Sender den Sport als Quotenbringer ent-
auf ihrer Medaillenjagd auch gebührend nicht bedurft: Kaum ein Berufsbild im deckt haben, seit sie für die Übertra-
rüberkommen. deutschen Fernsehen hat sich in den letz- gungsrechte wie ARD und ZDF für die
Als „Olympia-Teamchef“ von ARD/ZDF ten Jahren stärker gewandelt als das der kommende Fußball-WM dreistellige Mil-
trägt Rabe eine schwere Verantwortung: Sportjournalisten. Ob Waldi mit Hanni lionensummen bezahlen und schon des-
Rund 29 Millionen Euro an Gebührengel- halb um die begehrte Ware einen giganti-
dern haben die beiden öffentlich-rechtli- schen „Event“-Zirkus zelebrieren – seit-
chen Anstalten für die Rechte an den Win- her mutieren immer mehr Fachjournalisten
terspielen bezahlt. Dazu kommen Produk- von kritischen Branchenbegleitern zu de-
tionskosten von weiteren 12 Millionen voten Stichwortgebern.
Euro. Da sind nicht nur bei den Sportlern Mittlerweile können Sender und Ver-
Superlative gefragt. bände schon völlig ungeniert Druck aus-
ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender üben. So reklamierte der Deutsche Ski-
erklärte das Jahr 2002 gerade feurig zum Verband von der ARD „sauberen Jour-
„Supersportjahr“ voller „Großevents“. nalismus“. Der frühere Slalomläufer Chris-
Teamchef Rabe zeigt sich da vergleichs- tian Neureuther hatte vorher gewagt, die
weise bescheiden. Vor allem eine Mission Nachwuchsarbeit des Verbandes zu thema-
gibt er den Mitarbeitern von ARD und tisieren.
ZDF für ihre Olympia-Berichterstattung Mit RTL klappt die Zusammenarbeit da
schon besser. Selbst für den nötigen Kla-
* Oben links: mit dem Fußballspieler Jens Jeremies vom
RTL

FC Bayern München; Mitte: mit Fußballer Kahn, Trainer


mauk ist sich beim Kölner Sender niemand
Hitzfeld vom FC Bayern München; rechts: mit Formel-1- RTL-Frontmann Jauch (l.)* zu schade: So moderierte Günther Jauch
Star Ralf Schumacher; unten: mit Sven Hannawald. „Fünftes Teletubbie“ die Vierschanzentournee zeitweise in ei-
68 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
A. THILL / ATP

und kritischer Berichterstattung verwischen zusehends

nem weinroten Skisprunganzug und wirk- sal großer Menschen, ausgezeichneter wegen dieser Sport immer wieder in den
te – so dessen eigene Kinder – wie „das Menschen, hochdekorierter Menschen.“ Schlagzeilen ist, ist Doping. Andererseits
fünfte Teletubbie“. Die Zuschauer wollten es schließlich so, waren diese Weltmeisterschaften populär
Im „Supersportjahr“ droht nun der end- reden sich Senderchefs und Sportreporter wie nie. Heißt das, dass die Leute das ein-
gültige Sieg der Jubelarien über den Jour- gerne heraus. Sport als Spektakel, modern fach so akzeptieren?“ Greene brauchte da
nalismus. „Eigentlich eine unmögliche Si- und moderat verpackt. von sich gar nicht erst zu reden.
tuation“, sagt der Berliner Sportsoziologe Die von Lange-Amelsberg befragten Be- Als Michael Schumacher bei einem
Gunter Gebauer. „Die Sender jazzen die- richterstatter spulten das Problem des Quo- Formel-1-Rennen Jacques Villeneuve fast
selben Veranstaltungen hoch, die ihre tendrucks zwar auf Knopfdruck herunter, von der Rennstrecke rasierte, hätte RTL-
Sportjournalisten dann kommentieren und aber nur als Beweis, wie gut sie das System Reporter Kai Ebel – immerhin studierter
kritisieren sollen.“ Sein Münchner Kollege kapiert hatten. Konsequenzen daraus zo- Sportwissenschaftler mit Schwerpunkt
Josef Hackforth, Professor für Sport und gen sie nicht. Solch kleinlautes Bedauern Journalistik – eigentlich nach dem Grund
Kommunikation, sieht eine „ernste Gefahr, von Berufszwängen und Autonomieverlust dafür fragen müssen. Natürlich fragte er
dass die Grenzen zwischen Sportjournalis- erinnert an einen Satz Karl Valentins: „Mö- nicht.
mus und PR zunehmend verwischen“. gen hätt’ ich schon wollen, aber dürfen Ebel, ein als Mechaniker verkleideter
Jürgen Lange-Amelsberg hat vor kurzem hab’ ich mich nicht getraut.“ Motorsportfan, der für den Kölner Pri-
damit begonnen, das Selbstverständnis von Hinter solch schlichten Wahrheiten lässt vatsender in der Boxengasse herumlun-
Sportjournalisten zu untersuchen. Dem es sich gut leben. Kritische Fragen würden gert, strebt vor allem eine „gute Zusam-
Hamburger Professor für Sportjournalistik zum unkalkulierbaren Risiko der teuren menarbeit“ mit der Formel-1-Szene an –
fiel dabei auf, wie unterqualifiziert viele Inszenierungen. Doping? Wird in verquas- beruflich und privat: Gerade hat er sich
der Probanden waren. „Die Mehrzahl wa- ten Alibi-Fragen versteckt. in einem Werbespot für den Ferrari-Spon-
ren Quereinsteiger ohne spezielle Ausbil- Michael Steinbrecher etwa, juveniler sor Vodafone zum Affen gemacht – ganz
dung.“ Das führe zu handwerklicher Unsi- Küchenpsychologe unter den ZDF-Sport- so wie in seinen Interviews: In der Boxen-
cherheit und dazu, „journalistische Qua- beauftragten, fragte den Sprint-Weltre- gasse sucht er verzweifelt das „Telefon-
litätsmaßstäbe durch die Orientierung an kordler Maurice Greene: „Ein Thema, wes- geheimnis“, das ihm Schumacher am
den Kollegen zu ersetzen“. Ende väterlich erklärt: „D2 heißt jetzt
Die Altvorderen zeigen gern, Vodafone.“
wie’s geht.
Es lebe der Sport Marktanteil der Sendung Ähnliches Niveau erreicht das PR-En-
So kündigte ZDF-Sport- zum Vergleich durchschnittlicher Marktanteil des Senders 2001 gagement der ARD-Olympia-Moderatorin
chef Wolf-Dieter Poschmann Franziska Schenk. In Anzeigen fragt sich
im „Aktuellen Sportstudio“ 14. Nov. 2001 ZDF FUSSBALL die Bannerträgerin von Fondspolicen der
vor kurzem in Stadionspre- WM-Qualifikationsspiel 52,5% WWK Versicherungen, weshalb ihr Geld
cher-Manier mehrfach „den Deutschland – Ukraine 13,0 % „nicht einmal für mich schwitzen“ könne?
besten Vereinstrainer der 10. Nov. 2001 Sat. 1 52,4% Längst gelten solch lukrative Werbeverträ-
Welt Ottmar Hitzfeld und WM-Qualifikationsspiel ge von Sportreportern nicht mehr als an-
10,1 %
den besten Torhüter der Welt Ukraine – Deutschland rüchig – welche Unabhängigkeit sollten sie
SKISPRINGEN
Oliver Kahn“ an, um eifrig 6. Jan. 2002 RTL schon verletzen?
nachzuschicken: „Ehrung, Vierschanzentournee; 54,2% Die Vorbilder für Interviewtechnik, so
wem Ehre gebührt.“ Die 1:5- Finale 14,8 % Lange-Amelsberg, kommen meist aus den
Totalschlappe gegen Schalke 10. Juni 2001 RTL MOTORSPORT eigenen Redaktionen. Es sind Typen wie
vom selben Nachmittag Formel 1; Großer Preis 46,2% Jürgen Emig, der während der Skandal-
streifte Poschmann nur kurz, von Kanada 14,8 % Tour-de-France 1998 daran erinnert wer-
um sich am Ende des Ge- RADSPORT den musste, die deutschen Fahrer auch mal
sprächs vor seinen Gästen 22. Juli 2001 ARD 35,6% nach Doping zu fragen, während ringsher-
endgültig in den Staub zu Tour de France 13,7 % um schon Razzien stattfanden. Vielleicht
werfen: „Das ist das Schick- dachte Emig, das sei verboten, weil die
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 69
ARD als offizieller Sponsor des „Teams Te-
lekom“ die Tour begleitete.
Nur wenige Sportjournalisten können
diesem Kuschel-Stil noch widerstehen. Und
es werden immer weniger, denn wer heu-
te als junger Sportreporter kritisch ein-
steigt, schafft es erst gar nicht ins System.
Marcel Reif etwa oder Michael Palme
gehören noch zu dieser alten Reporter-
schule. Reif war letzter Chef des „Sport-
Spiegel“, einer Nischensendung im ZDF,
die einfühlsame Reportagen über Verlierer

BONGARTS
oder Vergessene des Sports zeigte und 1996
eingestellt wurde. „Wir haben alles pro-
Box-Kommentator Schneyder: „Da würde der Sender brennen“ biert“, sagt Reif, „aber die Sender haben
die Zuschauer mit zu viel Live-Veranstal-
tungen totgeschlagen.“

„Totalitäres System“ Mittlerweile hat er sich bei Premiere


World mit dem System arrangiert. Micha-
el Palme ist als Geschichten-Onkel in der
Autor und Sportmoderator Werner Schneyder, 65, über den Niedergang Satire-Ecke des ZDF-„Sportstudios“ hän-
olympischer Ideale und kritischer Berichterstattung gen geblieben. „Man darf“, sagt er, „sich
nicht verbiegen“, und beschreibt im näch-
SPIEGEL: Glaubt man Ihnen, hat am Frei- den so viele „Sportreporter“ benötigt, sten Satz, wie er es dennoch tut. „Wir sind
tag eine der überflüssigsten Leistungs- dass es schwer fällt, die Posten noch mit abhängig von der Ware, für die wir viel
messen der Welt begonnen: Olympia. intelligenten Menschen zu besetzen. bezahlen und die wir nicht auseinander
Schneyder: Ja, es ist die dümmste Sport- SPIEGEL: Klingt, als verkomme der Be- hebeln können.“
veranstaltung von allen, weil ihr die Ur- rufsstand zu einer Garde von PR-Assis-
idee entzogen worden ist, einmal in vier tenten.
Jahren die Sportler der Welt zusammen- Schneyder: Vielleicht, aber an der Ent-
zuholen. Faktum ist, dass die sich so oft wicklung ist ja vor allem das Fernsehsys-
sehen, dass sie sich nicht mehr riechen tem schuld. Die Sender gaukeln dem Pu-

VIVIEN VENZKE / WITTERS


können. Und die hehren Helden sieht blikum eine Übertragung vor, aber ei-
sowieso keiner mehr, weil sie in Luxus- gentlich veranstalten sie die Sache. Es
suiten oder auf Privatyachten separiert gibt Kameras in allen Lagen. Informier-
werden. Die Veranstaltung ist zu einer ter ist man am Ende nicht. Man hat nur
vom Fernsehen hysterisch inszenierten mehr Reize empfangen. Die Sportjour-
Mustermesse der Sportindustrie ver- nalisten sind oft nur die Mauerschützen ARD-Olympia-Moderatorin Schenk
kommen und gehört im Grunde totge- dieses zunehmend totalitären Systems. „Einmal für mich schwitzen?“
schwiegen. SPIEGEL: Kann man sich der Entwicklung
SPIEGEL: Wie weit hat sich der TV-Sport- überhaupt noch entziehen? Waldemar Hartmann sieht das ent-
journalismus dem Wandel unterworfen? Schneyder: Ja, wenn man es gut macht. spannter. Warum solle er nicht für gutes
Schneyder: So weit, wie sich der Sport Ich könnte mir wunderbar einen Jour- Geld nebenher Weihnachtsfeiern beim FC
selbst verändert hat. Und der ändert sich nalisten vorstellen, der sich bei einer For- Bayern München moderieren? Weil da In-
mit der Gesellschaft, mit dem steigenden mel-1-Übertragung mal richtig auskotzen teressen kollidieren könnten? „Das ist
Bedürfnis nach Show. Von einem Sport- würde. Es ist ja noch nicht ausgelotet, Kleingeistdenke“, findet Hartmann. Er
journalisten erwarte ich, dass er diese wie viel Quote raffinierte Kritik bringt. habe genug „Eigenhygiene“, sagt die
Veränderungen registriert. Er muss nicht Vielleicht gibt es auch bald eine Über- „Duzmaschine“ („SZ-Magazin“), die bei
nur wissen, wie das Fußballspiel ausge- sättigung, wie in der Musikbranche. Man Interviews versucht, „so viel wie möglich
gangen ist. Er muss wissen, welche Be- spielt „unplugged“, weil man den endlo- aus einem rauszuholen“. Einst kitzelte er
stechungssummen bei der Vergabe von sen Krach nicht mehr hören will. Mög- mit seiner Frage: „Ist das ein Handicap,
Olympischen Spielen gezahlt werden, licherweise veranstalten bald einige Rudi Assauer, dass ihr quasi ohne den ers-
und sollte die Lebensqualität korrupter Leichtathletik-Stars eine Gegenolympia- ten Sturm antreten müsst?“, ein klares Ja
Funktionäre kennen. de, irgendwo in einem kleinen Stadion aus dem Schalke-Manager raus.
SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch beschrei- ohne Kameras, wo dann gemischte Staf- Bei Olympia wird Hartmann dafür sor-
ben Sie, dass Sportjournalisten nur noch feln aus Nigeria und Finnland zusammen gen, dass es menschelt. So wie es vor vier
erkunden wollen, was nicht zu erkunden laufen. Jahren in Nagano gemenschelt hat, als
ist, weil es ohnehin jedem Menschen SPIEGEL: Nach dem letzten Boxkampf „Waldi“ mit „Schorsch“ Hackl in einem
klar sei*. von Axel Schulz haben Sie aufgehört, ARD-Almstüberl auf Hackls Sieg Weißbier
Schneyder: Sie müssen immer banalere Sport im Fernsehen zu kommentieren. trank. Für Reporter wie Michael Palme und
Sachen erkunden, denn überall passiert Würden Sie noch mal zurückkehren? dessen Rest-Kritik ist da kein Platz. Er wol-
permanent was: Da rutscht einer beim Schneyder: Nein. Das heißt: doch, wenn le nie „Mittendrin statt nur dabei“ sein,
Trainingslauf zum Trainingslauf ins Kies- ich ein Formel-1-Rennen kommentieren wie es das Deutsche Sportfernsehen sei-
bett. Da umarmt einer irgendein „Bo- könnte. Dann würde der Sender bren- nen Mitarbeitern diktiert, sagt Palme.
xenluder“. Für diese Nichtigkeiten wer- nen, sag ich Ihnen. Ich könnte Millionen „Wieso nicht?“, fragt Hartmann. „Wenn
erklären, wie langweilig das ist, und die Sie heute nicht dazugehören, sind Sie auch
* Werner Schneyder: „Ansichten eines Solisten“. Ver- Chefs würden wahnsinnig. nicht mehr dabei“, lacht er.
lag Kremayr & Scheriau, Wien; 448 Seiten; 22,90 Euro. Interview: Nils Klawitter Nils Klawitter, Marcel Rosenbach,
Michael Wulzinger

70 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Medien

Täterää allein beim ZDF, 24 Stunden bei zwecklos, denn selbst lange faschingsfrei
K A R N E VA L
der ARD. Und am dollsten treibt es mit 42 geglaubte Zonen haben genügend Kap-

Tschä Hoi, Stunden – ohne Wiederholungen – wie je-


des Jahr der WDR, der sich ohne jede
Selbstironie „Karnevalssender Nummer 1“
penträger, um sich ins regionale Programm
zu bugsieren.
Der Bayerische Rundfunk etwa droht

Helau, Ahoi nennt und drei Monate lang regelmäßig


eine Narrenkappe statt des Senderlogos
einblendet.
TV-Fasching hat eine erschreckend lan-
mit den „beliebtesten fränkischen Humo-
risten“, der NDR veranstaltet die „Närri-
sche Party im Norden“. Und der ORB
nimmt seinen Programmtitel wörtlich und
ARD und ZDF haben ein Quasi-
ge Tradition, und Mainz bleibt leider schon präsentiert bei „Die Narren sind los“ Frank
Monopol auf den TV-Fasching – seit 1955 „Mainz, wie es singt und lacht“. Zander und Gottlieb Wendehals.
und nerven mit Frohsinn auf allen So überrascht es nicht, dass der muffige Bei den Privaten wird wegen der öf-
Kanälen. Das Programm Büttenspaß von graumelierten Schnauz- fentlich-rechtlichen Faschingsinflation hin-
ist vor allem bei Älteren beliebt. bartträgern dominiert wird. Da wird Hu- ter vorgehaltener Hand gern über Proporz
mor serviert, dessen Zotenniveau noch un- und allzu enge Verflechtungen von Sen-
Helau im TV ter dem von Stefan Raab liegt: „Junge Frau dern und Karnevalisten gelästert. Offen-
mit Humor und Pferdeschwanz sucht bar wähnt man sich dafür in einer guten
Aktuelle Karnevalssendungen
Zuschauer in Millionen
Mann mit gleichen Eigenschaften.“ Schun- Ausgangsposition, denn mit „Kölle Alaaf“
keleinlagen wie „Indianertanz am Titisee, auf RTL läuft nur eine Sendung bei den
„Mainz bleibt Mainz“ ARD* gesamt die Hände in die Höh“ helfen da eher we- Kommerzkanälen – und die auch nur, wie
7,9 niger, die Grundversorgung zu sichern. es heißt, als Tribut an die Stadt Köln, wo
14 bis 49 Jahre 1,1 Jährlich kommen immer neue Spaßpro- der Sender seinen Sitz hat.
„Fasnacht an Neckar, Rhein und Bodensee“ gramme hinzu, weil inzwischen jede Klein- Sat.1 lässt verlauten, man wolle nun mal
5,6 ARD stadt-Prunksitzung die Lizenz zur TV- „kein Pappnasen-Sender sein“. Das heißt
0,7 aber nicht, dass man es nicht schon mehr-
„Karneval Hoch Drei“ ZDF fach versucht hätte.
5,6 Immerhin zwei Jahre lang übertrug Sat.1
0,9 „Helau aus Düsseldorf“ und warf sich zeit-
„Wider den tierischen Ernst“ ARD weilig auch an den Mainzer Carneval-Ver-
5,3 ein ran. Die Sitzung des Traditionsvereins
0,5 sollte aber – wenn schon – ein „Event“
„Süper Colonia!“ ARD werden und noch vor den Sitzungen der
4,6 anderen Vereine gesendet werden.
0,8 Das hat dann nicht geklappt, sagt ein
Sat.1-Sprecher, weil es im Karneval derart
„Helau und Alaaf!“ ARD
viele „große Rituale“ gebe. Was so viel
3,6 heißt wie: Die wollten sich nicht den An-
*Sendung 2001
0,5 sprüchen der Privaten beugen – also einer
guten Quote auch bei Zuschauern unter

W
enigstens ein Gutes 60 Jahren.
hatte die überra- Denn obwohl die großen Hauptveran-
schend gescheiterte staltungen wie „Mainz bleibt Mainz“ und
ZDF-Intendantenwahl im Ja- „Karneval in Köln“ noch immer sieben bis
nuar für Rainer Brüderle: Der acht Millionen Zuschauer locken, ist der
Freidemokrat und Fernsehrat Anteil des jüngeren und damit werberele-
kam pünktlich zu seiner Main- vanten Publikums minimal. Bei den dritten
zer Karnevalssitzung. Programmen liegt die Zahl der Jung-
Brüderle ist nicht der einzi- zuschauer bei Krachern wie „Tschä Hoi,
ge einflussreiche Freizeit-Narr He-lau, A-hoi“ im kaum noch messbaren
in der Umgebung der Pro- Bereich.
grammzentralen von ARD und Nun hat man sogar versucht, das Pro-
ZDF: Die öffentlich-rechtlichen gramm zu verjüngen, indem man ein-
Entscheidungsgremien sind in- schlägige Tingelbrüder der Hüttenzauber-
filtriert mit Polit- und Medien- Spaßfraktion wie DJ Ötzi einlud. Aber
MANFRED LINKE / LAIF

karnevalisten, die ihre Narren- wenn die Klostertaler „Drei Tiroler mit
kappe sowohl ins als auch im dem Gummiboot“ grölen, ist das letztlich
Programm tragen. Wenn etwa auch nur ein bizarres Zwitterwesen im Nie-
der SWR „Fasnacht an Neckar, mandsland zwischen Ballermann und Mu-
Rhein und Bodensee“ zur bes- Funkenmariechen in Köln: Umschalten zwecklos sikantenstadl, das genauso schmerzt wie
ten Sendezeit in der ARD prä- die anderen Lachsäcke.
sentiert, dann werden erst einmal der ei- Verbreitung bekommt. Zudem sorgen die Macht alles nichts, denkt man sich of-
gene Vize-Intendant und der Unterhal- zahllosen Karnevalsvereine gern für billige fenbar in den Unterhaltungsredaktionen,
tungschef ins Bild gerückt. Kalauer – auch was die Produktionskosten Humor ist, wenn es trotzdem kracht. Auf
So senden sich ARD und ZDF dieses angeht, die weit unter denen einer übli- der ZDF-Webseite heißt es passend in blu-
Jahr in einen öffentlich-rechtlichen Fa- chen Abendshow liegen. migstem Büttendeutsch: „Den Karneval im
schingsrausch, der selbst Profi-Zappern Mittlerweile grüßen die „Mombacher Fernsehen sehn, ist amüsant und recht be-
kaum ein Entkommen lässt. Kurz vor Bohnebeitel“ im SWR, und der GSV Bau- quem, doch fällt auf ZDF die Wahl, lachst
Aschermittwoch fallen alle Hemmungen: natal zwingt den Zufallszuschauer im HR du dich tot – auf jeden Fall.“ Also eine ge-
34 Sendungen in zwei Wochen. 19 Stunden „Rein ins Vergnügen“. Umschalten ist rechte Strafe. Thomas Schulz

74 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Wirtschaft
auswählen und ihnen ein exklusives
Vertriebsgebiet zuteilen. Dadurch las-
sen sich bislang große Preisunter-
schiede in Europa aufrechterhalten.
MUELLER-STAUFFENBERG / ULLSTEIN BILDERDIENST

Ein Opel Zafira beispielsweise ist in


Dänemark 6100 Euro billiger als in
Deutschland, ein Ford Mondeo in den
Niederlanden 5380 Euro preiswerter.
Die Konzerne geben ihre Autos billiger
an ihre niederländischen und däni-
schen Händler ab, weil dort eine
deutlich höhere Steuer auf den Netto-
preis drückt als in Deutschland. Der
Endpreis soll aber nicht so hoch sein,
dass sich kaum noch Kunden finden.
Mercedes-Benz-Niederlassung in Berlin Nach den Vorstellungen der EU sollen
Händler ihre Autos künftig nicht nur
WETTBEWERBSPOLITIK in den zugewiesenen Vertriebsgebieten, sondern überall ver-
kaufen dürfen. Dann könnte ein niederländischer Händler, der

Billigere Autos? die Fahrzeuge billiger bezieht, ein Autohaus in Deutschland


eröffnen und die Preise seiner dortigen Konkurrenten unter-
bieten. Die Hersteller wiederum müssten ihre Preise dann eu-

F ür die Verbraucher klingt es höchst verlockend: Wenn EU-


Kommissar Mario Monti den freien Wettbewerb im Auto-
handel durchsetzt, könnten die Preise für Neuwagen und für
ropaweit angleichen. Nach den Vorstellungen der EU-Kom-
mission würde dies auf deutlich niedrigerem Niveau geschehen.
Vor allzu großen Hoffnungen warnt jedoch das Institut für
Werkstattreparaturen drastisch sinken. Das zumindest ver- Automobilwirtschaft in Nürtingen. Die Händler würden ihren
spricht die EU-Kommission, die die „Gruppenfreistellungs- Preisvorteil sicher nur zum Teil an die Kunden weitergeben. Zu-
verordnung“ stark ändern will. Diese Sonderregelung erlaubt dem könnten für die Autohersteller die Vertriebskosten steigen.
es Autoherstellern bisher, den freien Handel stark einzu- Folge: In Deutschland würden die Autopreise allenfalls um fünf
schränken. So können sie unter anderem ihre Händler selbst Prozent sinken.

DEUTSCH E BANK BAU W I RT S C H A F T Löhne halten müssten. Derzeit ver-


schaffen ihnen die niedrigeren Ost-
Ärger über Schrempp Regierung tarife einen Vorteil im Wettbewerb.
Würde die Tarifgrenze bei 90 Prozent

M it seiner Gewinnwarnung für das lau-


fende Geschäftsjahr hat Daimler-
plant Korrektur festgelegt, hielte die Regierung einen
Kompromiss für möglich: Der Tarif-
Chrysler-Chef Jürgen Schrempp bei seinem
Großaktionär Deutsche Bank für schwere
Verärgerung gesorgt. Der Chef der Bank,
D ie Bundesregierung plant Än-
derungen an ihrem umstrittenen
Tariftreuegesetz. Bislang sah der Re-
vorteil ostdeutscher Firmen bliebe er-
halten, die deutsche Bauindustrie
wäre vor Dumping-Konkurrenz aus
Rolf Breuer, ist nach Angaben von Vertrau- formplan vor, dass Bund, Länder und anderen Ländern geschützt.
ten „stinksauer“ über die Art, in der Gemeinden Bauaufträge
Schrempp seine reduzierten Erwartungen nur an solche Firmen ver-
am Mittwoch bekannt gab, was an der Bör- geben dürfen, die sich an
se zu einem Kurssturz der DaimlerChrys- die Tarife am Ort der Bau-
ler-Aktie um 4,3 Prozent führte. Im Fe- stelle halten. Nun will die
bruar vergangenen Jahres hatte Schrempp Regierung die Vorgabe
bei der Vorstellung seines Sanierungsplans lockern. Im Gespräch ist
für 2002 noch einen Gewinn von 5,5 bis unter anderem, die Verga-
6,5 Milliarden Euro prognostiziert. Jetzt er- be auch schon dann zu er-
wartet er nur einen Gewinn von deutlich lauben, wenn die Firmen
über 2,6 Milliarden Euro. Unverständlich ist 90 Prozent der jeweils gel-
die neue Prognose vor allem, weil die tenden Tariflöhne zahlen.
Chefs der drei großen Unternehmensteile Mit der Korrektur will die
(Mercedes-Benz, Chrysler und Nutzfahr- Regierung der Kritik von
zeuge) erst kürzlich erklärt hatten, sie wür- ostdeutschen SPD- und
den ihre Ziele für 2002 erreichen. Die Grünen-Abgeordneten ent-
STEFAN BONESS / IPON

Deutsche Bank will ihren Zwölf-Prozent- gegenwirken. Die hatten


Anteil an DaimlerChrysler in absehbarer Schwierigkeiten für ost-
Zeit verringern. Allein durch den Kurssturz deutsche Baufirmen be-
nach Schrempps Ankündigungen am ver- fürchtet, wenn diese sich
gangenen Mittwoch verlor das Paket knapp bei Aufträgen im Westen
240 Millionen Euro an Wert. künftig an die dortigen Bauarbeiter in Berlin
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 79
THOMAS FREY / DPA
Ryanair-Jet auf dem Flughafen Hahn

L U F T FA H R T rer Lufthansa seit Monaten mit frechen Anzeigen und Einga-


ben in Brüssel nervt, auf dem Provinzflughafen zur Hauptrei-

Vorteil für Billigairport sezeit zwischen fünf Uhr morgens und elf Uhr abends keine
Start- und Landegebühren bezahlen muss. Zum Vergleich: Auf
dem Frankfurter Flughafen fallen für den Maschinentyp Boeing

Z wischen Lufthansa-Chef Jürgen Weber und dem Boss des


Frankfurter Flughafens, Wilhelm Bender, bahnt sich ein
heftiger Streit an. Zankapfel ist der rund 100 Kilometer ent-
737, den Ryanair nutzt, rund 500 Euro an. Lufthansa-Chef We-
ber verdächtigt Bender, den neuen Wettbewerber künstlich zu
päppeln, und will ihn bewegen, den Nulltarif abzuschaffen.
fernte Airport im Hunsrück-Örtchen Hahn, der zu 75 Prozent Doch die Fraport-Manager denken gar nicht daran. „Die Ge-
dem Frankfurter Flughafen (Fraport) und zu 25 Prozent dem bühren sind von der Landesregierung so genehmigt worden und
Land Rheinland-Pfalz gehört. Die irische Billigairline Ryanair gelten für jede Airline, die ab Hahn fliegt“, wehrt sich Bender.
hat Hahn zu ihrem deutschen Drehkreuz erkoren und will von Auch sei nicht richtig, dass Ryanair gar nichts bezahlen müsse.
dort ab Donnerstag zusätzliche Flüge zu europäischen Zielen Tatsächlich entrichteten die Iren pro Passagier immerhin eine
wie Bergamo, Oslo, Pescara oder Bournemouth anbieten. We- Gebühr von 4,35 Euro. Auch das ist allerdings deutlich weni-
ber und seine Berater ärgert, dass Ryanair, das den Marktfüh- ger als auf dem Großflughafen Frankfurt.

A R B E I T S W E LT Studie des US-Kongresses. MOBILFUNK


Trotz des ungeheuren Wirt-
Frauen schaftsbooms im vergangenen
Jahrzehnt hat sich bei Mana-
Nicht ganz freiwillig
führen billiger gerinnen seit 1995 der Ge-
haltsabstand gegenüber ihren D ie überraschende
Ankündigung der

E ntgegen der allgemeinen


öffentlichen Wahrneh-
mung hat sich die Ungleich-
männlichen Kollegen im
Durchschnitt vergrößert. So
bekam etwa eine weibliche
Telekom-Handy-Tochter
T-Mobile, erst im Som-
mer 2003 mit UMTS-
behandlung von Männern US-Führungskraft im Bereich Diensten zu starten,

FRANK DARCHINGER
und Frauen bei den Gehäl- Kommunikation 1995 noch war weit weniger frei-
tern nicht verringert – zumin- 86 Cents für jeden Dollar, willig, als das Unterneh-
dest in den USA. Zu diesem den ein Mann in vergleichba- men bislang kundtat.
Ergebnis kommt eine neue rer Position erhielt. Im Jahr Vielmehr steht die an-
2000 waren es nur noch gekündigte Verschie- T-Mobile-Zentrale in Bonn
73 Cents. Selbst Spitzen- bung um mehr als ein
managerin Carly Fiorina, halbes Jahr in direktem Zusammenhang mit dem für dieses
Chefin beim Computer- Jahr geplanten Börsengang. Berater und Investmentbanker
konzern Hewlett-Packard, hatten die Telekom darauf hingewiesen, dass im Börsenpro-
bezog mit drei Millionen spekt klare und eindeutige Aussagen über den UMTS-Start
Dollar ein relativ niedri- gemacht werden müssten. Dazu gehörten auch klare Anga-
ges Festgehalt. Außerdem ben über mögliche Verspätungen. Da es noch etliche ungelös-
fand die Studie heraus, te Technikprobleme gibt, entschloss sich die Telekom, Inves-
dass in der Hälfte der zehn toren und Öffentlichkeit vorsorglich schon einmal auf einen
DOUG KANTER / AFP / DPA

untersuchten Industrien, späteren Starttermin des High-Speed-Mobilfunks vorzuberei-


in denen 71 Prozent der ten. Intern peilt das Unternehmen jedoch nach wie vor einen
weiblichen US-Angestell- deutlich früheren Starttermin an. Sollte alles reibungslos
ten arbeiten, Frauen in klappen, so die Strategie, wäre das eine positive Überra-
Führungspositionen unter- schung für die Investoren. Wenn nicht, habe man im Markt
US-Managerin Fiorina repräsentiert sind. zumindest keine falschen Erwartungen geweckt.
80 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Geld
IMMOBILIEN FILMFONDS

Drang ins Ausland „Vorsätzliche Fehlinformation“


F ondsanleger investierten im vergangenen Jahr erstmals
mehr Geld in ausländische als in deutsche geschlossene Im-
mobilienfonds. Nach einer Markterhebung des Fondsexperten
M ario Ohoven, Präsident des Bun-
desverbandes mittelständischer
Wirtschaft und einer der größten Ver-
Stefan Loipfinger flossen 2,33 Milliarden Euro (plus 44 Prozent) treiber von Filmfonds, hat Ärger mit
vor allem in die USA, die Niederlande und nach Kanada, der Justiz. Das Oberlandesgericht Düs-
während in Deutschland nur 2,03 Milliarden Euro (minus 30 seldorf kam zu dem Ergebnis, dass
Prozent) investiert wurden. Die Steuervorteile wurden von der Ohovens Vertriebsgesellschaft Investor-
Bundesregierung stark zusammengestrichen, was die von den und Treuhand-Beratungsgesellschaft

WOLFGANG VON BRAUCHITSCH


Steuersparern so beliebten Verlustzuweisungen bei den Immo- mbH einen 77-Jährigen „mit wahrheits-
bilienfonds auf durchschnittlich 31 Prozent absacken ließ. Nun widrigen Angaben über die Sicherheit
müssen die Anleger verstärkt auf die tatsächliche Rendite ach- der Kapitalanlage getäuscht und da-
ten. Und da schneiden die Auslandsimmobilienfonds oft deut- durch zu der Beteiligung an der Film-
lich besser ab, weil dort für Bürohäuser oder Supermärkte produktionsgesellschaft veranlasst“ hat.
höhere Mieten verlangt werden können. USA-Fonds von deut- Nach Feststellung des Gerichts hatten
schen Anbietern wie etwa Jamestown, Ideenkapital/GVP, Han- zwei Vertriebsprofis dem Rentner An- Ohoven
nover Leasing oder KanAm versprechen eine Ausschüttung teile an einem Cinerenta-Filmfonds
von durchschnittlich 8,1 verkauft, indem sie eine jährliche Rendite von 24 Prozent in
Prozent. Allerdings sind seit Aussicht stellten und einen garantierten Rückfluss von nahezu
dem 11. September die Mie- 80 Prozent des eingezahlten Kapitals innerhalb von nur 18 Mo-
ten unter anderem in New naten verbindlich zusagten. Das werteten die Richter in ihrer
Yorker Hochhäusern gesun- Urteilsbegründung als „eine für den Anlageentschluss ihrer
ken. Ob beispielsweise die Kunden entscheidende vorsätzliche Fehlinformation“. Tatsäch-
Düsseldorfer Ideenkapi- lich flossen innerhalb von vier Jahren nur 50 Prozent des Kapi-
tal/GVP, die zuletzt für das tals zurück. Nach dem von dem Düsseldorfer Rechtsanwalt
New Yorker Chrysler-Buil- Jens Graf erstrittenen Urteil (Aktenzeichen 8 U 6/01) müssen
JUERGEN RITTER

ding deutsches Kapital ein- Ohovens Firma Investor Treuhand und die beiden Berater dem
gesammelt haben, all ihre Rentner nun dessen Einsatz samt Zinsen zurückzahlen. Oho-
Prognosen einhalten kön- ven weist die Anschuldigungen zurück und will möglicherweise
New Yorker Wolkenkratzer nen, erscheint ungewiss. vor Gericht weiterstreiten.

Bankenaktien in Euro Quelle: Thomson Financial Datastream

35 100 65

90
30 55
80
25 45
70
20 35
60

15 50 25
2001 2002 2001 2002 2001 2002

AKTIEN zent zurückgegangen, bei der Commerzbank waren es 93 Pro-


zent. Grund dafür ist vor allem die schlechte wirtschaftliche

Hoffnungsschimmer Lage, die zu erhöhten Kreditrisiken und -ausfällen führt. Vie-


le Analysten rechnen mit einer weiterhin ansteigenden Risiko-
vorsorge der Institute, die das Ergebnis auch 2002 schmälern

bei den Banken dürfte. Die Experten prognostizieren allerdings, dass die mas-
siven Stellenkürzungen – insgesamt haben allein die Groß-
banken den Abbau von 40 000 Jobs in den kommenden Jahren

S tarke Nerven brauchen derzeit alle Anleger, die Bankaktien


in ihren Depots halten. Die Papiere haben deutlich an Wert
verloren, nachdem die Deutsche Bank und die Commerzbank
angekündigt – schon bald die Kosten der Institute senken wer-
den. Außerdem sind die Handelsergebnisse der Banken zurzeit
derart gering, dass sich bereits ein leichter Anstieg, beispiels-
ihre vorläufigen Geschäftszahlen veröffentlichten. So ist der Ge- weise während einer Sommer-Rallye am Aktienmarkt, enorm
winn bei der Deutschen Bank im vergangenen Jahr um 99 Pro- auf das Ergebnis auswirken könnte.

d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 81
Wirtschaft

IMPERIEN

Gipfel im Gasthaus
Wenn Kirch geht, kommt Rupert Murdoch. Doch der
US-Tycoon soll publizistisch in Deutschland keine Rolle spielen.
Darauf einigte sich eine geheime Runde um den Kanzler.

N
ew York – zu weit weg. Gütersloh gen ein Drama abspielt. Der 75-jährige
– zu provinziell. München – das Kirch kämpft um sein Lebenswerk.
hätte keinen Stil gehabt. Berlin – Alle wissen, dass diese Kirch-Krise nicht
da sind zu viele Journalisten. So kam aus- irgendeine Firmenkalamität ist. Wenn
gerechnet Hannover ins Spiel. Kirch, auf dessen Firmen rund sechs Mil-
Das nur Ortskundigen bekannte Gast- liarden Euro Schulden lasten, zusammen-
haus „Wichmann“, das in der Eigenwer- bricht, sind die Schockwellen überall in der
bung als „schmuckes Restaurant“ firmiert, Republik zu spüren. Kippt er, steht eine
wurde zum Schauplatz eines ebenso dis- Neuordnung der deutschen Medienindu-
kreten wie gewaltigen Mediengipfels. Ger- strie unmittelbar bevor, die kein Manager
hard Schröder, dessen Kanzleramt offiziell und kein Politiker in Deutschland allein Medienmanager Kirch, Kanzler Schröder, Deutsche-
„kein Treffen dieser Art bestätigen kann“, dem Markt überlassen will, denn das wür-
hatte geladen. Und die Mächtigen der Me- de bedeuten: freie Fahrt für einen der ag-
dien- und Bankenszene kamen: gressivsten Unternehmer der Welt.
Zwischen zwei Fronten
Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer, der Wenn Kirch geht, kommt fast automa- Zwei Interessengruppen – Rupert Murdoch
demnächst in den Aufsichtsrat des Geld- tisch Rupert Murdoch, jener Mann, bei und eine Gruppe deutscher Unternehmen –
hauses wechselt. Schröder schätzt den Top- dem sich eine konservative Gesinnung mit wollen das Kirch-Imperium neu ordnen
banker als einen, der auch politisch denken einem fast hemmungslosen Geschäftstrieb
kann. Beim angeschlagenen Medien-Impe- paart. Er besitzt eine Option auf Teile des Verbindlichkeiten und Lasten
rium des Münchners Leo Kirch ist die Deut- Kirch-Imperiums, die ihm der Alte in sei- der Kirch-Gruppe
sche Bank einer der großen Gläubiger. ner Not einst eingeräumt hatte und die im • Kredit- und Bürgschaftsvolumen
Aus Gütersloh reiste Bertelsmann-Chef Oktober wirksam wird. Wenn die Kirch- rund 6000 Mio. ¤
Thomas Middelhoff an. Sein Kommunika- Gruppe bis dahin weiter existiert, ist die
tionskonzern ist europaweit der größte Ra- Tür für Murdoch weit geöffnet. • Zahlungen mit Fälligkeit 2002
dio- und TV-Veranstalter. In Deutschland Eine Horrorvorstellung für nahezu alle Springer 767 Mio. ¤
liefern sich Bertelsmann und Kirch seit Medienmanager in Deutschland: Denn Murdoch 2000 Mio. ¤
mehr als zehn Jahren eine erbitterte Murdoch ist ein Mann, der brutale Preis- Fifa 68 Mio. ¤
Schlacht um Film- und Sportrechte, um kriege anzettelt. Und er ist jener Mann,
TV-Quoten und Decoder-Technologie. dessen Boulevardblättern keine Niederung
Der WAZ-Konzern schickte Erich Schu- zu schmuddelig ist, um sie nicht in eine
mann, Miteigentümer und graue Eminenz Schlagzeile zu verwandeln. Das britische 2,5% an KirchMedia
des stillen, aber ökonomisch effizienten Massenblatt „Sun“ enthüllt mit Vorliebe aktuelle Beteiligungen
Zeitungshauses. Die WAZ-Gruppe domi- die Sexgewohnheiten der Minister. 22% an Premiere World
niert den Pressemarkt in Nordrhein-West- Beide politischen Lager in Großbritan-
falen und hält Anteile an RTL. nien haben schmerzhaft erfahren, was der Rupert
Der heimliche Vierer-Gipfel galt einem mächtige Verlagschef schon vor Jahren ver- Murdoch 2001
Fünften: Leo Kirch, ehemals Tycoon, nun kündet hatte: Er könne „die politische
ein Medien-Pleitier auf Abruf. Ausgerech- Umsatz 15,38 Mrd. ¤
net im Wahljahr ist der Münchner Unter- Tycoon Murdoch Verlust – 449 Mio. ¤
nehmer, dem Sat.1, ProSieben, N24 und „Politische Agenda bestimmen“
Premiere World gehören und der eine 40-
Prozent-Beteiligung am Springer-Verlag
(„Bild“, „Welt“, „Hörzu“) hält, in eine
womöglich ausweglose Situation geraten.
Seine Zinszahlungen fressen die Einnah-
men auf, wichtigen Verpflichtungen in Hol-
lywood kann er nicht mehr nachkommen,
die Geldbeutel seiner bisherigen Kreditge-
ber wirken wie zugenäht.
Alles ist denkbar: ein Konkurs, ein Ver-
gleich, ein Verkauf am Stück oder häpp-
PANDIS / TELEPRESS

chenweise. Die politische Elite des Landes,


der Kanzler genauso wie seine Gegenspie-
ler von der Union, schauen sorgenvoll nach
München-Ismaning, wo sich in diesen Ta-
82
Die Lösung, so das Ergebnis der Sitzung,
könnte so aussehen:
• Kirch bleibt Unternehmer, rückt aber in
die Rolle eines Minderheitsgesellschaf-
ters. Sein oberster Manager und Kron-
prinz Dieter Hahn, der als Vollprofi gilt,
darf weiter die Geschäfte führen.
• Das defizitäre Pay-TV, also das Kirch-
sche Bezahlfernsehen, kann Murdoch
problemlos bekommen, wenn er will.
• Sollte der Kirch-Anteil am Springer-
Konzern zum Verkauf stehen, ist die

CHRISTIAN LEHSTEN / ARGUM (L.); MARCO-URBAN.DE (R.)


WAZ-Gruppe willig. Auch Burda hat
wohl Interesse angemeldet.
• Die Fernsehaktivitäten müssten – schon
aus kartellrechtlichen Gründen – an ver-
schiedene Anbieter verkauft werden. Im
Kanzleramt hält man eine breite Streu-
ung der TV-Sender (ProSieben, Sat.1,
DSF, Neun live, N24), also ein Engage-
ment verschiedener kleinerer Medien-
häuser, für denkbar. So könnte die bis-
herige Duopol-Situation, in der sich
Kirch und Bertelsmann den TV-Markt
Bank-Chef Breuer: „Es gehören zwei zum Tango“ aufteilten, geknackt werden.
• Die Banken müssten auf ei-
nen Teil ihrer Forderungen
615 Mio. ¤ Kredit Deutsche Bank verzichten. So ließe sich ein
Als Sicherheit Vergleich erreichen, bevor
sind die Springer- die ganze Firmengruppe
anteile hinterlegt mit ihren rund 10 000 Mit-
Springer arbeitern Konkurs anmel-
den müsste.
2000
Und wo man schon mit dem
Umsatz 2,9 Mrd. ¤ Kanzler beisammensaß, wur-
Umsatz 3,33 Mrd. ¤ Gewinn 98 Mio. ¤ de auch noch über John Ma-
Gewinn 111 Mio. ¤ lone geredet, den Mann hinter
11,48 % an ProSiebenSat.1-Media
aktuelle Beteiligungen Murdoch, der in Deutschland
40,33 % an Springer gerade das Kabelnetz der Te-
lekom kaufen will. Ihm würde,
Umsatz 1,7 Mrd. ¤ wenn es dabei bleibt, der Da-
WAZ ten-Highway des 21. Jahrhun-
Interesse an
derts gehören.
2000 Doch das Kartellamt will
Umsatz 818 Mio. ¤ Umsatz 1,94 Mrd. ¤ den Verkauf nur mit Auflagen
Verlust – 818 Mio. ¤ Gewinn 350 Mio. ¤ genehmigen, die Malone nicht
(Schätzung, vor Steuern) akzeptabel erscheinen. Eine
jeweils 2000
Ministererlaubnis, die das Kar-
Holtzbrinck tellamtsvotum außer Kraft set-
Burda 2000 zen könnte, werde es nicht ge-
2000 Umsatz 2,35 Mrd. ¤ ben, so Schröder. Er wolle wie
SABINE BRAUER

Umsatz 1,66 Mrd. ¤ Gewinn 215 Mio. ¤ das Kartellamt, dass Malone
(vor Steuern) das Kabelnetz technologisch
aufrüstet und dass danach al-
Kirch-Geschäftsführer Hahn, Springer-Chef Döpfner*: Alles ist denkbar le relevanten Anbieter einen
Platz zugewiesen bekommen.
Agenda bestimmen“ und den Wahlausgang Nach zwei Stunden vereinbarte die Run- Sollte Malone sich zurückziehen, müsse
beeinflussen, so Murdoch voller Selbstbe- de eine Art Masterplan: Vor Oktober soll das Kabelnetz eben erneut ausgeschrieben
wusstsein. Viele hassen ihn für diese Art eine Lösung her. Wenn möglich im Ein- werden. Die Deutsche Bank könnte dann,
von Sprüchen: „Meiner Ansicht nach ist klang mit Leo Kirch. Wenn nötig ohne ihn. so die Debatte im Gasthaus „Wichmann“,
Murdoch eine Schande für den Journalis- Der Kanzler will sich im Hintergrund hal- ein Konsortium von mehreren Interessen-
mus“, so CNN-Gründer Ted Turner. ten. Er versteht sich als Ideengeber, nicht ten bilden. Für den Kanzler wäre das der
Auf diesen Polit-Rüpel hat in Deutsch- als Akteur, schon gar nicht als einer, der mit realistische Weg, beide Ziele zu erreichen:
land niemand gewartet, Rupert Murdoch staatlichen Finanzspritzen winkt. Breuer ein modernes Kabelnetz, das nicht, wie
soll hier zu Lande eine wirtschaftliche, aber soll als Moderator nach München reisen früher, dem Telefongiganten Telekom
eben keine publizistische Rolle spielen dür- und mit Kirch zu reden. gehört.
fen. Darauf einigten sich auf Schröders Me- Der Mediengipfel entfaltete bereits sei-
diengipfel die Teilnehmer, die den Eindruck * Bei der Verleihung der „Goldenen Kamera“ am 5. Fe- ne Wirkung. Nahezu alle Banken legten
von Kleinstaaterei vermeiden wollen. bruar in Berlin. intern fest, keine weiteren Kredite an Kirch
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 83
zu vergeben, die HypoVer- Der heutige Bertelsmann-Chef Middel-
einsbank nicht – und auch hoff organisierte den Ausstieg seiner Fir-
die Bayerische Landesbank, ma – gegen internen Widerstand. Kirch
mit 2,2 Milliarden Euro größ- blieb und traf damit die größte Fehlent-
ter Kirch-Gläubiger, wird scheidung seines Lebens. Trotz Milliar-
wohl künftig Enthaltsamkeit denverlusten hielt er an seinem Traum

FALK HELLER / ARGUM (L.); JENS DIETRICH / NETZHAUT (U.)


üben. vom Monopol im Pay-TV fest. Als seine
Eine Kirch-Pleite würde Spielräume bei den Banken ausgereizt
die Bank hart treffen und die waren, wagte er den Schritt, der ihn jetzt
Kapitalbasis schmälern. Po- die Kontrolle über sein Unternehmen kos-
litisch müsste sich die Lan- ten könnte.
desregierung Edmund Stoi- Für eine Kapitalspritze von rund 1,5 Mil-
bers für das Desaster verant- liarden Euro holte er Rupert Murdoch als
worten. Nicht das richtige 22-Prozent-Gesellschafter ins Premiere-
Thema für den „Kompetenz- Boot – mit der Option, im Oktober 2002 für
wahlkampf“, den die CSU rund 2 Milliarden Euro wieder auszustei-
anstrebt. gen. Zudem stieg Murdoch mit 2,5 Prozent
Breuer kündigte auch offi- bei der Kernfirma KirchMedia ein.
ziell das Ende der Zurück- Weil das alles nicht reichte,
haltung an: „Alles, was man verkaufte Kirch zusätzliche
darüber hören und lesen Anteile an vier weitere Inves-
kann, ist, dass der Finanz- toren: darunter Silvio Berlus-
conis Fininvest, der saudische
Finanz-Prinz Al Walid sowie
die Investment-Banken Ca-
pital Research und Lehman
Brothers. Sie alle haben die
Kirch-Filmarchiv Option, ihre Anteile bei dem
Deutsche Mediengrößen geplanten Börsengang der
Sorgenvolle Blicke nach KirchMedia zu verkaufen –
München oder sie ebenfalls mit Zinsen
an Kirch zurückzugeben.
win Huber mit, dass die halb- Auf der Zielgeraden ging
staatliche Bayerische Landes- WAZ-Mann Schumann Kirch das Geld aus. Spätestens
MICHAEL DANNENMANN

bank noch einmal mit mehr als seit der Konzern immer mehr
einer Milliarde Euro für Kirch in die Bre- Hollywood-Studios in Rechtsstreitigkeiten
sche sprang, damit er seine Anteile an der verwickelte, um den fälligen Zahlungen zu
Formel 1 aufstocken konnte. Ein Vorstand entgehen, und sich im Dezember hektisch
der HypoVereinsbank hatte Huber zuvor bemühte, einen abgelaufenen 460-Millio-
Bertelsmann-Chef Middelhoff eine Abfuhr erteilt. nen-Euro-Kredit bei der Dresdner Bank
Von Anfang an finanzierte Kirch seinen zu verlängern, war klar: Kirch hat über-
sektor nicht bereit ist, auf unveränderter Konzern mit dem Geld anderer Leute. „Ich reizt. Diesmal geht es an die Substanz –
Basis noch weitere Fremd- oder gar Ei- habe kein Geld, ich habe Schulden“, sagte oder das, was davon übrig ist.
genmittel zur Verfügung zu stellen“, so der er kokett, als es ihm noch gut ging. Alle Filetstücke, große Teile des Film-
Bankchef am Montag auf Bloomberg-TV. Seine große Chance sah der Winzersohn stocks etwa, und lukrative Beteiligungen
Zwar war der Chef der Dresdner Bank, Anfang der Achtziger gekommen: Mit wie die am spanischen Sender Telecinco
Bernd Fahrholz, „entsetzt“, wie ein Ver- Macht drängte er ins Privatfernsehen, das sind bei den Banken längst als Sicherheiten
trauter berichtet. Auch Albrecht Schmidt, seine konservativen Freunde in der Poli- hinterlegt. Selbst das früher hochprofitable
Chef der HypoVereinsbank, zeigte sich ge- tik etablierten, allen voran Helmut Kohl, um Kerngeschäft der KirchMedia (Rechte-
genüber Kollegen „zutiefst befremdet“. endlich das Monopol des vermeintlichen öf- handel, Fernsehen, Filmstock) rutschte zu-
Doch sie wissen auch: Kirch steht am Ab- fentlich-rechtlichen „Rotfunks“ zu brechen. letzt in die roten Zahlen.
grund. Die Krise hat erstaunliche Ähn- So feierte Kirch mit dem Privatfernsehen Einer der wertvollsten Teile des Kirch-
lichkeiten mit dem Wirtschaftsskandal, der rasch Erfolge. Aus dem Filmhändler wurde Imperiums ist aber die 40-Prozent-Beteili-
gerade die USA in Atem hält – die Pleite ein Medien-Multi mit ungebremster Wachs- gung am Springer-Konzern. WAZ-Mann
des Energieriesen Enron. tumslust – und ungeheurem Finanzbedarf. Schumann, der binnen 20 Jahren aus der
Wie bei Enron schien auch Kirch ein Den Einstieg beim Axel Springer Verlag regionalen „Westdeutschen Allgemeinen
kraftvoller Spieler in einem Wachstums- finanzierte die DG Bank. Als Sicherheit Zeitung“ einen der größten deutschen Me-
segment zu sein. Wie die Enron-Verant- diente Kirch meist sein Filmstock aus rund dienkonzerne schmieden half, wurde daher
wortlichen wirtschaftete Kirch über Jahre 18 000 Spielfilmen und mehr als 50 000 schon kurz nach dem Kanzlertreff in der
mit allen Tricks, um seine wahren Ver- Stunden Programm, das laut Firmenanga- Beletage des Springer-Hochhauses gesich-
bindlichkeiten zu verschleiern. Vor allem ben rund 2,5 Milliarden Euro wert ist. tet. Die Witwe des legendären Verlags-
hat die Krise im Hause Kirch, wie der Fall Aus der Balance warf den Konzern ein gründers Axel Springer hält noch immer
Enron, auch eine politische Komponente. Großprojekt, das Kirch in den Neunzigern die Mehrheit an dem Konzern. Ihr machte
Über Jahrzehnte setzte Kirch auf seine startete: Nach dem Vorbild des amerikani- Schumann ein interessantes Angebot.
politischen Kontakte. Im Kanzleramt saß schen Pay-TV-Senders HBO etablierte er Wie bei so manchem Joint Venture wür-
sein Duz-Freund Helmut Kohl. Auch auf zunächst gemeinsam mit Bertelsmann den den journalistische und kaufmännische
die Bayerische Staatskanzlei konnte Kirch Bezahlkanal Premiere, um künftig direkt Führung einfach getrennt, so Schumanns
sich meistens verlassen: Noch im vergan- bei den Zuschauern für seine Filmware Vorstoß. Springer bliebe die publizistische
genen Jahr half Stoibers Staatsminister Er- kassieren zu können. Hoheit über alle Produkte des Verlages,
84 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Werbeseite

Werbeseite
Wirtschaft

während die WAZ-Gruppe, bekannt für


aggressive Sparsamkeit, sich um die Be-
KON Z E R N E
triebsabläufe kümmern würde. Ein intimer
Kenner der Materie: „Die WAZ-Männer
wollen in der Nähe sein, wenn der Jongleur
Kirch die Bälle verliert.“
Höflich gingen die zwei auseinander.
Aufmerksamen Beobachtern der Ereignis-
Schutzpatron der Monopole
se war nicht entgangen, dass die Springer-
Auf den wichtigsten Wachstumsmärkten bremst der
Witwe Friede ihren Gast bis zur Autotür Bundeswirtschaftsminister den Wettbewerb. Für die Verbraucher
begleitete. steigen die Preise, Investitionen bleiben aus.
Doch Friede Springer macht ihm und

D
anderen Interessenten keine allzu großen er Mann ist vom Ministererlaubnis beantra-
Hoffnungen. Aus ihrer Sicht gebe es „kei- Fach und ein treuer gen, die Ruhrgas-Mehrheit
nen Veränderungsbedarf in der Aktionärs- Diener seines Herrn. zu übernehmen. Vorher
struktur“, so Frau Springer gegenüber dem Nach mehr als 25 Jahren hatte das Kartellamt abge-
SPIEGEL. Sollte es dennoch anders kom- als Manager in großen lehnt. Macht aber nichts,
men, ist für die Verlagserbin klar: „Die Unternehmen weiß Wer- E.on-Chef Ulrich Hartmann
Mehrheit am Axel Springer Verlag steht ner Müller, was er seinem glaubt sich bei Müller oh-
heute und auch in Zukunft unter keinen Chef bei trüber Konjunk- nehin besser verstanden.
Umständen zur Verfügung. Und wenn es je turlage zu raten hat: Weiter In ihrem Kampf, Wett-
Veränderungen gäbe, würde ich eher noch so! „Wir dürfen uns nicht bewerb auf den eigenen
ein paar Prozente dazukaufen.“ vom Kurs abbringen las- Märkten zu verhindern,
Der Kanzler verfolgt das Treiben teils sen“, beschwört der Bun- Konkurrenten abzublocken
besorgt, teils amüsiert. Nahezu alle Betei- deswirtschaftsminister das und sich Privilegien des
ligten suchen derzeit die Nähe zur Politik Durchhaltevermögen sei- Staats und der Aufsichts-
– sogar der Betroffene. nes Kanzlers, mit dem er behörden zu sichern, haben

NORBERT MICHALKE / IMAGES.DE


Bei einem Besuch vor wenigen Wochen dieser Tage Lateinamerika die Multis in dem Minister
in der Berliner Pücklerstraße, dem Gäste- bereist. einen zuverlässigen Ver-
haus der Bundesregierung, berichtete Kein Zweifel, Gerhard bündeten gefunden. „Was
Kirch von seinen Problemen, die er alle- Schröders Politik der ruhi- da passiert“, schimpft der
samt für lösbar hielt. gen Hand kommt dem Zi- Hamburger Anwalt Ralf
Diskret fragte der Alte nach, ob es wohl garillo-Raucher mit dem Wojtec, der viele Wettbe-
möglich sei, die Nachforschungen des Bun- demonstrativ zur Schau werber in Streitigkeiten ge-
desaufsichtsamtes für das Kreditwesen gestellten Hang zum Phleg- Wirtschaftsminister Müller gen Monopolunternehmen
zügig zu beenden. Schon im Oktober ver- ma entgegen. Dabei böte „Weit reichende Fortschritte“ vertritt, „ist reiner Wirt-
gangenen Jahres hatte die Bankenaufsicht sich ihm zu Hause, kraft
alle großen Institute angeschrieben – und seines Amtes, ein lohnendes Betätigungs-
über ihre Kirch-Engagements befragt. Die feld. Harte Nüsse
Behörde will vor allem die Höhe der Kre- Als Wirtschaftsminister bestimmt er Deutsche Ex-Monopole im Vergleich
dite erfahren und sehen, welche Sicher- die Spielregeln auf etlichen Schlüssel- Die Post wird in drei selb-
heiten ihnen entgegenstehen, „also wie viel märkten. So ist er zuständig für die Tele-
Geld die einzelnen Banken im Feuer ha- kommunikationsindustrie, den Energie- POST- und ständige Unternehmen
aufgeteilt: Postdienst,
ben“, so ein Mitarbeiter der Behörde. sektor und den notorisch unterschätzten TELEKOM- Telekom und Postbank
Allgemein gilt eine derartige Anfrage als Postmarkt. Doch der ehemalige Manager MUNIKATIONS-
Warnschuss. „De facto ist dann bei vielen zeigt kein allzu großes Interesse daran, MONOPOL 1989
Instituten der Geldhahn zu“, erläutert ein diese Märkte zu Wachstumsmotoren der
Frankfurter Banker. deutschen Volkswirtschaft zu machen – im
Genau diese Dürre bekommt Kirch seit- Gegenteil. Post-Tower in Bonn
her zu spüren und bat verklausuliert um Anders als seine liberalen Vorgänger un-
Linderung. Schröder konnte dem Medien- ternimmt Müller wenig bis gar nichts, um
unternehmer keinerlei Hoffnungen ma- Monopolbereiche aufzubrechen und für
chen. Die Unabhängigkeit des Aufsichts- den Wettbewerb zu öffnen. Die Bilanz sei-
MATTHIAS JUNG / LAIF (L.); ANDREAS VARNHORN (M.); DIETER KLEIN / LAIF (R.)

amtes sei strikt zu beachten, lernte der ner dreieinhalbjährigen Amtszeit ist trübe.
Münchner. • Die mit großem Enthusiasmus angekün-
Kirch zog von dannen und engagierte digte Freigabe des Gasmarkts stockt.
die Dresdner Bank. Sie soll ihm nun einen • Mehr Wettbewerb um Haushaltskunden
Partner suchen, der ein Überleben in Ei- bei Strom und Wasser? Fehlanzeige.
genständigkeit sichern könnte. • Öffnung des Briefmarkts für die Kon-
Deutsch-Banker Breuer ahnt bereits, kurrenz? Um fünf Jahre verschoben.
dass als Moderator eine schwierige Mis- • Selbst den zu Beginn seiner Amtszeit
sion auf ihn zukommt. Dem für die nächs- funktionierenden Wettbewerb auf dem
ten zehn Tage verabredeten Gespräch Telefonmarkt hat Müller inzwischen bis
mit Kirch sieht er mit großer Skepsis ent- zur Unkenntlichkeit verwischt.
gegen. Im engen Zirkel der Vorstands- Die Nutznießer sind immer dieselben:
kollegen dämpfte Breuer allzu hohe Er- große Staatsbetriebe wie Post und Telekom
wartungen: „Es gehören zwei zum Tan- oder Gebietsmonopolisten wie RWE und
go.“ Frank Hornig, Wolfgang Reuter, E.on, bei denen Müller sein Handwerk er-
Marcel Rosenbach, Gabor Steingart lernte. Dieser Tage wird E.on bei ihm eine
86 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
schaftsimperialismus und ein Tiefschlag für E.on nicht die Rede sein. Auch die EU er- Jahr angekündigte Freigabe stockt, weil
die Marktwirtschaft.“ teilt Deutschland in ihrem jüngsten Ener- sich die Parteien nach monatelangen Ver-
Der Preis für Müllers Politik ist hoch. giebericht durchweg schlechte Noten. handlungen nicht auf die einfachsten Rah-
Viele Unternehmen, die im Vertrauen auf Den Minister ficht das nicht an: „Von menbedingungen einigen können.
faire Bedingungen investiert hatten, muss- weit reichenden Fortschritten“ schwärmte Der wirkliche Wettbewerb spielt sich
ten inzwischen wieder aufgeben oder Müller erst vor einigen Tagen bei einem nach Müllers Verständnis ohnehin auf der
können sich wie der Kölner Stromanbieter Treffen mit Vertretern der Gas- und Was- Europa- und Weltbühne ab. Und da brau-
Yello nur noch dank zahlungskräftiger serwirtschaft che Deutschland eben Firmen, die in der
Mutterkonzerne über Wasser halten. Neu- Auf seinem Schreibtisch stapeln sich der- Lage seien, mit den wirklichen Giganten
investitionen in den Wachstumsmärkten weil unzählige Gutachten, Mahnungen und Schritt halten zu können – seien es die Te-
bleiben aus. Zigtausende Arbeitsplätze Einsprüche. Sie alle kommen zum gleichen lekom, die Post oder Müllers Hausmarken
werden erst gar nicht geschaffen. Ergebnis: Für die Nutzung ihrer Stromnet- RWE und E.on.
Stattdessen werden die Verbraucher ge- ze verlangen die Ex-Monopolisten von Wie rigide er dieses Ziel zum Nutzen der
schröpft. Für überteuerte Monopoldienst- ihren kleinen Konkurrenten aberwitzige Großkonzerne verfolgt, zeigt der Postmarkt.
leistungen wie Briefporto oder Telefonie- Gebühren. Dazu kommen gezielte Verun- Gegen das Veto der Regulierungsbehörde
ren im Ortsnetz müssen sie mehr bezahlen sicherung der Verbraucher und unzählige stemmte sich Müller per Ministerweisung
als die meisten europäischen Nachbarn. bürokratische Hemmnisse. nicht nur gegen niedrigere Portopreise. Kurz
Dabei waren die Voraussetzungen mehr Doch anstatt eine unabhängige Regulie- nach dem Börsengang des Logistikriesen
als günstig, als etwa die Energiebranche nach rungsinstanz einzusetzen, die klare Spiel- kassierte er sogar ein Gesetz, das den Weg-
Jahrzehnten monopolistischer Zwangswirt- regeln definiert, Durchleitungspreise fest- fall des Briefmonopols der Post für Ende
schaft im Sommer 1999 mit viel Zuversicht legt und Verfahren vereinfacht, setzt Mül- 2002 festgeschrieben hatte. Stattdessen wur-
in den Wettbewerb startete. Nicht einmal ler hartnäckig auf freiwillige Vereinbarun- de das Privileg des mehrheitlich bundes-
zweieinhalb Jahre später ist von der Eu- gen der Industrie. Die beteiligten Verbän- eigenen Unternehmens um weitere fünf
phorie nichts mehr zu spüren. Die meisten de, so seine Vorstellung, sollen die Spiel- Jahre verlängert. Ob der Handstreich einer
Unternehmen, die einst angetreten waren, regeln untereinander aushandeln. Überprüfung des Bundesverfassungsge-
Konzernen wie RWE oder Veba Marktan- Dass dies seit fast drei Jahren nicht funk- richts standhält, ist zweifelhaft. Entspre-
teile abzujagen, sind verschwunden oder tioniert, ist offensichtlich. Kleine Anbie- chende Klagen werden derzeit geprüft.
kämpfen ums Überleben. Die Strompreise ter, wie die Hamburger Lichtblick oder die Klarer sind die Konsequenzen für den
steigen auf breiter Front. Und die Altmo- Berliner Ares, müssen ihr Recht auf faire Markt: 221 Unternehmen, die im Vertrau-
nopolisten sind nach zahlreichen Über- Behandlung in langen Kartell- und Ge- en auf den Wegfall des Monopols in Per-
nahmen von Stadtwerken und Konkurren- richtsverfahren durchsetzen. sonal, Gebäude und Ausrüstung investiert
ten stärker als je zuvor. Auch auf dem Gasmarkt setzt der Wirt- hatten, machten inzwischen dicht. Neue
Von einem „funktionierenden Wettbe- schaftsminister – anders als fast alle eu- Investitionen gibt es seit Monaten so gut
werb“, konstatierte vor wenigen Tagen ropäischen Länder – wieder auf freiwillige wie keine. Rund 98 Prozent des Markts
Kartellamtspräsident Ulf Böge, könne an- Vereinbarungen. Die Konsequenz: Auch werden von der Post kontrolliert. Die Kon-
gesichts der Marktmacht von RWE und die von der Bundesregierung für dieses kurrenzanbieter, resigniert der Vizepräsi-

Die drei Postunter- Teilprivati- Das Post- sowie das Telekom- Teilprivatisierung Die EU-Kommission leitet Marktanteile der
nehmen werden in sierung der munikationsgesetz zur der Deutschen ein Verfahren gegen Deutsch- Deutschen Post an
Aktiengesellschaften Deutschen Förderung des Wettbewerbs Post AG land wegen mangelnder Briefsendungen bis
1000 Gramm
97,8 %
umgewandelt Telekom AG treten vollständig in Kraft Öffnung im Bereich der
Telekommunikation ein im Jahr 2001
(inkl. Exklusivlizenz)
1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002
Marktanteil der
Die EU verlangt Änderung des Energiewirtschaftsgesetzes: Erste Wettbewerber der
Deutschen Telekom 97%
im Ortsnetz
eine Öffnung der Endverbraucher sind in der Wahl des Monopolisten wie Yello im Jahr 2001
Strommärkte bis Stromproduzenten frei; Anbieter erhalten bieten Stromverträge auch
Februar 1999 das Recht auf Zugang zum Stromnetz für Haushaltskunden an
Haushaltskunden, die
seit 1998 bei
STROM- 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 ihrem regionalen 96 %
MONOPOL Stromversorger
geblieben sind
Die Binnenmarktrichtlinie Kabinettsbeschluss zur Das Bundeskartellamt
der EU fordert zunächst Änderung des Energie- kritisiert den erschwerten
eine Öffnung des Gas- wirtschaftsrechts im Zugang privater Anbieter Haushaltskunden,
markts von 20 Prozent Sinne der EU-Richtlinie zum Gasversorgungsnetz
GAS-
die seit 1998 bei
ihrem Gasanbieter
100 %
MONOPOL 1998 1999 2000 2001 2002 geblieben sind

Netzzentrale der Deutschen Telekom RWE-Kraftwerk Neurath


Wirtschaft

dent der Regulierungsbehörde, Gerhard lefongesellschaften erreichten mehrstelli- mieren. Auch die Zahl ihrer Beschäftigten
Harms, seien schlichtweg entmutigt. ge Milliardenhöhen. Gleichzeitig fielen die hielt sie nahezu konstant.
Auch in Brüssel macht sich nun Verär- Preise im nationalen Fernverkehr um teil- So weit die Vergangenheit: Denn auch in
gerung über die Politik des deutschen Wirt- weise mehr als 90 Prozent. der einst boomenden Glitzerbranche sind
schaftsministers breit. Viele Vorhaben, Wie im Lehrbuch illustriert die Ent- die Folgen von Müllers Wirken inzwischen
klagt EU-Binnenkommissar Fritz Bolke- wicklung auf dem Telekommunikations- deutlich sichtbar. Im Festnetzgeschäft ist
stein, seien in den vergangenen Monaten markt, welche Vorteile mehr Wettbewerb neben einigen unbedeutenden Discount-
am Widerspruch Deutschlands gescheitert. für eine Volkswirtschaft bringen. Im libe- Anbietern vier Jahre nach der Marktöff-
Die Bundesrepublik, so Bolkestein, zucke ralisierten Bereich entstehen Tausende nung nur noch Arcor als ernst zu neh-
unter „korporatistischen Reflexen“. neuer Jobs. Die Telekom-Herausforderer mender Konkurrent der Telekom übrig ge-
Dabei spielte Deutschland in Fragen der beschäftigten im vergangenen Jahr 63 500 blieben. Und auch Arcor ist von einem pro-
Deregulierung noch vor einigen Jahren Mitarbeiter. Die Altmonopolisten leiden fitablen Geschäft weit entfernt.
eine Vorreiterrolle in Europa – etwa auf durch die neue Konkurrenz keineswegs. Der Grund: Als eine seiner ersten Amts-
dem Telefonmarkt. In nur wenigen Mona- Durch den Preisverfall blühte die Branche handlungen blockierte Müller den für die
ten gründeten sich Hunderte neuer Fir- erst auf. Einen großen Teil des Neuge- Neulinge wichtigen Zugang zum Ortsnetz.
men. Die Investitionen ausländischer Te- schäfts konnte die Telekom für sich rekla- Nach heftigen Streitereien mit der Regu-
lierungsbehörde schraubte der Minister dass Müllers Einsatz für Staatsbetriebe Vielleicht will sich Müller aber auch einen
den Mietpreis für die Telekom-Dosen auf und Energieversorger noch ganz anders wohl dotierten Arbeitsplatz in der Industrie
so astronomische Höhen, dass die Wettbe- motiviert sein könnte. Immer wieder für sein Leben nach der Politik sichern, wie
werber bis heute kaum Marktanteile im verweisen sie auf die Verbundenheit zu Teile der Opposition vermuten. Entspre-
Ortsnetz gewinnen konnten. seinen alten Arbeitgebern RWE und chende Gespräche zumindest hat der 55-
„Die ganze Branche steuert auf eine Re- E.on. Jährige nicht nur mit RWE-Aufsichtsrats-
monopolisierung zu“, schimpft Joachim Immerhin steht Müller nach 18-jähriger chef Friedel Neuber geführt. Auch andere
Dreyer, Präsident des Verbands privater Management-Tätigkeit auf der Pensions- Unternehmenslenker erinnern sich an Ver-
Anbieter von Telekommunikationsleistun- liste des Veba-Nachfolgers E.on. Und trotz suche des Wirtschaftsministers, sich für ei-
gen. Und auch in der Regulierungsbehör- massiver Befangenheitsvorwürfe will er nen Posten ins Gespräch zu bringen.
de hat sich nach Müllers Eingriffen Resi- nicht darauf verzichten, selbst über die Müller selbst weist solche Vermutungen
gnation breit gemacht: Vernünftiges Ar- umstrittene Übernahme von Ruhrgas-An- harsch zurück. Seine Handlungen seien
beiten, klagt ein hochrangiger Beamter, sei teilen (SPIEGEL 5/2002) durch seinen al- rein sachlich begründet. Immerhin habe er
schon lange nicht mehr möglich. ten Arbeitgeber zu entscheiden. Auch für bei seinem Amtsantritt einen Eid ge-
Konkurrenten der Ex-Monopolisten und Koalitionskollegen ist dieses Verhalten schworen. „Den nehme ich sehr ernst.“
politische Gegner vermuten denn auch, kaum noch nachvollziehbar. Frank Dohmen, Christian Reiermann
Wirtschaft

Nachlasshandel
PREISE
Verbreitete Kundenkarten in Deutschland

Im Rausch der Rabatte Payback


15 Millionen Karten
Kooperationspartner:
Im Winterschlussverkauf setzten die Deutschen mehr denn je AOL, real, OBI, Kaufhof,
auf ihre Kundenkarten: Doch die Plastikwährung ricardo.de, DEA, Consors,
Europcar, dm, RWE/avanza,
hilft weniger den Verbrauchern als den Handelskonzernen. buecher.de, u.a.
Happy Digits (ab April)

P
aul Janmaat weiß, was seine Kun- Schon vor dem Winterschlussverkauf
den wünschen: „Vergessen Sie den herrschte „eine Goldgräberstimmung wie 8,7 Millionen Karten
Preis“, sagt der Manager der Super- seinerzeit am Klondike“, staunt Verbrau- Kooperationspartner:
marktkette Albert Heijn, die mit rund 700 cherschützer Dirk Klasen. „Der Phantasie Telekom, Hertie, Karstadt,
Filialen die absolute Nummer eins in den sind keine Grenzen gesetzt.“ Neckermann, Quelle.
Niederlanden ist. „Marke und Beziehung“ Besonders hoch im Kurs stehen die so Mögliche weitere Partner:
seien „die erfolgsentscheidenden Krite- genannten Kundenkarten. Mehr als 300 Tengelmann u. a.
rien für den Handel“. verschiedene sind hier zu Lande bereits im Miles&More
Die Beziehungen zum Verbraucher Umlauf. Von der Budni-Karte der nord- 5,3 Millionen Karten
schafft der Ableger des niederländischen deutschen Drogeriekette Budnikowsky
Handels-Multis Ahold mit einer Rabatt- über die „Family Plus“-Karte des Möbel- Kooperationspartner:
karte, über die bereits 80 Prozent der Um- hauses Ikea bis zur Bonus-Card der Tex- Lufthansa, Deka, Consors,
sätze abgerechnet werden. Janmaats Aus- tilkette Wöhrl – nahezu jedes größere Han- buch.de, Bang & Olufsen,
Audi, E.on, u. a.
wertungen brachten wichtige Erkenntnisse, delsunternehmen setzt momentan auf die
die auch bei deutschen Handelsmanagern eigene Hartplastik-Währung. Europas Kundenkarten 125
für Furore sorgten. Kleinere Einzelhändler schließen sich zu in Millionen 116
Ein halbes Jahr nach der Abschaffung Regionalgemeinschaften zusammen und 106
des Rabattgesetzes sind die Konzerne eif- geben so genannte City-Cards heraus wie 91 96
rig wie nie zuvor dabei, die Bundesbürger etwa die „AugsburgCard“ oder die Bonus- 83
76
mit Rabatten, Gutscheinen, Sonderaktio- programme in Bocholt oder Ravensburg. 68
nen und Bonusprogrammen zu umgarnen Bei so viel Aktionismus wollen auch die 49
und so die Kunden fester an sich zu binden. Stadtwerke in Münster und der Hamburger Quelle: Mercer Consulting
33 37
29

1998 1999 2000 2001

Stromversorger HEW nicht abseits stehen


und ködern die Kundschaft mit Prämien
und Sonderaktionen.
Für Karteninhaber gibt es exklusive Ein-
kaufsgutscheine und Kinokarten, Parfüm-
pröbchen und Kundenmagazine. Manche
Anbieter locken mit Sachprämien vom Au-
toatlas bis zur Kaffeemaschine oder er-
laubten ihren Stammkunden beim gerade
endenden Winterschlussverkauf, morgens
eine Stunde früher auf Schnäppchenjagd
zu gehen.
Die wohl exotischste Prämie hat der Ber-
telsmann-Ableger Webmiles AG ausgelobt:
Für eine Million Bonuspunkte gibt es eine
kleine unbewohnte Insel an der kanadi-
schen Atlantikküste „mit gutem und ho-
hem Waldbestand“. Wer die Insel ergat-
tern will, muss allerdings erst einmal bei
der Blumenkette Fleurop, dem Computer-
händler Vobis oder anderen Webmiles-
Partnern für mindestens eine Million Euro
einkaufen.
In der neuen Einkaufswelt lauert das
Kleingedruckte. Bei näherem Hinsehen
WOLFGANG THIEME / DPA

sind die ausgelobten Rabatte nicht sonder-


lich üppig. Mehr als drei Prozent Nachlass,
die auch vor dem Fall des Rabattgesetzes
problemlos möglich waren, bietet kaum
ein Händler. Stattdessen, fürchten Ver-
Warenhaus (in Chemnitz): „Goldgräberstimmung wie am Klondike“ braucherschützer, wächst die Gefahr, dass
90 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
der bemerkt derzeit sehr wohl, wie ihm
der Euro durch die Finger rinnt – anders

Das Preis-Rätsel als die Mitglieder der Durchschnitts-


familie, die offensichtlich eher Dienst-
leistungsmuffel sind.
Sie geht nur selten auswärts essen; ge-
Wird der Euro doch zum Teuro? Statistiker geben eine simple rade mal 70,26 Euro ließ sie 1998 mo-
Antwort: Es kommt ganz auf den Lebensstil an. natlich in Restaurants oder Cafés. Und
was den Konsum von Videofilmen an-

S
elbst Wim Duisenberg, Präsident der Jedenfalls längst nicht so sehr wie die geht, so leiht sie sich in zwölf Monaten
Europäischen Zentralbank, hat es Ausgaben rund ums Wohnen. Es ist mit allenfalls eine Kassette aus. Mit einem
schon erlebt. Als er am Frankfurter 27,5 Prozent der weitaus größte Posten im Budget von jährlich 3,22 Euro ist nicht
Hauptbahnhof das Auto abstellte, be- Haushaltsbudget, rund 566 Euro über- mehr drin.
merkte er verblüfft, dass Parken dort nicht wies die Durchschnittsfamilie für Miete, Vielleicht aber hat der Durchschnitts-
mehr eine Mark kostet, sondern einen Wasser, Strom, Gas und andere Brenn- haushalt diese bemerkenswerte Service-
Euro: ein Aufschlag von über 95 Prozent. stoffe. Doch hier sind die Preise trotz der Aversion inzwischen längst überwun-
Der Niederländer sollte auch mal ei- Währungsumstellung relativ stabil ge- den. Immerhin ist es sieben Jahre her,
nen Supermarkt besuchen. Dort fände er blieben – nur hat davon niemand Notiz dass der Warenkorb zusammengesetzt
Salatgurken für 2,49 Euro (das sind, zur genommen. und gewichtet wurde. Zu diesem Zweck
Erinnerung, 4,87 Mark), Blumenkohl, der Auch der mit 13,9 Prozent zweitgröß- hatten rund 70 000 Haushalte akribisch
mit 3,49 Euro ausgezeichnet ist, oder te Posten, die Ausgaben für Verkehr, hat über ihren gesamten Verbrauch Buch
Zucchini für sagenhafte 5,99 Euro. sich kaum verändert. Heizöl ist sogar ein geführt.
Täglich melden sich bei den Verbrau-
cherzentralen Hunderte empörter Kon- WARENKORB Zusammensetzung und Gewichtung in Prozent
sumenten, die sich abgezockt fühlen.
Nicht nur Einkaufsmärkte, auch Restau- Wohnung, Wasser, Strom,
Gas und andere Brennstoffe Verkehr
rants, Hotels oder Frisöre schlagen seit
der Jahreswende zuweilen gnadenlos auf. Bildung 0,7 27,5 13,9
Nahrungsmittel
und alkohol-
Wird der Euro doch zum Teuro? Oder Nachrichtenüber-
mittlung 2,3 3,4
13,1 freie Getränke
sollten sich Millionen Verbraucher irren? 4,1
Gesundheitspflege Freizeit und
Die Statistiker sind sich einig: Die neue 4,6 10,4 Kultur
Währung habe die Lebenshaltungskosten Alkoholische Getränke 6,1 6,9 7,0
„nicht erheblich beeinflusst“, versichert und Tabakwaren Hausrat und lau-
Hotels, Cafés fende Instandhal-
Johann Hahlen, Präsident des Statisti- tung des Hauses
und Restaurants
schen Bundesamts. Im Januar seien die
Preise nur um 2,1 Prozent gestiegen, we- Verschiedene Waren Bekleidung
und Dienstleistungen und Schuhe
niger noch als im Vorjahresmonat. Und
selbst für diese Steigerung sei der Staat
mitverantwortlich, weil er die Mineral- 4,6 JANUAR-PREISSTEIGERUNGEN
öl-, Energie-, Tabak- und Versicherung- Preisindex für die Lebenshaltung in Deutschland
steuer erhöht hat. Veränderung zum Vorjahresmonat in Prozent
Das Preis-Rätsel löst, wer in den so ge- 3,2
nannten Warenkorb blickt, jene Liste von 2,4
rund 750 Gütern und Dienstleistungen, 2,2 2,0 2,1
auf deren Grundlage die Statistikämter 1,4 1,3 1,6
die Preisentwicklung ermitteln. Alles Er- 0,2
denkliche ist hier aufgeführt: von der Kä-
1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002
sesahnetorte über Gardinentüll bis zum
Hasenrücken – tiefgekühlt. Und jeder
Posten ist danach gewichtet, wie viel er wenig billiger geworden. Aber wer kann Seitdem hat sich die Welt geändert und
zu den gesamten Verbrauchsausgaben ei- sich schon an die Preise von vor einem mit ihr die Konsumlust. So sind allein im
nes durchschnittlichen Haushalts beiträgt. Jahr erinnern? Jahr 2000 rund 25 Millionen Deutsche zu
Nach den letztverfügbaren Daten von Die Crux an der statistischen Be- Mobiltelefonierern geworden. Rund ums
1998 lag die Summe bei 2061 Euro. weisführung ist nur: Nichts kommt in Handy geben sie im Schnitt 30 Euro im
So macht beispielsweise die Salatgur- der Realität so selten vor wie der exak- Monat aus. Diese Ausgaben werden in
ke als Position 0117350100 genau 0,055 te Durchschnitt. Jeder packt sich sein der Statistik zwar unter dem Oberbegriff
Prozent der Lebenshaltungskosten aus. ganz persönliches Warenkörbchen. So, „Nachrichtenübermittlung“ erfasst, einen
Demnach gab der Durchschnittshaushalt wie einst die „gefühlte Temperatur“ die eigenen Posten für Mobiltelefone sucht
für dieses Gemüse 1998 im Monat 1,13 Wettervorhersagen eroberte, so gibt es man jedoch vergebens – dafür aber gibt es
Euro aus. Oder Position 0724080100, die nun eine Art gefühlte Inflation. Wie noch „Telegrammdienstleistungen“.
Parkgebühren: Dafür wird 0,06 Prozent sehr der Einzelne die eisigen Preisstei- Das dürfte sich wohl bald ändern. Der
des Gesamtbudgets aufgewendet, gerade gerungen zu spüren bekommt, ist letzt- Warenkorb wird gerade neu bestückt,
mal 1,24 Euro pro Monat. lich eine Frage des individuellen Le- Anfang kommenden Jahres soll der neue
Das bedeutet: Wenn Gemüse oder bensstils. vorgestellt werden. Doch auch der wird
Parkscheine teurer werden, dann fällt das Wer zum Beispiel häufig in Restaurants bis dahin längst wieder überholt sein: Er
zwar sofort weithin auf – aber kaum ins isst, statt daheim die Position 0112650100 basiert auf einer Haushaltsstichprobe aus
Gewicht. (Rindsgulasch in Dosen) aufzuwärmen, dem Jahr 2000. Alexander Jung

d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 91
Wirtschaft

die Kunden nur mit Blick auf den Nachlass Jahres hinzukommen. „Mittelfristig“, so kom und der Einzelhandelskonzern Kar-
einkaufen und Preisvergleiche unterlassen. heißt es in einer Studie der Unterneh- stadtQuelle den Vertrag zur Gründung
Die plötzliche Großzügigkeit der Han- mensberatung Mercer, sei sogar „eine Ver- eines gemeinsamen „Kundenbindungs-
delskonzerne ist zudem nicht selbstlos. dreifachung der Mitgliedschaften pro Haus- systems“.
Zum einen blocken die Unternehmen mit halt möglich“. Nicht nur bei den Telefonrechnungen
Hilfe der Kundenkarten lästige Feilsche- Nachdem die Karten zunächst nur in den und beim Einkauf im T-Punkt-Laden,
reien um individuelle Rabatte rigoros ab. Filialen jeweils einer Firma akzeptiert wur- sondern auch bei den Versandhäusern
Zum anderen können sie klammheimlich den, machte vor zwei Jahren die Münchner Quelle und Neckermann sowie in den
die Konsumgewohnheiten ihrer Kunden Loyalty Partner GmbH mit einem neuen 189 Warenhäusern des Karstadt-Konzerns
ausforschen. Konzept Furore. Mit Unterstützung der (Hertie, KaDeWe, SinnLeffers, WoM) sol-
Denn selbst eine ausgefeilte Marktfor- Lufthansa und des Handelskonzerns Metro len die Kunden ab April „Happy Digits“
schung lässt viele Fragen offen. Und der gelang es dem Firmengründer Alexander sammeln, um die später in Bargeld oder
Kunde bleibt dort immer anonym. Rittweger, Partnerunternehmen aus unter- Sachprämien umwandeln zu können.
„Wir wissen nicht genau“, gibt Metro- schiedlichen Branchen für sein Bonuspro- Noch zeigt sich der Marktführer gelas-
Chef Hans-Joachim Körber offen zu, „war- gramm Payback zu gewinnen. sen. „Endlich gibt es jemanden, mit dem
um die Leute durch die wir uns messen kön-
Kaufhäuser laufen – ob nen“, tönt Loyalty-Chef
sie auf Grund von Wer- Rittweger und setzte
bung kommen oder ob wenige Tage später zum
sie nur mal rumschnup- Konter an.
pern.“ Die Zukunft gehöre
In der Kombination seiner Idee, Rabatt- samt
von modernen Scanner- Visa-Kreditkarte zu ver-
kassen und Bonuskarten quicken. Mit der Kombi-
wird das Konsumver- nation von Bonus- und
halten in Zukunft trans- Zahlungsfunktion auf ei-
parent. Mit jedem Ein- nem Stück Plastik hofft
kauf hinterlässt der Rittweger, seinen Vor-
gläsern werdende Ein- sprung weiter ausbauen
kaufsbummler eine brei- zu können.
te Datenspur. Doch die Konkurrenz
Datenschützer sehen ist nicht zu unterschät-
den Trend nicht ohne zen. Die KarstadtQuelle-
Sorge. Schon heute ist Gruppe bringt in den

DIRK HOPPE / NETZHAUT


jeder Erwachsene in neuen Verbund mit der
Deutschland in mindes- Telekom 8,2 Millionen
tens 52 kommerziellen Mitglieder des „Klub
Datenbanken registriert. Karstadt“ ein. Auch die
Durch den Boom der Telekom hat mit ihrem
Kundenkarten baut sich Schlussverkauf (in Bochum): Schnäppchenjäger unterwegs erst im Oktober gestar-
die Basis der Informatio- teten Bonusprogramm
nen sprunghaft auf. Denn um in den Ge- Aus dem Stand wurde der Karten-Neu- ohne große Werbeaktivitäten schon eine
nuss der Rabatte zu kommen, müssen die ling zum Marktführer. Inzwischen hat der halbe Million registrierte Schnäppchen-
Karteninhaber nicht selten auch heiklere Rabattsparverein 15 Millionen Karten aus- jäger.
Daten wie Beruf, Familienstand und vieles gegeben. Rund 25 Firmen, von der Ver- Weitere Partner, darunter die Handels-
mehr angeben. brauchermarktkette Real (Metro) bis zum gruppe Tengelmann, sollen hinzukommen.
Nicht immer ist klar, was mit den Daten Baumarktprimus Obi, akzeptieren die Telekom-Vorstand Josef Brauner ist über-
geschieht. Am Ende, so befürchten ame- blaue Payback-Währung. zeugt, spätestens 2004 den Marktführer zu
rikanische Verbraucherschützer, könnten Bereits 120 Millionen Euro Rabatt ha- überholen, auch wenn die Hysterie in an-
Justizbehörden sogar private und staatliche ben die Schnäppchenjäger auf diese Weise deren Ländern schon wieder abklingt.
Informationen zusammenfügen und das eingesammelt. Rittwegers Unternehmen So stellte die Schweizer Telefongesell-
Puzzle bei der Strafverfolgung neu zusam- brachte das im vergangenen Jahr 50 Mil- schaft Swisscom ihr Bonusprogramm „Jo-
mensetzen. lionen Euro an Provisionen ein. ker“ nach nur zwei Jahren wieder ein. In
Doch die Sorge um den „gläsernen Kun- Jetzt aber schlagen die Branchenriesen England stiegen die Supermarktketten
den“ steht derzeit nicht hoch im Kurs. Und zurück. „Die Konsumenten wollen ihre Safeway und Asda ebenfalls wieder aus,
noch greifen die Schnäppchenjäger be- Brieftasche nicht mit einem Stapel von weil der Umsatz nicht wie erwartet stieg.
geistert zu, zumal Deutschland im inter- Plastikkarten füllen“, glaubt McKinsey- Auch beim Metro-Ableger Real sum-
nationalen Vergleich noch eine Art Kar- Manager Michael Kliger. mierten sich die Kosten für die Pay-
ten-Diaspora ist. In England nimmt jeder Nach einhelliger Expertenmeinung wer- back-Rabatte bereits im ersten Jahr auf
Einwohner im Schnitt bereits an 2,2 Bonus- den sich daher nur zwei bis drei branchen- schätzungsweise 30 Millionen Euro, 2001
programmen teil, in Deutschland dagegen übergreifende Bonussysteme bundesweit könnte sich der Betrag fast verdop-
ist nicht einmal jeder Einwohner als durchsetzen. „In den nächsten Monaten“, peln. Ob den Ausgaben entsprechende
Schnäppchenjäger registriert. so Alexander Lintner von der Boston Con- Umsatzsteigerungen gegenüberstehen, ist
Allein im vergangenen Jahr, so schätzen sulting Group, „wird der Kuchen verteilt.“ ungewiss.
Experten der Unternehmensberatung Mc- Im „Kampf um die Slots im Portemon- „Kundenbindungsprogramme“, so das
Kinsey, ist die Zahl der Kundenkarten hier naie“, so die Mercer-Berater, taten sich Ergebnis der Mercer-Studie, die 40 der
zu Lande um 32 Prozent gestiegen. Fast 50 Ende Januar zwei Superschwergewichte weltweit erfolgreichsten Bonussysteme
Millionen sind inzwischen im Umlauf. Min- zusammen. Nach monatelangen Verhand- analysiert, „sind teuer und ihre Effekte
destens 10 Millionen sollen im Laufe dieses lungen unterschrieben die Deutsche Tele- schwer messbar.“ Klaus-Peter Kerbusk

92 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Werbeseite

Werbeseite
Wirtschaft

MICHAEL SCHWARTZ (2)


Hamburger Seniorenresidenz „Das Weiße Haus“: Katastrophal schlechte Belegungszahlen

A LT E N P F L E G E

Endstation Sehnsucht
Jahrelang galten Pflegestätten und luxuriöse Rentnerresidenzen als krisensichere Geldanlage. Doch
nun rächen sich Fehlplanungen und Missmanagement. Eine Pleitewelle erschüttert die
Branche. Die Investoren müssen um ihr Geld fürchten – manche Senioren bereits um ihr Leben.

D
as Geschäft mit den Altenapparte- venzantrag wegen drohender Zahlungsun- niorenresidenzen stehen in der ganzen
ments schien so sicher wie das fähigkeit eingereicht. Betroffen sind alleinRepublik immer mehr Betreiber vor dem
Amen in der Kirche. Der Hoch- in diesem Fall 1200 Mitarbeiter. finanziellen Abgrund.
glanzprospekt der Landesbausparkasse Der vermeintlich krisensichere Senioren- „Der Grund für die Krise liegt vor allem
versprach den Anlegern eine „hohe Ren- markt für Pflege, Betreuung und Wohnen bei den zu hohen Investitionskosten für die
diteerwartung“ und „attraktive Steuervor- droht neuerdings am eigenen Wachstum Heime“, weiß Johanna Eckert-Kömen, Spe-
teile“. Zudem kam der Segen für das zu ersticken. Missmanagement und groß- zialistin für Altenheime bei der Deutschen
Wohnstift von ganz oben: Als General- zügige Fehlplanungen aus den Boom- Industriebank IKB in Düsseldorf. Die Ab-
mieter zeichnete das „Diakonische Werk Jahren rächen sich nun. Die Folge: Im Mil- zockerei bei Bau und Verkauf der ver-
der Evangelisch-lutherischen Landeskirche liardengeschäft mit Pflegeheimen und Se- meintlichen Geldmaschinen rächt sich nun
Hannovers im Sprengel Osnabrück e. V.“ auf brutale Weise. „Es ist schlicht
Bei solch frommen Sicherheiten wurden zu teuer gebaut worden.“
selbst hartgesottene Juristen wie der Die akuten Schwächeanfälle
Rechtsanwalt Rolf Müller weich. „Eine Kir- etlicher Heimbetreiber haben
che kann nicht Pleite gehen“, dachte er aber noch andere Ursachen. Der
sich 1997 und investierte rund 120 000 Euro Gesetzgeber garantiert den Häu-
in eine der 188 Wohnungen. Viele taten es sern einen verbrieften Anspruch
ihm gleich. Über 20 Millionen Euro kamen auf Heimentgelte, „so dass die-
so zusammen. Lokale Banken pumpten se bei wirtschaftlicher Betriebs-
weitere zehn Millionen in das luxuriöse führung in der Lage sind, ihren
Rentnerdomizil. Versorgungsauftrag zu erfüllen“.
Mittlerweile jedoch verkommt das Doch genau daran mangelte es.
Wohnstift am Westerberg zur Investitions- „Missmanagement“ sei eine
ruine. Im hauseigenen Restaurant sind der Hauptursachen, sagt Carsten
kaum Tische besetzt. Der Kiosk ist ge- Brinkmann, Chef der Kölner Be-
schlossen. Beinahe 120 Wohnungen stehen ratungsfirma Terranus, die sich
leer. Teilweise hängen noch Elektrokabel auch auf die finanzielle Sanie-
ALEKSANDER PERKOVIC / LAIF

aus den Decken. Die Anlage wird zur End- rung und Durchleuchtung von
station Sehnsucht – für die wenigen Be- Sozialimmobilien spezialisiert
wohner wie die Investoren. hat. „Nachdem jahrelang kein
Die gigantischen Mietausfälle in dem Wettbewerb herrschte, ist jetzt
Prestigebau haben jetzt dem gesamten Dia- die Strukturbereinigung in vol-
koniewerk Osnabrück den Rest gegeben. lem Gang“, meint der Unter-
Kurz vor Weihnachten wurde ein Insol- Refugium-Chef Küthe (2000): Zu teuer gebaut nehmensberater. Auch auf der
94 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Seite der Geldgeber waren in der Vergan-
genheit des Öfteren Dilettanten am Werk.
Sorglos pumpten sie Milliarden in das ver-
meintlich todsichere Geschäft. „Vielen war
die Komplexität der Materie nicht be-
wusst“, meint Brinkmann.
Vor allem bei luxuriösen Seniorenre-
sidenzen wurde nach dem schlichten Mot-
to „Immer mehr Alte, immer mehr Ge-
winn“ investiert. In den vergangenen fünf
Jahren verdoppelte sich die Zahl solcher
Anlagen auf 3600. Wie in Osnabrück wird
mit Etiketten wie „Betreutes Wohnen“
oder „Wohnen mit Service“ gelockt. Schät-
zungsweise 200 000 Betagte residieren in
diesen teils hotelähnlichen Anlagen mit
ambulantem Pflegedienst.
Hinzu kommen laut deutscher Heimsta-
tistik weit über 8000 klassische Alten- und
Pflegeheime mit rund 700 000 Plätzen.

Pro Seniore 409

Refugium 150 Insolvenzverfahren


seit August 2001

Bonifatius 146
Curanum Geschäft
mit den
Marseille-
Kliniken 99 späten Jahren
Betreiber von
Kursana 87 Alteneinrichtungen;
(Dussmann) Umsatz* des Pflege-
Maternus
bereichs 2001
Kliniken 70 in Millionen Euro
Quelle: Axion Consult *geschätzt

Jährlich werden hier rund 25 Milliarden


Euro umgesetzt.
Eigentlich wächst bei der fortschreiten-
den Alterung der Gesellschaft die Nach-
frage von ganz allein: Bereits im Jahr 2010
wird jeder vierte Deutsche über 60 Jahre
alt sein. „Gleichzeitig dürften mehr als 1,6
Millionen Menschen schwerst pflegebe-
dürftig sein“, schätzt Terranus-Chef Brink-
mann.
Dennoch häufen sich bei ihm und ande-
ren Fachleuten die Nachfragen. „Wir sind
die Feuerwehr“, beschreibt Frank Löwen-
traut von der Axion Consult in Bad Hom-
burg die heiklen Mandate. Vor allem Ban-
ken und Immobilienfonds, die in der Ver-
gangenheit massiv in Altenobjekte inves-
tierten, bangen um ihre Pachteinnahmen.
Die Angst ist begründet. „Der Markt
wird von Insolvenzen und Konkursen
heimgesucht“, sagt Löwentraut. Das ganze
Spektrum hat’s erwischt – vom klassischen
Heim für stationäre Altenpflege, wo viel
Geld vom Staat, der Pflegeversicherung
und der Sozialhilfe im Spiel ist, bis hin zum
luxuriösen Wohnpark für ebenso spen-
dable wie rüstige Reiche.
In den vergangenen Monaten kamen be-
sonders viele Hiobsbotschaften, vor allem
von den gemeinnützigen und kirchlichen
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 95
Wirtschaft

Trägern, deren Kreis- und Ortsverbände der Gesellschaft. Gerüchten zu-


über die Hälfte aller Häuser betreiben – folge geht es um einen Betrag in
egal ob Deutsches Rotes Kreuz, Arbeiter- zweistelliger Millionenhöhe.
wohlfahrt oder Diakonie. Im Altenpflegeheim Luisen-
Sogar die Menschenfreunde von der hof in Göttingen hat Ostermann
alten DDR-„Volkssolidarität“ sehen sich schon seit Monaten keine Miete
neuerdings mit der gnadenlosen Logik des mehr an die Hauseigentümer ab-
Marktes konfrontiert. Die 1945 in Dresden geliefert. Rückstände von über
gegründete Wohlfahrtsorganisation mit zwei Millionen Euro sind auf-
ihren 450 000 Mitgliedern betreibt in den gelaufen. Für das Landgericht
neuen Bundesländern 143 Seniorenwohn- Göttingen war das Grund ge-
anlagen mit rund 6000 Bewohnern. „In nug, Ende November eine Räu-

BECKER & BREDEL / ACTION PRESS


einzelnen Fällen“, so der stellvertretende mungsklage abzusegnen. Ein
Bundesgeschäftsführer Horst Riethausen glatter Rausschmiss, gegen den
vorsichtig, „ergaben und ergeben sich wirt- Ostermanns Anwälte in die Be-
schaftliche Zwänge.“ Vor zwei Monaten rufung gegangen sind.
musste sein Kreisverband Burgenland in In einem anderen Streitfall
die Insolvenz gehen. kam es im vergangenen Jahr gar
Immerhin: Bei den Gemeinnützigen zu einer Kontopfändung: Über
besteht bislang nicht die Gefahr eines Unternehmer Ostermann (r.)* eine halbe Million Euro floss
Dominoeffekts, weil die lokalen Verbände Rückstände in Millionenhöhe per Gerichtsbeschluss an einen
rechtlich selbständige Organisationen sind. Gläubiger.
Ganz anders im Lager der privaten Be- die Bewohner arge Strapazen bedeutete. Am Hauptsitz in Saarbrücken will man
treiber, wo es im vergangenen Jahr be- Wegen ausbleibender Gehaltszahlungen sich zu den Pachtrückständen nicht äu-
reits zu spektakulären Zusammenbrü- blieb das Personal zu Hause, Stationen ßern, „da die Rechtsverfahren derzeit
chen kam. mussten geschlossen werden. Die tägliche noch anhängig sind“. Die Meinung von
Der Berliner Betreiber Rentaco meldete Ausgabe warmer Mahlzeiten wurde zur Branchenkennern, dass Pro Seniore auf
vergangenen Februar Insolvenz an. Weni- Zitterpartie. „Einige Bewohner werden in Grund eines zu schnellen Wachstums und
ge Monate später folgte der bislang größte dem Heim schon von ihren Angehörigen intensiver Bautätigkeit ein akutes Li-
Knall: Begleitet von juristischen Streiterei- versorgt“, beschrieb damals ein Betroffe- quiditätsproblem habe, sei „nicht zu-
en um Kapitalerhöhungen und staatsan- ner die Misere in einer Einrichtung nahe treffend“.
waltschaftliche Ermittlungen, konnte die Rodgau. Ein Fall für die Heimaufsicht. Bei den Anlagen des betreuten Wohnens
börsennotierte Refugium Holding im Juni Dass sich solch dramatische Fälle wie- wurde in der Branche jedenfalls an vielen
ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. derholen dürften, steht für Experten außer Orten am Bedarf vorbei gebaut. Monats-
Der Zusammenbruch erstaunte Exper- Frage. Die Pleitewelle werde „auch dieses mieten bis zu 2500 Euro wie im Fall Osna-
ten nicht. Eine Investition von 70 000 Euro Jahr weiterrollen“, orakelt die Bankerin brück können sich nur wenige leisten. Zu-
pro Pflegebett gilt als vertretbarer Wert. Eckert-Kömen. dem wollen Rentner die eigene Wohnung
Tatsächlich herrscht im so lange wie möglich behalten. Die wenig-
Markt enorme Unruhe. Selbst sten wollen reich ins Heim.
Bauboom für Betuchte 400 vom Branchenprimus Hartmut Jetzt platzt die Spekulationsblase. „Es
Jährlich neu entstandene 350 Ostermann, der noch Ende gibt zu viele Seniorenresidenzen im Hoch-
Service-Wohnprojekte 300 2000 eine fatale Kooperation preissegment“, sagt Johanna Eckert-Kö-
für Senioren 250 mit Refugium einging und sich men. Die Folge: oft katastrophal schlech-
Quelle: Empirica; rund 2500 200 gern mit Prominenten wie dem te Belegungszahlen. Und die Betreiber
Projekte mit genauer Angabe 150 saarländischen Ministerpräsi- greifen nach jedem Strohhalm. So soll
des Baujahres
100 denten Peter Müller umgibt, etwa das „Weiße Haus“ an der Hambur-
50 kommen bedenkliche Nach- ger Elbchaussee mangels Bewohnern in
richten. Der Präsident des ge- ein Hotel umgewandelt werden. Einzig
1990 92 94 96 98 2000
beutelten Zweitligisten 1. FC alteingesessene Unternehmen wie die
Saarbrücken kämpft offenbar Münchner Augustinum-Gruppe verdienen
Bei Refugium lag die Summe teilweise bei nicht nur im Fußball mit Widrigkeiten. Sei- noch Geld.
über 90 000 Euro. Entsprechende Mieten ne DSK/Pro-Seniore-Gruppe, die nach Während die Seniorenwohnungen auf
konnte der damalige Konzernchef Klaus einem atemberaubenden Wachstum bun- Halde gebaut wurden, droht bei den Pfle-
Küthe nicht mehr erwirtschaften. desweit mit 9000 Mitarbeitern 17 000 Plät- gebetten bald der Notstand. Laut einer
57 Refugium-Häuser in ganz Deutsch- ze in Pflegeheimen und Residenzen betreut, Studie von IKB und Axion besteht bis 2020
land suchten beinahe über Nacht einen scheint in Schwierigkeiten zu stecken. ein Finanzierungsbedarf von 30 Milliarden
neuen Träger. Konkurrenten wie die Ham- Rund 20 von 120 Häusern, die Oster- Euro. Wegen der Pleitewelle haben sich je-
burger Marseille-Gruppe begannen, ver- manns Konzern unterhält, gehören Immo- doch viele Banken zurückgezogen. Und in
schiedene Objekte zu durchleuchten. Die bilienfonds der angeschlagenen Berliner den Kassen des Staates herrscht Leere.
Berliner Dussmann-Gruppe übernahm Bankgesellschaft. Darunter befinden sich Auf die Kirche als Helfer in der Not hofft
schon bald erste Häuser. Um den Rest prominente Adressen wie der Kurfürsten- nach dem Debakel in Osnabrück sowieso
kümmert sich jetzt unter anderem der In- damm. Bei der zuständigen Bank-Tochter niemand mehr. „Etikettenschwindel“, pol-
solvenzverwalter. LPFV wartet man seit längerem vergebens tert Anwalt Müller. Dem Anleger wird erst
In einem Teil der Einrichtungen kam es auf das Geld von Pro Seniore. jetzt klar, dass die evangelische Landes-
bereits zum Ernstfall: Schwerst pflegebe- Man habe Klagen auf Zahlung von kirche in Hannover mit dem Flop rechtlich
dürftige Menschen mussten auf noch in- Pachtrückständen eingereicht, heißt es bei nichts zu tun hatte. Grund: Das verant-
takte Heime verteilt werden. wortliche Diakoniewerk ist ein juristisch
Schon im Vorfeld der Pleite herrschten * Mit dem saarländischen Ministerpräsidenten Peter Mül- eigenständiger Verein. Jetzt hilft für Mül-
teilweise chaotische Verhältnisse, was für ler bei einer Feier in der Kulturfabrik in Saarbrücken. ler nur noch Beten. Beat Balzli

96 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
linie gern erobern – und sich so die Vor- Urlauber immer weniger Lust, in die Kari-
TOURISMUS
herrschaft bei Urlaubsreisen auf den Welt- bik zu fliegen und sich dort auf Luxuslinern

Schwimmende meeren sichern.


Der P&O-Vorstand selbst würde am liebs-
ten bei Royal Caribbean andocken. Des-
wie der „Carnival Destiny“ oder „Splen-
dour of the Seas“ einzuschiffen. Die Prei-
se brachen ein. Deshalb drängen die Mil-

Spaßburgen halb hat er mit dem zweitgrößten Kreuz-


fahrtanbieter bereits einen Vorvertrag ge-
schlossen. Beide Unternehmen, argumen-
tieren Analysten, ergänzten sich gut, da
liardenkonzerne nun auf den alten Konti-
nent und dort vor allem nach Deutschland,
wo Arbeitnehmer zudem deutlich mehr
Urlaub haben als im Heimatland des
In der Kreuzfahrtbranche tobt eine
Royal Caribbean, anders als Carnival, noch Kreuzfahrttourismus.
erbitterte Übernahmeschlacht. keinen Ableger in Europa hat und mit Hil- Seetours-Marketingchef Richard Vogel
Eine Entscheidung um die künftige fe von Seetours den unterentwickelten deut- erwartet, dass in diesem Jahr rund eine
Vorherrschaft auf den schen Kreuzfahrtmarkt erobern könnte. halbe Million Deutsche eine Schiffspassa-
Weltmeeren steht kurz bevor. Doch Carnival-Chef Micky Arison, ein ge buchen, rund 20 Prozent mehr als im
bulliger Studienabbrecher, der Schiffspas- Vorjahr (siehe Grafik). „Wir stehen vor

Ü
ber Langeweile am Arbeitsplatz sagen in den USA erstmals auch für brei- einem gewaltigen Boom“, prophezeit der
konnten sich die Angestellten des tere Bevölkerungsschichten erschwinglich Kreuzfahrtexperte, der mit dem Kauf neu-
hessischen Reiseanbieters Seetours machte, will sich noch nicht geschlagen er Schiffe seine Bettenzahl allein in die-
in den vergangenen Jahren kaum be- geben. Mit einem attraktiven Angebot sem Jahr mehr als verdoppeln will.
klagen. Die Eigentümer ihres Kreuz- möchte er die P&O-Aktionäre bewegen, Vogel und seinen Kollegen ist es mit ih-
fahrtunternehmens wechselten zeitweise ihre Papiere in Anteile an seinem eigenen rer schwimmenden Spaßburg „Aida“ ge-
schneller als die Bordcrews auf den Unternehmen einzutauschen. lungen, Seereisen von ihrem verstaubten
firmeneigenen Schiffen „Arkona“ und Noch bis zum 14. Februar haben die um- Image zu befreien und auch jüngere Gäste
„Aida“. worbenen P&O-Eigentümer nun Zeit zu und Familien auf ihre Clubschiffe mit Fit-

Urlaub an Bord 500 000


geschätzt
Kreuzfahrtenbucher
in Deutschland
379 485

306 199
254 520
213 150

Quelle: DRV

1994 95 96 97 98 99 2000 01 02
Kreuzfahrtschiff „Aida“, Urlauber: Abschied von Kleiderzwang und verstaubtem Image

Nach dem Touristikgiganten TUI über- überlegen. Dann sollen sie auf einer außer- ness- und Wellnesscentern oder Kinderbe-
nahm zeitweise die ehemals DDR-eigene ordentlichen Hauptversammlung entschei- treuungsecken zu locken. Der bei traditio-
Deutsche Seereederei das Kommando bei den, wer von den Kontrahenten den Zu- nellen Kreuzfahrten übliche Kleiderzwang
Seetours. Seit knapp zwei Jahren gehört schlag erhält. entfällt. Auch die Preise sind mit unter 200
die passagierstärkste deutsche Urlaubsree- Der Kampf um die Seehoheit unter den Euro pro Person und Tag nur etwa halb so
derei zum Imperium des britischen Kreuz- Kreuzfahrtgiganten rückt erstmals eine hoch wie auf herkömmlichen Ozeanriesen.
fahrtriesen P&O Princess Cruises (2,8 Mil- Branche ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, Im Frühsommer sollen ein weiteres
liarden Euro Umsatz, 19 000 Beschäftigte), die man bislang allenfalls aus Fernsehserien „Aida“-Schiff und eine exklusivere Varian-
weltweit die Nummer drei der kleinen, wie „Das Traumschiff“ kannte. Luxusliner te unter dem Namen „Arosa blu“ zu ihrer
aber feinen Branche. wie das Hapag-Lloyd-Flaggschiff MS „Eu- Jungfernfahrt ablegen. Geben die P&O-
Um P&O tobt neuerdings eine Über- ropa“ oder der Royal-Caribbean-Riese Aktionäre am Donnerstag Royal Carib-
nahmeschlacht, die das einträgliche Ge- „Voyager of the Seas“ galten lange Zeit als bean den Vorzug, könnten Seetours-Mann
schäft mit Luxusreisen revolutionieren schwimmende Altenheime, auf denen rei- Vogel und seine Kollegen ihren deutschen
dürfte. Demnächst müssen sich die See- che Rentner ihre Pension verjubelten. Marktanteil von rund 20 Prozent unge-
tours-Mitarbeiter deshalb schon wieder auf Große deutsche Urlaubskonzerne wie hindert weiter ausbauen. Schwieriger wür-
einen neuen Besitzer einstellen. Wer künf- TUI oder die Lufthansa-Karstadt-Tochter de das Geschäft für ihn, wenn Carnival-
tig Kapitän spielt, ist zwar noch nicht klar. Thomas Cook überließen das einträgliche Chef Arison sich am Ende durchsetzt. Der
Sicher ist aber, dass der neue Chef aus den Geschäft mit Pauschaltrips auf hoher See Konzern besitzt bereits einen europäi-
USA kommt und seine Zentrale in Miami weitgehend Firmen aus den USA, wo schen Ableger, die italienische Seereederei
(Florida) hat. Kreuzfahrten eine deutlich größere Fan- Costa.
Denn dort sitzen gleich zwei große Wett- gemeinde haben als in Europa. Doch das Deren Vergnügungsdampfer „Marina“
bewerber: der US-Marktführer Carnival könnte sich schon bald ändern. umwirbt das hiesige Publikum momentan
sowie sein schärfster Konkurrent Royal Ca- Seit den Anschlägen auf das New Yorker schon mit guter Laune unter dem Motto:
ribbean. Beide möchten die britische Edel- World Trade Center haben amerikanische „La deutsche Vita“. Dinah Deckstein

d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 97
Werbeseite

Werbeseite
Gesellschaft
Klüger werden mit:

Tahar Ben Jelloun


Der 57-jährige marokkanische Best-
sellerautor („Papa, was ist ein
Fremder?“) über den Islam

SPIEGEL: Gerade ist Ihr neues Buch


erschienen: „Papa, was ist der
Islam?“ Warum richtet sich Ihre
Antwort auf den 11. September ge-

REUTERS
rade an Kinder?
Jelloun: An diesem Abend sagte mir
Cardio-Strip-Kurs in Los Angeles, Cardio-Strip-Erfinder Costa meine siebenjährige Tochter, sie ha-
be keine Lust mehr, Muslimin zu
FITNESS dieses neuen Trends zu sein. „Ich habe sein. Dagegen musste ich etwas tun.
meine Erfahrungen aus dem Cardio- Ich versuchte ihr also zu erklären,

Nackter Turnen Bereich mit Tanz und Striptease kombi-


niert. Es geht um Aerobic, Tanz und
eine Spur von Exhibitionismus.“ Mit
dass der Islam nichts mit dem zu
tun hat, was gerade geschehen war.
Später habe ich meine Argumente

F ür Baywatch-Babe Anjelica Bridges


gehört es geradezu zum Beruf, dünn
bekleidet vor fremden Leuten herum-
den Pfunden sollen die Teilnehmer
auch ihre Scheu loswerden. Nicht ganz
so einfach im prüden Amerika, beson-
historisch verifiziert und objekti-
viert, um so ge-
gen Vorurteile die-
zuhüpfen. So ist es auch nicht verwun- ders in Fitnessstudios mit großen Fens- ser Religion ge-
derlich, dass das schauspielernde US- tern; aber „ich hoffe“, sagt Costa, „dass genüber anzugehen
Model dem neuesten amerikanischen auch möglichst viele schüchterne Men- – bei Kindern wie
Fitnesstrend begeistert folgt. Cardio schen an meinen Workouts teilnehmen bei Erwachsenen.

PIERRE-FRANCK COLOMBIER / AFP / DPA


Striptease heißt der wundersame Sport, werden“. Denn im hart umkämpften SPIEGEL: Was ist das
der zuerst in Los Angeles und nun auch amerikanischen Fitnessmarkt muss man Wichtigste, das Kin-
in New York immer mehr Anhänger der Konkurrenz stets einen Schritt der über den Islam
findet: Zu Pop, Disco und R&B turnt voraus sein. So ist es in den vergange- lernen sollten?
das sportliche Volk und entblößt sich nen Jahren immer wieder zu den Jelloun: Dass der
dabei bis auf die Unterwäsche. Der bizarrsten sportlichen Kombinationen Islam Mord und
Fitness-Coach und Choreograf Jeff gekommen: Cycle Karaoke, Circus Selbstmord verbie-
Costa, mittlerweile Trainer der Crunch- Sports, Gospel Moves – und nun auch tet. Dass der Dschi-
Fitnessclubkette, rühmt sich, Erfinder Cardio Striptease. had, der den Fana- Jelloun
tikern als Rechtfer-
tigung gilt, falsch interpretiert wird.
Während der Kreuzzüge erklärten
PSYCHOLOGIE Methode gefunden, wie Lügner zu er- die Muslime den Dschihad, den
tappen sind: mit dem Blick direkt ins Kampf gegen die Angreifer, um sich
Blick ins Lügenhirn Gehirn. Eine Gruppe von Versuchsper-
sonen bekam bestimmte Spielkarten in
zu verteidigen. Aber heute greift nie-
mand mehr den Islam an. Der Dschi-

D er Mensch lügt, seit er kommuni-


zieren kann, und genauso lange
schon will er wissen: Woran merkt man,
die Hand, sollte einem Computer dar-
über falsche Auskunft geben und wurde
dabei überwacht mittels so genannter
had ist widersinnig geworden.
SPIEGEL: Was ist das Hauptproblem
des Islam heute?
dass ein anderer nicht die Wahrheit funktioneller Kernspintomografie. Da- Jelloun: Kein religiöses, sondern ein
sagt? Wissenschaftler der University of mit werden der Sauerstoffgehalt und die wirtschaftliches und ein ideologi-
Pennsylvania haben nun eine neue Durchblutung im Gehirn registriert. sches. Der Islam ist zum Refugium
Beim Lügen, hat der amerikani- derjenigen geworden, die von sozia-
sche Psychiater Daniel Lang- listischen Ideologien enttäuscht sind.
leben festgestellt, war eine be- Am besten wäre es, Religion und
stimmte Region im limbischen Politik voneinander zu trennen, wie
System, der vordere Teil des es die Türken 1923 getan haben. Sa-
„Gyrus Cinguli“, auffällig aktiv. lam bedeutet Frieden. Und der Islam
Manche Juristen hoffen nun auf ist eine Religion des Friedens.
verlässlichere Aussagen vor SPIEGEL: Ist Ihre Tochter mittlerweile
Gericht, obwohl die Methode wieder gern Muslimin?
BORIS GEILERT / G.A.F.F.

einigermaßen aufwendig er- Jelloun: Ja. Sie redet jetzt viel darüber
scheint: Nur schwer vorstellbar, in ihrer Klasse, und sie weiß jetzt
dass man vor Gericht jeden viel mehr über ihre Religion – obwohl
Zeugen oder Angeklagten bei sich mein Buch eher an größere Kin-
der Vernehmung in die Tomo- der wendet und an die Eltern.
Kernspintomografie eines Schädels grafenröhre schiebt.
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 99
Szene

Was haben Sie da


gedacht, Mr. Hensel?
Der Bergsteiger Darrell Hensel, 46, über
den Kick beim Klettern

„Kurz vorher hatte ich mich für einen


Moment umgedreht und sah meinen Freund
Greg auf der gegenüberliegenden Seite der
Steilwand in einer riesigen Fichte hängen –
er hat mich fotografiert und sah, zugegeben,
ein bisschen aus wie ein im Baum hängen-
der Affe. Da dachte ich, schade eigentlich,
dass ich keine Kamera habe. Ich weiß nicht,
ob ich dann nicht das bessere Foto gehabt
hätte. In erster Linie war ich allerdings sehr
konzentriert, denn die Sonne brannte an
dem Tag schrecklich, meine Hände schwitz-
ten stark, und ich musste gerade einen
nicht ganz ungefährlichen Schritt machen.
Natürlich war ich durch ein Seil gesichert,
GREG EPPERSON

aber so ganz sicher kann man sich trotz-


dem nie sein. Das ist ja auch der Hauptkick
beim Klettern, die Frage: Stürze ich heute
ab oder nicht?“

Hensel in einer Steilwand in


Kaliforniens Sequoia-Nationalpark

SACH BUCH Amsterdam oder an den Großen Seen INTERNET


in Nordamerika die Poesie des Unter-
Die Farben des Reisens wegs. Manchmal verspürt er die Ver-
zweiflung des Charles Baudelaire, der
Fiese Falle
D as Staunen des Urlaubers, wenn er
auf Barbados als Erstes eine Tank-
stelle mit dem Logo von „British Petro-
einst nach Indien reisen wollte und den
Versuch als Desaster empfand: „Wir
sahen Sterne und Wogen“, dichtete er
M it immer neuen Tricks versuchen
Geschäftemacher, arglosen Inter-
net-Nutzern eine tückische Software an-
leum“ erblickt; die Verwunderung dar- später, „wir sahen Wüsten auch; und zudrehen, einen so genannten Webdialer.
über, dass das Kratzen im eigenen Hals trotz mancher Widrigkeiten und schlim- Das sind kleine Programme, die am PC
plötzlich wichtiger ist als fliegende exo- men Überraschungen haben wir uns oft die telefonische Einwahl ins Internet re-
tische Vögel samt Pal- gelangweilt so wie geln – die bösartige Version eines Dialers
men und Sonnenunter- hier.“ Die Provence, wählt allerdings eine teurere 0190er
gang; die Ratlosigkeit, andererseits, erlebt de Nummer. Fürs Surfen zahlt man dann
wenn man endlich am Botton in tiefer Dank- pro Minute bis zu 1,86 Euro. Bis vor
Ziel seiner Urlaubsträu- barkeit für Vincent kurzem tauchten diese Programme nur
me angekommen ist und van Gogh, findet in auf Erotikseiten auf, doch seit einiger
sich plötzlich trotzdem der Natur die Farben Zeit verbreiten sie sich auch im harmlo-
fragt: „Und jetzt?“ Man von dessen Leinwand sen Teil des Internet. Einige sind so ge-
kennt das, aber bisher wieder, das Grüngold, schickt geschrieben, dass sie von Laien
hat niemand so tiefsin- das Rosagold, das Kö- kaum zu entdecken und auch schwer zu
nig plaudernd darüber nigsblau. Der Autor entfernen sind. Mittlerweile aber gibt es
geschrieben wie der ge- versucht weiterzuge- Gegenwehr im Netz. Vergangene Woche
bürtige Schweizer und ben, wie man auf fiel den wachsamen Betreibern der Info-
Philosoph Alain de Bot- den Spuren der Meis- seite www.dialerschutz.de eine Internet-
ton in seinem schmalen ter sehen lernt. De Seite auf, die vorgab, ein kostenloses
Band „Die Kunst des Botton kann es. Hilfsprogramm für Windows zu vertei-
Reisens“, der jetzt er- Und vermitteln kann len. Tatsächlich aber lud man sich dort
scheint. Inspiriert durch er es auch. ein 0190er Wählprogramm herunter. Wer
berühmte Gemälde auf einen besonders tückischen Dialer
oder Romane, bereiste Alain de Botton: „Die Kunst des hereinfällt, soll ihn, bitten die Betreiber
Reisens“. S. Fischer Verlag,
er die Welt und ent- Frankfurt am Main; 288 Seiten; von www.dialerschutz.de, an den Ent-
deckte in Madrid und 18 Euro. wickler einer Gegensoftware weiterleiten.
100 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Gesellschaft

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE aber die Waffe hält er noch immer fest.
Mauer, mehr Wut im Leib als Angst,
stürmt zur Treppe.

Jetzt reicht’s
Ein Essener Juwelier hilft sich selbst – und besiegt die Räuber.
In der Zwischenzeit hat der zweite
Dieb im Schaufenster registriert, dass
im Laden nicht alles nach Plan läuft. Er
rafft noch ein paar Uhren in die Tasche
und beginnt den Rückzug. Der Weg

D
ie Wut kann man kriegen, die Acht Menschen befinden sich im nach draußen führt aber durch den
reine Wut. Da steht man jeden Laden: Unten die zwei Gangster und Laden, dort vorbei, wo es Gegenstände
Tag im Laden und macht und drei Verkäuferinnen. Im linken Schau- hagelt. Er schafft es durch die Tür,
arbeitet, und dann kommen welche fenster arbeitet ein Dekorateur. Mauer draußen aber halten ihn zwei Wach-
rein, nichts am Hut mit Arbeit, halten und ein Freund sind oben im Büro. Das leute vom Kaufhaus gegenüber sowie
die Knarre hin und denken, sie könn- liegt auf einer Galerie, gleichsam über ein paar Passanten auf.
ten damit durchkommen. „Auf die ganz den Schaufenstern. Man kann von oben Aus dem anderen Schaufenster
billige Tour also“, sagt Andreas Mauer, hören, was unten los ist, aber nur einen taucht jetzt der Dekorateur auf, ein 115-
Juwelier in Essen, „da muss man doch kleinen Teil des Ladens einsehen. Kilo-Mann. Er stürzt sich auf den ersten
die Wut kriegen.“ Mauer bekommt den Beginn des Gangster, dessen Reaktionsgeschwin-
Mauer ist nicht der Typ, der die Faust Überfalls deshalb nicht mit. Er hört nur, digkeit dank des Bildschirmtreffers noch
nur in der Tasche ballt. Er langt auch wie plötzlich eine seiner Angestellten immer herabgesetzt ist. Beide gehen zu
zu. Vor gut zehn Jahren hat er mal ei- ungeheuer laut kreischt. Boden, in die Scherben der Vitrine.
nen Typen festgehalten, der im Laden
eine Goldkette runtergeschluckt hat.
Mauer sperrte ihn in den Keller, um sein
Eigentum zurückzukriegen. Einem an-
deren rannte er hinterher, obwohl der
eine Waffe hatte.
„Juwelier Mauer“ ist ein Familien-
unternehmen, mehr als hundert Jahre
alt. Der Großvater verkaufte in sei-
nen Lehr- und Wanderjahren Heiligen-
medaillons an Klöster und Jungfrauen-
kongregationen. Niemand kann sich
daran erinnern, dass er je überfallen
worden wäre.
Aber nun trifft es die Mauers gleich

ANDRE ZELCK
mehrfach. Erst kurz vor Weihnachten
rauschten nachts zwei Vermummte mit
einem geklauten 5er-BMW in die Filia-
le, die Mauers Bruder leitet. Den Wa- Aus dem „Hamburger Abendblatt“, Juwelier Mauer
gen mit Betonplatten noch ein paar
Zentner schwerer gemacht und dann Von seinem Platz am Rand der Em- Der Mann hat jetzt bereits einen
mit Schwung gegen das Absperrgitter pore kann Mauer nur den bewaffneten Alukoffer, einen Monitor und einen De-
vor dem Fenster. Täter sehen, der andere krabbelt für ihn korateur abbekommen, aber als Mauer
Die Überwachungskamera zeichnete nicht sichtbar unten durch die Auslage. unten im Laden erscheint, rappelt er
auf, wie der BMW gegen das rechte Mauer greift sich vom Boden einen sich taumelnd schon wieder hoch.
Schaufenster rummst, zurücksetzt, dann Alukoffer, der dort zufällig steht und Mauer greift sich einen 60 Zentime-
mit Schwung ans linke. Aber ein gutes der dem Dekorateur gehört, darin Häm- ter hohen Terrakotta-Blumentopf, ein
Schaufenster besteht aus 44 Millimeter mer und Zangen. So fest er kann, feu- Geschenk der Firma Rolex zum Fir-
starkem Spezialglas, das kriegt man ert er den Koffer nach unten. menjubiläum. Im Laufen holt er aus,
nicht kaputt. Die Gangster fuhren des- Den Gangster verwirrt das nur kurz. hebt den Kübel über seinen Kopf.
halb so oft gegen die Scheibe, bis sich Er richtet die Waffe nach oben, dann „Und dann – voll drübergezwiebelt“,
der Rahmen löste. Danach ließ sich das wieder nach vorn. Mauer und sein sagt er. „Pffff“, macht der Pole und geht
Fenster wie eine Schiebetür aufziehen. Freund haben sich geduckt. zu Boden. Er blutet.
Der Raub beim Bruder ist keine drei Neben ihnen auf dem Boden steht Nichts Schlimmes, versichert Mauer.
Wochen her, die Fenster sind noch nicht ein ausgedienter Computermonitor. Er will ja keinen umbringen. Aber er
repariert, als Mitte Januar zwei Typen Nicht so ein neumodischer, schlanker will schon zeigen, dass man nicht alles
Mauers Laden in der Essener Fußgän- Flachbildschirm, sondern ein mächtiger machen kann mit ihm. Dass er Cou-
gerzone betreten. Junge Burschen aus alter 17-Zoll-Monitor, satte zehn Kilo rage hat. Er findet, es gebe zu wenig
Polen, 20 und 21 Jahre alt. Der eine von schwer. Mauers Freund wuchtet das couragierte Leute. „Die meisten schau-
beiden, maskiert mit einer Bommel- Ding über die Brüstung. Der Bildschirm en doch einfach weg.“
mütze, hält eine Pistole in der Hand. erwischt den Gangster an der Schläfe. „Du bist doch bekloppt, dass du
„Profis“, sagt Mauer, „Die nehmen Diesmal zeigt der Treffer mehr Wir- dich immer so reinhängst“, sagt seine
nur das Beste, Rolex oder Lange & Söh- kung. Der Pole torkelt, fällt hin, rappelt Frau später, „Das ist doch alles ver-
ne. Omega lassen die liegen.“ sich auf. Er ist sichtbar angeschlagen, sichert.“ Ansbert Kneip

d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 101
Gesellschaft

KARRIEREN

Ganz links, ganz rechts, ganz oben


In der Apo-Zeit waren sie Freunde. Das NPD-Verbotsverfahren und die V-Mann-Affäre
führen sie nun wieder zusammen – als erbitterte Gegner: Innenminister Otto Schily, NPD-Mitglied
Horst Mahler und Grünen-Abgeordneter Hans-Christian Ströbele. Von Dirk Kurbjuweit

M
it Wohlwollen verfolgt Otto Schi- zur Seite, schmeißt den Oberkörper vor re jünger zeigt. Vom Weggetragenen zum
ly, wie die Kreissäge nur wenige und zurück und hält sich den Bauch. Er obersten Dienstherrn der Wegträger, eine
Zentimeter vom Hals des Blockie- lacht laut, herzhaft. Schließlich prustet er Karriere zum Totlachen, findet Gabriel.
rers entfernt rotiert. Leise schnurrend, die Schily zu: „Mensch, stimmt ja, das war Gefährten aus seligen Apo-Zeiten rea-
sanfteste Kreissäge der Welt, durchtrennt doch in Mutlangen.“ gieren dagegen gnatzig, zum Beispiel Hans-
sie den Stahl, mit dem sich der junge Mann Nein, stimmt nicht. „Das war auf der Christian Ströbele und Horst Mahler, mit
an das Bahngleis gekettet hat. Dann tragen Hardthöhe“, korrigiert Schily behaglich. Im denen Otto Schily seit fast 40 Jahren selt-
ihn Beamte vom Bundesgrenzschutz da- Jahr 1983 blockierte er dort das Verteidi- sam verstrickt ist. Derzeit stoßen sie in der
von. Schilys Mund zeigt ein kleines gungsministerium, aus Protest gegen die Affäre um die V-Leute in der NPD hart
Lächeln. Es ist kalt, der Atem dampft. Die Nachrüstung der Nato mit Raketen. Damals aufeinander. Verkürzt gesagt: Schily könn-
Zuschauer trinken einen heißen, stark ge- wurde er selbst von Polizisten weggetragen. te wegen Mahler stürzen, weil er nicht auf
süßten Tee. Jetzt ist er Innenminister und besucht in Ströbele gehört hat.
Schily wendet sich Sigmar Gabriel zu, Duderstadt den Bundesgrenzschutz, der ihm Der Minister und seine beiden Gefähr-
dem Ministerpräsidenten von Niedersach- in einem kleinen Schauspiel vorführt, wie ten, die zu Widersachern wurden: Das ist
sen, und flüstert ihm ein paar Worte ins man mit Blockierern fertig wird. Für Schily ein Drama bundesdeutscher Geschichte,
Ohr. Gabriel springt einen halben Meter ist das wie eine Spiegelung, die ihn 20 Jah- der ewige Streit um die Staatsräson zwi-
DPA

Angeklagter Mahler (M.), Verteidiger Ströbele, Schily (1972): „Wie hübsch wir da waren“

102 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
schen der politischen Mitte und den Rän- Stift, setzt sich wieder. Das Überraschende weitere V-Leute unter den Zeugen geben.
dern, mit dem großen deutschen Thema ist, dass er keine Schuhe trägt, nur Socken. Mahler sagt: „Dann ist Schily erledigt.“
Angst, mit wechselnden Rollen, mit Terro- Schily legt sein Manuskript zurecht. Er Zu seinem einstigen Gefährten fällt
risten, Dunkelmännern und mit einem trägt immer noch die Frisur, die er auf dem Mahler ein, dass er ein „hervorragender
Showdown: Mahler und Schily werden sich Foto hat, die geraden Haarkanten, die sein Verteidiger“ gewesen sei, „taktisch über-
bald als Gegner vor dem Bundesverfas- Gesicht eckig machen wie ein Brikett. Schi- legt, rechtskundig“. Seinen Wandel zum
sungsgericht begegnen. ly steht da wie Vater Staat höchstpersön- Staatsmann versteht Mahler nicht. „Da ist
Es gibt ein Foto, das die drei zeigt, wie lich: gestreng, wehrhaft, würdevoll bis zur wohl was in ihm verloren gegangen.“ Ei-
sie traut in einem Berliner Gerichtssaal zu- Aufgeblasenheit. Mahler kratzt sich am gentlich passe er nicht zu „diesem Kropp-
sammensitzen. Mahler ist die Mitte, er Bauch. Er ist dick geworden. zeug von Politikern“. Mahler sagt solche
redet, Ströbele und Schily sind ihm zuge- „Bei der NPD handelt es sich eindeutig Dinge leise, ungerührt. „Jetzt ist Schily sel-
wandt, lauschen. Es ist das Jahr 1972. Mah- um eine antisemitische, antidemokratische, ber zum Kroppzeug geworden.“
ler ist als Mitglied der RAF angeklagt, die verfassungsfeindliche Partei“, sagt Schily. Es ist Zeit zu gehen. Das Hündchen
beiden anderen sind seine Verteidiger. Seine Stimme schnarrt, er näselt ein biss- stürmt bellend zur Tür, Mahlers Socken
Das Trio auf dem Foto hatte ein gemein- chen. Mahler regt sich nicht. Als sein klei- wischen über die Dielen. Zum Abschied
sames Ziel. Sie sahen den Staat als Bewah- ner Hund zum Fernseher läuft, pfeift er sagt er: Wenn seine NPD die Macht hat
rer sozialer Ungleichheit, als Unterdrücker ihn zurück, ein kurzer, schriller Pfiff. Der und „die Regierung für das, was sie ver-
politischer Freiheit, als Vasallen der USA. Sie Hund macht sofort kehrt. bricht, zur Verantwortung gezogen wird“,
wollten eine andere Republik. Uneins waren Schily redet, Mahler lauert, ein Fernduell. will er für Schily „ein Gnadengesuch stel-
sie sich über den Weg dorthin. Mahler hat- Schilys Problem ist, dass in den Verbotsan- len“, aus alter Freundschaft.
te einen Molotow-Cocktail geworfen und trägen gegen die NPD ein Zeuge benannt Bis dahin arbeitet er weiter am Sturz
versucht, der RAF Waffen zu besorgen, die wird, der für den Verfassungsschutz arbei- des Ministers. Im Januar traf er sich mit
beiden anderen fochten mit Worten. tet. Trotzdem ist jetzt Mahler im Nachteil. dem NPD-Mitglied Udo Holtmann an der
Es ist 30 Jahre später nicht mehr mög- Denn er hat von dem V-Mann gewusst und Raststätte Garbsen bei Hannover. Holt-
lich, das Trio für ein gemeinsames Foto zu darauf gewartet, dieses Wissen erst beim mann offenbarte, dass auch er V-Mann des
gewinnen. Schily und Ströbele gehen sich Prozess zu offenbaren. Dann wäre der In- Verfassungsschutzes ist.
aus dem Weg, und Mahlers Nähe wäre bei- nenminister womöglich gestürzt. Wieder war es ein Fernduell. Mahler
den zuwider. Schily ist der Repräsentant eines Staats, hoffte, über Holtmann als Erster berichten
Gleichwohl sind sie wieder vereint, in der den Mahler hasst. Er hasst ihn wegen der zu können, denn auch er wird in den An-
Affäre um das Verbot der NPD. Innenmi- „Repressionspolitik“ und der „Vasallität“ trägen zum Verbot der NPD zitiert. Aber

Gegner Ströbele, Mahler, Schily: „Warum, warum, warum?“

nister Schily bereitet das Verfahren vor dem gegenüber den USA. Er redet wie früher. Schilys Leute vom Bundesamt für Verfas-
Bundesverfassungsgericht für die Bundes- Neu ist nur der Rassismus. Der Staat sei zu sungsschutz observierten die Begegnung,
regierung vor. Mahler ist Mitglied der NPD hart gegen die Deutschen und zu weich ge- versteckt hinter Büschen. So konnte der In-
DETSCHILKE.DE; PHALANX; UTA RADEMACHER (V.L.N.R.)

und ihr Prozessbevollmächtigter in Karls- gen die Ausländer. „Asylbewerber müssen nenminister auch den Namen Holtmann
ruhe. Ströbele ist Abgeordneter des Bun- ins Lager und dann zurück.“ Sonst „geht vor Mahler in die Öffentlichkeit tragen.
destags und Mitglied des Parlamentarischen das Land den Deutschen verloren“. Gleichwohl steht Schily unter Beschuss.
Kontrollgremiums für die Geheimdienste. Mahler und sein Hündchen leben in ei- Die CDU wirft ihm vor, den Innenaus-
Horst Mahler hat heute noch weniger nem Häuschen mit Gärtchen zwischen schuss nicht korrekt informiert zu haben.
Haare als auf dem Foto. Sein Schädel ist ähnlichen Häuschen mit ähnlichen Gärt- Der Erste aus der Regierungskoalition,
kahl, sein Bart gestutzt und grau. Er sitzt bei chen. Seine Sesselbezüge sind schreiend der Schily deutlich wegen seiner Informa-
sich zu Hause in Kleinmachnow vor dem bunt. Das Wort „Lager“ sagt er gern. Er tionspolitik kritisierte, war Hans-Christian
Fernseher und sieht, wie Otto Schily ans will die Assoziation. Ströbele von den Grünen. Dessen großes
Rednerpult im Bundestag schreitet. Mahler Sein Handy klingelt. Er nimmt es, Thema ist ohnehin das undurchsichti-
steht auf, holt einen Schreibblock und einen lauscht. Ein Parteifreund sagt, es könne ge Treiben der Geheimdienste und ihrer
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 103
Gesellschaft

V-Leute. Im Koalitionsvertrag von SPD damals gestanden habe, noch immer bei Die Nazis und der Krieg zerstörten die
und Grünen wollte Ströbele eine stärkere mir wiederfinden. Ich will die Verhältnisse bürgerliche Behaglichkeit. Otto Schily
Zügelung der Geheimdienste festschreiben ändern, ich will alle imperialen Verhältnisse musste mit seiner Mutter die Mülleimer in
lassen. Schily verhinderte das. Er braucht bekämpfen. Ich werde diese Gedanken bis Partenkirchen durchwühlen. Noch heute
sie für den starken Staat. an mein Lebensende durchhalten“. hat er die Narben von Hungerödemen. Als
Als Ströbele in Sachen V-Leute im Fern- Den Staat sieht er mit Misstrauen. Ame- die Familie nach dem Krieg gerade wieder
sehen auftritt, trägt er einen roten Schal. Er rika ist für ihn unverändert eine imperiale zu Wohlstand und Normalität gekommen
kommt aus der Sitzung des Innenausschus- Macht, die viel Unglück in die Welt trägt. war, starben die Eltern 1955 bei einem Au-
ses, in der Schily wegen der Affäre über Er geht immer noch demonstrieren, und tounfall. Wieder wurde Otto Schily aus
Stunden gegrillt wurde. Als sich Ströbele die manchmal trifft er dabei auf Horst Mahler, dem Gefühl der Sicherheit gerissen.
Mikrofone entgegenrecken, spricht er von ei- mit dem er früher in derselben Kanzlei Er studierte Jura, und als 1956 der Auf-
ner „Sorgfaltspflichtverletzung“. Auch er re- war, im „Sozialistischen Anwaltskollektiv“. stand der Ungarn gegen das sozialistische
det ruhig, reglos. Gemeint ist Otto Schily. Man zahlte sich das exakt gleiche Gehalt Regime gewaltsam unterdrückt wurde, or-
Es war etwas überraschend, dass Strö- und schwor, niemals die Unterdrücker ge- ganisierte er eine Demonstration gegen die
bele im Innenausschuss auftauchte. Er ist gen die Unterdrückten zu vertreten. Unterdrücker, die Sozialisten also.
dort nicht Mitglied. Die Vorsitzende sagte, Jetzt demonstriert Mahler für „Auslän- Auch Mahler und Ströbele waren da-
er sei willkommen, dürfe aber nicht reden. der raus“, und Ströbele ist unter den Ge- mals noch ein Stück weit davon entfernt,
Sie wusste, dass Ströbele das weiß. Sie gendemonstranten. Aus der Ferne schaut Sozialisten zu sein und die Verhältnisse in
wollte sichergehen, dass er nicht die große er den einstigen Freund und Partner lange der Bundesrepublik umstürzen zu wollen.
Abrechnung mit Otto Schily startet. an, aber er geht nicht hin; er weiß nicht, Mahler hatte sich erst einer schlagenden
Ströbele saß still im Ausschuss. Seine was es zu besprechen gäbe. „Es ist jedes Verbindung und dann der SPD ange-
einzige Aussage war der rote Schal, der Mal fürchterlich“, sagt Ströbele, „ich sehe schlossen. Ströbele diente dem Staat für
Schily angeleuchtet hat. Ein Teilnehmer ihn da stehen, und ich frage mich, was ihn ein Jahr als Soldat bei der Luftwaffe und ju-
der Sitzung sagt, dass Ströbele „amüsiert“ da hingebracht hat.“ Es klingt traurig. Er belte 1963 in Berlin John F. Kennedy zu.
dreingeschaut habe, amüsiert, dass Schily hat ihn mal sehr gemocht. Auch er war in der SPD.
schwer eingeheizt wurde. Zu Schily fällt Ströbele ein, „dass er ein In einem Land ohne Gewissheiten taten
Es sind Ströbeles letzte Monate als Ab- ganz exzellenter Anwalt mit einem guten sie sich schwer, einen festen Standpunkt
geordneter. Er hat wenige Tage vor der Sit- Gespür für Lügen bei Zeugen war“. Seinen zu finden. Die deutschen Traditionen wa-
zung des Innenausschusses erleben müs- Wandel zum Staatsmann, der eine harte ren abgeschnitten, die Bundesrepublik war
sen, dass ihm die Berliner Grünen keinen Innenpolitik betreibt, kann er ebenso we- sich selbst noch nicht Heimat.

Verteidiger Schily mit Ensslin (1968), Zeuge Axel Springer, Angeklagter Mahler mit Rechtsbeistand Schily (1970), Anwalt Ströbele (r.) mit

günstigen Listenplatz mehr geben. Er ist nig verstehen wie Mahler: „Ich frage mich Mahler und Schily begegneten sich zum
auch am Freund von damals gescheitert. immer: warum, warum, warum?“ ersten Mal Mitte der sechziger Jahre in ei-
Weil Schily, Schröder und Fischer eine Po- Die drei von dem Foto kommen aus der- nem Berliner Gerichtssaal. Es ging um eine
litik machen, die Ströbele nicht gefällt, selben Ursuppe, Anwälte im Berliner Apo- Erbangelegenheit, erinnert sich Mahler,
wurde er zum Querschützen der Koalition. Milieu. Gut 30 Jahre später decken sie das und sie vertraten gegnerische Parteien.
So einen wollen die Grünen nicht mehr, er gesamte politische Spektrum der Bundes- Scharfer Verstand traf auf scharfen Ver-
könnte Wählerstimmen kosten. republik ab. Ströbele ist der unbeirrbare stand, Eisigkeit auf Eisigkeit. Schily ge-
Ströbele hat immer noch halblange Haa- Linke, Schily der Erzbürgerliche in der Mit- wann. Mahler war beeindruckt.
re wie auf dem Foto von damals. Aber die te, Mahler der rechtsextreme Rassist. Am 2. Juni 1967, während der Anti-
Koteletten sind weg, und er ist grau. Er Geboren wurden sie in den dreißiger Schah-Proteste, erschoss in Berlin der Poli-
muss sich oft räuspern, als er von seinem Jahren, Kinder der Nazi-Zeit und des zist Karl-Heinz Kurras den Studenten Ben-
Scheitern spricht. Er ist „heftig enttäuscht“. Kriegs. Ströbele ist der Sohn eines Chemi- no Ohnesorg. Es war der Beginn des Stu-
Andererseits ist er stolz, sagen zu kön- kers, Mahler der Sohn eines Zahnarztes, dentenaufstands, der Beginn von „68“.
nen, „dass sich alle Grundsätze, für die ich Schily der Sohn eines Hüttendirektors. Horst Mahler sollte Ohnesorgs Eltern ver-
104 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
treten, die Nebenkläger im Prozess gegen saßen, die schlecht tranken und schlecht cher Härte, weniger ein Verteidiger als ein
Kurras waren. Er fragte Schily, ob er ihn aßen; Leute, die nach vielen Stunden in der Kläger, gegen den Staat, der die Sicher-
unterstützen wolle. Schily wollte. Er war Enge auch noch schlecht rochen. heitsgesetze verschärft, der die Gespräche
zwar nicht Mitglied im Sozialistischen An- Schily ging lieber in schicke Bars und von Anwälten und Terroristen abgehört hat-
waltsbüro, aber er teilte inzwischen die trug gute Anzüge und Krawatte. Vielleicht te. Schily sagt heute, damals habe er für den
Ideen von Mahler und Ströbele. Was hatte fand er es ein bisschen schick, links zu sein, Rechtsstaat gekämpft. Von da kann er dann
ihn ins linke Lager gebracht? aber noch schicker war es für ihn, in ei- eine Linie bis heute ziehen. So sieht er bei
Auch Uwe Wesel war damals in Berlin, ner linken Szene nicht ganz und gar links sich selbst weniger Brüche als Kontinuität.
auch im linken Lager. Heute ist er emeri- zu sein. Schily heute, das ist ein Mann, der im-
tierter Professor für Rechtsgeschichte und Horst Mahler dagegen verschrieb sich mer noch gute Anzüge trägt, ein Mann,
Zivilrecht und schreibt Bücher. Schily dem Protest total. Er schloss sich der RAF der im Fond eines großen BMW sitzt, ge-
nennt er seinen Freund, rade ein Gespräch mit dem Chef von Mer-
aber er wirkt ein bisschen Sie sahen den Staat als Unterdrücker cedes, Jürgen Hubbert, hinter sich hat und
beleidigt, dass er ihn nur unterwegs ist zum Neujahrsempfang der
zweimal gesehen hat, seit politischer Freiheit, als Vasallen SPD in Plochingen, in Baden-Württemberg.
Schily Innenminister ist. der USA. Sie wollten einen anderen Staat. Was jetzt kommt, das hasst Schily.
Wesel hat im Grunewald Der Wagen hält vor der Stadthalle in
eine Wohnung, die sparsam mit Stilmöbeln an, ließ sich in einem Camp der PLO an Plochingen, und da steht schon die Vorsit-
eingerichtet ist. Er erwähnt, dass er mehr- der Waffe ausbilden und wurde am 8. Ok- zende des Ortsvereins und strahlt und sagt,
mals geschieden wurde. Die Prozesse hat tober 1970 in Berlin verhaftet. Er trug eine wie sehr sie sich freue, dass Otto Schily
Otto Schily für ihn geführt. Perücke und in der Hosentasche eine ge- die Zeit gefunden habe zu kommen. „Ja,
Wesel sitzt in einem Schaukelstuhl und ladene und entsicherte Pistole vom Typ ich freue mich auch“, sagt Schily, und man
sagt: „Der Otto und ich sind uns vom Phä- Llama Especial. Er wehrte sich nicht. Bis merkt, dass er gar nicht ganz da ist, dass er
notyp sehr ähnlich.“ Welcher Phänotyp ist 1980 verschwand Mahler hinter Gittern. ein Stück von sich zurückgelassen hat im
das? „Snob, ganz einfach. Wir interessieren Als der Terrorist Andreas Baader ver- gepanzerten BMW, sonst könnte er das
uns für Frauen und gute Anzüge.“ haftet wurde, machte er Christian Ströbe- hier gar nicht ertragen: die Rentner mit
Bei einem Gespräch mit Wesel über le zu seinem Anwalt. Gudrun Ensslin ent- ihrem Guck-mal-da-ist-der-Schily-Grinsen,
Schily wirkt Schily wie ein sehr einsamer schied sich für Otto Schily. Die beiden An- die schwitzigen Hände, die er schütteln
Mann. Sein Freund macht, mit der Lust wälte arbeiteten „sehr eng miteinander“, muss, die schlecht gekleideten Studenten,
am zynischen Satz, ihn klein und schlicht. wie Ströbele sagt. all die Menschen hier, die kein Zitat von

Mandant Fritz Teufel (1971), Häftling Mahler (1979), Demonstrant Schily vor der Hardthöhe (1983): Sehr enges Miteinander

„Otto war in der linken Szene, weil das Seine Distanz zu den Terroristen war ge- Humboldt kennen, die gebutterte Brezeln
DPA (L.; 2.V.R.); M.RUETZ / FOCUS PLUS; AP; J. H. DARCHINGER

schick war, da waren die schönsten Frau- ringer als die von Schily. Ströbele nannte mampfen und dazu einen schlechten Wein
en“, sagt Wesel. sie „Genossen“ und wurde zu zehn Mo- trinken. Schnell eine Rede halten, schnell
Christian Ströbele widerspricht. Er hat naten auf Bewährung verurteilt, weil er zu weg hier, zurück in den BMW, um wieder
Schily als Linken ernst genommen. Ge- einem Infosystem der RAF gehört hatte. der ganze Schily sein zu können.
meinsam sammelten sie Geld für den Schily soll ein Kassiber von Ensslin aus Er ist nicht angekommen in der SPD.
Vietcong und brachten es nach Ost-Berlin, dem Gefängnis geschmuggelt haben, was er Als Parteipolitiker, in der zweiten Phase
wo der Vietcong eine Vertretung unter- bis heute bestreitet. seines politischen Lebens, ist er genauso
hielt. Dort tranken sie einen Tee und „Otto hatte kein bisschen Sympathie für ein Fremder wie in der ersten, als er ein
wünschten viel Glück im Kampf gegen die die Taten der Terroristen“, sagt Wesel und halb linker Anwalt war.
Amerikaner. erlaubt sich in diesem Punkt keine Spur Zy- Schily und Ströbele traten frühzeitig der
Gleichwohl hielt Schily Distanz. Er tat nismus. „Er mochte die Ensslin als Person, Partei der Grünen bei und zogen für sie in
sich schwer mit studentischen Versamm- mehr nicht.“ Gleichwohl kämpfte Schily den Bundestag. Mahler war inzwischen auf
lungen, wo schlecht gekleidete Leute beim Prozess in Stammheim mit unerbittli- Distanz zur RAF gegangen und schwor
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 105
Gesellschaft

später dem Terrorismus ganz ab. Als er Es ist das Wort, um das sich alles dreht Ströbele. Ein Otto Schily als Innenminister
freikam, ließ er gerichtlich die Wiederzu- im politischen Leben von Schily, Ströbele, kann ihn nicht beruhigen.
lassung als Anwalt erstreiten, von Gerhard Mahler, ein urdeutsches Wort. Einst wa- Die beiden begegnen sich selten, und
Schröder übrigens. Für Mahler begannen ren sie verknüpft durch die Angst vor der wenn, dann gehen sie „sehr sachlich“ mit-
Jahre der Stille. Er machte seinen Job, er Wiederkehr des Nazitums im Staat. Jetzt einander um, sagt Ströbele. Er bekämpft
las die Zeitung, brütete. trennt sie dieses Wort. Schilys Politik aus dem Hintergrund, nicht
Schily und Ströbele wurden bei den Grü- Schily macht heute eine Politik gegen ohne Erfolg. Einige der Sicherheitsgesetze
nen schnell Gegner. Während Ströbele sei- die Angst vor dem Terror und dem Ver- wurden befristet, der Fingerabdruck im
nen Ansichten treu blieb, machte Schily brechen, und nie hat ihm etwas mehr ge- Pass muss noch einmal durch die Bundes-
nach und nach seinen Frie- tagsmühle. Mehr kann Ströbele nicht er-
den mit den Realitäten der Heute verbindet die drei eine intellektuelle reichen in einem Land, in dem ein Linker,
Bundesrepublik. Weil Strö- anders als vor 30 Jahren, als das Foto ge-
beles Position in den achtzi- Kälte. Bei ihnen herrscht der reine schossen wurde, bedeutungslos ist.
ger Jahren dominierte, trat Verstand, dem Herz zu zeigen nicht einfällt. Die Mitte-Links-Regierung verzichtet auf
Schily 1989 zur SPD über. Da linke Politik, bindet aber fast alles, was im-
er nie richtig bei den Grünen angekommen legen als das. Als 69-Jähriger ist er dann mer noch links ist, weitgehend in die Re-
war, konnte er sie leicht verlassen. Da er nie doch noch angekommen. In seinem geräu- gierungsdisziplin. Anders als auf dem Foto
so richtig mitmacht, kann er fast überall mit- migen Büro im 13. Stock des Ministeriums gibt es heute eine klare Hierarchie zwischen
machen. Schily bleibt seine eigene Partei. pafft er nun genussvoll dicke Zigarren und Schily und Ströbele. Der Minister domi-
Da ihm Parteiarbeit zuwider ist, hat er in sagt feierlich, im Ton eines Staatspapas, er niert, weil weit mehr Bürger Angst vor Kri-
seinem Wahlkreis einen Statthalter, Peter sehe es als seine Aufgabe an, „das kleine minellen haben als vor dem Staat. Bis zur
Paul Gantzer, Notar, Vorsitzender der SPD Glück zu schützen“. Affäre um die V-Leute war Schily einer der
München-Land, 100-prozentig loyal gegen- Der 11. September 2001 war die dritte populärsten Minister in Schröders Kabinett.
über Schily. Im Moment ist Kommunal- große Katastrophe in Schilys Leben. Er Horst Mahlers Thema ist die Angst vor
wahlkampf, und der Innenminister hält es reagierte entschlossen: enger Schulter- den Fremden. Zwar ist er nominell von
nicht für nötig, auch nur einen Termin in sei- schluss mit den Vereinigten Staaten, ein links nach rechts gewechselt, steht aber
nem Wahlkreis zu machen. Gantzer besorgt ganzes Paket neuer Sicherheitsgesetze. wieder bei denen, die den Staat am meis-
das für ihn. Also sitzt er in einem Gasthaus Hans-Christian Ströbele gefiel das gar ten herausfordern, früher die RAF, jetzt
in Heimstetten vor den örtlichen Genossen nicht. In seinem Büro, das weit kleiner ist Skinheads. Von seinem Büro unter dem
und vor einer geschnitzten Figur mit dem als das von Schily, hängt an der Wand ein Dach seines Häuschens aus schürt Mahler

CHRISTIAN DITSCH / VERSION (L.); FRANK OSSENBRINK (R.)

Agitator Mahler, Vorsitzender Ströbele mit Altbundeskanzler Kohl (r.) im Ausschuss zur CDU-Parteispendenaffäre: „Exzellenter Anwalt“

Gesicht einer Madonna, die einen Krug Bier Poster von Gerhard Seyfried, dem Haus- die Angst vor Fremden via Internet und In-
trägt und in ihrer Schürze Weißwürste. Da cartoonisten der Berliner Szene. Niemand terviews und fördert damit die Gewalt ge-
hätte der kunstsinnige Schily gleich einen kann so nett Polizisten verhöhnen wie er. gen sie. So ist er sich treu als ewiger Dissi-
Anfall bekommen. Einmal sah Schily selbst aus wie ein dent, der seine Sache bis in den Irrsinn
Der getreue Gantzer preist Schilys Sicher- Cartoon von Seyfried. Da hatte er für die vertritt, mit einem Faible für Gewalt.
heitspolitik und steckt dann die Prügel ein, Fotografen einen Polizeihelm aufgesetzt Wie aufgeladen die Stimmung zum The-
die für den Innenminister gedacht ist. „Man und drohte mit erhobenem Knüppel. Ge- ma Ausländer ist, merkt Schily nun manch-
wird immer mehr geknebelt“, klagt ein Ge- nau davor haben Ströbele und seine Kli- mal bei seinen Reisen durchs Land. Als er
nosse, „wo ist die Grenze irgendwann?“ Ein entel immer noch Angst: der starke, repres- in Duderstadt am Rathaus vorfährt, warten
anderer sagt: „Die meisten Maßnahmen rich- sive Staat. dort zwei Dutzend Jugendliche und rufen
ten sich gegen Ausländer, und das heißt, dass Ihr Staatsverständnis ist unverändert „Schilys Gesetze – Ausländerhetze“. Er
wir ein Feindbild aufbauen sollen.“ Gantzer von den Nazis geprägt. „Ich glaube immer steigt aus, stürmt auf sie zu und will dis-
beschwichtigt, verteidigt Schily. Zum Schluss noch, dass deutsche Gründlichkeit die kutieren, aber die Jugendlichen brüllen
sagt er: „Ihr müsst keine Angst haben.“ Gefahr einer Diktatur mit sich bringt“, sagt nur: „Mörder, Mörder.“ Schily fasst es
106 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Gesellschaft

nicht. „Ich?“, japst er, „ich?“ Als er sich ab- seinen Geheimdiensten. Der Minister hat Auf die Bemerkung, dass sich zwischen
wendet und zum Rathaus geht, fliegt ihm ja nicht auf ihn hören wollen. Dass Schily den beiden Gesprächen für ihn eine
ein Farbbeutel gegen den teuren Mantel, dieses Misstrauen verloren hat, liegt an sei- Menge geändert habe, reagiert er mit auf-
platzt aber nicht. Schily hebt den Beutel ner allmählichen Selbstverstaatlichung. brausendem Unverständnis. Nein, nichts,
auf, guckt verächtlich zu den Jugendlichen Je näher er dem Staat rückte – über die gar nichts habe sich verändert. Aber
und wirft ihn über einen Bauzaun. Er platzt Grünen, über die staatstragende Oppo- die Affäre …? Er wischt das beiseite.
und färbt Beton rot. sitionspartei SPD, bis in den Ministerses- Alles aufgeblasen, alles falsche Interpreta-
Immer wieder ist Schily vorgeworfen sel –, desto freundlicher wurde sein Ver- tionen. Weil er so erfolgreich als Minister
worden, er schüre Fremdenfeindlichkeit. hältnis zur Macht. In seiner marxistischen sei, habe man ihn nun zur Zielscheibe ge-
„Die Grenze der Belastbar- macht. Dann kommt der Angriff, eine
keit Deutschlands durch Zu- Nach seinem langen Marsch durch die Attacke aus der Erstarrung. Die Stimme
wanderung ist überschrit- ist tonlos, die Hände umklammern die Leh-
ten“, hatte er gesagt und Institutionen sagt der Riesenstaatsmann mit nen. Schuldige überall, nur nicht in die-
wurde darauf in die Nähe jedem seiner Auftritte heute: L’état, c’est moi. sem Büro im 13. Stock, keine falsche Men-
Mahlers gerückt. schenführung, keine seltsame Informa-
Was er nicht verdient hat. Gleichwohl Phase hatte er ja nichts gegen den starken tionspolitik. Ein Fels, der Recht hat, weil
verbindet die beiden noch immer etwas, Staat an sich gehabt, im Gegenteil. er ein Fels ist.
auch mit Ströbele. Es ist diese intellektuelle So hat jeder der drei eine wichtige Zu- Dann will er das Blatt haben, das neben
Kälte, der reine Verstand, dem Herz zu tat aus der Apo-Ursuppe für die Bundes- meinem Notizblock liegt. Was für ein Do-
zeigen nicht einfällt. Es ist auch eine Ab- republik von heute konserviert: Ströbele kument der SPIEGEL da ausgegraben
schottung aus dem Gefühl heraus, die die linke Fundamentalopposition, Schily habe? Vielleicht ist Schily doch nervös.
Wahrheit so ziemlich allein zu kennen. Alle die Staatsverherrlichung, Mahler paranoi- Er nimmt das Blatt und sieht erleichtert,
drei wirken sie dick gepanzert, Ströbele den Wahn, der in Gewalt eine Lösung dass es nur eine Zeitungsseite mit dem Foto
gegen die Veränderungen der Welt, Mah- sieht. Womit sich diese Ursuppe als er- von 1972 ist. Er guckt es lange an und sagt:
ler gegen alle guten Geister, Schily gegen staunlich haltbar erwiesen hat. „Wie hübsch wir da waren.“ Er kichert.
die Menschen in seiner Umgebung. Nach seinem Marsch durch die Institu- Er muss sich noch mal loben. Er sagt,
Als der Dramatiker Moritz Rinke ein- tionen sagt der Riesenstaatsmann Schily dass er Mahler damals gut verteidigt habe,
mal im Kino war, saß er zufällig in einer heute mit jedem seiner royalen Auftritte: aber dann habe das Schlusswort des An-
Reihe mit Otto Schily. Nach Ende des Films L’état, c’est moi. Und da er sich selbst nicht geklagten alles zunichte gemacht: „Mit
hatte es der Minister eilig, drängte hinaus, misstraut, muss er auch dem Staat nicht den Bütteln des Kapitalismus redet man

R. MARO / VERSION (L.); JOSE GIRIBAS (R.)

Anti-USA-Demonstrant Mahler (2. v. r.) mit NPD-Chef Udo Voigt (r.), Sicherheitspolitiker Schily: Das kleine Glück schützen

stieß dabei Rinke gegen das Knie und stand mehr misstrauen. Also hat er wenig übrig nicht, auf die schießt man“, sagte Mahler
eine kleine Weile auf dessen Fuß. Zu einer für Dinge wie Datenschutz oder Eindäm- zu den Richtern.
Entschuldigung war er nicht bereit. Von mung der Geheimdienste. Wozu? Habt Schily schüttelt den Kopf. Es gefällt ihm
Rinke freundlich angesprochen, sagte der keine Angst vor mir. Diese Selbstherrlich- nicht, dass Mahler wieder in seinem
Minister: „Keine Privatunterhaltung.“ keit bestätigt dann wieder Ströbele in sei- Leben aufgetaucht ist. Eine Niederlage
So rüde geht Schily auch mit seinen Mit- ner Angst vor dem allzu mächtigen Staat. gegen den einstigen Gefährten, der sich so
arbeitern um. Er ist ein Brüller, das In- Es gab für diese Geschichte zwei Ge- sehr ins Abseits gestellt hat, wäre beson-
nenministerium eine Versammlung von spräche mit Otto Schily. Beim ersten war ders peinlich. Schily nimmt Mahler als An-
Eingeschüchterten. Seine Mitarbeiter fan- er, für seine Verhältnisse, gelöst und in walt ernst. Doch mehr als Argumente
den nicht den Mut, Schily frühzeitig über Plauderlaune. Das war vor der V-Mann- fürchtet Schily eine Umarmung. Würde ihn
den V-Mann Frenz zu informieren. Affäre. Beim zweiten Gespräch, Anfang Mahler bei dem Prozess in Karlsruhe aus
So kam eine Affäre in Gang, die Ströbe- dieser Woche, ist sein Gesicht aus Granit, alter Verbundenheit herzen, wäre ein Bild
le „voll und ganz“ darin bestärkte, miss- vollkommen erstarrt. Schily sitzt reglos in in der Welt, das an jenes von 1972
trauisch gegenüber dem Staat zu sein, zumal seinem Sessel. anknüpft. ™
110 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Werbeseite

Werbeseite
Gesellschaft

Unersättlicher Schnabel
Ortstermin: Literaturhaus München – die französische Skandalautorin
Catherine Millet diskutiert über ihr sexuelles Leben.

W
as ist das für eine, die von sich um die Frage, was die Leute erwarten, wie Befriedigung verschafft wie einst. Sie
sagt, sie habe mit mehr als 1000 viel davon eine Zumutung wäre? Das schildert präzise, wie ihr Körper auf der
Männern geschlafen, freiwillig, ganze Buch besteht ja aus expliziten Sät- Ladefläche eines Transporters der Pariser
kostenlos und gern? Die Neugier im Saal – zen, kreist um „meine Möse, deren Öff- Stadtwerke ruht, „die Männer kamen
intellektuell, mit gierigem Funkeln. Oben nung ich nur mit einem kleinen Vogel ver- nacheinander herein. Ich konnte immer an
ist sie zu sehen, Catherine Millet, die gleichen kann, der den Schnabel unersätt- derselben Stelle bleiben. In diesem klei-
Kunstkritikerin, die Chefredakteurin der lich aufsperrt“. nen klapprigen Wagen war ich die reglose
französischen Zeitschrift „art press“, die Was fragt man so jemanden? Man traut Götze, die ohne mit der Wimper zu zucken
ein Buch verfasst hat über „Das sexuelle sich nicht. Oder man ist Literaturkritikerin, die Huldigungen einer Prozession von An-
Leben der Catherine M.“ und darauf be- heißt Olga Mannheimer und moderiert den betern entgegennimmt“.
steht, dass dies autobiografisch zu lesen sei Abend; man sitzt auf dem Podium und Man fragt sich, ist das alles pure Realität,
– samt Orgien und Gruppensex mit wild- muss sich trauen, also fragt man es doch: von der sie da spricht, oder nicht doch
fremden Menschen, von denen sie über- „Steht die Menge der Partner im Verhält- auch Phantasie? So ein bisschen klingt das
haupt nichts kennt außer nach moderner Frauenzeit-
ihrer Anatomie. schrift: „Schreiben Sie uns,
Unten, in dicht gedräng- schicken Sie uns Ihre eroti-
ten Reihen, eine Menschen- schen Träume“; und über-
menge, Studenten, Künst- haupt – gut, der Mensch
ler, feine Damen, die Fran- muss Hobbys haben, aber
zösisch können, und ein wie hatte sie bei so vielen
Herr im senffarbenen Sak- Orgien eigentlich Zeit für
ko, der sehr erwartungsvoll ihren Job?
blickt. Sei doch „schön für „Ich lag mit angewin-
einen Mann, wenn er kelten Beinen auf der Sei-
schmutzige Wörter zu te, damit sie mich leichter
hören kriegt von einer nehmen konnten.“ Sie
Frau“. Und man kann ihr spricht sehr nüchtern, sach-
sogar ins Gesicht schauen lich, irritierend offenbar für
dabei. manchen: „Nymphomanin!
Sie starren auf Millet, die Zwanghafte Nymphoma-
FOTOS: W. M . WEBER

Besitzerin jenes Körpers, nin“, zischt jetzt der Herr


den sie im Buch in jeder er- in Senfgelb, und drei feine
denklichen Situation und Damen verlassen den Saal.
Position beschreibt: „Wenn Das Buch habe sie traurig
ich lag, konnten mich meh- Autorin Millet, Leser: „Ich lag da, mit angewinkelten Beinen“ gemacht, sagt eine Leserin
rere Männer berühren, ich später bei der Aussprache,
gab mich den verschiedensten Berührun- nis zu der Intensität eines sexuellen Erleb- unter Beifall, und Catherine Millet versteht
gen hin; eine Hand rieb mit kräftigen, nisses?“ Macht es mit vielen Männern auf nicht, warum. Sie habe oft lachen müssen,
kreisförmigen Bewegungen den Teil mei- einmal viel mehr Spaß? als sie es schrieb.
ner Scham, den sie erreichen konnte, eine „Wenn Sie den Orgasmus meinen: Sie wolle nichts bedauern, nicht büßen,
andere streichelte meinen Oberkörper oder Nein.“ nicht leiden unter dem, was sie tat. Das sei
reizte meine Nippel.“ Ein schöner Skandal, Aber? ihr Weg gewesen. Es gehe ihr gut. Sie wol-
der sich in Frankreich seit April 2001 bereits „Was ich gesucht habe, unbewusst, war le niemanden belehren oder bekehren, nur
400 000-mal verkauft hat und in Deutsch- ein anderes Vergnügen. Ein sehr primi- prosaisch und detailliert beschreiben, was
land, wo das Buch seit September auf dem tives Vergnügen. Den Zustand des Kindes, war. Sie wirkt wie – nein, nicht wie eine
Markt ist, auch schon 200 000-mal. ganz früh, bevor es begriffen hat, dass ein Lehrerin. In ihrem Buch beschreibt sie ein
Madame Millet also, 53, zeigt sich nun Unterschied existiert zwischen ihm selbst Foto, das sie selbst bei sexuellen Aktivitä-
im Münchner Literaturhaus und spricht. und der Welt. Das ozeanische Vergnügen, ten mit anderen zeigt, und fragt sich: „Wie
Pagenkopf. Hochgeschlossene Bluse. Kne- eins zu sein mit all dem, was einen um- sehe ich aus? Wie ein fleißiger Handwerker,
tende Hände. Fester Blick, der sich ab- gibt.“ ein Flaschner, ein Tapezierer, ein Mecha-
wechselnd auf die Übersetzerin und die Psychoanalytisch klingt das und ist auch niker, der die Stellen untersucht, die er be-
Literaturkritikerin richtet, die den Abend so gemeint. Sie ist ja nicht irgendein Flitt- arbeiten muss.“ Das ist es.
moderiert. Millet sieht aus – irgendwie chen, sie hat Freud gelesen und Lacan und Tüchtig sieht sie aus, die Kunstkritikerin,
didaktisch? Gouvernante? Lehrerin? weiß, was sie tut. Sie bedient sich der die Lustexpertin, die Buchautorin Millet.
Es geht um Selbstentblößung, um das Macht der Wörter, seit ihr die ausschwei- Eben wie eine, die weiß, wie man einen
öffentliche Teilen von Intimität. Es geht fende sexuelle Praxis nicht mehr so viel Mechanismus bedient. Barbara Supp

112 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Werbeseite

Werbeseite
Olympia

E I S K U N ST L AU F

Das Lächeln der


Königin
Kein Gold ist in Salt Lake City so kostbar wie das der
Olympiasiegerin im Eiskunstlauf. Wer hier gewinnt,
kann davon noch jahrelang leben: als große Zugnummer einer
amerikanischen Eisrevue. Von Alexander Osang
Es gibt kein Gold in gestrengt, dass man nicht weiß, ob sie sich
Hackensack, New Jersey. freut oder verrückt geworden ist.
Sarah Hughes sitzt zwi- Der Bürgermeister nennt die Namen all
schen ein paar Lokalpoliti- der verdienstvollen Trainer und ehemaligen
kern und Eiskunstläufern Weltmeister, die heute zu Gast sind. Die
im Speisesaal ihrer Trai- meisten Namen klingen russisch. Viele der
ningshalle. Draußen regnet Spitzentrainer und Läufer aus der Sowjet-
es auf einen dunklen Vor- union gingen in den neunziger Jahren nach
stadtparkplatz. Hinter ihr Amerika. Die Amerikaner lieben das Eis-
hängen die amerikanische Flagge und die kunstlaufen. Nirgends sind sich Kunst und
Olympiafahne, denn hier werden gerade Sport näher als in dieser Disziplin. Wie im
sechs US-Eiskunstläufer nach Salt Lake klassischen Gerichtssaal-Drama gibt es die
City verabschiedet. Sarah Hughes ist ihre Geschworenen, fiese und gute Richter, un-
hoffnungsvollste Delegierte. gerechte Siege und tragische Niederlagen.
Sie war Dritte der letzten Weltmeister- Falsche und echte Gefühle.
schaften und hat in dieser Saison schon Iri- Es kann nur eine gewinnen, aber alle
na Slutskaja aus Moskau und Michelle müssen bis zum Schluss lächeln.
Kwan aus Los Angeles geschlagen, die da- Dort unten im Publikum sitzt Oksana
mals vor ihr lagen. Neben den Flaggen Bajul. Die weiß schon, wie es ist.
steht der Spruch: „Der coolste Platz in Oksana Bajul stammt aus Dnjeprope-
Hackensack ist das Ice House.“ Hacken- trowsk, einer unansehnlichen Stadt in der
sack kann einem Leid tun. Das Ice House Ukraine. Als sie 13 war, starben ihre Groß-
ist ein fensterloser Betonwürfel in einem alt eltern, kurz darauf ihre Mutter. Ihren Vater Olympiafavoritin Kwan, Revue-Star Witt: Die
gewordenen Einkaufszentrum. Im Saal sit- kannte sie nicht, Oksana hatte nur noch ihre
zen vielleicht 150 Gäste, 20 davon Journa- Trainerin. Sie zog mit ihr nach Odessa. Mit len nach Lillehammer und gewann Gold.
listen. Der Bürgermeister von Hackensack 16 Jahren fuhr sie zu den Olympischen Spie- Ein Riesentalent, das aus dem Dunkeln auf-
redet. Sarah Hughes hat eine geschwolle- getaucht war. Nach den Spielen wanderte
ne Nase, rote Augen, und sie lächelt, als sie nach Connecticut aus und wurde Profi.
gehöre das Lächeln mit zur Erkältung. „Gott schütze euch“, ruft der Bürger-
Es gibt schon so viele Reden und noch meister von Hackensack. „Gott schütze
so wenig zu sagen. Amerika.“
Am Montag war sie auf dem Titel des Sarah Hughes strahlt und strahlt. Sie
„Time“-Magazins. Sie ist 16 Jahre alt. Es muss noch ein paar Fotos machen lassen,
sind die ersten Olympischen Spiele ihres eins neben dem Besitzer des Ice House,
Lebens, „Sports Illustrated“ hat geschrie- eins neben dem Bürgermeister.
ben, sie könne gewinnen. „Time“ hat das Zwanzig Meter von ihnen entfernt er-
geschrieben und die „New York Times“ zählt Oksana Bajul leise, dass sie sich in-
auch. Im Augenblick sagt es gerade Bür- zwischen eher als Künstlerin begreife denn
germeister Jack Zisa. Er hat gefärbte Haa- als Eiskunstläuferin. Sie ist blond und blass,
re, ist braun gebrannt, und so weiß man sie hat einen schmalen Kasten mit glän-
nicht, ob man ihm trauen kann. zenden Autogrammfotos dabei, den sie
Manche schreiben, Sarah Hughes drei- vorsichtig öffnet. Die Bilder sehen aus, als
facher Lutz sei unsauber. Eher ein Flutz als stammten sie aus besseren Zeiten. Sie sagt,
ein Lutz. Manche sagen, sie habe noch ihr letzter Auftritt war im Herbst für eine
nicht genug Ausstrahlung. Manche schrei- Fernseh-Eis-Show auf Fox. Manchmal
ben, es sei wichtig für Amerika, dass Mi- schüttelt ein nervöses Zucken ihre Züge.
chelle Kwan gewinnt. Alles wispert. Ihre Sie kann dann für einen Moment nicht wei-
Trainerin Robin Wagner sagt, das gehöre terreden. Neben ihr steht ein junger Mann
zum Spiel. „Die anderen wollen Sarah ver- „Time“-Covergirl Hughes mit dunklen, glänzenden Haaren und bei-
unsichern“, sagt sie und lacht dabei so an- „Der Druck ist bei anderen größer“ gen Ballonhosen. Er ist ihr Manager.
114 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Die Russin Irina Sluts-
kaja sagt: „Heute gewinne
ich. Morgen Michelle oder
Sarah. Das ist gut so, ich
mag das. Das ist Sport.“
„Außerdem weiß ich
seit dem 11. September,
dass es wichtigere Dinge
gibt als Eislaufen“, fällt Sa-
rah Hughes noch ein.
Alle drei lächeln beim
Sprechen. Vielleicht reden
sie schon mit den Preis-
richtern. Eiskunstlaufper-
sönlichkeiten wachsen über
Jahre. Es gibt Unbesieg-
bare und ewige Zweite. Die
Eisprinzessin und die Eis-
hexe. Manche sind das für
eine Saison, manche für
eine Karriere. Die Juroren
sehen schon beim Trai-
ning zu.
Eiskunstlaufen ist mehr
als Sport. Und so kann
man auch mehr verlieren.
Am Tag, als Sarah
Hughes nach Salt Lake City
aufbricht, wird im Savvis
Center von St. Louis ein
Countdown gesprochen.
Die Halle ist dunkel, weiße
Lichtflecken tanzen über

ALEXANDER HASSENSTEIN / BONGARTS


das Eis, 8000 Zuschauer
warten auf die „Stars on
Ice“. Der Sprecher ruft die
DUANE BURLESON / AP

Namen von ehemaligen


Europameistern, Olympia-
siegern und Weltmeistern
in die dramatisch an-
schwellende Musik.
Zuschauer toben – und am Ende fällt eine amerikanische Fahne vom Himmel Kurt Browning ist dabei,
der viermal Weltmeister
Oksana Bajuls Leben bewegte sich nach möchte Hughes und Bajul zusammen auf wurde, ein Weltmeistertanzpaar und auch
dem Olympiasieg schneller als zuvor. Sie dem Bild haben. Ilja Kulik, der Olympiasieger von Nagano.
hat in Amerika viel Geld verdient. Sie hat „Die ehemalige Olympiasiegerin und die Doch die letzten drei Namen des Count-
viel eingekauft. Sie nahm zu. Sie hungerte künftige“, ruft er. downs gehören den Damen. Es sind Olym-
sich durch absurde Diäten. Sie nahm ab, Alle lachen. Sarah Hughes stellt nur kurz piasiegerinnen der letzten 18 Jahre. Katari-
wurde aber launisch. Sie beschimpfte an- ihren Teebecher auf dem Fußboden ab. na Witt. Kristi Yamaguchi. Tara Lipinski.
dere Eiskunstläuferinnen. Sie fing an zu Aber als sie sich aufrichtet, ist Oksana Ba- Das ist die Reihenfolge.
trinken. Als sie 19 war, ist sie im Suff gegen jul verschwunden. Sarah sieht ihr hinter- Sarajevo, Calgary, Albertville, Nagano.
einen Baum gefahren, sie wurde verhaftet her. Oksana war ein großes Talent. Sie war Das letzte Gold ist das wertvollste. Die Zu-
und machte eine Entziehungskur. Sie läuft 16. Wie sie. schauer werden mit jedem Namen lauter,
nicht mehr in den großen Shows mit. Die Der Bürgermeister von Hackensack Tara Lipinski ist der Höhepunkt. Dann be-
Leute aus dem Eiskunstlaufbusiness ma- drückt Sarah Hughes die Hand, als schicke ginnt eine dreistündige Eiskunstlaufshow.
chen vielsagende Gesichter, wenn sie über er sie in den Krieg. Spürt sie Druck? Die „Stars on Ice“ touren durch 61 ame-
Oksana Bajul reden. Sie ist jetzt 24. Nicht „Ich will gewinnen“, sagt Sarah Hughes. rikanische Städte. Sie treten nicht in klei-
alt, nicht mal für eine Eiskunstläuferin. „Aber ich bin noch jung. Es müssen nicht nen Hallen auf, sondern in den größten. Sie
Aber all das sagt sie nicht. Sie sagt nur: meine letzten Olympischen Spiele sein. In- fahren nicht in einem miefigen Bandbus,
„Amerika hat mich adoptiert.“ sofern ist der Druck bei anderen größer. sondern fliegen in einer DC-9 mit Leder-
Ihr Manager zupft sie sanft am Ärmel, Michelle ist schon bei den letzten Olympi- sitzen und wohnen im besten Hotel der
als müssten sie noch irgendwohin. Oksana schen Spielen geschlagen worden.“ Stadt. Amerika liebt sie.
klappt ihre Bilderschachtel sorgfältig zu Michelle Kwan, die große amerikanische Ihre Show heißt GOLD.
und folgt dem Mann. Favoritin, sagt drei Abende später: „Ich Es geht um Olympia, um Goldmedaillen,
Am Ausgang treffen sie auf Sarah Hughes will natürlich gewinnen. Aber es ist mir alle springen, als gäbe es immer noch was
und deren Trainerin, die sich gerade vom nicht wichtig, als Olympiasiegerin in die zu gewinnen. Die Zuschauer toben, und
Hackensacker Bürgermeister verabschie- Geschichte einzugehen. Die Leute sollen am Ende fällt eine amerikanische Fahne
den wollen. Oksana Bajul wünscht alles sich an das erinnern, was ich in den Sport aus dem Hallenhimmel, und Tara Lipinski
Gute für Salt Lake. Ein dicker Fotograf eingebracht habe. Freude und Schönheit.“ tanzt in einer winzigen hellblauen Tapfere-
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 115
hat die Lust verloren. Im nächsten Jahr
steigt sie aus. Sie ist mit einem Eishockey-
spieler verheiratet, sie will sich mehr um
ihre Ehe kümmern. Mehr zu Hause sein.
Tara Lipinski hat 1998 in Nagano ge-
wonnen. Sie war 15 Jahre alt, sie war die
jüngste Olympiasiegerin bei den Damen.
„Viele Leute haben danach gesagt, ich sei
so jung gewesen, dass ich den Druck nicht
spürte. Aber ich bin nicht blöd, ich wusste
schon, worum es ging. Es war so, dass ich
perfekt sein musste, und Michelle Kwan
musste Fehler machen. Ich war als Zweite
in den Köpfen. Niemand glaubte an mich.
Als ich das begriff, war ich plötzlich frei.
Ich hatte keine schlechten Gedanken mehr.
Es war wunderschön.“

RALF-FINN HESTOFT / CORBIS SABA


Sie lief eine derart erfrischende Kür, dass
die Juroren aufwachten. Michelle Kwan
hatte die Energie nicht mehr, das umzu-
drehen. Tara Lipinski wartete ein paar Mo-
nate und wurde im Herbst 1998 Profi.
„Ich hatte ja irgendwie alles erreicht. Ich
wusste nicht, was noch kommen sollte. Ich
Profi-Eiskunstläuferinnen bei „Stars on Ice“: „Irgendwie alles erreicht“ hatte auch schon relativ früh körperliche
Beschwerden. Im letzten Jahr hatte ich eine
Soldaten-Uniform zum Amerika-Lied. „Eigentlich habe ich immer nur das ge- Hüftoperation. Ich wollte nicht mehr so
8000 Zuschauer geben noch Standing Ova- wollt. Ich wollte in eine Eis-Show, und der viel springen. Ich will mich mehr auf den
tions, während die „Stars on Ice“-Crew im Olympiasieg hat mir eben die Türen geöff- künstlerischen Ausdruck konzentrieren.
Bauch der Halle bereits zusammenpackt. net. Ich sehne mich wirklich nicht zurück. Ich arbeite auch an einer Schauspielkar-
Sie fliegen noch am gleichen Abend in Es ist eher so, dass ich alle Winterspiele da- riere. Ich habe in vielen wichtigen Soap-
ihrer Chartermaschine nach Chicago. nach genoss, weil ich es hinter mir hatte. operas mitgespielt. Allerdings war ich im-
Im Programmheft heißt es: „Gold ist eine Der Druck war so unfassbar groß. Als mei- mer ich selbst.“
Erinnerung, die immer strahlt. Für diese ne Musik zum Kurzprogramm losging, hat- Tara Lipinski wirkt wie aus Glas. Sie ist
Champions bedeutet Gold nicht nur eine te ich unglaubliche Angst. Ich habe nur dünn, klein und blond. Sie hat eine Freun-
Medaille. Es ist ein einzigartiges Gefühl, das noch gedacht: Das ist es jetzt. Das ist der din auf die Tour mitgenommen, die aus-
sie ihr Leben lang nicht vergessen werden.“ entscheidende Moment meines Lebens. sieht wie sie. Dünn, klein und blond. Das
Katarina Witt ist 36 Jahre alt. Sie war 18, Aber bin ich auch so weit? Ich würde das Mädchen ist ihre Gesellschafterin, und
als sie erstmals Olympiagold gewann. heute nicht mehr aushalten.“ wenn Tara Lipinski ihre Cola ausgetrunken
„Für mich ist es natürlich schwer zu be- Sie ist jetzt seit zehn Jahren auf der hat, kommt sie und holt die leere Dose ab.
urteilen, ob es gut ist, gleich nach dem ers- „Stars on Ice“-Tour. Sie springt noch drei In St. Louis stürzte Tara Lipinski kurz
ten Olympiasieg Profi zu werden. Ich hat- verschiedene dreifache Sprünge, aber sie vor dem Ende der Show. Es sah nicht
te die Option ja gar nicht. Klar wären die schlimm aus, aber als sie am nächsten Tag
Zeiten zwischen meinen beiden Olympia- Damenwahl in Chicago zum Training kommt, humpelt
siegen die besten Jahre für die Werbung sie. Sie lässt die Nummer mit der ameri-
gewesen, aber es ist müßig, darüber nach- Marktanteile der Olympia-Sendungen kanischen Fahne ausfallen. Später im Bus
zudenken. Die eine Geschäftigkeit be- im US-Fernsehen bei Winterspielen sieht sie fast glücklich aus. Sie lässt sich in
kämpft die andere. So bin ich zweimal 1988 Calgary die Verletzung fallen wie in ein Bett. Sie
Olympiasiegerin geworden. Das geht heu- Eiskunstlauf der Frauen 41% sagt, dass sie manchmal nachts aufwache
te fast gar nicht mehr. Ich habe eigentlich Durchschnitt und nicht begreife, dass sie wirklich ge-
auch nichts vermisst, ich war immer ein aller Wettbewerbe 29 % wonnen hat. Sie will bis heute nicht an Mi-
Wettkampftyp, ich mochte den Druck.“ zur Hauptsendezeit 30 % chelle Kwan denken.
Katarina Witt sah ihren Gegnerinnen 1992 Albertville „Ich habe keine Erinnerung an Mi-
von der Bande aus zu. Sie lief beim Ein- Eiskunstlauf der Frauen 41% chelle. Ich seh mich nur auf dem Podest
laufen manchmal nach der Musik der an- stehen und weine mit Lu Chen, die Dritte
Durchschnitt
deren. Sie liebte es, als Letzte zu laufen. Sie wurde. Michelle sehe ich nicht“, sagt Tara.
aller Wettbewerbe 25 %
hat das Eiskunstlaufen ihrer Generation Sie denkt auch nicht an Salt Lake City,
zur Hauptsendezeit 29 %
bestimmt. Es gab sie, und es gab ewige obwohl sie auf dem Weg dorthin ist. Die
Zweite. „Du kannst nicht Silber gewin- 1994 Lillehammer Tournee wird für die zwei olym-
nen“, sagt Katarina Witt. „Du verlierst Eiskunstlauf der Frauen 64% pischen Wochen unterbrochen.
Gold.“ Sie stieg 1988 aus, um Profi zu wer- Durchschnitt Kristi Yamaguchi ist Botschafterin
den. Es war ein Handel mit den DDR- aller Wettbewerbe 32 % des guten Willens für das Organisations-
Funktionären, sagt sie. Ich hole Gold, ihr zur Hauptsendezeit 42 % komitee der Spiele, Katarina Witt kom-
lasst mich in die Show gehen. 1998 Nagano mentiert für die ARD, und Tara Lipinski
Kristi Yamaguchi hat 1992 in Albertville Eiskunstlauf der Frauen 38% hat ein paar Werbeauftritte.
gewonnen. Sie hat Midori Ito geschlagen, Quelle: Durchschnitt „Ich weiß gar nicht, ob ich bei der Da-
die damals Favoritin war. Sie sagt, dass sie Nielsen aller Wettbewerbe 19 % menentscheidung überhaupt da bin. Es ist
Media
nicht einen Moment gezögert habe, danach Research zur Hauptsendezeit 26 % nämlich auch Pilotsaison für die Soaps in
zu den Profis zu gehen. Los Angeles. Ich werde da viel hin- und
116 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Werbeseite

Werbeseite
Olympia

herfliegen“, sagt Lipinski so beiläufig, als in- sie umspielen. Ein Nachbar namens Arnold
BOB
teressiere sie das alles nicht so sonderlich. Gumbowitz streut Sarah-Hughes-Zitate un-
In zwei Wochen wird eine andere Olympia- ter die Leute. „Sarah hat neulich auf die
siegerin sein. Sie will nicht daran denken. Frage, was das Interessanteste am Eislaufen
Sie ist erst 19. Sie könnte dabei sein. sei, geantwortet: ‚Das Eis.‘ Ich meine, sie
„1992 waren eigenartige Spiele“, sagt Ka- ist 16. Sie ist eine Philosophin.“
Überall Verräter
Wer Christoph Langens Zweier-
tarina Witt. „Ich habe da für CBS kom- „Eine Bekannte von uns verlor ihren
mentiert. Ich habe mich ständig gefragt, wie Mann im World Trade Center. Sie sagte oder Viererbob anschieben
das wäre, wenn ich mitmachen würde. Ich mir gerade, dass Sarah momentan ihre ein- will, muss sich einem gnadenlosen
war ja die aktuelle Olympiasiegerin, da wur- zige Freude sei. Ist das nicht schön?“, sagt Konkurrenzkampf stellen. Team-
de der Titel vergeben, den ich seit acht Jah- die Mutter, Amy Hughes. Sie selbst glaubt, geist interessiert den Tüftler nicht.
ren hielt, und ich kämpfte nicht um ihn.“ von ihrer Tochter geheilt worden zu sein.
1994 ist Katarina Witt noch mal zu Olym- Sie war 1997 an Krebs erkrankt. Sie wurde Es ist ein sonniger Morgen
pia zurückgekehrt, um ihren Frieden zu operiert und bekam Chemotherapie, aber, in Flagstaff (Arizona), als
finden. Sie erzählt, wie schön es war, sie was ihr wirklich half, war, ihrer Tochter Christoph Langen seine
habe für Freunde und ihre Familie ein auf dem Eis zuzusehen. Sarah hat früher Crew beim Frühstück auf
Haus gemietet, sie konnte es noch mal ge- auch ein paar Mal mit Joanna Glick trai- Olympia einschwört: „Es
nießen. Aber je näher ihre Rede dem Wett- niert, der Schwester eines Passagiers von wird angegriffen, volle
kampf kommt, desto mehr versucht sie sich United-Airlines-Flug Nummer 93, der ver- Granate, volle Hütte.“
von ihren Erinnerungen loszureißen. Es suchte, die Entführer zu überwältigen. Dann verlässt Deutsch-
geht nicht mehr um den olympischen Ge- Manchmal sieht es so aus, als genüge es lands bester Bobfahrer das
danken. Sie ist eine der Königinnen. Sie nicht, einfach nur zu gewinnen. Das ame- „Woodlands Cafe“ und macht sich auf den
wurde Siebente. rikanische Eislaufen ist voll von tragischen Weg zum High Altitude Sports Training
Die Königinnenkämpfe bei „Stars on Geschichten. Complex, einem auf dem Campus der Uni-
Ice“ sind kleiner, überschaubarer. Auf dem Amy Hughes schiebt Sarahs Schwester versität gelegenen Leistungszentrum.
Umschlag des „Stars on Ice“-Katalogs ste- Emily heran. Die ist 13 Jahre alt und viel- Im Skydome, wo eben noch Cheerleader
hen die drei Eisdamen nebeneinander wie leicht ein noch größeres Talent als Sarah. ihre Tänze einstudierten, läuft er auf einer
Charlies Engel. Tara Lipinski steht in der Es gibt schon ein Buch über sie. Auf dem 300-Meter-Bahn seine Runden, springt aus
Mitte und einen halben Schritt vor den an- Cover läuft sie in einem lila Kostüm durch dem Stand über Hürden und stemmt Ge-
deren beiden. Es ist eine Winzigkeit. Li- den Central Park und strahlt. wichte.
pinskis Name mag ganz oben auf den Pla- „Emily schreibt Ihnen gerne eine Wid- Sechs Tage lang will er seinem Körper in
katen stehen, Yamaguchi springt mehr mung hinein“, sagt Amy Hughes stolz. Die 2134 Meter Höhe den letzten Schliff ver-
Dreifache, aber Katarina Witt kommt als kleine Schwester wartet. passen, bevor er nach Salt Lake City reist.
Letzte aus der Garderobe. Sie lächelt bereits. ™ „Ich will für alles gerüstet sein“, sagt Lan-
Sie ist die wahre Diva der gen. Das klingt martialisch, und es
Show, und in gewisser Weise si- ist auch so gemeint.
chert sie den wackligen Frieden. Denn Christoph Langen, 39,
„Es ist schwer, richtige Freun- lebt fast manisch für den Triumph.
de unter Eiskunstläuferinnen zu Er ist ein Präzisionsfanatiker, der
haben“, sagt die Witt. so leidenschaftlich und akribisch
Man ist allein auf dem Eis. Man zu Werke geht wie kein Zweiter in
kann sehr einsam sein, wenn man der Branche. Langen ist Olympia-
stürzt, dafür hat man aber am sieger, war achtmal Welt- und
Ende auch den Beifall für sich. sechsmal Europameister.
Eiskunstlaufen ist die einzige Eigentlich müsste er wie ge-
Sportart, in der Frauen mehr ver- schaffen sein als Vorzeigefigur sei-
dienen als Männer. nes Sports.
Sie verkaufen die Tickets nicht Indes gibt es nicht wenige, die
mit Ilja Kulik, egal, wie hoch der ihn für einen gnadenlosen Ego-
springt. Sie verkaufen sie mit den manen halten. Für einen Ehrgeiz-
Namen Yamaguchi, Witt und Li- ling, der „brutale Entscheidungen
pinski. In ein paar Tagen ent- trifft, ohne mit der Wimper zu
scheidet sich, wer die Nächste ist. zucken“. Undankbar soll er sein,
Der Druck ist immens. Sarah der Prototyp des emotionslosen
Hughes und ihre Trainerin flüch- Alleinherrschers. „Mich regt es
ten lächelnd aus dem Ice House. eben auf“, sagt Langen, „wenn je-
Sarah braucht Ruhe. Sie wird an mand nicht bereit ist, das Beste
der Eröffnungsfeier teilnehmen, aus sich rauszuholen.“
und auch ein, zwei Nächte im Während eines Wettkampfs,
olympischen Dorf schlafen, weil sagt Bundestrainer Raimund
es ja darum im olympischen Ge- Bethge, sei er „nicht mehr nor-
JIM BOURG / GAMMA / STUDIO X

danken geht, und wer weiß, was mal“. Und Thomas Platzer, einer
die Preisrichter alles beeinflusst. von Langens Beifahrern, findet es
Dann wird sie sich nach Colorado „pervers, wie er an sich, am Ma-
zurückziehen, um weiter an terial und an der Mannschaft ar-
ihrem Lutz zu arbeiten. beitet“.
Im Speisesaal des Ice House Sieben Anschieber gehören
bleiben ihre Eltern zurück sowie zum Team des Berufssoldaten aus
eine Entourage von Leuten, die Angeklagter Revue-Star Bajul (1997): Nervöses Zucken Berchtesgaden. Und gemessen an
118 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
wickeln lassen. Über 40 000 Euro kostete
das Einzelstück – fast doppelt so viel wie
ein normaler Bob.
Nach jeder Fahrt trägt er in ein schwarz
gebundenes Buch ein, welche Kufe er be-
nutzt hat, wie schnell er war, ob es frostig
war oder mild. Und dann bastelt er bis tief
in die Nacht in der Werkstatt, so dass das
heimische Bett oft kalt bleibt. Lebensge-
fährtin Susi Erdmann, dreimal Rodel-Welt-
meisterin und heute selbst Bobpilotin,
trennte sich von dem Pedanten, weil der
nur seine Vehikel im Kopf hatte.
Seine Sportgeräte hütet Langen wie Ge-
heimwaffen, weil er überall Verräter wit-
tert. Nicht mal den Bundestrainer weiht
er in technische Details ein. „Der ist für
alle Teams da“, sagt Langen, „und dem

UWE SPECK / WITTERS


Verband ist es doch egal, wer die Medail-
len holt.“
Das wäre für den gebürtigen Kölner, der
von sich sagt, „ein schwieriger Typ“ zu
sein, eine unerträgliche Situation: Deutsch-
land II vor Deutschland I.
„Es ist wichtig für ihn,
immer die Nummer eins
Langen-Viererbob in Königssee: „Ein schwieriger Typ“ zu sein“, sagt Anschieber
Sven Peter. „Daraus zieht
Langens unerbittlicher Selektion, wendet mindestens 210 Kilo- er seinen Antrieb.“
Ottmar Hitzfeld sein Rotationsprinzip beim gramm schweren Vierer Bei seinen vierten
FC Bayern München mit seelsorgerischer vorwärts, dann hüpfen Olympischen Spielen das
Milde an. sie hinein. Das ist Double zu gewinnen wäre

UWE SPECK / WITTERS


Auf der Suche nach der richtigen Beleg- der empfindlichste Mo- für Langen, den ältesten
schaft für seine Zweier- und Viererbobs ment. Wenn das Ge- deutschen Teilnehmer in
testet er regelmäßig Kraft und Schnelligkeit fährt die gespurte Bahn Salt Lake, wohl ein Grund
des Personals. Manchmal entscheiden verlässt und aufs blanke aufzuhören. Seit 17 Jah-
Hundertstelsekunden darüber, wer ihn auf Eis rutscht, darf keine ren ist er dabei.
Tempo bringen darf. Unruhe im Schlitten Medaillenaspirant Langen Der Sohn eines Zim-
Bewusst schürt Langen den Konkur- sein. Bewegt sich je- Lob vom Formel-1-Piloten merers, der es als Junior
renzkampf unter seinen Anschiebern. Als mand, erhält der Bob im Zehnkampf auf 7700
er Ende Januar in Königssee nach einer einen Querimpuls, der Pilot muss gegen- Punkte brachte, begann seine Karriere 1985
Leistungskontrolle kurz und bündig be- lenken, und wertvolle Zeit geht verloren. als Anschieber. Vier Jahre später wechsel-
kannt gab, wen er mit nach Amerika neh- Einmal unterwegs, müssen die Anschie- te er an die Lenkseile, und das „sensible
men werde, standen die Aussortierten ber nur noch still sitzen und die Fliehkräf- Spiel mit den Fliehkräften“ ließ ihn nicht
wortlos auf und verschwanden. Mitleid hat- te ausbalancieren. Den Rest besorgt Lan- mehr los.
te keiner der Kollegen. „Jeder ist seines gen an den Steuerseilen. Er liebt es, sagt er, den Bob bei Tempo
Glückes Schmied“, sagt Marco Jacobs, der Der Bob Deutschland I, der am Freitag 130 in der S-Kurve zu beherrschen – ob-
sich im olympischen Dorf mit seinem Steu- im Zweier und sechs Tage später im Vierer wohl er in der Schräglage die Bahn kaum
ermann ein Apartment teilt. auf Gold programmiert ist, gilt unter Ken- einsehen kann und mit 5 g, also dem
Mit Begriffen wie Kameradschaft und nern als One-Man-Show. Langens Beifah- Fünffachen seines Körpergewichts, in den
Teamgeist kann Langen nichts anfangen. rer haben kaum Mitspracherecht. Er lässt Schlitten gepresst wird. Eine Belastung, die
„Es nützt mir nichts, mit meinem besten sie die Kufen putzen und schleifen, aber mit der von Formel-1-Piloten vergleich-
Freund nur Zweiter zu werden.“ Bei ihm Details zum Fahrwerk erzählt er ihnen bar ist.
werde es „nie ein nettes Mannschaftsgefü- nicht. Könnte ja sein, dass einer demnächst Ende Dezember hat er Juan Pablo Mon-
ge“ geben. Ohne Skrupel wechselte er bei aussortiert wird, zur Konkurrenz geht und toya den Eiskanal am Königssee hinunter-
Olympia 1998 noch kurz vor dem Start des dort Betriebsgeheimnisse ausplaudert. chauffiert. Der Grand-Prix-Fahrer aus dem
Vierer-Rennens Kai-Uwe Kohlert aus, den Denn Langens Bobs sind handgemacht, BMW-Williams-Rennstall sei anschließend
Bruder seiner damaligen Freundin. „Kei- von der Lenkung bis zu den Federblättern sehr beeindruckt gewesen: „Er fand es un-
ner darf sich sicher fühlen“, sagt Langen. alles Eigenbau. Viermal im Jahr schraubt er vorstellbar, wie ich quasi blind so schnell
Sein Auswahlsystem sei „das härteste seine Gefährte komplett auseinander, um lenken kann.“
auf der Welt“, meint Langen. Denn wessen das Material zu kontrollieren. So was zu hören tut ihm erkennbar gut.
Bob am Start einen Wimpernschlag zu Seinen neuen Viererbob hat der gelern- Von Montoya, immerhin. Endlich mal ei-
langsam ist, für den ist in der Regel das te Kfz-Mechaniker selbst entworfen, zu- ner, der sein Wirken einordnen kann.
Rennen schon vorbei. Deshalb „müssen sammen mit dem Schweizer Georg Klaus. Christoph Langen ist noch nie für eine
meine Jungs funktionieren. Da setze ich Ein Jahr hat es gedauert, bis alle Wünsche Sportlerehrung nominiert worden. Und
sie unter Druck“. verwirklicht waren. In Unterhaching ließ er reich geworden ist er trotz aller Erfolge
Die Anschieber, meist ehemalige Leicht- den Rahmen herstellen, in Bad Aibling die auch nicht. Wenn es danach geht, sagt Lan-
athleten, bilden das Triebwerk des Bobs. 50 Carbon-Verkleidung, und von einem Hei- gen, ist Bob fahren die „beschissenste Dis-
Meter drücken sie im Sprinttempo den zungshersteller hat er spezielle Kufen ent- ziplin“. Maik Großekathöfer

d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 119
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Olympia

B I AT H L O N

Big Brother in der Loipe


Aus den Exoten der Winterspiele sind Lieblinge des Publikums
geworden. Doch seit das Fernsehen Biathlon spektakulär in
Szene setzt, spüren die Sportler die Gesetze des Showgeschäfts.
Zwei Mann sind nötig, Skispringer Sven Hannawald und Martin
die dunkelblaue Kiste zu Schmitt erinnert.
schleppen. Sie steht in ei- Bis zu vier Millionen Zuschauer sitzen
nem Container mit der bei Weltcup-Rennen regelmäßig vor dem
Nummer 27 im Sportpark Fernsehgerät, wenn Lieblinge wie die
von Soldier Hollow. Sie ist Oberbayerin Uschi Disl, ihre Teamgefähr-
der erste Star bei Olympia. tin Kati Wilhelm oder die Olympiasieger
Drei Tage bevor im na- Sven Fischer, Frank Luck und Ricco Groß
hen Salt Lake City das die Büchse schultern. Über Begriffe wie
olympische Feuer entzündet wurde, warf „Pulsverhalten“ und „Schussfrequenz“ de-
Steffen Hoos, 33, noch einmal einen Blick battiert das Publikum mittlerweile so
in die Truhe. Alles da: das Bügeleisen, die selbstverständlich wie die Formel-1-Ge-
Schleifklötze und natürlich das Wachs. meinde über die maximale Drehzahl von
Hoos hat viel Wachs mitgebracht nach Michael Schumachers Ferrari.
Utah. Blaues, weißes und rotes, in Blö- Der Boom verblüfft. Denn lange Zeit
cke gepresst. Anderes ist in kleinen Do- stand Biathlon in dem Ruf, nichts weiter als
sen abgefüllt, mit Fluor zersetzt und fein eine Gefechtsübung im Schnee zu sein. Bei
wie Staub. 100 Gramm kosten
70 Euro, so viel wie Schwarzer
Trüffel.
Hoos weiß alles über Wachs.
Er präpariert die Skier der deut-
schen Biathlon-Herren. Es ist,
wie er sagt, „ein Höllenjob“.
Jeden Morgen testet er im Bi-
athlon-Stadion neue Mischun-
ALEXANDER HASSENSTEIN / BONGARTS

gen. Über eine Lichtschranke


wird gemessen, welcher Ski mit
FABRIZIO BENSCH / REUTERS

welchem Wachs am besten glei-


tet. Nach jedem Durchgang
rufen sich die Service-Leute
geheimnisvolle Codes zu. Als
„L207“ über die Piste rauscht,
grinst Hoos. Er blickt auf die
gestoppte Zeit. „Rakete“, ent- Service-Mann Hoos, Biathletinnen: Entdeckung auf der Suche nach neuen Idolen
fährt es ihm – eine Mischung
für Gold. Seit drei Jahren ist Steffen Hoos den Winterspielen 1924 in Chamonix unter liche Fernsehen, das auf der Suche nach
für den Belag der Skier im deutschen Bi- der Bezeichnung „Militärpatrouille“ als neuen Idolen Biathlon entdeckte. Denn
athlon-Lager verantwortlich. Anfangs war Demonstrationswettbewerb eingeführt, lange vorbei sind die Tage, da ARD und
das ein ruhiger Posten. Kein Mensch außer- dienten noch bis 1978, der Frühphase von ZDF dank der Erfolge populärer Skiheroen
halb des Teams interessierte sich für sein Friedensmarsch und Ökosandalen, groß- quasi das Monopol auf Hüttenzauber und
Handwerk. Doch das ist jetzt anders. kalibrige Armeegewehre den Athleten als Alpenglühen hatten.
Ein Kamerateam filmt ihn, wie er seine Waffe. Inzwischen wird mit Kleinkaliber- Da traf es sich gut, dass die Biathle-
Kiste inspiziert. Reporter drängeln sich um Sportgewehren geschossen. ten auf die Wünsche der TV-Schaffenden
das Behältnis, als handele es sich um ein Sensible Beobachter fühlen sich den- eingingen. Es gibt jetzt publikumsfreund-
antikes Möbelstück, und stellen mit ernster noch an den Grundwehrdienst erinnert liche Disziplinen wie Massenstart und Ver-
Miene Fragen: „Hoosi, haben wir auch so angesichts des gängigen Sprachgebrauchs folgung, bei dem ein wenig öde durch den
gutes Wachs wie die Norweger?“ unter Biathleten. Das Schießen nennt Her- Wald gelaufen, aber viel geknallt wird. Das
Wir! ren-Nationaltrainer Frank Ullrich, haupt- Fernsehen rückt im Weltcup mit 80 Mit-
Olympia hat ja schon oft skurrile Helden beruflich Oberfeldwebel bei der Bundes- arbeitern und 20 Kameras an und setzt
hervorgebracht. Exoten, die den Medail- wehr, „Bekämpfung der Ziele“. Und wenn den Sport so spektakulär in Szene, dass
lenspiegel aufpäppeln dürfen und dann ein Schützling in der Loipe gut unterwegs mancher denken könnte, John de Mol
wieder rasch vergessen werden. Doch die war, dann sagt Ullrich hölzern, er habe sich („Big Brother“) habe die Regie übernom-
Sonderlinge aus der Loipe haben diesen „ehrenvoll in Szene gesetzt“. men. Kein Streckenteil, der nicht obser-
Status längst verlassen. Beständig sehen Die Darsteller sind also kaum für den viert wird. Kein Schuss, der nicht in Zeit-
sie sich von einer Begeisterung umtost, die neuen Appeal ihrer Sportart verantwort- lupe und Großaufnahme analysiert wer-
fast an die Anfänge der Hysterie um die lich. Vielmehr war es das öffentlich-recht- den kann.
122 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
fürchtet um den Verlust „des familiären der Schützen bestehen könnte. Der Nor-
Touchs“. weger Ole Einar Björndalen wiederum, der
Denn eigentlich sind Biathleten ja eher
beste Läufer der Biathleten-Zunft, belegte
stille Zeitgenossen, Typen wie Sven Fi- dieses Jahr bei Weltcup-Rennen der
scher, der Ski fährt und schießt, weil erLanglauf-Spezialisten zweimal Rang zwei.
„eben nie was anderes gemacht“ habe. Die Konkurrenz wird härter. Wer in der
Fischer, 30, ist wie sein Teamkollege und
Weltspitze mithalten will, beginnt schon
Schwager Frank Luck, 34, im thüringischenim Mai mit dem Training. Auf 10 000 Ski-
Schmalkalden geboren. Er besuchte, genau-Kilometer und 20 000 abgegebene Schüsse
so wie Luck, die Kinder- und Jugendsport-kommt ein Topathlet pro Jahr.
schule in Oberhof. Mit 20 Jahren gelang Geübt wird mitunter an bizarren Orten.
ihm der Sprung in die Nationalmannschaft,So verbringen die deutschen Biathleten
1994 und 1998 wurde er mit der Staffel den Juli gern in einem Tunnel im finni-
Olympiasieger. schen Vuokatti, weil dort eine 1,2 Kilome-
Nun ist Fischer zum dritten Mal bei ter lange Ganzjahrespiste angelegt ist. Da-
Olympia. Er weiß nicht recht, ob er die nach versammeln sie sich in der Kälte-
modernen Zeiten gut oder schlecht finden kammer der Firma Rheinmetall bei Han-
soll. Denn einerseits bekommt er für einen
nover. In endlosen Tests wird geprüft, wel-
Sieg nicht mehr wie früher nur einen Fress-
cher Gewehrlauf und welche Munition
korb gereicht, sondern verdient allein auch bei minus 20 Grad noch ein makel-
durch Prämien rund 50 000 Euro im Jahr. loses Trefferbild garantieren.
Andererseits herrschen neuerdings ja All die Plackerei nehmen Biathleten auf
doch komische Sitten. Zeitungen interes- sich, um am Ende für eine denkbar wider-
sieren sich für das Liebesleben der Biath-
natürliche Übung vorbereitet zu sein. Es ist
leten. Beim Weltcup in Ruhpolding reichender Moment, in dem sie schwer atmend in
Hostessen im VIP-Zelt Sekt und Lachs- die Schießanlage gleiten, ihr Gewehr vom
häppchen. In Oberhof haben sie eine rie- Rücken holen, anlegen – und trotz aller
sige Videoleinwand in die Postkartenkulis-
Anstrengungen plötzlich erstarren. Nur Bi-
se gerammt. athleten beherrschen diesen Trick.
Und draußen in der Loipe wird getrickst Wenn Sven Fischer in den Schießstand
und gedrängelt wie nie zuvor. Es gehe eben
fährt, trommelt sein Herz 180-mal pro
Minute. 15 Sekunden nimmt
er sich Zeit, bis er den Zei-
gefinger für den ersten
Schuss in Position bringt.
Sein Puls liegt immer noch
bei 150. Dann wird es kom-
pliziert.
Vor jedem Schuss stößt
Fischer zwei Drittel seiner
Atemluft aus, um das Koh-
lendioxid aus der Lunge zu
pumpen. Dann hält er die
Luft an. Nachdem er abge-
drückt hat, atmet Fischer
einmal tief durch. Diese Pro-
zedur wiederholt er viermal.
Für die kommende Saison Ungeübte würden dabei in
hat der Weltverband in Aus- Ohnmacht fallen.
sicht gestellt, das Teilneh- Aber wer weiß das schon.
RAUCHENSTEINER

merfeld von bisher 120 auf Fischer kennt die Schwä-


80 Starter zu reduzieren. chen seines Sports, dass man
Schließlich soll kein Außen- Thrill bietet, aber nicht
seiter aus Argentinien oder wirklich Respekt erntet wie
Marokko im Weg stehen, Deutsche Staffelläuferin Wilhelm: Beständig von Begeisterung umtost Skispringer oder Abfahrer.
wenn Stars wie die Olym- Das Publikum sieht nur, ob
piafavoriten Raphaël Poirée aus Frankreich „um einen Haufen Geld“, sagt Fischer, da der Schütze trifft oder nicht trifft. Wenn
oder Magdalena Forsberg aus Schweden bleibe „der Sportsgeist auf der Strecke“. nicht, dann bleibt der Trefferkanal schwarz
herbeirauschen. Biathlon sei kein Sport, den man ausüben und das Publikum stöhnt: „Uuh.“ Wenn
Die Anbiederung an den Kommerz – eu- könne, wenn die Leidenschaft fehlt. Bi- ja, dann klappt eine weiße Blende vor
ropaweit zahlt das Fernsehen pro Jahr rund athlon ist griechisch und heißt: Doppel- das Ziel und die Zuschauer schreien:
3,5 Millionen Euro, weitere 5 Millionen kampf. Vor Jahren konnte ein guter Schüt- „Yeah.“
Euro werden von Sponsoren eingenom- ze noch eine schlechte Laufleistung aus- Dabei, sagt Fischer, soll es aber auch
men – führt jedoch zu atmosphärischen gleichen und umgekehrt. Jetzt sind die bleiben. Es gibt Leute, die würden die Puls-
Veränderungen. Besten sowohl im Schießen als auch im frequenz der Sportler gern auf einer An-
Der Ruhpoldinger Wolfgang Pichler, Langlauf Weltklasse. zeigetafel einblenden. Doch wenn derlei
Trainer der schwedischen Nationalmann- So bringt es Frank Luck bei 60 Schuss dramatische Show-Effekte eingeführt wer-
schaft, sieht den Biathlon-Sport auf auf 595 Ringe – ein Wert, mit dem er auch den, so Fischer, dann sei es „höchste Zeit
dem Weg zum „High-Society-Event“ und bei Olympischen Sommerspielen im Lager aufzuhören“. Gerhard Pfeil

d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 123
Werbeseite

Werbeseite
Panorama Ausland
IRAK

Amerika
mobilisiert Kurden

REUTERS (L.); MEHMET GÜLBIZ / NEXUS / AGENTUR FOCUS

Kurdenführer Barsani Kurdische Kämpfer im Nordirak

D er amerikanische Präsident George W. Bush will Saddam


Hussein mit Gewalt stürzen, um jegliche Unterstützung ex-
tremistischer Gruppen durch den Irak und die Produktion von
chen US-Emissäre den prominenten
Kurdenführern Massud Barsani und
Dschalal Talabani, eine „internatio-
Massenvernichtungswaffen zu unterbinden. Nach amerikani- nal garantierte, nationale Heimstät-
schen Vorstellungen sollen Kommandotrupps des von Washing- te“ zu schaffen. Damit geht die US-
ton unterstützten oppositionellen „Irakischen Nationalkongres- Führung ein doppeltes Risiko ein:
ses“ zeitgleich mit den Die Türkei, nach Israel wichtigster
Schwarzes Meer kampferprobten Kurden Verbündeter der Amerikaner im Na-
des Nordirak den bewaff- hen Osten, dürfte aus Furcht vor ei-
neten Aufstand wagen. nem Wiedererstarken militanter kur-
TÜRKEI ARMENIEN
DPA

Die Hauptlast der Kämp- discher Separatisten ihre Zusammen-


fe müssten dabei die Kur- Talabani arbeit mit Pentagon und Weißem
den tragen, da die Schlag- Haus spürbar einschränken; Iran,
ASERBAI- kraft der im Ausland ebenfalls von kurdischen Unabhängigkeitsbestrebungen be-
S I E D LU N GS GE B DSCHAN
IE T trainierten Nationalkon- troffen, sähe sich wohl dazu veranlasst, den Konflikt mit dem
DE gress-Kämpfer als gering Baath-Regime in Bagdad zu bereinigen und gemeinsam gegen
R IRAN
eingeschätzt wird. den „großen Satan“ Amerika Front zu machen. Die in der
KU

36. Breitengrad Um die strategisch wichti- letzten Zeit angelaufene Normalisierung der irakisch-irani-
RD

IRAK ge Allianz mit den Kur- schen Beziehungen zielt nach Erkenntnissen golfarabischer
EN

SYRIEN den zu sichern, verspra- Nachrichtendienste in diese Richtung.


100 km

INDIEN Die Importgegner verweisen auf die


unter Aufsicht der United States En-
Giftiger Schrott? vironmental Protection Agency
durchgeführten, „übervorsichtigen“

U mweltschützer und Gewerkschafter


protestieren gegen den Import von
fast 70 000 Tonnen Stahlschrott des zer-
Aufräumarbeiten von Helfern, die
am „Ground Zero“ in New York
tätig waren. „Indien – aber nicht die
störten World Trade Center (WTC) Vereinigten Staaten – hat bereits die
nach Indien. Ihr Vorwurf: Der Stahl Basler Konvention unterzeichnet,
könnte noch immer durch gefährliche nach der das exportierende Land ein
Substanzen verseucht sein und die Ge- Produkt als ,umweltfreundlich‘ be-
sundheit von Tausenden Hafen- und scheinigen muss“, sagt Agarwal. Da
Gießereiarbeitern im Land gefährden. es aber in Indien keine Möglichkeit
PETER MORGAN / REUTERS

„Hochkontaminierten Desasterabfall“ gebe, die Anwesenheit von gefähr-


nennt Ravi Agarwal von der Umwelt- lichen Substanzen – in diesem Fall
gruppe Shristi in Neu-Delhi den WTC- Dioxin – gleich bei der Ankunft zu
Stahlschrott, „Dumping“, sagt schlicht testen, sei die Ablehnung dieses
ein Gewerkschaftsführer im ostindischen Stahlimports die einzige verbleiben-
Kalkutta. de Lösung. Ruine des World Trade Center
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 125
Panorama

BRASILIEN

Karneval in Gefahr
K urz vor dem Karneval in Rio de Janeiro wird Brasilien von
einer Denguefieber-Epidemie überrollt. Zwei Drittel aller
brasilianischen Gemeinden haben Fälle registriert, allein in
der Karnevalshochburg Rio waren bis vorigen Montag bereits
5387 Erkrankungen gemeldet, mindestens fünf Patienten wa-
ren am Denguefieber gestorben. Gesundheitsexperten beob-
achten, dass sich die von der Aedes-aegypti-Mücke übertragene
Krankheit unkontrolliert ausbreitet. Das Fieber ähnelt zunächst
in den Symptomen einer Grippe, je nach Typ des Virus verläuft
die Krankheit dann mit Kopf- und Muskelschmerzen oder in
der hochgefährlichen Variante mit hämorrhagischem Fieber.
Für das Ausmaß der Epidemie machen Experten die Tatenlo-
sigkeit der Regierung verantwortlich: „Dies war vorhersehbar
und vermeidbar“, empört sich
Rivaldo Venâncio da Cunha
OLIVER MECKES / EYE OF SCIENCE / AGENTUR FOCUS

von der Bundesuniversität


von Mato Grosso do Sul. An-
statt sich in ineffiziente Sprüh-
aktionen mit Insektengift zu
verlieren, sollten lieber die
Brutstätten der Mücken in ste-
hendem Wasser bekämpft

PAUL HAHN / LAIF


werden. Ärzte in Rio warnen
nun Touristen vor einer Infek-
tionsgefahr, durch die die tol-
len Tage beim Karneval töd-
lich enden könnten. Aedes-aegypti-Mücke, Sambatänzerin in Rio

G R O S S B R I TA N N I E N
INDONESIEN

Fragwürdiges Kalkül Bush-Karikaturen mit Brezel


und Banane
I m fünften Jahr nach der asiatischen Finanzkrise
droht Indonesien ein ähnlicher wirtschaftlicher
Niedergang wie Südamerikas Pleitenation Argen- W ährend sich amerikanische
Karikaturisten nach dem
Anschlag auf das World Trade Cen-
ter in New York porträtierte er
tinien. Mit 150 Milliarden US-Dollar Schulden sum- 11. September in Trauerbekundun- Bush als segelohrigen, debilen
mieren sich die Außenstände der mit 228 Millionen gen für die Terroropfer und patrio- Feldherrn („Das bedeutet Krieg …
Bewohnern viertgrößten Nation der Erde derzeit tischen Pinseleien übten, ging ihr mit dem Ausland“). Mittlerweile ist
auf 93 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die britischer Kollege
Hochwasser, die vergangene Woche den Großteil Steve Bell, 50, ge-
der Hauptstadt Jakarta unter Wasser setzten, dro- wohnt pietätlos
hen die Krise noch zu verschärfen. Dass jetzt Ma- zur Sache. Der
laysia ankündigte, die Hälfte der auf fast eine Mil- einstige Londoner
lion geschätzten indonesischen Gastarbeiter nach Kunstlehrer, der
Hause zu schicken, verleiht der Krise zusätzlichen sich seit Ende der
sozialen Zündstoff. Nach Schätzungen der Indu- siebziger Jahre
strie- und Handelskammer in Jakarta wird damit mit seinen ätzen-
bald fast die Hälfte der 102 Millionen Erwerbstäti- den Cartoons den
gen ohne Arbeit sein. Gleichwohl baut die untäti- Ruf als „wildester
ge Führungsmannschaft von Präsidentin Megawa- Karikaturist Bri-
ti Sukarnoputri darauf, dass der Internationale tanniens“ erarbei-
KARIKATUREN: STEVE BELL

Währungsfonds Indonesien den Geldhahn nicht tete, schießt sich


zudrehen wird. Der Westen fürchte derzeit nichts dabei besonders
mehr, so Megawatis Kalkül, als dass die 198 Mil- auf US-Präsident
lionen Muslime in Indonesien sozial verelendet ins George W. Bush
Lager der radikalen Islamisten überlaufen. ein. Bereits zwei
Tage nach dem Bush-Karikaturen von Bell
126 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Ausland
TÜRKEI nen Bewohner des Marmara-Raums
auf eine – zeitlich allerdings nicht ein-
Flutwelle am grenzbare – Katastrophe vor: Viele
Viadukte und Hochbauten Istanbuls,
Bosporus? darunter auch eine der beiden Bos-
porusbrücken, so Gürtuna, seien

N ach dem Erdbeben Anfang Februar


fürchten Seismologen verstärkt um
selbst einem Beben wie dem von
Afyon nicht gewachsen – von der

HURRIYET / REUTERS
die Sicherheit der türkischen Millionen- überwiegend schwachen Bausubstanz
metropole Istanbul. Am vergangenen der Wohn- und Geschäftshäuser ganz
Sonntag hatte ein Beben der Stärke 6 zu schweigen. „Und wenn Istanbul
die Region um die anatolische Stadt einstürzt, dann kommt die ganze Tür-
Afyon erschüttert und 43 Todesopfer Erdbebenopfer in Afyon kei zu Fall.“
gefordert. Der Geologe Celal
Şengör, der am California Institute
of Technology zurzeit seismologi-
sche und historische Quellen zur
Erdbebengeschichte Anatoliens aus-
wertet, hält sogar eine gigantische
Flutwelle am südlichen Eingang des
Bosporus für möglich: Zuletzt hatte
im Jahr 1509 ein derartiger Tsunami
die Hauptstadt des Osmanischen
Reiches überflutet; die am Goldenen

MEHMET GÜLBIZ / NEXUS / AGENTUR FOCUS


Horn liegende Flotte des Sultans
wurde damals zerstört.
Hoffnungen, wonach der Marmara-
Abschnitt der anatolischen Verwer-
fung nur in Teilstücken bersten wer-
de und damit weniger Schaden an-
richten könnte, hält Şengör für
„dumm und verantwortungslos“.
Auch der Istanbuler Bürgermeister
Ali Gürtuna bereitete die 17 Millio- Skyline von Istanbul

ISRAEL webel Amit Masiach, „aber es gibt eine


Grenze des Gehorsams von Bürgern ge-
Rebellische Patrioten genüber ihrem Land.“ Sogar der frühe-
re Geheimdienstchef Ami Ajalon äußer-

M it Disziplinarstrafen versucht die


israelische Armee, eine wachsende
Opposition ihrer Soldaten gegen den
te Verständnis für ihre Motive: „Auf ein
unbewaffnetes Kind zu schießen ist ein
klar illegaler Befehl. Mich beunruhigt
Dienst in den besetzten Gebieten einzu- die hohe Zahl der palästinensischen Ju-
dämmen. Mehr als 170 Reserveoffiziere gendlichen, die getötet wurden.“ Etli-
und Soldaten schlossen sich bisher ei- che Soldaten distanzierten sich dagegen
nem Protestaufruf an, den Einsatz in öffentlich von den Verweigerern, die in
den Palästinenserzonen zu verweigern. Hassbriefen auch als „Verräter“ und
Etliche Unterzeichner wurden bereits „stinkende Linke“ beschimpft werden.
ihrer Kommandoposten
enthoben. Auch Gefäng-
nisstrafen könnten ver-
George W. Bush in Bells Zeichnungen, die hängt werden, so ein Mi-
regelmäßig in der linksliberalen Londoner litärsprecher. Armeechef
Tageszeitung „Guardian“ veröffentlicht wer- Schaul Mofaz sprach von
den, zu einem Brezel und Bananen kauen- „Rebellion“.
den Affen mutiert. Solcherart deftiger Hu- In ihrem offenen Brief
mor findet zumindest auf der Insel Aner- erklären die Reservisten,
DAVID SILVERMAN / GETTY IMAGES

kennung: Seine Comics und Karikaturen sie seien nicht länger be-
werden mittlerweile nicht nur von der BBC reit, den „Krieg für Sied-
und Channel 4 gezeigt, auch die Barbican lungen“ zu führen, „um
Gallery in London präsentierte die Werke ein ganzes Volk zu domi-
des spöttischen Künstlers. Jüngst erhielt nieren, zu vertreiben,
Bell die Auszeichnung für die beste politi- auszuhungern und zu er-
sche Karikatur des Jahres – für ein Konter- niedrigen“. „Wir sind
fei George W. Bushs. alle Patrioten“, so Feld- Israelischer Checkpoint in Ramallah
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 127
Ausland

Demonstration von Krankenhausangestellten in Paris: Um die Unrast zu besänftigen, verteilt die Regierung Geld

FRANKREICH

Das Gift des Zweifels


Auftakt zu einem harten Präsidentschaftswahlkampf: Der Amtsbonus des Staatschefs
Chirac ist dahingeschmolzen, sein sozialistischer Herausforderer, Premier Jospin,
liegt in Umfragen nahezu gleichauf. Alte Schmiergeldaffären sorgen für neuen Zündstoff.

S
eine Frau Bernadette nennt ihn be- dat „zur Verfügung“ stellte. „In we-
wundernd einen „Krieger“, der sich niger als drei Monaten wird es einen
niemals geschlagen gibt. Am liebs- neuen, gewählten Präsidenten ge-
ten kämpft Jacques Chirac in Husaren- ben, und ich glaube nicht, dass es
Manier: mit blitzartigen Ausfällen, in ge- derselbe sein sollte.“
strecktem Galopp ran an den überraschten Eine Serie von Meinungsumfra-
Feind. gen alarmiert die Knappen Chiracs.
Nun ist er im Getümmel selbst auf dem Denn der Amtsbonus, den norma-

SIMON DANIEL / GAMMA / STUDIO X


falschen Fuß erwischt worden. Seit Jah- lerweise jeder Präsident zu diesem
resbeginn wirkt der französische Präsident, Zeitpunkt noch genießt, ist dahinge-
der sich der Nation in 70 Tagen zur Wie- schmolzen. Chirac und Jospin liegen
derwahl stellen will, wie gelähmt – ein praktisch gleichauf: Im ersten Wahl-
Gefangener des Elysée-Palastes, hinter des- gang, der am 21. April stattfindet,
sen Mauern er sich verschanzt hat, um bekämen beide 23 Prozent; für den
für seine Herausforderer unangreifbar zweiten Wahlgang am 5. Mai, in dem
zu bleiben. nur noch die zwei Bestplatzierten Widersacher Jospin, Chirac im Wahlkampf: Die Bilanz der
So spät wie möglich wollte Chirac seine antreten, geben die Demoskopen
Kandidatur verkünden, gewappnet mit der Chirac lediglich einen hauchdünnen Vor- ren. Bei der letzten Wahl vor sieben Jah-
Würde des Amtes. Jetzt merkt er, dass er sprung (siehe Grafik). ren waren es noch gut 59 Prozent – und
sich zur Bewegungslosigkeit verurteilt hat. Das sind die schlechtesten Zahlen, die Chirac gewann mit knapp 53 Prozent.
Denn sein erbitterter Rivale, der sozia- seit 20 Jahren für einen amtierenden Seine Verbündeten in der liberalen Mit-
listische Premier Lionel Jospin, 64, hat Staatschef zweieinhalb Monate vor den te, François Bayrou und Alain Madelin,
bereits die Deckung verlassen und droht Wahlen ermittelt wurden. Fast mehr noch heben nicht ab. Stattdessen wildern zwei
das Feld zu beherrschen. beunruhigt Chiracs Berater, dass der Prä- Verfolger, die den Präsidenten überhaupt
Das schleichende Gift des Zweifels hat sident im zweiten Durchgang über unzu- nicht schätzen, in Chiracs Potenzial: der
die Anhänger des Staatschefs erfasst. Jos- reichende Reserven verfügt. In einer drei- Rechtsaußen Jean-Marie Le Pen und der in
pin dagegen reißt die Seinen mit. „Eine seitigen Analyse weisen sie warnend darauf die Trikolore des patriotischen Republika-
neue Zeit naht“, erklärte der Regierungs- hin, dass sich die Stimmen aller Kandida- ners gehüllte frühere Innenminister Jean-
chef, der sich vor zwei Wochen als Kandi- ten der Rechten nur auf 48 Prozent addie- Pierre Chevènement.
128 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
weise gebrochenen Wahlversprechen die Das hat sich geändert – ein Verdienst
Nationalversammlung vorzeitig auflöste – vor allem seiner jüngsten Tochter Claude,
und die komfortable Regierungsmehrheit 39. Als graue Eminenz des Elysée wacht
der Konservativen verspielte. Die Nieder- „Madame fille“ über das Image und die
lage zwang ihn in die verhasste „Kohabi- öffentlichen Auftritte des Vaters, den sie
tation“ mit dem Sozialisten Jospin und gegenüber Dritten nur „Chirac“ nennt. Sie
verdammte ihn zu innenpolitischer Ohn- brachte ihn dazu, bei einem PR-Spezia-
macht. Der Premier regiert, der Präsident listen in New York TV-Lektionen zu neh-
repräsentiert. men. Sie zog ihn weg vom harten rechten
„Niemand weiß, wohin er uns diesmal Rand der Gaullisten hin in die fortschritt-
führen wird, falls er gewinnt“, bangt einer liche Mitte, die der Präsident zumindest
seiner Getreuen. Philippe Séguin, ein alter rhetorisch gern besetzt. Und sie umringt
grummelnder Gardesoldat („grognard“) ihn mit jungen Menschen, damit die
der gaullistischen Bewegung, verlangt gar, Wähler das Alter des ewigen Kandidaten –
Chirac solle sich reuig zu seinen Fehlern Chirac wird dieses Jahr 70 – vergessen.
bekennen, um wieder an den „gerissenen So viel Autorität besitzt Claude, dass sie
Faden“ seines ersten Mandats anknüpfen nur den Finger auf die Lippen zu legen
zu können. „Das Geschwür muss platzen“, braucht, und der Präsident verstummt mit-
so Séguin, „das größte Problem ist die ten im größten Wortschwall. „Allein von
Glaubwürdigkeit.“ Er hält Chiracs Sieges- ihr lässt er sich derart kastrieren“, spottet
chancen für nicht größer als eins zu drei. der liberale Senator und Chirac-Verbün-
JACK GUEZ / AFP

Denn warum dem Mann eine zweite dete Jean-Pierre Raffarin. Chirac hat seine
Chance geben, der mit der ersten nichts an- Familie in eine formidable Wahlkampfma-
fangen konnte und ausgerechnet seine
treuesten Gläubigen enttäuschte? Dem Der Staatschef steht vor einer
Der glaubt fest an seine Chance, als Präsidenten ist bewusst, dass er im Grun-
„dritter Mann“ zur Spitze aufschließen zu de nur einen kapitalen Trumpf hat: Die
schweren, beinahe
können, da viele Bürger sich eine Alter- Mehrzahl der Franzosen hält ihn für unge- existenziellen Prüfung
native zu den beiden jetzigen Chefs der mein sympathisch. Keiner kann ausdau-
Exekutive wünschen. Bayrou gibt Chirac ernder Hände schütteln, Kinderwangen schine verwandelt; denn auch Bernadette
schon geschlagen. „Die Gaullisten“, pro- küssen, Menschenmengen durch seine Ge- opfert sich auf für die Popularität des Ge-
phezeit er, „werden den Kelch bis zur Nei- genwart begeistern. Jospin wirkt dagegen mahls. In seiner langen politischen Karrie-
ge trinken.“ streng und abweisend. re, die vor 40 Jahren unter Charles de
Während eines Konklave im Elysée be- Warm und herzlich war Chirac nicht im- Gaulle und dessen Premier Georges Pom-
stürmten die gaullistischen Barone ihren mer, aber er hat gelernt. Als er 1988, bei sei- pidou begann, hat Chirac so viele Mit-
Vormann, endlich das Tempo zu verschär- nem zweiten Anlauf, die Präsidentschafts- streiter verraten und ist selbst so oft verra-
fen. „Der Januar war nicht gut für uns“, wahl gegen François Mitterrand verloren ten worden, dass er nur noch den eigenen
hielt der frühere Parteichef Nicolas Sarko- hatte, seufzte seine Frau Bernadette: „Die Angehörigen vertraut.
zy dem Präsidenten vor: „Sie sind ein un- Französen mögen meinen Mann nicht.“ Seine Wiederwahl, die vor allem ihm
selbst lange so selbstverständlich schien,
Kopf an Kopf als handelte es sich um eine Akklamation,
droht nun zu Chiracs härtester, beinahe
Umfrage zur französischen
Präsidentschaftswahl; 23 existenzieller Prüfung zu werden. Er
kämpft nicht nur um den Erhalt der Macht,
Jacques Chirac
Angaben in Prozent (Gaullist) sondern um seine Ehre, sein Bild in der
1. Wahlgang am 23 Geschichte der Fünften Republik und ei-
nen unbehelligten Lebensabend.
21. April 2002 Lionel Jospin
(Sozialist) Nur ein Sieg kann die Scharte der Ko-
Jean-Pierre habitation auswetzen. Würde Chirac aus
PATRICK KOVARIK / AFP / DPA

Chevènement 12 dem Elysée gejagt, gälte er als der schmäh-


(Republikaner) lichste Versager unter den Nachfolgern des
großen de Gaulle. Und er bekäme es un-
Jean-Marie Le Pen 8 verzüglich mit der Justiz zu tun, die ihn
(Front national) 6 verdächtigt, als Chef der Gaullistenpartei
Arlette Laguiller 6 RPR und als Bürgermeister von Paris jah-
(Trotzkistin) 6 5 4
Kandidaten trübt sich ein relang illegale Spenden von Wirtschafts-
Noël Mamère (Grüner)
unternehmen eingetrieben zu haben.
bewegliches Ziel, also leichter zu treffen.“ Robert Hue (Kommunist) Mitarbeiter und Bekannte erinnern sich,
Doch Chirac blieb unschlüssig. Alain Madelin (Liberaler) dass Chirac, solange er im Pariser Rathaus
Sein Zögern hat gute Gründe. Denn im François Bayrou (Liberalkonservativer) residierte, stets in Bargeld schwamm – und
offenen Kräftevergleich der Bewerber könn- die Notenbündel aus seinem Safe auch frei-
te schnell sichtbar werden, dass der ge- 2. Wahlgang am 5. Mai 2002 gebig verteilte. Die satirische Fernsehsen-
wählte Volksmonarch Chirac ein König dung „Guignols“, die vor allem von Ju-
ohne Kleider ist: Er hat keine Bilanz, auf die
er sich berufen kann; und er hat kein schlüs-
51 49 gendlichen gesehen wird, stellt in ihrer
Puppen-Show Chirac seit geraumer Zeit
Jacques Chirac Lionel Jospin
siges Programm, das er der Nation für die (Gaullist) (Sozialist) als Mafia-Typen dar, der wie Dagobert
nächsten fünf Jahre anbieten könnte. Duck liebevoll seine Geldsäcke umarmt.
Seine eigene Truppe hat ihm bis heute Quelle: Umfrage des Ipsos für „Le Figaro“; 925 Befragte; Und immer wenn Chirac die Gespenster
nicht verziehen, dass er 1997 nach reihen- Befragungszeitraum: 1. und 2. Februar der Vergangenheit gebannt glaubt, holen
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 129
Ausland

sie ihn wieder ein. Jetzt kann ihm eine Die Täter werden immer jünger, häufig
neue alte Affäre den Start in den Wahl-
Wahlkampf mit Plus und Minus beteiligen sich Kinder unter 13 an Über-
kampf verhageln. Vorigen Dienstag kehrte 3,0 3,05 fällen und Diebstählen. Da sie straffrei aus-
aus der Dominikanischen Republik ein gehen, fordern die Gaullisten, in jedem De-
Mann nach Paris zurück, der sich seit 1995 partement ein geschlossenes Erziehungs-
vor dem Zugriff der Richter versteckt hielt: heim einzurichten. Hunderte von Vierteln
Didier Schuller, ehemaliger gaullistischer FRANKREICHS 2,59 in den Vorstädten beherbergen ein auf-
ARBEITSLOSE
Abgeordneter des Generalrats im Depar- in Millionen; ständisches Potenzial jugendlicher Ge-
tement Hauts-de-Seine. jeweils Dezember walttäter, vor denen sich Polizei und Feu-
Denunziert vom eigenen Sohn, will saisonbereinigt 2,16 2,21 erwehr fürchten.
Schuller endlich auspacken. Seinerzeit war Wie gerufen kommt Chirac das Murren
er zuständig für den sozialen Wohnungs- der Ordnungshüter und der Richter, die
bau in seinem Departement, und er er- gemeldete STRAFTATEN in Millionen sich über die Fruchtlosigkeit ihrer Arbeit
klärt, wie die Geldmaschine RPR funktio- 4,1 beklagen. Nacheinander demonstrierten
nierte: Bauunternehmen, die öffentliche Polizisten und Gendarmen für schärfere
Aufträge ergattern wollten, mussten zahlen Gesetze, bessere Bezahlung und mehr Mit-
3,8
– und holten sich die Schmiergelder mit tel – ein beispielloser Vorgang in der Ge-
überhöhten Rechnungen wieder herein. 3,7 schichte der Fünften Republik. Gefasste
Schuller war nur ein kleines Rädchen 3,6 Täter werden oft gleich wieder auf freien
im Getriebe. „Die Entscheidungen“, so 3,5 Fuß gesetzt, weil die Justiz nicht nach-
sagt er, „wurden auf weit höherer Ebene kommt: In Frankreich urteilen heute nicht
getroffen.“ Die Partei beauftragte ihn, den mehr Richter als zur Zeit Napoleons III.
Sozialisten das Rathaus von Clichy zu ent- 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 Nur ein Drittel aller niedrigen Gefängnis-
reißen. Dafür bekam er Millionen, um sich strafen wird auch vollstreckt.
die Wähler geneigt zu stimmen – mit So- Dass der unbequeme Zeuge Schuller Um die Unrast zu besänftigen, verteilt
zialhilfen, Ferienplätzen für Kinder, Weih- nun pünktlich zum Wahlkampf wieder auf- die Regierung Geld. Damit klettert das
nachtsgeschenken und Verköstigungen für taucht, brachte den Ex-Premier und engs- Budgetdefizit in die Höhe, und zugleich
die Alten. ten Chirac-Vertrauten Alain Juppé so in geraten immer weitere Berufsgruppen in
In ihrer Skrupellosigkeit schreckten die Rage, dass er die Nerven verlor. Die Versuchung, die Verletzlichkeit Jospins vor
Mächtigen offenbar vor keinem Übergriff Sozialisten seien es, die hinter allem steck- den Wahlen auszunutzen und ihre Forde-
zurück. Als der Untersuchungsrichter Eric ten; sie wollten „eine Schmutzkampagne“ rungen durchzusetzen. Ärzte, Kranken-
Halphen die unsauberen Geschäfte zu führen und „in der Scheiße wühlen“. schwestern und Lehrer drohen mit Streiks.
durchleuchten begann, versuchte Schuller, Der sozialistische Parteichef François Jospins Bilanz wird auch dort trüber, wo
dessen Schwiegervater zu bestechen – an- Hollande konterte mit kühler Ironie: „Wir sie am hellsten strahlte: bei der Bekämp-
geblich auf Weisung des damaligen Innen- bleiben lieber im Salon als auf dem Klo.“ fung der Arbeitslosigkeit. Vier Jahre lang
ministers Charles Pasqua. Richter Halphen Mit dem Rücken zur Wand gedrängt, sank die Zahl der Unbeschäftigten um fast
hat inzwischen vor der Immunität des plant Chirac jetzt den Ausbruch, schnell,
Staatschefs kapituliert und sich vom Dienst kurz und hart. In einer Doppeloffensive Mehr als die Hälfte der
beurlauben lassen. In einem mit Spannung will er die geleistete Regierungsarbeit des
erwarteten Buch, das im März erscheint, Premiers Jospin zertrümmern und zugleich
Franzosen ist mit der Wirtschafts-
wird er die „Justiz des doppelten Maßes“ den Rivalen, der sich so viel auf seine In- politik unzufrieden
anprangern und die Pressionen schildern, tegrität und seine Transparenz zugute hält,
denen er ausgesetzt war, als wäre Frank- im Innersten beschädigen. 30 Prozent; 1,7 Millionen Arbeitsplätze
reich eine Bananenrepublik. Die Handhabe dafür glaubt er gefunden wurden geschaffen, Frankreich rühmte
zu haben. In Jospins Laufbahn, von dessen sich, eines der dynamischsten Länder in
Freunden gern als musterhaft gradlinig ge- der EU zu sein. Doch voriges Jahr stieg
priesen, gibt es einen krummen Neben- die Zahl der Jobsuchenden erstmals wieder
weg: Als Student hatte sich Jospin einer um 2,2 Prozent. Die Stimmung kann leicht
trotzkistischen Gruppierung angeschlos- kippen, mehr als die Hälfte der Franzosen
sen, einige Kontakte hielt er wohl noch bis ist derzeit unzufrieden mit der Wirt-
in die achtziger Jahre aufrecht. schaftspolitik der Regierung.
Falsch und verschlagen sei der angebli- Chirac, der nichts zu verantworten hat,
che Saubermann, lässt Chirac seine Ban- kann alles versprechen: mehr Sicherheit,
nerträger verkünden, Doppelzüngigkeit mehr Gerechtigkeit, mehr Kaufkraft. Er
gehöre zur „trotzkistischen Kultur“. Schon umarmt nicht nur die Wähler, er zieht auch
immer habe die Strategie der Trotzkisten alle Meinungen und Programme an sich,
darin bestanden, den Staat zu unterwan- unbehindert von Überzeugungen, Prinzi-
dern, um ihn von innen heraus zerstören pien und Ideologien. Ein Meister im Ver-
zu können. einen von Gegensätzen, ist er zugleich
Die „Wiederherstellung der staatlichen national und europäisch, konservativ und
Autorität“ ist eines der Hauptthemen Chi- sozial, für die Globalisierung und deren
racs. Zu Hilfe kommt ihm dabei ein wach- Beherrschung, für die Agrarlobby und die
sendes Gefühl der Unsicherheit, das die Ökologen.
ORLANDO RAMOS / AP

Franzosen im Alltag ängstigt. Die Krimi- Stramme Gaullisten, die seine Wen-
nalität stieg voriges Jahr um knapp acht digkeit mit Unbehagen erfüllt, beruhigt
Prozent, nachdem sie schon im Jahr 2000 der Präsident mit einem Lachen: „Freun-
um fast sechs Prozent zugenommen hatte. de, fürchtet nichts. Ihr werdet über-
Skandalzeuge Schuller Polizei und Gendarmerie registrierten erst- rascht sein, wie demagogisch ich sein
Unbequemer Rückkehrer aus der Karibik mals mehr als vier Millionen Delikte. kann.“ Romain Leick

130 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
ARGENTINIEN

Showdown
im Pampastaat
Nach der wirtschaftlichen
Pleite und den Massenprotesten
droht das Land
in Anarchie abzugleiten.

F
amilie Zavala hat ihr Vermögen stra-
tegisch verteilt: Einige hundert Dollar
liegen unter dem abgewetzten Par-
kett ihres Apartments. Einen Stapel der
grünen Scheine hat der Herr des Hauses
hinter der Attrappe eines Lichtschalters
CLAUDIA CONTERIS / AFP / DPA

versteckt. Der Rest steckt zwischen den


zusammengeklebten Seiten eines abgegrif-
fenen Schulatlas. „Den Banken kann man
nicht trauen“, sagt Mutter Amelia. „Und
bei dieser Regierung weiß man nicht, ob sie
es nicht irgendwann auch auf unser Bargeld
abgesehen hat.“ Großdemonstration in Buenos Aires
20 000 Dollar haben die Zavalas bereits Klappern mit Kochtöpfen
abgeschrieben. Das Geld liegt auf der
Bank, doch seit Dezember ist ihr Konto die Hand: Ein Provinzrichter hatte die Aus-
eingefroren. Nur einige Pesos kann Frau zahlung angeordnet.
Zavala aus dem Automaten ziehen. Die Der Showdown zwischen Präsident und
sind indes kaum noch etwas wert, seit die Justiz eröffnet eine neue Front in dem kri-
Regierung die Parität zum Dollar aufgege- sengeschüttelten Pampastaat. Nach Staats-
ben hat. Die Zavalas sind ein Opfer des pleite und Massenprotesten droht jetzt

FABIAN GREDILLAS / DPA


„corralito“, wie die Argentinier die von auch noch ein Verfassungskonflikt. Dem
der Regierung verordnete Beschränkung Präsident entgleitet die Kontrolle über
des Zugangs zu den eigenen Konten und das Land.
Sparguthaben nennen. Noch glaubt der gewiefte Duhalde, die
Jede Woche geht die Familie mit Tau- Zügel in der Hand zu haben: Kein argen-
senden anderen Argentiniern der Mittel- tinischer Präsident der vergangenen 25 Präsident Duhalde
schicht auf die Straße und klappert mit Jahre habe je so viel Macht angesammelt, Zügel in der Hand?
Kochtöpfen, um gegen den „corralito“ zu frohlockte der Peronist.
protestieren. Anfang des Monats sprang Ob der Caudillo die kommenden Wo- Präsident Duhalde wappnet sich bereits
ihnen der Oberste Gerichtshof bei: Er chen politisch überlebt, hängt vom Erfolg für das Schlimmste. Vergangene Woche
erklärte den „corralito“ für verfassungs- seines Wirtschaftsplans ab. Die nächste Sta- empfing er die Oberbefehlshaber der
widrig. tion im Niedergang Argentiniens sei „die Streitkräfte, um sie auf den Regierungs-
Das Gericht ist zwar auch nicht son- Anarchie“, warnte er vorsorglich. kurs einzuschwören. Zuvor hatten Gerüch-
derlich beliebt: Seit Wochen fordern De- Ohne ausländische Hilfe haben Duhal- te kursiert, einige Offiziere wollten den
monstranten seine Absetzung, weil die des Reformen keine Chance. Die Argenti- Präsidenten absetzen.
Richter als korrupt gelten. Die meisten von nier hoffen auf Darlehen des Welt- An der diplomatischen Front sucht der
ihnen sind noch dem ehemaligen Präsi- währungsfonds im Gesamtwert von 15 Mil- Präsident Beistand bei den Deutschen. Als
denten Carlos Menem, Erzfeind des jet- liarden Dollar. Doch IWF-Chef Horst erster europäischer Staatsbesucher seit
zigen Amtsinhabers Eduardo Duhalde, Köhler hütet sich vor Zusagen. Zunächst dem Sturz von Präsident Fernando de la
verbunden. Der Kongress will ein Amts- will er den Wirtschaftsplan überprüfen. Rúa im Dezember kommt Bundeskanzler
enthebungsverfahren gegen sie einleiten. Tatsächlich reicht eine Milliardenspritze Gerhard Schröder nächste Woche nach
Mit dem Urteil gegen den „corralito“ woll- kaum aus, um Argentinien aus dem Ab- Buenos Aires. Duhalde hofft, dass der
ten die Richter sich vermutlich bei der ge- grund zu ziehen. Wenn ihre Konten frei- Deutsche sich für neue Kredite einsetzt.
beutelten Mittelschicht einschmeicheln. gegeben sind, werden die entnervten Bür- Dass Berlin die Lage in Argentinien als
Präsident Duhalde konterte sofort: Er ger jeden Peso so schnell wie möglich ab- explosiv einschätzt, lässt sich am Reiseplan
setzte sich per Dekret über das Urteil hin- heben und in Dollar umtauschen. Experten des Bundeskanzlers ablesen. Eigentlich war
weg und blockierte alle Klagen gegen die rechnen damit, dass der Peso bis zu 70 Pro- Brasilien als letzte Station der Lateiname-
Beschränkungen des Zugriffs auf die Kon- zent seines Wertes verlieren wird. rika-Tour vorgesehen; jetzt soll Schröder
ten für sechs Monate. Pessimisten befürchten, dass ein drama- von Buenos Aires in die Heimat starten,
Nunmehr wollen unzählige Richter den tischer Verfall des Pesos eine Hyperinfla- verlautete aus diplomatischen Kreisen. Der
Erlass mit einer Flut einstweiliger Verfü- tion wie in den achtziger Jahren auslösen Grund: Wenn es in Buenos Aires zu Un-
gungen aushebeln. Im fernen Feuerland könnte. Um die Geldzirkulation nicht zu ruhen kommen sollte, kann der Kanzler
erhielten einige wenige Glückliche ver- erhöhen, will die Regierung die Bankgut- den Trip an den Río de la Plata problem-
gangene Woche tatsächlich Dollar bar auf haben nur schrittweise freigeben. los absagen. Jens Glüsing

d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 131
Ausland

ZENTRALASIEN

„Eine dauerhafte Präsenz“


Mit Missmut verfolgt Moskau den Aufmarsch der Amerikaner im früheren sowjetischen Orient. Doch
zugleich formieren sich dort islamistische Untergrundkämpfer gegen die neue Vormacht.

J
etzt hocken die jungen Leute in der geschlagen, ihr Boss samt 45 Kampfgenossen terien in Duschanbe unter sich aufgeteilt.
Moschee des tadschikischen Dorfes getötet. 120 wurden gefangen genommen. Der wirtschaftliche Niedergang im ärms-
Rochati ganz entspannt und friedlich „Wir wollen einen islamischen Staat, in ten Land der Region aber hat islamisti-
auf Kissen und Teppichen um den bul- dem die Mädchen einen Schleier tragen“, schen Gruppen frischen Zulauf beschert.
lernden Eisenofen beim Tee. tönt Mitkämpfer Musafar, 17, ungebrochen, Die 1200 Kilometer lange Grenze mit
150 Kilometer sind es von hier nach Sü- und niemand in der Moschee widerspricht. dem Krisenstaat Afghanistan ist zudem
den bis zur afghanischen Grenze, 10 nur bis Die Lage in Rochati sei „unter Kontrol- porös, Tadschikistan damit idealer Transit-
in die Hauptstadt Duschanbe. Dort aber le“, behauptet Chudoinisar Assojew, Major staat für Rauschgift und islamische Fun-
hält man Rochati keineswegs für einen im Innenministerium von Duschanbe. Das damentalisten.
harmlosen Dorfweiler. bemäntelt nur dürftig einen gefährlichen Den Regierenden in Duschanbe, deren
Die Gäste im Gotteshaus sind Kämpfer Tatbestand: Von allen fünf postsowjeti- Macht nicht allzu weit über die Grenzen
mit einschlägigen Erfahrungen im Kampf schen Republiken in Zentralasien, dem der Hauptstadt hinausreicht, kommen die
gegen die Staatsmacht. Angeführt von dem dramatischen Krisenherd, ist das über jüngst aus Übersee eingetroffenen Gäste
bärtigen Hirten Rachmon Sanginow, den sechs Millionen Einwohner zählende Ta- deswegen gerade recht: Im weltweiten
seine Kameraden „Hitler“ nannten, waren dschikistan das schwächste Glied. Anti-Terror-Kampf haben die Amerika-
voriges Jahr an die 400 verarmte Dörfler, Der blutige Bürgerkrieg – mit vermut- ner ihren Fuß nun auch nach Tadschi-
allesamt Islamisten, gegen anrückende Re- lich 50 000 Toten – ging zwar vor fünf Jah- kistan gesetzt.
gierungstruppen zu Felde gezogen. ren zu Ende, aber nur dank eines fragilen Zu sehen sind die US-Soldaten kaum.
Die Schlacht dauerte einen Monat. Dann Kompromisses. Regierung und bewaffne- Auf den Boulevards und in den Discothe-
waren die Gotteskrieger mit ihren Kalasch- te Opposition sind nun gemeinsam an der ken Duschanbes, das sich von 1929 bis 1961
nikows und einem alten Artilleriegeschütz Macht, die Kriegsfürsten haben die Minis- Stalinabad nannte, tummeln sich zwar Rus-
sen und – seit Beginn des Anti-Terror-Krie-
Nachgewiesene und ges – auch Franzosen. Amerikas Versuche,
RUSSLAND geschätzte Reserven das bislang auf Moskau fixierte Land näher
500 km Erdöl in Mrd. Barrel an sich zu binden, gleicht dagegen einer
Erdgas in Billionen Undercover-Aktion.
Kubikmeter Ohne Aufsehen besichtigte ein US-Ex-
pertenteam Ende Dezember den Flugplatz
Kaspisches 3,8 Flughäfen mit
Astana im südtadschikischen Kuljab, der einst der
Meer 29,1 US-Truppenpräsenz
afghanischen Nordallianz für den Waffen-
K A S A C H S TA N umschlag diente. Bereits einen Monat zuvor
Aralsee
Gläubige in der Moschee von Duschanbe: „Schleier

Balchaschsee
8,8 2,3 U S B E K I S TA N
7,3
TURKME- Fergana-Tal
0,7
N I S TA N Bischkek CHINA
Taschkent
Aschgabad
Chanabad KIRGISIEN
IRAN Kokaidy Duschanbe
TA D S C H I K I S TA N
Russische 201. Motschützendivision Kuljab
Russische Grenztruppen
A F G H A N I S TA N
KASACHSTAN KIRGISIEN TADSCHIKISTAN TURKMENISTAN USBEKISTAN
Größe
des Landes 2 717 300 km2 198 500 km2 143 100 km2 488 100 km2 447 400 km2

Einwohner 16,1 Millionen 5,0 Millionen 6,1 Millionen 4,9 Millionen 25,3 Millionen
Bruttoinlands-
produkt 18,2 Mrd. US$ 1,3 Mrd. US$ 1,2 Mrd. US$ 4,3 Mrd. US$ 13,6 Mrd. US$
Auslands- 6,18 Mrd. US$ 1,70 Mrd. US$ 0,88 Mrd. US$ 2,02 Mrd. US$ 4,16 Mrd. US$
verschuldung

132 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
hatte Washington mit der Regie- ert. Und für die „Stabilität“ des
rung in Duschanbe ein Stationie- Staates, dessen Präsident Emo-
rungsabkommen unterzeichnet. mali Rachmonow sich 1999 mit
Der Vertrag erlaubt den ame- knapp 97 Prozent der Stimmen
rikanischen Militärs, zusammen wählen ließ, sorgen zudem Russ-
mit Truppen auch „Ausrüstungs- lands 201. motorisierte Schüt-
und Versorgungsgegenstände“ ins zendivision und GUS-Friedens-
Land zu bringen – unbegrenzt truppen. Insgesamt sind etwa
und unkontrolliert. 18 000 Russen in Tadschikistan
US-Diplomaten stellten den stationiert.
überraschten Tadschiken sogar in Mit der Aussicht auf Dollar und

ALEXANDER NEMENOV / AFP


Aussicht, ihre Armee von russi- Investitionen hat die Bush-Admi-
schem Material auf Nato-Gerät nistration auch das benachbarte
umzurüsten. Parallel dazu bemüht Kirgisien zu einem Stationie-
sich Washington gezielt um Spit- rungsabkommen bewegt. US-
zenvertreter der politischen Elite Truppen nutzen bereits den Flug-
und lud etwa den Vizepremier platz „Manas“ nahe der Haupt-
und altgedienten Islamistenführer Russische Soldaten*: „Nicht in unserem Interesse“ stadt Bischkek, wo regelmäßig
Akbar Turadschonsoda zu einer „Galaxy“-Transporter und F-15-
Drei-Wochen-Tournee durch ame- Kampfflugzeuge landen. Zwar
rikanische Universitätsstädte ein. darf das Land nach einer Verein-
Vage versprechen US-Politiker barung mit Moskau keine frem-
wie Joseph Lieberman den Ta- den Militärbasen einrichten. Doch
dschiken auch Wirtschaftskoope- trickreiche Juristen fanden einen
ration. Der Senator, als möglicher Ausweg: Die US-Soldaten gelten
Präsidentschaftskandidat der De- als Vertreter einer „besonderen
mokraten im Gespräch, erläuter- diplomatischen Mission“.
te kürzlich in einem Vortrag an Die genaue Zahl der Soldaten
der Georgetown-Universität in und Militärflugzeuge in Kirgisien
Washington, warum US-Truppen wird geheim gehalten. Eine von

EFREM LUKATSKY / AP
langfristig in Zentralasien bleiben US-Soldaten errichtete Zeltstadt
sollten. auf der Luftwaffenbasis aber soll
Laut Lieberman gelte es in den in den nächsten Monaten bis zu
zentralasiatischen Republiken De- 3000 Soldaten aufnehmen.
mokratie, Meinungsfreiheit und Partner Rumsfeld, Karimow: Glatte Erfolgsbilanz Regelmäßig fliegt die US-Luft-
Marktwirtschaft zu fördern. Die waffe von der Frankfurter Air-
USA könnten auch deren „Unabhängig- sprächspartner, eine Dauerpräsenz von base Mannschaften und Material nach Kir-
keit gegenüber größeren Nachbarländern US-Truppen sei „nicht in unserem Interes- gisien, das als geografischer Keil zwischen
schützen“ – gemeint ist Russland, das be- se“. Die Amerikaner, sekundiert das Mos- China und dem russischen Interessenge-
reits nervös reagiert. kauer National-Patrioten-Blatt „Sawtra“, biet strategische Bedeutung gewinnt. Für
Gennadij Selesnjow, Kreml-naher Du- richteten sich „in der geopolitischen Etap- die verarmte Republik ist der US-Auf-
ma-Präside, warnte bei einem Duschanbe- pe Russlands“ ein und drängten die Russen marsch ein einträgliches Geschäft. Jede
Besuch im Januar seine tadschikischen Ge- „aus einer Einflusszone, welche die Ro- Landung einer US-Militärmaschine auf
manow-Dynastie und Stalin erkämpften“. Manas spült angeblich 7000 Dollar in die
für die Mädchen“ Konstantin Tozki, als Chef des Föderalen Staatskasse.
Grenzdienstes russisches Regierungsmit- Die amerikanische Basis bei Bischkek
glied, setzte gar ein Ultimatum. Wenn die ist freilich kaum notwendig, um die letzten
USA Militärstützpunkte in Tadschikistan versprengten Taliban in Afghanistan auf-
einrichten, sei das allein für die Zeit der zuspüren. Vizeverteidigungsminister und
Anti-Terror-Operation denkbar. „Sollte das Pentagon-Hardliner Paul Wolfowitz ge-
lange andauern, ist es mit der Freundschaft steht, US-Soldaten in Zentralasien hätten
aus“, bollerte der General. „mehr eine politische als aktuell militäri-
Doch Moskauer Drohgebärden gegen- sche Funktion“.
über den bisherigen Verbündeten, so Rus- Russische Sicherheitsexperten alarmiert,
lan Chaidarow vom Zentrum für globale dass der Stationierungsvertrag zwischen
und soziologische Untersuchungen in Kirgisien und den USA keinerlei Begren-
Duschanbe, könnten „die Sympathie für zung für Art und Zahl von Kampfflugzeu-
die USA und den Westen nur verstärken“, gen vorsieht. Moskauer Geheimdienstler,
zumal Russland Zentralasien kaum öko- die in der kirgisischen Hauptstadt ein „An-
nomische Hilfe biete. titerroristisches Zentrum“ finanzieren, arg-
Militärstrategisch zumindest sind die wöhnen zudem, von Bischkek aus sei der
Russen in den nächsten Jahren aus Ta- gesamte Telefon- und E-Mail-Verkehr Zen-
dschikistan kaum herauszukatapultieren. tralasiens abzuhören.
Für die Bewachung ihrer Grenze hat die Bislang keinen Erfolg hatten die Ameri-
durch den fünfjährigen Bürgerkrieg zerrüt- kaner bei der Suche nach neuen militäri-
ALEXEI VLADYKIN / AP

tete Republik russische Truppen angeheu- schen Partnern in Kasachstan und Turk-
menistan, anders als in Usbekistan.
* An der tadschikisch-afghanischen Grenze südlich von Zwar nimmt Nursultan Nasarbajew, der
Duschanbe. autoritäre Herrscher Kasachstans, gern US-
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 133
Ausland

Hilfe für den Bau der an Russland vorbei- von Turkmenbaschi-Denkmälern übersä- zeugen. In die Modernisierung des Stütz-
geführten Pipeline Baku–Tiflis–Ceyhan in te Hauptstadt Aschgabad, der Turkme- punkts will die transatlantische Vormacht
Anspruch. Dennoch scheut sich die kasa- nenpräsident fuhr Ende Januar nach Mos- 250 Millionen Dollar investieren, über 200
chische Führung bislang, die Amerikaner kau. Sein russischer Amtskollege Wladi- Millionen Dollar Miete für die Nutzung
nicht nur als Investoren, sondern auch als mir Putin will das Wüstenvolk mit einer der beiden usbekischen Areale sollen die
Militärmacht ins Land zu holen. „Eurasischen Gas-Union“ an sich binden, USA jährlich zahlen.
Grund für Nasarbajews Zögern: Das russische Konzerne sollen neue Gasvor- US-General Tommy Franks, Oberbe-
wirtschaftlich kränkelnde Kasachstan kann kommen in Turkmenistan erschließen. fehlshaber des Afghanistan-Feldzugs, spot-
sich Konflikte mit dem mächtigen Nach- Während amerikanische Diplomaten in ten Vertraute, erscheine inzwischen häufi-
barn im Norden kaum leisten. Rund ein Aschgabad vergebens auf einen Kurs- oder ger in Taschkent als im Pentagon. Auch
Drittel der 16 Millionen Einwohner des Regimewechsel warten, können ihre Kol- Ressortchef Donald Rumsfeld war bereits
Landes sind Russen und viele von ihnen legen in Usbekistans Hauptstadt Taschkent mehrfach vor Ort. Dennoch entwickelt sich
unentbehrliche Fachkräfte in Wirtschaft dem State Department eine glatte Erfolgs- Usbekistan für die Amerikaner zu einem
und Staatsapparat. gefährlichen Partner.
Deutlich distanzierter gegenüber den Usbekistan entwickelt Das Regime des Präsidenten Islam Ka-
USA als Nasarbajew zeigt sich Turkmeni- rimow macht durch Misshandlungen von
stans Präsident Saparmurad Nijasow. Der
sich für die Amerikaner zu einem politischen Gefangenen und mit rigider
„Turkmenbaschi“, ehemaliger KP-Chef der gefährlichen Partner Pressezensur von sich reden. Zudem ist
turkmenischen Sowjetrepublik, regiert sein das Verhältnis zum benachbarten Tadschi-
Land (4,9 Millionen Einwohner) gestützt bilanz vorlegen. Der Inhalt eines am 7. Ok- kistan durch tiefes Misstrauen vergiftet.
auf Polizei und den immer mächtiger wer- tober vorigen Jahres mit der usbekischen Aus Angst vor islamistischen Rebellen ließ
denden Geheimdienst. Regierung abgeschlossenen Militärabkom- Karimow die Grenze verminen.
„Neutralität“ lautet die Parole seiner mens blieb geheim. Dank des straff auto- Im rohstoffreichen Usbekistan, so der
Außenpolitik, gute Beziehungen pflegte er ritären Regimes sickerten nicht einmal Ein- Führer der demokratischen Senatsmehr-
mit den Taliban. Mit Hilfe seiner beträcht- zelheiten des Deals durch. heit Tom Daschle bei einem Besuch in
lichen Gasreserven und Herrschaftsme- Mindestens 3000 US-Soldaten stehen be- Taschkent, richten sich die USA nun „auf
thoden, die beim früheren Sowjetführer reits in Usbekistan, der mit über 25 Millio- eine dauerhafte Präsenz“ ein. Gerade dies
Breschnew entlehnt scheinen, versucht sich nen Einwohnern bevölkerungsreichsten aber könnte Washington zum Verhängnis
der Turkmenbaschi in Autarkie. zentralasiatischen Republik. Schätzungs- werden.
Sein Abstand zu den USA macht ihn weise 50 bis 60 F-15- und F-16-Kampf- In Usbekistan, wo nach einem geheim-
neuerdings für den Kreml zu einem be- flugzeuge starten und landen regelmäßig dienstnahen Moskauer Analysedienst „die
gehrten Partner. Anfang Januar reiste Russ- auf der Luftwaffenbasis Chanabad, neben Zahl der Islamisten mit jedem Tag wächst“,
lands Außenminister Igor Iwanow in die Kampfhubschraubern und Transportflug- formiert sich die Untergrundorganisation
„Hisb al-Tahrir“ (Partei der Be- riefen die Muslime auf, sich „nicht zu Skla-
freiung). ven der Amerikaner“ zu machen.
Im Gegensatz zur ebenfalls Auf den Koran eingeschworene Konspi-
illegal tätigen Islamischen Be- rateure, die in Trupps von nicht mehr als
wegung Usbekistans, deren le- zwei Dutzend Mann auftreten, operieren
gendärer Führer Dschumabai oft in gestohlenen Uniformen: mal als ta-
Chodschijew (Deckname: Na- dschikische Grenzer, mal als russische Mi-
mangani) im November bei litärs. Wie weit der Zulauf reicht, stellten
Kämpfen an der Seite der Tali- kirgisische Sicherheitsbeamte unlängst ver-
ban gefallen sein soll, vermied blüfft fest. Ein verhafteter Muslim-Guerril-
die neue Truppe, sich an die af- lero erwies sich als Absolvent der Akade-
ghanischen Ultras zu binden. mie des russischen Föderalen Sicherheits-
Die „Befreiungs“-Partei, die dienstes (FSB) in Moskau.
für einen „Kalifat-Staat“ ficht, Tadschikistans Ministerium für Staats-
in dem „alle Vorschriften des Is- sicherheit, das mit 20 000 Mann im Ver-
lam gelten“, hat ihre Hauptbasis hältnis zur Einwohnerzahl immerhin mehr
im Fergana-Tal, der Islamisten- als halb so viele hauptamtliche Schnüffler
Hochburg im postsowjetischen beschäftigt wie früher die DDR-Stasi, tappt
Zentralasien. Ableger der streng im Dunkeln, was die Zahl der Hisb-al-Tah-
konspirativen Organisation, in rir-Kämpfer in der Republik angeht. Doch
der Zellen von je vier bis fünf die Misere „in der Wirtschaft“, seufzt ein
Mann jeweils nur einen Leiter Oberst im früheren KGB-Gebäude von
kennen, schüren bereits Auf- Duschanbe, könne den Extremisten weite-
standsstimmung in Tadschiki- re Anhänger verschaffen.
stan und Kirgisien. Sorgen muss dem Oberst auch die de-
Kirgisische Staatsschützer ha- mografische Entwicklung bereiten. In Ta-
ben in den letzten Monaten 200 dschikistan wie in Usbekistan, wo die meis-
Hisb-al-Tahrir-Emissäre festge- ten Frauen vier bis fünf Kinder zur Welt

EFREM LUKATSKY / AP
nommen. Dennoch tauchten bringen, sind fast 50 Prozent der Bevölke-
Ende Januar in der zweitgröß- rung Jugendliche ohne Aussicht auf Jobs
ten Stadt Osch unweit der usbe- und Karriere – ein gewaltiges Potenzial für
kischen Grenze Flugblätter der die Kämpfer unter dem grünen Banner des
Islamisten-Organisation auf. Sie US-Maschine über Chanabad: 3000 Soldaten vor Ort Propheten. Uwe Klussmann
Ausland

E U R O PA

„Wir sind keine Marionetten“


Jean-Luc Dehaene, Vizepräsident des EU-Verfassungskonvents, über eine
neue Machtverteilung in der Gemeinschaft und das drohende Chaos beim Erweiterungsprozess

SPIEGEL: Herr Dehaene, der deutsche Konvent binnen eines Jahres entwickeln.
Außenminister sagt, die Staats- und Re- Die Antworten dann in Beschlüsse umzu-
gierungschefs wussten nicht, was sie taten, setzen bleibt das Recht der Staats- und
als sie einen Konvent für eine tief greifen- Regierungschefs, des Europäischen Rates.
de Reform der EU einberiefen. Wird dort SPIEGEL: Die Vorschläge des Konvents wer-
„die europäische Revolution“ ausbrechen? den zwar nicht rechtlich, wohl aber poli-
Dehaene: Ich bin mit Joschka Fischer ganz tisch verbindlich sein. Die Regierungschefs
einer Meinung. Wenn wir jetzt im März können sich ja kaum über das hinwegset-
mit der Arbeit im Konvent beginnen, wird zen, was die nationalen Abgeordneten im
es für die Regierungschefs sehr schwierig, Konvent im Namen ihrer jeweiligen Parla-
das Ganze unter Kontrolle zu halten. Die- mente für richtig halten.

JAN VAN DE VEL / REPORTERS / LAIF


ser Konvent hat dann sein Eigenleben. Dehaene: Die parlamentarische Seite hat
SPIEGEL: Bisher haben in der EU allein die eindeutig ein großes Gewicht, auch wenn
15 Staats- und Regierungschefs das Sagen. es wohl keine förmlichen Abstimmungen
Kommt es zur Machtverlagerung? im Konvent geben wird. Wir sind keine
Dehaene: Das kann sein. Wir brauchen die Marionetten. Das macht die Rolle des Kon-
Chance zur grundlegenden Reform der EU. ventspräsidenten und auch des zwölfköp-
Und zwar auf der Basis dessen, was die figen Präsidiums so wichtig. Das Präsidium
Vertreter der Parlamente Europas, der Re- Europa-Experte Dehaene bereitet die Texte vor und hört sich dann
gierungen und der EU-Kommission im „Chance zur grundlegenden Reform“ die Reaktionen des Konvents an.

Nun schwant Fischer, im Konvent


könnte eine „europäische Revolution“

„Europäische Revolution“? ausbrechen, die eine weit reichende


Machtverschiebung in Richtung Brüssel
zur Folge hätte. Bestätigung findet er bei
Der Verfassungskonvent soll endlich die EU-Reform voranbringen. Belgiens ehemaligem Regierungschef
Jean-Luc Dehaene, einem der „drei Wei-

D
as Fachgebiet ist schwierig, das Me- wie gewohnt und versuchten, die neue sen“ zur EU-Vertragsreform und neben
dieninteresse entsprechend gering. Institution von vornherein über einen Italiens Ex-Premier Giuliano Amato nun
Und doch hat der Europa-Aus- Lenkungsausschuss zu gängeln, zum blo- Vizepräsident des Konvents.
schuss des Bundestags Geschichte gemacht ßen Diskussionsforum abzuwerten. Das Übergewicht der Parlamentarier
– dank eines verbrieften Sonderrechts. Der Berliner Ausschuss stoppte die ho- in dem Modernisierungsprojekt ist ein-
Als einziger Parlamentsausschuss darf hen Herren. Die Abgeordneten, selbst die deutig. Den Reformern gehören je ein
er Stellungnahmen verabschieden, die für von der rot-grünen Koalition, verlangten Vertreter der 15 EU-Regierungen und 2
die Bundesregierung genauso verbindlich von der Bundesregierung, die völlige Un- Repräsentanten der EU-Kommission an,
sind wie Beschlüsse des Bundestags. Mit abhängigkeit des Verfassungskonvents zu dazu 16 Abgeordnete des Europäischen
diesem Privileg hat der Europa-Ausschuss garantieren. Zudem organisierten sie Wi- Parlaments und 30 nationale Parlamen-
schon jetzt wesentlich zur Weiterent- derstand in den anderen Hauptstädten tarier, zwei pro Mitgliedstaat. Die Bei-
wicklung der Europäischen Union beige- über die Konferenz der Europa-Aus- trittsländer sollen mit je einem Abge-
tragen. Den Verfassungskonvent der EU, schüsse aller Parlamente. Die Berliner sandten der Regierung und zwei des je-
wie er sich am 28. Februar konstituiert, Regierung knickte ein. Außenminister weiligen Parlaments an den Beratungen
„hätte es ohne uns nicht gegeben“, sagt Joschka Fischer versprach, man mache uneingeschränkt teilnehmen; einen Kon-
der CDU-Ausschussvorsitzende Friedbert sich sämtliche Forderungen des Berliner sens zwischen den EU-Partnern können
Pflüger. Gremiums zu Eigen und vertrete sie ge- sie jedoch nicht verhindern. Wichtigstes
Denn die politischen Führer der genüber den EU-Partnern. Steuerorgan wird das Präsidium mit
großen Mitgliedstaaten wollten diesen Bis zuletzt wollten die Regierungen in Frankreichs Ex-Präsident Valéry Giscard
Konvent nicht. Kanzler Gerhard Schröder London, Dublin, Kopenhagen, Madrid d’Estaing an der Spitze sein.
missfiel ebenso wie Briten-Premier Tony und Lissabon den Konvent am liebsten Das Präsidium soll Antworten auf die
Blair oder Frankreichs Staatspräsidenten verhindern. Doch dann geschah beim EU- Fragen vorbereiten, die beim Gipfel in
Jacques Chirac, dass eine neue Institu- Gipfel im belgischen Laeken im Dezem- Laeken unverbindlich formuliert wurden.
tion zur grundlegenden Reform der Uni- ber „ein richtiges Wunder“, so der CDU- Wie soll zum Beispiel eine EU mit bis
on entstehen sollte, die nicht ihrer Kon- Europaparlamentarier und Konvent-De- zu 30 Mitgliedern funktionieren? Wie
trolle unterstand. Deshalb reagierten sie legierte Elmar Brok. sind mehr Demokratie und Transparenz

136 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
SPIEGEL: Wie hoch schätzen Sie die Bereit-
schaft der EU-Staaten zum großen revolu-
tionären Durchbruch ein?
Dehaene: In Europa musste man bisher im-
mer schrittweise eines nach dem anderen
machen. Jetzt aber muss man mehr als
einen kleinen Schritt tun. Der Vertrag von
Nizza hat die EU nicht wirklich erwei-
terungsfähig gemacht, sie würde mit 20
oder gar 27 Mitgliedstaaten nicht mehr
funktionieren. In Nizza hat man, wie bei
früheren Erweiterungen auch, die Verträ-
ge nur quantitativ angepasst. Das reicht
nicht mehr.
SPIEGEL: Ist der neue Konvent die letzte
Chance für das Überleben der EU?
Dehaene: Die Erweiterung ist die nächste
große Wiedervereinigung, die Wiederver-
einigung Europas. Wir stehen vor einem
Quantensprung, vor einer völlig neuen Di-
mension des europäischen Projekts. Nach
der wirtschaftlichen Integration wird es
BONN-SEQUENZ / ULLSTEIN BILDERDIENST

jetzt ernst. Europa muss sich nun, wenn


es überleben will, wirklich als politische
Union organisieren. Deshalb müssen wir
im Vertragswerk neu Ordnung schaffen.
SPIEGEL: Wird künftig in allen Politikfeldern
der EU der Grundsatz der Mehrheitsent-
scheidung gelten?
Dehaene: Ja. In einem integrierten Bereich
braucht man auf europäischer Ebene
Mehrheitsentscheidungen. Das Mehrheits- Europaparlament in Straßburg: „Wir stehen vor einem Quantensprung“

prinzip ist für mich kein Mittel, um Ent- Dehaene: Ich bin nicht sehr begeistert vom
zu erreichen? Was gehört in die Zu- scheidungen zu erzwingen. Es geht dabei deutschen Ansatz. Statt um Kompetenz-
ständigkeit Brüssels, was in die Verant- eher um die Mentalität, wie man sich an ei- abgrenzung müsste es um eine generelle
wortung der Mitgliedstaaten? Wie kann ner Diskussion beteiligt. Kompetenzordnung gehen. Man muss si-
die Union die Interessen ihrer Bürger SPIEGEL: Es soll also Schluss sein mit den cherlich nicht alles auf europäischer Ebe-
nicht nur bei Wirtschaft und Währung, Erpressungen durch ein Veto? ne entscheiden, aber eine detaillierte Ab-
sondern ebenso in der äußeren und in- Dehaene: Das Paradoxe daran ist, dass in grenzung, das geht nicht. Mehr Geschmei-
neren Sicherheit, bei der Einwanderung Bereichen, wo schon heute Mehrheitsent- digkeit ist nötig. Wenn die Verhältnisse sich
oder einer grenzübergreifenden Justiz scheidungen möglich sind, oft im Konsens ändern, muss man auch Kompetenzen ver-
wahren? entschieden wird. Den hätte man wahr- langen können, ohne gleich den Vertrag
Derzeit sind Ziele, Zuständigkeiten scheinlich nicht erreicht, wenn es eine ändern zu müssen.
und Politikinstrumente über vier Verträ- Veto-Möglichkeit gegeben hätte. Verände- SPIEGEL: Es geht doch um mehr demokra-
ge der EU verstreut. Eine Vereinfachung rungen des EU-Vertrags selbst bedürfen tische Legitimation.
sei „unerlässlich“, lautete einer der we- aber immer der Einstimmigkeit. Dehaene: Wenn man von einem politischeren
nigen eindeutigen Aufträge von Laeken. SPIEGEL: Wie stehen Sie zu Forderungen Europa spricht, muss das institutionelle Drei-
Und die soll möglichst schon im Jahr 2005 aus Deutschland, vor allem aus Bayern, eck in Europa neu definiert werden. Man
wirksam werden. nach einer detaillierten Abgrenzung des- muss deutlicher zwischen Legislative und
Offen ist aber, ob dem Konvent am sen, was Brüssel zu erledigen hat und was Exekutive unterscheiden, und dies mit einer
Ende wirklich eine Reduzierung des Ver- Sache der Mitgliedsländer ist? gewissen Kreativität. Wir wollen ja nicht
tragskonvoluts auf einen opera- die Vereinigten Staaten von
tiven und einen Verfassungsteil Europa schaffen. Es geht nicht
gelingt, in den die bereits ver- um den „Superstaat“, den
abschiedete EU-Grundrechte- Tony Blair fürchtet. Zunächst
LEBRUN DIDIER / GAMMA / STUDIO X

charta gehören würde, oder muss man die Position des


„zumindest die Türe zur euro- Ministerrats verdeutlichen.
päischen Verfassung geöffnet“ SPIEGEL: Der Allgemeine Rat
wird, wie der SPD-Experte in der Besetzung der Außen-
Klaus Hänsch hofft. minister funktioniert nicht,
Fest steht für Belgiens Pre- er schafft die Koordination
mier Guy Verhofstadt indes die des Brüsseler Betriebes nicht
Bedeutung des Reformprojekts: mehr.
„Die Union steht vor einem ent-
scheidenden Moment ihrer Staats- und Regierungschefs
Existenz.“ Dirk Koch beim EU-Gipfel in Laeken
„Nicht jedes Mitglied kann
in der Kommission sein“
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 137
Ausland

Dehaene: Richtig. Der Rat der Außenminis-


G R O S S B R I TA N N I E N
ter sollte sich nur noch mit Außenpolitik
beschäftigen. Nur davon verstehen die was,
das ist auch ein Vollzeitjob.
SPIEGEL: Und der nicht unbedeutende Rest?
Dehaene: Zu Beginn der europäischen
Dröges Symbol
Pompöse Feiern werden
Einigung war europäische Politik nur
Außenpolitik, aber mit fortschreitender für das 50-jährige Jubiläum der
Integration wurden die europäischen An- Thronbesteigung von
gelegenheiten interne Angelegenheiten der Elizabeth II. geplant. Ihre Untertanen
Mitgliedstaaten. Das erklärt den stark ge- lässt das bisher kalt.
wachsenen Einfluss der Staats- und Regie-

S
rungschefs und warum so viele Probleme eit 1987 dient Sir Robin Janvrin Ihrer
bei ihnen landen. Das ist keine gute Ent- Majestät Elizabeth II. mittlerweile als
wicklung. Dieses Problem lässt sich nur „Erster Privatsekretär“, doch bei die-
lösen, wenn ein eigener Rat der Europa- ser Frage verschlug es dem feinsinnigen
minister gegründet wird. Höfling die Sprache: Auf Grund welcher
SPIEGEL: Soll auch die Regierungsrolle der Verdienste der Queen, wollte eine portu-
Kommission stärker werden? giesische Korrespondentin wissen, wird
Dehaene: Ja, aber mit einem Vorbehalt. eigentlich in diesem Sommer das 50. Ju-
Ich bin ein großer Verfechter einer kleinen biläum ihrer Thronbesteigung am 6. Fe-
Kommission, die höchstens 12 bis 15 Mit- bruar 1952 mit solchem Pomp zelebriert?
glieder haben darf. Das heißt: Nicht jeder „Die Queen stellt ein Symbol dar, das
Mitgliedstaat kann in der Kommission ver- dieses Land vereinigt“, antwortete der
treten sein. Es muss einen turnusmäßi- Privatsekretär beinahe stotternd. Sie ver-
gen Wechsel geben. Länder, die nicht in mittle ein „Gefühl der Stabilität und Queen Elizabeth*: Indizien für ein „königliches
der Kommission sind, müssen beim Be- Kontinuität“.
setzen anderer Institutionen der Gemein- Wenn das alle Briten so sähen, dürfte Die Regierung, der Palast und die der
schaft Priorität genießen, im Rahmen eines sich der Hof glücklich schätzen. Doch nicht Queen ergebenen Zeitungen fürchten des-
turnusmäßigen Wechsels wie etwa in der nur unsentimentale Ausländer, auch im- halb, dass das seit Jahren für die Sommer-
Zentralbank, am Gerichtshof und so mer mehr Bürger des Vereinigten König- monate aufwendig geplante „Golden Jubi-
weiter. reichs fragen sich, was das Spektakel mit lee“ ein Flop werden könnte. Vor einem
SPIEGEL: Glauben Sie daran, dass der Kon- der Queen, ihren Windsors und ihren Hun- „königlichen Debakel“ warnt die „Times“.
vent als Ergebnis eine europäische Verfas- den im 21. Jahrhundert eigentlich noch soll. Ein Warnsignal und Indiz für das Des-
sung vorlegt? Die Ehequerelen der Kinder Elizabeths interesse der Untertanen: Es sind erst 300
Dehaene: Wenn zum Beispiel das Wort haben den Ruf des Hauses lädiert. Dass Straßenfeste angemeldet. Als die Queen im
„Verfassung“ für Großbritannien ein Syn- die Queen, die nach wie vor in vier ver- Jahr 1977 ihr „Silver Jubilee“ zelebrierte,
onym für den Brüsseler Superstaat ist, weil schiedenen Schlössern residiert, mit jähr- hatten Bürger im ganzen Land 12000 solcher
man dort nicht weiß, was eine Verfassung lich rund 13 Millionen Euro aus der Staats- Partys auf die Beine gestellt.
ist, bin ich gern bereit, den Briten zu hel- kasse alimentiert wird, trägt auch nicht zu Sie hätten nur geringes oder gar kein In-
fen. Wir reden dann einfach über einen ihrer Popularität bei. Die meisten Briten teresse an den Feierlichkeiten, erklärten
Verfassungsvertrag oder einen Grundver- sind dennoch keine Republikaner, die die mehr als 70 Prozent im Rahmen einer ak-
trag. Der Inhalt muss der Gleiche sein. Monarchie endlich abschaffen wollen. Sie
Interview: Winfried Didzoleit, Dirk Koch finden Elizabeth nur ziemlich dröge. * Beim Besuch der Stadt Kettering am 28. Juni 2001.
Und es wird auch dafür ge-
sorgt, dass die wahre engli-
sche Leidenschaft – die für
den Fußball – die Massen
nicht davon abhält, der Queen
ihre Reverenz zu erweisen.
Auf gigantischen Videowän-
den rund um den Bucking-
ham Palace sollen nicht nur
die königlichen Aufmärsche
und Konzerte, sondern auch
die Spiele von der Weltmeis-
terschaft übertragen werden.
Lord Sterling, von der
Queen ernannter Spenden-
sammler, der schon über sie-
ben Millionen Euro an Spon-
sorengeldern für die vier-
tägigen zentralen Feiern in
London aufgetrieben hat,
glaubt fest an den Erfolg des
Golden Jubilee. Für einen

TOPHAM PICTURE
BULLS PRESS

überzeugten Monarchisten
wie ihn ist die Queen schlicht
eine „splendid Lady“, die,
Debakel“ seit sie im Alter von 25 den Prinzessin Elizabeth*: Dem Land beispielhaft gedient
Thron bestieg, ihrem Land
tuellen Umfrage. Die Queen, interpretiert beispielhaft gedient habe. Immerhin ist startet sie zu einer Tournee durch das Ver-
der Politologe Anthony King die Befra- sie mittlerweile eines der dienstältesten einigte Königreich, von Cornwall im Süd-
gung, werde wegen ihrer Pflichterfüllung Staatsoberhäupter im internationalen Poli- westen bis hinauf zu den schottischen In-
als Staatsoberhaupt hoch geschätzt. „Aber tikgeschäft. Selbst Dinosaurier wie Fidel seln im Norden. Erst am 7. August endet
gleichzeitig“, so King, „erlebt die Mehr- Castro kamen erst ins Amt, als Elizabeth die Marathon-Tour mit einer Gartenparty
heit ihrer Untertanen sie als von den Pro- schon eine versierte Repräsentantin Bri- auf Schloss Balmoral. Zwischendurch muss
blemen normaler Menschen völlig abge- tanniens war. Elizabeth auch noch mehrere Länder des
hoben.“ Für die Jubilarin selbst, die am 21. April Commonwealth bereisen, deren Staats-
Dabei bekommen die Briten für den ihren 76. Geburtstag begehen wird, bringt oberhaupt sie ebenfalls ist.
vom 1. bis zum 4. Juni angesetzten Höhe- das exzessive Programm wohl am wenigs- Der königliche Polit-Tourismus passt gut
punkt des Jubiläums sogar einen Feiertag ten Spaß. Ende April muss sie in 10 Dow- zum Anlass, denn in Wahrheit geht es dar-
geschenkt. Im Garten des Buckingham ning Street mit Tony Blair und vier Ex- um, mehr Besucher auf die Insel zu locken.
Palace werden Sir Paul McCartney, Mick Premiers dinieren, einen Tag darauf zu „Das vergangene Jahr mit der Maul- und
Jagger und andere Rock-Rentner auf- Ober- und Unterhaus sprechen. Danach Klauenseuche und dem 11. September war
spielen. Es gibt jede Menge Paraden, Kut- nicht gut für unseren Tourismus“, räumt
schen, Pferde, Fackelzüge, Marschmusik * Bei einer Reise nach Kenia im Februar 1952 in Nairobi, Lord Sterling ein, „das wird sich dieses
und Feuerwerk. kurz vor dem Tod ihres Vaters König Georg VI. Jahr ändern.“ Michael Sontheimer
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Ausland

USA

Die Hierarchie der Toten


Nach der gemeinsamen Trauer hat der Kampf um angemessene
Entschädigungszahlungen einen tiefen Graben zwischen den
Angehörigen der Attentatsopfer vom 11. September aufgerissen.

B
is zum Tod seiner Frau beim Terror- Wie Push haben Angehörige der Atten-
anschlag am 11. September war tatsopfer mittlerweile überall im Land
Stephen Push, 51, ein eher unpoliti- Vereine zur Durchsetzung ihrer Interessen
scher Mensch. Er verdiente gutes Geld als gegenüber dem Staat und den Fluggesell-
Berater von Investoren. Das Paar, Dop- schaften gegründet. Sie nennen sich „Pen-
pelverdiener ohne Kinder, lebte unter tagon Angels“, „Vereinte Familien des
wohlhabenden Umständen in Great Falls, World Trade Center“ oder etwa „Gib dei-
außerhalb von Washington im Grünen. ne Stimme den Familien der Opfer des
Bürgerliche Behaglichkeit im amerikani- WTC“. Sie traten unabhängig voneinan-
schen Daseinskampf. der ins Leben, aber sie wollen alle gegen
Seinen Beruf hat Push vor kurzem auf- die Entschädigungsregelung vorgehen, die
gegeben, um den Verein „Familien des die Regierung Bush vorsieht.
11. September“ mit zu gründen. Binnen Die eindrucksvolle öffentliche Trauer um
eines Monats traten ihm 400 Familien aus die Toten von New York, Washington und
sieben Ländern bei. Push ist ehrenamtli- Pittsburgh ist verhallt. Der Tod vereinte die
cher Schatzmeister und auf dem besten Hinterbliebenen für einen Augenblick.
Wege, dem Präsidenten George W. Bush, Aber wie sie weiterleben können, ob mate-
der im höheren Auftrag der Toten von New riell großzügig abgesichert oder unter
York, Washington und Pittsburgh aufzu- prekären Umständen, hängt wesentlich vom Erschöpfte Feuerwehrmänner beim Rettungseinsatz
treten scheint, größte Schwierigkeiten zu Geld ab, das ihnen der Staat zuerkennt. Die
bereiten. Zeit drängt: In diesen Tagen verstreicht die neue Bürgermeister Michael Bloomberg
Was Lobbyismus ist, konnte Push jah- Frist, in der die Familien oder deren An- äußerte vorsichtig Sympathie. Marian Fon-
relang an seiner Frau beobachten. Lisa wälte Stellungnahmen zu den Richtlinien tana, die Witwe eines Feuerwehrmannes,
Raines, 42, vertrat die Interessen des Bio- der Regierung abgeben können. Mitte Fe- schrie ihre Wut und Verzweiflung ins Mi-
tech-Konzerns Genzyme und gehörte in bruar werden sie rechtsverbindlich. krofon: „Die Bestimmungen sind ein Verrat
Washington zum erweiterten Kreis der ein- Im Januar versammelten sich 800 An- an unseren Familien, wir werden zum zwei-
flussreichen Leute. Am 11. September woll- gehörige der Toten vom 11. September in ten Mal zu Opfern gemacht.“
te sie über Los Angeles nach Palm Springs New York zu einer öffentlichen Demonstra- Die Aufarbeitung des 11. September ist in
fliegen, um dort an einer Konferenz der tion, der ersten, die nicht im Zeichen von Pa- ihre pietätlose Phase eingetreten: Die Re-
Firma teilzunehmen. Sie starb in der Ma- triotismus und Sternenbanner stand. Gou- gierung musste festlegen, welchen Geld-
schine der American Airlines, die fünf verneur George Pataki schaute vorbei und wert ein Menschenleben besitzt, die Hin-
Terroristen wie eine Bombe im Pentagon sagte, er teile den Zorn über „den begrenz- terbliebenen müssen in Cent und Dollar
explodieren ließen. ten Umfang des Entschädigungsplanes“. Der ausdrücken, was ihnen durch den Verlust
eines Nächsten materiell entgeht und wel-
chen seelischen Schaden sie erlitten haben.
Solche kalten Abwägungen spielen sich tag-
täglich vor vielen Gerichten der Welt ab,
anonym und ohne größeres Aufsehen. Die-
ser Verteilungskampf aber steht, wie alles,
was mit dem 11. September zu tun hat, welt-
weit unter besonderer Beachtung. Und die
Regierung gerät unter Beweisdruck, dass
es ihr an Großzügigkeit nicht mangelt.
Gleich nach den mörderischen Atten-
taten hatten der amerikanische Präsident
und der Kongress in schönster Eintracht
den „Entschädigungsfonds für die Opfer
des 11. September“ eingerichtet. Eigent-
lich ein honoriger Akt: rasche Entschädi-
gung der Hinterbliebenen, unbürokratisch
und ohne jahrelangen Rechtsstreit vor Ge-
richten mit ungewissem Ausgang. Kinder,
die zu Halbwaisen geworden sind, brau-
chen ja jetzt Geld für ihre Ausbildung; Kre-
dite und Darlehen für Häuser oder Woh-
nungen müssen Monat für Monat begli-
Lisa Raines und Stephen Push in Florenz (1993): Welchen Wert besitzt ein Menschenleben? chen werden.
144 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
pleite des Energiekonzerns dessen professionelle Karriere langsam
Enron zum politischen ausgelaufen wäre. Um die Unterschiede
Problem geworden ist. zwischen Groß- und Kleinverdienern nicht
Die undankbare Aufga- übermäßig ins Gewicht fallen zu lassen,
be, 3000 Menschenleben in setzt Feinberg ein Gehaltslimit bei 225 000
Dollar und Cent umzu- Dollar. Alles, was darüber liegt, bleibt ohne
rechnen, hat der Washing- Einfluss auf die Höhe der Entschädigung.
toner Anwalt Kenneth Gemessen am Jahresgehalt kommt Ste-
Feinberg, 56, übernom- phen Push daher schlecht weg, denn seine
men. Er ist ein bewährter Frau verdiente als Pharma-Lobbyistin weit
Schlichter in Massenent- mehr als die gesetzte Grenze. Nach der
schädigungsverfahren. Im Feinberg-Tabelle stünden ihm 2 682 827
Prozess um das Pflanzen- Dollar für erlittene ökonomische Verluste
vernichtungsmittel Agent zu und 250 000 Dollar an Schmerzensgeld.
Orange, das in Vietnam Nach diesem Maßstab wären die Groß-
auch etlichen GIs blei- eltern des kleinen Kahleb vergleichsweise
bende Gesundheitsschä- besser gestellt. Die Mutter des Jungen, der
den zugefügt hatte, setzte in diesen Tagen seinen ersten Geburtstag
ihn das Gericht als Ver- feiern wird, hatte ihr Büro mitten in jenem
mittler ein. Diesmal stellte
Trakt des Pentagon, in den die Terroristen
er im Auftrag der Regie- das Flugzeug jagten. Jamie Fallon war 23,
rung Regeln zur Errech- Soldat der U. S. Navy und nach Washing-
nung des materiellen und ton abkommandiert. Sie verdiente kärgli-
moralischen Schadens auf. che 17 616 Dollar im Jahr. Nach der Fein-
Das Leben von Men- berg-Tabelle stehen dem Jungen und den
schen als Ware, die ihren Großeltern dennoch über 600 000 Dollar
Marktpreis besitzt: Dass an Gehaltsausfall und 300 000 Dollar für
Feinberg sich ziemlich vie-den seelischen Verlust zu.
REUTERS

le Feinde machen würde, Das ist eine Menge Geld, aber nicht un-
war gar nicht zu vermei- bedingt für amerikanische Verhältnisse.
in New York: „Verrat an unseren Familien“ den. Außerdem hatte die Die höchste Entschädigung, die eine Wit-
Regierung ja seinen Spiel- we im Lockerbie-Prozess zugesprochen be-
Der Fonds stellt erste größere Zahlungen raum von Anfang an erheblich einge- kam, lag bei 17,5 Millionen Dollar. Nach
ab März in Aussicht. Wer das Geld vom schränkt. Er zog sich aus der Affäre, indemder Feinberg-Liste liegt das Maximum –
Staat akzeptiert, muss aber im Gegenzug er eine leicht verständliche Methode an- abhängig von den in Rechnung zu stellen-
auf den Rechtsweg verzichten, der zuvor wandte: Grundlage der Entschädigung sind den Abzügen – wahrscheinlich bei drei-
von der Regierung allerdings sowieso das Alter und das Einkommen der Toten. einhalb Millionen Dollar, das Minimum
schon drastisch beschnitten worden war. Wer viel verdiente, so ist der Maßstab, bei 300 000.
Die Regierung hatte bei ihrem Angebot besaß auch einen hohen Lebensstandard, Vor allem die Anrechnung anderer An-
auch Hintergedanken. Was nach einem und den sollen seine Angehörigen mög- sprüche erregt den Zorn der Bedachten:
Akt des Patriotismus aus dem Geist der Von der möglicher-
Trauer aussah, ist mehr noch eine fürsorg- weise stolzen Sum-
liche Maßnahme für die Not leidenden me, die den An-
Fluggesellschaften. Ohne diese Regelun- gehörigen aus dem
gen hätten ihnen wegen mangelnder Fonds zusteht, zieht
Sicherheitsmaßnahmen auf den Flughäfen der Staat Lebensver-
und in den Flugzeugen Millionenklagen sicherungen und Pen-
wie im Fall Lockerbie gedroht – und sionszahlungen ab.
US-Gerichte sind in solchen Fällen eher Darüber echauffieren
klägerfreundlich. sich besonders die
Als vorbeugende Maßnahme beschloss Familien der Viel-
der Kongress, dass die Gesamtsumme des verdiener, die oft
von Gerichten verfügten Schadensersatzes hohe Lebensversiche-
1,5 Milliarden Dollar pro Flugzeug nicht rungen abgeschlos-
überschreiten darf – das entspricht der sen hatten. Tatsäch-
Versicherungssumme, die den Fluggesell- lich zielt Feinbergs
schaften zusteht. Nebenbei erhielten die Liste auf das Lebens-
ROBERT CLARK / AP

Airlines als Soforthilfe für den Über- modell eines mittel-


lebenskampf nach dem 11. September mäßig verdienenden
15 Milliarden von der Bundesregierung in Angestellten mittle-
Washington – ein dicker Batzen staatlicher ren Alters, verheira-
Subvention, der nun im Kontrast steht zur Brennende Türme des World Trade Center: Geld für die Helden tet, zwei Kinder.
maßvollen Hilfe für die Familien. Denn Auch junge Wenig-
dem Entschädigungsfonds stehen lediglich lichst bewahren können. Wer jung starb verdiener kommen vergleichsweise gut weg
zwischen fünf und sieben Milliarden Dollar und wenig verdiente, hätte eine lange Be- – politisch betrachtet ist die Rechnungs-
zur Verfügung. rufszeit vor sich gehabt, und deshalb wer- legung eher den Demokraten als den Re-
Die Diskrepanz ist der Regierung jetzt den dessen Hinterbliebene im Prinzip bes- publikanern zugeneigt.
besonders peinlich, weil ihre allzu große ser entschädigt als etwa die Familie eines Nicht weniger Aufregung löst Feinbergs
Nähe zur Geschäftswelt seit der Skandal- 55-Jährigen mit mittlerem Einkommen, zweite Einschränkung aus. Den morali-
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 145
Ausland

schen Verlust für die Hinterbliebenen quit-


tiert er fest mit 250 000 Dollar, für jedes
Kind kommen noch einmal 50 000 Dollar
dazu. Feinberg will mit dieser strikten Fest-
legung zerrüttende Diskussionen verhin-
dern, ob der Schmerz, den etwa der Tod ei-
nes Brokers bei seiner Familie auslöst, der
in seiner Verzweiflung aus dem 100. Stock
des World Trade Center sprang, höher zu
bemessen sei als die Pein über den Tod
des Feuerwehrmannes, den herabfallende
Trümmer erschlugen.
Solche entsetzlichen Debatten über die
Hierarchie der Toten finden allerdings den-
noch statt – unter den Angehörigen, die
ihren Anspruch auf höhere Entschädigung
mit der größeren Heldenhaftigkeit ihres
Familienmitglieds begründen.
Von Anfang an waren die 400 getöteten
Feuerwehrmänner und Polizisten in New
York der Inbegriff nationaler Helden. Ih-
nen wurden Hymnen gewidmet, ihre Fa-
milien mit Dotationen überschüttet.
Allein 20 Fonds gründeten sich, die ins- Trekking-Touristen (auf Poon-Hill am Annapurna-Massiv): Nur der Schein einer Idylle
gesamt 353 Millionen Dollar einsammel-
ten. Deshalb steht den Angehörigen der
N E PA L
400 viel Geld zu: Die Witwen bekommen
das Schmerzensgeld von der Bundes-
regierung, die volle Pension und im Schnitt
800 000 Dollar aus den Fonds. Und die-
se erkleckliche Summe aus karitativen
Quellen schlägt, anders als privat abge-
Robin Hoods mit rotem Stern
schlossene Lebensversicherungen, nicht
Der Krieg maoistischer Rebellen gegen den Staat schreckt
negativ zu Buche, wenn Feinberg den immer mehr deutsche Touristen ab. Die wichtige Devisenquelle
Schadensersatz aus dem Staatsfonds er- des Himalaja-Königreiches droht zu versiegen.
rechnet.

F
Zwischen den New Yorker Opfer-Fa- riedvoller kann kaum eine Kulisse
milien und den „Zivilisten“, wie die an- sein: Frauen in roten Saris, die kräfti-
deren Angehörigen mittlerweile heißen, gen, schwarzblauen Haare zum Zopf
ist deshalb ein tiefer Graben aufgerissen. geflochten, paddeln nach dem Einkauf in
Plötzlich geht es um viel Geld und Lebens- der Stadt in Holzbooten zu den Lehmbau-
chancen. Die Angst, bei der Verteilung ten am Ufer des Fewa-Sees von Pokhara.
zu kurz zu kommen, ist riesengroß. Die Adler ziehen hoch über ihnen gemächlich
Vermutung, aus vielen Trauernden wür- Kreise, und im Wasser spiegeln sich die
C. K. KARKI / AFP / DPA

den bald Millionäre, sorgt für böses schneebedeckten Sieben-und Achttausen-


Blut. der des nahen Annapurna-Massivs.
Bei einem aggressiv aufgeladenen Tref- Noch im Januar ist es 150 Kilometer
fen zwischen den „New Yorkern“ und den westlich der Hauptstadt Katmandu 20 Grad
„Zivilisten“ schrie Janine Snyder, deren warm. Komfortable Zimmer kosten fünf
Mann im World Trade Center starb, die Dollar, es gibt vorzügliche internationale Maoisten-Anschlag
Witwen der Feuerwehrmänner an: „Ich Küche. Ein Großteil der 18 629 deutschen Brutaler Volkskrieg
weiß, dass sie ihr Leben gaben, aber das Touristen, die voriges Jahr in Katmandu
war ihre Entscheidung. Mein Mann ist ein- landeten, kam für ein paar Tage nach Pok- Rebellen, die eine „Volksregierung“ er-
fach zur Arbeit gegangen. Wenn er gewusst hara, um sich nach Kraft zehrenden Wan- richten, Großgrundbesitzer enteignen und
hätte, was passieren würde, wäre er nicht dertouren hier auszuruhen. die Monarchie abschaffen wollen, hatten
zur Arbeit gegangen.“ Doch der Schein exotischer Idylle trügt. zuvor Gespräche mit der Regierung abge-
Stephen Push ist mittlerweile zu einer Die Tore zur See-Residenz von König Gya- brochen und einen viermonatigen Waf-
nationalen Größe geworden. CNN lädt nendra sind mit Sandsäcken gesichert, Sol- fenstillstand beendet. Allein am vorigen
ihn gern als Sprecher der „Familien des daten wachen mit Maschinenpistolen im Dienstag starben bei Kämpfen mindestens
11. September“ ins Studio, weil er deren In- Anschlag über die Zugänge. Abend für 27 Polizisten und Rebellen.
teressen ebenso ruhig wie bestimmt ver- Abend und oft auch am Tag poltern Last- 1996 hatten die Guerrilleros den bewaff-
tritt. Das Echo klingt jedoch zusehends ge- wagen über die mit Schlaglöchern übersä- neten Kampf begonnen, 1045 Menschen
mischt. Neben den Bekundungen von Mit- te Uferstraße des Touristen-Stadtteils Lake- kamen allein voriges Jahr ums Leben – die
leid finden sich jetzt auch etliche kritische side: auf dem Führerhaus ein Maschinen- Folgen für den Tourismus, eine der wich-
Bemerkungen unter seinen E-Mails: „Wir gewehr, auf der Ladefläche bewaffnete tigsten Devisenquellen des 25 Millionen
fühlen mit Ihnen in Ihrem Kummer“, Uniformierte mit schusssicheren Westen. Bürger zählenden Himalaja-Staates, sind
schrieb jemand. „Wir fragen uns aller- Polizei und Armee zeigen auch in Pokhara verheerend.
dings, ob wir auch Ihre Geldgier teilen Präsenz, seit der König Ende November Schon das mysteriöse Massaker im Kö-
müssen.“ Gerhard Spörl den Ausnahmezustand ausrief. Maoistische nigspalast, bei dem Kronprinz Dipendra
146 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
weiß, dass der Inhaber eines Landhotels ihrer Trekkingtour mit einem Bus ins
sich damit abgefunden hat, Bauern der Begnas Lake Resort gebracht werden soll-
Umgebung an seinem Gewinn zu beteili- ten, mussten 15 Kilometer laufen.
gen. „Es gibt wohl nur wenige Unterneh- Anschläge beschränkten sich bislang zu-
men im Land, die nichts bezahlen“, mut- meist auf den Westen des Landes. In 17
maßt das Magazin „Himal“. von 75 Distrikten haben die linken Ultras,
Bisher hielten sich die maoistischen Mili- die dem peruanischen Leuchtenden Pfad
zen, deren Stärke auf 5000 bis 10 000 be- nacheifern, Volksregierungen ausgerufen.
waffnete Kämpfer geschätzt wird, an ihr Sie führen eine eigene Gerichtsbarkeit ein,
Versprechen, keine Touristen anzugreifen. erpressen Steuern und Spenden, sie finan-
Aber die Gefahr kommt immer näher: Be- zieren sich durch Bankraub und erbeuten
waffnete Polizei-Patrouillen suchen auf den Waffen bei Überfällen auf Kasernen.
Trekking-Routen nach Maoisten; bei Besi- Die Not im Land ist groß. Die meisten

PICTOR
sahar, einem Ausgangspunkt der Anna- Nepalesen sind Analphabeten, es gibt
purna-Umrundung, gab es kaum ausgebaute Straßen, kaum Elektri-
NEPAL Ende Dezember bei einem zität oder sauberes Trinkwasser. Fast die
Schusswechsel zwischen Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Ar-
Maoisten und der Armee mutsgrenze. Deshalb können die Revolu-
etliche Tote. „Die Schau- tionäre, zu deren Umfeld auch Staatsdiener
Annapurna plätze künftiger Kampf- gehören, vor allem auf die Unterstützung
handlungen lassen sich von Bauern zählen, die sie mit einer radi-
Pokhara Mount
Besisahar nicht vorhersehen“, warnt kalen Landreform gewinnen wollen.
Ghorahi Everest das Auswärtige Amt. In mehreren Distrikten befahlen die Ro-
von der mao- Katmandu Eine 36-köpfige Pilger- bin Hoods mit dem roten Stern an der Müt-
istischen Guerrilla . . . gruppe, unter ihnen einige ze den eingeschüchterten Grundbesitzern,
... kontrolliertes Gebiet Chitwan Deutsche, musste auf dem zwei Drittel der Ernte den Erzeugern zu
National Weg zum heiligen Berg Kai- überlassen; vorher nahmen sich die Ei-
... Einflussgebiet 100 km
Park lash in Tibet das Budget der gentümer diesen Anteil. Für die Armee
Guerrilla aufbessern. Im war das offenbar Grund genug, ein Massa-
im Juni 2001 neben anderen seinen Vater nepalesischen Karnali-Tal, nahe der Grenze ker anzurichten: Elf unbewaffnete Land-
König Birendra, seine Mutter und dann zu China, forderte ihnen ein junger Revolu- arbeiter wurden nach einem Bericht der
sich selbst erschossen haben soll, sowie die tionär pro Kopf 60 Dollar Wegegeld ab, ak- „Nepali Times“ kurzerhand nahe des Or-
Terroranschläge in den USA hatten für ra- kurat stellte er eine Spendenquittung aus. tes Ghorahi im Dang Distrikt erschossen,
piden Schwund an Kulturreisenden und Wie groß die Macht der Rebellen ist, weil sie mit den Maoisten sympathisierten.
Trekkern gesorgt. Jetzt lässt die Eskalation spürte im Dezember eine achtköpfige deut- Der so genannte Volkskrieg wird auf bei-
des Konflikts mit den Maoisten Hotel- sche Wandergruppe in Pokhara. Die Mao- den Seiten mit großer Brutalität geführt.
manager in tiefe Depression verfallen: isten hatten zum Generalstreik aufgerufen Die von der königstreuen Kongress-Partei
Trotz eines guten ersten Quartals sank die und Streikbrechern mit Anschlägen ge- dominierte Regierung von Minister-
Zahl der Urlauber 2001 um fast 40 Prozent. droht. Die Deutschen, die nach dem Ende präsident Sher Bahadur Deuba setzt auf
Der deutsche Veranstalter Studiosus- eine militärische Lösung und bat die
Reisen rechnet mit einem Rückgang der USA um Hubschrauber und Nacht-
Nepal-Buchungen für dieses Frühjahr um sichtgeräte. Und es ist, wie schon 1995
50 Prozent. In der luxuriösen Fish Tale und 1998 bei den gegen die Aufstän-
Lodge in Pokhara und dem 15 Kilometer dischen gerichteten Geheimope-
entfernten Begnas Lake Resort, beide rationen „Romeo“ und „Kilo Sierra
Stammquartiere deutscher Urlauber, fiel 2“, die Zeit des Staatsterrors gekom-
die Zahl der Gäste um 60 Prozent. men: Amnesty International und die
In Katmandu kann Narendra Bajrach- nepalesische Menschenrechtsorgani-
arya, Chef des Hotels Vajra, seine Mitar- sation Insec prangern Hinrichtungen,
beiter „nicht mehr bezahlen“. Verzweifelt Folter und das Verschwindenlassen
forderte der Hotel-Verband die Regierung von tatsächlichen oder vermeintlichen
auf, für acht Monate Übergangskredite zur Maoisten an.
Hälfte des marktüblichen Zinses von zwölf Auch die selbst ernannten Volks-
Prozent bereitzustellen. Die Aussicht auf krieger sind nicht zimperlich. Amnes-
Hilfe ist gering: Nepal zählt zu den ärmsten ty wirft ihnen Geiselnahmen, Todes-
Ländern der Welt, ausländische Hilfen ma- urteile ihrer Volksgerichte und die
chen ein Drittel der Staatseinnahmen aus. Rekrutierung von Kindern vor.
Immer mehr Unternehmen der Branche Wer vom Tourismus lebt, hofft, dass
werden zudem gezwungen, die Kriegskas- die Guerrilleros ihre Drohung nicht
se der Maoisten zu füllen. Oft schon haben wahr machen, erst die Landregionen
sich Hoteliers und Trekking-Agenturen aus zu erobern und dann die Städte ein-
SAGAR SHRESTHA / AFP / DPA

Katmandu etwa beim Berliner Nepal-Ver- zukreisen. Der Trekking-Organisator


anstalter Klaus Peter Grätz darüber be- Purushottam Paharija, 29, etwa sitzt
klagt, Schutzgelder zahlen zu müssen. an der Uferstraße in Pokhara allein in
Manfred Schreiber, Asien-Chef bei Stu- seinem Geschäft, Kunden hat er
diosus, kennt den Fall eines Hoteliers, der kaum. Der Konflikt müsse schnell be-
die Preise auf Druck der Guerrilleros um endet werden, sagt er. Wenn auch nur
zehn Prozent erhöhen und den Gewinn an Maoistin beim Waffendrill ein Tourist zu Schaden komme, „sind
die Mitarbeiter weitergeben sollte. Und er Steuern und Spenden erpresst wir alle ruiniert“. Carsten Holm

d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 147
Französische
Revolutionäre*

Das Glück der Gemeinschaft


Es begann in Kaffeehäusern und Modeläden: Im Zeitalter der Aufklärung entwickelte
Europas Elite eine grenzübergreifende Kultur – als elegante Lebensart
und als neues Wertesystem. Toleranz, Menschenrechte, Gedankenfreiheit setzten
Maßstäbe für die moderne Gesellschaft. / VON ROBERT DARNTON
AKG

D
ie Ankunft des Euro wirft funda- Tatsächlich ist Europa eine Geisteshal- anzugehören. Diese Mentalité collective
mentale Fragen auf: Wird die neue tung. Es begann als Mythos, mit der Ent- entstand direkt durch den Zivilisations-
Währung Europa vereinigen? Was führung Europas, der Tochter von Agenor, prozess, die gemeinschaftliche Erfahrung,
hält Europa zusammen? Wie kann Europa dem König von Tyros, und entwickelte sich mit dem römischen Recht, dem christli-
als Gemeinschaft zusammenkommen? zu einem Lebensstil, der aus dem Gefühl chen Glauben und der weltlichen Kultur zu
Als Erstes denkt man an Eroberer – an entstand, einer gemeinsamen Zivilisation leben, die sich im Zeitalter der Aufklärung
Caesar, Karl den Großen, Napoleon, Hit- entfaltete.
ler. Doch ihre Imperien zerfielen, ständig Diese gemeinsame Kultur zerbrach im
änderte sich die Geografie – einmal en- 19. Jahrhundert, als Europa in National-
dete Europa in den germanischen Wäl- staaten zerfiel; ihre Prinzipien jedoch über-
dern, ein anderes Mal am Ural. Europa dauerten. Philosophen von Immanuel Kant
hatte keine natürlichen Grenzen, nicht in Königsberg bis Gaetano Filangieri in
einmal im Westen; noch heute heißt es bei Neapel hatten sie formuliert, 1789 wurden
den Briten, wir fahren nach Europa, wenn sie in der Erklärung der Menschen- und
sie mit dem Auto nach Frankreich über- Bürgerrechte ausgerufen: „Die Menschen
setzen. werden frei und gleich an Rechten geboren
und bleiben es … Diese Rechte sind die
* Oben: „Die Freiheit führt das Volk“, Gemälde von Freiheit, das Eigentum, die Sicherheit und
AKG

Eugène Delacroix (1831); unten: in der Bildergalerie der Widerstand gegen die Unterdrückung.“
von Schloss Sanssouci, Lichtdruck nach einer Gouache
von Georg Schöbel (um 1900).
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ilse Lange- Preußen-König Friedrich II., Aufklärer Voltaire*
Henckel. Europäische Republik des Geistes
148
Serie (6) | EUROPAS IDEEN FÜR DIE WELT

Im Dezember 1948 wurden sie von den meisten westlich davon befanden sich im
Vereinten Nationen durch die Allgemeine Zustand geistiger Leibeigenschaft und wa-
Erklärung der Menschenrechte besiegelt. ren unfähig zu lesen oder jene Mündigkeit
Sie stehen festgemauert als Fundament ei- zu erlangen, die Kant mit Aufklärung
nes Europas, das am Ende des 20. Jahr- gleichsetzte.
hunderts sich von neuem aufschwingt. Die Aufklärung selbst war eine komple-
Henry Kissingers viel zitierter Spott – xe Bewegung voller Widersprüche und Ge-
„Wenn ich Europa anrufen will, welche genströmungen. Weder stieß sie auf die
Nummer wähle ich dann?“ – trifft dane- ungeteilte Gegenliebe der Elite, noch war
ben, denn Europa ist Ausdruck für eine sie je mit dem gesamten intellektuellen Le-
Reihe von Symbolen und ein System von ben des 18. Jahrhunderts gleichzusetzen. SPIEGEL-SERIE
Werten. Der Euro gehört nun dazu, aber Doch sie vertrat die Werte, die heute das
sein Wert wird launisch schwanken. Die Herzstück der Europäischen Gemeinschaft 1. Europas ferne Fundamente
Werte der Aufklärung jedoch sind fest in ausmachen, und das in einer Form, die eine 2. Karl, der große Europäer?
der Vergangenheit verwurzelt. Alternative zum Nationalismus ermöglicht: 3. Das Europa des Geistes
In welcher, in wessen Vergangenheit aber? Die Aufklärung entwickelte eine pan- 4. Das Europa des Handels
Während der letzten 200 Jahre hat sich Eu- europäische Lebensweise, die damals als
ropa selbst zerrissen und franst an den Rän- Kosmopolitismus verstanden wurde. 5. Das Europa der Staaten
dern noch immer aus – in Irland, Russland, Modernes Selbstverständnis wird so sehr 6. EUROPAS IDEEN FÜR DIE WELT
auf dem Balkan. Vieles hat zu dieser Auf- durch nationale Identifikation bestimmt, 7. Der Europäer Napoleon
lösung beigetragen, nicht zuletzt die Indu- dass wir uns Kosmopolitismus als Lebensstil 8. Das Europa der Kriege
strielle Revolution und die Klassenkämpfe. kaum vorstellen können. Das 18. Jahrhun- 9. Das Europa der Europäer
Doch die zerstörerischste Kraft, die einzige, dert liefert Beispiele für diese Art der Exis-
die Massen mobilisieren und aufeinander tenz wie den Prinzen Eugen von Savoyen –
hetzen kann, war der Nationalismus. ein italienischer Franzose, der für Öster- 1748). Armeen kannten weder gemeinsame
Das viertel Jahrhundert Krieg, das 1792 reich focht, dessen Unterschrift allein aus Uniform noch Fahne. Die Fußtruppen be-
begann, setzte jenem Europa als gemein- drei Sprachen bestand: Eugenio von Savoie. standen großenteils aus Landfremden, und
samer Lebens- und Denkweise ein Ende, Preußens Friedrich II. sagte, mit Herren Offiziere identifizierten sich eher mit den
das von der gesamten Bildungselite getra- spreche er Französisch, mit Pferden Deutsch, gegnerischen Offizieren als mit den Män-
gen wurde. Um an die gemeinsame Ver- während George I. sich seinen britischen nern, die unter ihnen dienten. Wurden sie
gangenheit anzuknüpfen, müssen die Eu- Untertanen auf Deutsch mitteilte. gefangen genommen, tauschte man sie oft
gegen ranggleiche Gefangene der Gegen-
seite aus und schickte sie am Ende des
Sommers zurück, wenn das Kämpfen auf-
hörte und die Opernsaison anfing.
Natürlich erlitten die Armeen oft Ver-
luste: Nach der Schlacht von Malplaquet
(1709), dem blutigsten Gefecht vor Boro-
dino (1812: 75 000 Tote), lagen auf zehn
Quadratmeilen 34000 Männer tot oder ver-
wundet. Jedoch kämpften sie weder für
eine Sache, noch um einen Feind zu ver-
nichten – es ging um die spanische Krone.
Und Zivilisten jubelten manchmal der
Gegenseite zu. Voltaire gratulierte Friedrich
II. zum Sieg über die Franzosen bei Roß-
bach (1757), und Laurence Sterne bemerk-
te in seiner „Empfindsamen Reise“ (1768):
„Ich hatte London (in Richtung Paris) der-
gestalt über Hals und Kopf verlassen, dass
mirs auf Meilen lang nicht einfiel, dass wir
mit Frankreich Krieg hätten.“ Die ersten
AKG

nationalen Gefühlsregungen kann man in


Amerikanische Unabhängigkeitserklärung*: Proklamation für die ganze Welt England und Frankreich während des Sie-
benjährigen Krieges (1756 bis 1763) ent-
ropäer daher heute einen Salto rückwärts Nationalität hatte kaum Bedeutung für decken, doch Samuel Johnson äußerte eine
über das 19. und 20. Jahrhundert springen diese Monarchen, ebenso wenig wie für gängige Ansicht, als er in sein „Dictionary“
und sich von neuem mit der europäischen Heerführer oder Diplomaten. Krieg war (1747 bis 1755) schrieb, Patriotismus sei die
Dimension des Lebens im Zeitalter der ein Spiel mit der Machtbalance, eine An- „letzte Zuflucht eines Schurken“.
Aufklärung auseinander setzen. gelegenheit von Belagerungen und saiso- Zwischen 1648, als mit dem Westfäli-
Nicht, dass irgendwer das 18. Jahrhun- nalen Feldzügen, die mehr darauf abziel- schen Frieden Religion als Grundlage in-
dert wieder aufleben lassen wollte – lebte ten, strategische Positionen einzunehmen, ternationaler Beziehungen an Bedeutung
doch damals die große Mehrheit der Eu- als Nationen zu erobern. verlor, und 1792, als der Ausbruch der Re-
ropäer im Elend. Die meisten Menschen Es war ein königliches Spiel, gespielt im volutionskriege den Beginn der Kriege zwi-
östlich der Elbe waren Leibeigene, die Namen von Dynastien: so der Spanische schen Nationalstaaten signalisierte, legte
Erbfolgekrieg (1701 bis 1714), der Polnische die Kriegsgeschichte eine ideologische Pau-
* Am 4. Juli 1776 in Philadelphia, Gemälde von John Erbfolgekrieg (1733 bis 1738) und der se ein: In dieser relativ zivilen Zeit ver-
Trumbull (1787). Österreichische Erbfolgekrieg (1740 bis standen sich die zivilisiertesten Leute als
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 149
Serie (6) | EUROPAS IDEEN FÜR DIE WELT

Europäer, ohne lange über Staatsgrenzen zu Pferd sitzt, im Garten lustwandelt, einen ganz Europa, manchmal gleich die ganze
oder Pässe nachzudenken. Raum betritt, sich zu Tisch setzt (gar nicht Menschheit in sein Weltbild auf. Der Be-
Sie unternahmen weite Reisen, die sie so einfach, wenn man ein Schwert trägt), griff konnte abwertend gemeint sein wie
von London über Paris nach Rom, durch ein Glas erhebt (am Stil, mit Daumen und im Wörterbuch der Académie Française:
Amsterdam nach Wien oder nach Norden zwei, nicht drei Fingern) und den Tee „Kosmopolit. Jemand, der kein Vaterland
führten. Unterwegs stiegen sie in Schlös- nimmt (in einigen kultivierten Kreisen aus hat. Ein Kosmopolit ist kein guter Bürger.“
sern oder Stadthäusern ab, wo sie von an- der Untertasse, nicht der Tasse). Selbst die Encyclopédie des Denis Dide-
rot vermerkte, dass „man diesen Begriff
manchmal scherzhaft verwendet, um einen
E U R O P A S E R B E
Mann ohne festen Wohnsitz oder einen
Mann, der nirgendwo fremd ist, zu bezeich-
Das neue Bildungsideal nen“. Abenteurer wie Casanova, Cagliostro
• Das Establishment von Macht und Geist und Mesmer brachten den Kosmopolitis-
im vorrevolutionären Paris schloss die Rei- mus in Verruf, denn sie kamen viel herum
hen gegen einen Außenseiter, denn Jean- und schlugen sich nicht zuletzt auf Kosten
Jacques Rousseau, ein ehemaliger Haus- ihrer leichtgläubigen Opfer durchs Leben.
lehrer aus der Schweiz, verkündete unpas- Nachdem Jean-Jacques Rousseau in sei-
sende Thesen: Der Mensch entwickle sich ner Jugend mit solchen umtriebigen Kava-
nur ohne Zwang zur Mündigkeit, lehrte der lieren Europa durchquert hatte, verdamm-
Schweizer, auch der Höhenflug der Kultur te er den Kosmopolit in seinem „Gesell-
habe nur „natürliche Werte“ wie Freiheit, schaftsvertrag“ als jemanden, der „vorgibt,
Tugend und Unschuld erstickt. Das zielte die ganze Welt zu lieben, nur um sich das
auf ein neues Bildungsideal – zumal Rous- Recht zu nehmen, niemanden zu lieben“.
seaus Thesenbuch „Emile“ am Beispiel ei- Im Gegensatz dazu wie zu vielem ande-
nes Schülers den Weg zur frei entfalteten ren verkörperte Voltaire die positive Vari-
Persönlichkeit abhandelte: Erstmals wurde ante des Kosmopolitismus. Sein Landsitz in
da einer modernisierten Pädagogik auf der Ferney auf der Grenze zwischen Frank-
Grundlage von Natur und Empfindung das reich und Genf war die eindrucksvollste
Wort geredet. Durch sensiblen Umgang mit Station auf der Grand Tour der aufgeklär-
den kindlichen Eigenarten wird Zögling ten Reisenden.
Emile zum selbstverantwortlichen Bürger Flankiert von Büsten von John Locke
– damals noch zu viel für die Vertreter der und Isaac Newton, empfing der Philosoph
AKG

Staatsgewalt: Das Buch „Emile“ wurde ver- Gäste aus allen Winkeln des Kontinents –
Illustration aus Diderots Enzyklopädie* brannt, der Autor aus Frankreich vertrieben. und wenigstens 300 aus England: lauter
Handbuch der Kosmopoliten weltliche Pilger, die auf eine Mahlzeit
oder ein Bonmot hofften, so dass er
deren vornehmen Leuten aufgenommen Kosmopolitismus war Teil dieses sozialen sich gar „den Gastwirt Europas“
wurden, die dieselbe Sprache (Französisch) Codex. Er hob die vornehmen Leute von nannte. Für andere war er „der un-
sprachen und denselben gesellschaftlichen der ungewaschenen Masse ab, deren geis- gekrönte König Europas“, weil er
Normen folgten – das heißt, sie beherrsch- tiger Horizont gerade so weit reichte wie über eine neue Art Macht gebot, die
ten nicht nur die Kunst der Unterhaltung, der Blick vom nächsten Kirchturm – daher Fähigkeit nämlich, europaweit die
sondern auch die Körpersprache: Wie man Redewendungen wie „l’esprit de clocher“ öffentliche Meinung zu beherrschen.
und „Campanilismo“ als Ausdruck für Natürlich war Voltaires Königreich
* Schädeltrepanation und chirurgische Instrumente. Beschränktheit. Der Kosmopolit nahm eine Republik – die Republik des Geistes.

1695 Locke veröffent- 1728 Der Engländer Ephraim 1743 Mit dem unfähigen König
Von der Philosophie licht „Die Vernunftgemäß- Chambers veröffentlicht mit Ludwig XV. übernimmt eine Hass-
zur Politik heit des Christentums“; seinem „Lexikon der Künste und und Spottfigur der Aufklärung die
Das Jahrhundert der England hebt die Vor- Wissenschaften“ ein weiteres Regierungsmacht in Frankreich
Aufklärung zensur auf und schafft Vorbild der Enzyklopädisten
damit die Voraussetzung 1748 Der französische Staatsrechts-
für eine freie Presse philosoph Charles de Montesquieu ent-
1737 Gründung der Auf- wickelt die Lehre von der Gewaltenteilung
1690 Der englische Philo- klärer-Universität Göttingen;
soph John Locke rechtfertigt in Gesetzgebung, Exekutive und Justiz
1717 In London wird die Georg Christoph Lichtenberg
in seinen „Zwei Abhandlun- erste Großloge gegründet, ist dort ab 1769
1750 Der Genfer
BPK

gen über das Regieren“ die damit beginnt die huma- Professor
Revolution nistisch geprägte Frei- Jean-Jacques
maurerei Rousseau entwirft die
1693 Pierre Bayle fordert 1739 Der preußische Philosophie des
die Trennung von Kirche und Kronprinz und spätere „Zurück zur Natur“
Staat und verliert deswegen 1726 Nach zweimaliger König Friedrich II., der
seine Professur in Rotter- Haft in der Bastille wegen im Jahr zuvor den Frei- 1750 Voltaire kommt auf
dam; zwei Jahre später er- Beleidigung und eines maurern beigetreten Einladung Friedrich II.
scheint sein „Historisches Streits mit einem Adligen war, beschreibt im für drei Jahre nach
und kritisches Wörterbuch“, flüchtet der Aufklärungs- „Antimachiavell“ die Potsdam, überwirft
Vorläufer der „Enzyklopädie“ Philosoph Voltaire für drei Grundsätze aufgeklär- Friedrich II. (sitzend) in sich aber mit dem
der französischen Aufklärer Jahre ins englische Exil ter Staatsphilosophie der Freimaurerloge König
150 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
AKG
Allegorie auf die Erklärung der Menschenrechte (1789)*: „Frei und gleich an Rechten geboren“

Sie entfaltete sich überall und stand allen zu Dutzenden, bis hinauf nach Sankt Pe- Zeiten, und er nutzte es, um überall in Eu-
offen, wenigstens all denen, die mit Lite- tersburg, vernetzt durch Briefverkehr. An ropa seine Beziehungen spielen zu lassen.
ratur zu tun hatten. Mit Pierre Bayles den Knotenpunkten des Systems residier- Raffiniert dosierter Witz bewirkte Ge-
„Nouvelles de la République des Lettres“ ten Schriftsteller – wie Samuel Formey, lächter in allen Pariser Salons und an jedem
(1684 bis 1687) erhielt sie einen Anstrich, Sekretär der Berliner Akademie der Wis- deutschen Hof. Sorgfältig orchestrierte An-
der sie von ihrer Vorgängerin, der Gelehr- senschaften, der ausgiebigst Botschaften prangerungen von Gräueltaten – der Jus-
tenrepublik des 16. Jahrhunderts, unter- verbreitete, und das mit bemerkenswerter tizmorde an politischen Gegnern der Herr-
schied: Bei Bayle propagierte sie den Geschwindigkeit. Briefe kamen im 18. Jahr- schenden wie Calas, La Barre, Lally-Tol-
kritischen Einsatz der Vernunft, bei Vol- hundert manchmal schneller ans Ziel als lendal und Montbailli – verwandelten das
taire engagierte sie sich für den Kreuz- heute. Voltaire allein verfügte über eines Gelächter in Empörung. Und direkte Ap-
zug gegen „l’Infâme“ – das heißt, gegen der effektivsten Informationsnetze aller pelle an die Großen – Friedrich der Große,
Intoleranz und Ungerechtigkeit Katharina die Große (allein mit ihr wurden
im Allgemeinen und die Über- * Der französische General und Politiker Marie Joseph 187 Briefe gewechselt) – erbrachten manch-
griffe der römisch-katholischen Motier Marquis de Lafayette (M.), der am 11. Juli 1789 in mal direkte Resultate.
Kirche im Besonderen. Ab etwa der Nationalversammlung den Entwurf der Erklärung der Diese Art Aufklärung arbeitete von oben
Menschenrechte einbrachte, hat zu seiner Rechten eine
1760 also wurde die Republik des Geis- Frau mit heiligem Feuer und Waage als Sinnbild der Ver- nach unten, konnte aber nur nach unten
tes mit der Aufklärung identifiziert. nunft und zur Linken einen Schwarzen als Symbol für die wirksam sein, wenn sie einige Nähe zur
Sie hatte ihre Zentren: Kaffeehäuser, Gleichheit aller Menschen; breiten Kultur der
zeitgenössische Radierung.
Freimaurerlogen, Salons und Akademien gebildeten Europäer

1751 Die französische 1762 Mit Rousseaus „Contrat 1779 Gotthold


„Enzyklopädie“ von Denis social“ beschreibt die Aufklärung ihr Ephraim Lessing
Diderot und Jean-Baptiste neues Verständnis vom Staat als ge- schreibt das
d’Alembert beginnt zu er- sellschaftlichem Vertragsverhältnis Toleranzdrama
scheinen „Nathan der
1764 Der deutsche Philosoph Weise“
1756 Voltaires Hauptwerk Moses Mendelssohn, der seinen
„Essay über Sitten und Geist jüdischen Glauben im Licht der 1784 Kant beant-
der Völker“ kommt heraus Aufklärung prüft, erhält den Preis wortet die Frage
der Preußischen Akademie für „Was ist Auf-
1759 Mit dem Ruf „Écrasez seine „Abhandlung über die klärung?“ in sei-
Evidenz in den metaphysischen nem berühmten
A KG

l’infâme“ (Zermalmt die


Niedertracht) ruft Voltaire Wissenschaften“ Aufsatz mit der
Französische Revolution:
zum Kampf gegen die Sturm auf die Bastille Definition:
1770 Der Aufklärungs-Philosoph „Der Ausgang des Menschen aus seiner
Kirche auf Immanuel Kant wird Professor in selbst verschuldeten Unmündigkeit“
Königsberg
1760 Von seinem Land- 1789 Die Französische Revolution beruft
schloss Ferney bei Genf 1774 Ludwig XVI., letzter französischer König vor der Re- sich auf die Philosophie der Aufklärer
kämpft Voltaire mit Pam- volution, beruft den Wirtschaftstheoretiker Anne Robert
phleten und Büchern für Jacques Turgot zum Generalkontrolleur der Finanzen; sein 1791 Mit der Einfügung der „Bill of
die Befreiung der Leib- Programm eines Bündnisses zwischen König und Volk ge- Rights“ in die Verfassung der USA werden
eigenen gen die Privilegien des Adels scheitert nach zwei Jahren Ideen der Aufklärung umgesetzt
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 151
Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
Serie (6) | EUROPAS IDEEN FÜR DIE WELT

A KG ( 11 ) , D PA
PRINZ EUGEN VON SAVOYEN
Krieger des Kaisers –
1663 bis 1736
Königsberg

D er schmächtige Prinz wollte gern zum


Militär. Aber sein Vater riet dem jüngs-
ten seiner fünf Söhne zur Kirchenlaufbahn,
Locke 1 Bayle 2 Mendelssohn 6 Lessing 9 Kant 8

Wolfenbüttel Berlin
und als der sich dennoch bei Ludwig XIV. London
zum Kriegsdienst melden wollte, schickte Zentren Potsdam
auch der Sonnenkönig ihn weg. Zwei teure der Aufklärung Rotterdam
Göttingen
Irrtümer für Frankreich. Denn Franz Eugen Die wichtigsten Denker Paris
von Savoyen wurde schließlich doch enga- und ihre Wirkungsstätten Friedrich II. 5 - 6
giert – am Hof des Kaisers in Wien. Dort
stieg „Prinz Eugen“ schnell zum Feldmar- Genf
schall empor – seine Siege veränderten
die politische Landkarte des Europas der
Aufklärung. 1697 schlug er die Osmanen
entscheidend bei Zenta in Nordserbien,
seither wird er als Retter des christlichen
Abendlandes gefeiert. Als der Kaiser im Voltaire 3 - 1 - 5 - 7
Spanischen Erbfolgekrieg (1701 bis
1714) gegen Ludwig XIV. die Große Allianz d ’Alembert 3 Diderot 3 Montesquieu 3 Rousseau 7 Lichtenberg 4
mehrerer europäischer Mächte bildete,
kommandierte Prinz Eugen die Truppen
zum Sieg gegen sein Geburtsland. Das hatte – Kultur im weitesten Sinne, als Da- und beide kurbelten die Nachfrage im neu-
stülpte die politischen Verhältnisse Euro- seinsweise an sich. Wie später der deut- en Handel mit Luxusgütern an. Damen in
pas um: Habsburg war zur Vormacht ge- sche Philosoph Norbert Elias verstand Vol- London, Stockholm und Budapest erfuh-
worden, Frankreichs expansiver Monarch taire diese Kultur als Zivilisationsprozess ren von den neuesten Trends, indem sie
gestoppt worden. Der geschlagene Franzo- auf europäischem Niveau: Europäer sind, Puppen studierten, die monatlich aus den
se verlor einiges an Ruhm und Territorien was die Griechen einst waren. Sie führen Schneiderwerkstätten der Rue Saint Ho-
(so die nordamerikanischen Kolonien an Krieg miteinander, doch mitten in diesen noré verschickt wurden.
England), während sein einst verschmäh- Auseinandersetzungen achten sie so sehr Allerorts bildeten sich Feinschmecker
ter Bewerber nun Kriegskarriere machte. auf Anstand und Höflichkeit, dass, treffen heran, dank der Abhandlungen über die
Und: Bei jedem Sieg gab es Lohn in Geld ein Franzose, ein Engländer und ein Deut- neue Kunst der „Gastronomie“, dank neu-
für den Kommandierenden, dazu nach scher zusammen, es scheint, als wären sie er Genüsse wie „Pralinen“ (von der Tafel
Kriegsbrauch ein Drittel des erbeuteten in derselben Stadt geboren. des Duc de Plessis-Praslin) und „Mayon-
Heeresguts sowie ein Zwangsgeschenk Höflichkeit war das Entscheidende, das naise“ (erfunden vom Leibkoch des Duc de
vom besiegten Feldherrn. Da fast nie Frie- die Aufklärung für die breite Öffentlichkeit Richelieu bei der Belagerung von Fort
den war, wurde der staatsmännische anziehend machte. David Hume, Gotthold Mahon auf Menorca). Neuartige Möbel –
Kriegsgewinnler zu einem der reichsten Ephraim Lessing, Cesare Beccaria, beinahe die „Kommode“, der „Sekretär“ – neuar-
Männer Europas. Er zeigte es mit Pomp. alle Philosophen außer Rousseau, identifi- tige Frisuren, Porzellane und Innendeko-
Seine vielen Schlösser statteten berühmte zierten Höflichkeit mit der Überwindung rationen verbanden die verschiedenen Eli-
Baumeister wie Fischer von Erlach aus. von Aberglauben und Barbarei. Für sie war ten Europas in einer gemeinsamen, mate-
Hunderte Lakaien pflegten die prinzlichen das Christentum nicht nur unvernünftig, es riellen Kultur.
Besitztümer, darunter einen Zoo mit exoti- war vulgär, der rohen Denk-
schem Getier, aber auch Gemäldesamm- weise der alten Hebräer ent-
E U R O P A S E R B E
lungen und eine Prachtbibliothek. Denn sprungen. Kein Mann von
Prinz Eugen, vom Welt konnte es ernst neh-
Volksmund zum men. Es war eine Beleidigung Die Salons
„edlen Ritter“ er- für den guten Geschmack. • Hier trafen sich die besseren Kreise etwa zum Politi-
hoben, glänzte auch Der Appell an den guten sieren, Mobbing und Testen neuer Ideen. Die Salons
als Kulturgröße. Mit Geschmack, ein Schlüssel- von Paris, unterhalten von Damen des Ancien Régime,
ihm korrespondierten wort in Abhandlungen und wurden im 18. Jahrhundert zur intellektuellen Dreh-
zeitgenössische Ge- Korrespondenzen der Philo- scheibe und machten – zumal bald in vielen anderen
lehrte wie Gottfried sophen, ergänzte den Appell Hauptstädten nachgeahmt – Französisch zur Bildungs-
Leibniz oder Charles an die Vernunft. Diese Dop- sprache Europas. Bei den Mmes Geoffrin, Lespinasse
de Montesquieu über pelstrategie machte die Auf- oder d’Épinay sprachen führende Poeten mit Enzyklo-
philosophische und klärung im Europa des 18. pädisten, spätere Revolutionäre hörten Philosophen zu.
staatsrechtliche Fra- Jahrhunderts äußerst ein- Nicht Eingeladene mussten sich gehörig anstrengen,
gen. Im Dienste drei- flussreich, denn damals be- wollten sie dazugehören. Friedrich der Große etwa sandte
er Habsburger Kaiser gann der Weltmann allmäh- auf konspirativem Weg Textproben aus Potsdam. Sein
wurde Eugen zu ei- lich den Aristokraten als Geheimbote, der deutsch-französische Baron Melchior
ner zentralen politi- idealen sozialen Typus zu Grimm, zählte zu den Schlüsselfiguren der Aufklärung.
AKG

schen Figur Europas. verdrängen. Er verkehrte eifrig in der Szene – die Pariser Insider-
Raum war für beide im ge- berichte seiner „Correspondance littéraire“ zirkulierten
Prinz Eugen hobenen Verhaltenskodex, in den Salons Europas.
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Gleichzeitig pflegten die Eliten eine ge- Drucker druckten auf Französisch ge-
meinsame Sprache. Zum ersten Mal ersetz- schriebene Bücher in Werkstätten, die in GIACOMO CASANOVA
te Französisch das Latein als Lingua franca London, Amsterdam, Hamburg, Dresden, Abenteurer und Schöngeist –
der Diplomatie im Vertrag von Rastadt Genf und vielen anderen Städten außer-
(1714). Im Jahr 1774 verfassten sogar Russen halb Frankreichs lagen. 1725 bis 1798
und Türken einen gemeinsamen Vertrags- Die besten französischen Zeitungen –
entwurf auf Französisch. Überall, von Sankt „La Gazette d’Amsterdam“, „La Gazette
Petersburg bis Neapel, verbreiteten franzö-
sische Tutoren die Sprache unter den Rei-
de Leyde“, „Le Courrier de l’Europe“ –
entstanden gleichfalls außerhalb der Mon-
ZSt.um ersten Mal reiste ein Sexmythos
durch Europa. Zwischen London und
Petersburg, Nordsee und Adria war der
chen, während die Armen, selbst mitten in archie. Wenn deren Lektüre in dem resul- exotische Jurist Giacomo Casanova ein
Frankreich, durch endlose, wechselseitig un- tierte, was der amerikanische Soziologe stark gefragter Gast, berühmt für seine Be-
verständliche Mundarten getrennt blieben. Benedict Anderson eine „imaginäre Ge- redsamkeit, seine Bildung und vor allem
Als Edward Gibbon Student in Lausanne meinschaft“ nennt, so war diese erst eu- seine Bettgeschichten. Erlauchte Häuser
war, erschien es ihm ganz natürlich, Ge- ropäisch und dann nationalistisch. Wahr- standen ihm offen. In Paris wurde der
schichte auf Französisch zu schreiben, scheinlich bestätigten Voltaires Leser seine vielseitige Venezianer von der Mätresse
„weil ich auf Französisch denke“. Die glei- Gefühle: „Ich gehöre zu Europa.“ König Ludwigs XV., Madame Pompadour,
che Überlegung bewegte Alexander Pusch- Alle Medien, auch das gesprochene Wort, empfangen, aber auch von Voltaire. Mit
kin, seine ersten Verse auf Französisch zu trugen zu diesem kollektiven Bewusstsein Preußen-König Friedrich dem Großen plau-
verfassen, für ihn „die Sprache Europas“. bei. Die Kunst der Konversation war in den derte er über Schönheit und Philosophie.
Friedrich II., der sein Französisch unter Pariser Salons des 17. Jahrhunderts perfektio- Zwischen Zarin Katharina II. und Casanova
der Anleitung Voltaires vervollkommnete, niert worden. Überall in den eleganten Krei- ging es der Überlieferung zu-

BPK
ordnete 1743 an, dass die Abhandlungen der sen war sie Vorbild für den Small Talk. Der folge unter anderem
Akademie der Wissenschaften in Berlin auf Pariser Schriftsteller Louis-Antoine Carac- auch um Gespräche
Französisch zu veröffentlichen seien, der cioli veröffentlichte 1777 das Buch „Modell über die Nachteile
„langue universelle“. Als die Akademie 1782 der fremden Nationen oder das Französi- des russischen
ihren berühmten Essay-Wettbewerb über die sche Europa“. Darin ruft ein französischer Kalenders. Der
Universalität der französischen Sprache auf- Marquis: „Italiener, Engländer, Deutsche, Abenteurer führ-
legte, war Europa französisiert. Spanier, Polen, Russen, Schweden, Portu- te neben seiner
Sprachlicher Kosmopolitismus bedeute- giesen ... ihr alle seid meine Brüder.“ höfischen Exis-
te, dass man bei Veröffentlichung und Ver- Brüderlichkeit war ein europäisches tenz als Privat-
kauf von Büchern europäisch dachte. Die Phänomen, noch bevor die Revolution gelehrter der Auf-
sie in die nationale Kultur klärung auch ein
Frankreichs integrierte. Na- wildes Privatleben.
türlich galt sie nicht unter- Sprichwörtlich war Casano-
halb der Elite: Nur Männer vas Sexbesessenheit und Casanova
von Welt fühlten sich einem Attraktivität, die angeblich
gemeinsamen Lebensstil ver- bei zahllosen Frauen ankam. Auf finanziel-
bunden, und ihre Zugehö- lem Gebiet versuchte er sein Glück unter
rigkeit zu einer europäischen anderem als Chef einer französischen
Zivilisation schloss die Zu- Lotterie oder als Theaterdirektor; einmal
gehörigkeit zu einem regio- schrieb er sogar an einer „Käse-Enzyklo-
nalen Gemeinwesen nicht pädie“. Viel unterwegs war Casanova auch
aus, dessen eigene Kultur deshalb, weil ihn die Behörden halb
sich in einem eigenen Idiom Europas suchten: in Stuttgart wegen Spiel-
ausdrückte. schulden, in Madrid wegen unerlaubten
Identität im 18. Jahrhun- Waffenbesitzes, in Italien wegen atheisti-
dert war gestaffelt: Ein Kava- scher Umtriebe. Mehrfach saß er ein, in
lier gehörte zu einer Familie, Venedig sogar monatelang in den berüch-
einer Körperschaft, einer tigten Bleikammern des Dogenpalasts.
Stadt oder Region, und eben- Schlauheit und Fürsprache halfen dem
so zu einem Land wie zu windigen Juristen freilich stets aus der
Europa. Was davon für ihn Klemme. Schließlich verdingte sich Casa-
Priorität hatte, war von Fall nova sogar als Agent der Inquisition –
zu Fall verschieden. der alternde Großerotiker musste porno-
Doch allmählich öffneten grafischem Schriftgut nachspüren. Am
sich die Eliten für andere Ende beauftragte ihn ein österreichischer
Stände und nahmen im Graf, im böhmischen Örtchen Dux die
ganzen Westen an Zahl zu. gräfliche Bibliothek zu leiten. Dort schrieb
Die neuen Reichen traten in der Höfling seine zwölfbändigen Memoi-
mehr oder minder enge ren, die der Leipziger Brockhaus-Verlag für
Tuchfühlung mit der bes- 200 Taler erwarb. Noch einmal rühmt da
seren Gesellschaft in den der Alte seine Großtaten bei all den Kokot-
Ladengeschäften, wo sich ten, Kurtisanen und Küchenhilfen.
eine neue Verbraucherkultur Casanova-Chronisten haben die wirklichen
Zahlen der maßlosen Sexlegende etwas
* Salon der Madame Necker in Paris,
heruntergerechnet und sind auf lediglich
AKG

Holzstich nach einem Gemälde von rund 130 Partnerinnen gekommen. Aber
Aufklärer-Treffpunkt Salon*: Europa war französisiert Felix Philippoteaux (um 1880). immerhin.
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 155
Serie (6) | EUROPAS IDEEN FÜR DIE WELT

Das allseits expandie-


rende Wirtschaftsleben
machte die neuen Kon-
sumgüter für viele mitt-
lere Einkommen er-
schwinglich. Selbst Bau-
ern erfreuten sich bes-
serer Bedingungen: Ein
wärmeres Klima folgte auf
die „kleine Eiszeit“ des
17. Jahrhunderts; neue
Feldfrüchte – weiße und
rote Rüben, Kartoffeln –
linderten die chronischen
Hungersnöte; und wahr-
scheinlich legte die Le-
benserwartung zwischen

AKG
1700 und 1800 um zehn
Höfisches Leben*: Anstand und Höflichkeit Jahre zu. Natürlich schos-
sen die Ideen nicht aus
etablierte. Selbst Handwerksmeister kauf- dem Boden wie jene Rüben, doch verbes-
ten manchmal Uhren und trugen Schwer- serte Lebensbedingungen und ein sonni-
ter. Auch Dienstmädchen besaßen mehre- geres Meinungsklima ließen auch die brei-
re Kleider aus oft bunt gefärbtem Kaliko, te Bevölkerung an den Gedanken der Auf-
nicht mehr aus den schweren schwarzen klärung teilhaben.
oder braunen Wollstoffen der Dienstboten Was die Elite betraf, so waren ihre
des 17. Jahrhunderts. Glücksvorstellungen von den kühnen Ge-
Einfache Leute konsumierten die neuen, dankenexperimenten der „Esprits forts“
aus dem Ausland importierten Luxusgüter und „Libertins“ des 16. und 17. Jahrhun-
wie Kaffee, Tee, Schokolade, Zucker und derts ausgegangen. Die Welt erschien in
Tabak. Der gesellschaftliche Mittelstand den Werken von Giordano Bruno, René
verbrachte einen Teil seiner neuen Muße in Descartes und Baruch Spinoza mehr als
den Kaffeehäusern und verbrauchte einen vernünftige Ordnung und Quelle mögli-
Teil seines neuen Reichtums an diesen cher Vergnügen denn als Jammertal.
Orten, die jedem offen standen, der sie Libertinismus wurde mit Gedankenfrei-
sich leisten konnte. heit ebenso wie mit freier Liebe identifi-
Nach seiner Erfindung im Jahre 1554 zu ziert. In Molières „Don Juan“ verkörperte
Konstantinopel verbreitete sich das Kaf- der größte Liebhaber des Jahrhunderts
feehaus im 17. Jahrhundert in ganz Europa. beide Grundsätze stolz auf der Bühne. Ge-
Das erste entstand 1660 in London. 1663 wiss, Molière schickte seinen Helden zur
gab es dort 82 Kaffeehäuser, 1734 waren es
schon 551. Weil dort frei und kunstvoll par-
E U R O P A S E R B E
liert wurde, nannte man sie „Klatschuni-
versitäten“. Sie dienten auch als Treffpunkt
politischer Zirkel, denn dort gab es nicht Die Menschenrechte
nur Kaffee, sondern auch Pamphlete und • Die Pioniere der Bürgerrechte kamen
Zeitungen. nur mühsam voran, denn streitbare Geg-
Das erste Londoner Tagblatt kam 1702 ner gab es von Anfang an: König und
heraus – lange nach Erscheinen der ersten Papst sträubten sich jahrelang, ehe end-
Tageszeitung in Deutschland (Leipzig, lich 1225 in England die „Magna Charta
1650), doch lange vor der ersten in Frank- Libertatum“ in endgültiger Form verkündet
reich (Paris, 1777). Die Kombination aus werden konnte. Das Regelwerk in 63 Arti-
Gedrucktem, Gesprächen und Kaffee ließ keln wurde zur Basis der Grundrechte. Die
überall in Europa eine starke neue Macht Renaissance besann sich dann auf die
aufsteigen: die öffentliche Meinung – und schon von den altgriechischen Philoso-
die öffentliche Meinung wurde in allen phen der Stoa postulierte Gleichheit der
großen Städten zunehmend radikal. Menschen. Nach der Reformation wandel-
Sie hatte viele Gestalten und entstamm- ten die großen europäischen Denker die
te vielen Quellen, doch alles lief auf einen christliche Lehre zunehmend in ein welt-
Leitgedanken zu, der überall Widerhall lich moralisches Sittengesetz um. Der Auf-
fand: das Glück. Langsam kamen die klärer Immanuel Kant entwickelte die
Europäer dahinter, dass sie das Leben auf „Idee eines moralischen Gesetzgebers“
Erden genießen und nicht nur ertragen und propagierte den Gedanken einer
sollten, um nach dem Tod ins Paradies friedlichen Völkergemeinschaft. In den
zu kommen. Deklarationen der entstehenden USA
(1776) und der Französischen Revolution
* Gemälde „Das Menuett“ von Giovanni Battista Tiepo- (1789) fanden die Menschenrechte dann
lo (1756). ihre kodifizierte Form.
156 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Werbeseite

Werbeseite
Serie (6) | EUROPAS IDEEN FÜR DIE WELT

DENIS DIDEROT im Streit ums Honorar verlassen hatte, Übung. Einer der ersten literarischen Versu-
Enzyklopädist der Aufklärung – schrieb Diderot zusammen mit seinem Ge- che des Sohns eines Messerschmieds aus
treuen Louis de Jaucourt Tausende der Einträ- der Champagne waren die erotischen Erzäh-
1713 bis 1784 ge selbst. Das Ziel der Aufklärer, „das Joch lungen „Les bijoux indiscrets“. In einer Art Va-
der Autorität und des Vorbilds abzuwerfen, gina-Monolog berichten die Hofdamen eines

E s war das bis dahin bestverkaufte Werk


des französischen Buchhandels. 4225 In-
teressenten abonnierten ab 1751 die 17
um sich an die Gesetze der Vernunft zu hal-
ten“ – so Diderot im Stichwort „Enzyklopädie“
–, erreichte das Werk oft nur auf Umwegen,
Sultans von ihren Liebesabenteuern – es
spricht das „Juwel“, der dabei hauptsächlich
betroffene Körperteil. Die Geschichten sind
Text- und 11 Bildbände der „En- denn ständig drohte die voller Anspielungen auf den Hof Ludwigs XV.
cyclopédie“. Auflagen von 500 Zensur mit Entzug der und seiner Madame Pompadour, dazu ge-
bis 1000 Stück waren damals Druckerlaubnis. Die spickt mit allegorischen Kapiteln über die
üblich, mit Nach- und Raub- Hauptartikel sind daher Philosophie der Aufklärung als eine auf Erfah-
drucken erreichte das Nach- oft brav im Sinne der ab- rung und Beobachtung gestützte Wissen-
schlagewerk der Aufklärung sei- solutistischen Ordnung schaft. Nach 20 zunehmend mühsamen Jah-
nerzeit über 24 000 Exemplare. verfasst, Kritik und Sotti- ren mit der Enzyklopädie schrieb Diderot für
Herausgeber Denis Diderot hatte sen finden sich dagegen die Schublade, dafür aber unbekümmert um
mehr als 100 Autoren für die in den per Querverweis die Anforderungen der Zensur. Die Dialogro-
über 72 000 Artikel versammelt: angegebenen zusätzli- mane „Jacques, der Fatalist“, eine Diskussion
Die „Enzyklopädisten“ verstan- chen Stichworten. In sol- um die Willensfreiheit des Menschen, und
den sich als Elite der Aufklärung. cher Camouflage des Wi- „Rameaus Neffe“, ein Panorama des korrup-

AKG
Nachdem ihn sein Mitherausge- derstandes hatte Diderot ten Ancien Régime, erschienen erst nach
ber, der Mathematiker Jean-Bap- seinem Tod im Ausland – der „Neffe“ in einer
tiste Le Rond d’Alembert, 1758 Diderot Übersetzung von Johann Wolfgang von Goethe.

Strafe in die Hölle, doch schon in Wolf- Diesem Argument ließen sich zwei Ein- Andere Sprachen müssen deshalb kei-
gang Amadeus Mozarts Version der Ge- wände entgegenhalten. Einmal: Der elitä- neswegs aussterben. Es bleibt genug Raum
schichte, eines Dramma giocoso, wirkte re Charakter der Aufklärung kann die Be- für kulturelle Variationen zwischen den
die Strafe weniger überzeugend. Und in geisterung für ihre Werte beeinträchtigen. beiden Extremen Kosmopolitismus und
seiner Neufassung ließ Carlo Goldoni Don Wenn die Republik des Geistes nicht de- Campanilismus. Elitäres Denken war für
Juan lieber auf natürliche Weise sterben: mokratisch war, warum soll man ihren Kos- Voltaire eine Strategie im Kampf gegen
durch Blitzschlag, nicht durch göttlichen mopolitismus als Inspiration für ein de- „l’infâme“. Doch damals gab es noch an-
Zorn. mokratisches Europa feiern? dere Strategien, einige demokratisch, an-
1776 war das Glück nicht länger Privileg Antwort: Das französisierte, aristokra- dere revolutionär, wie die Franzosen 1789
der Aristokraten. Es wurde zum Men- tische Europa des 18. Jahrhunderts ist kein bewiesen.
schenrecht, der Welt proklamiert in der Modell für die heutige Europäische Ge- Zum Zweiten: Man könnte der Auf-
amerikanischen Unabhängigkeitserklä- meinschaft. Es zeigt nur, dass Europäer klärung Eurozentrismus vorwerfen, schlim-
rung: „Leben, Freiheit und das Streben sich einst durch einen gemeinsamen Le- mer noch – kulturelle, als Universalismus
nach Glück“ – Glück, nicht Eigentum. Die- bensstil verbunden fühlten. Könnte denn verkappte Hegemonie. Antwort: Gewiss,
ser Wechsel der Begriffe bereitete den Weg dieses Zugehörigkeitsgefühl zu einer ge- die Aufklärung fiel mit einem zweiten Zeit-
für einen gleichberechtigten Zugang zu den meinsamen Zivilisation nicht für alle Tei- alter, dem der Entdeckungen, zusammen,
guten Dingen des Lebens. le der Gesellschaft gelten? Könnte nicht und durch aufklärerische Entdecker wie
Die französische Verfassung von 1793 Englisch heute genauso gut als Lingua Captain James Cook konnten die europäi-
bestätigte die Rechte von 1789: „Gleich- franca dienen wie Französisch vor 200 schen Imperien expandieren.
heit, Freiheit, Sicherheit, Eigentum“, un- Jahren? Doch Philosophen wie Abbé Raynal pro-
terstellte sie aber einem Leitgedanken, der testierten gegen die Unterdrückung kolo-
gleich im ersten Artikel stand: „Das Ziel * Ornella Muti und Richard Chamberlain in „Casanova“ nialer Völker, vor allem gegen die Skla-
der Gesellschaft ist das allgemeine Glück.“ von Simon Langton (1987). verei. Oft kehrten kolonisierte Menschen
Der Weg vom gesellschaftlichen Wohl zum
Sozialismus war nicht weit, er wurde zwi-
schen 1793 und 1848 zurückgelegt.
Natürlich wirkt das Jahr 1848 vom Zeit-
alter des Euro aus gesehen unglaublich
fern. Hat denn die Epoche der Aufklärung
überhaupt eine Bedeutung für die Lage
Europas im Jahre 2002? Nicht direkt, doch
das 18. Jahrhundert kann Auskunft dar-
über geben, dass die Nation nicht immer
das fundamentale Maß der Dinge des Le-
bens war und dass die Prinzipien der Auf-
klärung bis heute lebendig sind. Worauf
sonst kann man sich berufen, will man ge-
gen Intoleranz und Folter, Diskriminierung
und Zensur, Missbrauch und Ungerechtig-
DEFD

keiten protestieren?

Kosmopolit Casanova im Film*


Freie Liebe, freie Gedanken
158
AKG
Ballhausschwur der französischen Revolutionäre*: „Das Ziel der Gesellschaft ist das allgemeine Glück“

die europäischen Prinzipien gegen ihre Es gab in Asien durchaus bedeutende die Menschenrechte verteidigen müssen.
Herren und fanden entsprechende Ideologien und Institutionen, die das Volk Nicht, dass die Geschichte Lektionen
Grundsätze in ihrer eigenen Tradition. Die an die erste Stelle setzten. Mencius, ein erteilte, doch sie zeigt, wie der Zivilisa-
Ablehnung von Menschenrechten im Na- Schüler des Konfuzius, sagte: „Der König tionsprozess den Kampf gegen die Barbarei
men „asiatischer Werte“ nützte den Ab- ist der Sohn des Himmels. Der Himmel hat ausgelöst hat. Dieser Kampf ist noch nicht
sichten asiatischer Diktatoren, und Vertei- ihn geschickt, damit er dem Volk durch ge- vorbei, die Europäer haben noch immer
diger der Demokratie in Asien konnten rechte Herrschaft diene. Wenn er fehlt und Anlass für den Aufruf: „Ecrasons l’infâme!“
sich auf das aufklärerische Erbe Europas das Volk unterdrückt, hat das Volk das (Zermalmt die Niedertracht!)
beziehen, ohne ihre eigenen Wertesysteme Recht, ihn im Namen des Himmels zu ent-
aufzugeben. fernen.“ Und das, 2000 Jahre bevor John
Der südkoreanische Präsident Kim Dae Locke die Theorie des Gesellschaftsvertra- ROBERT DARNTON
Jung vertrat diese Einstellung, als er im ges und der bürgerlichen Souveränität ent- ist Professor für
Dezember 2000 den Friedensnobelpreis wickelte. Europäische Ge-
erhielt: „Lange vor dem Westen hatte Prinzipien als historisch bedingt zu ver- schichte an der
Asien den Respekt vor der Menschenwür- stehen bedeutet nicht, ihre Gültigkeit zu Princeton Universi-
de in seinen Gedankensystemen festge- leugnen. Ihre kulturelle Dimension aufzu- ty im US-Staat
schrieben, und intellektuelle Traditionen, zeigen bedeutet nicht, sie bis zur Auflö- New Jersey. Darn-
W. W. NORTON

die das Konzept des ,demos‘ stützten, sung zu relativieren. Im Gegenteil. Die Eu- ton, 62, Experte für
schlugen Wurzeln.“ ropäer können Mut daraus schöpfen, dass das vorrevolutionä-
„Das Volk ist der Himmel, der Wille des Europa schon lange als kulturelles Gebilde re Frankreich,
Volkes ist der Wille des Himmels, ehre das existierte, bevor es zur monetären Zone schrieb unter ande-
Volk, wie du den Himmel ehrst“ – so lau- wurde. rem die Studie „Glänzende Geschäfte“
tete schon vor 3000 Jahren die zentrale Wenn sie sich ihre Geschichte bewusst über das erfolgreiche Lexikonprojekt der
Lehre des politischen Denkens in China machen, werden sie verstehen, weshalb sie aufklärerischen „Enzyklopädisten“.
und Korea. 500 Jahre später predigte in In-
dien der Buddhismus, dass die Würde des
Einzelnen und die Rechte des Menschen Im nächsten Heft lesen Sie: SERIE (7) | DER EUROPÄER NAPOLEON
von höchster Bedeutung seien.
In der Verbannung auf St. Helena träumte Napoleon noch immer von einer euro-
päischen Ordnung, wie er sie als französischer Empereur in einer Folge blutiger Kriege
* Im Jeu-de-Paume in Versailles am 20. Juni 1789, Kopie
nach einem Gemälde von Jacques Louis David. errichten wollte. Doch was blieb, war eine Stärkung der nationalen Einzelstaaten.
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 159
Werbeseite

Werbeseite
Szene Kultur

JÖRG REICHARDT
„Minotaurus“-Inszenierung an der Komischen Oper in Berlin

BALLETT betonter Reigen von zehn Bil-


dern, die die Welt der Antike

Sportliche Antike feiern. Li, eine frühere Turnerin


im spanischen Nationalteam und
ehemalige Betreiberin einer Bar

J ahrelang verkümmerte das Ballett an der Komischen Oper


in Berlin im Schatten des Musiktheaters. Nun soll die spani-
sche Choreografin Blanca Li, 38, mit ihrer neu engagierten, -
in Madrid, verbindet Elemente
des klassischen Balletts mit
sportlichen und folkloristischen
24-köpfigen Tanztruppe die Ballettomanen der Hauptstadt Beigaben. Drei Jahre gibt sich

IKO FREESE / DRAMA


wieder ins Haus locken. Ihren Einstand feiert die neue Che- die Tänzerin, um zu beweisen,
fin an diesem Sonntag mit „Der Traum des Minotaurus“, ei- dass ihr Konzept aufgeht. Der
ner Arbeit, die sie mit einem weitaus kleineren Ensemble 1998 traumhaft kraftvolle „Minotau-
schon einmal in Frankreich herausgebracht hat. Die nunmehr rus“ ist immerhin ein verhei-
üppigere, stark überarbeitete Berliner Version ist ein körper- ßungsvoller Anfang. Tanzchefin Blanca Li

MUSI KGESCH ICHTE lischen Begleitband mit Texten und Bil- Berlin 1933–1938“ erklärt den histori-
dern auf über 500 Seiten. Die „Doku- schen Hintergrund, stellt alle Titel,
Kolossale Fleißarbeit mentation jüdischen Musiklebens in Komponisten und Interpreten vor und
rekonstruiert die Geschichte von vier

E s war ein Akt der Verzweiflung


und zugleich der Hoffnung auf
bessere Zeiten. Jüdische Künstler, die
Plattenfirmen, die in Berlin (später
in Palästina) jüdische Musik aufge-
nommen haben. Die unglaubliche
nicht mehr auftreten durften, grün- Fleißarbeit, informativ wie ein Lexi-
deten 1933 in Berlin den „Jüdischen kon und spannend wie ein Krimi, ist
Kulturbund“, um für ein ausschließ- „das Ergebnis jahrelanger Arbeit
lich jüdisches Publikum zu spielen dreier Freunde“, der deutschen
und zu musizieren – unter den wa- Sammler und Forscher Horst Berg-
chen Augen der Gestapo. Das musi- meier und Rainer Lotz sowie des
kalische Programm war breit gefä- israelischen Historikers Ejal Jakob
chert – es reichte von der Klassik Eisler. Sie haben rund um die Welt
über den Swing bis zur jiddischen nach Aufnahmen gesucht. Viele Ton-
Folklore. Bis vor kurzem wussten nur dokumente, die im Exil erhalten ge-
Historiker, dass es ein reges jüdisches blieben sind, liegen nun als restau-
Musikleben mitten in Nazi-Deutsch- rierte Originale wieder vor. Das Opus
land gab. Jetzt liegt fast das ganze magnum ist bei Bear Family Records
Repertoire jener Jahre vor, zusam- in Holste-Oldendorf nahe Bremen
mengefasst auf 11 CDs mit 14 Stun- erschienen, einem Label, das sich auf
den Spielzeit („Beyond Recall“). authentische historische Produktio-
Dazu gibt es einen deutsch-eng- CD-Cover „Beyond Recall“ nen spezialisiert hat.
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 161
Szene
LESELISTEN
Am Rande
Mutt, wat mutt?
Curling im Nirwana D as Rezept war primitiv, aber wirk-
sam: Man nehme einen Titel, der
un rasen sie wieder wie unge-
N pellte Weißwürste durch die
von Mormonenhand gebaute Eis-
einem vorgehaltenen Revolver gleicht
(„Bildung – Alles, was man wissen
muss“), setze ihn über eine Tirade aus
rinne, fliegen wie schwangere, der Feder des Wissensentertainers Diet-
x-beinige Seeadler durch die Lüfte rich Schwanitz, und fertig ist der Best-
seller. Klar, dass viele Verlage den Coup
und hüpfen wie Springteufel über
zu kopieren versuchten. Klar auch, dass
die schneeweiße Buckelpiste – über der Eichborn Verlag, der die ursprüngli-
zwei Wochen lang werden die che Idee hatte, den Boom weitertreiben
Olympischen Winterspiele von Salt möchte. Eine Konserven-Kassette mit
Lake City die religiös und ideolo- zehn CDs verspricht „Musik – Alles,
gisch zerstrittenen Kulturen der was man hören muss“. Nun kommt der
Welt im Frauen-Curling und beim nächste Tiefschlag: „Bücher – Alles, was
man lesen muss“. Auf 336 Seiten stellt
Männer-Trickskispringen sportiv die Schwanitz-Schülerin Christiane
vereinen. Was immer über den Zschirnt, 36, mehr als hundert Werke
„Clash of Civilizations“ und das vor. Haudegen wie Homer, Dante und
schreiende Bürokratenelend in Musil sind natürlich drin – wat mutt, dat
deutschen Arbeitsämtern gesagt mutt. Aber auch Robert Burtons „Ana-
werden kann – die edle Konkur- tomie der Melancholie“ von 1621 hat Kusama-Installation
ihren Auftritt. Sollen die krampfhaft
renz auf Eis und Schnee sublimiert munteren Inhaltsangaben den „Pisa“- AU S ST E L L U NGE N
den kruden Erdenzorn und die Er-
schütterungen des Terroralltags wie
sonst nur die Fußball-Weltmeis-
terschaft. Was aber ist das Ge-
Exil der Punkte
heimnis dieser stundenlangen
Übertragungen von „5 km Verfol-
I hre Welt ist eine voller Obsessionen:
Dafür hat der Kunstbetrieb die Japanerin
Yayoi Kusama einst belächelt, und dafür
gung, Frauen“ und „Nordischer feiert er sie heute. Ende der fünfziger Jah-
Kombination“? Wird im Mantra re hatte sich die Künstlerin, damals 29, in
des körperlichen Wettkampfes
MATTHIAS JUNG / LAIF

New York niedergelassen und hart daran


etwa eine buddhistische Wahrheit gearbeitet, selbst die experimentierfreudi-
übermittelt, die Weisheit von Be- gen amerikanischen Kollegen zu verblüf-
fen. Sie trug exzentrische Kleider oder zeig-
scheidung und Gelassenheit, von te sich nackt an öffentlichen Plätzen. Vor al-
Ausdauer und ewiger Wiederkehr Autorin Zschirnt lem aber entwickelte sie ihr eigenes Gesetz
des Gleichen? So muss es sein, so der Serie: Sie verwandelte Räume mit Hun-
wird es sein. Wenn Sven Hanna- Schock lindern? Sind sie als Trampel- derten von fluoreszierenden Punkten und
wald und Co. immer und immer pfad durchs Günther-Jauch-Universum Glühbirnen in einen abgedrehten Zirkus,
wieder von der Großschanze sprin- gemeint? Die Käufer werden’s wissen.
gen, wenn Snowboarder die Half-
pipe putzen und Eisschnellläufer Kino in Kürze
ihre endlosen Runden absolvieren,
dann begreift auch der letzte TV- „Tödliches Vertrauen“ setzt Hollywood in Horizont ist der köstliche Steve Buscemi
Abhängige: Das ei- den eleganten Tänzer und Schauspieler in einer Nebenrolle.
gentliche Ziel des John Travolta, der abseits seiner Erfolge
olympischen Kamp- („Saturday Night Fever“, „Pulp Fiction“, „Pakt der Wölfe“ wechselt die Genres
„Operation: Broken Arrow“, „Face/Off“) schneller als seine Helden die Hemden.
fes ist dessen Über- regelmäßig im cineastischen Jammertal Er springt vom Horrorfilm ins Kostüm-
windung im Nirwana landet: Sein Scientology-Flop „Battlefield drama, vom Kampfsport-Spektakel in die
des glücklichen Still- Earth“ gewann als übelster Film 2001 Softsex-Schmonzette. Angesiedelt im
stands. Friede sei mit gleich sieben „Goldene Himbeeren“. Frankreich des 18. Jahrhunderts, gleicht
dir, Hackl Schorsch, Auch in diesem Familiendrama von Ha- der Film der Bestie, die von den Helden
rastloser Rodler im ewi- rold Becker („Sea of Love – Melodie des gejagt wird: einer monströsen Kreuzung.
Todes“) verkauft sich der Filmkünstler als Das Interessanteste passiert zwischen den
gen Eis! Und uns ein Bilderbuch-Bootsbauer und geschiedener Bildern. Wenn Regisseur Christophe Gans
Wohlgefallen zwischen Vater unter Wert, wenn er seinen Sohn von einem geometrisch angelegten Park
Sofa und Kühlschrank. vor dessen mörderischem Stiefvater be- in Paris auf das Unterholz überblendet,
schützt. Silberstreif am flachen Thriller- erzählt er vom vergeblichen Versuch, die
162 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Kultur
ARCHITEKTUR

Später Haken?
E r soll zu einem Wahrzeichen Leipzigs wer-

PROF. ULRICH COERSMEIER


den – der Neubau des Museums der bil-
denden Künste auf dem Sachsenplatz. Aller
Voraussicht nach wird der „gläserne Schrein“
im Dezember 2003 eröffnet. Nun aber droht
Ungemach wegen der Randbebauung, die den
transparenten Kubus wie einen Edelstein ein-
fassen soll. Obwohl das Ganze „Museums-
quartier“ heißen wird, will man in den Rand-
bauten außer einer Verwaltungsfiliale für das
Stadtmuseum Büros und Geschäfte unterbrin-
gen: Dies möchte der rheinische Großinvestor

PROF. ULRICH COERSMEIER


Frankonia in Kooperation mit der Stadt Leip-
zig. Riskante Pläne, denn Leipzig hat mit ho-
COURTESY OTA FINE ARTS IN TOKYO

hen Leerständen zu kämpfen. Der Spatenstich


für die Dependance des Stadtmuseums ist be-
reits Ende Februar geplant. Kritisiert wird das
Projekt von einer Erbengemeinschaft. Mitte Museumsmodell für Leipzig
der neunziger Jahre hatte die Stadt Leipzig an
die Erben der zu NS-Zeiten verfolgten jüdischen Familie Bernstein jenes Grundstück
auf dem Sachsenplatz zurückgegeben, auf dem das Museum entstehen sollte. Damit das
Museum gebaut werden konnte, akzeptierten die Erben ein Ersatzgrundstück in der
Nähe. Dieses Grundstück aber werde nun durch die drohende „Fehlnutzung“ und die
bemalte auch die Gäste ihrer erotischen absehbare „Nullachtfünfzehn-Architektur“ am Rand des Museumsquartiers degradiert
Happenings mit Tupfern und behängte und „falle“ wohl bald „im Wert“, wie Hubert Lang, der Anwalt der Erben, sagt. Das
Hunde passend zu ihren Skulpturen mit Leipziger Baudezernat selbst gebe zu, dass es Probleme bei der Vermarktung geben
Makkaroni. Ansonsten gab sie sich ihren könne. Vielleicht sollten die Sachsen rund um das Museum Bäume wachsen lassen.
Halluzinationen und der psychedelischen
Zeitstimmung hin. Mit Spaß hatte ihre
Selbstinszenierung wenig zu tun. Kusama
hatte New York als eine Art Exil auf der L I T E R AT U R dass er einen großen Teil seines Lebens
Flucht vor den strengen asiatischen Tradi- einsiedlerisch in nordkalifornischen
tionen verstanden. 1974 aber kehrte sie
nicht befreit, sondern seelisch stark ange-
Vorsicht vor Enten! Wäldern verbracht hat, bis er eine Lite-
ratur-Professur an der Uni in Arcata,
schlagen nach Japan zurück und verzog
sich zum Leben und Arbeiten in eine psy-
chiatrische Anstalt. Eine Ausstellung in der
D er Kerl, der im ersten Satz von Jim
Dodges „Fup“ bei seiner Hochzeit
präsentiert wird, als sollte aus ihm der
Kalifornien, bekam. Sein Roman-Erst-
ling „Fup“, 1983 in einer Zwergauflage
in einem Zwergverlag erschienen, hat
Kunsthalle Wien zeigt nun vor allem neue- Held dieses Romans werden, ein Test- sich auf Schleichwegen zu einer Art
re Arbeiten der heute 73 Jahre alten Ku- pilot mit dem Spitznamen „Überschall- Weltbestseller gemausert – die neue
sama – die ihrem Publikum immer noch Johnny“, ist schon zehn Zeilen später deutsche eingerechnet, gibt es jetzt gut
verwirrende Sinneserfahrungen voller tot, jenseits der Schallgrenze zerrissen, ein Dutzend Überset-
Spiegel und Punkte beschert (bis 28. April). und seine Ehefrau ereilt das Schicksal zungen –, und kein spä-
nur eine Buchseite später: beim Enten- teres Dodge-Werk hat
füttern auf einem nassen Bootssteg aus- ihn überflügelt, obwohl
geglitscht und ertrunken. Vorsicht vor das dritte, bislang letzte
Enten! Aber was für ein Romancier: („Die Kunst des Ver-
Geht so leichtsinnig mit seinem Personal schwindens“) sich durch
Natur zu bändigen. Wenn er den nackten um – nur ein dreijähriger Junge namens ein Vorwort von Thomas
Körper von Monica Bellucci in eine „Tiny“ bleibt übrig –, dass er zum Neu- Pynchon empfahl.
Schneelandschaft übergehen lässt, scheint start nun fast achtzig Jahre zurücksprin- „Fup“ ist unwidersteh-
die Natur mit sich selbst zu wetteifern. gen muss und das Leben eines Glücks- lich, braucht keine Elo-
ritters an der kalifornischen Pazifikküste gen. Verraten sei, dass
Szene aus „Pakt der Wölfe“ aufrollt, eines Goldgräbers und Poker- Jake als fast Achtzigjähriger seinen drei-
spielers namens Jake, der die meiste jährigen Enkel „Tiny“ adoptiert – und
Zeit in einer Waldhütte haust, durch nach weiteren zwanzig Jahren eine ge-
selbst gebrannten Whiskey im Zustand meinsame Lebensgefährtin sie zur Heili-
HELKON NATIONAL DISTRIBUTION

„mild halluzinatorischer Katatonie“. gen Familie fügt: Auch für einen Un-
Jake nennt den Stoff „Ol’ Death Whis- sterblichen wie Jake ist es da nur eine
per“ und glaubt, dass er unsterblich ma- Frage der Zeit bis zur Himmelfahrt.
che. Über den Autor Jim Dodge, Jahr-
gang 1945, der mit lyrisch-lakonischem Jim Dodge: „Fup“. Aus dem Amerikanischen von Harry
Witz ausmalt, wie dieser Jake sich durch Rowohlt. Illustriert von Atak. Verlag Rogner & Bernhard
die Jahrzehnte deliriert, ist bekannt, bei Zweitausendeins, Hamburg; 128 Seiten; 15 Euro.

d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 163
Kultur

THOMAS GRABKA
Friedenstaube-Darstellerin im Kabuler Theater*: Stück vom rasenden Araber, der alles zerstört

A F G H A N I S TA N

Hunger nach Bildern


Kultur in Kabul, das heißt: Null-Budgets, ein zerbombtes Stadttheater und das Erbe von Ministern,
die mit dem Vorschlaghammer auf Besichtigungstour gingen. Ist Platz für Kultur in einer
Ruinenstadt? Einige Besessene sind überzeugt davon: gerade jetzt. Von Alexander Smoltczyk

E
s gibt Szenen, die sich der Ku- von Laster“: Alle drei Minister fin-
rator eines Museums auch in gen an, mit ganzer Kraft den zierli-
seinen düstersten Momenten chen Buddha aus dem 5. Jahrhun-
nicht vorstellen mag. Schlimmer als dert zu bewerfen, sie lachten und
Kaugummi an der Marmorbüste brüllten dazu immer wieder: „Al-
oder Schnitte im Budget. Eine solche lahu akbar!“
Szene erlebte Yahya Mohebzadah „Die Minister waren wie wilde
an einem Montagmorgen im Febru- Tiere“, erinnert sich der Kurator
ar 2001, für den der Kulturminister Mohebzadah und reibt sich das
seinen Besuch angekündigt hatte. Auge. „Einer ihrer Helfer rannte
„Meine Beine gaben unter mir raus zum Wärterhäuschen und kam
THOMAS GRABKA

nach. Ich glaubte, den Verstand zu mit einem Vorschlaghammer zu-


verlieren“, erzählt Mohebzadah, rück.“ Die nächsten zwei Stunden
Kurator im Kabuler Nationalmuse- zerstörte die Delegation systema-
um. „Ich lag auf dem Boden. Es Ruiniertes „Kabul Theater“: Erziehung statt Unterhaltung tisch alle Statuen, Krüge, Reliefs, auf
war, als würde auf eines meiner Kin- denen ein menschliches oder tieri-
der eingeschlagen, vor meinen Augen, und minister opfert lieber seinen Dienstwagen, sches Antlitz abgebildet war. Das verstöße
ich könnte ihm nicht helfen.“ als ein unersetzbares Artefakt im Regen gegen den Koran, erklärten sie und kamen
Einem Kurator liegt die Erhaltung ge- stehen zu sehen. Sollte man meinen. am nächsten Tag wieder, diesmal mit Äx-
borgener Kunstgegenstände am Herzen. Doch nun sah Yahya Mohebzadah, wie ten, um ihr Werk zu vollenden.
Er scheut sich, eine antike Buddha-Statue sein Kulturminister, der Taliban Mullah Qa- Etwa tausend Kunstgegenstände sind
ohne Handschuhe zu berühren. Ein Kultur- dratullah Jamal, einen Steinbrocken in der zerstört, darunter eine über 4000 Jahre alte
Hand hielt. Und neben ihm der Finanzmi- Göttinnen-Figurine, ein Bronze-Herkules
* Ghamzadah-Tochter Roya bei der ersten Premiere nach nister genauso und auch der „Minister für aus dem ersten und ein alexandrinischer
dem Sturz des Taliban-Regimes im Januar. die Pflege der guten Sitten und Verhütung Glasschliff aus dem zweiten Jahrhundert.
164 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Die beiden Buddhas liegen als Häufchen
Lehmbrocken im Keller. Mohebzadah hat
jeden Krümel aufbewahrt.
In dem weltweit bekannten „Kabul
Museum“ war das Treibgut der Seiden-
straße ausgestellt, das Lost & Found all
jener Kulturen, die zu Dutzenden Afgha-
nistan durchzogen haben: griechische
Münzen, indische Elfenbeinschnitzereien,
alexandrinisches Glas, Gold aus Baktrien,
Paravents aus Nuristan und eine Kopf-
skulptur aus der Vorgeschichte.
34 000 Positionen standen noch 1992 auf
der Inventarliste, darunter eine der ältesten
Münzsammlungen. „Darf ich Ihnen das
Museum zeigen?“, fragt der Kurator. Es ist
ein Rundgang durch dunkle, eisig feuchte
Gänge. Das Dach und die obere Etage sind
von Granateinschlägen zerstört. Ab und
zu deutet Mohebzadah in eine Nische und
murmelt etwas von „frühislamisch … Lash-
kari-Basar“. Es ist unklar, ob seine aufge-
rissenen Augen tatsächlich dem Gipsrelief
gelten oder der Trostlosigkeit ringsum. Es
gibt nichts mehr zu sehen.
THOMAS GRABKA

Schon vor den Taliban hatte das Muse-


um in den Schusslinien gestanden. Vom
Fernsehturm-Hügel aus feuerte Gulbuddin
Hekmatjar seine Raketen auf die Schiiten- Neu eröffnetes Kino in Kabul, Filmvorführer: Bollywood-Reste in Endlosschleife
stellungen, unten im Westteil der Stadt, wo
der Stadtführer von 1972 noch einen „pit- Sammlung im Bürgerkrieg verschwunden, den in der Geschichte. Das archäologische
toresken See“ vermerkt. Später brand- geraubt oder vernichtet. Museum ist selbst zur Ruine geworden und
schatzten sich General Dostams Truppen Der „Goldschatz von Baktrien“, ver- wartet auf seine Rettung.
so lange durch die Straßen, bis kein Later- gleichbar dem Schliemann-Gold, soll im Aber wozu ein Altertumsmuseum in
nenpfahl mehr ohne Durchschüsse und kei- Keller des Präsidentenpalasts versteckt Stand setzen, wenn die ganze Stadt aus-
ne Wand mehr ohne Risse war. Trümmer, worden sein. Es handelt sich um 20000 Ein- sieht wie das Forum Romanum? Der Brite
so weit das Auge reicht, und bis heute eine zelstücke aus der Kuschan-Periode vor Martin Hadlow ist bisher der einzige Ver-
Stille, die auf die Ohren drückt. rund 2000 Jahren. Bis heute gibt es keinen treter der Unesco in Kabul. Er sitzt am
Damals konnten Mohebzadah und seine Hinweis auf seinen Verbleib. Alles ist denk- Katzentisch der Uno-Flugverwaltung, an
Kollegen einen Teil der Schätze auslagern bar. Noch am Tage ihrer Flucht aus Kabul, einem Kinderpult mit Laptop darauf. Er
in den Präsidentenpalast, ins Kulturminis- am 13. November, machten Taliban vor sagt: „Für manchen ist Kultur nur die Kir-
terium und in das „Kabul Hotel“. Dennoch dem Museum halt. Sie luden antike Flinten sche auf der Torte. Aber die Afghanen wol-
seien, so schätzt er, rund 70 Prozent der auf ihre Toyota-Pick-ups und verschwan- len ihre Wurzeln wiederfinden. Das ist

„ Um an die Zukunft glauben zu


können, müssen die Bewohner Kabuls
sehen, dass restauriert wird.

wichtig für das Nation-Building. Um aus
den Stämmen eine Nation zu bauen,
braucht das Land kulturelle Symbole.“
Die Zerstörung der Bamian-Buddhas sei
für die Menschen hier gewesen, als wäre
ihr eigenes Haus abgerissen worden. An-
fang April wird eine Unesco-Konferenz in
Kabul beraten, welche Kulturdenkmäler
am dringendsten der Hilfe bedürfen. Es
gebe, sagt Hadlow, durchaus Sammler, die
ihre Kunstwerke an Afghanistan zurück-
geben würden. Doch dafür müsste erst das
Museum wieder aufgebaut werden.
„Um an die Zukunft glauben zu kön-
nen“, meint Hadlow, „müssen die Bewoh-
ner Kabuls sehen, dass auch etwas restau-
THOMAS GRABKA

riert wird, das nicht unbedingt überle-


benswichtig ist. Die Regierung weiß das.“
Im Eingang des „Ministeriums für In-
Skulpturentrümmer im Nationalmuseum, Kurator Mohebzadah: Wütende Bilderstürmer formation und Kultur“ steht ein Motorrad
d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2 165
Kultur

der Marke „Minsk“, und hinter einem


Bretterverschlag hält ein Männchen den
Tee am Kochen. Viel mehr Ausstattung gibt
es nicht. Mullah Qadratullah hatte vor sei-
ner Flucht noch alle Konten geplündert,
die Schränke geleert und den Wagen voll
getankt. Das Hirschgeweih über dem Mi-
nisterbüro hat er dagelassen.
„Mein Budget? Null. Zero. Nothing. Ich
habe nichts“, sagt Qadratullahs Nachfol-
ger, der neue Minister Raheen Makhdoom,
ein zierlicher Mann, der nach 23 Jahren
aus dem Exil in Pakistan und den USA
zurückgekehrt ist. Seine Mitarbeiter müs-
sen sich Papier und Stifte von zu Hause
mitbringen. Gerade hat der stellvertreten-
de Minister eine Wunschliste hereinge-
reicht. Darauf steht: „Bohrmaschine (1),
THOMAS GRABKA

Betonmischer (1), Schubkarren (30), Lei-


tern (4) …“ Der Mann ist dafür zuständig,
unter anderem das Kabul Museum, das Na-

Dramatiker Ghamzadah, Schönheitssalon in


Kabul: Vom Nullpunkt aus neue Ein buckliger Greis, der unter seinem
Ideen und neues Leben erproben Turban fast verschwindet, zerrt eine Lein-
wand in ein Zimmer, wo sich zerbrochene
Nicht alles ist zerstört. In den meisten Bilderrahmen und Tuchfetzen stapeln. Als
Kultureinrichtungen ersetzten die Taliban die Leinwand sich kurz auffaltet, zeigt sich
nur die Direktoren durch Dogmatiker, de- ein Frauenakt. Die Schönheit selbst. In die-
THOMAS GRABKA

ren eingeschränkter Kulturbegriff darin be- ser Stadt der Burkas ein unwirklicher,
stand, jahrtausendealte Lebensregeln eines Schwindel erregender Anblick. Der Greis
Hirtenvolks zu ministeriellen Dienstan- schlurft weiter.
weisungen zu erklären. Die Angestellten „Hier sind die Überbleibsel der 215 Bil-
tionaltheater, den Königspalast, fünf Mo- dagegen blieben und leisteten Widerstand, der, auf denen Tiere oder Menschen gemalt
scheen und mindestens vier Grabmäler so gut es ging. Rundfunkleute kauften alle waren“, sagt Abdul Fateh Adil, der Direk-
wieder aufzubauen. Musikkassetten, die sie auf dem Basar noch tor des Kabuler Louvre. „Die Taliban
„Wir sind noch nicht einmal beim Null- finden konnten, und stellten sie ins Archiv. brachten sie ins Kulturministerium, schnit-
punkt. Wir müssen noch viele Trümmer Die unersetzlichen Originalaufnahmen ten sie in Fetzen und zertraten die Rah-
beseitigen, um überhaupt mit der Kultur mauerten sie im Keller ein. So verbrannten men.“
beginnen zu können“, sagt Makhdoom und die Taliban nur wertlosen Pop, und das Auch eine harmlose Stadtansicht von
reicht ein Papier herüber, das seine Ab- Radioarchiv, das musikalische Gedächtnis Paris, auf der weder Mensch noch Tier zu
stammung von Mohammed unterstreicht. Afghanistans, wurde gerettet. sehen war, musste stellenweise geweißt
Der 55-jährige Poet und Heimatkundler Das Filmarchiv des Fernsehens dagegen werden. Die Religionspolizei hatte eine
wird zur Rom-Gruppe gezählt, dem de- ist großteils vernichtet, darunter die ersten Statue auf dem Bild entdeckt.
mokratischen Flügel des Widerstands. in Afghanistan gedrehten Filme aus den Der Kunsthistoriker Adil arbeitete da-
Des Ministers Lieblingsprojekt ist eine zwanziger Jahren. mals als Taxifahrer. Als er nach dem
„Nationale Konferenz über Sufismus“, den Ein paar junge Franzosen haben ein un- Machtwechsel am 14. November sein altes
mystischen Zweig des Islam: „Von mir aus abhängiges Medienzentrum „Aïna“ ge- Büro betrat, erkannte er das Museum nicht
nennen Sie das Luxus. Natürlich ist es
wichtig, Straßen zu bauen. Aber es ist auch
wichtig zu zeigen, dass es in Afghanistan
gründet, wo Journalisten ausgebildet und
in ihren Projekten unterstützt werden. Eine
Frauenzeitschrift ist im Entstehen, die ers-
„ Für jede dieser grasenden Kühe,
für jedes Blumenmädchen hat ein
eine poetische und sinnliche Form des Is- te unabhängige Zeitung „Kabul Weekly“
lam gegeben hat. Sufismus kann die Seelen
reinigen. Sufismus ist Kampf gegen den
ist bereits auf dem Markt, viersprachig in
Englisch, Französisch, Paschtu und Dari.
Mensch sein Leben riskiert.

Terror. Wir brauchen ihn.“ Das Blatt wird von Fahim Dashty heraus- wieder: „Zwei Dutzend Bilder fehlten.
Was wird nicht gebraucht in einer so gegeben, einem Mann mit Narben im Ge- Selbst der Teppich war gestohlen. Aber das
verheerten Stadt, wo den Kindern verbo- sicht und Bandagen um die Hände. Dash- könnten auch Leute aus der Nachbarschaft
ten war, ihre Drachen steigen zu lassen, ty war an jenem Tag im September dabei, gewesen sein.“
wo Fernseher zu Scheiterhaufen gestapelt als zwei falsche Journalisten den Kom- Bürgerkrieg und Einbrüche hatten be-
wurden und Frauen fünf Jahre lang den mandeur der Nordallianz, Ahmed Schah reits zuvor 400 Kunstwerke verschwinden
Himmel nicht sehen durften? Massud, in die Luft sprengten. lassen, zweifellos die bessere Hälfte der
Es gibt einen Hunger nach Bildern. Die Es gibt noch kein Kulturleben in Kabul, Sammlung. Die Furie der Ikonoklasten tat
ersten Kinos zeigen ihre geretteten Bol- eher eine Wiederbelebung mit dem Erste- das ihre. Ganze 160 Bilder sind dem Di-
lywood-Filme – billige Bombay-Schnulzen Hilfe-Kasten. Jeder müht sich, wie er kann, rektor für seine Ausstellung geblieben. Sie
– in Endlosschleife, auf Kurzfilmprojekto- mit allem, was gerade zur Verfügung steht. hängen in zerkratzten Rahmen, mit Be-
ren, weil die anderen Anlagen zerschlagen In der „Nationalgalerie“ werden Zimmer- schriftungen so provisorisch und rührend
sind. Das größte Gedrängel herrscht vor mannsnägel in die Wände gehämmert, um wie das ganze Kabuler Interimsregime:
den Bildchenbuden, wo die indischen Ki- im Saal „Berühmte Leute“ ein Bildnis des „Apple. Foreigner“ steht unter einem Still-
nogöttinnen umsonst zu sehen sind. Königs aufzuhängen. leben.
166 d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 2
Der Direktor erzählt, wie es einem Arzt „Keine Unterhaltung.“ Er beschimpft die stirbt, weil sie ihre Tochter nicht hergeben
und Maler gelang, 42 Gemälde vor den Ta- neue Regierung, weil sie ihm nicht erlaub- will. Fürs Neujahrsfest im März wird der
liban zu retten: Mohammed Jussuf Asefi ten, einen Religionspolizisten zu spielen: „Kartenspieler“ im Fernsehen gezeigt und
versteckte die Bilder unter einem Schleier „,Dazu sei es noch zu früh‘, sagte der Mi- ein Stück über Massud, der Titel: „Wei-
von Wasserfarben. Er überpinselte die nister.“ nen, Weinen, Weinen“.
Leinwände, bedeckte die Mädchen, Vögel, Dann erzählt er sein neuestes Stück. Es Es bedarf Wahnsinniger, um diese Welt
Hunde eines flämischen Meisters mit heißt „Kartenspieler“: Ein Junge verfällt erträglich zu machen. Ghamzadahs Spiel-
Blümchen, hüllte die Flaneure eines Im- dem Spiel, tötet die Schwester, um Schul- stätte ist das von Deutschen gebaute „Ka-
pressionisten in schwarze Schatten. den zu begleichen, wird wahnsinnig und – bul Theater“ im Westen der Stadt, die Büh-
Asefi arbeitete heimlich Tag und Nacht „dann kommt ein Polizist auf die Bühne, ne von Granateinschlägen zerfetzt, die
in einem unbeheizten Winkel des Mu- um zu zeigen, dass es in Afghanistan wie- Stühle, Verkleidungen, Stromleitungen von
seums. Hätte die Religionspolizei ihn ent- der eine Regierung gibt. Der Kartenspieler Dostams Glaubenskriegern herausgeris-
deckt, wäre er verhaftet, ausgepeitscht, wird nicht hingerichtet, sondern nur ge- sen und auf dem Basar verkauft. Anfang
womöglich wegen Gotteslästerei hinge- ohrfeigt und umerzogen. Das ist ein Stück Januar führte Ghamzadah hier Kabuls ers-
richtet worden. für die ganze Welt.“ tes Theaterstück auf. Er selbst spielte einen
Er hat es getan, und so erhebt sich die Gerade hat er den ersten wieder in Ka- rasenden Araber, der alles zerstörte. Im
„Nationalgalerie“ Kabul, diese Sammlung bul gedrehten Film fertig geschnitten: „Ra- Saal saßen fast nur Journalisten, und weil
naiver Landschaften und Pinseleien, über che“, eine Geschichte, in der eine Mutter es an Schauspielerinnen mangelte, muss-
viele renommierte Kunstmu- te seine Tochter Roya im
seen. Für jede dieser grasen- gemieteten Brautkleid die
den Kühe, für jedes Blumen- Friedenstaube spielen: „Ich
mädchen hat ein Mensch sein möchte einen Kulturkampf
Leben riskiert. mit meiner Familie führen.
Kabuls Theaterdichter Man muss die Wahrheit dar-
haust mit seinen sechs Kin- stellen, sonst ist man kein
dern in einem Plattenbau- Schauspieler.“
loch, die Bäume vor dem Während Interimsdirektor
Fenster sind leblose Strünke, Ghamzadah noch glutäugig
ringsum betonhart getrock- von dieser Premiere erzählt,
neter Schlamm. Aber es ist ist hinter der Bühne Ge-
schwer, einen optimistische- murmel zu hören, Kichern
ren Menschen zu finden als und gedämpftes Schnat-
Najibullah Ghamzadah. tern. Die Alphabetisierungs-

THOMAS GRABKA
Eine Mine riss ihm einen schule des 8. Bezirks hat sich
Finger ab und den halben im Gebäude einquartiert.
Fuß – Ghamzadah schrieb 430 Mädchen und Jungen
weiter. Die Kommunisten hocken dicht gedrängt in
sperrten ihn wegen Fröm- den ehemaligen Garderoben,
migkeit ein, die Taliban re- repetieren hinter notdürftig
quirierten sein Zimmer für gestopften Fensterlöchern
al-Qaida-Kämpfer – Gham- und holen nach, was ihnen
zadah plante Stücke, zeugte fünf Jahre lang vorenthalten
Kinder. Jetzt ist er derart voll wurde. „Theater ist Erzie-
von Ideen, dass er unaufhör- hung“? Theater ist Erzie-
lich redet, eine magere, ras- hung.
putinhafte Gestalt, und alle Hinter dem Gebäude er-
paar Tage zum Kulturminis- hebt sich der Maranjan-
ter rennt, um die Erlaubnis Hügel mit dem zerstörten
zu bekommen, ein neues und geschändeten Mausole-
Stück aufführen zu dürfen. um von König Nadir, dem
Seine Frau Karima hält Gründer des Kabul Mu-
währenddessen die Familie seums. Hier auf dem Hügel
über Wasser. wurden 1933 die Reste eines
Unter den Taliban betrieb buddhistischen Klosters ent-
sie einen Untergrund-Schön- deckt. In einer Nische saßen
heitssalon und verkaufte zwei aus Lehm gebrannte
Stück für Stück das Mobiliar, Buddhas im Lotussitz, über
um die Miete zu