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Das Forum
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Montag, 29. März 2010, 20.30 Uhr

Klezmer für Schafe


Ein Wanderschäfer zieht mit jiddischen Liedern durch die Alpen
Von Angelika Calmez

Redaktion: Bernward Kalbhenn


Rudolf-von-Bennigsen-Ufer 22
30169 Hannover
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Atmo:
Blöken

O-Ton Hans Breuer:


Guat is, prima, dann geh i aufi. Sehr gut, danke. Pfürti! Eine Wiesn. Im Sing-
sang: Eine Wiese ham wir bekommen, eine Wiese... Ja, also ich sing.

Erzählerin:
Hans Breuer zieht mit seiner Herde eine kurvenreiche Landstraße in der
westlichen Steiermark entlang. Zwei hechelnde Hunde erwarten seine
Kommandos.

Atmo:
Hans Breuer zu den Hunden: komm, geh, langsam...

Erzählerin:
Schon auf den ersten Blick klar, dass es sich bei diesem Viehhirten um keinen
der hiesigen Bauern handelt. Denn zwischen den weiß getünchten, aufge-
räumten Bilderbuchhäuschen am Straßenrand wirkt Hans Breuer wie ein Exot.
Sein grünes T-Shirt trägt die Aufschrift „Villenlos“ – mit einem V geschrieben.
Auf seinem Kopf sitzt ein Filzhut, dessen Form und Farbe an einen giganti-
schen Steinpilz erinnern. Die wippende Krempe reicht bis über die Schultern
hinaus und taucht die feinen Gesichtszüge in Schatten. Dabei stützt sich der
einzige Wanderschäfer Österreichs auf einen langen Holzstab mit hakenför-
miger Spitze. Hans Breuer hütet aber nicht bloß Schafe. Er singt, und zwar
professionell. Die meisten seiner Lieder schreibt er selbst. Auf Jiddisch.

O-Ton Hans Breuer:


Ich hab ein Lied geschrieben über Internet: Schick mir a Blitzpost. Also Blitz-
post auf Jiddisch heißt Email. Ich schreib Lieder über die Liebe, gegen Frem-
denhass, gegen Fundamentalisten, ich schreib Lieder, die sich mit Geschich-
te, mit jüdischer Vergangenheit beschäftigen, ich mach Lieder über die
Schafe, über die Natur.

Musik :
Ven zingt a pastekh

Erzählerin:
Wann singt ein Schäfer? Wenn er einsam ist oder fröhlich. Wenn er verliebt ist
und ungeduldig.

O-Ton Hans Breuer:


Also ich fühle mich unter anderem als Jude im Sinn von jüdischen kulturellen
Wurzeln. Wobei das nicht die Religion betrifft, ich bin nicht religiös, aber zum
Beispiel wie das religiöse Gefühl in jiddischen Liedern ausgedrückt wird.
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Musik :
Ven zingt a pastekh

Erzählerin:
In Hans Breuers Liedern geht es immer wieder um das Hirtendasein. Seine
Schützlinge: Eintausendzweihundert bräunliche Juraschafe. Die blökende,
trappelnde, Gras rupfende Masse gleicht einem Teppich wollener Rücken, der
den Boden komplett bedeckt. Es ist ein ständiges Auf- und Abwogen, ein
Fließen, ein Teilen und Sich-Wieder-Zusammenfinden. So viele Tiere sind nicht
gerade mühelos zu bändigen. Diesmal sind zwei Helferinnen dabei.

O-Ton Teresa, Lieselotte:


Hop, hop!

Erzählerin:
Im nächsten Streckenabschnitt gönnen die Helferinnen den Schafen Ruhe.
Vor allem die Lämmchen sind vom Marsch durch die Mittagshitze sichtlich
erschöpft. In jedem Schattenfleck liegen einige in Gruppen aneinanderge-
schmiegt: Ein gigantisches Lager massiger wie winziger, karamellfarbener wie
dunkelbrauner Flausche.

O-Ton:
Touristen im Hintergrund Gespräch
Kind: Die ham halt so ein weiten Weg, und jetzt heiern sie, die Kleinen. Die
großen schoffens schoa.

Erzählerin:
Bereits vier Wochen lang sind die Schafe unterwegs. Vom weststeierischen
Pöllautal ziehen sie im Mai zu den Almen der Niederen Tauern. Für die Weide
im menschenleeren Hochgebirge bezahlt Hans Breuer dreitausend Euro
Pacht. Dabei fressen seine Tiere nur auf extrem steilen Hängen, die für Kühe
ohnehin zu gefährlich sind. Und: Die Schafe pflegen die Alm. Mit ihrem un-
stillbaren Appetit auf junges Gras erhalten sie den Artenreichtum und däm-
men Lawinenschäden ein.

Musik:
Oyfn Barg

Erzählerin:
Für gewöhnlich weiden die Schafe im August und September auf der Alm.
Hier, fern der verlockenden Maisfelder im Tal, richten sie garantiert keinen
Schaden an. Ihre Rückreise startet dann nach der Heuernte. Fällt sie schlecht
aus, genehmigen die Bauern den Durchzug über ihre Wiesen nicht. Dann
muss der Schäfer die zweite Ernte abwarten.

Musik:
4

Oyfn Barg

Erzählerin:
Sorgen bereiten dem Wanderschäfer regelmäßig die Jäger. Einige sind der
Ansicht, die Schafe würden das Wild vertreiben. Auch Klagen von Tierschüt-
zern setzen Hans Breuer immer wieder zu. Den Strapazen der strammen
Frühjahrswanderung sind nicht alle Lämmer gewachsen.

O-Ton Hans Breuer:


Lass es liegen, lass es! Rett‘s nicht mehr! Es liegt ruhig im Schatten, der Kopf
ist nass. Lass es, lass es. Es sterben Tiere auf der Welt.

Erzählerin:
Helferin Teresa hatte das erschöpfte Lamm immer wieder im kühlen Bach
neben der Straße gebadet.

O-Ton Teresa:
Ich wollt es eigentlich bis heute am Abend durchbringen. Weil wenn‘s jetzt
stirbt, dann bleibt‘s hier liegen und dann, ja dann wer mer‘s halt an die Hunde
verfüttern. Ist auch fein, dann ham mer endlich ein Hundefutter. Ein geschei-
tes. Aber es ist doch schon ein bisschen größer und ….ja...

Erzählerin:
Noch stehen Mensch und Tier rund zwei Wochen Marsch und ein Anstieg von
mehr als fünfhundert Höhenmetern bevor. Der Schäfer ist überzeugt, dass die
Wanderung und das frische Almgras seine Schafe widerstandsfähig machen. -
Und würzig im Geschmack. Das Lammfleisch ist seine Existenzgrundlage. Bei
der Kundschaft kommt es gut an. Fleisch von glücklichen Schafen, meint Hans
Breuer.

O-Ton Hans Breuer:


Das ist die ursprüngliche Natur der Tiere. Die Hirsche, die sind zum Beispiel
auch bis in die fünfziger Jahre gewandert vom Hochgebirge bis in die Ebenen.
Was weiß ich, bis in die Gegenden von München oder Wien und so weiter. Und
viel früher, noch bevor die Menschen hierhergekommen sind, sind ja schon
Schafherden ins Hochgebirge gezogen, und zwar von der Adria aus.

Atmo:
Anhängertür klappert, Stimmen, Kirchenglocke, Hans ruft den Hunden, Stim-
men von Zuschauern, Lieselotte notiert Registriernummern, Martina ruft
Gewicht durch

Erzählerin:
Gegen Abend in Oberwölz. Dicht bei den Häusern der Ortschaft, auf einer fla-
chen Wiese, will Hans Breuer zwanzig Lämmer einfangen. Eine Genossen-
schaft hat die Tiere bestellt, eines nach dem anderen landet im Anhänger des
Schäfers. Den Straßenrand säumen stehengelassene Autos und Fahrräder.
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Wie üblich hat sich eine neugierige Menschenmenge versammelt. Zweifellos


ist die Herde die Sensation des Tages.

Aus der Mitte des Schafpulks lässt der Schäfer seinen Blick über die Tiere
schweifen. Sein charakteristischer Stab ragt hoch auf. Plötzlich und blitz-
schnell fährt Hans Breuer damit zwischen die Tiere. Aufgescheucht stieben sie
davon. Eines bleibt zurück. Es zappelt am Boden, ein Bein verfangen im Haken
an der Spitze des Stabes. Schäferlehrmädchen Martina verschnürt die todge-
weihte Kreatur wie ein Paket und hängt sie an eine Waage. Jedes Kilo bringt
bares Geld.

Atmo:
Martina: zweiundvierzig!

Erzählerin:
Zum Glück bekommt Martina Hilfe bei diesem Knochenjob. Ein junger Mann
aus der Nachbarschaft stemmt mit ihr die Tiere hoch zum Wiegen und zwingt
sie hinterher in den Anhänger. Seine Eltern bieten dem Schäferteam Quartier
in diesem Streckenabschnitt. Bei den Rauchs gibt es noch spät nachts ein
warmes Abendessen und eine heiße Dusche. Das Wiedersehen wird gefeiert –
natürlich musikalisch.

Atmo:
Hans und Marianne Rauch singen ein steierisches Volkslied
In die Berg bin i gern, und da freut sich mei Gmüat, wenn die Almgräserln
wachsn und der Enzian blüat. ……

Erzählerin:
Einige Tage später müssen sich Hans Breuers Helferinnen allein um die
Schafherde kümmern. Der Schäfer fährt zweihundert Kilometer weit nach
Wien, um Hammelfleisch an einige türkische Restaurants auszuliefern. In der
Hauptstadt ist Hans Breuer aufgewachsen. Noch heute ist seine einzige feste
Adresse eine kleine Wohnung in einem Wiener Außenbezirk.

Atmo :
Man hört Hans Breuer leise singen, die Tür geht auf und das Singen wird lau-
ter

Erzählerin:
Hinter der Sitzbank im Wohnzimmer stapeln sich Kisten mit Winterutensilien.
Aber der Tisch ist frei geräumt. Hans Breuer erzählt von früher. Sein Vater
Georg war ein jüdischer Intellektueller. Er hatte den Faschismus im eng-
lischen Exil überlebt. Die Mutter Rosl war im kommunistischen Widerstand
gegen die Nazis aktiv. Als blutjunge Frau geriet sie in die Fänge der Wiener
Gestapo.

O-Ton Hans Breuer:


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Die ist verhaftet worden und gefoltert worden, weil man von ihr Namen wissen
wollte. Als man sie zum zweiten oder dritten Mal zum Verhör geholt hat, da ist
sie runtergesprungen, weil sie Angst gehabt hat, dass sie nicht mehr standhal-
tet, und bevor sie jetzt irgendjemand andern da preisgibt, hat sie den Tod ge-
wählt. Hat aber zum Glück nicht funktioniert, sonst würde ich nicht da sitzen.
Und so ist sie zum Helden geworden.

Erzählerin:
Nach dem Krieg lässt Rosl Breuers kommunistisches Engagement zunächst
nicht nach. Und die Nazis verfolgen sie in ihren Träumen weiter. Hans Breuer
erlebt das als Kleinkind hautnah.

O-Ton Hans Breuer:


Der Vater, der hat das schon lange nicht mehr ausgehalten, dass sie vier mal,
sechs mal, acht mal in der Nacht aufgewacht ist, Licht aufgedreht hat, um zu
lesen, weil sie eben von diesen Angstträumen, Verfolgungsträumen wach ge-
worden ist. So hab ich mich an sie geschmiegt, Im Halbschlaf oder nach dem
Aufwachen, wenn ich sie gefragt hab, Mama, was is, was is - ah, die sind da,
die kommen uns holen. Sie hat da immer schon halbe Geschichte erzählt, da
war sie noch nicht mal richtig wach, ja.

Musik:
Dayn hant

Erzählerin:
Hans Breuer erinnert sich an die Nachkriegszeit als andere Familien Krieg und
Faschismus zu vergessen suchten; die Breuers dagegen merkten, dass der
Geist des Faschismus nahtlos weiterspukte - unter dem Deckmantel der An-
schlusslüge – nämlich, dass Österreich Hitlers erstes Opfer gewesen sei.

O-Ton Hans Breuer:


Als ich aufwuchs, musste ich schon als Kind erleben, dass meine Mutter ganz
betroffen nach Hause gekommen ist, weil sie einen ihrer Folterer von der Ge-
stapo auf der Straße wiedergetroffen hat. Und der hatte schon wieder eine
Firma und hatte schon wieder ein Haus. Der hat nämlich eine große Wieder-
gutmachung bekommen als Entschädigung, weil er zwei Jahre in Haft war.

Erzählerin:
Heute noch empört sich Hans Breuer über den Freispruch vieler österreichi-
scher NS-Verbrecher. Über eine Mitschuld am Holocaust sei in den sechziger
Jahren öffentlich nicht debattiert worden. Ein Lehrer habe das Klassenzimmer
sogar mit dem Hitlergruß betreten.

O-Ton Hans Breuer:


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Selbstverständlich haben wir über Judenverfolgung oder zweiten Weltkrieg,


über russische Revolution, Interventionskrieg gegen die Sowjetunion über-
haupt nie ein Wort gesprochen. Sondern diese Seiten, da hat‘s immer ge-
heißen: Blättern wir zu Seite siebenundfünfzig. Also sprich: Überblätter die
nächsten dreizehn Seiten im dtv-Atlas. Dann hat der Hans Breuer aufgezeigt
und hat gesagt: Entschuldigung Herr Professor, da wären aber wichtige Sa-
chen da in diesen dreizehn Seiten. Dann hat die Klasse gerufen: Geh heim
nach Moskau! So war damals die Situation.

Hans Breuer mit Gitarrenbegleitung


Gleich Nach dem Krieg hieß es, Schwamm drüber jetzt, lasset doch ruh‘n was
vergangen. Viele Posten wurden mit Nazis besetzt, die den Persilschein
empfangen. Die weiße Weste der neuen Nation nichts als aus Lügen gestrickt
war. Das Blut der Opfer, die Streifen in Rot, nur für die wenigsten sichtbar.
Selber zu werten, selber zu stehen, selber ein Unrecht aufdecken.

Erzählerin:
Im militaristischen Klima an der Schule suchte Hans Breuer eine Außenseiter-
rolle. In dem Jugendlichen wuchs der Hass auf das Establishment. Mit fünf-
zehn Jahren schloss er sich einer linksextremen Gruppe an: dem „Spartakus
Kampfbund der Jugend“. Er zog um ins Gemeinschaftsquartier in der Wiener
Theobaldgasse.

O-Ton Hans Breuer:


Und dort entstand jetzt die Kommune. Diese Gruppe, die hat sich irgendwie
durch so ganz miese Nebenjobs über Wasser gehalten. So in der Nacht
Schneeschaufeln gehen, zum Beispiel für die Wiener Linien, weil untertags
war ja der politische Kampf angesagt.

Erzählerin:
Der Kampfbund pflegte enge Kontakte ins studentische Milieu. Seine Aktionen
zielten vor allem auf die Stärkung von Lehrlingsrechten. Hans Breuer war das
jüngste Mitglied der Kommune. Er verfiel dem außergewöhnlichen Charisma
des Anführers und beschränkte seinen sozialen Kosmos immer mehr auf die
Gruppe. Als die Kommunarden die Landwirtschaftskooperative Longo Maí in
der Provence gründeten, zog er mit. Hier, in der malerischen Landschaft,
lernte er das Schäfern kennen.

O-Ton Hans Breuer:


Longo Maí hat sehr viel zu tun mit meiner späteren Berufswahl. Ich bin einen
Tag dort mit einem Schäfer mitgegangen. Wie der mit den Hunden und mit
den Schafen da gleichzeitig Kontakt hatte – also dieses Dreieck Schafherde,
die Hunde und der Mensch, das hat mich total fasziniert. Und da ist sofort so
ein Wunsch entstanden, na das würde ich auch gerne machen.

Erzählerin:
Bis heute ist Hans Breuer seinem Beruf treu geblieben.
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O-Ton Hans Breuer:


Ich glaub es ist auch eine Sehnsucht, die in ganz vielen Menschen steckt, so
eine alte Sehnsucht. Auf jeden Fall hat so eine große Herde eine ganz starke
emotionale Wirkung auf Menschen. Es kommt ganz oft vor, dass Leute mitten
auf der Straße ihr Auto abstellen, die Türen öffnen und offen lassen und aus-
steigen, die Augen weit aufgerissen. Oh – und staunen. Und ich bin halt einer,
der sich dem voll hingibt.

Musik:
A pasterks tsores

Erzählerin:
Schafe und Menschen gehören für Hans Breuer schon seit Urzeiten zusam-
men. Aber dies ist nicht der einzige Grund für ihn, ein Leben in freier Natur zu
führen. Mit seiner ehemaligen Partnerin hat er drei Söhne aufgezogen – in der
Abgeschiedenheit seines Wohnwagens.

O-Ton Hans Breuer:


Die ganze Moderne, für mich, die ganze Entwicklung unserer Gesellschaft, ja?
Besonders dort, wo es eben mit Fortschritt und Technik zu tun hat: Mindes-
tens fünfzig Prozent ist für mich ein kompletter Verhau, ein totales Problem.
Es bleibt der soziale Fortschritt zurück. Es wird ganz vieles, was für mich zu
den wichtigsten Dingen des Menschen gehört: Sein Kontakt, sein Bezug zu
einer Region, zur Natur, das wird alles vernichtet in dieser gleichmachenden
modernen Konsumkultur.

O-Ton Burcu Coskun:


Das Interessante ist, dass er einen ganz großen Spagat machen muss von der
konservativen Szene sag ich mal des Bauerntums, zu der linken Szene, wo
sein Herz eigentlich ist.

Erzählerin:
Burcu Coskun, Percussionistin in Wien. Sie spielt in Hans Breuers Ensemble
mit dem Namen „Wanderer“. Wenn Österreichs einziger Wanderschäfer nicht
mit seiner Herde unterwegs ist, macht er professionelle Musik. Burcu Coskun,
Medizinstudentin und Musikerin, hat türkische Wurzeln.

Musik:
Wenn der Bischof predigt, Islam ist unser Feind, sind heute so wie früher, die
Schätze nur gemeint. Einst warn es Edelsteine, Reliquien oder Gold, und
heute ist dasselbe, Hauptsach der Rubel rollt. … Fundamentalisten, egal wel-
cher Couleur ob Moslems oder Christen, schenkt ihnen kein Gehör.

Erzählerin:
In der multikulturellen Bildungsschicht Wiens fühlt sich Hans Breuer zu
Hause.
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O-Ton Hans Breuer:


Ich sehe überall einen wiederwachsenden Rassismus. Islamophobie, Anti-
semitismus, es ist alles da wie eh und je, es ist abgemildert und verpackt
durch diese moderne Informationsgesellschaft. Aber wenn man bedenkt, dass
Österreich eines der reichsten Länder der Welt ist und was hier mit Flüchtlin-
gen passiert, das ist zum Grausen. Und es hat sich also, in der Summe hat
sich nichts wirklich zum Guten gewendet.

O-Ton Burcu Coskun:


Also er bringt Bauernlieder oder Schäferlieder in der linken Szene rein und
vom Land, und erzählt über die Natur und so. Und gleichzeitig bringt er Lieder
in der Bauernszene rein, die eigentlich komplett links sind. Wie man die Welt
besser zu gestalten hat, ich weiß nicht, antiimperialistisch quasi, ja?

Erzählerin:
Burcu Coskun erinnert sich an Flüchtlings-Solidaritätskonzerte, Auftritte bei
Klezmerfestivals und in Synagogen, aber auch an ländliche Heufeste.

Atmo:
Band probt Volkslied, flotte Akkordeonmusik

Erzählerin:
Zurück in der steierischen Bergwelt. Im Gasthof Schallerwirt ist der Wander-
schäfer gerne gesehen.

O-Ton Josef Schnedlitz:


Er wird sicherlich wichtige Beiträge leisten, die für ihn und für die Leute, die
seine Musik hören – er macht ja auch Konzerte – passend sind.

Erzählerin:
Gastwirt Josef Schnedlitz ist selbst Musiker: Er gibt unter anderem Jodelkurse.

O-Ton Josef Schnedlitz:


Der Zugang unsererseits zu diesen jüdischen Liedern ist nur dann möglich,
wenn wir uns genügend damit beschäftigen. Und wir sprechen da mit Hans
über die Texte, wir fragen ihn, warum er genau diese Musik macht und warum
er in den Texten genau diese Themen anschneidet, die er sogar sehr aktuell
jetzt immer wieder bringt.

Erzählerin:
Als respektierter Viehwirt gelingt es Hans Breuer immer wieder, der steieri-
schen Bevölkerung ein Stückchen jüdische Kultur zurückzubringen. Auch im
Städtchen Judenburg stand er schon auf der Bühne. Diese Station seiner
Wanderung betrat er stets mit gemischten Gefühlen.

O-Ton Hans Breuer:


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Es ist eine durchschnittliche Stadt gegen die ich nichts im Speziellen hab. Es
ist nur zufällig so: Diese Bruchlinie in unserer Geschichte, das ist einer der
Punkte, wo es am deutlichsten klafft, wo es am deutlichsten aufgebrochen ist,
diese Verdrängungskultur. Überdeutlich irgendwie einem aufs Hirn geklebt
wird oder mir halt in die Augen springt.

Erzählerin:
Schon vor der Nazizeit waren sich Historiker einig, dass der Name Judenburg
auf einen mittelalterlichen jüdischen Markt zurückgeht. Auch auf dem Stadt-
wappen prangt der amtlich so genannte „Judenkopf“. Die offizielle Beschrei-
bung:

„Im roten Schild ein rechtsgekehrter weißer, mit Judenhut bedeckter Juden-
kopf.“

Eine Straßenumfrage zeigt, dass viele Judenburger allerdings etwas ganz an-
deres über ihr Stadtwappen gelernt haben.

O-Ton:
Buchhändlerin: War da net mal vorher ein Schlossherr oder so irgendwie?
Passant: Vom Judin von Eppenstein kommt des. Der war der Stadtbegründer.
Dessen Burg da am unteren Ende der Straße liegt.

Erzählerin:
Entgegen historischer Tatsachen sollte alles Jüdische in Judenburg ausge-
merzt werden. Aber auch nach dem Krieg gab es keine Anstrengungen, die
jüdische Geschichte aufzuarbeiten. So wird die These über den feudalen
Stadtbegründer noch immer offiziell verbreitet - obwohl sie längst widerlegt
ist. Auch der Judenburger Faschismus wurde verharmlost.

O-Ton Michael Schiestl:


Wie ich das erste Mal gefragt hab nach dieser Geschichte, nach dieser jüdi-
schen Geschichte da in Judenburg, war die offizielle Version, dass man gesagt
hat nach 1938 seien die Juden weggezogen. Sie seien weggereist, abgereist
ins Ausland und des war so die Version, die man gepflegt hat, lange Zeit.
Durch Zufall bin ich auf Dokumente gestoßen, dass dem eben nicht so war.

Erzählerin:
Michael Schiestl leitet das Judenburger Stadtmuseum. Der Historiker fand
Dokumente über Plünderungen und Vertreibungen. Mit seinen Recherchen
eckte er in Judenburg immer wieder an.

O-Ton Michael Schiestl:


Die Leute wissen sehr wohl Bescheid was passiert ist – darum gibt‘s heute
eine ganze große Abwehr. Das hat nichts mit konservativ zu tun oder mit links
oder rechts. Sondern dieses Verdrängen, das ist praktisch eine parteiüber-
greifende Geschichte. Und die funktioniert noch recht gut bis heute.
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Erzählerin:
Dem Historiker kommt jemand wie Hans Breuer gerade gelegen. Das gemein-
same Interesse an der jüdischen Geschichte hat die beiden zu Freunden ge-
macht. Auch wenn sie sich darüber streiten, ob der mittelalterliche Handel
mit der Pflanze „Speik“ in jüdischer Hand lag. Hans Breuer bringt das aroma-
tische Kraut mit einem Vorfahren in Verbindung, der als Händler durch die
Steiermark zog.

O-Ton Hans Breuer:


Ich gehe hier zur der Weide möglicherweise auf denselben kleinen Pfaden, auf
denen schon der Großvater von meinem Großvater gewandelt ist – der mich
da anguckt, also der hier im Stadtwappen verewigt ist. Er hat mit Rauch ge-
handelt ... Und er hat die Stadt reich gemacht. Aber seine Enkel sind Rauch
geworden. Und es liegen die Lügen wie Blei über der Stadt, heißt‘s am
Schluss. Treib die Lämmer mein Kind und dreh das Rad der Geschichte, mein
Kind.

Musik:
Judenburg Doine

Erzählerin:
Rast auf einer Wiese. Der Wanderschäfer erzählt, dass seine jüdische Identität
ihm um ein Haar abhanden gekommen wäre. Denn sein Vater habe als Kom-
munist die jüdische Religion und Lebensweise völlig abgelehnt. Doch dann
begegneten sich Hans Breuer und Jucca Korva:

O-Ton Hans Breuer:


Jucca Korva war ein junger Finne. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden.
Und gleich am ersten Abend hat er gesagt, ich bin froh, dass jemand hier ist,
der gut deutsch kann. Weil ich muss dir was vorspielen. Zupfgeigenhansel
heißen die. Und dann nimmt er seine Ziehharmonika am selben Abend und
spielt mir das Lied vor.

Hans Breuer singt:


Zehn Brider seyn mir gewesn, hobn wir gehandelt mit Leyn. Eyner ist von uns
gestorben, seyn wir geblibn nein.

O-Ton Hans Breuer:


Er hat mich gefragt, welcher alte Dialekt das ist. Und ich hab gesagt: Kenne
ich nicht. Aber ich war platt. Ich konnte zu dem Zeitpunkt mehr als dreihun-
dert Lieder auswendig. Arbeiterlieder, deutsche Lieder, polnische, russische,
französische, italienische, auf Englisch. Und dieses eine Lied hat meinen gan-
zen Liedschatz in die hintere Reihe verdrängt. Das war so eine Resonanz – wie
so eine Botschaft aus der Vergangenheit, Sprache des Herzens. Es hat mein
Herz so stark angerührt.
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Erzählerin:
Aus jiddischen Liedtexten, die er sammelt, bringt sich der Schäfer dann leid-
lich die jiddische Sprache bei. Die Beschäftigung mit der jüdischen Identität
rückt an die Stelle seines politischen Aktivismus.

O-Ton Hans Breuer:


Nachdem sich ja die kommunistische Bewegung zerbröselt hat, gerade als ich
vom Kind zum Jugendlichen gekommen bin ... es war ja da nichts da, was in
mir diesen Auftrag ersetzen konnte. Und da hat‘s irgendwie so Klick gemacht.

Atmo:
Blöken

Erzählerin:
Hans Breuer geht wieder an der Spitze der Herde, zwei seiner Hunde dicht
neben sich. Im Gehen erzählt er weiter über sein persönliches Judentum. Der
Schäfer glaubt, dass der Vater ihm unbewusst Elemente jüdischer Kultur ver-
mittelt habe. Zum Beispiel durch seine Sprechweise.

O-Ton Hans Breuer:


Was für eine Sprachmelodie der gehabt hat (geht hoch mit der Stimme:)
dadadadaddada und so. Der hat immer so gesungen beim Reden und – na, ist
doch klar. Und er wollt nicht hören, dass das typisch jüdisch ist und hat dann
sich verteidigt, dass Italiener auch so reden – ja –?!.

Erzählerin:
Im jüdischen Erbe findet Hans Breuer zu Selbstbewusstsein. Es liefert ihm
endlich eine Erklärung für seine gefühlte Andersartigkeit. Zum Beispiel, dass
er Dinge im Gespräch sehr ausgiebig und aus vielen Perspektiven heraus be-
trachtet.

O-Ton Hans Breuer:


Schule des Denkens, Schule des Ausdrucks - das ist zum Beispiel in dieser
Gesellschaft hier keine Tugend. Und ich hab viele Leute getroffen, z.B. meine
Exfrau Kathrin hat öfters zu mir gesagt: Aber ich will net so viel denken. Und
es wurde ihr regelmäßig zu viel. Ich glaub, das passiert bei mir nie (lacht).

Erzählerin:
Die jüdische Identität bietet Hans Breuer immer wieder Antworten auf per-
sönliche Fragen. Was ist der jüdische Hans Breuer also für ein Mensch?

O-Ton Hans Breuer:


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Ein Luftmensch, ein Lebenskünstler, der eigenen Überzeugung zu folgen und


nicht irgendwelchen äußeren Vorgaben. Ich fühl mich den orthodoxen Juden
zum Beispiel sehr nahe. Die gehen dann in ihrer mittelalterlich anmutenden
Kleidung in Wien durch die Straßen, es ist ihnen egal, wie sie von irgendje-
mand anderem beurteilt werden. Hauptsache, sie sind selbst im Einklang mit
sich und mit ihrem Gott. Das heißt für mich: Ich hab das Gefühl, dass ich ein
guter Mensch bin oder versuche als guter Mensch zu handeln. Das ist mir
wichtig. Nicht was irgendein Präsident, ein Polizist, ein Lehrer oder sonst wer
mir sagt.

Atmo :
Schafe mit Bergecho, Juchzen

Erzählerin:
Strahlende Augustsonne auf der Sommeralm. In regelmäßigen Abständen
donnert in der Ferne ein Flugzeug über die trichterförmige Felsformation des
Gipfels. Ansonsten pfeift in dieser Höhenlage nur noch der Wind. Kein Baum
wächst hier. Neben dem Schäfer, Wochenend-Helferin Lieselotte und den
Schafen gibt es nur lautlose Steine, niedriges Gras und den runden Spiegel
eines Sees.

O-Ton Lieselotte:
Guck mal, das ist ja ganz warm, total warm. (Springt rein, plantscht, kreischt)
Herrlich, jetzt wirst auch wach, Hans, wenn‘s da reingehst, wirst sehn…

Erzählerin:
Die Schafe verstreuen sich als braune Punkte auf atemberaubend steilen
Hängen, scheinbar direkt unter dem Himmelszelt. Der Ort wirkt entrückt : Wie
geschaffen dafür, das eigene Leben zu überdenken.

O-Ton Hans Breuer:


In mir fühl ich mich heute besser. Also ich habe diesen persönlichen Terror
meiner Kindheit, diesen inneren, das schlechte Selbstwertgefühl und so, das
hab ich weitgehend aufgearbeitet. Und entwickle auch schön langsam eine
Gelassenheit. Aber in diesem Land fühle ich mich nicht besonders wohl. Und
ich weiß nicht, ob‘s ein Land gäbe, in dem ich mich besonders wohl fühlen
würde.

Musik