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kultur buch

In ihrem Buch
nimmt sie kein Blatt
vor den Mund, über
Privates schweigt
sie eisern: Ariadne
von Schirach

Rebellin der Lust


Die Philosophiestudentin Ariadne von Schirach, 28,
hat ein schonungslos direktes Buch über Liebe, Sex und Konsum
geschrieben. Und damit gleich einen Bestseller gelandet
rovoziert und mit Tabus gebrochen hat Ariadne von nachgedacht. Und vor allem so schonungslos direkt. Die Philo-

P Schirach schon als Schülerin: Aus den Internaten in


Marquartstein und Hohenschwangau flog sie trotz guter
Leistungen „wegen Blasphemie, Subversion und Kiffens“. Auch
sophiestudentin nimmt kein Blatt vor den Mund, in ihrer Welt
gibt es Pornos, Drogen, Wodka, aber auch den Rausch, den eine
Kauforgie bei H & M auszulösen vermag.
den neuen Heiligen tritt sie kritisch entgegen: Klar sind Brad
Pitt und Angelina Jolie ein Traumpaar und die Models in der Limo, Zigaretten und HipHop-Mode

FOTO: ÖZGÜR ALBAYRAK/GOLDMANN VERLAG


Werbung wunderschön. Aber kann ihre Perfektion ein Maßstab Doch die Offenheit hat Grenzen: Beim Interview in der Szene-
für uns sein? Sorgen die Idole aus der Traumfabrik nicht dafür, Kneipe „Bötzow Privat“ in Berlin-Mitte legt Ariadne von Schirach
dass wir uns in die Falschen verlieben? Dass wir selbst in einer großen Wert darauf, dass sie keinesweg identisch mit der Ich-
Beziehung grübeln, ob wir nicht doch einen Besseren abkriegen Erzählerin ihres Buches sei. Vielleicht weil dieses Rollenspiel
könnten? Finden wir vor lauter Oberflächlichkeit den idealen hilft, Dinge öffentlich auszusprechen, die man sonst höchstens
Partner noch schwerer als den perfekt sitzenden Badeanzug? der besten Freundin erzählt. Von Schirach trinkt Orangina, raucht
Liebe, Sex, Shopping – die 28-jährige Autorin mit dem wa- eine Zigarette nach der anderen und trägt einen blauen Blazer aus
chen Blick lässt ihr Erstlingswerk um diese Themen kreisen: „Der der Kollektion der HipHopperin Missy Elliott: Respect M. E.
Tanz um die Lust“ schaffte es gleich in die Bestsellerlisten. heißt das Modelabel, und es scheint eine passende Botschaft zu
Selten wurde in einem philosophischen Sachbuch so unterhalt- sein. Man soll ihr Privatleben respektieren. Selbst harmlose
sam und lebensnah über Liebe, Leidenschaft und Konsumsucht Fragen, etwa danach, ob sie Single sei, blockt sie rigoros ab. „Ich

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freue mich, wenn die Leute mein Buch


lesen, aber ich sehe mich nicht als Medien-
figur und habe kein Interesse, mein Privat-
„Der Tanz um
leben zu vermarkten. Mir geht’s ums
die Lust“, Goldmann,
Schreiben.“ Doch reden kann sie auch. 14,95 Euro
Mit unterhaltsamer Lebhaftigkeit schafft
sie es im Gespräch, kleine Anekdoten mit großen Gedanken zu
verknüpfen – eine Fähigkeit, die auch ihr Buch auszeichnet.
Aufgewachsen ist Ariadne von Schirach in einem Haus vol-
ler Bücher, bei ihrem Vater Richard, der auch geschrieben hat,
darunter Erinnerungen an Ariadnes Großvater, Hitlers Reichs-
jugendführer und Gauleiter Baldur von Schirach. Die Familie
war nicht reich, und letzt-
endlich ist die junge Stu-
„Ich dentin von München nach
lese gern, Berlin gezogen, weil sie
ich schreibe sich die teuren Mietpreise
an der Isar nicht leisten
gern, ich konnte. Die Hauptstadt-
liebe Worte“ Szene mit ihren Balzritualen
war die perfekte Laboran-
ordnung für von Schirachs Betrachtungen über moderne Liebe.
Sie zog durch In-Clubs wie das „Cookie’s“, „Weekend“ oder
„103“ und lernte den Popliteraten Joachim Lottmann kennen.
Ihm erzählte sie ihre Tresen-Thesen von der übersexualisierten
Gesellschaft. Daraufhin empfahl er sie an den „Spiegel“, der vor
zwei Jahren ihren Essay „Der Tanz um die Lust“ abdruckte. Eine
Literaturagentur wurde dadurch auf von Schirach aufmerksam,
vermittelte einen Buchvertrag – und aus dem knappen Aufsatz
wurde ein 382 Seiten dicker Bestseller.
Warum schreibt sie ausgerechnet über Sex? „Das war Zu-
fall. Ich produziere ständig Ideen über alles Mögliche: Welche
neuen Lebensmodelle es gibt; welche Werte man haben und sei-
nen Kindern vermitteln sollte; welche Rolle die Quantenphysik
spielt …“ Und wie geht’s weiter? „Ich lese gern, ich schreibe
gern, ich liebe Worte und bin dankbar dafür, das zu meiner Arbeit
machen zu können. Als Autorin sehe ich mich auch noch in fünf
Jahren.“ Zunächst schreibt sie aber ihre Magisterarbeit – über die
New Yorker Identitätskünstlerin Nikki S. Lee, eine Meisterin des
Rollenspiels, deren Verkleidungen von der HipHopperin über
die Geschäftsfrau bis zum Bücherwurm reichen. Dorin Popa

Jetzt im freundin-Blog
Ariadnes Online-Tagebuch
Männer und Frauen, Sex und Liebe, Werbung und Wirklich-
keit – in der „VIP-Lounge“ auf www.freundin.de wird
Autorin Ariadne von Schirach einen Monat lang über Dinge
schreiben, die ihr in ihrem Berliner Alltag auffallen
und am Herzen liegen. Unterhaltsam, offen und provokativ.
Und Sie dürfen mitdiskutieren, kommentieren,
polemisieren. Wir sind gespannt auf Ihre Sicht der Dinge!