Sie sind auf Seite 1von 1

4

Lokales

KULTUR

Mon tag, 4. Okt obe r 201 0 | Nr. 229

.

AMPERITIV

Das beliebte Dachauer Zeltfestival hat zum achten Mal stattgefunden – mit Angeboten für Groß und Klein, drinnen und draußen

DIE PLATZENDEN HIRSCHE

Zwei weidwund-fiese Männerseelen

Eine rasante Show haben Michael Altinger und Alexander Liegl auf dem Amperitiv geboten. Mit einer Mixtur aus sinnfrei- er Comedy und doppel- bödigem Witz hatten die beiden ideen- und hor- monstrotzenden Kerle keine Mühe beim Publi- kum die „pure Dachauer Lust“ zu wecken.

VON DR. BÄRBEL SCHÄFER

Dachau – Witzig ist schon der Einzug der beiden bayeri- schen Charmebolzen: Sie warfen sich wie im Varieté in tänzerische Showgirl-Pose. Der rote Faden liegt in der Männerfreundschaft der bei- den Platzhirsche, die sich ständig auf den Arm nehmen und sich beim Publikum ge- genseitig anschwärzen, mit der Begründung: „Du warst schon immer fies zu mir.“ Aber auch andere müssen dran glauben – kleine Männer zum Beispiel. Humphrey Bo- gart, Tom Cruise und Kaba-

rettkollege Urban Priol sind die Zielscheibe ihrer Späße, die gerne in den Blödsinn ab- driften, aber immer wieder die Kurve zur Realität bekom- men. Diese Gratwanderung charakterisiert auch die Fest- stellung Michi Altingers, ein Kabarettist müsse am Anfang deutlich werden, denn sonst schalten die Leute weg:

„Wenn Dieter Hildebrandt zu kompliziert wird, geht’s rüber zu Mario Barth.“ So hohl sind die Späße des Duos aber keineswegs, vor al- lem nach der Pause gewinnen sie an Fahrt. Im Laufe des Programms entwickelt sich eine tiefsinnige gegenseitige Erkenntnis, wie sie nur zwi- schen zwei dicken Freunden herrscht, mit allen Schwä- chen, Ecken und Kanten. Als wild, smart und draufgänge- risch beschreiben sich beide und sind doch so sensibel, wie nur eine weidwunde Männerseele es sein kann. Sehr komisch ist Michi Al- tinger als spaghettikochender Kindersitter eines verwöhn- ten Bengels („Ich ess’ das nicht, ich kenn’ das nicht“) mit drohendem Nervenzu-

das nicht, ich kenn’ das nicht“) mit drohendem Nervenzu- Passen gut zusammen wie ein altes Ehepaar:

Passen gut zusammen wie ein altes Ehepaar: Michael Altinger (links) und Alexander Liegl

auf Schiffsreise.

FOTO: SCHÄFER

sammenbruch, als der Rotzlöf- fel zwar die Nudeln stehen lässt, dafür aber die geliebte Mousse au Chocolat restlos verputzt. Noch komischer ist der wortgewandte Alexander Liegl als Opernkomponist und sich zwischen Königssohn und froschküssender Elfe ver- zettelnder Märchenonkel. Zum Brüllen und besser als jede Originalvorlage sind die gelesenen und gespielten Sze- nen aus dem Drei-Groschen-

Wildschütz-Arzt-Baron-Ro-

man mit Michi Altinger als „bildjunge und blutschöne“ Krankenschwester, die ver- geblich auf ihren Einsatz war- tet. Wen wundert’s, dass die wenigen Voraussetzungen, die ein Schriftsteller braucht, um schreiben zu können, sich als unerfüllbare Bedingungen erweisen: Café in der Fußgän- gerzone, ohne Geschäfte aber mit gegenüberliegender Bio- Metzgerei und entsprechend anregender Gesellschaft am Tisch – was noch lange keine Garantie dafür sei, dass er dann auch wirklich schreiben kann, sagt Liegl am Ende des lustigen Szenarios. Michi Al- tinger setzt hingegen in einem

Running Gag auf die sexyma- chende Macht des Geldes, schwingt die Hüften und rollt psychopathisch mit den Au- gen, immer dann, wenn die Rede auf seine Frau kommt. Der Erfolg der beiden liegt im gekonnten Mix aus Schau- spiel-, Komödien- und Musik- elementen und dem Wechsel von Witz und Wut. Etwa, wenn Altinger singt „Auch Frauen sind Schweine“ und sich über einen Schönheits- chirurgen ereifert, der sogar dem Kanarienvogel Brustim- plantate setzt. Dann löst er die Empörung in Komik auf. „Den haut’s ständig nach vor- ne von der Stange. Aber we- nigstens fällt er weich.“ Ein verbales Feuerwerk ist auch die Zugabe. Liegl dekla- miert sich bei einer Ballade über den Rächer im Schiller- schen Stil derart in Rage, dass er nur noch japsen kann. Den Schluss der finsteren Mörder- story übernimmt Michi Altin- ger. Er krönt sie mit einer nicht absehbaren Pointe. Dann kann das Publikum „ohne Systemkritik aber in- haltsgeschwängert“ den Heimweg antreten.

RAINER VON VIELEN & KAUZ

E R V O N V I E L E N & K A U Z

Musikpower und Tanzfieber im Echodrom: Rainer von Vielen und seine Band „Kauz“ heizten mächtig ein.

FOTOS: HAB

und seine Band „Kauz“ heizten mächtig ein. FOTOS: HAB Zwei Stimmlagen und dazwischen ein Didgeridoo, so

Zwei Stimmlagen und dazwischen ein Didgeridoo, so kennt man Rainer von Vielen.

Sitzen verboten

120 Minuten mitreißender, mystischer und vielseitiger Power-Pop

Dachau – Versucht man die Band Rainer von Vielen mit einem treffenden Wort zu be- schreiben, muss man schei- tern. Ja sogar ein ganzer Satz würde der Vielfalt der Band mit dem kauzigen Namen kei- nesfalls gerecht. Von Elektro und Minimal, Reggae und Ska bis hin zu Rock und Me- tall-Elementen – diese Band verbindet in ihrem Sound sämtliche Musikrichtungen

GREEN TEA MONKEYS

miteinander. Mitsch Oko an der Gitarre, Dan le Tard am Bass, Niko Lai am Schlag- zeug und Sänger Rainer am Akkordeon machen die Band komplett. Schon seit Jahren treten die vier Vollblutmusi- ker in ganz Deutschland auf, begeistern und überraschen ihr Publikum jedes Mal aufs Neue. Noch bevor die Musiker die Amperitivbühne betreten,

verhelfen sie den Zuhörern zu einer Ahnung, was gleich auf sie zukommen wird: Die hinteren Sitzreihen werden komplett abgesperrt. „Bei die- sem Konzert ist das Sitzen verboten“, heißt es. Und es dauert nicht lange, da ist die Tanzfläche voll, obwohl es keinen einzigen Ton zu hören gab. Mit Minimal-Sound-Ele- menten startet Rainer von

Vielen seine Show. Seine Stimme wechselt dabei von Kehlkopf- zu Obertongesang. Im Wechsel der Stimmlagen klingt seine Stimme so, als würde er auf einem Didgeri- doo spielen. Die beinahe mys- tische Stimmung wird bei die- ser Showeinlage noch mit entsprechenden Lichtele- menten und Nebel verstärkt. Während die Band ihr Pu- blikum willkommen heißt, ju-

Während die Band ihr Pu- blikum willkommen heißt, ju- Gelungener Auftakt am Freitagabend war das Vorkonzert

Gelungener Auftakt am Freitagabend war das Vorkonzert der Olchinger Band Green Tea Monkeys.

FOTO: HAB

belt und tobt die Menge be- reits. Als Rainer von Vielen den Hit „Tanz deine Revoluti- on“ anspielt, gibt es kein Hal- ten mehr. Sogar die letzte Rei- he tanzt, singt und hüpft alles aus sich heraus. Ein Herr in der mittleren Reihe hat seine Augen geschlossen und lässt sich von der Musik leiten. Rainer von Vielen versteht es, das Publikum mitzureißen. „Gebt mir ein Yeah, ich

will Eure Stimmen hören“, fordert er, heizt den Fans ein und die Stimmung an. Auch wenn seine Show- und Tanz- elemente, denen der berühm- ten Band Limp Bizkit doch sehr ähneln, stört dies die Leute keinewegs. Die Men- schen singen, grölen und tan- zen ausgelassen. Und das über zwei Stunden, denn Rai- ner von Vielen und seine „Käuze“ werden nicht müde.

Sie geben alles, damit ihr Pu- blikum auf seine Kosten kommt. Mit der letzten Num- mer gibt es einen Kurswech- sel: Der Star bringt sein Publi- kum zum Schunkeln. Er stimmt einen Walzer auf sei- ner Ziehharmonika an. Und auch wenn kaum einer Wal- zer tanzte, so wippen den- noch alle, wiegten sich im Takt und haben Riesenspaß.

REGINA PETER

Würziger Musikaufguss

Sixpack aus Olching beschert tollen Support

Dachau – Eat the love and feel the music – das hat die Vorband von Rainer von Vie- len, the Green Tea Monkeys, bei ihrem Auftritt am Amperi- tiv Festival in Dachau vermit- telt. Ein rockiges Intro ertönt, blaue Hots Spots ziehen den Blick auf die Bühne und sechs Typen treten ins Ram- penlicht: The Green Tea Monkeys. In ihrer Spielart verbinden sie Rock, Punk, Funk und Reggae miteinan- der. Der Schlagzeuger gibt im Hintergrund mit abwechs- lungsreichen Rhythmen den Takt an, Saxophonist und Trompeter verleihen dem Auftritt intensive Würze, und

der Bassist steuert den richti- gen Groove bei. Zusammen mit dem Gitarristen und dem Frontman sorgt die Band für ausgelassene Stimmung. Zwischen seinen Gesangs- passagen haut Severin Waibel in die Tasten seiner Orgel. Stehend oder sitzend, das Pu- blikum wackelt mit dem Kopf, schnipst mit den Fin- gern oder bewegt zumindest die Füße zum Takt. Aber auch die Musiker können längst nicht mehr stillstehen, sie las- sen sich von ihrer eigenen Musik mitreißen. Schon nach den ersten Liedern wird deut- lich: Diese Band lebt für ihre Musik und vermittelt puren Hörgenuss.

Vor fünf Jahren hat sich die Band gegründet. Anfangs spielten die Olchinger noch zu fünft: „Unser Schlagzeuger kam erst später dazu. Vorher übernahm unser Sänger und Keyboarder diese Aufgabe“, verrät Trompeter und Band- leader Matthias Tann. Er sagt auch: „Solche kleinen Kultur- festivals werden immer selte- ner. Umso mehr freut es uns, heute hier zu sein.“ Und das sah auch das Publikum nicht anders: Es regnete – nein ha- gelte laute Zugaberufe und mächtigen Applaus. Das Konzert war ein gelungener Auftakt für den Hauptakt mit Rainer von Vielen.

REGINA PETER