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Aufgaben zu Zuverlässigkeit und Lastannahmen Univ.-Prof. Dr.

Daniel Straub
Teil A – Lösungsvorschläge TUM, Winter 2009/10

Teil A – Lösungsvorschläge

Aufgabe a)
Nennen Sie fünf Faktoren, welche zu Unsicherheit in der Prognose des zukünftigen statischen
Verhaltens eines Staudammes (Versagen/ Nichtversagen) führen können.

Lösungsvorschlag:
Zu Unsicherheiten können z.B. führen:
− Alterung/ Schädigung der verwendeten Baustoffe
− Unwissen über die räumliche Verteilung von Fehlstellen im Beton
− Klima der Zukunft ungewiss
− Unsicherer Wasserstand in Zukunft
− Unsichere Eigenschaften der Gebirgsauflager der Staumauer
− Qualität der Bauausführung
etc.

Einführung zu Aufgabe b)
Unter aleatorischer Unsicherheit versteht man eine Unsicherheit, die man auch durch
Hilfsmittel wie Messungen etc. nicht verhindern kann. Sie ist vollständig dem Zufall
überlassen.
Bei einer epistemischen Unsicherheit kann man durch Messungen o.ä. gewisse
Unsicherheiten ausschließen bzw. den gegebenen Bedingungen Information entnehmen.

Aufgabe b)
Sind folgende Unsicherheiten aleatorischer oder epistemischer Natur?
a) Unsicherheit über die Stärke des nächsten Erdbebens in Norditalien.
b) Unsicherheit über die Festigkeit einer Stütze im Hauptgebäude der TUM.
c) Unsicherheit über die Genauigkeit eines mechanischen Modells.
d) Unsicherheit über die Anzahl Flugzeugabstürze im nächsten Jahr.

Lösungsvorschlag:
a) Aleatorisch
b) Epistemisch
c) Epistemisch
d) Aleatorisch

Aufgabe a) A: 1/4
Aufgaben zu Zuverlässigkeit und Lastannahmen Univ.-Prof. Dr. Daniel Straub
Teil A – Lösungsvorschläge TUM, Winter 2009/10

Einführung zu Aufgabe c)
Das Risiko 𝑅𝑅(𝐴𝐴𝑗𝑗 ) eines Ereignisses 𝐴𝐴𝑗𝑗 ist als der Erwartungswert E[𝐶𝐶(𝐴𝐴𝑗𝑗 )] der
Konsequenzen 𝐶𝐶(𝐴𝐴𝑗𝑗 ) definiert und berechnet sich zum Produkt aus der Wahrscheinlichkeit
Pr⁡
(𝐴𝐴𝑗𝑗 ) des Eintretens des Ereignisses 𝐴𝐴𝑗𝑗 mit den damit verbundenen Konsequenzen 𝐶𝐶(𝐴𝐴𝑗𝑗 ).
Man schreibt

𝑅𝑅�𝐴𝐴𝑗𝑗 � = 𝐸𝐸[𝐶𝐶(𝐴𝐴𝑗𝑗 )] = 𝑃𝑃𝑃𝑃�𝐴𝐴𝑗𝑗 � ⋅ 𝐶𝐶�𝐴𝐴𝑗𝑗 � . (1)

Gilt es, das Risiko 𝑅𝑅(𝐀𝐀) mehrerer 𝑛𝑛 eintretender Ereignisse 𝐀𝐀 = [𝐴𝐴1 , 𝐴𝐴2 , … , 𝐴𝐴𝑛𝑛 ] zu ermitteln,
so werden sämtliche Einzelrisikos 𝑅𝑅𝑗𝑗 = 𝑅𝑅(𝐴𝐴𝑗𝑗 ) zum Gesamtrisiko 𝑅𝑅(𝐀𝐀) aufsummiert. Es
ergibt sich zu
𝑛𝑛 𝑛𝑛

𝑅𝑅(𝑨𝑨) = 𝐸𝐸[𝐶𝐶(𝑨𝑨)] = � 𝑅𝑅�𝐴𝐴𝑗𝑗 � = � 𝑃𝑃𝑃𝑃�𝐴𝐴𝑗𝑗 � ⋅ 𝐶𝐶�𝐴𝐴𝑗𝑗 � . (2)


𝑗𝑗 =1 𝑗𝑗 =1

Aufgabe c)
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein größerer Asteroid die Erde trifft, ist 10−8 pro Jahr.
Nehmen Sie an, dass die Konsequenzen durch den Tod von 1 Milliarde Menschen definiert
seien. Berechnen Sie auf dieser Basis das Risiko.

Lösungsvorschlag:
Als zu betrachtendes Ereignis 𝐴𝐴𝑗𝑗 = 𝐴𝐴 wird das Auftreffen eines Asteroiden auf der Erde
1
definiert und mit der Wahrscheinlichkeit 10−8 ⋅ belegt. Der Schaden (Konsequenz),
Jahr
welcher durch einen derartigen Aufprall verursacht werden würde, wird als der Tod von
1.0 ⋅ 109 Menschenleben gegeben. Durch Verwendung von Gleichung (1) und den bekannten
Größen Pr(𝐴𝐴) = 10−8 und 𝐶𝐶(𝐴𝐴) = 109 lässt sich das Gesamtrisiko zu

1 𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿 𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿
𝑅𝑅(𝐴𝐴) = 𝐸𝐸[𝐶𝐶(𝐴𝐴)] = 𝑃𝑃𝑃𝑃(𝐴𝐴) ⋅ 𝐶𝐶(𝐴𝐴) = 10−8 ⋅ ⋅ 109 = 10 , (3)
𝐽𝐽𝐽𝐽ℎ𝑟𝑟 𝑊𝑊𝑊𝑊𝑊𝑊𝑊𝑊 𝐽𝐽𝐽𝐽ℎ𝑟𝑟 ⋅ 𝑊𝑊𝑊𝑊𝑊𝑊𝑊𝑊

berechnen.

Aufgabe d)
Berechnen Sie Ihr persönliches Risiko aus dem Ereignis in (b). Gehen Sie davon aus, dass die
Weltbevölkerung 6.5 Milliarden Menschen umfasst und dass die Sterbenswahrscheinlichkeit
für alle gleich ist.

Einführung zu Aufgabe c) A: 2/4


Aufgaben zu Zuverlässigkeit und Lastannahmen Univ.-Prof. Dr. Daniel Straub
Teil A – Lösungsvorschläge TUM, Winter 2009/10

Lösungsvorschlag:
Leben
Das Risiko für die gesamte Weltbevölkerung ist in Gleichung (3) zu 10 ermittelt
Jahr ⋅Welt
worden. Da davon auszugehen ist, dass das Risiko für jede Einzelperson gleich groß sei,
muss das gegebene Risiko durch die Anzahl der Menschen auf der Erde dividiert werden.
Leben
Diese wird mit 6.5 ⋅ 109 angegeben. Also berechnet sich das individuelle Risiko zu
Welt

1 𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿 𝑊𝑊𝑊𝑊𝑊𝑊𝑊𝑊 1
𝑅𝑅𝑖𝑖𝑖𝑖𝑖𝑖 (𝐴𝐴) = 10−8 ⋅ ⋅ 109 ⋅ ⋅ 10−9 = 1.54 ⋅ 10−9 . (4)
𝐽𝐽𝐽𝐽ℎ𝑟𝑟 𝑊𝑊𝑊𝑊𝑊𝑊𝑊𝑊 6.5 𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿𝐿 𝐽𝐽𝐽𝐽ℎ𝑟𝑟

Aufgabe e)
Das Risiko, durch den Einsturz eines Bauwerks ums Leben zu kommen, liegt in Deutschland
etwa bei 10−7 pro Jahr (gilt nur für nicht direkt am Bau Beteiligte). Vergleichen Sie diesen
Wert mit dem unter (d) bestimmten.

Lösungsvorschlag:
Ein Vergleich dieses Risikos 𝑅𝑅(𝐺𝐺) mit dem unter (d) ermittelten 𝑅𝑅(𝐴𝐴) ergibt sich zu

1
𝑅𝑅(𝐺𝐺) 10−7
𝐽𝐽𝐽𝐽ℎ𝑟𝑟
𝑛𝑛 = = = 6.5 .
𝑅𝑅(𝐴𝐴) 1.54 ⋅ 10−8 1
𝐽𝐽𝐽𝐽ℎ𝑟𝑟

Das bedeutet, dass das Risiko ums Leben zu kommen, bei einem Bauwerkseinsturz 6.5-mal
so groß ist, wie es für den Aufprall eines Asteroiden der Fall sein würde.

Aufgabe f)
Vergleichen Sie (qualitativ) das Risiko aus (d) und (e) mit dem Ihnen aus Verkehrsunfällen
entstehenden Risiko.

Lösungsvorschlag:
Das Risiko 𝑅𝑅(𝑈𝑈), bei einem Verkehrsunfall (Ereignis 𝑈𝑈) zu Tode zu kommen, entnimmt man
z.B. Rackwitz 1. Er beziffert dieses Risiko auf ca. 56 Personen je Stunde und je 108
Verkehrsteilnehmer. Natürlich hängt nun Ihr persönliches Risiko davon ab, wie lange Sie an
jenem Tag mit dem Auto unterwegs sind. Nimmt man nun eine Fahrt von einer Stunde Dauer
an, dann gehen Sie ein Risiko ein welches sich auf

1
{Rackwitz 2006 #1}

Aufgabe e) A: 3/4
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Teil A – Lösungsvorschläge TUM, Winter 2009/10

𝑅𝑅(𝑈𝑈) = 5.6 ⋅ 10−7 ,

abschätzen ließe. Die vorher bestimmten Werte beziehen sich allerdings auf einen Zeitraum
von einem Jahr. Angenommen, Sie fahren pro Jahr 𝑧𝑧 Stunden mit dem Auto. So können Sie
diesen Wert mit den Risiken aus Asteroidaufprall bzw. Gebäudeeinsturz vergleichen.
Für den Vergleich mit dem Asteroidenunglück ermittelt man

−7 1
𝑅𝑅(𝑈𝑈) 𝑧𝑧 ⋅ 5.6 ⋅ 10 𝐽𝐽𝐽𝐽ℎ𝑟𝑟
𝑛𝑛 = = = 𝑧𝑧 ⋅ 36.4 .
𝑅𝑅(𝐴𝐴) 1
1.54 ⋅ 10−8
𝐽𝐽𝐽𝐽ℎ𝑟𝑟

Der Vergleich mit dem Ereignis 𝐺𝐺 eines Hauseinsturzes ergibt dann

−7 1
𝑅𝑅(𝑈𝑈) 𝑧𝑧 ⋅ 5.6 ⋅ 10 𝐽𝐽𝐽𝐽ℎ𝑟𝑟
𝑛𝑛 = = = 𝑧𝑧 ⋅ 5.6 .
𝑅𝑅(𝐺𝐺) −7 1
10
𝐽𝐽𝐽𝐽ℎ𝑟𝑟

Es ist ersichtlich, dass man sich beim Autofahren schon nach nur 60/36.4 ≈ 1.6 Minuten pro
Jahr in etwa dem gleichen Risiko aussetzt, wie es durch den Einschlag eines Asteroiden
gegeben ist.
Um sich einem ähnlichen Risiko auszusetzen, wie es beim Einsturz eines Gebäudes
vorhanden ist, darf die Autofahrt immerhin 60/5.6 ≈ 10.7 Minuten pro Jahr dauern.

Aufgabe f) A: 4/4