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Russische Klavierschule – von Rubinstein bis Schostakowitsch

Der russische Pianist Anton Rubinstein gab zum Abschluss seiner Konzertlaufbahn
1885/86 eine Reihe von “Historischen Konzerten”. Rubinstein spielte dabei sieben
Mammutprogramme von je vier Stunden Dauer und erfüllte damit das Klischee, das
wir von russischen Pianisten haben: Es sind Tastenlöwen, die Schwierigstes bzw.
Schwerstes bewältigen. Eine Spurensuche nach der russischen Klavierschule.

Von Thomas Meyer / maiak.info

Zum Abschluss seiner Konzertlaufbahn 1885/86 gab der russische Pianist Anton
Rubinstein in seiner Heimat und in Europa eine Reihe von "Historischen Konzerten".
Rubinstein, den man seines Äusseren wegen als zweiten Beethoven bezeichnete, spielte
dabei sieben Mammutprogramme von je vier Stunden Dauer, wie es heutzutage wohl
kaum mehr jemand wagen würde.

Zwei Dinge daran sind beachtlich: Zum einen die Dimension dieses Unternehmens, das
von Rubinstein kräftemässig das Letzte gefordert haben soll. Kaum verwunderlich verlor er
in Paris einmal vor Erschöpfung das Bewusstsein. Das passt zu einem Bild und auch
einem Klischee, das wir von russischen Pianisten haben:

Es sind Tastenlöwen, die Schwierigstes bzw. Schwerstes bewältigen. Diese russische


Klavierschule gibt es – und gibt es natürlich nicht. Sie hat unterschiedliche Wurzeln – und
zeitigte unterschiedliche Triebe.

Die russische Klavierschule entdeckt die Weite der Landschaft

Negativ formuliert türmt die russische Klavierschule gern Akkorde, neigt sie zu kraft- und
sattklangvollem Spiel und zuweilen zu willkürlichen Rubati. Positiv umgedeutet heisst das:
Sie verdichtet die Harmonik, öffnet Räume und entdeckt die Weite der Landschaft. Das ist
vielleicht sogar das Zentrale am Spiel russischer Pianisten: die Entdeckung der Weite,
einer Seelenlandschaft, die sich ins Unendliche aussingt.

Zum anderen wichtig ist die Tradition: Mit seinen Programmen bezog sich Anton
Rubinstein auf eine lange Geschichte des Klavierspiels, die bis zu den englischen
Virginalisten und den französischen Clavecinisten, zu Bach und den Wiener Klassiker
zurück reicht. Die anderen Programme stellten Beethoven (acht Sonaten!),
Schubert/Mendelssohn und Schumann und die grossen Komponistenpianisten des 19.
Jahrhunderts (inklusive viel Liszt) ins Zentrum.

Die letzten Konzerte waren Chopin und schliesslich Eigenem und russischen
Zeitgenossen gewidmet. (Dass er dabei das grösste Genie der russischen Musik, Modest
Mussorgsky, ausliess, kann man ihm kaum vorwerfen: Dessen "Bilder einer Ausstellung"
erschienen erst 1886 im Druck.)

Die russische Klavierschule fördert und fordert mit Strenge


Das war programmatisch. Die russische Klavierschule zeigte sich als legitime Nachfolgerin
der grossen europäischen Klaviertradition. Die von Anton Rubinstein und seinem Bruder
Nikolai Rubinstein geleiteten Konservatorien in St. Petersburg und Moskau setzten neue
Massstäbe. Sie begründeten damit die russische Klavierschule, die höchste Ansprüche
setzte, ausserordentliche Talente entdeckte, förderte und forderte – durchaus mit Strenge
und einer gewissen Unerbittlichkeit.

Eine zweischneidige Sache: Ich war beim Gesprächen mit russischen Künstlern oft
erstaunt, mit welchem künstlerischen Selbstbewusstsein, ja Sendungsbewusstsein sie
einem entgegen traten. Nichts da von der Lockerheit westlicher Kollegen. Ein russischer
Künstler hat sich vor einer Tradition zu verantworten, er leistet Ausserordentliches und er
kann scheitern. Erinnert sei an die Konflikte, denen die Grössten darunter ausgesetzt
waren: Sergei Rachmaninow ebenso wie Vladimir Horowitz, die sich beide für Jahre vom
Konzertbetrieb zurückzogen.

Ausserordentliche Pianisten sind oft Grenzgänger

Sergei Rachmaninow neigte ohnehin zur Melancholie. Er verstummte kompositorisch, als


seine 1. Sinfonie von der Kritik in der Luft zerrissen wurde. Nur dank einer
Hypnosebehandlung wagte er es, sein 2. Klavierkonzert in Angriff zu nehmen und zu
vollenden, das ihm zu Ruhm verhalf. Er verkörpert vielleicht auf ideale Weise alles, was
diese russische Klavierschule enthält.

Eine Weite des Erzählstroms, ein Vielfalt harmonischer, schliesslich Ausdruckstiefe. Der
Tod, verkörpert durch Glocken und vor allem durch den immer wieder zitierten Totenchoral
"Dies irae", geistert ständig durch sein Werk. So komponierte er in seinen "Paganini-
Variationen" (die gleichsam dem berühmten Geigenvirtuosen gewidmet sind) ebenfalls
diesen Totenchoral ein. Der ausserordentliche Pianist, so die Aussage, ist ein
Grenzgänger.

Alexander Skriabin: "Ich bin Gott."

Das stimmt auch für den wenig älteren Alexander Skriabin, der sich jedoch in eine andere
Richtung “erlöste”, hin zur Ekstase, zum Mystizismus. Wenn er spielte, schien er
elektrische Funken zu versprühen. “Fliegen” war eines seiner Lieblingsworte. Er war ein
Feuergeist, unstet lodernd, etwas seltsam Entmaterialisiertes und auch Labiles prägt sein
Wesen und seine Musik. So übersteigerte er seine Musik mit einer Mystik, die durch
pantheistische Schriften, aber auch durch das Übermenschentum Nietzsches geprägt war.

Der Subjektivismus von Skriabin gipfelte in Sätzen wie “Ich bin Gott.” Diese Loslösung von
der Schwere der herkömmlichen Harmonik machte ihn zum visionären Vorreiter. Immer
noch zuwenig bekannt ist, dass eine von ihm inspirierte russische “Futuristen”-Avantgarde
kurz darauf zu neuen Ufern aufbrach. Leider gingen diese Komponisten entweder im
Sowjetregime unter oder ins Exil.

Im Stalinismus galten die Pianisten als "Gottesnarren"


Es folgte die Unterdrückung: Die darauf folgende jüngere Generation mit Igor Strawinski,
Sergei Prokofjew und schliesslich Dmitri Schostakowitsch trat zwar frech und geradezu
leicht auf, sie besass Witz, spielte mit der Parodie und dem Neoklassizismus und setzte
auf ihre Weise die russische Pianistentradition fort.

Prokofjew und Schostakowitsch jedoch gerieten im Stalinismus unter immensen Druck.


Wie sie diese Ära unbeschadet überstehen konnten, ist vielleicht nur damit zu erklären,
dass sie als "Gottesnarren", als unantastbare Sonderlinge galten, Schostakowitsch
gerade, aber auch seine Schülerin Galina Ustwolskaja, die abseits von allen Strömungen
ein singuläres Oeuvre geschaffen hat.

In ihren einzigartigen Klaviersonaten behandelt Galina Ustwolskaja das Instrument


manchmal mit brutaler Härte. Da findet sich die eingangs erwähnte Klanggewalt wieder,
aber es scheint, als schlage nun jemand verzweifelt mit einem Hammer gegen die Enge
der Mauern.

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