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Holm Roch

Sonnenschein und Vuvuzela


Anmerkungen zum Zeitgeschehen
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Vorwort

Immer wenn in Deutschland die Gräserpollen fliegen und bei mir heftige
Niesanfälle auslösen, flüchte ich in den Orient. Hier an die Türkischen
Südküste, östlich von Antalya, wächst kein Gras und folglich gibt es auch
keine Pollen. Anstelle verquollener Augen und Gedanken behalte ich einen
klaren Kopf und kann endlich den Themen, die im Leben wirklich wichtig
sind, in Ruhe nachgehen.

Im vergangenen Jahr habe ich die Ergebnisse unter der Überschrift “Gamma-
blitz und Altersrente” veröffentlicht. Nun gibt es eine Fortsetzung mit dem
Titel “Sonnenschein und Vuvuzela”. Das Stichwort “Sonnenschein” verweist
auf das freundliche Wetter, das im Juni - während diese Texte entstanden sind
- in der Türkei herrscht: Sonne ohne Ende, Temperaturen bis zu 43 Grad und
allenfalls ein paar Regentropfen, aber auch nur einmal in vierzehn Tagen. Die
Vuvuzelas machen deutlich, dass auch in der Türkei der Frömmste nicht in
Frieden leben kann, jedenfalls nicht solange die Fußballweltmeisterschaft im
Gange ist. Selbst im Orient liegen einem diese Tröten in den Ohren. Furcht-
bar!

Das Leben im Hotel bietet Anregungen zum Nachdenken in Hülle und Fülle,
angefangen von Einschlafproblemen über das Zusammentreffen mit originel-
len Menschen bis hin zu Fragen der Medienkompetenz und der Nutzung des
Internets. Zu solchen Themen finden sie auf den folgenden Seiten eine Reihe
von Kurz- und Kürzestgeschichten, Gedankensplittern und Kommentaren.

Viel Vergnügen bei der Lektüre dieser satirisch-ironisch gestimmten Texte


wünscht
Holm Roch
1 Auf in die Sonne
Blauer Himmel über Antalya. Das ist auch nicht überraschend, denn hier an
Türkischen Südküste regnet es im Sommer so gut wie nie. In den vergange-
nen sechs Jahren habe ich nur einmal einen kurzen Regenschauer erlebt. Bes-
te Voraussetzungen also für eine boomende Tourismusindustrie. Immer neue
Hotelkomplexe werden hochgezogen. Der Strand ist schon ziemlich zu ge-
baut, jetzt kommt die zweite und die dritte Reihe dran. Manche dieser Neu-
bauten sind bombastische Paläste mit Säulenreihen und antiken Standbildern
- alles aus nachgemachtem Marmor. Überhaupt wirkt hier manches übertrie-
ben. Das fängt schon im Bus an und setzt sich bei den Verkehrsampeln fort.

Der Bus, der mich vom Flughafen nach Side in mein Hotel bringt, hat vorn
neben dem Kopf des Fahrers einen großen Bildschirm. Darauf ist die ganze
Zeit über die Landschaft durch die wir fahren zu sehen. Die Autostraße
schwingt sich mal nach links, mal nach rechts, andere Fahrzeuge werden
überholt, Ortschaften tauchen auf und verschwinden wieder, Moscheen re-
cken ihre Minarette gen Himmel und Reklametafeln werben um unsere Auf-
merksamkeit. Offenbar nimmt eine versteckte Kamera alles auf, was auf uns
zukommt (die Zukunft!) und schickt die Bilder auf den Bildschirm neben
dem Fahrer. Ein netter technischer Gag, aber man könnte ja auch direkt
durchs Fenster nach draußen schauen.

Die Küstenstraße ist jetzt komplett fertiggestellt und auch hier geht es nach
dem Motto: Das Neueste ist gerade gut genug. Natürlich sind die Ampeln mit
stromsparenden LEDs bestückt. Aber für die Fußgänger hat man sich noch
eine zusätzliche Überraschung einfallen lassen. Das Ampelmännchen kann
laufen. Sobald Grün kommt bewegt es seine Arme und Beine ähnlich wie in
einem Trickfilm und zeigt den Leuten wie man das macht: Über die Straße
gehen. Da bin ich aber richtig gespannt, welche Überraschungen die Türkei
noch bereit hält.

2 Der Dauerduscher

Die erste Überraschung wartet bereits. Nach diesem Anreisetag bin ich recht-
schaffen müde, liege auf meinem Hotelbett und versuche einzuschlafen. Das
gelingt mir aber nicht, weil noch irgendwo Wasser rauscht. Das Geräusch
kommt aus dem Badezimmer und hört sich an, als würde jemand in einer
anderen Etage das Wasser aus der Badewanne ablassen. Die müsste aber doch
eigentlich einmal leer sein. Nach einer halben Stunde geduldigen Wartens,
kommt mir die Sache spanisch vor. Vielleicht ein Rohrbruch irgendwo in der
Wand?
Wenn das so weitergeht, werde ich nicht nur um den Schlaf gebracht, sondern
es läuft vielleicht der ganze Hotelkeller voll. Da rufe ich doch lieber die Re-
zeption an. Die Verständigung ist nicht so einfach, weil der Mann am anderen
Ende der Leitung gut Türkisch aber kaum Deutsch spricht. Ob ich vielleicht
Wasser brauche? Im Gegenteil: Ich habe zu viel davon. Schließlich ist das
Problem einigermaßen verstanden und mein Gegenüber verspricht, einen
Techniker zu rufen. Als nach einer halben Stunde noch nichts geschehen ist,
rufe ich wieder an. Ob denn niemand gekommen sei? Nein, wirklich nicht? -
Dann werde man sich darum kümmern. Etwas Geduld bitte! Nach einer
weiteren halben Stunde - es geht inzwischen auf Mitternacht zu - rufe ich
wieder an, diesmal etwas unfreundlicher. Das hat Erfolg. Kurz nach
Mitternacht erscheinen zwei Techniker. Sie hören sich die Geräusche an,
laufen in die obere Etage und überraschen mich mit dem Hinweis, dass da
jemand duscht. Da es offenbar für sie nichts zu tun gibt, sind sie auch gleich
wieder weg. Ich bin nicht ganz sicher, ob sie sich nicht auch ein wenig über
mich lustig machen. Schließlich ist es ganz normal, dass jemand seine
Dusche benutzt, zumal in einem heißen Land.

Und was nun? Dieser unbekannte Saubermann duscht jetzt schon fast zwei
Stunden. Entnervt stopfe ich mir zwei gelbe Plastikstöpsel in die Ohren
(sollte man immer dabeihaben!) und versuche, auf diese Weise einzuschlafen.
Es gelingt tatsächlich. Gegen Zwei werde ich einmal kurz wach, nehme die
Stöpsel aus dem Ohr und höre: Die Dusche läuft immer noch. Also: Stöpsel
wieder rein und weitergeschlafen. Am nächsten Morgen ist der Spuk
verschwunden und er kehrt auch am folgenden Abend nicht wieder. Man kann
es mit der Sauberkeit auch übertreiben!

3 Autos zählen
Kurz bevor ich hierher in den Orient reiste, hatte ich noch ein ungewöhn-
liches Erlebnis. Ich habe das BMW-Werk in Leipzig besucht. Auf den Rüben-
äckern vor der Stadt hat man dort in kürzester Zeit ein riesiges Automobil-
werk aus dem Boden gestampft. Entworfen hat es die iranische Stararchitek-
tin Zaha Hadid. Bevor Frau Hadid sich an den Zeichentisch setzte, hat sie
sich erst einmal gründlich mit der Philosophie moderner Produktionsprozesse
auseinandergesetzt. Sozialwissenschaftler beklagen ja schon lange, dass heute
niemand mehr so genau weiß, was er da eigentlich tut. Früher war das anders,
da überblickte beispielsweise ein Schmied den Prozess vom Hufeisen bis zum
fertigen Pferd. Heute wissen viele nicht einmal, ob das Teil, an dem sie ge
arbeiten, später in einen Kaffeeautomaten oder in ein Maschinengewehr ein-
gebaut wird. “Das soll wieder anders werden!” sagte sich Frau Hadid. So
kommt es, dass in der neuen Fabrik die halbfertigen Autos, bevor sie zur End-
montage gelangen, auf dem Fließband quer durch die Großraumbüros gescho-
ben werden. Jeder, der hier arbeitet, soll ständig vor Augen haben, was dabei
am Ende herauskommt. Selbst wenn er nur einen Bleistift anspitzt, sieht er
genau: Daraus wird einmal ein BMW. Genial!

Die Bilder von den langsam durchs Büro wandernden Autos verfolgen mich
bis in meine Träume. Wenn ich nicht einschlafen konnte, habe ich früher
“Schäfchen gezählt”. Heute stelle ich mir vor, wie ich bei BMW am Schreib-
tisch sitze. Oben an der Decke wandern Autos vorbei. Eins... zwei... drei…
Spätestens beim zehnten Wagen bin ich in einen tiefen, erholsamen Büro-
schlaf gesunken.

4 Die Sparlampe

Mit dem Schutz der Umwelt ist es hier im Hotel recht unterschiedlich bestellt.
Auf der einen Seite wird viel Energie verschleudert. Der Kühlschrank bei-
spielsweise, ist in ein Sidebord eingebaut. Weil er kaum Luft bekommt - die
Lüftungsschlitze sind viel zu klein - läuft er unterbrochen, kühlt die Getränke
kaum und heizt nur unnötig das Zimmer auf. Auf diese Weise bekommt dann
auch die Klimaanlage mehr zu tun, was noch mehr Energie verbraucht.
Andererseits gibt es im Bad den Hinweis, dass man der Umwelt zuliebe die
Handtücher nur waschen wolle, wenn sie schmutzig sind. Deshalb: Bitte auf
den Boden werfen.

Eine besonders effiziente Energie-Sparmaßnahme hat man sich für den Fahr-
stuhl einfallen lassen. Von den vier Deckenlampen brennen nur zwei (was
auch völlig reicht). Die beiden anderen sind nun aber nicht einfach heraus-
gedreht, was unschön aussehen würde und auch rechtliche Probleme nach
sich ziehen könnte. Greift nämlich jemand in die leere Fassung und bekommt
einen elektrischen Schlag, muss das Hotel vielleicht die Beerdigung bezahlen.
Nein, man hat sie durch defekte Birnen ersetzt. Eine geniale Lösung, denn
defekte Birnen sparen hundert Prozent Energie, während es die Energiespar-
lampen, die zur Zeit den Markt überschwemmen, allenfalls auf 70 Prozent
bringen. Sollten Sie also noch ausgediente Birnen besitzen: Auf keinen Fall
wegwerfen! Die Dinger können noch lange Zeit als Super-Sparlampen ihren
Dienst verrichten.

5 Frank und frei?

Den eigenen Körper als Werbefläche nutzen, ist eine tolle Idee. Es muss ja
nicht unbedingt die eigene Haut sein, die wir zum Werbemarkt tragen. (Ein
Ganzkörpertattoo ist ohnehin nur einer begrenzten Öffentlichkeit zugänglich).
Es genügt, die Bekleidung entsprechend zu nutzen, vor allem das T-Shirt.
Hier im Hotel ist eine große Vielfalt zu bestaunen. Da sind einmal die Logos
der Bekleidungshersteller: Diesel, Nike, Adidas und wie sie alle heißen. Wer
für Edelklamotten Geld ausgibt, darf anschließend auch noch für die Herstel-
ler werben. Die Lust an der Selbstdarstellung (Schaut her, was ich mir leisten
kann!) wird geschickt ausgenutzt. Leider verpufft die Wirkung schnell, wenn
einem wie hier in der Türkei, die billigen Imitate geradezu nachgeworfen
werden.

Eine zweite Abteilung sind die Bildungslogos wie NORTHERN UNIVER-


SITY oder noch besser SOUTH CAROLINA STATE UNIVERSITY. Ob es
diese Bildungseinrichtungen tatsächlich gibt, ist ziemlich nebensächlich,
Hauptsache sie verbreiten akademischen Glanz. So können auch bildungs-
ferne Schichten an Bildung herangeführt werden!

Dann gibt es Produkte aus dem Horrorladen: Totenschädel, züngelnde Kobras


und Hackebeile, von denen Blut tropft. Man fühlt sich auf den Rummelplatz
versetzt, Stichwort “Geisterbahn”. Ebenfalls beliebt: Sportliches wie "Sailing
competition"- aber kann man sicher sein, dass der Mann überhaupt einen
Segelschein besitzt? Ein anderer trägt die "Route 66" auf der breiten Brust.
Ob er wirklich mit seiner Harley quer durch die Staaten gebraust ist?

Es gibt auch originelle Eigenkreationen. Im Hotel läuft einer mit dem Auf-
druck “Gott sei Dank, ich bin a Frank!” herum. Gemeint ist offenbar das
Frankenland, sonst müsste es ja heißen “…ich bin Frank!” Sollte der Mann
tatsächlich Frank heißen und auch noch auf Partnersuche sein, böte sich auch
“Frank und frei!” an.

Dann gibt es noch das Gruppenlogo, das seinen Träger als Teil eines sozialen
Netzwerkes ausweist, “Freiwillige Feuerwehr Untergrummingen” beispiels-
weise oder “Alle Neune - Kegelverein Untermössingen”. Auch hierbei ist ein
religiöser Bezug machbar: “Gott seis getrommelt und geblasen - wir züchten
Hasen! - Kleintierzuchtverein Diemelstadt e.V.” Dafür braucht man natürlich
eine ziemliche Fläche über Brust und Bauch. Dank guter Verpflegung im
Hotel nimmt die aber täglich zu.

6 O du fröhliche!

Hier im Hotel kümmert man sich rührend um die kleinen Gäste. Heute ist
“Weihnachtsplätzchen backen” angesagt. Auf der Terrasse wurden einige
Tische zusammengeschoben. Darauf liegen Klumpen verschiedener Teigsor-
ten. Auf den Stühlen sitzt ein Dutzend Kinder, die schon eifrig mit dem Teig
herumwerkeln, ihn dem Nachbarn ins Gesicht schmieren oder einfach testen,
wie er schmeckt. In einem äußeren Kreis um die Kinder herum stehen die zu-
gehörigen Mütter mit Digitalkameras und versuchen das fröhliche Treiben im
Bild festzuhalten. Ein türkischer Animateur singt “O Tannenbaum”. Jetzt
fehlen nur noch Kerzen, die aber an so einem hellen Sommertag auch nicht
viel zur Stimmung beitragen könnten. Bis es wirklich Weihnachten wird,
dauert es noch sechs Monate - aber üben kann man ja schon mal.

Die Aktion mit den Weihnachtsplätzchen findet am Abend noch eine originel-
le Fortsetzung. Da sollen die gebackenen Plätzchen im Rahmen der täglichen
Kinderstunde an ihre kleinen Produzenten verteilt werden. Weil heute an-
schließend noch ein Fest gefeiert wird, hat man die Kinderstunde auf den
Sportplatz verlegt. Dort sind etwa 100 Tische mit Stühlen aufgebaut. Davor
befindet sich eine Bühne mit einer Leinwand, auf die bunte Computergrafi-
ken projiziert werden. Zwischen Hotel und Sportplatz ist ein orientalische
Bazar aufgebaut. Da gibt es so ziemlich alles, was der Abendländer mit dem
Begriff “Orient” verbindet: Ledergürtel, Überdecken, Gewürze, afrikanische
Schnitzereien Made in Turkey, ferngesteuerte Spielzeugautos Made in China
und vieles mehr. Hauptattraktion sind jedoch drei echte Kamele auf denen
man rund um den Sportplatz reiten kann.

Gegen Ende der Kinderstunde, kurz vor dem Verteilen der Backwaren bietet
sich nun folgendes Bild: Auf dem Sportplatz befinden sich etwa 200 Gäste,
die begeistert Wunderkerzen schwenken. Vorn auf der Bühne stehen, von den
Projektoren magisch angeleuchtet, etwa 30 Kinder. Während der Animateur
versucht, Kinder und Erwachsene zum Absingen des Liedes “O Tannenbaum”
zu bewegen, wird das gesamte Ensemble von drei Kamelen, auf denen Eltern
mit ihren Kindern sitzen, umkreist.

Wo bin ich hier eigentlich - in der Türkei oder in Absurdistan?

7 Nur Fliegen ist schöner

Nach dem morgendlichen Schwimmen liegt ich erschöpft auf meiner Liege
am Rande des Pools. Noch bin ich der Einzige hier. Die anderen Urlauber ge-
nießen noch das Frühstück im Speisesaal. Nur ihre Handtücher haben sie
schon auf ihren Lieblingsliegen ausgebreitet. “Das ist mein Platz!“ und wehe,
jemand wagt es, ihn mir streitig zu machen.

Die Sonne scheint noch etwas diesig und bemüht sich, das Gewölk beiseite zu
schie. Vögel zwitschern. Ansonsten: Himmlische Ruhe! Bis auf die Klima-
anlage des Nachbarhotels. Die saugt über einen Schacht die Luft an. Dabei
entsteht ein Geräusch wie in einem Düsenflugzeug. Das versetzt mich in
einen angenehm-dämmrigen Zustand. "Ein leises Summen, ein schwaches
Fibrieren der schalldichten Außenhaut verrät das Anspringen der Düsen-
aggregate. Emanuelle nimmt nicht wahr dass das Flugzeug die Startbahn
entlangrollt und es braucht eine ganze Weile, bis sie spürt dass sie fliegt.
Eigentlich wird sie sich dessen erst bewusst als das rote Signal erlischt und
der Mann ihr während er aufsteht durch Zeichen zu verstehen gibt, dass er
sie von ihrer Kostümjacke, die sie aus einem ihr unerfindlichen Grund noch
auf den Knien hält, befreien will. Sie lässt ihn gewähren."

In das gleichförmige Geräusch des Fliegers schieben sich kratzige Töne und
Stimmengewirr. Die Putztruppe naht. Alles junge Frauen, mit Lappen und
Kehrbesen bewaffnet. Außer “Guten Tag!” und “Wie geht’s?” können sie
kaum ein Wort Deutsch, kommen aber damit ganz gut über die Runden. Um
meine Liege machen sie einen großen Bogen und lassen mir noch etwas Zeit
um aus meinen erotischen Phantasien in die harte Wirklichkeit zurückzukeh-
ren. Danke!

8 In der Heimat nichts Neues

Das einzige, was ich hier wirklich vermisse, ist der IKZ, was ausgeschrieben
"Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung" heißt. Zu Hause gehört diese Tages-
zeitung einfach zum Frühstück dazu und zwar vor allem der Lokalteil. Da er-
fahre ich alles, was in unserer kleinen Stadt an Wichtigem und Unwichtigem
geschieht, wo ein Fahrrad gestohlen wurde und wo eine Katze entlaufen ist,
ob der Bürgermeister zurückgetreten ist und wie weit die Vorbereitungen für
das Sümmeraner Schützenfest gediehen sind.

Zum Glück gibt es das Internet. Mit seiner Hilfe kann ich von jedem Ort der
Welt aus auf meine Tageszeitung zugreifen. Zwar wird mir auf diesem Wege
nicht die komplette Zeitung ins Haus gebracht aber doch eine Auswahl der
wesentlichen Beiträge. Da lese ich nun folgendes:

"Martina Freiwerch sitzt an der Wermingser Straße auf einer Bank. Sie
strahlt mit der Sonne um die Wette. „Ich kann gar nicht genug davon
bekommen, mich zu sonnen. Nicht, weil ich mich bräunen will, sondern
weil es einfach meine Seele streichelt“, erklärt die 42-Jährige. Sie will
nach der Sonnenpause nur schnell das Nötigste für die abendliche
Freiluftfete im eigenen Garten einkaufen, dann soll der aufblasbare Pool
für die Neffen aufgestellt werden. ...
Svenja-Elvira Meissner-Hökmann (33) schmunzelt: „Als ich heute morgen
überlegt habe, was ich anziehe, ist mir aufgefallen, dass ich keine
vernünftigen Sandalen mehr besitze.“

Erleichtert atme ich auf. Die heimatliche Welt ist noch in Ordnung. Kein
Großbrand hat die Innenstadt verwüstet und auch der Baarbach ist nicht über
die Ufer getreten. Ich kann beruhigt zu Ende frühstücken und dann zum
Strand gehen und mich sonnen. Nicht weil ich mich bräunen will, sondern
weil es einfach meine Seele streichelt.
9 Wo bleibt der Bauchtanz?

Ob im Speisesaal des Hotels oder am Pool, überall wird man von Musik
berieselt. Wer allerdings erwartet, in der Türkei orientalische Klänge zu
hören, wird enttäuscht. Aus dem Lautsprecher kommt das gleiche Gedudel
wie in jedem zweiten deutschen Supermarkt, keine Folklore und keine
Bauchtanz-Musik. Schade!

Auch in diesem Fall hilft das Internet weiter. Ich muss ja nur ein Radioportal
aufrufen und schon erhalte ich jede gewünschte Musikrichtung aus jedem
Land der Welt. Nun werden sie vielleicht fragen, warum ich überhaupt in die
Türkei fahre, wo mir dieses Angebot per Internet-Radio doch auch zu Hause
zur Verfügung steht. Die Antwort ist einfach: Zu Hause kann ich zwar auch
Bauchtanzmusik hören, aber nur mit den Ohren. Hier dagegen könnte jeder-
zeit eine echte Bauchtänzerin hereinkommen und ihren Nabel kreisen lassen.
Es geht also um ganzheitliches Erleben!

Den gleichen Effekt habe ich früher schon einmal erlebt. Damals spielten wir
zu Hause häufig “El Grande”, ein Brettspiel, in dem es darum geht, im mittel-
alterlichen Spanien Provinzen zu erobern. Später sind wir dann mit Freunden
nach Spanien gefahren und haben das Spiel mitgenommen, um es an den Ori
zu spielen. Ein Unterschied wie Tag und Nacht!

Jeder Weitgereiste wird es bestätigen: Romeo und Julia in Verona, Aida in


den Ruinen von Luxor oder “Sehnsucht heißt ein altes Lied der Taiga” in der
Transsibirischen Eisenbahn - das bringts!

10 Sicher ist sicher

Ich gehöre zu der Sorte Menschen, die zusätzlich zum Gürtel am liebsten
noch einen Hosenträger benutzen möchten. Man kann nie wissen! Als ich
noch als Pfarrer regelmäßig zu predigen hatte, habe ich mir immer ein aus-
führliches Manuskript auf die Kanzel mitgenommen - vor lauter Angst,
stecken zu bleiben.

Inzwischen ist das papierlose Zeitalter angebrochen. Texte wie dieser landen
auf der Festplatte meines Laptops. Aber sind sie dort sicher? Ein kräftiger
Stoß an die Tischplatte und schon ist die Festplatte hinüber. Zudem kann
natürlich auch der ganze Laptop verschwinden, wie das meiner Freundin
Karin auf dem Weg nach Indien passierte. Sie hat ihn bei der Gepäckkontrolle
auf dem Frankfurter Flughafen liegen gelassen, den Verlust aber erst bemerkt,
als sie bereits hoch über den Wolken schwebte. Alles futsch! Da mache ich
mir doch lieber eine Sicherungskopie auf eine Speicherkarte. Die kann aller-
dings ebenfalls abhanden kommen. Ist ja ohnehin so ein winziges, kaum
briefmarkengroßes Ding. Das verkriecht sich schnell in eine Ritze, wird ge-
knickt oder Sonnenöl verschmiert die Kontakte. Was dann? Das Nachgrübeln
über dieses Problem hat mir einige unruhige Nächte beschert. Jetzt habe ich
jedoch eine gute Lösung gefunden. Ich werde meine Texte einfach als Mail-
Anhang an mich selbst schicken und dann zu Hause herunterladen. Auf diese
Weise sind sie absolut sicher, selbst wenn die Wohnung abbrennt, denn sie
lagern ja gar nicht zu Hause, sondern auf dem Server des Providers. Genial!
Die Frage ist nur, was passiert, wenn beim Provider der Blitz einschlägt.

11 Geheimnisse der Evolution

Ich sitze auf der Hotelterrasse, blicke aufs Mittelmeer und sinne über die
Wunder der Evolution nach. Eine dunkle Gewitterfront wandert nach rechts
in Richtung Taurusgebirge. Regen hat sie nicht gebracht. Links oben lugt
schon wieder die Sonne hinter den Wolken hervor. Ein Flugzeug im Lande-
anflug auf Antalya wird von ihr magisch angestrahlt. Um mich herum sausen
Schwalben auf der Jagd nach Mücken durch die Luft.

Plötzlich geht mir auf, warum die Evolution fliegende Lebewesen hervorge-
bracht hat. Versuchen Sie mal, eine Mücke zu fangen, indem sie ihr nachlau-
fen! Wie bitte - ohne den Entwicklungsschritt von den Fußgängern zu den
fliegenden Wesen gäbe es auch keine Mücken? Da haben Sie natürlich auch
wieder recht. Aber Flugzeuge gäbe es trotzdem, oder?

12 Armer kleiner Fernseher

Mein Hotelfernseher will nicht mehr. Es handelt sich um ein älteres Modell,
das bereits seit Erschaffung des Hotels Dienst tut. Jetzt geht es ihm wie einem
alten, kranken Menschen: ihm bleibt ihm die Stimme weg. Eben hat er noch
Töne von sich gegeben, auf einmal ist nur noch das Bild zu sehen.

Meine erste Idee ist: Es könnte an der Fernbedienung liegen. Vielleicht sind
die Batterien verbraucht. Aber wie komme ich an sie heran? Der Deckel des
Batteriefachs ist mit einer Kreuzschlitzschraube verschlossen, vielleicht weil
das Hotel fürchtet, jemand könne bei der Abreise die Batterien mitnehmen.
Das erinnert mich an ein Erlebnis in einem Motel in Kalifornien, wo man aus
Angst vor Diebstahl die Fernbedienung mit dicken Schrauben an der Tisch-
platte befestigt hatte. Im "Wilden Westen" vielleicht eine notwendige Vor-
sichtsmaßnahme, aber hier in der Türkei? Wie auch immer, so leicht gebe ich
jedenfalls nicht auf. Mit einem kleinen Schraubenzieher aus meinem Reise-
gepäck, komme ich schließlich an die Batterien heran und kann sie gegen
neue austauschen. Sie sind aber in Ordnung. Die Fehlersuche geht weiter. Als
nächstes pfriemle ich an den Tasten der Lautstärkeregelung herum. Vielleicht
sind ja irgendwelche Kontakte oxydiert. Hilft aber auch nicht. Nun versuche
ich es mit Gewalt: Ein kräftiger Schlag aufs Gehäuse, dann ein zweiter auf
die Seitenwand - wieder nichts!

Soll ich nochmal zuschlagen? Die Angst vor einer Implosion der Bildröhre
hindert mich daran. Aber wie wäre es mit dem umgekehrten Weg: Sanftmut
statt Gewalt. Vorsichtig hebe ich das Gerät hoch und schaukele es sanft hin
und her, etwa so wie man ein Baby befriedet. Und tatsächlich: Der Lautspre-
cher erwacht zu neuem Leben. Es war also eher ein psychisches als ein me-
chanisches Problem. Nur: Wie geht es jetzt weiter. Das Gerät den ganzen
Abend sanft zu schaukeln, geht nicht, dafür ist der Apparat zu schwer. Außer-
dem kann ich nicht gleichzeitig schaukeln und das Bild betrachten. Mit einer
Verlängerungsschnur käme ich vielleicht bis vor den Spiegel, aber dann ist
das Bild seitenverkehrt. Wenn ich ihn absetzte bleibt der Ton noch einen
Moment erhalten, dann ist er wieder weg.

Schließlich hilft wieder ein Blick auf die Kleinkindpädagogik. Wenn Eltern
abends noch mal weggehen wollen, lassen sie einen "Stellvertreter" bei ihrem
Kind, ein Kuscheltier etwa. Das gibt dem Kind die Gewissheit: Meine Eltern
haben mich lieb und kommen ganz bestimmt wieder. Vorsichtig schiebe ich
einen Bleistift von der Seite aus unter die Frontblende des Fernsehers. Der
Apparat steht jetzt etwas schief (etwa so wie ein Baby, das auf seinem Ku-
scheltier einschläft) aber er weiß nun, dass er geliebt wird und er dankt es mir
mit einem ungestörten Hörgenuss.

13 Abschiede

Nichts Böses ahnend schalte ich den Fernseher an. Der Schock trifft mich
völlig unvorbereitet: Auf dem Bildschirm erscheint Florian Silbereisen im
weißen Anzug. Heute moderiert er das "Sommerfest der Volksmusik" aus der
Bördelandhalle in Magdeburg. Aber wieso Sommerfest? In Deutschland ist es
doch noch gar nicht Sommer, wochenlang hatten wir winterliche Kälte, und
in Polen ist gerade Regenzeit. Dem Kalender nach beginnt der Sommer auch
erst am 21. Juni. Das ist noch eine Weile hin. Produziert das Fernsehen jetzt
schon fiktive Jahreszeiten?

Silbereisen kündigt einen Weltstar an. Raten wir mal, wer es diesmal ist.
Natürlich wieder Nana Mouskouri. Woher kenne ich die nur? Da war doch
mal was, muss aber schon länger her sein. Richtig: „Weiße Rosen aus Athen!“
Ein echter Ohrwurm war das, damals 1961, obwohl niemand genau weiß, ob
in Athen tatsächlich weiße Rosen blühen. In der französischen Fassung hieß
es übrigens: Weiße Rosen aus Korfu. Offenbar kennt Nana sich auch nicht so
gut in der Botanik ihrer Heimat aus. Heute ist sie 75 und immer wenn ich sie
im Fernsehen erblicke, löst das bei mir recht unterschiedliche Gefühle aus.
Auf der einen Seite finde ich es toll, dass sie immer noch auf der Bühne steht.
Auf der anderen Seite denke ich: Will sie es nicht endlich einmal lassen! Es
hat so was von einer Totenerweckung. (Bei Johannes Heesters ist dieser
Effekt noch stärker).

Nana steigt eine Art Himmelstreppe herunter. Sie hat ein knallrotes Kleid an,
das sie ein wenig schwanger aussehen lässt. Unten wallt Bühnennebel. Die
markante Brille, ihr Markenzeichen, ist natürlich auch dabei und legt die Fra-
ge nahe, ob Fielmann oder Apollo-Optik den Auftritt sponsert.

Unten angekommen singt sie ein Lied mit einem ziemlich läppischen Text, in
dem es darum geht, dass wir immer wieder Abschied nehmen müssen. Dazu
passt es gut, dass die ganze Zeit über am oberen Bildschirmrand eine Lauf-
schrift eingeblendet wird: "Die Verbreitung von Das Erste über den Satelliten
Hotbird 8 auf 13 Grad Ost (Eutelsat) endet am 8. Juni um 5.30 Uhr."

Wieder ein Abschied!

14 Wenn das Zweite zum Ersten wird

Nun haben sie ihre Drohung wahrgemacht. Das Erste Deutsche Fernsehen
wird nicht mehr über Eutelsat ausgestrahlt. Mein gesamtes Lebenskonzept
bricht zusammen. Dabei hatte sich über die Jahre hinweg alles so gut einge-
spielt: Täglich um 22.15 Uhr die Tagesthemen, dazu als “Sahnehäubchen”
mittwochs Plasberg, freitags ein alter Tatort und sonntags dann der neue. Wie
alles im Leben hat die Abschaltung natürlich auch Vorteile. Florian Silber-
eisen bleibt mir in Zukunft erspart.

Notgedrungen werde ich mich mit dem Zweiten abfinden müssen, einem
Programm, dem ich bisher immer die kalte Schulter gezeigt habe, obwohl
man damit bekanntlich besser sieht. Da gibt es allerhand zu entdecken.
“Neues aus der Anstalt” beispielsweise erweist sich als prima Satiresendung
in der Urban Prior und Georg Schramm zur Hochform auflaufen. Auch
Altmeister Dieter Hildebrandt, den ich unter den Zuschauern im Studio
entdecke, hat seinen Spaß daran.

Vielleicht gibt es ja überhaupt schon zu viele Fernsehprogramme. Würde man


aus allen nur das Beste zusammenstellen und den ganzen Mist der täglich von
früh bis spät über die Bildschirme flimmert, weglassen - es würde vielleicht
nur für zwei oder drei, dafür aber erstklassige Programme reichen. Außerdem
würde das Leben deutlich einfacher. Man muss sich nur einmal klarmachen,
wie viel Lebensenergie Millionen von Fernsehzuschauern Tag für Tag damit
verplempern, nur um zu entscheiden, ob sie nun Programm A oder B oder
vielleicht doch lieber C sehen möchten - Programme, die sich nur geringfügig
unterscheiden! Was fehlt, ist die Konzentration auf das Wesentliche - aber
dazu werde ich ja nun gezwungen, ein wenig jedenfalls.

15 Laubenpieper

Beim abendlichen Herumsitzen an der Pool-Bar lerne ich ein Paar aus der
Nähe von Erfurt kennen. Die beiden haben sich gleich durch ihren Dialekt als
Ossis verraten. Sie sind etwa 10 Jahre jünger als ich und haben eine typische
DDR-Vergangenheit. Nach der Wende haben sie sich erst mal in der Welt, die
ihnen so lange vorenthalten wurde, umgeschaut: Südafrika, Namibia, Mexiko
und Thailand. China hat beim ersten Versuch nicht geklappt, weil die Vogel-
grippe dazwischen kam. Auch der zweite Versuch ins Reich der Mitte zu ge-
langen scheiterte, weil sie nicht beide zur gleichen Zeit Urlaub bekommen
haben. Nun sind sie ersatzweise in die Türkei geflogen. Wir sind uns schnell
einig: Reisen ist eine tolle Sache und die DDR hätte gut daran getan, ihren
Bürgern etwas mehr Freizügigkeit zu gewähren. Dann hätte man sich viel-
leicht die ganze Wiedervereinigung sparen können. Es war nämlich nicht
alles schlecht im realen Sozialismus. In ihrer Kleingartenkolonie beispiels-
weise wurde nicht nur heftig gefeiert, es half auch einer dem anderen, wenn
es ums Rasenmähen oder ums Heckenschneiden ging. Schließlich besaß nicht
jeder eine eigene Heckenschere. Heute dagegen sieht es mit der Solidarität
schlecht aus. Jeder hat seine eigenen Geräte und wenn mal eins defekt ist,
kauft man sich einfach im nächsten Baumarkt ein neues.

Auch wenn bei solchen Berichten eine Portion verklärte Vergangenheit mit-
schwingt, rühren sie mein Herz an. Da ist immer auch ein Stück Trauer um
eine verloren gegangene Welt dabei, deren Gewicht von uns Wessis leicht
übersehen wird. Das Fernsehen täte gut daran, diese Welt wieder auferstehen
zu lassen, vielleicht mit einer Serie, die in einer DDR-Laubenkolonie spielt.
Da könnten die Leute im Osten sagen: Genau so war es - schade, dass jetzt
alles anders ist. Das täte ihrer Seele gut. Leider ist zu befürchten, dass unser
Fernsehen gleich wieder ein Polit-Drama daraus macht, indem es einen der
harmlosen Laubenpieper zum Stasi-Spitzel erklärt, der sich in die bildhübsche
Tochter seines Nachbarn verliebt, die aber gerade einen Ausreiseantrag ge-
stellt hat, wodurch der Stasi-Mann in Gewissenskonflikte gerät, weshalb er
sich dann doch für die linientreue Tochter seines Dienstvorgesetzten entschei-
det, was ihm aber auch nicht weiterhilft, weil die wahre Liebe stärker ist als
der Sozialismus und so weiter und so weiter.
16 Wer die Wahl hat

Natürlich kommt beim abendlichen Herumsitzen an der Pool-Bar das Ge-


spräch auch auf die anstehende Wahl eines neuen Bundespräsidenten. Es ist
nicht zu fassen: Endlich geht es mit Deutschland wieder aufwärts. Die
Aktienkurse steigen, Finanzspekulationen sind auch wieder voll im Gange
und Lena gewinnt den Grand Prix. Da wirft plötzlich unser Bundespräsident
ohne Vorwarnung die Klamotten hin. Ist der Mann denn von allen guten
Geistern verlassen, uns so in den Rücken zu fallen?

Einige Tage lang versinkt Deutschland in eine Art Schockstarre. Dann beginnt
die fieberhafte Suche nach einem Nachfolge-Kandidaten. Diskutiert wird
auch, wie die Auswahl, also das was neudeutsch Casting heisst, vonstatten
gehen soll. Will man es bei der drögen Bundesversammlung belassen oder
kann man sich von Fernsehshows etwas abgucken? Der Gedanke an so eine
Art “Deutschland sucht den Superpräsidenten” kommt auf. Leider gibt es da
ein Problem, das heißt Dieter Bohlen. Ich sehe ihn schon vor mir, wie er
einen bescheidenen Professor oder Nobelpreisträger zur Schnecke macht:
“Und Du Hirnie willst den ganzen Laden hier übernehmen? Wer hat dir das
denn eingeblasen. Ich fasses nich, eh!” Das wäre dem Amt wohl doch etwas
abträglich.

Aber bleiben wir bei der Kandidatensuche. Zwei sind ja schon im Rennen,
was aber nicht heißen muss, dass damit schon alle Möglichkeiten ausge-
schöpft wären. Ich habe da nämlich noch eine Idee. Warum nicht einen
Neger? (Wenn Sie jetzt erschrocken zusammenzucken, sollten Sie sich
fragen, ob hinter dieser Reaktion nicht Rassismus steckt). Andere Länder
haben damit jedenfalls gute Erfahrungen gemacht (Stichwort: Obama). Einen
Vorteil hätte es auf jeden Fall: Man würde den Mann auf den offiziellen
Gruppenfotos, wie sie immer bei wichtigen Konferenzen gemacht werden,
leichter herausfinden.

Ich kann auch gleich einen geeigneten Kandidaten präsentieren: Roberto


Blanco. Der Mann ist sehr gut in die deutsche Gesellschaft integriert, er
spricht besser Deutsch als mancher Bayer und wäre deshalb ein leuchtendes
Vorbild für unsere ausländischen Mitbürger. Blanco ist ein geselliger Typ und
kennt sich im Showgeschäft aus (bekanntlich gibt es da eine große Nähe zur
Politik). Und schließlich: Er kann singen - eine Fähigkeit, die ich bei Horst
Köhler immer schmerzlich vermisst habe. Lassen wir Roberto doch ruhig ein
paar Amtsrunden in Schloss Bellevue drehen, bis dann Lena endlich das
vorgeschriebene Alter erreicht hat.
17 Gastfreundschaft

In meiner Heimatstadt Iserlohn tobt zur Zeit eine heftiger Kampf um den
Neubau einer Moschee. Dabei ist “Moschee” schon ziemlich übertrieben,
“Moscheelein” wäre passender, denn das Gebäude soll nicht viel größer als
ein Einfamilienhaus werden. Trotzdem regen sich die Menschen darüber auf.
Auch die Tatsache, dass eine muslimische Splittergruppe, die für ihre Fried-
fertigkeit bekannt ist und in manchen muslimischen Ländern selbst verfolgt
wird, als Bauherr auftritt, konnte die Gemüter nicht beruhigen. “Denen geht
es doch nur darum, das christliche Abendland zu unterwandern!” -“Wenn wir
nicht aufpassen, werden sie bald unsere Töchter zwingen, ein Kopftuch zu
tragen.” Solche und ähnliche Argumente machen die Runde. Selbst Men-
schen, die gewohnt sind, differenziert zu denken, äußern sich zurückhaltend.
Man kann ja nie wissen und vielleicht steckt ja doch eine radikale islamisti-
sche Bewegung hinter dem Projekt.

Der Moslem, das unbekannte Wesen! Vielleicht ist er ja tatsächlich unzuvili-


siert und gewalttätig. Wenn ich schon mal in der Türkei bin, kann ich mir den
Islam ja mal aus der Nähe anschauen. In der Nähe des Hotels steht die Haci
Seadet Kurt-Moschee, ein eindrucksvolles Gebäude. Von weitem erinnert es
an den Felsendom in Jerusalem, nur dass hier anstelle von Gold blaue Majo-
lika-Kacheln verwendet wurden. Zwei gewaltige Minarette, etwa 30 bis 35
Meter hoch, umrahmen die Anlage. Von hier aus wird auch mein Hotel fünf
Mal am Tage mit dem Aufruf zum Gebet beschallt. Das macht schon Ein-
druck!

Ich bin gespannt, ob ich hier als Christ überhaupt geduldet werde. Neben dem
Eingangsportal befindet sich eine Tafel. Auf Deutsch heißt es dort: “An un-
sere Gäste! Bitte ziehen sie ihre Schuhe aus und stellen sie diese in die dafür
vorgesehenen Regale. Die Damen möchten bitte ein Kopftuch und lange
Röcke tragen. Die Herren möchten bitte lange Hosen tragen. …Während des
Gebetes bitte nicht fotografieren. Für weitere Fragen stehen ihnen unsere
Angestellten jederzeit zur Verfügung. Dankeschön!”

Daneben stehen die Schuhregale und eine Kiste mit ausleihbaren Wickel-
röcken. Drinnen empfängt mich ein großer mit Teppichen ausgelegter Ver-
sammlungsraum. Hinten befindet sich eine Leseecke (leider ohne deutsche
Bücher) und ein Getränkeautomat, aus dem man sich gekühltes Mineralwas-
ser zapfen kann. Ein freundlicher Empfang!

Damit wir uns nicht missverstehen: Ich weiß, dass in manchen islamischen
Ländern Christen verfolgt werden. Ich weiß auch, dass es unter den Moslems
Fundamentalisten gibt und dass islamische Fanatiker ebenso wie christliche
am liebsten alle Andersdenken mit Gewalt bekehren oder gar ausrotten möch-
ten. Aber diese schlichte Gastfreundschaft hat mich doch überrascht und ich
frage mich, wer da weiter ist, die Christen oder die Muslime. Jedenfalls kenne
ich keine Kirche und kein Gemeindezentrum, in das Andersgläubige in ihrer
Muttersprache hereingebeten werden, um sich einfach mal umzuschauen
ohne gleich missioniert zu werden. Über die gekühlten Getränke brauchen
wir uns nicht weiter zu unterhalten. Weil unsere christlichen Kirchen ohnehin
meist geschlossen sind, erledigt sich diese Frage von selbst.

18 Eine neue Weltordnung

Heute mache ich einen Ausflug nach Alanya. Fünfunddreißig Touristen wol-
len mitfahren. Weil sie in unterschiedlichen Hotels wohnen, verbringen wir
die erste Stunde dieses Tagesausfluges damit, erst einmal alle Hotels der
Umgebung abzuklappern. Auf diese Weise lerne ich die ausufernde Hotel-
landschaft rund um Side kennen. Was ist das nicht alles aus dem Boden ge-
stampft worden! Hotel steht neben Hotel und es sind immer noch viele Äcker
in Meeresnähe, auf denen sich weitere Bettenburgen bauen lassen. Die Archi-
tektur orientiert sich an pompösen Vorbildern, wie man sie aus Las Vegas
kennt. Zwei Stilrichtungen lassen sich unterscheiden. Die eine macht ganz auf
Orient, lässt an “Tausend und eine Nacht”, an Sultan und an Harem denken.
Die andere greift in der Geschichte der Türkei noch weiter zurück. Da orien-
tiert man sich an griechischen Tempeln, errichtet riesige Standbilder aus
nachgemachten Marmor und spart nicht mit Säulenresten. Zwischen diesen
beiden Grundrichtungen gibt es natürlich jede Menge Mischformen.

Meine Mitreisenden, die selbst in einem dieser schwülstigen Gebäude woh-


nen, sind sehr beeindruckt von der Vielfalt und der Menge des Erschaffenen.
Alle Achtung! Das hätte man den Türken nicht zugetraut. Eine Frau, die sich
im Bus als Wortführerin aufspielt, bringt es auf den Punkt: “Wenn die Grie-
chen so fleißig wären wie die Türken, hätten wir ihnen (gemeint sind die
Griechen) kein Geld geben müssen. Aber die sitzen ja nur ganzen Tag faul
herum und trinken Kaffee, genau wie in Tunesien. Alles Gesocks!” Niemand
widerspricht, im Gegenteil: Der staatlich geprüfte türkische Reiseleiter nutzt
die Gelegenheit um das hohe Lied der deutsch-türkischen Freundschaft
anzustimmen. Haben wir uns nicht schon immer bestens verstanden? Deut-
sche Ingenieure bauten die Bagdadbahn und im ersten Weltkrieg haben wir
gemeinsam gekämpft. Dass wir dabei gemeinsam verloren haben, macht die
Freundschaft eher stärker. Gute Freunde halten zusammen - auch in schlech-
ten Zeiten.

Mir kommt dabei die Idee einer künftigen Weltordnung. Deutschland tritt aus
der EU aus und bildet mit der Türkei eine Allianz der Fleißigen und Tüchti-
gen. Darauf lasst uns einen Raki (aber bitte keinen Ouzo!) trinken!
19 Integration für alle

Beim Streit um die Iserlohner Moschee wird auch immer wieder gefordert
“Die sollen doch erst mal dafür sorgen, dass in der Türkei mehr christliche
Kirchen gebaut werden!” Auf den ersten Blick leuchtet das ja ein: Religions-
freiheit muss überall und für alle gelten. Nur: Die Forderung wird an die
falsche Adresse gerichtet. Sie gehört in die Verhandlungen über den EU-Bei-
tritt der Türkei. Aber wie soll ein Türke (mit deutschem Pass!) der in Duis-
burg eine Moschee besuchen möchte, dafür sorgen, dass in der Türkei mehr
Kirchen gebaut werden? Das ist so, als würde man Rußlanddeutsche dafür
verantwortlich machen, dass es in Kasachstan nicht gut um die Pressefreiheit
bestellt ist.

Und wenn wir schon beim Vergleichen sind: Wie sieht es eigentlich mit der
Integrationsbereitschaft der Deutschen, die dauerhaft in der Türkei leben,
aus? In Alanya gibt es mehr als 10 000 Deutsche. Sie genießen das angeneh-
me Klima, freuen sich an der herrlichen Landschaft und den vergleichsweise
niedrigen Preisen - aber wollen sie sich integrieren? Besuchen Sie wenigstens
türkische Sprachkurse? Wenn schon, denn schon - oder?

Übrigens haben die Christen in Alanya 2006 eine eigene Kirche bekommen
und die obersten Muslime waren zu Eröffnung da.

20 Angriff der Killerbienen?

Ein heftiges Gesummse und Gebrummse erfüllt die Flure des Hotels. Es hört
sich an, als würde ein Schwarm Killerbienen zum Angriff übergehen. Jedoch
ist kein einziges Insekt zu sehen. Wirklich sehr rätselhaft!

Genauere Nachforschungen ergeben: Das störende Geräusch entsteht nicht


hier im Hotel, sondern im über 8000 Kilometer entfernten Südafrika, wo in
den Stadien gerade die Fußball WM tobt. Von dort wird es zu den Fernseh-
geräten auf der ganzen Welt übertragen. Weil nun hier in jedem zweiten
Hotelzimmer der Fernseher läuft und die Bilder der Weltmeisterschaft über-
trägt, können auch wir an diesem höllischen Lärm teilhaben, ganz so als wä-
ren wir direkt in Südafrika. Toll!

Das Geräusch wird mit Hilfe eines Instrumentes, Vuvuzela genannt, erzeugt
und ist dem Trompeten einer Elefantenherde nachempfunden, die gerade von
einem Großwildjäger aus der Mittagsruhe aufgeschreckt wurde und jetzt
ihrerseits zum Angriff übergeht. Bereits ein einzelnes Instrument erzeugt
einen Schallpegel von bis zu 135 Dezibel, was bei den Umstehenden zu dau-
erhaften Hörschäden führen kann. In südafrikanischen Stadien werden nun
aber zehntausende dieser Plastiktröten gleichzeitig zum Einsatz gebracht, ent-
sprechen groß dürfte der Schaden sein. Mit Hilfe einer besonderen Technik -
5000 blasen während die anderen 5000 gerade Luft holen - entsteht ein
Dauerton, der glatt ausreichen würde um die Mauern von Jericho zum Ein-
sturz zu bringen.

In deutschen Stadien ist solcher Lärm auf Grund der Immissionsschutzver-


ordnung verboten, in Südafrika sieht man darin einfach einen Ausdruck unge-
hemmter Lebensfreude. Dagegen lässt sich schwer etwas unternehmen, zumal
wir uns ja auch nicht dem Vorwurf kolonialer Einmischung aussetzen wollen.
Lassen wir sie also tröten, wenn sie Lust dazu haben! Vielleicht wächst hier ja
auch eine Generation künftiger Kunden für die deutsche Hörgeräte-Industrie
heran.

Die Frage ist, ob man sich an diesen Geräuschpegel gewöhnen oder vielleicht
sogar süchtig danach werden kann. Wenn unsere Jungs - als Sieger oder nicht
- von der WM zurückkommen, werden sie den Lärm im Stadion vielleicht
vermissen und ein Leistungsabfall wäre die Folge. Dagegen hilft nur, das
Geräusch in gerade noch zulässiger Lautstärke über die Stadionlautsprecher
zu verbreiten. Bei wichtigen Durchsagen könnte man den Ton ja zurückdre-
hen.

Für den Heimanwender wird die Musikindustrie sicher schon bald CDs mit
Titeln wie “Sounds of Africa”, “Best of Vuvuzela” oder “Vuvuzela forever”
anbieten können. Die schieben wir dann in unsere Stereoanlage und fühlen
uns wie in Afrika mitten unter Elefanten.

21 Kriegsbemalung

Der eigenen Körper zu bemalen ist eine uralte Kulturtechnik. Schon der Ne-
andertaler zog nicht in dem Kampf ohne sich zuvor mit weißem Kaolin ein
paar Striche ins Gesicht geschmiert zu haben. Die Maori in Neuseeland er-
freuen noch heute die Touristen mit wilder Gesichtsbemalung zu der sie dann
auch noch die Zunge herausstrecken. Auch die Indianer hatten es, wie wir von
Karl May wissen und bei jedem zweiten Kinderfest immer wieder neu erle-
ben, gerne bunt im Gesicht.

Dieser alte Brauch erlebt nun mit der Fußball-WM eine Neubelebung. Ganz
normale Menschen greifen plötzlich zu bunten Stiften um sich die National-
farben ihrer Favoritenmannschaft auf die Wangen zu streichen. Um die Sache
zu erleichtern, gibt es bereits spezielle Stifte mit Rot/Weiß/ Rot für die Dänen
oder Schwarz/Rot/Gelb (Gold wäre zu teuer!) für uns Deutsche.
Da geraten nun allerdings einige Länder ins Abseits, weil sie sich eine zu
komplizierte Flagge zugelegt haben. Die USA beispielsweise. Versuchen sie
mal, sich 52 kleine Sternchen auf die Backe zu pinseln. Das dauert Stunden.
Und dann ist immer noch die zweite Seite frei. Oder Afghanistan mit seinem
undefinierbaren Gebilde in der Flaggenmitte. Gerade erfahre ich allerdings,
dass Afghanistan bei der WM gar nicht mitmacht, weil die Leute dort andere
Sorgen haben. Dieses Problem können wir uns also schon mal abschminken.

22 Glückliches Afrika

Der schwarze Kontinent war für uns Europäer schon immer voller Rätsel.
Vieles können wir schon deswegen nicht verstehen, weil wir zu weit davon
entfernt sind. Oft haben wir auch Mühe, uns von liebgewordenen Vorurteilen
zu trennen. Da ist beispielsweise die Sache mit dem Rassismus in Südafrika.
Furchtbar und leider immer noch nicht überwunden - denken wir. Aber jetzt
zeigt uns das Fernsehen vor jedem WM-Spiel, dass dort Löwen, Elefanten
und Pinguine ganz ungezwungen miteinander Fußball spielen. Eine echte
Überraschung!

Oder die Sache mit der Armut und der Arbeitslosigkeit großer Teile der Be-
völkerung, vor allem der Schwarzen. Natürlich gibt es in Südafrika wie über-
all auf der Welt Reiche und Arme. Das ist nun einmal so. Es gibt aber einen
auffälligen Unterschied in der Art, wie diese Tatsache verarbeitet wird. In
Deutschland nörgeln wir gern daran herum, dass wir nicht zu den oberen
Zehntausend gehören. Wir machen der Regierung Vorwürfe, sie würde nichts
gegen das Auseinanderdriften von Reichen und Armen unternehmen. Manche
wählen sogar die Linkspartei mit ihrer Forderung nach “Reichtum für alle!”

Ganz anders in Südafrika. Schauen wir doch einfach einmal mal rein bei
Philip Makumba (43). Hinten in der Ecke der sauber ausgefegten Hütte be-
reitet Johanna, Philips Frau, gerade aus Bohnen und Mais das Mittagessen für
die vielköpfige Familie - einfach aber wohlschmeckend! Draußen jagen die
Kinder einem Fußball nach, den sie aus Stofflappen selbst gebastelt haben.
Sehr kreativ! Bewegungsmangel ist hier - anders als in Deutschland - über-
haupt kein Problem! Und wer nicht zur Arbeit muss, kann den ganzen Tag
über in der Sonne sitzen - ein Vergnügen, das wir uns nur im Urlaub leisten
können und für das wir dann auch noch viel Geld ausgeben müssen. Hier ist
es völlig umsonst zu haben.

Philip sitzt entspannt vor seiner Hütte und übt auf der Vuvuzela. Er klagt
nicht darüber, keine Eckbadewanne mit integrierter Massagedüse und auch
keinen Flachbildfernseher mit voller HD-Auflösung zu besitzen. Weder das
eine noch das andere erscheint ihm erstrebenswert, zumal es in seiner Town-
ship weder Strom noch Wasser gibt. Auch über zu hohe Studiengebühren be-
schwert sich hier niemand. Und es wählt auch keiner die Linkspartei.Von die-
ser Einstellung könnte sich so mancher Deutsche eine Scheibe abschneiden.