Sie sind auf Seite 1von 7

nur insofern ein, als philosophische Gründe für die Re-

nehme, die ich nicht übersehen kann, und durch die Ent-
volle des Philosophen gegen Philosophie gefunden wer-
scheidungen selbst immer schon gezwungen werde, an-
den müssen. Ähnlich, wenn auch gleichsam am entgegen-
deres zu vernachlässigen. Schuld wird damit zugleich die
gesetzten Pole, liegt der Fall Marx, der ebenfalls philo-
Art und Weise, auf die ich selbst real werde, in die Reali-
sophisch nur noch erklärte, daß der Mensch die Welt ver-
tät nämlich mich verstricke.
ändern könne und deshalb aufhören solle, sie zu inter-
In aller Ausdrücklichkeit tauchen die neuen Inhalte der
pretieren. Beiden ist gemeinsam, daß sie unmittelbar zu
Philosophie zum ersten Male in Jaspers' „Psychologie der
einem Handeln kommen wollten und gar nicht auf die
Weltanschauungen" als „Grenzsituationen" auf, in die
I d e e kamen, Philosophie auf einer neuen Grundlage zu
der Mensch auf Grund der antinomischen Struktur seines
beginnen, nachdem sie erst einmal an der Prerogative
Daseins gestellt ist und die ihm den eigentlichen Antrieb
der Betrachtung zu zweifeln und an der Möglichkeit rein
zum Philosophieren geben. Jaspers selbst versucht be-
betrachtender Erkenntnis zu verzweifeln begonnen hat-
reits in dem frühen Werk auf ihnen eine neue Art Philo-
ten. Das Resultat war, daß Kierkegaard sich in die Psy-
sophie überhaupt zu begründen und gesellt daher den
chologie zur Beschreibung des inneren Handelns und
von Kierkegaard übernommenen neuen Inhalten einen
Marx sich in eine Wissenschaft der Politik zur Beschrei-
weiteren bei, den er manchmal Kampf und manchmal
bung des äußeren Handelns retteten. Mit dem Unter-
Liebe nennt, der aber jedenfalls später in der Theorie der
schied allerdings, daß Marx dann doch wieder die
„Kommunikation" für ihn die neue Form philosophischer
Sicherheit Hegelscher Philosophie, die sich durch sein
Mitteilung wird. Im Gegensatz zu Jaspers versucht Hei-
„Auf den Kopf stellen" weniger änderte als er annahm,
degger, mit den neuen Inhalten syslemalische Philosophie
akzeptierte. Für die Philosophie war es nicht so entschei-
durchaus im Sinne der Tradition wieder zu beleben.
dend, daß das Hegeische Prinzip des Geistes durch das
Marxsche der Materie ersetzt wurde, als daß die Einheit
von Mensch und Welt wieder auf eine doktrinäre, rein Das Selbst als Sein und Nichts:
hypothetische und daher moderne Menschen nie über- Heidegger

zeugende Weise wieder hergestellt wurde.


Heideggers Versuch, trotz und gegen Kant wieder eine
Weil Kierkegaard an der Verzweiflung an Philosophie
Ontologie zu etablieren, führte zu einer tiefgreifenden
festhielt, ist er für die spätere Entwicklung der Philo-
Umänderung der überkommenen philosophischen Ter-
sophie so viel wichtiger geworden als Marx. Sie hat von
minologie. Aus diesem Grund nimmt Heidegger auf den
ihm vor allem ihre neuen konkreten Inhalte übernommen.
ersten Blick immer sich weit revolutionärer aus als Jas-
Diese sind im wesentlichen die folgenden: T o d als Ga-
pers und dieser terminologische Schein hat der richtigen
rant des principium individuationis, weil der Tod als das
Einschätzung seiner Philosophie sehr geschadet. Er sagt
Allerallgemeinste mich gleichzeitig unausweichlich ganz
ausdrücklich, daß er eine Ontologie wieder begründen
allein trifft. Z u f a l l als Garant der Realität als nur ge-
wolle, und kann damit nichts anderes gemeint haben, als
gebener, welche mich gerade durch ihre Unberechenbar-
daß er beabsichtige, die mit Kant begonnene Zertrüm-
keit und Unauflösbarkeit in Denkbares überwältigt und
merung des antiken Seinshegriffs rückgängig zu machen.
überzeugt. S c h u l d als die Kategorie alles menschlichen
Es liegt kein Anlaß vor, dies nicht ernst zu nehmen, selbst
Handelns, das nicht an der Welt, sondern an sich selbst
wenn man zu der Erkenntnis kommen sollte, daß mit den
scheitert, sofern ich immer Verantwortungen auf mich
aus der Revolte gegen die Philosophie stammenden In-

64 65
halten Ontologie im traditionellen Sinne nicht zu reta- Seins" zu werden und somit philosophisch so zu fragen,
blieren ist.*) daß zur Tat gleichsam unmittelbar fortgeschritten wer-
Heideggers Ontologie ist niemals wirklich etabliert w o r - den kann, so hat der Gedanke, daß das Sein eigentlich
den, denn der zweite Band von „Sein und Zeit" ist nie das Nichts sei, einen ungeheuren Vorteil. Auf ihn sich
erschienen. Auf die Frage nach dem Sinn von Sein hat er gründend kann der Mensch sich einbilden, er verhalte
die vorläufige und in sich unverständliche Antwort ge- sich zu ihm vorgegebenem Sein nicht anders als der Schöp-
geben, daß der Sinn des Seins Zeitlichkeit sei. Damit war fer vor der Erschaffung der Welt, die ja bekanntlich ex
impliziert, und mit der Analyse des Daseins (d. h. des nihilo erschaffen ward. In der Bestimmung des Seins als
Seins des Menschen), das vom Tode her bestimmt wird, Nichts liegt schließlich auch noch der Versuch, aus der
wurde begründet, daß der Sinn von Sein Nichtigkeit ist. Definition des Seins als des Vorgegebenen herauszukom-
So endete Heideggers Versuch einer Neubegründung der men und die Handlungen des Menschen aus gottähn-
Metaphysik erst einmal folgerichtig nicht bei dem ver- lichen zu göttlichen zu machen. Dies ist auch der wenn
sprochenen zweiten Band, der den Sinn von Sein über- auch nicht zugestandene Grund dafür, daß bei Heidegger
haupt an Hand der Analyse des menschlichen Seins be- das Nichts plötzlich aktiv wird und zu „nichten" beginnt.
stimmen sollte, sondern mit einer schmalen Broschüre Das Nichts versucht sozusagen, das Vorgegebensein des
„ W a s ist Metaphysik", in welcher trotz aller augenschein- Seins zu vernichten, sich „nichtend" an seine Stelle zu
lichen sprachlichen Tricks und Sophistereien doch gewis- setzen. Wenn schon das Sein, das ich ja nicht geschaffen
sermaßen konsequent gezeigt wurde, daß das Sein im habe, Angelegenheit eines Wesens ist, das ich nicht bin
Heideggerschen Sinne das Nichts ist. und nicht kenne, so ist vielleicht das Nichts die eigentlich
Die eigentümliche Faszination, welche der Gedanke des freie Domäne des Menschen. Da ich schon ein Welt-
Nichts auf moderne Philosophie ausgeübt hat, ist nicht schaffendes Wesen nicht sein kann, könnte es vielleicht
ohne weiteres Kennzeichen von Nihilismus. Sehen wir meine Bestimmung sein, ein Welt-zerstörendes Wesen zu
das Problem des Nichts in unserm Zusammenhang einer sein. (Diese Ansätze werden ganz frei und klar bei Camus
gegen die Philosophie als reine Betrachtung revoltieren- und Sartre heute entwickelt.) Dies jedenfalls ist die philo-
den Philosophie, als eines Versuchs, zum „Herrn des sophische Grundlage des modernen Nihilismus, sein Ur-
sprung aus der alten Ontologie: in ihm rächt sich der
*) Eine andere und durchaus diskussionswürdige Frage ist die, ob hybride Versuch, die neuen Fragen und Inhalte in den
Heideggers Philosophie nicht überhaupt nur deshalb, weil sie sich
mit sehr ernsten Sachen beschäftigt, ungebührlich ernst g e n o m m e n
alten ontologischen Rahmen spannen zu wollen.
w o r d e n ist. Heidegger jedenfalls hat in seiner politischen H a n d - Gleichgültig aber, wie der Heideggersche Versuch schließ-
lungsweise alles dazu getan, uns d a v o r zu w a r n e n , ihn ernst zu
nehmen.
lich ausgegangen ist, sein großer Vorteil war, an die Fra-
Angesichts der realen K o m i k dieser Entwicklung und angesichts des gestellung, die Kant aufgebrochen hatte und die nach
nicht weniger realen Tiefstandes politischen Denkens auf den deut-
schen Universitäten liegt es natürlich nahe, sich um die ganze Ge-
ihm keiner weiter geführt hatte, wieder unmittelbar an-
schichte überhaupt nicht zu k ü m m e r n . Dagegen spricht unter an- zuknüpfen. In den Trümmern der prästabilierten Harmo-
derem, daß diese ganze Art des Sich-Verhaltens so genaue Paral-
lelen in der deutschen R o m a n t i k hat, daß man an zufällige K o i n -
nie vom Sein und Denken, von Essentia und Existentia,
zidenz rein personal bedingter Charakterlosigkeit schwer glauben von Existierendem und dem durch Vernunft faßbaren
kann. Heidegger ist faktisch (hoffentlich) letzter Romantiker —
gleichsam ein gigantisch begabter Friedrich Schlegel oder Adam
W a s des Existierenden, behauptet Heidegger, ein Wesen
Müller, deren komplette Verantwortungslosigkeit bereits jener Ver- gefunden zu haben, bei dem Essenz und Existenz un-
spieltheit geschuldet war, die teils aus dem Geniewahn und teils aus
der Verzweiflung stammt.
mittelbar identisch sind, und dies ist der Mensch. Seine

66 67
Essenz ist seine Existenz. „Die Substanz des Menschen bei Hobbes). Der Heideggersehe Funktionalismus wie der
ist nicht der G e i s t . . . sondern die Existenz." Der Mensch Hobbessche Realismus enden schließlich nur dabei, ein
hat keine Substanz, sondern geht darin auf, d a ß er ist; Modell vom Menschen zu entwerfen, demzufolge der
man kann nicht nach dem Was des Menschen fragen wie Mensch noch besser inmitten eines Vorgegebenen funk-
nach dem Was eines Dinges, sondern nur nach dem Wer tionieren würde, weil er von aller Spontaneität „befreit"
des Menschen. wäre. Dieser realistische Funktionalismus, dem der
Der Mensch als Identität von Existenz und Essenz schien Mensch nur als ein Konglomerat von Seinsmodi erscheint,
einen neuen Schlüssel zu der Frage nach dem Sein des ist prinzipiell willkürlich, weil keine Idee vom Menschen
Ganzen an die Hand zu geben. Man braucht sich nur die Auswahl der Seinsmodi leitet. An die Stelle des Men-
daran zu erinnern, daß für die traditionelle Metaphysik schen ist das „Selbst" getreten, sofern das Dasein (das
Gott das Wesen war, in dem Essenz und Existenz zu- Sein des Menschen) dadurch ausgezeichnet ist, daß es ihm
sammenfielen, bei dem Denken und Handeln identisch „in seinem Sein um es selbst geht". Diese Rückbezüglich-
waren und der darum zu dem obzwar jenseitigen Grund keit des Daseins kann „existentiell" ergriffen werden, und
alles diesseitigen Seins erklärt worden war, um zu ver- das ist auch alles, was von der Macht des Menschen und
stehen, wie verführerisch dieser Entwurf war. Es war in seiner Freiheit verblieben ist.
der Tat der Versuch, den Menschen unmittelbar zum Dies Ergreifen der eigenen Existenz ist nach Heidegger
„Herrn des Seins" zu machen. Heidegger nennt dies den das Philosophieren selbst: „das philosophisch-forschende
„ontisch-ontologischen Vorrang des Daseins" — eine For- Fragen selbst (muß) als Seinsmöglichkeit des je existie-
mulierung, die nicht daran hindern sollte zu verstehen, renden Daseins existentiell ergriffen werden". Philosophie
daß hier der Mensch exakt an die Stelle gestellt worden ist die ausgezeichnete existentielle Seinsmöglichkeit des
ist, an der in der traditionellen Ontotogie Gott stand. Daseins — was schließlich nur eine Umformulierung des
Das Sein des Menschen nennt Heidegger Dasein. Durch Bios theoreticos des Aristoteles, der kontemplativen Hal-
diese terminologische Festsetzung kommt er darum her- tung als der höchsten Möglichkeit des Menschen ist. Dies
um, den Ausdruck Mensch gebrauchen zu müssen. Dies ist um so gravierender, als in der Heideggerschen Philo-
ist keineswegs terminologische Willkür, sondern hat zum sophie der Mensch zu einer Art von summum ens, zu dem
Zweck, den Menschen in eine Reihe von Seinsmodi auf- „Herrn des Seins" gemacht ist, insofern in ihm Existenz
zulösen, die phänomenologisch nachweisbar sind. Damit und Essenz identisch sind. Nachdem der Mensch als das
entfallen alle jene Charaktere des Menschen, die Kant Wesen entdeckt wurde, für das er solange Gott gehalten
als Freiheit, Menschenwürde und Vernunft vorläufig hat, stellt sich heraus, daß solch ein Wesen auch nichts
skizziert hatte, die aus der Spontaneität des Menschen vermag und daß es also einen „Herrn des Seins" nicht
entspringen und darum phänomenologisch nicht nach- gibt. Das einzige, was verbleibt, sind anarchische Seins-
weisbar sind, weil sie als spontane mehr sind als bloß modi.
Funktionen des Seins und weil der Mensch in ihnen mehr Das Dasein ist also dadurch charakterisiert, daß es nicht
intendiert als sich selbst. Hinter Heideggers ontologischem einfach i s t , sondern daß es ihm in seinem Sein um sein
Ansatz verbirgt sich ein Funktionalismus, der dem Rea- Sein selbst geht. Diese Grundstruktur heißt „Sorge", wel-
lismus Hobbes' nicht unähnlich ist. Wenn der Mensch che allem täglichen Besorgen in der Welt zugrunde liegt.
darin aufgeht, daß er ist, ist er nicht mehr als seine Seins- Das Besorgen hat in Wahrheit einen rückbezüglichen
modi oder Funktionen in der Welt (oder der Gesellschaft, Charakter; es richtet sich nur scheinbar auf das, womit
es gerade beschäftigt ist; in Wahrheit tut es alles im m o - verfallen." Nur in der Realisierung des Todes, der ihn aus
dus des Um-willen. der Welt herausnehmen wird, hat der Mensch die Gewiß-
Das Sein, um das sich das Dasein sorgt, ist die „Existenz", heit, nur er selbst zu sein. Dieses Selbst ist das W e r des
die ständig vom Tode bedroht schließlich zum Untergang Daseins. („Mit dem Ausdruck Selbst antworten wir auf
verurteilt ist. Zu der also bedrohten Existenz verhält sich die Frage nach dem W e r des Daseins.")
das Dasein ständig; von ihr her allein sind alle Verhal- Mit der Rückführung des Daseins auf das Selbst ohne je-
tungsweisen zu verstehen und eine Analyse des Seins des den Umweg über den Menschen ist die Frage nach dem
Menschen einheitlich zu leiten. Die Strukturen der Exi- Sinn von Sein im Grunde aufgegeben und durch die die-
stenz des Menschen, nämlich die Strukturen seines Daß, ser Philosophie offenbar ursprünglichere Frage nach dem
nennt Heidegger Existentiale und ihren strukturellen Zu- Sinn des Selbst ersetzt. Diese Frage aber scheint in
sammenhang die Existentialität. Die individuelle Mög- der Tat unbeantwotbar, weil ein Selbst, genommen in
lichkeit, diese Existentialen zu ergreifen und damit in ei- seiner absoluten Isolierung, sinnlos ist; nicht isoliert ist
nem ausdrücklichen Sinne zu existieren, nennt Heidegger es, verfallen in der Alltäglichkeit des Man, kein Selbst
existentiell. In diesem Begriff von existentiell tritt die mehr. Zu diesem Ideal des Selbst kommt Heidegger in
seit Schelling und Kierkegaard nicht zur Ruhe gekom- der Konsequenz jenes Ansatzes, in dem er den Menschen
mene Frage, wie das Allgemeine s e i n kann, zusammen zu dem gemacht hat, was in der früheren Ontologie Gott
mit der bereits von Kierkegaard gegebenen Antwort wie- war. Ein solches höchstes Wesen ist in der Tat nur als
der auf den Plan. Einzelnes und Einzigartiges denkbar, das niemanden sei-
Sieht man von Nietzsche ab, der immerhin ehrlich ver- nesgleichen kennt. Was infolgedessen bei Heidegger als
sucht hat, aus dem Menschen einen wirklichen „Herrn „Abfall" erscheint, sind alle jene modi des Menschseins,
des Seins" zu machen, so ist Heideggers Philosophie die die darauf beruhen, daß der Mensch Gott nicht ist und
erste absolut und ohne alle Kompromisse weltliche Philo- mit seinesgleichen zusammen in einer Welt lebt.
sophie. Das Sein des Menschen wird als In-der-Welt-sein Heidegger hat diese hybride Leidenschaft, ein Selbst sein
bestimmt und das, worum es diesem Sein in der Welt geht, zu wollen, sich selbst widerlegt; denn nie zuvor wurde so
ist schließlich nichts anderes, als sich in derselben zu klar wie in seiner Philosophie, daß dies vermutlich das
halten. Dies gerade ist ihm verwehrt; und darum ist die Einzige ist, was der Mensch nicht sein kann.
Grundart des In-der-Welt-seins die Unheimlichkeit in der Das Selbst kommt im Rahmen dieser Philosophie auf die
doppelten Bedeutung von Heimatlosigkeit und furchtein- folgende Weise zu Fall: als In-der-Welt-sein hat der
flößend. In der Angst, die grundsätzliche Angst vor dem Mensch sich nicht selbst gemacht, sondern ist in dieses
Tode ist, äußert sich das Nicht-zu-Hause-sein in der Welt. sein Sein „geworfen". Aus der Geworfenheit versucht er
Das In-sein kommt in den existentiellen ,modus' des Un- durch den „Entwurf" im Vorlaufen zum Tode als seiner
zuhause. Dies ist die Unheimlichkeit. äußersten Möglichkeit wieder herauszukommen. Aber
Wirklich es selbst wäre das Dasein nur, wenn es sich aus „ i n der Struktur der Geworfenheit sowohl wie der des
diesem seinen In-der-Welt-sein auf sich selbst zurückzie- Entwurfes liegt wesenhaft eine Nichtigkeit": der Mensch
hen könnte — was es wesensmäßig nie kann, warum es hat sich nicht selbst ins Sein hineinmanipuliert und ma-
eben wesensmäßig immer Abfall von sich selbst ist. „Das nipuliert sich auch gewöhnlich nicht selbst aus selbigem
Dasein ist von ihm selbst als eigentlichem Selbstsein- wieder heraus. (Der Selbstmord spielt bei Heidegger noch
können zunächst immer schon abgefallen — an die 'Welt' keine Rolle; erst Camus, der behauptet: „II n'y a qu'un

70 71
problème philosophique vraiment sérieux: c'est le sui- bestand, daß jeder einzelne Mensch die Menschheit reprä-
cide", zieht eine Konsequenz aus dieser Position, die Hei- sentiert und es seit der französischen Revolution und der
degger deshalb konträr ist, weil bei ihm dem Menschen Erklärung der Menschenrechte zum Begriff des Menschen
noch nicht einmal die Freiheit des Selbstmords bleibt.) gehörte, daß in jedem Einzelnen die Menschheit geschän-
Mit anderen Worten, der Charakter des Seins des Men- det oder gewürdigt werden konnte, so ist der Begriff des
schen ist wesentlich dadurch bestimmt, was er n i c h t ist, Selbst der Begriff vom Menschen, in welchem er unab-
seine Nichtigkeit. Das Einzige, was das Selbst tun kann, hängig von der Menschheit existieren und niemanden zu
um ein Selbst zu werden, ist, „entschlossen" diese Fakti- repräsentieren braucht als sich selbst — seine eigene
zität seines Seins auf sich zu nehmen, womit es in seiner Nichtigkeit. Wie der kategorische Imperativ bei Kant
Existenz „der nichtige Grund seiner Nichtigkeit i s t". gerade darauf bestand, daß alles Handeln die Verant-
In der „Entschlossenheit", das zu werden, was der wortung für die Menschheit mit übernehmen müsse, so
Mensch auf Grund seiner „Nichtigkeit" nicht sein besteht die Erfahrung der schuldigen Nichtigkeit gerade
kann, nämlich ein Selbst, erkennt der Mensch, daß „Da- darauf, die Anwesenheit der Menschheit in jedem Men-
sein a l s s o l c h e s schuldig ist". Das Sein des Menschen schen zu vernichten. Das Selbst hat sich als Gewissen an
ist ein solches, daß es dauernd an die Welt verfallend die Stelle der Menschheit gesetzt und das Selbstsein an
gleichzeitig dauernd den „Ruf des Gewissens aus dem die Stelle des Menschseins.
Grunde seines Seins" vernimmt. Existentiell leben heißt Heidegger hat dann später in Vorlesungen versucht, sei-
darum: „Das Gewissen-haben-wollen entschließt sich für nen isolierten Selbsten in mythologisierenden Unbegriffen
dieses Schuldig-sein." In dieser Entschlossenheit konsti- wie Volk und Erde wieder eine gemeinsame Grundlage
tuiert sich das Selbst. nachträglich unterzuschieben. Es ist evident, daß der-
Der wesentlichste Charakter dieses Selbst ist seine a b - artige Konzeptionen nur aus Philosophie heraus- und in
solute Selbstischkeit, seine radikale Abtrennung von allen, irgend einen naturalistischen Aberglauben hineinführen
die seinesgleichen sind. Dies zu erzielen war der Vorlauf können. W e n n es nicht zum Begriff des Menschen gehört,
zum Tode als Existential eingeführt; denn in ihm reali- daß er mit anderen, die seinesgleichen sind, die Erde zu-
siert der Mensch das absolute; principium individuationis. sammen bewohnt, bleibt nur eine mechanische Versöh-
Er allein reißt ihn aus dem Zusammenhang mit denen, nung, in der den atomisierten Selbsten eine ihrem Begriff
die seinesgleichen sind, und die als „ M a n " Selbstsein wesentlich heterogene Grundlage gegeben wird. Dies kann
immer verhindern. Der Tod mag zwar das Ende des Da- nur dazu dienen, die nur sich wollenden Selbste in einem
seins sein; er ist zugleich der Garant dafür, daß es letzt- Überselbst zu organisieren, um die in der Entschlossen-
lich auf nichts ankommt als auf mich selbst. Mit der Er- heit ergriffene grundsätzliche Schuld irgendwie in die
fahrung des Todes als der Nichtigkeit schlechthin habe Praxis überzuleiten.
ich die Chance, mich dem Selbstsein ausschließlich zu wid-
men und die Mitwelt, in die ich verstrickt bin, im Modus
Indikationen menschlicher Existenz:
der grundsätzlichen Schuld ein für allemal los zu wer-
Jaspers
den.
In dieser absoluten Vereinzelung stellt sich heraus, daß Historisch betrachtet wäre es korrekter gewesen, die Dis-
das Selbst der eigentliche Gegenbegriff z u m Menschen ist. kussion der gegenwärtigen Existenzphilosophie mit Jas-
Wenn nämlich seit Kant das Wesen des Menschen darin pers zu beginnen. Die „Psychologie der Weltanschauun-

72 73
HANNAH ARENDT

SECHS ESSAYS

1948

H E I D E L B E R G
W A S IST EXISTENZ-PHILOSOPHIE ?
logisch erforschbaren Qualitäten und Begabungen des
Individuums. Insofern gilt für Existenz-Philosophie das
gleiche, was Heidegger einmal mit Recht von der „ L e -
bens-Philosophie" bemerkte: der Name ist ungefähr so
sinnvoll wie Botanik der Pflanzen. Nur daß es kein Zu-
fall ist, daß das Wort 'Sein' durch das Wort ,Existenz'
ersetzt wurde. In diesem terminologischen Wechsel ver-
birgt sich in der Tat eines der Grundprobleme moderner
Philosophie.
Hegels Philosophie, die in einer nie erreichten Komplett-
heit sämtliche Natur- und Geschichtsphänomene philo-
sophisch expliziert und in einem unheimlich einheit-
lichen Ganzen organisiert hatte — von dem man nie ganz
sicher war, ob es Behausung oder Gefängnis des Wirk-
lichen war —, war wirklich die „Eule der Minerva, die
erst am Abend ihren Flug wagt". Dies System, stellte
sich unmittelbar nach seinem Tode heraus, war das letzte
Wort der gesamten abendländischen Philosophie, sofern
sie — trotz aller Mannigfaltigkeit und scheinbaren W i -
derspruchsvollheit — seit Pannenides nicht daran zu
zweifeln gewagt hat: lo gar auto esti noein te kai einai,
denn dasselbe ist Denken und Sein. Was nach Hegel kam,
war entweder epigonal, oder es war Rebellion der Philo-
sophen gegen Philosophie überhaupt, Rebellion gegen
oder Verzweiflung an dieser Identität.

E
Allen den sogenannten Schulen der neueren Philosophie
xistenzphilosophie hat eine mindestens hundertjährige
eignet dies Epigonale. Sie alle versuchen, die Einheit
Geschichte. Sie begann mit dem späten Schelling und
von Denken und Sein wiederherzustellen, wobei es ganz
mit Kierkegaard, sie entwickelte sich in einer großen Zahl
bis heute nicht erschöpfter Möglichkeiten in Nietzsche, gleichgültig ist, ob sie die Harmonie dadurch erzielten,
sie bestimmte das Wesentliche des Bergsonschen Den- daß sie die Materie (Materialisten) oder dadurch, daß sie
kens und der sogenannten Lebensphilosophie, bis sie den Geist (Idealisten) als alldurchherrschend annahmen,
schließlich im Nachkriegsdeutschland mit Scheler, Hei- gleichgültig auch, ob sie versuchten, mit Aspektspielereien
degger und Jaspers zu einem bisher nicht übertroffenen ein mehr spinozistisch gefärbtes Ganze herzustellen.
Bewußtsein dessen kam, worum es moderner Philosophie
eigentlich geht. Der phänomenologische Rekonstruktionsversuch

Der Name Existenz bezeichnet vorerst nicht mehr als


das Sein des Menschen, unabhängig von allen psycho- Unter den epigonalen philosophischen Strömungen der
letzten hundert Jahre sind die modernsten und interes-
48
49