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Psychosomatische Fachklinik Bad Pyrmont

S c h r i f t e n r e i h e B a n d 11
Klinik für Psychosomatische Medizin und Verhaltenstherapie

Eberhard Okon · Rolf Meermann (Hrsg.)


Prävention und Behandlung
posttraumatischer Störungsbilder im Rahmen
militärischer und polizeilicher Aufgabenerfüllung

Schriftenreihe der
Psychosomatischen Fachklinik
Bad Pyrmont Band 11
Ein Unternehmen der
› Ihre Ansprechpartner in der Klinik
Chefarzt: Prof. Dr. med. Rolf Meermann

Sekretariat: Anke Voigts


Tel.: 0 52 81 / 619 – 635

Posttraumatische Eberhard Okon,


Belastungsstörung: Dipl.-Psychologe
Tel.: 0 52 81 / 619 – 642

Verwaltungsdirektor: Horst Schiller,


Dipl.-Kaufmann

Sekretariat: Gundula Greve


Tel.: 0 52 81 / 619 – 630

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Bad Pyrmont
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E-Mail: pfkpyrmont@ahg.de

Telefonzentrale: 0 52 81 / 619 – 0

Telefax: 0 52 81 / 619 - 666


› Inhaltsverzeichnis
Vorwort der Herausgeber
Grußworte anläßlich der Tagung
Seite

„Posttraumatische Belastungsstörung vom 8.10.-10.10.2001“ 8

Okon, Eberhard
Diagnostische Kriterien der Posttraumatischen Belastungsstörung 13

Furtwängler, Jürgen Ph.


Historischer Abriß der Psychotraumatologie -
eine Geschichte der Kriegstraumatisierungen 19

Meermann, Rolf
Combat Stress und seine kurz- und langfristigen Folgen 23

Kreim, Günter; Meermann, Rolf


Präventive Aspekte bei der Personalauswahl und Schulung von KSK-Soldaten 29

Biesold, Karl-Heinz; Hahne, Hans-Heiner


Präventions- und Behandlungskonzept zur Bewältigung
einsatzbedingter psychischer Belastungen bei Soldaten der Bundeswehr 35

Barre, Klaus; Biesold, Karl-Heinz


Therapie psychischer Traumatisierungen bei Soldaten der Bundeswehr 41

Biesold, Karl-Heinz; Barre, Klaus


Auswirkungen von Streß und Traumatisierungen bei Soldaten der Bundeswehr 47

Weber, Wolfgang W.
Organisation des Critical Incident Stress Managements in der Bundeswehr 53

Varn, Alexander
Konzeptentwicklung und Klinische Erfahrungen zu posttraumatischen
Belastungsstörungen auf dem Hintergrund der Vietnam-Veteranen 63

Grube, Achim
Der Sozialwissenschaftliche Dienst der Polizei Niedersachsen 73

Hallenberger, Frank
Polizeilicher Schußwaffengebrauch: Erleben und Folgen 77

Platiel, Peter
Belastungen des Botschaftspersonals des Auswärtigen Amtes
und Betreuungskonzepte nach Gewalterfahrung 85
› Vorwort der Herausgeber

Im Oktober 2001 trafen sich in der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont etwa 200 Teilnehmer und an die 40 Referenten, um
Fragen der Diagnostik, Prävention und Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung zu diskutieren. Vor dem Hintergrund der
Terroranschläge in den USA erhielt unsere Tagung ungewollt politische Aktualität.

Diese Aktualität zeigte sich an dem großen Medieninteresse, so drehte das ZDF einen Beitrag für "heute", der Hörfunk des
Norddeutschen Rundfunks produzierte zwei Sondersendungen basierend auf den Ergebnissen der Tagung und Vertreter verschiedener
Printmedien nutzten die Möglichkeit, mit den Veranstaltern und einigen der Referenten in Kontakt zu treten, um sich zu dem tagesak-
tuellen Geschehen Hintergrundinformationen zu holen.

Ebenfalls ausgelöst durch die Ereignisse am 11. September und sich daran anschließenden Überlegungen bezüglich eines Afghanistan-
Einsatzes deutscher Soldaten gewann das Thema Prävention und Behandlung Posttraumatischer Belastungsstörungen bei Soldaten
zusätzlich Interesse. Gleiches gilt für die Gefährdung von Polizeibeamten, die im Rahmen der Terrorismusbekämpfung und ebenfalls
notwendiger Auslandseinsätze etwa im ehemaligen Jugoslawien einem zum Teil verwandten Gefährdungspotential ausgesetzt sind.

Gerade die positiven Rückmeldungen der Teilnehmer über die Möglichkeit eines zivilmilitärischen Austausches über Posttraumatische
Belastungsstörungen ermunterte uns als Veranstalter, die Inhalte in einem Band unserer Klinik- Schriftenreihe darzustellen. In diesem
hiermit vorgelegten mittlerweile 11. Band der Schriftenreihe der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont finden Sie Beiträge
führender ärztlicher und psychologischer Vertreter aus den Bereichen Militär und Polizei, die aus ihrem jeweils ganz speziellen
Tätigkeitsfeld die Prävention und Behandlung Posttraumatischer Belastungsstörungen beleuchten.

Wir wünschen Ihnen, daß Sie die vorliegenden Beiträge mit Gewinn lesen.

Bad Pyrmont, im Frühjahr 2002

Dipl.-Psych. Eberhard Okon Prof. Dr. med. Rolf Meermann


Ltd. Psychologe Chefarzt

7
› Grußworte anläßlich der Tagung
„Posttraumatische Belastungsstörung vom 8.10.-10.10.2001“

Grußwort des VDR


Wenn wir von dem Anspruch ausgehen, daß die Rehabilitation ein den gesamten Menschen betreffendes Hilfsangebot darstellt, können
Konzept, Diagnostik und Therapie nur unter einem dynamischen Aspekt gesehen werden.

So gewinnt zum Beispiel die Verhaltensmedizin als Integral zwischen den klassischen Disziplinen der Medizin und der Psychologie mit
ihrem verhaltenstherapeutischen Ansatz eine zunehmende Aktualität und Wirkmächtigkeit in den Rehabilitationskliniken.

In einer Gesellschaft, die geprägt ist durch multiplurale Lebensformen und Erlebnishorizonte und durch unterschiedliche ethnische
Bevölkerungsgruppen, die des weiteren geprägt ist durch massive und hoch belastende situative Anpassungsleistungen im
Alltagsvollzug, drängen sich Krankheitszustände wie die sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen, auch in der
Rehabilitation, immer stärker in den Vordergrund.

Wir sind selbst unter Umständen Zeuge von schweren Verkehrsunglücken, Gewaltausübungen und Geiselnahme. Im persönlichen
Umgang mit Kriegsflüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien haben wir Schilderungen grausigster Schandtaten, Verletzungen und
Tötungen vernommen. Manche Asylbewerber, die Integration in unsere Gesellschaft begehren, haben in ihren Herkunftsländern
Bedrohung, Inhaftierung und Folterung erleben müssen.

Die schweren und schwersten seelischen Belastungszustände in unserem eigenen zivilisierten Alltag zum Beispiel bei Bahnpersonal und
Polizei geraten häufig nicht so spektakulär in unser Bewußtsein, sind jedoch ebenso tiefgreifend für den Betroffenen und behandlungs-
bedürftig.

Dieses Pilotseminar, welches der VDR gemeinsam mit der Psychosomatischen Fachklinik in Bad Pyrmont veranstaltet, soll
Aufmerksamkeit bei sozialmedizinischen Gutachtern und Rehabilitationsmedizinern wecken und die fachkompetente
Auseinandersetzung mit dieser weitgehend neuen Materie nach Kräften fördern.

Frankfurt, im August 2001

Dr. med. Winfried Hackhausen

8
Grußwort des Inspekteurs des Sanitätsdienstes der Bundeswehr
Sehr geehrte Seminarteilnehmer,

jeder militärische Einsatz ist mit einem Risiko für Gesundheit und Leben der Soldaten behaftet. Dies gilt auch für die psychische
Gesundheit.

Es ist bekannt, dass die Auseinandersetzung mit Einsatz- und Kriegserlebnissen, ihre psychische Verarbeitung und Bewältigung auch
erfahrene Soldaten nicht kalt lässt, sondern zu erheblichen psychophysischen Reaktionen führen kann. Auch bei der Bundeswehr hat
sich bestätigt, dass kriegs- und einsatzeigentümliche Ereignisse bei ungenügender Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse zu psy-
chosomatischen Störungen von Krankheitswert – den Posttraumatischen Belastungsstörungen – führen können. Und genau das ist ja
das Thema Ihres Fachseminars.

Mit zunehmendem internationalem Engagement hat die Bundeswehr zeitgemäße Konzepte für den Umgang mit einsatzbedingten
Belastungen entwickelt, insbesondere zur Prävention vor und Intervention bei einsatzbedingten Belastungen. Auch nach einem Einsatz
soll eine Reihe von Reintegrations- und Nachsorgemaßnahmen die Wiedereingliederung erleichtern und besonders belasteten Soldaten
Hilfen zur Wiederherstellung und Erhaltung der psychischen Gesundheit geben. Hier sind Ärzte, Psychologen, Seelsorger und militäri-
sche Führer gemeinsam gefordert.

Besondere Bedeutung hierbei hat die Fortentwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnisse, insbesondere durch Evaluierung der prakti-
schen Erfahrungen auf dem noch recht neuen Fachgebiet der Psychotraumatologie. Es bestehen z.B. noch erhebliche Unsicherheiten
über die richtigen Wege sowohl in Diagnostik und Therapie wie auch bei der Begutachtung der Posttraumatischen
Belastungsstörungen. Wichtig erscheint mir insbesondere der Informationsaustausch zwischen Vertretern verschiedener Nationen,
Körperschaften und Organisationen, die Einsatzkräfte in potenziell traumatisierende Szenarien entsenden.

Um so mehr freue ich mich, dass dieses Seminar ein Forum bietet, in dem die Erfahrungen aus all diesen Bereichen diskutiert werden
können. Wir können und wollen eine Menge voneinander lernen!

In diesem Sinne wünsche ich dem Seminar einen guten Verlauf und Ihnen einen fruchtbaren Gedankenaustausch zum Wohle der uns
anvertrauten Patienten.

Ihr
Dr. med. Karl Wilhelm Demmer
Generaloberstabsarzt
Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr

9
Grußwort der AHG
Der ganz normale Wahnsinn!

Unter dem Begriff "Posttraumatische Belastungsstörungen“ (PTBS) sind Krankheitsmerkmale zusammengefaßt, die bei Menschen nach
dem Erleben und Überleben von Katastrophen auftreten. Die häufigsten Traumen sind eine ernsthafte Bedrohung des eigenen Lebens,
bzw. der körperlichen Integrität, ernsthafte Bedrohungen oder Schädigung der eigenen Kinder, des Partners bzw. naher Verwandter und
Freunde, eine plötzliche Zerstörung des eigenen Zuhauses sowie das Mitansehen, wie andere Personen infolge von Unfällen oder kör-
perlicher Gewalt gerade oder vor kurzem ernsthaft verletzt wurden oder starben.

Die Prävalenzraten für PTBS nach traumatischen Ereignissen werden zwischen 8% bis 13% für Männer angeben und zwischen 20% bis
30% für Frauen. Die Lebenszeitprävalenz für eine PTBS wird zwischen 12% bei Frauen und 6% bei Männern geschätzt.

Zu den Ereignissen, die posttraumatische Belastungsstörungen hervorrufen, gehören

• Naturkatastrophen
• unvorhergesehene Unglücksfälle, (z.B. Autounfälle bzw. Bahnunfälle mit schweren körperlichen Verletzungen, Flugzeugabstürze,
Großbrände, Zerstörung der physikalischen Umwelt)
• absichtlich verursachte Katastrophen (Anschläge, Folterungen)
• absichtlich verursachte Unglückfälle (Anschläge im Verkehrswesen, Suizide mit Hilfe von Verkehrsmitteln)
• soziale Gewalterfahrungen (z.B. militärische Gefechte, Überfalle, Geiselnahme), sexuelle Gewalterfahrungen (sexueller Mißbrauch in
Kindheit und Jugend, Vergewaltigung im Erwachsenenalter)

Manchmal gibt es begleitende körperliche Komponenten des Traumas: Verbrennungen, andere Großwunden, Amputationen, Verlust der
körperlichen Integrität, aber auch geringgradige Verletzungen.

Die AHG AG hat in ihren psychosomatischen Fachkliniken bereits 1985 mit konzeptionellen Ausarbeitungen zur Behandlung von
Patienten mit Gewalterfahrungen begonnen und mit gezielten Fortbildungsaktivitäten, mit Fachtagungen und mit entsprechenden kli-
nischen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen die Professionalisierung der therapeutischen Mitarbeiter vorangetrieben.
Qualifizierung und Spezialisierung sind bei der Weiterentwicklung von Behandlungskonzepten für PTBS unabdingbar, wenn man sich
nicht mit unspezifischen Breitbandverfahren bescheiden will.

Solche Spezialisierungen verdichten sich in bezug auf folgende Behandlungsindikationen:

Behandlungsindikationen

• Patienten als Geschädigte von technischen Katastrophen mit körperlichen Folgeschäden, die nicht mehr primär akutmedizinisch
versorgt werden müssen, bzw. Patienten ohne körperliche Folgeschaden
• Patienten nach konfliktbedingten Einsätzen im Rahmen Militärischer Aktionen
• Patienten als professionelle Einsatzkräfte (Polizei, Feuerwehr, Sanitätsdienste) oder als paraprofessionelle Einsatzkräfte (DRK, THW)
bei der Katastrophenbewältigung mit nachfolgenden posttraumatischen Belastungsstörungen
• Patienten mit Zuständen nach sozialen Gewalterfahrungen (Geiselnahme, Folterungen, sonst. Lebensbedrohungen)
• Patienten mit Zuständen nach sexuellen Gewalterfahrungen

Die Fachtagung umfaßt die gesamte Spannbreite möglicher Primärereignisse von Gewalterfahrungen und versucht, eine Verbindung
herzustellen zwischen präventiven Ansätzen, sozialmedizinischen Problemstellungen der Begutachtung, therapeutischen und wissen-
schaftlichen Bemühungen um eine Optimierung der Behandlungskonzepte und langfristig angelegten Nachsorgeaktivitäten. Das
Aufgreifen der Thematik im Rahmen der sozialmedizinischen Weiterbildung des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger VDR
unterstreicht die zunehmende Bedeutung von PTBS im Krankheitsgeschehen und in der medizinischen Rehabilitation.

Ich wünsche den Tagungsteilnehmern interessante Tage und einen intensiven Erfahrungsaustausch zu einem Problembereich, dessen
Brisanz nach unserer Einschätzung eher weiter zunehmen wird.

Hilden, im August 2001

Manfred Zielke

10
Grußwort der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont
Seit 14 Jahren werden in unserer Klinik auch Patienten mit der Diagnose PTSD stationär verhaltenstherapeutisch behandelt. Der Begriff
der Posttraumatischen Belastungsstörung wurde auf Druck von Vietnam-Veteranen bzw. deren juristischer Vertretungen 1980 in das
Diagnostische und Statistische Manual der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft (APA) aufgenommen (DSM III, 1980).

Auch 20 Jahre später ist die Diskussion um die medizinische Notwendigkeit bzw. Wissenschaftlichkeit dieser Diagnose noch nicht erlo-
schen (vgl. z. B. Shephard 2000).

So uneinheitlich wie die verschiedenen Ursachen und Äußerungsformen dieses Störungsbildes sind auch die Behandlungsempfehlungen
in der Literatur. Dabei scheint bisweilen die „Lautstärke“, mit der ein bestimmtes Einzelverfahren propagiert wird, im umgekehrten
Zusammenhang zum klinischen Erfahrungshintergrund der Autoren zu stehen. Wir bevorzugen ein multimodales verhaltenstherapeuti-
sches Breitband-Behandlungsprogramm, welches auf einer individuellen Verhaltensanalyse der spezifischen Probleme, aber auch der
vorhandenen positiven Ressourcen unserer Patienten aufbaut. Wir denken, daß nur in einem komplexen psychiatrisch-psychologischen
Gesamtbehandlungsplan PTSD-Patienten adäquat geholfen werden kann. Dabei ist das sogenannte „bio-psycho-soziale Modell“ mittler-
weile eine triviale Grundvoraussetzung.

Über das Angebot des VDR, in unserer Klinik eine entsprechende gemeinsame Fachtagung zu veranstalten, haben wir uns sehr gefreut.
Die Liste der Referenten verspricht eine dichte Arbeitsatmosphäre, hohen Informationsgewinn und lehrreiche Diskussionen.

Bad Pyrmont, im August 2001

Rolf Meerman

Literatur:
Ben Shephard
A War of Nerves
Soldiers and Psychiatrists 1914 – 1994
London, Jonathan Cape, 2000

11
Grußwort des Generalarztes Dr. med. Manfred Neuburger
Sehr verehrter Herr Prof. Meermann, meine sehr verehrten Damen und Herren,

zunächst darf ich Ihnen die Grüße des Inspekteurs des Sanitätsdienstes der Bundeswehr überbringen.

Er hat ja bereits in seinem Grußwort, welches Sie in Ihrem Programmheft abgedruckt finden, zu der Bedeutung, die diese Tagung für
die Bundeswehr hat, Stellung genommen.

Er bedauert, nicht selbst an der Veranstaltung teilnehmen zu können und wünscht nochmals auf diesem Weg einen erfolgreichen
Verlauf dieser Tagung sowie viele gute Gespräche.

Gestatten Sie mir - ohne Sie lange von den interessanten Vorträgen abhalten zu wollen - noch einige ergänzende Anmerkungen zum
Engagement des Sanitätsdienstes der Bundeswehr auf dem Gebiet der PTBS.
Wie Sie dem Programm entnehmen können, werden auch Vertreter des Sanitätsdienstes in Vorträgen Ihre Erfahrungen auf diesem
Gebiet berichten.
Ohne diesen im Detail vorgreifen zu wollen, möchte ich auf die Entwicklung innerhalb der Bundeswehr eingehen.

In der Zeit des kalten Krieges war man von der Konfrontation des Militärs im traditionellen Sinne ausgegangen. Im Rahmen dieser krie-
gerischen Auseinandersetzung bedeutete dies für den Sanitätsdienst der Bundeswehr, daß man grundsätzlich mit einem Massenanfall
von Verwundeten zu rechnen hatte. Eine friedensmäßige medizinische Versorgung wäre unter diesen Bedingungen nicht mehr möglich
gewesen. Dank der Balance der militärischen Blöcke blieb uns diese Erfahrung erspart und die Bundeswehr war zu dieser Zeit mit dem
Problem der PTBS - damals sprach man im angelsächsischen Raum von „battle stress“ oder auch von „battle fatigue“ - nur rein theore-
tisch befaßt. Im wesentlichen verfügten damals z.B. Länder wie die USA (Stichwort „Vietnamkrieg“) und Israel (Stichwort „6-Tage-
Krieg“) über praktische Erfahrungen auf diesem Gebiet. Die israelischen Streitkräfte verfügten schon sehr frühzeitig über sog. „battle
stress rehabilitation units“ in möglichst großer Nähe zum Frontbereich.

Die Situation änderte sich grundlegend mit der neuen geopolitischen Lage ab 1990. Mit der zunehmend intensiveren Beteiligung deut-
scher Soldaten an Auslandseinsätzen bei gleichzeitigem Fortbestehen der Friedenssituation in Deutschland wurde uns das Problem der
PTBS immer bewußter. Die Soldaten wurden einerseits mit den schrecklichen Ereignissen konfrontiert, die sie sich bislang nicht real
vorstellen konnten (z.B. Geiselnahmen und sog. „menschliche Schutzschilde“), andererseits erforderten die Auslandseinsätze Trennung
von der familiären und gewohnten Umgebung bis zu einem halben Jahr und mehr. Beides führte in der Bundeswehr zu einem deutli-
chen Anstieg von psychotraumatischen Erkrankungen. Inzwischen sind im Sanitätsdienst der Bundeswehr entsprechende Konzepte ins-
besondere zu Prävention und Nachbehandlung diesbezüglicher Erkrankungen erstellt und umgesetzt worden.

Zwischen zivilen und militärischen Großschadensereignissen ergeben sich heute viele Parallelen im Rahmen der Entstehung und Be-
handlung von PTBS. Auch außerhalb von klassischen militärischen Aktionen müssen wir - wie die jüngsten Ereignisse in den USA ge-
zeigt haben - mit dieser Art von Psychotraumatologie rechnen. Eine zivilmilitärische Zusammenarbeit drängt sich deshalb geradezu auf.

Zudem ist Ihre Mitgliedschaft im Wehrmedizinischen Beirat des Bundesministeriums für Verteidigung - Herr Prof. Meermann - bereits
Ausdruck einer fruchtbaren und engen Kooperation zwischen Sanitätsdienst und zivilem Gesundheitswesen. Auf einer der letzten
Ausschußsitzungen des Wehrmedizinischen Beirates haben wir uns ausführlich mit der Psychotraumatologie befaßt und Sie haben uns
dabei in dankenswerter Weise tatkräftig unterstützt.

Mit der zunehmenden Bedeutung der PTBS tauchen jedoch auch unverkennbar Schattenseiten im Umgang mit diesem hochsensiblen
Fachgebiet auf. So wird bei der Öffentlichkeit manchmal der Eindruck vermittelt, es sei besonders modern oder schick, sich in eine
dementsprechende Behandlung zu begeben. Die Zunahme sogenannter „selbsternannter Seelenheiler“ sollte uns aufmerksam machen.
Wir brauchen deshalb verbesserte differentialdiagnostische Möglichkeiten, um den wirklich „psychisch kranken“ Menschen erkennen
und fachgerecht behandeln zu können.
Qualitätsmanagement muß auch hier - wie in so vielen anderen Fachgebieten - auf allen Ebenen - von der Prävention bis zur Therapie
- Eingang finden.

Ich hoffe, daß diese Tagung einen Beitrag dazu leisten wird. Ich wünsche uns allen noch interessante Diskussionen und gute Gespräche.
Vielen Dank.

Dr. med. Manfred Neuburger


Bundesministerium für Verteidigung

12
Diagnostische
Kriterien
der Posttraumatischen
Belastungsstörung*

Eberhard Okon

Kurzfassung
Die diagnostischen Kriterien der Posttraumatischen Belastungsstörung nach ICD-10 werden kurz vorgestellt. Es findet eine kurze differenti-
aldiagnostische Erörterung verwandter Störungsbilder statt. Zusätzliche Konzepte wie das Victimisierungssyndrom nach Ochberg oder das
komplexe psychotraumatische Belastungssyndrom nach Herman ergänzen die o.g. diagnostischen Kriterien.

Das klinische Erscheinungsbild der net durch eine Reihe von Einzelsymp- physiologisches Erregungsniveau, emo-
Posttraumatischen Belastungsstörung tomen wie Intrusionen, Flashbacks, bela- tionale Abstumpfung, z.T. Amnesien, häu-
(Synonyme: PTBS, PTSD) ist gekennzeich- stende Alpträume, ein erhöhtes psycho- fig auch Tendenzen zur erhöhten
Reizbarkeit und Hypervigilanz.
Hervorgerufen wird diese Störung mit

› ICD-10 Kriterien der Posttraumatischen Belastungsstörung (F 43.1)

A: Die Betroffenen sind einem kurz- oder langanhaltenden Ereignis oder


einer Latenz (nach ICD 10) von einigen
Wochen bis zu 6 Monaten nach einem
Belastungsereignis von außer-
gewöhnlicher Bedrohung mit katastro-
Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung mit katastrophalem Ausmaß
phalem Ausmaß, welches bei nahezu
ausgesetzt, das nahezu bei jedem tiefgreifende Verzweiflung auslösen würde.
jedem tiefgreifende Verzweiflung auslö-
B: Anhaltende Erinnerungen oder Wiedererleben der Belastung durch aufdring-
sen würde. Die einzelnen Kriterien nach
liche Nachhallerinnerungen, lebendige Erinnerungen, sich wiederholende
Träume oder durch innere Bedrängnis in Situationen, die der Belastung ICD-10 finden sich in Abb. 1.
ähneln oder mit ihr in Zusammenhang stehen.
C: Umstände, die der Belastung ähneln oder mit ihr in Zusammenhang stehen, Im einzelnen finden sich
werden tatsächlich oder möglichst vermieden. Dieses Vermeiden bestand also folgende fünf Haupt-
nicht vor dem belastenden Ereignis.
kriterien:
D: Entweder 1 oder 2:
1) Teilweise oder vollständige Unfähigkeit, einige wichtige Aspekte der
• Erlebnis eines Traumas,
Belastung zu erinnern.
2) Anhaltende Symptome (nicht vorhanden vor der Belastung) mit zwei • Intrusionen,
der folgenden Merkmale: Schlafstörungen, Reizbarkeit/Wutausbrüche, • Vermeidungsverhalten und allge-
Konzentrationsprobleme, Hypervigilanz, erhöhte Schreckhaftigkeit meiner emotionaler Taubheitszustand,
E: Die Kriterien B, C, D treten innerhalb von 6 Monaten nach dem • anhaltendes physiologisches
Belastungsereignis oder nach Ende einer Belastungsperiode auf. In einigen Hyperarousal,
Fällen kann ein späterer Beginn berücksichtigt werden, dies sollte aber
• die Symptome dauern länger als einen
gesondert angegeben werden
Monat.
Abb. 1
* Vortrag gehalten auf dem dreitägigen Fachseminar Posttraumatische Belastungsstörung vom 08.-10. Oktober 2001 in der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont. 13
Differentialdiagnostisch muß die Post- Arten depressiver Erkrankungen inklusive lastung. Bis auf Letztgenannte erfüllen
traumatische Belastungsstörung von der Anpassungsstörungen, an die Gruppe die anderen Störungen nicht das klini-
einer Reihe Störungen unterschieden der Angststörungen, die dissoziativen sche Vollbild gemäß der ICD-10 Kriterien,
werden, die z.T. verwandte Symptome Störungen sowie die andauernde Per- können aber vom klinischen Erschei-
aufweisen. Zu denken ist hierbei an alle sönlichkeitsveränderung nach Extrembe- nungsbild dem der Posttraumatischen
Belastungsstörung ähneln. Für die Diag-
nose der Posttraumatischen Belastungs-
störung muß immer das Kriterium des
Traumas erfüllt sein. Bei der Art des

› Differentialdiagnosen

Depressionen (F 32. 0 – F32. 8, F 33.0 – F33.9)


Traumas ist dabei zu berücksichtigen,
dass tatsächlich das Argument der
Schwere und Bedrohung ausführlich
gewürdigt wird, in der Literatur finden
Akute Belastungsreaktion (F43.0)
Anpassungsstörung (F43.2) sich z.T. auch Versuche, Erlebnisse wie
Dissoziative Störungen (F 44.0 – F 44.9) partnerschaftliche Trennungen oder
Andauernde Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung (F 62.0) Arbeitsplatzverlust als Auslöser für eine
Posttraumatische Belastungsstörung zu
Trauerreaktion (normale Trauer als Z-Kodierung)
benennen. Ob diese Ereignisse das Kri-
Angststörungen
organische Psychosyndrome terium einer Traumatisierung erfüllen, muß
zumindest ausgiebig diskutiert werden.
Abb. 2 Eine Zusammenfassung der Differen-
tialdiagnosen finden sich in (Abb. 2.)

Menschlich verursachte Traumen („man made disasters“) In letzter Zeit finden sich Hinweise da-
rauf, dass es „die“ Posttraumatische Be-
• sexuelle/ körperliche Mißhandlungen in der Kindheit lastungsstörung nicht gibt, sondern dass
• kriminelle und familiäre Gewalt die Symptomatik deutlich variieren kann,
• Vergewaltigungen
• Kriegserlebnisse abhängig von der Art des Traumas und
• zivile Gewalterlebnisse (Geiselnahmen) dessen zeitlichen Verlaufes. Für die
• Folter, politische Inhaftierung Symptomatik, die Prognose und die
• Massenvernichtung (KZ) Therapie der Störung ist es durchaus
bedeutsam, ob es sich etwa um einmali-
Katastrophen, berufsbedingte und Unfalltraumen ge Unfallereignisse oder langjährige,
• Naturkatastrophen menschlich verursachte Traumatisie-
• technische Katastrophen rungen wie etwa andauernde sexuelle
• berufsbedingte z.B. Militär, Polizei, Feuerwehr oder körperliche Mißhandlung in der
• Arbeitsunfälle, Verkehrsunfälle
Kindheit, politische Inhaftierung oder
nach Maercker, 1997
Kriegserlebnisse (sog. „man made disa-
Abb. 3 sters“) handelt. Maercker (1997) schlägt
deshalb eine Unterteilung in verschiede-
ne Dimensionen vor, die sowohl die Ur-
Kurzdauernde traumatische Ereignisse (Typ I – Traumen) sache des Traumas als auch den zeit-
lichen Verlauf der Traumatisierung
• Naturkatastrophen berücksichtigt. Er unterscheidet zwischen
• Unfälle
Traumen, die im Rahmen eines sozialen
• technische Katastrophen
• kriminelle Gewalterfahrungen Kontextes verursacht sind, von Kata-
strophen, berufsbedingten und Unfall-
Kennzeichen: akute Lebensgefahr, Plötzlichkeit, Überraschung
traumen (Abb. 3).
Längerdauernde, wiederholte Traumen(Typ II – Traumen)
Vom zeitlichen Verlauf her unterscheidet
• Geiselhaft
er kurzdauernde traumatische Ereignisse
• mehrfache Folter
• Kriegsgefangenschaft und längerdauernde, wiederholte Trau-
• KZ-Haft men (s. Abb. 4).
• wiederholte Gewalterfahrungen in Form von Mißbrauch, Mißhandlung
Kennzeichen: verschiedene Einzelereignisse, geringe Vorhersagbarkeit des Primäre Traumatisierung beschreibt das
weiteren Verlaufs eigene Erleben eines Traumas, sekundäre
nach Maercker, 1997
Traumatisierung findet sich bei Be-
Abb. 4
14
› Komplexe Posttraumatische Belastungstörung

1. Unterworfensein unter totalitäre Kontrolle über einen längeren Zeitraum


Dingen Veränderungen in der Affekt- und
Impulsregulation, ausgeprägte dissoziati-
ve Tendenzen, ein deutlich beeinträchtig-
(Monate bis Jahre) mit Beispielen wie Geiselhaft, Kriegsgefangenschaft, tes Identitätsgefühl, ausgeprägte interak-
Überleben von Konzentrationslagern und einiger religiöser Kulte. Weitere tionelle Störungen, eine
Beispiele sind die Opfer totalitärer Systeme im sexuellen und familiären
Revictimisierungsneigung sowie ein
Bereich, wie Überlebende von familiärer Gewalt, Kindesmißhandlung, sexuel-
lem Kindesmißbrauch und organisierter sexueller Ausbeutung. depressiv getönter allgemeiner
Sinnverlust. Darüber hinaus neigen die
2. Veränderungen von Affektregulierung mit anhaltenden dysphorischen betreffenden Patienten dazu, stark mit
Verstimmungen, chronischer Beschäftigung mit Suizidideen, Neigung zu somatischen Symptomen zu reagieren.
Selbstverletzungen, explosiver oder extrem unterdrückter Wut (ev. im
Wechsel), zwanghafter oder extrem gehemmter Sexualität (ev. im Wechsel).
Das Victimisierungssyndrom nach Och-
3. Veränderungen des Bewußtseins, wie Amnesie oder Hypermnesie für traumati- berg (Abb. 6) beschreibt einige sympto-
sche Ereignisse, dissoziative Episoden, Depersonalisation/ Derealisation, matische Ergänzungen, die bei Patienten
Wiedererleben der traumatischen Erfahrungen entweder in Form intrusiver auftreten nach „man made disasters“,
Symptome oder in Form von ständigem Grübeln.
also für Menschen, die zwischenmen-
4. Veränderungen des Selbstbildes mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schliche Gewalterfahrungen gemacht
Initiativverlust; Scham, Schuldgefühlen und Selbstanklage; eigener haben. Hier finden sich vor allen Dingen
Wertlosigkeit oder Stigmatisierung; Gefühl, völlig verschieden von anderen zu Gefühle, täglichen Aufgaben und Ver-
sein (etwas Besonderes beispielsweise, Erleben äußerster Einsamkeit, die pflichtungen nicht mehr gewachsen zu
Überzeugung, von niemandem verstanden werden zu können oder nicht
sein, dies auch über die traumatisierende
menschlich zu sein).
Situation hinaus gehend, das Gefühl einer
5. Veränderungen in der Wahrnehmung des Täters, wie ständige Beschäftigung dauerhaften Beschädigung in der Inte-
mit ihm (z.B. auch in Form von Rachegedanken); eine unrealistische grität der eigenen Person, Vertrauens-
Sichtweise des Täters als übermächtig (Vorsicht! Das Opfer kann die Macht verlust gegenüber anderen Menschen,
des Täters unter Umständen realistischer einschätzen als der Therapeut!);
eine reduzierte Fähigkeit im Umgang mit
Idealisierung des Täters oder paradoxe Dankbarkeit ihm gegenüber; das
Gefühl einer besonderen oder übernatürlichen Beziehung zum Täter; Übernah- Ärger, die Tendenz, sich selber für den
me von Weltanschauung oder Rechtfertigungen des Täters. Vorfall als schuldig zu erleben sowie Ten-
denzen zur Täterschonung und Entschul-
6. Veränderung der sozialen Beziehungen mit Isolation und Rückzug, Abbruch digung.
von intimen Beziehungen, fortgesetzte Suche nach einem Retter (kann wech-
seln mit Isolation und Rückzug), ständigem Mißtrauen, wiederholtem
Versagen beim Schutz der eigenen Person. Die andauernde Persönlichkeitsverände-
rung nach Extrembelastung (Abb. 7)
7. Veränderung von Stimmungslagen und Einstellungen wie Verlust von beschreibt ein Störungsbild, das auch
Zuversicht, Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Aspekte interaktioneller Veränderungen
nach einer Traumatisierung berücksich-
Herman, 1992, nach Fischer und Riedesser 1998
tigt. Hier sind insbesondere zu nennen
Abb. 5 eine feindliche und mißtrauische Haltung
der Welt gegenüber, sozialer Rückzug,
Gefühle der Leere oder Hoffnungslosig-
keit, ein chronisches Gefühl von Nervo-
obachtern von der Bedrohung, Verletzung (bPTBS) zu bezeichnen, um damit die sität wie bei ständigem Bedrohtsein,
oder Tötung Dritter, etwa bei Zeugen Möglichkeit zu haben, auch komplexere Entfremdung. Bzgl. des Kriteriums der
oder Helfern. Störungsbilder aufbauend auf diesem Traumatisierung wird eine so extreme
basalen Syndrom zu beschreiben. Bereits Belastung gefordert, dass die
In der Literatur werden ergänzend zur im ICD-10 vorhanden ist die andauernde Vulnerabilität der betreffenden Person als
Posttraumatischen Belastungsstörung als Persönlichkeitsveränderung nach Extrem- Erklärung für die tiefgreifende
Diagnose, wie sie derzeit im ICD-10 belastung. Auswirkung auf die Persönlichkeit nicht
geführt wird, auch alternative diagnosti- ausreicht. Beispiele werden genannt:
sche Konzepte diskutiert wie etwa das Die komplexe Posttraumatische Belas- Erlebnisse in einem Konzentrationslager,
Victimisierungs-Syndrom nach Ochberg tungsstörung (Abb. 5) nach Herman faßt Folter, Katastrophen, langjährige Geisel-
(1993) oder das komplexe psychotrauma- die Symptomatik von Personen zusam- haft oder Gefangenschaft mit drohender
tische Belastungssyndrom nach Herman men, die zusätzlich zur Symptomatik Todesgefahr. Die andauernde Persönlich-
(1992). nach ICD-10 weitergehende keitsveränderung nach Extrembelastung
Fischer und Riedesser (1998) schlagen Veränderungen erleben, das beschriebene kann einer Posttraumatischen Belas-
vor, die heute bekannte Posttraumatische Störungsbild findet sich häufig bei Typ II- tungsstörung zeitlich folgen, kann aber
Belastungsstörung als basales psycho- Traumatisierten. Zusätzliche Symptome auch ohne diese auftreten. Kurzzeitige
traumatisches Belastungssyndrom in diesem Zusammenhang sind vor allen Lebensbedrohungen wie etwa bei einem

15
› Victimisierungsyndrom nach Ochberg

A. Die Erfahrung einer oder mehrerer Episoden von psychischer Gewalt oder psy-
Autounfall würden die genannten Krite-
rien der Traumatisierung nicht erfüllen,
da in diesem Zusammenhang von einer
chischem Mißbrauch oder Nötigung zu sexueller Aktivität, dies entweder als vorbestehenden psychischen Vulnerabi-
Opfer oder als Zeuge. lität ausgegangen werden muß.
B. Die Entwicklung von mindestens x (Anzahl muß noch festgelegt werden) der
folgenden Symptome (nicht vorhanden vor der Victimisierungserfahrung): Abschließend bleibt noch zu bemerken,
dass – eigentlich eine Selbstverständ-
1. Ein Gefühl, den täglichen Aufgaben und Verpflichtungen nicht mehr lichkeit – auch bei der Posttraumatischen
gewachsen zu sein, welches über das Erlebnis von Ohnmacht in der spezi-
Belastungsstörung ein sauberes diagnos-
ellen traumatischen Situation hinausgeht (z.B. allgemeine Passivität,
mangelnde Selbstbehauptung, oder fehlendes Vertrauen in die tisches und differentialdiagnostisches
eigene Urteilsfähigkeit). Vorgehen gefordert ist. Leider können in
der klinischen Praxis zwei
2. Die Überzeugung, dass man durch die Victimisierungserfahrung dauerhaft
beschädigt ist (z.b. wenn ein mißbrauchtes Kind oder ein Opfer von Beobachtungen immer wieder gemacht
Vergewaltigung der Überzeugung ist, dass es für andere nie mehr attraktiv werden:
sein kann).
3. Gefühle von Isolation, Unfähigkeit, anderen zu vertrauen oder mit ihnen Das Vorhandensein eines Traumas führt
Intimität herzustellen. zu einer automatischen Vergabe der
Diagnose PTSD, auch wenn die geforder-
4. Übermäßige Unterdrückung oder exzessiver Ausdruck von Ärger.
ten Symptome nach ICD 10 nicht vorlie-
5. Angemessene Bagatellisierung von zugefügten (psychischen oder physi- gen. Deshalb soll noch einmal darauf
schen) Verletzungen.
hingewiesen werden, dass nach einer
6. Amnesie des traumatischen Erlebnisses. Traumatisierung auch eine Depression,
7. Die Überzeugung des Opfers, an dem Vorfall eher die Schuld zu tragen als Ängste oder andere Störungsbilder auf-
der Täter. treten können.
8. Eine Neigung, sich der traumatischen Erfahrung erneut auszusetzen.
Zum anderen hat man manchmal das
9. Übernahme des verzerrten Weltbildes des Täters in der Einschätzung von
Gefühl, dass dissoziative Symptome, Alp-
sozial angemessenem Verhalten (z.B. die Annahme, dass es in Ordnung ist,
wenn Eltern sexuelle Beziehungen zu ihren Kindern unterhalten oder dass träume und ängstliches Verhalten gerade
es in Ordnung ist, wenn ein Ehemann seine Kinder schlägt, damit sie bei weiblichen Patientinnen zu einer
gehorchen). Schlussfolgerung verleiten, dass etwa
10. Idealisierung des Täters. frühkindlicher Mißbrauch und/ oder Ge-
walterfahrung vorliegen müssen, ohne
C. Dauer des Syndroms von mindestens einem Monat. dass die Patientin von sich aus solche
Erlebnisse anspricht. Hier wird aber mög-
Ochberg, 1993, nach Fischer und Riedesser 1998
licherweise eine Hypothese verfolgt, die
Abb. 6 für die Patienten mehr Schaden als
Nutzen bringt, wenn sie aktiv exploriert

› Andauernde Persönlichkeitsveränderung nach


Extrembelastung (F 62.0)
wird.

Die Persönlichkeitsänderung muß andauernd sein und sich in unflexiblem und


unangepaßtem Verhalten äußern, das zu Beeinträchtigungen in zwischenmensch-
lichen, sozialen und beruflichen Beziehungen führt. Die Persönlichkeitsänderung
sollte fremdanamnestisch bestätigt werden.

Zur Diagnosestellung müssen folgende, bei dem Betroffenen zuvor nicht beob-
achtete Merkmale vorliegen:

1. Eine feindliche oder mißtrauische Haltung der Welt gegenüber.


2. Sozialer Rückzug.
3. Gefühle der Leere oder Hoffnungslosigkeit.
4. Ein chronisches Gefühl von Nervosität wie bei ständigem Bedrohtsein.
5. Entfremdung.

Die Persönlichkeitsänderung muß über mindestens 2 Jahre bestehen und nicht


auf eine vorher bestehende Persönlichkeitsstörung oder auf eine andere psychi-
sche Störung außer einer Posttraumatischen Belastungsstörung zurückzuführen
sein. Eine schwere Schädigung oder Krankheit des Gehirns, die gleiche klinische
Bilder verursachen können, muß ausgeschlossen werden.

Abb. 7
16
› Literatur
Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Medizinischer Fachgesellschaften:
Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung, AWMF online, AWMF-Leitlinien-Register 051/010 Entwicklungsstufe 1 + IDA, im Internet:
http://www.uni-duesseldorf.de/awmf/

Bauer, M.; Priebe, S.: Psychopharmakotherapie. in: Maercker, A. (a.a.O)

Dreßing, H., Berger, M. (1991). Posttraumatische Streßerkrankungen, Nervenarzt, 62, 16 – 26

Ehlers, A. (1999). Posttraumatische Belastungsstörung, Göttingen: Hogrefe

Fischer, G.; Riedesser, P.( 1998). Lehrbuch der Psychotraumatologie


München: Reinhardt-Verlag

Frommberger, U.; Angenendt, J.; Nyberg, E.; Anders, B.; Berger, M. (1999) Differentialindikation therapeutischer Verfahren bei der PTBS,
psycho, 25, 458 – 462

Herman, J. L. (1992): Trauma and Recovery. Basic Books, New York

Maercker, A. (Hrsg.) (1997). Therapie der Posttraumatischen Belastungsstörung; Berlin Heidelberg: Springer

Ochberg, F. M. (1993): Posttraumatic therapy. In: Wilson, J.P., Raphael, B.(Hrsg): International handbook of traumatic stress syndroms.
New York : Plenum Press

Saigh, P.A. (Hrsg.)(1995): Posttraumatische Belastungsstörung. Bern: Huber

17
Historischer Abriss

der Psychotraumatologie – eine


Geschichte der Kriegstraumatisierungen

Jürgen Ph. Furtwängler

Kurzfassung

Die Geschichte der Psychotraumatologie ist auch eine Geschichte der Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts mit ihren verheerenden
Auswirkungen. Die Wandlungen der klinischen Erscheinungsbilder bei Soldaten vom shell-shock und den Kriegszitterern des 1. Weltkrieges
über Psychosomatisierungen und verdrängte Psychotraumata im 2. Weltkrieg bis hin zu den Posttraumatischen Belastungsstörungen der
Vietnam-Veteranen und den psychischen Folgen des Golfkrieges werden dargestellt und diskutiert.

Einleitung ,Homoniden’), die angesichts der Gewalt keine Anforderungen an seinen Körper
reflexartig reagierten, sei es durch Flucht, stellt, ist man tot.“
Die Möglichkeit des Menschen, auf sei es durch gemeinsame Verteidigung. Unabhängig davon, von welchem
extrem bedrohliche Ereignisse in der Art Deswegen kann auch in unserer weitge- Standpunkt aus man die hier ins Auge zu
und Weise zu reagieren, die wir heute als hend raubtierfreien modernen Lebens- fassenden Verhaltensmuster betrachtet,
„traumatisch“ oder „posttraumatisch“ welt der Anblick von Blutvergießen die ob unter der „Opfer-Perspektive“
bezeichnen, dürfte entwicklungsge- Flucht- oder Kampf-Reaktion, bzw. („Distress“) oder unter der Perspektive
schichtlich mit zum ältesten Erbe in sowohl physiologische als auch unphy- von Steigerungsmöglichkeiten der
unserem Verhaltensrepertoire gehören. siologische Varianten dieses Reaktions- menschlichen Lebensqualität („Eustress“),
Dabei haben wir von unseren früh- musters auslösen: Herzschlag und Atem- dürften die Muster von Herausforderung,
menschlichen Vorfahren an erster Stelle frequenz beschleunigen sich, die Haut Trauma und Bewältigung die gesamte
nicht etwa einfach Angst – z. B. vor wird blasser und die Eingeweide ziehen Menschheitsgeschichte in immer neuen
irgendwelchen menschenfressenden sich zusammen. Wir sind angespannt und Erscheinungsformen begleitet, ja in ihren
Raubtieren – geerbt, sondern überhaupt wachsam.“ Erfolgen und Fehlschlägen sogar
„die Fähigkeit, schnell und nachhaltig bestimmt haben.
Angst vor ihnen zu entwickeln“ Wir kennen diese und weitere Reaktionen
(Ehrenreich, 1999). Ehrenreich vertritt als die klassischen Stress-Symptome. Die „Achill in Vietnam“
recht plausibel die Hypothese, dass unse- einzige Art und Weise, Stress zu charak-
re Vorfahren, ehe sie sich in die Lage ver- terisieren, schreibt der Begründer der Jonathan Shay hat wichtige Einsichten
setzen konnten, als Jäger Beute zu Stress-Forschung Hans Selye, besteht für seine Arbeit als Psychiater für eine
machen, selber vorzugsweise gejagte darin: ihn als nichtspezifische Reaktion Gruppe amerikanischer Veteranen mit
Beute ihnen weit überlegener Raubtiere des Körpers auf jede beliebige Art von Kampferfahrungen im Vietnamkrieg, die
waren. Anforderung zu bezeichnen [...] Man soll- an schweren posttraumatischen Per-
te und kann Stress nicht vermeiden; ihn sönlichkeitsstörungen (PTSD) leiden, aus
„Wir, die wir heute leben, sind die Nach- total auszuschalten, würde bedeuten, das Homers Ilias bezogen. Dabei ergaben sich
fahren derjenigen Frühmenschen (sog. Leben selbst zu zerstören. Wenn man über die gängige Betrachtungsweise

19
posttraumatischer Störungen hinaus zwei den sozio-kulturellen Lebensbedingungen haben, dass der seelische Zusammen-
„innovative Konzepte, die in Fachkreisen des Menschen – nicht zuletzt verankert bruch von Soldaten eigentlich eine Art
noch nicht allgemein akzeptiert sind, was in bestimmten Vorstellungen einer von „Berufskrankheit“ sei, die typisch für
etwa die Bedeutung des Berserkertums Gesellschaft davon, wie sich der Einzelne eine ganz bestimmte Umgebung ist,
oder den Verrat an dem betrifft, was (für aufzuführen hat, was er darf und was nämlich für den Krieg. Wie diese
das Verständnis von Soldaten) Recht ist, nicht – und der Art und Weise, in der er Ausfallserscheinungen dann aussehen,
im Rahmen der Ätiologie der chronischen speziell psychosomatische Krank- hänge von zweierlei ab: von der „Natur
posttraumatischen Belastungsstörung heitsbilder hervorbringt, zu bestehen. des Krieges“ – also von der Art der
nach dem Kampfeinsatz“ (Shay, 1998). Kriegsführung – und davon, wie man mit
Shay orientierte sich in seinen Betrach- Besonders für den Verlauf posttraumati- solchen Ausfällen verfahre (Ingraham
tungen sehr dicht an Homers Schilderung scher Belastungsstörungen ist die Art und Manning, 1980). Jeder Krieg erzeugt,
der Geschichte des Achill: „Agamemnon, und Weise, wie man damit umgeht, von vereinfacht gesagt, sein traumatisches
der Befehlshaber des Achill, verrät „alles, ausschlaggebender Bedeutung. Jonathan Syndrom (z.B.: Gulf-War-Syndrom).
was recht ist“, indem er unrechtmäßiger- Shay vertritt dazu die aus seiner Arbeit
weise dessen Preis der Ehre an sich reißt; mit den Vietnamveteranen abgeleitete Verhältnisse in den
indignierter Zorn verengt den gesell- These: deutschen Streitkräften
schaftlichen und moralischen Horizont während des Ersten und
des Achill, bis er sich schließlich nur „Moralische Verletzungen stellen einen Zweiten Weltkrieges
noch für die kleine Gruppe seiner Kernbestandteil eines jeden Fronttraumas
bewährten Kampfgenossen interessiert; dar, das zu einer lebenslangen psychi- Der Einfluß sozio-kultureller Faktoren auf
sein engster Freund in diesem Kreis, sein schen Schädigung führt. Gewöhnlich die Ausgestaltung psychosomatischer
militärischer Stellvertreter und können sich Veteranen von Schrecken, Leiden (Shorter, 1994) dürfte jedenfalls
Adoptivbruder Patroklos, fällt im Kampf; Furcht und Trauer erholen, wenn sie ins maßgeblich dafür verantwortlich sein,
tiefe Trauer und Selbstmordverlangen Zivilleben zurückkehren, es sei denn, dass bei aller Ähnlichkeit in den anthro-
nehmen von Achill Besitz; er hat das zusätzlich wurde auch noch gegen „das, pologischen Grundmustern traumatischer
Gefühl, bereits tot zu sein; er ist von was recht ist“ verstoßen“. Reaktionen deren Erscheinungsformen
Schuldgefühlen gequält und davon über- und vor allem ihre Bewertung zu unter-
zeugt, dass besser er anstelle seines Solche Verstöße können sowohl aus Er- schiedlichen Zeiten, in unterschiedlichen
Freundes hätte sterben sollen; er strebt fahrungen der Soldaten während des Kulturen und Kriegen nicht unerheblich
nicht mehr danach, in die Heimat Einsatzes als auch danach resultieren, variierten. Wenn sich beispielsweise in
zurückzukehren; er wird zum Berserker nicht zuletzt, wenn es beispielsweise um der neueren Kriegsgeschichte trauma-
und verübt Schandtaten gegen Lebende die Durchsetzung ihrer Entschädigungs- tisch bedingte Ausfälle bei deutschen
und Tote“ ansprüche für die empfangenen seeli- Soldaten des Ersten und des Zweiten
schen Verletzungen geht. Wenn die Weltkrieges, sowie deren militärpsychia-
Dies sei die wirkliche Geschichte des Ideale, die der Soldat davon hegt, „was trische Bewertung und Behandlung von
Achill in der Ilias und nicht eine meta- recht ist“, plötzlich nicht mehr mit dem den Verhältnissen in anderen Armeen
phorische Übersetzung. Ebendiese übereinstimmen, was davon gesellschaft- zumindest teilweise unterschieden
Geschichte aber hätten auch viele lich gang und gäbe ist, steigert das die haben, dann sind diese Unterschiede in
Frontveteranen erlebt, sei es in Vietnam, psychische Vulnerabilität des Soldaten erster Linie durch die unterschiedlichen
sei es in anderen lang währenden ganz außerordentlich, weil er sich von sozio-kulturellen Bedingungen zu
Kriegen. der Gesellschaft, für deren Interessen er erklären, unter denen die Kriegsteil-
in den Krieg gezogen ist, im Stich gelas- nehmer jeweils angetreten waren und
Obwohl nun die atavistischen Reaktions- sen, ja verraten fühlt. Viele Veteranen weniger als Ausdruck eines immer wieder
muster, mit denen der Mensch auf extre- vertreten (nach J. Shay) eine ominös beschworenen „deutschen
me Belastung und gewaltsame Überfor- „Dolchstoßlegende“, ähnlich der, die Sonderweges“.
derung reagiert, einerseits in ihren phy- deutsche Kriegsteilnehmer nach dem
siologischen und psychologischen Grund- Ersten Weltkrieg vertraten – danach Solche Mutmaßungen über Besonder-
zügen (u. a. entwicklungsgeschichtlich wäre der Krieg leicht zu gewinnen (und heiten in der psychischen Konstitution
bedingt) durch unterschiedliche zeitliche ein Trauma zu vermeiden) gewesen, hät- des deutschen Soldaten reichten bis hin
Epochen hindurch und quer durch die ten die Fronttruppen sich nicht von zu der lange Zeit ernsthaft vertretenen
unterschiedlichsten Kulturen anthropolo- Politikern an der Heimatfront verraten Auffassung, seitens deutscher Soldaten
gisch ein hohes Maß an Übereinstim- fühlen müssen. habe es während des Zweiten Welt-
mung aufweisen, so verschieden haben krieges – anders als im Ersten Weltkrieg
sie sich im Laufe der Menschheits- Diese Wechselwirkung zwischen Umge- – so gut wie gar keine psychischen
geschichte gerade unter kriegerischen bung und den (gesundheitlichen) Proble- Ausfälle gegeben. Nun kann es nicht
Bedingungen dargestellt. Es scheint näm- men des Individuums ist auch den ameri- Sache dieser kurzen essayistischen
lich eine pathoplastisch höchst präge- kanischen Militärpsychiatern Ingraham Betrachtung sein, detaillierte Infor-
wirksame Wechselbeziehung zwischen und Manning aufgefallen, die festgestellt mationen im Sinne einer umfassenderen

20
Studie psychisch bedingter Ausfälle vor- Krankheitserscheinungen nicht nur die heraus, fort, möglichst für immer! Wie
zulegen. Deswegen sei der Anschau- langfristige Überführung in ein Lazarett, soll er das anfangen? Einfach: er ergreift,
lichkeit halber an dieser Stelle einmal auf sondern auch die Entlassung aus dem freilich nur bildlich gesprochen, die
die Erinnerungen zweier berühmter deut- Heeresdienst mit reichlich bemessener Flucht, indem er sich vor unbequemen
scher Nervenärzte aus der Zeit des Ersten Rente herbeiführen konnten. Dazu kam Zumutungen, denen er sich auch inner-
Weltkrieges zurückgegriffen. Max Nonne das öffentliche Mitleid mit den an- lich nicht mehr gewachsen fühlt, in den
aus Hamburg erinnert sich unter der scheinend schwer geschädigten Kriegs- Hafen einer Krankheit rettet. Damit weiß
Überschrift: „Kriegsneurosen“ zitterern, die auf den Strassen die allge- er sich geborgen, – für seine Leiden ,kann
(Nonne,1971): meine Aufmerksamkeit auf sich zogen er nichts‘, er ist eben krank und niemand
und reichlich beschenkt zu werden pfleg- wird ihm hieraus einen Strick drehen.
Der Krieg brachte uns in Eppendorf ten. Wie eine Flutwelle verbreitete sich Also er simuliert, er schwindelt?
gewaltige Arbeit. Wir bekamen bald unter diesen Umständen die Zahl derer, Keineswegs. Seine Zuckungen, Läh-
traurige Bilder zu sehen von Amputier- die durch einen „Nervenschock“, beson- mungen usw. übertreibt er vielleicht ein
ten, von durch Kopfschüsse halbseitig ders aber durch „Verschüttung“ das bißchen, im übrigen aber sind sie echt
Gelähmten, von durch Rückenmark- Anrecht auf Entlassung und weitere [...] Ein täuschendes Kleid, eben die
schüsse an beiden Beinen, an Blase und Versorgung erworben zu haben glaub- Krankheit, hüllt die Furcht und Unlust
Mastdarm Gelähmten, Epileptiker, die ten... ein, und der Hysteriker schauspielert vor
durch Kopfschüsse Anfälle bekommen sich selbst, ohne eine Ahnung davon zu
hatten. Aber schon nach wenigen Diese beiden authentischen Zitate lassen haben, – er ist ein betrogener Betrüger...“
Monaten zeigte sich bei uns ein Bild, das einige wesentliche psychotraumatologi-
wir früher nur ganz selten gesehen hat- sche Aspekte erkennen. So wird deutlich, Die aus den hier angeführten Zitaten
ten – das Bild der Hysteria virilis, der dass die Kampfreaktionen der Soldaten erkennbare Haltung gegenüber psychoso-
„männlichen Hysterie“. Es war ein solches durchaus als psychogen erkannt wurden, matischen Störungen im Allgemeinen
Bild schon von Charcot in Paris gezeich- obwohl seinerzeit in der (deutschen) und gegenüber Kampftraumata im
net worden. Wir hatten damals gesagt: Medizin und Nervenheilkunde grundsätz- Besonderen hat sich in der deutschen
„So etwas kommt nur bei den Franzosen lich eine organische Orientierung vor- Militärpsychiatrie vor allem bei den bera-
vor, in Deutschland gibt es keine Hysterie herrschte. So schreibt der im Ersten tenden Psychiatern des deutschen Heeres
der Männer“. Jetzt sahen wir sie oft und Weltkriege gefallene Nervenarzt Dr. 1939 bis 1945 (und nebenbei bemerkt im
in allen Formen. Als Stimmbandlähmung, Ludwig Scholz in seinen Aufzeichnungen Entschädigungswesen bis auf den heuti-
als Stummheit, als Lähmung der oberen „Seelenleben des Soldaten an der Front“ gen Tag) im Großen und Ganzen fortge-
und unteren Extremitäten, als Zittern in (Scholz, 1920): setzt, wobei für die Verhältnisse in der
den verschiedensten Formen, als Ver- Wehrmacht zu berücksichtigen ist, dass
krampfung der einzelnen Muskeln und „Alle diese eigenartigen Symptome beru- aus der dort praktizierten Psychiatrie
Muskelgruppen, als Taubheit, als Seh- hen [...] nicht auf organischen Schädi- Einflüsse der Freud`schen Lehre ja wei-
und Gehstörungen, als Verrenkungen in gungen des Nervenapparates, wie die testgehend ausgeklammert blieben.
den vertracktesten Formen.... Patienten (und anfangs übrigens auch Selbst da, wo während des Zweiten
die Ärzte – J.Ph.F.) meist steif und fest Weltkrieges bei deutschen Soldaten ver-
Auch der berühmte Münchner Psychiater glauben, sondern sie sind seelischen Ur- sucht wurde, psychogenen Reaktionen
Emil Kraepelin war vom Reichsausschuss sprungs, und zwar gewöhnlich unbe- ansatzweise gesprächstherapeutisch
für Kriegsbeschädigtenfürsorge zur wußte Produkte der Angst, unter der die abzuhelfen, wurden einem Bericht von
Mitarbeit aufgefordert worden. Kraepelin Kranken leiden“. Schott (Berger, 1998) dem Soldaten drei
erinnert sich wie folgt (Kraepelin, 1983): – fatale – Alternativen „angeboten“:
Freilich erfuhren diese seelisch verur-
Schon damals tauchte die Frage der sachten Symptome und ihre Träger, wie „Wahrscheinlich sei seine Krankheit eine
Kriegsneurosen auf. Wir Irrenärzte waren sich unschwer aus Kraepelins Aufzeich- leichte nervöse Störung, die sich schnell
alle einig in dem Bestreben, der freigiebi- nungen herauslesen läßt, eine für das bessern werde. Sei dies nicht der Fall,
gen Rentengewährung entgegenzuwir- heutige Empfinden recht problematische kämen folgende ,Differentialdiagnosen’
ken, weil wir dadurch ein rasches An- Bewertung, wenn da von „minderwerti- in Frage: Es handele sich um einen
wachsen der Krankheitsfälle und der An- gen Persönlichkeiten“ die Rede ist, die ,Schlechtwilligen’, der strafrechtlich ver-
sprüche fürchteten. Trotzdem ließ sich offensichtlich nur darauf aus wären, sich folgt werden müßte, oder um einen
das Unheil nicht verhüten. Namentlich, „das Anrecht auf Entlassung und weitere ,Geisteskranken’, der in ,dauernde
als mit der längeren Dauer des Krieges Versorgung erworben zu haben“. Auch Irrenanstaltsverwahrung‘ gehöre ...“
immer mehr auch minderwertige Ludwig äußert sich zu diesen Aspekten:
Persönlichkeiten in das Heer eingestellt „Die psychologische Erklärung liegt in Dieses kurze Zitat mag belegen, dass
werden mussten und die allgemeine folgendem: Der Kranke hat dank dem „psychogene Reaktionen“ auch bei den
Kriegsmüdigkeit zunahm, wirkte die erlittenen großen Schrecken eine Soldaten der Wehrmacht während des
Tatsache verhängnisvoll, dass allerlei begreifliche Abneigung gegen die Front Zweiten Weltkrieges vor allem gegen
mehr oder weniger ausgeprägte nervöse bekommen. Die Folge davon: er möchte Kriegsende, eine nicht unbedeutende

21
Rolle spielten, deren Erfassung und wis- Auf dem Weg zur post- sich in der Bundeswehr nicht zuletzt unter
senschaftliche Bewertung nach heutigen traumatischen Belastungs- Federführung der Inneren Führung von
Kriterien sich allerdings als äußerst störung – Verhältnisse in der Anfang der achtziger Jahre an zu etablie-
schwierig erweist, wie Georg Berger in Bundeswehr ren. In diesem Zusammenhang sei an die
seiner vorzüglichen Studie über: „Die be- Führungshilfe: „Menschenführung unter
ratenden Psychiater des deutschen Unter dem Primat einer Sicherheits- und Extrembelastung“ erinnert. Diese Konzepte
Heeres 1939 bis 1945“ herausgearbeitet Verteidigungspolitik, die sich in der Zeit orientierten sich überwiegend an der
hat. Diese Studie kann jedem, der sich des sog. „Kalten Krieges“ ganz und gar Stresstheorie und bezogen moderne psy-
sachlich, also frei von ideologischen dem Gedanken der Abschreckung ver- chologische und psychotherapeutische
Tendenzen, über die deutsche schrieben hatte, war in der Phase der Überlegungen bereits mit ein, die sich
Militärpsychiatrie im Zweiten Weltkrieg Aufstellung der Bundeswehr und darüber nunmehr auf Erfahrungen im Korea- und
informieren will, bestens empfohlen wer- hinaus bis in die achtziger Jahre der Ge- Vietnamkrieg und vor allem auf Israelische
den. Im Übrigen ist auf die durchaus fun- danke an den unmittelbaren Einsatz deut- Erfahrungen stützten.
dierten, dabei indessen mit plakativen scher Streitkräfte und die damit auch im
Titeln wie: „Aufrüstung der Seelen“ und: Bereich der Militärpsychiatrie zu gewärti- Der entscheidende Anstoß dazu, schließ-
„Maschinengewehre hinter der Front“ genden Weiterungen gegenüber der frie- lich im Anschluß an die internationalen
sozialkritischen Arbeiten von Peter densmäßigen Versorgung der Soldaten in Gepflogenheiten und Klassifikationen das
Riedesser und Axel Verderber hinzuwei- den Hintergrund getreten. Soweit Aspekte Konzept der posttraumatischen Belas-
sen (Riedesser & Verderber, 1985; einer einsatzbezogenen Militärpsychiatrie tungsstörungen in der Militärpsychiatrie
Riedesser & Verderber, 1996). maßgeblich z. B. von Rudolf Brickenstein und Psychologie der Bundeswehr zu eta-
zur Diskussion gestellt wurden, stand im blieren, resultierte aus der neueren Auf-
Mittelpunkt der entsprechenden Überle- tragslage und den damit verbundenen
gungen, die sich im übrigen hauptsächlich Einsätzen der Streitkräfte. Über die Moda-
auf WK-II-Erfahrungen stützten, der litäten und den Sachstand der militärpsy-
Begriff der „Panik“. chiatrischen und psychologischen
Konzeptualisierung von Maßnahmen zur
Modernere, aus dem internationalen Betreuung traumatisierter Soldaten geben
Kontext bezogene Konzepte begannen die nachstehenden Beiträge Auskunft.

› Literatur
Berger, G. (1998). Die beratenden Psychiater des deutschen Heeres 1939 bis 1945. Frankfurt am Main: Peter Lang

Ehrenreich, B.(1999). Blutrituale – Ursprung und Geschichte der Lust am Krieg. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Ingraham, L.H. & Manning, F.J (1980). Psychiatric Battle Casualties: The Missing Column in a War Without Replacement, Military Review,
Aug. 1980, page 20 ff.

Kraepelin, E. (1983). Lebenserinnerungen. Berlin: Springer-Verlag.

Nonne, M. (1971). Anfang und Ziel meines Lebens – Erinnerungen. Hamburg: Hans Christians Verlag.

Riedesser, P. & Verderber, A. (1985). Aufrüstung der Seelen – Militärpsychiatrie und Militärpsychologie in Deutschland und Amerika.
Freiburg im Breisgau: Dreisam-Verlag.

Riedesser, P. & Verderber, A. (1996) Maschinengewehre hinter der Front – Zur Geschichte der deutschen Militärpsychiatrie.
Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

Scholz, L. (1920). Seelenleben des Soldaten an der Front. Tübingen: Paul Siebeck.

Shay, J. (1998). Achill in Vietnam – Kampftrauma und Persönlichkeitsverlust. Hamburg: Hamburger Edition.

Shorter, E. (1994). Moderne Leiden – Zur Geschichte der psychosomatischen Krankheiten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag.

22
Combat Stress

und seine kurz- und


langfristigen Folgen*

Rolf Meermann

Kurzfassung

Ausgehend von den Erkenntnissen der Verhaltensforschung (Ethologie) und der Psychobiologie kann Combat Stress als Streßreiz (Stressor,
Streßauslöser) beschrieben werden, welcher in Abhängigkeit von biologischem Programm des Organismus und subjektiver individueller
Bewertung eine Streßreaktion hervorrufen kann. Abhängig von z.B. Dauer und Intensität des Traumas, aber auch getriggert durch z.B.
Primärpersönlichkeit, Komorbiditäten und Verlaufsfaktoren können gesundheitliche Folgeschäden (acute stress disorders, generalisierte
Angststörung, sonstige psychiatrische oder psychosomatische Störungen) ebenso auftreten wie langfristige Gesundheitsbeeinträchtigungen
(PTSD, Leistungsminderung, Arbeitsplatzverlust, Berentung). Die Streßreaktion stellt eine ursprünglich biologisch sinnvolle Coping- bzw.
Überlebensstrategie auf außergewöhnliche bzw. bedrohliche Signale oder Situationen dar. Streßbedingte Krankheitsfolgen lassen sich am
besten im Rahmen eines bio-psycho-sozialen Krankheitsmodells beschreiben.
Verhaltensmedizinische (verhaltenstherapeutische) Behandlungsansätze sind gut geeignet zur Prävention und Therapie von Streßfolgeschäden.

Hier gibt es in der wissenschaftlichen modells (Abb. 1) (Meermann, 1998).


„We don’t want any damned psychiatrists Literatur und vor allem auch in der Neben
making our boys sick“ Laienpresse bisweilen Unschärfen, insbe- (1) Erkenntnissen der Biologie, Körper-
US General, 1944 sondere zwischen den Begrifflichkeiten medizin, Genetik, Psychoneuro-
zit. n. Shephard (2000) Streß bzw. Streßreaktion. Die Tatsache, Endokrinologie und Psychoneuro-
dass psychiatrisch-psychologische Immunologie sowie der vergleichen-
In diesem Grundsatzreferat will ich mich Aspekte im Rahmen der (militärischen) den Verhaltensforschung (Ethologie)
bemühen, einige begrifflich-definitori- Einsatzmedizin in der BRD Beachtung müssen
sche Klärungen zum Thema Streß bei finden, ist ja relativ neu und Sie sehen
(2) an zweiter Stelle die Erkenntnisse der
militärischen Einsätzen vorzunehmen. am Eingangszitat, welche Schwierig-
Psychiatrie und Psychologie sowie
keiten nach wie vor bestehen, wenn
Fachleute des nervenheilkundlichen (3) sozialmedizinische Aspekte

› Biopsychosoziales
Krankheitsmodell
Gebietes militärische Phänomene kom-
mentieren. Die Doppeldeutigkeit oder
wenn Sie so wollen die hohe Ambivalenz
der Aussage spricht für sich.
Berücksichtigung finden. Medizin
ohne Psychologie bzw. Psychologie
ohne Medizin sind Konzepte ohne
Zukunft. Sozialmedizin bedeutet u.a.,
• Biologie, Humanmedizin, Genetik, dass menschliches Erleben und
Endokrinologie, Ethologie Wenn wir über das Phänomen Streß bzw. Verhalten moderiert wird durch gesell-
• Psychiatrie, Psychologie Streßreaktion (incl. Combat Stress) reden, schaftliche Einflüsse wie Werte und
• Sozialmedizin dann immer nur im konzeptionellen Rah- Normen, durch Ideologien oder auch
men des biopsychosozialen Krankheits- durch Fanatismus.
Abb. 1
* Vortrag gehalten auf dem dreitägigen Fachseminar Posttraumatische Belastungsstörung vom 08.-10. Oktober 2001 in der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont. 23
› Combat Stress

Combat Stress
Soldaten beschrieben, die wir heute
(ohne organpathologisches Korrelat) am
ehesten dem Formenkreis der Herzneu-
Zum Begriff Streß:

Wir unterscheiden in der Streßforschung


Soldiers heart (DA COSTA 1871) rose bzw. Angststörung zuordnen. In der 3 Ansätze (Nitsch 1981):
Herzneurose Deutschen Literatur finden sich Begriffe
Effort-Syndrom (LEWIS 1917) wie Kriegszitterer oder Neurasthenie. a) die Beschreibung der Streßauslöser,
GOK
Lewis hat 1917 amerikanische Soldaten Stressoren oder Streßreize,
Irritable Heart Syndrome
Shell Shok in Europa im 1. Weltkrieg untersucht, b) die Streßreaktion als solche und
Kriegszitterer von ihm stammt der Begriff des Effort- c) die subjektive Bewertung und
Granatschock Syndroms, also Erschöpfungssyndroms. Verarbeitung der Streßreize, welche
Die Sanitäter, welche Soldaten nach zur Streßreaktion führen.
Abb. 2
Verschüttungen oder Granateinwirkungen
in den rückwärtigen Linien primär versor- (a) Der Begriff Streß stammt ursprünglich
gen mußten, haben an die Verwundeten aus der Materialforschung und be-
kleine Kärtchen geheftet mit einer Be- schreibt so etwas wie Belastbarkeit
Zum Begriff Combat Stress handlungsdiagnose. Neben den Statis- oder Reißfestigkeit von technischen
(Abb. 2): tiken über die Anzahl der Brandverletzten Produkten. Neben der Qualität sind
und der chirurgisch versorgungspflichtigen sicherlich Dauer und Intensität von
Combat Stress ist ein buntschillernder oder erblindeten Patienten findet sich bei Streßreizen Bedingungen, um die
Begriff, der in der medizinischen manchen dieser Karten die Diagnose GOK Reizschwelle zum Auslösen der Streß-
Literatur spätestens seit dem („God only knows“). Dies zeigt Ihnen das reaktion zu überschreiten bzw. die
Sezessionskrieg (1861-65) eine Rolle mangelnde professionelle Verständnis für genannten Variablen moderieren das
spielt. Da Costa (1871) hat als Arzt die bizarren psychiatrischen Krankheits- Ausmaß einer Streßreaktion.
Soldaten im Amerikanischen Bürgerkrieg bilder, die unter menschlichen Extrem-
untersucht und psychovegetative belastungen, unter maximaler Todesangst (b) Der 2. Ansatz bezieht sich auf die
Symptome und Beschwerden bei seinen entstehen können (Shephard 2000). Streßreaktion im engeren Sinne, d.h.
auf das, was im Erleben des Men-
schen, im Körper und auf der direkt
beobachtbaren Verhaltensebene
abläuft (Selye 1974). Aus verhaltens-

› Symptomwandel im traumatischen Prozeß

Trauma „Zuviel“-Symptomatik
analytischer Sicht werden 4 Beschrei-
bungsebenen der Streßreaktion unter-
schieden:

• Kognitive Ebene
Alkohol/
traumatische Flashbacks/Alpträume Drogen • Emotionale Ebene
Reaktion
10.1 • Physiologische Ebene
43.1 • Verhaltensebene
Irritierbarkeit
Ärgerausbrüche
43.0 (c) Ein 3., besonders aktueller Ansatz der
Überregung Ängste / Panik Streßforschung beschäftigt sich mit
Depressive Reaktion Vermeidung der black box zwischen Auslöser und
62.0 Depression
43.21 Dissoziation dem Ergebnis. Er beschreibt Prozesse
sozialer Rückzug sowohl biologischer als auch psycho-
44.8
Verlust der Zukunftsperspektive logischer Natur im Sinne einer sub-
Dissoziation
jektiven Bewertung und Verarbeitung
„Zuwenig“-Symptomatik von Streßreizen auf der Grundlage der
Lerngeschichte des Organismus ein-
schließlich genetischer Faktoren, aber
auch negativer „life events“ oder
Werthaltungen. Die subjektive Bewer-
43.0 akute 43.1 PTBS 44.8 Dissoziative tung einer Streßsituation ist im we-
Belastungsreaktion Identitätsstörung
sentlichen abhängig vom Ausmaß der
Selbstkontrolle, den eigenen Coping-
43.21 depressive Reaktion 62.0 Persönlichkeitsveränderung 10.1 Sucht fertigkeiten und sozialer Unter-
(Anpassungsstörung) nach Extremtraumatisierung (Alkohol)
stützung (Lazarus und Launier 1978).
Gerade dieser Ansatz scheint erfolg-
(nach: Post et al. 1997)
versprechend nicht nur zum Verständ-
Abb. 3
24
› Adrenalin-Urin-Ausschüttung

ADR. Vp mit Panikattakke


zept der Salutogenese (Schüffel et al
1998). Salutogenese (als Antagonist zur
Pathogenese) ist ein Konzept von Aaron
Antonowsky, welcher dies 1987 publi-
ng/min
zierte; 10 Jahre später wurde sein Buch
ins Deutsche übersetzt. Die Arbeitsgruppe
um Antonowsky hat versucht, die
30
Bedingungen herauszuarbeiten, wie die
Wege der Gesundheitsentstehung und
der Gesundheitsaufrechterhaltung kon-
zeptualisiert werden: Der bedeutsamste
25
salutogenetische Faktor ist ein Sense of
coherence (Kohärenzgefühl). Er wird
bereits in der Kindheit angelegt und
20 bewirkt, dass wir sowohl mit alltäglichen
Belastungen wie auch mit massiven
Traumata in individual-spezifischer Weise
umgehen. Kohärenz läßt sich auf drei
15 Ebenen beschreiben:

1. Verstehbarkeit:
Auf dieser kognitiven Ebene geht es
10 darum, Ereignisse im Leben zu struk-
turieren oder als strukturiert zu erle-
ben und auf diese Art und Weise
kognitiv verstehbar und damit vorher-
5
sehbar zu machen.

2. Handhabbarkeit:
0 Diese Dimension beschreibt u.a. die
Zeit
08 14 20 02 08 14 20 02 08 14 20 02 08 14 Hilfsquellen, die dem Individuum
selbst oder durch wichtige Bezugs-
Abb. 4 personen zur Verfügung stehen, aber
auch Werthaltungen und Welt-
anschauungen.

nis von Streßreaktionen, sondern auch klar der Begriff Streßreaktion mit Angst- 3. Bedeutsamkeit:
den Schlüssel für therapeutische reaktion synonym gesetzt wird. Bedeutet die gefühlsmäßige (emotio-
Interventionen aller Art incl. Prä- nale) Komponente, etwa mit dem
vention/Prophylaxe darzustellen. Die Streßreaktion stellt als solche zu- Gedanken „es lohnt sich für mich und
Aus verhaltenstherapeutischer Sicht nächst eine biologisch durchaus sinnvolle das was ich hier mache ist wichtig,
ist sodann von Interesse, wie die kurz- ontogenetisch und phylogenetisch be- wird von der Gesellschaft unterstützt,
und langfristigen Konsequenzen von deutsame Überlebensstrategie insofern wird von der Gesellschaft mitgetragen
Streß auf einer Zeitachse aussehen. dar, als unsere Vorfahren bei maximal und es hat auch für mich subjektiv
angstauslösenden und lebensbedrohli- eine Bedeutung und einen Wert“.
In Abhängigkeit vom zeitlichen Verlauf chen Reizen, ohne groß nachzudenken,
lassen sich unterschiedliche psychiatrisch durch die Streßreaktion in einer stereoty- Die Combat-Streßreaktion wäre dann die
klar definierte Krankheitsbilder nach dem pen Weise zur Flucht bzw. zum Angriff kurzfristige stereotyp ablaufende Reak-
ICD 10 beschreiben (Abb. 3). präpariert wurden (Bereitstellungs- tion auf der physiologischen, erlebnis-
reaktion). Dieses ursprüngliche Streß- mäßigen und Verhaltensebene nach
Abb. 4 (aus LEVI 1968) zeigt die Adre- konzept stammt von Cannon (1939) und Combat-Ereignissen, also durch Combat-
nalin-Urin-Ausschüttung bei 14 Soldaten wird mit dem Terminus verdeutlicht Streß erzeugte Combat-Streßreaktionen.
in 25 aufeinanderfolgenden 3 Stunden- „fight or flight“.
Intervallen (Gefechtsübung). Man sieht Eine kurzfristige Folge (Abb. 5) der
deutlich eine exzessive Adrenalin-Aus- In bezug auf die subjektive Bewertung Combat-Streßreaktion kann übrigens
schüttung bei einer Person mit akuter gibt es ein neueres Forschungskonzept, auch Gesundheit (Well being) sein, das
Panikattacke. Diese Arbeit ist medizin- welches richtungsweisend für Prävention bedeutet, dass nicht zwangsläufig nach
historisch insofern bedeutsam als hier bzw. Personalauslese sein kann: das Kon- maximaler Streßeinwirkung ein patholo-

25
› Combat-Stress-Reaktion

Auslöser „Filter A“ „Filter B“ Stressreaktion kurzfristige langfristige


Folgen Folgen

Well being Leistungsminderung

acute stress
disorders Chronifizierung
Stressor Biologisches Subjektive Combat
Programm Bewertung Stress Arbeitsplatzverlust .....
Reaction
generalisierte Berentung
Streßreiz des Organismus abhängig von Angststörung
Streßauslöser - Genetik - Selbstkontrolle PTSD
Sonstige
hier: - Lerngeschichte - Coping
psychiatrische
z.B. negative - Social support
Combat-Streß oder
life-events
psychosomat.
- Werthaltungen
Störungen
Trauma
„Critical Incident“ getriggert durch
- Primärpersönlichkeit
Dauer - Komorbidität
Intensität - Verlaufsfaktoren

Abb. 5

gischer Zustand die Konsequenz sein belastender Ereignisse seelisch gesund aus einem Manual für militärische Füh-
muß. Hier scheint mir ein wichtiger bleiben (Eustress vs. Disstress). rungskräfte der USA aus dem Jahr 1994.
Forschungsansatz zu liegen, die Bedeutsam in diesem Diagramm ist zum
Bedingungen genauer zu erforschen, Abb. 6 gibt ein Beispiel aus dem militäri- einen der Hinweis, dass es durchaus
unter denen Soldaten trotz maximal schen Bereich im engeren Sinne, nämlich positive (gesunde) Belastungsreaktionen
gibt, zum anderen, dass neben seelischen
Störungen auch forensisch bedeutsame,


dissoziale (kriminelle Handlungen)
Konsequenzen auftreten können
Verhaltensreaktion in und nach militärischen
(Stichwort: Mi Lai oder „Fragging“,
Belastungssituationen
d.h. das Töten von Offizieren durch
Soldaten mit Handgranaten im
Vietnamkrieg).
Militärische
Belastungssituation
Abb. 7 skizziert die Behandlungsmöglich-
keiten mit den beiden psychotherapeuti-
Adaptives, funktionales Nichtadaptives, dysfunktionales schen Hauptverfahren, die in der Bundes-
Verhalten Verhalten
republik krankenkassentechnisch und
wissenschaftlich akkreditiert sind, näm-
Postitive Verfehlungen Akute lich die psychodynamischen Ansätze
Belastungsreaktion kriminelle Handlungen Belastungsreaktion einerseits und die Verhaltenstherapie
auf der anderen Seite. Die Psychoanalyse
im engeren Sinne (Behandlung im
Posttraumatische
Liegen) ist eigentlich unter Versor-
Belastungsstörung
gungsaspekten eher zu vernachlässigen,
weil sie nicht mehr als 5 % der psycho-
Andauernde therapiebehandelten Fälle in der Bundes-
Persönlichkeitsänderung
republik ausmacht. Ansonsten werden
nach Extrembelastung
schätzungsweise die übrigen Patienten
zu 2/3 tiefenpsychologisch und zu 1/3
Potentielle kurz-, mittel- und langfristige Verhaltensreaktionen in und nach militärischen
verhaltenstherapeutisch ambulant oder
Belastungssituationen. (Nach Leaders‘ Manual for Combat Stress Control, 1994)
stationär versorgt.
Abb. 6
26
› Psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten

Psychotherapie
Abb. 8 gibt eine Definition der Ver-
haltenstherapie, welche insbesondere die
Aspekte der Physiologie und Neurophy-
siologie (also den biopsychosozialen
Ansatz) bereits in einer 30 Jahre alten
Psychodynamische Kognitiv behaviorale Definition impliziert.
Ansätze Ansätze
Das Konzept der Verhaltensmedizin (Abb.
9) wird schwerpunktmäßig in den verhal-
Psychoanalyse Tiefenpsychologie Verhaltenstherapie
tenstherapeutischen psychosomatischen
Fachkliniken in der BRD erfolgreich prak-
Abb. 7 tiziert. Das verfügbare verhaltensthera-

› Definition Verhaltenstherapie

Verhaltenstherapie
peutische Know-how wird integriert mit
biomedizinischem Wissen und dürfte zu
einem wesentlichen Teil zur Leistungs-
fähigkeit, aber auch zur subjektiven Zu-
Aus der Kritik an den traditionellen Formen der Psychotherapie, insbesondere der friedenheit der Mitarbeiter solcher Kli-
Psychoanalyse, entstandene Psychotherapieform (Eysenck London, Skinner USA, niken beitragen.
Wolpe Südafrika).
Grundlage: Lerntheorien, Definition nach Yates 1970 „Versuch, den Bereich empiri- Erlauben Sie mir abschließend einen Hin-
schen und theoretischen Wissens, der aus der Anwendung der experimentellen
weis auf das Konzept der Gesundheits-
Methode in der Psychologie und angrenzenden Fachbereichen (Physiologie und
Neurophysiologie) hervorgegangen ist, zu nutzen, um die Genese und Aufrechterhal- psychologie bzw. Präventivmedizin. Die
tung von abnormen Verhaltensmustern zu erklären; dieses Wissen sollte zur Dimensionen psychologischer Gesundheit
Behandlung und Prävention dieser Abnormitäten angewendet werden, Beschreibung sollten intensiver beforscht werden. Die
und Heilung sollte sich ferner kontrollierter Einzelfallstudien bedienen.“ Abb. 10 zeigt verschiedene Dimensionen
psychologischer Gesundheit, wie sie ins-
Abb. 8
besondere im Bereich Personalauslese,

› Definition Verhaltensmedizin

„Verhaltensmedizin ist das interdisziplinäre Feld, das sich mit der Entwicklung und
Training, Schulung, Fortbildung von
Mitarbeitern praktisch aller streßbelaste-
ten Berufe relevant sein können.

Integration von verhaltens- und biomedizinischem Wissen und Techniken beschäf-


Ich möchte mit 2 Bemerkungen schließen:
tigt, die für Krankheit und Gesundheit wichtig sind, sowie mit der Anwendung die-
ses Wissens und dieser Techniken auf Prävention, Diagnose, Behandlung und
Rehabilitation.“ Zum einen hatte Generalarzt Neuburger
(Schwartz und Weiss 1980) bereits gestern auf die Bedeutung der
zivilmilitärischen Zusammenarbeit hinge-
Abb. 9
wiesen und ich denke, es ist eine Selbst-

› Dimension psychologischer Gesundheit (aus Lutz & Mark 1995)

Skalen-
nummer
Skalenname Item-
anzahl
Beispielhafte Aspekte zur
Skalenbeschreibung
verständlichkeit, dass das Know-how aus
Psychiatrie und Psychologie in der Bun-
desrepublik sowohl von niedergelassenen
Psychotherapeuten als auch in den ent-
sprechenden Psychosomatischen Fach-
Selbstverantwortlichkeit kliniken auch zur Behandlung von Pa-
1 Autonomie 17 Selbstsicherheit
Normenunabhängigkeit tienten mit Combat-Streß-Folgen zur
Durchsetzungsvermögen Verfügung gestellt wird. Viele schwerwie-
2 Willensstärke 14 Durchhaltevermögen gende psychiatrische Krankheitsbilder
Entscheidungsfähigkeit
Optimismus lassen sich nur unter stationären Bedin-
3 Lebensbejahung 8 Lebensmut gungen erfolgreich therapieren. Auch
Bejahung der eigenen Persönlichkeit
stellen die neuen Krankheitsbilder häufig
Selbstöffnung
4 Natürlichkeit 12 Spontaneität gutachterliche Herausforderungen dar,
Flexibilität die meines Erachtens nur im Rahmen
bewußtes Leben
5 Selbstreflexion 7 realistische Selbsteinschätzung einer mindestens dreitägigen stationären
dynamisches Selbstkonzept Verhaltensbeobachtung möglich sind
soziale intakte Sozialbeziehungen (Meermann 1996). Bei den Fachkliniken
6 Integration 10 soziales Engagement
Einfühlungsvermögen ist es sicherlich wichtig, unter Qualitäts-
Orientierung an Lebenswerten sicherungsaspekten (Meermann 1995)
7 Sinnfindung 8 innerer Halt
konstruktive Bewältigung von Leid die Spreu vom Weizen zu trennen. Fach-
psychotherapie bei solch komplexen
Abb. 10
27
Störungsbildern wie der Posttraumati- Eine zweite abschließende Frage wäre, Syndroms noch nicht erloschen (Shorter
schen Belastungsstörung benötigt fun- ob wir aus psychiatrisch-psychologischer 1999, Shephard 2000). Eine distanziert
dierte psychiatrische und psychologische Sicht mit dem Begriff der posttraumati- vergleichende Betrachtung der Syn-
Kompetenz und ist nicht in unspezifi- schen Belastungsstörung unter thera- drome, die im ICD 10 bzw. DSM IV unter
schen Drei – Wochen – Kuren mit mar- peutischen und gutachterlichen der Begrifflichkeit PTSD aufgelistet wer-
ginaler psychologischer Unterfütterung Aspekten eine glückliche Wahl getroffen den, zeigt ein weites Spektrum verschie-
durch einige Einzelgespräche oder Ent- haben. Der Begriff der PTSD wurde auf denartiger seelischer Störungen, welches
spannungsverfahren seriös zu behandeln. Druck von Vietnamveteranen bzw. deren möglicherweise einer klaren definitori-
Gefragt sind spezialisierte Einrichtungen juristischer Vertretungen 1980 in das schen bzw. sozialrechtlichen Klärung in
auf kognitiv-verhaltenstherapeutischer diagnostische und statistische Manual Richtung Berufskrankheit oder Wehr-
Basis, die unter Qualitätssicherungs- der Amerikanischen Psychiatrischen dienstbeschädigung eher im Wege steht.
aspekten (etwa dem Wissens- und Wei- Gesellschaft (APA) aufgenommen (DSM
terbildungsstand der Mitarbeiter) dem III, 1980). Auch 20 Jahre später ist die
gegenwärtigen Stand der Forschung Diskussion um die medizinische Notwen-
entprechen müssen. digkeit bzw. Wissenschaftlichkeit dieses

› Literatur
CANNON, W. B. (1939).The wisdom of the body. New York : Norton

LAZARUS, R. S. & LAUNIER, R. (1978). Stress-related transactions between person and environment. in: PERVIN, L. A & LEWIS, M. (Hrsg).
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YATES, A. (1970) Behavior Therapy. New York: Wiley

28
Präventive Aspekte

bei der Personalauswahl und


Schulung von KSK-Soldaten*

Günther Kreim, Rolf Meermann

Kurzfassung
Stressbelastbarkeit (Stressresistenz) stellt ein Anforderungs- bzw. Auswahlkriterium im Rahmen des Eignungsfeststellungsverfahrens für
Soldaten des Kommandos Spezialkräfte dar. Der Bewerber soll beweisen, dass er auch unter enormer körperlicher Belastung handlungsfähig
bleibt und dass er Denken, Fühlen und Handeln auch in Ausnahmesituationen koordinieren kann. Tests, Fragebogen, Interviews und video-
gestützte Rollenspiele („Verhaltenstests“) sind die Informationsquellen im Rahmen der Psychodiagnostik. Leitlinie der Personalauslese ist
ein ressourcenorientierter Ansatz und die Betonung des Auswahlverfahrens als „dynamischer Prozess“, d.h. als Erkenntnis- und
Bewertungsdialog, bei dem der Bewerber über sein Leistungsbild informiert wird und seine Stärken und Schwächen durchgesprochen sowie
Entwicklungsperspektiven und Trainingsmöglichkeiten gemeinsam mit ihm diskutiert werden.
Stressmanagement beim Kommando Spezialkräfte ergänzt das allgemeine Stresskonzept der Bundeswehr und umfasst Seminare, schriftli-
che Informationsmaterialien, audiovisuelle Hilfsmittel und Workshops. Sportlehrer und Militärgeistliche werden neben Kommandoarzt und
Kommandopsychologe in die Schulung mit einbezogen. Die Themen eines einwöchigen Seminars behandeln u.a. Ruheübungen, Imagi-
nationsverfahren, positives Denken, Konzentrationsübungen, autogenes Training, progressive Muskelrelaxation, Yoga.

Für die Fortschreibung des Stressmanagement-Konzeptes beim KSK sind insbesondere Ansätze der Gesundheitspsychologie, des salutoge-
netischen Paradigmas und der Präventivmedizin richtungweisend.

1. Entwicklung / Entstehung Verhaltensstile, wie bspw. Zuverlässigkeit, 3. Bewerber


Belastbarkeit oder Soziale Kompetenz,
welche mit erheblichem Aufwand, in der Der ideale Bewerber ist Feldwebel oder
Im Sommer 1995 wurden in einer inter-
Regel multimethodal, erfasst werden Offizier in stabiler Beziehung mit vielsei-
national und querschnittlich angelegten
müssen. tigen Interessen und gradliniger Lebens-
Studie die notwendigen und erwünschten
planung. Er sollte notwendige Lehrgänge
Fähigkeiten erfasst, welche hochqualifi-
bereits absolviert haben. Unteroffiziere
zierte Polizisten und Soldaten auszeich-
2. Methoden werden bis zum Alter von 32 Jahren,
nen. Danach wurde aus den Ergebnissen
Offiziere bis zum Alter von 30 Jahren
des Fragebogens zur Arbeitsanalyse Die psychologische Datenerhebung ge-
akzeptiert. Es ist eine Verwendungsdauer
(FAA) das Anforderungsprofil erstellt. schieht in einem sorgfältig konzipierten
von mindestens 6 Jahren notwendig
Dieses Profil umfasst 32 Eignungsdimen- methodisch variablen Assessment-Center-
(Berufsförderungszeit im Anschluss).
sionen, die sich wiederum in zwei Grob- Verfahren (JESERICH, 1981, Sarges, 1996,
Folgende Kerneigenschaften müssen sich
kategorien einteilen lassen, 18 Fähig- Kleinmann, 1997): Tests, Fragebogen und
zeigen:
keitsdimensionen wie bspw. Hörsensi- Verhaltensbeobachtung, jeweils in Situati-
bilität oder Reaktionsfähigkeit, die durch onen mit und ohne Belastung, wechseln ab • lernbereit
einen Testwert repräsentiert sind und mit Selbstauskunft in freier Form und teil- • teamfähig
14 Persönlichkeitseigenschaften oder standardisiertem Interview (Schuler, 1986). • körperlich leistungsfähig

* Vortrag gehalten auf dem dreitägigen Fachseminar Posttraumatische Belastungsstörung vom 08.-10. Oktober 2001 in der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont. 29
• psychisch belastbar und willensstark und stellt allein schon durch den Umfang sche Beobachtung der Teilnehmer findet
• geistig beweglich eine hohe Anforderung an die Konzen- in dieser Phase nicht statt.
• verantwortungsbewusst und trationsfähigkeit und Belastbarkeit der
verschwiegen Prüfungsteilnehmer im kognitiven Be- 4.3
reich. Den dritten Schritt bildet die Härte- und
Die Soldaten müssen sich dienstlich be-
Durchschlageübung, bei der es von Mon-
währt haben und in geordneten Verhält-
4.2 tag- bis Freitagabend gilt, überwiegend
nissen leben.
Im nächsten Schritt erfolgt die Bewer- nachts in zahlreichen Teamaufgaben und
tung und Einschätzung der Verhaltens- einer Marschleistung von über 100 km
4. Der dynamische Auswahl- potentiale des Bewerbers durch Psycho- unter Beweis zu stellen, dass die mentale
prozess mit Rückkopplung logen und erfahrene Einsatzkräfte. Dabei und körperliche Vorbereitung umfang-
liegt der Schwerpunkt auf der Bewertung reich und vielseitig war und der Wille
Potentielle Bewerber werden durch den von Verhaltensmustern in belastenden dabei zu sein über die mit Sicherheit
Personalwerbetrupp des KSK angespro- Situationen, von Bewältigungsstrategien aufkommenden Zweifel siegt. Der Leiter
chen, erfahren von Kameraden, durch in emotional fordernden Gegebenheiten der Auswahlkonferenz eröffnet dem
Medien und Zeitschriften oder das Inter- und der Einschätzung von Entwicklungs- Bewerber den Eignungsgrad und teilt ihm
net, wo sie sich für eine erste Kontakt- perspektiven. Zunehmend wurde in der festgestellten Förder- und Entwicklungs-
aufnahme hinwenden können. Die Be- Weiterentwicklung der Verfahren dabei bedarf mit.
werbungsunterlagen werden dann zuge- mehr Gewicht auf die Verhaltensprobe
sandt oder können aus dem Internet her- gelegt, da bei diesem Verfahren die 4.4
untergeladen werden. Vom KSK erhält Möglichkeit der Beobachtung unter- Für die nichterfolgreichen Bewerber fin-
der Bewerber eine schriftliche Eingangs- schiedlicher Verhaltensebenen besonders det durch den Personalwerbetrupp ein
bestätigung mit den Regularien und gegeben ist (Schuler und Funke, 1991). Debriefing statt. Gegebenenfalls wird den
Bestimmungen des Eignungsfeststell- Hier kann man am ehesten erkennen, ob Soldaten, die zu einer weiteren Prüfung
ungsverfahrens (EFV) sowie einen Trai- das Gesamtverhalten ein in sich stimmi- zugelassen sind, mit dem Sportlehrer KSK
ningsplan des Sportlehrers, damit die ges Bild ergibt. Parallel dazu wird die ein auf ihn zugeschnittener individueller
notwendige körperliche Fitness bis zum sportliche Eignungsprüfung abgenom- Trainingsplan erarbeitet, um Defizite ge-
Prüfungstermin sichergestellt werden men. Es scheidet aus, wer die definierten zielt zu beheben.
kann. Rechtzeitig wird ihm der Termin Standards nicht erfüllt. Alle Teilnehmer
für die psychologische Vorauswahl beim erhalten eine differenzierte Rückmeldung 5. Bewertung des Verfahrens
Psychologischen Dienst KSK mitgeteilt. über die von Ihnen erzielten Leistungen.
Stärken werden diskutiert, Schwächen
Das Eignungsfeststellungsverfahren im
4.1 angesprochen und, wo sinnvoll, Trainings-
Kommando Spezialkräfte ist ein transpa-
Im computergestützten Vortest wird ein programme erarbeitet und aufgegeben.
rentes Untersuchungsverfahren, bei des-
differenziertes kognitives Leistungsprofil
sen Zusammenstellung großer Wert auf
des Bewerbers erhoben, wozu auch aus- Die bis dahin erfolgreichen Bewerber
unabhängige, psychologisch-wissen-
gesuchte Persönlichkeitsdimensionen bereiten sich in der Ausbildungs- und
schaftliche Personalauswahl gelegt
und der Stressverarbeitungsfragebogen Trainingswoche intensiv auf den Umgang
wurde. Qualitätssicherung wird für das
von JANKE gehören. Die Reihenfolge der mit Karte und Kompass, das Arbeiten mit
eingesetzte Personal und die Methoden
Prüfaufgaben ist mit der Tagesleistungs- Skizzen, das Marschieren, Orientieren
kontinuierlich durchgeführt.
kurve (Birbaumer, 1996) abgestimmt und Leben im Felde vor. Eine systemati-
Bewährungsdaten, bis hin zur differen-
zierten Vorgesetztenbewertung nach drei

› Ergebnisse des Eignungsfeststellungsverfahrens (EFV) in Prozent

50
Jahren, helfen die Gültigkeit der
Eignungsprognose abzusichern (Wottawa,
1983).

6. Ergebnisse
40 Ausfälle vor
Statistische Berechnungen wurden mit
Beginn
dem Programmpaket STATISTICA der
30 Firma StatSoft durchgeführt.
Ausfälle
während des (Abb. 1)
20
EFV
Wie leicht zu erkennen ist, überwinden
10 20 % der Bewerber die Eingangsschwelle.
Bestanden
Nach dem Überlebenslehrgang scheiden
0 im weiteren Verlauf der Ausbildung
weniger als 1% der Soldaten aus. Es
Abb. 1
30
ergibt sich, dass Motivation, Willens- leistung signifikant weniger Pharmaka der Aufgabenbegleitung. Neben dem all-
stärke und Durchhaltevermögen ein guter einnehmen und signifikant weniger zum gemeinen Stresskonzept der Bundeswehr
Prädiktor für die Eignung zum Komman- Stressbewältigungsmittel „Ersatzbefrie- hat das KSK erkannt, dass die besondere
dosoldaten sind. Wer auch die dritte digung“ greifen. Aufgabenstellung ein gesondertes Kon-
Woche erfolgreich übersteht, hat in der zept zur Prävention und Betreuung ver-
Regel die gewünschten Eigenschaften. 7. Problembereiche langt. Im Hinblick auf Stressbewältigung
Nur ein sehr kleiner Anteil dieser Be- kann man prinzipiell auf zweifache Weise
werber wird dann noch wegen fehlender, Aus den vorhandenen Interessenten wer- einwirken: auf sich selbst und auf die
aber nicht kompensierbarer Eigenschafts- den zu wenig ernsthafte Bewerber ge- Umstände. So kann man selbst seine
mängel nicht angenommen. wonnen. Dies liegt zum einen an der Belastbarkeit erhöhen: Körperlich, indem
Andersherum betrachtet ist unter denen, unzureichenden körperlichen Leistungs- man Sport betreibt, physiologisch durch
die von sich aus aufgeben oder an der bereitschaft und Willensstärke, zum eine Umstellung der Ernährung, mental
Belastung scheitern, der Anteil deutlich anderen aber an der zu geringen Attrak- durch Gehirnjogging oder sozial durch
höher, der die allgemeinen Eignungs- tivität der Verwendung. So beträgt die intensivere Kontakte im Freundeskreis.
kriterien nicht erfüllen würde. Zulage für Kommandosoldaten netto ca. Die Belastung kann man reduzieren
70.-- €, die weiteren beruflichen durch eine klare Zeit- und Aufgaben-
Die Bewerber können grob in zwei Grup- Perspektiven sind noch zu undeutlich und struktur, durch gewichten, delegieren,
pen eingeteilt werden: Bewerber, die mit es fehlt ein durchgängiges Karriere- ablehnen, durch das Ausnutzen aller
der Absicht kommen, in ihrem bereits konzept. Die Ausbildungs- und Auftrags- Ressourcen und den Aufbau eines sozia-
eingeschlagenen Berufsweg die höchste dichte im KSK steht einem geordneten len Netzwerkes. So zum Beispiel in:
Stufe zu erreichen, was für sie gleichbe- Familienleben entgegen. So ist es nicht (Sicherheitsreport 4, 1994) oder (Man-
deutend mit der Ausbildung im KSK ist, verwunderlich, dass Trennung vom Le- gelsdorff, 1993, Meichenbaum, 1993).
und solche Bewerber, die nach oder benspartner als häufige Reaktion auf die
wegen Veränderungen in ihrem Lebens- außerordentliche dienstliche Belastung Wir haben in diesem Zusammenhang
vollzug eine neue Orientierung suchen festzustellen ist. eine begleitende Untersuchung zum
und/oder es noch einmal wissen wollen. Thema Informationsverarbeitung unter
Sie unterscheiden sich wenig in Bezug Besondere Aufgaben erfordern besondere Belastung durchgeführt und erstaunliche
auf das Antwortverhalten im Persönlich- Charaktere. Spezialisten sind nicht von Resultate erhalten. Es wurden fünf typi-
keitsinventar. In Punkto Leistungsbereit- der Stange zu haben. Gelegentlich sche Aufgabengebiete für je sechs Kom-
schaft, Ausdauer und gesundheitliche bedeutet fachliche Spezialisierung auch mandosoldaten untersucht: Taktischer
Sorgen würden die jeweiligen End- eine allgemeine Verengung der Wahrneh- Marsch in schwierigem Gelände, An-
ausprägen genügen, um unsere Klientel mungs- und Interessenlage. Der eigene näherung im Boot bei Wellengang, ein-
hinreichend zu beschreiben. Erstaunlich Lebensentwurf kann nicht zur Deckung satzmäßige Schießausbildung, Zugriff bei
aber ist schon, dass das Gros der ausge- gebracht werden mit dem Anforderungs- einer Geisellage und Aufstieg im Fels. Für
schiedenen Bewerber sich in den Per- profil (Auftrag) oder mit anderen Lebens- jede dieser fünf Gruppen gab es dazu
sönlichkeitsfragebogen nicht signifikant entwürfen (Teamfähigkeit, soziale Kom- eine Vergleichssituation „Ruhe“, in wel-
von den geeigneten unterscheidet. petenz, Leadership). Solche einseitigen cher die Soldaten lediglich zu warten
persönlichen Schieflagen zu erkennen hatten. Die Aufgabenstellung bestand
Signifikante Unterschiede konnten wir und zu analysieren, ist mit die heikelste nun darin, einen typischen militärischen
auf dem 5%-Niveau in Bezug zu Präven- Aufgabe der Selektion und führt oft zu Auftrag aufzunehmen (in 3 Minuten aus-
tion und Stress im Stressverarbeitungs- unbefriedigenden Urteilen. Dabei befin- wendig zu lernen) und diesen etwa eine
fragebogen in den Dimensionen: den wir uns in dem Dilemma, geeignete Stunde später an seine Einheit (darge-
Aggression, Pharmakaeinnahme und Bewerber fälschlicherweise abzulehnen stellt durch ein Tonbandgerät) weiterzu-
Reaktionskontrolle feststellen. Wer sich (wird in der Statistik als Fehler erster Art geben. Die Fehler in der Informations-
besser im Griff hat, keine Medikamente, bezeichnet), um die Wahrscheinlichkeit übermittlung wurden als abhängige
Alkohol oder ähnliches benötigt um ruhig zu minimieren ungeeignete Bewerber Variable erfasst. Zum besseren Ver-
zu bleiben und weniger mit seinen eige- einzustellen. ständnis kann man sich dies in etwa so
nen Reaktionen beschäftigt ist, hat die vorstellen, als ob man in einer völlig
Nase auch unter extremer Belastung 8. Stressmanagement fremden Stadt einen Plan erhält und sich
vorn, könnte man diese Ergebnisse zu- in drei Minuten einen bestimmten Weg
sammenfassen. Nun ist es nicht uninter- Stressmanagement ist bei zeit- und res- anhand von vier genau bezeichneten
essant zu wissen ob Testverfahren, die sourcenkritischen Führungsaufgaben ein Punkten, drei Anschriften, vier Tele-
vorgeben Leistung unter Belastung zu zentrales Problem und gewinnt mit fonnummern, drei Codezahlen und zwei
messen, sich auch in unserer Gruppe als wachsender Aufgabenvielfalt für die Datumsangaben, einprägen muss, welche
tauglich erweisen. Wir führen den Kon- deutschen Soldaten an Bedeutung eine Stunde später ohne Unterlagen
zentrationsbelastungstest von KIRSCH (Materialien, Zentrum Innere Führung, exakt wiederzugeben sind.
(KBT) durch und stellen fest, dass 1990). Die Bewältigung dieser neuen
Teilnehmer mit guter Konzentrations- Aufgaben verlangt auch neue Wege in

31
› Informationsverlust bei fünf Aufgaben unter Ruhe- und
Belastungsbedingungen
9. Ausblick und
Schlussbemerkung

Der leistungsfähige, hochspezialisierte


9 Mensch als „Ressource“ für außerge-
wöhnliche Tätigkeiten ist begrenzt und
Anzahl Fehler

so stellt sich regelmäßig die Frage, ob


6 nicht über der intensiven Suche nach
dem Besten, die Hege und Pflege des
3 Nachwuchses vergessen wird. Das neue
Personalkonzept wird genau in diesem
Punkt Neuerungen bringen und Soldaten
0 vor dem Eintritt in das KSK rechtzeitig in
Marsch Wasser Zugriff Schießen Gebirge der Ausbildung und Qualifikation an
diese besondere Aufgabe heranführen.
Belastung Ruhe
Jede Auswahl zielt auf die jeweils Besten.
Jede Testsituation ist insofern künstlich
Abb. 2
als sie hinter der Realität zurück bleibt.
Wie in jedem risikoreichen Beruf gefähr-
det unkontrolliertes Handeln des Kom-
Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind ning sind entsprechend großzügig. Die mandosoldaten den Auftrag und Men-
in Abb.2 dargestellt. Die Verrechnung Ernährung wird in besonderer Weise zu- schen. Unser Ziel muss es also sein, mit
erfolgte wieder mit Statistica Vers. 6.0 im sammengestellt und trägt zur Leistungs- der Vorhersage die Verhaltensmuster der
zweifaktoriellen varianzanalytischen stabilisierung bei. Realität so gut wie möglich zu erreichen
Design. Der Haupteffekt (Ruhe/Belastung) ohne dabei ethische Grenzen zu verletzen
ist signifikant. Knapp das 10%-Niveau In Seminaren erlernen die Soldaten das oder wissenschaftliche Standards zu
verfehlt haben die Mittelwertsunter- Konzept des Debriefings im Stressma- missachten. Die Prüfung muss einerseits
scheide bei den Bedingungen „Wasser“ nagementmodell nach Mitchell (Everly fordernd und realitätsnah stattfinden,
und „Gebirge“. Dies aber sind genau jene und Mitchell,1994, Igl und Müller-Lange, andererseits aber, bei größtmöglicher
Lagen, in denen mit den meisten unkal- 1998). Sie setzen sich aktiv mit verschie- Rückmeldung, fair und transparent für
kulierbaren Risiken zu rechnen ist. Ein denen Entspannungsverfahren auseinan- den Bewerber sein. Wir hoffen, dass
Fehltritt kann unmittelbar lebensgefähr- der, erlernen das Verfahren der progressi- unser Bemühen, das Eignungsfeststellungs-
dende Folgen haben: einen Sturz ins ven Muskelrelaxation (PMR) nach verfahren im Kommando Spezialkräfte an
Wasser oder den Absturz am Berg. Die Jacobson (Jacobson,1978) und haben die diesen Kriterien auszurichten, deutlich
andern Situationen sind weitgehend Gelegenheit, die für ihre Tätigkeit opti- wurde.
standardisiert und vielfach geübt worden. mierten Ruhe-, Konzentrations- und
Zwar nur ein statistischer Trend, der aber Imaginationsübungen einzuüben. Die
für weitere Untersuchungen viel ver- wesentlichen Punkte stehen auf Falt-
spricht. karten zur Verfügung und können auch
im Einsatz jederzeit nachgeschlagen wer-
Wir können daraus entnehmen, dass mit den (Field Manual,1994, Mangelsdorff,
steigender Belastung die Behaltensleis- 1993). Die Unterweisungen werden in
tung abnimmt und dürfen vermuten, dass regelmäßigem Turnus bzw. vor Einsätzen
Übung und Automatisierung von Verhal- wiederholt. Zeit zur Kontemplation bietet
tenssequenzen, wie im Stresskonzept vor allem die Militärseelsorge. Dort wird
vermutet, kognitive Kapazität für das Be- für ethisch sinnstiftenden Gedankenaus-
halten von relevanter Information frei- tausch Raum gegeben, den Familien wird
setzt. abseits des dienstlichen Alltags Zeit zur
Entspannung geboten und es wird durch
Das sportliche Trainingskonzept KSK interessante Angebote z. B. zur Medita-
(Kommandotraining) wurde also so aus- tion und Selbstfindung zur Persönlich-
gerichtet, dass die Soldaten lernen, viele keitsentwicklung beigetragen. Der einzel-
Handlungssequenzen in den Bereich der ne Soldat ist aktiv an dieser Ausbildung
automatisierten Handlungen zu verlagern beteiligt, er muss lediglich das für seine
um damit mehr Kapazität für neue Gege- Bedürfnisse passende Stressvermeidungs-
benheiten zur Verfügung zu haben. Die repertoire zusammenstellen.
Zeitansätze für Sport- und Leistungstrai-

32
› Literatur
Arbeitsberichte des Psychologischen Dienstes der Bundeswehr. (2000) Bonn: BMVg PSZ II 4

Arbeitspapier (1997). Stressmanagement – oder: Wie bleibe ich stark? Koblenz: Zentrum Innere Führung.

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Ausleseverfahren der Bundeswehr. Wehrpsychologische Untersuchungen Nr. 3/83. Bonn: BMVg.

33
Präventions- und
Behandlungskonzept
zur Bewältigung einsatzbedingter psychischer
Belastungen bei Soldaten der Bundeswehr

Hans-Heiner Hahne, Karl-Heinz Biesold

Kurzfassung

Auf der Basis jahrzehntelanger Erfahrungen anderer Armeen in Kriegs- und humanitären Einsätzen, in Verbindung mit eigenen Erfahrungen
und Untersuchungen, wurde in der Bundeswehr ein Rahmenkonzept zur Prävention und Behandlung einsatzbedingter psychischer
Belastungen entwickelt, das in seinen Einzelheiten (drei Phasen – drei Ebenen) erläutert wird. Es wird auf die spezifischen Stressoren in
humanitären Einsätzen hingewiesen und Untersuchungsergebnisse des Sozialwissenschaftlichen Institutes der Bundeswehr vorgestellt.

Vorliegende Erfahrungen Auf welche Erfahrungen konnte zurück- Bei frontnaher Behandlung entwickelten
gegriffen werden? später 40 % der Soldaten eine posttrau-
Mit dem Beginn der Auslandseinsätze der Für den 1. und 2. Weltkrieg nimmt man matische Belastungsstörung (PTBS)
Bundeswehr in Kambodscha (1992), je nach Literaturquelle Ausfallraten bis gegenüber 71 %, die in Zivilkranken-
Somalia (1993-94), aber insbesondere zu 40 % an, die durch psychische Kampf- häusern behandelt wurden.
dann in Bosnien (IFOR; SFOR seit 1995) reaktionen bedingt waren; die Ähnliche Ergebnisse hatte es schon im 1.
und schließlich im Kosovo (KFOR seit Amerikaner gehen hier von 23 % für den Weltkrieg gegeben: Die britische Armee
1999) mussten vorher angestellte Überle- 2. Weltkrieg aus. in Frankreich evakuierte zunächst die
gungen zu psychischen Belastungen der Für den Korea- und Vietnam-Krieg nen- Soldaten mit „shell-shock“ und Kriegs-
Soldaten und dadurch möglicherweise nen die Amerikaner 12 % psychisch Ver- neurosen als Diagnose nach England,
bedingten Ausfällen vor dem Hintergrund wundete (psychiatric casualties) nach- wodurch die psychischen Störungen
der Erfahrungen aus den großen Kriegen dem man die „one-year-rotation of com- chronifizierten, sodass dadurch 30 % der
des 20. Jahrhunderts (1. Weltkrieg 1914- bat troops“ etabliert hatte, sowie eine Entlassungen aus der Armee bedingt
18, 2. Weltkrieg 1939-45), aus dem Korea- Repatriierungsrate (evacuation rate) auf- wurden. Erst als die deutschen U-Boote
Krieg (1950-53) und Vietnam-Krieg (1965- grund psychischer Symptome – ein- die Repatriierung nicht mehr erlaubten,
75), aus den Kriegen im Nahen Osten schließlich Drogenmissbrauch – von 6 %. wurde frontnah behandelt, wodurch
(Yom-Kippur-Krieg 1973, Libanonkrieg Die Israelis geben für die beiden Kriege 66 % nach 6-tägiger Behandlung wieder
1982) und dem Golfkrieg „Desert Storm“ im Nahen Osten (Yom-Kippur 1973, kampffähig wurden. Ebenso verhielten
(1991) auch in der Bundeswehr zu einem Libanon 1982) an, dass bis zu 30 % der sich die Franzosen: von den 91 % front-
Konzept zur Bewältigung einsatzbedingter Ausfälle auf psychische Verwundungen nah behandelten Soldaten wurde über
psychischer Belastungen führen. zurückzuführen waren (Solomon 1997). 70 % wieder kampffähig.
Seit 1995 wurden verschieden Konzepte Es zeigte sich, dass eine frontnahe Bei UN-Einsätzen wird die Häufigkeit ein-
vorgelegt, die letztlich in dem vorläufig Behandlung wichtig war, bei der 60 % satzbedingter posttraumatischer Belas-
endgültigen „Rahmenkonzept zur Bewäl- der Soldaten zu ihren Einheiten und in tungsstörungen heute zwischen 1,6 und
tigung psychischer Belastungen bei Sol- ihre frühere Funktion zurückkehrten, 8 % angegeben (Weisaeth, 1997), allge-
daten“ vom 07.03.2000 (BMVg, 2000) gegenüber nur 22 % derer, die in meine psychische Probleme erreichen je
zusammengefasst wurden. Zivilkrankenhäusern behandelt wurden. nach Einsatz sogar Werte bis zu 45 %.

35
Bei Repatriierung (evacuation) in den UN- Erst wenn ein solches Vorgehen in einer Aufträgen, unklare Rollenzuweisung
Einsätzen spielen in über 30 % psychi- angemessenen Frist (4-6 Tage) keinen - Gefahr durch Minen
sche Probleme eine bestimmende Rolle. Erfolg erbringt, darf und sollte der - Trennung von Partnerin/Partner/Familie
Patient repatriiert werden! - Einschränkung der Intimsphäre,
Behandlungsgrundsätze für Einschränkung der Sexualität
die Combat-Stress-Reaction Stressoren in humanitären
Einsätzen Bei der überwiegenden Zahl der psychi-
Aus allen Erfahrungen konnten die fol- schen Belastungen, die zur Beratung,
genden fünf – heute unbestrittenen – Mit welchen Belastungen (Stressoren) ist zum ärztlichen oder psychologischen
Grundsätze der Behandlung von Combat- im Rahmen von Einsätzen der UN bzw. Gespräch oder gar zur nervenärztlichen
Stress-Reaction abgeleitet werden (IPESS): der NATO zu rechnen? Sicher sind die Intervention führen, steht heute bei frie-
Soldaten solcher Missionen in der Regel denserhaltenden Missionen nicht die
1. Immediacy = sofort eingreifen, keinen heftigen Krampfhandlungen wie akute Kampfreaktion (Combat-Stress-
Zuwarten führt zur zuletzt 1991 im Golfkrieg (Crago, 1997) Reaction) im Vordergrund, sondern viel-
Chronifizierung ausgesetzt, dennoch bestehen gewichti- mehr einzelne oder additiv traumatisie-
2. Proximity = frontnah behandeln, ge, spezifische Stressoren (Wothe, 2001): rend wirkende Stressoren.
nicht abschieben, nicht
aus dem militärischen - Antizipation von Tod und Verwundung Eine Untersuchung des Sozialwissen-
Milieu entfernen - Gefahr durch Geiselnahme und schaftlichen Institutes der Bundeswehr
3. Expectancy= zuversichtliche Hal- Gefangenschaft hat 1998/99 die in Tab. 1 aufgeführten
tung vermitteln „gute - Bindung an Einsatzgrundsätze, die Ergebnisse bei Befragungen von Soldaten
Prognose“ keine angemessene Lösung der aktuel- des V. Kontingent SFOR (Sarajevo/
4. Simplicity = einfache Methoden an- len Situation zulassen („rules of enga- Bosnien) hinsichtlich der Stressoren bzw.
wenden (food, sleep, exer- gement“), dadurch erforderte Passi- konkreter Bedrohung erbracht (SOWI, in
cise, hopefull attitude) vität, Gefühle der Ungeschütztheit Vorbereitung).
5. Shortness = kurzes Behandlungs- - Erleben von Gräueltaten, Konfrontation
programm im militäri- mit verletzten oder toten Zivilisten, Am meisten bedrückte die Soldaten der
schen Rahmen insbesondere mit Kindern Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen,
- Unsicherheit bei mangelhafter Infor- die Situation der Kinder und die Bilder
Das Einhalten dieser Grundsätze im Sinne mation, unbekanntem soziokulturellem der Zerstörung und des Terrors. Die
einer abgeschlossenen Endbehandlung ist Umfeld, mangelnde Sprachkenntnisse Häufigkeit, mit der „psychisch sehr bela-
auf jeder Ebene (Kameradenhilfe, Vorge- (Sprachbarriere) stende Situation“ in dieser Untersuchung
setztenführung, Truppenarzt, - Unsicherheit bei schnell wechselnden in den einzelnen Dienstgradgruppen
Feldlazarett) erforderlich! Lagen, sich widersprechenden genannt wurden, war im Mittel 29,6 %.
Diese Daten zeigen, dass es notwendig
ist, auch bei UN-Einsätzen und NATO-


peace-keeping-Maßnahmen Prävention
Stressoren / Bedrohungen bei humanitären Einsätzen zu betreiben und auf die Behandlung
psychisch traumatisierender Belastungen
• Minengefahr 83 % und Ereignisse vorbereitet zu sein.
• Versagen von Vorgesetzten in gefährlichen Situationen 46 %
• Gefährliche Situationen außerhalb des Lagers 37 % Das Konzept zur Bewältigung
• Unberechenbares Verhalten von Kameraden 36 %
• Unfall oder Krankheit 35 %
psychischer Belastungen
• Unfall mit Waffen 24 %
• Selbst Waffengewalt einsetzen zu müssen 13 % Das „Rahmenkonzept zur Bewältigung
• Aufgaben nicht gewachsen zu sein 9 % psychischer Belastungen bei Soldaten“ ist
• Bewaffnete Übergriffe auf das Lager 6 % aus dem „Medizinisch-psychologischen
• Tod 5 %
Stresskonzept der Bundeswehr“ hervor-
Tab. 1 gegangen (BMVg, 2000).


Die Grundannahmen sind, dass
Clausewitz-Zitat • (Combat) Stress reaction eine nor-
male Reaktion auf ein nicht normales
„Es ist unendlich wichtig, dass der Soldat, hoch oder niedrig, auf welcher Stufe er Ereignis bzw. auf eine nicht normale,
auch stehe, diejenigen Erscheinungen des Krieges, die ihn beim erstenmal in außergewöhnliche Situation ist.
Verwunderung und Verlegenheit setzen, nicht erst im Krieg zum erstenmal sehe; • Jeder kann unabhängig von Stellung
sind sie ihm früher nur ein einziges Mal vorgekommen, so ist er schon halb damit und Dienstgrad davon betroffen sein.
vertraut.“
• Sie ist kein Anzeichen von Feigheit
Clausewitz
oder für eine Charakterschwäche oder
Abb. 1
36
› Drei Phasen des Einsatzes (= Phasen) des Einsatzes: Einsatzvor-
bereitung, Einsatzdurchführung und
Einsatznachbereitung.
Phase 1 Phase 2 Phase 3
Vor dem Einsatz Im Einsatz Nach dem Einsatz Das Drei-Ebenen-Konzept umfasst die
(Vorbereitung) (Begleitung) (Nachbereitung) Stufen (= Ebenen) der Hilfen bei psychi-
schen Belastungen im Einsatz entspre-
Auseinandersetzung mit Erkennen akuter psychi- Reintegration chend der Behandlungsgrundsätze
den zu erwartenden scher Belastungen (IPESS) je nach Ausmaß und Notwen-
Belastungen und Stressreaktionen Erkennen und Behandeln digkeit. (Abb.3)
von Folgeschäden (PTBS)
Maßnahmen zur Sofortmaßnahmen (z.B. Einsatzvorbereitung
Stärkung des inneren CISM nach Mitchell) zur
Gleichgewichts Vermeidung von
Folgeschäden (PTBS) Der Schwerpunkt liegt bei den Auslands-
Organisatorische und einsätzen der Bundeswehr auf der Vor-
administrative bereitung, d.h. in der Phase I, d.h. auf der
Maßnahmen zur Prävention, die sehr sorgfältig und um-
Minimierung von
fangreich durchgeführt wird:
Stressoren

Abb. 2 - Personalauswahl (persönliche Fitness,


emotionale Stabilität),

› Drei Ebenen psychischer Betreuung


- Reduzierung trennungsbedingter Fak-
toren, Herstellen von Kommunikations-
möglichkeiten,
- Informationen über Auftrag, Gefähr-
Phase 1 Phase 2 Phase 3
dungsrisiko, Lebensbedingungen im
Vor dem Einsatz Im Einsatz Nach dem Einsatz
(Vorbereitung) (Begleitung) (Nachbereitung) Einsatz,
- gezielte Vorbereitung auf Critical
Incidents (Training in Rollenspielen),
- Lernen, Stress-Symptome zu erkennen,
Ebene 1
Selbst- und Kameradenhilfe; Hilfe durch Vorgesetzte; Peers - Erlernen von Stressbewältigungs-
strategien,
- Ausbildung der Führer (Führen unter
Ebene 2 Belastung, Gesprächsführung, Stress-
Truppenarzt, Truppenpsychologe
bewältigung).
(unterstützt durch Militärpfarrer, Sozialarbeiter, Peers)

In der Einsatzbegleitung muß beachtet


Ebene 3 werden:
Psychiater, Ärztlicher / Psychologischer Psychotherapeut
- Erkennen und Reagieren auf akute
psychische Stressreaktionen
Abb. 3 - Prävention von Folgeschäden
(Debriefing, Psychiater, ggf. Kriseninter-
ventionsteam)
- Erholungsphasen schaffen
für eine mit Defiziten behaftete Person natürlich eine realitätsnahe militärische
- allgemeine Betreuung (Sport, Unter-
(wie noch von der Militärpsychiatrie Vorbereitung auf die Einsätze, wie sie in
haltungsangebote, Betreuungsfahrten,
im 2. Weltkrieg behauptet). der Vorausbildung umgesetzt wird
Kurzurlaub)
• Man kann sich vorbereiten, Strategien (Matyschock 2001; Folkerts 2001; Bucher
- Angehörigenbetreuung im Heimatland
gegen Stress-Reaktionen lernen: 2001), gemäß dem alten Clausewitz-
(Familienbetreuungszentren)
Stress-Desensibilisierung, d. h. Stär- Zitat: (Abb.1)
kung der psychischen Belastbarkeit
In der Einsatznachbereitung ist
vor dem Einsatz ist möglich. Die tragenden Säulen des medizinisch-
wichtig:
psychologischen Stress-Konzeptes sind
Es ist wichtig, dass jeder Soldat diese das Drei-Phasen-Modell und das Drei- - Beginn schon im Einsatzland
Grundannahmen verinnerlicht hat, des- Ebenen-Konzept. (Abb.2) (Informationen, Gesprächsrunden)
halb ist ihre Vermittlung ein essentieller - Urlaub nach Einsatzende
Baustein in der Vorausbildungsphase. Das Drei-Phasen-Modell regelt die Maß- - Reintegrationsphase mit
Eine wesentliche Präventivmaßnahme ist nahmen in den verschiedenen Stadien Reintegrationsseminaren.

37
› Gesamtkonzept der Einsatzbegleitung

EINSATZBEGLEITUNG

1)
ZInFü Prävention: Im Einsatz Nachbereitung örtlich ENG 2)

- Vorbereitung PEERS „Defusing“ BwKrHs 3)


- Ausbildung Psychol. Selbst-
u. Kameradenhilfe (Konfliktbewältigung) ggf. Psychotherapie

Truppenarzt

Psychologe

Psychiater
im
Einsatz

FAMILIEN- UND ANGEHÖRIGENBETREUUNG


Sozialpädagogen / -arbeiter, Militärpfarrer, Psychologen, militärisches Personal

In Planung:
ggf. ZWEI KRISENINTERVENTIONS-TEAMS
- Unfälle im Inland
- Katastrophen im Inland (für Psychotraumata befähigte Debriefer)
1 Psychiater / Psychotherapeut
1) Zentrum Innere Führung der Bundeswehr
1 Psychologe
2) Einsatznachbereitungsgruppe 2 kompetente Helfer (Uffz)
3) Bundeswehrkrankenhaus

Abb. 4

Reintegrationsseminare werden für alle tig erkannt und richtig abgebaut werden
Soldaten über 1 – 2 Tage in Gruppen von und tertiär – soweit erforderlich – einer
ca. 20 Teilnehmern durch dafür ausge- adäquaten Behandlung zugeführt wer-
bildete „Moderatoren“ durchgeführt, die den, sodass selbst bei Auftreten von
von Militärseelsorgern, Sozialarbeitern, posttraumatischen Belastungsstörungen
Psychologen, ggf. auch Psychiatern, die Prognose für die seelische Gesundheit
unterstützt werden. der Soldaten insgesamt als positiv einge-
schätzt werden darf. (Abb.4)
Ziele sind:
- emotionale Spannungen abbauen
- erlebte Störungen und Belastungen
offen ansprechen
- sich auf die weitere Zukunft einzustel-
len (Dienst in der Heimat)
- Angebot von Einzelgesprächen oder
Partnerberatung, wenn erforderlich
- Erkennen von Behandlungsbedarf, vor
allem von posttraumatischen
Belastungsstörungen.

Das umfassende Konzept soll sicher stel-


len, dass durch eine intensive Vorberei-
tung psychische Belastungen primär bes-
ser antizipiert werden, sekundär rechtzei-

38
› Literatur
BMVg – Bundesministerium der Verteidigung, Fü S I 3 (2000). Rahmenkonzept zur Bewältigung psychischer Belastungen bei Soldaten.
Bonn.

Bucher, E. (2001). Truppenpsychologische Aspekte der Kontingentausbildung am VN-Ausbildungszentrum der Bundeswehr. In K. Puzicha,
D. Hansen & W. Weber (Hrsg.), Psychologie für Einsatz und Notfall (S.135-139). Bonn: Bernard & Graefe Verlag.

Crago, M. (1997). Ein Bericht über persönliche Stresserfahrungen im Golfkrieg. In T. Sporner (Hrsg.), Stressbewältigung und
Psychotraumatologie im humanitären Hilfseinsatz (S.13-35). Beiträge Wehrmedizin und Wehrpharmazie, Bonn: beta-Verlag.

Folkerts, H.-J. (2001). Die VN-Ausbildung in Hammelburg. In K. Puzicha, D. Hansen & W. Weber (Hrsg.), Psychologie für Einsatz und Notfall
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Matyschock, A. (2001). Stressimpfungsprogramme der Bundeswehr. In K. Puzicha, D. Hansen & W. Weber (Hrsg.), Psychologie für Einsatz
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Solomon, Z. (1997). Akute Kampfreaktion und PTSD – Die israelische Erfahrung. In T. Sporner (Hrsg.), Stressbewältigung und
Psychotraumatologie im humanitären Hilfseinsatz (S.92 – 112). Beiträge Wehrmedizin und Wehrpharmazie, Bonn: beta-Verlag.

SOWI – Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr, Strausberg – Studie: Nikutta-Wasmuth, U., Konfliktbewältigungsstrategien,
Verhalten in Extremsituationen, Umgang mit Verwundung und Tod – bisher nicht veröffentlicht.

Weisaeth, L. (1997). Streß bei friedenserhaltenden UN-Einsätzen. In T. Sporner (Hrsg.), Stressbewältigung und Psychotraumatologie im
humanitären Hilfseinsatz (S.113-125). Beiträge Wehrmedizin und Wehrpharmazie, Bonn: beta-Verlag.

Wothe, K. (2001). Belastungsfaktoren im Einsatz. In K. Puzicha, D. Hansen & W. Weber (Hrsg.), Psychologie für Einsatz und Notfall
(S.65-71). Bonn: Bernard & Graefe Verlag.

39
Therapie psychischer
Traumatisierungen

bei Soldaten der Bundeswehr

Klaus Barre, Karl-Heinz Biesold

Kurzfassung
Traumatherapie ist eine spezifische Form der Psychotherapie. Sie orientiert sich schulübergreifend am Drei-Phasen-Modell von P. Janet. Im
Bundeswehrkrankenhaus Hamburg werden seit 1994 Soldaten mit einsatzbedingten und einsatzunabhängigen psychotraumatischen
Syndromen behandelt. Dabei wird im Rahmen eines integrativen Therapieansatzes insbesondere Eye-Movement-Desensitization-and-
Reprocessing (EMDR) als therapeutische Methode eingesetzt. Der therapeutische Ansatz wird erläutert. Auf die spezifischen Bedingungen
im soldatischen Umfeld und anderen Gefahrenberufen wird eingegangen.

Einleitung der Psychotherapie, mit dem Ziel, den Er- Hemmer Typ A, sowie Tranquilizern,
holungsprozess und die Transformation Anxiolytika, Antikonvulsiva, Lithium, aty-
Heute wird im Umfeld von „Gefahren- der traumatischen Erfahrung in Gang zu pischen Neuroleptika und Opiat-
berufen“ vielerorts immer noch wie selbst- setzen, zu unterstützen und zu beschleu- Antagonisten vor. Die SSRI gelten heute
verständlich davon ausgegangen, dass nigen, wenn die natürliche Verarbeitung als Mittel der ersten Wahl.
Helfer auch mit den schrecklichsten und des Traumas (Fischer & Riedesser,1998) Der Einsatz von Psychopharmaka sollte
grausamsten Erlebnissen umgehen kön- steckengeblieben ist. nur bei PTB-Syndromen mit ausgeprägter
nen, als wären sie wie Siegfried in der klinischer Symptomatik in Betracht gezo-
Nibelungensage (seelisch) in Drachenblut Pharmakotherapie gen werden, bzw. wenn bisherige psycho-
gebadet und daher unverletzbar. Dabei therapeutische Bemühungen erfolglos
lehrt gerade der Siegfried-Mythos, dass Pharmakotherapie kann die Psychothera- geblieben sind oder eine Psychotherapie
Unverwundbarkeit für Menschen nicht zu pie nur unterstützen und ist auf die je- momentan nicht möglich ist.
haben ist: Trotz aller Abhärtung durch das weils im Vordergrund stehenden Symp-
Meistern von Notsituationen bleibt doch tome auszurichten. Posttraumatische Psychotherapie
immer eine verwundbare Stelle. Viele Störungen sind pharmakotherapeutisch
Soldaten, Feuerwehrleute, Polizisten und nur schwer zu behandelnde Erkrankun- Das Stufenmodell von P. Janet gilt heute
Notfallhelfer habe diese bittere Erfahrung gen. Ein Spezifikum zur Behandlung aller als Standard der Psychotraumatherapie.
machen müssen, wenn die Bilder von Symptome der PTBS gibt es nicht. Danach hat die Therapie in mehreren
Grauen und Entsetzen auch nachts nicht Therapieerfahrungen liegen mit der An- Schritten zu erfolgen (Abb. 1):
weichen wollen und die Fähigkeit, dienst- wendung antidepressiv wirksamer selek- - Stabilisierung
lich und privat ein normales Leben zu tiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer - Traumabearbeitung
führen mehr und mehr zerstört wird. (SSRI), Serotonin-Noradrenalin-Wieder- - Integration
Traumatherapie ist eine spezielle Form aufnahmehemmer (SNRI) und MAO- - Neuorientierung

41
› Schritte der Traumtherapie Vertrauens- und
Beziehungsaufbau
Stabilisierung Dem Aufbau einer tragfähigen, vertrau-
• Herstellen von Sicherheit ensvollen Beziehung gleich zu Beginn
• Erklärung der postexpositorischen Symptome als normale Folge kommt daher besonders in diesem Um-
der anomalen Situation („Psychoedukation“) feld eine zentrale Bedeutung zu. Sie ori-
• Erlernen von Entspannungs- und Stabilisierungstechniken, entiert sich an dem Modell einer „distan-
Imaginativen Verfahren
zierten Parteilichkeit“ (Reddemann &
Sachsse, 1997). Der Patient muss das
Trauma-Bearbeitung durch Gefühl von Schutz und Sicherheit ent-
• psychodynamisch eingebettetes EMDR (Eye Movement wickeln können. Es wird alles vermieden,
Desensitization and Reprocessing) nach Francine Shapiro oder was zu einer Retraumatisierung führen
• MPTT (mehrdimensionale psychodynamische Traumatherapie) könnte, insbesondere jede Form von
nach G. Fischer Sensationslust und Voyeurismus. Die the-
• traumaorientierte Verhaltenstherapie rapeutische Haltung sollte von empathi-
scher Sachlichkeit getragen sein. Ganz
Neuorientierung bewusst wird dem Traumatisierten ein
aktiver Part im therapeutischen Prozess
• Wiedergewinnung des Vertrauens in zwischenmenschliche
Hilfe und Zuverlässigkeit, Aufbau gestörter Beziehungen überlassen. Die Metapher eines LKW-
• Wiederherstellung der Identität und des Selbstverständnisses Fahrers, der beim rückwärts rangieren
• Transformation des Traumas (Sinnfindung) – z. B. soziales einen Einweiser beizieht, nicht weil die-
Engagement ser besser fahren kann, sondern weil er
einen anderen Blickwinkel hat, wird von
Abb. 1 den Betroffenen schnell verstanden und
oft erleichtert angenommen.
Selbstverständlich darf nicht aus dem
Blickfeld geraten, dass die Arbeit im
Ein wesentlicher Gesichtspunkt ist dabei, Als Folge einer traumatischen Erfahrung Bundeswehrkrankenhaus für Soldaten
die Vermeidung von Reizen, die mit dem stellt sich ein verändertes Erleben ein, innerhalb eines „betriebsärztlichen“
Trauma in Verbindung stehen, aufzuhe- das als „disorder of arousal“, als ein Zu- Systems erfolgt, dem der Patient deshalb
ben und durch eine Bewältigungserfah- stand fast ständig erhöhter Erregung und eventuell mit Misstrauen begegnet.
rung zu ersetzen (Maercker,1997). Anspannung treffend charakterisiert wor- Tranzparenz, Aussprache darüber und
den ist (Mitchell & Everly, 1998). verlässliche Solidarität mit dem
1. Phase: Stabilisierung Betroffene erleben dies mit großer Beun- Betroffenen sind daher umso wichtiger.
ruhigung, besonders, wenn sie sich ihren Auf dieser Basis hat sich in der
Die exzessive Vermeidung aller Reize, die Zustand nicht erklären können. Gerade Zusammenarbeit mit vielen Soldaten
an Traumaerfahrung erinnern, kann ein- Angehörige von Hoch-Risiko-Berufen emp- erwiesen, dass in der Wahrnehmung der
geordnet werden als Ergebnis eines Ab- finden dies gemeinhin als beschämenden Betroffenen dieser anfängliche Nachteil
gleichs zwischen befürchteter Belastung Verlust der Kontrolle über sich selber und durch den Vorteil der Vertrautheit der
und individuellen Bewältigungsmöglich- ihre Lebenssituation. Sie verlieren das Therapeuten mit den technischen, ma-
keiten. Ist die Traumaerfahrung zu Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und teriellen, strukturellen und soziokulturel-
intensiv, und/oder sind die Bewältigungs- leben daher oft in der Befürchtung, Kame- len Gegebenheiten in der Bundeswehr
möglichkeiten zu gering, müssen zu- raden könnten ihren labilen Zustand be- mehr als wett gemacht wird. Gerade
nächst Maßnahmen der Stabilisierung merken und die Achtung vor Ihnen ver- Soldaten, die sowohl in zivilen wie auch
eingeleitet werden, damit eine Durch- lieren. Die Angst, „nicht mehr normal“ zu Bundeswehr-Institutionen behandelt
arbeitung des Traumas nicht am Wider- sein, schleicht sich ein. Große Energie worden sind haben dies nachdrücklich
stand des Patienten scheitert (Redde- wird darauf verwendet, die Fassade der bestätigt.
mann &. Sachsse 1997). Die Stabilisie- „Normalität“ aufrecht zu erhalten und
rung hat den Sinn, den Patienten soweit die aufdrängenden Erinnerungen an das Normalisierung und
zu stärken, dass es in der nachfolgenden Erlebte zu unterdrücken – nicht selten Psychoedukation
Konfrontationsphase nicht zu einer Über- durch Alkohol. In einem Teufelskreis fehl-
flutung mit Traumaerinnerungen kommt. geschlagener Bewältigungsversuche ge- Dem Betroffenen wird vermittelt, dass es
Dies käme einer Retraumatisierung raten viele Betroffene immer tiefer in sich bei seiner Störung um eine „normale
gleich, die u.U. zu einer erheblichen einen Symptomstrudel, aus dem sie sich Reaktion“, einer „normalen Person“ auf
Symptomverschlechterung führen kann allein nicht mehr zu befreien vermögen. eine unnormale, d.h. krankmachende
und eine häufige Ursache für Therapie- Situation handelt (Mitchell & Everly,
abbrüche darstellt. 1998). Die Zusammenhänge zwischen

42
Extremsituation, Psychologie und stark (Shapiro, 1998a). Ganz allgemein angemessene Form der Konfrontation mit
Psychophysiologie der Stressreaktion kommt dem Aspekt der Fürsorge durch inneren und äusseren Aspekten des Trau-
werden dabei adressatengerecht ver- die Truppe eine eminent wichtige mas gesucht.
ständlich vermittelt. Diese Bedeutung zu. Jeder Soldat Die eigentliche Trauma-Bearbeitung er-
„Psychoedukation“ ist ein unverzichtbarer (Feuerwehrmann, Polizist) vertraut dar- folgt im Bundeswehrkrankenhaus Ham-
Schritt, um Information, Orientierung auf, dass er von seinem Dienstherrn burg in Einzeltherapie und bedient sich
und Struktur zu vermitteln. Allein dies unterstützt wird, wenn er bei der dabei unterschiedlicher Verfahren (insbe-
wirkt meist angstreduzierend und entlas- Ausübung seines Dienstes Schaden sondere EMDR (Shapiro, 1998a,b;
tet vom „Symptomdruck“. nimmt. Wird diese Erwartung enttäuscht, Hofmann, 1999), kognitive Verhaltens-
weil Entscheidungsträger in diesen Orga- therapie (Heiland & Maercker, 2000;
Addressieren der Besonder- nisationen oder Kameraden/Kollegen die Maercker, 1997), imaginative Distanzie-
heit des Berufes Bedeutung des Traumas für den/die Be- rungs- und Dosierungstechniken
troffene unterschätzen, kommt es nicht (Reddemann, 2001).
Es hat sich in unserer Arbeit als günstig selten zu tiefer Verbitterung, die die Das Therapieprogramm beinhaltet darü-
erwiesen, das Besondere der Berufssitu- Chronifizierung der PTBS erst bewirkt. ber hinaus Körpertherapie und Ergo-
ation anzusprechen, indem wir hervorhe- Der Betroffene empfindet dann seinen therapie (Ausdruck und Verarbeitung
ben, dass der Betroffene seine Trauma- Einsatz und damit seine Person entwer- durch Gestaltung), Entspannungsver-
tisierung gerade deshalb erfahren hat, tet, reagiert mit Depression, Hass und fahren, sowie meditative Übungen wie
weil er standhält und handelt, wo andere psychosomatischen Störungen. Zu der Chi-Gong (Selbstkontrolle), Massage und
Menschen weglaufen oder gelähmt rea- Belastung der traumatisierenden Aromatherapie (Vermittlung „Guter
gieren. Oft führt dies zu einer spontanen Situation addiert sich das bittere Gefühl, Erfahrungen“).
Entlastung von Scham und Versagens- verraten worden zu sein (Shay, 1998).
gefühlen, weil es die Störung in einen Therapieziel
positiven, wenn man so will „starken“ Stabilisierungsverfahren
Kontext einbindet, mit dem sich die Eine traumatische Erfahrung führt nicht
Patienten identifizieren, der zu ihrer Imaginative und Entspannungsverfahren zu konstruktivem Lernen, sondern im all-
„corporate identity“ gehört. sind zentraler Bestandteil unserer Sta- gemeinen zu einem Verlust von Kompe-
bilisierungsarbeit. Sie haben das Ziel, die tenz, Entscheidungs- und Handlungs-
Würdigen der Bewältigungs- Verarbeitungskapazität des Patienten zu autonomie. Das Erlebens- und Verhal-
versuche stützen oder zu verbessern. Hierzu ge- tensrepertoire wird nicht erweitert son-
hören Selbstkontrolltechniken und Ent- dern eingeengt. Das Ziel der Therapie bei
Sehr früh werden auch die bisherigen spannungsverfahren zur Erregungskon- einem psychischen Trauma besteht des-
Bewältigungsversuche angesprochen und trolle (Autogenes Training, Jacobsenent- halb darin:
auch dann positiv bewertet, wenn sie spannung, Lichtstromtechnik, Selbstin-
von außen gesehen nicht gelungen struktionstechniken etc.), aber auch ima- • Destruktiv verarbeitete Erlebnisse in
erschienen. Diese Reaktionen sind ginativer Ressourcenaufbau (Innere Hel- konstruktive Erfahrung zu verwandeln.
Versuche, den verlorenen Zustand „vor fer, Baumübung, etc.) (Reddemann, • Die schmerzliche und quälende
dem Trauma“ wieder herzustellen. So ist 2001). Diese Fähigkeiten und Fertigkeiten Erfahrung in eine neue, angemessene
es durchaus funktional, wenn ein Soldat, können z.T. in Gruppenarbeit geübt wer- Perspektive zu integrieren (z.B.: „vor-
der während des Einsatzes im Schlaf ver- den. Bei leichteren Akuttraumata und bei“, „ich bin in Sicherheit“, „ich habe
letzt worden ist, mit Überwachheit, sehr stabilen Rahmenbedingungen kann getan, was ich konnte“).
Unruhe bei Dunkelheit und die Stabilisierungsphase deutlich • Belastende Affekte (z.B. Angst) zu ent-
Schlafstörungen reagiert. Es hat die abgekürzt werden. laden.
Funktion, ihn vor erneuter Gefahr zu • Psycho-vegetative und motorische
schützen. Traumabearbeitung – Reaktionen zu löschen
Konfrontation • Neue Handlungsmöglichkeiten aufzu-
Äußere Belastungsfaktoren bauen.
In der Verarbeitungsphase kommt es dar-
Bei der Regelung äußerer Belastungs- auf an, auf der Basis der Stabilisierung Welche Ziele sich ein Patient inhaltlich
faktoren (Beerdigung, anstehende Ge- eine Konfrontation mit den belastendsten im Einzelnen setzt muss selbstverständ-
richtsverfahren, Straferwartung, finanzi- Aspekten des Traumas zu ermöglichen, lich individuell erarbeitet werden.
elle Not, unversorgte Angehörige etc.) die Vermeidung zu überwinden und
können die Sozialdienste und Militär- durch eine Bewältigungserfahrung zu er- Exkurs: EMDR
seelsorge, aber in hohem Mass auch die setzen. Während also in der ersten Phase (Eye Movement Desensitization and
Kooperationsbereitschaft von Vorge- zunächst die Arbeitsvoraussetzungen wie Reprocessing nach Francine Shapiro)
setzten und Kameraden von großer Be- Beziehung, Vertrauen, Sicherheit und
deutung sein. Ungelöste Sorgen und Nöte Kompetenzerweiterung geschaffen wer- In unserer traumatherapeutischen Arbeit
belasten sonst den Therapieprozess sehr den, wird in der zweiten Phase eine setzen wir seit 1994 EMDR ein. Die

43
Methode wurde seit 1987 von F. Shapiro Vorgehen lung für sich ohne Vorbehalte mit den
in Palo Alto (USA) entwickelt und mit Erinnerungen verbinden kann.
Beginn der 90er Jahre zunächst in der 1. Während einer EMDR-Sitzung sitzen
Behandlung von Vietnam-Veteranen mit sich Klient und Therapeut seitlich ver- Fallbeispiel
eindrucksvollen Ergebnissen eingesetzt. setzt gegenüber.
Obwohl der Wirkmechanismus bis heute A. Vorbereitung: Traumatisches Erlebnis:
nicht geklärt ist, gilt EMDR z.Zt. als eine 2. Nach einer angemessenen Erklärung Der Patient, Stabsunteroffizier, 23 J.,
der empirisch am besten evaluierten des Vorgehens fordert der Therapeut wurde wegen einer Belastungsstörung
traumatherapeutischen Methoden den Klienten auf, seine Aufmerksam- vorgestellt , die sich in seinem Einsatz in
(Flatten et al., 2001). keit auf eine (meist) bildliche Wieder- Kroatien 1996 nach dem Erleben eines
Eine zentrale Modellvorstellung von errinnerung des beunruhigenden Minenunfalls eingestellt hatte, bei dem
F. Shapiro ist das Postulat eines Erlebnisses zu richten und zugleich zu ein kleines Mädchen schwer verletzt
„Accellerated Information Processing- achten auf: wurde und innerhalb weniger Minuten
Systems“. Danach besitzt jeder Mensch • damit verbundene Affekte ( z.B. verstarb. Der Patient befand sich auf ei-
ein Informations-Verarbeitungs-System Angst, Scham, Wut) nem Konvoi und wurde aus sicherer Ent-
(IVS). Es ist darauf abgestimmt, seelische • Körperempfindungen (z.B. Schwitzen, fernung von seinem Fahrzeug aus Zeuge
Störungen und Irritationen in einen Zu- Herzklopfen) des Unglücks.
stand der Gesundheit zu überführen. • (negative) Kognitionen (z.B. „ich bin Erlebnisverarbeitung:
Analog den Selbstheilungskräften des in Gefahr“) Der Patient war geschockt. Er fühlte sich
Körpers arbeitet dieses IVS in Richtung B. Desensitisierung hilflos und schuldig, weil auf Grund der
einer positiven Auswertung von Ereig- 3. Währenddessen führt der Klient Minenlage ein Eingreifen der Konvoisol-
nissen. Erlebtes wird als Erfahrung verar- schnelle saccadische Augenbewegun- daten nicht möglich war.
beitet und gespeichert, um in der Zu- gen durch, in dem er der wiederholten Symptome:
kunft effektiv benutzt werden zu können. Finger-Handbewegung des Therapeu- Es stellten sich über 4 Wochen
Dabei wird Brauchbares verinnerlicht, ten vor seinen Augen folgt . Alpträume ein, in denen sich das
und mit den dazu passenden Affekten 4. Nach einem Satz von Augenbewegun- Geschehen immer wiederholte. Dabei
gespeichert, dysfunktionales wird ver- gen, gewöhnlich ca. 20 Sek., berichtet erlebte der Patient das Ereignis jedoch
worfen. Bei einem Trauma kommt das der Klient kurz jede Veränderung der nicht aus großer Entfernung, sondern
IVS in ein Ungleichgewicht: Erlebtes wird bildhaften Erinnerung oder andere immer aus nächster Nähe.
zustandsspezifisch (unverarbeitet) Wahrnehmungen. Vor Ort hatte der Pat. Aussprache mit
gespeichert. Ein Lernprozess findet nicht 5. Er stellt sich dann dem nächsten Satz einem Militärgeistlichen gesucht und
statt. Es kommt zu keiner Verknüpfung von Augenbewegungen und konzen- darin zunächst auch Hilfe gefunden.
mit etwas angemessenem. triert sich währenddessen auf das Entwicklung:
Im Ergebnis bewirkt die EMDR-Methode neue, spontan aufgetauchte Material. Nach ca. 1 Jahr Latenzzeit stellten sich
nach diesem Modell, dass zwei neuronale 6. Der Zirkel von Vorstellungskonfron- die vorübergehend nicht mehr vorhande-
Informations-Netzwerke (ein destruktiv- tation in Verbindung mit Augenbewe- nen plastischen Alpträume wieder ein.
traumatisches und ein konstruktiv-kom- gungen und anschließendem feed- Die Exploration ergab, dass er sich zu
petentes) miteinander verbunden werden, back durch den Klienten wird fortge- dieser Zeit in einer belastenden dienstli-
wobei es zu einer beschleunigten Assi- setzt, bis der Klient chen Situation befand. Er war versetzt
milation des schmerzlichen Materials in • keine bedeutsamen Assoziationen worden, fühlte sich durch die
eine neue, distanzierte Perspektive mehr hervorbringt, Verantwortung als stellvertretender
kommt (z.B. dass das Erlebnis der • sich ruhig und ausgeglichen fühlt, Zugführer sehr gefordert und litt unter
Vergangenheit angehört). Damit einher • die ursprüngliche Ereigniserinnerung dem konfliktbelasteten Verhältnis zu sei-
geht eine Entladung der belastenden keinen unangenehmen (Körper-) nem Vorgesetzten . Einen erneuten
Affekte und vegetativen Reaktionen und Zustand mehr hervorruft. Einsatz fürchtete er aus Angst, ein ähnli-
es stellt sich eine Generalisierung positi- C. Installation / Verarbeitung ches Erlebnis nicht aushalten zu können.
ver Gedanken über die bis dahin isolier- 7. Zu diesem Zeitpunkt wird eine positive Therapie:
ten Gedächtnisinhalte ein (z.B. „ich bin in Vorstellung mit der Originalszene ge- Obwohl der Patient Schwierigkeiten hatte,
Sicherheit“). Der Klient ist dann fähig, paart, indem der Pat. aufgefordert sich auf die besondere EMDR-Therapie-
traumatische Erinnerungen aufzurufen, wird, die belastende Erinnerung und methode einzustellen kam es schon wäh-
die nun aber keinerlei oder nur geringfü- eine positive Vorstellung (z.B. „ich bin rend der ersten Sitzung zu einer schnel-
gige Belastung mehr erzeugen. Eine cha- in Sicherheit“) im Bewusstsein zu hal- len Abnahme der subjektiven Belastung.
rakteristische Formulierung am Ende ten und dabei wiederum Augen- Die Erinnerungsbilder verblassten und die
eines solchen Verarbeitungsprozesses ist: bewegungen durchzuführen. positive Selbstvorstellung: „Ich habe
„Ich weiß, dass es geschehen ist, aber es 8. Die Prozedur wird solange fortgeführt, getan, was ich konnte“ etablierte sich für
belastet (überflutet) mich nicht mehr.“ bis der Grad der subjektiven Belastun- den Pat. überzeugend. Verzweiflung,
Sie geht meist mit einer deutlichen gen bei dem Pat. deutlich gesunken ist Schuldgefühle und Körperreaktionen
Beruhigung einher. und er gleichzeitig die positive Vorstel- schwanden.

44
Katamnese: Stellenwert, jedoch verschiebt sich der stationäre Therapiesequenzen ergänzt
Der Therapieerfolg stellte sich als stabil Schwerpunkt im Prozess von der werden kann. Eine ambulante Nachbe-
heraus. Der Pat. war 1 Jahr später in der Stabilisierung über die Konfrontation zur treuung wird angeboten oder vermittelt.
Lage, sein Erleben ohne Belastung in ei- Integration. Dabei hat es sich als günstig erwiesen,
nem Fernsehbeitrag darzustellen. Er hatte durch Verlängerung der ambulanten
sich für einen erneuten Einsatz gemeldet Ablauforganisation der Sitzungsintervalle ein behutsames
und fühlte sich diesem gewachsen. Traumatherapie im Ausschleichen zu gewähren. Ein wichti-
Bundeswehrkrankenhaus ger Gesichtspunkt in dieser Phase ist
3. Phase: Trauma-Integration Hamburg der Umgang mit Rückschlägen. Es kommt
ganz wesentlich darauf an, realistische
In dieser Phase kommt es darauf an, die Traumatisierte Soldaten werden in der Erwartungen hinsichtlich der weiteren
Bedeutung des Geschehenen für das Regel durch den Truppenarzt angemeldet. Entwicklung zu unterstützen. Dies ist
eigene Leben zu erarbeiten, daraus neue Besteht eine begründete Annahme, dass besonders bei Traumata mit bleibenden
Perspektiven für die Zukunft zu ent- es sich um eine belastungsbezogene Körperschäden, bei Verlusten (z.B. durch
wickeln und die Bedeutung des Traumas Störung handelt, wird der Betreffende Tod) sowie bei stark veränderten
für das Selbst- und Weltbild zu überden- direkt einem Traumatherapeuten vorge- (eingeschränkten) Lebensperspektiven
ken. Lebensplanungen, berufliche und stellt, der dann abklärt, ob der Fall.
familiäre Folgen werden im Gespräch • die Aufnahme zu einer stationären
erörtert und Angehörige soweit wie mög- Therapie Eigene Erfahrungen im
lich einbezogen. • eine ambulante Kurzintervention Bundeswehrkrankenhaus
In der Integrationsphase wird versucht, (2-6 Termine) Hamburg
die Vermeidung in einem weit allgemei- • eine einmalige Diagnostik mit inte-
neren Sinne aufzulösen. Während die grierter Beratung Wir haben seit 1994 praktisch-therapeu-
Vermeidungsreaktion darauf abzielt, das angemessen ist. tische Erfahrung mit ca. 200 Patienten
Trauma aus dem Leben zu verbannen gewonnen, die wir bis jetzt stationär un-
(mit dem paradoxen Ergebnis, dass es Im stationären Setting hat es sich be- tersucht und behandelt haben. Darüber
gerade deshalb nicht weicht), zielt die währt, die Patienten zu einem einwöchi- hinaus wurde in dieser Zeit eine große
Traumatherapie auf Integration der trau- gen diagnostischen Aufenthalt einzube- Anzahl von PTBS-Patienten ambulant
matischen Erfahrung in das Leben des stellen. Dabei wird den diagnostischen untersucht, zur Therapie weitervermittelt
Opfers. Dabei muss der Pat. darin unter- Maßnahmen der therapeutische Aufwand oder begutachtet.
stützt werden, Verlust zu akzeptieren, abgeschätzt, der Aufbau einer belastba-
Trauer zuzulassen, neuen Sinn zu finden, ren Vertrauensbeziehung eingeleitet, Anfänglich spielten die einsatzbedingten
Vergebung und Selbstvergebung Raum zu sowie das Krankheitsmodell erklärt. Der psychischen Störungen zahlenmäßig nur
geben, neue Verhaltensweisen zu erler- Betroffene erhält eine Einweisung in das eine untergeordnete Rolle. Seit Beginn
nen etc. therapeutische Vorgehen. Für die eigent- des Kosovo-Einsatzes im Juni 99 hat
Selbstverständlich werden die drei liche Therapiephase wird ein ca. dieser Anteil aber deutlich zugenommen
Hauptphasen der Traumatherapie nicht 6-wöchiger Aufenthalt eingeplant, der je und in den ersten 4 Monaten 2000
linear durchlaufen. Alle drei Aspekte nach Therapieverlauf verkürzt, verlängert haben wir mehr einsatzbedingte psychi-
haben zu jeder Zeit im Prozess einen oder durch eine oder mehrere weitere sche Störungen gesehen als insgesamt
in den 5 Jahren zuvor. Fast alle 53 ein-
satzbedingten PTBS-Fälle des Jahres


2000 stammten aus dem Kosovo-Einsatz.
Traumbedingte psychische Störungen BwK HH 1995 - 2000 (Abb. 2)

60 Obwohl die Situation im Kosovo stabiler


53
geworden ist als zu Beginn der Invasion,
50 ist auch weiterhin mit einer hohen Pati-
42
40 entenzahl zu rechnen, da die psychotrau-
Patientenzahl

matische Störungen erst mit einer


30 Latenz von Monaten bis Jahren auftreten
21
18 16 können, bzw. Betroffene sich erst mit
20 14
13 10 großer Verzögerung in Behandlung
10 3 begeben.
1 2
0
1995 1996 1997 1998 1999 2000 Die Therapiedauer ist sehr unterschied-
lich und variiert zwischen wenigen The-
einsatzunabhängig einsatzbedingt rapiestunden und monatelanger statio-
närer Behandlung. (Abb. 3)
Abb. 2
45
› Durchschnittliche Therapiesitzungen und Traumatyp1

40
wird dieser mit den Worten zitiert: „Der
Zorn, die Wut, der Schmerz und die kalte
Einsamkeit, die einen von der Familie,
Freunden und von der täglichen Routine
Anzahl Sitzungen

30 der Gesellschaft trennen, sind so macht-


voll, dass die Option, sich selber zu zer-
20
stören, real und attraktiv ist.“ Weiter
10 heißt es: „In Kanada beginnt man zu
begreifen, welchen Preis die Friedens-
0
soldaten für ihren Einsatz gezahlt haben.
1995 1996 1997 1998
Die Armee steckt mehr Geld in Thera-
Trauma Typ I Trauma Typ II piekliniken, die den seelisch verwundeten
Soldaten helfen sollen ...“ Mittlerweile
Abb. 3 haben die Kanadischen Streitkräfte über
das Land verteilt 5 Traumazentren einge-
richtet.
Eine geplante Evaluierung in einer Thera- tierung nur unzureichend eingerichtet
piestudie steht noch aus, kann aber mo- sind. Dies betrifft sowohl Ausbildung und
mentan aufgrund der nicht ausreichen- Anzahl des Personals als auch Art und Unsere Bemühungen zielen darauf, den
den personellen Ausstattung nicht durch- Gestaltung der räumlichen Gegeben- deutschen Soldaten, die traumatisiert aus
geführt werden. heiten. dem Einsatz zurückkehren effektive Hilfe
In einem Bericht (Süddeutsche Zeitung, dabei zu leisten, in die „Normalität“
Traumatherapie ist eine sehr zeit- und 2000) über das Schicksal des kanadi- zurück zu finden. Die bisherigen Erfah-
personalintensive Arbeit, für die die psy- schen Oberbefehlshabers der UN-Mission rungen belegen, dass dies möglich ist,
chiatrischen Abteilungen der Bundes- in Ruanda, General Dallaire, der schwer wenn die notwendige personelle, materi-
wehrkrankenhäuser mit ihrer traditionell psychisch traumatisiert dienstlich und elle und organisatorische Unterstützung
diagnostisch-gutachterlichen Orien- privat nicht wieder Fuß fassen konnte, gewährleistet wird.

1
Typ-I-Traumen sind kurzdauernde traumatische Ereignisse, die meist durch akute Lebensgefahr, Plötzlichkeit und Überraschung gekennzeichnet sind.
Typ-II-Traumen sind längerdauernde, wiederholte Traumen mit Serien verschiedener traumatischer Einzelereignisse und geringer Vorhersagbarkeit des weiteren
traumatischen Geschehens.

› Literatur
Fischer, G., Riedesser, P. (1998): Lehrbuch der Psychotraumatologie, UTB (Reinhardt) München .

Fischer, G., (2000) Mehrdimensionale Psychodynamische Traumatherapie: MPTT, Asanger, Heidelberg.

Flatten et. al. (Hrsg) (2001) Posttraumatische Belastungsstörung, Reihe Leitlinien Psychosomatische Medizin und Psychotherapie,
Schattauer, Stuttgart.

Heiland, T., Maercker A. (2000) Konfrontation und kognitive Umstrukturierung – Kognitive VT in der Verarbeitung von Gewalterfahrungen,
Psychotherapie im Dialog 1 , 21-27.

Hofmann, A. (1999) EMDR in der Therapie psychotraumatischer Belastungssyndrome, Thieme Stuttgart.

Maercker A. (Hrsg.) (1997) Therapie der posttraumatischen Belastungsstörungen. Springer, Berlin.

Mitchell, J. T. & Everly G. S. (1998). Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen. Stumpf und Kossendey, Edewecht.

Reddemann, L., (2001) Imagination als heilsame Kraft, Reihe: Leben lernen 141, Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart.

Reddemann, L., Sachsse, U. (1997) Stabilisierung, Persönlichkeitsstörungen 1997 ; 3 : 113 – 147 .

Shapiro, F. (1998a) EMDR – Grundlagen und Praxis, Junfermann, Paderborn.

Shapiro, F. (1998b) EMDR in Aktion, Junfermann, Paderborn.

Shay, J. (1998) Achill in Vietnam: Kampftrauma und Persönlichkeitsverlust, Hamburger Edition HIS, Hamburg.

Süddeutsche Zeitung vom 10.August 2000, Seite 8

46
Auswirkungen von
Stress und
Traumatisierungen
bei Soldaten der Bundeswehr

Karl-Heinz Biesold, Klaus Barre

Kurzfassung
In der Abteilung Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg beschäftigen wir uns seit Beginn der
internationalen Einsätze in Kambodscha, Somalia und jetzt auf dem Balkan schwerpunktmäßig mit der Diagnostik und Therapie einsatzbe-
dingter psychischer Störungen. Dabei handelt es sich vom Erscheinungsbild und Verlauf her um vielgestaltige Krankheitsbilder. Sie äußern
sich nicht nur in der Symptomatik, die in der ICD-10 als Posttraumatische Belastungsstörung beschriebenen ist. Es treten zahlreiche
Symptomüberlappungen, bzw. Komorbiditäten mit anderen psychiatrischen Erkrankungen auf. Die differentialdiagnostischen Probleme wer-
den erörtert und ein neurophysiologisches Modell vorgestellt.

Einleitung Fronten rivalisierender Gruppen. Nicht sel- Folge kommt es u.U. zur Entwicklung einer
ten schlagen ihnen Ablehnung und Hass seelischen Störung, die sich schleichend
Die besonderen Bedingungen friedens- entgegen. (bei Dauerbelastung) oder akut (bei
schaffender oder -sichernder internationa- Aber auch im Heimatland treffen Soldaten Extremerlebnissen) entwickeln kann. Sie
ler Einsätze im Rahmen von UN- und der Bundeswehr oft auf Zweifel, Unver- tritt nicht selten verzögert auf und entfal-
NATO-Missionen stellen außergewöhnliche ständnis, Gleichgültigkeit, ja Ablehnung tet ihre schädigende Wirkung möglicher-
Anforderungen an die Soldaten der ihres Einsatzes. Nicht einmal bei den eige- weise auch dann weiter, wenn der Einsatz
Bundeswehr. Sie werden mit Leichen und nen Kameraden zu Hause können sie oder das schädigende Ereignis längst vor-
Verstümmelungen, mit Chaos und Zer- immer auf Verständnis zählen, da die ihre bei sind.
störung, unklaren Konfliktlagen, evtl. Arbeit in den Heimatverbänden mit erledi-
Gefangenschaft, mit fremden Kulturen, gen mussten. Sie waren deshalb oft genug Im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg
langdauernder Trennung von zu Hause, ebenfalls stark belastet, ohne dafür öffent- (BwK HH) haben wir seit 1994 kontinuier-
permanenter Überforderung aber auch liche Anerkennung in der Presse, Orden lich einen Behandlungsschwerpunkt für
Langeweile und Unterforderung konfron- oder eine besondere Bezahlung zu erhal- psychotraumatische Störungen mit einem
tiert. Oft und nicht zuletzt besteht die ten. Und auch die eigene Partnerin oder spezifischen Therapieangebot aufgebaut.
Belastung in dem Gefühl totaler Hilflosig- die Familie können manchmal kaum ver- Die Behandlungserfahrungen machten
keit gegenüber Not und Elend im Einsatz- stehen und akzeptieren, was der Einzelne deutlich, dass herkömmliche Kriseninter-
land (Wothe, 2001; Weerts, 2001). erlebt und wie sehr ihn dies verändert hat. ventionsmaßnahmen und allgemeine
Gesellschaftlicher Auftrag (humanitärer In kurzfristigen oder länger dauernden Psychotherapie oft nicht ausreichen, um
Einsatz) und persönliche Motivation (hel- Extremsituationen wird die Fähigkeit zur schwer traumatisierten Menschen ange-
fen wollen) stehen mitunter in deutlichem Belastungsverarbeitung von Menschen oft messen und wirksam zu helfen. Es war
Gegensatz zu Einstellung und Haltung der überfordert, eine intensive, überwältigende deshalb erforderlich, spezifische trauma-
Bevölkerung in den Hilfsgebieten. und desorganisierende Erfahrung bzw. therapeutische Kompetenz zu erwerben
Manchmal werden die Soldaten als Be- Erleben zerstört Orientierungen und halt- und im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg
satzer gesehen oder geraten zwischen die gebende Selbst- und Weltbilder. In der zu etablieren.

47
› Faktoren bei der Entwicklung posttraumatischer
psychischer Prozesse
posttraumatische Belastungsstörung ent-
wickelt, ist von verschiedenen Faktoren
abhängig, die den Heilungsprozess för-
dern oder behindern können. Sowohl
Ereignisfaktoren Risikofaktoren
traumaabhängige, wie auch persönliche
• Traumaschwere • Alter zum Zeitpunkt der Traumatisierung und insbesondere soziale Faktoren spie-
• Unerwartetheit (sehr jung, sehr alt)
len dabei eine Rolle (Maercker, 1997).
• mangelnde Kontrollierbarkeit • frühere belastende Erfahrungen
• peritraumatische Dissoziation • frühere psychische Störungen (Abb.1)
• niedrige sozioökonomische Schicht
Ereignisfaktoren:
Die Schwere des Traumas und das Aus-
- Posttraumatische -
maß der Folgen stehen in direktem Zu-
psychische Prozesse
sammenhang (Dosis-Wirkungs-Bezie-
hung). Die Unerwartetheit oder Plötzlich-
+
keit ist ein weiterer Faktor, dessen nega-
Schutzfaktoren tive Bedeutung für die Entstehung von
PTBS in der Literatur gut belegt ist. Der
• Kohärenzsinn
• soziale Unterstützung Verlust der Kontrollierbarkeit, das heißt
• Bewältigungsprozesse das Gefühl, während des Traumas völlig
modifiziert nach A. Maercker ausgeliefert zu sein und die Autonomie
Abb. 1 verloren zu haben, verschlechtert die
Prognose des Verarbeitungsprozesses
ebenfalls. Auch das Auftreten bzw. die
Diagnostik Die akute Belastungsreaktion Ausprägung peritraumatischer Dissozia-
tionen korrelieren mit dem Risiko eine
Differentialdiagnostisch müssen wir un- Zunächst kommt es nach einem „Psycho- PTBS zu entwickeln.
terscheiden zwischen einsatzbedingten trauma“ häufig zu einer vorübergehen-
psychischen Störungen, entstanden durch den Störung von beträchtlichem Risikofaktoren:
die allgemeinen Stressoren des Einsatzes Schweregrad. Auch bei einem psychisch Jugendliches und sehr hohes Lebensalter,
und den psychotraumatischen Störungen gesunden Menschen entwickelt sie sich frühere belastende Erfahrungen, psychi-
im engeren Sinne, die an das Erleben be- als „Extrem-Stress-Reaktion“ auf die atrische Störungen in der Vergangenheit
sonders belastender Ereignisse gebunden außergewöhnliche Belastung. Es tritt ein sowie niedrige sozioökonomische
sind. gemischtes und gewöhnlich wechselndes Schichtzugehörigkeit sind Risikofaktoren,
Bild auf: nach dem anfänglichen Zustand die die Folgen der Extrembelastungen
In der Internationalen Klassifikation psy- von „Betäubung“ werden Depression, verstärken, bzw. ihnen erst zur Mani-
chischer Störungen der Weltgesundheits- Angst, Ärger, Verzweiflung, Überaktivität festation verhelfen.
organisation ICD-10 (International und Rückzug beobachtet. Diese Reaktion Ob vor dem Trauma bestehende Persön-
Classification of Diseases) von 1991 sind klingt meist ohne weitere Maßnahmen lichkeitseigenschaften, bzw. -merkmale
die „Reaktionen auf schwere Belastungen innerhalb von Stunden oder Tagen wieder eine Rolle spielen, bzw. einen Prädiktor
und Anpassungsstörungen“ in der Kate- ab, was man als eine Art für die Entwicklung von PTBS darstellen,
gorie F 43 erfasst (Dilling et al., 1991). „Selbstheilungsprozess“ versteht (Fischer ist wiederholt untersucht worden, ohne
Zu diesen Krankheitsbildern wird einlei- & Riedesser, 1998). dass sich Hinweise für diese Annahme
tend ausgeführt: „Zusammen gefasst Untersuchungen zum Spontanverlauf von ergeben haben. Nach Untersuchungen
handelt es sich um Reaktionen, die als psychischen Traumatisierungen haben des Psychologischen Instituts der Uni-
direkte Folge einer akuten schweren Be- gezeigt, dass nach einer Woche noch versität Köln und des Deutschen Instituts
lastung oder eines kontinuierlichen Trau- 94% der Betroffenen Symptome zeigten, für Psychotraumatologie (DIPT) an Ge-
mas entstehen. Das belastende Ereignis es dann aber im Verlauf der ersten 3 – 6 waltopfern ist der „Kölner-Risiko-Index“
oder die andauernde bedrohliche Situa- Monate bei Zweidrittel bis Dreiviertel – Bewertungsbogen entwickelt worden,
tion sind der primäre und ausschlagge- ohne therapeutische Maßnahmen zu der Ereignis- und Risikofaktoren erfasst
bende Kausalfaktor, und die Störung einer Besserung kam und danach die und der Früherkennung besonderer
wäre ohne seine Einwirkung nicht ent- Zahl der symptomatischen Fälle fast sta- Risikogruppen dient, die später nach
standen.“ bil blieb. Dies sind die Fälle, die den einer akuten Belastungsreaktion eine
Es werden folgende Reaktionsbilder psychotraumatologisch tätigen PTBS entwickeln. Hier wird von 1/3
unterschieden: Psychotherapeuten beschäftigen. Risikopatienten, 1/3 Selbsterholern und
1/3 Wechseltypen gesprochen (Fischer &
F 43.0 akute Belastungsreaktion und Der weitere Verlauf, d.h. ob es zu einer Becker-Fischer & Düchting, 1998). Es
F 43.1 posttraumatische Stabilisierung im psychischen Befinden laufen zur Zeit im Auftrag des Psycho-
Belastungsstörung (PTBS) . des Betroffenen kommt oder ob sich eine logischen Dienstes der Bundeswehr ent-

48
sprechende Untersuchungen zur T. Mitchell durchführen können (Mitchell Phase wieder ab. Es kann sich als verzö-
Erstellung eines Risiko-Fragebogens für & Everly, 1998). Die Effektivität dieser gerte oder protrahierte Reaktion auf das
Soldaten, um danach differenzierte frühe CISM-Maßnahmen ist derzeit allerdings belastende Ereignis eine Posttraumati-
Interventionsmaßnahmen zu entwickeln. wissenschaftlich umstritten, da es an- sche Belastungsstörung entwickeln.
geblich nicht ausreichend zielgruppenori- Unserer Erfahrung nach treten Symptome
Schutzfaktoren: entiert durchgeführt werden könne und nicht selten erst nach vielen Monaten,
Der Kohärenzsinn, d.h. die Fähigkeit, das bei 5% der Teilnehmer sogar zu einer gelegentlich auch erst nach vielen Jahren
Geschehene geistig einordnen, verstehen Verschlechterung des Befindens führe. auf.
und ihm einen Sinn geben zu können, Eine nachweisbare PTBS-prophylaktische Abgesehen davon versuchen die Betrof-
hat einen günstigen Einfluss darauf, Wirkung bestehe nach bisherigen Un- fenen oft lange Zeit mit ihren Problemen
Extrembelastungen ohne psychische tersuchungen nicht. Dennoch werden (Symptomen) alleine klar zu kommen. Sie
Störungen zu überstehen. Auch der Grad zunehmend solche CISM-Maßnahmen für haben Angst als „verrückt“ zu gelten,
sozialer Unterstützung ist maßgeblich, Opfer und Helfer bei Katastrophen von wissen oft auch gar nicht, dass es Thera-
wenn es darum geht, das Risiko PTBS zu der Öffentlichkeit und den Betroffenen piemöglichkeiten gibt, sodass sie erst
entwickeln gering zu halten. Mit selbst gefordert, zumindest wenn bei verzögert um Hilfe nachsuchen. Die
Bewältigungsprozessen, die ebenfalls Großschadensereignissen Individual- Leiden spielen sich dann oft im Verbor-
Schutzfaktoren sind, sind die Fähigkeit versorgung nicht möglich ist. genen und wenig spektakulär ab.
und Möglichkeit über das Trauma zu Schamgefühle und Sprachlosigkeit auch
reden, Arztbesuche oder andere Hilfe in Da die Erfahrungen aus der Untersuchung im sozialen Umfeld (Familie / Kame-
Anspruch zu nehmen gemeint. von Gewaltopfern gezeigt haben, dass radenkreis) erschweren die Integration in
frühe Interventionen (Einzeltherapie) die „Normalität“. Häufig folgt eine
Nach jetzigen Erkenntnissen scheint der ausgewählten Risikopatienten hilft, ist es Ausgrenzung aus dem beruflichen und
Verlauf vor allem auch von den getroffe- wichtig, solche Risiko-Gruppen zu erken- familiären Leben, Dienstunfähigkeit,
nen Erstmaßnahmen abhängig zu sein. nen. Zusätzlich stellt sich dann natürlich eventuell Flucht in Alkohol oder Drogen
Zur frühzeitigen Intervention (early inter- auch die Frage, welche Interventionsform als Selbstbehandlungsversuch und damit
vention) nach belastenden Ereignissen, zu welchem Zeitpunkt effektiv ist und schließlich auch noch die moralische
die bei der Bundeswehr ja nicht nur im unter welchen Bedingungen die Abwertung durch das soziale Umfeld. Die
Rahmen der Auslandseinsätze auftreten Maßnahmen stattfinden sollen. Suizidrate ist unter psychisch Trauma-
können, sondern z.B. auch bei inländi- tisierten deutlich erhöht.
schen Katastrophen (z.B. Helfer beim Die posttraumatische
ICE-Unglück von Eschede), wurden Belastungsstörung (PTBS) Um den Begriff des Traumas nicht infla-
Einsatznachbereitungsgruppen (ENG) tionär für jeden Zwischenfall zu benut-
gebildet, die mit Betroffenen Debriefings Selbst bei optimaler Erstversorgung zen, definiert die ICD-10 es als „eine
auf der Basis des Critical-Incident- Psychotraumatisierter klingen nicht alle Situation außergewöhnlicher Bedrohung
Stress-Management (CISM) nach Jeffrey Belastungsreaktionen nach ihrer akuten für die Sicherheit oder körperliche Unver-
sehrtheit des Betroffenen oder anderer
Personen, die bei fast jedem eine tiefe

› Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörungen

Wiedererinnerung (Intrusion)
Verstörung hervorrufen würde (Katastro-
phen, Kampfhandlungen, schwere
Unfälle, Zeuge gewaltsamen Todes, Opfer
von Folterung, Terrorismus, Vergewal-
• Wiederholte aufdrängende Erinnerung oder Wiederinszenierungen der Ereignisse tigung)“.
in Gedächtnis (Nachhallerinnerungen, flashbacks), Tagträumen oder Träumen Prämorbide Faktoren können den Verlauf
beeinflussen, sind aber weder nötig noch
ausreichend, um das Auftreten der Stö-
Erhöhtes Erregungsniveau
rung zu erklären. D.h. jeder auch psy-
• Zustand erhöhter vegetativer Übererregbarkeit mit Vigilanzsteigerung,
chisch stabile, gesunde Mensch kann da-
übermäßiger Schreckhaftigkeit und Schlaflosigkeit
von betroffen werden, unabhängig von
Dienstgrad, Vorbildung, Ausbildung und
Rückzug (Konstriktion) allgemeiner psychischer Belastbarkeit,
• Andauerndes Gefühl von Betäubtsein und emotionaler Stumpfheit, Gleich- wenn die traumatischen und peritrauma-
gültigkeit und Teilnahmslosigkeit gegenüber anderen Menschen, Anhedonie tischen Verhältnisse entsprechend über-
• Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die Erinnerungen an das
wältigend sind.
Trauma wachrufen können,
• Angst und Depressionen mit Suizidgedanken, Alkoholmissbrauch und
Drogenkonsum Typisch für die PTBS ist die Symp-
• akute Ausbrüche von Angst, Panik, Aggression, ausgelöst durch tomtrias: Wiedererinnerung, erhöhtes
Erinnerung / Wiederholung des Traumas, sog. triggern Erregungsniveau und Rückzug.
(Abb.2)
Abb. 2
49
Unbehandelt bleiben bei ungefähr der aller psychiatrischen Patienten auftreten, starken Gefühlen belastet sind. Sie sind
Hälfte der PTBS-Patienten die Symptome fast alle durch psychische zeitlich, räumlich, inhaltlich geordnet
länger als 1 Jahr bestehen, bei einem Traumatisierungen verursacht sind und bilden eine „kognitive Weltkarte“
Drittel (das sind 10% aller Traumatisier- (Fiedler, 2001). und stehen für weitere Planungs- und
ten) mehr als 10 Jahre. Nach amerikani- Entscheidungsprozesse zur Verfügung.
schen Untersuchungen litten noch 15 Neurophysiologie des Im Moment der Traumatisierung kommt
Jahre nach Ende des Vietnamkrieges so- Traumas es nun zu einer akuten Reizüberflutung
gar die Hälfte der 1 Million traumatisier- des Gehirns mit massiver Aktivierung
ten amerikanischen Soldaten unter dem Es ist schon lange bekannt, dass psychi- noradrenerger und corticotroper Systeme
Vollbild einer PTBS (Kulka, 1990). sche Traumatisierungen sowohl eine psy- sowie endogene Opiate produzierender
chische als auch eine organische Genese Systeme, die den kontinuierlichen Zu-
Die klinischen Erscheinungsbilder trau- haben (Physioneurosis) (Kardiner, 1941), strom auch solcher eintreffender Infor-
mabedingter Störungen sind vielfältig was sich heute durch den Nachweis neu- mationen unterbrechen, die für das
und gehen über die oben genannte robiologischer und endokrinologischer Überleben der erlebten akuten Lebens-
Symptomkonstellation der „klassischen“ Veränderungen belegen lässt. gefahr wichtig sind. Die Spätfolgen der
PTBS hinaus. Die Symptomatologie kann Die normale Informationsverarbeitung im Reizüberflutung und Unterbrechung des
sich im Laufe des traumatischen Gehirn geschieht durch ständige Informationsstroms – das ist die Wunde
Prozesses und der Verarbeitung des Filterung der Hunderte Millionen von nach einer seelischen Traumatisierung –
Traumas ändern. Nach dem zunächst Impulsen, die pro Minute das Gehirn aus zeigen sich in Form der PTBS-Symptome.
vorliegendem typischen Bild einer PTBS der sensorischen Peripherie erreichen. Im Die Informationsverarbeitungsprozesse
kann dann z.B. vorübergehend eine Thalamus erfolgt eine Wertung in wich- werden blockiert. Die sensorische Infor-
Angstsymptomatik oder eine Depression tig und unwichtig und nur ein kleiner Teil mation, die auch während eines trauma-
im Vordergrund stehen oder eine der Informationen erreicht den Kortex tischen Ereignisses in der Schaltstelle des
Suchtproblematik auftreten. Man muss bzw. das Bewusstsein. Die Zuordnung der Thalamus zum Mandelkern weitergeleitet
also daran denken, dass sich auch hinter Wichtigkeit – das Setzen der Reiter auf wird, bleibt im Umfeld dieses Erinne-
zahlreichen anderen psychiatrischen die Info-Karteikarte – erfolgt im rungssystem praktisch „stecken“. Sie kann
Krankheitsbildern durch ein Psycho- Mandelkern (Amygdala). Die gefilterten deshalb nicht in die weiteren Verarbei-
trauma verursachte Störungen verbergen Informationen werden dann in den sen- tungsmöglichkeiten des Hippocampus
können. Die Komorbiditätsrate mit ande- sorischen kortikalen Arealen modalitä- und Frontalhirns einbezogen, deshalb zu
ren psychischen Störungen, insbesondere tenspezifisch verarbeitet, werden aber keiner „konstruktiven Erfahrung“ verar-
mit Depressionen, Angsterkrankungen nach kurzer Zeit durch neu eintreffende beitet werden (van der Kolk, 2000;
und Sucht, beträgt fast 90%. Informationen überschrieben. Nur wenige Hofmann, 1999).
wichtige Informationen werden über das (Abb.3)
Mittlerweile ist auch erwiesen, dass dis- „hippocampale“ Erinnerungssystem
soziative Störungen, die bei 5 – 15 % gespeichert, wo sie aber nicht mehr mit Durch diese Blockierung wird der gespei-
cherten traumatischen Erinnerung keine
Zeit- und Raumachse beigefügt. Der


Betroffene erlebt die flash-backs nicht
Informationsverarbeitungsblockade bei psychischer wie Erinnerungen, sondern wie das akute
Durchleben einer noch bestehenden Ge-
Traumatisierung
fahrensituation, verbunden mit allen da-
frontaler Kortex zugehörigen Ängsten, vegetativen Reak-
(sensorische und tionen und Emotionen. Für ihn ist die
kognitive Integration) traumatisierende Situation nicht vorbei,
sobald erinnernde Umstände fragmen-
Hippocampus Amygdala Emotionale
tierte Informationen „triggern“. Es fällt
Bedeutung
Zuordnung von den Betroffenen deshalb so schwer, das
Signifikanz Erlebte „hinter sich zu lassen“, es in
„kognitive Weltkarte“ einen biographischen Kontext einzufü-
gen, wie man Bilder in ein Fotoalbum
ordnen würde um sie anzuschauen,
„Filter“ für wenn man will. Weiterhin scheint gesi-
Thalamus sensorische chert, dass das traumatische Gedächtnis
Informationen
nach dem „Alles-oder-Nichts“-Prinzip
Visuell akustisch arbeitet. Traumatische Erinnerungen wer-
Psychotrauma olfaktorisch
den niemals gelöscht. Die Zeit allein heilt
kinästhetisch
Reiz gustatorisch keine Wunden! Der Blick auf das Erlebte
kann aber spontan oder durch geeignete
Abb. 3
50
therapeutische Maßnahmen in eine hei- dass chronischer Stress zu neuronalen im Gyrus cinguli und in der Amygdala
lende, konstruktive Perspektive gerückt Zelluntergängen mit einer hippocampa- eine Erhöhung und linkslateral, insbeson-
werden. len Atrophie (5-26% Volumenvermin- dere in der Broca-Region eine
derung) führt (Hippocampus = Ort kom- Verminderung (Ehlert, 1999).
Traumaopfer zeigen auch entsprechende plexer Lernvorgänge: Zuordnung emotio-
messbare psychobiologische Verände- naler Bedeutungen zu Ort und Stimuli).
rungen der Hypothalamus-Hypophysen- Unter Nutzung der Positronen-Emissions-
Nebennieren-Achse (HHNA), des norad- Tomographie (PET) lässt sich der regiona-
renergen Systems (Arousals / Schlaf- le cerebrale Blutfluss (rCBF) messen. Er
störungen) und der endogenen Opiate. zeigt bei PTBS-Patienten unter
MRT-Untersuchungen haben gezeigt, Provokationsbedingungen rechtslateral

› Literatur
Dilling, H.& Mombour, W. & Schmidt, M.H. (Hrsg) (1991). Internationale Klassifikation psychischer Störungen ICD-10 Kapitel V (F)
Klinisch-diagnostische Leitlinien. Weltgesundheitsorganisation. Bern: Huber.

Ehlert, U. (1999). Psychobiologische Aspekte der PTBS, Nervenarzt 70: 773-779

Fiedler, P. (2001). Dissoziative Störungen und Konversion. Weinheim: Beltz.

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Kölner Opferhilfe Modell (KOM).Hrsg.: Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen.

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Kulka, R.A.& Schlenger, W.E.& Fairbank, J.A. et al. (1990). Trauma and the vietnam war generation. New York: Brunner & Mazel

Maercker A. (Hrsg.) (1997). Therapie der posttraumatischen Belastungsstörungen. Berlin: Springer.

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van der Kolk, B.A. & Mc Farlane, A.C.& Weisaeth, L. (Hrsg.) (2000). Traumatic stress, Paderborn: Junfermann.

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Wothe, K. (2001). Belastungsfaktoren im Einsatz. In K. Puzicha, D. Hansen & W. Weber (Hrsg.), Psychologie für Einsatz und Notfall
(S.65-71). Bonn: Bernard & Graefe Verlag.

51
Organisation des
Critical Incident
Stress Managements
in der Bundeswehr*

Wolfgang W. Weber

Kurzfassung

Mit Beginn der Unterstützung von Auslandseinsätzen verstärkte sich der Bedarf an primären Interventionsmaßnahmen, um die Belastung
betroffener Soldaten zu minimieren. Nach der Analyse nationaler und internationaler Modelle bzw. Vorgehensweisen entschied sich der
Bundesminister der Verteidigung zur Anpassung des Critical Incident Stress Managements nach Mitchell und Everly an die nationalen
Bedürfnisse.
Nach einem kurzen Rückblick auf die Entscheidungsgründe werden die bisher realisierten Stationen und ihre organisatorische Einbettung
in bestehende Strukturen der Bundeswehr erläutert und aktuelle wissenschaftliche Begleituntersuchungen dargestellt.
Bisherige Erfahrungen aus Einsätzen im In- und Ausland werden angesprochen.

1 Einleitung derartig Betroffenen dient dem Erhalt Als Effekte der Krisenintervention stellen
bzw. der Wiederherstellung der individu- die Autoren heraus, dass das Verfahren
Schon immer haben sich Menschen um ellen Integrität, der Erlebnis- und Hand- die Würde des Individuums stärke, es
diejenigen gekümmert, die von einem lungsfähigkeit sowie der Vermeidung von sich positiv auf die Funktionsfähigkeit
besonders schlimmen Ereignis, dem Tode Spätschäden. Die systematischen Maß- der betroffenen Gruppe auswirke und zu
eines Angehörigen, einem Unfall etc. nahmen, die in einem unmittelbaren Zu- einer raschen Wiederherstellung der Ein-
betroffen waren. Die Hilfe bzw. Unter- sammenhang mit der Bewältigung eines satzfähigkeit der betroffenen Soldaten
stützung folgt in der Regel bestimmten solchen kritischen Ereignisses stehen, führe. Psychologische Krisenintervention
Formen und ist häufig (z.B. durch Tragen werden im Folgenden unter dem Begriff im zivilen Umfeld (z.B. bei der Polizei, der
von Trauerkleidung) ritualisiert. Zur des ‚Critical Incident Stress Management’ Feuerwehr, Rettungs- und Notfalldien-
Gruppe der von einem Extremereignis (CISM) zusammengefasst und betrachtet. sten) erfuhr den Durchbruch mit der Ver-
besonders Betroffenen gehören nicht nur Nach hiesiger Kenntnis wird eine syste- öffentlichung von Mitchell (1983).
Opfer und Zeugen eines solchen Gesche- matische Krisenintervention in der Mili-
hens sondern auch die Helfer. In militäri- tärliteratur erstmalig durch Kardiner & 2 Critical Incident Stress
schem Kontext könnten die „Rollen“ kon- Spiegel (1947) beschrieben. Diese Auto- Management (CISM) in der
kret so aussehen: Ein Soldat, der in ren sprechen im Hinblick auf den Zeit- Bundeswehr
Kampfhandlungen verwickelt ist, wird punkt der Anwendung und der Ausge-
verwundet. Ein anderer wird Augenzeuge, staltung zu applizierender Maßnahmen Die Unterstützungsmaßnahmen für be-
wie sein Kamerad getötet wird. Ein Drit- von einem ‚PIE‘–Modell. Dabei stehen die sonders belastete Soldaten der Bundes-
ter wird dadurch extrem belastet, dass er einzelnen Buchstaben P für proximity wehr sind in die Vorgaben des ‚Rahmen-
die Leichen seiner Kameraden bergen (Nähe zum Ereignis), I für immediacy konzept zur Bewältigung psychischer
muss. (Unmittelbarkeit) sowie E für expectancy Belastungen bei Soldaten’ eingebunden.
Psychologische Krisenintervention bei (Art, Form und Ziel der Unterstützung). Es gilt für den Gesamtbereich der Streit-

* Vortrag gehalten auf dem dreitägigen Fachseminar Posttraumatische Belastungsstörung vom 08.-10. Oktober 2001 in der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont. 53
› Das Rahmenkonzept zur Bewältigung Psychischer Belastungen
bei Soldaten
zur Entlastung der Truppe im Einsatz in
Bundeswehrkrankenhäusern durchge-
führt.
Die Einsatznachbereitung, die Phase III,
Grundsätze
konzentriert sich sowohl auf den kogni-
Bewältigung psychischer Belastungen von Soldaten tiven und auch emotionalen Abschluss
des Einsatzes, der mit ihm verbundenen
Phase I Phase II Phase III
Einsatzvorbereitung Einsatzdurchführung Einsatznachbereitung Erlebnisse und Erfahrungen als auch auf
das Erkennen und Behandeln von Folge-
Zu erwartende Erkennen akuter Reintegration schäden, z.B. posttraumatischen Störun-
Belastungen psych. Belastungen gen. In Reintegrationsseminaren (Pflicht-
Erkennen und Behandeln
teilnahme) sollen die am Einsatz beteilig-
Streß Training Sofortmaßnahmen/ von Folgeschäden (PTSD)
Erfassung d. Sold. ten Soldaten in ihren gewachsenen
Kameradschaften Gelegenheit finden,
Ebene 1 Ebene 2 Ebene 3 den Einsatz mental abzuschließen, den
Selbst-/Kameradenhilfe TrPsych; TrArzt; Sozial- Fachärzte Sinn des Einsatzes, den individuell erleb-
Vorgesetzte/ dienst; MilSeelsorge klinische Psychologen ten Erfolg und Misserfolg sowie ihr ggf.
ausgebildete Kameraden verändertes soziales Umfeld für sich
selbst und in der Gruppe zu reflektieren,
Abb. 1 um sich abschließend auf die Aufgaben
ihrer jeweiligen Stammeinheiten einzu-
stimmen.

kräfte, d.h. die vier Teilstreitkräfte Heer, Ebene 1: 3 Grundsätze


Luftwaffe, Marine und Sanitätsdienst. Ebene 1 ist die Selbst- und Kameraden-
Aktuell liegt es in seiner neuesten Fas- hilfe, die Unterstützung durch Vorgesetz- Die fachlichen Grundsätze des CISM
sung vom März 2000 vor. Es wird konti- te und/oder durch ausgebildete Kamera- werden in einem Konzept (Medizinisch-
nuierlich überprüft und fortgeschrieben. den (Peers). Psychologisches Stresskonzept der Bun-
Im Konzept werden drei Phasen eines deswehr) zusammengefasst, das das
Einsatzes angesprochen, in denen unter- Ebene 2 Zusammenwirken ärztlicher und psycho-
schiedliche Unterstützungsangebote vor- Je nach Lage und zu erwartender Belas- logischer Fachkräfte beschreibt und da-
gesehen sind. Diese gliedern sich wiede- tung wird eine Informationsqualität mit auch festlegt. Es ist entlang der
rum in jeweils drei qualitativ unter- gefordert, die durch den Truppenarzt, den durch das Rahmenkonzept zur Bewälti-
schiedliche Ebenen fachlicher Qualifika- Truppenpsychologen, den Sozialdienst gung psychischer Belastungen vorgege-
tion. Daher ist das Konzept auch unter und/oder den Militärpfarrer angeboten benen Struktur gegliedert und enthält
der Bezeichnung ‚Drei Phasen – Drei Ebe- und an die Soldaten herangetragen wird. Festlegungen zu den verschiedenen Aus-
nen – Konzept’ bekannt (Abb. 1). bildungen, die es zu durchlaufen gilt
Ebene 3 und zu den angestrebten Qualifikatio-
Die drei Phasen sind Es kann erforderlich sein, die Soldaten nen, die erreicht werden sollen (jeder
durch Fachärzte (Psychiatrie und Neuro- Soldat, sei er Kamerad, Unteroffizier,
• Phase I die Einsatzvorbereitung, logie) und/oder klinisch arbeitende Offizier, Vorgesetzter oder Untergebe-
• Phase II die Einsatzbegleitung und Psychologische Psychotherapeuten der ner). Als besonders qualifizierte Perso-
• Phase III die Einsatznachbereitung. Bundeswehrkrankenhäuser zu unter- nenkreise werden die Peers, die Truppen-
stützen. ärzte und -psychologen sowie die Fach-
Während der Phase I, der Einsatzvorbe- ärzte für Neurologie und Psychiatrie und
reitung – das kann sowohl während der Während des Einsatzes, der Phase II, ste- Psychologischen Psychotherapeuten der
Allgemeinen Grundausbildung als auch hen dem besonders belasteten Soldaten Bundeswehrkrankenhäuser definiert. Die
im Zusammenhang mit einem geplanten genau die gleichen qualitativ unter- erforderlichen Qualifikationen, Aus-
Einsatz sein –, werden die Soldaten ganz schiedlichen Ebenen der Unterstützung bildungen und die erreichbaren Zertifi-
allgemein über zu erwartende Belastun- zur Verfügung, wie während der Einsatz- zierungen für die Übernahme der ver-
gen unterrichtet. Sie werden auf ihre vorbereitung. Folgende Unterschiede sind schiedenen Funktionen sind dement-
eigenen Fähigkeiten zur Belastungsbe- allerdings bemerkenswert: eine Unter- sprechend gegliedert.
wältigung (fachlich: stress-coping) auf- stützung durch den Sozialdienst ist z.Z. Die erforderlichen Maßnahmen zur
merksam gemacht und über die verschie- nicht im Einsatz selbst, sondern nur über Koordinierung des Sanitäts- und des
denen vorgesehenen bzw. verfügbaren die Familienbetreuungsorganisation im Psychologischen Dienstes sowie der Ein-
Unterstützungsmöglichkeiten hingewie- Heimatland verfügbar. Unterstützungs- satz von Einzelmaßnahmen (z.B. der Kri-
sen. Die Tiefe dieser Informationen gliedert maßnahmen, die die Qualität der Ebene 3 seninterventionsteams (KIT) s. Ziff. 4, 5)
sich – wie vorgesehen – in drei Ebenen: erfordern, werden – wenn erforderlich – werden festgelegt: Zur fachlichen Füh-

54
rung der Teams, d.h. der Ausbildungs- achse darstellen (Abb. 2: CISM). Im Rahmen dieser Veranstaltung werden
steuerung, der Einsatzauswertung und den Betroffenen Inhalte vermittelt, die
zur Fortentwicklung ist auf der Ebene Vor und unmittelbar zu jedem Einsatz denen der TEACHING-Phase nach MIT-
des Bundesministeriums der Verteidi- werden alle beteiligten Soldaten wie CHELL entsprechen: Die Betroffenen wer-
gung die Arbeitsgruppe ‚Psychophysische bereits ausgeführt über das Konzept des den über ihre möglichen individuellen
Stressbewältigung’ (AGPS) eingerichtet, CISM und der vorhandenen Unterstüt- Reaktionen auf das außergewöhnliche
in der alle am Stressmanagement betei- zungsmöglichkeiten am Heimatstandort Ereignis unterrichtet (‚normale’ Reaktio-
ligten Dienste zusammenarbeiten. und im Einsatz unterrichtet. nen auf ein außergewöhnliches Ereignis)
Die Arbeitsgruppe Psychophysische Geschieht ein belastendes Ereignis, das und über die in der Folgezeit angebote-
Stressbewältigung (AGPS) plant den Ein- die Kriterien eines ‚Critical Incidents’ 1 nen CISM-Maßnahmen zur Kompensa-
satz der medizinischen und psychologi- erfüllt, kommt es zur Krisenintervention, tion des eigenen Erlebens informiert.
schen Kräfte vor, während und nach ei- d.h. zur Einleitung „rasch einsetzender Parallel führt der Truppenpsychologe eine
nem Einsatz. Die AGPS wird grundsätz- emotionaler ‚Erster Hilfe’, um den psy- Analyse zur Abschätzung der individuel-
lich über alle Einsätze informiert. chischen Zustand des Betroffenen zu sta- len Risikofaktoren der Betroffenen im
bilisieren und akute Symptome von Hinblick auf die Entwicklung einer Post-
Der Anhang enthält strukturierte Ausbil- Stressbelastung zu reduzieren. Der Be- traumatischen Belastungsstörung (PTBS
dungspläne sowie eine Reihe von Check- troffene wird dabei unterstützt, zu einem bzw. engl. PTSD 2) durch. Dazu kommt
listen (Anlagen 1-4) zum standardisierten Zustand angemessener Situationsanpas- ein Fragebogen zum Einsatz, der in sei-
Einsatz des KIT – Teams. sung zurückzukehren“ (Everly & Mitchell, ner ursprünglichen Form unter der
Das Konzept wird von einem Glossar 1997). Nach der Akutversorgung der be- Bezeichnung ‚Kölner Risiko-Index’ in der
abgeschlossen, um ein einheitliches Ver- lasteten Soldaten oder Zivilangehörigen, Literatur bekannt geworden ist (FISCHER,
ständnis der verwendeten Begriffe und zu der die Maßnahmen der Demobilisie- 1998). Die verwendete Form ist ein
Maßnahmen zu erreichen. rung und des Defusing gehören können, Ergebnis eines seit 2000 laufenden For-
wird durch den Truppenpsychologen zu- schungsprojektes des Bundesministeri-
Wie bereits erläutert sind alle Maßnah- nächst eine Informationsveranstaltung, ums der Verteidigung. Sie wurde an die
men des CISM konkrete Umsetzungen ein ‚Psychologisches Briefing’, durchge- spezifischen Bedürfnisse der Bundeswehr
des Rahmenkonzepts und lassen sich gut führt, an dem alle Betroffenen teilneh- angepasst und evaluiert. Dieses Risiko-
als eine Aufeinanderfolge auf der Zeit- men müssen. assessment dient dem Ziel, die größere
Zahl Betroffener grob einer von drei


etwa gleichgroßen Gruppen zuzuordnen:
derjenigen der PTSD-Gefährdeten, die der
Zeitliche Aufeinanderfolge von CISM-Maßnahmen
mit großer Wahrscheinlichkeit weniger
Gefährdeten und diejenige der soge-
CISM-Grundsätze nannten Wechsler (FISCHER et al. a.a.O.).
Diese Zuordnung erlaubt es, im weiteren
Rahmenkonzept für die Bewältigung von psychischen Belastungen
Peer- und Teamleiter Ausbildung und Training Verlauf nach dem Ereignis, den Betroffe-
nen die jeweils adäquate Unterstützung
Demobilization, Defusing, indiv. PTSD – Risiko Analyse
anzubieten, d.h. ein Debriefing, eine
Debriefing (CISD) One-on-One Beratung oder eine Mehrdi-
mensionale Psychotrauma Therapie
One-on-One Beratung, MPTT
(MPTT).
(fachliche) Beobachtung In der Folgezeit sind Kameraden und Vor-
gesetzte gefordert, auf Veränderungen
Informationen über
Maßnahmen der im Verhalten Betroffener zu achten und
Einsatznachbereitung kameradschaftlich zu agieren, wenn die
Klinisches eigenen Möglichkeiten erkennbar nicht
Debriefing mehr ausreichen.

2.-3.D 3.D-4W >6W Vor Im Rahmen der Vorbereitung auf die


Während des Beendigung Nach dem
Rückkehr in das Heimatland werden die
weiteren Einsatzes des Einsatzes Einsatz
positiven und auch negativen Erlebnisse
Critical Incident angesprochen und die eigenen wie auch
die möglichen Veränderungen des sozialen
Abb. 2

1
Ein Critical Incident ist dadurch charakterisiert, dass es sich um ein Ereignis handelt, das zu einen akuten Verlust des psychischen Gleichgewichts führt und bei dem die
gewohnten Bewältigungsmechanismen versagen und Symptome von Stressbelastung und funktionaler Beeinträchtigung auftreten (APA, 1994)
2
Die deutsche Bezeichnung ‚Post-traumatische Belastungsstörung’ (PTBS) ist gleichbedeutend mit der englischen Posttraumatic Stress Disorder (PTSD). Eine weitere
Bezeichnung für diese Art von Störungen ist ‚Post-traumatische Störung’ (PTS)

55
Umfeldes, der Partnerinnen/Partner, Kin- Sozialsystem notwendig und erforderlich, Bei der Bundeswehr werden als Leiter
der und Angehörigen diskutiert. Der da so das kritische Ereignis in einen von Kriseninterventionsteams in der
Truppenpsychologe richtet im Rahmen ursächlichen Zusammenhang mit den Regel besonders qualifizierte Ärzte und
dieser Maßnahmen seine Aufmerksam- durchgängig beobachteten Verhaltens- Psychologen mit Ausbildung in Stress-
keit auf die Soldaten und Teileinheiten, änderungen gebracht wird. managementverfahren und psycho-
die besonderen Belastungen ausgesetzt diagnostischer Erfahrung herangezogen.
waren: Hat der Truppenpsychologe den 4 Ausbildung / Aus diesem Grund bauen die Aus-
Eindruck gewonnen, dass besonders Standardisierung bildungsinhalte für zukünftige KIT-Leiter
belastete Soldaten noch nicht das oder auf dem während des Studiums der
die kritischen Ereignisse adäquat verar- Ausbildung und Qualitätsstandards fol- Medizin bzw. der Psychologie erworbenen
beiten konnten, vereinbart er mit deren gen dem seitens der World Health Orga- Wissen auf. Lerninhalte sind unter ande-
Zustimmung und unter Einschaltung des nisation (WHO) anerkannten Verfahren rem: Psychotraumatologie, Psychosoma-
Truppenarztes ein Gruppengespräch mit des CISM. Alle Soldaten und zivilen Mit- tik, Interventionstechniken, Gesprächs-
einer Einsatznachbereitungsgruppe (ENG) arbeiter und Mitarbeiterinnen, die sich führung bei psychosomatischen Erkran-
eines Bundeswehrkrankenhauses. Diese für eine Tätigkeit im Rahmen der CISM- kungen, stressbedingte Verhaltensstörun-
besonders und zusätzlich qualifizierten Maßnahmen insbesondere in einem KIT gen, Verbesserung der eigenen
Gruppen sind in der Lage, das Restrisiko interessieren, werden in Präventions- und diagnostischen Kompetenz, spezifische
der Entwicklung einer posttraumatischen Kriseninterventionstechniken geschult; Behandlungstechniken (insbesondere
Belastungsstörung oder anderer Formen sie erhalten eine ausführliche Ausbildung Kurzverfahren). Als (eigen-) verantwort-
abweichenden Verhaltens zu diagnosti- im Stressmanagement (Abb. 3). licher Leiter eines KIT wird ein Arzt oder
zieren und den Einzelnen über die wei- Erfahrungsgemäß sind solche Personen Psychologe erst eingesetzt, wenn er an
teren Maßnahmen einer Behandlung zu für die Arbeit in einem KIT besonders mindestens vier Debriefings als Peer oder
beraten. Wichtig ist anzumerken, dass geeignet, die sich durch Co-Leiter teilgenommen hat, er sich die
erst jetzt der ‚Fall’ erstmalig eine ärztli- Aufgabe zutraut und seitens seiner Fach-
che Dokumentation erfährt, wenn nach • soziale Kompetenz, vorgesetzten für ausreichend kompetent
diesem Gruppen- oder Einzelgespräch • Lebenserfahrung, gehalten wird.
mit der ENG eine Indikation angezeigt ist • hohe Akzeptanz im Kameradenkreis, Eine Heranziehung weiterer Personen-
und der/die Betroffenen zustimmt. • stabile Persönlichkeit, kreise erscheint denkbar, ist jedoch zur
Eine solche Dokumentation ist im Hin- • Interesse an einer solchen Tätigkeit Zeit nicht geplant.
blick auf die Geltendmachung etwaiger und Der Ausbildung der Peers wird besondere
Ansprüche an das Gesundheits- und • Freiwilligkeit auszeichnen. Aufmerksamkeit gewidmet: Die Bundes-
wehr bildet ihre Peers in Lehrgängen aus,
die 2 Wochen dauern. Die Begründung
liegt darin, dass die ersten Erfahrungen

› Trainingsmodule

für alle Soldaten Stress-Coping Verhalten,


mit der Peer-Ausbildung gezeigt haben,
dass in den zunächst angebotenen 2 bis 3
Tagekursen die Einübung eines Rollenver-
haltens nur unvollkommen gelang. Aus
Selbst- und Kameradenhilfe
diesem Grunde wurde der 14 Tage Lehr-
Stress-Management Techniken
gang konzipiert, der nun ausreichend Zeit
für Vorgesetzte CISM, Kurse zur Verbesserung der für die verschiedenen Gruppenübungen
allgemeinen und besonderen Kompetenz vorsieht. Der Lehrgang ist innerhalb der
zur Gesprächsführung Bundeswehr standardisiert. Er wird an
Identifizierung von Stress Symptomen einer Reihe von Dienststellen durchge-
Defusing führt. Bei Eignung und Zustimmung des
Lehrgangsteilnehmers wird für ihn die
für Peers CISM, Peer-Unterstützungsmaßnahmen Vergabe einer eigenen Ausbildungs- und
Peer-Tätigkeit Tätigkeitsbezeichnung beantragt.
Mittelfristig werden die Namen aus-
für Truppen- und Fachärzte & TruppenpPsychologen
gebildeter Peers in einer zentralisierten
Datenbank aufgenommen werden, um im
CISM- Maßnahmen,
Bedarfsfall die Personen heranziehen zu
CISD-Team-Leiter-Kompetenz
können, die von ihrer Truppengattung als
für Fachärzte (Neurologen, Psychiater, Psychologische Psycho-Therapeuten) auch militärischen Funktion her dem
Anspruch an einen Peer genügen. Alle
CISM-Maßnahmen, Militärgeistlichen und eine Reihe von
Traumatologie, Trauma-Therapie Mitarbeitern des Sozialdienstes der
Bundeswehr haben zwischenzeitlich eine
Abb. 3
56
Peerausbildung erhalten. Damit ist werden im Bedarfsfall durch die Dienst- er die Einheit grob über die beabsichtig-
sichergestellt, dass an jedem Standort im stellen/Truppenteile abgestellt. Eine ten Maßnahmen und kündigt ein Fax mit
Bedarfsfall eine zusätzliche qualifizierte Reihe von Verbänden verfügt mit ‚ihrem’ seinen Fragen zum Unterstützungsbedarf
Unterstützung zur Belastungsbewälti- Truppenpsychologen über einen eigenen an (‚Checkliste Vorbereitungen in der
gung vorhanden ist. Teamleiter. Einheit‘; Anhang 3).
Peers wie KIT-Leiter haben die Möglich- Alle Teamleiter unterstützen bei Bedarf Nach dem Abschluss der Akutversorgung
keit zu regelmäßiger Supervision. Dazu die drei zentralen Alarmteams. bearbeitet der Teamleiter die ‚Checkliste
können sie auf eine Liste von regional Erfahrungsbericht‘ (Anhang 4). Dieser
verfügbaren Supervisoren zurückgreifen. • Im Norden ist dieses am Schiffahrt- Bericht wird auf dem Dienstweg sowohl
medizinischen Institut der Marine dem zuständigen Fachvorgesetzten als
5 Alarmierung und Einsatz (SchiffMed InstM) eingerichtet; auch der Arbeitsgruppe Psychophysische
Hauptauftrag ist die Unterstützung Stressbewältigung zugeleitet. Dadurch ist
Die Verfügbarkeit der Krisentinterven- der Marine. sichergestellt, dass Stressmanagementein-
tionsteams (KIT) der Bundeswehr ist • In Koblenz steht ein Team beim Zen- sätze nachträglich stets evaluiert werden.
bedarfsorientiert strukturiert: Drei in der trum Innere Führung (ZInFü) zur Ver- Die Unterstützung bei zivilen Unglücken
Bundesrepublik regional verfügbare und fügung. kann nur im Rahmen der vereinbarten
ständig alarmbereite Teams können • Ein drittes Team wird beim Flugmedi- zivil-militärischen Zusammenarbeit
sofort eingesetzt und situationsabhängig zinischen Institut der Luftwaffe (z.B. im Rahmen abgestimmter Katas-
und in angemessener Zeit (d.h. ein bis (FlMedInstLw) vorgehalten; dessen trophenpläne) und dann auch nur mit
zwei Tage nach einem Ereignis) durch Hauptauftrag ist die Unterstützung ausdrücklicher Genehmigung des
eine größere Anzahl weiterer Teams der Luftwaffe sowie der Fliegenden Führungszentrums der Bundeswehr
ergänzt werden. Verbände aller drei Teilstreitkräfte. erfolgen.
Ein KIT der Bundeswehr setzt sich aus
einem Arzt oder Psychologen als Leiter Werden Angehörige der Bundeswehr im 6 Zusammenfassung
und zusätzlichem geschulten Personal Dienst von einem kritischen Ereignis
(Funktions-, Sanitäts- oder psycholo- betroffen, entscheidet der Einheitsführer Das Critical Incident Stress Management
gisches Assistenzpersonal, Sozialarbeiter, oder seine Vorgesetzten, ob ein Krisenin- (CISM) ist in das ‚Rahmenkonzept zur
Militärgeistlichen, und Peers) zusammen. terventionsteam zu alarmieren ist. Zur Bewältigung psychischer Belastungen bei
Der Teamleiter wird in der Regel von Entscheidungsfindung nutzt er die Soldaten’ eingebettet. Es gliedert sich in
zwei Peers unterstützt. ‚Checkliste Entscheidungshilfe’ (Anhang drei Phasen eines militärischen Einsatzes
Die Teams können im In- und Ausland 1). Die Alarmierung eines der drei ständig – der Einsatzvorbereitung, -begleitung
überall dort eingesetzt werden, wo Ange- vorgehaltenen Teams erfolgt entweder und -nachbereitung. Die in jeder Phase
hörige der Bundeswehr von Extremereig- durch das Führungszentrum der Bundes- verfügbaren Unterstützungsmaßnahmen
nissen betroffen wurden. KIT’s werden wehr, die jeweilige Kommandobehörde unterscheiden jeweils drei Ebenen fach-
auf Anforderung durch die jeweiligen oder den Leitenden Sanitätsoffizier des licher Qualifikation:
Kommandobehörden tätig. Bei zivilen betroffenen Verbandes. Selbst- und Kameradenhilfe/Hilfe durch
Katastrophen und Notfällen, zum Beispiel Es wird angestrebt, dass alle Teamleiter Vorgesetzte und Peers, Truppenärzte und
beim Zugunglück in Eschede oder zuletzt auf eine aktuelle Liste regional verfüg- Truppenpsychologen/Militärpfarrer/Sozial-
in New York anlässlich des Attentats auf barer Peers zurückgreifen können. Im arbeiter und Fachärzte für Psychiatrie/
das World Trade Center am 11. Septem- Zuge der Alarmierung entscheidet der Psychologische Psychotherapeuten.
ber 2001, unterstützen Teams der erst-alarmierte Teamleiter anhand einer
Bundeswehr im Rahmen der gesetzlichen ‚Checkliste Vorbereitung des Teams/der Die erforderlichen Maßnahmen werden
Regelungen der zivil-militärischen Teammitglieder’ (Anhang 2), ob das in einem medizinisch-psychologischen
Zusammenarbeit und nach Anforderung eigene Team und/oder die ortsnah Fachkonzept definiert, aufeinander abge-
auch zivile Einsatzkräfte. Unterstützt verfügbaren Kräfte ausreichen oder durch stimmt und organisatorisch festgelegt. Es
werden nicht nur die eingesetzten oder regional verfügbare Kräfte verstärkt enthält auch die Ausbildungsmodule, die
betroffenen Soldaten sondern auch zivile werden müssen. für eine qualifizierte und standardisierte
Betroffene, Opfer wie Helfer. Diese Entscheidung ist abhängig vom Funktionsausübung für erforderlich ge-
Es ist vorgesehen, dass Inanspruchnahme Ausmaß des kritischen Ereignisses, halten werden. Dies ermöglicht Betroffe-
und Alarmierung eines Krisentinterven- insbesondere von der Anzahl der Be- nen und dem CISM-Fachpersonal, die
tionsteams in den Alarmplänen bzw. einer troffenen. Sie wird in aller Regel in Übersicht über den Sinn und die zeitliche
Zentralen Dienstvorschrift geregelt werden. Abstimmung mit den zuständigen Fach- Aufeinanderfolge der verschiedenen Un-
Für die Bundeswehr sind Kriseninterven- referaten im Bundesministerium der Ver- terstützungsmaßnahmen zu er- und zu
tionsteams nach dem Kriterium einer teidigung getroffen. behalten. Abschließend werden die Alar-
gleichmäßigen regionalen Verteilung auf- Der alarmierte Teamleiter beginnt nach mierung und der Einsatzgrundsätze von
gestellt. In jedem der Wehrbereiche wer- einer ersten telefonischen Absprache mit Kriseninterventionsteams in der Bundes-
den in Kürze jeweils zwei bis drei Team- der betroffenen Einheit mit den Vorberei- wehr erläutert.
leiter einsatzfähig sein. Militärische Peers tungen seines Einsatzes. Dazu informiert

57
› Literatur
BMVg – Fü S I vom 07. März 2000 – Rahmenkonzept zur Bewältigung psychischer Belastungen bei Soldaten

BMVg – InSan I 1/PSZ III 4 vom April 2000 – Medizinisch-Psychologisches Stresskonzept der Bundeswehr (Entwurf)

Kardiner, A., & Spiegel, H. (1947). War Stress And Neurotic Illness. Paul B. Hörber New York

Mitchell, J.T.(1983): When disaster strikes... The critical incident stress debriefing process. J. of Emergency Medical Services 8(1), S 36-39

Mitchell, J.T. & Everly, G.S. (1994). Human Elements Training for Emergency Services, Public Safety and Disaster Personnel: An Instructural
Guide to Teaching Debriefing, Crisis Intervention and Stress Management Programs. Chevron Publishing Corp., Ellicott City, MD, USA

Everly, G.S. & Mitchell, J.T. (1997). Critical Incident Stress Management: A New Era and Standard of Care in Crisis Intervention. Chevron
Publishing Corp., Ellicott City, MD, USA

Fischer, G., Becker-Fischer, M. & Düchting, C. (1998). Neue Wege in der Opferhilfe. Ergebnisse und Verfahrensvorschläge aus dem Kölner
Opferhilfsmodell (KOM). Hg.: Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales Nordrheinwestfalen.. Schriftenreihe des Ministeriums

58
› Anhang 1

Checkliste Entscheidungsfindung

(Bei mehr als vier JA-Antworten oder wenn Ziffer 10 mit ,JA‘ beantwortet wird, ist die Anforderung eines Kriseninterventionsteams
fachlich erforderlich)

JA

1 Der Einsatz unterschied sich von der Routine, weil


(Gründe:)
...........................................................................................................................................................................................................

2 Unterstellte Soldaten / Beteiligte waren extremen Belastungen ausgesetzt.

3 Bei dem Ereignis hat es Verletzte / Verwundete / Tote gegeben.

4 Die Art des Geschehens / der Verletzungen war besonders traumatisierend.

5 Soldaten / Zivilisten / Kinder sind / waren vom Vorfall betroffen.

6 Rettung, Bergung und Abtransport der Betroffenen / Verwundeten / Toten / Leichenteile war
besonders schwierig und belastend.

7 Es waren Angehörige zu benachrichtigen.

8 Die Soldaten haben sich jetzt, ................ Stunden nach dem belastenden Ereignis, immer noch
nicht beruhigt

9 Soldaten / Unterstützungspersonal zeigt(en) sich psychisch und / oder körperlich deutlich beeindruckt.

10 Die Betroffenen wünschen eine Betreuung durch Fachpersonal.

Ich entscheide mich GEGEN eine Inanspruchnahme eines Kriseninterventionsteams,

weil: ...................................................................................................................................................................................

59
› Anhang 2

Checkliste Vorbereitung KIT-Teamleiter/Teammitglieder

........................................... ....................................................
Durchführende Dst Ort, Datum
Az 66-55-00 Tel.:
Fax:
Post:
Handy:

1 Gem. Anforderung vom .............................................................................................................. wird das Kriseninterventionsteam


der/des ........................................................... am ....................................................... ab ........................................................ die
angeforderte/angewiesene Debriefingmaßnahme durchführen.
2 Das Kriseninterventionsteam
2.1 Leiter des Teams ist : ........................................................................................................................................................................
2.2 Co-Leiter : .......................................................................................................................................................................
2.3 eingeteilte Peers : .......................................................................................................................................................................

3 Die Einheit wurde am .................................. um ......................... per Fax über die zu treffenden Maßnahmen informiert
(FormBl: Checkliste Vorbereitung in der Truppe)

3.1 Zahl der unmittelbar betroffenen Soldaten (Einheit, Anzahl, DstGrd, Funktionen) ............................................................................

3.2 Zahl der mittelbar betroffenen Soldaten ..........................................................................................................................................

3.3 Verletzte/Tote (Verbleib (z.B. Krankenhaus, krank zu Hause etc.) ......................................................................................................

3.4 Verursacher .....................................................................................................................................................................................

3.5 Ist die Trennung von Funktionsträgern/Dienstgraden erforderlich ....................................................................................................

3.6 Angehörige ......................................................................................................................................................................................

3.7 zufällige Zeugen, Beteiligte .............................................................................................................................................................

3.8 Wer/wieviele Personen sind bereits wieder abgereist: ......................................................................................................................


(Zuständigkeit) .................................................................................................................................................................................

3.9 Einsatznachbereitung/TrArzt, BwKrhs ...............................................................................................................................................

3.10 MilPf und/oder Sozialarbeiter ...........................................................................................................................................................

4 Was muss vor der Krisenintervention besprochen werden ? .............................................................................................................


.........................................................................................................................................................................................................
5 Was muss nach der Krisenintervention besprochen/abgestimmt werden? ........................................................................................
.........................................................................................................................................................................................................
6 Nachbesprechung mit dem Kdr/Einheitsfhr/Arzt erforderlich ............................................................................................................

7 Übernachtung/Verpflegung ..............................................................................................................................................................

8 Sonstige Unterstützung erforderlich (Abholung etc.) ........................................................................................................................

9 Bericht über die Krisenintervention (Formblatt: Bericht über ...) .....................................................................................................

..........................................................
Unterschrift

60
› Anhang 3

Checkliste Vorbereitung durch die Truppe

........................................... ...........................................
Beauftragte Einheit Ort, Datum
Az 66-55-00 Tel.:
Fax:
Post:
Handy:

An
......................................................
Truppenteil

Betr.: Vorbereitung der Kriseninterventionsmaßnahme(n) durch die Truppe

Bezug:

1 Gern. Anforderung vorn .............................................................................................................. wird das Kriseninterventionsteam


der/des ......................................................... am ............................................................ ab ..................................................... die
angeforderte/angewiesene Debriefingmaßnahme durchführen. Die Maßnahme wird
zwischen 2 und 3 Stunden dauern. Teilnehmer sind alle unter Ziff. ........................ aufgeführten Soldaten/Angehörige.

2 Das Kriseninterventionstearn
2.1 Leiter des Teams ist ......................................................................................................................................................................
2.2 eingeteilte Peers sind ......................................................................................................................................................................
......................................................................................................................................................................
......................................................................................................................................................................

3 Bereiten Sie bitte vor (bis zum Eintreffen des oder der Teams).
3.1 Liste der unmittelbar betroffenen Soldaten (Einheit, Name, DstGrd, Funktion).
3.2 Liste der Angehörigen (soweit erforderlich bzw. zutreffend).
3.3 Liste der Verletzten/Toten (Verbleib(z.B. Krankenhaus, krank zu Hause etc.)).
3.4 Zusammenstellung der bereits eingeleiteten Maßnahmen.

Bereiten Sie je einen größeren Raum für jeweils 15 Betroffene mit einer Bestuhlung für jeden Teilnehmer zuzüglich mindestens 4 Stüh-
len für das Debriefing-Team. Die Stühle sind kreisförmig anzuordnen.

3.5 Stellen Sie je Interventionsteam 1 Besprechungsraum bereit (Büroraum, Telefon), in dem sich die Teammitglieder vorbereiten
können.

4 Bereiten Sie bitte einen Termin für eine Nachbesprechung mit dem Kdr/Einheitsfhr vor.

5 Bereiten Sie bitte Unterkunft und Verpflegung für ............ Angehörige des Kriseninterventionsteams vor.

Im Auftrag

..........................................................
Unterschrift

61
› Anhang 4

Checkliste CISD-Erfahrungsbericht

........................................................................................................................................................... ...........................................
Amtsbezg., Name, Vorname Ort, Datum
Tel.:

Bericht über die CISM – Maßnahme(n) ...........................................................................................................................................................

bei/im ..................................................................... von/bis ........................................................................

Kdr ..................................................................................................................................................................................................................

ChdS/LSO ........................................................................................................................................................................................................

Leitverband / betr. Einheit(en) .........................................................................................................................................................................

Unterstützende / beteiligte Einheiten ..............................................................................................................................................................

I Zusammenfassung

II Vorbereitungsphase

II.1 Unterstützung durch die entsendende Dienststelle /Vertretungsregelung

II.2 Vorbereitende Maßnahmen (zentrale/dezentrale Aus- und Fortbildungsmaßnahmen)

II.3 Einsteuerung in die Debriefing-Tätigkeit (Vorteile, Defizite etc.)

III Einsatzerfahrungen

III.1 Herausragende Ereignisse / Debriefings

III.2 Tätigkeitsfelder / Tätigkeitsschwerpunkte


(Fallzahlen, Schätzungen anteiliger Tätigkeiten, Zusammenarbeit/Inanspruchnahme durch andere
Stabszellen, TrpVerw, RB, MilPf etc.)

III.3 Akzeptanz, Einbindung, regelmäßige/einmalige Beiträge/Beteiligungen etc.


(Teilnahme an Stabsbesprechungen, Kommunikation etc.)

III.4 Erfahrene Unterstützung

IV Erfahrungen bei der Rückkehr in die Haupttätigkeit (Einsatznachbereitung)

V Verbesserungs- bzw. Änderungsvorschläge

62
Konzeptentwicklungen
und klinische
Erfahrungen
zu Posttraumatischen Belastungsstörungen auf
dem Hintergrund der Vietnam-Veteranen*

Alexander Varn

1 Zusammenfassung
Der Artikel gibt zuerst einen kurzen geschichtlichen Überblick zur Evolution der Posttraumatischen Belastungsstörung in Bezug auf Kampf-
handlungen, von den ersten Erwähnungen einer solchen Symptomatik im Sezessionskrieg bis hin zur endgültigen Anerkennung der Störung
durch Aufnahme in das DSM III im Jahre 1980. Es wird aufgezeigt, dass im Vergleich zu vorhergehenden Kriegen die Anzahl der Soldaten,
die im Vietnamkrieg aufgrund akuter psychischer Probleme dienstunfähig wurden, sehr gering war, dass aber die Prävalenzrate der Post-
traumatischen Belastungsstörung bei Veteranen dieses Krieges um ein vielfaches höher war als aus vorhergehenden Kriegen zu erwarten
gewesen wäre. Die möglichen Gründe für diese Entwicklung sowie die Rahmenbedingungen des Krieges in Vietnam, die dieses begünstig-
ten, werden aufgezeigt. Anhand eines Fallbeispieles sowie anhand der einzelnen Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung wird
gezeigt, wie sich diese Störung bei Vietnamveteranen manifestiert. Trotz der hohen Anzahl der Vietnamveteranen, die an dieser Störung lit-
ten und noch leiden wurden erst 1979 von offizieller Seite Wiedereingliederungsprogramme für Vietnamveteranen ins Leben gerufen. Diese
Entwicklung der Hilfs- und Therapieangebote, angefangen von den Selbsthilfegruppen der Veteranen 1971 über die Errichtung staatlicher
Hilfsprogramme und der offiziellen Anerkennung der Störung bis hin zu den Einrichtungen und Programmen, die heute für die Veteranen
bereitstehen, wird aufgezeigt. In einem letzten Abschnitt wird kurz auf die drei Phasen der Therapie der Posttraumatischen Belastungsstö-
rung bei Kriegsveteranen eingegangen und die vier gängigsten Therapieansätze, nämlich die gruppentherapeutische, psychodynamische,
kognitiv-verhaltensorientierte und pharmakologische, kurz erläutert.

2 Einleitung phen, Vergewaltigungen, Kriege usw.) 3 Die Evolution der Post-


können eine solche Störung auslösen. traumatischen Belastungs-
Die American Psychiatric Association Krieg als ein traumatisches Erlebnis kann störung in Bezug auf
definiert die Posttraumatische Belas- eine Posttraumatische Belastungsstörung Kampfhandlungen
tungsstörung als einen Zustand, der bei bei Soldaten auslösen. Insbesondere der
Personen beobachtet werden kann, die Vietnamkrieg hat bei vielen Soldaten, die Hinweise auf panikbedingte Störungen
einer starken Stresssituation ausgesetzt dort im Einsatz waren, eine solche Stö- gehen bis auf die Mitte des 19. Jahrhun-
waren, die starke Angstgefühle, Hilflosig- rung hervorgerufen. Aufgrund des ge- derts zurück. Mit dem Aufkommen der
keit und Entsetzen in ihnen auslöste. häuften Auftretens der Posttraumati- Eisenbahn fanden sich bei Überlebenden
Obwohl die Symptome der Posttraumati- schen Belastungsstörung bei diesen Vete- der ersten Bahnunglücke dieselbe Symp-
schen Belastungsstörung seit langem ranen und aufgrund der Tatsache, dass tomatik – Ängste, Albträume und extreme
bekannt sind, wurde die Störung erst diese Betroffenengruppe maßgeblich an Schreckhaftigkeit. Diese Symptomkonstel-
1980 in das Diagnostische und Statisti- der offiziellen Anerkennung dieser Stö- lation wurde unter dem Namen „railway
sche Manual mentaler Störungen (DSM) rung beteiligt war, soll die Posttrauma- hysteria“ (Bahnhysterie) in England be-
aufgenommen. Viele unterschiedliche tische Belastungsstörung bei Vietnam- kannt. Die ersten Hinweise auf eine solche
traumatische Ereignisse (Naturkatastro- veteranen genauer dargestellt werden. Störung in Bezug auf Kampfhandlungen

* Vortrag gehalten auf dem dreitägigen Fachseminar Posttraumatische Belastungsstörung vom 08.-10. Oktober 2001 in der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont. 63
finden sich im Amerikanischem Sezes- Basierend auf Arbeiten von Albert Glass daten, die während des Krieges keine psy-
sionskrieg. Hier wurde 1876 der Begriff (1945) wurde im Koreakrieg eine erste chische Symptomatik gezeigt hatten.
„soldier’s heart“ (Soldatenherz) eingeführt systematische Intervention vorgenom- Anhand von Untersuchungen wurden sol-
um eine Symptomatik, die unter anderen men. Soldaten, die wegen erhöhten che Symptome nach fünf Jahren (Futter-
extreme Schreckhaftigkeit, Herzrasen und Stresses zusammenbrachen, wurden man & Pumpian-Mindlin, 1951) und nach
Hypervigilanz umfasste, zu beschreiben, sofort behandelt, um ihre Diensttauglich- 20 Jahren festgestellt (Archibald & Tud-
an der viele Veteranen dieses Krieges lit- keit wiederherzustellen. Dieses Vorgehen denham, 1965). Die Anzahl der Vietnam-
ten (Fillmore, 2001). Im allgemeinen hat erwies sich als sehr erfolgreich. Nur 6 % veteranen, die über vergleichbare Sympto-
man jedoch vor dem Ersten Weltkrieg psy- aller Evakuierungen erfolgten aufgrund me klagten, war jedoch wesentlich größer
chisch bedingte Dienstunfähigkeit unter psychischer Störungen. Im Vergleich dazu als bei Veteranen des Koreakrieges und
Soldaten als Feigheit oder mangelnde Dis- waren es 23 % im Zweiten Weltkrieg des Zweiten Weltkriegs. In diesen beiden
ziplin beschrieben. Der starke Artillerie- (Goodwin, 1987). Kriegen nahm die Anzahl der psychisch
beschuss, dem die Soldaten im Ersten Während des amerikanischen Einsatzes in bedingten Ausfälle mit der Intensität der
Weltkrieg ausgesetzt waren, führte zur Vietnam verzeichnete man mit 1,2 % die Kampfhandlungen zu. Als diese Kriege
Überlegung, dass psychisch bedingte bisher geringste Anzahl von psychisch ihrem Ende zugingen, nahmen die psy-
Dienstunfähigkeit auch aufgrund der bedingten Ausfällen (Bourne, 1970). Man chisch bedingten Ausfälle unter den Sol-
Kampfhandlungen auftreten können. Man nahm an, durch psychologische Betreu- daten ab, bis sie in ihrer Häufigkeit das
glaubte, dass die durch explodierende ung vor Ort und weitere Präventivmaß- Niveau vor Kriegsbeginn erreichten (Good-
Granaten verursachte Druckwelle zu einer nahmen (die im einzelnen noch erläutert win, 1987). Die Anzahl der Veteranen, die
physiologischen Schädigung führe. Diese werden), das Problem gelöst zu haben. unter verspäteten Posttraumatischen
Schädigung, die als „Shell Shock“ bezeich- Als der Krieg in Vietnam mehrere Jahre Belastungsreaktionen litten, war so gering,
net wurde, wurde für solche psychischen anhielt, klagte eine zunehmende Anzahl dass diese Tatsache wenig Beachtung
Dienstausfälle verantwortlich gemacht von Soldaten, die seit längerer Zeit nicht fand. Im Gegensatz dazu nahm nach
(Glass, 1969). mehr an kriegerischen Handlungen teilge- Abzug der amerikanischen Truppen 1973
Im Vergleich zum Ersten Weltkrieg nahm nommen hatten, über eine ähnliche aus Vietnam die Häufigkeit solcher Belas-
die Anzahl der psychisch bedingten Aus- Symptomatik wie Soldaten, die aufgrund tungsreaktionen unter den Soldaten dras-
fälle während der ersten Jahre des Zwei- von akuten psychischen Ausfällen evaku- tisch zu (President’s Comission on Mental
ten Weltkriegs um 300 Prozent zu, iert wurden (Goodwin, 1987). Dieses Phä- Health 1978).
obwohl bei der Musterung drei- bis vier- nomen wurde bereits im Zweiten Welt-
mal mehr Männer aufgrund einer psy- krieg beobachtet. Nach dessen Ende klag- 4 Prävalenz der Posttrauma-
chiatrischen Indikation abgelehnt wurden ten manche Soldaten über Schlafstörun- tischen Belastungsstörung
(Figley, 1978). Es gab Zeiten des Krieges, gen, Ängste, Alpträume, Depressionen und unter Vietnamveteranen
in denen mehr Soldaten aufgrund psychi- Aggressionen. Diese Symptome traten
scher Störungen entlassen wurden als sowohl bei Soldaten auf, die einen akuten Seit Anfang der 80er Jahre gibt es ver-
neue eingezogen (Tiffany and Allerton, psychischen Zusammenbruch während des stärkt Studien über die Auftretenshäufig-
1967). Krieges erlitten hatten, wie auch bei Sol- keit der Posttraumatischen Belastungs-
störung bei Kriegsveteranen als auch bei
der Gesamtbevölkerung. Jede dieser
Studien bestätigte das Auftreten einer


persistenten psychologischen Störung bei
einigen Personen, die ein traumatisches
Häufigkeiten für das Auftreten einer Posttraumatischen Bela-
Ereignis durchlebten. Die Studien diver-
stungsstörung unter männlichen Veteranen des Vietnamkrieges gieren jedoch sehr stark im Hinblick auf
(Kulka et al., 1990) die Auftretenshäufigkeit der Posttrauma-
tischen Belastungsstörung, sogar bei
Personengruppen, die das gleiche Ereignis
in % in Zahlen
durchlebten. Diese unterschiedlichen
Gesamtzahl der Männer, die in Ergebnisse sind in aller Wahrscheinlich-
Vietnam Dienst taten (ungefähr) 3,14 Millionen
keit auf methodische Unterschiede
Veteranen, die zur Zeit an einer zurückzuführen, wie zum Beispiel unter-
Posttraumatischen Belastungs- schiedliche Fragestellungen oder Daten-
störung leiden 15 % 479.000
erhebungsverfahren (Keane, 1990).
Veteranen, die zur Zeit an einer Die National Vietnam Veterans Readjust-
partiellen Posttraumatischen ment Study (NVVRS) von Kulka et al.
Belastungsstörung leiden 11,1 % 348.540
(1990) dürfte die methodisch einwand-
Lebensprävalenz für die Post- freieste Studie mentaler Störungen sein
traumatische Belastungsstörung 30,6 % 960.840
(Keane, 1990). Diese Studie hat, wie von
Dohrenwend und Shrout (1981) vorge-
Tab. 1
64
schlagen, einen Multimethod-Ansatz zur 5.1 DEROS (date of expected return duell und einsam erlebt. Der Krieg
Fallidentifizierung verwendet. Anhand from overseas) begann für jeden einzelnen am Tag der
eines zweistufigen Prozesses wurden Ankunft und endete am Tag der Abreise.
Fälle ermittelt. Zuerst wurden Interviews Als klar wurde, dass die Amerikaner in Die Soldaten fühlten keine Zugehörigkeit
durch hierfür ausgebildete Laien durch- Vietnam einmarschieren würden, stellte zu anderen, die ein anderes Versetzungs-
geführt. Die so ermittelten Daten wurden das Militär Überlegungen an, wie mögli- datum hatten (Bourne, 1970).
dann verwendet, um diejenigen Personen che psychische Dienstausfälle unter den Dies führte zu einer geringeren Identifi-
auszuwählen, die in einem zweiten Soldaten zu verhindern seien. Die Erfah- kation mit der eigenen Einheit und somit
Schritt von erfahrenen Klinikern inter- rung aus vorhergehenden Kriegen hatte zu einem verminderten Zugehörigkeits-
viewt wurden. Weiterhin wurden multiple gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit gefühl und einer geringeren Truppenmo-
Maße verwendet, um das Vorhandensein eines psychischen Ausfalls mit der zeit- ral (Kormos, 1978). Studien haben jedoch
einer Posttraumatischen Belastungsstö- lichen Dauer, in der ein Soldat an kriege- gezeigt, dass gerade dieses Zusammen-
rung bei einer Person zu ermitteln. Diese rischen Auseinandersetzungen teilnimmt, gehörigkeitsgefühl als Puffer dient, um
Maße umfassten standardisierte Inter- ansteigt. In Korea wurde aus diesem den erlebten Stress während der Kampf-
views sowie psychologische Tests. Will Grund ein Punktesystem eingeführt wur- handlungen abzuschwächen (Grinker &
man die Auswirkungen des Vietnam- de, in dem jeder Soldat eine gewisse Spiegel, 1945).
krieges auf die beteiligten Soldaten Anzahl von Punkten für jede Ausein- Die Heimreise, die alleine und in sehr
betrachten, sollte man dieser Studie den andersetzung, an der er beteiligt war, kurzer Zeit beendet wurde, war ein wei-
Vorrang geben (Keane, 1990). Diese Stu- bekam. Die gesammelten Punkte dienten terer Nachteil. Während des Zweiten
die gibt die folgenden Häufigkeiten für als Indikator für die Belastung, der ein Weltkriegs waren die Einheiten als Ganze
das Vorhandensein einer Posttraumati- Soldat bisher ausgesetzt war. War eine heimgekehrt. Die Heimreise dauerte per
schen Belastungsstörung unter Vietnam- bestimmte Punktzahl erreicht, wurde der Schiff mehrere Wochen, wodurch die
veteranen an (siehe Tab. 1). Soldat unabhängig vom Kriegsverlauf Soldaten Zeit hatten, ihre Erlebnisse in
nach Amerika versetzt. In Vietnam wurde der Gruppe zu verarbeiten. Die Heimkeh-
Die Prävalenz der Posttraumatischen dieses System durch die Einführung von rer aus Vietnam waren nach spätestens
Belastungsstörung sowie anderer psycho- DEROS (date of expected return from 48 Stunden wieder zu Hause. Aufgrund
logischer Störungen nach dem Krieg war overseas) ersetzt. Die Zeitdauer des Dien- dieser kurzen und einsamen Heimreise
signifikant höher unter denjenigen, die stes in Vietnam wurde auf 12 Monate hatten sie nicht die Möglichkeit einer
verstärkt Kampfhandlungen und anderen beschränkt, außer bei den Marines, die solchen Verarbeitung (Goodwin, 1987).
Kriegsstressoren ausgesetzt waren im 13 Monate abzuleisten hatten. Jeder Sol-
Vergleich zu Veteranen, die weniger mit dat, der nach Vietnam versetzt wurde, 5.2 Schuldgefühle
solchen Stressoren belastet wurden. kannte den genauen Termin, an dem er
Weiterhin war die Prävalenz unter Viet- wieder in die Heimat zurückkehren wür- In den letzten zwei Monaten vor ihrer
namveteranen signifikant höher im Ver- de (Goodwin, 1987). Versetzung versuchte man die Soldaten
gleich zu Soldaten, die nicht in Vietnam Durch DEROS wussten die Soldaten, dass weitestgehend aus Kampfhandlungen
dienten sowie zu Zivilisten (Kulka et al., sie nicht eine unbegrenzt lange Zeit an herauszuhalten. Da die Kameraden
1990). Kampfhandlungen teilnehmen würden. weiterhin im Feld bleiben mussten,
Sie hatten auch ohne körperliche Ver- kamen neben der Freude auf die baldige
wundung oder psychischen Zusammen- Heimkehr auch Schuldgefühle auf. Man
5 Mögliche Gründe für das bruch einen vorzeitigen Ausweg aus dem überließ seine Kameraden einem unge-
verstärkte Auftreten von Krieg. Dieses System dürfte für die gerin- wissem Schicksal und konnte ihnen nicht
Posttraumatischen ge Anzahl an akuten psychischen Ausfäl- mehr mit den eigenen Fähigkeiten bei-
Belastungsreaktionen unter len während des Vietnamkrieges mitver- stehen. Es kam nur selten vor, dass Sol-
Vietnamveteranen antwortlich gewesen sein. Der einzelne daten nach ihrer Heimkehr den zurück-
Soldat musste sich nur für 12 bzw. 13 gebliebenen Kameraden in Vietnam Brie-
Die geringe Anzahl von Soldaten, die Monate „zusammenraufen“, um dann in fe schrieben, was auf mögliche Schuld-
während des Vietnamkrieges an akuten die sichere Heimat entlassen zu werden. gefühle hindeutet (Howard, 1976).
psychischen Ausfällen litten, sowie die Die Vorstellung der Heimkehr hat somit
hohe Prävalenzrate für eine verspätet manchem Soldaten ermöglicht, weiterzu- 5.3 Fehlende ideologische Basis
auftretende Posttraumatische Belas- machen, obwohl er unter anderen
tungsreaktion wirft die Frage auf, warum Umständen einen psychischen Während des Zweiten Weltkrieges gab es
sich dieser Krieg so stark von anderen Zusammenbruch erlitten hätte (Goodwin, einen klar erkennbaren Feind. In Vietnam
Kriegen unterscheidet. Dieser Abschnitt 1987). war dies nicht der Fall. Der Vietnamkrieg
versucht mehrere Faktoren darzustellen, Die Nachteile dieses Systems kamen erst war ein Guerillakrieg. Der Feind, in Form
die möglicherweise für diese Entwicklung wesentlich später zum Vorschein. Auf- der Viet Cong, trug keine Uniform und
verantwortlich waren. grund der Tatsache, dass jeder einzelne erschien z.T. in Gestalt von Frauen und
Soldat sein eigenes Versetzungsdatum Kindern. Es gab keine klare Front, und
hatte, wurde der Krieg als sehr indivi- jeder Ort konnte das Ziel eines Angriffs

65
werden. Aus diesem Grund erschien dem krieges jeden Abend in den Sechs-Uhr- und gehe dann. Manchmal werde ich
Soldaten das ganze Land feindlich Nachrichten die Grausamkeiten dieses wegen den kleinsten Dingen sehr
(Goodwin, 1987). Konfliktes vorgeführt. Dies hat bei gro- wütend. Früher habe ich dann meine
Die amerikanischen Truppen waren für ßen Teilen der Zivilbevölkerung zu Unver- Frau geschlagen, aber in letzter Zeit
einen konventionellen Krieg ausgebildet ständnis, Abstumpfung und zum Teil schlage ich einfach gegen die Wand
und somit für den Vietnamkrieg nicht auch Wut über diesen Krieg geführt, was oder verlasse das Haus und fahre mit
vorbereitet. In einem konventionellem die Heimkehrer auch zu spüren bekamen. dem Auto einfach drauflos. Manchmal
Krieg wird ein Feind angegriffen um ein Diese Abneigung der Zivilbevölkerung verbringe ich mit ziellosem Herumfah-
Gebiet zu erobern. In Vietnam war der ging teilweise soweit, dass sie aktiv ren im Auto mehr Zeit als ich zu Hause
Feind selten sichtbar. Die meisten Solda- gegen diesen Krieg protestierte. bin.“
ten wurden Opfer von Heckenschützen
und Fallen. Wegen des Fehlens einer kla- 5.6 Frühzeitige Entlassung als Grund „Ich habe eigentlich keine Freunde und
ren Front hatten die Soldaten das Gefühl, für die geringe Anzahl von akuten, bin in der Auswahl meiner Freunde
keine Fortschritte zu machen, sondern psychisch bedingten Ausfällen sehr wählerisch. In dieser Welt muss
nur Verluste (Goodwin, 1987). der einzelne sehen, wo er bleibt, und
Viele Soldaten zweifelten an dem Sinn Soldaten, die während ihrer Zeit in Viet- niemand scheint sich um andere zu
ihrer Aufgabe in diesem Krieg und an den nam Drogenprobleme oder Verhaltens- kümmern. Soweit es mich betrifft,
Gründen, aus denen sie kämpfen und störungen zeigten, wurden wegen ihrer fühle ich mich nicht als Teil dieser
möglicherweise sterben sollten. Dieses militärischen Untauglichkeit entlassen. verkorksten Gesellschaft. Was mir
stand in einem starken Gegensatz bei- Die Entlassung ging zumeist mit der Dia- gefallen würde, wäre ein Haus in den
spielsweise zu den Soldaten im Zweiten gnose einer Persönlichkeitsstörung ein- Bergen, weit weg von anderen Men-
Weltkrieg, die von der Richtigkeit ihres her. Soldaten, die z.B. aufgrund von schen. Manchmal rege ich mich so sehr
Handelns überzeugt waren (Goodwin, Stresssymptomen zur Selbstmedikation darüber auf, wie die Dinge laufen, dass
1987). griffen, wurden somit in den Statistiken ich am liebsten die Verantwortlichen
nicht aufgeführt. Diese Praxis dürfte in die Luft sprengen würde. Ein paar
5.4 Das Alter der Truppen neben DEROS mitverantwortlich für die mal im Jahr werde ich in Kneipen-
geringe Anzahl der akuten psychischen schlägereien verwickelt. Ich weiß zwar
Das Durchschnittsalter der Truppen in Ausfälle gewesen sein (Kormos, 1978). nicht warum, aber ich suche mir
Vietnam betrug 19 Jahre (Wilson, 1980). immer den größten Typen aus. Norma-
In diesem Alter durchlaufen Jugendliche 6 Symptome der Posttrauma- lerweise werde ich dann platt ge-
das Moratorium (Erickson, 1968). In die- tischen Belastungsreaktion macht. Manchmal fahre ich auch ganz
ser Phase versucht der Jugendliche eine unter Vietnam-Veteranen verrückt und schreie herum und
stabile und überdauernde Persönlich- beschimpfe die anderen Autofahrer.“
keitsstruktur zu entwickeln. Durch den Um eine Vorstellung davon zu erhalten,
Vietnamkrieg wurde bei vielen der jungen wie sich eine Posttraumatische Belas- „Ich fühle mich oft ziemlich niederge-
Soldaten diese Entwicklungsphase massiv tungsreaktion bei Vietnamveteranen schlagen. Das ist schon jahrelang so. Es
beeinträchtigt, was eine der Ursachen für äußert, beginnt dieses Kapitel mit der gab Zeiten, da war ich so depressiv,
später auftretende Probleme darstellt von Goodwin (1987) aufgeführten Schil- dass ich den Keller nicht mehr verlas-
(Wilson, 1980). derung eines Vietnamveteranen über sein sen habe. In solchen Situationen trinke
Leben 10 Jahre nach dem Krieg. Nach der ich sehr viel Alkohol. Manchmal denke
5.5 Fehlendes Verständnis der Zivilbe- Schilderung werden die typischen Symp- ich dann an Selbstmord. Ich habe eine
völkerung für die Veteranen tome dieser Störung, unter denen Viet- Pistole, die ich aus Vietnam zurückge-
namveteranen verstärkt leiden, näher schmuggelt habe. Ich habe mir öfters
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Zivilbe- erläutert. die geladene Waffe in den Mund ge-
völkerung auf die heimkehrenden Vetera- steckt. Ich habe es aber nicht
nen vorbereitet. Man hat sie beispiels- geschafft abzudrücken. Ich sehe dann
weise durch Filme (z.B. The Man In The „Meine Ehe ist am Zerbrechen. Wir immer meinen Freund Smitty in Viet-
Grey Flannel Suit, The Best Years of Our reden einfach nicht mehr. Verdammt, nam und wie sein Gehirn auf den Bun-
Lives, Pride of the Marines) auf mögliche ich glaube wir haben niemals über kerwänden verteilt war. Verdammt! Ich
Probleme der Veteranen bei der Anpas- irgend etwas geredet, nie. Ich verbrin- habe einfach zu hart gekämpft, um
sung an das zivile Leben sensibilisiert ge die meiste Zeit zu Hause alleine im wieder heil nach Hause zu kommen.
(DeFazio, 1978). Weiterhin wurden in Keller. Natürlich reden wir über die Ich kann das doch jetzt nicht einfach
Hotels Heimkehrerzentren eingerichtet, Lebensmittel, die eingekauft werden wegwerfen. Warum habe ich überlebt
wo die Veteranen zwei Wochen mit ihren sollen, oder wer das Auto volltanken und er nicht? Es muss doch irgend ein
Familien verbringen konnten. Dies sollte soll, aber das ist auch alles. Sie ver- Sinn dahinter stecken.“
die erste Anpassung erleichtern (Boros, sucht mir manchmal zu sagen, dass sie
1973). Im Gegensatz dazu bekam die viel für mich empfindet, aber ich fühle „Manchmal spielen sich die Erlebnisse
Zivilbevölkerung während des Vietnam- mich bei solchen Gesprächen unwohl in Vietnam in meinem Kopf ab. Egal

66
was ich auch versuche, die Gedanken 6.1 Depressionen mörder und Schlächter beschimpft
schleichen sich immer wieder ein. Es (DeFazio, 1978). Aus diesem Grund ver-
ist unheimlich schwer, sie wieder zu Viele Vietnamveteranen leiden unter suchen manche Veteranen, sich und ihre
verdrängen. Es sind Gedanken über Depressionen. Sie zeigen die klassischen Familie zu isolieren. Dieses äußert sich
alte Freunde, ihre Gesichter, den Symptome (DSM III, 1980) wie Schlafstö- auch in Phantasien über ein Leben als
Hinterhalt, ihre Schreie, ihre Gesich- rungen, psychomotorische Beeinträchti- Einsiedler in der Wildnis, weit weg von
ter.... Wissen Sie, jedes Mal, wenn ich gungen, Gefühle von Wertlosigkeit, Kon- anderen Menschen.
einen Hubschrauber höre oder eine zentrationsschwierigkeiten usw. (Good-
Baumlinie sehe, laufen mir kalte win, 1987). Die meisten Veteranen haben 6.3 Wut
Schauder den Rücken runter, und ich Situationen im Krieg erlebt, in denen ein
erinnere mich. Wenn ich wandern oder mehrere ihrer Kameraden ums Viele Veteranen haben starke Wutaus-
gehe, vermeide ich starke Vegetation Leben kamen. Aufgrund der besonderen brüche. Oftmals sind sie selbst genauso
und bleibe oberhalb der Baumgrenze. Erfordernisse der Kriegssituation fand überrascht und verängstigt darüber wie
Wenn ich die Straße entlang laufe, meistens keine Verarbeitung solcher die Personen in ihrer Umgebung. Diese
fühle ich mich unwohl, wenn Men- Ereignisse statt. Im Krieg blieb den Sol- Wutausbrüche haben viele Gründe. In der
schen hinter mir sind und ich sie nicht daten wenig Zeit zur Trauer, da ihr Leben militärischen Ausbildung wurde Aggres-
sehen kann. Wenn ich mich setze, von ihrer ständigen Bereitschaft abhing. sion als positiv und männlich dargestellt
suche ich einen Stuhl aus, hinter dem Nach dem Krieg versuchten die meisten, (Egendorf, 1975). Während der Kampf-
etwas Großes und Stabiles steht. Am diese Ereignisse zu verdrängen. Die Vete- einsätze in Vietnam kam diese Wut und
wohlsten fühle ich mich in der Ecke ranen hatten das Gefühl, nicht darüber Aggression hoch, es gab jedoch oftmals
eines Zimmers, da mich Wände an bei- reden zu können. Sie glaubten, dass nur keinen Gegner, an dem man sie ausleben
den Seiten umgeben. Laute Geräusche jemand, der das gleiche durchgemacht konnte. Aus diesem Grund wurde die
gehen mir auf die Nerven, und plötzli- hat, sie verstehen könnte (Howard, Wut oftmals an Unbeteiligten ausgelas-
che Bewegungen oder Geräusche brin- 1976). sen, da keine geeigneteren Ziele vorhan-
gen mich aus der Fassung.“ Mit dieser Depression geht oftmals ein den waren (Shatan, 1978).
Gefühl der Hilflosigkeit oder eines, nichts Nach ihrer Rückkehr wurde diese Wut
„Nachts ist es für mich am schwersten. an dem Zustand ändern zu können, ein- oftmals gegen die Obrigkeit gerichtet,
Ich gehe erst lange nach meiner Frau her. Aufgrund der Tatsache, dass der also gegen die Personen, die dafür ver-
schlafen. Es scheint Stunden zu dau- Vietnamkrieg ein Guerillakrieg ohne antwortlich waren, dass sie nach Viet-
ern, bis ich endlich einschlafe. Nachts erkennbaren Feind und ohne Bodenge- nam mussten und ebenso gegen Perso-
muss ich sehr viel an meine Erlebnisse winn war, hatte es für den Soldaten den nen, die die Soldaten nicht unterstützten
in Vietnam denken. Manchmal weckt Anschein, keine Fortschritte zu machen. (Howard, 1976). Diese Wut äußert sich
mich meine Frau und schaut mich ganz Man kämpfte, sah Kameraden sterben auch in einem Gefühl des Misstrauens
entsetzt an. Ich bin dann schweißge- und hatte das Gefühl, die ganze Sache gegenüber Autoritäten und dem System
badet und verspannt. Manchmal greife bringe nichts. Dieses Gefühl, nichts an im allgemeinen. Viele Veteranen, die an
ich nach ihrem Hals, bis ich merke, wo einer unangenehmen Situation ausrich- einer posttraumatischen Belastungsreak-
ich bin. Ab und zu kann ich mich an ten zu können, führt nach Seligman tion leiden, haben z.B. eine Reihe von
den Traum erinnern; z.T. ist es Viet- (1967) zu einer erlernten Hilflosigkeit. Arbeitsplatzwechsel hinter sich. Dies liegt
nam, manchmal nur Leute, die hinter an einem Misstrauen gegenüber dem
mir her sind und ich nicht mehr weg- 6.2 Einsamkeit Arbeitgeber, sowie dem Glauben, ausge-
laufen kann.“ nutzt zu werden.
Die meisten Veteranen haben nur wenige
„Ich weiß nicht, aber es geht schon Freunde. Sie haben das Gefühl, dass die 6.4 Affektvermeidung
lange so. Ich glaube, es wird immer Dinge, die sie im Kampf tun mussten und
schlimmer. Meine Frau spricht davon, die Ereignisse, die sie gesehen haben, bei Viele Veteranen beschreiben sich als
mich zu verlassen. Ich glaube, das wäre anderen Unverständnis oder Ekel hervor- emotional tot. Diese Emotionslosigkeit
nicht so schlimm, aber ich bin einsam. rufen würden. Dieses führt bei vielen zu begann in der Grundausbildung. Hier
Ich habe ja sonst niemanden. Warum der Annahme, von Peers nicht akzeptiert haben sie gelernt, dass Vietnamesen kei-
bin ich der einzige, der so ist? Was zu werden. Viele berichteten, sich wie ein ne Menschen seien, sondern "gooks" und
zum Teufel ist mit mir los?“ alter Mann in einem jungen Körper zu "dinks" usw.. Diese Entmenschlichung des
fühlen. Gegners sollte es den Soldaten leichter
Diese Beschreibung ist typisch für die Die fehlende positive Unterstützung machen zu töten. Sie wurde während des
Art und Weise wie sich eine Posttrauma- durch die amerikanische Öffentlichkeit Krieges jedoch generalisiert und auch auf
tische Belastungsreaktion bei Vietnam- während des Krieges ist ein weiterer Fak- die eigenen Truppen bezogen (Shatan,
veteranen äußert. Die folgenden tor für den sozialen Rückzug vieler Vete- 1973). Die verwendeten Pseudonyme
Abschnitte werden die einzelnen Symp- ranen. Nach ihrer Heimkehr wurden dienten dazu, den Schrecken des Kamp-
tome unter denen diese Veteranen leiden Veteranen von einem nicht unbeträchtli- fes zu dämpfen (DeFazio, 1978). Die
näher schildern. chem Teil der Bevölkerung als Kinder- emotionale Abstumpfung erhöhte die

67
Coping-Fähigkeiten der Soldaten und verfolgt oder beschossen werden. Es wird fasst, oder haben beratende Tätigkeiten
diente somit zum Überleben (Lifton, auch häufig über Träume, in denen stän- übernommen (Brende and Parsons, 1986).
1976). Sie ist ein Schutzmechanismus. dig das gleiche Ereignis wiederholt wird, Einer der Gründe für die Entstehung
Problematisch wird es, wenn dieser berichtet. Beispiele hierfür sind Träume dieser Gruppen, war die Tatsache, dass
Effekt weiter bestehen bleibt, nachdem über den Tod eines Freundes oder das die Veterans Administration (VA) nicht
das Trauma vorüber ist. Töten eines Feindes. Oftmals beschreiben bereit war, sich den Problemen dieser
Viele Veteranen empfinden Emotionen die Ehepartner den Schlaf des Veteranen Veteranen anzunehmen, obwohl diese
wie Liebe und Mitgefühl als bedrohlich. als unruhig. Auch Angriffe auf den Ehe- Organisation hierfür zuständig wäre, wie
Aufgrund ihrer verdrängten Emotionen partner in den ersten orientierungslosen die Selbstdarstellung ihrer Mission zeigt.
haben sie Angst davor, solche Empfin- Momenten nach dem Aufwachen werden
dungen zuzulassen, da diese dann eben- häufiger beschrieben. To serve America’s veterans and their
falls durchbrechen könnten. families with dignity and compassion
6.8 Wiederkehrende Gedanken and be their principle advocate in
6.5 Schuldgefühle ensuring that they receive medical
Im Alltag können Geschehnisse oder care, benefits, social support, and las-
In Situationen, in denen Menschen ihr Gegenstände, die von dem Veteranen mit ting memorials promoting the health,
Leben lassen müssen, fragen sich die dem Krieg in Verbindung gebracht wer- welfare, and dignity of all veterans in
Überlebenden häufig, warum ausgerech- den, traumatische Erinnerungen auslö- recognition of their service to this
net sie verschont geblieben sind (Lifton, sen. Beispiele sind Hubschrauber, der nation (VA website at
1973). Die Schuldgefühle, die hierbei Geruch von Urin, Fehlzündungen oder ein http://www.va.gov/about_va/mission.htm).
auftreten, können zu einem selbstzerstö- verregneter Tag. Manche empfinden die
rerischen Verhalten führen. Laut Shatan Erinnerungen, die dadurch wachgerufen Die VA argumentierte, dass neuropsychi-
(1973) sind sie beispielsweise häufig in werden, als so unerträglich, dass sie sol- atrische Probleme, die mehr als ein Jahr
Autounfälle ohne Fremdbeteiligung ver- che Geschehnisse oder Dinge aktiv mei- nach der Entlassung aus dem Militär-
wickelt. Häufige Schlägereien gegen den. dienst auftreten, nichts mit der Dienst-
überlegene Gegner sind ein weiteres Im Extremfall können solche Erinnerun- zeit zu tun haben können und erkannte
Beispiel. gen "Flashbacks", d.h. eine Art Trance sie somit nicht an. Eine Behandlung über
verursachen, in denen der Veteran die die VA war somit schwer zu erhalten und
6.6 Angstreaktionen Kriegsgeschehnisse nochmals durchlebt, es war völlig unmöglich, für solche Pro-
ohne die Welt um sich herum richtig bleme Kompensation oder eine Behinder-
Viele Veteranen beschreiben sich selbst wahrzunehmen. tenrente zu erhalten (Goodwin, 1987).
als äußerst wachsam. Aufgrund der stän- 1973 hat die Organisation der Disabled
digen Bedrohung im Krieg haben sie 7 Hilfe für Vietnam- American Veterans das Forgotten Warrior
Reaktionen und Verhaltensweisen veteranen, die an einer Projekt finanziert. Diese Studie, durchge-
gelernt, die ihr Überleben sichern sollten. Posttraumatischen führt von John P. Wilson, Ph.D., war
Veteranen, die an posttraumatischen Belastungsstörung leiden bahnbrechend (Williams, 1987). Es war
Belastungen leiden, zeigen solche Reak- die erste großangelegte nationale Studie,
tionen immer noch, obwohl die Situatio- Die steigende Zahl von Soldaten, die die sich mit Vietnamveteranen befasste,
nen, in denen sie angebracht waren, nach ihrer Heimkehr an einer Posttrau- und dauerte bis 1980. Während dieser
längst vorüber sind. Beispiele solcher matischen Belastungsreaktion litten, Zeit war Dr. Wilson für Präsident Carter
Reaktionen sind das Erschrecken bei führte 1971 zur Organisation sogenann- beratend tätig und wurde Max Cleland,
plötzlichen Geräuschen oder ein Gefühl ter "Rap Groups" durch die Gruppierung dem damaligen Präsidenten der Veterans
des Unwohlseins, wenn Personen nicht "Vietnam Veterans Against the War" Administration und Vietnamveteran, zur
im Blickfeld sind. (VVAW). Diese Gruppen waren eine Art Seite gestellt. Präsident Carter war gera-
der Selbsthilfe, in denen es Veteranen de dabei, eine landesweite Initiative ins
6.7 Schlafstörungen und Alpträume möglich war, über ihre Kriegserlebnisse Leben zu rufen, um Vietnamveteranen
und Schuldgefühle offen zu sprechen bei der Wiedereingliederung zu assistie-
Die wenigsten Veteranen, die an einer und wo sie somit auch diese Erlebnisse ren. Dr. Wilson hat bei der Entwicklung
Posttraumatischen Belastungsstörungen verarbeiten konnten. Der Psychiater dieses Programms, das 1979 fertigge-
leiden, empfinden die letzten Stunden Robert Lifton half bei der Bildung dieser stellt wurde, eine sehr wichtige Rolle
vor dem Schlafengehen als angenehm. Gruppen. Diese haben über einen Zei- gespielt (Volpe, 1979). Das Department
Viele versuchen so lange wie möglich traum von zwei Jahren erfolgreiche of Veterans Affairs hat aufgrund dieser
wach zu bleiben oder nehmen Betäu- Arbeit geleistet. Viele der Veteranen, die Initiative "Vietnam Veterans Outreach
bungsmittel. Der Grund für dieses Verhal- an diesen Gruppen teilgenommen haben, Programme", die von ehrenamtlichen
ten ist die Angst vor ungewollten Erinne- sind danach dazu übergegangen, selbst Helfern betreut wurden, in 90 Städten
rungen, die in Phasen der Unaufmerk- Veteranen Hilfestellung zu leisten. Sie der USA eröffnet. Da sich das Konzept
samkeit auftreten können. haben sich weitergebildet, sie sind als erfolgreich erwies, hat der Kongress
Viele berichten über Träume, in denen sie öffentlich aufgetreten, haben Artikel ver- das "VA Vet Center Program" ins Leben

68
gerufen (Williams, 1987). Durch diese Initiativen wurden die Män- mehr als $20 Mrd.. Medizinische Versor-
Diese Veterans Outreach Centers (Vet ner und Frauen, die in Vietnam dienten, gung für Veteranen wird durch 173
Centers) wurden entwickelt, um Vetera- wesentlich besser versorgt. Klinische medizinische Zentren, 771 ambulante
nen mit allgemeinen Problemen der Behandlungsteams, spezialisiert auf Post- kommunale Kliniken, 134 Pflegeheime,
Wiedereingliederung zu helfen. Sie waren traumatische Belastungsstörungen, kom- 206 Wiedereingliederungszentren, sowie
auch die ersten offiziellen Behandlungs- binierte Behandlungsprogramme für Dro- durch viele weitere Einrichtungen sicher-
programme, die von der Department of genmissbrauch und Posttraumatische gestellt. (VA website at
Veterans Affairs ins Leben gerufen wur- Belastungsstörungen, und spezielle sta- http://www.va.gov/about_va/orgs/vha/ind
den, um Posttraumatische Belastungsstö- tionäre Programme für Drogenmiss- ex.htm).
rungen zu behandeln. Die Vet centers brauch und Posttraumatische Belas-
haben eine einzigartige Rolle innerhalb tungsstörungen wurden entwickelt, um 8 Behandlung
des Gesundheitsprogramms der VA inne. die Vet Center Programme und bereits
Sie befinden sich direkt in den Kommu- vorhandene Behandlungsprogramme für Die Behandlung von kriegsbedingten
nen und somit nicht in räumlicher Nähe Posttraumatische Belastungsstörungen Posttraumatischen Belastungsstörungen
der medizinischen Zentren und Kliniken zu ergänzen. Diese Initiativen halfen lan- unterscheidet sich nicht wesentlich von
der VA. Eines ihrer Hauptaufgaben ist es, desweit sicherzustellen, dass Veteranen, der Behandlung anderer Posttraumati-
die Vietnamveteranen zu erreichen, die die aufgrund von Kriegsgeschehnissen scher Belastungsstörungen. Im allgemei-
Unterstützung und Beratung benötigen, psychologischer Hilfe bedurften, diese nen kann die Therapie für diese Störung
aber zu wütend auf die Gesellschaft oder auch bekamen (Keane, 1990). in drei Phasen unterteilt werden (Fried-
die Regierung sind, um diese Hilfe in den Als Reaktion auf eine Entscheidung des man, 1996).
traditionellen Einrichtungen der VA in Kongresses hat die Veterans Administra-
Anspruch zu nehmen. Die Vet centers be- tion 1989 die National Center for PTSD 1. In der ersten Phase wird eine durch
gannen, Vietnamveteranen als Therapeu- gegründet, um den Bedürfnissen von Sicherheit und Vertrauen geprägte
ten und Berater einzusetzen, da es diesen Veteranen mit kriegsbedingter Posttrau- Umgebung mit dem Patienten aufge-
leichter fiel, ein Vertrauensverhältnis mit matischer Belastungsstörungen gerecht baut. Somit erarbeitet sich der Thera-
ihren Klienten aufzubauen (Lehmann, zu werden. Diese Institution wurde ent- peut das Recht auf Zugang zu trauma-
2000). Die Aufgabe dieser Wiedereinglie- wickelt, um Informationen über alle For- tischen Inhalten.
derungsberatung ist wie folgt: schungs- und Ausbildungsaktivitäten der 2. Die zweite Phase beinhaltet die auf
Veterans Administration und anderer das Trauma gerichtete Therapie. Wäh-
(a) Vietnamveteranen und Veteranen staatlicher und nicht-staatlicher Organi- rend dieser Phase werden die trauma-
anderer Kriege zu erreichen; (b) Vete- sationen in Bezug auf Posttraumatische tischen Inhalte genauestens beleuchtet
ranen und ihren Familien bei persön- Belastungsstörungen bereit zu stellen. und vom Patienten verarbeitet.
lichen, arbeitsbedingten und familiären Die Mission der National Center for PTSD 3. Die dritte Phase hilft dem Patienten,
Problemen zu beraten; (c) Beziehungen lautet wie folgt: sich vom Trauma zu lösen und neuen
mit anderen öffentlichen Einrichtun- Anschluss an Familie, Freunde und
gen aufzubauen um sie bei Wiederein- To advance the clinical care and social Gesellschaft zu finden. In dieser Phase
gliederungsproblemen von Veteranen welfare of America’s veterans through haben die Patienten die posttraumati-
einzubinden; und (d) Therapeuten und research, education, and training in schen Ereignisse bereits integriert und
therapeutische Einrichtungen bei der the science, diagnosis, and treatment können sich somit auf aktuelle Proble-
Erkennung und Behandlung von of PTSD and stress-related disorders. me z.B. in der Familie, in der Ehe, usw.
kriegsbedingten Wiedereingliederungs- konzentrieren.
problemen beratend zur Seite zu ste- Obwohl das Center keine direkten klini-
hen (Gelsomino, 2000). schen Aufgaben übernimmt, hatten seine Psychodynamische, gruppentherapeuti-
Forschungsergebnisse, Weiterbildungs- sche, kognitiv-verhaltensorientierte,
Mitte der 80er Jahre gab der Kongress maßnahmen und Beratungstätigkeiten pharmakologische und kombinierte
eine nationale Studie (National Veterans eine positive Auswirkung auf die klini- Ansätze werden zur Behandlung von
Readjustment Study (NVVRS)) in Auftrag, sche Behandlung von Veteranen mit Posttraumatische Belastungsstörungen
um die Prävalenz der Posttraumatischen Posttraumatischen Belastungsstörungen. eingesetzt (Friedman, 1996). Jeder dieser
Belastungsreaktion unter Vietnamvetera- Weiter-hin hat das Center signifikant zur Ansätze soll im folgenden kurz darge-
nen zu ermitteln. Die Ergebnisse dieser Literatur über diese Thema beigetragen stellt werden.
Studie führten zu entschiedenem Ein- (NCPTSD website at
greifen sowohl von der Department of http://www.ncptsd.org/about/history/inde 8.1 Gruppentherapie
Veterans Affairs wie auch vom amerika- x.html).
nischem Kongress. Verschiedene Pro- Heute hat die Veterans Health Adminis- Gruppentherapie wird seit vielen Jah-
gramme zur Behandlung und zur Errei- tration, welche einen Teil der VA darstellt ren erfolgreich von den Vet Centers zur
chung von Veteranen wurden landesweit und für die Behandlungsprogramme in Behandlung von Veteranen, die an
in stationären und ambulanten Kliniken Bezug auf Posttraumatische Belastungs- Posttraumatischen Belastungsstörun-
der Veterans Administration eingerichtet. störungen zuständig ist, ein Etat von gen leiden, angewandt. Die positive

69
Peer-Group-Atmosphäre ist ideal für 8.3 Kognitv-verhaltensorientierte Davidson, et al., 1990; Van der Kolk, et
Traumapatienten, da eine Umgebung Ansätze al., 1994). Bisher hat kein Medikament
geschaffen wird, in der die posttraumati- sich als definitive Therapie für die Post-
schen Emotionen, Erinnerungen, und Ver- Es gibt zwei kognitiv-verhaltensorien- traumatische Belastungsreaktion hervor-
haltensweisen des Patienten validiert, tierte Ansätze, die Exposure Therapy und getan. Der Einsatz von Pharmaka ist
normalisiert, verstanden und entstigma- die Kognitive Verhaltenstherapie. Exposu- jedoch hilfreich, um Symptome einzu-
tisiert werden. Die Gruppenkohäsion, re Therapy verwendet systematische dämmen, damit Patienten an Gruppen-,
Empathie und Sicherheit, die eine solche Desensibilisierung, sowie invivo-Techni- Psychodynamischen-, kognitiv-verhal-
Umgebung bietet, erleichtert das Offen- ken und imaginale Techniken, wie z.B. tensorientierten, oder anderen Psycho-
legen von traumatischen Inhalten. Oft- Flooding. Im allgemeinen hat sich die therapien teilnehmen können (Friedman,
mals ist es einfacher für Traumapatien- Technik des Floodings als effektiver 1996).
ten, eine Konfrontation durch andere erwiesen als systematische Desensibili-
Überlebende, die gleiches oder ähnliches sierung (Friedman, 1996). Der zweite
durchgemacht haben, zu akzeptieren, als Ansatz, die Kognitive Verhaltenstherapie, Mein besonderer Dank gilt
eine Konfrontation durch einen profes- verwendet Strategien des Anxiety
sionellen Therapeuten, der nie solche Managements, um die Angst, die Patien- Chrys Harris, PhD.
Ereignisse durchlebt hat. Das Teilen der ten verspüren, zu reduzieren. Dieses wird Family Therapy and Trauma Center
eigenen Erlebnisse mit der Gruppe, sowie durch den Einsatz von Techniken, wie z.B. 311 Bennett Center Drive
das Feedback, das der Patient durch die Relaxionstechniken, Stressresistenztrai- Greer, SC 29650
anderen Gruppenmitglieder bekommt, nings, kognitive Restrukturierung, Atem- USA
ermöglichen ihm, sein eigenes Trauma techniken, Biofeedbacks, die Vermittlung
besser zu verstehen und zu verarbeiten. von sozialen Fertigkeiten, und Ablen- der mich an seiner langjährigen Erfah-
Somit werden die durch das traumati- kungstechniken (Foa, et al., 1995). Es rung in der Therapie traumatisierter Viet-
sche Erlebnis bedingten Gefühle der wird angenommen, dass eine Kombina- namveteranen teilhaben ließ und an mei-
Scham, der Wut, des Ärgers, der Angst, tion von Flooding und Anxiety Manage- nen Vater Douglas Varn, SSG US-Army
des Zweifels und der Selbstkasteiung ment Strategien effektiver sind als die Ret., der selbst von 1968-1969 mit Spe-
abgeschwächt und die Patienten können jeweiligen Ansätze für sich alleine (Foa, cial Forces in Vietnam diente und mich
sich zunehmend auf das Hier und Jetzt et al., 1991). als erster auf die Problematik der Viet-
konzentrieren anstatt auf die Vergangen- namveteranen aufmerksam machte.
heit (Scurfield, 1993). 8.4 Pharmakologische Therapien

8.2 Psychodynamische Psychotherapie Das zunehmende Wissen über die vielen


neurobiologischen Abnormalitäten, die
Psychodynamische Psychotherapie kon- mit der Posttraumatischen Belastungsre-
zentriert sich auf das traumatische Ereig- aktion in Verbindung gebracht werden
nis. Der Patient erzählt wiederholt das können, macht den Einsatz von Medika-
traumatische Ereignis zu einem ruhigen, menten zur Behandlung dieser Störung
empathischen, mitfühlenden und nicht immer vielversprechender. Symptome, die
verurteilenden Therapeuten. Dies hilft mit einer Posttraumatischen Belastungs-
angepasste Schutzmechanismen und reaktion einhergehen, wie z.B. Angst,
Coping-Strategien, sowie ein besseres Depressionen und Schlaflosigkeit, können
Selbstverständnis zu entwickeln. Die mit Medikamenten bekämpft werden. Die
Technik hilft auch bei der Modulation Effektivität von Medikamenten zur
von starken Emotionen, die während den Behandlung der zentralen Symptome der
Sitzungen aufkommen können (Marmar, Posttraumatischen Belastungsreaktion
et al., 1995). Während der Therapie wird wie z.B. Intrusion und Vermeidung ist
immer wieder auf die Beziehung zwi- jedoch noch nicht genau bekannt. Man-
schen Posttraumatischen Belastungsreak- che Studien zeigen diesbezüglich eine
tionen und aktuellem Lebensstress hinge- positive Wirkung von Pharmaka. Die von
wiesen. Der Patient lernt die derzeitigen Southwick et al. (1992) durchgeführte
Lebenssituationen zu identifizieren, die quantitative Analyse zeigte, dass trizykli-
traumatische Erinnerungen auslösen und sche Antidepressiva und Monoaminoxi-
somit die Symptome der Posttraumati- dase-Inhibitoren bei den Symptomen der
schen Belastungsstörung verstärken. Intrusion und Vermeidung wirkungsvoll
eingesetzt werden können. Fluoxetine,
Amitriptyline und möglicherweise
Valproate haben bei Vermeidungssympto-
men Wirkung gezeigt (Fesler, 1991;

70
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72
Der Sozialwissen-
schaftliche Dienst

der Polizei Niedersachsen*

Achim Grube

Kurzfassung:

In diesem Artikel wird die Arbeit des Sozialwissenschaftlichen Dienstes der Polizei bezogen auf die Unterstützung bei der Bewältigung von
besonders belastenden dienstlichen Ereignissen von Polizeibeamten dargestellt.

1. Der Sozialwissenschaftliche Dem SWD wurden per Erlass 6 Aufga- 1.4 Methodenunterstützung
Dienst (SWD) der Polizei benbereiche, die hier kurz skizziert dar-
des Landes Niedersachsen. gestellt werden, übertragen. - Entwicklung sozialwissenschaftlicher
Meßinstrumente
1991 wurde der Sozialwissenschaftliche 1.1 Einsatzberatung - Fachartikel
Dienst der Polizei in Niedersachsen - Traumatherapie und Kurzzeittherapie
gegründet. Mit dem SWD wurde erstma- - Castortransport – Beratung des (nur in besonderen Fällen)
lig eine Dienststelle eingerichtet, die mit Gesamteinsatzleiters; Entwicklung - Konzeption und Durchführung von
der Betreuung der Personals beauftragt eines Konfliktmanagementsystems Mitarbeiterbefragungen
wurde. Der SWD ist heute als Zentraler - Moko (Mordkommission) – Beratung der - Konzeption und Durchführung von
Dienst (ZD 1) in das Bildungsinstitut der Kommission, Methodenunterstützung Kundenbefragungen
Polizei Niedersachsen integriert. Das Bil- - Soko (Sonderkommissionen) Metho- - Prozessbegleitung bei Veränderungs-
dungsinstitut selbst ist für die gesamte denunterstützung prozessen (OE und PE)
Fortbildung von über 20.000 Mitarbei- - Entwicklung von methodisch-didakti-
tern/innen zuständig. 1.2 Entwicklung sozialwissenschaft- schen Konzepten
Im SWD arbeiten 7 Mitarbeiter/innen: licher Konzepte - Durchführung und Auswertung von
zwei Dipl.-Päd. (ehemalige Polizeibeam- Vorgesetzteneinschätzungen
te), ein Dipl.-Sozialarbeiter, eine Dipl.- - Soziale Ansprechpartner innerhalb der - Evaluation
Psychologin, ein Kriminalkommissar mit Polizei - Durchführung von Debriefings
sozialwissenschaftlichem Studium, ein - Erstellen und Durchführen von Aus-
Dipl.-Sozalarbeiter und Dipl.-Supervisor 1.3 Supervision wahlverfahren für Spezialeinheiten
und eine Verwaltungsangestellte. - Mentales Training für Angehörige von
Bis auf die Verwaltungsangestellte und - Einzelsupervision Spezialeinheiten
die Psychologin haben alle Mitarbeiter - Teamsupervision - Erstellen von Täterprofilen
eine Supervisionsausbildung, ein Mitar- - Gruppensupervision (Sachbearbeiter - Konfliktmanagement
beiter besitzt eine psychotherapeutische Sexualdelikte und Tötungsdelikte)
Ausbildung. - Coaching für Führungskräfte

* Vortrag gehalten auf dem dreitägigen Fachseminar Posttraumatische Belastungsstörung vom 08.-10. Oktober 2001 in der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont. 73
1.5 Unterstützung der zentralen • Aufklärung zum Thema PTBS mit Bera- Dabei ist die Art der Beteiligung nicht
Fortbildung tungsangebot per Fernschreiben von Belang, die Überforderung trifft den
• Info-Material zum Thema und mit Tele- Zeugen bzw. die Zeugin genauso wie die
- Fortbildung von SET-Trainern (Systemi- fonnummern an alle Polizeidienststellen handelnde Person.
sches Einsatztraining) • Durchführung von Fortbildungsveran-
staltungen für Die Folgen dieser unverarbeiteten Ereig-
1.6 Koordination der Regionalen Bera- - Schiessausbilder nisse äußern sich u.U. in akuter Belas-
tungsstellen (RBS) - Trainer SET (Systemisches Ein- tungsreaktion, wie z.B.
satztraining) - anhaltende Angst
Seit dem 01.01.2000 ist die Zuständigkeit - SEK und MEK - Zustand der Betäubung
des SWD neu geregelt und die Imple- - u.a. - Ärger
mentierung von Regionalen Beratungsstel- • Einführung des Systemischen Einsatz- - Hilflosigkeit, Ohnmacht
len in den Bezirksregierungen und trainings - Überaktivität
Polizeidirektionen des Landes Nieder- • Unterrichtseinheiten zum Thema PTBS - Rückzug
sachsen festgeschrieben worden. In die- • Im Rahmen der Fachhochschulausbil- Zumeist sind die Symptome innerhalb
sem Rahmen übernimmt der SWD u.a. dung weniger Stunden, manchmal aber auch
folgende Aufgaben: • Im Rahmen des Aufstiegslehrganges erst nach Tagen wieder verschwunden
- Koordinierung und Durchführung von zum gehobenen Dienst (AlgD) bzw. nur noch stark eingeschränkt vor-
RBS-Treffen • Informationsveranstaltungen handen. Entscheidend ist, in welcher
• Z.B. nach dem ICE Unglück zeitlichen Unmittelbarkeit dieses Erlebnis
- Durchführung von Fortbildungsmaß-
• Debriefings verarbeitet und bewältigt wird.
nahmen von Mitarbeitern und Mitar-
• Einzelberatung
beiterinnen der RBS
• Beratung von Vorgesetzen Um einer Posttraumatischen Belastungs-
- Unterstützung allgemein
• Stress- und Konfliktbewältigungs- störung vorzubeugen, stehen
seminare Vertreter/innen des Sozialwissenschaft-
Folgende Aufgaben, die bisher vom SWD
(Zeitdauer 1 bis 3 Wochen, durchge- lichen Dienstes (SWD), der Regionalen
zentral wahrgenommen wurden, werden
führt von Trainern und Trainerinnen Beratungsstellen (RBS) und/oder des
jetzt von den RBS dezentral wahrgenom-
des Bildungsinstitutes) Medizinischen Dienstes bereit, um vor
men:
• Betreuung vor und nach Rehamaß- Ort zeitnah Gespräche mit Betroffenen
- Einsatzberatung auf Bezirksebene
nahmen und/oder Angehörigen anzubieten.
- Krisenintervention im polizeilichen All-
• Supervision für Sachbearbeiter
tag nach traumatischen Erlebnissen
Tötungs- und Sexualdelikte 3.2 Zur Ablauforganisation:
- Beratung in besonderen persönlichen
• Pilotprojekt: Supervisonsangebot zum
Problemsituationen
Thema „Überbringen von Todes- 3.2.1 Der/die Betroffene, die Dienststelle
- Unterstützung bei Konfliktmanage-
nachrichten" und/oder die Einsatzleitstelle
ment/ Coaching
benachrichtigen den SWD,
- Unterstützung der dezentralen Fortbil-
3. Krisenintervention nach ex- Hannover, Tannenbergallee 11,
dung tremen Ereignissen im po- Tel. 0511 - 9695-2443.
Die Regionalen Beratungsstellen sind lizeilichen Aufgabenvollzug Der SWD richtet keine Rufbereit-
unterschiedlich stark besetzt. In der Poli- schaft ein, ist allerdings auch
zeidirektion Hannover sind 7 Sozialarbei- Der polizeiliche Alltag ist geprägt von außerhalb der Dienstzeit grundsätz-
ter, in der Bezirksregierung Braunschweig Situationsabläufen, die mit polizeilichen lich über Mobilfunktelefon erreichbar.
6 Polizeibeamte und in den anderen Be- Mitteln bewältigt werden können.
zirken 3 Polizeibeamte/innen eingesetzt Allerdings kommt es vor, daß diese 3.2.2 Der SWD benachrichtigt bei Bedarf
erlernten Handlungsmuster nicht ausrei- den Medizinischen Dienst.
2. Prävention und chen. Das ist besonders bei der Verarbei-
Öffentlichkeitsarbeit tung extremer Ereignisse polizeilicher 3.2.3 Ein Kriseninterventionsteam begibt
Aufgabenwahrnehmung der Fall. sich vor Ort und macht den Betrof-
Im Folgenden werden in Stichworten fenen, bei Bedarf den Angehörigen
Präventionsmaßnahmen und Maßnah- Beispielhaft seien hier genannt: wie auch den Führungskräften, ein
men der Öffentlichkeitsarbeit dargestellt, Gesprächsangebot.
die dazu dienen und dienten, innerhalb • Schusswaffengebrauch gegen Personen
der Polizei in Niedersachsen ein Bewußt- • Ernste Bedrohung gegen Leib oder 3.2.3 Das Kriseninterventionsteam
sein für die Themen akute Belastungsre- Leben oder Körperverletzung durch entscheidet über weitere Maß-
aktion und PTBS zu schaffen. Straftäter nahmen
• Vortrag für Ltd. Polizeidirektoren zum • Verkehrsunfall mit schwer oder tödlich - Angebot zu weiteren Gesprächen
Thema Krisenintervention bei "Akuten Verletzten - Angebot zum Debriefing für
Belastungsstörungen und PTBS" (1995) alle Situationsbeteiligten

74
- Angebot zur Therapievermittlung Wesens und damit auch als jene mit der Arbeit mit dem „inneren Kind"
- Angebot zur speziellen Schieß- Instanz, die ihn rechtzeitig auf lebens- an.
ausbildung bedrohliche Situationen hingewiesen • Die „Swish-Technik", das Wegschießen
- Vermittlung von Seminarplät- hat ohne die er vielleicht heute nicht "eingefrorener Bilder" bei gleichzeiti-
zen zur Stressbewältigung mehr „anwesend" sein würde. gem Ersetzen positiv besetzter Bilder
• In diesem Zusammenhang lernt der wirkt bei akuter Belastungsreaktion
4. Therapiekonzept – was Klient durch die Methode Focusing, die und PTBS ebenso schnell und nachhal-
hat sich bewährt? Angst auf einen angenehmen Raum zu tig wie die Methode EMDR.
reduzieren und anderen hilfreichen • Abschiedsrituale können zum Ende der
In der Arbeit mit Polizeibeamten/innen, Kräften, wie dem Mut, der Zuversicht Therapie eingesetzt werden. Belasten-
die besonders belastende Situationen und der Hoffnung ebenfalls einen de Gedanken werden aufgeschrieben
durchlebt haben sind folgende Faktoren angemessenen Raum zu geben. und feierlich dem Feuer übergeben.
besonders förderlich • Die Stabilisierung des Betroffenen Einige Klienten die eine stärkere Bezie-
steht immer an erster Stelle. Erst wenn hung zum Wasser haben, projizieren
• Die Herstellung einer vertrauensvollen der Klient in der Lage ist, in sich einen ihre negativen Gedanken oder Bilder,
Beziehung ist wesentliche Vorausset- „sicheren Ort" zu schaffen und gelernt eben das, was sie loswerden wollen,
zung einer erfolgreichen Kriseninter- hat, sich von den belastenden Gefüh- auf ein Stück Holz und übergeben die-
vention oder Traumatherapie. len durch bestimmte Techniken, die ses feierlich einem fließenden Gewäs-
• Eine Feldkompetenz bezogen auf z.B. Frau Dr. Luise Reddemann in ihrem ser. Von diesem Ritual prägt sich der
Arbeitsinhalte, Rahmenbedingungen Buch „Imagination als heilsame Kraft" Klient ein Bild mit möglichst verschie-
sowie Kenntnisse über die Aufbau- und in hervorragender Weise beschrieben denen Sinneseindrücken ein. Taucht
Ablauforganisation der Berufsgruppe hat, zu distanzieren, kann mit der dann irgendwann wieder das belasten-
ist förderlich. Der Klient gewinnt das Traumabearbeitung begonnen werden. de Bild auf, führt der Klient sich das
Gefühl, dass der Therapeut ihn versteht, • Mit einer einfachen Übung kann der Bild vom Abschiedsritual vor Augen
sich in seiner Berufswelt auskennt. Klient selbst körperlich erleben, was er und sagt sich, dass er sich bereits von
• Die Bearbeitung der zum Teil erschüt- mit seinen eigenen Gedanken in sei- dem belastenden Material verabschie-
ternden Erlebnisse der Betroffenen nem Körper bewirken bzw. „anrichten" det hat.
setzt zum Selbstschutz des Therapeu- kann. Die Kraft der eigenen Gedanken In anderen Fällen ist es hilfreich, mit
ten eine professionelle Distanz voraus. wird auf eindringliche Weise körperlich einem Betroffenen einen Unfallort
Darunter verstehe ich die Fähigkeit erfahrbar. oder ein Grab aufzusuchen und sich
sich einerseits abzugrenzen, die belas- • In diesem Zusammenhang lernt der von dem Ort des Geschehens oder von
tenden Inhalte nicht zu dicht an sich Klient zu beobachten, welche Gedan- dem Verstorbenen zu verabschieden.
herankommen zu lassen. Die Empathie ken er einlässt, weiter bewegt und Der psychologische Effekt ist bei die
darf andererseits nicht durch die Dis- spinnt bis er sich in diesem Gedanken- sen Ritualen nicht zu unterschätzen.
tanz verloren gehen. Ein warmes an- netz verfängt oder sich in einem • Unterstützung und Verständnis von
nehmendes Arbeitsverhältnis ist anzu- Gedankenkarussell befindet, aus dem Vorgesetzen und Kollegen fördern den
streben. er nicht mehr herausfindet oder aus- Therapieprozess in hohem Maße. Nicht
• Hilfreich ist das Erzählen von „Ge- steigen kann. Je schneller diese selten müssen Vorgesetzte über die
schichten" anderer Polizeibeamter/ Gedanken durch den sogenannten Auswirkungen einer PTBS bei einem
innen: „Es gibt viele Polizeibeamte/ Gedankenstop aufgehalten werden betroffenen Mitarbeiter aufgeklärt
innen, denen es genauso erging und können, desto wahrscheinlicher ist es, werden. Evtl. ist es erforderlich, vor-
die jetzt wieder ganz normal ihren dass der Klient nicht wieder in krank übergehend oder langfristig für den
Dienst versehen." Damit wird den machende Gedankenmuster fällt. Betroffenen eine andere dienstliche
Betroffenen die Angst genommen, sie • Der Klient lernt, bestimmte psychoso- Verwendung zu finden.
seien nicht normal und hätten jetzt matische Beschwerden wie z.B. Herz- • Auf die den Heilungsprozess begünsti-
eine „psychische Macke." schmerzen, die bei ihm heftige Angst- gende Unterstützung von Familienan-
• Der Erfolg der ersten Sitzung ist von zustände und Panikattacke auslösen, gehörigen möchte ich hier nicht weiter
entscheidender Bedeutung für den umzudeuten. Die Umdeutung kann so eingehen.
Therapieverlauf. Der Klient geht mit aussehen, dass der Klient bei plötzlich • Der Klient erlangt die Gewissheit, nach
einem Gefühl der Entlastung und auftretenden Schmerzen in der Herz der Therapie stärker als zuvor zu sein.
hofft, wieder „ganz normal" sein zu gegend sagt: „Mein Herz schmerzt – Er integriert das Trauma in seine Bio-
können. also lebe ich. Ich lebe.!!! Ich lebe noch grafie, bleibt nicht bei seinem trauma-
• Der Klient lernt einen „gesunden" lange." tischen Erlebnis stehen und gewinnt
inneren Dialog, ein hilfreiches Gesprä- • Die von Gendlin entwickelte Methode aus dem Schrecklichen einen Sinn.
che mit seiner Angst zu führen. Die Focusing hat sich in der Arbeit mit • Schuld zu bearbeiten und loszulassen
Angst als Freund/Freundin zu verste- Traumatisierten besonders bewährt. ist fast immer ein Thema in der Trau-
hen, die sein Leben retten will. Eben Bei frühkindlich Traumatisierten bietet mabearbeitung. Hier haben sich
als Wegbegleiter, als Teil seines sich eine Kombination dieser Methode Gleichnisse als sehr hilfreich erwiesen,

75
z.B. das Gleichnis von der Sünderin. • Neben der Traumatherapie sollte der • Auch gilt es, das Selbstwertgefühl, das
Anhand dieses Gleichnisses kann dem Klient regelmäßig Sport treiben (Puls häufig geschwächt wurde, zu entwi-
Klienten aufgezeigt werden, dass die 130). So kann das innere Erregungsni- ckeln und zu stärken.
„Sühne" darin besteht, seine Kräfte veau gesenkt werden. Parallel dazu ist
auf die Bewältigung des Gegenwärti- täglich mindestens einmal eine für
gen zu richten und sich damit eine den Klienten hilfreiche Entspannungs-
Zukunft zu schaffen. Das Verbeißen im technik zu üben. Geeignete erholsame
Vergangenen bindet dort die Kräfte. Freizeitaktivitäten sind begleitend
Erst das Loslassen, das „Seinen- ebenso wichtig, wie das Lösen von
Lebensweg-weitergehen" führt aus aufgeschobenen oder verdrängten
der Krise. Problemen.

76
Polizeilicher Schuss-
waffengebrauch:

Erleben und Folgen*

Frank Hallenberger

Zusammenfassung
Der Beitrag fasst die Studien zum polizeilichen Schusswaffengebrauch zusammen. Entgegen den Erwartungen konnten nur fünf Untersu-
chungen aus den USA, Kanada und Europa gefunden werden. Die in ihrer Systematik sehr unterschiedlichen Datenerhebungen zeigen
jedoch einige Übereinstimmungen in ihren Ergebnissen. Beleuchtet wird der spontane und gezielte polizeiliche Schusswaffengebrauch mit
seinem Erleben durch den Schützen. Die aus diesem zumeist traumatisierenden Ereignis resultierenden psychischen und sozialen Folgen
werden mit ihren Bedingungsfaktoren dargestellt.

Gliederung 3. Der „sichere“ Schuss ten. Ein beliebtes Film- und Seriengenre
4. Hilfsmaßnahmen sind Krimis und Polizeiarbeit. So zeigt ein
1. Einleitung 5. Literatur Blick auf eine zufällig aufgeschlagene
2. Der „unsichere“ Schuss Seite des Fernsehprogramms vom 11. Mai
2.1. Erleben des Schusswaffengebrauchs 2000 z.B. „Ein Fall für zwei“, „Die Motor-
2.2. Belastungsreaktionen 1. Einleitung rad-Cops“, „Balko“, „Die Wache“, „Antho-
2.3. Einflüsse auf die Regeneration ny Dellaventura, Privatdetektiv“, „Wolffs
2.3.1 Soziale Unterstützung Die Medien, allen voran das Fernsehen Revier“, „Cagney und Lacey“, „Die Stra-
2.3.2 Zusätzliche psychische Verletzungen beeinflussen das Weltbild des Konsumen- ßen von San Francisco“. Das waren erst
sechs Programme. Ich habe mir nicht die
Mühe gemacht, die hierbei im Polizeiein-

› Polizeilicher Schusswaffengebrauch in Rheinland-Pfalz

7
satz an- oder erschossenen Menschen zu
zählen. Es geschieht jedoch an jedem
Fernsehtag zu fast jeder Stunde. So kann
Anzahl der Fälle gegenüber Menschen

leicht der Eindruck entstehen, dass der


6 Schusswaffengebrauch eine routinemäßig
5 eingesetzte Form der Polizeiarbeit sei.
4
Dagegen ist in der Realität der Schuss-
3 waffengebrauch gegen Menschen in
2 Deutschland ein eher seltenes Ereignis.
1 Die folgende Grafik zeigt die Häufigkeit
des Schusswaffengebrauchs gegen Men-
0
1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 schen in Rheinland-Pfalz 1987 bis 1996,
nach den Angaben des rheinland-pfälzi-
Erfassungszeitraum
schen Innenministeriums (Abb. 1).
Abb. 1
* Nachdruck mit freundlicher Genehmigung aus POLIZEI UND WISSENSCHAFT 1/2001 77
Insbesondere in den Filmmedien wird in konstituieren in beiden Definitionen das ams (1993) sowie Artwohl und Christen-
aller Regel noch ein anderer Aspekt völlig Ereignis als „Trauma“ oder „kritisches sen (1997) Veröffentlichungen vor. Die
falsch dargestellt: Die Belastungsreaktio- Ereignis“. Im ICD 10 (1994) ist dies die Angaben sind aber vergleichbar mit Ein-
nen der Polizeibeamten nach dem Einschätzung, dass das Ereignis bei nahe- zelfallberichten aus deutschen Polizeima-
Schusswaffengebrauch. In allen Studien zu jedem tiefgreifende Verzweiflung aus- gazinen und eigenen Erfahrungen mit
zum Schusswaffengebrauch wird von lösen würde. Das DSM IV (1996) Betroffenen. Die Schilderungen zum Erle-
unterschiedlich starken Schockzuständen beschreibt als Reaktionen intensive ben beinhalten überwiegend psychische
direkt nach dem Schießen berichtet Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen. Mit und physische Aktivitäten, die während
(Manolias & Hyatt-Williams, 1993; Solo- anderen Worten: Der Schusswaffenge- bzw. kurz nach dem Schusswaffenge-
mon & Horn, 1986). Im Gegensatz dazu brauch kann für einen Polizeibeamten ein brauch vorgelegen haben sollen. Ob es
steckt der Zelluloid-Polizist die Waffe kritisches Ereignis darstellen und somit sich um das tatsächliche Erleben oder
weg, schnauft bestenfalls kurz durch und akute bzw. posttraumatische Belastungs- um Gedächtnisrepräsentationen handelt,
jagt den nächsten bösen Buben. reaktionen auslösen. Unterstützung die nach dem Ereignis verändert wurden,
erfahren diese Ausführungen durch zwei ist kaum abzuschätzen:
Die Filmwelt gaukelt uns also vor, dass es Befragungen. Bei Stratton, Parker und
sich bei Schusswechseln um normale Snibbe (1984) sowie Solomon und Horn Überwiegend handelte es sich um die
polizeiliche Situationen mit außerge- (1986) berichtet jeweils ca. ein Drittel Eskalation einer Konfrontation bei ver-
wöhnlichen Menschen handelt – den der Polizeibeamten von geringen, mode- suchter Täterfestnahme, Verfolgungsfahr-
Polizisten. Die Realität stellt sich demge- raten bzw. starken Belastungsreaktionen. ten oder Hausstreit. Am Punkt der größ-
genüber genau gegensätzlich dar: Es ten Gefahr seien die meisten Befragten
handelt sich um außergewöhnliche Situ- Die zu dem Thema „Post-Shooting“-Reak- extrem ruhig und „klar im Kopf“ (clear-
ationen mit normalen Menschen! tionen veröffentlichten Studien weisen headed) gewesen. Auch von „kalt“ wird
alle verschiedene methodische Mängel gesprochen. Hier hat sich die Situation
2. Der „unsichere“ Schuss auf. So lag häufig eine geringe Proban- zugespitzt, oft handelte es sich um eine
denzahl vor oder es wurden Fragebögen „Aug’ in Aug’“-Situation, wo es darum
Hierunter soll der Schusswaffengebrauch 1 ohne erkennbares Schema verschickt. Die geht, wer von den Beteiligten überleben
aus einer Aktion heraus ohne Planung, Fragebögen enthielten zumeist Selbstbe- wird („Der oder ich!“). Nur wenige berich-
Schutz und präziser längerfristiger Zielsu- schreibungen und -einstufungen anstatt ten hierbei von intensiver Furcht, die aber
che verstanden werden. Dagegen soll als verhaltensorientierter Fragen. Die Grup- sogleich durch überwältigende Wut
„sicherer“ Schuss der geplante, präzise penzusammensetzung blieb unklar. Waren ersetzt wurde. Hohe Anspannung oder
gezielte Schuss aus einer Deckung heraus Präzisionsschützen dabei? Zog das Schie- Angst kam selten vor, am ehesten dann,
– in der Regel der „Finale Rettungs- ßen den Tod eines anderen Menschen wenn das Ereignis antizipiert werden
schuss“ – bezeichnet werden. nach sich oder waren es geringere konnte. Sehr häufig wird von reflexhaf-
Schussverletzungen? Waren nur Schützen tem Reagieren, einem automatischem
Die meisten amerikanischen Polizeibeam- in der Gruppe oder auch Polizisten, die an Ablaufen antrainierter Abläufe, gespro-
ten sehen den Schusswaffengebrauch als dem Einsatz teilgenommen hatten, aber chen (80% bei Artwohl & Christensen,
das belastendste Ereignis an, welches nicht geschossen haben? Die Kategorien- 1997). Ein für die Vorbereitung und Pro-
ihnen während ihres Berufslebens passie- bildungen und Auswertungen differieren phylaxe kritischer Ereignisse sehr wesent-
ren könnte. Zu diesem Schluß kommen stark. Der Einfluß sozialer Erwünschtheit licher Befund, da Automatismen und
Manolias und Hyatt-Williams (1993) nach oder noch anhängiger Ermittlungen wur- reflexhaftes Verhalten erlernt und trai-
einer Literaturübersicht. Eine Aufklärung den nie erfaßt und die Zeitspannen zwi- niert werden können. Ein richtiger und
dazu, warum Schießen höchsten Stress schen Ereignis und Befragung schwanken wichtiger Schritt in diese Richtung ist das
bedeuten kann, findet sich in den beiden beträchtlich. Die Ergebnisse der interna- Üben in den interaktiven Schießanlagen.
gängigen Diagnose-Manualen. Bei einer tionalen Untersuchungen (zweimal USA,
möglicherweise traumatogen wirkenden je einmal Kanada, Niederlande und Groß- Etwas überraschend sprechen fast die
Situation soll nach ICD 10 (1994) eine britannien), deutscher Berichte und Hälfte der von Artwohl und Christensen
„außergewöhnliche Bedrohung“ oder ein Erfahrungen aus der eigenen Gruppen- (1997) befragten Polizisten davon, wäh-
„katastrophales Ausmaß“ vorliegen. Deut- und Einzelfallarbeit zeigen aber bedeut- rend des Geschehens intensiv gedanklich
licher zeigt das DSM IV (1996), warum same Übereinstimmungen (Stratton, Par- abgelenkt gewesen zu sein. Die Gedanken
der Schusswaffengebrauch traumatisch ker & Snibbe, 1984; Loo, 1986; Solomon kreisten hierbei z.B. um Angehörige und
wirken kann: „Die Person erlebte, beob- & Horn, 1986; Gersons, 1989; Krolzig, Zukunftspläne.
achtete oder war mit einem oder mehre- 1992; Deutsche Polizei, 1995; Manolias &
ren Ereignissen konfrontiert, die tatsäch- Hyatt-Williams, 1993). Direkt nach dem Schießen kommt es zu
lichen oder drohenden Tod oder ernsthaf- sehr unterschiedlichen Gefühlen, die von
te Verletzung oder eine Gefahr der kör- 2.1 Erleben des Schusswaffengebrauchs Erleichterung bis zu ernsthaftem Schock-
perlichen Unversehrtheit der eigenen Per- zustand reichen können. Einige sprechen
son oder anderer Personen beinhalteten.“ Zum Erleben des Schusswaffengebrauchs nach dem Ereignis exzessiv und es kann
Individuelle, subjektive Komponenten liegen nur von Manolias und Hyatt-Willi- Mundtrockenheit vorkommen. Selbst

78 1
„Schusswaffengebrauch“ als Schussausgabe im Unterschied zu „Schusswaffeneinsatz“ im allgemeinen Umgang mit der Dienstwaffe (vgl. Lorei, 1999).
wenn die Betroffenen zunächst sagen, 2.2 Belastungsreaktionen Gedächtnisphänomene daraufhin, dass
dass sie völlig ruhig seien, kann es bei- die Angaben zum Erleben des Schusswaf-
spielsweise sein, dass ihnen Schreiben Hier finden sich – je nach Fragestellung fengebrauchs (2.1) vorsichtig interpre-
nicht möglich ist. Etwa 2/3 der Schützen der Untersuchung – unterschiedlich viele tiert werden müssen.
wiesen auffällige emotionale Reaktionen Symptome der akuten bzw. posttraumati-
nach dem Ereignis auf. Teilweise traten schen Belastungsreaktion. Daneben gibt Aufgrund der vorliegenden Untersuchun-
diese Reaktionen jedoch oft erst einige es aber auch Angaben zu kognitiven, gen (Stratton, Parker & Snibbe, 1984;
Stunden nach dem Vorfall auf (Manolias sozialen und anderen Aspekten, die in Loo, 1986; Solomon & Horn, 1986; Ger-
& Hyatt-Williams, 1993). den Diagnosesystemen nicht aufgenom- sons, 1989; Manolias & Hyatt-Williams,
men sind. Die Reihenfolge der Belas- 1993) müssen Intrusionen in der Zeit
Beim Schusswaffengebrauch muss den tungsreaktionen ist – soweit dies mög- nach dem Schusswaffengebrauch als das
Angaben zufolge vor allem mit Wahrneh- lich war – an die Häufigkeit der Nennun- herausragende Problem angesehen wer-
mungsverzerrungen gerechnet werden gen in den Studien angelehnt. den. Hierbei handelt es sich um spontan
(Solomon & Horn, 1986; Manolias & auftretende teilweise sehr intensive,
Hyatt-Williams, 1993; Artwohl & Chris- Eine hohe Beanspruchung – schon kurz belastende Erinnerungen. Solomon und
tensen, 1997). nach dem Schusswaffengebrauch – stellt Horn (1986) hatten in ihrer Befragung
Am häufigsten ist die Zeitwahrnehmung das meist reduzierte Erinnerungsvermö- keine eigenen Kategorien hinsichtlich
betroffen. Ein Erleben der Situation wie gen dar. Diese Beanspruchung wird durch belastender Erinnerungen. Diese wurden
in Zeitlupe wird von gut 2/3 und wie im die notwendigen Ermittlungen noch von ihnen möglicherweise unter dem
Zeitraffer von ca. 1/6 der Befragten erhöht. Nach Schusstreffern muss eine Bereich „Einschleichende Gedanken
berichtet. Hierbei sind extreme Wahrneh- staatsanwaltschaftliche Untersuchung – (introducing thoughts) / Flashbacks“ sub-
mungsveränderungen möglich: Von fast oft mit Befragungen oder Vernehmungen sumiert, der auf Platz vier von 16 Kate-
Zeitstillstand, bis „zu schnell, um über- – erfolgen. Die Ermittlungen können gorien rangierte. Bei Stratton, Parker und
haupt noch etwas zu erleben“. Auf das einen erheblichen Einfluß auf das Befin- Snibbe (1984) war die Kategorie „flash-
veränderte Zeiterleben müssen die Poli- den des Schützen nach sich ziehen und backs / recurring thoughts“ auf dem
zisten vorbereitet werden, da dieses werden weiter unten angesprochen. Zum ersten Platz der drei häufigsten Proble-
Angst hervorrufen kann („Warum bin ich anderen befindet sich der Polizeibeamte me. Flashbacks sind Erinnerungsattacken
so langsam?“, „Werde ich verrückt ?“). auf einmal in einer Situation, die er in und treten unvorhersehbar mit hoher
Deutlich über die Hälfte der Betroffenen der Regel aus der gegenüberliegenden Lebendigkeit auf. Die Kategorienbildung
beschreiben ein reduziertes Hörvermö- Perspektive kennt, er wird befragt oder oder Vermischung von Intrusionen und
gen. Geräusche können gedämpft oder vernommen. Wie oft machten Zeugen Flashbacks ist nachvollziehbar, gehören
wie aus großer Entfernung oder auch oder Vernehmende widersprüchliche beide Bereiche doch zum „Erinnerungs-
überhaupt nicht gehört werden (eigene Angaben und/oder hatten Erinnerungs- druck“ nach DSM IV. Loo (1986) hatte
oder fremde Schüsse, Zurufe, Sirenen ...). probleme mit unterschiedlich hoher „Flashbacks“ als eigene Kategorie
Von ca. einem Sechstel wurden einige Glaubwürdigkeit? Hieraus können berufs- benannt, die sowohl als häufiges als
Geräusche verstärkt wahrgenommen. So bedingte Zweifel an der Ernsthaftigkeit auch als recht schweres Problem genannt
wurde dem Autor berichtet, dass das der Erinnerungsprobleme resultieren. So wurde.
Auftreffen der Kugel auf den Körper des kann der nun betroffene Polizist davon Hohe Bedeutung – im Sinne häufiger
Gegners gehört wurde. ausgehen, dass der Kollege ihm gegenü- Nennungen – haben auch „Schlafschwie-
Angaben zum „Tunnelblick“ (intensives ber auch diese Zweifel hegt. Dies kann zu rigkeiten“ (Stratton, Parker & Snibbe,
Fokussieren eines Bereichs, bei Ausblen- zusätzlichen Verwirrung und Unsicher- 1984; Solomon & Horn, 1986; Gersons,
dung der Randbereiche) finden sich bei heiten führen. 1989; Manolias & Hyatt-Williams, 1993).
Solomon und Horn (37%) und Artwohl Im einzelnen können folgende Erinne- Hierbei ist aber in den Berichten nicht
(83%). Unterschiedlich häufig wird von rungsverfälschungen auftreten (Artwohl immer klar, ob nach „Ein- und Durch-
Detailwahrnehmungen (Gesicht, Waffe, & Christensen, 1997): Ca. 2/3 berichteten schlafstörungen“ oder „Alpträumen“
Kleidung) berichtet (18% bei Solomon & von reduziertem Erinnerungsvermögen. gefragt wurde.
Horn, 1986, und 74% bei Artwohl & Teilabläufe konnten nicht erinnert wer- Nach Wut und Zorn wurde häufig
Christensen, 1997). Ein Grund für die den. Wer war dabei, wie oft wurde gefragt und diese Emotionen wurden
unterschiedlichen Häufigkeiten ist mögli- geschossen, wie oft habe ich geschossen? auch sehr oft benannt. Solomon und
cherweise in einer uneinheitlichen Frage- Dagegen schilderten etwa 1/5 Ereignisse Horn (1986) berichten, dass diese Emp-
stellung zu sehen. und Abläufe, die in Wirklichkeit nicht findungen oft auf die Person gerichtet
Loslösungserleben im Sinne von Deperso- stattfanden. Es ist aber auch möglich, sind, die die Veranlassung zum Schießen
nalisation (die Szenerie wie von außen dass das Ereignis mit ungewöhnlicher gab („God damm you for putting me in
sehen) und Derealisation (Gefühl zu träu- Klarheit und mit vielen Details erinnert such a situation“ oder „God damm you
men, „das ist nicht wahr“) wird von etwa wird (ähnliche Angaben finden sich bei for making me feel so vulnerable“). Ziel
der Hälfte der von Artwohl und Christen- Stratton, Parker & Snibbe, 1984; Manoli- von Wut und Zorn kann auch der Part-
sen (1997) Befragten angegeben. as & Hyatt-Williams, 1993). ner/Kollege sein. Es wird ihm angelastet,
Weiterhin weisen die beschriebenen dass er nicht korrekt gehandelt haben

79
soll. Ein häufig gemachter Vorwurf ist auch nicht ausgeschlossen werden, dass chen vom „Kainsmal“, dem Gefühl, von
hierbei, dass er nicht genug Schutz gege- „Depression“ in den Befragungen unter- allen beobachtet zu werden, wohl als Pro-
ben habe. Besonders sensibel und emo- schiedlich verwendet wurde, wie z.B. als jektion von Anklage- und Schamgefühlen,
tionsbeladen werden die Aktivitäten sei- Verstimmung, Sorgen oder im strengen weil man im übertragenen Sinne einen
tens der Dienststelle bzw. anderer Insti- klinischen Sinn. „Gefühlseinengung“ war Brudermord begangen hat.
tutionen der öffentlichen Verwaltung mit 60% in der Gesamtgruppe auch ein Dies führt zu einem sehr wichtigen und in
beachtet. Dazu später mehr (2.3). Bei Loo bedeutsamer Aspekt bei Gersons (1989). der Praxis schwierigen Bereich, dem der
(1986) liegt „Wut über das Ereignis“ auf Manolias und Hyatt-Williams (1993) „Schuld“. „Schuld“ im weiteren als nur
dem zweiten Platz der negativen Reak- sowie Stratton, Parker und Snibbe (1984) dem rechtlichen Sinn, als persönliche
tionen, ähnlich den Ergebnissen von hatten nur die groben Bereiche „emotio- Empfindung, einen Menschen ernsthaft
Solomon und Horn (1986). Diese Emotio- nale Reaktionen“, die in beiden Untersu- verletzt oder getötet zu haben. Auch bei
nen halten nach Loo auch über einen chungen von 2/3 der Befragten berichtet rechtlich eindeutiger Sachlage und Frei-
Monat lang an. Stratton, Parker und wurden. sprechung von jeder juristischen Schuld
Snibbe (1984) sprechen nur davon, dass Soziale Probleme wurden explizit nur von kann für den einzelnen die Frage noch
ca. 2/3 der Befragten emotionale Reak- Solomon und Horn (1986) aufgegriffen. völlig ungelöst und problembehaftet sein.
tionen wie Depression, Wut u.a. hatten. Isolation/Rückzug (45%), Entfremdungs- Vielleicht liegt es an der Komplexität und
Zukunftssorgen hinsichtlich eines mög- gefühle (40%), Probleme mit Regeln und Vielschichtigkeit dieses Problems, dass
lichen zukünftigen Waffengebrauchs Autoritäten sogenannte „troublemakers“ nur Loo (1986) sowie Manolias und
wurden nur von Solomon und Horn (28%), familiäre Probleme (27%) und Hyatt-Williams (1993) es in nennenswer-
(1986) erfragt. Hier gaben 40% der sexuelle Schwierigkeiten (18%) wurden ter Weise betrachtet haben. Unter der
Befragten entsprechende Gedanken an genannt. Hieraus wird deutlich, wie Fragestellung, was der größte negative
(„Werde ich zu schnell oder zu langsam wichtig es ist, die gesamte Familie zu Effekt war, wurden bei Loo (1986) von
... womöglich gar nicht reagieren?“). Ein- betreuen. Die beiden Autoren gehen 14% der Polizisten Schuldgefühle
zig diese beiden Autoren bildeten den weiterhin davon aus, dass sexuelle genannt. In diesem Zusammenhang dürf-
Bereich „Erhöhter Sensibilität für Schwierigkeiten für Polizisten wohl sehr te es interessant sein, dass auch 14% den
Gefahr“, oft unter dem Aspekt der schwer zu akzeptieren sind. Demzufolge Wunsch hatten, das Geschehene ungetan
Erkenntnis der eigenen Endlichkeit. Dies wird selten eine Behandlung aufgesucht machen zu können. Die Prozentangaben
bedeutet, dass der Beruf, wohl in Folge und es entsteht zusätzlicher Druck. zu diesen beiden Rubriken verringerten
des Erkennens der eigenen Verletzlich- Neben den Partnerschaftsproblemen gab sich auch nach einem Monat nicht stark.
keit, zukünftig als gefährlicher angese- es in Einzelfällen aber auch Verbesserun- Zum Vergleich: „Depressionen“ äußerten
hen wird. Zukunftsgedanken im Sinne gen der Beziehungen. nach einem Monat 13%. Die Befragung
von „Furcht vor Untersuchung“ waren bei Unerwartet wenig wurde in Richtung der von Manolias und Hyatt-Williams (1993)
Stratton, Parker und Snibbe (1984) unter Symptomgruppe „chronische Übererre- zeigt andere Ergebnisse: Die Hälfte sprach
den drei am häufigsten genannten Pro- gung“ entsprechend DSM gefragt. Nur davon, keine Schuldgefühle hinsichtlich
blemen. „Furcht vor Untersuchungen“ Gersons (1989) nahm teilweise das DSM des Schießens zu haben. Einige machten
beinhaltet z.B. die Ungewißheit darüber, als Grundlage seiner Studie, allerdings sich aber Sorgen um die Familie des
welche Spuren die ermittelnden Beamten noch das DSM III. Immerhin berichteten Toten. Etwas weniger als die Hälfte fühlte
finden, welche Schlüsse sie daraus ziehen 68% der Gesamtgruppe von Übererre- sich schlecht oder schuldig, jemanden
und für wie glaubwürdig die eigenen gung, aber nur 5% (maximal 2 Personen!) verletzt oder getötet zu haben. Im Ver-
Aussagen dahingehend gehalten werden. von Gedächtnis- und Konzentrations- gleich mit den Erfahrungen der von mir
Wie gesagt (2.2), kommt es nach dem schwierigkeiten. betreuten „Post-Shooting“-Gruppe,
Schusswaffengebrauch häufig zu Erinne- Auch nach Alkohol- oder Drogenabusus erscheint dieser Bereich in den Veröffent-
rungsproblemen, hierdurch wird die wurde nur von Solomon und Horn (1986) lichungen stark unterrepräsentiert.
„Furcht vor Untersuchungen“ nochmals gefragt. 14% bejahten einen Substanz- „Schuld“ ist hier fast immer, auch Jahre
verstärkt. missbrauch. nach dem Ereignis, ein Thema.
Weitere Antworten können unter der Ein übles Gefühl, welches in der „Post-
Symptomgruppe „Vermeidung/emotionale Shooting“-Gruppe des Autors einmal mit Die Dauer, wie lange das Ereignis Proble-
Taubheit“, analog DSM IV zusammenge- „Verlust der Unschuld“ beschrieben wurde, me bereitet, ist stark unterschiedlich. Bei
faßt werden. Solomon und Horn (1986) wird recht häufig empfunden. Von Übel- Stratton und seinen Kollegen (1984)
fanden häufig Empfindungslosigkeit keit, Appetitlosigkeit bis hin zum Gefühl lagen die Schießereien sechs Monate bis
(43%), Depression (42%) und immerhin des Abgestoßenseins sprechen Manolias drei Jahre zurück. Gut drei Viertel der
11% Suizidgedanken. Loo (1986) hatte und Hyatt-Williams (1993). Letzteres, weil Gruppe gab an, dass das Ereignis noch
die Kategorie „Überprüfung persönlicher die Tat für den Betroffenen im krassen frisch in der Erinnerung ist. 10% hatten
Werte“, deren Bedeutung auch über Gegensatz zu dem stand, was für ihn Poli- es ein wenig, 5% zur Hälfte, 6% über-
einen Monat hinaus den Spitzenplatz zei darstellte. Hinzu kamen psychosomati- wiegend und 1% vollständig vergessen.
einnahm. „Interessensverlust hinsichtlich sche Reaktionen von chronischer Migräne Loo (1986) fragte danach, wann die
der Arbeit“ und „Depression“ waren hier und Gefühlsverlust in der rechten Körper- Betroffenen wieder normal zur Arbeit
relativ gering ausgeprägt. Es kann aber hälfte. Solomon und Horn (1986) spra- gegangen sind und ohne Schwierigkeiten

80
am Familien- und sozialen Leben teilnah- helfer oder Soldat, können vier Aspekte selten „Witze“ bezüglich des Ereignisses
men. Die Angaben hierzu schwankten die Soziale Unterstützung bzw. zusätzli- gemacht. Unüberlegte Kommentare gab
von weniger als eine Woche bis zu meh- che Traumatisierungen beeinflussen: es am ehesten, wenn Schwerverbrecher
reren Jahren. Ähnlich sind die Angaben Zunächst kann das – etwas überspitzt das Ziel der Schüsse waren.
bei Manolias und Hyatt-Williams (1993). formuliert – eine Art „Psyphobie“ sein.
Die Schwierigkeiten dauerten einige Bei vielen Polizisten liegen noch immer Am ausführlichsten behandelten Solo-
Wochen bis mehrere Monate, in Extrem- Bedenken gegen alles vor, was mit „Psy...“ mon und Horn (1986) den Einfluß von
fällen noch viel länger. Eine Person hatte anfängt („Ich bin doch nicht verrückt“). Kollegen, Vorgesetzten, Verwaltung und
noch nach zwei Jahren eine schwere Gersons (1989) berichtet aus Holland, Untersucher. Natürlich ist es schwierig,
Depression mit komplettem Rückzug aus dass keiner seiner 34 Befragten nach diese US-amerikanischen Ergebnisse auf
Familien- und Kollegenkreis, und einmal professioneller Hilfe gefragt hat. Völlig Deutschland zu übertragen. So sind die
wird von Weinkrämpfen noch 12 Jahre konträr hierzu stellt sich die Lage dar, polizeilichen Ausbildungen, die Aufgaben
nach dem Vorfall berichtet. wenn jemand die Gelegenheit hat, an der verschiedenen Institutionen und die
Solomon und Horn (1986) diskutieren einem Aufarbeitungsseminar teilzuneh- Mentalität mitunter stark unterschied-
den Einfluß von situativen Komponenten men. Hierbei sind mir als Seminarleiter lich. Die Ergebnisse liefern folgende Hin-
auf die Probleme nach dem Schusswaf- lange Anwärmphasen oder gar nervöses weise: Für alle vier untersuchten Perso-
fengebrauch. Sie zitieren Roberts (1982), Schweigen unbekannt. Im Gegenteil, das nengruppen (fellow officers, supervisors,
der herausstellte, dass es wichtig sei, wie Erlebte, die Gedanken und Emotionen administration, investigation) gab es sig-
sich die Situation anbahnt, wie blutig sie sprudeln förmlich aus den Polizeibeam- nifikante negative Korrelationen
ist und wie die Reputation der getroffe- ten heraus. (-.23 bis -. 37) zwischen Unterstützung
nen Person ist. Letzteres zielt auf den Weiterhin besteht mitunter die Sorge, und Traumawerten. Mit anderen Worten:
Unterschied ab, ob ein langgesuchter dass die Inanspruchnahme psychosozialer Je höher die Unterstützung, desto gerin-
Schwerverbrecher getroffen wird oder ein Hilfe einen negativen Einfluß auf die ger die Schwere des Traumas. Die größ-
Teenager. Solomon und Horn (1986) spätere dienstliche Beurteilung durch ten Korrelationen gab es für „Entfrem-
sprechen noch die Fairness der Situation den Vorgesetzten haben könnte. Wenn dung“ und „Probleme mit Autoritäten
an, d.h., wer war in der Überzahl, gab es jemand so schwach ist und psychische und Regeln“. Je mehr Unterstützung von
unbeteiligte Personen im Schussfeld, war Hilfe braucht, ist er dann nicht ein den vier Personengruppen, desto geringer
der Gegner gefährlicher bewaffnet schlechterer – oder zumindest nicht so war der Problembereich „Entfremdung“
(Schrotflinte)? Ist die Situation durch guter – Polizist? ausgeprägt. In die gleiche Richtung wei-
Unfairness gekennzeichnet, soll dies zu Mitunter könnte bei einigen Mitarbeitern sen die Korrelationen von „Problemen mit
erhöhter Wut führen. Wesentlich soll und Vorgesetzten auch von einer „She- Autoritäten und Regeln“ mit den Zuwen-
auch das Empfinden der eigenen Verletz- riff-Mentalität“ gesprochen werden dungen durch die Personengruppen
lichkeit und das Realisieren der eigenen (ähnlich Loo, 1986; Gersons, 1989). Der „supervisors“, „administration“ und
Endlichkeit sein. Wer mit der Furcht und Sheriff sorgt schnell und knallhart für „investigation“. Geringere Unterstützun-
eigenen Verletzlichkeit umgehen konnte Recht und Ordnung. Probleme gibt es gen durch diese Gruppierungen gehen
oder sich nicht so verletzlich fühlte, hat- nicht oder sie werden – mit der Waffe – mit mehr „Problemen mit Autoritäten
te weniger starke Schwierigkeiten als weggesteckt. und Regeln“ einher. Etwas weiter inter-
jemand, der sich verletzbarer fühlte oder Ein ganz wesentliches Problem stellen pretiert werden die o.g. „troublemakers“
starke Angst hatte. Ähnliche Angaben die nach dem Schusswaffengebrauch mit produziert, die Probleme mit Regeln und
erhielten Manolias und Hyatt-Williams Verletzungsfolge einzuleitenden Ermitt- Autoritäten haben. Unterstützung erfährt
(1993). Die Schwierigkeiten waren vor lungen dar. Diese Verfahren können über diese Überlegung durch die eigene Arbeit
allem dann erhöht, wenn der Gegner eine einen längeren Zeitraum sehr stark be- mit Traumaopfern, die angeben, nach den
Waffenattrappe hatte, Unbeteiligte lasten. kritischen Ereignissen mehr auf sich zu
getroffen wurden oder der Getroffene achten, egoistischer zu sein und „sich
eine Querschnittslähmung davontrug. 2.3.1 Soziale Unterstützung weniger gefallen zu lassen“. Für „fellow
officers“ konnten keine signifikanten
2.3. Einflüsse auf die Regeneration Nach kritischen Ereignissen hat soziale Zusammenhänge mit der Schwere des
Unterstützung eine hohe Bedeutung (z.B. Traumas beobachtet werden. Dies könnte
Wesentlich für den Verlauf der Schwie- Herman, 1993; Maercker, 1997; Lasogga daran liegen, dass „fellow officers“ als
rigkeiten nach einem kritischen Ereignis & Gasch, 2000). Unterstützung von Kolle- Freunde eher bei privaten Problemen hel-
sind die soziale Unterstützung bzw. gen ist die Regel. Bei Stratton, Parker und fen und andererseits – im Umkehrschluß
zusätzlichen Verletzungen. Selbstredend: Snibbe (1984) gab es eine und bei Mano- – so gut wie nicht verletzend werden.
Je höher die soziale Unterstützung und je lias und Hyatt-Williams (1993) zwei Aus- Einen statistisch bedeutsamen positiven
weniger zusätzliche Verletzungen, desto nahmen. Als zumindest etwas unterstüt- Zusammenhang zwischen dem Befinden
weniger bzw. kürzer anhaltende Probleme zend wurden 97% der Kollegen der von zum Zeitpunkt der Befragung und der
(Solomon & Horn, 1986). Solomon und Horn (1986) befragten Poli- erlebten Unterstützung gab es nur mit
Ähnlich anderen „Harte-Männer-Beru- zisten beurteilt. Nach Manolias und „fellow officers“. Mit anderen Worten:
fen“ wie Feuerwehrmann, Katastrophen- Hyatt-Williams (1993) wurden auch nur eine bessere erlebte Unterstützung geht

81
mit einem besseren Befinden in der das Wissen um eine solche Beratung – eine zermürbende „Endlosschleife“ von
Zukunft einher. im Sinne eines Reservefallschirms – Diskussionen beginnt. Letztlich führe dies
Diese Ergebnisse können laut Solomon beruhigend wirken, zum anderen wird zu Frustration und Resignation auf bei-
und Horn (1986) durch verschiedene eine unterstützende bzw. helfende Hal- den Seiten. Dieses Ergebnis zeigt aber
Mediatorvariablen beeinflusst sein. Hier- tung des Arbeitgebers deutlich, wenn er auch ganz deutlich, dass man sich den
zu zählt, wie eindeutig der Schusswaf- für eine solche Möglichkeit sorgt (vgl. Frust nur scheinbar von der Seele reden
fengebrauch war, ob ein Jugendlicher das Hallenberger, 1998). kann. Nötig ist gezielte, systematische
Opfer war und ob die Reputation anderer In der selben Untersuchung gaben die Aufarbeitung mit Lösungsansätzen. Dies
Polizisten mit betroffen war. So könnte Polizisten auch an, dass es ihnen lieber kann in der Regel nur von psychothera-
beispielsweise bei einer – vor allem sei, per Anweisung nach dem Schusswaf- peutisch geschulten Fachkräften gewähr-
rechtlich – nicht eindeutigen Situation fengebrauch zu Hause bleiben zu müs- leistet werden.
oder einem Jugendlichen als Opfer ein sen, als sich womöglich das Stigma
unsensibles Vorgehen der Behörden (z.B. „krank“ einzuhandeln. 2.3.2 Zusätzliche psychische Verlet-
wenig Transparenz des Vorgehens, frag- Den familiären Bereich beleuchteten nur zungen
würdige Pressemitteilungen) besonders Manolias und Hyatt-Williams (1993)
schädlich sein. Ist der gute Ruf anderer sowie Artwohl und Christensen (1997). Im Umkehrschluß zu dem Zuvorgesagten
Polizisten betroffen, könnte dies zu Pro- Die Familie sei zwar mitunter durch das kann angenommen werden, dass bei
blemen mit der kollegialen Unterstützung Ereignis schwer beansprucht, aber sie geringerer sozialer Unterstützung die
führen. scheint doch fähig zu sein, wertvolle Folgen der Traumatisierung stärker sind.
Hinsichtlich „critical incident support Unterstützung zu leisten. Über die pro- Oder noch schlimmer: das Umfeld macht
teams“ sprechen sich die beiden Autoren blematische Situation wurde in der Fami- Fehler (Solomon & Horn, 1986). Hierzu
für den Einsatz von polizeilichen Kolle- lie in stark unterschiedlichem Ausmaß zählen vor allem Wertungen, egal ob im
gen aus, die selbst Betroffene waren. gesprochen: von sehr viel bis gar nicht, „positiven“ („Gut gemacht“, „der hat es
Ihrer Ansicht nach hätten diese eine letzteres bei Vorliegen einer Depression. verdient“, „toller Schuss“) oder im „nega-
höhere Akzeptanz als Profis wie Psycho- In dieser Untersuchung wurden keine tiven“ („Mußte das sein?“, „Hättest du
logen, Ärzte oder Sozialarbeiter. Der Fra- Hinweise auf ernsthafte Effekte bei den ihm nicht das Licht auslöschen kön-
ge hinsichtlich professioneller Unterstüt- Kindern der Polizisten gefunden. D.h. es nen?“). Aus der Erfahrung mit der „Post-
zung wurde differenzierter von Stratton, gab keine Hinweise auf Belästigungen Shooting“-Gruppe werden jedoch detail-
Parker und Snibbe (1984) und Loo (1986) durch andere Personen oder sekundäre lierte rechtliche Wertungen von Kollegen
nachgegangen. Übereinstimmend wurde Traumatisierungen der Kinder. In der erwartet.
in beiden Studien von den Polizisten Befragung von Loo (1986) hielten etwas Es wird auch häufig von „Witzen“ und
angegeben, dass Unterstützung für ande- über die Hälfte der Betroffenen psycho- „Sprüchen“ berichtet, die teilweise hohen
re viel wichtiger ist als für die eigene logische Hilfe für ihre Familie zumindest Schaden anrichten („Na Killer.“, „Wieviel
Person. Loo (1986) sieht dies als Hinweis für „etwas wichtig“, hinsichtlich der werden es heute?“, „Hätte ich doch an
auf ein „Macho-Image“ innerhalb der Familie anderer aber über 90%! deiner Stelle sein können.“, „dead eye“).
Polizei, nach dem „andere Hilfe brauchen, In Zusammenhang mit den Aussagen bei Solche Kommentare treffen jemanden,
ich aber nicht“. Bei Stratton und Kollegen Artwohl und Christensen (1997) kann aus der selbst verwundet bzw. erschüttert
hielten gut drei Viertel der Befragten den Ergebnissen von Loo (1986) (traumatisiert) wurde. Jemanden der zu
Debriefings (Stressbearbeitung nach geschlossen werden, dass die Familie als diesem Zeitpunkt sehr empfindlich ist
belastenden Ereignissen; vgl. Mitchell & Rückhalt wichtig ist, diese unterstützen- und der weiß, dass – wenn überhaupt –
Everly, 1998) zwar für andere für eine den Familienmitglieder selbst aber Unter- nur sehr wenige ihn verstehen können.
gute Idee, mehr als 40% gaben jedoch stützung erfahren müssen. Das gezeigte Unverständnis kann
an, es selbst nicht zu brauchen. Ver- In diesem Zusammenhang ist ein Ergeb- schließlich das Gefühl der Entfremdung
gleichbar sind die Ergebnisse von Loo nis von Gasch (1998) interessant. Entge- und das Risiko der Isolation erhöhen
(1986). Zumindest „etwas wichtig“ für gen der Erwartungen steht hier die (Solomon & Horn, 1986).
andere hielten zwischen 81% und 97% Zufriedenheit mit der sozialen Unterstüt- Mitunter werden die Betroffenen auch
der Teilnehmer die Hinzuziehung eines zung aus dem familiären Bereich in geschnitten, oder im Gegenteil, es fragen
Psychologen (innerhalb von drei Tagen), einem gegenläufigen Zusammenhang mit viele sensationslüstern nach. Nach den
Einzeltherapie, psychologische Hilfe für den Erholungswerten nach belastenden Ergebnissen der vorliegenden Studien
die Familie oder einen „peer counsellor“ Ereignissen. Anders ausgedrückt: Je und eigenen Erfahrungen erscheint die
(Kollege, der selbst Betroffener ist). Auf zufriedener eine Person mit der sozialen Annahme gerechtfertigt, dass Fehler
sich selbst bezogen schwankten die Pro- Unterstützung war, desto geringer war wohl seltener vom engsten Kollegenkreis
zentangaben bezüglich dieser Hilfen zwi- die Erholung. Gasch (1998) interpretiert gemacht werden, sondern von weiter
schen 58% und 62%. Wurde dagegen diesen Befund dahingehend, dass die entfernten Polizeibeamten. Die direkten
gefragt, ob ein psychologisches Bera- Gespräche trotz subjektiver Zufriedenheit Kollegen stehen nach den in Abschnitt
tungsangebot für die eigene Person zur keine sinnvolle Bewältigungsstrategie 2.3.1 dargestellten Ergebnissen in einem
Verfügung stehen sollte, so wurde dies bieten und dass dadurch, anstatt einer sehr positiven Licht. Eine besondere Ver-
von 80% befürwortet. Zum einen könnte Lösung näherzukommen, möglicherweise antwortung liegt bei den Vorgesetzten.

82
Wenn diese den Kollegen nicht unter- noch einmal eindringlich unterstrichen andere ist – höchstwahrscheinlich töd-
stützen, sich zurückziehen oder ihn gar werden. Eine höchst gefährliche, sehr lich – getroffen. Dann der Schuss.
vorschnell zur Rechenschaft ziehen, kön- blutige Situation mit destruktiven Vorge- Danach ist die Situation völlig anders.
nen nicht wiedergutzumachende zusätz- setzten, langwierigen Untersuchungen Aus dem Höchstmaß der Kontrolle wird
liche Verletzungen die Folge sein. In und entstellenden Pressemeldungen der totale Kontrollverlust, dem Schützen
Anlehnung an Solomon und Horn (1986) machen dem Kollegen das Leben auf vie- ist alles direkt Folgende aus den Händen
muss mit Entfremdungsgefühlen, Isola- le Jahre zur Hölle! genommen. Viele Gedanken schwirren
tion und selbstgemachten „Quertreibern“ durch den Kopf: Habe ich getroffen?
(„troublemakers“) gerechnet werden. 3. Der „sichere“ Schuss Habe ich richtig getroffen? Hat der
Der größte zusätzliche Stress entsteht andere sich vielleicht noch kurz vor dem
durch die nachfolgenden Ermittlungen, Hierunter wird der Schusswaffenge- Einschlag bewegt und lebt noch? Oft ist
Gerichtsverfahren und journalistischen brauch aus sicherer Entfernung, also der Getroffene nicht vollständig zu
Berichterstattungen. Das fängt damit an, klassischerweise der „finale Rettungs- sehen. Die Handlung wird dem Schützen
dass dem Betroffenen die Waffe wegge- schuss“, verstanden. Dieses sehr seltene als Realität bewusst. Das (Ziel-) Objekt
nommen wird und er oft unverzüglich Ereignis ist nach derzeitigem Kenntnis- wird im Bewusstsein zum Subjekt. Der
einen Rechenschaftsbericht anfertigen stand nicht systematisch aufgearbeitet Polizist hat einen Menschen getötet. Was
soll (vgl. Solomon & Horn, 1986; Manoli- worden. Für den Militäreinsatz kann auf jetzt kommt, konnte nicht trainiert, nicht
as & Hyatt-Williams, 1993). Auch in Grossman (1996) verwiesen werden. In angesprochen werden. Erinnern wir uns
Deutschland wird die Waffe sofort einge- den zitierten Studien wurde zwischen an den Ausspruch „Verlust der Unschuld“.
zogen und mitunter eine sofortige Ver- diesen beiden Arten des „unsicheren“ und Weiterhin wird dem Schützen mit dem
nehmung angestrebt. Ersteres ist für die „sicheren“ Schusswaffengebrauchs nicht Tod des anderen auch die eigene Ver-
Spurensicherung notwendig, kann aber unterschieden. Die Empfindungen, Reak- wundbarkeit und Endlichkeit zutiefst
einerseits sehr kalt oder andererseits in tionen und Folgen auf den Schusswaf- bewußt.
ruhiger und annehmender Art und Weise fengebrauch sind den zuvorbeschriebe- Die rechtliche Seite ist abgesichert, die
erfolgen. Rechenschaftsberichte oder nen sehr ähnlich. Es ist jedoch keine persönliche Schuldfrage und Moralemp-
Vernehmungen sind aufgrund des zugespitzte „Der oder ich“-Situation. findung kann aber trotzdem zum großen
Schockzustands nicht nur schädlich für Problem werden. Besonders dann, wenn
den Betroffenen, sondern auch rechtlich Man könnte sich nun fragen, warum man sich vorher wenig oder gar keine
wertlos. Aufgrund der beschriebenen auch hier hohe bis höchste Belastungsre- Gedanken um den Schusswaffengebrauch
Wahrnehmungs- und Gedächtnisverfäl- aktionen zu beobachten sind. Sieht man und seine Folgen gemacht hat. Kurz dar-
schungen können Falschaussagen sich noch einmal die situativen Merkma- auf können die Pressemeldungen nach-
zustande kommen. Diese Falschaussagen le traumatischer Situationen nach DSM gelesen werden. Wie wird hier das Ereig-
sind für den Schützen die erlebte Rea- IV an, so können diese beim finalen Ret- nis dargestellt: als Rettung eines bedroh-
lität. Hieraus ergeben sich sodann krasse tungsschuss als gegeben angesehen wer- ten Menschen durch einen bestens aus-
Widersprüche zu den kriminaltechni- den: Die Person ist mit tatsächlichem gebildeten Menschen oder – im Extrem-
schen Erkenntnissen. Die mit den nach- oder drohendem Tod oder ernsthafter fall – als Hinrichtung?
folgenden Untersuchungen verbundene Verletzung – hier einer anderen Person – Bei aller rationalen Klarheit und Recht-
Unsicherheit wird in den Veröffentlichun- konfrontiert. Meist mit einer hohen Ver- mäßigkeit muss nun dieses Ereignis in
gen von Stratton und Kollegen (1984), antwortung hinsichtlich der körperlichen das eigene Lebenskonzept – in die per-
Loo (1986), Solomon und Horn (1986) Unversehrtheit einer weiteren Person, der sönliche Biografie – integriert werden.
sowie Manolias und Hyatt-Williams Geisel. Die Emotionen müssen fassbar, verbali-
(1993) betont. Letztere weisen noch dar- Was kann das persönliche Erleben „tief- sierbar gemacht werden. Oft sind die
auf hin, dass das nachfolgende Procedere greifender Verzweiflung“ (ICD 10) oder Gefühle und Gedanken noch unaus-
teilweise schlimmer empfunden wird als intensiver Furcht, Hilflosigkeit, Entsetzen sprechbar im Kopf der Betroffenen. In
das belastende Ereignis selbst. (DSM IV) hervorrufen? den Aufarbeitungsseminaren erfolgt die
Ähnlich unangenehm können die Akti- Versuchen wir, uns die Situation vorzu- Schilderung der Situation dann logisch
vitäten der Medien empfunden werden, stellen: Auf dem Zielenden lastet eine kühl und trotzdem werden die Augen
die das Ereignis oft völlig falsch darstel- ungeheuer große Verantwortung gegenü- feucht, die Tränen fließen.
len und womöglich sogar den Namen ber der Geisel. Trifft er nicht (richtig) Ich hoffe, die Situation in aller Kürze gut
veröffentlichen. Es wird auch von Politi- muss er davon ausgehen, dass diese genug beschrieben zu haben, so dass ein
kern berichtet, die den Vorfall für sich zumindest erheblich verletzt oder gar Aufkommen von tiefgreifender Verzwei-
ausnutzen wollten (Manolias et al., getötet wird. Der Fokus ist der Täter - flung, intensiver Furcht, Hilflosigkeit und
1993). wahrscheinlich zum Zielobjekt degradiert, /oder Entsetzen verstehbar wird. D.h.,
Aufgrund der eigenen Erfahrungen mit – sonst nichts. Alle anderen Sinnesemp- dass der finale Rettungsschuss traumato-
betroffenen Polizisten können die Berich- findungen sind abgeschaltet. Der Schütze gen wirken kann und somit eine Akute
te von Stratton und Kollegen (1984), Loo hat ein Höchstmaß an Kontrolle über das Belastungsreaktion oder später auch eine
(1986), Solomon und Horn (1986) sowie Leben des anderen Menschen. Nur eine Posttraumatische Belastungsstörung
Manolias und Hyatt-Williams (1993) nur minimale Muskelkontraktion, und der (DSM IV, 1996) auslösen kann.

83
4. Hilfsmaßnahmen zur Verfügung. Im Idealfall existiert eine nahme. Idealerweise werden die Betrof-
24stündige Rufbereitschaft für die sofor- fen dann etwa einen Monat später noch
Zunächst muss eine flächendeckende tige Krisenhilfe. Hierin finden sich vor einmal kontaktiert.
Sensibilisierung zu den Themen „Streß“ allem Ärzte, Diplompsychologen, Seelsor- Weiterhin bieten viele Institutionen
und „Trauma“ erfolgen. Nach diesseiti- ger und Polizeibeamte. Diese sind in der Seminare für Betroffene zu Post-Shoo-
gem Kenntnisstand werden diese Themen Regel in den Gebieten Kommunikation, ting und PTSD an. Oft auf Eigeninitiative
mittlerweile im gesamten Bundesgebiet Recht und Psychotraumatologie aus- wurden Workshops, Supervisionskreise
in den Polizeiausbildungen behandelt. bzw. weitergebildet. und geleitete Selbsthilfegruppen von
Oft finden in dem Zeitraum 24 bis 72 Polizeipsychologen und Polizeiseelsorgern
Für Akutsituationen stehen in einigen Stunden nach dem Ereignis Debriefings aufgebaut.
Bundesländern Kriseninterventionsteams statt, entweder als Folge- oder Erstmaß-

› Literatur
Artwohl, A. & Christensen, L. W. (1997): Deadly Force Encounters. Boulder, Colorado: Paladin Press

Deutsche Polizei (1995): Interview „Was nach dem Schießen kommt, wird nicht gesagt“. Deutsche Polizei, 3/95, 6 -10

DSM-IV (1996): Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen der American Psychiatric Association. Göttingen:
Hogrefe

Gasch, U. (1998): Polizeidienst und psychische Traumen. Kriminalistik, 12, 819 – 823

Gersons, B. P. R. (1989): Patterns of PTSD among Police Officers following Shooting Incidents: A Two-Dimensional Model and Treatment
Implications. Journal of Traumatic Stress, Vol. 2, No. 3, 247 – 257

Grossman, D. (1996): on killing. Boston: Little, Brown and Company

Hallenberger, F. (1998): Erleben kritischer Ereignisse – Möglichkeiten der Prävention. Vortrag bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Trauma-
und Krisenbewältigung am 29.04.1998

Herman, J. L. (1993): Die Narben der Gewalt. München: Kindler

ICD-10 (1994): Internationale Klassifikation psychischer Störungen Kapitel V (F). Bern: Huber

Krolzig, M. (1992): Mit einem Schlag wird alles fremd. Deutsche Polizei, 12/92, 27 – 35

Lasogga, F. & Gasch, B. (2000): Psychische Erste Hilfe. Edewecht: Stumpf und Kossendey

Loo, R. (1986): Post-shooting Stress Reactions Among Police Officers. Journal of Human Stress, 12, 27 – 31

Lorei, C. (1999): Der Schußwaffeneinsatz bei der Polizei. Berlin: wvb

Maercker, A. (1997): Therapie der posttraumatischen Belastungsstörungen. Heidelberg: Springer

Manolias, M. B. & Hyatt-Williams, A. (1993): Effects of Postshooting Experiences on Police-Authorized Firearms Officers in the United
Kingdom. In Wilson, J. P. & Raphael, B. (Hrsg.): International Handbook of Traumatic Stress Syndromes. New York: Plenum Press

Mitchel, J. T. & Everly, G. S. (1998): Streßbearbeitung nach belastenden Ereignissen. Edewecht: Stumpf und Kossendey

Roberts, M. (1982): Post-Shooting Trauma Presentation, San Francisco Police Department, 4/82

Solomon, R. M. & Horn, J. M. (1986): Post-Shooting Traumatic Reactions: A Pilot Study. In Reese, J. T. & Goldstein, H.A. (Hrsg.): Psychologi-
cal Services For Law Enforcement. Washington D.C.: Federal Bureau of Investigation

Stratton, J. G., Parker, D. A. & Snibbe, J. R. (1984): Post-Traumatic Stress: Study of Police Officers involved in Shootings. Psychological
Reports, 55, 127 – 131

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Belastungen des
Botschaftspersonals
des Auswärtigen Amts und
Betreuungskonzepte nach Gewalterfahrung*

Peter Platiel

Kurzfassung

Das Auswärtige Amt ist ein weltweit operierendes Unternehmen, das an 200 Orten in der Welt mit seinen 8000 Mitarbeitern tätig ist und
zusammen mit de Familienangehörigen ca. 15.000 Personen umfaßt. Aufgrund des Gesetzes (§ 5 Konsulargesetz) ist das Auswärtige Amt
auch verpflichtet, Deutschen im Ausland Hilfe zu leisten auch im Rahmen akuter (Groß-) Schadensereignisse unter der Leitung seines Kri-
senzentrums. Das Auswärtige Amt unterhält einen eigenen Gesundheitsdienst (entsprechend einem Betriebsärztlichen Dienst), zu dem 8
Regionalärzte gehören, die schwerpunktmäßig in Schwarzafrika und Südostasien eingesetzt sind. Zur psychologischen Betreuung ist ver-
antwortlich der Psycho-Soziale Dienst, Ref. 106-9, als teilweise eigenständige Arbeitseinheit innerhalb des Gesundheitsdienstes. Aufgrund
seiner Erfahrungen über lange Jahre werden die Schwerpunkte: Umgang mit akuten Belastungsreaktionen und PTSD, die Verbindung zum
Burn-out-Syndrom sowie Rückholungen und Nachbereitung/ Therapeutische Settings aufgezeigt.

Das Auswärtige Amt ist ein weltweit setzt sind. Neben dem betriebsärztlichen rigen der Geiseln Kempten und Strübig
operierendes Unternehmen, das an 200 Dienst gehört zum Gesundheitsdienst des geleistet hatte über dreieinhalb Jahre,
Orten in der Welt mit ca. 8.000 Mitarbei- Auswärtigen Amts die Psychosoziale sondern gleichzeitig auch für die in Iso-
tern tätig ist und zusammen mit den Beratungsstelle (Ref.106-9), die für die lationsdunkelhaft lebenden beiden Deut-
Familienangehörigen ca. 15.000 Personen gesamte psychologische Betreuung im schen ein Betreuungs- und Nachsorge-
erfasst. Betreuungskonzepte nach Gewal- Auswärtigen Amt zuständig ist. Aufgrund konzept aufstellen musste. Die Zeiten der
terfahrungen umfassen nicht nur der Erfahrung über lange Jahre liegen Geiselnahmen im Libanon, die Amerika-
Beschäftigte und Familienangehörige, u.a. die Arbeitsschwerpunkte im Umgang ner und Briten bitter zu spüren bekom-
sondern aufgrund des Konsulargesetzes mit Akuten Belastungsreaktionen und men hatten, führten dort bereits vorher
(§ 5) ist das Auswärtige Amt auch ver- Post-Traumatik-Stress-Disorder (PTSD). zu einem Aufbau eines Geiselbetreuungs-
pflichtet, Deutschen im Ausland in Ein- Zu Beginn der 90er Jahre wurde konzeptes, von dem das Auswärtige Amt
zelfällen und bei Großschadensereignis- Deutschland erstmalig mit Geiselnahmen profitierte. Die oben angesprochene
sen unter der Leitung des Krisenreak- konfrontiert, ein Thema, dem bis dahin, Lücke in Deutschland führte zur Grün-
tionszentrums Hilfe zu leisten. sicherlich aufgrund unserer Geschichte in dung einer Arbeitsgemeinschaft aller
Das Auswärtige Amt unterhält einen Deutschland nicht mit Aufbau psycho- Psychotherapeuten und Psychologen
eigenen Gesundheitsdienst (Referat 106), traumatologischer Zentren Rechnung ge- oberster Bundesbehörden, die seit 1993
der zwei Arbeitseinheiten umfaßt. Dies tragen wurde, anders als bspw. in den regelmäßig tagt.
ist einmal der betriebsärztliche Dienst an-gelsächsischen/ skandinavischen Län- Zwischenzeitlich sind eine Fülle weiterer
(Referat 106-1), zu dem auch die acht dern. akuter Ereignisse hinzugekommen, die
Regionalärzte (Personal-Betriebsärzte) Diese Lücke wurde schmerzhaft bewusst, das Auswärtige Amt mit seinen Stellen
gehören, die schwerpunktmäßig in als das Auswärtige Amt nicht nur die im In- und Ausland (Krisenreaktionszen-
Schwarzafrika und Südostasien einge- Vorbereitung und Betreuung der Angehö- trum, Botschaften und Generalkonsulate)

* Vortrag gehalten auf dem dreitägigen Fachseminar Posttraumatische Belastungsstörung vom 08.-10. Oktober 2001 in der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont. 85
gemeinschaftlich lösen konnte, wie z.B. len Notfallversorgung zur Betreuung sozialen Netzwerkes vor Ort und der
die Geiselnahme in der japanischen Deutscher bei Großschadensereignissen Betreuung der Deutschen vor Ort ande-
Botschaft in Lima, Betreuung der Deut- ins Ausland zu senden. Die Diskussion rerseits.
schen beim Concorde-Unglück in Paris, über die Notwendigkeit dieser Maßnah-
die Geiselnahme dreier Deutscher in me wurde verstärkt im Auswärtigen Amt Krisenreaktionszentrum in Berlin:
Luxor Anfang des Jahres 2001. Erstmalig nach dem Birgen Air-Unglück geführt, Wie oben erwähnt, wurde sofort ein Kri-
ist jetzt auch ein Angehöriger des Aus- hat nach dem Halifax-Unglück neue senzentrum gebildet. Aufgabe der
wärtigen Amts als Geisel genommen Nahrung erhalten und mit dem 11.09. in psychosozialen Beratungsstelle 106-9
worden und nach acht Wochen erst frei- NEW YORK seine erste Umsetzung erlebt war es, ein lokales Netz vor Ort in NEW
gekommen. Es war eine atypisch verlau- und diese Feuerprobe erfolgreich bestan- YORK aufzubauen und dafür zu sorgen,
fende Geiselnahme; sie hat sich von allen den. dass Deutsche, die in das Generalkonsu-
vorangegangenen 173 Geiselnahmen, die Am 11.09.01 wurde sofort ein Krisenstab lat (GK) gekommen sind, optimal psycho-
die deutsche Botschaft in Sanaa/Yemen gebildet, interministeriell, mit alle rele- sozial versorgt und betreut werden; dies
zu betreuen hatte, deutlich unterschie- vanten Ministerien unter der Leitung des geschah unter der Leitung des deutschen
den. Auswärtigen Amts Amts. Wir alle haben Vertrauens-arztes des GK New York, ein
Der Anschlag auf das World Trade Center noch die Bilder der beiden Türme in Erin- Psychiater/Psychotherapeut, der sich zur
am 11.09.01 ist ein Ereignis, das aus mei- nerung, die immer wieder gezeigt wur- Verfügung stellte, zusammen mit
ner Sicht die Welt in die Zeit vor dem 11. den; sie haben eine große Unsicherheit deutschsprachigen Kollegen und dem lei-
September und die Zeit nach dem 11. und ein großes Bedürfnis nach Informa- tenden Pastor der deutschen Kirche in
September teilt: Eine Erschütterung der tion an den Tag gelegt, ein Bedürfnis, das New York, die spontan Unterkünfte zur
Welt in dem Sinne, dass der Glaube an dann verständlich wird, wenn Sie davon Verfügung stellte. Aus meinen Erfahrun-
ein wohlmeinendes Schicksal nach die- ausgehen, dass die Zahl der vermissten gen können Personen mit akuten Belas-
sem Zeitpunkt zerstört ist. Deutschen mit über 1.000 geschätzt tungsreaktionen nur in der Mutterspra-
Lassen Sie mich deshalb, der ich gerade wurde. So erklärt sich, dass das Auswär- che optimal betreut/behandelt werden.
vor drei Tagen aus New York zurückge- tige Amt in den ersten Tagen mit 25.000 Als das Ausmaß des Desasters mit den
kommen, Handlungsabläufe und Funk- Anrufen fertig werden musste, dies wur- Horrorzahlen von mehr als 1.000 deut-
tionsweise des Auswärtigen Amtes im de von spontan sich meldenden Kollegen schen Vermissten immer deutlicher wur-
Hinblick auf die Nachsorge/Fürsorge für in 3-Stunden-Schichten in einer bewun- de, ergaben sich daraus zwei Konsequen-
Deutsche und für eigene Bedienstete dernswerten Weise abgeleistet, wobei zen:
schildern, nachdem ich 4 Tage nach dem anzumerken ist, dass sie (aus unserer Das Auswärtige Amt rechnete mit einer
11.9. mit einer der ersten Maschinen am Erfahrung) in den jeweils 180 Minuten großen Zahl deutscher Angehöriger, die
15.9. nach NEW YORK geflogen bin. Mei- ihrer Tätigkeit 80 – 100 Gespräche sofort nach Freigabe der Flüge von Euro-
ne Stellvertreterin war zur gleichen Zeit abfangen mussten. Auch hat die Bot- pa nach USA nach Amerika kommen
zur Betreuung in Sanaa in dem schon schaft Washington ein Krisenzentrum würden und die aus Sicht des Auswärti-
erwähnten Entführungsfall. gebildet, ebenso wie das Generalkonsulat gen Amts zusammen mit der Rechts- und
Zunächst will ich einige Anmerkungen New York, bei dem 4.500 Anrufe einlie- Konsularabteilung des GK New York eine
machen und Sie jetzt schon bitten, uns fen. Das GK New York stand insbesondere entsprechende Betreuung erwarten
Ihre Unterstützung zur Betreuung von vor der Situation, dass es auf seine Weise konnten und erwarten durften. Aufgrund
Deutschen anzubieten, wenn Sie als das plötzlich über New York hereinbre- dessen wurden durch die psychosoziale
Fachleute in stationären oder ambulan- chende Chaos, die Fragen der Angehöri- Beratungsstelle 106-9 Teams der Unis
ten Einrichtungen tätig sind. Es gibt zwei gen, die Fragen nach Vermissten in einer München, Tübingen und Trier sowie das
Kernsätze für mich: kompetenten Weise beantworten musste Kriseninterventionsteam aus München
1. Aus meiner kardiologischen Intensiv- und gleichzeitig die unterschiedlichen aufgerufen, ob sie bereit wären, kurzfris-
zeit: die Krise der Nacht ist ein Informationswege in New York selbst tig und als in sich geschlossene multidis-
schlechtes Management am Tag wahrnehmen, bündeln, sichern und ver- ziplinäre Teams, die bereits gemeinsame
2. Der alte Leitspruch des Krisenreak- gleichen musste. Es dürfen in diesen Erfahrungen und Einsätze hatten, das
tionszentrums des Auswärtigen Amts: noch so turbulenten und unübersicht- Auswärtige Amt in New York zu unter-
„Nach der Krise ist vor der Krise.“ , d.h. lichen Zeiten nicht Falschmeldungen an stützen. Dies geschah relativ kurzfristig
wir müssen immer wieder Vorbereitun die deutschen Bürger und ihre Angehöri- und in einer sehr positiven Art und
gen treffen für die nächste Krise. gen, die ihre Vermissten suchten, hinaus- Weise.
gehen. Gleichzeitig wurden in diesen Tagen die
Vorausschicken möchte ich, dass das In diesem Zusammenhang möchte ich Zentralen deutscher Firmen, von denen
Auswärtige Amt gem. § 5 Konsulargesetz unterscheiden zwischen den Aktivitäten wir wussten, dass sie in den beiden Tür-
verpflichtet ist, Hilfe für Deutsche im der psychosozialen Beratungsstelle in me des World Trade Centers ihren Sitz
Ausland zu leisten und, dies ist neu, dass Verbindung mit dem Krisenreaktionszen- hatten, angefragt, ob das Auswärtige
das Auswärtige Amt jetzt auch die nöti- trum und dem Referat 511, das zuständig Amt in irgendeiner Weise eine psychoso-
gen Haushaltsmittel vorrätig hält, ist für die Betreuung Deutscher im Aus- ziale Unterstützung geben könne. Am
deutschsprachige Teams zur Psychosozia- land, einerseits, sowie dem Aufbau eines Freitag, drei Tage nach dem Desaster,

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kam eine Anfrage von der Deutschen Unterstützung und Hilfe anzubieten. Entsetzens an mich gewandt hatte und
Bank, ob das Auswärtige Amt helfen Ein weiterer Punkt war die Betreuung der der mir mitteilte, dass er unmittelbar
könnte und „native speaker“-Teams zur eigenen Mitarbeiter, die in ihrer Arbeits- nach dem Desaster, dem er knapp ent-
Betreuung ihrer Leute nach New York intensität weit über ihre Fähigkeiten hin- kommen war, hasserfüllte E-Mails in alle
senden könnte; hier ist anzumerken, dass auswuchsen und die zusammen mit den Welt verschickt habe. Allmählich wich
die Deutsche Bank alle ihre Beschäftig- Mitarbeitern des Kriseninterventions- seine Betäubung, er wandte sich an mich
ten im letzten Moment evakuieren konn- teams München b.B.beraten wurden. Es und erzählte folgenden Traum: Er sei
te. wurden Nachbereitungsgespräche unten am Battery Park und schaue das
Das Auswärtigen Amt hat am gleichen geführt, die ergebnisorientiert ausgerich- World Trade Center an, und der
Tag diese Bitte zur Unterstützung an die tet waren, Gruppengespräche mit jungen Zusammensturz ereigne sich dadurch,
Leitung der Psychologen der Luftwaffe deutschen Praktikanten, um ihnen die dass eine Atombombe über New York
der Bundeswehr weitergegeben, die auch Sicherheit und den Schutz der Botschaft explodiere. Im Traum wechselt die Szene
sofort zu einem Einsatz bereit waren. zu geben, gleichzeitig war auch die dann, es ist die Zeit der Beerdigung der
Nach Genehmigung des Bundesministers Organisationsberatung für die Leitung Opfer dieses Atombombenanschlages,
für Verteidigung sind sie drei Tage später des GK's notwendig, um gemeinsam fest- dem er entkommen ist und in dem
direkt nach New York geflogen und zustellen, dass in internen Abläufen so Moment, als die Särge in die Erde
haben dort ihre Arbeit aufgenommen. wenig wie möglich Reibungsverluste ent- gesenkt werden, fällt erneut eine Atom-
Wie bereits oben erwähnt, hat sich durch stehen in dieser hoch angespannten bombe und er denkt, nicht einmal hier
eine bewundernswerte Arbeit und orga- Situation. Nach der Katastrophe fanden lassen sie uns in Ruhe, kann aber weg-
nisatorische Leistung des Generalkonsu- sich unmittelbar ca. 60 Deutsche ein, die laufen. Beim Weglaufen überquert er die
lats New York – dort die Rechts- und spontan von den Mitarbeitern/innen des Brooklyn Bridge, sieht einen Hubschrau-
Konsularabteilung mit dem Counterpart Generalkonsulates versorgt wurden. ber, der bunte kleine Luftballons abwirft,
in der Zentrale in Berlin, Referat 511 – Ich selbst hatte nicht erwartet, dass ich und er freut sich, dass wieder eine Nor-
die Zahl der vermissten Deutschen auf fünf Tage später in die Situation kommen malität eintritt. Als die Luftballons
ca. 450 eingrenzen lassen. Daraus ergab würde, dass plötzlich Deutsche vor der näherkommen, sieht er, dass sie kleine
sich die Frage nach dem weiteren Haustür des Generalkonsulats stehen mit Atombomben sind, und zu dieser
Betreuungsbedarf: Wie viele Angehörige dem Wunsch, unmittelbar mit jemandem Sequenz wacht er schweißgebadet auf.
werden kommen, was müssen wir an sprechen zu können. Alle diese sechs In der vorsichtigen Deutung seiner
deutschsprachiger Betreuung vorhalten ? Deutschen haben unmittelbar das Desas- Lebensgeschichte wurde deutlich, dass er
In der Rückschau hat sich diese Zahl bis ter am World Trade Center erlebt, den mit seinem Vater Anfang der 50er, 60er
zu meiner Abfahrt auf 40 vermisste Zusammensturz, waren teilweise auch Jahre immer vor dem Fernseher saß und
Deutsche zurückgebildet, worauf zwei unmittelbar aus dem Gebäude herausge- erwartet hat, dass an der deutsch-deut-
mal täglich ein logistischer Abgleich kommen bzw. in die Staubwolke beim schen Grenze unmittelbar ein Atom-
erfolgte, welche Hilfskräfte aus Deutsch- Zusammenbruch der beiden Türme gera- schlag bevorstehe. Als ihm das klar wur-
land nachgezogen werden müssten. ten. Diese akute und extreme Belas- de, ging eine deutliche Veränderung in
Neben diesem Teil der Arbeit war die tungsreaktion führte zu den typischen Haltung und Gesicht, Mimik bei ihm vor.
unmittelbare Betreuung der Angehörigen Befindlichkeitsstörungen in einer solch Die Angstträume nahmen ab diesem Tag
zu leisten, die ihre Vermissten suchten. anormalen Situation, u.a. in Form einer in ihrer Intensität ab.
Es ging u.a.darum, gemeinsam mit einem Betäubung, die teilweise bis über sieben Für mich war das Erschreckendste, die
Mitarbeiter der Rechts- und Konsularab- Tagen anhielt, eine Dauer, die ich in die- Angst dieser Leute zu spüren, die Angst,
teilung, den siebenseitigen Identifizie- ser Art und Weise noch nie erlebt habe. die, wie oben erwähnt, ein wohlmeinen-
rungsbogen auszufüllen und die Angehö- Diese Betäubung diente wohl als positi- des Schicksal nicht mehr zulässt und eine
rigen neben der sachlich-fachlichen ver Schutz gegen den „Zusammenbruch“ Angst ist, die in die unendliche Zukunft
Arbeit des Kollegen/in der Rechts- und des Ich´s als Vermittler zwischen Innen- reicht, ohne dass es ein Ende gibt.
Konsularabteilung sein Durchgehen der welt und Außenwelt. Oft taucht eine Diese Interventionsgespräche, die durch-
gesamten Vorgänge psychologisch stüt- Vielzahl archaischer Reaktionen auf. schnittlich 1 1/2 Stunden gedauert haben,
zend zu begleiten. Es war für mich hier Meine Aufgabe sah ich darin, psychia- waren so intensiv, dass ich selbst nicht
zu spüren, dass insbesondere die „Kon- trisch-psychotherapeutische Kriseninter- mehr als drei Gespräche pro Tag führen
frontation“ mit dem siebenseitigen Iden- vention zu leisten, zu erklären, was die konnte.
tifizierungsbogen allmählich im Bewußt- normale Befindlichkeitsstörungen in die-
sein eine Realisierung bewirkte, dass der ser Situation bedeuten und welche Lassen Sie mich zu diesen Ereignissen
„Vermisste“ vielleicht tot sein könnte, Beschwerdesymptomatik als „normal“ zu noch einige Anmerkungen machen.
und dass der positive Schutz der Ver- bezeichnen ist. Weiterhin, nach stützen-
drängung langsam der rationalen den äußeren Strukturen zu fragen, um 1. Aus meiner jetzt langjährigen Erfah-
Erkenntnis Platz machte, dass der gelieb- damit eine innerpsychische Stabilisierung rung mit Akuten Belastungsreaktionen
te Bruder oder Vater mgl. nicht mehr zu erzielen. und Posttraumatischem Stress Disorder
lebt. Hier galt und gilt es, in einer per- Als Beispiel sei hier ein 45-jähriger Mann bin ich mit dem Bundesministerium für
sönlichen Art und Weise unaufdringlich genannt, der sich wegen seines massiven Gesundheit einer Meinung, dass das

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Tätigwerden bei akuten Belastungsre- 3. Im November 2000 hat unter der licher zu betrachten. Aus meiner
aktionen eine heilkundliche Tätigkeit Federführung des Bundesministeriums Erfahrung mit Anamnese und Vorberei-
ist. Dies bedeutet für mich eine klare des Inneren (BMI) eine Katastrophen- tung zur Frage der Dienstfähigkeit
Zuweisung der Verantwortung und schutztagung stattgefunden; daraus stellt sich immer wieder heraus, dass
Verantwortlichkeit, die fachlich einer entsteht die Durchführung eines For- sich anhäufende Mikrotraumen im
fundierten Ausbildung bedarf und die schungsvorhabens des BMI zur Defini- Sinne einer kumulativen Stressreaktion
nur ein ärztlicher oder psychologischer tion der inhaltlichen und operationalen oft für einen plötzlichen Zusammen
Psychotherapeut oder Psychiater mit Rahmenbedingungen eines Netzwerkes bruch mit verantwortlich sind und sich
zusätzlicher Kenntnis der Psychotrau- zur psychosozialen Notfallversorgung. dahinter eine Folge von Belastungsre-
matologie leisten kann. Das Auswärtige Amt unterstützt aus- aktionen und auch ein „chronifiziertes“
drücklich dieses Vorhaben und PTSD verbergen könnte.
2. Ich plädiere ausdrücklich für gemischte wünscht eine rasche Bestandsaufnah
(männlich/weibliche), multiprofessio- me, insbesondere im Hinblick auf die Zuletzt: Ich bitte Sie, dem Auswärtigen
nelle Teams, zu denen kollegiale o.g. fachlichen Eckpfeiler. Amt Ihre Kapazitäten und Standorte zu
Ansprechpartner, Rettungsassistenten, nennen, da wir unsere Angehörigen,
Krankenschwestern, Pastoren mit ent- 4. Die Nachhaltigkeit der Betreuung, ins- Bediensteten, die weltweit eingesetzt
sprechender Zusatzausbildung als Not- besondere durch Firmen und Organisa- sind, oft nach einem akuten Ereignis an
fallseelsorger gehören. Ich werbe aus- tion muß unbedingt gewährleistet einen deutschen Wohnsitz zurückholen,
drücklich – wie seit Jahren – darum, sein. 6 Wochen reichen in der Regel zu dem sie soziale Bindungen haben.
dass diese multidisziplinären Teams nicht aus. Gerade „das Vergessenwer- Gleiches gilt für andere Deutsche im
eine psychotraumatologische Zusatz- den“, das Alleingelassenwerden nach Ausland, für deren Hilfe wir qua Gesetz
ausbildung haben sollten bei ihren dem Motto, „Es ist wieder alles in sei zuständig sind. Deshalb bitten wir Sie,
unterschiedlichen Berufen, dass aber ner Normalität“, sollte nicht sein. Es mit uns zusammenzuarbeiten, die Adres-
Führung und Verantwortung wie oben bedarf mindestens einer ein- bis sen Ihrer ambulanten, stationären oder
erwähnt in der Hand eines Psycholo- anderthalbjährigen Nachbetreuung teilstationären Einrichtung zu nennen.
gen oder eines Arztes liegen sollten. und besonderen Sensibilität der jewei- Unterstützen Sie uns hier, auch für den
Für mich gilt auch, dass es hier keinen ligen Organisation, sei es eine Firma, Fall, dass es erneut zu einem solchen
Königsweg der Betreuung gibt. Im sei es ein Ministerium oder eine kom- Ereignis kommt, denn: Nach der Krise ist
Mittelpunkt aber sollte eine Kombina- munale Behörde, wo der Betroffene immer vor der Krise.
tion von Gesprächs- und medikamen- beschäftigt ist. Es scheint mir doch so
tösen Therapie unter der Leitung von zu sein, dass durch die Diagnose einer Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Ärzten und Psychologen der o.g. Fach Akuten Belastungsreaktion bzw. PTSD
richtungen stehen. Sie wissen alle, eine Individualisierung des Geschehens
dass es in Deutschland eine „wilde und des Leidens bei den Betroffenen
Szene“ gibt, in der es um viel Geld und eintritt und damit eine weitere psychi-
Positionen geht – und damit um sche Schädigung mit zunehmender
Macht. Umso mehr bitte ich Sie, sich Isolierung entsteht.
als Fachgruppen zusammenzusetzen
und gemeinsam an einem Konzept 5. Unter diesen Gesichtspunkten bitte ich
einer optimalen Betreuung bei Groß- die Fachleute, den dehnbaren, unpräzi-
schadensereignissen im Sinne eines sen Begriff, den bereits der niederlän-
Psychosozialen Notfall-Netzwerkes dische Kollege angesprochen hat, näm-
mitzuarbeiten. lich des Burn-Outs, diagnostisch deut-

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› Autoren
Klaus Barre
Dipl.-Psychologe
ORR Günter Kreim
Psychologischer Dienst
Bundeswehrkrankenhaus Hamburg Graf Zeppelin Kaserne
Lesserstr. 180 75365 Calw
22049 Hamburg
Prof. Dr. med. Rolf Meermann
Dr. med. Karl-Heinz Biesold Psychosomatische Fachklinik Bad Pyrmont
Arzt für Neurologie und Psychiatrie, Psychotherapie Bombergallee 11
Bundeswehrkrankenhaus Hamburg 31812 Bad Pyrmont
Lesserstr. 180 Tel. 05281/619-635
22049 Hamburg Internet: www.prof-r-meermann.de

Dr.med. Jürgen Ph. Furtwängler Dipl.-Psych. Eberhard Okon


Oberstarzt a.D. Ltd. Psychologe
ehem. Ltd.Arzt Abteilung VI Psychosomatische Fachklinik Bad Pyrmont
Bundeswehrkrankenhaus Hamburg Bombergallee 10
Lesserstr. 180 31812 Bad Pyrmont
22049 Hamburg eMail: eokon@ahg.de

Achim Grube Dr. med. Peter Platiel


Bildungsinstitut der Polizei Niedersachsen Auswärtiges Amt
Sozialwissenschaftlicher Dienst Beratungsstelle Ref. 106-9
Tannenbergallee 11 Werderscher Markt 1
30163 Hannover 10117 Berlin

Dr. med. Dipl.-Psych. Hans-Heiner Hahne Alexander Varn


Oberstarzt C 3, 2-3
Leitender Arzt der Abteilung VI 68159 Mannheim
Bundeswehrkrankenhaus Berlin Tel: 0621-102611
Scharnhorststr. 13 e-mail: varn@rumms.uni-mannheim.de
10115 Berlin-Mitte
RegDirektor Dipl.-Psych. Wolfgang Weber
Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Frank Hallenberger Referat Wehrpsychologie im Bundesministerium
Gärtnerstr. 18-20 der Verteidigung
55262 Heidesheim Postfach 13 28
53003 Bonn

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› Bisher erschienen in der Schriftenreihe der
Psychosomatischen Fachklinik:
Band 1:
Meermann, R. et al. (1989). Zwei-Jahres-Bericht (1987 - 1989) der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont. Schriftenreihe
der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont, Band 1.

Band 2:
Kehrer, H.E. & Meermann, R. (Hrsg.) (1990). 20 Jahre (1968 - 1988) Arbeitskreis für Verhaltensforschung und -therapie an der
Universität Münster e. V. Schriftenreihe der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont, Band 2.

Band 3:
Meermann, R. et al. (1990). Optimierung der Rahmenbedingungen stationärer Rehabilitationsmaßnahmen. Referate der Fachkon-
ferenz Psychosomatische Rehabilitation 1989 am 16./17. Oktober 1989 in Bad Pyrmont. Schriftenreihe der Psychosomatischen
Fachklinik Bad Pyrmont, Band 3.

Band 4:
Meermann, R. et al. (1991). Anorexia und Bulimia nervosa: Psychotherapie und Selbsthilfe. Referate der Fachtagung für Initiato-
rinnen und Betreuerinnen von SH-Gruppen für Anorexia und Bulimia nervosa am 26. April 1991 in Bad Pyrmont. Schriftenreihe
der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont, Band 4.

Band 5:
Meermann, R. et al. (1992). Fünf-Jahres-Bericht (1987 - 1992) der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont. Schriftenreihe
der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont, Band 5.

Band 6:
Meermann, R. et al. (1992). Tagungsreader "Anorexia und Bulimia nervosa: Psychotherapie und Selbsthilfe." Referate der zweiten
Fachtagung Initiatorinnen und Betreuerinnen von SH-Gruppen für Anorexia und Bulimia nervosa am 24. April 1992 in Bad Pyr-
mont. Schriftenreihe der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont, Band 6.

Band 7:
Meermann, R. et al. (1995). Handbuch der Rehabilitations-Pädagogischen Abteilung der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyr-
mont. Schriftenreihe der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont, Band 7.

Band 8:
Meermann, R. & Borgart, E.-J. (1997). Zehn-Jahresbericht (1987 - 1997) der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont.
Schriftenreihe der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont, Band 8.

Band 9:
Borgart, E.-J. (Hrsg.) (1998). Selbsthilfebücher. Sammlung empfohlener (verhaltenstherapeutischer) Selbsthilfebücher mit Rezen-
sionen. Schriftenreihe der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont, Band 9.

Band 10:
Borgart, E.-J. & Meermann, R. (Hrsg.) (1999). Stationäre verhaltenstherapeutische Psychosomatik auf dem Weg in das Jahr
2000. Schriftenreihe der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont, Band 10.

Band 11:
Okon, E. & Meermann, R. (Hrsg) (2002) Prävention und Behandlung posttraumatischer Störungsbilder im Rahmen militärischer
und polizeilicher Aufgabenerfüllung. Schriftenreihe der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont, Band 11.

Demnächst:

Band 12:
Meermann, R. & Borgart, E.-J. (im Druck). Das verhaltenstherapeutische Konzept der Psychosomatischen Fachklinik.
Schriftenreihe der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont, Band 12.

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