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Thema 1 Fischer S. 156 Z.18 – S.

170 („Ich werde bald wiederkommen“)


Reclam S.136 Z.2 – S. 148 Z.32

- Ordnen Sie den Textauszug in den Gesamtzusammenhang des Kapitels „Advokat,


Fabrikant, Maler“ ein.
- Interpretieren Sie den Textauszug unter besonderer Berücksichtigung der sprachlichen
und erzähltechnischen Gestaltung.
- Beurteilen Sie in einer vergleichenden Betrachtung, ob Josef K. und Michael Kohlhaas
in ihrem Bemühen, Recht zu bekommen, scheitern.

Das von Franz Kafka verfasste Romanfragment „Der Proceß“ wurde nach dessen Tod von
Max Brod überarbeitet und erschien erstmals 1925 . Im Mittelpunkt steht der Bankprokurist
Josef K. , der an seinem 30.Geburtstag verhaftet und ein Jahr später hingerichtet wird. Die
Romanhandlung, die immer wieder ins Rätselhafte, Parabolisch – Paradoxe abgleitet und
voller grotesker Passagen ist, fasziniert und irritiert bis heute ein breite Leserschaft, weil sie
sich den beharrlichen Versuchen, zu einer letztgültigen Ausdeutung zu kommen, immer
wieder entzieht.

Im Mittelpunkt des Romanauszugs steht das Gespräch zwischen dem Maler Titorelli und
Josef K, in welchem es um die Frage geht, wie man vom Gericht freigesprochen werden
könne. Nachdem Josef K. die einleitende Frage des Malers, ob er unschuldig sei, bejaht hat,
erklärt Titorelli die verschiedenen Möglichkeiten, wie man einen Freispruch erreichen könne.
Dabei differenziert er zwischen der wirklichen und der scheinbaren Freisprechung. Allerdings
räumt er ein, dass er selbst noch niemals den Fall erlebt habe, dass ein Angeklagter wirklich
freigesprochen worden sei. Anders verhalte es sich mit der scheinbaren Freisprechung;
Titorelli sei aufgrund seiner Beziehungen zum Gericht und zu den Richtern, die sich von ihm
malen lassen, in der Lage, für Josef K.s Unschuld zu bürgen und so einen Freispruch zu
erwirken. Enttäuscht reagiert Josef K. auf die Auskunft des Malers, dass das Gericht aber
jederzeit erneut Anklage erheben könne. Eine Alternative zu den Freisprüchen sei, so Titorelli
weiter, die Verschleppung, bei der die Strategie darin bestehe, den Prozess auf der niedersten
Gerichtsebene in Gang zu halten, um eine Verurteilung zu verhindern. Gestört wird das
Gespräch immer wieder durch die Gruppe junger Mädchen, die vor dem Atelier stehen und
durch Zwischenrufe die Ausführungen Titorellis unterbrechen. Josef K., der zunehmend unter
der schlechten Luft und der Wärme zu leiden hat, will, als er es nicht mehr auszuhalten
glaubt, fluchtartig das enge und beklemmende Zimmer verlassen.

Angebahnt wird das Treffen zwischen Josef K. und dem Maler durch den Fabrikanten, der K.
in einer finanziellen Angelegenheit sprechen will. Da Josef K. allerdings damit beschäftigt ist,
über die Abfassung seiner ersten Eingabe bei Gericht nachzudenken, ist er zu zerstreut, um
den Argumenten des Fabrikanten folgen zu können. Dies bemerkt auch der
Direktorstellvertreter, der sich entschließt, Josef K. die Beratung des Kunden abzunehmen.
Nach der Besprechung kommt der Fabrikant noch einmal zu Josef K. und empfiehlt ihm den
Besuch bei dem Gerichtsmaler Titorelli.
Dieser Besuch bringt jedoch nicht die erhoffte Hilfe, wie der vorgegebene Romanauszug
zeugt, und Josef K. muss, um endlich das Atelier Titorellis unbeschadet verlassen zu können,
auch noch drei fast vollkommen identische Bilder einer Heidelandschaft von dem Maler
abkaufen. Im weiteren Verlauf spielen der Maler und auch die von ihm präsentierten Wege
der Freisprechung keine Rolle mehr; Josef K.s Hoffnung, dem Prozess entrinnen zu können,
ist durch die Beratung Titorellis abermals zerschlagen worden.
Kafka gestaltet das sehr lange Gespräch zwischen dem Maler und Josef K. in der für ihn
typischen „Dramaturgie“. Die Eröffnung des Gesprächs ist geprägt von scheinbar großem
Optimismus, alles scheint recht einfach zu sein und das Problem Josef K.s zügig aus der Welt
zu schaffen. Je länger das Gespräch jedoch geht, umso verunsicherter wird Josef K. und auch
der Leser, denn all die Wege, die Titorelli vorschlägt, erweisen sich bei näherer Betrachtung
als Sackgassen. Ganz ähnlich wie beim Gespräch mit dem Adokaten ist auch hier
festzustellen, dass die Aussagen Titorellis als Fakten präsentiert werden, um dann in den
ergänzenden Ausführungen relativiert und schließlich gänzlich ins Gegenteil verkehrt zu
werden. So ist der leicht zu erreichende wirkliche Freispruch in Wahrheit überhaupt nicht zu
verwirklichen, weil das Gericht noch nie einen Angeklagten freigesprochen hat. Ganz ähnlich
verhält es sich mit dem scheinbaren Freispruch, der dadurch ad absurdum geführt wird, dass
jederzeit eine neue Anklage erhoben werden kann. Auch die Verschleppung, die Titorelli
zuletzt anspricht, bietet für K. keinen Ausweg, weil die Faktizität des Angeklagtseins ja
weiterhin bestehen bleibt. Auch sprachlich lassen sich viele Analogien zu dem ersten
Beratungsgespräch zwischen Josef K. und dem Advokaten (vgl. S. 118ff.) ziehen, da auch
Titorelli immer wieder die adversative Konjunktion einsetzt, um seine Behauptungen zu
relativieren oder zu widerlegen:
„Im Gesetz, ich habe es allerdings nicht gelesen, steht natürlich einerseits dass der
Unschuldige freigesprochen wird [...] Nun habe aber ich gerade das Gegenteil erfahren.“
(S.161)
Noch auffälliger ist dies, als K. den Maler zu einer eindeutigen Aussage zwingen will:
„Dann bin ich also frei“, sagte K. zögernd. „Ja“ sagte der Maler, „aber nur scheinbar frei oder
besser gesagt zeitweilig frei.“ (S. 166)

Auch mit rhetorischen Fragen verunsichert er Josef K. und verstärkt den Eindruck, dass all
das, was er zuvor gesagt hat, nicht unbedingt wahr sein muss:
„Aber ist das nicht unwahrscheinlich? In so vielen Fällen keine einzige Unschuld?“ (S. 118)
Immer wieder, wenn Josef K. konkrete Auskünfte erhofft, wird Titorelli in seinen Aussagen
schwammig, was z. B. im Gebrauch des Indefinitpronomens und einer Litotes, die mehr
verschleiert als konkretisiert, zum Ausdruck kommt:
„Ist aber [...] die Erwirkung eines zweiten Freispruchs nicht schwieriger als die des ersten?“
„Man kann[...] in dieser Hinsicht nichts Bestimmtes sagen.“ (S. 167)

Betrachtet man das Gespräch von seiner formalen Seite her, so fällt auf, dass die zunehmende
Verunsicherung Josef K. s auch in den Gesprächsanteilen seinen Ausdruck findet. Während er
zu Beginn noch lebhaft Anteil nimmt an den Erklärungen Titorellis, indem er Fragen stellt
oder Kommentare formuliert, wird er im Verlauf des Gesprächs immer einsilbiger, und zu
Titorellis Ausführungen die Verschleppung betreffend hat Josef K. so gut wie nichts mehr zu
sagen, weil sich seine Hoffnung, im Gerichtsmaler eine wirkliche Hilfe den Prozess
betreffend gefunden zu haben, bereits vollkommen zerschlagen hat. So wie Titorellis Sprache
ein wesentliches Irritationsmoment darstellt, so verhält es sich auch mit den
Rahmenbedingungen, unter denen das Gespräch stattfindet. Grotesk wirken vor allem die
immer wiederkehrenden Störversuche der Mädchen, aber auch die Ausführungen des Malers
zu diesen Mädchen, denen er offensichtlich gestattet, in seinem Atelier ein und auszugehen.
Dass mit den Mädchen auch sexuelle Vorstellungen verknüpft sind, die den Leser zudem
verunsichern, wird an der Beschreibung der Mädchen, die laut Titorelli zum Gericht gehören,
und an ihrem Verhalten deutlich:
„Alle Gesichter stellten eine Mischung aus Kindlichkeit und Verworfenheit dar. (S. 149)“
„Nur eines hatte den Strohhalm durch eine Ritze zwischen den Balken gesteckt und führte ihn
langsam auf und ab.“ (S. 158)
Verschärft wird diese sexuelle Ebene durch homoerotische Anspielungen, die für ein weiteres
Irritationsmoment sorgen. In Analogie zum Kapitel „Der Prügler“ wird auch hier das Motiv
der Nacktheit aufgegriffen: „Der Maler hatte sich breit in seinem Sessel zurückgelehnt, das
Nachthemd war weit offen, er hatte eine Hand darunter geschoben, mit der er über die Brust
und die Seiten strich.“
Auch die Tatsache, dass er Josef K. nicht nur dazu auffordert, Platz zu nehmen, sondern „ihn
tief in die Betten und Pölster“ (S.156) nötigt, intensiviert das Disparate und Unstimmige, das
die ganze Szene beherrscht.
Die Abwärtsbewegung des Protagonisten, die Kafka in so vielen seiner Erzählungen gestaltet
und die Josef K. im „Proceß“ bereits beim Gang durch die Gerichtskanzleien (vgl. S.74 ff.)
erlebt hat, lässt sich auch hier nachweisen. Immer geht sie einher mit körperlichen
Unwohlsein, Schwindel und Schwächeanfällen, hier bedingt durch die stickige Luft und die
klaustrophobische Enge des Ateliers. Diese zunehmende Destruktion Josef K.s wird vor allem
auf der erzähltechnischen Ebene in interessanter Weise demonstriert. Der personale Erzähler,
der dem Leser immer wieder Einsicht in das Innenleben Josef K.s in Form der erlebten Rede
gewährt, präsentiert zu Beginn einen selbstsicheren, mitunter etwas überheblich
erscheinenden Josef K., dessen einzige Gesprächsabsicht zu sein scheint, zu prüfen, inwieweit
Titorelli nützlich sein könnte. So reagiert er auf die Arbeit des Malers an dem Bild des
Richters sehr negativ:„K. hielt das für eine Laune und ärgerte sich darüber weil er dadurch
Zeit verlor.“ (S.154) Dass er sich in den für sein Denken typischen Kategorien hierarchischer
Strukturen bewegt, wird ebenfalls durch die erlebte Rede unterstrichen: „K. unterließ es sich
irgendwie zu entschuldigen denn er wollte den Maler nicht ablenken, wohl aber wollte er
nicht, dass der Maler sich allzu überhebe und sich auf diese Weise gewissermaßen
unerreichbar machen.“ (S.155)
Die szenische Anlage des Textauszugs, in der die Dialogform dominiert, wird immer wieder
durchkreuzt durch den Erzähler, der den sich kontinuierlich verschlechternden Gesamtzustand
Josef K.s ins Bild rückt. Analog hierzu wird K. schweigsamer, ungeduldiger und schwächer,
bis er am Ende kaum noch in der Lage ist, sich zu tätiger geistiger Gegenwehr aufzuraffen.
Das desolate Erscheinungsbild, das Josef K. am Ende abgibt, wird in den letzten
Ausführungen in Form eines Erzählerberichts noch einmal unterstrichen:
K. wankte mehr als er gieng, das Taschentuch hielt er vor den Mund gedrückt.“ (S.173)

Wie in vielen anderen Textpassagen des Romans führt uns Kafka auch in diesem
Romanauszug in eine Welt, in der die Ordnung aus den Fugen geraten ist. Die Entrückung ins
Irreale, nicht mehr Durchschaubare, Ausweglose, die für Josef K. im Dom und in der sich
anschließenden Hinrichtung Höhepunkt und Schluss findet, lässt sich auch im Gespräch mit
dem Maler herauszuarbeiten. K. wird in den Mikrokosmos eines vier Quadratmeter großen
Raums eingeführt, in dem die Ordnungsprinzipien der bürgerlichen Welt ihre Bedeutung
verloren haben; die Allegorie der Gerechtigkeit, die gleichsam als Göttin der Jagd und als
Göttin des Sieges erscheint, kann als Symbol für diese aus den Fugen geratenen Weltordnung
angeführt werden, einer Weltordnung, in der die Richter zu Jägern und Siegern, Angeklagte
zu Gejagten, Opfern und Verlierern werden, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein.

Das Gespräch mit dem Maler Titorelli stellt also einen weiteren, ergebnislosen Versuch Josef
K.s dar, zu seinem Recht zu kommen und einen Freispruch zu erwirken. Ganz ähnlich wie bei
dem Gespräch mit dem Advokaten (vgl. Kapitel „Kündigung des Advokaten“) wird die
Aussichtslosigkeit, einen Freispruch zu erwirken, Josef K. in aller Deutlichkeit bewusst.
Dennoch ist es schwierig, die Frage, ob Josef K. in seinem Bemühen, Recht zu bekommen,
scheitert, so einfach zu beantworten. Zwar sucht er das Recht, aber er lässt auf der anderen
Seite keine Möglichkeit aus, sich selbst ins Unrecht zu setzen. So bedrängt er gleich zu
Beginn das Fräulein Bürstner in ihrem Zimmer, eine Vorgehensweise, die durchaus der
sexuellen Nötigung nahekommt; des Weiteren droht er dem Greis im Kapitel „Erste
Untersuchung“ mit Schlägen. Überhaupt macht Josef K. den Eindruck, als ginge es ihm weit
mehr darum, das Gericht und seine Repräsentanten zu erniedrigen und zu demütigen als
darum, sein Recht zu erkämpfen – und dies, obwohl er sich eigentlich kein Bild vom Wesen
des Gerichts machen kann. Dies ist auch der Hauptvorwurf des Gefängniskaplans, der
konstatiert, Josef K. habe immer noch nicht das Wesen des Gerichts begriffen. Sicher kann
man die Position vertreten, dass Josef K. scheitert; aber er scheitert nicht an einem Gericht,
dass ihm den Rechtsweg verwehrt, sondern er scheitert in der Wahl seiner Methoden. Wenn
er die Menschen, vor allem die Frauen, nach ihrem Nutzen für seinen Prozess taxiert, so
verhindert er damit die subjektive Auseinandersetzung mit seiner Schuld, ja, er vergrößert sie
noch. Die Faktizität der Schuld Josef K.s wird bereits bei der Verhaftung deutlich, als einer
der Wächter sagt: „Unsere Behörde [...] sucht doch nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung,
sondern wird wie es im Gesetz heißt von der Schuld angezogen und muss uns Wächter
ausschicken.“ (S.14) Dieses Scheitern in der Wahl der Mittel spricht auch der
Gefängniskaplan an, wenn er zu bedenken gibt: „Du suchst zuviel fremde Hilfe [....] und
besonders bei Frauen.“ (S. 223) Blickt man auf das Ende des Romanfragments, so kann die
Vollstreckung des Todesurteils als Scheitern interpretiert werden; andererseits lassen die
letzten Worte des Gefängniskaplans: „Das Gericht will nichts von Dir. Es nimmt dich auf
wenn du kommst und es entlässt dich wenn du gehst.“ (S.235)
auch eine andere Deutung zu; es ist durchaus denkbar, dass Josef K. erst dann hingerichtet
wird, als er selbst dazu bereit ist. Sein Tod könnte also auch in dem Sinne interpretiert
werden, dass Josef K. nicht scheitert, sondern sein Schicksal anzunehmen bereit ist. In diesem
Kontext ließe sich auch die gänzliche Ergebenheit in die Vollstreckung deuten: In der
Dreieinigkeit mit den beiden Wächtern verschmelzen Kläger und Angeklagter, Richter und
Schuldiger, Täter und Opfer zu einer nicht mehr aufzulösenden Ganzheit. Die Frage, ob Josef
K. scheitert, bleibt letzten Endes ebenso eine Frage der Perspektive wie die Frage, wer in der
Parabel vom Türhüter der Getäuschte ist, oder, um mit Kafka zu sprechen: „Richtiges
Auffassen einer Sache und Missverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht
vollständig aus.“ (S. 229)

Vordergründig sehr viel einfacher verhält es sich in dieser Frage bei Michael Kohlhaas in H.
v. Kleists gleichnamiger Novelle. Die Rechtswege, die Kohlhaas einschlägt, um zu seinem
Recht zu kommen und Schadensersatz für die Willkürhandlung des Junkers von Tronka zu
erhalten, erweisen sich nur deshalb als Sackgassen, weil die Beziehungsgeflechte
verwandtschaftlicher Natur, die zwischen dem Haus Sachsen und dem Haus Brandenburg
über den Kanzler Kallheim bestehen, geltendes Recht zunichte machen. Die Klage – bzw.
Bittschriften, die Kohlhaas mit Unterstützung eines Rechtsbeistandes, dann mit Hilfe des
Stadthauptmanns und zu guter Letzt unter Mitwirkung seiner Ehefrau Lisbeth den
entsprechenden Stellen übermitteln will, kommen aus unterschiedlichen Gründe bei den
entscheidenden Stellen nicht an. Der sich anschließende Rachefeldzug mit den von Kleist in
allen Einzelheiten geschilderten Gräueltaten zeigen die Ambivalenz dieses Protagonisten, den
Kleist in seinem berühmt gewordenen Einleitungssatz als „rechtschaffensten zugleich und
entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“ (S. 3) charakterisiert. Und doch wäre ohne diesen
Rachefeldzug die vollständige Rehabilitierung, die am Schluss ausgesprochen wird,
undenkbar. Erst die Bluttaten und der militärische Erfolg, der Kohlhaas auch in der
Bevölkerung zu zweifelhaftem Ruhm verhilft, zwingt den Staat zu handeln und auf die
Willkür des Junkers von Tronka zu reagieren. Wenn auch am Schluss das Todesurteil an
Kohlhaas vollzogen wird, so ist doch unbestreitbar, dass er de Gewinner ist – von Scheitern
zu sprechen, hieße die Frage zu sehr davon abhängig zu machen, ob Kohlhaas überlebt oder
nicht. Dass es ihm in seinem Rechtsstreit längst nicht mehr um das Überleben geht, wird
deutlich, wenn er das Angebot, den Inhalt der Kapsel gegen sein Leben einzutauschen, brüsk
ablehnt, als er dem Unterhändler, dem Jagdjunker vom Stein, auf dessen Angebot entgegnet:
„Edler Herr. Wenn Euer Landesfürst käme, und spräche, ich will mich, mit dem ganzen Tross
derer, die mir das Szepter führen helfen, vernichten – vernichten, versteht Ihr [...]; so würde
ich ihm doch den Zettel noch, der ihm mehr wert ist, als das Dasein, verweigern und
sprechen: du kannst mich auf das Schafott bringen, ich aber kann dir weh tun, und ich wills.“
(S. 70)
Die Genugtuung, am Ende seine Pferde dick gefüttert zurückzuerhalten, die Kurkosten für
Herse erstattet zu bekommen, und schließlich die Tatsache, dass der Junker von Tronka zu
einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt wird – all dies zeigt deutlich, wer gescheitert ist.
Ergänzt wir der umfassende Sieg des Michael Kohlhaas durch den Umstand, dass er die Pläne
des Kurfürsten, die Kapsel nach seinem Tod an sich zu bringen, dadurch durchkreuzt, dass er
den Zettel vor den Augen des Kurfürsten aufisst, der „bei diesem Anblick, ohnmächtig, in
Krämpfen“ (S.85) zusammenbricht. Auch die Versetzung seiner beiden Söhne in den
Adelsstand ist weit mehr als eine finanzielle Belohnung; dieser Initiationsritus dokumentiert
als Symbolhandlung letzten Endes den Respekt vor diesem gerechten Rebellen.

Abschließend lässt sich sagen, dass die Widersprüchlichkeit in der Anlage des Charakters
beider Protagonisten, Michael Kohlhaas und Josef K., sicher entscheidend dazu beigetragen
hat, dass sie zu den großen Figuren der deutschen Literatur gehören. Wie Wallenstein, Faust
oder auch Karl Moor in Schillers „Die Räuber“ pendelt der Leser zwischen Sympathie und
Antipathie, Anerkennung und Verachtung, Wertschätzung und Missbilligung. Es sind nicht
die „gemischen“ Charaktere, die faszinieren, sondern der Entwurf literarischer Figuren, denen
es gelingt, Extreme der vielfältigsten Art in sich zu beherbergen. Das ist der Reiz, der von
ihnen ausgeht – das „mysterium tremendum et fascinosum“.