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TSP

Es klingt wie die Nachfolgeversion von BSE oder eine neuen Geschlechtskrankheit, ist aber
nur ein Problem, mit dem sich neben mir ein beträchtlicher Teil der Schüler, die demnächst mit
der endgültigen Reife unsere Schule verlassen, konfrontiert sehen. Die Rede ist von der Tor-
schlußpanik.
Überall auf dem Schulhof trifft man immer mehr Pärchen an, oft bestehend aus verflossenen
heimlichen Liebeleien aus denen aufgrund des von der heimlichen großen Liebe ständig be-
tatschten Nebenbuhlers nichts geworden ist. Man versucht sie zu ignorieren, versucht irgend
ein interessantes Gewächs zu bestaunen, von denen es aber auf dem Schulhof leider allzu we-
nige gibt und beobachtet dann doch mit einem sehnsüchtigen Seufzen den ehemals besten
Freund der es geschafft hat und es darum nicht mehr ist. Das Seufzen steigert sich zu einem
Schreien, wenn man bemerkt, daß der Kopf inzwischen um hundertachtzig Grad gedreht statt
einen sicheren Weg zu suchen einen gewaltigen eifersüchtigen Blitz mitten durch beide Teile
des Pärchens schießt und man sich fragt, weshalb die Fahnenstange nicht hätte zehn Zentimeter
weiter rechts oder auch links stehen können und sich die Sinne einfach weigern, ihrer üblichen
Arbeit weiterhin nachzugehen.
Zum Glück gibt es noch einige Mitglieder des von man entgegengesetzten Geschlechts, von
denen man glaubt, daß sie mit ähnlichen Problemen kämpfend ebenfalls ohne geeigneten Part-
ner durchs Leben laufen und nur darauf warten, daß man es endlich schafft, über seinen eige-
nen Schatten zu springen, dabei wenn möglich nicht zu stolpern und zu fragen, ob es denn
möglich wäre und daß, wenn vielleicht unter Umständen, es ist ja so, weil wir uns schon so
lange kennen und besonders darf ich dir vielleicht mein Pausenbrot anbieten?
Dazu, daß es bislang immer nur bei dem Vorhaben geblieben ist und die Umsetzung in einem
hoffnungslosen Gestammel (meist ohne Verben) verbunden mit einer schönen roten Farbe im
Gesicht und Knien, die man für gutes Geld in einem feinem Lokal als Dessert hätte servieren
können, endete, kommt erschwerend hinzu, daß dann der Angestammelte bei irgendeinem gut-
gemeintem freundschaftlichem Gespräch irgendwo außerhalb der Schule an einem Samstag-
abend von einem gegengeschlechtlichen Partner beansprucht wird und das anscheinend schon
seit längerer Zeit sowie regelmäßig. Der Rest des Abends wird in dem einen oder anderen
schlechten Drink gerührt und runtergekippt, sofern das Glas den Mund und nicht einen in der
Nähe herumlungernden Typen, der das leicht mißverstehen könnte, trifft.
Jetzt wird es schwer, herauszufinden, wer von den übrigen in Frage kommenden Mitschülern
überhaupt noch ohne einen bei jeder Gelegenheit an ihm herumhängenden Menschen ist, was
nicht gerade leicht ist, weil eine rund-um-die-Uhr-Bewachung meist teuer ist und bei allen in
Frage kommenden Personen eine mittelgroße Detektei für gut ein paar Wochen keinerlei Auf-
tragssorgen mehr haben lassen würde.
Bleibt einem eigentlich nur noch die Möglichkeit, das schüchternste Mauerblümchen der
Schule zu ermitteln und zu versuchen, dieses an einem langen Stück anzusehen und darauf zu
warten, daß plötzlich irgendwelche Gefühle aufwachen, sich entschließen, heute mal nicht lie-
genzubleiben, daß Bett zu verlassen, sich hübsch ordentlich anzuziehen, das Haus auf direktem
Weg zu verlassen und nicht überfahren zu werden, damit sie einem helfen, einen letzten Ver-
such mit der einzigen ohne Mundschlabberer vom Dienst ausgestatteten Person zu starten.
Womit man wieder bei dem Problem ist, wie man es anstellt, sich selbst zu überlisten und seine
eigene Schüchternheit ganz unten auf die Liste von Sachen, die einen daran hindern, daß zu
tun, was man wirklich will, zu setzen.
Ein halbes Jahr später schaut man zufällig auf den Kalender und merkt, daß man es wohl wie-
der einmal nicht geschafft hat. Auch die Hoffnung, daß ein phantastisches Phänomen passieren
würde und die angehimmelte Person vor lauter Angestarre und das immer rein zufällige Auf-
tauchen von einem dafür gesorgt hätte, daß diese Person den ersten Schritt tun würde, hat sich
als fiese Selbstverarschung erwiesen.
In so einer hoffnungslosen Situation empfehlen einem dann meistens viele Freunde, die eigent-
lich scheiße aussehen, noch viel schüchterner als man selbst sind und dann trotzdem noch an
allen möglichen Leuten herumgeschlabbert haben, man solle sich doch nicht verkrampfen und
einfach mal abwarten und außerdem sei das mit einem Partner sowieso nicht so dolle, wie man
das als naiver und unerfahrener eiserner Single seit 19 Jahren vielleicht denkt. Der Freund
tauscht seinen Lebensabschnittsbegleiter noch schnell mal wieder gegen einen anderen zukünf-
tigen Ex ein und läßt einen damit allein, die nächsten 19 Jahre immer wieder den gleichen, oben
beschriebenen Kreislauf zu durchlaufen. Und vielleicht ändert sich ja wirklich mal was. Schöm
wärs.