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TSP T2

(des Dramas überraschend positiver dritter und letzter Teil)

Im zweiten Teil der Spielfilmserie kehrte der Terminator von Grund auf gewandelt zurück: Optisch die gleiche
Person, aber plötzlich auf der anderen Seite kämpfend. Aus dem bösen Roboter wurde der Gute, der Retter der
Welt.
Um es der Hektik des Lesers, getrieben von Verpflichtungen und Zeitnot, angemessen schnell zu machen – oder
kurz gesagt: Ich habe das Lager gewechselt. Aus dem Retter der Welt, verbittert zwar, aber unabhängig, wurde
der böse Roboter. TSP ist als Thema aus den Schlagzeilen verschwunden.
Der treue Leser wird sich in diesem Moment abwenden, weinend alle Autogramme des bewunderten und als
Vorbild oder Leidensgenossen angesehenen Autors verbrennen, zusammen mit dieser Kurzgeschichte, ohne sie
bis zum Ende zu lesen.
Wenn das Feuer erloschen ist und der Leser die laue Sommernacht hindurch versonnen in die Glut gestarrt hat,
dabei in Gedanken an die Unerreichte versunken, dazu Schreckensvisionen von Zungen, die sich in Münder
bohren und Pärchen, die sich mit einem lauten Schmatzen allmählich gegenseitig aufsaugen und sich schließlich
in einem Wölkchen Rosenduft verpuffen, wird in ihm die Neugier unerträglich groß: Wie hat es nun auch dieser,
ausgerechnet dieser geschafft, ein mit Rundungen und anderem Beiwerk üppig ausgestattetes
gegengeschlechtliches Wesen für sich zu gewinnen? Er stampft schnell nach Hause und lädt die Geschichte
erneut aus dem Netz.

Ich befand mich seit geraumer Zeit in der üblichen Schleife aus Selbstmitleid, unerfüllter Leidenschaft und dem
Suchen nach der einen Wahren und mir war ziemlich schlecht von der ganzen Dreherei. Wieder war gerade ein
Versuch daneben gegangen: Ich hatte sie tatsächlich angerufen! Gut, es verstrich über eine Woche und jeden Tag
führte ich mein Telefon mehrere Stunden in der Wohnung Gassi, bis ich es tatsächlich bis zu einer Verbindung zu
ihrem Telefon schaffte. Gut, ich kam nie weiter als bis zum ersten Klingeln. Aber ich hatte es versucht. Ich war
damit so ziemlich an dem Nullpunkt der Bedeutungslosigkeit allen Strebens angekommen. Mir war alles so
ziemlich egal.
An einem unbedeutenden Maitag trat plötzlich die Prophezeiung vieler guter Freunde in Erfüllung: „Mach dir
keine Gedanken und es wird schneller passieren, als du denkst!“
Ich war zu einer Party eingeladen. Bezeichnenderweise hatte man mich eingeladen, weil ich auf der Party zuvor,
ohne Einladung versteht sich, auftauchte und nicht unbedeutende Bereiche der Wohnung mit Rotwein besudelte.
Diese zweite Party an dem sich durch nichts hervorhebenden Maitag zeichnete sich dadurch aus, dass
überwiegend Kommilitonen anwesend waren, die vermutlich ihre Gehirne prostituierten und abends gegen Geld
an fleißigere Studenten vermieteten. Anders konnte ich mir die völlige Abwesenheit von Niveau und Vernunft
nicht erklären. Es versprach nicht wirklich, ein unvergesslicher Abend zu werden.
Doch in all dem Chaos und inmitten der klebrigen und übel riechenden Schicht Bier, die sich über alles zog, gab
es einen Raum der Ruhe, mit angenehmer Musik und wohl gesonnenen Menschen. Dort ließ ich mich nieder und
mein müdes Auge in die Runde schweifen… aha… aha? AHA? Nun, was war DAS? Inmitten netter Menschen
fand ich einen noch viel größeren Lichtblick: Ein gegengeschlechtlicher Mensch, der auf Anhieb in mein Herz
einzog und dort das Luxusapartment bekam. Erstaunlicherweise war etwas da, was zuvor undenkbar gewesen
wäre: Die umwerfende Erkenntnis, dass es dieses mal anders laufen würde. Ein ungekanntes Gefühl.
In diesem Augenblick übernahm ein Drehbuchautor den weiteren Verlauf des Abends. Ein Amerikaner wohl,
einer von denen, dir mir weich gezeichneten Kitschfilmen reich geworden war.
Der weitere Verlauf des Abend war für den Drehbuchautor schnell geschrieben: Es kam zu anregenden (und das
ist durchaus schelmisch im Doppelsinn zu verstehen) Unterhaltungen in Dreierkonstellation mit der Freundin der
die positiven Gefühle vermittelnden Person, mit hinten angebautem Frühstück und der Absichtserklärung aller
Beteiligten, sich wenige Tage später zu einem Videoabend erneut zusammenzufinden. Anschließend fand ich
morgens um neun den Weg zurück in meine Wohnung, in der es 59 Stunden später an der Tür klingelte.
Mit Erstaunen darüber, dass man meinem Antrag auf ein Wunder nach so langer Zeit stattgegeben hatte, stellte
ich es fest, dass sie nur allein und ohne ihre Freundin gekommen war. Genau so hatte ich mir das gedacht. Ich
unterstellte dabei die gleiche Absicht auf beiden Seiten.
Verabredet war ein Videoabend, und da ich unkoordiniertes Gestammel und Herumgedruckse meinerseits
vermeiden wollte, startete ich ziemlich direkt mit dem Programm des Abends mit dem Druck auf die taste Play.
Das kannte ich, darin war ich gut: Vorführen und Zeigen. To Protect And To Serve…
Der Drehbuchautor war noch immer auf meiner Seite und schrieb routiniert weiter. Das erste, was er als
dramaturgisches Mittel einsetzte, war eine Dialogzeile aus dem Floskelhandbuch: Er ließ sie nach einer Decke
fragen und gab ihm damit die Möglichkeit, sich mit unter diese Decke kuscheln. Damit war für Nähe gesorgt und
der Rest des Abends routiniert und schnell von dem Drehbuchautor entworfen. Nachdem er die Situation bis zum
Äußersten ausgereizt hatte und nach Meinung einiger Filmkritiker zu lange damit gewartet hatte („Die Idee war
gut, aber es mangelte in der Umsetzung am richtigen Drive… der Mann hat kein Gefühl für Dynamik!“), brachte
er die Story dadurch voran, dass einer von beiden seinen Kopf an den des anderen schmiegte. Durch eine
ungünstig gewählte Kameraperspektive konnte der Zuschauer leider nicht sehen, wer von beiden angefangen
hatte. Möglicherweise sollte dieses Detail auch bewusst offen gelassen werden.
Von diesem Augenblick müsste es auch dem letzten Zuschauer klar geworden sein, worauf der Film hinauslief:
Fast im gleichen Augenblick wandten sich die beiden einander zu und begannen, sich mehrere Stunden intensiv
zu küssen.

Das Böse hatte sich von diesem Augenblick an meiner bemächtigt. Ich hatte der dunklen Seite der Macht
nachgegeben. Plötzlich war ich ein Schlabberer.

Gerüchten zu folge wird der Terminator in einem weiteren Teil wiederkehren. Welche Seite er dann verteidigen
wird, darüber ist allerdings noch nichts bekannt geworden.

13.X.02