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Das absolute Glücksgefühl.

Mein persönlicher Tipp um im Leben noch glücklicher zu werden:


Nutzen Sie ihr Privileg in einheimischen Supermäkten einkaufen zu
dürfen! Wenn Sie unter akuter Langeweile leiden oder das Leben Ihnen
trist und lustlos erscheint, wenn Ihnen der Kick im Leben fehlt, dann
hilft da nicht etwa „Bungeejumping“, auch nicht „Skydiving“ oder wie
man sonst alle diese „Wahnsinnigkeiten“ nennen mag, nein, sagen Sie
ganz gelassen zu ihrer Frau: “Schatz, heute gehe ich mal einkaufen!“

Setzen Sie sich voller Tatendrang mal Samstagmittags in Ihr Fahrzeug


und steuern Sie, voll der Erwartung was da passieren wird, einen dieser
Tempel an. Je näher Sie dieser Oase kommen desto mehr werden Sie
sich bewusst, wie viele Mitbürger und Mitbürgerinnen an diesem selben
Tag, zur gleichen Zeit, dieselbe Idee hatten wie Sie. Während Ihnen
einfällt, dass Sie schon wieder diese recyclebaren Ökoplastikbeutel im
Keller stehen gelassen haben und so schon wieder neue Tüten kaufen
müssen, um sie später zu den dreißig anderen zu gesellen, versuchen
Sie ganz lässig eine Parklücke zu finden. Schnell sind Sie um eine
Erfahrung reicher, denn Ihnen wird bewusst, dass Ihr Zahnarzt
schneller eine Zahnlücke findet als Sie eine Parklücke.

So fahren Sie notgedrungen zum letzen Parkplatz, der sich irgendwo in


der “Pampa” 500m vom Eingang der „Grossgeldabgabestelle“ ihrer
Wahl befindet um dann durch den plötzlich angefangenen Platzregen
zu laufen, sich an den Regenschirm erinnernd, der zu Hause im
Hausflur auf dem Schuhschrank liegt, wo Sie ihn nie vergessen würden,
da er sich praktisch in Ihrem Sichtfeld befindet, sollten Sie sich trauen
das Haus zu verlassen. Dass bei Ihrer Abfahrt die Sonne schien, lassen
wir jetzt mal außer Acht.

Sich jetzt über den nationalen Wetterdienst oder den Radiosprecher


aufzuregen wäre in diesem himmlischen Moment reine
Zeitverschwendung. Wussten Sie eigentlich, dass es eine Studie gibt,
welche Ihnen vorgibt, wie Sie Regen einschätzen können um zu wissen,
ob Sie besser täten durch den Regen zu laufen oder zu gehen, um so
weniger nass zu werden? Ja, es gibt tatsächlich Wissenschaftler die
bezahlt werden, um solche Analysen durchzuführen, um uns das Leben
wieder ein Stückchen einfacher zu machen und so zu unserem, Ihrem
persönlichen Glück beizutragen.

Sie stehen in der Galerie, triefend nass in Ihrer selbst erzeugten


Regenwasserpfütze und sind sich sehr schnell bewusst, dass Sie jetzt
noch weitere 500 Meter laufen dürfen, bis sie zu dem eigentlichen
Eingang der Essensvergabestelle gelangen. Wenn Sie es bis hierhin
geschafft haben, ohne dass Sie sich über irgend eine andere
europäische Nation aufgeregt haben, wenn Ihr Puls nach dem Sprint
durch den Regen nach 10 Minuten nicht mehr bei 180 liegt und Ihr Kopf
nicht vor Hitze glüht und somit das Regenwasser, das Ihre neu gestylte
Haarpracht ruiniert hat, zum verdampfen bringt, wenn Sie in dieser
Situation es immer noch fertig bringen würden den Titelsong “I’m
singing in the rain” zu pfeifen oder gar zu singen, dann, ja nur dann
sind Sie Ihrem persönlichen Glück schon ein ganzes Stück näher.

Wenn Ihr Abenteuertrieb sich auf einem höheren „Level“ befindet,


dann sollten Sie sich trauen, den vor Ihnen liegenden Weg auch ohne
persönlichen Schutz, wie Knie- und Armgelenkschoner oder gar
Fahrradhelm zu bewältigen. Wenn Sie bereit sind, stürzen Sie sich jetzt
in die Höhle des Löwen, betreten Sie die Arena und werden Sie Teil des
heutigen Spiels.

Es macht in diesem Augenblick auch gar keinen konstruktiven Sinn


auch nur auf die Idee zu kommen, sich vor dem Betreten der Höhle
einer Stärkung zu unterziehen, halten Sie sich immer eines vor Augen:
“Hier kriege ich weder ein Brötchen, Kaffe oder sonst was. Es gibt hier
keinen Platz für mich. Es sei denn Sie gehören zu den ganz mutigen
und nehmen eine geschlagene Stunde Schlange stehen so locker in
Kauf wie die Tatsache, dass wenn Sie endlich Ihre Tasse Kaffee und ihre
Sahnetorte serviert bekämen, Sie schon längst mit Ihren Einkäufen
fertig sein könnten.

Um die nächste Stufe des absoluten Glücks zu erreichen, dürfen Sie


nicht blind ihre Einkäufe tätigen, nein Sie müssen beobachten. Lassen
Sie die Stimmung, die sich hier ausbreitet, auf sich einwirken. Bald
können Sie es förmlich spüren, die Luft ist geladen, geradezu explosiv.
Haben Sie schon in Wildgehegen beobachtet wie sich die Tiere an ihren
Futterstellen verhalten. Da gibt es eine äußerst strikte Hierarchie. Da
herrscht Disziplin. Im Kaufhaus nicht, da spielt die Musik ganz anders.
Hier muss man vorgehen als sei es das letzte Mal gewesen, dass die
Regale aufgefüllt wurden und es keinen Nachschub mehr gibt, nie
wieder.

Einer meiner Lieblingsbeschäftigungen neben dem Beobachten und


Lauschen, Lauschen ist auch sehr erbauend, ist zum Beispiel das
Zählen. Zählen Sie, wie oft Sie angerempelt oder, noch viel besser, mit
den Einkaufswagen hinten in die Wade gerammt wurden, ohne dass es
irgendjemanden interessiert hat, von dem Verursacher gar nicht zu
sprechen. Bitte zügeln Sie sich in solch einer Situation, eine Geste der
Verwunderung, der Empörung oder gar der Verachtung an den Tag zu
legen. Das Anrempeln oder das mittels Einkaufswagen umrennen von
Personen ist eine geheime Botschaft, wie sie nicht mal Da Vinci besser
hätte erfinden können. Sollten Sie angerempelt werden, so waren Sie
entweder zu langsam zwischen den Regalen unterwegs, oder haben
jemanden behindert. Bei der exquisiten Variante mit dem
Einkaufswagen gibt es nur eine Bedeutung: Sie haben sich erlaubt,
jemandem im Weg zu stehen. Halten Sie sich bitte vor Augen, dass es
in einem Ameisenhaufen, wie er schlimmer und voller nicht sein
könnte, immer Verhaltensregeln gibt was das sich Bewegen in diesem
angeht. Hier gibt es die nicht, außer vielleicht, dass alle Anderen das
Vorfahrtsrecht genießen, Sie aber nicht.

Wenn Sie zu den ganz Tapferen zählen, wiederum zu denjenigen


gehören, die es bis hierhin ohne Knieschoner und ähnliches geschafft
haben, die eben erwähnten ganz Tapferen, dann sollten Sie sich
tatsächlich trauen mit der ganzen Familie einkaufen zu gehen. Es sei
Ihnen aber gesagt, dass diese veraltete Form des sozialen Lebens
heute eher als die nicht so feine englische Art empfunden wird. Kinder
sind laut, launisch und stehen ständig den Anderen im Weg. Außerdem
wird das Umrennen von Kindern heutzutage auch als völlig akzeptabel
empfunden, schließlich haben Sie ja ihre Gören mit ins Geschäft
geschleppt und sonst keiner. Da empfehle ich Ihnen einen Abstecher in
die Pflaster- und Bandagenabteilung. Da finden Sie alles gegen
Schürfwunden und ähnliches.

Aber das eigentlich Schöne in einem Kaufhaus, das alles andere


überwiegt, sind die Menschen. Im Kaufhaus finden Sie den
Durchschnitt einer Nation wieder. Spätestens hier kommen Ihnen
Zweifel auf, wenn Sie an die vielen Verhaltensstatistiken über uns
Bürger denken. Da fragt man sich schon manchmal, bei wem die
Institute eigentlich ihre Umfragen machen. Die lustigste Umfrage fand
ich persönlich über das Verhalten im Straßenverkehr. Wo sind denn alle
die rücksichtsvollen Autofahrer? Aber das ist jetzt wieder ein anderes
Thema.

Ein absolutes Nirwana in einem Kaufhaus am Samstagnachmittag ist


der Durchgang des Kassenbereiches. Auch hier gibt es
Verhaltensregeln, wenn Sie ein glücklicher Mensch bleiben wollen.
Suchen Sie sich nie eine leerstehende Kasse aus. Entweder wurde sie
gerade geschlossen und nachdem man Sie hierrüber informiert hat,
legen Sie die Sachen, die Sie gerade ausgepackt hatten, in den
Einkaufswagen zurück, oder das nackte Grauen (bildlich gesprochen)
sitzt hinter dem Tippfeld. Im letzteren Fall haben Sie voll ins Schwarze
getroffen und sollten dringend an Ihrer Observationstechnik arbeiten.
Es wird Ihnen sehr schnell bewusst, dass noch lange nicht jeder zum
Beruf der Kassiererin oder des Kassierers geboren ist.
Während die Einkäufe, welche Sie auf das Laufband stellen, ordentlich
in einer Reihe mit jeweils 30cm Abstand zur Kasse befördert werden
und Sie schweißnass versuchen, durch immer schnelleres auflegen den
Abstand zwischen den Sachen zu verringern, um durch die Kasse zu
kommen und alles einzupacken, bevor die Kassiererin Ihnen den Preis
bereits zum dritten mal angesagt hat und auf die Bezahlung wartet,
bemerken Sie dann, dass ihnen irgend ein Witzbold irgendwelche
Dinge in den Einkaufswagen gelegt hat, die Sie gar nicht kaufen
wollten.

Bevor Sie also die Chance erhalten einzupacken, bekanntlich in die


Ökobeutel die Sie ja wieder kaufen mussten, bezahlen Sie auf das
nervöse Hoppeln der Kassiererin hin. Jetzt fängt die heiße Phase des
Kassendurchgangs an. Sie haben nämlich einen der gröbsten Fehler
begangen, der Ihnen an diesem Tag unterlaufen konnte. Ihr Verhalten
ist dermaßen schlecht, dass es schon an Leichtsinn grenzt. Wissen Sie
denn nicht, dass man nie, aber nie bezahlen darf bevor man fertig ist
mit einpacken? Mit dem Bezahlen endet Ihr Status als Kunde. Sie sind
jetzt wieder ein Niemand, einer von vielen, der mit diesem Akt
unbedeutend wurde. Jetzt gilt es, aus dem Schlamassel wieder raus zu
kommen und Ihre Sachen von denen des Ihnen folgenden Einkäufer zu
trennen. Die Eierkartons oder Milchtüten die beim Herunterfallen
aufplatzten, sollten Sie jetzt gar nicht beachten und liegen lassen.

Wenn Ihr Puls jetzt immer noch nicht bei 300 liegt und Sie nichts getan
haben, was den Sicherheitsdienst veranlassen könnte, Sie in
irgendeiner Weise festzuhalten, um die Polizei zu alarmieren, ja dann
sind Sie ein wahrhaft glücklicher Mensch. Mein Tipp ist es, stellen Sie
sich immer an die Kasse mit der längsten Schlange, hier arbeitet noch
jemand mit Zeitgefühl. Die Person vor Ihnen, die vergessen hat das
Gemüse zu wiegen oder alles mit einzelnen Münzen bezahlen will, die
ist nicht so schlimm wie die Misere an einer leeren Kasse. Regen Sie
sich auch nicht über den Dritten auf, der Sie fragt, ob er mal eben vor
Sie darf, da er nur 2 Sachen hat, die natürlich auch nicht am
Gemüsestand abgewogen wurden.

Sie sollten nicht vergessen, bevor Sie den Rückweg zum Parkhaus
einschlagen, einen Regenschirm zu kaufen. Wenn Sie jetzt das
Geschäft verlassen, wo Sie Ihren Schirm gekauft haben, bemerken Sie,
dass Ihnen die Hälfte der Sachen aus dem Einkaufswagen entliehen
wurde. Sie durften den Einkaufswagen ja nicht mit in den Laden
nehmen, was in einer Galerie eines Kaufhauses ja normal ist, da hier
niemand mit so einem bleischweren Wagen umher karrt.

In dem Restaurant, in dem vorhin noch eine kilometerlange Schlange


davor stand ist jetzt ein Tisch frei. Sie wissen zwar, dass es nichts
nützt, da Sie eh nicht mit Ihrem Einkaufswagen hinein gelassen
werden, aber Sie wagen trotz allem den Kurzsprint zum Eingang, wo
Sie dann ein Ausweichmanöver einleiten, um nicht mit dem älteren
Ehepaar zusammen zu stoßen, die auf Ihre Initiative hin quasi noch
schnell vor ihren Wagen sprangen, um noch schnell vor Ihnen den
Tisch zu bekommen. Während Sie noch versuchen den Einkaufswagen
abzubremsen, versuchen Sie halt so zu tun, als hätten Sie gar nicht die
Absicht gehabt, in das Restaurant zu gelangen, bevor Sie mit der sich
dort befindlichen Sitzbank zusammen stoßen und sich Ihr noch in
Bewegung befindliches Knie in die eisernen Stangen des
Einkaufswagens rammen.

Sie sind gebeutelt und fühlen sich von diesem Kaufhaus regelrecht
missbraucht, getreten und geschlagen. Was haben all diese Menschen
gegen Sie? Sie setzen sich am besten auf die gerade angerempelt
Bank und versuchen wieder einen klaren Gedanken zu fassen.
Versuchen Sie jetzt bloß nicht eine Antwort in der spirituellen Welt zu
fassen. Es geht Ihnen jetzt vielleicht nicht so toll, aber es hat bestimmt
nichts damit zu tun, dass Sie seit Ihrer heiligen Kommunion nicht mehr
in einer Kirche waren. Die Erkenntnis, dass die Menschen in den letzten
4.500 Jahren absolut nichts dazu gelernt haben und heute immer noch
mit Keulen auf einander einschlagen würden ist zwar gut, hilft Ihnen
aber keineswegs weiter. Sie können in dieser Situation nur noch eines:
so schnell wie möglich nach Hause fahren.

Draußen bemerken Sie dann, dass der Weg zum Parkhaus Schräglage
hat und Sie nur mit viel Mühe und Körpereinsatz den Einkaufswagen
davon abbringen können, in die Fahrspur zu rollen und umzukippen.
Den Regenschirm jetzt aufzuspannen wäre sehr mutig und Sie würden
Pluspunkte in der Glücksskala gutmachen.

An Ihrem von einem anderen Einkaufswagen zerkratzen Auto


angekommen, bemerken Sie, dass der Weg ins Auto nur durch den
Kofferraum führt da Sie von beiden Seiten her zugeparkt wurden. Beim
Rücksetzen des Autos macht Sie das Zerspringen des Rücklichtes
darauf aufmerksam, dass Sie vergessen haben den Einkaufswagen zu
der Sammelstelle zurückzubringen, sehr zur Unterhaltung der anderen
Parkhausbesucher.

Wenn Sie nach 2 Stunden im Stau zu Hause die eingekauften Sachen


ins Haus tragen, bemerken Sie die zerplatzten Jogurtbecher, welche es
nicht überstanden haben, als Sie beim Besteigen des Fahrzeugs durch
den Kofferraum auf die Tüten treten mussten. Eine gewagte Initiative
wäre gewesen, den jetzt nur noch halbvollen Einkaufswagen einfach
gleich stehen zu lassen und in die nächste Bar zu fahren, um Ihrem
Glück den krönenden Abschluss zu verpassen.
Mein Fazit ist: Leute, geht öfter mal einkaufen. Es belebt den Kreislauf
und macht tierisch glücklich. Der jetzt mit Glückshormonen
übersprudelnde Mensch schweigt eisern über seine Erfahrungen, schon
gar nicht sollten Sie erwähnen, wie gut es Ihnen geht. Es könnte ja
sein, dass bei der nächstbesten Gelegenheit jemand anderes an Ihrer
Stelle diese Erfahrung gerne machen würde. Sollten Sie jedoch wie ich
zu denjenigen gehören, die aber aller spätestens bei der Sache mit
dem Rücklicht völlig hätten ausrasten können oder ausgerastet sind
und nun Ihr ganzes Leid zu Hause ihren Liebsten klagen möchten, so
seien Sie gewarnt, dass Ihr Tag noch nicht zu Ende ist.

Wenn dann die erleuchtende Erkenntnis Ihrer Liebsten zu dem Thema


mit dem Rücklicht kommt, ein Vorfall über den ihre Liebste sicherlich
nicht innerlich jubiliert, sie Ihnen also erläutert wie sie sich angestellt
hätte, um die Sachen ins Auto zu packen und dieses ohne
zertrümmertes Rücklicht nach Hause zu bringen, spätestens dann
sollten Sie unbedingt die nächste Trinkhalle aufsuchen, denn es ist
noch nicht vorbei. Jetzt können Sie gleich noch erklären wieso Sie einen
Regenschirm kaufen mussten und sämtliche gekauften Sachen gar
nicht auf der Einkaufliste standen, welche übrigens auch die ganze Zeit
fein säuberlich in der Küche lag.

Spätestens dann sind Sie moralisch am Ende. Hätten Sie die


Gelegenheit, den Tag noch einmal zu begehen, würden Sie am liebsten
alles noch einmal genau so über sich ergehen lassen. Wenn es sein
müsste, könnte es sogar noch dicker kommen, aber auf keinen Fall
würden Sie es nochmal wagen, zu Hause über Ihr Erlebnis zu berichten.
Da Sie jetzt komplett am Ende sind, obwohl alles so schön hätte sein
können, sind Sie zu allem bereit, sogar der Person gegenüber, die mal
Ihre Liebste war, einzugestehen, dass Frauen doch in vielen Dingen die
Besseren sind. Was soll’s, der Tag ist eh im Eimer.

Mike Schumacher