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Winfried Anslinger
Schmidt und Sohn

„Schmidt &Sohn“ erzählt die jüngste deutsche


Geschichte aus einer Perspektive, die uns ver-
trauter ist als alles, was wir in Geschichtsbüchern
darüber lesen können.
Ein Roman über ein Land, das mit sich selbst nicht einig ge-
worden ist. Im Mittelpunkt ein Haus, eine Familie, ein Ge-
schäft: Schmidt & Sohn, Elektrohandlung und Installation in
vierter Generation, stadtbekannt.
Der Ich - Erzähler ist der Sohn. Krieg und Nachkriegszeit
prägen ihn, er wird Zeuge gegensätzlicher Epochen mit ihren
typischen Verwicklungen: Nazitum und Wiederaufbau, Wirt-
schaftswunder und Wirtschaftskrisen, 1968, Ökowelle und am
Ende dann die Wiedervereinigung. Ende gut, alles gut? Auch
wenn ihm die Stationen dieses Weges fast unvermeidlich er-
scheinen: Seinem Rückblick eröffnen sich Abgründe aus Angst
und Verdrängung. Posttraumatisch ergibt sich ein tiefer Blick
in die deutsche Seele.

„Doktor Wintringer sagt, ich habe Teile meiner Person abge-


spalten. Das bestreite ich. Meine Handlungen bewegen sich im
Rahmen des Üblichen. Das Übliche war, dass man nicht über
alles nachdachte. Sonst wäre man tatsächlich verrückt gewor-
den. Was wäre mit meinem Alten passiert, wenn er sich ständig
vor Augen geführt hätte, was er im Krieg...? Er hätte sich selbst
anzeigen müssen. Wegen Mord oder Völkermord. Meines Wis-
sens tat das in ganz Deutschland niemand. Kein einziger Fall
ist mir bekannt. Was wäre aus dem ganzen Land geworden,
hätte jeder hinterher seine Rechnung aufgemacht? Bei denen,
die schuld waren? Wer hätte dann alles wieder aufbauen sol-
len?“
tempora mutantur, nos et mutamur in illis

Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns mit ihnen
Kaiser Lothar I. zugeschrieben (795 - 855)
Personen

Hauptpersonen:

Ich: Wolf(gang) Schmidt, *1933, Erzählstimme

Elli Schmidt, geb. Müller, 1935 - 1990, Ehefrau des Ich-Erzählers,


Mutter von Martina und Bernd, wohnt jetzt im roten Land

Der Vater, Herrmann Schmidt, 1910 - 1969, 3. Generation von „Elektro


Schmidt & Sohn“

Die Mamma, Hannelore Schmidt, 1911 - 1955

Fräulein Hilde, * 1931, zweite Ehefrau des Vaters,


Mutter von Nicole, *1974

Geschwister des Ich-Erzählers:

Margot Gutbrodt, geb. Schmidt, * 1939, jüngere Schwester des Erzählers,


erstes Kind * 1967, zweites Kind * 1970

Egon Gutbrodt, Anwalt, Ehemann von Margot

Gerhard Schmidt * 1948, jüngster Bruder des Ich-Erzählers


Tochter Sara * 1988

Kinder des Ich-Erzählers:

Tochter Martina, * 1965, Mutter von Enkelin Louisa, * 1988

Sohn Bernd, * 1971


Bekannte:
Herr Kaplan Mohnleitner, später Leiter der katholischen Akademie
Heinz, Kriegskamerad, arbeitet beim Vater, * 1910
Fritz Dick, „unser Meister“
Der Elektriker, aus Pommern

Die „Madmosell“ Helene, aus Metz


Hermine aus dem Osten mit Sohn Peter

weitere Verwandte:
Onkel Gerd, Bruder der Mamma, Erfinder und Künstler
Tante Elisabeth, Schwester der Mamma

Die Jazzfreunde:
Paul, * 1932, Betriebswirt, später Prokurist bei den Stadtwerken
Erich, * 1933, Lehrer für Englisch und Mathe

„Phänomene“:
„zweites Ich“
Anruferin
Klopfgeist
Von vorn will ich also beginnen, wie wir alle beginnen:
Mit den ersten Bildern und Orten, die noch ohne Namen sind, aber mit viel Bedeu-
tung. Das Haus an einer Straßenecke in einer mittelgroßen Stadt, zweieinhalbstöckig
mit Giebel zur Nebenstraße hin, das Haus, in dem ich ein ganzes Leben verbracht
habe. Der Garten mit Ländchen für Gemüse, Küchenkräuter und Blumen, zwischen
denen man auf Brettern laufen konnte. Dahinter standen vier Obstbäume, deren Stäm-
me jedes Frühjahr mit weißen Banderolen versehen wurden gegen Ungeziefer. Mittig
wuchs der alte Kirschbaum, darunter ein Wasserfass mit Leitung, Messinghahn und
Gießkanne. Links zur Sattlerei Reinhard hin Taubenschlag und Hühnerhof, gegenüber,
rechts zur Krahnengasse hin, vor den Erdbeerbeeten der große Nussbaum, der mit sei-
ner Krone fast an den Himmel reichte. Darunter ein Tisch mit vier Gartenstühlen für
die Kaffeekränzchen meiner Mamma am Nachmittag. Wenn die Sonne gerade noch
über die Dächer lugte, kamen oft die Nachbarinnen zum Gartentor herein, brachten
selbst gebackenen Obst oder Streuselkuchen mit und Mamma rührte den Schneebesen
für Schlagsahne. Meist war Inge dabei, eine große Frau mit blonden Dauerwellen, die
immerzu lachte und meine Mutter damit ansteckte. Das erleichterte mich, denn sonst
war Mamma den ganzen Tag über ernst und schweigsam. Inge kam gelegentlich auch
außer der Reihe, dann saßen die zwei am Küchentisch und redeten über viele Dinge,
die ich nicht verstand. Am Zaun zur Sattlerei Reinhard hin wuchsen Himbeeren, Sta-
chelbeeren und Vogelwicken, ich hockte davor an meinem Sandspielplatz, der gegen
Katzen und Nachbarskinder zu verteidigen war und baute in den Rheinsand Städte,
Burgen mit Wassergräben und Kathedralen, ließ Armeen aus Zinnsoldaten aufmar-
schieren und gegen phantastische Feinde kämpfen. Turmhoch standen die Nachbar-
häuser, deren Gärten an unser Grundstück stießen, aus deren Fenstern Musik erklang
und Kinderlachen, manchmal auch urplötzlich Geschrei. Fremde Welten, gegen die
sich das Elternhaus friedlich anhörte.
Meine Mamma war kleiner als Inge und steckte ihr braunes, glattes Haar in die Höhe.
Über Tag trug sie eine Kittelschürze, die immer nach Zwiebeln roch, abends zog sie
sich um, duftete nach Kölnisch Wasser und saß mit schönen Kleidern auf dem Sofa,
während der Vater den Radio anstellte.
Der Tageslauf war unterteilt durch Mahlzeiten und Ruhestunden, die zuverlässig
kamen und gingen wie die Gezeiten am Meer. Nach dem Mittagessen legte sich die
Mamma auf das Chaiselongue und ruhte, indem sie in einer Zeitschrift las, bis ihr
die Augen zufielen. Vorher brachte sie mich auf mein Zimmer, ich musste die Kleider
bis auf Hose und Unterhemd ausziehen und wurde unter die Decke gesteckt, Kinder
mussten schlafen, das braucht der Körper, damit das Essen anschlägt. Doch schwer
fiel es meinem Körper zu tun, was er sollte, weil in der Nachbarschaft ein Schäferhund
wohnte, der ununterbrochen gauzte und weil die Zweige der großen Kastanie mit ihren
Schattenfingern an der Decke spielten. Goldener Staubregen fiel in den Sonnenstrahl,
der sich zwischen Fensterschal und Wand herein stahl, eine dicke Stubenfliege summte
um den Lampenschirm. Jedes Mal wenn sie mit dem Leuchtkörper zusammenstieß,
gab es ein kritisches Zing-zing-Geräusch. Immer größer wurden meine Ohren, hörten
das Schleifen und Bohren im Keller, wo der Vater arbeitete, das
Gurren der Tauben auf Schneiders Dachvorsprung und die Mamma, wie
sie Seite um Seite ihr Magazin durchblätterte. Die blitzenden Staubsterne
verwandelten sich zu einem goldenen Sternenfall. Im Himmel gab es ei-
nen Fluss, der aus lauter glitzernden Tropfen bestand, die fielen in meine
Welt herab wie Sternschnuppen, in meine kleine Welt, aus dem großen
Himmel herab mit einem unbeschreiblichen Leuchten. Mein Zimmer lag
an einem mächtigen Lichtstrom, der aber weder brannte noch floss, son-
dern in sanften Wellen vorbeischwebte. Gerade noch nahm ich das sä-
gende Geräusch des mütterlichen Schlafes wahr, zweifelte jedoch, denn es
handelte sich womöglich um den schnarrenden Flügelschlag von Engeln,
die wie Libellen über dem Himmelsfluss standen. Im nächsten Augenblick
konnten sie pfeilschnell zur Seite schießen, um der nächsten Engelslibelle
Platz zu machen. Das war gewiss ein Wunder, doch man durfte nicht alles
für bare Münze nehmen. Die Mamma hatte mir manches aus dem gro-
ßen Märchenbuch vorgelesen und gesagt, das Sterntalermädchen, das sei
eine Geschichte, die habe sich vielleicht vor langer Zeit zugetragen, aber
Genaueres wisse man nicht.
Erst wenn Tassengeklapper aus der Küche hörbar wurde, durfte ich wa-
gen, wieder aufzustehen und nachschauen, ob es von der Mutter kam
oder von der Oma, die einmal in der Woche an ihren Stock geklammert
die Treppe zu uns heraufkam und in einer alten Henkeltasche entweder
einen halben Kranzkuchen mitbrachte oder Obst aus ihrem Garten. Sie
trug immer dasselbe schwarze Kleid mit weißen Tupfen, weil der Opa vor
einer Zeit gestorben war und sich das bei alten Frauen so geziemte. Wenn
die Mamma gut gelaunt war, übersah sie mich für eine Weile. Danach
konnte sie tolerieren, dass mein Schlaf kaum länger gedauert hatte als
ihrer, obgleich Kinder viel mehr davon brauchten als Große. Ihre Organe
sind noch nicht ausgebildet und müssen Ruhe haben, um zu wachsen.
Während der unbeschlafenen Zeit nach meiner Mittagsruhe erkundete
ich die vielen Zimmer unseres Hauses oder half der Mutter in der Kü-
che bei ihren zahlreichen Verrichtungen: Geschirr spülen und Abtrock-
nen, Aufsammeln von Kartoffelschalen und welken Salatblättern für den
Komposthaufen unten im Garten, manchmal bat sie mich, den gussei-
sernen Bräter oder einen der großen Steinguttöpfe aus dem unteren Ge-
fach des Küchenschranks zu ziehen, damit sie dort nicht hineinkriechen
brauchte.
Im Sommer war mein Reich der Garten. Ich gelangte dahin über hohe
Treppenstufen in einem hallenartigen Treppenhaus, wo die Sonne hin-
ter riesigen Fenstern stand und durch die Jugendstilmuster der Bunt-
glasscheiben hindurch ein Meer von Farbflecken zauberte. Unten an der
Tür empfing mich ein Schwall heißer Sommerluft voll süßer Düfte, doch
stand ich zugleich in einem grellen Lichtmeer, aus dem heraus ich ge-
blendet unter den Nussbaum floh. Es dauerte eine Weile, bis ich davon
erholt die Augen wieder öffnen und meine Hummeln zählen konnte, die
mit trunkenem Gesumm sich auf dem Blumenländchen niederließen.
Sie wussten über die Pflanzen und Tiere im Garten genau Bescheid und
gaben mir außergewöhnliche Antworten auf meine kindlichen Fragen.
Schmetterlinge torkelten wie verirrte Schneeflocken über den Begonien,
die mit prachtvoll rosa Blüten lockten, auch die blauen Vergissmeinnicht
und Primeln, die Dahlien und Hortensien, ließen sich den Besuch der
verschiedensten Insekten gefallen, ganz im Gegensatz zu meinen Armen,
von denen ich alles fernhalten musste was summte, brummte und stechen
konnte. Ich tauchte die große Blechkanne ins warme Brunnenwasser, das
in dem steinernen Trog stand und goss die Stiefmütterchen, die sich mit
ihren verhutzelten Gesichtern verschmitzt bedankten. Eigentlich sollte
ich das unter Mittag nicht tun, wenn die Sonne so herunterbrannte, doch
aus dem Erdreich stieg ein schön würziges Aroma, wenn ich das Wasser
in silbrigen Bögen aus der Brause regnen ließ, es war durstig wie ich und
revanchierte sich mit seinem Duft. Links die Beete mit Salbei, Petersilie,
Minze und Schnittlauch durfte ich keinesfalls gießen, weil die Mamma
ihre Küchenkräuter täglich brauchte und deren Pflege lieber selbst vor-
nahm. Entweder in der Frühe oder abends, sobald die Hitze nachgelassen
hatte, kam sie herunter, um nach dem Rechten zu sehen. Jetzt konnte
man überall sein, weil die Sonne nicht mehr stach und ein lauwarmes
Lüftchen wehte. Wenn der Himmel rot erglühte und das Sandmännchen
im Himmel den Ofen schürte, um Plätzchen zu backen, gefiel es mir am
besten. Dann wurden die Hecken beredt, weil die Vögel ihr vielstimmiges
Konzert anstimmten. Ich hielt mich meist bei den Himbeersträuchern
auf, pflückte auch mal saure Johannisbeeren, war glücklich an meinem
Spielplatz. Ich erwog Anbauten und Erweiterungen zu meinen Burgen,
formte neue Gebirge, auf denen größere Armeen aufmarschieren konn-
ten, zog Gräben um die Stadtmauer. Am besten hielt der Rheinsand im
feuchten Zustand, aber man wurde dreckig davon. Wenn die Mamma mit
ihren Pflegemaßnahmen an den Ländchen zu Ende war, schnitt sie im
Kräuterbeet mit dem kleinen Küchenmesser etwas ab und nahm es hin-
auf für den Salat und die Soßen, die Suppe und den Tee.
Die Ländchen durften nicht betreten werden, weil meine Füße dort Un-
ordnung anrichteten, obwohl sie das gar nicht wollten. Es gab Verbote.
Übertrat ich sie, schritt der Vater in mein Leben ein. Der Vater konnte
schnaubende Nüstern zeigen und wilde Augen machen unter buschigen
Brauen. Er war am ganzen Körper schrecklich schwarz behaart und ver-
fügte über kräftige Arme, mit denen er mich in die Luft werfen und wie-
der auffangen konnte. Er trug Hosen mit Gürtel und groß karierte Hem-
den. Der Vater war der Mann in unserem Haus.

Fast alle Männer erschienen mir damals furchterregend. Groß, zottig,


kraftstrotzend und unbeherrscht. Sie pinselten sich Seifenschaum ins
Gesicht und rasierten ihre Bärte freihändig mit gefährlich scharfen
Messern, die sie vorher schwungvoll an einem Lederstreifen abzogen.
Sie wuschen sich mit freiem Oberkörper in der Küche, spritzten mit
Wasser herum, tremolierten und grölten dabei. Sie redeten laut, gesti-
kulierten und fingen Händel an, manchmal kämpften sie miteinander
in den Wirtshäusern nach dem fünften Bier, bis einer blutig liegen blieb.
Sie polterten mit schweren Schuhen die Treppen hinab, tranken Kaffee
aus emaillierten Blechtassen und Bier aus der Flasche, sie rochen streng
nach ihrer Arbeit, erteilten willkürliche Befehle und legten Knaben
übers Knie. Einmal wachte ich in der Nacht auf, weil unten von der
Straße ein Lärm heraufdrang. Ein rhythmisches Dröhnen, begleitet von
scharfen Befehlsstimmen. An der Zimmerdecke loderte ein roter Wi-
derschein. Mir war bis dahin nur das Wandern der Autoscheinwerfer
vertraut, wenn ihr Gespensterleuchten gleichzeitig mit dem Motorge-
brumm von Wand zu Wand umging. Unsere Läden blieben meistens an-
gelehnt, damit es im Haus nicht ganz finster war. Doch dieses Licht kam
weder von Fahrzeugen noch von den Straßenlaternen. Es sprang hin
und her, verbrühte die Wände mit Glutbächen, die miteinander rangen
und übereinander herfielen. Ich fürchtete mich und lief ins Elternschlaf-
zimmer. Die Mamma stand am offenen Fenster, der Straßenlärm klang
hier noch bedrohlicher herauf, sie nahm mich auf den Arm und ich sah
unten Kolonnen marschierender Männer, die alle gleich aussahen, mit
braunen Uniformen, Stiefeln und Gamaschen; in den Händen hielt jeder
eine brennende Fackel. In der Ferne hörte man Blechmusik, es war ein
seltsamer Umzug, zur Unzeit auch, denn Fasching war längst vorbei.
Das Bett des Vaters lag unberührt, eine Männerwelt, die sich mit bren-
nenden Fackeln inszenierte, als wolle sie die ganze Welt anzünden, das
war und blieb mir suspekt.
Aus dieser fremden Welt ragten unsichtbare Verbote in meine Kinder-
welt hinein, „neins“ und „untersteh dichs“, die man unmöglich alle im
Kopf behalten konnte und daher immer wieder übertrat. Nicht nur mit
den Ländchen im Garten musste ich aufpassen, auch die Hühner durf-
ten nicht aus ihrem Stall gelassen werden, obwohl sie sich dort bestimmt
langweilten. Auf ihrem Hof waren längst sämtliche Halme weggezupft
und alle Löcher ausgekratzt. Es fiel mir schwer einzusehen, dass sie
immerzu in ihrem kahlen Käfig bleiben mussten, wo sie im Kreis um
Futternapf und Tränkschüssel herum liefen wie in einem Gefängnis.
Bei den Teppichstangen am Haus musste der Ball unten bleiben, damit
er nicht gegen ein Fenster flog. Ständig schwebte ich in Gefahr, durch
Übertreten einer Regel schuldig zu werden und auf der Stelle dafür eine
zu fangen, übers Knie gelegt oder vom Essen ausgeschlossen zu werden.
Meine Mutter musste nur sagen: „Wart, wenn der Papa kommt“, dann
war der Tag für mich gelaufen. Nicht selten sah ich mich dazu verurteilt,
den Garten vom Küchenfenster aus durch die Äste des Kastanienbaums
hindurch zu betrachten. Oder vom Fenster des Speisezimmers aus die
Warthegaustraße vor unserem Haus, wo morgens das Pferdefuhrwerk
hielt und vor dem Milchgeschäft zwei große Blechkannen entlud, dazu
einige Pakete und Körbe mit Waren. Es wurde von einem fetten Gaul ge-
zogen, der jedes Mal einen Haufen dampfender Pferdeäpfel hinterließ.
Aber das kannte ich alles schon.
Ich war daher froh, wenn ich bei meinen Erkundungsgängen durch
Haus und Garten nicht allein blieb. Es gab da etwas, eine Art Beglei-
ter. Ich nenne es – mangels besserer Kenntnis - mein zweites Ich. Mein
zweites Ich hieß nicht Wolf, wie mich alle riefen, es blieb namenlos, auch
wenn ich annahm, dass es im Zweifelsfalle doch auf denselben Namen
gehört hätte wie ich selbst, denn einen Unterschied zwischen diesem
und mir vermochte ich nicht zu bestimmen. Bloß den einen, dass es
sich außerhalb von mir befand und daher nicht betroffen war, wenn
ich eine geschallert bekam oder hinfiel. Es brauchte sich vor nieman-
dem zu fürchten und keinen Lebertran einzunehmen, weil es sich in
Sicherheit befand. Es bewohnte einen Ort ohne Lärm und Anstrengung,
ohne Väter, Schäferhunde, Wespen, Nachbarskinder, man musste dort
weder Teller leer essen, noch Mittagsschlaf halten. Von seinem sicheren
Ort aus konnte es jederzeit bei mir auftauchen, um mich beispielsweise
vor einer Übertretung zu warnen. Meist aber kam es einfach so hervor.
Vermutlich war es bei ihm genauso langweilig wie bei mir. Wir redeten
meist Belangloses miteinander in einer Sprache, die außer uns beiden
niemand hören konnte. Seine Stimme war von der Stille kaum zu unter-
scheiden. Ich konnte alles mit ihm besprechen und war sicher, niemals
von ihm verpetzt zu werden. Bei Mamma konnte man sich darauf nicht
verlassen. Sie hatte dem Vater schon manches hinterbracht, was ihn zu
gefährlicher Wallung veranlasst hatte. Glücklicherweise war sie meist
beschäftigt und mit ihren Gedanken beim Haushalt oder ihren Freun-
dinnen.
Die Zimmer unseres Hauses waren recht verschieden. Küche, Esszim-
mer und Hauswirtschaftsraum hatten eine nüchterne, zweckmäßige
Einrichtung. Alles war dort in grau und weiß gehalten, mit Ölfarbe
gestrichen, rechteckig, gerade, hell und kantig. Auf den Bodenfliesen
bekam man schnell kalte Füße. Die gute Stube, Speisezimmer genannt,
erschien dagegen warm und dunkel. Alles hielt sich hier in Braun- und
Rottönen, angefangen beim Fischgrätparkett, dann das Buffet, das Kre-
denz, die Sessel, Eichentisch und Vitrinen. Die Ecken waren abgerundet,
man saß auf Samt und Plüsch, hatte Zierdeckchen, wappenbestickte Kis-
sen, Gehäkeltes, Beperltes, Geklöppeltes um sich, es roch nach Zigarren
und Stoffen. Schnitzwerk und Glastüren zierten die Möbel, welche mit
Porzellanfiguren, Sammeltassen und Reiseandenken voll gestellt waren.
In der Ecke befand sich ein Klavier, auf dem die Mamma manchmal
spielte. Allerdings hatte diese Musik keine richtige Melodie, ich verstand
sie nicht. Nur dass die Mutter nichts dagegen hatte, wenn ich mich beim
Spielen auf ihren Schoß stahl, um zu sehen, wie ihre Hände über die
Tasten flogen, gefiel mir daran. Über allem schwebte ein riesiger Kris-
tallleuchter.
Im Anschluss ans Speisezimmer und durch eine Schiebetür getrennt
gab es noch das Raucherzimmer, welches mit rundem Tisch, Fauteuils,
Kanapee und Vitrine dem Stil des Hauptraumes folgte. Dahin zog sich
der Vater nach festlichen Mahlzeiten mit den Männern zurück, während
die Mamma mit den Frauen im Salon verblieb.

Lesen sie jetzt wie es weiter geht

Winfried Anslinger - Schmidt und


Sohn

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