Sie sind auf Seite 1von 2

Der Fremde darin war, und er konnte sich auch vorstellen

Bertram Woitok, 24.12.2005 wie sich sein Gegenüber fühlte, als die Schach-
tel in seiner Manteltasche verschwand, aber die
“Wer bist du?” fragte der Mann in die Umstände zwangen sie zu dieser Farce. Er be-
Stille des Raumes, doch er erhielt darauf keine zahlte und verlies das Caf.
Antwort. Stumm sahen sich die beiden in die Inzwischen war es spät geworden und die
Augen, keiner sprach, keiner bewegte sich. Sie Strasse lag verlassen da. Er schlug die Rich-
standen einfach da, Auge in Auge, und jeder tung zum Park ein, besann sich dann aber an-
versuchte zu erraten was der andere dachte. ders und ging zurück zu seinem Auto. Er hatte
Der Mann lies den letzten Tag noch einmal an seiner Mutter gesagt, dass er es wahrschein-
sich vorbeiziehen, in der Hoffnung sich dabei lich nicht rechtzeitig zum Gottesdienst schaf-
daran zu erinnern wer der Fremde war, der fen würde, hatte aber in Wirklichkeit die Zeit
ihm da gegenüberstand. in der Stadt totgeschlagen. Später würde er
erzählen das er in einem Stau gestanden habe.
Die Fahrt war erstaunlich gut verlaufen, so Nun aber war es spät genug. Das Läuten der
dass er sogar etwas zu früh dran war, aber Glocken kündigte den Beginn des Gottesdiens-
das st¨rte ihn nicht. An einer Tankstelle er- tes an, als er den Wagen vor dem Haus seiner
stand er eine Flasche Bourbon die er in seinem Eltern parkte, welche wahrscheinlich schon vor
Rucksack verstaute, dann schlenderte er durch einer halben Stunde zur Kirche gelaufen waren.
die Stadt, welche im Glanz der weihnachtlichen Und wahrscheinlich hatten sie auch seine bei-
Stimmung funkelte. Er lies sich in der Menge den Geschwister gezwungen mit hinzugehen, so
treiben, und wunderte sich aufs neue wie so ein wie er früher gezwungen worden war. Er holte
Fest die Menschen aus der Bahn werfen konnte. den Schlüssel unter der Fußmatte hervor und
Pünktlich vor vier Wochen war es losgegangen. lies sich ein.
Seine Mutter hatte ihn angerufen ob er denn Er wusste das der Schlüssel für die Wohn-
auch zu Weihnachten käme um das Fest der zimmertür im ganzen Haus nicht aufzufinden
Liebe mit seiner lieben Familie zu verbringen, wäre, aber das st¨rte ihn nicht, als er sei-
nachdem er sich sonst schon nicht blicken ließe. nen Rucksack in den Flur stellte, und mit der
Das letzte hatte sie nicht gesagt, aber er wuss- Flasche Bourbon auf die teilweise überdachte
te das sie es gedacht hatte, und er wusste auch Terrasse hinausging; allerdings nicht ohne sich
das sie es ihm übel nahm. Fest der Liebe. Vol- in der Küche mit einem Glas und Eiswürfeln
ler Verachtung verzog er die Mundwinkel. Das versorgt zu haben. Neun Jahre war es nun
Ganze Jahr über waren die Menschen auf ei- her, aber in diesem Haus hatte sich nichts
nem überdimensionalen Ego-Trip, von dem sie verändert. In bedächtigen kleinen Schlücken
nur in den Wochen vor Weihnachten abspran- trank er die bernsteinfarbene Flüssigkeit, und
gen und sich dann nach Wochen der Abstinenz beobachtete, wie der Schneefall immer stärker
in irgendwelche Skigebiete verkrochen. wurde. Weiße Weihnachten dachte er mit ei-
Fast wäre er an dem Caf vorbeigelaufen, nem sp¨ttischen Lächeln und prostete den
aber im letzten Moment besann er sich und Schneeflocken zu. Als er seine Familie heim-
trat ein. An diesem Tag, zu dieser Zeit war kommen h¨rte lies er den Bourbon und das
hier nicht viel los, zumindest nicht in einem Glas auf der Terrasse stehen und betrat das
Caf. Er setzte sich zu dem einzigen anderen Haus. “Auf in den Kampf...” sagte er zu sich
Gast und grüßte knapp. Er musterte seinen selbst.
Gegenüber scharf, und nickte dann zufrieden. In dem Augenblick in dem er den Flur be-
Seine Schwester hatte wieder einmal ihren gu- trat flog ihm auch schon seine Mutter in die
ten Geschmack bewiesen. Eine kleine, in Ge- Arme, Küsschen links, Küsschen rechts, und
schenkpapier gehüllte Schachtel wanderte über wie sch¨n es doch ist, das er gekommen sei,
den Tisch während die beiden schweigend ihren und wie es ihm denn gehe, dort in der Fer-
Kaffee tranken. Der Mann steckte sie mit ei- ne, und ob er lange hätte warten müssen,
nem Lächeln ein, er konnte sich vorstellen was ein fester Händedruck seines Vaters, ja, bis

1
auf den Stau sei die Fahrt gut verlaufen, das, vielen Dinge, von denen sein Vater nichts
von einem Handschlag begleitete, “Hi”, sei- verstand. Das Tischgespräch ging nur über
nes Bruders; eine herzliche Umarmung seiner Banalitäten, und er überspielte alle Versuche,
Schwester, die ohne Worte auskam. Dann räus- ihn einzubeziehen, mit konzentriertem essen.
perte sich der Vater, zog mit viel Aufheben Sobald das Essen vorbei war, war er jedoch
den Wohnzimmerschlüssel aus der Hosentasche dazu gezwungen, über das Wetter und die
und schloss mit feierlicher Miene die Tür auf, Aussichten der Nationalmannschaft in der
und mit ebenso feierlicher Miene betrat die Fa- nächsten Saison zu diskutieren. Nach einer
milie den Raum, in dem ein großer, schwerbe- Weile hatte er Müdigkeit vorgetäuscht und
ladener Weihnachtsbaum stand, unter dem die war zu seinem Bourbon zurückgekehrt. Durs-
Geschenke lagen. Verstohlen fügte der Mann tig hatte er das erste Glas hinuntergestürzt
seine hinzu, eine Krawatte für den Vater, eine und sich eben ein Zweites eingeschenkt, als
Schachtel Pralinen für die Mutter, und jeweils seine Schwester auf die Terrasse trat. Sie trug
eine Tafel Schokolade für seine Geschwister, Mantel und Schal und machte den Eindruck,
und mit einem Lächeln in dem echte Wärme als ob sie hinaus in die Kälte wollte, kam
lag platzierte er die kleine Schachtel ganz oben aber geradewegs auf ihn zu. Eine Weile hatten
auf dem kleinen Haufen. Seine zehn Jahre sie geplaudert, dann hatte er gefragt “Wann
jüngere Schwester war die einzige in der Fa- ziehst du also aus?” - “Im Sommer, nach dem
milie, die er wirklich mochte. Sein Bruder war Abitur. Aber jetzt entschuldige mich bitte,
geboren worden, nachdem er ausgezogen war, ich muss mich noch bei jemandem bedanken.”
er kannte ihn kaum. Sie hatte kurz gezwinkert und sich mit einem
Seine Geschenke bestanden aus einem selbst- Lächeln umgedreht und war durch den Garten
gemalten Bild seines Bruders, das ihm ledig- davongehuscht, durch das gleiche Loch in
lich bestätigte, was er insgeheim schon lange der Hecke das auch ihm früher gute Dienste
vermutetet hatte: künstlerische Begabung war geleistet hatten. Ja, sie würde die Nächste sein
in dieser Familie nicht vorhanden. Des weite- die diesem Haus den Rücken kehrt, sagte er zu
ren waren da Socken, ein Pyjama (obwohl er in sich und schenkte sich ein weiteres Glas ein.
Shorts zu schlafen pflegte), und eine Krawat- Als er endlich zu Bett ging, war die Flasche
te, die jener die er seinem Vater geschenkt hat- leer.
te, aufs Haar glich. Man hätte denken k¨nnen,
dass über diesen Umstand gescherzt werden Er wusste immer noch nicht, wer der Fremde
würde, aber es fiel niemandem auf, und so ver- war, der die ganze Zeit, wie er selbst auch be-
flog der Augenblick und das Auspacken wurde wegungslos dagestanden hatte. “Wer bist du?”,
mit feierlicher Miene zu Weihnachtsliedern auf fragte er erneut, aber die Gestallt im Spiegel
CD fortgesetzt. Einzig eine CD mit den Klas- blieb stumm.
sikern seiner Jugend von seiner Schwester bes-
serte seine Laune ein wenig (freilich hatte er
alle Klassiker auf den Originalplatten von da-
mals). Kaum hatte er sich auf das Sofa zurück-
gezogen, kam seine Schwester mit leuchtenden
Augen auf ihn zu und umarmte ihn. “Ich hoff-
te es würde dir gefallen” sagte er glatt, “und
er hoffte es auch” fügte er in Gedanken hinzu.
Ein dünnes Goldkettchen mit einem Anhänger
in Herzform zierte nun ihren schlanken Hals.
Die Mutter, die für eine Weile verschwun-
den war, kam zurück und rief zum Essen.
Zu der obligatorischen Gans wurde ein Wein
gereicht, bei dessen Geschmack der Mann
das Gesicht verzog - Wein war eines der