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JÖRG BECKER HOHE LANDESSCHULE IM UMFELD EINER

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Jörg Becker | www.beckinfo.de


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In der Stadt, in die meine Eltern mit mir dem Erzähler nach dem Krieg dann
kamen, standen diese erst einmal vor dem Nichts. Mussten, wie viele andere
auch, erst einmal ihren täglichen Lebensunterhalt verdienen. Denn damals
gab es noch kein Hartz IV. Vielleicht hatte ich es da leichter. Unbelastet
vom schmerzlichen Gefühl des Heimatverlustes konnte ich in dieser Stadt
unbeschwert aufwachsen und meine Jugend verleben. Trümmer und darauf
vereinzelt wieder entstehende Rohbauten waren für mich ein aufregender
Abenteuerspielplatz. Aus der Heimat Pommern vertrieben war es reiner Zu-
fall oder eine Laune der Bürokratie, die meinen Vater die Karte „Hanau“ für
eine Neuansiedlung ziehen ließ. Dabei ging es mir nicht anders als anderen
auch. Man hielt also noch etwas mehr zusammen, die Gesellschaft war noch
nicht so gespalten wie heute. Das ist die gute Seite, wenn alle nicht viel ha-
ben. Kein Neid und wenig Gier, auf was denn auch. Blick aus dem Fenster
eines Hauses für Neuansiedler:
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Schul- wie Bildungszeiten sind heute in Zeiten des Internets unabhängig


von Ort und Zeit. Die Verfügbarkeit von Informationen ist nahezu unbe-
grenzt, die Informationsflut kaum noch zu bremsen. Die Gefahr einer In-
formationsverschmutzung nicht mehr von der Hand zu weisen. In dem Ges-
tern war dies noch anders. Bildung war weitaus mehr als heute noch eine
Holschuld. Es gab weder Laptop noch Datenbanken, mit denen sich jeder-
mann fast beliebig Zugang zu Wissen verschaffen konnte.

Wenn aber der Erzähler die Zeichen richtig deutet, so hat sich beim Heute
gegenüber dem Gestern wenig geändert, wenn es auf das Umfeld und Klima
ankommt, in dem das Ganze stattfindet. Es gibt hierzu meterweise wissen-
schaftliche Untersuchungen, die gemeinsam immer eines versichern: Um-
feld und Klima für Schul- und Bildungszeitgen müssen anregend und för-
dernd sein. In der Theorie leicht dahin gesprochen, in der Praxis umso kom-
plizierter.

Angefangen beim häuslichen Umfeld. Trotz aller im zum Vergleich zu heu-


te krassen materiellen Mängel schien es dem Erzähler in jenem Gestern
nicht so schlecht bestellt. Aufgrund widriger Umstände rückte man näher
zusammen. Familie und Gesellschaft bewegten sich in einem gemeinsam
noch überschaubaren Weltbild.

Dann weiter zum schulischen Umfeld. Eltern konnten und durften nur wenig
in schulische Belange hineinregieren. Lehrpläne waren so wie sie sind. Dem
Erzähler sind wenige, d.h. eigentlich keine bekannt, denen sie letztlich grö-
ßeren Schaden zugefügt haben. Einem bürokratischen Hochmut naheste-
hende Rechtschreibreform blieb Lernenden wie Lehrenden erspart. Warum
kann eigentlich eine Frage wie beispielsweise die nach acht oder neun Ober-
schuljahren ein ganzes Land in Aufruhr versetzen und mit über den Aus-
gang von Wahlen entscheiden, wenn andererseits ein gravierender Ein-
schnitt wie die nachweislich schädliche immer wieder und immer wieder
Umstellung von Sommer- auf Winter-, von Winter- auf Sommerzeit skla-
visch hingenommen wird ? Drogen und Gewalt an Schulen ? Fehlanzeige !
Die dem Erzähler, seinerzeit als schlimm empfundenen, bekannt geworde-
nen Schulverweise würden im Heute eher unter die Rubrik „Wunsch-
Schwiegersohn“ fallen. Mit einem Wort: es gibt eine gewisse Wahrschein-
lichkeit, dass trotz aller zwischenzeitlich zu konstatierenden Wohlstandszu-
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wächse im schulischen Umfeld dem Gestern nicht allzu schwere Nachteile


anzukreiden wären.

Mag man diesem standortbezogene Umfeld im Gestern auch noch weniger Beach-
tung geschenkt haben, so scheint die städtische Umgebung, in der solche Schul-
und Bildungszeiten durchlebt werden, nicht nur von Interesse sondern darüber
hinaus von großer Bedeutung zu sein. Wenn es auch mehr oder weniger ein Zufall
war, der den Erzähler in die Hanauer Bildungs- und Schulzeiten verschlagen hat.
Er kann diesem Zufall in dieser Hinsicht nur dankbar sein.

Nun wird jedermann erwarten, dass auf diese Stadt ein Loblied gesungen wird.
Zum einen würde sich der Erzähler wenig als Lobpreiser eignen. Zum anderen
könnte dies leicht gestelzt oder geschwollen klingen. Einiges sei trotzdem erwähnt
und hervorgehoben: Nach dem Verlust eines Teiles seiner Bevölkerung war die
Stadt wohl froh über jeden Neuzugang, der diesen Verlust ersetzte. Das Klima
gegenüber Flüchtlingen wurde als unverkrampft und offen empfunden. Das
schlimmste Schimpfwort, ein „Maikäfer“ zu sein, war leicht zu ertragen. Integrati-
onsschwierigkeiten ? Damit ebenfalls Fehlanzeige ! Es kamen ja Deutsche zu
Deutschen. Gleiches Lebensgefühl, gleiche Werte, gleiches Saldo-Null-Vermögen.
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Dann die Amerikaner: für den Erzähler gehörten sie zum selbstverständli-
chen Stadtbild. Die mitverdienende Mutter fand nicht bei deutschen sondern
amerikanischen Behörden der Stadt Lohn und Auskommen. Amerikanische
Soldaten schenkten dem Erzähler seinen ersten Drahtesel und wurden ohne
jegliches Fremdeln selbst zu Heiligabend eingeladen. Einzige Kehrseite:
vielleicht hatte man dem süßen Chewing Gum später einige seiner Zahn-
probleme zu verdanken. In jedem Fall haben jene „Fremden“ stark dazu
beigetragen, dass sich im städtischen Umfeld kein Mief aus Langeweile und
Provinz ausbreiten konnte. Bei Urlaubsreisen genügte ein kurzer Hinweis
auf Hanau als Herkunftsort. Und fast jeder sah sich sofort im Bilde.

Und last not least die jazzende und rockende Musikszene des Gestern. Der
Hessische Rundfunk widmete dieser einen ganzen Film, in dem er noch
einmal auch Personen zu diesem Gestern zu Wort kommen ließ. Dem Er-
zähler steht nicht an, dies schon als den Beginn einer aufstrebenden Kultur-
wirtschaft zu bezeichnen. Kreativ war dieser Teil des städtischen Umfelds
für Schul- und Bildungszeiten aber allemal.
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Der regelmäßig besuchte Jazzkeller lässt einen in Erinnerung noch heute


manchmal mit der Zunge schnalzen. Mag man diesen Teil mit guten Gewis-
sen auch zum kulturellen Klima zählen. Leicht schwieriger fällt dieses Ar-
gument dann allerdings hinsichtlich der im Gestern zahlreich vertretenen
Clubs und Bars. Lokalitäten wie City- und Jolly-Bar, amerikanische Offi-
zier-Clubs waren, da für Gymnasiasten offiziell verboten, nicht zuletzt für
einen wie den Erzähler umso aufregender. Und immer gab es, Aug´ in Aug´
mit Supermusikern, unverfälschte Live-Musik. Für die Bezeichnung „mega-
geil“ bin ich nun einfach zu alt. Alles in allem: ein trotz Lärm erholsamer
Gegenpol zum Schulalltag. Und so manche Erfahrungen die keinem ge-
schadet haben, aber in so manchen späteren Lebenssituationen von Nutzen
waren.

Damit für Schul- und Bildungszeiten ein Umfeld und Klima, dass mit seinen
vielen Facetten förderlich wirken konnte. Dies also ein Nährboden, in dem
sich Schulen mit humanistischem Hintergrund gut entwickeln konnten.

Die Schilderung dieser Begebenheiten mit dem sie einbettenden Umfeld von
Becker, Jörg: Es steht eine Schule im Hanauer Land –
Hohe Landesschule ist sie seit alters genannt, 2010,
ISBN 978 3 8391 9917 6

Oft zeigt sich erst später, wie wichtig Schulzeiten für das späteres Leben waren.
Viele der bereits in dieser Zeit gestellten Weichen zeigen erst später, in welche
Richtung sie eigentlich geführt haben.Es wird aufgezeigt, wie eine Brücke von
Schülern mit ihren Reifezeugnissen hin zur ihrer Wandlung zum Arbeitnehmer in
ihrer zukünftigen Arbeitswelt zu bauen wäre.

Keinem Schüler, der in die Berufswelt hinaustritt, wird die Er-


kenntnis erspart bleiben, dass da noch viel mehr ist. Die Wis-
sensnoten in seinem Abgangszeugnis sind allenfalls ein erster
Anfang. Aber sie sind auch das Fundament für die nächsten Ent-
wicklungspotenziale. Versäumnisse und Lücken können zwar
auch noch später „nachgefüllt“ werden. Wichtig ist jedoch die
Tragfähigkeit und Nachhaltigkeit dessen, was einmal in Schul-
zeiten angelegt worden ist. Ein Grundsatz der Wissensbewahrung
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lautet, dass alte Erfahrungen nicht von neuem Wissen über-


schrieben und damit für immer gelöscht werden sollten. Eine
Wissensvermittlung auf Vorrat von früher reicht aber heute bei
weitem nicht mehr aus.

Die Entwicklung hin zur Informationsgesellschaft sorgt nicht nur


für partielle Veränderungen, sondern kündigt bereits die künftige
Gesellschaft an. Mit dem strategischen Gut „Wissen“ muss des-
halb sowohl in Schul- als auch in Berufszeiten verantwortungs-
bewusst umgegangen werden. Dieses Buch macht einen kleinen
Rundflug durch Erlebnis- und Wissenslandschaften, wie sie in
Schul- und danach auch in Berufszeiten zu durchmessen sind.
Unterfüttert mit Begebenheiten aus dem realen Schülerleben von
Ehemaligen.

Eine Schule bleibt nach dem Abgang ihrer Schüler nicht etwa in
ihrer eigenen Welt zurück, sondern ist Bestandteil eines höchst
komplexen Standort-Umfeldes. Wenn Standorte daher heute mit-
einander mehr und mehr auch nach dem Faktor Bildung vergli-
chen werden, sitzt jede der an einem Standort befindlichen Schu-
len mehr oder weniger direkt mit in diesem Boot. Denn Schulen
entscheiden nicht nur darüber, wie es ihnen selbst ergeht, sondern
ebenso mit darüber, welche nachhaltigen Perspektiven und Po-
tenziale der gesamte sie tragende Standort auf die Waagschale
bringt.

Man mag Bildungs-Rankings nun mögen oder nicht. Man muss


sich mit ihrer Existenz abfinden. Somit wohl auch damit, dass sie
oft nicht nur Diskussions-, sondern auch als Entscheidungsgrund-
lage zur Anwendung kommen. Je besser Schulen sich darüber
informieren und ihre eigene Position nachvollziehbar bestimmen
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können, desto stärker können sie gegebenenfalls auch für ihre


eigenen Ziele und Vorstellungen argumentieren.

ÜBERSICHT
1. Lied der Hohen Landesschule
2. Einleitung – Hauptteil – Schluss
3. Das rechte Maß der Mittel
4. Der Einstieg – eine Seite im Internet
5. Darsteller
6. Wo dies alles geschah
7. Die Wissensvermittler im Möglichkeitsraum
8. Jedes Ding hat einen Anfang und ein Ende
9. Zwischenstationen
10. Bruchstücke des (für immer ????) Erlernten
11. Aus dem Biologieheft eines Untersekundaners
12. Klassenaufsatz eines Unterprimaners
13. Auszug aus der Welt der Algebra
14. Und auch die Geometrie kam nicht zu kurz
15. Gruppe abi63 als Langzeitlabor
16. Sportliche Betätigungsfelder – mens sana in corpore sano …
oder so
17. Gemeinsam Erlebtes – am Berg und auch zu Wasser
18. Ob Jazz-Keller oder Rock-Bar
19. Schüler-Befindlichkeiten
20. Schauspiel- und Musikambitionen
21. Ohne das „Beiwerk weicher Fächer“ geht nichts
22. Sehen als Voraussetzung des Handelns
23. Letzte gemeinsame Feier
24. Eine 2., 3., usw……….. Sicht der Dinge
25. Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir
26. Schulzeiten = Bruchteil im Lebenszyklus der Schule
Schule = ihrerseits ein Teil des Standort-Ganzen
27. Rohstoff „Wissen“ gestern, heute, morgen
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28. Daten = Massenware mit abnehmendem Grenznutzen


29. Informationen sind, was man zum Handeln braucht
30. Wissen ist das Gedächtnis eines Unternehmens
31. Freiräume gewinnen
32. Gretchenfrage: Ist Wissen messbar ?
33. Wissensbezogene Standortvergleiche
34. Liste der Bildungs-Indikatoren
35. Eigene Position in Bildungs-Ranglisten
36. Hochschulreife für viele Berufs-Optionen
37. Mit gründlich vorbereiteter Bewerbung starten
38. Was Kopfnoten in Zeugnissen mit Haltungsnoten
beim Skispringen gemeinsam haben
39. Die Person macht mehr aus als nur Noten
40. Liste möglicher Bewerber-, Berufsfaktoren
41. Ordnung ins Faktoren-Chaos bringen
42. Vorsortierung
43. Orientierungsrahmen Stellenmarkt
44. Prinzip 3-fach-Bewertung
45. Prinzip Ampel-Anzeige
46. Prinzip Profil-Anzeige
47. Prinzip Potentialanzeige
48. Prinzip Verknüpfungsanzeige
49. Warum dies hier alles erzählt wird
50. Schule im Netz der Standortbeziehungen
51. Indikatoren zur Messung der Bildungsinfrastruktur
52. Fiktive Bildungsinfrastruktur-Wirkungsnetze
53. Rückkoppelung mit anderen Standortfaktoren
54. Vermächtnis eines homo politicus
55. Bildungsmonitor-Methodik
56. Schulzeiten: Input-, Output-Betrachtungen
57. Versteckte Lehrsätze
58. In der Verherrlichungsfalle ?
59. GAP-Analyse zwischen 350tem und 400tem Geburtstag
60. Benchmarking oder wer ist die Beste im ganzen Land ?
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61. SWOT-Analyse oder wo liegen Stärken und Schwächen ?


62. Szenarioanalyse oder was wäre wenn ?
63. Langzeitwirkung Schule
Klassentreffen: ihr tieferer Sinn und besonderer Charme