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DIE ZEIT, 09.11.1979 Nr. 46 [http://www.zeit.

de/1979/46/Neben−Mord−strahlen−Reime]

Thomas Brasch

Neben Mord strahlen Reime


1. Während Auschwitz hätte man keine Gedichte schreiben dürfen, schreibt Raddatz (40 Jahre nach
Auschwitz). Ich weiß, daß dieser Satz falsch ist, aber ich weiß nicht: Wie soll ich erklären (und wem) warum.

2. Meine Mutter, eine Wiener Jüdin, wurde unter Schlägen gezwungen, mit einer Zahnbürste eine Wiener
Hauptstraße zu säubern. Möglich: ein Wiener Dichter schrieb in der gleichen Stunde, die meine Mutter über
die Straße kroch, ein Sonett über sein erstes Erschrecken vor den schwellenden Brüsten seiner (arischen)
Freundin. Ich kann ihm nichts entgegnen.

3. Im Fernsehen sehe ich ein ehemaliges Mitglied der Partei, die meine Mutter auf die Wiener Hauptstraße
hetzte, in der Rolle des Präsidenten jenes Landes, in dem ich wohne. Ich empfinde keine Wut gegen ihn, auch
nicht in dem Moment, in dem ich an meine Mutter und die Zahnbürste denke. Sein Parteifreund, ein Mann,
der eine Tötung anordnete und ihr beiwohnte, hat diese Tötung vergessen. Er wurde aus der christlichen Partei
nicht ausgeschlossen (40 Jahre nach Auschwitz). Ich glaube ihm seine Vergeßlichkeit. Ich habe von diesem
Land nichts anderes erwartet.

4. Raddatz hat unrecht. Neben den Mördern strahlen die Reime. Ein Vers über Bäume ist kein Verbrechen,
weder auf einer Atombombe noch neben einer Gaskammer.

5. Mitleid ist gratis zu haben. Der wehleidige Blick in die Vergangenheit ist kein Ersatz für die Verweigerung
einer Zukunft.

6. Die Moral wird zum Hobby in einer Welt, in der der Mensch entbehrlich ist.

er seine jüngste Böll−Rezension mit Mein Gott, was habe ich in diesen Tagen durchgemacht" anhebt, wo
doch jedermann Friedrich Sieburgs Mein Gott, was habe ich durchgemacht" anläßlich Martin Walsers
Halbzeit"−Roman im Ohr hat? Kann man in diesem Lande, heute, eine Debatte nicht mehr sachlich führen,
eine These der Deutlichkeit halber zugespitzt , die der Autor selber als heikel, rigoros und bestreitbar
deklariert, nicht mit Ernst erörtern oder bestreiten, statt zu denunzieren?

Wie abenteuerlich, die Überlebensnot, die sich in KZ−Gedichten äußerte, zu vergleichen mit Artikeln im
Reich" oder Hörspielen im Deutschland−Sender. Offenbar meint Raddatz, daß alle im ,Dritten Reich'
lebenden Autoren hätten schweigen sollen. Und sollten alle Maler aufhören zu malen und alle Musiker zu
musizieren?" heißt es in der FAZ. Und wenn Raddatz das meint? Was dann? Vielleicht hätte er selber auch
gelogen, stramm gestanden, das Feuilleton von Jungvolk redigiert das mag gut sein; nur die Frage nach
Verstrickung, schuldloser Schuld und Trauer muß erlaubt sein. Sie wird weiter gestellt. ,

DIE ZEIT, 09.11.1979 Nr. 46