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Abscjehteznt baulsch im
Taandel erhältlich
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Julia Niehüser
Erbe der Dämonen
Aus den Chroniken der Kota-Stammes:

„...In einer Periode mit starken Dürren, flutartigen Regenfäl-


len und Ausfallen der wichtigsten Ernten des Jahres, musste
unser Volk mit ansehen, wie die Schwächsten unter uns leid-
voll verendeten. Viele glaubten, die Götter der Natur waren er-
zürnt worden. Von Botschaftern erfuhren wir, dass auch eini-
ge Nachbarstämme unter diesen Gegebenheiten litten. Unser
einst stolzer Stamm schrumpfte mit jedem Monat. Zuerst die
Alten, dann die Kinder...

Viele Jahre später, in einer Zeit geprägt von Leid und Trauer,
fanden wir etwas, das nur ein Wesen von höherer Macht sein
konnte; Ein junges Mädchen, auf den ersten Blick unscheinbar.
Jedoch war sie dies nicht. Schlangenschuppen bedeckten ihre
Unterarme, Schultern und Beine, sowie ihren langen, dünnen
Echsenschwanz.

Wir nahmen sie auf, denn erinnern konnte sie sich an nichts.
Das Mädchen wurde in den ersten Wochen von uns gut be-
handelt. Wir hofften, die Götter hatten sie geschickt und wür-
den unsere Qualen beenden, sobald sie zufrieden war. Nichts
passierte. Wir beteten und opferten, gaben ihr alles, was ihr
junges, bescheidenes Herz verlangte.

Mit der Zeit gaben wir auf. Das Mädchen schien nichts weiter
zu sein als eine Laune der Natur. Während die Dürren unsere
Felder verwüsteten, die Stürme stärker wurden und unser Volk
ums Überleben kämpfte, geriet sie in Vergessenheit.

Wenige Wochen später, im dritten Vollmond nach Ankunft des


Mädchens, begannen kleinere Kämpfe um die letzten frucht-
baren Landstriche an den Grenzen zu anderen Dörfern. Das
Gebiet zwischen uns und den Thalen, im Nord-Osten des Lan-
des, galt lang als neutrale Zone. Doch die Thalen beanspruch-
ten das Areal für ihre eigene Landwirtschaft.

Erneut entflammte der Krieg zwischen unseren Stämmen, wo


wir doch gehofft hatten, durch die Dürren wäre niemand in der
Lage zum Kämpfen. Doch so war es nicht. Der schon seit Jah-
ren andauernde Krieg sollte weitergehen. Es scheint, als wären
die Götter von uns abgewandt...“
1. Eindringling

Izumi lehnte an einer alten heruntergekommenen Sandsteinmauer und


starrte auf die weite Wiese vor sich. Nur langsam erholte sich das ausge-
trocknete Gras von den Dürren und wechselte von einem kargen gelb-
braun mühselig zu einem satten, gesunden Grün.

Die Trockenzeit war nun vorbei und leichte Regenschauer gaben dem
Land zurück, was es vor langer Zeit verloren hatte. Viele Jahre waren seit
Beginn des Krieges verstrichen. Im Laufe der Zeit war immer mehr Hass
auf die Nachbarstämme entstanden. Nun galt es in diesem Krieg nur
noch, die Vorherrschaft im ganzen Land zu erlangen und alle anderen
zu vernichten.
Izumi seufzte. Wieso war gerade sie in diesen Krieg geraten?
Der Stamm der Kota schenkte ihr zwar wenig Aufmerksamkeit, aber
sie konnte damit leben. Sie musste es. Gerade im Krieg wurden ihre
guten Spurenlesefähigkeiten sehr gebraucht. Dadurch hatten die Kota
eine kleine Geheimwaffe in der Hinterhand. Sie war eine Waffe, mehr
nicht. Ein Werkzeug, um die Thalen zu vernichten. Es kam oft vor, dass
ein Spion in das Dorf eindrang und sie ihn mit Izumis Hilfe aufspürten.
So konnte verhindert werden, dass geheime Informationen oder sogar
Schlachtpläne ungewollt das Dorf verließen.
Ihre Schweifspitze wedelte leicht hin und her.
Sie hasste es. Sie hasste diese verdammten Schuppen auf ihrem Körper,
diesen verfluchten Schwanz und ihre gesamte Erscheinung.
„Bastard“, „Laune der Natur“ oder „Monster“ nannte man sie hinter
ihrem Rücken. Doch weder sie noch die Dorfbewohner wussten um ihre
Herkunft. Vermutlich war ihnen das auch egal. Sie hassten sie einfach
und gingen ihr aus dem Weg.
Müde atmete sie aus, strich sich eine ihrer feuerroten Haarsträhnen aus
dem Gesicht und wandte sich zum Gehen. Ein dichter Urwald mit gi-
gantischen, alten Bäumen, überwuchert mit Moos und Farn, und allerlei
Gräsern und Büschen schützte das Dorf vor fremden Blicken. Auch
dieser Wald hatte sich noch nicht ganz von den Auswirkungen der Dür-
ren erholt. Einige der knorrigen Bäume ließen träge ihre Blätter hängen
oder waren ganz verrottet.
Das Mädchen folgte dem kleinen Trampelpfad in den Wald hinein, lang-
sam und gedankenverloren schlenderte sie durch das Gebüsch. Heute
stimmte etwas mit dieser Idylle nicht. Sie ging diesen Weg jeden Tag,
lauschte dem Wind in den Baumkronen, hörte die Vögel ihre Lieder sin-
gen. Einfach nur, um dem Leben im Dorf für eine Weile zu entkommen.
Dennoch... sie hatte das Gefühl, einen fremden Blick im Nacken zu ha-
ben. Sie bekam eine Gänsehaut, als eine sanfte Brise aufkam. Sie schüt-
telte sich.
„Unsinn! In dieses Gebiet geht niemand...“, murmelte sie.
Trotzdem marschierte sie etwas schneller nach Hause.
Bald darauf erreichte sie das Dorf. Die Grenzwachen am Eingangstor
würdigten sie keines Blickes. Warum auch? Sclhießlich wusste jeder im
Dorf wer oder was sie war, denn immerhin war ihr Erscheinungsbild
mehr als nur ungewöhnlich. Das war einer der wenigen Vorteile ihres
Aussehens. Sie musste sich nicht auf lange, ermüdende Diskussionen mit
den Wachen einlassen, um passieren zu dürfen.
Anfangs hatten die Dorfbewohner ihr hinterher gesehen, sich Dinge
zugeflüstert, über die Izumi sich nur aufregen konnte. Mit jedem Mal,
das sie ins Dorf ging, wuchs ihre Wut auf dieses Volk, auf diese Men-
schen, die es nicht besser wussten. Dieser Hass wurde mit der Zeit zu
Verachtung, sodass es ihr gleichgültig war, was die Leute sich über sie
erzählten.
Trotzdem war es mit dieser Gleichgültigkeit nicht erträglicher. Sicher, sie
wurde als Spurenleserin gebraucht; mehr aber auch nicht. Mittlerweile
schenkten ihr die Menschen weniger Beachtung. Viel zu viel waren sie
mit dem Krieg, den Kämpfen und der Verteidigung des Dorfes beschäf-
tigt, als sich um etwas wie sie zu kümmern.
Das Dorf der Kota hatte einst ein großes Gebiet, versteckt im Wald,
umfasst. Nahe an einem breiten Fluss war es vorteilhaft platziert. Es gab
reichlich Wasser, Tiere zum Jagen und fruchtbare Böden. Zudem war es
perfekt vor Feinden getarnt. Ein Ring aus Palisaden, der stets bewacht
war, lag um das Dorf und bot zusätzlichen Schutz.
Die Häuser, teilweise sogar in den Baumkronen errichtet, waren schlich-
te Lehm-Holz-Konstruktionen mit Dächern aus Blättern und Gras.
Nach den häufiger werdenden Dürren starb das Dorf aus. Viele große
Viertel standen nun leer und wurden von der übrig gebliebenen Bevöl-
kerung gemieden. Der Krieg hatte zusätzlich hunderte von Opfern ge-
fordert, sodass die Zahl der Kota permanent abnahm. Nur noch wenige
Frauen und Kinder waren am Leben, die Männer wurden zur Verteidi-
gung oder in den Kämpfen gebraucht.
Izumi schritt den Hauptweg durch das Dorf entlang, vorbei an den
letzten noch bewohnten Häusern. Sie erinnerte sich noch an die Zeiten,
in denen kleine Kinder auf den Wegen gespielt hatten, ohne Angst vor
neuen Angriffen haben zu müssen. Zwar hatte es damals schon Kämpfe
mit anderen Stämmen gegeben, doch das Dorf war noch gut beschützt
gewesen, sodass sich niemand vor den Feinden fürchten musste.
Wie sehr sich das alles verändert hatte.
An jedem Tag, den sie hier lang ging, wurde ihr Herz schwer. Kein Kin-
derlachen hallte durch die Gassen, niemand ließ sich auf den Straßen
blicken. Es war fast unerträglich still. Nur in der Ferne konnte man das
Schreien eines Babys hören.
Schnell ging sie weiter über den sandigen Weg und bog in einen kleinen
Nebenpfad ein. Sie blickte auf. Vor ihr, auf einem großen Hügel im Zen-
trum des Dorfes, stand der Tempel. An diesem Ort wurden oft Opfer-
gaben an die Götter und Geister entrichtet, um diese milde zu stimmen
und weiteres Leid abzuwenden. Die Schamanen beteten viele der Götter
an und flehten um Mitleid oder Gnade.
Izumi konnte darüber nur lachen. Selbst wenn die Götter einem zuhö-
ren würden, so würde doch keiner diesem Volk helfen. In den letzten
Jahren hatte sich nichts an dem Zustand dieser Gesellschaft geändert;
warum sollte gerade jetzt sich ein Gott erbarmen?
Sie selbst wollte mit diesen ganzen Gottesfiguren nichts zu tun haben.
Einen allerdings betete sie regelmäßig an, nämlich den drachenköpfigen
Gott der Offenbarungen. Das Volk betete ihn eher selten an, da er für
die meisten nutzlos schien. Izumi aber hoffte, bald ihre Antworten auf
all die Fragen zu bekommen, die sie sich schon so lange stellte. Mit oder
ohne göttlicher Hilfe.
Nach Sonnenuntergang betrat sie den Tempel. Gebaut mit riesigen wei-
ßen Steinsäulen, die das Dach trugen, und einem Boden aus Marmor,
in dem sich diese Säulen spiegelten und dadurch fast unendlich zu sein
schienen, war dieses das größte und edelste Gebäude im ganzen Dorf.
An jeder Säule im Eingang war eine Fackel befestigt, die flackerndes
Licht spendete.
Langsam schritt Izumi den Säulengang entlang und war bald darauf in
der großen Halle. Zu drei Seiten hin offen, und in jeder Ecke eine Säule,
konnte man auf das nächtliche Dorf hinabblicken.
In diesen Hauptraum des Tempels hatten, vor dem Krieg, an Festtagen
alle Bewohner hineingepasst. Am Rande des Saales standen aufgereiht
die Statuen der Götter, je nach Wichtigkeit sortiert. Der größte und
mächtigste, Schoke, der König der Götter, befand sich in der Mitte. Mit
leeren Augen starrte der Adlerköpfige auf die anderen Götter hinab.
An einer Säule auf der linken Seite hatte man den drachenköpfigen, na-
menlosen Gott der Offenbarung aufgestellt. Wie jeder Gott so hielt auch
er eine Fackel in seiner Klaue.
Izumi kniete vor ihm nieder und sprach ihre Bitten und Gebete in der
alten Sprache des Stammes aus, dann stand sie wieder auf und blickte in
die steinernen Augen der Statue. Sie lächelte gequält.
„Schade, dass du nicht reden kannst“, flüsterte sie und wandte sich ab.
Vor ihr, an der gegenüberliegenden Seite der Halle, stand jemand und
sah sie an. Erschrocken stoppte sie inmitten ihrer Bewegung und er-
starrte. Wer war das?
Dieser Schatten sah sie mit rot glühenden, fast dämonengleichen Augen
an. Ein kurzes, leises Knurren war vernehmbar, bevor der Schatten sich
umdrehte und blitzschnell im Gebüsch hinter den Säulen verschwand.
Ein Windstoß löschte die Fackel, die der Drachenköpfige in der Klaue
hielt. Izumi erschauderte und trat einen Schritt zurück. „Was-?“
„Izumi!“
Sie wirbelte herum. Nathanael, einer der Jäger, rannte atemlos auf sie zu.
„Wir...Wir brauchen deine Hilfe“, keuchte er und stützte sich auf seine
Oberschenkel, als er Luft holte. Sein eigentlich helles, braunes Haar war
klitschnass und vollkommen zerzaust. Die rote Bemalung in seinem
Gesicht konnte man kaum noch erkennen. Schnittwunden, Rußflecken
und Staub bedeckten seinen gesamten Körper.
Erschöpft holte er tief Luft und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Was ist passiert?“, fragte sie schnell.
„Thalen haben den Eingang des Dorfes angegriffen. Es war ein kurzer
Angriff, aber stark genug, um die Verteidigung zu brechen.“
„Und nun?“ Sie hob eine Augenbraue.
„So konnte ein Spion unbemerkt hereinkommen. Auf dem Weg zum
Tempel haben wir ihn entdeckt und verfolgt, allerdings...“
„...habt ihr seine Spur verloren.“
„Genau.“ Nathanael fuhr sich mit der Hand durch sein kurzes, nasses
Haar. „Du musst ihn finden.“
„Natürlich.“
Es war fast schon wieder typisch: Wenn die Jäger versagten und der Spi-
on frei im Dorf herumlief, dann war sie es wert, gebraucht zu werden.
Sie seufzte und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Los komm, ich zeige dir, wo wir ihn verloren haben“, sagte Nathanael
hastig und rannte schon wieder in die andere Richtung davon. Izumi
folgte ihm kurzerhand.
Erst vor dem Tempel konnte man das Ausmaß des Angriffes erkennen.
Das Eingangstor war zertrümmert worden und brannte lichterloh, die
Wachen versuchten mit Wasser das Feuer zu löschen, oder schaufelten
Erde auf einige Stellen, um es zu ersticken. Rund um das Tor hatten ein
paar Häuser Feuer gefangen, sodass der Brand drohte, sich auszubrei-
ten. Man konnte aber sehen, dass die Hausbrände einigermaßen unter
Kontrolle waren.
Am Fuß des Hügels wartete eine Gruppe von Jägern und Bogenschüt-
zen, um die Verfolgung aufzunehmen. Ohne jeglichen Wortwechsel
liefen sie Nathanael und Izumi hinterher.
Kurze Zeit später zeigte Nathanel ihr die Fußspuren im Wald, die mit-
ten auf dem Weg aufhörten. Sie kniete sich hin und berührte die weiche
Erde mit den Fingerspitzen. Es war ganz klar ein Fußabdruck eines
Mannes, weil er sehr groß war. Aber...an den Zehen konnte man Ansätze
von Krallen erkennen...
„Was...ist das?“, fragte sie laut und stand auf. „Es ist auf jeden Fall ein
junger Mann, vielleicht etwas älter als ich, also um die 17 oder 18 Jahre
alt. Nur...die Krallen beunruhigen mich.“
„Uns auch“, Nathanael nickte zustimmend. „Aber es war zu dunkel, um
ihn erkennen zu können. Und er war viel zu schnell.“
Izumi nahm sich von einem der Jäger eine Fackel und kletterte den
nächsten Baum hoch. Auf einem der dickeren Äste fand sie Kratzspuren.
Zufrieden nickte sie und sprang von dem Ast runter.
„Also.“ Sie räusperte sich. „Von hier an hat er sich entschieden, über
die Bäume zu gehen. Er ist noch nicht weit gekommen, die Spuren sind
sehr frisch. Ich nehme mal an, dass er sich einige Zeit in dem Baum da
versteckt hat, bevor er weiter gegangen ist.“
„Gut. Wir folgen ihm in diese Richtung!“ Nathanael wies die Bogen-
schützen an, ihm zu folgen und bei Sichtkontakt mit dem Spion sofort
zu schießen, um ihn bewegungsunfähig zu machen. „Auf keinen Fall
töten. Er könnte Informationen für uns haben.“
„Jawohl!“
Izumi schwang sich an einem Ast hoch, um die Spur auf den Ästen zu
verfolgen. Unter ihr, auf dem Weg, kamen die Jäger hinterher. Mit einem
Satz sprang sie auf den nächsten Baum, ihr Schweif wickelte sich schnell
um den Stamm, damit sie nicht fiel. Im Bruchteil einer Sekunde hatte sie
sich wieder losgelöst und saß schon in der nächsten Baumkrone.
„Was siehst du?!“, kam ein Ruf von unten.
Sie kniff die Augen zusammen. „Kaum etwas!“ Die Blätter fegten nur so
an ihr vorbei. Mehr wie ein Tier als ein Mensch bewegte sie sich durch
die Baumkronen und benutzte ihren Schweif, sowie die Krallen an den
Zehen, um nicht zu fallen.
„Da!“ Sie setzte an Tempo zu. Vor sich, auf den Ästen, etwas höher in
den Bäumen, bewegte sich jemand. „Oben in der Krone!“
Schon surrte ein Pfeil an ihr vorbei und auf den Schatten zu. Ein hel-
les tock verriet, dass der Pfeil sich in einen Baumstamm gebohrt hatte.
Izumi kletterte höher, um den Schatten besser verfolgen zu können. Er
stoppte kurz und blickte sie mit roten Augen an.
„Das...!“
Das war der Schatten, den sie im Tempel gesehen hatte!
Mit einem tiefen Knurren hetzte er vorwärts und tauchte in das dichte
Grün der Baumkronen. Izumi stieß sich von ihrem Ast ab, packte eine
hängende Ranke und sprang hinterher. Kaum war sie sicher auf einem
dicken Ast gelandet, sah sie den Spion nicht weit von sich auf einer Ast-
gabelung hocken. Er knurrte sie an wie ein wildes Tier. Rasch packte sie
ihren Dolch, den sie am Gürtel ihres Rockes trug, und warf.
Gerade als er sich abwenden wollte, bohrte sich die Waffe in den Baum-
stamm, nur wenige Zentimeter von seinem Kopf entfernt. Er blickte sie
wieder an. Dann plötzlich zuckte er zusammen und heulte kurz auf. Die
Bogenschützen hatten ihr Ziel getroffen. Im Dunkel der Nacht konnte
man erkennen, wie er den Pfeil in seinem Rücken abbrach und wütend
wegwarf.
„Verdammt!“, fluchte Nathanael. „Das Gift scheint nicht zu wirken!“
Izumi sah herunter. Die Bogenschützen tränkten die Pfeile mit mehr
Gift, um die Wirkung zu verstärken. Normalerweise sorgte es dafür, dass
der Getroffene sich für ein paar Stunden lang nicht bewegen oder klar
sehen konnte.
Sie betrachtete ihn genauer. Taumelnd tat der Spion ein paar Schritte,
sprang dann auf eine hinab hängende Liane zu und wollte sich aus dem
Sichtfeld der Jäger schwingen, als er ein weiteres Mal zusammenzuckte.
Das Gift zeigte endlich seine Wirkung. Noch während er fiel, stürzte sich
auch Izumi in die Tiefe, packte eine Ranke und war wenig später am
Boden.
Der Schatten krallte sich verzweifelt an den Baumstamm, Klauen schie-
nen sich tief in die Rinde zu bohren. Auf diese Weise versuchte er,
seinen Fall zu stoppen!
Nathanael gab den Schützen und Jägern weitere Befehle, dann stoppte er
und es wurde still.
Langsam schlichen sich die Jäger an und umzingelten den Baum, den
der Fremde herunter gerutscht war. Keuchend lag er nun zwischen den
dicken Wurzeln und hielt sich die blutende Wunde, die der Pfeil verur-
sacht hatte.
Sehnen wurden gespannt, Lanzen erhoben. Der Fremde blickte mit
geweiteten Augen auf.
Erst im Fackelschein war seine Gestalt richtig erkennbar. Ein junger
Mann mit feuerroten, kurzen Haaren saß vor der Gruppe. Von seiner
Statur her sah er normal aus, doch seine Haut war über und über mit
kleinen, grünen Schuppen bedeckt. Wie bei einer Schlange waren die
Schuppen an Bauch und Brust heller gefärbt und weniger robust als
andere. Deshalb hatte der Pfeil hier den meisten Schaden verursacht:
Während er einfach glatt durch die rechte Schulter gegangen war, hatte
die Spitze das Gewebe vorne zerfetzt.
Izumi betrachtete ihn genauer. Hinter sich aufgerollt lag ein langer, dün-
ner Echsenschwanz, ähnlich wie ihr eigener.
Er schien ihren Blick bemerkt zu haben und sah auf. Seine Augen hatten
keine Pupillen, nur eine blutrote Iris.
Sie zuckte zusammen, als er sie ansah. Ein eiskalter Schauder lief ihr den
Rücken hinunter. Diese tiefroten Augen waren voller Hass.
Endlich senkte er schwer atmend den Kopf und schloss die Augen. Er
schluckte. Izumi war erleichtert, dass er sie nicht mehr anblickte.
Nathanael hob seine Lanze und hielt sie ihm an die Kehle. Der Spion
hatte keine Wahl außer wieder aufzusehen. Trotz seines schlechten Zu-
standes schaffte er es, ein verächtliches Lächeln zu formen.
„Also, Spion“, brummte Nathanael. „Gib uns die Antworten, die wir
wollen, und wir lassen dich vielleicht am Leben.“
„Wirklich?“ Der Junge lachte auf. „Als ob ich euch irgendetwas verraten
würde.“
„Nun denn, dann ist dein Leben verwirkt.“
Er lächelte immer noch. „Tu, was du musst“, forderte er den Jäger her-
aus.
Gerade, als Nathanael die Lanze bedrohlich näher brachte, trat Izumi
vor. „Warte noch“, raunte sie ihm zu. „Vielleicht verrät er später etwas,
wenn das Gift seine volle Wirkung entfaltet hat.“
„Ihr habt eine Frau bei euch?“ Der Junge blinzelte, als Nathanael und
Izumi in wieder ansahen. „Mich überrascht, dass ihr mich dennoch
fangen konntet.“
Izumi packte sich Nathanaels Dolch, zog ihn aus der Scheide an seinem
Gürtel und hielt ihn dem Fremden an die Kehle. „Gerade deswegen
haben wir dich gefangen“, schnappte sie. „Und du solltest mitspielen.
Denn das Gift des Pfeiles kann Schmerzen verursachen, die du dir lieber
ersparen willst.“
„Ts, natürlich.“ Er schüttelte den Kopf. Wie konnte er in so einer Lage
noch so viel Selbstbewusstsein aufbringen?
„Wer hat dir überhaupt erlaubt, einen Dolch zu führen?“ Er schob
ihre Hand beiseite und sah ihr in die Augen. „Jeder weiß doch, dass es
Unglück bringt, wenn eine Frau eine Waffe mit sich führt. Ich hatte ja
erwartet...solche Idioten zu treffen, aber dass ihr so dumm seid...“ Er
atmete seufzend aus.
Izumi biss die Zähne zusammen. Ihr Gegenüber schien zu merken, dass
sie auf diese Weise leicht reizbar war. Allein ihr Blick war wie ein offenes
Buch, aus dem er perfekt lesen konnte. Und sie wurde rot. Vor Scham,
vor Wut? Vermutlich beides. Denn seine Worte beleidigten sie vor den
anderen Mitgliedern ihres Stammes.
Der Dolch fiel klappernd zu Boden, Izumi packte seinen Hals und
drückte zu. Erschrocken über ihre Stärke riss er die Augen auf und starr-
te sie an. „Was zum-?!“ Sie drückte noch fester zu, sodass ihm die Luft
wegblieb. Fast wehrlos peitschte er mit seinem Schwanz und packte ihre
Hand, um sich zu befreien. Sie war zu stark.
„Wir haben dich gewarnt!“, zischte das Mädchen. Der Fremde gab gur-
gelnde, erstickende Laute von sich, als er versuchte, zu atmen.
Nathanael beobachtete das Ganze genervt. Er wusste, wie niedrig ihre
Reizschwelle war. Aber dass sie sich von so etwas provozieren ließ? Ge-
rade, als er sie aufhalten wollte, fiel ihm etwas an dem Gürtel des Jungen
auf.
Eine kleine Metallplatte, die er in den Gürtel seiner Toga gewickelt hatte,
war kurz davor, herauszufallen. „Izumi, warte!“
Verwirrt blickte sie über ihre Schulter. „Sein Gürtel! Gib mir den Gür-
tel!“
Sie ließ seinen Hals los, presste aber dafür mit ausgefahrenen Klauen
seine Schulter gegen den Baumstamm. Sollte er versuchen, sich zu be-
freien, würde sie ihre Krallen in seine Schulter bohren. Schwer atmend
schloss der Fremde die Augen und lehnte sich zurück, während Izumi
seinen Stoffgürtel löste und ihn Nathanael gab. Dann stand sie auf und
wischte sich den Staub vom Rock.
„Nehmt ihn gefangen und bringt ihn ins Dorf. Sorgt dafür, dass er auf
keinen Fall entkommen kann!“, befahl Nathanael. Ein paar Bogenschüt-
zen fesselten die Arme und Beine des Jungen und trugen ihn fort. Ohne
sich zu wehren ließ er diese Prozedur über sich ergehen.
„Was ist mit dem Gürtel?“, fragte Izumi.
Nathanael nahm die Metallplatte heraus. Sie war kaum größer als eine
Handfläche. „Hier, schau.“ Die Umrisse eines Raubvogels waren in die
Platte geritzt worden.
„Was bedeutet das?“
„Das ist ein alter Brauch der Thalen. Sie geben jedem, der das Dorf für
immer verlässt, weil er zum Beispiel ein Abtrünniger geworden ist, diese
Platte mit dem Vogel. Der Vogel ist das Symbol für die Freiheit, und
wenn jemand diese Platte besitzt, heißt es, dass er dem Dorf nicht mehr
angehört und jeder ihn töten kann, ohne bestraft zu werden. Das Gesetz
schützt den Abtrünnigen nicht mehr.“
„Aber warum sollte dann ein Abtrünner als Spion in unser Dorf kom-
men?“
„Entweder...entweder war er kein Spion, sondern einfach nur ein Ab-
trünniger, der den Angriff genutzt hat, um im Dorf etwas zu stehlen,
oder...“
„Oder?“
„...Oder die Thalen haben ihm das Zeichen gegeben, damit wir denken
er wäre abtrünnig und unvorsichtiger werden. Sozusagen zur Verwir-
rung. Und ich denke, das wird ihr Plan gewesen sein. Ich habe erfahren,
dass Ausgestoßene den Vogel zusätzlich auf die Brust tättowiert bekom-
men. Unser Gefangener hatte aber kein Tattoo.“
„Verstehe. Als Geächteter hätte man auch einfach die Metallplatte weg-
werfen können, nicht war?“
Nathanael nickte.
„Was machen wir jetzt mit ihm?“, fragte Izumi und sah den Jägern hin-
terher, die den Fremden wegtrugen.
„Wir behalten ihm im Dorf bis wir mehr wissen.“ Nathanael zuckte mit
den Schultern.
Der Rest der Gruppe machte sich wieder auf den Weg ins Dorf. Izumi
fragte sich, ob der Fremde wusste, was er war, oder wo er herkam. Viel-
leicht konnte sie wenigstens diese Antworten von ihm bekommen.
Lesen sie jetzt wie es weiter geht

Julia Niehüser - Erbe der Dämonen


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