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Abscjehteznt baulsch im
Taandel erhältlich
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Rahel von Marschall
Lily und das Geheimnis
des roten Rubins
TEIL 1!
Lilys Sicht!
Ich saß am Küchentisch. Samira mir gegenüber. Wir sahen
uns in die Augen und ich sah in ihren, was in meinen eben-
falls geschrieben stand. Die Angst. Es war vorbei, lange vor-
bei, und doch so nah. Wir spürten immer noch, was damals
geschehen war. Damals! Dieses Wort klang so fremd. Es gab
kein damals. Alles geschah gerade noch einmal. So wie damals.
Einfach noch mal. Von Anfang an. Wie ein Film, den man im-
mer und immer wieder abspult. Doch dies war kein Film, es
war die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit konnte man nicht ein-
fach vergessen, nicht das, ... nicht das, was uns damals passiert
ist. Samira und mir. Die schwarzen Gestalten, die metallenen
Stimmen. Wäre das alles doch nicht passiert. Warum hatte es
damals so anfangen müssen? Warum hatte ich wissen müssen,
was ich war? Wer ich war? Warum das alles? Und warum hatte
ich mich damals entschieden, Samira in die gleichen Gefahren
zu bringen? Hatte ich nicht gewusst, dass es für alle Ewigkeit
in mein Gedächtnis eingraviert bleiben würde? Hatte ich ge-
wollt, dass Samira immer mit mir leiden würde? Warum hatte
ich nicht verhindert, dass das Schlimmste geschah? War ich als
Teenager so dumm gewesen? Warum hatte ich so viele Leben
aufs Spiel gesetzt? Warum hatte ich mich hinter klügeren Men-
schen versteckt? Warum hatte ich mich nicht einfach gestellt?
Dann wäre das alles nicht passiert! Doch, es wäre passiert. Und
noch viel schlimmere Dinge. Dagegen war das Schlimmste in
meinem Leben noch harmlos. Lauter Warums. So viele Fragen,
auf die ich keine Antworten wusste. Ich war noch nicht über
den Berg, konnte mich noch niemandem richtig anvertrauen,
niemandem erzählen, was jetzt, da es vorbei war, in mir auflo-
derte, wie Hass auf mich selbst. Nicht einmal Samira oder Da-
vid. Und doch, ein Teil von mir schrie danach, endlich die Fes-
tungsmauern zu brechen, über das Geschehene zu sprechen.
Es war schon 13 Jahre her, seit mein Dad zuhause aufgetaucht
war und doch erst seit 12 Jahren zu Ende. Trotzdem hatte ich
niemandem meine ganzen Gefühle anvertraut. Nicht Samira,
nicht David. Einfach niemandem. Ich hatte versucht, allein
damit klarzukommen. Ich hatte versucht, alles zu verdrängen.
Alles zu vergessen. Doch das war nicht so leicht. Vergessen!
Das ist leicht gesagt, doch wie willst du etwas vergessen, was in
dir geschieht? Wie willst du etwas vergessen, was deine Seele
verätzt? Ich musste alles noch einmal durchleben, wenn ich das
alles vergessen wollte. Doch genau das wollte ich nicht, genau
das verhindern. Nicht noch mal diesen Schmerz, nicht noch
mal diese Dunkelheit. Und nicht noch mal diese schwarzen
Augen sehen, die mich schon in jeder Nacht heimsuchten. Es
ging einfach nicht. Es ging nicht. Ich wollte das alles nicht. Ein-
fach nur vergessen. Die Geschichte vergessen? Das Märchen,
das kein Märchen war. Das Märchen, das wahr war. Das Mär-
chen, das zu viele Verluste hatte, als dass es ein Märchen sein
könnte.
„Du kannst es auch nicht vergessen, oder?“ Samira riss mich
aus meinen Gedanken. Nein, ich konnte es nicht. „Nein!“ sagte
ich. „Und David?“ fragte Samira weiter. „Ich weiß nicht!“ sag-
te ich. „Was ist mit Marco?“ „Er hat ja nicht all zu viel davon
mitgekriegt. Das bringt ihm einen Vorteil. Doch ich will ihm
nicht erklären müssen, was aus deiner Sicht, dem Tor der Ma-
gie, passiert ist. Dich hat es am schlimmsten getroffen.“ Samira
sah mich bei solchen Sätzen nie an. Ich erwiderte nichts. Und
sie verstand die nonverbale Sprache.
Die Küchentür schlug auf. David trat ein. Er kam mit schnel-
len Schritten auf mich zu, drückte mir einen Kuss auf die Stirn
und drehte sich dann zu Samira um. „Ihr beide müsst darü-
ber sprechen. Das sagt auch Marco. Vor allem du, Lily!“ Er
wandte sich zu mir. „Bitte. Muron hätte nicht gewollt, dass du
nicht davon berichtest. Er hat gewollt, dass du die Welt wie-
der aufpäppelst, seinen Platz einnimmst. Er hat dir dafür die
Macht übergeben. Das kannst du jetzt nicht abschlagen! Bitte,
sprich darüber!“ Ich stand auf, strich mein T-Shirt glatt und
legte meine Arme um Davids Hals. Ich hauchte ihm einen Kuss
auf die Wange und lehnte mich an die Küchenwand. David zog
sich einen Stuhl heran und setzte sich an den Küchentisch. „Ich
habe seinen Platz eingenommen! Ich habe die Welt aufgepäp-
pelt, stimmts?“ „Ja, aber du sollst drüber reden!“ David seufzte.
Und plötzlich wollte ich nichts lieber, als es zu sagen. Die Ge-
schichte zu erzählen, solange Armelle noch in der Schule war.
Ich blickte meine Freundin und meinen Mann an. Erst David.
Dann blieb mein Blick lange Zeit auf Samira ruhen. Sie wusste,
was ich jetzt tun würde. Sie wusste auch, warum. Und dann
fing ich an, die ganze Geschichte zu erzählen. In allen Einzel-
heiten:
Wie alles angefangen hat!
Gähnend streckte ich mich, rieb mir die Augen. Wie schön es doch war,
zu wissen, dass das achte Schuljahr zu Ende war, dass ich Sommerferien
hatte und die ganze Schule vergessen konnte, für sechseinhalb Wochen!
Verschlafen schlug ich die Bettdecke zurück und stand auf. Meine Katze,
Ivalu, schmiegte sich an meine Beine. „Morgen!“ murmelte ich und
nahm sie hoch. Sie maunzte. Ich stupste ihr an die Nase und setzte sie
wieder ab. Dann nahm ich meine Anziehsachen vom Bettende und zog
mich an. Meine Lockenpracht band ich hinten zu einem Pferdeschwanz
zusammen.
Im Erdgeschoss öffnete ich einige Fenster, um die kühle Morgenluft
hineinzulassen. Für einen Sommertag war es ungewöhnlich kühl, aber
dafür angenehm.
In der Küche deckte ich für Mamu und mich den Tisch, denn mein
Leben lang war ich ohne Vater ausgekommen. Mamu wich Fragen über
ihn immer aus und ich war an ihm nicht interessiert, obwohl ich neugie-
rig war, ob ich ihm wohl ähnlich sah.
Es schellte. Verwundert stellte ich das Glas, das ich gerade in der Hand
hielt, auf den Tisch und ging zur Haustür.
Als ich die Tür öffnete, stand da ein Mann. Eine fettige, schwarze Sträh-
ne verdeckte sein kreideweißes Gesicht zum größten Teil. Als er lächelte,
wich ich zurück. Es sah so gruselig aus. Seine Mundwinkel zogen sich
nach unten, oben und innen gleichzeitig, das Zahnfleisch, das er ent-
blößte, war blutrot, entzündet, die Nase war krumm und an seiner Wan-
ge war eine lange, feine Narbe zu sehen. Trotz allem hätte er ganz sym-
pathisch wirken können, wenn da nicht diese Augen gewesen wären! Sie
waren pechschwarz, kalt, habgierig, ja, vielleicht sogar blutrünstig!
Als der Mann mich sah, huschte ein Schatten über seine Züge. Ängstlich
ging ich noch einen Schritt zurück.
„Ja? Was wünschen Sie?“ fragte ich nach einer Weile zögernd. Ich hatte
ein ungutes Gefühl. „Lily? Stimmt es?“ fragte der Mann und lächelte
mich kalt an. „Ja!“ sagte ich. Der Mann nickte, dann sagte er: „Du fehlst
bei uns, Lily, weißt du das? Seit dem Tag deiner Geburt! Wir brauchen
dich, meine Familie und ich, ohne einen Teil der Familie funktioniert
das alles nicht, was wir aufgebaut haben! Komm, meine Tochter!“ Der
Mann streckte eine Hand nach mir aus. Ich ergriff die Türklinke. „Was
soll das heißen? Wer sind Sie? Gehen Sie bitte, ich möchte keine Lügen-
märchen hören!“ Ich wollte die Tür vor der Nase des Mannes zuschla-
gen, doch er stellte seinen Fuß in den Spalt zwischen Türrahmen und
Tür. „Nehmen Sie Ihren Fuß da weg, ich möchte Ihnen nicht wehtun
müssen!“ Der Mann hielt mein Handgelenk fest. Ich biss die Zähne
zusammen und versuchte, den Schmerz und die Kälte auszublenden, die
mich in dem Moment trafen, da der Mann mich berührte. Es brannte
wie Feuer, und dennoch schien ich einzufrieren.
„Lassen Sie mich los!“ keuchte ich und versuchte, meinen Arm zu
befreien. Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein, du wirst jetzt mit mir
kommen! Verstanden?“ Der Mann zog mich über die Türschwelle. Ich
versuchte mich zu wehren, doch es funktionierte nicht.
In diesem Moment erklangen Schritte. Der Mann ließ mich los. Der
Schmerz hörte sofort auf, doch jetzt wurde meine Hand erst wieder
durchblutet und es prickelte unangenehm.
„Sado!“ keuchte eine Stimme hinter mir und ehe ich mich umdrehen
konnte, hatte mich jemand von hinten gepackt und hinter sich gezerrt.
Vor mir war jetzt nur ein schwarzer Haarschopf zu sehen. Mamu!
„Wie kannst du es wagen, mir auch noch meine Tochter stehlen zu
wollen? Hast du nicht schon genug Schaden in der Welt angerichtet?
Verschwinde, oder er erfährt davon! Ich meine es ernst! Dann kommst
du nicht mehr an sie ran!“ Mamu schritt mit großen Schritten auf den
Mann zu. Der Mann wich vor ihr zurück und rannte dann davon.
„Mamu!“ Ich berührte ihren Arm. Sie bebte vor Zorn. „Mamu, beruhige
dich doch, es ist ja nichts geschehen! Was ist bloß los mit dir? Mamu!“
Jetzt fing sie an zu zittern. Verängstigt schloss ich die Haustür und
führte meine Mutter in die Küche, drückte sie auf ihren Stuhl und kniete
mich vor ihr auf den Boden, rieb ihr übers Knie.
„Was ist geschehen?“ fragte ich. „Woher kanntest du den Mann? Ist er ...
ist dieser Sado etwa wirklich mein Vater? Warum wollte er, dass ich mit
ihm komme, was bedeutet das alles? Und wer soll davon erfahren, dass
er hier war? Was verschweigst du mir, Mamu?“ Mamu stieß einen leisen
Laut der Verzweiflung aus. Verwirrt schüttelte ich den Kopf und setzte
Kaffee auf.
Gerade wollte ich schon die Hoffnung aufgeben, da sagte sie mit brüchi-
ger Stimme: „Es war ... ich weiß nicht so recht, es war glaub ich zwei Jah-
re vor deiner Geburt“, Mamu zögerte, „da lernte ich ihn kennen. Er stell-
te sich als Samuel vor, doch wie ich später herausfand, hieß er Sado! Ein
alter Freund hat es mir erzählt!“ sie lächelte mich verlegen an. „Du hast
nie etwas von einem alten Freund erzählt, was ist mit ihm geschehen?“
fragte ich mit einer Kaffeetasse in der Hand. „Wir haben uns gestritten!“
murmelte Mamu und trank einen Schluck Kaffee. Ivalu strich mir an
den Beinen entlang und schnurrte, als ich sie auf den Schoß nahm und
streichelte. „Es war auf einer Überfahrt auf einem Schiff nach Italien,
ich war mit Alina unterwegs, meiner damaligen Freundin. Wir wollten
eine Schiffsreise machen und gleichzeitig nach Italien, also hatten wir
uns entschlossen, mit dem Schiff hinüberzufahren!“ Sie hielt inne. „Und
weiter?“ drängte ich. Ich war neugierig geworden. „Er hat mir aufgehol-
fen, als ich gestolpert bin. Dann lud er mich zu einem Abendessen ein!
Ich weiß noch, dass Alina mich gewarnt hatte, aber ich habe ihr nicht
zugehört! Aus Dankbarkeit habe ich angenommen, das hatte ich ihr
klargemacht, aber sie hatte nicht zugehört. Das hätte ein ziemlich übler
Sturz werden können, weißt du?“ Sie kratzte sich an der Nase. Irgendwie
hatte ich das Gefühl, dass sie mir nicht die ganze Wahrheit sagte, dass
Mamu verzweifelt versuchte, mir eine Sache nicht zu erzählen, dass sie
versuchte, eine Geschichte zu erzählen, die ihn zwar betraf, aber nicht
die war, die ich wissen wollte, dass sie mich vielleicht sogar anlog!
„Was verschweigst du mir, Mamu?“ fragte ich. Mamu sah ertappt auf
ihren Teller. „Er ... er ist ... dein Vater!“ murmelte sie und wich meinem
Blick aus. „Was?“ keuchte ich. Ich schüttelte den Kopf und dachte: Das
darf doch nicht wirklich wahr sein, oder? Entsetzt starrte ich Mamu an
und verlangte mit meinem Blick, dass sie, wie früher schon so oft, wenn
ich nach meinem Vater gefragt hatte, sagen würde: „Reingelegt, ich hab
nur fantasiert!“, aber dieses eine Mal tat sie das nicht. War es das, was sie
mir verschwiegen hatte, oder tat sie es immer noch? Nach ihrem Blick
zu urteilen verheimlichte sie mir immer noch etwas.
„Mamu, erzähl mir, was in Wirklichkeit geschehen ist, was verheimlichst
du mir noch?“ „Schluss jetzt, ich hätte dir gar nicht alles erzählen dür-
fen, ich hätte nicht mal damit anfangen dürfen, Sado hätte nicht auftau-
chen dürfen! Hör auf zu fragen! Meine ganze, aufgestellte Welt bricht
grad auseinander, alle Regeln, und du stellst mir Fragen!“ Sie schüttelte
den Kopf. „Welche Regeln?“ fragte ich völlig verblüfft. „Hör auf!“ brüllte
Mamu. Ich schluckte, stand auf und schlurfte zum Schrank, stellte mei-
nen sauberen Teller wieder hinein, Ivalu immer noch auf dem Arm.
„Lily?“ Ich drehte mich noch einmal um. „Was ist, Mamu?“ murmelte
ich und setzte mich wieder auf meinen Platz. „Ich glaube, ich muss dich
warnen!“ Ich starrte sie verständnislos an und dachte mir auch meinen
Teil bei Mamus Benehmen.
„Nimm dich vor ihm in Acht, ja? Geh ihm aus dem Weg! Er darf dich
nicht bekommen! Bitte, vergiss den heutigen Tag!“ Ich nickte, zögernd
und immer noch verständnislos. „Benimm dich wie ein normales Mäd-
chen, wie Samira, ja?“ Mamu starrte mich durchdringend an. Wieder
nickte ich. „Spring nicht mehr aus dem Fenster, um schneller im Gar-
ten zu sein, sei nicht immer so komisch, ja?“ Ich senkte den Blick. Für
meine Abnormalitäten konnte ich doch nichts, null! Auch dafür, dass ich
von Anfang an grüne Augen hatte, konnte ich nichts. Warum verstand
Mamu das nicht?
„Lily?“ Mamu sah mich immer noch an. „Mamu, ich versteh das alles
nicht, warum bist du so merkwürdig? Was ist mit uns passiert, heute
Morgen? Die ganze Ruhe, der Frieden, er ist weg! Sobald ich in deine
Augen sehe, sehe ich Angst! Nichts als Angst!“ Mamu lächelte gequält.
„Na los, mach irgendwas, lass mich arbeiten, ja?“ Ich zögerte, merkte
wohl, dass sie mir auswich, nickte dann aber doch und ging hoch in
mein Zimmer.
Oben nahm ich das Telefon in die Hand und wählte Samiras Telefon-
nummer. Ich musste mit meiner besten Freundin reden, ich brauchte
jemanden, dem ich vertrauen konnte, jemanden, der mich schon immer
angehört hatte.
„Hey, na wie geht’s?“ meldete sich Samira am anderen Ende der Lei-
tung schon beim ersten Klingeln. „Hey Samira!“ murmelte ich betrübt.
„Okay, was ist los? Hast du Stress mit deiner Mutter? Haben dir wieder
welche nach gepfiffen? Steckst du in Schwierigkeiten?“ Ich schüttelte den
Kopf. Samira merkte immer sofort, wenn etwas nicht stimmte. „Nein,
nein, es ist etwas anderes, aber es geht um Mamu, da hast du Recht! Sie
verhält sich seit heute Morgen merkwürdig! Sie verheimlicht mir irgend-
was!“ „Ehrlich? Silva verbirgt etwas? Kaum vorstellbar, meinst du nicht
auch?“ „Mir kommt das alles so merkwürdig vor, so unsagbar komisch,
ich versteh das nicht!“ verzweifelt spielte ich mit meinem Französischle-
xikon herum. Samira schmunzelte. „Was ist denn genau passiert?“ fragte
sie mich nachdenklich. „Also das war so! Nachdem ich den Frühstück-
stisch gedeckt hatte ...“ Ich erzählte Samira, was am Morgen geschehen
war. Danach sagte sie erst mal gar nichts mehr. „Und du bist sicher, dass
du dir diesen Schmerz nicht nur eingebildet hast?“ fragte sie schließlich.
„Ich bin doch nicht blöd, oder?“ fragte ich wütend. Samira lachte. „Nein,
das bist du in der Tat nicht! Das muss ich zugeben, du bist alles andere
als blöd! Wie war noch mal dein letzter Zeugnisdurchschnitt? 1,2?“ Ich
schnitt eine Grimasse. „Jep!“ murmelte ich. „Also gut, wenn du dir den
Schmerz nicht eingebildet hast ...“ Sie unterbrach sich. „Das klingt für
mich alles nach Zauberei, oder?“ Samira dachte wieder nach. Es tat gut,
mit ihr über dieses seltsame Ereignis zu sprechen. Es befreite mich ir-
gendwie, auch wenn ich darüber die Zeit vergaß. Schließlich war es fast
drei Uhr, als ich auflegte.
Nach dem Telefonat mit Samira beschloss ich, Mamu einen Kaffee in ihr
Arbeitszimmer zu bringen. Ich stapfte in die Küche und stellte die Kaf-
feemaschine an. Es war schon merkwürdig. Ich beschloss, beim Abend-
essen Mamu noch einmal auf den Morgen anzusprechen.
„Mamu?“ flüsterte ich und klopfte leicht an ihre Bürotür. Keine Ant-
wort. Ich versuchte es noch einmal: „Mamu? Ich bring dir einen Kaffee!“
Doch auch dieses Mal hörte ich keine Stimme, die „Herein!“ rief, und
auch keine Schritte, ja, nicht einmal das Tippen und Rasseln des Com-
puters war zu hören. Vorsichtig drückte ich die Klinke hinunter und trat
in Mamus Büro. Vor Schreck fiel mir die Kaffeetasse aus der Hand. Der
schwarze Kaffee spritzte auf Mamus Unterlagen, auf den Computer, der
noch nicht einmal an war. Wie lange lag sie schon da? Hatte sie nach mir
gerufen, als ich mit Samira telefoniert hatte? Was war geschehen?
Mamu lag ausgestreckt am Boden, mit offenem Mund und kreidebleich.
Die Scherben der Fensterscheibe lagen neben ihr und ihr Arm blutete.
Am Fenster hörte ich ein Geraschel. Ich stürzte hin. Eine schwarze Ge-
stalt rannte zu einem der Büsche. Einbrecher?, dachte ich verzweifelt.
Mamu regte sich. „Mamu?“ flüsterte ich und stürzte zu ihr. Sie röchelte
etwas und tastete mit ihrer Hand langsam und vorsichtig nach meinem
Arm. „Lily!“ flüsterte sie. „Ja, ich bin hier, bei dir!“ murmelte ich und
nahm ihre Hand in meine. Ich stand kurz vor den Tränen, konnte sie
nur mit Mühe unterdrücken.
„Es waren Einbrecher, ganz sicher!“ sagte ich und ließ meinen Daumen
auf Mamus Handfläche kreisen.
„Nein, es war Sado!“ röchelte Mamu. „Sie haben...“ doch Mamu un-
terbrach sich, denn in diesem Moment zischte ein hellblauer Lichtblitz
durch den Raum und traf Mamu mitten in ihr Herz. Sie sackte zusam-
men, ihre Augen flackerten, dann schlossen sie sich. „Mamu!“ schluchz-
te ich und schüttelte sie. Nicht weinen, Lily! Bloß nicht weinen!, dachte
ich und wischte mir die Tränen vom Gesicht, aber es half nicht, es
kamen immer mehr, sie flossen in Strömen über mein Gesicht, und ich
wischte sie nicht weg.
Ich schluckte. Mamu wurde kälter und immer kälter. Angsterfüllt rannte
ich aus dem Arbeitszimmer und die Treppen hoch, in mein Zimmer.
Wieso hatte ich das Telefon oben gelassen?
Hastig wählte ich die Nummer für den Notruf.
„Hallo? Hallo? Hier spricht Lily, Lily Ai Thenshi, kommen Sie schnell,
irgendetwas ist passiert und Mamu liegt in ihrem Arbeitszimmer kalt
auf dem Boden, sie wurde von einem hellblauen Blitz getroffen und
stirbt gerade!“ schluchzte ich ins Telefon. Der Beamte am anderen Ende
der Leitung schnaubte. „Wer sind Sie? Der Anfang klang ja noch halb-
wegs in Ordnung, aber der Rest ... wenn ich Ammenmärchen hören
will, dann sag ich das schon, aber was soll das heißen, deine Mutter
ist von einem hellblauem Blitz getroffen worden?“ „So glauben sie mir
doch!“ Mittlerweile war ich wieder bei Mamu angelangt. Sie lag reglos
da. Bewegte sich nicht. Ich fühlte ihren Puls. Unregelmäßig, aussetzend,
langsam schlug es, ganz schwach.
„Mamu ist wirklich von einem hellblauen Blitz getroffen worden, davor
wahrscheinlich von noch einem weiteren Blitz oder so, aber sie wurde
es, ganz sicher, wo bleibt denn jetzt der Krankenwagen?“ brüllte ich den
Mann in heller Verzweiflung an. „Du spinnst ja, Mädchen, wir schicken
doch keinen Krankenwagen für eine Spinnerin! Wird deine Mutter
vielleicht auch noch im Moment ganz grün?“ „Warum glauben Sie mir
nicht? Was soll das denn? Jetzt kommen sie schon, sie stirbt! Wollen
sie verantwortlich dafür sein, dass sie stirbt?“ rief ich. „Jetzt hör mir
mal zu, du Grünschnabel! Für wen hältst du mich eigentlich? Ich glaub
doch nicht so einen Unsinn, bist du des Wahnsinns? Die jungen Leute
heutzutage werden wohl langsam immer unverschämter, oder? Spiel was
anderes, aber wähle ja nicht mehr diese Nummer!“ Der Beamte legte
auf. Ich starrte ungläubig den Hörer an. Für mich war das alles ja auch
so irritierend, aber es war trotzdem wahr, oder?
Hastig rannte ich ins Wohnzimmer und holte die Sofadecken, wickelte
Mamu darin ein und hielt ihre Hand, hoffend, dass ihr nichts geschehen
war. Sie lag ganz steif da. Wie eine Puppe.
Nach einer Zeit schlief ich ein. Ich hatte einen merkwürdigen Traum:
Es war ganz dunkel. Ich konnte Geplätscher hören. War da ein Brun-
nen? Nebel kam auf, etwas Goldenes schimmerte in der Dunkelheit.
„Hallo?“ rief ich verängstigt, als etwas Großes auf mich zukam. „Lily?“
Ein Mann trat in einen leichten Lichtpegel. „Lily, du musst zu mir kom-
men, um deine Mutter zu retten, es tut mir sehr leid, aber es geht nicht
anders, denn ich kann nicht zu dir kommen! Ich war es nicht, der deine
Mutter angegriffen hat. Es war Sado! Leider hast du ihn bereits kennen
gelernt! Du hast nur eine geringe Chance, aber immerhin hast du eine!
Lange kann ich Silva nicht mehr vom Sterben fernhalten! Es tut mir
leid, Lily, aber es geht nicht anders. Du wirst den roten Rubin bekom-
men. Er wird dir helfen, deine Magie zu gebrauchen. Du bist unerfah-
ren, du brauchst einen Freund, nimm deine beste Freundin mit, oder
wen du auch immer nehmen willst. Und vertraue niemandem außer
deiner Freundin und demjenigen, der dir wirklich hilft, verstanden?
Beeile dich, du hast nicht so lange Zeit, aber nimm dich vor Sado und
den schwarzen Reitern in Acht und nimm keinen Zug, Bus oder Flug,
es ist zu gefährlich! Ich weiß, du schaffst es, du kannst es schaffen, zu
mir zu gelangen! Trau dich! Ich wünschte, es wäre nicht passiert, du hast
eine kurze Frist, vielleicht schaffe ich es ein paar Wochen, vielleicht ein
paar Tage mehr oder weniger, komme so schnell du kannst!“ „Aber wo
finde ich Sie? Unter welchem Namen?“ fragte ich verzweifelt. Der Mann
lächelte. „Oh, ich bin Muron, der Magier!“ Muron lächelte noch einmal,
dann verschwand er. Wo sollte ich ihn finden? Wo?
Ich schreckte auf. Was war geschehen? Dieser Traum ... aus irgendei-
nem Grund glaubte ich ihm. Und ich wusste auch, was ich tun würde.
Irgendwie gab plötzlich alles einen Sinn. Das Auftauchen Sados, das
Stottern Mamus, die Abnormalitäten meinerseits und der ganze Rest.
Ich war eine Magierin! Lily, du spinnst ja, so etwas wie Magie gibt es
nicht!, schalt ich mich. Ach nein?, fragte eine weitere Stimme in meinem
Kopf. Und wie erklärst du dir dann diese ganzen komischen Sachen? Es
gibt Magier und du bist eine, Lily! Sonst wäre das alles nicht passiert!

Ich sprang auf, nahm das Telefon und wählte Samiras Nummer.
„Juliette Lack?“ fragte Samiras Schwester am anderen Ende der Leitung.
„Hallo, Juliette, ich muss ganz dringend Samira sprechen!“ stieß ich
schnell zwischen meinen Zähnen vor. Ich spürte ihre Missbilligung über
meinen Ton, aber hörte, wie sie die Treppe hoch eilte.
„Samira? Lily ist am Telefon!“ Eine Tür ging auf.
„Lily, was ist los?“ fragte Samira mich nach einer Weile des Wartens.
„Du musst schnell herkommen!“ rief ich. „Ja, aber ... was ist denn los?“
fragte Samira irritiert. „Erklär ich dir hier, ja?“ fragte ich und legte auf.
Die Haustür klingelte. Ich riss sie auf. „Samira! Gott sei Dank!“ rief ich
und schmiss mich in ihre Arme. „Um Gottes willen, Lily, was ist denn
los?“ fragte sie und musterte mich kritisch. Ich musste schrecklich ausse-
hen, denn schleunigst zog sie mich ins Haus.
Als sie Mamus Büro betrat, schrie sie auf und schlug die Hände vor den
Mund.
„Was ist mit ihr passiert? I-I-Ist sie tot?“ fragte sie. „Nein! Das ist eine
komplizierte Geschichte. Sie beginnt mit heute Morgen. Du kennst ja
den Anfang der Geschichte, aber nachdem ich aufgelegt hatte, wollte ich
Mamu einen Kaffee bringen,...“ ich erzählte Samira den zweiten Teil der
Geschichte. Ich ließ keine kleinste Kleinigkeit aus. Als ich fertig war, sah
Samira mich fassungslos an. „Und das ist wirklich alles wahr?“ fragte
sie, obwohl sie genau wusste, dass ich nicht lügen konnte. „Ja!“ sagte ich
und Tränen schossen mir wieder in die Augen. Sie glaubte mir also auch
nicht. Dabei hatte ich so gehofft, dass wenigstens sie mich verstehen
würde.
„Versteh doch, dieser Muron ist meine letzte Hoffnung, ich muss zu ihm
hin und wenn du nicht mitkommst, dann mach ich es allein!“ Entsetzt
starrte mich Samira an. „Ich kann nicht warten, spätestens heute Nacht
fahre ich los, am besten in einer Stunde, sobald ich alles gepackt habe,
ich fahre mit dem Rad!“ Ich sah an mir hinab. Ein roter Rubin an einer
goldenen Kette hing um meinen Hals. Muron hatte ihn erwähnt, oder?
„Lily, weißt du eigentlich, welches Risiko du eingehst? Ich meine ... was
ist, wenn dieser komische Muron gar nicht die Wahrheit sagt? Dann
sitzt du echt in der Klemme!“ Samira starrte mich an. Ich schüttelte den
Kopf. „Er muss die Wahrheit gesagt haben, denn sonst hätte ich das
hier auch nicht!“ Meine Hand glitt zum Rubin. Samira rollte mit ihren
Augen, zögerte.
„Na gut!“ sagte Samira nach einer Weile. „Ich komme mit dir, allein lass
ich dich nicht fahren und wenn ich bei dem Versuch sterben muss, dich
zu beschützen!“ Ihre Augen leuchteten. Sie hielt das Ganze nur für ein
Abenteuer. Ein aufregendes und spannendes Abenteuer!
„Samira, das ist kein Abenteuer, kein Spiel, hier haben wir es mit einer
anderen Macht zu tun, vergiss das nicht!“ Sie schüttelte den Kopf, das
Leuchten in ihren Augen war verschwunden. „Ich weiß, worauf ich mich
einlasse, glaub mir! Ich habe meine Entscheidung getroffen! Du bist
meine beste Freundin, ich werde dich nicht im Stich lassen! Niemals!“
Samira umarmte mich. Verwirrt erwiderte ich die Umarmung, bis Sami-
ra sich löste.
„Fahren wir los!“ murmelte sie leise und zog mich hoch, aber ich schüt-
telte den Kopf. „Samira, deine Eltern werden dich suchen lassen, wenn
du plötzlich verschwindest, wir müssen noch einige Sachen einpacken,
Geld, vielleicht einen Schlafsack, verstehst du?“ Samira grübelte eine
Weile nach, dann antwortete sie mir nachdenklich: „Da könntest du
recht haben, vielleicht wäre es besser, wenn ich ihnen irgendwas erzäh-
le, etwas, was glaubhaft ist, aber so nahe wie möglich an der Wahrheit
ist!“ „Und was? Willst du deine Familie anlügen? Das kannst du nicht
machen, du kannst sie nicht einfach belügen!“ entsetzt starrte ich sie
an, doch sie schüttelte nur lässig den Kopf. „Ich werde mir was einfal-
len lassen, dieser Muron, oder wie der heißt, wird schon wissen, was er
uns antut, in einer halben Stunde bin ich auf dem Fahrrad zurück, ja?“
Sie öffnete die Bürotür, drehte sich aber noch einmal um. „Lily, pass auf
dich auf, bis ich wieder da bin, ja?“ Sie strich sich eine rote Strähne aus
dem Gesicht und starrte mir fest in die Augen. Grün in Blau.
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Rahel von Marschall


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