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Informationen Deutsch als Fremdsprache

Herausgeber: Deutscher Akademischer Druck:


Austauschdienst in Zusammenarbeit mit Difo-Druck GmbH, Laubanger 15, 96052
dem Fachverband Deutsch als Fremd- Bamberg. Erscheint 5mal im Jahr.
sprache Printed in Germany, Imprimé en
Allemagne
Redaktion:
Dr. Gisela Schneider, DAAD Verlag:
Dr. Susanne Duxa, Universität Marburg IUDICIUM Verlag GmbH
Prof. Dr. Frank G. Königs, Universität Hans-Grässel-Weg 13, 81375 München
Marburg Fax: 089/714 20 39
Dr. Lutz Köster, Universität Bielefeld (für E-Mail: info@iudicium.de
die kommentierte Auswahlbibliogra-
phie Für Sie gelesen)
Es gilt die Anzeigenpreisliste Nr. 9 vom
Prof. Dr. Uwe Koreik, Universität Biele-
1. 9. 2003. (Verantwortlich: Elisabeth
feld
Schaidhammer, IUDICIUM Verlag
Prof. Dr. Christian Krekeler, HTWG
GmbH.)
Konstanz
Dr. Fritz Neubauer, Universität Bielefeld
Bezugsbedingungen:
Prof. Dr. Dietmar Rösler, Universität Gie-
Jahresabonnement (6 Ausgaben, darun-
ßen
ter eine Doppelnummer): Inland: € 50,––
Dr. Armin Wolff, Universität Regensburg
(incl. Porto und 7% MwSt.); Ausland:
(Schriftleitung, verantw. Redakteur)
€ 56,–– (incl. Porto).
Anschrift der Redaktion: Ermäßigtes Abonnement für DaF-Stu-
Deutscher Akademischer denten im Hauptfach: Inland: € 30,–– (incl.
Austauschdienst Porto und 7% MwSt.); Ausland: € 36,––
Gruppe 33 (incl. Porto) (Luftpost auf Anfrage).
Kennedyallee 50 Einzelheft € 9,50 (zzgl. Porto); Doppelheft
D-53175 Bonn € 19,–– (zzgl. Porto).
Die Zeitschrift soll für den Bereich DaF
ein Forum begründeter Meinung sein; die
mit Verfassernamen gekennzeichneten
Beiträge stellen dabei nicht unbedingt die Der Verlag hält die Rezensionen (als
Meinung des Fachverbandes oder des pdf-Dateien) auch im Internet ver-
DAAD dar. fügbar unter der Adresse:
http://www.rezensionen.daf.de
Serienlayout:
Gerhard Keim, Frankfurt am Main

ISSN 0724-9616
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Die Redaktion bittet Sie um Beiträge, Hervorhebungen


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Ihrer Rezension folgende Hinweise zu nach dem Dezimalsystem vorzunehmen.
beachten:
Zitate
Typoskript Inhaltliche Fußnoten werden im Text
durch Hochstellung arabischer Ziffern
30 Zeilen pro Seite ohne Klammern gekennzeichnet, Litera-
50 Anschläge pro Zeile turverweise im Text wie folgt: »wie Mül-
anderthalbzeiliger Abstand ler (1982: 15) sagte, ...«; Literaturangaben
werden am Ende zusammengefasst, nicht
Rand in den Fußnoten. Bitte zitieren Sie nach
links: ca. 2,5 cm folgenden Mustern (DIN 1505, Teil 2):
rechts: ca. 5 cm (für Korrekturzeichen) Förster, Jürgen: Kurzprosa als Spiegel der
Wirklichkeit: Didaktische Analysen und Re-
flexionen von Texten von Aichinger, Bichsel,
Beispiele für die Titelei Musil, Meckel, Böll, Biermann. Bad Honnef
am Rhein: E. Keimer, 1980.
Parry, Christoph; Platen, Edgar (Hrsg.):
Zumbrock, Helmut: »Der Stellenwert von
Grenzen der Fiktionalität und der Erin- Landeskunde in der Hochschulausbil-
nerung. München: iudicium, 2007 (Auto- dung künftiger Fremdsprachenlehrer«,
biographisches Schreiben in der deutsch- Bielefelder Beiträge zur Sprachlehrforschung
sprachigen Gegenwartsliteratur 2). –– 1 (1981), 58––73.
ISBN 978-3-89129-191-7. 344 Seiten, Jeder Titel eines Autors wird getrennt
€ 32,—— aufgeführt.

Wicke, Rainer E.: Korrekturregeln


Grenzüberschreitungen. Der Einsatz Die Rechtschreibung basiert auf dem amt-
von Musik, Fotos und Kunstbildern im lichen Regelwerk, das ab 1. August 2007 in
Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht Kraft ist. Im Übrigen bitten wir Sie, auf die
in Schule und Fortbildung. München: vielen ausländischen Leser Rücksicht zu
iudicium, 2000. –– ISBN 978-3-89129-628- nehmen und entsprechend verständlich
8. 204 Seiten, € 18,50 und sprachlich korrekt zu schreiben.
Die Redaktion behält sich vor, ein Manu-
Die ISBN-Nummer unbedingt angeben! skript mit der Bitte um Überarbeitung
(Bitte denken Sie an Besteller im Aus- zurückzusenden oder nicht für den
land!) Druck freizugeben.
Info DaF
Herausgegeben
vom Deutschen
Akademischen
Austauschdienst
in Zusammenarbeit
mit dem
Fachverband
Deutsch als Fremdsprache

Informationen Deutsch als Fremdsprache


Nr. 2/3 37. Jahrgang April/Juni 2010

Inhalt

Vorbemerkung 113 Ballis, Anja; Spinner, Kaspar (Hrsg.):


Sommerschule, Sommerkurse, Summer
Ahrenholz, Bernt (Hrsg.): Learning. Deutsch lernen im außerschuli-
Empirische Befunde zu DaZ-Erwerb und schen Kontext. Baltmannsweiler: Schneider
Sprachförderung. Beiträge aus dem 3. Work- Hohengehren, 2008
shop Kinder mit Migrationshintergrund. (Ellen Tichy, Szeged / Ungarn) 124
Freiburg i. Br.: Fillibach, 2009
(Anastasia kenyldz, Flensburg) 115 Barsch, Achim; Scheuer, Helmut; Schulz, Ge-
org-Michael (Hrsg.):
Ahrenholz, Bernt; Bredel, Ursula; Klein, Wolf- Literatur –– Kunst –– Medien. Festschrift für
gang; Rost-Roth, Martina; Skiba, Romuald Peter Seibert zum 60. Geburtstag. München:
(Hrsg.): Meidenbauer, 2008 (Kontext 8)
Empirische Forschung und Theoriebildung. (Florian Gräfe, Guadalajara / Mexiko) 126
Beiträge aus Soziolinguistik, Gesprochene-
Sprache- und Zweitspracherwerbsfor-
schung. Festschrift für Norbert Dittmar zum Barz, Irmhild; Fix, Ulla (Hrsg.):
65. Geburtstag. Frankfurt a. M.: Lang, 2008 Fachtextsorten –– gestern und heute. Ingrid
(LesÙaw Tobiasz, Kattowitz / Polen) 116 Wiese zum 65. Geburtstag. Frankfurt a. M.:
Lang, 2008 (LASK 15)
Ahrenholz, Bernt; Oomen-Welke, Ingelore (Karl-Walter Florin, Waltrop) 128
(Hrsg.):
Deutsch als Zweitsprache. Baltmannsweiler: Bausch, Karl-Richard; Burwitz-Melzer, Eva;
Schneider Hohengehren, 2008 (Deutschunter- Königs, Frank G.; Krumm, Hans-Jürgen
richt in Theorie und Praxis 9) (Hrsg.):
(Joanna Kic-Drgas, Poznañ / Polen) 119 Fremdsprachenlernen erforschen: sprachspe-
zifisch oder sprachenübergreifend? Arbeits-
Antos, Gerd; Ventola, Eija (Hrsg.): papiere der 28. Frühjahrskonferenz zur Er-
Handbook of Interpersonal Communication. forschung des Fremdsprachenunterrichts.
Berlin: de Gruyter, 2008 (Handbooks of Ap- Tübingen: Narr, 2008 (Giessener Beiträge zur
plied Linguistics [HAL] 2) Fremdsprachendidaktik)
(Katja Reinecke, Würzburg) 122 (Michaela Haberkorn, Regensburg) 130
106

Becker, Norbert; Braunert, Jörg: Sprachen lernen –– Menschen bilden. Doku-


Alltag, Beruf & Co. 1. Kursbuch und Arbeits- mentation zum 22. Kongress für Fremdspra-
buch. –– Audio-CD zum Kursbuch. –– Wörter- chendidaktik der Gesellschaft für Fremd-
lernheft. –– Lehrerhandbuch. Ismaning: Hue- sprachenforschung. Baltmannsweiler: Schnei-
ber, 2009 der Hohengehren, 2008
(Claudia Bolsinger, Hamburg) 135 (Dorothea Spaniel-Weise, Jena) 152

Belke, Gerlind: Chlosta, Christoph; Leder, Gabriela; Krischer,


Mehrsprachigkeit im Deutschunterricht. Barbara (Hrsg.):
Sprachspiele, Spracherwerb und Sprachver- Auf neuen Wegen. Deutsch als Fremdspra-
mittlung. 4. Auflage. Baltmannsweiler: che in Forschung und Praxis. 35. Jahresta-
Schneider Hohengehren, 2008 gung des Fachverbands Deutsch als Fremd-
(Ewa Andrzejewska, Gdañsk / Polen) 136 sprache an der Freien Universität Berlin 2007.
Göttingen: Universitätsverlag, 2008
Beutin, Wolfgang u. a.: (Wolfgang Braune-Steininger,
Deutsche Literaturgeschichte. Von den An- Ehringshausen) 154
fängen bis zur Gegenwart. 7., erweiterte
Auflage. Stuttgart: Metzler, 2008 Demmig, Silvia:
(Linda Maeding, Barcelona / Spanien) 139 Das professionelle Handlungswissen von
DaZ-Lehrenden in der Erwachsenenbildung
Blell, Gabriele; Kupetz, Rita (Hrsg.): am Beispiel Binnendifferenzierung. Eine
Fremdsprachenlehren und -lernen. Prozesse qualitative Studie. München: Iudicium, 2007
und Reformen. Frankfurt a. M.: Lang, 2008 (Elisabeth Lang, Szombathely / Ungarn) 156
(Fremdsprachendidaktik inhalts- und lerner-
orientiert 14) Döring, Sandra; Geilfuß-Wolfgang, Jochen
(Ewa Andrzejewska, Gdañsk / Polen) 140 (Hrsg.):
Von der Pragmatik zur Grammatik. Leipzig:
Bolton, Sibylle; Glaboniat, Manuela; Lorenz, Leipziger Universitätsverlag, 2007
Helga; Perlmann-Balme, Michaela; Steiner, (Petra Szatmári, Szombathely / Ungarn) 158
Stefanie:
Mündlich. Mündliche Produktion und Inter- Doyé, Peter:
aktion Deutsch. Illustration der Niveaustu- Interkulturelles und mehrsprachiges Lehren
fen des Gemeinsamen europäischen Refe- und Lernen. Zwölf Beiträge zur Fremdspra-
renzrahmens. Berlin: Langenscheidt, 2008 chendidaktik. Tübingen: Narr, 2008 (Giesse-
(Dorothea Spaniel-Weise, Jena) 143 ner Beiträge zur Fremdsprachendidaktik)
(Ruth Bohunovsky, Curitiba / Brasilien) 160
Bredel, Ursula:
Die Interpunktion des Deutschen. Ein kom- Draxler, Christoph:
positionelles System zur Online-Steuerung Korpusbasierte Sprachverarbeitung. Eine
des Lesers. Tübingen: Niemeyer, 2008 (Lin- Einführung. Tübingen: Narr, 2008 (narr studi-
guistische Arbeiten 522) enbücher)
(Peter Paschke, Venedig / Italien) 144 (Timm Lehmberg, Hamburg) 162

Buchner, Holm: Eichinger, Ludwig M.; Meliss, Meike;


Schon mal gehört? Musik für Deutschlerner. Domínguez Vázquez, María José (Hrsg.):
Stuttgart: Ernst Klett Sprachen, 2009 Wortbildung heute. Tendenzen und Kontra-
(Lutz Köster, Bielefeld) 149 ste in der deutschen Gegenwartssprache.
Tübingen: Narr, 2008
Burger, Elke: (Valentina Crestani, Torino / Italien) 164
Schreiben. Intensivtrainer A1/A2. Berlin:
Langenscheidt, 2008 Eichinger, Ludwig M.; Plewnia, Albrecht;
(Sandra Ballweg, Darmstadt) 150 Riehl, Claudia M. (Hrsg.):
Handbuch der deutschen Sprachminderhei-
Burwitz-Melzer, Eva; Hallet, Wolfgang; Le- ten in Mittel- und Osteuropa. Tübingen:
gutke, Michael K.; Meißner, Franz-Joseph; Narr, 2008
Mukherjee, Joybrato (Hrsg.): (Dorota Szcz¿ïniak, Kraków / Polen) 166
107

Engin, Havva; Olsen, Ralph (Hrsg.): Göpferich, Susanne:


Interkulturalität und Mehrsprachigkeit. Balt- Translationsprozessforschung. Stand –– Me-
mannsweiler: Schneider Hohengehren, 2009 thoden –– Perspektiven. Tübingen: Narr, 2008
(Klaus Hübner, München) 168 (Translationswissenschaft 4)
(Ioana B©l©cescu, Craiova / Rumänien; Bernd Ste-
Erll, Astrid; Nünning, Ansgar (Hrsg.): fanink, Cluj / Rumänien und Bielefeld) 189
Cultural Memory Studies. An International
and Interdisciplinary Handbook. Berlin: de Goethe-Institut (Hrsg.):
Gruyter, 2008 Prüfungsmaterialien. Elektronisches Prü-
(Udo O. H. Jung, Bonn) 170 fungstraining B1. CD-ROM. Ismaning: Hue-
ber, 2008
Ernst, Christoph; Sparn, Walter; Wagner, Hed- (Dorothea Spaniel-Weise, Jena) 191
wig (Hrsg.):
Kulturhermeneutik. Interdisziplinäre Beiträ- Götz, Dieter; Wellmann, Hans (Hrsg.):
ge zum Umgang mit kultureller Differenz. Langenscheidt Power Wörterbuch Deutsch.
München: Fink, 2008 Berlin: Langenscheidt, 2009
(Karl Esselborn, München) 172 (Karl-Walter Florin, Waltrop) 192

Ezhova-Heer, Irina: Hallet, Wolfgang; Königs; Frank G. (Hrsg.):


Schreiben an russischen und deutschen Handbuch Fremdsprachendidaktik. Seelze-
Schulen. Unter besonderer Berücksichtigung Velber: Kallmeyer, 2010
der Textproduktion russischsprachiger Aus- (Sandra Ballweg, Darmstadt) 196
siedler und Spätaussiedler. Frankfurt a. M.:
Lang, 2008 Härtl, Holden:
(Anna Mashkovskaya, Essen) 175 Implizite Informationen. Sprachliche Öko-
nomie und interpretative Komplexität bei
Verben. Berlin: Akademie Verlag, 2008 (studia
Fasel, Christoph:
grammatica 68)
Textsorten. Konstanz: UVK, 2008 (Wegweiser
(Heiko Narrog, Sendai / Japan) 198
Journalismus 2)
(Beate Herberich, Wiesbaden) 178
Handwerker, Brigitte; Madlener, Karin:
Chunks für Deutsch als Fremdsprache. Theo-
Garlin, Edgardis; Merkle, Stefan: retischer Hintergrund und Prototyp einer
KIKUS Deutsch. Bildkarten. –– Arbeitsblätter multimedialen Lernumgebung. Baltmanns-
Bildkärtchen. –– Arbeitsblätter 1. –– Arbeits- weiler: Schneider Hohengehren, 2009 (Per-
blätter 2. –– Arbeitsblätter 3. München: Hue- spektiven Deutsch als Fremdsprache 23)
ber, 2009 (Jörg Roche, München) 199
(Heiko Narrog, Sendai / Japan) 179
Hardtwig, Wolfgang; Schütz, Erhard (Hrsg.):
Genzmer, Herbert: Keiner kommt davon. Zeitgeschichte in der
Deutsche Sprache. Ein Schnellkurs. Köln: Literatur nach 1945. Göttingen: Vandenhoeck
dumont, 2008 & Ruprecht, 2008
(LesÙaw Tobiasz, Kattowitz / Polen) 181 (Branka Schaller-Fornoff, Berlin) 204

German Studies in India. Beiträge aus der Hausendorf, Heiko; Kesselheim, Wolfgang:
Germanistik in Indien. Neue Folge. Band 1. Textlinguistik fürs Examen. Göttingen: Van-
Hrsg. von Shaswati Mazumdar und Thomas denhoeck & Ruprecht, 2008 (Linguistik fürs
Schwarz. München: Iudicium, 2008 Examen 5)
(Helmut Schmitz, Coventry / Großbritannien) 183 (Katja Reinecke, Würzburg) 206

Giuriato, Davide; Stingelin, Martin; Zanetti, Heilmann, Christa M.; Lepschy, Annette
Sandro (Hrsg.): (Hrsg.):
»Schreiben heißt: sich selber lesen.« Schreib- Rhetorische Prozesse. Vom Konzept zur
szenen als Selbstlektüren. München: Fink, Handlung. München: Reinhardt, 2008 (Spra-
2008 (Zur Genealogie des Schreibens 9) che & Sprechen 44)
(Sandra Ballweg, Darmstadt) 186 (Katrin Fohmann, Nancy / Frankreich) 208
108

Hellmann, Manfred W.: Kämper, Heidrun; Eichinger, Ludwig M.


Das einigende Band? Beiträge zum sprachli- (Hrsg.):
chen Ost-West-Problem im geteilten und im Sprache –– Kognition –– Kultur. Sprache zwi-
wiedervereinigten Deutschland. Hrsg. von schen mentaler Struktur und kultureller Prä-
Dieter Herberg. Tübingen: Narr, 2008 (Studien gung. Berlin: de Gruyter, 2008 (Jahrbuch des
zur deutschen Sprache 43) Instituts für Deutsche Sprache 2007)
(Sigrid Luchtenberg, Essen) 209 (Salifou Traoré, Bangkok/Thailand) 226

Hellström, Martin; Platen, Edgar (Hrsg.): Kärchner-Ober, Renate:


Zwischen Globalisierungen und Regionali- The German language is completely differ-
sierungen. Zur Darstellung von Zeitge- ent from the English language. Tübingen:
schichte in deutschsprachiger Gegenwartsli- Stauffenburg, 2009 (Tertiärsprachen Band 9)
teratur. München: Iudicium, 2008 (Harald Olk, Kuala Lumpur/Malaysia) 228
(Rosvitha Friesen Blume, Florianópolis /
Brasilien) 212 Kaufmann, Susan; Zehnder, Erich; Vanderhei-
den, Elisabeth; Frank, Winfried (Hrsg.):
Herbst, Thomas; Schüller, Susen: Fortbildung für Kursleitende Deutsch als
Introduction to Syntactic Analysis. A Valen- Zweitsprache. Band 3: Unterrichtsplanung
cy Approach. Tübingen: Narr, 2008 (narr und -durchführung. München: Hueber, 2008
studienbücher) (Sandra Ballweg, Darmstadt) 230
(Salifou Traoré, Bangkok / Thailand) 215
Kiel, Ewald (Hrsg.):
Heringer, Hans Jürgen: Unterricht sehen, analysieren, gestalten. Bad
Valenzchunks. Empirisch fundiertes Lern- Heilbrunn: Klinkhardt, 2008
material. München: Iudicium, 2009 (Jonas Langner, Bristol/Großbritannien) 233
(Michael Schlicht, Rom / Italien) 217
Kindt, Tom; Köppe, Tilmann (Hrsg.):
Moderne Interpretationstheorien. Ein Rea-
Hillenbrand, Rainer; Rösch, Gertrud Maria; der. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht,
Tscholadse, Maja (Hrsg.): 2008 (UTB 3101)
Deutsche Romantik. Ästhetik und Rezepti- (Thomas Keith, Karlsruhe) 235
on. München: Iudicium, 2008 (Schriftenreihe
des Instituts für Deutsch als Fremdsprachen- Klawitter, Arne; Ostheimer, Michael:
philologie VII) Literaturtheorie –– Ansätze und Anwendun-
(Dorota Szcz¿ïniak, Kraków / Polen) 218 gen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht,
2008 (UTB 3055)
Hoff, Karin (Hrsg.): (Thomas Keith, Karlsruhe) 237
Literatur der Migration —— Migration der
Literatur. Frankfurt a. M.: Lang, 2008 (Texte Koššenina, Alexander:
und Untersuchungen zur Germanistik und Literarische Anthropologie. Die Neuentde-
Skandinavistik 57) ckung des Menschen. Berlin: Akademie, 2008
(Karl Esselborn, München) 220 (Akademie Studienbücher)
(Claudia Bolsinger, Hamburg) 240
Hoff, Dagmar von; Spies, Bernhard (Hrsg.):
Textprofile intermedial. München: Meiden- Krausneker, Verena:
bauer, 2008 (Beiträge zur Geschichte der Taubstumm bis gebärdensprachig. Die öster-
deutschsprachigen Literatur, Kontext 6) reichische Gebärdensprachgemeinschaft aus
(Thomas Bleicher, Mainz) 222 soziolinguistischer Perspektive. Klagenfurt:
Drava, 2006
Ikonomu, Demeter Michael: (Ulrike Eder, Wien) 241
Mehrsprachigkeit und ihre Rahmenbedin-
gungen. Fremdsprachenkompetenz in den Krech, Eva-Maria; Stock, Eberhard; Hirsch-
EU-Ländern. Frankfurt a. M.: Lang, 2008 (Eu- feld, Ursula; Anders, Lutz Christian:
ropäische Hochschulschriften, Reihe 21, Lin- Deutsches Aussprachewörterbuch. Berlin: de
guistik 321) Gruyter, 2009
(Joanna Kic-Drgas, Poznañ / Polen) 224 (Julia Settinieri, Bielefeld) 243
109

Kreuder, Hans-Dieter: Lüsebrink, Hans-Jürgen:


Studienbibliographie Linguistik. Mit einer Interkulturelle Kommunikation. Interakti-
Bibliographie zur Sprechwissenschaft von on, Fremdwahrnehmung, Kulturtransfer. 2.
Lothar Berger und Christa M. Heilmann. 4. Auflage. Stuttgart: Metzler, 2008
Auflage. Stuttgart: Steiner, 2008 (Ruth Bohunovsky, Curitiba/Brasilien) 265
(LesÙaw Tobiasz, Kattowitz/Polen) 246
Maierhofer, Waltraud; Klocke, Astrid:
Lahn, Silke; Meister, Jan Christoph: Deutsche Literatur im Kontext 1750––2000.
Einführung in die Erzähltextanalyse. Stutt- Newburyport, MA: Focus Publishing/R.
gart: Metzler, 2008 Pullins, 2008
(Bruno Roßbach, Seoul/Republik Korea) 248 (Susanne Even, Bloomington, IN/USA) 267

Mecklenburg, Norbert:
Lecke, Bodo (Hrsg.): Das Mädchen aus der Fremde –– Germanistik
Mediengeschichte, Intermedialität und Lite- als interkulturelle Literaturwissenschaft.
raturdidaktik. Frankfurt a. M.: Lang, 2008 München: Iudicium, 2008
(Beiträge zur Literatur- und Mediendidaktik (Thomas Bleicher, Mainz) 270
15)
(Manfred Kaluza, Berlin) 251
Mit Erfolg zum Zertifikat für Jugendliche.
Übungs- und Testbuch. Lösungsheft. Bickert,
Limbach, Jutta: Norbert; de Libero, Maria-Antonia; Cau, Anto-
Hat Deutsch eine Zukunft? Unsere Sprache nio. Mit Erfolg zum Goethe-Zertifikat B2.
in der globalisierten Welt. München: C. H. Übungsbuch. Frater, Andrea; Keller, Jörg;
Beck, 2008 Thabar, Angélique. Testbuch. Bauer-Hutz,
(Simone Schiedermair, Greifswald) 255 Barbara; Wagner, Renate. Mit Erfolg zum
Goethe-Zertifikat C1. Übungsbuch. Test-
Limbach, Jutta (Hrsg.): buch. Hantschel, Hans-Jürgen; Krieger, Paul.
Eingewanderte Wörter. Eine Auswahl der Stuttgart: Klett, 2008
schönsten Beiträge zum internationalen (Joanna Targoñska, Olsztyn/Polen) 273
Wettbewerb »Wörter mit Migrationshinter-
grund –– das beste eingewanderte Wort«. Möller, Steffen:
Ismaning: Hueber, 2008 Viva Polonia. Als deutscher Gastarbeiter in
(Manuela von Papen, London/ Polen. Frankfurt a. M.: Scherz, 2008
Großbritannien) 257 (Daniel Krause, Krakau/Polen) 276

Limbach, Jutta; Ruckteschell, Katharina von Moraldo, Sandro M. (Hrsg.):


(Hrsg.): Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit. Zur
Die Macht der Sprache. Berlin: Langen- Anglizismendiskussion in den Standardva-
scheidt, 2008 rietäten des Deutschen in Deutschland,
(Simone Schiedermair, Greifswald) 259 Österreich, der Schweiz und Italien. Heidel-
berg: Winter, 2008 (Sprache –– Literatur und
Geschichte 35)
Lodewick, Klaus: (Manuela von Papen, London/
DSH-Training. Aufbauprogramm Hörverste- Großbritannien) 277
hen und Wortschatz. Göttingen: Fabouda,
2008 Neuland, Eva:
(Elisabeth Lang, Szombathely/Ungarn) 262 Jugendsprache. Eine Einführung. Tübingen:
Francke, 2008
Lüger, Heinz H.; Rössler, Andrea (Hrsg.): (Martin Wichmann, Helsinki/Finnland) 280
Wozu Bildungsstandards? Zwischen Input-
und Outputorientierung in der Fremdspra- ¡New Amici! Deutsch––Chinesisch/Chine-
chenvermittlung. Landau: Verlag Empirische sisch––Deutsch. 525 Karten, 1 Spielbrett, 4
Pädagogik, 2008 (Beiträge zur Fremdspra- Spielsteine, 1 Würfel, Spielregeln & Mini-
chenvermittlung, Sonderheft 13/2008) Atlas. Ismaning: Hueber, 2008
(Ellen Tichy, Szeged/Ungarn) 263 (Eva Sommer, Wilhelmshaven) 282
110

Niemeier, Susanne; Diekmannshenke, Hajo Roche, Jörg:


(Hrsg.): Fremdsprachenerwerb und Fremdsprachen-
Profession & Kommunikation. Frankfurt didaktik. 2. Auflage. Tübingen: Francke, 2008
a. M.: Lang, 2008 (Forum Angewandte Lingu- (UTB 2691)
istik 49) (Martin Wichmann, Helsinki/Finnland) 305
(Sigrid Luchtenberg, Essen) 285
Scheller, Julija:
Animationen in der Grammatikvermittlung.
Olejarka, Anna: Multimedialer Spracherwerb am Beispiel
Die Wortbildungsregularitäten des Verbs und von Wechselpräpositionen. Berlin: LIT, 2008
ihre Umsetzung in didaktischen Grammati- (Csilla Puskás, Gießen) 307
ken für Deutsch als Fremdsprache. München:
Iudicium, 2008 Schmidt, Wilhelm:
(Markus J. Weininger, Florianópolis/Brasilien) 287 Deutsche Sprachkunde. Ein Handbuch für
Lehrer und Studierende. Mit einer Einfüh-
Ozan, Meral: rung in die Probleme des sprachkundlichen
Die ››tote‹‹ Seele. Die Brautwerbung als narra- Unterrichts. 8. Auflage. Paderborn: IFB, 2008
tiver Diskurs im Volksmärchen der deut- (Petra Szatmári, Szombathely/Ungarn) 310
schen und türkischen Erzählkultur. Mün-
chen: Iudicium, 2008 Schmölzer-Eibinger, Sabine:
(Erika Kegyes, Miskolc/Ungarn) 290 Lernen in der Zweitsprache. Grundlagen
und Verfahren der Förderung von Textkom-
petenz in mehrsprachigen Klassen. Tübin-
Pavlusova, Ingrid; Piretzi, Carola; Aykut, gen: Narr, 2008
Martha: (Imke Mohr, Wien) 312
Mama lernt Deutsch. Kursmaterial mit Au-
dio-CD. Stuttgart: Klett, 2008 Schulz, Renate A.; Tschirner, Erwin (Hrsg.):
(Dorothea Spaniel-Weise, Jena) 294 Communicating across Borders. Developing
Intercultural Competence in German as a
Peleki, Eleni: Foreign Language. München: Iudicium, 2008
Migration, Integration und Sprachförde- (Ruth Bohunovsky, Curitiba/Brasilien) 314
rung. Eine empirische Untersuchung zum
Wortschatzerwerb und zur schulischen Inte- Schwarz, Monika:
gration von Grundschulkindern. München: Einführung in die kognitive Linguistik. 3.
Meidenbauer, 2008 Auflage. Tübingen: Francke, 2008
(Sigrid Luchtenberg, Essen) 295 (Ioana B©l©cescu, Craiova/Rumänien; Bernd Stefa-
nink, Cluj/Rumänien, Bielefeld) 317

Pfau, Anita; Schmid, Ann: Seiffert, Christian:


22 Brettspiele Deutsch als Fremdsprache. Schreiben in Alltag und Beruf. Intensivtrai-
Stuttgart: Klett, 2008 ner A2/B1. Berlin: Langenscheidt, 2008
(Claudia Bolsinger, Hamburg) 298 (Sandra Ballweg, Darmstadt) 319

Richter, Julia: Staffeldt, Sven:


Phonetische Reduktion im Deutschen als L2. Einführung in die Sprechakttheorie. Ein
Eine empirische Querschnittsstudie. Balt- Leitfaden für den akademischen Unterricht.
mannsweiler: Schneider Hohengehren, 2008 Tübingen: Stauffenburg, 2008 (Stauffenburg
(Perspektiven Deutsch als Fremdsprache 22) Einführungen 19)
(Peter Paschke, Venedig/Italien) 299 (Magdalena Pieklarz, Olsztyn/Polen) 321

Stezano Cotelo, Kristin:


Rickheit, Gert; Strohner, Hans (Hrsg.): Verarbeitung wissenschaftlichen Wissens in
Handbook of Communication Competence. Seminararbeiten ausländischer Studieren-
Berlin: de Gruyter, 2008 (Handbooks of Ap- der. Eine empirische Sprachanalyse. Mün-
plied Linguistics [HAL] 1) chen: Iudicium, 2008 (Studien Deutsch 39)
(László Kovács, Szombathely/Ungarn) 303 (Katja Reinecke, Würzburg) 324
111

Stolze, Radegundis: Wellmann, Hans:


Übersetzungstheorien. Eine Einführung. 5. Deutsche Grammatik. Laut –– Wort –– Satz ––
Auflage. Tübingen: Narr, 2008 Text. Heidelberg: Winter, 2008
(Ioana B©l©cescu, Craiova/Rumänien; Bernd Stefa- (Petra Szatmári, Szombathely/Ungarn) 337
nink, Cluj/Rumänien, Bielefeld) 326
Wierzbicka, Mariola; Schlegel, Dorothee:
Sprechzeiten im Diskurs. Zum absoluten und
Tomita, Naoko: relativen Gebrauch der Tempora in der ge-
Der Informationsaufbau in Erzählungen. sprochenen deutschen Sprache. München:
Eine sprachvergleichende Untersuchung des Iudicium, 2008
Japanischen, des Deutschen und des Engli- (Markus J. Weininger, Florianópolis/Brasilien) 339
schen zum Einfluss von einzelsprachlichen
Systemeigenschaften auf die makrostruktu- Wiktorowicz, Józef:
relle Planung. München: Iudicium, 2009 Die Temporaladverbien im Frühneuhoch-
(Schriftenreihe des Instituts für Deutsch als deutschen (1500––1700). Tübingen: Narr, 2008
Fremdsprachenphilologie V) (Reinhard von Bernus, Berlin) 343
(Heiko Narrog, Sendai/Japan) 327
Wilden, Eva:
Selbst- und Fremdwahrnehmung in der in-
Tschirner, Erwin: terkulturellen Onlinekommunikation. Das
Grund- und Aufbauwortschatz. Deutsch als Modell der ABC’’s of Cultural Understanding
Fremdsprache nach Themen. Übungsbuch. and Communication Online. Eine qualitative
Berlin: Cornelsen, 2008 Studie. Frankfurt a. M.: Lang, 2008
(Seongho Son, Daegu/Süd-Korea) 329 (Gabriela Marques-Schäfer, Gießen) 345

Ullmann, Katja; Ampié Loría, Carlos: Yu, Xuemei:


Das A und O. Deutsche Redewendungen. Lernziel Handlungskompetenz. Entwick-
Stuttgart: Ernst Klett Sprachen, 2009 lung von Unterrichtsmodulen für die inter-
(Lutz Köster, Bielefeld) 331 kulturelle und handlungsorientierte Vorbe-
reitung chinesischer Studienbewerber auf
das Studium in Deutschland. München: Iudi-
Uslu, Zeki: cium, 2008
Türkçe-Almanca Karólaótrmal Temel Dil- (Eva Sommer, Wilhelmshaven) 347
bigisi. Grundriss der türkisch-deutschen
Kontrastiven Grammatik. Ankara: Ani Yayin- Zerwinsky, Susan (Hrsg.):
cilik, 2008 Lessing in Kabul. Deutsche Sprache, Litera-
(Anastasia kenyldz, Flensburg) 333 tur und Germanistik in Afghanistan. Mün-
chen: Iudicium, 2008
(Eva Sommer, Wilhelmshaven) 349
Warnke, Ingo; Spitzmüller, Jürgen (Hrsg):
Methoden der Diskurslinguistik. Sprachwis- Ziem, Alexander:
senschaftliche Zugänge zur transtextuellen Frames und sprachliches Wissen. Kognitive
Ebene. Berlin: de Gruyter, 2008 (Linguistik –– Aspekte der semantischen Kompetenz. Ber-
Impulse & Tendenzen 31) lin: de Gruyter, 2008 (Sprache und Wissen 2)
(ElČbieta SierosÙawska, Kraków/Polen) 335 (László Kovács, Szombathely/Ungarn) 351
113

Vorbemerkung

Die vorliegende Ausgabe der Kommen- wortlich und haben freie Hand, was die
tierten Auswahlbibliographie Für Sie ge- Art der Darstellung, die Ausführlich-
lesen bietet interessierten Leserinnen und keit und kritische Beurteilung betrifft.
Lesern im In- und Ausland Rezensionen Die Redaktion behält sich allerdings
zu 105 für das Fach Deutsch als Fremd- vor, die Buchbesprechungen redaktio-
sprache im engeren und weiteren Sinn nell zu bearbeiten, zu kürzen (bei grö-
relevanten Neuerscheinungen von Ah- ßeren Veränderungen nach Rückspra-
renholz bis Ziem, insbesondere aus dem che) oder nicht für den Druck freizuge-
Zeitraum 2008 bis 2009. ben. Allen Rezensentinnen und Rezen-
Es finden sich wieder zahlreiche Be- senten sei an dieser Stelle für ihre
sprechungen von Publikationen aus Mitarbeit gedankt.
den Bereichen Didaktik und Methodik Wir laden Sie herzlich ein, auch bei der
des Deutschen als Fremdsprache und nächsten Ausgabe von Für Sie gelesen
Zweitsprache, DaF-/DaZ-Lehrmateri- mitzuwirken. Während der Jahresta-
alien, allgemeine Sprachlehr-/-lernfor- gung des Fachverbandes Deutsch als Fremd-
schung, Fremdsprachendidaktik, Lite- sprache 2010 in Freiburg (13.5.––15.5.) kön-
raturwissenschaft, (angewandte) Lin- nen Sie sich in das dort ausliegende
guistik, Pädagogik, Psychologie, Kul- Exemplar der Auswahlbibliographie für
turwissenschaft, Interkulturelle Kom- Rezensionen eintragen. Anderenfalls
munikation, Medienwissenschaften, wenden Sie sich bitte an Frau Müller-
Fachsprachen. Dabei sollte es Aufgabe Küppers (Mainz), die weiterhin alle vor-
der Rezensentinnen und Rezensenten bereitenden, organisatorischen Arbeiten
sein, einen Bezug zum Fach Deutsch als von Mainz aus betreut und Rezensions-
Fremdsprache/Zweitsprache herzustel- wünsche entgegennimmt.
len. Alle Fragen, die die Gestaltung der Ma-
Dank des großen Interesses und der nuskripte betreffen, aber auch Rückmel-
Bereitschaft vieler Kolleginnen und Kol- dungen und Reaktionen zur vorliegen-
legen, an der Kommentierten Auswahlbi- den Kommentierten Auswahlbibliogra-
bliographie mitzuarbeiten, haben wir phie richten Sie bitte an Herrn Lutz
auch für diese Nummer wieder sehr Köster, Bielefeld.
viele, zum Teil sehr umfangreiche Rezen-
Zum Schluss sei noch den Verlagen für
sionen erhalten. Sie werden vielleicht die
die Bereitstellung von Rezensionsexem-
eine oder andere Besprechung eines Ih-
plaren gedankt. Ohne ihre Kooperation
nen sehr wichtig erscheinenden Buches
wäre diese Ausgabe von Für Sie gelesen
vermissen –– vielleicht ist dies der Anlass
nicht zustande gekommen.
für Sie, auch eine Rezension für Info DaF
zu schreiben?
Die Rezensentinnen und Rezensenten Bielefeld, im Februar 2010
sind für ihre Kommentare eigenverant- Dr. Lutz Köster
114

Kontaktadressen:
für Rezensionswünsche: für alle übrigen Fragen und Kommentare:
Dr. Evelyn Müller-Küppers Dr. Lutz Köster
Johannes Gutenberg-Universität Mainz Universität Bielefeld
Sprachlehranlage, Lehrgebiet Deutsch als Fakultät für Linguistik und Literaturwis-
Fremdsprache senschaft
E-Mail: kueppers@uni-mainz.de Deutsch als Fremd- und Zweitsprache
E-Mail: lutz.koester@uni-bielefeld.de
115

Ahrenholz, Bernt (Hrsg.): bar. Zum anderen ergänzen sich unter-


Empirische Befunde zu DaZ-Erwerb schiedliche Fragestellungen gegenseitig,
und Sprachförderung. Beiträge aus dem häufig von unterschiedlichen Personen
3. Workshop Kinder mit Migrationshin- fokussiert. Im aktuellen Sammelband
tergrund. Freiburg i. Br.: Fillibach, 2009. –– werden z. B. folgende Projekte vorge-
ISBN 978-3-931240-48-6. 336 Seiten, stellt:
€€ 23,00 –– Das Programm »Sag’’ mal was ––
Sprachförderung für Vorschulkinder«,
(Anastasia kenyldz, Flensburg)
das von der Forschergruppe um Wer-
Der interdisziplinäre Workshop Kinder ner Knapp wissenschaftlich begleitet
mit Migrationshintergrund hat sich mittler- wird. Mittels kontrastiver Videoana-
weile als das wichtigste reguläre For- lyse wird die Qualität von Sprachför-
schungstreffen im Bereich des Deutschen dersituationen anhand von bestimm-
als Zweitsprache (DaZ) etabliert. Im ten Kriterien wie den Gesprächsantei-
Workshop werden empirische Untersu- len von Förderkräften oder der Auf-
chungen zu zweitsprachlichen Erwerbs- merksamkeit der Kinder beurteilt. In
verläufen sowie wissenschaftlich beglei- einem zweiten Beitrag werden Erfah-
tete Sprachfördermaßnahmen vorgestellt rungen mit der Elternkooperation im
und deren Ergebnisse diskutiert. Programm geschildert.
Beiträge des dritten Workshops aus dem –– Das DFG-Projekt »Förderunterricht
Jahr 2007 werden im vorliegenden Sam- und Deutsch-als-Zweitsprache-Er-
melband von Bernt Ahrenholz präsen- werb« mit Dritt- und Viertklässlern, die
tiert. Wie schon in den vorausgegange- eine zusätzliche DaZ-Förderung erhiel-
nen Bänden (vgl. Ahrenholz 2006, 2008) ten. Beate Lütke untersucht Selbstkor-
ist darin eine spannende Mischung aus rekturen als Indikatoren von Sprachbe-
neueren Forschungsarbeiten zu unter- wusstheit bei Viertklässlern und bringt
schiedlichen Aspekten des DaZ-Erwerbs sie in Zusammenhang mit dem erprob-
und der DaZ-Förderung zu finden. Neu ten Förderansatz.
ist die Zuordnung einzelner Artikel nicht –– Das Förderprojekt »Deutsch & PC« an
nach thematischen Schwerpunkten, son- drei Frankfurter Grundschulen mit ei-
dern nach Altersgruppen der Probanden. nem hohen Migrantenanteil. Literali-
Es gibt folgende Bereiche: I. Kinder in tätsmerkmale in Lernertexten, die am
Kindergarten und Vorschule, II. Kinder Ende der ersten Klasse produziert wur-
in der Grundschule, III. Sekundarstufe –– den, werden von Wilhelm Grießhaber
Jugendliche sowie IV. Erwachsene. analysiert und mit den späteren
Neben neuen wissenschaftlichen Er- Deutschkenntnissen der Kinder in der
kenntnissen und didaktisch-methodi- vierten Klasse verglichen. Beatrix Heil-
schen Entwicklungen, die in den bisher mann beleuchtet langfristige Effekte
vorliegenden Sammelbänden aus dem des Projektes und geht der Frage nach,
Workshop systematisch dokumentiert wie die Deutschkenntnisse der ehema-
werden, ist die regelmäßige Berichter- ligen Förderkinder in der Sekundar-
stattung aus den Werkstätten größerer stufe I sind.
Forschungsprojekte als einmalig zu be- –– Das Essener Projekt zum Spracherwerb
zeichnen. Denn dabei wird zum einen von Aussiedlern aus der ehemaligen
der Forschungsprozess (von der Anlage Sowjetunion. Rupprecht S. Baur und
der Untersuchung über die Durchfüh- Aneta Nickel erforschen den Ausspra-
rung bis hin zur Datenauswertung) sicht- cheerwerb erwachsener russischspra-
116

chiger Deutschlerner und beschäftigen sil Schader), Mehrsprachigkeit aus der


sich mit den Akzentindikatoren. Sicht von Jugendlichen aus Migrantenfa-
Wegen des gemeinsamen Forschungsin- milien (Dietmar Rost).
teresses (vgl. kenyldz, im Druck) möch- Abschließend lässt sich festhalten, dass
te ich neben den oben erwähnten Beiträ- es wieder ein gelungener Sammelband
gen von Werner Knapp et al. auf zwei mit vielen interessanten Beiträgen ge-
weitere Forschungsberichte aus dem Ele- worden ist. Zu wünschen bleibt, dass der
mentarbereich eingehen: Workshop Kinder mit Migrationshinter-
Sevilen Demirkaya, Nazan Gültekin-Ka- grund auch weiterhin regelmäßig durch-
rakoç und Julia Settinieri reflektieren ihre geführt wird.
Erfahrungen mit dem Beobachtungsbo-
gen Sismik, die sie im Rahmen des MiKi-
Projektes zur vorschulischen Sprachför- Literatur
derung in Bielefeld sammeln konnten. Ahrenholz, Bernt (Hrsg.): Kinder mit Migra-
Methodische Probleme bei der quantita- tionshintergrund. Spracherwerb und Förder-
möglichkeiten. Freiburg i. Br.: Fillibach,
tiven Auswertung des Bogens und Opti- 2006.
mierungsvorschläge hinsichtlich der Ska- Ahrenholz, Bernt (Hrsg.): Zweitspracher-
lierung und der Itemformulierung wer- werb. Diagnosen, Verläufe, Voraussetzungen.
den thematisiert. Beiträge aus dem 2. Workshop Kinder mit
Maren Krempin, Vytautas Lemke und Migrationshintergrund. Freiburg i. Br.: Fil-
Kerstin Mehler stellen erste Ergebnisse libach, 2008.
aus dem Förderprojekt für Kindergarten- kenyldz, Anastasia: Wenn Kinder mit Eltern
gemeinsam Deutsch lernen: soziokulturell
kinder »Sprache macht stark!« vor. Ne- orientierte Fallstudien zur Entwicklung erst-
ben dem Förderkonzept werden Erfah- und zweitsprachlicher Kompetenzen bei rus-
rungen der Mütter, die an einer Eltern- sischsprachigen Vorschulkindern. Tübingen:
Kind-Gruppe teilnahmen, beschrieben. Stauffenburg (im Druck).
Anhand von fünf Sprachstandserhebun-
gen wird die Entwicklung der Verbsyn-
tax von zwei Kindern im vierten und
fünften Lebensjahr analysiert. Ahrenholz, Bernt; Bredel, Ursula; Klein,
Darüber hinaus gibt es im neuen Sam- Wolfgang; Rost-Roth, Martina; Skiba, Ro-
melband von Bernt Ahrenholz viele wei- muald (Hrsg.):
tere beachtenswerte Beiträge, die sich mit Empirische Forschung und Theoriebil-
folgenden Themenkomplexen beschäfti- dung. Beiträge aus Soziolinguistik, Ge-
gen: Sprachvorstellungen bei Kindern sprochene-Sprache- und Zweitspracher-
und Jugendlichen (Ingelore Oomen- werbsforschung. Festschrift für Norbert
Welke), Textverstehen (Hana Klages), Dittmar zum 65. Geburtstag. Frankfurt
Textproduktion rumänischer Kinder, ein- a. M.: Lang, 2008. –– ISBN 978-3-631-
sprachig deutscher Kinder und Migran- 56930-6. 366 Seiten, €€ 48,20
tenkinder im Vergleich (Stefan Jeuk), (LesÙaw Tobiasz, Kattowitz / Polen)
Altersfaktor (Giulio Pagonis), mündliche
und schriftliche Sprachproduktion von Das Buch ist die Festschrift zum 65.
Gymnasiasten (Carol W. Pfaff), Lese- und Geburtstag des deutschen Germanisten
Schreibberatung (Karl-Heinz Aschen- Norbert Dittmar. Den breit gefächerten
brenner, Alexandra Junk-Deppenmeier, Umfang seiner wissenschaftlichen Arbeit
Joachim Schäfer), albanisch-deutscher (Soziolinguistik, Erforschung des Zweit-
Sprachkontakt und Code-Switching (Ba- spracherwerbs und der gesprochenen
117

Sprache) lernt man in dem sehr über- chen in Mexiko einen voranschreitenden,
sichtlich strukturierten Abschnitt »Schrif- kaum aufzuhaltenden Prozess darstellt.
ten von Norbert Dittmar« (353––365) ken- Den Themenschwerpunkt »Gesprochene
nen. Den Hauptteil der Festschrift bilden Sprache, Sprachstruktur und Sprachge-
28 Beiträge, die von deutschen, italieni- brauch« eröffnet der Beitrag von Ad
schen, holländischen, japanischen, mexi- Foolen über neue Diskursmarker. Ursula
kanischen und ungarischen Sprachwis- Bredel erläutert den äußerst komplexen
senschaftlern verfasst wurden. Die Bei- intersubjektiven Charakter deiktischer
träge wurden in 4 Themenschwerpunkte Mittel. Peter Schlobinski zeigt anhand
eingeteilt: »Forschungsmethoden« (9–– von Beispielen der Mensch-Maschine-
55), »Soziolinguistik« (57––113), »Gespro- Dialoge, dass das Zeitalter der Künstli-
chene Sprache, Sprachstruktur und chen Intelligenz, die über das kommuni-
Sprachgebrauch« (115––161) und »Zweit- kative Interaktionsvermögen des Men-
spracherwerbsforschung« (163––352). Au- schen verfügt, noch in ferner Zukunft
ßer Deutsch (die Sprache der meisten liegt. Den Abschnitt schließt der Artikel
Artikel) gibt es im Buch Beiträge in von Petra Wieler ab, die interessante
Englisch und Italienisch. Vorschläge für lernförderliche Literatur-
Im Themenschwerpunkt »Forschungs- gespräche im Unterricht des Deutschen
als Muttersprache unterbreitet.
methoden« analysiert Christiane von
»Zweitspracherwerbsforschung« ist mit
Stutterheim kritisch komplementäre Me-
15 Artikeln der umfangreichste Schwer-
thoden in der Linguistik. Romuald Skiba
punkt des Buches. Eingeleitet wird er
hebt die Bedeutung des Internetzugangs
durch den Beitrag von Bernt Ahrenholz,
zu den Daten des ungesteuerten Zweit-
in dem nachgewiesen wird, dass Kinder
spracherwerbs hervor. Das narrative In-
schneller als Erwachsene das zentrale
terview als empirische Basis qualitativer
Wortstellungsmuster des Deutschen als
Forschung ist das Thema des Beitrags
Zweitsprache erwerben. Karin Birkner
von Marita Roth. Klaus Zimmermann
macht den Leser mit Beispielen von
wiederum setzt sich mit den Fragen der
Gesprächen bekannt, die das erfolgreiche
angewandten Linguistik auseinander. Lehren und Lernen fremder Wörter er-
Der Themenschwerpunkt »Soziolingui- möglichen. Heidi Byrnes sieht in den
stik« wird eingeleitet durch den Beitrag grammatischen Metaphern ein wichtiges
von Ruth Reiher über Kontaktanzeigen in Messinstrument der fremdsprachlichen
der DDR. Harald Weydt geht der Frage Lernerfolge. Im Mittelpunkt des Beitra-
nach, warum die deutsche Teilung so ges von Marina Chini stehen die Unter-
geringe sprachliche Spuren hinterlassen schiede im lexikalischen und morpho-
hat. Friederike Kern befasst sich mit dem syntaktischen Aufbau des Satzthemas in
Kontrast im Türkendeutschen. Massimo den Aussagen, die von Italienern und
Vedovelli lenkt die Aufmerksamkeit des Italienisch lernenden Ausländern produ-
Lesers auf die infolge der nationalen und ziert werden. Rainer Dietrich und Jürgen
sozialen Veränderungen neu zu definie- Weissenborn vergleichen den Verlauf der
rende Stellung des Italienischen in Italien Erwerbsprozesse im Erst- und Zweit-
und außerhalb Dantes Heimat. Roland spracherwerb. Christine Dimroth und
Terborg und Virna Velázquez beweisen Stefanie Haberzettl stellen unter Beweis,
in einer Analyse der negativen Einstel- dass sieben- bis neunjährige Kinder in
lungen zu der Indianersprache Otomi, den Anfangsphasen des Zweitspracher-
dass die Verdrängung der Indianerspra- werbs erfolgreicher sind als Kleinkinder
118

beim Erstspracherwerb. Anna Giacalone guistischer Fragenkomplexe ab. Viele


Ramat und Stefano Rastelli zeigen auf, Autoren gehen nicht nur sprachtheoreti-
welche Probleme den ausländischen Ler- schen Problemen auf den Grund, son-
nern das Beherrschen der italienischen dern stellen ebenfalls die Resultate der
Tempora und Aspekte bereitet. Fumiya eigenen experimentellen Forschungen
Hirataka versucht eine plausible Erklä- dar. Die besprochenen Experimente wur-
rung dafür zu liefern, warum sich bei den häufig in kleinen Gruppen von Ver-
japanischen Deutschlernern die Häufig- suchspersonen bzw. mit einzelnen Ler-
keit von Nachfragen nach dem Aufent- nern durchgeführt, so dass es den Verfas-
halt in Deutschland verringert hat. Peter sern in einem großen Maße gelungen ist,
Jordens, Ayumi Matsuo und Clive Per- den individuellen Charakter der fremd-
due unterziehen die Ähnlichkeiten und sprachlichen Erwerbsprozesse in den
Unterschiede im L1-Erwerb der gramma- Vordergrund der Forschungsarbeit zu
tischen Kategorie Abgeschlossenheit durch rücken. Das fundierte Wissen und die
Deutsche, Holländer, Franzosen und Ja- schlüssige Gedankenführung der Auto-
paner einer gründlichen Analyse. Ka- ren werden dem Leser in einer kompak-
thrin Kirsch weist auf die wichtige Rolle ten, stark mit wissenschaftlichen Fachter-
des multifunktionalen das ist bei russi- mini versetzten Sprache vermittelt, deren
schen Sprechern des Deutschen in sei- Verstehen eine sprachwissenschaftliche
nem Gebrauch als Diskursmarker und Vorbereitung erfordert (zum Teil auch
grammatischer Baustein hin. Wolfgang wegen der unterschiedlichen Sprachen
Klein bespricht unterschiedliche kontext- der Texte). Das Buch richtet sich somit
und situationsgebundene Interpretati- vor allem an Linguisten und Wissen-
onsvarianten des Satzthemas im Engli- schaftler aus den Nachbardisziplinen der
schen. Das wissenschaftliche Interesse Linguistik. Unter den vielen Beiträgen
von Martina Rost-Roth gilt dem zweit- finden sich aber auch solche (z. B. über
sprachlichen Erwerb der Interrogation im die Kontaktanzeigen in der DDR, die
Deutschen. Ulrich Steinmüller schreibt sprachliche Teilung in Deutschland oder
über Probleme, auf die ausländische Stu- die Verwendung von Nachfragen bei
dierende an den deutschen Hochschulen japanischen Deutschlernern), die ohne
wegen des unzulänglichen fachsprachli- Weiteres von sprachinteressierten Laien
chen Deutschunterrichts stoßen können. verfolgt werden können. Ein weiterer
Maik Walter und Karin Schmidt stellen Vorteil des Buches besteht in einem
unter Beweis, dass fortgeschrittene Ler- klaren Layout der einzelnen Artikel. Das
ner des Deutschen als Fremdsprache in Verstehen der Beiträge erleichtern oft
von ihnen verfassten Zusammenfassun- Tabellen, Beispielsätze und Beispieltexte.
gen fremder germanistischer Fachtexte Jedem Artikel ist eine themarelevante
deutlich häufiger einen Satz mit und Bibliographie angeschlossen, was eine
beginnen als muttersprachliche Autoren Vertiefung der in dem Beitrag besproche-
in den Abstracts ihrer Dissertationen. Der nen linguistischen Fragen ermöglicht.
Beitrag von Heide Wegener, in dem Ein wenig störend wirken auf den Leser
irreguläre Pluralformen beim Erwerb des lediglich Lektorierungsfehler auf den Sei-
Deutschen als Zweitsprache samt ihren ten 326 und 327 wie z. B. unterschied-licher
Entstehungsursachen erläutert werden, statt unterschiedlicher. Wünschenswert
schließt den Hauptteil des Buches ab. wäre auch das Anfügen des Pluralmor-
Die einzelnen Beiträge decken ein sehr phems -e an das Substantiv Projekt im
breites und interessantes Spektrum lin- Vorwort.
119

Diese kleinen Unzulänglichkeiten min- führt wurde und die eine genaue Analyse
dern keineswegs den Wert des Buches. Es der Sprachverwendung in Migranten-
stellt in der Breite der behandelten The- häusern ermöglicht.
men, in der Tiefe und Weise ihrer Schil- Im zweiten Teil werden die konzeptionel-
derung eine würdige Anerkennung für len Grundlagen der Sprachforschung fo-
die jahrzehntelange wissenschaftliche kussiert. Im ersten Artikel wird von der
Tätigkeit von Norbert Dittmar dar. Autorin (I. Oomen-Welke) der Sprach-
vergleich im Kopf der Lernenden disku-
tiert. Die Verfasserin kommt zu dem
Schluss, dass die erlernten Sprachen sich
Ahrenholz, Bernt; Oomen-Welke, Inge- gegenseitig beeinflussen. Oomen-Welke
lore (Hrsg.): betont, dass schon bei Kindern von
Deutsch als Zweitsprache. Baltmanns- Sprachdifferenzbewusstheit und Sprach-
weiler: Schneider Hohengehren, 2008 bewusstheit die Rede sein kann, differen-
(Deutschunterricht in Theorie und Praxis ziert dabei nach isolierenden und agglu-
9). –– ISBN 978-3-8340-0508-3. 510 Seiten, tinierenden Sprachen. M. Rost-Roth skiz-
€€ 36,00 ziert im folgenden Artikel, wie sich die
Sprachlehr- und -lernforschung als Un-
(Joanna Kic-Drgas, Poznañ / Polen)
tersuchungsgebiet etabliert hat, ferner
Das vorliegende Buch ist der neunte Titel diskutiert sie verschiedene Methoden der
des dreizehnbändigen Handbuchs Sprachforschung und ihre Effektivität.
Deutschunterricht in Theorie und Praxis. Im Beitrag »Zweitsprachenerwerbsfor-
Das Ziel der Serie ist, praxisorientierte schung« erörtert B. Ahrenholz die Pro-
Themen des Deutschunterrichts zu prä- zesse und Mechanismen des Erwerbs der
sentieren, wobei nicht nur die Komplexi- Nicht-Muttersprache und den Stand der
tät des Bereichs dargestellt, sondern auch Untersuchungen in Deutschland. S. Hol-
Anknüpfungen und Fundierungen in an- stein und D. Wildenauer-Józsa behan-
deren Wissenschaften gegeben werden deln in ihrem Artikel das Thema der
sollen. Der Band besteht aus sechs Teilen. Wissenskonstruktion. Die Autorinnen
Der erste Teil ist einer allgemeinen Refle- beschreiben komplexe Prozesse der Lern-
xion über Deutsch als Zweit- und Fremd- motivation und Volition. K. Schramm
sprache gewidmet. Im ersten Artikel weist in dem folgenden Beitrag auf die
versucht der Verfasser (B. Ahrenholz), Rolle und Bedeutung der Sprachlernstra-
die Begriffe Erstsprache, Zweitsprache und tegien für erfolgreiche Sprachlernpro-
Fremdsprache zu definieren. Der Autor zesse hin. K. Schramm unterscheidet
formt Kontraste, um die Unterschiede zwischen kognitiven, metakognitiven, af-
zwischen Begrifflichkeiten zu erläutern fektiven und sozialen Sprachlernstrate-
(z. B. Erstsprache, Zweitsprache), und gien, die mit Hilfe des CALLA-Modells
beschreibt diejenigen Faktoren (in dicho- (Cognitive Academic Language Learning
tomischen Paaren), die den Zweit- und Approach) illustriert werden. S. Luchten-
Erstspracherwerb beeinflussen. In den berg präsentiert eine kurze Geschichte
Fokus des zweiten Beitrags werden Über- des Begriffs Language Awareness und
legungen zur Mehrsprachigkeit bei Per- weist auf die Bedeutung im Bereich DaF
sonen mit Migrationshintergrund ge- und DaZ hin. Diesen Teil schließt der
stellt. Ch. Chlosta und T. Osterman stel- Beitrag von A. Holzbrecher zum Thema
len die Ergebnisse einer Studie vor, die an »Interkulturelles Lernen« ab. Der Verfas-
der Universität Essen-Duisburg durchge- ser knüpft an die Geschichte und das
120

Konzept des Begriffs der Interkulturellen gungen mit Beispielen von drei Kindern
Kommunikation an, weiter formuliert A. mit Migrationshintergrund und ihrem
Holzbrecher die didaktischen Ansätze schulischen Curriculum. Im nächsten Ar-
interkulturellen Lernens und führt ein tikel behandelt M. Ott das Thema inte-
»globales Lernen« als Teilbereich des grativer Konzepte im Rahmen des DaZ-
interkulturellen Lernens ein. Unterrichts. Die Autorin hebt hervor,
Der dritte Teil des Buches macht auf die dass »inhalts- und handlungsübergrei-
Problematik der Kompetenzbereiche im fende Integration lebensbereichsüber-
Unterricht aufmerksam. Den Teil eröffnet greifend sein kann« (208). Die Verfasserin
der Artikel von W. Knapp mit dem Titel zeigt so die Notwendigkeit eines interdis-
»Didaktische Konzepte Deutsch als ziplinären Vorgehens.
Zweitsprache«. Der Verfasser antwortet Weitere vier Beiträge ergänzen sich ge-
auf die Frage, wer zum Adressaten des genseitig. Sie behandeln die Entwicklung
Unterrichts im Deutschen als Zweitspra- der Lesekompetenz, des Schreibens, des
che wird. Gleichzeitig nennt er u. a. An- Wortschatzes und des Hörverstehens in
wendbarkeit, Zeitdruck und Heterogeni- der Zweitsprache Deutsch. Der Artikel
tät als Faktoren, die das DaZ-Lernen »Lesekompetenz in der Zweitsprache«
beeinflussen. Ferner behandelt der Autor konzentriert sich auf die kognitionspsy-
die Methodenkonzeptionen im Fremd- chologischen Grundlagen des Lesens
sprachenunterricht und versucht auf die und die Besonderheiten des Lesens in der
Schlüsselfrage zu antworten, ob »der Zweitsprache. W. Grießhaber verweist
Unterricht DaZ als gemeinsamer Unter- auf die didaktischen Aspekte der Ent-
richt oder gesonderter Förderunterricht« wicklung des Schreibens in der Primar-
(140) betrachtet werden soll. M. Lampar- und Sekundarstufe. E. Apeltauer nennt
ter-Posselt und S. Jeuk diskutieren in einige Faktoren, die eine erfolgreiche
ihrem Beitrag Sprachförderprogramme Wortschatzarbeit beeinflussen können, er
in verschiedenen Lernbereichen. Y. De- geht besonders auf die Verbindung von
cker stellt das Konzept der internationa- Wortschatzarbeit und Hörverstehen ein.
len Vorbereitungsklassen dar. Die Verfas- A. Müller reflektiert, dass »das Hören
serin charakterisiert die Klassen in Bezug auch beim Erwerb der Zweitsprache von
auf Nationalität, Sprachzugehörigkeit, besonderer Wichtigkeit ist« (253). Die
Aufenthaltsdauer in Deutschland und Autorin beschreibt die Förderprogram-
soziokulturellen Hintergrund; sie prä- me, Instrumente und Einflussfaktoren,
sentiert eine breite Vielfalt der im DaZ- die die Entwicklung des Hörverstehens
Unterricht angewandten Methoden. unterstützen. Im Weiteren definieren Ch.
Zwei weitere Beiträge bilden eine Ganz- Chlosta, A. Schäfer, R. S. Baur den Begriff
heit. Im ersten wird die mündliche Pro- Fehler und nehmen eine Fehlerklassifika-
duktion von Kindern und Jugendlichen tion vor. Ferner präsentieren sie Schritte
mit Migrationshintergrund untersucht. der Fehleranalyse und Vorgehensweisen
B. Ahrenholz analysiert die Ergebnisse zur Fehlerbehebung. Ch. Chlosta und A.
der Untersuchung unter Berücksichti- Schäfer beschreiben im nächsten Artikel
gung von Aussprache, Lexik, Morpholo- die Ergebnisse empirischer Studien zum
gie und Syntax. Der Artikel von M. Ott Thema Sprache im Fachunterricht. Zu-
widmet sich der Situation von Zwei- letzt weisen M. Krüger-Portratz und L.
sprachlern in der Sekundarstufe in Supik auf die Notwendigkeit der Aus-
Deutschland, Österreich und in der und Fortbildung der Lehrkräfte für den
Schweiz. Die Autorin belegt ihre Überle- Unterricht Deutsch als Zweitsprache hin.
121

Der vierte Teil des Buches ist der Metho- sprachliche Anforderungsniveau in inte-
dik und dem Medieneinsatz im DaZ- grierenden bzw. separierenden Unter-
Unterricht gewidmet. K. Kuhs diskutiert richtsformen zu den wichtigsten Ein-
in ihrem Beitrag Eigenschaften und Aus- flussfaktoren. A. K. Krehut und I. Dirim
wahl der Lehrwerke und Unterrichtsma- benennen in ihrem Beitrag die Begriffe
terialien für die schulische Vermittlung Code-switching und Code-mixing als Merk-
von DaZ. Der nächste Artikel behandelt male des außerschulischen Sprachge-
Methoden zur Vermittlung von DaZ. Die brauchs. Die Autoren argumentieren,
Verfasserinnen gehen auf die Bedeutung dass bei zunehmender Anzahl der mehr-
der Anpassung bestimmter Methoden sprachigen Kinder die pädagogische
auf die Bedürfnisse einzelner Lerner ein. Nutzung der außerschulischen Interak-
E. Karagiannakis unterstreicht die Rolle tionen an Bedeutung gewinnt. Ferner
des Einsatzes von Lernspielen im bespricht H. Reich Sprachstandserhebun-
Deutsch-als-Zweitsprache-Unterricht. gen im ein- und mehrsprachigen Kon-
Die Autorin gibt viele Beispiele verschie- text. Der letzte Artikel dieses Teils ist der
dener Spielformen und praktische Hin- Sprachmessung und Sprachförderung
weise zur Anwendung. J. Roche plädiert mit dem C-Test gewidmet. Die Autoren
in seinem Beitrag für die Nutzung der (R. S. Baur, M. Speimann) stellen die
Medien »in authentischen Kontexten und Konstruktion des C-Tests dar und weisen
zur Brückenbewältigung des Alltags« auf die Vorteile der Sprachstandsmes-
(357). Er unterstreicht, dass E-Mails, sung mit Hilfe des C-Tests hin, wobei
Chat-Beiträge oder Forum-Beiträge sich auch authentische Beispiele der Anwen-
zur Entwicklung der Sprachfertigkeit dung von C-Tests angeführt werden.
eignen. Der letzte Teil des Buches präsentiert
Der fünfte Teil des Buches behandelt Modelle und Konzepte für eine mehr-
Zweitsprachlernen und Leistungsmes- sprachige Schule. H. Reich verschafft in
sung. I. Oomen-Welke stellt in ihrem seinem Beitrag einen Überblick über die
Beitrag die Sprachvorstellungen ein- und Geschichte und die Grundlagen des Her-
mehrsprachiger SchülerInnen dar. Die kunftssprachenunterrichts in Deutsch-
Schlussfolgerungen der Autorin basieren land und stellt Unterrichtsangebote für
auf einer Feldstudie der Pädagogischen Migranten in Deutschland, Österreich
Hochschule Freiburg. Es ergab sich, dass und in der Schweiz dar. H. Rösch be-
»die Kinder die Präkonzepte zu Sprachen spricht in ihrem Artikel verschiedene
und Sprachenlernen konstruieren, woran Formen der Förderung von Deutsch als
ihre Bedürfnisse im Feld des Lernens Zweitsprache. Die Autorin differenziert
anknüpfen« (382). B. Hufeisen zeigt, wel- DaZ-Kurse, DaZ als Fachunterricht in
che Bedeutung die Entwicklung der Mo- Schulkonzepten und DaZ-Unterricht in
delle von multiplem Sprachenlernen für Realschulen. Die Autorin vergleicht in
Lernende, Curricula, Lehr- und Lernmit- tabellarischer Form Lehr- und Integrati-
tel haben kann. Im folgenden Beitrag onsprinzipien und stellt ein Konzept der
konzentriert sich K. Kuhs auf die Ein- Lernbegleitung für DaZ vor.
flussfaktoren auf die schulische L2-Kom- P. Nauwerck postuliert ein Konzept vor-
petenz von SchülerInnen mit Migrations- schulischer Begegnungen mit der Spra-
hintergrund. Die Verfasserin zählt die che. Die Überlegungen der Autorin ba-
Integration von Migrantenschülern, ihre sieren auf den Ergebnissen eigener empi-
Kontakte mit muttersprachlich deut- rischer Studien in der Grenzregion Ba-
schen Mitschülern sowie das inhaltlich/ den/Elsass. Im folgenden Artikel wird
122

die Frage der Sprachenvielfalt im Kon- Linguistik zur Problemlösung. Aus die-
text der Sprachendidaktik aufgeworfen. ser Perspektive heraus soll auch das
Die Autorin I. Oomen-Welke konzen- Handbook of Interpersonal Communication
triert sich auf die Lehrperson und fordert Wissensgebiete der angewandten Lingui-
ein Sensibilisierungsprogramm, das das stik in Hinsicht auf ihr Potential darstel-
Entziffern der Bedürfnisse der Lernen- len, Beschreibungen, Analysen, Erklä-
den vereinfachen soll. Der letzte Artikel rungen und Lösungen für sprachbezo-
behandelt das Thema der zwei- und gene Probleme zu liefern.
mehrsprachigen Schulen; sie werden laut Die zwischenmenschliche Kommunika-
G. Siebert-Ott zum »europäischen Bil- tion wird als beständiger Austausch
dungsziel« (495). (»game«, 1) unter den sprachlich han-
Angesichts der Komplexität des Untersu- delnden Akteuren angesehen –– ein Pro-
chungsfeldes stellt das Buch einen wich- zess, in welchem die Feinabstimmung
tigen Beitrag zur Debatte um Deutsch als des individuellen Sprachgebrauchs fort-
Zweitsprache dar. Der durchdachte Auf- während auf die Probe gestellt wird. Auf
bau des Buches ermöglicht eine schnelle dieser Feinabstimmung oder Feineinstel-
Orientierung, zahlreiche praktische Bei- lung (»fine-tuning«, 1) liegt der Fokus
spiele und Beschreibungen empirischer des hier vorgestellten Bandes, der sich an
Studien bereichern die Arbeit. folgenden Fragen orientiert: Wie drücken
Aus diesem Grund kann dieses Buch sich die zwischenmenschlichen Bezie-
verschiedene Adressaten erreichen, nicht hungen in der Sprache aus und welche
nur Lehrer und Linguisten, sondern auch Rolle spielt die Sprache in diesen Bezie-
Studenten der Philologie. hungen? Welche Probleme tauchen in der
zwischenmenschlichen Kommunikation
auf und welche sprachlichen Mittel und
Strategien werden eingesetzt, diese zu
Antos, Gerd; Ventola, Eija (Hrsg.): lösen?
Handbook of Interpersonal Communi- Mögliche Wege, auf diese Fragen Ant-
cation. Berlin: de Gruyter, 2008 (Hand- worten zu finden, werden in dem Hand-
books of Applied Linguistics [HAL] 2). –– buch in vier Abschnitten behandelt: I.
ISBN 978-3-11-018830-1. 600 Seiten, Theorien, Methoden und Instrumente; II.
€€ 198,00 Linguistische und multisemiotische Res-
sourcen und ihr Zusammenwirken; III.
(Katja Reinecke, Würzburg)
Zwischenmenschliche Kommunikation
Interpersonal Communication ist der zweite zwischen Funktion und Störung (»on-
Teil einer auf neun Bände angelegten track and off-track«, 3); IV. Bearbeitung
Handbuchreihe zur angewandten Lin- von konversationellen Strategien. Die ge-
guistik bei de Gruyter. Die Herausgeber nannten Titel wie auch alle Beiträge sind
der Reihe, Karlfried Knapp und Gerd in Englisch abgefasst.
Antos, verorten die angewandte Lingui- Sehen wir im Folgenden eine stichwort-
stik nicht als autonome Forschungsdiszi- artige Übersicht der einzelnen Kapitel
plin und schreiben ihr kein klar begrenz- und behandelten Themen. Teil I beginnt
tes Untersuchungsfeld zu. Stattdessen mit einem Beitrag zur Sozialpsychologie
bezeichnen sie die angewandte Linguis- von Pitts und Giles, welche für eine
tik als »[……] a specific, problem-orien- Fokussierung auf Alltagszusammenhän-
tated way of ››doing linguistics‹‹ related to ge in unterschiedlichen menschlichen Be-
the real world« (xi). Mit anderen Worten: ziehungen plädieren. Day und Wagner
123

geben im folgenden Kapitel eine eher kurses behandelt Fox Aspekte von recipi-
grundlegende Einführung in die Eth- ent design und turn-Organisation, um die
nomethodologie und die Konversationsana- große Bewusstheit seitens des Sprechers
lyse. Hinsichtlich der Frage, was die gegenüber seinem Hörer aufzuzeigen. In
interaktionale Soziolinguistik zu den For- Face-to-face Kommunikation und Körper-
schungsperspektiven der angewandten sprache betont Thibault die Gegenseitig-
Linguistik beitragen kann, argumentiert keit und Kooperation der Kommunikati-
Günther im dritten Beitrag sowohl für die onsteilnehmer bei der Bedeutungskon-
theoretischen als auch die methodologi- struktion. Im Folgebeitrag analysiert
schen Perspektiven dieser Fachrichtung. Thimm die wachsende Bedeutung der
Ihre Stärke stamme vor allem aus der technologisch gestützten Kommunikation
integrativen Betrachtung kommunikati- mit Beispielen aus den Diensten Facebook,
ver Praktiken, kulturellen Wissens und YouTube, studiVZ u. a. Der Beitrag von
gesellschaftlicher Phänomene. In Kapitel Ravelli und Stenglin zur räumlichen Se-
5 stellt Barth-Weingarten das jüngere miotik fokussiert auf nicht-linguistische
Forschungsfeld der interaktionalen Lingui- semiotische Systeme und beschließt den
stik vor, welches die Autorin als (noch) zweiten Teil.
nicht völlig autonom von der angewand- Mitherausgeber Tilo Weber ist der Ver-
ten Gesprächsforschung betrachtet, aber fasser des ersten Beitrags in Teil III, in
dessen spannendes Entwicklungspoten- welchem ein geschichtlicher Überblick
tial sie diskutiert. Die systemisch-funktio- über die Erforschung von Alltagskommu-
nale Linguistik wird von Thompson und nikation und Socializing sowie neuere An-
Muntigl präsentiert. Die Autoren sehen sätze in diesem Bereich vorgestellt wer-
den Vorteil dieses auf Halliday zurück- den. Muntigl behandelt im Anschluss
zuführenden Ansatzes in seinen Basiska- sprachwissenschaftliche Ansätze in Bera-
tegorien, aufgrund derer sprachliche Ele- tung, Diagnose und Therapie. Androutsop-
mente in bestimmten Kontexten ausge- oulos und Georgakopoulou zeigen u. a.
wählt werden. Redder schließt ihre Dar- das Verhältnis von Alter und Gender als
stellung zur Funktionalen Pragmatik mit Desiderat der Erforschung von Youth,
einem Vergleich: »[S]prachliche Hand- discourse and interpersonal management
lungsmuster sind Tiefenstrukturen, die auf. Im letzten Kapitel von Teil III tragen
unseren sprachlichen Zwecken zugrunde Korpijaakko-Huuha und Klippi mit Be-
liegen. Ähnlich der Grammatik einer trachtungen des gesunden Alterns wie
Sprache sind sie –– gesellschaftliche –– auch von Sprache und Demenz zur Dis-
Problemlösungen« (154; Übersetzung kussion von Sprache und Diskursfertigkei-
K. R.). Deppermann und Schütte schlie- ten älterer Menschen bei.
ßen den ersten Teil des Handbuchs mit Teil IV enthält weitere vier Beiträge:
einem Beitrag zu Daten und Transkription einen Artikel von Locher zur Beziehungs-
ab. arbeit, Höflichkeit und Identitätskonstrukti-
Teil II wird eröffnet von Seltings Behand- on, in welchem die Autorin betont, dass
lung der linguistischen Ressourcen für die Identität in und durch Interaktion gebil-
Steuerung der Interaktion, in welcher die det werde (emergiere). Darauf folgt
Suche nach Annäherungspunkten und Brock, der die Untersuchung von Humor,
Integration zwischen sprachlichem und Witzen und Ironie vs. Spott, Klatsch und
anderen Verhalten in der Interaktion als schwarzem Humor in linguistischen An-
eine grundlegende Aufgabe bezeichnet sätzen beschreibt. Den appraisal-theoreti-
wird. Unter dem Titel Dynamik des Dis- schen Ansatz zur Beschreibung von Spre-
124

chereinstellungen in der Untersuchung Intensivkurse für ausländische Studie-


von Lob und Tadel, Applaus und Gering- rende an Universitäten, nicht nur in
schätzung –– Solidarität, Hörerschaftpositio- Deutschland.
nierung und die Linguistik wertender Dispo- Mich hat beim Lesen nicht ausschließlich
sition präsentiert White im vorletzten die Tatsache, dass es derartige ergänzen-
Kapitel. Teil IV und das Handbuch enden de Kursangebote für Kinder und Jugend-
mit Schröders und Krajewskis Arbeit zu liche mit Migrationshintergrund gibt, an-
Schweigen und Tabu unter dem Aspekt des gesprochen; kurz gesagt, es ist eine aus-
Tabubruches, insbesondere in der inter- schließlich positiv einzuschätzende »Bil-
kulturellen Kommunikation. dungsmaßnahme«, obwohl man kritisch
Damit umfasst das Handbuch eine große hinzufügen könnte, dass es den Schulen
Bandbreite von Forschungsansätzen und nicht nur in den Herbst- oder Sommerfe-
-themen, die von namhaften Linguistin- rien gelingen sollte, hinreichende didak-
nen und Linguisten einführend und ver- tische Angebote für die besagte Ziel-
tiefend dargestellt werden. gruppe anzubieten. Aber viel mehr noch
ist die Konzeption dieser Intensivkurse
hervorzuheben.
Spinner (7 ff.) unterscheidet in seinem
Ballis, Anja; Spinner, Kaspar (Hrsg.): Beitrag hinsichtlich der didaktisch-me-
Sommerschule, Sommerkurse, Summer thodischen Konzeptionen explizites und
Learning. Deutsch lernen im außerschu- implizites Lernen, wobei auch Mischfor-
lischen Kontext. Baltmannsweiler: men möglich sind. Unter explizitem Ler-
Schneider Hohengehren, 2008. –– ISBN nen »ist bewusste Spracharbeit gemeint,
978-3-8340-0376-8. 160 Seiten, €€ 16,00 z. B. Übungen zur Lexik, zur Morpholo-
gie, zur Syntax und zur Rechtschreibung,
(Ellen Tichy, Szeged / Ungarn)
die systematisch strukturiert sind« (8).
Der vorliegende Sammelband umfasst Implizites Lernen erfolgt durch die An-
neun Beiträge zu Sommerschulen, die in eignung von Sprache in konkreten, erleb-
außerschulischen Kontexten an unter- ten Zusammenhängen, schafft eine moti-
schiedlichen Orten in Deutschland vierende Arbeitsatmosphäre und wird
durchgeführt worden sind, sowie eine häufig im Rahmen von Projekten durch-
Bibliographie, die allerdings unkommen- geführt (vgl. 9). Die größte Wirkung auf
tiert ist. Zielgruppe der hier aufgeführten das Sprachlernen wurde bei solchen Kon-
Sommerschulen sind Kinder und Ju- zeptionen festgestellt, die implizites und
gendliche mit Migrationshintergrund, explizites Lernen miteinander kombinie-
die zur Unterstützung des Zweitsprach- ren.
erwerbs in den Schulferien, d. h. im Som- Sowohl für den Unterricht im Bereich
mer oder Herbst, an eigens für sie einge- Deutsch als Zweitsprache als auch
richteten Intensivsprachkursen zur Deutsch als Fremdsprache –– im In- und
Sprachförderung teilnehmen. Diese In- Ausland –– bieten die in diesem Sammel-
tensivprogramme finden in Schulland- band skizzierten Sommerschulen viele
heimen oder ähnlichen Einrichtungen Anregungen für den eigenen Unterricht.
mit Übernachtung oder auch vor Ort in Auf einige der Beiträge möchte ich kurz
Freizeit- oder Bildungseinrichtungen eingehen.
ohne Übernachtung statt (vgl. 7). Vorbild Mehr als eine Sommerschule ist das von
für diese Intensivkurse sind Summer Stanat, Baumert und Müller vorgestellte
Learning-Programme aus den USA und Jacobs Sommercamp in Bremen (14––32).
125

Hier »handelt es sich primär um ein Der Beitrag von Kniffka mit dem Thema
Forschungsprojekt, das der Forschungs- »Deutsch als Zweitsprache lernen im
bereich Erziehungswissenschaft und Bil- Museum« (54––75) stellt bei ihrem explizit
dungssysteme des Max-Planck-Instituts und implizit orientierten Lernansatz für
für Bildungsforschung entwickelt hat« Schüler(innen) der Sekundarstufe I den
(14). Zielgruppe dieses Projekts waren Praxis- und Erfahrungsgewinn von Lehr-
Bremer Grundschüler aus zugewander- amtsstudierenden in den Vordergrund,
ten und sozial benachteiligten Familien. die in Sommerschulen u. a. lernen kön-
Das Konzept dieser Sommerschule ver- nen, »Deutsch-als-Zweitsprache-Unter-
folgte einen sowohl impliziten (Theater- richt für einen längeren Zeitraum zu
workshop) wie expliziten Ansatz (DaZ- planen und pro Woche bis zu 20 Stunden
Unterricht) und bot Freizeitaktivitäten eigenständig zu unterrichten, [……] mit
an. In ihren Forschungsergebnissen wei- vorgefertigtem Unterrichtsmaterial um-
sen die Autoren darauf hin, dass beson- zugehen, [……] Projektkompetenz zu er-
ders die Kombination von expliziter und werben bzw. vorhandene Kompetenzen
impliziter Sprachförderung zu positiven auszubauen« (55f.).
Ergebnissen geführt hat und dass es in Auch bei dieser Sommerschule fällt wie
der pädagogischen Forschung an Evalua- bei vielen anderen auf, dass am Ende des
tionsstudien mangelt, die die Effizienz Projekts eine Präsentation steht, wie z. B.
von Sprachlernangeboten im DaZ-Be- ein Kriminalhörspiel, ein Videofilm, eine
reich untersuchen. eigene Homepage, häufig auch bei ande-
ren Sommerschulen die Theatervorfüh-
Bei den von Rösch vorgestellten Mercator-
rung. Die auch hier neben dem expliziten
Feriencamps in Berlin (33––53) mit der Lernen stehende implizite Projektarbeit
Zielgruppe der Sekundarstufe I steht die »ermöglicht viele reale, authentische
konzeptuelle Schriftlichkeit in unter- Kommunikationssituationen. Sie erlaubt
schiedlichen Kursangeboten im Vorder- in hohem Maße die Verbindung von
grund –– ein nachvollziehbarer Ansatz, da sprachlichem und fachlichem Lernen«
ein Mangel in diesem Kompetenzbereich (58).
häufig für Bildungsdefizite verantwort- Dass Sommerschule nicht mit schuli-
lich ist. Nicht nachvollziehbar ist dage- schem Unterricht gleichzusetzen ist, wird
gen für mich, dass die Autorin als Ziel in dem Hamburger TheaterSprachcamp
setzt, »die Schüler(innen) in die Lage zu von Laackmann (76––92) hervorgehoben;
versetzen, auch in mündlichen Situatio- von Unterrichts- und Pausenzeiten wird
nen konzeptionell schriftlich zu inter- hier nicht gesprochen, die Schüler(innen)
agieren« (34). Bei den nachfolgend aufge- sind Forscher(innen), die in der Forscher-
führten Sprachstrukturen kann ich in werkstatt Sprache »Sprachforschung« be-
erster Linie die Forderung nach mehr treiben und in der Theaterwerkstatt
Normadäquatheit erkennen. Besonders Theater spielen (vgl. 81).
hervorzuheben ist bei der Darstellung Zusammenfassend lässt sich sagen, dass
dieses Camps der Kurs zur Berufsorien- in den dargestellten Sommer- bzw.
tierung für die 9. und 10. Jahrgangsstufe, Herbstschulen ohne Ausnahme positive
der auf den Übergang in die berufliche Erfahrungen gemacht wurden. Dies liegt,
Bildung vorbereiten soll. Diese Ziel- wie schon erwähnt, an der Konzeption
gruppe wird bei allen anderen Sommer- der Curricula, die explizites und implizi-
camps in diesem Band nicht berücksich- tes Lernen sowie Freizeitaktivitäten mit-
tigt. einander kombinieren. Auch Studie-
126

rende der Germanistik bzw. des Faches keit«, zu »Medialem« sowie zu »Empiri-
Deutsch als Zweit- und Fremdsprache schem und Methodischem«, alles Berei-
können von der Praxiserfahrung in Som- che, in denen Seibert einschlägig publi-
merschulen lernen, wenn diese Praktika, ziert hat, »Brücken zu einigen Nachbar-
was notwendig ist, theoretisch vor- und disziplinen« der Literaturwissenschaft
nachbereitet werden bzw. begleitet wer- geschlagen werden. Mit Hilfe von »in-
den. ter- bzw. transdisziplinären Ansätzen«
Ich kann diesen Sammelband allen emp- wollen die Autoren »der traditionellen
fehlen, die selbst eine Sommerschule Literaturwissenschaft neue Forschungs-
planen, aber auch DaZ- und DaF-Lehr- gebiete erschließen«, so der Klappen-
kräften, die didaktisch-methodische An- text.
regungen für einen Unterricht suchen, Diesem innovativen Anspruch werden
der authentische Lernarrangements, viele Beiträge weitgehend gerecht. Es
kreative Ideen und eine motivierende können im Folgenden jeweils nur reprä-
Arbeitsatmosphäre bevorzugt. Auch aus sentative Beispiele herausgegriffen wer-
einer Forscherperspektive ist dieser Band den. Stefan Greifs (Kassel) vergleichende
interessant zu lesen, aus dieser aber –– Studie zu Johann Gottfried Herder und
bezogen auf Ergebnisse –– eher ernüch- dem Schriftsteller, Musiker und Disk-
ternd oder, anders gewendet, inspirie-
Jockey Thomas Meinecke trägt auf inno-
rend, wenn man bedenkt, welche For-
vative Weise zur Korrektur des her-
schungsdesiderate bei Beschulungsmo-
kömmlichen Herder-Bildes bei, indem
dellen und Curricula im DaZ-Bereich
Greif »transkulturelle« Elemente in Her-
(vgl. den Mangel an Evaluationsstudien
ders kulturphilosophischem Werk her-
zur Effizienz von Sprachlernangeboten)
vorhebt: Er befreie »die Begriffe Kultur,
der Band offenlegt.
Nation und Fremdheit von allen regiona-
len, ethnischen, rassischen, religiösen
und politischen Festschreibungen« (36).
Greif sieht bei Herder Gedankenfiguren
Barsch, Achim; Scheuer, Helmut; Schulz,
Georg-Michael (Hrsg.): präfiguriert, welche »Transkulturalität
Literatur –– Kunst –– Medien. Festschrift [……] als zeitlich unabschließbaren Prozess
für Peter Seibert zum 60. Geburtstag. wechselseitiger Fremderfahrung« umrei-
München: Meidenbauer, 2008 (Kontext ßen (32), und plausibilisiert so den ge-
8). –– ISBN 978-3-89975-130-7. 564 Seiten, wagten Vergleich zu ähnlichen Ansätzen
€€ 49,90 in Meineckes The Church of John F. Ken-
nedy.
(Florian Gräfe, Guadalajara / Mexiko) Anhand eines Transfers von »erzähltheo-
Die Festschrift für den Literaturwissen- retischen Kategorien«, welche durch
schaftler Peter Seibert (Kassel) lässt sich Analyse »fiktionaler Prosa« erarbeitet
als Einblick in ein ambitioniertes For- wurden, auf »massenmediale Publizi-
schungsprogramm lesen, zu dem 34 stik« (447) gelingt es Nikola Roßbach
Forscher aus Kassel und weiteren vor (Darmstadt), am Beispiel der journalisti-
allem deutschen Universitäten in Form schen Behandlung des Mordes an Ru-
von Aufsätzen beitragen: Entsprechend dolph Moshammer in der BILD-Zeitung
dem Titel des umfangreichen Bandes anschlussfähige interdisziplinäre Ansät-
sollen in vier Sektionen zu »Literari- ze einer »narratologischen Medienana-
schem«, »Geselligkeit und Öffentlich- lyse« (457) zu entwerfen.
127

Das von den Herausgebern der Fest- durch die längst fällige Aufwertung des
schrift angekündigte Ziel, transdiszipli- historisch »späten« Mediums Fernse-
näre Anschlüsse an die Literaturwissen- hen, indem sie die ästhetischen Qualitä-
schaft darzulegen, lösen einige Artikel ten ausgewählter Fernsehkrimis
trotz ihrer unbestreitbaren methodisch (Prümm) und der Situationskomödie
innovativen Stoßrichtung freilich noch (Seifener) herausarbeiten. Prümm zeigt,
nicht ein. So beschreibt Winfried Nöth wie herkömmliche Raster des Krimi-
(Kassel) »metaphorische Modelle der Genres durch deutsche Regisseure »auf
Verräumlichung« (261) kultureller Alte- subtile Weise aufgenommen und in in-
rität und skizziert schließlich eine novativer Weise abgewandelt« werden
»Theorie vom kulturellen Selbst als ei- (428). Auf ähnliche Weise spielen, so
nem Spiegelbild des Anderen, eines Seifener, amerikanische Sitcoms mitun-
Selbst, welches dieses Anderen zur Kon- ter raffiniert mit »medialen Stereoty-
stituierung des Eigenen überhaupt be- pen«, wodurch die Illusion »durch die
darf [……]« (266). Auf engem Raume Herausstellung von Fernseh- und auch
bietet Nöth eine Vielfalt an theoreti- Filmzitaten bewusst unterlaufen und
schen Reflexionen, deren Relevanz für durchbrochen« wird (485). Einem philo-
die Literaturwissenschaft der Autor logisch geprägten Leser beider Artikel
selbst freilich nicht mehr ausführt. Auch drängen sich Parallelen zur Literaturge-
die Einführung Manfred Kammers schichte geradezu auf. Intertextuelle
(Halle) in das seit 2003 in rasantem Anspielungen auf die eigene Gattungs-
Zuwachs begriffene Phänomen eines geschichte sind in der fiktiven Literatur
Parallel-Lebens im Internet (››Second schließlich quer durch die Epochen
Life‹‹) konzentriert sich auf die »wissen- gang und gäbe. Ein Methodentransfer
schaftliche Diskussion« zu den »ökono- bzw. -austausch zwischen der Literatur-
mischen als auch [……] pädagogischen und der Medienwissenschaft ist daher
Komponenten« des Lebens in virtuellen wünschenswert, ja geboten, um konver-
Welten (348). Wie gewinnbringend ein gente Ergebnisse beider Forschungsge-
interdisziplinärer Brückenschlag von biete zu verzahnen.
Kammers Ausführungen zur literari- Der literarischen Interpretation im her-
schen Analyse in einer Anschlussunter- kömmlichen Sinne und mit den gängigen
suchung sein dürfte, zeigt seine Schluss- Methoden widmen sich Aufsätze aus der
bemerkung: Ein aktives Einbringen in Sektion »Literarisches«: Die solide Ana-
das ››Second Life‹‹, so der Autor, könne lyse intermedialer Elemente im Werke
als »››Zweite Chance‹‹ für im realen Le- Charles Baudelaires (Wolfgang Drost,
ben verpasste oder erst gar nicht oder Siegen), Heinrich Manns (Michael
noch nicht eingelöste Handlungsmög- Grisko, Lübeck) und Georg Büchners
lichkeiten« fungieren (349). Ist die ima- (Ariane Martin, Mainz) erweitert das
ginäre Erprobung von nicht realisierten Werkverständnis des jeweiligen Dichters.
Handlungen nicht seit jeher auch an- Die außerordentliche Vielfalt der ver-
thropologisch begründetes Merkmal sammelten Beiträge bringt es mit sich,
von fiktiver Literatur? dass unvermerkt inhaltliche Schwer-
Den Bezug zur Literaturwissenschaft punkte entstehen, welche teils quer zu
formulieren auch die medienanalyti- den Sektionsvorgaben der Herausgeber
schen Beiträge von Karl Prümm (Mar- liegen. Auffällig häufig wiederholen
burg) und Christoph Seifener (Seoul) sich in dem Sammelband Ansätze inter-
nicht explizit. Dafür überzeugen beide kultureller Forschung. Neben Herders
128

››Transkulturalität‹‹ (Greif) wird nach der Barz, Irmhild; Fix, Ulla (Hrsg.):
Funktion von Heinrich Heines Person Fachtextsorten –– gestern und heute. In-
und Werk für die Etablierung einer grid Wiese zum 65. Geburtstag. Frank-
»eigenen, spezifisch amerikanischen furt a. M.: Lang, 2008 (LASK 15). –– ISBN
Nationalliteratur« (225) gefragt (Daniel 978-3-631-56527-8. 209 Seiten, €€ 39,00
Göske, Kassel). Winfried Nöths theoreti-
(Karl-Walter Florin, Waltrop)
sche Annäherung an die »räumliche
Repräsentation des kulturell Anderen« Zu den akademischen Gepflogenheiten
findet sein Pendant in der filmhistori- der Universität Leipzig gehört es, ihre
schen Untersuchung von Wolfgang Professor(inn)en mit einen Fachkollo-
Fuhrmann (Kassel) zu deutschen Kolo- quium zu verabschieden. Das Buch
nialfilmen, bei denen es nämlich um die Fachtextsorten stellt die Beiträge zusam-
»Auseinandersetzung zwischen einer men, die zu Ehren der Germanistin,
überlegenen deutschen Kultur und ih- Linguistin und Fachsprachenforscherin
ren Tugenden und einer Kultur, deren Ingrid Wiese gehalten wurden. Die insge-
Unterlegenheit es keinen Beweises be- samt 18 Beiträge verdeutlichen nicht nur
durfte«, geht (332). Bei Sandra Nuys die Bedeutung der Fachsprachenfor-
(Siegen) »Mediengeschichte der Holo- schung, sondern öffnen den Blick auf die
caust-Komödie« liegt die interkulturelle vielfältigen Aspekte dieses Forschungs-
Relevanz des Themas auf der Hand, gebietes: historische Entwicklung von
wenn auch die Autorin dies nicht aus- Fachtexten, Lexikologie, Textsortenfor-
drücklich vermerkt: Von den zwölf Wer- schung, mündliche und schriftliche Kom-
ken, die Nuy ausführlicher behandelt, munikation, Wortbildungsprozesse bis
stammen fünf von Regisseuren nicht- hin zu der Verwendung von Dialekten in
deutschsprachiger Herkunft, ein weite- Fachtexten.
rer Film entstand 1942 im US-amerikani- Ausgangspunkt ist die Laudatio von
schen Exil (Ernst Lubitsch, To be or not to Prof. Dr. Dr. h. c. Hartwig Kalverkäm-
be). Die kulturelle Außensicht, so ist zu per. Er betrachtet die Laudatio als
vermuten, erlaubt es bisweilen früher Fachtext und analysiert sie in Bezug auf
und unbefangener, »Komik als eine Art ihre Funktion, Ziele und ihre Wirksam-
Medium für die Verständigung über keit auf die Zuhörer. Das, was der
den Umgang mit der Vergangenheit« Lobrede oft abgesprochen wird, näm-
einzusetzen (416). lich »Wahrhaftigkeit«, findet Kalver-
Die Festschrift Literatur –– Kunst –– Medien kämper allerdings durch die »Dialogizi-
ist dank ihrer inhaltlichen Offenheit in tät« gewährleistet, die in der Auseinan-
hohem Maße fachlich anregend und dersetzung mit einem bekannten Ge-
durchgängig interessant zu lesen. Die genstand stattfindet. Bei der Präsentati-
titelgebenden Fluchtlinien sorgen dafür, on der Lobrede kommt es auf das Wie
dass das voluminöse Werk inhaltlich und an; es soll dem Gegenstand angemessen
methodisch nicht ausufert. Dem an aktu- sein und zielt somit auf »das Schöne«
ellen Forschungstendenzen interessier- (19). Vor dem Hintergrund der Begriffe
ten Literatur-, Kultur- und Medienwis- Wahrhaftigkeit, Dialogizität und Schönheit
senschaftler mag der Band daher gera- beschreibt Kalverkämper die wissen-
dezu als Handbuch des interdisziplinä- schaftliche Leistung von Ingrid Wiese.
ren Grenzgangs dienen, welches zu wei- Ihr Weg hat sie sehr früh zur medizini-
terführenden Anschlussforschungen ein- schen Fachsprache geführt und sie zur
lädt. Expertin für Sprache und Kommunika-
129

tion im Sachgebiet Medizin gemacht. 14 verschiedene Ebenen, beginnend bei


Besonders in den letzten Jahren hat sie der interkulturellen bis hin zur phone-
sich der »Fachmann-Laie-Kommunika- tisch-phonologischen.
tion« zugewandt und so einen entschei- Der für mich interessanteste Artikel
denden Beitrag geleistet, das Informati- stammt von H. Poethe und behandelt
onsgefälle zwischen Medizinern und »Wissensvermittlung und Verstehenssi-
Laien abzubauen. Wie es sich gehört cherung« in der fachinternen Kommuni-
und der Person angemessen ist, glänzt kation. Am Beispiel des Buches Deutsche
die Laudatio durch ihren geschliffenen Satzsemantik (1988) von Peter von Polenz
Stil. erläutert sie, wie innerhalb eines Faches,
Die im Buch versammelten Fachbeiträ- hier der Sprachwissenschaft, Wissens-
ge umfassen unterschiedliche Aspekte transfer stattfindet. Eine Besonderheit
der Fachtextforschung. In diachroner von Lehrwerktexten ist, dass nicht nur
Sicht werden die Fachtextproduktion fachspezifisches Wissen vermittelt wird,
(»Kompilieren, Klassifizieren, Contraf- sondern auch die Lernenden mit den
actieren«, V. Hertel), eine Orthogra- Denkstrukturen eines Faches vertraut
phielehre (»Buchstabierbüchlein«, F. gemacht werden und das Wissen gesi-
Eisermann und H. U. Schmidt) und chert wird. Diese asymmetrische Kom-
munikationsstruktur muss der Textpro-
Geometriebücher (»Visierbücher«, G.
duzent mit berücksichtigen. von Polenz
Schuppener) aus der Zeit des Frühneu-
geht auf diese Situation ein, indem er sie
hochdeutschen vorgestellt. Auffällig ist
metakommunikativ reflektiert. Seine
die zielgruppenbezogene, pragmatische
Darstellung verzichtet auf die Eineindeu-
Gestaltung und der an konkreten Pro-
tigkeit der Terminologie und verwendet
blemen orientierte Inhalt dieser Texte.
bewusst Doppel- und Mehrfachtermino-
Einen interessanten Einblick in die Ent-
logien, so dass sogleich die Theorieab-
wicklung der Textsorte Antrag/Gesuch
hängigkeit des Fachwortschatzes deut-
gibt der Beitrag von Ch. Kessler. Sie
lich wird. Durch die zusätzliche Verwen-
analysiert unter dem Aspekt »Text als
dung und Erläuterung des allgemeinwis-
Handlung« Gesuche aus der Zeit zwi- senschaftlichen Wortschatzes baut er so-
schen 1793 bis 2005 und hebt die kultu- wohl Wissen als auch Terminologie auf
relle Geprägtheit dieser Textsorte her- und sichert beides durch Doppelbenen-
vor. nungen und Erklärungen. Eine solche
Von sprachdidaktischem Interesse ist Strategie ist sicherlich nur selten konse-
der Beitrag von K.-D. Baumann. Er quent in Büchern umgesetzt, aber sie
beschreibt ein Modell zur »kommunika- zeigt, was Fachtextproduzenten ziel-
tiv-kognitiven« Analyse, in dem die gruppenspezifisch berücksichtigen soll-
Phasen der Produktion von Fachtexten ten.
detailliert aufgeschlüsselt sind. Die Zwei Artikel beschäftigen sich mit unter-
F a c h s p r a c h e n f o r s c h un g u n d d i e schiedlichen Aspekten der Wortbildung.
Fachtextlinguistik hat zu dem Ergebnis Am Beispiel der Blumengattungen Gera-
geführt, dass Fachtexte interdisziplinär nium und Veronica skizzieren K. Hämmer
und unter Berücksichtigung ihrer »viel- und M. Weigel die Motivierung von
schichtigen Vernetzung« (112; Hervorhe- fachsprachlichen und alltagssprachli-
bung im Text, KWF) als Fachtexte-in- chen Benennungen der untergeordneten
Vernetzung betrachtet werden müssen. Arten in der Biologie. A. Seiffert be-
Für die Analyse kommt der Autor auf schreibt am Beispiel des »Bundeseltern-
130

geld- und Elternzeitgesetzes« die »Ent- Bausch, Karl-Richard; Burwitz-Melzer,


stehung eines Wortbildungsnestes« im Eva; Königs, Frank G.; Krumm, Hans-
Bereich des Rechtes. Neue Sachverhalte Jürgen (Hrsg.):
erfordern eine neue Begrifflichkeit, so Fremdsprachenlernen erforschen:
dass plötzlich eine große Zahl neuer sprachspezifisch oder sprachenüber-
Wörter um diesen Sachverhalt herum greifend? Arbeitspapiere der 28. Früh-
kreiert wird. jahrskonferenz zur Erforschung des
Die letzten drei Artikel befassen sich mit Fremdsprachenunterrichts. Tübingen:
disparaten Themen. D. Stellmacher ana- Narr, 2008 (Giessener Beiträge zur
lysiert die Verwendung des Niederdeut- Fremdsprachendidaktik). –– ISBN 978-3-
schen in Informationstexten. Er überprüft 8233-6424-5. 228 Seiten, €€ 32,00
die Wirkung auf die Leser(innen), wenn (Michaela Haberkorn, Regensburg)
sie im Dialekt zu einem »sparsamen und
umweltbewussten Energieverbrauch« Die 28. Frühjahrskonferenz zur Erfor-
(157) aufgerufen werden. schung des Fremdsprachenunterrichts an
der Justus-Liebig-Universität Gießen war
G. Yos widmet sich den Partikeln und
der Frage gewidmet, wie das Verhältnis
untersucht ihren Einsatz in der fachex-
zwischen sprachspezifischen, auf eine
ternen Kommunikation. Medizinisches
bestimmte Sprache bezogenen, und spra-
Wissen wird häufig über Zeitschriften
chenübergreifenden, nicht auf eine spezi-
wie die Apotheken Umschau verbreitet.
elle Sprache gerichteten Konzepten im
Eine genauere Betrachtung zeigt, dass
Hinblick auf die Erforschung des Lernens
in einer Reihe schriftlicher Textsorten
und Lehrens von Sprachen und die Aus-
(z. B. Kolumnen, Erfahrungsberichte,
bildung künftiger Fremdsprachenlehren-
Ratgebertexte, Interview-Texte, Werbe-
der einzuschätzen sei. Die Beiträge waren
anzeigen) häufig Partikeln eingesetzt
anhand von vier Leitfragen gestaltet: Die
werden, die landläufig als Indikatoren
erste Frage ging von der These aus, dass
für mündliche Kommunikationen gel-
ein wesentlicher Teil der Diskussion in
ten.
den mit dem Fremdsprachenunterricht
Wiederum einen völlig anderen Aspekt befassten Wissenschaften sprachenüber-
behandelt C. Weinreich. Sie widmet sich greifend ohne Bezug auf eine spezifische
der »Visualisierung in medizinischen Fremdsprache verläuft. Es sollte disku-
Fachzeitschriften« bei der fachinternen tiert werden, welche Perspektiven dies
Kommunikation. Sie stellt fest, dass in für Ausbildung und Forschung eröffnet.
den letzten 30 Jahren der »Einsatz von Als zweite Leitfrage wurde erörtert, in
Abbildungen, Zeichnungen, Tabellen, welchen Forschungsbereichen oder bei
Schemata, Fotografien, Karten und Dia- welchen Fragestellungen ein sprachen-
grammen« (183) kontinuierlich abge- übergreifender oder ein sprachspezifi-
nommen hat, ohne diese Entwicklung scher Zugang weiter führt. Drittens
plausibel erklären zu können. wurde erläutert, welche Bedeutung die
Die Festschrift für Ingrid Wiese gibt Diskussionen über Themen wie Kompe-
einen guten Einblick in die Vielfalt der tenzmodelle, (Bildungs-)Standards, CLIL
aktuellen Fachsprachenforschung und (Content and Language Integrated Learning)
würdigt damit zugleich die Leistung und bzw. bilingualen Sachfachunterricht so-
den Einfluss der Jubilarin. Das Buch ist wie Fremdsprachenfrühbeginn im Zu-
eher für Fach- als für Didaktikinteres- sammenhang mit sprachenübergreifen-
sierte von Belang. den bzw. sprachspezifischen Konzepten
131

haben. Als vierte Leitfrage sollten sich die deutlich wird, lässt sich in Bezug auf
Tagungsteilnehmer dazu äußern, welche sprachenübergreifende und sprachspezi-
forschungsmethodischen Konsequenzen fische Konzepte ähnlich wie bei anderen
sich einerseits aus einem stärker spra- Themen (z. B. Lernziele, Methodik, Leh-
chenübergreifenden, andererseits aus ei- rerrolle) eine Pendelbewegung feststel-
nem sprachspezifischen Ansatz ergeben. len, wobei sich in gewissen zeitlichen
Die Ergebnisse waren jeweils anhand Abständen der Schwerpunkt des Interes-
eigener Forschungsprojekte zu explizie- ses verschiebt. Derzeit rücken politische
ren. Dokumente zur Mehrsprachigkeit sowie
Ein Überblick über die Beiträge gelangt die Bemühungen des Europarats um
zu dem Fazit, dass die meisten Forscher vernetztes Sprachenlernen verstärkt
unter sprachspezifisch und sprachenüber- sprachenübergreifende Konzepte in den
greifend keine dichotomischen Begriffe Blick, dennoch betont Gnutzmann die
verstehen. Der eine oder andere Beiträger Komplementarität der beiden Zugänge.
favorisiert in Hinblick auf den jeweiligen Hermann Funk unterscheidet mehrere
Forschungsgegenstand zwar eher einen Ebenen der Forschungs- und Ausbil-
sprachspezifischen oder sprachenüber- dungsperspektiven, in denen die sprach-
greifenden Zugang, die meisten plädie- spezifischen und sprachenübergreifen-
ren allerdings für eine Sichtweise, welche den Ansätze jeweils unterschiedliche Ge-
die beiden Ansätze als komplementär wichtung erhalten. Dabei prognostiziert
auffasst und Forschungsfelder gemäß Funk, dass vor allem sprachenübergrei-
einer Bottom-up- oder Top-down-Perspek- fende, universelle Modelle der Kognition
tive auf einem Kontinuum zwischen den wesentliche Impulse für die zukünftige
beiden Begriffen einordnet. Forschung geben werden.
Ausgehend von seinen Forschungen im Adelheid Hu vertritt die Meinung, dass
Bochumer Tertiärsprachenprojekt weist lernerorientierte Forschung immer eher
Frank G. Königs in seinem Beitrag »Das sprachenübergreifende Aspekte wie zum
eine tun, ohne das andere zu lassen!« Beispiel Mehrsprachigkeit, Mehrkultura-
(118) darauf hin, dass die Frage nach der lität, language awareness und Sprachlern-
Spezifik des Gegenstandes, also die Frage biographien im Blick hat. Ein Rückblick
nach der Spezifik des Fremdsprachenun- auf die Forschungsansätze im Kontext
terrichts und seiner Erforschung, nicht des Lehrens und Lernens zeigt meist eine
einfach zu beantworten ist. Alle For- sprachenübergreifende Ausrichtung –– so
schung lässt sich auf einem Spektrum wollte Noam Chomsky (1965, 1972) mit
verorten, das zwischen den beiden Polen seiner Universalgrammatik universelle
einer grundsätzlich sprachspezifischen Kennzeichen des menschlichen Geistes
und einer grundsätzlich sprachenüber- beschreiben; ebenso waren die Konzepte
greifenden Ausrichtung der Forschung des kommunikativen Fremdsprachenun-
beliebig viele Abstufungen zulässt, wenn terrichts von Piepho (1974) oder des Task
beispielsweise aus einer Forschung, die Based Learning von Ellis (2003) sprachen-
zunächst einen sprachspezifischen Ge- übergreifend gedacht. Dennoch räumt
genstand im Fokus hat, generelle Aussa- Hu ein, dass Generalisierungen immer
gen abgeleitet werden. Ob ein sprachspe- nur eine begrenzte Gültigkeit besitzen
zifischer oder ein sprachenübergreifen- und empirisch an konkreten Einzelspra-
der Zugang jeweils weiter führt, hängt chen überprüft werden müssen. Auch
von den Zielsetzungen und Erwartungen der Beitrag von Herbert Christ beginnt
ab. Wie im Beitrag von Claus Gnutzmann mit einem historischen Rückblick auf die
132

Entwicklung der Geschichte des Fremd- Mehrere Autoren des Bandes beschäftigen
sprachenunterrichts und der Fremdspra- sich mit der hervorgehobenen Rolle des
chendidaktik, der zeigt, dass bis ins 20. Englischen als Lingua franca. So unter-
Jahrhundert Fremdsprachen im Plural sucht Rüdiger Ahrens anhand der aktuel-
als linguae erforscht wurden. Er stellt das len Publikationslage zur englischen Fach-
Forschungsprogramm einer Didaktik der didaktik, in deren Titeln sehr häufig ein
Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität Abzielen auf den Fremdsprachenunter-
vor, das sowohl sprachenübergreifend richt generell anklingt, ob es Universalis-
als auch sprachspezifisch, kulturenüber- men im Englischunterricht gibt. Zwar tritt
greifend und auch kulturspezifisch ange- Ahrens für spezifische Ziel- und Inhalts-
legt ist. Es beruht auf der anthropologi- vorgaben des Englischunterrichts ein und
schen Annahme, dass der Mensch von plädiert insgesamt für eine stärkere Beto-
seiner Anlage her mehrsprachig und nung des sprachspezifischen Ansatzes,
offen für Kommunikation mit anderen dennoch bleibt die Bedeutung der Lern-
Kulturen ist. Christ bezieht sich dabei universalien für die fachdidaktische For-
auch auf Franz-Joseph Meißners Konzept schung seiner Meinung nach unbestritten.
des »interkomprehensiven Lernens«, in Ein sprachenübergreifendes Konzept ver-
welchem die scheinbar gegensätzlichen wirklicht der Gemeinsame Europäische Refe-
Begriffe sprachspezifisch und sprachenüber- renzrahmen für Sprachen (GER), der ein ein-
greifend in der Synthese aufgehoben sind.
heitliches Schema zur Beschreibung von
Franz-Joseph Meißner beschäftigt sich in
Sprachkompetenzen zur Verfügung stellt.
seinem Aufsatz mit dem Verhältnis zwi-
In mehreren Beiträgen wird der GER als
schen Fremdsprachenlernen zu kommu-
Paradebeispiel für ein sprachenübergrei-
nikativen Zwecken versus Fremdspra-
fendes Projekt angeführt. Mehrfach wird
chenunterricht als Ziel und Mittel forma-
aber im Tagungsband kritisch angemerkt,
ler Bildung. Der Mehrsprachenansatz
dass der Europäische Referenzrahmen noch
führt zu positiven Rückwirkungen auf
einzelsprachliche Didaktiken und ihre zu wenig Wert auf Sprachmittlung in
Erforschung; so kann man etwa eine mehrsprachigen Konstellationen, Transfer
Progressionsbeschleunigung bei der zwischen mehreren Sprachen und Dezen-
zweiten, dritten oder gar vierten Fremd- trierung durch das Gewinnen von Multi-
sprache durch interkomprehensiv ba- perspektivität legt. Jürgen Quetz wirft in
sierte, an das Vorwissen der Lerner an- diesem Zusammenhang die kritische
knüpfende Lehrstrategien nachweisen. Frage auf, ob es sich um einen Gemeinsa-
Claudia Riemer macht darauf aufmerk- men europäischen Referenzrahmen für
sam, dass sich selbst in der Fachliteratur Sprachen oder für Englisch handelt, wird
eine sprachenübergreifende Darstellung doch bei der Beschreibung der Deskripto-
aus einzelsprachlich angelegten empiri- ren nur wenig auf sprachlich-kulturelle
schen Arbeiten ergibt. Gerade die Inter- Besonderheiten eingegangen (Graphem-
komprehensionsforschung hat laut Rie- system, Textsorten). Auch bei den Bil-
mer interessante Einsichten in die Trans- dungsstandards werden unterschiedliche
ferbasen vor allem bei Sprachen dersel- Voraussetzungen nicht genügend berück-
ben Sprachfamilie geliefert, und es ist sichtigt, zum Beispiel kommen beim Fran-
nachgewiesen, dass Lerner beim Spra- zösischen andere Anforderungen bezüg-
chenlernen ganz bewusst bereits vorhan- lich sprachlicher Korrektheit zum Tragen
dene Sprachlernerfahrungen und Fremd- als beim Englischen als plurizentrischer
sprachenkompetenzen nutzen. Sprache.
133

Wolfgang Hallet macht darauf aufmerk- Sprache. Sicher sind in der universitären
sam, dass die Diskussion um sprachspezi- Fremdsprachenlehrerbildung sprachen-
fische und sprachenübergreifende Fremd- übergreifende Aspekte von Bedeutung,
sprachenlernforschung auch vor dem um den Studierenden den Blick für an-
Hintergrund hochschulpolitischer Struk- dere Sprachen zu öffnen und Gemein-
turentscheidungen und der Zuweisung samkeiten in Bereichen wie Fremdspra-
personeller und finanzieller Ressourcen chenvermittlungsmethoden, Lernstrate-
innerhalb der Universitäten geführt wird gien, Leistungsmessung etc. zu erken-
und ein politisches Interesse an der Zu- nen; dennoch muss in der Lehrerbildung
sammenfassung der Einzelsprachdidakti- den kulturellen und linguistischen Spezi-
ken zu Lehrstühlen der Fremdsprachendi- fika genügend Raum gegeben werden.
daktik besteht. Dennoch scheint es sinn- Daniela Caspari erläutert, wie sich die
voll, im Hinblick auf eine allgemeine Ver- traditionellen, schulfachbezogenen Di-
knappung der Ressourcen mögliche Syn- daktiken von ihrem Verständnis her ge-
ergieeffekte zu nutzen. Auch Friederike wandelt haben, indem sie sich nicht mehr
Klippel beurteilt in ihrem Beitrag interdis- nur als Umsetzungs- und Vermittlungs-
ziplinäre Forschung und arbeitsteilige wissenschaft fremdsprachiger Einzelphi-
Verfahren in der Lehre als notwendig und lologien sehen, sondern als Wissenschaft
sinnvoll, doch erfordert die fachdidakti- mit sprachenübergreifendem Gegen-
sche Kompetenz eine solide Basis in den standsbereich. Caspari hält eine sinnvolle
Disziplinen. Dietmar Rösler wirft die Arbeitsteilung und mehr sprachenver-
Frage auf, wo ein sinnvolles Zusammen- gleichende bzw. sprachenübergreifende
spiel einzelsprachübergreifender und ein- Forschungsprojekte unter Beteiligung
zelsprachspezifischer Forschung stattfin- von Experten aus verschiedenen Spra-
det und wo es zu unangemessener Kon- chen prinzipiell für begrüßenswert; ohne
zentration auf eine der beiden Perspekti- eine spezifische Differenzierung, Kon-
ven gekommen ist. So wurde beispiel- kretisierung und Überprüfung für eine
weise im Bereich Deutsch als Fremdspra- einzelne Sprache werden die Ergebnisse
che bei der Erforschung der Bedeutung allerdings schnell zu allgemein oder gar
des Englischen für DaF vergessen, dass in beliebig. Wesentlich ist für Caspari, dass
verschiedenen institutionellen und kultu- die einzelnen Fremdsprachen ein eigenes
rellen Kontexten nicht von einer gleich sta- Profil entwickeln, das den Unterricht in
bilen Kenntnis des Englischen als erster dieser Sprache unverwechselbar macht.
Fremdsprache ausgegangen werden Aus dem Bereich der Forschungspraxis
kann. Nicht immer ist eine allgemeine stellt Karin Kleppin unter anderem als Bei-
kommunikative Orientierung sinnvoll, spiele für eine sprachenübergreifende
man müsste eigentlich sprach- und ziel- konzeptuelle Entwicklung die Sprachlern-
gruppenspezifisch differenzieren. beratung sowie das von der Mercator-Stif-
Helmut Johannes Vollmer vertritt die tung geförderte Projekt »Sprachförderung
Ansicht, dass alles Fremdsprachenlehren für Kinder mit Migrationshintergrund«
und -lernen im Prinzip sprachspezifisch vor. Auch für Britta Hufeisen ist die
ist. Denn im Zentrum aller Bemühungen Sprachlernberatung ein gelungenes Bei-
um das bessere Verständnis vom Lernen spiel für sprachenübergreifende Herange-
und Lehren von Fremdsprachen steht die hensweisen. Sie plädiert für sprachen-
gezielte Beschreibung, Analyse und Be- übergreifendes Forschen, Lehren und Ler-
wertung von konkreten Prozessen und nen, ohne dabei die Sprachspezifik außer
Produkten beim Erwerb einer einzelnen Acht zu lassen. Für Paul R. Portmann-Tse-
134

likas bilden die Begriffe sprachspezifisch zifischen oder sprachenübergreifenden


und sprachenübergreifend in der Forschung Ansatzes als relevant. Für Karl-Richard
keine klare Trennlinie, im Unterricht da- Bausch stellen die beiden Begriffe sprach-
gegen stellen sie antagonistische Kon- spezifisch und sprachenübergreifend zwei
zepte dar. Der schulische Fremdsprachen- curriculare Planungskriterien dar und
unterricht muss zunächst zielsprachenori- bilden die zentralen Säulen der curricula-
entiert sein, dann aber auch der Förde- ren Entwicklungsarbeit. Wesentliches
rung von Sprachenbewusstheit, dem Ziel ist die sprachenübergreifende Ver-
Transfer zwischen Sprachen und der Re- netzung der sprachlichen Curricula unter
flexion über unterschiedliche kulturelle Berücksichtigung der zuvor gelernten
Bedeutungszuweisungen dienen. Man- und potentiell noch zu erlernenden Spra-
fred Raupach widmet sich der Frage, ob chen. Dies erfordert einerseits einen
Fremdsprachenlehrer als Spezialisten neuen Lehrplantypus, der integrativ, das
oder als Generalisten zu betrachten sind. heißt sprachen- und stufenübergreifend
In erster Linie sind sie Experten, die aber operiert, und andererseits auch eine stär-
aus neueren bildungspolitischen Anfor- kere Verzahnung der herkömmlichen
derungen heraus den Blick auf Mehrspra- monolingualen Fachkonferenzen.
chigkeit zu weiten haben. Der Beitrag von Lothar Bredella merkt kritisch an, dass die
Jörg Roche greift das Thema von Instruk- Trennung zwischen sprachenübergreifen-
tion versus Immersion im Fremdspra- den und sprachspezifischen Komponen-
chenunterricht auf und gelangt zu dem ten in der Fremdsprachendidaktik wenig
Schluss, dass (muttersprachliche) Instruk- sinnvoll ist, da diese beiden Begriffe aus
tion und (zielsprachliche) Immersion hermeneutischer Sicht notwendigerweise
komplementär aufzufassen sind, wobei aufeinander bezogen sind. Sprachenüber-
eine Optimierung des Spracherwerbs greifende Erziehungs- und Bildungsziele
durch Nutzung mehrsprachiger Ressour- können sprachenübergreifend formuliert
cen erstrebenswert ist. werden, sind aber in der jeweiligen Unter-
Im Tagungsband werden mehrere Instru- richtspraxis nur sprachspezifisch zu ver-
mente der Mehrsprachigkeitsdidaktik wirklichen, wenn es um den Erwerb von
und ihre Bedeutung für den Fremdspra- Kompetenzen geht, die zur Teilnahme an
chenunterricht vorgestellt. Eine wesentli- privaten und öffentlichen Diskursen der
che Neuerung in der Unterrichtspraxis, Gesellschaft befähigen. Bredella bemerkt
die sich der Mehrsprachigkeitsdidaktik zu Recht: »Man kann nicht Sprachen an
verdankt, ist der bilinguale Sachfachun- sich lernen und sprachenübergreifend
terricht (CLIL), der in besonderer Weise vorgehen, sondern man kann nur einzelne
das Verhältnis und die Wechselwirkun- Sprachen lernen und sie erfordern unsere
gen zwischen Wissensaufbau und ganze Aufmerksamkeit, auch wenn dabei
Sprachlichkeit berücksichtigt und kon- Sprachenübergreifendes zur Sprache
trastiv-vergleichendes Arbeiten fördert. kommt.« (26) Aus einem ähnlichen Blick-
Eva Burwitz-Melzer stellt das Sprachen- winkel beleuchtet Wolfgang Zydatiß das
portfolio als Medium des Fremdspra- Problem der unzureichenden Ausbildung
chenunterrichts vor. Die Forschungsdis- literaler Kompetenzen im Schulunterricht,
kussion über dieses zukunftsweisende das nicht nur ein sprachenübergreifendes,
Projekt benötigt unbedingt beide Per- sondern auch ein fächerübergreifendes
spektiven (sprachenübergreifende und Phänomen darstellt und das Lesen ebenso
sprachspezifische). Auch für die Lehrplä- wie das textsortengebundene Schreiben
ne erweist sich das Thema des sprachspe- betrifft. Neben der bisherigen Priorität auf
135

kommunikativer Mündlichkeit müssen Becker, Norbert; Braunert, Jörg:


Kognitivierung und der Ausbau von Alltag, Beruf & Co. 1. Kursbuch und
Schreibkompetenzen wieder mehr Raum Arbeitsbuch. –– ISBN 978-3-19-101590-9.
erhalten, »denn das Lernersprachensy- 120 Seiten, €€ 14,95; Audio-CD zum Kurs-
stem stagniert bzw. fossiliert, wenn die lin- buch. –– ISBN 978-3-19-131590-0. 76 Min.,
guistischen (sprich: lexikogrammati- €€ 14,95; Wörterlernheft. –– ISBN 978-3-19-
schen) Kompetenzen nicht gezielt ausge- 151590-4. 48 Seiten, €€ 6,95; Lehrerhand-
baut werden, und wenn man die Lernen- buch. –– ISBN: 978-3-19-141590-7. €€ 14,95.
den nicht nachdrücklich zur anspruchs- Ismaning: Hueber, 2009
vollen, funktional differenzierten Textpro-
(Claudia Bolsinger, Hamburg)
duktion drängt« (217).
Hans-Jürgen Krumm hebt ebenfalls die Das vorliegende Lehrwerk ist das erste
Rolle kognitiver Aspekte und sprachen- einer auf sechs Bände angelegten Reihe,
übergreifender Ziele im Fremdsprachen- die von A1 bis B1 führt und sich an
unterricht hervor. Jürgen Kurtz sieht kri- Lerner in deutschsprachigen Ländern
tisch, dass im Englischunterricht wieder richtet, deren vorrangiges Ziel eine Ar-
mehr Kognitivierung stattfinden und eine beit in Deutschland ist. Band 2 ist im
Aufgabe der Einsprachigkeit erfolgen soll. September 2009 ebenfalls erschienen,
Die Gefahr der Überfrachtung kann nur Band 3 und 4 sind für 2010 angekündigt.
vermieden werden, wenn zusätzliche Die Verfasser Norbert Becker und Jörg
Zeitfenster geschaffen werden, um allen Braunert haben als Team auch schon das
Aufgaben des Fremdsprachenunterrichts ebenfalls berufsorientierte Lehrwerk Dia-
und der Mehrdimensionalität des Fremd- log Beruf konzipiert. Neben einem Kurs-
sprachenlernens gerecht zu werden. buch mit integriertem Arbeitsbuch und
Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus CD umfasst die Reihe pro Band ein
dem vielfältigen Themenspektrum, das Lehrerhandbuch, eine CD zum Kursbuch
in diesem Tagungsband behandelt wird. und ein Wörterlernheft.
Sowohl Forscher als auch Fremdspra- Der zehn Lektionen umfassende erste
chenlehrer erhalten hier wertvolle Anre- Band behandelt die Themen Begrüßung,
gungen zum aktuellen fremdsprachendi- Uhrzeiten, Kalender, Lebensmittel, Ver-
daktischen Forschungsdiskurs und einen kehr, Mengen und Kaufen, Wegbeschrei-
Einblick in die Bedeutung von sprachspe- bungen, Termine, Kleidung, Kaufent-
zifischen und sprachenübergreifenden scheidungen und Glückwünsche. Die
Ansätzen in Forschung und Praxis. Übersicht macht bereits deutlich, dass
einerseits die klassischen Anfängerthe-
men aufgenommen werden, andererseits
Literatur der Schwerpunkt auf typische Arbeitssi-
Chomsky, Noam: Aspects of the Theory of tuationen gelegt wird. Diese sind: Dienst-
Syntax. Cambridge, Mass.: MIT Press,
1965. reisen, Einführung in den Betrieb und in
Chomsky, Noam: Studies on Semantics in den Arbeitsplatz, Arbeitsabläufe, betrieb-
Generative Grammar. The Hague: Mouton, liches Leben, soziale Kontakte. Jede Lek-
1972. tion gliedert sich in Doppelseiten, deren
Ellis, Rod: Task-Based Language Learning and jeweils erste lebensnahe Alltagssituatio-
Teaching. Oxford: OUP, 2003. nen darstellt und Wortschatz vermittelt.
Piepho, Hans-Eberhard: Kommunikative
Kompetenz als übergeordnetes Lernziel im Die zweite Doppelseite überträgt diese
Englischunterricht. Dornburg-Frickhofen: Kenntnisse in den Bereich der Berufstä-
Frankonius, 1974. tigkeit. Ein abschließendes Magazin bie-
136

tet zusätzliche Lese- und Hörtexte sowie aber eignet sich diese Reihe sicherlich: Sie
Übungen. Im Anschluss an jede Lektion sieht ab von frühzeitigen Festlegungen
gibt es eine Grammatikübersicht. Im Ar- hinsichtlich der beruflichen Tätigkeit, so
beitsbuchteil werden die Doppelseiten wird etwa auf die Darstellung einer
durch Übungen ergänzt. Die integrierte bestimmten Modellfirma oder eines Bei-
CD enthält neben Hörtexten auch phone- spielteams verzichtet. Damit ist das Lehr-
tische Übungen. Band 1 endet mit einem werk für einen branchenübergreifenden
Abschlusstest, gefolgt von einem Glossar. Einsatz geeignet.
Band 2 verspricht einen Abschlusstest
auf A1-Niveau.
Im Lehrerhandbuch finden sich wie üb-
lich Unterrichtspläne für jede Lektion Belke, Gerlind:
sowie die Transkripte, der Lösungs- Mehrsprachigkeit im Deutschunter-
schlüssel und Lernkontrollen. richt. Sprachspiele, Spracherwerb und
Das Wörterlernheft fällt durch seine Kon- Sprachvermittlung. 4. Auflage. Balt-
zeption etwas aus der Reihe: Hier werden mannsweiler: Schneider Hohengehren,
die Vokabeln jeder Lektion in Sätzen 2008. ––ISBN 978-3-89676-679-3. 265 Sei-
erklärt. Außerdem findet der Lerner hier ten, €€ 19, 80
vertiefende Übungen und Raum für ei-
(Ewa Andrzejewska, Gdañsk / Polen)
gene Notizen und Übersetzungen.
Die im Vorwort angekündigten weiteren »Für alle Kinder und LehrerInnen, die es
Übungen auf den Internetseiten des Hue- betrifft!« ist die Publikation von Belke
ber-Verlags –– bei allen Lehrwerken dieses über Mehrsprachigkeit im Deutschunter-
Verlags eine reiche Quelle für umfangrei- richt bestimmt. Da sich der Sprachunter-
ches Zusatzmaterial –– sind, was den richt in ganz Europa als Konsequenz des
Lehrerteil betrifft, noch in Arbeit. Für demographischen Wandels immer öfter
Lerner finden sich im Internet zu jeder in multilingualen Lernklassen vollzieht,
Lektion 6 bis 9 Online-Übungen, von steigt der Bedarf an pädagogisch-didakti-
Zuordnungen über Kreuzworträtsel zu schen Konzeptionen, die den sprachli-
Einsetzübungen. Lerner werden hier zu chen Bedürfnissen der Schüler unter Be-
selbständigem Lernen angeregt, bekom- dingungen der Mehrsprachigkeit gerecht
men Tipps, wenn die Lösung zu schwer werden. Dies beweist nachdrücklich das
ist, und eine unmittelbare Rückmeldung vorliegende Buch, bei dem es sich schon
am Ende (www.hueber.de/alltag-beruf). um die vierte unveränderte Auflage han-
Die Autoren gehen wie selbstverständ- delt. Das Buch ist aus universitären Lehr-
lich davon aus, dass das Erlernen der veranstaltungen entstanden, in denen
deutschen Sprache heutzutage »meist theoretisch begründete und in der schuli-
berufliche Gründe« (Vorwort) hat. Wer in schen Praxis erprobte Handlungsvor-
der beruflichen Qualifizierung mit An- schläge erarbeitet wurden. Es bezieht
fängern im DaZ-Bereich arbeitet, kennt sich vorwiegend auf den Unterricht in
das Problem: Die Auswahl an Lehrbü- der Primarstufe.
chern ist begrenzt, die Progression ist zu Die Gliederung umfasst eine Vorbemer-
steil, das Übungsmaterial reicht nicht kung zur dritten Auflage, gefolgt von
aus. Auch beim vorliegenden Band wird einer Einführung, in der die Verfasserin
man kaum von einem kurstragenden Inhalt, Aufbau und Ziele ihres Buches
Lehrwerk sprechen können. Dafür ist der darlegt. Es schließen sich zwei Haupteile
Übungsteil zu klein. Als Zusatzmaterial an, die zusammen neun in mehrere kür-
137

zere Abschnitte unterteilte Kapitel bil- dern können. Das Potenzial der Sprach-
den. Sie geben einen klaren Überblick spiele liegt nicht nur darin, dass ihre
über die behandelte Problematik und Wiederholungsstrukturen die Einübung
beschreiben viele Aspekte des Sprachen- von sprachlichen Mustern erleichtern. Sie
lernens und -lehrens in multilingualen zeichnen sich vielmehr durch in vielen
Klassen in Hinsicht auf die Situation in Kulturen ähnliche Grundstrukturen aus,
Deutschland. was sich auf das Lernen motivierend
Teil I Voraussetzungen und Grundlagen auswirkt und das Interesse auf die ästhe-
dient als Einführung in das Gebiet des tische Funktion der Sprache lenkt. Im 4.
Sprachenlernens unter den Bedingungen Kapitel werden Möglichkeiten der syste-
der Mehrsprachigkeit. Ausgangspunkt matisch-spielerischen Bearbeitung von
ist die Erklärung von Modellen zweispra- unterschiedlichen Sprachspielen am Bei-
chiger Erziehung (Segregation, Schutz- spiel eines Textes aus einem mutter-
programm, Submersion und Immersion). sprachlichen Lesebuch exemplifiziert.
Darauf aufbauend diskutiert Belke bishe- Dabei geht es darum, dass sowohl Kinder
rige Konzepte zur schulischen Integra- mit Deutsch als Muttersprache als auch
tion nicht-deutschsprachiger Kinder und Kinder mit Deutsch als Zweitsprache
weist auf Schwächen dieser Konzepte gleichermaßen davon profitieren könn-
sowohl in Hinblick auf die Spracher- ten. Dies gilt als Grundlage der Überle-
werbsprozesse als auch hinsichtlich schu- gungen zum integrativen Deutschunter-
lischer Rahmenbedingungen hin. Nach richt aus der Perspektive unterschiedli-
einer kritischen Auseinandersetzung mit cher Integrationsaspekte und in Hinblick
der Konzeption gängiger Sprachbücher auf die schulische Praxis.
stellt die Verfasserin Anforderungen an Im Teil II richtet sich der Fokus auf die
angemessene Lehrbuchtexte dar und Didaktik des Sprachunterrichts in mehr-
nennt deren erforderliche Merkmale, was sprachigen Lerngruppen. Unterrichts-
das 1. Kapitel abschließt. vorschlägen zum Lesen und Schreiben,
Kapitel 2 und 3 widmen sich dem im zur Literatur und Grammatik im
Untertitel genannten Sprachspiel, das im Deutschunterricht geht eine Erklärung
Mittepunkt der Überlegungen zum ange- der jeweiligen wissenschaftlichen
messenen und effektiven Sprachunter- Grundlagen voraus. Zum besseren Ver-
richt in multilingualen Klassen steht. Der ständnis des dargestellten didaktischen
Leser findet zunächst einen kurzen Über- Konzepts des gemeinsamen Deutschunter-
blick über das theoretische Grundwissen richts tragen zahlreiche, mit vielen Schü-
zum Spiel und dann ausführliche Infor- lertexten dokumentierte Unterrichtsbei-
mationen zu Sprachspielen. Basierend spiele bei. Diesen Teil eröffnet das 5.
auf empirischen Untersuchungen wird Kapitel, das sich dem Schrifterwerb wid-
behauptet, dass das »Sprachspiel bis zum met. Anhand von Fallstudien zum Er-
Ende des Grundschulalters eine wichtige werb der deutschen Schriftsprache bei
Funktion beim systematischen kindli- Kindern mit verschiedenen Herkunfts-
chen Spracherwerb hat« (46). Anhand sprachen wird gezeigt, warum der
von authentischen, in multinationalen Schrifterwerb das wichtigste Problem der
Klassen dokumentierten Witzen weist didaktischen Schwerpunkte des Unter-
Belke auf die sprachlichen Operationen richts in zwei Sprachen ist. Am Beispiel
beim Witzerzählen, wie das Substituieren, des Dortmunder Portugiesenprojekts wird
Segmentieren und Klassifizieren, hin, die die Überlegenheit der koordinierten Alpha-
die Sprachentwicklung besonders för- betisierung in der Erst- und Zweitsprache
138

bewiesen. Aufbauend auf linguistischem stellt die Verfasserin ein Konzept zum
Grundlagenwissen für die Alphabetisie- Schreiben vor, in dem die Entwicklung
rung in zwei Sprachen erklärt die Verfas- schriftsprachlicher Fähigkeiten gezielt
serin die Koordination von Sprach- und und systematisch im Unterricht gefördert
Schrifterwerb in der Zweitsprache und wurde (Kapitel 8). Ausgehend von der
schlägt Sprachspieltexte, Gedichte und Analyse authentischer »Aufsätze« mehr-
Buchstabengeschichten vor, die man ef- sprachiger Kinder in Regelklassen disku-
fektiv zum Schrifterwerb einsetzen kön- tiert sie kritisch Ansätze, die das Schrei-
ne. Im 6. Kapitel geht es um Grammatik in ben als naturwüchsigen Vorgang verste-
mehrsprachigen Lerngruppen. Ausgangs- hen und auf die unterrichtliche Steue-
punkt ist die Klärung von grundlegen- rung dieses Prozesses weitgehend ver-
den Begriffen wie Grammatik, Grammatik- zichten. Dagegen bietet Belke generatives
unterricht, implizite versus explizite Gram- Schreiben und thematisch orientiertes
matik und didaktische Grammatik. »freies« Schreiben an und erklärt die Vor-
Eine positive Antwort auf die Frage »Ist züge dieser Techniken anhand von Er-
es überhaupt möglich, den muttersprach- gebnissen aus Schreibprojekten in mehr-
lichen mit dem zweit- bzw. fremdsprach- sprachigen Schulklassen.
lichen Grammatikunterricht zu verbin- »Leider ist die Fehlervorbeugung, Fehler-
den?« (169) erbringen Unterrichtsvor- korrektur und Fehlertherapie ein Deside-
schläge für mehrsprachige Lerngruppen, rat, sowohl in der muttersprachlichen als
in denen Sprachspiele und poetische auch in der fremdsprachlichen Fehlerlin-
Texte zur Übung und Bewusstmachung guistik« (253), schreibt Belke im abschlie-
grammatischer Strukturen eingesetzt ßenden Kapitel und schlägt durch das
wurden. Spiel mit der Abweichung einen alternati-
Dass die Beschäftigung mit Literatur den ven Weg zur unterrichtlichen Fehlerkor-
Spracherwerb in besonderem Maße för- rektur vor. Diesem Angebot gehen theo-
dern kann, beweist das 7. Kapitel. Nach retische Überlegungen voraus. Zuerst
einer kritischen Auseinandersetzung mit diskutiert Belke Definitionen des Fehlers
dem aktuellen Stand der muttersprachli- und der sprachlichen Norm, dann erklärt
chen und fremdsprachlichen Literaturdi- sie den Umgang mit Fehlern aus der
daktik weist Belke auf das Potenzial der Erwerbs- und Vermittlungsperspektive
literarischen Texte im Sprachunterricht und zeigt vor dem Hintergrund unter-
hin. Die Strukturmerkmale der Kinderli- schiedlicher Spracherwerbsansätze, wie
teratur, d. h. Reduplikation, Rhythmus, man im muttersprachlichen Unterricht,
Parallelismus, Ketten- und Reihenbil- im Fremdsprachenunterricht und beim
dung, erleichtern die Aufnahme von ungesteuerten Zweitspracherwerb mit
sprachlichen Mustern und lenken die Fehlern umgehen könnte.
Aufmerksamkeit auf das Ästhetische lite- In diesem an Lehramtsstudierende und
rarischer Texte. Worin ein produktiver Lehrkräfte gerichteten Buch präsentiert
Umgang mit Texten der Kinderliteratur Belke ein interessantes didaktisches Kon-
besteht, wird anhand von Unterrichtsbei- zept zum Sprachunterricht unter den
spielen mit Bilderbüchern und konkreter Bedingungen der Mehrsprachigkeit. Es
Poesie aufgezeigt. liefert Informationen zum Deutschunter-
»Man kann sich im Interesse der Kinder richt in multilingualen Klassen, kann
nicht darauf verlassen, dass sie alle das aber auch in anderen Lernkontexten, z. B.
richtige Schreiben irgendwann von selber für den fremdsprachlichen Deutschun-
lernen.« (236) Diesem Gedanken folgend, terricht, sehr anregend sein. Mit vielen
139

Beispielen und Schülertexten versehen, len die Änderungen der jüngsten Auflage
ist das Buch anschaulich und verständ- deutlich geringer aus. Ergänzt wurde das
lich und weckt die Hoffnung, dass wir Kapitel über die Literatur der Bundesre-
»den Sprachunterricht an unseren Schu- publik durch einen dreiseitigen Ab-
len für alle Schüler effizienter gestalten schnitt über die Neue Frankfurter Schule,
können« (IX). dessen wohl wichtigster Vertreter Robert
Gernhardt in seinen Gedichten ein subti-
les Spiel mit Sprache und verschiedenen,
hinter scheinbarem Nonsens verborge-
Beutin, Wolfgang u. a.: nen Bedeutungsebenen betreibt. Da das
Deutsche Literaturgeschichte. Von den Thema moderner literarischer Komik in
Anfängen bis zur Gegenwart. 7., erwei- geschichtlichen Überblicken meist unter-
terte Auflage. Stuttgart: Metzler, 2008. –– belichtet bleibt oder gar völlig fehlt, ist
ISBN 978-3-476-02247-9. 761 Seiten, dieser kurze, aber prägnante Einschub
€€ 29,95 zweifellos zu begrüßen.
Die zweite wesentliche Erweiterung be-
(Linda Maeding, Barcelona / Spanien)
trifft, wie zu erwarten war, das Kapitel
Bewähren muss sich diese Literaturge- über die Gegenwartsliteratur, das bis in
schichte längst nicht mehr: Metzlers unsere unmittelbare Gegenwart fortge-
Deutsche Literaturgeschichte ist seit ihrem führt wurde. Wie die Autoren selbst im
erstmaligen Erscheinen 1979 zu einem Vorwort bestätigen, stellte dieses Kapitel
Standardnachschlagewerk für Studie- die größte Herausforderung dar. Das
rende und Hochschullehrende avanciert Thema der Gegenwartsliteratur erfor-
und auch in Übersetzungen z. B. ins derte demnach schwierige Entscheidun-
Englische und Spanische verfügbar. Die gen, die nicht nur die Auswahl der
neue, siebte Auflage ist daher in erster aufgenommenen Schriftsteller betrafen ––
Linie als Aktualisierung aufzufassen, die je näher eine Literaturgeschichte an die
den Inhalt insbesondere der am nächsten Gegenwart reicht, desto problematischer
in unsere Gegenwart reichenden Passa- und angreifbarer ist diese Auswahl na-
gen ergänzt, ohne strukturelle Änderun- türlich aufgrund des fehlenden Weit-
gen an dem erfolgreichen Konzept vor- blicks auf größere Wirkungszusammen-
zunehmen. Es handelt sich um ein Nach- hänge ––, sondern auch die Berücksichti-
schlagewerk, das seinen Schwerpunkt gung literaturvermittelnder Instanzen
zwar eindeutig auf die deutschsprachige wie Literaturkritik, Verlage oder Litera-
Literatur nach 1945 legt, dabei aber den- turpreise, die unser Bild der zeitgenössi-
noch in großen Zügen die gesamte litera- schen Literatur mit beeinflussen. Diese
rische Entwicklung ausgehend vom Mit- Schwierigkeit antizipiert bereits eine er-
telalter bis in unsere Tage abdeckt sowie ste Zeitdiagnose. Ganz in diesem Sinne
hinsichtlich des geschichtlichen und poli- lässt sich etwa der Effekt der »Verwir-
tischen Rahmens kontextualisiert. rung« interpretieren, den die Verfasser
Während die vorige Ausgabe mit ge- bezüglich der Ausweitungsprozesse des-
wichtigen Neuerungen in Form zweier sen ausmachen, was heute unter den
komplett neuer Kapitel über »Die literari- Begriff »Literatur« fällt. Tatsächlich fasst
sche Moderne von 1890 bis 1920« einer- das Kapitel zur Gegenwartsliteratur
seits und die »Tendenzen der deutsch- denn auch sehr heterogene, um nicht zu
sprachigen Gegenwartsliteratur seit sagen disparate literarische Phänomene
1989« andererseits aufgewartet hatte, fal- unter ein Dach. Neben der Verarbeitung
140

des Berliner Mauerfalls in Prosatexten wendigerweise sehr komprimiert darge-


und des 11. September 2001 als Zäsur stellten Informationen zur literaturge-
werden im gleichen Kapitel auch Netzli- schichtlichen Entwicklung.
teratur und interkulturelle bzw. von Mi- Die von insgesamt 11 Autoren verfassten
granten verfasste Literatur behandelt so- Kapitel lassen sich je nach Bedarf auch als
wie eine ins Unübersichtliche gewach- eigenständige Einheiten rezipieren und
sene Forschungslage zur Literatur über eignen sich immer wieder zum »Anle-
Holocaust und Faschismus konzise zu- sen«, um einen ersten Einblick in eine
sammengefasst. Epoche zu gewinnen. Aus dem hilfrei-
Diese unterschiedlichen Tendenzen, die chen bibliographischen Anhang lassen
hier für die Zeit nach der Wende gebün- sich für die jeweiligen Zeitabschnitte
delt dargestellt werden, scheinen eher Anregungen für weiterführende Lektü-
auseinanderzustreben als sich in der ren ziehen. Wenn also auch die Erweite-
durch die Chiffre 1989 eingeläuteten Ge- rungen vornehmlich auf das Terrain der
genwartsliteratur zu verdichten: Sie ent- Gegenwartsliteratur begrenzt bleiben, so
sprechen somit vollständig der dieser ist diese Neuauflage dennoch als weitere
Literatur von Wolfgang Emmerich zuge- Station eines kontinuierlichen Editions-
schriebenen »unordentlichen Pluralität«. und Arbeitsprozesses zu begrüßen, auf
Diese betrifft aber nicht nur die abgebil- dessen Verlässlichkeit sich das interes-
deten Tendenzen selbst, sondern gewis- sierte Publikum weiterhin zu stützen
sermaßen auch die konzeptuelle Basis vermag –– gerade auch in Zeiten einer
des Kapitels, dessen Abschnitte motivi- verwirrenden Vielfältigkeit des literari-
sche und inhaltliche Beschreibungskrite- schen Lebens.
rien (Holocaust, Kindheit, Arbeit) auf der
gleichen Ebene wie medien- oder gat-
tungsbezogene Kriterien (Internet, Thea-
ter) verarbeiten. Insofern wirft dieses Blell, Gabriele; Kupetz, Rita (Hrsg.):
Kapitel durchaus auch die Frage nach der Fremdsprachenlehren und -lernen. Pro-
Tragweite eines streng chronologisch, zesse und Reformen. Frankfurt a. M.:
nach Zeitabschnitten vorgehenden Kon- Lang, 2008 (Fremdsprachendidaktik in-
zepts auf, wie es freilich in historischen halts- und lernerorientiert 14). –– ISBN
Darstellungen kaum je anders praktiziert 978-3-631-56988-7. 196 Seiten, €€ 39,00
wird. Und tatsächlich verdankt die Lese-
(Ewa Andrzejewska, Gdañsk / Polen)
rin dieses Werks ihm ja auch die Möglich-
keit, sich über die Konstellationen von Die überwiegende Mehrheit der hier
Literatur und Geschichte einen raschen versammelten Beiträge stellen Ergebnisse
und informativen Überblick zu verschaf- wissenschaftlicher Diskussionen dar, die
fen, der in den meisten Fällen unterhalt- im Rahmen des dritten Niedersächsi-
sam geschrieben ist und sich damit zu- schen Kolloquiums der Fremdsprachen-
weilen auch von betont sachlicher Wis- didaktik (Mai 2007, Hannover) und der
senschaftssprache abhebt. Die zahlrei- 22. Jahrestagung der Gesellschaft für
chen Illustrationen –– Fotographien, Fremdsprachenforschung (Oktober 2007,
Zeichnungen, Plakate und Titelumschlä- Gießen) entstanden. Im Mittelpunkt die-
ge –– tragen ebenfalls zu einer Auflocke- ses Sammelbands steht die Fremdspra-
rung der von Auflage zu Auflage um- chenlehrerausbildung vor dem Hinter-
fangreicheren Literaturgeschichte bei grund der Diskussion zur Bologna-Re-
und erleichtern die Aufnahme der not- form und aktuellen Anforderungen an
141

die Professionalisierung im Lehrerberuf. (18) für gesicherte Qualität der Lehrer-


Die zehn Aufsätze, die sich mit diesem ausbildung in anerkannte pädagogische
Problem beschäftigen, bilden den ersten Reformtraditionen an der Friedrich-
und zentralen Teil des Bandes. Im zwei- Schiller-Universität Jena einschreiben
ten Teil werden in zwei Beiträgen Ergeb- lasse. Dieses Modell stellt den Versuch
nisse empirischer Forschung im Bereich dar, alle drei Phasen der Lehrerausbil-
des Fremdsprachenlernens angeführt. dung inhaltlich und didaktisch zu inte-
Das Buch beschließen vier Berichte aus grieren. Besonderer Wert wird auf eine
studentischer Forschung im fremd- enge Theorie-Praxis-Verzahnung gelegt,
sprachlichen Klassenzimmer. was vor allem durch die innovativen
Den thematischen Schwerpunkt eröffnet Elemente dieses Modells, nämlich ein
der Beitrag von Kupetz/Lütge, Lehrerbil- zweimonatiges Eingangspraktikum und
dung im Umbruch –– Entwicklungen und ein halbjähriges Praxissemesters, gesi-
Perspektiven. Dieser Artikel informiert chert wird.
zunächst über die heutigen Formen der Nach kurzer Darstellung aktueller Leh-
Lehrerbildung in ausgewählten europä- rerbildungsstandards für die modernen
ischen Ländern. Dabei wird die Situation Sprachen in Niedersachsen informiert
in Großbritannien, wo die Veröffentli- Blell über ein Projekt, in dem unter-
chung nationaler Standards zu einer stär- schiedliche Kompetenzbereiche, basie-
keren Vereinheitlichung der Lehrerbil- rend auf dem Mingling-Konzept, integra-
dung führte, mit der Verschiedenheit der tiv gefördert werden. Dafür entwickelte
Ausbildungsmodelle in Deutschland man an der Leibniz Universität Hanno-
kontrastiert. Nach einer Darstellung von ver eine Lehrveranstaltung zum Thema
drei regionalen Modellansätzen (Inte- Transnational Identities. Zuerst werden in
grierte Fremdsprachenarbeit, Universität separaten Lehrveranstaltungen für
Koblenz-Landau; Theorie-Praxis in der Sprachwissenschafts-, Literatur- und Di-
dreiphasigen Lehrerbildung, Universität daktikstudenten ausgewählte Texte zum
Jena; Sprachenübergreifende Didaktik, Seminarthema analysiert, und dann wird
Universität Innsbruck) fügen die Auto- in einer gemeinsamen Begegnung die
rinnen Optimierungsvorschläge für die Interpretation vertieft und ergänzt, was
Lehrerbildung ein. weiter den Didaktikstudenten bei der
Obwohl sich die Empfehlungen direkt Erarbeitung von Unterrichtsentwürfen
auf das in der BRD meist verbreitete hilfreich ist. Letztendlich werden die
dreiphasige Modell beziehen (1. Phase: Aufzeichnungen von durchgeführten
theoretisch fundiert mit praktisch orien- Stunden gemeinsam von allen Beteiligten
tierten Anteilen, 2. Phase: ein Jahr Refe- diskutiert.
rendariat, 3. Phase: begleiteter Berufsein- Hellwig thematisiert in seinem Beitrag
stieg und verbindliche Fortbildung), sind Fremdsprachliche Literatur und ihre Didak-
die meisten davon auch in anderen Aus- tik, ein Ausbildungsinhalt, der heute
bildungsformen relevant; darunter vor weniger im Fokus des Interesses zu
allem der frühzeitige und theoretisch stehen scheint und auch von Bildungspo-
reflektierte Kontakt mit unterrichtlicher litikern selten erwähnt wird. In fünf
Praxis und mehrsprachigkeitsdidakti- Thesen stellt der Autor ein inhalts- und
sche Ansätze. lernerorientiertes Konzept für den neu-
Volkmann stellt in seinem Artikel das sprachlichen Literaturunterricht vor. Es
Jenaer Modell der Lehrerbildung vor, das handelt sich hier um einen prozessorien-
sich als »vorbildlicher Lösungsansatz« tierten, interkulturellen, interlinguisti-
142

schen, intertextuellen und intermedialen shopdiskussionen illustrierten Beitrag


Literaturunterricht, für den Hellwig findet der Leser zuerst Informationen
Kompetenzen und Teilkompetenzen for- über die Organisation des Projekts und
muliert hat. Mit den aufgelisteten Thesen den theoretischen Hintergrund zu exter-
und zahlreichen bibliographischen Hin- nen Lernräumen in der Lehrerausbil-
weisen findet der Leser hier ein gutes, dung und dann die Fokussierung auf die
interessantes und vor allem auf- Studierenden in diesem Projekt.
schlussreiches Konzept in kompakter Der Beitrag von Kupetz/Blötz/Feuerherm
und übersichtlicher Form. widmet sich dem ELAN-Förderpro-
Lütge behandelt das Problem des for- gramm zur Implementierung von eLearn-
schenden Lernens vor dem Hintergrund ing an niedersächsischen Hochschulen.
der aktuellen Reformdiskussion um die Zuerst informieren die Autoren über die
Lehrerausbildung. Zuerst stellt sie das schon erbrachten Ergebnisse dieses Pro-
Charakteristikum des forschenden Ler- jekts bei der Erstellung von Materialien,
nens, seine Ziele, Funktionen und mögli- dann erklären sie das didaktische Kon-
che Einsatzorte vor. Dann wird das Kom- zept dieses multimedialen Ansatzes und
petenzstufenmodell von Meyer als ange- weisen auf die geplante Weiterentwick-
messene Basis für die Weiterentwicklung lung bei ELAN III hin. Aus einer genauen
der Handlungsforschung dargestellt. Ab- Vorstellung der Selbstlerneinheit Working
schließend bespricht Lütge notwendige with Words erfährt der Leser über Ziele,
Bedingungen für eine beabsichtigte Im- Inhalte und Modulkonzeption bei die-
plementierung des forschenden Lernens sem Angebot sowie ihre Auswertung von
in das Regelstudium der Lehrämter. Seiten der Studierenden.
Ruhm und Tschann berichten über ein Einblicke in fremdsprachliche Lehr- und
Projekt am Englischen Seminar der Leib- Lernprozesse liefern zwei Berichte aus
niz-Universität in Hannover, das sich empirischer Forschung. Der Beitrag von
infolge der Bestrebungen nach angemes- Burmeister/Steinlen informiert über eine
senen Auslandsaufenthalten der ange- Studie zum L2-Grammatikverständnis
henden Sprachlehrer entwickelte. Bei von Kindern in Deutsch-Englisch bilin-
diesem gelungenen Versuch wird der gualen Kitas. Ihre Untersuchung ist ein
Austausch von Fremdsprachenassisten- Teil des Forschungsnetzes »Bilinguale
ten gezielt gefördert und in den Ausbil- Kitas«, das u. a. zum Ziel hat, anhand von
dungsprozess integriert. Die Studieren- statistisch verwertbaren empirischen Da-
den nehmen an einer vorbereitenden ten Einsichten über das frühe Fremdspra-
Lehrveranstaltung teil, werden auch chenlernen und -lehren zu gewinnen.
während ihres Aufenthalts im Ausland Burmeister/Steinlen zeigen mithilfe ihrer
durch die Universität betreut und ihre Forschung, dass Kinder schon nach
Teaching assistant-Tätigkeit wird als Fach- sechsmonatiger Kontaktdauer mit Eng-
praktikum anerkannt und angerechnet. lisch die grammatischen Kategorien zu
Kollenrot informiert über das Projekt differenzieren beginnen, dass es für sie
Englischförderkräfte Vermitteln und Ausbil- keine einfacheren oder schwierigen
den, das einen externen (Schule) und grammatischen Formen gibt und Unter-
einen internen Lernraum (Universität) repräsentationen bestimmter Strukturen
mit dem Ziel der frühzeitigen Professio- vom Input abhängen. Empirisch angelegt
nalisierung durch theoretisch reflektierte ist auch die Untersuchung von Schneller,
Unterrichtspraxis verbindet. In diesem die sich auf fortgeschrittene Englischler-
durch transkribierte Auszüge aus Work- nende in einem Sprach-Praxis-Kurs mit
143

neuen Medien bezieht. Anhand von zwei Grammatik und illustriert ihn mit einer
Fallstudien wird gezeigt, welche positi- Englischstunde für eine 10. Klasse des
ven Auswirkungen die Teilnahme an Gymnasiums. Wesemann stellt ein Me-
einem Seminar, in dem das Web 2.0 dienkombinationskonzept vor und zeigt,
eingesetzt wird, auf die Förderung von welche didaktisch-methodischen Vorteile
critical literacy practices haben kann. Basie- für den Fremdsprachenunterricht dieses
rend auf New Literacy Studien and Multili- Verfahren in sich birgt.
teracies Pedagogy wird zunächst das For- Die Lektüre des Sammelbandes zeigt,
schungsvorhaben und weiter die Diskus- dass die Lehrerausbildung ein interes-
sion der mittels Fragebogen, Tagebücher santes und fruchtbares Forschungsfeld
und Videoblogs erzielten Daten darge- im Bereich des Fremdsprachenlehrens
stellt. Als besonders effektiv bei der und -lernens ist. Die den Band abschlie-
Entwicklung von critical literacy practices ßenden Beiträge bestätigen die Idee der
zeigte sich die Produktion von Video- reflektierten und forschenden Lehreraus-
blogs. bildung und stellen zugleich die erbrach-
In den Kurzberichten aus studentischer ten Kompetenzen der Absolventen des
Forschung werden aktuelle fachdidakti- Lehramtsstudiums unter Beweis. Das
sche Probleme fokussiert. Kracke fragt vorliegende Buch zeigt Wege zur ange-
nach den Lehrerkompetenzen im Bereich strebten Integrierung von Forschung und
Lernstandsdiagnose der mündlichen Praxis in der modernen Fremdsprachen-
Sprachproduktion. Durch eine empiri- didaktik.
sche qualitative Forschung will er erfah-
ren, »[w]elche subjektiven Theorien von
Lehrerinnen und Lehrern die Diagnose-
vorgänge im Englischunterricht zu Be- Bolton, Sibylle; Glaboniat, Manuela; Lo-
ginn der Sekundarstufe I steuern oder renz, Helga; Perlmann-Balme, Michaela;
beeinflussen« (184). Laut der durchge- Steiner, Stefanie:
führten Untersuchung ergibt sich die Mündlich. Mündliche Produktion und
Kompetenz zur Erhebung des Lernstan- Interaktion Deutsch. Illustration der Ni-
des im Bereich Sprechen größtenteils aus veaustufen des Gemeinsamen europä-
gesammelten Erfahrungen der Lehrer in ischen Referenzrahmens. Berlin: Lan-
ihrer diagnostischen Tätigkeit. genscheidt, 2008. –– ISBN 978-3-468-
Feuerherm fokussiert unterschiedliche 49409-3. DVD mit Begleitheft, 62 Seiten,
Verfahren zur Lernstandserhebung, und €€ 19,95
er erprobt anhand der Kriterien Einsetz-
(Dorothea Spaniel-Weise, Jena)
barkeit und Testgüte das Verfahren Rapid
Profile. Nach einer kurzen Charakteristik Die Einschätzung und Bewertung münd-
dieses Testverfahrens (191) lesen wir licher Leistungen in der Fremdsprache
weiter, dass laut Erprobung im Klassen- zählt zu den schwierigsten Aufgaben von
raum dieser Test zwar valide sei, aber zu Kursleitern. Daher ist es zu begrüßen,
viel Zeit bei Vorbereitung und Durchfüh- dass es zum Gemeinsamen Europäischen
rung in Anspruch nehme. In zwei weite- Referenzrahmen für Sprachen und den
ren studentischen Artikeln findet der Kannbeschreibungen in Profile Deutsch
Leser praktische Anregungen für den nun ein ergänzendes Material gibt, das
Englischunterricht. Blötz beschreibt ei- für die Produktion und Interaktion in der
nen kommunikativ-handlungsorientier- Fremdsprache Deutsch Orientierungs-
ten Unterricht mit dem Schwerpunkt möglichkeiten bietet. Das Material be-
144

steht aus einer DVD mit 21 authentischen wird, das Niveau ihrer Kursteilnehmer
Filmbeispielen und dem Begleitbuch, das zu bestimmen und mündliche Leistun-
zu jeder Prüfungssituation Kommentare gen zu bewerten. Aus diesem Grund ist
zu den entsprechenden Niveauzuord- es in vielen Bereichen einsetzbar: zum
nungen enthält. Die Beispiele wurden einen in der Lehreraus- und -fortbildung,
nach Angabe der Verfasser auf Konferen- zum anderen bietet es Testkonstrukteu-
zen in München (2005) und Wien (2006) ren und Lehrwerkautoren eine Orientie-
von Experten aus Deutschland, Öster- rung. Letztlich kann es, wie die Autoren
reich und der Schweiz, deren Namen auf vorschlagen (6), auch im Unterricht zur
der DVD aufgelistet sind, ausgewählt Motivation der Lernenden eingesetzt
und beurteilt. Bewertungskriterien sind werden, damit sie sehen, welches Ziel am
dabei Spektrum, Korrektheit, Flüssigkeit Kursende erreicht werden soll oder wie
und Kohärenz sowie Interaktionsfähig- eine Prüfungssituation konkret aussehen
keit. kann. Das Material sollte daher jedem
In der Prüfung äußern sich die Lerner im Lehrenden bekannt sein, nicht nur um
Teil Produktion zu einem vorgegebenen die Unsicherheit in der Beurteilung und
Thema, im Bereich Interaktion sprechen Bewertung mündlicher Leistungen ab-
sie mit einer zweiten Person bzw. dem bauen zu können.
muttersprachlichen Prüfer. Die ausge-
wählten Themen sind unterschiedlich,
was den Vergleich des Niveaus er-
schwert. Bredel, Ursula:
Die Filmbeispiele auf der DVD sind im Die Interpunktion des Deutschen. Ein
Menü zum einen nach Niveaustufen und kompositionelles System zur Online-
zum anderen alphabetisch nach den Na- Steuerung des Lesers. Tübingen: Nie-
men der Teilnehmer geordnet. Das Be- meyer, 2008 (Linguistische Arbeiten 522).
gleitheft enthält zu jedem Filmbeispiel –– ISBN 978-3-484-30522-9. 239 Seiten,
die Angaben zum Herkunftsland der €€ 84,95
jeweiligen Lerner und die Kommentare
(Peter Paschke, Venedig / Italien)
der Bewerter zu den einzelnen Kriterien,
die im Begleitheft nochmals erläutert Die Vermittlung der deutschen Inter-
werden, wobei auch die Plus-Stufen (z. B. punktion gilt nicht nur unter DaF-Do-
A2+) berücksichtigt werden. Außerdem zenten als eher mühsames und langwei-
wird die Globalskala des GER für den liges Geschäft –– selbst unter Sprachwis-
mündlichen Sprachgebrauch mit Merk- senschaftlern stößt die intensive Be-
malen ausführlich erklärt. Für die Lehrer- schäftigung mit diesem Teilbereich der
aus- und -fortbildung sind zudem die Schrift oft auf »Verständnislosigkeit«,
drei Arbeitsblätter im Anhang gedacht, wie Ursula Bredel, Professorin an der
die die Lehrenden im Umgang mit den Universität Köln, im Vorwort ihrer Stu-
Kann-Beschreibungen für den Bereich die klagt. Vermutlich liegt der Grund
mündliche Kompetenz vertraut machen für die Abneigung der Linguisten darin,
sollen. dass Orthographie insgesamt bis in die
Mit dem Material liegt eine aktuelle und 1980er Jahre als »von außen gemachtes
anschauliche Dokumentation der Ni- Normensystem« (211) galt und somit als
veaubestimmungen für die mündliche relevanter Gegenstand einer deskripti-
Produktion und Interaktion vor, die es ven Sprachwissenschaft ausschied. In-
für viele Lehrende einfacher machen teressant schien sie vor allem in pädago-
145

gischer Hinsicht und mit Blick auf die ohne dass die Unterschiede erklärt wer-
Rechtschreibreform. Bredels Studie hin- den könnten. Demgegenüber zielt Bre-
gegen schafft einen neuen Zugang zu dels Ansatz auf eine monofunktionale
Fragen der Zeichensetzung, indem sie Bestimmung: Jedes Zeichen hat nur eine
auf der Basis des allgemeinen Paradig- Funktion, und jeder Funktion entspricht
menwechsels in der Schriftforschung genau ein Zeichen; es gibt also weder
(Schrift als autonomes System) die in- Polyfunktionalität noch Allosyngraphie.
nere Logik ihres Gegenstandes aufdeckt Die Vorstellung, jedes Interpunktions-
und Kategorien zu deren Beschreibung zeichen habe mehrere Funktionen und
entwickelt. Somit leistet sie einen wert- verschiedene Interpunktionszeichen
vollen Beitrag, um die Forschungslücke könnten dieselbe Funktion ausüben,
einer »substantielle[n] wissenschaftli- kommentiert die Autorin mit den Wor-
che[n] Beschäftigung mit Fragen der ten: »Wäre das so, könnte wahrschein-
deutschen Zeichensetzung« (1) zu lich niemand schreiben. Und lesen auch
schließen. nicht.« (16)
Ziel der Studie ist es, »das Interpunkti- Die Kompositionalitäts-Annahme hin-
onssystem des gegenwärtigen Deutsch gegen besagt, dass die Form der Inter-
als schriftsprachliches Teilsystem zu re- punktionszeichen nicht zufällig ist, son-
konstruieren«. Vierzehn Zeichen, näm- dern aus der Kombination bestimmter
lich < . , ; : ! ? () „„ ““ - …… –– ’’ >, werden »in graphischer Merkmale resultiert, die ei-
Bezug auf ihre Form sowie ihre Funk- nen je spezifischen funktionalen Aspekt
tion im orthographischen System analy- repräsentieren. »Die formalen Elemente,
siert« (2). Der Untertitel des Buches aus denen die Interpunktionszeichen
benennt dabei zwei wesentliche Ele- zusammengesetzt sind, sowie die Kom-
mente des Ansatzes: Kompositionalität positionsmerkmale sind distinktiv.« (12)
und Online-Steuerung. Online-Ansatz Im Sinne des Frege-Prinzips ist die
bedeutet: »Die Interpunktionszeichen Funktion einer komplexen Einheit, also
steuern den Leseprozess. Sie können eines konkreten Interpunktionszei-
unter Rekurs auf die Sprachverarbei- chens, durch die Funktion seiner Teile
tung beim Lesen beschrieben werden.« und die Art ihrer Kombination determi-
(18) Neu ist daran nicht die Einsicht in niert. »Die Leistung der Einzelzeichen
die Rolle der Interpunktionszeichen im lässt sich aus den Formeigenschaften
Leseprozess, sondern die konsequente ››errechnen‹‹.« (63) Bevor Bredel die
Beschreibung ihrer Funktionen aus die- Funktionen der vierzehn Interpunkti-
sem Blickwinkel. Damit grenzt sich die onszeichen (in Kap. III) im Einzelnen
Autorin ab vom »Offline«-Ansatz, der beschreibt, geht sie daher ausführlich
davon ausgeht, dass die Interpunktions- auf die graphetische (Kap. II. 2) und die
zeichen sprachliche Konstruktionen graphotaktische Analyse (Kap. II. 3) der
kennzeichnen und als solche beschrie- Zeichen ein.
ben werden können. Die Erklärungsnot Als Interpunktionszeichen definiert Bre-
dieses traditionellen Ansatzes zeigt Bre- del »nichtadditive, nichtverbalisierbare,
del unter anderem am Beispiel der Aus- nichtkombinierbare, selbständige sowie
zeichnung von Parenthesen, für die im ohne graphischen Kontext darstellbare,
herkömmlichen Regelapparat (Amtliche einelementige segmentale Mittel des
Richtlinien, Duden) alternativ drei Inter- Schriftsystems« (23). Dieser Definition
punktionszeichen (Gedankenstrich, genügen die oben erwähnten vierzehn
Komma, Klammer) angeboten werden, Interpunktionszeichen. Schrägstrich
146

und Asterisk werden nicht berücksich- zen, letztere als »Klitika« (34), da sie sich
tigt, weil sie in bestimmten Kontexten an ein Stützzeichen anlehnen. Außer-
verbalisierbar sind (* = geboren; / = und, dem setzt sich die Autorin im schrift-
bzw.). Als graphetische Merkmale führt grammatischen Teil ihrer Arbeit mit
Bredel die Kategorien LEERE, VERTIKALI- Satzzeichenfolgen, insbesondere mit
TÄT und REDUPLIKATION ein. Das Merkmal dem Entfallen des »Schlusspunktes«
[+LEER] weist sie jenen Zeichen zu, die nach den anderen »punkthaltigen« In-
keinen Grundlinienkontakt haben <’’’’’’ –– ’’ terpunktionszeichen, auseinander, sie
- >, wobei die drei aufeinander folgen- entwirft die Struktur des Schriftwortes
den Apostrophe eine historische Form und analysiert verschiedene Formen
der Auslassungspunkte < …… > repräsen- von Großschreibung (Positionsmajuskel:
tieren. Als [+VERT] sind jene Zeichen satzinitial, Konstituentenmajuskel: satz-
definiert, die mit einem vertikalen Ele- intern, Segmentmajuskel: wortintern bei
ment die Oberlänge besetzen < ’’’’’’ () ››‹‹ ? durchgängiger Großschreibung). In
! ’’ >, wobei die spitzen Klammern die zwei längeren Abschnitten wird sodann
Anführungszeichen repräsentieren. Das die schriftgrammatische Struktur der
Merkmal [+REDUP] tragen jene Zeichen, Filler (62 ff.) und der Klitika (82 ff.)
deren Grundelement (= Element auf der untersucht, wobei letztere, analog zu
Grundlinie bzw. das am weitesten links den Majuskeln, in P-, S- und K-Klitika
stehende Element) redupliziert vor- unterteilt sind (P=Position, S=Segment,
kommt: < ’’’’’’ –– () ››‹‹ : >; dabei wird der K=Konstituente). Klammern und An-
Gedankenstrich als verdoppelter Divis führungszeichen gelten z. B. als S-Kli-
< -- > aufgefasst. Jedem graphetischen tika, da sie (ähnlich wie durchgängige
Merkmal wird in der Studie ein be- Großschreibung) auch wortmedial auf-
stimmter funktionaler Aspekt zugeord- treten können <Bürger(innen), „„Heimat““-
net. Land>. Am Beispiel der Filler kann die
Die graphotaktische Analyse (Kap. II. 3) funktionale Valenz der Formmerkmale
beruht auf der Annahme, »dass die angedeutet werden: die Zeichen <’’ …… –– -
Linearisierung der schriftlichen Mittel >, welche insgesamt durch das Merkmal
auf der Schreibfläche eigenen Gesetzmä- [+LEER] gekennzeichnet sind, lassen sich
ßigkeiten folgt, die ohne Rückgriff auf aufgrund der Merkmale Reduplikation
die sprachlichen Merkmale, die die ent- und Vertikalität in funktionale Gruppen
sprechenden Einheiten ausdrücken, be- aufteilen. Die reduplizierten Zeichen
schrieben werden können« (30), also auf < …… –– > beziehen sich nach Bredel auf
dem Konzept der Schrift als eines auto- die Domäne Text, die einfachen Zeichen
nomen Systems. Ein Beispiel für die < ’’ - > auf die Domäne Wort. Während
graphotaktische Relevanz der grapheti- z. B. die Amtlichen Richtlinien den Unter-
schen Merkmale: Zeichen mit dem schied zwischen Apostroph und Auslas-
Merkmal [+LEER], also <…… –– ’’ - >, lassen sungspunkten letztlich nicht klären kön-
eine symmetrische Kontaktposition zu nen, weil sich das Weglassen von Wort-
(d. h. sie können links/rechts je einen teilen (mit < …… >) und der Ausfall von
Buchstaben oder je ein Spatium haben), Buchstaben (< ’’ >) überschneiden, ergibt
Zeichen mit dem Merkmal [-LEER], also < sich aus Bredels Analyse: »Mit den
, ; . : ? ! () „„““ >, haben obligatorisch eine Auslassungspunkten wird eine (nicht
asymmetrische Kontaktposition. Erstere explizierte) Bedeutung repräsentiert,
werden als »Filler« bezeichnet, da sie mit dem Apostroph eine (nicht expli-
einen eigenen »Slot« in der Zeile beset- zierte) Form.« (69) Quer dazu verläuft
147

die Unterscheidung in Filler mit dem –– So wird der bereits erwähnte Apo-
Merkmal [+VERT] (< …… ’’ >) und solche mit stroph traditionell als multifunktional
dem Merkmal [-VERT] (< - –– >). Erstere definiert (Auslassung von Buchsta-
werden als »klassifizierend« bestimmt, ben: Wie geht’’s, Genitivmarker: Aristo-
denn sie kennzeichnen Wörter oder teles’’ Schriften, Anzeige von Mor-
Wortfolgen als irreversibel unvollstän- phemgrenzen: Hannover’’sche Versiche-
dig, letztere enthalten eine Instruktion rung, Abkürzungssignal: D’’dorf), wäh-
hinsichtlich der Verkettung, denn sie rend Bredel ihn allgemein als
»instruieren zum vorzeitigen Verket- »graphisches Reparaturzeichen für
tungsabbruch, gefolgt von der Suche den Leseprozess« (103) fasst. Der
nach einem Element, das geeignet ist, Apostroph repräsentiere »eine gra-
den Verkettungsprozess erfolgreich fort- phisch nicht auf andere Weise ausge-
zusetzen« (81). drückte, für die erfolgreiche Worter-
Kapitel III, der Hauptteil des Buches, kennung relevante Information«
präsentiert für jedes der vierzehn Inter- (104), wobei der Leser vom Rekodie-
punktionszeichen eine detaillierte funk- rer zum Enkodierer werde: »Er liest
tionale Analyse. Vorausgeschickt ist dem nicht mehr ausgedrückte Wortinfor-
ein Abschnitt zur historischen Herausbil- mationen aus der Konstruktion her-
dung der modernen Interpunktion aus, sondern muss die nicht ausge-
(95 ff.). Mit dem Übergang zur scriptio drückte, mit dem Apostroph lediglich
discontinua (Worttrennung durch Spa- indizierte Information in die Kon-
tien) vollzieht sich nach Bredel eine struktion hineinlesen.« (104)
entscheidende Veränderung: Die Stimme –– Die Funktionsbestimmung der Klam-
ist nun nicht mehr notwendig für die mern beruht vor allem auf der Beob-
Worterkennung und wird freigesetzt für achtung, dass nur solche Einheiten
höhere, sprachliche Aktivitäten (Ver- geklammert werden können, »die nicht
knüpfung von Wörtern zu Phrasen und zur textuellen Sachverhaltskonstitu-
Sätzen). Die Worterkennung wird vom tion beitragen« (142). Die historische
Auge übernommen, das Textverstehen Grundlage dieses Befundes –– erhel-
von der Subvokalisation (99). Diesen lende geschichtliche Exkurse finden
beiden Teiltätigkeiten werden nun auch sich übrigens bei einer Reihe von Zei-
die Interpunktionszeichen zugeordnet: chen –– liegt darin, dass die Klammer
Filler fallen in den Bereich der »okulomo- ursprünglich zur Einfügung von Kom-
torischen« Zeichen (»Augenzeichen«); mentaren des Autors in Bibeltexte
deutlich wird dies z. B. an <’’ - >, die im diente. Im heutigen Gebrauch finden
Bereich der Wortsyntax operieren, also sich Klammern nach Auffassung von
die Worterkennung betreffen. Die Klitika Bredel dort, wo der Textproduzent
wie z. B. <! ? . , ; > operieren dagegen auf mögliche Probleme des Lesers bei der
der Ebene von Sätzen bzw. von Text/ Wissensvermittlung antizipiert: Die
Bedeutung und fallen somit in die Domä- parallel zur Trägerstruktur zu verarbei-
ne der Subvokalisation. tenden Klammerausdrücke zielen
Um einen Einblick in Bredels Funktions- demnach auf die Sicherung des rezipi-
bestimmungen für die vierzehn Inter- entenseitigen Verstehens.
punktionszeichen zu ermöglichen, seien –– Die Funktionsbeschreibung des Fra-
im Folgenden exemplarisch drei dieser gezeichens (150 ff.) geht von der Frage
leseprozesssteuernden Funktionen in der aus, ob das Fragezeichen (syntaktisch
gebotenen Kürze wiedergegeben. definierte) Fragesätze redundant be-
148

gleitet oder ob es beliebige Sätze (Bsp. entwickelt. Bredel hält eine Diskussion
Hans schläft?) überhaupt erst als Fra- über die angemessene Regelformulie-
gen kennzeichnet und was dann Fra- rung (für Erwerbs- und Gebrauchs-
gen eigentlich sind. Bredel plädiert für zwecke) für verfrüht und »zwecklos«,
die Unterscheidung eines durch Verb- solange man nicht wisse, »bei welchen
stellung, Verbmodus, w-Element fest- Schreibschwierigkeiten Schreibende ein
gelegten Satzmodus »Frage« von ei- Regelwerk zu Rate ziehen« und wie die
nem (darauf bezogenen) pragmati- »Praxis des Nachschlagens« aussehe
schen Äußerungsmodus »Frage«, der (224). Auch wenn man diesen (sicherlich
durch die Interpunktion ausgedrückt bedauerlichen) Umstand nicht als wirkli-
wird. Demnach instruiert das Frage- chen Hinderungsgrund betrachtet, stellt
zeichen den Leser –– nicht nur bei sich in jedem Fall das Problem, dass
prototypischen Fragen (Wissensdefi- Instruktionen, die die Funktion der Inter-
zit des Fragenden), sondern auch bei punktionszeichen im Leseprozess be-
parasitären Formen wie Prüfungsfra- schreiben, nicht ohne weiteres in Regeln
ge, Echofrage, rhetorische Frage ––, die für den Schreibprozess umgesetzt werden
Rolle des Wissenden zu übernehmen können. Unter anderem fragt man sich,
und in seinem Wissen nach einem ob die monofunktionale Beschreibung
Element zu suchen, das die in der der Rolle der Interpunktionszeichen bei
Frage enthaltene Leerstelle schließen einer solchen Umsetzung nicht zwangs-
kann. läufig wieder in eine gewisse Pluralität
In Kapitel IV stellt Bredel die Logik des von »Anwendungsfällen« mündet. Das
Gesamtsystems im Zusammenhang dar. müsste allerdings kein Schaden sein,
Insbesondere geht sie noch einmal auf wenn es gleichzeitig gelänge, die über-
die systematische Beziehung zwischen greifende Funktion der Zeichen in der
graphetischen Merkmalen (Leere, Verti- Regelformulierung einsichtig zu machen.
kalität, Reduplikation) und Funktion im Auf jeden Fall bietet Ursula Bredel mit
Leseprozess ein. Ihr abschließendes Fa- ihrer Studie eine höchst innovative Ge-
zit: »Klarer kann ein System in formaler samtdarstellung des deutschen Inter-
und in funktionaler Hinsicht kaum sein.« punktionssystems, indem sie formale
(220) (graphetische), distributionelle (grapho-
In ihrem Ausblick (Kapitel V) stellt Bre- taktische) und funktionale (lesepro-
del die »didaktisch relevante Frage, wie zesssteuernde) Aspekte der Interpunk-
eine Systembeschreibung aussehen soll, tion systematisch analysiert und so auf-
die nicht nur die Gegebenheiten des einander bezieht, dass verblüffende
Systems angemessen erfasst, sondern die Form-Funktionszusammenhänge deut-
zugleich so formuliert ist, dass sie Nut- lich werden. Zwar mag man fragen,
zer/Nutzerinnen, die die Regularität des warum einzelne Zeichen (<…… –– „„ ““ >) nur
Systems nicht kennen, bei Schreibent- in historisch früheren Formen ins System
scheidungen angemessen unterstützt« passen (ohne dass dies durch willkürli-
(223). Die Auffassung der Autorin, ihre che Eingriffe von außen verursacht wä-
Arbeit habe »nicht einmal Ansatzpunkte re), aber insgesamt eröffnet der komposi-
zur Beantwortung« dieser Frage geliefert, tionelle Ansatz, bei dem sich die Funk-
erstaunt etwas, zumal sie ihre eigenen tion eines Zeichens aus seinen Form-
Online-Funktionsbestimmungen durch- merkmalen »errechnet«, wertvolle Ein-
weg im Kontrast zu den Regeln der sichten in das System. Die Entscheidung,
Amtlichen Richtlinien und des Dudens die Funktion von der Leseprozesssteue-
149

rung her zu erschließen, erscheint dabei also Töne, Lautstärke, Rhythmus, Emo-
als entscheidender Schlüssel zur Be- tionalität, taucht in den Aufgaben selte-
schreibung eines als autonom konzipier- ner auf, Ausnahmen sind etwa »Wie
ten Systems von monofunktionalen Inter- gefällt Ihnen die Musik?« am Beispiel von
punktionszeichen. Roland Kaiser (57). Das Mitsingen des
Refrains (21), des ganzen Liedes (Nana
Mouskouri, Guten Morgen, Sonnenschein;
71) oder der Karaoke-Version auf YouTube
Buchner, Holm: (Sido, Augen auf; 70) ist eine zu wenig
Schon mal gehört? Musik für Deutsch- eingesetzte Übung, um auch auf die
lerner. Stuttgart: Ernst Klett Sprachen, Musik aufmerksam zu machen bzw. sie
2009. –– ISBN 978-3-12-675084-4. 72 Seiten, produktiv zu nutzen. So bietet es sich
€€ 24,95 beispielsweise an, bei Junge (Die Ärzte)
auch mit dem häufigen Rhythmuswech-
(Lutz Köster, Bielefeld)
sel (Mutter: »und wie Du wieder aus-
Authentische, aktuelle deutsche Lieder siehst, Löcher in der Hose und ständig
(auf der beigelegten CD), Übungen für dieser Lärm«) zu arbeiten. Interkulturelle
die Niveaustufen A1 bis C1, Aufgaben Aufgaben (Vergleiche) finden sich nur
zum Hörverstehen, zum Wortschatz und wenige, können und sollten aber von
zur Grammatik –– Buchner bietet auf Lehrenden selbständig eingebaut wer-
jeweils drei Seiten ein breites Angebot zu den.
den 10 Liedern der CD, gibt auf jeweils Für Einsteiger in die deutsche Musik
zwei Seiten Aufgaben zu weiteren fünf wäre es sinnvoll gewesen, im letzten Teil
Liedern (z. B. Junge, Die Ärzte; Irgendwas (Lösungen und Empfehlungen) konse-
bleibt, Silbermond), schließlich noch sehr quent die Titel der Lieder mit Anfüh-
kurz gefasste »Empfehlungen« (71) zu rungszeichen zu versehen und CD-Titel
nochmals 25 Interpreten und Liedern. vielleicht alle kursiv zu schreiben. Auch
In einer Übersicht werden zu Beginn des sollten DaF-Unterrichtsmaterialien auf
Buches Übungsschwerpunkte benannt Rechtschreibung oder Tippfehler über-
und den Niveaustufen zugeordnet, Leh- prüft sein (»des Totes«, 71; »zugängig«,
rende können sich ihrer bedienen, je nach 38), so heißt die inzwischen leider aufge-
Musikgeschmack, Lernergruppe, Unter- löste Gruppe der sog. Hamburger Schule
richtsphase oder Lernziel; ein abzuarbei- nicht »Blumenfeld« (71), sondern »Blum-
tendes Programm oder eine zwingende feld«.
Abfolge von Übungen sieht Buchner Insgesamt: Ein sehr nützliches Angebot
nicht vor. Hilfreich sind kurze didakti- zur flexiblen Gestaltung des eigenen Un-
sche Kommentare zu den einzelnen terrichts, mit variantenreichen Übungs-
Übungen, die Verweise aufzeigen, Vari- vorschlägen und abwechslungsreichen
anten anbieten oder unterrichtsprakti- Aufgaben zum Fertigkeitentraining. Zu
sche Erweiterungen nennen. Lösungen guter Letzt sind Internetseiten zum lega-
zu den Übungen finden sich ebenso wie len kostenpflichtigen Herunterladen all
zur häufig eingesetzten (Projekt)Arbeit der aufgeführten »Schlager«, »Hip Hop«,
im Internet (Erstellen von sog. Web- »Kinderlieder« und »Chansons« aufge-
Quests, Verweise auf Videos bei YouTube). führt –– mit Musikkategorien wie »Pop-
Eine interessante, anregende Sammlung, rock«, »Rock« und »Pop« (71) geht Buch-
aus dem Unterricht und für den Unter- ner übrigens ebenfalls erfrischend un-
richt –– mit sehr viel Textarbeit; die Musik, dogmatisch um.
150

Burger, Elke: wachsene an, sondern wählt auch For-


Schreiben. Intensivtrainer A1/A2. Ber- men von Aufgaben und Übungen, wie
lin: Langenscheidt, 2008. –– ISBN 978-3- man sie aus eben solchen Lehrwerken
468-49155-9. 64 Seiten, €€ 9,95 kennt. Zunächst werden Übungen ange-
boten, die sich mit dem Erkennen von
(Sandra Ballweg, Darmstadt)
Wörtern und Sätzen sowie mit der Groß-
Nachdem die Fertigkeit Schreiben in den und Kleinschreibung beschäftigen, bevor
letzten Jahrzehnten eine deutliche Auf- sprachliche Routinen eingeübt werden,
wertung im Fremdsprachenunterricht er- mit denen Lernende sich selbst in mehre-
fahren hat, entstehen immer mehr Zu- ren verschiedenen Übungen vorstellen
satzmaterialien mit Übungen zum können (4––6). Außerdem wird in einigen
Schreiben. Bei dem Buch Schreiben. Inten- Übungen beispielsweise das Ausfüllen
sivtrainer A1/A2 handelt es sich um ein von Formularen (7, 23) und das Verfassen
Angebot für erwachsene Lernende, das von Notizen und Mitteilungen (17) einge-
laut Klappentext »[e]rgänzend zu jedem übt. Insgesamt fällt ein starker Alltagsbe-
Grundstufenlehrwerk und zum Einzel- zug auf, der positiv zu bewerten ist.
training zu Hause einsetzbar« ist und Die auf dem Klappentext erwähnte Klein-
dessen »[z]usätzliche Angebote zum schrittigkeit zeigt sich vor allem darin,
kreativen Schreiben [……] die Entwicklung dass vorbereitend auf eine Schreibaufgabe
der individuellen Ausdrucksfähigkeit Wortschatz erarbeitet wird (11) oder zu-
und die Freude am Schreiben« fördern nächst ein Beispiel zur Verfügung gestellt
sollen. Ein solches Buch, das schon auf wird (16). Besonders die Wortschatzarbeit
dem Niveau A1 die Schreibfertigkeit weist durchaus auch spielerische Ele-
fördert und außerdem durch eine anspre- mente auf und wird beispielsweise in
chende Gestaltung auffällt, ist durchaus Form eines Suchrätsels dargeboten.
als Bereicherung für Lehrpersonen und Der Teil des Intensivtrainers, der sich an
Lernende zu verstehen. Lernende auf der Niveaustufe A2 richtet,
Das Buch ist in drei Bereiche untergliedert, ist ähnlich didaktisiert. Dieser Teil be-
nämlich die Materialien für die Niveau- schäftigt sich mit den Themen Schule und
stufe A1, die für die Stufe A2 und abschlie- Ausbildung, Arbeit und Arbeitssuche, Woh-
ßend ein Bereich von sechs Seiten, der sich nen und Wohnungssuche, Familie, Feste und
niveauübergreifend mit dem kreativen Feiern und Ein Autounfall. Wenn im zwei-
Schreiben beschäftigt. Es schließt sich ein ten Teil dieses Bereichs, Arbeit und Ar-
Anhang mit Lösungsteil an, in dem sich zu beitssuche, beispielsweise die Erstellung
den einzelnen Aufgaben vor allem Bei- von Lebensläufen geübt werden soll,
spiellösungen finden, an denen sich Ler- steht den Lernenden zunächst ein Bei-
nende orientieren können. spiel dieser Textsorte zur Verfügung, in
Der Bereich A1, der sich mit den Themen- dem sie die vorab aufgelisteten Über-
bereichen Informationen zur Person; Essen schriften der einzelnen Bereiche an der
und Trinken; Der Tagesablauf; Termine, Ter- richtigen Stelle ergänzen sollen. An-
mine, Termine; Freizeit und Ferien; Gesund- schließend sind sie aufgefordert, sich auf
heit und Krankheit sowie Kleidung beschäf- das Verfassen eines eigenen Lebenslaufes
tigt, kann ab den ersten Unterrichtsstun- vorzubereiten, indem sie Informationen
den im Deutsch-als-Fremdsprache-Un- dafür sammeln und diese dann in ein
terricht bearbeitet werden. Der Intensiv- vorgefertigtes Formular eintragen.
trainer lehnt sich nicht nur thematisch an Im dritten Teil des Intensivtrainers, der
gängige Grundstufenlehrwerke für Er- den Titel Kreatives Schreiben trägt, finden
151

sich unter den Überschriften Ein Haus mit durch die Unterteilung in Vorbereitungs-
Geschichte, Einen Ort beschreiben, Eine Bild- phase und Verschriftlichungsphase in An-
geschichte schreiben, Wünsche und Träume, sätzen umgesetzt, eine Anleitung zur kri-
Ein Gedicht schreiben und Eine Geschichte teriengeleiteten Überarbeitung der eige-
weiterschreiben sechs kurze Übungen zum nen Texte fehlt allerdings und sollte durch
freieren Schreiben. Der Begriff des kreati- die Lehrperson gewährleistet sein.
ven Schreibens wird sehr weit gefasst, Auch die kommunikative Funktion des
wenn an dieser Stelle beispielsweise zu Schreibens und die Adressatenorientie-
einem Bild eine Geschichte erfunden rung werden meines Erachtens trotz
oder ein Text über Wünsche und Träume zahlreicher alltagsbezogener Aktivitäten
verfasst werden sollen. Besonders positiv und einem breiten Angebot an Übungen
fällt die Aufgabe Ein Gedicht schreiben (57) etwas vernachlässigt.
auf, wo zunächst ein sehr einfach gehalte- Ein weiterer Bereich, in dem Ergänzun-
nes Gedicht mit dem Titel »Deutschland gen durch die Lehrperson notwendig
und ich« zu lesen ist und die Lernenden sind, ist die Vermittlung und Erprobung
ein eigenes Gedicht mit diesem Titel oder von Schreibstrategien und Schreibtechni-
eines zu dem Thema »Mein Land und ken, die in diesem Intensivtrainer keinen
ich« verfassen können. Eine Aufgabe wie Platz mehr hatten, die aber von Anfang
diese, die sehr an die Ideen aus dem des Fremdsprachenlernens an notwendig
empfehlenswerten Buch von Finke/ sind, um die Lernenden langfristig bei
Thums-Senft (2008) zum kreativen bio- der Entwicklung zu kompetenten Schrei-
graphischen Schreiben erinnert, kann ber/innen auf Deutsch zu unterstützen.
dazu dienen, einen spielerischen Um- Dabei sollte außerdem berücksichtigt
gang mit Sprache und mit der Fertigkeit werden, dass es unterschiedliche Schreib-
Schreiben zu fördern. Leider gibt es von typen gibt.
diesen Aufgaben im Intensivtrainer sehr Als Erweiterung eines solchen Buches
wenige, wodurch das im Klappentext könnte man sich auch vorstellen, den im
genannte Ziel des kreativen Schreibens Klappentext erwähnten kreativen Ansatz
nicht ganz erreicht wird. nicht nur auf sechs Seiten zu reduzieren,
Der Intensivtrainer schließt mit einem sondern ihn auszubauen, um Lernenden
Anhang mit Lösungsvorschlägen sowie auch abseits der gewohnten Übungen
einer sehr hilfreichen Übersicht, die die den Spaß am Schreiben zu vermitteln.
Aufgaben und behandelten Textsorten Vielleicht wird eine zweite Auflage die-
den Kann-Beschreibungen des Gemeinsa- ses Bandes den einen oder anderen dieser
men Europäischen Referenzrahmens zuord- Punkte aufnehmen, um den eingangs
net (63). erwähnten Zielen des Intensivtrainers
Insgesamt ist das Buch Schreiben. Intensiv- besser gerecht zu werden. In dieser Form
trainer A1/A2 eine sinnvolle Ergänzung zu handelt es sich aber dennoch um eine
der Arbeit mit einem Lehrwerk, besonders nützliche Sammlung von zusätzlichen
wenn dieses wenige Übungen und Aufga- Aufgaben und Übungen.
ben zum Schreiben enthält. An einigen
Stellen wird jedoch deutlich, dass ein Heft
mit einem Umfang von nur 64 Seiten eben Literatur
nicht alles leisten kann und Ergänzungen Finke, Eva; Thums-Senft, Barbara: Begegnung
in Texten. Kreatives biographisches Schreiben
durch die Lehrperson dringend notwen- in der interkulturellen Bildung und im Unter-
dig sind. So werden die Prinzipien der richt Deutsch als Fremdsprache oder Zweit-
prozessorientierten Schreibdidaktik sprache. Stuttgart: Schmetterling, 2008.
152

Burwitz-Melzer, Eva; Hallet, Wolfgang; dung« (14) an der Universität Gießen in


Legutke, Michael K.; Meißner, Franz- ihrer 400jährigen Geschichte nach. Im
Joseph; Mukherjee, Joybrato (Hrsg.): zweiten Plenarvortrag widmet sich Ans-
Sprachen lernen –– Menschen bilden. gar Nünning der »Bedeutung von Spra-
Dokumentation zum 22. Kongress für chen und von Literatur für die Bildung
Fremdsprachendidaktik der Gesell- des Menschen« (33), indem er die Aktua-
schaft für Fremdsprachenforschung. lität der Theorien Wilhelm von Hum-
Baltmannsweiler: Schneider Hohengeh- boldts in Bezug zu den Leitbegriffen
ren, 2008. –– ISBN 978-3-8340-0493-2. 360 Mensch––Individualität––Bildung be-
Seiten, €€ 25,00 schreibt. Die Brisanz dieser Aussagen
wird in der momentanen »bildungspoli-
(Dorothea Spaniel-Weise, Jena)
tische(n) Umbruchsituation« (ebd.) für
Der vorliegende Sammelband dokumen- den Leser schnell deutlich.
tiert die Beiträge des 22. Kongresses für Aus der Sektion 2 zum Thema Interkultu-
Fremdsprachendidaktik der Gesellschaft relle Kompetenz als Bildungsziel des
für Fremdsprachenforschung (DGFF), Fremdsprachenunterrichts wurden zur
der im Oktober 2007 stattfand. Das Motto Publikation der Beitrag von Herbert
der Tagung lautete »Sprachen lernen –– Christ, ein Beitrag zu interkulturellen
Menschen bilden«, und so bewegen sich Missverständnissen von Adelheid Schu-
die zur Publikation ausgewählten Vorträ- mann und eine Darstellung zu distanten
ge innerhalb dieses Spektrums: einerseits Sprachen am Beispiel des Chinesischen
spiegeln sie die in den letzten Jahren von Andreas Guder ausgewählt. Dabei
festzustellende pragmatische und kom- sei hervorgehoben, dass sich Christ mit
petenzzentrierte Ausrichtung der Fremd- »peripheren« (64) Lernorten beschäftigt,
sprachenpolitik und andererseits den im- nämlich der Entwicklung interkultureller
mer noch gültigen »starken Bildungsauf- Kompetenz in Austauschprojekten, beim
trag« jeglichen Fremdsprachenunter- Tandem-Lernen, der Arbeit mit einem
richts wider (vgl. 9). Wie für eine Kon- deutsch-französischen Geschichtsbuch
gresspublikation üblich, orientiert sich und beim Einsatz multikultureller/mul-
dabei die Aufsatzsammlung an den the- tiethnischer literarischer Texte. Auch
matischen Schwerpunkten der Sektio- wenn der Gemeinsame Europäische Refe-
nen, sie enthält aber auch die beiden renzrahmen interkulturelles Lernen nicht
Plenarvorträge und Berichte aus den in Kompetenzstufen abbildet, so sei die-
Arbeitsgemeinschaften (AGs). Für jünge- ses aber »nicht weniger wichtig« (65). Die
re Kolleginnen und Kollegen dürfte die Beiträge aus Sektion 3 stellen innovative
Zusammenfassung der vierten Arbeitsta- Bereiche der Literaturdidaktik vor. Wäh-
gung des wissenschaftlichen Nachwuch- rend Christian Minuth ein in der franzö-
ses am Ende des Bandes ebenfalls von sischen Presse stark diskutiertes Thema,
Interesse sein. Im Folgenden werden die den Einsatz von Kinder- und Jugendlite-
Inhalte der einzelnen Beiträge skizziert, ratur im Unterricht, die keine idyllische
um Ansätze der aktuellen Forschungs- Kindheit nachzeichnet, erörtert, widmet
diskussion darzustellen. sich Carola Surkamp der Frage, wie
Der Plenarvortrag von Friederike Klippel Dramen im Fremdsprachenunterricht die
trägt dem Tagungsort Rechnung und Handlungskompetenz und Identitätsbil-
zeichnet »die Wertschätzung einzelner dung unterstützen können. Aus Sektion 4
Sprachen und vor allem ihre Bedeutung zu Aufgabenentwicklung stellt Sylvia
für Ausbildung und persönliche Bil- Adamczak-Krystofowicz Untersu-
153

chungsergebnisse ihrer Habilitationsstu- awareness Konzepten entwickelt wurden,


die zu Höraufgaben im DaF-Unterricht um Lehrende darauf vorzubereiten, im
für erwachsene Lerner vor. Die Hörver- Deutschunterricht auch sprachübergrei-
stehenskompetenz stellt zwar eine fenden Fragen »nach Sprachentstehung
»Schlüsselfunktion« beim Lernen frem- und Sprachverschiedenheit« (205) nach-
der Sprachen dar, bleibe aber im prakti- zugehen. Neben der kurzen Vorstellung
schen Fremdsprachenunterricht häufig einiger europäischer Projekte stehen vor
hinter der Ausbildung anderer Fertigkei- allem methodische Aspekte der Lehrma-
ten zurück. Eine Ursache dafür sieht die terialbeurteilung im Mittelpunkt des Bei-
Autorin in der Problematik der Feststel- trages. Aus Sektion 8 zu Fremdsprachen in
lung des Schwierigkeitsgrades von Hör- der Berufswelt findet der Leser einen
texten und der adressatenbezogenen Er- kritischen Beitrag von Stephan Schlickau
stellung von Höraufgaben (vgl. 119). Die zu derzeit boomenden Angeboten inter-
Beiträge aus Sektion 5 beschäftigen sich kultureller Trainings, die häufig Steoreo-
mit der Selbsteinschätzung sprachlicher typisierungen manifestieren (220) anstatt
Kompetenzen von Kindern und, in einem interkulturelle Kompetenz entwickeln zu
zweiten Beitrag, von erwachsenen Ler- helfen. Er plädiert daher für die sprach-
nern durch das Erstellen von Checklisten. wissenschaftliche Analyse authentischer
Die Beiträge der Sektion 6 sind thematisch Gesprächssituationen, auch wenn diese
weit gefächert. Helmut Fehlke weist in sei- zeitintensiver und weniger unterhaltsam
nem Aufsatz nach, dass die Nichtbehand- sei als Rollen- oder Fallbeispiele. Im
lung der wichtigen Sprachhandlung zweiten Sektionsbeitrag werden die Er-
Schriftliches Argumentieren in erster Li- gebnisse einer schriftlichen Befragung
nie dem Vorurteil geschuldet ist, dass sie von Mitarbeitern in Büroberufen im
für Kinder kognitiv zu schwer sei. Melanie deutsch-französischen Grenzgebiet vor-
Kunkel richtet den Fokus ihrer Überle- gestellt. Zwar müssen alle Befragten in
gungen auf Lehrer, die im bilingualen ihrem Arbeitsalltag schriftliche und
deutsch-italienischen Gymnasialzweig ei- mündliche Kommunikationssituationen
ner Frankfurter Schule im Team Teaching in der Nachbarsprache bewältigen, aber
unterrichten. Klaus Schneider zeichnet in eine Sensibilität bezüglich interkulturel-
seinem englischsprachigen Aufsatz den ler Missverständnisse (es sollen critical
Zusammenhang zwischen pragmatischer incidents beschrieben werden) findet die
und interkultureller Kompetenz nach. Autorin nicht vor (vgl. 235). Aus Sektion
Monika Wingenders sprachenpolitischer 9 widmet sich Wolfgang Hallet der Suche
Beitrag wendet sich der Frage zu, wie das nach neuen Modellen in der Lehrerausbil-
Russische nach dem Zerfall der Sowjet- dung. Dass diese ihren Niederschlag in
union seine Stellung in den neu entstande- der universitären Lehre finden sollten
nen Nationalstaaten halten konnte bzw. und didaktische Weiterbildung auch für
aufgeben musste. Mit diesem Artikel wird Hochschuldozenten ein wichtiges Thema
meiner Meinung nach das Leseinteresse ist, zeigt Birgit Schädlich anhand ihrer
auf eine Sprache gelenkt, die in den letzten Befragung von Romanistikprofessoren.
Jahren sowohl sprachenpolitisch als auch Sektion 10 beschäftigte sich mit der Frage,
-didaktisch etwas aus dem Blickfeld gera- wie variationsreich Englisch als lingua
ten ist. franca ist und sein darf (Paul Roberts). Die
Aus Sektion 7 evaluieren Ingelore Oo- Rolle von Englisch als Arbeitssprache in
men-Welke und Katja Schnitzler Arbeits- der Hochschulausbildung ist Thema des
materialien, die im Rahmen von language- Beitrages von Ute Smit, während sich die
154

Autoren Massler/Steiert/Storz aus Sektion Die Druckfassungen der Vorträge wer-


11 konkret mit der Frage der Lehrmateria- den der Struktur der Tagung entspre-
levaluation zum fremsprachlichen Sach- chend präsentiert. Claudia Riemer, die
fachunterricht (CLIL) in der Primarstufe die Sektion Empirische Forschung im Be-
konzentrieren. Sektion 12 wendet sich reich DaF eröffnet, äußert sich auch zu
schließlich Fragen des Nutzens von Vi- den Berufungsverfahren an deutschen
deoaufzeichnungen im Rahmen der Leh- Universitäten und wartet dabei mit gera-
rerausbildung (Beitrag von Massler/Hen- dezu spektakulären Thesen auf, etwa
ning/Plötzer/Huppertz) zu sowie der »Die Zeit der Freiheit in Forschung und
Möglichkeit des Einsatzes von Internet- Lehre scheint endgültig vorbei zu sein.«
Videos (man denke an das Phänomen You- (4) Es sei wichtiger, in größere For-
Tube) im Fremdsprachenunterricht (Bei- schungsverbünde an den jeweiligen Uni-
trag von Engelbert Thaler). Gerade der versitäten eingebunden zu sein, und gute
letzte Beitrag macht deutlich, dass der Forschungsleistungen seien primär über
Kongress eine Reihe aktueller Tendenzen die Einwerbung von Drittmitteln zu be-
der Fremdsprachendidaktik aufgreift, de- weisen. Riemers Beobachtung, »indivi-
ren Thematisierung auch der Fremdspra- duelle Forschungsleistungen gelten
chenausbildung im Ausland neue Im- schon jetzt mancherorts als zweite Wahl«
pulse geben kann. (4), muss für viele nicht-vernetzte Nach-
wuchswissenschaftler entmutigend sein.
Magdalena Pieklarz gibt einen histori-
schen Überblick über die Erforschung
Chlosta, Christoph; Leder, Gabriela; Kri- von Stereotypen in der Fremsprachendi-
scher, Barbara (Hrsg.): daktik und stellt das Forschungsprojekt
Auf neuen Wegen. Deutsch als Fremd- Stereotype und Affektivität im interkulturel-
sprache in Forschung und Praxis. 35. len Fremdsprachenunterricht vor. Unbe-
Jahres tagung des F ach verbands dingt zuzustimmen ist ihrer Schlussfor-
Deutsch als Fremdsprache an der Freien derung, »dem Stereotyp einen angemes-
Universität Berlin 2007. Göttingen: Uni- senen Platz im interkulturellen Fremd-
versitätsverlag, 2008. –– ISBN 978-3- sprachenunterricht, der ein soziales, ko-
940344-38-0. 485 Seiten, €€ 35,00 gnitives und affektives Lernen voraus-
setzt, zu gewähren« (49).
(Wolfgang Braune-Steininger, Ehringshau-
Mit dem frühkindlichen Spracherwerb
sen)
von Migrantenkindern befasst sich u. a.
Wie das Herausgeberteam in seinem Anastasia Adybasova, die Entwicklungs-
Vorwort berichtet, fand die Jahrestagung prozesse in einem Eltern-Kind-Deutsch-
2007 des Fachverbandes Deutsch als kurs mit russischsprachigen Kindergar-
Fremdsprache mit fast 600 Teilnehmen- tenkindern untersucht und zu Recht fest-
den eine große Resonanz. Die Vielzahl stellt, dass noch mehr Langzeituntersu-
der Vortragsbeiträge »umfasste Untersu- chungen für den Kindergartenbereich
chungen zu Elternkursen, zur frühkindli- und den Übergang in die Grundschule
chen Sprachförderung im Inland wie gebraucht werden. Sevilen Demirkan
Vorschläge zu spezifischen Post-DSH- und Nazan Gültekin stellen das For-
Angeboten an Hochschulen, alternativen schungsdesign der Begleitstudie der Bie-
Methoden der Grammatikvermittlung lefelder vorschulischen Sprachförder-
bis zu Untersuchungen von Ritualen und maßnahme vor, wobei sie als Zielsetzung
Hierarchien in Gesprächsabläufen« (IX). angeben, den zweitsprachlichen Ent-
155

wicklungsprozess nicht isoliert, sondern sprachliche Angebot für die internationa-


als integrierten Teil kindlicher Persön- len Studierenden der Rechtswissenschaft
lichkeitsentwicklung zu untersuchen. an der Universität Bielefeld, das bisher
Ruth Albert, die die Sektion Grammatik –– gute Ergebnisse erbringt: »Die positive
Theorie und Praxis für den DaF-Unterricht Akzeptanz bestätigt die inhaltliche und
eröffnet, berichtet von bisher weniger be- strukturelle Konzeption.« (235)
achteten Bewertungskriterien von DaF- Am Beginn der Sektion Gesprochene Spra-
Grammatiken, wie Layout, Terminologie, che steht Reinhard Fiehlers Beitrag, der die
Aktualität und Schwierigkeitsgrad der gesprochene Sprache als »sperrigen Ge-
Beispielsätze. Sie referiert aus ihrer uni- genstand« definiert, wobei er deren Han-
versitären Lehrpraxis ebenso wie Isolde dicaps, u. a. die Dominanz der Schriftspra-
Mozer, die sich mehrsprachig dem Pro- che, aufzeigt und die Differenzen zwi-
blem des Artikellernens nähert. Sebastian schen gesprochener und geschriebener
Chudak postuliert in seinem Beitrag die Sprache darlegt. Klaus Vorderwülbecke
Förderung der Lernerautonomie in den untersucht die Bedeutung gesprochener
Fremdsprachenlehrwerken, wobei er nach Sprache in neueren DaF-Lehrwerken,
der Sichtung diverser Beispiele zu einem DaF-Didaktiken und DaF-Grammatiken
zufriedenstellenden Ergebnis kommt: sowie in Lernzielbestimmungen, etwa für
»Keines der untersuchten Lehrwerke ist das Zertifikat Deutsch. Dabei sieht er ge-
nämlich zu einem Ratgeber ausgeartet.« rade in den Lehrwerken eine »nicht zufrie-
(137) Susanne Krauß und Sabine Jentges den stellende Situation« (289) der gespro-
plädieren aufgrund positiver Unterrichts- chenen Sprache, d. h. eine noch defizitäre
erfahrungen für das spielerische Entde- Thematisierung und Systematisierung.
cken und Festigen von Grammatik: »Die Kriterien und Standards der Mündlichkeit im
Integration von induktiver Regelfindung DaF-Unterricht hat Christa M. Heilmann
und der Beteiligung der Lernenden an der ihren Beitrag überschrieben, der universi-
Herstellung von Spielen sind weitere, den täre Veranstaltungen wie etwa Rhetorische
Lern- und Behaltensprozess fördernde Kommunikation vorstellt und die einzelnen
Momente.« (171) rhetorischen Übungsvarianten Rede und
Der erste Beitrag der Sektion Fachsprache Gespräch übersichtlich strukturiert. Die Be-
und ihre Vermittlung kommt von Judith sonderheiten des wissenschaftlichen
Theuerkauf, die die Theorie und Didak- Sprechens hat Elisabeth Venohr in ihrer
tik der Lehrveranstaltung Textlabor an der differenzierten Studie herausgearbeitet
TU Berlin präsentiert, die für ausländi- und dabei dessen linguistische Verortung
sche und deutsche Ingenieurstudenten aufgezeigt.
im Hauptstudium ausgerichtet ist: »Die Mit dem Redewechsel als Thema im DaF-
Studierenden erhalten Einblicke in ››Fach- Unterricht setzen sich Andrea Schilling
deutsch als Fremdsprache‹‹, verbessern und Kristin Stezano Cotelo auseinander
insgesamt ihre fachsprachliche Schreib- und kommen dabei zu dem Ergebnis, dass
kompetenz und lernen sich im internatio- dieser als Vermittlungsgegenstand noch
nalen und interdisziplinären Team zu ein Desiderat ist: »Aspekte und Phänome-
verständigen.« (197) Stanka Murdsheva ne, die in den Lehrwerken angesprochen
referiert über deutschsprachige Studien- sind, sind in ihrer Vermittlung als spora-
gänge an der TU Sofia und über das vom disch, implizit und nicht systematisch zu
DAAD geförderte Programm zum »Aka- bezeichnen.« (338) Enormen Verbesse-
demischen Neuaufbau Südosteuropas«. rungsbedarf an der Schulung des Spre-
Elke Langelahn berichtet über das fach- chens sieht auch Wolfgang Rug, dessen
156

Studie Der Klang der gesprochenen Sprache mer wieder die Forderung nach einer
Hochdeutsch (343––371) linguistisch beson- »Integration« (was auch immer das heißt)
ders präzise ausgearbeitet ist. der MigrantInnen laut, wobei als Teil
Im Praxisforum Unterricht präsentieren dieser Integration die Beherrschung der
Heike Brandl, Melanie Brinkschulte und deutschen Sprache angesehen wird. Zu
Stefanie Immich das Sprachbegleitpro- diesem Zweck wurden die sogenannten
gramm für internationale Studierende an »Integrationskurse« eingeführt. Diese
der Universität Bielefeld. Regine Freu- sind in der Regel Deutsch als Zweitspra-
denfeld unterstreicht einmal mehr die che (DaZ)-Kurse für Erwachsene, wobei
Mehrsprachigkeit als Chance für DaF/ oft fälschlicherweise angenommen wird,
DaZ-Studierende, und Sandra Ballweg dass die Methoden und Inhalte aus
stellt das VIRTEX-Programm vor, das für Deutsch als Fremdsprache (DaF)-Kursen
den Fachsprachenunterricht in Hotel und 1 : 1 angewendet werden können. Dass
Gastronomie konzipiert ist. dem nicht so ist, zeigt die Autorin in dem
Die vorgestellten Aufsatzfassungen der vorliegenden Band. Sie beklagt die Tatsa-
Vorträge sind wissenschaftlich fundiert, che, dass es für den DaZ-Bereich bislang
Tabellen und andere Schaubilder sichern nur sehr wenige Referenzarbeiten gibt.
die Thesenbildung empirisch ab. Beson- DaZ-Kurse sind in der Regel durch eine
ders für die Unterrichtspraxis sind wich- sehr starke Heterogenität gekennzeich-
tige didaktische Anregungen für die Leh- net, auf die die Unterrichtenden nur
renden gegeben. Inhaltlich wären aber unzureichend vorbereitet sind. Die
noch Beiträge zum Themenkomplex Frage, wie Lehrende mit dieser Situation
Deutsch als Fremdsprache im Kontext aus- umgehen und welche Modelle der Bin-
wärtiger Kulturpolitik wünschenswert, d. h. nendifferenzierung sie anwenden, ist Ge-
Studien über die Bedeutung von Sprach- genstand dieser Forschungsarbeit. Ziel
vermittlung als Sprachpolitik. Dies ist der Arbeit ist, die Bedürfnisse derer, die
auch ein DaF-Forschungsgebiet, das im- in solchen Kursen unterrichten, zu ermit-
mer mehr Beachtung findet und auf den teln, vom Erfahrungsschatz der Befrag-
kommenden Jahrestagungen des Fachver- ten zu profitieren und neue didaktische
bands Deutsch als Fremdsprache wieder Modelle zur Binnendifferenzierung zu
intensiver berücksichtigt werden sollte. entwickeln.
Die vorliegende Arbeit kann grob in zwei
Bereiche eingeteilt werden. Werden im
ersten Teil die Motivation, die Methoden
Demmig, Silvia: und die Ziele der Forschungsarbeit vor-
Das professionelle Handlungswissen gestellt und eine theoretische Aufarbei-
von DaZ-Lehrenden in der Erwachse- tung der Fachliteratur vorgenommen, so
nenbildung am Beispiel Binnendiffe- ist der zweite Teil der Beschreibung und
renzierung. Eine qualitative Studie. Auswertung der empirischen Studie ge-
München: Iudicium, 2007. –– ISBN 978-3- widmet. Nach einer Einleitung wird im
89129-187-0. 218 Seiten, €€ 22,00 zweiten Kapitel das Problemfeld DaZ,
bezogen auf den Ausgangspunkt der
(Elisabeth Lang, Szombathely / Ungarn)
Untersuchung, die vom Sprachverband
Das Thema Migration nimmt einen gro- Deutsch für ausländische Arbeitnehmer e. V.
ßen Stellenwert in der öffentlichen Dis- geförderten Kurse, skizziert: Welche Ar-
kussion in Deutschland und Österreich ten von Kursen gibt es und welche
ein. In diesem Zusammenhang wird im- besonderen Anforderungen werden da-
157

bei an die Lehrenden gestellt, angefangen renden (15 Lehrende waren angefragt
bei der Materialauswahl über mangelnde worden). Zusätzlich wurden teilneh-
Alphabetisierung der Teilnehmenden bis mende Unterrichtsbeobachtungen ohne
hin zum oftmals prekären Beschäfti- technische Hilfsmittel durchgeführt. In
gungsstatus der Lehrenden? Daran an- Kapitel sieben wird versucht, die vorlie-
schließend wird der theoretische Hinter- gende Arbeit in der Fremdsprachenlehr-
grund des Themas Binnendifferenzie- und -lernforschung wissenschaftlich zu
rung aufgearbeitet, ausgehend von einer verorten.
Begriffsdefinition werden die Ziele der Daten zu den Bildungsträgern und zu
Binnendifferenzierung, die Rollen der den Lehrkräften sind in Kapitel acht zu
Lernenden und der Lehrenden beleuch- finden. Die Räumlichkeiten werden be-
tet, eine Klassifizierung des Bereiches schrieben und die Lehrenden kurz por-
versucht und ein Kriterienraster zur sche- trätiert. Besonders interessant ist hier aus
matischen Analyse gezeigt. Das vierte meiner Sicht die Tatsache, dass die Hälfte
Kapitel gibt einen Überblick über die der Befragten angibt, 20 oder mehr Stun-
Unterrichtsverfahren, die mit Binnendif- den pro Woche zu unterrichten, was einer
ferenzierung arbeiten, und diskutiert den Vollzeitbeschäftigung entspricht. Hier
Stand der Forschung in der Fremdspra- zeigt es sich wieder, dass die Behaup-
chendidaktik. Die Methodengeschichte tung, DaZ-Unterricht sei ein »Nebenjob«,
des Sprachunterrichts und hier vor allem nicht den Tatsachen entspricht. Im dar-
des Fremdsprachenunterrichts mit dem auffolgenden Kapitel werden Durchfüh-
Hauptaugenmerk auf Binnendifferenzie- rung und Auswertung der Interviews
rung steht im Mittelpunkt des fünften beschrieben. Die Präsentation der Ergeb-
Kapitels. Besonders interessant sind hier nisse folgt im nächsten Kapitel: Als Pro-
die beiden Exkurse in Richtung »Fremd- blembereiche werden vor allem die gro-
sprachenunterricht an den Volkshoch- ßen Unterschiede bei Alphabetisierung,
schulen« und »Deutsch als Zweitsprache Schreib- und Lesefertigkeit, Sprachstand,
–– die Anfänge«. Kapitel sechs stellt den Erfahrung im Umgang mit Lerntechni-
Übergang zur praktischen Forschung ken sowie soziokulturelle Unterschiede
dar, hier werden Untersuchungsmethode genannt. Strategien dagegen sind bei-
und Forschungsziel näher vorgestellt. Im spielsweise Zusatzkurse, Partnerarbeit,
Gegensatz zu den meisten früheren For- Helferprinzip, Spiele, Projektarbeit und
schungen soll hier der Schwerpunkt ein- vieles mehr. Besonders hervorgehoben
deutig auf der Lehrer- und nicht auf der wird der Mangel an geeigneten binnen-
Lernerperspektive liegen. Zur Untersu- differenzierenden Lehrwerken und an
chung des professionellen Handelns der Spielen. Wichtig scheint hier die Kultur-
Lehrenden im Unterricht mit heteroge- vermittlung und das Aufbauen eines
nen Gruppen wurden qualitative Inter- Vertrauensverhältnisses zu den Teilneh-
views geführt und Unterrichtsbeobach- merInnen.
tungen gemacht. Mit Hilfe der Ergeb- In Kapitel elf wird sehr kurz das Thema
nisse sollen bisherige didaktische Kon- Unterrichtsbeobachtung abgehandelt.
zepte geprüft und neue Entwicklungen Wie schon oben erwähnt wurden ja
definiert werden. Als Forschungsfeld solche teilnehmenden Beobachtungen
wurden ausschließlich Kurse, die vom durchgeführt. Leider tauchen in der Ar-
Sprachverband gefördert werden, heran- beit kaum Ergebnisse daraus auf, hin und
gezogen. Die Autorin führte halbstandar- wieder sind sie in die Auswertung der
disierte Interviews mit insgesamt 10 Leh- Interviews und in die Porträts der Leh-
158

renden eingearbeitet. Die Autorin betont Döring, Sandra; Geilfuß-Wolfgang, Jo-


zwar, dass die Unterrichtsbeobachtungen chen (Hrsg.):
nur zur Unterstützung der Interviews Von der Pragmatik zur Grammatik.
dienen sollten, trotzdem wäre meiner Leipzig: Leipziger Universitätsverlag,
Meinung nach auch eine genauere Aus- 2007. –– ISBN 978-3-86583-187-3. 161 Sei-
wertung in dieser Hinsicht interessant ten, €€ 24,00
gewesen. (Petra Szatmári, Szombathely / Ungarn)
Die nächsten Kapitel widmen sich der
Diskussion der Ergebnisse und den Mög- Das Zusammenspiel von Pragmatik und
lichkeiten der Weiterentwicklung sowie Grammatik verbindet die acht Aufsätze
einem Vergleich der empirischen Studie in dem Günther Öhlschläger gewidme-
mit den Resultaten der Literaturauswer- ten Band, wobei –– wie die Herausgeber
tung zur Binnendifferenzierung. Ein Ka- betonen –– der Titel Von der Pragmatik zur
pitel zu forschungsmethodischen Konse- Grammatik auch eine Anspielung auf
quenzen sowie Schlussfolgerungen be- dessen Vita ist. Während für die ersten
schließen die Arbeit. drei Beiträge das vielschichtige Zusam-
menwirken von Pragmatik und Gram-
Fazit: Eine umfassende und sehr detail- matik typisch ist, geht es in den folgen-
lierte Studie zu einem Thema, das eine den drei Aufsätzen um die Analyse
immer größere Bedeutung in den spezifischerer sprachlicher Phänomene.
deutschsprachigen Ländern bekommt Die beiden letzten Beiträge wenden sich
und trotzdem von der Wissenschaft grundsätzlichen Fragestellungen zu, wo-
lange Zeit zu wenig beachtet wurde. Das bei bezogen auf den DaF-Unterricht der
Buch ist grundsätzlich allen zu empfeh- Beitrag von Sandra Döring hervorzuhe-
len, die in diesem Bereich arbeiten bzw. ben ist.
arbeiten möchten, aber ich würde es auch Ob-Alternativsätze (obAS), d. h. alterna-
den politischen EntscheidungsträgerIn- tive konzessive Konditionalsätze wie Ob
nen, die für die sogenannte »Integration« es regnet oder nicht …… Heinz ist im Garten,
von MigrantInnen und für die entspre- sind Gegenstand der Überlegungen von
chenden Kurse zuständig sind, ans Herz Franz-Josef d’’Avis. Ihre Nichtintegriert-
legen. Als problematisch sehe ich in heit ist das wesentliche Merkmal der
diesem Zusammenhang nur die kompli- obAS. Nichtintegriertheit lässt sich bezo-
zierte wissenschaftliche Sprache an, in gen auf die Stellung (obAS können nicht
der das Buch geschrieben ist. Die Studie im Vorfeld stehen bzw. auch nicht im
wurde ja ursprünglich als Dissertation Vorfeld pronominal wieder aufgenom-
verfasst, hierfür ist die Sprache auch men werden, allerdings vor satzverknüp-
durchaus angemessen. Für eine Publika- fendem aber können sie vorkommen) und
tion, die eventuell auch einen etwas auf den Skopus anderer Elemente (obAS
breiteren LeserInnenkreis ansprechen stehen nicht im Einflussbereich eines
soll, empfinde ich die Sprache jedoch anderen Satzoperators oder einer Nega-
oftmals als sperrig und nicht sehr leser- tion, kommen nicht eingebettet vor) be-
freundlich. Das ist schade, denn der schreiben. D’’Avis vertritt die Ansicht,
empirische Teil gibt einen sehr ausführli- dass es sich dabei um selbständige Äuße-
chen und hochinteressanten Einblick in rungen handelt. Ein Vergleich der obAS
die Tätigkeit der Unterrichtenden und mit V2-Alternativsätzen mit mögen zeigt,
die Problemfelder, mit denen sie zu dass diese über gleiche Eigenschaften
kämpfen haben. verfügen, so dass sie »einer einheitlichen
159

Analyse« (8) unterzogen werden können. zum vorangehenden Satz ebenfalls über
Ausführlich werden verschiedene Ver- die Verberststellung erzeugt. Derartige
wendungsweisen sowie deren Ableitung Sätze dienen der Benennung von einem
erörtert. »als unkontrovers betrachteten Sachver-
Ausgewählten Interpunktionszeichen halt, der die Akzeptanz der Proposition
(Syngraphemen) wendet sich Jörg des Bezugssatzes fördern soll« (53).
Meibauer zu. Meibauer will zeigen, dass Jochen Geilfuß-Wolfgang plädiert dafür,
diese »die Funktion pragmatischer Indi- dabei sein + zu-Infinitiv (Dieses Problem zu
katoren« (22) besitzen. Untersucht wer- lösen sind wir gerade dabei.) wegen der
den neben Anführungszeichen in moda- abweichenden Eigenschaften nicht als
lisierenden Zitaten und in sog. Gemüse- explikative Konstruktion zu betrachten.
händler-Zitaten Auslassungspunkte. Bei Dabei sein + zu-Infinitiv lassen z. B. Topi-
der durch die Setzung von Anführungs- kalisierung und Scrambling zu. Geilfuß-
zeichen ausgelösten Implikatur sind drei, Wolfgang erklärt sie aber nicht als Kon-
von Levinson angenommene Prinzipien struktion sui generis, sondern betrachtet
(M-, I- und Q-Prinzip) von Bedeutung. dabei + Kopula sein als einen Verbalkom-
Bei den modalisierenden Ausführungs- plex. Mit dieser Annahme ist dann auch
zeichen z. B. werden das I-Prinzip und Q- verbunden, dass die abhängige Phrase
Prinzip ausgelöst. Auslassungspunkte ein Komplement zu dabei sein ist. Da-
als pragmatische Indikatoren signalisie- durch lassen sich Topikalisierung und
ren, wie die ausgelassenen Stellen auszu- Scrambling erklären. Da die Konstruk-
füllen sind, wobei das Ausgelassene stark tion eine aspektuelle Lesart besitzt,
an einen spezifischen Kontext gebunden schlägt der Autor vor, sie der Klasse
sein kann, wie dies bei externen Auslas- zuzuordnen, zu der die Phasenverben
sungspunkten der Fall ist. All dies be- und die Halbmodale drohen und verspre-
rechtigt, eine Graphematik-Pragmatik- chen gehören.
Schnittstelle anzunehmen. Die Limburger Dialekte des Holländi-
Karin Pittner analysiert die obligatori- schen untersucht Frans Hinskens in sei-
sche Modalpartikel doch in Kausalsätzen nem englischsprachigen Aufsatz. Hins-
mit Verberststellung (V1-Kausalsätzen: kens macht auf eine Regel aufmerksam,
Hans konnte gestern nicht kommen, war er wonach finale Obstruenten über die
doch krank.). Diese im geschriebenen Wortgrenzen stimmhaft gesprochen wer-
Deutsch vorkommenden Konstrukte den (››sandhi voicing‹‹), was untypisch für
weisen Eigenschaften auf, die nach Pitt- andere Varietäten des Holländischen ist.
ner auf ihre besonderen Verwendungsbe- Dieser Prozess ist postlexikalisch und
dingungen zurückführbar sind. Nach ei- produktiv. Diese postlexikalische Regel
nem kurzen Überblick über die Funktion wird durchbrochen, so dass nach Erklä-
von doch in Aussage-, Imperativ- und rungen für diese Ausnahmen gesucht
Fragesätzen wendet sich die Verfasserin wird. Hinskens begründet dieses Abwei-
besonders der Problematik der Obligato- chen mit phonologischen Regeln, demge-
rizität von doch in erwähnten V1-Kausal- mäß sei das Stimmhaftwerden durch die
sätzen zu, die sich damit begründen lässt, Position der betreffenden Obstruenten in
dass durch die Modalpartikel »beim Hö- einer Silbe mit zwei C-Positionen blo-
rer ein Räsonnement« (51) ausgelöst ckiert.
wird, wodurch es zur Erschließung des Die Negationspartikel nicht und Fokus-
kausalen Bezugs zum vorhergehenden partikeln wie nur, auch, sogar usw. sind
Satz kommt. Weiterhin wird der Bezug nach Anita Steube und Stefan Sudhoff
160

nur unter Berücksichtigung der Informa- mie, die als primär anzusehen sei, und
tionsstruktur des Satzes und unter Ver- zwar mit der Unterteilung in abstrakte
wendung einer einheitlichen Theorie be- vs. oberflächennahe Prinzipien. Fallstu-
schreibbar. Sie werden analysiert als dien zur Ikonizität in der Morphologie
platzfeste VP-Adjunkte mit unterschied- (anhand der Flexionsmarker im Deut-
lichem Wirkungsbereich. Während zur schen und Russischen) ergeben, dass das
Domäne einer Fokuspartikel nur die fo- Ikonizitätsprinzip »ein abstraktes, funk-
kussierten Elemente eines Satzes gehö- tionales, sprachunabhängiges angebore-
ren, umfasst der Wirkungsbereich der nes Prinzip sein muss« (146, Hervorhe-
Satznegation alle fokalen Konstituenten bungen wurden nicht übernommen).
und stets den (erweiterten) Verbkomplex. Gleiches gilt für das Minimalitätsprinzip
Ein –– vor allem für den DaF-Bereich in der Syntax, das »eine einheitliche
relevantes –– Verhältnis thematisiert Ableitung von unterschiedlichsten Re-
Sandra Döring, nämlich das von Prosodie striktionen für Bewegung« (151) ermög-
und Grammatikographie. Vor dem Hin- licht.
tergrund, dass vor allem Fremdsprachen- Die verschiedenartigen Beiträge des Ban-
lerner Kenntnisse zu regelhaften prosodi- des, die sich größtenteils spezifischen,
schen Aspekten einer Sprache brauchen, nicht unbedingt zentralen grammati-
analysiert Döring vier repräsentative schen Erscheinungen zuwenden, führen
Grammatiken hinsichtlich der Beschrei- von diesen besprochenen Phänomenen
bung prosodischer Merkmale und zu grundlegenden Diskussionen gram-
kommt zu dem Ergebnis, dass es wenig matiktheoretischer bzw. grammatikogra-
Hinweise zu prosodischen Aspekten gibt phischer Natur. Aus diesem Grund ist
und diese dann oft auch in einer nicht der Band in erster Linie Sprachwissen-
gewinnbringenden Form präsentiert schaftlern zu empfehlen und als Berei-
werden. Sie versucht eine Antwort auf cherung der wissenschaftlichen Diskus-
die Frage zu geben, welche Informatio- sion zu betrachten.
nen der (DaF-)Lernende benötigt und
wie diese dargeboten werden sollten. Um
erfolgreich kommunizieren zu können,
sind für den Fremdsprachenlerner Doyé, Peter:
Kenntnisse u. a. zur Intonation des Deut- Interkulturelles und mehrsprachiges
schen, zu Satzkonturen, zu Tonhöhenak- Lehren und Lernen. Zwölf Beiträge zur
zenten, zur Progredienz, zur Hervorhe- Fremdsprachendidaktik. Tübingen:
bung von Sachverhalten mithilfe pros- Narr, 2008 (Giessener Beiträge zur
odischer Mittel unentbehrlich. Unterstüt- Fremdsprachendidaktik). –– ISBN 978-3-
zend wirken grafische Darstellungen, die 8233-6370-5. 235 Seiten, €€ 29,00
sich durch einfache Lesbarkeit auszeich-
(Ruth Bohunovsky, Curitiba / Brasilien)
nen sollten. Unverzichtbar sind außer-
dem »kontextualisierte Hörbeispiele Die Giessener Beiträge zur Fremdsprachen-
oder audiovisuelle Dokumente« (132). didaktik prägen seit Jahren die fremdspra-
Hinsichtlich der Frage, ob grammatische chenwissenschaftliche Szenerie in
Prinzipien natürlicher Sprachen formaler Deutschland und weit darüber hinaus.
oder funktionaler Natur, sprachspezi- Beim vorliegenden Band handelt es sich
fisch oder sprachunabhängig, angeboren um eine Schriftensammlung des Fremd-
oder erworben sind, argumentiert Ge- sprachendidaktikers Peter Doyé rund um
reon Müller mit einer vierten Dichoto- das zentrale Thema der interkulturellen
161

und mehrsprachigen Erziehung, v. a. im zept mit Diskussionen anderer Theoreti-


Grundschulbereich. Alle 12 Beiträge ker (siehe beispielsweise Bredella/Christ
wurden schon anderorts publiziert oder 2007), wird die zurückhaltende Position
stellen Überarbeitungen von Vorträgen Doyés in theoretischer Hinsicht klar.
des Autors dar. Ihre Zusammenstellung Den zentralen Kritikpunkt des Autors in
in einem Buch soll, so Doyé, den Zugang mehreren der 12 Beiträge stellt »die
zu den Artikeln erleichtern und es er- Beschränkung schulischer Ausbildung«
möglichen, die Arbeiten zueinander in auf eine einzige Verkehrssprache, d. h.
Beziehung zu setzen. Englisch, dar, die als »unzeitgemäß« be-
Als Gründungsmitglied der »Berliner zeichnet wird (7). Doyé geht es im Gegen-
Schule der Didaktik« aus den 60er Jahren satz dazu um »die Möglichkeiten der
ist Doyé im DaF-Bereich kein unbekann- Vernetzung des Lernens und Lehrens
ter Name, seine Publikationen umspan- mehrerer Fremdsprachen« schon ab dem
nen jedoch einen weiten Rahmen, der Grundschulbereich (7). Diese sprach-
über die Grenzen von Deutsch als Fremd- und bildungspolitische sowie fachdidak-
sprache hinausgeht: von imagologischen tische Ausrichtung des Autors erklärt
Fragen wie der Darstellung Großbritan- vielleicht die etwas oberflächlich gera-
niens in deutschen Englischlehrwerken tene und positivistisch fundierte Diskus-
über Typologien für Textaufgaben im sion mancher theoretischer Aspekte in
Englischunterricht bis hin zu Fragen der einigen Beiträgen des Buches. Anderer-
Interkulturalität im Grundstufenbereich. seits muss positiv hervorgehoben wer-
Unterschiedlich sind auch die Themen, den, dass es Doyé durchaus gelingt,
die in dieser Schriftensammlung –– auf einen fruchtbaren Dialog zwischen Theo-
Englisch oder Deutsch –– behandelt wer- rie und Praxis herzustellen, beispiels-
den. weise in Hinblick auf das Konzept der
Doyé hält sich dabei weniger bei theoreti- Interkomprehension, zu dem nach einer
schen Details oder Begriffsbestimmun- theoretischen Abhandlung und Begriffs-
gen auf, sondern bietet größtenteils prak- klärung (neunter Beitrag) eine didakti-
tisch und/oder sprachpolitisch ausgerich- sche Diskussion (zehnter Beitrag) und
tete Diskussionen, die die jahrzehnte- schließlich ein Vorschlag für eine Metho-
lange Erfahrung des Autors im Bereich dik des Lehrens und Lernens von Inter-
der Fremdsprachendidaktik erkennen komprehension (elfter Beitrag) zu finden
lassen. Allerdings fehlt an mancher Stelle ist.
der Dialog mit bzw. ein Hinweis auf Historisch interessant ist der erste Bei-
andere aktuelle Diskussionen im Bereich trag, der aus erster Hand aus der Entste-
der Interkulturalität und der Mehrspra- hungsgeschichte der »Berliner Schule der
chigkeit, was jedoch auf das oft schon Didaktik« erzählt, ihre wesentlichen
einige Jahre zurückliegende Erschei- Merkmale zusammenfasst sowie auf die
nungsdatum des Originalbeitrages zu- Beziehungen zu ihren Referenzwissen-
rückzuführen ist. Mancherorts ist die schaften näher eingeht.
kritische Haltung des Autors gegenüber Im folgenden, eher theoretisch gehalte-
didaktischen Ansätzen jüngeren Datums nen Beitrag verteidigt Doyé die interkul-
zu spüren –– wie zum Beispiel, wenn es turelle Erziehung (die aus einer kogniti-
um das Konzept des Verstehens und des ven, einer pragmatischen und einer emo-
sogenannten Globalverstehens im tionalen Dimension besteht) in der
Fremdsprachenunterricht geht (220––222). Schule als Teil der allgemeinen Sozialisa-
Vergleicht man Doyés Verstehenskon- tion des Menschen.
162

Im dritten, vierten, fünften und sechsten terkomprehension«, um, wie er meint,


Artikel argumentiert der Autor, dass die durch »laxen Gebrauch« dieses Wor-
Fremdsprachenunterricht in der Grund- tes drohende Verwässerung einer »po-
schule einen psychologisch günstigen tentiell fruchtbaren Idee« zu verhindern
Beginn des Sprachenlernens bedeutet (166). Anschließend verweist der Autor
und außerdem gute Chancen für eine auf den Einklang zwischen dem Konzept
frühe interkulturelle Erziehung bietet. der Interkomprehension und wichtiger
Dabei geht er näher auf die Phänomene Prinzipien europäischer Pädagogik wie
des positiven Transfers und der Stereoty- beispielsweise der Mehrsprachigkeit. Im
penbildung, aber auch auf methodologi- vorletzten und letzten Beitrag geht es
sche Fragen und praktische Unterrichts- schließlich um methodologische Fragen
beispiele für den Grundstufenbereich zum Thema Interkomprehension.
ein. So stellt er für die Mehrsprachigkeits-
didaktik vier mögliche methodische
Wege vor: die Transferdidaktik, die Be- Literatur
gegnungssprachendidaktik, Language Bredella, Lothar; Christ, Herbert (Hrsg.):
Fremdverstehen und interkulturelle Kompe-
across the curriculum und den Exemplari- tenz. Tübingen: Narr, 2007 (Giessener
schen Fremdsprachenunterricht (88) –– Beiträge zur Fremdsprachendidaktik).
letzteren behandelt er im sechsten Bei-
trag näher.
Fremdsprachiges Sachlernen steht im
Mittelpunkt des siebten Beitrags. Ausge- Draxler, Christoph:
hend von einem historischen Überblick Korpusbasierte Sprachverarbeitung.
über die Vorreiterrolle Kanadas im Be- Eine Einführung. Tübingen: Narr, 2008
reich der Immersion geht Doyé dann auf (narr studienbücher). –– ISBN 978-3-8233-
den fremdsprachlichen Sachunterricht 6394-1. 200 Seiten, €€ 19,90
im britischen, im österreichischen und im
(Timm Lehmberg, Hamburg)
deutschen Kontext ein, bestimmt Ziele,
Risiken und Nebeneffekte und schließt Bei dem hier besprochenen Buch handelt
mit dem Beispiel eines englischsprachi- es sich um die erste deutschsprachige
gen Musikunterrichts an einer deutschen Einführung, die das gesamte Spektrum
Hauptschule. der Erhebung und Verarbeitung gespro-
Der achte Beitrag versteht sich als Ver- chen sprachlicher Daten zum Zweck der
such einer wissenschaftstheoretischen Erstellung empirischer Ressourcen be-
Fundierung der jungen Disziplin der rücksichtigt. Es richtet sich, so der Autor,
Mehrsprachigkeitsdidaktik, basierend an »Studenten und Wissenschaftler, die
auf Überlegungen zu den beiden überge- in irgendeiner Form gesprochene Spra-
ordneten Disziplinen der allgemeinen che bearbeiten« (24). Dabei erwähnt
Didaktik und der Fremdsprachendidak- Draxler explizit die Relevanz für den
tik. Dabei geht es Doyé v. a. um die Bereich der Fremdsprachendidaktik.
Beziehung dieser Disziplinen zu ihren Der Aufbau des Buches orientiert sich an
jeweiligen Referenzwissenschaften. verschiedenen Aspekten der Erstellung
Ausgehend von der Idee, dass wissen- von »auf Dauer angelegten Systemen zur
schaftliche Kommunikation auf exakte Speicherung und Verwaltung unter-
Terminologie angewiesen ist (166), ver- schiedlicher sprachbezogener Daten«
sucht sich Doyé im neunten Beitrag in (16), die Draxler als Sprachdatenbanken
einer Begriffsklärung des Terminus »In- bezeichnet.1 Das Kapitel Grundlagen lie-
163

fert zunächst eine Einführung in die tion und Annotation) eingeht. Im An-
computergestützte Verarbeitung akusti- schluss wird ein sehr knapper Einblick in
scher Signale. Zu diesem Zweck werden die Datenmodellierung mithilfe von
zentrale Begriffe wie Schwingung, Signal, XML sowie relationaler Datenbanksy-
Frequenz und Spektrum eingeführt und steme gegeben, dabei liefert Draxler kon-
darauf aufbauend die Funktionsweise krete Beispiele für die Datenmanipula-
der Digitalisierung von Audiosignalen tion mithilfe der Datenbank-Abfra-
erläutert. gesprache SQL. Auch dieser Abschnitt ist
Im folgenden Kapitel geht Draxler auf für Leser/-innen ohne datenverarbei-
verschiedene Arten des Schalls in gespro- tungstechnisches Hintergrundwissen
chener Sprache ein und beschreibt die möglicherweise nur schwer zugänglich.
dafür relevanten physikalischen Größen. Das Kapitel schließt mit einer Vorstellung
Weiterhin wird das Quelle-Filter-Modell zweier Arten von Webanwendungen
zur Veranschaulichung der Zusammen- (Wikis und webbasierten Diskussionsfo-
hänge von beobachteten Signalen und ren), die zwar keinen unmittelbaren Be-
der Artikulation gesprochener Sprache zug zur Sprachverarbeitung besitzen,
vorgestellt. nach Meinung des Autors jedoch »bei der
Im Kapitel Sprachsignale am Computer Erstellung von Sprachdatenbanken und
wird zunächst die Visualisierung von ihrer späteren Verwendung sehr nützlich
Sprachsignalen mithilfe von Oszillo- sind« (128). Ein stattdessen möglicher-
grammen und Sonagrammen behandelt. weise hilfreicher Überblick über existie-
Darüber hinaus werden Mess- und Ana- rende Werkzeuge und Datenformate zur
lyseverfahren für Sensordaten sowie Transkription und Weiterverarbeitung
bildgebende Verfahren vorgestellt und in von gesprochen sprachlichen Daten er-
gut verständlicher Weise erklärt. folgt an dieser und anderer Stelle nicht.
Im Kapitel Signaldaten werden zunächst Das umfassende Kapitel Aufnahmetechnik
verschiedene Typen von Dateiformaten bietet zahlreiche sehr gute, praxisorien-
und Verfahren der Datenkompression tierte Hinweise für die Aufnahme ge-
vorgestellt. Draxler geht knapp auf ver- sprochener Sprache. Nach einer Einfüh-
schiedene Aspekte der Speicherung von rung in die Mikrofontechnik und einer
Dateien auf Computersystemen ein, was Vorstellung verschiedener Mikrofon-
jedoch dazu führt, dass dieser Abschnitt und Steckertypen sowie Aufnahmegerä-
ohne computertechnisches Hintergrund- te werden Empfehlungen für das Auf-
wissen nur schwer verständlich ist. Auch nehmen in verschiedenartigen Räumen
sind einige der angeführten Informatio- bzw. im Rahmen unterschiedlicher Auf-
nen für das Thema des Buches nicht nahmesettings und das jeweils dafür
unmittelbar relevant. erforderliche Instrumentarium gegeben.
Das hieran anschließende Kapitel be- Im folgenden Kapitel geht Draxler auf die
schreibt Verfahren zur Verarbeitung sym- Annotation gesprochen sprachlicher Da-
bolischer Daten. Draxler nähert sich dem ten ein. Er verwendet dabei einen ver-
Thema auf vergleichsweise abstrakte gleichsweise allgemeinen Annotations-
Weise, indem er zunächst einen Einblick begriff, der jedwedes Hinzufügen von
in Strukturierungsweisen textueller Da- Beschreibung zu Signaldaten (also auch
ten sowie deren Codierung gibt, dabei Transkription) einschließt. Draxler weist
jedoch nicht den Bezug zur Verarbeitung auf die Theorieabhängigkeit von Annota-
gesprochener Sprache (bspw. Anforde- tion hin und nennt in diesem Zusammen-
rungen an Datenmodelle zur Transkrip- hang die Annotationsmaxime von
164

Geoffrey Leech (2001), die sich jedoch, tion und Diskussion im späteren Verlauf
wie er selbst hervorhebt, ausschließlich (sofern diese erfolgt) hinzuweisen.
auf Korpora geschriebener Sprache be- Den größten Nutzen aus dem Buch dürf-
ziehen. Eine Diskussion des Annotations- ten Leser/-innen mit dem Forschungs-
begriffs in Hinblick auf die besondere schwerpunkt Phonetik ziehen. Die vorge-
Beschaffenheit gesprochen sprachlicher stellten Verfahren besitzen jedoch auch
Daten erfolgt nicht. Im Anschluss erläu- für die Erstellung empirischer Ressour-
tert Draxler unterschiedliche Formen von cen für den Bereich der Fremdsprachen-
Annotation und deren Manifestation auf didaktik Relevanz.
verschiedenen Annotationsebenen. In
diesem Zusammenhang geht Draxler
auch sukzessive auf einzelne Transkripti- Anmerkung
onsverfahren und -systeme ein. Zum 1 Er verwendet diesen Terminus in Ab-
grenzung zu dem Begriff Sprachkorpus.
Abschluss des Kapitels stellt Draxler
kurz die Datenmodellierung mithilfe von
Annotationsgraphen nach Bird/Liber- Literatur
man (2001) und die Möglichkeit der Bird, Steven; Liberman, Mark: »A formal
Verwendung dieses Modells zur Schaf- framework for linguistic annotation«,
fung generischer Austauschformate vor, Speech Communication 33, 1––2, (2001), 23––
60.
führt jedoch keine Beispiele für eine
Leech, Geoffrey: »Introducing Corpus An-
Umsetzung des Modells an. notation.« In: Garside, Roger; Leech,
Das Buch schließt mit zwei Kapiteln, die Geoffrey; McEnery, Tony (Hrsg.): Corpus
die Planung und Implementierung von Annotation. Linguistic Information from
Computer Text Corpora. London: Long-
Sprachdatenbanken behandeln. Draxler man, 1997, 1––18.
stellt zunächst ein Modell zur Beschrei-
bung von Phasen und Arbeitsschritten
hierbei vor, anschließend beschreibt er
die Erfahrungen bei der Erstellung der Eichinger, Ludwig M.; Meliss, Meike;
Sprachdatenbank Ph@ttSessionz. Domínguez Vázquez, María José (Hrsg.):
Zusammenfassend lässt sich feststellen, Wortbildung heute. Tendenzen und
dass seine praxisnahe Ausrichtung das Kontraste in der deutschen Gegenwarts-
Buch zu einer guten Hilfe bei der Erhe- sprache. Tübingen: Narr, 2008. –– ISBN
bung und Verarbeitung gesprochen 978-3-8233-6386-6. 356 Seiten, €€ 72,00
sprachlicher Daten macht. Vor diesem
Hintergund ist es jedoch bedauerlich, (Valentina Crestani, Torino / Italien)
dass nur vereinzelt und unsystematisch Der Sammelband enthält 16 deutschspra-
auf existierende Datenressourcen, Tran- chige Beiträge und einen englischspra-
skriptions- und Annotationssysteme etc. chigen Beitrag, die während einer Ta-
eingegangen wird. Für Leser/-innen ohne gung zur Wortbildung an der Universität
Hintergrundwissen im Bereich der com- Santiago de Compostela (2006) präsen-
putergestützten Sprachverarbeitung tiert worden sind. Neben einer ausführli-
könnte sich als erschwerend herausstel- chen Einleitung der Herausgeber wird
len, dass Draxler einige zentrale Begriffe abschließend eine Zusammenfassung
(bspw. Annotation, Annotationsebenen (13) des Rundtischgesprächs zum Thema der
oder Metadaten (14)) schon zu Beginn des Wortbildung im Bereich DaF in Spanien
Buches verwendet, ohne auf ihre Defini- angeboten.
165

Im Mittelpunkt der Aufsätze stehen theo- die Abgrenzung zwischen Flexion und
rie- und praxisbezogene Fragen der heu- Wortbildung.
tigen Wortbildungsforschung. Die Über das Projekt DERIV@ (elektronisches
Sammlung soll den Leser ermutigen, Datenwerk für spanische Wortbildun-
neue Forschungsmöglichkeiten, die gen) berichten M. T. Díaz García und I.
durch die Verzahnung von neuen Tech- Mas Álvarez in ihrem englischsprachigen
nologien und Linguistik entstehen, zu Aufsatz, der ein gutes Beispiel dafür
betrachten und die Wortbildung als er- darstellt, wie man effizient Computer
neuten Trend in der Sprachwissenschaft Tools als Hilfsmittel in der linguistischen
zu berücksichtigen. Was bieten also die Forschung einsetzen kann. Kontrastiv
knapp 360 Seiten des Bandes? Im Folgen- ausgerichtet ist der Artikel von M. J.
den werden die Beiträge alphabetisch Domínguez Vázquez, die die Spezifizität
präsentiert. der deutschen und spanischen Wortbil-
Anhand zahlreicher empirisch belegter dung in der Textsorte »Packungsbeilage«
Beispiele aus Verbrauchsgüter-Homepa- analysiert. Die Analyse ist konstruktiv
ges problematisiert H. Altmann die Wort- insbesondere für die Fremdsprachendi-
neubildungen und die Schwierigkeiten, daktik und die Übersetzungspraxis.
normwidrige Schreibungen in die tradi- Die auf Partikel- und Präfixverben bezo-
tionellen Wortbildungstypen einzuord- genen semantischen und syntaktischen
nen. In ihrem Detailreichtum ist die Modifikationen fokussiert B. Eggelte in
Analyse nützlich, aber ihre fast zu detail- ihrem Beitrag. Obwohl der Aufsatz ins-
lierte Darstellungsweise bringt mit sich gesamt mit Klarheit gestaltet ist, ist er
die Gefahr, dass der Leser sich in den leider in einigen Stellen so komplex, dass
vielen Abschnitten verirrt. Der Beitrag er zum Überschlagen wichtiger Passage
von I. Barz widmet sich der zunehmen- verleiten kann. Eine vergleichende Per-
den Bedeutung von englischen Wortbil- spektive Deutsch-Spanisch, in der die
dungsmitteln im Deutschen und den differenten Kodifizierungsweisen der
Gemeinsamkeiten der englischen und deutschen und spanischen Nominalisie-
deutschen Wortbildung. Beachtenswert rungen in authentischen Paralleltexten
sind drei Punkte: a. fundierte Systemati- untersucht werden, nimmt L. M. Eichin-
sierung der im Deutschen vorhandenen ger ein. Der Beitrag überzeugt durch
englischen Elemente oder deren Entspre- seine Informationsdichte und gleichzei-
chungen; b. Nennung von authentischen tig durch seinen fließenden Stil. Theoreti-
Beispielen; c. reiche, aktuelle Literatur. scher Natur ist der Aufsatz von M. Emsel,
Der Aufsatz von J.-A. Calañas Continente die ein Modell vorstellt, in dem sie die
ist lexikografisch orientiert: Der Autor Wortbildung in Beziehung zu semanti-
stellt das Projekt VerbLexGen vor, d. h. ein schen Rollen und einem kommunikati-
Lexikon deutscher Verben mit Verbzu- ven Kontext setzt. Obwohl der Beitrag
satz, das syntaktische und semantische nicht zu einer praxisbezogenen Analyse
Eigenschaften zusammen betrachtet. führt, gibt er auf jeden Fall viele Denkan-
Diese Koppelung wird durch theoreti- stöße (z. B. für die Übersetzungspraxis).
sche Überlegungen gut begründet. Mit M. Fernández-Villanueva und O. Strunk
einem originellen Stil analysiert M. Cal- beschäftigen sich mit Wortbildungspro-
vet Creizet den Wortbildungstyp »Klas- dukten in der mündlichen Kommunika-
senkomposition« und seine Funktionen tion im DaF-Unterricht. Wertvoll ist der
im fachsprachlichen Bereich der Lingui- Aufsatz bezüglich folgender Faktoren: a.
stik. Interessant ist die Diskussion über das Interesse für die Mündlichkeit, die
166

von der Forschung bisher fast vernach- Präverbfügungen im Deutschen, Engli-


lässigt worden ist; b. die detaillierte schen und Ungarischen diskutiert. In
Beschreibung der Methode; c. das Vor- sicherem, guten Stil wird der Frage nach-
handensein von Diagrammen und Tabel- gegangen, welche sprachtypologischen
len, die eine konkrete Übersicht über die Parameter welchen Einfluss auf die Wor-
Ergebnisse geben. Mit deutschen Okka- tigkeit haben. M. Thurmair beschäftigt
sionalismen und den Schwierigkeiten, sich mit den Doppelpartikelverben mit
diese ins Spanische zu übersetzen, befas- hin+Partikel, her+Partikel und den For-
sen sich C. Gierden Vega und D. Hof- men mit r (»r-Partikeln« nach ihrer Be-
mann. Die Fokussierung auf den theore- zeichnung) und mit ihrem Gebrauch in
tischen Background ist ein Vorteil für den der deutschen Schriftsprache. Der Artikel
Leser, der sich damit einen Forschungs- ist lohnend wegen der systematischen
überblick zu dem umstrittenen Begriff Betrachtung der theoretischen Aspekte
Okkasionalismus verschaffen kann. Beson- und der gleichzeitigen Unterstützung
ders bemerkenswert sind die Überset- durch Beispiele aus dem IDS-Korpus. In
zungsvorschläge zu Okkasionalismen einem teilweise metaphorischen Stil
aus der Pressesprache. In seinem theore- macht M. Wirf Naro deutlich, dass Kom-
tischen Beitrag behandelt D. E. Lachachi posita bzw. die semantischen Beziehun-
die Halbaffigierung als eine eigene Wort- gen in diesen komplexen Produkten
bildungsart; das Lesen dieses Artikels durch kognitiv orientierte Interpretatio-
lohnt sich wegen der reichen Bibliogra- nen zu erklären sind.
phie und Zitate, die einen Vergleich Als Fazit ist die Sammlung eine empfeh-
zwischen verschiedenen Definitionen zu lenswerte Lektüre sowohl für Linguisten
Komposition, Derivation und Halbaffi- und DaF-Lehrer als auch für alle an
gierung anbieten. Mit ihrer aufschlussrei- Wortbildungsthemen Interessierte, die
chen Analyse von deutschen und spani- allerdings bereits über gute Kenntnisse
schen Wortbildungsbeispielen in der An- zur Wortbildung verfügen sollten. Der
zeigenwerbung wählt M. Meliss ein an- Band liefert neue Ansichten, die die
spruchsvolles Thema, da sich die immer künftige internationale Wortbildungsfor-
häufiger verwendeten nominalen Kon- schung anregen können, wie z. B. die
strukte nicht immer in die traditionellen Aufmerksamkeit auf die neuen Technolo-
Klassifikationen einordnen lassen. Der gien und der kontrastive Blick belegen.
Untersuchungsgegenstand wird in Tabel-
len gekonnt illustriert, die eine durch-
sichtige Zusammenfassung der Beitrags-
inhalte und authentische Beispiele anbie- Eichinger, Ludwig M.; Plewnia, Albrecht;
ten. Riehl, Claudia M. (Hrsg.):
H. Schemann betrachtet Unterschiede Handbuch der deutschen Sprachmin-
und Gemeinsamkeiten zwischen Wort- derheiten in Mittel- und Osteuropa.
bildungsprodukten und idiomatischen Tübingen: Narr, 2008. –– ISBN 978-3-8233-
Verbindungen: Es werden zwar wenige 6298-2. 392 Seiten, €€ 78,00
konkrete Beispiele angeführt, aber die
(Dorota Szcz¿ïniak, Kraków / Polen)
theoretischen Aussagen werden fundiert
präsentiert. In dem umfangreichen und Die deutschsprachigen Minderheiten ha-
informativen Beitrag von S. Schlotthauer ben eine bewegte und bewegende Ge-
und G. Zifonun wird die Wortigkeit und schichte hinter sich. Einst lebte das Deut-
Syntagmatizität von Partikelverben und sche in bunter Vielfalt in verschiedenen
167

europäischen Ländern. Infolge der politi- und mitteleuropäischen Ländern ge-


schen Geschehnisse des zwanzigsten wünscht. Interessant wären Erhebungen
Jahrhunderts kam es zum Rückgang der über die deutschen Sprachminderheiten
deutschen Sprecherzahlen im Ausland, in den baltischen Staaten und der Repu-
so dass das gegenwärtige Bild deutscher blik Moldova. Erwähnenswert scheinen
Minderheiten nicht besonders vielfältig auch Informationen über die deutsche
ist. Minderheit im ehemaligen Jugoslawien.
Einen Einblick in die aktuelle Situation Dort fand die Einwanderung von deut-
der verbliebenen deutschen Minoritäten schen Siedlern im 18. Jahrhundert statt,
und die sprachlichen Varietäten des vor dem Zweiten Weltkrieg betrug die
Deutschen in Mittel- und Osteuropa ver- Zahl der deutschen Minderheit 500 000
mittelt das von Ludwig M. Eichinger, (vgl. ŠŠevi° 2000: 143). In dem nordserbi-
Albrecht Plewnia und Claudia M. Riehl schen Wojwodina, in Kroatien und Slo-
herausgegebene Handbuch der deutschen wenien leben bis heute über 8 000 Perso-
Sprachminderheiten in Mittel- und Ost- nen deutscher Abstammung.
europa. Das Buch ist fachlich und methodolo-
Das Buch ist gut strukturiert. Dem Vor- gisch durchdacht. Die Beiträge sind gut
wort folgt die Einführung von Riehl über recherchiert und in jedem Kapitel geben
die deutschen Sprachgebiete in Mittel- die Verfasser eine klare Darstellung des
und Osteuropa. Sie nennt Gründe für aktuellen Forschungsstandes. Die Län-
Siedlungsbewegungen und beschreibt derkapitel weisen einen übersichtlichen
danach die Geschichte der Ostbesiedlung und gleichartigen Aufbau auf. Dabei
(von der frühen Besiedlung im Mittelal- werden jeweils folgende Sachverhalte
ter bis hin zu den Siedlungsbewegungen näher erläutert: 1. Allgemeines und geo-
nach dem Zweiten Weltkrieg und seit graphische Lage, 2. Statistik und Demo-
Anfang der 1990er-Jahre). Darüber hin- graphie, 3. Geschichte, 4. Wirtschaft, Poli-
aus analysiert die Autorin die wichtig- tik, Kultur und rechtliche Stellung, 5.
sten Faktoren für die Durchsetzung von Soziolinguistische Situation, 6. Sprachge-
bestimmten Mundarten und stellt zahl- brauch und -kompetenz, 7. Sprachein-
reiche Bedingungen (z. B. historische, so- stellungen, 8. Faktorenspezifik (Zusam-
ziologische, linguistische und religiöse) menfassung), 9. Literatur. Das Handbuch
für den Spracherhalt bzw. Sprachwechsel umfasst also ein sehr breites Spektrum an
des Deutschen vor. Das Kapitel schließt Themen, die nicht nur für Historiker und
mit einem Literaturverzeichnis, das auf Sprachwissenschaftler interessant sein
die neuesten Fachpublikationen ver- können.
weist. Dieser gut aufbereiteten Einfüh- Besonders wertvoll sind die Untersu-
rung folgen sieben Länderartikel über chungen über die Sprachformen des
Russland (Nina Berend und Claudia Ma- Deutschen. In den sieben Länderkapiteln
ria Riehl), die Ukraine (Olga Hvozdyak), werden einzelne Schriftstücke angeführt,
Polen (Maria Katarzyna Lasatowicz und die von deutschen Sprechern abgefasst
Tobias Weger), Tschechien (Pavla wurden. Auch gesprochenes Regional-
Tiššerová), die Slowakei (Albrecht Plew- deutsch wird häufig zitiert. An das Kapi-
nia und Tobias Weger), Ungarn (Elisa- tel über Rumänien werden kurze Bei-
beth Knipf-Komlósi) und Rumänien (Jo- spieltexte für die deutschen Dialekte in
hanna Bottesch). An dieser Stelle hätte diesem Land angehängt. Sie machen die
man sich auch Informationen über deut- Unterschiede zwischen den einzelnen
sche Sprachminderheiten in anderen ost- Sprachvarietäten transparenter.
168

Die Autoren des Handbuchs präsentie- viator« und »homme de lettres« darstellt:
ren ein differenziertes Sprachmaterial »Das Handlungsreisen in Sachen Litera-
und liefern eine gute Analyse der Merk- tur, die Reiseliteratur als Gattung und die
male des Deutschen. In ihren Darstellun- Interkulturelle Germanistik als wissen-
gen berücksichtigen sie unterschiedliche schaftliche Disziplin bildeten und bilden
sprachliche Ebenen, sie beschreiben die den Mittelpunkt von Hans-Christophs
wesentlichen Transfererscheinungen und beruflicher Arbeit.« (XII) Dem Geehrten
sie stellen auch die Sprachvarietäten in wird also, wie es sich für eine Festschrift
den einzelnen Generationen dar. gehört, gleich zu Beginn die gebührende
Erfreulicherweise ist es den Autoren des Reverenz erwiesen. Und auch die ande-
Bandes gelungen, wissenschaftliche Ge- ren vierzehn Beiträge verweisen mehr-
nauigkeit und allgemeinverständliche fach auf Graf v. Nayhauss und seine
Lesbarkeit zu vereinigen. Es ist sehr zu Schriften.
begrüßen, dass nun ein Handbuch auf In ihrem Eröffnungsaufsatz über »Trans-
dem Markt ist, das die Problematik der kulturelles Lernen im Deutschunter-
deutschen Sprachminderheiten so kom- richt« repetieren die Herausgeber zu-
petent und faktenreich behandelt. nächst die seit Jahren übliche, politisch
korrekte Schelte der pädagogischen Pra-
xis im Lande, die in den vielen in
Literatur Deutschland gesprochenen Migrations-
ŠŠevi°, ŽŽeljko: »The Unfortunate Minority sprachen angeblich bis heute »kein Bil-
Group: Yugoslavia’’s Banat Germans«. In:
Wolff, Stefan (Hrsg.): German Minorities in dungspotenzial« sehe (3). Die heutige
Europe: Ethnic Identity and Cultural Belong- Migrantengeneration jedoch verstehe
ing. Oxford: Berghahn, 2000, 143––163. sich als »selbstverständlicher Teil der
hiesigen Gesellschaft –– ohne dabei ihre
kulturellen und sprachlichen Herkünfte
zu negieren« (3). Diese Diagnose, die
Engin, Havva; Olsen, Ralph (Hrsg.): man in ihrer Pauschalität durchaus an-
Interkulturalität und Mehrsprachigkeit. zweifeln darf, mache die »Transkulturali-
Baltmannsweiler: Schneider Hohengeh- tät« –– das Begriffsverständnis wird kurz
ren, 2009. –– ISBN 978-3-8340-0487-1. 184 erläutert –– zu einem Kennzeichen
Seiten, €€ 18,00 (post)moderner Gesellschaften. Im An-
schluss an die Arbeiten von Heidi Rösch
(Klaus Hübner, München)
und anderen wird ein »transkultureller
Der Sammelband firmiert als Festschrift sprachlicher Ansatz« vorgestellt, der so-
für Hans-Christoph Graf v. Nayhauss, wohl die Mehrsprachigkeit der Migran-
der von 1976 bis 2007 als Professor an der ten als auch die lebensweltliche Mehr-
Pädagogischen Hochschule Karlsruhe sprachigkeit der Einheimischen reflek-
gearbeitet hat. Dementsprechend steht tiert sowie die Hybridisierung und Mi-
ein Foto des verdienten Literaturwissen- schung von Sprachen in Schule und
schaftlers und Pädagogen am Anfang des Alltag explizit berücksichtigt. Im An-
Buches, und ein Anhang mit einer Aus- schluss an Heidi Rösch, Werner Winter-
wahl seiner Publikationen bildet seinen steiner und andere wird dann auf die
Schluss. Michael Baum, der Nachfolger »transkulturelle literarische Bildung« nä-
des hier Geehrten, hat außerdem eine her eingegangen, die den berühmten
»unmögliche Würdigung« verfasst, die »anderen Blick« auf literarische Texte
Nayhauss als »homo politicus«, »homo erforderlich macht. »Vor allem durch das
169

Ernstnehmen der Schüleräußerungen förmlich an: »Durch die Vermischung


kann unseres Erachtens der geforderte verschiedener Traditionslinien, die sich
››andere Blick‹‹ auf Literatur geschehen.« in ihrer Person vereinen und in ihrem
(12) Auch ein transkultureller Zugang literarischen Werk niederschlagen, sind
zum Deutschunterricht, der vor allem Reinerovás Texte in hohem Maße von
»transkulturelle Sensibilität« des Lehr- Hybridität gekennzeichnet.« (45) Hahns
personals voraussetzt, stelle –– so wird sensible und lehrreiche Studie, die im
abschließend explizit betont –– »die hohe Anschluss an Ortrun Gutjahr (2001) und
Relevanz von angemessenen Deutsch- andere zeigt, wie die textinternen Er-
kenntnissen für eine erfolgreiche Bil- scheinungsformen von Fremdheit, ins-
dungsbiographie« in den Mittelpunkt, besondere im Blick auf den Themen-
passe dieses hehre Ziel aber theoretisch komplex »Heimatverlust und Exil«, sich
wie praktisch den heutigen empirischen in ganz unterschiedlichen räumlichen
Gegebenheiten an (13). Perspektiven konkretisieren, beweist auf
Dieser Skizze zum transkulturellen Ler- wenigen Seiten recht eindrucksvoll,
nen folgt eine Studie von Michael Baum wozu Interkulturelle Germanistik im
zum Thema der Fremdheit »im Diskurs Stande ist. Sabine Hertweck geht der
der Kulturtheorien«. Der Autor bietet Frage nach, ob das Orthographiewörter-
eine anregende Zusammenfassung der buch einen Beitrag zur lexikalischen
Denkansätze von Gadamer, Lotman, Interkulturalität leistet. Das falsche
Derrida und anderen, eine »Skizze von Thema hat, trotz aller Sachkenntnis,
Problemen der Fremdheit in drei unter- Mehmet Sait Kont gewählt: Es ist von
schiedlichen kulturwissenschaftlichen vornherein klar, dass niemand auf acht
Konzepten«, die als »Angebot zu einem Seiten einen Überblick über die türki-
Dialog über die Problematiken des sche Literatur geben kann, und entspre-
Fremden und des Eigenen«, insbeson- chend peinlich fallen solche überflüssi-
dere hinsichtlich deren Implikationen gen Versuche denn auch aus.
für das Verstehen von Literatur, über- Recht heterogen sind, wie bei einer
zeugen kann (29). Havva Engin beschäf- Festschrift durchaus nicht unüblich,
tigt sich mit der »Rolle des Vorwissens auch die Themen der weiteren Beiträge.
und von Lesestrategien im schulischen Andreas Krafft äußert sich zum Verhält-
Fachunterricht bei Schülern mit Deutsch nis von Mehrsprachigkeit und meta-
als Zweitsprache« und plädiert, wie sprachlichem Wissen und fixiert auch
nach dem einleitenden Aufsatz zu er- Konsequenzen für den Deutschunter-
warten, auch hier mit guten Argumen- richt –– von mehr und besserer »kontra-
ten dafür, den »Literalitätsbegriff« nicht stiver Sprachbetrachtung« zum Beispiel
mehr ohne Berücksichtigung des »mul- profitierten letztlich alle Beteiligten (85).
tikulturellen Weltbezugs« zu definieren Beate Laudenberg befasst sich mit der
und an die kulturell geprägten Wissens- interkulturellen Bildung einer literari-
bestände der Schüler anzuknüpfen (41). schen Figur und hat sich dafür den
Mit »Fremderleben und Differenzerfah- »ky«-Krimi Heißt du wirklich Hasan
rung« in der Prosa der Ende Juni 2008 Schmidt? näher angesehen. Ähnlich kon-
verstorbenen tschechisch-deutschen kret wird Patricia Nauwerck, die die
Schriftstellerin Lenka Reinerová setzt unverwüstliche Pippi Langstrumpf und
sich Heidi Hahn auseinander, und in deren weltweites Echo so aufbereitet,
der Tat bieten sich die Texte der Prager dass »Efraimstochter als Vermittlerin
Autorin für eine solche Untersuchung von Sprach(en)vielfalt im Klassenzim-
170

mer« (Untertitel) denkbar wird. Am Erll, Astrid; Nünning, Ansgar (Hrsg.):


Beispiel von Guus Kuijers Kinderbuch Cultural Memory Studies. An Interna-
Das Buch von allen Dingen (2004, dt. tional and Interdisciplinary Handbook.
2006) erörtert Ralph Olsen »Religions- Berlin: de Gruyter, 2008. –– ISBN 978-3-11-
kritik als transkulturelles Verstehen«, 018860-8. 441 Seiten, €€ 98,00
was womöglich im Literaturunterricht (Udo O. H. Jung, Bonn)
eher möglich und sinnvoll sei als im
meistens monokulturell ausgerichteten Ich habe dieses von über 40 Autoren aus
Religionsunterricht. Georg Pilz steuert 8 Ländern ganz auf englisch geschrie-
ein komparatistisches Thema bei: »Ge- bene Buch zur Rezension angefordert,
staltung und Funktion des Inneren Mo- weil ich seit Jahr und Tag den kommuni-
nologs bei Édouard Dujardin und kativen, sozialen, nationalen, kollektiven,
Arthur Schnitzler«. Mit didaktischen kulturellen Gedächtnissen auf der Spur
Aspekten des Dialektgebrauchs, speziell bin, wie sie auf unzähligen Straßenschil-
des Schwäbischen (in all seinen Facet- dern in Ost und West für Deutschler-
ten), setzt sich Heinz Risel auseinander. nende fassbar und für deren Lehrer
Kersten Sven Roth schreibt, detailliert vermittelbar werden. Straßennamen
und sehr konkret und deshalb für Leh- sprechen die Menschen an, seien sie nun
rende fast ohne Umsetzungsschwierig- Taxifahrer, Polizisten, Postboten, Sanitä-
keiten brauchbar, über die »Didaktik ter, Feuerwehrmänner, Touristen oder
des Fremdworts« im Deutschunterricht, Ortskundige, auf Postsachen springen sie
und schließlich erläutert Carmen Spie- einem in die Augen –– 70 Millionen sind es
gel die bei Sprachproduktions- und pro Tag. Auf Straßenschildern stülpt eine
Sprachverstehensprozessen zum Tragen Stadt ihr Gedächtnis nach außen, macht
sichtbar, was und wen sie für erinne-
kommenden kulturspezifischen Kon-
rungswürdig hält. Die Gesamtheit der
zepte im sozialen Raum »Schule«, denen
nach Schriftstellern, Malern, Musikern,
Lehrende erst einmal auf die Spur kom-
Politikern, Wissenschaftlern, Soldaten
men müssen, um Kinder aus ganz un-
oder Sportlern benannten 1.182.517 Stra-
terschiedlichen Herkunftskulturen in ih-
ßen in Deutschland deckt uns das histo-
ren Lernbemühungen adäquat unter-
risch geschichtete, kollektiv-kulturelle
stützen zu können.
Gedächtnis der Nation auf. Das ist nichts
Fazit: Heterogene Studien, gewiss, auch Statisches. Es handelt sich vielmehr um
von unterschiedlicher Qualität und einen Kommunikationskreislauf im Ver-
Brauchbarkeit –– immer aber bezogen auf bund mit anderen Informationsagenten.
die im gut gewählten Buchtitel genannte Wie konzipiert man das? Nun, in diesem
thematische Linie, die durch die Schwer- Buch jeder auf seine Weise. Das macht
punkte des akademischen Wirkens von den Charme dieser Publikation aus, in
Hans-Christoph Graf v. Nayhauss vorge- der sich Historiker, Neurologen, Psycho-
geben war. Die alte Frage »Wer liest logen, Soziologen, Theologen und natür-
schon Festschriften?« hat sich durch die- lich Literatur-, Sprach- und Kommunika-
ses Buch natürlich nicht erledigt. Den- tionswissenschaftler zusammengetan ha-
noch werden viele Sprach- und Literatur- ben, um dem Anspruch, interdisziplinär
wissenschaftler mit ganz unterschiedli- zu sein, gerecht werden zu können. Und
chen Interessenschwerpunkten in diesem alle rekurrieren sie auf den in einem
Sammelband etwas für die eigene Arbeit deutschen Konzentrationslager ums Le-
finden. ben gekommenen Maurice Halbwachs
171

und seine Vorstellung von einem sozial aber unter den 36 Aufsätzen findet sich
verankerten Gedächtnis des Einzelnen. eine ganze Reihe, die unter fremdspra-
Ist man über Halbwachs hinausgekom- chendidaktischen Gesichtspunkten Er-
men? wähnung verdienen:
Zwei deutsche Forscher, Aleida und Jan Im 1. Kapitel geht es um Erinnerungs-
Assmann, haben das Halbwachssche orte, imaginäre wie Mitteleuropa und
Konzept erweitert und unterscheiden, reale wie Italien oder die USA. Udo J.
wie sie auch im vorliegenden Band erläu- Hebel (»Sites of Memory in U. S.-Ameri-
tern, zwischen einem »kommunikativen« can Histories and Cultures«) kommt in
Drei-Generationen-Gedächtnis, das nach seinem Beitrag u. a. auf Briefmarken und
80 bis 100 Jahren seinem Nachfolger Platz Münzen zu sprechen, auf Dokumente
macht, dem »kulturellen« Gedächtnis, und Artefakte, die Lernern helfen, sich
das in Archiven, Museen und Bibliothe- ein Bild von den Auswahlkriterien zu
ken zu Hause ist. Aus diesem Speicherge- machen, die der nationalen Erinnerung
dächtnis können zeitweilig »eingemot- zugrunde gelegt werden.
tete« Inhalte jederzeit ins Funktionsge-
Das 2. Kapitel heißt »Memory and Cultu-
dächtnis zurückgeholt werden.
ral History«. Darin finden sich die bereits
Pikanterweise wird die Leistungsfähig-
erwähnten Aufsätze der beiden Ass-
keit des Assmannschen Konzepts –– es ist
manns und die Arbeit von Alon Confino
das, wie die Mitherausgeberin dieses
über Mentalitäten, deren Erforschung
Bandes in einem anderen Buch ausführt,
den Versuch darstellt, »to outline the
»im deutschsprachigen Raum meistdis-
mental horizons of society as a whole, to
kutierte Konzept der kulturwissenschaft-
link elite and popular culture« (81).
lichen Gedächtnisforschung« –– von Mar-
tin Zierold hier in Zweifel gezogen: Im 3. Kapitel geht es um »Social, Political,
»Thus, despite all its merits«, heißt es da, and Philosophical Memory Studies«.
»it can be doubted if the Assmanns’’ Darin muss man auf Sätze gefasst sein,
model, with its specific genesis, is sui- die so anfangen: »Consciousness, mo-
table for modern forms of society.« (401) deled as an auto- or allo-referentially
Zierold plädiert für das Studium des experienced referring to something as
Zusammenhangs jener Medien, die zum something« (193), oder man stößt auf die
täglichen Brot des Fremdsprachenlehrers leider unbelegte Aussage, dass es »long-
gehören, »writing and print, but also term structures« gebe, »to what societies
radio, television, and the Internet« (402), remember or commemorate that are stub-
mit dem Gedächtniskonzept. Fremdspra- bornly impervious to the efforts of indivi-
chenunterricht ist offenbar ganz nah an duals to escape them« (156).
diesem interdisziplinär verhandelten »Psychological Memory Studies« ist Ka-
Brennpunktthema dran, denn das ist pitel 4 überschrieben. Das ist eine span-
doch eine der wichtigsten Aufgaben nende Einführung in die narrative Psy-
nicht nur des fortgeschrittenen Unter- chologie und darüber, welchen Erinne-
richts: den Lernenden im Landeskun- rungsirrtümern Individuen aufsitzen
deunterricht Zugang zum nationalen Ge- können, weil sie, weil wir bei dem Ver-
dächtnis zu vermitteln, ihnen die Mög- such, Vergangenheit zu erzählen, »ima-
lichkeit zu geben, selbständig herauszu- ges and a language« benutzen, »which is
finden, wie dieses oder jenes Volk »tickt«. never completely one’’s own« (227). Wir
Das Schlagwort »Straßennamen« habe sind gefangen –– teilweise jedenfalls –– in
ich im Sachindex vergeblich gesucht, den vorgefertigten Rahmen der Erinne-
172

rung. Das Soziale kehrt ins Individuum Autoren: »Diese Schriften kennst Du
zurück. doch sicher –– oder etwa nicht?«
Dem Angewandten Linguisten bekannt Dennoch: Mitherausgeberin Astrid Erll
sein dürfte auch die Unterscheidung in hat 2005 eine Vorläuferpublikation getä-
»explicit«, »implicit«, »episodic«, »se- tigt und darüber gesagt: »Dies ist das
mantic«, »declarative« und »procedural Handbuch, das ich vor einigen Jahren
memory«. Gibt es dazu »collective ana- selbst gerne gelesen hätte.« Diesen Satz
logues«? Und wie verlässlich sind sie? hätte sie sich besser für den hier kurz
Natürlich fehlt auch die Sapir-Whorf- besprochenen Sammelband aufgehoben.
Hypothese nicht in diesem Kapitel. Im- Dieses Buch ist teuer, aber es ist sein Geld
mer wieder taucht der Hinweis auf, dass wert. Für die zweite Auflage sollte es
Menschen besser zu verstehen sind, jedoch noch einmal gründlich durchgese-
wenn man sie nicht als »individuals, but hen werden.
rather as interfaces in a network« (293)
ansieht.
Das vorletzte Kapitel behandelt dann
»Literature and Cultural Memory«. Her- Ernst, Christoph; Sparn, Walter; Wagner,
bert Grabes greift darin ein Thema auf, Hedwig (Hrsg.):
das Aleida Assmann bereits im 2. Kapitel Kulturhermeneutik. Interdisziplinäre
angeschnitten hatte: »Cultural Memory Beiträge zum Umgang mit kultureller
and the Literary Canon«. Gefahndet wird Differenz. München: Fink, 2008. –– ISBN
nach jener »invisible hand«, die den 978-3-7705-4716-6. 554 Seiten, €€ 49,90
Kanon formt. Wir werden versichert,
(Karl Esselborn, München)
dass »the canon will not die« (318). Bei
Ann Rigney (»The Dynamics of Remem- Der umfangreiche Sammelband stellt in
brance: Texts between Monumentality zahlreichen Beiträgen Ergebnisse der Ar-
and Morphing«) geht es dann darum, beit zum Thema Kulturhermeneutik im
dass und wie kollektive Erinnerung dau- (2001 von der DFG eingerichteten) inter-
ernd »in the works« ist, es geht um den disziplinären Graduiertenkolleg Kultur-
Blickwechsel vom Produkt zum Prozess, hermeneutik im Zeichen von Differenz und
darum, wie Texte zirkulieren in einer Transdifferenz der Universität Erlangen-
Gesellschaft: »Adaptation, translation, Nürnberg zusammen. Die auf fünf Sek-
reception, appropriation« heißen die tionen (verschiedener Disziplinen) aufge-
Stichwörter. teilten 23 Aufsätze liefern keine fertige,
Im 6. Kapitel über »Media and Cultural geschlossene kulturwissenschaftliche
Memory« treffen wir dann u. a. wieder Theorie, sondern behandeln das gemein-
auf die Arbeit von Zierold, mit der diese same Thema der Alterität nach unter-
Rezension begonnen wurde. schiedlichen konkreten Aspekten und
Ich habe das Buch zweimal durchgear- Themenbereichen, um angesichts der
beitet. Meine Randnotizen verdichten Phänomene des Neuen, Anderen, Frem-
sich zu der Aussage, dass eine gewisse den in der literarischen, sozialen, politi-
Unausgewogenheit in Diktion und An- schen, religiösen Kommunikation zu ei-
spruch unverkennbar ist. Manchmal ner heuristischen und pragmatischen
wird schulmäßig vorgetragen, gelegent- Orientierung auf dem schwierigen Feld
lich wird beinahe zügellos drauflos er- der »Kultur« zu kommen.
zählt, ein anderes Mal erkennt man den Erste Ergebnisse aus einem Erlanger Ar-
doch etwas befremdenden Gestus einiger beitskreis Alterität hatten deutlich ge-
173

macht, dass das irreduzible Anderssein aktion, ihre Asymmetrie und Dominan-
des Fremden angesichts der Phänomene zen, die Undurchschaubarkeit der eige-
der individuellen und kollektiven Mehr- nen Implikation, das Nicht-Einverständ-
fachzugehörigkeit, der Überlagerung, nis und die asemiotische Kommunika-
der relativen Unentschiedenheit, der va- tion.
gen oder oszillierenden Zwischenbefind- Das Forschungsprogramm versteht sich
lichkeit nicht mehr nur im binären als kulturell kontingent und politisch
Schema von »Wir« und den »Anderen« partikular, den Konflikt der Interpreta-
zu fassen ist, wofür der Begriff »Transdif- tionen (Ricœœur) als Regelzustand. Das
ferenz« (als multivalenter aber labiler interdisziplinäre experimentelle Ge-
Zwischenzustand inmitten binärer Ord- spräch ermöglicht es, »eine phänomeno-
nungen) eingeführt wurde, der auch auf logisch und semiotisch justierte Herme-
intrakulturelle bzw. alle Prozesse kultu- neutik mit der Sprachanalyse, der Sys-
rellen Wandels zu beziehen ist und eine temtheorie und der Diskursanalyse zu
neue nicht essentialistische »Kulturher- verbinden« (16). Dazu gehört neben der
meneutik« verlangt. Diese weiterentwi- praxeologischen auch die medientheore-
ckelte Hermeneutik versteht »Kultur« –– tische Erweiterung der –– mediengebun-
stets deskriptiv und nicht normativ –– als denen –– Kommunikation z. B. um den
Inbegriff jeder Art sozialer Kommunika- Aspekt des »polysemischen Bildes«.
tion und Interaktion durch bedeutende Zentrale Themen der interkulturellen
Zeichen (nicht nur in Texten, sondern Hermeneutik sind Ethik als Reflexions-
auch im pragmatischen Alltagshandeln, grundlage für die Begegnung mit dem
akteursorientiert) und relativiert durch Fremden, universale Geltung von Wis-
die Phänomene von Transdifferenz. Sie senschaft, kontext- und sprachabhängige
darf die eigenen kulturellen Vorausset- Realität, Übersetzbarkeit von Sprachen
zungen nicht übersehen und muss die und partielle Unübersetzbarkeit von Kul-
Alterität des Fremden akzeptieren und in turen, partikulare Identitätskonzepte
ihren konkreten Formen in den weltwei- usw.
ten Prozessen der kulturellen Differen- Da die anspruchsvolle theoretische Dis-
zierung bzw. Entdifferenzierung, des kussion der zahlreichen Beiträge (meist
kulturellen Übersetzens und Übertra- mehrerer Verfasser) aus den verschiede-
gens (unterschieden nach »intersystemi- nen Disziplinen zu Einzelaspekten einer
scher«, »intrasystemischer« und Subjekt- aktuellen Kulturhermeneutik der Diffe-
ebene) in den Blick nehmen. Verzichtet renz und Transdifferenz hier nicht im
wird auf die Erwartung, heterogene Dis- Einzelnen verfolgt werden kann, soll vor
kurse in einem gemeinsamen Horizont allem auf die für Philologen interessan-
zu ››verschmelzen‹‹, wie auf die Annahme ten Themen hingewiesen werden. Die
eines homogen zentrierten Subjekts des fünf Sektionen, mit jeweiliger Einleitung
Verstehens (besonders im Blick auf die und Übersicht über die Konzepte und
Aushandlung gesellschaftlicher Macht Thesen der Beiträge und die interdiszipli-
und kultureller Dominanz). Über die nären Gemeinsamkeiten, sind etwa den
Selbstreflexion des Verstehens hinaus ist Disziplinen Hermeneutik, Philologie, So-
eine Situierung im universalen Prozess ziologie, Religion und Ethik und Überset-
des Aushandelns von Bedeutung (als zen zugeordnet.
Form interkultureller Praxis) erforder- Die einleitenden allgemeinen theoreti-
lich. Themen sind auch die Materialität schen Überlegungen in Sektion I. Unter-
kultureller Prozesse, die leibhafte Inter- schiede (nicht) verstehen, Interkulturelle
174

Hermeneutik auf dem Weg zur Kulturherme- Im soziologischen Kapitel III. Sinn und
neutik suchen nach einem Ansatz jenseits Realität. Praxis und Theorie sozialer Kon-
der Opposition von »hermeneutischem« struktion sinnhafter Welten werden Fragen
Universalismus und »poststrukturalisti- einer sozialwissenschaftlichen Herme-
schem« Relativismus, bei Gleichzeitig- neutik, eine politisch-soziale Semantik,
keit und Gleichwertigkeit des Universel- der Außenbezug von Texten oder Ge-
len und Partikularen. Wenn keine Unter- schichtsbewusstsein und Handlungsori-
scheidung zwischen Kulturen als kohä- entierung erörtert. Im Bereich IV. Religion,
renten übergeordneten Ganzheiten mehr Ethik, Medien: Kulturhermeneutik interdis-
möglich ist, wäre die hermeneutische ziplinär geht es um die mediale und
Tradition über differenztheoretische literarische Präsentation von Ethik und
Konzepte (Dekonstruktion, Diskursana- Religion, die Dialektik des Handelns und
lyse, Postcolonial Studies) hinaus weiter- Verstehens (am Beispiel des zeitgenössi-
zuführen. Bei aller Standortgebunden- schen Hinduismus oder der neureligi-
heit jeder Betrachtung, die der Gegen- ösen Bewegungen in Russland) und um
blick der anderen verdeutlicht, wird zu- Ansätze zu einer religionswissenschaftli-
gleich eine Kommunikationsbasis für chen Kulturhermeneutik.
den faktischen Kulturaustausch benötigt. Das letzte Kapitel V. Verschieden Überset-
Diskutiert wird hier das medienphiloso- zen untersucht sehr unterschiedliche Bei-
phische Konzept der »Szenen gemeinsa- spiele kultureller Grenzüberschreitung,
mer Aufmerksamkeit«, das ethnologi- z. B. im Dialog zwischen deutschen und
sche Konzept der Interaktion von For- chinesischen Schlüsselbegriffen um 1900
scher und »Forschungsobjekten« an der die Übertragung als Prophezeiung und In-
Schnittstelle Leib, das Problem des Stand- szenierung bei Richard Wilhelms Einfüh-
rung von Nietzsches Übermensch-Kon-
punktes aus pragmatischer Sicht bei R. A.
zept in die daoistische Gedankenwelt;
Malls Konzept der orthafte(n) Ortlosigkeit
oder im Vergleich der Verdeutschung der
des hermeneutischen Forschers und zu-
Heiligen Schrift durch Martin Buber und
letzt die übergreifenden Visionen Die
Franz Rosenzweig das Konzept des Pa-
Europaidee, der Universalismus und der
limpsests und der Materialität der
Kosmopolitismus, auch in ihren histori-
Schrift. Anhand der Übertragung von G.
schen Formen und bedenklichen hege-
Spivaks A Critique of Postcolonial Reason
monialen Geltungsansprüchen.
(1999) ins Deutsche wird eine Überset-
Sektion II. Inszenierte Lesarten –– Kulturelle zungstheorie entwickelt, die eine ››intime‹‹
Begegnungen in und mit anglophonen Texten Beziehung der Übersetzer zum Übersetz-
der frühen amerikanischen Kolonialzeit ent- ten und eine sprachlich-kulturelle Exper-
wickelt in Auseinandersetzung mit post- tise und kulturhermeneutische Reflexion
kolonialen Theorien offenere Konzepte fordert und im Zeichen von »Transdiffe-
der Interpretation fremdkultureller lite- renz« die Deutungsmacht der Übersetzer
rarischer Texte in reziproker Doppelbe- in die Pluralität der Lektüren dekonstru-
wegung, wobei die Beispiele aus der iert.
Kolonialzeit, der US-amerikanischen Ge- Insgesamt bietet der Band dem am
genwart, der literarischen Karibik, dem Thema »interkulturelle Hermeneutik« in-
»transkulturellen« Kanada und Austra- teressierten Leser eine Vielfalt an anre-
lien stammen und die indigene oder genden, speziellen und konkreten Bei-
autochthone Identität (etwa eines Abori- spielen, an Überlegungen und Einsichten
gine) mit berücksichtigen. und zugleich einen guten Überblick über
175

die gegenwärtige Diskussion zur Wahr- die Aussage deutscher Lehrer, dass bei
nehmung von und zum Umgang mit russischsprachigen Schülern keine
kultureller Alterität. Dabei verdeutlicht Grundlagen für das Schreiben ausgebil-
er eine überzeugende Weiterentwicklung det seien, und sie stellt dem die These
der hermeneutischen Konzepte zu einer entgegen, dass die Fähigkeiten der rus-
am realen Austausch zwischen den un- sischsprachigen Schüler vorhanden sind,
terschiedlichen Kulturen orientierten aber nicht berücksichtigt werden. Letzt-
(nicht essentialistischen) Kulturherme- lich resultiert daraus der berechtigte Vor-
neutik, die über die binären Schemata wurf, dass sich bisher niemand in
des Eigenen und Fremden hinaus zuneh- Deutschland darum gekümmert hat, die
mend die weltweit zu konstatierenden schreibdidaktischen Grundlagen, die
Phänomene der individuellen wie kollek- russischsprachige Schüler mitbringen, zu
tiven kulturellen Mehrfachzugehörig- erkunden.
keit, der Überlagerung und der Zwi- Für die Darstellung der Entwicklungs-
schenbefindlichkeit berücksichtigt. Den prozesse verwendet die Autorin das be-
hierfür (wie für alle Prozesse kulturellen kannte Schreibmodell von Hayes/Flower
Wandels) geprägten Begriff der »Trans- (1980), das durch weitere (Bereiter 1980;
differenz« sollte die interkulturelle Lite- Wrobel 1995) ergänzt wird. Gestützt auf
raturwissenschaft auf seine Brauchbar- die Schreibmodelle zeigt sie die für den
keit hin prüfen und als Hinweis auf die Zweitspracherwerb relevanten Entwick-
neue Perspektive umgehend überneh- lungsstadien der muttersprachlichen
men. Auch dafür würde sich die Lektüre Schreibkompetenz im schulischen Kon-
lohnen. text und macht ebenfalls deutlich, warum
diese Modelle nicht auf russischspra-
chige Schüler übertragbar sind.
Auf Grund der Unterschiede in der
Ezhova-Heer, Irina: Schulwirklichkeit in Russland kommt die
Schreiben an russischen und deutschen Autorin zu dem Schluss, dass die rus-
Schulen. Unter besonderer Berücksich- sischsprachigen Schüler durch einen
tigung der Textproduktion russisch- schülerzentrierten Unterricht in Deutsch-
sprachiger Aussiedler und Spätaussied- land überfordert werden. Sie kritisiert
ler. Frankfurt a. M.: Lang, 2008. –– ISBN dabei auch den Herkunftssprachen-Un-
978-3-631-58844-4. 312 Seiten, €€ 51,50 terricht (Russisch) an deutschen Schulen,
da er zur Förderung der bereits entwi-
(Anna Mashkovskaya, Essen)
ckelten sprachlichen Kompetenzen der
Seit den achtziger Jahren werden Kon- russischsprachigen Schüler wenig bei-
zepte für Schüler mit Migrationshinter- trägt (89). Aus diesem Grund findet sich
grund entwickelt. Dabei ist immer beob- in Kap. 2.6.2 eine sehr nützliche Zusam-
achtet worden, dass insbesondere auch menstellung von Techniken und Strate-
die Schreibkompetenz der zugewander- gien zur Förderung des Schreibens in der
ten Schüler gefördert werden muss. In Zweitsprache. Die Autorin geht auf ein-
diesem Kontext beschäftigt sich die Dis- zelne Problembereiche ein, als da sind:
sertation von Ezhova-Heer mit dem fehlendes Musterwissen (stilistische, in-
Thema der Schreibkompetenz bzw. ihrer haltliche Probleme), geringe Sprachkom-
Ausbildung auf dem Hintergrund zweier petenz (Wortschatzprobleme, Abbruch
Schulsysteme, nämlich des deutschen von Planungsprozessen, fehlende Kohä-
und des russischen. Die Autorin zitiert renz), fehlende Schreibstrategien. Dabei
176

unterstreicht sie die Wichtigkeit der Stra- fördert (151). Die Textform Beschreibun-
tegienentwicklung. Sie können aus der gen nimmt dabei den ersten Platz ein
Muttersprache in die Zweitsprache über- (152). Die Autorin sammelt ein Korpus
tragen werden und zur Überwindung von Texten, die von den russischsprachi-
der Schwierigkeiten in der L2 genutzt gen Schülern zum Thema Personen- und
werden (139). Die Autorin stellt wichtige Objektbeschreibungen im Rahmen des För-
Teilprozesse des Schreibunterrichts zur derunterrichts an einer Wuppertaler
Diskussion –– besonderen Wert legt sie Hauptschule angefertig wurden, und be-
dabei auf die Vorbereitungsphase, da auf legt durch eine Analyse, dass die rus-
dieser Stufe erste Ideen angesprochen sischsprachigen Schüler mit diesem Auf-
werden. Ezhova-Heer fordert eine Er- gabenformat vertraut sind. Die Autorin
leichterung der Textproduktion durch stellt die berechtigte Frage, wie eine
eine Zerlegung in Teilprozesse, die u. a. Aufsatzmethodik im schulischen Kontext
durch folgende Techniken unterstützt zu vermitteln ist. Sie widerspricht der
werden sollen (140): Meinung von Dehn (1999), dass gute
(1) zu Schreibformulierungen: Festle- Aufsätze nur solche Kinder verfassen
gung der Grob- und Feinziele, Formu- können, die viel lesen, und betont, dass es
lieren von Absätzen, Gedankenent- möglich ist, »schwächeren« Schülern
wicklung, Bereitstellung geeigneter Schreibkompetenzen beizubringen, in-
sprachlicher Mittel; dem ihnen Schreibmodelle verbunden
(2) zur Textsortenangemessenheit: Be- mit Techniken und Strategien an die
reitstellung von Mustertexten, Text- Hand gegeben werden (173). Die Autorin
sortenmerkmale, Analysefähigkeit weist auf die Wichtigkeit der Vorberei-
durch Übungen; tungsphase hin, die als Entlastung der
(3) zur lexikalischen/semantischen Ange- schwachen Schüler angesehen werden
messenheit: Erweiterung des Wort- kann. Die Unkenntnis der Textsorte, For-
schatzes durch authentische Texte, mulierungsschwierigkeiten usw. können
Gebrauch von zweisprachigen Wör- in der Phase der Überarbeitung durch
terbüchern, stilistische Übungen in strukturierte Übungen und Strategieent-
Form von Lückentexten; wicklung vom Lehrer z. T. behoben wer-
(4) zum Überarbeitungsverhalten: Revi- den. Insgesamt kommt Ezhova-Heer zu
sionen während und nach dem dem Schluss, dass russischsprachige
Schreiben, Fehlersuche (sinnentneh- Schüler die wichtigsten Voraussetzungen
mendes Lesen, detailliertes Lesen, Le- für den Sprachunterricht in Deutschland
sen zur Kontrolle der Grammatik und mitbringen.
Orthographie), Führung der Fehler- Mit Äußerungen der interviewten Lehr-
statistik, Fehlerfeedback als Gruppen- kräfte aus Russland über die Schreibfä-
und Partnerarbeit. higkeiten der russischsprachigen Schüler
In Kap. 3 wird gezeigt, mit welchem belegt die Autorin, dass die russischspra-
Wissensstand die Schüler nach Deutsch- chigen Schüler an eine andere Schultradi-
land kommen und über welche Schreib- tion gewöhnt sind und im Unterricht an
fähigkeiten sie verfügen. Dies wird mit- der deutschen Schule stärker geführt
hilfe des Aufsatzunterrichts überprüft, werden sollten. Die wichtigsten Aspekte,
der laut Curriculum in Russland ein die bei der Förderung der russischspra-
wichtiger Aspekt des Schulprogramms chigen Schüler beachtet werden sollten,
ist und die Herausbildung der sprachli- sind laut Ezhova-Heer folgende: klare
chen und kommunikativen Kompetenz Angaben für die Schreibaufgabe, Einfüh-
177

rung einer Vorbereitungsphase, genü- weniger als Pädagogen verstehen, wirkt


gend Zeit für die Textproduktion sowie sich hier integrationshemmend aus.
gründliche Korrekturen und Rückmel- Die Anwendung der bekannten Schreib-
dungen an die Schüler (Kap. 4.6). Auf muster und in der Muttersprache erlern-
Grund der festgestellten Defizite kommt ten Strategien zeigt, dass das Aufsatz-
die Autorin zu der Frage, unter welchen schreiben als Schreibaufgabe eine lern-
Voraussetzungen eine Förderung effekti- fördernde Wirkung bei zugewanderten
ver gestaltet werden könnte (Kap. 5). Schülern erzielt. Ezhova-Heer sieht im
Nach der Analyse der Schreibprodukte Förderunterricht eine Chance, dass die
der zugewanderten Schüler werden von Schüler die Muttersprache für die Entfal-
ihr neue Techniken zur Schreibförderung tung ihrer Fähigkeiten nutzen können ––
eingesetzt, u. a. die bereits aus dem mut- wenn Förderlehrer eingesetzt werden,
tersprachlichen Unterricht in Russland die die Herkunftssprache Russisch be-
bekannte Schreibaufgabe Beschreibung. Es herrschen. Unter Schreibimpulsen im
werden in der Vorbereitungsphase Ar- Unterricht versteht sie motivierende The-
beitstechniken wie Assoziogramme, men für die Textproduktion und aus dem
Mind-Maps und Mustertexte unter Ein- russischsprachlichen Unterricht be-
beziehung der Muttersprache eingesetzt kannte Textmuster. Ezhova-Heer stellt
fest, dass gute Schreiber solche Schüler
(228). Die Autorin bestätigt, dass die L2-
sind, die ihre Strategien aus der L1 in die
Schreiber auf ihre muttersprachliche
L2 übertragen können (271). Sie ist der
Kompetenz zurückgreifen und keine De-
Meinung, dass eine möglichst frühe Ge-
fizite im Bereich der kognitiven
wöhnung an die Produktion von eigenen
Textstrukturierung haben. Eine Einbezie-
Texten gefördert werden muss. Durch
hung des Textherstellens in das Förder-
welche Mittel dies geschehen solle, sollte
unterrichtskonzept und den Herkunfts-
im Förderunterricht erprobt werden, d. h.
sprachen-Unterricht würde die Autorin
Deutschunterricht und Förderunterricht
als einen Fortschritt ansehen (256).
sollten stärker aufeinander bezogen wer-
Durch Hospitationen an einer Wupperta- den.
ler Hauptschule und Befragungen an drei Die Dissertation von Ezhova-Heer zeich-
verschiedenen Schulen Russlands ver- net erstmalig ein differenziertes Bild der
schafft sich die Autorin ein Bild, wie der Fähigkeiten russischsprachiger Schüler,
Muttersprachenunterricht in beiden Län- das durch Unterrichtsbeobachtung, Ana-
dern aussieht. Bemängelt werden von lyse von Schreibprodukten und Lehrer-
Ezhova-Heer u. a. die Kompetenzen der befragungen entstanden ist. Die Arbeit
deutschen Lehrkräfte, die mit der Förde- könnte als Orientierung für eine effekti-
rung der Schüler betraut werden und die vere Förderung dieser Migrantengruppe
keine auf die Adressaten bezogenen För- dienen. Allerdings sollte die Autorin eine
derkonzepte kennen (260). Die Rolle der Art praktisches Handbuch folgen lassen,
Lehrperson(en) als Vertrauensper- damit ihre Ideen ein breiteres Publikum
son(en), die integrative und kooperative erreichen. Auch für den Leser, der sich
Hilfen gibt (geben), sei nicht zu unter- nicht für Aussiedler interessiert, ist das
schätzen, da viele Schüler an diese Leh- Buch lesenswert, weil Ezhova-Heer eine
rerrolle aus ihrem Heimatland gewöhnt nützliche Übersicht über die Schreibfor-
seien (Kap. 6.4). Dass sich Lehrer in schung, Schreibdidaktik und daraus ab-
Deutschland, wie in der PISA-Studie leitbare effektive Arbeitsformen zur För-
beschrieben, mehr als Fachlehrer und derung des Schreibens gibt.
178

Literatur Ausgabe von Reader’’s Digest und leitete


Bereiter, Carl: »Development in Writing«. die Henri-Nannen-Journalistenschule in
In: Gregg, Lee W.; Steinberg, Erwin R. Hamburg.
(Hrsg.): Cognitive Processes in Writing.
Hillsdale: Lawrence Erlbaum, 1980, 73–– Man darf also viel von der Lektüre dieses
93. Buches erwarten. Aber kann es halten,
Dehn, Mechthild: Texte und Kontexte. Schrei- was es verspricht? Kann es sich tatsäch-
ben als kulturelle Tätigkeit in der Grund- lich absetzen von der kaum mehr über-
schule. Berlin: Volk und Wissen, 1999. schaubaren Masse der Fachliteratur, die
Hayes, John R.; Flower, Linda: »Identifying von Journalisten für Journalisten jährlich
the organization of writing processes.«
In: Gregg, Lee W.; Steinberg, Erwin R. den Buchmarkt überschwemmt? Um die
(Hrsg.): Cognitive Processes in Writing. Antwort vorwegzunehmen: Es kann! Der
Hillsdale: Lawrence Erlbaum, 1980, 3––30. Autor hält sich nicht mit Nebensächlich-
Wrobel, Arne: Schreiben als Handlung. Über- keiten auf, lässt Unwichtiges und
legungen und Untersuchungen zur Theorie schmückendes Beiwerk weg. Auf knapp
der Textproduktion. Tübingen: Niemeyer, 140 Seiten führt er kurz und präzise in die
1995.
verschiedenen journalistischen Darstel-
lungsformen ein. Eine Wohltat, wenn
man weiß, dass viele seiner Autorenkol-
legen ihren Lesern meist über 200 Seiten
Fasel, Christoph:
Text zumuten, die in den meisten Fällen
Textsorten. Konstanz: UVK, 2008 (Weg-
leicht um die Hälfte gekürzt werden
weiser Journalismus 2). –– ISBN 978-3-
könnten.
86764-112-8. 144 Seiten, €€ 14,90
Im 1. Kapitel erläutert Fasel, warum
(Beate Herberich, Wiesbaden) Journalisten Textsorten wie Nachricht
und Bericht, Feature und Reportage, In-
Das vorliegende Werk ist Teil der seit
terview und Porträt, Kommentar und
2008 in der UVK Verlagsgesellschaft
Glosse, Kritik und Betrachtung brauchen.
erscheinenden Schriftenreihe »Wegwei-
Er definiert die verschiedenen Aufgaben
ser Journalismus«. Diese bietet laut Ver-
des Journalisten und untermauert dezi-
lagsprogramm »journalistisches Grund-
diert das von Henri Nannen, dem 1996
wissen im Taschenbuchformat –– kom-
verstorbenen Gründer und langjährigen
pakt und verständlich. Sie richtet sich an
Chefredakteur des Stern, geschaffene
Nachwuchsjournalisten, will Mut ma-
Konzept des so genannten »Küchenzu-
chen und Begeisterung für den Journa-
rufs«. Fasel schreibt:
lismus wecken«. Der Autor von Textsor-
ten, Christoph Fasel, ist zugleich Her- »Der Küchenzuruf ist jene Fähigkeit, die
ausgeber der gesamten Reihe. Sein jeder nach journalistischen Maßstäben ver-
Kurzprofil mit Foto unmittelbar am An- fasste Beitrag besitzen muss, seinen Leser,
Hörer, Zuschauer oder Nutzer in die Lage
fang des zu besprechenden Buches zu versetzen, nach der ersten Lektüre des
weist ihn als journalistische Koryphäe Textes oder nach dem ersten Anschauen des
aus: Er ist Professor für Medien- und TV-Beitrags die Kernbotschaft, das Herz,
Kommunikationsmanagement an der die zentrale Aussage des Textes in maximal
Hochschule für Wirtschaft und Medien zwei bis drei kurzen Sätzen wiederzuge-
ben.« (11, 12)
in Calw. Zuvor arbeitete er als Redak-
teur und Reporter für die Zeitschriften Im 2. Kapitel setzt sich der Autor mit
Stern und Eltern sowie als Chefredak- den vier Arten der journalistischen The-
teur der deutschen und österreichischen matisierung (Berichten, Erzählen, Orien-
179

tieren und Einordnen) auseinander. Im Menschen, die Journalisten werden wol-


3. Kapitel »Fakten und Meinung« be- len und sich in den Regeln einüben
handelt er die brisante Frage, ob es möchten; spannend zudem für alle, die
einen objektiven Journalismus geben das Handwerk des Journalisten besser
könne, und unterteilt die verschiedenen kennen lernen und beherrschen möchten.
Darstellungsformen in tatsachenbetonte Und für Seiteneinsteiger, die eine Über-
und meinungsbetonte Textsorten. Im 4. blicks-Information brauchen« (8). Die an-
Kapitel widmet er sich dann den tatsa- sprechende Sprache, die präzise Darstel-
chenbetonten (Nachricht, Bericht, Fea- lung und die vielen Fallbeispiele und
ture und Magazinstory), im 5. Kapitel Checklisten machen das Werk aber auch
den erzählenden (Interview, Porträt und für journalistische Profis zum wertvollen
Reportage) und im 6. Kapitel den mei- Begleiter. Es schadet nie, das eigene
nungsbetonten Darstellungsformen Grundwissen hin und wieder aufzufri-
(Kommentar und Glosse, Feuilleton, schen, um Stilsicherheit zu gewinnen.
Kritik und Betrachtung). Im 7. und Nicht umsonst weist Fasel darauf hin,
letzten Kapitel erläutert er schließlich Journalismus sei »ein Handwerk, das
die Bedeutung des Nutzwertjournalis- man erlernen kann: Er ist keine Kunst.«
mus, der auf dem besten Weg sei, Brot- (10) Vor allem seine anschaulichen Erläu-
und Buttergewerbe für den Journalisten terungen zur Reportage, wie man sie
der Zukunft zu werden (132). Hilfreich schreibt, wie man den roten Faden hält
ist hierbei seine Definition von Elemen- und wie man den Leser fesselt, machen
ten des Nutzwerttextes, »denn Nutz- Lust, immer wieder neu mit dem eigenen
wertstücke, die handwerklich gut ge- Schreibstil zu experimentieren und ihn
macht sind, bieten Orientierung, Hinter- zu perfektionieren. Denn bekanntlich
grund und Nutzen« (132). lernt man ja nie aus.
Lobenswert hervorzuheben sind in allen
Kapiteln die vielen Beispiele, Tipps und
Checklisten, die –– grau oder orange
unterlegt –– die Texte begleiten. Diese Garlin, Edgardis; Merkle, Stefan:
übersichtliche Struktur macht die Lektü- KIKUS Deutsch. Bildkarten. –– ISBN 978-
re leicht und ermöglicht ein schnelles 3-19-351431-8. 480 Karten, €€ 39,95; Ar-
Nachschlagen in Zweifelsfällen. Der Au- beitsblätter Bildkärtchen. –– ISBN 978-3-
tor achtet zudem auf einen hohen Praxis- 19-361431-5. 21 Blätter, €€ 8,50; Arbeits-
wert, indem er beispielhaft zwei Themen blätter 1. –– ISBN 978-3-19-321431-7. 25
(einen Brand im Asylbewerberheim und Blätter, €€ 9,95; Arbeitsblätter 2. –– ISBN
einen Bankraub in der XY-Stadt) heraus- 978-3-19-331431-4. 30 Blätter, €€ 9,95; Ar-
greift und sie, je nach den Erfordernissen beitsblätter 3. –– ISBN 978-3-19-341431-1.
der einzelnen Darstellungsformen, um- 31 Blätter, €€ 9,95. München: Hueber, 2009
schreibt. Gerade für Anfänger der be-
(Heiko Narrog, Sendai / Japan)
zahlten Schreibzunft wird es äußerst
hilfreich sein, dasselbe Thema gleichzei- Nachdem lange Zeit junge Lerner auf
tig zum Beispiel als Bericht oder Kom- dem Markt für DaF-Lehrwerke stief-
mentar umgesetzt zu sehen, um die mütterlich behandelt worden waren, ha-
unterschiedlichen Merkmale dieser ben die 2000er Jahre eine Flut von
Textsorten zu verstehen. systematischen Lehrwerken für Deutsch
Fazit: Christoph Fasel nennt als Zielpu- als Zweit- und Fremdsprache für vorpu-
blikum seines Buches besonders »junge bertäre Kinder gebracht, wobei das vor-
180

liegende Lehrmaterial hier schon in sie sind auch für die Kinder am leichte-
zweiter Ausgabe nach 2006 erschienen sten zu erfassen. Daneben gibt es aber
ist. Es handelt sich dabei nicht um ein auch jeweils das Set mit Verben, Adjek-
gewöhnliches Lehrbuch, sondern um tiven und Präpositionen, mit Hilfe derer
ein »Lernsystem«, in dessen Zentrum im Verbund mit den Substantivkarten
Bildkarten stehen. Genauer gesagt sind Sätze gebildet werden können. Gram-
das 240 Karten, die nach Themengrup- matik wird dabei in diesem Material in
pen geordnet sind: Personen/Familie (8), der Regel nur indirekt vermittelt, näm-
Körper (16), Kleidung (24), Lebensmittel lich beim Satzbilden und durch die
(24), Tiere (24), Haus/Wohnen (24), Sprachaktivität beim Spielen und Be-
Spielsachen und Musikinstrumente (24), nennen (z. B., »Das ist ein(e) ……«, »Hast
Fahrzeuge und Umwelt (24), Verben/ du ein(e)(n) ……?«). Eine Ausnahme ist
Tätigkeiten (24), Präpositionen (8), For- das Genus der Substantive. Alle Bild-
men, Zahlen, Zeichen (16) und Adjek- kärtchen haben einen kleinen Kreis, auf
tive/Eigenschaften (24). Diese Bildkarten dem farbig das Geschlecht des Substan-
in zwei Sets, nämlich farbig und tivs, z. B. mit blau, rot und gelb markiert
schwarz-weiß, bilden den Kern des werden soll. Auf den Bildkarten kann
Lehrmaterials. Die Bildkärtchen und die das Geschlecht des Substantivs dagegen
Arbeitsblätter hingegen dienen haupt- z. B. mit Aufklebern gekennzeichnet
sächlich dazu, das mit den Bildkarten werden. Die Bildkärtchen dienen haupt-
im Unterricht Erlernte allein, oder bes- sächlich dazu, die Unterrichtsaktivität
ser noch zusammen mit einem Eltern- zu Hause in kleinerem Format nachzu-
teil, zu Hause oder im Unterricht zu vollziehen, während die Arbeitsblätter
vertiefen. vertiefende Übungen mit von Set 1 bis 3
Neben den Bildkarten, den Bildkärtchen aufsteigenden kognitiven Anforderun-
und den Arbeitsblättern gibt es noch gen bieten. Bei Set 1 sind dies in erster
einen Leitfaden für die Lehrenden sowie Linie Ausmalübungen, während in Set 3
eine CD mit Liederheft. Dass diese Mate- schon mehr freies Malen und Aus-
rialien dem Rezensenten nicht zur Verfü- schneiden verlangt wird. Eine Besonder-
gung gestellt wurden, zeigt, dass sie vom heit des Materials besteht darin, dass die
Verlag als weniger zentral angesehen Bildkärtchen und die auf den Arbeits-
werden, was im Wesentlichen wohl auch blättern abgebildeten Gegenstände
zutrifft. Die Bildkarten sind der absolute kleine Kästchen haben, die die Lerner,
Mittelpunkt, und alle Materialien sind oder ihre Eltern, dazu auffordern, die
mit kleinen vier- bis zwölfseitigen Heften muttersprachliche Bezeichnung hinein-
versehen, die auch ohne Leitfaden die zuschreiben. Daher nehmen die Auto-
Anwendungsmöglichkeiten in Grundzü- rInnen auch für sich in Anspruch, dass
gen ausführen. KIKUS das einzige Programm sei, das
Prinzipiell geht es darum, die Bildkarten die Erstsprachen der Kinder aktiv in den
spielerisch einzusetzen, die Spielenden Lernprozess miteinbeziehe.
dabei das auf den Karten Abgebildete Das Material ist in langjähriger Praxis
benennen zu lassen und so den Kindern erwachsen, und so hat es der Rezensent
(den Autoren zufolge 3- bis 10-Jährigen) auch gleich mit seinen Kindern (6 und
einen soliden Wortschatz in der Fremd- 11 Jahre) ausprobiert. Die Bildkarten
sprache zu vermitteln. Menschen und sind leicht verständlich und anspre-
Gegenstände, also Substantive, stehen chend gestaltet und dankenswerter-
zahlenmäßig eindeutig im Mittelpunkt –– weise auf solidem Karton gedruckt.
181

Aufgrund der Einfachheit des Wort- rein visuelle KIKUS-Material einfach


schatzes und der fortschreitenden Glo- nicht mehr. Als begleitendes Material
balisierung von Waren und Kultur sind wird es aber bis zur Pubertät dennoch
alle Gegenstände auch in Japan Kindern immer willkommen sein. Natürlich habe
bekannt. Die im Begleitheft vorgeschla- ich die Möglichkeiten dieses Materials
genen Anwendungen waren sämtlich auch noch nicht voll ausgeschöpft. Ich
problemlos durchführbar. Die meisten war jedoch in der Lage, schon in kurzer
Spiele haben übrigens keine Gewinner Zeit relativ viele Anwendungen auszu-
und Verlierer, was nötig ist, um über- probieren. Wenn man dann wie die Auto-
flüssige Dramen im Klassen- und Kin- ren jahrelang damit intensiv arbeitet,
derzimmer zu vermeiden, aber für älte- wird man sicher auch die Fähigkeit ent-
re Kinder leicht langweilig wird. Bei wickeln, das Material vielseitig, auch in
Kindern auf gleichem kognitiven und Verbindung mit Lesen, Schreiben und
sprachlichen Entwicklungsniveau ist es Grammatik, einzusetzen. Rundum han-
daher sinnvoll, auch ein paar Gewinn- delt es sich also um ein sehr gelungenes
und Verlierspiele einzuführen. Die Ar- und attraktives Lehrwerk, für das man
beitsblätter sind ebenfalls klar verständ- AutorInnen und Verlag nur dankbar sein
lich gestaltet und flexibel einsetzbar. Da kann. Neben der deutschen gibt es auch
auch meine 11-Jährige auf das Material eine englische Version zum Erlernen der
durchaus angesprochen hat, vermute englischen Sprache. Ja, und wenn ich mir
ich, dass es prinzipiell bis vor der Puber- noch etwas praktisches für spätere Aus-
tät einsetzbar ist –– danach wird es zu gaben wünschen dürfte, dann dass die
kindlich wirken. Man kann es aber evtl. Farb- und die Schwarz-Weiß-Bildkarten
sogar wieder in Altersstufen, wo die durch verschiedenfarbige Ränder ausein-
Abneigung gegen »Kindisches« wieder andergehalten werden.
überwunden ist, ergänzend einsetzen.
Was die Klassengröße anbetrifft, so ist,
vor allen Dingen mit Kindern, nur ein
Einsatz in Kleingruppen denkbar. Die Genzmer, Herbert:
Spiele funktionieren am besten in einer Deutsche Sprache. Ein Schnellkurs.
Gruppe von zwei bis sechs Spielern mit Köln: dumont, 2008. –– ISBN 978-3-8321-
anwesendem Betreuer/anwesender Be- 9086-6. 192 Seiten, €€ 14,90
treuerin, und das Zusatzmaterial bedarf
(LesÙaw Tobiasz, Kattowitz / Polen)
der Anleitung und der gemeinsamen
Beschäftigung, z. B. mit einem Elternteil. Dem kurz gefassten Vorwort (9) kann
Der Zugang vom Wortschatz her, den entnommen werden, dass der Autor mit
KIKUS bietet, und das Auslassen »ab- seinem Buch eine klare, kompakte und
strakter« Grammatik erscheint mir bei bildhafte Darstellung der sprachge-
den Jüngsten als besonders angemessen. schichtlichen Prozesse des Deutschen an-
Je größer die Kinder werden, desto be- streben will, die als Resultat der intra-
wusster können sie mit Grammatik arbei- und interlingualen Einwirkungen und
ten, und nach und nach wird es sinnvoll, Wandlungen aufgefasst und immer vor
ein anderes Lehrwerk zusätzlich oder dem Hintergrund der menschlichen au-
hauptsächlich einzuführen. Gleiches gilt ßersprachlichen Aktivitäten betrachtet
meines Erachtens auch für das Lesen. werden sollten.
Wenn die Kinder mit sechs bis sieben Das Buch gliedert sich in 6 Kapitel
Jahren anfangen zu lesen, reicht das (fast) (»Vom Indoeuropäischen zum Deut-
182

schen«, »Das Mittelalter –– Althoch- Anlautgesetz (74), über die Hanse (89),
deutsch«, »Mittelhochdeutsch«, »Früh- über die Gründungsjahre der Universi-
neuhochdeutsch«, »Der Weg zum Neu- täten (105) wie auch über Immanuel
hochdeutschen«, »Das Deutsch der Ge- Kant (134). »Steckbrief Deutsch« (41)
genwart«), in denen die Entstehung und vermittelt kompaktes Wissen über die
die Entwicklung der deutschen Sprache Sprecher des Deutschen und seine Ver-
erläutert werden. Die einzelnen Kapitel breitung in der Welt. Es fehlt auch nicht
setzen sich voneinander nicht nur durch an interessanten Informationen über
den Inhalt ab, sondern auch durch die den Artikelgebrauch im Deutschen (30),
farbige Markierung, was ein schnelles über den Bedeutungswandel des Sub-
und sicheres Auffinden der entspre- stantivs Weib (95), über den Einfluss des
chenden Informationen ermöglicht. Eine Deutschen auf andere Sprachen (145)
gelungene Idee stellen kurze, meist und über die gängigen SMS- und Chat-
zweiseitige und mit grauer Farbe unter- Kürzel (165––167). Den Text illustrieren
legte Exkurse dar, mit denen die meis- zahlreiche, meistens farbige Abbildun-
ten Kapitel abgeschlossen werden. Als gen und einige Karten, die kurz kom-
eine Art Abstecher in der Gedankenfüh- mentiert werden. Der Autor führt in
rung des Autors machen sie den Leser seinen Ausführungen außer vielen ein-
auf eine aufgelockerte, unterhaltsame zelnen Wort- und Satzbeispielen des
Weise mit wichtigen sprachgeschichtli- Sprachwandels literarische Texte an,
chen Problemen bekannt, wie z. B. der wobei die althochdeutschen und mittel-
Entwicklung der Schrift (42––45) oder hochdeutschen Passagen im Original-
sprachpflegerischen Aktivitäten (125 f.). wortlaut ins gegenwärtige Deutsch
Eine besondere Stellung nimmt der erste übertragen werden.
Exkurs »Von der Entstehung der Spra- Außer den 6 oben besprochenen Haupt-
che« (10 f.) ein, der direkt dem Vorwort kapiteln enthält das Buch »Das Vaterun-
folgt und eine Grundlage für weitere ser« (168––171), vom Lateinischen über
Ausführungen des Autors bildet, denn verschiedene alte deutsche Versionen bis
ohne Entstehung der Sprache als men- zum heutigen Deutsch, und einen Ab-
schenspezifischer Eigenschaft könnte schnitt mit Definitionen einiger sprach-
man sich auch keine Entstehung und wissenschaftlicher Termini (172––183).
keinen Wandel des Deutschen vorstel- Den »Definitionen« folgt der Anhang
len. Das bessere Verstehen der einzelnen (184––191), der Bibliographie, Abbil-
Kapitel ermöglichen überdies die durch dungsnachweis, Personen- sowie Orts-
die kapiteltypische Farbe umrahmten und Sachregister beinhaltet.
Kästen mit Informationen über die deut- Das Buch zeichnet sich durch eine sehr
sche Sprache und ihre Entwicklung, klare Gliederung, eine gelungene Wahl
über die Geschichte des deutschen der thematischen Schwerpunkte und
Sprachraums bzw. über bekannte Per- vor allem eine interessante, auch für den
sönlichkeiten, die einen wichtigen Bei- an der Thematik interessierten Laien gut
trag zu der gesellschaftspolitischen und verständliche Gedankenführung des
literarisch-kulturellen Entwicklung der Verfassers aus. Eine große Stärke des
deutschen Länder sowie zur Erfor- Buches besteht außerdem darin, dass
schung der Geschichte der deutschen Genzmer trotz der kompakten Form der
Sprache geleistet haben. So erfahren wir Arbeit den Sprachwandel in seiner gan-
in den Kästen u. a. über den Stabreim zen Komplexität als ein nicht nur rein
und die Alliteration (67), über Notgers linguistisches, sondern auch als ein ge-
183

sellschaftspolitisches und kulturelles Trotz dieser kritischen Bemerkungen ist


Phänomen zu analysieren vermag, das zusammenfassend festzuhalten, dass es
zugleich ein Resultat des breit verstan- dem Autor gelungen ist, eine interes-
denen zwischenmenschlichen Austau- sante, sehr leserfreundliche Arbeit über
sches darstellt. die Entstehung und Entwicklung des
Im Buch gibt es trotzdem einige wenige Deutschen zu schreiben. Das Buch ver-
Schwachpunkte. Der Autor schreibt z. B. mittelt trotz der relativ knappen Form
über den Einfluss des Englischen auf dank der schlüssigen Gedankenführung
das Deutsche (140 f.) und nennt interes- und dem kompetenten Wissen des Ver-
sante Beispiele für englisch beeinflusste fassers einen verständlichen und zu-
SMS- und Chat-Kürzel (165––167), die gleich gut fundierten Einblick in die
neuesten Tendenzen im Spannungsfeld sprachgeschichtlichen Wandlungspro-
Englisch––Deutsch werden aber leider zesse.
ausgelassen. Folglich erfährt man nichts Es richtet sich somit hauptsächlich an
über solche sprachliche Erscheinungen den sprachinteressierten Laien, kann
wie z. B. »denglische« Wörter. Uner- aber auch von Germanistikstudenten so-
wähnt bleibt auch das Verhältnis zwi- wie von Studenten der Sprachfächer
schen Deutsch und verschiedenen Mi- schnell zu Rate gezogen werden. Die
grantensprachen wie beispielsweise kleinen Unzulänglichkeiten der Arbeit
Türkisch. In dem Abschnitt »Vom Sau- können ohne Probleme behoben werden.
berhalten der Sprache« (125––127) So bleibt dem Autor nur noch zu wün-
schreibt der Autor nichts über den Ver- schen, dass das Buch bald neu aufgelegt
ein Deutsche Sprache und seine breit wird.
angelegten Aktivitäten. Das Orts- und
Sachregister könnte um die Begriffe
Konjunktiv I und indirekte Rede erweitert Literatur
werden, die auf der Seite 155 des Buches Schmidt, Wilhelm: Geschichte der deutschen
im Kontext der Normierung der deut- Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische
Studium. 10. Auflage. Stuttgart: Hirzel,
schen Sprache in der zweiten Hälfte des 2007.
20. Jahrhunderts erwähnt werden. Er- Wolff, Gerhart: Deutsche Sprachgeschichte
gänzungsbedürftig wäre auch die Bi- von den Anfängen bis zur Gegenwart. Ein
bliographie, in der einige wichtige Ein- Studienbuch. 5. Auflage. Tübingen:
führungen in die Geschichte der deut- Francke, 2004 (UTB 1581).
schen Sprache fehlen, wie z. B. Schmidt
(2007) und Wolff (2004). Ein bestimmtes
zeitgemäßes Aufpolieren erführe die Bi-
bliographie, wenn man die Tatsache German Studies in India. Beiträge aus
mitberücksichtigen würde, dass der dtv- der Germanistik in Indien. Neue Folge.
Atlas Deutsche Sprache im Jahre 2007 Band 1. Hrsg. von Shaswati Mazumdar
schon zum 16. Mal aufgelegt wurde. und Thomas Schwarz. München: Iudi-
Genzmer erwähnt nur die 5. Ausgabe cium, 2008. –– ISBN 978-3-89129-585-4. 237
aus dem Jahre 1983. Als ein kleiner Seiten, €€ 25,00
Lektorierungsfehler kann der im Perso- (Helmut Schmitz, Coventry / Großbritannien)
nenregister enthaltene Hinweis auf Kon-
rad Duden interpretiert werden, der den Die Auslandsgermanistik hat sich längst
Leser statt auf die Seite 127 fälschlicher- von einem wenig beachteten Stiefkind
weise auf die Seite 126 führt. der Inlandsgermanistik zu einem ihrer
184

wichtigen Impulsgeber entwickelt, be- Interesse in Konflikt mit ihrem eurozen-


sonders was das Themenspektrum der tristischen Missionsauftrag gerieten.
interkulturellen Kultur- und Literatur- Briefe von Hermann Gundert, dem
wissenschaft und ihrer Vermittlung an- Großvater Hermann Hesses, der in den
geht. Von der regen Tätigkeit und dem 1830er Jahren im heutigen Tamil Nadu
breiten Arbeitsgebiet der indischen Ger- als Teil der Basler Mission wirkte, stel-
manistik gibt das 2008 zum ersten Mal len die zweite Quelle dar. Christoph
erschienene Periodikum German Studies Schön präsentiert Gunderts philologi-
in India. Beiträge aus der Germanistik in sche Arbeit mit der tamilischen Sprache
Indien Zeugnis. Die Zeitschrift, die aus als integralen Teil seines Missionsauftra-
einem Sammelband hervorgeht, soll ges, die ihn zum Historiker und ››Volks-
künftig im Zweijahresturnus erschei- kundler‹‹ werden ließ und den Indien-
nen. Der wissenschaftliche Beirat setzt Diskurs im deutschsprachigen Raum
sich aus den indischen Germanisten mitprägte.
Anil Bhatti und Rekha Kamath Rajan Die Bandbreite der insgesamt zehn Auf-
(beide Jawaharlal Nehru University, sätze, von denen hier nur eine Auswahl
Delhi) sowie Hartmut Eggert (FU Ber- vorgestellt werden kann, reicht von lite-
lin) zusammen. Die erste Ausgabe, her- raturwissenschaftlichen und -theoreti-
ausgegeben von Shaswati Mazumdar schen Beiträgen bis zu Erfahrungsbe-
(University of Delhi) und Thomas richten aus der Praxis interkultureller
Schwarz (Jawaharlal Nehru University, Literaturvermittlung in Indien. Ein aus-
Delhi), kreist programmatisch um das führlicher Rezensionsteil und Konfe-
Thema interkulturelle Beziehungen zwi- renzberichte vervollständigen die Aus-
schen Deuschland und Indien. Dabei gabe.
stammen nicht alle Beiträge von indi- Thomas Schwarz setzt sich in seinem
schen Germanist/innen, jedoch beschäf- Aufsatz mit der »Mestizen«- oder »Bas-
tigen sich sämtliche Aufsätze mit inter- tard«-Literatur auseinander. Schwarz’’
kulturellen, vornehmlich deutsch-indi- These ist, dass bei aller positiven Beset-
schen Fragestellungen, so dass sich ins- zung der Hybridität im postkolonialen
gesamt ein zwar heterogenes, doch recht Diskurs die im kolonialen Diskurs ent-
geschlossenes Bild ergibt. springenden Abstoßungsreaktionen ge-
Den Auftakt machen zwei erstmals ver- genüber Vermischungen als Selbstekel
öffentlichte Quellen aus dem Themen- der »Bastarde« in der zweiten Generation
feld ››Indien als Mission‹‹. Rekha Kamath wiederkehrt. Anhand der genealogi-
Rajan präsentiert und kommentiert Aus- schen Romane des Schweizer-Inders
züge aus Berichten der deutschen Mis- Martin R. Dean deutet Schwarz die
sionare Bartholomäus Ziegenbalg und »Selbstabjektion postkolonialer Bas-
Johann Ernst Gründler, die am Anfang tarde« (48) als Teil einer spezifisch post-
des 18. Jahrhunderts als Teil der Dä- kolonialen Ästhetik, die performativ die
nisch-Halleschen Mission in Indien ar- Spuren des kolonialen Diskurses am ei-
beiteten und deren Berichte »das erste genen Leib nachzeichnet.
systematische Organ für Nachrichten Mit dem Thema Indien als exotischer
aus Indien in der deutschsprachigen Projektionsraum deutscher Literatur be-
Welt« (16) darstellen. Rajan betont dabei schäftigen sich die Beiträge von Man-
besonders die ambivalente Position der fred Durzak und Robert Gafrik. Durzak
Missionare, die durch ihre anthropolo- liest Mosebachs Roman Das Beben als
gische Neugier und ihr philologisches interkulturelles Dokument, das, anders
185

als Texte von Günter Grass oder Josef Madhu Sudan Joshi analysiert kritisch
Winkler, »die eurozentrische Überlegen- das vom indischen Bildungsministe-
heitspose des reisenden Europäers« (54) rium herausgegebene Wörterbuch
hinter sich lässt. Robert Gafriks Aufsatz Deutsch-Hindi, dessen erste zwei Bände
über Goethes Der Gott und die Bajadere 1990 vorgelegt wurden. Joshi betont bei
vergleicht den Gehalt von Goethes Bal- aller Fehlerhaftigkeit des Wörterbuches
lade mit altindischen Wertesystemen. Er die Notwendigkeit dieses Unterneh-
kommt zu dem Schluss, dass Goethes mens, da die Linguistik den bei weitem
Gestaltung der Bajadere als Prostituier- überwiegenden Teil des indischen Ger-
ter nicht mit den altindischen Vorstel- manistikstudiums ausmache.
lungen der Tempeltänzerinnen verein- Zwei Vorträge von DAAD-Symposien
bar sei und dass Goethe die öffentliche für indische Nachwuchsgermanisten
und legitime Erotik der indischen Tem- 2006/07 zum Thema Konsequenzen der
peltänzerinnen mit eigenkulturellen kulturwissenschaftlichen Wende in der
Vorstellungen von Prostitution über- Germanistik schließen den Aufsatzteil
schreibe. ab. Andrea Allerkamp gibt einen Über-
Zwei Beiträge bieten Erwägungen zum blick über die Entwicklung der Kultur-
Thema interkulturelle Literaturtheorie wissenschaften seit 1900, wobei sie zu
und -praxis. Meher Bhoot unterstreicht dem Schluss kommt, dass das Objekt
die Produktivität postkolonialer Theo- »Kultur« »für die Kulturwissenschaften
rien für eine interkulturell und kontext- genausowenig von Interesse zu sein
orientierte Germanistik in einer Eng- [scheint], wie der Geist für die Geistes-
führung von postkolonialer Literatur- wissenschaften« (166). Die kulturwis-
theorie und Migration, nicht ohne be- senschaftliche Wende der Germanistik
rechtigte Kritik am »asynchronen und als Antwort auf ihre Legitimationskrise
anachronistischen« (65) Begriff des lesend, fragt sie, ob die Germanistik im
Postkolonialismus selbst. Stefan Haj- Ausland ohne Einbeziehung (post)kolo-
duk diskutiert überzeugend die Pro- nialer Muster überhaupt überlebensfä-
duktivität philosophischer Hermeneu- hig sei. Dorothee Kimmich argumen-
tik für die Literaturvermittlung. Dabei tiert für die »Materialität« des Objektes
insistiert er auf der Leitfunktion der der Kulturwissenschaften, in Abgren-
Literatur als Medium, »dem Fremden, zung von der Vorstellung der Welt als
Heterogenen bis Inkommensurablen Text.
der anderen Kultur ein Gesicht« (107) Die erste Ausgabe des Periodikums
zu geben. kann ihren Ursprung im Sammelband
Die Aufsätze aus der Praxis der inter- nicht ganz verleugnen, nicht nur wegen
kulturellen Literaturvermittlung geben der relativen thematisch-geographi-
Einblick in die Unterrichtspraxis der schen Geschlossenheit, die der Ausgabe
Germanistik in Indien. Manjiri Paran- den Charakter eines Sonderheftes mit
jape berichtet ausführlich von Erfahrun- Themenschwerpunkt verleiht. So gibt
gen mit ihrer universitären Theater- es am Ende eine ausführliche Autoren-
gruppe und deren Projekt Kafkaesk, in liste, für die man aber durchaus dank-
dessen Rahmen sie 2005 vierzehn kurze bar ist. Das lobenswerte Unternehmen
Prosatexte von Kafka auf die Bühne ist ersichtlich daraufhin angelegt, ei-
brachte. N. S. Anuradha präsentiert ein nem internationalen akademischen Pu-
didaktisches Modell für die Benutzung blikum das Spektrum der indischen
von Fabeln im DaF-Unterricht, und Germanistik konzentriert vorzustellen.
186

Der lange Zeitraum zwischen den ein- Wiederkehr erfahren kann, die sich wie-
zelnen Ausgaben lässt vermuten, dass derum für die Analyse des Schreibpro-
die Zeitschrift auch in Zukunft den zesses nutzen läßt« (12). Auch wenn
Charakter des Sprachrohrs der indi- einzelne Autor/innen Vertreter/innen
schen Germanistik beibehalten will. In der Medien- und der Sprachwissen-
jedem Falle darf man auf die zweite schaft sind und eine interdisziplinäre
Ausgabe gespannt sein. Dem sehr gut Herangehensweise, beispielsweise auch
und sorgfältig edierten Periodikum ist durch zahlreiche Verweise auf Philoso-
viel Erfolg und eine weite Verbreitung phie (Kant), Psychologie (Freud) und
sehr zu wünschen. Soziologie (Weber), erkennbar ist, so
wird die Thematik insgesamt doch ein-
deutig aus literaturwissenschaftlicher
Perspektive diskutiert.
Giuriato, Davide; Stingelin, Martin; Za- Im ersten Teil, der die erste Sektion der
netti, Sandro (Hrsg.): Tagung dokumentiert, erörtert Heide
»Schreiben heißt: sich selber lesen.« Volkening in »Szenen des Ghostwrit-
Schreibszenen als Selbstlektüren. Mün- ings« zunächst das Thema Ghostwriting
chen: Fink, 2008 (Zur Genealogie des und Autorenschaft und bezieht sich auf
Schreibens 9). –– ISBN 978-3-7705-4654-1. den Roman The Ghost and Mrs. Muir und
312 Seiten, €€ 39,90 die gleichnamige Verfilmung. Sie
kommt zu dem Ergebnis, dass sich
(Sandra Ballweg, Darmstadt)
»Ghostwriting [……] in Roman und Film
Der Titel »Schreiben heißt: sich selber als eine Szene des Schreibens [zeigt], die
lesen.« Schreibszenen als Selbstlektüre lässt durch die Lektüre des Anderen be-
zunächst sehr unterschiedliche Vermu- stimmt ist« (37). Anschließend beschäf-
tungen über die Inhalte des von Davide tigt sich Stephan Kammer in »Ereignis/
Guiriato, Martin Stingelin und Sandro Beobachtung. Die Schreibszenen des
Zanetti herausgegebenen Sammelban- Spiritismus und die Medialität des
des zu. Ein Blick in die Einleitung verrät Schreibens« mit der Feststellung, dass
dann, dass es sich um Ergebnisse der die Tatsache, dass etwas Geschriebenes
Tagung »››Schreiben heißt: sich selber vorliegt, »nicht beweiskräftig ist für die
lesen.‹‹ Schreibszenen unter dem Vorzei- Szenen des Schreibens« (40), und disku-
chen der Selbstbeobachtung« handelt, tiert mit Bezug auf spiritistische Schreib-
die 2006 in Basel stattgefunden hat und séancen die Unbeobachtbarkeit des
den vierten Teil einer Folge von Tagun- Schreibens. Der erste Teil des Sammel-
gen im Rahmen des Projektes »Zur bandes schließt mit dem Beitrag »Die
Genealogie des Schreibens. Die Litera- Schreibszene des Nachlasses bei Goethe
turgeschichte der Schreibszenen von der und Musil«, in dem Stefan Willer am
Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart« Beispiel eben dieser Autoren bespricht,
darstellte (11). Nachdem sich die ersten inwiefern das Verfassen eines Testa-
drei Bände mit Schreibmedien und -um- ments »grundsätzlich sowohl eine retro-
gebungen beschäftigt hatten (vom spektive als auch eine prospektive
Schreiben mit der Hand über das Schrei- Funktion und Wirkung« (82) hat.
ben mit Maschinen bis hin zum Schrei- Der Übergang zum zweiten Teil wird
ben in elektronischer Umgebung), stand dadurch fließend, dass sich hier der
nun im Mittelpunkt, »daß der Prozeß erste Beitrag von Sandro Zanetti, »Sich
des Schreibens im Geschriebenen eine selbst historisch werden: Goethe ––
187

Faust« ebenfalls mit Goethe beschäftigt. Klammern und Striche in Ernst Machs
Im Mittelpunkt stehen die Dokumenta- Notizbüchern« aufgegriffen. Am Beispiel
tion der Selbstverwandlung und das von Heideggers Handexemplar von
produktive Abstandnehmen von den Ernst Jüngers Der Arbeiter wird zunächst
früheren Werken in den späten Texten erläutert, dass Lesen nicht nur eine Ex-
(89), die eine besondere Form des tension des Schreibens ist, sondern dass
Schreibens mit einer sehr konkreten Schreiben auch »eine Materialisierung
Vorstellung der Leserschaft mit sich des Lesens« ist oder sein kann (201). Es
bringt. schließt sich eine Analyse von Machs
Cornelia Zumbusch diskutiert in »Cle- Schreiben in seinen fünfzig Notizbüchern
mens Maria Brentanos verwilderter Ro- (205) an, die den Aspekt der Selbstbezüg-
man von Maria: Geschrieben, um sich lichkeit in den Mittelpunkt stellt. Eine
selbst zu lesen?« das frühromantische Verbindung zum ersten Teil des Beitrags
Ideal der Subjektivität und Selbstrefle- schafft der Aspekt des Annotierens, der
xion. Anschließend stellt Daniela Langer auch bei der Darstellung von Machs
in ihrem Beitrag »››die Antwort aber, die Arbeit in seinen Notizbüchern Erwäh-
ich mir in Ihrem Namen gebe.‹‹ Sich- nung findet.
Lesen und Sich-als Gelesene-Schreiben in Im nachfolgenden Aufsatz diskutiert
Bettine von Arnims Goethe’’s Briefwechsel Alexandre Métraux in »Paul Valéry als
mit einem Kinde« dar, wie Bettina von Selbstaufschreiber. Analysen einiger au-
Arnim ihre Briefe an Goethe nach dessen tographischer Bruchstücke« dessen um-
Tod zurückforderte und durch deren fassendes Material in den Cahiers, bevor
Lektüre ihr Verhältnis zu Goethe neu Thorsten Lorenz in »Schreibleseköpfe.
bestimmte. Im Gegensatz zu dieser Autoren im Zeitalter ihrer Kopierbarkeit
Selbstlektüre zu einem späteren Zeit- oder Wie aus Formularen Formulierun-
punkt geht es in dem Beitrag von Jürgen gen werden« die technischen Möglich-
Link und Ursula Link-Heer, »Flauberts keiten von Kopiergeräten und die Aus-
gueuloir und der Rhythmus der Bagger- wirkungen auf das Schreib-Lese-Verhal-
maschine. Schreibszene und Schrei- ten thematisiert. Dieser Beitrag beschäf-
szene«, um Flauberts primären Schreib- tigt sich als einer von nur zweien in
prozess, in dem sich das Formulieren diesem Sammelband auch mit didakti-
und das Wiederlesen und Überarbeiten schen Aspekten, die für den Deutsch-als-
vermischen. Fremdsprache-Unterricht bedacht wer-
Der dritte Teil des Sammelbandes be- den können. Das besondere Augenmerk
ginnt mit dem Beitrag »Prolegomena zur des Autors liegt auf dem Umstand, wie
Marginalie« von Davide Giuriato. Darin sehr man sich Texte zu eigen machen und
stellt der Autor anhand von Beispielen sie verändern kann, wenn man die Mög-
von Montaigne, Kafka, Poe und anderen lichkeit hat, hineinzuschreiben. In die-
Schriftstellern verschiedene Formen und sem Zusammenhang wird der Unter-
Funktionen von Marginalia dar und dis- schied zwischen einem Lehrbuch und
kutiert das Spannungsverhältnis zwi- losen Kopien diskutiert. Abschließend
schen Haupt- und Nebentext, Primär- erörtert der Autor die Auswirkungen
und Sekundärtext sowie dem Autor als dieser Vorgehensweise auf die Bedeu-
Schreiber und als Selbstleser. Das Thema tung von Autorenschaft.
des Notierens und Selbstkommentierens Der medientheoretisch ausgerichtete
wird auch im Text von Christoph Hoff- Beitrag »Rekursive Transkription.
mann, »Schreiben, um zu lesen. Listen, Selbstlektüren diesseits der Schrift« von
188

Ludwig Jäger stellt die Bedeutung von Locher (»Gerhard Koflers ARCADIA Po-
Schrift und Zeichen in den Mittelpunkt emetto/ARKADIEN Poem (1997)«) und
seiner Diskussion der Selbstlektüre, be- Reimar Klein (»Zelle, Keller, tiefes Tal.
vor Otto Ludwig im letzten Aufsatz Zur Topologie von Schreiben und Über-
dieses Teils, »Lesen, um zu schreiben: setzen«) finden, die sich mit dem Aspekt
ein schreibtheoretischer Aufriß«, aus des Übersetzens beschäftigen. Während
Sichtweise der Schreibforschung und Locher Koflers Gedichte betrachtet, die
der Sprachwissenschaft eine Typologie dieser in zwei Sprachen verfasst hat,
von Formen der Selbstlektüre erstellt. diskutiert Klein, wie die Thematik des
Auch hier finden sich Aspekte, die für Schreibens und des Übersetzens in Goe-
den Sprachenunterricht von Interesse thes und in Kafkas Werk dargestellt wird.
sind. Ludwig stellt zunächst noch ein- Mit diesem Band ist es gelungen, die
mal sein schon 2005 erschienenes Mo- Interdisziplinarität und Vielfalt der Base-
dell des Schreibbegriffs mit fünf Ebenen ler Tagung abzubilden und das Thema
(Produktion von Buchstaben, von Wör- der Selbstlektüre aus einer Vielzahl von
tern, von Sätzen, von Texten, von Skrip- Perspektiven zu betrachten, was den
ten) vor (302––303). Anschließend erör- Leser/innen gleichzeitig aber auch sehr
tert er, wie die in Anlehnung an die fünf große Aufmerksamkeit abverlangt. Ob-
Ebenen entwickelten fünf Formen des wohl es dem Sammelband durch die
Überarbeitens verschiedene Leseaktivi- Bandbreite an Themen und Aspekten
täten mit sich bringen. So verlangen etwas an Kohärenz mangelt und die
Buchstaben Reparaturen und die Lesetä- Kriterien für die Unterteilung in vier
tigkeit beschränkt sich in diesem Fall Teile nicht an allen Stellen erkennbar
auf das Erfassen einzelner Buchstaben. sind, sind die einzelnen Beiträge schlüs-
Die Berichtigungen auf Wortebene for- sig und erscheinen fundiert.
dern einen Fokus auf lexikalische Ein- Trotz des hohen wissenschaftlichen
heiten, die Reformulierungen auf Satz- Wertes für die germanistische Literatur-
ebene eine Form des Lesens, die auf den wissenschaft stellt sich aber die Frage,
inneren Klang der Sätze achtet, die inwieweit der Sammelband für den Be-
Restrukturierung auf Textebene eine reich Deutsch als Fremdsprache von
Konzentration auf Textteile oder ganze Bedeutung ist. Relevante Aspekte fin-
Texte, bevor auf der Skriptebene Refor- den sich in den oben erwähnten Beiträ-
matierungen mit einer Form des Lesens gen von Lorenz und Ludwig, in letzte-
erreicht werden, die sich von Buchsta- rem mehr, in ersterem weniger. Bei den
ben, Wörtern und Sätzen löst und sich anderen Aufsätzen sind Verbindung
auf die Form konzentriert (304––306). und Relevanz nicht offensichtlich. Zwar
Auch wenn diese Darstellung keine un- sind Lesen, Schreiben, Schreibprozesse
eingeschränkte Zustimmung finden und Texte für den Bereich Deutsch als
muss, so ist sie doch gut dazu geeignet Fremdsprache von großem Interesse,
zu verdeutlichen, aus welchen Teil- allerdings fehlt hier das Nachdenken
schritten der Überarbeitungsprozess be- über Didaktik, so dass der Tagungsband
steht, und bietet so eine Ausgangsbasis doch eher denjenigen Leser/innen zu
für weitere Überlegungen. empfehlen ist, die sich für eine (fast)
Diesem Beitrag folgt ein abschließender ausschließlich literaturwissenschaftliche
vierter Abschnitt, in dem sich zwei ver- Betrachtung dieser Thematik interessie-
gleichsweise kurze Aufsätze von Elmar ren.
189

Göpferich, Susanne: Sprechaktes automatisch erfasst wird.


Translationsprozessforschung. Stand –– Desgleichen können mit dieser Soft-
Methoden –– Perspektiven. Tübingen: ware auch die verschiedenen tentativen
Narr, 2008 (Translationswissenschaft 4). –– Problemlösungsversuche festgehalten
ISBN 978-3-8233-6439-9. 313 Seiten, werden, die dem Übersetzer –– oft unbe-
€€ 58,00 wusst –– in den Kopf schießen, ohne
dass dabei sein übersetzerisches Ver-
(Ioana B©l©cescu, Craiova / Rumänien; Bernd
halten beeinflusst würde. Das eye-
Stefanink, Cluj / Rumänien u. Bielefeld)
tracking (Okulometrie) gestattet seiner-
Konnte sich Klein (1987)1 noch nostalgi- seits, die Augenbewegungen zu regis-
schen Träumen dessen, was sich im trieren, die die Mikrostrategien des
Kopf des Übersetzers abspielt, hinge- Übersetzers im Rahmen seines Pro-
ben, so ist man spätestens seit Krings’’ blemlösungsverfahrens verraten und
1986 erschienenem Was in den Köpfen von somit Rückschlüsse auf seine überset-
Übersetzern vorgeht dem Geheimnis auf zerische Kompetenz zulassen. Seit den
der Spur. kontrastiven Untersuchungen von
Seit diesem Datum hat sich dieser For- Krings zu dem Vorgehen von Anfän-
schungsbereich ständig weiter entwi- gern im Vergleich zu dem von profes-
ckelt. Neben dem monologischen lauten sionellen Übersetzern weiß man näm-
Denken, das zu den Thinking Aloud lich, dass letztere eher makrostrate-
Protocols (TAPs) von Krings geführt hat, gisch konzentrisch vorgehen, während
tauchte das dialogische Denken auf, wie die Anfänger meist linear übersetzen.
wir es u. a. bei Kußmaul (2000), Stefa- Nach der Beschreibung der verschiede-
nink (1995a, 2000) und vielen anderen nen Methoden und Werkzeuge, die für
finden, wobei es darum geht, einen die Erforschung der im Gehirn des
gemeinsamen Übersetzungsvorschlag Übersetzers ablaufenden Prozesse zur
»auszuhandeln«. Das Für und Wider Verfügung stehen, präsentiert uns Göp-
der beiden Methoden wird ausführlich ferich verschiedene Möglichkeiten der
in Stefanink (1995a, 1995b) besprochen. Datentranskription, der Datenspeiche-
Auch im vorliegenden Werk von Göpfe- rung und der Datenanalyse. Ihre diffe-
rich findet eine Evaluation der beiden renzierten Stellungnahmen zu den ver-
Methoden statt, ohne dass eine der schiedenen Darstellungen des Überset-
anderen als überlegen dargestellt wür- zungsprozesses, wie wir sie z. B. bei
de: Sie ergänzen sich und sind je nach Krings (1986b: 269), Hönig (1995: 51)
der Zielsetzung des betreffenden For- oder Kiraly (1995: 101) finden, bringen
schungsprojektes einsetzbar. etwas Ordnung in das Labyrinth der
Neben dieser Grundsatzdiskussion verschiedenen Ansätze zur Erforschung
führt Göpferich auch die technischen des Übersetzungsprozesses, die oft
Neuerungen vor, mit denen der Über- nichts voneinander wissen. Sie ver-
setzungsprozess in seinen einzelnen gleicht Vor- und Nachteile, kategorisiert
Aspekten genauer erfasst werden kann. und drückt klar ihre auf einer langen
So haben z. B. neuere neurophysiologi- Erfahrung als Übersetzungspraktikerin
sche Forschungsergebnisse zur Ent- und -theoretikerin basierenden Präfe-
wicklung einer Software geführt, mit renzen aus. Desgleichen vergleicht sie
Hilfe derer die genaue Dauer der Pau- auch die Rentabilität computerunter-
sen (die auf ein potentielles Überset- stützten Übersetzens mit dem der Hu-
zungsproblem hinweisen) während des manübersetzung.
190

Das Ergebnis ihrer vergleichenden Ana- petenz von der Kompetenz bilingualer
lysen ist schließlich ein Modell der in der nicht translationsspezifisch ausgebilde-
Übersetzerausbildung zu berücksichti- ter Personen unterscheiden. Desglei-
genden Kompetenzen, das in seinen gro- chen fordert sie eine stärkere Interdiszi-
ßen Zügen wie folgt aussieht: plinarität und Zusammenarbeit vor al-
–– kommunikative Kompetenz in min- lem mit Wissenschaftsbereichen wie
destens zwei Sprachen, Psychologie und Neurologie. Schließ-
–– sach- und fachbezogene Kompetenz im lich macht sie auf die von ihr gegrün-
Bereich des zu übersetzenden Textes, dete Datenbank an der Universität Graz
–– Hilfsmittelbenutzungskompetenz, aufmerksam und fordert zur Mitarbeit
–– Recherchierkompetenz, an dieser Datenbank auf.
–– Translationsroutineaktivierungskompe- Eine Studie, die wir allen denen empfeh-
tenz (beim Abrufen von shifts), len können, die sich für die Prozesse
interessieren, die beim Übersetzen im
–– psychomotorische Kompetenz (Fähig-
Gehirn ablaufen, sei es um Fragen episte-
keiten, die für das Lesen und Schreiben
mologischer Art zu lösen oder bescheide-
mit EDV-Werkzeugen erforderlich
ner, um einfach ihre didaktische Kompe-
sind).
tenz zu optimieren.
Die Anwendung dieser Teilkompetenzen
und ihre zentrale Steuerung wird durch
drei Faktoren determiniert, die das Fun- Anmerkung
dament von Göpferichs Translations- 1 »Der intellektuelle Vorgang, der diesem
kompetenzmodell bilden: [übersetzerischen Handeln] unterliegt,
bleibt im Dunkeln. Er kann nur nachträg-
1. Übersetzungsauftrag und Überset- lich analysiert werden und der Überset-
zungsnormen, zer selbst ist sich nicht immer seiner
2. übersetzerisches Selbstbild und Berufs- Entscheidungen bewusst.« (Klein 1987:
ethos des Übersetzers, 62)
3. psycho-physische Disposition des
Übersetzers (Ehrgeiz, Ausdauer, Literatur
Durchhaltevermögen, Selbstbewusst- Hönig, Hans G.: Konstruktives Übersetzen.
sein, usw.). Tübingen: Stauffenburg, 1995.
Was die Zukunftsaussichten für diesen Kiraly, Donald C.: Pathways to Translation.
Forschungsbereich angeht, so hebt die Pedagogy and Process. Kent (Ohio): Kent
State University Press, 1995.
Verfasserin die Bedeutung dieser Art Klein, Jean: »De la linguistique appliquée à
von Forschung hervor, z. B. für eine l’’intelligence appliquée –– Réflexions sur
Übersetzungsdidaktik bzw. für die Ent- l’’opération traduisante«, TexTConTexT 2
wicklung von Methoden zur Evaluation (1987), 62––72.
übersetzerischer Kompetenz. Sie ruft Krings, Hans P.: Was in den Köpfen von
zu einer internationalen Kooperation Übersetzern vorgeht. Eine empirische Unter-
suchung zur Struktur des Übersetzungspro-
auf, bei der in Longitudinalstudien vor zesses an fortgeschrittenen Französischler-
allem die Entwicklung der Translati- nern. Tübingen: Narr, 1986 (= 1986a).
onsroutineaktivierungskompetenz, der Krings, Hans P.: »Translation Problems
Hilfsmittelbenutzungs- und Recher- and Translation Strategies of Advanced
chierkompetenz sowie der strategi- German Learners of French (L2)«. In:
House, Juliane; Blum-Kulka, Shoshana
schen Kompetenz untersucht werden (Hrsg.): Interlingual and Intercultural
sollten, da diese die Spezifika ausma- Communication: Discourse and Cognition
chen dürften, die translatorische Kom- in Translation and Second Language Acqui-
191

sition Studies. Tübingen: Narr, 1986, 263–– die inhaltlichen Kriterien Kohärenz
276 (= 1986b). und Flüssigkeit waren bislang von kei-
Kußmaul, Paul: Kreatives Übersetzen. Tübin- nem Computerprogramm bewältigt
gen: Stauffenburg, 2000.
Lörscher, Wolfgang: Translation Performance, worden. Bislang müssen pro Prüfung
Translation Process, and Translation Strate- zwei unabhängige Lehrerkorrektoren
gies. Tübingen: Narr, 1991. die Schreibleistung beurteilen. Mit der
Stefanink, Bernd: »L’’ethnotraductologie au maschinellen Korrektur besteht nun die
service d’’un enseignement de la traduc- einzigartige Möglichkeit der lehrerun-
tion centré sur l’’apprenant«, Le langage et
l’’homme, 4 (octobre) (1995), 265––293 abhängigen Beurteilung und Bewer-
(=1995a). tung des schriftlichen Teils –– sowohl in
Stefanink, Bernd: »Review article zu Lör- der Prüfung als auch für das Training.
scher 1991«, FLuL 24 (1995), 271––278
(= 1995b).
Grundlage der Maschinenbewertung ist
Stefanink, Bernd: »Analyse conversatio- eine Datenbank, die am Lehrstuhl von
nelle et didactique de la traduction«, Professor Hans-Jürgen Heringer an der
Studia Romanica Posnaniensia XXV/XXVI Universität Augsburg entwickelt wurde.
(2000), 283––298. Sie umfasst ca. 80 Millionen Textwörter,
denen Type- und Tokenwerte zugeord-
net sind. Außerdem wurde ein Kanon
von Parametern erstellt, der beispiels-
Goethe-Institut (Hrsg.):
weise Textlänge, syntaktische Komplexi-
Prüfungsmaterialien. Elektronisches
tät, lexikalische und morphologische
Prüfungstraining B1. CD-ROM. Isma-
Tiefe des Prüfungstextes gewichtet (vgl.
ning: Hueber, 2008. –– ISBN 978-3-19-
die ausführliche Darstellung von Frey/
031651-9. €€ 24,95
Heringer1).
(Dorothea Spaniel-Weise, Jena) Kursteilnehmer, die sich mit dem elektro-
Das Zertifikat Deutsch auf der Niveau- nischen Prüfungstraining auf die Prü-
stufe B1 des Gemeinsamen Europäischen fung Zertifikat Deutsch vorbereiten wol-
Referenzrahmens für Sprachen (GER) ist len, finden auf der CD-ROM drei
die meist verkaufte Prüfung des Goe- Übungsprüfungen, die »in Echtzeit«,
the-Institutes. Aufgrund dieser hohen oben links läuft ein Zeitfenster mit, oder
Nachfrage wurde 2002 von der Prü- als Übungsdurchläufe absolviert werden
fungszentrale ein Projekt ins Leben ge- können. Für die Prüfungsteile ››Lese- und
rufen, das Prüfungskandidaten erlau- Hörverstehen‹‹ erhält der Kandidat sofort
ben sollte, sich auf elektronischem Weg seine Ergebnisse mitgeteilt. Für die Be-
auf die Prüfung vorzubereiten und wertung der schriftlichen Leistung ist die
diese auch am Computer abzulegen. Eingabe einer Transaktionsnummer
Dazu musste für die schriftlichen Teile (TAN) notwendig, die der CD-ROM bei-
der Prüfung eine Korrektursoftware liegt. Außerdem ist es möglich, weitere
entwickelt werden, die in der Lage war, Bewertungsdurchläufe über vier weitere
automatisch Textkorrekturen vorzuneh- TANs auf der Seite des Hueber-Verlages
men, das heißt das Programm musste einzukaufen. Bei jeder Übungsprüfung
den in dieser Prüfung typischen Ant- kann der Lerner auswählen, ob er den
wortbrief im Teil ››Schriftlicher Aus- Prüfungsdurchlauf mit oder ohne auto-
druck‹‹ in Bezug auf grammatische, or- matische Bewertung des Prüfungsteils
thographische, aber auch inhaltliche ››Schriftlicher Ausdruck‹‹ durchführen
Korrektheit überprüfen können. Gerade will.
192

Die technische Bedienbarkeit des Mate- Verlag auf die Bezeichnung »Deutsch
rials ist einfach, die Orientierung inner- als Fremdsprache« und begnügt sich
halb der Prüfung gut möglich. Das mit der Bezeichnung »Deutsch«.
graphische Design ist ansprechend und Zur Ausstattung: Das mit einem biegsa-
die Funktion einzelner Ikonen eindeu- men Kunststoffeinband versehene und
tig. So sind z. B. die Lesetexte grau im Oktavformat gedruckte Buch besitzt
hinterlegt, während die Aufgabenstel- eine blaue Alphabetleiste zum schnel-
lungen fett gedruckt sind. Im Teil len Nachschlagen. Die Innenseite des
Sprachbausteine werden für die auszu- vorderen Deckels vermittelt einen kur-
füllenden Lücken jeweils drei Lösungen zen Überblick über den Aufbau der
vorgeschlagen oder die richtigen Wörter Artikel; die Innenseite des hinteren
müssen nach dem Drag-and-Drop-Prin- Deckels enthält das Abkürzungsver-
zip eingesetzt werden. Allgemeine Hin- zeichnis. Der Blick ins Inhaltsverzeich-
weise zur Prüfung oder Prüfungstipps nis zeigt, dass es einen fast hundertsei-
sind auf der CD-ROM nicht enthalten. tigen Anhang und zwanzig Seiten mit
Diese müssten über den Kursunterricht farbigen Illustrationen gibt. Beim
oder Printausgaben von Prüfungsmate- Durchblättern fällt bereits die gute Les-
rialien ergänzt werden. barkeit auf; man hat auf eine zu kleine
Schrift verzichtet, während die einzel-
nen Lemmata blau hervorgehoben sind.
Anmerkung Der Text wird durch Schwarz-Weiß-
1 http://www.hueber.de/shared/elka/ Zeichnungen und durch eine Menge
Internet_Muster/Red1/978-3-19-031651- Info-Fenster zur Landeskunde, zum
9_einfuehrung.pdf Sprachenlernen und Sprachgebrauch
ergänzt.
Zum Vorwort: Das Vorwort bezeichnet
das Wörterbuch als »einsprachiges
Götz, Dieter; Wellmann, Hans (Hrsg.): Lernerwörterbuch für alle, die Deutsch
Langenscheidt Power Wörterbuch als Fremdsprache und Deutsch als
Deutsch. Berlin: Langenscheidt, 2009. –– Zweitsprache lernen. Es ist für Einstei-
ISBN 978-3-468-13110-3. 1122 Seiten, ger und fortgeschrittene Lerner, aber
€€ 16,95 auch für deutsche Muttersprachler ge-
(Karl-Walter Florin, Waltrop) eignet.« (3) Die Konzeption und Gestal-
tung wird nicht weiter begründet, son-
Es sind inzwischen mehr als 15 Jahre dern man verweist auf die »langjährige
vergangen, dass mit dem Großwörter- [……] lexikografische [……] Tradition« des
buch Deutsch als Fremdsprache von Lan- Verlages. Vierzehn Seiten sind den
genscheidt das erste einsprachige »Hinweise[n] für die Benutzer« gewid-
Lernerwörterbuch für Deutschlerner met. Hier werden in neun Kapiteln die
herausgebracht wurde; ihm sind viele einzelnen Einträge erläutert: von der
gefolgt, doch bis heute hat dieses Wör- Anordnung der Wörter und der Recht-
terbuch Standards gesetzt. Umso ge- schreibung, über den Hinweis, ob ein
spannter darf man auf die »nach dem Wort dem Zertifikatswortschatz ange-
revolutionären Power-Konzept« (Vor- hört, bis hin zu Aussprache, zu Anga-
wort) »völlige Neuentwicklung« sein. ben von Wortarten und Formen, zu Stil,
Obgleich im Klappentext als Lernerwör- zu Bedeutung und syntaktischen Anga-
terbuch gekennzeichnet, verzichtet der ben. Man hat sich sehr um eine einfache
193

Beschreibungssprache bemüht, kommt verzichten auf Abkürzungen für das Ge-


aber nicht an einigen Fachwörtern vor- nus der Nomen oder die Stammformen
bei. Für einen Lerner im Anfängerstadi- der Verben, sie schreiben die vollen
um ist dies natürlich immer eine hohe Formen direkt hinter das Stichwort. So ist
Verstehenshürde. auch sofort zu erkennen, ob z. B. das Verb
Zum Aufbau der Artikel: Beim Durch- trennbar oder nicht trennbar, regelmäßig
blättern stößt man auf Bilder, die inzwi- oder unregelmäßig ist und das Perfekt
schen in vielen Lernerwörterbüchern mit »haben« oder »sein« gebildet wird.
Eingang gefunden haben. Die Bilder Fett gedruckt sind die weiteren Einträge,
(Zeichnungen) vermitteln Unterschiedli- die in Verbindung mit dem Haupteintrag
ches, sie illustrieren einzelne Wörter (z. B. eine eigene Bedeutung haben. Für viele
»Dosenöffner«, 212), sie zeigen die unter- Einträge geben die Autoren »Muster für
schiedlichen Bedeutungen eines Wortes die Satzbildung« an, hier gezeigt am
(z. B. »Bogen«, 169), sie stellen Teil-Gan- Beispiel »arbeiten«:
zes-Beziehungen dar (z. B. »Flugzeug«, »3 etwas arbeitet etwas erfüllt regelmäßig
302), sie verdeutlichen Wortfelder (z. B. seine Funktionen <das Herz, die Lunge>:
»Bürsten«, 183). Dazu sind die zwölf Der Aufzug arbeitet zuverlässig 4 an etwas
Tierkreiszeichen abgedruckt, warum (Dativ) arbeiten (z. B. als Autor oder
auch immer! Handwerker) mit einer Produktion be-
schäftigt sein: an einem Roman, einer Vase
Wichtiger als diese Schwarz-Weiß- arbeiten 5 an sich (Dativ) arbeiten versu-
Zeichnungen sind die Farbillustratio- chen, seine Fähigkeiten oder sein Verhal-
nen: Sie verdeutlichen bestimmte Wort- ten zu verbessern 6 für etwas arbeiten
felder wie »Das Haus«, »Im Bad«, »Im sich für ein Ziel einsetzen: für den Frieden
Wohnzimmer« oder »Obst und Gemü- arbeiten.« (72)
se«, »Am Frühstückstisch«, aber auch Anhand des Eintrags kann der Nach-
einige abstrakte Wortfelder wie »Verben schlagende die grammatische Struktur
der Bewegung und der Ruhe«, »Präposi- des Satzes erkennen; darüber hinaus
tionen«, »Die Zeit«. Weitere Wortfelder wird sie häufig noch durch einen Bei-
greifen das Thema Mobilität auf: »Das spielsatz verdeutlicht (kursiv gedruckt).
Fahrrad«, »Das Auto«, »Am Bahnhof«, Zudem erhält der Benutzer typische
»Am Flughafen«. Schließlich gibt es Illu- Verbindungen (Kollokationen), die mit
strationen zu den Themen »Die Klei- dieser Wortbedeutung einhergehen; in
dung«, »Behälter und Gefäße«, »Im Bü- unserem Beispiel »arbeiten«: »3 etwas
ro«, »Die Familie« und »Farben und arbeitet [……] <das Herz, die Lunge>«
Formen«. Karten der Bundesrepublik (72). Auch auf die idiomatische Verwen-
Deutschland, der Schweiz und der Re- dung eines Wortes oder die Verwen-
publik Österreich runden die bildlichen dung in Redewendungen und Sprich-
Darstellungen ab. Die Tafeln sind all- wörtern wird hingewiesen, allerdings in
tagsorientiert und verzichten auf zu begrenztem Maße. So fehlen z. B. Rede-
spezielles Vokabular. Visuelle Elemente wendungen wie »ganze/gründliche Ar-
sind sicherlich eine wichtige Hilfe beim beit leisten« oder »die Arbeit nicht ge-
Fremdsprachenlernen. Es bleibt aber un- rade erfunden haben«, um im Umfeld
klar, nach welchen Kriterien (Alltag?) des Wortes »Arbeit«/»arbeiten« zu blei-
die Illustrationen ausgewählt worden ben.
sind. Die Autoren bemühen sich um einfache
Die einzelnen Stichwörter sind –– in Umschreibungen der Bedeutungen; in
blauer Schrift –– gut lesbar. Die Autoren vielen Fällen fügen sie Wörter mit ähn-
194

licher Bedeutung (Synonyme) und/oder Trennung, Stilebenen, Sprechereinstel-


Gegenbegriffe (z. B. Antonyme) bei. Al- lung (ironisch, abwertend etc.), regiona-
lerdings verzichten sie bei schwierige- ler Gebrauch (Österreich, Schweiz, süd-
ren Wörtern darauf: »nachlässig Adjek- deutsch, norddeutsch etc.) und Fach-
tiv; so, dass etwas nicht ordentlich wortschatzhinweise integriert.
gemacht wird <die Aufgaben nachläs- Zum Wortschatz: Das Power Wörterbuch
sig machen>« (582). Leider vermisst enthält nach Angaben des Verlags etwa
man hier Synonyme wie »unordent- 50.000 Stichwörter, Wendungen und
lich« oder »schlampig«; auch das Ge- Beispiele. Dabei kommt es sicherlich
genteil, »sorgfältig«, wäre hier sinnvoll nicht allein auf die Zahl an. Vielmehr
zu erwähnen. Die Nominalisierung, wird man die Auswahl der Stichwörter
»Nachlässigkeit«, wird ebenfalls nicht würdigen müssen. Im Vorwort weisen
aufgeführt, obgleich bei vielen Wörtern die Autoren darauf hin, dass das Wör-
die abgeleiteten Formen angegeben terbuch »einen breiten Teil der moder-
sind. nen deutschen Alltagsprache« (3) ab-
Eine wichtige Rolle spielen die Wortbil- deckt. Nimmt man einen aktuellen Zei-
dungselemente; sie erhalten eigene Ein- tungsartikel z. B. über einen Parteitag
träge mit Hinweisen auf die Bedeutung zur Hand, so stößt man gleich an die
und einer Auflistung von Beispielen: Grenzen. »Scherbengericht« als Stich-
»ent- im Verb; unbetont und nicht trennbar; wort fehlt ebenso wie »Linksrutsch«,
Die Verben mit ent- werden nach folgendem was auch nicht ohne Weiteres aus seinen
Muster gebildet: entknoten –– entknotete –– Bestandteilen erschlossen werden kann.
entknotet 1 drückt aus, dass etwas von Um im politischen Bereich zu bleiben:
jemandem/etwas weggenommen, jemand/ Der »Ossi« hat es ins Wörterbuch ge-
etwas von etwas befreit wird.« (252)
schafft, der »Wessi« nicht. Auch Wörter,
Zur Wortbildung gehört auch die Kombi- die überwiegend in der gesprochenen
nierbarkeit von Wörtern. So finden sich Sprache vorkommen, wie »Pechvogel«,
bei den Einträgen Listen mit dem jeweili- »Glückspilz«, »cool«, »geil«, haben Ein-
gen Wort als Bedeutungs- und Grund- gang gefunden, während andere, von
wort: einem Deutschlerner schwerer zu er-
»Arbeit A2 die; ––, -en; 1 [……] || K- Arbeits- schließende Wörter wie »Pantoffelheld«
ablauf, Arbeitseifer, Arbeitsweise || -K oder »Quasselstrippe« nicht zu finden
Büroarbeit, Gartenarbeit, Hausarbeit; sind.
Kopfarbeit, Muskelarbeit.« (72) Verzichtet haben die Autoren weitge-
Hervorzuheben ist die intensive Behand- hend auf fachspezifisches Vokabular.
lung der Modal- und Abtönungsparti- Wichtig ist aber die regionale Verbrei-
keln: tung von Wörtern; unterschieden wird
»doch3 B1 Partikel; unbetont 1 verwendet zur zwischen norddeutschem und süddeut-
Stärkung der Aussagen (Wünsche, Überra- schem, zwischen österreichischem und
schung, Empörung o. Ä.) in Ausrufesätzen: schweizerischem Sprachgebrauch, wie er
Wenn er doch nur endlich käme!; Das gibt’’s doch sich z. B. in den Wörtern »Fleischerei«,
gar nicht!; Hör doch endlich auf!« (209) »Metzgerei« und »Schlachterei« aus-
Dazu gibt es einen Infokasten, in dem drückt.
noch einmal Beispiele zu allen Bedeutun- In diesem Zusammenhang sind die
gen angegeben werden. »Info-Fenster« interessant, die zusätzli-
Als weitere informative Elemente haben che Informationen über sprachliche Ei-
die Autoren Aussprache (wenn nötig), genheiten und landeskundliche Aspekte
195

anbieten. So erhält man je zwei Listen an. Der zweite Teil umfasst eine auf den
mit Wörtern, die in Österreich (616––617) Wortarten aufbauende Kurzgrammatik
bzw. in der Schweiz (735––736) eine an- der deutschen Sprache. Zehn Wortarten
dere Bedeutung haben oder nur dort werden unterschieden: »Adjektive, Ad-
benutzt werden, und eine Gegenüber- verbien, Artikel, Interjektionen, Konjunk-
stellung von Wörtern, die überwiegend tionen, Präpositionen, Partikeln, Prono-
in Nord- und Süddeutschland (203) be- men, Substantive und Verben.« (1043) Zu
nutzt werden. Es wird ebenfalls auf jeder Wortart gibt es kurze Erklärungen
Ausspracheunterschiede (203) hinge- zu Funktion und Gebrauch. Auf Konju-
wiesen. gationstabellen wird jedoch verzichtet.
Die zahlreichen Info-Fenster haben un- Die Satzgrammatik wird unter den As-
terschiedlichen Charakter. Es gibt kurze, pekten Satzarten, Satzglieder und Attri-
beschreibende Texte, bute auf ganzen zwei Seiten abgehandelt.
Während man den Wortartenbeschrei-
»Deutschland liegt in Mitteleuropa. Es hat
eine Fläche von 357.000 km2 und ist mit bungen noch einen gewissen Nutzen
beinahe 82 Millionen Einwohnern eines der zuschreiben kann, sehe ich diesen für die
bevölkerungsreichsten Länder Europas. Es Satzbeschreibung nicht.
ist eine Bundesrepublik und besteht aus 16 Auch die neuen Rechtschreibregeln wer-
Bundesländern« (203), den kurz abgehandelt. Warum dabei aber
längere Wortlisten, wie die bereits er- die alten Schreibweisen zusätzlich ange-
wähnten erklärenden Texte, z. B. zum geben werden, verstehe ich nicht ganz,
Thema »Karneval im Rheinland« (463), denn diese spielen für einen Deutschler-
oder Zusammenstellungen von Wörtern, ner keine Rolle, sondern führen eher zur
Redewendungen und Sätzen für be- Verwirrung, weil gar nicht genug Platz
stimmte Situationen: für eine genauere Begründung der Ände-
rungen zur Verfügung steht. Wichtig
»Guten Appetit! Vor dem Essen wünscht
man sich gegenseitig einen guten Appetit: wäre dagegen der Hinweis, dass in älte-
Guten Appetit! Der Gastgeber sagt oft zu ren Texten andere Schreibweisen auftau-
seinen Gästen: (Greift zu.) Lasst es euch chen können.
schmecken!« (71) Drei Listen zum Wortschatz »Zeit«,
Unter dem Aspekt »Sprache lernen« bie- »Kommunikation« und »Geräusche« so-
ten die Info-Fenster auch grammatische wie eine Übersicht über die Länderna-
Hinweise: men mit der Bezeichnung der Bevölke-
rung und der Zahlen schließen den
»Das Verb sein. Sein kann als Vollverb
sprachlichen Teil ab.
benutzt werden (Das Haus ist alt. Mark wird
Maler) [sic! KWF] und zusammen mit einem Unter der Überschrift »Deutschland,
anderen Verb als Hilfsverb zur Bildung Österreich und die Schweiz: Was man
zusammengesetzter Zeitformen [……].« (743 wissen sollte« (1090) erhält man auf
[allerdings sollten die Beispiele auch kor- zwanzig Seiten eine Mischung aus lan-
rekt sein!]) deskundlichen Informationen (politische
Zum Anhang: Die Fülle von Informatio- Systeme etc.), praktischen Hinweisen für
nen lässt es sinnvoll erscheinen, dass die Ausländer (Meldepflicht, Asylrecht, Ein-
Benutzer, wenn sie das Wörterbuch im bürgerung etc.) und Tipps für den Um-
Unterricht kennen lernen, ausführlich in gang mit Behörden, für die Arbeits- und
die Benutzung eingeführt werden. Zu Wohnungssuche und fürs Autofahren.
diesem Zweck bietet der Verlag im An- Durch diesen Teil wird die Zielgruppe
hang 27 Übungsaufgaben mit Lösungen des Wörterbuchs deutlich: Zuwanderer
196

und Einbürgerungswillige erhalten noch Hallet, Wolfgang; Königs, Frank G.


einmal in Kurzform sinnvolle Hilfestel- (Hrsg.):
lungen für den Weg durch die deutsche Handbuch Fremdsprachendidaktik.
Bürokratie. Dennoch bin ich nicht über- Seelze-Velber: Kallmeyer, 2010. –– ISBN
zeugt davon, dass diese Informationen in 978-3-7800-1053-7. 399 Seiten, €€ 29,95
ein Wörterbuch gehören. Gerade gesetz-
(Sandra Ballweg, Darmstadt)
liche Regelungen können sich schnell
ändern und ein Hinweis, sich jeweils mit Handbücher und Fachlexika aus dem
aktuellen Informationen zu versorgen, Bereich der Fremdsprachendidaktik und
fehlt. des Deutschen als Fremd- und Zweit-
Zur Beurteilung: Das Großwörterbuch sprache sind derzeit zahlreich auf dem
Deutsch als Fremdsprache vor Augen, finde Markt vertreten, so beispielsweise das
ich im Power Wörterbuch nicht so viel Handbuch Fremdsprachenunterricht
Neues. Positiv sind auf jeden Fall die gute (Bausch et al. 2003), das Internationale
Lesbarkeit der Einträge und die Beschrei- Handbuch Deutsch als Fremd- und Zweit-
bungssprache. Die Kennzeichnung des sprache (Krumm et al., im Druck), das im
Zertifikatswortschatzes (Markierung Jahr 2010 in überarbeiteter Auflage er-
nach den Niveaus A1 bis B2) und die Info- scheinen soll, oder das Fachlexikon
Fenster sind eine weitere Hilfe für Ler- Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (Bar-
nende bis B2. Wie viel und wie gut man kowski/Krumm 2010). Wo in diesem Feld
mit den Informationen und Aufgaben aus ist das neu erschienene Handbuch Fremd-
dem Anhang arbeiten wird, muss die Pra- sprachendidaktik einzuordnen und was
xis zeigen. Hier habe ich Zweifel, ob diese kann es leisten?
wirklich genutzt werden. Als Handlungsfeld der Fremdsprachen-
Die im Vergleich zum Großwörterbuch didaktik nennen die Herausgeber dieses
geringere Zahl von Wörtern macht sich Handbuchs das Lehren und Lernen von
sehr schnell bemerkbar. Um Platz zu Fremdsprachen und die Erforschung die-
sparen, verzichtet das Wörterbuch teil- ser Prozesse (11). Sie schließen den Be-
weise auf Erklärungen bzw. auf zusätzli- reich der Sprachlehr- und -lernforschung
che Informationen. Insgesamt ist das mit ein und erklären »die Phase der
Power-Wörterbuch aber nicht handlicher. begrifflichen Differenzierung« für über-
Insofern stellt sich die Frage, wen der wunden (12). Somit befasst sich das
Verlag als Zielgruppe im Blick hat. Stu- Handbuch Fremdsprachendidaktik, das sich
dierenden würde ich immer empfehlen, als interdisziplinär und sprachenüber-
zirka 10,–– €€ mehr für den großen Bruder greifend versteht (9), nicht ausschließlich
zu investieren. Als Ärgernis bleibt: Wozu mit unterrichtspraktischen Aspekten,
braucht dieses Wörterbuch das englische sondern beinhaltet auch forschungsbezo-
Wort Power im Titel? gene Bereiche. Ziel des Handbuchs ist es,
den Forschungsstand aus den verschie-
denen Fremdsprachendidaktiken zusam-
Literatur menzuführen und »de[n] aktuelle[n]
Götz, Dieter; Haensch, Günther; Wellmann, Stand der Fremdsprachenforschung und
Hans (Hrsg.): Langenscheidts Großwörter- der Fremdsprachendidaktik in den im
buch Deutsch als Fremdsprache. Einsprachi- deutschsprachigen Raum unterrichteten
ges Wörterbuch für Deutschlernende. Berlin:
Langenscheidt, 1993; Langenscheidt Groß- Fremdsprachen in kompakter und über-
wörterbuch Deutsch als Fremdsprache. Neu- sichtlicher Form zugänglich [zu ma-
bearbeitung. 2003. chen]« (9). Insgesamt liegt die Schwer-
197

punktbildung eher im Bereich der allge- Language Teaching geht, sondern auch der
meinen Didaktik und der Lernpsycholo- Bereich der Motivation diskutiert wird.
gie als in der Linguistik, dies spiegelt sich Das folgende Kapitel VI zum »Beurteilen
auch in der Wahl der zwölf Themenfelder und Evaluieren« schließt neben dem Te-
des Handbuchs (s. u.) wider. sten und der Fehlerkorrektur und Fehler-
Erklärte Adressatinnen und Adressaten bewertung auch die Selbstevaluation ein.
des Handbuchs Fremdsprachendidaktik sind Im Kapitel »Lernerbezogene fremdspra-
»alle Leserinnen und Leser, die im Stu- chendidaktische Konzepte« (Kapitel VII)
dium und in der Forschung, in der Lehrer- werden Faktoren von Lernerindividuali-
ausbildung, als Lehrerinnen und Lehrer in tät (Lernalter, Sprachlerneignung) sowie
der Schule oder in anderen Berufen mit Ansätze zur Individualisierung des Un-
der Vermittlung von Fremdsprachen be- terrichts (Sprachlernberatung, Lerntage-
fasst sind« (9). Hier ist zu erwähnen, dass bücher) angesprochen. Es schließen sich
der Fokus auf den klassischen Schul- vier Beiträge zu »Medien im Fremdspra-
fremdsprachen Englisch, Französisch und chenunterricht« (Kapitel VIII) an, bevor
Spanisch und auf dem schulischen Kon- unter dem Begriff »Didaktische Hand-
text liegt. Dennoch werden sich auch Leh- lungsfelder« (Kapitel IX) beispielsweise
rende und Studierende anderer Sprachen frühbeginnender Fremdsprachenunter-
und aus unterschiedlichen Kontexten in richt, Bilingualer Sachfachunterricht so-
den zumeist sprachen- und kontextüber- wie die Materialentwicklung zusammen-
greifenden Beiträgen wiederfinden. gefasst werden. Das Kapitel »Sprachlehr-
Insgesamt wird das Handbuch durch und -lernforschung« (Kapitel X) beinhal-
Aufbau und Inhalte den Interessen einer tet verschiedene Grundlagenthemen,
breiten Zielgruppe gerecht. Mit den z. B. Spracherwerb und Sprachenlernen
zwölf Themenbereichen und 86 Beiträ- sowie Lerner- und Interimsprachen. Es
gen ist das Handbuch Fremdsprachendidak- folgt Kapitel XI zur »Fremdsprachlichen
tik vergleichsweise kompakt und konzen- Lehrerausbildung«, das sich nicht auf die
triert sich besonders auf unterrichtsnahe Ausbildung beschränkt, sondern auch
Inhalte. Zunächst (Kapitel I) wird in fünf die Professionsforschung sowie die Fort-
Beiträgen ein Überblick über die »Fremd- und Weiterbildung von Lehrenden the-
sprachendidaktik als Theorie und Diszi- matisiert. Abschließend findet sich das
plin« gegeben. Es folgen vier Beiträge zu Kapitel »Forschungsfelder« (Kapitel XII),
»Sprachen- und bildungspolitischen in dem in sechs Beiträgen eine gelungene
Rahmenbedingungen« (Kapitel II), die Verknüpfung von Forschungsthemen
auch auf Bildungsstandards und Lehr- und Forschungsmethoden hergestellt
pläne eingehen. Den größten Bereich wird.
bildet das Kapitel »Skills und Kompeten- Während die Mehrheit dieser hier skiz-
zen« (Kapitel III), in dem in 15 Beiträgen zierten Themen auch in anderen Hand-
verschiedene Fähigkeiten, Fertigkeiten büchern enthalten ist, enthält das Hand-
und Kompetenzen vorgestellt und erläu- buch Fremdsprachendidaktik auch einige
tert werden, bevor sich in Kapitel IV die Beiträge, die an anderen Stellen eher
»Literatur- und Kulturdidaktik« mit ei- kürzer oder überhaupt nicht dargestellt
nem vergleichsweise großen Bereich (sie- werden. Dazu zählen der Gemeinsame
ben Beiträge) anschließt. Es folgen »Un- Europäische Referenzrahmen, Lerntagebü-
terrichtsformen und Methoden« (Kapitel cher, genderspezifisches Lernen und
V), wo es nicht nur um Methoden, Sozial- Lehren sowie Nachbar- und Herkunfts-
und Übungsformen sowie Task-Based sprachen als Sprachlernvoraussetzung.
198

Auch die vergleichsweise ausführliche Literatur


Darstellung der Literatur- und Kulturdi- Barkowski, Hans; Krumm, Hans-Jürgen
daktik ist zu erwähnen. Dagegen treten (Hrsg.): Fachlexikon Deutsch als Fremd- und
linguistische Aspekte (Grammatikver- Zweitsprache. Tübingen: Francke, 2010
(UTB 8422).
mittlung etc.). eher in den Hintergrund
Bausch, Karl-Richard; Christ, Herbert;
und sind dem Themenfeld »Skills und Krumm, Hans-Jürgen (Hrsg.): Handbuch
Kompetenzen« untergeordnet. Fremdsprachenunterricht. 4. Auflage. Tü-
Die einzelnen Beiträge verfolgen das Ziel, bingen: Francke, 2003 (UTB 8043).
den Leserinnen und Lesern die »einschlä- Krumm, Hans-Jürgen; Fandrych, Christian;
gigen, zentralen Konzepte« sowie den Hufeisen, Britta; Riemer, Claudia (Hrsg.):
Stand der Forschung knapp und über- Deutsch als Fremd- und Zweitspra-
sichtlich näherzubringen (9). Dafür che. Ein internationales Handbuch. Berlin:
de Gruyter (im Druck).
spricht die Kürze und die Konzentriert-
heit des gesamten Handbuchs sowie der
einzelnen Beiträge, denen es meist gut
gelingt, einen konzisen Überblick über
Härtl, Holden:
das jeweilige Thema zu geben und eine
Implizite Informationen. Sprachliche
»Anregung [zu bieten], sich mit einzel-
Ökonomie und interpretative Komple-
nen Ansätzen, Perspektiven und Themen
xität bei Verben. Berlin: Akademie Ver-
ausführlicher und tiefergehend zu be-
lag, 2008 (studia grammatica 68). ––
schäftigen« (9). Zu diesem Zweck folgt in
ISBN 978-3-05-004502-3. 216 Seiten,
den einzelnen Beiträgen auf eine ver-
€€ 64,80
ständliche Darstellung des Themenbe-
reichs eine recht umfassende Literaturli- (Heiko Narrog, Sendai / Japan)
ste. In einigen Beiträgen (z. B. »Motiva-
tion«, »Bildungsgangdidaktik« und vie- Was wir sprachlich ausdrücken, ist nur
len mehr) glückt die Anregung zur wei- die Spitze des Eisbergs dessen, was wir
terführenden Beschäftigung mit dem denken. Sprachwissenschaftler verschie-
Thema besonders gut, indem abschlie- dener Überzeugungen stimmen darin
ßend Zukunftsperspektiven und For- überein, dass unsere Worte nur unvoll-
schungsdesiderata aufgezeigt werden, kommener Ausdruck viel reichhaltigerer
die zum Nachdenken anregen. mentaler Repräsentationen sind und
Insgesamt bietet das Handbuch Fremdspra- auch wiederum nur als Anhaltspunkte
chendidaktik, das sich durch ein gutes dazu dienen können, dieselben oder ähn-
Preis-Leistungs-Verhältnis auszeichnet, liche Repräsentationen im Hörer zu akti-
eine interessante und aktuelle Themen- vieren.
auswahl aus der Fremdsprachendidaktik Wieviel Unausgesprochenes ist nun we-
sowie knappe und gut strukturierte Bei- nigstens implizit in unseren Worten ent-
träge, die meist mit gut gewählten Litera- halten? Das ist eine Frage, der Holden
turangaben zum Weiterlesen einladen. Härtl in diesem Buch, der Veröffentli-
Besonders durch seine Kompaktheit ist chung seiner Habilitationsschrift, anhand
es mehr als ein Nachschlagewerk. Es ist einiger Beispiele nachgeht. Es geht dabei
für Lehrende und Studierende verschie- um zwei Bereiche, nämlich implizite Er-
dener Sprachen geeignet und kann bei- eignispartizipanten und implizite Propo-
spielsweise auch im Rahmen der Aus- sitionen. Bezüglich des ersteren beschäf-
und Weiterbildung als Einstieg in ver- tigt sich Härtl mit vier Gruppen von
schiedene Themen genutzt werden. Ausdrücken, nämlich
199

(1) sogenannten dekausativen Verben, zufolge sind die Middles, die Partikelver-
wie zum Beispiel zerbrechen in dem ben, die intransitiven Aktivitätsverben
Satz Die Fensterscheibe zerbrach, wobei und die typenverschobenen Verbkom-
der Ereignispartizipant, der für das plexe in dieser (aufsteigenden) Reihen-
Zerbrechen verantwortlich ist, sprach- folge relativ strukturdicht und das feh-
lich unerwähnt bleibt; lende Element ist relativ leicht zu rekon-
(2) Partikelverben wie aufkleben in Heinz struieren, nämlich durch Implikation.
klebte die Briefmarke auf, wobei der Ort Dagegen sind bei den dekausativen Ver-
des Aufklebens unerwähnt bleibt; ben und den psychischen Verben die
(3) nicht-realisierten Thema-Argumen- fehlenden Elemente nur durch konversa-
ten bei intransitivierten Aktivitätsver- tionelle Implikatur rekonstruierbar und
ben wie in Anna rauchte gerade, wo der eine Rekonstruktion erfordert daher ei-
Gegenstand des Rauchens unerwähnt nen höheren Inferenzaufwand.
bleibt, und letztlich Diese Arbeit wendet sich in erster Linie
(4) sogenannten Middles, im Deutschen an theoretische Linguisten und Compu-
meist reflexive Konstruktionen wie terlinguisten. Ein Blick ins Literaturver-
sich lesen in Harry-Potter-Romane lesen zeichnis bezeugt den Erfolg von Härtls
sich besonders gut. Forschung, der mit seinen Schriften be-
Mit »impliziten Propositionen« sind fol- reits Aufnahme in zahlreiche in- und
gende Erscheinungen gemeint: ausländische Publikationen gefunden
(1) sogenannte psychische Verben wie hat.
verehren in Viele Menschen verehren
George Lucas, wobei einigen Sprach-
wissenschaftlern zufolge ein Grund
für diese Verehrung implizit sein Handwerker, Brigitte; Madlener, Karin:
muss, und Chunks für Deutsch als Fremdsprache.
(2) sogenannte typenverschobene Verb- Theoretischer Hintergrund und Proto-
komplexe wie in Der Schriftsteller hatte typ einer multimedialen Lernumge-
einen neuen Roman begonnen, wo die bung. Baltmannsweiler: Schneider Ho-
eigentliche Aktivität, das Schreiben, hengehren, 2009 (Perspektiven Deutsch
ebenfalls nicht genannt ist. als Fremdsprache 23). –– ISBN 978-3-8340-
Härtl geht nun so vor, dass er grammati- 0495-6. 138 Seiten, €€ 18,00
sche Tests und Kontext-Tests konstruiert,
(Jörg Roche, München)
die zeigen sollen, in welchem Ausmaß
der implizite Partizipant oder die impli- Dieses kleine Buch und seine CD-ROM
zite Proposition tatsächlich sprachlich haben es in sich und, um es vorwegzu-
noch abrufbar ist. Im Falle von zwei nehmen, sind all denen zu empfehlen, die
Konstruktionen, nämlich den Partikel- auf neue Impulse für den Sprachunter-
verben und den nicht-realisierten Thema- richt und die Entwicklung frischer Lehr-
Argumenten, wartet er sogar mit psycho- konzepte gewartet haben. Die dem Buch
linguistischen (Reaktionszeit-) Tests auf. beigelegte CD-ROM illustriert die Proto-
Das Ergebnis zeigt, dass jede der bespro- typenlehrumgebung in leicht zu bedie-
chenen Konstruktionen durch ein be- nender Form. Allerdings setzen Buch
stimmtes Verhältnis von Strukturdichte und CD-ROM gute Grundkenntnisse
(d. h. Informativität) versus Inferenzauf- und echtes Interesse an theoretischen
wand (Aufwand, die Information zu re- Fragen des Spracherwerbs voraus. Für
konstruieren) gekennzeichnet ist. Härtl reine Praktiker, die sich schnelle Lösun-
200

gen für den Unterricht versprechen, ist Smith 1993), und es werden die Wirkun-
das Buch zwar mit Sicherheit stimulie- gen von Inputflut und Input Enhance-
rend, aber es verfolgt eine andere Inten- ment sowie die Inputstrukturierung, die
tion. Beim derzeitigen Stand der For- Formfokussierung sowie das Konzept
schung scheint es in der Tat angebracht, der erwerbskompatiblen Aufgaben dis-
so wie die Autorinnen zunächst ein kutiert. Die zugrunde liegende Frage
exemplarisches Konzept zu entwickeln dabei ist, wie sich Input in Intake und
und dieses zu erproben, bevor die Serien- danach in Outtake verwandeln lässt,
produktion angegangen wird. Genau wieviel sich durch Inputimmersion errei-
dies ist die Zielsetzung des Buches, das chen lässt, wieviel »focus on form« nötig
seinen Ansatz sehr gut mit bestehenden ist, um die gut gemeinten, aber etwas
Forschungsansätzen zu verbinden ver- simplifizierenden Annahmen etwa des
steht. Leitend für das Modell sind kon- Natural Approach zu substantiieren. So
struktionsgrammatische Vorstellungen versteht vanPatten (2004: 7) Inputverar-
vom Spracherwerb, der demgemäß mit beitung als »about making form-mean-
Verstehen und Übernahme unanalysier- ing/function connections during real time
ter Chunks beginnt und schließlich über comprehension. It is an online-phenome-
verschiedene Verfahren des De-Chunk- non that takes place in working mem-
ing zu einer systematischen Regelent- ory«. Demnach besteht die Rolle des
deckung, Regelerprobung, Regelverfesti- Inputs in mehr als dem bloßen »noticing
gung und Regelübertragung führen of input« und es verbleiben wichtige
kann, gemäß dem Motto, die Grammatik Aufgaben für Output-orientierte Funk-
entsteht aus den Wörtern, nicht umge- tionen des Sprachwerbs. Auch in diesem
kehrt. Bereich unterscheidet sich der Ansatz der
So gibt das 1. Kapitel einen Überblick Inputverarbeitung von einem Ansatz wie
über Forschung, Zielsetzung und Ansatz dem Natural Approach, der zwar den
des langjährigen Forschungs- und Ent- Verstehensprozess betont, aber den
wicklungsprojektes der Berliner Kolle- Übergang zur Produktion genauso ver-
ginnen an der Humboldt-Universität, zu nachlässigt wie die Komplexität von
dessen theoretischer Fundierung schon Sprache-Bild-Korrespondenzen und de-
im Vorfeld mehrere Beiträge erschienen ren Koordinationen beim Verstehen.
sind. Mit dem neuen Buch findet sozusa- Auch die Grundlagen von Authentizität
gen der »Roll out« des lange erwarteten und Interaktivität oder die Rolle von
Pilotprojektes statt. Kapitel 2 stellt selek- »positiven« und »negativen« Faktoren
tiv, aber verständlich, die Bezüge zu bei der Auswahl von Themen und bei der
relevanten Erwerbshypothesen dar, an- Unterrichtsgestaltung werden beim Na-
gefangen bei Krashens Input-Hypothese tural Approach vernachlässigt.
(1981). Gleichzeitig weisen die Verfasse- Die Auseinandersetzung des Buches mit
rinnen darauf hin, dass mit ihrem Buch relevanten neueren Ansätzen der Er-
keine neue Erwerbstheorie entwickelt werbs- und Verarbeitungsforschung
wird, sondern vielmehr ein Ansatz in zeigt eine überzeugende Begründung
Bearbeitung ist, der mit den einschlägi- des Chunking-Ansatzes und sie baut eine
gen Erwerbstheorien kompatibel sein oft angemahnte, aber nur rudimentär
will. Im Mittelpunkt stehen dabei konse- realisierte Brücke zur Anwendung in
quenterweise die Ansätze zur Eingabe- Lehrverfahren. Die Darstellung von Kra-
verarbeitung von vanPatten (2004) und shens Inputhypothese, dem Natural Ap-
zur Verarbeitungssteuerung (Sharwood proach u. a. ist in dem Band von Hand-
201

werker/Madlener dabei durchaus kri- (psychW-Verben wie anregen, bezaubern


tisch und instruktiv, aber unterstellt die- oder verwundern) als Prototypen der Mul-
sen Ansätzen mehr Relevanz als dies timedia-Chunks für Deutsch als Fremd-
nach heutigem Stand der Erkenntnis sprache. Diese Verbgruppe bietet sich aus
tatsächlich gerechtfertigt scheint. Der verschiedenen sprachtypologischen und
konstruktionsgrammatische Ansatz ist praxisrelevanten Gründen als Pilotbe-
zwar mit diesen älteren Hypothesen reich an, nicht zuletzt, weil diese Verben
kompatibel, ist aber nicht zwingend an gut die Verbindung von lexikalischer
sie gebunden. Mit dem Modell der struc- Basis und morpho-syntaktischer Gram-
tured input activities von Wong (2004) matikalisierung abbilden sowie eine hin-
kommen Handwerker/Madlener der reichende Frequenz im Input aufweisen.
Umsetzung ihres theoretischen Ansatzes Kapitel 4 und 5 legen die konstruktions-
am Ende des Kapitels etwas näher. Hier grammatischen Grundlagen des Chunk-
stellt sich die Kernfrage der Steuerbarkeit ing-Ansatzes dar, die der Entwicklung
des Erwerbs durch bestimmte Strukturen des Prototypen zugrunde liegen und sich
im Input und Verfahren der Hervorhe- damit von anderen Ansätzen ohne defi-
bung sowie der Verstärkung bzw. der niertem grammatischen Modell positiv
Regelkonstruktion auf der Ebene der unterscheiden. Anhand von verschiede-
didaktischen Umsetzung. An dieser nen empirischen Studien zu Verfahren
Stelle zeigen sich auch die Perspektiven der Inputsteuerung wird dargestellt,
für die weitere Forschung: in der Litera- dass diese Ansätze zu keinen oder nur
tur wird bisher (darauf verweisen etwa partiellen Lerneffekten durch grammati-
die Vorschläge von Wong oder Ellis) sche Inputsteuerung führen. Hieraus er-
nämlich zu wenig unterschieden, was gibt sich eine bewusste Orientierung des
didaktisches Desiderat ist und wie man Ansatzes der Verfasserinnen auf die trei-
es in die Köpfe der Lerner bringt. Hier ist bende Kraft von Bedeutungen im Sprach-
dringend weitere Forschung notwendig, erwerb. Daraus ergibt sich auch das
denn es ist plausibel, dass, aber es ist nicht überaus vielseitige Angebot reichen In-
geklärt, wie Lerner Bedeutung oder Auf- puts in der multimedialen Lernumge-
fälligkeit wahrnehmen und verarbeiten. bung. Allerdings machen Handwerker/
Die Forschungsliteratur scheint an dieser Madlener auch deutlich, dass und wie
Stelle noch viel zu selbstverständlich die Lerner in einem bedeutungsgeleite-
davon auszugehen, dass der Lerner fast ten Ansatz durch die Orientierung auf
beliebig von außen steuerbar ist und ihm Form im Spracherwerb profitieren kön-
daher ››klar gemacht werden muss‹‹ oder nen. Die Lernumgebung bietet hierzu
er ››gezwungen werden muss‹‹, etwas zu unter anderem Grammatikanimationen,
tun. Diese Vorstellung von Didaktik ist Grammatiktexte als Hilfen zur Analyse
zwar auch in der Praxis verbreitet, sim- von Chunks und zur Erhöhung der Sali-
plifiziert aber die Prozesse des Spracher- enz von Regeln (gestaffelt nach den
werbs in nicht zielführender Weise. Mit Interessengruppen Lerner, Lehrende, lin-
einem Modell der einfachen Steuerbar- guistisch Interessierte), Visualisierungen,
keit des Lerners wird man auch nur Situationseinbettungen, Glossare und
bedingt die Offenheit an die Forschung eine Anordnung der Chunks nach kom-
tragen, die notwendig ist, um natürliche munikativer Relevanz. Dadurch soll der
Erwerbsprozesse zu verstehen. Bedeutung der unmittelbaren Nutzbar-
Kapitel 3 begründet die Auswahl von keit im Sinne des »interactional modifica-
psychologischen Wirkungsverben tions«-Konzeptes Rechnung getragen
202

werden. Verschiedene Aufgabentypen einer übersichtlichen Matrix ist für das


unterschiedlicher Komplexität stehen da- Verständnis des De-Chunking-Prozesses
für zur Verfügung. Über globale und sehr instruktiv. Gleichzeitig wäre aber zu
detaillierte Erklärungen erhält der Lerner überlegen, wie eine solche Matrix Ein-
Rückmeldung zu den Lösungen. gang in den Unterricht und die Lehrma-
Im abschließenden Kapitel 6 werden die terialentwicklung finden könnte. In der
Möglichkeiten sowie die Notwendigkeit vorliegenden Form würde ein lexikali-
für computergestützte Spracherwerbs- sches Portfolio, in dem Chunks, Kolloka-
forschung (CASLAR) begründet. Dabei tionen, Bedeutungen und grammatische
wird gleichzeitig versucht, mit dem Lern- Informationen in einem Dutzend Katego-
programm einen praktischen Beitrag zur rien vom Lerner zu verzeichnen wären,
Erforschung von Lernerdaten zu liefern, eine von einem Lerner nicht zu bewälti-
indem nicht nur die Vermittlung von gende Menge an Einträgen und ein hohes
Chunks, sondern auch deren lernstrategi- Maß an strukturiertem Lernen vorausset-
sche Dekonstruktion im Sinne der zuvor zen, das in der Praxis nicht zu realisieren
behandelten Verfahrensschritte gefördert wäre und das wegen der formalen Aus-
und die Effekte dieses Angebots in Ver- richtung zudem zu stark von der Ver-
gleichsstudien analysiert werden. Die wendung der Sprache in authentischen
Darstellung der ersten vorläufigen Er- Kontexten ablenken würde.
gebnisse einer mit russischen Lernern Dadurch ergeben sich gewisse Diskre-
durchgeführten Pilotstudie illustriert, panzen zwischen theoretischem An-
wie dabei vorgegangen werden kann. Da spruch und praktischer Umsetzung:
leider bisher nur die Ergebnisse der Wenn Sprache doch primär in reichen
Vorstudien vorliegen und sich die Haupt- kommunikativen Umgebungen zu fin-
studie noch in Auswertung befindet, den und zu vermitteln ist, dann liefe eine
kann das Buch jedoch keine konklusiven starke Fokussierung auf strukturelle,
Aussagen über die Wirkungseffizienz satzinterne grammatikalische Eigen-
des Pilotmoduls im Vergleich zu den schaften dem theoretischen Ansatz in
Kontrollgruppen machen. Die Analyse gewisser Weise zuwider. Die Evidenz
vorläufiger, nicht repräsentativer Daten von Studien, die positive Effekte der
kann daher nur Tendenzen andeuten. Formorientierung im Sprachunterricht
Immerhin zeigt sich, dass die Mehrheit zu belegen suchen, ist –– das stellt bereits
der Lerner eine Reihe der zur Verfügung Kapitel 2 ausführlich dar –– bisher zu
stehenden Ressourcen wie elaboriertere dünn und die zugrunde liegenden Kon-
Erklärungen oder Musterlösungen sehr texte sind zu limitiert, um hieraus ver-
wenig nutzt, dafür aber offenbar im lässliche Aussagen in Bezug auf den
Produktionsbereich Übertragungseffekte Transfer auf nicht-unterrichtliche Kom-
von Chunks auf die sprachliche Produk- munikation zu wagen. Auch die vorläufi-
tion zu beobachten sind. Auf die Ergeb- gen Ergebnisse der Pilotstudien mit dem
nisse weiterer Auswertungen darf man Chunk-Modul widerlegen diese Skepsis
nach der Lektüre des Buches durchaus noch nicht. Hinzu kommt, dass Übun-
gespannt sein. gen, die sich auf Satz- und nicht Text- und
Die Darstellung des Pilotmoduls eröffnet Diskursstrukturen beschränken, leicht
noch weitere Fragen, die eine eingehende dazu verleiten, kontextuell gültige Vari-
Beschäftigung verlangen: Die theoreti- anten als falsch zu markieren. So könnte
sche Erklärung der Komponenten des eine Ölkatastrophe (wie im Übungsgene-
Lernerlexikons und ihre Darstellung in rator des Pilotmoduls), in sarkastischem
203

Kontext tituliert, entgegen der Rückmel- den gegenwärtigen Entwicklungsstand


dung des Pilotmoduls durchaus »rei- angemessen zusammen und weisen den
zend« sein. Die Einschränkungen der Weg für weitere Forschung und Entwick-
Gültigkeit bestimmter Lösungsmöglich- lung. Sie identifizieren damit auch in
keiten ergeben sich nur aus dem Kontext. vorbildlicher Weise Schnittstellen zu den
Diese sind in dem Programm prinzipiell angrenzenden Forschungsbereichen
auch adäquat berücksichtigt, jedoch im (etwa zur Bildverarbeitung, vgl. Scheller
Übungsteil später ausgeblendet. So stellt 2008 und Roche/Scheller 2008, oder der
sich also die Frage der Reintegrierbarkeit modernen Medien- und Sprachdidaktik
von Sprachmaterial, das zum Zwecke der und der modernen Lerntechnologie). Das
Steigerung von lernaktiver Salienz aus Buch liefert zudem nicht nur eine Einfüh-
dem Kontext herausgestellt wurde und rung in wichtige Hypothesen der Sprach-
vom Lerner übungsmäßig zu bearbeiten erwerbsforschung, es liefert einen an-
ist. Auch wenn die Vorgehensweise lern- schaulichen und –– trotz der noch be-
theoretisch sauber begründet ist, stellt schränkten empirischen Daten –– über-
sich die Frage, ob der Rücktransfer dann zeugenden Ansatz zur Erforschung der
problemlos gelingen wird. Kurzum, die grundlegenden Verfahren des Spracher-
Übergänge zwischen authentischem werbs, der Analyse des Inputs und der
Sprachgebrauch und dem bisher konven- Konstruktion eigener Lernersprache. Da-
tionell erscheinenden Übungsteil dürften mit trägt es wesentlich zum besseren
noch weitere Verfeinerungen verlangen, Verständnis von Erwerbsprozessen bei,
ein typisches, bisher nicht recht gelöstes über die jede Lehrerin/jeder Lehrer, Cur-
Problem der meisten Lehrverfahren und riculum-Entwickler, Autorinnen und Au-
Lehrwerke. In diesem Sinne wäre auch toren und die Studierenden Bescheid
darauf zu achten, den sinnvollen und wissen sollten.
unaufdringlichen Animationen im Pilot-
modul noch mehr funktionale Eigen-
schaften zuzuschreiben, sie noch stärker Literatur
auch zur Abbildung kognitiver Prinzi- Roche, Jörg; Scheller, Julia: »Grammar Ani-
pien der Grammatik und nicht vorwie- mations and Cognitive Theory of Multi-
media Learning.« In: Barber, Beth; Zhang,
gend zur ornamentalen Illustration zu Felicia (Hrsg.): Handbook of Research on
nutzen. Dies freilich ist ein großes Feld, Computer Enhanced Language Acquisition
das aufwändiger eigenständiger For- and Learning. Hershey, P. A.: IGI Global,
schung und sprach- und bildverarbei- 2008, 205––219.
tungstechnischer Realisierung bedarf Scheller, Julia: Grammatikanimationen und die
(vgl. etwa die Arbeit von Scheller 2008). kognitive Theorie des multimedialen Sprach-
erwerbs am Beispiel von Wechselpräpositio-
Zu klären wäre schließlich auch, wie nen. Berlin: Lit, 2008.
Vermittlungssprache und -gegenstand Sharwood Smith, Michael: »Input Enhance-
zueinander stehen. Können etwa einfa- ment in Instructed SLA. Theoretical Ba-
che oder mittelschwere Chunks an Ler- ses«, Studies in Second Language Acquisi-
ner der entsprechenden Lernstufe mit tion, 15 (1993), 165––179.
vergleichsweise komplexen metasprach- vanPatten, Bill (Hrsg.): Processing Instruc-
lichen Erklärungen vermittelt werden? tion. Theory, Research, and Commentary.
Mahwah, N. J.: Lawrence Erlbaum, 2004.
Dieses Fragen schmälern die Verdienste Wong, Wynne: »The Nature of Processing
dieses Buches und seines Pilotmoduls in Instruction«. In: vanPatten, Bill (Hrsg.)
keiner Weise. Buch und CD-ROM fassen 2004, 33––63.
204

Hardtwig, Wolfgang; Schütz, Erhard Erhard Schütz meint mit Döblin, »[j]eder
(Hrsg.): gute Roman ist ein historischer Roman«,
Keiner kommt davon. Zeitgeschichte in schränkt jedoch sogleich ein, dass nicht
der Literatur nach 1945. Göttingen: Van- jeder zeitgenössische Roman ein histori-
denhoeck & Ruprecht, 2008. –– ISBN 978- scher Roman sei. Auch die Frage nach
3-525-20861-8. 287 Seiten, €€ 39,90 Souveränität und Qualität von Ge-
schichtsschreibung und Literatur ange-
(Branka Schaller-Fornoff, Berlin) sichts der Tendenz ihrer zunehmenden
Annäherung –– erstere übt sich zuneh-
Warum beschäftigt sich die deutsche
mend in Histotainment, letztere in Histo-
Literatur der Gegenwart so intensiv mit
riografie, die freilich in Fiktion aufgeht ––
der NS-Zeit und ihren Folgen? Wie erin-
wird aufgeworfen. Die Gefahr einer »De-
nern sich diejenigen, die das Beschrie-
potenzierung« (28) jedenfalls sei gege-
bene selbst gar nicht erlebt haben kön-
ben. Evident ist, dass die jüngere Genera-
nen, da sie der sogenannten dritten Gene-
tion einen Teil der Darstellungs- und
ration, der Enkelgeneration, angehören?
Deutungshoheit für sich reklamiert und
Auf welche Weise wird erinnert und
diese nicht allein den Älteren, Arrivierten
welche Implikationen hat die jeweilige
oder den politischen Debatten überlässt.
Strategie auf die zu treffenden erzähleri-
Dabei wird nicht nur aus dem Impetus,
schen Entscheidungen? Inwiefern berüh-
zu mahnen oder zu rekonstruieren, er-
ren sich Geschichtsforschung und Litera-
zählt; Kontingenz und Ästhetik sind
tur über Fiktion, die sich der Zeitge-
ebenfalls bedeutsame Bestandteile dieser
schichte verschreibt? Literatur, wie Schütz in seiner kenntnis-
Diese und viele weitere Fragen scheinen reichen Analyse von Michael Kleebergs
hinter der Idee des vorliegenden Bandes Ein Garten im Norden annonciert.
zu stehen, der genügend Stoff böte, eine Einen roten Faden des Bandes bildet die
eigene interdisziplinäre Forschungsreihe Auseinandersetzung mit dem Archiv,
zu initiieren. Die Herausgeber sind Pro- wenn es um den literarischen Umgang mit
fessoren der Humboldt-Universität zu Zeitgeschichte geht. Peter Fritzsche veran-
Berlin, einer für Neuere deutsche Litera- schaulicht eine allgemeine Entwicklungs-
tur, der andere für Neuere Geschichte. tendenz der Erinnerungsliteratur nach
Wolfgang Hardtwig subsumiert das We- 1945: Das Allegorische, das Leitmotivi-
sentliche vorweg, indem er Jorge Sem- sche wird verdrängt von Daten und Fak-
prún zitiert, der darauf verwies, dass das ten, von survivor literature und Dokumen-
Erinnern an die Shoah wesentlicher über ten der Ahnen. »Ego-Dokumente« bieten
Literatur als über Geschichtsschreibung Erzählstoff. Die privaten Archive in Form
gesteuert wird. Hinzu gesellen sich in von Tagebüchern und Fotoalben sind in-
dieser ersten Einleitung, die über weite des oft verschollen oder zufällig wieder-
Züge Aspekte der Verarbeitung von Zeit- gefunden und deshalb von besonderer
geschichte in der Literatur seit 1945 Kostbarkeit. Das eigene Album, das ei-
referiert, Überlegungen zu neueren Phä- gene Archiv ist erinnerungstechnisch wie
nomenen der Diskurslandschaft: der Op- literarästhetisch von höchster Bedeutung,
ferdiskurs der Deutschen, Generationali- bedarf aber des »Lexikons« (95), des über-
tät, Gedächtnis. Die Erzählungen aus der greifenden, objektivierenden Gesamtzu-
Zeit vor 1945 scheinen, so der Herausge- sammenhangs also, um nicht tendenziös
ber, Bedürfnisse von Autoren wie von zu sein oder die deutsche Schuld zu relati-
Lesern gleichermaßen abzudecken. vieren. Während Fritzsche Kempowskis
205

Mammutarchiv als Versuch wertet, »die des Beitrags gestellte Frage offen bleiben
Verluste von 1945 auszugleichen« (94), be- muss.
tont Raul Calzoni die »Vielstimmigkeit Katja Stopka geht den transgenerationel-
der Zeitgeschichte« (130), die sich im Echo- len Nachwirkungen von Flucht und Ver-
lot spiegelt. Calzoni verteidigt das Werk treibung in Hans-Ulrich Treichels Prosa
gegen Anwürfe, die es als apologetisch nach und merkt an, dass sich die deutsche
und selbst-exkulpatorisch verstehen, und Literatur nicht erst seit Günter Grass mit
sieht vor allem in der Technik der Mon- Flucht und Vertreibung beschäftigt; diese
tage, die laufend neue Perspektiven eröff- sind vielmehr kontinuierlich sowohl in
net, und im Brückenschlag zwischen der der Bundesrepublik als auch in der DDR-
Oral History und dem akademischen his- Literatur abgehandelt worden (167). Den-
torischen Diskurs die große Leistung. noch räumt auch Stopka ein wenig wider-
In seinem Beitrag »Wem gehört die Ge- sprüchlich ein, dass Im Krebsgang den Pa-
schichte?« spürt Michael Braun dem Streit radigmenwechsel markiert und dass sich
um die Erinnerung in der deutschen Lite- die Memorialkultur seit der Wiederverei-
ratur der Gegenwart nach. Braun akzentu- nigung um den Aspekt »Deutsche als Op-
iert die Analogien von Erinnerung und fer« geweitet hat (168). Sie macht Erinne-
Literatur und spricht in Anlehnung an rungstabus bei Treichel aus und erläutert
Aleida Assmann von einer Ȋsthetischen deren Funktionen, wobei sie den Palim-
Wende« (101). So besteht kein Konsens psest-Charakter dieser Prosa hervorhebt.
mehr darüber, was erinnert werden und In ihr werden nicht nur kognitive Sprach-
was vergessen werden darf, es soll nicht erinnerung, sondern auch affektive Kör-
mehr in erster Linie bewältigt, sondern pererinnerung thematisiert, woran abzu-
eingeordnet werden. Die Konturen von lesen ist, inwieweit Literatur auch dasje-
Autorschaft und Zeugenschaft werden nige anzuzeigen imstande ist, »was durch
verwischt, da nun diejenigen Zeitge- sprachliche (Re-)Konstruktion droht ver-
schichte beschreiben, die sie nicht erlebt loren zu gehen« (184).
haben; außerdem wird das Gedächtnis in Auch Meike Herrman widmet sich dem
der Literatur selbst zum Akteur (102). Umstand, dass die heutige Erinnerungs-
»Was wird erinnert? Wer erinnert sich? literatur ohne sich erinnernde Subjekte
Wie erinnert man sich?« (102) sind die zen- auskommen muss. Wie also kommt die
tralen Ausgangsfragen. Tanja Dückers hat Zeitgeschichte in die Texte, wie wird das
sich wie Günter Grass der Geschichte um Erfahrungsdefizit kompensiert? Über
das gesunkene Flüchtlingsschiff Wilhelm verschiedene Exempel (Thomas Lehr,
Gustloff angenommen. Dass ihr literari- Tanja Dückers, Marcel Beyer) kommt sie
sches –– und ebenfalls autobiografisch ge- zu dem Schluss, dass es sich bei den
prägtes –– Erinnern im Roman Himmelskör- ausgewählten Prosatexten trotz ihres Be-
per ganz andere und ambivalentere Züge zugs zur Zeitgeschichte um dezidierte
trägt als das von Grass, zeigt Braun auf. Gegenwartsromane handelt, da sie meta-
Uwe Timm als Vertreter der Zwischenge- historiografische Elemente aufweisen,
neration einbeziehend, kommt Braun zu den Begriff und den Prozess der Erinne-
dem Schluss, dass in allen drei Fällen, die rung reflektieren und eine Gegenwarts-
hier als repräsentativ für ihre jeweilige Ge- handlung neben der historischen Hand-
neration gelesen werden, die lieux de mé- lung platzieren.
moire nicht mehr lokalisierbar sind, die Er- Der Band wartet zudem auf mit Neulektü-
innerung selbst nicht verlässlich oder au- ren früherer DDR-Romane, einer Untersu-
toritativ ist und dass deshalb die im Titel chung der Inszenierung des Dritten Welt-
206

kriegs in den 1950er Jahren, einer Studie dass zum einen immer vom konkreten
des RAF-Romans Kontrolliert von Rainald Beispiel ausgegangen wird, zum ande-
Goetz und weiteren Themenkreisen. Viele ren, dass von einer Diskussion konkur-
der hier aufgeworfenen Thesen wären rierender linguistischer Sichtweisen ab-
noch einmal zu prüfen, schließlich gibt es gesehen wird und stattdessen für jede
durchaus auch Gegenwart in der neuesten Aufgabe eine konkrete Lösung präsen-
deutschen Literatur oder darüber hinaus tiert wird. Wie die anderen Bände dieser
Beispiele, die sich zwar mit Zeitgeschichte Reihe ist Textlinguistik fürs Examen zum
befassen, dies jedoch nicht anhand der Selbststudium geeignet. Jedes Kapitel
hier erarbeiteten Kriterien tun. Die Ten- enthält einleitende, definitorische und
denz aber ist erfasst, außerdem kommen erklärende Passagen sowie drei Typen
die Autorinnen und Autoren trotz der et- von Übungen, welche folgendermaßen
was überblickshaften und nicht ganz klassifiziert werden: Entdeckungsaufgaben
überzeugend gegliederten thematischen zur selbständigen Erarbeitung von Zu-
Struktur zu etlichen wertvollen und frap- sammenhängen und Übungsaufgaben zur
pierenden Ergebnissen. Keiner kommt da- Vertiefung, welche in die jeweiligen Ka-
von schließt an Elena Agazzis Studie Erin- pitel integriert sind, und schließlich in
nerte und rekonstruierte Geschichte an. Au- einem gesonderten Kapitel Klausuraufga-
ßerdem erweist sich der Sammelband in ben, in denen komplexere Anforderun-
vielem als Reflex der deutschen generatio- gen gestellt werden, wie sie in Prüfungs-
nellen Befindlichkeit und ist für Histori- situationen vorkommen können. Neben
ker, Literaturwissenschaftler und Landes- der Einleitung und einem grundlegend
kundler Fundus und Hinweis auf Deside- einführenden Kapitel zum Text als lingu-
rate gleichermaßen. istische[r] Beschreibungseinheit enthält der
Band sieben Kapitel im Umfang von ca.
15 bis 40 Seiten, in welchen die folgenden
Literatur Unterthemen behandelt werden: Textuali-
Agazzi, Elena: Erinnerte und rekonstruierte tätshinweise (Kap. 3), Abgrenzungs- und
Geschichte. Drei Generationen deutscher
Schriftsteller und die Fragen der Vergangen- Gliederungshinweise (Kap. 4), Verknüp-
heit. Göttingen: Vandenhoeck & Rup- fungshinweise (Kap. 5), Themahinweise
recht, 2005. (Kap. 6), Hinweise auf Textfunktion (Kap.
7), Hinweise auf Textsorten (Kap. 8) und
Intertextualitätshinweise (Kap. 9). Jedes
Kapitel beginnt mit dem Abschnitt Wor-
Hausendorf, Heiko; Kesselheim, Wolf- auf man bei der Analyse achten sollte. Die
gang: Kapitel sind sehr übersichtlich und leser-
Textlinguistik fürs Examen. Göttingen: lich aufgebaut, Hinweise auf Literatur
Vandenhoeck & Ruprecht, 2008 (Lingui- sind direkt im Anschluss an den jeweili-
stik fürs Examen 5). –– ISBN 978-3-525- gen inhaltlichen Abschnitt angefügt, so
26543-7. 250 Seiten, €€ 19,90 dass in der knappen Zeit der Examens-
vorbereitung gezielt und dem individu-
(Katja Reinecke, Würzburg)
ellen Bedarf entsprechend nachgeschla-
Dieses Lehr- und Übungsbuch unter- gen werden kann. Die Beispiele sind
scheidet sich von anderen Einführungen vielfältig und wecken das Interesse durch
in die Textlinguistik dadurch, dass es Authentizität und Aktualität. Dank des
speziell als Examensvorbereitung konzi- detaillierten Inhaltsverzeichnisses kön-
piert ist. Darunter verstehen die Autoren, nen alle behandelten Themen sehr
207

schnell aufgefunden werden, darüber Wesentlichen metakommunikative Aus-


hinaus hilft ein Schlagwortregister. Die drücke durch Konnektoren (additive, al-
einzelnen Kapitel und Abschnitte sind ternative, explikative, restriktive, adver-
sehr verständlich und didaktisch gelun- sative und konzessive) dargestellt.
gen geschrieben. Die Ansprache an den Bei der Beschreibung der Themahinweise
Leser erscheint persönlich, denn die Au- stellen die Autoren heraus, dass es für die
toren identifizieren sich durchgängig mit Bestimmung der Textthematik oder -the-
der Verwendung des Pronomens »wir«, matiken wichtig ist, möglichst textnah
wenn sie Position beziehen und diese vorzugehen und die relevanten wort-
begründen. und satzbezogenen Referenzen zu identi-
In den einzelnen Kapiteln werden fol- fizieren. Hausendorf und Kesselheim
gende Schwerpunkte gelegt: Das Kapitel nehmen danach schrittweise die The-
zu den Textualitätshinweisen wird mit maeinführung, die Themabeibehaltung, die
einer einfachen Systematik der Textualitäts- Themaentwicklung, den Themaabschluss
hinweise abgeschlossen, bei der in einer und die Themawiedereinführung durch.
Matrix die Textualitätsquellen Wahr- Im Kapitel zu Textfunktionen wird die
nehmbarkeit, Sprachlichkeit und Vertraut- kommunikative Nützlichkeit diskutiert. In-
heit mit den Textualisierungsmerkmalen teressant ist die Betrachtungsweise, dass
Begrenzbarkeit, Intratextuelle Verknüpfbar- »sich die Nützlichkeit eines Textes in vie-
keit, Thematische Zugehörigkeit, Pragmati- len Fällen aus Situation und Kontext er-
sche Nützlichkeit, Musterhaftigkeit und In- gibt. Sprachliche Hinweise fehlen oft
tertextuelle Beziehbarkeit in Relation ge- gänzlich [……], und wenn sie auftreten, be-
stellt werden. ziehen sie sich häufig nicht auf die Funk-
Im Kapitel zu den Abgrenzungs- und tion(en) des Textganzen, sondern auf ein-
Gliederungshinweisen werden folgende zelne Sprachhandlungen im Text« (124).
relevante Punkte für die Analyse berück- Um die kommunikative Nützlichkeit ei-
sichtigt: Die Wahrnehmung von äußeren nes Textes zu bestimmen, muss von daher
Formgrenzen, die schon vor der Lektüre die textuelle Ganzheit eines Textes berück-
eines Textes stattfindet (Buch, Brief, etc.), sichtigt werden. In diesem Sinne bearbei-
die musterhafte Ausprägung sprachli- ten die Autoren auf den folgenden Seiten
cher Abgrenzungshinweise (als Beispiel die Hinweise auf textuelle Grundfunktio-
wird angeführt, das »Buch mit Buch- nen, auf Texthandlungen sowie auf gesell-
deckeln und Umschlag, Deckblatt, Titel- schaftliche Funktionsbereiche von Texten.
seite, Impressum, Inhaltsverzeichnis und In den letzten beiden Kapiteln behandeln
Paginierung« (39), Textgrenzen, wie sie die Autoren schließlich die Frage der
zum Beispiel ein Layout signalisiert, so- Textsortenbestimmung und die Intertex-
wie die Untergliederung von Texten. tualität. Anschaulich werden dabei die
Im Kapitel zu den Verknüpfungshinwei- Problematik, eine Textsorte zu identifi-
sen werden die Aspekte Wiederholungen, zieren und die »Einbettung eines Textes
grammatische Verkettungen (in erster Linie in die Welt anderer Texte [……] zu erfas-
durch Pronomina), Relations- und Struk- sen« (187). Auch in diesen Abschnitten
turhinweise behandelt. Hier wird auch auf finden die Verfasser zu einer didaktisch
das Verhältnis von Bild und Sprache klaren Sprache, mit welcher sie dem
sowie die Verbindung von Hinweisen auf Leser diese beiden besonders examensre-
die Thematik, die immer auch Verknüp- levanten Bereiche nahebringen.
fungshinweise enthält, eingegangen. Un- Textlinguistik fürs Examen lässt sich unein-
ter den Relationshinweisen werden im geschränkt empfehlen. Wegen seines un-
208

prätentiösen Auftretens und seiner kla- 2) Handlungskonzepte und 3) Schriftli-


ren Sprache ist es u. U. auch schon für che Mündlichkeit zugeordnet.
Studienanfänger geeignet, die sich einen Die Frage nach Abgrenzungsproblemen
ersten Überblick über den Bereich ver- der rhetorischen Kommunikation stellt
schaffen wollen. Auch nicht mutter- sich explizit nur in dem Beitrag von Bernd
sprachliche Studierende finden sicherlich Schwandt über Konfliktbearbeitung (74).
einen sprachlichen Zugang zu den hier Der Sammelband beleuchtet rhetorische
dargestellten Lerninhalten. Prozesse von der Mündlichkeit bis zum
schriftlichen Ausdruck, etwa in der E-
Mail-Kommunikation (Katja Franz). In
dem damit relativ weit gefassten Rahmen
Heilmann, Christa M.; Lepschy, Annette rhetorischer Kommunikation findet der
(Hrsg.): Leser einige interessante Aspekte, die –– je
Rhetorische Prozesse. Vom Konzept zur nach Bedarf –– durchaus auch methodische
Handlung. München: Reinhardt, 2008 Anregungen geben können für die Semi-
(Sprache & Sprechen 44). –– ISBN 978-3- narpraxis im Fremdsprachenunterricht.
497-01978-6. 145 Seiten. €€ 19,90 Angesichts der wachsenden Bedeutung
(Katrin Fohmann, Nancy / Frankreich) der Redekompetenz in den Curricula
diverser Studiengänge liest sich der Bei-
Rhetorische Kompetenz –– damit locken trag von Maria Pabst-Weinschenk als
zahlreiche Bildungsangebote. Je nach interessantes Beispiel für den Einfluss
Ankündigungstext gleicht die Redekunst eines bestimmten Rhetorikkonzepts.
dabei einem Wundermittel, mithilfe des- Demnach hat die von Elmar Bartsch in
sen von der Parteirede über das Krisenge- den 70er Jahren begründete »Koopera-
spräch bis zu Opas Geburtstag sämtliche tive Rhetorik« das aktuelle germanisti-
öffentlichen Auftritte glanzvoll zu mei- sche Studienprogramm der Heinrich-
stern sind. Doch welche theoretischen Heine-Universität entscheidend geprägt:
Überlegungen stehen hinter dem rhetori- »Die breite Verankerung der Mündlich-
schen Etikett, das diversen Weiterbil- keit in den neuen Studienordnungen für
dungsseminaren und Ratgeberpublika- den Bachelor- und Masterstudiengang
tionen anhaftet? In dieser Frage vermis- Germanistik in Düsseldorf« (13) sei auch
sen die Herausgeberinnen häufig Trans- auf Bartschs dialogischen und hörerbezo-
parenz –– und setzen auf den fachwissen- genen Ansatz mit zurückzuführen.
schaftlichen Diskurs. So sehen Heilmann In der betrieblichen Aus- und Weiterbil-
und Lepschy das Konzept ihres Bandes dung bleibt die rhetorische Kompetenz
Rhetorische Prozesse »als Brücke zwischen hoch im Kurs. Das macht Alfred Quenz-
theoriebezogener Anwendung und an- ler in seiner Untersuchung der Nach-
wendungsbezogener Theorie« (Vorwort, wuchsprogramme der AUDI AG deut-
7). lich. Zwar könnte die Schulung einzelner
Mehrheitlich gehen die Beiträge auf Schlüsselkompetenzen in Zukunft der
Workshops der sprechwissenschaftlichen Ausbildung stärker generalisierter Fähig-
Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für keiten weichen –– im Sinne einer Förde-
Sprechwissenschaft und Sprecherziehung rung von selbstorganisiertem Lernen und
(DGSS) im Jahr 2006 in Otzenhausen Handeln. Für den Erfolg der Mitarbeiter
zurück. Die insgesamt 13 Texte sind den bleibt die Kommunikationsfähigkeit aber
Kapiteln 1) Konzeptionelle Grundlagen, entscheidend:
209

»Denn im Rahmen zunehmend weltweit für »eine strikte Trennung von Wahrneh-
agierender Teams spielt das Wissen um men, Beschreiben und Interpretieren«
einen guten und richtigen Ausdruck in (89). Auf dieser Basis präsentierte sie in
Schrift und Sprache (sei es bei Bewerbun-
gen, Projektbeschreibungen, interkulturel- Otzenhausen ein theoriegeleitetes Work-
len Kontakten, Telefonkonferenzen oder E- shopkonzept mit dem Ziel, »die Wahr-
Mails) eine wesentliche Rolle.« (31) nehmungssensibilität für Körperaus-
druck zu intensivieren und den Grad der
Besondere Anregungen bietet das Kapi-
erlaubten Interpretierbarkeit des Wahr-
tel Handlungskonzepte den Lesern, die
genommenen zu reflektieren« (99).
selbst als Seminarleiter aktiv sind. Hier
liegt der Fokus auf gesprächspädagogi-
schen Reflexionen und der Darstellung
einzelner rhetorischer Übungen wie bei-
Hellmann, Manfred W.:
spielsweise der »Amerikanischen De-
Das einigende Band? Beiträge zum
batte« im Beitrag von Hellmut K. Geißner
sprachlichen Ost-West-Problem im ge-
und Edith Steinbeck. Wie lässt sich die
teilten und im wiedervereinigten
»08/15«-Rede vermeiden? Dieser Frage
Deutschland. Hrsg. von Dieter Herberg.
geht Mitherausgeberin Annette Lepschy Tübingen: Narr, 2008 (Studien zur deut-
in der Auseinandersetzung mit der inven- schen Sprache 43). –– ISBN 978-3-8233-
tio- und dispositio-Phase der Gesell- 6385-9. 563 Seiten, €€ 98,00
schaftsrede nach. Antwort findet sie in
der antiken Rhetorik und integriert Quin- (Sigrid Luchtenberg, Essen)
tilians Topoi-Systematik in den Arbeits- Seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhun-
schritt der Stoffsuche. Die Autoren bezie- derts ist Manfred W. Hellmann bekannt
hen auch metakommunikative Prozesse durch seine Forschungen zur Sprachent-
mit ein. So reflektieren zum Beispiel zwei wicklung in den beiden deutschen Staa-
Texte von Andrea Brunner und Bertram ten (mit einem Schwerpunkt auf Sprache,
Thiel die Möglichkeiten des Feedbacks Kommunikation und Lebenswelt der
als konstruktiver Rückmeldung in Unter- DDR) und –– seit den 90er-Jahren –– auch
richt oder Seminar. im wiedervereinigten Deutschland unter
Der Sammelband reflektiert das Zusam- dem Aspekt des Ost-West-Problems. Es
menspiel von theoretischen Grundlagen kann als großes Verdienst des Herausge-
und Rhetorikpraxis aus unterschiedli- bers des vorliegenden Buches Dieter Her-
chen Perspektiven. Wie notwendig eine berg angesehen werden, Beiträge von
theoretisch fundierte Analyse von rheto- Hellmann zusammengestellt zu haben,
rischen Prozessen sein kann, macht nicht die einen guten Überblick über seine
zuletzt Mitherausgeberin Christa M. Forschungen und methodischen Ansätze
Heilmann am Beispiel der Körpersprache einerseits, andererseits aber vor allem
als eines »weite[n] Feld[es] der interpre- auch über die Entwicklungen geben.
tativen Deutungskreativität« (89) deut- Dabei wurden insbesondere solche Auf-
lich. Sie warnt vor kurzschlüssigen Inter- sätze zusammengestellt, die an entlege-
pretationen und zeigt sich skeptisch ge- neren Stellen publiziert wurden und da-
genüber »Verbots- und Erlaubnisrat- her nicht leicht auffindbar sind. Das Buch
schläge[n]« (89) aus der populärwissen- enthält insgesamt 21 Einzelveröffentli-
schaftlichen Ratgeberliteratur. Bezüglich chungen von Hellmann, die aus den
der Aussage über den Körperausdruck Jahren 1968 bis 2004 datieren. Wiederho-
anderer Personen plädiert die Autorin lungen und Überschneidungen sind vor-
210

handen, da die Einzelbeiträge über einen gen, da im Westen das Englische domi-
so langen Zeitraum entstanden sind und niert, während im Osten –– allerdings
an unterschiedliche Adressaten gerichtet deutlich weniger häufig –– das Russische
waren. Sie wurden jedoch bewusst in der ausschlaggebend ist. Hellmann stellt fer-
ursprünglichen Form beibehalten, um ner Unterschiede bei Signal- und Tabu-
einerseits die Authentizität zu bewahren wörtern fest, die im Westen auf Grund
und andererseits auch ein Lesen von eines differenzierteren Wertesystems
Einzelbeiträgen –– anstelle des gesamten nicht die gesamte Gesellschaft erreichen,
Buches –– nicht zu erschweren (Einlei- dies im Gegensatz zum Osten. Die im
tung, 10). Westen oft diskutierte Umwertung vor-
Das Buch ist in drei unterschiedlich handener Begriffe wie z. B. »Frieden«
umfangreiche Teile gegliedert: 11 Beiträ- wird von Hellmann dahingehend relati-
ge »Zu den sprachlichen Differenzen im viert, dass unterschiedliches Gesell-
geteilten Deutschland«, 7 »Zum Sprach- schafts- oder Politikverständnis zu Neu-
gebrauch während und nach der Wende« definitionen führen kann. In Abwägung
sowie 3 als »Resümee und Ausblick«. Ein aller bis 1968/69 vorliegenden Erkennt-
Verzeichnis der wissenschaftlichen Ver- nisse kommt Hellmann zu dem Schluss,
öffentlichungen von Manfred W. Hell- dass es kaum zu einem Verständigungs-
mann schließt das Buch ab. abbruch bei Deutschsprechenden in Ost
Bereits der erste Beitrag (von 1968/69) und West kommen wird.
befasst sich mit den grundlegenden Fra- Der Thematik dieses ersten Beitrags im
gen, inwieweit sich Deutsch in Ost und vorliegenden Buch widmen sich auch
West auseinanderbewegt und wo Ge- weitere Texte. Besonders interessant ist
meinsamkeiten zu finden sind. Dabei der Beitrag 9 »Ich suche eine Wohnung«
erstaunt zunächst die große Menge an (aus dem Jahr 1991), auch wenn er noch
Gemeinsamkeiten in der Sprachentwick- keine vollständige Untersuchung mit Er-
lung, beispielsweise die Tendenz zur gebnissen darstellt. Hier geht es um die
Substantivierung. Was die Unterschiede Frage, inwieweit die gesellschaftlichen
angeht, so konstatiert Hellmann eine sehr (und dadurch bedingten sprachlichen)
bewusste Sprachlenkung seitens der ost- Unterschiede sich auch im Alltag auswir-
deutschen Politik, räumt aber zugleich ken wie etwa beim Themenkomplex
ein, dass bereits in der Antike Sprache als ››Wohnungssuche‹‹. Die Beschreibung des
Mittel des politischen Kampfes angese- Wohnungsmarktes, des Zugriffs wie
hen wurde. Ein Teil der Veränderungen auch der Qualitätsstufen zeigt erhebliche
der Sprache sind auch in der DDR gesell- Unterschiede zur Situation in der BRD,
schaftlichen Veränderungen geschuldet, was durch die Wortliste belegt wird.
wie etwa Begriffe für neue Einrichtungen In einigen Beiträgen wird auch der west-
(z. B. »FDJ« oder »LPG«) oder neue Be- deutsche Umgang mit den Sprachunter-
zeichnungen wie »Traktorist«. Neuprä- schieden durchaus kritisch gesehen, so
gungen kommen auch im Westen vor wie etwa in dem kurzen Beitrag 6 (aus dem
etwa »EWG« oder »Entwicklungs- Jahr 1986), in dem es um ››erfundene‹‹
dienst«. Schwieriger zu verstehen sind DDR-Wörter in der FAZ geht. Auch in
Bedeutungsverschiebungen von gleich der Diskussion um die Verwendung der
bleibenden Wörtern wie im Osten »Pro- Abkürzung »BRD« in der DDR, aber vor
duktion« oder »Plan«. Auch Entlehnun- allem in der BRD selbst kommt zum
gen und Lehnübersetzungen tendieren in Ausdruck, dass die Tendenz im Westen,
Ost und West in verschiedene Richtun- statt »BRD« »Deutschland« zu verwen-
211

den, letztlich eine Ausschließung des Mittelpunkt. Auch in diesen sieben Beiträ-
Ostens bedeuten könnte (Beitrag 11 aus gen finden sich Forschungsfragen (z. B. in
dem Jahr 1997). Beitrag 16 aus dem Jahr 1997), konkrete
Eine übersichtliche Zusammenfassung Beispiele aus der Kommunikation (z. B. in
der sprachlichen Unterschiede und ihrer Beitrag 17 aus dem Jahr 1998) und Zei-
Ursachen findet sich in Beitrag 7 (aus tungsanalysen (z. B. in Beitrag 13 aus dem
dem Jahr 1988), in dem in acht Thesen der Jahr 1993). Der früheste Beitrag 12 (aus
öffentliche Sprachgebrauch in Ost und dem Jahr 1990) zeigt die inhaltlichen Ver-
West dargestellt und analysiert wird. änderungen der Zeitung Neues Deutsch-
Auch in Beitrag 8 (aus dem Jahr 1989) land 1990 auf, geht aber vor allem auf die
gelingt es dem Autor, die Zusammen- schwierige neue Situation in der Über-
hänge zwischen politisch-gesellschaftli- gangssituation ein. Wie in vielen Beiträ-
cher und sprachlicher Entwicklung gut gen entwickelt Hellmann auch in diesem
nachvollziehbar darzustellen. Beitrag seine Thesen in Auseinanderset-
In vielen Beiträgen wird nicht nur die zung mit einem anderen Beitrag (hier von
sprachliche Entwicklung analysiert, son- W. Oschlies), ergänzt um eine Zusammen-
dern es werden auch wesentliche Überle- stellung der zu diesem Zeitpunkt (neun
gungen zur Methodik dargelegt. Hierzu Monate nach der Wende) noch gebräuch-
zählt etwa Text 2 (aus dem Jahr 1972), in lichen DDR-Ausdrücke, die auch erläutert
dem das Bonner Zeitungskorpus vorge- werden. Interessant ist der Nachweis, dass
stellt wird, d. h. die Untersuchung der sie teilweise auch in bundesdeutschen
beiden Zeitungen Neues Deutschland Medien vorkommen. In einem Beitrag aus
(DDR) und Die Welt (BRD). Auch wenn dem Jahr 1999 (hier Beitrag 18) wird unter
die ursprüngliche Vorgehensweise der dem Begriff »Wendekorpus« noch einmal
Übertragung auf Lochkarten zur Infor- ausführlicher und unter Forschungsfra-
mationstechnischen Bearbeitung heutzu- gen auf den Wortschatz in der Wende-
tage durch computergestützte Arbeiten phase 1989/1990 eingegangen. In diesem
ersetzt wird, so bleiben doch die inhalt- ausführlichen Beitrag erfahren Leser/in-
lich-methodologischen Fragen relevant; nen auch mehr über die Vorgehensweise
so etwa die Vergleichbarkeit von Texten. bei der Text- und Wörterzusammenstel-
Auch weitere Beiträge (etwa 5 und 10) lung. Kommunikation steht im Mittel-
geben Einblick in die Arbeitsweise, hier punkt des Artikels 14 (aus dem Jahr 1994).
konkret der Außenstelle Bonn des Insti- So wird der These nachgegangen, dass ein
tuts für Deutsche Sprache (IDS). Beitrag 3 bedeutender Teil des DDR-Wortschatzes
(aus dem Jahr 1973) verbindet die drei »historisiert« wird, d. h. aus dem aktiven
Stränge des ersten Teil des vorliegenden Wortgebrauch schwindet, während BRD-
Buches, indem sowohl Erkenntnisse über spezifisches Vokabular in den Sprachge-
die Sprachentwicklung, methodische brauch der Ostdeutschen übernommen
Fragen der Forschungsarbeit im IDS wie wird, was der Autor als eine »kommuni-
auch linguistische Problemstellungen kative Leistung« anerkennt. Anhand eini-
diskutiert werden. Hier –– wie auch in ger Beispiele zeigt Hellmann auf, wie
einigen anderen Beiträgen –– findet sich leicht nach der Wende Missverständnisse
auch eine direkte Auseinandersetzung (Wortmissverständnisse) auftreten und zu
mit Arbeiten anderer Linguisten. negativen Assoziationen führen konnten.
Im zweiten Teil des Buches steht die Wen- In den ersten Abschnitten dieses Beitrags
dezeit unter dem Aspekt der Sprachent- wird noch einmal die Forschungsge-
wicklung und des Sprachgebrauchs im schichte des sprachlichen Ost-West-Pro-
212

blems seit den 60er Jahren kurz zusam- stoff: Einerseits ergeben sich viele lingu-
mengefasst und die Entwicklung zur istische Zusammenhänge zu Sprachwan-
Wendesprache aufgezeigt und systemati- del, dem Zusammenhang von Sprache
siert. Ein kurzer Beitrag (15, aus dem Jahr und Gesellschaft oder zum Sprachge-
1994) ist betitelt »››Rote Socken‹‹ –– ein alter brauch von Medien, aber auch wesentli-
Hut?«. Hier geht es darum, die Herkunft che Fragen zu Forschungsmethoden las-
des Begriffs »Rote Socke« und seine Über- sen sich aus den Artikeln erschließen.
tragung auf Menschen zu klären und Nicht zuletzt bietet das Buch wichtige
seine Verwendung im Wahlkampf zu ver- Grundlagen für eine landeskundliche Be-
stehen. Ein in mehrfacher Hinsicht inter- schäftigung mit den Entwicklungen in
essanter Beitrag ist die Analyse der Leipzi- der DDR und BRD sowie der Wiederver-
ger Zeitung 1989 (hier 13 aus dem Jahr einigung auf sprachlicher Grundlage. Es
1993), da hier die Arbeit am »Wendekor- ist allerdings zu berücksichtigen, dass die
pus« dargestellt wird und Vorgehenswei- sprachlichen Themen immer eingebun-
sen der Analyse diskutiert werden, aber den sind in die gesellschaftliche und
auch ein Einblick in die Entwicklung die- politische Situation, so dass zum vollen
ser Zeitung in der Wendephase gegeben Verständnis des Buches eine Beschäfti-
wird. Linguistische Fragen verbinden sich gung hiermit erforderlich ist. Bereits der
hier mit Medienanalyse, zumal einige aus- Buchtitel Das einigende Band? enthält An-
führliche Artikelanalysen enthalten sind. spielungen auf Vorstellungen von der
Der dritte Teil des Buches enthält unter Rolle von Sprache für ein Volk oder eine
dem Titel »Resümee und Ausblick« drei Nation, die nicht unbedingt sofort ver-
Beiträge bereits aus dem 21. Jahrhundert. ständlich sind.
Insbesondere der erste Beitrag (hier 19 Ich würde das Buch auf jeden Fall auch
aus dem Jahr 2000) gibt noch einmal für DaFler/innen empfehlen, da es einen
einen guten zusammenfassenden Über- wichtigen Teil der deutschen Geschichte
blick über die Sprachentwicklungen in sprachlich aufarbeitet.
der DDR wie auch nach der Wende und
befasst sich mit Forschungsfragen wie
der Typisierung lexikalischer Spezifika.
Auch die Literatursammlung ist hilf- Hellström, Martin; Platen, Edgar (Hrsg.):
reich. Beitrag 20 (aus dem Jahr 2001) Zwischen Globalisierungen und Regio-
befasst sich mit der DDR-Sprache aus nalisierungen. Zur Darstellung von
einem anderen Blickwinkel, indem unter- Zeitgeschichte in deutschsprachiger Ge-
schiedliche Wahrnehmungen (hier »Atti- genwartsliteratur. München: iudicium,
tüden« genannt) aus der BRD kritisch 2008. –– ISBN 978-3-89129-858-9. 197 Sei-
beleuchtet werden. Der letzte Beitrag des ten, €€ 22,00
Buches (21 aus dem Jahr 2004) gibt
(Rosvitha Friesen Blume, Florianópolis / Bra-
schließlich einen Einblick in den aktuel-
silien)
len Forschungsstand und noch offene
Fragen, ausgehend von der Annahme, Insgesamt vierzehn Aufsätze befassen
dass die sprachliche Vereinigung abge- sich mit einem sehr präsenten Thema in
schlossen und damit zu einem histori- der deutschsprachigen Gegenwartslitera-
schen Arbeitsgebiet geworden ist. tur junger und älterer (oder auch einiger
Der vorliegende Band bietet auch für schon verstorbener –– Dürrenmatt, Gisela
DaFler/innen in mehrfacher Hinsicht ei- Elsner, Wolfgang Hilbig) Schriftsteller,
nen wichtigen und interessanten Lese- nämlich dem der Verortung ihrer Figuren
213

im Spannungsverhältnis zwischen Glo- sierungsprozesse, durch die sich das


balität und Regionalität und deren Bezie- Lokale und Globale zu Hybridformen
hung zur jüngeren Geschichte Deutsch- um- und neugestalten, in Identität inte-
lands. griert und in Beziehungen gelebt wer-
Stefan Neuhaus liest anhand der Begriffe den« (24), ein Ideal, das die Figuren
des Nicht-Ortes und der Heterotopie Stamms nach Müllers Analyse nie ganz
Werke von erfolgreichen jungen AutorIn- erreichen.
nen wie Benjamin Lebert, Zoë Jenny, Juli Die Beiträge von Ulrich Krellner, Martin
Zeh, Judith Hermann, Steffen Popp und Hellström und Frank Thomas Grub be-
Raoul Schrott. Die Nicht-Orte seien für fassen sich mit der besagten Thematik in
Marc Augé diejenigen, die im Gegensatz zeitgenössischer Lyrik. Krellner analy-
zu den »anthropologischen Orten« keine siert im poetischen Werk Durs Grünbeins
Bedeutung für die Konstruktion der den Einfluss der Herkunftsstadt dieses
Identität haben, nicht mit sozialen Bezie- Dichters, Dresden, auf seine Poesie. Die
hungen verbunden und nicht relevant für konsequenteste Behandlung des Themas
die eigene Geschichte eines Individuums sei im Gedichtband Porzellan. Vom Unter-
sind (10––11). Foucaults Konzept der He- gang meiner Stadt realisiert worden, wo
terotopie meine im Gegensatz zu alltägli- die Zerstörung Dresdens am Ende des
chen Orten »Gegenplazierungen«, die er Zweiten Weltkriegs thematisiert wird.
als »tatsächlich realisierte Utopien« ver- Hellström beleuchtet den Gedichtband
steht. Sie seien mythisch und real zu- Heimat von Wolf Biermann. Er zeigt, wie
gleich, wobei sie positiv oder negativ für das lyrische Ich in diesem Werk »die
konnotiert sein könnten. Neuhaus stellt Grenzen zwischen Regionalem und Glo-
eine Beziehung zwischen den Begriffen balem fließend sind« und wie sich »die
des Nicht-Ortes und der Heterotopie her, Identität des Menschen entsprechend im
indem er behauptet, dass »gerade der beständigen Wechselspiel von Regionali-
transitorische Zustand« »utopischen tät und Globalität definieren muss« (125).
Charakter« haben könne, so dass manch- Somit ist auch der im Titel des Gedicht-
mal ein Nicht-Ort zu einer Heterotopie bandes erscheinende Begriff »Heimat«
werde (12). Er identifiziert in der Litera- nicht auf einen geographischen Ort zu-
tur der postmodernen Generation eine rückzuführen, sondern sei vielmehr eine
häufig erscheinende »transzendentale »veränderbare psychosoziale Kategorie
Ortlosigkeit« (15) und »Heterotopiesehn- auf einer mentalen Landkarte« (131).
sucht« (19). Grub präsentiert die Poesie des in
Inez Müller beschäftigt sich mit der Prosa Deutschland weniger bekannten Dichters
Peter Stamms, in welcher sie aufzeigt, Johannes Kühn unter dem Aspekt des
wie die literarischen Figuren in der glo- Räumlichen. Er zeigt die große Bedeu-
balisierten Welt dem ständigen Parado- tung, die die Heimatgegend des Autors
xon zwischen »unbegrenzter Flexibilität in seinem lyrischen Werk hat. Die zentra-
und Mobilität« einerseits und dem »Be- len Motive seiner Gedichte entspringen
dürfnis nach lokalen Bezugs- und Orien- dem Verhältnis zwischen Mensch, Natur
tierungspunkten« andererseits ausgelie- und Landschaft (180).
fert sind (23). Müller analysiert Texte des Lars Korten schreibt über den Fantasy
Autors u. a. anhand des Begriffs »Gloka- Roman-Zyklus Zamonien von Walter
lität«, der die »Idealvorstellung« be- Moers. Korten geht davon aus, dass auch
zeichne, »dass wirtschaftliche, politische, über die »nicht-mimetische Fantasy-Lite-
gesellschaftliche und kulturelle Globali- ratur« relevante »Überlegungen zu Glo-
214

balisierungs- und Regionalisierungsphä- aktuelles Thema geht, nämlich das der


nomenen« (53) angestellt werden kön- Wanderschaft, der Vertreibung, der Mi-
nen, zumal es auch in solcher Literatur gration und der daraus entstehenden
einen gewissen Grad an Realitätsbezug Gegenüberstellung des Eigenen und des
gebe. Und die Idee dieses Autors sei Fremden. In Heins fiktiver Stadt Gulden-
gerade gewesen, eine Buchreihe zu berg erscheinen nach dem Krieg Leute
schreiben, deren Held der Ort sein solle »aus dem Osten Europas« (95), die an
anstatt der Protagonisten (57). diesem Ort als Bedrohung empfunden
Gonçalo Vilas-Boas fokussiert das als werden und auf harte Ablehnung stoßen.
»Väterroman« eingestufte Werk des Der fiktive Name der Stadt würde es dem
Schweizer Schriftstellers Martin R. Dean, Romanautor laut Ehlers ermöglichen,
Meine Väter. Der Protagonist, Robert, »typisierend erzählen zu können« (93).
begibt sich auf Reisen, um seinen leibli- Landnahme könne »als Mosaik der Erin-
chen Vater aufzusuchen, einen »Trinida- nerung« an Globalisierungsprozesse »in
der indischer Herkunft«, wie auch sein der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
eben verstorbener Stiefvater es war (63). gelesen werden« (106).
Seine Mutter ist Schweizerin, und diese Beatrice Sandberg liest das Werk Dürren-
multikulturelle Herkunft macht ihm zu matts, insbesondere die Stoffe und den
schaffen. Seine Reise zeigt ihm aber, dass Spätroman Durcheinandertal, in Hinsicht
seine Wurzeln nicht an einem bestimm- auf die Beziehung zwischen ››lokal‹‹ und
ten Ort aufzufinden sind, sondern er ››global‹‹. Obwohl Dürrenmatt bekannter-
selber »ist der Ort seiner eigenen Kon- weise während fast seines ganzen Lebens
struktionen«, und die eigene Identität im Innern der Schweiz zurückgezogen
kann nie vollständig sein, sie ist immer gelebt hat, weist Sandberg darauf hin,
»etwas Prozessuales, ständig in Bewe- wie das Werk dieses Autors von der
gung« (73). Provinz ausgehend immer auch reprä-
Edgar Platen beschäftigt sich mit der sentativ für die Welt ist. Somit gewähre
autobiografischen Textsammlung Ilse die Provinz dem Autor lediglich »den
Aichingers, Unglaubwürdige Reisen, die notwendigen Abstand« (121), um das
zwischen 2001 und 2004 verfasst wurde. »global vernetzte Chaos« (118) in seiner
Es handelt sich nach Platen um eine in Kunst zu verarbeiten.
poetologischer Hinsicht fragmentarische Linda Karlssons Beitrag beleuchtet die
Form, die für das Werk Aichingers ty- Erzählung Kasper Mauser –– die Feigheit
pisch sei. Die Texte der Sammlung bezie- vorm Freund von Katja Lange-Müller an-
hen sich chronologisch hauptsächlich hand des von derselben Autorin entwi-
»auf den Zeitraum des Nationalsozialis- ckelten theoretischen Konzepts »Prinzip
mus« und thematisieren Mobilitäten wie Transit«. Karlsson versteht dieses Kon-
»Umzüge, Deportationen, Vertreibun- zept als Bezug auf die »Lebensmilieus«
gen, Flucht«, charakteristische »Flüchtig- im Werk der Autorin, die als »unsichere
keiten« des zwanzigsten Jahrhunderts Übergangsräume« angesehen werden,
(82) überhaupt. Platen zeigt aber auch, »in denen sich Strukturen und Ord-
wie diese verschiedenen Formen der nungsvorstellungen wandeln, in denen
Flüchtigkeit Aichingers »literarische Äs- Kategorien wie Eigenes und Fremdes
thetik« bestimmen (85). nicht eindeutig voneinander abzugren-
Hella Ehlers behandelt den Roman Chris- zen sind, und in denen der Mensch
toph Heins, Landnahme, in welchem es unterwegs ist, oft ohne das Gefühl zu
um ein sehr altes, aber zugleich auch sehr haben, dass er am Ziel ankommt« (134).
215

Die drei Figuren der Erzählung setzen der »Blut und Boden Ideologie der Natio-
sich auf verschiedene Weise mit der nalsozialisten« jener Blutspur nachge-
deutsch-deutschen Grenze auseinander. hen, »die sich regional und global durch
Michael Opitz zeigt in der Erzählung die Geschichte der Menschheit zieht«
Wolfgang Hilbigs Die Kunde von den (170).
Bäumen auf, wie sich dort die Bedeutun- Die meisten Beiträge dieses Bandes sind in
gen von Zentrum und Peripherie ver- dem zeitgenössischen (literatur-) theoreti-
schieben, indem »die Stadt als Zentrum, schen Diskurs des Post-Kolonialen, der
als ursprünglicher Ort des Vitalen, an Hybridität, der Transkulturalität usw. ver-
Vitalität verliert und bedeutungslos ankert und heben anhand dieses Instru-
wird«, während das Marginale an Bedeu- mentariums die Aktualität der deutschen
tung gewinnt (155). Ein fiktiver Schrift- zeitgenössischen Literatur als Gradmesser
steller, eingeengt durch den Mauerbau unserer Zeitgeschichte hervor, weshalb
von 1961, schafft es erst zu schreiben, als sich die Lektüre des Buchs lohnt.
er nicht mehr versucht, solche Geschich-
ten zu verfassen, die sich an die Vor-
schriften des Staates halten, sondern sich,
im Bewusstsein seines Außenseitertums, Herbst, Thomas; Schüller, Susen:
auf den »Nichtort« einer Müllhalde zu- Introduction to Syntactic Analysis. A
rückzieht (155), wo man noch mit der Valency Approach. Tübingen: Narr, 2008
Geschichte, »die nicht erinnert werden (narr studienbücher). –– ISBN 978-3-8233-
soll«, vertraut ist (152). 6390-3. 212 Seiten, €€ 19,90
Albert Meier analysiert den Prosaband
Ortsgespräch von Florian Illies, in wel- (Salifou Traoré, Bangkok / Thailand)
chem der Autor rückblickend über seine
frühen Jahre im Heimatort »Schlitz« Die vorliegende Monographie setzt sich
spricht. Meier zeigt, wie Illies mit den zum Ziel, einerseits eine valenzbasierte
Erinnerungen an die Kleinstadt umgeht, Analyse des englischen Satzes zu doku-
nämlich ohne viel Nostalgie (158), ohne mentieren, andererseits eine für die Ana-
eigene Sentimentalität, kulturkritisch lyse der englischen Satzstruktur geeig-
(159), ironisch und selbstreflexiv (161), nete Terminologie zu erstellen und zu
wobei der Disput »zwischen Metropole systematisieren. Das letztgenannte Ziel
und Kleinstadt letztlich unentschieden« wird zweifach begründet:
bleibt (164), weil die klischeehaften Diffe- »[D]ifferent approaches to syntax vary con-
renzen stets relativiert werden. siderably in both the terms they employ
Carola Opitz Wiemers bespricht den and the meanings they attribute to particu-
lar terms. Many students who begin to
postum erschienenen antifaschistischen study foreign languages [……] have not re-
Roman Heilig Blut von Gisela Elsner. Das ceived sufficient instruction in formal
literarische Hauptmotiv ist in der Ana- grammatical analysis to make them feel
lyse Wiemers’’ »die Mythisierung des confident about categories such as adverb,
Blutes«, wodurch die Geschichte, die an adverbial, participle, preposition or con-
junction.« (15)
sich auf sehr engen Raum begrenzt ist,
nämlich auf eine Hütte in einem Wald, Dem Gesagten verleihen die Verfasser
»eine größere Dimension« erreicht (171). dadurch Ausdruck, dass sie alle dem
Das Thema des Romans würde durch das Band zugrunde liegenden zentralen Be-
Aufgreifen des Mythos des Blutes sowohl griffe definitorisch festlegen. Darin äu-
in der katholischen Religion als auch in ßert sich bereits ein Vorzug des Buchs.
216

Im 1. Kapitel, »Preliminary remarks Im 4. Kapitel, »Phrases« (76––92), werden


about syntactic analysis« (1––15), werden die einzelnen Phrasentypen ausgeführt,
hauptsächlich grundlegende syntakti- und im 5. Kapitel, »Clauses« (93––107), die
sche Begriffe (syntax, lexis, sentence, clause-Arten. Das 6. Kapitel, »Valency«
clause) voneinander abgegrenzt. Im 2. (108––147), wendet sich dem Valenzbegriff
Kapitel, »The syntactic analysis« (16––30), und den Möglichkeiten seiner Anwen-
werden die für den Begriffsapparat not- dung auf das Englische zu. Außer mit der
wendigen Grundbegriffe vorgestellt (sub- Beschreibung zentraler termini technici
ject, adjunct, predicate, valency, phrase, der Valenztheorie (u. a. valency slot, va-
clause u. a.). Dabei werden alle Begriffe lency carrier, valency pattern, complement,
systematisch erläutert und an zahlrei- adjunct) befassen sich die Autoren auch
chen Beispielen veranschaulicht. Hier ist mit Bedeutungsaspekten der Valenz, die
besonders hervorzuheben, dass die in von semantischen Rollen getragen wer-
dem Band benutzten Beispielsätze nicht den. Die Relevanz der semantischen Rol-
aus der Luft gegriffen sind, sondern dass len äußert sich darin, »[that] they give at
es sich um korpusbasierte Beispiele han- least an indication of the meaning ex-
delt, die zwei Romanen des britischen pressed by particular complements«
Schriftstellers und Literaturprofessors (131). Dabei verweisen die Autoren zu
David Lodge entnommen sind. Weitere Recht auf die Schwierigkeiten, jedem
Korpusquellen sind das British National complement und adjunct eine semantische
Corpus und das dem Valency Dictionary of Rolle zuweisen zu können.
English zugrunde gelegte Korpus. Im 7. Kapitel, »The meaning of sen-
Im 3. Kapitel, »Word classes« (31––75), tences« (148––163), werden auf der Basis
setzen sich Herbst/Schüller mit der Ein- formal-funktionaler Kriterien vier
teilung und Beschreibung der Wortklas- Grundsatzarten im Englischen unter-
sen im Englischen auseinander. Aber- schieden: statements, questions, directives
mals wird auch hier auf die Probleme, die und exclamations. Im 8. Kapitel, »Analysis
bei der Klassifizierung der Wortarten of sentences« (164––172), werden auf der
begegnen, hingewiesen. Aus diesem Grundlage der in den früheren Kapiteln
Grund formulieren sie zu Recht: definierten Begriffe exemplarisch Sätze
»[A]s far as the criteria used for the estab- analysiert. Im 9. Kapitel, »Analytic
lishment of word classes are concerned, it is framework« (173––193), werden in einem
obvious that in many cases there is no one Down-up-Modus acht Schritte zur Satz-
single characteristic of a word class that analyse vorgeschlagen: identification of
would apply to all its members and only to
sentences, identification of sentence types,
its members.« (36)
identification of clause units, valency analy-
Deshalb werden prototypische Überle- sis: description of valency patterns, formal
gungen angestellt: classification of adjunct units, identification
»Criteria that apply only to some members of constituents, identification of phrase struc-
of a class are usually given in the form of ››if ture, identification of word class. Die
a word has a particular feature, then it is ……‹‹, Schritte werden an einem Beispiel vorge-
in other cases we can say ››all members of a führt. Die Monographie schließt ab mit
class have the following features‹‹.« (72)
einer Bibliographie, einem Wortregister,
Außer diesen kurzen Aussagen wird einem kurzen Glossar zu wichtigen Be-
allerdings das prototypische Vorgehen griffen und einer Auflistung der benutz-
weitergeführt. ten Abkürzungen.
217

Der Band ist systematisch aufgebaut, die gelaufen sein. Es handelt sich bei
einzelnen Kapitel werden aufeinander Chunks, so weit es die Linguistik anbe-
bezogen dargestellt, die benutzte Termi- langt, um Sinneinheiten sprachlicher In-
nologie wird präzise bestimmt. Außer- formation; sie betreffen also bestimmte
dem entstammen die Beispielsätze, wie Satzteile, die vom Gehirn als Ganzes
erwähnt, authentischen Kommunikati- gespeichert und vom Lerner ebenso »en
onssituationen. All das sind positive As- bloc« verwendet werden, wobei sich das
pekte, die für das vorliegende Buch vorliegende Buch auf die Verbvalenz
sprechen. aufgrund ihrer zentralen Bedeutung
Aus der Perspektive des Deutschen als beim Deutschlernen konzentriert.
Fremdsprache insbesondere jenseits des Die Stärke der Chunks liegt laut Heringer
deutschsprachigen Raums zeigt dieses unter anderem darin, »dass die artifizi-
Buch deutlich, dass auch für eine wenig elle Trennung von Grammatik und Se-
morphologisch aufgebaute Sprache wie mantik aufgegeben wird« (11), ein Um-
das Englische die Valenztheorie, anhand stand, der jedem DaF-Lehrer nur zu gut
derer grundlegende Aspekte des deut- gefallen dürfte. Neu bei Heringer ist, dass
schen Satzes (wie z. B. Satzglied und die im Buch präsentierten Valenzchunks
Satzgliedstellung) optimal erfasst wer- mit Hilfe eines offensichtlich recht kom-
den können, fruchtbar gemacht werden plexen Verfahrens empirisch gewonnen
kann, um z. B. kontrastiv verfahrend dem wurden und somit typische Kontexte
Deutschlernenden einen tiefen Einblick widerspiegeln.
in die Struktur des deutschen Satzes zu Valenzchunks besteht (neben einer um-
ermöglichen und damit seine Sprach- fangreichen Einleitung) aus zwei Teilen:
kompetenz zu erweitern. Diese Überle- erstens aus einer Liste, wobei jedem der
gung leitet sich aus der Feststellung ab, 79 hochfrequenten, alphabetisch ange-
dass (mancherorts heute) in der Aus- ordneten Verben eine längere Reihe von
landsgermanistik der Valenztheorie in Chunks (jeweils ca. 30) zugeordnet wer-
kontrastiven Satzanalysen zum Deut- den, was »didaktisch so zu verstehen
schen immer noch ein geringerer Stellen- [ist], dass die Chunks sie gerade mit
wert eingeräumt wird. In diesem Sinne Leben füllen und zu Selbstkonstruktion
liefert der Band nützliche Anregungen der detaillierten Verwendungsweisen an-
für Linguisten des Deutschen als Fremd- regen« (13), sowie zweitens aus didakti-
sprache, die sich für die vergleichende schen Vorschlägen und Materialien zu
Satzanalyse interessieren. einigen Verben aus der genannten Liste,
wobei unerklärt bleibt, warum hier Ver-
ben aufgenommen wurden, die in der
Liste fehlen; außerdem handelt es sich
Heringer, Hans Jürgen: insgesamt nur um 19 nicht in alphabeti-
Valenzchunks. Empirisch fundiertes scher Reihe aufgeführte Verben.
Lernmaterial. Mit CD-ROM. München: Als Beispiel für die Präsentation der
Iudicium, 2009. –– ISBN 978-3-89129-955- Chunks im ersten Teil sei hier das Verb
5. 132 Seiten, €€ 28,90 »antworten« exemplarisch angeführt (14,
(Michael Schlicht, Rom / Italien) Auszug):
Da habe ich [ihm] geantwortet ……
Das Wort »Valenzchunks« dürfte auch Er [……] antwortete ……
manchem altgedienten DaF-Lehrer bis- Meine Frau antwortete ……
lang noch nicht häufig über den Weg Was würden Sie [……] antworten wenn ……
218

gar nichts [……] antwortet rene DaF-Lehrer (von ihm selbst auf Seite
Danke [……] antwortete …… aber 93 bestätigt) mit guter Kenntnis ihrer
antwortete [er……] nein Lerner. Lehrer mit weniger Routine dürf-
antwortete [……] dass [……] es
auf einen Brief [……] antworten ten es vielleicht etwas beschwerlich fin-
antwortet [……] Nein danke den, dass die Übungsformen zu den
Er [……] antwortet [……] ruhig Chunks nur wenig kommentiert werden;
Die mitgelieferte CD-ROM enthält zwei hier wäre vielleicht eine stärkere bzw.
Pdf-Dateien, wobei die erste das Vorwort umfangreichere Didaktisierung des Ma-
sowie die oben genannte Liste der Verben terials angebracht gewesen. Generell ver-
mit den ihnen jeweils zugeordneten di- langt der Einsatz dieses Buches im Unter-
versen Chunks, in der Form, wie sie im richt eine teilweise recht aufwendige
Buch präsentiert sind, enthält. Besonde- Vorbereitung, vor allem bezüglich der
res Interesse erweckt hingegen die zweite Verben, die im zweiten Teil (der Materia-
Datei: »exemplarisch gefüllte Chunks«, liensammlung) nicht aufgeführt sind. Be-
in der diese auf beispielhafte Weise mit lohnt werden wird der Lerner (aber
Leben gefüllt werden, was sowohl Leh- durchaus auch der Lehrer!) durch eine
rern wie Lernern von großer Hilfe sein realistische, lebendige und produktive
dürfte. Darbietung des Sprachmaterials, die es
Es folgen als Beispiel einige ausgefüllte ihm ermöglicht, auf natürliche Weise
Chunks, die sich auf den obigen Auszug Regelwissen zu bilden und die Verwen-
beziehen: dungsweisen der einzelnen Verben in
ihren unterschiedlichen Realisierungen
Da habe ich [ihm] geantwortet: nein. intuitiv zu erfassen.
Weil er [……nichts] antwortete, fand man ihn
unhöflich.
Meine Frau antwortete laut und deutlich.
Was würden Sie [……mir] antworten, wenn
ich genauer nachfrage? Hillenbrand, Rainer; Rösch, Gertrud Ma-
Gar nichts [……Sinnvolles] antwortet der ria; Tscholadse, Maja (Hrsg.):
Automat.
»Danke [……für die Pralinen]«, antwortete Deutsche Romantik. Ästhetik und Re-
Jasmin……, »es schmeckt, aber ich nehme zeption. München: iudicium, 2008
zu.« (Schriftenreihe des Instituts für Deutsch
Leider antwortete [er……nicht], nein so ein als Fremdsprachenphilologie VII). ––
Kamel! ISBN 978-3-89129-861-9. 246 Seiten,
Antwortete [……er nicht], dass [……er] es nicht
gewusst hat? €€ 29,00
Auf deinen Brief [……hat sie nun] geantwor- (Dorota Szcz¿ïniak, Kraków / Polen)
tet.
Dann antwortet [……auch sie:] »Nein danke.« Die Beiträge dieses Sammelbandes gehen
Sie antwortete ruhig und gelassen. auf ein internationales Kolloquium zu-
Fazit: Bei Valenzchunks handelt es sich um rück, das im September 2006 im Rahmen
ein interessantes Zusatzmaterial für der Partnerschaft zwischen den germa-
Kurse auf dem Niveau B2, vor allem nistischen Abteilungen an der Zereteli-
gedacht zum verstärkten Üben hochfre- Universität Kutaissi (Georgien) und dem
quenter Verben in ihrer natürlichen Seminar für Deutsch als Fremdsprachen-
Sprachumgebung, aber durchaus auch philologie der Universität Heidelberg in
zur Behandlung grammatischer und se- Kutaissi stattfand. Der Band umfasst 23
mantischer Thematiken. Deutlich er- Beiträge, die in drei thematische Grup-
kennbar wendet sich Heringer an erfah- pen geteilt wurden: Literaturgeschichte
219

und Ästhetik, Sprache und Übersetzung, nen an die Nacht beschrieben (Ansor
Rezeption und Forschungsberichte. Abuseridse). Auch für Sprachwissen-
Die Beiträge sind –– wie immer bei Sam- schaftler und Übersetzer bildet Novalis’’
melbänden –– quantitativ, qualitativ und ŒŒuvre ein interessantes Untersuchungs-
methodisch sehr unterschiedlich. Den objekt. Am Beispiel von Novalis’’ Hya-
Anfang macht Hans-Günther Schwarz zinth und Rosenblütchen beschreibt Elisso
mit seinem Überblick über »Die Roman- Koridse strukturelle und stilistische Be-
tik und der Orient«. Schwarz weist in sonderheiten des romantischen Mär-
seinem kompetenten und gut recher- chens. Die Analyse fiktionalisierender
chierten Beitrag auf die zahlreichen Im- semantischer Mittel in der georgischen
plikationen der Orientbegeisterung für Übersetzung von Novalis’’ Heinrich von
die romantische Kunst und Literatur hin. Ofterdingen wird von Nana Gogola-
Der grundlegende Einfluss des Orients schwili vorgenommen.
zeigt sich, wie Schwarz betont, in der Zu den literaturwissenschaftlich orien-
»Ausweitung der Denk- und Dichtungs- tierten Beiträgen zählt noch der Aufsatz
möglichkeiten« (29) der westlichen Lite- von Joachim Bürkert, in dem der Autor
ratur und Kunst. Methodisch ist der Heidelberg als romantische Idealland-
Beitrag als besonders reflektiert und dif- schaft preist und zeigt, warum die Ro-
ferenziert hervorzuheben. In den darauf- mantiker in Heidelberg ihre Sehnsüchte
folgenden Artikeln werden Fragen zur verkörpert sahen. Der gut lesbare Artikel
Literaturgeschichte und Ästhetik weiter ist mit einigen Abbildungen versehen.
vertieft. Die Palette der Themen ist viel- Dass die Literatur der Romantik auch
fältig. Helena Karabegowa beschäftigt hässliche Seiten hatte, deckt Wilhelm
sich mit der romantischen Blumensym- Solms auf, indem er »Juden- und Zigeu-
bolik und Rainer Hillenbrand schreibt nerbilder in den Märchen und Volkslied-
über Melancholiker in Tiecks Phantasus. texten Clemens Brentanos« analysiert.
Weitere Aufsätze informieren über zen- Mit seinem solide recherchierten Aufsatz
trale Aspekte der Romantik wie: das legt Solms eine klare und informative
Verhältnis von Alltag und Kunst (Nino Untersuchung vor.
Scharaschenidse), die Idee der Volksdich- Der zweite Teil des Bandes beinhaltet
tung (Natia Nassaridse) und den deut- neben den früher erwähnten sprachwis-
schen Nationalcharakter am Beispiel von senschaftlichen Aufsätzen auch Arbeiten,
Eichendorffs Taugenichts (Irma Kipiani). die sich der Übersetzung deutscher Texte
Der zuletzt erwähnte Aufsatz über Ei- der Romantik in Georgien widmen. Im
chendorffs Taugenichts muss jedoch ent- dritten Teil der Publikation sind Artikel
täuschen, da die Autorin dem literari- zur Rezeption und Forschungsgeschichte
schen Text eigentlich nur einige Sätze zu finden. In diesem Teil werden einige
schenkt. Bezüge auf romantische Literatur einer
Dem Dichter Novalis sind drei literatur- kritischen Analyse unterzogen. Beson-
wissenschaftliche Studien gewidmet. So ders interessant in dieser Hinsicht ist der
werden Novalis’’ Analogiedenken im Beitrag von Gertrud Maria Rösch, in dem
Kontext seiner Plotin-Studien näher be- die Autorin die »unerwartete Wahlver-
leuchtet (Eric Kuchle), die ästhetischen wandtschaft« (195) von Texten aus Des
Sichtweisen des Klassikers Goethe und Knaben Wunderhorn mit dem Cabaret der
des Romantikers Novalis dargestellt Jahrhundertwende aufdeckt.
(Konstantin Bregadse) sowie die roman- Auch wenn manche Konferenzbeiträge
tische Weltanschauung in Novalis’’ Hym- nicht unbedingt die neuesten For-
220

schungsergebnisse mit sich bringen, gewandelt, Literatur hat immer schon


kann man dort viele interessante Aufsät- von kulturellen und sprachlichen Grenz-
ze und Standpunkte finden. Die Einbe- überschreitungen profitiert, bevor die
ziehung sprachwissenschaftlicher Beiträ- nationalen Literaturgeschichten des 19.
ge und von Nachweisen zur Rezeption in Jahrhunderts eine monolinguale und -kul-
Georgien machen –– wie die Herausgeber turelle Nationalliteratur propagierten.
mit Recht im Vorwort unterstreichen –– Migration der Literatur ist auch deshalb
»den besonderen Reiz und den Wert« (11) aktuell, weil der Umgang mit der Litera-
des Sammelbandes aus. Insgesamt haben tur von Migranten zu Themen der Migra-
die Herausgeber einen nützlichen Band tion noch immer unklar ist, wie die Frage,
vorgelegt, der exemplarische Einsichten ob erst die Rezeption die Migrationslite-
in alte und neue Fragen der Romantikfor- ratur schafft oder ob sie tatsächlich ein
schung ermöglicht. eigenes Feld beschreibt. Zugleich sollen
die vielfältigen Formen der Migrationsli-
teratur und der Migration der Literatur
beschrieben werden.
Hoff, Karin (Hrsg.): Vorangestellt ist ein Text des Schriftstel-
Literatur der Migration —— Migration lers und Botschaftsrats an der Schwedi-
der Literatur. Frankfurt a. M.: Lang, 2008 schen Botschaft in Berlin (die mit dem
(Texte und Untersuchungen zur Germa- Schwedischen Institut in Stockholm und
nistik und Skandinavistik 57). –– ISBN der Schwedischen Reichsbank das Unter-
978-3-631-56749-4. 124 Seiten, €€ 27,50 nehmen unterstützte) Aris Fioretos über
Habseligkeiten in der Wohnung der Groß-
(Karl Esselborn, München)
mutter und die Erinnerungen, die sie
Das vorliegend Bändchen enthält Beiträ- wachrufen.
ge zu einem Symposion gleichen Themas Einführend erörtert Volker C. Dörr die
an der Skandinavistischen Abteilung der Deutschsprachige Migrantenliteratur. Von
Universität Bonn 2006, das sich nach der Gastarbeitern zu Kanakstas, von der Inter-
Einleitung der Herausgeberin zum Ziel kulturalität zur Hybridität und speziell den
gesetzt hatte, die Verschiebungen des Begriff der »Migrationsliteratur« (neben
nationalen Literaturbegriffs in Skandina- »Migrantenliteratur«) und stellt fest, dass
vien, insbesondere in Schweden, durch er angesichts der sehr unterschiedlichen
die Literatur der Migration als Grenz- Bedingungen der Migration und den
raum zwischen Sprachen und Kulturen damit verbundenen jeweiligen persönli-
an einzelnen Beispielen zu untersuchen chen Erfahrungen (der Generationen) li-
und zu diskutieren. teraturwissenschaftlich kaum zu definie-
Die Migrationsliteratur wird dabei als ren ist. Für bedenklich hält er vor allem,
ästhetische und insbesondere literarische dass von dieser Literatur existenzielle
Herausforderung verstanden, als Mög- und gesellschaftliche Erfahrungen der
lichkeit, den ästhetischen und politischen Autoren von Migration und Exil erwartet
Kontext zu beschreiben und zu proble- werden, denn weder Inhalte (Fremdheit)
matisieren, als ästhetisches Experimen- noch formale Merkmale (»Kleine Litera-
tierfeld sowie als Beitrag zu einem neu zu turen«, Redevielfalt, rhizomatische Ver-
definierenden Begriff von »Weltlitera- netzung u. ä.) scheinen ihm eindeutig
tur«. Der Begriff der Nationalliteraturen von den Merkmalen von Literatur allge-
hat sich nicht erst mit der Globalisie- mein (Alterität, Intertextualität, Hybridi-
rungsdebatte oder den postcolonial studies tät) abgrenzbar. Abgelehnt wird jede
221

Form von »inhaltlicher (und formaler) erheben. Andere Texte der Migrationsli-
Präskription«; Herkunft und Mutterspra- teratur verschieben die Grenzen zwi-
che des Autors bleiben grundsätzlich schen Einwanderer- und Nationalkultur
»paratextuell« –– woraus offensichtlich durch verschiedene Textstrategien wie
auf eine Forderung nach Freiheit von Polemik (gegen Identitätszuschreibun-
konkreten (biographischen) Inhalten im gen), Satire oder ironisch-spielerische
Sinne einer missverstandenen traditio- Unterwanderung der Publikumserwar-
nellen Autonomieästhetik zu schließen tungen mit konstruiertem Slang und
ist. Die vor allem in der Literaturkritik zu »exotischer« Lebenswelt, oder durch die
findende, auf die biographische Situation Inszenierung kultureller Dichotomien.
der Verfasser bezogene Erwartungshal- Literarische Komplexitätssteigerung
tung an eine »klischierte Migrantenlitera- wird gegen die Genreerwartungen auf
tur« wird an Rezensionen zu Texten von Biographie und Milieu eingesetzt und
Emine Sevgi Özdamar und Feridun Zai- »gegen eine Authentizitätserwartung,
moglu verdeutlicht, die zeigen sollen, die ihren Maßstab in der Mimesiskon-
dass weniger die Texte als vielmehr ihre zeption des Sozialrealismus findet« (41).
Rezensenten die Migration und Herkunft Dabei wird auch (z. B. mit einem Ilias-
der Autoren zum Thema machen. Nur Zitat) die Tradition der europäischen
ansatzweise ist bei der Vorstellung von Literatur aufgenommen. Die Beurteilung
Zaimoglus Kanak Sprak auch die kom- der »neuen schwedischen Literatur zwi-
plexe Form der literarischen Darstellung, schen Einwanderer- und Nationalkultur«
politischen Kritik, Verfremdung oder bewegt sich zwischen kultureller Berei-
kreativen Umdeutung der Migrations- cherung und Vereinnahmung durch die
Realität in neuen Identitätskonzepten zu Nationalliteratur, die sich dabei im Sinne
ahnen. der postkolonialen Theorie (komparativ
Wolfgang Behschnitt gibt danach einen und transnational erweitert) eigentlich
sehr interessanten Überblick über die auflöst, besonders wenn man an die
Neue schwedische Literatur zwischen Ein- Traditionen der Vielsprachigkeit und
wanderer- und Nationalkultur, deren er- kulturellen Vernetzung im deutsch-dä-
staunlicher Erfolg mit der ersten CD der nisch-norwegischen Gesamtstaat –– von
schwedischen HipHop-Band The Latin dem an der deutschen Klassik orientier-
Kings von 1994 Willkommen im Vorort ten mehrsprachigen Adam Oehlenschlä-
begann, die Vorort-Musik, Vorort-Film ger bis Tanja Blixen –– denkt.
und auch Vorort-Literatur (von Ale- Klaus Müller-Wille untersucht die Poetik
jandro Leiva Wenger, Jonas Hassen Khe- der Fremdsprache bei zwei älteren Exi-
miri, Johannes Anyuru, Marjaneh Bakh- lanten des 2. Weltkriegs, Ilmar Laaban
tiari) in der schwedischen Öffentlichkeit und Alexander Weiss, die ästhetische
zum Durchbruch verhalf, welche an der Möglichkeiten der Mehrsprachigkeit und
Einwanderer- und Minoritätenkultur des Schreibens in der anderen, fremden
sehr interessiert scheint. Der Lyriker und (schwedischen) Sprache im bewusst dop-
Slam-Poet Anyuru möchte die Texte der pelt entfremdeten Sprachgebrauch, in
Latin Kings nicht nur im Kontext der anagrammatischen Sprachspielen und
populären Kultur, sondern auch der mo- Grammatikopoesie erproben und die
dernistischen schwedischen Literatur se- Vielsprachigkeit als ästhetisches (und po-
hen und sie in die Mehrheitskultur und litisches) Instrument nutzen.
ihren um- und neuzuschreibenden Ka- Grenzüberschreitungen bei Reisen zwi-
non und »ins Allgemeinmenschliche« schen Skandinavien und der DDR und in
222

entsprechenden Dokumentationen the- Hoff, Dagmar von; Spies, Bernhard


matisieren zwei weitere Beiträge. Antje (Hrsg.):
Wischmann analysiert Reportagebücher Textprofile intermedial. München: Mei-
schwedischer Autoren im Blick auf raum- denbauer, 2008 (Beiträge zur Geschichte
konzeptionelle und texträumliche Strate- der deutschsprachigen Literatur, Kontext
gien zur Problematisierung des Ost- 6). –– ISBN 978-3-89975-128-4. 360 Seiten,
West-Verhältnisses (DDR und Ostberlin €€ 49,90
als Heterotopie und Utopie, Infragestel- (Thomas Bleicher, Mainz)
lung des dichotomischen Raumkonzepts
usw.). Benedikt Jager zeigt in Selige Die Beiträge dieses Bandes gehen zurück
Fremde oder Parteilichkeit, wie bei Reisen auf eine Konferenz, die sich 2007 in
von Bürgern der DDR in Skandinavien Mainz mit dem Thema von Interdepen-
der offene Blick für das Fremde durch denzen zwischen literarischer Textualität
parteiliche Standpunkte und eine kollek- und anderen Medienformationen be-
tivistische Ideologie stark eingeschränkt schäftigte. Dabei erwies sich die Grenz-
wird. Abschließend stellt Anne-Bitt Ge- ziehung zwischen den zwei Kunstformen
recke das Projekt litrix.de der Kulturstif- Malerei und Poesie in Lessings Schrift
tung des Bundes und des Goethe-Insti- Laokoon als produktives Konzept, das
tuts vor, das durch ein Online-Magazin, auch heute noch einen exemplarischen
durch aktuelle Informationen zum deut- Ausgangspunkt für intermediale Analy-
schen Buchmarkt, durch Übersetzungen sen liefern kann. Das Ziel der hier ver-
und Begegnungen von Literaten und sammelten Überlegungen ist eine detail-
Künstlern unterschiedlicher Sprachen liert(er)e Bestimmung der sich aus dieser
und Kulturen zur internationalen Ver- und anderen Grenzziehungen ergeben-
den Konsequenzen. So sucht man nun
mittlung von deutscher Gegenwartslite-
nach Antworten insbesondere auf die
ratur beitragen, Grenzen überwinden
Fragen, »auf welche Weise Texte Medien
und ein Programm von »Weltliteratur«
reflektieren, wie sich Medien über Texte
vorantreiben soll.
vermitteln lassen, welchen Verfremdun-
Insgesamt bietet das Buch Beiträge eher gen Texte medial unterliegen und inwie-
zur »Migration der Literatur« als zur fern Medienreflexionen selbst neue Texte
»Migrationsliteratur«, abgesehen von der hervorbringen« (9).
interessanten Darstellung der aktuellen Die erste Gruppe der Beiträge überprüft
schwedischen Migrantenliteraturszene die grundsätzliche Produktivität der Les-
und den weniger bekannten Beispielen singschen Mediengrenze. Für Irina Ra-
aus dem deutsch-skandinavischen Be- jewsky beweist die fotorealistische Male-
reich. Der Beitrag der Literatur der Mi- rei Richard Estes oder Gerhard Richters
gration zu einer Erweiterung des Litera- beispielhaft, dass gerade die Struktur der
turverständnisses (und des traditionellen Grenze künstlerische Freiheiten ermög-
Literaturbegriffs) jenseits nationaler und licht und somit kreative »Spielräume
kultureller Grenzen bleibt allerdings be- schafft« (47). Die Besonderheiten der
scheiden, wenn die Literaturwissenschaft einzelnen Medien verdeutlicht Inge Ste-
die spezifischen Inhalte und Themen der phan sodann am »intermedialen Medea-
Migranten ebenso wie ihre nationale Zirkel aus Musik, Malerei, Bild und
Herkunft als paratextuell oder als nur Schrift« (69). Dagegen beschränkt sich
populärkulturell am liebsten ausschlie- Bodo Morawe auf das Krisenjahr 1832, in
ßen möchte. dem der Karikaturist Daumier, der politi-
223

sche Redner Blanqui und der literarische Marnie wird das filmische Thema der
Publizist Heine »die bisher ungeschrie- Kleptomanie als psychoanalytischer Dis-
bene Mentalitätsgeschichte des moder- kurs im Sinne Freuds entschlüsselt
nen Citoyen« (99) begründet haben. In (Christoph Meyring). Sandra Poppe be-
Ror Wolfs Ratgeberbüchern entwickeln schreibt Transmedialität als eine Katego-
Text- und Bilderwelten, so Monika rie, »die medienübergreifende Phänome-
Schmitz-Emans, aber nur mehr ihre je ne bezeichnet«; als bevorzugtes Phäno-
eigene Dynamik, indem sie »sich (schein- men erweist sich dabei die Visualität, da
bar) aufeinander zu und dann (doch) sie sich »am ehesten zwischen den Medien
wieder voneinander wegbewegen« und ansiedeln lässt« und zudem einen umfas-
deshalb auch keine einheitlich »konstitu- send anwendbaren »Zugang zum inter-
ierte imaginäre Welt des kulturellen Wis- medialen Vergleich« bietet (198 f.). Ähn-
sens« (126) mehr anbieten können. lich wie Schmitz-Emans sieht Alexandra
Nach den exemplarischen Betrachtungen Tacke in Rebecca Horns Künstlerbuch-
der Mediengrenze geht es nun im zwei- werken das Ende der Grenzziehung zwi-
ten Abschnitt um die Medienüberschrei- schen Bild und Text; denn beide »überla-
tung, die sich vor allem in der romanti- gern sich, so dass letztendlich nicht mehr
schen Konzeption der Synästhesie nach- entscheidbar ist, was man gesehen, gele-
weisen lässt. Während Ulrich Breuer das sen oder imaginiert hat« (258).
Wechselspiel zwischen Literatur und Analysiert werden sodann unterschiedli-
Plastik in der Poetik Friedrich Schlegels che Codes, die literarisch transformiert
aufzeigt, untersucht Till Dembeck die werden. Während Monika Ehlers vor-
Bedeutung der Klangfiguren für die Ima- führt, wie Adalbert Stifter das Natur-
ginationstheorie des Novalis. Im Gegen- Phänomen des »Flirrens« auf die Ebene
satz zu Goethes klassischer Auffassung, seines Erzählens überträgt, dokumentiert
dass ein »Kennzeichen des Verfalls der Kuessi Marius Sohoudé, dass der Diskurs
Kunst [……] die Vermischung der verschie- der Rechtsreform um 1800 in Kleists
denen Arten derselben« sei (163), steht in literarische Fiktion einfließt. Und für
Brentanos Roman Godwi die »Aufwer- Dichter, die der sprachlichen Vermittlung
tung medialer Verfremdung«, in der von Wahrheit und Sinn kaum oder gar
Winfried Eckel geradezu den »Inbegriff nicht mehr trauen wollen oder können,
des Romantischen« erkennt (182): Denn bleibt nach Christine Waldschmidt letzt-
Brentanos »Spiel mit Perspektiven, die lich nur mehr eine hermetische Schreib-
einen Gegenstand in immer neuen Bre- weise, deren Spektrum sich »zwischen
chungen zeigen, gründet auf dem Ge- ästhetizistischen Kunstwelten (Stefan
fühl, dass sich ihm das Wirkliche keines- George) und einem an die Grausamkei-
wegs entzieht, im Gegenteil: Die Realität ten der Geschichte gebundenen Ringen
scheint ihm so bedrängend, dass er die um Sprache (Paul Celan) eröffnet« (283).
Kunst bewusst als ein Mittel der Distan- Abschließend werden die Einflüsse des
zierung nutzt« (183 f.). Fotografischen und des Filmischen auf
Dritter Schwerpunkt sind die Medienzi- die Literatur behandelt. Jan Gerstner
tate, die als Subtexte eingesetzt werden definiert in seinen Analysen von Prousts
und dann den eigentlichen Text ausma- Recherche und Barthes’’ Chambre claire die
chen. So entstehen in Thomas Bernhards Fotografie als »Platzhalter für eine Ver-
Erzählung Gehen neue Formen der Narra- gangenheit, über die das Gedächtnis
tion durch musikalische Strukturen (Ul- nicht verfügen kann«, als »Negativ des
rike Weymann), und in Hitchcocks Film Textes, das die Literatur erst entwickeln
224

muss« (324). Maren Lickhardt zeigt am Ikonomu, Demeter Michael:


Beispiel von Irmgard Keuns Weimarer Mehrsprachigkeit und ihre Rahmenbe-
Romanen die »Schreibvoraussetzung ei- dingungen. Fremdsprachenkompetenz
ner medialisierten und visualisierten in den EU-Ländern. Frankfurt a. M.:
Welt« (337), die zu einem »selbstver- Lang, 2008 (Europäische Hochschul-
ständlichen Mitproduzenten der Ro- schriften, Reihe 21, Linguistik 321). ––
mane« wird. Und Andreas Martin Wid- ISBN 978-3-03911-638-6. 132 Seiten,
mann erkennt die literarische Umsetzung €€ 25,70
der (von Susan Sontag benannten) »Ab-
(Joanna Kic-Drgas, Poznañ / Polen)
hängigkeit von der Kamera als jener
Erfindung, die das, was einer erlebt hat, In der Fremdsprachendidaktik ist das
erst zur Wirklichkeit macht«, in den Postulat der Mehrsprachigkeit verbreitet,
Romanen Thomas Brussigs, weil sie »er- die Förderung der Selbstentwicklung
zählend den als allgemein bekannt vor- durch Erlernen mehrerer Fremdsprachen
ausgesetzten Bildern eigene, erfundene ist zu einem der wichtigsten Bildungs-
Bilder hinzufügen, die eine andere histo- ziele geworden. Demeter Michael Iko-
rische Wahrheit vermitteln« (352). Abge- nomu konzentriert sich in seinem Buch
rundet hätte diese Beiträge über visuelle auf die Fragen: »Wie sieht die Mehrspra-
Einflüsse auf die Literatur der (hier leider chigkeit in der EU wirklich aus?«, »Genü-
fehlende) Umkehrschluss, wie sich nun gen die einzelnen Bildungssysteme den
auch das Literarische ins Filmische trans- anspruchsvollen linguistischen Vorga-
formieren lässt –– etwa in Eric Rohmers ben?«, »Wann und wie sollen die jungen
Film-Zyklus der Contes Moraux. Aber EU-Bürger mit dem Fremdsprachenerler-
damit ginge man ja über die Grenze der nen konfrontiert werden?«.
Germanistik hinaus und käme zur not- Antworten auf diese Fragen findet man
wendigen Verbindung intermedialer Stu- in den sieben Kapiteln seiner Monogra-
dien mit komparatistischen Studien. phie.
Was bleibt demnach schließlich als allge- Zunächst wird im ersten Kapitel eine
meiner Eindruck? Über mehrere interes- Definition der kommunikativen Kompe-
sante Einzelanalysen und erste Ansätze zu tenz gegeben und auf die Zusammen-
einer intermedialen Differenzierung hin- hänge mit neurobiologischen Erkenntnis-
aus gibt es bislang nur wenige Hinweise sen hingewiesen. Der Verfasser hebt her-
auf generalisierbare Definitionsmöglich- vor: »die kommunikative Kompetenz ist
keiten intramedialer Grenzziehungen und eine Voraussetzung der Mehrsprachig-
intermedialer Transformationen in einem keit« (13). Weiterhin werden die Ziele der
interkulturellen Kontext. Um dieses wis- Mehrsprachigkeit ausführlich definiert.
senschaftliche Ziel zu erreichen, bedarf es Schließlich wird die Aufmerksamkeit des
noch zahlreicher weiterer spezieller Stu- Lesers auf die Rahmenbedingungen der
dien, zumal diese Thematik gerade in Sprachpolitik und ihrer praktischen An-
Deutschland –– trotz einiger ››Außenseiter‹‹ wendung gelenkt. Der Verfasser verweist
–– erst sehr verspätet ihre universitäre Ak- auf die Bedeutung des frühen Fremd-
zeptanz erlangt hat. Deshalb ist es umso sprachenlernens: »Unumstritten ist, dass
erfreulicher, dass die Beiträge dieses Ban- Kinder gerne lernen: Ihre kognitiven
des nicht nur ein breites inhaltliches Spek- Fähigkeiten sind besonders.« (23) Iko-
trum erfassen, sondern dabei auch schon nomu betont die Bedeutung des natürli-
ein beachtliches internationales Wissen- chen Lernens im Kindergarten. Entschei-
schaftsniveau erreicht haben. dend ist aber »die Wahl der sinnvollen
225

Methodik«, damit »die Sprache tatsäch- des Kapitels versucht der Autor, die
lich gelernt wird« (25). Nach dem Verfas- bisherigen Beobachtungen der Perspek-
ser ist eine enge Zusammenarbeit von tive englischer Muttersprachler gegen-
Kita und Grundschule im Fremdspra- überzustellen. Der Verfasser betont, dass
chenlernen besonders wichtig. Der Autor das Fremdsprachenlernen in Großbrita-
präsentiert die notwendigen Rahmenbe- nien als »künstlerische Orchideentätig-
dingungen der Zusammenarbeit am Bei- keit« (65) betrachtet wird.
spiel des italienischen Bildungssystems. Im vierten Kapitel berührt der Autor die
Das Thema der Überlegung im zweiten Fragen der Sprachqualität. Es wird der
Kapitel ist die Globalisierung. Der Autor Einfluss der Mehrsprachigkeit auf den
stellt zwei Konzepte der Globalisierung guten Stil und den Reichtum der Sprache
dar, indem er sich auf die Forschungser- besprochen. Das nächste Kapitel bringt
gebnisse von M. McLuhan und A. Mat- wichtige Informationen zur Rolle der
telas beruft. Ikonomu analysiert verschie- Übersetzung und des Dolmetschens in
dene Ebenen der Globalisierung: Sexuali- der mehrsprachigen Welt. Der Verfasser
tät, Ökologie, Wirtschaft und Politik. weist auf die Entwicklungsgeschichte der
Schließlich diskutiert der Verfasser auch Übersetzung hin. Im neuen Europa
den Begriff Globalisierung der Kultur, herrscht laut Ikonomu zwar Mehrspra-
Kosmopolitismus und McDonaldisie- chigkeit, aber jeder Bürger drückt sich am
rung. Diese stehen im Zusammenhang besten in seiner eigenen Sprache aus,
mit dem Rang der englischen Sprache auf deswegen wird die Bedeutung der Über-
der internationalen Bühne. Ikonomu hebt setzung zur Erhaltung kultureller Identi-
hervor, dass Englisch als gegenwärtige tät steigen.
lingua franca »in Bereichen der Regierung, Das sechste Kapitel behandelt Reflexio-
Gerichte, Medien und im Bildungswe- nen über die Zukunft der Mehrsprachig-
sen« (43) verwendet wird. Der Wissen- keit. Anhand einer im Jahr 2007 veröf-
schaftler zitiert nach D. Crystal, dass fentlichten Studie belegt der Autor den
»heute 75 Prozent der Bevölkerung, die Einfluss der Medien auf die Entwicklung
Englisch spricht, nicht Muttersprachler der Sprache bei Kindern. Der Verfasser
sind« (46). Deswegen reflektiert der Au- kommt zu dem Schluss, dass Kinder und
tor, ob global English eine Alternative zur vor allem Jugendliche Vorbilder brau-
Mehrsprachigkeit sein kann. chen, die meistens von den Medien gelie-
Das dritte Kapitel ist der englischen fert werden. Hier knüpft der Autor an die
Sprache und ihrer Rolle in der vereinig- Funktionen der Schule an: »Die Schule
ten Welt gewidmet, der Verfasser geht sollte, muss also Gegenbilder liefern um
auf die Struktur der Anglizismen ein und zusätzliche Identifikationsfiguren zu
beschreibt sie als eine neue Sprachreli- schaffen.« (90)
gion. Diskutiert wird auch die Überflu- Das letzte Kapitel umfasst zwei Teile:
tung der Sprache mit Anglizismen am »Das neue Europa der Sprachen« und
Beispiel der Werbebranche. Der Verfasser »Die neue Sprachpolitik der Europäer«.
weist auf die Vereinfachung der nationa- Der erste Teil enthält Informationen über
len Sprache durch die Begrenzung der die Sprachen in Europa. Der Autor nennt
sprachlichen Wahlmöglichkeiten hin. die Faktoren, die für den Aufbau einer
Als Gegenpol zur Assimilation der An- multilingualen Gesellschaft verantwort-
glizismen in Deutschland präsentiert Iko- lich sind. Im zweiten Teil beschäftigt sich
nomu die Einstellung zur Überfremdung der Verfasser mit den formellen Grundla-
der Sprache in Frankreich. Zum Schluss gen der Mehrsprachigkeit (Europäische
226

Charta der Regional- und Minderheitsspra- matik, deren Gemeinsamkeit darin be-
chen), er präsentiert das Phänomen der steht, dass sie sich jeweils einem Aspekt
Eurolinguistik und beschreibt ferner im Bereich der Fragestellung des The-
auch die Rahmenbedingungen der Mehr- menkomplexes widmen. Auch wenn in
sprachigkeitsentwicklung in der EU. der Gliederung des Werks die einzelnen
Demeter Ikonomu fasst das erforschte Beiträge nicht thematisch gruppiert sind,
Thema vielseitig auf und verbindet ge- so lassen sie doch mehr oder weniger
konnt das bisherige Wissen mit eigenen thematische Tendenzen zu.
Erfahrungen und Beobachtungen. Das Die ersten drei Beiträge können als
Buch gibt Einblicke in eine Fülle von Grundlagentexte angesehen werden, die
gravierenden glottodidaktischen Aspek- je einen Titelbegriff des Bandes diskutie-
ten, die einen enormen Einfluss auf das ren. So hinterfragt der Essay von Klaus P.
Leben im gegenwärtigen Europa aus- Hansen (»Sprache und Kollektiv«) das
üben. Betont werden soll die Tatsache, Verhältnis von Sprache und Kultur. Da-
dass in der Monographie schwierige und bei wird zu Recht Sprache als ein »Stück
aktuelle Themen mit Hilfe von leicht Kultur« (18) aufgefasst und entsprechend
verständlicher Sprache zum Ausdruck als standardisiertes kollektives Produkt
gebracht werden und somit das Lesen definiert, dessen Ziel »nicht nur Ver-
Vergnügen bereitet. Das Buch wird eine ständlichkeit [ist], sondern auch die Pro-
anregende Lektüre für jeden sein, der am duktion von Vertrautheit, die das Kollek-
Phänomen der Mehrsprachigkeit interes- tiv- und Identitätsgefühl stets aufs Neue
siert ist. bestätigt« (22). Der Aufsatz von Angelika
Linke (»Kommunikation, Kultur und
Vergesellschaftung. Überlegungen zu ei-
ner Kulturgeschichte der Kommunika-
Kämper, Heidrun; Eichinger, Ludwig M. tion«) beleuchtet die kulturgeschichtliche
(Hrsg.): Entwicklung der Kommunikation als
Sprache –– Kognition –– Kultur. Sprache Ausdrucksort von Sprache, Kultur und
zwischen mentaler Struktur und kultu- Gesellschaft. Die Relevanz einer solchen
reller Prägung. Berlin: de Gruyter, 2008 Analyse äußert sich, so die Verfasserin,
(Jahrbuch des Instituts für Deutsche u. a. darin, dass sich hierdurch bestimmte
Sprache 2007). –– ISBN 978-3-11-020227-4. sprachliche Veränderungen erklären las-
371 Seiten, €€ 98,00 sen. Der Beitrag von Angela D. Friederici
(»Sprache und Gehirn«) dokumentiert
(Salifou Traoré, Bangkok / Thailand)
mit Befunden aus dem eigenen Labor den
Der Band enthält die Beiträge der Jahres- Forschungsstand zum Problem der
tagung 2007 des Mannheimer Instituts Sprachverarbeitung im Gehirn.
für Deutsche Sprache, die den Themen- Die anschließenden drei Beiträge behan-
komplex Sprache, Kognition und Kultur in deln verschiedene Aspekte von Sprache
den Fokus des Interesses rückte. Insofern unter diskurs- und handlungstheoreti-
ist er auch dem Jahr der Geisteswissen- schen Gesichtspunkten. Der Aufsatz von
schaften verpflichtet. Dietrich Busse (»Linguistische Epistemo-
Neben einem Vorwort, einem einleiten- logie –– Zur Konvergenz von kognitiver
den Text von Ludwig M. Eichinger und und kulturwissenschaftlicher Semantik
der Dokumentation einer Podiumsdis- am Beipiel von Begriffsgeschichte, Dis-
kussion umfasst das vorliegende Buch 15 kursanalyse und Frame-Semantik«) zielt,
Beiträge mit sehr unterschiedlicher The- in Anlehnung an das Diskurskonzept
227

von Foucault sowie an frametheoretische Umbruchgeschichte. Sprache im 20. Jahr-


Ansätze, darauf ab, eine linguistische hundert und ihre Erforschung«) mit
Epistemologie zu entwerfen, die linguis- Sprache aus der Perspektive der Sprach-
tische, kulturwissenschaftliche sowie ko- geschichtsforschung. Daraus lassen sich
gnitionswissenschaftliche Überlegungen nach Auffassung der Verfasserin Mög-
integriert. Jürgen Linke spezifiziert in lichkeiten ableiten, um u. a. die Grenzen
seiner Abhandlung (»Sprache, Diskurs, der Sprachperioden genauer zu bestim-
Interdiskurs und Literatur«) grundsätzli- men und damit Dynamiken einer Periode
che diskurs- und interdiskurstheoreti- zu erklären.
sche Begriffe von Foucault. Im Anschluss Die darauf folgenden beiden Beiträge
daran beleuchtet er den Begriff des Netz- wenden sich Problemen von Verstehen
Symbols am Beispiel von Kafkas Roman und Verständigung in Interaktion und
Das Schloß. Der Artikel von Joachim Text zu. Arnulf Deppermann setzt sich in
Knape (»Performanz in rhetorischer seiner Abhandlung (»Verstehen im Ge-
Sicht«) diskutiert zunächst den Perfor- spräch«) zuerst mit dem Begriff des
manzbegriff in verschiedenen Wissen- Verstehens auseinander. Sodann geht er
schaftsdisziplinen. Dann wird Perfor- der Frage nach, welche sequenziellen
manz als terminus technicus der Rhetorik Organisationsformen dem Verstehen zu-
vorgestellt, also als »all das, was das grunde liegen und wie diese sprachlich
Medium als Textträger mit seinem Text zum Ausdruck kommen. Bernd Ulrich
macht« (146). Biere setzt sich in seinem Beitrag
In den folgenden drei Beiträgen werden (»Sprachwissenschaft als verstehende
Sprache und Kultur in historischer und Wissenschaft«) zum Ziel, eine interdiszi-
gesellschaftlicher Perspektive beleuchtet. plinär angelegte hermeneutische Lingu-
Ingrid Lemberg stellt in ihrem Beitrag istik im Dienste des Verstehens zu entwi-
(»Lexikographie und Kulturgeschichte: ckeln.
1400 Jahre Rechtskultur im Spiegel des Die letzten drei Beiträge perspektivieren
Deutschen Rechtswörterbuchs«) das Pro- die Sprache als Kultur- und Kognitions-
jekt der Heidelberger Akademie der Wis- objekt. Der Aufsatz von Monika
senschaften zum Deutschen Rechtswörter- Schwarz-Friesel (»Sprache, Kognition
buch vor, das sowohl in gedruckter Form und Emotion: Neue Wege in der Kogniti-
als auch online nutzbar ist. Gegenstand onswissenschaft«) betrachtet die Klärung
des Wörterbuchs ist der Wortschatz des der Beziehung zwischen Sprache, Kogni-
westgermanisch-deutschen Rechts vom tion und Emotion als eine wichtige Auf-
5. Jahrhundert bis in das 19. Jahrhundert gabe, »will man den menschlichen Geist
hinein. Willibald Steinmetz setzt sich in und seine Funktionsweise umfassend
seinem Beitrag (»Vierzig Jahre Begriffs- und adäquat verstehen« (297). Dmitrij
geschichte –– the State of the Art«) mit Dobrovol’’skij will in seinem Beitrag
Fragestellungen zur begriffsgeschichtli- (»Idiom-Modifikationen aus kognitiver
chen Forschung auseinander. Dabei plä- Perspektive«) zeigen, dass der Prozess
diert er im Kontext mehrsprachiger Ge- phraseologischer Modifikationen erklär-
sellschaften für eine transnationale bzw. bar ist. Dies demonstriert er einleuchtend
vergleichende historische Semantik, in an der adjektivischen Erweiterung von
deren Rahmen sich das Problem der Idiomen im Deutschen (vgl. »auf einen
Übersetzbarkeit lösen lasse. Heidrun kleinen grünen Zweig kommen« vs. »auf
Kämper befasst sich in ihrem Aufsatz keinen grünen Zweig kommen«, 317). In
(»Sprachgeschichte –– Zeitgeschichte –– Anlehnung an Ludwig Wittgenstein fragt
228

Manfred Bierwisch in seinem Beitrag Analyse zugleich eine Kultur- und Ge-
(»Bedeuten die Grenzen meiner Sprache sellschaftsanalyse. Es ist den Autoren des
die Grenzen meiner Welt?«), ob sich alles Bands gelungen, von ihren verschiede-
mit natürlichen Sprachen ausdrücken nen Perspektiven ausgehend, wichtige
lasse. Der Verfasser kommt zu dem Anregungen zu Möglichkeiten der
Schluss, dass natürliche Sprachen unbe- Sprachanalyse jenseits der Struktur zu
grenzt sind, da sie Ausdrucksmöglich- liefern. In diesem Sinne ist das Buch
keiten für alle Erfahrungsbereiche zur jedem zu empfehlen, für den Sprache
Verfügung stellen (können). nicht nur eine Form ist.
Der Band schließt ab mit der Dokumenta-
tion einer Podiumsdiskussion zur Diszi-
plinarität und Interdisziplinarität in der
Sprachwissenschaft. Zu den daraus abge- Kärchner-Ober, Renate:
leiteten Fragen The German language is completely
1. Wie definieren Sie (für sich) Kultur? different from the English language.
2. Was sind (in diesem Kontext) Ihre Tübingen: Stauffenburg, 2009 (Tertiär-
Erkenntnisinteressen? sprachen Band 9). –– ISBN 978-3-86057-
3. Welche Gründe gibt es, dieses Feld der 868-1. 347 Seiten, €€ 49,80
Kultur der Linguistik zu überlassen
(Harald Olk, Kuala Lumpur / Malaysia)
bzw. nicht zu überlassen? (357)
nehmen Forscherinnen und Forscher aus Renate Kärchner-Obers Buch ist ein Bei-
vier verschiedenen Wissenschaftsdiszi- trag zur empirischen Forschung des Ter-
plinen Stellung, und zwar Ulla Fix und tiärsprachenlernens in Südostasien und
Ludwig Jäger aus dem Bereich Sprachwis- setzt sich detailliert mit dem malaysi-
senschaft, Jochen Hörisch aus dem Bereich schen Kontext auseinander. Neben den
Literaturwissenschaft und Philipp Sarasin üblichen Anhängen umfasst das Buch
aus dem Bereich Geschichte. Besonders zehn Kapitel. Kapitel eins bis vier führen
hervorzuheben ist hier, dass alle vier das Thema ein und erörtern Fremdspra-
Diskutanten der Sprachwissenschaft in chenerwerbstheorien sowie den Stand
der kulturwissenschaftlichen Forschung der L3-Forschung. Kapitel fünf und sechs
eine grundlegende Bedeutung einräu- beschreiben den malaysischen Hinter-
men. grund der Studie und beschäftigen sich
Insgesamt behandelt der Sammelband mit der Frage des Zusammenwirkens
ein breites Spektrum von Themen, das von soziokulturellen Bedingungen und
die Verflechtung von Sprache, Kognition Lernverhalten. Nach einem Kapitel zur
und Kultur überzeugend zum Ausdruck Untersuchungsmethodik folgt in Kapitel
bringt. Diese interdisziplinäre Ausrich- acht eine Beschreibung ihrer empirischen
tung der Sprachforschung ist eine klare Forschung im DaF-Bereich, deren Ergeb-
Absage an jene Forschungsrichtungen in nisse in Kapitel neun dargestellt werden.
der modernen Linguistik, welche die Ein resümierender Ausblick rundet die
Sprache auf reine Formelemente reduzie- Arbeit ab.
ren. Die Sprache ist ein komplexes kultu- In ihrem Buch verweist Kärchner-Ober
relles und gesellschaftliches Phänomen, zunächst darauf, dass die gegenwärtige
das entsprechend in sozialen Interakti- Literatur zur Tertiärsprachenforschung
onsprozessen benutzt wird, um z. B. Ge- zumeist auf eine positive Nutzbarma-
danken, Emotionen, Freude, Trauer aus- chung von Englisch (L2) auf Deutsch (L3)
zudrücken. Dementsprechend ist ihre abzielt, was oft auch für afrikanische und
229

asiatische Kontexte postuliert wird (vgl. chinesischen Ethnie illiterat in ihrer ei-
Ringbom 2005). Generell wird angenom- gentlichen Muttersprache Mandarin
men, dass Lerner über die Erfahrung des sind, wenn sie reguläre Primarschulen (in
Englischlernens erleichterten Zugang zur Bahasa Malaysia) besucht haben. Ver-
deutschen Sprache haben. Bekannt ist kompliziert wird die Situation in Malay-
sicherlich den meisten Deutschlehrern sia dadurch, dass lediglich Bahasa Ma-
die Poster-Serie des Goethe-Instituts laysia offiziell anerkannt und die Ver-
»Deutsch nach Englisch«, in der explizit wendung von Sprache hochgradig politi-
lexikalische Ähnlichkeiten zwischen siert ist. All dies stellt Kärchner-Ober in
Englisch und Deutsch aufgezeigt wer- historischer und sprachpolitischer Kom-
den, die nahelegen, dass Deutsch auf plexität dar und prägt dafür den an-
Grundlage des Englischen verhältnismä- schaulichen Ausdruck des multilingu-
ßig leicht zu lernen sei. alen Fingerabdrucks, den alle Malaysier
Kärchner-Ober argumentiert nun, dass aufgrund der ihnen eigenen Mehrspra-
didaktisch-methodische Ansätze, die chigkeit besitzen. Dies ist auch der Hin-
Englisch als Brückensprache für Deutsch tergrund, in den Kärchner-Ober ihre Stu-
verwenden, zwar grundsätzlich positiv die einbettet und den sie erfreulicher-
zu bewerten sind, keinesfalls jedoch auf weise auch in ihrer Analyse nie aus den
alle Hintergründe anwendbar sind. De- Augen verliert.
tailliert stellt sie dann in Kapitel fünf den Ziel der empirischen Studie war heraus-
Hintergrund des multiethnischen Malay- zufinden, welche Probleme mehrspra-
sia dar, das Menschen der malaiischen, chige Lerner in Malaysia beim Lernen
chinesischen und indischen Ethnie als von Deutsch als Tertiärsprache haben
auch sogenannte Ureinwohner (z. B. und »ob sich Schreibmuster aus der L1
Orang Asli oder Kadazan) beheimatet. via L2 in die L3 übertragen« (161). Zu
Wie in vielen Ländern Asiens oder auch diesem Zweck forderte Kärchner-Ober in
Afrikas geht der ethnische Mix mit kultu- der Hauptuntersuchung 15 Deutsch-Stu-
reller, religiöser und auch sprachlicher denten einer malaysischen Universität
Diversität einher. Bahasa Malaysia (Spra- auf, eine Bildergeschichte in ihrer L3
che der malaiischen, muslimischen Deutsch und allen anderen von ihnen
Mehrheit) wird als einzige Sprache von schriftlich beherrschten Sprachen zu ver-
allen Malaysiern zumindest auf einem schriftlichen (Mandarin, Bahasa Melayu,
funktionalen Niveau gesprochen, entwe- Englisch). 45 Texte (die Mandarin-Texte
der als Muttersprache oder schulisch wurden nicht in die Analyse miteinbezo-
gelernt. Darüber hinaus haben nahezu gen) wurden dann zwei Analysen unter-
alle Malaysier Kenntnisse der ehemali- zogen: (1) einer detaillierten Fehlerana-
gen Kolonialsprache Englisch, die im lyse der in Deutsch verfassten Texte, die
Alltag omnipräsent ist, wobei die Kom- mögliche Gründe für Normabweichun-
petenzlevel stark variieren. Angehörige gen in Sprachinteraktionen (L1-L3/L1-L2-
der indischen bzw. chinesischen Ethnie L3/L2-L3) aufzeigt; (2) einer inhaltlichen
ebenso wie Ureinwohner wachsen in der Analyse mit Fokus auf die Gestaltung
Regel trilingual auf und lernen vor Ba- inhaltlich-logischer Zusammenhänge in
hasa Malaysia und Englisch Tamil bzw. L1-L2-L3.
Mandarin oder ihre Stammessprache. Zur Fehleranalyse zog Kärchner-Ober
Teilkompetenzen in den einzelnen Spra- zum einen die erstellten Paralleltexte
chen können stark variieren, und so ist es heran, zum anderen Lernerdaten, die
z. B. nicht unüblich, dass Angehörige der über drei Jahre gesammelt wurden (bio-
230

grafische Daten, Tagebuchaufzeichnun- tor im Fremdsprachenlernen sein kann,


gen, Lernertexte, Fragebögen zu Lern- ein Thema mit großer Relevanz in Län-
strategien etc). Dies ergibt ein vielschich- dern mit hohem Mirgantenanteil in der
tiges und häufig überzeugendes Bild Bevölkerung. Zwar kann Kärchner-Ober
davon, welche Prozesse entscheidenden hier keine Wege aus der Misere aufzei-
Einfluss auf die L3-Sprachproduktion gen, es gelingt ihr jedoch gut, ihre
gehabt haben dürften. Wenig themati- Ergebnisse in den sozio-kulturellen Rah-
siert wird allerdings, inwieweit die Me- men Malaysias einzubetten und so dar-
thode des sukzessiven Versprachlichens zustellen, welch starken Einfluss die
einer Bildergeschichte in mehreren Spra- soziopolitischen Rahmenbedingungen
chen die Untersuchungsergebnisse be- und die Ausrichtung des schulischen
einflusst haben könnte. So ist es doch Unterrichts auf das L3-Lernen haben
durchaus denkbar, dass ein L3-Text, der können. Wünschenswert wäre sicher-
nach einem Paralleltext in der L2 oder L1 lich, dass Kärchner-Obers Arbeit zumin-
verfasst wird, deutlich stärker von diesen dest auszugsweise auf Englisch weitere
Sprachen beeinflusst ist als ein L3-Text, Verbreitung in Malaysia findet, wo ihre
der ohne L1/2-Modell entsteht. Eine Kon- Forschung viele zentrale Punkte der
trollgruppe wäre hier zur Validierung Sprachenpolitik berührt und ein wichti-
der Ergebnisse hilfreich gewesen. Insge- ger Beitrag zu den aktuellen Diskussio-
samt kommt Kärchner-Ober aber über- nen ist.
zeugend zu dem Schluss, dass die L2
einen gewichtigen Einflussfaktor dar-
stellt, wobei vor allem »ein von der L1 Literatur
geprägtes schwaches Englisch auf Ringbom, Hakan: »L2 Transfer in Third
Language Acquisition.« In: Hufeisen,
Deutsch einen negativen Einfluß be- Britta; Fouser, Robert J. (Hrsg.): Introduc-
wirkt« (264). Kärchner-Ober fordert da- tory Readings in L3. Tübingen: Stauffen-
her für Malaysia, im DaF-Unterricht burg, 2005, 71––82.
»Englisch stärker einzubauen als auf Eng-
lischkenntnissen aufzubauen« (275, Her-
vorhebung Kärchner-Ober). Sicherlich
hat Kärchner-Ober recht, dass rudimen- Kaufmann, Susan; Zehnder, Erich; Van-
täre Englischkenntnisse kaum als Grund- derheiden, Elisabeth; Frank, Winfried
lage für effektiven DaF-Unterricht zu (Hrsg.): Fortbildung für Kursleitende
nutzen sind. Offen bleibt allerdings die Deutsch als Zweitsprache. Band 3: Un-
Frage, inwieweit es sinnhaft ist, eine terrichtsplanung und -durchführung.
Sprache, die häufig offenbar nur rudi- München: Hueber, 2008. –– ISBN 978-3-19-
mentär beherrscht wird und sich tenden- 121751-8. 266 Seiten, €€ 19,95
ziell in negativem Transfer bemerkbar
(Sandra Ballweg, Darmstadt)
macht, überhaupt in den DaF-Unterricht
miteinzubeziehen. Seit Inkrafttreten der Integrationskurs-
Bezüglich der Schwächen in der inhalt- verordnung (IntV) 2004 müssen nicht nur
lich-logischen Gestaltung der L3-Texte neu eingestellte Lehrende in Integrati-
ergibt Kärchner-Obers Forschung, dass onskursen eine formelle Ausbildung im
die L3-Probleme vergleichbare Schwä- Bereich Deutsch als Fremdsprache/
chen in der L1 und L2 abbilden. Dies Deutsch als Zweitsprache nachweisen.
legt nahe, dass Sprachkompetenz in der Auch bereits im Beruf stehende Lehrper-
Muttersprache ein entscheidender Fak- sonen, die als Quereinsteiger/innen eine
231

Lehrtätigkeit in diesem Bereich aufge- Außerdem finden sich Aufgaben, zahl-


nommen hatten, sind aufgefordert, durch reiche Beispiele aus Lehrwerken sowie
eine Zusatzqualifizierung eine Lehrer- ein Glossar mit den wichtigsten Begrif-
laubnis zu erwerben. Besonders an diese fen.
Personen richtet sich die Reihe Fortbil- In Kapitel 1 Ȇbungstypologien, Arbeits-
dung für Kursleitende Deutsch als Zweit- anweisungen und Sozialformen im DaZ-
sprache, in der der hier vorgestellte Band Unterricht« beschäftigen sich Regina
Unterrichtsplanung und -durchführung als Graßmann und Susan Kaufmann mit der
Band 3 erschienen ist. Außerdem sind in Auswahl geeigneter Übungen, dem Ein-
der Reihe Band 1, Migration, Interkultura- satz von Sozialformen sowie mit der
lität, DaZ (2007), Band 2, Didaktik, Metho- Formulierung guter Arbeitsanweisun-
dik (2008), und der abschließende 4. Band, gen. Zunächst werden Arten von Übun-
Zielgruppenorientiertes Arbeiten (2009), er- gen und Aufgaben in verschiedenen Ty-
hältlich. pologien dargestellt, was etwas verwir-
Neben der genannten Zielgruppe soll der rend wirkt. Anschließend erfolgt eine
Band auch Studierende des Faches kurze Unterscheidung zwischen Auf-
Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als gabe und Übung, an die sich Darstellun-
Zweitsprache sowie interessierte Leh- gen zu Sozialformen anschließen. Sozial-
rende in Integrationskursen und an Be- formen werden nach dem Verständnis
rufsschulen ansprechen (III). Er setzt der Autorinnen durch die Arbeitsanwei-
dabei auf hohe Praxis- und Anwen- sungen im Lehrwerk gesteuert (23), eine
dungsorientierung und hat als blended Sichtweise, die die Lehrwerkzentrierung
learning-Konzept den Anspruch, »zeitge- des gesamten Fortbildungsbandes wider-
mäß« (III) zu sein. spiegelt.
Wie schon in der Besprechung von Band Studienbrief 2, »Spielerische Übungen,
1 und 2 zu lesen ist (vgl. Pieklarz 2008: Sprachlernspiele und Spiele im DaZ-
233), wird in der Reihe ein blended Unterricht« von Carmen Dusemund-
learning-Konzept erwähnt, jedoch findet Brackhahn liefert zunächst einen Über-
man keinen Link und keine weiteren blick über Ziele von Spielen und Hinter-
Verweise. Auch in den acht Kapiteln gründe und stellt allgemeine Überle-
(Studienbriefen) dieses Bandes wird gungen an, bevor Gründe für den Ein-
darauf kein Bezug genommen. Sie stel- satz von Sprachlernspielen aufgeführt
len vielmehr voneinander unabhängige und Begrifflichkeiten geklärt werden.
Beiträge dar, in denen nur an einigen Abschließend finden sich zahlreiche
Stellen auf andere Studienbriefe verwie- praktische Beispiele, die für die Umset-
sen wird. zung im eigenen Unterricht sehr hilf-
Die Gestaltung der einzelnen Studien- reich sind.
briefe ist gut gelungen. Stichpunkte am Das Kapitel »Projektarbeit im DaZ-Un-
Rand (»Aufgabe«, »Definition«, »Fazit«) terricht« von Barbara Winkler und Su-
oder Symbole, beispielsweise zum Ver- san Kaufmann formuliert Merkmale,
weis auf Internetquellen, helfen bei der Ziele und Funktionen von Projektarbeit.
Orientierung, die Nennung der Lernziele Wie in allen Studienbriefen werden
zu Beginn aller Kapitel dient der Trans- auch hier zu Gunsten der Kürze Verein-
parenz. Jedes Kapitel besteht aus einem fachungen vorgenommen. Wenn jedoch
eher theoretisch ausgerichteten Teil und beispielsweise Binnendifferenzierung in
einem Abschnitt, der zur Übertragung nur vier Zeilen abgehandelt wird (74),
auf den eigenen Unterricht auffordert. ohne dass auf den entsprechenden Stu-
232

dienbrief in Band 1 verwiesen wird, sion der einzelnen Thesen, was eine
wird die Kürze problematisch. Zum Teil Grundlage für eine produktive Weiterar-
erscheint die Darstellung etwas unaus- beit bietet. Der hier gewählte Fokus auf
gewogen, beispielsweise bei der Nen- Fossilierung ist im Kontext von DaZ und
nung möglicher Probleme bei Projektar- Integrationskursen angemessen. Insge-
beit (»mitunter sogar zu viel Begeiste- samt ist der Beitrag ausführlich und
rung«, 75). Auch an späterer Stelle fehlt strukturiert.
eine klare Stellungnahme der Autor/ Franziska-Sophie Schumann und Bar-
innen, wenn die Leser/innen mögliche bara Spannhake beschäftigen sich im
Einwände gegen Projektarbeit nennen Studienbrief »Testen und Prüfen im DaZ-
sollen, diese aber im Raum stehen blei- Unterricht« nach einer Klärung von Be-
ben, ohne wieder aufgegriffen zu wer- grifflichkeiten mit Formen und Zielen
den. Positiv ist hingegen die Menge an von Tests und Prüfungen. Anschließend
vielseitigen und sorgfältig ausgewähl- werden die zu beachtenden Gütekriteri-
ten Beispielmaterialien zu bewerten. en präsentiert. Auch in diesem insgesamt
Auch die abschließende Darstellung der gelungenen Studienbrief entsteht der
einzelnen Arbeitsphasen ist sehr gut Eindruck, dass die Kürze zu Lasten der
gelungen. Dass im Literaturverzeichnis Zusammenhänge erreicht wurde. So ist
drei Ausgaben von Fremdsprache Deutsch beispielsweise das Unterkapitel »Wash-
aufgeführt werden, auf die im Text nicht back/Backwash« kaum in den Gesamtzu-
Bezug genommen wird und die wohl als sammenhang eingebettet.
Literaturempfehlung zu verstehen sind, Das vorletzte Kapitel »Planen, Vorberei-
ist hingegen etwas irritierend. ten und Erteilen von DaZ-Unterricht«
Der vierte Aufsatz »Visualisierung im von Jan Steffen präsentiert auf 16 Seiten
DaZ-Unterricht« von Birgit Meerholz- sechs Schritte der Planung, in denen dazu
Härle erscheint nach dem Abschnitt über angeleitet wird, Materialien reflektiert
Projektarbeit ungünstig platziert. Es wer- einzusetzen. Es folgen 2½ Seiten zur
den psycholinguistische Aspekte ausge- Durchführung von Unterricht. Der ab-
führt, bevor das Thema Visualisierung schließende Studienbrief von Regina
ausführlich in Bezug auf Wortschatzar- Graßmann »Evaluation im DaZ-Unter-
beit und recht kurz in Hinblick auf richt« möchte dazu anleiten, den eigenen
Grammatikarbeit, Fehlerkorrektur und Unterricht auszuwerten. Dazu werden
Medieneinsatz diskutiert wird. Durch verschiedene Bereiche genannt, die es zu
dieses Ungleichgewicht und unklare Zu- evaluieren gilt (Rahmenbedingungen,
sammenhänge entsteht der Eindruck, Struktur, Prozess, Ergebnis), und zahlrei-
dass es sich bei diesem Beitrag um eine che Beispiele für Evaluationsbögen gege-
gekürzte Fassung eines ursprünglich län- ben. Insgesamt gelingt es leider nicht sehr
geren Textes handelt. gut, die Relevanz des Themas darzustel-
Der Beitrag »Fehler und Fehlerkorrektur len, wodurch dieses letzte Kapitel etwas
im DaZ-Unterricht« von Jürgen Schwe- wie der Anhang des Sammelbandes
ckendiek schließt gut an die Visualisie- wirkt.
rung bei der Fehlerkorrektur an und Zusammenfassend kann gesagt werden,
thematisiert zunächst das Verständnis dass dieser Band wichtige Themen für
von Fehlern. Ähnlich wie im dritten den Unterricht in Integrationskursen auf-
Kapitel werden die Leser/innen angehal- greift und Lehrpersonen im Rahmen von
ten, ihre eigene Meinung zu äußern, an Fortbildungsmaßnahmen einen Einblick
dieser Stelle erfolgt jedoch eine Diskus- in verschiedene Bereiche gibt. Dabei
233

spielt vor allem die Arbeit mit Material- Kiel, Ewald (Hrsg.):
beispielen und die Reflexion des eigenen Unterricht sehen, analysieren, gestalten.
Unterrichts eine wichtige Rolle. Auch für Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 2008. –– ISBN
Lehrpersonen, die sich für ihren Unter- 978-3-8252-3090-6. 173 Seiten, €€ 19,90
richtsalltag Anregungen wünschen, kann
(Jonas Langner, Bristol / Großbritannien)
dieses Buch geeignet sein, ebenso wie für
Studierende, die sich durch die Ausein- Das vorliegende Studienbuch will Lehr-
andersetzung mit praktischen Beispielen amtstudierende und Anfänger in Lehrbe-
auf die Unterrichtspraxis vorbereiten rufen in die Lage versetzen, »grundle-
möchten. gende Aspekte der Gestaltung von Un-
Schwächen zeigt der Sammelband an terricht auf der Basis von Unterrichts-
einigen Stellen in der zusammenhängen- prinzipien [zu] identifizieren, diese Un-
den Darstellung von Themen, was vor terrichtsprinzipien [anzuwenden] und
allem der Kürze geschuldet ist. Beson- ihre Anwendung im Hinblick auf ihren
ders kritisch sind die zum Teil sehr Erfolg angeleitet reflexiv [zu] überprü-
unbedacht zusammengestellten Quellen, fen« (12). Der Titel des Buches ist dabei
beispielsweise Definitionen nach Wikipe- Programm, wobei er um die Schritte
dia (Fach-/Sachkompetenz, 224, um nur ››Verstehen‹‹ und ››Finden‹‹ ergänzt werden
ein Beispiel zu nennen). Darüber hinaus könnte. Dabei folgt es konstruktivisti-
fallen einige formale Ungenauigkeiten schen Prinzipien, indem für die sechs
auf. Im Kapitel »Visualisierung im DaZ- ausgewählten Unterrichtsprinzipien, die
Unterricht« fehlt bei sinngemäßen Zita- in jeweils einem Kapitel behandelt wer-
ten beispielsweise durchgängig der Ver- den, zunächst grundlegende theoretische
weis »vgl.«. An anderen Stellen entsteht Begriffe dieser Prinzipien geklärt werden
Verwirrung durch falsche Zeilenumbrü- (Verstehen), die dann in Unterrichtssze-
che (z. B. 96). nen auf der mitgelieferten DVD gesehen
Für eine zweite Auflage wäre es deshalb und gefunden und anschließend analy-
wünschenswert, dass neben formalen siert werden können. Die Auseinander-
Korrekturen auch inhaltliche Überarbei- setzung mit Unterricht –– und hierbei
tungen vorgenommen werden, beispiels- wird strikt zwischen den Ebenen »Be-
weise in Hinblick auf die Kohärenz und schreiben«, »Interpretieren« und »Bewer-
die Belegführung der einzelnen Beiträge. ten« getrennt –– wird richtigerweise als
Dadurch könnte die Qualität dieses gu- wichtige Voraussetzung für das Gestal-
ten und wichtigen Buches verbessert ten des eigenen Unterrichts angesehen.
werden. An jedes Kapitel schließen sich Aufgaben
zu dem besprochenen Unterrichtsprinzip
an. Die filmgeleiteten Aufgaben beschäf-
Literatur tigen sich mit dem Wiederfinden der im
FIF (Förderung von Integration durch Fort- Kapitel formulierten Grundsätze, Ge-
bildung): Zusatzqualifizierung (2008). bote, Hinweise und ihrer anschließenden
http://www.fif-rlp.de (23.08.2009). Bewertung bzw. mit dem Finden von
Pieklarz, Magdalena: »Rezension: Qualifi- Alternativen. Diese Aufgabenstellungen
ziert unterrichten. Fortbildung für Kurs- finden sich neben Angaben zum Kontext
leitende Deutsch als Zweitsprache. Band der Stunde und einem Transkript der
1: Migration, Interkulturalität, DaZ. Is-
maning: Hueber, 2007. Band 2: Didaktik, Unterrichtsstunde auch nochmals auf der
Methodik. Ismaning: Hueber, 2008«, Info DVD, die damit und auch durch ihre
DaF 36 (2009), 232––236. ansprechende und übersichtliche Menü-
234

führung sehr benutzerfreundlich gestal- »Werte und Menschenbilder«, »Voraus-


tet ist. Da es sich um wirklich stattgefun- setzungen der Schüler« und »Ressour-
dene Unterrichtssequenzen handelt, cen«. Intensiver und sehr anschaulich
kann die Umsetzung der Theorie in die werden neben reformpädagogischen
Praxis gleich erfahren werden. Hierbei Ideen, die im gesamten Buch zu Recht
werden auch die Grenzen mancher Vor- starke Berücksichtigung finden, David
schläge für guten Unterricht deutlich, auf Merrills fünf First Principles of Instruction
die auch durch die Autoren hingewiesen und das ARIVA-Schema vorgestellt.
wird; außerdem lässt sich erkennen, dass Kapitel 3 nimmt sich der »Motivation«
jedes grundsätzlich empfehlenswerte an. Hier zeigt sich die Schwäche des
Prinzip an seine Umwelt angepasst wer- Buches, denn obwohl man keine Voll-
den muss bzw. unter gewissen Umstän- ständigkeit erwarten kann und die Auto-
den nicht funktioniert oder sogar gar ren auch keinen Anspruch auf Vollstän-
nicht angebracht ist. Dieser realistische digkeit erheben, erscheinen manche Aus-
Blick auf den Unterrichtsalltag ist begrü- führungen bei diesem hochkomplexen
ßenswert und wäre auch an manchen Thema zu verkürzt und daher, vor allem
Stellen im Buch wünschenswert gewe- für Anfänger, unverständlich. Insbeson-
sen, denn teilweise erscheint die Umset- dere das Unterkapitel »Differenzierte Be-
zung der Vielzahl an Geboten für alle trachtung der extrinsischen Motivation«
sechs Unterrichtsprinzipien schier un- bleibt unklar, da auch die Abgrenzung
möglich oder für den Einzelnen nur zur intrinsischen Motivation verwischt.
schwer umsetzbar. Ein kurzer Hinweis Auch werden Themen wie »Schulab-
darauf an entsprechender Stelle wäre bruch«, »Schulangst« etc. angesprochen,
schön gewesen. die sicherlich von Bedeutung sind, dann
Neben den filmgeleiteten Aufgaben gibt aber genauer betrachtet werden sollten,
es auch noch theoriegeleitete, die sich mit um Neulinge im Lehrberuf nicht gleich
der Verbindung zweier im Buch bespro- zu verunsichern oder abzuschrecken. Al-
chener Unterrichtsprinzipien befassen. lerdings enthält auch dieses Kapitel viele
Ohnehin wird die Abhängigkeit der ein- wertvolle und praktische Tipps für den
zelnen Prinzipien voneinander durch Unterricht, besonders in den zusammen-
Verweise auf andere Kapitel bzw. Wie- fassenden grauen Kästen, die es in allen
derholungen, die somit zur Verdeutli- Kapiteln gibt.
chung beitragen und die Lektüre keines- Mit dem angesichts heterogener Klassen
wegs langweilig werden lassen, sehr gut sehr aktuellen Thema »Differenzierung«
veranschaulicht. Zuletzt gibt es noch setzt sich das vierte Kapitel auseinander.
Aufgaben zur Vertiefung, die dem Leser Ausgehend von der Forderung, dass der
die Möglichkeit geben, weitere Theorien »Schüler mit seinen Bedürfnissen in den
kennen zu lernen und zur weiteren Aus- Mittelpunkt« (67) des Unterrichts gestellt
einandersetzung mit dem Thema anre- werden sollte, liegt der Fokus vornehm-
gen. lich auf den einzelnen Aspekten der
Nach dem einleitenden ersten Kapitel inneren Differenzierung, aber auch die
beschäftigt sich das zweite mit dem äußere findet ausreichende Beachtung.
Prinzip »Strukturierung«. Dabei wird im Als Konsequenz dieses Prinzips ergibt
Definitionsteil darauf hingewiesen, dass sich die Forderung nach »Formen indivi-
Entscheidungen bezüglich des Unter- dueller Leistungsmessung« (84), hierbei
richtsaufbaus von mehreren Umständen wird besonders die »Portfolio-Methode«
abhängig sind; genannt werden »Ziele«, favorisiert.
235

Kants Aussagen zur menschlichen Er- schaffen. Der starke Bezug zur Unter-
kenntnis leiten in Kapitel 5 zur Bespre- richtspraxis ist dabei besonders positiv
chung des Prinzips der »Veranschauli- hervorzuheben. Es ist daher als Einfüh-
chung« ein. Hierbei werden die Dual rungslektüre uneingeschränkt zu emp-
Coding Theory nach Paivio, die Kogniti- fehlen.
onstheorie Piagets, die Repräsentations-
formen des Wissens nach Bruner sowie
das genetische Lernen nach Wagenschein
vorgestellt, letzteres für Studienanfänger Kindt, Tom; Köppe, Tilmann (Hrsg.):
eher schwer zu verstehen. Genauer wird Moderne Interpretationstheorien. Ein
sich mit dem Einsatz von Beispielen und Reader. Göttingen: Vandenhoeck & Rup-
Analogien auseinandergesetzt, wobei recht, 2008 (UTB 3101). –– ISBN 978-3-
eine klare Definition von »Analogie« 8252-3101-9. 288 Seiten, €€ 16,90
leider fehlt. Äußerst hilfreich sind hinge-
(Thomas Keith, Karlsruhe)
gen die klaren Hinweise zur Umsetzung
von Veranschaulichung im Unterricht. Dieser Band will einen systematisch zu-
Aufgrund der Komplexität des Begriffes sammengestellten Überblick über die in-
»Kreativität« ist eine Definition dessel- terpretationstheoretische Debatte der letz-
ben schwierig, aber durch eine nähere ten 50 Jahre geben; implizit sind daraus
Betrachtung der Einflussgrößen des krea- Ansprüche an eine moderne Interpretati-
tiven Prozesses (Person/Persönlichkeit, onstheorie abzuleiten. Elf Beiträge wur-
Problem/Problemstellung, Umwelt/Pro- den dazu versammelt, fünf davon erschei-
blemumfeld) schafft das sechste Kapitel nen hier erstmals in deutscher Überset-
eine gute Annäherung an das Unter- zung, angefertigt von den Herausgebern.
richtsprinzip »Kreativitätsförderung«. In Jedem Aufsatz ist eine kurze Einleitung zu
diesem Kapitel wird allerdings beson- seiner Einordnung vorangestellt, Quer-
ders deutlich, dass die Realisierung man- verbindungen zwischen den einzelnen
cher Vorschläge auch von einer entspre- Beiträgen werden in diesen Einleitungen
chenden finanziellen Ausstattung und leider wenige gezogen.
einem guten Unterrichtsklima abhängt, Vorgeschaltet haben die Herausgeber eine
das zu schaffen nicht immer allein vom weit ausgreifende, gehaltvolle Einleitung,
Lehrer zu bewerkstelligen ist. in der sie einführend Einblick in grundle-
Das letzte Kapitel nimmt sich des The- gende Aspekte, Fragen und Modelle der
mas »Übung« an, dabei werden verschie- Interpretationstheorie geben. Zu Anfang
dene Übungstypen und Formen des weisen sie auf die Ubiquität und Vielfäl-
Übens vorgestellt. Für die Praxis beson- tigkeit des Begriffs der Interpretation hin,
ders hilfreich sind hierbei die »Empfeh- was eine vorgängige Begriffsklärung not-
lungen für erfolgreiches Üben« (159 ff.), wendig macht: In diesem Zusammenhang
während der Versuch der Rechtfertigung soll ein technischer, nicht ein erkenntnis-
des Übens durch den Verweis auf andere theoretischer Begriff von Interpretation
Disziplinen nicht nötig gewesen wäre. zugrunde gelegt werden. Interpretation
Alles in allem handelt es sich aber um ein also als regelgeleitetes Verfahren –– unter
gut lesbares und leicht verständliches diesem Gesichtspunkt lassen sich die
Buch, das immer wieder erfolgreich ver- Texte des Bandes in drei Kategorien eintei-
sucht, Verbindungen zwischen den ein- len: Fragen nach den Regeln, Überblick
zelnen Kapiteln und damit zwischen den über unterschiedliche Regeln und Kritik
einzelnen Unterrichtsprinzipien zu an einer solchen Idee von Interpretation.
236

Die Einleitung geht Interpretation hand- theorie aus einem Lehrbuch für Argu-
lungstheoretisch an und liefert aus die- mentations- und Wissenschaftstheorie
sem Blickwinkel »ein[en] detaillierte[n] der Universität Oslo (Dagfinn Føllesdal
Überblick über Aspekte des Interpretie- u. a.) würde ich beides bestreiten. Das
rens und Typen von Interpretationstheo- Ziel dieses Textes ist es, Kriterien aufzu-
rien« (18). Damit sollen zwei Modelle zur stellen, mit denen geprüft werden kann,
Analyse und Klassifikation interpretati- wie gut begründet eine Hypothese ist; die
onstheoretischer Ansätze ergänzt wer- Methode dazu soll hypothetisch-deduk-
den, nämlich das von Harald Fricke (18–– tiv sein. Mit gezwungen, zum Teil auch
20) bzw. das von Lutz Danneberg/Hans banal wirkenden Schematisierungen und
Harald Müller (20). Systematisierungen soll Wissenschaft-
Fragt man nach der Zuordnung der lichkeit nach naturwissenschaftlichem
Aufsätze dieses Bandes zu literaturtheo- Vorbild generiert werden. Die Aufnahme
retischen Ansätzen oder Richtungen, so dieses Textes scheint begründet in der
lassen sich Werkimmanenz (Emil Stai- Vorliebe der Herausgeber für das Para-
ger), Hermeneutik (Hans-Georg Gada- digma der analytischen Philosophie. Sie
mer), Dekonstruktion (Barbara Johnson), beschäftigt sich mit Begriffsklärungen
Semiotik (Umberto Eco) und Empirische (zu »Bedeutung« oder »Interpretation«) ––
Literaturwissenschaft (Siegfried J. hier vertreten durch Jeffrey Stout, eigent-
Schmidt) nennen. Über die Hälfte der lich Religionswissenschaftler in Prince-
Texte sind aber metatheoretisch angelegt ton, der laut den Herausgebern Grundle-
oder lassen sich nicht einwandfrei einem gendes zur Interpretationstheorie zu sa-
bestimmten Ansatz zuschlagen. Außer- gen hat, oder Stein H. Olsen von der
dem gibt es umgekehrt Ansätze ohne Universität Bergen; oder sie ventiliert
»eigenständige Interpretationskonzep- Theoreme wie z. B. den interpretations-
tion« (z. B. Diskursanalyse, Gender Stu- theoretischen Intentionalismus, der in
dies). Das nehmen die Herausgeber zum zwei Artikeln, von Robert Stecker, einem
Anlass, das »ansatzbezogene [……] Verfah- der »wichtigsten Vertreter [……] der gegen-
ren [……] der Zuordnung« generell zu wärtigen angloamerikanischen Ästhetik«
kritisieren (21). (130), und von Stein H. Olsen themati-
Im Rahmen dieser Rezension kann nicht siert wird. Besonders liegen Kindt/Köppe
auf alle Beiträge des Bandes eingegangen offensichtlich skandinavische Vertreter
werden. Über die Auswahl, die die Her- dieses Paradigmas am Herzen –– neben
ausgeber getroffen haben, kann man –– den beiden genannten kommt noch der
und soll man wahrscheinlich auch –– schwedische Philosoph Göran Hermerén
staunen. Denn neben oben bereits ge- zu Wort.
nannten kanonischen Vertretern der In- Wie der Text von Føllesdal u. a., so zeich-
terpretationstheorie wurde einiges auf- net sich auch der einem entgegengesetz-
genommen, bei dem die Frage auf- ten Paradigma angehörende von Barbara
kommt, ob es in diesem Zusammenhang Johnson durch didaktische Klarheit und
wirklich gebraucht wird: Ist der Beitrag Strukturiertheit aus. Der Aufsatz stellt die
repräsentativ oder innovativ, zeugt er Frage nach der Lehr- oder Vermittelbar-
also von einer bestimmten Strömung in keit der Dekonstruktion, indem dekon-
der Interpretationsdiskussion, oder struktivistische Fragetechniken und Lek-
bringt er etwas Neues in diese Diskus- türevolten an Beispielen (von mal größe-
sion? Für das Kapitel zu wissenschafts- rer, mal geringerer Aussagekraft) demon-
theoretischen Grundlagen der Literatur- striert werden. Ausführlich vorgeführt
237

wird das Eindringen allegorischer Struk- Laster der Interpretation! Bekämpfen Sie
turen in literarische Texte, so dass ihre das noch häßlichere Laster der richtigen
Lektüre zwischen Wörtlichkeit und Wört- Interpretation!«, verspricht einen süffig
lichkeit bestreitender Allegorese oszilliert geschriebenen und pointiert formulieren-
und darin wesentlich ambivalent bleibt. den polemischen Text –– ähnlich dem ihm
Sehr sympathisch wirkt Johnsons ange- vorangehenden prominenten »Gegen In-
sichts der verschiedenen modischen kul- terpretation« von Susan Sontag. Doch im
turwissenschaftlichen Öffnungen der Li- Gegenteil strapaziert er Geduld und Auf-
teraturwissenschaft heute altmodisch an- merksamkeit seiner Rezipierenden durch
mutendes einleitendes Plädoyer für ei- seine Langatmigkeit und ein mit der Zeit
nen Literaturunterricht, der lehrt, »wie enervierendes Wissenschaftspathos, das
man liest, was die Sprache tut, anstatt zu an den Naturwissenschaften ausgerichtet
raten, was sich der Autor gedacht haben ist und sich z. B. in der Einführung von
mag; wie man erfasst, welche Belege eine Zeichen wie ki für »literarisches Kommu-
Buchseite zu bieten hat, anstatt zu versu- nikat« ausdrückt. Schmidt, der sich seit
chen, sie durch eine andere Realität zu den 70ern um die Konzeption der Litera-
ersetzen« (84). turwissenschaft als empirisch orientierter
Von Umberto Eco bringt der Band eine Sozialwissenschaft bemüht, argumentiert
1986 an der Universität Konstanz gehal- gegen (traditionelle) Interpretation, da sie
tene Vorlesung, die einen Überblick über Teilnahme an literarischen Kommunikati-
seinen Interpretationsansatz gibt. Der ist onsprozessen bedeutet, die Aufgabe der
zum einen wirkungsästhetisch ausge- Wissenschaft aber deren Beobachtung sei.
richtet: Texte werden als strategische Zusammengefasst lässt sich für an Inter-
Kompositionen gelesen, die einen Ande- pretationstheorie Interessierte viel
ren einbeziehen wollen; zum anderen Brauchbares in diesem Band finden,
lehnt er eine Radikalisierung rezeptions- umso mehr, wenn sie Freunde angloame-
ästhetischer Positionen im Poststruktura- rikanisch geprägten Denkens sind. We-
lismus, Konstruktivismus und in der gen der Eigenwilligkeit in der Auswahl
Empirischen Literaturwissenschaft ab, der Beiträge wird Moderne Interpretations-
indem er Bedeutungszuweisungen an theorien wohl kaum zu einem Standard-
den Text einschränken will. Eco nimmt kompendium werden; für eine Einfüh-
dazu eine kommunikationstheoretische rung sind ungefähr die Hälfte der Texte
Perspektive ein, die er mit normativen zu speziell oder zu kompliziert gehalten.
Ansprüchen verbindet: Es ließen sich
zumindest Kriterien für die Falsifizier-
barkeit von Interpretationen angeben.
Der hier präsentierte Text ist allerdings Klawitter, Arne; Ostheimer, Michael:
nur für Eingeweihte gänzlich nachvoll- Literaturtheorie –– Ansätze und Anwen-
ziehbar, da Eco einen Schwindel erregen- dungen. Göttingen: Vandenhoeck &
den und großes Vorwissen voraussetzen- Ruprecht, 2008 (UTB 3055). –– ISBN 978-3-
den Überblick über Literatur- und Inter- 8252-3055-5. 360 Seiten, €€ 17,90
pretationstheorien gibt, sie dabei amalga-
(Thomas Keith, Karlsruhe)
miert und parallel seine eigene Entwick-
lung und Theoriebildung erklärt. Eine »zwiespältige Lage« der Literatur-
Der Titel von Siegfried J. Schmidts Beitrag, theorie konstatiert die Einleitung: Einer-
den er von Hans Magnus Enzensberger seits ist sie fest in universitären Curricula
übernahm, »Bekämpfen Sie das häßliche verankert, andererseits wird in letzter
238

Zeit immer wieder ihr Ende beschworen. gegenwärtig an deutschsprachigen Uni-


Schuld daran ist die »medienkulturwis- versitäten unterrichteten literaturtheore-
senschaftliche Herausforderung (Erwei- tischen Wissens präsentiert« (10), und
terung des Gegenstandsbereichs, Global- setzt dabei Grundkenntnisse in der Lite-
paradigma ››Medien‹‹ und ››Kultur‹‹ statt raturwissenschaft voraus. Die verschie-
klar abgrenzbarer Ansätze)« (7), auf die denen literaturtheoretischen Ansätze
diese Publikation reagieren will. Ihr An- werden historisch und systematisch dar-
spruch ist eine »Vermittlung von integra- gestellt; die Praxisorientierung wird ge-
tivem theoretischen Grundwissen«: »die währleistet durch anschließende Anwen-
Prämissen, die Terminologie, den wissen- dungen der Theorien. Als Objekte dazu
schaftsgeschichtlichen Ort und die wurden drei kürzere Prosa-Texte ausge-
grundlegende Argumentationsstruktur wählt: Heiner Müllers Der Mann im Fahr-
derjenigen Ansätze, welche zentrale Be- stuhl, ein Text mit kafkaesken, alptraum-
schreibungs- und Erschließungsinventa- haften Zügen und einem exotistischen
re von Literatur als Literatur bereitstel- Ausstieg; Edgar Allan Poes Der entwen-
len« (8) –– angesichts einer »fortschrei- dete Brief, durch Lacans Interpretation
tende[n] Orientierungslosigkeit« »durch und Derridas Entgegnung darauf bereits
Überkomplexität und die Auflösung des zu theoretischer Prominenz gelangt; und
spezifisch Literarischen« (7). das ebenfalls an Kafka erinnernde kanni-
Warum wurden dann aber New Histori- balistisch-paranoide Tagebuch eines Ver-
cism und Postkolonialismus in diese rückten (1918) von Lu Xun, dem chinesi-
Sammlung aufgenommen? Beide sind schen Autor des 20. Jahrhunderts. Die
kulturwissenschaftliche Lieblingsspiel- Texte, die das Prinzip der Modernität
wiesen, auf denen das »spezifisch Litera- vereint, entstammen verschiedenen Epo-
rische« nicht mehr gesucht wird. Ähnli- chen und kulturellen Kontexten, womit
che Skepsis könnte den ebenfalls hier das Kompendium seinen komparatisti-
vertretenen psychoanalytischen sowie fe- schen Anspruch untermauert. Lu Xun
ministischen Literaturwissenschaften wurde aufgenommen, um den weltlitera-
entgegengehalten werden; in Bezug auf rischen Kanon entsprechend zu erwei-
die psychoanalytische Literaturwissen- tern.
schaft spricht Arne Klawitter diese Skep- Für den Umgang mit der Vielfalt des
sis in seinem thematischen Beitrag dar- Spektrums von Theorien setzen sich Kla-
über auch an. witter/Ostheimer »[a]nstatt eines additi-
Literaturtheorie wird in der Einleitung ven ››Methodenpluralismus‹‹, der die me-
weiters praxisorientiert-funktional defi- thodologische Vielfalt der Ansätze auf
niert als »Türöffner für literarische Texte ein vermittlungsloses und unübersichtli-
und das Gespräch über dieselben« (8), ches Arrangement reduziert, [……] einen
um Vorbehalte gegen eine Übertheoreti- reflektierten, d. h. untereinander vernetz-
sierung von Literatur –– théorie pour la ten ››Pluralismus als Methode‹‹« zum Ziel
théorie –– auszuräumen. Literaturtheorie (11).
sehen die Autoren mit aufklärerischem Die Darstellung der Hermeneutik, die
Anspruch als Element kritischen Den- den Reigen eröffnet, beginnt kurz mit der
kens zur »Loslösung von übernommenen antiken Hermeneutik und geht dann
Denk- und Überzeugungsstrukturen« ausführlich auf die zentralen Figuren
(9). Schleiermacher, Dilthey, Heidegger, Ga-
Der Band ist gedacht als »Überblicks- damer, Szondi und Ricœœur ein. Die Er-
kompendium, das den Kernbestand des läuterungen werden stark in der Philoso-
239

phie- und Ideengeschichte fundiert –– das Hermeneutik, dem Widerpart in zahlrei-


wird sich als Charakteristikum durch die chen Polemiken, wird hervorgehoben:
meisten Kapitel durchziehen; so geht es Analyse »de[r] Möglichkeitsbedingun-
bei der anschließenden Sozialgeschichte gen von Bedeutung bzw. [……] de[r] für die
mit ihrer Kernfrage nach der Vemittlung Bedeutung eines Textes konstitutiven Si-
von Literatur und Gesellschaft über He- gnifikationsprozesse [……]« vs. Deutung
gel und Marx/Engels zu Lukács und eines Textes (135). Ein pluraler, integrati-
Adorno. ver Blick auf die Methoden, der hier
Die Rezeptionsästhetik wird vergleichs- vorgeschlagen wird, sieht die Möglich-
weise knapp abgehandelt. Wolfgang keit weiterer Deutungen –– hermeneuti-
Isers Theorie des Lesens tut Michael scher, sozialgeschichtlicher, dekonstruk-
Ostheimer im Anwendungsteil ziemlich tiver –– im Anschluss an eine Strukturana-
unvermittelt als nicht operationalisierbar lyse.
ab, während er mit Hans Robert Jauߒ’ Die Anwendung zum Mann im Fahrstuhl
Spielart der Rezeptionsästhetik die Re- liest sich recht schulmäßig (das kann
zeptionsgeschichte der Texte untersucht. generell über viele der Anwendungen
Ob das dem in der Einleitung formulier- gesagt werden, mag aber für eine Einfüh-
ten Anspruch an Literaturtheorie, die Tür rung gar kein Mangel sein, wird doch so
zu literarischen Texten zu öffnen, genü-
das methodische Vorgehen möglicher-
gen kann? Mit der Rezeptionsgeschichte
weise klarer). Zum Entwendeten Brief
ist man doch noch nicht im literarischen
wird Lacans Interpretation referiert, die
Text angekommen.
den »Text als Allegorie für seine psycho-
Anschließend wird die Intertextualitäts-
analytische Theorie« (141) nimmt. Im
theorie mit zwei Hauptrichtungen vorge-
Kapitel zur psychoanalytischen Litera-
stellt: einer poststrukturalistischen (Kris-
turwissenschaft wird dann nochmals
teva unter (zweifelhafter) Berufung auf
darauf verwiesen. In den Anwendungen
Bachtin), deren Ziel eine Sinnzerstreuung
der Dekonstruktion wird Derridas Kritik
ist, und einer hermeneutisch-strukturali-
an Lacan –– Stichwort »Phallozentrismus«
stischen (Karlheinz Stierle, Gérard Ge-
nette), die eine Sinnpotenzierung anzielt. –– paraphrasiert. Da Lacan und Derrida
Stierle wendet sich gegen Kristevas »text- auch als Beispiele für die Rezeptionsge-
ideologisches Konzept«, und Klawitter/ schichte des Textes vorgestellt wurden,
Ostheimer, die sonst nur behutsam wer- wirft Lacan hier insgesamt einen zu
ten und selten Partei ergreifen, folgen langen Schatten.
ihm. Die Diskursanalyse wird sehr ausführ-
Der Strukturalismus, mit Jan Mukaìov- lich behandelt: Nach einer ersten Darstel-
ský als »noetischer Standpunkt« profi- lung handelt Klawitter in einem zweiten
liert, wird an Hand von Deleuzes Woran Durchgang noch detailliert die Literatur-
erkennt man den Strukturalismus? ver- ontologie Foucaults ab. Insgesamt sind
ständlich gemacht. Kurz und klar wird die Ausführungen sehr fachkundig und
zwischen Strukturalismus und Post- geben gegen den inflationären und oft
strukturalismus differenziert. Die Be- unzutreffenden Gebrauch des Diskursbe-
schreibung der einzelnen Phasen der griffs das ursprüngliche Foucaultsche
strukturalen Textanalyse, vor allem an Konzept wieder sowie die Rolle der
der Entwicklung von Roland Barthes, ist Literatur darin, die entsprechenden An-
etwas langatmig und stellenweise redun- schlussmöglichkeiten und Schwierigkei-
dant geraten. Der Hauptunterschied zur ten für die Literaturwissenschaft wie
240

auch deren eingeengte Rezeption der immer noch von der deutschen Sprache
Foucaultschen Vorgaben. und Literatur begeistert und möchte sich
Verständlich gemacht wird auch die De- einen spannenden Einblick in die neuere
konstruktion, wenn auch eine stärkere Literaturwissenschaft gönnen.
Lösung von den suggestiven und bereits Der Autor des Studienbuches ist Profes-
jargonisierten Derridaschen Begriffsprä- sor für Deutsche Literatur des 17. bis 19.
gungen einiges hätte noch verdeutlichen Jahrhunderts in Hannover und be-
können. Paul de Mans »eigenständige[r] schreibt in 14 Kapiteln das, was die
Entwurf der Dekonstruktion« wird ge- Literaturwissenschaft seit ungefähr drei-
bührend gewürdigt. Außergewöhnlich ßig Jahren unter literarischer Anthropo-
ausführlich kommt auch die Kritik an der logie versteht: Es geht um eine Kombina-
Dekonstruktion zu Wort. tion von psychologischen und ethnischen
Selbstverständlich kann man darüber Fragestellungen, wobei die betreffende
streiten, welche Ansätze nicht hätten Ethnie der Mensch an sich ist. Die The-
aufgenommen werden müssen (siehe men, die im Mittelpunkt dieses For-
oben) und welche fehlen. Es sei nur kurz schungsansatzes stehen, sind Liebe und
angemerkt, dass die Systemtheorie nicht Sexualität, Reisen, Erziehung, sind aber
vorkommt und die Semiotik (an Barthes) auch und gerade die Grenzbereiche des
ziemlich kurz im Zusammenhang mit menschlichen Daseins wie Verbrechen,
dem Strukturalismus (als dessen semio- Träume, Wahnsinn, Kunst.
logische Phase) abgehandelt wird –– die Bevor ein konkretes Beispiel gegeben
Namen Luhman und Lotman sucht man werden soll, muss der äußerst struktu-
im Personenregister vergeblich. rierte Aufbau des Buches dargestellt und
Insgesamt kann das Buch allen, die einen gewürdigt werden: Jedes Thema setzt
vertieften Einblick in Literaturtheorie(n) mit einer Abbildung ein, die die Proble-
gewinnen wollen, empfohlen werden. matik und die zeitgenössische Auseinan-
dersetzung mit ihr verdeutlicht. Neben
Schriftstellern werden hierbei auch Psy-
chologen, Mediziner und Forscher ande-
Koššenina, Alexander: rer Disziplinen berücksichtigt. Im Fol-
Literarische Anthropologie. Die Neu- genden werden dann anhand von zwei
entdeckung des Menschen. Berlin: Aka- oder drei Vertretern deren Standpunkte
demie, 2008 (Akademie Studienbücher). und literarische Auseinandersetzungen
–– ISBN 978-3-05-004419-4. 256 Seiten, dargestellt. Die besprochenen Autoren
€€ 19,80 sind unter anderem Rousseau und Hum-
boldt, Schiller und Lessing, Moritz und
(Claudia Bolsinger, Hamburg)
Kleist, und immer wieder Goethe. Die
Als Lehrer beschäftigt man sich mit wichtigsten Aspekte des Textes werden
Fachliteratur vor allem, um praktische am Rand durch Stichwörter hervorgeho-
Hinweise für den eigenen Unterricht zu ben, so dass der Leser/Student sich leicht
bekommen. Alles, was den Unterricht orientieren kann. Am Ende jedes Kapitels
besser, effektiver, leichter macht, ist sehr stehen Fragen und Anregungen, die zur
willkommen. Der vorliegende Band passt weiteren Auseinandersetzung, vielleicht
nicht in dieses Raster, es sei denn, man zu Hausarbeitsthemen anregen sollen.
unterrichtet Germanistikstudenten oder Die anschließenden Lektüreempfehlun-
bereitet auf das Große Deutsche Sprachdi- gen und Hinweise auf die Forschungsli-
plom vor. Oder ist in seinem Herzen doch teratur sind konzentriert und kommen-
241

tiert. Auch hierfür wird ein Student sehr dien zur Mehrsprachigkeit aus. Das vor-
dankbar sein. liegende Buch ist die Zusammenfassung
Der letzte Teil trägt den sehr modern einer Forschungsarbeit, für die die
klingenden Titel »Serviceteil« und bietet Sprachwissenschaftlerin Krausneker mit
weitere Literaturangaben zu Quellentex- diesem Preis prämiert wurde. Die Auto-
ten und einen Überblick über relevante rin ist nicht nur seit Jahren als Expertin
Bibliographien, Lexika, Zeitschriften, zur (österreichischen) Gebärdenspra-
aber auch Hinweise auf Bilddatenban- chenpolitik bekannt, sondern darüber
ken. Zu jedem Autor gibt es eine weitere hinaus durch ihre Vorstandstätigkeit im
Literaturliste. Im Anhang wird dann die Österreichischen Gehörlosenbund
benutzte Fachliteratur aufgelistet. Ein (ÖGLB) eng mit der Gebärdensprachge-
Personenregister und ein Glossar runden meinschaft verbunden. Mit diesem Band
dieses kompakte und sehr interessante legt sie eine einzigartige Untersuchung
Studienbuch aus der Reihe Literaturwis- zur sozialen und (sprachen)politischen
senschaft im Akademie Verlag ab. Situation Gehörloser in Österreich vor
Ein Beispiel aus der Vielzahl der darge- und stellt diese zugleich in einen interna-
stellten Themen soll herausgegriffen wer- tionalen Kontext. Sie gibt damit allen, die
den: Anhand von Büchners Woyzeck zeigt sich mit der sehr komplexen Thematik
Koššenina, wie sehr bei Büchner die Dis- auseinandersetzen wollen, einen guten
kussionen um den gesellschaftlich, so- ersten Überblick.
zial, historisch und biologisch geprägten Detailliert zeichnet Krausneker etwa den
Menschen zugunsten eines Interesses am langen und beschwerlichen Weg von der
Menschlichen an sich zurücktreten. ersten, im November 1991 auf der 19.
Koššenina sieht Büchner in einer Reihe österreichischen Linguistiktagung erar-
mit Schnitzler und Wedekind als einen beiteten Petition bis zur tatsächlichen
Autor, der »das vehemente Interesse an Anerkennung der Österreichischen Ge-
einer Menschennatur, der nichts Mensch- bärdensprache (ÖGS) als eigenständiger
liches fremd ist« (217), vertritt. Sprache (im Artikel 8 Abs. 3 der Bundes-
Wer einen Blick in die moderne Literatur- verfassung) durch einen Parlamentsbe-
wissenschaft tun möchte, dem sei dieser schluss vom 6. Juli 2005 nach (134 ff.).
Band empfohlen. Studenten werden ihn Bleibt zu hoffen, dass der verfassungs-
ohnehin zu schätzen wissen. rechtlichen Anerkennung der ÖGS in den
nächsten Jahren auch entsprechende bil-
dungssprachenpolitische Schritte folgen
werden.
Krausneker, Verena: Wie für alle Sprachminderheiten in
Taubstumm bis gebärdensprachig. Die Österreich ist Deutschkompetenz auch
österreichische Gebärdensprachge- für gehörlose Gebärdensprachige als Ba-
meinschaft aus soziolinguistischer Per- sis für ihre gesellschaftliche Partizipation
spektive. Klagenfurt: Drava, 2006. –– ISBN an der Mehrheitsgesellschaft und für ihre
978-3-85435-475-8. 192 Seiten, €€ 16,00 berufliche Zukunft entscheidend. Die
Autorin weist darauf hin, dass die offen-
(Ulrike Eder, Wien)
sichtlichen sinnlichen Barrieren gehörlo-
Jedes zweite Jahr schreibt das Amt für ser Menschen beim Erwerb der deut-
Zweisprachigkeit und Fremdsprachen schen Sprache und die gleichzeitige Exis-
der Autonomen Provinz Bozen einen tenz einer vollfunktionalen gebärdeten
internationalen Preiswettbewerb für Stu- Sprache bisher aber leider nicht zur
242

Entwicklung und Etablierung einer Er- Lippenlesen und auf das für Gehörlose
folg versprechenden Strategie zur spezi- äußerst zeitraubende und zudem oft
fischen Vermittlung der Zweitsprache wenig zielführende Artikulationstrai-
Deutsch an Gebärdensprachige geführt ning lenkt damit von wesentlichen Un-
haben (31). Für die Gehörlosen hat das terrichtszielen ab. Gravierende Kommu-
fatale Folgen: Studien belegen ihre oft nikations- und Wissensdefizite sind die
unzureichende und nicht altersgemäße direkte Folge dieser ineffizienten Unter-
Lese- und Schreibkompetenz sowie einen richtssprachenpolitik.
meist geringen Wortschatz. Häufig muss Um dem entgegenzuwirken, muss zu-
sogar von funktionalem Analphabetis- nächst der nun auch verfassungsrechtlich
mus ausgegangen werden (34 f.). anerkannten Tatsache Rechnung getra-
Krausneker vermittelt gut nachvollzieh- gen werden, dass ÖGS eine voll funkti-
bar, dass eine wesentliche Ursache dafür onsfähige, eigenständige Sprache dar-
in einer fast ausschließlich lautsprachli- stellt und dass gehörlose Gebärdenspra-
chen und damit in hohem Maße ungeeig- chige damit wie andere Sprachminder-
neten schulischen Bildung liegt, und be- heiten in Österreich die Deutsche Spra-
legt dies durch entsprechende wissen- che als Zweitsprache erlernen.
schaftliche Untersuchungen zur Sprach- Die dargestellten Unterschiede zwischen
kompetenz Gehörloser. Die Autorin gibt hörenden und gehörlosen DaZ-Lernen-
zu bedenken, dass bei der Konzeption den sollten bei der Konzeption spezifi-
eines geeigneten Deutsch-als-Zweitspra- scher DaZ-Curricula und im Hinblick auf
che-Unterrichts für gehörlose Lernerin- die Erstellung adäquater Unterrichtsma-
nen und Lerner deren besondere Lern- terialien für die Zielgruppe unbedingt
voraussetzungen berücksichtigt werden berücksichtigt werden. Bis zum Erschei-
müssten: Sie verfügen über »wenig bis nen des Bandes gab es noch keine solchen
keine gehört-gesprochenen Kompeten- DaZ-Materialien (90). Mit der Aufnahme
zen in Deutsch« und haben außerdem der beiden Bände »Deutsch Lernpro-
»keine Schriftkompetenzen in ihrer Erst- gramm –– Grundbausteine der deutschen
sprache ÖGS«, weil diese keine geschrie- Grammatik« von Margret Pinter (2004) in
bene Sprache darstellt (61). Auch die die Volks- und Sonder-Schulbuchliste für
Ziele des DaZ-Unterrichts müssen im das Schuljahr 2007/2008 wurde hier mitt-
Hinblick auf diese Zielgruppe überdacht lerweile ein wichtiger erster Schritt ge-
werden. Als spezifische Zielkompeten- setzt. Eine Ausgabe dieses in jahrelanger
zen stehen hier Lese- und Schreibkompe- Entwicklungsarbeit erprobten Lehrwer-
tenz klar im Vordergrund: kes wurde speziell für gehörgeschädigte
»Geschriebene Repräsentationen von Laut- Lernende konzipiert.1
sprachen (also Schriftsprachen) bieten ge- Zusätzlich bedarf aber auch der Lehrplan
hörlosen Kindern den direktesten –– weil für das Fach Deutsch einer dringenden
barrierefreisten –– Weg zu einer Lautsprach- Revision, damit an österreichischen Ge-
kompetenz. Im Gegensatz dazu kann vom hörlosenschulen Sprachunterricht nicht
Mund ablesen und erkennen lernen, welche
Mundform welchen Buchstaben der Laut- länger mit Sprechtraining gleichgesetzt
sprache darstellt, keinesfalls als Sprach- wird (vgl. 87).
kompetenz angesehen werden, denn In- Ideale Bedingungen zur Förderung der
halte und Grammatikwissen erschließen gesamten Kommunikationsfähigkeit Ge-
sich dadurch nicht.« (54) hörloser –– und damit auch für das Erler-
Die in Österreich übliche weitgehende nen der Zweitsprache Deutsch –– bietet
Reduktion der Sprach(en)bildung auf die »bilinguale Methode«, bei der Laut-
243

sprache und nationale Gebärdensprache Anmerkung


als gleichwertige Kommunikationsme- 1 Ich verdanke diesen Hinweis Dr. Verena
dien im Unterricht Verwendung finden. Krausneker (Juli 2007). Karl-Heinz Pfer-
dekämpfer von der Fachkommission
Voraussetzung dafür ist, dass mehrere »Lehr- und Lernmittel für den Unterricht
gebärdensprachige Kinder eine Klasse Hörgeschädigter an Schulen für Hörge-
besuchen und dass für beide Sprachen schädigte und an allgemeinen Schulen«
Lehrkräfte vorhanden sind, die diese empfiehlt die Verwendung dieses Lehr-
Sprache(n) perfekt beherrschen. Zusätz- werkes, das »sehr wirkungsvoll im Auf-
bau der grammatikalischen Kompetenz
lich werden die beiden Sprachen (Laut- hörgeschädigter Schüler eingesetzt wer-
und Gebärdensprache) in eigenen Fä- den« kann (http://www.zum.de/Faecher/
chern unterrichtet (81 f.). Diese Methode So n d e r / BW / h g /k m k /a u s s a g e n /p in -
konnte sich etwa in Schweden bereits in ter.htm).
allen Schulen für Gehörlose durchsetzen.
Auch in Österreich gab es schon erste Literatur
bilinguale Schulversuche, einer davon Krausneker, Verena: Viele Blumen schreibt
wurde von Krausneker im Rahmen ihrer man »Blümer«. Soziolinguistische Aspekte
Dissertation (2004) ausführlich doku- des bilingualen Wiener Grundschul-Modells
mentiert (vgl. auch 96 ff.). Hier wird mit Österreichischer Gebärdensprache und
Deutsch. Seedorf: Signum, 2004.
einmal mehr die direkte Korrelation zwi-
schen der Förderung der im Unterrichts-
zusammenhang vorhandenen Sprachen
und der Literarität in der Zweitsprache Krech, Eva-Maria; Stock, Eberhard;
deutlich. Sowohl die hörenden Lernerin- Hirschfeld, Ursula; Anders, Lutz Chris-
nen und Lerner als auch die gehörlosen, tian:
gebärdensprachigen Schüler der von Deutsches Aussprachewörterbuch. Ber-
Krausneker analysierten bilingualen lin: de Gruyter, 2009. –– ISBN 978-3-11-
Volksschulklasse profitierten dabei vom 018202-6. 1076 Seiten, €€ 149, 95
zweisprachigen Unterricht. Von den hö-
renden Kindern wurde die ÖGS auch als (Julia Settinieri, Bielefeld)
Lernressource genützt, etwa als Recht- Endlich ist es da! –– Entstanden ist das mit
schreib-Lernhilfe oder in der Phase der Spannung erwartete Deutsche Aussprache-
Alphabetisierung (99 ff.). wörterbuch (DWA) im Rahmen des seit
Leider weigern sich in Österreich die 1991 in Halle und Köln laufenden, ausge-
Entscheidungsträger noch immer, solche sprochen aufwendigen Projekts Erfor-
eindeutigen Forschungsergebnisse anzu- schung und Neukodifizierung der deutschen
erkennen und als Basis für bildungspoli- Standardaussprache unter Federführung
tische Entscheidungen zu nehmen. Ge- von Eva-Maria Krech und Eberhard
hörlose werden damit weiter taubstumm Stock, dessen Ziel die Erstellung einer
gemacht. Krausnekers Buch macht dem- neuartigen Ausgabe des Großen Wörter-
gegenüber die Notwendigkeit deutlich, buchs der deutschen Aussprache (Krech
Gebärdensprachigkeit als besondere u. a.) von 1982 war (15––16). Das nun
Sprachkompetenz wahrzunehmen, anzu- erschienene Werk stellt dabei nicht nur
erkennen und im Rahmen eines spezifi- ein aktualisiertes, sondern darüber hin-
schen, auf diese Zielgruppe zugeschnitte- aus deutlich erweitertes Referenzwerk
nen Deutsch-als-Zweitsprache-Unter- dar. Eingegangen in die Kodifizierung
richts zu nützen. sind zum einen empirische Untersuchun-
244

gen zum aktuellen Sprachgebrauch dargestellt sind, werden hingegen ausge-


(Sprechweise), zum anderen –– und das ist spart. Kapitel A.6 erläutert ausführlich
neu –– umfangreiche soziophonetische die phonostilistische Variation in der
Untersuchungen zu deren Bewertung, Standardaussprache und beleuchtet
mit dem Ziel der Erhebung einer »Erwar- überdies vergleichsweise umfangreich
tungsnorm« (Hörerwartung; vgl. 16––17). und differenziert die Aussprache im Ge-
Elizitiert wurden die soziophonetischen sang. Schließlich geht Kapitel A.7 (120––
Bewertungen auf Basis eines Korpus, 223) auf Regeln der Eindeutschung aus
bestehend sowohl aus Nachrichten »im dem Arabischen, Chinesischen, Däni-
konventionellen Stil« (16; Leseausspra- schen, Englischen, Finnischen, Französi-
che) als auch Gesprächen in Talkshows schen, Italienischen, Neugriechischen,
(Spontanaussprache). Damit erfolgt nach Niederländischen, Norwegischen, Polni-
der Fokussierung auf die Klarheit der schen, Portugiesischen, Russischen,
Artikulation zu Beginn der Aussprache- Schwedischen, Slowakischen, Spani-
normierung während des Deutschen schen, Tschechischen, Türkischen und
Reichs, mit der eine präskriptive, auf Ungarischen ein.
Expertenurteil beruhende Norm verbun- Teil B gibt weiter Hinweise zur Standard-
den war, und dem Umschwenken auf aussprache Österreichs und der deutsch-
eine deskriptive, korpusbasierte Norm in sprachigen Schweiz (Teil B und C, 229––
den 50er- und 60er Jahren des 20. Jahr- 277), an die sich das Wörterverzeichnis
hunderts ein erneuter Paradigmenwech- anschließt. Ferner ist das Wörterbuch mit
sel, nunmehr hin zur sozialen Akzeptabi- einer Audio-DVD ausgestattet, die Hör-
lität unterschiedlicher Aussprachefor- beispiele zum Regelteil, allerdings aus-
men. schließlich zur Standardaussprache
Einleitend wird der Begriff der Standard- Deutschlands, enthält. Durch den für ein
aussprache erläutert (Kapitel A.1) und in Wörterbuch außergewöhnlich langen
seinen historischen Kontext eingebettet, Theorieteil von 277 Seiten erfüllt das
wobei auch auf verschiedene ältere Kodi- Buch somit nicht »nur« Wörterbuchfunk-
fizierungen näher eingegangen wird (Ka- tionen, sondern kann darüber hinaus
pitel A.2). Anschließend wird die Struk- durchaus auch als Einführung in die
tur des Wörterteils begründet und be- deutsche Standardaussprache aufgefasst
schrieben (Kapitel A.3) und ein Überblick werden.
über die Regularitäten der deutschen Der exhaustive Wörterteil (283––1076) be-
Standardaussprache gegeben (Kapitel steht aus »ca. 150.000 deutsche[n] und
A.4––5), der sich auf Segmentalia, Phono- eingedeutschte[n] Stichwörter[n]« (V),
taktik sowie Wortakzentuierung konzen- zusammengestellt u. a. auf Basis ein-
triert. Diese Auswahl ist für ein Wörter- schlägiger Wörterbücher sowie Internet-
buch natürlich naheliegend, wobei das suchmaschinen (vgl. 17––18), von denen
zusätzliche Eingehen auf weitere supra- ein auffallend großer Teil internationale
segmentale Aspekte sicherlich auf ein Namen sind, was damit in Zusammen-
ebenso großes Leserinteresse stoßen wür- hang stehen mag, dass sich das Ausspra-
de. Detailliert abgehandelt werden auch chewörterbuch zum Ziel gesetzt hat, »für
Phonem-Graphem-Relationen sowie die Übernahme von Namen und Wörtern
Phänomene der Koartikulation (Reduk- aus anderen Sprachen ein möglichst ein-
tion und Assimilation). Graphem-Pho- heitliches und praktikables System von
nem-Relationen, wie sie z. B. im Duden- Ausspracheregeln [zu] entwickeln, um
Aussprachewörterbuch (2000) umfassend sie in einem nachvollziehbaren und ak-
245

zeptierbaren Ausmaß an das Deutsche zit Bezug genommen wird (z. B. 233 oder
anpassen zu können« (121). In zusätzli- 262), um das Wörterbuch auch für For-
chen Informationskästchen werden im schungszwecke nutzbar zu machen.
Wörterteil exemplarisch Regelhinweise Bemerkenswert sind einige Sonderwege,
zur Aussprache gegeben, die auf den die das Werk geht, wie z. B. die vom Hand-
theoretischen Teil des Wörterbuchs zu- book of the IPA (1999) und gängigen Phone-
rückverweisen und zum »Gelegenheits- tikeinführungen (z. B. Kohler 1995; Pom-
lernen« einladen. pino-Marschall 2009) abweichende Tran-
Ein Adressatenkreis für das Aussprache- skription der Diphthonge (3), das Setzen
wörterbuch wird explizit nicht genannt, von Akzenten vor dem Akzentvokal und
aber es wird ausgeführt, dass die Stan- nicht der Akzentsilbe (5), die Entschei-
dardaussprache für »Berufssprecher im dung, Lautkombinationen aus Vokal und
engeren Sinn in hohem Maße verbind- vokalisiertem <r> aufgrund der phonolo-
lich« (6) sei, »Berufssprechern im weite- gisch zugrunde liegenden Kombination
ren Sinn, wie z. B. Persönlichkeiten, die in aus Vokal und Konsonant nicht als Di-
Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft und Po- phthong zu betrachten (26), die Analyse
litik in der Öffentlichkeit wirken, sowie des ich- und ach-Lauts als zwei Phoneme
Pädagogen aller Fachrichtungen und in statt als Allophone (30) oder auch die Be-
allen Institutionen« (7) »als Empfehlung zeichnung Silbenschwanz anstelle von Sil-
mit größerer Normtoleranz« (7) dienen benkoda (35). Auch lässt es sich bei einem
könne, was auch auf »alle Nichtberufs- Wörterbuch dieses Umfangs nicht vermei-
sprecher [……], die sich aus unterschiedli- den, dass einige methodische Entschei-
chen Gründen für die Standardausspra- dungen oder Transkriptionen nicht un-
che interessieren oder sie verwenden streitig erscheinen. So sind im Wörterver-
wollen« (7), zutreffe. Aus der Struktur zeichnis beispielsweise Homophone wie
des Wörterbuchs ist zudem ableitbar, Arm und arm zu einem Eintrag (hier: Arm)
dass es sich primär um ein Nachschlage- zusammengefasst (18) oder Homographe
werk handelt, das allein schon aufgrund wie damit, das auf der ersten (Pronominal-
seines Umfangs und Preises sicherlich adverb) oder zweiten (Konjunktion) Silbe
eher in Bibliotheken, Unternehmen und akzentuiert werden kann, zwar mit beiden
ähnlichen Institutionen als in privaten Aussprachevarianten, aber ohne Erläute-
Haushalten zu finden sein wird. rung, wann jeweils welche zu nutzen sei,
Die besondere Stärke der vorliegenden aufgeführt. Verwirrend könnte für den
Arbeit liegt in ihrer umfangreichen empi- Nutzer auch sein, dass <ä> und <ö> wie
rischen, insbesondere auch soziophoneti- <a> und <o>, <ü> aber wie <ue> eingeord-
schen Fundierung und im detaillierten net werden (278). Dies sind jedoch ledig-
Eingehen auf Variation in der Standard- lich kleinere Kritteleien, die den Gesamt-
aussprache. Besonders leserfreundlich ist wert des Werkes in keinster Weise schmä-
außerdem, dass die Kapitel auch einzeln lern können.
stehend mit Gewinn gelesen werden kön- Trotz der beeindruckenden geleisteten Ar-
nen. Zusätzlich ist in diesem Zusammen- beit bleibt abschließend festzuhalten, dass
hang positiv hervorzuheben, dass zahlrei- es in der Aussprachenormierung auch
che Literaturhinweise zum Weiterlesen weiterhin beträchtlichen Forschungsbe-
anregen. Wünschenswert wäre, in folgen- darf gibt, insbesondere hinsichtlich der
den Auflagen Quellenangaben überdies folgenden Fragen: Wie sollte sich Aus-
in den Fließtext einzubauen, insbesondere sprachenormierung im Spannungsfeld
zu empirischen Studien, auf die z. T. expli- zwischen Phonetik und Phonologie posi-
246

tionieren, auch um die damit verbundene Kreuder, Hans-Dieter:


Frage nach der notwendigen Enge der Studienbibliographie Linguistik. Mit
Transkription zu klären? Böte die Orien- einer Bibliographie zur Sprechwissen-
tierung an der Allophonebene hier eine schaft von Lothar Berger und Christa M.
mögliche Lösung? Welchen Beitrag könn- Heilmann. 4. Auflage. Stuttgart: Steiner,
te eine stärkere Hinzuziehung akustischer 2008. –– ISBN 978-3-515-08849-7. 288 Sei-
Forschungsergebnisse zur Kodifizierung ten, €€ 20,00
leisten? Und wie ließe sich Intonation ad-
(LesÙaw Tobiasz, Kattowitz / Polen)
äquat kodifizieren? Darüber hinaus sind
die Ergebnisse einer jeden empirisch-de- Die Forschungsarbeit der heutigen Lin-
skriptiven Kodifizierung aufgrund des guisten deckt einen sehr breiten Bereich
permanenten Sprachwandels naturgemäß ab. Neben der Beschreibung des Sprach-
periodisch zu aktualisieren. systems, Geschichte der Sprachen und
Insgesamt geht das vorliegende Werk interlingualer Unterschiede beschäftigen
weit über den relativ engen Fokus eines sie sich mit sprachdidaktischen, sprach-
Aussprachewörterbuchs hinaus und lädt philosophischen, sprachgeographischen,
zu einer Entdeckungsreise in die Welt der soziolinguistischen, psycholinguisti-
Aussprache ein. Es handelt sich um einen schen und vielen weiteren, manchmal
bedeutenden Meilenstein der Ausspra- sehr diversen wissenschaftlichen Proble-
chenormierung, der hoffen lässt, dass men, bei deren Analyse im verstärkten
auch weiterhin Mittel für Anschlusspro- Maße die Erkenntnisse verschiedener
jekte zur Verfügung stehen werden, um Nachbarwissenschaften genutzt werden.
»den Sprechgebrauch und seine Akzep- Die intensiven Forschungsaktivitäten
tanz regelmäßig durch neue empirische schlagen sich in einer unübersehbaren
Untersuchungen zu überprüfen und die Flut von Publikationen nieder. Studienbi-
Kodifikation entsprechend zu überarbei- bliographie Linguistik stellt einen Versuch
ten« (6). dar, in diesem Chaos der linguistischen
Veröffentlichungen eine geordnete Über-
sicht zu verschaffen. Das Buch wurde
Literatur zum ersten Mal im Jahre 1974 herausge-
Kohler, Klaus J.: Einführung in die Phonetik geben und wird nunmehr schon zum
des Deutschen. 2. Auflage. Berlin: Schmidt, vierten Mal aufgelegt, was eine große
1995.
Krech, Eva-Maria; Kurka, Eduard; Stelzig, Nachfrage nach einer solchen Bibliogra-
Helmut; Stock, Eberhard; Stötzer, Ursula; phie zur Sprachwissenschaft beweist.
Teske, Rudi: Großes Wörterbuch der deut- Weil in der Zwischenzeit neue sprach-
schen Aussprache. Leipzig: VEB, 1982. wissenschaftliche Forschungsprojekte
Pompino-Marschall, Bernd: Einführung in realisiert, neue Erkenntnisse gewonnen
die Phonetik. 3. Auflage. Berlin: de Gruy- und logischerweise neue dies dokumen-
ter, 2009.
The International Phonetic Association
tierende Bücher bzw. Artikel geschrieben
(Hrsg.): Handbook of the International Pho- wurden, war es notwendig, diese vierte
netic Association. A Guide to the Use of the Auflage zu erstellen. Diese Aufgabe ha-
International Phonetic Alphabet. Cam- ben die Autoren und ihre studentischen
bridge: University Press, 1999. Hilfskräfte vorbildhaft bewältigt.
Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion Studienbibliographie Linguistik besteht aus
(Hrsg.): Duden. Das Aussprachewörterbuch.
Wörterbuch zur deutschen Standardausspra- sieben Kapiteln, denen das Vorwort zur
che. 4. Auflage. Mannheim: Dudenverlag, ersten und zur vierten Auflage sowie das
2000. Abkürzungsverzeichnis vorangehen. Ka-
247

pitel 1 umfasst allgemeine Hilfsmittel wie modernen Rhetorik reicht. In Kapitel 7


Einführungen in die Linguistik oder findet man das alphabetisch geordnete
sprachwissenschaftliche Handbücher Autorenregister.
und Enzyklopädien, Kapitel 2 führt wie- Die Autoren der Studienbibliographie Lin-
derum die Literatur auf, in der die guistik haben unter der Fülle an sprach-
Grundlagen der modernen Linguistik wissenschaftlicher Literatur dank einer
dargestellt werden. Hier erfährt der Leser sorgfältigen und gut durchdachten Re-
von Titeln, die sich unter anderem mit cherche eine sehr gelungene Auswahl der
der Geschichte der Sprachwissenschaft, wichtigsten und interessantesten Titel
dem Sprachwandel, der vergleichenden getroffen (insgesamt 2062 Einträge). Sie
Sprachwissenschaft, mit den linguisti- behielten dabei im Auge vor allem ihre
schen Theorien und Forschungsmetho- im Vorwort zur ersten Auflage bereits
den befassen. In diesem Kapitel werden erwähnten Zielgruppen des Buches, Stu-
auch Arbeiten zu wichtigen Nachbardis- dienanfänger »sowie [……] alle diejenigen
ziplinen der Sprachwissenschaft wie z. B. in Universität und Schule, die sich in
Logik- und Wissenschaftstheorie aufge- Linguistik einarbeiten oder sich über
listet, ohne die die Konstituierung der einzelne ihrer Teilbereiche einen ersten
modernen Linguistik nicht möglich ge- Überblick verschaffen wollen« (9). Die
wesen wäre. Kapitel 3 ist der Literatur zu einzelnen, von 1 bis 2062 nummerierten
den verschiedenen Untersuchungsebe- Einträge findet der sprachinteressierte
nen der Sprache gewidmet. Die For- Leser ohne große Anstrengung mit Hilfe
schungsfelder reichen von der Analyse des Autorenregisters sowie des klar
der kleinsten Segmente des Sprachsys- strukturierten Inhaltsverzeichnisses und
tems (Phon, Graph) über morphologi- übersichtlichen Aufbaus der einzelnen
sche, syntaktische und lexikalische Struk- Kapitel. Den erfolgreichen Verlauf der
turen bis hin zu den Fragen der Textlin- Titelsuche erleichtert überdies das Zei-
guistik. In Kapitel 4 werden Titel ange- chen (*). Es markiert die Arbeiten, die
führt, in denen die Sprache jeweils unter eine besonders gute Einführung in ein
einem anderen Betrachtungswinkel bestimmtes linguistisches Forschungs-
(historisch, philosophisch, geographisch feld darstellen oder als leicht verständ-
usw.) beschrieben wird. Kapitel 5 enthält lich zur ersten Lektüre empfohlen wer-
Literatur zu Teilbereichen der Sprachwis- den können. Selbständig erschienene Pu-
senschaft, in denen linguistische Er- blikationen sind mit Kurzkommentaren
kenntnisse und Methoden angewendet versehen, was einen schnellen Einblick in
werden. Hier finden sich unter anderem inhaltliche Schwerpunkte der Beiträge
Beiträge über die Angewandte Linguis- ermöglicht. Darüber hinaus werden in
tik, Deutsch als Fremdsprache, Korpus- vielen Kurzkommentaren die einzelnen
linguistik und Neurolinguistik sowie Beiträge in Hinsicht auf ihre Nützlichkeit
über das Verhältnis der Linguistik zur für den Leser kritisch bewertet. In der
Sprachnorm und Sprachkritik. Kapitel 6, Bibliographie führt man hauptsächlich
das gemeinsam von Lothar Berger und die Literatur in deutscher Sprache auf; es
Christa M. Heilmann bearbeitet wurde, fehlt aber nicht an den Bezügen zum
informiert über die Literatur zur Sprech- Englischen (besonders im Kapitel 6) und
wissenschaft, deren Spektrum von den in vereinzelten Fällen auch zum Franzö-
Übersichtsdarstellungen über Stimm-, sischen. So wird von den Autoren des
Sprech- und Sprachstörungen samt ihren Buches der Tatsache Rechnung getragen,
Therapien bis hin zu den Fragen der dass die linguistische Forschung von
248

diesen Sprachen fruchtbringende Anstö- wird viel, aber verlassen kann man sich
ße erhalten hat bzw. weiterhin erhält. auf nichts. Bedauerliche Abstriche sind
Zusammenfassend kann festgehalten zu machen.
werden, dass mit der vierten Auflage der Das Buch beginnt mit der naheliegenden
Studienbibliographie Linguistik ein Buch Frage »Was ist Erzählen?« Das Urver-
auf dem Markt erschienen ist, das außer traute wird plötzlich fremd, wenn man
den Studenten der Germanistik, anderer sich fragt, was man eigentlich tut, wenn
neuerer Sprachen, der Sprachwissen- man erzählt. Das weiß man nur solange,
schaft und deren Nachbardisziplinen wie man nicht danach fragt. Schon die
ebenfalls vielen sprachinteressierten Le- janusköpfige Doppelstruktur des Erzäh-
sern eine verlässliche Einstiegshilfe in die lens ist schwer in den Griff zu bekom-
einschlägige Literatur bietet. Die sinn- men: Verfolgt man das Erzählen als
volle, gründlich durchdachte Zusam- Prozess, so verfehlt man das Ganze, geht
menstellung der linguistischen Beiträge man vom Ganzen aus, so verfehlt man
bezeugt eindrücklich die Qualität der seinen Verlauf. Immerhin ist die Abfolge
von den Autoren geleisteten Arbeit. Von klar: Zuerst der Verlauf, dann das Ergeb-
einer solchen Bibliographie wünschte nis, und so bieten die Autoren folgerich-
man sich in ein paar Jahren dann eine tig zunächst eine Definition des Erzäh-
neue, bearbeitete und um aktuelle Titel lens an: »Unter Erzählen verstehen wir
erweiterte Auflage. An neuen linguisti- das (sprachliche) Ausdrücken, Verknüp-
schen Publikationen, die gewählt und fen und gleichzeitig thematische Ordnen
geordnet werden müssten, wird es si- von (wahren oder vorgestellten) Fakten
cherlich nicht fehlen. zu Geschichten.« (4)
Diese Definition verbannt die Unter-
scheidung zwischen fiktionalen und
nicht-fiktionalen Erzählungen zu Recht
Lahn, Silke; Meister, Jan Christoph: in Klammern, denn das eine wie das
Einführung in die Erzähltextanalyse. andere ist eben ››Erzählen‹‹. Konsequen-
Stuttgart: Metzler, 2008. –– ISBN 978-3- zen aus dieser Einsicht werden jedoch
476-02226-4. 311 Seiten, €€ 19,95 nicht gezogen. Nicht-fiktionales Erzählen
taucht im Folgenden nur noch sporadisch
(Bruno Roßbach, Seoul / Republik Korea)
und unsystematisch auf. Die Entfaltung
Der erste Blick in das Buch ist vielver- des Themas vom Einfachen zum Kom-
sprechend: hervorragende Gliederung, plexen, vom Alltagserzählen zum litera-
zweifarbiger Druck, zahlreiche Abbil- rischen Erzählen unterbleibt.
dungen und Tabellen, Fettdruck aller neu Es folgt eine kurze, aber gelungene Ge-
eingeführten Termini, schließlich ein An- schichte der Erzähltheorie von Platon
hang mit einem Glossar und einem Sach- und Aristoteles über Friedrich Spielha-
und Personenregister. Das ist ein Lehr- gen, Käte Friedemann, die russischen
buch, wie man es gerne in Händen hält. Formalisten und die Strukturalisten bis
Nun muss es inhaltlich nur noch halten, hin zu Gérard Genette. Alsdann gelangt
was es äußerlich verspricht. So viel sei man zum Kernbereich des Buches, der
vorweggenommen: Dieses Buch ent- drei Fragen umkreist: »Wer erzählt die
täuscht nicht. Es ist gut lesbar und Geschichte?«, »Wie erzählt der Erzäh-
inhaltlich auf dem neuesten Stand. Aller- ler?« und »Was erzählt der Erzähler?«.
dings ist dieser neueste Stand nicht auf Die Frage, wer eine Geschichte erzählt, ist
der ganzen Linie erfreulich. Geforscht eigentlich nicht sonderlich auf-
249

schlussreich, denn sie lässt nur eine Ant- nur noch aus einer Stimme, so würde ihm
wort zu: der Erzähler. Weniger banal ist auch die nichts mehr nützen.
der Versuch, diesen Erzähler modellhaft Durchgängig halten es die Autoren für
abzubilden und seine Eigenschaften (Sta- nötig, alle gängigen und gut eingeführten
tik) und seine Strategien (Dynamik) zu be- narratologischen Grundbegriffe durch
schreiben. Noch weniger banal ist es, den das bizarre Begriffsinventar G. Genettes
fiktionalen Erzähler zu beschreiben, weiß zu ersetzen. So soll der ICH-Erzähler
man doch erst seit der Jahrhundertwende, hinfort »homodiegetisch«, der ER-Erzäh-
dass es einen solchen gibt. Folgerichtig ler »heterodiegetisch« heißen. Golo
trennen die Autoren zunächst den textex- Mann wäre sicher erstaunt, wenn er noch
ternen Autor vom textinternen Erzähler erleben könnte, dass er anlässlich seiner
und widmen sich alsdann dem Letzteren. Autobiographie ein »homo-« und anläss-
Beim Versuch, den Erzähler begrifflich zu lich seines Wallenstein ein »heterodiegeti-
fassen und ihn in ein Prisma von Merk- scher Erzähler« war. Wir wenden uns mit
malen aufzulösen, stützen sich die Auto- Grausen ab und lassen es terminologisch
ren auf G. Genette, den man für den beim Alten, zumal der hier zugrunde
wichtigsten Impulsgeber der modernen gelegte »Diegisis«-Begriff semantisch an
Narratologie hält. Leider ist er das tat- den Gegenbegriff der »Mimesis« gebun-
sächlich. Seine Fehlkonzeptionen finden den ist (Platon), der heute ebenfalls kaum
bei deutschen Narratologen allgemein mehr akzeptabel ist, jedenfalls nicht in
großen Zuspruch. So glaubt Genette zum Bezug auf den hier zu bezeichnenden
Beispiel, ausgerechnet einem schriftlich- Sachverhalt.
fiktionalen Erzähler eine »Stimme« zu- Zu kritisieren ist auch der leichtfertige
ordnen zu müssen. In Wirklichkeit hat Gebrauch der populären Phrase »eine
der schriftlich-fiktionale Erzähler eine Geschichte erzählen« bzw. »to tell a
ganze Reihe von Eigenschaften und Fä- story«, denn die Aufgabe des Erzählers
higkeiten, nur eines hat er nicht: eine besteht darin, ein Geschehen zu ver-
»Stimme«. Wohl aber eignet ihm ein sprachlichen, nicht eine Geschichte, die
spezifisches Sprachverhalten. Der Aus- bereits narrativ geformt ist. Im Übrigen
druck ››Sprachverhalten‹‹ wäre geeignet, wird der Ausdruck ››Geschichte‹‹ über-
als Schnittstelle zu einer linguistischen flüssig, wenn man vom Erzähltext aus-
Stilistik zu fungieren. geht. Hinter der Erzählung steht eine
Die Begründung für das Stimmen-Kon- (reale oder fiktionale) Wirklichkeit, die
zept zieht Genette aus der Möglichkeit nicht schon selbst eine Geschichte ist.
des Erzählers, statt aus seiner eigenen Generell zu kritisieren ist, dass die Auto-
Perspektive aus derjenigen eines anderen ren dieses Buches linguistische Erwägun-
heraus zu erzählen. Alsdann spaltet er gen durchgängig aussparen. Das zeitigt
sich in eine »Stimme« auf, die erzählt, nicht selten unliebsame Konsequenzen.
und in eine (Fremd-)Perspektive, die er So vermuten unsere Autoren, dass das so
einnimmt, so jedenfalls Genette. Aber genannte »epische Präteritum« in Wirk-
auch der Alltagserzähler übernimmt ge- lichkeit gar kein Präteritum sei und
legentlich die Sicht anderer und zerfällt beziehen sich dabei auf Käte Hamburger,
dabei nicht in zwei Teile. Figurenper- die 1957 den logischen Wert des Präter-
spektivisches Erzählen ist eine Strategie itums mit seinem psychologischen Effekt
des Narrators, die er so lange aufrecht verwechselte. Auf diesem Kenntnisstand
erhält, wie er will. Bestünde er im Ver- sind unsere Autoren heute noch. Auf den
laufe figurenperspektivischen Erzählens Seiten 92 f. wird diese These zwar diffe-
250

renziert, dadurch jedoch nicht verbessert. So verhält es sich auch bei dem althoch-
In manchen Fällen treffe sie zu, in ande- deutschen, futurisch erzählten Welten-
ren nicht. Anstatt Chaos zu ordnen, brand-Epos Muspilli, das ebenfalls keinen
stiften die Autoren selber welches. Ein Zweifel daran aufkommen lässt, wie man
Blick in eine neuere Grammatik hätte den sich das Weltenende vorzustellen habe.
Autoren eine überzeugendere Erklärung Ob der heutige Leser dem Erzähler von
für den Gegenwartseffekt des epischen damals folgen mag, berührt die Struktur
Präteritums liefern können (vgl. hierzu und den Inhalt des Textes nicht im
Freudenberg 1992). Mindesten (vgl. dazu Brandt 1987).
Zu Recht betonen die Autoren, dass Der zweite große Block des Buches ist der
Erzählen nicht immer Vergangenheitser- Frage »Wie erzählt der Erzähler?« gewid-
zählen ist, sondern dass es auch ein met. Die dort vorgestellten Themen kön-
gleichzeitiges Erzählen gibt, und verwei- nen hier weder referiert noch kritisch
sen dabei auch auf einleuchtende Bei- besprochen werden. Es sind dies im
spiele, etwa auf die Direktreportage. Lei- Einzelnen die »Erzählperspektive«, die
der versäumen sie darauf hinzuweisen, »Präsentation von Rede und mentalen
dass sich gerade in jüngerer Zeit fiktio- Prozessen«, die Zeitrelation zwischen
nale Erzähltexte häufen, die durchge- »Diskurs und Geschichte« (besser: zwi-
hend im Präsens erzählt werden. Ange- schen Erzählzeit und Geschehenszeit)
sichts dieses Befundes wäre zu diskutie- sowie die Reihenfolge der zu erzählen-
ren, ob in diesen Fällen ein falscher den Ereignisse. Sogar dem Thema des
Gebrauch der Präsensformen vorliegt, Zusammenhangs von Wissen und Erzäh-
wie dies ein Artikel in der ZEIT behaup- lung wird nachgegangen, wobei das Wis-
tet (Greiner 2009). Oder suggerieren sen des Erzählers, das Wissen der Figu-
diese Texte –– eventuell nur einige von ren und schließlich auch dasjenige des
ihnen –– tatsächlich eine Parallelität von Lesers eine Rolle spielen. Ein »Leitfaden
Handlungsentwicklung und Erzählpro- zur Analyse von Erzählen und Wissen«
zess? Redemoment-Präsens oder Histori- rundet dieses Kapitel ab.
sches Präsens (als stilistische Variante des Ein Wort jedoch über den Abschnitt
Präteritums), das ist hier die Frage. Doch »Metanarration«, womit offenbar die
diese Frage wird nicht gestellt. Ausgestaltung der Erzählerebene ge-
Der Fall des futurischen Erzählens ist in meint ist. Der salopp formulierte Slogan
der Tat sehr selten, denn es erscheint »Erzählen über das Erzählen« (170) führt
nicht plausibel zu sein, dass etwas erzählt in die Irre, denn auf der Erzähler- bzw.
wird, bevor das Erzählte geschehen ist. Metaebene wird nicht erzählt, sondern
Dies sei, so die Autoren, nur in Form von das Erzählte besprochen. Auf die Gefahr
Visionen oder Prophezeiungen denkbar, hin, die Autoren nicht verstanden zu
nicht dagegen in Form eines Tatsachen- haben, schlagen wir in dem ansonsten
berichts. Man vergleiche dazu aber nützlichen Glossar nach. Doch da fehlt
Brechts Ballade von der Seeräuber-Jenny: dieses Stichwort.
»Und ein Schiff mit acht Segeln / Und mit Der dritte Block –– »Was wird erzählt?« ––
fünfzig Kanonen / Wird liegen am Kai.« informiert über Aspekte der Thematik,
Ob dies nun eine Prophezeiung ist oder über Handlung, Figuren und die räumli-
nicht: Hier wird vollkommen zukunfts- che und zeitliche Struktur des Erzählten
gewiss erzählt. Wer meint, es könne auch (199––258). Wiederum begegnen wir ei-
alles anders kommen, der versteht diesen nem wohlstrukturierten, leserfreundli-
Text nicht. chen Text mit relativ kurzen Abschnitten
251

und nützlichen Diagrammen, die das Lecke, Bodo (Hrsg.):


ausgebreitete Wissen zusammenfassen Mediengeschichte, Intermedialität und
und das Verständnis für Zusammenhän- Literaturdidaktik. Frankfurt a. M.: Lang,
ge erleichtern. Selbst das Erzählen mit 2008 (Beiträge zur Literatur- und Me-
filmischen Mitteln kommt zur Sprache. diendidaktik 15). –– ISBN 978-3-631-
Die Stärken und Schwächen dieses Bu- 55385-5. 465 Seiten, €€ 62,00
ches liegen auf der Hand: Seine themati- (Manfred Kaluza, Berlin)
sche Reichhaltigkeit und ansprechende
Präsentationsart sind entscheidende Der vorliegende Sammelband hat zwei
Pluspunkte. Negativ fällt jedoch die oft- Probleme: Herausgeber und Verlag.
mals nicht erkennbare theoretische Nach Lektüre der mehr als 70seitigen
Grundlage des Werkes auf. Früher bot F. Einführung sowie dreier Einzelbeiträge
K. Stanzel mit seinen unhaltbaren Kate- des Herausgebers drängt sich der Ein-
gorisierungen die unglückliche Basis für druck auf, dass hier jemand seinen Com-
die weitere Forschung. Heute zieht man puter aufgeräumt und dabei alle mögli-
G. Genette vor, der manches besser chen Themen und Gedanken als Text-
macht, manches aber auch nicht. Ange- schnipsel gefunden hat, die bei früheren
sichts dieses Dilemmas sei an die Mög- Publikationen und Herausgeberschaften
lichkeit des Selber-Denkens erinnert. Nur irgendwie im Computer gespeichert ge-
damit kann es gelingen, dem neuesten blieben sind.
Stand der Narratologie, den das vorlie- Dass der renommierte Peter Lang Verlag
gende Buch nicht schlecht repräsentiert, das Lektorieren faktisch aufgegeben ha-
möglichst schnell zu entkommen. ben muss und den Band in einer seiner
zahllosen, in ihrer Unübersichtlichkeit
kafkaesk anmutenden Reihen (Beiträge
Literatur zur Literatur- und Mediendidaktik, Her-
Brandt, Wolfgang: »Zukunftserzählen im ausgeber der Reihe Bodo Lecke!) zum
Muspilli.« In: Bergmann, Rolf; Tiefen- stolzen Preis von 62,–– €€ anbietet, wirft ein
bach, Heinrich; Voetz, Lothar (Hrsg.): trübes Licht auf die ››Publish or perish‹‹-
Althochdeutsch. Bd I. Grammatik, Glossen Wissenschaftskultur.
und Texte. Heidelberg: Winter, 1987, 720–– Der Satz des Bandes ist lieblos, die
736.
Korrektur, wenn sie denn stattgefunden
Freudenberg, Rudolf: »››Indem ich die Feder
ergreife……‹‹. Erwägungen zum Redemo- hat, äußerst oberflächlich. In den Hinwei-
ment beim literarisch-fiktionalen Erzäh- sen zu den Autorinnen und Autoren fehlt
len«. In: Kohrt, Manfred; Wrobel, Arne ein Name, ein Namen- und vor allem ein
(Hrsg.): Schreibprozesse –– Schreibprodukte. Begriffsregister fehlen ganz. Sie hätten
Festschrift für Gisbert Keseling. Hildes- die in dem Band versammelten, thema-
heim: Olms, 1992, 105––162. tisch sehr disparaten Beiträge besser er-
Genette, Gérard: Die Erzählung. 2. Auflage. schließen können.
München: Fink, 1998.
Bereits der formulierte Anspruch des
Greiner, Ulrich: »Falsches Präsens«, DIE
ZEIT, Nr. 19, 30.04.2009. Bandes lässt beim Leser eine gewisse
Hamburger, Käte: Die Logik der Dichtung. 4. Konfusion zurück und ist wohl nicht zu
Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta, 1994 [1. ernst gemeint:
Aufl. 1957, erw. Neufassung 1968]. »Und als Herausgeber des vorliegenden
Stanzel, Franz K.: Theorie des Erzählens. 4. Sammelbandes, der in seiner eher ››enzyklo-
Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & pädischen‹‹, teils eher exemplarischen An-
Ruprecht, 1989 [1. Aufl. 1979]. lage durchaus auch –– zumindest ansatz-
252

weise –– die Ansprüche eines einschlägigen und mangelnden Kohärenz gekennzeich-


››Handbuchs‹‹ [……] erfüllen möchte, [……]« (9). net.
»Das hier verfolgte Konzept einer Integra- Das Ergebnis dieser intellektuellen Geis-
tion von Medienpädagogik und Literatur- terfahrt durch eigenes und fremdes
didaktik im Zeichen der ››Intermedialität‹‹ Schaffen bilden sechs heterogene
ist zugleich als eine Art ››Handbuch‹‹ zu Schwerpunkte mit einer unterschiedli-
verstehen [……]« (9).
chen Zahl von Beiträgen (Zahl in Klam-
»Im Sinne eines zwar nicht enzyklopädi- mern gesetzt), die durch die drei Titel-
schen, sehr wohl aber exemplarischen wörter nur sehr vage zusammengehalten
››Handbuchs‹‹ [……]« (62).
werden:
Was ist ein exemplarisches Handbuch? 1. Grundlegung: Medienpädagogik –– In-
Alle Ideen wurden im Sinne einer ››Brico- termedialität –– Deutschunterricht (3
lage‹‹ gesammelt und durch häufige Beiträge inklusive der Einführung)
Querverweise auf eigene Tätigkeiten (54) 2. Text-Bild-Bezüge (2 Beiträge)
und Publikationen (72 f.) sowie durch 3. »Laokoon« und die Folgen (2 Beiträge)
lange Zitate aus einschlägigen Werken 4. Medientransformation / Medienwech-
unterfüttert, beispielsweise zur Medien- sel (1 Beitrag)
geschichte aus dem von Helmut Schanze 5. Medien-, Motiv- und Gattungsge-
herausgegebenen Handbuch (30––32). Für schichte (6 Beiträge)
die Belesenheit des Verfassers und Her- 6. Moderne Genres (3 Beiträge)
ausgebers bürgen müssen die ››üblichen Man könnte sich nun in aller Ruhe dem
Verdächtigen‹‹: Chomsky und Habermas Inhalt der Beiträge widmen, hätte der
(25), Benjamin (28, 33), von Hentig (36 f.), Herausgeber auf eigene Beiträge verzich-
Jauß und Iser (58) u. v. a. m. Trauriger tet. Seine drei Beiträge erinnern eher an
Höhepunkt ist die inkohärente Aneinan- Exposés, die einer Vertiefung und Ausar-
derreihung einiger Kurzzusammenfas- beitung harren, und zeichnen sich da-
sungen »der von mir (dem Herausgeber, durch aus, dass mit Hilfe der Kopieren-
M. K.) betreuten einschlägigen Ab- und Einfügen-Funktion seines Textverar-
schlussarbeiten« (29). Dies geschieht im beitungsprogramms wesentliche Gedan-
längsten Unterkapitel der Einführung ken wortwörtlich bereits in der Einfüh-
»Medien im Wandel –– Stationen und rung auftauchen, in der Regel ohne Quer-
Epochen einer Mediengeschichte«. Auf verweise, mitunter mit falscher Seitenan-
dieser Seite 29 gibt es Ankündigungen zu gabe.
»kommunikationstechnischen Entwick- Ist die Frage, wer zitiert hier wen –– der
lungen« in falscher historischer Abfolge Herausgeber den Autor oder umgekehrt
(»von der Literalität zur Oralität«), eine –– eher amüsant, so gilt dies nicht für
»Gattungs- und Motivgeschichte im nicht kenntlich gemachte Übernahmen
Wandel der Medien« und eine Periodisie- aus den Beiträgen anderer Autoren,
rung der Theatergeschichte. In dem Kapi- auch wenn Herausgeber und Autor un-
tel davor ist bereits anhand des Medien- ter fast identischem Titel andere Publi-
begriffs eine historische Entwicklung kationen zum Thema auflisten. So tau-
aufgezeigt worden, diesmal fehlt die chen in Cord Lappes Beitrag »Der un-
Oralität ganz (21). Fast jede Seite dieses heimliche Wald als ››Locus terribilis‹‹ ––
Textes ist, sofern sie nicht Zusammenfas- Zur Attraktivität eines populären inter-
sungen eigener früherer oder übernom- medialen Genres« (357––376) dieselben
mener Beiträge bzw. Publikationen ent- Zitate oder literarischen Beispiele (366,
hält, von einer solchen Sprunghaftigkeit 369, 370, 372 f.) auf wie in dem Beitrag
253

des Herausgebers »››Literarische Angst‹‹ (84) über den schriftsprachlich fixierten


= ››Delightful Horror‹‹? Pädagogisch-di- Textbegriff hinausgeht, um Intermediali-
daktische Überlegungen zu Schauerlite- tät an die rezeptionsästhetische Leerstel-
ratur und Horrorvideos aus Sicht der len-Konzeption von Wolfgang Iser anzu-
Medienwirkungsforschung« (341––355), schließen. Sie bezieht sich in ihrer Begriff-
also unmittelbar vor Lappes Aufsatz! lichkeit auf Wolffs und Rajewskys Syste-
Die Zitate befinden sich auf den Seiten matisierungsvorschlag der Intermediali-
344, 345, 348. Es erübrigt sich zu erwäh- tät anhand des Kriteriums »bestehender
nen, dass einige wesentliche Gedanken oder nichtbestehender ››Kontaktauf-
dieses Beitrages bereits wörtlich in der nahme‹‹ eines Mediums mit einem ande-
Einführung auftauchen, so die instruk- ren« (82). In der Einführung tauchen im
tive sechsstufige Skala, mit der beschrie- Kapitel 4 »Von der Intertextualität zur
ben werden soll, wie die Medienpäd- Intermedialität« (49––56) und im 5. Kapi-
agogik auf neue Medien und Genres tel »Exemplum classicum: Literatur und
reagiert (Einführung: 25, Beitrag: 353). Film (››Literaturverfilmung‹‹)« (56––61) die
Diese Stufenskala scheint das geistige wesentlichen Gedanken von Rajewsky
Eigentum Leckes zu sein, wie man der ausführlichst zitiert wieder auf. Außer-
Quellenangabe in der Einführung (Ver- dem wird zu Rajewkys Unterscheidung
weis auf Lecke 2003: 51) entnehmen zusätzlich noch ein hilfreiches Schaubild
kann. Eine Publikation von Lecke aus abgedruckt (51). Ist das eine Auf- oder
dem Jahre 2003 ist allerdings in der Abwertung des Beitrages?
umfangreichen Bibliographie der Ein- Was rettet diesen Sammelband? Es sind
führung (68––77) genauso wenig zu fin- die durchweg interessanten, teilweise
den wie die Seitenzahl 51, obwohl der sehr anspruchsvollen Beiträge. Wie nicht
Verfasser immerhin zwölf eigene Titel anders zu erwarten, geben die themati-
mit in die Bibliographie aufgenommen sche Klammer und die didaktische Per-
hat. Dafür taucht die Skala in einem spektive den einzelnen Autoren erhebli-
weiteren Beitrag des Herausgebers wie- chen Spielraum in der Ausgestaltung
der auf: »Medienwechsel –– Medienwan- ihrer Gedanken. So reicht das Spektrum
del –– Mediengeschichte: TV-Serien im von einer grundsätzlichen Kritik am Bil-
Deutschunterricht, ihre populären Ver- dungssystem, verbunden mit dem Ver-
wandten und ihre historischen Vorfah- such, eine medienkritische Perspektive
ren« (253––264), die Skala befindet sich für den Schulunterricht zu entwickeln
auf Seite 255. (Michael Pleister: »Zum Stellenwert von
In einer weiteren Variante der Herausge- Bildung, Schule und Literaturunterricht
berschaft werden die Grundgedanken im Kontext elektronischer Medien und
eines Beitrages übernommen und erwei- fortschreitender Ökonomisierung«, 95––
tert. Es handelt sich um den Beitrag von 127), bis hin zu dem Versuch, sich selbst-
Gudrun Marci-Boehncke: »Intermediali- reflexiv mit Hilfe des »cross-mapping«,
tät als perspektivierter Prozess –– Von der gemeint ist »das Aufzeichnen und Karto-
Wiederentdeckung des Rezipienten in graphieren von ähnlichen Denkfiguren,
einem vorläufigen Diskurs« (79––94). Die Begriffen und Bildern eines kulturell-
Autorin versucht darin, den Begriff »In- symbolischen Archivs« (323), dem un-
termedialität« in seiner Eigenständigkeit sterblichen Körper zu nähern (Manuel
gegenüber der »Intertextualität« zu be- Zahn: »Der sublime Körper –– eine Karto-
haupten, indem sie auf der Basis eines graphie des Körpers zwischen zwei oder
»erweiterten semiotischen Textbegriffs« mehreren Toden«, 321––340). Dazwischen
254

liegen Aufsätze, deren Begrifflichkeit »Content-Universen bestehen aus einer


und didaktische Analysen von hohem Vielzahl von Produkten, die alle eine Inter-
››Gebrauchswert‹‹ für medien- und litera- pretation der Content-Basis sind, aber auch
ohne die Kenntnis dieser rezipiert werden
turdidaktisch interessierte Praktiker können. Eine Content-Basis kann z. B. ein
sind. So gibt es Vergleiche unterschiedli- Film, eine Serie, ein Buch oder ein Compu-
cher Medien (Hans Dieter Erlinger: »Emil terspiel sein.« (447)
und die Detektive –– ein Roman und zwei Etwas aus dem herkömmlichen Rahmen
Filme«, 233––249, und Ute Wett: »Das fällt Steffen Gailbergers umfangreiche
Problem des Medienwechsels am Bei- Darstellung seines Dissertationsprojek-
spiel literarischer und filmischer Versio- tes: »Leseförderung durch Hörbücher ––
nen von Romeo und Julia«, 285––319). Der eine verbal-auditive Leseförderungs-
Beitrag zu Romeo und Julia erscheint in theorie für den Deutschunterricht«
der Systematik des Herausgebers nicht (395––446). Dieser Ansatz verknüpft in
wie Erdingers Beitrag unter Punkt 4, Teildimensionen gegliederte Lesepro-
»Medientransformation/Medienwech- zess- und Leseverstehensmodelle mit
sel«, obwohl der Titel den Begriff »Medi- einem neurokognitiven Modell der aku-
enwechsel« enthält, sondern unter Punkt stisch-phonetischen Sprachverarbei-
5: »Medien-, Motiv- und Gattungsge- tung. Man darf gespannt sein auf die
schichte«. Es bleibt unklar warum, denn empirischen Erkenntnisse aus dieser
der Beitrag vergleicht sehr detailliert Untersuchung.
Shakespeares Drama mit Baz Luhrmans Abschließend seien noch zwei Beiträge
Filmversion von 1996, vorgeschaltet ist erwähnt, die den Rezensenten über die
eine Stoffgeschichte, keine Motivge- alltägliche Praxis des Rezensionsgewer-
schichte. bes hinausgehoben haben. Ralph Köh-
Grundlegend für die Begrifflichkeit und nen untersucht »Paul Klees/Walter Ben-
Systematisierung multimedialer Texte ist jamins Angelus Novus –– Intermedialität
Klaus Maiwalds Beitrag: »Multimediale und Technopolitik eines Bildes« (161––
Texte in didaktischer Perspektive« (131–– 186). Dieser Text, angefangen von einer
159). Allen Lehramtsstudenten und in hervorragenden Bildbeschreibung bis
der Lehrerausbildung Tätigen sei die hin zu der Einbettung von Bild/Text in
mustergültige didaktische Analyse von den kulturkritischen Diskurs der neuen,
Martin Leubner und Anja Saupe zur quantitativ darstellbaren Anthropologie
Lektüre empfohlen. Sie versuchen die des Massenmenschen der Moderne,
Schwierigkeit, Langfilme im Unterricht zeigt der Mediendidaktik Wege auf, wie
zu besprechen und zu analysieren, durch sinnvoll und fruchtbar harte ››Arbeit am
die Analyse eines narrativen Werbefilms Begriff‹‹ und am Gegenstand sein kann.
zu umgehen: »Crossing: Überlegungen Leichter zu lesen ist der Beitrag von
zum didaktischen Potenzial narrativer Detlef Gwosc: »Die Reproduktion des
Werbefilme« (379––393). Eine Einführung ewig Gleichen –– Der Kolportageroman
in die immer wichtiger werdende Welt als printmedialer Vorläufer heutiger TV-
von Content-Universen gibt Silke Gün- Serien« (265––283). Durch die vielen an-
ther am Beispiel der Geschlechterproble- schaulichen und teilweise verblüffenden
matik: »››Es kommt Matrix sehr nah‹‹« –– Informationen zu Produktionsbedin-
Von Serienheldinnen ausgehende Identi- gungen und Marketingstrategien von
tätsangebote in Content-Universen« »Groschenromanen« im 19. Jahrhundert
(447––461). Was sind Content-Universen? und, im Vergleich dazu, heutigen TV-
255

Serien werden der Mediendidaktik die tiges und vorsichtiges, wenngleich leicht
besten Argumente geliefert, Produkti- optimistisches Abwägen der Zukunfts-
ons- und Marketingaspekte gegenüber aussichten. Kurz nach dem Ausscheiden
Inhalts- und Formanalysen aufzuwer- der Präsidentin aus dem Amt (März
ten. 2008) erschienen (Mai 2008) liest es sich
wie eine persönliche Zusammenfassung
der Inhalte, mit denen Limbach sich
Literatur während ihrer sechsjährigen Amtszeit
Schanze, Helmut (Hrsg.): Handbuch der Me- konfrontiert sah.
diengeschichte. Stuttgart: Kröner, 2001 Zunächst setzt sich Limbach mit der
(Kröner Taschenbuchausgabe 360).
zentralen Rolle der Muttersprache aus-
einander:
»Die Muttersprache prägt unser Denken
Limbach, Jutta: und Fühlen, sie gibt Auskunft, wer und was
Hat Deutsch eine Zukunft? Unsere wir sind, sie bereichert unser Wissen, ver-
bindet uns mit unserer Umwelt und grenzt
Sprache in der globalisierten Welt. uns unter Umständen –– wenn wir Eigen-
München: C. H. Beck, 2008. –– ISBN 978-3- schaften einer missliebigen Minderheit tei-
406-57234 0. 106 Seiten, €€ 14,90 len –– aus.« (25)

(Simone Schiedermair, Greifswald) Ohne die Lingua-franca-Position des


Englischen schwächen zu wollen, plä-
Jutta Limbach wählt für ihren kleinen diert Limbach auf dieser Basis für den
Band als Titel eine Frage, die vielleicht Gebrauch des Deutschen in den verschie-
viele spontan als obsolet empfinden, weil denen gesellschaftlichen Zusammenhän-
es längst ausgemacht scheint, dass die gen, sowohl in den Bereichen Wissen-
deutsche Sprache schlechte Zukunftsaus- schaft und Wirtschaft als auch auf der
sichten hat. Man darf aber vermuten, Ebene europäischer Politik. Es gelte, die
dass die Präsidentin des Goethe-Instituts deutsche Sprache auch weiterhin für alle
(2002––2008) kein so düsteres Zukunfts- Belange eines modernen Staates zu nut-
bild zeichnen wird. Zwei Paratexte wei- zen und damit auch als »nutzbar« zu
sen schon darauf hin: Ein einfacher Satz erhalten.
zwischen Titel und Inhalt, eine Art Wid- Interessant sind die Ausführungen an
mung: »Dieses Buch ist als ein bescheide- den Stellen, an denen sich die ehemalige
ner Dank für das schönste Ehrenamt Präsidentin des Bundesverfassungsge-
gedacht, das die Bundesrepublik richts mit den juristischen Aspekten der
Deutschland zu vergeben hat. Jutta Lim- Sprachenfrage auseinandersetzt. So hält
bach, Präsidentin des Goethe-Instituts.« sie den immer wieder vorgebrachten
Und auf der Rückseite des Schutzum- Vorschlag, Deutsch ins Grundgesetz auf-
schlags: »Ein Plädoyer und eine Liebeser- zunehmen, für keine gute Strategie, um
klärung an die deutsche Sprache.« Samt das Deutsche dem in unterschiedlichster
Foto der Autorin mit Goethe. Weise »eindringenden« Englischen –– in
Und so sollte man dieses Büchlein sicher Form von einzelnen sprachlichen Mitteln
auch lesen. Es ist keine wissenschaftliche sowie in Form von Domänenverlust ––
Untersuchung und kein kritischer Essay gegenüber zu stärken. Nicht nur der
mit neuen Erkenntnissen zum Thema. Es Blick auf Frankreich mit seiner Délégation
ist eine ausgewogene Einschätzung der générale de la langue française, Académie
gegenwärtigen Situation und ein sorgfäl- Française, seinem Dictionnaire des néologis-
256

mes officiels, seiner Loi Toubon und der Sprache und Kultur, die in den Länder-
verfassungsmäßigen Verankerung des verfassungen von Brandenburg, Sachsen,
Französischen zeige, wie wenig effektiv Sachen-Anhalt und Schleswig-Holstein
ein solches Vorgehen sei. Außerdem sei verankert sind. Auch auf europäischer
zu bedenken, wer »eine Forderung ver- Ebene genießen diese durch die 1992
rechtlichen will, möchte sie im Grunde beschlossene Europäische Charta der Regio-
››vergerichtlichen‹‹« (36); d. h. Richter und nal- und Minderheitensprachen diesen Son-
Richterinnen sollen über den Sprachwan- derstatus.
del entscheiden. Gegen diese Vorstellung Im Zusammenhang von Deutsch als
wehrt sich die Juristin. Kultur und damit Fremdsprache befasst sich Limbach mit
auch Sprache lasse sich nicht staatlich der Stellung der deutschen Sprache im
verwalten. europäischen Zusammenhang und weist
Die Frage nach juristischen Grundlagen auf die Diskrepanz zwischen den offiziel-
gewinnt noch einmal an Gewicht in len sprachenpolitischen Verlautbarungen
Limbachs Überlegungen zum Bereich der Europäischen Union und der tatsäch-
»Deutsch als Zweitsprache«. Auch dort lichen Situation hin. Obwohl Deutsch
rät sie zur Vorsicht. Zwar dürfe der 1993 dritte interne Amtssprache wurde,
Anspruch auf Einbürgerung von deut- spielt es im politischen Alltag kaum eine
schen Sprachkenntnissen abhängig ge- Rolle. Selbst in der Europäischen Zentral-
macht werden. Das verfassungsrechtli- bank in Frankfurt spricht man Englisch.
che Verbot, jemanden wegen seiner Spra- Hoffnung setzt Limbach hier auf einen
che zu benachteiligen, greife hier nicht. Maßnahmenkatalog zur Stärkung des
Denn um sich in die Gesellschaft einzu- Deutschen in der EU, der im Einklang mit
gliedern, sind Deutschkenntnisse für den dem Bundestag entwickelt wird. Auch
neuen Staatsbürger unumgänglich. Al- das Bekenntnis Europas zur Mehrspra-
lerdings kann die Verwendung der deut- chigkeit und die Entwicklung verschie-
schen Sprache im Privatleben nicht einge- dener Programme zu ihrer Förderung
fordert werden. Am Beispiel der Berliner sieht sie als positive Faktoren. Damit
Realschule im Wedding, wo sich Lehrer, diese sich nicht im Erwerb der unange-
Eltern und Schüler geeinigt hatten, in fochtenen Kommunikationssprache Eng-
schulischen Zusammenhängen auch au- lisch erschöpft, wirbt Limbach für das
ßerhalb des Unterrichts Deutsch zu spre- Konzept einer Adoptivsprache, die zu-
chen (etwa in der Pause und bei Schul- sätzlich zu Muttersprache und Englisch
ausflügen), führt Limbach aus, dass eine aus sehr persönlichen Gründen, etwa
solche Regelung nur auf freiwilliger Basis geographischer Nachbarschaft, der eige-
möglich ist. An dieser Stelle gilt die nen Familiengeschichte oder einfach in-
Freiheit der Sprachwahl, die ihre tellektueller Neugier, gelernt wird.
»Grundlage in dem Verfassungsrecht auf Ihr »Nachwort zur Zukunft der deut-
die freie Entfaltung der Persönlichkeit« schen Sprache« endet dementsprechend
(58) findet. mit der Vision, dass zwischen dem deut-
Es schließt sich die Frage nach dem schen Sprachraum und den vierzehn
Grundrecht auf eine Muttersprache an, Sprachnachbarn ein Netz entsteht mit
die laut Limbach vom Grundgesetz un- Städtepartnerschaften und wechselseiti-
beantwortet bleibt. Allenfalls für die au- gem Spracherwerb sowie Projekten zur
tochthonen Minderheiten wie Dänen, Auseinandersetzung mit den kulturellen
Friesen und Sorben gibt es Maßnahmen und politischen Gegebenheiten der
zum Schutz und zur Förderung ihrer Nachbarländer.
257

Limbach, Jutta (Hrsg.): viele Fremd- und Lehnwörter, die wir


Eingewanderte Wörter. Eine Auswahl ganz und gar nicht willkommen heißen,
der schönsten Beiträge zum internatio- aber anscheinend nicht mehr loswerden
nalen Wettbewerb »Wörter mit Migrati- können, im Deutschen eingenistet haben,
onshintergrund –– das beste eingewan- gibt es doch auch viele, die wir eingela-
derte Wort«. Ismaning: Hueber, 2008.–– den und ins Herz geschlossen haben.
978-3-19-207891-0. 151 Seiten, €€ 19,95 Dieser Band versammelt eine Auswahl
eingewanderter Wörter, die (einige) der
(Manuela von Papen, London / Großbritan-
Vorschläge eines vom Goethe-Institut
nien)
ausgerufenen internationalen Wettbe-
Wussten Sie, dass Fisimatenten auf einen werbs zusammenbringt. Zu Wort kom-
(eher schlüpfrigen) Euphemismus zu- men Kinder und Erwachsene, Linguisten
rückgehen, der aus dem Französischen und Journalisten, Schulklassen und Ein-
ins Deutsche gelangt ist? War Ihnen klar, zelpersonen. Gemeinsam haben sie alle
dass Slogan ursprünglich aus dem Gäli- eines: Sie benutzen die deutsche Sprache,
schen kommt? Hätten Sie vermutet, das setzen sich mit ihr auseinander und sind
Halodri auf ein griechisches Wort zurück- offen gegenüber den in ihr stattfinden-
geht? Dass Vielfraß aus dem Norwegi- den Veränderungen. Ob alt oder jung,
schen stammt und sich eigentlich auf eine alle Sprecher demonstrieren eine Liebe
Gebirgskatze bezieht, ist Ihnen auch neu? zu ihrer Muttersprache, einer Sprache,
Dass Ferien nicht, wie ich immer ange- die durch linguistische Einwanderungen
nommen hatte, auf das französische an Nuancen und Attraktivität gewonnen
››faire rien‹‹ zurück geht, sondern seinen hat. Die durch die Quantität und Qualität
Ursprung im Lateinischen für ››Festtage‹‹ der Beiträge gezeigte sprachliche Sensibi-
hat, ist auch eine neue Erkenntnis für Sie? lität ist erfrischend –– hier geht es nicht um
Dann werfen Sie schleunigst einen Blick blind übernommene Modephrasen, son-
in die verblüffende Fundgrube der einge- dern um bewusst durchdachten Sprach-
wanderten Wörter und lassen Sie sich gebrauch.
überraschen, verzaubern und zum Zu den vielen Beiträgen gibt es eine
Schmunzeln und Nachdenken bringen. kleine Anzahl von kurzen Artikeln (Goe-
Sprache lebt und verändert sich. Bei the-Institut, Dudenreaktion etc.) zum
weitem nicht alle dieser Veränderungen Thema sprachliche Einwanderung, die
machen uns glücklich, aber viele sprach- teilweise durchaus kritisch sind und auf
liche Einwanderungen verweisen auf die potenziell problematische Aspekte der
bewegte (sprachliche) Geschichte der sprachlichen Invasion verweisen. Als
Welt und geben uns einen faszinierenden Zuckerstückchen finden wir auch noch
Einblick in unsere Haltung dem Fremden eine Reihe erfrischender Cartoons von
gegenüber –– beispielsweise der Einfluss Marie Mercks, die dem Buch noch eine
französischer Wörter und Ausdrücke im spezielle Note geben.
18. und 19. Jahrhundert, mit denen ein Während einige der Beiträge ihre Wahl
Hauch von Eleganz vermittelt werden klanglich begründen, zum Beispiel dass
sollte, oder die coolen anglo-amerikani- »es so schön und geheimnisvoll klingt«
schen Sprachmigranten der Nachkriegs- (12; gemeint ist hier das Wort Tohuwabohu,
zeit, deren Gebrauch uns in macht. Sie das übrigens aus dem Hebräischen
zeigen auch, wie flexibel wir mit Sprache stammt), oder es einfach mögen, weil da-
umgehen und welche Emotionen wir mit persönliche Erinnerungen an Famili-
damit verbinden können. Während sich enmitglieder oder Lebensabschnitte ver-
258

bunden sind, gehen andere Beiträge in die Man lernt quasi beim Schmökern, man lä-
Tiefe und erklären den Ursprung des je- chelt mit den Verfassern und erinnert sich
weiligen Wortes auf wisenschaftliche Art. daran, wie man selbst einmal die Bekannt-
Das macht das Buch zu einem so wunder- schaft eines bestimmten Wortes gemacht
baren Leseerlebnis. Keine zwei Beiträge hat. Somit wird das Buch zu einer Erinne-
ähneln sich. Einige Beiträge sind nur we- rungsreise, lädt uns aber gleichzeitig ein,
nige Worte lang (Das Wort cool ist cool, 94), die Augen und Ohren für die nächsten
der längste umfasst drei Seiten (Bonbon, Einwanderer offenzuhalten.
84––86). Die Individualität der Beiträge Natürlich ist es kein allzu großer Schritt
spiegelt die ihrer Verfasser. Manche Vor- von einem friedlichen Miteinander
schläge sind in Gedichtform (sehr schön sprachlicher Einflüsse im Deutschen hin
der Beitrag zu Dönerkebab, 78), andere tief- zur Überfremdung durch fremde Einflüs-
greifend und sachlich (zum Beispiel Hän- se. Das, so wissen wir, ist heutzutage
gematte, 100/101). Die Erklärungsversuche Zündstoff zahlloser Debatten zum Thema
der Beiträge verraten uns viel über die Sprachverfall. Es liegt an den Sprechern
Verfasser selbst –– Lebensgefühl, Gemüts- selbst, wie weit sie ihre Muttersprache öff-
verfassung, Sinn für Humor und Kreativi- nen, ob sie gezielt nützliche Wörter aus-
tät sind nur einige davon. wählen, aufnehmen und anpassen oder
Zu den Vorschlägen selbst sollten die vorbehaltlos alles auf- und hinnehmen,
Beiträge auch zeigen, aus welcher Spra- was aus anderen Sprachen (heute wohl
che das Wort ursprünglich stammt, und fast ausnahmslos dem Englischen) an die
begründen, warum eben dieses Wort Tür des Deutschen klopft. Bewusste und
vorgeschlagen wurde. Das hat viele der sorgfältige Sprachmischung ist unabding-
Verfasser dazu angeregt, sich zu fragen, bar, damit die Sprache sich bereichert und
warum dieses Wort im Deutschen unent- nicht selbst zerstört. Es gibt einen eklatan-
behrlich geworden ist. In den Erklärun- ten Unterschied zwischen dem Einsatz ei-
gen geht es deshalb nicht um Wörter, die niger qualitativ treffender Wörter aus ei-
wir überhaupt nicht brauchen, weil wir ner anderen Sprache –– eingedeutscht (blü-
schon längst passende haben, sondern merant) oder nicht (so lala), oder mit eige-
um Worte, die das Deutsche positiv ner, vom Original unabhängiger Bedeu-
ergänzen. Ein schönes Beispiel sind die tung (Visage) –– und einer quantitativen
Beiträge zu shoppen und Shopping. Es gibt, Überfrachtung der Sprache mit Überflüs-
so die Beiträge, einen klaren Bedeutungs- sigem. Wenn wir darauf achten, müssen
unterschied zwischen shoppen und ein- wir uns keine (allzu großen) Sorgen ma-
kaufen: Lebensmittel kauft man ein, an- chen.
dere Dinge shoppt man (24/25). Andere Und welches eingewanderte Wort war
Beispiele wären die Beiträge zu Dessous nun der Gewinner? Fisimatenten wurde
(32) und Negligé (33). am häufigsten genannt, gefolgt von Tohu-
Vieles in diesem Buch motiviert zum wabohu und Schokolade. Bei der Lektüre fal-
Nachdenken: »Das Buch gibt Anregungen len einem automatisch eine Reihe von an-
zum Weiterforschen. Unsere Sprache ist deren eingewanderten Wörtern ein, die
lebendig, erneuert sich stetig, tauscht sich man (leider) vergeblich in diesem Band
aus und gibt so manches Mal Anlass zu sucht. Selbstverständlich muss es Lücken
interkulturellen Entdeckungen.« (147) geben; diese könnten den Leser dazu anre-
Dieser Bewertung kann ich mich partout gen die fehlenden Wörter zu ergründen ––
(ein von mir gern verwendetes eingewan- es wird bestimmt eine wunderbare Ent-
dertes Wort) anschließen. Das Schönste ist: deckungsreise. Ich jedenfalls habe meine
259

Reise durch die eingewanderten Wörter nationalen Projekts bildete eine vom Insti-
im Deutschen als eine richtig spannende tut für Deutsch als Fremdsprache/Trans-
Reise empfunden und vom ersten bis zum nationale Germanistik der LMU München
letzten Wort genossen. Freuen Sie sich auf in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Insti-
Muckefuck, Schlamassel und Larifari –– Sie tut organisierte Vortragsreihe2, den Ab-
werden es nicht bereuen! schluss ein dreitägiges Festival (14.––
16.6.2007)3 mit einem parallel dazu lau-
fenden zweitägigen wissenschaftlichen
Kongress (15.––16.6.2007)4 in Berlin.
Limbach, Jutta; Ruckteschell, Katharina Der Band geht sofort in medias res mit
von (Hrsg.): dem Festivaleröffnungsvortrag »Macht
Die Macht der Sprache. Berlin: Langen- und Ohnmacht der Sprache«, gehalten
scheidt, 2008. –– ISBN 978-3-468-49408-6. am 14.6.2007 im Bundestag in Berlin von
160 Seiten, €€ 19,95 Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Andrei Pleóu,
(Simone Schiedermair, Greifswald) Kunstgeschichtler und Religionsphilo-
soph und von 1997––1999 Außenminister
Texte, Bilder, Filme und Tondokumente von Rumänien. Pleóu weist u. a. darauf
finden sich in diesem Band, der aus hun- hin, dass die enorme Macht, die der
dertsechzig Buchseiten und einer DVD- Sprache und dem Sprechen zukommt,
ROM besteht, insgesamt fünfundvierzig für diejenigen, die Sprache verwenden,
Einzelbeiträge: Texte –– Thesen, Vorträge, insbesondere diejenigen, die sie profes-
literarische Reflexionen (Bas Böttcher, Zé sionell verwenden (in Presse, Unterricht,
do Rock, Sudabeh Mohafez, Yoko Literatur, Politik), eine große Verantwor-
Tawada) von einer halben Seite bis zu tung bedeutet. Ausgehend von einem
zwölf Seiten Länge, Filme –– künstlerische Konfuzius-Zitat appelliert er deshalb an
Kurzfilme und Dokumentarfilme von ei- die Politiker, sich dieser Verantwortung
ner Minute bis zu 21 Minuten Länge, aus- bewusst zu sein, wenn sie sich in der
gewählte Einsendungen zu Sprach-, Film- Öffentlichkeit zu Wort melden:
und Fotowettbewerben. Die Publikation
»Folglich, meine Damen und Herren, jedes
stellt eine Zusammenstellung verschie- Mal wenn Sie in diesem Gebäude das Wort
denster Beiträge des gleichnamigen Pro- ergreifen, greifen Sie in die intimste Struk-
jekts »Die Macht der Sprache« dar, das das tur ihrer Nation und Ihres Staates ein. Mit
Goethe-Institut gemeinsam mit dem Stif- jedem gesprochenen Satz entscheiden Sie
terverband für die Deutsche Wissenschaft indirekt über die Sprache, über die juristi-
schen Grundlagen, über die Rituale und
mit vielen unterschiedlichen Einzelaktio- über die Künste. Sie sind –– in jedem
nen und -veranstaltungen in den Jahren Augenblick –– Gesetzgeber, Sprachschöpfer,
2005––2007 weltweit an den unterschied- Pädagogen, Moralisten und Ästheten. Ich
lichsten Orten durchgeführt hat. 27 Goe- gebe zu, das ist eine enorme Belastung. Man
the-Institute und verschiedene Partneror- kann einfach nicht das ganze Mandat lang
ganisationen vor Ort waren beteiligt, in Konfuzius sein [……].« (12)
Form von Symposien, Tagungen, Exper- Im gleichen Kapitel, das unter dem Titel
tengesprächen, Vortragsreihen, Podiums- »Sprachreden« firmiert, findet sich neben
diskussionen, Ausstellungen, Wettbewer- zwei weiteren Beiträgen die Eröffnungs-
ben, Lesungen und künstlerischen Instal- ansprache zum Festival von Bundesau-
lationen die verschiedenen Dimensionen ßenminister Frank-Walter Steinmeier,
von Sprache unter dem Aspekt der Macht ebenfalls am 14.6.2007 gehalten, in der
zu reflektieren.1 Den Auftakt dieses inter- Akademie der Künste. Mit dem Wittgen-
260

stein-Zitat »Die Grenzen meiner Sprache rellen Dialog (31––33). Konrad Ehlich
bedeuten die Grenzen meiner Welt« (24) weist in seinem Text »Sprachenschutz«
ermuntert er dazu, die Versöhnung und darauf hin, dass für den Erhalt einer
gemeinsame Zukunft Europas im Blick zu Sprache –– in diesem Fall der deutschen
haben, nicht Zerstörung und Unheil, und Sprache –– Sprachloyalität wichtiger sei
nicht zuletzt »durch den Zugang zu unse- als die Erarbeitung von Sprachschutzge-
rer eigenen Sprache und den Austausch setzen –– siehe Frankreich. Sprachloyalität
mit anderen Kulturen die Grenzen der bildet sich aus durch die Attraktivität der
Sprachen und die Grenzen unserer Welt- Sprache selbst, die Sprachsensibilität der
sichten überschreiten zu helfen« (26).5 Sprechenden, öffentliche Aufmerksam-
Mit dem zweiten Kapitel springt der Band keit, gute Sprachausbildung und Sprach-
zum anderen zeitlichen Ende des Festi- bildung und Förderung der Sprachkultur
vals. Bei dieser nächsten Gruppe von Tex- (34––36). Peter Eisenbergs Text »Sprach-
ten, die unter der Überschrift »Sprachfor- pflege« setzt sich kritisch mit der allge-
derungen« zusammengestellt sind, han- mein üblichen und allgegenwärtigen
delt es sich um Beiträge zum Abschluss- Aussage auseinander, dass sich die deut-
manifest »Der Sprache die Macht«, das sche Sprache in einem Zustand des Ver-
der wissenschaftliche Projektbeirat6 zum falls befinde:
Abschluss des Festivals am 16. Juni 2007 »Das Deutsche ist heute tatsächlich so
präsentierte. Darin plädiert zunächst die vielfältig verwendbar und ausdrucksstark
damals amtierende Präsidentin des Goe- wie nie zuvor. [……] Das Deutsche von heute
the-Instituts, Jutta Limbach, für die Mehr- ist die Sprache, die wir brauchen. Es wird
sprachigkeit, damit der kulturelle Schatz den Anforderungen, die heute bestehen, in
jeder nur denkbaren Hinsicht gerecht.« (37)
der Sprachenvielfalt in Europa erhalten
bleibt (28). Hans-Jürgen Krumm reflek- Es schließt sich das Kapitel »Sprachrege-
tiert in seinem Beitrag »Sprache und Iden- lungen« mit sechs Texten an. In einem
tität« die Rolle der Sprache bzw. der Mut- Beitrag beschäftigt sich Hans Joachim
tersprache für die Entwicklung der eige- Meyer mit dem komplexen Verhältnis
nen Persönlichkeit: von Kommunikation und Dominanz all-
gemein; die anderen Artikel stammen
»Die Macht der Sprache, was unsere Identi-
tät betrifft, ist eine doppelte: Sie konstituiert von GermanistikprofessorInnen, Dolmet-
unsere soziale Gruppenzugehörigkeit und scherInnen, ModeratorInnen unter-
sie erlaubt uns eine Selbstvergewisserung, schiedlichster Herkunftsländer und stel-
eine Antwort auf die Frage, wer wir sind.« len auf der Basis dieser grundsätzlichen
(29) Fragestellung jeweils die Sprachensitua-
Vor diesem Hintergrund fragt er, was ein tion in ihren Heimatländern –– Indien,
Sprachwechsel für Migrantinnen und Mi- Israel, Portugal, Senegal und Australien ––
granten bedeutet und wie dieser Wechsel dar. Erwähnt seien hier die Ausführun-
ohne Gefahren für die Identität bewerk- gen von Khadi Fall zur Sprachensituation
stelligt werden kann (29––30). Unter dem im Senegal, wo Bildung nur in der
Titel »Sprachen und europäische Integra- französischen Sprache möglich ist, ob-
tion« diskutiert Ulrich Ammon die wohl weniger als 30 % der Bevölkerung
These, dass Sprache nicht nur zur Kom- diese Sprache sprechen oder lesen kön-
munikation diene, sondern Mittel des nen (63––67). Und der Beitrag von Ruth
Zugangs zu anderen Kulturen sei und Morris über das Gerichtsdolmetschen in
somit Mehrsprachigkeit in Europa die Israel, für das sich oftmals keine geeigne-
unabdingbare Basis für einen interkultu- ten Personen finden, so dass es immer
261

wieder vorkommt, dass Täter oder Opfer sich mit Tabus in der Sprache bzw. dem
Verhandlungen nicht in ihrer Sprache Schweigen beschäftigen. So verfolgt Ru-
mitverfolgen können. dolf Hoberg, wie sich der Gebrauch
Fünf Beiträge umfasst das vierte Kapitel sprachlicher Ausdrücke in wenigen Jah-
»Sprachbehandlungen«; sie befassen sich ren verändern kann. Während »Neger«
alle mit üblichen Positionen des öffentli- und »Fräulein« innerhalb von kürzester
chen Diskurses zum Thema Sprache. So Zeit aus dem aktiven Wortschatz ver-
beschäftigt sich Jürgen Spitzmüller mit schwanden, hat die Akzeptanz bestimm-
dem deutsch-englischen Sprachkontakt, ten Vulgärwörtern gegenüber (etwa »vö-
und der Linguistikprofessor Peter Eisen- geln«, »Scheiße«) zugenommen.
berg kommentiert aus professioneller Ein Höhepunkt der Publikation sind si-
Sicht die Ideen des Hobbylinguisten Ba- cherlich die einminütigen Filme aus dem
stian Sick für ein »richtig gutes Deutsch«, indischen Kurzfilmwettbewerb. Aus 96
ordnet dessen Spielereien linguistisch ein Einsendungen wurden zehn Filme aus-
–– zum Beispiel die Formulierung »Das gewählt und prämiert; diese finden sich
macht keinen Sinn«, die Sick als Anglizis- nun auf der DVD-ROM. Alle sind sehens-
mus bezeichnet (81––84). wert, mit unglaublicher Prägnanz ent-
Es folgen im fünften Kapitel »Sprachbe- steht in wenigen Augenblicken ein Bild
sichtigungen« 39 Fotos aus dem Wettbe- von dem mehrsprachigen Alltag Indiens.
werb zum Projektthema »Die Macht der Naturgemäß ganz anders, aber ebenso
Sprache«, darunter die drei prämierten beeindruckend der Dokumentarfilm aus
Fotos. Insgesamt wurden 3247 Fotos aus Johannesburg. In dem Film von Daniela
46 Ländern eingereicht, 60 davon wur- Puhrsch »Regenbogennation: Mehrspra-
den für die Wanderausstellung »Die chigkeit und Identität« berichten südafri-
Macht der Sprache im Bild« ausgewählt, kanische Jugendliche, wie sehr die Chan-
erstmals auf dem Festival gezeigt und cen auf Ausbildung, Beruf und Teil-
dann zu weiteren Ausstellungsorten nahme an der Gesellschaft davon abhän-
weltweit verschickt. gig sind, ob man Englisch kann oder
Kapitel sechs bietet unter der Überschrift nicht. Außerdem auf der DVD-ROM:
»Sprachbewegungen« Sachtexte, Beiträge eine Diskussion zum Thema »Sprachen-
aus den Wettbewerben »Ausgewanderte/ politik und Identität« als Audioproduk-
Eingewanderte Wörter«, nicht zuletzt ei- tion und ein interaktives Online-Quiz:
nen kurzen literarischen Essay: Die »Stadt der Sprachen«.
Schriftstellerin Sudabeh Mohafez schreibt Fazit: Eine überaus inspirierende Publi-
eine Liebeserklärung. Sie »fühlt« die Wör- kation. Mit Kreativität und Sorgfalt ge-
ter auf Persisch und schreibt sie auf macht, gibt sie überraschend viel wieder
Deutsch. Wenigstens dieser eine literari- von der Festivalatmosphäre sowie dem
sche Text sei in dieser Rezension zitiert: umfangreichen weltweiten Programm.
Wer Lust auf mehr hat, sei auf die
»deshalb sage ich dir nicht, dass ich dich dazugehörige Internetseite verwiesen.7
liebe. ich sage: ich träume dein schwarzes
falkenherz. ich segne das ried, über das du Wie an den entsprechenden Stellen in der
fliegst. ich sage: ich habe diese menschen Rezension vermerkt, finden sich dort
gewählt, aber unter ihnen habe ich dich weiterführende Informationen, Bilder
gewählt. Und mein gefieder, sage ich, ist so und darüber hinaus die Online-Publika-
weich wie noch nie.« (131) tion »Die Macht der Sprache II«, die noch
Im siebten Kapitel –– »Sprachbegehun- einmal 172 Textseiten umfasst.8 Auf eine
gen« –– schließlich drei kurze Texte, die weitere Publikation sei hingewiesen, die
262

aus diesem Zusammenhang hervorge- Ehlich, Konrad; Lambert, Sabine (Hrsg.):


gangen ist, nämlich die Dokumentation »››Die Macht der Sprache.‹‹ Mehrsprachig-
der Beiträge aus Sektion III des wissen- keit –– Sprachenpolitik –– Sprachbildung.«
Thematischer Teil von Jahrbuch Deutsch
schaftlichen Kongresses Wissenschaft ist als Fremdsprache/Intercultural German
mehrsprachig, 2007 vom Deutschen Aka- Studies 33 (2007), 117––283.
demischen Austauschdienst (DAAD) in http://www.goethe.de/Ihr/prj/mac/ver/de-
Bonn herausgegeben. index.htm [Stand: 28.9.2009].
http://www.goethe.de/mmo/priv/2384403-
STANDARD.pdf [Stand: 28.9.2009].
Anmerkungen http://www.goethe.de/Ihr/prj/mac/kon/
wis/deindex.htm [Stand: 28.9.2009].
1 Einen Überblick über die weltweiten
Veranstaltungen mit genauen Angaben http://www.goethe.de/Ihr/prj/mac/dein-
zu den Terminen, Orten und Inhalten dex.htm [Stand: 28.9.2009].
bietet der Kalender, der unter dem fol- http://www.goethe.de/Ihr/pro/mac/Online-
genden Link eingesehen werden kann: Publikation.pdf [Stand: 28.9.2009].
http://www.goethe.de/Ihr/prj/mac/ver/
deindex.htm [Stand: 23.2.2010].
2 Die Vorträge finden sich veröffentlicht im
Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache/Intercul- Lodewick, Klaus:
tural German Studies 33 (2007), vgl. Ehlich/ DSH-Training. Aufbauprogramm Hör-
Lambert 2007.
3 Zum Programm des Festivals siehe http://
verstehen und Wortschatz. Göttingen:
www.goethe.de/mmo/priv/2384403- Fabouda, 2008. –– ISBN 978-3-930861-92-7.
STANDARD.pdf [Stand: 28.9.2009]. 64 Seiten, €€ 16,95
4 Zum Programm des Wissenschaftlichen
Kongresses siehe http://www.goethe.de/ (Elisabeth Lang, Szombathely / Ungarn)
Ihr/prj/mac/kon/wis/deindex.htm [Stand:
28.9.2009].
Lange Zeit war es schwierig, für Ler-
5 Zum Vortrag von Pleóu und zur Rede von nende, die sich auf die DSH-Prüfung
Steinmeier finden sich Fotos auf der vorbereiten oder einfach nach der Mittel-
Website »Die Macht der Sprache«: http:// stufe noch weiterlernen wollten, ein ge-
w w w. g o e t h e . d e / I h r / p r j / m a c / d e i n - eignetes Lehrwerk zu finden. Die Unter-
dex.htm [Stand: 28.9.2009]. richtenden mussten sehr viel Zeit und
6 Bestehend aus Prof. Dr. Dr. h. c. Jutta Mühe in die Entwicklung eigener Materi-
Limbach, Prof. Dr. Ulrich Ammon, Prof.
Dr. Dr. h. c. Konrad Ehlich, Prof. Dr. Peter alien stecken. Diese Marktlücke versu-
Eisenberg, Prof. Dr. Hans-Jürgen chen die Bücher und Cassetten bzw. CDs
Krumm, Prof. Dr. Johannes Weiß. des Fabouda-Verlags zum DSH-Training
7 http://www.goethe.de/Ihr/pro/mac/On- zu füllen. Nun ist ein Heft erschienen,
line-Publikation.pdf [Stand: 28.9.2009]. welches als Ergänzung zum Text- und
8 http://www.goethe.de/Ihr/pro/mac/On- Übungsbuch DSH-Training dienen soll.
line-Publikation.pdf [Stand: 28.9.2009].
Es enthält zusätzliche Hörverstehens-
übungen zu den Hörtexten im Buch
Literatur sowie Übungen zum Wortschatz. Ziel ist
DAAD (Hrsg.): Deutsch als Wissenschafts- nicht nur die Vorbereitung auf die DSH-
sprache. Sektion III ››Wissenschaft ist Prüfung, sondern auch das Verbessern
mehrsprachig‹‹ im Rahmen des Festivals des Hörverstehens wissenschaftsorien-
››Die Macht der Sprache‹‹. Berlin, Akade- tierter Texte und der Ausbau des Wort-
mie der Künste, 15. und 16. Juni 2007.
Dokumentation der Sektionsbeiträge.
schatzes.
Bonn: Deutscher Akademischer Aus- Das Übungsheft besteht aus vier Teilen.
tauschdienst, 2007. Nach einer ausführlichen Einleitung fol-
263

gen zehn Lektionen zum Hörverstehen, jeder Lektion gibt es eine alphabetische
danach ebenfalls zehn Lektionen zur Wortliste, die von den Lernenden ergänzt
Wortschatzerweiterung, am Ende findet werden kann, entweder durch die Bedeu-
sich ein Lösungsteil. In der Einführung tungen in der Muttersprache oder durch
werden die Ziele des Autors dargelegt. zielsprachliche Erklärungen. Danach fin-
Durch die Übungen sollen die Lernenden den sich vor allem Silben- und Kreuz-
auf bestimmte Textmerkmale von Vorträ- worträtsel sowie Übungen zu Wortergän-
gen aufmerksam gemacht werden, sie sol- zungen, Antonymen und zur Ergänzung
len lernen, Wichtiges von Unwichtigem von Wortreihen.
zu unterscheiden und sie sollen befähigt Zusammengefasst kann man sagen, dass
werden, Hypothesen über den Inhalt der dieses Heft eine erfreuliche und sehr
Vorträge zu bilden. Zu den Aktivitäten, brauchbare Ergänzung zum Lehrwerk
mit denen diese Ziele erreicht werden sol- DSH-Training darstellt. Das Material
len, gehören das Fortsetzen von Sätzen, kann, von einigen Partnerübungen abge-
das Erkennen des Textaufbaus, Ergän- sehen, auch im Selbststudium verwendet
zung von Lückentexten (in Partnerarbeit), werden. Will man jedoch die Lernenden
Übungen zu Notiztechnik, Überprüfen nicht nur auf die Prüfung, sondern auch
von Vermutungen sowie das Erkennen auf das Leben, d. h. in diesem Fall auf
von Schlüsselwörtern, Definitionen und Vorlesungen an der Universität, vorberei-
Negationen. Die beiliegende CD enthält ten, so sollte man nicht mit unnatürlich
keine ganzen Hörtexte, sondern nur Text- vorgetragenem Material, sondern mit au-
abschnitte und einzelne Sätze. Dies ist thentischen Vorträgen und Vorlesungen
auch der Hauptgrund, warum das Heft arbeiten.
meines Erachtens nach nur in Verbindung
mit dem Lehrwerk und den dazugehöri-
gen CDs verwendet werden kann, da das Literatur
Hören des gesamten Textes unabdingbar Lodewick, Klaus: DSH-Training. Text- und
Übungsbuch. Göttingen: Fabouda, 2007.
ist, um einen Überblick zu bekommen und
die Zusammenhänge zu erkennen. The-
matisch stammen die Hörtexte aus ver-
schiedenen Wissensbereichen wie Psy- Lüger, Heinz H.; Rössler, Andrea (Hrsg.):
chologie, Medizin, Biologie, Soziologie. Wozu Bildungsstandards? Zwischen In-
Leider handelt es sich bei diesen »Vorle- put- und Outputorientierung in der
sungen« um Lesungen im wahrsten Sinn Fremdsprachenvermittlung. Landau:
des Wortes: Es wurden dabei nicht au- Verlag Empirische Pädagogik, 2008 (Bei-
thentische Vorträge verwendet, sondern träge zur Fremdsprachenvermittlung,
die Texte werden von den SprecherInnen Sonderheft 13/2008). –– ISBN 978-3-
mehr oder weniger nur vorgelesen, die 937333-96-0. 244 Seiten, €€ 17,90
Sprechgeschwindigkeit ist sehr langsam
und unnatürlich. Diese Hörtexte haben (Ellen Tichy, Szeged / Ungarn)
mit echter gesprochener Sprache und al- In der Einführung zu diesem Sammel-
lem, was dazugehört (Sprechpausen, Ver- band von Rössler und Lüger heißt es:
sprechern etc.), nur sehr wenig gemein,
streckenweise ist der Vortrag so monoton, »Die Bildungsstandards für die erste
Fremdsprache haben seit ihrer Veröffentli-
dass man Mühe hat sich zu konzentrieren. chung [……] zu beträchtlichen Umorientie-
Im dritten Teil des Heftes finden sich die rungen in der Fremdsprachenvermittlung
Übungen zum Wortschatz. Am Beginn geführt. [……] In der Fremdsprachendidaktik
264

gelten sie heute als Auftakt für eine neue beschreibt und die, im Gegensatz zu den
Ära, die mit dem Etikett ››Standard- und traditionellen Fremdsprachen-Lehrplä-
Kompetenzorientierung‹‹ versehen wurde.« nen, nun nicht mehr reine Stoff- und
(7)
Themenkataloge, sondern ausschließlich
In dem vorliegenden Band geht es um outputorientiert seien.
diese neue Ära, die auf der einen Seite Unter dem Themenschwerpunkt »Kom-
wohl begrüßt wird, auf der anderen Seite petenzorientierung im Fokus« ist der
aber auch viel Konfliktpotential birgt. Beitrag »Interkulturelle Kompetenzen im
Durchaus positiv gesehen wird, dass die Fremdsprachenunterricht: Ein wissens-
Festlegung von Abschlussstandards hin- und strategiebezogenes Instrument zur
sichtlich der fremdsprachlichen kommu- Lehrwerkanalyse« von Peter Jandok und
nikativen Kompetenzen eine nationale Bernd Müller-Jacquier zu finden, der sich
Vergleichbarkeit von Schülerleistungen auf Lehrwerke für Deutsch als Fremd-
ermöglicht, kritisch dagegen die Vernach- sprache bezieht und auf den ich daher
lässigung des Inputs bzw. der Inhalte, für näher eingehen möchte. Die Autoren
die es keine Standards gibt (vgl. 7). Um- betonen besonders, dass interkulturelle
stritten ist das Prüfen von bildungsrele- Kompetenz nicht nur als eine Kompetenz
vanten Kompetenzen, denn die Gefahr, betrachtet werden darf, die lehr- und
dass letztendlich das geprüft wird, was lernbar ist, sondern auch als eine solche,
leicht zu operationalisieren ist, liegt nahe. die überprüfbar sein muss (vgl. 160). Die
Fertigkeiten lassen sich wesentlich leichter Mehrzahl der DaF-Lehrwerke themati-
testen als z. B. interkulturelle Kompetenz, sieren durchaus interkulturelle Inhalte
Wissen leichter als Können. und benennen interkulturelle Kompe-
Der Band setzt sich mit drei inhaltlichen tenz als explizites Lehr- und Lernziel,
Themenkomplexen auseinander, mit der nicht aber in aller Regel als Prüfungsge-
Inhaltsorientierung und den Bildungs- genstand. Der Grund liegt, wie schon
standards, mit der Kompetenzorientie- erwähnt, in der mangelnden Operationa-
rung und den Standards in der Lehrerbil- lisierungsfähigkeit der Überprüfung von
dung. interkultureller Kompetenz.
Die Beiträge zum Themenkomplex »In- Die Autoren gehen von drei Kernkompe-
haltsorientierung und Bildungsstan- tenzen aus: der Erschließung von Dis-
dards« verweisen übereinstimmend auf kurskonventionen, von Gruppenspezi-
die mangelnde Inputorientierung. Zyda- fika und von Macht- und Gewaltstruktu-
tiß (13) spricht von einer offenkundigen ren. Hinsichtlich der Diskurskonventio-
Abwertung linguistischer Kompetenzen nen verweisen die Autoren darauf, dass
in den Standards für den Mittleren Schul- eine kontrastive Vermittlung von Sprech-
abschluss, hält Themen und Inhalte für intentionen und ihrer Realisierungsmög-
trivial und wirft den Standards der Kul- lichkeiten (in Lehrwerken) immer nur ein
tusministerkonferenz (KMK) vor, allge- erster Schritt sein kann und lückenhaft
mein- oder persönlichkeitsbildende Di- bleiben muss. Interkulturelle Diskurs-
mensionen des Fremdsprachenunter- kompetenz bedeutet darüber hinaus eine
richts faktisch auszublenden (vgl. Zyda- Sensibilisierung für das spezifisch Inter-
tiß, 31). Kulturelle und die Fähigkeit einer Er-
Auch Rössler spricht von Standards ohne schließungskompetenz, die im Unter-
Stoff, vom Verschwinden bildungsrele- richt bzw. durch das Lehrwerk vermittelt
vanter Inhalte in den neuen Rahmenplä- werden müssen. Jandok und Müller-
nen, die sie als »Kompetenzlehrpläne« Jacquier sprechen von einem notwendi-
265

gen Analyse- und Interpretationsinstru- tenzstandards und von Modulen nicht


mentarium (vgl. 156 f.). Bei der Erschlie- notwendig eine negative Output-Lastig-
ßung von Gruppenspezifika geht es hin- keit oder einen Verzicht auf wichtige
gegen, aus einer psychologischen Per- Inhalte zur Folge haben muß« (213),
spektive gesehen, um sogenannte Kultur- andererseits kritisiert er, von den Niede-
standards, die Kenntnis um deren Hand- rungen des universitären Alltags ausge-
lungswirksamkeit, um Ambiguitätstole- hend, die hohe Belastung an Regelungs-
ranz und Empathie. Bei der Erschließung dichte, die mit der Umsetzung des Bolo-
von Macht- und Gewaltstrukturen ver- gna-Prozesses einhergeht und nicht sel-
weisen die Autoren insbesondere auf ten Freiräume, Selbständigkeit und Ei-
Stereotypenbildung und die Kompetenz genverantwortung wieder abbaue.
im Umgang mit Vorurteilen. In diesem Ich kann diesen Band allen Lesern emp-
Zusammenhang wird die Marginalisie- fehlen, die sich mit Standard- und Kom-
rung ausländischer Kinder und die soge- petenzorientierung befassen (müssen).
nannte Gastarbeitergeneration als Bei- Soweit es das Fachgebiet Deutsch als
spiel benannt. Fremdsprache betrifft, ist dieser Band
Das eigentliche Lehrwerkanalyseinstru- eine hervorragende Sensibilisierung für
ment umfasst drei bzw. vier Gliederungs- die Auseinandersetzung mit dem Europä-
fragen: ischen Referenzrahmen. Nachdrücklich zur
–– den Analysegegenstand bzw. die Frage Anwendung empfehlen möchte ich die
»Wird X im Lehrwerk behandelt?«, von Jandok und Müller-Jacquier entwi-
–– die Umsetzung bzw. die Frage »Wie ckelte Lehrwerkanalyse für DaF-Lehr-
wird X methodisch im Lehrwerk be- werke.
handelt?«,
–– die situative Anpassung bzw. »Ist X
und die methodische Umsetzung da-
von für die Bedürfnisse der Lerner Lüsebrink, Hans-Jürgen:
adäquat? Wenn dem nicht so ist, wie Interkulturelle Kommunikation. Inter-
gleichen Sie dieses Defizit aus?«, aktion, Fremdwahrnehmung, Kultur-
–– und der vierte Bereich ist die Lernkon- transfer. 2. Auflage. Stuttgart: Metzler,
trolle (vgl. 165). 2008. –– ISBN 978-3-476-02140-3. 213 Sei-
Dieses Lehrwerkanalyseinstrument ten, €€ 19,95
zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass
(Ruth Bohunovsky, Curitiba / Brasilien)
sowohl den Lehrenden als auch den
Lernenden große Bedeutung beigemes- »Interkulturelle Kommunikation« ist ein
sen wird. Das Analyseverfahren ist er- Schlagwort, dem niemand entkommt,
probt und kann ausdrücklich zur An- der sich mit Fremdsprachenunterricht
wendung empfohlen werden. beschäftigt. Auch kein Lehrwerk kann
Bei den Beiträgen zum Themenschwer- auf die Verwendung des besagten Termi-
punkt »Standards in der Lehrerbildung« nus verzichten –– was jedoch nicht bedeu-
möchte ich insbesondere auf den Artikel tet, dass immer klar sei, was genau damit
»››Integrierte Fremdsprachenarbeit‹‹ und gemeint ist. Im Gegenteil, man kann
Standards in der Lehrerbildung. Wider- heute von einem oft beliebigen, inflatio-
sprüchlichkeiten und Defizite« von Lü- nären Gebrauch dieses Begriffs sprechen.
ger verweisen. An den Studiengängen Darauf weist auch Hans-Jürgen Lüse-
für das Fach Französisch demonstriert brink –– Professor für Romanische Kultur-
Lüger, »dass die Einführung von Kompe- wissenschaft und Interkulturelle Kom-
266

munikation an zahlreichen Universitäten »philologisch genaue und präzise, am


weltweit –– gleich am Beginn seines Bu- sprachlichen oder filmischen Material
ches hin: so spreche man heute eher von arbeitende Untersuchungen« (175). An
»Interkulturellem Fremdsprachenunter- konkreten Fallbeispielen aus aktuellen,
richt« als schlichtweg von »Fremdspra- lebensweltlichen Kommunikationssitua-
chenunterricht«, der Begriff »Landes- tionen fehlt es also im Buch nicht –– sie
kunde« werde »gelegentlich durch die beziehen sich allerdings größtenteils auf
Voranstellung des Adjektivs ››interkultu- interkulturelle Situationen im deutsch-
rell‹‹ modisch aufgewertet« (1). Das vor- französischen Kontext.
liegende Buch –– eine erweiterte und Im kurzen ersten Kapitel gibt Lüsebrink
aktualisierte Neuauflage der Ersterschei- einen Einblick in die unterschiedlichen
nung von 2005 –– soll, so der Autor, »aus Lehr- und Forschungskontexte, die sich
interdisziplinärer Perspektive« in Frage- mit Interkultureller Kommunikation be-
stellungen, Methoden und Gegenstands- schäftigen, und sieht die Schwerpunkte
bereiche der Interkulturellen Kommuni- hier in den Bereichen der interkulturellen
kation einführen (VII). Wirtschaftskommunikation, der interkul-
Die interdisziplinäre Perspektive, ein of- turellen Pädagogik und der Migranten-
fensichtliches Bemühen um begriffliche forschung (4).
Klarheit, aber auch die auf den ersten Im zweiten Kapitel werden Konzepte und
Seiten des Buchs angekündigte Schwer- Problembereiche der Interkulturellen
punktsetzung auf die historische Dimen- Kommunikation besprochen. Zentrale Be-
sion interkultureller Prozesse, werden griffe wie »Kultur«, »Interkulturalität«,
konsequent durch den gesamten Band »Hybridität«, »Multi«- und »Transkultu-
verfolgt und auch eingehalten. Anders ralität« sowie »Kulturstandards« werden
als die einleitenden Kommentare Lüse- hier angesprochen und unterschiedliche
brinks jedoch vermuten lassen, kommen Forschungsansätze vorgestellt. Hier
der Fremdsprachenunterricht sowie wünscht man sich teilweise eine etwas kri-
Spracherwerb und Sprachvermittlung tischere Herangehensweise. So streicht
nur peripher vor. Was jedoch wiederum Lüsebrink beispielsweise hervor, dass
nicht heißen soll, dass das Buch für »seit dem 19. Jahrhundert« die »National-
Fremdsprachenlehrer nicht von Interesse kultur« die »am häufigsten gebrauchte Be-
wäre, bzw. die behandelten Themen zugsgröße in Untersuchungen zur Inter-
nicht von Relevanz auch für den Fremd- kulturellen Kommunikation« darstellt
sprachenunterricht wären. Gerade die (12). Zwar wird gleich darauf erwähnt,
Einbettung der im Bereich des Fremd- dass die Begriffe »Nation« und »National-
sprachenunterrichts oft sehr oberfläch- kultur« im Laufe der Globalisierung »an
lich geführten Diskussion um Interkultu- Bedeutung eingebüßt« (12) hätten, die
ralität in einen größeren Kontext –– v. a. klare Assoziation von Kultur und Nation
Wirtschaftskommunikation, Medienana- prägt jedoch das gesamte Buch. Aktuelle
lyse, Soziologie und Anthropologie –– Diskussionen und Infragestellungen der
stellt hier eine klare Bereicherung für den Möglichkeit einer klaren Abgrenzung ein-
Leser dar. Lüsebrink distanziert sich zelner Nationalkulturen sowie das Auflö-
explizit von jenen »abstrakten und mo- sen jeglicher klarer Grenzen oder einer
disch-theoretischen« (175) Diskussionen Determiniertheit von Identitäten bzw.
im Umfeld des (Post)Kolonialismus –– er Selbst- und Fremdbildern werden nur sel-
beruft sich hier konkret auf Homi ten erwähnt (99). Und erst im abschließen-
Bhabha ––, ihm geht es vielmehr um den Teil des Buches weist der Autor dar-
267

auf hin, dass die im zweiten Kapitel kritik- ferenzierung, wenn er darauf hinweist,
los vorgestellten –– und immer wieder zi- dass es nicht nur »grundlegende Unter-
tierten –– Theorien der Kulturdimensionen schiede« zwischen den zwei besagten
des niederländischen Psychologen Hof- Begriffen gibt, sondern »stereotype
stede oder das Kulturkonzept, auf dem Wahrnehmung und Darstellung« kogni-
Huntingtons Theorie des Zivilisations- tiv und anthropologisch notwendig seien
konflikts beruht, heute starker Kritik aus- (92).
gesetzt sind (176). Dieser Hinweis wäre Das Thema »Kulturtransfer« steht im
durchaus schon an früherer Stelle des Bu- Mittelpunkt des fünften Kapitels, und
ches angebracht. Auch die Frage nach den hier geht Lüsebrink vor allem auf medi-
Ursprüngen und Gründen der oft als ale interkulturelle Vermittlungsprozesse
selbstverständlich angenommenen ein, die er wiederum mit zahlreichen
Gleichstellung von Kultur und Nation Fallbeispielen aus den Bereichen Wer-
bleibt unbeantwortet bzw. unerwähnt. bung, Literatur und Film illustriert.
Das dritte Kapitel trägt den Titel »Inter- Trotz einiger fehlender Bezüge oder Hin-
aktion«. Hier geht Lüsebrink auf verbale, weise auf aktuelle kritische Diskussionen
paraverbale, non-verbale und mediati- zum Themenbereich Interkulturalität,
sierte Kommunikation im interkulturel- wäre abschließend zu sagen, dass diese
len Kontext ein und stellt verschiedene interdisziplinäre Einführung in die Inter-
Forschungsbereiche und -ansätze vor. kulturelle Kommunikation und ihre his-
Zahlreiche anschauliche Beispiele aus torische Dimension hält, was sie ver-
konkreten Kommunikationssituationen spricht. Auch für Vertreter des Bereiches
tragen zur leichten Verständlichkeit und Deutsch als Fremdsprache stellt sie eine
Anschaulichkeit bei. lesenswerte, äußerst didaktisch gestaltete
Im vierten Kapitel geht es um »Fremd- und leicht verständliche Einführung in
wahrnehmung«, wobei hier die histori- wichtige Begriffe, Forschungsbereiche
sche Dimension, d. h. der oft rasche und Theorieansätze sowie in deren Ent-
Wandel kollektiver Fremdbilder hervor- stehungsgeschichten dar.
gehoben und mit Beispielen v. a. aus der
französischen und deutschen Geschichte
illustriert wird. Hier diskutiert Lüsebrink
auch die Begriffe »Image –– Stereotypisie- Maierhofer, Waltraud; Klocke, Astrid:
rung –– Cliché –– Vorurteil« und schließt Deutsche Literatur im Kontext 1750––
mit einer Bemerkung, die sich direkt an 2000. Newburyport, MA: Focus Publish-
all jene richtet, die im Bereich des Fremd- ing/R. Pullins, 2008. –– ISBN 978-1-58510-
sprachenlehrens tätig sind: »Vor allem im 263-1. 321 Seiten, $ 42,95
Bereich der Fremdsprachendidaktik und
(Susanne Even, Bloomington, IN / USA)
der interkulturellen Pädagogik besteht
eine Tendenz, die Diskursformen des Wenn man Deutsche Literatur im Kontext
››Stereotyps‹‹ auf der einen und des ››Vor- zur Hand nimmt, sieht man auf der
urteils‹‹ auf der anderen Seite zu assoziie- Titelseite zunächst das Gemälde von
ren und in gleicher Weise anzugehen und August Macke, Lesendes Mädchen in blau
zu denunzieren.« (92) Der Autor distan- (1912). Eine dunkelhaarige Frau sitzt an
ziert sich jedoch klar von dieser weitver- einem Tisch in einem Zimmer und liest in
breiteten, stark simplifizierenden Inter- einem Buch. Sie wirkt entspannt, konzen-
pretation und man erkennt sein Bemü- triert, in sich gekehrt. Eine Obstschale
hen um die notwendige begriffliche Dif- steht an der Seite, eine Lampe im Hinter-
268

grund. Lesen findet hier in einem ange- Deutschlands und den unterschiedlichen
nehmen Kontext statt, nicht als anstren- Entwicklungen in den Ost- und Westsek-
gendes Studium oder als fieberhafte In- toren (Kap. 7), DDR-Literatur (Kap. 8),
formationssuche. Literatur der BRD, Österreich und der
Mit Deutsche Literatur im Kontext ist es Schweiz bis 1989 (Kap. 9) und neue
Waltraud Maierhofer und Astrid Klocke Strömungen der Jahrtausendwende
gelungen, einen solchen Rahmen zu (Kap. 10).
schaffen. Diese literarische Zusammen- Die zehn Kapitel sind wiederum jeweils
stellung macht Lust auf Lesen. Das Buch unterteilt in Abschnitte zu Geschichte/
wendet sich an Studierende an Universi- Kultur und Literatur, gefolgt von Aufga-
täten und Colleges in Nordamerika, die ben zur Verständnissicherung und -ver-
im dritten oder vierten Jahr Deutsch tiefung. Jedes Kapitel schließt mit einer
lernen, und ist der Folgeband zu Gudrun Zeittafel ab.
Clays 1000 Jahre deutsche Literatur –– von Deutsche Literatur im Kontext ist eine
den Anfängen bis zur Aufklärung (2008). wahre Fundgrube unterschiedlichster
Viele wertvolle Ideen aus Clay sind hier Texte, und ihre Besonderheit liegt in der
aufgegriffen und konstruktiv erweitert gelungenen Verschränkung von Litera-
worden: Literatur wird im geschichtli- tur, Kultur und Geschichte. Eine Auflis-
chen und kulturellen Kontext präsentiert; tung aller Autorinnen und Autoren und
Geschichte als Hintergrund für literari- ihrer Werke würde diese Rezension ins
sches Schaffen. Dabei geht es nicht um Unermessliche anwachsen lassen –– von
historische Faktenanhäufung, sondern Klopstock bis Kästner, von Schiller bis
um Verortung von Literatur in der Ge- Stifter, von Goethe bis Gotthelf, von
schichte von Deutschland, Österreich Kleist bis Kafka, von Hölderlin bis Hil-
und der Schweiz. desheimer, von Busch bis Brecht, von
Drei große Teile machen die Stützpfeiler Storm bis Süskind. Und so weiter. Oder
von Deutsche Literatur im Kontext aus; sie auch: von Innerlichkeit zu Industrialisie-
umfassen das 18., 19. und 20. Jahrhun- rung, von Kindsmord bis Kabarett, von
dert. Innerhalb dieser Teile gibt es insge- Demokratie bis Dada, von Exil bis Emma,
samt zehn Kapitel, die die Lesenden auf vom geteilten Himmel bis zum Hundert-
einen Gang durch die Epochen vom 18. wasserhaus, von Todesfuge bis Tscherno-
Jahrhundert bis zur Jahrtausendwende byl, von der Berliner Mauer bis zum
einladen. Für das 18. Jahrhundert stehen Bitterfelder Weg, von Frauenbewegung
Empfindsamkeit/Sturm und Drang (Kap. bis Fußball. Und dies ist keineswegs eine
1), Weimarer Klassik und Romantik vollständige Liste! Hervorzuheben ist au-
(Kap. 2); für das 19. Jahrhundert Realis- ßerdem, dass sich nicht nur auf die
mus mit Biedermeier/Vormärz und pro- »Klassiker« beschränkt wird, die in fast
grammatischem Realismus (Kap. 3) so- allen Literaturüberblickswerken zu fin-
wie Naturalismus und Symbolismus den sind, sondern auch unbekanntere
(Kap. 4). Der Teil zum 20. Jahrhundert ist Schriftstellerinnen und Schriftsteller, wie
mit sechs Kapiteln ungleich länger als die beispielsweise Christian Friedrich Daniel
vorigen zwei Teile und umfasst die Zeit Schubart oder Philippine Gatterer, Er-
des Ersten Weltkriegs und der Weimarer wähnung finden.
Republik mit Expressionismus, Neuer Gerade auf die Einbeziehung von Frauen
Sachlichkeit und Surrealismus (Kap. 5), als literarisch Schaffenden ist hier Wert
NS-Zeit und Exil (Kap. 6), die Nach- gelegt worden, seien es Romantikerinnen
kriegszeit bis 1965 mit der Teilung wie beispielsweise Karoline von Günder-
269

rode und Benedikte Neubert, Frauen- welche Museen nach Goethe benannt
rechtlerinnen wie Louise Otto Peters, sind und warum, Gemeinsamkeiten und
Fanny Lewald oder Lou-Andreas Salo- Unterschiede in den drei Strophen des
mé, die Lyrikerin Else Lasker-Schüler, die Gedichts Mignon identifizieren, Zitate
DDR-Autorinnen Christa Wolf und Irm- aus Iphigenie auf Tauris ihren Übersetzun-
traud Morgner, Nobelpreisträgerin El- gen ins »normale Deutsch« zuordnen,
friede Jelinek oder die junge Wendelitera- Detailfragen zum Zauberlehrling beant-
tur-Autorin Claudia Rusch. Außerhalb worten und zeichnen, was in den einzel-
der Literatur werden u. a. die Pianistin nen Strophen passiert, sich über den
Clara Schumann, Tänzerin Mary Wig- historischen Faust informieren und vieles
man, Malerin Paula Modersohn-Becker, mehr. Andere Aufgabenteile beinhalten
Künstlerin Käthe Kollwitz, Regisseurin z. B. Aufforderungen zum lauten Rezitie-
Margarethe von Trotta und Filmemache- ren oder Lesen mit verteilten Rollen
rin Doris Dörrie genannt. Auch diese sowie Themen für Mini-Referate und
Aufzählung bleibt notwendigerweise un- Klassendiskussionen.
vollständig und kann daher nur einen Da freuen sich die Didaktikerinnen und
Eindruck von der thematischen Reichhal- Didaktiker –– Studierende sollen den In-
tigkeit und Bandbreite von Deutsche Lite- halt von Gelesenem nicht einfach nachbe-
ratur im Kontext geben. ten, sondern sich eigenständig Gedanken
Weiterhin lobenswert ist die Tatsache, über die Materie machen. Die Resultate
dass nicht nur »ernste« Literatur vorge- stehen oft nicht von vorneherein fest,
stellt wird. Münchhausen von Börner, Die sondern entstehen in der Bearbeitung.
fromme Helene von Busch, Nonsense-Poe- Hier wird zum Lernen aufgefordert,
sie von Morgenstern, Eine größere An- nicht nur zur Wissensanhäufung! Auch
schaffung von Hildesheimer und das Do- weniger erfahrene Lehrende werden von
senmilchtrauma von Jochimsen sorgen für diesem reichhaltigen didaktischen Ange-
humorvolle Einlagen, die das Studium bot profitieren, das unterschiedlichen
der deutschen Literatur auflockern und Lerntypen und Lernstärken zuarbeitet
gleichzeitig Teil desselben sind. und durch Lesen, Sprechen, Hören,
Deutsche Literatur im Kontext ist »with Schreiben, Zuordnen, Referieren sowie
students in mind« (Einleitung, xi) ge- gemeinsames Recherchieren und Disku-
schrieben, und nirgendwo wird dies so tieren für eine ganzheitliche Be- und
offensichtlich wie in den großartigen Verarbeitung sorgt.
Aufgabenteilen. Statt sturem Abfragen Außerordentlich übersichtlich sind zu-
von Textinhalten, wie sie in vielen Lehr- dem die Kapitelanfänge gestaltet, die
werken immer noch zu finden sind, Themen und Kernbegriffe der jeweils
präsentieren sich hier die vielfältigsten folgenden Kapitel präsentieren, sowie
Aufgabentypen, die zu selbständigem die Zeittafeln, die die wichtigsten Ereig-
Nachdenken und eigener Recherche an- nisse unter den Rubriken Politische Ge-
regen. Um nur ein Beispiel zu nennen: schichte, Literatur/Kultur und Internationa-
Die Aufgabenstellungen zur Weimarer les tabellarisch zusammenfassen. Schön
Klassik umfassen das Studium von histo- auch der in der Einleitung vorangestellte
rischen Karten und den Vergleich mit Hilfreiche Wortschatz beim Sprechen über
heute, das Finden von klassizistischen Literatur (xvi-xix).
Bauwerken in den USA, das Anhören Für eine Erstausgabe weist Deutsche Lite-
von Haydns Sinfonie mit dem Pauken- ratur im Kontext erstaunlich wenige
schlag. Studierende sollen herausfinden, Druck- und Layoutfehler auf. Vorsicht ist
270

jedoch geboten bei Bruno Apitz’’ Nacht sowie Bilder von Produktionspropaganda
unter Wölfen (richtig: Nackt unter Wölfen, (193) und ein Foto von einem Trabi (236).
198), und bei Eichendorffs Gedicht Sehn- Der zweite Vorschlag bezieht sich auf die
sucht, hier fehlt die letzte Zeile (52). Die sehr kurze Darstellung von Kunst und
graphische Wiedergabe von Morgen- Architektur des Nationalsozialismus
sterns Fisches Nachtgesang erscheint un- (vgl. etwa die Formulierung: »Die mei-
zutreffend, da das ∪ des Originals durch- sten Maler und Künstler, die im Sinne der
gehend mit einem großen U wiedergege- nationalsozialistischen Ideologie schu-
ben wurde. Diese Fehler wären in einem fen, sind heute nicht mehr sehr bekannt
Neudruck vergleichsweise leicht zu be- ……«, 171). Hier wäre es wünschenswert
heben. gewesen, zumindest ein Werk von Arno
Problematischer erscheinen jedoch zwi- Breker oder Adolf Ziegler abzubilden
schenzeitliche Registerwechsel von be- und die umstrittene Filmregisseurin Leni
schreibender Prosa zu rhetorischen Fra- Riefenstahl zu erwähnen. In diesem Zu-
gestellungen (z. B. zu Wilhelm Tell: »Ist sammenhang böte sich, gerade im Hin-
das nicht dramatisch und spannend?«, blick auf den dem Kapitel vorangestell-
39), umgangssprachliche Formulierun- ten Abdruck des Ausstellungsführers
gen (z. B.: »da Napoleon Druck machte«, Entartete »Kunst« an, den Bildhauer und
47) und Aussagen, die ein gewisses Maß Zeichner Ernst Barlach ein weiteres Mal
an Banalität nicht verleugnen können zu erwähnen, dessen Skulptur Lesender
(z. B.: »Frauen waren nicht nur Muse, Klosterschüler in Alfred Anderschs (1914––
Inspiration und Geliebte für die Romanti- 1980) Roman Sansibar oder der letzte Grund
ker. Sie waren selbst sehr aktiv und (1957) eine Schlüsselrolle spielt. Dies
kreativ [……]«, 57). Ebenfalls scheint der würde, ganz im Sinne von Deutsche Lite-
poetische Wettkampf zwischen Goethe ratur im Kontext, eine wertvolle Verbin-
und Schiller unglücklich eingeführt: »[……] dung vom Dritten Reich zur Nachkriegs-
sie spielten nicht Golf oder einen anderen literatur darstellen.
Sport, sondern sie schrieben Balladen.
Wer von den beiden würde die besten
schreiben?« Diese Formulierungsentglei- Literatur
sungen kommen nur vereinzelt vor, aber Clay, Gudrun: 1000 Jahre deutsche Literatur ––
von den Anfängen bis zur Aufklärung. 2.
sie sollten in einer zweiten Auflage dem Auflage. Newburyport, MA: Focus Pub-
beschreibenden Hauptstil angepasst wer- lishing/R. Pullins, 2008.
den, um den Eindruck zu vermeiden,
dass man sich hier den Lernenden anbie-
dern will.
Abschließend sollen hier zwei weitere Mecklenburg, Norbert:
Vorschläge für eine (hoffentlich erschei- Das Mädchen aus der Fremde –– Germa-
nende!) zweite Auflage gemacht werden. nistik als interkulturelle Literaturwis-
Es ist wunderbar, dass Deutsche Literatur senschaft. München: iudicium, 2008. ––
im Kontext mit vielen Abbildungen arbei- ISBN 978-3-89129-552-6. 553 Seiten,
tet, die visuelle Eindrücke zum Text anbie- €€ 49,80
ten. Gar königlich wäre es, wenn noch
(Thomas Bleicher, Mainz)
mehr Bildmaterial geliefert werden könn-
te, z. B. vom neugotischen Stil (49), von Der Titel verführt: Wer diese Fremde sei,
historistischen Bauwerken (91) und soll uns erzählt werden. Der Untertitel
zweckorientierten Industriebauten (131), widerspricht und verweist auf die wis-
271

senschaftliche Programmatik einer Ger- werden darf (11). Und durch ihr Potential
manistik als interkultureller Literatur- aus »individuellen und kollektiven Iden-
wissenschaft. Und das Umschlagbild titäten, Selbst- und Fremdbildern, Re-
zeigt uns Paul Klees Disput. Ein Disput alem und Imaginärem« macht sie »im
zwischen Literatur und Literaturwissen- Medium ästhetischer Konstrukte die Mit-
schaft? Ein Disput zwischen Inlandsger- tel zur gesellschaftlichen Konstruktion
manistik und Auslandsgermanistik? Wer der Wirklichkeit durchsichtig« (12).
kann dies wagen? Ein Wissenschaftler, Es folgen Ausführungen über einige
der sein Wissen in Büchern findet? Oder theoretische Grundannahmen, so über
ein Germanist, der ins Ausland fährt, um den »Kernbereich interkultureller Litera-
zu erfahren, wie ein fremder Blick das turtheorie«: »das Verhältnis von kulturel-
Eigene verändert? Doch halt! Im zweiten ler und ästhetischer Differenz bzw. Alte-
Kapitel dieses Bandes gibt es eine »Medi- rität« (23). Hierbei spielt die »Idee des
tation« über dieses Bild und Matthias Allgemein-Menschlichen« als »experi-
Erbes Gegenbild, das als Umschlaggra- mentelles Rahmendenken« eine wichtige
phik die Macht des Dialogs, Titel eines Rolle, auch wenn sie sowohl vom Leser,
anderen Buches, ››versinnbildlicht‹‹. Für weil er mehr »das Fremde als das Ver-
Mecklenburg »regt Klees Bild zum Nach- traute« wahrnimmt, als auch vom Wis-
denken über die Bedingungen der Mög- senschaftler, der sein Expertentum ge-
lichkeit von interpersonaler und interkul- fährdet sieht, kaum beachtet wird (27).
tureller Verständigung an«, während Die Literaturgeschichte als »zweite
»Erbes Variation zum Nachdenken über Grunddimension der Literaturwissen-
Schwierigkeiten ihres Gelingens und Ge- schaft« bietet ebenfalls »ein unermessli-
fahren ihres Scheiterns« führt, und er ches Arbeitsfeld für interkulturelle Lite-
folgert daraus, dass »interkulturelle raturwissenschaft« in der »Erforschung
Theorie und Praxis [……] beide Denkmo- von Literatur in Ereignis-, Struktur- und
delle« braucht (48). Entwicklungszusammenhängen von Ge-
So durchziehen sie forschend und abwä- schichte, Gesellschaft und Kultur« (31).
gend auch dieses gesamte Buch über die Hier bedarf es einer weder nationallitera-
interkulturelle Literaturwissenschaft, der rischen noch eurozentrischen, sondern
ein »Abriss« über ihre Aufgaben und einer didaktisch orientierten Literatur-
Arbeitsbereiche vorangestellt ist. Er be- auswahl, deren Kriterium »das zugleich
ginnt mit 15 Thesen, von denen nur interkulturelle und künstlerische Poten-
einige hier zitiert seien wie ihr Gegen- tial von alten und neuen Werken der
stand, ihre Besonderheit und ihr Poten- deutschen und der Weltliteratur« sein
tial. Zu dieser Wissenschaftsrichtung ge- sollte: »denn nicht nur ein literarischer
hören demnach »interkulturelle Aspekte Text mit interkulturellem Inhalt, Litera-
der Literatur: thematische und formale tur überhaupt ermöglicht es wie kaum
Aspekte der Texte selbst, Aspekte ihrer ein anderes Medium, die Fähigkeit des
historischen, gesellschaftlichen, kulturel- Verstehens fremder Menschen, ihres
len Kontexte, ihrer Entstehung und Wir- Denkens, Fühlens und ihrer Lebensfor-
kung« (11). Ihre Besonderheit besteht men, zu trainieren« (38).
darin, dass trotz weiterer Inter-Begriffe Fachspezialisten mögen diese Aussage
wie Intertextualität und Intermedialität als unwissenschaftliche Verallgemeine-
nicht die »Grundtatsache der Ästhetizi- rung eines Idealisten abtun, aber wenn
tät, des Kunstcharakters und damit der dieses durch Literatur bewirkte Fremd-
Autonomie von Literatur« übersehen verstehen verwirklicht würde, könnte,
272

wie Mecklenburg folgert, tatsächlich kommt, lädt sie dazu ein, Heimat als
»unsere Welt [……] menschlicher« werden Heimat der anderen zu verstehen« (553).
(38). Und der Autor belässt es eben nicht Die Dialektik von Heimat und Fremde
bei solchen Allgemeinaussagen, sondern führt wieder zurück in den aus der Praxis
konkretisiert sie in 28 Einzelbeiträgen, gespeisten und daher auch später ge-
die sich zwar auch einzeln lesen lassen, schriebenen Theorieteil, dessen Leitge-
aber erst in der Summe ihrer unterschied- danke so formuliert ist: »Literaturwissen-
lichen Themen und Inhalte ein einheitli- schaftliche Arbeit gewinnt auf interkul-
ches Gesamtkonzept entwickeln. Dieses turellem Feld nur dann eine eigenständi-
wird bestimmt durch den Grundimpuls, ge Kontur [……], wenn sie kulturelle und
»an literarischer Kunst Potentiale zu er- poetische Alterität zu unterscheiden ver-
schließen und kritisch zu prüfen, die steht.« (7) Dabei werden Problemfelder
nicht nur von fachwissenschaftlichem wie Kulturindustrie, Imagologie, Herme-
Interesse sind« (7). Der wissenschaftlich- neutik, Übersetzung, Wertung umrissen.
menschliche Impuls richtet sich nun auf Das ››Kernstück‹‹ bildet hier das Kapitel,
die antithetischen Komplexe der 16 Theo- das dem Buch den Titel gegeben hat und
rie-Konzepte und der 12 Praxis-Analy- den Titel eines Schiller-Gedichtes zitiert:
sen. »Das Mädchen aus der Fremde«. Dieser
rätselhafte Text soll zu einer wissen-
Der Leitgedanke des Praxisteils wird am
schaftlichen Begriffsbestimmung von
Beispiel des einzigen nicht-deutschspra-
»kultureller und poetischer Alterität«
chigen Textes, des Romans Concierto bar-
führen und endet ironischerweise mit
roco von Alejo Carpentier, vorgestellt:
Mecklenburgs Rekurs auf Schillers Ant-
»Ein interkulturelles Potential von Litera- wort auf die Frage nach der Lösung
tur erschließt sich angemessen nur als seines ››lieblichen Rätsels‹‹, »mit seinem
künstlerisches Potential.« (8) Präzisiert Gedicht vom Mädchen aus der Fremde
wird er sodann in mehreren Einzelunter- habe er eben nichts anderes gemeint als ––
suchungen zu deutschsprachigen Auto- das Mädchen aus der Fremde« (237).
ren von Lessing bis Özdamar. Dabei Schillers poetisches Mädchen also mit all
ergibt sich fast zwangsläufig, wie Meck- seinen wissenschaftlichen Implikationen
lenburg betont, der Themenkomplex Ju- und menschlichen Vorstellungsmöglich-
den; denn »wie in der internationalen keiten –– vielleicht auch Mecklenburgs
Literaturwissenschaft die postkoloniale ››Mädchen‹‹, dem am Ende des Vorworts
Dimension, so ist in der Germanistik das »von ganzem Herzen gedankt« wird (7)?
Thema des Antisemitismus [……] ein Prüf- Die Literatur braucht sie eben beide, den
stein für die Ernsthaftigkeit interkulturel- Fach-Wissenschaftler und den Normal-
ler Literaturwissenschaft« (8). Als zwei- Menschen, als Leser, und wenn der Wis-
ter interkultureller Schwerpunkt ist dem senschaftler nicht vergisst, dass er auch
Autor »seit meiner Zeit als wissenschaft- Mensch ist, eignet er sich »für interkultu-
licher Gastarbeiter in Istanbul immer relles Arbeiten und Leben« (und Lieben)
näher gerückt [……] das Phänomenfeld der (9). Denn Literatur umgreift den ganzen
Minderheiten- und Migrantenliteratur« Menschen –– hier und jetzt wie anderswo
(8). Dabei kommt abschließend sogar die und zu anderen Zeiten, den Menschen in
Heimatliteratur ins Blickfeld: denn »gute seiner Kultur, die nie nur intrakulturell
Heimatliteratur vermag eine haltbare in- ist. Deshalb leitet sich das Denken eines
terkulturelle Brücke zu schlagen. Wenn interkulturell tätigen Literaturwissen-
sie aus fremden Ländern und Regionen schaftlers aus zwei Erfahrungen ab: der
273

»Erfahrung einer Pluralität von Kultu- Testbuch umfasst. Jedem Buch wurden
ren« und der »Erfahrung Kulturen über- auch eine bzw. zwei CDs beigefügt.
schreitender Wirkung von Literatur« Die in die Prüfungen auf den Niveaustu-
(13). In diesem Sinne bietet Mecklen- fen B1, B2 und C1 einführenden Übungs-
burgs »Studienbuch« nicht nur interkul- und Trainingsbücher können, wie die
turelle Studien, sondern regt auch zu Autoren des Heftes Mit Erfolg zum Zertifi-
weiteren interkulturellen Studien an. kat Deutsch für Jugendliche im Vorwort
betonen (3), sowohl unterrichtsbeglei-
tend zu einem Lehrwerk eingesetzt wer-
den als auch hervorragend als Selbstlern-
Mit Erfolg zum Zertifikat für Jugendli- material dienen.
che. Übungs- und Testbuch.–– ISBN 978- Wie schon dem Titel der Reihe zu entneh-
3-12-675446-0. 182 Seiten, €€ 19,95; Lö- men ist, beziehen sich die dargestellten
sungsheft. –– ISBN 978-3-12-675447-7. 32 Übungen, Übungs- und Modellsätze nur
Seiten, €€ 5,99; Bickert, Norbert; de Libero, auf an Goethe-Instituten bzw. Prüfungs-
Maria-Antonia; Cau, Antonio zentren des GI abzulegende Zertifikate.
Mit Erfolg zum Goethe-Zertifikat B2. Mit der Lektüre dieser Bücher kann man
Übungsbuch. Frater, Andrea; Keller, die Formate der jeweiligen Goethe-Prü-
Jörg; Thabar, Angélique. –– ISBN 978-3-12- fung (ZDj, GZ B2, GZ C1) genau kennen-
675830-7. 176 Seiten, €€ 19,95; Testbuch. lernen sowie auch unterschiedliche für
Bauer-Hutz, Barbara; Wagner, Renate. –– die Lösung der Aufgaben nötige Strate-
ISBN 978-3-12-675831-4. 120 Seiten, gien erarbeiten. Die drei vorliegenden
€€ 16,95 Bücher sind ähnlich aufgebaut, wobei
Mit Erfolg zum Goethe-Zertifikat C1. das Übungs- und Trainingsbuch zum ZDj
Übungsbuch. –– ISBN 978-3-12-675834-5. einige Unterschiede im Vergleich zu den
254 Seiten, €€ 19,95; Testbuch. –– ISBN 978- auf die Zertifikate B2 und C1 vorbereiten-
3-12-675835-2. 126 Seiten, €€ 16,95; Hant- den Heften aufweist, weswegen dieser
schel, Hans-Jürgen; Krieger, Paul. Stutt- Band einer separaten Analyse unterzo-
gart: Klett, 2008 gen wird.
Im Vorwort zum ZDj werden die Jugend-
(Joanna Targoñska, Olsztyn / Polen)
lichen auf die speziell für diese Ziel-
Im Zeitalter der Globalisierung, in dem gruppe konzipierten 16 Prüfungsthemen
immer wichtiger werdende Fremdspra- aufmerksam gemacht und in den Prü-
chenkenntnisse nachgewiesen werden fungsaufbau eingeführt. Die vier nachfol-
müssen, sind sämtliche Trainings- bzw. genden Kapitel sind den in den Prü-
Testbücher zu allen Fremdsprachenzerti- fungsbestandteilen geprüften Sprachfer-
fikaten zu begrüßen. Diesem Bedürfnis tigkeiten Leseverstehen und Sprachbau-
sollen die von mir rezensierten Bücher steine (LV), Hörverstehen (HV), Schriftli-
Rechnung tragen. cher Ausdruck (SA) und Mündliche Prü-
Die von jeweils einem anderen Autoren- fung (MP) gewidmet. Ein bisschen ver-
team geschriebenen Bände wurden als wunderlich ist der Aufbau des Übungs-
Übungs- und Testbücher konzipiert, wo- teils, in dem den künftigen Prüfungskan-
bei den ziemlich neuen Goethe-Zertifikaten didaten zuerst in knappen Sätzen der
(B2 und C1) jeweils zwei Hefte gewidmet Aufbau und Ablauf der Prüfung, die
wurden. Bei der Einführung in das Zerti- Bearbeitungszeit usw. präsentiert wer-
fikat Deutsch für Jugendliche (ZDj) handelt den. Dann wird ein Modelltest zu einer
es sich um einen Band, das Übungs- und der vier Fertigkeiten (jedes Kapitel be-
274

schäftigt sich mit einer anderen Fertig- daten gerichtete Aufgabe empfunden
keit) mit allen in dem jeweiligen Prü- werden, in der sie sowohl zur Fehlerkor-
fungsteil vorgesehenen Aufgabentypen rektur als auch zur Fehlerklassifikation
dargestellt, gefolgt von einem sich auf die angeleitet werden. Die Jugendlichen
geprüfte Sprachfertigkeit beziehenden müssen quasi in die Rolle des Prüfers
Lösungsteil, in dem gezeigt wird, was schlüpfen. Zu betonen ist auch, dass nach
und warum eben das die richtige Lösung sechs Übungssätzen zum SA den Interes-
ist. Die Lernenden müssen also fast un- sierten weitere zusätzliche Aufgaben (so-
vorbereitet an die Aufgaben herangehen. wohl zu zu beantwortenden Briefen als
Erst danach erscheint ein kleines Unter- auch Anzeigen als Schreibanlass) darge-
kapitel mit Tipps zur Lösung jeder Auf- boten werden.
gabe. Ein solcher Aufbau kann damit Im Kapitel zur Mündlichen Prüfung
erklärt werden, dass die Lernenden nach (MP) haben sich die Autoren dafür ent-
dem Modelltest ihre Herangehensweise schieden, die Prüfungsinteressierten se-
an eine bestimmte Aufgabe reflektieren parat in jede der drei Prüfungsaufgaben
und weitere nützliche Tipps bekommen einzuführen. So werden nach der Präsen-
bzw. Strategien erarbeiten sollen. Aus tation der kompletten mündlichen Prü-
diesem Grunde wäre es sinnvoll, diesen fung zuerst die Tipps und Redemittel für
Teil in der Gruppe unter Führung eines die erste Aufgabe, gefolgt von vier Übun-
Kursleiters durchzuarbeiten. Lobenswert gen zur Einzel- und vier zur Paarprü-
ist in diesem Buch die Tatsache, dass den fung, gegeben. Danach erscheinen acht
Prüfungskandidaten nach dem Modell- Übungen zum zweiten als Paarprüfung
test zu jeder der vier Sprachfertigkeiten gedachten Teil und sechs Übungen zum
sechs Übungssätze (eigentlich Übungs- dritten Teil der MP (hier bekommen die
satzteile) zur Verfügung stehen. Jugendlichen auch Struktur- und Wort-
Im Kapitel zum Schriftlichen Ausdruck hilfen für eine gelungene Aufgabenbe-
(SA) erfahren Prüfungskandidaten zu- wältigung). Die Aufgaben zur MP sowie
erst Bewertungskriterien bezüglich der auch die dazugehörigen Kandidatenblät-
zu schreibenden Briefe. Dann wird eine ter sind bunt und übersichtlich, deshalb
mögliche Realisierung der Aufgabe (d. h. scheinen sie leserfreundlich zu sein. Ein
ein Beispiel für einen Brief) präsentiert. kompletter die Trainingsarbeit mit die-
Die Lerner erhalten die Möglichkeit sem Buch schön abschließender Modell-
nachzuprüfen, wie ein Brief mit maxima- test bildet das letzte Kapitel dieses Ban-
ler Punktezahl beispielsweise aussehen des.
könnte. Dabei bekommen sie einige Im Übungs- und Testheft finden sich nur
Tipps zum Verfassen von Briefen sowie die Lösungen zu den Modelltests, die
auch Beispiele typischer Anrede- und Lösungen zu den Übungssätzen sind in
Grußformeln. Die Buchautoren scheinen einem separaten Lösungsheft enthalten.
sich im Kapitel zu dieser Sprachfertigkeit Die in die Zertifikate B2 und C1 einfüh-
zum Ziel gesetzt zu haben, die Lernen- renden Übungsbücher bestehen aus
den zu Gutachtern zu machen, weil sie in mehreren Kapiteln, von denen die ersten
den sechs folgenden Übungssätzen die den jeweiligen Prüfungsbestandteilen ge-
vorgelegten Antworten auf die Briefe widmet sind. Hier bekommen Prüfungs-
bewerten und ihre eigenen Bewertungen kandidaten zuerst ausführliche Informa-
mit denen der Buchautoren vergleichen tionen zu jeder der vier zu prüfenden
sollen. Als überraschend und verwun- Sprachfertigkeiten (z. B. zu Prüfungszie-
derlich kann die an die Prüfungskandi- len, Aufgabentypen, Bewertungskrite-
275

rien). Danach beginnt das Schritt-für- Die beiden letzten Kapitel der B2- und
Schritt-Trainingsprogramm, bei dem der C1-Trainingsbücher sind den Subsyste-
Prüfungskandidat an die Hand genom- men Wortschatz und Grammatik gewid-
men wird, d. h. kleine Schritte auf dem met. Diese Kapitel sind jedoch im B2- und
Weg zur Lösung macht und zugleich im C1-Trainingsbuch jeweils unter-
Tipps für die Lösung der jeweiligen schiedlich konzipiert. In dem Band zur
Aufgabe bekommt. Er kann dabei seinen B2-Prüfung werden im Kapitel zum
Lösungsweg reflektieren und Strategien Wortschatz unterschiedliche lexikalische
für die Lösung der jeweiligen Aufgabe Übungen in Bezug auf 10 Themen darge-
ausarbeiten. Nach den in die Aufgaben boten, die einerseits zur Erweiterung des
einführenden Tipps wird ein Prüfungs- Wortschatzes gedacht sind, andererseits
blatt zu der jeweiligen Aufgabe präsen- an die Aufgabenformen der B2-Prüfung
tiert, so dass sich der Prüfungsinteres- angepasst wurden, so dass sich dank
sierte ein vollständiges Bild von der ihnen die Prüfungskandidaten gezielt
Prüfung machen kann. Generell wird auf die Prüfung vorbereiten können.
hier in sehr kleinen Einzelschritten ver- Im Trainingsbuch zur C1-Prüfung wer-
fahren, was als sehr positiv bewertet den die Deutschlernenden dagegen auf
wird. Den Autoren dieses Buches ist es unterschiedliche Möglichkeiten der Er-
gelungen, sich in die Rolle des Prüfungs- schließung von unbekannten Wörtern
kandidaten hineinzuversetzen, weil sie aufmerksam gemacht. In den Kapiteln
auf alle möglichen Fragen und Probleme, zur Grammatik wird die für die Lösung
die bei jedem Prüfungsteil auftreten der Prüfungsaufgaben relevante Gram-
könnten, eingegangen sind. matik wiederholt und geübt. Beide Trai-
Erörternswert ist die Vorbereitung der ningsbücher werden mit einem Lösungs-
Prüfungskandidaten auf das Verfassen schlüssel zu allen Aufgaben dieses Bu-
von Texten in der C1-Prüfung, weil hier ches abgeschlossen, dem B2-Trainings-
die Buchautoren der Einführung in den buch sind auch die Transkriptionen der
Prüfungsteil Schriftlicher Ausdruck ein Hörtexte beigefügt. Das Testbuch mit den
Unterkapitel über das Schreiben im All- zwei beigelegten CDs enthält im Falle der
gemeinen vorangestellt haben, in dem B2-Prüfung vier und der C1-Prüfung drei
auf Regeln für die Gliederung eines komplette Modelltests mit Lösungen und
Textes, die Bedeutung von Konnektoren Kommentaren.
und Verweiswörtern sowie Satzbauvaria- Bei den von mir rezensierten Büchern
tionen eingegangen wird. Natürlich wer- handelt es sich um sehr wertvolle Publi-
den hier, wie im ganzen Übungsbuch, kationen, die die Prüfungskandidaten
viele Übungen dargeboten. In den Kapi- sehr gut auf unterschiedliche Goethe-
teln zum Schreibtraining sowie auch zum Zertifikate vorbereiten. Dank den Bü-
Mündlichen Ausdruck sind ebenso man- chern kann man gezielt und flexibel –– je
nigfaltige Redemittel für die Realisierung nach Schwerpunktsetzung –– die einzel-
unterschiedlicher Sprechabsichten bzw. nen Fertigkeiten üben. Wer sich im
die Teilnahme an einer Diskussion zu- Selbststudium auf die Prüfung vorberei-
sammengestellt. Darüber hinaus werden tet, findet in diesen Büchern eine sehr
auch Registerunterschiede zwischen for- große Hilfe in Form von wertvollen Tipps
mellen und informellen Briefen präsen- zur Arbeit an jeder der vier Fertigkeiten.
tiert, so dass der Prüfungsinteressierte Zum selbständigen Lernen regen auch
ein für die leichtere Meisterung der zahlreiche Tests an, die der Selbstbeurtei-
Prüfung nötiges Material bekommt. lung dienen.
276

Möller, Steffen: Zweitens: Vordergründig geht es um


Viva Polonia. Als deutscher Gastarbei- Polen. In Wahrheit werden deutsche Ei-
ter in Polen. Frankfurt a. M.: Scherz, gentümlichkeiten ebenso gründlich ge-
2008. –– ISBN 978-3-502-15155-5. 368 Sei- würdigt. Vor der Folie polnischer Befind-
ten, €€ 14,90 lichkeiten treten sie umso deutlicher her-
vor: Auch altbekannte Topoi –– wie
(Daniel Krause, Krakau / Polen) Deutschlands nüchtern-protestantische
Steffen Möller ist Deutschlehrer in Polen. Geradlinigkeit –– werden originell und
Als Seifenoperndarsteller und Komödi- kritisch, aber nicht denunziatorisch, be-
ant ist er im polnischen Fernsehen zu spiegelt. Dies betrifft einerseits soziale
einigem Ruhm gelangt. Längst gilt er als Verhältnisse:
bekanntester Deutscher des Landes, zu- »In Polen können wir Deutschen lernen,
mindest aber als bekanntester Deutsch- was das heißt: Diskretion. [……] Sie [eine
Polin] würde nie auf den Gedanken kom-
lehrer. Sein Ruhm dringt nun, mit einiger men, einem Fremden ihr Leben zu erzählen.
Verspätung, in die Heimat: Steffen Möller In Deutschland habe ich das seither immer
ist deutscher Bestsellerautor. Sein geist- wieder beobachtet: Schuhverkäufer schüt-
voll-vergnüglicher Lebensabschnittsbe- ten dem Kunden ihr Herz aus, Taxifahrer
richt: Viva Polonia. Als deutscher Gastarbei- wollen sich verbrüdern.« (75)
ter in Polen ist zum Bestseller geworden. Andererseits die eigentümlich deutsche
»Die Auflage dürfte sich im Dissertati- Sicht auf die Welt:
onsbereich bewegen«, hatte sein Autor »Allein schon die Tatsache, dass der Markt
fälschlich –– und nicht gänzlich unkokett –– für Wochenmagazine [……] viel größer ist als
gemutmaßt (Frankfurter Allgemeine Zei- der für Tageszeitungen, zeigt ein anderes
tung, 12.03.2008, L19). Verhältnis der Polen zur Information.
Deutschland, das Land mit den meisten
Dass Viva Polonia für den Deutschunter- Tageszeitungen pro Kopf, ist das Land der
richt in Polen höchst einschlägig ist –– trockenen Fakten und der schweren, mah-
mit Einschränkung in den übrigen mit- nenden Leitartikel. Heiterkeit wird auf die
teleuropäischen Staaten ––, versteht sich letzte Seite verwiesen [……], damit der Leser
um Himmels willen nicht in Verwirrung
von selbst. Die schiere Tatsache, dass gerät. In Polen verfließt die Trennungslinie
polnisch-deutsche Verhältnisse humor- zwischen Ernst und Heiter. Reine Fakten
voll dargestellt werden können, ist be- langweilen.« (188)
merkenswert genug. Darüber hinaus ist Kurzum: Viva Polonia eignet sich trefflich
Viva Polonia für den Unterricht in dritten als Hinführung zu deutschen Lebensfor-
Ländern geeignet, sogar in Übersee. men, und weil auch bei Möller »Ernst
Was lässt sich in Malaysia oder Argenti- und Heiter« ineinanderfließen, wird
nien mit einem Buch wie diesem begin- nicht allein über Deutschland und Polen
nen? ››belehrt‹‹, sondern geistvoll unterhalten.
Erstens: Polen ist mit Frankreich und den Die Kunst der Anekdote wird in seltene
USA Deutschlands wichtigster Nachbar, Höhen geführt.
dies aus politischen wie geschichtlichen Drittens: ››Inter‹‹-, ››Multi‹‹-, ››Transkultura-
Gründen. Auch stellen die Polen eine der lität‹‹ sind viel bemühte Schlagworte,
größten Einwanderergruppen. Deshalb zumal im wissenschaftlichen Gespräch.
ist Viva Polonia für deutschen Landes- Einschlägige Abhandlungen sind aber
kunde-Unterricht von hohem Interesse: nicht selten terminologisch derart be-
Als deutscher Blick auf die anderen –– und frachtet, dass sie im Deutschunterricht
zurück auf die Deutschen. kaum verwendbar erscheinen. Sie gäben
277

ein unrichtiges Bild vom Gegenwarts- behaupten, dass es zu den Themen An-
deutschen –– und blieben unverständlich. glisierungsdebatte und (subjektiv emp-
Steffen Möller, Philosoph seiner Ausbil- fundener oder objektiv belegbarer)
dung nach, schafft Abhilfe: Interkultu- Sprachverhunzung eigentlich nicht mehr
relle Unterschiede werden nicht allein viel zu sagen gibt. Dann aber nimmt man
beschrieben, sondern –– aus geschichtli- die Sammlung von Vorträgen in der
chen Voraussetzungen –– erklärt. Viva Polo- vorliegenden Publikation in die Hand,
nia ist demnach terminologie-frei, aber die auf einen internationalen Kongress
nicht un-theoretisch. Steffen Möller bietet zum Thema Sprachkontakt und Mehr-
gleichsam eine kontrastive Grammatik sprachigkeit von 2007 zurückgeht, und
deutscher Befindlichkeiten und Sitten, findet wieder etwas Lesenswertes. Nein,
samt reichen Anschauungsmaterials. es ist noch nicht alles gesagt.
Viertens: Möller schreibt authentisches Diese Publikation ist durchweg wissens-
Gegenwartsdeutsch. Mehr noch –– Möller und lesenswert. Besonders die Beiträge
schreibt gutes Deutsch: klar, unver- aus Österreich und der Schweiz beinhal-
krampft, rhythmisch und federnd. Solche ten viel Informatives. Obwohl ich nicht
Prosa kann als stilistisches Vorbild die- jeden Beitrag gleich nützlich finde, hat
nen. Hier schreibt einer von schwierigen jeder doch etwas, das spezifische Leser-
Dingen –– mit Leichtigkeit.
gruppen interessieren dürfte. Da die Bei-
Fünftens: Viva Polonia ist in handliche
träge alle mit umfangreichen Korpora
Kapitel von drei bis fünf Seiten geteilt.
arbeiten, gibt es auch sehr viel prakti-
Jedes ist einem wohldefinierten Wirklich-
sches Anschauungsmaterial. Ebenfalls
keitsausschnitt gewidmet –– von »Aggres-
hervorzuheben sind die umfangreichen
sion« bis »Verschwörungstheorien« ––,
Quellenangaben, die zum Weiterlesen
der anekdotisch und reflektierend zur
reizen. Stilistisch sind die Beträge alle
Klarheit gebracht wird. So ist beinahe
zugänglich, ohne wissenschaftliche
jedes Kapitel zur separaten Behandlung
Überfrachtung und Verklausulierung.
im Unterricht bestens geeignet.
Daher kann ich das Buch einer breiten
Leserschaft wärmstens ans Herz legen.
Für Leser, die mit dieser Materie bereits
Moraldo, Sandro M. (Hrsg.): vertraut sind, gibt es hier viel Anschauli-
Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit. ches zu lesen, das zur Vertiefung einlädt.
Zur Anglizismendiskussion in den Für Novizen in Sachen Anglisierungsdis-
Standardvarietäten des Deutschen in kussion finden sich interessante Anre-
Deutschland, Österreich, der Schweiz gungen. In 15 Konferenzbeiträgen gehen
und Italien. Heidelberg: Winter, 2008 die Artikel auf verschiedene Aspekte der
(Sprache –– Literatur und Geschichte 35). –– Anglizismusdebatte und Fragen der
ISBN 978-3-8253-5458-9. 224 Seiten, Mehrsprachigkeit ein. Dabei geht es in 12
€€ 42,00 Vorträgen um den deutschsprachigen
Raum Deutschland, Österreich und die
(Manuela von Papen, London / Großbritan-
Schweiz, während in zwei (logisch nicht
nien)
unbedingt nachvollziehbar) die Situation
In Anbetracht der Hülle und Fülle der in Italien thematisiert wird. Der letzte
verfügbaren Literatur, die uns heute aus Beitrag befasst sich mit Einstellungen
Schaufenstern und Zeitungen entgegen- gegenüber der deutschen Sprache als
schreit, ist man sicherlich oft geneigt zu Universitätsfach.
278

Einflüsse aus anderen Sprachen (Grie- enformen sind anglizismenintensiver),


chisch, Latein, Französisch usw.) gibt es sondern es gibt auch regionale Auffällig-
im Deutschen seit Hunderten von Jahren. keiten. Regula Schmidlin illustriert in
Auch aus dem Englischen wurden be- ihrem Beitrag, dass unter allen Sprechern
reits im Mittelalter Worte entlehnt (Kir- die Ablehnung gegenüber Anglizismen
chensprache), während das Interesse an besonders stark in Teilen der neuen
der englischen Sprache im 18. und 19. Bundesländer ist.
Jahrhundert besonders durch kulturelle, Anglizismusforschung im Deutschen
literarische und historische Kontakte ge- gibt es erst seit den 60er Jahren, wie im
prägt wurde (Lebensform, Sportsprache, Beitrag von Ulrich Busse berichtet wird,
literarische Übersetzungen, Königshaus obwohl es bereits im 18. Jahrhundert
Hannover usw.). Der Einfluss des Engli- Diskussionen über nötige (= akzeptierte
schen und der anglo-amerkanischen Le- Fachwörter mit eigener, allgemein aner-
benskultur nach 1945 ist in allen westeu- kannter Bedeutung) bzw. überflüssige (=
ropäischen Ländern dokumentiert und gezierte) Fremdwörter gab (so der Bei-
ist überall ähnlich abgelaufen, wobei trag von Ludwig Eichinger, der einen
nach dem Ende des Kalten Krieges eine interessanten Einblick in das Gramma-
weitere Intensivierung eingetreten ist. tisch[e] Wörterbuch der deutschen Sprache
Anglizismen –– wir hassen oder lieben sie. (Karl Philipp Moritz, 1793) vermittelt.
Die wenigsten von uns haben wohl keine Der Aufsatz von Irmgard Elter befasst
Meinung. Wir benutzen sie enthusias- sich mit dem leidigen in + Jahreszahl und
tisch oder kritisieren sie vehement, aber belegt durch ein umfangreiches Korpus,
niemand kann behaupten, ihnen gegen- dass dieser Anglizismus besonders häu-
über immun zu sein. Für die einen sind fig in der Fachpresse (Wirtschaft und
sie cool, für die anderen eine Pestilenz (so Finanzen) zu finden ist. Der Schluss liegt
der provokative Titel des Beitrags von nahe, dass die Anglisierung der Jahres-
Felicity Rash). Dabei wissen wir noch zahl auf die Dominanz des Englischen in
nicht einmal genau, wie viele Anglizis- der Wirtschafts- und Finanzsprache zu-
men es im Deutschen gibt. rückzuführen ist.
In vielen Ländern gibt es heftige Debat- Im Beitrag von Sandro Moraldo geht es
ten über die Rolle des Englischen und um den Sprachgebrauch in einer Anzahl
wie/ob diese Entwicklung kontrolliert zufällig ausgewählter Blogs. Der Autor
werden sollte. Rettet dem Deutsch war eine versucht die These populärer Sprachkri-
bekannte Forderung des Spiegel im Jahr tiker zu widerlegen, die den Sprachge-
2006; Verlage, Sprachwissenschaftler und brauch der Jugendlichen als Indiz für den
»Laienlinguisten« (107) reiten seit Jahren angeblichen Verfall der deutschen Spra-
auf dieser Welle und finden immer neue che sehen. Moraldo kommt zu dem
Untersuchungsmöglichkeiten und Kor- Schluss, dass der »proklamierte inflatio-
pora zur Beweis- und Gegenbeweisfüh- näre Gebrauch von Anglizismen in den
rung, dass Anglizismen, Pseudoanglizis- neuen Medien [……] hier nicht nachzuwei-
men und die generelle Anglisierung der sen [ist]« (129), sondern dass es sich hier
Kommunikation entweder Teufelswerk eher um den (spielerischen und kreati-
oder Zeichen des Fortschritts ist. Nicht ven) Gebrauch assimilierter englischer
nur sind generationenspezifische Unter- Begriffe und Gemeinplätze handelt.
schiede zu beobachten (Jüngere sind Blogs, so Moraldo, sind ein sprachlicher
anglizismenfreudiger und die an sie ge- »Experimentierplatz« (128). An diesem
richteten und von ihnen genutzten Medi- Beitrag ist besonders die Beispielfülle zu
279

loben; allerdings muss ich sagen, dass ich Kaunzner, ihren Ursprung im Vielvölker-
den Schlussfolgerungen des Verfassers staat des 19. und frühen 20. Jahrhunderts
nicht bedingungslos zustimme, da nicht hat (186). Während im wilhelminischen
wenige der zitierten postings nur mit sehr Deutschland die Amtssprache Deutsch
viel Phantasie zu entschlüsseln sind. Es von oben verordnet wurde, herrschte in
bleibt zu hoffen, dass die jugendlichen der k. u. k. Monarchie eine bunte Spra-
Blogger im Deutschunterricht oder ihren chenvielfalt in öffentlichen Situationen
Seminararbeiten wissen, dass »kaum (Politiker mussten sich ohne Dolmetscher
@home schreit mein dad rum« (126) verständigen).
besser zu unterlassende Formulierungen Auch die Schweiz kommt zu Wort.
sind. Durch ihre nationale Mehrsprachigkeit
Anders als in der mir eher vertrauten ist die Situation in der Schweiz anders
Anglizismusdebatte in Deutschland fin- als in Deutschland und Österreich, was
den wir hier auch willkommene Unter- dazu führen kann, dass die zuneh-
suchungen zu Österreich und der mende Bedeutung des Englischen das
Schweiz. Manfred Draudt widmet sich Erlernen einer zweiten Landessprache,
den False Friends und berichtet beispiels- wie es die momentane Regelung ist,
reich über ihre Zunahme in wissen- gefährden könnte. Iwar Werlen kommt
schaftlichen Zeitungsartikeln in Öster- durch Umfrageauswertungen zu der
reich und über die daraus resultieren- These, dass »Englisch für alle Befragten
den (semantischen) Missverständnisse, die angesehenste und nützlichste Spra-
die zu »gravierenden Problemen in der che [ist]« (212), während die Untersu-
Kommunikation« (164) führen können. chung von Marco Baschera ebenfalls
Beispiele wie kontrollieren, das nicht con- darauf verweist, dass Vorstöße, Englisch
trol bedeutet, oder Mappe für map sind in in der deutschsprachigen Schweiz als
der Wissenschaft sowohl gefährlich als erste Fremdsprache einzuführen, zur
auch peinlich. Beeinträchtigung der anderen Schwei-
Bernhard Kettermann untersucht den zer Landessprachen führen könnten.
Anglizismengebrauch in österreichi- Ferner stellt er die These auf, dass die
schen Sportzeitschriften. Seine Auszäh- Deutschschweizer eine »Dialektwelle«
lung ergibt einen überdurchschnittlichen (223) erleben, was bedeutet, dass sich
Anglizismusanteil von gut 7 % (Ver- (vornehmlich) die jungen Deutsch-
gleich: Tageszeitungen: 1 bis 2 %, Wo- schweizer emotional mit ihrem Dialekt
chenmagazine: 2 bis 4 %), und der Autor identifizieren, kulturell aber mit dem
führt dies auf das Identifikationsbestre- Englischen –– eine Rechnung ohne das
ben der Leserschaft zurück (Modernität, Hochdeutsche. Folglich, so Baschera,
Einzigartigkeit des Produkts). Ulrike müssen Wege gefunden werden, das
Kaunzner widmet sich ebenfalls der Englische in die Schweizer Mehrspra-
Sportwerbung und behauptet, in Öster- chigkeit zu integrieren, aber nicht auf
reich gebe es eine größere Bereitschaft, Kosten der Landessprachen oder des
Anglizismen zu verwenden (179). Wa- Hochdeutschen.
rum? Die Autorin nennt einige Gründe Sind die Anglizismen nun coole Gäste
(Abgrenzung zum größeren Deutsch- oder Pestilenz? Felicity Rash erwägt das
land, weniger deutschsprachige Verlage Für und Wider der Anglizismen in der
in Österreich), aber die interessanteste Schweiz. Fehlübersetzungen –– »es
Theorie ist die der österreichischen macht keinen Sinn« oder »downtown
Fremdwörterfreundlichkeit, die, so Switzerland« (ein irrsinniger Pseudo-
280

anglizismus, mit dem 2006 Zürich-Tou- Der Band gliedert sich in insgesamt fünf
rismus für die Stadt Zürich warb), Pseu- Großkapitel, die jeweils wiederum drei
doanglizismen (»Handy«) oder schlicht- Unterkapitel enthalten (einzig Kapitel II
weg anglisierter Imponierschwachsinn umfasst fünf Unterkapitel).
(»Es wäre funny, in McDonalds zu foo- Kapitel I »Zur Einführung« beschäftigt
den«) –– sind gewiss arg pestilenz-ver- sich mit der Rolle der Jugendsprache in
dächtig und drohen, die Sprache zu Öffentlichkeit und Medien. Neuland
überfluten. Auf der anderen Seite, so greift damit gleich zu Beginn zentrale
hofft die Autorin, ist es möglich, dass Fragen aus der öffentlichen Diskussion
sich die Schweizer auf ihre starke regio- auf (z. B. die These des »Sprachverfalls«)
nale und nationale Identität besinnen und problematisiert die mediale Kon-
und so den »sprachlichen Folgen der struktion von Jugendsprache. So wird in
Globalisierung« entgegenwirken (252). den Medien ein überformtes Bild der
Das wäre sicherlich auch für die ande- Jugendsprache gezeichnet, um es an-
ren Standardvarietäten des Deutschen schließend zu kritisieren. Zwischen den
wünschenswert. Dazu bedarf es aber Generationen werden zuerst Verständi-
einer größeren Sensibilität für und Stolz gungsprobleme konstruiert, die dann
auf die deutsche Muttersprache. wiederum mit Hilfe von Wörterbüchern
(Stichwort: Jugendsprache als Konsum-
gut) aufgelöst werden sollen.
Neuland, Eva: In Kapitel II »Jugendsprachforschung:
Jugendsprache. Eine Einführung. Tü- Grundlagen und Entwicklungen« zeich-
bingen: Francke, 2008. –– ISBN 978-3-8252- net Neuland die Entwicklung der lin-
2397-7. 210 Seiten, €€ 16,90 guistischen Jugendsprachforschung
nach. Dabei schlägt sie einen Bogen von
(Martin Wichmann, Helsinki / Finnland) den Anfängen der Forschung über die
Der bei UTB erschienene Band Jugend- Vorläufer der Jugendsprachforschung
sprache von Eva Neuland –– Professorin (Sondersprachforschung, Sprachent-
für Didaktik der deutschen Sprache und wicklungsforschung und Sprachpflege)
Literatur an der Bergischen Universität bis hin zu den aktuellen Forschungs-
Wuppertal –– richtet sich an Studierende richtungen, die ganz unterschiedliche
und Lehrende zugleich. Ziel des Bandes Forschungsinteressen verfolgen (z. B.
ist es, dem Leser einen fundierten Über- Pragmatik der Jugendsprache, Ethno-
blick über den linguistisch noch recht graphie von Jugendsprache oder
»jungen« Forschungsgegenstand Jugend- Sprechstilanalysen). Im Anschluss
sprache zu geben. Durch diesen Band daran skizziert Neuland die unter-
wird eine wichtige Lücke geschlossen. schiedlichen Schwerpunkte der Jugend-
Spiegeln doch einschlägige Publikatio- sprachforschung (z. B. Jugendsprache
nen neueren Datums tendenziell eher als Gruppen-, Medien- oder Sprachkon-
speziellere (wenn auch nicht minder in- taktphänomen) und arbeitet damit die
teressante) Forschungsfragen wider. Ex- »Vielschichtigkeit des Forschungsfel-
emplarisch sei hier auf Neuland (2007) des« (37) heraus. Darauf aufbauend
oder auch auf Dürscheid/Spitzmüller zieht Neuland eine Zwischenbilanz des
(2006) verwiesen. An einer grundlegen- aktuellen Forschungsstandes. An dieser
den Überblicksdarstellung mangelte es Stelle gibt sie auch eine Definition des
jedoch bislang. Untersuchungsgegenstandes an:
281

»Jugendsprache wird heute überwiegend dien als Unterstützer sprachlichen Wan-


als ein mündlich konstituiertes, von Ju- dels ein.
gendlichen in bestimmten Situationen ver- In Kapitel IV »Deutsche Jugendsprachen:
wendetes Medium der Gruppenkommuni-
kation definiert und durch die wesentlichen Geschichte und Gegenwart« spannt Neu-
Merkmale der gesprochenen Sprache, der land einen Bogen von der historischen
Gruppensprache und der kommunikativen deutschen Studentensprache über die
Interaktion gekennzeichnet.« (45) Formen der Jugendsprache nach 1945
Als die beiden Grundzüge der aktuellen (»Halbstarken-Chinesisch«, »Teenager-
Forschungsentwicklung nennt Neuland Jargon«, »APO-Sprache«, »Betroffen-
die Erweiterung des Gegenstandsfeldes heits-Jargon«, alternative Szenesprachen
und die Vielfalt der Methoden. Dabei und Jugendsprache in der DDR) bis hin
beschreibt sie die Rolle der Jugendspra- zur Jugendsprache der Gegenwart. Dabei
che im Zugriff unterschiedlicher linguis- arbeitet Neuland zentrale Eigenschaften
der heutigen Jugendsprache heraus, il-
tischer Disziplinen und reflektiert den
lustriert diese an Gesprächsausschnitten,
Einsatz empirischer Methoden. Offene
analysiert die Regelhaftigkeiten des
Forschungsfragen bilden den Abschluss
Sprachgebrauchs Jugendlicher und geht
des Kapitels.
anschließend auf das Phänomen der
Die theoretischen Konzepte der Jugend- Mehrsprachigkeit von Jugendsprachen
sprachforschung sind Gegenstand von ein.
Kapitel III. Neuland untergliedert die Mit dieser fundierten und umfangrei-
Theoriebildung in drei zentrale Bereiche, chen Einführung ist es Neuland gelun-
mit denen sie sich in folgenden Unterka- gen, eine wichtige Lücke in der For-
piteln jeweils vertieft auseinandersetzt: schungsliteratur zu schließen. Der Band
Konzepte von Jugend (Kap. III.1), das besticht vor allem durch seine klare
Verhältnis von Jugend- und Standard- Struktur. So wird der Forschungsstand in
sprache (Kap. III.2) und die Bedeutung seinen verschiedenen Teilaspekten
von Jugendsprache für den Sprachwan- (Grundlagen, Formen und Funktionen,
del (Kap. III.3). Während Neuland in Theorien, methodischen Zugängen und
Kapitel III.1 vorhandene theoretische didaktischen Anwendungsfeldern) syste-
Modelle reflektiert und ein eigenes Mo- matisch aufbereitet. Die vorliegende Ein-
dell herausarbeitet, setzt sie sich in Kapi- führung bietet damit eine unverzichtbare
tel III.2 mit dem Varietätenbegriff und Grundlage für die weitere Beschäftigung
dem Verhältnis von Standard und Varie- mit dem Thema Jugendsprache und stellt
tät auseinander. Dabei argumentiert sie für die Lehre –– wie ich aus eigener
für das Konzept der soziolinguistischen Erfahrung bestätigen kann –– eine wahre
Stile, da diese im Unterschied zu Varietä- »Fundgrube« dar.
ten und Registern Ausdrucksformen In Bezug auf die didaktischen Anregun-
sprachlichen (und auch nonverbalen) gen würde man sich zum Teil noch
Handelns sind und somit über eine pri- weitere Präzisierungen wünschen. Ge-
mär grammatische und lexikalische rade aus Sicht der Germanistik und des
Ebene hinausgehen. In Zusammenhang DaF-Unterrichts außerhalb des deut-
mit Kapitel III.3 zeichnet Neuland die schen Sprachraums wäre eine Ergänzung
Prozesse von Stilbildung und Stilverbrei- der Gesprächsausschnitte um Audioda-
tung –– einschließlich ihrer Konsequenzen teien wünschenswert, um so die aktuelle
für die Sprachgemeinschaft –– nach und Jugendsprache besser veranschaulichen
geht insbesondere auf die Rolle der Me- zu können.
282

Zusammengefasst: Die vorliegende Ein- sonst im Verlagsmaterial nirgends ge-


führung bietet einen umfangreichen nannte Herausgeber Gregor Sentrop, es
Überblick über den Untersuchungsge- seien wirklich »überhaupt keine Vor-
genstand und regt zur weiteren Beschäf- kenntnisse nötig«, bei einem Spielalter
tigung mit dem Thema an; dies nicht von 8 bis 98 Jahren. Für alle Versionen gilt
zuletzt auf Grund des starken Anwen- ein einfaches Regelwerk, nach dem die
dungsbezugs. Dieser äußert sich vor al- Spiel-Runde auf dem gemeinsamen
lem durch die Vielzahl der empirischen Spielbrett reihum würfelt, Steine versetzt
Beispiele, aber auch durch die anregen- und Aufgaben-Karten zieht, wobei die
den didaktischen Vorschläge, die sowohl einzelnen Mitglieder sich aber in ver-
den mutter- als auch den fremdsprachli- schiedene Umlauf-Bahnen einfädeln, je
chen Deutschunterricht abdecken. nach ihrem Sprachstand (der allerdings
nirgends definiert ist, etwa im Sinne der
Niveaustufen A1 bis B2). Ziel des Spiels:
Literatur gemeinsam die Lösungen zu jeder gezo-
Dürscheid, Christa; Spitzmüller, Jürgen
(Hrsg.): Perspektiven der Jugendsprachfor-
genen Karte, also zu jedem Schwierig-
schung. Trends and Developments in Youth keitsgrad, mithören und so auf allen
Language Research. Frankfurt a. M.: Lang, Niveaus profitieren; eine nicht bewältigte
2006 (Sprache, Kommunikation, Kultur Aufgaben-Karte wird nämlich nicht un-
3). ter, sondern auf dem Stapel abgelegt, so
Neuland, Eva: Jugendsprachen: mehrsprachig dass sie schnellstens wieder dran ist und
–– kontrastiv –– interkulturell. Frankfurt
a. M.: Lang, 2007 (Sprache, Kommunika- dem nächsten in der Runde ein Erfolgser-
tion, Kultur 5). lebnis beschert. Da dieses Konzept das
Selbstlernen ohne Klassenzimmerzwang
fördert, hatten alle bisherigen Versionen
lt. verschiedenen Berichten offensichtlich
¡New Amici! Deutsch––Chinesisch/Chi- großen Erfolg.2 Eine einigermaßen kor-
nesisch––Deutsch. 525 Karten, 1 Spiel- rekte Aussprache beim Vorlesen und
brett, 4 Spielsteine, 1 Würfel, Spielre- Lösen der Aufgaben soll garantiert sein
geln & Mini-Atlas. Ismaning: Hueber, durch eine möglichst gemischt zweispra-
2008. –– ISBN 978-3-19-509585-3. €€ 36,95 chige Besetzung der Spielrunde, darüber
hinaus durch die auf jeder Karte abge-
(Eva Sommer, Wilhelmshaven)
druckte Umschrift, von den Herausge-
Ein Blick ins Internet zeigt: Die Konzep- bern erdacht, unabhängig von bestehen-
tion des »zweisprachigen Sprachlern- den Lautschrift-Normen. Trotzdem hat
spiels« für inzwischen acht verschiedene man nun, bei der neu erschienenen chine-
Fremdsprachen, jeweils mit Deutsch ge- sischen Version, hier ein Problem gese-
paart, wird informativ und anschaulich hen und durch zusätzliche Einstiegshil-
auf http://www.hueber.de/new-amici/ fen zu lösen versucht: unter http://
vorgestellt; der Verlag bietet die (für alle www.newamici.com führt ein Button
gleiche, dem Spiel auch beiliegende) »Visit newamici soundlab« speziell zu
Spielanleitung zum Downloaden, außer- den chinesischen Karten, über mehrere
dem Links zu einer eigens dafür gegrün- Clicks erst zu den Sachgruppen, dann zu
deten Stiftung, zu Freundesgruppen und den nummerierten Rückseiten, schließ-
zu einem 3sat-Video mit einer spanisch- lich zur einzelnen Karte, für die jeweils
deutschen Spiel-Runde.1 In dem dort der »sound« installiert wird, bis die
vorangestellten Interview betont der Vokabel oder Phrase in lautreinem, rela-
283

tiv schnellem Putonghua erklingt (Hoch- »mitspile fesbetete shüle« und »dea
Chinesisch, oft »Mandarin« genannt). shtrengste leire«, während für deutsch-
Wenn eine Spielrunde aber nicht bei jeder sprachige Mitspieler die sieben chinesi-
Karte auf diese Weise den PC als zusätz- schen Schriftzeichen für »verspäteter
lichen und recht langsamen Mitspieler Mitschüler« (durchaus zum Anfänger-
einbeziehen will, bleibt sie angewiesen Grundwortschatz gehörig!) in folgender
auf die eigenwillige Umschrift der Kar- Buchstabenkette wieder auferstehen:
ten. Deren Prinzipien sind nirgends im »schàngchüä tsch-dàu de chüäscheng«
Verlagsmaterial erläutert, leider auch (da kann auch die korrekte, aber zügige
nicht der Verzicht auf die international Hörprobe im »sound-lab« keine Wort-
übliche pinyin-Umschrift. So wird der grenzen nachliefern). Alle DaF-Lehrkräf-
Grundsatz, es seien ȟberhaupt keine te, die gegen solche Klischees erfolgreich
Vorkenntnisse nötig«, grotesk überzo- ankämpfen, erinnern sich hier schmerz-
gen, weil jetzt Vorkenntnisse ausge- lich an einzelne Trainingsresistente in
schlossen werden, z. B. in allgemeinem ihren Kursen.
Lexikongebrauch, in Lautschrift bzw. pin- Dieses Beispiel mit Einzelwörtern und
yin, auch in englischem oder internatio- Wortgruppen zeigt, dass die Karten wie
nalem Wortschatz, also genau die Vor- Vokabel- oder Skatkarten zweigeteilt
kenntnisse, die eine chinesisch-deutsche sind, wobei allerdings die jeweils ge-
Spielrunde in der Regel mitbringen wird, wählte Übersetzung öfters quer zum
zumal die Spiele auch für den Unter- üblichen Alltags- und Lernwortschatz
richtseinsatz und für Erwachsene ange- steht. Abgesehen davon, dass Mehrfach-
priesen werden. Die chinesischen Mit- Nennungen bzw. Polysemie nicht vorge-
glieder werden zusätzlich blockiert, weil sehen sind3, gibt es immer wieder merk-
die eigenwillige Umschrift nicht an ihren würdige Formulierungen auf den Karten,
primär englisch geprägten Kenntnissen hier nur zwei deutsche Zufallsfunde un-
lateinischer Buchstabenschrift orientiert ter den Rollen-Aufgaben –– da ist eine
ist, sondern irgendwie an den Ausspra- gekaufte Ware zu »beanstanden« bzw.
che- und Schreibgewohnheiten des Deut- jemand in einer Bar »anzumachen«.
schen, also in merkwürdiger Verdoppe- Diese Beispiele führen uns zur Betrach-
lung genau an ihrer Zielfremdsprache tung des Inhaltlichen: Anders als viel-
(das Spielbrett ist übrigens inkonsequen- leicht bei den bisherigen Spielversionen
terweise nur in dieser Zielfremdsprache mit europäischen Sprachpaaren ist es
gestaltet?!). Dieser grundsätzliche Man- hier, bei Chinesisch-Deutsch, befremd-
gel der Phantasie-Umschrift wird noch lich, wie die westliche Lebenswelt auch
verschärft durch den konkreten Mangel, die china-landeskundliche Seite okku-
dass sie erschließbaren, aber nicht ver- piert, z. B. bei Rollenvorgaben im Stra-
tretbaren Klischees folgt; hier ein paar ßenverkehr (mit eindeutig westlichen
Beispiele: Aus falscher Rücksicht auf Fahrkartenkontrolleuren, Hundebesit-
(angebliche) chinesische Sprechgewohn- zern, Taxikunden) oder beim Shopping
heiten wird z. B. verzichtet auf den deut- (mit ebensolchen Verbraucherschutz-
schen Umlaut ö –– aus »größer« wird Prinzipien, Reklamationsstandards, Pro-
»grueser« –– und auf den Konsonanten r duktpaletten). Vielleicht ist das Problem
als Schlusslaut; so steht für chinesische dann doch noch jemandem beim Ein-
erstaunte Augen unter den Rollen »Mit- richten dieser Version aufgefallen –– es
spieler = verspäteter Mitschüler« und gibt nämlich auch landeskundliche Auf-
»der strengste Lehrer« die Umschrift gaben-Karten, die zwar in dieser Zwei-
284

teilung erscheinen, aber bei genauerem es sich bei genauerem Hinsehen, mit der
Hinsehen nicht mit einem Überset- Konzentration auf Hin- und Herüberset-
zungspaar der jeweiligen Aufgabe, son- zen von Wörtern und Phrasen (ist das
dern wirklich mit zwei adressatenbezo- Spracherwerb?!), auch in diesen Versio-
gen unterschiedlichen Aufgaben. nen um einen recht teuren Kasten mit
Gleichwertigkeit der beiden Kartenteile Rollenspiel- und Vokabelkarten handelt.
in Sachgebiet und Schwierigkeitsgrad Der Kaufpreis ist nicht durch eine beson-
vorausgesetzt, wäre das sicher vernünf- dere Qualität des Materials oder der
tig, evtl. sogar ein besonderer interkul- künstlerischen Form oder der Anpas-
tureller Pluspunkt –– warum nicht, wie sung an die Zielfremdsprachen gerecht-
viele Sprachlehrbücher auch, einerseits fertigt. Denn alle Versionen sind mit der
nach einer typisch deutschen und ande- jeweils nötigen Übersetzung der identi-
rerseits nach einer vergleichbaren chine- schen Regel-Textblätter ausgestattet und
sischen Leckerei fragen? Aber stattdes- mit den immer gleichartigen Karten und
sen erscheinen ganz merkwürdige Paa- Spielbrettern, deren einfache, glänzend
rungen auf ein und derselben Karte, überzogene Pappe nach mehreren Spiel-
z. B. werden die Bestandteile des deut- runden schon etwas angegriffen aussieht.
schen Biers parallel zum chinesischen Doch abgesehen von den älteren Versio-
Namen Chinas (»Reich der Mitte«) er- nen –– wenn ein Sprachenpaar wie Chine-
fragt oder vier wichtige chinesische Er- sisch und Deutsch dazu genommen wird,
findungen parallel zu acht deutschen braucht es für die Unterschiede in Kultur,
Ländernamen. Einfache Topographie –– Lautbildung, Schrift, Hilfsmitteln usw.
eigentlich kein Problem als Schwer- ein neues Konzept.
punkt der Landeskunde-Fragen, aber Als die Rezension soweit gediehen war,
die Vorgaben bzw. die erwarteten Ant- ging das Spiel als buntes Geschenk an
worten müssen aufeinander abgestimmt eine befreundete deutsch-chinesische Fa-
milie; dort hat man auch amüsiert über
sein: Die insgesamt drei Landkarten, als
die merkwürdige Umschrift hinweggese-
Hilfen im Begleitheft beigefügt, sind
hen und sich spielfreudig auf das zwei-
unterschiedlicher Herkunft (einmal ©
sprachige Frage-Antwort-Spiel eingelas-
2006, zweimal ohne Quellenangabe),
sen, im Sinne eines traditionellen »trivial
und so muss die Spielrunde durchaus
pursuit«, war aber bald ernüchtert und
einige Vorkenntnisse mitbringen, wenn
gelangweilt von dieser wahrlich »belang-
sie nach dem »Gelben Fluss« gefragt,
losen Jagd«.
aber auf den Landkarten mal mit dem
»Huang He«, mal mit dem »Yellow
River« konfrontiert wird, oder wenn Anmerkungen
derselbe Berg als »Zhumulangma 1 http://www.3sat.de/mediathek/media-
Feng«, als [sic!] »Chomolangma« und thek.php?obj=8367&mode=play
als »Mt. Everest« auftaucht. Ärgerlich 2 Z. B. http://www.michas-spielmitmir.de/
spieletests.php?id=new_amici
darüber hinaus die Lokalisierung dieses
3 Daher wohl die Empfehlung einer Inter-
Berges »auf der Grenze zwischen Nepal net-Rezension (Angélique Bruns / Felicitas
und China« –– war da nicht was mit Eckert, März 2008, www.ludolingua.de):
Tibet?! »Auf jeden Fall sollte immer ein/e Experte/
in der Zielsprache dabei sein (i. d. R. der/
Das Urteil über die bisherigen Versionen die Lehrer/in), da in mehreren Fällen
dieses Spiels mag in den Medien durch- andere Übersetzungen möglich sind, auf
aus positiv ausgefallen sein, auch wenn der Karte jedoch nur eine genannt wird.«
285

Niemeier, Susanne; Diekmannshenke, Chancen) der unterschiedlichen beteilig-


Hajo (Hrsg.): ten Gebiete wie Betriebwirtschaftslehre
Profession & Kommunikation. Frank- und Linguistik. Im Mittelpunkt steht die
furt a. M.: Lang, 2008 (Forum Ange- Auseinandersetzung mit Entwicklungs-
wandte Linguistik 49). –– ISBN 978-3-631- trends der Unternehmenskommunika-
56896-5. 292 Seiten, €€ 48,00 tion.
Stephan Habscheid stellt ein Teilprojekt
(Sigrid Luchtenberg, Essen)
(DFG-Forschergruppe »Neue Medien im
2005 fand in Koblenz die 36. Jahrestagung Alltag«, TU Chemnitz) zu medienvermit-
der GAL (Gesellschaft für Angewandte telter Kommunikation in Organisationen
Linguistik) unter dem Rahmenthema am Beispiel von Geschäftsbanken in den
»Profession & Kommunikation« statt. Das Mittelpunkt seiner Darstellung. Anhand
vorliegende Buch greift diese Thematik einiger E-Mail-Beispiele diskutiert er For-
mit einigen forschungsrelevanten Vorträ- men der Bürokratisierung (durch Stan-
gen der Tagung auf. Das Thema selbst ist dardisierung), Rituale und Kommodisie-
in der heutigen Gesellschaft, die im Vor- rung (zweckrationale Instrumentalisie-
wort als Dienstleistungsgesellschaft be- rung ritueller Kommunikationsmuster
schrieben wird, in der neue Kommunika- als Verwirtschaftlichung).
tionstechnologien ebenso prägend sind Im Beitrag von Britta Thörle geht es um
wie die Globalisierung, relevanter denn je, betriebsinterne Kommunikation und
denn während berufliche Kommunika- professionsspezifische Konzeptualisie-
tion umfangreicher und vielfältiger wird, rungen aufgrund unterschiedlicher be-
sind die notwendigen Kompetenzen we- ruflicher Tätigkeit in einem Betrieb (hier
der ausreichend erforscht noch in die Pra- am Beispiel eines französischen Werks).
xis eingebracht. Hierzu werden einige Gesprächsmit-
Das Buch enthält neben einer Einführung schnitte analysiert. Es wird gezeigt, dass
der Herausgeber 13 Beiträge, die sich solche Konzeptualisierungen auch zu
schwerpunktmäßig folgenden Bereichen rhetorischen Zwecken eingesetzt werden
zuordnen lassen: Unternehmenskommu- können als bewusste Kommunikations-
nikation, Gesundheitskommunikation, barrieren.
Beratungspraxis, Universität und inter- Jan Engberg befasst sich mit Monitoring,
kulturelle Kommunikation. Damit wer- das er als eine Aufgabe der Linguistik
den zwar nur einige Bereiche behandelt, in darstellt. Dazu untersucht er die Ent-
denen berufliche Kommunikation von Be- wicklung des Begriffs »Insidergeschäft«
deutung ist, aber die Konzentration auf im dänischen Recht, nachdem zunächst
einige Gebiete erweist sich gegenüber ei- auf Rechtsverständlichkeit eingegangen
ner allzu bunten Mischung von Beiträgen worden ist. Anhand des Beispiels wird
als Vorteil, zumal hier mehrere Beiträge zu herausgearbeitet, wie sich Begriffsbedeu-
einem Bereich zu einer Vertiefung führen. tungen verändern können, was auch die
Zur Unternehmenskommunikation kön- Bewertung beeinflusst, aber auch die
nen vier Beiträge gerechnet werden, wo- Aufgaben von Monitoring präzisiert.
bei Eva-Maria Jakobs zunächst eine Über- Im zweiten thematischen Schwerpunkt
sicht über Forschungsstand und -deside- finden sich drei Beiträge aus dem medizi-
rata gibt. Neben der Schwierigkeit einer nischen Bereich, in denen die Kommuni-
alle Aspekte umfassenden Definition von kation zwischen Arzt und Patient im
Unternehmenskommunikation verweist Mittelpunkt steht. Der erste Beitrag von
sie auch auf die Schwierigkeiten (und Anne-Maria Stresing befasst sich mit
286

psychotherapeutischen Gesprächen, ins- Beitrag dann Analysen und didaktische


besondere mit somatoformen Patienten, Überlegungen folgen.
deren körperliche Beschwerden auf kei- Zwei Kapitel sind der professionellen
nen nachweisbaren Befund zurückzufüh- Kommunikation im universitären Be-
ren sind und die daher psychotherapeu- reich gewidmet: Anne Berkemeier be-
tisch behandelt werden. In dem Beitrag fasst sich mit studentischen Online-Foren
geht es um Gespräche, in denen in und geht der Frage nach, inwiefern »Mo-
argumentativer Weise eine weitere Be- derationstätigkeiten die Herbeiführung
handlung nahegebracht werden soll. Die von Aufgaben- und Problemlösungen in
Autorin analysiert Beispiele von Aus- studentischen virtuellen Teams unter-
handlungssequenzen, die auch die stützen können« (215). Im Mittelpunkt
Krankheitstheorien der Patienten deut- steht ein Projektbericht aus Seminaren,
lich machen. Der mündige Patient steht für die Online-Foren eingerichtet wur-
im Mittelpunkt des Artikels von Armin den. Die Ergebnisse werden mit face-to-
Koerfer, Christian Albus, Rainer Obliers, face-Moderation verglichen. Durch eine
Walter Thomas und Karl Köhle. Das Verbindung mit der Vergabe von Schei-
»Partnerschaftsmodell« (shared decision nen wurde zudem eine ausreichende
making) wird zunächst in Abgrenzung studentische Beteiligung erreicht.
zu früheren Modellen wie dem Paterna- Katrin Lehnen und Kirsten Schindler
lismusmodell diskutiert und schließlich untersuchen schriftliche Kommunikation
anhand eines Beispiels konkretisiert. im Bereich der Ingenieurwissenschaften,
Auffällig bei diesem Beitrag ist das Lite- da eine Diskrepanz zwischen professio-
raturverzeichnis von mehr als 7 Seiten! nellen Anforderungen in schriftlicher
Auch Sybille Jung und Susanne Ditz Kommunikation und universitärer Aus-
befassen sich in ihrem Beitrag mit kom- bildung festgestellt wurde. Im Mittel-
munikativer Kooperativität im Arzt-Pati- punkt steht das Aachener Projekt
enten-Gespräch, hier am Beispiel eines »Schreiben in den Ingenieurswissen-
präoperativen Aufklärungsgesprächs. schaften« zur Entwicklung studienbe-
Beratung verbindet die folgenden beiden gleitender Trainingsprogramme, das die
Beiträge: Bei Susanne Sachtleber geht es professionellen Schreibkompetenzen er-
um funktional-pragmatische Kommuni- höhen soll.
kationsanalyse am Beispiel von externen Die letzten beiden Beiträge sind interna-
Unternehmensberatern, die zu Verände- tional ausgerichtet und von daher dem
rungsprozessen beitragen sollen. Damit breiten Spektrum interkultureller Kom-
gehört der Beitrag zugleich auch in die munikation zuzurechnen. Im Beitrag von
weitere Thematik der Unternehmens- Tina Stroisch geht es um Übersetzungen
kommunikation. Nicht nur Aufgaben von Fernsehwerbespots, also zugleich
und Rollen der Berater werden unter- auch um Medienkommunikation. An-
sucht, sondern auch ihre unterschiedli- hand von deutscher und französischer
che Kommunikation mit Mitarbeitern TV-Lebensmittelwerbung werden die Be-
und Führungskräften der Unternehmen. dingungen der Übersetzungen von Wer-
Daniel Perrins Beitrag zu Beratungsge- bebotschaften diskutiert, wobei neben ––
sprächen widmet sich einer anderen gesprochener und geschriebener –– Spra-
Kommunikationssituation: Medienauf- che auch kulturelle und ökonomische
tritte und Coaching als Beratung zur Besonderheiten berücksichtigt werden.
besseren Bewältigung. Drei Beispiele zei- Aus sprachlicher Sicht stellt die Synchro-
gen die Schwierigkeiten auf, zu denen im nisation ein besonderes Problem dar.
287

Drei Beispiele werden ausführlich analy- schung, sei es in der Erarbeitung von
siert und die Aufgaben der Übersetzer Lehrmaterial. Die Wortbildung des Deut-
diskutiert. schen ist einerseits enorm produktiv, d. h.
Im letzten Buchkapitel von Tanky Em- ein wichtiger Lerngegenstand, anderer-
merling geht es um Unternehmensweb- seits relativ komplex, d. h. nicht immer
sites und die weiterreichende Frage nach mit wenigen einfachen Regeln abzude-
Standardisierung und/oder Differenzie- cken. Die Wortbildung des Verbs (mit
rung im internationalen Markt. Aufbau- Schwerpunkt auf der Präfigierung) stellt
end auf Untersuchungen über Websites nach der einfacher zu vermittelnden Sub-
der Aventis-Gruppe in verschiedenen stantivkomposition sowohl eine der
Ländern werden sprach- und kulturspe- Lernschwierigkeiten des Deutschen als
zifische Anpassungen detaillierter analy- auch eine der Schlüsselkompetenzen für
siert. das Erreichen eines über die Grundstufe
Die Übersicht über die Beiträge des vor- hinausreichenden Sprachniveaus dar.
liegenden Buches zeigt die Vielfalt der Die Wortbildung des Verbs im Deutschen
Thematik »Profession und Kommunika- dient neben der semantischen Differen-
tion«. Die Auswahl gibt einen guten zierung vor allem der Vermittlung von
Überblick, auch wenn natürlich nicht alle aspektuellen Informationen, der Valenz-
Bereiche abgedeckt werden konnten, und erweiterung und der referentiellen Ein-
ermöglicht es, auch linguistische Zusam- bettung in den kommunikativen Kontext.
menhänge zwischen den einzelnen Teil- Dies spiegelt eine allgemeine Tendenz
bereichen zu erkennen. des Deutschen wider, möglichst wenig
Für Lehrende des Deutschen als Fremd- auf den Kontext zu vertrauen und mög-
sprache kann das Buch in mehrfacher lichst weitgehend den Interpretations-
Hinsicht interessant sein: Es gibt linguis- spielraum einzugrenzen. Man kann das
tische Einsichten in eine Thematik, die in Bezug auf das Spektrum kontextrei-
auch in Deutsch als Fremdsprache eine cher und kontextarmer Sprachen analy-
Rolle spielt, denn »Profession und Kom- sieren oder auch hinsichtlich der über-
munikation« sind für nahezu alle Berufe, oder unterdeterminierten Ausdrucks-
die Studierende des Deutschen als weise mancher Sprachen, bzw. auch be-
Fremdsprache anstreben, hochrelevant. stimmter Textsorten und Register inner-
halb einer Sprache. Der Umstand, dass
im Deutschen ad-hoc-Bildungen nicht nur
akzeptiert sind, sondern sogar ein wichti-
Olejarka, Anna: ger konstitutiver Bestandteil bestimmter
Die Wortbildungsregularitäten des Textsorten werden, macht dieses Gebiet
Verbs und ihre Umsetzung in didakti- für Lernende nicht gerade leichter –– hier
schen Grammatiken für Deutsch als ist nicht nur wie in anderen Sprachen die
Fremdsprache. München: Iudicium, künstlerische Freiheit literarischen
2008. –– ISBN 978-3-89129-554-0. 335 Sei- Sprachgebrauchs zu nennen, sondern vor
ten, €€ 36,00 allem der Einsatz der verbalen Wortbil-
dung zur Präzisierung und feinen Diffe-
(Markus J. Weininger, Florianópolis / Brasi-
renzierung von technischen oder wissen-
lien)
schaftlichen Sachverhalten. Die erste
Das Thema des vorliegenden Bandes ist Herausforderung für Lernende und Leh-
von großer Relevanz für den Bereich DaF, rende ist dabei die rezeptive Kompetenz,
sei es im Unterricht, sei es in der For- also die korrekte Interpretation der ver-
288

schiedenen Wortbildungsresultate. Auf räumliche Bezug auf einen Fixpunkt und


den ersten Blick erscheint das weniger die Wirkung der Schwerkraft sind nicht
problematisch und in vielen Fällen be- mehr bestimmend, es sei denn, man
schränkt sich die Didaktik der verbalen betrachtet den letzten noch ausgeführten
Wortbildung explizit darauf, doch auch Programmschritt oder den eingetretenen
hier gibt es nicht wenige Lernschwierig- Programmfehler als Fixpunkt und die
keiten zu überwinden. Die wichtigsten Tendenz von Software, irgendwann in
sind die Unterscheidung zwischen feiner einen derartigen Zustand zu gelangen,
semantischer Differenzierung und als ein Naturgesetz, vergleichbar mit der
grundlegender Bedeutungsveränderung. Schwerkraft. Dies jedoch verweist auf
eine völlig andere (ebenso interessante)
Beispiel 1: Diskussion, inwieweit Sprache immer
a) An der Wand aufgehängt hat so eine metaphorisch ist oder nicht. Für den
Ahnentafel auch ästhetischen Wert. Lerner bleibt also das Dekodierungspro-
Hier ist der semantische Verlust gering, blem, nämlich zu erkennen, wann das
wenn man das präfigierte Verb in einer Basisverb als behelfsmäßiger Ersatz die-
ungefähren Interpretation durch das Ba- nen kann und wann ein völlig anderes
sisverb ersetzt (hängen = stabil in vertika- Synonym heranzuziehen ist. Dieser Sach-
ler Position verbleiben, von einem Fixie- verhalt wird auch dadurch erschwert,
rungspunkt aus der Schwerkraft fol- dass sprachgeschichtlich länger beste-
gend). hende Wortbildungen, die jedoch dem
b)Aber ich glaub’’, das müsste mit Hard- gleichen Wortbildungsmuster der ad-hoc-
reset in Ordnung gehen, weil das auch Bildungen folgen, oft keine analoge Inter-
immer so ist, wenn sich mein I-Pod auf- pretation erlauben.
hängt.
In diesem Beispiel ist es problematisch, Beispiel 2:
das wie oben funktional definierte Basis- a) mithören, zuhören, hinhören, weghö-
verb einzusetzen, denn der I-Pod hängt ren vs. b) aufhören
hier nicht physisch an einem räumlich Alle Wortbildungen im Beispiel 2 a)
definierten Punkt. Zur korrekten Inter- haben direkt mit dem Basisverb »hören«
pretation ist es nötig, die Zwischensta- zu tun und können relativ einfach kon-
tion »sich aufhängen« zu kennen (also: textuell erschlossen werden. Beispiel 2 b)
seinem Leben ein Ende setzen durch dagegen ist auf den ersten Blick nicht
schwerkraftbestimmtes Hängen am Hals analog erschließbar und kann keinesfalls
von einem Fixpunkt aus infolge von durch das Basisverb »hören« ersetzt wer-
Verschluss der Luftröhre oder Brechen den.
des Genicks nach einem Fall in die stabile Bei der produktiven Kompetenz, also der
Lage). Ein Synonym von »sich aufhän- Fähigkeit, selbst verbale Wortbildungs-
gen« wäre im Fall des I-Pods in etwa produkte zu gebrauchen, gestaltet sich
»blockieren«. Der funktionale Transfer ist die Lage noch wesentlich schwieriger.
klar erkennbar, die neue Anwendungssi- Denn hier gelten verschiedene Restriktio-
tuation erlaubt aus verschiedenen Grün- nen für die Kombination von Verbstäm-
den die Benutzung von »sich aufhän- men und Derivationsmorphemen, die
gen«: die Funktion der Software des nicht immer durch Regeln oder Analo-
Geräts wird abrupt unterbrochen und es gien erfassbar sind. Dass lateinische oder
verharrt in einer stabilen, wenngleich griechische Stämme normalerweise nicht
unerwünschten Lage. Lediglich der mit deutschen Affixen kombiniert wer-
289

den (und umgekehrt), ist noch relativ verbale Wortbildung ist und die Rezen-
klar erkennbar (stabilisieren, nicht *ver- sion einer Rezension zwangsläufig ein
stabilen; verschönern, nicht *schönifizie- etwas unbefriedigendes Unterfangen
ren). Doch sehr oft bieten sich auf den darstellt. So seien also hier weniger die
ersten Blick inhaltliche und formale Ana- Inhalte als die Vorgehensweise der Zu-
logien an, die dann aus schwer erkennba- sammenstellung der deutsch-polnischen
ren Gründen nicht tragfähig sind. Bleiben Linguistin thematisiert.
wir bei diesem Muster der deadjektivi- Nach einer kurzen Einführung von mor-
schen Derivation zur Bildung von orna- phologischen Grundbegriffen der Wort-
tiv-perfektiven Verben: bildungslehre präsentiert Olejarka relativ
ausführlich die Darstellung von Wortbil-
Beispiel 3: dungsregeln einiger Autoren (Fleischer/
a) teuer –– verteuern Barz, Toman, Erben, Mogge, Bohn, Alt-
b) lang –– verlängern mann/Kemerling, Weinrich). Ein Über-
c) breit –– verbreitern gangskapitel versucht den Ansatz »di-
d) schnell –– verschnellern daktischer Grammatiken« zu beschrei-
e) kurz –– *verkürzern (verkürzen) ben, kommt jedoch zum wenig überra-
f) langsam –– *verlangsamern (verlang- schenden Schluss, dass es hier wenig
samen) Übereinstimmung zwischen verschiede-
g) billig –– *verbilligern (verbilligen) nen Publikationen gibt und der Begriff
Das Wortbildungsmuster in Beispiel 3 noch einer eindeutigeren inhaltlichen
scheint klar zu sein: [ver- + Komparativ Füllung bedarf. Im Anschluss daran wer-
des Adjektivs + -n] bezeichnet eine Ak- den drei gängige »didaktische Gramma-
tion, die den im Komparativ genannten tiken« vorgestellt: Grammatik lernen und
Zustand zur Folge hat. Die leichten Ab- verstehen. Ein Grundkurs für Lerner der
weichungen davon (e, f, g) sind rezeptiv deutschen Sprache, em-Übungsgrammatik
kein Problem, jedoch für die eigene und Grammatik mit Sinn und Verstand, also
Sprachproduktion der Lernenden nicht jeweils ein Beispiel aus dem Bereich
so einfach zu vermitteln, noch weniger Grundstufe, Mittel- und Oberstufe. Ei-
die subtile Differenzierung zwischen nerseits ist dieses Vorgehen im Sinne
»verschönen« (eher abstrakte Bedeutung) einer umfassenden Dokumentation der
und »verschönern« (eher konkrete Be- verschiedenen Ansätze hilfreich, ande-
deutung). rerseits ergeben sich zwangsläufig sehr
Diese wenigen Hinweise sollen an dieser viele Wiederholungen, die das Lesen
Stelle genügen, um die Komplexität des etwas ermüdend gestalten.
Felds anzudeuten. Wie schon erwähnt, Auf der Basis dieser weitgehend unkom-
steht in der Didaktik der verbalen Wort- mentierten Zusammenfassung versucht
bildung des Deutschen noch vieles aus. Olejarka dann eine Synthese, die jedoch
Die von Anna Olejarka vorgelegte Be- streng genommen wenige eigene Vor-
standsaufnahme leistet hier einen nützli- schläge zur Wortbildungsdidaktik vor-
chen Beitrag zur klareren Sicht auf den legt und hauptsächlich die als positiv
status quo der DaF-Didaktik in diesem empfundenen Elemente der diversen re-
Bereich. Eine gewisse Schwierigkeit für ferierten Autoren zusammenfasst. Die
den Rezensenten ist, dass Ojarkas Band letzten ca. hundert Seiten sind dann
selbst eigentlich so etwas wie eine 335- faksimilierte Reproduktionen zentraler
seitige Rezension gängiger Grammatiken Einheiten der drei besprochenen Lerner-
und Lehrmaterialien in Bezug auf die grammatiken, die es auch Lesern ohne
290

Zugang zu den Werken selbst erlauben, rer Aufmerksamkeit. Einer der ersten
sich ein ungefähres Bild von deren Prä- Hinweise war, »dass ab der zweiten
sentation und Vorgehensweise zu ma- Hälfte des 19. Jh.s türkische Märchen von
chen. ausländischen Wissenschaftlern er-
Fazit: Eine nützliche Dokumentation des forscht und gesammelt worden waren
aktuellen Stands, leider aber keine eige- und dass die meisten Texte in Ungarn
nen Versuche, den anerkannt relativ un- aufbewahrt sein mussten« (9). So fielen
befriedigenden Stand der Dinge zu ver- mir gleich die Namen großer Turkologen
bessern oder wenigstens deutlicher hör- und Orientalisten der ungarischen
bare Kritik anzubringen. Doch das war Sprachwissenschaft wie Kúnos und
wohl auch nicht die Absicht dieser Publi- Vámbéry ein, deren Wirken und Werken
kation. Meral Ozan mehrere Seiten des Buches
widmet.
Die Autorin der vorliegenden Arbeit
setzt sich zum Ziel, Ähnlichkeiten und
Ozan, Meral: Unterschiede im deutschen und türki-
Die ››tote‹‹ Seele. Die Brautwerbung als schen Erzählgut, des Besonderen der
narrativer Diskurs im Volksmärchen Märchentexte des Typs der Brautwer-
der deutschen und türkischen Erzähl- bungsmärchen aufzudecken. Dieser Ziel-
kultur. München: Iudicium, 2008. –– ISBN setzung wird in einer kontrastierenden
978-3-89129-551-9. 282 Seiten, €€ 30,00 Untersuchung von Szenen der Brautwer-
bung, die als eine spezielle Form der
(Erika Kegyes, Miskolc / Ungarn)
narrativen Diskursivität aufgefasst und
Meral Ozan beschäftigt sich in der vorlie- beschrieben werden, in den fünf Haupt-
genden Arbeit mit Erscheinungsformen kapiteln des Buches nachgegangen. Die
der Narrativität in ausgewählten deut- Bewertung vorhandener Quellen und die
schen und türkischen Märchentexten Herstellung literarischer Querverbin-
und mit den sprachlichen Ausdrucksfor- dungen der Primärtexte bilden den Rah-
men schriftlicher und mündlicher Er- men der Arbeit. Auch die Beschreibung
zählkultur des Märchens. Die Autorin beider Märchenkulturen nahm die Auto-
blickt über das Gebiet der kontrastiven rin unter dem Aspekt der Kontrastivität
Erzählforschung hinaus und gibt einen vor.
gut strukturierten Überblick über die In der Einleitung des Buches (11––32) wird
Text- und Ko-Textualität der deutschen der Stand der Märchenforschung, mit
und türkischen Märchenwelt, eingebettet einem Ausblick auf die Problematik der
in den (sprachlichen) Diskurs der Braut- Sammlung und Aufarbeitung überliefer-
werbung. ter Textquellen, besprochen. Hier wird
Da ich Ungarin bin und im Rahmen auch auf die allgemeine Schwierigkeit
meiner Studien der ungarischen Sprach- der Analyse von Märchentexten hinge-
wissenschaft das Wirken vieler ungari- wiesen: einerseits die ungenügende An-
scher Sprachwissenschaftler kennen zahl wirklich brauchbarer Textvorlagen,
lernte, die das Türkische erforschten, so andererseits die Mannigfaltigkeit der bis-
las ich mit Vorfreude das Buch und her entwickelten Analysepunkte. Aus
verfolgte die sich auf die ungarische diesem Grunde werden von der Autorin
Sprache und Sprachwissenschaft bezie- Konzepte und Analysemodelle von
henden Informationen sowie die unga- Propp und Todorov kritisch überprüft.
rischsprachigen Hinweise mit besonde- Ausgewählte deutsche und türkische
291

Märchen werden nach deren Analysever- 1945) war der erste sogenannte westliche
fahren genauer unter die Lupe genom- Forscher –– wie es auch von Meral Ozan
men; diese Analysen zeigen überzeu- hervorgehoben wird ––, der türkische
gend auf, wo die kritischen Punkte beider Märchen gesammelt und veröffentlicht
Analyseverfahren liegen. Die Verfasserin hat. In der Schreibweise des Geburtsorts
postuliert, dass neben der strukturellen von Kúnos ist aber ein Rechtschreibfehler
Analyse der Märchentexte auch die in unterlaufen (richtig heißt der Ort: Hajdú-
den Märchen beschriebenen prototypi- sámson). Auch weitere ungarische Orien-
schen Entwicklungsformen der Seele in talisten werden erwähnt, wie z. B. Vám-
die Analyse mit einbezogen werden sol- bery (auch in der Schreibweise Vámbéry)
len. Dadurch können die Handlungsmu- und Budenz. Der Name von Munkácsi
ster und Konfliktsituationen des Mär- (62) ist leider falsch angegeben.
chens, die als Träger der Märchenmotive Zur Würdigung von József Budenz ist
–– und aus diesem Grunde als der wahre anzumerken, dass er nicht nur ein Orien-
Kern jedes Märchens –– zu bezeichnen talist war. Seine wissenschaftliche Lauf-
sind, genauer und tiefer nachvollzogen bahn fing mit der Studie sämtlicher
werden. Die Musteranalysen, die nach türkischer Sprachen an, später vertrat er
den Modellen von Propp und Todorov die Ansicht, dass das Ungarische mit
durchgeführt werden, werden miteinan- türkischen Sprachen nicht verwandt sein
der kontrastiert und in Diagrammen kann. Diese Tatsache änderte aber nichts
verdeutlicht. daran, dass er türkische Sprachen in ihrer
Ein Teil des wahren Kerns jedes Mär- Syntax erforschte und seine Studien in
chens liegt in seiner Diskursivität und der Zeitschrift Nyelvtudományi Közle-
Narrativität. Diese Faktoren wurden in mények, die er seit 1878 herausgab, regel-
der früheren Märchenforschung eher aus mäßig veröffentlichte. Der sich als leiden-
einer deskriptiven Perspektive beschrie- schaftlicher Orientalist auszeichnende
ben. Meral Ozan führt hier eine Analyse Ármin Vámbéry argumentierte dagegen
unter der Perspektive der Diskursivität für eine Verwandtschaft mit den türki-
und Narrativität durch und arbeitet ein schen Sprachen. So brach zwischen Vám-
eigenes Analysemodell heraus. béry und Budenz eine Debatte aus, die in
Auch die Problematik der Mündlichkeit der ungarischen Sprachwissenschaft des
und Schriftlichkeit des Märchens wird Öfteren als »ugrisch-türkische Debatte«
angesprochen (Kap. 1, 32––69), wobei die bezeichnet wird.
Autorin zu dem Schluss kommt, dass es Meral Ozan studierte beim Schreiben
hier um ein Phänomen geht, das in der ihrer Arbeit das wissenschaftliche Werk
Textsortenlinguistik und in der Diskurs- von Kúnos sehr gründlich und erkannte
linguistik anders interpretiert wird, in dabei die wissenschaftliche Bedeutung
der sogenannten volkskundlichen Mär- seiner Werke. Der sogenannte »Probe-
chenforschung jedoch in einer Einheit zu Band« der osmanischen Volkskultur von
betrachten ist. Kúnos aus dem Jahre 1899 wird auf der
Im zweiten Unterkapitel von Kapitel 1 Seite 63 noch unklar definiert angeführt,
werden die gedruckten Quellen türki- da es hier um eine Schriftenreihe mit dem
scher Volksmärchen dargestellt: Turfan- Titel Proben der Volksliteratur der Türki-
sammlung, Erstdrucke, Volksüberliefe- schen Stämme geht (herausgegeben von
rungen und nicht zuletzt die Sammlung W. Radloff. St. Petersburg, 1899), in der
von Ignác Kúnos. Der Ungar Ignác (auch im Band 8 die Schrift von Kúnos Mundar-
in der Schreibweise Ignácz) Kúnos (1862–– ten der Osmanen erschien. Diese Unklar-
292

heit wird später richtiggestellt und auch soziale Herkunft und Familie von Braut
bei der Auflistung der primären Quellen und Freier).
(190) korrekt angeführt. An dieser Stelle Im Kapitel 3 (93––118) wird der sozial-
muss aber leider bemerkt werden, dass sprachliche Akt der Brautwerbung näher
die ungarische Schreibweise bei Angaben dargelegt. Die Aspekte der Beschreibung
von Namen, Quellen und Märchentiteln sind z. B. die Begegnung der Braut und
in ungarischsprachiger Übersetzung des ihres Freiers oder Bedingungen ihrer
Öfteren fehlerhaft ist. Häufig kommen Begegnung. Hier werden durch Zufall
Fehler an den Stellen vor, die im Schrift- bestimmte und zielgerichtete Brautwer-
bild die Vokallänge zu zeigen haben, und bung (Kriterien der Kategorisierung, 95––
solche, die durch Verwechslung zustande 97, 103––104) herausgearbeitet. Besonders
kamen (i vs. y / y vs. j). So ist z. B. költesi interessant sind die Seiten des Kapitels,
statt költési zu lesen, kiadya statt kiadja. Ein auf denen die sprachliche Situation und
Interpretationsfehler der ungarischspra- die verbalen Werbestrategien der Braut-
chigen Quellen ist, dass die Zeitschrift werbung dargestellt werden. Hier greift
Nyelvtudományi Közlemények (Sprachwis- die Verfasserin auf die Methoden der
senschaftliche Mitteilungen) nicht von Diskursanalyse zurück und arbeitet Ana-
Kúnos, sondern von Budenz herausgege- lysemöglichkeiten der Brautwerbungs-
ben wurde. Wenn die Autorin über Közle- szenen heraus.
mények im Zusammenhang mit Kúnos Im Kapitel 3 (119––177) wird zuerst auf
spricht, meint sie die Schriftenreihe, in den Begriff »tote Seele« näher eingegan-
der auch Kúnos Arbeiten publizierte. So gen, es geht hier um die Konfrontation
ist z. B. Közlemények (1886) nicht ein selb- mit dem Tod bzw. mit dem Scheintod. In
ständiges Werk von Kúnos (63), sondern diesem Akt wird eine äußerliche Verän-
die Zeitschrift der Ungarischen Akade- derung im Zustand der Braut durch
mie der Wissenschaften. Hier erschien im Todesschlaf, Verwandlung, Verkleidung
Band XX. die Arbeit von Kúnos mit dem oder durch Verlust der Lebensfreude
Titel Három karagöz-játék. Török szöveg, hervorgerufen. Diese sind Anzeichen des
jegyzetekkel és fordításai (Drei Karagöz- Todes, die Protagonisten der Märchen
Spiele. Türkischer Text, mit Bemerkun- sind »zum Sterben verurteilt« (122).
gen versehen und übersetzt). Meistens durch einen Nadelstich oder
Das Kapitel 2 (69––93) geht der Frage andere Verletzung, inszeniert von einer
nach, wie und mit Hilfe von welchen Intrigantin, fällt die Braut in einen Todes-
Aspekten sich die Brauttypen der Mär- schlaf. In diesen Szenen ist »die Braut in
chen deutscher und türkischer Quellen einer Phase zwischen Leben und Tod«
charakterisieren lassen. Bei dem Versuch (122). Ein Beispiel dafür ist das Märchen
der Typologisierung wird die Seele der Schneewittchen aus dem westlichen Kul-
fernen und berühmten Braut, der stolzen turgut, es gibt aber auch ein östliches
und spröden Braut, der eingesperrten Pendant dieses Märchentypus. Die Auto-
und verzauberten Schönheit, der ausge- rin vergleicht die beiden Märchen und
stoßenen und bescheidenen Schönen, der zeigt dabei als eine mögliche Universalie
klugen und selbstbewussten Frau und in den Märchenwelten verschiedenster
nicht zuletzt die Seele der erzwungenen Kulturen auf, dass das Motiv des Todes-
Braut beschrieben (71––73). Im Weiteren schlafes fast immer im engen Zusammen-
wird die obige Charakterologie verfei- hang mit Ehe, Eheschließung, Partner-
nert, indem weitere Aspekte in die Unter- wahl und Brautwerbung reflektiert wird,
suchung mit einbezogen werden (z. B. nur seltener aus der Perspektive der
293

Sexualität gedeutet werden kann. Eine Braut Proben zu bestehen hat, bis auch
Interpretationsmöglichkeit des Todes- ihre Wünsche in Erfüllung gehen.
schlafes bietet auch der Hinweis auf die Unter dem Aspekt der aktuellen Gender-
Todesauffassung und die Bestattungsri- forschung ist das Buch vielsagend, da die
tuale der verschiedenen Kulturen (mehr verschiedenen Formen von Handlungs-
dazu auf den Seiten 121––128). akten der weiblichen Figur »Braut« und
Die oben schon kurz erwähnte eigene ihres Partners im sprachlichen Akt der
Analysemethode der Verfasserin wird im Brautwerbung dargelegt werden. Was
Kapitel 4 detailliert beschrieben. Die ver- die Handlungsräume der weiblichen Fi-
schiedenen Handlungsmuster, die die gur vor dem Ehebündnis und im Prozess
Braut aus dem Zustand der »toten Seele« der Partnerwahl betrifft, können parallele
befreien, werden aufgrund der Märchen- Motive auch in zwei voneinander so
korpora türkischer und deutscher Mär- entfernten Kulturen entdeckt werden. In
chentexte herausgefiltert, gruppiert und dieser Hinsicht ist die Fragestellung, »ob
kontrastiert. Die Ergebnisse werden ei- die Frau im türkischen Märchen die Rolle
nerseits in Tabellen zusammengefasst, des Mannes im deutschen Märchen über-
andererseits im Anhang sequenziell in nimmt« (14), begründet. Um diese Frage
einem Rollenkatalog der Handlungs- beantworten zu können, muss die Posi-
möglichkeit von IHM und IHR veran- tion der Geschlechter in den beiden
schaulicht. So stellt es sich zum Beispiel Korpora eingehend studiert werden. Zu
heraus, dass im Akt der Partnerbefreiung einer solchen Analyse eignen sich die
und im Akt der Selbsterlösung die Frau- Szenen der Brautwerbung wohl am prä-
enrollen und die Männerrollen in den gnantesten, da der sprachliche und mi-
türkischen und deutschen Märchen ganz metische Akt der Brautwerbung den
verschieden dimensioniert sind. Im türki- Ausgang einer Partnerschaft bestimmen
schen Volksmärchengut scheint die Braut kann (Erfüllung der Liebe vs. ewige
aktiver zu sein, im deutschen Volksmär- Trennung). Daraus ergibt sich, dass der
chengut tritt fast ausschließlich der Freier eigentliche Gegenstand der Untersu-
als Handelnder auf. Wie es eine Tabelle chung »die aktive und passive Stellung
(140) sehr deutlich zeigt, ist Handlungs- der weiblichen Figur und die ihres Part-
unfähigkeit und Handlungslosigkeit nur ners im Rahmen des Handlungsaktes
für die Braut in deutschen Volksmärchen sowie die Festlegung der Handlungs-
charakteristisch. funktionen der Braut in der sie umgeben-
Im Kapitel 5 (178––190) werden die Ergeb- den Gesellschaft« (15) ist. In diesem
nisse der kontrastiven Studie zusammen- Kontext wird auf die aktive Rolle der
gefasst, bewertet und zur Diskussion Frau in den analysierten türkischen Mär-
gestellt. Die Gesamtergebnisse veran- chentexten hingewiesen, indem auch die
schaulicht die Graphik 11 (185). Die Geschlechterdifferenzen bei der Rollen-
Ergebnisse der einzelnen Untersuchun- und Machtverteilung beider Kulturen
gen werden mit den im Kapitel 3 aufge- diskutiert werden. Auch die Komponen-
stellten Brauttypen und mit ihren Hand- ten der weiblichen Identität werden in
lungsmanövern in einen Zusammenhang den beiden Welten der Märchen beschrie-
gebracht (187). Die Datenmaterialien un- ben. So kann ein Rollenkatalog ge-
termauern die Feststellung der Autorin, schlechtlich bestimmter Handlungsräu-
dass die ausgestoßene Braut strategisch me und Diskursräume zusammengestellt
handelt, um zu ihren Rechten kommen werden, in dem ER und SIE Handlungs-
zu können, während die verzauberte und Diskursträger werden. Die These,
294

dass männliche Figuren von Märchen mer korrekt zitiert werden. Die Verfasse-
verschiedenster Völker die aktiv Han- rin erwähnt selbst mehrmals, dass unter
delnden, während weibliche Figuren die den Titeln türkischer Märchen in ungari-
passiv Leidenden sind, wird hier eindeu- scher Sprache zahlreiche Fehlüberset-
tig widerlegt. In den von Meral Ozan zungen zu finden sind und Korrekturen,
analysierten türkischen Märchentexten die von der Autorin auch vorgenommen
zum Beispiel geht die Braut einen Ent- werden, nötig sind (267––271). Diese Be-
wicklungsweg: Nach einem anfänglich hauptung mag wohl berechtigt sein, aber
passiven Zustand nimmt sie die Gestalt hier kommen erneut ungarischsprachige
einer selbständig handelnden Person ein. orthographische Fehler vor, die das Le-
Aus eigener Initiative tragen die Brautfi- sen der ungarischsprachigen Titel we-
guren türkischer Märchen zur Lösung sentlich erschweren. In einer zweiten
der Konfliktsituation bei, und in dieser Auflage wäre es wichtig, diese Fehler zu
Konfliktsituation kommen sie auch oft zu korrigieren.
Wort: Sie verbalisieren ihre Situation,
sprechen mit Hilfe narrativer Praktiken
über ihre Gefühle und Pläne, kämpfen
auch sprachlich-situativ für ihr Glück. Pavlusova, Ingrid; Piretzi, Carola; Aykut,
Das ist also ein Prozess, in dem die Martha:
Brautfiguren türkischer Märchen aus ››ih- Mama lernt Deutsch. Kursmaterial mit
rem Dornröschenschlaf‹‹ aufwachen und Audio-CD. Stuttgart: Klett, 2008. –– ISBN
den Weg der Emanzipation betreten. Mit 3-12-676190-9. 128 Seiten, €€ 12,95
der neuen Analysemethode von Meral
(Dorothea Spaniel-Weise, Jena)
Ozan wurde belegt, dass in dem morgen-
ländischen Kulturgut des Märchens die Da die Zahl von Kindern in Deutschland
Frauen aktiv handeln, während den wächst, deren Erstsprache nicht das
Männern eine viel passivere Rolle zuge- Deutsche ist, bieten einige Städte und
teilt wird. Kommunen spezielle Deutschkurse für
Die Verfasserin hat so sowohl in der Mütter in der Zeit an, in der die Kinder in
Märchenforschung als auch in der Ge- Kindertageseinrichtungen betreut wer-
schlechterforschung viel Neues in die den. Ziel der Kurse ist es, die Sprachkom-
aktuelle Diskussion eingebracht. Ihr Ziel petenz der Mütter soweit aufzubauen,
war, text- und diskursanalytisch die Rolle dass sie mit Lehrern und Erziehern kom-
der Braut und des Freiers im sprachlich- munizieren können. Gleichzeitig sollen
narrativen Akt der Brautwerbung zu sie das deutsche Schulsystem und den
interpretieren. Leser und die Leserinnen Schulalltag besser kennen und verstehen
der Germanistik können sich aus dieser lernen, um ihre Kinder im Laufe ihrer
Studie Kenntnisse über die Textsorte schulischen Sozialisation bestmöglich
Märchen verschaffen, ein neues analyti- unterstützen zu können und selbst Ängs-
sches Verfahren der Märchentextanalyse te im Umgang mit Lehrern oder Lei-
kennenlernen und nicht zuletzt einen tungspersonal abzubauen. Damit sind
Einblick in die türkische Kultur auch diese Kursangebote Teil einer längst fäl-
unter dem Aspekt der Geschlechterrollen lig gewordenen Integrationspolitik für
gewinnen. Migranten in Deutschland.
Der sehr positive Ausklang des Buches Das vorliegende Kursmaterial Mama lernt
wird ein wenig davon getrübt, dass die Deutsch entstand in einer Initiative der
ungarischsprachigen Textteile nicht im- Stadt Stuttgart1 in Zusammenarbeit mit
295

Kursleitern der Volkshochschulen. Es gen für den Gebrauch der Verben, z. B.


wurde bereits erfolgreich an mehreren die Markierung trennbarer Verben, gibt.
Schulen erprobt. Entsprechend der Ziel- Insgesamt handelt es sich bei dem Kurs-
gruppe richten sich die Themen des material um ein für diese Zielgruppe gut
Lehrwerkes in erster Linie am Interesse geeignetes Lehrwerk, das auch im Aus-
von Eltern aus. Daher überwiegen Situa- land Verwendung finden könnte.
tionen aus dem Schulalltag, die in den
meisten Lehrwerken nur eine unterge-
Anmerkung
ordnete Rolle spielen. Trotzdem orientie-
1 40 % der Erwachsenen in Stuttgart haben
ren sich die Themen an den Vorgaben für laut dem Statistischen Bundesamt (2007)
allgemeinsprachliche Anfängerlehrwer- einen Migrationshintergrund; so viele
ke, z. B. Familie, Einkaufen, Wegbeschrei- wie in keiner anderen deutschen Stadt.
bung, Arztbesuch, Essen und Trinken.
Der Aufbau der einzelnen Lektionen ist
übersichtlich und klar in der graphi-
schen Gestaltung. Einzelne Symbole fin- Peleki, Eleni:
den sich im gesamten Kursbuch, wie Migration, Integration und Sprachför-
derung. Eine empirische Untersuchung
das Ausrufezeichen für weiterführende
zum Wortschatzerwerb und zur schuli-
Informationen zu einem Thema oder
schen Integration von Grundschulkin-
Lerntipps für die Lerner. Auf der letzten
dern. München: Meidenbauer, 2008. ––
Seite jeder Lektion werden die einge-
ISBN 978-3-89975-675-3. 412 Seiten,
führte Grammatik und die wichtigsten
€€ 69,90
sprachlichen Mittel ››auf einen Blick‹‹
zusammengefasst. Die Progression ist –– (Sigrid Luchtenberg, Essen)
zielgruppenbedingt –– flach, Interaktion
Bei dem vorliegenden Buch handelt es
spielt eine wichtige Rolle. So befinden
sich um die Veröffentlichung der Disser-
sich die Hördialoge auf der beigelegten
tation der Autorin. Die Arbeit weist alle
CD, deren Transkriptionen sowie weite-
Vorzüge einer guten Dissertation auf, die
res Zusatzmaterial kostenlos auf den sich teilweise aber auch als leichter Nach-
Seiten des Klett-Verlages heruntergela- teil erweisen können: So zeichnet sich
den werden können. Für einen abwechs- auch dieses Buch durch ein sehr umfang-
lungsreichen Unterricht sorgen zudem reiches Literaturverzeichnis aus, das al-
die Projektideen am Ende jeder Lektion. lerdings neue und ältere Arbeiten um-
So wird beispielsweise in Lektion 5 der fasst, die auch im Text oft zusammen
gemeinsame Besuch einer Bücherei aufgeführt werden, so dass Leser/innen
empfohlen oder in Lektion 6 zum kaum differenzieren können. Frau Peleki
Thema Gesundheit angeregt, einen Kin- geht vielen Detailfragen in großer
derarzt im Expertengespräch in den Gründlichkeit nach, was wiederum nicht
Unterricht einzuladen. immer die Lesbarkeit der Arbeit unter-
Das Lehrwerk beinhaltet zudem auf den stützt. Die wesentlichen Teile der Arbeit
letzten Seiten eine Wortliste, aus der sind jedoch hochinteressant und von
abgelesen werden kann, in welcher Lek- hoher Aussagekraft.
tion eine Vokabel das erste Mal im Die Arbeit basiert auf einer empirischen
Kursbuch verwendet wurde. Hier erfolgt Studie mit dem Ziel, die in Bayern 2002/
die Angabe der Nomen im Singular und 03 zur Sprachförderung von Schüler/
Plural. Schade, dass es keine Hilfestellun- innen mit Migrationshintergrund an
296

Grundschulen eingeführten Sprachlern- Bildungsbegriff«, in dem auf dreieinhalb


klassen zu untersuchen. Dabei geht es Seiten der Bildungsbegriff seit Humboldt
um einen Vergleich der Leistungen, aber vorgestellt wird, wobei ein moderner
auch der Integration von Schüler/innen Bildungsbegriff auf etwas mehr als einer
mit Migrationshintergrund in solchen halben Seite diskutiert wird. Solche we-
Sprachlernklassen mit denjenigen, die nig leserfreundlichen Ausdehnungen des
eine Regelklasse besuchen. Das Buch ist Themas sind ebenso wie allzu viele Quel-
in einen theoretischen und einen empiri- lenangaben der Textsorte Dissertation
schen Teil gegliedert, die annähernd geschuldet. Ein Problem, mit dem sich
gleich lang sind. Ein dritter Teil »Diskus- Frau Peleki auseinanderzusetzen hatte,
sion« mit Empfehlungen ist dagegen mit ist die Problematik der Bezeichnungen
10 Seiten sehr kurz. Es folgen 50 (!) Seiten »Ausländer« vs. »Migrant« und deren
Literaturverzeichnis sowie Fehlerlisten Verwirrung in den zur Zeit noch ge-
aus den empirischen Untersuchungen. bräuchlichen Statistiken, die es nicht
Der erste Teil umfasst drei Kapitel: »Mi- leicht machen, eine klare Übersicht über
gration«, »Integration« und »Lexikon Schüler/innen mit Migrationshinter-
und Semantik im Erst- und Zweitsprach- grund zu erlangen bzw. Vergleiche (z. B.
erwerb«. Alle drei Kapitel sind gut ge- zwischen PISA und Länderstatistiken)
gliedert und enthalten am Ende eine sehr erschweren.
knappe, aber übersichtliche Zusammen- Das zweite, deutlich kürzere Kapitel des
fassung. Die inhaltliche Zuordnung der theoretischen Teils befasst sich mit dem
drei Kapitel zur Fragestellung ist offen- Begriff der Integration mit einem für die
sichtlich: zunächst geht es darum, die vorliegende Arbeit sehr sinnvollen
Bedingungen von Migrationen zu erfas- Schwerpunkt auf Schule. Hier geht es um
sen und insbesondere die Entwicklung das Sozialklima in einer Klasse und
von Zweisprachigkeit im Kontext von insbesondere um Schüler-Schüler-Bezie-
Migrationen zu untersuchen. Teil dieses hungen wie auch die Rolle der Lehrkraft.
ersten Kapitels ist dann auch das Thema Das dritte Kapitel des theoretischen Teils
»Migration und Bildung«, in dem Kinder geht auf Erst- und Zweitspracherwerb
mit Migrationshintergrund im deutschen ein, und zwar insbesondere auf die Be-
Bildungssystem näher analysiert werden. deutung des Worterwerbs. Hier werden
Auch die Rolle der Familie wird themati- zunächst Lexikonmodelle (mentale Le-
siert. Nach Fragen zu Unterschieden von xika) diskutiert, und zwar nacheinander
Jungen und Mädchen in der Schule im Erst- und Zweitspracherwerb. Einge-
kommt etwas unvermittelt ein Unterka- bettet in diese Fragestellungen ist ein
pitel »Von der Ausländerpädagogik zur Unterkapitel zu Theorien (Hypothesen)
interkulturellen Pädagogik«, auf das ein des Zweitspracherwerbs. Einige Studien
Unterkapitel zu schulischen Angeboten zur Lexikonentwicklung bei Kindern,
für Kinder mit Migrationshintergrund in aus denen Bildbenennung als Untersu-
Bayern folgt, in dem auch Sprachlern- chungsmethode herausgefiltert wird,
klassen erläutert werden. Hier hat ver- schließen das Kapitel ab. Der zweite Teil
mutlich der Wunsch, möglichst keinen des Buchs beginnt mit Fragestellungen,
Aspekt auszulassen, zu Gliederungs- die durch die empirische Untersuchung
schwierigkeiten geführt. Solche ››Über- geklärt werden sollten, und entwickelt
frachtungen‹‹ sind in diesem Kapitel Hypothesen zu Sprachlernklassen, zur
mehrfach anzutreffen, wie beispielsweise schulischen Integration von Erst-
auch in einem Unterkapitel »Der heutige klässlern, auch im Kontext der sprachli-
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chen Leistungen, zum Zusammenhang essant ist auch das Ergebnis, dass Kinder
von familiärem Hintergrund und Sprach- ohne Migrationshintergrund bei Benen-
leistungen bzw. schulischer Integration. nungen der Einzelbilder mehr Fehler
Im zweiten Kapitel wird die empirische machten als die Kinder mit Migrations-
Studie detailliert vorgestellt, in der im hintergrund, was Frau Peleki auf die
Schuljahr 2004/05 an zwei Münchner Zweisprachigkeit und erhöhte Sprach-
Grundschulen, die bereits seit 2003/04 sensibilisierung zurückführt. Auch die
Sprachlernklassen eingerichtet hatten, Sprachförderung trägt zu dieser Sensibi-
Untersuchungen durchgeführt wurden. lisierung bei (3.1.2). Bereits bei den Inter-
Insgesamt 87 Kinder mit Migrationshin- pretationen zur sprachlichen Leistung
tergrund aus 1. Klassen nahmen an der ergeben sich Hinweise auf das Sozial-
Untersuchung teil, wobei die Kinder auf klima, da die Kinder der Regelklassen
Sprachlernklassen und Regelklassen ver- ihre Mitschüler/innen aus den Sprach-
teilt waren, so dass ein Vergleich möglich lernklassen nicht als gleichwertig anse-
wurde. Die Untersuchungen bestanden hen und teilweise rassistisch begründet
aus Benenntests mit Hilfe von Bildern, ablehnen –– ein Ergebnis, das im Gegen-
die im 2. Kapitel ausgiebig beschrieben satz zu den Lehrereinschätzungen steht
werden, sowie Befragungen von Kin- (3.1.3)! Nicht unerwartet ist das Ergebnis,
dern, Eltern (schriftlicher Fragebogen, dass Mädchen besser abschneiden als
auf Wunsch in der Familiensprache) und Jungen, was auch den Ergebnissen von
Lehrkräften (schriftliche Befragung). Die PISA und IGLU entspricht.
Befragung mit Hilfe eigens entworfener
Untersuchungsergebnisse zur Integra-
Fragebögen sollte Aussagen über die
Integration der Kinder in ihrer Schule tion der Schüler/innen zeigen, dass keine
ermöglichen sowie den familiären Hin- Unterschiede in der Regelklasse auftre-
tergrund beleuchten. Die Fragebögen ten zwischen den Kindern aus der
werden zwar detailliert beschrieben, aber Sprachlernklasse und den übrigen Kin-
nicht wiedergegeben. dern. Jedoch fühlen sich die Kinder in der
Das 3. Kapitel zur Datenbewertung und Sprachlernklasse isoliert und dadurch
Interpretation der Ergebnisse nimmt mit weniger integriert. Das Gefühl der Ak-
über 100 Seiten den größten Raum der zeptanz durch die Lehrkraft ist dagegen
Arbeit ein. Die Ergebnisse werden hier höher als in den Regelklassen. Die Auto-
den Hypothesen folgend vorgestellt und rin kommt zu dem Schluss, dass eine
sehr gründlich analysiert, mit interessan- mangelnde pädagogische interkulturelle
ten Details: So ergaben Testergebnisse Kompetenz der Lehrkräfte zu verzeich-
zunächst, dass Kinder in der Sprachlern- nen ist, was umso schlimmer ist, als viele
klasse bessere Ergebnisse erzielten als Lehrkräfte eine entsprechende Fortbil-
diejenigen in der Regelklasse, was auf die dung eher nicht in Betracht ziehen (251).
intensive Sprachförderung zurückge- Die Befragungen belegen auch, dass Kin-
führt werden könnte. Dies galt jedoch der, die die positivste Einstellung zur
auch schon 2 Wochen nach Schulbeginn, Schule haben, auch am besten integriert
was die Autorin zu der Vermutung führ- sind (254 f.). Nach der vorgelegten Unter-
te, dass die Kinder fälschlicherweise in suchung hat die Einstellung der Eltern
die Sprachlernklasse eingewiesen wur- keinen Einfluss hierauf (262), während
den, was wiederum an einem nicht stan- die sprachliche Leistung in einem positi-
dardisierten Testverfahren für die Ein- ven Zusammenhang steht –– allerdings
weisung liegen könnte (3.1.1). Hochinter- vermutlich nicht dem einzigen (263 ff.).
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Ein weiterer Untersuchungsgegenstand Pfau, Anita; Schmid, Ann:


war der Zusammenhang der (sprachli- 22 Brettspiele Deutsch als Fremdspra-
chen) Leistung der Kinder und ihr famili- che. Stuttgart: Klett, 2008.–– ISBN 978-3-
ärer Hintergrund (3.4). In der vorliegen- 12-768812-2. 111 Seiten, €€ 17,95
den Untersuchung erwiesen sich die
(Claudia Bolsinger, Hamburg)
Sprachlernklasse und das soziale Bezie-
hungsklima als dominanter als die Das vorliegende Buch ist eine Neuauf-
Schichtzugehörigkeit des Elternhauses. lage von 22 Brettspiele aus dem Jahr 2001.
Auch der Bildungsabschluss des Vaters Die Autorinnen Anita Pfau und Ann
oder der Mutter scheint keine Bedeutung Schmid geben diese Spielesammlung für
für die sprachlichen Leistungen der Kin- Deutsch als Fremdsprache, für Franzö-
der zu haben. Ausschlaggebend ist nach sisch und für Italienisch heraus. Die
der vorliegenden Untersuchung der Sammlung umfasst 22 Spiele für alle
Schulklassentyp. Niveaustufen. Die Autorinnen unter-
Im letzten Abschnitt (3.5) zeigte sich, dass scheiden allerdings nach Lernjahren und
die Einstellungen der Eltern zur multi- beginnen mit dem ersten Niveau im
kulturellen Gesellschaft keinen Einfluss ersten Lernjahr. Spiele für Fortgeschrit-
auf die schulische Integration der Kinder tene beziehen sich auf das fünfte Lernjahr
haben, wie sich auch die sozialen Kon- und zielen unter anderem auf Konversa-
takte (mono- oder interkulturell) nicht tionskurse.
auf die schulische Integration auswirken. Mit den Spielen können unterschiedliche
Das 3. Kapitel stellt die Untersuchungen Sprachbereiche geübt werden: Wort-
im Detail dar mit vielen Abbildungen schatztraining (zum Beispiel im Konso-
und Unterergebnissen, die auch mit vor- nanten-, Zickzack-, Rate-, Wortschatz-
handener Literatur in Verbindung ge- spiel), Grammatikübungen (unter ande-
bracht werden. rem im Höllen-, Glücksrad-, Sternenlauf-
Das abschließende kurze Kapitel III fasst und Zeitenspiel) und Kommunikations-
die Ergebnisse zusammen, indem Schlüs- anlässe (im Einkaufs-, Höflichkeits-, Frei-
se hieraus gezogen werden und Empfeh- zeit-, Business- und Weihnachtsspiel) bil-
lungen vor allem für die Lehrerausbil- den die Grundlagen.
dung gegeben werden. Jedes Spiel wird zu Beginn beschrieben:
Zusammenfassend lässt sich die Arbeit Niveau, Lernziel, Vorbereitungsaufwand
von Frau Peleki als außerordentlich und die Regeln werden dargestellt. Au-
gründlich und detailliert beschreiben, ßerdem werden gegebenenfalls Lösungen
was auch die genannten Schwierigkeiten angegeben. Für den Lehrer sind die Vorbe-
beinhaltet. Für Vertreter/innen des Deut- reitungen natürlich besonders interessant:
schen als Fremdsprache enthält das Buch Die meisten Spiele kommen mit Würfel
viele linguistische und pädagogisch-di- und Spielfiguren aus, die Vorlagen für die
daktische Anregungen, auch wenn das Spielpläne finden sich, sehr kopierfreund-
Buch inhaltlich im Bereich Deutsch als lich aufgemacht, im Heft selbst. Nach ei-
Zweitsprache verankert ist. ner anfänglich etwas zeitaufwendigeren
Nicht unerwähnt bleiben sollte die Bio- Arbeit mit Kopieren, Schneiden und Kle-
graphie der Autorin, die in Griechenland ben und (das als Tipp, für eine lange Le-
aufgewachsen ist, in München Deutsch bensdauer der Spiele) Laminieren kann
als Fremdsprache studierte und schließ- gespielt werden. Die meisten Spiele sind
lich an der Ludwig-Maximilians-Univer- für zwei bis vier oder vier bis sechs Spieler,
sität promovierte. so dass man für einen Klassensatz meh-
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rere, am besten auch verschiedenfarbige Das Spiel ist sehr einfach und sogar für
Vorlagen erstellen sollte. den absoluten Anfängerbereich geeignet,
Bei den Spielregeln werden die Spielan- wenn man sich zum Beispiel auf die Arti-
ordnung, das Ziel des Spiels und der kel »der«, »die«, »das« beschränkt und
Spielverlauf beschrieben. Teilweise gibt es nicht Sätze, sondern einzelne Wörter
Hinweise, zum Beispiel auf besondere nimmt. Ein großer Vorteil ist, dass immer
Schwierigkeiten, die im Spielverlauf auf- alle Spieler antworten müssen, so dass je-
treten können, oder auf die Dauer des der alles übt. Auch kann man bei spiel-
Spiels. Diese Hinweise zeigen, dass alle freudigen Klassen die Regeln variieren
Spiele vielfach erprobt sind und sich in der und zum Beispiel bei falschen Antworten
Praxis bewährt haben. Die teilweise recht das Abgeben einer Münze verlangen.
komplexen Spielanleitungen machen eine Alle Spiele bieten einen Grundstock an
ausführliche Auseinandersetzung mit den Spielkarten, lassen aber auch Raum für
Regeln vor dem Spielen durch die Lehr- individuelle Gestaltung und Anpassung
kraft notwendig. Andere Lehrbücher mit an die jeweilige Lerngruppe. Am Ende
Spielen im Fremdsprachenunterricht um- des Buches finden sich verschiedene
gehen diese Hürde, indem sie zum Bei- Grundmuster für Spielpläne und leere
spiel nur zwei Musterspiele bieten, deren Spielkarten, die ganz individuell bearbei-
Grundregeln nicht verändert werden und tet werden können. Dieses Buch verdient
nur durch das Wortmaterial für verschie- auf jeden Fall einen Platz in jeder Schulbi-
dene Verwendungszwecke einsetzbar bliothek.
sind; als Beispiel seien hier die Mogel-
oder Quartettspiele aus Westenfelder/
Volz-Mathlouthi (2009) genannt. Literatur
Im Folgenden soll beispielhaft ein von der Westenfelder, Frank; Volz-Mathlouthi, Ka-
Rezensentin im Anfängerunterricht er- rin: Sprech- und Grammatikspiele. 5. Auf-
probtes Spiel beschrieben werden: Jeder lage. Buxtehude: AOL, 2009.
Teilnehmer einer Spielrunde bekommt
sechs Karten mit jeweils einem Artikel
(der, die, das, dem, des, den). In die Mitte der
Spielrunde wird ein verdeckter Stapel mit Richter, Julia:
kleinen Kärtchen gelegt, die jeweils einen Phonetische Reduktion im Deutschen
einfachen Satz enthalten (zum Beispiel: als L2. Eine empirische Querschnittsstu-