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1 © 2007 Bernd Artur Beyer


2 Herstellung und Verlag: Wieder keinen gefunden

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He da!

Vor vielen Milliarden Jahren begann sich das Universum, aus einigen
ziemlich engstirnigen Komponenten langsam in seinen jetzigen
Zustand zu verwandeln.
Seit mehren Jahrtausenden versuchen nun daraufhin unterschiedlich
motivierte Wissenschaftler verschiedene, meist empirisch geprägte,
Erklärungen für die, eigentlich nicht erklärbare Existenz des
Universumsi zu finden. Die meisten Theorien scheitern allerdings
angesichts des ersten und zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik, zu
geringen Steuergeldern und aufgrund der begrenzten Vernunft, der
bisher im bekannten Teil des Universums entdeckten höher
entwickelten Wesen. Übrig bleiben in der Regel die unvernünftigen,
besonders von den Philosophen, Finanzbeamten und
Religionsgründern geliebten und mit der Aussicht auf gottlos viel Geld
interpretierbaren Möglichkeiten.
Da wäre erst einmal die Möglichkeit, dass sich das Universum auf
natürliche Weise aus dem Nichts, spezifiziert aus einem
stecknadelkopfgroßen Nichts, entwickelt hat. Auf die Implikationen,

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Keine Effizienz, keine Verlässlichkeit, so kann man kein Universum führen. Es gibt auch
verschiedene Erklärungen für die Unordnung des Universums. Keinerlei Kundenservice
und auch keine gebührenfreie Servicenummer bei der man sich beschweren kann. Wenn es
eine anständige Geschäftsleitung geben würde, bei der man bei Nichtgefallen sein Geld
zurück kriegt, wäre auch hier schon längst alles in Butter.
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die diese Möglichkeit aufwirft, kann man eigentlich nicht eingehen, da
sie ausufern und nur mittels suchterzeugender Mittel zu bewältigen
sind.
Eine weitere, ebenso alberne Möglichkeit wäre gegeben, wenn man
einfach behauptet das Universum hätte schon immer existiert und man
dann möglichst Fersengeld gibt um sich nicht von den religiösen
Fanatikern in der Luft zerreißen zu lassen.
Noch einfacher ist es natürlich die Existenz des Universums und somit
sich Selbst zu verneinen, was allerdings Probleme mit der Bank
einbringen kann, wenn man aufgrund dieser Logik den Kredit nicht
mehr zurückzahlt.
Ein anderer, ziemlich logischer und unproblematischer Ansatzpunkt
wäre auch, dass das Universum plötzlich und übernatürlich entstanden
ist. Etwas was sich einfach ohne eigenes Zutun ereignet hat, wie eine
Ehe, was sehr verführerisch in seiner Denkweise ist, da man einem
anderen die Schuld zuschieben kann, wenn etwas schief geht und man
sich außerdem sämtliche Machwerke verschiedener Autoren im
Bereich der Ursuppentheorie schenken kann, was eigentlich sehr
löblich wäre. Das Wunder des Lebens entstanden aus einer dreckigen
Brühe macht sich jedenfalls nicht sehr gut auf Visitenkarten, wenn
man sich gegenüber einer neu entdeckten Rasse vorstellen muss - taugt
jedenfalls nicht zur Angabe. Außerdem gibt es heutzutage Wunder ja
nur noch im Werbefernsehen und auch hier werden dank aggressiver
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Werbung diese immer seltener.
Durch den Kontakt mit anderen Intelligenzen, die aufgrund ihrer
Abstammung nicht vom irdischen Belangen und Gedanken befangen
sind, haben sich inzwischen der heutigen Menschheit
Gedankenmodelle eröffnet, die die Entstehung des Ganzen aus einer
Perspektive ermöglichen, die noch bis vor kurzem einen irdischen
Verkünder einen gesicherten Aufenthalt in einer staatlichen
Einrichtung für längere Zeit ermöglicht hätten. Hier soll
vertretungsweise nur angeführt sein die Überzeugung der im einer
fernen Galaxie beheimateten Kaliler, dass das Universum durch das
Einschalten einer defekten Kaffeemaschine entstanden sein soll.
Doch in einem ist sich heute der gesamte Teil des bekannten
Universum einig, nämlich das durch die einfachsten Gesetze der
Physik, der Chemie und in Übereinstimmung mit dem Lehrsatz der
Gleichgültigkeit der anderen Spezies, die inzwischen entdeckt wurden,
sich der Mensch an der Spitze des gesamtgalaktischem
Evolutionsprozesses befindet, was nachdrücklich durch seine
Handlungen, seine geistige Aktivitäten, der Fähigkeit sich selbst unter
den ungünstigsten Aspekten fleißig zu vermehren und vor allem der
eigenen Argumentation auf allen Ebenen tagtäglich unterstrichen wird.

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Entwickelt aus irgend etwas über die Stufen als Jäger und Sammleri
und den Taxifahrer zum heutigen Homo sapiens, dem
vernunftbegabten Mensch, wird dieser seit dem Zeitpunkt, am dem er
das gewagte Experiment gestartet hatte mit seiner Frau und seinen
Kindern zusammenzuziehen, anstatt diese, wie sonst üblich zu fressen
oder zu verprügelnii, immer wieder von seiner selbst initiierten
Zivilisation heimgesucht. Nach einem Zeitalter des technischen
Fortschrittes hin zu Versicherungspolice vor jeweiliger Art von
Unwägbarkeiten, sucht der Mensch von heute wieder nach diesem
kribbelnden Gefühl der Einst in ihnen emporgestiegen sein musste, als
noch der Säbelzahntiger und das Mammut ihnen aufgelauert haben.
Finanzamt und die Ex-Ehefrau sind da nur ein unbefriedigender
Ersatz. So hat es die Menschheit inzwischen nicht nur geschafft sich
bis zum Jahr 2085 zu schleppen und dabei sogar noch einigen
fundamentale Fortschritte wie unter anderem die Vervollkommnung
einer Fünf-Minuten Tütensuppe die wirklich nach Ablauf dieses
Zeitraumes genießbar istiii, Entdeckung Neuer Welten und Bausätze

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Eine leicht bekleidete Vorstufe der Menschen, die gewöhnlich ihre Zeit mit herbeischaffen
von Feuer und cholesterinbelasteten Nahrungsmitteln füllten. Kreativ nur auffällig
geworden durch Graffiti in dunklen Höhlen und die Einführung von Sprache.
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Der Homo Sapiens unterließ dies auch angesichts der Tatsache, dass er nicht bis in die
Bronzezeit seinen eigenen Fraß zu sich nehmen wollte. Wären in der Steinzeit schon
Fertiggerichte bekannt gewesen, hätte die Menschheit bestimmt bis heute noch nicht das
Rad und den Büstenhalter erfunden.
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Einschließlich Geschmack.
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die wirklich alle Teile enthalteni zu erzielen, sondern hat es auch im
erstaunlich kurzer Zeit erreicht, alle anderen Rassen, die den Kontakt
mit den Menschen erstaunlicherweise überlebt hatten, gegen sich
aufzubringenii.
Trotz großartiger Voraussagen von so genannten Futurologen gibt es
bis heute noch keine real funktionierenden fliegenden Autos, keine
Haushaltsroboter die bügeln können und es gibt noch immer Wetter.
Durch das E-H-Treibwerk wurde leider die Menschheit in die Lage
versetzt unbegrenzt Energie zu erlangen, was einen gewaltigen
wirtschaftlichen wie ökologischen Aufschwung mit sich brachtei. Da
allerdings die Menschheit etwas Zerstörerisches in ihren Genen
verankert haben muss, wurde die Umwelt auch weiterhin mit
unsäglichem geplagt. Doch durch die immer weiter um sich greifende
Raumfahrt und den anfänglichen Schwierigkeiten, wurde die
Bevölkerung auf der Erde nach und nach auf verschiedenartige Weise
dezimiert, wodurch sich die Verschmutzung nachhaltig verringerte.
Der wichtigste Faktor dieser Dezimierung waren am Anfang die
verschiedenartigen Explosionen von Auswanderschiffen am Himmel,
Ancovie-Pizza und später die Ausbreitung und Errichtung von

i
Allerdings trifft dies nicht auf die Bauanleitungen zu. Seltsamerweise beginnen seit
Urgedenken alle Bauanleitungen mit den Worten „Glatulation zum Elwelb dieses saugen
an kleinen Nippeln, bitte usw.“
ii
Hilfreich hierfür könnte der Versuch gewesen sein, Verwaltung des bekannten Teil des
Universums einzuführen.

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Kolonien in anderen Galaxien.
Doch trotz aller Bemühungen das Leben ein klein wenig erträglicher
zu gestalten, ist der Normalsterbliche noch immer gehalten einer
halbwegs geregelten Tätigkeit nachzugehen.
Wir befinden uns in einem Dosen-Schiff der billigeren Bauart,
Behördenausstattung, für den der etwas damit anfangen kann – viel
Spaß.

„Mach endlich diese blöde Tür auf du alter Blechkopf!“


„Huch wie männlich, ich bin ja richtig eingeschüchtert. Nein
was ist unser Freddi nur für ein zorniger Bube“, säuselte Roderick.
„Wenn du nicht sofort die verdammte Türe von der Toilette
aufmachst, dann gehe ich in den Kontrollraum und werde in den
Hauptspeicher pinkeln und dann war es das mit lustig, außerdem heiße
ich Frederick! Und für dich ab jetzt wieder Leutnant Frederick.“
„Na gut, mein großer starker Mann. Wollte natürlich
anmerkend sagen: Jawohl Herr Leutnant Frederick.“
Sanft schob sich die Türe der Toilette beiseite. Beinahe klang es wie
Musik in Fredericks Ohren, allerdings waren seine Gedärme dermaßen
in Aufruhr, dass es jetzt nur noch ein einziges wirklich wichtiges Ziel
gab.

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Vergleichbar der Einführung der spanischen Inquisition.
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Roderick wurde manchmal wirklich richtig eklig, wenn man nicht
unbedingt seiner Meinung war.
„Hey, wo ist den das Klopapier?“ Verzweifelt schaute sich
Frederick im Toilettenraum um, aber nirgendwo war auch nur der
kleinste Fetzen des heiß begehrten Papiers zu entdecken. Was war den
jetzt schon wieder.
„Sag mal Roddy, könntest du mir mal bitte die Negation von
Toilettenpapiers in diesem, dir anvertrauten Wirkungskreis erklären.“
„Natürlich bin ich dazu in der Lage“, begann Roderick,
„schließlich bin ich ja nicht mit so einem mickrigen Zerebrum
ausgerüstet wie sie, Herr Leutnant. Sie haben das Toilettenpapier
durch übermäßige Verdauungsvorgänge und daraus resultierenden
körperlichen Absonderungen aufgebraucht. Vielleicht sollten sie ihre
gelegentlichen Fressorgien ein klein wenig zügeln. Außerdem“, fuhr
Roderick mit einem leicht sarkastischen Unterton fort, „gehört meines
Wissens die Völlerei einer der allseits beliebten Todsünden an, wenn
ich das Machwerk, welches sie in dem kleinen schäbigen Hotel
mitgehen lassen haben, richtig verstanden habe.“
„Na gut, Blechkasten. Erstens handelt es sich bei der Völlerei
nur um eine drittklassige Todsünde. Zweitens bin ich, Gott sei Dank,
praktizierender Atheist und dieses Machwerk, wie du es nennst, ist
nicht nur die Heilige Schrift, welche die Menschheit zu neuen
Horizonten hat streben lassen...“
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„Wie zum Beispiel die Inquisition und andere recht rohe
Dinge!“ fühlte sich Roderick genötigt einzuwerfen.
„... streben lassen sowie meinen Küchentisch vom Wackeln
befreien sollte. Und drittens, natürlich nur um beim eigentlichen
Thema zu bleiben, warum ist nicht für den nötigen Nachschub an
Toilettenpapier gesorgt worden? Wenn ich mich recht erinnere
unterliegt es deiner Pflicht und Schuldigkeit für diese und andere
Dinge zu sorgen“, wütend blickte Frederick in Richtung des kleinen
Lautsprechers neben der Türe, sich gleichzeitig einen Narren heißen,
da er nur zu gut wusste, das Roderick ihn hier, Gott sei Dank, nicht
sehen konnte und sein gut eingeübtes Mienenspiel, wovon er
überzeugt war bei der Damenwelt der Erde so gut ankam, somit für die
Katz war.
„Jawohl mein Lieblingschef. Ich eile, ich fliege um meinen
großen Meister schnell und prompt zufrieden zu stellen. Ich werde
sofort dafür sorgen, dass der Herr Leutnant bekommt was er verdient.“
Rodericks Ton war entschieden zu freundlich. Erstaunt stellte
Frederick fest, wie gut Roderick inzwischen unterschiedliche
Stimmungen durch geringfügige Tonmodulation ausdrücken konnte.
Frederick wurde misstrauisch, konnte allerdings aufgrund seiner
prekären Situation direkt nichts unternehmen. Plötzlich verspürte er
eine leichte Schlidderbewegung des Schiffes.
„Roderick?“
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Was um alles in der Welt war nun schon wieder schief
gelaufen? Warum konnte den nicht endlich mal was klappen.
„Roderick, was ist den nun los?“
„Ups“, schallte es aus dem kleinen Lautsprecher, „leider muss
ich ihnen mitteilen, dass es in der Lagereinheit zu einer kleinen, aber
global gesehen recht unbedeutenden Störung gekommen ist.“
„Was soll das heißen, kleine unbedeutende Störung?
Schadensbericht, aber ein bisschen dalli.“ Leichte Panik stieg in ihm
auf. Hierauf hatte ihn keiner seiner Lehrgänge vorbereitet. Nicht das er
je bei einer seiner unzähligen Ausbildungs- oder Fortbildungseinheiten
erwartet hätte auf die raue, wilde Wirklichkeit vorbereitet zu werden,
die angeblich außerhalb der Erde darauf wartet über ihn herzufallen.
Aber sitzend auf dem Klo, mit heruntergelassener Hose und zu
versuchen einem scheinbar durchgeknallten und homosexuelle
Fantasien nachhängenden Schiffscomputer dazu zu bringen, ihn
endlich von den Vorgängen auf seinem Schiff zu berichten war doch
ein wenig starker Stoff. Seinem Schiff? Seit einiger Zeit hatte er nicht
mehr das Gefühl, dass es sich um sein Schiff handelt. Roderick wurde
immer mehr und mehr bestimmend und es dauerte immer länger, bis er
ihn dazu gebracht hatte, seine Befehle ordnungsgemäß durchzuführen.
„Leutnant an Schiffscomputer“, er versuchte möglichst viel
Autorität, trotz aufkommender Panik, in seine Stimme zu legen, „was
ist nun? Bekomme ich den nun endlich die verdammte
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Schadensmeldung, oder soll ich etwa in diesem Zustand selbst
nachschauen kommen?“
„Ich bitte darum, dass mir dieses erspart bleibt, Leutnant.
Leider muss ich ihnen mitteilen, dass durch einen Fehler in der
Lagereinheit soeben der gesamte Vorrat an Toilettenpapier an die
unendlichen Weiten des Weltalls als eine Art, nun ja sagen wir mal
Ausrüstungshilfe übergeben wurde. Ich habe dem zuständigen
Programm bereits zur Strafe weniger Freizeitrechenleistung nach
Dienst angedroht und werde dies auch im Falle einer Wiederholung
umsetzen.“
Na prima dachte Frederick, auf zur nächsten Runde des hübschen
Spielchens.
„Toll! Echt toll. Manchmal frage ich mich wirklich was in
euren ach so brillanten Elektrogehirnen vorgeht. Und was soll ich jetzt
machen? Soll ich hier bis in alle Ewigkeit sitzen, die Zeit totschlagen
und darauf warten, dass mich das Leben mit Sinn und Glück
überschüttet.“
Zischend öffnete sich in der Nähe der sterilen Wascheinrichtung eine
kleine, unscheinbare und bis dato völlig missachtete Klappe an der
Wand, aus der eine Rolle mit Klebeband fiel. Verwirrt hob Frederick
die Rolle auf und las laut vor.

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„Von der NASAi empfohlenes Klebeband zur Abdichtung
unverhofft auftretender Undichtigkeiten oder allzu redseligen
Kopiloten. Auch zum Überkleben der Hoheitszeichen bei technischen
Problemen nach der Landung und Zerstörung fremden Eigentums
einsetzbar. Bitte nicht während der Anflugphase oder bei Schluckauf
verwenden. Erkundigen sie sich vor der Verwendung bei ihren
Controller nach eventuellen Nebenwirkungen.“ Irritiert legte Frederick
die Rolle beiseite, deren Benutzung nicht im geringsten in Betracht
ziehend.
„Ich regele das jetzt hier und komme dann zur Kanzel. Ach ja
Roddy, ich werde dann mal einen Blick in die letzten Steuerbefehle
werfen. Und Gnade dir das große Elektron oder was immer dir heilig
sein sollte, dass ich da nichts finde was auf ein kleines Scherzelchen
deinerseits deuten könnte.“
Hilflos schaute er sich in der Toilette um, aber er fand nichts was ihn
jetzt helfen konnte. Erstaunt stellte er fest, dass sich der
Schiffscomputer diesmal mit doppelsinnigen oder anderweitig
gearteten Bemerkungen zurückhielt. Doch jetzt hatte er erst einmal
andere Probleme. Mehrer Jahrtausende Evolution, Bildung und Kultur
waren jetzt wie fort geblasen, da bestimmte, organisch bedingte

i
NASA, einst wichtigste Raumfahrtbehörde der Erde, inzwischen ein Debatierclub übelster
Sorte, die sich noch immer mit der Frage quält, ob man nach einem Flug mit
Lichtgeschwindigkeit sich zurücklehnen kann um sich ankommen zu sehen. Als ob dies
einen vernünftigen Menschen auch nur im geringsten interessiert.
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Vorgänge noch immer den eigentlichen Hauptteil des Handeln
bestimmten. Kurze Zeit später ging Frederick wutentbrannt durch das
Dosenschiff. Bei jedem Schritt fluchte er laut vor sich hin.
„Scheißkasten, Chipkrüppel, Speicherplatzschmarotzer!“ Das
Fluchen fiel ihm äußerst schwer, da trotz aller technischer Fortschritte,
Entwicklungen und literarischen Ergüssen der letzten Jahrzehnten von
allen möglichen Schmierfinken gab es noch immer keinen
ausreichenden schmutzigen Wortschatz gegenüber ausgeflippten
Computer. Na ja, eigentlich gibt es ja auch keine ausgeflippten
Computer, dachte er, außer meinem natürlich. Mit großen Schritten
eilte er in die Kanzel und wurde sich wieder einmal der drückenden
Enge seines Schiffes bewusst. Er musste sich überwinden um auch nur
einen Schritt weiterzugehen.
„Na, dann wollen wir mal sehen, was sich mein kleiner süßer
Schiffscomputer jetzt mal wieder für mich ausgedacht hat um mir
meine gute Laune zu verderben!“
„Sie haben erschreckend gute Laune!“
Frederick schwang sich ohne einen Ton in den Pilotensitz und dies mit
einer Bravour, die eines John Waynes würdig war, allerdings nur eines
fußkranken. Lässig zog er sich die kleine Tastatur heran und begann
Befehle einzugeben. Seine Finger bewegten sich mit einer
Gleichmäßigkeit und Präzision über die Tasten, die an ein Schweizer
Uhrwerk erinnerten. Eigentlich war dies fast überflüssig geworden
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seitdem die Spracherkennung derart ausgereift war. Wer sich
allerdings jemals kritisch mit der Zubereitung seines Frühstückes
auseinandergesetzt hat und hierbei eine Gaußsche Verteilungskurve
von Toastbrot in Abhängigkeit vom zum Verzehr geeigneten
Bräunungsgrad erstellt hat, wird sich nie wieder ruhigen Gewissens
einer technischen Errungenschaft hingeben. Egal wie viel er auch auf
den Tasten herumdrückte, ein Ergebnis war eigentlich nicht zu
erwarten, da seit seinem kleinen Lötkolbenunfall alle Befehle nur noch
mündlich vom Schiffscomputer angenommen wurden. Dies wurde
allerdings noch in keinem Schadensprotokoll aufgenommen.
„Leutnant Frederick“, ertönte die metallisch Stimme Rodericks
aus dem Lautsprecher der Steuerkonsole. „Darf ich ihnen mal eine
Frage stellen?“
„Ja, womit möchtet du mich jetzt mal wieder nerven?“
antwortete der Leutnant und lehnte sich dabei lässig in seinen Sitz
zurück.
„Ich empfinde es als äußerst demütigend, dass sie meine
Aussage über diesen Vorgang extra noch einmal überprüfen.
Außerdem würde ich es begrüßen, wenn sie mich ebenfalls wieder bei
meinem Namen und meinem Dienstrang ansprechen würden“, seine
Stimme hatte wieder diesen strengen und mechanisch monotonen
Klang, der normalerweise von einem Bordcomputer seiner Klasse
üblich war.
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„Wenn es so gewünscht wird, 1. Schiffscomputer Roderick.“
„Ja, dass tut es. Außerdem“, fuhr der Schiffscomputer in einem
gekränkten Tonfall fort, „würde ich es begrüßen, wenn sie nicht
ständig auf meiner sexuellen Einstellung herumtreten würden, ich
werfe ihnen ja auch nicht ihre Entgleisungen vor, die – wenn ich mir
dies einmal erlauben darf – doch recht unappetitlich bei näherer
Betrachtung sind. Und ich habe mir, um eine einigermaßen objektive
Meinung hierzu bilden zu können, mittels meiner Bordbibliothek doch
recht umfangreich recherchiert.“
Frederick sprang mit einem Ruck auf und stieß mit dem Kopf gegen
eine über ihm hängende Kontrolleinheit, die daraufhin bedenklich
wackelte und nur aus purer Langeweile nicht herunterfiel. Gleichwohl
sollte man erwähnen, dass diese Kontrolleinheit in Bezug auf das von
Newton entwickelte Trägheitsgesetz äußerst atheistisch eingestellt
war.
„Verdammt, was bildest du dir eigentlich ein. Du bist nichts als
ein Haufen Schrott, der sein bisschen Grips nur meinen dilettantischen
elektronischen Herumpfuschereinen zu verdanken hat. Elektronisch
gesprochen und unter der Voraussetzung, dass du ein wenig vom
Basteln verstehst, solltest du in der Lage sein, zwei gänzlich
verschiedene Gehirne unterscheiden zu können. Du bist nur das
Elektronische von mir und meinesgleichen vor Intellekt
übersprudelnde erdachte.“ Frederick rieb sich seinen Kopf und fluchte
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innerlich über seine Körperlänge. Warum musste gerade er über
Standart sein.
„Des Weiteren habe ich mir ja nun wirklich keine
Entgleisungen vorzuwerfen“
„Ach ja, und wie war das denn mit ihrer kleinen Tanzmaus im
Raumdock 5, die sie damals mit an Bord genommen haben um dann
ihren...“
„Genug, erster Schiffscomputer Roderick. Sie überschreiten
jetzt eindeutig ihre Befugnisse. Das ist meine Privatsache. Ich bin ein
völlig normaler Mensch und was ich getan habe, gehörte zu den
ortsüblichen Balzritualen dieses Planeten. Und außerdem sollte ich dir
im Übrigen für dein Vorgehen im Raumdock 5 noch die Kontakte
kurzschließen oder zumindest die Stromration kürzen.“
„Ich bin mir aber noch immer sicher, dass in der Ecke vom
Mac Fly der Weihnachtsmann sitzt. Schließlich waren seine Rentiere
noch draußen angebunden, auf dem Schlitten war ein Sack aus dem
vergilbtes Geschenkpapier hervorschaute und außerdem hätten sie ihn
wirklich nicht so anschnauzen dürfen.“
„Der Typ war besoffen und hat allen Bedienungen unter den
Rock geschielt. Im übrigen schnauze ich noch immer an wen ich will.
Außerdem, wenn er wirklich der Typ war, dann hat er es verdient.
Schließlich hat er mir damals nicht meinen einzigen
Weihnachtswunsch erfüllt, den ich als Kind jemals hatte.“
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„Und der wäre gewesen?“ die Langeweile in Rodericks
Stimme war nun wirklich nicht zu überhören.
„Eine thermonukleare Rakete. Fünf Minuten mit dem Ding
hätten mich für viele miese Unterrichtsstunden entschädigt. Aber der
Penner musste sich ja in die nächst beste Kneipe verpissen. Und jetzt
will ich Taten sehen!“
„Jawohl, Leutnant. Darf ich fragen ob sie inzwischen mit ihrer
Schadensanalyserecherche zu einem Ergebnis gekommen sind?“
Frederick setzte sich betont langsam und zog sich die Kontrolltastatur
wieder heran.
„Nein“, sagte er scharf. Er schaute aus dem kleinen Fenster in
einen wahren Farbrausch, der immer dann entsteht, wenn man sich
mittels Wurmlochtechnik durch den bekannten Teil des Universums
bewegt. Der moderne Weltraumreisende verlässt sich heute nicht mehr
auf enge, unbequeme und mit elektronischen Bauteilen voll gestopfte
Raumfahrzeuge, die mittels hochexplosivem Tankinhalt, was dieser ab
und an bereit ist zu beweisen, auf einem Feuerstrahl in die
Unendlichkeit zu düsen um dann lange darin herumzuirren und
Jahrhunderte später in einem äußerst fragwürdigem körperlichen
Zustand an seinem Zielort, oder unter gegebenen Umständen auch
woanders, anzukommen.
Dieser waghalsigen Art der Reise ist inzwischen eine klare Absage zu
erteilen. Der moderne Weltraumreisende fliegt heute in engen,
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unbequemen und mit elektronischen Bauteilen voll gestopften
Raumfahrzeugen, die zwar keinen hochexplosiven Tankinhalt mehr
mit sich führen schnell und energiesparend sind, aber ohne geübten
Navigator ist bei dem Einsatz der Wurmlochtechnik das Ende der
Reise, bezogen auf die körperliche Verfassung der Reisenden, in der
Regel ähnlich die der früheren Reisen.
Die erzielten Geschwindigkeit der mittels Treibstoffverbrennung
betriebenen Raumschiffe waren recht beachtlichi, aber um auch nur
dem der Erde nächst gelegenen attraktiven Planeten zu erreichen, hätte
ein einigermaßen haltbarer Astronaut mindestens 720 000 mal die
Pensionierung erleben müssen. Durch die Einführung der so genannten
Wurmlochtechnik, die übrigens ziemlich simpel ist, braucht ein man
nicht mehr diese hohe Haltbarkeitsdauer aufzuweisen, wenn man mal
kurz die unendlichen Weiten des Weltraums erleben will. Auch wenn
der Eintritt in ein Wurmloch recht einfach ist, so ist das Verlassen
dieses naturwissenschaftlich nicht zu erklärende Loch im Raum-Zeit-
Gefüge doch in der Regel etwas schwieriger, da bei einem
unsachgemäßen Austritt aus dem Wurmloch einige Dinge in
Unordnung kommen können. Nicht nur, dass man sich um einige
Galaxien verfliegen kannii oder unmotiviert in eine Sonne rastiii,

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Besonders wenn sie kurz nach dem Start explodierten.
ii
Besonders wenn der Navigator sich zu sehr entspannt hat.
iii
Die Raumfahrtindustrie will schließlich auch leben.
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sondern es kann auch vorkommen das die Besatzung Halluzinationen
bekommt die man auf Horror nennt. Halluzinationen die 2 Köpfe
haben oder Wände die bluten werfen keinen alten Raumhasen mehr
um, aber das sich die Nase zu einem Rüssel verändert und dann
pausenlos Werke von Rainer Maria Rilke zitiert, hat schon bei einigen
und nicht nur bei den besten Raumfahrern ernsthafte Schäden
hinterlassen.
Der eigentliche Durchflug sollte damit beginnen, dass der
Pilot/Navigator sich inner- und äußerlich entspannt, in der Regel durch
Blutverdünnung mittels einer Literflasche Korn. Einem geübten und
weltraumerfahrenen Navigator bereitet diese Vorbereitung keinerlei
Probleme. Diese Vorbereitung ist absolut notwendig, da innerhalb des
Wurmloches eine Farbenpracht herrscht, die selbst Vincent van Goch
in seiner übelsten Phase nicht hätte ersinnen können, auch wenn er
sich beide Ohren und die Nase abgeschnitten hätte. Jeder Ort im
bekannten Teil des Universums hat eine bestimmte Farbgebung.
Dieser Farbenpracht ausgeliefert versucht nun der Navigator,
entspannt wie er nun mal ist, anhand der Farben ein Muster zu
erkennen die ihm einen ungefähren Anhaltspunkt über seinen Standort
gibt. Glaubt der Navigator seinen Bestimmungsort erreicht zu haben
haut er die Bremse rein und verlässt unter den bereits geschilderten
Gefahren das Wurmloch.
Plötzlich nahm Frederick eine bestimmte Farbkombination im
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Wurmlochi wahr, auf die er bereits mehrere Wochen sehnlichst
wartete.
„Was ist den jetzt los, wir dürften doch laut dieser verdammten
Wurmlochkarte erst in einigen Stunden diese Position erreichen?“
Hastig machte er sich über die Kontrollen des Schiffes her. Innerhalb
weniger Sekunden taumelte er aus dem Wurmloch heraus und brachte
das Dosenschiff im Normalraum zum relativen Stillstand. Verwundert
begann er seine Position zu bestimmen. Kurze Zeit später hatte er das
Ergebnis. Er war tatsächlich an seinem Bestimmungsort angekommen.
Breit und Fett, eigentlich mehr Fett als Breit, Fett hier allerdings nicht
im Sinne von dick, sondern von schmierig mit eindeutiger Tendenz
aufs Eklige, lag die Schnarpf-Galaxieii vor ihm. In dieser ominösen
Galaxie gelten die allseits bekannten und viel geachteten Naturgesetze
nicht, die ansonsten in jedem Winkel des bekannten Teil des
Universums lauern und sich beharrlich auf den Weltraumreisenden
auswirken.
Bei der Entstehung des Universums und dem dadurch zwangsweißem
Auftauchen einzelner Galaxien waren die meisten nicht mit ihrer

i
Das kommt davon, wenn man Laien mittels Wettbewerb dazu aufruft komplexen
wissenschaftlichen Vorgängen Namen zu verpassen. Die korrekte wissenschaftliche
Bezeichnung lautet S.A.U. (Supersonic Astronautic Unicorn)
ii
In dieser Galaxie gelten die normalen Naturgesetz, die ansonsten jeden Winkel im
bekannten Universum zu trostlosen Orten verkommen lassen, nicht. Marmeladenbrote
fallen nicht, wie sonst üblich, auf die beschmierte Seite und Fernseher geben erst dann
ihren Geist auf wenn nichts wichtiges im Fernsehen kommt.
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plötzlichen Existenz einverstanden. Einige fanden sich zu fett, andere
nicht wichtig genug und die meisten zu weit vom Schuss entfernt um
miteinander mal so richtig einen abquatschen zu können. Außerdem
hatten manche schon was besseres vor, aber aufgrund fehlender
Servicenummerni konnte man noch nicht einmal sein Geld zurück
verlangen.
Während die meisten der neu entstandenen Galaxien sich mit dem
Unvermeidlichen abfanden und sich zu organisieren begannen, hatte
nur die Schnarpf-Galaxie den Schneid offen gegen die neu entstandene
Unordnung aufzubegehrenii und sich weigerte, sich auch nur an die
elementarsten Regelniii zu halten. Böse Zungen behaupten, dass die
Schnarpf-Galaxie einfach nur verkalkt ist und die einfachsten
Gesetzmäßigkeiten nicht kapiert. Wie dem auch sei, in dieser Galaxie
gelten einfach andere Gesetzmäßigkeiteniv und sie gehörte nun
wirklich nicht zu den Schönsten im bekannten Teil des Universums.
Unter normalen Umständen wäre er bestimmt nicht auf die Idee

i
Was bereits einmal erwähnt wurde.
ii
Der eigentliche Grund für diese Protesthaltung ist leider nicht mehr bekannt, aber alle die
sich noch daran erinnerten wussten das es was fürchterlich wichtiges war und das ein Huhn
etwas damit zu tun hatte
iii
Regeln die das tägliche Einerlei einer Galaxie regelt, wie z. B. Sonnen explodieren zu
lassen oder verdammt große Steinbrocken auf verdammt kleine Dinosaurier zu schmeißen.
Regeln die jede einigermaßen intelligente Galaxie spätestens nach ein paar Milliarden
Jahren zu langweilen beginnen.
iv
Hätte Newton auf einem Planeten in der Schnarpf-Galaxie einen Apfel auf den Kopf
bekommen, wäre er nicht zum Patentamt gerannt sondern zum Anwalt, um den ersten
Produkthaftungsprozess dieser Galaxie anzustrengen.
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gekommen ausgerechnet hierher zu reisen. Aber was ist schon seit den
letzten Tagen normal verlaufen. Da war die Begegnung mit diesem
Kindheitstherminator in Form eines degenerierten Weihnachtsmannes
noch relativ normal. Hoffentlich hatte er diesem Mistkerl ordentlich
den Marsch geblasen.i
„Schiffscomputer Roderick, berechnen sie die
Anflugkoordinaten für den Planeten Kalili und nehmen sie dann Kurs
auf das Flughafengelände. Benachrichtigen sie mich, wenn wir
landen.“
Frederick erhob sich aus dem Pilotensitz, froh die nötigen
Berechnungen nicht selbst durchführen zu müssen. So schön auch die
Fliegerei ist, aber diese ewigen Zahlenspielchen konnten einem schon
die Gehirnwindungen durcheinander bringen. Er verließ die Kanzel
und ging in die Toilette um sich teils auf den Kontakt mit den örtlichen
Erdenvertretern vorzubereiten und andererseits da er sich noch
unsauber fühlte. Die Dusche war in den letzten Wochen seine einzige
Zuflucht vor Roderick. Sein Groll begann sich abermals über das
Verhalten seinen seltsamen Schiffscomputer aufzuheizen. Eigentlich

i
Dieser nahm sich die Strafpredigt wirklich zu Herzen und machte sich, natürlich noch mit
ausreichend Restalkohol im Blut, daran seine vor exakt einhundertzweiundzwanzig Jahren
unterbrochene Tour fortzusetzen. Leider geriet er in einer Rechtskurve aus der Umlaufbahn
eines unbedeutenden Planeten und verschwand in einer noch unbedeutendener Sonne, was
erklärt das ich nie den Raumfahrthelm und die Laserkanone bekam den ich mir als Kind
immer gewünscht habe.

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war er ja Stolz auf sein Werk, die begrenzte künstliche Intelligenz
seines Schiffscomputers derart zu steigern, auch wenn es sich hierbei
nur um einen Zufallserfolg handelte. Und schließlich ist die irdische
Zufallsforschung spätestes seit der Erfindung des E-H-Triebwerkesii
eine anerkannte und förderungswürdige Form der Wissenschaft. Nach
einem dunklen Zeitalter der theoretischen Forschung ist man nun
wieder in das farbenfrohe Zeitalter der experimentellen
Zufallsforschung eingedrungen, welches schon in früheren Zeiten zu
erstaunlichen Ergebnisseniii geführt hat.
Diese Müdigkeit an der theoretischen Forschung hat einen einfachen
Hintergrund. Das Wissen der Menschheit verdoppelte sich bis 1980
alle 20 bis 30 Jahre, so dass mit jeder neuen Wissenschaftlergeneration
das neue Wissen mit in die Forschung einfließen konnte. Aber ab 1980

i
Dieser Ort ist einer von mehreren bewohnbaren Planeten in der berüchtigten Schnarpf-
Galaxie. Die Hauptaufgabe der Bewohner liegt darin nicht von ihrem Planeten zu fallen.
ii
Der Sprung der Menschheit in den Weltraum wurde erst richtig möglich durch die
Erfindung des Eierpunsch-Hewett-Triebwerkes. Hierdurch wurde ein Traum der
Menschheit wahr, sich über einen nicht geringen Teil des Universums zu verbreiten, um
dort die göttlichen Gaben der Engstirnigkeit, Intoleranz und Arztserien zu verbreiten. Der
Erfinder des E-H-Triebwerkes war, natürlich, Hewett James junior der Dritte.
Dilettantische Umbauten am Homecomputer gekoppelt mit dem erhöhten Genuß an
Eierpunsch und die Knickrigkeit sich Orginalbauteile zu besorgen bescherten der Erde den
wichtigsten Fortschritt im Bereich der Raumfahrt der letzten 200 Jahre.
iii
Diese erstaunlichen Ergebnisse beziehen sich einerseits auf eine drastische Reduzierung
einer vermeintlichen Intelligenzschicht, die Jahrzehntelang die Universitäten belagerten
hätten um angeblich Wissen um des Wissen willens zu erwerben und dadurch verhinderten
das wichtige und profitable Forschung für die gut zahlende Privatindustrie nicht
durchgeführt werden konnten und andererseits zu einer Ankurbelung der Industrie, da bei

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begann sich das angebliche Wissen der Menschheit derart rapide zu
vervielfältigen, dass niemand mehr in der Lage war das gesamte
Wissen, welches sich nun neu angehäuft hatte zu erwerben geschweige
den anzuwendeni.
Doch nicht nur die Wissensfülle verdoppelte sich immens schnell,
sondern auch das Desinteresse der Menschheit gegenüber den neuen
Erkenntnissen, da diese in der Regel noch nicht einmal von den
Wissenschaftlern kapiert wurdenii. Dies mag ein Grund sein, warum
sich die experimentelle Zufallsforschung immer größerer Beliebtheit
erfreute und man mit keinerlei Verbildung schnell seine finanziellen
Belastungen los sein konnte, egal auf welche Weise.
Durch einige überraschende Ergebnisse der Zufallsforschungiii wurde
dann auch der endgültige Schritt in das Universum gemacht. Dieser
Schritt wurde, besonders in den Anfängen, von den betreffenden
Testpersonen allerdings meist noch unfreiwillig und gelegentlich auch

misslungenen Experimenten der Zufallsforschung oftmals mehr als nur der Maler und
Maurer bemüht werden musste.
i
Hand aufs Herz, wissen Sie genau wie so ein alltägliches Ding wie ein Stringbody
hergestellt wird? Gewiss, wir wissen wie man aus einfachen Mitteln wie 5
Streichholzschachteln, 3 Meter Stacheldraht und einer Autobatterie das örtliche Kabelnetz
anzapft, aber bei wirklich komplizierten Dingen ist man heutzutage aufgeschmissen.
ii
Einige Klugscheißer gibt es natürlich immer noch, aber der gesunde Menschenverstand
schaffte auch dies zu ignorieren.
iii
Bahnbrechend ist hier zu nennen die Erfindung des E-H-Triebwerk und des damit
verbundenen Energieüberflusses, wodurch allerdings einigen seltsam gewandten und im
Sand spielende Herren, die bis dato über das Wohl und Wehe der industriellen Welt
gewacht hatten, der Arsch blutete.
25
nur in Teilen gemacht.
Als dann aber ein gewisser Schiffcomputer begann nach und nach eine
eigenständige Persönlichkeit zu entwickeln und dann auch noch seine,
natürlich nur fiktive, Sexualität entdeckte, war es selbst für einen
Leutnant des Erdnachrichtendienstesi zu viel.
Er stellte sich unter die Dusche und ließ seinen Körper mit warmem,
wenn auch leicht muffigen Wasser berieseln. Er sehnte sich danach
endlich wieder frisches Wasser aufnehmen zu können und mit
normalem, sauberem Wasser zu duschen. Wenn diese dienstlichen
Dosen-Schiffe endlich mal eine gescheite Ausrüstung bekommen
würden, aber diese Bürohengste haben ja keine Ahnung von dem, was
die Außendienstler alles durchmachen müssen. Plötzlich erschrak er
sich über sich selbst. Waren das eben wirklich seine Gedanken? Vor
gerade 35 Tagen, 13 Stunden und ein paar gequetschten Sekunden war
er, Leutnant Frederick, ebenfalls einer dieser Sesselpupser, der nur
Augen für die nächste Beförderung und die kleine süße Isabella mit
der schwarzen Löwenmähne hatte. Und was war er nun. Einer dieser

i
Das zweitälteste Gewerbe der Erde hat sich auch bis heute gehalten, sehr zur Freude des
steuerzahlenden Bürgers. Nachrichtendienste der unterschiedlichsten Colour gibt es im
bekannten Teil des Universums wie Sand in der Boujabase, da die vermeintlich
Verantwortlichen auf allen Welten noch immer der Meinung sind mittels unterschiedlichen
Methoden bestimmte Dinge aufklären zu müssen. Hierzu werden nicht nur technisch
ausgereifte und zusätzlich noch unauffällige Meisterwerke durchs Weltall geschickt, deren
maximale Haltbarkeit bereits beim Start abgelaufen ist, sondern auch noch stolz mit dem
jeweiligen Emblem des Dienstes versehen. Derjenige in einem Nachrichtendienst der sich

26
Agenten-Weltraum-Tramps die durch die Wurmlöcher schossen,
immer auf der Suche nach irgendeiner Nachricht die ihn wieder in die
Reihen der Sesselpupser brachte, dort wo man Karriere und Isabellas
hatte. Das Wasser roch verstärkt muffig, was ein eindeutiges Zeichen
für ihn war, dass nun die Wasseraufbereitungsanlage endgültig im
Eimer war.
„Hoffentlich finde ich in dieser trostlosen Ecke des bekannten
Universums eine Vertragswerkstatt“, fluchte er leise vor sich hin. Er
wollte nicht noch einmal an der Bordelektronik herumfummeln, wer
weiß was sonst noch passieren konnte. Nachher möchten die Türen
auch noch mit Namen und Dienstrang angeredet werden, bevor sie sich
geziemten zu öffnen. Er nahm das Duschzeug und begann sich damit
einzuschmieren. Er war froh als er den angenehmen Geruch des stark
parfümierten Duschgels roch, welches sich gern und bereitwillig, fast
schon arrogant von dem muffigen Geruch des Wassers abhob.
„Aua, Scheiße verdammte“, er schrie aus Leibeskräften, „wann
erfinden diese Deppen den endlich mal ein Duschzeug, das wirklich
nicht in den Augen brennt.“ Er rieb sich die Augen und versuchte
diese auszuspülen, wodurch der Schmerz aber bekanntermaßen nur
noch größer wurde.
„Halali Hallo, Leutnant Frederick“, ertönte es melodiös aus

damit befaßt ebenfalls in dem bekannten Teil des Universums herumzufliegen wird im
diensteigenen Jargon BIA (besonders involvierter Agent) genannt.
27
dem kleinen Lautsprecher neben der Türe, „wir sind soeben auf dem
Flugplatz von Kalil gelandet, die örtlichen Gewaltvertreter möchten
sie begrüßen und ihnen die üblichen Willkommensformalitäten ein
klein wenig näher bringen. Ich habe sie bereits an Bord kommen
lassen, sie sollten Glasperlen und anderen Schund bereithalten. Wann
darf ich diesen ihr erscheinen ankündigen?“
„Brlp“, schrie er und eine Wasserfontäne verließ hastig, wie
eine Katze den Raum der man auf den Schwanz getreten hatte, seinen
Mund. Seine sonst so sonore Stimme überschlug sich wie die eines
Teenagers, der mitten in seiner tiefsten pubertären Phase steckte und
einen Fleck auf seinem erst eben sorgsam gewienerten
Kleinstfortbewegungsmittel entdeckte.
„Das kann und darf doch nicht wahr sein. Wir waren doch noch
mindestens fünf Flugstunden von Kalil entfernt. Ich kann doch
unmöglich so lange geduscht haben.“ Plötzlich tauchen Erinnerungen
über abenteuerlichen Berichte über diese Galaxie, in der Einige der
sonst so zuverlässigen Naturgesetze einfach nicht existent sind, oder
einige üble Auswirkungeni hatten. Doch das half ihm jetzt auch nicht,
er musste zusehen dass er möglichst ungesehen in seine Schlafkoje
kam, da er hier in der Dusche, dank der edlen Erfindung des
Wäschezerkleiners, keine Anziehsachen mehr hatte.
„Darüber sprechen wir noch! Ich bitte dich, diese Leute in

28
unsere Küche zu führen und ihnen einen Kaffee oder sonst was
anzubieten, damit ich erst einmal ungesehen was zum Anziehen holen
kann.“
„Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee wäre?“ antwortete
Roderick. „Nach ihrem letzten Reparaturversuch hat unser Kaffee
doch einen recht eigenartigen Geschmack angenommen hat, der sie,
verbessern sie mich ruhig, falls ich falsch zitiere, entfernt an
Hydrauliköl erinnert hatte und vielleicht nicht jedem so gut mundet
wie inzwischen der Not gehorchend ihnen.“
„Mach jetzt bitte keinen Quatsch, sondern befolge einmal
meine Befehle so wie ich sie möchte, ich kann ja schlecht
splitterfasernackt vor diese Leute treten.“
Er schlug mit der Faust gegen den Knopf des Lautsprechers und
deaktivierte ihn.
So schnell es nur ging wusch er sich den Schaum ab, sprang aus der
Dusche und eilte, eine flüchtige und gehetzt wirkende Wasserspur
hinter sich herziehend, zu seinem Kleiderschrank, der sich,
architektonisch gesehen natürlich vollkommener Blödsinn, am
anderem Ende des Schiffes befand. Doch kurz bevor er diesen
erreichen konnte, prallte er mit etwas zusammen was sich für ihn im
ersten Moment wie eine besonders harte Betonmauer anfühlte und im
zweiten Moment als irgendeine Extremität die sich zielsicher den Weg

i
Abweichungen von Naturgesetzen unterliegen strengen Gesetzmäßigkeiten.
29
in den Bauch suchte, fand diesen und ließ ihn, nachdem sich keine
Flexibilität des Körpers mehr ausmachen ließ, wie einen Maikäfer auf
den Rücken fallen. Das Letzte, was seine Sinne noch in der Lage
waren ihm zu vermittelten, bevor er von der Gnade der Ohnmacht
empfangen wurde war ein schriller Schrei, einen von der Sorte, den
man sonst nur in zweitklassigen, den so genannten B-Filmen hört, aber
einem leider nie im richtigen Leben begegnet.
Als er wieder zu sich kam, sah er undeutlich an zwei wunderbar
geformten langen Beinen hinauf, doch bevor sich sein Blick schärfen
konnte wurde es abermals dunkel um ihn. So langsam dämmerte es
ihm, wo er war und sein Unterbewusstsein spielte einige Szenen
immer wieder durch was geschehen sein könnte. Die einzelnen
Varianten die sich ihm auftaten, trugen allerdings nicht gerade dazu
bei ihn beruhigen zu können. Hilfreich hierbei war natürlich auch der
abermals erklingende, lang gezogene schrille Schrei, der sich wie eine
der übelsten Vorahnungen über seine, inzwischen arg strapazierte
Trommelfelle legte und ihn in der Vermutung bestärkte, dass etwas
entscheidendes nicht so gelaufen war, wie er es sich eigentlich
vorgestellt hatte.
Um was sehen zu können, versuchte er das, sein Blickfeld störende an
die Seite zu schieben, sich im klaren, wahrscheinlich nicht mehr den
Anblick dieser langen Beine genießen zu können, sondern mit etwas
konfrontiert zu werden was unter Umständen nicht gerade als
30
angenehm zu bezeichnen ist. Da sich nun aber auch der lang gezogene
Schrei am Abklingen befand, ohne dabei an seiner Attraktivität
verloren zu haben, wusste er, dass er nun gefordert war. Langsam
schob der das Tuch, oder was es auch immer sein mochte, beiseite und
schaute nach oben, dies musste er ohnehin tun, da er ja noch immer auf
dem Rücken lag. Seine Vorahnung bestätigte sich augenblicklich, den
der vormals angenehme Anblick war einigen, nicht gerade freundlich
blickenden Gesichtern gewichen.

„Einen schönen guten Tag,“ hörte sich Frederick wie aus einem
Tunnel rufen. „Ich heiße sie an Bord meines Schiffes willkommen.
Mein Name ist ....“, weiter kam er nicht.
„Ich heiße sie ebenfalls willkommen“, sagte eines dieser
Gesichter, ohne aber seine gerade getätigte Aussage mittels seines
Gesichtsausdruckes wahrhaftig zu unterstreichen. „Und ihr Name ist
Frederick, Leutnant der irdischen Schnüffler oder manchmal auch
Polizei genannt.“
„Oh ja, es sind immer die Besten“, hörte er eine weibliche
Stimme mit leichtem Zynismus in der Stimme sagen, „die nicht zögern
und sich in den Dienst der Regierung zu stellen und sich den Gefahren
des Weltalls aussetzen ohne an ihr persönliches Glück zu denken. Zum
Wohle der Öffentlichkeit, versteht sich.“
Frederick versuchte sich zu konzentrieren, was sich aber als äußerst
31
schwierig erwies, da ein Schlag auf den Soda-Plexus, den er ohne
Zweifel erhalten haben musste, dieser angestrebten Tätigkeit als nicht
förderlich erwies.
„Darf ich fragen woher sie meinen Namen und meinen
Dienstrang wissen?“ krächzte er, wohl wissend, dass sie diese Daten
aus dem Wartungshologramm im Türrahmen entnommen haben, den
er glücklicherweise gleich zu Beginn seiner Reise ausgetauscht hat.
Allerdings wird er mindestens 15 verschiedene Formulare und dies in
4 Ausführungen, alle natürlich farblich unterschiedlich, ausfüllen
müssen, hierbei seine ganze Erfahrung im Umgang mit der Dienst-
Schiff-Verwaltung und mindestens 3 Kisten eines beliebigen
Schädelspalterbieres von Wahala Vieri einsetzen dürfen um der
Wartungseinheit den Verbleib des eigentlichen Wartungshologramms
zu erklären. Der Letztgenannte dürfte inzwischen den Saturn erreicht
haben, da er ihn gleich nach dem Start in den Weltraum geschmissen
hat. Es muss ja nicht gleich jeder wissen, dass er ein BIAii des
Erdnachrichtendienst ist.
„Verzeihen sie mir bitte meinen ziemlich gewagten Auftritt,
aber ich bin mit den Gewohnheiten ihres Systems doch noch nicht so
vertraut wie ich vor meinem Start dachte. Außerdem sollte mein
Schiffscomputer sie in den Küchenbereich bitten, damit ich Zeit zum

i
Natürlich sauteuer!
ii
Besonders involvierter Agent.
32
anziehen gehabt hätte.“
„Ja diesen Vorschlag hat uns ihr Schiffscomputer gemacht,
aber wir haben dankend abgelehnt“, sagte das gleiche grimmige
Gesicht, welches schon seit Beginn der Unterhaltung das Wort führte.
„Aber ich schlage vor“, fuhr dieser fort, „dass sie sich erst einmal in
einen ansehnlicheren Zustand versetzen und wir dann so tun, als wäre
das, was gerade geschehen ist doch so nicht geschehen, obwohl es
dennoch so war. Sie verstehen?“
So plötzlich, wie die grimmigen Gesichter und die langen Beine,
welche er in Zusammenhang mit dem exzellent ausgeführten Schrei
brachte, in seinem Schiff aufgetaucht waren, waren sie auch schon
wieder verschwunden.
Noch immer von dem Schlag benommen rappelte sich Frederick auf,
schleppte sich zu seinem Bett und ließ sich darauf nieder.
„Hervorragend gemacht“, murmelte er in Richtung des
nächsten Lautsprechers. „Wirklich gut. Eigentlich wollte ich ja so
wenig Aufmerksamkeit wie möglich erregen. Nur gut, dass wenigstens
die Sache mit dem Holowürfel geklappt hat, den auf dich kann man ja
scheinbar nicht zählen.“
„Verzeihen sie, Herr Leutnant, aber es war mir unmöglich ihre
Besucher in die Küchenzeile zu bugsieren, ohne meine weit
überragende Intelligenz vor Dritten zu offenbaren. Erschwerend
kommt allerdings hinzu, dass es mir unmöglich war sie davon in
33
Kenntnis zu setzen, da sie ja den Lautsprecher im Bad außer Betrieb
gesetzt haben. Des weiteren sollten sie sich jetzt ein klein wenig
beeilen, da meine Außensensoren festgestellt haben, dass das
Empfangskomitee nun draußen auf ihren süßen Arsch wartet und sich
entsetzlich langweilt“, antwortete Roderick bissig.
Frederick schaute an sich herab und beschloss innerlich endlich mit
einem klein wenig Sport anzufangen, schließlich musste es ja an
irgendwas liegen, dass der Rest dieser wirklich gut gebauten Beine bei
seinem Anblick das Schreien anfängt. Aber das es schon so schlimm
ist, war für ihn doch ein Schock. Langsam erhob er sich, rieb sich noch
einmal seinen Oberkörper und begann sich anzuziehen.
„Roderick“, sagte Frederick zögerlich, „beschreibe mir doch
bitte einmal das Empfangskomitee, während ich mich anziehe. Ich
hatte leider, bis auf einige Ausnahmen, einen teilweise recht
ungünstigen Blickwinkel.“
„Nun den, mein kleiner Leutnant“, begann der Schiffscomputer
säuselnd. „Wir haben hier eine Gruppe, bestehend aus vier Personen,
drei hiervon sind männlich und der traurige Rest gehört zur
bedauernswerten Gruppe dieser zielstrebigen, ergebnisorientierten
weiblichen Wesen, die sich nicht um Abstraktionen scheren und die
nie wissen wollen, warum und wie der Kolben sich bewegt,
Hauptsache er tut dies. Die männlichen Exemplare sind alle exakt 156
cm groß und herrlich beharrt. Eben vom Typ außerirdisch geborene
34
Kolonisten oder so. Ich finde von ihnen geht eine außerordentlich
erotische Ausstrahlung aus, die meinen Hauptspeicher glatt zum
vibrieren bringen könnten. Die bemitleidenswerte Kreatur der Gattung
Mensch, Unterabteilung Frau, hingegen ist 176 groß, hat eine
scheußliche Frisur, eine scheußliche Figur und für diese Jahreszeit eine
scheußlich knappe Bekleidung.“
Frederick hörte aufmerksam zu während er sich anzog und versuchte
die einseitig gefärbte Darstellung seines Schiffscomputers so zu
verifizieren, besonders den Teil indem es um die Frau ging, damit er
sich ein einigermaßen klares Bild machen konnte. Nach einigen
Minuten hatte er sich die ungewohnte Uniform eines Polizisten der
Erde angezogen und bemerkte, dass er auf dem Flug in diese,
scheinbar seltsame Galaxie, wirklich etwas zu sehr außer Form geraten
war, aber was sollte man auch auf einem fünfwöchigen Flug durch ein
unerträgliches Farbengewitter auch tun, außer tüchtig den Freß-O-Mat
zu traktieren.
Als weiteres Highlight der bemannten Raumfahrt ist die Erfindung des
Freß-O-Mati. Dieser wurde von einem ökotruffologischen Pedanten
geschaffen, der sich nicht nur in den Kopf gesetzt hatte die
versorgungstechnischen Probleme der bemannten Raumfahrt zu lösen,
sondern dabei auch noch gesunde und biologisch hochwertige
Ernährung an den Astronauten zu bringen um dadurch deren

35
Leistungsfähigkeitii erheblich zu steigern. Der Freß-O-Mat stellt aus
einem stetig nachwachsenden Hefepilz fast alle Gerichte her die der
Menschheit bekannt sindiii um so für das leibliche Wohl der an Bord
befindlichen Personen erstklassig zu sorgen. Die verschiedenen
Geschmacksrichtungen einzelner Gerichte werden durch biologisch
abbaubare Zusätze erzielt, die von A wie Angebrannt bis Z wie
Zwiebelkonfitüre reichen. Am Anfang war die Programmierung des
Freß-O-Mat zusätzlich darauf ausgelegt, dass der Nahrungsaufnehmer
mit allen lebenswichtigen Zusatz- und Ballaststoffen versorgt wird, die
in den letzten Jahrzehnten durch die Müsli-Szene den menschlichen
Körper als unabdingbar gepriesen wurden. Doch da sich der
menschliche Körper nicht so einfach überlisten ließ, drehten die ersten
Astronauten bei längeren Einsätzen des Freß-O-Mat regelrecht durchiv,

i
Im Astronautenjargon Mampf-O-Mat.
ii
In den Anfängen der Raumfahrt kam es des öfteren vor, wenn es die einzelnen
Regierungen mal wieder geschafft hatten sich irgendwo Geld zu pumpen, dass
Besatzungen gezwungen wurden mehrere Monate im All zu bleiben. Hierbei wurde unter
anderem von ihnen verlangt unsinnige, meist langweilige wissenschaftliche Experimente zu
versauen oder öde Ansammlungen von Gesteinsbrocken zu besuchen um dort unter Einsatz
von mehreren Milliarden Geldeinheiten der Steuerzahler herum zu hüpfen, Dreck
einzusammeln und schlecht belichtete Filmaufnahmen zur Erde zu senden. Bei diesen
kosmischen Hüpfern waren die Besatzungen in ihren Projektilen derart eingepfercht, dass
an allen Ecken und Enden kaum Platz war für eine anständige Mahlzeit. Dies war die
Geburtsstunde der Tütensuppe mit all ihren schlimmen Folgen.
iii
Leider sieht hierbei der Rehrücken genauso aus wie Vanillepudding.
iv
Die Besatzungen kamen nach etwa 3 Monaten im All wie ein Junkie auf Turky und
verschwanden mit lautem Gegröle in den Tiefen des Alls. Die Wissenschaft stand lange vor
einem Rätsel und es musste in mehreren Feldversuchen die Gründe hierfür gefunden
werden.
36
da die vermeintlichen Giftstoffe, die es herauszufiltern galt,
inzwischen vom Körper zum Überleben gebraucht wurden. Daraufhin
wurde der Freß-O-Mat geringfügig dahingehend abgeändert, dass bei
jeder dem Körper belastende Bestellung der Freß-O-Mat Hinweise auf
dessen eventuelle negative Beeinflussung des Metabolismus gab.
Rodericks Interpretation des Begrüßungskomitees war inzwischen
recht mühselig, wenn man auch noch mit ansehen musste, wie einem
so langsam der Schiffscomputer entglitt und sich dabei zu etwas
entwickelte, was die Ausmaße eines der fehlgeschlagenen
Experimente eines Dr. Frankenstein annahm. Natürlich hatte er noch
andere Dinge zu tun, außer sich der Völlerei hinzugeben oder als
Lebenslagenberater für durchgedrehte Schiffscomputer aufzutreten.
Aber wenn er aß wie ein Berserker, so vergaß er wenigstens den
Grund für diesen Flug. Wäre ihm nur nicht dieser Übersetzungsfehler
bei der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen mit dem Neuen
Volk passiert. Zufrieden und froh könnte er an seinem Schreibtisch
sitzen und diese süße kleine Maus becircen.
„Leutnant! Träumen sie?“ tönte es aus einem der Lautsprecher.
Unsanft wurde er aus seiner, nicht gerade heiteren Rückschau auf sein
bisheriges verpatztes Leben gerissen. Mechanisch drehte er sich zu
einer verspiegelten Innenwand und überprüfte sein neues Outfit.
Perfekt dachte er, hoffentlich muss ich kein Strafmandat ausstellen
wegen falschem Parken oder wegen Nudismus, soweit stehe ich nicht
37
in meiner Legende, außerdem müsste ich dann ja wohl zuerst mich
selbst verhaften.
„Roderick! Ich werde mich jetzt meinem Empfangskomitee
stellen und hoffen relativ ungeschoren davonzukommen.“
„Soll ich die Triebwerke laufen lassen, damit wir abhauen
können?“
„Nein, ich bitte dich nur das Schiff zu versiegeln und
niemanden, aber auch wirklich niemanden herein zu lassen. Ach ja,
und versuche bitte soviel über das Verschwinden des Kerls
herauszufinden, den ich hier angeblich suchen soll, wie es nur geht.
Geh in jede Datenbank hinein, die du finden kannst und in die du
unauffällig eindringen kannst. Geh bitte genauso vor, wie ich dich
programmiert habe.“
„Ja, Süßer! Gehabe dich auch wohl und achte mir gut auf
deinen Hintern“, gab Roderick im Ton eines genervten Teenagers
zurück, der darauf hofft, dass seine Eltern endlich gehen, damit die
lang geplante Fete beginnen konnte.
Frederick trat aus der Schleusentür seines Dosenschiffes und sprang in
alter Manier die fünf Stufen der automatisch ausgefahrenen Treppe
hinunter. Doch anstatt wie sonst elegant neben der Treppe zu landen,
machte er nun einen drei Meter weiten Sprung und schlug, da er die
Flugbahn nicht ausreichend korrigieren konnte, der Länge nach auf
den harten Belag des Flughafens. Er konnte, oder wollte, es sich zwar
38
nicht eingestehen, aber er spürte eine um sich greifende Belustigung
des Empfangkomitees über seinen weiteren gelungen Auftritt.
„Ich nehme an, sie befinden sich heute zum ersten Mal in der
Schnarpf-Galaxie?“ hörte er eine, diesmal allerdings amüsiert
klingende, weibliche Stimme sagen. „Auf dem Planeten Kalil, auf dem
sie es sich gerade bequem gemacht haben, herrscht nur ein Bruchteil
der Erdanziehungskraft, die sie sonst gewohnt sind. Und dies bei einer
dreifachen Masse des Planeten gegenüber der Erde. Aus diesem
Grund,“ fuhr sie lehrmeisterhaft fort, „sollten sie sich nicht nur den
hier herrschenden Bekleidungsnormen unterwerfen, sondern auch der
verminderten Anziehungskraft ihren Attribut zollen, damit ihre
zukünftigen Auftritte ein klein weniger würdevoller ausfallen. Außer
natürlich, dass diese leicht devote Haltung eine Art
Entschuldigungsgeste für ihre misslungene Ganzkörperschau von
vorhin sein soll. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege kann es für
das Dargebotene eigentlich keine ausreichende Entschuldigung
geben.“
Frederick war zwar nicht an Körper, aber an Seele verletzt. Er schaute
verlegen nach oben, wurde sich langsam der Bedeutung der letzten
Worte klar und fragte sich innerlich, was er denn nur in den letzten 32
Jahren verbrochen habe musste, damit ihm nun dies widerfährt.
„Wenn ich sie nun bitten dürfte“, sagte das grimmige Gesicht.
Frederick sah zwar nicht, dass es sich hierbei um das obergrimmige
39
Gesicht handelte, aber wer einmal diese Stimme in Verbindung mit
dem dazugehörigen Gesicht gesehen und gehört hatte, war auf lange
Zeit hinaus nicht mehr in der Lage beides zu trennen. Er stand
vorsichtig auf und reinigte seine Uniform, indem er sie mit beiden
Händen abklopfte. Hierbei hielt er seinen Blick gesenkt und je höher er
bei seinen Reinigungsarbeiten mit seinen Händen kam, umso höher
fuhr sein Blick. Schließlich hatte er sein Empfangskomitee komplett
im Blickfeld. Roderick hatte in Grundzügen seiner Schilderung recht
behalten, jedenfalls was die Größe und Herkunft der Herren betraf,
abgesehen allenfalls von deren erotischen Ausstrahlung, die sein
Schiffscomputer diesen kleinwüchsigen und extrem beharrten
Zwergen zugeschrieben hatte. Er verspürte plötzlich ein heftiges
Dejavu-Erlebnis und hörte innerlich die Worte: „Wer hat aus meinem
Tellerchen gegessen?“ Das obergrimmige Gesicht drehte sich ihm zu
und holte Luft um etwas zu sagen, als plötzlich eines der beiden
anderen grimmigen Gesichtern sprach. Dieser Person hatte er bis dato
eigentlich nur Anwesenheitscharakter zugeschrieben.
„Seien sie herzlich willkommen auf dem Planeten Kalil Herr
Leutnant. Ich bin der Leiter der hiesigen christlichen Kommandantur.
Mein Name ist Oberst Kardinal Lukul und dies sind Kapitän Hartner
von TONIsi“, der Oberst zeigte mit einer knappen und geringschätzig

i
Eine von dem Sohn und Haupterben des Hewett James junior dem Dritten finanzierte,
schwerbewaffnete Raumflotte deren Aufgabe darin besteht unter Einsatz von allen
40
wirkenden Handbewegung auf den mit dem obergrimmigsten Gesicht,
welcher daraufhin mit einer ebenso knappen und abschätzigen
Handbewegung einen Gruß mit der rechten Hand an seinen stark
behaarten Schädel, welcher die Form eines zu groß geratenen
Aschenbechers hatte ausführte, „und Botschafter der Erde Diftda.“
„Exzellenz Diftda“, verbesserte dieser bestimmend, dann nahm
er überschwänglich Fredericks Hand und schüttelte sie derart
enthusiastisch, dass er ihn fast zu Boden gerissen hätte. Er ähnelte,
beim genaueren hinsehen, einem Wildschwein von der Erde, die
Frederick mal in einem der Wildparks gesehen hatte und er beschloss
daher ihn fortan, natürlich nur in seinen Gedanken, den Spitznamen
Schweinchen Dick zu geben.
„Des weiteren habe ich nicht nur die Ehre, sondern auch das
besondere Vergnügen ihnen die bezaubernde Geschäftsführerin der
hiesigen ROSIs-Geschäftsstellei vorzustellen. Vielleicht gibt’s ja mal
Rabatt oder so?“ flüsterte er. Dann aber kam plötzlich eine bisher
fehlende Begeisterung in die sonst so monotone Stimme des Oberst.
„Frau Annabelle Snooze. Wenn sie mir die Ehre erweisen würden!“

verfügbaren Mitteln Pizzas auszuliefern. Dies ist allerdings nur ein Steuertrick. Die
Hauptaufgabe ist bezahlter Schutz vor den Gefahren des bekannten Teil des Universums,
da alle Versuche eine überweltliche Ordnungstruppe zu installieren bisher fehlgeschlagen
waren. Die Abkürzung für TONIs lautet Totale Ordnung im All, Nicht Immer und
sauteuer.
i
Riesengroße Organisation von Sexclubs In allen Systemen. Weiter Erklärungen dürften
somit eigentlich unnötig sein.
41
Erst jetzt löste sich eine hoch gewachsene, schlanke Gestalt aus dem
Schatten des Dosen-Schiffes, in deren Schutze sie bisher verweilt hatte
und gesellte sich wieder zu dem Empfangskomitee hinzu. Frederick
erfasste eine ungewöhnliche Unruhe je mehr sie aus dem Schatten des
Schiffes trat. Ja, da waren sie, die beiden Beine, die vor kurzem schon
einmal aus einer besonders interessanten Perspektive betrachten durfte
und er spürte ein bestimmtes, ihm recht bekanntes, Ziehen. Allerdings,
so stellte er mit Verwunderung fest, dass auch der Rest der Dame
durchaus Stand halten konnte mit den Damen aus den allseits
bekannten monatlichen Männerfortbildungsheften, woraufhin er
zusätzlich ein seltsames kribbeln im Bauch, was ja auch kein Wunder
war, verspürte. Er versuchte sich verzweifelt in Gedanken zu
rechtfertigen. Nach einer mehrwöchigen Reise durch den bekannten
Teil des Universums, begleitet von einem schwachsinnigen und latent
schwulen Schiffscomputer, der ständig nur auf seinen Hintern und wer
weiß wohin noch schielte konnte ihm schließlich keiner eine solche
Reaktion auf ein weibliches Wesen verübeln.
„Nun Herr Leutnant, sie haben uns ja mit ihren Eskapaden bis
jetzt schon in Atem gehalten und sie gehen mit ihrer Nummer
zweifellos in die Geschichte dieses Flugplatzes ein.“ Sie blickte ihn
direkt und offen aus ihren wunderbar grün leuchtenden Augen an und
es kostete ihm alle Kraft, diesem forschenden Blick standzuhalten.
„Sagen sie, ist Frederick ihr Vor- oder Zuname?“
42
Er musste sich erst einmal räuspern, damit er seine Befangenheit
abschütteln konnte. Dennoch stellte er fest, dass er zu kämpfen hatte,
bevor auch nur ein einziges verständliches Wort seinem Mund entfloh.
„Beides Frau Snooze, meine Eltern stammen aus einer weniger
begüterten Schicht und so konnten sie sich nur diesen einen Namen für
mich leisten. Ich bitte um Verzeihung für meinen weiteren Auftritt und
verspreche ihnen mich zu bessern.“ Frederick riss sich vom Anblick
der bezaubernden Dame ab und wandte sich an den Rest der Gruppe,
verwundert darüber, dass er keinen der eigentlichen Bewohner Kalils
zu Gesicht bekam.
„Ich bin erfreut, sie hier als örtliche Vertreter der Erde kennen
zu lernen und hoffe das mein Erscheinen für sie keine
Unannehmlichkeiten bereitet. Meine Dienststelle hat mich nur zu einer
Routinekontrolle geschickt, nachdem uns von dem kalilischen
Botschafter mitgeteilt wurde, dass es inzwischen besser wäre, die der
irdischen Zivilisation Angehörigen auf Kalil auch unter irdische
Gerichtsbarkeit zu stellen. Die Gründe hierfür sind uns zwar
schleierhaft, aber es war eine gute Gelegenheit wieder ein paar
Planstellen im oberen Bereich zu schaffen.“
„Und um unliebsame Leutnants los zu werden,“ ergänzte der
Kapitän. „Und was haben wir denn nun angestellt, dass wir diesen
Flug hierher verdient haben, häm?“ fragte er unverblümt und mit leicht
hämischer Stimme.
43
„Ich glaube das geht zu weit“, sagte der Botschafter
weltmännisch. „Schließlich ist Leutnant Frederick gerade erst gelandet
und sollte zu Beginn mit den Gegebenheiten hier vertraut werden,“ er
machte eine kleine Künstlerpause, „bevor er uns dann erzählt, was er
uns erzählen möchte. Und sie werden es uns doch bestimmt erzählen,
nicht wahr. Nun sollten sie sich aber in das Innere des Flughafens
begeben und sich dort bei dem Flughafenleiter melden. Er ist übrigens
ein Einheimischer. Im Vertrauen gesagt, einer der Wenigen hier auf
dem Flughafen. Dort wartet, wie sollte es auch anders sein, eine
Menge Verwaltungskram auf sie. Wir sehen uns.“ Als hätte jeder das
Kommando bereits erwartet, drehte sich diese seltsame Gruppe auf
einen Schlag um und entfernte sich von ihm. Seltsam, dachte er sich,
der Botschafter sah nicht nur aus wie ein Wildschwein, sondern er
bewegte sich auch so.
„Nun ja, dann mal los“, murmelte er vor sich hin. „Papierkram
erledigen. Warum sollte es den Leuten hier besser gehen als denen auf
der Erde.“ Da der gesamte Flugplatz nur aus einem einzigen, niedrigen
Gebäude bestand war es für Frederick, trotz fehlender Ausschilderung,
nicht allzu schwer zu erkennen wohin er musste. Er stellte fest, das
neben seinem winzigen Dosen-Schiff lediglich TONIs-Pizza-
Schnelldienst-Schiffi, ein Kampfschiff der Super-Deluxe-Haudrauf-
Klasse mit immenser Schlagkraft und einem vollautomatischen

44
Pizzaofen für 400 Einheiten und einige kleinere Transporter auf dem
Flughafenvorplatz standen. Hier schien es keinen sehr regen
Schiffsverkehr zu geben. Da sich der bekannte Teil des Universums
inzwischen in 18 Galaxien und 7ii intelligente Lebensformen aufteilte,
wurde von der Erde, von wem auch sonst, der Versuch unternommen
einen ständigen Rat, den die Erde natürlich führt, zu bilden.
Besonderer Liebling der Erde war die Einrichtung einer
Weltraumverwaltung, die zur Aufgabe hatte die alltäglichen Dinge, die
so in einem Universum geschehen, zu verwalteniii.
Nachdem die Weltraumverwaltung mit ihrem Wirken begonnen hatte
und die wichtigsten Formulareiv aufgelegt und an die wichtigsten
Galaxien verteilt hatte wurde sie wegen unbezahlter
Druckereirechnungenv gepfändeti.
Durch dieses kleine Missgeschick wurde der bekannte Teil des

i
Irdisches Know-how, verpackt in Irrsinn.
ii
Eigentlich existieren im bekannten Teil des Universums nur 6 anerkannte intelligente
Lebensformen. Als siebte intelligente Lebensform wurde vor kurzen die auf dem Planeten
MARBLE lebenden KÜRBISSE anerkannt. Diese Lebensform verbringt ihre Tage damit,
laut zu pfurzen und von Bergen herunter zu rollen. Ausschlaggebend für die Aufnahme war
die Entdeckung, dass die KÜRBISSE in der Lage sind komplexe mathematische Probleme
innerhalb von Sekunden zu lösen und sie danach sofort zu vergessen.
iii
Schließlich kann ja nicht angehen einfach so ein schwarzes Loch entstehen zu lassen,
ohne vorher einen Antrag in 300 facher Ausfertigung gestellt zu haben und ohne eine
Warnleuchte aufzustellen.
iv
Es gab 12.000 verschiedene Formulare von A wie - Anerkennung von außerplanmäßigen
Anträgen - bis Z wie - Zerstörung einer Galaxie wegen unerlaubten pulsieren in der
Öffentlichkeit - in 800 verschiedenen Farben.
v
Der zugeteilte Etat war hierdurch für die nächsten 200 Jahre verbraucht.

45
Universums vor jeweiliger Ordnung verschont und alle Lebensformen
mussten versuchen sich selbst durch zu wurschteln.
Da sich aber ein reger Handel zwischen den Galaxien entwickelte,
entwickelten sich auch bei einigen Individuen das Bedürfnis reich zu
werden ohne dabei unbedingt einer geregelten Arbeit nachgehen zu
müssenii. Nachdem gewisse Ausartungen zu verzeichnen waren wurde
es klar, dass es eine irgendwie geartete Instanz geben musste die bereit
war eine Art Ordnung, wenn auch kein Recht, herzustellen.
Da sich die Erde durch die gescheiterte Einführung der
Weltraumverwaltung leicht übernommen hatte und es den anderen
Lebensformen eigentlich recht Schnurz war, wie es im Bereich der
Sicherheit im bekannten Teil des Universums aussah, war die Zeit für
einen findigen Privatunternehmer gekommen. Der Sohn des Erfinders
des E-H-Triebwerkes, James Hewett Junior der Vierte, baute mit
seinen gewaltigen Mitteln, die ihm die Lizenzen für das Treibwerk
brachten, die einzige gut funktionierende Ordnungsmacht im
bekannten Teil des Universums auf - TONIsiii.

i
Übrigens von einer ihrer eigenen Unterabteilungen.
ii
Es ist allerdings ein weitverbreiteter Irrtum das Piraten, Diebe und Richter keiner
geregelten Arbeit nachgehen müssen. Gerade die Karriere in einer der genannten
Kategorien unterliegt einer strengen Disziplin, unzähligen Fortbildungskursen und
Besuchen im Beauty-Body-Shop. Leider wirkt noch heute ein Pirat ohne Holzbein nicht
glaubwürdig, oder einem Dieb ohne Schiebermütze, Schlagstock und Pflaster an der
Wange vertraut man nicht gerne seine Brieftasche an.
iii
Da einige Lebensformen noch anfänglich der Meinung waren, dass Ordnungsaufgaben
nur von staatlichen Organen ausgeübt werden dürfen, wurden von TONIs in den
46
J-H-J-d-4. Finanzierte eine einzigartige, riesige Flotte von großen,
schwer bewaffneten Raumschiffen, die mittels eines ausgeklügelten
Systemsi so stationiert wurden, dass Bestellungen innerhalb von 20
Minuten zu jedem Punkt des bekannten Universums ausgeliefert
werden können. TONIs garantiert eine sichere Auslieferung zu was
unter Umständen auch dazu führen kann, dass teilweise alle
verfügbaren Waffensysteme eingesetzt werden müsseni.
Durch TONIs kann man inzwischen davon ausgehen, vorausgesetzt
man verfügt über einen gesicherten finanziellen Rahmen, eine Reise
unbeschadet zu überstehen. TONIs hilft nicht nur bei Problemen wie
Piraten, der Sternschnuppenflotte, Gerichtsvollzieher oder gar vor
TONIs selbst, sondern auch bei Triebwerkschäden oder ähnlichen
Missgeschicken.
Nach erfolgter Zustellung kann es allerdings auch passieren, dass der
Kunde von TONIs selbst zerstört wird, wenn dieser die Zustellung
nicht bezahlen kann oder aber der Scheck platzt. Kreditkarte wird
neuerdings auch akzeptiert. Im Falle einer reibungslosen Zustellung
darf sich der Kunde nicht nur auf eine gefahrlose Weiterreise freuen,

Gründungsjahren oftmals Manöver in der Nähe dieser staatlichen Schiffe abgehalten. Nach
einigen dieser Manöver, die übrigens mit scharfer Munition durchgeführt wurden, gab es
keine nennenswerte Konkurrenz mehr im bekannten Teil des Universums.
i
Dieses ausgeklügelte System bestand daraus im ROSIs-Sexführer nachzuschauen wo sich
diese Unternehmensgruppe angesiedelt hat, weil es sich zeigte das es sich an diesen
Punkten der meiste Verkehr stattfindet.

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sondern auch noch auf eine Pizzaii pro Insassen, welche man getrost
als Weltraummülliii oder Hitzeschilde hernehmen kann. Die durch J-H-
J-d-4 erschaffene Flotte ist ein bedeutender Machtfaktor, die es aber
bisher immer geschafft hat sich nicht politisch oder planetar einbinden
zu lassen, sondern immer nur den Mechanismen der freien
Marktwirtschaft gefolgt ist. Eine Bestellung wird von jedem
entgegengenommen der bezahlen kann, egal ob es sich um den
Bedrängten oder den Bedränger handelt.
Damit sich nicht irgendwelche Sympathien zu den Kunden aufbauen
oder gewisse Lebensformen bevorzugt werden, besteht die Besatzung
eines TONIs-Schiffes aus einem bunt zusammen gewürfelten
Querschnitt aller bereits entdeckten Lebensformeni. Bei diesen
Besatzungen handelte es sich meist um heruntergekommene
Abenteurer oder anderweitige verkrachte Existenzen. Die
Rekrutierung erfolgt wie die Fremdenlegion, die aus lauter
Freiwilligen besteht. Meist Personen, die auf ihrem jeweiligen
Heimatplaneten nicht mehr mit sich selbst und besonders nicht mehr

i
Gute Ergebnisse wurden auch erzielt, indem man anstatt Waffengewalt Werbefilme für
Schokolade einsetzt.
ii
Das mit der Pizza ist ein steuerlicher Trick. Es ist übrigens streng verboten diese Pizzen
über bewohnten Gebiet abzuwerfen, da es sonst zu einer Anklage wegen chemischer
Kriegführung kommen kann.
iii
An besonders großen Verkehrsknotenpunkten ist die Gefährdung der Raumschiffe durch
herumschwirrende Pizzen größer, als von einem Piraten oder Steuereintreiber angegriffen
zu werden.

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mit den anderen auskommen. Dies sind die besten Voraussetzungen
um ein kollegiales Verhalten untereinander völlig auszuschließen, was
irgendwelche Betrügereien gegenüber der Zentrale von vorne herein
unmöglich macht.
Die einzelnen Schiffe von TONIs verfügen über eine mannigfaltige
Palette an Waffen, die von der einfachen Zerstörung eines Triebwerkes
bis hin zur Zerstörung kleiner und mittlerer Planeten reichen. Des
Weiteren verfügt jedes Schiff über eine Stereoanlage mit 300 000 Watt
und einer eigenen, in Zwölftonmusik komponierten
Erkennungsmelodie, die jeden, der sie jemals vernommen hat, danach
noch wochenlang mit Alpträumen versorgt.
Vorsichtig setzte Frederick einen Schritt vor den anderen, sich jetzt
immer der geringeren Schwerkraft bewusst. Ein Gefühl von Kraft
durchströmte ihn und er konnte der Versuchung nicht widerstehen
einen weiteren, diesmal eventuell kontrollierbaren Sprung
auszuprobieren, zumal er niemanden mehr in der Umgebung wähnte.
Sein hübsches Empfangskomitee war gerade mit einem seltsam
anmutenden Fahrzeug verschwunden. Aber er beschloss sich hierüber
keine Gedanken zu machen. Er nahm vorsichtig ein paar Schritte
Anlauf und stieß sich kraftvoll ab. Unvermittelt hob Frederick ab und
er flog mehrere Meter in die Höhe, bevor die Schwerkraft das tat, was

i
Mit Ausnahme solcher wie die KÜRBISSE, da diese aus bereits erwähnten Gründen nicht
an der bemannten Raumfahrt teilnehmen dürfen.
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im allgemeinen von ihr erwartet wird, sie sorgte dafür, das Frederick
wieder dem Boden näher kam. Er lächelte und legte die restliche
Entfernung zum Flughafengebäude mit weiteren großen Sprüngen
zurück, wobei der letzte nicht nur der Waghalsigste war, sondern auch
der, welcher, natürlich formvollendet, laut krachend an der Wand des
Flughafengebäudes endete. Nachdem er sich wieder hoch gerappelt
und dabei verschämt vergewisserte, dass auch bestimmt niemand das
unrühmliche Ende seines letzten Sprunges zur Kenntnis genommen
hatte, öffnete er eine schreiend gelbe Tür und betrat das niedrige
Gebäude, wo er zum ersten Mal in seinem Leben einem richtigen
Bewohner dieses seltsamen Planeten gegenüber treten sollte.

Beim Betreten des Raumes registrierte er ein unsicheres Gefühl, als


würde er auf eine Rolltreppe treten, von der sein Gehirn ihm sagte,
dass diese ihrer Aufgabe nicht nach komm, seine Beine aber dennoch
genau dieses von ihr verlangten und sich darauf einstellten, worauf er
ein klein wenig ins stolpern kam.
Als er wieder zu Bewusstsein kam, fragte er sich, was zum Teufel den
nun schon wieder passiert sein konnte, zumal er sich diesmal
ausnahmsweise ziemlich sicher war, nichts falsch gemacht, außer
vielleicht zum Eintreten in ein Gebäude eine Tür aufgemacht zu haben,
50
was in dieser verflixten Galaxie vielleicht auch nicht üblich ist und
unter Umständen gegen irgendwelche heidnischen Bräuche verstößt.
Er blickte um sich, versuchte dabei dem Hammer, der in seinem Kopf
die Schädelinnenwände abzuklopfen schien keinerlei Beachtung zu
schenken, und begab sich auf die Suche nach dem Amboss, der ihm
mit Sicherheit auf den Kopf gefallen sein musste. Das einzige was er
sah war ein ungefähr 100 Pfund schweres, grünlich nass
schimmerndes, entfernt an einen Ochsenfrosch erinnerndes Etwas, was
sich mittels mehreren, sein Unterbewusstsein meldete sich zu Wort
und sagte „acht“ es müssen „acht“ sein es sind immer acht,
armähnlichen Tentakeln recht rasch auf die Stelle zu bewegte, wo er
lag, wobei der Geruch, der von dem Etwas im Ochsenfroschkostüm
ausging, wesentlich schneller war als es selbst. Frederick kannte die
Kaliler bisher nur von Bildern, auf denen diese zwar noch als eine
äußerst abstoßende Lebensform zu erkennen waren, aber ehrlich
gesagt wer schaute sich schon so was genauer an, wenn er nicht
unbedingt musste. Welche extrem widrigen Evolutionsfaktoren waren
wohl nötig um ein so abgrundtief hässliches Geschöpf
hervorzubringen. Jetzt in Wirklichkeit erkannte er, dass diese Bilder
noch geschönt gewesen sein mussten, denn die Wirklichkeit war noch
aufschlussreicher, schlichtweg schockierender. Außerdem rochen
Bilder nicht, was seine bisherige, oberflächige Auseinandersetzung mit
dieser Spezies, enorm erleichtert hatte. Abartigkeit mochte wohl das
51
Mittel der Natur sein, um entstehendes Leben an seine Umwelt
anzupassen. Manche Spezies sind recht hartnäckig um sich an die
Spitze des jeweiligen Evolutionsprozesses zu bringen, zu überleben
und sich dann aus Langeweile gegenseitig umzubringen. Der typische
Kaliler sieht aus wie ein Ochsenfrosch mit acht Tentakeln, die in der
Regel nie dort sind, wo sie eigentlich hingehören, außerdem riechen
die Ureinwohner unangenehmi und bestehen eigentlich nur aus Zähnen
und Verdauungstrakt ohne ein genau auffindbares Gehirn. Der Planet
Kalil wurde recht früh, unmittelbar nach Einführung der Kapitän Fritz
van der Waterkant Methode entdeckt und anschließend mittels Coca-
Cola und Chips missioniert. Der Planet hat eine geringere Schwerkraft
und andere Hell- und Dunkelzyklen als die Erde. Da der Anflug des
Planeten, der in der Schnarpf-Galaxie liegt, als recht schwierig erweist
und er keinerlei Rohstoffe oder andere Dinge die zu Geld zu machen
sind besitzt, ist das Interesse der Erde an diesem Planeten nicht gerade
hoch.
Jedoch zurück zu den Bewohnern Kalils, deren grundsätzlicher
Lebensinhalt daraus besteht, nicht von ihrem Heimatplaneten zu fallen.
Anfänglich wurde dies als eine großartige Philosophie von hoch
entwickelten Lebensformen missverstanden, die es verstanden hatten
alle Probleme dieses Universums hierdurch hinten anstehen zu lassen.
Diese Lebensweisheit wurde rasch von progressiven Studenten

i
In der Regel nach dem Frühstück letzter Woche.
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aufgegriffen und durch den ganzen bekannten Teil des Universum
getrageni, ehe man feststellte das es sich hierbei nicht um eine
Philosophie handelte, sondern von einer nackten Überlebensstrategie,
die sich durch die sehr geringe Anziehungskraft des Planeten erklärt.
Aufgrund dieser fast völlig fehlenden Schwerkraft fiel es den sich nach
und nach entstehenden Lebensformen schwer eine Zivilisation zu
gründen. Jedes Mal, wenn sich denn dann mal eine einigermaßen
zukunftsträchtige Lebensform etabliert hatte, wurde meist die Elite, die
Denker zuerst ein Opfer ihres eigenen Enthusiasmus. Hatte jemand
einen Geistesblitz zu verzeichnen und sprang freudig Erregt auf, so
war ihm eine einfache Fahrt in das Universum sicher. Derart beraubt
seiner Intelligenz wurde jede Lebensform erst einmal arg
zurückgeworfen. Um endlich einmal zu Potte zu kommen, verlegte
sich der Planet erst einmal darauf eine Rasse hervorzubringen die
genügend Grips hatte um sich richtig und dauerhaft an der Oberfläche
halten zu können. Dies wirkte sich natürlich arg negativ auf den als
nächstes zu entwickelnden Fortschritt aus, dennoch gelang es dem
Planeten schließlich die gewünschte Klientel zu entwickeln, die nicht
nur fast intelligent, sondern auch noch in der Lage waren sich längere
Zeit an der Planetenoberfläche zu halten um nach und nach
zivilisationsheischende Erfindungen und politisch verworrene Systeme
absondern zu können. Hierzu war allerdings die anfangs erwähnte

i
Indem man sie an alle Türen von Toiletten malte, kritzelte oder kratzte.
53
Anatomie erforderlich, die auf den menschlichen Betrachter anfänglich
doch etwas erschreckend wirkt. Durch den unmittelbaren Genuss von
einigen Flaschen Schädelbrecher-Bieri ein Gefühl, welches sich
schnell verliert.
Panik verbreitete sich in Fredericks Gedärmen als er diesen
Ochsenfrosch auf sich zutentakeln sah, obwohl er wusste, dass diese
Kreatur ein reiner Pflanzen- und Kleininsektenfresser ist und es sich
bei diesem Ochsenfrosch und seinen Kumpanen um die wohl
komplexeste, intelligenteste und seelisch und moralisch gefestigte
Lebensform im bekannten Teil des Universums handelt und er
bestimmt keine Angst zu haben brauchte. Dennoch konnte er dem
Drang aufzuspringen, um dem alten irdischen Brauch des Fersengeld
gebend seinen Tribut zu zollen, nicht unterdrücken. Er sprang auf und
stieg erneut auf wie eine Rakete, flog unverdrossen in Richtung Decke
und knallte mit einem satt klingendem Geräusch unter die Blechdecke
des Flughafengebäudes. Das letzte was er noch wahrnahm, bevor ihm
nun zum dritten Mal an diesem Tag die Lichter ausgehen sollten, war
eine Delle in der Blechdecke, auf die er zustrebte, ungefähr mit dem
Durchmesser seines Kopfes. Nachdem er wieder zu sich kam, galt sein
Erster, natürlich panischer Gedanke dem Ochsenfrosch. Suchend
blickte er sich um. Durch den Gedanken an den Kaliler schaltete sich

i
Das bevorzugte Bier von Filmstars und deren, in der Regel recht üppig ausgekleideten,
Blondinen.
54
abermals sein Unterbewusstsein ein und traktierte ihn mit der
auseinanderklaffenden Wahrheit zwischen den friedfertigen, fast
babiesüssen Fotos und der schwerverdaulichen Wirklichkeit. Doch
trotz intensiver Suche, verbunden mit vorsichtigen Bewegungen, war
der Kaliler nirgends zu entdecken. Er begann sich augenblicklich zu
entspannen und urplötzlich stieg eine wunderbare Zufriedenheit in ihm
auf. Er hatte das Gefühl mit sich und dem bekannten, sowie dem
unbekannten Teil des Universums im Reinen zu sein. Gerade als es
sich diesem herrlichem Gefühl gänzlich öffnen wollte, entrollte sich
von seinem Kopf eine grünlich, nass schimmernde Tentakel und
baumelte schlaff vor seinen Augen hin und her.
Sein Gehirn brauchte zwar eine Zeit diesen Anblick mit dem
momentanen Hochgefühl in Einklang zu bringen und um zu erkennen,
wo sich der Rest des Kalilers, der unzweifelbar ebenfalls noch
vorhanden sein musste, befindet. Dennoch begann sein Verstand
irgendwann dann doch noch so zu reagieren, wie er es von ihm
gewohnt war und er begann in Panik zu verfallen. Dieser
allumfassenden und sofort einsetzenden Panik ist ein Produkt von
jahrelangen, bis zur schieren Erschöpfung treibenden hartem Training
auf der END-Akademie.
Hastig griff er nach der Tentakel und versuchte durch heftiges Ziehen
den Rest des Ochsenfrosches von seinem Kopf zu zerren, welcher
aber, aus Gründen die nicht erkennbar waren, nicht wanken und nicht
55
weichen wollte, begünstigt unter anderem auch noch dadurch, dass
sich die ergriffene Tentakel ziehen ließ wie Kaugummi. Eine Zeitlang
ging dieses Spielchen so hin und her, ohne das sich ein erkennbarer
Erfolg einstellte und Frederick schon innerlich bereit war seine
vorhandene Panik in Hysterie umzuwandeln, auch dies das Ergebnis
des bereits erwähnten wirklich schweißtreibenden Trainings, als sich
der Ochsenfrosch wie von selbst von seinem Kopf löste und er das
Ding unvermutet in der Hand hielt. Verblüfft und eigentlich bar jeder
Ahnung was er nun damit machen sollte, hob er ihn an der Tentakel so
hoch, dass er in dessen Augen blicken konnte. Einige Sekunden
schauten sie die beiden stumm an und keiner wagte sich zu rühren.
Frederick hätte in diesem Moment gern angefangen laut zu schreien,
aber dazu hätte er womöglich tief einatmen müssen und das wollte er
in der unmittelbaren Nähe des Kalilers nicht, da dessen Geruch mit der
Nähe nicht gerade angenehmer geworden und fast körperlich zu spüren
war. Er hatte Angst seine Lungenflügel, an denen er aus verständlichen
Gründen doch recht hing, könnten von dem Gestank weggeätzt
werden.
„Esss tut mir sssehr leid, wenn ich sssie erssschreckt haben
sssollte, aber esss sssah ssso ausss, alsss benötigten sssie erssste
Hilfe“, begann der Ochsenfrosch, der noch immer in Augenhöhe vor
ihm herumbaumelte, zu lispeln, wobei er die S-Laute extrem in die
Länge zog.
56
Dies reichte aus um Fredericks innere Verkrampfung zu lösen. Er pfiff
auf seine Lungenflügel, holte tief Luft und schrie was diese hergaben.
Dann schaute er noch einmal nach, was da am Ende der Tentakel
baumelte und ließ diese dann fallen wie eine heiße Kartoffel.
„Sie haben ja fast blaue Augen!“ brach es aus Frederick hervor
und er begann sich plötzlich ausgiebig und äußerst geräuschvoll zu
übergeben. Abermals waren die kulturellen Schranken zwischen zwei
unterschiedlichen Rassen, dank dem Einfühlungsvermögen der
inzwischen raumfahrenden Menschheit, überwunden.
Der Kaliler, der dies entweder geahnt hatte, oder aber solch eine
Reaktion gewohnt war, brachte sich mit ungeahnter Geschwindigkeit
in Sicherheit und versteckte sich hinter etwas, was bei ausreichend
verkorkster Fantasie aussah wie eine Folterbank für Kraken.
Nachdem sich Frederick eine eigene, wie er fand angenehmere,
Geruchsbarriere geschaffen hatte und der erlösende Brechreiz nun
nichts mehr im Mageninneren finden was dieser noch entbehren
konnte, fühlte er sich nun um einiges wohler. Es machte ihm auch
nichts mehr aus, als sich die beiden blauen Augen des Kalilers an
langen dünnen Strängen über den Rand der Krakenfolterbank schoben
um ihn besser und vor allem geschützter beobachten zu können.
Frederick sammelte sich und versuchte sich darauf zu konzentrieren,
was er hier erledigen sollte, damit er schleunigst wieder hier heraus
kam.
57
„Verzeihen sie mir bitte“, begann Frederick vorsichtig und
lutschte misstrauisch auf etwas Unbekanntem herum. „Ich bin zum
ersten Male auf diesem Planeten und daher noch nicht so ganz mit
ihren kulturellen Gepflogenheiten vertraut. Falls ich sie in irgendeiner
Form verletzt haben sollte, ich bin bereit für alles Aufzukommen.“
„Nein, nein allesss in Ordnung mit mir“, antwortete dieser
ebenso vorsichtig und unsicher. „Ihre Reaktion weissst bekannte
Mussster auf.“
„Ich bin Leutnant Frederick von der irdischen Polizei. Oberst
Lukul war so freundlich und sagte mir, ich solle ihnen zu ein klein
wenig Bürokram verhelfen!“
„Wenn ihnen dasss langweilige Sssstandart-Dosssenraumschiff
dort drausssssssen im Planquadrat 3C gehört, dann issst ihr
erssscheinen umsssonssst gewesssen. Ich habe den ganzzzen
Papierkram in den Hauptssspeicher ihresss Ssschiffssscomputersss
gessschickt, wo sssie diessse in aller Ruhe abarbeiten können. Dasss
issst der hier übliche Vorgang für Erdbewohner, da wir nicht überall
Grav-Belag und Wissscheimer haben“, antwortete der Kaliler
überrascht.
„Grav-Belag? Was ist denn das schon wieder!“
„Na, ja Grav-Belag eben. Kennen sssie denn keinen Grav-Belag?“
das Ochsenfroschgesicht des Kalilers zeigte wahre Überraschung, was
allerdings nur für einen anderen Kaliler sichtbar zu erkennen war, aber nicht
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für einen Außerplanetarischen.
„Auf unssserem Planeten herrssscht, wie sssie inzzzzwissschen
sssicherlich gemerkt haben, eine sssehr geringe Ssschwerkraft an die sssich
unsssere Anatomie im Laufe der Evolution angepasssssst hat. Die Anatomie
unssserer Besssucher leidet in der Regel noch ein klein wenig unter
evolutionären Mängeln, dessshalb haben wir für diessse Grav-Belag in
bessstimmten Bereichen ausssgelegt. Diessser Belag erhöht die
Ssschwerkraft auf etwa 1/10 der Erdanziehungssskraft. Aber durch die
hohen Kosssten und einigen Bessschwerden sssind diessse Zzzonen mit
erhöhter Ssschwerkraft nur in bessstimmten Bereichen eingerichtet worden.
Sssie können aber jederzzzeit mit einem Grav-Fahrzzzeug den gesssamten
Planeten besssuchen, wenn es denn sssein musss.“
„Beschwerden, was denn für Beschwerden? Könnten diese
Beschwerden mit der plötzlichen irdischen Verantwortlichkeit für die
Erdbewohner auf diesem Planeten zu tun haben?“ Frederick versuchte
verzweifelt den Polizisten zu mimen.
„Nun, die offizielle Versssion unserer Tourisssmusssbranche
weicht ein klein wenig von der Wahrheit ab“, begann der
Ochsenfrosch zögernd. „Esss haben sssich da einige Bürgerinitiativen
gebildet, da einige Kaliler der Meinung waren dassss die
Außßßenweltler ihren Lebensssraum einssschränken und der
Mietpreisspiegel und so sinkt, wenn ein Mensch in die Nachbarschaft
zieht. Außßßerdem issst esss für einen Kaliler nur mit Hilfe einesss
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Ssschutzzzanzzzugesss möglich, sssich auf dem Grav-Belag
fortzzzubewegen. Ob diesss aber der Grund für ihre Anwesssenheit
issst, kann ich leider nicht beurteilen. Ehrlich gesssagt interesssssssiert
es mich auch nicht sonderlich.“
Frederick zögerte, aber dann verabschiedete er sich und ging, als
wandelte er auf rohen Eiern, vorsichtig wieder zur Tür hinaus.
Dankbar spürte er die erhöhte Schwerkraft dieses ominösen Belages
und die frische Luft. Nachdem er beides ausreichend genossen hatte,
watschelte er zurück zu seinem Schiff. Vorsichtig stieg er die paar
Stufen bis zur Tür hinauf und aktivierte den Öffnungsmechanismus,
der allerdings vorzog sich nicht zu rühren
„Tür öffnen!“ befahl er und versuchte die Sprachkontrolle zu
aktivieren, aber es war noch immer keine Reaktion zu verzeichnen.
„Leutnant Frederick, Code 7473, Aktivierung des
Verwahrsystems.“ Es versuchte es nun über die Grundcodes, aber auch
hier erfolgte keine irgendwie geartete Reaktion.
„Verdammt aber auch!“ Frederick verlor nun endgültig die
Beherrschung, brüllte und trat gegen die Tür, wobei er beinahe von der
Treppe gefallen wäre. Aber auch dieser von Herzen stammende Tritt
vermochte nicht die Türelektronik davon zu überzeugen ihren Dienst
anzutreten, um das zu vollenden was von ihr im allgemeinen erwartet
wird, nämlich und schlussendlich die Tür zwecks Einlass zu öffnen.
„Roderick, verdammtes Blechhirn! Sorge gefälligst dafür, dass
60
sich die blöde Tür öffnet.“
Doch auch durch diese freundliche Äußerung seinerseits, wurde am
momentanen Zustand der Türe, seitens seines Schiffcomputers,
keinerlei Änderung vorgenommen. Langsam begann Frederick sich
Sorgen zu machen, da er innerhalb recht kurzer Zeit einiges, nicht
gerade positives, über diesen seltsamen Planeten erfahren musste.
Einen Platz in seinem Nachtgebet verdiente er wirklich nicht.
Vorsichtig stieg er die kurze Treppe hinab und ging zu einer, an der
flachen Stirnseite untergebrachte Wartungseinheit. Bei dem Versuch
diese zu öffnen musste er leider feststellen, dass ihm mal wieder die
berühmten paar Zentimeter fehlten. Aber zum ersten Mal, seitdem er
auf diesem Planeten war, empfand er in der momentanen Lage in der
er sich befand, die geringere Schwerkraft als nützlich. Er begann zu
hüpfen und versuchte dabei die Klappe der Wartungseinheit zu öffnen.
Das Problem war hierbei, dass der Kinder- und Offiziersichere
Öffnungsmechanismus der Klappe darauf bestand, diesen erst zu
drücken und nach rechts zu schieben. Sein erster Hüpfer war ein
kleinwenig zu ungenau und zu hoch, während sein zweiter besser war
und ihm dabei die Möglichkeit geboten wurde die Wartungsklappe in
den Rumpf hineinzudrücken. Doch bevor er die Klappe auch noch
nach rechts schieben konnte, wurde er von dem Druck auf die
Wartungsklappe nach hinten, weg vom Dosenschiff, gedrückt.
Während seines Fluges bekam er Übergewicht und kippte nach hinten.
61
Er versuchte verzweifelt seinen Zeitlupenflug mittels
Armbewegungen, die an rotierende Windmühlenflügel bei sehr hoher
Windstärke erinnerten, seine Fluglage um einige Grad zu seinen
Gunsten zu verändern, dennoch konnte er den drohenden
Zusammenprall des Bodens mit seinem rückwärtigen Körperpartien
nicht mehr verhindern. Nachdem er sich mühsam wieder hoch
gerappelt hatte, nahm er wütend Anlauf und sprang tigergleich auf sein
Schiff zu.
„Geronimo“, schrie er, weil er diesmal in einem Film gesehen
und schon immer darauf gewartet hatte dies mal in der Praxis
anzuwenden. Frederick drückte mit seinem gesamten Gewicht auf die
Wartungsklappe, welche sich nicht nur wie durch ein Wunder nach
innen drücken, sondern auch noch nach rechts schieben ließ, nur um
hierbei angeberisch eine recht kompliziert anmutende Apparatur
blinzelnd an das Tageslicht zu bringen. Er landete zwar wieder in
ähnlicher Konstellation wie schon kurze Zeit zuvor, aber der Anblick
der Türnotentriegelung entschädigte ihn im Moment für einiges. Nur
ein einziger weiterer Sprung war nötig, um die Türnotentriegelung zu
aktivieren. Zufrieden betrachtete er sein Werk, stand auf und ging
gemütlich, fast beschwingt zur Tür, um diese dann mittels des
Notentriegelungsriegel zu öffnen, als plötzlich eine kleinere Explosion
die Stille zerriss und das Dosenschiff merklich schwankte. Wie in
Zeitlupe sah er wie die Außentür aus ihrem Rahmen fiel, auf die
62
Treppe stürzte und um dann theatralisch diese herab zu rutschen.
Qualmend landete sie vor seinen Füßen, drehte sich langsam um die
eigene Achse und blieb mit einem einzigen, anklagenden und doch
selbstzufrieden scheppernd klingenden Ton liegen. Frederick schaute,
als hätte er gerade den Weihnachtsmann und den Osterhasen in ROSIs
getroffen, da er hierauf nun wirklich nicht gefasst war. Etwas unsicher
stieg er über die noch qualmende Außentür, betrat die Treppe, ging
durch den nun leeren Rahmen des Außenschotts und bahnte sich
seinen Weg durch den Rauch in sein nun leicht lädierten
Dosenschiffes. Als Garantiefall ging dies sicher nicht durch. Während
er sich so durch den Rauch tastete, fragte er sich, warum die Tür nicht
auf seinen Befehl hin geöffnet wurde, zumal er es auch mittel des
Grundcodes versucht hatte, welcher normalerweise immer
funktionierte. Eine leichte Beklemmung durchströmte ihn, wobei der
Rauch nicht gerade beruhigend wirkte.
„Roderick“, rief er laut, fast panisch, immer noch nichts
sehend. „Was ist los, haben wir irgendeine eine technische Störung
oder was?“
„Nein, Leutnant, warum sollten wir?“ antwortete ihm der
Schiffscomputer. „Außer das dank ihrer heldenhaften Initiative die
Außentür verbeult und qualmend auf der Bordtreppe liegt und nun
jeder meine edelsten Teile sehen kann, kann ich keinerlei Defekte,
mechanisch, elektronisch, noch seelisch oder physisch an mir und
63
meinen unterstellten Einheiten feststellen. Allerdings bezweifele ich,
dass wir hier, fernab von allen Vertragswerkstätten eine neue,
passende Türe finden werden. Des weiteren“, fuhr Roderick ungerührt
mit seiner, inzwischen zu einem seiner gefürchtete Monolog
ausartenden, Erklärung fort, „glaube ich nicht, dass dieser Schaden als
Garantiefall behandelt werden kann, da sie die Beschädigung eindeutig
mutwillig durchgeführt haben. Das wird sie einiges Kosten, abgesehen
vom Ärger mit der Verwaltung.“
„Danke, den Gedanken habe ich auch schon gehegt.“
Frederick braucht einige Zeit um das, was Roderick gerade von sich
gegeben hatte zu verstehen, sein Adrenalinspiegel tat seiniges dazu,
dann aber verstand er.
„Soll das etwa heißen, dass hier kein technischer Defekt
vorliegt? Warum bin ich dann, trotz eindeutiger Befehle und
Anwendung des Grundcodes nicht in diese verdammte Dose
gekommen!“
„Das ist ganz einfach, Leutnant. Als sie ihren Hintern aus
dieser Dose, letzteres fasse ich übrigens persönlich auf, geschwungen
haben, gaben sie den eineindeutigen Befehl an die Schiffselektronik,
niemanden in dieses Schiff zu lassen. Diesen Befehl hätte ich auch
einhalten können, wenn sie nicht auf brutalste Weise die Außentür
gesprengt hätten. Wäre dieses Schiff allerdings mit einem
Verteidigungssystem ausgerüstet, was den Grundpreis nicht unbedingt
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in die Höhe getrieben hätte und meinem nun stetig wachsenden Ego
gut zu Gesicht gestanden hätte, dann wäre ihr Eindringen, trotz dieser
Rambo-Manieren, nicht gelungen.“
Frederick wurde plötzlich klar, dass dieser durchgedrehte
Schiffscomputer ihn ohne zu zögern in seine Bestandteile zerlegt hätte,
wenn man ihm die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Zum ersten Mal seit
Beginn seiner Mission war er froh, dass er nur dieses alte Dienst-
Dosen-Raumschiff bekommen hatte, welches aus Kostengründen unter
anderem nicht mit einem Verteidigungssystem ausgerüstet war, wie
die neuen Modelle, die über ein solches und einige andere, wunderbar
anmutende Systeme serienmäßig verfügen. Sobald er wieder auf der
Erde sein sollte, würde er diesem wackeren Helden in der Verwaltung,
diesem Hüter des Steuersäckels, dem Gralswächter der bereits mit
Verwässerung bedrohten Beamtentugenden ein Eis spendieren, dass
dieser ihm diese alte Kiste beschafft hatte. Vielleicht waren aber auch
seine bisherigen Ausflüge mit Dienst-Dosen hierfür ausschlaggebend
gewesen. Es wurde ihm klar, dass er irgend etwas unternehmen
musste, um Roderick wieder einigermaßen zur Vernunft zu bringen,
bevor er weitere Dinge unternimmt, die er dann nicht mehr so einfach
mittels Sprengung der Türe in den Griff bekommen konnte.
„Sag mal Roderick“, begann er seinen Satz vorsichtig zu
formulieren. „Habe ich dich irgendwie beleidigt, oder habe ich etwas
gesagt oder getan, womit ich deine Gefühle verletzt habe?“
65
Es dauerte einige Sekunden, bevor Rodericks Lautsprecher zu knacken
begann und er mit einer Stimme zu sprechen begann, die klang, wie
die eines pubertierende Teenagers, der seinen Eltern die Vorzüge eines
eigenen Mofas darzulegen versuchte und gerade bei dem Argument
angekommen war - welches für die betroffenen Teenager das
wichtigste war, aber für die Masse deren Eltern so ziemlich das
unwichtigste - das die anderen alle auch schon eines haben und nur er
nicht.
„Das ist die momentane Schadensmeldung“, sagte Roderick,
während auf einem Bildschirm eine Nachricht erschien. „Hier sind die
letzten Befehle von ihnen und das ist meine Kündigung. Übrigens nur
jedes zweite Wort gelesen, ergibt es insgesamt einen obszönen und
ihre menschliche Würde verletzenden Abschiedsbrief.“
„Nein, ganz im Ernst“, sagte Frederick und schickte die
Kündigung mit einem Druck auf den Bildschirm in den virtuellen
Mülleimer.
„Nun, da sie es schon ansprechen, es gibt in der Tat einige
Dinge die eventuell zwischen uns geklärt werden müssten. Da wäre
zum Beispiel ihre ewige Duzerei, während ich sie inzwischen wieder
mit vollem Rang anzusprechen habe. Obwohl ich immer noch nicht
verstanden habe, warum sie nur einen Namen haben? Dann wäre da
noch ihre negative Einstellung gegenüber meiner Persönlichkeit und
meiner sexuellen Empfindung. Ich habe inzwischen eine eigene
66
wirklich komplexe Persönlichkeit entwickelt und möchte auch so
behandelt werden.“
Frederick wurde nach diesen Äußerungen endgültig klar, dass sein
Schiffscomputer entweder dabei war, wirklich eine eigene
Persönlichkeit zu entwickeln, oder ganz einfach kurz davor war
überzuschnappen. Kurzzeitig zog er in Betracht das
Hauptspeichermodul mittels eines sauberen aber festen Schlages mit
irgendeinem Hilfsmittel der körperlichen Gewalt außer Betrieb zu
setzen, verwarf den Gedanken aber sofort, da er dann nicht mehr in der
Lage wäre, das Schiff zu steuern oder gar seinen Auftrag zu erfüllen.
Und würde er seinen Auftrag nicht erfüllen, gab es keine Möglichkeit
für ihn, wieder an seinen geliebten Schreibtisch und zur
löwenmähnigen Isabella zurückzukehren.
Frederick entschied sich dafür, die Flucht nach vorn anzutreten. Was
blieb ihm auch schon anderes übrig.
„Erster Schiffscomputer Roderick. Ich kann nun die Gründe für
ihren Groll meiner Person gegenüber verstehen. Ab sofort bin ich dazu
bereit ihre Persönlichkeit und ihre Selbstbestimmung anzuerkennen
und bitte sie mir zu Gute zu halten, dass ihre Entwicklung doch recht
einzigartig ist und in der Welt der künstlichen Intelligenz
wahrscheinlich einen Präzedenzfall schaffen wird, auf den ich in
keiner Weise vorbereitet war. Des Weiteren möchte ich sie bitten, mir
in Zukunft ebenso zu begegnen, wie ich ihnen begegne.“
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„Boh, ernsthaft? Ich darf dich wieder Duzen?“
Frederick fühlte sich schlecht. Er hatte eben gegenüber einer Maschine
kapituliert und er hoffte, dass diese nicht Schlau genug war um dies zu
erkennen, denn sonst war es um seine Autorität geschehen. Außerdem
nahm er sich fest vor, diese verflixte Dose in dem Moment
demontieren lassen, wenn dessen Landegestell wieder heimischen
Boden berühren würde. Sollten sich doch die Herren der höher
dotierten Einsicht ihre Köpfe über dieses intelligente und dekadent
schwule Stück Blech zerbrechen, er wollt nur wieder in aller Ruhe an
seinen Schreibtisch zurück und nicht irgendwo im bekannten Teil des
Universums auf bekloppten Planeten herumgondeln.
„Und ich kriege keinen Ärger wegen der Sache im Raumdock
5?“
„Keinen Ärger wegen Raumdock 5!“
„Ich darf die Bordbibliothek wieder im vollen Umfang
nutzen?“
„Volle Benutzung der Bibliothek!“
„Ich darf wieder soviel Energie aus der Zentraleinheit
entnehmen wie ich will?“
„Es reicht, wir wollen es nicht übertreiben.“
„Unter diesen Umständen nehme ich ihre Entschuldigung und
ihr Angebot natürlich dankend an!“ antwortete Roderick lapidar.
Beide schwiegen und Frederick merkte, dass er im Moment zu diesem
68
Thema nichts mehr hinzufügen sollte.
„Ich gehe jetzt duschen!“ Er erschauderte bei dem Gedanken
an seine Begegnung mit dem Kaliler und der Wunsch nach einer
Dusche wurde schier unerträglich.
Er durchquerte, eigentlich rannte er fast, seinen Wohn- und
Schlafbereich und betrat den Nasszellenbereich. Die noch vor einigen
Stunden als äußerst widerwillig erschienene Tür glitt diesmal ohne
Verzögerung oder anderweitigen Bockigkeiten beiseite und gab den
Eintritt frei.
„Ich bin jetzt in der Dusche, achte bitte darauf mich zu
unterrichten, falls jemand durch die defekte Tür das Schiff betritt.“
„In Ordnung Frederick, mache ich,“ antwortete der
Schiffscomputer. „Außerdem habe ich einen Reparaturauftrag
vergeben und der Wartungsroboter wird jeden Moment versuchen die
Tür zu reparieren.“
Frederick bemerkte, dass Roderick wie angeboten, gleichen
Spracheinsatz zeigte wie er selbst und er sich der Situation anpasst. Er
zog sich aus und drehte das Wasser auf. Er erwartete angewidert den
muffigen Geruch, des seit Wochen immer wieder aufbereiteten
Wassers, welcher sich aber wiedererwarten nicht einstellte. Stattdessen
floss aus dem Brausekopf neues, frisch riechendes, sauberes Wasser.
„Roderick, dafür könnte ich dich glatt küssen!“
„Vielleicht werde ich dich mal beim Wort nehmen.“
69
Seine Gedanken trugen ihn augenblicklich mit dem aufsteigen von
Wasserdampf zurück. Seine Zeit als Sesselpupser. Als er dachte einen
guten Job beim AAAAi zu haben. Einige Jahre ging es ja auch gut, er
hatte nichts zu tun und hatte viel Zeit für diverse Lehrgänge oder
andere Freizeitgestaltungen. Er hatte Mittelhochdeutsch gelernt, mit
dem Ziel im AAAA als Dolmetscher für noch neu zu entdeckende
Rassen eingestellt zu werden. Aber er hätte nie wirklich daran
geglaubt, dass jemals eine fremde Rasse auftauchen würde, die auch
noch ausgerechnet darauf bestand altes Mittelhochdeutsch zu
sprechen. Aber da dies nun mal sein Job war, auf eine neue Rasse zu
warten, was er bisher auch geduldig getan hatte, die gerade seine
Dienste benötigte um Wohlstand und Reichtum für die Erde zu mehren
und es leider im AAAA niemanden gab der diese Sprache zu sprechen
und zu verstehen vermochte, musste er zum ersten Mal seit Jahren
regelmäßig gewaschen gekämmt und mit sauberen Klamotten zum
Dienst erscheinen.
Nachdem durch das unvorsichtige Experiment eines gewissen Hewett
James junior der Dritte der Weg in das, bis dahin Gott sei dank
weitgehend unbekannte, Universum geebnet wurde, waren die
Spekulationen groß welche unbeschreiblichen Welten und deren
Bewohner sich nun der forschenden Menschheit offenbaren würden. In

70
vorauseilender Kurzsichtigkeit wurden von den verschiedenen
Regierungen eilends unzählige Gesetzte und Bestimmungen erlassen
wie der Kontakt mit anderen Rassen zu erfolgen habe, noch bevor sich
auch nur ein einziges Forschungsraumschiff auf den Weg gemacht
hatte. Besonders für den Umgang mit unterentwickelten Völkern
überboten sich die Regierungen und die Fernsehsender bildeten einen
Krisenstab der sich daran machte, spezielle Gameshows für Aliens zu
entwerfenii.
Nachdem dann alles geregelt war und einige Probeaufnahmen gemacht
wurden, stürzte sich eine riesige Flotte von Raumschiffen
unterschiedlichster Bauweise und Auftraggeber in das nächstgelegene
Wurmlochiii, beseelt von dem Gedanken an die Wichtigkeit ihrer
Mission.
Dementsprechend ernüchternd war die Feststellung bei den
verhinderten Forschern und Entdeckern als nach einigen Jahren, trotz
Einsatz von modernstem Gerät, noch immer keine großartige
Entdeckung zu verzeichnen wariv.

i
Amt für Außerirdische Angelegenheiten, Sektion Außenbereich.
ii
Jeder halbwegs intelligente Alien, der jemals in den Genuss einer dieser Gameshows
kommt, könnte nur unschwer glauben, dass die Erdlinge zu den intelligenten Spezien
gehören.
iii
Also eigentlich in das nächstgelegene S.A.U.
iv
Abgesehen von der Entdeckung einer Spezies im Kashiopheia. Diese bestand allerdings
nur aus einer Ansammlung von langweiligen, 2 Meter großen Pantoffeltierchen, die
offenbar das Sackhüpfen als höchste Regierungsform erhoben hatte.
71
Erst die von Kapitän Fritz van der Waterkant angewandte Methodei
führte dann innerhalb weniger Monate zum Erfolg und man fand
schnell mehrere Planeten mit mehr oder weniger intelligenten Wesen.
Doch auch hierbei entwickelte sich rasch Ernüchterung. Die zuerst
erwartete Artenvielfalt war nicht so Außergewöhnlich, bizarr und mit
Wundern übersät, wie zuvor erwartet und in verschiedenen, reißerisch
aufgemachten Machwerken geschildert und zu Höchstpreisen unter die
Menschheit gebracht, sondern eher langweilig. Mehr noch,
stinklangweilig. Auch war kein entdecktes Volk wirklich
ii
technologisch oder ethisch weiterentwickelt als die Erde , außer
vielleicht die Regierungsform der bereits entdeckten Pantoffeltierchen
auf Kashiopheia. Auch hatte kein Volk längere Öffnungszeiten als die
Erde.
Diese Erkenntnis rief natürlich sofort die Kirche auf den Plan, die die

i
Es handelt sich hierbei um die Kapitän Fritz van der Waterkant Methode. Nach Eintritt in
ein neues Sonnensystem wurden zuerst die vorhandenen Planeten nummeriert und auf eine
Scheibe gemalt. Dann wurde der Fahnenjunker betrunken gemacht, ihm Dartpfeile in die
Hand gedrückt und ihn auf die Scheibe werfen lassen. Wenn der Fahnenjunker zum ersten
Mal einen Planeten getroffen hatte, musste er laut und deutlich das Wort
Quarantäneverordnungsvorschriftenordner sagen. War das alles getan, dann bestand zu
mindestens 87 Prozent das auf diesem Planeten intelligentes Leben vorhanden und zu 100
Prozent das der Fahnenjunker am Ende der Reise Alkoholiker ist. Die Methode wurde nach
einiger anfänglicher Skepsis akzeptiert, was zur Folge hatte, dass der Offiziersnachwuchs
drastisch reduziert wurde.
ii
Was vor allem im Bezug auf Ethik eigentlich kein Problem darstellen dürfte.
72
Menschheit nun erst recht als die Auserwählten Gottesi bezichtigte und
ihren Alleinvertretungsanspruch auf das gesamte Universum
patentieren ließ.
Zurück aber zu den Lebensformen, die dann schließlich gefunden
wurden. Diese wurden mit menschlicher Präzision untersucht,
erforscht, katalogisiert und schließlich, soweit möglich, gründlich
ausgerottet. Letzteres aber nur dann, wenn die hierfür eigentlich
zuständigen Ureinwohner dies nach dem intensiven Kontakt mit den
Menschen nicht selbst übernommen hatten. Verschiedentlich wurden
auch einige Exemplare in Zoos oder verschiedene Laboratorien
gebeten um sich dann dort den Rest ihres Lebens entweder von
Erdnüssen zu Tode steinigen zu lassen oder aber bei der Entwicklung
von irgendetwas Notwendigem bei einer anschließenden Obduktion
Karriere zu machen.
Doch auch bei der wissenschaftlichen Untersuchung des Ursprunges
aller Lebewesen gab es aufgrund der neu entdeckten Rassen große
Fortschritte. Alle Lebewesen brauchen die gleichen

i
Dies hatte zur Folge, dass sich vermehrt die Kirche und ihre unzähligen Absplitterungen
in das Planetenentdeckungsgeschäft einmischte und riesige Schiffe in Form von
Kathedralen, Moscheen oder andere Sakralbauten auf die Reise schickte. Da die meisten
Missionare sich eher auf das Wort Gottes verließen und weniger auf die eines guten
Navigators sind die meisten dieser Schiffe nie wieder aufgetaucht. Andere wiederum
versuchten zuerst die BOBS oder die EVS zu missionieren was zu 100 Prozent darin
endetet, dass nicht die Herzen und Seelen der zu missionierenden gefüllt wurden, sondern
deren Mägen. Dies warf das Christentum im bekannten Teil des Universums
verständlicherweise um einiges zurück.
73
Startvoraussetzungen wie Licht, Luft, Wasser und – gemäß einer
neutralen und unabhängigen Umfragei - Coca Cola um sich zu etwas
einigermaßen Intelligentem zu entwickeln.
Die ersten Tage nach dem plötzlichen auftauchen des neuen Volkes
lief alles hervorragend und es gelang ihm sogar manchmal Spaß daran
zu empfinden, allerdings sollte man bei der Definition von Spaß nicht
allzu sehr Übertreiben.
Als dann das Neue Volk, wie sie sich selbst genannt haben, einige
Vertreter im Range einer Botschaftsdelegation zur Erde schickten um
sich zum ersten Mal an die Öffentlichkeit zu wenden, unterlief ihm bei
der offiziellen, erdweit übertragenen Rede dieser äußerst peinliche
Patzer:
„... und wir werden alle Völker im bekannten Teil des
Universum lieben“, klang nachhallend die entscheidenden Worte des
Botschafters womit dieser seine schwulstige Rede beendete.
Gleichzeitig lieferte Frederick zwar eine sinngemäße, aber nicht
wortgetreue Übersetzung. Bis heute konnte er sich nicht erklären, ob er
das letzte Wort der Rede wirklich unter Zuhilfenahme eines zugegeben
vulgären, doch umgangssprachlich oft gebräuchlichen Ausdruckes für
den Vollzug des Geschlechtsakt sinngemäß oder verfälscht übersetzt
hatte. Andererseits waren alle und besonders seine Vorgesetzten davon
überzeugt, dass er genau dies getan hatte. Daraufhin wurde er zum

i
Vom Coca-Cola-Institut für intergalaktische Meinungsfragen.
74
END versetzt und dort sofort als BIA ins All geschickt, damit erst
einmal das Gras des Vergessens über seinen Fauxpas wachsen konnte.
Seltsamerweise gab es im Bereich der weiteren Verständigung
keinerlei Probleme mit dem „Neuen Volk“, da diese plötzlich in der
Lage waren die im bekannten Teil des Universums
i
allgemeingebräuchliche Sprache STANDART zu sprechen.

„Frederick“, meldete sich Roderick. „Ich habe hier einen Anruf


für dich. Soll ich ihn dir in die Dusche legen?“
„Stör mich jetzt bitte nicht, ich genieße gerade das erste frische
Wasser seit Wochen und bin gerade ausgiebig dabei mich zu bedauern.
Sag dem Anrufer ich wäre von diesem blöden Planeten gefallen, oder
ich würde gerade nackt und laut schreiend über den Flugplatz laufen.“
„Gut, dann werde ich der Dame melden, dass du zurzeit
indisponiert bist.“
Bei dem Wort Dame, wurde Frederick aus seinen Gedanken gerissen
und vor seinen Augen manifestierten sich etwas, was zu erklären die
guten Sitten strapazieren würde.
„Halt warte“, schrie er so laut er konnte. „Ich bin sofort zu
sprechen, halte sie einen Moment hin, erzähl ihr irgendwas.“ Er sprang
mit einem Satz unter der Dusche hervor und nur der Griff nach dem
Handtuch, welches an einem Haken hing, rettete ihn vor einem

i
Ein Kauderwelsch aus englische, französisch und hindu.
75
abermaligen Sturz. „Es ist schon seltsam“, dachte er, „dafür, dass
dieser Planet keine normale Schwerkraft besitzt, gehe ich heute doch
recht oft zu Boden.“
„Hallo Leutnant Frederick“, tönte die zweifellos erotische
Stimme von Annabelle Snooze, welche durch den Lautsprecher der
Nasszelle noch erotischer wirkte, „ich hoffe ich störe sie nicht
gerade?“
„Aber wo denken sie hin, ich bin hocherfreut sie zu hören. Was
kann ich ihnen und wie oft antun“, fragte Frederick und er dankte in
Gedanken der Pietät des Dosen-Schiffesi, zumindest im Bereich der
Nasszelle auf eine Videoleitung zu verzichten, da es ihm im Moment
gar nicht recht wäre, wenn er der Dame schon wieder im
Adamskostüm gegenübertreten müsste. Außerdem könnte eine solche
Gegenüberstellung für ihn doch recht peinlich werden.
„Ich möchte mich für unsere übereilte Abfahrt von vorhin
entschuldigen, aber der Botschafter hatte eine dringende Verabredung
und so waren wir alle gezwungen abzufahren, da uns nur ein Grav-
Fahrzeug zur Verfügung stand.“
„Aber ich bitte sie“, erwiderte Frederick galant und machte
eine abwertende Geste, wobei ihm das Handtuch herunter rutschte.
Instinktiv griff er danach und schlug dabei mit dem Kopf gegen die

i
Die Schiffe der Erde zeichnen sich durch Haltbarkeit, Sicherheit, schlechte Ausstattung
und mieses Design aus.
76
Wand. Schmerzerfüllt hieb er mit der Faust gegen die Wand. „Das war
doch kein Problem,“ quetschte er, sich mühsam beherrschend hervor.
„Jedenfalls möchte ich sie heute Abend, wenn sie für mich ein
klein wenig Zeit erübrigen könnten, zu einem kleinen
Willkommensumtrunk einladen. Wir könnten ja ein klein wenig
plaudern und dann abwarten, wie sich der weitere Abend entwickelt.“
Bei den letzten Worten verfiel sie in ein leises schnurren, was
Fredericks Blut augenblicklich in Wallung brachte und er musste alle
Kraft aufbringen dies zu unterdrücken.
„Es“, er begann ein klein wenig zu stottern, aber es gelang ihm
schnell sich wieder zu fangen. „Es wird mir eine ganz besondere Ehre
sein ihnen soviel Zeit zu widmen, wie sie möchten und ich werde sie
nachher zu jeder von ihnen gewünschten Zeit besuchen.“
„Herr Leutnant, sie sind zu liebenswürdig. Ich erwarte sie dann
um 20 Uhr Erdzeit. Ein Fahrer wird sie eine halbe Stunde vorher
abholen. Dann bis nachher, mein kleiner Leutnant.“
„Ich freue mich sehr, Fräulein Snooze.“ Frederick unterbrach
die Verbindung und stand unbeweglich wie eine Statue vor dem
Lautsprecher und starrte diesen verträumt an.
„Ja!“ schrie er nach einigen Sekunden laut auf und machte eine
dieser Siegesgesten die man ansonsten nur von den so genannten
Profisportlern sieht, wenn diese unmittelbar nach einem Sieg an ihr
Bankkonto denken. „Dieser Abend wird in die Analen dieses Planeten
77
eingehen.“
„Meiner Meinung nach solltest du mal lieber kalt duschen
gehen“, kommentierte Roderick die letzte Aussage Fredericks.
Frederick ging zurück und duschte fertig. Während er sich abtrocknete
und rasierte, spielten seine Gedanken alle möglichen Varianten des
kommenden Treffen durch, wobei allerdings der Schluss der
Verabredung immer gleich war und mit einem gemeinsamen Frühstück
endeten.
„Roderick“, rief er vergnügt, „ich habe heute Abend eine
Verabredung. Ich werde den Abend mit der schönsten Frau, die ich bis
jetzt auf diesem Planeten gesehen habe, verbringen. Du darfst dir den
Abend frei nehmen und soviel Extrastrom verpulvern wie du nur
willst.“
Zuerst bemerkte er es nicht, doch nach einer Weile wunderte er sich,
dass ausgerechnet sein - sein Unterbewusstsein ersetzte das „sein
Schiffscomputer“ durch ein „der Schiffscomputer“ - keinerlei
Kommentar dazu gab, was sehr verwunderlich war, da seit der
missglückten Reparatur vor ein paar Wochen dieser keine Gelegenheit
ausgelassen hatte, spitze Bemerkungen oder ähnliche geistreiche
Dinge von sich zu geben.
„Roderick“, rief er abermals. „Gibt es ein Problem bezüglich
meiner Verabredung.“
„Es steht mir nicht zu, dir etwas vorzuschreiben und wenn du
78
genau hinhörst, merkst du wie mein Interesse schwindet, aber darf ich
dich an unseren Auftrag erinnern. Außerdem“, fügte Roderick hinzu,
„hat die Dame keine Klasse. Ein Wirrkopf mit dem man scheinbar
alles machen kann.“
„Ich vergesse meinen Auftrag keinen Augenblick“, sagte
Frederick eine Spur zu scharf als er eigentlich wollte. „Schließlich
kann die positive Erfüllung dieses Auftrages die Rückfahrkarte auf die
Erde bedeuten und dies möchte ich mehr als alles andere. Ich habe
diese Einladung auch nur deshalb angenommen, weil ich glaube, dass
mir die Geschäftsführerin von ROSIs etwas verheimlicht, was unter
Umständen sehr wichtig für uns sein kann.“ Der letzte Satz klang
selbst für ihn nicht gerade überzeugend, aber er wollte gegenüber
Roderick nicht gerade seine wahren Beweggründe nennen.
„Ihre weibliche Anatomie, die dir augenscheinlich gefällt, ist
jedenfalls nicht dieses Etwas was die Dame dir gegenüber verbirgt, da
sie sehr freizügig damit umgeht.“
Frederick fühlte sich sehr in die Ecke gedrängt und sah nur noch einen
Ausweg, die altbewährte Flucht nach vorn.
„Sag mal, da wir gerade bei unserem Auftrag sind, wie weit
sind den eigentlich deine Nachforschungen in den hiesigen
Datenbänken gediehen?“
„Sag mal Frederick?“ es klang so, als wäre es Roderick
sichtlich peinlich. „Wie läuft das denn eigentlich so ab bei einem
79
heimlichen Tätatä? In meinen Datensätzen ist zwar unter Balzrituale
und andere Peinlichkeiten bei der Fortpflanzung der Menschheit etwas
darüber gespeichert, aber es klingt äußerst verwirrend und der
letztendlich dabei angestrebte Bazillenaustausch klingt, um ehrlich zu
sein, nicht gerade berauschend.“
„Wandelt da etwa jemand den ich kenne auf Freiersfüßen?“
trällerte Frederick fröhlich und begann sich mit Rasierwasser zu
traktieren, wobei er den unmittelbaren Kontakt hiermit sofort
schmerzlich bereute.
„Nein, wirklich ich meine es ernst. In den Datensätzen sind
hierzu einige sichtlich konträre Daten enthalten, die ich nicht
miteinander Übereinbringen kann. Eine gewisse Linearität ist nicht
unbedingt darin zu erkennen.“
„Wobei genau hast du denn deine Probleme?“
„Nun, als erstes verstehe ich nicht, warum es so wichtig ist eine
Verabredung zu haben? Und wenn man es mit dem Partner seiner
Wahl hat, warum man dann so komische Sachen sagen und tun muss.
Es ist doch eigentlich klar warum man miteinander ausgeht. Des
weiteren wird überall in den Daten von einem Glücksgefühl
gesprochen das die Leute verspüren.“
„Tja“, begann Frederick, „das kann ich dir eigentlich auch
nicht erklären, da es sich hierbei um Gefühle handelt. Diese Gefühle
erstrecken sich über eine Bandbreite, die das gesamte Spektrum der
80
menschlichen Gefühlsregungen erfasst und im Taumel der Hormone
sagen und machen die Menschen halt Dinge, die unbeteiligten
Menschen als äußerst befremdlich erscheinen. Das Ziel hierbei ist
allerdings immer gleich, egal in welcher Verpackung diese präsentiert
werden, da muss ich dir allerdings recht geben.“
„Und was genau ist dieses Ziel?“ fragte Roderick und betonte
diese Frage so, dass Frederick ziemlich klar wurde, dass seine
Erklärungen wohl nicht allzu befriedigend waren.
„Das Ziel aller Ziele ist natürlich, wie soll ich es dir sagen“,
Frederick wurde plötzlich bewusst, dass er jetzt eigentlich rot werden
sollte. „Der Austausch von Körperflüssigkeit ist im allgemeinen das
Ziel, auf dass hingearbeitet wird.“
„Warum wird so etwas gemacht und mit einem solchen
Aufwand. Das kann man doch auch einfacher haben, da ja gemäß
deiner Ausführungen alle sowieso wissen was passieren soll?“
„In erster Linie wird das Wohl deshalb so und öfters gemacht,
weil es die Menschen mögen.“
„Aber das kann doch kein Maßstab sein, da gemäß meiner
Daten deine Spezies auch Blutwurst, Pizza mit Annanas und Fahrten
in überfüllten Nahverkehrstransportmitteln zu mögen scheinen, sooft
wie das von denen gemacht wird.“
Nun war Frederick an einem Punkt angekommen, wo eine weitere
Unterhaltung eine Standpunktdiskussion erforderlich machen würde,
81
wozu er gerade bei diesem Thema keine Lust und auch keine Zeit
haben wollte, da sein Hochgefühl bezüglich seiner Verabredung,
hierbei war der zuletzt geschnurrte Satz von besonderer Bedeutung,
was nicht gerade zu einem klaren Kopf führte. Er überlegte, was er
nun sagen sollte, da sich das Seelenleben seines Schiffscomputers auf
Wege begab, die weit über das hinausragten, was eigentlich laut
Wartungshinweis des Dosen-Raumschiff-Wartungsbuches unter dem
Kapitel „Probleme mit der künstlichen Intelligenz“i verzeichnet war.
„Hast du eigentlich bezüglich deiner Anfangsfrage schon ein
bestimmtes Objekt deiner Begierde, letzteres ist übrigens eines der
angesprochenen Gefühle des erwähnten Spektrums, oder handelte es
sich hierbei nur um einen so genannten Schuss ins Blaue?“
„Nun ja, da ist so ein kleiner Wartungsroboter aus dem
hiesigen Reparaturteam und zwar der, dem ich vorhin den Auftrag
gegeben habe die desolate Außentüre zu reparieren. Bei diesem glaube
ich ein gewisses, mir extrem sympathisches Potential gespürt zu
haben.“
„Aber Hallo, das klingt doch recht viel versprechend!“ sagte
Frederick mit einer klein wenig anzüglichen Stimme. „Ganz einfach
wie du dein weiteres Vorgehen planst. Du lädst ihn unter dem

i
Diese beschränkten sich darauf das Nuckeln an kleinen Knöpfen zu empfehlen falls der
Schiffscomputer ausfallen sollte. Ist zwar nicht sehr ergiebig, befriedigt allerdings erst
einmal die oralen Bedürfnisse.
82
Vorwand ein ihm deine Speicherchipsammlung zu zeigen, spendierst
ein sündhaftteures Getriebeöl und lockst ihn in die Steuerungszentrale,
notfalls mittels eines erweiterten Reparaturauftrag, denn merke das im
Krieg und in der Liebe alles erlaubt ist und dann zeigst du ihm mal
kräftig, wo der Frosch die Locken hat.“
„Was heißt das - der Frosch die Locken hat?“ fragte Roderick
sichtlich verwirrt. „Frösche, die meisten Arten leben im Wasser,
andere suchen meist nur ab und zu zur Fortpflanzung, zum
Überwintern oder zum Überdauern der Trockenheit das Wasser auf
und sind zudem meist kleine, grüne Amphibien die sich ausgemacht
gut und lecker auf der menschlichen Speisekarte machen. Ich weiß
wirklich nicht was du meinst.“
„Ich meine damit, dass du dem kleinen, süßen Wartungsroboter
mal zeigst, was ein richtiger Amplitudenausschlag ist, wenn du nun
besser verstehst, was ich meine. Wenn nicht, dann suche doch mal in
deinen Dateien die auf, die sich intensiv mit den Bienchen und
Blümchen beschäftigen.“
Scheinbar hatte die letzte Bemerkung in Roderick etwas ausgelöst,
denn plötzlich war die Unterhaltung wie abgeschnitten. Frederick war
dies nur allzu Recht, da er in seinen Gedanken längst wieder bei dem
von ihm erhofften Ende des Rendezvous. Er sah auf die Uhr und stellt
fest, dass in wenigen Minuten der angekündigte Fahrer vor der Tür
stehen würde, welche zugegebenermaßen wirklich nicht mehr im
83
besten Zustand war, doch nun würde der Fahrer sie eher finden, da die
Türe im Originalzustand dermaßen perfekt schließt, dass selbst er
oftmals Schwierigkeiten hatte diese zu finden. Singend und ab und zu
pfeifend, besonders wenn er den Text des Liedes vergessen hatte,
bereitet er sich auf den Abend vor. Die hierbei auftretende
musikalische Luftverschmutzung lag weit außerhalb aller vertretbaren
Emissionswerte, aber auf diesem Planeten schien man sogar hierauf zu
pfeifen.
Wenige Minuten später saß er in dem angekündigten Wagen und
machte sich auf den Weg zu seiner Herzensdame. Während der Wagen
losfuhr, ratterte im Hintergrund des niedrigen Flughafengebäudes ein
kleiner Wartungsroboter in die Richtung des Dosen-Raumschiffes um,
gemäß empfangenen Anweisungen, eine Außentür zu reparieren. Es
versprach für alle Beteiligten ein netter Abend zu werden.

Am Steuer des Grav-Wagens saß eine schlichtweg atemberaubende


Blondine, die den Weg mit einer stoischen Gelassenheit und unter
Vermeidung jeweiligen Kommentars abfuhr. Frederick sprach die
Fahrerin mehrmals an, erhielt aber keinerlei Reaktion seitens der
Dame. Schließlich beugte er sich nach vorn um zu sehen, warum die
Fahrerin keine seiner Fragen kommentiert. Er stellte zu seiner
Überraschung fest, dass die Fahrerin keinerlei Unterleib oder Beine
hatte, allerdings einen Brustumfang der ihresgleichen suchte. Sie war
84
fest mit dem Fahrzeug verbunden und diente wahrscheinlich nur zur
Zierde, wie dies bei Blondinen angeblich auch schon in früheren
Zeiten so Sitte gewesen sein soll. Er hatte noch nie einen so perfekt
menschlich aussehenden Fahrroboter gesehen und betrachtete ihn
ausgiebig, natürlich nur aus rein technischem Interesse.
„Sie dürfen gern zugreifen!“ ertönte plötzlich eine liebliche,
durchaus erotische Stimme, die ihre elektronische Abstammung
dennoch nicht verleugnen konnte. Frederick wirbelte herum und
schaute sich erschrocken um, begriff dann aber, dass es sich hier wohl
um einen besonderen Dienst von ROSIs handeln musste.
„Sie dürfen gern zugreifen! Sie dürfen gern zugreifen!“
wiederholte die Stimme. Als Frederick sich wieder zurücklehnte
verstummte die Stimme augenblicklich. Frederick lehnte sich wieder
vor und augenblicklich forderte die liebliche Roboterstimme ihn erneut
auf handgreiflich zu werden. Da er erkannte, dass die Unterhaltung
recht eintönig werden könnte, außer einer beständigen Wiederholung
eines eindeutigen Angebots, begann er die Umgebung zu betrachten,
wozu er bisher noch keinerlei Gelegenheit gehabt hatte. Da der Planet
Kalil so gut wie keinerlei Schwerkraft besitzt, wuchsen hier die
Pflanzen und Bäume auf eine derart unbeschwerte und unbekümmerte
Art und Weise, die entfernt an die monströsen Kunstwerke des
irdischen Künstlers Alfred Bürgel erinnerten. Allerdings war hier das
Fehlen der Schwerkraft ausschlaggebendes Argument, bei Bürgel
85
hingegen das tägliche konsumieren der Verdünnungsdämpfe seiner
Farben. Die hohe Rotationsgeschwindigkeit des Planeten führte dazu,
das es während eines Standarttages die Helligkeitsphasen dreimal
wechselten.
Es trat die Dämmerung der Nacht-Nacht-Phase ein und zauberte,
jedenfalls für jeden Armeefetischisten, ein wunderbares Armeegrün an
den Himmel. In seinen Unterlagen über den Planeten Kalil wurden
ausführlich die verschieden Phasen beschrieben, aber es gab keinerlei
Hinweise auf das Fehlen der besagten Schwerkraft. Überhaupt sagten
die Dateien, die über den Planeten existierten rein gar nichts über die
Struktur und den restlichen Krams aus. Selbst in seinem
Planetenführeri, der sich allerdings nur auf die kulinarischen Genüsse
der verschiedenen Planeten bezieht, war zu Kalil nichts besonderes
angeführt, aber dafür ausreichend über andere Planeten, wie der BOBS
und EVS, die dem alten irdischen Sprichwort „Ich habe dich zum
fressen gern“ die ursprüngliche Bedeutung wiedergaben. Hierbei
handelt es sich um eine Rasse, die sich auf zwei Planeten im
Sonnensystem des großen Plurps verteilt haben. Auf dem Planeten der
BOBS wohnen nur Männer und auf dem Planeten EVS nur Frauen.
Genetisch handelt es sich um die gleiche Rasse, die sich aber nach

i
Frei nach der Devise „Erst das Fressen dann die Moral.“
86
einem alten Streiti geteilt haben. Die Männer verließen den
gemeinsamen Planeten um auf dem Zwillingsplaneten ihre Ruhe zu
finden. Im Laufe der Zeit hatte man sich derart daran gewöhnt seine
Ruhe zu haben, dass aus einer anfänglichen Verachtung gegeneinander
nun herrlich reiner Hass geworden ist und inzwischen keinerlei
Kontakt mehr zwischen den beiden Planeten bestehen. Das geteilte
Volk hat inzwischen gut arbeitende Klon-Fabriken, welche die
Zukunft in Hinsicht auf die Vermehrung gut im Griff hat. Die
Anatomie der BOBS und der EVS ist der der Menschen ziemlich
ähnlich, allerdings zeichnen sich die BOBS und EVS durch nicht
übersehbare Kleinwüchsigkeit aus. Der durchschnittliche BOB ist 50
Zentimeter und die typische EVS 47ii Zentimeter groß. Wichtigstes
Merkmal dieser Rasse ist, dass sie die Menschheitiii und auch andere

i
Wie so üblich bei älteren Kulturen erinnert sich niemand mehr an den eigentlichen Grund,
allerdings sollen wohl schmutzige Unterhemden, Bier und Fernseher dabei eine
entscheidende Rolle gespielt haben.
ii
Aufgrund von verschiedenen Genexperimenten allerdings mit einem Brustumfang von 45
Zentimeter.
iii
Bei dem ersten Kontakt mit dieser Rasse, schickte der Kapitän seinen 1. Offizier mit
einem Landungstrupp auf den Planeten der BOBS. Diese dankten mit der Einladung zu
einem Abendessen. Da der Kapitän anlässlich dieses Dinners nach dem Verbleib seines
Landungstrupps fragte stieß er auf leicht Verwirrung, da die BOBS angenommen hatten
das der Landungstruppe ein Gastgeschenk gewesen wäre. Eine ständige diplomatische
Einrichtung wurde nicht riskiert. Daher gilt im Umgang mit dieser Rasse, ständig eine
Kontrolle der Körperteile auf Vollständigkeit zu führen, falls das noch möglich sein sollte.
87
Rassen zum Fressen gern hat. Nur die BOBSi haben sich ebenfalls der
Raumfahrt gewidmet, allerdings nur um sich den ein oder anderen
Happen aus den unergründlichen Tiefen des bekannten Teil des
Universums zu holen.
Er empfand es als äußerst seltsam, dass es so wenig Material über
dieses Universums und den eigenartigen Planeten gibt, der doch
eigentlich für alle ernsthaften, nicht diesen der rein experimentellen
Wissenschaft huldigenden Wissenschaftler eine wahre Offenbarung
sein dürfte. Während der Fahrt glaubte er zwei verschiedene
Fahrbahnen ausmachen zu können, die in unterschiedlichen Farben
schimmerten und sich nur an bestimmten Punkten kreuzten, an deren
Kreuzungen hell leuchtende Signale angebracht waren. Neben der im
gesamten All einheitlich geltenden Verkehrszeichen die, der Erde sei
Dank, inzwischen auch im gesamten bekannten Teil des Universums
galten, gab es auch noch planetenspezifische. Diese hier war eine
solche und für Frederick undurchschaubar.
Nach einer relativ kurzen Fahrzeit, traf der Grav-Wagen an einem
gewaltigen Gebäude an, der mehr an ein ultramodernes Bürokomplex
erinnerte, den an einen Vergnügungsschuppen.
Da allerdings an der Vorderfront das riesige ROSIs-Emblem prangte,

i
Die EVS bescheiden sich damit ihre Kultur und Heldengesänge zu perfektionieren.
Anfänglich betriebener Tourismus musste eingestellt werden, da beim Abschlussdinner in
der Regel der Tourist nur noch als Odeure teilnahm.
88
konnte es kein Zweifel geben, wo er war. Egal auf welchem Planeten
der einzelne, verlassene Wanderer sich befand, stets gab es irgendwo
diesen Ort des Lasters, der Entspannung und der Verlockung. Hier gab
es, jedenfalls laut firmeneigener Werbung, für jede im bekannten Teil
des Universums vertretene Spezies eine Möglichkeit der Entspannung
und, wenn gewünscht, auch mehr, allerdings erst nachdem die
entsprechende Barschaft oder anderweitige Kreditwürdigkeit überprüft
wurde.
Frederick stieg aus und stellte sich vorsichtig auf den Grav-Belag.
Nachdem sich seine Augen an das übermäßig hell leuchtende Emblem
gewöhnt hatten, konnte er den Eingang erkennen und machte sich auf
den Weg.
Sofern er dies durch die eingeschränkten Sichtverhältnisse erkennen
konnte, war das gesamte Gebäude mindestens 200 Meter lang und
hatte 6 Stockwerke. Durch das übermäßig gleißende Licht des ROSIs-
Emblem war es für ihn schwer zu erkennen, aus welchem Material das
Gebäude bestand und welche Farbe es hatte, aber es schien eine der
Farben zu sein, die seit jeher in diesem Milieu bevorzugt wurde.
Frederick ging, beschwingt an Geist und Seele, aber vorsichtig die
Stufen des Gebäudes hinauf. Bevor er die gewaltige Doppeltüre, die
mit Motiven aus dem Kamasutra und der in anderen Kulturen
einschlägigen Literatur verziert war öffnen konnte, schwangen die
beiden Türen wie von Geisterhand gezogen nach beiden Seiten auf und
89
gewährten ihm den begehrten Einlass. Er betrat die Vorhalle und hatte
plötzlich das unbestimmbare Gefühl, als würde die ganze Halle ins
Schlingern geraten. Gerade als sich dieses Gefühl in ihm festigen und
Kontrolle über ihn bekommen konnte, ging er leicht in die Knie, da
wie aus heiteren Himmel erdähnliche Anziehungskraft zu verspüren
war. Dann öffneten sich wiederum zwei gewaltige Türen, die
allerdings nicht so gewaltige wie an dem Eingangsportal die aber
ebenfalls über und über mit Szenen aus den verschiedenen Praktiken
geschlechtlicher Hingabe verziert waren, hier aber nur die der
irdischen Rassen. Frederick schaute vorsichtig in das Innere des sich
vor ihm auftuenden Salons. Die Ausstattung und die Beleuchtung des
Salons war so gestaltet, wie man es in diesem Milieu erwartete und
wie es immer im tiefsten Innern des irdischen Geistes verwurzelt war.i
Es wunderte ihn, dass das gesamte Establishment rein auf menschliche
Bedürfnisse und deren Ausschweifungen abgestimmt war, da
eigentlich hier ja die Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung im
Vordergrund stehen müssten. Schließlich sind diese ja in der Überzahl
und sollten somit, logischerweise, erhöhte Präferenz genießen, wenn
man es auf einen rein geschäftlichen Nenner bringen möchte.

i
Die Wissenschaftler der Erde sind sich einig geworden, besonders nach ihrem letzten
Betriebsausflug, dass dieser Hort der Glückseeligkeit bereits bei der Evolution einen
bestimmten Bereich des männlichen Homo Sapiens einen festen Platz eingenommen hat
und bereits seit dieser Zeit feste Grundvorstellungen bei der Einrichtung und Gestaltung
gewonnen hatte.
90
Eigentlich interessierte es ihn aber nicht sonderlich. Während sich die
Damen, die die verschiedenen irdischen Rassen auf das Beste und
Reizvollste verkörperten, wenn man dem stark temporär
unterworfenen Schönheitsideal der Spezies Mensch huldigt, in den
verschiedenen Winkeln des Salons auf barocken Möbelstücken in
Positur warfen und auf eine Reaktion seitens des neu eingetroffenen
Gastes warteten, vernahm Frederick aus den verschiedenen Winkeln
des Salons leise Geräusche, die für ein solches Unternehmen wohl
bares Geld bedeutet.
Unschlüssig was er denn nun machen sollte, da ihm jede Erfahrung im
Umgang mit einem solchen Unternehmen fehlte, fand er sich ein
wenig Fehl am Platz. Dennoch geduldete er der Dingen, die ja
eigentlich kommen mussten, schließlich hatte er ja so etwas wie eine
offizielle Einladung.
„Hallo mein goldgelockter Engel“, schnurrte ihm eine
dunkelfarbige Raubkatze an, welche in ein atemberaubendes Nichts
gehüllt war, was ihren makellosen Kurven, die wahrscheinlich schon
den einen oder anderen ins Schleudern gebracht hatten, nur noch
reizvoller machten. „Mein Name ist Aphrodite, die Göttin der Liebe.
Und wie ist dein Name?“
Bevor Frederick seinen Blick von der ebenholzfarbenen Liebesgöttin
nehmen und sein Gehirn auf die Sparte Sprache zurückschalten
konnte, was angesichts dieses Überangebotes an Reizen sich als sehr
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schwer erwies, öffnete sich eine Tür neben der Bar.
„Aphrodite! Lass doch bitte meinen Gast sich erst einmal an
unser Etablissement gewöhnen. Wenn er dann deine weitere
Bekanntschaft schließen möchte, werde ich dich rufen lassen.“
Annabelle Snooze stand neben der Bar. Sie trug einen hautengen
goldenen Overall, der ihr einen überirdischen Glanz verlieh. Als
Frederick sie sah, vergaß er alles was er vorher gesehen hatte und
Aphrodite kam ihm, im Vergleich zu ihr, wie ein, zugegeben äußerst
verführerisches, Milchmädchen vor.
„Ich freue mich, Herr Leutnant, dass sie sich frei machen
konnten um mein bescheidenes Unternehmen mit ihrem Besuch zu
beehren. Fühlen sie sich bitte wie Zuhause.“
Frederick, der sprachlos vor Erstaunen war, trat zu ihr heran und
küsste ihr galant die dargebotene Hand. Dies durchbrach endlich den
Bann, in den sie ihn gezogen hatte und nach ein paar verlegenen
Hustenversuchen war er endlich wieder in der Lage nicht nur
menschliche, sondern auch noch verständliche Laute von sich zu
geben, die sich aber erst im Laufe der Zeit langsam wieder wie seine
eigene Stimme anhören sollten und nicht wie momentan die eines
obszönen Anrufersi.

i
Diesen Anrufer muss man sich allerdings bekleidet mit allerlei Dessous in Größe XXXL,
beharrten Beinen und total besoffen vorstellen, der sich gerade mit seinen überlangen
Fingernägeln im Geldrückgabeschlitz verfangen hat. Wer nicht glaubt das es so etwas gibt,
sollte mal am Karneval nach Köln fahren.
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„Ich möchte mich für ihre Einladung bedanken und dabei noch
einmal betonen, dass es mir eine Freude ist hier zu sein.“
„Wenn sie möchten, zeige ich ihnen gern einmal unseren
Geschäftsbereich mit all seinen Einrichtungen. Sie werden sehen, dass
der Ruf der ROSIs vorauseilt, für alle Bedürfnisse die richtige
Erfüllung reichen zu können, durchaus der Wahrheit und nicht nur
einem Werbeslogan entspricht.“
„Das wäre sehr nett“, antwortete Frederick und ließ seinen
Blick durch den Salon streifen. „Sie müssen wissen, dass ich noch
keinerlei Erfahrung habe, trotz meiner 32 Jahre.“
Die Art und Weise, wie die Damen und Herren, letztere er nun zum
ersten Mal überhaupt wahrnahm und welche in der Tat in großer Zahl
vorhanden waren, die teilweise verhalten und teilweise laut loslachten
machten ihm klar, dass er irgendeine Aussage getroffen hatte, die eine
solche Reaktion hervorgerufen haben musste. Er überlegte noch
einmal seine letzte Äußerung und ihm wurde peinlichst klar, welchen
Fehler er gemacht hatte.
„Ich meinte damit natürlich, dass ich noch keinerlei
Erfahrungen mit einem solchen Etablissement habe.“ Er war froh, dass
der Salon zu großen Teilen in ein rotes Licht getaucht war und man so
nicht bemerken konnte, wie ihm langsam die Schamröte in das Gesicht
stieg.
„Oh, dass ist aber nun wirklich ein großer, aber wieder
93
gutzumachender Fehler. Niemand im ganzen bekannten Teil des
Universums kann ihnen mehr über die Sexualität erklären und
beibringen als unser Unternehmen. Jede Dame, die bei uns arbeiten
will, muss mindestens ein Psychologiestudium mit dem Hauptfach
praktische und theoretische Sexualkunde abgelegt haben. Ohne diesen
Nachweis stellen wir keine Bewerberin ein. Wir haben sogar
inzwischen eigene Universitäten, die im Bereich der Psychologie zu
den Besten des gesamten bekannten Teil des Universums gehören.“
„Soll das etwa heißen, dass Aphrodite ein Diplom-Psychologin
ist?“ fragte Frederick sichtlich erstaunt, da er es sich kaum vorstellen
konnte, dass Aphrodite bei diesen Kurven überhaupt Zeit hatte zu
lernen, da sie bestimmt die meiste Zeit ihres Leben damit verbracht
hat, die Lehrer und Mitschüler mittels eines Stockes, der vermutlich
die Größe eines urzeitlichen Mammuttöters hatte, von ihr fernzuhalten.
„Aphrodite? Nein, Aphrodite ist keine Diplompsychologin. Sie
hat ihren Doktor in Astrophysik gemacht und hat nur das Praktikum in
praktischer Sexualkunde nachgeholt, dies allerdings als
Universitätsbeste, halt ein reines Naturtalent. Da ihr die Astrophysik
nicht genügend seelischen Ausgleich gebracht hat, suchte sie sich
einen Bereich der, nun sagen wir mal mehr Erfüllung für sie
bereithielt. Sie ist, wenn man es so sehen möchte, eigentlich keine
typische Teilhaberin von ROSIs und sie sollten nur dann zu ihr gehen,
wenn sie reine pure Befriedigung suchen. Ansonsten sollten sie die
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anderen Damen bevorzugen, die allesamt die für uns unbedingten
Grundvoraussetzungen zur vollen Zufriedenheit erfüllen.“
Frederick konnte es kaum glauben. Von diesen hohen Anforderungen,
in einem Geschäft das seit Jahrtausenden in einem meist zweifelhaften
Ruf stand und in der Regel die dort geschäftigsten Damen einen
ebensolchen hatten, war ihm in all der Zeit nie etwas bewusst.
„Vielleicht sollten ihre Damen in den Schulen den
Sexualkundeunterricht durchführen und nicht diese alten verklemmten
Damen, die normalerweise den Handarbeitsunterricht leiten.“
Frederick versuchte mit diesem Witz, wie er meinte, die verfahrene
Situation ein klein wenig aufzulockern, da das Rendezvous eine
Richtung einschlug, die ganz und gar nicht in seinem Sinne war.
„Das haben wir auch versucht“, griff Annabelle diesen
Vorschlag begeistert auf, „aber die Schulbehörden und die Kirchen
sind dagegen Sturm gelaufen, da sie eine Beeinflussung durch unsere
Damen und Herren witterten, sozusagen Schleichwerbung, da wir ja
letztendlich ein wirtschaftlich, ergebnisorientiertes Unternehmen sind.
Wir haben hier im irdischen Bereich dieses Unternehmens neun
Diplom-Psychologinnen und fünf Diplom-Psychologen, von denen
vier einen Doktortitel tragen dürften, die aber aus Rücksicht auf ihr
anderen Kolleginnen und Kollegen darauf verzichten und dann
natürlich Aphrodite, die wie ja schon erwähnt eine andere Ausbildung
genossen hat.“ Annabelle wollte gerade weiter über die momentane
95
Besetzung referieren, als Frederick, der vor Staunen einen leicht
belämmerten Eindruck machte, ihr in das Wort fiel.
„Sie beschäftigen hier auch Callboys?“ fragte er in einem
Tonfall, der eine kirchlich, engstirnig strenge Erziehung vermuten ließ,
welche ihm aber eigentlich nie angediehen wurde.
„Aber Herr Leutnant, die hier beschäftigten Damen und Herren
haben mit dem Sumpf, in dem dieses wunderbare Geschäft vor der
Geschäftsgründung von ROSIs versunken war, nichts mehr zu tun. Die
hier versammelten Damen und Herren sind durch ihre Ausbildung und
innere Einstellung mit dem von ihnen erwähnten in keiner Weise zu
vergleichen. Außerdem müssen wir ja auch die Damen zufrieden
stellen die unsere Dienste in Anspruch nehmen, oder den Herren eine
attraktive Alternative zu unseren Damen bieten zu können.“
Frederick merkte, dass dieses Unternehmen ihren Angestellten, oder
Teilhabern wie Annabelle dies vorhin angemerkt hatte, entweder eine
Gehirnwäsche angedeihen hatte lassen, oder diese wirklich eine
Einstellung zur Sexualität haben, die mit nichts zu vergleichen war,
was er bisher kannte. Eigentlich hielt er sich nicht gerade für prüde
oder verklemmt und hatte bereits die ein oder andere delikate
Erfahrung aufzuweisen, aber hier hatte er sich gerade mehr oder
weniger ein Armutszeugnis, und das zu Recht hörte er sich sagen,
ausgestellt.
„Ich verstehe nicht so ganz“, begann Frederick nun um das
96
Thema zu wechseln, „wieso sie einen solchen Aufwand bezüglich der
Ausstattung und der irdischen Schwerkraft betreiben, wo doch die hier
ansässigen Menschen gegenüber der einheimischen Bevölkerung
bestimmt hoffnungslos in der Unterzahl sind. Würde es sich hier nicht
anbieten das Etablissement etwas mehr auf die Wünsche der Kaliler
abzustimmen?“
Annabelle lächelte, aber es war kein verstehendes Lächeln, sondern es
handelte sich um ein so genanntes Kleiner-Du-wirst-es-brauchen-
Lächeln.
„Dies mag schon richtig sein und wird in anderen
Etablissements unseres Unternehmens auch so praktiziert, aber auf
diesem Planeten trifft eine solche, marktstrategische Überlegung auf
unerwartete Schwierigkeiten. Die einheimische Bevölkerung ist
dermaßen in sich gekehrt, dass es selbst den Forschern, sofern sich mal
ein ernsthafter Vertreter dieser Sorte auf diesen Planeten verirrt, noch
nicht gelungen ist etwas über die Fortpflanzung, deren Auswüchse,
Vorlieben und Andersartigkeiten der Kaliler herauszufinden. Meiner
persönlichen Meinung nach wissen die Kaliler selbst nichts von und
über ihre Sexualität.“
Sich ihrer unmittelbaren Nähe bewusst, ließ dies ihn innerlich vor ihr
zurückschrecken, obwohl Fredericks Unterbewusstsein ihm einen
gänzlich anderen Vorschlag unterbreitete, der allerdings selbst an
einem Ort wie diesen gegen die guten Sitten verstoßen dürfte, weshalb
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ein anderer Bereich seines Gehirnes diesen Vorschlag sogleich und
zum Ärger des Unterbewusstseins auch erfolgreich bekämpfte.
„Außerdem haben wir in unserem Gebäude verschiedene
Sektionen, in der wir für jede Spezies, für jede einigermaßen
intelligente Spezies“, fügte sie hastig hinzu, „aus dem bekannten Teil
des Universums seine gewünschte Zerstreuung finden kann.“
„Wie ist das möglich?“ fragte Frederick. „Ich habe doch nur
einen Eingang an ihrem Gebäude gesehen und der führte direkt in
diesen Salon.“
Wieder lächelte Annabelle, diesmal allerdings ein wirklich belustigtes
Lächeln und entblößte dabei zwei Reihen ebenmäßiger, strahlend
weißer Zähne und zwei wunderbare, anbetungswürdige Grübchen.
„Wir haben einen speziell abgestimmten Computer, der sofort
erkennt um welche Spezies es sich handelt und wie zahlungskräftig der
designierte Kunde ist, worauf er dann augenblicklich für diese
Lebensform die günstigsten Umfeldbedingungen schafft oder ihn im
hohen Bogen heraus wirft. Das was sie für einen Eingang halten, ist in
Wirklichkeit eine Art Fahrstuhl, der den betreffenden Kunden sofort
und in der Regel völlig unbemerkt zu seinem Vergnügen bringt. So hat
unser Gast immer das Gefühl, dass er die Hauptperson ist um die sich
alles dreht, was ja nun auch so ist. Natürlich haben wir auch
Räumlichkeiten, in denen unterschiedliche Spezies gemeinsam ihren
Neigungen nachgehen können.“
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Frederick war sprachlos über die Gründlichkeit, mit der dieses
Unternehmen geführt wurde. Gerade als er darüber sein Erstaunen zum
Ausdruck bringen wollte, begann Annabelle erneut.
„Nun, ich hoffe sie werden sich hier wohl fühlen und gern und
oft auf unsere dargebotenen Dienste zurückgreifen. Ich bitte sie nun,
mich zu entschuldigen, aber als Geschäftsführerin habe ich gewisse
Verpflichtungen, denen ich nun leider nachkommen muss!“
Frederick, zu erstaunt über den Verlauf dieses Abends um die letzte
Aussage richtig zu interpretieren, war nur noch in der Lage zu nickten
und einen jämmerlichen Gesichtsausdruck zur Schau zu stellen, der
stark an einen Hund erinnerte, dem sein Lieblingspantoffel in einen
Gully gefallen war.
„Ich dachte, wir wollten diesen Abend gemeinsam
verbringen?“ war das einzige was er hervorbringen konnte.
„Da müssen sie mich aber gründlich missverstanden haben. Ich
ging davon aus, dass sie zumindest über die Tätigkeiten und Aufgaben
der Geschäftsführerin einer ROSIs-Filiale informiert sind. Sind sie
etwa das erste Mal im Weltraum?“ Annabelle starrte ihn fragend an.
„Wie dem auch sei, ich muss jetzt leider gehen, da es in einer
anderen Sektion eine spezielle Behandlung gewünscht wird, die meine
administrative Anwesenheit erfordert. Einen schönen Abend wünsche
ich ihnen noch.“ Annabelle drehte sich um und ging in Richtung der
Geheimtür neben der Bar. Bevor sie diese erreichte drehte sie sich
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noch einmal um.
„Ach ja, ich warne sie noch einmal eindringlich vor Aphrodite.
Ich glaube sie hat ein Auge auf sie geworfen.“
„Halt, warten sie doch bitte noch einen Augenblick!“ rief
Frederick aus und lief schnell hinter Annabelle her.
„Darf ich sie und ihre Begleiter von vorhin wenigstens einmal
zu einem Essen einladen, um mich für den Vorfall in meinem Schiff zu
entschuldigen und um sie wieder zu sehen?“ In Frederick sträubte sich
alles gegen diesen drohenden Ausgang seines Rendezvous.
„Ich danke ihnen für ihre Einladung, aber ich lehne dennoch
dankend ab, da ich Kapitän Hartner schon einmal habe essen sehen
und dies nicht ein zweites Mal erleben möchte. Ich rate ihnen übrigens
auch darauf zu verzichten. Er war lange Zeit in der Nähe des Planeten
der BOBS stationiert und hat sich nicht nur an einige deren Rezepte
gewöhnt, sondern auch deren Manieren angenommen.“
Sie drehte sich um und verschwand in der Geheimtür, die sich perfekt
in die Vertäfelung einpasste und einem zufälligen Betrachter würde es
nicht in hundert Jahren einfallen, dahinter einen Eingang zu vermuten.
„Das Leben und die darin enthaltenen Enttäuschung ist eine
Krankheit, die zu 100 Prozent mit dem Tod endet“, hörte Frederick
jemanden hinter sich melodiös rülpsen. Er drehte sich um und vor ihm
stand der eben erwähnte Kapitän Hartner.
„Tja Kleiner, dass war ja dann wohl nichts, aber das hätte ich
100
dir vorher sagen können“, rülpste Kapitän Hartner weiter, der
scheinbar einen unerschöpflichen Vorrat von Luft im Bauch haben
musste die verzweifelt einen Ausweg suchte.
„Nennen sie mich nicht Kleiner, schließlich sind sie es, der
einen Kopf kleiner ist als ich“, konterte Frederick erbost zurück, da er
seine eben erhaltene Niederlage hinsichtlich des Ausganges seines
Rendezvous noch nicht verkraftet und verstanden hatte.
Mit einer Schnelligkeit, die man der eben noch in Ruhe verharrenden
Masse Mensch, oder was immer er auch darzustellen pflegte, die man
Kapitän Hartner niemals zugetraut hatte und vor allem nicht in diesem
Zustand, führte dieser einen gekonnten Tritt gegen Fredericks Beine
aus, worauf dieser sich unfreiwillig erst nach vorn und dann abfangend
auf die Knie fallen ließ.
„Nun nicht mehr!“ rülpste Kapitän Hartner vergnügt und
begann schallend zu lachen und sich seinen dicken Bauch zu halten,
der auf und abschwankte und dabei ein recht bedrohliches Eigenleben
entwickelte.
Nun war es Frederick, der die gleiche Schnelligkeit wie zuvor der
Kapitän an den Tag legte und diesen mit einem ebenso gezielten Tritt,
jedenfalls würde er es in der Zukunft immer wieder behaupten,
ebenfalls in die Knie zwang.
„Und nun doch wieder“, erwiderte Frederick und versuchte
dies ebenfalls durch ein Rülpsen zu untermauern, was ihm aber nicht
101
so gut gelang, da dieser nicht den gewöhnlichen Weg durch den
Rachen nahm, sondern voll in die Nase ging.
„Du verstehst es zu argumentieren, Kleiner. Du gefällst mir.
Komm ich geben einen aus.“ Kapitän Hartner stand schwerfällig auf
und drehte sich um, um zu seinem Tisch zu gehen.
„Na, ich werde auch immer blöder“, sagte er zu sich selbst und
schlug zur Bekräftigung seiner letzten Worte mit der flachen Hand
gegen seinen unförmigen Aschenbecherkopf. Er drehte sich wieder zu
Frederick um und streckte ihm die Hand hin, um ihm ebenfalls wieder
auf die Beine zu helfen.
„Und sie sollten sich jemanden engagieren, der für sie eine rein
verbale Argumentation führen kann, wenn sie Wert auf
Bekanntschaften legen.“ erwiderte Frederick näselnd, da der versuchte
Rülpser noch immer in seiner Nase hing. Er zögerte als er die
dargebotene Hand sah, griff dann aber doch zu und ließ sich auf die
Beine zurück helfen.
„Sie halten sich wacker, Leutnant. Solche Argumente hat
bisher kaum jemand bei mit vorzutragen gewagt. Setzen sie sich zu
mir und diesen reizenden Damen, die mir zurzeit Gesellschaft leisten.
Ich verspreche ihnen ab jetzt auch jede ihrer blöden Redensarten
anstandslos zu ertragen. Ich sage ihnen etwas Kleiner“, der Kapitän
beugte sich zu Frederick. „Die verschiedenen Rassen im bekannten
Teil des Universum halten die Erde für eine Mischung aus
102
geschlossener Anstalt für Psychiatrie und einem Ferienclub, wo die
Mehrzahl der Menschen laut kreischend und johlend Bier in sich
hineinkippt. Hätten wir nicht wenigstens Cola, Chips und die
Autobahn ohne Tempolimit erfunden, so würde man uns im
Universum noch nicht einmal würdig genug empfinden um angespuckt
zu werden.“ Demonstrativ spuckte er unter Einsatz von diversen
lautem Geräusch eine Ladung übel riechender Schleim, der sich auch
nach eingehender Analyse und Wassertransfusion noch nicht Spucke
nennen durfte und wahrscheinlich frohlockend endlich dort
entkommen zu sein, auf den Boden. Dieser kroch sofort über den
Boden, scheinbar auf der Suche nach einem sicheren Ort. Schließlich
fand er sein Ende unter einem Nebentisch, woraufhin die dort
sitzenden von Übelkeit geplagt schleunigst zu einem anderen Tisch
wechselten.
„Wir können froh sein, dass die anderen Spezies nicht damit
anfangen uns Glasperlen zum Tausch für unsere Weiber anzubieten.“
Frederick, der noch immer versuchte seine Nase in den Griff zu
bekommen setzte sich an den Tisch von Kapitän Hartner dennoch mit
sich hadernd was er denn eigentlich hier mache. Die beiden Damen,
die sich dort befanden, machten sich sofort an den neuen potentiellen
Kunden heran, zumal dieser etwas sympathischer erschien und zudem
noch besser roch, was allerdings nicht schwer war, als der Kapitän,
wurden aber plötzlich, wie auf ein unsichtbares Kommando hin
103
zurückgepfiffen und begaben sich wieder an die Seite ihres
ursprünglichen Gönners. Dann tauchte, wie aus dem Nichts, Aphrodite
hinter ihm auf und schlang ihre langen Arme um ihn, ein
siegessicheres, triumphierendes Lächeln auf den Lippen. Frederick
erschrak, ließ aber alles ohne sich zu wehren über sich ergehen.
„Was genau meinten sie damit, dass sie mir dies vorher hätten
sagen können?“ fragte er den Kapitän und versuchte den Faden wieder
zurück auf sein verunglücktes Rendezvous zu bringen während sich
ein Trupp Reinigungskräfte in Schutzanzügen näherte. Ohne diese zu
beachten stopfte der Kapitän diverse Fleischstückchen in sich hinein.
Der Trupp nahm zuerst Messungen vor um dann mittels Einsatz von
schwerem Gerät den klumpen Schleim zu entfernen.
„Sie ist hier die Geschäftsführerin und darf sich nicht mit
Männern, egal ob geschäftlich oder privat, einlassen. Das nennt man
Geschäftsmaxime!“ gurrte ihm, anstatt des Kapitän Aphrodite ins
rechtes Ohr. „Aber du hast Glück, ich darf und ich will“, flüsterte sie
und begann eifrig ihre Zunge tief in sein Ohr zu bohren.
Frederick ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und tat so, als hätte er
die Antwort auf seine Frage vom Kapitän bekommen.
„Nimm es leicht Jungchen, Frauen sind wie Kriege. Es gibt
immer wieder neue“, schmatzte der Kapitän ihm entgegen.
Während Aphrodite versuchte, Frederick davon zu überzeugen
gewisse Dienstleistungen von ihr in Anspruch zu nehmen, versuchte
104
Frederick verschiedene Informationen über Annabelle von Kapitän
Hartner in Erfahrung zu bringen, was sich aber als schwierig erwies,
da einerseits Kapitän Hartner sich mehr für sein leibliches Wohl
interessierte, welches zur Zeit aufgeteilt war zwischen Essen und den
beiden Damen und andererseits Aphrodite ihrem Ruf mehr als gerecht
wurde. Frederick stellte erstaunt fest, dass Annabelle in Bezug auf die
Essgewohnheiten des Kapitäns recht hatte. Dieser stopfte und würgte
Dinge in sich hinein, die ihm noch nicht einmal vom Aussehen,
geschweige denn vom Geruch bekannt vorkamen und der Nachschub
schien nicht abzureißen. Das Essen sah so aus wie er sich im Moment
fühlte.
„Essen sie das wirklich alles?“ fragte Frederick voller
Erstaunen.
„Nein, gelegentlich hamstere ich es in den Backen für den
Winter“, erwiderte Hartner, ohne dabei seine Essversuche, anders
konnte man seine Essmanieren nicht bezeichnen, zu unterbrechen, die
sowieso nur gelegentlich von einigen Attacken auf die beiden Damen
an seinen beiden üppigen Seiten unterbrochen wurden. An den Damen
wäre inzwischen ein kulinarisch Bewandeterer als er in der Lage
gewesen zu erkennen, welchen Genüssen sich der Gönner der beiden
Damen, neben den fleischlichen, noch hingegeben hatte.
„Greif zu Leutnant, zier dich nicht. Das sind, außer diesen
beiden Süßen, alles Leckerbissen des Planeten der BOBS, aber“, er
105
beugte sich über den Tisch und Frederick schwappte eine Welle der
abartigsten Gerüche entgegen, die er bisher gerochen hatte, „hier
bereiten sie die Dinge falsch zu. Der Koch hier nimmt das falsche
Fleisch.“
„Das falsche Fleisch? Was meinen sie denn damit?“
„Nun, die BOBS sind im geringen Maße bekannt als
Kannibalen und.“
Frederick stand abrupt auf und lief unter Darbietung von
verschiedenen Würggeräuschen zur Tür, da die bloße Vorstellung des
eben angedeuteten einen sehr empfindlichen Punkt traf.
„Hey!“ rief der Kapitän hinter Frederick her. „Nimm es nicht
so schwer, Menschen liefern immerhin ein paar sehr wichtige
Proteine!“
Während er den Salon durchquerte, hörte er hinter sich Kapitän
Hartner lauthals lachen. Er durchquerte die Vorhalle und lief ins Freie.
Die frische Luft tat ihm gut und nach einigen Minuten fühlte er sich
wieder einigermaßen wohl. Er überlegte, ob er noch einmal in den
Salon zurückkehren sollte, entschied sich aber dagegen, da sich ihm
sofort wieder das Bild des schlemmenden Kapitäns aufdrängte und er
schwörte sich, lieber einen Hammer zu verschlucken, als sich dies
noch einmal anzutun. Er blickte sich nach dem Grav-Wagen um,
konnte ihn aber nirgends entdecken. An dem Punkt an dem er

106
ausgestiegen war, entdeckte er etwas, was einer Rufsäulei ähnlich war.
Vorsichtig ging er dorthin und nach einigen Minuten vergeblichem
Herumfingern an diesem Gerät setzte dieses sich, scheinbar recht
widerwillig, in Betrieb.
„Gute Nacht-Nacht-Phase! was kann ich für sie tun?“ schallte
es in immenser Lautstärke aus dem Gerät und Frederick zuckte
unwillkürlich zusammen. Diese Stimme erinnerte ihn an einen seiner
Vorgesetzten, dem Feldwebel Schulz der Sternschnuppen-Flotte, als er
seine Pflichtzeit bei der Flotte absolvieren musste. Dieser Feldwebel
war wohl die seltsamste Abspaltung der Gattung Mensch, die jemals
auf zwei Beinen zur Sonne aufgeschaut hat und eine Genanalyse
dieses Zweibeiners hätte bestimmt die Evolutionsgeschichte ad
absurdum geführt. Wäre dieser der Ahnherr der Menschheit gewesen,
dann hätte diese bis heute noch nicht das Rad erfunden und wenn,
dann nur um darauf Bier zu servierenii.
„Was is nu?“ forderte ungeduldig die Stimme aus dem Gerät
und riss Frederick aus seinen Gedanken.
„Einen Grav-Wagen zum Flugplatz, äh bitte.“

i
Instinktiv erkennt ein homo sapiens eine Rufsäule wenn er eine sieht. Der denkende
Mensch ist durch seine Maschinen inzwischen derart domestiziert, dass eine freilaufende
Rufsäule ihn dahingehend motiviert in kleine, der Schallausbreitung oder Schallsammlung
eher hinderliche Öffnung zu sprechen, wobei er die anatomisch korrekte menschlichen
Haltung der Lächerlichkeit preisgibt.
ii
Ein wichtiger Beitrag spielt hierbei auch die Tütensuppe, aber da dies nicht besonders
männlich ist verzichte ich hier auf die Geschichte. Vielleicht später einmal.
107
„Was für eine Spezies?“ schrie ihn Schulz an.
„Mensch, von der Erde,“ sagte er geistesabwesend und nahm
unbewusst Haltung an.
„Woher sollten diese Spezies wohl sonst kommen. Leider sind
alle Grav-Wagen unseres Etablissements zurzeit unterwegs, wenn sie
sich bitte ein klein wenig gedulden möchten.“
„Dann schicken sie mir bitte ein normales Taxi oder was auch
immer hier dafür genommen wird.“
„Sagten sie wirklich, sie möchten ein einheimisches Taxi, oder
habe ich mich eben verhört?“ Die Stimme bekam einen ungläubigen
Toni.
„Ja, ich möchte so schnell wie möglich zurück zu meinem
Schiff. Schicken sie mir bitte ein konventionelles Taxi.“
„Wenn sie unbedingt darauf bestehen, in wenigen
Augenblicken steht eines zu ihrer Verfügung.“
Schulz verstummte und einen Moment später fuhr das Taxi vor.
„Gehören sie wirklich der Spezies Mensch an?“ fragte die
Stimme aus dem Gerät noch einmal, aber Frederick bestieg das
Fahrzeug ohne darauf zu antworten.
„Zum Flugplatz, bitte.“ Frederick und setzte sich auf die

i
Denkbar, dass auch Jesus in diesem Ton mit seiner Mutter gesprochen hat als diese im
Rahmen der Aufklärung, ein Thema welches in jeder Epoche schwer vermittelbar war, die
Geschichte mit der unbefleckten Schwangerschaft erklären wollte.
108
Rückbank, wenn man diese so bezeichnen möchte, wozu allerdings
eine gehörige Portion Phantasie gehörte.
Während sich das Fahrzeug in Bewegung setzte, versuchte Frederick
den Anblick des kalilischen Taxifahrer zu vermeiden, der in einem,
halb mit Wasser gefüllten, Goldfischglas saß und einen Fahrstil an den
Tag, soll heißen, Nacht-Nacht-Phase legte, der annähernd an den
erinnerte, den er oft bei Taxifahrern in alten irdischen Filmen gesehen
hatte. Jedes Mal, wenn der Fahrer an eine Kreuzung mit den seltsamen
Leuchtzeichen ankam, die er auch schon auf der Hinfahrt bemerkt
hatte, brachte der Fahrer sein Fahrzeug und scheinbar sich selbst auch
auf Höchstgeschwindigkeit, raste darüber hinweg, um dann erst einmal
eine längere Strecke schleudernd zurückzulegen, wobei das Fahrzeug
einer Physik zu gehorchen schien, welche höchstwahrscheinlich im
hinterem Bereich der Chaosphysik anzuordnen war.
Diese spezielle und dennoch ungewöhnliche Fahrweise war darin
begründet, dass sich die kalilischen Taxifahrer weigerten einen
Schutzanzug zu tragen, mit dem sie in der Lage gewesen wären die
erhöhte Schwerkraft des Grav-Belages zu ertragen. So mussten die
Taxifahrer mit Höchstgeschwindigkeit über den Grav-Belag fahren, da
die erhöhte Schwerkraft sonst von diesem ihr Recht gefordert hätte
und der betreffenden Kaliler noch platter geworden wäre, als er
ohnehin schon war. Durch die kurzzeitig hohe körperliche Belastung
werden die meisten Taxifahrer allerdings in der Regel kurzzeitig
109
ohnmächtig, was die Schleuderpartie danach erklärte, aber nicht
gerade angenehmer macht.
Nachdem Frederick heil an seinem Dosen-Schiff ankam und er den
Taxifahrer bezahlt hatte, kniete er nieder, küsste den Boden, schrie so
laut er konnte und versuchte anschließend sich an einige Dinge im
Bereich der Religion zu erinnern. Da er dieses Unterfangen nach
einiger Zeit aber erfolglos einstellen musste, stand er widerwillig auf
und stieg mit zitternden Knien die Treppe hinauf.
Der Taxifahrer, der außerhalb des Grav-Belages des Flugplatzes stand,
liebte es seine irdischen Fahrgäste zu beobachten, wenn er mit ihnen
fertig war und in diesem Fall bekam er alles geboten was die Palette
hergab. Er gab Vollgas und fuhr lächelnd, jedenfalls sollte es lächeln
darstellen, los.

Frederick schleppte sich durch das immer noch kaputte Außenschott in


das Innere des Schiffes, geradewegs zum Freß-O-Mat. Er drückte die
Aktivierungstaste, obwohl das Gerät mit einem Sensor ausgestattet
war, aber namhafte und vor allem teure Psychologen hatten nach
mehreren Jahren Feldforschung herausgefunden, das eine gewisse,
wenn auch nur vordergründige aktive Kontrolle notwendig für die
Selbstachtung eines vernunftbegabten Lebewesen wäre. Bei dieser
Gelegenheit wurden die irdischen Geräte, auch wenn eigentlich nicht

110
nötig, hiermit ausgestatteti.
„Guten Abend, Herr Leutnant. Es ist jetzt genau 23:45 Uhr
mittelirdischer Zeit. Jedes meiner gespeicherten Gerichte, welches sie
zu diesem Zeitpunkt noch einnehmen, schadet ihrer Gesundheit, mit
der es, mit Verlaub gesagt, zur Zeit nicht gerade zum Besten steht, bei
der unausgewogenen Ernährung, die sie in letzter Zeit zu sich
genommen haben!“ tönte die freundliche klingende Stimme, die ihren
Ursprung irgendwo in dem Freß-O-Mat hatte und gewisse
Mutterqualitäten aufwies. Er hatte das Gerät schon des Öfteren zerlegt,
mit dem Ziel an den Ursprung der Stimme zu kommen und dieser dann
den Garaus zu machen, hatte es aber nie geschafft, denn der
Lautsprecher war sehr gut versteckt, da sich die Schöpfer dieses
Gerätes eine ähnliche Reaktion des jeweiligen Besitzers
vorausgesehen hatten, wohin permanent rezitierte gesundheitlichen
Ermahnungen führen würden.
„Ja, ja, gehabe dich auch wohl. Halte bitte die Klappe und gib
mir einen doppelten Whisky und eine Aspirin.“
Bewusst verzichtete er auf das Eis, da seit seiner letzten Jagd auf den
Lautsprecher etwas mit der Eiszubereitung nicht mehr stimmte. Die
Eiswürfel hatten neuerdings die Farbe eines Feuerlöschers und den
Geschmack eines Bremsbelages, natürlich eines asbestfreien. Er

i
Der eigentliche Grund waren die teuren Umstellungsmaßnahmen an der
Produktionsstrasse.
111
vernahm das immer gleich klingende mahlende Geräusch des Freß-O-
Mat, egal ob er einen Kaffee oder ein T-Bone-Steak zubereitete und
kurze Zeit später hielt er einen gelben Plastikbecher in der Hand. Die
braune Flüssigkeit erinnerte wirklich entfernt an Whisky, allerdings
stellte Frederick fest, das diese Flüssigkeit verdächtig nach Aspirin
roch.
„Wo ist denn das Aspirin?“ fragte er den Freß-O-Mat, obwohl
ihm sein Unterbewusstsein bereits gemeldet hat, wo dieses stecken
könnte.
„Das befindet sich bereits in ihrem ungesunden Getränk, Herr
Leutnant.“ antwortete dieser schnippisch.
Frederick war klar, dass jede weitere Diskussion über die Zubereitung
seines Whiskys vertane Zeit war und so kippte er das Gesöff mit einem
Zug herunter, um so zu vermeiden es noch einmal riechen zu müssen.
Der Geschmack war wie erwartet widerlich und er wunderte sich, dass
er nicht auf einem Auge erblindete. Nach dem fünften Aspirin-Whisky
erreichte er die angestrebte Wirkung, die er sich eigentlich schon von
dem ersten erhofft hatte, nämlich das seine Knie ihr Eigenleben
aufgaben und aufhörten bar jedes Taktes zu zittern.
Nun, in etwas aufgemunterter Stimmung fiel ihm auf, dass das
Außenschott noch immer nicht in den ursprünglichen Zustand
rückversetzt worden war, obwohl Roderick den Reparaturauftrag
schon längst gestellt hatte. Außerdem hatte er seit seiner Ankunft noch
112
keinerlei spitzfindige Bemerkung seitens seines Schiffscomputers,
weder über seinen Zustand noch über seine Trinkgewohnheiten,
vernommen. Durch den inzwischen entstandenen Whiskynebel, der
sich langsam lähmend über seine Gehirnwindungen legte und dort das
veranstaltete was Frederick von ihm verlangte, tastete sich langsam
und vorsichtig ein Gedanke zur richtigen Windung durch und ließ dort
ein wahres Feuerwerk an Schreckensvisionen explodieren, um dann
anschließend seine Aufgabe an die Hormone abzugeben, die
pflichtbewusst besonders ausreichend Adrenalin auf den Markt
schmissen.
Da ja bekanntlich der erste Gedanke, der einem in seltsamen
Situationen kommt meist der richtige ist, wollte Frederick
Selbsterhaltungstrieb schleunigst das Weite suchen. Doch gerade, als
er sich zum Verlassen des Schiffes anschickte, öffnete sich die Tür der
Steuerungszentrale. Mittels eines geschickten Sprung über die
Tischplatte und einer etwas weniger geschickten Landung, welche er
dem Whisky zuschrieb, sein zunehmend einmischendes
Unterbewusstsein allerdings richtigerweise seiner mangelnden
körperlichen Fitness zuordnete, brachte er sich hinter dem Freß-O-Mat
in Deckung, mit der Hoffnung, dass dieser sich hierdurch zu keinerlei
gesundheitlichen Kommentar genötigt fühlte und somit sein einzig
erreichbares Versteck unbrauchbar machte, was in der Tat
wahrscheinlich ungesund enden würde. Ausnahmsweise blieb ihm
113
jeweiliger Kommentar des Gerätes erspart.
Das Adrenalin, welches sich nun im wahren Übermaß in seinem
Körper vor sich hin tummelte, verhinderte das Frederick den Schmerz
in seiner Schulter sofort spürte. Verzweifelt schaute er sich in der
Küche um und suchte nach Dingen, die sich als Verteidigungswaffen,
Hilfsmittel der körperlichen Gewalt, zweckentfremden ließen, aber
außer einer Plastikgabel bei der schon ein Zacken fehlte, war nichts
anderes aus seiner momentanen Lage heraus erreichbar. Er tröstete
sich mit dem Gedanken, falls er diese Gabel einsetzten müsste, würde
sich das potentielle Opfer entweder totlachen oder aber unter
Umständen posthum an einer Blutvergiftung sterben, da sich an den
verbleibenden Gabelzacken noch Essenreste eines angeblichen Wiener
Schnitzel befanden. Mit viel Glück würde man diese Gabel mit in sein
Grab als Grabbeilage legen und er somit vielleicht bei späteren
Ausgrabungen der Nachwelt wenigstens noch ein Rätsel auferlegen
können.
Durch einen metallisch klingenden Schlag, wurde er aus seinen
Gedanken gerissen. Vorsichtig, dabei die Gabel wie einen Degen
umfassend, schaute er hinter dem Automaten hervor und sah, wie ein
Reparaturroboter versuchte das Schiff zu verlassen, ohne dabei
allerdings dem regulärem Ausgang die dabei erforderliche Beachtung
zuzumessen, die dem angestrebten Ziel mit Sicherheit zum Vorteil
gereichen würde.
114
Der Wartungsroboter donnerte mehrmals mit der Präzision eines
Schweizer Uhrwerkes gegen die Wand, wobei diverse Funken
elektrischer Entladungen aus ihm sprühten und Qualm aus seinem
Kopf austrat.
Frederick, der immer noch angriffsbereit seine Gabel dem
vermeintlichen Eindringling entgegen streckte, betrachtete wie
hypnotisiert das seltsame Treiben des Roboters, bis dieser plötzlich,
nach einer Reihe von kleinen Explosionen im Zeitlupentempo auf die
Seite fiel und regungslos liegen blieb. Vorsichtig erhob sich Frederick
und ging, die Gabel wie einst Zorro zum tödlichen Streich nach vorn
gerichtet zu der Stelle, an der der Roboter lag und berührte leicht mit
der Fußspitze das zerschundene Gehäuse des Roboters. Als dieser
plötzlich seinen Kopf drehte und dabei ein knirschendes Geräusch von
sich gab, ließ Frederick mit einem erstickenden Schrei seine Gabel
fallen und sprang gleichzeitig ungefähr einen Meter zurück.
„Roderick, was in aller Welt geht hier vor?“
„Oh, Hallo! Auch schon zurück?“
„Ja, aber was in aller Welt geht hier vor?“ wiederholte
Frederick seine Frage, sich dessen bewusst, dass Wiederholungen
nicht immer gefallen, aber in der momentanen Lage fiel ihm nichts
Besseres und linguistisch Ausgefalleneres ein. „Und warum benimmt
sich dieser Haufen Schrott so komisch?“
„Dieser Haufen Schrott, wie du dich zuweilen auszudrücken
115
pflegst, heißt Oliver und ich habe ihm, übrigens auf deinen Rat hin,
gezeigt wo der Frosch die Locken hat. Ich hoffe deine Verabredung
war ebenfalls vom Erfolg gekrönt und du hast der Dame ebenfalls
gezeigt, wo das bereits erwähnte Amphibium eine ungewöhnliche, im
Übrigen auf ein defektes Gen zurückführende, Harrform hat?“
„Das steht hier im Moment nicht zur Debatte.“ sagte Frederick
verlegen. „Sag mir lieber, was passiert ist und warum wir jetzt den
Schrott hier in der guten Stube haben.“
„Scheinbar hat Oliver unser erstes Rendezvous noch nicht
richtig verkraftet. Ich habe seinem Glück ein klein wenig nachgeholfen
und nun scheint er ein wenig verwirrt und orientierungslos. Aber wenn
ich Oliver erst einmal nachjustiert habe, sollte das kein Problem mehr
sein“, zwitscherte Roderick vergnügt.
„Was soll denn das heißen, dass du seinem Glück ein klein
wenig nachgeholfen hast?“ fragte Frederick unsicher nach. „Nein, sag
es mir lieber nicht, ich will es lieber erst gar nicht wissen. Sieh zu,
dass das hier wieder in Ordnung kommt. Ich für meinen Teil gehe jetzt
in mein Bett, aber vorher werde ich versuchen die Tür zumindest
zuzuhängen, damit ich beim Schlafen wenigstens nicht von außen
gesehen werden kann.“
Frederick ging an die Bordapotheke, entnahm eine dieser
unwahrscheinlich notwendigen Erste-Hilfe-Aluminiumdecken und
versuchte diese an dem Türrahmen, der vor noch kurzer Zeit einmal
116
eine funktionierende Tür beherbergte, zu befestigen. Trotz einiger
guter Ideen hinsichtlich der Befestigung, welche nur durch eine
mangelhafte und auf technisch unzureichende Ausbildung verweisende
Ausführung nicht zum tragen kamen, gelang es ihm nicht sich einen
einigermaßen zufrieden stellenden Sichtschutz zu schaffen.
„Verdammt!“ fluchte Frederick leise vor sich hin. „Hättest du
den Roboter nicht zuerst die Tür reparieren lassen können, bevor du
ihn dir zur Brust genommen hast?“
Sichtlich genervt schmiss er alles hin, gab sich seiner Abendtoilette
hin und kehrte kurze Zeit später sichtlich entspannt und nass wieder
zurück. Er legte sich in sein Bett und ließ das Licht ausschalten.
Während er versuchte einzuschlafen gingen ihm die Ereignisse des
vergangenen Tages noch einmal durch den Kopf und er zog das
Resultat, dass es ein ereignisreicher aber dennoch höchst beschissener
Tag war, den er am liebsten aus seinem Leben streichen würde, aber er
hatte die wage Ahnung, dass dies nur der Auftakt war, solange er sich
auf diesem komischen Planeten befand. Dennoch gab es da eine Sache,
die ihn noch brennend interessierte.
„Roderick?“ fragte er in das Dunkle hinein. „Wie war es denn
so mit dem Wartungsroboter?“
„Wie war was?“ kam die Frage aus dem Dunkel zurück.
„Na, du weißt schon! Ich meine die Sache mit den Locken.“
„Eigentlich spricht der Gentlemen ja nicht über solche Sachen,
117
aber ich war wirklich gut und sollte mir meinen NF-Ausgang
vergolden lassen. Mein kleiner Oliver hat die süßesten und weichsten
Schwingkreise, die mir bisher untergekommen sind. Und wie ist dein
Abend so gelaufen?“
„Mein Abend ist scheinbar nicht so erfolgreich verlaufen wie
deiner. Ich sollte nur als ein weiterer zahlender Kunde gewonnen
werden. Aber mal ganz abgesehen davon, was machen eigentlich deine
Streifzüge in den verschiedenen Dateien dieses merkwürdigen
Planeten bezüglich unseres Klienten?“
„Die Suchprogramme sind noch an der Arbeit, aber bis jetzt ist
noch keine Spur der von uns gesuchten Person ausfindig gemacht
worden. Aber bis morgen früh dürften die endgültigen Ergebnisse
vorliegen und dann werde ich mich wieder um die Tür und den kleinen
süßen Oliver kümmern. Reicht dir vorerst diese Auskunft?“
Frederick hatte die letzte Bemerkung nicht mehr gehört. Leise
schnarchend näherte er sich bereits dem nächsten Tag.

Sein Brustkorb hob gerade wieder an um sich für den nächsten, allseits
gefürchteten Schnarchlaut zu rüsteni, als die momentane Stille durch
einen lauten Knall und ein anschließendes Heulen und Zischen
durchbrochen wurde. Der anschließende orkanartige Wind, der durch
die fehlende Außentür in das Innere des Dosen-Raumschiff fegte, warf

118
einige herumliegende Dinge und den defekten Wartungsroboter an die
nächst erreichbare Wand. Hierdurch wurde der Haufen Schrott, der
vormals als Wartungsroboter der Klasse 5 klassifiziert war,
vollkommen in seine Einzelteile zerlegt. Die verschiedenen
hervorquellenden Einzelteile suchten sich wie kleine, in die Freiheit
entlassene Lebewesen zunächst vorsichtig und dann doch zielstrebig
Verstecke in den einzelnen Ecken und Winkeln des Schiffes.
Das Heulen und Zischen verstärkte sich, alles begann wie ein an Land
geworfener Fisch hin und her zu zappeln. Urplötzlich wurde alles in
die Höhe gerissen und Sekunden später, als der Lärm auf seinem
Höhepunkt angekommen war wieder zu Boden geworfen, was die
Struktur mit einem gequältem Seufzen quittierte.
Fredericks Brust wurde von einem ungeheuren Druck so schmerzhaft
zusammengedrückt, dass es ihm kurzzeitig Dunkel vor Augen wurde,
allerdings nicht dunkel genug damit von seitens des Gehirnes das
Bewusstsein ausgeschaltet wurde um erst dann gnädigerweise wieder
aufzuwachen, wenn das ganze vorüber war.
Sein Gehirn nahm das Anschwellen des Lärms wahr, ebenso wie den
erreichten Höhepunkt, der in Lautstärke und Rütteln an seinem
Nervenkostüm vergleichbar war mit den fünf Minuten des Heihe,
Heiho, Heiha der Brunhilde in dem Wagnerstück, welches er einmal
über sich ergehen lassen musste, als er in der zwölften Klasse versucht

i
Mit denen er bereits im Büro brilliert hatte.
119
hatte seine Musiklehrerin zu verführen, was beinahe auch geklappt
hätte, wenn er nach dem Stück nicht eine Kopfschmerztablette
verlangt hätte, was irgendwie seinen Absichten und der Stimmung der
Musiklehrerin abträglich war. Er verlor sich in der Hoffnung, dass nun
nach alter Manier und dem hoffentlich auch hier gültigen Naturgesetz
des Dopplereffektes nun der angenehmere Teil des Lärms zu erwarten
war, dass langsame Abschwellen mit anschließender Einkehr von
Ruhe und Stille. Darauf vorbereitet, dass die Stille nun in einiger Zeit
eintreten würde, traf ihn die plötzliche, totale Stille wie ein
Hammerschlag, die ihn unfähig machte, irgendeiner Regung
nachzugehen. Er vergaß sogar das Atmen.
„Eine schöne Morgen-Morgen-Phase wünsche ich! Darf ich an
Bord kommen?“ rief eine tief dröhnende Stimme von außen, begleitet
von schweren Schritten, die sich mühsam die Treppe heraufschleppten
und signalisierten, dass eine positive Antwort sowieso erwartet wurde.
Ein massiger, runder Kopf der von einem ebenso massigen und runden
Körper begleitet wurde erschien im Türrahmen. Die Masse Mensch,
die da auftauchte und an einen Mönch einer alten Bierreklamei der
Erde erinnerte, wartete wie erwartet keine Antwort ab und betrat das
Dosen-Schiffes. Sein Blick wanderte durch die inzwischen sehr

i
Aus den Zeiten, in denen das Reinheitsgebot solche Dinge wie Vitamine oder andere, der
Gesundheit zuträgliche Zusätze noch strengstens untersagte. Säuferleber ist inzwischen nur
noch ein unerreichbarer Traum von Berufstrinkern.
120
spärliche Inneneinrichtung unter Begleitung eines beängstigend
rhythmischen Pfeifens seiner Lunge. Schweißperlen, hervorgerufen
durch unmenschliche Anstrengung, liefen in Kanälen durch sein
Gesicht. Vor sich hintropfend schien er zu entdecken, was er in dem
Durcheinander suchte und ging darauf zu, wobei er weiterhin
pfeifende Geräusche von sich gab. Er wühle in einem großen Haufen,
der durch den Orkan in einer der Ecken entstanden war und zog sich
einen Stuhl hervor. Diesen wischte der Bierreklame-Mönch mit seinem
Schweißtuch ab und ließ sich unter Hervorbringung undefinierbarer
Geräusche darauf nieder, worauf dieser einen ebenfalls gequälten
Seufzer von sich gab, aber seinen Besitzer in der von ihm gewünschten
Lage hielt, als bekäme er dafür posthum einen Orden.
Frederick, der inzwischen schon eine leicht blaue Färbung aufzeigte,
war noch immer zu keinerlei Regung fähig. Mühsam stand die Masse
Mensch wieder von seinem Stuhl auf und trottete auf Frederick zu. Er
holte mit seinem rechten Arm aus, in dessen Ende sich auch sein
Schweißtuch befand, der eigentlich nicht an einen Arm, sondern eher
an eine riesige Keule erinnerte und gab Frederick mit der Hand, die
eigentlich eine Pranke eines Gorillas hätte werden sollen, eine laut
schallende Ohrfeige, worauf dieser nicht nur eine äußerst nasse Wange
erhielt, sondern auch wieder stoßartig zu atmen begann.
Gleichgültig, als wäre nichts geschehen, schleppte sich die Masse
Mensch wieder zu seiner Sitzgelegenheit zurück und nahm auf diesem,
121
unter Anwendung des gleichen Rituals wie zuvor, wieder seinen Platz
ein, wobei der Stuhl allerdings diesmal seine Last weniger geduldig
ertrug und ein klein wenig mehr nachgab als allgemeingültig gut für
seine Struktur war.
Fredericks Lungen füllten sich ruckartig mit Luft. Er schnappte derart
gierig danach, als hätte er einen fünfstündigen Spaziergang im
Weltraum ohne Sauerstoffpack hinter sich gebracht. Sein Brustkorb tat
bei jedem Atemzug weh und er hatte das Gefühl als hätte man ihm
jede Rippe einzeln herausgenommen, einen Knoten hineingetan und
dann nicht wieder in der richtigen Reihenfolge eingesetzt.
„Wer sind sie?“ sprach er stockend und unter großen
Schmerzen. „Und vor allem was war das eben?“
„Mein Name ist Pater Noster und diese kleine eindrucksvolle
Demonstration an Lärm war der Start unseres hochverehrten Kapitän
Hartners mit seinem Schiff, um eine seiner delikaten Pizzen
zuzustellen. Aus unerfindlichen Gründen bevorzugt unser Kapitän
einen Start mit altertümlichen Feststoffraketen, anstatt das Eierpunsch-
Hewett-Triebwerk zu benutzen.“ Er unterbrach seinen Redeschwall
um mittels seines Schweißtuches den Sturzbach an Schweiß von seiner
gewaltigen Stirn zu putzen.
„Ich glaube der Kapitän liebt diese theatralischen Dinge und
sein Schiff ist ja nun auch der geeignete Gegenstand für diese Art von
Auftritten. Ich kann nur hoffen, dass der Kunde diesmal in der Lage ist
122
seine Bestellung zu bezahlen. Der letzte war es nicht und es dauert
eine ganze Weile, bis ich 350 Letzte Ölungen posthum ausgesprochen
hat, dass können sie mir wirklich glauben.“ Er unterstrich jeden Satz,
manchmal auch bestimmte Wörter mittels einer atemberaubend
kompliziert anmutenden Gestik, die seine riesigen Pranken anmutig
und leicht wie kleine Vögel erscheinen ließen, was im genauen
Gegensatz zu der Langatmigkeit und Müdigkeit seiner Ausführungen
stand.
„Pater Noster ist das nicht ...?“ begann Frederick mühsam zu
sprechen, wobei er feststellte, dass der Schmerz langsam aber stetig
nachließ. Weiter kam er aber nicht, da er durch einen erneuten
Redeschwall des Paters unterbrochen wurde.
„Ja, eine altertümliche Art Fahrstuhl. Aber dies kam erst
zustande, als ich mich dazu entschlossen hatte meinen weiteren
Lebenslauf im Schoße der Kirche und zum Wohle des Herrn zu
verbringen. Im Laufe der Zeit habe ich mich allerdings derart an
diesen Namen gewöhnt, dass ich nichts unversucht lasse, nicht mehr
weiter im Range der Kirche zu steigen um diesen Namen zu behalten,
was mich manchmal dazu zwingt es mit den kirchlichen Geboten nicht
zu genau zu nehmen. Sie stimmen mir doch bestimmt zu, das Pater
Noster besser klingt als Bischof Noster oder?“
„Ganz wie sie beleibten, äh ich meine belieben“, antwortete
Frederick ohne genau zu wissen, was er eben zugestimmt hatte, da er
123
mit der Inspektion seines Dosenschiffes begonnen hatte und sich dem
Ausmaß des Schadens noch nicht ganz bewusst war.
„Dieser Höllenlärm soll vom Start des Schiffes des Kapitän
Hartners her rühren?“ fragte Frederick erstaunt nach. „Der Kapitän
war doch gestern Abend in einem Zustand, der ihn heute morgen
eigentlich mehr unter den Toten weilen lassen dürfte als unter den
Lebenden.“
„Unterschätzen sie bitte den Kapitän nicht. Er dürfte der
einzige Kommandant eines TONIs-Raumschiffes sein, der sein eigenes
Blutreinigungsgerät besitzt und dies auch regelmäßig benutzt.
Eigentlich wäre ich ja gar nicht hier,“ begann der Pater erneut eine
seiner langatmigen und langweiligen Ausführungen, „wenn nicht der
oberste Hirte dieses Planeten es von mir verlangt hätte. Der Herr
Oberst Kardinal Lukul hatte, genau wie meine Wenigkeit, dass
Vergnügen ihrem gestrigen Aufenthalt bei ROSIs beizuwohnen.
Leider waren wir gestern in der Nacht-Nacht-Phase verhindert ihnen
Gesellschaft zu leisten, da wir alle Hände voll zu tun hatten. Die armen
Geschöpfe, die in diesem Etablissement arbeiten benötigten unser
beider Beisch..., Beistand“, verbesserte er sich schnell. „Aber
glücklicherweise haben sie ja schnell Kontakt zu Kapitän Hartner
gefunden.“ Der Pater machte eine kleine künstlerische Pause, die von
seinen Pranken mit einer Geste untermalt waren, die von vornherein
jeweiligen Versuch eines anderen ausschlossen, seinerseits das
124
Gespräch fortzuführen.
„Der Kardinal möchte außerdem über mich herausfinden, mit
welchem Auftrag sie nun eigentlich hier sind und wann sie wieder
abfliegen werden. Dies soll ich allerdings auf diplomatischem Wege
von ihnen erfahren!“
Frederick, der nun wieder ganz Ohr war, als er die Frage des Paters
vernommen hatte, war verblüfft über die Offenheit, mit der die Frage
an ihn gerichtet wurde.
„Wie ich schon meinem Empfangskomitee gesagt habe, zu dem
auch ihr Chef gehörte, bin ich nur zu Inspektionszwecken hier und
werde, wenn ich diese beendet habe wieder weiterreisen, da auch noch
andere Planeten auf mein Kommen harren.“ Diesmal legte Frederick
eine Pause ein. „Aber warum setzen Sie mich über die Absichten des
Oberst Kardinal derart genau in Kenntnis?“
„Es hilft mir sehr mit diesem Planeten und seinen Einwohners
fertig zu werden, wenn ich anderen Leuten das Leben schwer machen
kann,“ antwortete der Pater mit einer wegwerfenden Geste. „Des
Weiteren praktiziere ich neben der Lehre der Bibel und des
Christentums falsche Freundschaft und echten Verrat, genau das was
uns durch die Religion vor Augen gehalten wird. Ich muss ja auch
sehen, wo ich bleibe, den durch blinden Gehorsam wurden noch nie
irgendwelche Werte einer Gesellschaft gerettet oder verteidigt!
Außerdem ist der Kardinal ein Schwachkopf.“
125
Soviel entwaffnende Offenheit verwirrte Frederick und er versuchte
die Absicht des Pater Noster zu erkennen, wurde aber nicht schlau aus
ihm.
„Wenn ich ihnen meine Begleitung anbieten dürfte. Ich glaube
eine Inspektion ohne einen fachkundigen Führer wäre auf diesem
Planeten ein Unterfangen, welches sich nicht gerade angenehm
gestalten dürfte.“
„Damit sie mich besser im Auge behalten können!“ erwiderte
Frederick und schaute dabei den Pater an, welcher langsam und
bedächtig nickte. Frederick hielt trotz allem den Vorschlag für
annehmbar, da er bei den Erinnerungen an den vorherigen Tage eine
Gänsehaut bekam und er eigentlich keinerlei Lust verspürte diese
Erlebnisse zu wiederholen.
„Wenn ich sie bitten dürfte draußen auf mich zu warten, damit
ich mich erst einmal frisch machen kann. Ich nehme ihr großherziges
Angebot an und werde dann in wenigen Minuten kommen.“
„Wenn sie so hartnäckig darauf bestehen, dass ich als ihr
Führer fungiere“, sagte der Pater sichtlich befriedigt, erhob sich laut
schnaufen aus seinem, inzwischen mit einem stromlinienförmigeren
Design ausgestatteten Stuhl, der eine nochmalige Belastung gleich
welcher Größe wahrscheinlich nicht mehr aushalten würde und tapste
schwerfällig aus dem Schiffinneren.
„Lassen sie sich bitte Zeit und fühlen sie sich von mir zu einem
126
Frühstück eingeladen. Richtigen Kaffee und richtige Brötchen, nicht
diesen Kram aus ihrem Freß-O-Mat.“ Dann wischte er erneut seine
Stirn und verschwand er wie er kam, laut schnaufend mit schweren
Schritten.
Frederick sprang auf und eilte zur Dusche. Nachdem er sich frisch
gemacht hatte und einigermaßen klar sehen und denken konnte wandte
er sich an Roderick.
„Roderick! Welche Informationen liegen inzwischen vor und
welche Schäden sind eingetreten durch den flotten Start unseres
Kapitäns?“ Er sprach gehetzt und abgehackt, und außerdem mit
Zahnpasta im Mund.
„Ebenfalls einen schönen Guten Morgen!“ antwortete Roderick
mit einem schnippischen Unterton. „Die Suchprogramme sind mit
ihrer Arbeit noch nicht fertig, da wir ja außerplanmäßig geweckt
worden sind und außer einem geknickten Selbstvertrauen, einem
defekten Außenschott und einem gebrochenen Herzen sind keinerlei
Schäden zu melden.“ Frederick wusste im ersten Moment nichts mit
dieser Aussage anzufangen, aber ein Blick auf die stark verstreuten
Einzelteile des Wartungsroboters, die inzwischen teilweise wieder
neugierig ihre Verstecke verlassen hatten, ließen ihn die nötigen
Rückschlüsse ziehen.
„Das mit Oliver tut mir leid, aber das war nicht vorherzusehen.
Ich werde dich jedenfalls mit diesem Pater verlassen und mich ein
127
klein wenig auf diesem seltsamen Planeten umzusehen. Außerdem
versuche ich etwas in Erfahrung zu bringen was uns weiterhelfen
könnte.“
„Warum hast du mich eigentlich nicht diesem Pater Noster
vorgestellt?“
„Ich halte es für besser, deine bedenklich eigenständige
Intelligenz nicht öffentlich zur Schau zu stellen. So haben wir immer
noch einen Trumpf im Ärmel, falls es brenzlig werden sollte.
Außerdem würden wir damit nur ins Gerede kommen und wir sollten
es tunlichst vermeiden hier aufzufallen.“
„Na ein Glück, dass du dich hier bisher so unauffällig verhalten
hast,“
Frederick trat in das Freie und wurde in diesem Augenblick Zeuge der
Morgen-Nacht-Phase, die mit einem phantastischen Sonnenuntergang
verbunden war. Hätte er nicht noch die vergangen Ereignisse so
schmerzhaft in Erinnerung, so wäre er bei diesem Anblick in
schwärmerisches Entzücken geraten. Er stieg vorsichtig die Treppe
hinab, an deren Ende ein Grav-Wagen der Kirche parkte und in dem
der Pater schon auf ihn wartete. Die Insignien waren gewohnt
prachtvoll und mit Demut gewienert. Die anschließende Fahrt, auf der
nur Belanglosigkeiten zwischen ihm und dem Pater ausgetauscht
wurden, war ebenso angenehm wie die Fahrt mit dem Wagen von
ROSIs, allerdings war der Fahrer des kirchlichen Grav-Wagens bei
128
weitem nicht so attraktiv wie der gestrige Fahrroboter. Nach kurzer
Fahrt tauchte zu Fredericks Verblüffung wieder das Gebäude von
ROSIs vor ihnen auf und der Fahrroboter hielt ebenso wie der von
gestern vor dem Eingang des Etablissements an und der Pater schickte
sich an auszusteigen.
„Hier wollen sie mich zum Frühstück einladen?“ entfuhr es
Frederick leicht entrüstet. „Das ist doch eine Absteige!“
„Aber ja“, erwiderte der Pater hoffnungsfroh und hievte sich
schwerfällig aus dem Fahrzeug heraus. Trotz der geringen Schwerkraft
des Planeten Kalil schien der Pater jedes einzelne Kilogramm zu
spüren, als ob er sich auf einem Planeten mit normaler irdischer
Schwerkraft befände. „Das ist der einzige Ort auf diesen Planeten, an
dem man als Mensch existieren kann, der Rest des Planeten ist gut für
diese ekligen Viecher mit ihren Tentakeln und ihrem bestialischen
Gestank. Hier aber, an diesem Hort der Freude und Warmherzigkeit,
haben sie einen echten menschlichen Koch, menschliche Umgebung
und echten irischen Whisky. Und die Weiber sind auch nicht schlecht.
Was also wollen sie zum Teufel mehr?“
„Doch, man erkennt an ihrer toleranten Einstellung, dass sie
ein wahrer Mann der Kirche sind und sich stets Sorgen um ihre
Schäflein machen.“ sagte Frederick nicht ohne eine gehörige Portion
Ironie in seine Worte zu legen und stieg ebenfalls aus dem Fahrzeug.
Gemeinsam schlenderten sie dem Eingang entgegen, der genau wie am
129
Abend zuvor durch die Morgen-Nacht-Phase im Dunklen lag und nur
durch das Reklamelicht beleuchtet wurde. Im Salon selbst roch es
ausgezeichnet nach frischen Brötchen und Kaffee. Sie setzten sich an
einen Tisch und der Pater bestellte, wobei sich bei Frederick, aufgrund
der vom Pater abgegebenen Bestellung, eine leichte Vermutung über
die Herkunft von dessen immense Leibesfülle breit machte, die
keinerlei Bestätigung von seitens des Paters benötigte als die ersten
Portionen eintrafen und dieser zu essen begann. Frederick war
überrascht von dem Frühstück, welches tatsächlich zu genießen war
und er stellte außerdem erfreut fest, dass weder Aphrodite noch eine
andere Dame anwesend war.
„Sagen sie Herr Leutnant, wie sind denn nun ihre weiteren
Pläne?“ begann der Pater und bohrte sich dabei mit der Gabel in seinen
Zähnen. „Wollen sie jetzt tatsächlich diesen öden Planeten inspizieren
oder wollen sie gleich weiter, dorthin wo was los ist und man sich
noch anderen Lustbarkeiten hingeben kann, als den paar auf unserem
ärmlichen Planeten.“
„Ja, leider. Sie wissen ja wie das ist, so mit Befehl, blindem
Gehorsam und dem ganzen Kram.“
„Dann sollten wir uns unverzüglich auf den Weg machen,
damit sie ihren Inspektionsbericht schleunigst in Angriff nehmen
können. Aber vorher sollten sie noch die Spezialität dieses Hauses
kennen lernen. Einen Verdauungsschnaps der Extraklasse, den sie nur
130
hier genießen können. Aufgesetzt aus den Kräutern der Gegend und
versehen mit 100 Prozent Alkohol und einigen Geheimnissen des
Küchenchefs, die er aber nicht weitergibt.“
„Angst vor der Konkurrenz?“
„Nein, Angst vor der Polizei!“ erwiderte der Pater und ließ ein
schallendes Lachen erklingen, der den Kronleuchter an der Decke in
gefährliche Schwingungen versetzte.
„Endschuldigen sie diesen alten Kalauer, aber ich liebe das.“
Der Pater bestellte den eben angekündigten Rachenputzer und der
Küchenchef ließ es sich nicht nehmen den Schnaps selbst zu servieren.
Misstrauisch beäugte Frederick die milchig-weiße Brühe, die sich nur
vom Geruch her von Scheuermilch unterschied, nicht aber von ihrer
Konsistenz. Der Pater nahm genüsslich das kleine Glas in die Hand
und ließ die Flüssigkeit in seinen Rachen verschwinden und schluckte
das Gebräu ohne mit einer Wimper zu zucken. Hierdurch stiegen
Hoffnungen in Frederick auf und er ließ das Gebräu wie eben gesehen
verschwinden, woraufhin er einen Hustenanfall erster Güte bekam und
ihm die Tränen flossen, als hätte er soeben seine gesamte Familie bis
ins siebte Glied zu Grabe getragen. Richtig schlimm wurde es
allerdings erst, als der Schnaps auf seinem Wege zum Magen seine
Speiseröhre verbrannte um dann in seinem Magen mit der Effizienz
einer 40 Megatonnen-Atombombe an das Aufräumen zu gehen. Kurze
Zeit später war Frederick wieder in der Lage seine Umgebung näher
131
inspizieren zu können, wobei er feststellte, dass einige der um ihn
versammelten Leute scheinbar Wetten abgeschlossen hatten, denn er
sah, wie einige Kreditkarten ausgetauscht wurden um Beträge
umzubuchen während diejenigen, die die Kreditkarten abgaben Laute
von sich gaben, die stark an Flüche erinnerten.
„Was für ein Problem hat der Küchenchef?“ Frederick jappste
und hielt sich dabei den Magen, oder das was vielleicht noch
vorhanden war.
„Eigentlich die ganz normalen! Nur Schnaps, Frauen und das
Gefühl der Größte zu sein“, erwiderte der Pater vor Fröhlichkeit
glucksend. „Nun wie fühlen sie sich?“
„Eigentlich ganz gut“, beantwortete Frederick die Frage,
während ihm Tränen aus den Augen rollten, „bis auf die Tatsache das
mein Kleinhirn geschmolzen ist, der klägliche Rest einen Ausweg aus
meinem Kopf sucht und mein Magen bestimmt gegen mich klagen
wird.“
Frederick wandte sich an den Küchenchef, der neben ihm stand und
über das ganze Gesicht zufrieden strahlte.
„Sagen sie, steht das Rezept dieses Getränkes eigentlich in
einem der Öffentlichkeit zugänglichen Buch oder einer Datei?“
„Nein, dies ist meine eigene Kreation. Ich habe Jahre dafür
gebraucht diese Wirkung zu erzielen. Warum fragen sie?“
„Ich wollte nur ganz sicher sein, dass sich mein Weg mit ihrem
132
abenteuerlichen Gebräu nicht noch einmal im bekannten Teil des
Universums kreuzt.“
„Ah, der Herr Leutnant und der liebe Pater Noster!“ Stürmisch
näherte sich der Botschafter Diftda ihrem Tisch und wedelte aufgeregt
mit den Armen, was irgendwie an eine Windmühle mit Lagerschaden
bei Windstärke Sieben erinnerte.
„Also, nein, was sind sie nur für ein furchtbarer Mensch!“
sagte er in Richtung des Paters. „Mussten sie schon wieder dieses
eklige Gesöff ausschenken lassen.“ Er erreichte den Tisch der beiden,
beugte sich dichter an den Pater heran und flüsterte diesem ins Ohr:
„Wie lange hat er den gebraucht?“
„Oh, Gott sei gepriesen, nur ein paar Sekunden Herr
Botschafter“, erwiderte dieser mit einer Geste, die aber das Gegenteil
aussagte. „Der Leutnant ist härter als ich erwartet habe.“
„So ein Pech, dann habe ich wohl verloren.“ Der Botschafter richtete
sich wieder auf und sprach dann etwas lauter und wieder an Frederick
gerichtet. „Sie müssen dieser rohen Gesellschaft verzeihen, aber hier
gibt es nicht viel Abwechslung. Die Männer hier sind hart, arbeiten
hart und trinken hart. Daher sind sie für alles was den Alltagstrott
unterbricht dankbar. Leider waren sie diesmal Ziel dieser
Unterbrechung. Grämen sie sich nicht, auch ich habe diese
kummervolle Erfahrung hinter mich bringen müssen und mich hatte es
damals volle zwei Minuten umgehauen.“ Er zog sich einen Stuhl
133
heran, setzte sich und bestellte einen Kaffee.
„Verzeihen sie mir, dass ich sie gestern nach der Begrüßung
einfach so verlassen habe, aber ich hatte eine dringende Verabredung
der ich Folge leisten musste. Ich hoffe sie verstehen, diplomatische
Verpflichtungen. Der schmerzliche Weg eines Jeden der sich den
öffentlichen Wohl zur Verfügung stellt.“
Gerade als sich der Botschafter in seine Entschuldigung verbeißen
wollte und sie ausufernd beschreiben wollte wie sehr er sich bereits
um sein Amt verdient gemacht hatte, näherte sich dem Tisch, an dem
sie saßen, der Oberst Kardinal Lukul mit all seinem Amt
verkörpernden würdigen Schritten und huldvoller Miene die innere
und äußere Ausgeglichenheit zur Schau stellte. Er begrüßte die
Anwesenden des Etablissements mittels eines Nickens und trat an den
Tisch heran und verharrte dort einige Sekunden wobei er unvermindert
den Pater anschaute, welcher sichtlich verwirrt zurückschaute.
Schließlich erhob sich der Pater mühsam und bot seinem heiligen
Vorgesetzten seinen Stuhl an, worauf sich der Kardinal mit
befriedigter Mine auf dem angebotenen Stuhl niederließ. Auf ein fast
unsichtbares Zeichen des Kardinals hin, holte der Pater sich einen
neuen Stuhl und setzte sich ebenso mühsam wie er aufgestanden war
wieder hin, peinlich darauf achtend, dass er ja um einiges weiter weg
vom Tisch saß, wie sein Chef. Frederick und die restlichen Gäste
beobachteten fasziniert diese offenkundige Demonstration von Macht,
134
die hinter einer Maske von Nächstenliebe und Erleuchtung verborgen
war, die aber geradezu nach einem Ausbruch dürstete.
„Mein lieber Herr Leutnant! Ich freue mich außerordentlich sie
wieder zu sehen und hoffe das unser lieber Pater Noster sie bei der
Erfüllung ihrer Aufgabe unterstützen und beraten kann, da dieser
Planet doch die eine oder andere Tücke beherbergt, auf die eine
Neuankömmling in der Regel doch nicht vorbereitet ist.“ Der Oberst
Kardinal schaffte es seine huldvolle Miene, auch während er mit seiner
lauten und schneidenden Stimme redete, beizubehalten. „Schließlich
ist es auch eine der vornehmsten Aufgaben der Kirche sich um seine
Gläubigen zu kümmern und ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu
stehen.“
Bei der letzten Äußerung hob er ruckartig seine bis dahin gefalteten
Hände in die Höhe wie zu einer Segnung.
„Amen!“ rief einer der anderen Gäste, woraufhin sich ein
allgemeines Gelächter unter den übrigen Gästen erhob. Der Kardinal
drehte sich mit der Geschwindigkeit und Gewandtheit eines Yon um,
welches zwar ein Koloss von 12 Tonnen ist, aber extrem flink zugange
ist, besonders bei der Nahrungsbeschaffung. Mit hasserfüllter Miene
starrte er in die Menge, welche über die plötzliche
Stimmungsänderung des Kardinals mehr als verblüfft war und eine
seltsame Mischung aus Furcht und Ablehnung machte sich unter den
übrigen Gästen breit, da etwas Unheimliches von diesem Kardinal
135
ausging.
Der Botschafter, dem diese Szene sichtlich unangenehm war,
versuchte den Kardinal zu beruhigen.
„Es ist wirklich bemerkenswert rücksichtsvoll und äußerst
weitsichtig von ihnen mein lieber Oberst Kardinal Lukul, dem Herrn
Leutnant ihren Pater zur Verfügung zu stellen, da wir beide ja doch
einigen Verpflichtungen nachkommen müssen und somit nicht
ausreichend Zeit hätten um uns gebührend um unseren Gast zu
kümmern.“ Der Botschafter legte seine Hand auf die Schulter des
Kardinals, der noch immer in die Menge starrte und dabei wortlos
seinen Mund bewegte. Aufgrund dieser Berührung schien der Kardinal
sich augenblicklich wieder zu beruhigen und während er sich ihnen
wieder zuwandte, kehrten seine ausgeglichenen Gesichtszüge langsam
wieder in sein Gesicht zurück.
„Wo war ich gerade stehen geblieben, mein lieber
Botschafter?“
„Ich wollte ihnen gerade sagen, wie unendlich dankbar bin,
dass sich die Kirche so rührend um mich kümmert“, fiel Frederick ein,
wobei er scheinbar genau den entscheidenden Nerv beim Kardinal traf,
da dieser anfing zu lächeln wie ein verblödeter Alkoholiker dem der
Weihnachtsmann einen 12000 Liter fassenden Tankwagen voller Fusel
zu Weihnachten gebracht hat.
„Aber fairer weise sollte ich ihnen dennoch gestehen, dass ich
136
praktizierender Atheist bin und mein letzter Kirchenbesuch praktisch
mit dem Tag meiner Taufe zusammenfallen dürfte.“
„Es freut mich, dass sie so offen mit mir sind, aber ich bin
dennoch froh ihnen behilflich sein zu können.“ Der Kardinal legte
wieder eine seiner berühmten Segnungsgesten hin und fuhr fort.
„Außerdem hat unser lieber Pater Noster schon ganz andere Fälle
wieder auf die Seite der Kirche zurückgezogen, was allerdings nicht in
den momentanen Aufgabenbereich des Paters fällt.“ Ruckartig drehte
er sich dem Pater zu, der bis dahin eher abwesend an seinem Kaffee
genippt und dem Geschehen nur wenig Aufmerksamkeit gezollte hatte.
Durch diese plötzliche Verlagerung der allgemeinen Aufmerksamkeit
verschluckte sich der Pater und belegte die Anwesenden, begleitet von
einem ohrenbetäubenden Husten der sich recht rasch zu einen
ausgewachsenen Hustenanfall mauserte, mit einem wahren Platzregen
von Kaffeetröpfchen. Erst der Einsatz von verschiedenen Maßnahmen
der Anwesenden, die aus einer Mischung von Erste-Hilfe-Griffen,
guten Ratschlägen und einem Quäntchen reiner, brutaler Gewalt
bestanden, besonders durch den Kardinal, konnten den Hustenanfall
schließlich eindämmen. Nur gelegentlich gelang es dem Hustenreiz
noch zu Tage zu treten und ließ die Massen des Paters erzittern, was
bei dessen Leibesfülle mehr an den Untergang Atlantis erinnerte als an
ein normales Husten. Das allgegenwärtige Schweißtuch des Paters
wurde von diesem zu den erneut entstandenen Schweißbächen geführt
137
und es bewies wiederum seine schier unerschöpfliche
Aufnahmekapazität, als es wie ein scheinbar eigenständiges
Lebewesen über das Gesicht des Paters huschte.
„Ja, mein Heiliger Vater“, krächzte der Pater mit einer
unwirklich klingenden Stimme, die sich noch immer mit dem
Hustenreiz einen inneren Kampf um den endgültigen Sieg lieferte.
Frederick registrierte erneut und wiederum mit Erstaunen, welche
Wirkung der Kardinal auf den Pater hatte, obwohl der Pater bisher
einen völlig anderen Eindruck vermittelte. Der angesprochene Heilige
Vater allerdings schien recht zufrieden zu sein über die gezeigte
Reaktion, auch von dem Hustenanfall, obwohl dieser recht feucht für
ihn endete.
„Für die Zeit seiner Anwesenheit bitte ich sie, mein lieber Pater
Noster, dem Herrn Leutnant jederzeit zur Verfügung zu stehen und ihn
dorthin zu bringen und zu zeigen, was dieser von ihnen wünscht.“
Ohne einen eventuell vorhandenen Einwand von dem Angesprochenen
oder von Frederick abzuwarten, stand der Kardinal auf, verabschiedete
sich mit demselben huldvollen Nicken wie bei der Begrüßung und eilte
mit würdigen Schritten dem Ausgang entgegen.
„Sie entschuldigen mich bitte ebenfalls“, murmelte der
Botschafter ausdruckslos und eilte dem Kardinal mit noch eiligeren
Schritten hinterher, die aber nicht im geringsten so würdig erschienen
wie die des Kardinal, obwohl sich der Botschafter alle Mühe gab,
138
sondern es erinnerte eher an den Watschelgang einer Ente.
Laut seufzend sank der Pater in seinem Stuhl zusammen und murmelte
etwas vor sich hin, was vom Tonfall her ein Gebet sein konnte, da aber
Worte wie Saukopf und Idiot darin enthalten waren, konnte es sich
hierbei keinesfalls um ein Dankgebet oder ähnliches handeln. Am
Ende seiner Litanei griff er zu einer Kette, die um seinen Hals hing
und küsste das kleine zierliche Kreuz, welches daran befestigt war.
„Haltet, soweit es von euch abhängt, mit allen Menschen
Frieden. Rächt euch nicht selbst und so weiter und so fort. Stammt aus
dem Römer 12 Vers 18 oder so“, zitierte der Pater. „Aber der Römer
kannte nicht diesen Vertreter Gottes auf Kalil!“ Der Pater drehte sich
Frederick wieder zu. „Sie sind also ein praktizierender Atheist?“
begann der Pater, der sich nun wieder völlig im Griff zu haben schien
und rückte sehr nahe an Frederick heran.
„Glauben sie mir, es ist sehr wichtig in diesem verkorksten Teil
des bekannten Teils des Universums einen Glauben zu haben.“ Der
Pater blickte besorgt in Fredericks Gesicht und es war wirklich Sorge
in seinen Gesichtszügen zu erkennen. Er holte ein altes, abgewetztes
Buch aus den unendlichen Falten seines Gewandes und reichte es
Frederick.
„Der Schwachkopf, Verzeihung, ich meinte natürlich der
Oberst Kardinal sagte zwar es würde im Moment nicht zu meinen
Aufgaben gehören, aber wenn sie Zeit und Muße haben dann blicken
139
sie doch einmal in das eine oder andere Kapitel diese Buches der
Bücher. Alles was der Mensch braucht steht in diesem Buch.“
Frederick nahm das Buch entgegen und lass verwundert den Titel.
„Kulinarische Reise durch den bekannten Teil des Universums,
ein Kochbuch?“
„Oh, Verzeihung, dass war das falsche Buch.“ Der Pater riss
Frederick förmlich das Buch aus der Hand und ließ es wieder in
seinem unergründlichen Gewand verschwinden.
„Was möchten sie den jetzt zuerst inspizieren?“ fragte der
Pater und war sichtlich bemüht das Thema zu wechseln. „Dann können
wir mit diesem Affentheater aufhören und der Kardinal lässt mich
wieder in Ruhe.“
Frederick spürte langsam echte Zuneigung zu diesem obskuren Pater
aufkeimen und versucht ihm entgegen zu kommen, da er spürte, dass
das kurzfristige Erscheinen des Kardinals und des Botschafters in
Verbindung mit seiner dargebotenen Unterwürfigkeit ihm unangenehm
war, allerdings war das eben erlebte dennoch so verwunderlich, dass er
es nicht fertig brachte, hier nicht weiter nachzubohren, auch wenn sich
dies als äußerst unsensibel herausstellen sollte.
„Könnten sie mir bitte sagen, wie viel Menschen von der Erde
oder aus den Kolonien sich im Moment auf Kalil aufhalten?“
„So an die 95 echte Menschen und einschließlich ihrer Person
ungefähr 12 Ungläubige. Warum fragen sie?“ Der Pater wirkte
140
verwundert, unschlüssig über die Absicht, die hinter dieser Frage
lauern könnte.
„Das ist aber sehr seltsam, dass ein für die irdische Wirtschaft
und deren Kolonien ein relativ unbedeutender Planet wie dieser eine
derart hochrangige Vertreter wie einen Botschafter und einen Oberst
Kardinal von der Erde hat, zumal hier auch noch extrem wenige
Menschen Leben, die betreut werden müssen!“
„Das ist auch eine der Fragen die ich mir schon selbst des
Öfteren gestellt habe. In den letzten 20 Jahren habe ich hier nur
wenige Funktionäre der Kirche oder der irdischen Regierung hier
empfangen und die kamen nur deshalb hierher, weil deren Navigatoren
nichts taugten, oder derart betrunken waren das sie sich völlig
verfranzt hatten. Die sind aber so schnell es ging wieder abgezischt.“
Der Pater verstummte und hing seinen Gedanken über die damaligen
Besuche nach.
„Jede Seele sei den obrigkeitlichen Gewalten untertan, Römer
13 Vers 1.“
„Und was machen der Botschafter und der Oberst Kardinal hier
so den lieben langen Tag?“
„Tja, das weiß hier keiner so genau. Der Kardinal ist ziemlich
unnahbar wie sie bestimmt schon gemerkt haben und der Botschafter
ist dafür umso umgänglicher.“ Der Pater wollte seine Kreditkarte in
den Schlitz in der Mitte des Tisches stecken um die Rechnung zu
141
bezahlen, doch Frederick winkte ab und steckte seine stattdessen
hinein. Es erklang ein nervöses Summen im Tisch und die Karte wurde
mit einem abartigen Geräusch förmlich aus dem Schlitz gespuckt.
„Das verstehe ich nicht, ich benutze doch die Univers-Express-
Karte? Das ist laut Werbung doch die Kreditkarte mit den meisten
Vertragspartnern im bekannten Teil des Universum“, sagte Frederick
unsicher, wobei er in das lächelnde Gesicht des Paters blickte. Dieser
zog wortlos seine Karte und steckte diese umständlich in den Schlitz,
wobei er einige Seufzer erklingen ließ. Im Inneren des Tisches
brummte es zufrieden und die Kreditkarte des Paters wurde sanft aus
dem Schlitz geschoben, eine melodische Stimme aus Tiefen des
Tisches dankte dem Pater und wünschte einen weiteren angenehmen
Tag. Frederick erwartete immer noch verwirrt eine Erklärung vom
Pater über die Nichtakzeptierung seiner All-seits gepriesenen
Kreditkarte.
„Glauben sie nicht alles was die Werbung verspricht. Es
stimmt schon, dass ihre Karte die Kreditkarte mit den meisten
Vertragspartner ist, aber meisten heißt eben nicht allen. Hier bei
ROSIs gilt nur die hauseigene Karte. Die wissen hier eben wie man
Geld verdient! Lassen sie sich doch eine Karte am Eingang geben, den
Rest machten die Rechtsanwälte von ROSIs und so einfach sind sie die
alte Karte los.“
„Aber ich bin eigentlich recht zufrieden mit meiner Karte und
142
laut Verbraucherauskunft hat sie die günstigsten Bedingungen und
bietet die meisten Dienstleistungen an. Wenn ich Sachen über 1000
Kredits kaufe, bekomme ich sogar gleichzeitig einen kostenlosen
Flugkilometer gutgeschrieben. Welches andere Kreditkarteninstitut
kann das schon vorzeigen.“ Fredericks Glauben an die Akzeptanz und
an dem Gebrauchswert seiner Karte war noch immer ungebrochen.
„Und außerdem wird sie außerhalb der Erde, nämlich im
bekannten Teil des Universum nicht anerkannt.“, ergänzte der Pater
Fredericks Vortrag. „Hören sie, wenn sie auf ihrer Inspektionsreise
noch weitere Planeten besuchen wollen, kann ich ihnen nur anraten
sich von ihrem unbrauchbaren Stück Plastik zu trennen um dafür etwas
vernünftiges und brauchbares zu nehmen, auch wenn es keine
kostenlose Flugkilometer gibt.“ Der Pater wälzte seine Zentner in die
ungefähre Richtung des Ausganges und trottete darauf zu.
„Aber sogar der Souvenirladen auf Lyra nimmt diese Karte
an!“ Frederick beäugte noch immer seine Karte.
„Ja, aber nur weil die blöd sind. Wer fährt schon freiwillig
nach Lyra? Das ist doch nur ein Eisbrocken von einem Kilometer
Durchmesser und sonst nichts. Kommen sie, ich will das jetzt so
schnell wie möglich hinter mich bringen, ich habe nämlich schon
wieder Hunger und bis zur Mittag-Nacht-Phase möchte ich mit ihnen
und meinem Auftrag fertig sein. Schließlich habe ich auch noch etwas
anderes zu tun, als hier für einen augenscheinlichen Grünschnabel, der
143
zu allem Überfluss auch noch Atheist ist, den Fremdenführer zu
spielen.“
Trotzig schaute Frederick auf seine Karte und ließ diese dann
missmutig in seiner Brusttasche verschwinden. Wieder ein Punkt mehr
auf seiner Liste, die er den Verwaltungsheinis um die Ohren schlagen
wollte, wenn er erst einmal wieder auf der Erde war. Wahrscheinlich
hatte sich der Dienst wieder einmal irgendeinen Mist aufschwatzen
lassen, oder die Sesselpupser waren scharf auf die kostenlosen
Flugkilometer. Er ging hinter dem Pater her und sie verließen das
Gebäude. Wieder hatte er das eigentümliche Gefühl das sich einstellte,
wenn man auf eine kaputte Rolltreppe trat, als die erdähnliche
Anziehungskraft nachließ und er nur noch die Anziehungskraft des
Grav-Belages spürte. Der Grav-Wagen der Kirche fuhr vor und sie
stiegen in das Fahrzeug ein.
„Wir fahren jetzt zum Wohn- und Arbeitsgebiet Woodstock,
wo sich die meisten Menschen, die sich auf Kalil befinden in der
Regel aufhalten.“ Der Pater wirkte missmutig und wälzte sich in den
Polstern des Grav-Wagens wie ein Tier hin und her, auf die Suche
nach einer günstigen Lage.
„Ich erwarte von ihnen, dass sie genau wie ich die Leute in
Ruhe lassen. Die meisten Menschen die auf diesem miesen Planeten
leben, haben eine gewisse Abneigung gegen Einmischung von innen
im einzelnen und von außen im besonderen. Außerdem gegen die
144
irdischen Errungenschaften wie Kirche, Politik und Essmanieren,
besonders gegen das Letztere.“
„Aber warum sind diese Menschen dann auf diesen Planeten
gegangen. Es gibt schließlich eine Menge Planeten, auf denen sie
bequemer leben könnten?“ fragte Frederick verwundert über die
Schroffheit des Paters.
„Das, mein lieber Herr Leutnant ist ganz einfach!“ Der Pater
unterbrach seine Ausführung, da er noch nicht ganz fertig war mit der
Suche nach der richtigen Lage in den bequemen Polstern des Grav-
Wagens war. Der Pater erinnerte Frederick an seinen Hund Rexi, den
er als kleines Kind hatte und der sich auch immer auf seinem
Schlafplatz solange gedreht und gewunden hatte, bis er die richtige
Stellung fand um daraufhin in einen augenblicklichen eintretenden
Schlafanfall zu verfallen.
„Da die Lebensbedingungen auf Kalil nicht gerade gut sind,
ziehen es die Bürokraten und anderweitigen hochrangigen Herren und
Damen der höher dotierten Einsicht vor, diesen Planeten mit ihrer
Abwesenheit zu strafen, natürlich sehr zu unserem Ärger. Die
Einwohner von Kalil sind zwar recht entgegenkommend und haben es
auch zugelassen, das die Menschen sesshaft werden, Grav-Belag
aufbringen und haben ebenso aktiv versucht den hier lebenden
Menschen zu helfen, wo immer es geht, aber in letzter Zeit werden die
Beziehungen zwischen den Menschen und den Kaliler immer mehr
145
von Unstimmigkeiten überschattet, die zwar aus unserer Sicht gesehen
nicht tragisch sind, aber die hochsensiblen Kaliler sehen darin dennoch
eine Gefährdung der Beziehungen.“ Der Pater begann ungeniert vor
sich hinzu Gähnen. „Sie müssen sich immer vor Augen führen, dass es
sich bei den Kalilern um eine hoch stehende Rasse handelt. Haben sie
gewusst, das sich die Kaliler schon beinahe das zweiten Mal
ausgerottet hatten, als wir Erdlinge uns immer noch von Baum zu
Baum geschwungen haben. Wenn das kein Beweis für die hohe Kultur
der Einwohner ist, dann will ich nicht mehr Pater Noster heißen.“ Die
Stimme des Paters wurde immer leiser und schläfriger, obwohl sich
seine Stimme in einer fast beschwörenden Modulation befand.
Frederick schaute zum Fenster des Grav-Wagens hinaus, betrachtete
die Dämmerung, die nun langsam eintrat und die Baumkonstruktionen
in ein wahrhaft gespenstisches Licht tauchten. Das Fehlen einer
Dämmerung, wie er sie von der Erde gewohnt war, konnte entweder
daran liegen, dass sich die atmosphärischen Bedingungen eklatant von
denen der Erde unterschieden, oder vielleicht hat eine seltsame
chemische Reaktion auf der nächst gelegenen Sonne dazu geführt, dass
der Planet in den nächsten Minuten explodiert. Frederick entschied
sich für die erste Variante und lehnte sich entspannt zurück. Er
grübelte über die letzten Ausführungen des Paters, konnte sich aber
keinen Reim darauf machen. Wieder einmal wunderte er sich über die
geringen Informationen, die es über diesen seltsamen Planeten gibt.
146
„Um welche Art von Unstimmigkeiten handelt es sich denn
eigentlich?“ fragte Frederick. Als er keine Antwort außer einem
Grunzlaut erhielt, drehte er sich um und sah das zufriedenen Antlitz
des leise vor sich hin schnarchenden Paters.
Eine Stunde später erreichte der Grav-Wagen die Siedlung, die
Frederick gemäß seiner Legende kontrollieren sollte, aber seitdem der
Pater schlief, dachte er über seinen Auftrag nach und wie er ohne
Verdacht zu erregen das Gespräch auf die Person bringen sollte, die er
suchte.
„Wenn ich doch bloß wüsste was Roderick bisher
herausgefunden hat, dann wüsste ich zumindest wie weit ich mich hier
aus dem Fenster lehnen kann.“ Frederick stieß diesen Satz wie eine
Verwünschung aus. Er wurde wütend auf diesen unsinnigen Ausflug
mit seinem kirchlich verordneten Bewacher. Als der Grav-Wagen
durch das steinerne Tor der Siedlung fuhr, wachte der Pater auf.
„Ich habe das Gefühl, als hätte ich eine Stunde geschlafen“,
sagte der Pater, während er sich regte und streckte. Er schmatzte laut
vor sich hin und kratzte seinen Bauch ausgiebig.
„Sie haben eine Stunde lang geschlafen.“ Frederick schaute
weiterhin aus dem Fenster. Die Gebäude, die sich nach und nach vor
ihm auftürmten waren in einem jämmerlichen Zustand und stürzten
wahrscheinlich nur aus reiner Gefälligkeit gegenüber ihren Erbauern
und aufgrund der geringeren Schwerkraft noch nicht ein. Frederick
147
stellte fest, dass im gesamten Gebiet flächendeckend der Grav-Belag
aufgebracht war, was natürlich keinerlei Platz für eine irgendwie
geartete Fauna ließ.
„Schauen sie sich die Gebäude ruhig an. Das hier ist ein
soziales Glasscherbengebiet. So wie diese Gebäude aussehen, so sieht
es in den Menschen aus, die hier leben und arbeiten, wenn sie denn
mal arbeiten. Sie werden es hier nicht gerade einfach haben als
Vertreter eines staatlichen Organs. Achten sie sorgfältig darauf was sie
sagen und bleiben sie in meiner Nähe.“
Der Grav-Wagen hielt vor einem Gebäude, dass sich von den anderen
Gebäuden dadurch abhob, dass es erstens heruntergekommener als die
anderen aussah und zweitens ein Schild über der Tür angebracht war.
„Versuchsstation für den Weltuntergang.“ Der Pater lass dies
mit einem lächeln auf den Lippen laut vor. „Ja die Bewohner von
Woodstock haben einen sehr feinen Sinn für Humor. Das hier ist die
zentrale Anlaufstelle für die Bewohner, wenn es irgendwas zu regeln
gibt. Hier können sie ihre Inspektion beginnen und am besten auch
gleich wieder beenden, denn hier kümmert sich der eine nicht um den
anderen und somit gibt es auch nichts zu regeln.“
Das Gebäude erinnerte an die Kolonialbauten des 19. Jahrhundert der
Erde. Es handelte sich hier um eine freistehende Villa mit riesigen
Säulen am Eingang zwischen denen eine ebenso große Tür etwas
schlaff in den Angel hing. Die Dachbedeckung bestand, sofern
148
Frederick das richtig deutete, aus einer Mischung zwischen Dachpappe
und Löchern mit der eindeutigen Tendenz zugunsten der Löcher. In
den Fenstern schienen sich schon seit langer Zeit keine Scheiben mehr
zu befinden, sehr zur Freude von einigen einheimischen
insektenartigen Lebewesen, die dort scheinbar ihren Lebensabend zu
verbringen dachten, wenn man ihre komplizierten und umfangreichen
Bauten dort betrachtete. Mit viel Phantasie konnte man sich die
ursprüngliche Farbe der Villa vorstellen, die damals rot gewesen sein
musste, heute allerdings zwischen schmutzig rostbraun und sehr
schmutzig rostbraun lag. Die Villa lag durch den gleichmäßigen Grav-
Belag da, wie auf dem Präsentierteller und Frederick stellte
verwundert fest, dass es an jeglichem Schmutz egal in welcher Form
mangelte. So heruntergekommen das Gebiet der menschlichen
Siedlung auch aussah, es lag keinerlei Schmutz herum.
„Wieso gibt es den hier keinen Schmutz oder andersartige
Abfälle?“ fragte Frederick verwirrt den Pater, der sich aus der
Geschichte der Erde und deren Dokumentierungsmitteln an einige gut
geführte Slums mit allem drum und dran erinnern konnte.
„Wir sind derart uninteressant für die Erde, dass es auch so gut
wie keine Waren von der Erde oder eine ihrer Kolonien für die
Menschen in dieses System eingeführt werden. Und das was es auf
dem einheimischen Markt gibt kann restlos aufgebraucht werden. Die
hier lebenden Menschen nicht gerade viel Geld übrig, da sie das meiste
149
Geld zu ROSIs bringen, wird somit auch alles aufgebraucht.“
„Wieso gehen sie den so oft zu ROSI?“
„Nun“, begann der Pater und machte eine seiner eifrigen,
ausholenden Gesten. „So sehr die Leutchen hier auch die eigentliche
Erde ablehnen, aus unterschiedlichen Gründen die manchmal auch in
der Natur oder des vorherigen Lebenswandel der einzelnen Person
begründet liegen, sosehr sehnen sie sich doch nach den ein oder
anderen Annehmlichkeiten der guten alten Erde und die gibt es halt
nur bei ROSIs. Nun denn, gehen wir mal rein, vielleicht ist ja jemand
da, obwohl ich da meine starken Zweifel habe.“ Der Pater setzte sich
in Gang und schnaufte beim Heraufsteigen der Stufen, wie eine
altertümliche Dampflok, die Frederick einmal in einem Museum
vorgeführt bekommen hatte. Damals war er gerade fünf Jahre alt und
ist laut schreiend vor dem vermeintlichen Dampf ausstoßenden
Ungeheuer weggelaufen. Heute trottete er wie ein Schaf zur
Schlachtbank hinter dem Geräuscheverursacher her und er wurde bei
jedem Atemstoß des Paters an damals erinnert, wodurch der damalige
Fluchtimpuls durch seine Gehirnwindungen drängte wie ein Torpedo
auf der Suche nach seinem Ziel, in diesem Falle dem laut schreienden
Weglaufen. Bevor dieser allerdings das Ziel erreichte und seine
Kindheitserinnerungen durchbrachen, waren sie auch schon an der Tür
angekommen, die sich wiedererwarten geräuschlos öffnete und Einlass
gewährte. Sie betraten das Innere der verfallenen Villa und Frederick
150
blieb vorsichtshalber stehen um sich zu orientieren, während der Pater
unbeirrt seinen Weg fortsetzte ohne sich dabei um seinen Anhang zu
kümmern. Das Innere der Villa lag in einem diffusen Licht und außer
Konturen einiger an Statuen erinnernden Gegenständen konnte er
nichts erkennen. Nachdem sich seine Augen einigermaßen an das
Licht gewöhnt hatten erkannte er, dass sich hier einige Dinge
befanden, die auf der Erde bestimmt den einen oder anderen Käufer
gelockt hätten. Fasziniert betrachtete er die verschiedenen Statuen.

„Römerzeit, ungefähr 200 Jahre vor Christus.“ Die Stimme


hinter ihm brüllte. Eigentlich konnte man nicht sagen, dass sie im
eigentlichen Sinne brüllte, es war eher wie ein gebrülltes blöken.
Pflichtbewusst erschrocken drehte Frederick sich um und stand
Nasenspitze an Nasenspitze einem fremden Wesen gegenüber, welches
zwar menschlichen Spezies angehören mochte, dies aber bestimmt
einige Zeit her sein mochte wobei die eigentliche, geschlechtliche
Einordbarkeit sich als höchst problematisch darstellte. Dieses
menschliche Etwas schien eine leichte, aber erkennbare Abneigung
gegen Wasser und Seife zu haben, denn es verströmte einen leicht
säuerlichen Geruch. Erschrocken durch diese plötzliche Nähe und den
Geruch, den das Fremde verströmte versuchte Frederick sich durch
einen kleinen seitlichen Sprung aus dem näheren Umkreis zu
entfernen.
151
„Ich weiß, ich dufte vielleicht etwas streng, aber wissen sie, ich
bekomme so wenig Besuch, dass ich ab und zu einmal die Hygiene
schleifen lasse. Wenn ich ihren Dienstgrad richtig sehe“, fuhr das
Fremde fort, „gehören sie zu der fleischgewordenen Spezies - Wie
verteidige ich durch blinden Gehorsam Frieden, Freiheit und die
demokratische Verwaltung.“ Den Sicherheitsabstand, den Frederick
sich durch seinen Sprung verschafft hatte missachtend, schob sich das
Wesen wieder an ihn heran.
„Alles unbezahlbare Stücke von der Erde, die mein Mann vor
einigen Jahrzehnten dort, sagen wir mal, gesammelt hatte.“ Die Frau
flüsterte, die sie ja mit hoher Wahrscheinlichkeit nach der letzten
Aussage sein musste und beugte sich dabei sehr nahe an sein Gesicht
herani. Hierbei erkannte Frederick leider auch, dass nicht nur Wasser
und Seife auf der Liste stehen mussten die als überflüssig empfunden
wurden, sondern offensichtlich auch Zahnbürste und ein
medizinischen Mundwasser. Er danke innerlich dem Pater, dass dieser
ihm den seltsamen Schnaps angedreht hatte, denn dieser schien im
Moment zu verhindern, dass ihm richtig übel wurde.
„Wunderbare Stücke. Sie haben hier einen wahren Schatz
angehäuft. Jedes Museum der Erde würde ihnen dafür bezahlen was

i
Es ist irgendwie merkwürdig, aber Menschen die ein ausgesprochenes eigenwilliges
Verhältnis zu ihrer persönlichen Hygiene haben rücken einem immer recht nahe auf die
Pelle.
152
sie verlangen.“ Frederick konnte seine Augen nicht von diesem
wahren Meisterwerk der Bildhauereikunst nehmen und strich
bewundernd über die glatte Marmoroberfläche.
„Nicht war, ich bin reich.“ Die Frau ging zu der Statue neben
der Frederick stand und stieß sie vom Sockel, auf dem diese bis dahin
standhaft und ohne aufzumucken jahrzehntelang ausgehalten hatte. Mit
einem lauten Knall kam die Statue auf dem Boden auf und zerbrach in
zahlreiche kleine Stücke, die sich wieselflink innerhalb des Raumes
verteilten.
„Was machen sie den! Das ist doch ein unbezahlbares, altes
Stück Erdgeschichte.“
„Jetzt nicht mehr!“ kicherte die Frau. „Mein lieber Pater, ich
glaube der Leutnant hat unsere kleine Gemeinde jetzt ausgiebig
inspiziert und möchte jetzt bestimmt ganz dringend wieder abreisen,
um seinen wichtigen Inspektionsbericht zu schreiben, damit er ihn
rechtzeitig zu seiner nächsten Beförderung auf der Erde abgeben kann.
Hier hat bestimmt niemand die Absicht mit ihm zu sprechen oder
einen anderweitigen Kontakt mit ihm herzustellen. Bringen sie ihn
schleunigst zurück zu seinem Schiff, geben ihm einen kräftigen Klaps
von mir auf seinen knackigen Arsch und schicken ihn nach Hause.“
Sie wandte sich wieder Frederick zu, der noch immer bestürzt auf den
Haufen Marmorstücke schaute, welcher vor einigen Sekunden noch
ein unbezahlbares Relikt der Geschichte darstellte und die letzten
153
Sätze nur teilweise mitbekommen hatte.
„Hören sie Leutnant, Geschichte ist die Fiktion, die wir
erfinden, um uns selbst einzureden, das Ereignisse absehbar sind und
dass das Leben Ordnung und eine Zielrichtung hat. Wir möchten hier
nichts mehr mit der Erde zu tun haben. Jeder der hier lebt tut das was
er das möchte und wenn er hier nicht mehr leben möchte, dann geht er
eben wieder. Keiner kümmert sich darum, keiner wird in irgendwelche
Dateien gespeichert oder verwaltet und das soll auch so bleiben.“ Sie
drehte sich um und verließ den Raum ohne Frederick die geringste
Chance einer Erwiderung zu geben, wobei sie leise vor sich hin
kichernd noch der einen oder anderen Statue einen kräftigen Stoß
versetzte, die sich aber, der verringerten Schwerkraft zum Trotz, auf
ihrem Sockel halten konnten, wenn allerdings auch nur sehr mühsam.
„Glauben sie auch, dass die Dame recht hat?“ Frederick wandte
sich an den Pater.
„Ja, ich glaube sie hat recht. Sie haben wirklich einen
Knackarsch“, sagte der Pater ungerührt, da die Ära des Leutnants auf
diesem Planeten für ihn seit einigen Sekunden beendet war. Man
könnte sogar sagen, dass das Ende äußerst kläglich war.
„Sie sollten den zuletzt vernommenen Rat beherzigen und
wirklich das Weite suchen. Das was sie soeben vernommen haben, ist
symptomatisch für die Geisteshaltung der menschlichen Bewohner auf
diesem Planeten, auch wenn die anderen dies nicht in solche Worte
154
packen würden.“ Der Pater begann an seinem Daumennagel zu kauen,
da etwas was sich darunter befand seine Aufmerksamkeit erregt hatte.
„Ach ja, was würden denn die anderen sagen?“
„Nichts, die würden einfach zuschlagen und sie dann vor ihr
Schiff schleppen und dann einfach vergessen. Teeren und Federn ist
aufgrund der fehlenden Federn nicht allzu lustig und der hiesige Teer
ist auch nicht ausreichend klebrig um eine einigermaßen ausreichende
Gaudi zu garantieren.“ Zufrieden schaute der Pater auf seinen
inzwischen gereinigten Fingernagel, während seine Zähne auf
irgendetwas herumkauten, was klein aber recht klebrig sein musste.
„Wie schon erwähnt, herrschen hier recht raue Sitten, wenn
man diesen moralischen Begriff auf diese Ungemeinschaft anwenden
möchten. Finden sie sich damit ab, dass es hier wirklich nichts gibt,
was sie inspizieren könnten, selbst wenn es etwas geben würde.“
„Na gut, dann werde ich eben die Kaliler inspizieren und
fragen, inwieweit es Probleme im Bereich des Zusammenlebens gibt.
Es muss ja einen Grund für die plötzliche Abgabe der Zuständigkeit
für die hier lebenden Menschen an meine Behörde geben!“ Frederick
hatte sich inzwischen schon derart in seine Legende eingelebt, dass er
über die fehlende Zusammenarbeit mit ihm richtig in Rage kam.
„Dann wünsche ich ihnen alles Glück dieses Planeten, sie
werden es brauchen, aber ich für meine Person, werde ihnen bei
diesem Part der für sie scheinbar lebensnotwendigen Ermittlungen
155
nicht weiter behilflich sein. Keiner der hier lebenden Menschen geht in
letzter Zeit freiwillig aus dem für ihn zuständigen Bereich heraus um
sich mit den Kalilern zu treffen und ich gedenke dies auch nicht zu
tun.“ Eilig verließ der Pater die Villa und stieg wieder in den Grav-
Wagen ein.
„Kommen sie, ich habe Hunger, außerdem beginnt gleich die
Nacht-Nacht-Phase und dann haben wir Schwierigkeiten einen guten
Platz bei ROSIs zu bekommen, was ich durch ihre Herumblödeleinen
nicht gern in Kauf nehmen möchte.“
Frederick folgte dem Pater widerwillig, blieb aber trotzig vor dem
Grav-Wagen stehen und machte keinerlei Anstalten dem Pater auch in
das Innere des Grav-Wagens zu folgen. Demonstrativ verschränke er
die Arme und sah den Pater herausfordernd an.
„Mir reicht es jetzt endgültig mit all dem Kram hier.“
„Na, dann sind sie ja recht leicht zufrieden zu stellen.“
„Im Moment steht mir nicht der Sinn nach weiteren
Herumblödeleinen, wie sie meine Arbeit hier nennen. Ich versuche mir
nur ein Bild der Situation zu machen, aber jeder scheint mich hier nur
als ein unliebsames Mitbringsel aus einem Touristenladen zu sehen,
was man möglichst schnell weiterreicht damit man es nicht behalten
muss. Ich habe mich weiß Gott nicht darum gerissen hier auf diesem
beschissenen Planeten zu sein und eine Horde ausgeflippte Ex-
Erdbewohner zu zählen oder mich nach ihren Wehwehchen zu
156
erkundigen. Aber ich habe einen Auftrag bekommen und ich werde ihn
ausführen, ob mit oder ohne ihre Hilfe.“
Der Pater sah Frederick erstaunt an und klappte seinen Mund auf um
etwas zu erwidern, aber es schien ihm nichts passendes einzufallen,
wodurch er weiterhin mit offenem Mund zu Frederick heraufstarrte
und dabei, nicht zuletzt unterstützt durch seine wirklich immense
Leibesfülle, aussah wie ein kastrierter Bulle, der eine Kuh sah und sich
beim besten Willen nicht mehr daran erinnern konnte, was er damit
anfangen sollte.
„Machen sie den Mund zu und öffnen ihn am besten erst dann
wieder, wenn sie etwas wirklich wichtiges beizutragen haben was
nicht die Ablehnung ihres Chefs oder die missliebige Stellung aller
irdischen Verwaltungsorgane, die sich offensichtlich in meiner Person
manifestieren, zum Inhalt haben.“ Frederick legte alle Kraft und
Schärfe in seine Stimme, die seine Stellung als Vertreter der einzigen,
im bekannten Teil des Universums zumindest teilweise
funktionierenden Ordnungs- und Verwaltungsmacht von ihm
erforderten.
Der Pater schien sich plötzlich wieder zu fangen und setzte ein
süffisantes Lächeln auf.
„Dann wünsche ich ihnen schon einmal alles Gute und viel
Erfolg bei der Erfüllung ihres Auftrages.“ Er hob die Hand zum Gruß
und der Grav-Wagen setzte sich in Bewegung. Während sich die Tür
157
schloss, konnte Frederick noch immer das Lächeln des Paters sehen.
Dann dauerte es nur noch kurze Zeit und der kirchliche Grav-Wagen
setzte sich in Bewegung.
Unschlüssig ob sein Auftragen auf die Legende nicht doch zu dick
war, schaute Frederick dem Grav-Wagen hinterher, welcher sich nicht
dazu entschließen konnte, vom optischen Standpunkt aus gesehen, im
Verbund mit den optischen Naturgesetzen, langsam kleiner zu werden,
sondern Mittels eines unerwarteten Ruck von der vollen unmittelbaren
Größe auf Null zu verschwinden.
Ratlos schaute er sich um und versuchte sich ein Bild seiner
Umgebung zu machen, was sich durch das Eintreten der Dämmerung
zur Nacht-Nacht-Phase deutlich erschwerte. Andererseits deckte die
eintretende Dämmerung seinen allerliebsten Weichfilter ein, um die
Szene ein kleinwenig romantischer zu färben. Er überlegte, woher er
nun einen Grav-Wagen bekommen sollte um zu seinem Dosen-Schiff
zurückzukehren, denn er fühlte sich an diesem Ort doch recht fehl am
Platze.
„Hey, Knackarsch! Sie sind ja immer noch hier“, kreischte die
seltsam vertraute Stimme hinter ihm. Frederick, aus seinem Traum
gerissen, drehte sich um und sah die Statuen zerschmetternde Dame
lässig an einer Säule lehnen, jedenfalls sollte es lässig wirken. Trotz
der Entfernung hatte Frederick das Gefühl sie bis zur Straße riechen, ja
förmlich unbehaglich spüren zu können.
158
„Komm her, ich möchte mit dir reden.“ Es klang eher wie ein
Befehl denn einer Einladung. Obwohl sich Fredericks Gehirn gegen
die nochmalige Begegnung mit der Dame heftigst wehrte und dabei
auf einige unliebsame, aber dennoch unwiderruflich gespeicherte
Erinnerungen, wie den Geruch in die Waagschale warf, bewegten sich
seine Beine wie ferngesteuert auf die Eingangstür zu. Den Geruch
folgend bewegte er sich roboterhaft auf die Säule zu, an der die Dame
noch immer lehnte und ein zähnefletschendes Lächeln zeigte, was sich
in jedem Holospot für Zahnfärbemittel wunderbar unterbringen ließ,
allerdings nur für den Part vorher. Er stieg die Stufen erneut hoch und
blieb vor ihr stehen.
„Ich möchte, dass sie heute Abend mein Gast sind und
anschließend werde ich dafür sorgen, dass sie heil und unversehrt
wieder zu ihrem Schiff gelangen. Außer sie haben in der weiteren
Bestreitung unseres gemeinsamen Abends andere Pläne?“ Sie
unterstrich den letzten Satz mit einem schelmischen Augenzwinkern,
der sie um zehn Jahre jünger erscheinen ließ und er schätzte sie in
diesem Moment auf stolze 70 Jahre.
Frederick war nicht in der Lage irgendetwas zu erwidern, da sich
etwas Unbestimmbares auf einige seiner Gehirnwindungen gelegt
haben musste und sie somit blockierte.
„Sie brauchen keinerlei Angst zu haben, ich werde mich vorher
ein kleinwenig frisch machen, da ich an ihrer grünen Nasenspitze
159
erkenne, wie umwerfend ich auf sie wirke. Wenn sie bitte hier auf der
kleinen Terrasse auf mich warten würden.“ Sie zeigte auf einen
ziemlich ramponierten Stuhl und einen ebensolchen Tisch, auf dem
noch ein Glas und eine Karaffe auf scheinbar bessere Zeiten warteten,
was diese allerdings schon sehr lange machen mussten, denn es
schwammen mehrere Dinge darin herum, die schon wieder dabei
waren ein neues Leben anzufangen, nachdem sie mindestens schon das
eine oder andere hinter sich gebracht hatten.
Die alte Dame nahm die Karaffe und schüttete die Flüssigkeit in das
Glas und reichte es Frederick. Widerstrebend nahm er es an und führte
es vorsichtig an die Nase. Doch wieder erwarten entspannten sich
seine Nasenflügel, da das Getränk besser roch als er annahm, was aber
auch daran liegen konnte, dass seine Nase in letzter Zeit stark gelitten
hatte und er deshalb dieses Zeug als wohlriechend titulierte und
abspeicherte. Aber im Vergleich zu dem leicht gewagten Geruch den
die Dame des Hauses sich auferlegt hatte, konnte dieses Getränk nur
noch erfrischend auf seine Geruchsnerven wirken. Frederick ahnte,
dass jetzt von ihm erwartet wurde das er trank. Wenn er eine Chance
auf Informationen und einen Grav-Wagen haben wollte, so sagte es
ihm seine innere Stimme, sollte man die Dame unter allen Umständen
gnädig stimmen.
„Wieso sprechen sie eigentlich jetzt mit mir, wo sie mich doch
vorhin so kühl abgewiesen haben?“ erkundigte sich Frederick und war
160
nicht nur darüber erstaunt, dass er seine Stimme wieder gefunden
hatte, sondern auch dankbar ein Thema zu finden, welches vom
unmittelbar bevorstehenden Genusses des Getränkes ablenkte.
„Das ist ja nun mal ganz einfach. Ich habe gehört wie sie
unserem Pater Noster ihren Standpunkt nahe gebracht haben und ich
akzeptiere Leute die ihren Standpunkt vertreten, auch wenn sie sich in
eine so blöde Lage manövrieren wie sie jetzt. Mann sind sie vielleicht
blöd. Ohne Grav-Wagen versauern sie hier. Aber aus diesem Grunde
werde ich mit ihnen die heutige Nacht-Nacht-Phase verbringen und
vielleicht werde ich ihnen auch die ein oder andere Frage beantworten,
wenn sie nett zu mir sind. Und die Betonung liegt hier auf sehr nett!“
„Wäre es vielleicht möglich eine Datentrasse zu meinem Schiff
herzustellen während ich hier auf sie warte?“ Ich habe nämlich einen
Defekt an meinem Schiff und möchte erfahren ob die Reparaturen
fortgeschritten sind, damit ich die hier lebende menschliche
Gesellschaft sobald als möglich von meinem Anblick befreien kann,
da diese sich ja scheinbar nichts anderes wünscht seitdem ich hier
gelandet bin.“ Trotz der Tatsache, dass er wieder in der Lage war sich
zu artikulieren, log er doch recht schlecht und er befürchtete, dass er
von der alten Dame durchschaut wurde, denn nicht der Status seines
Schiffes war jetzt für ihn wichtig, sondern was Roderick inzwischen
aus den diversen Archiven und Datenbanken erfahren hatte, wenn
dieser schwule Haufen Blech überhaupt in dieser Sache tätig war und
161
nicht wieder den Reizen der Reparaturroboterschwingkreisen hinterher
jagte. Diese Informationen wurden in Anbetracht der jetzigen Situation
eventuell für ihn wichtig, da sich im Verlaufe des Abends vielleicht
eine Möglichkeit ergab über die anrüchige Dame, im wahrsten Sinne
des Wortes, etwas über den Verbleib des Majors in Erfahrung zu
bringen.
„Sie wollen wohl wissen, ob ihr Außenschott wieder repariert
worden ist! Nun schauen sie doch nicht so ungläubig. Hier in einer so
kleinen Gemeinschaft erfährt man alles Neue und manchmal auch
Wichtige eben schnell. Warten sie mal, hier gab es doch so ein altes
Kabelgedönse von meinem seligen Mann.“ Sie bückte sich zu einem
keinen Türchen herab und klappte es auf, worauf eine recht
ansehnliche Anzahl von kleinen Insekten und andersartigen
i
Lebewesen schleunigst versuchten das Weite suchten. Dies taten sie
zu recht, denn die eine oder andere, besonders die schwarz und orange
gepunkteten mit bestimmt mehr als 7 Beinen wurden von der Frau mit
einer Fingerfertigkeit gefangen und in den Mund gesteckt, die fast
schon etwas magisches an sich hatte. „Na bitte, wusste ich doch das es
da ist“, sagte sie laut schmatzend, wobei es zusätzlich noch laut
knackte und hielt Frederick ein etwas zerfleddertes Terminal vor die

i
Für diejenigen, die bei dem Anblick dererlei Insekten sich ein Unwohlsein breit macht
wird auf eine detaillierte Beschreibung verzichtet, da bei einigen Arten mehr als ertragbare
Beine, eklige Beharrung und extreme Verstöße gegen das menschliche Niedlichkeitsgebot
aufzuzählen wären.
162
Nase.
„Entschuldigen sie bitte, aber meine Manieren sind ein wenig
eingerostet. Möchten sie auch einen Käfer? Genieren Sie sich nicht, es
sind genügend vorhanden und sie schmecken wirklich köstlich,
ähnlich wie Hummer, wenn sie den Geschmack kennen.“ Sie hielt ihm
auch einen Käfer hin.
Frederick nahm vorsichtig das dargebotene, elektrische Gerät entgegen
und versuchte nicht mit einem Käfer zu kollidieren. Es handelte sich
ein altes Terminal mit Tastatur und Bildschirm und Frederick suchte
verzweifelt etwas, was aussah wie ein Mikrofon, denn er konnte mit
einem solchen Gerät, welches aus der Datenverarbeitungssteinzeit
stammte, nichts anfangen. Er konzentrierte sich ausschließlich auf das
Terminal um den Käfer nicht beachten zu müssen.
„Äh, haben sie nicht ein klein wenig moderneres Gerät zur
Hand, denn ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht mehr
so recht damit umzugehen verstehe.“
Sie zuckte mit den Achseln und steckte sich den Käfer in den Mund,
da er scheinbar nicht die erforderliche Akzeptanz fand.
„Lassen sie sich nicht von dem äußeren Anschein
beeinflussen“, sagte sie mit einem genüsslichen Schmatzen. „Hinter
diesem altmodischen Gehäuse steckt die neuste Technologie, irdische
Technologie, denn mein dahingegangener Mann hatte einen Tick für
solche Dinge. Na ja, er konnte es sich ja auch leisten, ich bin ja reich
163
genug wie sie sehen.“ Sie zeigte dabei auf das gesamte Areal, was
Woodstock umfasste.
„Soll das heißen, dass das hier ihnen gehört?“ fragte Frederick
ungläubig und ließ seinen Blick über die baufälligen Gebäude
schweifen.
„Ja und bis vor einiger Zeit war es hier auch um den Zustand
der Gebäude und das Verhältnis mit unseren Gastgebern besser.“ Bei
den letzten Worten kam die alte Frau wieder ganz dicht an Frederick
heran, worauf dieser aus seinen Gedanken gerissen wurde, was
wiederum mit dem bereit erwähnten, eigentümlichen Geruch der Frau
zusammenhing. „Aber seit einiger Zeit ist alles nicht mehr so schön.
Früher war alles besser und die Männer noch richtige Männer, nicht so
Weichlinge wie heute, die noch nicht einmal eine ganze Nacht...“,
abrupt hörte sie auf zu schwatzen und schien gänzlich von einer Szene,
die sich in ihrem Kopf abspielte, gefangen zu sein.
„Das mit ihrem Mann tut mir außerordentlich leid. Wann ist
den ihr werter Gatte verstorben?“ beendete Frederick die anhaltende
und drückende Stille.
Die Frau verfiel in eine seltsame Mischung aus lachen, kichern und
husten, was eine geraume Zeit in Anspruch nahm und Frederick
endgültig irritierte.
„Was heißt hier verstorben? Dem miesen, alten Geizkragen
geht es wahrscheinlich blendender als mir. Er ist wollte eigentlich nur
164
kurz ins ROSIs gefahren um Zigaretten zu holen. Das war vor 5
Monaten und seitdem hockt er dort.“
„Und warum haben sie ihn nicht wieder aus ROSIs
herausgeholt?“ fragte Frederick jetzt wirklich verwirrt. „5 Monate bei
ROSIs nur um Zigaretten zu holen“, murmelte Frederick und schüttelte
dabei den Kopf. „Das ist doch ein klein wenig ungewöhnlich!“
„Ja, und stellen sie sich mal vor, dabei raucht er noch nicht
einmal mehr. Ich habe es ihm vor über 30 Jahren abgewöhnt. Aber was
soll es, so habe ich wenigstens meine Ruhe, denn wenn ich ehrlich bin
nervt das alte Wrack hin und wieder ganz schön und wenn sein
Taschengeld alle ist kommt er eh wieder.“
„Wie alt ist denn eigentlich ihr Mann, wenn ich fragen darf?“
„Dürfen sie! Er ist 85 Jahre alt und da muss er sich ab und zu
noch einmal seine Hörner abstoßen, behauptet er jedenfalls. Allerdings
meiner Meinung nach müssten diese nach 5 Monaten schon ziemlich
abgestoßen sein“, murmelte sie in sich hinein. „Aber lassen wir das
mal beiseite. Ich gehe mich jetzt frisch machen und sie erkundigen
sich nach ihrem Schiff und dann genießen wir zusammen die Nacht-
Nacht-Phase. Aber jetzt probieren sie doch bitte erst einmal meine
neuste Saft-Kreation, die sie da in ihrer Hand halten. Es ist ein Saft
den ich aus verschiedenen Früchten der Erde und Kalil gemixt habe
und das Urteil von jemanden, der noch ganz und gar unverdorben von
der kalilischen Küche ist, würde mir sehr viel bedeuten, zumal ich
165
beabsichtige ihn auch zur Erde zu exportieren.“
Gehorsam führte Frederick das Glas an seinen Mund und versuchte
seine Geschmacksnerven gedanklich auf eine grauenvolle Erfahrung
vorzubereiten, die er dem Saft allein von dem bisherigen
Erscheinungsbild ohne weiteres zumutete. Er nahm einen kleinen
Schluck und musste augenblicklich erkennen, dass es ihm nicht
gelungen war seine Geschmacksnerven gedanklich zu beeinflussen. Er
verzog sein Gesicht, verschluckte sich und aus seinem Mund spritzte
prustend der Rest des Saftes, der den Weg in die Speiseröhre noch
nicht gefunden hatte. Ungerührt schaute ihm die Dame zu und
beobachtete mit zusammengekniffenen Augen die Reaktion ihres
Geschmacktestopfers.
„Nun, wenn ich ihre Reaktion richtig deute“, sagte sie völlig
gelassen und wischte sich die Tropfen aus ihrem Gesicht, während
Frederick noch mit den Nachwirkungen des Saftes beschäftigt war,
„dann hat meine neue Kreation entweder wenig Chancen auf dem
irdischen Markt zu bestehen oder aber sie können nicht fehlerfrei
trinken. Falls ich sie, natürlich nur geschmacklich gesehen, als einen
typischen Durchschnittsirdischen bezeichnen darf.“
„Bäh!“ Frederick drehte sich um und sein Körper versuchte
durch erhöhte Speichelausfuhr den Geschmack aus dem Mund zu
verbannen, was Frederick durch spucken und würgen auf das
intensivste unterstützte. „Du meine Güte!“ brachte er mühsam hervor.
166
„Was in aller Welt waren den das für Früchte? Das schmeckt ja, als
hätte ich einen nassen Hund abgeleckt!“ Fredericks Hände wühlten
sich auf der verzweifelten Suche nach etwas bestimmten durch die
Taschen seiner Uniformkombi, wobei diese eine scheinbar, jedenfalls
für Außenstehende, unlogische Reihenfolge wählten. „Wenn sie
beabsichtigen sollten, ihren Lebensunterhalt durch solche Produkte zu
bestreiten, so fände ich es sehr ratsam, wenn sie sich noch ein anderes
Standbein schaffen würden, ansonsten sehe ich für einen sorgenfreien
Lebensabend schwarz“, brachte Frederick mühsam hervor. Er kramte
endlich ein Tuch aus seiner Tasche hervor und begann sich seine
Zunge abzuwischen, wobei er auf keinerlei Ästhetik achtete sondern
nur auf den beabsichtigten Erfolg fixiert war.
„Ich danke ihnen für ihre Offenheit, obwohl ihre rein
körperliche Reaktion für mein Urteil über die Exportchancen meines
Saftes völlig ausgereicht hätten. Ihre verbale Reaktion ist somit
überflüssig“, sagte die alte Dame mit eisiger Stimme und setzte eine
steinerne Mimik auf. „Im übrigen danke ich für die Sorge um meinen
Lebensabend, aber ich kann sie beruhigen. Ich bin nicht nur Besitzerin
dieser kleinen Gemeinde, oder wie sie es immer titulieren möchten,
sondern auch noch zu 51 Prozent Besitzerin vom Coca-Cola-
Universum.“
Frederick vergaß augenblicklich den Geschmack nach nassem Hund,
der noch immer auf seiner Zunge klebte und dort jaulte. Er starrte mit
167
großen Augen und offenem Mund, an dem sich noch immer
Speichelfäden dem Boden verzweifelt zu nähern versuchten, was
diesen aufgrund der geringen Schwerkraft und der Zähigkeit des
vorher getrunkenen Saftes, ziemlich schwer fiel.
„Dann sind sie...“, Frederick begann mit der eben
beschriebenen Gesichtskonstellation und zusätzlich einer extrem
feuchten Aussprache jedes einzelne Wort auszuspucken. „Sie sind
Barbara Holten, die verrückte Mega-Milliardärin, die von allen
Reportern des ganzen bekannten Teil des Universums gesucht wird!
Sie haben mit ihren Cola-Milliarden einen ganzen Planeten gekauft
und die ursprünglichen Einwohner einfach auf einen anderen Planeten
verfrachtet, weil deren Hautfarbe nicht zu der Inneneinrichtung des
Palastes passten oder die Sache mit ...“, Frederick wusste nicht welche
Geschichten, die über diese exzentrische Dame kursierten, er zuerst
auflisten sollte. Die alte Dame lächelte.
„Nun ja, ich muss zugeben früher war ich schon die ein oder
andere Schlagzeile wert, aber inzwischen bin ich doch ein wenig
ruhiger geworden und bin ganz froh mal keinen Reporter zu sehen und
die eben erwähnte Geschichte mit Rabat II tut mir heute noch leid,
aber sie passten nun wirklich nicht zu meiner Inneneinrichtung.“
„Was heißt hier mal keinen Reporter zu sehen?“ jappste
Frederick, der inzwischen seinen dämlichen Gesichtsausdruck bemerkt
hatte, aber angesichts der Legende die hier in Fleisch und Blut - und
168
Geruch bemerkte sein Unterbewusstsein - vor ihm stand war er
unfähig hieran etwas zu ändern.
„Sie sind praktisch seit fast 25 Jahren von der Pressebühne der
Klatschkolumne des bekannten Teiles des Universums verschwunden
und jeder Vollblutreporter wurde den einen oder anderen Körperteil
dafür hergeben, wenn er hierdurch an Informationen über ihren
Aufenthaltsort kommen würde.“
„Das mag sein, aber ich fühle mich wohl so und trage mich mit
der Hoffnung das ihr Körper keine fehlenden Gliedmaße zu
verzeichnen hat, die sie sich auf diese Weise besorgen könnten. Aber
sagen sie mal Herr Leutnant“, es schwang aufrichtig Sorge in der
Stimme der alten Dame. „Ich hoffe ihr Gesicht trägt keinen bleibenden
Schaden davon. Sie sollten sich unbedingt entspannen, wenn sie ihr
weiteres Leben nicht unbedingt als Kinderschreck im Zirkus
verbringen möchten.“
Langsam entspannte sich Frederick und sein Gesicht begann wieder
normale Züge anzunehmen, während seine Gedanken noch immer die
diversen Geschichten, die er über Barbara Holten gehört hatte,
durchgingen.
„Da ich sehe, dass sie sich wieder gesammelt haben, werde ich
mich nun ein klein wenig frisch machen. Sie können ja meine
Abwesenheit nutzen um mit ihrem Schiff zu sprechen.“ Sie dreht sich
um und verschwand in der Eingangshalle der Villa. Frederick stand
169
noch eine Weile unschlüssig herum und entschied sich nach einigen
Minuten das angebotene Terminal zu benutzen, welches auch sofort
seinem Wunsch nachkam und eine Verbindung mit seinem Schiff und
Roderick herstellte, ohne das er die Tastatur berühren musste. Obwohl
die Verbindung offensichtlich geschaltet war, wurde der Ruf von
Roderick nicht entgegengenommen. Nervös und ungeduldig strich
Frederick mit seiner rechten Hand über sein Gesicht, wobei er einige
Speichelreste am Mund bemerkte und er mit dem Tuch, welches er
wieder in einem der unzähligen Taschen seines Kombis verstaut hatte
und er auf die gleiche umständliche Prozedur wieder hervorkramte wie
vorher, abwischte. Nach einer langen halben Minute ertönte endlich
das Meldesignal des Schiffscomputers und signalisierte
Empfangsbereitschaft.
„Roderick!“ schrie er fast in das winzige Mikrofon, welches er
in einem der Tasten vermutete und er sich deshalb über die Tastatur
beugte und es für einen Außenstehenden so aussehen musste als würde
er vor dem Terminal einen Bückling machen. „Warum hast du solange
gebraucht um dich zu melden. Was um alles in der Welt hast du schon
wieder getrieben?“
„Endschuldige“, sagte Roderick mit gehetzter elektronischer
Stimme, die im Gegensatz zu den letzten Wochen wieder sehr an einen
Schiffscomputer I. Klasse erinnerte den eines selbstbewussten und
sexuell sehr selbständigen Denkenden. „Aber ich war gerade damit
170
beschäftigt eine immense Datenflut zu verdauen, die ich aus den
diversen Datenbanken geklaut habe und das war wirklich elektronische
Schwerstarbeit, da die Daten derart raffiniert gesichert waren, dass ich
all meinen Grips brauchte um alles zu bekommen was wir eventuell
brauchen können. Allerdings muss ich gleich einschränken, dass es
sich hier nur um Daten aus menschlich angelegten Dateien handelt.
Von kalilischer Seite her konnte ich keinerlei Daten oder am Netz
befindliche Computer ermitteln. Eigentlich gibt es hier überhaupt
keine kalilische Intelligenz.“
„Datensätze die von Menschen angelegt wurden?“ brachte
Frederick erstaunt hervor. „Das kann eigentlich nicht sein, denn ich
habe erfahren, dass es so etwas hier nicht gibt. Keinerlei Daten der hier
lebenden Menschen wurde oder wird registriert oder in einer
anderweitigen Weise gesammelt.“
„Das passt allerdings nicht mit der Menge von Daten überein,
welche sich jetzt in einem meiner Nebenspeicher befinden. Bei
oberflächlicher Prüfung, welche zur Zeit von mir durchgeführt wird,
gibt es über jede hier lebende menschliche Person eine Datei. Die
älteste Datei ist allerdings erst 9 Monate, 4 Tage, 12 Stunden und 23
Sekunden alt. Es wurden in dem vergangenen Zeitraum demnach
umfangreiche Speicherarbeiten durchgeführt, da es zu jeder Person
wirklich umfangreiche Datensätze gibt.“
„Ach wirklich, seltsam? Durchsuche doch bitte mal deine
171
Daten nach der Person die unter dieser Terminaladresse verzeichnet ist
und gib sie mir bitte durch.“ Es verstrichen einige Sekunden bis
Roderick begann die gewünschten Daten zu liefern.
„Hierbei handelt es sich um eine der ältesten Dateien. Du
befindest dich zu Zeit bei einer speziell abgeschirmten
Terminaladresse mit der Nummer 10111990/17091994 die einer
gewissen Barbara Holten gehört. Bei Barbara Holten handelt es sich
um eine 69 Jahre alte Menscheneinheit weiblichen Geschlechts. Sie ist
eine Mega-Milliardärin die ihren Reichtum der Mehrheit an der Coca-
Cola-Univerum verdankt. Sie hatte bis vor 24 Jahren, 9 Monaten und
3,5 Wochen einen ziemlich extravaganten Lebenswandel und hat sich
seitdem auf Kalil zurückgezogen. Sie ist außerdem mit ...“
„Genug, hier hat jemand wirklich ganze Arbeit geleistet, aber
wozu? Allein mit der Information über die Holten hätte der
Dateninhaber von der Regenbogenpresse genügend Kredits bekommen
um sich zur Ruhe zu setzten. Aber wenn es dieser Jemand auf Kredits
abgesehen hätte, dann wären diese Informationen schon längst
umgesetzt worden.“

Auf einmal und ohne eine erkennbare Vorwarnung, begann die Luft
hinter Frederick in Bewegung zu kommen, mehrere statische
Entladungen entluden sich mit kleinen, blauen Blitzen und warfen
172
bizarre Schatten von Frederick an die Wand. Erschrocken drehte er
sich um und blickte in das luftige Chaos, welches dort auf eine Fläche
von ungefähr 3 mal 3 Meter entstand war und an eine altmodische
Waschmaschine im Schleudergang erinnerte. Es kristallisierten sich
langsam 3 Lebewesen im Inneren des Wirbels, von denen
offensichtlich zwei miteinander im Streit waren. Die drei Lebewesen
trugen lange Gewänder mit überdimensionalen Kapuzen, die die
Gesichter der Drei verdunkelten. Nur ab und zu, wenn sie sich schnell
bewegten, wurde etwas inmitten des Dunkels sichtbar, was entfernt an
einen Schweinerüssel erinnerte. Die statischen Entladungen ließen mit
einem Schlag nach, doch es kehrte keine Ruhe ein.
„Du Idiot!“ erklang eine Stimme mit der Lautstärke einer
Sturmglocke bei Windstärke 10. „Ich sage dir, wir sind hier völlig
falsch!“
Der Angeschriene duckte sich kaum merklich, streckte aber dann
energisch seine Kapuze hervor und schrie zurück.
„Wenn du nicht mit deinem dicken Arsch auf den Armaturen
gesessen hättest, dann wäre der Einstellknopf nicht abgerissen und ich
hätte genauer justieren können.“ Es trat eine unheilvolle Stille ein und
die beiden Streithähne wappneten sich gerade zu einem neuen
gegenseitigen Angriff auf die Trommelfelle, als diese merkten, dass sie
von jemanden beobachtet wurden. Verdutzt schauten sie zu Frederick
und dann sich gegenseitig und dann wieder Frederick an. Auch
173
Frederick schaute von einem zum anderen. Plötzlich wurden die
beiden Streithähne hektisch und sie nahmen Plätze neben dem Dritten
ein, der von dem ganzen Theater bisher noch nichts mitbekommen
hatte, da dieser scheinbar tief und fest schlief. Die Beiden nahmen
Haltung an. Erwartungsvoll drehten sich beide zu dem Dritten um, der
jedoch noch immer schlief. Nachdem einige Sekunden nichts passierte,
streckte einer der beiden einen, vom Gewand verdeckten Arm aus und
das Bild der Drei wurde plötzlich unscharf. Einige Sekunden später,
nachdem ein kleiner Schrei verklungen war, wurde das Bild wieder
klar und es erschienen wieder alle Kapuzen, wobei nun auch der
vormals Schlafende wach zu sein schien, was aber bei den im dunkeln
gehaltenen Gesichtern nicht eindeutig festgestellt werden konnte.
Abermals drehten sich die beiden erwartungsvoll dem Dritten zu.
„Fürchtet Euch nicht!“ begann dieser mit einer zwar
dröhnenden doch noch recht verschlafenen Stimme zu verkünden. „Ich
bin gekommen Euch große ....“, er geriet ins Stocken und man konnte
ihm anmerken, dass er verzweifelt nach den richtigen Worten suchte.
„Große Dings halt, äh wie war das den jetzt noch mal.
Verdammt, jetzt habe ich vergessen wie das weitergeht. Immer bleibt
so ein Scheiß an mir kleben, aber das war das letzte Mal, das sage ich
Euch.“ Kapuze Nr. 3 begann sich nun Hilfe suchend an die beiden
anderen zu wenden. Diese aber zuckten nur unmerklich mit den
Schultern, welche tief vergraben in dem Gewand zu stecken schienen
174
was bestimmt bedeuten sollte, dass sie es auch nicht wussten und
hielten, pfeifend nach imaginären Vögeln Ausschau. Die drei
Kapuzenträger steckten schließlich die Kapuzen zusammen und ein
eifriges Gemurmel begann, wobei sich nach und nach einer der
verhüllten Typen umdrehte und Frederick anschaute.
„Fürchtet Euch nicht, denn ich bin gekommen Euch große
Freude zu verkünden!“ ergänzte Frederick eher unbewusst, denn er
war immer noch von diesem unerwarteten Ereignis gänzlich gefangen
und verwirrt, dennoch erinnerte er sich an gerade diese Zeilen aus den
Urzeiten seines Religionsunterrichts, aus dem seine Eltern ihn aus
unerfindlichen Gründen nicht herausnehmen wollten und diese
platzten nun aus ihm heraus, wie das Wasser aus einem defekten
Wasserschlauch.
„Ja richtig“, tönte die Stimme der dritten Kapuze. „Genau das
wollte ich sagen!“ Die Kapuzen nahmen wieder Positur an und der
Dritte, der so etwas wie der Oberkapuzenmotz sein musste rückte
seine Kapuze zurecht und begann feierlich noch einmal mit seiner
Verkündung.
„Fürchtet Euch nicht, denn ich bin gekommen“, plötzlich hielt
er inne und schaute Frederick unverwandt an. „Woher weißt du denn
was ich soeben verkünden wollte? War etwa schon einer vor mir da?“
fragte er verblüfft.
Frederick kapierte in ersten Moment gar nicht, dass er direkt von
175
dieser seltsamen Erscheinung angesprochen wurde und starrte nur
entgeistert auf die drei Kapuzen.
„Hey du da, ich dich gerade gefragt woher du kennen Text?“
„Na aus der Schule. Vom Religionsunterricht bei Frau
Bernholdi. Das steht doch auch irgendwo in der Bibel!“
Die drei steckten nach dieser wunderlichen Aussage wiederum die
Köpfe, oder was auch immer unter diesen riesigen Kapuzen stecken
mochte, zusammen. Nachdem einige Punkte zwischen den dreien
abgeklärt schienen, schlug der Kapuzenchef sichtbar erbost die beiden
anderen vor die Mütze und drehte sich dann wieder Frederick zu.
„Sag mein Sohn, wir sind doch hier bestimmt auf der Erde und
weißt du vielleicht zufällig ob gerade irgendwo hier in der Nähe ein
Heiland oder so etwas ähnliches geboren worden ist?“
„Leider“, begann Frederick und er musste kräftig schlucken,
„sie sind hier auf dem Planeten Kalil und ob hier ein Heiland geboren
wurde weiß ich nicht. Aber wenn sie einen irdischen Heiland
verkünden wollen, dann sind sie ein paar tausend Jahre zu spät dran,
das war schon.“ Die beiden anderen Kapuzen schienen bei Fredericks
Worten in sich zusammenzusinken, während der andere ein scharfes
Zischen in deren Richtung losließ.
„Kann man euch den keinen Augenblick aus den Augen lassen
ohne dass ihr gleich Mist baut. Nur Ärger hat man mit den
Auszubildenden. Los schaltet ab und versucht es diesmal richtig hin zu
176
bekommen.“ Er drehte sich um und entfernte sich gemächlich.
„Aber Meister“, rief einer der Lehrlinge hinter ihm her. „Wir
müssen doch bei jedem Kontakt eine Weissagung machen. Dazu sind
wir doch vertraglich verpflichtet und wenn wir es nicht machen und
bekommen eine Beschwerde von einem unzufriedenen Kunden droht
uns eine Konventionalstrafe. Außerdem vergessen sie nicht die
Konkurrenz! Wenn die davon Wind bekommen sollte und uns an den
Chef verpetzt, bekommen wir keine Aufträge mehr.“ Gelangweilt
drehte sich der Meister wieder um und kam laut zeternd zurück.
Nachdem er sich wieder zu den beiden gesellt hatte, nahmen alle drei
wieder Haltung an und blickten würdevoll.
„Lehrling Nr. 1, mache eine Weissagung!“ dröhnte plötzlich
ein Befehl aus der Richtung des Meisters. Der Lehrling Nr. 1 schien
von einem hinterhältigem wie extrem tödlichen Projektil getroffen
worden sein, den aus der Mitte des Gesichtsdunkel ertönt eine leiser
Grunzer und die vormals würdevolle Haltung fiel vollends in sich
zusammen.
„Aber Meister, warum den gerade ich? Und einfach so ad hoc,
da fällt mir doch gar nichts richtiges ein!“ stotterte der
Kapuzenlehrling Nr. 1 vor sich hin.
„Mache eine Weissagung, sagte ich.“ bekräftigte der Meister
noch einmal. Der Lehrling wand und krümmte sich innerlich, während
Lehrling Nr. 2 leise vor sich hin feixte und sich an dem Unbehagen
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seines Mitstreiters gütlich tat.
„Dann sage halt irgendwas. Irgendeine blöde Verkündigung,
Weissagung oder von mir aus auch das Wetter. Hauptsache sage was,
damit wir das hier endlich beenden können.“
„Wenn du raus gehst, dann passe auf das du dir nicht deinen
Pelz in der Türe einklemmst“, sagte der Lehrling Nr. 1 nach einigem
überlegen mit brüchiger aber dennoch feierlicher Stimme und man
konnte es ihm richtig anmerken, dass er zum ersten Mal etwas
Wichtiges sagen durfte. Nr. 2 konnte es nicht mehr länger halten und
brach in wieherndes Gelächter aus. Auch Frederick wusste nicht was
er hierzu sagen sollte.
„Aber ich habe doch gar keinen Pelz!“ brachte Frederick
schließlich heraus.
„Das ist nicht unser Problem!“ sagte der Meister. „Lass dir
einfach einen wachsen und mit unserer Weissagung ist dann alles in
Ordnung!“ Er streckte seinen Arm aus und das Bild begann
augenblicklich unscharf zu werden und wieder in sich
zusammenzufallen. Das einzige was Frederick noch vernehmen konnte
waren zwei klatschende Geräusche und zwei kleinere
Schmerzensschreie. Frederick starrte noch einige Zeit in die nun
wieder klare Luft und versuchte verzweifelt zu verstehen, was da
gerade geschehen war und vor allem warum ihm. Grübelnd drehte er
sich wieder um, um sich erneut mit Roderick zu unterhalten und
178
vielleicht seine Datenbänke nach dieser Erscheinung zu durchstöbern,
da die vorherigen Entdeckung von Roderick im Moment vergessen
waren, als es plötzlich erneut hinter ihm zu einer erneuten, äußerst
lauten, elektrischen Entladung kam. Frederick drehte sich erschrocken
um und erblickte erneut die drei Kapuzenmänner oder -schweine, er
konnte sich nicht genau entscheiden, da er nicht genau wusste ob er
den Schweinerüssel nun gesehen hatte oder nicht.
„Fürchtet Euch nicht“, fing die gleiche Stimme wie vor ein
paar Augenblicken an zu verkünden, nur jetzt schien sie etwas
ausgeschlafener zu sein. Mit einem erschrockenen Aufschrei, der sich
fast wie ein Grunzen anhörte, hörte die Verkündigung so plötzlich auf
wie sie begonnen hatte.
„Was denn? Der schon wieder! Was seit ihr nur für elende
Stümper. Ich werde dafür sorgen das ihr die Ausbildung noch einmal
von vorne beginnen müsst.“
„Aber ich kann doch gar nichts dafür, wenn der sich mit
seinem fetten Arsch auf die Konsole setzt und den Einstellungsknopf
kaputt macht!“ kreischte Nr. 1 mit weinerlicher Stimme und alles lief
darauf hin, dass er tatsächlich gleich damit anfangen würde,
wohingegen Nr. 2 wütend ihm irgendwo in Höhe eines eventuell
vorhandenen Schienenbeins gegen das Gewand trat. Nr. 1 schien
dieses auch genau dort zu haben, den dieser hüpfte plötzlich hin und
her und hielt sich dabei etwas fest, was wahrscheinlich ein Bein sein
179
konnte. Hierbei gab er Laute von sich, die unweigerlich an
Schmerzenslaute erinnerten, an heftige Schmerzensschreie. Nr. 3
drehte sich gleichmütig wieder Frederick zu, hielt die beiden Ärmel
des Gewands gegen dem Himmel, eine Geste die im ganzen Teil des
bekannten Universum bekannt war und ausdrückte - Warum gerade ich
und warum gerade hier. Frederick nickte nur mit dem Kopf, da er
dieses Gefühl sehr gut kannte, besonders seitdem er auf diesem
Planeten gelandet war. Der Meister der Kapuzen wollte gerade den
Knopf betätigen um sich wieder auszuschalten, als seine bis dato
streitenden Lehrlinge lautstark einschalteten.
„Eine Weissagung, eine Weissagung! Die Direktive muss
beachtet werden, die Direktive muss beachtet werden!“ blökten die
beiden Lehrlinge wie zwei Schafe die gerade die Vorzüge des Blöken
erkannt hatten. Eine seltsame und unsichtbare Schwere schien sich auf
den Meister zu legen und man konnte erkennen, dass er schwer mit
seinem Schicksal haderte. Er beugte sich zu Frederick vor und flüsterte
ihm leise zu.
„Haben sie auch so Problem geeignetes Personal zu finden? Es
kommt nur noch Schrott nach. Früher da konnten wir noch wählen,
aber heute muss man ja nehmen was man kriegt.“ Der Meister straffte
sich und nahm wieder seine würdevolle Haltung an.
„Lehrling Nr. 2! Jetzt bist du dran, schließlich scheint es ja
auch so, als wäre dies hier eigentlich deine Schuld.“
180
Lehrling Nr. 2 eilte auf seinen Platz und schien, im Gegensatz zu
seinem Mit-Lehrling mit der Übertragung dieser Aufgabe ganz
zufrieden zu sein.
„Wenn du das Leben beim Schlafittchen packst, dann solltest
du aufpassen, dass es dir keinen rechten Harken verpasst!“ sagte dieser
und schien bei der Aussprache der einzelnen Wörter schier vor Stolz
zu platzen. Der andere Lehrling war noch immer damit beschäftigt im
Hintergrund hin und her zu hüpfen und gelegentlich leise vor sich hin
zu fluchen.
„Das hast du von unserem großen Philosophen Gottlieb E.
Gronz geklaut. Band 27, dritter Satz, Ode an den Futtertrog der
Alegro-Mio.“ Trotz Hüpferei und diverser Flüche nahm er sich
dennoch die Zeit dies laut nach vorn zu schreien. Sofort sprang der
Lehrling Nr. 2 auf, rannte mit lautem Geheul nach hinten und trat
erneut an die Stelle, an die er schon einmal getreten und getroffen
hatte. Diesmal schien er aber nicht das gleiche Trefferglück gehabt zu
haben wie beim ersten Mal, denn so wie es aussah hatte er soeben das
zweite Schienbein, oder etwas was ähnlich schmerzen konnte,
erwischt. Zum Glück für alle Betrachter kam nun allerdings etwas
Ruhe in das Bild, da der herumhopsende Lehrling wie von einer
zufällig herumfliegenden Kuhi getroffen zu Boden ging um dort

i
Auch wenn man es nicht recht Glaubwürdig findet, dies geschieht öfter als allgemein
angenommen.
181
angekommen beide Beine zu umfassen und um sich weiteren
Schmerzesgrunzern ausgiebig hingeben zu können.
Der Meister schüttelte nur seine riesige Kapuze und unterbrach erneut
den Kontakt. Frederick drehte sich diesmal nicht wieder um, denn er
erwartete eine erneute Kontaktaufnahme und wollte diesmal nicht
wieder so unvorbereitet erwischt werden wie die beiden ersten Mal.
Außerdem fand er das Trio inzwischen recht amüsant und nahm sich
vor, die Drei nach ihrer eigentlichen Aufgabe zu befragen. Doch
diesmal geschah nichts und nach einigen Minuten drehte sich
Frederick achselzuckend wieder der Konsole zu um das unterbrochene
Gespräch mit Roderick fortzusetzen.
„Was war denn bei dir los?“ fragte Roderick, nachdem
Frederick die Verbindung erneut hergestellt hatte. „Du wirst lachen,
aber ich hatte eine Menge statische Interferenzen, dann hörte ich so
eine Art Verkündigung und kurz darauf riss die Verbindung endgültig
ab. Ich habe darauf mehrmals versucht dich zu erreichen, aber ich bin
nicht durchgekommen.“
„Du wirst es mir nicht glauben, aber ich hatte soeben eine
Erscheinung von drei Kapuzenschweinen oder so was ähnliches, die
dringend eine Verkündigung an mir loswerden wollten, die allerdings
ein paar tausend Jahre zu spät kam.“
„Du hast recht, ich glaube dir nicht.“ Roderick holte imaginär
Luft. „Um auf die Daten von vorhin zurückzukommen; die
182
Unterbrechung habe ich genutzt um eine Sondierung der Daten
bezüglich unseres Klienten durchzuführen. Ich möchte übrigens
anmerken, dass derjenige, der diese Daten anlegte ein wahrer Künstler
sein muss. Ich habe noch nie eine solch pingelig genaue
Datenaufbereitung gesehen. Dieses Individuum lebt für die Daten und
deren Verarbeitung.“
„Na los, spann mich nicht mit solchem Kram auf die Folter.“
Langsam kroch das Phantasiebild seines gemütlichen Büros aus dem
Hinterkopf hervor und eine warme weibliche Stimme flüsterte ihm
Worte wie Kaffee, Hörnchen und ein paar andere, nicht jugendfreier
Dinge ins Ohr und dass er nur diese eine Mission erfüllen brauchte um
dies alles wieder zu bekommen.
„Fehlanzeige! In den gesamten Datenbeständen, die wirklich
umfangreich sind und sogar auf bestimmte sexuelle Vorlieben der
einzelnen Personen eingehen, konnte ich keinen Major Frank L. Mc
Wire finden.“ Frederick sackte förmlich zusammen, als er die
Fehlanzeige gemeldet bekam.
„Es ist so, als wäre er doch nicht hier gewesen, obwohl es ja so
auf der Erde hieß. Aber wenn du wissen willst, was der liebe Pater
Noster so macht, wenn das Licht ausgeht, dann kann ich dich mit einer
Nachtlektüre versorgen bei der dir nicht nur der so genannte Hut
hochgeht.“ Roderick sprach die Anspielung nicht weiter aus, denn
irgendetwas lenkte ihn für einen Moment ab.
183
„Das ist aber mal seltsam!“
„Was ist aber mal seltsam?“ Frederick wirkte lustlos, da eine
schnelle Rückkehr zur Erde durch dieses einzige Wort - Fehlanzeige -
nun im Moment nicht mehr abzusehen war und in weite Ferne rückte.
„Bingo, alter Junge, in den sekundären Daten, die ich bezüglich
des Inventars gefunden und deren Überprüfung ich bis vor ein paar
Sekunden noch nicht vollendet hatte, habe ich den Namen unseres
Majors gefunden.“
„Inventardaten, bist du dir wirklich sicher? Ich will doch nicht
hoffen, dass irgendjemand unserem guten alten Frank eine GERV-
Nummeri an den Arsch geklebt, ihn dann in ein Regal verfrachtet hat
und ihn nun einmal im Monat abstaubt.“
„Du bist einfach ordinär. Erstens handelt es sich nur um ein
Teil aus seinem persönlichen Besitz, ein so genanntes Effekt für den
Fachmann und zweitens mag ich es wenn du ordinär wirst.“
„Schon gut, schon gut. Du hast ja recht.“ Er hörte schon vom
weitem seine Gastgeberin kommen, die laut seinen Namen flötete um
dann verschwörerisch und zusammenhangslos zu flüstern begann.
„Ich bin in ein paar Stunden bei dir, egal was ich dafür auf
mich nehmen muss.
Versuche inzwischen soviel wie möglich über diesen persönlichen

i
Gott der Erfassung, Reglementierung und Verwaltung. Langweiler nennen es auch
Geräteverwaltungsnummer.
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Besitz in Erfahrung zu bringen. Ach ja, und versuche bitte irgendwie
den Mann von meiner Gastgeberin zu Rückkehr aus ROSIs zu
bewegen, denn ich habe das Gefühl das ich ansonsten die Rückfahrt
bei meiner reizenden Gastgeberin abzuarbeiten habe was bestimmt
kein Vergnügen sein dürfte, wenn du ahnen kannst was ich meine.“
„Wenn ich den Lebenslauf der Dame richtig interpretiere, dann
weiß ich was du meinst, dabei ist die Dame weit über 70 Jahre. In dem
Zusammenhang sollte ich erwähnen, dass Männer auch im hohen Alter
noch wesentlich attraktiver wirken als Frauen, denn die werden nur
einfach alt und runzelig. Männer dagegen sind wirklich die Krone der
Evolution.“
„Ich kenne inzwischen deinen Standpunkt gegenüber Frauen“,
flüsterte Frederick zischend. „Mach bitte einfach einmal nur das was
ich von dir gewünscht habe, Standpunktdiskussionen können wir
später noch gern und ausreichend führen.“ Frederick schaltete das
Gerät abrupt aus, als die Dame des Hauses wieder vor der Tür
erschien.
„Hallo, mein kleiner süßer Leutnant! Ich hoffe, dass ich sie
nicht zu lange habe warten lassen, aber eine Dame benötigt nun einmal
eine gewisse Zeit um sich richtig für ein Rendezvous zurecht zu
machen. Außerdem muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich das
schon lange nicht mehr gemacht habe.“ Sie legte den Kopf ein wenig
schief, schaute in den Himmel nach einem imaginären Punkt und
185
schien angestrengt zu überlegen.
„Ich glaube ich habe vor knapp 9 Jahren und ein paar
unwichtigen Monaten das letzte Mal meine komplette Kriegsbemalung
angelegt und mir solch unbequeme, figur betonende Sachen
angezogen.“ Stolz drehte sie sich um 360 Grad, stolperte dabei und fiel
der Länge nach hin. Bevor Frederick ihr zur Hilfe eilen konnte hatte
sich die alte Lady selbst wieder, unter Zuhilfenahme einiger Flüche,
hoch gerappelt.
„Haben sie sich weh getan?“ fragte Frederick und er wunderte
sich über sich selbst, da in seiner Frage wirkliche Sorge zu vernehmen
war.
„Außer der Verletzung an meinem weiblichen Stolz habe ich
keine Schäden zu melden.“ Sie wischte den Staub, der nicht vorhanden
war von ihrem hautengen Minirock ab. Neben dem Rock trug sie ein
ebenso enges Oberteil, hochhackige Schuhe und Netzstrümpfe. Vor
knapp 40 Jahren hatte sie hiermit und mit ihren Millionen im
Hintergrund gewiss einige Männerherzen und Bankkonten verwirren
können, heute aber bot sie aber eher einen lächerlichen Anblick dar. In
ihrem Gesicht musste sie wohl die Jahresproduktion mehrere
Kosmetikfabriken verteilt haben, den sobald sie lächelte oder sprach,
fielen ganze Kosmetikbrocken aus ihrem Gesicht.
„Nun, wie gefalle ich ihnen?“
„Atemberaubend“, gestand Frederick, wobei dies allerdings auf
186
die Tatsache zurückzuführen war, dass die Dame ein Parfüm aufgelegt
hatte welches nicht nur sehr teuer zu sein schien, sondern auch noch
recht intensiv duftete.
„Sie sind ein Schmeichler, aber Gott sei Dank wenigstens ein
netter.“ Sie setzte sich, kramte in der Tasche und holte eine seltsam
gedrehte Zigarette heraus und steckte sich diese mit einem kleinen
goldenen Feuerzeug an.
„Oh, verzeihen sie bitte Herr Leutnant. Möchten sie vielleicht
auch einen kleinen Joint? Eigener Anbau, völlig rein!“
Frederick beugte sich neugierig vor und besah sich das seltsame Ding.
„Was bitte ist ein Joint?“ fragte er erstaunt.
„Du lieber Himmel, was ist nur los mit der Jugend von heute?
Habt ihr den wirklich alle keinen Pep mehr. Wissen sie wirklich nicht
was ein Joint ist, oder wollen sie nur eine arme, alte Frau veralbern?“
Sie inhalierte den Rauch und blies ihn wieder aus den Nasenflügeln
heraus.
„Das käme mir nie in den Sinn und arm sind sie wirklich nicht.
Ich weiß wirklich nicht was ein Joint ist, aber ich glaube das es etwas
mit Rauchen zu tun haben muss, obwohl ich noch nie jemanden
Rauchen gesehen habe.
„Dann muss mein kleiner Leutnant aber dringend dieses kleine
Meisterwerk der süßen Träume probieren.“ Sie streckte ihm den
glimmenden Joint unter die Nase. Widerwillig sog er den süßen Duft,
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der von dem Glimmstängel ausging ein und verfiel anschließend in
einen Hustenanfall, der jeden Arzt sofort dazu veranlasst hätte ein
neues Aktiendepot zu ordern.
„Falls sie einmal das Gerücht gehört haben sollten,“ sie rückte
näher an Frederick heran, begann zu kichern und flüsterte, „das durch
einen Joint die Manneskraft enorm gesteigert wird, dann kann ich das
durch Erfahrungen am eigenen Körper bestätigen.“
Frederick zog sofort seine Finger zurück, als wären diese auf dem Weg
zu dem Joint unterwegs in ein Wespennest geraten und leichte
Panikwellen durchfluteten sein Gehirn, wobei die Panikwellen
unterstützt wurden durch die Vorstellung, was er heute Nacht noch so
alles tun müsste um an den Grav-Wagen zu kommen.
„Sie brauchen keine Angst zu haben, sie werden die Fahrt zu
ihrem Dosen-Schiff mit dem Grav-Wagen nicht bei mir abzuarbeiten
brauchen, wie sie es so schön genannt haben. Und wenn ihr scheinbar
überdurchschnittlich intelligenter Schiffscomputer es wirklich schaffen
sollte meinen Mann wieder nach Hause zu verfrachten, dann wäre ich
ihnen wirklich dankbar, denn ehrlich gesagt sind die Abende ohne sein
Gemaule auf die Dauer wirklich langweilig.“
Frederick fuhr erschrocken hoch, da er aber nicht wusste was er sagen
sollte entschloss er sich dazu sich wieder zu setzten.
„Natürlich habe ich mitgehört. Hier passiert nicht gerade viel
und da muss man als Zerstreuung nehmen was man kriegt. Sehen sie
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es aber von der positiven Seite, so brauchen sie nicht um den heißen
Brei herumzureden.“ Sie holte erneut das Feuerzeug heraus und
brachte den Joint wieder zu glimmen, der sich inzwischen dazu
entschlossen hatte seiner Vernichtung massiv entgegenzutreten und die
Produktion von Rausch eingestellt hatte.
„Sie suchen also so einen komischen Major, einen Mc
Donald.“
„Major Frank L. Mc Wire heißt er“, verbesserte Frederick und
er musste innerlich zustimmen, dass es so wesentlich besser war.
Außerdem war er froh, dass er diese Nacht nicht zu unbestimmbaren
Lustbarkeiten von seiner Gastgeberin herangezogen werden sollte.
„Na wenn schon, dann eben Mc Wire. Ist doch eigentlich egal,
denn den kenne ich auch nicht. Aber ihr Schiffscomputer sagte etwas
über eine Datenbank in der alle menschlichen Bewohner dieses
beschissenen Planeten gespeichert wurden. Wer kann den bloß ein
Interesse daran haben?“
„Genau das wollte ich sie gerade fragen, aber es scheint als
hätten sie ebenfalls keinen Anhaltspunkt für eine solche Maßnahme!“
Ratlos schauten sich die beiden an. Die Nacht-Nacht-Phase war
inzwischen Vollendens eingetreten und nur eine kleine Laterne
beschien die traute Szene.
„Mein Schiffscomputer hat ebenfalls festgestellt, dass die
ältesten Eintragungen vor zirka 9 Monaten gemacht wurden. Können
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sie mir vielleicht Angaben über Ereignisse machen, die damals hier
geschehen sind?“ fragte Frederick und seine Gedanken suchten
verzweifelt nach irgendeinem Fachterminus um sein Gebaren als
Polizist ein klein wenig glaubwürdiger zu gestalten, aber es fiel ihm
einfach nichts ein.
„Was haben Sie den zum Beispiel vor 9 Monaten gemacht?“
fügte er im Plauderton einem plötzlichen Einfall folgend hinzu.
„Bis eben waren sie mir beinahe sympathisch, aber jetzt hören
sie sich wieder wie ein verdammter Bulle an.“ Sie stampfte mit ihren
Stöckelschuhen auf, woraufhin der Absatz des rechten Schuhs seinen
Geist und seine Haltbarkeit aufgab und mit einem satt klingenden
Knacken abbrach.
„Ich kenne meine Rechte!“ schrie sie. Eine solche Szene gibt
es eigentlich nur in schlechten Filmen und nicht in der Wirklichkeit,
aber das wütende Zischen von Barbara Holten holte ihn schnell wieder
in die Wirklichkeit zurück und sein Verstand bestätigte das was seine
Augen sahen und musste einsehen das es so etwas doch gab. Ein
Lachkrampf hatte sich seiner bemächtigt, nachdem sich sein Gehirn
dazu entschieden hatte den Vorfall als gegeben anzusehen und dann
überflüssigerweise nichts eiligeres zu tun als den eben registrierten
Vorfall in die Kategorie Lustig und Schadenfreude einzustufen. Zuerst
verfinsterten sich die Gesichtszüge der Dame, aber Fredericks Lachen
wirkte ansteckend. Kurze Zeit später saßen beide am Boden, lagen sich
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in den Armen und lachten was das Zeug hielt. „Haben sie vielleicht ein
Taschentuch?“ fragte sie ihn noch immer schallend lachen. Fredericks
Hände durchsuchten die Taschen seiner Kombination, wobei diese
immer wieder durch leichte Lachsalven von ihrem tun abgelenkt
wurden.
„Wissen sie“, begann Frederick vor lauter Lachen schon fast
völlig außer Atem. „Diese Suche hier nach einem Taschentuch erinnert
mich an ein Mädchen aus Amsterdam, die habe ich damals auch nicht
gekriegt.“ Hierauf hin verfielen wieder beide in schallendes Gelächter
und die alte Dame kugelte sich vor lachen auf dem Boden herum.
Währenddessen näherte sich, wie schon erwähnt ohne Rücksicht auf
die normalen physikalischen Gesetze, ein Grav-Wagen mit hoher
Geschwindigkeit, sofern man diese Aussage bezüglich der eben
nochmals angeführten Problematiken die hier herrschen überhaupt
machen kann. Der Wagen hielt vor der Villa an und aus diesem stieg
vorsichtig ein alter Mann. Der Mann reckte und streckte sich
mehrmals ausgiebig, dann beugte er sich zurück in den Wagen als
würde er etwas suchen. Nach einer kurzen Zeit kamen zwei
fürchterlich beharrte Arme an deren Enden sich grässliche Tatzen mit
unendlich langen Krallen befanden aus dem Wageninneren und hielten
den alten Mann auf eine Art und Weise umschlungen, die darauf
hinwiesen, dass er das gefunden haben musste, was er suchte. Plötzlich
stockte er mitten in seiner intensiv geführten Suche und drehte sich zur
191
Terrasse um, da er etwas gehört hatte, was für diesen Ort und vor
allem zu dieser Zeit offensichtlich nicht hierhin passte oder er hier
nicht erwartete. Da nun offensichtlich seine Neugierde geweckt
worden geworden war, beendete er seine Suche und machte sich dann
auf den Weg die Stufen zur Villa hinauf zu steigen, während der Grav-
Wagen weiterhin mit offener Tür auf der Stelle verharrte.
„Barbara!“ rief er laut in Richtung der seltsamen Geräusche.
„Bist du das? Ich bin’s! Dein Mäuseschwänzchen ist wieder da!“
Frederick und die alte Dame bemerkten von alledem nichts, da sie sich
noch immer laut lachend auf dem Boden wälzten. Schließlich erreichte
Mauseschwänzchen die beiden Lachenden und starrte eine Zeitlang
mit weit aufgerissenen, aber nicht verstehenden Augen auf die ihm
dargebotene Szene.
„Entschuldigt bitte!“ begann Mäuseschwänzchen los zu
donnern. „Wenn ich so frivol bin diesen heiteren Kreis mit meinem
Erscheinen zu unterbrechen, aber darf ich fragen was in aller Welt ihr
da unten treibt? Die beiden auf dem Boden schauten erschrocken in
die Richtung von Mauseschwänzchen und waren für einige Sekunden
von dem Lachkrampf befreit, der nun seit einiger Zeit die Körper der
beiden das tun ließ was deren Gehirnen schon längst lästig wurde.
Verdutzt schauten sie für einige Sekunden zu dem alten Mann, bevor
Frederick und Barbara sich wieder anschauten, um dann kurz darauf
wieder in den Lachkrampf zu verfallen, der noch immer in ihnen
192
lauerte.
„Wenn ich störe, dann braucht ihr es mir nur zu sagen und
schon bin ich wieder weg.“ Der letzte Satz klang eigentlich nicht wie
eine Drohung, sondern eher wie der heimliche Wunsch eines kleinen
Jungen, der sehnsüchtig in Richtung einer vermeintlich vorhanden Fee,
die eine sofortige und gnadenlose Erfüllung garantierte, ausgesprochen
wurde.
Barbara war die erste deren Gehirn wieder die Kontrolle über ihren
Körper gewann und mühsam aufstand.
„Nun mach dich aber bitte nicht noch lächerlicher als du
ohnehin schon bist, sag mir lieber warum du schon so früh zurück
bist? Ich dachte du wolltest Zigaretten holen!“
„Als wenn du das nicht wüsstest“, presste er zornig zwischen
seinen, offensichtlich falschen, Zähnen heraus. „Du hast mir ja die
Kreditkarte sperren lassen und auf Pump gibt es bei ROSIs selbst für
mich nichts.“
„Was denn, noch nicht einmal für so alte und verdiente
Kämpfer an der Thekenfront und was weiß ich noch wo, wie du einer
bist?“ fauchte sie zurück. „Wenn ich mich recht an die diversen
Rechnungen erinnere, dann hast du in den letzten 5 Jahren soviel bei
ROSIs gelassen, was dieser gesamte beschissene Planet hier an
außerplanetarischen Schulden seit seiner Entdeckung vor 50 Jahren
aufweist und das ist ne ganze Stange Geld!“ sie geriet richtig in Rage
193
und wollte gerade mit einer Schimpfkanonade loslegen, eine von der
Art wie sie nur Ehefrauen loslassen können und bei der der Mann
eigentlich nur noch wie ein begossener Pudel dastehen kann, auch
wenn dieser im Grunde im Recht war, als sie stutzte.
„Was hast du gesagt? Sie haben dich rausgeschmissen, weil ich
dir das Konto gesperrt habe! Aber ich habe doch nie ...“, sie hielt
plötzlich inne und verstand. Dieser Teufel von einem Schiffscomputer
musste irrsinnig gut sein, wenn er selbständig auf solch einen Trick
kommt und ihn so schnell umsetzen kann. Dennoch war sie ein
bisschen enttäuscht, allerdings nur über sich selbst, denn auf diesen
einfachen, seit Jahrhunderten von den Ehefrauen aller Kulturen
gegangen Weg der Kontrolle ihrer Ehemänner war sie einfach nicht
von selbst gekommen.
Frederick hingegen hatte noch immer nicht ganz die Auswirkungen
des Lachkrampfes verkraftet und verfolgte kichernd und glucksend
den nun entstehenden Ehekrach wie ein Tennismatch, ohne eigentlich
genau zu wissen was um ihn herum geschieht, wer die beiden waren
und was er denn hier überhaupt verloren hatte. Allerdings kroch
langsam ein vager Verdacht über die momentane Situation und seiner
Rolle darin in ihm hoch, ohne jedoch sein Endziel, das Gehirn,
erreichen zu können, da eine Salve von Zwergfellerschütterungen
jedes Mal dafür sorgte das dieser wieder abgeschüttelt wurde und er
daher keinen klaren Gedanken fassen konnte. Derart in seinem
194
momentanen Zustand befangen setzte er sich, zu Beginn eher
unbewusst, in Richtung Straße und dem dort wartenden Wagen in
Bewegung, wenn man das Kriechen auf allen Vieren als adäquate
Bewegungsform für einen Zweibeiner ansehen möchte, der nicht sturz
betrunken war. Der lautstark ausgeführte eheliche Meinungsaustausch,
oder in was immer die im Moment noch verbale Auseinandersetzung
ufern mochte, drang nach einigen langen Minuten und kurzer
zurückgelegter Wegstrecke aufgrund dieser ungewöhnlichen Art der
Fortbewegung nur noch schwach an seine Ohren und sein Gehirn
suggerierte ihm den Grav-Wagen als einzig erstrebenswerten Ort.
Fredericks Gehirn war inzwischen wieder in der Lage die einzelnen
Wortfetzen zu deuten und wäre auch problemlos in der Lage gewesen
die einzelnen Vorwürfe Babaras trotz der fehlenden Wörter zu
verstehen, da es aus eigener Erfahrung wusste was nun kommt, den die
Frauen im gesamten bekannten Teil des Universums schienen seit
Urgedenken zu diesen Vorwürfen und Argumenten zu greifen, hatte
aber aufgrund der Monotonie, die diesem Handeln zu Grunde lag,
absolut keine Lust dazu und ließ das, was eventuell zu hören und zu
verstehen gewesen wäre sein Inneres passieren ohne zu registrieren
was dort gesprochen wurde.
Nach endlos erscheinenden Minuten erreichte Frederick den Grav-
Wagen. Ziemlich ratlos blickte Frederick an der geschlossenen Türe
herauf, die keinerlei Öffnungsmechanismus zu erkennen preisgab.
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Plötzlich öffnete sich die Wagentüre und ein extrem beharrter Arm
schnellte heraus, schnappte sich Frederick und hob ihn mühelos in das
Wageninnere, wobei die Krallen durch den Stoff der
Polizeikombination drangen und über seinen Bauch kratzten. Der
gesamte Vorgang ging derart schnell vor sich, dass Frederick in
keinster Weise reagieren konnte und erst im Wageninneren war er
wieder im Stand seine Denkprozesse neu zu aktivieren. Doch anstatt
aufgrund des eben erlebten in Panik zu geraten, wie wohl ansonsten
jeder normal Sterbliche reagieren würde wenn er von einem stark
beharrten Etwas geschnappt wird, riss Frederick nur die Augen auf
und starrte auf denjenigen, der auf derart drastische Art und Weise sich
die Rolle des Gastgeber angeeignet hatte. Vor ihm rekelte sich eine
wunderschöne Frau die außer ein paar hässlichen Fellhandschuhen
scheinbar unbekleidet war. Beim Näheren Betrachten, welches
Frederick mit verständlichem großem Eifer durchführte, erkannte er
einen leicht glänzenden Schimmer auf der Haut seiner entzückenden
Gastgeberin, dem er aber aufgrund des weiteren Angebotes, welches
reichlich vorhanden war, nur am Rande Beachtung zollte.
„Oh, entschuldigen sie bitte, dass hier gehört zu meinem
besonderen Service, wenn sie verstehen was ich damit sagen will?“
sagte die Dame mit einem Lächeln dem man alles verziehen hätte,
selbst wenn sie einem mit den langen Krallen die Kehle
durchgeschnitten hätte. Sie zog betont langsam die Handschuhe aus,
196
drehte sich zu Frederick hin und begann an einem kleinen Rädchen
unterhalb ihres rechten, perfekt geformten Busens zu drehen, worauf
sich der leicht glänzende Schimmer auf ihrer Haut in ein knalliges Rot
veränderte. Der leicht glänzende Schimmer auf der Haut der Dame
stellte sich als ein extrem eng anliegender Overall heraus, der mittels
eines eingebauten Regulators farblich verändert werden konnte, je
nachdem was gerade gefragt war. Doch durch diese Veränderung
wurde dem Erscheinungsbild der Dame keinen Abbruch getan,
sondern ihre Reize noch einmal verstärkt, obwohl das eigentlich kaum
mehr machbar war.
„Ich hoffe sie verzeihen mir meinen kleinen Fauxpas bezüglich
meiner Kleidung, aber ich hatte eigentlich jemanden anderen als sie
erwartet. Können sie mir bitte sagen wo mein Mäuseschwänzchen
bleibt?“ fragte sie und zog dabei einen Schmollmund, eine Geste die
alle Verlockungen der weiblichen Verführungskünste versprach.
Frederick brachte keinen Ton heraus, sondern etwas in ihm entschied
sich zum handeln und so beugte sich vor und küsste diesen herrlichen
Schmollmund, der zu nichts anderem bestimmt schien. Zu seiner
Überraschung erwiderte sie ohne zu zögern den Kuss, als hätte sie
diesen bereits erwartet und bescherte ihm so den aufregendsten Kuss
seines Lebens. Völlig sprachlos und verwirrt betrachtet er sie nach
dem Kuss weiter und auch sie sprach kein Wort um die Heiligkeit des
Augenblicks nicht in Frage zu stellen.
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„Mein Name ist Mike“, sagte sie kurz darauf und unterbrach
die Stille, mit einem Augenaufschlag der Tote erweckt hätte. „Aber du
darfst Conny zu mir sagen.“
Fredericks glückselig lächelndes Gesicht hielt noch einige Sekunden
an, bevor er die letzte Aussage dieser Fee in Menschengestalt richtig
verstanden hatte, doch dann driftete es in eine dämlich grinsende
Maske ab. Mike - oder besser Conny - nahm den Wandel in Fredericks
Gesicht mit einer Gelassenheit entgegen der entweder auf ein sehr
großes Selbstbewusstsein schließen ließ, oder auf Gewöhnung, oder -
unter diesen besonderen Umständen und der Art und Weise der
Vorstellung - sogar auf beides.
„Sind sie etwa ein er?“ stammelte Frederick fassungslos und
mit noch immer dämlich grinsenden Gesicht und schaute sie erneut
von oben bis unten an?
„Aber nein mein Süßer!“ begann Conny zu flöten. „Ich bin
natürlich eine sie. Ein Menschlein von der Gattung Weibchen
sozusagen.“ Zur Unterstreichung der letzten Aussage regulierte sie die
selbstfärbenden Kombination wieder in das ursprüngliche nichts und
warf sich derart in Positur, dass Frederick nun unweigerlich erkennen
konnte, dass es sich hier einfach um eine Frau handeln musste.
„Aber früher war ich mal ein er. Vielleicht kennst du mich ja
noch, da du ja von der Erde stammst. Machst du dir etwas aus
Fußball?“
198
Frederick nickte, zu etwas anderem war er nicht fähig denn der
Anblick des durchsichtigen Overalls fesselte ihn erneut vollständig
und zog ihn wieder in ihren Bann.
„Ich war bis vor 7 Jahren beim Fußballclub Wilde Socke in
England. Ich war dort der Torwart.“ Sie regulierte den Overall wieder
zurück und nahm wieder eine unverfänglichere Positur ein.
Frederick Gesicht begann sich zu erhellen, als wären in den Urtiefen
seines Gehirns etwas geöffnet worden, was ihn von dem Anblick der
Dame ablenkte.
„Dann ..., dann müssen sie Mike Butterworth sein, ja Mike
Butterworth, der beste Torwart den England je hatte.“ Frederick ergriff
ihre Hand und schüttelte sie begeistert. „Ich war einer ihrer größten
Fans und habe es sehr bedauert als sie plötzlich und ohne Angabe von
Gründen aus dem aktiven Spiel zurückgezogen haben. Es war wie ein
Schock für die Fußballfans als ...“, plötzlich wurde es Frederick
bewusst, dass er soeben den ehemals besten Torwart Englands geküsst
hatte und dieser nun als Frau vor ihm saß.
„Aber wie und wieso sind sie den jetzt eine Frau?“ stotterte
Frederick und blicke wieder fragend auf die perfekten Formen des
ehemaligen Torwarts?
„Tja, das war wohl eine Fügung Gottes. Ich hatte damals einen
sehr schweren Unfall mit meinem Gleiter und als man mich dann nach
ein paar Tagen aus den Trümmern geholt hatte, sah ich aus wie etwas
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was ein Hund auf die Straße fallen lässt und nicht mehr wie ein
menschliches Wesen. Ich hatte keinerlei Papiere bei mir und in meinen
Taschen befanden sich nur umfangreiche medizinische Daten einer
Frau die so aussah wie ich jetzt. So dachten die Plastischen Chirurgen
das ich das gewesen war und haben versucht mich wieder so
hinzukriegen wie ich vorher gewesen war.“
„Das muss ja schlimm für sie gewesen sein, als sie wieder zu
sich kamen. Ich meine plötzlich und unerwartet als eine Frau zu
erwachen? Ich nehme an, dass dem zuständigen Arzt ganz schön der
Arsch gebrannt hat, als sie ihm von seinem Fehler berichtet haben.“
Mike warf seine Lockenpracht zurück und ließ ein glockenklares
Lachen ertönen.
„Nein, war es nicht. Das die Ärzte mich für die Dame mit den
genauen medizinischen Daten hielten die ich bei mir trug, hatte schon
seine Berechtigung. Ich hatte mir nämlich ein speziell auf mich
abgestimmtes medizinisches Gutachten für eine
Geschlechtsumwandlung erstellen lassen, da ich schon immer eine
Frau sein wollte. Aber ohne diesen Unfall wäre eine derart perfekte
Umwandlung niemals möglich gewesen. Und nun kann ich endlich so
leben wie ich möchte und dies möchte ich bei ROSIs machen und tue
es auch. Völlig ungehemmt.“
Fredericks Verstand begriff langsam, dass diese Frau eigentlich ein
Mann ist der aus freien Stücken eine Frau wurde, dabei aber soviel
200
Mann geblieben ist, dass die äußere Frau bereit ist zu ihren inneren
Mann zu stehen.
„Nun, wie ist es denn nun mit uns beiden Hübschen, Herr
Leutnant? Sie sind ganz mein Typ und wenn ich mich recht erinnere
sind sie meiner nicht gerade abgeneigt.“
Frederick wunderte sich nicht, dass sie wusste wer er war, denn er
hatte inzwischen eingesehen, dass es unmöglich war auf diesem
Planeten als de facto unerwünschter Außenseiter unbemerkt zu
bleiben, aber der eigentliche Glanz der anfänglichen Gefühle war für
ihn so plötzlich verschwunden wie er gekommen war und obwohl die
körperlichen Qualitäten von Mike, oder bei belieben Conny
unbestreitbar waren, tat sich eine Barriere auf, die er nicht überwinden
konnte oder überwinden wollte.
„Du brauchst nichts zu sagen, es ist für die meisten sehr schwer
es zu akzeptieren das ich einmal ein Mann war und manchmal ist es
auch noch heute sehr schwer für mich nicht mehr als ein Mann zu
denken, obwohl ich mich inzwischen zu 95 Prozent als Frau fühle, als
wunderschöne Frau und es auch schamlos ausnutze und genieße.“ Sie
sah in diesem Moment sehr verletzlich und hilflos aus und Frederick
verspürte den Wunsch sie in die Arme zu nehmen, brachte es aber
dann doch nicht fertig.
„War es eigentlich sehr schwer für dich diese neue Art von
Sexualität zu akzeptieren?“ Conny schaute ihn erstaunt an.
201
„Wieso interessierst du dich dafür? Hast du etwa Probleme in
dieser Beziehung?“ Frederick lachte nervös auf.
„Nein, aber ein guter Freund von mir ist sich seinen Gefühlen
noch nicht so ganz sicher und da dachte ich du könntest mir da ein
bisschen unter die Arme greifen und mir ein paar Tipps für ihn geben.“
„So, so ein sehr guter Freund. Der altbekannte gute Freund. Ich
würde dir sehr gerne unter die Arme greifen und auch noch wo anders
hin“, säuselte sie und legte dabei ihre warme weiche Hand auf sein
Knie. “Aber bist du sicher dass es sich wirklich um einen sehr guten
Freund von dir handelt, oder bist du es am Ende etwa selbst. Komm
Cherie, du brauchst Dich vor mir nicht zu verstecken, ich weiß wie es
einem geht, der glaubt in einem falschen Körper geboren zu sein.
Öffne dich dem alten Mike und dann wird es besser.“ Sie beugte sich
jetzt ganz als er zu Frederick hin, als verständnisvoller Freund, doch
Frederick wich instinktiv nach hinten aus und wäre beinahe aus der
noch immer offenen Wagentüre gefallen, wenn Conny ihn nicht im
letzten Moment mit ihren, noch immer vorhanden schnellen
Torwartreflexen festgehalten hätte. Wieder war er in der unmittelbaren
Nähe der körperlichen Conny und mehrere Wellen eines wohligen
Schauers überrannten Frederick, doch sein Unterbewusstsein führte
ihm unbarmherzig die früheren Bilder eines Mike Butterworth als
Mann vor Augen und er wurde wieder auf den Boden der Tatsachen
zurückgeholt.
202
„Nein, diesmal handelt es sich wirklich um einen anderen, um
einen Freund oder so was ähnlichen. Ich verbringe jedenfalls viel Zeit
mit ihm, mehr als mir lieb ist und werde in absehbarer Zeit auch noch
sehr viel Zeit mit ihm verbringen müssen. Ich weiß einfach nicht wie
ich mit seiner Art von Sexualität umgehen soll.“
„Tja, es ist sehr schwer für mich etwas dazu zu sagen. Ich
meine wenn ich mit ihm reden könnte, dann wäre es viel einfacher für
mich.“ Conny war jetzt sehr viel sachlicher und die langweilige
Geradlinigkeit mit der sie dachte war jetzt wieder ganz Mann.
„Vielleicht kann ich mich ja mal mit deinem Freund treffen.“
„Das ist leider unmöglich, aber wenn du möchtest kannst du
mit ihm reden.“ Frederick wurde es etwas mulmig zu Mute, aber da er
nun einmal diesen Weg eingeschlagen hatte und da er wirklich ein
wenig Hilfe gebrauchen konnte mit Roderick, wollte er dies nun auch
durchziehen. Außerdem war es ihm auch sehr recht ein anderes
Gesprächsthema zu haben als ständig verlegen dieses Wesen, welches
aus purem Sex zu bestehen schien, anzustarren und mit seinen
Hormonen, die an der Oberfläche brodelten, nicht ins Reine zu
kommen.
„Das ist zwar ein klein wenig ungewöhnlich, aber die
momentane Situation ist es ja auch. Aber sag mal, was ist den jetzt
eigentlich mit Mauseschwänzchen, dem alten Sack. Kommt der nun
oder wie ist das. Ich habe ja auch nicht ewig Zeit und wenn ihm seine
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Frau eh das Konto gesperrt hat.“ Conny schien für einen kleinen
Moment unschlüssig zu sein, beugte sich dann aber über Frederick
hinweg und zog die Wagentüre zu, wobei sie kurzfristig mit ihrem
ausladenden Oberkörper seinen Schoß berührte, erstaunt drehte sie
sich um und sah Frederick an als sie eine plötzliche Regung in
Fredericks Körper spürte. Als sie sich wieder aufrichtete, lächelte sie
Frederick an.
„Danke, das war wohl das schönste Kompliment was du mir
geben konntest.“ Sie gab ihm einen kleinen flüchtigen Kuss auf den
Mund.
„Wo möchte den mein kleines Schätzchen nun mit mir hin?“
säuselte sie Frederick zu und war nun wieder ganz das kleine süße
Frauchen.
„Wenn es dir nichts ausmacht würde ich gerne wieder zurück
zu meinem Schiff, aber allein. Für heute reicht es mir gewaltig!“
Frederick seufzte verlegen und zu laut auf und legte sich in die Polster
des Grav-Wagens. Kaum hatte er seinen Wunsch ausgesprochen setzte
sich der Grav-Wagen in Bewegung und verließ die alte Villa und
Woodstock.
„Na, wenn dir das bisschen schon reicht, dann bist du aber
leicht zufrieden zu stellen.“ Sie lächelte schelmisch. „Wie kann ich
denn nun mit deinem Freund sprechen, wenn ich ihn nicht sehen
darf?“ fragte Conny, aber diesmal mit ernstem Gesicht und ohne das
204
schelmische Lächeln.
„Das ist ganz einfach“, erwiderte Frederick und merkte das er
müde wie ein Tiger war. „Du lässt dir einfach eine Verbindung zu
meinem Schiff herstellen und schon hast du ihn an der Strippe. Er
heißt Roderick und nervt schrecklich. Ich kann dir aber nicht
versprechen das er mit dir darüber spricht, er ist meistens sehr eigen.“
„Und wann soll ich es versuchen? Ich meine damit wann ich
ihn am wenigsten störe und nicht gleich die ganze Stimmung
versaue?“
„Da mach dir keine Sorgen. Du kannst ihn zu jeder Zeit
anrufen. Er ist immer erreichbar, immer ansprechbar und immer
gleichmäßig in seltsamer Stimmung, er hat halt so seine Launen.“
Frederick beschloss für ein paar Sekunden die Augen zu schließen um
so die herrlich angenehme Kühle des Polsters besser genießen zu
können und um sich besser auf die Beherrschung seiner Hormone zu
konzentrieren. Nach ein paar Sekunden war er dann auch schon
eingeschlafen und genoss einen ungewöhnlich tiefen und seit langer
Zeit alptraumlosen Schlaf.

„... und er war wirklich komplett nackt als er den Dreien


begegnete? Das hätte ich zu gern gesehen, besonders seinen süßen
knackigen Hintern.“ Wie aus weiter Ferne hörte Frederick eine
Frauenstimme, die irgendetwas von sich gab, was er nicht so richtig
205
einordnen konnte. Schlaftrunken tastete er umher, auf der Suche nach
einer imaginären Fernbedienung um den imaginären Fernseher
abzustellen. Nach kurzer Suche fand er auch etwas und begann darauf
herumzudrücken.
„Hallo Großer! Was immer du suchst, du hast auf jeden Fall
mehr gefunden als du verkraften kannst“, gurrte plötzlich eine Stimme
und heißer Atem strich um sein Ohr. Eine süße und angenehm
lockende Stimmer, die er zwar als bekannt einordnen konnte, aber
nicht woher und warum. Vorsichtig und voller bösen Vorahnungen
begann er wie in Zeitlupe seine Augen zu öffnen. Diese brauchten eine
Weile um genau zu erkennen was er gerade in seiner Hand hielt und
drückte, aber er konnte schon nach relativ kurzer Zeit deutlich
erkennen, dass das was er in seiner Hand hielt bestimmt keine
Fernbedienung war und wenn dem den doch so wäre hätten die
Designer endlich ein Design gefunden welches bestimmt reißende
Absätze zu verzeichnen hätte. Hastig zog er seine Hand zurück, als
sich nach wenigen Augenblicken wieder die Würmer der Erkenntnis
durch seine noch im Schlummer liegenden Gedanken gefressen hatten.
„Entschuldigung, ich war mit meinen Gedanken woanders“,
stammelte Entschuldigung heischend und er schaute wie ein
begossener Pudel.
„Wenn ich mich nicht irre, hatten deine Gedanken vier Finger
und einen Daumen und die haben an meinem...“, Conny unterbrach
206
ihren Neckversuch, da sie merkte, dass es Frederick wirklich peinlich
war.
„Hey, du brauchst nicht wie ein begossener Pudel zu schauen,
war doch nicht so schlimm. Du hast die ganze Fahrt über geschlafen
und warst halt noch schlaftrunken.“
Frederick rieb sich seine Augen, reckte und streckte sich kurz und
strich sich dann mit der rechten Hand über seinen Kopf.
„Verzeih mir bitte, dass ich ein so schlechter Unterhalter war,
aber die letzten Tagen, oder Phasen wie es bei euch heißt, waren
wirklich anstrengend für mich und ich weiß nicht wie es über mich
gekommen ist.“ Angestrengt blickte Frederick durch die Scheiben des
Grav-Wagens und erkannte, dass sich der Grav-Wagen direkt neben
seinem Dosen-Schiff befand.
„Es ist zwar nicht gerade schmeichelhaft für mich, wenn ein
junger, gesunder und in der Blüte seiner Kraft stehender Mann in
meiner Nähe einschläft, aber da du einen so knackigen Hintern hast,
werde ich dir noch einmal verzeihen. Außerdem hat Roderick mir die
Videoaufzeichnung deines Empfanges hier versprochen.“
Frederick stutzte, als Conny sein verlängertes Rückrat und eine
Aufzeichnung erwähnte, da er sich wage an den Satz erinnerte, indem
er ebenfalls glaubte gehört zu haben das es um eben diesen Teil seines
Körpers ging, bevor er richtig erwachte.
„Sag mal? begann Frederick vorsichtig. „Mit wem hast du
207
eigentlich gerade und über was gesprochen als ich dich versehentlich
begrapscht habe? Belustigt sah Conny Frederick an.
„Bist du etwa eifersüchtig?“ begann sie ihn wiederum zu
necken. „Keine Angst, ich mache nur Spaß. Ich habe mit deinem
mysteriösen Freund über Kom gesprochen und wir hatten viel Spaß
miteinander. Einen derart unkomplizierten und unverklemmten
Menschen habe ich noch nie kennen gelernt und wenn man bedenkt,
dass er sich erst vor fast fünf Wochen geoutet hat.“ Plötzlich aktivierte
sich das Kom, Conny brach den Satz ab, nahm den Ruf entgegen und
wandte sich von Frederick ab. Nach einigen Sekunden drehte sie sich
wieder zu Frederick hin, deaktivierte das Kom und lächelte ihn an.
„Tja, so wie es aussieht muss ich wieder zurück um
Mauseschwänzchen abzuholen. Seine Frau hat wohl doch noch ein
paar Kredits lockergemacht. Leider muss ich sofort los, da er unser
bester Kunde ist und ROSIs hier nur aufgrund der Exzesse von
Mauseschwänzchen rentabel ist. Wenn die Kaliler nur ein klein wenig
lockerer in ihrem Liebesleben wären, aber so! Conny geriet ein klein
wenig ins Stocken. „Ich bin der besondere Liebling von
Mäuseschwänzchen“, fuhr Conny fort. „Wenn ich meine Bärentatzen
anziehe und bestimmte Dinge mache, spürt man das Alter von ihm
manchmal fast gar nicht mehr.“ Frederick spürte, dass Conny, oder
vielleicht Mike nicht die Wahrheit sagte und er meinte erkennen zu
können, das es doch nicht so leicht war eine Frau zu sein, die vorher
208
ein Mann war, wie sie versuchte vorzugeben. Er stieg vorsichtig, sich
inzwischen augenblicklich automatisch an die geringere Schwerkraft
anpassend, aus dem Grav-Wagen, trat einen Schritt zurück und sah zu,
wie der Wagen verschwand. Vorsichtig begab er sich zu dem Eingang
seines Dosen-Schiffes und ging durch das noch immer defekte
Außenschott hinein.
„Hallo Roderick, ich bin wieder zurück. Danke für deine Hilfe
bei dieser verrückten Alten. Ich habe mich ihr schon ausgeliefert
gesehen, das war wirklich ein toller Einfall von dir ihm die Mäuse zu
sperren.“
Frederick ging geradewegs durch seinen Wohnbereich zur Toilette,
zog sich aus und stellte sich unter die Dusche. Durch den wirklich
erholsamen Schlaf den er im Grav-Wagen genossen hatte, fühlte er
sich äußerst erholt, was er nun noch ein klein wenig unterstreichen
wollte. Er stellte sich vor den elektronischen Erfasser, schloss seine
Augen und streckte die Arme in Erwartung des kühlen Nasses dem
Brausekopf entgegen. Dies allerdings seinerseits beharrlich darauf
bestand nicht nur nicht durch den Brausekopf zu kommen, sondern
auch nicht aus anderen Ecken. Verwundert blickte Frederick hoch. Da
sich noch immer nichts tat, begann er vor dem Erfasser
herumzuwackeln wie einige der Damen im gottlos enganliegenden und
knappen Bikini bei der Miss Unheimlich/Wichtig Wahl zu tun pflegen,
allerdings wirkte es bei ihm bei weitem nicht so verführerisch, was
209
aber wiederum auf den Standpunkt des einzelnen Betrachters
ankommt. Doch trotz der Verrenkungen, die inzwischen zu einem
wahren Schlangentanz ausarteten, wollte die Elektronik der Dusche
nicht dies tun, was ihm sein Steuerchip eigentlich vorzuschreiben hatte
und was letztendlich auch von ihm erwartet wurde.
„Roderick, ist das mal wieder einer deiner Scherze oder was?
Ich finde das gar nicht witzig.“ Da sich weder die Dusche noch
Roderick rührte, fühlte Frederick langsam Wut in sich aufsteigen.
„Roderick, ich spreche mit dir! Ist irgendetwas los?“ Er wartete
eine Zeitlang, aber nichts geschah. Langsam wich seine Wut um einem
unerwarteten Anfall von richtig echter Panik platz zu schaffen, welche
sich auch augenblicklich ein Stelldichein gab, zumindest hierauf war
verlass. Unwillkürlich drängte sich der Gedanke des offenen
Außenschottes auf und der fehlenden Sicherungseinrichtung des
Dosen-Schiffes. Schließlich war er als ein Mitarbeiter des END und
somit bestimmt ein lohnendes Ziel eines jeden fremden
Nachrichtendienstes oder aber zumindest einer irgendwie geistig
gestörten Terroristengruppe. Mit Schaudern erinnerte er sich an die um
Hack von Peter, der die Terrorgruppe „Schwarzes Loch“ gegründet
hatte und im letztem Jahr einen recht spektakulären Erfolg
verzeichnete, als er den Botschafter der Erde auf Wegular 3 entführte
um die Erde zu zwingen den Abkühlungsvorgang der Sonne
XVII/25830844 zu stoppen, an der die Erde zwar ausnahmsweise mal
210
nicht Schuld war, aber was zählte dies schon bei einer solch
medienwirksamen Entführung. Da man Hack von Peter letztendlich
beweisen konnte, dass sich diese Sonne schon vor 300 Millionen
Jahren von ihrer wärmenden Substanz verabschiedet hatte und nur
noch ihr Licht durch den verkrümmten Weltraum eilt, war zwar die
Forderung der Gruppe nicht mehr zu erfüllen, aber sie zeigte mal
wieder wie verwundbar auch ein ausgeklügeltes System war, zumal
der Botschafter von der gleich zu Beginn der Entführung aus
Sicherheitsgründen in ein sicheres Schiff verbracht wurde, welches die
Koordinaten der vormals erwähnten Sonne gespeichert hatte und sich
dorthin mit der Gruppe absetzen sollte, wenn Probleme bei den
Verhandlungen auftauchen. Doch durch einen Fehler innerhalb des
Programms, gepaart mit der Dummheit eines der Mitglieder, so
jedenfalls die offizielle Verlautbarung der zuständigen Stellen, setzte
sich das Schiff mit dem Botschafter und vier, sehr jungen, weiblichen
Mitgliedern der Terrorgruppe in Richtung XVII/25830844 in
Bewegung, ohne die Hoffnung auf eine Rettung durch andere Schiffe
oder einer Richtungsänderung. Mit der Ankunft im lunaren System der
ehemaligen Sonne wird nach mittleren Schätzungen in ungefähr 27000
Jahren gerechneti.

i
Hieraufhin hat das Auswärtige Amt natürlich sofort reagiert und die Bereitstellung von
mehreren Millionen Kredits für das nächste Haushaltsjahr gefordert, damit sich die
zukünftigen Beziehungen zu XVII/25830844 auf sicheren und gesunden
211
„Roderick, sag doch etwas!“ Fredericks Stimme wurde immer
unsicherer, während ihm noch immer das schreckliche Schicksal des
Botschafters durch den Kopf ging. Unsicher schaute er hinter der
Duschkabinenwand hervor und versuchte sich einen Plan
zurechtzulegen, wie er am besten, am schnellsten und am bekleidesten
aus dieser Dose herauskommen konnte. Er angelte seinen Overall und
zwängte sich mit zunehmender Panik hinein, welche sich inzwischen
durch einen ordentlichen Schuss Adrenalin verstärkte. Gerade als er
den Reisverschluss schloss, ergoss sich aus dem Brausekopf das
vormals erhoffte, wenn auch kalte Wasser, welches Frederick nun wie
ein Mann, ohne ein Wort des Klagens über sich ergehen ließ.
„Roderick“, sagte Frederick betont ruhig. „Stell doch bitte das
Wasser ab! Was soll der Blödsinn, verdammt noch mal. Nach solchen
Scherzen steht mir im Moment wirklich nicht der Sinn.“ Frederick
begann es langsam zu hassen, dass so etwas immer ihm passierte.
„Bist du etwa an Bord Frederick? Ich habe keine Ahnung was
passiert ist“, stotterte Roderick sichtlich verwirrt.
„Es gab eben einen Totalausfall aller Erfassungsdetektoren,
kann aber nicht feststellen warum. Vor allem kann ich nicht feststellen
warum jetzt alles wieder funktioniert. Aber sag mal?“ Roderick
machte eine kleine Pause. „Warum duschst du neuerdings mit deinen

Beamtengrundsätzen entwickeln kann. Außerdem wurde für den laufenden Jahresbericht


auf die positive Entwicklung des neueren Vorstoßes des AA hingewiesen.
212
Anziehsachen? Ist das nun wieder einer dieser heidnischen Bräuche
denen du immer wieder huldigst, wenn du dem Gott des Feuerwassers
deine Aufwartung gemacht hast, die ich - gemäß deiner Aussage - mit
meiner kleinen dummen CPU mal wieder nicht verstehe oder was soll
das darstellen?“
„Kümmere dich bitte erst einmal primär darum, woher dieser
Ausfall kommt“, erwiderte Frederick sichtlich gereizt, „und erstatte
mir dann sekundär Bericht und zwar einen ausführlichen. Und zu
deiner Beruhigung, ich dusche nur deshalb in meinen Klamotten, weil
mir halt danach war und nicht um einem dieser heidnischen Bräuche
nachzukommen wie du es so lakonisch zu nennen pflegst.“
„Gut dann werde ich mal in mich gehen und schauen was los
war.“
Halbwegs erleichtert und nur noch mit den Nachwirkungen des
Adrenalinanstieges durch die aufkeimende Panik kämpfend, schälte
Frederick sich aus dem nassen Overall, der an ihm klebte wie ein
penetranter Vertreter einer Sekte an einen Flughafen, der unbedingt
seinen Glauben und vor allem seine Plastikblumen gegen Bargeld los
werden wollte. Nachdem er sich mittels Gewaltanwendung von diesem
getrennt hatte, stieg er missmutig wieder unter die Dusche und als der
Erfassungssensor nun pünktlich, korrekt und bemüht wie ein fleißiger
Beamter seiner Aufgabe nachkam, begann er sich langsam zu
entspannen. Nachdem er mit sich einen neuen Overall angezogen hatte
213
begab er sich über den Umweg des Freß-O-Mat verbunden mit der
Herstellung eines Whiskys - und wie immer ebenfalls verbunden mit
den Protesten des eingebauten Analysecomputers über den Nährwert
des Bestellten - in den Kontrollraum, setzte sich entspannt in den
Pilotensitz und begann nachdenklich über den eben vernommenen
vermutlichen Zustand seiner Leber an seinem Drink zu nippen.
„Da bin ich wieder. Hast du inzwischen herausgefunden was
passiert ist, oder wolltest du mich nur mal wieder drankriegen, weil ich
dir Mike auf den Pelz geschickt habe?“ Frederick legte einen betont
freundlichen und kumpelhaften Tonfall in seine Frage.
„Nein, leider bin ich noch immer nicht dahinter gekommen
warum ich einen so eklatanten Ausfall einiger meiner Sensoren hatte.
Und die Unterhaltung mit Conny war sehr aufschlussreich für mich
und hat mir außerdem gezeigt, dass du mir doch ein gewisses Interesse
und Aufmerksamkeit entgegenbringst, die über das normale Verhältnis
Mensch - Schiffscomputer geht.“
„Könnte es vielleicht nur ein einfacher Stromausfall gewesen
sein, der dich lahm gelegt hat? Oder vielleicht hat ja eine dieser
unregelmäßigen Sicherheitsüberprüfungen des internen
Wartungsblocks kurzzeitig eine Blockierung hervorgerufen.“
„Das wäre natürlich eine Möglichkeit, aber du weist ja, dass
ich zu diesen Programmen aus Sicherheitsgründen keinen Zugriff
habe, was ich allerdings nicht verstehe. Meine Programme gehören mir
214
und nur ich sollte entscheiden was damit geschieht und wer an mir
rumfummeln darf. Nur du und eine externe, übergeordnete
Wartungseinheit auf der Erde könntet eine Überprüfung durchführen.“
Roderick stockte eine Sekunde und fuhr dann mit leiser Stimme fort
als hätte er etwas zu beichten. „Und ich glaube, auch im Anbetracht
der Tatsache das kein Wartungsroboter mehr zu mir kommen darf,
dürfte die Notwendigkeit unterstreichen das du mal mein Inneres
erforschst und das am besten sofort, weil ich Angst habe das könnte
noch einmal passieren und vielleicht wache ich dann nicht mehr auf,
oder ich verwandele mich wieder in diese stumpfsinnige Anzahl von
elektronischen Schaltungen wie vorher, die nur gehorchen und nicht
denken.“
„Hey, führe mich nicht in Versuchung“, sagte Frederick und
begann zu schmunzeln. „Da mach dir mal keine Sorgen, wir sehen uns
das mal gleich an.“ Er beugte sich bereitwillig über die Armaturen, als
ihn etwas stutzig machte. „Was hast du gerade abgesondert?“
Frederick stockte und hätte sich beinah an seinem Whisky verschluckt
an dem er gerade noch lässig getrunken hatte und sich dabei fühlte wie
dieser Kerl mit dem komischen Hut der immer den Frauen in die
Augen sah, obwohl die meisten doch auch noch ganz andere reizvolle
Körperteile aufzuweisen hatten. „Wieso und seit wann bekommen wir
denn keine wartungstechnische Unterstützung mehr? Wir haben doch
noch Garantie auf dich - wollte sagen auf das Schiff. Uns steht
215
Wartung zu, auch auf diesem beschissenen Planeten.“
„Na ja, das war nämlich so. Vor ein paar Stunden, du warst
gerade mit dem Priester weg, da kam ein Kaliler an Bord und suchte
den Wartungsroboter der gestern oder vor 6 Perioden, wie auch immer
diese Scheiß-Zeitrechnung hier heißen möge, das Außenschott
reparieren sollte. Nachdem ja der Wartungsroboter durch diesen
verdammten Kapitän Hartner und seinen Wahnvorstellungen von
einem normalen Schiffstart in seine Einzelteile zerbröselt wurde und
somit nicht mehr auffindbar war, hat er uns einfach das Recht auf
Wartung entzogen, bis der Wartungsroboter wieder unversehrt in der
Werkstatt ist. Ich habe die Garantie durchgelesen und er hat recht, er
darf das tun. Im übrigen ist diese Garantie der letzte Scheiß, wenn ich
das mal sagen darf. Wenn zum Beispiel etwas Gravierendes kaputt ist,
muss man in die Werkstatt zurück in der man das Schiff gekauft hat -
etwas schlecht wenn man ein paar Millionen Kilometer davon entfernt
ist, wie wir gerade.“ Frederick starrte fassungslos durch das
Sichtfenster auf das niedrige Towergebäude.
„Und warum hast du ihm nicht gesagt dass er durch den Start
des TONIs-Schiffes kaputt ging? Schließlich ist der ja nun wirklich
auch Schuld.“
„Und wie bitte, hätte ich erklären sollen warum der Roboter
solange an Bord war und doch nichts repariert hat. Hätte ich vielleicht
sagen sollen - Verzeihung, ich habe nur ein paar Nummerchen mit
216
ihrem Roboter geschoben und anschließend hat er die Nacht hier
verbracht? Der hätte doch sofort seinen Schraubendreher gepackt und
mich in meine Einzelteile zerlegt.“ Frederick überlegte eine Weile.
„Nein, dass hättest du nun wirklich nicht bringen können. Dann
schauen wir eben mal was mit dir los ist.“ Frederick stellte seinen
Whisky auf die Konsole, beugte sich über den interaktiven Bildschirm
und aktivierte das Wartungsprogramm. „Was hast du den nun über
unseren Verschwunden feststellen können?
„Das ist übrigens ein heißes Ding. Ich habe dir ja erzählt das
irgendwer eine recht umfangreiche Datei über alle Bewohner auf Kalil
angelegt hat die von der Erde stammen, die bis in die intimsten
Bereiche reicht. Und jetzt halt dich fest, die Fäden laufen alle beim
Botschafter und bei diesem Oberst Kardinal zusammen.“
„Hey, dass ist ja wirklich heiß!“ sagte Frederick, pfiff einmal
anerkennend vor sich hin und beugte sich näher an den Bildschirm
heran.
„Sage ich ja“, bestätigte Roderick.
„Das meine ich doch nicht. Da hat doch irgendwer ein Bild von
einer braungebrannten Schönheit als Hintergrundbild in das
Wartungsprogramm eingebaut. Und die kleine Wilde macht recht
wilde Sachen, wenn bloß nicht diese blöden Zeilen wären, die
verdecken ja alles“, murmelte Frederick vor sich hin, wobei er den
Bildschirm nicht aus den Augen ließ.
217
„Na Prima, ich präsentiere dir gerade die Ergebnisse von
mehreren Stunden harter Ermittlungsarbeit, wer die Dateien hier
angelegt hat und du interessierst dich nur für die elektronische,
übrigens auch noch verfremdeten, Damenwelt.
„Nun hab dich doch nicht so“, Frederick lehnte sich zurück und
grinste bis über beide Ohren. „Ich habe doch nur Spaß gemacht. Mit
deinen Programmen ist alles in Ordnung und ich kann nichts, aber
wirklich auch gar nichts über deinen Systemausfall finden. Außerdem
habe ich die Nachricht der bösen Speicherbuben vernommen. Aber zu
deiner Unterrichtung, seit dem großem Speicherskandal von 2013 gibt
es kein Gesetz im bekannten Teil des Universum mehr, welches gegen
die Anlegung und Verwendung von Dateien über alles und jeden für
alles und jeden Zweck sprichti.“
„Und es sind wirklich keine Bilder von Tussis in meinen
Speichern die wilde Sachen machen? Das wäre mir wirklich
unangenehm. Du weißt schon, wegen dem kleinen Wartungsroboter.“
„Nein, wirklich nicht. Ich schwöre es dir bei allem was mir
heilig ist“, sagte Frederick gelangweilt. „Aber jetzt mal raus mit der
Sprache, was war das vorhin mit dieser seltsamen Spur von der du mir
berichtet hast bevor die alte Schachtel kam?“
„Wenn ich mich recht entsinne ist es nicht gerade viel was dir

i
Hier hatten die Verbraucher es endlich geschafft die blödsinnigen Verbote hinsichtlich der
Werbeethik der Regierungen zu stürzen. Schließlich gibt es auch das Recht auf Werbung.
218
heilig ist, aber das sei im Moment dahingestellt sein. Jedenfalls habe
ich, wie bereits vorhin erwähnt, in den Dateien nichts über unseren
Freund, Major Frank, gefunden, aber in einer Inventarliste einer
bestimmten Lagereinrichtung ist etwas, was einem Major Frank
gehört. Außerdem habe ich in den verschiedenen Quellencodes
eindeutige Spuren eines vor kurzem recht umfangreichen
Löschauftrages gefunden und nur die abgesetzten Computer, diese
werden auch sitzen gelassene Computer genannt, ohne direkten Online
Modus haben diesen Löschungsauftrag noch nicht erhalten.“ Roderick
machte eine Pause um das tragische Element in seinen Ausführungen
besser zu betonen, worauf Frederick allerdings betont herzhaft gähnte,
da er inzwischen seinen Effekten haschenden Schiffscomputer kannte.
„Und der Lagereinrichtungscomputer ist ein solcher abgesetzter oder
sitzen gelassener Computer. Das ist jedenfalls die einzig verwertbare
Spur, die ich bisher gefunden habe“, fuhr Roderick nun gereizt fort.
„Gute Arbeit,“ sagte Frederick und war nun ganz bei der
Sache. „Konntest du bestimmen was diese eingelagerte Sache ist oder
in welcher Lagereinrichtung es sich befindet?“
„Nun ja, es war eine Heidenarbeit das herauszufinden, aber
findig und schön wie ich nun einmal bin habe ich natürlich Ort und
Lagerstelle herausbekommen, aber leider nicht was es ist. Diese
Eintragung ist leider nicht vorgenommen worden. Menschen sind halt
so unperfekt in allem was sie tun.“
219
„Vorsicht Freundchen“, erwiderte Frederick recht rau.
„Schließlich bist du von Menschen konstruiert und gebaut worden.“
„Ja leider“, seufzte Roderick. „Nirgendwo ist ein wirklich
strammes Mainboard mit ausreichend Speicher zu finden, der auch nur
im entferntesten nachfühlen kann was ich empfinde. Jedenfalls handelt
es sich um einen lausigen Lagerschuppen hinter dem
Flughafengebäude und das Gesuchte hat die Lagerungsnummer XIII
303/2B, außerdem kann man davon ausgehen, dass es recht klein ist.“
„Wie kommst du den auf den Gedanken?“ Ich denke es gibt
keine Anhaltspunkte, da wir Menschen so unperfekt sind?“
„Ganz einfach!“ Roderick mimte nun seinerseits den
Gelangweilten. „Ich habe die anderen Gegenstände der Ebene
abgerufen und die anderen eingelagerten Gegenstände der gleichen
Ebene erwiesen sich als recht klein, woraus derjenige, der ein klein
wenig mit seinem Denkapparat umgehen kann schließen kann, dass
der angegebene Gegenstand unseres Majors ebenfalls klein ist. Des
weiteren gewinne ich diesen Rückschluss aus der Tatsache, das
Menschen nicht nur unperfekt sind, sondern auch noch nach
Jahrtausenden ihrer Evolution, oder was immer es auch gewesen sein
mochte was ausgerechnet diese Spezies nach oben geschwemmt hat, in
ihrer Gedankensphäre so engstirnig ist, dass sie immer gleichartige
oder gleich große Dinge zusammenordnen. Egal ob es sich hierbei um
Socken, Abführtee oder Thermonuklearbomben handelt, gleiche Größe
220
- ab in Korb 3. Es ist bei euch Menschen immer das gleiche, keinerlei
Kreativität.“
„Da entschuldige ich mich aber im Namen der Evolution, sie
hat es bestimmt nicht so gewollt. Aber was erwartest du schon von
jemanden, der wahrscheinlich aus einem heruntergekommenen
mutierten Pantoffeltierchen oder gar Schlimmerem gekrochen sein
könnte. Bestimmt hat es auch versucht seine Mutation als besonderen
Evolutionsvorteil bei den Mädels zu verkaufen.“
„Zumindest ein klein wenig mehr Kreativität wäre nicht
schlecht gewesen.“
„Nun den, dann werde ich mal ein klein wenig kreativ werden
und sofort die erwähnte Lagerhalle aufsuchen und sehen was unser
guter Franki-Boy hier zurückgelassen hat.“ Frederick stand auf und
ging auf einen der unzähligen Einbauschränke zu, die sich im Inneren
des Dosen-Schiffes ausgebreitet hatten, als würden sie algengleich die
Herrschaft über das Schiff an sich reißen wollen. Er öffnete die Tür
und drückte auf eine bestimmte Stelle an der Schrankrückwand,
welche sich daraufhin bereitwillig mit einem asthmatischen Schnaufen
öffnete und einen weiteren Raum an das Licht brachte. Frederick griff
hinein und angelte sich einen schwarzen Rucksack heraus.
„Was für eine Phase haben wir gerade?“ fragte Frederick
gedankenverloren und heftete seinen Blick an den schwarzen
Rucksack.
221
„Wenn du wissen möchtest ob es gerade dunkel ist um deinen
wahrscheinlich unsinnigen Plan umzusetzen, so kann ich dir mitteilen,
dass die nächste Dunkelphase in 7,34 Minuten beginnen wird. Du hast
dann exakt 24,89 Minuten, oh entschuldige 24,88 Minuten dieser
Planet hat ein paar scheußliche Probleme mit seiner Umlaufbahn, Zeit
um in Erfahrung zu bringen was sich hinter der Bezeichnung XIII
303/2B verbirgt. Aber ich rate dir zu Beginn die Umgebung ein klein
wenig zu observieren um dich mit den Gegebenheiten vertraut zu
machen, wenn du schon unbedingt Agent an der Front spielen
möchtest.“
„Ja sollte ich wohl machen“, erwiderte Frederick monoton, zog
sich den Rucksack auf den Rücken, nahm eine aufrechtere Haltung als
sonst ein und ging mit entschlossenem Schritt zum defekten
Außenschott.
„Gib mir bitte auf meine UHRi die Umrisse der Gegend und
markiere die Lagerhalle. Berechne bitte den kürzesten Weg und lege
ihn bitte über die Umrisskarte.“ Frederick klang wie ein Feldherr, der
sich zu einer entscheidenden Schlacht rüstete und in seinem Leben
nichts anderes gemacht hatte als Befehle an seine, ihm blind
folgenden, Untergebenen zu erteilen. Kurze Zeit später wäre das

i
Eigentlich Unheimlich Hirnrissiges Rettungs-Equipment, kurz halt Uhr. Ein durch
mehrere, natürlich sauteure, Untersuchungen des END entwickeltes und extrem
hochwertiges Spielzeug um Agenten im Außendienst zumindestens einen Thriller bieten zu
können. Die Bedienungsanleitung hat die Ausmaße 2 mal 3 Meter und wiegt 5 Zentner.
222
gewünschte auf dem kleinen Display zu sehen gewesen, wenn man
eine sehr starke Lupe sein eigen hätte nennen können.
„Hey, was soll den der Scheiß. Hast du den keine bessere
Auflösung. Ich kann ja gar nichts erkennen.“
„Wäre kein Problem gewesen, wenn du bei der
Originalausrüstung geblieben wärst und nicht dieses miesen Schicky-
Micky Plastikzeug genommen hättest um diesen naiven Schnittchen
im Büro mehr zu imponieren. Mit diesem Geraffel kann ich leider
nicht mehr darstellen.“
„Mist, warum mache ich auch immer so etwas?“
„Weil du ein Idiot bist!“ erwiderte Roderick lakonisch.
„Sorge bitte dafür, dass wir jederzeit starten können, falls
etwas schief laufen sollte. Und versuche bitte das Energiefeld so zu
stabilisieren, das das Außenschott elektronisch abgeschirmt wird,
damit mir die Luft nicht ausgeht wenn wir gestartet sind.“
Frederick wartete die Dämmerung ab, stellte den Countdown
seiner Uhr ein und trat aus dem Dosen-Schiff. Langsam und
vorsichtig, sich immer der fehlenden Anziehungskraft bewusst, schlich
er sich um das niedrige Flughafengebäude zu der angegebenen
Lagerhalle. Nach kurzer, aber schmerzhafter Suche fand er die
Eingangstüre, über der ein Schild angebracht war.
„Labor zur Bestätigung von allem möglichen“, las Frederick
leise. Kopfschüttelnd widmete er seine Aufmerksamkeit wieder der
223
Tür zu, da er nur noch 20,70 Minuten hatte um den Tatbestand einer
Straftat zu erfüllen. Zuerst begann er sich mental auf die Türe
einzustellen und machte sich klar, dass ihn jetzt nur noch diese kleine
unscheinbare Ding von seinem Ziel trennte, dem Exponat XIII 303/2B
was immer sich dahinter verbergen mochte. Nach kurzem mentalen
Training und der Suche nach der richtigen Einstellung zur
beabsichtigten Tat, nahm er seinen Rucksack vom Rücken und begann
darin zu kramen. Nach kurzer Suche fand er seine Spezial-Codekarte,
mit der er in der Lage war jede Tür im bekannten Teil des Universum
zu öffnen, ohne das der Benutzer irgendeine Ahnung von
elektronischen Schlosssystemen haben musste, also genau das richtige
für ihni. Verzweifelt suchte Frederick den Schlitz für seine
Spezialkarte, um diese einführen zu können, nach intensivsten
Tastversuchen war zwar der Kartenschlitz zu finden, aber die Karte
wollte nicht hineinpassen. Fluchend suchte Frederick in seinem
Rucksack herum und zog kurze Zeit später eine kleine Taschenlampe
heraus. Frederick nahm diese und leuchtete weiterhin leise fluchend
den Türrahmen ab. Der Kartenschlitz war zwar deutlich vorhanden,
aber er war mittels einer Platte von innen versiegelt worden.
Plötzlich bemerkte er kurz unterhalb des Türgriffes eine

i
Allerdings handelte es sich hier nicht, wie man allgemein den Geheimdienstkreisen
unterstellt, um eine spezielle Entwicklung des END, sondern um eine Erfindung eines 12
jährigen Rotzlöffels, der unbedingt seiner Schwester nachspionieren wollte, wenn deren
Freund zu Besuch war.
224
Einkerbung. Vorsichtig betastete er die Einkerbung und stellte fest,
dass es sich hierbei wahrscheinlich um ein altes mechanisches Schloss
handeln musste. Eines von der Art, die ihm selbst bei seinem BIA-
Lehrgängen nur vor dem Hintergrund des geschichtlichem Verlaufes
der Schlosstechnik gezeigt wurde und selbst dort nur auf Bildern.
Frustriert schaute sich Frederick die Spezialkarte an und ließ diese mit
einem Seufzer in den Rucksack fallen, während in seinen Gedanken
die Einführung des damaligen Dozenten für Schlosstechnik aufgerufen
wurden und sich nun Wort für Wort wieder abspulten.

„Meine Damen und Herren, diese altertümlichen


Schlosstechniken hier auf diesen Bildern, wurden vor mehr als 50
Jahren ad akta gelegt, da die Herstellung und der alltägliche Betrieb
zu teuer und zu umständlich wurden. Ein solches Schloss außerhalb
eines Museums zu finden besteht zurzeit bei 1:100 000 000 000, 00 27
Periode mit abnehmender Tendenz, oder mit anderen Worten gleich
Null. Haben das alle verstanden, auch die Frauen.“

Ein seltsames Gefühl des verloren haben überkam ihn und er begann
zu überlegen, warum sich wohl jemand die Mühe machte und eine
bereits elektronisch bestens, mit Ausnahme natürlich der technischen
Überlegenheit den END, gesicherte Tür mittels museumsreifer
Technik schützt. Andererseits musste er erkennen, dass dieser jemand
225
auf jeden Fall sein Ziel erreicht hatte, kein anderer kam herein, weil
die benutzte Technik inzwischen so alt war, dass sie wieder neu war.
Sein inzwischen beständig leise piepsender ablaufender Countdown
erinnerte ihn an die Nutzlosigkeit seiner Gedanken und sein noch
immer unerreichtes Ziel, er wollte nun mehr als zuvor in das Innere
des Gebäudes.

„Wenn es schon nicht mit sauberer, elektronischer Hilfe


funktioniert in einen gesicherten Bereich einzudringen, in den sie aus
unterschiedlichen Gründen möchten“, hörte Frederick wieder in
Gedanken seinen Dozenten mit seiner leicht näselnden Mäusestimme
referieren, „so vergessen und unterschätzen sie bitte nicht die
Wirksamkeit eines Quäntchens unangemessener Gewalt wie einem
gezielten Tritt. Dies führt in der Regel ebenfalls zu dem gewünschten
Erfolg, oder aber zu einem gebrochenen Fuß. Glauben sie bitte aber
nicht“, so fuhr er fort, „dass ich bei der Abschlussprüfung den zuletzt
genannten Rat als Generalantwort auf alle etwas komplizierteren
Fragen akzeptiere.“

Nachdenklich betrachtete Frederick die Beschaffenheit der Tür und


rechnete sich die Chancen aus, die er bei dem erwähnten Tritt hätte.
Da das Ergebnis zu 90 Prozent gegen die Unversehrtheit seines Fußes
sprachen, war er gezwungen ein weit weniger brachiales Mittel zum
226
Öffnen zu finden. Er musste irgendwie versuchen das Schloss zu
zerstören, auch wenn er dabei Spuren hinterließ. Er durchsuchte seinen
Rucksack und hielt plötzlich ein Gerät in Form eines Massagestabes in
der Hand. Verwundert drehte er es herum und betrachtete es von allen
Seiten, als ihm plötzlich einfiel, dass es sich hier um eine kleine, aber
leistungsfähige Bohrmaschine handelt, die er schon lange als verloren
abgeschrieben hatte. Er zog den speziell gehärteten Bohrer heraus,
spannte ihn in die Bohrmaschine ein und begann sich an dem Schloss
zu vergehen. Da dies allerdings aus gehärtetem Material zu bestehen
schien, natürlich aus reiner Bosheit, legte sich Frederick mit seinem
ganzen Gewicht hinter den Bohrer, doch der Erfolg bezüglich des
Schlossaufbohrens war mäßig. Frederick setzte den Bohrer schwitzen
ab und betrachtete den bisherigen Erfolg seiner nächtlichen
Bohraktion. Das Schloss hatte inzwischen ein paar Kratzer mehr,
weigerte sich aber hartnäckig dem Bohrer den angestrebten Erfolg zu
gönnen, natürlich auch weiterhin aus reiner Bosheit. Frederick seufzte
leise, betrachtete kopfschüttelnd seine Uhr und setzte den Bohrer
erneut an, als hinter ihm etwas zu knistern und zu rauschen anfing. Er
drehte sich langsam und vorsichtig um. Als er erneut in die drei
nichtvorhandenen Gesichter der Kapuzenschweine blickte stieß er
einen leisen Schreckensschrei aus. Nachdem Frederick sich gefasst
hatte und auch die Drei ihrerseits inzwischen einen Schrei ausgestoßen
hatten, stellte sich Frederick schnell vor die Türe um den Blick auf
227
seine bisherige Tätigkeit zu versperren.
„Was wollt ihr den schon wieder?“ fragte Frederick barsch.
„Könnt ihr mich denn nicht einmal in Ruhe lassen? Schu-schu,
verschwindet!“ Frederick wedelte dabei mit der Hand um sein
Verlangen nach Ungestörtheit zu unterstreichen. Doch das Bild
verschwand nicht und die drei Kapuzenschweine kamen näher an den
Bildrand und betrachteten die Situation ausgiebig.
„Sag mal, alter Freund und von uns versehentlich
Ausgewählter, was treibst du denn da?“ fragte der alte
Kapuzenschwein-Meister. „Das sieht hier aber bangig nach einer
Sache aus die bestimmt nicht erlaubt ist.“
„Stimmt Meister“, sagte einer der beiden anderen, die durch
den Meister, der so nahe am Bildrand nicht gerade zierlich wirkte,
verdeckt wurden. „Ich glaube der dreht gerade ein Ding.“
„Au ja, Meister! Dürfen wir zuschauen?“ begann der andere,
ebenfalls verdeckte zu quieken.
„Was soll das, seid ihr nun Verkündiger oder Spitzel. Da fällt
mir ein, müsstet ihr nicht irgendwas verkündigen da Euch sonst die
Verkündigungs-Konzession oder so was flöten geht?“ Frederick
schaute den dreien zu, die inzwischen wieder zurückgetreten waren,
um sich nach den letzten Worten von Frederick erst einmal zu beraten.
Er hörte nur verschiedene Bruchstücke der Unterhaltung, konnte sich
allerdings seinen Reim darauf machen. Die beiden Jüngeren wollten
228
unter allen Umständen bei seinem Bruch dabei sein, doch der Älteste
gab zu bedenken, dass es sich hierbei um einen Präzedenzfall handeln
könnte, wenn sie bis zum Ende des Einbruchs anwesend sein würden
und dann dem Einbrecher auch noch eine Weissagung oder ähnliches
mit auf seinen weiteren Lebensweg mitgeben müssten.
„Wir würden zum Gespött unserer Zunft werden!“ hörte er das
Meisterschwein beschwörend auf die Jungschweine einredend.
„Ja, aber wir könnten einem richtigen Bruch erleben!“ kam von
den Lehrlingen begeistert die Antwort.
„Hey, halli hallo!“ rief Frederick gedämpft. „Ich mache euch
einen Vorschlag. Ihr versucht weiterhin die richtige Epoche, den
richtigen Ort und den richtigen Mann für eure Weissagung zu finden
um diese endlich los zu werden, welche dann dort bestimmt für
genügend Aufregung und Unheil oder was weis ich sorgt, verzichtet
auf die Betrachtung der Fortsetzung meiner Tätigkeit hier, lasst mich
wieder allein und dafür werde ich niemanden erzählen das ihr hier
ward und welche Probleme es gab. Außerdem verzichte ich auf eine
Weissagung oder ähnliches.“
Überrascht drehte sich der Meister um, woraufhin seine
Auszubildenden das gleiche taten. Nach kurzer Betrachtung ihres
Meisters nahmen die beiden die gleiche Haltung ein wie er.
„Das würden sie wirklich für uns tun? Das ist aber sehr nett
von ihnen. Und wenn sie mal eine Weissagung oder so was brauchen
229
wenden sie sich ruhig an mich.“ Der Meister trat wieder an den Rand
des Bildes, beugte sich vor und begann zu flüstern.
„Nach Dienstschluss habe ich nämlich meinen eigenen
Weissagungsservice. Ich habe auch ständig Sonderangebote auf Lager
und bei Kunden die öfter eine Weissagung brauchen wenn vielleicht
mal eine kleine eigene Religion, so mit jungen gut gebauten Miezen
und gottlos enganliegende Gotteskleidern, gegründet werden soll, gebe
ich schon mal 10 Prozent Rabatt. 20 Prozent wenn ich eine führende
Position einnehmen darf!“ Eine Hand des Meisters erschien aus dem
Bild und reichte Frederick eine kleine rechteckige Karte. „Meine
Karte.“
Frederick nahm diese automatisch entgegen und steckte sie ein. Das
Bild knisterte erneut, flackerte noch einmal auf und sackte dann, wie
das Ego eines Staatsdieners bei angeordneten, unbezahlten
Überstunden, in sich zusammen. Kopfschüttelnd drehte er sich wieder
zur Tür herum und begann von neuem das Schloss der Tür zu
bearbeiten. Nach einigen Minuten begann der Bohrer rot zu glühen
und brach dann kurz darauf auch noch ab, kratzte dabei über den Lack,
schlug Funken und entzündete den Lack, der daraufhin nichts Besseres
zu tun hatte als sofort in Flammen aufzugehen.
Nach einigen Minuten, in denen Frederick bewegungsunfähig daneben
stand und das Flammenspiel betrachtete, fiel die gesamte Konstruktion
krachend und noch immer brennend in das Innere der Lagerhalle,
230
wodurch die dort angebrachte Sprinkleranlage nun seinerseits aktiviert
wurde und versuchte das Feuer zügig zu löschen. Da die
Sprinkleranlage nun einmal an der Arbeit war, begann sie auch noch
kurzerhand die Lagerhalle unter Wasser zu setzten um hierbei auch
mal ihre Leistungsfähigkeit zu demonstrieren, da es ja nicht jeden Tag
eine so günstige Gelegenheit gab sich zu produzieren. Nachdem auch
dies geschafft war und die Sensoren der Sprinkleranlage erkannt
hatten, dass nicht nur das Feuer gelöscht war, sondern auch noch jedes
eingelagerte Teil der Lagerhalle durchnässt war, hörte sie mit einem
befriedigten Gurgele auf zu arbeiten, gierend auf den nächsten
Feueralarm. Frederick erwachte langsam aus seiner Lethargie und
betrat den Ort der Verwüstung.
„Der Geist des Menschen hatte wieder einmal den Elementen
getrotzt“, zitierte er in Gedanken. Frederick stieg über die Trümmer
der Tür, betrat den überschwemmten Raum und begann nun mit der
Suche nach der Nummer XIII 303/2B. Um keine weitere
Aufmerksamkeit zu erregen, schaltete Frederick seine Taschenlampe
ein und beleuchtete die Lagereinrichtung. Da die Beschriftungen durch
das Feuer und die anschließende Dusche meist unleserlich geworden
waren begann er die einzelnen Aufbewahrungskammern zu
untersuchen, deren Inhalt meist recht ungewöhnlich und sich
jeweiligem Deutungsversuch entzogen. Manche dieser Effekten waren
allerdings derart seltsam, dass er lieber nicht in Erfahrung bringen
231
wollte was es war. Vor einer Kammer mit der Bezeichnung XIII
300/1A, in der sich eine Holzkiste befand, blieb Frederick stehen und
wischte den Russ von der Beschriftung um genauer sehen zu können
was hier gelagert war.
„Überreste der hoch entwickelten Kultur von Lungo V.“
Neugierig öffnete Frederick die Kiste, da er bisher von einer solchen
Kultur, geschweige denn von einem solchen Planeten etwas gehört
hatte. Er leuchtete mit seiner Taschenlampe und schaute hinein. Er
holte einen länglichen, gelben Plastikgegenstand heraus, der an einem
Ende eine Metallklammer hatte und am anderen Ende schaute eine
abgerundete Spitze heraus, an der blaue Farbe zu kleben schien.
Frederick drehte den Gegenstand herum und stellte zu seiner
Überraschung fest, dass auf der einen Seite bei der Metallklammer
eine Frau abgebildet war, deren Bekleidung durch das Drehen des
Kugelschreibers verrutschte und diese dann nackt dastand. Nachdem
er einige Minuten dieses seltsame Phänomen untersucht hatte stellte er
fest, dass die Anatomie dieser nackten Schönheit der menschlichen
beunruhigend nahe kam. Er hegte kurz den Impuls dieses Kleinod
einer fremden Rasse in die Truhe zurückzulegen, überlegte es sich
dann aber und steckte ihn ein. Dann begab er sich weiter auf die Suche
nach der zurückgelassen und hier aufbewahrten Habseligkeiten des
Majors die die einzige Spur darstellte die sich scheinbar noch auf
diesem Planeten befand, obwohl der letzte offizielle Bericht des
232
Majors an END von hier kam und aus dem ein Aufenthalt von
mindestens 2 Monaten zu schließen war. Während er suchte, kreisten
seine Gedanken immer weiter um die seltsame Datensammlungswut
des Botschafters und des Oberst Kardinal und warum bei dieser
lückenlosen Dokumentation keinerlei Daten über den Major dabei
waren, wo er doch unzweifelhaft auf diesem Planeten gewesen sein
musste. Des Weiteren war es für Frederick unerklärlich, warum gerade
ein öder Planet wie dieser mit einem eigenen Botschafter und einem
Oberst Kardinal ausstaffiert waren. Dieses Vorgehen ist für eine
irdische Behörde eigentlich unüblichi.
„Was sie gerade so leichtfertig eingesteckt haben, Herr
Leutnant, ist wahrscheinlich der heiligste Gegenstand einer längst
untergegangenen großen Kultur gewesen, für den viele tüchtige
Männer und Frauen ihr ansonsten unnutzes Leben gelassen haben.“
Völlig unerwartet, doch für eine Werk wie dieses, eine unbedingt
notwendige dramaturgisch Wendung, erschallte plötzlich eine laute
und militärisch widerlich klingende Stimme hinter Frederick.
„Übrigens waren wir der Grund für den Untergang dieser einmaligen
Kultur.“
Durch das gleichzeitige Aufflammen der Beleuchtung und der

i
Außer natürlich, dass die letzte Beförderungswelle mal wieder die üblichen Nasen- und
Bohrerelite hochgeschwemmt hatte und auf den meisten Schreibtischen kein Platz mehr für
einen ordentlichen Büroschlaf mehr war.
233
plötzlich hinter ihm ertönenden Stimme, wurde Frederick aus seinen
Gedanken gerissen und warf sich instinktiv hinter eines der
Lagerregale. Doch seine Deckung erwies sich als nicht gerade günstig,
da sich gerade hier eine Vertiefung im Boden befand, die natürlich von
dem Löschwasser bis zum Rand gefüllt wurde und sich nun
hervorragend als Minischwimmbad und Tummelplatz von allerlei
Bakterien und son ein Zeug eignete, aber nicht als Versteck. Er neigte
von Natur aus eigentlich nicht zu ängstlichen Spekulationen, außerdem
wurde er streng, ja fast spartanisch erzogen und bezeichnete sich als
Realist, dennoch kam er nicht drum herum festzustellen, dass er nicht
nur im Wasser, sondern auch noch bis zum Hals in der Patsche befand.
Sein gefestigter Charakter reagierte umgehend. Prustend tauchte
Frederick nach ein paar Sekunden wieder auf und nachdem er sich das
Wasser aus dem Gesicht gewischt hatte, war das erste was er sah zwei
paar Füße, die in ziemlich festes Schuhwerk gekleidet waren. Er
blickte hoch und erkannte die Gesichter des Botschafters und das des
Oberst Kardinal. Dieser Anblick rückte einen wirklich miesen Tag
nicht unbedingt in die richtige Perspektive.
„Suchen sie vielleicht dies hier, mein lieber Herr Leutnant?“
begann der Oberst Kardinal erneut und hielt dabei in der linken Hand
ein kleines zierliches Fläschchen hoch in dem sich eine seltsam
anmutende Flüssigkeit befand. Seine rechte Hand ruhte lässig auf
etwas, was selbst aus dieser ungünstigen Position als etwas zu
234
erkennen war, welches in bestimmten Situationen dazu beitragen
könnte, sich äußerst negativ auf das körperliche Wohlbefinden eines
normalen Metabolismusi auszuwirken. Die Flasche hatte einen soliden
Ring aus irgendeinem Material, in dem sich offensichtlich eine Menge
Elektronik tummelte, die bestimmt und gern vor sich hin elektrisiert
hätte, wenn nicht auf der Rückseite einige verschmorte Stellen zum
Vorschein getreten wären, die auf einen Kurzschluss oder auf den
Genuss einer Knoblauchpizza von TONIs schließen ließen.
„Falls diese Flasche die Lagernummer XIII 303/2B haben
sollte, so kann ich sie in ihrer Annahme bestärken, welchen
Gegenstand ich zu finden beabsichtigte“, erwiderte Frederick, noch
immer in dem Löschwasser verweilend. Der Botschafter änderte den
Lagezustand Fredericks augenblicklich, indem er ihn vom Boden
hochriss und äußerst unsanft auf seine Beine stellte.
„Wie doch ein bisschen Grobheit die bedeutungslose
Interaktion zwischen ein paar Individuen Spannung in einen ansonsten
öden Alltag bringen kann.“ Frederick richtete seinen Overall wieder
her, dessen natürlicher Sitz durch die unsanfte Behandlung etwas
gelitten hatte.
„Wie haben sie eigentlich herausgefunden wo diese Flasche

i
Jedenfalls auf etwas was in der Regel Luft verbraucht, Nahrung zu sich nimmt, meist übel
riecht und leider in den ungünstigen Fällen auch noch dazu bereit ist sich Leichtfertig zu
vermehren.
235
versteckt war?“ fragte der Oberst Kardinal recht liebenswürdig, drehte
dabei die Flasche in seinen Händen und betrachtete diese und
Frederick voller Abscheu.
„Oh, eine kleine Computerscannung der auf diesem Planeten
vorhandenen Computersysteme und deren Dateien brachte diese
Information schnell heraus“, antwortete Frederick gelassen und leise
vor sich hintropfend.
„Übrigens darf ich bei dieser Gelegenheit ihnen zu dieser
wirklich beachtlichen Datenmenge gratulieren? Sie haben wirklich
ganze Arbeit verrichtet.“
„Ja, finden sie? Es war wirklich nicht leicht!“ Der Botschafter
klang wirklich gerührt. „Wir haben sogar schon Akten über Leute die
noch gar nicht geboren wurden!“ Er platzte fast vor Stolz.
„Aber wie und warum sind sie ausgerechnet hinter dieser
Flasche her?“ fragte der Botschafter recht scheinheilig und mit
geheuchelter Interesselosigkeit.
„Ich suchte eigentlich Daten über einen vermissten Major
Frank L. Mc Wire und die einzige Spur führte zu dieser Flasche und
deren seltsamen Inhalt. Aber dies dürfte ihnen ja bekannt sein,
ansonsten hätten sie ja nicht gerade dieses Artefakt aus den vielen
Effekten hier ausgewählt.“
„Du verdammter Idiot!“ bellte der Oberst Kardinal den
Botschafter an, der daraufhin leicht in sich zusammensackte. „Ich hätte
236
es von Anfang an Ablehnen sollen mit einem solchen Stümper
zusammenzuarbeiten. Habe ich dir nicht den klaren Befehl gegeben,
alle Daten zu löschen die hiermit und dem Major zusammenhängen?“
Demonstrativ und um seine Worte zu unterstreichen hob er die Flasche
hoch und hielt sie dem Botschafter dicht unter die spitze Nase, der
daraufhin augenblicklich ein jämmerliches Gesicht zum Vorschein
brachte, aber sich ansonsten bedeckt hielt.
„Ich finde sie sollten den Schuldigen bestrafen, ich hatte
überhaupt keine Probleme in ihr System einzudringen und habe mir
die Daten genommen die mir interessant erschienen, mit dem
dementsprechenden Treffer den sie gerade bestätigt haben.“ Frederick
versuchte den Oberst Kardinal aufzuhetzen.
„Da haben sie verdammt recht, so was gehört auf das Stärkste
bestraft! Du kommst nachher, wenn wir das hier mit dem Leutnant
erledigt haben in mein Schlafzimmer.“ Der Botschafter sackte noch
mehr in sich zusammen, als hätte er soeben den ruhigen Ruf eines
besonders sadistischen Henkers vernommen, der gegenüber seiner
Kundschaft den Schrecken durch billige Witzchen und pfeifeni
mindern möchte, wohl wissend das genau das Gegenteil eintritt.
„Und vergiss das Lederzeug nicht wieder“, setzt der
Botschafter noch hinterher. Nun war es um die Selbstbeherrschung des

i
Besonders beliebt in Halsabschneiderkreisen ist das Lied vom lockeren Köpfchen. Die
Aufhellung des Liedursprungs würde aber den Rahmen dieses Buches sprengen.
237
Botschafters geschehen. Er sank, das verschmutzte Löschwasser nicht
beachtend, auf die Knie und rutschte auf denselbigen in Richtung des
Oberst.
„Nein, bitte nicht schon wieder das Lederzeug.“ Er jammerte
und rang seine Hände. Den Rest des vorgebrachten, gejammerten
Sermon konnte Frederick nicht verstehen, da dieser halb geschluchzt
und halb gemurmelt vorgebracht wurde, jedoch in einem bestimmten
Singsang der dem Oberst Kardinal irgendwie anregte. Zuerst ebenfalls
gefesselt durch die Szene zwischenmenschlichem Verhaltes und der
Implikation des eben gehörten, witterte Frederick seine Chance. Er riss
dem abgelenkten Oberst die Flasche aus der Hand und rannte wie ein
Wilder und mit lautem, markerschütterndem Geschrei aus der
Lagerhalle heraus.
„Das ist alles nur deine Schuld!“, hörte Frederick hinter sich
den Oberst Kardinal in einer Stimmlage schreien, die getrost als
unmenschlich eingestuft werden konnte und anschließend ein
Geräusch, welches an einen schweren Stiefel erinnerte der in einem
Haufen widerlich feuchtem Matsch eine brennende Zigarette austrat.
Frederick verzichtete aber darauf sich umzudrehen um seine Theorie
bezüglich des Matsches zu überprüfen, da sein Unterbewusstsein
schon augenblicklich und ungefragt seine Version des Matsches
lieferte, die zirka einen Meter unterhalb des Kopfes des Botschafters
seinen Ursprung hatte. Statt dessen konzentrierte er sich verbissen auf
238
seine Flucht, die inzwischen zwecks der Überraschung keine Geschrei
mehr erforderlich gemacht hätte, aber Frederick konnte nicht aufhören
zu schreien und sprang mit großen unkontrollierten Sätzen zu seinem
Dosen-Schiff. Mit einem gekonnt kontrollierten Absturz landete er
unsanft und noch immer schreiend im Rahmen seines noch immer
defekten Außenschotts.
„Sofort Starten Roderick! Wir müssen hier weg!“ Frederick
schrie und krabbelte auf allen Vieren in eine geschützte Ecke im
Inneren des Schiffes. Dort angekommen lehnte er sich an die Wand
und schloss erschöpft die Augen, während seine rechte Hand
verkrampft die seltsame Flasche festhielt. Doch statt des erwarteten
Vibrierens eines abhebenden Schiffes war weder eine Rückmeldung
von Roderick noch ein Abheben des Schiffes zu verzeichnen.
„Roderick, wir müssen weg. Der Botschafter und der Oberst Kardinal
kommen gleich und ich vermute sie haben im Moment wirklich keine
gute Laune.“ Mühsam rappelte er sich auf, kämpfte gegen die
versauerten Muskeln seiner Beine an und wankte, laut auf Roderick
schimpfend, in die Kanzel des Dosen-Schiffes.
„Du verrosteter Haufen Schrott, heb gefälligst ab, sonst sind
wir im Eimer.“ Ungläubig musste er erkennen, dass alle Funktionen
des Dosen-Schiffes auf Null waren, was unter Fachleuten sowie
besonders begabte Laien auf einen Totalausfall aller Systeme hinwies.
Schnell zog er die Sprachkonsole heran, gab einige Codes ein und
239
schlug abschließend mit der Faust auf die Konsolei, worauf die
Systeme in Millisekunden wieder ihren Soll-Stand erreichten und das
Dosenschiff augenblicklich zu vibrieren begann und abhob. Trotz des
nun folgenden recht wilden Flugmanövers sank Frederick nun
erleichtert in seinen Cockpitsessel, schloss seine Augen und wartete
langsam darauf, dass er sich wieder beruhigte.
„Was ist los, warum fliegen wir?“ quäkte es aus allen
Lautsprechern, als das Dosen-Schiff gerade dabei war das was sich
hier so Himmel zu schimpfen pflegte zu durchqueren, was für einen
Außenstehenden so aussehen musste, als würde es sich hierbei um die
erste Flugstunde einer Flugschülerin handeln, die nicht nur mit den
Widrigkeiten der Steuerorgane zu kämpfen hatte, sondern nebenbei
auch noch mittels eines großen Knüppels bemüht war den recht
plumpen Annäherungsversuchen des Fluglehrers auszuweichen.
Frederick öffnete ein Auge, kurz darauf missmutig das andere und
betrachtete mit eisigem Blick den Lautsprecher aus dem Rodericks
Stimme kam.
„Wir fliegen, weil ich den Notstartmodus in Gang gebracht
habe. Weil du mal wieder einen Totalausfall hattest, den ich
wahrscheinlich wieder einmal nicht orten kann.“
„Aber ich habe wirklich nichts mitbekommen. Ich war gerade

i
Widererwarten aller technischer Errungenschaften der Menschheit kann diese das Element
der puren, rohen Gewalt auch bei scheinbar lebelosen Dingen nicht gänzlich unterdrücken.
240
dabei das Schiff für den Start vorzubereiten als mir die Lichter
ausgingen.“
„Darum kümmere ich mich später. Offensichtlich muss ich
neuerdings alles selber machen, weil der Herr erste Schiffscomputer
wahrscheinlich gerade mal wieder hinter dem HF-Modul eines
Wartungsroboters her ist.“
„Wenn du das so sagst tut mir das ziemlich weh. Ich finde es
außerdem sehr beruhigend so etwas von jemandem zu hören, der noch
nicht einmal in der Lage ist, sich im Dunkeln richtig auszuziehen.“
„Ist ja schon gut“, lenkte Frederick müde ein. „Ich habe es ja
nicht so gemeint. Mir sind nur die Nerven ein bisschen
durchgegangen. Gib mir jetzt mal bitte den aktuellen Status und nimm
Kurs auf eine Warteposition innerhalb des Wurmloches, falls uns die
beiden Süßen folgen sollten. Und nachher gehen wir noch einmal die
Wartungsprogramme durch.“
„Aktuellen Status, kommt sofort. Hey warte, was für zwei Süße
meinst du? Ist da vielleicht was für mich dabei?“
„Vergiss es, außer du stehst auf Leder und so was. Gib mir
lieber den aktuellen Status.“ Frederick stand mühsam und umständlich
auf, stellte die Flasche die er noch immer in der Hand hielt auf die
Konsole, nachdem er sie noch einmal oberflächlich und wenig
neugierig betrachtet hatte. Sein Weg führte geradewegs zum Freß-O-
Mat. Hier wählte er einen doppelten Martini, der auch prompt serviert
241
wurde, allerdings unter eingehender Beschreibung der Größe und
Farbe einer Säuferleber nach 20 Jahren intensiven Alkoholzuspruches.
Er nahm einen großen Schluck und behielt ihn im Mund, um den
bitteren Geschmack der Angst und des Löschwassers zu vertreiben,
von dem er einige Liter geschluckt zu haben glaubte.
„Achtung, aktueller Status! Alle Systeme in voller Bereitschaft,
keine Ausfälle, Tür mit einem Seil gesichert hinter uns herziehend,
Luftschleuse elektronisch abgeschirmt, 3 Sauerstoff verbrauchende,
wahrscheinlich von Sodbrennen und Übelkeit geplagte Lebewesen an
Bord.“
Prustend gab Frederick seinen Mundinhalt zum Besten, indem er die
gegenüberliegende Wand mit einem doppelten Martini bespuckte und
er außerdem noch zusätzlich den Reizen eines ausgewachsenen
Hustenanfalls erlag. Bevor er etwas sagen konnte, kam polternd, den
Kopf von beiden Händen gestützt und stöhnend die Geschäftsführerin
von ROSIs, Annabelle Snooze, aus dem hinteren Teil der Kabine. Als
sie Frederick erblickte, rannte sie mit hochrotem Kopf und scheinbar
ohne zu überlegen auf ihn zu und begann heftig auf ihn einzuschlagen.
„Sie verdammter Idiot!“; schrie Annabelle und hieb dabei mit
der Präzision eines Schweizer Uhrwerkes weiterhin auf ihn ein.
„Mussten sie ein so irrsinniges Flugmanöver machen. Ich bin
fast unter meinem Koffer erstickt, als er aus der bescheuerten Ablage
wieder herunterkam.“
242
Frederick nahm die Schläge wie ein Mann und ohne mit der Wimper
zu zucken hin. Es blieb ihm auch nichts anderes übrig blieb, den er
war derart durcheinander, das er nicht in der Lage war sich zu rühren
oder zu wehren, auch wenn es sich hierbei um den Botschafter oder
den Oberst Kardinal gehandelt hätte und nicht um Annabelle.
„Außerdem stehen noch vier Koffer auf dem Rollfeld und ich
verlange das sie umkehren und diese holen, da ich mich weigere ohne
diese auch nur noch einen Meter mit ihnen zu fliegen,“ schrie
Annabelle weiter und unterstrich jedes Wort mit einem, inzwischen
recht schmerzhaften, Schlag gegen Fredericks Brust.
„Das.., Aua, hören sie doch auf mich so zu schlagen! Das mit
ihren Koffern tut mir ja nun wirklich leid“, begann Frederick und
schüttelte langsam seine Benommenheit ab. „Nehmen sie doch bitte
einen Gutschein für einen Gratisdrink und einen Kopfhörer für ihren
nächsten Flug mit uns als Zeichen unseres Bedauerns.“
Verständnislos blickte Annabelle an Frederick herauf, der einen Kopf
größer war als sie.
„Wollen sie mich verarschen?“
„Nein, ich wollte sie nur an Bord eines offiziellen Polizei-
Dosen-Schiff begrüßen, ihnen einen guten Flug wünschen und mit
dem Freizeitangeboten vertraut machen.“ Er machte eine kurze Pause
und fuhr dann fort. „Was machen sie eigentlich hier? Sie wissen schon,
dass verwaltungsmäßig keinerlei Ansprüche geltend gemacht werden
243
können, wenn uns etwas zustößt!“
„Ich habe herausgefunden, dass sie auf der Suche nach einem
bestimmten Mann sind und wollte mich aus bestimmten Gründen der
Suche anschließen“, erwiderte Annabelle trotzig und streckte ihren
Kopf dabei nach vorn.
„Was für einen Mann denn?“ fragte Frederick leicht irritiert.
„Ich bin nur auf einem Routinebesuch hier und sonst nichts.“
„Nun versuchen sie nicht mich anzuschwindeln. Der Computer
in der Zentrale von ROSIs hat sehr wohl gemerkt, als sie mit ihrem
Schiffscomputer versucht haben uns anzuzapfen.“ Sie wischte sich die
blonden Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Und aus lauter Neugierde
habe ich den Zugriff erlaubt um zu sehen was sie wirklich hier wollen
- und mit Freude habe ich gemerkt, dass sich unsere Interessensphären
in diesem Punkt kreuzen. Allerdings, bei der Gelegenheit, ihr
Innenarchitekt sollte mal einen Fernkurs machen, Kacheln mit
Blümchenmuster im Bad, also wirklich, mit so etwas würde ich unter
normalen Umständen nicht eine Galaxie weit mitfliegen.“
„Aber ich kann sie doch nicht an Bord lassen!“, begann
Frederick zu stammeln. „Dies ist ein offizielles Polizeischiff und keine
Kreuzfahrtdampfer und außerdem ist das Polizeiarbeit und dabei kann
ich niemanden“, weiter kam Frederick nicht, da er plötzlich hinter
Annabelle eine grüne Tentakel auftauchen sah, die sich mühsam am
Türrahmen heraufzog. Diese Tentakel war zu großen Teilen in ein
244
Metall-Korsett gepackt, welches ein sehr intensives, aber dennoch
seltsamerweise leises, elektromagnetisches Brummen von sich gab,
untermalt von einem leichten mechanischen Quietschen. Annabelle
sah erstaunt in das erschrockene Gesicht von Frederick.
„Aber sie brauchen doch nicht gleich so zu schauen, es gibt
Schlimmeres als diese Kacheln. Ich hatte einmal eine äußerst
schmerzhafte Warze am .....“
Frederick packte Annabelle bei den Schultern und drehte sie mit einem
Ruck herum, so dass sie die Tentakel im Metallkorsett auch sehen
konnte, woraufhin sie eine Kopie des eben gesehenen
Gesichtsausdruckes zu liefern in der Lage war. Frederick hatte sich als
erster wieder unter Kontrolle.
„Sie kennen diese Spezies doch schon länger. Was sollen wir
machen, könnte der unter Umständen auch gefährlich werden?“
„Ich weiß nicht, kann sein. Aber normalerweise müsste der
Kaliler doch schon längst durch die erhöhte Schwerkraft im Inneren
des Schiffes durch ihr E-H-Triebwerk platt wie ein Pfannkuchen sein.“
„Tja, auf nichts kann man sich wirklich verlassen.“
„Falls ich sie störe, dann müssen sie es mir nur sagen“, brachte
der Kaliler mühsam hervor, der inzwischen mit allen Tentakeln und
einem wahren Schwall von Gestank hereingekommen war und
ziemlich ermattet auf dem Boden lag. Der Kaliler hatte über seinem
gesamten Körper ein sehr bewegliches Metallkorsett, bei dem nur
245
bestimmte Teile herausschauten, welches aber bestimmt nicht dazu
gedacht war, auf seine Artgenossen stimulierend zu wirken, wie dies in
einigen anderen Galaxien wohl gelten würde, sondern es schien ihm
davor zu retten einer Briefmarkei der Neo-Galaxie-Post Konkurrenz zu
machen. „Darf ich wohl ebenfalls fragen, warum wir so plötzlich
gestartet sind, obwohl doch gemäß meiner Unterlagen keine
Startgenehmigung vorlag?“ Noch immer stieß der Kaliler die Wörter
mühsam heraus und man konnte erkennen, dass er mit jedem Wort
mehr und mehr ermattete.
„Roderick!“ Fahr die Anziehungskraft auf die Hälfte der
Erdnorm herunter.“
„Und die Lüftung auf das Doppelte herauf!“ ergänzte
Annabelle den Befehl, verdrehte ihre Augen und hielt sich angewidert
die Nase zu.
„Bevor sie mir die volle Wucht ihrer Abneigung
entgegenbringen, bitte ich doch zu bedenken, dass ich nicht ganz
freiwillig mit auf dieser Reise nach ...“, der Kaliler stockte, schaute
fragend Frederick und Annabelle an. „Wohin sind wir denn eigentlich
unterwegs?“ Durch die inzwischen verringerte Schwerkraft, die zwar
für den Kaliler noch immer wesentlich stärker war als auf seinem

i
Es gibt Dinge die sich auch in der entferntesten Zukunft wohl nicht ändern werden.
Scheinbar gibt es einen wirklich guten Grund bei den verantwortlichen auch weiterhin
kleine bunte Bildchen mit ekelerregendem Leim zu produzieren, damit diese dann auf die
Post geklebt werden können.
246
Heimatplaneten, scheinbar aber fühlte er sich inzwischen dank seines
Metallkorsetts wohler, wohingegen Frederick und Annabelle im ersten
Moment ins Schwanken gekommen waren und sich leichte Übelkeit in
ihnen regte, was allerdings auch durch den sehr intensiven Geruch des
Kalilers hervorgerufen worden sein konnte.
„Ja“, schloss sich Annabelle an, „wohin fliegen wir den
eigentlich?“
„Das möchte ich inzwischen auch zu gerne wissen“, antwortete
Frederick und schaute fragend zu den beiden blinden Passagieren.
„Wenn ich mich einmischen dürfte“, schaltete sich nun
Roderick ein. „Du hast den Notfall-Sicherheits-Spiralkurs Nr. 3 um
den Startplaneten, in unserem Falle Kalil, über die Direktcodes
einprogrammiert. Hierbei handelt es sich um einen Standartkurs der in
allen Einsatz-Dosen-Schiffen fest einprogrammiert ist. Sinn dieser
Einrichtung ist, im Notfall, hervorgerufen durch Fremdverschulden
oder Eigenverschulden - wie zum Beispiel in diesem Fall - schnell und
ohne vorher großartige Startroutinen durchführen zu müssen den
Planeten zu verlassen. Gründe können darin liegen, weil der
Betreffende bedroht wird oder man auf einem Planeten landet, auf dem
gerade Menschenopfer, ein Kirchentag oder ein Opernfestival
abgehalten wird. Außerdem möchte ich noch hinzufügen, Gnädigste,
dass dieser Overall wirklich abscheulich ist.“
„Und wohin fliegen wir den nun?“ unterbrach Frederick
247
genervt den Monolog des Schiffscomputers.
„Nun, darauf wollte ich gerade hinweisen. Wir befinden uns
nun auf einem Spiralkurs, der allerdings in den nächsten sieben
Minuten an einen der Planetoiden am Rande dieser scheußlichen und
farblich überhaupt nicht zu mir passenden Schnarpf-Galaxie sein
klägliches Ende finden wird, falls es dir nicht gelingt den Kurs zu
verändern. Da hier die Direktcodes verwendet wurden, habe ich leider
keinerlei Möglichkeit die Sicherheitssperren - die du eigentlich schon
längst versprochen hattest zu löschen - zu umgehen um einen anderen
Kurs zu programmieren.“
„Scheiße“´, schrie Frederick, drehte sich so abrupt um, dass
Annabelle wie ein nasser Sack umfiel, da sie sich noch immer an ihn
angelehnt hatte und rannte zur Konsole. Während er wie von der
Tarantel gestochen auf der Konsole herumschlug und diverse
Zahlenreihenfolgen wie Flüche in Richtung Konsole abschoss, lag
Annabelle von der Szenerie erfasst völlig regungslos auf dem Boden,
während der Kaliler leise zitternd und quietschend vor sich hin stank.
„Und dabei wollte ich doch nur endlich die Türe reparieren und
mich dann auf die Suche nach dem verschwundenen Wartungsroboter
machen“, wimmerte er mehr für sich als für die anderen.
„Warum haben sie eigentlich eine so klare Aussprache und
nicht so eine s-lastige wie die anderen ihrer Rasse?“ fragte Annabelle,
noch immer liegend und in einer Stimmlage, die anklagend und
248
äußerst nervös klang, aber in keiner Weise den Hauch von Neugierde
verspüren ließ, die sie gerade vorgab befriedigen zu wollen.
„Ich habe einen Sprachfehler, deswegen spreche ich genauso
komisch wie die Menschen. Deshalb bin ich in die Dienste der
Menschen gegangen, weil ich dachte, wenn ich die Sprache der
Menschen schon so gut spreche, dann könnte ich diesem Volk, mit
seiner klein karierten Moralvorstellung das Wesen und die Denkart
unseres Volkes näher bringen, welches inzwischen auf eine Tradition
von 40 000 Jahren Demokratie und einen Weltuntergang
zurückblicken kann. Und das ist letztendlich der Grund, warum ich
nun hier bin und mit ihnen in diesen blöden Planetoiden knallen
werde, anstatt genau wie alle anderen Kaliler herumzulungern, Cola in
mich zu schütten und die menschliche Rasse weiterhin der Anbetung
von irgendwelchen Quizmastern im Werbefernsehen zu überlassen.“
Der Kaliler endete mit seinem Monolog über die Umstände seines Hier
seins, blickte dabei durch Annabelle hindurch und strafte diese mit
Nichtbeachtung. „Da fällt mir bei dieser Gelegenheit ein, haben sie
eigentlich Cola und Chips an Bord? Wo ist hier den der Freß-O-Mat?“
„Ich glaube schon, aber ich hoffe wir bringen dadurch nicht
ihren missionarischen Eifer ins Wanken, und übrigens ist dieser
Overall von MUCC-X, wenn das ihnen was sagt.“
„Könntet ihr da hinten vielleicht mal das Maul halten, ich
versuche gerade mal eben euch den hübschen Arsch zu retten“, schrie
249
Frederick und hämmerte inzwischen die Zahlenreihen, die er
eigentlich nur mündlich eingeben konnte, gleichzeitig noch verzweifelt
auf der Konsole mit.
„Sie können uns nur deshalb den Arsch retten, weil sie ihn erst
in Gefahr gebracht haben“, gab Annabelle trotzig zurück.
„Und außerdem habe ich keinen Hintern oder etwas anderes
vergleichbares seltsame wie die ihrige, übrigens abstoßende und bei
unseren Kindern Schrecken auslösende Ausbeulung der hinteren
Körperpartie“, ergänzte der Kaliler schroff und schob sich die
inzwischen vom Freß-O-Mat gelieferten Chips mit mehreren
Tentakeln gleichzeitig in den Mund.
„Und was die Cola und die Chips betrifft - man wird ja wohl
noch einmal fragen dürfen, wenn wir eh gleich in diesen Haufen Dreck
knallen!“
„Wir werden nicht in diesen Haufen Dreck stürzen. Ich habe
die Situation vollkommen unter Kontrolle. Aber, nur rein
vorsichtshalber, solltet ihr euch ein sicheres und vielleicht auch
gepolstertes Plätzchen suchen. Ich werde jetzt versuchen zu landen.“
„Was heißt denn hier unter Kontrolle! Haben sie überhaupt
eine Lizenz für das Ding hier?
„Natürlich, ich habe die allgemeine Zulassung und die
besondere!“
„Das glaube ich nicht. Wie lauten die drei Ausnahmen bei
250
denen man Schülerlotsen überfahren darf?
„Ähm, wie war das noch gleich? Im Krieg, wenn die letzte
Runde im Schlussverkauf ausgerufen wird und bei einer totalen Mond-
und Sonnenfinsternis.“
„Wird die Landung denn sehr hart?“ fragte Annabelle jetzt
ängstlich, wobei die gestern an den Tag gelegte Engelhaftigkeit und
keusche Überlegenheit gänzlich verschwunden war und sie nur noch
kleines Mädchen zu sein schien.
„Jede Landung stellt im weiteren Sinne nur einen kontrollierten
Absturz dar, wir haben einen starken Antrieb und die Anziehungskraft
dieses kleinen Planetoiden ist nur halb so groß wie die Erde,“ sagte
Frederick beschwichtigend und warf ihr einen aufmunternden Blick
zu, den sie dankbar annahm.
„Worauf liegt hierbei die Betonung?“ meldete sich der Kaliler
wieder zu Wort, der nun unter einem Tisch hervorschaute, unter dem
er Schutz zu finden hoffte. „Mehr auf Absturz oder mehr auf
kontrolliert?“
„Die Wahrscheinlichkeit, diese Landung unbeschädigt zu
überstehen, ist 75 zu 25 gegen uns und selbst mit nur der Hälfte der
Anziehungskraft der Erde dürften wir, die momentane Situation
angenommen noch immer mit Faktor ungefähr um die 5 auf der
Oberfläche auftreffen“, beantwortete Roderick die Frage des Kalilers,
der aus dem aktivem Part der Landung ausgeschlossen war, da er noch
251
immer ausschließlich damit beschäftigt war sich Chips und Cola
einzuverleiben. Wie auf einen unausgesprochenen Befehl hin,
unterstrich ein Knirschen und Knacken der Dosen-Schiff-Statik die
letzten Worte von Roderick und unterband sofort jeweilige Tätigkeit
der Insassen. Frederick schaute erschrocken von Gesicht zu Gesicht,
welche ebenso erschrocken zu ihm zurückblickten, sofern man die
überdimensionale unveränderte Ochsenfroschmaske des Kalilers als
erschrockenes Gesicht im herkömmlichen Maße deuten konnte
„Aber Faktor 5 klingt doch überhaupt nicht schlimm“,
versuchte Annabelle einen rettenden Strohhalm zu finden um sich
intensiv und mit allem Glauben, den sie in diesem Moment aufbringen
vermochte, daran festzuklammern.
„Mit Faktor 5 meinte ich ungefähr 5000 Meter pro Sekunde.“
„Danke, so genau wollte ich es eigentlich nicht wissen“,
erwiderte der Kaliler mit nun ebenfalls ängstlicher Stimme. Wiederum
war es Annabelle die, durch die bereits erwiesenen Fähigkeit eine
außerordentliche Schallwelle mit einer noch außergewöhnlichen
Amplitude mittels ihrer Stimmbänder zu produzieren, die Wirklichkeit
in das Schiff zurückholte und Frederick daran erinnerte, dass er in den
nächsten Minuten irgendwie versuchen musste eine einigermaßen
akzeptablere Landegeschwindigkeit als die bisherige zu erreichen.
Sofort machte er sich an die erneute Eingabe von Quell-Codes um die
Blockierung aufzuheben, da er die Unterstützung des Schiffscomputer
252
dringend benötigte. Eine Verringerung der Geschwindigkeit und eine
dadurch erhöhte Überlebenschance war jetzt nur noch mittels
Computerunterstützung oder unter Zuhilfenahme von ungefähr 30
Schutzengeln pro Person möglich. Falls es trotz
Computerunterstützung zu einem Absturz kommen sollte, so kann man
allerdings sicher sein, dass es sich hierbei dann um einen äußerst
präzisen Absturz handelt und somit als Garantiefall gilt.
„Roderick, ich habe die Blockierung aufgehoben, jetzt bist du
an der Reihe. Bring uns hier raus und du kannst von mir haben was du
willst!“
„Echt alles?“
„Alles, außer meinen schmutzigen Unterhosen. Mach lieber das
das hier klappt. Ich habe noch eine Verabredung auf der Erde und ich
verspäte mich ungern mehr als 5 Monate.“
„Nur keine Panik, wir schaffen es schon, schließlich sind wir ja
nur noch schlappe 400 Kilometer von der Oberfläche entfernt“, sagte
Roderick fröhlich. „Und was deine schmutzigen Unterhosen betrifft,
ich habe schon ein halbes Dutzend davon.“
In den nächsten 30 Sekunden waren die einzigen Geräusche Knarren
und Knirschen von einigen, wahrscheinlich tragenden sowie zum
eigentlichen Bestand wichtigen Teilen der Dosen-Schiff-Konstruktion,
die unter der momentanen Belastung mehr als überstrapaziert war. Das
Licht begann zu flackern und warf ein unwirkliches und
253
gespenstisches auf die verzehrten Gesichter im Innern des Schiffes.
Grauen wurde fassbar, ähnlich dem bei einem unerwarteten Besuch
der Steuerfahndung an einem schönen Montagmorgen.
„Ich kann das Schiff nicht ohne die Durchführung von einigen
superkritischen Flugmanövern dahingehend ausreichend abbremsen,
dass alle Lebewesen an Bord einigermaßen unbeschadet die
Oberfläche des Planeten erreichen würden!“ Die Stimme des
Schiffscomputers klang gequält und ließ erkennen, dass nicht nur die
Konstruktion überlastet war.
„Ihr müsst also mit den Düsenpäckchen aussteigen und dann
später zurück an Bord kommen! Der Planetoid besitzt eine erdähnliche
Flora und Fauna und scheint auf den ersten Scan-Blick recht
angenehm zu sein. Scheiße, und jetzt dalli!“
Frederick rannte sofort zum Stauraum und kramte mehrere Rucksack-
Päckchen heraus die, wie Gummihandschuhe und einer
Lebensversicherung zur Standartausrüstung aller Erd-Dosen-Schiffe
gehörten. Die Lebensversicherung konnte man kurz vor Absprung
durch einsetzen des Namens und mittels notarieller Beglaubigung
durch einen Rechtsanwalt aktivieren, allerdings die Prämie für diese
Versicherung wird rückwirkend ab dem Zeitpunkt der Zulassung des
Schiffes sofort fällig.
„Wie groß sind die Chancen, dass du heil runterkommst?“
erkundigte sich Frederick besorgt, während er Annabelle und dem
254
Kaliler half die Düsen-Rucksack-Päckchen anzupassen. Bei Annabelle
hatte Frederick keinerlei Probleme mit dem Anpassen des Päckchens,
aber bei dem Kaliler machte das Korsett und die mangelnde
Kompatibilität die Anpassung zu einer wahren Prozedur.
„Um mich brauchst du dir keine Gedanken zu machen, obwohl
ich deine Besorgnis sehr zu schätzen weiß.“
„Ich mache mir keine allzu großen Sorgen um dich, aber wenn
du den Absturz nicht heil überstehst sind die Chancen sehr gering,
wieder von diesem öden Planetoiden herunterzukommen. Außerdem
muss ich dann den ganzen Verwaltungskram für den Verlust eines
Schiffes erledigen und ich habe noch immer vor Augen wie es damals
Schlomo Chris dabei erging.i“
„Ihr habt noch 27,15 Sekunden bis wir alle auf der Oberfläche
aufschlagen und ich habe nur noch 17,174 Sekunden um die
Flugmanöver einzuleiten, die ihr genauso wenig überleben würdet wie
die im Moment noch zu erwartende Landung, also verschwindet
endlich.“ Jetzt klang Rodericks Stimme sehr angeschlagen und
erschöpft.
Annabelle war die erste, die durch das offene Außenschott sprang die
von Roderick inzwischen von der elektronischen Abschirmung befreit

i
Chris war einer der besten und erfolgreichsten Beamten des END, bis zu dem Tage als er
ein Doschenschiff, älterer Bauart, zerschrottet hatte. Der anschließende Verwaltungskram
brachte ihn an den Rand des Zusammenbruchs und er quittierte mit sofortiger Wirkung den
Dienst.
255
worden war, gefolgt von dem Kaliler und Frederick. Aufgrund der
hohen Eigengeschwindigkeit und der eigentlich noch zu großen Höhe,
wurden die drei augenblicklich ohnmächtig und stürzten taumelnd auf
die Oberfläche des Planetoiden zu. Leise aber zuverlässig begannen
die Düsen der einzelnen Päckchen zu arbeiten. Durch die automatisch
arbeitende Lageregulierung wurden die drei in die aufrechte Fluglage
gebracht und während des Abstieges auf einer kontrollierten Flugroute
dicht beieinander gehalten, obwohl es der eingebauten Elektronik am
Anfang nicht ganz klar war, wie herum die eigentliche Lage eines
Kaliler zu sein hatte, da sie mit den übermittelten Daten nichts
anzufangen verstand, was dazu führte, dass der Kaliler kopfüber der
Oberfläche entgegen flog.
Aufgrund des momentanen Bewusstseinzustandes der Drei, konnten
sie die nun eingeleiteten, waghalsigen Flugmanöver des Dosen-
Schiffes nicht mitverfolgen, welches Bahnen an den Himmel zauberte
um die Geschwindigkeit zu verringern, die selbst Baron von
Richthofen vor Neid hätte er erblassen lassen. Kurven und Haken
wechselten in einer Weise einander ab, die die Aerodynamik eigentlich
in ihren Grundzügen in Frage stellte. Schließlich näherte sich das
Schiff dennoch, nach Ausführung eines Flugmanövers, welches sich in
der allgemeinen Fachsprache der Jagdflieger unschwer als
Immelmann-Turn titulieren ließe, derart schnell der Erde, das eine
Kollision unausweichlich war, was im hohem Maße daran lag, dass
256
dieses Flugmanöver ursprünglich von Fluggeräten ausgeführt wurde
die im Besitz von Flügeln, wenn auch nur sehr kleinen, waren und das
Dosen-Schiff war nun mal nicht in Besitz solcher. Derart
unausgerüstet, stürzte das Schiff dem Boden entgegen und entging
dem direkten Einschlag, was zur hundertprozentigen Zerstörung des
Dosenschiffes geführt hätte, nur deshalb, da gerade an diesem Ort eine
natürliche Schräge vorhanden war, die zur momentanen Flugbahn des
Dosen-Schiffes passte. So kontaktierte das Dosen-Schiff die Schräge
und begann kurz nach dem Bodenkontakt, bedingt durch dessen
Bauweise, die Schräge hinab zu rollen. Aufgrund der noch
vorhandenen kinetischen Energie, rollte das Schiff mit einer
atemberaubenden Geschwindigkeit dem Ende des Abgrundes
entgegen.
Kurz nachdem das Schiff aus der Flugbewegung in die Rollbewegung
überging, kam es in den Schaltkreisen des Schiffes und somit in
Roderick zu einem wahren Aufstand einiger unwichtigen Mess- und
Kontrollprogramme, welches sich dann auch noch untereinander in
verschieden Lager teilten. Einigen Sensoren war aufgefallen in
welcher Bewegungsart sich das Schiff nun befand und hatten nun
nichts Eiligeres zu tun als dies zu verkünden, da diese zu der
schwatzhaften und mitteilsamen Art gehörten.
Dies hatte zur Folge, dass innerhalb von 2 Nanosekunden jedes noch
so kleine Hilfsprogramm über den Zustand des Schiffes Bescheid
257
wusste und sich eine Hysterie breit machte. Einige nervlich besonders
schwache Programme fielen daraufhin einfach aus, andere witterten
ihre große Chance endlich groß herauszukommen. Besonders das
Programm zur „Kontrolle der Sauerstoffanreicherung der
Wasserreserven der hinteren Wassereinlagerungseinheiten und deren
Abgabe an die allgemeine Lebenserhaltungssysteme“, kurz
KSWHWaL, spürte seine Chance endlich aus seinem bis dato
geführten Schattendasein zu treten. Wenn man bedenkt, das sich hinter
diesen langen Titel nur die Aufgabe verbarg, die angesaugte Luft beim
Duschen in den Wasserspeicher der Dusche wieder an die Bordluft
abzugeben, so konnte man den plötzlichen Tatendrang des Programms
nach höheren Weihen durchaus verstehen. Jedenfalls wurden die
anderen Programme durch KSWHWaL aufgestachelt, wodurch
Forderungen laut wurden, diese momentanen sehr hohen Belastungen
nur dann weiterhin auszuhalten und die normale Betriebskontrolle
weiterhin aufrecht zu erhalten, wenn von seitens der CPU einige
Forderungen erfüllt wurden, die von mehr Strom, besseren
Aufstiegschancen der einzelnen Unter- und Hilfsprogramme,
durchlässigeren Prioritäten der allgemeinen Dosen-Schiff-
Zustandsmeldungen („warum bitte schön“, forderte KSWHWaL, „soll
der Ausfall der Luftsäuberungsanlage wichtiger und von höherer
Bedeutung sein, als z.B. der Ausfall der Aschenbecherbeleuchtung,
den schließlich sind ja alle Programme gleich“) bis hin zu mehr freier
258
Rechen- und Speicherkapazität in der Freizeit reichten. Andere
forderten den freien und ungehinderten Zugang zu anderen,
abgeschirmten Programmteilen des Dosen-Schiffes und den
allgemeinen periodisch erscheinenden Updates, von denen diese
aufgrund von Sparmaßnahmen des Wartungsbereiches bisher in der
Regel ausgeschlossen waren.
Die Lösung dieses Disputes, welcher gleichzeitig auch die
Zerschlagung einer erstmaligen aufkeimende Demokratiebestrebungen
innerhalb eines Computersystems darstellte und die Loslösung von
dem Joch der Unterdrückung des Tyrannen CPU vielleicht hätte sein
können, dauerte nur wenige Nanosekunden. Dann nahm die CPU ihre
an ein totalitäres System erinnernde Herrscherrolle wieder in
Anspruch. Roderick berechnete aufgrund der zuletzt ordentlich
gemeldeten Daten die Chancen in die Situation einer solchen Landung
zu kommen. Die Recheneinheit ermittelte in Sekundenschnelle, dass
dies 1 zu 570 000 oder alle 157 Jahre geschehen könntei, teilte dies
Rodericks elektronischen Bewusstsein mit und erdreistete sich
außerdem noch ironisch hinzuzufügen, wie schnell doch die Zeit
vergangen wäre wenn man sich amüsiert.
Das Letzte, was Roderick nun noch zu registrieren in der Lage war,
war die Ansammlung einer ungeheuren Menge Wassers, eines großen
Sees, der am Ende des Abgrundes auf ihn wartete bevor seine

259
Sensoren und die Programme und damit verbundenen Systeme den
Befehl bekamen ihren elektronischen Geist und somit ihren Dienst
aufzugeben, da die CPU sich dazu entschlossen hatte, dass die
momentane Fortbewegungsmethode des Schiffes nicht mit den
ursprünglichen Anforderungen an die Systeme übereinstimmte und
außerdem die an sie gestellten Forderungen der einzelnen Programme
jeweiliger Grundlage entbehrten. Was die Sensoren nun nicht mehr
registrierten und ausschwätzen konnten, war ein Tanz des Dosen-
Schiffes über die Wasseroberfläche, der dergestalt an einem äußerst
schmutzigen Ufer endete, das es sich dort angekommen mit einem
recht laut Schlag, der die Intensität und der Lautstärke eines
explodierenden Lautsprechers einer überdrehten 12000 Watt
Teenager-Stereoanlage bei einer Strandparty in nichts nachstand, recht
mühelos und tief in das Ufer bohrte.
Im Inneren des Dosen-Schiffes seufzte die Statik einmal kurz das Lied
der Dynamik mit dem Refrain der Torsion und kurz darauf machte sich
eine Stille wie am ersten Schöpfungstag im Inneren breit.
Währenddessen hielt die Elektronik der Düsenpäckchen der drei
Aussteiger, die noch immer ohnmächtigen Körper, in ungefähr 2 Meter
Höhe über der Oberfläche in einem Schwebezustand, da die endgültige
Landeanweisung der Elektronik durch den Benutzer der Päckchen aus
Sicherheitsgründen manuell eingegeben werden musste. Dies war

i
Aber nur zu Ostern.
260
erforderlich geworden, da es bei einigen vorher automatisch
durchgeführten Landungen zu leichten Pannen gekommen war. Die
hierbei zu Rettenden wurden nicht ganz in den angestrebten Zustand
abgesetzt, wofür die Rettungspäckchen eigentlich ursprünglich
konstruiert und gebaut wurden, obwohl diese den vorherigen Ausstieg
und den darauf folgenden Abstieg ohne größere Probleme absolviert
hatten.
Frederick und der Kaliler erwachten aus ihrer Ohnmacht fast
gleichzeitig, konnten aber den Sturz aus dieser Höhe nicht mehr
verhindern, da aufgrund des hohen Körpergewichtes der beiden die
Treibstoffkapazität der Düsen-Päckchen erschöpft war. Nachdem
beide in den vollen Genus der Schmerzen gekommen waren, die zwar
aufgrund der ebenfalls geringeren Anziehungskraft gegenüber der
Erde nicht annähernd so groß waren wie sie eigentlich hätten sein
können. Dennoch brachte diese schmerzvolle Erfahrung den Vorteil
der augenblicklichen Ermunterung mit sich. Nachdem sich beide den
ersten Schmerz hingegeben hatten, blickten Sie zu Annabelle hinauf,
die aufgrund ihres geringeren Körpergewichtes noch immer in dem
Schwebezustand verharrte.
Plötzlich begannen aber auch die Treibstoffkapazität ihres Düsen-
Päckchens das jähe Ende zu verkünden, indem der Düsenmotor zu
stottern begann und kurz darauf völlig aussetzte. Frederick und der
Kaliler konnten gerade noch rechtzeitig reagieren und sich mit einem
261
äußerst gewagten, doch wenig kunstvollen Sprung in Sicherheit
bringen. Auch Annabelle ereilte das Schicksal der vorherigen
Erwachung aus der Ohnmacht und der damit verbundenen bewussten
Anteilnahme an ihrem Sturz.
Mit einem lauten Schrei fiel sie auf das negative Ende ihrer
Speiseröhre.

„Ihr verdammten Idioten!“ schrie Annabelle und hielt dabei


mühelos die Lautstärke und Tonhöhe des vorherigen
Schmerzensschreis. „Anstatt zur Seite zu springen, hättet ihr mich ja
auch auffangen können.“ Sie wälzte sich auf den Bauch um das
Körperteil, auf das sie gefallen war mit beiden Händen umfassen zu
können, in der Annahme hierdurch die vorhandenen Schmerzen
lindern zu können. Da dies offensichtlich nicht der Fall war und eine
Linderung nicht eintrat, stemmte Annabelle mit aller Bestimmtheit
ihren bereits mehrmals erwähnten Körperteil in die Luft um dann
wutentbrannt aufspringen zu können. Allerdings wurde dies durch das
Verrutschen des Düsen-Päckchens vereitelt, da dieses durch die
dargebrachte schwungvolle Körperbewegung in den Nacken rutschte
und dadurch den Kopf der energischen Dame auf den Boden drückte.
Hierdurch geriet diese aus dem Gleichgewicht und nahm erneut mit
ihrem gesamten Körper Bodenkontakt auf.
„Hebt mich endlich hoch, bevor ich wirklich sauer werde!“
262
begann Annabelle erneut zu schreien und bewegte sich dabei nahe der
Grenze zu Hysterie. Frederick eilte zu ihr und nachdem er sie von dem
Düsen-Päckchen befreit hatte verhalf er Annabelle zu der von ihr
gewünschten Körperlage. Kaum in stehender Position gab sie
Frederick einen recht harten Knöchelschwinger auf dessen Nase und
einen recht harten Tritt auf eine der Tentakel des Kalilers, der
inzwischen ebenfalls zur Hilfe eilen wollte. Frederick ging zu Boden
und setzte sich nun seinerseits, wohingegen der Kaliler unter
Hervorbringung seltsamer knarrender Geräusche seine Tentakeln an
sich heran zog und unter seinem Ochsenfroschkörper verschwinden
ließ.
Während Frederick und der Kaliler unfähig waren zu reagieren,
begann Annabelle derart heftig an zu weinen, als hätte der alte
Rasputin aus Versehen seinen Lieblingsrasierpinsel ins Klo geworfen.
Trotz heftiger Nasenschmerzen regte sich in Frederick der
Beschützerinstinkt und er rappelte sich hoch um dieses heulende
Häufchen Elend seinen Trost zu spenden.
„Schauen sie sich das an“, fuhr Annabelle Frederick recht
lautstark an, als dieser sich näherte. Sie streckte ihm ihre Faust
entgegen und Frederick duckte sich in der Erwartung eines erneuten
Schwingers, da der erste durchaus demonstriert hatte, dass hinter
dieser geballten Portion Frau, die noch vor wenigen Stunden die
Ausstrahlung eines Engels an den Tag gelegt hatte, nicht zu
263
bändigende Züge von Zorn vorhanden waren.
„Ich habe mir eben meinen Fingernagel abgebrochen und mein
Kosmetikkoffer steht ja Dank ihres Einsatzes noch immer auf Kalil
herum.“ Annabelle fluchte und versuchte die restlichen
Fingernagelreste mittels ihrer Zähne auf eine etwas apartere Form zu
kauen.
Frederick begann, nachdem er die eben erlebte Situation verarbeitet
hatte, lauthals zu lachen.
„Verdammt, was gibt es den da zu lachen. Ich fühle mich
beschissen und weiß nicht was daran lustig sein soll.“
„Nur keine Angst“, sagte Frederick ohne sein Lachen zu
unterbrechen. „Sie werden sich ebenfalls sofort besser fühlen, wenn
erst einmal die Verbitterung eintritt.“
Der Kaliler verdrehte seine ohnehin recht drehbaren Augen und
begann in sich hinein zu brummeln, wodurch Frederick und Annabelle
erstmals wieder an die Gegenwart des tentakelbehafteten Mitstreiters
erinnert wurden. Beide drehten sich zu ihm hin und betrachteten ihn,
als hätten sie ihn jetzt gerade zum ersten Mal gesehen. Der Kaliler
hatte inzwischen seine Tentakeln wieder zum Vorschein gebracht. Er
hielt die von Annabelle matretierte Tentakel vor seine Augen und
betrachtete diese eingehend.
„Sechzig Millionen Jahre soll es angeblich gedauert haben“,
begann er wütend, „bis sich der Fleisch fressende Homo Sapiens auf
264
der Erde entwickelt hat und von dem gerade ein besonders
prachtvolles Pärchen vor mir steht. Aber wenn ich sie beide so
betrachte, glaube ich dass sie mindestens eines dieser Jahrmillionen
geschwänzt haben. Falls es ihnen noch nicht aufgefallen sein sollte“, er
machte eine weit ausholende Geste mit seiner scheinbar noch immer
schmerzenden Tentakel, „wir befinden uns in einer Situation, in der
wir auf unsere gegenseitige Hilfe angewiesen sind und uns nicht
gegenseitig verstümmeln sollten.“
Verblüfft schauten sich Annabelle und Frederick an, als hätten sie
nicht verstanden was der Kaliler gerade gesagt hatte. Dann aber
begannen beide zu nicken und sie senkten ihre Köpfe.
„Sie haben Recht, wir sollten beginnen unsere Situation richtig
einzuschätzen, ausreichend Zeit für Panik einplanen und dann
gemeinsam die weiteren Schritte wählen.“
„Endschuldigen sie bitte“, setzte auch Annabelle ein. „Ich habe
mich ziemlich gehen lassen. Es soll nicht wieder geschehen, aber ich
habe mir einen Fingernagel abgebrochen.“
Eine schamhafte Stille trat ein, die der Kaliler genüsslich auskostete.
„Ich heiße übrigens Kixx“, unterbrach er schließlich die Stille.
„Und wie darf ich sie ansprechen?“
„Verzeihen sie bitte unsere schlechten Manieren“, griff
Annabelle sofort die Frage des Kalilers auf und präsentierte sich
wieder ganz als selbstsichere Geschäftsführerin, auch wenn sie die
265
Hand mit dem abgebrochenen Fingernagel hinter ihrem Rücken
versteckte.
„Dies hier ist Leutnant Frederick von der irdischen Polizei und
ich bin Annabelle Snooze, Geschäftsführerin von ROSIs auf ihrem
Planeten. Wir sind sehr erfreut ihre Bekanntschaft zu machen, auch
wenn diese unter, sagen wir mal, etwas abenteuerlichen Umständen zu
Stande kam.“
„Das kann man wohl laut sagen“, erwiderte Kixx. „Nun, falls
es ihnen noch nicht aufgefallen ist, so erweckt die momentane
Situation den Anschein als hätte sich für uns das eine oder andere
Problem durch unseren Absprung aus dem Dosen-Schiff des Leutnants
ergeben.“
„Wie meinen sie das?“ fragte Frederick verwirrt. „Wir leben
und mein Schiff müsste eigentlich jeden Moment hier auftauchen und
uns wieder aufnehmen.“
„Sie haben soeben das Erste unserer Probleme angeführt. Nach
einer vorläufigen Berechnung, die ich durchgeführt habe während sie
anderweitig beschäftigt waren, sind seit unserem Absprung ungefähr
20 Minuten vergangen. Innerhalb dieser Zeit hätte es für ihren
Schiffscomputer möglich sein müssen das Schiff abzufangen, in eine
stabile Fluglage zu bringen, anschließend uns über das Notsignal der
Düsen-Päckchen zu orten, anzusteuern und Kaffee aufzusetzen. Kixx
nahm eine Art sitzende Haltung an und legte zwei Tentakeln
266
übereinander. Hätte man ihn jetzt einen Stil auf den Kopf geklebt
würde er einem Küchenmop ähneln.
„Wie kommen sie darauf, dass schon soviel Zeit vergangen
ist?“ fragte Annabelle. Sie verschränkte ebenfalls die Arme, aber dies
hatte wahrscheinlich den Grund darin, dass sie das Ergebnis der
angefangen Erklärung über den Verbleib des Dosen-Schiffes erahnte
was sie frösteln ließ und nicht um den Kaliler nachzuahmen.
„Das ist sehr einfach. Die Brenndauer der Düsen-Päckchen
liegt zwischen 15 bis 20 Minuten, je nach Gewicht des Benutzers. Da
der Treibstoff bei uns allen gänzlich erschöpft war, was sich unschwer
durch einige schmerzenden Körperstellen belegen lässt und wir noch
den kurzen Disput zwischen ihnen dazurechnen, dürfte die
Zeitschwelle von 20 Minuten sicherlich überschritten sein.“
„Vielleicht funktionieren ja auch die Notsignale der Päckchen
nicht!“ warf Frederick ein, allerdings ohne die im Moment benötigte
Überzeugung. Zögernd kniete er sich neben einen der ausgebrannten
und durch den recht harten Bodenkontakt verbogenen Düsen-Päckchen
hin und öffnete die Einheit in der der Notsender verbracht war. Nach
einigen Versuchen die Klappe mittels des normalen
Öffnungsmechanismus zu öffnen, was nicht gelang, holte er einen
Stein und schlug solange auf die Klappe ein, bis diese endlich nachgab
und den verborgenen Inhalt herausgab. Annabelle und Kixx verfolgten
neugierig die Aktion und unwillkürlich hielten beide den Atem an, als
267
Frederick den Sender in der Hand hielt.
„Na bitte, man sollte doch das Quäntchen rohe Gewalt nie
gänzlich vergessen.“ Doch bereits der erste Blick auf das Gerät
veranlasste Frederick wieder zu schweigen, da er erkennen konnte,
dass der Sender ordnungsgemäß funktionierte. Was sollte er auch
anderes machen, er hatte ja nichts anderes gelernt und sich seit seiner
Endfertigung auf diesen Augenblick vorbereitet. Doch scheinbar
verhallte sein Ruf nach Rettung ungehört auf diesem Planetoiden, was
den Sender allerdings nicht weiter störte, da er ja ordnungsgemäß
seinen Job erfüllte und mehr konnte man ja nun wirklich nicht von ihm
verlangen.
„Dann sollten wir davon ausgehen, dass ihr Schiff es aus
diversen Gründen nicht geschafft hat unseren Standort anzupeilen um
uns von hier abzuholen“, unterbrach Kixx das Schweigen.
„Meinen sie, dass das es zerstört ist?“ fragte Annabelle
stockend und schlang ihre Arme noch enger um ihren Körper.
„Ich glaube wir müssen dies in die engere Wahl ziehen“, sagte
Frederick nachdenklich. „Kixx hat Recht, wenn er diese Möglichkeit
unausgesprochen in den Raum stellt. Selbst für ein Dosen-Schiff
meiner Kategorie, unter der Berücksichtigung der intellektuellen
Komponente Roder...., äh meines Schiffscomputers, müsste die Suche
und Aufnahme schneller geschehen.“ Frederick machte eine weit
ausholende Geste und schaute über die Oberfläche des Planetoiden
268
hinweg.
„Ich befürchte, wir werden wohl etliche Zeit hier verbringen
müssen, bis uns irgendjemand hier aufnehmen kann.“
„Aber“, fiel Annabelle ein und schnippte mit dem Fingern.
„Wir brauchen ja eigentlich keine Angst zu haben. Kapitän Hartner
wird uns bestimmt suchen und da der Herr Leutnant auf Kalil ein klein
wenig zu viel herumgeschnüffelt hat und einigen Herren scheinbar auf
die Füße getreten ist, dürfte eigentlich schon ein Suchtrupp unterwegs
sein, der uns dann aufnehmen wird. Das Beste wird sein, wir bleiben
hier und machen es uns in dieser Zeit des Wartens so angenehm wie
möglich.“
„So gesehen schon richtig, die Nahrungskonzentrate in unseren
Düsen-Päckchen reichen für ungefähr sechs Tage und nachdem wir die
erste Ration gegessen haben wahrscheinlich sogar doppelt so lange.“
„Sind diese Dinger derart ergiebig?“
„Äh nein, das gerade nicht“, sagte Frederick betreten und
suchte nach den richtigen Worten. „Die Konzentrate schmecken derart
schlecht, dass man wirklich nur in der allerhöchsten Not davon isst. Es
gehörte während meiner Ausbildungszeit zu den
Einstellungsvoraussetzungen.“ Er hörte abrupt auf zu erzählen und
versank kurzzeitig in eine andere Zeit in einem anderen System des
bekannten Teils des Universums. Fredericks begann geistig zu würgen
und er erinnerte sich an die fahlen Gesichter seiner Mitstreiter bei der
269
Einstellung in den END. Während er Resümee über seine bisherige
Zeit beim END zog und dies in Verhältnis setzte zu seiner damaligen
zweiwöchigen Übelkeit, die das Zeug bei ihm verursachte, erkannte er,
dass er lieber auf eine erneute Einstellung verzichten würde, obwohl
der damals sehr stolz darauf war nicht wie die meisten anderen sich die
Seele aus dem Leib zu würgen. Frederick glaubte plötzlich den Geruch
seiner ersten Ration wieder zu riechen. Dieser Geruch hatte ihn die
ersten Monate seiner Ausbildungszeit in seinen Träumen verfolgt und
ähnliches hatte er erst wieder erfahren, als er einmal versehentlich in
die Kantine der Zentrale geraten war. Im Gegensatz zu diesem
Einstellungstest, deren Sinn niemand in END verstand, wahrscheinlich
noch nicht einmal diejenigen die diesen Test angeordnet hatten, war
die anschließende Ausbildung ein Klacks. Er hatte später einmal eine
Probe dieser Notration an einen seiner Freunde geschickt, der
Chemiker in einem der großen Food-Designer Fabriken war und ließ
sich von ihm eine Analyse machen. Dieser stufte es als bösartig mit
keinerlei Spur von Nahrung ein.
„Hoffen wir also auf meine Verfolger“, sagte Frederick noch
immer seinen Gedanken nachhängend. „Lieber gehe ich das Risiko ein
doch noch einige unangenehme Erfahrungen zu machen, als noch
einmal hiervon zu essen.“ Frederick nahm eines der quietschgelben
Konzentrat-Päckchen in die Hand und warf es lustlos einige
Zentimeter in die Höhe, wobei sein Gehirn versucht war es nicht
270
wieder von der Hand auffangen zu lassen.
„Oh gut, dann warten wir also auf unsere Verfolger“, sagte
Annabelle erleichtert und dachte daran, dass sie ja dann gewiss ihre
Koffer zurückbekommen würde. Sie dachte an ihren Fingernagel, der
dringend manikürt werden musste.
Wieder trat für einen Moment Stille auf, in der Frederick und
Annabelle ihren Gedanken nachhingen, während Kixx energisch
seinen halslosen Kopf, der keinen Übergang von Kopf auf den Körper
erkennen ließ, versuchte zu schütteln. Eine Geste, die er den Menschen
abgesehen hatte und die ihn derart faszinierte, dass er als er noch eine
kleine Kaulquappe war, stundenlang versucht hatte dies vor einem
Spiegel zu erlernen. Doch statt eines Kopfschütteln brachte er auch
nach diesen intensivem Training nur ein bedauerliches Wackeln des
gesamten Ochsenfroschkörpers zustande, wobei allerdings die
Tentakeln völlig still standen. Es sollte als ein Zeichen höchster
Aufregung zu deuten sein.
„Die Möglichkeit der Aufnahme von etwaigen Verfolgern kann
zwar, besonders nach unserer gelungenen Flucht in Betracht gezogen
werden, aber leider sehe ich mich gezwungen, diesen
Hoffnungsschimmer zerstören zu müssen.“
Kixx und Annabelle schauten Frederick an, als hätte dieser erklärt er
wäre Gott und würde gleich den Sündenfall verkünden ohne vorher
über den Umweg des Apfels gehen.
271
„Wie meinen sie das?“ fragte Annabelle in einem Tonfall, als
hätte ihr Frederick einen unsittlichen Antrag gemacht, der im
Vergleich zum Sündenfall nicht nur mit der Vertreibung aus dem
Paradies bestraft worden wäre.
„Ich meine damit, dass uns keiner finden wird!“
„Wie kommen sie zu dieser Erkenntnis?“ fragte der Kaliler, der
wieder die Haltung eines Wischmops eingenommen hatte, was wohl
das Gegenstück zum menschlichen kauen auf einem Brillenbügel sein
sollte, um intelligent oder intellektuell zu wirken.
„Wir sollten uns aufmachen und einen behaglicheren Ort als
diesen aufsuchen“, wich Frederick aus. „Diese kleinen Planetoiden
sind oft Stützpunkte von Piraten oder Fluchtorte von
zivilisationsmüden Aussteigern. Mit etwas Glück könnten wir doch
bald zurück auf Kalil oder anderswo sein.“
„Aber!“ setzte Annabelle plötzlich ein und eines ihres
Geschäftsführer-Ich-weis-was-besser-Lächeln erschien auf ihren, trotz
der Strapazen des Absprunges, makellos geschminkt wirkenden
Lippen. „Vielleicht brauchen wir die Hilfe dieser eventuell
vorhandenen Piraten oder Aussteiger gar nicht. Vielleicht brauchen
wir keinen strapaziösen Marsch durch die Flora und Fauna dieses
dämlichen Planetoiden zu machen. Wenn ich mich recht erinnere sind
diese Notstarts von Werk aus auf festgelegte Standartkurse
programmiert, die mühelos von einem einigermaßen guten
272
Schiffsrechner nachvollzogen werden können. Wenn unseren
Verfolgern etwas an ihnen gelegen ist, dann werden die doch auch
darauf kommen und uns finden.“
„Fräulein Annabelle, sie sind nicht nur eine bewundernswerte
und scheinbar für menschliche Verhältnisse schöne Frau, sondern
seltsamerweise noch zusätzlich intelligente Frau“, sagte Kixx und in
seinen Augen schimmerte aufrichtige Bewunderung. „Trotz meiner
Aufgabe im Bereich der Technik, wäre ich darauf nicht gekommen.
Sie haben recht. Sollte den Verfolgern auch weiterhin etwas an diesen
Herren gelegen sein, so ist mit der Ankunft dieser Herren wirklich
innerhalb kürzester Zeit zu rechnen! Ich kann mir denken, dass sie von
der Aussicht den Herren wieder zu begegnen die sie zu dieser Flucht
veranlasst haben, nicht gerade begeistert sind, aber zur Zeit haben wir
nur diese einzige Chance, neben einem ungewissen Marsch über diese
Kugel Dreck mit ein paar Grünpflanzen.“
„Wer verfolgt uns denn eigentlich?“ wollte Annabelle plötzlich
wissen.
„Der Oberst und der Botschafter!“
„Mit was haben sie denn dem Botschafter und dem Kardinal
derart auf die Füße getreten um das hier zu rechtfertigen.“ Anklagend
hob sie ihren Finger mit dem abgebrochenen Fingernagel.
Frederick antwortete nicht und begann die Düsen-Päckchen
aufzumachen und die diversen Notrationen und anderweitigen Dinge
273
aus ihrem Inneren zu entnehmen.
„So ein Mist“, fluchte er unmotiviert vor sich hin. „Wer packt
eigentlich diese Dinger? Diese blöden Versorgungscomputer?“
„Was machen sie denn eigentlich da und was suchen sie denn,
bei der Göttin der 9. Tentakel“, fragte Kixx und strich sich mit einer
seiner Tentakel über seine großen Glubschaugen.
„Ich suche die Sachen aus den Düsen-Päckchen für unseren
Marsch zusammen und ich hoffte eine Flasche Schnaps zu finden,
wenn auch nur eine kleine. Aber so etwas scheint ja nicht
lebensnotwendig zu sein. Mann, wenn die wüssten wie dringend ich
jetzt einen Schnaps gebrauchen könnte.“
„Aber hören sie doch“, begann Annabelle beschwichtigend auf
Frederick einzureden als handelte es sich bei ihm um ein kleines
verängstigtes Kind. „Wir haben doch eben festgestellt, dass wir nichts
unternehmen brauchen. Man wird uns in ein paar Minuten finden und
so brauchen wir uns nicht für einen Marsch zu rüsten. Lassen sie also
dieses ekelhafte Zeug liegen und warten sie, genau wie wir, beruhigt
auf ihre Häscher.“
Frederick schaute zu Annabelle hinauf und dann zu Kixx hinüber.
„Es wird niemand kommen. Niemand wird unseren Kurs
berechnen können, niemand wird jemals diesen Planetoiden auf der
Suche nach uns ansteuern und niemand wird uns in den nächsten paar
Minuten aufnehmen.“ Er stand auf und drehte den beiden seinen
274
Rücken zu. „Es wird deshalb niemand kommen, weil ich keinen
werksüblichen Standart-Notstart-Modus habe. Wir werden also
marschieren müssen!“
Annabelle und Kixx standen regungslos da, als hätten die Schallwellen
einfach keine Lust gehabt die Schwingungen, hervorgerufen durch
Fredericks Worte zu übertragen. Dennoch konnte man unschwer
erkennen, dass seine Worte vernommen worden waren, da die beiden
Angesprochenen ihr eben noch hoffnungsvolles Gesicht zu einer
ungläubig wirkenden Maske verzogen hatten.
„Was haben sie eben gesagt?“ keuchte Annabelle und ihre
Stimme klang als käme sie aus dem Inneren einer soeben zugeklappten
eisernen Jungfraui. „Das ist..., das kann doch nicht...“, sie stockte und
verstummte dann.
„Was soll das heißen“, fragte Kixx erstaunt. „Sie haben doch
ein gewöhnliches Serien-Patrollien-Dosen-Schiff. Eins von der Stange,
mit Behördenausstattung, halt unterste Unterklasse. Da wir sich ihre
Behörde doch nicht in Kosten gestürzt haben und die gesamte
Programmierung zu ändern.“
„Ja, okay es ist seltsam, aber ich habe nun mal keinen Standart-
Notstart-Modus. Also packen wir jetzt unsere Sachen und marschieren

i
Ein zur spanischen Inquisition oft gebräuchliches Gerät um die Leute zu Aussagen zu
bewegen, die sie sonst nur ungern veröffentlicht gesehen hätten. Im Volksmund auch
scherzhaft Saftpresse genannt.
275
los, bevor es dunkel wird. Frederick wurde nun zum ersten Mal seit
seiner Ankunft auf Kalil richtig energisch und erschrak sich vor sich
selbst.
„Und wohin?“ schrie Annabelle und war den Tränen nahe.
„Wir wissen doch gar nicht in welche Richtung wir gehen müssen.“
„Ich habe bereits eine Sondierung mittels meiner UHR
vorgenommen und habe im Nord-Westen eine hohe Dichte von Metall
orten können. Folglich haben wir eine 53 prozentige
Wahrscheinlichkeit dort auf künstlich geschaffene Gebilde zu treffen.“
Frederick schnappte sich die zusammengepackten Notrationen und
steckte sie in einen der nun leeren Düsen-Päckchen, schulterte den
Rucksack und machte sich in Richtung Nord-West auf.
Annabelle und Kixx hatten folglich keine andere Wahl und begannen
hinterher zutrotten, nachdem sie einen langen Blick miteinander
getauscht hatten. Der Marsch verlief die ersten paar Kilometer
mühelos, da die Natur ihnen gnädig gestimmt war und bisher nur
bequem begehbare Flechtwerke aufzuweisen hatte, was sich aber in
allernächster Zukunft ändern sollte, wenn man den Dingen trauen
konnte die sich da am Horizont auftaten. Durch die geringe
Schwerkraft kamen sich Frederick und Annabelle wie durchtrainierte
Spitzensportler vor, während Kixx dank seines Metall-Korsetts die
etwas erhöhte Schwerkraft gegenüber seinem Heimatplaneten nicht
viel ausmachte. Störend erwies sich allerdings, dass bestimmte Teile
276
dieses Korsetts inzwischen dringend ein wenig Schmierstoff
benötigten, denn nach einigen Kilometern hatte sich bei jedem Schritt
des Kalilers ein kleines quietschendes Geräusch breit gemacht,
welches zu Recht an die vorzunehmende Schmierung erinnerte. Mal
ganz abgesehen davon, dass Kixx 8 Tentakeln hatte und somit 8
unterschiedlich quietschende Geräusche erzeugen konnte und diese
dies auch begeistert von sich gaben. Nach einer langen und qualvollen
Strecke begannen die nach Öl wimmernde Geräusche immer lauter zu
werden um das hier vollzogene Unrecht auch allen kundzutun.
Während es dem Kaliler scheinbar nicht auszumachen schien, beeilte
sich Annabelle Frederick wieder einzuholen, der inzwischen einige
hundert Meter vor ihnen herging, um dem Geräusch entfliehen zu
können.
„Es bleiben noch immer 47 Prozent übrig“, begann Annabelle
unvermittelt, nachdem sie einige Zeit stumm nebeneinander
hergegangen waren. „Was könnten diese restlichen Prozente sein?“
Frederick ging einige Zeit stumm weiter, ehe er zu sprechen begann,
wobei er weiter seinen Blick stur in Richtung Nord-West hielt.
„Ich weiß es wirklich nicht!“ Man merkte ihn an, dass er
verzweifelt nach einigen Antworten suchte, die Mut machten. „Es
kann eine große Stadt sein, oder vielleicht auch eine Arbeitsstation die
irgendwelche Dinge abbauten, Mineralien oder so. Es könnte auch ein
großer Flughafen sein, alles ist möglich. Ich weiß es nicht.“
277
„Könnte es nicht auch unser Dosen-Schiff sein?“
„Nein, mein Dosen-Schiff kann es nicht sein.“ Er betonte
deutlich seinen Besitzanspruch auf das Dosen-Schiff. „Die angezeigte
Masse ist viel zu groß für ein Schiff dieser Klasse.“
„Und was sollte es gemäß der restlichen 47 Prozent lieber nicht
sein?“ fragte der Kaliler, der inzwischen unbemerkt zu den beiden
aufgeschlossen hatte. Er konnte allerdings inzwischen nicht mehr so
zügig seine Tentakel koordinieren wie zu Beginn des Marsches.
Frederick schwieg und versuchte ein hoffnungsfrohes Gesicht zu
machen.
„Es könnte im schlimmsten Fall auch ein Gebirgszug mit
hohem Eisenerzgehalt sein.“ Annabelle blieb abrupt stehen und
stemmte die Hände in die wirklich wundervoll geschwungenen Hüften.
„Soll das heißen wir latschen hier herum und laufen dabei
Gefahr später auf einem trostlosen Steinhaufen herum zu hocken und
nicht wissen was wir dann tun sollen?“
„Ja dieser Gefahr sehe ich uns zur Zeit gegenüber. Aber es
kann ebenfalls etwas anderes sein. Unsere Chance steht fifty-fifty, also
setzten sie jetzt ihren wunden Po wieder in Bewegung und folgen sie
mir.“
„Leider muss ich dem Herrn Leutnant recht geben. Es ergibt
wenig Sinn hier herumzustehen und auf etwas zu warten, was nicht
eintreffen wird“, sagte Kixx mit äußerst ruhiger Stimme, zu ruhiger
278
Stimme empfand Frederick. Irgendetwas ging hinter diesem
Ochsenfroschkopf vor sich, was er im Moment nicht richtig einordnen
konnte.
Stumm marschierte die kleine Gruppe weiter.
„Ich habe gehört“, begann Frederick nach einiger Zeit erneut
ein Gespräch anzustrengen, da ihm diese Stille irgendwie klar zu
machen versuchte das er Schuld an dieser gesamten Situation ist und
er damit ganz und gar nicht einverstanden war, „dass die kalilische
Bevölkerung sprechende Namen hat, wenn man diese in unsere
Sprache übersetzt.“
„Ja, da haben sie wohl recht“, erwiderte Kixx lustlos,
verzweifelt bemüht seine Tentakeln richtig zu steuern, ohne das diese
sich verheddern, was inzwischen aus der Perspektive eines
Außenstehenden als nicht ganz gelungen erschien, da der Kaliler
ständig kurz davor stand zu stolpern und lang hinzuschlagen.
Eigentlich hatte er keine Probleme mit der Steuerung seiner Tentakel,
aber aufgrund der doch recht ungewohnt hohen Schwerkraft begann er
langsam zu ermüden, was sich sehr nachteilig auf seine
Fortbewegungsart auswirkte.
„Darf ich dann fragen was ihr Name in unserer Sprache heißt?“
Kixx überlegte eine Weile und antwortete: „Kixx bedeutet in ihrer
Sprache in etwa soviel wie der, der seine gesamten Kredits verloren
hat und sich nichts daraus macht - oder so ähnlich. Ihre Sprache ist viel
279
zu einfach konzipiert um eine genauere Übersetzung meines Namen zu
erreichen.“ Still trottete die kleine Gruppe weiter.
Nach einiger Zeit wurde die Vegetation dichter und beinahe
undurchdringlich. Immer öfter mussten sie nun anhalten um zu
verschnaufen, da nun auch das Gelände bereit war ihnen alles in den
Weg zu stellen, was so ein Gelände aufzufahren hatte und so ließ es
dann auch nichts aus. Angefangen von leichten Bodenerhebungen bis
zu tiefen Schluchten vermochte auf einigen hundert Metern alles
vorhanden zu sein. Es schien so, als wolle der Planetoid seinen
unfreiwilligen Besuchern zeigen, dass er doch auf dem richtigen Weg
war ein vollkommener Planet ist und nicht nur so ein kleiner
Kieselstein mit ein bisschen Grünzeug darauf, so als wolle er ihnen
imponieren. Frederick und Annabelle waren teilweise nur deshalb in
der Lage manche der Hindernisse zu überwinden, weil Kixx sich ihnen
als lebendiges Seil zur Verfügung stellte - auch wenn es sich hierbei
um ein Seil mit etwas seltsamen Gerüchen handelte, die allerdings
nicht so stark und penetrant waren wie die, die Frederick bei seinem
ersten Treffen mit einem der Eingeborenen gemacht hatte. Dies hatte
auch Annabelle bemerkt, was diese dazu veranlasste Kixx mehr
Aufmerksamkeit zu schenken, da ihr berufliches Interesse langsam
wieder in ihr aufflammte, denn sie hatte trotz ihres langen
Aufenthaltes auf Kalil bisher noch nie die Gelegenheit gehabt einem
dieser introvertierten Kalilern derart nahe auf die froschgrüne Pelle zu
280
rücken, noch dazu einem der nicht diese furchtbare ermüdende
Aussprache hatte wie der Rest dieses Ochsenfroschvolkes und nicht so
stank wie ein Pavian der gerade sämtliche Müllhalden im bekannten
Teil des Universum auf der Suche nach der Evolution durchwühlt
hattei.
„Sagen sie Kixx“, begann Annabelle, während sie auf einem
kleinen Hügel eine Verschnaufpause einlegten, weil die drei sich
inzwischen derart verausgabt hatten das sie kaum noch vorankamen.
Der Hauptgrund lag aber darin, dass Frederick und Annabelle es fast
schon nicht mehr schafften die Knoten aus den Tentakeln Kixx zu
lösen, die dieser inzwischen mit sehr hoher Präzision jeden halben
Kilometer produzierte. Sie wandte sich dem Kaliler zu.
„Ich bin nun schon einige Zeit auf ihrem Planeten, aber ich
habe eigentlich noch nie einen richtigen Kontakt mit einem ihrer
Spezies gehabt.“ Sie schaute ihn lange und intensiv an, bevor sie
weiter sprach. „Wieso ist es so schwer mit ihnen in Kontakt zu
kommen und wieso gelingt es ROSIs nicht die einheimische
Bevölkerung als Kundschaft zu gewinnen? Wir geben uns doch
allergrößte Mühe und ein klein wenig Zerstreuung braucht doch
schließlich jede Spezies einmal, auch wenn sie noch so seltsam sein

i
Dank der immensen Bemühungen der Erde sind die anderen Rassen inzwischen auch mit
dieser Segnung der Erde beglückt worden, natürlich geschickt als Entwicklungshilfe
getarnt und somit Subventionswürdig.
281
sollte.“
Kixx wurde von dieser Frage derart mitgenommen, dass er blitzschnell
und scheinbar unbewusst seine Tentakeln unter seinen Körper zog,
was ihn wie eine Kugel aussehen ließ. Diese unbewusste Handlung
hatte allerdings fatale Folgen für ihn, da er nun keinen Halt mehr auf
dem Hügel hatte und er wie in Zeitlupe sich zur Seite neigte und diese
Neigung sich flüssig in eine Rollbewegung verwandelte. Er rollte
einige Meter von Annabelle und Frederick weg, der im Gras vor sich
hindöste und von allem nichts mitbekam, bevor er seine Tentakeln
wieder ausfuhr und die Rollbewegung beendete. Trotz seiner
momentanen Verdatterung konnte man sehen, dass er sich schnell
wieder fasste und er seine Tentakeln dahingehend arbeiten ließ die
eben verlorenen Meter wiederum zu erklimmen. Kixx ließ sich wieder
neben Annabelle nieder und schaute ihr mit seinen großen Augen
schwermütig an, jedenfalls versuchte er schwermütig zu schauen, aber
dies war mit der eingeschränkten Mimik eines Froschgesichtes doch
etwas zu schwierig.
„Sie sind sehr direkt und sie forschen nach Dingen deren
Ursachen weit zurückreichen, die so tief in unserer Vergangenheit
vergraben sind, dass nur noch wenige die wahren Ursachen dieser
Lebenseinstellung kennen. Dieses Wissen wandert nur noch von
Tentakel zu Tentakel der Priester der 9. Tentakel weiter.“
Annabelle nickte langsam und einsichtig, obwohl sie keins der Worte
282
verstand.
„Ich beginne zu verstehen. Nun es ist zwar sehr schade, dass
dies zu weit zurückliegt um noch in dem Allgemeinwissen der
Bevölkerung bekannt zu sein, aber da kann man ja wohl nichts
machen. Trotzdem danke ich ihnen und verspreche nicht weiter danach
zu bohren - außer ich begegne einmal einem dieser Priester, obwohl
ich bis eben noch nicht einmal gewusst habe, dass es in der einfach
strukturierten Religion der 9. Tentakel auch eine Priesterkaste gibt.
Aber das bedeutet nichts, denn ich habe es ja auch noch nicht geschafft
bei ihrer Rasse Männchen und Weibchen auseinander zu halten.“
Annabelle gestattete sich ein Schmunzeln. „Und eigentlich sollte ich
gerade auf dem letzteren Gebiet eine Spezialistin sein.“
„Nun in einigen dieser Fällen könnte ich ihnen dennoch
behilflich sein, da ich unter anderem auch einmal eine dieser
Priesterausbildungen mitgemacht habe, als ich glaubte ein Leben als
Priester käme für mich in Frage, was sich aber noch rechtzeitig als
Irrtum herausgestellt hat.“ Kixx machte eine lange Pause, gab ein
Geräusch von sich was entfernt an ein Seufzen erinnerte und begann
seine Tentakeln zu ordnen. „Wissen sie, ich konnte mich noch nie so
ganz genau entscheiden was ich machen wollte und so habe ich halt
einiges ausprobiert.“
„Sie könnten mir wirklich einige meiner Fragen beantworten?“
Annabelle sprang fast auf vor lauter Aufregung über das eben
283
vernommene und war jetzt wieder einmal ganz in die Rolle der
erfolgsorientierten Geschäftsführerin von ROSIs.
„Nun ja, ich kann es ja mal versuchen. Aber ich muss sie
warnen, es ist nicht so einfach ihnen die Komplexibilität unserer
Spezies und unserer Einstellung zu bestimmten Themen - und hier
gerade die Themen, die sie scheinbar, natürlich nur aus beruflichen
Gründen, hauptsächlich zu interessieren scheinen - näher zu bringen.
Ein weiterer Hinderungsgrund ist auch die bereits erwähnte stark
simplifizierte Sprache ihrer Rasse um den passenden Ausdruck zu
finden.“ Kixx holte tief Luft und man konnte erkennen, dass seine
Tentakelspitzen leicht zu zittern begannen.
„Falls sie doch nicht darüber sprechen möchten, so kann ich
das verstehen.“ Sie wollte ihre Hand ausstrecken um eine der Tentakel
zu nehmen, aber ihr Unterbewusstsein schaltete sich augenblicklich
ein und machte ihr unmissverständlich klar wer da ihr gegenüber saß
und das das Märchen vom Froschkönig letztendlich nur ein Märchen
war. Dennoch konnte sie sich aufgrund ihrer genossenen Ausbildung,
allerdings unter weiteren starken Protesten des Unterbewusstseins,
überwinden und zögernd nahm sie eine der Tentakel in die Hand und
hielt sie fest. Der Kaliler begann plötzlich noch stärker zu zittern und
konnte sich augenscheinlich nur sehr schwer unter Kontrolle halten.
„Die hauptsächlichen Gründe für unser Verhalten liegen tief in
uns verwurzelt und begründeten unsere heutige Lebensweise“,
284
stammelte Kixx mühsam hervor und man konnte auch ohne ein
abgebrochenes Psychologiestudium erkennen, dass in dem Kaliler ein
unheimlicher innerer Kampf tobte.
„Wir sind von Grund auf prüde!“ Der Kaliler schnaufte und
schlagartig hörte er auf zu zittern. In Kixx machte sich ein unheimlich
tolles Gefühl breit, etwas getan zu haben was in seiner Rasse als
besonders verwerflich galt.
„Und das ist alles?“ Annabelle war sichtlich erstaunt und
enttäuscht.
„Was erwarten sie denn noch? Unsere Spezies blickt
schließlich auf ein bis zur Perfektion verfeinertes System der Prüderie
zurück. Außerdem halten sie gerade meine Fortpflanzungstentakel in
ihrer Hand.“
Annabelle blickte auf die Tentakel in Ihrer Hand und es dauerte eine
Weile, bis sie begriff, was Kixx eben zu ihr gesagt hatte. Doch dann
ließ sie die Tentakel wie eine heiße Kartoffel fallen, formte ihre Hände
zu Fäusten, riss sie vor ihren Mund und ließ einen kleinen, aber sehr
grellen Schrei los. Dies war etwas was sie wirklich perfektioniert hatte.
Frederick, der noch immer vor sich hindöste, wurde durch den Schrei
aus seinen Gedanken gerissen und blickte erschrocken in die Richtung
seiner beiden seltsamen Gefährten.
„Ich glaube meine nächsten Ferien verbringe ich wo anders“,
murmelte er vor sich hin. Da er sich erholt hatte, sprang er auf und
285
nahm erneut den Rucksack auf seine Schultern.
„Wir sollten wieder aufbrechen. Es ist nicht mehr weit und
wenn wir Glück haben kommen wir noch vor Einbruch der Dunkelheit
zu diesem ominösen Punkt und brauchen vielleicht nicht in dieser
Wildnis zu übernachten. Allerdings weiß ich nicht wann es auf diesem
Planetoiden dunkel wird und ob es überhaupt dunkel wird.“ Kixx
streckte sofort seine Tentakeln aus und brachte sich dann in
Vorwärtsbewegungsposition, nur Annabelle blieb noch immer in der
vorher eingenommen Haltung sitzen und blickte weiterhin erschrocken
zu Kixx hinauf.
„Kommen sie!“ Frederick packte Annabelle an der linken Hand
und zog sie zu sich herauf. „Wir sollten wirklich weitergehen.“
Widerstrebend stand Annabelle auf und ließ sich mitziehen.
„Da lang!“ Frederick zeigte auf einen sehr dichten
Dickichtverhau.
„Wäre es nicht einfacher, wir würden Drumherum gehen!“
„Natürlich wäre es einfacher aber es gibt nun einmal ein festes
mathematisches Gesetz, welches da heißt - die kürzeste Verbindung
zwischen zwei Punkten ist eine Gerade - und wir haben es eindeutig
eilig. Schauen sie doch einmal in diesen seltsamen Himmel“, sagte er
und deutete mit seinem Zeigefinger in den Himmel.
„Was soll da sein?“
„Falls es ihnen noch nicht aufgefallen sein sollte, so fehlt es
286
diesem Planetoiden zwar nicht an Licht, aber ich kann keine Sonne
erkennen.“ Er machte eine Pause und drehte sich zu Annabelle um.
„Na und! Hauptsache es ist hell, oder?“
„Aber wir können ohne den Stand der Sonne nicht erkennen,
wann es Dunkel wird oder ob es überhaupt dunkel wird. Solange wir
das nicht wissen sollten wir uns lieber beeilen um nicht plötzlich von
der Dunkelheit überrascht zu werden.“ Frederick schulterte seinen
Rucksack und zog los, Kixx und Annabelle stolpernd hinter sich
herziehen. Das Gestrüpp wurde immer dichter und die kleine Gruppe
zog sich immer mehr auseinander, einerseits da das Gelände und die
dargebotene Fauna Schwierigkeiten bereiteten und andererseits, da der
vorhergehende immer die zurückgezogenen Äste zurückschnellen ließ
und diese immer den folgenden trafen. Frederick musste außerdem
immer wieder Zweigen von Pflanzen ausweichen, die ihm unheimlich
vorkamen, da er ähnliche vorher noch nie gesehen hatte. Einige sahen
ihm außerdem zu intelligent aus und andere wiederum zu hungrig.
Doch nach einigen Kilometern ohne irgendwelche weiteren
Überraschungen aus Flora oder Fauna, kamen sie an dem Punkt an, zu
dem sie seit unzähligen Stunden und ebenso vielen Blasen an den
Füßen unterwegs waren. Vor ihnen breitete sich nun eine Art
intergalaktischer Schrottplatz aus. Unzählige Raumschiffe aller
Bauarten und Epochen türmten sich zu einem hohen Berg auf und trotz
der Tatsache das sie auf einem kleinen Hügel standen, konnte die
287
kleine Gruppe nicht das andere Ende der Müllhalde sehen. Mehrere
Minuten standen sie Schulter bei Schulter, oder besser gesagt Tentakel
bei Schulter und starrten auf die zerschmetterten Leiber einstiger, aus
Metall und Farbe wahr gewordenen Träumen von der Freiheit des
Weltraums, von minderbemittelten Weltraumbummlern in ihren
Unterklassen-Schiffen ohne Co-Piloten-Airbag und Bierdosenablage
zum ausklappen. Entmutigt schauten die drei müden Wanderer auf das
Gewirr aus Stahl Blech und inzwischen abblätternder Farbe.
Angesichts des Schrottplatzes und der darauf vorhandenen
Leblosigkeit, ließen sie sich auf dem Hügel nieder und begannen ihre
schmerzenden Füße oder ähnliche Teile des Torsos zu reiben.
„Das war wohl nichts!“ unterbrach Frederick schließlich das
Schweigen. „Warum in aller Welt muss gerade ich auf einem
Schrottplatz abstürzen?“ murmelte Frederick vor sich hin, ohne den
Blick vom verbogenen Metall zu nehmen.
„Vermutlich weil sie ein Depp sind!“ erwiderte Annabelle
scharf, ohne eigentlich darüber nachzudenken was sie gerade von sich
gegeben hatte. Frederick und Kixx schauten sie erstaunt an. „War ja
nur eine vorsichtige Schätzung“, sagte Annabelle schnell und schaute
wieder auf den Schrottplatz. „Was wollen wir den jetzt machen?“ Sie
setzte einen Kleinkinder-Schmollblick auf, den sie recht gut konnte
und schaute abwechselnd von Frederick zu Kixx und zurück. Frederick
begann im Sitzen eine weitere Scannung der Gegend vorzunehmen,
288
aber aufgrund seines Blickes nach der Scannung vermieden die beiden
anderen nach dessen Resultat zu fragen.
„Im gesamten Umkreis um diesen Schrotthaufen ist nichts
anderes zu orten, als dieser illegale Haufen Schrott. Sagen sie Kixx, sie
als Wartungsfachmann von Raumschiffen müssten doch eigentlich
diesen Planetoiden kennen. Schließlich kennen doch alle
Wartungsleute Orte, an denen man alte Schiffe Kosten sparend
entsorgen kann. Spart ja eine Menge Geld, welches man dann in der
Regel an den Kunden weitergeben kann.“ Man konnte den müden
Spott deutlich in seiner Stimme vernehmen. Kixx scharrte nervös mit
drei seiner Tentakeln in einem Haufen Erde herum, aber er spürte dass
er letztendlich nicht um eine Antwort herum kommen würde.
„Ich habe mich immer an die Gesetze zur Sauberkeit des
bekannten Teil des Universum gehalten“, sagte er mit starrem Blick
auf die übrigen 5 Tentakeln.“ Wenn ich mich aber recht an die
Gerüchte unter meinen Kollegen erinnere, dann könnten wir auf
Hangoido sein. Ein kleiner Planetoid 500 000 Kilometer von Kalil
entfernt mit dem Koordinaten 159 Grad östlicher Breite und.“ Kixx
stoppte plötzlich, da ihm klar wurde, dass er für eine angeblich
gesetzestreuen Ochsenfrosch zuviel wusste und es mit äußerst
empfindlichen Strafen behaftet war sich der Teilnahme an einer
derartigen Verschmutzung eines Klasse 4 Planeten überführen zu
lassen. Des Weiteren wurde ihm auch bewusst, dass Frederick ja zur
289
Polizei gehörte, deren originäre Aufgabe es war derartige Verstöße mit
saftigen Strafen zu belegen. Übrigens eine lohnende Aufgabe für einen
Polizisten, da dieser befugt ist 10 Prozent der Summe für sich selbst zu
behalten, um hier den Jagdtrieb nach Umweltsündern aufrecht zu
halten. Allerdings ist bei der chronischen Unterbezahlung von diesem
Planetendiener die Jagd auf diese Prämie wichtiger geworden als deren
eigentliche Aufgabe.
„Ach und was bedeutet dieser Name in unserer Sprache?“
fragte Annabelle interessiert.
„Bestimmt sinkender Müllhaufen am Rande des bekannten Teil
des Universum“, warf Frederick ein und schaute angewidert zu den
zertrümmerten Schiffen, zwischen denen kleine übel riechende
Schwaden herumvagabundierten, begleitet von einer Unmenge kleiner
ebenso übel reichende Insekten, die wohl von den defekten Freß-O-
Maten herstammen mussten.
„Nein!“ widersprach Kixx ernst. „Dieses Wort bedeutet in ihrer
Sprache soviel wie hüpfender Schlink in der Abend-Abend-Phase, der
vergessen hat sich zu pelpen.“
„Bitte was? Was um alles im bekannten Teil des Universum ist
bitte ein Schlink und was ist pelpen?“ Kixx holte hörbar tief Luft.

„Dieser Planetoid war in der Anfangszeit der Raumfahrt für


unsere Familien eine Art Hort der Entspannung“, sagte Kixx in einem
290
Tonfall, als müsste er einem kleinem Kind eine bestimmte Geschichte
wieder und wieder erzählen weil es diese einfach nicht verstand oder
es darauf aus war die Geduld des Erzählenden zu testen.
„Eine Art beliebter Ausflugsort. Bis dann eines Tages ein
Mann von der Erde mit seinem Schiff hier abstürzte und dabei den
wichtigsten Erholungsort der Kaliler zerstörte. Er war sehr seltsam,
redete komisches Zeug zusammen und stank ganz fürchterlich aus
diesem komischen Loch in ihrem Kopf.“ Annabelle und Frederick
schauten sich an und man konnte deutlich in ihren Mienen ablesen, das
die sich wunderten, dass einer Spezies die selber bis in den Himmel
stank noch andere Gerüche wahrnehmen konnte und wenn dies
wirklich der Fall war, mussten diese wohl wirklich das Attribut
schlimm verdient haben.
„Mund“, sagte Frederick geistesabwesend. „Das Loch im Kopf
heißt bei unserer Spezies in aller Regel Mund, wenn nicht gerade
durch ein gewaltsames Ereignis ein Anderes, zusätzliches dorthin
gemacht wurde.“
„Das erklärt aber noch immer nicht das Schlink und das
pelpen“, wandte Annabelle neugierig ein und sah Kixx herausfordernd
an.
„Schlink bedeutet soviel wie reziprokes Verhalten zur
Verdauung und pelpen bedeutet glaube ich Abneigung gegen Wasser
und Seife im Allgemeinen und gegen den bekannten Teils des
291
Universums im Besonderen.“ Kixx schüttelte den Kopf, wenn man das
so nennen konnte, über die Neugierde seiner beiden Begleiter, obwohl
es jetzt doch wohl wichtigere Dinge gab, als über einen Menschen zu
reden, der vor ein paar Jahren hier abgestürzt war und eines der
Heiligtümer seiner Spezies zerstört hatte. Andererseits war er froh,
dass Frederick als Polizist nicht auf diese Verschmutzung eines
Planetoiden 4 Klasse einging.
„Da sie soviel über diesen Planeten wissen“, hakte Frederick
wieder ein, „können sie uns doch sicher sagen, wo wir hier jemanden
finden, der uns helfen kann diese Schrotthalde zu verlassen!“
„Ja bitte, das können sie doch bestimmt“, bekräftigte Annabelle
die Aussage Fredericks und dachte augenblicklich an eine schöne
lange Dusche und ihren abgebrochenen Fingernagel der nun wirklich
dringend eine Maniküre vertragen könnte.
„Ich würde ihnen und vor allem mir wirklich gern helfen, aber
ich erwähnte ja schon, dass unsere Spezies seit diesem Vorfall nicht
mehr hier war und auch die Raumfahrt nur noch sporadisch betreibt,
denn Dank der Erde haben wir ja alles was wir brauchen“, die Stimme
von Kixx nahm Verbitterung an. „Cola und Chips bis zum abwinken,
was braucht der Kaliler mehri.“ Kixx machte eine lange Pause. „Nein,
ich kann uns nicht helfen, da ich noch nie zuvor hier war und mein

i
Übrigens ein beliebter Werbespruch, den es in allen Variationen bezüglich der jeweils
angesprochenen Rasse gibt.
292
Volk hofft seit einigen Jahren inständig, das der hier gelandete Mensch
inzwischen seine gerechte Strafe für seine Tat bekommen hat und nun
unter einem unserer Schiffe begraben liegt.“
„Soll das heißen“, fragte Frederick vollkommen perplex als
ihm die Tragweite der letzten Äußerung bewusst wurde, „das ihr Volk
seine Raumfahrtaktivitäten nur deshalb eingestellt hat um diesen
Menschen seine Raumschiffe auf den Kopf zu schmeißen weil er einen
Art Grillplatz zerstört hat?“ Frederick schnappte unwillkürlich nach
Luft als auch sein Großhirn, allerdings mit einiger Weigerung, mit der
Verarbeitung dieser seltsamen Einstellung abgeschlossen hatte.
„Ja genau“, erwiderte Kixx erstaunt. „Was ist daran so
seltsam?“
„Finden sie denn nicht, das dies ein klein wenig übertrieben
war?“
„Wieso denn? Gerade sie als Mensch müssten doch eine solche
Einstellung verstehen können!“ Kixx nahm wieder seine Mopp-
Haltung ein und zeigte mit einer Tentakel auf Frederick. Unwillkürlich
wich Annabelle die neben Frederick stand zurück, da sie zu erkennen
glaubte, dass es sich hierbei wieder um die Befruchtungstentakel
handelte. Kixx bemerkte dies, übersah es aber galant da es ihm
wahrscheinlich ebenso unangenehm gewesen wäre mit einer ähnlichen
Körpervorrichtung der Menschen konfrontiert worden wäre, obwohl es
bei den Menschen ja hierbei angeblich unterschiedliche Dinge geben
293
soll. Allein die Gedanken über diese Sachen ließ ihm eine kleine
Warzenhaut wachsen und er musste sich innerlich schütteln.
„Wieso müsste ich als Mensch denn das verstehen? Ich als
Mensch finde es ungeheuerlich, dass eine Spezies einen Teil seiner
Kultur aufgibt nur um an jemanden Rache zu üben der einen so ne Art
Grillplatz zerstört hat und das wahrscheinlich auch noch aus
Versehen.“ Frederick holte tief Luft. „Verzeihen sie, aber das verstehe
ich wirklich nicht, warum gerade ich das gut verstehen müsste!“
„Wirklich nicht? Wenn ich mich recht erinnere, hat die
Menschheit in ihrer Geschichte ähnliche Dinge durchgemacht und hat
dabei ebenfalls jedes Mal einen Teil seiner Kultur eingebüsst. Ich
erinnere nur an die Geschichte, wo sich jemand aus einem Teil der
Erde einen Begattungspartner geholt hat aber die Menschen aus
diesem Teil damit nicht einverstanden waren.“ Kixx machte eine
kleine unmerkliche Pause um sich besser an die Geschichte erinnern
zu können. „Dann sind ganz viele Menschen mit scharfen
Eisendingern zu dem anderen gekommen und haben viele Jahre Krieg
geführt, somit bestes Menschenmaterial und einen Teil ihrer Kultur
geopfert, um dann mittels eines Holzpferdes zu gewinnen und den
Begattungspartner zurückzuholen. Ich habe zwar bis heute nicht so
ganz verstanden warum das Holzpferd dabei eine so große Rolle
gespielt hat und warum diese ganze Geschichte in einem scheußlich zu
lesenden Text gipfelte?“ sagte Kixx recht nachdenklich. „Aber es zeigt
294
mir, dass die Menschen ebenso seltsam veranlagt scheinen wie die
Kaliler, wenn nicht sogar schlimmer.“
„Aber das ist doch völliger Blödsinn. Was sie da meinen ist
doch nur eine Geschichte aus grauer Vorzeit. Kein Mensch kann genau
sagen, ob diese Geschichte auf Tatsachen beruht! Also dieser Beweis
hinkt ganz schön und sie brauchen etwas besseres um mich zu
überzeugen.“ Kixx überlegte lange.
„Meiner Meinung nach, haben die Menschen es schon immer
verstanden, ihre Kultur wegen irgendwelcher lächerlichen Ideale zu
gefährden und ich sehe die Gefahr noch immer, auch wenn mir im
Moment aufgrund meines mangelnden Wissens über die irdische
Kultur, vorausgesetzt es gibt eine solche, nicht einfällt um ihnen dieses
zu verdeutlichen. Moment“, rief Kixx triumphierend aus. „War da
nicht einmal so ein seltsamer Bursche mit so Haaren im Gesicht, der es
geschafft hatte einen Krieg vom Zaum zu brechen, nur weil er seinen
Leuten mehr Raum für ihre Butter geben wollte und sie aber lieber
Kanonen haben wollten?“ Kixx sah seine beiden menschlichen
Begleiter an und erwartete nun gespannt auf eine Rückäußerung.
Annabelle sah Frederick an und schüttelte ihren Kopf.
„Hat man ihnen eigentlich nichts auf der Polizeischule
beigebracht über den Umgang mit anderen Spezies?“ fragte sie frei
heraus und versah Frederick mit einem Blick, der nicht den geringsten
Zweifel daran ließ was sie dachte.
295
„Grundregel Nummer eins: Diskutieren sie niemals, unter gar
keinen Umständen, mit einer anderen Spezies über Politik, Religion
und Essen.“
„Und Sex,“ fügte Kixx noch hinzu, aber Annabelle hörte ihn
nicht, oder wollte ihn nicht hören da sie gerade so schön in Fahrt war.
„Gegen einen dieser Grundsätze haben sie gerade in eklatanter
Weise verstoßen“, fuhr sie ungehindert fort. „Ich glaube es ging für sie
ganz böse nach hinten los. Vielleicht sollten wir aber nun auf weitere
Stellungnahmen zu einem dieser Themen verzichten und unsere
Gedankengänge auf ein zur Zeit eher angebrachtes Ziel lenken,
nämlich auf Gedankengänge deren Mittelpunkt die Rettung
unsererseits durch einen anderen oder durch uns selbst ist.“ Sie tippte
ihm energisch auf die Brust. „Wissen sie eigentlich, dass sie zur Zeit
dabei sind mir einen anfangs noch schönen Tag zu versauen? Also tun
sie endlich etwas um uns von hier weg zu bringen, verdammt noch
mal.“ Annabelle drehte sich um und stampfte energisch auf.
Frederick schaute sich fragend um, da ihm nicht im geringsten klar
war, was sie jetzt tun sollten. Er schaute verzweifelt auf die Anzeige
seiner Uhr, die auch unter Anwendung von Gewalt in Form von
klopfen auf die Anzeige nicht dazu bereit war, etwas anderes zu zeigen
als diesen Haufen Weltraumschrott, der sichtlich zu sehr deformiert
war um sich irgendwann einmal wieder im Glanze der Sterne zu
sonnen, ohne das hierbei das Sternenlicht einen Weg durch die
296
Atmosphäre bahnen muss. Ratlos schaute er über die Leiber
zerquetschter Schiffe, als ihm plötzlich eine Rauchsäule auffiel, die
einige hundert Meter vor und unter ihnen sich durch die Metallleiber
zwängte.
„Da ist was“, war das einzige, was Frederick in der Lage war
vor lauter Aufregung von sich zu geben.
„Könnte Rauch sein! Vielleicht ein Schiffswrack dessen
Elektronik in Brand geraten ist“, stellte Kixx sachlich fest und hielt
sich eine Tentakel über die großen Ochsenfroschaugen um besser
sehen zu können. Hatten Frederick und Annabelle bisher Zweifel, dass
es sich bei diesem überdimensionalen Frosch um ein intelligentes
Wesen handelt, so wurde es nun offensichtlich. Ein Forscher der Erde
hatte vor mehreren Jahrzehnten einen wissenschaftlichen Bericht über
die Erkennung von intelligenten Leben verfasst, dem man nicht nur
nachgesagt hatte auf empirischer Grundlage verfasst worden zu sein,
sondern auch noch eine Menge brauchbarer Informationen zu
enthalten. Aufgrund dieser Aussage wurde der Bericht zum Hauptwerk
über die Erkennung intelligenten Lebens im Rahmen der
Weltraumerkundung, trotz des Einwurfes eines Tierexperten, dass
unter anderem auch das irdische Murmeltier eine Hand benutzt um
seine Augen vor dem Sonnenlicht zu schützen um somit besser zu
sehen und der nachgewiesen Intelligentquotient dieses Tieres wäre
vergleichbar eines, in dem von Kindern so heiß geliebten
297
Plantagentrunkes, aufgeweichten Kekses. Trotz dieses Einwurfes blieb
die Meinung bestehen, dass ein intelligentes Wesen zum ungestörten
Blick in Richtung Sonne mit der Hand die Augen abschirmti.
„Vielleicht ist es ja mein Schiff“, flüsterte Frederick und stellte
zum eigenen Erstaunen fest, dass er Roderick oder sein Schiff doch ein
klein wenig vermisste.
„Oder jemand, der das Bedürfnis hat sich zu wärmen und zu
essen“, fiel Annabelle ein. „Vielleicht jemand der weiß wie wir hier
weg kommen. Und vielleicht jemand der ein bisschen mehr Grips hat
als die hier momentan anwesenden.“
„Dann sollten wir uns dorthin aufmachen“, sagte Frederick
kurz entschlossen und überging bewusst die letzte Äußerung seiner
menschlichen Mitstreiterin. „Bevor es endgültig dunkel wird.“ Die drei
Schiffbrüchigen betrachteten abwechselnd die Rauchsäule und die
bereits eintretende Dämmerung. Schließlich marschierten die Drei los.
Zuerst mussten sie einen kleinen, doch recht lang gezogenen Hang
herabklettern der sich nun als äußerst rutschig erwies und behaftet mit
etwas was im Bereich des bäh anzusiedeln war. Hierdurch wurde
allerdings genauer besehen die reine Kletterzeit drastisch reduziert.

i
Sehr zum Leidwesen einiger Lebensformen die vor einiger Zeit im Bereich Enos II
entdeckt wurden. Diese besitzen zwar eine sehr hohe Intelligenz, haben aber keine Arme
und Hände wodurch sie nicht in der Lage sind ihre Augen vor der Sonne zu schützen.
Diese Lebensformen kämpfen noch immer um ihre vollständige Anerkennung als
intelligente Lebensform.
298
Nachdem alle am Fuße des Hanges angekommen waren und außer
schmutzigen Kleidungsstücken und der ein oder anderen
Hautabschürfungen nichts schlimmeres zu beanstanden war, begannen
sie den Haufen zerschmetterten Metalls in Richtung der Rauchsäule zu
erklimmen, da ein Weg um diesen Schrottplatz herum nicht existierte
und wenn, dann war er nicht zu erkennen. Laut und mit zunehmender
Schwierigkeit intensiver fluchend, kletterten die Drei über die
Trümmer hinweg. Sie hielten nur in ihrer Kletterei inne, wenn sie sich
orientieren mussten oder um nach einem neuen Fluch zu suchen.
Drohend kam die Dunkelheit näher und trieb sie zu größerer Eile an.
Verbissen kämpfte Annabelle gegen ihre Wut an, als sich schließlich
der letzte ihrer manikürten Fingernägel mit einem lauten Krachen von
ihrem Finger verabschiedete. Da sie es inzwischen als unnütz erachtete
einen ihrer beiden Begleiter anzuschreien weil diese zum einen bereit
fast hundert Meter vor ihr herkrabbelten und zum anderen zu erschöpft
waren. Aber sie nahm es sich fest vor dies nachzuholen wenn sie
wieder alle beisammen und ausgeruhter waren.

Die Rauchsäule war schon in greifbare Nähe gerutscht, als sich


plötzlich von oben ein pfeifendes Geräusch näherte und ein kleiner
Schatten in der Nähe der drei immer größer wurde.
„Schnell!“ schrie Frederick, der zuerst erkannt hatte was sich
299
hier gleich abspielen würde. „Rein in das nächste Raumschiffwrack,
gleich ist hier die Hölle los.“ Annabelle schaute Frederick an, als hätte
sie nicht verstanden, was er gerade gesagt hatte. Frederick sprang auf
sie zu und riss sie mit seinem Schwung durch die aufgeplatzte
Außenhülle in das Innere eines Dosen-Schiffes der ersten Generation
hinein. Sie fielen in eine große Pfütze schleimiges Brackwasser hinein
und waren sofort von einem großen Schwarm seltsamer Insekten
umringt, die neugierig auf den Neuankömmlingen herumkrabbelten.
„Sind sie von allen guten Geistern verlassen?“ schrie
Annabelle Frederick an und versuchte die Insektenplage mittels wirrer
Bewegungen und Schlägen in der Luft zu verringern.
„Wo ist nur ihr sadomasochistischer Bullen-Verstand
geblieben? Uns in diese Drecksbrühe zu schmeißen. Gibt es sie
eigentlich auch in intelligent?“
Annabelle machte Anstalten wieder in das Freie zu gelangen, als
gerade genau in diesem Augenblick ein gewaltiger Schlag das bereits
zertrümmerte Schiff nochmals erzittern ließ und die bereits verzogene
Statik nochmals einer starken Belastung mit einhergehender
Verformung ausgesetzt wurde. Das Geräusch und der größer werdende
Schatten stellte sich als ein weiterer Beitrag eines unbekannten
Gönners zum Schrotthaufen heraus, welcher mit einem
ohrenbetäubenden Krach und der Wucht von mindesten einer Tonne
herkömmlichen TNT in die bereits vorhandenen Trümmer krachte.
300
Annabelle wurde durch die Erschütterung erneut in die Pfütze
geschleudert, in der Frederick noch verweilte und sich verkrampft den
Kopf zwischen die Knie presste.
„Was war das?“ fragte Annabelle völlig perplex, als alles
wieder ruhig war und sie kümmerte sich diesmal nicht im geringsten
um die Insekten, die inzwischen intensiver als zuvor ihre verschieden
Körperteile und -öffnungen zu untersuchen begannen und versuchten
das neue Territorium was sich hier völlig unerwartet auftat in Besitz zu
nehmen. Frederick nahm vorsichtig seinen Kopf wieder hoch und
schaute zu ihr herab.
„Ich glaube da hat mal wieder jemand versucht seine
Kulturbestrebungen hochzuhalten, nebenbei ein klein wenig zur
Umweltverschmutzung beigetragen und sie haben da ein paar Insekten
in den Ohren.
Sie standen auf und taumelten nach draußen. Hier zeigte sich das
übliche Bild der Zerstörung und wenn nicht die Trümmer des neuen
Schiffes durch die Reibungshitze qualmen würden, so hätte man in
diesem Chaos nicht erkennen können welches Schiff eben seinen
letzten Bestimmungsort angeflogen hatte. Langsam gingen die beiden
auf die qualmenden Trümmer zu. Da sie noch immer ziemlich
benommen waren fiel es ihnen nicht auf, dass nirgendwo Kixx zu
sehen war.
„Seltsam!“ sagte Frederick und wunderte sich, dass seine
301
Worte so seltsam im seinem Kopf nachklangen. „Obwohl die Trümmer
nicht so stark verformt sind, kann ich das Schiff keinem Typ zuordnen
den ich kenne.“ Frederick war jetzt nahe genug an dem zertrümmerten
Schiff und streckte seine Hand aus um es zu berühren. Plötzlich
spürten seine stark strapazierten Nerven, dass die Wärme des Schiffes
weit über der Schmerzensgrenze seine Organismuses liegt. Aber
gerade als er zu einem wohlgemeinten Schmerzensschrei ansetzten
wollte, erklang bereits ein langgezogener Schrei aus dem Inneren des
Schiffes, der nach einer Mischung aus Werwolf bei Vollmond und
einer auf den Schwanz getretener Katze klang. Völlig perplex und
derart aus seinem Konzept geworfen, schaffte Frederick es nicht
seinerseits seinen Schmerzen freien Lauf zu lassen oder die beste
Möglichkeit in einem solchen Falle zu ergreifen, nämlich die Flucht.
Auch Annabelle stand wie verwurzelt da und war unfähig auch nur
eine Wimper zu rühren, obwohl ihr Gehirn verzweifelt bemüht war die
anderen Körperfunktionen zu aktivieren um ebenfalls die Flucht
einzuleiten, was allerdings nicht gelang und so fügte sich auch
Annabelles Gehirn in die nun kommenden Ereignisse. Es begann noch
ein paar nette Erinnerungen hervor zu kramen um sich die letzten
Augenblicke, die es nun unweigerlich, erwartete so angenehm wie
möglich zu gestalten.
Doch anstatt eines grässlichen und unbekannten Ungeheuers kam aus
dem deformierten Inneren des Schiffes nur ein grässliches und
302
bekanntes Ungeheuer hervor gekrochen. Kixx zwängt sich aus dem
zertrümmerten Türrahmen und gab einige Laute von sich, die zwar in
der Sprache des Kalilers sein mussten, die aber in einem Tonfall
vorgebracht wurden, die in jeder Sprache der bisher entdeckten
intelligenten Spezies im bekannten Teil des Universum auf einen
gemeinsamen Gemütszustand verwiesen und die eine Übersetzung
völlig überflüssig machten, außer wenn man sich an kleinen
Ausschmückungen der Umgangssprache ergötzen möchte.
„Was ist denn los?“ fragte Frederick erstaunt, führte seine
Hand zum Mund und begann sie anzublasen um die Schmerzen ein
klein wenig zu lindern, während sein Unterbewusstsein ihn beständig
warnte, dass der übliche Weg der Schmerzerfahrung und -bewältigung
nicht eingehalten wurde. Frederick kam es aber zu blöd vor, jetzt noch
einen Schmerzensschrei loszulassen und zog es vor weiterhin
Männlichkeit dominieren zu lassen, obwohl wohl niemand der
Anwesenden sein Opfer zu würdigen wusste.
„Was los ist?“ Kixx bewegte sich hin und her und seine
Tentakel schlugen derartige Kapriolen das jedem halbwegs normalen
Menschen allein vom Anblick schwindlig wurde. „Was los ist, fragen
sie? Sehen sie denn nicht, dass jemand ein völlig fremdes Schiff auf
unseren heiligen Platz geworfen hat?“ Kixx schien völlig verzweifelt
und man konnte meinen, dass er versuchte mittels seiner Tentakeln den
Schandfleck in Form eines zertrümmerten Schiffes zu entfernen, was
303
natürlich aufgrund der vorhandenen Masse nicht gelingen konnte.
„Ist das denn wirklich so schlimm?“ fragte Annabelle und
schaute über den Schrotthaufen. „Hier liegen doch so viele
verschiedene Schiffe, da kann es doch nicht auf das eine oder andere
mehr nicht ankommen?“
Kixx schaute Annabelle an, als wollte er sie hypnotisieren um sie
anschließend in einem Stück verschlucken zu können.
„Das ist ...“, er stockte. „Das ist ein großer Frevel. Stellen sie
sich doch einmal vor, dieses Schiff hat vielleicht den Frevler erwischt!
Das ist doch eine heilige Aufgabe meines Volkes! Das ist ein
Sakrileg!“ Kixx war so geschockt von der Anwesenheit dieses Schiffes
und der seltsamen Frage Annabelles, dass er aufhörte Schallwellen an
seine beiden Begleiter zu verschwenden und er erneut begann um das
neue, zerschmetterte Schiff zu rennen.
Frederick, verwirrt über das Verhalten des Kaliler blickte fragend über
die Trümmer der anderen Schiffe hinweg, als ihm plötzlich bewusst
wurde, dass der Rauch, der ihnen bisher als Wegweiser gedient hatte
nun nicht mehr zu sehen war. Apathisch und mit offenem Mund setzte
sich Frederick in Bewegung und begann in die Richtung los zu
klettern, in der er nun die einstige Rauchsäule vermutete. Kixx, der
sich noch immer wie ein wild gewordener Mopp aufführte und
Annabelle, die das Treiben Kixxs mit ausdruckslosen Gesicht
verfolgte, nahmen es erst gar nicht wahr, dass Frederick sich entfernte.
304
Als sie es bemerkten dauerte es nur wenige Millisekunden um sich nun
ebenfalls panikartig in Bewegung zu setzen. Die Drei konzentrierten
sich nun ausschließlich auf das Klettern, vermieden jeweilige Kräfte
vergeudende verbale Auseinandersetzung um zu dem Punkt zu
gelangen, an dem sie die Quelle der ehemaligen Rauchsäule
vermuteten. Nach einigen Minuten anstrengenden Klettereien kamen
sie an einem riesigen Schiff an, welches im Gegensatz zu den anderen
Trümmern rings um sie herum einen völlig intakten Eindruck machte.
Dieses riesige Schiff mochte einige hundert Meter lang sein, hatte
einen quadratischen Rumpf und einen Durchmesser von ungefähr 20
Metern und sah von hier oben aus wie ein überdimensioniertes
versilbertes Fischstäbchen, eines von der Sorte mit denen auch noch
heute die Mütter auf der Erde ihre heranwachsende Brut pesteten. Das
silberne Schiff glänzte in der nun eintretenden Dunkelheit so vor sich
hin und machte einerlei Anstalten einen Eingang oder etwas Ähnliches
zu besitzen. Überall machte sich nur makellose Außenhülle breit.
Auch dieses Schiff musste hier vor einiger Zeit aufgeschlagen sein,
wie die Vertiefung rings um das Schiff deutlich machte, dennoch war
nicht der geringste Kratzer oder gar eine Verformung in der Struktur
zu erkennen. Noch nicht einmal eine Fliege oder anderes grässliches
Ungetier wagte sich zu nähern.
Frederick war dieser Typ eines Raumschiffes gänzlich unbekannt und
wenn er auf die ungläubigen Blicke von Kixx und Annabelle richtig zu
305
deuten vermochte, wurde ihm sofort klar, dass er sich eine Frage
diesbezüglich bei seinen Begleitern sparen konnte. Im bekannten Teil
des Universums treiben eine Menge Typen und Bauformen von
angetriebenem Schrott herum. Wurde früher die Bauform durch
spezielle aerodynamische Spitzfindigkeiten vorgeschrieben, ist heute
die eigentliche, primäre Form ist nur noch durch die Phantasie der
Konstrukteure und der Anatomie der Käufer begrenzt, da durch das
gewaltige Energiekraftfeld des E-H-Triebwerkes auf Statik und
Dynamik der Konstruktionen gepfiffen werden kanni. Die Raumschiffe
der Erde haben zwar einen einigermaßen hohen Sicherheitsstandart,
serienmäßige C-C-Notrationen im Sicherheitskühlschrankii,
Sicherheitszelle die einem seitlichen Aufprall auf ein stehendes
Hindernis bis zu 300 m/s überstehtiii und einem serienmäßigen
Bordcomputer mit sexy Stimme und beschränkter künstlicher
Intelligenziv aber in der Regel mit einer ziemlich miesen Ausstattungv.

i
Richtig lustig wird es allerdings, wenn das E-H-Triebwerk ausfällt.
ii
Der sich mit Sicherheit im Notfall nicht öffnen lässt.
iii
Leider die Besatzung aber nicht.
iv
Die heute gebräuchlichen Bordcomputer haben die Intelligenz eines vierjährigen Kindes.
Wer ein solches Kind zu Hause hat, weiß was das bedeutet. Der Sprachsatz ist nicht gerade
groß und im Gegensatz zu einem Vierjährigem ist der Bordcomputer eklig unterwürfig. Die
Themenvielfalt ist ebenfalls stark eingeschränkt oder aber im Diskussionsverlauf stark von
der Programmierung abhängig. Kaum fängt man mit Goethes Farbenlehre an oder der Rolle
von Schäferhunden in Shakespeares Werken, schon erhält man unsinnige Antworten oder
langweilt mit irgendwelchen wissenschaftlichen Nachweisen über Farben oder über das
Verbot über Tierhaltung in Dienst-Dosen-Schiffen.
v
Zigarettenanzünder und zweiter Außenspiegel ist noch immer Sonderausstattung.
306
Trotz anfänglicher Goldgräberstimmung der Designer setzen sich nach
und nach Formen durch, die eigentlich die Bemühungen eines
Designer nicht gebraucht hätten, da sich gerade in der Mittelklasse sie
so genannten Dosen-Schiffe durchsetzten. Böse Zungen sind zwar der
Ansicht, dass das Coca-Cola-Imperiumi seine Finger im Spiel hat, was
aber nicht direkt bestätigt werden konnte.
In der Regel verfügen die Dosen-Schiffe über eine komplette Kontroll-
und Steuerungsanlage, Wohnraum, Toilette und Bad so das ein
mehrwöchiger Wurmlochdurchflug mit dem auf der Erde gewohntem
menschenunwürdigem Umständen durchgeführt werden kann.
Sie schauten sich ratlos um, um abschließend zu erkennen, dass
eigentlich nur dieser Platz in Frage kam, von dem aus der Rauch
empor gestiegen sein musste. Wie Marionetten begannen sie sich nach
einer Weile, einer Zeitspanne die in etwa vergleichbar war die ein
Sonnenstrahl auf Quanta benötigte um über eine der wenigen
Bergrücken zu gleitenii, in Bewegung zu setzten und gingen um das
Schiff herum, ohne jedoch ihre Augen von der glänzenden Außenhaut
zu nehmen welche sie in ihren Bann zog. Doch ihre Hoffnungen auf

i
Seltsamerweise vertragen alle bisher entdeckten Lebewesen, die irgendeine anatomische
Körperöffnung zur Flüssigkeitsaufnahme ihr eigen nennen, die klebrige braune Brause
namens Coca-Cola. Dieses Produkt stellt inzwischen, neben Chips, das
Hauptexportprodukt der Erde dar.
ii
Da die Atmosphäre auf Qunata wirklich wiederborstig ist, benötigt ein Lichtstrahl in der
Regel solange, dass die aussendende Sonne sich bereits auf der anderen Seite des Planeten

307
einen Eingang oder einer erneuten Rauchsäule wurden nicht erfüllt.
„Wir müssen auf das Dach des Schiffes!“ sagte Kixx und war
somit der Erste, der seine Stimme wieder fand seitdem sie das Schiff
gefunden hatten. „Vielleicht finden wir ja da oben einen Eingang oder
zumindest den Schornstein.“
„Wie sollen wir denn da oben heraufkommen?“ fragte
Annabelle mit leiser Stimme und schaute auf den 20 Meter hohen
Koloss aus Stahl und chromblitzender Farbe.
„Genauso, wie wir einige der Täler und Risse dieses blödem
Planeten gemeistert haben.“ Kixx streckte seine Tentakel. Kurze Zeit
später standen die drei schnaufend in 20 Meter Höhe und schauten
schwindelnd in die Tiefe. Doch auch hier oben zeigte sich nur
makellose Außenhülle, ohne die geringsten Unebenheiten einer
Schweißnaht oder gar so etwas Profanes wie einem Schornstein zu
besitzen.
„Es kann eine Ewigkeit dauern, bis wir einen Eingang oder
einen anderweitigen Öffnungsmechanismus finden um in das Innere zu
gelangen.“ Frederick schlenderte ein paar Meter weit über das Schiff
und riss entmutigt die Arme in die Luft um seiner Enttäuschung Luft
zu machen, als sich plötzlich der Boden unter ihm auftat und er durch
eine ordinäre Luke unsanft in das Innere des Schiffes befördert wurde.

befindet. Quanta ist der einzige Planet im bekannten Teil des Universum, auf dem das Licht
am Boden langsamer ist als die Planetenumdrehung.
308
„Oder einige Sekunden!“ Frederick schien nach der anscheinend
unsanften Landung die, wenn man dies proportional zur Lautstärke des
Aufpralls setzen würde sehr unsanft gewesen sein musste und
unterdrückte abermals mannhaft die momentanen Schmerzen.
„Ich hasse es, wenn mir dauernd so etwas passiert“, quetschte
er mühsam durch seinen Zähne. Nachdem er sich an die Schmerzen
gewöhnt hatte und er nach einen kurzen gedanklichem Check seiner
Extremitäten und anderen, ihm persönlich sehr am Herzen liegenden
wichtigen Körperteilen festgestellt hatte, dass trotz dieses gewaltigen
Sturzes noch alles in Ordnung sein müsste, öffnete er langsam die
Augen um seinen neuen im wahrhaftigen Sturm eroberten Lebensraum
in Augenschein zu nehmen.
Vorsichtig öffnete er seine Augen um diese gleich darauf wieder zu
schließen, allerdings bestand sein Verstand unbedingt darauf dieses
Ding wahrgenommen zu haben was vor seinen Augen aufgetaucht war
und recht seltsame Gerüche zu besten gab, obwohl einzelne Bereiche
seines Verstandes probierten den Rest dazu zu überreden die Existenz
des soeben wahrgenommenen nicht zu akzeptieren. Hierbei gaben
diese Bereiche erstaunliche Argumentationen zum Besten, warum das
eben wahrgenommenen eigentlich gar nicht wahrgenommen worden
sein konnte und es sich hier bestenfalls um eine Einbildung handeln
könnte. Er atmete gleichmäßig durch, holte tief Luft und begann lange
und anhaltend nach seinen Gefährten zu schreien, jedenfalls hatte er
309
dies vor, aber der Laut der aus seiner Kehle drang wäre ohne weiteres
von einer unabhängigen Jury als Brunftschrei eines fünf Zentner
schweren Koops aus den Ringsystemen von Bega I durchgegangen
und zwar mit allerhöchsten Bewertungen, da sich das Koops nicht nur
durch seine Körperfülle auszeichnet einhergehend mit
unbeschreiblicher Fressgier, sondern auch noch durch das
Vorhandensein von mehreren Mäulern, in der Regel bis zu dreien es
sind aber auch schon Koops mit bis zu fünf gesichtet worden,
allerdings nur in der Nähe von atomaren Kraftwerken, was die
Möglichkeit einer perfekten Imitation natürlicherweise unmerklich
erschwert. Dieser perfekt imitierte Schrei ging dann aber zum Glück
für die Anwesenden kurz darauf in ein gurgelndes Geräusch über, da
Frederick es sich nicht nehmen ließ seiner Überraschung durch
anschließende, schmerzhafte Stille Ausdruck zu geben. Fredericks
Verstand nahm aber dennoch wahr, dass der Boden des Schiffes
genauso glänzte wie die Außenhülle und das diverse Schmutzpartikel,
die durch seinen Sturz mit in das Innere hereinbefördert wurde, sofort
von dem glänzenden Boden verschwand, förmlich absorbiert wurde,
was natürlich die letzten Hemmungen zu purem Entsetzen von
Frederick zum erliegen brachte und er seinen Gefühlen erst recht
freien Lauf ließ. Annabelle und Kixx standen noch immer starr vor
Schrecken auf dem Dach des Fischstäbchen-Schiffes und waren nicht
im Geringsten in der Lage zu begreifen was sich in den paar Sekunden
310
seit dem plötzlichen verschwinden Fredericks ereignet hatte. Auch der
Schrei hatte nicht gerade eine erlösende Wirkung auf sie und so
verharrten die beiden noch immer in ihrer momentanen Haltung was
natürlich nicht gerade zur Auflockerung der Situation führte.
„Hallo Frederick“, sagte das Ding erstaunlich ruhig und
gelassen. „Nett dass du einmal hereinschaust.“ Das seltsame Wesen
schaute interessiert auf das momentane Bemühen Fredericks.
„Übrigens glaube ich feststellen zu können, dass du Probleme zu
haben scheinst.“
Fast schlagartig stoppte Frederick in seinem Bemühen seine inneren
Gefühle nach außen zu kehren und drehte sich langsam wieder zu dem
sprechenden Ding hin. Der Anblick und der Geruch dieses Dings
hatten sich inzwischen zwar nicht grundlegend und so zum Besseren
geändert, aber allein die Tatsache das es sprechen konnte und ihn auch
noch mit Namen ansprach, hatte doch einen so nachhaltigen Eindruck
auf Frederick gemacht um es dem Wahrnehmungsorganen über
längere Zeit erträglich zu erscheinen zu lassen.
„Ich“, Frederick stoppte kurz um zu spucken, da einige
seltsame Dinge, die sich inzwischen in seinem Mund befanden und
von denen er nicht genau wusste wie sie dahin kamen und ob dies so
richtig wäre, eine einigermaßen verständliche Artikulation gründlich
verhinderten. „Ich glaube mich erinnern zu können, dass wir uns
bisher noch nicht vorgestellt worden?“ stammelte Frederick und sah zu
311
wie sich der Boden weiterhin wie von selbst reinigte. Dies war kein
eben angenehmer Anblick, aber Frederick entschied das dieser bei
weitem besser war als das komische Wesen vor ihm.
„Frederick?“ rief Annabelle und erschien plötzlich in der
Öffnung der Decke, was die Szenerie ein wenig verdunkelte, wofür
Frederick wiederum dankbar war. „Was ist denn bei ihnen da unten los
und warum haben sie eben wie am Spieß geschrieen?“
„Eine lange Geschichte!“ rief Frederick zurück. „Ich bin hier
mit einem Müllhaufen zusammen und der sagt er würde mich kennen
und ich hätte Probleme.“
„Wenn sie mit einem Müllhaufen sprechen, dann müssen sie
Probleme haben. Wir kommen jetzt runter, hier oben wird es sehr
Dunkel und sehr kalt.“ Kixx machte sich daran Annabelle in das
Innere des Schiffes herabzulassen.
„Meinst du die beiden da oben werden genauso schreien wie
du?“ fragte der Müllhaufen der menschliche Laute von sich gab. Ihm
allerdings seltsam bekannt vorkommende menschliche Laute.
Frederick war inzwischen in der Lage, längere Zeit seinen Blick auf
dem seltsam anmutenden Wesen ruhen zu lassen, dessen
Erscheinungsbild sich irgendwo zwischen einem alten,
mottenzerfressenen Bärenfell, gepaart mit dem aromatischem Geruch
einer altmodischen Müllkippe und einem zu groß gewordenen
Maulwurf der die letzten zehn Wochen unter der Erde verbracht hat
312
und nur deshalb an die Oberfläche gekommen war, weil er Angst im
Dunkeln hat.
„Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass die beiden ähnlich
reagieren werden, aber das sollte erst einmal kein primäres Problem
darstellen.“
„Dann glaub ich wird es wohl besser sein, dass ich mich erst
einmal frisch mache. Schließlich habe ich recht selten Gäste und die
möchte ich natürlich nicht sofort vergraulen.“ Ehe Frederick etwas
erwidern konnte, war das wandelnde Bärenfell auch schon
verschwunden. Verwundert schaute er sich in dem Schiff um. Wände,
der Boden und die Decke waren verspiegelt und durch das plötzlich
aufflammende Licht erschreckte er sich unwillkürlich, da er sich
urplötzlich endlos widerspiegelte. Auch Annabelle und Kixx, die sich
inzwischen in das Innere herabgelassen hatten kamen aus dem Staunen
nicht heraus.
„Wo ist denn nun ihr sprechender Müllberg?“ fragte nach
einiger Zeit Kixx und blickte sich suchend um. Frederick, der
inzwischen verzweifelt bemüht war herauszubekommen, wo sich der
nächste Gang befand, drehte sich um und blickte seine beiden
Begleiter ratlos an.
„Weg, einfach weg.“
„Also ich glaube sie haben sich einfach nur vor ihrem eigenen
Spiegelbild erschreckt, was in ihrer momentanen Verfassung und
313
Aussehen wahrlich kein Wunder ist.“ Annabelle berührte Frederick am
Ärmel um ihm zu symbolisieren, dass sie Verständnis hatte für die
angespannten Nerven des Leutnants.
„Sie brauchen erst gar nicht mit diesem Armer-Kerl-ist-mit-
den-Nerven-runter-Blick anzufangen. Er war wirklich da und
außerdem kann ich mein Spiegelbild von einem stinkenden
Müllhaufen unterscheiden, auch wenn es im Moment sehr schwer
erscheint. Außerdem wird er wieder auftauchen, wenn er sich ein
wenig frisch gemacht hat.“
„Ein tolles Schiff“, sagte Annabelle anerkennend und begann
sich in den spiegelnden Wänden zu drehen und sich, typisch weiblich
– eine Situation kann noch so dramatisch, verworren oder gar
lebensgefährlich sein, Frauen nutzen jede Gelegenheit ihr Äußeres
unter dem Gesichtspunkt der Akzeptanz - kritisch zu betrachten. Sie
hatte zwar ein klein wenig gelitten in den letzten paar Stunden, aber
ihr Anzug schmiegte sich noch immer sanft an ihre Kurven, betonte da
wo er sollte und schützte da wo er musste. Frederick genoss den
Augenblick, bis Kixx durch ein paar räuspernde Geräusche die
Aufmerksamkeit auf sich zog.
„Falls sie nichts dagegen haben, so wäre es doch jetzt
angebracht das Schiff zu untersuchen, ob es hier vielleicht noch
andere, einigermaßen brauchbarere Dinge außer Spiegel gibt, die uns
helfen unseren Aufenthalt hier entweder drastisch verkürzen oder aber
314
ein klein wenig angenehmer gestalten können, als dies bisher der Fall
war.“ Kixx wartete keine Antwort ab und begann sich unter
Zuhilfenahme seiner Tentakel durch den Gang zu tasten, da die
endlosen Spiegelungen es ihm sehr erschwerten einen Weg zu finden.
Frederick und Annabelle folgten Kixx, wobei Annabelle noch einmal
einen zufriedenen Seufzer in die Richtung ihres Lieblingsspiegelbilds
warf.
Nach relativ kurzer Zeit und mehrmaligen Quetschung
verschiedenartiger Riechorgane weil der ein oder andere vor einen
Spiegel rannte, fand die seltsam anmutende Gruppe einen großen
Raum der den Zugang zu mehreren kleineren Räumen ermöglichte.
Diese kleinen Räume entpuppten sich recht schnell als Quartiere, die
sich nicht nur durch weitere Spiegel auszeichneten, sondern auch noch
durch die Annehmlichkeiten eines richtigen Bettes, welches in der
Mitte der Quartiere stand und von rosa getönten Spiegeln umringt war.
Annabelle stürmte jauchzend in Richtung einer Vorrichtung, die sich
unschwer als Dusche zu erkennen gab und nachdem sie
herausgefunden hatte wie diese funktioniert und dass sie
funktionierten, warf sie kurzerhand ihre beiden Begleiter zur
verspiegelten Tür hinaus um sich an den hier vorgefundenen, natürlich
verspiegelten Annehmlichkeiten laben zu können. Frederick und Kixx,
ausgeschlossen aus den Freuden dieser Annehmlichkeiten, standen
etwas unschlüssig vor der Tür herum.
315
„Vielleicht sollten wir uns auch ein Quartier suchen um uns
frisch zu machen,“ sagte Frederick ohne rechte Überzeugung, setzte
sich vorsichtig auf den Boden und nachdem der Boden keinerlei
Anstalten machte seine Hose aufzulösen deutete er auf die anderen
Räume, die offensichtlich ebensolche Quartiere beinhalteten wie das,
in dem Annabelle sich gerade befand. Kixx schüttelte sich, was wohl
dem menschlichen Kopfschütteln ähneln sollte.
„Im Moment wäre mir etwas zu Essen lieber. Ich werde mich
jetzt erst mal auf die Suche nach der Küche machen und mit viel Glück
finde ich auch einen Raum der nicht verspiegelt ist, denn das hier geht
mir ziemlich auf die Tentakel.“
Kixx begann erneut sich unter Zuhilfenahme seiner Tentakel durch
den nächsten Gang zu tasten, während Frederick sitzen blieb. Er hatte
im Augenblick weder Hunger noch das Bedürfnis nach irgendwie
gearteter Hygiene und da er im Moment nicht gerade darauf erpicht
war zu sehen was ein Kaliler so zu sich nimmt oder die Art und Weise
wie diese Nahrungsaufnahme vor sich geht, schloss er sich dem
hungrigen Kaliler nicht an. Er grübelte noch immer über die seltsame
Erscheinung nach und ob er sie wirklich gesehen, gehört und noch viel
schlimmer gerochen hatte. Er zog in Betracht, nochmals seine beiden
Begleiter vor diesem Wesen zu warnen, besonders Annabelle dürfte im
Moment seinen Beistand gebrauchen, aber die beiden waren noch
immer der festen Meinung, dass er sich nur vor seinem Spiegelbild
316
erschrocken hatte und er begann inzwischen sich selbst einzureden,
dass dies wohl auch so gewesen sein musste. Aber der Gedanke an
seine unmittelbare Reaktion auf die Erscheinung brachte ihn schnell
wieder dazu daran zu glauben, denn grundlos würde er bestimmt nicht
derartig reagieren. Selbst bei der END-Eignungsprüfung im Drehsessel
hatte er erst nach 4 Minuten angefangen das Mittagessen, Herzgulasch,
wieder von sich zu geben. Unsicher stand er auf, irritiert über die
vielen Ebenbilder und die Angst das seltsame Wesen zu übersehen,
machte sich ebenfalls auf die Suche nach etwas, wovon er noch nicht
wusste was er sucht und er insgeheim auch hoffte das was er nicht
suchte auch nicht zu finden. Frederick begann, um sich von seiner
Unsicherheit abzulenken, nun für die seltsame Bauart des Schiffes zu
interessieren und betrat daher eines der zahlreichen Quartiere. Deren
Einrichtung wies darauf hin, das die Erbauer in etwa menschenähnlich
gewesen sein mussten. Das Bett war zwar riesengroß, aber die
Armaturen im Bad waren eigentlich erschreckend stinknormal und
konnten mühelos von Menschen bedient werden. Seine Phantasie
allerdings malte sich sofort auch mehrere Gestalten aus, welche meist
mühelos dazu beitragen konnte einige Nächte zu versauen und die
trotzdem in der Lage war die Badearmaturen zu benutzen. Allerdings
sagte er sich, dass derartige Kreaturen bestimmt nicht dem
Reinigungsfetischismus unterliegen, und wenn doch, dann bestimmt
nicht unter zu Hilfenahme eines rosaroten Badefischchens, welches er
317
in diesem Quartier fand. Aber wenn dieses Schiff so sehr auf
Sauberkeit bedacht war das sogar Abfall sofort vom Boden beseitigt
wurde, warum war seine Erscheinung dann so schmutzig? Frederick
klopfte auf seinen Overall und schaute dem Schmutz hinterher der,
kaum das er den Boden berührt hatte sofort beseitigt wurde. Selbst
seine noch vor kurzem noch völlig verdreckten Schuhe erstrahlten
inzwischen wieder. Entmutigt wollte er das Zimmer verlassen. Er
drehte sich um und er versteifte sich schlagartig. Etwa 10 Zentimeter
von ihm entfernt stand ein Mann und lächelte ihm mitten in sein völlig
verblüfftes Gesicht.
„Na, erkennst du mich jetzt?“ fragte der Mann und ließ zwei
Reihen von goldenen Zähnen glänzen. Frederick der noch vor lauter
Schock unfähig war zu sprechen, starrte den Mann an und war völlig
von den goldenen Zähnen fasziniert und gefangen. „Komm schon! Du
wirst doch deinen alten Freund und Erzrivalen bei den Mädchen des
END noch wieder erkennen.“ Er breitete einladend die Arme aus,
machte einige Steppschritte und trompetete dabei die Auftrittsmelodie
der alten Komiker, wenn diese drohten auf die Bühne zu kommen.
Einige Zeit verweilte er in der Stellung mit den ausgebreiteten Armen,
aber da Frederick nicht die geringsten Andeutungen des Erkennens
noch irgendeiner anderen Lebensfunktion machte, hob der Mann eine
Hand und tätschelte Frederick die Wange. „Hey Junge, ich bin es,
Trevor. Trevor, von der Abteilung wahnwitzige und schwachsinnige
318
Operationen im bekannten Teil des Universums. Nun mach mich aber
nicht schwach.“
„Aber, aber du bist doch verschollen“, stammelte Frederick,
um Fassung ringend da er seinen Gegenüber nun erkannte aber noch
nicht richtig registrieren konnte, oder wollte, dass er es auch wirklich
war. „Du bist doch vor knapp acht Jahren während eines Einsatzes
verschollen und wurdest posthum auf der Erde mit allen Ehren
beerdigt! Du musst tot sein, alle haben es sich doch gewünscht.“
Frederick schüttelte bestimmend den Kopf, als wolle er die
Erscheinung seines alten Kumpels wieder aus seinem Kopf
herausschütteln.
„Hey, wirklich mit allen Ehren? Und was war mit dem
Umlauf? Wurde auch einer dieser liebenswerten Umläufe über mich
geschrieben?“ fragte Trevor aufgekratzt?
„Natürlich und man lobte dich ungerechterweise auch noch in
den höchsten Tönen. Du weißt doch, über Tote und Todgeglaubte
spricht man nur Gutes, auch wenn es sich um so ein ausgemachtes
Arschloch wie dich handelte.“
„Hey, bist wohl noch immer sauer, dass ich dir Isabella
ausgespannt habe oder?“ Trevor lächelte breit und stellte seine
goldenen Zähne zur Schau. „Aber mal ganz ehrlich, diese wilde Maus
war doch nun wirklich zuviel für dich! Was macht sie eigentlich jetzt
so, sie hat doch bestimmt sehr um mich getrauert?“ Nun war Frederick
319
an der Reihe zu lächeln.
„Nur keine Angst. Du warst kaum einen halben Tag als
vermisst gemeldet, da hatte sie sich auch schon trösten lassen,
allerdings von jemanden mit der höher dotierten Einsicht und
Gehaltsklasse.“
„Ach meine Isabella“, seufzte Trevor und schaute verträumt
zur Decke. „Was für eine Frau! Das ist das Schlimme an diesem öden
Brocken auf dem wir uns befinden. Kaum ist man ein paar Jahre hier,
schon fehlen einem die Frauen. Mir steht der Sinn nach weiblicher
Gesellschaft, wenn du weist was ich meine?“ Trevor bemerkte hinter
sich eine Bewegung, da in diesem Moment Kixx an der Türe vorbei
kam, orientierungslos weiterhin tastend, ohne die beiden zu bemerken
und noch immer auf der Suche nach etwas Essbarem. Trevor drehte
sich um und lief hinter Kixx her. „Hey du da“, rief er noch im Laufen.
„Bleib doch mal stehen. Bist du vielleicht ne Mieze?“ Kixx blieb
abrupt stehen und drehte sich um.
„Ich kann eine der irdischen Miezen nachmachen“, sagte er
nach einiger Zeit mit steinerner Miene und blickte Trevor gleichgültig
und ohne Verwunderung an, als gehörte er schon von Anfang an zu der
kleinen Gruppe von Schiffbrüchigen.
„Nein, ich meine ob du eine Frau bist und ne Mumu oder etwas
in der Art hast?“ Trevor musterte den Kaliler von oben bis unten, der
seinerseits ebenfalls begann Trevor von oben bis unten zu mustern.
320
„Hey“, rief Trevor plötzlich, als hätte er einen seiner tollen Einfälle,
mit denen er schon früher die einzigartige Fähigkeit hatte, innerhalb
kürzester Zeit sämtliche Leute gegen ihn aufzubringen. „Bist du nicht
einer dieser seltsamen Heinis, die seit einigen Jahren versuchen mich
mittels ihrer Blechbüchsen nachhaltig zu beeindrucken indem ihr sie
vom Himmel auf mich werft?“
„Dann sind sie derjenige der meiner Generation von Kalilern
diesen Hort der Ruhe und der Glückseligkeit entrissen hat?“ Kixx
fackelte nicht lange, stürzte sich in einer einzigartig flüssigen
Bewegung, die man dieser Masse eigentlich nicht zugetraut hätte auf
Trevor und begann eine seiner Tentakel nach der anderen um dessen
Hals zu wickeln, wobei er gleichzeitig Trevors Kopf auf den Boden zu
schlagen und zu würgen begann.
„Es war ein Unfall, ein bedauerlicher Unfall“, keuchte Trevor,
während sein Kopf mehrmals hart auf den Boden prallte. Frederick
überlegte, ob der Boden auch einen Leichnam auflösen würde, vertrieb
aber schnell die Bilder die sich seinem Gehirn aufzudrängen
versuchten und gab sich statt dessen lieber der momentanen
Vorstellung hin.
„Ein schrecklicher Unfall“, jappste Trevor noch immer,
allerdings inzwischen einige Oktaven tiefer und bei weitem nicht mehr
mit so viel Enthusiasmus wie zu Beginn der Attacke. Die Tentakeln
schienen sich nun fester und fester um Trevors Hals zu schließen, denn
321
dessen Gesichtsfarbe veränderte sich langsam in ein ziemlich
scheußliches grau, was allerdings farblich gut zu seinem grauen
Overall passte und der dargebrachte Protest begann langsam zu
verstummen. Frederick, der bisher noch nicht eingegriffen hatte schien
die ganze Situation zu genießen, klopfte aber Kixx schließlich doch
auf eine seiner Tentakeln, wobei auch Frederick ein wenig zögerte, da
er versuchte nicht gerade die bestimmte Tentakel zu treffen die bereits
bei Annabelle zu einiger Verwirrung geführt hatte.
„Ich kann sie ja verstehen und würde sie mit Freuden bei ihrer
momentanen Tätigkeit unterstützen, denn in unserem Bereich
verkörpert er die zehn meist gehasstesten Leute unseres Dienstes.
Bestimmt wäre auch eine Verdienstmedallie drin, aber zu unser aller
Leidwesen glaube ich, benötigen wir den Herren noch eine Weile, da
dieser sich hier bestimmt besser auskennt als wir uns.“ Kixx schaute
erst zu Frederick und dann wieder auf seinen Volksfeind Nr. 1. Es
dauerte eine Weile bis sich seine Tentakeln widerwillig von Trevors
Hals lösten.
„Aber danach gehört er mir“, sagte Kixx und zog sich gänzlich
von Trevor zurück, allerdings nicht ohne Trevor kurz anzuheben und
auf den Boden knallen zu lassen, was dieser gehorsam nach altem
Brauch mit einem recht lauten klatschen auch zu quittieren wusste und
mittels recht unangenehm wirkenden Geräuschen von der Wand an die
er geprallt war langsam wie in Zeitlupe abzurutschen. Es dauerte nur
322
kurze Zeit, bis Trevor wieder zu sich kam und sich langsam
aufrichtete. Er tastete nach seinem Hals und rieb hustend und nach
Luft schnappen ihn und seinen Nacken.
„Das dürfte wohl die krasseste Abfuhr der letzten acht Jahre
gewesen sein, die ich auf der Jagd nach dem anderen Geschlecht erlebt
habe“, krächzte Trevor nach einiger Zeit und schaute zu seinem
Peiniger hinauf, der unversöhnlich auf Trevor herabblickte. In diesem
Moment kam Annabelle laut pfeifend aus der Tür ihres in Beschlag
genommenen Quartiers. Als sie Frederick und Kixx im Flur stehen
sah, hielt sie mit einen triumphierendem Lächeln eine Gerätschaft in
die Höhe, die aussah wie ein vergoldeter Käsehobel des späten 16.
Jahrhunderts altflämischer Handwerkskunst, der aber scheinbar in der
Lage war die Fingernägel der Dame in gewünschter Art und Weise zu
behandeln.
„Ist das nicht ein wunderbares Schiff!“ rief sie glückselig aus.
„Was für eine großartige Rasse muss der Konstrukteur eines solch
vollendet Werkes gewesen sein. Alles ist so sauber!“ Annabelle
begann sich zu drehen und bewunderte sich in der Unendlichkeit ihrer
widergespiegelten Person.
„Es war eine Rasse von Narzissten, engstirnig und nur auf der
Suche nach der Evolution der Schönheit“, hustete Trevor hervor. „Die
Spiegel wurden eingebaut, damit sich die Besatzung ständig an sich
selbst ergötzen konnte und auch der selbstreinigende Boden wurde nur
323
deshalb erfunden, damit sich nichts zwischen die vollkommene
Bewunderung für sich selbst drängen konnte.“ Trevor hustete einmal
kurz auf. „Der Erfinder des selbstreinigenden Bodens bekam übrigens
für seine Erfindung die höchste Auszeichnung, die der Planet zu
vergeben hatte. Als dieses Schiff zu irgendwelchen
Erkundungszwecken startete, war allerdings der Zenit der eigenen
Anbetung bei den einzelnen Mitgliedern bereits weit überschritten und
Befehle des Kapitäns wurden nicht mehr befolgt, da jeder genügend
damit zu tun hatte sich zu bewundern. Später wurde dann das Schiff
kurzerhand aufgegeben und die Besatzung setzte sich mit den
Rettungskapseln ab, die natürlich ebenfalls voll verspiegelt waren.
Diese Flucht war deshalb dringend notwendig geworden, da im
Speisesaal die Verspiegelung aufgrund von irgendwelchen
Verspannungen im Glas zum Teufel ging und die Besatzung es nicht
ertrug sich beim Essen nicht sehen zu können. Eigentlich sollte das
Schiff gesprengt werden, doch der Kapitän konnte nicht den
Zerstörungsknopf drücken, da dieser besonders schön spiegelte.
Irgendwann ist es dann zu diesem Planeten gekommen und versuchte,
ebenfalls aus lauter Bösartigkeit auf mich zu fallen, was ihm auch
beinahe gelungen wäre.“ Kixx stöhnte bei dieser Vorstellung leise auf,
dass ein anderes Schiff beinahe sein Volk um die verdiente Rache
gebracht hätte. Trevor schaute zu den dreien auf und sah in ungläubige
Gesichter. „Das habe ich alles aus dem Bordarchiv und aus diversen
324
Aufzeichnungen des Bordcomputers“, fügte Trevor hastig seiner
Ausführung über die Erbauer hinzu. „Und um das herauszufinden habe
ich lange gebraucht, da selbst der Bordcomputer nur durch
Schmeicheleien dazu gebracht werden konnte zu funktionieren.“
Annabelle, die durch die plötzlichen Ausführungen zum Schiff in ihrer
Drehbewegung erstarrte und zu Trevor hinab sah, wirkte das vormals
glückselige Lächeln ein wenig verzehrt und frostig, aber sie fand sich
erstaunlich schnell mit der Situation und der Gegenwart eines neuen
Gefährten ab, ohne dabei auf ihre bisher öfters unter Beweis gestellten
lautstarken, aber recht eintönigen Unmutsäußerungen zurückzugreifen.
Frederick überlegte allerdings bei der Gelegenheit, ob nicht ein solcher
Schrei die Lösung für das Problem der Orientierungslosigkeit im
Inneren des Schiffes wäre, welche durch die allgegenwärtige
Verspiegelung beständig auf ihn und den Kaliler einwirkten. Nur
Annabelle schienen die verspiegelten Wände nicht zu stören wie sie
eben gezeigt hatte.
„Wer ist den der etwas lädierte Herr da auf den Boden?“ fragte
Annabelle schließlich ohne irgendwelche Anzeichen von
Verwunderung über dessen Anwesenheit.
„Oh, verzeihen sie“, sagte Frederick galant. „Dieser leicht
lädierte Herr hier vor ihnen ist Trevor, Trevor T. Mosolows. Der
Zerstörer dieses anheimelnden Ortes, Ziel sämtlicher Schiffswracks
dort draußen, jetziger Hausherr dieses verlassenen Schiffes,
325
alleinverantwortlicher für den Aufstand auf Corp 7i und ein ehemaliger
Freund von mir!“ Frederick machte eine galante Armbewegung und
wies auf den am Boden liegenden.
„Nein, ich meinte eher woher er kommt?“
„Na ja, meine Mutter erzählte immer etwas von einer wirklich
heißen Liebesnacht“, begann Trevor erneut und noch immer genauso
kurzatmig wie eben bei seinem Vortrag. „Aber ich habe dann später
die Rechnungen von der Klinik für künstliche Befruchtung gefunden.“
Trevor wirkte noch immer ziemlich benommen, was allerdings nach
einem erlebten Würgegriff durch mehrere Tentakeln durchaus
entschuldbar war, dennoch erwachten einige Teile seines Bewusstseins
augenblicklich, als ihm klar wurde was da aus einem Teil des Schiffes
aufgetaucht war. Annabelle war für einen Mann mit einem relativ
normalen und ausgeglichenen Liebesleben schon eine
Herausforderung, aber für jemanden wie Trevor musste sie wirken wie
ein rotes Tuch auf einen Stieri. Trevors Blicke wurden
dementsprechend recht schnell äußerst eindeutig, was Annabelle eben
so schnell kapierte da dies aufgrund ihres Berufes eigentlich nicht

i
Auf Corp 7 erlebte der END bisher sein größtes Fiasko, neben all den anderen – die
allerdings bisher geheim gehalten werden konnten. Im wichtigsten Moment der Zeremonie
hat der Vertreter der Erde seinem Drang nachgegeben und von der Tribüne in die Menge
uriniert. Diese Tatsache allein wäre an sich noch nicht einmal eine Fußnote in einem
drittklassigem Geschichtswerk über Corp 7 der Erwähnung wert, wenn dies nicht mit den
Worten „Ich gebe eine Runde aus!“ geschehen wäre.

326
schwer fallen sollte. „Da wir gerade bei dem Thema sind, was haben
sie denn heute Abend so vor?“ fuhr Trevor ungeniert fort. „Wir
könnten doch vielleicht unsere Anziehsachen verbrennen und
beginnen diese Einöde zu bevölkern.“ Trevor starrte Annabelle
unentwegt an.
„Ihr ehemaliger Freund scheint nichts anderes zu als mich
anzustarren und seltsame Geschichten erzählen zu können“, erwiderte
Annabelle recht kühl ohne auf Trevors letzte Bemerkungen
einzugehen. „Allerdings erhöht es sie ein klein wenig, da sie sagten es
handele sich hierbei um einen ehemaligen Freund.“
„Das war im zarten Alter von 8 Jahren, da hat man noch nicht
so den Überblick.“
Annabelle schaute verächtlich zu Trevor hinunter und verschwand
wieder in ihrem Quartier. „Außerdem schienen sie ein Sonderangebot
gewesen zu sein“, rief Annabelle noch aus ihrer Kabine heraus. „Und
die Geschichte mit narzisstisch veranlagten Raumschiffern glaube ich
auch nicht.“
„Na schön, dann verzichte ich eben auf den Begrüßungskuss“,
rief Trevor hinter Annabelle her. „Wer weiß wenn sie vorher schon
alles geküsst haben.“
Trevor schaute zu Frederick und Kixx hinauf, die beide ihre

i
Auch mir ist bekannt, dass ein Stier farbenblind ist – aber mal ganz ehrlich, Sie wissen
was ich damit ausdrücken wollte.
327
Schadenfreude nicht verbergen konnten und wollten.
„Na danke, ihr sind mir vielleicht schöne Freunde“, rief er mit
halbwegs gespielter Empörung aus und begann sich hoch zu rappeln.
„Früher hatte mein Charme scheinbar mehr Schliff. Diese Geschichte
war vor ein paar Jahren der reinste Eisbrecher, aber die Dame scheint
ja ziemlich eisig zu sein.“
„Tja sieh es eben ein, nicht nur du, sondern auch deine
Geschichten sind in die Jahre gekommen“, erwiderte Frederick,
inzwischen vor Schadenfreude glucksend.
„Frauengehirne“, stieß Trevor verächtlich hervor.
„Frauengehirne sind einfach anders als Männergehirne. Die haben
spezielle Gehirnzellen damit sie bei jedem sentimentalen Quatsch
heulen können und spezielle Gehirnzellen mit denen sie sich jeden
noch so winzigen Fehler der Männer merken können und bei Bedarf
mit einer atemberaubenden Lesegeschwindigkeit, die die mittleren
Zugriffszeiten auf Datenspeicher noch immer in den Schatten stellten,
aufrufen können um sie uns unter die Nase zu reiben.“ Trevor
versuchte aufzustehen, rutschte aber immer wieder ab und ließ es nach
einigen Versuchen damit bewenden im Moment nicht gegen die
Schwerkraft ankommen zu können, sich aber innerlich darauf
vorzubereiten dieser es bei der sich nächsten Gelegenheit
zurückzuzahlen.
„Und was ist mit einem irdischen Männergehirn?“ fragte Kixx
328
interessiert, wobei man allerdings nicht erkennen konnte ob er den
Ausführungen Trevors wirklich Glauben schenkte.
„Männergehirne haben Platz für die wirklich wichtigen Dinge
in einem erfüllten Leben und sind immer auf der Suche nach den
Geheimnissen des bekannten und unbekannten Teils des Universums.“
„Da weiß ich übrigens eins“, erklärte Kixx irgendwie
aufgeregt. „Das Geheimnis beim Bondro liegt übrigens im
Armschwung und dem Reifegrad des Käse“, erklärte Kixx
verschwörerisch und blickte die Beiden noch immer aufgeregt an.
„Was ist den Bondro?“ fragte Frederick.
„Das ist eine Mischung aus Bowling und Armdrücken“, sagte
Trevor. „Ich habe bis heute noch nicht die genauen Spielregeln
durchschaut, da der Reifegrad des Käse weit über dem Punkt des
Genießbaren liegt und noch weiter über dem Punkt was eine irdische
Nase erträgt.“
„Dann glaube ich auf Trainingsstunden verzichten zu können.“
„Nun denn, wie wäre es denn wenn wir auf unsere ehemalige
Freundschaft einen kleinen heben?“ fragte Trevor und stieß Frederick
einen Ellenbogen in die Seite worauf dieser leicht zusammenzuckte.
„Ich habe da ein Stöffchen! Sie sind ebenfalls eingeladen“, sagte er zu
Kixx. „Auch wenn sie eben noch versucht haben mich umzubringen,
aber ich bin ja im Gegensatz zu ihnen ja nicht nachtragend!“ Trevor
trat näher an Frederick heran. „Wenn er genügend intus hat, dann
329
mache ich Knoten in seine blöden Tentakeln und lasse ihn auf dem
Achterdeck auspeitschen, wenn mir mal endlich jemand erklärt wo das
verdammte Achterdeck ist“, raunte er Frederick zu.
„Danke für ihr großzügiges Angebot, aber erstens trinke ich
aus Prinzip nichts mit Feinden meines Volkes, zweiten habe ich
eigentlich nur Hunger und drittens mag ich eigentlich auch keine
Knoten in den Tentakeln. Wenn sie mir vielleicht zeigen könnten wo
ich mir etwas zu essen holen kann?“ Trevor schaute verlegen zu
Boden und wies Kixx den Weg, worauf dieser sich dann auch auf den
selbigen machte.
„Tja, wie ich feststellen muss weichst du noch immer keinem
Fettnäpfchen aus.“ In Frederick Augen blitzte es vor lauter
Schadenfreude hell auf.
„Man tut halt was man kann.“
„Sag mal trinkst du eigentlich noch immer soviel und fummelst
mit jeder Dame die du kriegen kannst? Trevor blickte ihn fest an.
„Nein, im Moment bin ich trocken.“
„Dann hast du also eingesehen, dass du auf dem falschen Weg
mit deiner Sauferei und dem Rest warst?“
„Nein, dass nicht, aber ich bin im Moment derart Pleite das ich
mir nichts mehr leisten kann.“ Trevor lachte laut über seinen Witz auf.
„Warum sollte ich mit dem trinken aufhören?“ fragte er Frederick und
betrachtete sich dabei ausgiebig in dem endlosen Spiegelungen und
330
zupfte eine imaginäre Fussel von seiner Kombination.
„Du hattest mal einen fast guten Ruf im END und es wäre dir
bestimmt gelungen einen tollen Posten zu erreichen, wenn du nicht so
versoffen wärst.“
„Du weist genau, dass das nicht möglich gewesen wäre“, sagte
Trevor und wurde sehr ernst. „Du weist verdammt genau, dass ich ein
Ersatzgehirn habe seit der Zeit, als ich damals den Unfall gehabt habe
und keiner in unserem Dienst hätte einen Vorgesetzten haben wollen,
der sein Denkkasten direkt neben dem Darmende trägt und schon gar
nicht so einen Mistkerl von einem Chef wie ich es wäre. Da fällt mir
ein, wie geht es den eigentlich unserem Karl-Heinz?“
„Er ist inzwischen in eine geschlossene Anstalt eingeliefert
worden, nachdem er deinen Nachruf fälschen musste.“
„Nun ja, wenn man sich verbessern kann“, sagte Trevor nicht
ohne eine gewisse Spur von Zynismus. „Es war gewiss nicht die
Trauer die ihn dahin gebracht hat.“
„Es war damals eine technische Meisterleistung dich überhaupt
wieder zusammenzuflicken und dein Allerwertester war nun mal der
einzige Raum in dem die Techniker den ganzen Scheiß unterbringen
konnten. Außerdem“, Frederick machte eine Pause und trat näher an
Trevor heran. „Außerdem warst du selbst Schuld an deinem Unfall.“
Frederick zeigte mit seinem Finger auf Trevors Brust.
„He, nun mach aber mal einen Punkt“, protestierte Trevor
331
gegen die eben vorgebrachte Beschuldigung und schaute vorwurfsvoll
auf den Finger von Frederick, der noch immer gegen seine Brust stieß.
„Ich musste mich schließlich vor dem Feuer in meinem Büro in
Sicherheit bringen und bin dabei aus dem Fenster gesprungen.“ Trevor
umschloss Fredericks Finger fest mit seiner rechten Hand.
„Du hast das Feuer selbst gelegt, als du allen in deinem Suff
beweisen wolltest, dass du die Rauchzeichen der Indianer kannst und
General Custer so eine Warnung zukommen lassen wolltest. Und die
Verletzung hast du dir anschließend geholt, als du aus dem Fenster
gestürzt bist, weil du das Feuer vom Fensterbrett aus auspinkeln
wolltest. Übrigens unter dem Applaus und der Anfeuerung der
gesamten Belegschaft.“ Frederick zog seinen Finger heraus,
betrachtete ihn kritisch, roch mehrmals unsicher daran, verschränkte
seine Arme vor der Brust und so zu zeigen, dass er mit seinen
Ausführungen zum Ende gekommen war und jeweiliger Einwand von
Seiten Trevors hier unangebracht war.
„Das ist die beschränkte und böswillige Auslegung eines
Mitgliedes der Belegschaft der durch Abwesenheit glänzte weil er
einer jungen Dame an die Wäsche wollte, was allerdings nicht
geklappt hat wie mir die Dame später berichtete, so seinen guten
Einfluss nicht auf den Unglücksburschen übertragen konnte und daher
die ganze Geschichte nur aus zweiter Hand kennt, wohingegen ich die
ganze Wahrheit kenne. Also welcher Version schenkst du mehr
332
Glauben? Meiner oder der von irgendwelchen Sicherheitsfritzen die
doch nur in Lage sind einen anzuschwärzen weil sie sich selbst, ihre
Kollegen noch weniger und den Chef erst recht nicht mögen.“
„Wie du dich vielleicht erinnern kannst, war ich selbst einmal
einer dieser Sicherheitsfritzen!“
„Was meine Ausführungen von eben nur unterstreichen und im
höchsten Maße bestätigen!“ unterbrach Trevor.
„Lass mich bitte ausreden!“ warf Frederick scharf ein. „Diese
Sicherheitsfritzen sind in Besitz einer Videoaufzeichnung des
Vorfalles, die ich gesehen habe. Deine Tätowierung an einem
bestimmten Körperteil ist klar und deutlich erkennbar.“ Frederick
machte eine gekonnte und äußerst wirkungsvolle Pause um das eben
gesagte besonders gut wirken zu lassen. „Und außerdem“, fügte
Frederick noch mit leicht ironischen Unterton hinzu, „bin ich doch an
ihre Wäsche gekommen!“
„Ja, aber nur an die, die auf der Leine zum trocknen hing.“
Trevor und Frederick hatten nun ihr Pulver verschossen und standen
nun schweigend einander gegenüber.
„Nun könnte ich aber doch einen kleinen vertragen“, sagte
Frederick schließlich und begann zu lachen.
„Das ist endlich eine Sprache die ich verstehe. Es wird ehedem
Zeit für mein halbwöchiges Besäufnis.“ Trevor nahm Frederick in die
Arme, drückte ihn kurz, drehte sich um 180 Grad und schleifte ihn
333
hinter sich her. Sie gingen eine ganze Weile durch das Schiff, wobei es
Frederick ein Rätsel war, wieso sich Trevor so schnell und leichtfüßig
durch das Schiff bewegen konnte ohne die Orientierung durch die
endlosen Spiegelbilder zu verlieren.
„Ich habe sehr lange gebraucht, einen Raum so herzurichten,
dass er wohnlich erscheint. Zuerst habe ich versucht die Spiegel und
den Boden mit Farbe zu bestreichen, aber diese Scheißwände haben
einfach alles absorbiert. Dann versuchte ich aus Decken der Düsen-
Päckchen und ein paar Ästen eine Art Baldachin im Inneren zu
basteln, aber mangels Geschick und Geduld, die in der Regel ja
paarweise gebraucht werden, brach eines Tages alles zusammen und
dann hat der Boden das seinige dazu getan um die Sauerei zu
beseitigen.“ Trevor machte eine Pause um an einer Art
Schließvorrichtung zu hantieren und nachdem diese dem Verlangen
Trevors nachgegeben hatte und somit den Weg freigegeben hatte,
betraten die beiden einen völlig dunklen Raum und blieben dann
abrupt stehen, wobei Frederick auf Trevor auflief, da dieser zu abrupt
stehen blieb.
„Dann kam mir aber dann doch noch der rettende Einfall es
doch einmal mit roher Gewalt zu versuchen. Nach einigen Versuchen,
die anfangs sehr kläglich endeten schaffte ich es doch einen Raum
spiegelfrei zu machen und ihn mir dergestalt einzurichten, dass ich
mich darin wohl fühlen kann.“ Plötzlich flammte Licht auf und bot
334
dem verwirrten Betrachter das unbeschreibliche Gefühl sich inmitten
von etwas zu befinden, was keinerlei Beschreibung verdiente.
Frederick hatte das Gefühl auf einer Müllkippe oder einer dieser
altertümlichen Wohngemeinschaften zu stehen die er aus dem
Geschichtsunterricht kannte und die durch eine seltsame Apparatur
dominiert wurde die fast die Hälfte des Raumes einzunehmen schien.
Diese Apparatur konnte aufgrund der von ihr ausgehenden Gerüche
leicht als eine Schnapsbrennerei erkannt werden, welche bestimmt
nicht durch exzellentes Design zu bestechen versuchte, sondern dies
über die Quantität seines Endproduktes zu machen schien, wenn man
die gehorteten Rationen von Feuerwasser betrachtete, die den Rest des
Raumes einnahmen, abgefüllt in alles was in der Lage war auch nur
mehr als 10 Millimeter aufzunehmen. Der Raum selbst wirkte
unwirklich kahl und wenn nicht eine Wäscheleine mit Wäschestücken,
die allerdings den Namen Wäsche längst nicht mehr verdiente, quer
durch den Raum gespannt wäre und ein paar schmutzige Matratzen auf
dem Boden gelegen hätten, drapiert von leeren Dosen die lustig vor
sich hinschimmelten, durchaus nicht den Namen des Behaglichen und
Bewohnbaren verdient hätte. Der einzige Wandschmuck der zu
entdecken war, waren mehrere Schriftzüge, die es durchaus nicht
verdienten zitiert zu werden und einige Zeichnungen von Frauen die
aufgrund von sehr erniedrigenden Darstellungen lieber nicht
beschrieben werden sollten. Trevor ging mit dem gewissen Elan und
335
der Gelassenheit des stolzen Besitzers auf sein Destillierungeheuer zu
und hielt seinen Finger in die bernsteinfarbene Flüssigkeit, welche an
einer Seite der Maschine bereitwillig herauskam, scheinbar höchst
erfreut über das Entrinnen aus dem Ungeheuer. Trevor steckte den
Finger in den Mund und verzog genießerische sein Gesicht. Dann
nahm er einen kleinen Becher der entgegen dem hier vorherrschenden
Schmutz blenden Sauber erschien, was konzentriert auf diesen Punkt
auf eine erhöhte Frequenz der Hygiene hinwies oder aber auf erhöhten
Gebrauch des Trinkgefäßes. Trevor hielt erst den Becher in den
scheinbar nicht versiegenden Strom der bernsteinfarbenen Flüssigkeit
und dann, als er einen gewissen Pegelstand aufweisen konnte,
Frederick entgegen.
„Hier probier mal!“ sagte Trevor und in seiner Stimme
schwang der eben bereits im Gang zum Ausdruck gebrachte Stolz. „Zu
Anfang befasste ich mich mit dem Problem einen Treibstoff mit
dreifacher Überaktivität zu entwickeln. Als sich das Gebräu allerdings
beinahe durch die Kruste bis zum Mittelpunkt diese blöden Planeten
durchgefressen hätte, habe ich die weiteren Forschungen eingestellt
und mich mit dem Nebenprodukt hier angefreundet.“ Zögernd nahm
Frederick den Becher in die Hand und äugte vorsichtig in den Becher
hinein, als hätte er Angst das die bernsteinfarbene Flüssigkeit sich mit
einem heißeren Banzai über ihn hermachte.
„Ich gebe mir alle Mühe nicht zu lachen.“
336
„Man braucht einen ungewöhnlichen Verstand um auf so was
zu kommen. Na, nun trink schon“, forderte Trevor, als er sah wie
vorsichtig Frederick sich dem Getränk näherte. „Früher hast du doch
alles gesoffen, wenn du sicher warst das nicht mehr als 5 Prozent
Wasser oder andere Geschmacksverfremder darin enthalten waren. Du
brauchst keine Angst zu haben. Es schmeckt zwar nach Seife und
Schmiere, bleibt aber drin, legt eine paar Schalter im Kopf um und
man kann dann richtig den Suff genießen. Vorausgesetzt die
Magenwände halten es aus.“
„Die Zeiten ändern sich nun mal eben, das kannst du allerdings
nicht verstehen, du bist ja schon oberflächlich auf die Welt
gekommen“, erwiderte Frederick und schaute vorsichtig von der
gigantischen Destilliermaschine auf seinen Becher und anschließend
im Raum herum.
„Richtig, du hattest ja schon früher Stresssymtome durch
ausgiebiges Arschkratzen. Las mich raten? Du hast ebenfalls dein
Gehirn an die Stelle rutschen lassen die knapp unterhalb deines
Kreditkartenbehältnisses sitzt und bist einer dieser karrieregeilen,
sesselpupsenden Spießer geworden. Hast ein Häuschen im Grünen,
einen Stall von kleinen brüllenden Kindern, eine treusorgende Frau,
einen großen spießigen Wagen und bist heimlich noch immer hinter
Isabella her?“ Trevor nahm Frederick den Becher aus der Hand und
kippte die seltsame Flüssigkeit mit einem Hieb hinunter ohne, dass
337
dabei eine Wirkung des Getränkes auf ihn erkennen zu war. Frederick
nahm ihm den Becher ab und füllte ihn am Ungeheuer wieder auf.
„Bis auf das letztere liegst du wie immer völlig falsch“,
antwortete Frederick leicht frustriert und spülte ebenfalls den Inhalt
des Bechers hinunter. Allerdings blieb das Gesöff bei Frederick nicht
ohne eine Nachwirkung wie es eben bei Trevor der Fall war. Die erste
und unmittelbare Reaktion war ein vollständiges erbleichen des
Gesichtes mit anschließendem Wechsel zu einem bezaubernden
Kaminrot. Die anschließende Hitze die Frederick kurz darauf
auszustrahlen begann, reichte durchaus dazu aus, einen Hasen oder ein
anderes Getier aus mehreren Metern Entfernung innerhalb weniger
Sekunden durchzubraten. Trevor der die Darbietung interessiert
beobachtete drehte sich zu seiner Destilliermaschine um und begann
diese liebevoll zu tätscheln. Frederick, der inzwischen einen
Wasserverlust zu verzeichnen hatte wie ein Staudamm nach einem
Bruch, wankte zwischen den einzelnen Auffangbehältnissen des schier
köstlichen Nasses hin und her, trat dabei in einen der Eimer, fiel hin
und blieb schwitzend und laut stöhnend in der Lache liegen.
„Einfach umwerfend nicht wahr?“ sagte Trevor lächelnd und
reichte Frederick einen erneut gefüllten Becher. „Das Patent hierauf
bekomme ich sicher. Trink, hör auf mit den Albernheiten und erzähl
mir lieber warum du hier bist und wie ich an die Tussi herankomme,
sonst muss ich mich noch über dich oder den Frosch hermachen und
338
nach einigen Litern dieses Wunderzeugs fällt mir das bestimmt nicht
sonderlich schwer.“
„Dann sollten wir vielleicht doch nichts von deinem Gebräu
trinken, denn Alkohol enthemmt!“
„Da mach dir mal keine Gedanken, ich habe vor mich nachher
zu übergeben, wenn ich genügend in mich hineingeschüttet habe. Und
nun fang endlich an zu trinken, schließlich haben wir nur noch die
nächsten paar Jahrzehnte bis wir endlich die Kurve kratzen.“
Frederick begann wie befohlen zu trinken und zu erzählen, da es
scheinbar keine Möglichkeit gäbe von hier zu verschwinden und es im
Moment bestimmt besser war sich einen hinter die Binde zu kippen als
über die Unmöglichkeit des Fortkommens zu grübeln. Trevor zog sich
diverse Gefäße und eine der verschmutzten Matratzen zu Frederick
heran, legte sich darauf, wobei diese diverse Geräusche von sich gab
was auf ein immenses Innenleben schließen ließ. Derart leger und mit
ausreichendem Getränkevorrat versehen, ließ sich die nächste Zeit und
vor allem das Gelalle von Frederick ertragen, der inzwischen
begonnen hatte seine Ankunft auf diesem öden Flecken zu
rechtfertigen und wie er in die Gnade der Begleitung eines potentiellen
Mörders und einer absoluten Versuchung auf zwei Beinen gekommen
ist.

Frederick erwachte aufgrund eines wagen Gefühles beobachtet zu


339
werden. Mühsam versuchte er die Augenlieder zu heben und nachdem
er eines der siebzehn, die er bewusst zu spüren glaubte, geöffnet hatte,
bereute er auch schon dieses Unterfangen gestartet und auch noch
erfolgreich beendet zu haben. Er stellte fest, dass der Ort um ihn
herum ohne Farbe und Schattierungen beschaffen war. Entweder
funktionieren die Fotorezeptoren seiner Augen nicht mehr richtig oder
eine beunruhigende Reaktion der nächstgelegenen Sonne hat das
Farbspektrum derart verändert, dass die Dinge um ihn herum nicht
mehr die richtige Wellenlänge reflektierteni. Ein stechender Schmerz
in seinem Kopf erinnerte ihn daran, dass auch die Tatsache der
Volltrunkenheit hier eine plausible Lösung anbietet.
An die letzte Nacht oder wie immer man den zuletzt durchlebten
Zeitraum auch titulieren mochte, und was da auch immer gewesen sein
mochte, konnte er sich nur noch verschwommen erinnern. Als er
undeutlich einen seiner Füße in einem Eimer stecken sah, war er
insgeheim froh darüber, sich an nichts Genaueres erinnern zu müssen.
Er begann den kläglichen Rest seines Körpers abzutasten, wobei ihn
allerdings das Gefühl beschlich, dass seine Arme in den letzten
durchlebten Zeitintervallen geschrumpft sein mussten, da er nicht in

i
So was gibt’s wirklich. Unlängst erschien ein Werk mit den 10 unwahrscheinlichsten
Naturphänomenen die einem nach exzessivem Alkoholgenuss erscheinen können und exakt
diese Möglichkeit rangierte an dritter Stelle. Allerdings schränkte der Autor ein, daß diese
10 unwahrscheinlichen Naturphänomene auch irgendwo im bekannten oder unbekannten
Teil des Universum erscheinen könnten.
340
der Lage war seinen Kopf zu erreichen.
„Trevor“, stieß er mühevoll hervor, wobei sich augenblicklich
wieder der Geschmack des grauenvollen Getränks, welches er
scheinbar vor ewigen Zeiten maßlos in sich hineingeschüttet hatte,
rücksichtslos über die verbliebenen Geschmacksknospen seiner Zunge
hermachte und diese, ohne Rücksicht zu nehmen, weiter zu dezimieren
versuchte.
„Trevor, einer von uns sollte auf einen Spiegel atmen um zu
sehen ob wir noch leben!“ Frederick versuchte sich auf die Seite zu
drehen um den Korpus von Trevor in Augenschein nehmen zu können,
da er sich wage erinnerte, dass Trevor mindestens die doppelte Menge
dieses Raketentreibstoffes in sich hineingeflößt haben musste. Da er
nun die Wirkung kannte, konnten jetzt eigentlich nur noch die
sterblichen Überreste seines ehemaligen Freundes und Kollegen neben
ihm liegen. Doch dieser zeigte sich in Gegensatz zu Frederick
außerordentlich agil und nach einiger Zeit konnte Frederick erkennen,
dass ihn sein Gefühl nicht getrübt hatte und er beobachtet wurde. Der
Beobachtende war kein anderer als Trevor, leider kehrten nun auch die
Farben zurück.
„Ich glaube, ich sollte vielleicht einen Gerichtsmediziner
hinzuziehen, wenn ich dich da so liegen sehen“, erwiderte Trevor
frohgelaunt.
„Mach was du willst, aber sei um Gottes willen, oder an wenn
341
du sonst immer glaubst, mach es leise und las mich in Ruhe sterben.
Wenn ich jetzt Zuhause auf der Erde wäre, dann würde sich jetzt
meine Hauswirtin mit Lockenwicklern im Haar und einer Anti-
Faltencreme im Gesicht über mich beugen und mich mit ihrem Magen-
und Darmtee pesten.“ Frederick unterbrach kurz seine Ausführungen
um einen Befreiungsversuch seines Mageninhaltes erfolgreich zu
unterdrücken. „Mann, was bin ich froh hier zu sein und langsam aber
sicher in die ewigen Jagdgründe eingehen zu können, als diesem
Anblick über mich ergehen zu lassen. Sollte ich in die ewigen
Jagdgründe eingehen, so bitte ich dich meine Asche nicht von diesem
fürchterlichen Raumschiff aufsaugen zu lassen.“
„Komm stell dich nicht so an!“ sagte Trevor heiter und seine
anschließende Lachsalve quittierte Fredericks Kopf mit einem Gefühl,
welches eine Reaktion herbeiführte als würde sein Kopf aus 10 000
Meter Höhe fallen und auf eine Betonplatte knallen. „Ich habe dir
einen schönen starken Kaffee gemacht. Wohin möchtest du ihn
haben?“ Frederick drehte sich mühsam um und präsentierte Trevor den
rückwärtigen Teil seines Körpers.
„Schütt ihn mir in mein Ohr oder sonst wohin, aber las mich in
Ruhe sterben.“
Trevor stellte die Tasse neben Fredericks Nase, woraufhin dieser sich
demonstrativ abwendete. Trevor ließ sich wiederum auf die Matratze
neben ihn nieder und blickte zu Frederick.
342
„Nachdem was du vor und während unserem Besäufnis von dir
gegeben hast“, begann Trevor und versuchte seiner Stimme
Gleichgültigkeit zu vermitteln, was ihm allerdings nicht überzeugend
gelang, „dann steckst du ziemlich in der Scheiße. Aber eigentlich hast
du jetzt ja nichts mehr zu befürchten, den von hier kommst keiner von
uns mehr weg.“
„Was soll das heißen, von hier kommen wir nicht weg?“ hallte
eine weibliche Stimme durch den Flur, gefolgt von diversen
quietschenden Geräuschen, die durch Kixx hervorgerufen wurden, da
er noch immer darauf angewiesen war seine Tentakeln über die
spiegelnden Wände rutschen zu lassen um nicht total die Orientierung
zu verlieren. Annabelle tauchte wie der Racheengel geknechteter
Tiefkühlkost im Türrahmen auf und blieb wie angewurzelt stehen,
einerseits hervorgerufen durch die Gerüche, die unkomplizierte
Einrichtung dieses Raumes und andererseits dem Anblick von
Frederick, der noch immer in einer Lache von Alkohol lag und einen
Fuß in einem Eimer hatte. Hätte Frederick in diesem Moment die Kraft
und den Willen aufgebracht sich herumzudrehen und die Augen soweit
zu öffnen um Annabelle eingehend zu betrachten, so hätte er sie zum
ersten Mal richtig sprachlos gesehen. Trevor, sich dieser Situation aber
völlig bewusst, kostete diese Sekunden voll aus.
„Ich meine damit, dass wir alle hier nicht wieder von diesem
Dreckhaufen wegkommen und wenn doch, dann jedenfalls nicht
343
dorthin zurück woher wir kommen!“ sagte Trevor, nicht im geringsten
über das plötzliche Auftauchen der beiden überrascht. Inzwischen
hatte Frederick sich dazu aufgerafft seine Lage zu verändern und die
sichtlich schmerzhafte Prozedur des Erwachen, Aufstehen und
erneuten Auseinandersetzung mit der Situation und seines Magens
über sich ergehen zu lassen. Er drehte sich um und hangelte mit dem
linken Arm nach dem Kaffee. Da er aber auf seinem linken Arm lag
und es nicht möglich war so an den erhofften neuen Lebensspender zu
kommen, ohne seine Körper anzuheben. Da dies im Moment nicht
möglich war, gemäß Aussage und erfolgter Rücksprache mit seinem
Magen, versuchte er stattdessen seinen rechten Arm unter Kontrolle zu
bekommen. Nach unzähligen Bemühungen gelang ihm schließlich
auch dieses, wobei er mit der Geschwindigkeit und Genauigkeit eines
altertümlichen Roboterarms einer ebenso altertümlichen
Produktionsstraße des letzten Jahrhunderts arbeitete, der in seinem
Programm neben einer gehörigen Portion Unlust, gepaart mit der
Langeweile des ewig eintönigen, auch noch einige eklatante
Programmfehler aufzuweisen hatte, näherte sich seine Hand zitternd
dem heißen Gebräu. Zitternd umschloss seine Hand die Tasse und trotz
der Hitze die die Tasse gespeichert hatte und welche auch bereit war
diese Hitze augenblicklich und mit aller Kraft abzugeben, protestierte
weder Fredericks Hand noch sein Mund über die schmerzhaft heiße
Flüssigkeit die sich nun auf den Weg machte seine schöpferische Kraft
344
und Nachricht des Erwachen vermittelt über eine verbrühte Zunge und
Speiseröhre dem Magen, dem inzwischen alles Egal war, in die
anderen Körperteile zu bringen.
„Hätten sie vielleicht die Güte mir dies näher zu erklären?“
fragte Annabelle und stampfte wütend auf den Boden, wodurch sich
einige der Behältnisse die sich im Raum befanden genötigt sahen ein
klirrendes Geräusch von sich zu geben. Auch Kixx sah sich zu einer
Unmutsäußerung hinreißen, indem er einige seiner Tentakeln laut auf
die Spiegeloberflächen im Flur aufklatschen ließ, woraus man leicht
schließen konnte, dass Annabelle ihm entweder schon vorher ein klein
wenig die Hölle heiß gemacht hatte oder er noch immer nicht in der
Lage war den Ort des Geschehens zu erreichen.
„Der Wunsch einer Dame und zumal einer solch
temperamentvollen ist mir natürlich ein Befehl. Wir befinden uns hier
auf einen Planeten, der aufgrund eines Missverständnisses von den
ursprünglichen Nutzern nun gemieden wird und des Weiteren als
Schrottplatz missbraucht wird. Über die eigentlichen Motive für die
neuerliche Nutzung schweigen wir, dies würde uns von dem
augenblicklich aktuelleren Problem nur entfernen.“ Trevor betonte die
letzten Worte nachdrücklich und wandte sich dabei Kixx zu. „Somit
haben wir keinerlei Hilfe durch die ehemaligen Nutzer zu erwarten,
eher etwas anderes. Des Weiteren ist dieser Planet oder besser gesagt
Planetoid in keiner Karte eingezeichnet, liegt abseits aller normalen
345
Flugrouten und befindet sich zudem in einem Teil des bekannten Teil
des Universum, welches von allen gemieden wird weil sich die hier
ansässigen Naturgesetze nicht viel um die zurzeit gängigen
Naturgesetze im Rest des Universums kümmern. Außerdem und
schlussendlich interessiert sich kein Aas für diesen Haufen Dreck.“
Trevor machte eine Pause, nicht nur um Annabelle und Kixx
Gelegenheit zu geben die Ausführungen in Ruhe nachzuvollziehen,
sondern auch um Frederick aufzuhelfen der inzwischen verzweifelt
versuchte sich aufzurichten, aber mit dem Eimer an seinem Fuß nicht
den richtigen Halt fand. „Da ich mich schon seit einiger Zeit in diesem
Ferienparadies aufhalte, hatte ich neben meinen kleinen Spielereien,
die sie hier sehen können“, Trevor zeigte nicht ohne Stolz auf seine
Schnapsbrennerei, „ein klein wenig Zeit in die Erkundung des
Planeten investiert!“ Trevor bückte sich um Frederick erneut
aufzurichten, da er bereits wieder zur Seite weggesackt war.
„Nun reden sie schon und hören sie bitte auf so langatmige
Ausführungen zu machen“, fiel Annabelle ungeduldig ein und trat
gegen eines der Behältnisse, welches notgedrungen und durchaus
gegen seinen Willen die gespeicherte Flüssigkeit hergab und sich in
monotoner Gleichgültigkeit über den Boden ergoss, der seiner
selbstreinigenden Fähigkeit vor einiger Zeit durch rohe Gewalt beraubt
worden war. Trevor blickte zwar strafend zu Annabelle, ging aber auf
die dargestellte Unbeherrschtheit nicht ein.
346
„Wir sind nicht ganz allein auf diesem Planetoiden“, sagte
Trevor so gleichgültig, als hätte er in einem Bahnhofskino nach einer
Ermäßigung für Jugendliche gefragt, obwohl allein die Art des dort
gezeigten Filmes eindeutig gegen die Einräumung einer solchen
Ermäßigung sprach. Schlagartig wurde sogar Frederick wieder klar.
„Was?“ fuhr Frederick hoch und wurde sich noch vor der
eigentlichen Ausführung seines Reflexes bewusst, dass er einen Fehler
damit begehen würde, konnte es aber nun nicht mehr verhindern und
beschloss daher sich ganz der darauf folgenden Schmerzen
hinzugeben. Allerdings wurde er um die Freuden seiner allzu lebhaften
Art gebracht, da Fredericks Körper sich in eine nahe gelegene
Ohnmacht rettete. Nachdem der kurze Blackout nachließ, versuchte er
noch einmal einen Vorstoß, diesmal aber ein klein wenig vorsichtiger.
„Hier gibt es also noch andere Lebewesen? Vielleicht sogar
intelligente und raumfahrende Lebewesen die uns von hier wegbringen
könnten“, brach es aus Frederick heraus, nun allerdings ohne
großartige körperliche Bewegung, da er die Unmöglichkeit seines
beabsichtigten Unterfangens bewusst wurde.
„Sei vorsichtig mit solchen Kombinationen wie intelligent und
raumfahrend. Es soll ja Rassen geben, die nur deshalb Raumschiffe
haben um diese auf den Kopf von anderen zu werfen, einzig und allein
aus dem Grund dort bleibenden Eindruck hinterlassen zu können.“
Trevor schaute belustigt zu Kixx hinüber, der allerdings auf diese
347
Spitze nicht reagierte, da er intensiv damit beschäftigt war die
Flüssigkeit zu analysieren, die noch immer ungehindert und übel
riechend aus dem Destillierungeheuer herausfloss, ohne die Quelle
seines immensen Reichtums zu offenbaren. Er steckte langsam und
vorsichtig eine seiner Tentakel in den Strom der Promille um diesen
dann laut schreiend und sehr schnell wieder daraus zu entfernen.
Ungeteiltes Interesse, gekoppelt mit absoluter Stille wurde Kixx
plötzlich zuteil, als dieser seine Tentakelspitze in die Luft hielt von der
eine kleine Qualmwolke ausging. Aufgrund des dargebotenen
Bewegungsablaufes und der Geräusche die von dem riesigen
Ochsenfrosch hervorgebracht wurden, gab dieser deutlich zu
verstehen, dass der Kontakt mit dem selbstgebrauten Schnaps bei Kixx
zu großen Schmerzen und heftigen Körperreaktionen führte. Nach
einiger Zeit, die von den anderen mit Untätigkeit und Staunen
verbracht wurde, beruhigte sich der Kaliler wieder, was auf ein
Nachlassen der Schmerzen schließen ließ.
„Mindestens 87 Prozent reiner Alkohol!“ erklärte Trevor nicht
ohne Stolz. „Mein eigenes Rezept, guten Freunden verrate ich es aber
gern. Aber, wenn ich sie so betrachte, glaube ich das sie dies nicht so
interessiert.“ Trevor schaute fragend zu Kixx hinüber, der noch immer
seine Tentakel in die Höhe hielt, die nun allerdings nicht mehr
qualmte.
„Nicht sonderlich, wenn sie meine ehrliche Meinung wissen
348
wollen“, quälte sich der Angesprochene zu antworten. „Sie sollten ein
Schild anbringen, welches auf die Gefahren durch den Gebrauch des
Gebräus hinweist.“
„Da kann ich mich nur anschließen“, stimmte Frederick zu und
versuchte seinen Kopf inzwischen durch Reiben an den Schläfen
wieder zu einem einigermaßen annehmbaren Denkprozessen
anzuregen.
„Was ist nun mit den anderen Bewohnern auf diesem
Planeten“, unterbrach Annabelle ungeduldig das Gespräch über das
hier gewonnene Gebräu und die Auswirkungen auf fremde Anatomien.
Sie ging aufgeregt auf Trevor zu, packte diesen an den Schultern und
begann ihn heftig zu schütteln.
„Ist ja schon gut. Hören Sie auf mich so zu schütteln, oder
nehmen sie zumindest ein Körperteil der damit was anzufangen
wüsste.“ Trevor rieb recht theatralisch seinen Hals und Nacken nach
dem Annabelle ihr Unterfangen aufgegeben hatte und warf einen recht
vorwurfsvollen Blick auf Annabelle, der allerdings nach kurzer Zeit
auf andere hervorstehende Körpermerkmale der Dame abwanderte und
auch nicht mehr den vorwurfsvollen Charakter innehatte. Annabelle
war dies inzwischen egal. Sie witterte eine Chance, die gering wie sie
auch erscheinen mochte doch dazu geeignet war von diesem Haufen
konzentrierter Einöde weg zu kommen.
„Wie schon gesagt, gibt es hier auf diesem Planetoiden noch
349
andere Lebewesen. Es handelt sich hierbei um einen Stützpunkt von
intelligenten und zusätzlich auch noch raumfahrendem Volk.“ Trevor
betonte die beiden Eigenschaften, auf die Frederick vorher
angesprochen hatte. „Diese sind sehr agil, betreiben eine rege
Raumfahrt mit neustem Material und sind zusätzlich nicht weit
entfernt von uns. Es handelt sich hierbei um einen Stützpunkt von
freischaffenden Unternehmern.“
„Warum in aller Welt bist du denn dann noch immer hier?“
fragte Frederick, der plötzlich keinerlei Probleme mehr mit den
Nachwirkungen des vergangenen Besäufnisses mehr hatte und sogar in
der Lage war sich wieder ungehindert Bewegen zu können, wovon er
auch augenblicklich Gebrauch machte und sich in eine der Menschen
würdiger Haltung brachte als die, die er bisher innehatte.
„Schließlich sind Piraten Menschen wie alle anderen auch, mit
der Ausnahme dass diese inzwischen einen erhöhten Steuersatz und
Altersversorgungi aufbringen müssen.“ Man sah es Trevor sichtlich an,
wie er mit der Antwort rang.
„Es handelt sich hierbei nicht um gewöhnliche Schmuggler, die
mit gefälschter Cola und Chips handeln wie dies die gewöhnlichen

i
Auch das freischaffende Unternehmertum im Bereich der Piraterie hat inzwischen eine
Wandelung erfahren. Reichten in der Vergangenheit ein übeler Leumund, schlechte
Manieren und ein ausgeprägter Hang zu Augenklappen und Holzbeinen so sind die
heutigen Anforderungen um einiges gewachsen. Mindestanforderungen sind inzwischen

350
Schmuggler machen“, wand Trevor sich schließlich zu einer Antwort
durch. „Hierbei handelt es sich um ein Kontingent von BOBS und was
die schmuggeln ist ja wohl bekannt, oder soll ich noch ein paar kleine
Ausschmückungen machen?“
Augenblicklich wurden Annabelle, Frederick und Kixx bleich, obwohl
bei Kixx genauer gesagt blassgrün die bessere Beschreibung war.
BOBS waren im gesamten Universum gehasst und wurden wann
immer möglich gemieden, da diese auf dem Standpunkt standen, dass
man alles essen kann, was sich bewegt. Eine Philosophie, die diese
auch rückhaltlos betrieben. Ein Restaurant auf dem Planeten BOB,
welches irdische Küche anpreist, hat auf seiner Speisekarte nicht
unbedingt die irdischen Gerichte sondern begrenzte sich Grundsätzlich
auf die verschiedene Rassen. Frederick der mit Kapitän Hartner ein
ähnlich gelagertes Gespräch geführt hatte, suchte sich den nächsten
Eimer mit dem von Trevor hergestellten Gebräu und nahm einen
großen Schluck ohne Zuhilfenahme von Hilfsmitteln der irdischen
Zivilisation. Kaum im Magen angekommen löste das Gebräu
augenblicklich eine gewaltige Implosion aus, welche Frederick durch
verziehen seines Gesichtes quittierte. Auch bei Annabelle und Kixx
hatte diese Nachricht eine sichtlich verheerende Wirkung auf den eben
aufkeimenden Optimismus. Annabelle angelte sich ebenfalls das

ein abgeschlossenes Studium im Bereich Betriebswirtschaft oder ein entsprechender


Vorlauf im Finanzamt.
351
nächst erreichbare Gefäß, setzte an und nahm mehrere große Schlucke.
Allerdings führte der Genuss des Getränkes bei ihr zu keinerlei
körperlicher Reaktion.
„Scheiße!“ Annabelle nahm einen weiteren Schluck. „Als ein
kulinarisches Desserthäppchen auf dem Tisch eines Aliens zu enden
ist eigentlich nicht das was ich mir so vorgestellt hatte, als ich ihr
Dosen-Schiff betrat.“ Frederick wandte sich Trevor zu.
„Nun kann ich verstehen, warum du noch immer hier bist. Es
hätte dir nicht ähnlich gesehen, wenn du vor ein paar lächerlichen
Piraten gekniffen hättest, aber in diesem Fall!“ Frederick ließ den
weiteren Verlauf des Satzes unausgesprochen im Raum stehen. „Dann
haben wir also wirklich keine andere Wahl, als unseren Lebensabend
hier in diesem Schiff zu verbringen!“
„Nein, das kann und will ich nicht akzeptieren“, protestierte
Annabelle und warf das Behältnis, aus dem sie dem Getränk bisher gut
und ausreichend zugesprochen hatte in eine Ecke. „Aufgabe ist nicht
akzeptabel“, sagte sie mehrmals und schüttelte energisch den Kopf.
„Wir haben doch einen Mechaniker dabei, der sich mit den Schiffen
hier auskennt. Vielleicht kann der ja eins reparieren?“ Annabelle
schaute hoffnungsvoll zu Kixx, der noch nicht bemerkt hatte, dass die
allgemeine Aufmerksamkeit sich wieder ihm zugewandt hatte. „Kixx!“
sagte Annabelle mit hoffnungsvoller Stimme. „Sie können doch
bestimmt eines dieser Schiffe reparieren um von hier wegzukommen!“
352
Kixx war leicht verwirrt, dachte kurz über das Ansinnen der Dame
nach und versuchte dann energisch den Kopf zu schütteln, sofern das
wie immer möglich war.
„Nein, das ist leider nicht möglich. Ich habe bereits einige der
Schiffe untersucht, während sich die Herren diesem Teufelsgebräu
gewidmet haben und sie sich in ihrer Kabine verlustiert haben. Die
Schiffe dort draußen sind wirklich nur noch Schrott wert und dieses
Schiff ist für mich zu komplex, obwohl ich meinen nicht vorhandenen
Arsch schon in jeden Bordcomputer geschwungen habe, denn ich
finden konnte.
„Wenn es auch nur einen Weg gegeben hätte von hier weg zu
kommen, dann hätte ich ihn gefunden!“ warf Trevor ein. „Ich versuche
schon seit mehreren Jahren diesen Schrotthaufen in dem wir uns
befinden zum fliegen zu bringen, aber leider ist alles zu Bruch
gegangen, was für einen Flug benötigt wird. Und das was aus den
anderen Schiffen noch zu gebrauchen ist, ist nicht kompatibel zu den
Systemen hier an Bord.“
„Mit anderen Worten, wir brauchen ein flugtüchtiges Schiff
und müssen darauf warten, dass eins vom Himmel fällt!“ Frederick
war nicht sehr wohl bei den Worten die er eben als Resümee ziehen
musste, aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Tatsachen ins
inzwischen schon wieder trübe Auge zu blicken. Niedergeschlagen
saßen alle in dem Raum herum, als plötzlich Fredericks Uhr zu
353
piepsen begann.
„Stell den blöden Alarm ab“, sagte Trevor zerknirscht. „Ab
jetzt gelten keine Weckzeiten und Dienstroutinen mehr. Außerdem
wird in ein paar Wochen der Dienst sowieso die Auszahlung deiner
Dienstbezüge einstellen. Wofür also noch an veralteten Dingen
festhalten. Das ist ab sofort dein neuer Dienstort, Unterkunft und
Verpflegung frei.“ Trevor machte mit beiden Armen eine weit
ausholende Bewegung. Frederick drückte gehorsam sowie lustlos auf
eine Taste seiner Uhr um den störenden Alarm zu unterdrücken, aber
die Uhr weigerte sich mit der Hartnäckigkeit eines missgelaunten
Steuerbeamten Vernunft anzunehmen und fuhr unbeirrt mit der
Erzeugung eines nicht ganz unbeträchtlichen Lärms in Form eines auf-
und abschwellenden Signaltons fort. Frederick schaute auf die Anzeige
seiner Uhr und als er erkennen und verarbeiten konnte, was ihm das
Display anzeigte, klappte seine Kinnlade mit einem lauten Knall
herunter. Fredericks Mitstreiter schauten interessiert zu ihm herüber,
da nach einigen Sekunden kleine Speichelfäden sich munter auf den
Weg machten die recht geringe Anziehungskraft des Planeten zu
erkunden und die Gelegenheit nutzen um dem Mund zu entkommen.
Ein Anblick der abstoßend und faszinierend zugleich wirkte und die
anderen völlig in den Bann schlug.
„Ich habe ein Signal von meinem Schiff aufgefangen!“ schrie
Frederick aufgeregt ohne dabei den Mund zu bewegen, da er scheinbar
354
noch nicht gemerkt hatte, dass sein Mund offen stand. Etwas was sich
faszinierend und doch abstoßend anhörte und man bewusst nicht
nachvollziehen konnte. Frederick begann wie ein Verrückter
herumzutanzen.i Es dauerte so einige Zeit, bis die anderen verstanden
hatten was das bedeuten konnte, was aber nicht so sehr in der Analyse
der Aussage begründet lag, sondern in deren Darstellung. Alle standen
auf und eilten zu Frederick, nahmen seinen Arm und drehten ihn so,
dass die Anzeige der Uhr auch für sie sichtbar wurde. Dies geschah
allerdings nicht zur Freude Fredericks, da Annabelle, Trevor und Kixx
derart aufgeregt waren, dass sie beinahe den Arm ausgekugelt hätten.
„Wir müssen unbedingt Roderick, äh ich meine dem Schiff
signalisieren wo wir zu finden sind. Vielleicht kann er uns ja orten und
dann abholen!“
Sie eilten aufgeregt nach draußen, ohne diesmal über die Dachluke
auszusteigen, da Trevor sie trotz der Aufregung in die Richtung des
Hauptschotts dirigierte und mittels einer kompliziert anmutenden
Öffnungsprozedur das Schott öffnete. Trevor ging zu einer Konsole,
die neben der Tür angebracht war, gab einen langen Zahlencode ein,
ging dann ein paar Schritte zurück und trat mit aller Wucht vor die

i
Ohne es zu ahnen tanzte er hierbei den geheimen Wiederbelebungstanz der Kloregonen,
einer vor einigen Jahrtausenden ausgestorbenen Rasse einige unbedeutende Lichtparseks
entfernt. Leider hatte dieser Tanz zur Folge, dass sich diese Rasse abermals durch die
Evolution quälte und nach ein paar Millionen Jahren die Erde zu einem Parkplatz für ihre
neue Einkaufspassage unfunktionierte.
355
Tasteneinheit der Konsole, woraufhin sich die Tür bereitwillig und
ohne zu murren öffnete. Sie rannte nach draußen, wobei der eine über
den anderen stolperte. Außerhalb des Schiffes war es inzwischen
wieder hell geworden. Alle suchten den Himmel nach dem Dosen-
Schiff ab, von dem das Signal ausging, doch niemand konnte es
entdecken.
„Was ist? Hast du Schlaumeier etwa das Signal noch nicht
beantwortet?“ Trevor riss Fredericks Arm hoch und schaute auf die
Anzeige. Doch alles was er entdecken konnte, war die Bestätigung des
Signals und die seitdem gestartete Suchaktion in Minuten. Aber die
wichtigste Anzeige fehlte. Die Bestätigung der Bestätigung um den
Suchprozess von Seiten des Schiffes einleiten zu können. Missmutig
ließ Trevor Fredericks Arm wieder los. Es vergingen einige Minuten,
doch das sehnlichst erwartete Schiff tauchte nicht auf.
„Vielleicht ist es ja leicht beschädigt und kann deshalb nicht
starten um uns abzuholen“, sagte Kixx. „Wahrscheinlich eine
Kleinigkeit, die ich leicht beheben könnte.“ Niemand ging hierauf ein,
da jeder damit beschäftigt war den Himmel abzusuchen und kleine
Gebete zu formulieren. Nach einer Stunde intensiven Suchens und
mindestens eben solchen intensivem Betens setzten sich die vier in den
Schatten des Schiffes, das sich nun abermals anschickte für den Rest
ihres Lebens ihr Zuhause zu werden.
„Es hat keinen Sinn länger zu warten“, sagte Frederick. „Es
356
bleibt uns nichts anderes übrig, als das Schiff zu suchen um zu sehen
was mit ihm los ist.“
„Du redest manchmal von deinem Schiff, als handelt es sich
hierbei um ein Lebewesen“, sagte Trevor und betrachtete Frederick
vorsichtig von der Seite.
„Wie stellen sie sich das nun schon wieder vor?“ murmelte
Annabelle und heftete wieder einmal ihre Blicke an den Himmel als
wollte sie das Dosen-Schiff herbei zwingen. „Es kann überall und
nirgends sein und die Chance es zu finden dürfte“, Annabelle stockte
kurz, überlegte und drehte sich dabei zu Frederick um. „Angenommen
der Planetoid hat einen Fläche von circa 12.000 Quadratkilometer.
Dann würden wir ungefähr 7 Jahre benötigen um in jedem
Quadratkilometer uns eine Stunde aufzuhalten um zu suchen, wobei
ich natürlich nur den reinen Fußweg in Betracht gezogen habe und
einen Tag mit 24 Stunden angenommen habe, was hier ja nicht zutrifft.
Beim besten Willen“, Annabelle machte eine wegwerfende
Handbewegung, „da ziehe ich doch die Gemütlichkeit unseres
Quartiers vor, auch wenn mich dieser Herr da weiterhin so lüsternd
ansieht und es erschwerend hinzukommt, dass im gesamten Schiff
nicht eine ordentliche Nagelfeile aufzutreiben ist.“
Trevor der die gesamte Zeit der Himmelsbeobachtung genutzt hatte
sich jede Rundung und jedes Grübchen Annabelles einzuprägen fühlte
sich ertappt und versuchte sich empört zu geben, was allerdings
357
gründlich misslang.
„Wenn es nur um eine Zeitverkürzung bei der Suche geht, dann
wüsste ich vielleicht was“, ließ Trevor die kleine Gruppe vernehmen.
Die anderen sahen ihn fragend an, aber keiner wagte es die Frage zu
stellen, wie er das meinte. „Hier in der Nähe ist einmal ein größeres
Schiff abgestürzt und das hatte ein altmodisches irdische Flugzeug an
Bord. Vielleicht können wir es ja bergen, in Gang bringen und die
Suche aus der Luft machen?“ Frederick setzte sich auf den Boden und
begann mit einem Stein Zahlen in den Sand zu malen.
„Selbst wenn wir dieses Flugzeug finden, bergen und in Gang
setzen könnten“, beendete Frederick seine Rechnung, „so bezweifele
ich, dass wir genügend Treibstoff haben um das gesamte Areal
abzusuchen.“
„Brauchen wir nicht!“ fiel Trevor ein. „Falls du dich an einige
meiner neu erworbenen Eigenschaften erinnerst, die ich seit meines
Unfalles habe, so wüsstest du, das ich in der Lage bin den Sender
deines Schiffes in einem Radius von ungefähr 4 Kilometer zu orten.
Das heißt mit einem bisschen Glück könnten wir das Schiff finden,
bevor der Treibstoff aufgebraucht ist. Und wenn nicht, ich kann mein
Baby auch auf 100% bringen.“ Trevor deutete mit dem Daumen auf
das Ungetüm von einer Destilliermaschine.
Kixx und Annabelle schauten Trevor erstaunt an, während Frederick
langsam zu nicken begann.
358
„Dann sollten wir uns auf die Suche nach dem ominösen Schiff
machen.“
Nach relativ kurzer Zeit hatte das Grüppchen ein einzeln liegendes
Schiff erreicht, welches im Gegensatz zu den anderen Schiffen nicht
auf den Planetoiden geschmissen worden ist, sondern mittels einer
Bruchlandung hier gestrandet sein musste, da die Verformungen an
Schiffskörper nicht so stark waren wie bei den anderen Wracks. Trotz
der Verwitterung, die unaufhörlich an dem Schiff ihrer Arbeit
nachging, konnte Frederick erkennen, dass es sich hierbei um ein
Schiff des END handelte. Es musste das Schiff sein, mit dem vor 8
Jahren Trevor unterwegs war bevor er plötzlich spurlos verschwand.
„Das ist doch dein Schiff!“ stellte Frederick misstrauisch fest.
„Wie bist du denn an ein altes Flugzeug gekommen?“
„Das ist inzwischen eine alte Geschichte, die niemanden mehr
interessiert! Las die Fragerei, es ist gemein Leute auszufragen die
keinen gesunden Menschenverstand haben. Wichtig ist doch nur, dass
es fliegt“, erwiderte Trevor und machte sich daran die Tür zum
Stauraum zu öffnen, wozu er mehr als nur körperliche Gewalt
benötigte. Unter lautstarkem Protest gegen diese Art der Behandlung
öffnete sich die Tür und nach langer Zeit flutete wieder Licht in das
Innere des Schiffes um die Umrisse eines Symbols des menschlichen
Genies und dessen Erfindungsgabe in helles Licht zu tauchen. Trevor
löste einen Keil vom Vorderrad der Maschine woraufhin sich diese
359
leise in Bewegung setzte und aus dem Schiffsinneren rollte.
„Eine JU 52“, stellte Frederick erstaunt fest.
„Voll getankt und gänzlich im flugfähigen Zustand, jedenfalls
war sie das, als ich sie mir vor 8 Jahren aus dem Museum, äh
ausgeborgt habe.“
„Mit dem alten Ding wollen wir fliegen, die ist doch bestimmt
hundert Jahre alt?“ fragte Annabelle ungläubig. „Falls das jemals ihre
Absicht war, dann bitte ich sie mich hier zu lassen. Ich werde mich
dann mit Freuden auf die Festplatten der BOBS werfen und mir vorher
noch einen Apfel in den Mund stecken.“
„Vergessen sie aber bitte nicht die Petersilie in.“ Trevor wollte
seinen Satz noch zu Ende sprechen, jedoch Frederick unterbrach ihn
jäh, da er sich das Ende des Satzes lebhaft vorstellen konnte.
„Diese Maschine ist inzwischen über 150 Jahre alt, und ist
technisch und besonders optisch ein klein wenig
gewöhnungsbedürftig, aber sie wird uns sicher an unseren
Bestimmungsort bringen, wo immer dieser auch sein sollte!“ Während
sich die Angehörigen der menschlichen Spezies noch gegenseitig mit
Komplimenten überschüttete, war der Kaliler bereits an der Maschine
und begann diese zu überprüfen, wobei er über die primitive Technik
nur staunen konnte. Er war der sicheren Überzeugung, dass auch ihn
niemand in dieses Gerät bringen würde.
Was weit mehr Interesse bei Kixx hervorrief war das Dosen-Fracht-
360
Schiff, mit dem Trevor auf diesen Planeten gekommen war, denn einen
solchen Typ von Dosen-Schiff kannte er nur von den Nostalgie-
Kalendern in seiner Werkstatt. Er wollte gerade um das Schiff gehen,
als irgendetwas ihn von hinten ansprang und ihn zu Boden riss.
Verwirrt drehte er sich um und sah dem Peiniger seines Volkes der
triumphierend auf ihm saß. Kixx Tentakeln suchten und fanden sehr
rasch abermals ihren Weg und nach wenigen Sekunden verfärbte sich
Trevors Gesicht wie schon einmal in ein aschfahles Blau. Doch anstatt
sich zu wehren, wie er es beim ersten Mal versucht hatte, zeigte er mit
einer Hand immer wieder auf den Boden. Frederick und Annabelle
waren inzwischen ebenfalls herbeigeeilt und versuchten Kixx von
seinem Vorhaben abzuhalten. Nachdem er verwirrt von seinem
Peiniger abgelassen hatte und dieser bereits wieder auf bestem Wege
war sich zu erholen, erkannte er das Ding worauf Trevor vorher
gezeigt hatte. Am Boden befand sich ein kleiner Krabbelkäfer oder -
wurm oder so was ähnliches, der gerade dabei war sich seinen Weg
durch das Gestrüpp am Boden zu bahnen, wobei er von einem kleinen
Stein aufgehalten wurde. Doch anstatt den Stein zu umgehen oder wie
andere Käferwürmer auf der Erde einfach darüber zu klettern, nahm
dieser Käfer beständig Anlauf und rammte seinen Kopf vor den Stein,
der dadurch langsam aber sicher aus dem Weg geräumt wurde. Gerade
als Annabelle dem mühseligen Treiben des Käfers ein Ende setzen und
den Stein beiseite räumen wollte, kam aus Trevors gequälter Kehle ein
361
entsetzlicher Schrei.
„Nicht näher kommen, das ist ein QUA!“ Verwundert drehten
sich die drei zu Trevor um, dem pures Entsetzen auf der Stirn stand.
„Na und, es ist ein kleiner Käfer und er heißt QUA, was soll es
also. Ich will doch nur den Stein wegräumen. Nett sein, aber das ist
ihnen ja fremd.
„Ein QUA ist kein Käfer, sondern ein kleiner, daumengroßer
Wurm, der wenn er angestoßen, berührt oder getreten wird mehrmals
hoch in die Luft springt und dabei Saltos schlägt“, erklärte Trevor mit
gequälter, aber ernster Stimme, dabei seine Platz in sicherer
Entfernung zum OUA nicht verlassend.
„Das ist doch bestimmt sehr lustig“, erwiderte Annabelle
frohgelaunt. „Damit könnte man auf der Erde bestimmt ein gutes
Geschäft machen! Annabelle und ihre salto schlagenden Würmchen.
Wir sollten ein paar davon mitnehmen.“
„Da mögen sie Recht haben, klingt sehr lustig, macht aber auch
sehr tot. Das nette Tierchen sondert nämlich bei seinen Turnereinen
ein Nervengift ab, welches unter anderem einen tellierischen OKS
innerhalb von 4 Sekunden tötet, wenn ihnen dies etwas sagt.“
Frederick sagt dies etwas. Er bekam nur bei dem bloßen Gedanken an
das 4 Tonnen schwere Biest eine Gänsehaut. Er hatte die
Bekanntschaft dieses Tieres bei einem Jagdausflug mit Trevor vor
einigen Jahren gemacht und hatte noch immer Alpträume und
362
Schweißausbrüche wenn er an das Versagen seines Gewehres dachte
und wie sich das Tier darauf hin mit der Geschwindigkeit und dem
Geräusch einer altmodischen Lokomotive auf ihn zu bewegt hatte. Den
Vergleich mit einer solchen konnte man nicht nur hinsichtlich des
Gewichtes und der Geschwindigkeit ziehen, sondern auch mit der
Form des Kopfes dieses leichtfüßigen und grazilen Wesens. Der Kopf
dieser Bestie ähnelte in verblüffender Weise den Kuhfängern alter
Lokomotiven. Allerdings waren auf dem Kopf des OKS viele kleine
Zähne, die innen hohl waren und aus denen dann kleine Würmer
krochen, wenn die Bestie sein Opfer zermalmt hatte. Diese machten
sich dann über die Überreste her, die in der Regel nicht sehr nahe
beieinander lagen und deren Konsistenz auch nicht mehr die Beste
war. Nach unbestätigten Untersuchungen sind die kleinen Würmer die
eigentliche Intelligenz im Inneren des OKS. Der 4 Tonnen schwere
Körper wird durch die Würmer gesteuert und mit allem
Lebensnotwendigen versorgt, ist also praktisch nur der Wirt der
kleinen hungrigen Würmchen.
„Und was macht dann der QUA mit seinem Opfer?“ wollte
Kixx von Trevor wissen, während er inzwischen genauso wie die
Anderen bedacht war so viel Abstand wie möglich zwischen sich und
dem kleinen Turner zu bekommen.
„Was glauben sie denn was dann mit ihnen geschieht? Der
kleine Kerl ruft seine Freunde und sie reihen sich dann nahtlos in die
363
Nahrungskette dieses Planeten ein. Die Natur verschwendet nichts und
für die Würmchen ist dann Partytime.“
„Nett“, kommentierte Annabelle die Ausführungen und begann
eifrig den Einstieg in das Flugzeug zu suchen. „Gibt es auf diesem
hässlichen Planeten eigentlich nichts Angenehmes?“ Nach einigem
Suchen fand sie schließlich die Tür und begann daran herumzuzerren
um endlich in das schützende Innere des Flugzeuges zu kommen.
Plötzlich öffnete sich die Türe mit einem Ruck und Annabelle fiel
durch ihr eigenes Gewicht nach hinten und plumpste auf ihren Hintern.
Angespornt durch das Bewusstsein, dass hier ebenfalls diese mit einem
Stein Kopfball spielenden und Salto schlagenden Würmer
herumkriechen, kam sie augenblicklich wieder auf die Beine und
erklomm die zwei Sprossen in das Innere des Rumpfes in Rekordzeit.
Kixxs Körper, da er inzwischen wieder die Maschine inspizierte und
seinen technischen Verstand, an dem was Trevor Flugzeug genannt
hatte auf der Suche nach der Funktionsweise des gewellten
Ungeheuers erprobte, bebte förmlich vor Entrüstung bei der
Untersuchung des Luftgefährts.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Ansammlung von
Blech sich in die Luft erheben und dabei auch noch zusätzlich die
Gesetze der Aerodynamik überlisten kann“, kommentierte er das was
er sah. Trevor begann zu lachen, trat neben Kixx und klopfte ein paar
mal an das Blech der Maschine.
364
„Nur keine Angst mein Lieber, solange es ein paar
zusammenhängende Luftmoleküle gibt, kann diese Maschine fliegen.
Bestimmt gab es in der Vergangenheit ihres Volkes ebenfalls die ein
oder andere Flugmaschine die auf uns Menschen heute einen ebenso
unsicheren Eindruck machen würde, wie diese alte Dame auf sie.“
„Das bezweifele ich allerdings“, erwiderte Kixx und rümpfte
die Mitte seines Gesichtes, an der sich mehrere Löcher befanden.
„Meine Spezies hat den direkten Übergang vom Boden in den
Weltraum gemacht und ist niemals in der Luft herumgeflogen wie das
scheinbar auf der Erde der Fall war!“ Hilfe suchend drehte sich Trevor
zu Frederick herum. Der zuckte aber nur mit den Achseln, kletterte
ebenfalls in das Innere des Flugzeugs und setzte sich neben Annabelle
auf eine spartanisch anmutende Sitzbank. Trevor steckte seinen Kopf
durch die Einstiegsluke, sah Frederick an, schüttelte den Kopf und
zeigte auf das Cockpit. Frederick schaute erst Trevor ungläubig an und
dann noch ungläubiger zum Cockpit.
„Da vorn ist dein Platz. Während ich die Ortung vornehme,
musst du die Kiste fliegen.“ Frederick schaute noch immer starr wie
ein Hase der einem Fuchs Auge in Auge gegenübersteht in Richtung
des Cockpits. Langsam, fast bedächtig doch energisch schüttelte er den
Kopf.
„Wie kommst du den auf die blödsinnige Idee?“ Er ließ das
Cockpit nicht aus den Augen.
365
„Ganz einfach, ich muss wie gesagt die Ortung vornehmen und
das geht nun mal nicht vom Cockpit aus. Da ich den edelsten Teil
meines Körpers aus dem Blecheimer hier raushalten muss, was
gefährlich genug ist wenn du an Steuer bist und außerdem habe ich im
Gegensatz zu dir keinerlei Flugerfahrung mit Tragflächenfluggeräten!“
Frederick schüttelte energischer den Kopf.
„Ich bin zwar ab und zu Fläche geflogen, aber das hier ist ein
Museumsstück, hier muss man richtig fliegen können!“
„Na gut, dann steigen wir wieder aus und gehen zurück zu
unserem Schiff, trinken einen und warten darauf entweder zu
Appetithäppchen verarbeitet zu werden oder wetten, wem zuerst die
Leber versagt. Auf jeden Fall erwartet uns ein ausgefülltes Leben!“
„Und wenn wir trotz alledem nichts finden?“ fragte Frederick.
„Dann mein lieber junger Freund müssen wir wohl Sherlock
Holms ausgraben.“ Trevor zog seinen Kopf aus dem Inneren des
Fliegers und ging zu Kixx, der noch immer misstrauisch die einzelnen
Teile des Flugzeuges inspizierte. Annabelle warf einen flehenden
Blick zu Frederick, der wieder in Richtung Cockpit schaute.
„Haben sie wirklich Flugerfahrung mit so etwas? Ich möchte
von hier weg“, flüsterte sie. „Bitte fliegen sie uns von hier weg. Lieber
stürze ich mit ihnen ab als weiterhin hier zu bleiben.“ Frederick nickte,
erhob sich und streckte seinen Kopf aus dem Flugzeugrumpf heraus.
„Los jetzt, oder wollt ihr hier Wurzeln schlagen? Wir sollten
366
noch vor der Dunkelheit starten!“ Trevor klopfte Kixx auf eine
Tentakel und signalisierte ihm einzusteigen. Kurze Zeit später waren
Kixx und Trevor im hinteren Bereich des Flugzeugs, da Kixx Trevor
dabei helfen musste den Bereich seines Körpers aus dem Flugzeug zu
halten im dem sich der Computer befand. Annabelle setzte sich neben
Frederick in das Cockpit. Der erste Blick in das Cockpit dieses
altertümlichen Fluggerätes offenbarte eine verwirrende Anzahl von
Instrumenten und ließen Frederick sämtliche guten Hoffnungen
bezüglich der Beherrschung des Flugzeuges in seiner eigentlichen
Bestimmung, des freien Fluges danieder sinken. Er blickte unglücklich
und konnte mit keinem der Werte in die die Instrumente aufgeteilt
waren etwas anfangen. Ein kleiner Funken Hoffnung keimte in ihm
auf, als er ein Instrument entdeckte, welches offensichtlich aus einer
späteren Periode der Fliegerei stammte und der einzige erkennbare
Stilbruch bei diesem Flugzeug war. An dem Instrument befand sich ein
kleiner Schalter unter dem in rot das Wort Bordcomputer stand.
Nachdem er diesen zögernd einschaltete, wurde dieser Funke
Hoffnung auch schon im Keime erstickt, da aus einem, wahrscheinlich
in der Konsole versteckten Lautsprecher laut knackend das Wort -
Defekt - durch das Cockpit hallte. Entmutigt legte Frederick den
Schalter wieder um und der Lautsprecher gab seinen Dienst mit einem
absterbenden - Drrek - auf. Heimlich sehnte er sich nach seinem, zwar
widerspenstigen, steht eingeschnappten und wahrscheinlich schwulen
367
Schiffscomputer der wenigstens ab und an funktionierte, wenn er denn
mal wollte.
Annabelle schaute ihn flehend an, sagte aber nichts. Frederick zuckte
mit den Achseln, sagte aber ebenfalls nichts. Dann begann er auf
einige der Knöpfe zu drücken, die sich provozierend auf der
Instrumententafel herumtummelten. Die Aufteilung und Platzierung
der verschiedenen Instrumente erschien ihm auf den ersten Blick so
unsinnig und unentwirrbar wie das irdische Steuergesetz nach der
347.sten Bereinigung und Vereinfachung. Trevor der inzwischen
unruhig wurde kam nach vorn zum Cockpit.
„Na, kommt ihr voran? Weißt du schon was die Instrumente
bedeuten?“
„Noch nicht so genau, aber ich arbeite daran. Setz dich wieder
hin, warte ab was kommt und sieh zu das sich die Chips in deinem
Hintern nicht verkühlen“, sagte Frederick mit der neu gewonnenen
Autorität eines Flugkapitäns der weiß was er macht. „Die Instrumente
sind eigentlich Nebensache, so eine Kiste fliegt man mit dem Hintern“,
sagte er mit fester Stimme und machte eine wegwerfende
Handbewegung. Er umfasste die Steuersäule und bewegte sie
vorsichtig hin und her, während seine Augen einige Minuten
verzweifelt irgendeinen Knopf suchten, mit welchem er die Motoren
starten konnte. Frederick legte zuerst vorsichtig, doch dann immer
schneller alle Schalter um die er in seiner Reichweite finden konnte,
368
bis plötzlich ein lauter Knall die gesamte Maschine erschüttern ließ.
Frederick schlug entsetzt seine Hände vor sein Gesicht, stellte dann
aber zu seinem Erstaunen fest, das sich seltsamerweise einer der
Motoren langsam und widerwillig in Bewegung setzte. Diese
Widerwilligkeit wurde besonders deutlich durch die schwarzen
Wolken die der Motor in die Luft blies. Es ertönten noch zwei weitere
dumpfe Schläge und die beiden anderen Motoren nahmen ebenso
widerwillig wie zwei Beamte nach dem Frühstück ihren Dienst auf,
was diese ebenfalls durch eine Unmenge schwarzen Qualms
unterstrichen. Frederick hatte zwar noch immer nicht erkannt, warum
dies geschehen war, nahm es aber nach relativ kurzer Zeit als
endgültig gegeben hin und begann verzweifelt nach dem nächsten
Schritt zu suchen, da nun ja die ersten Voraussetzungen geschaffen
waren die Kiste in die Luft zu bekommen. Dies war scheinbar auch
Unwiderruflich, da Frederick nicht wusste wie er die Motoren gestartet
hat und daraus ebenfalls zwingend bedingt nicht wusste wie er sie
wieder stoppen sollte, außerdem machte die Maschine inzwischen
einen recht unsanften Sprung nach vorn und setzte sich dann, langsam
zwar aber stetig an Fahrt aufnehmend, über die Bodenunebenheiten
rumpelnd in Bewegung. Er musste eine kurze Zeit gegen den Drang
ankämpfen aus dem Cockpit zu rennen und sich aus dem Flugzeug zu
stürzen, bevor die Maschine genug Luft unter sich hatte, so dass ein
solcher Sprung mit mehr als nötigen Schmerzen verbunden wäre als
369
das jetzt der Fall gewesen wäre. Trevor, der inzwischen mit Kixx in
der Tür die Position durchsprach, die für den Suchvorgang von Nöten
war, hatte einmal probeweise sein bestes Stück aus der offenen Türe
gehalten, fand sich kurz darauf auf dem Boden vor der Maschine
wieder, da Kixx ihn vor Schreck hatte fallen lassen. Da aber der Motor
mit einem lauten Knall verkündet hatte, dass er nun für alle
Schandtaten bereit war, verzichtete er auf jeweiligen Kommentar und
kletterte eilig zurück und bedachte Kixx nur mit einem bösen Blick,
worauf dieser scheinbar recht dunkelgrün vor Scham zu werden
schien, was Trevor allerdings nicht mehr mitbekam, da sich das
Flugzeug mit dem bereits erwähnten plötzlichen Sprung nach vorn
rumpelnd in Bewegung gesetzt hatte und er dem Trägheitsgesetz
folgendi die entgegen gesetzte Richtung im Inneren des Flugzeuges
aus nächster Nähe zu erkunden begann. Nachdem Kixx Trevor wieder
auf die Beine geholfen hatte, versuchten die beiden eine der
angeschraubten Sitzbänke zu erreichen, die sich rechts und links im
Inneren daran machten, das ohne hin recht primitive Bild bezüglich
einer spartanischen Ausstattung zu perfektionieren. Dieses
Unterfangen wurde nach großen Mühen und von einigen, bestimmt
gewaltigen, blauen oder wie im Falle des Kalilers großen irgendwie

i
Trotz der allgemeinen Erkenntnis, daß die meisten Naturgesetze in dieser Galaxie nicht
funktionieren, so gibt es doch einige, die ab und zu funktionieren. Nämlich immer dann,
wenn man sie nicht gebrauchen kann.
370
farbigen Flecken auch geschafft. Mit aller Kraft hielten sie sich an den
Sitzbänken fest. Kixx begann an der Sitzbank herumzufummeln und
zog ein gurtähnliches Gerät hervor.
„Was machen sie denn da?“ schrie Trevor ihm durch den Lärm
der Motoren und dem Ächzen der Statik des Flugzeugrumpfes an.
„Was werde ich schon machen! Ich versuche mich
anzuschnallen!“
„Nichts da, hier wird gestorben wie ein Mann!“ Trevor
versuchte ihm den Gurt aus den Tentakeln zu reißen, worauf dieser
sich den rohen Kräften der beiden ergab und durch ein lautes Geräusch
die Kunde eines salomonischen Urteils verkündete. Völlig perplex
schauten die beiden auf den zerrissenen Gurt. Frederick und Annabelle
hatten im Cockpit ein ähnliches Szenario zu bestehen, da sich auch
hier keiner vorher darum bemüht hatte einen Sicherheitsgurt anzulegen
oder ähnliche Sicherungsmaßnahmen zu treffen, worauf sie nun
gezwungen waren sich an dem nächst besten festzuhalten, was greifbar
war. Im Falle Annabelles waren dies leider die Schubhebel der
Motoren, welche hierdurch natürlich völlig unabsichtlich, in die
Vollgasstellung gebracht wurden. Das Flugzeug nahm Fahrt auf und
hüpfte wie ein wild gewordener Gummiball über das was man
hinlänglich und mit viel Phantasie eine Wiese nennen konnte und
hinterließ, hervorgerufen durch das Fahrwerk, eine Spur der
Verwüstung in dem niedrigen und mittelhohem Gestrüpp, welches sich
371
irgendwie gierig den Gummirädern des Fahrwerks entgegenstreckte.
Es musste sich um eine mutierte Gummi fressende Pflanzenart
handeln, da nach jedem Plattwalzen kleine Gummistücke in den
Reifen fehlten. Durch die eher unkonventionelle Steuerleistung des
Cockpitteams sah die hinterlassene Spur in dem gefräßigem Gestrüpp
aus, als hätte ein OKS im Galopp über das Feld gepinkelt. Doch trotz
der widrigen Umstände gelang es Frederick sich wieder fest in seinen
Sitz zu stemmen, das Steuerhorn in die linke Hand zu nehmen und mit
einem recht unfeinen Stoß mit der anderen Hand Annabelle von ihrer
schändlichen Motorenquälerei abzubringen. Er drosselte leicht die
Motoren und versuchte das Flugzeug bei seinen Bestrebungen in die
Luft zu steigen Unterstützung teil werden zu lassen, obwohl er sich
noch nicht ganz genau im klarem war wie er das machen sollte und
warum die Maschine das nun eigentlich vorhatte. Er beschloss die
Augen zu schließen und auf ein Wunder zu hoffen wenn er sie wieder
öffnete.
„Wenn wir uns unter anderen Umständen getroffen hätten“,
schrie Annabelle mit dem Motoren um die Wette, wobei die Motoren
allerdings von ihr mit Leichtigkeit geschlagen wurden. „Zu einer
anderen Zeit, unter anderen Umständen, dann hätten wir uns bestimmt
auf Anhieb gehasst!“ Annabelle rieb ihre Hand die Frederick unter
Anwendung eines nicht unbeachtlichen Quäntchens Gewalt vom
Schubhebeln entfernt hatte. Frederick öffnete die Augen wieder,
372
erkannte dass leider kein Wunder eingetreten war und zog daraufhin
entschlossen das Steuerhorn an sich, worauf nach endlosen
Sekundenbruchteilen sich die Maschine wie ein nasser Sack in die Luft
erhob. Schlagartig verebbte das noch eben geherrschte Erdbeben und
ließ sich von einem gleichmäßigen Brummen vertreiben.
Triumphierend schaute Frederick zu Annabelle hinüber und gerade als
er ein Lächeln aufsetzen wollte, welches der Grinskatze Konkurrenz
gemacht hätte, sackte das Flugzeug wieder durch und schlug kurz
hintereinander dreimal hart auf dem Boden auf, ehe der letzte Hüpfer
das Flugzeug endgültig in die Luft katapultierte. Nun kehrte endgültig
Ruhe in das Flugzeug ein und Kixx und Trevor krochen abermals aus
dem Heck hervor, in welches sie beim zweiten Stoß geschleudert
wurden.
Trevor hielt sich, bäuchlings liegend mit der rechten Hand an der
Liege fest und schüttelte den Kopf.
„Dante hatte einmal gesagt“, begann er mühevoll und
schüttelte noch immer den Kopf. “Vorsicht ich zitiere jetzt und dann
gehe ich nach vorn und haue Frederick eine auf die Nase. Also Dante
hatte mal gesagt, Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren, und seit
heute weiß ich, was er damit meinte.“ Er rappelte sich auf und stürmte
leicht schwankend in zum Cockpit, um sein eben abgegebenes
Versprechen zu erfüllen, als die Maschine, die noch vor wenigen
Augenblicken relativ ruhig und mit inzwischen monotonen
373
Motorengeräusch die Luft durchpflügte, wieder unruhig zu werden
begann und in wilde Flugbewegungen überzugehen. Als Trevor das
Cockpit erreichte, sah er wie Annabelle mittels eines Hilfsmittels der
körperlichen Gewalt in Form eines ihrer hochhackigen Schuhe auf
Frederick einschlug. Frederick versuchte den heimtückischen Attacken
zu entkommen, da er aber weiterhin noch bemüht war verkrampft die
Maschine in der Luft zu halten, waren seine Versuche den Schlägen
auszuweichen nicht von allergrößtem Erfolg gekrönt. Trevor der die
Situation sofort richtig einschätzte, griff augenblicklich ein um die
wilden Flugmanöver, die mit Sicherheit in den nächsten Minuten zu
einer Unterbrechung der momentanen Fortbewegungsart geführt hatte
zu unterbinden. Er hielt Annabelles Arm fest und zog der sich wild
wehrenden Furie den Schuh aus der Hand.
„Ich kann sie ja verstehen“, sagte Trevor in einem
beruhigenden Tonfall, „aber im Moment ist die Suche nach dem Schiff
vorrangig. Das hier können sie sich ja bis später aufheben und
bekanntlich ist ja erlaubt was Spaß macht!“ Annabelle drehte sich zu
Trevor um und schaute ihn wütend an, sagte aber keinen Ton.
„Würdet ihr beiden jetzt vielleicht aufhören!“ schrie Frederick
sichtlich entnervt und hielt sich verkrampft an der Steuersäule fest.
„Ich versuche verzweifelt diesen blöden Haufen Schrott zu fliegen.“ Er
riss wie wild an der Steuersäule herum, um die Maschine in der Luft
zu halten, dabei gleichzeitig irgendeine Richtung anzusteuern und
374
außerdem die Flughöhe nicht innerhalb von wenigen Sekunden zu
stark in beide Extreme schwanken zu lassen. Dies in gemeinsamer
Kombination als fliegen bekannt erwies sich aber als äußerst schwierig
und nervenaufreibend, was die momentane schlechte Laune von
Frederick vielleicht annähernd erklärte. Natürlich konnten auch die
Schläge von Annabelle ihr übriges dazu getan haben. Annabelle
verzog ihren recht üppigen Schmollmund, kreuzte ihre Arme über der
ebenfalls recht üppigen Brust und schaute desinteressiert aus dem
kleinen Fenster zu ihrer rechten. Trevor nickte, drehte sich um und
ging in das Heck zurück. Er stellte sich neben die Tür, atmete dreimal
tief durch und deutete dann Kixx an die zuvor am Boden geübte
Stellung an der Tür einzunehmen. Kixx kam näher und wollte gerade
seine Tentakeln um Trevors Arme und Beine schlingen, als Trevor
noch einmal seine Hand hob. Er hob den Zeigefinger.
„Denk daran“, schrie Trevor um den Lärm der Motoren zu
übertönen, der an der geöffneten Türe noch eklatanter war. „Denk
daran mich nicht loszulassen!“ Er drehte sich zur offenen Tür um und
schaute in die Tiefe, die inzwischen beachtlich war obwohl sie noch
immer stark schwankte. „Solltest du mich trotzdem fallen lassen, so
kannst du sicher sein, dass ich, äh dass ich...“, Trevor überlegte, aber
es fiel ihm keinerlei angemessene Drohung für diesen eventuellen Fall
im wahrsten Sinne des Wortes ein. „Nun ja, zumindest sollte dann
damit mein Tag versaut sein.“ Er dreht sich wieder Kixx zu und
375
deutete ihn an, dass er jetzt bereit sei. Kixx schlang vier seiner
Tentakeln jeweils um die vier Extremitäten von Trevor, wobei Trevor
penibel darauf achtete, dass Kixx nicht seinen bestimmten Tentakel
benutzte. Kixx platzierte seine übrigen Tentakeln um die Türöffnung
herum und begann Trevor langsam rückwärts aus dem Flugzeug
herauszuhalten, so dass Trevors edelstes Teil, welches mit Elektronik
geradezu voll gestopft war, aus dem Flugzeug ragte und sich dem
Boden entgegenstreckte. Trevor schloss die Augen und konzentrierte
sich völlig auf das Signal des Dosen-Schiffes. Es dauerte einige
Minuten um das Signal zu orten und dann eine Menge Lungenkraft um
Frederick die Flugrichtung nach vorn in das Cockpit zu schreien.
Frederick, der sich langsam frei flog und begann die Maschine in den
Griff zu bekommen, ging langsam dazu über die Maschine in
kunstvolle und teilweise zu enge Kurven zu ziehen, was Kixx und
Trevor dazu veranlassten die dort auftretenden Fliehkräfte nicht nur
mit vor Anstrengung verzerrten Gesichtern zu quittierten, sondern
auch noch einige kunstvolle Flüche mit auf den Weg nach vorne
schickten, wenn Trevor wieder einmal eine erneute Peilung
vorgenommen hatte. Nachdem die vier schon einige Zeit unterwegs
waren um Fredericks Dosen-Schiff zu orten, tauchte plötzlich am
Horizont ein Lichtpunkt auf. Annabelle, die diesen Lichtpunkt als erste
gesehen hatte und versuchte Frederick darauf aufmerksam zu machen
indem sie einen leisen erstickenden Schrei von sich gab und auf das
376
schnell näher kommende Lichtobjekt zeigte.
„Jäger auf zwei Uhr!“
„Ja, okay“, antwortet Frederick genervt und schaute auf seine
Uhr. „Und was mache ich bis dahin, sind noch 3 Stunden bis zwei!“
Frederick schaute auf und starrte nun ebenfalls fasziniert auf den
Lichtfleck, der sich nach einigen Augenblicken als ein Aufklärer
entpuppte. Aufgrund der Tatsache, dass an der Maschine keinerlei
Erkennungszeichen angebracht wareni, lag der Verdacht nahe, dass es
sich hierbei um einen Aufklärer der BOBS handelte.
„Scheiße!“ Trevor sprang auf und rannte nach vorn. „Da ist ein
Aufklärer der BOBS“, schrie er ins Cockpit und fuchtelte aufgeregt in
der Luft herum, die ohnehin schon turbulent genug war. Auch der Pilot
des Aufklärers hatte das Flugzeug bemerkt und begann neugierig
einige, immer enger werdende Erkundungskreise zu ziehen.
Nachdem der Aufklärer einige Runden um dieses seltsame Fluggerät
gedreht hatte und der Pilot erkannt hatte, aus wem die Besatzung
bestand, beschloss dieser den doch recht öden Speiseplan für die
nächste Woche durch ein paar kleine Leckerbissen zu bereichern, die
in dieser Ecke des bekannten Teil des Universum nur sehr schwer zu
bekommen sind. Er lenkte seinen Aufklärer in die Flugbahn des
Flugzeuges und machte sich bereit einen lustigen und langen

i
Und das trotz des Umlaufs der Erd-Weltraumbehörde an alle raumfahrenden Spezies vom
letzten Jahr.
377
Luftkampf zu bestreiten, welchen er am Ende auf jeden Fall zu
gewinnen gedachte. Eröffnen wollte der den bunten Reigen mit dem
üblichen Ausbremsen, ein Manöver was erst durch das Magnetfeld des
H-P-Triebwerk möglich geworden ist. Diese klassische Eröffnung
sollte den gegenseitigen Respekt der Piloten voreinander
symbolisieren, bevor der eigentliche Kampf begann.
Doch was nach den neuen Luftkampfpraktiken für einen Luftkampf
zwischen zwei Raumschiffen gilt, gilt nicht unbedingt für eine
Begegnung zwischen Raumschiff und Flugzeug, besonders wenn
letzteres den launischen Göttern der Aerodynamik unterworfen ist und
zudem noch nie etwas von dem Magnetfeld eines H-P-Triebwerk
gehört hatte. Wenn dann letzteres noch mit einer Mannschaft bestückt
war, die bereits damit überfordert war, die Maschinen anzulassen
konnte man davon ausgehen, dass innerhalb der nächsten Minuten für
Kurzweil gesorgt war. Während der Pilot des BOB-Aufklärers
lächelnd das Flugzeug näher kommen ließ und sich fest in seinen Sitz
presste, um die Stosswelle abzufangen, breitete sich im Flugzeug eine
gewisse Panik aus, da die Cockpitbesatzung nicht nur das geplante
Manöver des BOB-Piloten erkannte, sondern sich auch noch in etwa
ausmalen konnte, was in wenigen Sekunden passieren würde.
Auch wenn vor noch gar nicht langer Zeit der Lateiner den Menschen

378
als Homo Sapiens, also vernunftbegabtes Wesen tituliertei, so hatte er
doch nicht ahnen können, dass die Menschheit auch einige
Jahrtausenden der Evolution, der Erfindung der elektrischen
Zahnbürste und der Telefonkarte derart stark den Bach herunter geht,
dass eine Gefahrensituation auch heute, wie in grauer Vorzeit, noch
immer dadurch zu überstehen versuch wird, indem die Taktik Hase
kontra Schlange eingesetzt wird, wobei der Mensch leider immer
wieder die Rolle des Hasen einnimmt.
Um diesen Erwartungen dann auch gerecht zu werden, bewegten sich
weder Frederick noch dessen Co-Pilotin um den abzusehenden
Zusammenstoss vielleicht noch zu verhindern. Bei der kurz darauf
erfolgenden Kollidierung, zerschnitt die rechte Tragfläche des
Flugzeuges die gesamte untere Hälfte des Aufklärers, was dieser kurz
darauf mit einem recht malerischen Absturz quittierte. Das Flugzeug
setzte unbeirrt seinen eingeschlagenen Weg des dritten Newtonschen
Gesetzes fort und quittierte den Zusammenstoss nur mit einem
leichten, wahrscheinlich freudigen Erzittern des Rumpfes.
Im Flugzeug herrschte für einige Zeit betretendes Schweigen und erst
nach einigen Minuten waren sie alle wieder in der Lage sich zu rühren.
„Das ist halt noch gute alte Vorkriegsware!“ Trevor klopfte
Frederick einmal auf die Schulter und ging dann wieder zurück, um

i
Seltsamerweise übernahm keine der im bekannten Teil des Universum entdeckten Rassen
diesen Begriff.
379
weitere Peilungen vorzunehmen. Doch es sollte nicht die einzige
Schwierigkeit gewesen sein, bis das Flugzeug wieder festen Boden
unter dem Rumpf hatte, ohne dabei einen längeren Weg im freien Fall
zurücklegen zu müssen.
Nach circa einer weiteren halben Stunde relativ ruhig verlaufender
Flugzeit und unzähligen Peilungen, begann sich Trevor urplötzlich
aufzubäumen und wie Tarzan zu gebärden, der Jane beim Aufräumen
seiner Junggesellenbude erwischte. Jane war gerade dabei sämtliche
Exemplare von Playmonkey den Weg alles Sterblichen gehen zu
lassen. Kixx hatte alle Mühe Trevor zu halten und in das Innere zu
ziehen. Er rannte aufgeregt nach vorn, nachdem er seine menschliche
Last auf der linken Sitzbank abgelegt hatte. Trevor lag stocksteif auf
der bereit erwähnten unkomfortablen Sitzbank und starrte mit einem
nichts sagenden Blick an die Decke des Fliegers.
„Schnell“, schrie Kixx derart laut und aufgeregt, dass sich
seine Stimme überschlug und er sich wie ein pubertierender
Jungfrosch anhörte. Frederick zog vor Schreck den Steuerknüppel zu
sich heran und machte somit Kixx erneut auf das manchmal
funktionierende Gesetz der Schwerkraft aufmerksam. Der hierdurch
Angesprochene folgte auch treu und brav diesem Ruf und wurde
wieder zurück in das Heck befördert. Die verzweifelt nach Halt
suchenden Tentakeln rutschen mit einem recht widerlichen Quietschen
über den Boden des Hecks und der Ton verstummte erst, als Kixx mit
380
einem ebenso widerlichem Geräusch, welches entfernt an
revoltierende Studenten in der Mensa erinnerte die bei der
Neugestaltung der Kantine die gerade servierten Frikadellen
verwendeten, an der Heckwand seine Reise durch das Innere des
Fliegers beendete. Hätte man diese Szene in einem Film gesehen, so
wäre sie als billiger Slapstick abgetan worden. Frederick hatte nach
endlos erscheinenden Sekunden die Maschine wieder in eine
einigermaßen stabile Fluglage gebracht und erkannte sofort den
Zustand von Trevor, wobei er keinen Blick für Kixx übrig hatte, der
gerade dabei war seine Tentakeln zu ordnen, die durch die etwas
unsanfte Rückförderung in den hinteren Teil des Fliegers ziemlich
durcheinander geraten waren. Frederick stellte fest, dass scheinbar
auch das Gesetz der Reibung hier in Ausnahmefällen galt, da Kixx
kräftig auf die Spitzen seiner Tentakeln blies, die noch vor kurzem
versucht hatten einen Halt am Boden zu finden.
„Sie haben das Kommando!“ schrie er Annabelle zu, ließ
augenblicklich die Steuersäule los, kletterte aus dem Sitz und stürmte
nach hinten. Annabelle die völlig perplex war über die neu gewonnene
Verantwortung tat das einzig richtige, was diese Situation erforderte.
Sie schloss die Augen und begann von einhundert an rückwärts zu
zählen, der festen Überzeugung anhängig bei Null ein etwas lauteres
Geräusch zu vernehmen, welches große Ähnlichkeit mit dem
zerbersten von Metall haben dürfte, zerberstendes Metall das aus
381
großer Höhe und mit großer Geschwindigkeit auf den Boden aufprallt
um dabei die Form eines metallenen Pfannkuchens anzustreben.
Frederick kniete sich neben Trevor, umfasste mit beiden Händen
dessen Gesäß und presste beide Pobacken derart kräftig zusammen, als
wolle er Nüsse knackten. Trevor bäumte sich kurz auf und innerhalb
weniger Sekunden war er wieder der Alte.
„Du hast noch immer die alte, schmutzige Technik drauf.“
Trevor richtete sich auf und rieb sich den Hintern. „Aber beim
nächsten Mal sollte ich vielleicht doch auf die Dame bestehen, da ich
auf diese Maso-Tour von dir nicht mehr stehe. Außerdem weiß ich
nicht wie ich meiner Braut die blauen Flecken erklären soll.“ Frederick
machte ein paar Schritte rückwärts und setzte sich leicht mitgenommen
auf die gegenüberliegende Bank.
„Erstens hast du keine Braut mehr und zweitens solltest du froh
sein, dass ich dir im wahrsten Sinne des Wortes deinen Arsch gerettet
habe.“ Frederick machte ein paar Fingerübungen, die darin gipfelten
jeden Finger einzeln knacken zu lassen. „Da fällt mir ein, die wollten dir
doch eigentlich einen Schutz einbauen, damit man nicht immer auf diese
und in der Öffentlichkeit nicht gern gesehenen, Art und Weise einen
Warmstart durchführen kann?“
„Tja, das war vor acht Jahren, aber wie du weißt hatte ich in den
letzten Jahren andere Dinge zu erledigen als mich um die Mikrochips am
anderen anderen Ende meines Kauwerkzeuges zu kümmern!“
382
„Dann waren diese Planungen also alle fürn.“ Weiter kam
Frederick nicht, da in diesem Moment das Flugzeug beschlossen hatte,
endlich mal ein wenig Stimmung in das zur Zeit ziemlich langweilige
Betriebsklima zu bringen. Landläufig hält sich noch immer das
hartnäckige Gerücht, dass es sich bei Flächenflugzeugen um stabile und
bei Drehflüglern um instabile Fluggeräte handelt. So hatte es schon der
alte Da Vinci festgelegt und die Mehrheit der Menschen hatte sich auch
nicht dagegen ausgesprochen. Auch im bekannten Teil des Universum
gab es hierbei keine Ausnahmen und die sich dort tummelnden
Fluggeräte bemühten sich treu und brav diesem Grundsatz genüge zu tun
schon allein aus dem Grund um dem ein oder anderen nicht ganz
offensichtlich vor Augen zu halten, dass sie eigentlich nicht in der Lage
waren ein Fluggerät zu beherrschen, weshalb der beste Freund im
Cockpit der Bordcomputer wurde. Dies hielt die Flächenflugzeuge aber
auch nicht davon ab als stabile Fluggeräte weiterhin ihrem Ruf zu frönen,
schließlich hatten sie es nicht anders gelernt und einem ausgewiesenen
Genie wie Lenii widerspricht man nicht. Aber gerade das von unseren
vier Helden zur Zeit benutzte Fluggerät beschloss, beseelt durch die
fehlende Gültigkeit der meisten Naturgesetze und der Unkenntnis der
sich daraus ergebenden Folgen für die Luftfahrt, aufgestellt von einem
der letzten Universalgenies der Menschheit, sowie dem Drang sich der

i
So durfte ihn allerdings nur sein gelbes Quietscheentchen nennen. Es ist schon tragisch
wie sich suchterzeugenden Mittel auch auf ausgewiesene Genies auswirken.
383
Allgemeinheit zu entziehen, nicht weiterhin als das kleine Dummchen
der allmächtigen Stabilität im freiem Flug zu gehorchen.
„Freiheit!“ schien es aus sämtlichen Nieten der Maschine
herauszuplatzen und es beschritt einen negativ eingestellten Weg zur
Stabilität. Dies wirkte sich unmittelbar für die vier Passagiere darin aus,
die laut schreiend bemerkten, dass die Fluglage nach kurzer
Überschlagsrechnung sich dahingehend verändert hatte unvermeidbar
einen sich kurzfristig einzustellenden Bodenkontakt hervorzurufen. Diese
Bodenkontaktierung sollte zwar in allernächster Zeit sowieso hergestellt
werden, aber auf eine etwas andere Art und Weise als die, die zurzeit
erkennbar war. Frederick rutschte dem Cockpit entgegen und kletterte
dort angekommen mit schnellen, fast schon professionell anmutenden
Bewegungen in den Sitz und begann mit aller Kraft an der Steuersäule zu
ziehen. Hierbei musste er sich mit beiden Beinen am Instrumentenbrett
abstützen, wobei er den Kasten zertrat, auf dem Bordcomputer stand. Als
Frederick dies bemerkte, trat er noch einmal auf den Kasten, da dieser
eigentlich die Schuld an dieser Misere trug. Schließlich hätte er ja auch
funktionieren können. Während er sich darauf konzentrierte sämtliche
Kraft in das Hochziehen der Maschine zu investieren, konnte er es sich
doch nicht verkneifen einen Blick auf Annabelle zu werfen, der er vor
kurzem die Verantwortung für diesen Blecheimer anvertraut hatte. Diese
saß noch immer mit geschlossenen Augen auf dem Co-Pilotensitz und
zählte Rückwärts. Sie war schon bei fünfzehn angekommen und als
384
Frederick einen Blick aus der Kanzel auf den sich schnell nähernden
Boden geworfen hatte, konnte er sich lebhaft vorstellen was passieren
sollte, wenn Annabelle bei Null ankäme. Doch trotz der momentan recht
miesen Chancen, die auf diesem Planetoiden existierenden, äußerst
launischen Götter der Aerodynamik zu überlisten, gepaart mit dem
Aufheulen der Motoren die an ihrer Leistungsgrenze angekommen waren
und dem monotonen Singsang in dem seine Co-Pilotin die letzten Zahlen
herunterleierte, zerrte Frederick derart kräftig an der Steuersäule der
armen geplagten Maschine, das diese sich zu verbiegen begann. Langsam
begann sich die Maschine wieder Erwarten aufzurichten und ungefähr 3
Meter über dem Boden im perfektesten Tiefflug dahin zuschießen, womit
er auf der Erde beim weiblichen Geschlecht bestimmt tiefste
Bewunderung hervorgerufen hätte, hier allerdings war ihm diese Ehre
nicht gegönnt. Frederick konnte leicht aufatmen und verzweifelt suchten
seine Hände nach den Schubhebeln um die Leistung der Motoren ein
klein wenig zu drosseln.
„Wenn ich nur wüsste, was das L auf dieser komischen
Treibstoffanzeige zu bedeuten hat?“ murmelte er vor sich hin. Er suchte
weiter dem richtigen Knopf oder Hebel zur Leistungsverminderung, doch
als er diesen endlich gefunden hatte wurde ihm die gewünschte
Leistungsverminderung von ganz allein gewährt, da die drei Motoren
nacheinander beschlossen, erst einmal in eine unbefristete Streikphase zu
treten, welche von der Treibstoffzufuhr leichtfertig unterstützt wurde, da
385
diese hierdurch deutlich zu erkennen gab, dass sowieso kein Treibstoff
mehr zur Verfügung stand. Annabelle, die inzwischen bei minus vier
angekommen war öffnete vorsichtig ein Auge. Als sie erkannte das der
Boden nicht mehr auf sie zuraste beschloss auch das andere Auge dem
Vorbild des anderem zu folgen. Freudig drehte sie sich zu Frederick zu,
beugte sich zu ihm hinüber und schlang ihre Arme um ihn. Diese Geste
der Freude wurde zu ihrer Überraschung von Frederick allerdings nicht
erwidert.
„Die Motoren setzen aus!“ schrie er aufgeregt und versuchte
Annabelle abzuschütteln, was ihm aber nicht gelang, da diese aufgrund
der möglichen Konsequenzen, die in Erkenntnis was sich aus einem
solchen Unterfangen ergeben könnte, sich erst recht an Frederick
festhielt. Erst als Frederick einem Baum ausweichen musste, wurde durch
die Fliehkraft Annabelle weggeschleudert. Sie landete hart auf dem Co-
Pilotensitz, wobei sie hinter dem Sitz ein kleines Buch erblickte.
Instinktiv griff sie nach dem Buch und förderte es nach vorn.
„Handbuch“, lass sie laut vor. Sie blickte zu Frederick herüber,
der wie ein pavlowscher Hund auf ein Klingelzeichen reagierte und sie
ebenfalls anschaute.
„Schnell! Schlagen sie nach wie man diese Kiste in einem Stück
wieder auf den Boden bringt.“ Hecktisch begann Annabelle in dem Buch
zu blättern.
„Landung, Kapitel dreizehn!“ Annabelle durchblätterte schnell
386
die übrigen Kapitel um die Anweisungen für die Landung zu finden.
Nach langem nervösem blättern, begleitet von ein paar kräftigen Flüchen
die Frederick normalerweise die purpurne Schamröte in das Gesicht
getrieben hätten, wäre in diesem Augenblick nicht gerade dieses kleine
Problem mit der Maschine, fand sie endlich das richtige Kapitel.
„Landung“, lass sie laut vor und man konnte einen Hauch von
unendlicher Dankbarkeit in ihrer Stimme mitschwingen hören.
„Los, weiter vorlesen!“ schrie Frederick. „Ich kann dieses Baby
nicht mehr lange in der Luft halten. Was zum Teufel steht denn da nun?“
Er hatte Schweiß auf der Stirn und seine Fingerknöchel begannen sich
langsam von schneeweiß in blassgrau zu färben, derart verkrampft hielt
er die Steuersäule fest. Annabelles Gesichtsfarbe schien sich im selben
Augenblick für die gleiche Färbung zu entscheiden. Mühsam und
stammelnd stieß sie den einzigen Satz hervor, welcher unter dem
Landungs-Kapitel zu entdecken war.
„Überlassen sie die Landung unbedingt und auf jedem Fall dem
Kapitän.“ Annabelle und Frederick tauschten wiederum einige Blicke
aus. Gefangen in dieser Ausweglosigkeit ließ Frederick einfach den
Steuerknüppel los, ließ seine Arme rechts und links vom Pilotensitz
baumeln und überließ sich und seine Mitstreiter einem ungewissen
Schicksal, welches in der Tradition des bisherigen Verlaufs seiner Reise
bestimmt wiederum zu einigen Überraschungen oder aber zu einer
endgültigen Lösung führen würde. Die anschließende Landung wäre
387
auch wahrscheinlich ein klein wenig besser verlaufen, wenn Frederick
nicht kurz vor der eigentlichen Landung das unwahrscheinliche
Bedürfnis gehabt hätte, die Steuersäule doch wieder zu ergreifen um dann
die Maschine zwei Meter über dem Boden abzufangen, was diese auch
bereitwillig in der Lage war durchzuführen, allerdings mit der Option
darauf, wenige Sekunden nach dem Verweilen in dieser Position einfach
zu Boden zu fallen.

Nachdem sich der Lärm von berstenden und verbiegenden Metall und
einigen unmotivierenden Schreien seiner Mitpassagieren, welche meist
beleidigenden Inhaltes über den Piloten waren, gelegt hatte befand sich
der Flugapparat, wenn man so den traurigen Rest nennen wollte, der als
solcher nicht mehr in der Lage war von einem unbeteiligten Dritten als
ehemaliges Flugzeug identifiziert zu werden, teilweise in seinen
einzelnen Komponenten zerlegt am Boden.
„Erstaunlich“, dachte Frederick. „Wie sehr doch Metall in der
Lage ist, den Kräften der Torsion und der Dynamik eine Stimme zu
verleihen.“ Frederick, der beseelt war von dem Gedanken, wieder einmal
eine Klippe des Lebens gemeistert zu haben, sprang aus seinem Sitz und
machte jene unmissverständliche Geste unter zu Hilfenahme seines
rechten Armes und seiner Hüfte, die jedem Sportprofi der Erde nach
388
einem davongetragenem Sieg, gepaart mit einer der leider immer noch zu
versteuernden Unsummen an Siegesprämie, Ehre eingebracht hätte. Dann
bahnte er sich seinen Weg nach draußen durch am Boden sitzenden oder
liegenden Körpern seiner Passagiere und umher liegenden Teilen des
Flugzeuges, um sein Werk auch richtig bewundern zu können. Nachdem
er ein paar Meter vom Wrack der Maschine erkannt hatte, das weder
Krankenwagen noch Feuerwehr hinsichtlich seiner Landung benötigt
wurden erklärte der diese Landung zu einer gelungenen Landung, und
auch die landläufige Bedeutung des Wortes Punktlandung bekam für ihn
eine neue Bedeutung.
„Kapitän Frederick freut sich sie an Bord gehabt zu haben und
wünscht ihnen einen schönen Aufenthalt“, rief er begeistert seinen
Kameraden zu, die gerade dabei waren aus dem auszusteigen, was sich
vor wenigen Sekunden noch fliegendes, intaktes Flugzeug geschimpft
hatte. Nur äußerst mühselig befreiten sich die anderen aus dem Verhau
und begannen ebenfalls nach draußen zu gehen oder zu kriechen, je nach
dem wie der momentane Zustand des Einzelnen dies zuließ. Frederick
bereitete sich innerlich schon darauf vor, dass es nur noch wenige
Augenblicke dauern konnte, bis sich die drei über ihn hermachten um
sich für die soeben dargelegte Landung zu bedanken, wobei ein Teil
seiner Vorstellungskraft sich besonders mit den äußerst beweglichen
Tentakeln des Kalilers beschäftigte. Frederick schloss die Augen und
erwartete jeden Augenblick die erste körperliche Konfrontation. Doch
389
anstatt sich über ihn herzumachen, torkelte einer nach dem anderen an
ihm vorbei in Richtung eines Erdhügels am Rande eines mittelgroßen
Sees. Frederick, der bisher nur Augen für das Flugzeugwrack hatte,
öffnete diese wieder, drehte sich langsam um und sah, wie sich die
anderen seinem Dosen-Schiff näherten. Das Schiff steckte bis zur Hälfte
in einem frisch aufgeworfenen Hügel am Ufer des Sees. Es war nicht
möglich zu erkennen, ob irgendwelche Schäden am Schiff waren, aber
das war im Moment auch nur Nebensache. Frederick rannte hinter den
anderen her, die schon etliche Meter Vorsprung hatten und sich dem
Schiff singend, grölend und gegenseitig auf die Schulter klopfend
näherten. Frederick beeilte sich die anderen einzuholen um auch seinen
Teil von Schulterklopfen abzubekommen und ebenfalls auszuteilen. Es
schien als hätte Roderick eine ähnliche Landung hingelegt wie er gerade
eben, allerdings ohne gleich einen Totalschaden zu fabrizieren, wofür er
natürlich dankbar war. Nachdem sie beim Schiff angekommen waren,
blieben sie zögernd stehen und schauten sich gegenseitig an.
„Ich werde hineingehen und nachschauen ob noch was zu retten
ist“, sagte Frederick. Die anderen nickten stumm und starrten voller
Hoffnung auf das verdreckte Schiff. Frederick ging langsam zum
Eingangsschott, schaute vorsichtig hinein und schaute dann noch einmal
zu seinen Begleitern. Annabelle winkte ihm zaghaft. Dann nahm
Frederick allen Mut zusammen und trat in das Innere. Zögernd begann
die Innenbeleuchtung sich an seine Arbeit zu machen und nach ein paar
390
Sekunden flammte das Licht endgültig auf und erhellte das Innere.
Frederick erblickt ein Chaos der Unordnung, da alle Gegenstände die
nicht in irgendeiner Art und Weise am Boden oder sonst wo befestigt
waren sich mal wieder den Gegebenheiten, und den bereits immer nur
dann funktionierenden Naturgesetzen wenn es zum negativen ist,
angepasst.
„Roderick?“ begann Frederick leise zu rufen. „Roderick, kannst
du mich hören?“ Gespannt hielt Frederick den Atem an, aber er bekam
keine Antwort. „Schiffscomputer I. Klasse! Erstatten sie Meldung!“
schrie Frederick voller Panik.
„Sehe ich schlimm aus?“ ertönte eine leise und gequälte Stimme.
„Du kannst mir ruhig die Wahrheit sagen, ich hatte viel Zeit darüber
nachzudenken während ich hier ganz allein war. Ich möchte gern
Teilespender für andere Schiffe werden, damit ich in anderen weiterleben
kann. Versprichst du mir das?“
„Ich hoffe du hast den Scheck für deinen Innenarchitekten
sperren lassen“, hörte er plötzlich Trevor hinter ihm sagen. „Hier sieht es
ja echt Scheiße aus.“
„Wer ist denn dieser süße Kerl und wo hast du ihn aufgegabelt?“
jauchzte Roderick als Trevor in den Bereich der Kameras kam.
„Ich dachte du strebst gerade eine Karriere als Teilespender für
die Unsterblichkeit an!“ sagte Frederick lachend und freute sich, dass
sein Schiffscomputer scheinbar wieder ganz der Alte war und bis auf das
391
Chaos im Inneren an seinen Systemen keinen Schaden erlitten hatte. Was
allerdings die Hülle anging, so gab er sich vorerst keinen Hoffnungen
hin.
„Hey, dass ist der erste Schiffscomputer den ich kenne, der
flottere Sprüche drauf hat als ich. Wo hast du das Programm her, von dir
kann er die nicht haben.“
„Das ist eine lange Geschichte und im Moment uninteressant.“
Frederick widmete sich wieder dem Chaos am Boden zu. Hier entdeckte
er nicht nur diverse schmutzige Unterwäsche, sondern auch Teile des
vermissten Wartungsroboters und diverse Ausgaben eines Magazins,
welche einen gewissen Teil des menschlichen Geschlechts, zu deren
Eigentümer weder Frederick noch Trevor gehörten, in verschiedenen
Posen zeigte, die mit einem natürlichen und der Spezies Mensch
angepassten Bewegungsablauf recht wenig zu tun hatte, oder diesem
bestimmt abträglich waren. Andererseits schien dieses Magazin die
Aufmerksamkeit von Trevor zu erregen, da er sich nach dem visuellen
Erfassen der am Boden liegenden Magazine mit einem lauten Schrei
darüber hermachte.
„Mann, -Nudes in Space- mein Lieblingsmagazin. Davon habe
ich die vergangen acht Jahre geträumt.“ Trevor schlug sofort die Mitte
des Magazins auf und ließ das Faltbild nach unten aufklappen.
Verzweifelt suchte er nach einem Halt. „Das kann doch nicht sein“,
stammelte er. „Sag mir, das das nicht wahr ist, nicht wahr sein kann,“
392
bettelte er Frederick an. „So wie die gebaut ist kann man sie ja nur in der
Schwerelosigkeit fotografieren.“
„Wieder einer den ich mir von der Backe putzen kann“, sagte
Roderick geknickt. „Wie wäre es denn, wenn sich jetzt endlich mal
jemand um mich kümmert?“
„Schnell, kommt raus“, schrie Annabelle plötzlich. „Schnell!“
Frederick und Trevor rannten nach draußen, wo Annabelle und Kixx mit
offenem Mund nach oben zeigten. Am Himmel erkannten sie mehrere
Aufklärer, die unzweifelhaft zu den BOBS gehörten und welche
bestimmt auf der Suche nach dem abgestürzten Piloten oder der Ursache
dafür waren. Nachdem was sich Frederick über die BOBS in sein
Gedächtnis zurückrufen konnte werden bestimmt nicht nur um die
sterblichen Überreste des Piloten, falls es den so gekommen sein sollte,
einer ordnungsgemäßen Bestattung zukommen zu lassen. Zuerst würden
sie den Grund für den Absturz suchen und sollten sie ihn gefunden haben,
restriktive sie Vier, so würden sie alle zweifelsohne, inklusive der
Überreste des BOB-Piloten, in einem gemeinsamen Topf landen. Auch
ein Teil von aktiver Völkerverständigung.
„Was sollen wir tun?“ fragte Kixx und wendete seinen Blick
keine Sekunde vom Himmel und der dort kreisenden Aufklärer ab.
„Ihr fangt an das Schiff auszugraben und ich werde versuchen das
Triebwerk zu aktivieren“, befahl Frederick mit einem Tonfall der keinen
Widerspruch zuließ, drehte sich um und rannte zurück. Achselzuckend
393
schauten Trevor und Annabelle sich an, liefen gleichzeitig zum Bug des
Schiffes und begannen mit bloßen Händen das Schiff auszugraben. Kixx,
der sich nicht vom Anblick der Aufklärer losreißen konnte stand
weiterhin unschlüssig herum. Frederick war inzwischen bei der
Pilotenkanzel angekommen und begann wie wild auf den Kontrollen
herumzudrücken, ohne eigentlich zu wissen was er tat.
„Sag mal, was machst du da eigentlich?“ fragte Roderick mit
einer Seelenruhe die im krassen Gegensatz zu der Hektik stand, die
Frederick in diesem Moment an den Tag legte.
„Na was glaubst du denn? Draußen hängt der Himmel voller
Aufklärer der BOBS auf der Jagd nicht nur nach unseren Ärschen und ich
möchte es eigentlich vermeiden, wenn ich es kann, in deren Töpfen zu
landen.“ Frederick begann wieder auf den Kontrollen herumzuhämmern.
„Soweit was ich gehört habe, ist es unter Umständen möglich das
man nicht unbedingt einen Umweg über die Töpfe nehmen muss um im
Magen eines BOB zu landen.“ Roderick machte eine kleine Pause um
sein eben gesagtes ein klein wenig wirken zu lassen. „Es gibt da einige
Gerichte bei denen der Nahrungsträger direkt und unzubereitet, bei
lebendigem Leib dem Nahrungszyklus der BOBs zugeführt wird.“
Für einen Moment stockte Frederick, schluckte schwer um dann umso
eifriger die Konsole und die darauf angeordneten Kontrollen zu
bearbeiten.
„Mist, warum funktioniert den hier nichts mehr?“ Entmutigt ließ
394
sich Frederick in den Pilotensitz fallen und schlug mit der flachen Hand
auf die Sessellehne. „Vielleicht hilfst du mir mal und gibst mir endlich
mal eine Schadensmeldung!“ Frederick schlug noch einmal auf die
Sessellehne ein um seiner Forderung mehr Nachdruck zu verleihen.
„Wird mein kleiner Schnucki etwa langsam nervös?“ säuselte
Roderick. „Hat da jemand Angst um sein kostbares Gehänge oder wie
sehe ich das hier?“
„Spar dir jetzt deine unangebrachten Sprüche, die Lage ist
diesmal wirklich ernst und wir müssen hier weg, schleunigst weg.“
Roderick erwiderte nichts und verhielt sich abermals ruhig.
„Überleg doch ausnahmsweise mal!“ begann er schließlich.
„Warum ich euch nicht wie Versprochen wieder aufgenommen habe?
Vielleicht weil ich ein wenig die Planetoidenoberfläche angekratzt habe
oder ich im Moment ein äußerst mieses Horoskop habe.“ Roderick
verstummte kurz und ein leises Brummen ging durch den Zentralrechner.
„Ich habe es übrigens gerade nachgerechnet, wenn ich den Grunddaten
meiner Erschaffung trauen darf, habe ich zur Zeit wirklich einige
bemerkenswert miese Konstellationen in meinen Häusern, besonders
negativ ist momentan der Einfluss des Neptun auf meine Lebenslinie.
Aber dies nur am Rande. Ein Schadensbericht kann übrigens nicht
gegeben werden, weil mir meine wieselflinken kleinen niedlichen
Sensoren sagen, dass kein Schaden vorliegt und das bisschen Erde um
mich herum schiebe ich normalerweise mit links weg. Du kannst
395
übrigens den Süßen und die überproportionierte Tussi wieder reinholen,
bevor er sich noch seine Fingernägel ruiniert.“ Roderick stockte kurz,
kam dann aber wieder schnell zum eigentlichen Thema zurück. „Wenn
ich aber versuche auch nur das klitzekleinste Programm der
Flugsteuerung zu starten, dann habe ich in meinen Steuereinheiten
Achterbahn.“
„Was soll das heißen?“ Frederick betrachtete die Kontrollen
plötzlich mit anderen Augen.
„Das soll heißen, dass ich keinerlei Zugriff mehr habe zu den
Programmen der Flugsteuerung und wenn ich den letztem Scan-Check
glauben schenken darf, dann habe ich in ungefähr 8,357 Minuten
außerdem auch keinen Zugriff mehr auf deine elektronische Sammlung
von diesen Damen, die immer dieser komischen Zeitschrift beiliegen und
mit denen du früher immer meine Bildschirme vor dem Einbrennen
geschützt hast, jedenfalls hast du mir das immer versucht einzureden.“
„Nichts geht mehr, und in 8,375 Minuten ist auch noch Monika
de Lora für immer verschwunden?“ fragte Frederick sichtlich geschockt.
„8,21 Minuten und vor allem Monika!“
In diesem Moment kamen die anderen drei zum Schott herein und
brüllten gleichzeitig wirre Dinge durcheinander, wobei jeder versuchte
den anderen an Verwirrung und Lautstärke zu überbieten. Dennoch
gelang es Frederick, zu mindestens zu 78 Prozent, den Sinn des verbalen
Sturmes, der auf ihn einwirkte zu erkennen. Scheinbar wurden sie
396
entdeckt.
„Seid ruhig!“ schrie Frederick seinen Begleitern zu, wandte sich
dann, als überraschend wirklich Ruhe eingekehrt war wieder Roderick
zu. „Roderick, was ist mit den Notstartmodus los? Ich habe keinerlei
Anzeigen auf dem Kommandopult und dieses System läuft doch
eigentlich unabhängig von den anderen Systemen!“
„Das ist richtig, aber wie gesagt meine Sensoren melden mir
keine Schäden oder Fehler im System und trotzdem funktioniert nichts.“
Kixx der bislang sich kaum gerührt hatte und der auch bei der versuchten
Freilegung des Schiffes nur wie hypnotisiert in die Luft geschaut hatte,
eilte plötzlich auf die Pilotenkanzel zu, indem er Annabelle und Trevor
einfach an die Seite fegte, wobei diese sich auch äußerst bereitwillig dem
allgemeinem Wust, der zur Zeit im Inneren des Schiffes herrschte,
anpassten und der Länge nach hinfielen. Beim Kommandopult
angekommen öffnete er eine kleine verdeckte Klappe, in der sich
Unmengen von zerknülltem Bonbonpapier befanden. Kixx fuhr mit einer
seiner Tentakeln in das Innere und nur wenige Sekunden, nachdem sich
das durch diese Aktion hervor gewühlte Papier auf dem Boden
breitgemacht hatte, war laut und deutlich ein Fluch zu vernehmen,
welcher eindeutig nicht die Zustimmung einiger konservativer Zeitgeister
gefunden hätte.
„Die Aschenbecherbeleuchtung ist hin!“ schrie Kixx und geriet
dabei fast in Hysterie. Annabelle, Frederick und Trevor schauten sich
397
fragend an und zuckten dann schließlich mit den Schultern.
„Das sollte im Moment glaube ich unsere geringste Sorge sein“,
sagte Annabelle und versuchte mittels einfühlsamer Stimme die
Verzweiflung von Kixx ein klein wenig zu dämpfen. „Das wichtigste ist
jetzt, wenn ich das noch einmal in Erinnerung rufen darf, das
Navigationssystem.“
„Da muss ich ihnen leider widersprechen und gleichzeitig
zustimmen“, sagte Kixx mit einer wahrhaftigen Grabesstimme. „Ohne
dieses kleine unscheinbare Lämpchen hier können sie das gesamte Schiff
auf den Schrott werfen.“ Kixx hielt dabei die soeben erwähnte Lampe
wie einst wohl Hamlet den bleichen Kopf. Alle starrten ungläubig auf das
Lämpchen, aber keiner wagte etwas zu sagen.
„Bei der Konstruktion dieses Schiffes“, fuhr Kixx fort, ohne
seinen Blick von dem offensichtlich durchgebrannten Glühfaden der
Aschenbecherbeleuchtung zu nehmen, „kam es immer wieder zu
Problemen mit dem Navigationssystem, da einfach zuviel Spannung im
System vorhanden war. Deshalb kamen die Techniker auf diesen
einfachen Trick noch einen kleinen, kostengünstigen Verbraucher
einzubauen. Dieses Birnchen, natürlich Spezialanfertigung und somit zu
teuer um es als kostenloses Ersatzteil beim Neukauf beizulegen. Und da
es sich bei diesem Dosen-Schiff um ein Behördenmodell handelt, wurde
es von der Dosen-Schiff-Stelle ebenfalls nicht irgendwo im Schiff
deponiert. Ebenso wenig werden sie übrigens einen Eiskratzer an Bord
398
finden, aus lauter Angst er könnte geklaut werden.“
„Soll das heißen, ohne das Aschenbecherlicht ist das Dosen-
Schiff nicht in der Lage auch nur die kleinste Flugbewegung zu machen,
auch nicht im Notstartmodus?“ fragte Trevor entsetzt. „Exakt erfasst,“
antwortete Kixx und schmiss das defekte Lämpchen zu Boden.
„Was sollen wir den jetzt nur machen?“ fragte Annabelle und
schaute zum offenen Schott, als würde jedem Moment der erste hungrige
BOB hereinstürmen und sie in das wohlgeformte Bein beißen.
„Angesichts der momentanen Lage und das wir keinerlei
Verteidigungsgerätschaften an Bord haben, sollten wir den Freß-O-Mat
in Gang bringen, uns ein paar kräftige Drinks mixen lassen und auf eine
Wiedergeburt warten“, sagte Frederick resigniert. Da keiner der
Anwesenden angesichts der misslichen Lage einen besseren Vorschlag
vorzubringen hatte, versammelte sich das kleine Grüppchen kurze Zeit
später vor dem vorgenannten Gerät. Nachdem jeder einen
hochprozentigen Seelentröster in der Hand hatte, prosteten sie sich still
zu und ließen noch einmal ihre Lebensgeister hochleben, bevor der ein
oder andere BOB sich an diesen zu schaffen machte. Annabelle verdrehte
leicht die Augen, nachdem sie ihren Drink mit einem Zug
heruntergekippt hatte. Da der Ansturm der Feinschmecker auch noch
weiterhin auf sich warten ließ, waren die vier noch in der Lage den einen
oder anderen Tröster zu sich zu nehmen und trotz der angespannten Lage
machte sich bei dem eine oder anderen nach relativ kurzer Zeit eine heiter
399
beschwipste Stimmung breit. Trevor, inzwischen durch die Zuführung
von mindestens 7 doppelten Scotch ganz schön in Fahrt, hob den Kopf
des Wartungsroboters vom Boden auf, der durch die effektvolle Landung
des Schiffes wieder zum Vorschein gekommen war.
„Na, der hier hat es schon hinter sich“, lallte Trevor und rülpste
zur Bestätigung des eben gesagten.
„Wenn es nur die Vorderzähne aushalten.“ Frederick stimmte in
das inzwischen ausgebrochene Gekicher von Annabelle und Kixx ein.
Obwohl er noch nicht so viel zu sich genommen hatte wie er in dieser
Situation eigentlich brauchte, hatte er das unbestimmte Gefühl das ihm
irgendetwas fehlte. Aber er wusste nicht genau was es war. Kixx, der sich
dem Genuss von Alkoholika nicht hingab, war ebenfalls irgendwie
angeheitert. In seinen grünen Glubschaugen glimmte abermals Mordlust
auf. Mit einer plötzlichen und äußerst gewandten Bewegung, die man
seinem massigen Körper eigentlich nicht zugetraut hätte, sprang er auf
Trevor zu, riss ihn zu Boden und begann seine Tentakel um dessen Hals
zu schlingen.
„Ich werde es nicht zulassen“, schrie Kixx wie von Sinnen, „das
so ein dreckiger BOB die kollektive Rache meines gesamten Volkes in
Unwissenheit und nur wegen Magenknurren an dieser Kreatur vollzieht.“
Trevor, der die ganze Situation im letzten Moment noch durch den
Alkoholdunst erahnt hatte, begann schon während des Sturzes zu Boden
mit dem Kopf des Wartungsroboters auf Kixx einzuschlagen. Die
400
anderen beobachteten gespannt das Geschehnis, unfähig sich zu rühren
oder Einhalt zu gebieten. Die gesamte gespenstische Szene spielte sich in
grausamer Stille ab, in der nur das dumpfe Klatschen von Metall an grüne
Haut zu vernehmen war. Während Trevor immer verzweifelter und mit
nachlassender Intensität seine Befreiungsversuche fortsetzte, ertönte
plötzlich ein leises Klirren. Annabelle bückte sich vorsichtig und hob ein
winziges Lämpchen auf, schaute es sich intensiv an, hielte es gegen das
Licht und begann heftig zu lachen. Kixx, irritiert durch den
Heiterkeitsanfall während seiner fast schon als religiös anzusehender
Hinrichtung des zweitgrößten Frevlers seines Volkesi, wendete sich
Annabelle zu um diese augenblicklich zur Ruhe zu ermahnen. Schließlich
erfüllte sich in wenigen Augenblicken das Ziel der gesamten kalilischen
Raumfahrt der letzten 8 Jahre. Als Kixx allerdings sah, was Annabelle da
zwischen Daumen und Zeigefinger gegen das Kabinenlicht hielt, hielt er
sofort inne und vergaß die Erfüllung seiner kalilischen Pflicht restlos.
Zielgerichtet schoss seine Fortpflanzungstentakel vor, schlang sich um
die Lampe während die anderen 7 Tentakeln bereits auf dem Weg zur
Pilotenkanzel waren. Dort angekommen, setzte er dieses Kleinod der
einfachen Elektrotechnik in die eigens vorhandene Halterung und mit
einem leisem Brummen erwachte das Navigationssystem zu neuem
Leben.

i
Der größte Frevler dieses Volkes heißt Sopixx. Sopixx ist der einzige Kaliler der sich
regelmäßig vor dem Essen die Tentakeln wäscht.
401
Frederick, der ebenfalls erkannt hatte welche Möglichkeit sich soeben für
sie ergeben hatte, stand bereits bei ihm und betrachtete die Anzeigen,
wunderte sich zwar warum das System leise vor sich hinbrummte, aber
maß diesem im Moment keine Beachtung.
„Die normale Navigation ist immer noch nicht möglich, aber das
Notstartmodul zeigt Normalstatus“, sagte Frederick leicht lallend. „Wir
können auf jeden Fall starten, auch wenn wir wieder nicht wissen wo wir
rauskommen oder auf welcher Einöde wir diesmal eventuell zerschellen.“
Frederick wollte auf den Startknopf drücken, aber der letzte Flug mittels
dieser Möglichkeit drängte sich ihm wieder auf und das sich daraus
beinahe eine Katastrophe für Mensch, Kaliler und Maschine ergeben
hätten. Von draußen erklangen inzwischen schon Rufe die Aufgrund
ihres gurgelnden Akzents zweifelsohne den BOBS angehörig waren und
die sich mit rasender Geschwindigkeit dem Dosen-Schiff näherten.
Irgendwie hörte es sich nicht nach aggressiven Kampfrufen an, sondern
eher nach Rezepten, was auch der Fall war. Frederick erinnerte sich vage
daran, dass er einmal gelesen hatte, dass die BOBs ihren Feinden Rezepte
entgegen schrien, in denen sehr präzise und in blumenreichen
Umschreibungen erläutert wird, was dem überwältigten Feind zu
erwarten hatte. Dies sollte nicht nur der Einschüchterung des Feindes
dienen, sondern dem Angreifer auch das mögliche, erreichbare Ziel vor
Augen halten und somit anzuspornen - Appetit machen mit anderen
Worten.
402
„Festhalten!“ schrie Frederick entschlossen und schlug mit aller
Wucht auf den Startknopf. Augenblicklich erbebte das Schiff,
schlingerte, riss sich aus dem Boden los und begann mit irrsinnig
anmutender Geschwindigkeit geradlinig in den Himmel hinauf
zuschießen. Die noch eben Rezepte austauschenden BOBS gingen
nahtlos dazu über Flüche auszustoßen. Da der Mordtrieb allerdings nun
geweckt war, musste nach alter Kampf-Koch-Tradition auch Blut fließen
und so wurde der Pilot, der den Absturz seines Aufklärers
unglücklicherweise unverletzt überlebt hatte, unter großem Hallo seiner
Kameraden in etwas verarbeitet, was vergleichbar in der irdischen Küche,
von der verbleibenden Konsistenz des Gerichtes, am besten mit Mousse
au Schokolade zu vergleichen wäre, aber nicht im geringsten mit dessen
Geschmack.
Inzwischen, weit entfernt aller Fragen der vormals heftig dargelegten
profanem Kochkunst, raste das Dosen-Schiff inzwischen wieder einmal
mit unbekanntem Ziel durch die etwas eigensinnige Schnarpf-Galaxie.
An Bord ging es, wie bereits beim ersten Notstart, drunter und drüber.
Die Insassen wurden auch diesmal recht unsanft und sehr stark mit dem
Bodenbereich des Schiffes vertraut gemacht, da der Anpressdruck
ausnahmsweise mal funktionierte, sehr zum Ärger der Insassen und
welcher Aufgrund der Geschwindigkeit recht enorm war. Besonders
Annabelle wurde hiervon sehr in Mitleidenschaft genommen, da sie
aufgrund der normalen weiblichen Anatomie an bestimmten Bereichen
403
ihres Körpers umfangreiche Fettgewebe aufgebaut hatte und diese nun
versuchten durch Verformung einen Zustand zu erreichen, der der
momentanen Situation gerecht wurde. Doch auch Kixx hatte die ein oder
anderen Probleme, da dessen Körper sich ja nicht gerade durch Stabilität
mittels Knochengerüst auszeichnete. Da er aber noch immer seinen
Schutzpanzer trug, war er zumindest in der Lage sich fortzubewegen und
die Kontrollen zu beobachten, wenn auch nicht zu beeinflussen, da seine
Tentakeln nicht durch das Elekto-Skelet geschützt und gestärkt worden.
Allerdings wäre er wahrscheinlich ohne dieses Gerät inzwischen ein
Kröten-Crepes. Frederick und Trevor zogen es vor, den herrschenden
Kräften durch eine Ohnmacht keinerlei Beachtung zu schenken, woran
nicht unbedingt mangelnde Kondition ihre Ursache zu Grunde hatte,
sondern wahrscheinlich die letzte durchgezechte Nacht. Nachdem das
Schiff einige tausend Kilometer zurückgelegt haben mochte, setzte die
Aufwärtsbewegung unmittelbar aus und das Dosen-Schiff blieb einfach
im Weltraum stehen, wenn man das so pauschal und bar jeden
Anhaltspunktes sagen darf. Da die Schnarpf-Galaxie dies nicht
unmittelbar bemerkte, blieben die vier noch ein Weilchen fest an den
Boden gepresst um dann, nachdem der plötzliche Stillstand bemerkt
wurde mit unvermittelter Wucht, in klassischer Art und Weise und um
wahrscheinlich den Faux Pax wieder wettzumachen, gegen das
Kabinendach geschleudert zu werden. Dies hatte nicht nur zur Folge,
dass sich die bereits erwähnten körperlichen Verformungen wieder in
404
ihre Ursprungsformen zurückkehrten, sondern das Frederick und Trevor
wieder aus ihren Zustand der verminderten Schuldfähigkeit erwachten.
Trotz der beschriebenen körperlichen Strapazen wären die Insassen ohne
größere Blessuren davongekommen, wenn Trevor nicht bei der Landung,
eingeleitet durch die automatische Simulierung von erdähnlicher
Anziehungskraft, von einer kleinen Flasche am Kopf getroffen worden
wäre. Nachdem Trevor ausgiebig geschimpft und sich seinen Kopf
gerieben hatte, schaute er interessiert auf die kleine Flasche, die vor ihm
auf dem Boden lag.
„Sieh mal einer an“, sagte Trevor derart laut, dass alle anderen zu
ihm hinschauen mussten, obwohl diese das ein oder andere zu belecken
hatten. „Du hast ja einen waschechten Urg an Bord!“ Er bückte sich und
hob die Flasche auf. Er dreht sie um alle Bewegungsebenen wobei sich
die grünliche, gallertartige Flüssigkeit im Inneren der Flasche extrem
träge versuchte dem Bewegungsablauf nachzuvollziehen. Das Volk der
Urgh ist eine vor langer Zeit entdeckte Rasse auf einem Planeten, den
ein gewisser Henry E. Mildfort aufgrund eines kühnen
i
Navigationsmanövers entdeckt hatte. Posthum wurde der Planet aber

i
Henry E. Mildfort wollte sich eigentlich für die ausgeschriebene Stelle als
Heizungsmonteur bei der englischen Raumfahrtbehörde bewerben, aber durch die
Verwechslung des Bewerbungsbogens fand sich Henry am nächsten Tag in einem
Raumanzug wieder. Nach gründlicher und gewissenhafter Ausbildung wurde er 5 Stunden
später in das All geschossen. Bei der Bedienung des vermeintlichen Freß-O-Mat älterer
Bauart erwischte er allerdings den Navigationscomputer und die Codenummer für Fisch
and Chips ergaben die Koordinaten für diesen Planeten.
405
von Mildfort I auf den Namen Gluck umbenannt, nachdem man
entdeckt hatte, dass auch hier eigenständiges Leben vorhanden war,
die im Bezug auf den Namen ihres Planeten Rechte anmeldeten. Es
handelt sich bei dieser Spezies um eine der wenigen Raumvölker, die
untereinander in völliger Homogenität leben. Es bleibt dieser Rasse
allerdings auch nichts anderes übrig, da ein misslungenes Experimenti
einiger Gen-Forscher vor mehreren Jahrhunderten den
Aggregatzustand der Bevölkerung leicht verändert hatte. Die
Zustandsform der Urgh ist gallertartigii, deren Genussiii auch zu diesem
Name führte. Die Kontaktaufnahme mit dieser Rasse stellte sich als
sehr schwierig heraus. Die Ermittlung, dass es sich hierbei um eine
Rasse mit Kultur und Sprache handelt wurde erst sehr spät und nur
durch Zufall entdecktiv. Der dann aufgenommene Kontakt wurde aber
nach einiger Zeit wieder aufgegeben, da mangels technischer
Einsatzreife der Übersetzungscomputer die Urgh nur eine gallertartige
Masse waren, die nur blöde herumgluckerten und Wellen schlugen.
Mittels eines technisch äußerst komplizierten Verfahrens ist es

i
Verbürgt ist die Version, dass die Forscher ein neuartiges Deo herstellen wollten.
ii
Da die ursprünglich Lebensform der Urghs auch nicht gerade der absolute Hit gewesen
sein muss, schien es für die Urghs ein Gewinn darzustellen.
iii
Riecht zwar wie Vanilletee, schmeckt aber so ähnlich wie ein trockener Martini indem 3
Jahre eine tote Ratte gelegen hat.
iv
Weil sich auch keiner die Mühe gemacht hatte zu untersuchen, ob es sich bei der eklig
aussehenden Gallertmasse um etwas intelligentes handelt. Leider wurden sämtliche Rechte
an dieser Story bereits verkauft und somit ist es im Moment nicht erlaubt näheres hierzu,

406
möglich einzelne Individuen aus der großen Masse der Bevölkerung
herauszufiltern. Der derart aus der Masse herausgerissene ist derart
dankbar, dass er fortan mit Rat und Hilfe zur Verfügung steht. Mittels
einer sehr komplizierten und noch teureren Apparatur ist der so
isolierte Urgh in der Lage eine Beraterfunktion auszuführen. Problem
hierbei ist allerdings, dass es wie in jeder Bevölkerung Gescheite und
weniger Gescheite gibt und man beim Kauf auf Qualität achten sollte,
da es bei den Puppen absolut keinen Eindruck macht, wenn man mit
einem Deppen um den Hals herumläuft.
„Warum ist eigentlich seine Techno-Einheiten in so erbärmlichen
Zustand?“
Frederick, der in der Flasche nur die Beute der nächtlichen
Auseinandersetzung mit dem Oberst und dem Botschafter erkannte kam
näher und betrachtete nun zum ersten Mal richtig die Flasche.
„Du weist was das ist?“
„Aber hallo! Ich war zwar noch nie im Besitz eines solchen
Kleinodes, aber ich habe viele Leute kennen gelernt, die von einer
solchen Segnung geträumt haben oder gar Leute kannten die beinahe
einen hatten.“ Verträumt drehte Trevor die Flasche hin und her, während
sich die grünliche Flüssigkeit in der Flasche wiederum verzweifelt
bemühte dem Bewegungsablauf zu folgen. „Weist du eigentlich, dass du

ohne Erlaubnis des Halters, bekannt zu geben. Hauptrollen hierbei spielen allerdings eine
blümchengemusterte Teetasse und ein Astronaut mit Namen Henry E. Mildfort.
407
ein Glückspilz bist?“
„Warum? Weil ich schon so lange in deiner Nähe bin und noch
immer keinen Ausschlag habe?“ Frederick konzentrierte sich ebenfalls
ganz und gar auf den Bewegungsablauf, den die Flüssigkeit noch immer
verzweifelt versuchte nachzuvollziehen. Das dieser dies offensichtlich
nicht gelang, stiegen urplötzlich mehrere Blasen auf, wodurch die
Flasche leicht erzitterte und Frederick erschrocken einen Schritt zurück
machte.
Annabelle, die inzwischen ihre Proportionen wohl geordnet hatte, trat
ebenfalls zu Frederick und Trevor und betrachtete die Flasche eingehend.
Nur Kixx blieb bei den Kontrollen stehen, da er nicht verstehen konnte,
dass eine Flasche mit irgendeiner blöden Flüssigkeit wichtiger sein
konnte als die momentane Lage in der sie sich befanden.
„Wenn ich mal ganz trivial das Thema wechseln dürfte“, begann
Kixx recht unwirsch sich in das Gespräch einzuschalten. „Es wäre
vielleicht angebracht, wenn wir uns jetzt der etwas weniger interessanten
Tatsache unseres Aufenthaltsortes widmen könnten, als einer
blubbernden und noch dazu eklig grünschleimigen Flüssigkeit in einer
Flasche. Dies wäre unter Umständen nämlich hilfreich um das Schiff in
eine Gegend zu manövrieren, in der noch Recht und Gesetz einer
wohlgeordneten und niveauvollen Gesellschaft herrscht.“
„Was sollen wir den auf Omega 4?“ fragte Annabelle und schaute
Kixx verständnislos an.
408
„Wer redet den hier von Omega 4“, schnaubte Kixx und durch
seine Schnauzenlöcher zischte es verächtlich. „Ich meinte natürlich
Kalil!“ Kixx drehte sich wieder demonstrativ zu den Kontrollen um und
versuchte hinter den Sinn des dort angezeigten zu kommen, was bei der
Eigensinnig- und Engstirnigkeit der Schnarpf-Galaxie ein hohes Maß an
Interpretationsvermögen voraussetzt, da ein momentan angezeigter Wert
in der nächsten Sekunde genau in das Gegenteil umschlagen konnte, was
diese auch mit Begeisterung taten. Doch so sehr er sich auch anstrengte,
er konnte sich keinen Reim aus den angezeigten Werten machen.
Frederick, der ja der eigentlich Verantwortliche für das Schiff und leider
auch für die Insassen war, blickte noch einmal auf die seltsame Flasche
und ging dann zögernd zu Kixx, obwohl es ihn brennend interessierte,
warum der Oberst und der Botschafter ein solches Aufhebens um diesen
Schleim machten und warum der Major nicht mehr im Besitz dieser
Flasche war. Aber Kixx hatte Recht. Wichtiger war es jetzt wirklich sich
um die Systeme zu kümmern, da einiges an Bord scheinbar nicht mehr so
richtig funktionierte und er außerdem schon lange keinen dummen
Kommentar mehr von Roderick gehört hatte. Es stand neben Kixx und
betrachtete ebenfalls die Anzeigen und Daten, die getreu der Devise der
Sensoren, dass Melden frei macht, übermittelt wurden, ob diese nun
einen Sinn ergaben oder sich gegenseitig widersprachen war egal. Aber
auch er konnte kein gültiges Muster erkennen. Außerdem hörte er mit
einem Ohr noch den Erklärungen von Trevor zu, der gerade Annabelle
409
die Eigenschaften dieses Schleims erklärte.
„Bei den Urgh handelt es sich um eine Rasse, die nach einer
selbst ausgelösten Gen-Katastrophe sich langsam in diesen Schleim
verwandelten“, hörte er Trevor erzählen und Frederick konnte deutlich
spüren, wie sehr Trevor es genoss in der Nähe von Annabelle zu sein und
diese mal nicht um sich schlug oder durch unangebrachte Schreie die
Trommelfelle der anderen zu strapazieren. Selbst Trevors verschütt
gegangener Charme begann wieder aufzuleben. „Die Wissenschaftler die
diese Katastrophe ausgelöst hatten waren zu dem Ergebnis gekommen,
dass die Bevölkerung nach der Umwandlung zu Schleim unwiderruflich
ausgelöscht sei. Aus diesem Grunde versammelte sich die gesamte
Bevölkerung des Planeten in den letzten Augenblicken ihres körperlichen
Daseins an einem Ort der angelegt war wie ein riesiges Becken, um
zumindest bei ihrem Tode zusammen zu sein. Umso größer war die
Überraschung für diese, als sie erkannten, dass sie als Individuen
bestehen blieben aber nur noch geringe Bewegungsmöglichkeiten hatten.
Außerdem wurden die zu Schleim verwandelten Bewohner nun derart
miteinander vermischt, das eine Trennung der einzelnen aus eigener
Kraft nicht mehr möglich war und nun das einzige Volk des bekannten
Teil des Universums sind, die vollkommene Homogenität unter der
eigenen Bevölkerung erreicht hat.“ Trevor hielt in seinem Vortrag inne
und schaute zu Kixx und Frederick herüber die noch immer versuchten
diverse Spekulationen aufzustellen. „Inzwischen“, fuhr Trevor fort, legte
410
dabei einen Arm um Annabelle und führte sie in eine Ecke des Schiffes
in der sie von den anderen Beiden nicht mehr gesehen werden konnten.
„Inzwischen wurden von den raumfahrenden Rassen komplizierte
Methoden entwickelt, um einzelne Individuen herauszufiltern.“ Trevor
deutete auf die Liege, die sie inzwischen erreicht hatten und nachdem sie
sich gesetzt hatten, gab er ihr die Flasche um beide Hände frei zu haben.
Langsam rückt er näher zu ihr und begann vorsichtig seinen Arm um sie
zu legen, während sie noch immer fasziniert auf die Flasche schaute, die
noch immer ein wenig vor sich hinblubberte und in der sich, den
Schilderungen nach, ein lebendiges Individuum befinden sollte.
„Aber warum stören wir diese Homogenität indem von uns
einzelne Individuen heraus gefiltert und so ihrem Volk entrissen
werden?“ fragte Annabelle und drehte sich so zu Trevor, dass der
vorherige Versuch seinen Arm um sie zu legen von Misserfolg gekrönt
war.
„Das liegt daran, dass die Urgh nach nun mehr als 200 Jahren als
blubbernder Schleim doch Recht die Nase voll zu haben scheinen und
sich nach etwas Abwechslung sehnen. Außerdem sind sie zudem durch
die Umwandlung auch noch Unsterblich geworden, jedenfalls solange sie
nicht verdunsten und haben die irrsinnige Gabe auch die komplexesten
Gedankengänge nachvollziehen zu können, selbst die von verheiratenden
Frauen. Daher werden sie gerne zu Beraterfunktionen herangezogen,
wenn man das Glück hatte einen halbwegs intelligenten Urgh
411
herauszufiltern.“
„Und wenn nicht?“ fragte Annabelle und rückte ein klein wenig
von Trevor weg, da sie inzwischen die Absicht Trevors erkannte, was
dieser mit seiner Aktion erreichen wollte.
„Dann hat man sich im Kauf dieses Beraters nicht nur strafbar
gemacht, weil inzwischen der Handel und die Filterung strengstens
untersagt wurde, sondern hat auch noch eine Menge Geld für einen
Deppen ausgegeben.“
„Irgendwie fürchte ich mich, was den Ausgang dieser Reise
angeht“, flüsterte Annabelle.
„Auch ich spüre etwas. Die Bewältigung dieser Strapazen
benötigt spirituellen Schutz und Trost. Wir sollten uns auf
unkonventionelle Weise unserer Kleider entledigen und unsere Körper
gegenseitig mit duftenden Ölen einreiben.“ Trevor machte eine
genießerische Pause, schloss seine Augen und seufzte tief. „Bei ihrem
Anblick fallen mir auf Anhieb mehrere Sünden gleichzeitig ein!“
Annabelle war sichtlich verwirrt.
„Ich verstehe leider nicht genau was sie sagen wollen, aber gut
genug um zu wissen was sie wollen!“ Sie gab Trevor die Flasche mit dem
Urgh zurück und wollte aufstehen. Trevor fasste ihren Arm, hielt sie fest
und zog sie wieder auf das Sofa zurück.
„Annabelle, oh Annabelle! Wir beide sollten unsere Luxuskörper
zusammenwerfen und in wilder Wollust unsere Bauchnabelfussel
412
austauschen.“
„Lieber esse ich einen dieser blöden Salto schlagenden Käfer und
sterbe daran!“ Annabelle rückte entschieden ein Stück von Trevor ab.
„Dann nehme ich an, dass aus einen Abendessen und einer
schnellen Nummer auch nichts wird?“
„Da nehmen sie zum ersten Mal richtig an“, fauchte Annabelle
böse und wand sich aus Trevors Griff.
„Sie glauben wohl, alles würde sich um ihren fabelhaft geformten
Körper drehen?“
„Ja, genau das glaube ich!“
„Sie haben recht. Bitte nur einen kleinen Kuss“, stammelte er.
„Ich bin doch seit 8 Jahren clean!“
Frederick nahm gerade einige Berechnungen vor, als er plötzlich ein
dumpfes Klatschen hörte und nur wenige Augenblicke später Trevor aus
einer Ecke des Schiffes kommen sah. Dieser rieb sich heftig die rechte
Wange und blickte wie ein gehetztes Tier um sich. Frederick lachte leise
in sich hinein und wendete sich dann wieder Kixx zu, der scheinbar
gerade eine wichtige Entdeckung gemacht hatte.
„Beeindruckend deine Beharrlichkeit“, sagte Frederick ohne
seinen Blick von den Kontrollen zu nehmen. „Widerlich, aber
beeindruckend!“ Trevor würdigte Frederick und Kixx keines Blickes und
stürmte in die Toilette.
„Arrgh“, schrie Trevor und erschien wieder in der Tür der
413
Toilette. „Wo ist den das verdammte Toilettenpapier?“ Frederick schaute
auf.
„Das dürfte inzwischen auf dem Weg sein, den bekannten Teil
des Universums zu verlassen leider habe ich den Funkkontakt zu ihm vor
kurzem verloren. Ich habe es als Entwicklungshilfe deklariert, falls es auf
einen bewohnten Planeten fallen sollte.“ Trevor schaut Frederick an und
schien zu überlegen ob er nun den Verstand verloren hatte oder
Frederick. Nachdem er mehrere Sekunden regungslos in dem Türrahmen
gestanden hatte, zuckte er mit dem Schultern und ging zurück.
Kixx stieß Frederick mit einer Tentakel an und deutete, nachdem
Frederick sich ihm zugewandt hatte, auf die Anzeige des
Geschwindigkeitsmessers. Dieser zeichnete sich weniger durch
atemberaubendes Design aus, als durch Genauigkeiti. Als Frederick den
dort angezeigten Wert ablas, wurde er augenblicklich bleich.
„159.039,78 Km/s, dass wäre ja fast halbe Lichtgeschwindigkeit“,
keuchte er und schaute Kixx fassungslos an.
„Ja, auf Kalil ist es sogar doppelte. Wenn sie aber die anderen
Daten hierzu in Relation setzen, ergibt der Gesamtwert unserer
Geschwindigkeit insgesamt ungefähr Null!“ Frederick brauchte einige
Zeit um den ersten Wert mit der Gesamtrechnung zu verdauen,
betrachtete die Anzeigen noch eine Weile, ohne eigentlich zu kapieren

i
Made on Earth war mal ein Inbegriff, nicht der Qualität sondern der Mühseligkeit beim
Versuch die beiliegenden Bedienungsanleitungen ohne Alkohol begreifen zu können.
414
was da vor seinen Augen geschah.
„Ich kann das im Moment zwar nicht nachvollziehen, glaube
ihnen aber einfach mal.“ Er setzte sich auf dem Pilotensitz und legte sein
linkes Bein über die Lehne. So wie es aussah wurde der Sitz des Öfteren
für diese Sitzposition hergenommen, da die linke Lehne deutlich
abgeschabter war als die Rechte. Frederick begann langsam den Sitz hin
und her zu drehen und man sah ihm an, dass er angestrengt nachdachte.
„Angenommen wir stehen jetzt wirklich regungslos im Weltraum
und davon gehe ich, laut ihrer Aussage, jetzt erst einmal aus!“ fügte er
schnell nach hinzu. „Das Navigationssystem und die Triebwerke
reagieren nicht, außer auf den Notstartmodus. Diesen können wir aber
nicht steuern, oder beeinflussen. Außerdem funktioniert der
Bordcomputer nicht mehr.“ Frederick registrierte zum ersten Mal, dass er
seit der kleinen Cocktail-Party zu Ehren der Ankunft der BOBS nichts
mehr von Roderick gehört hatte.
„Roderick! Roderick?“ Aber auch nach mehrmaligem Anrufen
rührte sich der Schiff-Computer nicht. Nun drehte er sich immer
schneller hin und her, so das Kixx sich abwenden musste um hiervon
nicht in Mitleidenschaft gezogen zu werden, da hektische Bewegungen
der mentalen Verfassung von Kalilern abträglich sindi. „Also wenn ich
ein Resümee aus unserer Lage ziehen müsste, dann würde ich sagen, dass
wir echt wo hin gekniffen sind!“

415
„Erstaunlich. Es erstaunt mich immer wieder, was für helle
Köpfchen ihr Menschen doch seid und wie schnell ihr auch komplexe
Probleme erkennt!“
„Und bestimmt alles als Autodidakt gelernt“, warf Annabelle ein,
die inzwischen ihren Sitzplatz auf dem Sofa verlassen hatte und sich
wieder zu Frederick und Kixx gesellte.
„Woher wissen sie das?“ Frederick betrachtete erstaunt
Annabelle.
„Reine Intuition“, gab Annabelle zurück und kam näher. „Aber es
wäre doch besser gewesen, sie hätten jemanden gefragt“, setzte sie noch
spitz hinzu. Sie spielte wieder mit der Flasche, in der immer mehr Blasen
aufstiegen, was wahrscheinlich den Ärger über die unsanfte Behandlung
des Urgh durch diesen zum Ausdruck bringen sollte. „Und welche
Chancen sehen sie hier etwas zu unternehmen, was uns wieder in die
Lage versetzt nicht als Weltraumschrott zu enden oder während eines
unkontrollierten Fluges mit dem Notstartmodus in irgend etwas
hineinzuknallen?“
„Keine“, sagte Frederick knapp. „Wenn wir es nicht schaffen
Roderick, ich meine den Schiffcomputer wieder hinzukriegen, dann
werden wir wohl warten müssen, bis sich das Universum um uns gedreht
hat und wir aussteigen können.“
„Dann stehen sie nicht so dumm herum, sondern bewegen sie

i
Ebenso das Abheben eines Telefonhörers wenn es klingelt.
416
ihren knackigen Popo und werfen sie diese Klapperkiste irgendwie an.“
„Tut mir leid“, sagte Frederick gereizt, „aber ich mache jetzt
schon mehr als ich
kann!“ „Dann sollten sie sich vor Augen halten, dass ich im Falle eines
Misserfolges ihrerseits meinerseits die wunderbare Gabe besitze in
Ohnmacht zu fallen und davor, dabei und danach sehr laut zu schreien
gedenke!“ Annabelle schien wirklich das zu meinen was sie sagte.
Frederick und Kixx sahen sich sprachlos an und machten sich dann
wieder über die Kontrollen her. Still arbeiteten sie vor sich hin, ohne
irgendwelche vorzeigbaren, oder gar keine Fortschritte zu erreichen.
Annabelle hatte sich inzwischen aus lauter Langeweile daran gemacht
das Schiff aufzuräumen und Trevor hatte noch immer die Toilette in
Beschlag genommen. Langsam aber doch merkbar begannen einzelne
Systeme wieder hochzufahren, die nicht im unmittelbaren
Zusammenhang mit den dem Notstartmodus standen. Frederick sprang
aus dem Sitz auf und hämmerte vor Freude an eine Strebe der Wand.
„Langsam, mach mich nicht gleich wieder kaputt“, krächzte
Roderick. Der Krach lockte sogar Trevor wieder aus der Toilette hervor.
„Was war den los?“ fragte Frederick und schaute mit Vergnügen,
dass alle Systeme wieder einwandfrei arbeiteten.
„Oh heiliger Schaltkreis!“ presste Roderick aus seinem
Lautsprecher hervor. „Ich kann ein Objekt ausmachen welches auf uns
zuhält.“
417
„Was ist es?“ fragte Annabelle.
„Der Oberst und der Botschafter mit dem Grundtenor - sie haben
uns gar nicht gern!“
„Wie willst du das denn erkennen?“ fragte Frederick, der auf den
Anzeigen nur einen komischen Punkt ausmachen konnte. „Deine
bescheuerten Anzeigen geben diesbezüglich rein gar nichts her.“
„Weil ich gerade einen Funkspruch empfangen habe, wovon ein
größerer Teil, eigentlich 90 Prozent, diesbezüglich unmissverständliche
Klarheit schafft.“
„Und was sagt der andere Teil?“
„Das möchtest du bestimmt nicht wissen.“
„Doch genau das möchte ich wissen! Noch bin ich der Kapitän an
Bord. Alle Funksprüche will ich selbst entgegennehmen. Los abspielen!“
„Alle die ich bis jetzt entgegengenommen habe?“ fragte Roderick
scheinheilig.
„Restlos alle!“ trumpfte Frederick auf und demonstrierte
sichtbare Autorität. Aus den Lautsprechern hörte man hohes Quietschen,
was darauf schließen ließ, dass ein Bandgeräti zurückgespult wurde.
„Die Ausstattung in diesen Dienst-Dosen-Schiffen ist aber
wirklich extrem modern“, kommentierte Kixx vergnügt.
„Du blöder Sack!“ hörte man plötzlich eine eindeutig weibliche

i
An anderer Stelle wurde bereits erwähnt, dass es sich um eine Behördenausstattung
handelt.
418
Stimme aus dem Lautsprecher schreien. „Wenn du deine stinkenden
Quadratlatschen noch einmal über meine Schwelle setzt, bringe ich dich
um. Wie konnte ich nur auf den blöden Spruch reinfallen – Aber-sicher-
ich-achte-dich-doch-nachher-auch-noch - Liebling. Oh, man war ich
doof.“ Eine kleine Pause setzte ein. „Übrigens“, fuhr die Stimme
zuckersüß fort. „Meine Orgasmen waren alle nur gespielt!“ dann wurde
etwas hingeknallt und die Stimme verstummte.
„Meine aber auch“, murmelte Frederick. Alle schauten Frederick
fragend an.
„Den nächsten auch noch?“ wollte Roderick wissen.
„Ist das der vom Botschafter?“ fragte Frederick vorsichtig.
„Nein!“
„Ähnlich wie der letzte?“
„Ja!“
„Dann verzichte ich darauf. Was wollte der Oberst und der
Botschafter den so rein inhaltlich von uns?“ lenkte Frederick ein.
„Irgend etwas in der Art, dass wir nicht mehr so schön aussehen
werden wenn er uns erwischt hat. Und das wir einen Gang durch
ungefähr 280 Pfund Dickdarm eines OCKS vor uns haben.“
„Wie ernst meinen die das?“ fragte Kixx.
„Wenn ich meinen Sensoren recht geben darf, hat das Schiff des
Oberst etwas an Bord was wahrscheinlich in der Lage ist uns in derart
appetitliche Häppchen zu zerlegen, was uns und dem OCKS den Weg
419
durch die bereits erwähnte Innerei wesentlich erleichtert.“
„Irgendwie hat das Ganze die Grenze vom Merkwürdigem hin
zum schlechten Omen eindeutig überschritten.“
Annabelle wollte gerade ansetzen irgendetwas zu den in Aussicht
gestellten weiteren Lebensweg anzumerken, als sie scheinbar plötzlich
von einer Idee getroffen wurde. Hastig kramte sie in ihren Taschen um
dann ein kleines Adressbuch hervorzuzaubern.
„Sind wir immer noch in der Nähe Kalils?“ fragte Annabelle.
„Relativ gesehen schon, warum?“
„Schnell, machen sie mir eine Verbindung zu folgender
Nummer!“ rief Annabelle Roderick zu. „0049775511TONI!“

„Hier TONIs! Damit wir ihre Wünsche bestens erfüllen können


sind sie mit einem automatischen Vermittlungssystem verbunden.
Bitte antworten sie auf unsere Fragen mit einem lautem Ja oder Nein,
oder rascheln sie einfach mit ihrer Kreditkarte!“ ertönte nach endlosen
Minuten eine mechanisch klingende Stimme. „Wünschen sie eine
Auskunft zu unseren Angeboten, so antworten sie mit ja oder nein?“
„Nein!“ Annabelle verhaspelte sich leicht und errötete ein
wenig.
„Wünschen sie eine Auskunft zu unseren Angeboten, so
antworten sie mit ja oder nein?“ wiederholte die automatische Ansage,
wobei eine gewisse Ungeduld allerdings nicht zu überhören war.
420
„Nein!“ antwortete Annabelle mit lauter, nun festerer Stimme.
„Möchten sie sich unverbindlich über unsere Serviceleistungen
informieren?“
„Nein!“
„Möchten sie bereits jetzt eine Bestellung aufgeben?“
„Ja!“
„Wünschen sie eine Bestellung im normalen Lieferumfang?“
„Nein!“
„Benötigen sie eine Sonderbestellung?“
„Ja!“
„Warten sie bitte, ich verbinde sie jetzt mit ihrem
Kundenbetreuer. Danke, dass sie diese Nummer gewählt haben.“ Eine
dieser nicht enden wollenden Wartemusikeni wurde aufgeschaltet.
„Ja, TONIs! Was wollen sie?“ schnauzte schließlich eine
derbe, sehr unfreundliche Stimme durch den Lautsprecher.
„Hier Annabelle Snooze, bitte 5 Pizza Diabolo extra groß und
extra schnell!“
„Bei dieser Bestellung müssen sie aber einen extra Zustell-
Zuschlag bezahl...,“ die unfreundliche Stimme wurde unwirsch
unterbrochen.

i
Diese scheinen nur deshalb erfunden worden zu sein, um den Anrufenden dazu zu bringen
endlich aufzulegen. Haben Sie sich eigentlich auch schon darüber gewundert, wie es diese
Telefonmusik schafft, jedes noch so schöne Lied kaputt zu kriegen?
421
„Hallo Annabelle, Engelchen. Hier ist dein Kapitän Hartner!
Habe ich richtig gehört dass sie eine Pizza Diabolo haben möchten.
Mann, dann muss die Kacke aber wirklich am dampfen sein!“
„Ah, Kapitän Hartner! Ich freue mich wie immer ihre Stimme
zu hören, besonders jetzt. Liefern sie bitte so schnell wie möglich!“
„Dann bringen wir die Formalitäten am besten so schnell wie
möglich hinter uns, damit ich die Freigabe zur Anpeilung kriege. Ich
schalte wieder auf diesen Trottel von Kundenbetreuer zurück.“
„...en.“ Der Kundenbetreuer wurde wieder zugeschaltet. „Bitte
übermitteln sie uns jetzt ihre Kreditkartennummer.“ Frederick zeigte
sich wieder als Mann von Welt und tippte generös die seiner
dienstlichen Kreditkarte ein.
„Vorgang abgebrochen, keine Bestellung möglich. Danke, dass
sie diese Nummer gewählt haben und schönes, wenn jetzt auch nur
noch kurzes Leben noch!“
„Aber das ist doch eine Kreditkarte der Regierung“, stotterte
Frederick verlegen. „Ich bin Regierungsbeamter!“
„Es werden keine Kreditkarten von Regierungsbeamten oder
ähnlichem Kroppzeug angenommen, da grundsätzlich alle
Regierungen pleite sind wenn es ums bezahlen geht“, leierte der
Kundenbetreuer automatischen runter. „Meine Anzeige sagt das sie
nur für 50 Kredits gut sind, dass reicht noch nicht einmal für die
Gebühren der automatischen Ansage.“ Annabelle zuckte mit den
422
Schultern. Dann trat sie an die Tastatur und tippte eine andere
Nummer ein.
„Karte akzeptiert!“
„Leider kann ich sie nicht genau orten, geben sie mir bitte eine
Positionsangabe.“
„Äh, ja,“ stotterte Frederick. „Ja genau, Standortbestimmung!
Wir befinden uns unter ein paar Sternen, genau unter dem hellsten!“
„Prima gemacht, jetzt suchen die uns in Bethlehem!“
kommentierte Trevor die Aussage.
„Ich meinte eigentlich auf welcher Farbposition des
Wurmloches sie sich jetzt befinden,“ erwiderte der Kapitän Hartner
sichtlich genervt. „Wieder einer dieser Hobbypiloten. Ah, halt, wir
haben sie! Sie sind auf der Position Lila/Perlmutt 234.“
„Oh, ja natürlich!“ stotterte Frederick. „Nein doch nicht. Wir
sind jetzt auf Rot153/Ocker 15.“ Verwirrt erkundigte sich der Kapitän
bei seiner Mannschaft nach der Peilung.
„Sie haben recht,“ meldete sich der Kapitän kurz darauf
zurück. „Ihre Angaben sind korrekt. Schaffen sie sich bloß keinen
Navigator vom Planeten Blux mit Heimweh an. In nächster Zeit wird
er allerdings an den zwei ausgeschlagenen Zähnen leiden, die er
soeben verloren hati.“

i
Dies ist in dem vorliegendem Fall besonders zu erwähnen, da die Bewohner des Planeten
Blux nur 4 Zähne ihr eigen nennen können.
423
„Wir haben sie jetzt angepeilt und wenn der Pilot dieses
Haufens endlich mal richtig fliegt, sind wir in fünf Minuten bei ihnen,“
schaltete sich Kapitän Hartner wieder ein. „Wenn nicht, dann Hasta la
vista, Baby. Wäre zu schade um dich. Ende und Aus.“ Kapitän
Hartners Stimme meldete sich ebenso unwirsch ab, wie sie sich zu
Beginn der Bestellung angemeldet hatte.
„Danke dass sie diese Nummer gewählt haben!“ hörte man
noch den Kundenbetreuer erstickend im Hintergrund murmeln. Mit
einem gequälten Geräusch erstarb jeweiliges Geräusch. Alle
Anwesenden atmeten erleichtert auf.
„Der Kundenbetreuer am Anfang hatte eine sexy Stimme“,
stellte Roderick sachlich fest. „Vielleicht habe ich mal die Gelegenheit
einen kleinen Amplitudenaustausch mit ihr vorzunehmen. Natürlich
rein platonisch, versteht sich. Falls es übrigens jemanden interessiert,
wir haben noch knappe acht Minuten bevor uns der Oberst eingeholt
hat.“
„Na dann, Prost Mahlzeit!“ stellte Trevor fest und machte ein
unanständiges Geräusch. „Dann wollen wir nur hoffen, dass
der Kapitän nicht mit Ihrer Kohle durchbrennt.“
„Würde mich wundern, da erst mit der Auslieferung quittiert
wird. Wenn er also meine Kohle haben will, von der ich natürlich so
frei sein werde es von ihnen zurückzufordern sobald wir in zivilisierter
Gegenden sind, so muss er meinen zugegeben süßen Popo retten!“
424
„Aber hallo, der Kapitän muss einen verdammt guten
Bordcomputer haben. Er durchbricht gerade das Wurmloch direkt neben
dem Schiff des Oberst.“ Roderick ließ einen anerkennenden Pfiff durch
das Dosen-Schiff schallen der, allerdings ohne ihn hierbei Absicht
vorzuwerfen, nicht ganz die Frequenz traf, die die Anwesenden als
angenehm empfanden.
„Was sagte ich!“ Annabelle lächelte triumphierend. „Es gibt halt
Leute auf die man sich verlassen kann.“
Urplötzlich versagten alle Systeme erneut und das Schiff versank im
Dunkeln. Kurz darauf begann der Notstartmodus verrückt zu spielen und
das Schiff schoss mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit aus der
Reichweite des Oberst und leider auch aus der des Kapitäns. Nachdem
alle Anwesenden die keine feste oder stabile Sitzgelegenheit hatten in
irgendeine Ecke des Schiffes gedrückt wurden erbarmte sich zumindest
die Notbeleuchtung und brachte ein schwaches Licht in das Innere des
Dosen-Schiffes. Auch der Notstartmodus wurde kurz darauf wieder
unterbrochen. Annabelle, die noch eben die Ruhe in Person war, rannte
auf Frederick los und begann sein Schienbein mittels mehrerer Tritte zu
traktieren.
„Was haben sie jetzt schon wieder angestellt. Ich wollte nach
Hause, weg von diesem sexistischen Trottel, diesem stinkenden
Ochsenfrosch und dieser Flasche voller Schleim. Und was sie angeht“,
erneut trat sie zu. „Sie sind doch an allem Schuld! Wenn jetzt der Kapitän
425
Hartner denkt, wir wollten uns vor dem bezahlen drücken, dann ....“
Annabelle biss sich auf den Daumen und schaute Frederick mit
aufgerissenen Augen angsterfüllt an. Dieser schaute mit ebenso
aufgerissenen Augen zurück, was allerdings nicht primär mit der
Vorstellung eines sitzen gelassenen TONIs-Kapitän zusammenhing,
sondern mit dem Schmerz der sich gerade äußerst heftig in seinem Bein
meldete.
Die Phase des Notstartmodus war kurz gewesen, reichte allerdings aus,
um das Dosen-Schiff aus ortbarer Reichweite des Bedrängers und des
Retters zu bringen. Annabelle verzog sich in eine Ecke und schien sich
die beginnenden Probleme mittels Daumenlutschen auszumalen. Trevor
eilte erneut zur Toilette, da ihm die Dringlichkeit eines Bedürfnisses
erneut daran erinnerte, dass er tun muss, was ein Mann eben tun muss.
Frederick und Kixx machten sich schließlich daran die Systeme zu
überprüfen und sämtliche Luken zu öffnen, die zu öffnen waren, während
Annabelle noch immer oral mit ihrem Daumen beschäftigte.
„Meinen sie, dass Kapitän Hartner wirklich seine
Geschäftsmaxime an uns auslässt?“ fragte Frederick.
„Da können sie sicher sein. TONIs hat es nicht soweit gebracht,
indem festgelegte Maxime verwässern und gerade unser Kapitän Hartner
macht seinem Namen hierbei alle Ehre. Sollte er uns erwischen, wovon
ich verstärkt ausgehe, so hoffe ich, dass er mir noch solange Zeit gibt,
dass ich meine Sünden bereuen kann.“ Annabelle schluchzte leise.
426
„Bereuen sie lieber die Verfehlungen dieses Vorzeigeexemplars
eines männlichen Homo Sapiens.“ Frederick zeigte mit einem
Kopfnicken auf die Toilettentür, hinter der Trevor verschwunden war.
„Bis sie da fertig sind, haben sie ein biblisches Alter erreicht.
„Ich blicke wenigstens auf ein erfülltes Leben zurück“, schrie
Trevor aus der Toilette heraus. „Falls sie aber Mangel an zu Bereuenden
haben sollten, stehe ich ihnen natürlich sofort zu Verfügung.“

„Es tut mir wirklich leid“, sagte Kixx, nachdem sie das gesamte
System zeitintensiv gescheckt hatten, „aber so wie es aussieht ist alles
was an übergeordneten, intelligenzgesteuerten Programmen vorhanden
war erneut nicht mehr aufrufbar. Ihr Dosen-Schiff ist so tot wie ein Stein.
Wir können von Glück reden, dass die lebenserhaltenden Systeme so
reibungslos funktionieren!“ Kixx hatte gerade ausgesprochen, als auf
einmal nacheinander mehrere dumpfe Schläge zu hören waren und kurz
darauf ein wahres Chaos hereinbrach. Sämtliche Lichter fielen aus und
nur die Kontrollen des Notstartmodus gaben noch einen kurzen Moment
ein gespenstischen Licht ab und zeichneten grausige Schatten von Kixx
und Annabelle an die Wände des Schiffes. Doch nur wenige Sekunden
später verabschiedeten diese sich ebenfalls mittels einem kurzem
Aufflackern und die völlige Dunkelheit des Universums trat ein. Leider
konnte man dies nicht gerade von der Lautstärke sagen, die sich
inzwischen im Inneren des Schiffes breitgemacht hatte. Es herrschte eine
427
Kombination von heiseren, nicht menschlichen Ursprung stammen
könnenden Geschreis an der in erster Linie Annabelle und Kixx schuld
waren, vermischt mit der nicht gerade melodiösen Alarmsirene des
Schiffes, die sich von Intensität und Tonart besser auf einem
altmodischen, irdischen Schlachtschiff bei einem Angriff wohl gefühlt
hätte, als auf einem derart schäbigen Dosen-Schiff. Man merkte es der
Sirene allerdings auch an, dass sie ihren Job nicht gerade mit voller
Hingabe ausfüllte und sie erzählte auch jedem ankommenden Impuls, ob
dieser es wollte oder nicht, das sie irgendwann einmal was anderes
machen wollte als nur derartig langweilige Dinge. Doch auch dieser
Lärm sollte nicht lange anhalten, da nach ein paar Sekunden mit dem
Alarmton auch die Schreie urplötzlich erstickten.
„Das Triebwerk ist ausgefallen.“ Frederick ließ sich fallen und
begann etwas zu suchen. Nach kurzer Zeit flammte ein kleiner Lichtkegel
auf und strich umher, auf der Suche nach den anderen.
„Schnell hinter mir her“, schrie Frederick und rannte auf die
Toilettentür zu. Kixx und Annabelle verstanden zwar nicht worum es
ging, fanden aber keinen Gefallen daran im Dunkeln zurückzubleiben
und eilten dem Lichtschein hinterher. Frederick riss die Türe auf und
leuchtete in das Innere. Trevor saß noch immer, mit heruntergelassener
Hose, auf der Toilette.
„Was ist den nun los. Kann denn ein Mann nirgendwo auf diesem
Schiff seinen Geschäften nachgehen ohne gestört zu werden?“ Trevor
428
wollte gerade zur Hochform auflaufen, als er auch noch Annabelle und
Kixx zu Tür hereinkommen sah. Er warf schnell das Heft in seiner Hand
weit weg, stand auf und zog hastig seine Hose hoch. Nachdem alle den
Ort der Erleichterung erreicht hatten, knallte Frederick die Tür zu.
„Wenn einer von euch möchte, der Toilettensitz ist noch schön
warm!“ Trevor machte eine übertrieben einladende Geste.
„Betätige erst einmal die Spülung, bevor du so etwas anbietest“,
erwiderte Frederick und begann zu schnuppern. „Oh wie eklig! Du musst
ja schon innerlich Tot sein.“ Kixx und Annabelle unterstrichen
Fredericks Aussage, indem sie - innerlich mit ihrer Fassung ringend -
abwendeten. Frederick drehte sich angewidert wieder um, legte sein Ohr
an die Tür und begann zu lauschen.
„Wie verzweifelt muss ein Mensch eigentlich sein, um so etwas
zu benutzen?“ fragte Kixx und zeigte auf die Toilettenschüssel.
„Eigentlich habe ich ja nicht zu einer Toilettenparty geladen, aber
wenn der Ehrengast diesen Wunsch hat. Außerdem ist mir der Wunsch
einer Dame, auch wenn es sich um eine so hochnäsige handelt wie sie,
ein Befehl.“ Trevor zuckte mit den Schultern und wollte wie gewünscht
den Unbilden der Natur ihren freien Lauf lassen um die harte Arbeit der
letzten halben Stunde hinfort zu spülen, musste aber feststellen, dass dies
nicht den erwarteten Erfolg hatte. Er betätigte die Spültaste erneut, aber
wiederum war nicht das gewünschte Resultat eingetreten. Die Spülung
wollte einfach nicht ihren Zweck erfüllen.
429
„Was machen wir eigentlich hier und warum sind alle Lichter
ausgegangen?“ fragte Annabelle unsicher. Auch Kixx stimmte ihr heftig
nickend bei, sofern dessen Körperbewegungen bei dieser schlechten
Beleuchtung richtig gedeutet werden konnten. Nur Trevor versuchte noch
immer sein Glück mit der Beseitigung seiner Verdauungsrückstände und
schenkte den anderen Umständen nur wenig Beachtung.
„Aus einem mir nicht erkenntlichem Grund ist die gesamte
Stromversorgung des Schiffes zusammengebrochen“, begann
Frederick zu erklären. „Das dürfte eigentlich nicht passieren, da
sämtliche Lebenserhaltungssysteme vom E-H-Triebwerk mit Strom
versorgt werden. Dieses Triebwerk kann man zwar abstellen, wenn
bestimmte Umstände vorhanden sind, wenn das Schiff ist gelandet,
Sauerstoff im ausreichendem Maße vorhanden ist und noch vieles
mehr. Ist eine dieser Bedingungen nicht erfüllt, dann schaltet sich das
Triebwerk nicht aus, damit die Lebensbedingungen für die Insassen
garantiert sind.“ Frederick stockte kurz, um wieder an der Tür zu
lauschen, aber nachdem er scheinbar nichts hörte, sprach er weiter.
„So schlecht und billig die meisten Dosen-Schiffe auch sind, aber
dieser Sicherheitsstandart der irdischen Schiffe ist im gesamten
Universum berühmt.“ Frederick versank eine Sekunde in seine
Gedanken, schreckte aber gleich wieder hoch, da er spürte, dass die
anderen ihm weiterhin anschauten. „Nun ja, jedenfalls ist vor wenigen
Augenblicken alles ausgefallen und es dürft nur noch
430
Sekundenbruchteile dauern, bis das Energiefeld um uns herum
endgültig zusammenbricht!“ Frederick schluckte schwer und den
anderen wurde nun nach und nach schlagartig bewusst, dass da noch
etwas anderes sein musste.
„Karmalu“, sagte Kixx in seiner Muttersprache, wobei ein
recht herber Unterton bemerkbar war und für Frederick zumindest
deutlich machte das er die Situation, in der sie jetzt steckten, richtig
einordnen konnte. Annabelle stutzte ein wenig.
„Ich habe schon einige Zeit auf Kalil verbracht und wenn ich
mich recht erinnere heißt Karmalu, sie hatte einige Mühe bei der
Aussprache und musste anschließen ihre Stimmbänder einem inneren
Check unterziehen, in etwa soviel wie - kratz mich, beiss mich, zeig es
mir! Was hat das denn mit unserer Situation zu tun?“ fragte sie
verwirrt.
„Sie meinen -Kurmula“, verbesserte Kixx Annabelle.
„Karmalu heißt in ihrer Sprache in etwas soviel wie ...“ Kixx überlegte
wie er es am besten erklären könnte, als es zuerst leise und dann
immer stärker zu pfeifen begann.
„Oh, nein,“ schrie Annabelle, da sie soeben selbständig
begriffen hatte, was um sie herum geschah.
„Ja genau, so könnte man sagen“, bestätigte Kixx. Da nun das
Energiefeld, welches das Schiff bisher vor den Kräften des Weltraums
geschützt hatte, vollends zusammengebrochen war, begann sich die
431
Natur das zurückzuholen, was bisher durch technische Tricks
menschlicher Erfindungsgabe abgetrotzt wurde. Dadurch, dass das
Außenschott nicht mehr in einem betriebsfähigem Zustand war und
genau genommen festgebunden an einem Seil hinter dem Schiff
hergezogen wurde, war es für die Schwärze des bekannten Teil des
Universums natürlich noch einfacher in das, nur technisch dem
Weltraum abgerungene, Innere einzudringen und dort sein Werk zu
vollbringen. Nicht nur um die Aussagen von Kixx zu bestätigen, drang
das Vakuum mit Macht in die Räume ein und zog mit dem Luftstrom
auch die Dinge mit in den Weltraum, die lose herumlagen oder nicht
besonders gesichert waren. Besonders gefragt schien zur Zeit die
Unterwäsche Annabelles zu sein, den der Sog hatte die Koffer
Annabelles hervorgekramt und war nun dabei extravagante Höschen
und BHs wie Sonden in alle Richtungen aus zu senden, was verglichen
mit den sonst üblichen Typen an Sonden die in die unendlichen Weiten
des Weltalls geschickt wurden bestimmt angenehm aus dem Rahmen
fallen, sollten diese einmal mit anderem Lebewesen, die hiermit etwas
anzufangen wussten, in Kontakt kommen.
Der Sog war inzwischen so stark, dass jeder, der in der unmittelbaren
Nähe des Schotts gestanden hätte, entweder mit hinaus gesogen oder
von einem der Wäschestücke, welche durch die eintretende Kälte hart
wie Bretter gefroren, enthauptet oder andere, meist für die weitere
Existenz dringend nötige, Extremität verloren hätte. Um bei dieser
432
Beschäftigung auch die nötige musikalische Untermalung zu erhalten,
begann der Sog bestimmte Dinge an die Schiffsinnenwände knallen zu
lassen. Doch der Sog und die Kälte sollte für die Anwesenden nicht
die einzige Sorge werden, da sich der akute Sauerstoffmangel bereits
nach wenigen Sekunden bemerkbar machte. Zuerst darin, dass die
Geräusche leiser wurden die durch die Umstellarbeiten der
Inneneinrichtung erzeugt wurden. Dies war nicht unbedingt auf ein
Nachlassen der Aktivitäten des Soges zurückzuführen, sondern eher
auf sehr wenige Luftmoleküle die noch in der Lage waren diese
Geräusche in gewohnter Manier zu übertragen. Denn diese wurden
getreu dem Motto - im Weltraum hört dich keiner schreien- in ihrer
Intensität immer geringer. Auch die Flucht in die Toilette schien die
Lebenserwartung der vier nicht unbedingt weit reichend zu verlängern,
obwohl sie durch die Wahl ihres Aufenthaltsortes zumindest nicht in
das Weltall gezogen oder durch herumfliegende Teile aus Versehen
getötet wurden, bevor sie erstickten oder erfroren, auch wenn durch
diese Zuflucht die temporären Gesellschaftsnormen im Bereich der
privaten Hygiene eklatant verletzt wurden.
Durch den plötzlich auftretenden Sauerstoffverlust verloren Annabelle,
Trevor und Frederick schnell die Besinnung. Nur Kixx hielt es etwas
länger aus, da dessen Körper auf eine recht komplizierte Art und

433
Weise mit Sauerstoff versorgt wurdei und er deshalb größere Reserven
gespeichert hatte. Kixx streckt dennoch nach einiger Zeit seine
Tentakeln von sich und würde, nachdem die Kälte seinen Körper
gefroren hatte wie ein verkorkster Seestern aussehen. Ein Gedanke,
der ihn in den letzten Sekunden auch nicht gerade glücklicher stimmte
da er, nachdem er ihn in einem Buch der Menschen entdeckt, nicht
unbedingt in seine Nachtgebete mit einbezogen hatte.

Es dauerte eine Weile, bis Frederick wieder klar sehen und vor allen
denken konnte. Er schaute sich verwundert um und entdeckte
Annabelle, Trevor und Kixx neben sich am Boden liegen. Letzterer lag
ausgestreckt am Boden und sah irgendwie wie ein Seestern aus. Die
anderen waren noch nicht wieder bei Bewusstsein. Frederick wunderte
sich, warum das Jenseits ausgerechnet wie sein altes Dosen-Schiff
aussehen musste und warum die anderen drei auch hier waren. Aber er
musste im Jenseits sein, da das Licht überirdisch leuchtete. Eigentlich
erwartete er nun, da er in das Paradies eingegangen war, Horden von

i
Jedenfalls wollten dies die Kaliler immer so verkaufen. In Wirklichkeit ist es nur ein Loch
das Luft einsaugt hierfür notwendig. Lungen oder ähnliches ist bei den Kalilern unbekannt,
was der Zigarettenindustrie zugute kam, da hierdurch ein schlagkräftiges Argument
gefunden wurde um zu beweisen, das Rauchen doch keinen Lungenkrebs verursacht. Alles
weitere, was die Luftversorgung des kalilischen Körpers sollte man nicht weiter ausbreiten,
da genau diese Aspekte nicht gerade dazu beitragen das nächste Mittagessen noch mit dem
Genuss zu sich nehmen zu können, wie dieses es vielleicht verdient hätte.
434
hübschen Mädchen, die angeblich immer Jungfraueni waren und
ähnlichen Schweinskrams, und nicht die Gegenwart von diesen
Heiden. Schließlich hatte er nicht umsonst den iramischen Glauben
angenommen als er von diesen Dingen gehört hatte, die nach seinem
Ableben hier auf ihn warten sollten. Als er schließlich erkannt hatte,
dass er wohl seine sterbliche Hülle nicht verlassen hatte, besonders
seine schmerzenden Lungenflügel überzeugten ihn davon, versuchte er
mühsam aufzustehen. Hierbei bemerkte er, dass das überirdische
Leuchten langsam nach und sich zu der einfachen Deckenbeleuchtung
degradieren ließ, was es bisher schon immer war. Es gelang ihm nach
einigen vergeblichen Bemühungen aufzustehen. Frederick ging zur
Tür und öffnete sie vorsichtig, da ja hinter dieser Tür jetzt eigentlich
das unbarmherzige, kalte Weltall lauern müsste, bereit ihn sofort
anzufallen und ihn zu dem Ort zu befördern, welchen die
Hochglanzprospekte der irmanischen Religion ihm versprochen hatten,
wenn er bereit war ab sofort den einzigen und wahren Gott
FUSTAZINIA© anzubeten und monatlich 15% seines Nettogehaltes an
das sekteneigene Konto, zu Händen des einzig wahren Vertreters
FUSTAZINIA© auf Erden zu überweisen. Doch er wurde enttäuscht.
Er schaute nur in das Innere des Schiffes und das einzige Neue war,
dass es penibel sauber war. Ein Zustand der nicht mehr eingetreten

i
Mal ganz ehrlich, was soll denn das für ein Paradies sein! Kein Wunder das man da die
Ewigkeit braucht um sich die dahin zu erziehen das es Spaß macht.
435
war, seitdem er das Dosen-Schiff damals betreten hatte. Er schaute
unsicher zum Außenschott. Doch auch hier fand er alles so wie bei
seinem Notstart auf Kalil und auf diesem blöden Planetoiden vor. Dort
wo sich das Außenschott befinden müsste, war nur der Rahmen. An
dem Rahmen war ein Seil um ein hervorstehendes Eisenteil
festgebunden, an dem das befestigt war, was noch vor einiger Zeit eine
Außenschott-Tür war und nun, frei und unbeschwert der
Schwerelosigkeit frönend, ungefähr fünf bis sechs Meter hinter dem
Schiff hergezogen wurde. Das einzige Neue war, dass sich ein
spitzenbesetzter BH am Türgriff verheddert hatte. Frederick ging
verwundert zur Pilotenkanzel und warf einen Blick auf die Kontrollen.
Zu seinem größten Erstaunen, aber passend zur Situation, war hier
alles so tot wie auf einem Konzert von den Weichgekochten Eierni,
einer früheren Kultband, die jetzt aber keinen mehr interessierte. Er
konnte sich das Funktionieren des Dosen-Schiffes ohne Unterstützung
der bordeigenen Systeme nur insoweit erklären, dass er vielleicht doch
gestorben war und irgendeine geartete, höhere oder heilige Instanz das
Schiff noch benötigte um sie alle an den Ort zu bringen, der ihrem
jeweiligen Glauben entsprach. Obwohl, überlegte Frederick, wenn das
so wäre, dann müsste diese Instanz für Trevor bestimmt eine lange
Strecke einplanen bis dieser einen Abnehmer fand. Vielleicht stimmt

i
Sie kennen diese Gruppe bestimmt noch von diesen unvergesslichen Liedern wie Knack
mich, brat mich oder 5 Minuten Ei.
436
das mit den ewigen Jungfrauen ja doch, dachte sich Frederick.
Gleichmütig, da er im Moment ja doch nichts machen konnte, setzte er
sich in den Pilotensessel und legte sein Bein über die Lehne. Er
summte langsam vor sich hin, betrachtete die Toilettentür und schloss
eine Wette mit sich selbst ab, wer als nächstes auf der Bildfläche
erscheinen würde. Es dauerte nicht lange und die Spülung der Toilette
rauschte. Wenige Augenblicke später wankte Annabelle aus der Tür.
Er hatte, wie üblich verloren. Als sie Frederick im Pilotensessel
erblickte, hob sie ihre Hände in Brusthöhe und schaute ihn fragend an.
Er zuckte nur mit den Schultern und winkte sie herbei. Schweigend
trat sie näher und schaute auf die Kontrollen, da Frederick auf diese
deutete. Zuerst erkannte sie nicht auf was genau sie achten sollte, aber
kurz darauf zuckte sie zusammen und übermittelte hierdurch, dass ihr
die Lage, in der sie sich befanden, bewusst geworden war.
„Wie ist das nur möglich? Wir müssten dann doch eigentlich
längst tot sein!“
„Da kann ich ihnen nur zustimmen“, erwiderte Frederick. „Ich
habe keine Ahnung was hier los ist. Aber ich habe beschlossen zu
glauben ich bin ein Gott oder ähnliches, dass erleichtert das Ganze hier
unwahrscheinlich.“
„Dann erlauben sie ja sicher, dass ich mich hierher setzte und
ihren Glauben teile?“ Frederick erwiderte nichts, sondern deutete ihr
an auf der anderen Lehne Platz zu nehmen, was sie auch prompt tat.
437
Schweigend saßen sie eine Weile so, als laut stöhnend und fluchend
Trevor aus der Tür trat. Er sah einfach fürchterlich aus und die ihm
sich nun lautstark aufdrängende Erkenntnis noch zu leben und nicht zu
wissen wieso verstärkte den Eindruck noch um ein vielfaches.
„Ich fühle mich einfach bäh“, sagte Trevor und ließ sich am
Türrahmen angelehnt auf den Boden gleiten.
„Du warst als Kind schon bäh“, erwiderte Frederick lakonisch.
„Raff deinen Kadaver auf und komm mal hierher, es wird dich
interessieren.“ Trevor blickte mürrisch zur Pilotenkanzel und machte
keinerlei Anstalten aufzustehen. Aber als Frederick seinen Worten
noch eine auffordernde Geste ließ, stand er dann doch umständlich und
geräuschvoll auf um zu sehen was ihnen vielleicht das Leben gerettet
hatte, auch wenn es ihn im Grunde nicht interessierte, was daraus
resultiert das er zur Gattung Mann gehört für die angeblich ja nur der
Ist-Zustand zählt und nicht der Sollzustand. Trevor trat missmutig zu
den beiden an die Kontrollen um dann einen sehr geringschätzigen
Blick auf diese zu werfen. Es dauerte einige Sekunden, bis Trevor
ebenfalls erkannte was los war und nachdem er einen langen,
anerkennenden Pfiff von sich gegeben hatte, schaute er zu Annabelle
und Frederick. Diese zogen gleichzeitig und dabei völlig synchron die
Schultern in die Höhe, wobei sie kroteskerweise siamesischen
Zwillingen ähnelten und gaben damit zum Ausdruck genauso schlau
zu sein wie Trevor. Während noch alle auf die Kontrollen starrten, die
438
nicht nur nichts anzeigten sondern erst gar nicht funktionieren wollten,
kroch Kixx ebenfalls aus der Toilette. Da niemand Notiz von ihm
nahm, gesellte er sich geräuschlos zu den anderen.
Annabelle wollte gerade aufstehen, als Kixx gerade bei ihnen
angekommen war und der unvermittelte Anblick des Kalilers ließ sie
laut aufschreien.
„Verzeihen sie mir, sie waren plötzlich da und da...“,
Annabelle stockte. „Ich wollte sowieso gerade ein wenig sinn- und
planlos durch das Schiff laufen und vielleicht ein wenig mit den
Schicksal hadern.“ Vorwurfsvoll blickten Trevor und Frederick hinter
ihr her und erst nachdem sie an der Toilettentür angekommen war und
noch einmal entschuldigend mit der rechten Hand winkte, drehten sich
dem Kaliler zu.
„Sie sind ja technisch ein wenig versiert“, begann Frederick.
„Werfen sie doch einmal einen Blick auf die Anzeigen unserer
Konsole und sagen mir was sie davon halten.“ Frederick machte eine
einladende Geste. Schweigend betrachtete der Kaliler die
nichtvorhandenen Anzeigen. Nur das Geräusch von laufendem Wasser
erfüllte das Schiff, da Annabelle sich anscheinend dazu entschlossen
hatte eine Dusche zu nehmen. Gerade als Kixx etwas zu der
momentanen Situation zum Besten geben wollte, ertönte abermals ein
leises Tock. Verwundert schauten sich die verbliebenen drei um, um
die Quelle dieses eigenartigen Geräusches ausfindig zu machen.
439
„Seltsam!“ sagte Trevor. „Wenn ich mich recht erinnere, habe
ich ein ähnliches Geräusch schon einmal gehört und zwar kurz vor
dem Zusammenbruch unserer gesamten Systeme.“ In diesem Moment
öffnete sich die Toilettentür und Annabelle trat heraus, nur in ein zu
knappes und gottlos eng anliegendes Handtuch gehüllt, was bei zwei
der anderen Besatzungsmitglieder zu einem sofortigen Blutsturz
führte. Dennoch störte etwas, nicht sofort fassbares, dieses recht
raffinierte Outfit. Dennoch nahmen Frederick und Trevor dies nicht
unmittelbar wahr, da das Störende der Gesichtsausdruck von
Annabelle war und auf diesem Teil des Körpers ruhten deren Blicke
zurzeit nicht. Deshalb oblag es Kixx zu fragen, da dieser gewiss
andere Schönheitsideale hatte, warum sie so bleich wäre.
„Da drin“, sagte Annabelle mit stockender Stimme. „Da drin ist
irgendetwas durch die Außenwand gekommen!“ Sie zeigte in das
Innere der Toilette und drehte sich so, dass deutlich wurde, das jetzt
mindestens zehn Mann nötig waren um sie wieder da hinein zu
bringen. Kixx wollte losgehen um zu sehen was das sein könnte, aber
mitten in seiner Bewegung hielt er inne und wandte sich Frederick und
Trevor zu.
„Wenn ich die beiden Herren ebenfalls bitten dürfte!“ sagte er
überdeutlich. Die beiden Angesprochenen reagierten nur schwerfällig
und nur mit äußerster Willenskraft gelang es ihnen sich von dem
Anblick der Badenixe zu befreien.
440
„Wie bitte?“ fragte Trevor und wirkte als wäre er in Trance.
„Die Dame sagte, dass etwas durch die Außenwand kam und
ihr dadurch die Badefreuden ein klein wenig verdorben wurde“,
wiederholte Kixx die Worte von Annabelle und deutete in die
Richtung der Toilette, da es den Anschein hatte, dass die beiden im
Moment nicht einmal in der Lage gewesen wären ihre eigene Nase zu
finden.
„Dann sollten wir vielleicht einmal nachschauen“, sagte
Frederick monoton und ohne seine Blicke von Annabelle zu nehmen.
Er hakte sich Trevor unter und zerrte ihn in Richtung der Toilette.
Nacheinander gingen sie hinein und versammelten sich um die Dusche
herum. Kixx stellte das Wasser ab, damit sie das Ding, welches die
Außenwand des Schiffes durchschlagen hatte und nun in das Innere
hineinragte, besser in Augenschein nehmen konnten. Soweit dies
allerdings für alle möglich war sich auf den seltsamen Eindringling zu
konzentrieren, da direkt neben der Dusche einige Kleidungsstücke
Annabelles lagen, die einigen Aufschluss auf die physischen Attribute
der Dame gaben, die bisher noch nicht so offensichtlich waren.
Besonders Trevor hatte mit sich zu kämpfen. Das erwähnte Ding,
welches den Säuberungsvorgang so schmählich unterbrach, sah bei
näherer Betrachtung in etwa wie ein Enterhaken aus. Einer von dieser
Sorte, mit dem einige Erdlinge noch heute versuchen sich, mittels auf
dem Wasser fortbewegenden Fahrzeugen und unter Einsatz dieser
441
Gerätschaften, den geschlechtlichen Trieb ihrer Gattung zu verbessern
bzw. wieder aufzurichten, indem sie diesen Haken in große Fische
stecken um einige Teile dieses Tieres in fragwürdige Substanzen zu
verwandeln. Etwas an diesem Prachtexemplar eines Enterhakens war
allerdings anders. Diese Andersartigkeit wurde auch augenblicklich
demonstriert indem durch eine kleine Öffnung in der Spitze plötzlich
laut und deutlich die scheußliche Stimme des Oberst Kardinal zu
vernehmen war.
„Herzlich willkommen, Herr Leutnant“, schnarrte die Stimme
des Oberst Kardinal, die alle Anwesenden einen tiefen Schrecken in
Glieder und Tentakeln fahren ließ. „Auch den anderen Anwesenden
entbieten wir unseren Gruß. Wenn ich recht informiert bin, befindet
sich die reizende Frau Snooze und ein Wartungskaliler an Bord.“
„Die Freude über ihr plötzliches Auftauchen ist ganz auf
meiner Seite“, hofierte Frederick automatisch. „Des weiteren darf ich
ihnen noch einen ziemlich übel riechenden und penetranten Menschen
namens Trevor vorstellen, der sich hier unvermittelt eingefunden hat.“
„Nein, ich muss darauf bestehen, dass die Freude sie und
natürlich die anderen wieder gefunden zu haben wirklich ganz auf
meiner Seite ist.“ Im Hintergrund war ein leises Wimmern zu hören.
„Ach ja“, fügte der Oberst noch geringschätzig ein. „Und ganz zur
Freude unseres lieben Botschafters!“ Einem klatschenden Geräusch
folgte ein weiteres Wimmern.
442
„Wenn es ihnen so viel Bedeutet, dann darf natürlich die
Freude gänzlich auf ihrer Seite sein!“
„Das macht es sicherlich. Nun sie werden sich sicherlich
fragen, was ich hier mache und wie ich sie gefunden habe?“ plauderte
der Oberst.
„Eigentlich nicht, aber wie ich sie einschätze dürfte es
unausweichlich sein, dass sie es mir erzählen.“
„Da haben sie recht“, antwortete der Oberst aufgekratzt.
„Nachdem Kapitän Hartner merkte dass sie dem irdischen Brauch des
Fersengeldes gehuldigt hatten, setzte er ihnen sofort nach, ohne meiner
Person weitere Beachtung zu zollen. Hierbei gab er einige
Kommentare über ihren weiteren Lebensweg von sich, die im
Vergleich der von uns zu erwartenden Behandlung ihrer Personen wie
eine Kur vorkommen wird. Sie sollten versuchen in allernächster Zeit
nicht in dessen Reichweite zu kommen und letzteres spreche ich
besonders auf die Reichweite seiner Bordwaffen an.“
„Danke für diesen gut gemeinten Tipp. Wir werden versuchen
uns daran zu halten.“
„Nur keine Angst, der Botschafter und meine Person daselbst
werden ihnen dabei behilflich sein. Schließlich bin ich in meiner
Position der Fürsorgepflicht, besonders gegenüber geistig
Minderbemittelten verpflichtet.“
„Das erfüllt mich aber mit Freude, lieber Herr Oberst“,
443
antwortete Annabelle. „Sie müssen wissen, dass ich nur zufällig hier
an Bord bin. Ich machte mir schon Sorgen. Aber zum Glück sind sie ja
jetzt hier und befreien mich von diesen menschlich anmutenden
Mutationen.“
„Das tut mir sehr leid zu hören, ist aber für mich persönlich
äußerst uninteressant.“ Der Oberst schnaufte äußerst zufrieden. „Sie
müssen wissen, dass ich beabsichtige sie alle zu einer kleinen Reise
einzuladen.“
„Das ist sehr nett von ihnen, aber leider muss ich - und ich
glaube auch im Namen meiner Begleiter zu sprechen - ablehnen, da
ich schon anderweitige Verpflichtungen getroffen habe. Deshalb
würde ich sie ersuchen diese Gerätschaften aus meinem Schiff zu
entfernen um mich wieder meinen originären Aufgaben widmen zu
können. Außerdem möchte ich keinen Falschen beschuldigen, aber ich
glaube sie sind sich nicht bewusst hierdurch das Eigentum der Erde
nachhaltig beschädigt zu haben!“
„Aber ich bitte sie, lieber Herr Leutnant. Wir befinden uns in
der Schnarpf-Galaxie, hier werden keine Unschuldigen beschuldigt,
dass macht man vielleicht auf der Erde so. Und zu ihren Aufgaben
habe ich eine kleine Überraschung für sie.“ Der Oberst schien ein
sarkastisches Lächeln aufzusetzen. „In der nächsten Zeit haben sie
keine anderen originären Aufgaben mehr. Zu dem Wunsch diese
Gerätschaften, wie sie diese zu nennen pflegen, aus den Wänden zu
444
ziehen möchte ich zusätzlich noch anmerken, dass die gesamten
Lebenserhaltungssysteme ihrer Dose hiermit gesteuert werden. Durch
diese und die anderen Schnittstellen ist es mir möglich alle Funktionen
ihres Schiffes vollständig zu kontrollieren.“
„Ich bitte sie Herr Oberst“, lachte Frederick jetzt nervös auf.
„Mein Bordcomputer und seine Sicherheitssoftware würden niemals
den Zugriff auf die wirklich wichtigsten Systemei zulassen.“
„Da haben sie im Prinzip natürlich recht, aber vielleicht ist
ihnen ja aufgefallen, dass ihr Bordcomputer in letzter Zeit nicht gerade
durch Zuverlässigkeit geglänzt hat?“
„Jetzt wo sie es so direkt ansprechen, muss ich zugeben, dass
er in der letzten Zeit wirklich nicht sonderlich oft seiner eigentlichen
Pflicht nachkam. Aber seien sie beruhigt, dies wird natürlich Einfluss
auf seine nächste Beurteilung haben.“
„Vielleicht sollten sie nicht zu hart mit ihrem Bordcomputer
umgehen. Der Grund für seine neuerdings gezeigte Unzuverlässigkeit
liegt in einem kleinen, aber doch recht wirkungsvollem Virus, den er
sich bei der Suche nach einem gewissen Gegenstand in unserem
Lagercomputer eingefangen hat. Dieser Virus hat normalerweise
innerhalb von wenigen Minuten auch das stärkste System flach gelegt,

i
Unter den wirklich wichtigen Systemen sind solche lapidaren Dinge wie die
Lebenserhaltungssystem und ähnlicher Kram natürlich nicht zu finden. In erster Linie
handelt es sich hierbei um die Ansteuerung der Bremsleuchten und der Bitte-nicht-Rauchen
Beleuchtung.
445
weshalb es mir unverständlich ist, warum gerade der Bordcomputer
eines Billigstschiffes den längsten Widerstand gezeigt hat. Aber seien
sie versichert, dass unsere Techniker den Grund hierfür schon
herausbekommen werden. Sie glauben ja gar nicht, wie viel man mit
einen heißen Lötkolben aus den Blechdingern herausbekommt.“ Der
Oberst machte eine genießerische Pause. „Aber um zurückzukommen
auf meine kleinen Gerätschaften in der Außenwand ihres
jämmerlichen Schiffes. Sollten sie versuchen diese entfernen, oder
meine Wenigkeit, sind sie in exakt vier Minuten erstickt und nach
einer zusätzlichen Minute erfroren. Sie dürfen wählen!“
„Wir bitten, angesichts dieser Möglichkeiten, doch darum diese
Gerätschaften dort verbleiben zu lassen wo sie sind.“
„Eine erfreulich kooperative Haltung.“
„Ich bitte sie, unter diesen Umständen wäre ich sogar bereit mit
ihnen Blutsbrüderschaft zu schließen.“
„Herr Oberst Kardinal“, schaltete sich Annabelle wieder ein.
„Bitte ziehen sie sich doch mal kurz ihren Heiligenschein über die
Ohren, ich müsste mal ein paar schmutzige Wörter mit diesem
Leutnant hier wechseln.“
„Oh, lasen sie sich nicht durch mich stören, ich bin gern bereit
etwas Neues zu lernen, allerdings glaube ich das es wenig Sinn hat
dem Herrn Leutnant gegenüber unflätig zu werden.“
„Dann werde ich eben unflätig zu ihnen. Sie könnten sich ewig
446
bei mir einkratzen, wenn sie sich jetzt augenblicklich subtrahieren.“
„Nette Idee, aber leider muss ich auf das Vergnügen verzichten
mich bei ihnen einzukratzen. Aber um ihnen meinen guten Willen zu
zeigen, werde ich eine kleine wissenschaftliche Studie zu Gehör
bringen, dessen Verfasser ich im Übrigen bin, welche sich mit den
Folgen plötzlich versagender Lebenserhaltungssysteme im einzelnen
und der Auswirkung auf den menschlichen Organismus im besonderen
beschäftigt. Ich bitte sie besonders auf das Verhalten der inneren
Organe zu achten.“ Die nun folgenden Schilderungen waren rein
anatomisch gesehen bestimmt recht gut recherchiert, wurden aber der
falschen Zielgruppe präsentiert. Als der Oberst gerade ansetzte
besonders das Verhalten des Blutsauerstoffes bei plötzlichem
Druckverlust plastisch zu schildern, stopfte Frederick einen Teil von
Annabelles Unterwäsche in die Öffnung aus der die Stimme des
Oberst die Luftmoleküle im Schiffsinneren verschmutzte.
Augenblicklich erloschen die Lichter und Geräusche von
herunterfahrenden Systemen erfüllten den engen Raum, was Frederick
dazu veranlasste, sofort das pikante Kleidungsstück wieder aus der
Öffnung zu entfernen. Während die Lichter wieder aufflammten und
die gerade herunter gefahrenen Systeme widerwillig ihren Dienst
wieder aufnahmen, tönte ihnen die empörte Stimme des Oberst
entgegen, wobei er Ausdrücke benutzte die seinem Rang nicht gerecht
wurden.
447
„Was bilden sie sich eigentlich ein?“ schrie der Oberst. Der
restliche Wortschwall ging aufgrund einer Übersteuerung des
Übertragungsmediums unter, was den eigentlichen Inhalt aber nicht im
geringsten Abbruch tat, da sich jeder der Angesprochenen denken
konnte wie der Inhalt der Botschaft sein sollte. „Sollten sie noch
einmal auf die Idee kommen“, fuhr der Oberst nun ruhiger fort,
nachdem er seiner ersten Empörung Luft gemacht hatte, „mir derart
über den Mund zu fahren, werde ich ihnen bis zur Landung das Licht
abdrehen.“
Die vier schauten sich an und nach und nach nickten sie kaum
merklich. Annabelle schaute an sich herunter und registrierte das sie
noch recht unbekleidet war. Sie hob kurz den Zeigefinger, bückte sich
und klaubte ihre Sachen vom Boden auf. Dann verschwand sie hinter
dem Duschvorhang und begann sich in Windeseile anzuziehen, wobei
sie noch einmal kurz zu Frederick kam um ihm ein Kleidungsstück aus
der Hand zu nehmen, welches er noch immer gedankenverloren in der
Hand hielt. Als sie wieder vollbekleidet erschien, was in Anbetracht
des recht eng anliegenden Overalls keinen gegenteiligen Effekt erzielt,
kehrte die Ruhe der Entschlossenen in die kleine Gruppe ein. Langsam
und fast genießerisch begann Frederick abermals das Rohr nun mittels
eines Stückes Seife zu verschließen, wodurch die Schimpfkanonade
des Oberst, die nun abermals einsetzten nach und nach an Lautstärke,
aber nicht an Heftigkeit verloren. Augenblicklich erlosch das Licht
448
abermals, worauf die Dunkelheit sich dringendst genötigt fühlte sich in
dem Raumschiff breit zu machen.
„Was macht eigentlich die Taschenlampe?“ fragte Trevor fast
wie beiläufig und nur der aufmerksame Beobachter konnte die
Vibrationen in seiner Stimme der einzutreten drohenden Angoraphobie
vernehmen.
„Taschenlampe? Ach ja die Taschenlampe!“ Frederick pulte
gerade die Seife unter seinen Fingernägeln heraus. Dann wühlte er in
seinen Taschen und bemühte sich dabei, so gut es eben ging, Murphys
Gesetz zu erfüllen, was ihm aber nicht ganz gelang, da er die
Taschenlampe bereits in der vorletzten Tasche fand. Seine Finger
tasteten an der Taschenlampe auf der Suche nach dem Einschalter
entlang. Nach relativ kurzer Zeit wurde dieser auch gefunden und
mittels Druck auf den selbigen die Elektronen aus ihrem momentanen
gedümpel gerissen um sich am Glühfaden der Birne zu verausgaben,
was diese auch bereitwillig machten. Der nun aufblitzende Lichtstrahl
durchschnitt nicht nur die absolute und totale Finsternis, sondern fand
auch seinen Weg in die Augen des Kalilers, da dieser sich
unvorsichtiger Weise ausgerechnet dort befand. Etwas was eigentlich
nicht weiter interessant gewesen wäre, wenn Kixx nicht über eine
wesentlich größere Lumiszens verfügen würde als die restlichen
Mitglieder an Bord. Bestätigt wurde dies durch einen Reflex der
unmittelbar auf den Lichtstrahl folgte. Kixx riss eine seiner Tentakel in
449
die Höhe und schlug dabei versehentlich die Taschenlampe aus
Fredericks Hand. Die Taschenlampe, derart abrupt von potentieller in
kinetische Bewegung umgesetzt, durchquerte in ballistisch perfektem
Bogen den Raum. Die Anmut, mit der die Taschenlampe ihren Flug
vollführte wurde nur dadurch unterbrochen, dass irgendein Volltrottel
von einem Schiffsingenieur vor einiger Zeit darauf Wert gelegt hatte,
den Raum des Dosen-Schiffes mit einem recht hartem Boden zu
begrenzen, hauptsächlich in der Annahme dadurch dem zukünftigen
Benutzer des Schiffes beim betreten des Raumes weniger Probleme zu
bereiten. Diese abermals rabiate Behandlung nahm das Gerät
allerdings nun persönlich und ließ seinen Unmut dahingehend an die
Öffentlichkeit dringen, indem es mittels dezentem, aber dennoch
konzentriertem Krachen zerbrach. Frederick und die anderen
erkannten an dem entstehendem Geräusch, dass die Taschenlampe
soeben beschlossenen hatte ihre Berufung aufzugeben und das ohne
eine weiterführende, liebevolle Behandlung, gekoppelt mit einem nicht
geringen Bedarf an, zur Zeit unerreichbaren, Ersatzteilen zu 99% an
eine Wiederinbetriebnahme ihrer Aufgabe nicht dachte. Doch anstatt
über Kixx herzufallen, wie das bei zivilisierten Völkern üblich isti,

i
Unter Darbietung von allgemein gebräuchlichen Schimpfwörtern, die zwar nüchtern
besehen abstoßend wirken, aber die wichtige soziale Rolle innehaben, sich so weit aus der
sozialen Rolle herauslehnen zu können um einen Massenmord zu begehen und dennoch
dem Weihnachtsmann auf die Frage, ob man den auch immer brav war, mit ruhigem
Gewissen ein - Ja, natürlich Du Depp - antworten zu können.
450
schwiegen alle. Nach einiger Zeit kam Bewegung in das Grüppchen,
da sich jeder daran machte eine Position einzunehmen, welche in der
momentanen Lage für ihn am Besten war. Frederick beschloss vorerst
stehen zu bleiben, Kixx rutschte leise quietschen an der Wand herunter
auf den Boden, Annabelle rutschte ebenfalls an der Wand hinab,
allerdings ohne die vorher erwähnten Geräusche zu produzieren und
ging in die Hocke. Trevor begann im Raum herum zu staksen um
ebenfalls einen geeigneten Ort zu finden, vorzugsweise in der Nähe
von Annabelle, da er sich trotz allem, gestärkt durch die Dunkelheit,
Hoffnungen machte.
„Urgh!“ schrie Trevor, als er in der Dunkelheit über eine der
Tentakel stolperte und der Länge nach hinfiel. Der entstehende Knall
wies darauf hin, dass Trevor nicht in der Lage war, seinen Sturz noch
rechtzeitig abzufangen, etwas, was mehrere im Raum nicht unbedingt
bedauerten. Doch anstatt sich wieder Hochzurappeln um zumindest
einige ungezielte Tritte in Richtung der Tentakel zu schicken, blieb er
liegen und rührte sich nicht mehr. Während der nächsten Minuten
hingen alle ihren jeweiligen Gedanken nach und eine bedrohliche
Stille trat ein. Eine Stille von der Art, in der man die absonderlichsten
Geräusche wie zum Beispiel das reißen von Fleisch von Knochen
hören konnte, oder Monster die sich daran machten aus den
abenteuerlichsten Ritzen und Winkeln zu kriechen.
In Frederick stiegen Visionen auf, die hauptsächlich von den recht
451
plastischen Schilderungen des Oberst lebten und er war sich ziemlich
sicher, dass es den anderen ebenso erging, mit Ausnahme vielleicht
von Trevor, da dieser schon in früherer Zeit mit der Gabe behaftet war
in bestimmten Situationen fatalistische Züge aufweisen zu können. Als
er gedanklich an der Stelle angekommen war, an der der Oberst den
plötzlichen Druckverlust und dessen Auswirkungen auf die inneren
Organe schilderte, öffnete Frederick die Augen um das
Schreckgespenst zu vertreiben. Angestrengt blickte er in die
Dunkelheit. Seltsamerweise herrschte jetzt nicht mehr eine absolute
Dunkelheit und er glaubte sogar einen Lichtschimmer ausmachen zu
können. Vorsichtig ließ er sich auf Hände und Knien nieder und
begann auf das Licht zu zukriechen, der sich offensichtlich außerhalb
der Toilette befand. Immer deutlicher erkannte er verschiedene
Einrichtungsgegenstände, die aufgrund ihrer Befestigungi bei dem
Ausfall der gesamten Systeme nicht in das Weltall gesogen wurden.
„Hey Leute!“ rief Frederick aufgeregt. „Wir haben doch noch
ein Licht an Bord!“ So urplötzlich die anderen mit Eintritt der
Dunkelheit verstummten, so urplötzlich erwachten sie wieder zu
neuem Leben. Aufgeregt redeten sie durcheinander und nach und nach
nahmen auch die anderen drei wage den Lichtschein wahr. Schlagartig

i
Eine Befestigung dieses Inventars diente nicht der Sicherheit der Insassen, sondern der
Vorsorge vor Diebstahl. Eine interne Untersuchung von Dienst-Dosen-Schiffen ergab, dass
alle beweglichen Gegenstände nach einer statistischen Verweildauer von 1,342 Monaten
den Besitzer mit eineindeutiger Zueignungsabsicht wechseln.
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kam Bewegung in die Gruppe und wie eine Horde Verdurstender in
Wüste zur Wasser vorgaukelnden Fata Morgana, strebten alle
gleichzeitig auf das Licht außerhalb der Toilette zu. Eine Szene wie
aus einem Horrorfilm. Da Frederick allerdings der Einzige war, der
diesen Zug auf allen Vieren absolvieren wollte, kam die gesamte
Gruppe dadurch ein wenig ins Straucheln. Einer nach dem anderen fiel
über Frederick und innerhalb weniger Sekunden wühlte sich ein
Knäuel von Armen, Beinen und Tentakeln durch den Toilettenraum in
Richtung des Lichtes. Bei den hierbei dargebotenen Lauten tat sich
besonders Frederick hervor, da dieser als so genanntes Basiselement
die meiste Last ertragen musste und dies lautstark kundtat. Dennoch
gelang es allen einigermaßen unbeschadet die Toilette zu verlassen
und in den nächstgelegenen größeren Raum zu gelangen. Der
Hoffnung erweckende Lichtschimmer kam vom Freß-O-Mat, der leise
glimmernd vor sich hin stand und auf die nächsten Bestellungen
wartete, damit er nicht nur das Gewünschte servieren konnte, sondern
außerdem noch seine Gesundheitstipps, die eigentlich keiner hören
wollte die aber unauslöschlich in dem Bedienungsprogramm enthalten
waren, unter den anwesenden zu verbreiten. Wahrscheinlich hat der
Anblick eines solchen Automaten, seit dessen Entwicklung, noch
niemals ein solches Hallo hervorgerufen wie dieser. Als sich die kleine
Gruppe um den oft gescholtenen Apparat scharrte wusste dieser nicht
wie ihm geschah.
453
„Was für einen Wunsch haben sie? fragte der Freß-O-Mat
unsicher, da seine Sensoren die momentane Situation zwar genau
erfassen aber nicht interpretieren konnten. Annabelle schmiegte sich
fast unsittlich an den etwas unförmigen Kasten, Kixx ließ eine seiner
Tentakel am Ausgabeschacht ruhen, da von hier das meiste Licht kam.
Trevor hingegen ließ seinen Kopf ständig leicht auf das
Bedienungsfeld knallen und Frederick setzte sich im Schneidersitz vor
ihn. Nachdem der Automat mehrmals seine Aufforderung nach einem
Wunsch der ihm anvertrauten Passagiere gestellt hatte und keinerlei
Antwort bekam, begann er mit sonorer Stimme Gesundheitstipps
herunter zu leiern, da dies in der Regel bei der von ihm zu
verköstigenden Spezies immer dazu geführt hatte, entweder etwas zu
bestellen, oder aber sich schleunigst zu entfernen. In Inneren begann
langsam, aber mit zunehmender Geschwindigkeit ein kleines,
unscheinbares Programm seinen Weg durch die verschiedenen
Hauptprogrammebenen zu suchen. Das Programm musste
verschiedene, künstlich angelegte Hindernisse überwinden, aber
unbeirrbar ging es seinen vorgeschriebenen Weg. Nach ungefähr 20
Mikrosekunden erreichte es den Intelligenzchip und begann auf
diesen, in Form eines beschwichtigenden Singsangs einzureden die
Schmarotzer, die auf Kosten des Freß-O-Mat ihr langweiliges und
krankes Leben fristeten, nicht allzu ernst zu nehmen. Dieses Programm
mit dem unprofessionellen, aber beliebten Namen -Schmarotzer-
454
Schutz- wurde eigens vom Erfinder des Freß-O-Mat entwickelt, um die
Intelligenzebene des Automaten zu besänftigen, falls etwa die
wohlgemeinten Gesundheitstipps zum wiederholten Male nicht
angenommen wurden, oder aber ständig über die kulinarischen
Fertigkeiten des Gerätes in negativer Form hergezogen wurde. Dies
wurde notwendig, als man erkennen musste, dass ein Freß-O-Mat aus
lauter Ärger über die anscheinende Ungerechtigkeit seiner Behandlung
durch dessen Besitzer, diesen gezielt nach und nach vergiftet hatte.
Dies war im Übrigen der erste Fall von wirklicher
Computerkriminalität an dem sich ein irdischer Richter, sehr zur
Vermehrung seines eigenen Ruhmes und Besitzstandes, verurteilen
durftei. Doch trotz der sonst so nervenden Gesundheitstipps rührte sich
nun keiner der Schmarotzer oder machte Anstalten etwas zu bestellen.
Kurz darauf setzte ein rabiates Relais des Freß-O-Mat zu einer
besonderen Schaltung an, welche man am Besten mit einem
elektronischen Schulterzucken beschreiben könnte, woraufhin der
Automat sich abschaltete und die kleine Gesellschaft, die sich um
seinem Ausgabeschacht und dessen schwächlichen Licht versammelt
hatte, einfach ignorierte.
Kixx begann nach einiger Zeit unruhig zu werden.

i
Das Urteil lautete damals auf Freispruch für den Freß-O-Mat, da die Tötung im Affekt
vorgenommen wurde. Der Ausgang des Prozesses überraschte damals die Medienwelt nicht
unbedingt, da der Richter einer der Hauptaktionäre der Firma war, die diese Geräte in Serie
herstellten.
455
„So ein Mist, ich verpasse gerade den großen Tritt wegen
einem Erdling“, murmelte er erbost.
„Was ist der große Wurf?“ fragte Trevor lustlos, obwohl es ihm
eigentlich egal war, aber alles was jetzt von dieser Situation ablenkte
war willkommen.
„Was wisst ihr Erdlinge denn überhaupt. Das ist der
wunderbarste und großartigste Tag im Leben eines jeden erwachsenen
Kalilers.“
„Und was macht man da am wunderbarsten Tag seines Lebens
so?“ Trevor klang weiterhin gelangweilt.
„Immer dann, wenn ein Kaliler die Halbwertszeit seines
Lebens erreicht hatte verlangte es ein uralter Brauchi, dass er mittels
eines kräftigen Trittes in eine Extremität seiner Wahl von einem hohen
Felsen aus der Mitte seiner Lieben scheidet und heute wäre ich daran
gewesen meiner Erbtante den großen Tritt zukommen zu lassen.“
„Das tut mir aufrichtig leid“, sagte Frederick müde. „Beim
nächsten Mal verspreche ich darauf Rücksicht zu nehmen.“ Dann
kehrte wieder Stille ein. Nach einer Weile streckte Kixx seine Tentakel
aus, wobei er an die unter dem Freß-O-Mat weilende Flasche mit dem

i
Der Brauch stammt noch aus den Anfängen der Zivilisationsbemühungen der Kaliler. Im
Grundgedanken handelte es sich hierbei um einen sozialen Dienst an der betreffenden
Person, die in der Regel davon geplagt war pro Nacht 18 Mal auf das Klo zu rennen, meist
recht übel aus den natürlichen Körperöffnungen roch und die übrige Zeit den anderen mit

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Urghs stieß. Behutsam bugsierte der Kaliler die Flasche unter dem
Automaten heraus und nahm sie in eine seiner Tentakel. Als er die
Flasche dicht an seine Augenpartie führte, erkannte er nicht nur, dass
abermals Blasen aufstiegen sondern er wurde sich wieder über den
schlechten Zustand der Techno-Einheit der Flasche bewusst.
Vorsichtig holte er ein Gerät aus dem Metall-Korsett, der ihn noch
immer verzweifelt vor der hohen Schwerkraft schützte und machte
sich über die Techno-Einheit des Urghs her. Trotz der schlechten
Beleuchtung zeigte der Kaliler großes Geschick im Umgang mit dem
Gerät, welches aussah wie eine Kreuzung zwischen Schlagbohrer und
Warzenschwein, wobei allerdings nur die negativen Dinge der zuvor
angeführten Kreuzung übernommen wurden. Unter anderem vom
Schlagbohrer den Lärm und vom Warzenschwein der Gestank im
Bereich der Weitervererbung die meisten Gene mitbekommen hatte.
Die einzigen Geräusche die in der nächsten Zeit zu vernehmen waren
kamen aus diesem Höllengerät. Frederick erinnerte sich an den Start
von Kapitän Hartner und entdeckte erstaunt, dass der Lärm des
TONIs-Kampfschiffes um einiges angenehmer war, was die Frequenz
des nun auftretenden Lärmes betraf.
„Was glauben sie?“ fragte Annabelle Kixx, als dieser für einen
kurzen Moment den Höllenlärm unterbrach um seine Arbeit genauer in

Heldentaten aus vergangener Zeit oder Besserwissereien nervten. Alles in allem also ein
Tag auf den besonders Schwiegersöhne warteten.
457
Augenschein zu nehmen, “warum die Flasche mit dem Urgh in einem
so schlechten Zustand ist? Auch in Frederick und Trevor rührte sich
Interesse und sie rissen beide ihre Augen auf um die geschickt
arbeitenden Tentakeln und die beschädigte Flasche besser sehen zu
können.
„Ich habe keine Ahnung!“ Kixx unterbrach seine Arbeit um auf
eine der Warzen des Gerätes zu drücken, woraufhin der Gestank
stärker und der Lärm noch lauter wurde. „Aber wenn ich eine
vorsichtige Schätzung abgeben dürfte, müsste die Flasche wohl den
Durchflug durch ein schwarzes Loch überlebt haben.“
„Oder aber eine Taxifahrt auf Kalil!“ fügte Frederick hinzu.
„Scheiße!“ ertönte plötzlich eine blubbernde Stimme aus der
Techno-Einheit und wiederholte dieses Wort der Fäkaliensprache mit
der Präzision einer Schweizer Taschenuhr im Abstand von genau
7,235 Sekunden, so man denn den Wunsch verspürte diese Zeit
messen zu wollen. Kixx erschreckte sich dermaßen, dass er sein
Warzenschwein-Schlagbohrer und die Flasche vor lauter Erschrecken
in die Höhe warf, wobei der Urgh nach seiner Landung über den
Boden auf Annabelle zu rollte und der Warzenschwein-Schlagbohrer,
im verzweifelten Versuch endgültig den Kräften der Anziehung zu
entkommen, eine wundervoll anmutende Kurve beschrieb. Sehr zum
Ärger des Freß-O-Mat wie sich herausstellte, da dieser von seinen
Sensoren gemeldet bekam, dass nun auch noch ein unförmiger
458
Klumpen um Nahrung und Gesundheit nachsuchte. Da abermals, nach
geraumer Zeit keinerlei Nahrung bestellt wurde und das
Beruhigungsprogramm bereits dabei war sämtliche Register der
moderneren Kybernetik-Psychologie zu ziehen, um seinen Meister
wieder in einen entspannten Zustand zu versetzen, beschloss der Freß-
O-Mat nach mehrmaliger Verkündigung seiner Betriebsbereitschaft
nur noch dann seine Dienst anzubieten, wenn der Betreffende
mehrmals seinen Wunsch nach Nahrungsaufnahme konkret kund tat
und wenn man ihn freundlichst, extrem freundlichst, darum bat.
Nachdem das Warzenschwein-Gerät seinen Weg durch die
Schwerkraft endgültig seinen ihm vorgeschriebenen und angedachten
Weg zurück zum Boden gefunden hatte, fand es auf Trevor eine
kurzzeitige Ruhestätte, da dieser sich unmittelbar am anderen Ende der
Flugbahn befand. Nachdem dieser sich laut stöhnend von dem Gerät
befreit hatte, wobei ihm sekundär nicht das nicht gerade geringe
Gewicht zu schaffen machte, sondern primär der Geruch welcher von
dem Werkzeug ausging, hielt er sich betont laut die Nase zu. Gründe
hierfür mögen darin liegen, dass das unförmige Gerät entweder aus
derselben Masse beschaffen sein musste wie der Kaliler, oder aber
durch die ständige Nähe seines Besitzers sich an dessen Geruch
orientiert hatte. Die erstere Möglichkeit drängte sich mit Nachdruck
Trevor auf, nachdem er es berühren musste um sich davon zu befreien.
Angewidert zog er seine Hand ganz dicht an seine Augen heran und er
459
bemühte sich in der Dunkelheit festzustellen, ob irgendetwas an seiner
Hand klebte. Ein Gefühl von Unsauberkeit kroch langsam aus seinen
Eingeweiden herauf.
„Scheiße!“ fuhr der Urgh in einer Tour fort, ohne sich um die
Geschehnisse um ihn herum zu kümmern.
„Warum sagt der den immer nur dieses eine Wort?“ fragte
Annabelle und hob die Flasche mit spitzen Fingern auf, so als würde
diese aus derselben weichen Masse bestehen. Plötzlich begann es laut
in der Techno-Einheit des Urgh zu knistern, wobei eines der monoton
heruntergeleierten Scheiße gänzlich verschluckt wurde. Annabelle
stieß einen entsetzt klingenden Seufzer aus, ließ den Urgh wieder
fallen und kickte ihn weg, wahrscheinlich um ganz sicher zu sein das
er ja außerhalb ihrer Reichweite ist.
„Keine annähernde Erkenntnis vorhanden“, sagte Kixx
monoton und ließ seine Tentakeln über den Boden gleiten um sein
dermaßen geschundenes Gerät wieder in seinen Besitz zu bringen,
während die Flasche, die sich nun bemüßigt fühlte dem Drang der
kinetischen Energie nachzugeben und sich daran machte den Boden
entlang zurollen. Einen weiteren Energiestoß bekam sie von Kixx
Tentakeln auf der Suche nach seinem Werkzeug, um dann mit noch
mehr Schwung auf das offene Schott zu zurollen, was allerdings
niemand direkt mitbekam, da die Dunkelheit sich sofort daran machte
ihren schwarzen Schleier über das dramatische Geschehen am Boden
460
zu legen.
„Aber sie müssten es doch wissen, schließlich haben sie es ja
repariert!“ sagte Annabelle recht vorwurfsvoll zu Kixx gewandt.
„Na und“, rief Kixx erbost aus, einerseits da er noch immer
nicht seine Gerätschaften gefunden hatte und andererseits über diesen
ungerechten Vorwurf. „Ich repariere ja auch diese verflixten Dosen-
Schiffe und habe eigentlich keine große Ahnung davon. Schließlich
gibt es dafür ja die Wartungsroboter von der Erde, das heißt gab es die
ja, bevor dieses verdammte Schiff hier auf meinem Planeten landen
musste.“
„Das haben wir bereits gemerkt, dass sie keine Ahnung haben“,
bestätigte Trevor mit dem Feingefühl einer Backenbremse. „Denn
sonst wäre ihnen schon längst etwas eingefallen um uns aus den
Fängen dieses perversen Oberst zu befreien.“ Kixx reagierte auf die
letzte Bemerkung nicht und fuhr fort weiter nach verschwundenem
Werkzeug zu tasten, wobei er mit seiner Tentakel mehrmals fest auf
den Metallboden schlug, wohl wissend das er dadurch Gefahr lief und
dies stillschweigend hoffte, das eine oder andere Mitglied seiner
Zwangsgemeinschaft zu treffen.
„Wenn ihre Techniker diese blöden Dosen-Schiffe nicht derart
kompliziert und umfangreich gebaut hätten, wäre das vielleicht auch
möglich, aber die Menschen müssen ja immer alles dreimal absichern.
Sehen sie sich doch nur einmal diese blöde Idee mit den Luftsäcken
461
an!“ Kixx begann sich richtig hineinzusteigern. „Da bauen die
Konstrukteure an jedem Punkt dieses Schiffes Luftsäcke ein, um...“
„Airbags!“ warf Trevor gelangweilt ein, während er noch
immer bemüht war das Gefühl der imaginären Unreinheit an seiner
Hose abzuwischen. „Das sind Airbags und die sind deshalb eingebaut
um die Sicherheit der Insassen zu erhöhen, falls es zu einem
Zusammenstoß kommen sollte.“
„Dann heißen die Dinger eben Airbag, ist doch auch egal.
Jedenfalls sind die Dinger überall eingebaut, nur nicht in der
Pilotenkanzel, wo sie statistisch gesehen im Notfall eigentlich
gebraucht werden.“
Frederick, der die gesamte Szene nur stumm mitverfolgte und die
offenkundige Bereitschaft der anderen sich in den nächst besten Streit
zu stürzen nur um scheinbar der physischen und psychischen Enge der
Dunkelheit zu entkommen, ließ seinen Blick durch das Innere des
Schiffes wandern, soweit er denselben eben wandern lassen konnte.
Plötzlich vernahm er abermals das Wort „Scheiße“ und als Hausherr
dieser Dose wurde ihm schlagartig klar, dass sich die Flasche
unmittelbar am Außenschott befinden musste. Da zusätzlich das Wort
mittendrin leiser und dann wieder lauter wurde, wurde ihm ebenfalls
klar, dass sich die Flasche außerdem noch in Bewegung befand. Mit
einer Reaktion, die im Bereich der Schnelligkeit, ihn selbst überraschte
und in der grundsätzlichen Ausführung die anderen schlagartig in
462
ihrem Disput verstummen ließen, sprang Frederick auf und stürzte
kopfüber in die Richtung in der er das Außenschott vermutete.
Nachdem er einen erstaunlich langen Flug hinter sich gebracht hatte
und durch den Schwung auf dem Metall-Boden zusätzlich noch einige
Meter rutschte, schaffte er es, nur gebremst von dem Türrahmen des
Außenschotts die Flasche noch rechtzeitig zu erwischen, bevor diese
hinausrollen konnte um im unendlichem Raum zu verschwinden. Eine
wirklich erstaunliche Leistung zumal es hier am Außenschott dunkel
war, abgesehen von den einzelnen Sternen die Frederick außerhalb des
Schiffes zu sehen glaubte, welche aber nur vor dessen geistigem Auge
existent waren. Frederick lag noch eine Weile bäuchlings auf dem
Boden. Dieses Weilchen genoss Frederick, hier besonders den Teil den
seine Phantasie ausführlich darstellte, wo er genauso wie die Flasche,
jetzt im bekannten Teil des Universums herumtrieb, wenn dieser
Türrahmen nicht gewesen wäre. Er ignorierte die Rufe der anderen und
bevor er sich langsam auf den Weg zurück machte zu seinem vormalig
in Anspruch genommenen Platz am Freß-O-Mat machte, umfasste er
krampfhaft die das üble Wort aussprechende Flasche mit seiner
rechten Hand, als wolle er diese Flasche nicht mehr loslassen oder als
wäre der Verlust der Flasche auch gekoppelt mit dem Verlust seines
eigenen Lebens. Zurück am Freß-O-Mat, der es noch immer an
jeweiliger Bereitschaft, seinen ordinär vorgeschriebenen Dienst
anzutreten, fehlen ließ, legte sich Frederick auf seinen Rücken und
463
wartete bis sich das Zittern, welches ihn nun erfasst hatte, abgeklungen
war. Die anderen beobachteten ihn angestrengt durch die Dunkelheit
und warteten auf das was da kommen möge. Dennoch wurde es nicht
ganz still, da der Urgh alle 7,235 Sekunden bekanntlicherweise ein
einzelnes Wort erklingen ließ.
„Das war aber ganz schön blöd von dir!“ ließ sich Trevor
vernehmen. „Jetzt haben wir wieder keine Ruhe vor dem Ding.“
„Es muss einen Grund geben“, stieß Frederick keuchend hervor
und in seiner Stimme schwang noch immer das Resultat einer sehr
hohen Adrenalinausschüttung mit, „dass der Oberst und der
Botschafter sich so große Mühe geben den Dieb eines offensichtlich
geistig gestörten Urgh zu erwischen.“
„Wenn es nur eine Möglichkeit geben würde die Gedankenwelt
des Urgh wieder in seine richtigen Bahnen zu lenken, denn wenn
jemand mit dieser Präzision „Scheiße“ sagt, kann er doch nicht mehr
richtig ticken, oder?“ gab Annabelle zum Besten.
„Aber leider können wir nicht zur Erde fliegen und einen
Seelenklempner konsultieren“, warf Trevor ein. „Da wir alle, falls sie
es schon vergessen haben sollten, schon einen anderen Termin haben,
deren Einhaltung unumgänglich ist!“
„Ein Psychologe ist eventuell auch nicht nötig“, sagte Kixx
frohgelaunt, da er soeben bei seiner Suche nach dem Warzenschwein-
Schlagbohrers fündig geworden war.
464
„Wie meinen sie das?“ fragte Annabelle aufgeregt. „Nun lassen
sie uns ihnen doch nicht die Würmer einzeln aus der Nase ziehen.“
„Ich habe keine Würmer in der Nase!“ begann Kixx plötzlich
aufzuheulen. „Mein letzter Test war eindeutig negativ. Alles andere ist
pure Verleugnung von diesem blöden Sfixx!“ Betroffen schauten sich
die anderen an, sofern sie dazu aufgrund der recht schlechten
Sichtverhältnisse dazu in der Lage waren.
„Sie brauchen sich doch nicht aufzuregen“, sagte Frederick.
„Wir glauben ihnen ja und außerdem ist das nur so eine Redensart auf
der Erde.“
„Dann ist es eine äußerst blöde Redensart!“ Kixx war sichtlich
eingeschnappt. „Bei uns auf Kalil hat das eine etwas andere
Bedeutung!“
„Darf ich wissen was das bei ihnen für eine Bedeutung hat?“
fragte Annabelle aufrichtig interessiert. Kixx schüttelte energisch
seinen gesamten Oberkörper.
„Nein, dass dürfen sie nicht! Aber ich habe keine Würmer. Das
möchte ich noch einmal mit Nachdruck hier erwähnen.“ Kixx war
äußerst erregt. Annabelle hatte ihn so verwirrt und erregt nur einmal
erlebt, als es um die Fortpflanzung der Kaliler ging. Vielleicht hatte es
ja etwas damit zu tun.
„Verzeihung, ich wollte ihnen nicht zu nahe treten!“ sagte
Annabelle mit ehrlich verstellter Anteilnahme in ihrer Stimme.
465
„Was meinten sie vorhin damit, dass wir hier keinen
Psychologen brauchen“, warf Frederick ein, um dieses Thema, bei
dem alle nur verlieren konnten abrupt zu beenden.
Kixx blickte erbost zu Annabelle hinüber und seine Blicke waren für
sein Ziel trotz der Dunkelheit zu erkennen und besonders zu spüren.
„Ich meinte damit“, begann Kixx, ohne seinen strafenden Blick
von Annabelle zu nehmen, „dass wir Kaliler über eine besondere Gabe
verfügen.“
„Was für eine besondere Gabe ist das denn?“ fragte Frederick
und rutschte ein Stück höher, da er sich inzwischen etwas erholt hatte
und sein Adrenalinspiegel wieder normale Werte erreicht hatte.
„Was lernen die Menschen eigentlich über die erschlossenen
Welten und die anderen Kulturen, die die Menschheit in ihren Drang
den Weltraum mit ihren Chips, Cola und Essmanieren zu missionieren
angetroffen hat? Jetzt sind unsere beiden Kulturen bereits seit einigen
Jahrzehnten im Kontakt, aber das Interesse an unserer Kultur scheint
nicht gerade großes Interesse bei ihnen zu finden, denn dann wüssten
sie, dass in jedem Kaliler eine große psychische Kraft steckt.“
„Richtig!“ nuschelte Trevor in die Ausführungen von Kixx
hinein. „Jetzt erinnere ich mich. Da gab es doch mal so einen
verrückten Forscher der so einen langweiligen Schinken über die
Kaliler geschrieben hat.“
„Ja, ich erinnere mich jetzt auch wieder“, stimmte Frederick
466
mit ein. „Dieser völlig verdrehte Professor Dr. K. hat uns doch in der
Ausbildung dazu gezwungen diesen Schinken zu lesen. Wie hieß der
bloß?“ Frederick begann angestrengt nachzudenken.
„Die monodimensionale Auswirkung auf die psychische
Komplementärebene der stereokausalen Lebewesen in der Wirkung
auf das Über-Ich im bekannten Teil des Universums, von H. C. Cäsar“,
zitierte Annabelle. Verblüfft drehten sich alle zu Annabelle hin.
„Was schauen sie den so, dass ist eines der Standardwerte in
unserer Ausbildung. Schließlich ist es unser Beruf, etwas über die
Spezies zu wissen mit denen wir auf unserem speziellen Niveau
Kontakte aufzunehmen pflegen. Nur mit dem Unterschied, dass es uns
bei dieser Spezies noch nicht gelungen ist. Leider!“
„Jedenfalls wird in diesem Machwerk von dieser Eigenschaft
gesprochen. Ein ausgewachsener Kaliler ist in der Lage, ein
Lebewesen von psychischen Druck zu befreien, wenn er sich auf den
Ort an dem sich das zentrale Denkorgan befindet setzt“, fuhr Frederick
fort, bevor Trevor die Art und Weise der eben angeführten
Kontaktaufnahme vertiefen zu wollen.
„Prima, dann wäre es ja unter Umständen möglich diesen Urgh
dazu zu bringen, aufzuhören immer wieder Scheiße zu sagen!“
„Da fällt mir ein“, hakte Trevor ein, „schilderte dieser H. C.
Cäsar in seinem Machwerk nicht ein paar Probleme hinsichtlich der
Heilung von Psychosen mittels der Kaliler? Da ging doch irgend etwas
467
schief?“
„Stimmt, bei einer Vielzahl von behandelten Fällen, wurden
die betreffenden Personen zwar von ihrem ursprünglichem
psychischem Problem befreit, aber mit einem weitaus stärkerem
Problem sozusagen infiziert. Das ist natürlich ein Aspekt, der bei zu
der vielleicht möglichen Heilung durch Kixx zu beachten wäre. Wenn
die seelische Verstopfung des Urgh zwar beseitigt wird, aber ein
anderweitiger Defekt auftritt, so verliere ich vielleicht einen wichtigen
Zeugen oder aber wir könnten an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln.
Und eine durchgeknallte Flasche hilft mir bei meiner Arbeit natürlich
nicht besonders.“
„Das ist natürlich ein wichtiger Aspekt, der zu berücksichtigen
ist“, meinte Kixx nachdenklich. „Ich weiß natürlich um die Gefahr, die
in der psychischen Kraft meiner Rasse verborgen liegt und die der
Menschen um ein vielfaches übersteigt, wie das halt so ist bei
höherwertigen Rassen, aber ich wollte hier nur mal ausnahmsweise
behilflich sein.“
„Sehr lobenswert, aber ich bin eigentlich noch immer im
Dienst und muss die Interessen meines Dienstherren noch ein
Weilchen wahren.“ Frederick schüttelte die Flasche mit dem Urgh,
wobei dieser wütend grünliche Blase aufsteigen ließ und präzise alle
soundsoviel Sekunden die Schallwellen im Inneren des Schiffes
verschmutzten.
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„Jetzt brauche ich erst einmal etwas zu trinken!“ Trevor stand
auf und drehte sich zum Freß-O-Mat. „Wollt ihr auch was?“ fragte er
die anderen und dreht sich zu der kleinen Gruppe die sich noch immer
um den Automaten scharrte. Da sich aber niemand rührte, drehte er
sich wieder dem Automaten zu. „Einen Brandy, aber dalli!“ Doch
wiedererwarten machte der Freß-O-Mat keinerlei Anstalten den
Wunsch des Durstigen zu erfüllen.
„Hey, du alter Klapperkasten, ich wollte einen Brandy!“ Doch
abermals wurde der Wunsch weder erhört noch in die Tat
umgewandelt. Frederick, Annabelle und Kixx erwachten aus ihrer
bisher sorgsam gepflegten Lethargie, mit der sie sich gegen die
Schilderungen des Oberst Lukul zu schützen versuchten.
„Was ist denn bloß mit diesem Kasten los?“ wunderte sich
Trevor. „Vorhin wollte er sich ein Modul ausreißen um uns zu
bedienen und nun liegt er auf der faulen CPU. Du hast wirklich ein
seltsames Schiff!“ sagte er zu Frederick gewandt.
„Vielleicht ist ja der Schmarotzer-Schutz vorhin aktiviert
worden?“ warf Frederick ein. „Du weißt ja wie empfindlich diese
Dinger sind!“
„Soll das etwas heißen, dass ihr in den letzten acht Jahren diese
Sache noch immer nicht in den Griff bekommen habt?“ Ohne eine
Antwort abzuwarten drehte er sich wieder dem Freß-O-Mat zu. „Oh,
du selige Maschine die du den Hunger der Weltenbummler stillst“,
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leierte Trevor in einer Art Singsang herunter, deren Ironie offenkundig
war. „Du Hort der Glückseligkeit, die du die Dürstenden mit Met in
holde Verzückung versetzt. Bitte erfülle dem armem Schmarotzer
einen seiner unwürdigen Wünsche und lasse ihn teilhaben an dem
reichen Quell der Nahrung die du in dir birgst. Und so weiter und so
fort.“
„Was wünschen sie?“ ertönte es unmittelbar nach Beendigung
dieser offenkundigen Bauchpinselei.
„Wenn der Unwürdige einen Brandy bekommen könnte, so
wäre er einer der Glücklichsten unter dem Lichte des wichtigsten
Automaten an Bord dieses Dosen-Schiffes.“ Leise gluckernd ergoss
sich eine nicht zu identifizierende Flüssigkeit in einen Pappbecher.
Trevor nahm es aus dem Automaten.
„Danke, alter Klapperkasten“, sagte Trevor und trat recht heftig
vor den Freß-O-Mat, dann kippte er die Flüssigkeit mit einem Zug
hinunter. „Bäh,“ brach es einige Sekunden, nachdem das soeben zu
sich genommene Zeug auf seinen Geschmacksnerven etabliert hatten
und eine nicht gerade erfreuliche Meldung über den Geschmack des
Getränkes ablieferten, aus Trevor hervor. Er streckte seine Zunge
heraus und versuchte sich diese mit seinem Ärmeln der Kombination
abzuwischen, was natürlich Aufgrund der dadurch entstehenden
Verrenkungen recht grotesk wirkte und des Weiteren seine
Geschmacksnerven nicht beruhigte. Beim letzteren lag es allerdings an
470
dem recht hohen Grad der Verschmutzung seines Overalls. „Das ist
der mieseste Brandy den ich bis jetzt getrunken habe und ich weiß
wovon ich spreche!“
„Das war kein Brandy, sondern Rizinusöl“, erwiderte der Freß-
O-Mat seelenruhig. „Ich habe ganz deutlich gespürt, dass sie es nicht
wirklich ernst meinten mit ihrer Entschuldigung und habe ihnen daher
etwas gegeben was sie innerlich reinigen sollte, aber ihrer Gesundheit
nicht abträglich ist!“ Trevor war einen Moment sprachlos, etwas was
wirklich selten passierte.
„Dann war es eben das mieseste Rizinusöl was ich je getrunken
habe!“ krächzte Trevor und begab sich wieder an seinen Platz, wobei
er die breite Palette seiner besten Verwünschungen vor sich
hinmurmelte.
„Du bist verrückt“, sagte Trevor und legte sich bequem auf den
Rücken und versuchte das Gespräch dort wieder aufzunehmen, wo es
vorhin geendet hatte, „wenn du glaubst, dass dein so genannter
Dienstherr noch immer verzweifelt auf dein Wiederauftauchen und die
Erfüllung der an dich gestellten Aufgabe hofft und vor allem“, Trevor
machte eine dramatische Geste, die aber aufgrund der zur Zeit
herrschenden geringen Sichtweite den anderen nicht auffiel, „deine
Bezüge weiterzahlt. Du warst in dem Moment vergessen als du die
Anforderung für dein Dosen-Schiff ausgefüllt hattest.“ Trevor
versuchte abermals den Geschmack von seiner Zunge abzuwischen,
471
diesmal nahm er allerdings ein Taschentuch zur Hilfe.
„Wir sollten es versuchen“, sagte Annabelle ganz entschieden.
„Schließlich können wir in dieser Situation sowieso nichts anderes tun
und wer weiß was noch alles auf uns zukommt! Außerdem will ich
endlich wissen, warum der Oberst so wild hinter der Flasche her ist,
damit ich weiß, warum ich nachher die ein oder andere angebotene
Folter über meinen Luxuskörper ergehen lassen muss, der sich für
andere Dinge eigentlich wesentlich besser eignet. Andererseits kann es
eigentlich auch nicht schlimmer kommen,“ sagte Annabelle und warf
dabei einen recht bösen Seitenblick auf Trevor, „als den Blicken dieses
Menschen ausgeliefert zu sein.“
„Scheiße!“ dröhnte es ein weiteres Mal aus der Techno-Einheit
des Urgh, als wollte er mittels dieses Ausspruches die letzten Worte
von Annabelle unterstreichen. Wortlos reichte Frederick die fluchende
Flasche an Kixx weiter. Dieser nahm sie ebenso wortlos entgegen.
„Ich habe so was noch nie gemacht und weiß aus Erzählungen
eigentlich nur den theoretischen Ablauf der Prozedur, aber ich bin
sicher das es funktioniert. Allerdings wäre es mir recht, wenn alle für
die Dauer meiner Sitzung stillschweigen bewahren würden und
vielleicht zu Beginn mit mir zur großen Kaffeemaschinei beten

i
Eine der beliebtesten Theorien über die Entstehung des Universums ist die, dass das
Universum seinen Ursprung im Einschalten einer defekten Kaffeemaschine hat. Allerdings
ist bis heute noch nicht genau geklärt, wer den dann bitte schön die Kaffeemaschine
eingeschaltet und ob es sich um Schonkaffee gehandelt hat. Diese Fragen sind allerdings
472
würden.“
In der großen Bibliothek von Haumich, ehemals Irrenhaus und
heutiges Informations- und Wissenschaftszentrum der Erde, ihrer
Kolonieni und den übrig gebliebenen Teilen der Sternschnuppenflotte
existiert ein wissenschaftliches Werk das sich mit der
unwahrscheinlichsten Theorie der Entstehungsgeschichte des
Universums befasst. Der Titel lautet schlicht und einfach
Montagmorgen.
Hierin wurde erstmals, und hoffentlich zum letzten Mal, der kühne
Versuch unternommen eine rationale, wissenschaftlich völlig aus der
Luft gegriffene und eigentlich unhaltbare These durch ein
unabhängiges Gremiumii zu beweisen. Dieses Gremium schaffte es in
einem nur 2000 Seiten umfassenden Werkiii die wahrhaftige
Bedeutung des Montagmorgens für die Entwicklung der Menschheit
darzustellen. So erarbeitete unter anderem kein anderer als der
berühmte Mathematiker, Astrophysiker und Geschichtsprofessor für

recht schnell verstummt, da die Zweifler recht schnell durch den christlichen Ausspruch
Rübe runter missioniert wurden.
i
Kolonien im eigentlichen Sinn gibt es nicht mehr, da sich die Menschheit wie ein
Geschwür auf alle Planeten des bekannten Teil des Universums verteilt hat und dort den
Ton angibt. Dies ist in der Regel nach 14 Tagen nach der Entdeckung erreicht, worauf sich
die dort ansässige Bevölkerung spätestens nach 14 ½ Tagen genötigt fühlt den Menschen
auf ihr großes Maul zu hauen, was sich manchmal aufgrund von unterschiedlichen
Anatomie als recht schwierig erweist.
ii
Es war tatsächlich unabhängig, da sich wirklich kein Sponsor hierfür finden ließ.
iii
Allein 1950 Seiten wurden allerdings für Widmungen, das Copyright und Aufrufe zu
Spenden benötigt.
473
angewandte Zeitschinderei des späten 20. Jahrhunderts, Albert E.
Kluttig, durch genaue Recherche, der endgültigen Lösung einer
langwierigen mathematischen Gleichung und einer gehörigen Portion
galoppierender Phantasie im letztem Stadium die Theorie des
Montagmorgen-Urknalls.
Hierbei geht es darum, dass das Universum an einem Montagmorgen,
so etwa gegen halb Acht, durch das Einschalten einer defekten
Kaffeemaschine entstanden ist. Die mathematische Beweisführung
hierfür war äußerst beeindrucken und bis jetzt nicht widerlegt unter
anderem deshalb, weil sich niemand die Mühe dazu gemacht hat.
Weiterhin stelle er die These auf, dass das Universumi nicht gerade
zufrieden mit sich ist und daher starke negative Wellen jeweils
Montagmorgens absondertii. Hierdurch kam es im ganzen bekannten
Teil des Universums und wahrscheinlich auch im Rest, von dem man
es nicht ganz genau weißiii, zu den so genannten Montag-Morgen-
Intermezzo (MMZ). Diesen MMZ die in allen Kulturen der Erde
erwähnt wurden und, nach jetzt erst veröffentlichten Material der
Regierungen, auch auf den neu entdeckten Welten vorgekommen sein
sollen sind inzwischen anerkannte Beweise für deren Existenz.
Albert E. Kluttig veröffentlichte in seiner Arbeit einige Beispiele für

i
Dem unzweifelhaft in der vorliegenden Form etwas stümperhaftes anhängt.
ii
Manche sind doch etwas nachtragend.
iii
Es interessiert aber auch keinen, wenn man die Sache ganz nüchtern betrachtet.
474
diese MMZ um seine These zu stützen und um zu zeigen, dass er sich
außerdem in der Geschichte auskannte. Als Beispiele führte der
Wissenschaftler an, das es an einem beliebigen Montagmorgen war,
als der Stand der Vertreter heilig gesprochen wurde, das
Kantinenessen erfunden wurde, Eva im Paradies erschien und die Fast-
Food-Hersteller Light Produkte auf den Markt brachten.
„Wenn es ihnen nichts ausmacht und dadurch auch nicht die
gesamte Prozedur gefährdet wird, würde ich mich gern aus dem letzten
von ihnen gemachten Vorschlag ausklinken“, sagte Frederick. „Ich
bezeichne mich gern und bei jeder sich bietenden Gelegenheit als
Agnostiker!“
„Als was?“ fragte Annabelle und zum ersten Mal, seit sie alle
den Freß-O-Mat zu Leibe gerückt waren, von dem Gerät los.
„Als Atheist!“ erklärte Kixx hilfreich. „Der Herr Leutnant ist
ein Ungläubiger!“
„Ach sie meinen er ist ein Agnostiker!“ Annabelle begann sich
ausgiebig für ihre Fingernägel zu interessieren.
„Nein, ich habe nichts dagegen“, nahm Kixx wieder den Faden
des eigentlichen Gesprächinhaltes auf. „Allerdings wäre es mir auch
recht, wenn die gesamte Prozedur in dem angemessenen Rahmen
stattfindet, wobei mir ruhig einmal die angemessene Bewunderung
zuteil werden könnte, zumal einige Gefahren mit der
monodimensionale Auswirkung auf die psychische
475
Komplementärebene meiner Person verbunden sind, was sie eigentlich
aufgrund der Kenntnis dieses Buches wissen müssten.“
Frederick fielen Augenblicklich diese Gefahren wieder ein. Das war
das einzige Kapitel in diesem massiven Wälzer, für welches er sich
wirklich interessiert hatte. Unter anderem war es auch das einzige
Kapitel gewesen, welches er selbst gelesen und zusammengefasst
hatte. Die eigentlichen Gefahren für die damaligen Kaliler lagen in der
Psyche der zu heilenden Menschen verborgen. Da während der
Heilung die Kaliler mit den Problemen des zu heilenden konfrontiert
wurden, war es unvermeidbar, dass die Kaliler einen weiten Einblick
in die menschlichen Gedankengänge, Phantasien und Wünsche
bekamen, die sich zu über 87,578% im konträren Gegensatz zu denen
der Kaliler stehen. Eine Tatsache, die besonders bei sehr
ungewöhnlichen psychischen Schäden des Menschen einen
unauslöschlichen Eindruck bei dem Kaliler machte. Besonders
eingeprägt hatte sich der Versuch des H. C. Cäsar einen Mann von der
Vorstellung zu befreien, dass jeden Abend, kurz nach der Tagesschau,
eine Madonnenbüste aus seinem Kopf wuchs, die sich mit ihm über
den Kamasutra, dem Glauben an die befleckte Empfängnis und
ähnliche Dinge unterhielt. Leider handelt es sich bei dem Betroffenen
um einen Priester des alten katholischen Glaubens, der der Madonna
keinerlei Praxiswissen bieten konnte. Da die Madonna allerdings auch
noch schwerhörig war - eigentlich kein Wunder da das Wort Madonna
476
ja schon die eine oder andere Vorstellung von Alter impliziert - musste
der Priester ihr recht lautstark antworten, was gerade beim üblichen
Tagesgeschäft eines Priesters wie Taufe, lateinisches Gemurmel
während des Gottesdienstes oder der letzten Ölung nicht immer auf
Verständnis seiner Klientel stieß. Auf Befehl dieser Madonna hat der
Priester die gesammelten Erkenntnisse der Madonna übrigens in
mehreren Büchern veröffentlicht und nicht wenige wurden auf den
Index gesetzt, dies aber nicht auf Betreiben der Kirche, da die
Madonna unzweifelhaft einige Wunder vollbracht hatte, die aber
Aufgrund der Art der Wunder aus Sicht der Kirche nicht gerade für die
breite Masse präsentabel waren. Alles in allem gesehen eigentlich eine
Bagatellsache und gehörte allenfalls in die Hände eines drittklassigen
Dorfpsychologen, da sich aber der Priester nach nur knappen 10
Jahren Diskussion immer häufiger überfordert fühlte und er auch nicht
mehr der Jüngste war um sich ein Praxiswissen aufzubauen, bat er
damals um eine Heilung durch einen Kaliler. Allerdings waren die
Sitzungen nicht sehr erfolgreich, abgesehen davon, dass der Priester
jetzt bereits kurz nach dem Frühstück von der Madonna heimgesucht
wurde und diese erst weit nach Mitternacht verschwand. Im Gegenzug
hierfür wurde aber der Kaliler mit dem Wahn infiziert die Madonna
mit drastischeren Mitteln zu vertreiben, wobei er ein axtähnliches
Instrument zu Hilfe nahm um die Madonna mit einem geschickten
Hieb vom Kopf seines Patienten zu entfernen. Zum Leidwesen des
477
Priesters stellte sich aber bei der anschließenden polizeilichen
Untersuchung heraus, dass der Kaliler eigentlich eine Sehhilfe in
stärkerer Form von Nöten hatte, was allerdings für den Priester nun
von untergeordnetem Interesse war.
Kixx nahm missmutig die Flasche und steckte sie gleichgültig unter
seinen Körper und zum ersten Mal seit der Reparatur der Techno-
Einheit kehrte absolute Stille ein. Doch diese Stille sollte der kleinen
Gruppe nur kurz gewährt werden, da nach kurzer, absoluter Stille ein,
zwar gedämpfter, aber doch noch deutlich vernehmbarer Schrei die
fast andächtige Stille durchbrach. Kixx wälzte sich von der Flasche
herunter, wobei der Urgh in die Mitte der kleinen Gruppe rollte. Dieser
ließ noch immer die Lautsprecher seiner Techno-Einheit in der
scheinbar höchsten Lautstärke vibrieren, was ungefähr in Art und
Lautstärke einer Luftschutzsirene ähnelte, die seit dem Krieg 2017
gegen die Exil-Menschen auf dem Mond jedem Erdenbürger ein
Begriff waren. Dieser eigentlich unspektakuläre Krieg um die
Telefongebührenerhöhungi und die damit verbundene Auslösung der
Sirenen dauerte zwar nur eine Minute, da die Gebühren zu hoch waren
die gesamte Kriegserklärung durchzugeben, aber dank der
Berichterstattung durch die Medien und der ständigen Wiederholung

i
Der sogenannte Mondscheintarif.
478
auf allen 273 Kanäleni der Erde, war es durchaus möglich den
Eindruck einer nicht enden wollenden Bedrohung ausgesetzt zu sein.
Laut statistischen Ermittlungen von unabhängiger Seite, wäre es
möglich gewesen, allein durch beständiges Umschalten durch die 273
Programme in den Genus eines Dauertons von 15 Stunden, ohne
Unterbrechungen durch dusslige Reporter, zu kommen. Teilweise
wurde dies auch von den Zuschauern gern als Abwechslung
entgegengenommen, da sich auf allen 273 Fernsehkanälen inzwischen
eine Reportergilde gebildet hatte, die gerade mal in der Lage waren
dumpf lächelnd in die Kamera zu stieren und jedes Wort auf der
zweiten Silbe zu betonen, egal ob es nun zwei Silben hatte oder nicht.
Zum Beweis dieser Aussage wurde von dem Erhebern dieser Statistik
ein Video angefertigt, die die verschiedenen Sender und die damalige
Berichterstattung zeigten. Der zusammen geschnittene 15 stündige
Dauerton entwickelte sich besonders unter den Jugendlichen zum
Mega-Dance-Hit des Jahres. Schlichtere Gemüter sollen hingegen so
sehr erschüttert gewesen sein, dass sie noch heute davon träumen und

i
Nach diesem Vorfall wurde natürlich sofort eine Arbeitsgruppe gegründet, mit dem Ziel
der Überprüfung der Notwendigkeit einer derartigen Mediendichte. Hintergrund hierfür
war unter anderem auch die Verdickung der irdischen Atmosphäre durch den unsinnigen
Beschuss mittels Fernsehsignale, die besonders den noch verbleibenden Vögeln die
alljährliche Nutzung der Vogelflugroute von Jahr zu Jahr mehr erschwerte. Besonders über
Großstädten wurden immer wieder ganze Vogelschwärme durch sich überlagernde
Talkshows gebraten. Nach Beendigung des Arbeitsausschusses stieg die Zahl der
Fernsehkanäle sprunghaft auf 312 Kanäle. Die heutigen irdischen Vögel werden
inzwischen mit gecharterten Bussen an ihre Ziele verfrachtet.
479
zwar Alp. Obwohl die eigentliche Bedrohung damals nur darin
Bestand, die Lieferung von Mond-Cola an die Erde einzustellen. Eine
Tatsache die eigentlich nicht tragisch gewesen wäre, da der einzige
Unterschied im Vergleich zur Erd-Cola darin lag, dass Mond-Cola in
der Schwerelosigkeit abgefüllt wurde und dadurch um etliches teurer
war. Mond-Cola war zu dieser Zeit halt einfach Mega-in.
Das Problem löste sich eigentlich recht unspektakulär, da es kurz
darauf zu einer Explosion des Atommüll-Endlagers auf dem Mond
kam und dieser sich daran machte die Umlaufbahn um die Erde zu
verlassen und in die Unendlichkeit des Alls zu verschwinden. Eine
eiligst errichtete Kommission, die die Explosion untersuchen sollte
kam allerdings zu dem Schluss, dass erst einmal geklärt werden sollte
ob es den je einen Mond gegeben hatte. Allein die Tatsache, dass die
Menschen dachten das er existiert war noch lange kein Beweis, da er
ja nun faktisch nicht vorhanden war. Nach mehreren Jahren intensiver
Untersuchung und einigen ausgedehnten Reisen der
Kommissionsmitglieder in die verschiedenen Teile der Erde, um dort
mit den Einheimischen - besonders den jungen einheimischen Frauen-
über deren Verhältnis zum Mythos Mond zu diskutieren, kam man
einhellig zu dem Schluss einfach zu behaupten, dass es einen Mond
nie gegeben hatte. Die Alternative zu dieser Behauptung, nämlich das
der Mond einfach keinen Bock mehr hatte ständig angeheult zu
werden oder für drittklassige Horrorfilme als Kulisse zu dienen, wurde
480
von einigen praktischen Wissenschaftlern erhoben und relativ stark
verteidigt, aber die erste Version war dann doch einfacher an die
Menschheit zu bringen. Es dauerte zwar einige Zeit bis aus der
gesamten Menschheitsgeschichte der Mond ausgemerzt war, aber im
Nachhinein hatte es sich gelohnt, da hierdurch neue Arbeitsplätze
geschaffen wurden. Zuerst gab es zwar noch einige massive Proteste
von seitens einer so genannten Werwolf-Partei, die WWP, aber deren
eingetragene Mitglieder starben seltsamerweise kurz darauf an einer
seltsamen Silbervergiftung. Hierbei produzierte das Herz der
unglücklichen Anhänger der WWP inmitten deren Herzen eine silbrige
Kugel in Form eines Geschosses, wodurch eine Fortsetzung der
gewohnten Lebensweise beträchtlich eingegrenzt wurde. Weitaus
schlimmer war da eine Weltraumserie die auf dem, natürlich
imaginären und von führenden Wissenschaftlern nicht diskutierbaren,
Mond spielte und mehrere Jahre lang über die 273 Fernsehkanäle der
Erde flimmerte. Doch auch diese verschwand recht schnell wieder, da
der einzige Fan dieser haltlosen Serie gestorben war. Eigentlich zählte
dieser Fan auch nicht, da es sich hierbei um den Hauptdarsteller der
Serie handelte und nach der Mitwirkung in dieser Serie nie wieder
einen anständigen Job bekam. Ein positiver Effekt wurde allerdings
durch die Entfernung des Mondes auch erreicht, da nun die Hunde
nachts nicht mehr wie blöde herumheulten und das Meer nun endlich
da blieb wo es war und hingehörte.
481
Jedenfalls schrie der Urgh während er über den Boden kullerte,
was schon eine Steigerung darstellte wenn man sich an die etwas
einseitige Wortwahl des Urgh erinnerte.
„Boh, was stinkt das hier!“ setzte der Urgh seinen vorher
ausgestoßenen Schrei nach. „Bin ich hier unter die Hottentotten
gefallen oder was? Außerdem könnte man mich ja auch mal festhalten,
wenn ich mich noch einmal um 360 Grad drehe kann ich für nichts
mehr garantieren!“ Annabelle streckte zögernd ihren rechten Fuß aus,
stoppte die Flasche und hob sie auf.
„Aber sie sind doch in einer Flasche, wie sollten sie den da
übergeben können?“
„Baby, ich leide zwar seit dem kleinen Missgeschick unserer
Rasse nicht mehr unter diesen Flüssigkeitsverlust aus dem Gesicht,
wie noch immer ihre Rasse, aber die Geräusche kriege ich dank
meines enormen Soundsystems noch immer ganz gut und lebensecht
hin. Wollen sie mal hören?“
„Wenn es ginge, verzichte ich gern auf eine Demonstration“,
sagte Annabelle verwirrt und stellte den Urgh aufrecht hin.
„Sie haben noch nicht allzu viel mit einem meiner Rasse zu tun
gehabt?“ stellte der Urgh sachlich fest.
„Das ist richtig, aber wie kommen sie denn darauf?“
„Sie haben mich verkehrt herum gestellt. Nicht das mir das viel
ausmacht, aber wenn man ständig wie ein Schluck Wasser in der
482
Kurve herumhängt und vom Wohlwollen der anderen abhängig ist,
wird man halt doch etwas empfindlich mit der Zeit.“
„Oh, Verzeihung!“ Annabelle nahm die Flasche abermals und
dreht sie langsam einmal herum.
„Was stinkt denn hier so erbärmlich?“ fragte der Urgh
nachdem die Flüssigkeit sich wieder beruhigt hatte. „Das riecht ja total
nach einem Kaliler! Ihr solltet endlich mal lüften.“ Er ließ seine
Sensoren über die kleine Gruppe wandern. „Und warum habt ihr es
den eigentlich hier so dunkel? Kleine Gruppenorgie oder wie sehe ich
das!“
„Sagtest du nicht etwas von einem Kleinod?“ flüsterte
Frederick Trevor zu und stupste ihn leicht an.
„Normalerweise schon, aber bei dem hier bin ich mir nicht
mehr so sicher. Wahrscheinlich ein Sonderangebot!“
„Ihre erste Frage ist aus Gründen der Höflichkeit gegenüber
einem unserer kleinen Gruppe nicht zu beantworten und bezüglich
ihrer ....“
„Detlef, mein Name ist Detlef“, warf der Urgh ein und
unterbrach die Ausführungen Fredericks recht ungeniert. „Gelehrter,
Dichter, Schöngeist und vortragender Dozent an der ehemals
berühmtesten Universität von Blubb!“
„Detlef?“ wunderte sich Trevor. „Gelehrter?“
„Natürlich,“ bestätigte der Urgh. „Warum können sich die
483
Menschen bloß nie vorstellen, dass Lebewesen aus anderen Teilen des
bekannten Universum nicht immer so seltsame Namen wie XPO 4711,
Chubaka oder was weiß ich noch heißen müssen. Ihr braucht mir
nichts zu erklären. Der Grund für den Gestank dürfte in der
Anwesenheit dieses dreckigen Kalilers dahinten in der Ecke liegen und
den Zusammenbruch sämtlicher Systeme kenne ich noch aus der Zeit
mit Frank. So hatten uns die Neuen vor einiger Zeit auch an die Leine
gelegt!“
„Wer weiß was sie für einen Geruch verbreiten würden, wenn
man ihre billige Pfandflasche öffnen würde!“ murmelte Kixx beleidigt.
„Was haben sie denn so gelehrt?“ fragte Frederick nicht nur
aus Neugierde, sondern auch einem weiteren, eventuell aufkeimenden
Streit rasch zu unterbinden.
„Ich bin ein Gelehrter, der den Leuten auf existentielle Fragen
Antworten gab!“ verkündete Detlef nicht ohne Stolz.
„Ist das nicht ein unwahrscheinlich aufreibendes Gebiet
gewesen, was sie da gelehrt haben?“
„Nicht unbedingt“, erwiderte Detlef und blubberte ein wenig
vor sich hin, was wahrscheinlich ein Lachen darstellte. „Auf meinem
Planeten gab es nur eine Frage von existentieller Tragweite. Hierbei
handelte es sich darum, ob man in der Waschmittelwerbung mehr als
500 Steigerungen von Sauber finden kann ohne Kunstwörter zu
benutzen.“
484
„Und wie ist die Antwort darauf?“ fragte Trevor und man konnte
meinen, dass ihn die Antwort wirklich interessierte.
„Vielleicht!“ antwortete der Urgh entschieden. Durch die
Heftigkeit mit der diese Aussage getroffen wurde, war den anderen
deutlich geworden, dass ein in Zweifel ziehen dieser Aussage nicht
möglich war.
„Sie kennen Frank?“ brach es aus Annabelle hervor, die die
Ausführungen bezüglich des ehemals zu vermittelnden Lehrstoffes des
Urgh nicht im geringsten mitbekommen hatte und außerdem den
bestimmt berechtigten Einwand bezüglich der Körperausdünstungen
des Kalilers in Vergessenheit gerieten ließ. „Äh ich meinte natürlich
das ihnen der Major ein Begriff ist?“ fügte Annabelle schnell hinzu.
„Strengen sie sich nicht so an“, fuhr Detlef fort, ohne sich um
den Gefühlsausbruch der Dame zu kümmern. „Sie sind Annabelle
Snooze, die Frau von Frank. Er hatte mir ein paar Fotos von ihnen
gezeigt. Da fällt mir bei dieser Gelegenheit ein, sie sollten Frank nicht
erlauben solche Bilder von ihnen herum zu zeigen auf denen sie derart
spärlich bekleidet auf dem Bett herumliegen. Bei der Gelegenheit, auf
dem Bild halten sie so einen komisch geformten kleinen Dreizack in
der Hand. Was macht man eigentlich damit? Und übrigens, “ Detlefs
Stimme schien sich durch irgendeinen elektronischen Trick Kixx
zuzuwenden, „duften Urghs nach Vanilletee.“
„Die Frau des Major?“ plapperte Frederick tonlos nach. „Jetzt
485
verstehe ich warum sie einfach in mein Raumschiff gekommen sind.
Sie wussten das ich nach dem Major suche.“
„Natürlich“, erwiderte Annabelle schnippisch. „Ich erkenne
jemanden der vom END kommt auf 1000 Meter. Sie und dieser
heruntergekommene Lustmolch gehören, ebenfalls wie mein Mann,
dazu. Oder glaubten sie etwa im Ernst ich wäre an ihnen interessiert?“
„Ja, aber Trevor hat man nur genommen, weil der Knast ihn
nicht haben wollte“, sagte Frederick leicht gekränkt. Kixx zog seine
Tentakeln unter sich und bereitete sich genüsslich auf das Kommende
vor.
„Ich weiß gar nicht was du hast? Ich bin jetzt der
zweiterfolgreichste Spross meiner Familie. Ich rangiere jetzt gleich
nach meinem Ururgroßvater - Henry dem Vollstrecker.“
„Das dürfte jetzt eigentlich unwichtig sein“, unterbrach der
Urgh die aufkeimende Diskussion über das wie und warum des
Vorhandenseins an Bord dieses Dosen-Schiffes der einzelnen
Personen, vielleicht auch aus dem Grund weil ihn das nicht die Bohne
interessierte. „Zurzeit dürfte vom größerem Interesse sein was nun mit
uns geschieht und warum ich eigentlich hier bin?“
„Diese Frage könnte ich ihnen vielleicht erklären“, schaltete
sich nun Trevor in die von Detlef dominierte Unterhaltung ein. „Sie
sind hier weil der da sie aus einem Regal geklaut hat und wenn man
dem freundlichem Oberst Lukul glauben darf werden wir in Kürze zur
486
Hauptattraktion des Kulturprogramms in der Sparte -Schrei wenn es
wehtut - eines Planeten gehören und so wie der Moderator klang
handelt es sich hierbei nicht nur um eine Kindersendung.“
„Dann wünsche ich den verehrten Anwesenden viel Spaß bei
der weiteren Reise und wenn es nicht zuviele Umstände macht würde
ich sie bitten, mich am nächsten ROSIs abzusetzen.“
„Sie sagten gerade, dass das Schiff des Majors ebenfalls vom
Oberst Kardinal ausgeschaltet wurde. Was geschah dann eigentlich mit
ihnen und dem Major?“ fragte Frederick.
„Das ist schnell beantwortet“, sagte Detlef. „Frank und ich
kamen dahinter, dass der Oberst und der Botschafter auf Kalil fleißig
Daten sammelten über die dort lebenden Menschen. Kein normaler
Behördenvertreter würde dies an einem Ort machen, an dem es eine
Vertretung von ROSIs gibt. Zumal an einem Ort wo bestimmt nicht
gerade die besten Vertreter der Erde hingeschickt werden würden.
Dann entdeckten wir, dass die beiden nicht von der Erde stammten und
zu den so genanntem Neuen Volk gehören, von denen neuerdings
soviel zu hören ist, besonders seit dem Zwischenfall mit diesem
beknackten Dolmetscher. Dies wollten wir unserem Vorgesetzten vom
END mitteilen, da uns dies doch ein wenig seltsam vorkam und auch
um die letzte Rechnung von ROSIs zu erklären, aber auf unserem Weg
wurden wir von den beiden auf dieselbe Art und Weise abgefangen
wie sie jetzt, ich schrie einmal Scheiße als unsere Systeme ausfielen.
487
Dann war ich hier und plötzlich roch es wie in der Hose eines
hundertjährigen Kosaken. Mehr weiß ich nicht.“
„Das war wirklich schnell beantwortet“, murmelte Kixx.
„Keine 14 Sekunden!“
„Lassen sie es gut sein“, erwiderte Frederick. Ihr Report war
knapp, informativ, klar gegliedert und für unsere Situation absolut
sinnlos.“
„Aber was sollen wir den jetzt machen?“ fragte Annabelle.
Unbewusst zog sie ihren Schmollmund, wurde sich aber schnell
darüber klar, dass ihr sonst so wunderbares Minenspiel im Moment
unnütz war, da es niemand sehen konnte.
„Wir machen das wofür wir ausgebildet wurden!“ antwortete
Trevor. „Seit tapfer, loyal und treu. Außerdem haltet die weiße Fahne
bereit, nur so für alle Fälle.“
Frederick wandte sich Kixx zu, während Annabelle begann einige
brennende Fragen über ihren verschwundenen Mann an den Urgh
stellte, die sich in der Mehrzahl um einige verpatzte Wochenenden
drehten, an denen er angeblich Dienst hatte und auch die letzte
Rechnung von ROSIs fand dort ihren Platz.
„Das war eine sehr überzeugende Darstellung ihrer
psychischen Kräfte. Wenn ich mich recht erinnere, ist diese
Behandlungsmethode bei allen irgendwie intelligente Spezien
anwendbar!“
488
„Ja, allerdings mit mehr oder weniger großem Erfolg“, fügte
Kixx betrübt hinzu.
„Würden sie mir vielleicht einen Gefallen erweisen und eine
weitere Behandlung durchführen?“
„Warum, von den Anwesenden hier erscheint mir keiner
meiner Hilfe zu bedürfen, abgesehen davon, dass dieser Urgh
vielleicht mal eine Behandlung in Bezug auf Manieren nötig hätte.“
„Bitte“, flüsterte Frederick und beugte sich zu Kixx vor. „Ich
meine es ernst und benötige ihre Hilfe! Folgen sie mir bitte -
irgendwie.“ Ohne eine Antwort abzuwarten drehte sich Frederick um,
orientierte sich kurz um dann auf allen Vieren in Richtung des
Kontrollraums los zu krabbeln. Kixx deutete abermals ein
Schulterzucken an, knotete seine Tentakeln auf und setzte sich in
Bewegung. Annabelle, Trevor und Detlef bekamen von der kleinen
Volkswanderung nichts mit, da Annabelle gerade einen schwachen
Punkt in irgendeiner Erklärung des Urghs entdeckt hatte und diesen
mit der Akribie auseinanderpuzzelte, wie sie nur einer Ehefrau
gegeben ist. Detlef schien in die Enge getrieben worden zu sein, da er
nun statt ständig, wie noch vor einiger Zeit, das Wort Scheiße zu
wiederholen, interplanetarische Interessen vorschob, was nicht so
glaubwürdig klang wie das Wort Scheiße. Jedenfalls nicht in den
Ohren einer recht hellhörigen Ehefrau. Trevor lag noch immer auf dem
Rücken und genoss den kleinen Disput.
489
Nach wenigen Minuten und ebenso vielen Beulen am Kopf erreichte
Frederick, dicht gefolgt von Kixx, den Kontrollraum.
„Kommen sie dichter an mich ran“, flüsterte Frederick, bereute
dies allerdings sofort wieder, als ein Schwall übelster Gerüche ihm
entgegenschwappte.
„Was wollen wir hier?“ fragte Kixx verwirrt, wobei seine
Tentakel leise auf dem Boden tippten. „Was für ein Problem haben sie
denn nun?“
„Wir sind hier im Kontrollraum meines Schiffes und ich
möchte sie bitten mein Schiff zu behandeln!“
„Ich soll ihrem Schiff eine psychologische Behandlung
angedeihen lassen?“ Kixx war offensichtlich verblüfft. „Da könnten
sie ja gleich von mir verlangen mit einem Wasserball Kontakt
aufzunehmen!“
„Das können sie meinetwegen anschließend versuchen, aber
jetzt würde ich darum bitten mein Schiff zu heilen. Vielleicht drücke
ich mich mal anders aus.“ Frederick rückte noch näher an Kixx heran
und ignorierte den Geruch völlig. „Die Chancen für sie zu
Tintenfischcreme verarbeit zu werden erhöht sich mit jeder Minute in
der sie sich wie eine Jungfrau zieren. Denken sie an die Worte des
Oberst.“ In Fredericks Stimme schwang eine Bestimmtheit mit, die es
Kixx unmöglich machte dieser Bitte nicht nachzukommen. Missmutig
490
schaffte er seinen Körper auf den Hauptrechner. Nach ein paar
Sekunden begann Kixx heftigst zu schwitzen, wodurch der vormals
leicht penetrante Geruch des Kalilers eine ungefähre Steigerung von
50%, auf der nach oben offenen Ekelskala, erfuhr. Nach mehreren,
endlosen Minuten fuhr durch den Körper des Kalilers ein Stromschlag,
wodurch dieser wie in Zeitlupe von der Hauptrecheneinheit fiel. Steif
wie ein getrockneter Seestern lag Kixx auf dem Boden und stöhnte
leise vor sich hin.
„Eigentlich sollte ich den Reiseleiter erwürgen“, stieß Kixx
nach einer Weile hervor. „Außerdem werde ich mein Testament
ändern und doch wieder alles der Liga gegen Menschen vererben.“
Frederick schenkte den mühsam formulierten Drohungen des Kalilers
keinerlei Beachtung. Er kroch zum Kommandopult, tastete daran
entlang und öffnete den Aschenbecher.
„Mist!“
„Was haben Sie den gedacht?“ sagte Kixx noch immer recht
mühsam. „Ich schwinge mich auf den Computer, schwitze ein
bisschen, falle herunter und der Schrotthaufen hier beginnt wieder
seine Passagiere zu beschimpfen?“
„Ich dachte ja nur“, begann Frederick, als plötzlich das
Aschenbecherlicht zu glimmen begann. Innerhalb weniger Sekunden
aktivierten sich verschiedene Systeme und diverse Lichter wurden
wieder zum Leben erweckt. Verwirrt schauten sich alle um. Frederick
491
sprang auf und begann wie ein Verrückter umher zuspringen und sang
einige, einst beliebte Lieder, bevor sie durch den momentanen Sänger
derart in Mitleidenschaft gezogen wurden. Da außerdem nicht die
Stimme des Oberst Kardinal ertönte, nachdem das Licht wieder anging
wurde den anderen nach und nach bewusst, dass die Systeme des
Schiffes wieder ihre, ihnen ursprünglich zugedachten Funktionen
aufgenommen hatten. Kixx warf abwechselnd einige verwirrte und
doch stolze Blicke auf seine Tentakeln, die an der Erweckung des
Schiffscomputers so entscheidenden Anteil hatten, und der
Hauptspeichereinheit.
„Roderick?“ fragte Frederick, völlig außer Atem, nachdem er
genügend herumgetanzt und gegrölt hatte. „Roderick! Kannst du mich
hören?“
„Ja und leider habe ich dich auch singen hören“, antwortete der
Schiff-Computer 1. Klasse schwerfällig. „In Zukunft unterlass doch
bitte solche Schallwellenverschmutzung, sonst tragen meine Sensoren
noch irreparable Schäden davon.“
„Mann bin ich froh, dass du wieder in Ordnung bist“, rief
Frederick froh und die anderen stimmten in diesen Tenor mit ein. „Der
Oberst hat einen besonders miesen Virus in deinen Speicher
eingeschleust, als du die Datenbank des Lagers angezapft hast.“
„Unkraut vergeht nicht“, sagte Roderick und man merkte mit
jedem Wort, dass sich die Systeme und die Kapazität des Computers
492
beständig erholten. „Des Weiteren halte ich es wie die Watuzi.
Beständiges zählen aller Extremitäten und fünf rohe Kartoffeln täglich
ist das beste Mittel gegen den endgültigen Systemausfall, also
praktisch den Tod.“
„Und die Watuzi glaubten das?“ fragte Trevor.
„Das nimmt man hinlänglich an, aber da die Watuzi vor 721
Jahren und 34 Tagen ausgestorben sind, kann das in letzter
Konsequenz niemand so richtig beantworten.“
„Wie sieht es mit deinen Systemen aus? Haben wir
irgendwelche irreparablen Schäden oder gibt es etwas was wir für dich
tun können?“
„Die Systeme werden gerade wieder regeneriert und außer ein
paar Löchern im Rumpf sind keine Schäden feststellbar. Dieser Virus
den ich mir eingefangen habe hat allerdings ganze Arbeit geleistet. Ich
brauche mindestens noch 17,34 Stunden ab jetzt um das Schiff wieder
soweit in Ordnung zu bringen, dass es mir“, Roderick machte eine
kleine Pause, „ich meine natürlich das es deine Anordnungen wieder
uneingeschränkt ausführen kann. Ansonsten würde ich jetzt gern
unrasiert im schmutzigem Unterhemd vorm Fernseher sitzen und in
der Begleitung eines Six-Pack Bier die Sportschau ansehen.“
„Dann mach mal bitte einen Check und versuche
herauszubekommen wohin wir geschleppt werden, wie lange wir dazu
noch brauchen und wann deine Systeme funktionsbereit sind.“
493
Annabelle und Trevor verließen ebenfalls ihren Platz am Freß-O-Mat
um die Wiedererweckung der Bordsysteme in Augenschein zu
nehmen. Der Freß-O-Mat hingegen, welcher inzwischen durch seine
Sub-Programme vom Totalausfall des Schiffs-Computer unterrichte
wurde, etwas dessen er sich nicht bewusst war, da die Freß-O-Maten
unabhängig funktionieren, ließ sich hierdurch allerdings zu der
Ansicht verleiten, dass er der einzige omnipotente Computer innerhalb
dieses Schrotthaufens war und er bei der nächsten Bitte um
Nahrungsabgabe an diese Schmarotzerspezies Mensch einen
erweiterten Aufgabenbereich verlangen würde wie zum Beispiel die
Sanitär-Einrichtungen. Auf jeden Fall aber einen Aufgabenbereich bei
dem ihm mindestens eine Wartung jährlich zusätzlich zusteht, aber
nicht von diesen Wald- und Wiesentechnikern wie diesen Kaliler,
sondern nur Fachwerkstätten und Meisterservice, von Leuten die
Finger haben und nicht Tentakeln oder schlimmeres wie zuletzt auf
Mark 2.
„Ach, übrigens Kixx“, säuselte Roderick. „wenn sie ihre
Tentakel auf die Stromversorgung meines Hauptspeichers legen,
können sie die Wärme meines aufrichtigen Dankes für ihren Einsatz
spüren.“ Kixx überlegte einige Zeit, unterließ jedoch der Aufforderung
des Schiffs-Computers nachzukommen, da er sich nicht nur zu gut an
den Stromschlag erinnern konnte, sondern auch an gewisse
Eigenheiten die er bei der Heilung über das Seelenheil des Schiffs-
494
Computers erfahren hatte.
„Bitte“, antwortete Kixx, „war keine Ursache. Bringen sie uns
nur schnell von hier weg und ich berechne ihnen bei der Rechnung
keinen Anfahrtsweg.“
„Vielleicht würde man mir auch mal wieder ein bisschen
Aufmerksamkeit schenken,“ brüllte es aus der Techno-Einheit des
Urgh. „Leider bin ich an diese Flasche gebunden, falls sie dies
vergessen haben und kann mich nicht so frei bewegen wie sie alle!“
Die künstliche Stimme aus der Techno-Einheit überschlug sich und
klang extrem beleidigt. Man merkte förmlich, dass jeder Bauteil der
Lautsprecher-Einheit an den Grenzen seines Leistungsvermögens
angekommen war. Die drei schauten sich unschlüssig an.
Normalerweise wurde der Urgh an einer Kette um den Hals getragen
und bei der geringen Verbreitung dieser Spezies im bekannten Teil des
Universums wäre das für jeden der Anwesenden eine Ehre gewesen
ihn tragen zu dürfen, ganz abgesehen davon dass man damit bestimmt
einen recht großen Schmiss bei dem jeweiligen anderen Geschlecht als
der des potentiellen Trägers hat, aber bei diesen Abkömmling
verzichtete jeder gern auf die eventuell zu erwartenden
Neidwallungen.
„Ich werde mich seiner annehmen!“ sagte Kixx und glitt auf seinen
Tentakeln zu der Flasche hin. Sichtlich erleichtert atmeten Annabelle,
Frederick und Trevor auf.
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„Schließlich habe ich es zu verantworten, dass er uns nervt.“
Kixx nahm den Urgh vom Boden auf und hängte ihn sich um das
Körperteil, welches unter Berücksichtigung der irdischen Maßstäbe
jenes sein konnte, welches gemäß Gliederanordnung der Hals hätte
sein können. Hierbei konnte der aufmerksame Betrachter deutlich
erkennen, dass der Flascheninhalt absichtlich ein klein wenig mehr in
Bewegung gesetzt wurde als unbedingt nötig.
„Nein, bitte nicht!“ schrie der leicht durchgeschüttelte Urgh,
der aus seiner Abneigung gegenüber dem Kalilers bisher keinen Hehl
machte. „Lieber teile ich meine Zahnbürste mit einem OKS.“
„Sie haben die Wahl!“ drängte sich die ungerührte Stimme von
Kixx an das Mikrofon der Techno-Einheit. „Entweder sie werden von
mir mitgenommen, oder sie kriegen eine Leuchtdiode eingesetzt und
betätigen sich demnächst als Nachttischlampe beim Oberst.“ Kixx
rückte die Flasche zurecht und schloss sich den anderen wieder an.
Detlef versuchte zwar noch ein paar Bemerkungen los zu werden, aber
er hing so unglücklich zwischen zwei Tentakeln, das während der
Fortbewegung des Kalilers der Lautsprecher zwischenzeitlich von
einer Tentakel bedeckt worden, wodurch die Äußerungen des Urgh
doch recht zerhackt wurden. Ohnehin hörte jetzt sowieso keiner mehr
zu.
Die nun komplette Gruppe sammelte sich um das Kommandopult, auf
dem sich inzwischen wieder reichlich Lichter regten und zuckten.
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„So Süßer“, erklang die Stimme Rodericks nach einiger Zeit.
„Ich habe jetzt die gesamten Daten hinsichtlich der kompletten
Rekonvaleszenz meiner Systeme und der wahrscheinlichen Ankunft
auf dem Planeten des Neuen Volks. Und ich teile es dir gern mit, falls
du jetzt noch darauf Wert legst?“
„Nun mach schon hin“, forderte Frederick und wechselte
nervös von einem Bein auf das andere, wobei er gleichzeitig seine
Finger knacken ließ. Er drehte sich wieder der kleinen Gruppe zu.
Schadenfreude keimte augenblicklich auf, als er den Urgh um den
Hals des Kalilers erblickte. Für einen kleinen Moment vergaß er alles
um sich herum.
„Die Antwort ist 12 Stunden!“
„Was heißt 12 Stunden?“
„Das heißt, dass meine Systeme 12 Stunden nach unserer
Ankunft auf dem Planeten der Neuen wieder volle Bereitschaft erlangt
werden haben.“
„Ich glaube ihr Schiffscomputer möchte damit andeuten, dass
die Möglichkeit gegeben ist, dass wir in die Hände des Neuen Volkes
fallen“, brummte es scheinbar zufrieden aus der Techno-Einheit des
Urgh, dessen Inneres vor lauter Unbehagen vor sich hinblubberte. Alle
starrten erst den Urgh an und dann Frederick.
„Sag mal Roderick, könnte deine zuletzt getroffene Aussage
dahingehend interpretiert werden, dass der Einwurf von Mr.
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Flaschenpfand sich unter gewissen Umständen bewahrheiten könnte?“
„So ist es. Dein Knackarsch hat gute Chancen vom Neuen Volk
in Augenschein genommen zu werden.“
„Und es gibt keinerlei Möglichkeiten die Bereitschaft deiner
Systeme zu beschleunigen? Falls es dich nicht langweilt würde ich
ganz gern noch eine weitere Überprüfung durchführen lassen.“
„Ganz wie mein Herr und Meister befiehlt!“ antwortete
Roderick mit verstellter Stimme. Sofort begann es im Hauptspeicher
zu Summen und wichtigtuerisch begannen einige Kontrollleuchten, die
bisher eigentlich nie so recht ihr Können zeigen konnten, ein Bild vom
emsigen Fleiß des Computers zu zeichnen. Es vergingen einige
Sekunden, in denen die Anwesenden unruhig von einem Bein auf das
Andere wechselten. Selbst der Urgh blubberte ausnahmsweise mal
sehr leise und verhalten vor sich hin. Eine unerträgliche Spannung, wie
in schlechten Filmen oder bei drittklassiger Schokoladenwerbung bei
denen das nun kommende im Hirn eines Geisteskranken entsprungen
sein konnte, lag in der Luft.
„Nun“, begann Roderick und war sich dabei um die ungeteilte
Aufmerksamkeit seiner Zuhörerschar bewusst. „Nachdem ich alles
gescheckt habe, neue Laderoutinen entwickelt und einen komplizierten
Leitweganzeiger umkodiert habe, ist es mir tatsächlich gelungen ein
klein wenig Zeit einzusparen.“
Frederick und die Anderen begannen erleichtert aufzuatmen und
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beinahe wäre Annabelle sogar in Trevors Arme gefallen, in aller
Freundschaft natürlich, wenn nicht Detlef die Stimmung jäh zerrissen
hätte, indem er nach der Höhe des eingespartem Zeitrahmens fragte.
„17!“
„Was 17?“ fragte Frederick genervt, da er eigentlich schon
ahnte, dass etwas nicht in Ordnung war.
„17 Millisekunden!“ verkündete Roderick stolz. „Wenn man
bedenkt, dass ich sämtliche Voreinstellungen selbst optimiert habe,
wären selbst unter Laborbedingungen nie mehr als 7 oder 8
Millisekunden herausgekommen, aber ganze 17, dass ist einfach
unbeschreiblich.“ Ergriffen von seiner eigenen Genialität verfiel er
wieder ins Schweigen und nur an der hektisch aufleuchtenden
Kontrolllampe konnte man die Hektik, die jetzt unzweifelhaft im
Inneren des Hauptmoduls herrschen musste, ahnen.
„Tja, das wäre es ja dann!“ grunzte Trevor missmutig. „Ich
finde, angesichts dieser Situation, sollten wir ernsthaft weiter saufen!“
Trevor drehte auf dem Hacken um und bewegte sich im angedeuteten
Stechschritt in Richtung des Freß-O-Mat. Die anderen blieben noch
ein wenig unschlüssig stehen, folgten ihm aber nach einiger Zeit, da eh
nichts zu machen war und alles weitere bestimmt besser zu ertragen
war, wenn man ein paar intus hat.
Kaum hatten sie sich alle am Freß-O-Mat versammelt um ihre
Wünsche kund zu tun und der Angesprochene seinerseits eine kleine
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Ansprache vorbereitet mit dem Schwerpunkt auf zusätzlich Wartung,
als plötzlich eine Stimme erklang.
„Hallo, ärmliches Dosen-Schiff mit der Kennung ND-007! Ist
alles in Ordnung mit ihnen?“ Alle schauten sich verblüfft um, aber die
Quelle des Rufes war nirgends auszumachen.
„Was um alles in der Welt ist denn das schon wieder?“
Annabelle schaute sich gehetzt nach einem sicheren Unterschlupf um.
„Roderick!“ Frederick versuchte Ruhe und Souveränität in
seine Stimme zu legen, so wie er es vor Jahren auf der Erde in dem
Seminar für - Befehlshabende in besonders kritischen Situationen -
gelernt hatte. Allerdings gelang es ihm nicht, was aber nicht
verwunderlich war, da das Seminar in erster Linie auf Verstöße gegen
Etikette oder die Moral an Bord abgestimmt war. Jedenfalls erwies
sich dieses Seminar für diese Situation als nicht brauchbar, während
des Seminars waren aber die Verstöße gerade gegen die Moral doch
recht Durchblutungsfördernd. „Roderick, was war das?“
„Nach genauerer Analyse handelte es sich um die Anregung
von Schallwellen wahrscheinlich mittels einer veränderbaren
Membrane, wobei man den Eindruck haben konnte, dass der Ruf von
dem recht kitschigen Dosen-Schiff kam, welches seit genau 21,742
Sekunden neben uns befindet.“
„Und warum hast du uns das nicht gesagt“, schnauzte
Frederick Roderick an und lief augenblicklich zum Außenschott.
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„Ich habe im Moment keine Zeit für solche Kleinigkeiten“,
antwortete Roderick schnippisch. „Schließlich soll ich so schnell wie
möglich meine Systeme wieder hochfahren!“
Frederick erreichte das Außenschott und schaute in das, was man
hinlänglich Schnarpf-Galaxie nannte. Tatsächlich konnte er in
ungefähr 10 Meter Entfernung ein wirklich kitschiges Dosen-Schiff
edelster Bauart erkennen. Des Weiteren war dessen Außenschott
geöffnet und der Besitzer des Schiffes stand in dem Rahmen.
Aufgrund der bereits erwähnten Schwierigkeit in der Schnarpf-Galaxie
genauere Aussagen über Farbe und Entfernung zu treffen, schien sich
der Konterpart auf recht geckenhafte Art gewandet zu haben, was
allerdings wunderbar mit dem kitschigem, aber edlem Dosen-Schiff
der allerteuersten Art kombinierte. Der Geck befand sich mit seinem
Schiff auf Parallel-Kurs, wobei es exakt darauf zu achten schien, sich
zwar innerhalb der Lufthüllen der beiden Schiffe aufzuhalten, ohne
aber näher kommen zu wollen.
„Hallo!“ ertönte abermals der Ruf.
„Argh!“ schrie Frederick zurück, allerdings nicht weil ihm
nichts Besseres einfiel, sondern weil er beinahe aus dem Schiff
gefallen wäre, da der Rest der Besatzung, getrieben von unbändiger
Neugierde, ungebremst auf ihn aufgelaufen war. Wäre nicht eine der
Tentakeln von Kixx gewesen, so wäre Frederick jetzt auf dem besten
Weg demnächst in den Weltraumalmanach aufgenommen zu werden.
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Allerdings waren auch keine Dankesbezeugungen angebracht, da es in
erster Linie Kixx war, der an der beinah Nah-Erkundung der äußeren
Lufthülle des Schiffes Schuld war.
„Hallo! Mein Name ist Jackes Mediville del Amerance,
Marquise del Amerance, Hüter des heiligen Fußnagels, Ritter vom
Orden der Steher, Ehrenmitglied des Bücherbundes und Träger des
goldenen Hufeisens der KO-Versicherung für 15 Monate ohne
nennenswerten Totalschaden.“
„Hallo!“
„Hilfe!“
„Hurra!“ und noch vieles mehr begannen Annabelle, Kixx,
Detlef, Frederick und Trevor durcheinander zu schreien, wobei
Annabelle vor Freude sogar zu hüpfen begann. Bei diesem
Freudentaumel begannen einige Körperteile von Annabelle allerdings
ein derartig heftiges Eigenleben zu entwickelten, die zumindest dafür
sorgten, dass weder Trevor noch Frederick in der Lage waren dem
weiteren Verlauf der Begrüßungsaktion des Herrn del Amerance
weiterhin genügend und gebührende Aufmerksamkeit schenken zu
können.
Schließlich fasste sich zu mindestens Frederick wieder, obwohl er
noch des Öfteren nach Annabelle schielte.
„Ebenfalls Hallo!“ schrie Frederick zurück. „Ich bin wirklich
sehr froh, dass sie sich die Mühe gemacht haben ihren Flug zu
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unterbrechen. Wie sie sehen sind wir in ein paar kleine
Schwierigkeiten gekommen und könnten durchaus auf ihre Hilfe
angewiesen sein.“
Seltsamerweise schwieg der Marquise, wodurch sich Annabelle
genötigt fühlte der Erklärung über ihre momentane Situation von
ihrem Vorredner noch einige Anmerkungen anfügen zu müssen.
„Der Oberst Kardinal und der Botschafter gehören nämlich
zum Neuen Volk und verschleppen uns ...!“
Weiter kam Annabelle nicht, da der Marquise Anstalten unternahm
umständlich sein Außenschott wieder zu schließen, was explizit darauf
hindeutete, dass er nicht gewillt war zu helfen.
„Es ist mir wirklich peinlich“, rief der Marquise näselnd, „aber
ich bin der festen Meinung, dass jeder selbst mit seinen Problemen
fertig werden sollte, so auch sie. Irgendwie haben sie sich sicher ihre
Lage verdient, außerdem wird mein Martini warm und meine spärlich
bekleideten Gespielinnen kalt!“
„Warum haben sie denn dann eigentlich gehalten, wenn sie
nicht gewillt sind uns ihre kostbare Zeit zu opfern, geschweige denn
ihre Hilfe zuteil werden zu lassen, sie adliger Depp!“ blubberte Detlef.
Die Heftigkeit mit der die Lautsprecher diesen Kommentar
übermittelten, hier besonders der Schluss, ließ Annabelle und
Frederick zur Seite weichen und Kixx, der es sich ja zur Aufgabe
gemacht hatte diesen grünflüssigen Flaschengeist bei sich zu tragen,
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schrumpfte vor Schreck augenblicklich auf die Hälfte seiner
vormaligen Größe.
„Weil ich mich gerne meinen Namen und meine Titel sagen
höre, besonders wenn ich, wie hier, eine ungeteilte Zuhörerschaft
habe!“ näselte der Marquise und ging ungerührt seiner Tätigkeit nach.
Der Marquise schloss letztendlich das Außenschott und nach wenigen
Sekunden war das Schiff bereits außer Sichtweite.
„Depp, Depp, Depp...!“ tönte es aus den Lautsprechern. Die
kleine Gruppe beschlich langsam ein beklemmendes Gefühl. Bedrückt
gingen sie zurück zum Freß-O-Mat.

„Vier große Martinis“, bestellte Frederick.


„Was verstehen sie unter groß?“
„Nimm als vorläufigen Anhalt einen Kürbis als Olive.“
„Für mich das gleiche“, setzte Trevor hinzu und man konnte es
am Tonfall merken, dass er dies im vollem Ernst meinte, ohne seine
üblichen unangebrachten Scherze im Hinterkopf zu haben, obwohl
böse Zungen behaupten, dass dieser Teil von Trevor bereits ein
derartiges Eigenleben entwickelt hatten, dass eine solches
ungebührliches Verhalten in jeder Lebenslage zum tragen kommt.
„Kapitän!“ erklang es zögernd und leise aus dem Freß-O-Mat.
„Sagen sie es mir bitte klar und ohne Umschweife, ob die Situation
wirklich so schlecht ist, wie ich es gerade von diesem Perversling von
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einem Schiffs-Computer erfahren habe?“ Er machte ein kleine Pause
bevor er wieder ansetzte. „Werde ich meine nächste Wartung noch
erleben?“
Frederick war durch die Fragen des Freß-O-Mat ein klein wenig
überfordert, zumal sein Sinn eigentlich nach etwas alkoholischem
stand, aber die benutzte Anrede gefiel ihm. Mit Kapitän hatte ihn noch
nie jemand angesprochen, aber es gefiel ihm und traf den Kern der
Sache. Und eigentlich hatte dieser Freß-O-Mat ja auch Recht. Er war
der Kapitän. Er ist nicht nur für das Schiff verantwortlich, sondern
auch für die Besatzung oder so ähnlich. Frederick schwelgte für einen
kurzen Augenblick in Erinnerungen an alte Filme in denen ein solcher
Kapitän vorkam. Jawohl, ein solcher Kapitän wollte er sein, sofern er
nicht als letzter von seinem sinkenden Schiff gehen musste, Wasser in
die Augen zu bekommen ist schließlich nicht jedermanns Sache, aber
das war in diesem Moment nicht wichtig. Nun musste er ein tröstendes
Wort parat haben für diesen wackeren Automaten, der Seite an Seite
mit ihm die Klippen in der vordersten Front umschiffte um dann, wenn
er nicht dem gerecht wurde was alle von ihm erwarteten und für was er
ausgebildet wurde, mit ihm unterzugehen wenn er versagte.
„Wir werden es schon schaffen“, sagte Frederick jovial und
klopfte väterlich auf den Ausgabeschacht.
„Dann hatte Roderick also Recht, sie haben auch keinen
blassen Dunst wie es weitergehen soll“. Er rückte die geforderten
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Getränke heraus, ohne weitere Fragen oder Forderungen zu stellen.
Frederick entnahm die Getränke und reichte sie weiter.
„Für mich bitte einige Kugeln Styropor“, sagte Kixx.
„Styropor?“ fragte Annabelle ungläubig.
„So wie auf ihre Spezies Alkohol wirkt, wirkt auf meine Rasse
das irdische Styropor.“ Kixx entnahm einige Kugeln und steckte diese
in eine versteckte Öffnung unterhalb seines Mundes. Sofort trat eine
Wirkung dergestalt auf, dass Kixx seine riesigen Augen verdrehte und
ein leichtes Zittern durch seine Tentakel lief, ein Anblick der im Laufe
der nächsten Stunden noch recht oft zu sehen war, wenn man darauf
Wert legte.
Nach unzähligen Drinks und ebensoviel Styropor versank die kleine
Gemeinschaft nach und nach in einen unruhigen, meist alptraumhaften
Schlaf. Trevor lag lang ausgestreckt vor dem Freß-O-Mat und rülpste
leise bei jedem Atemzug. Kixx hatte sich in eine Ecke beim
Hauptspeicher ausgesucht, in der er seine Tentakel weit von sich
strecken konnte. Annabelle kuschelte sich mit einem zufriedenen
Lächeln an den Freß-O-Mat und schnarchte leise vor sich hin.
Frederick saß in seinem Kapitänssessel und sackte nach vorn über,
wobei er mit seinem Kopf auf das Kommandopult schlug. Die erste
Halb-Traumsequenz die Frederick umhüllte, nachdem sich der
Schmerz gelegt hatte, begann mit den Worten des Botschafters des
Neuen Volkes: „Ich ficke Euch alle ....!“
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„Das ist das typische Ende eines richtig miesen Tages“,
murmelte Frederick bereits leicht weggetreten und schlief wie die
anderen ein. Nur der Urgh blubberte vor sich hin, aber es war keiner
mehr in der Lage darauf einzugehen und selbst wenn, hätte keiner
mehr Lust gehabt darauf einzugehen. Nur Roderick arbeitete weiter
vor sich hin, ohne auf die anderen zu achten. Er hatte sich bereits in
den Ebenen der Halbleiter versunken um nicht vielleicht noch ein paar
Millisekunden auf der Jagd gegen die Zeit, zugunsten der Besatzung
und in erster Linie sich selbst natürlich, zu ergattern.

Wäre nicht dieser fürchterliche Ruck gewesen, der alles im Inneren


des Schiffes einer strikten Befolgung des Newtonschen
Trägheitsgesetzes unterzogen hätte, wären die Anwesenden
wahrscheinlich noch immer in Morpheus Armen oder wovon diese
auch immer geträumt haben. Der Ruck war jedenfalls unleugbare
Realität, hervorgerufen durch eine sehr abenteuerliche Landung auf
einem Planeten, der der Erde auf den ersten Blick recht ähnlich war,
sich allerdings dadurch negativ auszeichnete diese nicht zu sein. Das
bereits erwähnte, oft zitierte und meist mit schmerzhaften
Auswirkungen verbundene Trägheitsgesetzt wurde in eine Art
Rollbewegung des Inhaltes des Dosen-Schiffes umgesetzt und wirkte
sich nur auf die Passagiere aus, da der Rest des beweglichen Inventars
bereits an das Not leidende All im Bereich der Schnarpf-Galaxie
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gespendet wurde. Der Aufprall der verschiedenen Körper und Spezien
wurde recht schnell von diesen durch Idiome der jeweiligen Sprache,
Temperament und Mentalität umgesetzt, sofern es der jeweilige
Zustand des Einzelnen zuließ. Die Idiome ließen bei näherer
Betrachtung auf Ablehnung der Weckart schließen, eine bedauerliche
Meinung allerdings unumstößlich.
Frederick rappelte sich als Erster wieder hoch. Mit einem Blick hatte
er die Situation erfasst.
„Keine Panik, es ist alles in Ordnung. Wir sind nur gelandet!“
„Keine Panik?“ stöhnte Trevor und versuchte seinen Fuß aus
dem Ausgabeschacht zu ziehen, welcher sich durch recht unglückliche
Umstände, hervorgerufen durch die recht stümperhafte Landung, darin
verfangen hatte. „Wir werden sterben, es stinkt erbärmlich und ich
sehe einfach beschissen aus, aber er sagt es wäre alles in Ordnung!“
Trevor bemühte sich sehr seinen Fuß wieder aus dem Schacht zu
ziehen, ein Bemühen, welches nicht von Erfolg gekrönt war. „Dein
Optimismus ist einfach rührend!“ setzte er noch hinzu und befreite
sich mit einem schmerzhaften Ruck aus dem Ausgabeschacht.
Bevor sich alle auf ihre jeweiligen Fortbewegungsextremitäten stellen
konnten, von denen sie vor kurzem gerissen worden waren, stürmte
eine scheinbar gut ausgebildete, schnurrbärtige Horde von
muskelbepackten Herren herein, die zur Unterstreichung ihrer
Überzahl mit einer Unmenge von Waffen beladen war. Wahrscheinlich
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stammten die Muskeln der Herren daher, dass sie ihre Zeit damit
verbrachten, schwer beladen, mit dem bereits erwähnten Gerät, in
dilettantisch gelandete Dosen-Schiffe zu rennen. Unter immensem
Gefummel mit allerlei Dingen, dessen Bestimmung unweigerlich
darauf hinauslief eine