Sie sind auf Seite 1von 16

Themistokles, der Herr von Ostia

- Ein Krimi der Archäologie -

1
Inhaltsverzeichnis

1. Die historische Person Themistokles 3

2. Die Themistoklesherme von Ostia 4

2.1 Die Fundgeschichte der Herme 4

2.2 Die Beschreibung der Herme 5

3. Der Vergleich mit Aristogeiton 7

4. Der Streit um die Datierung der Herme 8

5. Interpretation 9

6. Bilder 12

7. Literaturnachweis 17

2
1. Die historische Person Themistokles

Themistokles wurde um circa 525 vor Christus geboren. Sein Vater stammte wohl aus dem
altathenischen Adelsgeschlecht der Lykomiden. Seine Mutter wird jedoch nur als Fremde
bezeichnet und gehörte wohl nicht zu den Bürgern Athens. Da er kein vollwertiger Bürger
Athens war, hatte er keine Aussichten auf ein politisches Amt. Jedoch änderte sich dies 510 v.
Chr. mit der Vertreibung des letzten Tyrannen aus Athen. Mit der nun folgenden neuen
Verfassung wurden breite Bevölkerungsschichten Athens in die Politik mit einbezogen, was
auch Themistokles ermöglichte ein politisches Amt einzunehmen. Im Jahr 493/92 v. Chr.
wurde er dann schließlich zum Archonten gewählt. In seiner Amtsperiode ließ er den Hafen in
Piräus ausbauen und die attische Flotte um zweihundert Kriegsschiffe erweitern. In dem
darauf folgenden persischen Krieg von 490 v. Chr. Bis 478 v. Chr. erlangte Themistokles 480
v. Chr. bei der Seeschlacht von Salamis einen entscheidenden Sieg über die Flotte Xerxes I.
Sein Sieg über die persische Flotte sollte ihn jedoch vor den Ereignissen der nächsten Jahre
nicht schützen. Zum Missfallen des Bündnispartner Spartas betrieb Themistokles einen
antispartanische Politik. Darin sah Sparta eine offene Bedrohung für sich und unternahm
Diskriminierungsversuche gegen ihn. Auch in den eigenen Reihen machte er sich Feinde und
so wurde er 471/70 durch das Scherbengericht verbannt. Nun erkannte auch Sparta seine
Chance sich eines unbequemen Gegners zu entledigen. Durch Verleumdungen und
Behauptungen, dass Themistokles mit den Persern konspirieren würde, wurde das Urteil der
Verbannung in Hochverrat und somit zum Todesurteil geändert. Er wurde für rechtlos erklärt,
sein Vermögen wurde eingezogen und die Bestattung in heimischer Erde wurde ihm
untersagt. Sein Haus in Melite wurde abgerissen. Freunde die ihm halfen, wurden unter
Kimon auch zum Tode verurteilt und hingerichtet. Der weitere Weg Themistokles nach der
Verbannung ist leider nicht klar und kann nur vermutet werden. Diese Mutmaßungen werden
im Abschnitt über die Datierung der Herme noch einmal aufgegriffen und sollen hier schon
kurz angeschnitten werden.
Sparta hatte in der griechischen Welt nicht nur einen politischen Gegner und Themistokles
stand mit seiner politischen Haltung nicht alleine da. Schon vor 471/70 unterhielt er
Beziehungen zu Argos, einen Feind Spartas. Somit ist man schnell mit der Annahme, dass
Argos ein mögliches Ziel nach der Verbannung sein könnte1.
Gesichert ist jedoch, dass Themistokles später ein Vasall von Artaxerxes I war und als Satrap,
persischer Stadthalter, in Magnesia eingesetzt wurde und dort 459 v. Chr. starb2.
1
MWPr, Das Themistoklesporträt in Ostia S. 24 - 25
2
MWPr, Das Themistoklesporträt in Ostia S. 23

3
Diese ganzen Daten sind zwar schön und gut, aber durch was oder wen können sie belegt
werden. Für das Leben von Themistokles stehen uns zwei historische Quellen zur Verfügung.
Zum einem wäre dies die Schriften von Plutarch und zum Anderem die von Diodor. Letzterer
gibt uns eigentlich auch das einzige feste Datum, welches wir später für die Datierung der
Herme verwenden können. Es ist das Datum der Verbannung Themistokles aus Athen 471/70
v. Chr.. Durch Plutarch erfahren wir noch einiges über die Zeit vor und nach der Verbannung.
So soll Themistokles in seiner Zeit als Athener Staatsmann Artemis einen Tempel erbaut
haben und darin soll sich bis 472 v. Chr. auch ein Bildnis von ihm befunden haben3. Ob dies
die Vorlage für die Herme von Ostia ist wird später noch zu klären sein. Des Weiteren
erfahren wir durch Plutarch, dass sein Haus in Melite abgerissen wurde und der Platz als
Ablageplatz für Leichen verwendet wurde. Daran wird deutlich wie endgültig das Urteil war
und wie ernst seine Folgen waren. Freunde, die ihm halfen, wurden laut Aufzeichnungen
unter Kimon zum Tode verurteilt und hingerichtet4. Jedoch sollen seine Söhne später die
Erlaubnis gehabt haben ein gemaltes Bildnis auf dem Pantheon aufzustellen. In wiefern dies
eine Rehabilitierung Themistokles bedeute ist aber noch nicht geklärt.

2. Die Themistoklesherme von Ostia

Nach dem Lebenslauf werde ich mich nun der Herme zuwenden und etwas über ihre
Fundgeschichte sagen und sie ausführlich beschreiben.

2.1 Die Fundgeschichte der Herme

Gefunden wurde die Herme im Jahr 1939 von G. Galza bei archäologischen Ausgrabungen in
der Nähe des Theaters der italienischen Hafenstadt Ostia5. Sie wurde ohne Umschweife in das
Museum von Ostia gebracht und ist auch heute noch dort zu sehen. Aufgrund der großen
Probleme die sie der Archäologie bereitet, wurde sie nie wirklich kunsthistorisch untersucht
und fand auch in der Literatur kaum Erwähnung. Die Ursachen dafür werden an späterer
Stelle noch geklärt.

2.2 Die Beschreibung der Herme

3
MWPr, Das Themistoklesporträt in Ostia S. 21
4
MWPr, Das Themistoklesporträt in Ostia S. 22
5
Antike Plastik 7, Die Themistokles-Herme in Ostia S. 87

4
Beginnen wir bei der Beschreibung mit den allgemeinen Daten über das Artefakt. (Abb. 1)
Die Büste besteht aus griechischem Marmor und ist insgesamt 50 Zentimeter hoch6. Die Höhe
des Kopfes beträgt 26 cm und die Breite 20 cm 7. Somit ist sie leicht über der tatsächlichen
Kopfgröße dargestellt.
Der Erhaltungszustand ist im Großen und Ganzen gut und die Büste weist nur mittlere
Schäden auf. Beschädigt sind im einzelnem die Nase, die rechte Wange sowie der Bart auf der
rechten Seite. Kleinere Schäden befinden sich noch am Hinterkopf in den Haaren.
Der größte Schaden befindet sich am linken unteren Rand der Herme. Dieser ist abgestoßen
und zieht sich bis zum Schulteransatz. Die letzte Beschädigung ist ein Riss von der Mitte der
Inschrift bis zum rechten Halsansatz (Abb. 2). Die Inschrift am unteren Rand der Herme gibt
uns auch Auskunft über die Person, die wir vor uns haben, nämlich Themistokles (Abb. 3).
Wir haben hier einen älteren und bärtigen Mann vor uns. Sein breiter und kugelförmiger Kopf
sitzt auf einen kurzen und sehr breiten Hals. Der Kopf ist leicht nach links gewandt und der
Hals bildet starke Halsnicker aus. Schon jetzt fallen die ausladenden Umrisse des Kopfes auf.
Betrachtet man den Kopf von hinten wird deutlich, dass der Hals genauso breit ist wie der
Kopf (Abb. 4). Man kann ihn daher als Stiernacken bezeichnen. Geht man davon aus, dass
Themistokles wirklich so ausgesehen hat, kann man in ihm einen untersetzten Menschen mit
stark ausgeprägten Muskeln vermuten. Aber dies können wir eben nicht eindeutig belegen.
Das Gesicht wird von dem Haupthaar und dem Barthaar völlig umschlossen und eingerahmt.
Bei der Frisur handelt es sich um eine gepflegte Kurzhaarfrisur (Abb. 5). Die Haare sind in
Schichten übereinander gelegt und leicht gerollt. Am Hinterkopf bilden die Haare jedoch
Gewirr aus Locken, welches man nicht mehr als gepflegte Frisur bezeichnen kann. Dargestellt
wird dieses, indem die Locken nun gegeneinander gerichtet sind. Bildhauerisch wurde dies
durch ein Andeuten der einzeln Strähnen erreicht.
Des Weiteren fallen noch die Rosenkohlohren ins Auge (Abb. 6). Die Ohren liegen eng an
und sind naturalistisch ausgearbeitet. Sie bilden im Bereich der Ohrmuschen Wucherungen
und Verwachsungen und verleiten zu dem Eindruck als hätte er einige harte Schläge auf seine
Ohren bekommen.
Kommen wir nun aber zur Frontpartie und schauen uns diese genauer an (Abb. 6). Die Stirn
wird durch die Haar und die Augenbrauen begrenzt. Als erstes fällt einen auf, dass auch sie
sehr breit und wuchtig ist. Bei genauerer Betrachtung der Haare fällt auf, dass sich
Geheimratsecken ausbilden die jeweils von einer Locke kaschiert werden. Die Stirn wird quer
von einer Falte durchzogen. Sie fällt von links nach rechts ab. Betrachtet man ihn nun im
6
Gymnasium 71, Der Themistokles von Ostia. Seine Wirkung in 25 Jahren S. 348
7
Antike Plastik, Die Themistokles-Herme in Ostia S. 87

5
Seitenprofil fällt auf, dass diese Furche die Partie der Brauen stark betont und wie
Überaugenwulste hervortreten lässt.
Der Übergang zur Nase wird durch drei kleine Mulden gebildet. Eine von schräg links, eine
schräg rechts und die dritte senkrecht mittig. Da die Nase zerstört ist. Lässt sich über sie keine
Aussagen treffen. Nur die noch vorhandenen Umrisse lassen eine große und breite Nase
vermuten. Durch die Rosenkohlohren ist man leicht dazu verleitet eine Boxernase in das
Gesicht zu interpretieren.
Die Augen sind, wie schon der Kopf, kugelförmig und werden von den Liedern völlig
umschlossen und eingerahmt. Betrachtet man sie von vorne wirken sie gleichmäßig. Sieht
man sie sich jedoch leicht seitlich an, so fällt auf, dass das Rechte leicht höher liegt als das
linke Auge. Sie liegen also nicht auf einer Achse. Diese fehlende Axialität wird uns noch
häufiger begegnen und ist auch ein Grund für die heftige Diskussion um den Kopf.
Unter den Augen schließen sich die Wangen an. Diese sind flach gehalten und machen einen
zäh fließenden Eindruck. Dies wird durch ihr gewölbte Form und das nicht wirkliche
Vorhandensein der Wangenknochen hervorgerufen. Dadurch wird die kugelige Form des
Kopfes nur weiter unterstützt.
Die Oberlippe wird vollständig vom Oberlippenbart verdeckt. Durch diesen werden auch die
Nasolapidafalten verdeckt. Auch die Unterlippe ist stark wulstig gearbeitet und tritt deutlich
hervor. Wie das Haupthaar ist auch der Bart in lockiger Form dargestellt. Jedoch bilden die
Locken Haken, welche jeweils gegeneinander gerichtet sind. Bezogen auf die Länge des
Bartes spricht man immer noch von einem gepflegten, kurzen Bart. Der Vollbart bedeckt das
Kinn und die Wangen vollständig und geht nahtlos in das Haupthaar über.
Abschließend ist zu dem Kopf zu sagen, dass jede Einzelform entweder gekrümmt oder
gewölbt ist. Dadurch wird die runde und wuchtige Form des Kopfes nur weiter verstärkt und
verdeutlicht.

6
3. Der Vergleich mit Aristogeiton

Um die außergewöhnliche Stellung der Herme des Themistokles zu zeigen, möchte ich sie mit
Aristogeiton vergleichen. Die Statue des Aristogeiton (Abb. 7) ist ein typischer Vertreter des
strengen Stils und daher am besten für einen direkten Vergleich geeignet.
Auch der Tyrannenmörder ist ein bärtiger Mann, dessen Gesicht vom Haupthaar und dem
Bart eingerahmt wird. Der auffälligste Unterschied ist vielleicht die Kopfform an sich.
Aristogeiton hat einen länglichen, ovalen Kopf. Auch bei ihm sind die Haare in eine
Kurzhaarfrisur gebracht. Jedoch sind sie nicht als Locken, sondern als Strähnen dargestellt.
Die Ohren sind naturalistisch und ohne irgendwelche Entstellungen wiedergegeben.
Das Haar bildet an der Stirn einen geraden und völligen Abschluss und bildet wiederum die
obere Grenze. Mit den Brauen, als untere Grenze, ergibt sich eine schmale Stirn. Sie ist auch
völlig glatt und frei von Falten. Auch gibt es keine Falten, die als Übergang zur Nase dienen.
Die Augen sind mandelförmig und werden von den Augenliedern umschlossen. Die Wangen
treten merklich hervor und machen einen harten Eindruck. Der Oberlippenbart ist gut mit dem
von Themistokles zu vergleichen und bedeckt die Oberlippe und die Nasolapidafalten völlig.
Wie das Haupthaar, ist auch der Bart als einzelne, leicht gewellte Strähnen ausgearbeitet.
Neben diesen leichten Unterschieden, die man als Eigenheiten von Künstlern abtun könnte,
ergeben sich dir gewichtigen, wenn man einige Hilfslinien anbringt. Mit den Linien kann man
die Axialität aufzeigen.
Legt man bei Aristogeiton horizontal eine Linie an den Augen an, so liegen sie exakt auf
dieser Linie und sind parallel mit dem Mund. Mittelpunkt der Stirn, Nase und Mitte des
Mundes liegen auch auf einer Linie. Man könnte ihn also an der Mitte spiegeln und hätte das
gleiche Gesicht.
Ganz anders ist es bei Themistokles. Sein Kopf ist bar jedem Anzeichen von Axialität. Wie
schon oben erwähnt liegen die Augen unterschiedlich hoch.
Mund und Augenlinien sind auch nicht parallel zueinander. Genauso wenig wie Mund und
Stirnfalte. Die Vertikale beschreit einen Bogen, von der Mitte der Stirn, nach rechts zur
Nasenspitze und dann wieder nach links zum Mittelpunkt der Lippe.
Diese beachtlichen Unterschiede, die nicht vorhandenen Axialität und die enormen
Unterschiede im Aussehen, lassen vermuten, dass er nicht in der Zeit des strengen Stils

7
gefertigt wurde8. Diese sind auch der Grund für den Streit um die Datierung, der nun schon
seit 70 Jahren anhält.

4. Der Streit um die Datierung der Herme

Wir hatten nun die Beschreibung der Themistoklesherme und des Kopfes des Aristogeiton
und haben gesehen wie sehr Themistokles aus der Norm heraus fällt. Er passt eigentlich so
ganz und gar nicht in den strengen Stil hinein und es gibt mehrere Theorien über seine
Entstehung. Diese Theorien reichen von einer Entstehung vor 472 v. Chr. bis zum 3
Jahrhundert nach Christus. Jedoch kann man von einem Punkt sicher ausgehen, bei der Herme
von Ostia handelt es sich um eine römische Kopie von einer Vorlage aus der griechischen
Welt.
Schweitzer meint zu einem, dass das Original vor 472 v. Chr. gefertigt wurde und in Athen
stand. Zieht man Plutarch in Betracht könnte das schon stimmen. Er schrieb, dass bis 472 v.
Chr. eine Statue von Themistokles in einem Tempel der Artemis stand, welchen er für sie
erbauen ließ. Jedoch ist dies ehr fragwürdig, da von lebenden Personen keine Statuen in
Athen aufgestellt werden durften9. Seine zweite Annahme ist, dass es eine Kopie ist von einer
Statue nach 470 v. Chr.. Hierbei gibt es ein großes Problem. Woher soll die Vorlage
stammen? Aus Athen ganz sicher nicht. Denn wie am Anfang geschrieben, wurde er des
Hochverrates verurteilt und man kann sicher sein, dass seine Feinde keine Statuen von ihm
aufstellen ließen. Man sieht also schon, was sich für Probleme ergeben. Jedoch kommen wir
auf die zweite Annahme im weiten Sinne noch einmal zurück.
Das zweite Extrem stellte Weber mit seiner Theorie auf. Er nahm an, dass die Büste ein
Original aus dem 3 Jh. n. Ch.10. Diese Aussage ist die Abenteuerlichste und zu gleich
Fragwürdigste. Die Herme hat einen völlig anderen Stil als die Römer ihn zu dieser Zeit
hatten und warum sollten sie sich einen Griechen zuwenden, der doch Hochverrat begannen
hatte. Diese Theorie ist meiner Meinung nach völlig haltlos.
Nun bleiben und noch zwei Personen und damit zwei Aussagen über die Entstehung der
Herme. Da wäre Drerup, welcher über ein historisches Ausschlussverfahren zu dem Schluss
kommt, dass die Herme um 460 v. Chr. auf Argos gefertigt wurde. Wie Themistokles waren
sie antispartanisch eingestellt und Themistokles hatte schon vor seiner Verbannung steten
Kontakt zu Argos. Mit diesem Wissen könnte man leicht zu dem Schluss kommen, dass die

8
Antike Plastik 7, Die Themistokles-Herme in Ostia S. 90
9
MWPr, Das Themistoklesporträt in Ostia S. 22
10
Jdl 74, Ein spätantikes Bildnis des Themistokles S. 124

8
Büste dort gefertigt wurde. Jedoch vergisst er dabei einen entscheidenden Punkt, den jedoch
Curtius beleuchtet. Argos war der Vorreiter des strengen Stils und hatte ihn „entwickelt“. Von
Argos setzte der Stil nach Athen und von da nach Ionien11. Daher setzt er für ein mögliches
Werk aus Argos das Jahr 467 v. Chr. an. Der größte Widerspruch dafür sind aber die
kugeligen Augen, welche bei keinem Werk aus Argos auftreten. Jedoch treten kugeligen
Augen bei nord- und ostionischen Werken auf. Als Beispiel möchte ich dafür das ionische
Relief eines Löwen (Abb. 8), der einen Stier reißt, angeben. Bei ihm hat man die gleichen von
den Lidern umrahmten, kugeligen Augen. Auch wirkt sein Kopf kugelig, wie der des
Themistokles12. Dafür setzt Curtius das Datum 465/64 v. Chr. an.. Somit ist Ionien der
wahrscheinlichste Entstehungsort. Hinzu kommt auch, dass es auch zum Persischen Reich
gehörte. Eine weitere Annahme ist, dass in der Zeit von 465 bis 459 v. Chr., als er persischer
Vasall war, eine Statue von ihm angefertigt wurde, was bei seinem Status als Stadthalter nicht
auszuschließen ist. Da das Original in dieser Zeit entstanden sein muss, zählt man es auch
zum strengen Stil. Jedoch ist es in seiner Art einzigartig und individuell.
Wann nun die Kopie, also die Herme von Ostia, entstanden ist, kann man noch nicht sagen.

5. Interpretation

Den letzten Punkt möchte ich gerne verwenden um die eigenen Gedanken über die Herme
kund zu tun und um eventuelle Sichtweisen anzureißen.
Die Hauptfrage die einen beschäftigt ist, warum er so anders aussieht und was damit
beabsichtigt wurde. Als Ausgangspunkt haben wir zwei feste Größen. Erstens, war es
Politikern und lebenden Menschen untersagt Statuen in Athen von sich auf zu stellen. Jedoch
wurden Statuen von Sportlern aufgestellt. Zweitens war er nach seiner Verbannung Vasall des
persischen Königs.
Wenden wir uns für den Anfang der ersten Größe zu und gehen davon aus, dass sich
Themistokles mit einer Statue in der Öffentlichkeit selbst ehren wollte. Auch wenn er ein
Kriegsheld war, durfte er doch keine Statue von sich als Politiker aufstellen lassen. Somit
blieben ihn nur zwei Möglichkeiten. Er konnte es als Sportler versuchen oder sich in seinem
privaten Raum eine Statue aufstellen lassen.
Der ganze Kopf und Nackenbereich machen einen sehr stämmigen Eindruck und lassen
vermuten, dass es sich um einen untersetzen und kräftigen Mann gehandelt hat. Dafür muss
man sich nur noch einmal seinen Stiernacken in Erinnerung rufen. Ein so enormes Ausmaß in
11
Antike Plastik 7. Die Themistokles-Herme in Ostia S. 90
12
Antike Plastik 7, Die Themistokles-Herme in Ostia S. 91

9
der Breite nimmt er nur an, wenn verstärkter Muskelaufbau betrieben wird. Auch die stark
ausgeprägten Halsnicker sind ein Anzeichen dafür. Die Rosenkohlohren tun ihr übriges dazu.
Somit kommt man leicht zu dem Schluss, dass es sich um einen Ringer oder Boxer handeln
könnte. Ringen war zudem ein verbreiteter Sport in Griechenland. Der Gedanke, dass er eine
Statue von sich im privaten Raum aufgestellt hat, ist auch sehr gut denkbar.
Die einzige Tatsache, die mich daran stört, ist seine Verbannung. Er war des Todes und
musste außer Landes fliehen. Bei der Flucht konnte er kaum eine Staue von sich gebrauchen,
da sie ihn nur behindert hätte. Daher müsste die Statue, genau wie sein Haus, zerstört worden
sein und wäre für uns verloren gegangen.
Für mich bleibt als einziger logischer Herstellungsort das persische Reich. Bei der
Seeschlacht bei Salamis hat er die persische Flotte vernichtend geschlagen und einen
entscheidenden Sieg im Perserkrieg errungen. Anstatt Themistokles zu töten, hat der persische
König ihn zum Stadthalter über Magnesia erhoben. Warum sollte er sich in seiner Position als
Stadthalter nicht auch eine Statue anfertigen lassen? Denn nun konnte er sie auch aufstellen
lassen wo er wollte. Es macht für mich auch so Sinn, da er damit zeigen konnte wer der neue
Abgesandte des Herrschers ist und somit auch seine Anwesendheit gelten machen konnte.
Nun könnte man sagen, dass er sich wiederum als Sportler darstellen lassen wollte oder es die
Bildhauer in persischen Dienst nicht besser konnte. Letzteres wäre auch eine einfache
Erklärung für die nicht vorhandene Axialität.
Neben der Darstellung als Sportler und dem mangelnden Können, gibt es noch eine dritte
Erklärung von Bocthius. Vielleicht sah er ja einfach nur so aus und wollte sich auch so
darstellen lassen13.
Damit möchte ich es mit dem Aussehen und den möglichen Herstellungsort des Originals
belassen und mich um meine Gedanken über die Kopie zu kümmern.
Warum wurde er von den Römern kopiert und warum wurde er in Ostia aufgestellt?
Für das „warum er kopiert wurde“ kann ich für mich nur eins vermuten. Er war ein genialer
Stratege und Politiker und hatte einen Feind bezwungen den sich die Römer auch stellen
mussten. Aber warum nun in der Nähe des Theaters in Ostia? Nun Ostia ist logisch, es ist die
Hafenstadt an der Tibermündung in Italien und somit der Seezugang nach Rom. Verbindet
man das wieder mit den Taten Themistokles, so wird klar warum Ostia. Die Nähe zum
Theater lässt sich nur vermuten. Themistokles wurde später rehabilitiert. Geht man nun davon
aus, dass die Römer seine Geschichte ganz kannte, könnte sie sein Leben als Tragödie
gesehen haben und ihn deshalb in der Nähe des Theaters aufgestellt haben.

13
Gymnasium 71, Der Themistokles von Ostia. Seine Wirkung in 25 Jahren S. 355

10
6. Bilder

Ab. 1 Themistokles Frontansicht

11
Abb. 2 Themistokles

Abb. 3 Themistokles Innschrift

12
Abb. 4 Themistokles Rückansicht

Abb. 5 Themistokles Seite rechts

13
Abb. 6 Themistokles Seite links

Abb. 7 Themistokles Detail

14
Abb. 7 Aristogeiton

Abb. 8 Löwenrelief

15
7. Literaturnachweis

Wessel, K.: Ein spätantikes Bildnis des Themistokles.- Jdl 74 (1959)


Drerup, H.: Das Themistoklesporträt in Ostia.- Marb WPr (1961)
Sichtermann, H.: Der Themistokles von Ostia. Seine Wirkung in 25 Jahren.- Gymnasium
71 (1964)
Linfert, A.: Die Themistokles-Herme in Ostia.- in: Antike Plastik, 7. (Berlin 1967)

16