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JUNGE AUTOREN FÜR

LITERATUR UPDATE

Die Anthologie
Junge Autoren für Literaturupdate – Die Anthologie er-
scheint dokumentiert die Wettbewerbsbeiträge der Initiati-
ve „Junge Autoren für LITERATUR UPDATE“. Nach-
wuchsautorinnen und –autoren aus Bayern wurden dazu
aufgefordert, Texte einzureichen. Diese werden in dieser
Anthologie und auf den Seiten literaturupdate.de und TU-
BUK, der Online-Plattform für unabhängige Verlage, zu-
gänglich gemacht. Vielen Dank für die Unterstützung!

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INHALT
Fabian Buchauer: Zu schlechte Noten 4

Pauline Füg: kauf mir ein zelt 9

Carolin Henseler und Rebekka Knoll:


Puss Cake Boogie 13

Axel Roitzsch: Darwin und Lloyd 26

Tobias Jennwein: Resurrection 34

Susanna Jorek: Die verschwundene Frau 38

Kathrin Nord: Georg Turkelbaum 55

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FABIAN BUCHAUER

ZU SCHLECHTE NOTEN
Hermann Wielke, grau meliert und mit bescheidener Bewe-
gungskompetenz ausgestattet. Rentner und alles tat ihm
weg. Krückstock immer an der Hand und Schmerzen in der
Hüfte. Arthrose in blühendster Vollendung lautete die ein-
schränkende Diagnose. Entsprechend schwer fiel es ihm.
Das Leben mit seinen Wegen des Alltags. Er lebte wie alte
Menschen so leben. Mit einer Möblierung wie aus dem
Überraschungsei. Kitschig und mit einem Hang zu Ange-
boten aus Fernsehverkaufssendungen. Das meiste hatte die
verstorbene Gattin zusammengetragen. Die Puppensamm-
lung plus selbstgehäkelte Wechselkleidung beispielsweise.
Auch schön die Landschafts-, Tier- und Familienbilder.
Alles hing an abgelebten Wänden, von Wielkes Pfeifen-
rauch geschwärzt. Abgestandener Geruch hing in der
Wohnung, fast modrig. Wielke roch das nicht mehr. Seine
Rezeptoren waren vom Tabak fest verschweißt und für den
heimischen Mief nicht mehr aufnahmefähig. Einzig ein
bestimmtes würziges Aroma konnte sich noch an den bu-
schigen Nasenhaaren vorbei zur Riechschleimhaut durch-
kämpfen und für wohliges Empfinden sorgen. Grund ge-
nug die müden Knochen in Bewegung zu setzen, um sich
in die Umgebung einer solch schmackhaften Atmosphäre
zu begeben. Rentner Wielke machte sich im guten Anzug
auf den Weg. Von München Milbertshofen ins Zentrum
war es trotz bester Anbindung an das Netz des öffentlichen
Nahverkehrs eine beschwerliche Herausforderung für die
verrosteten Gelenke. Doch die Zeit war auf seiner Seite.
Gemütlichkeit war gar kein Ausdruck.
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Es war ein strahlender Frühlingstag. Die Sonne stand be-
reits hoch am Firmament und Wielkes Gemüt strahlte zu-
rück. Auch die Bäume waren festlich gewandet. Mit ihren
entpackten weißen Blüten hüllten sie ganze, sonst triste
Straßenzüge in ein wattenes Hochzeitskleid.
Ganz hinten in der Trambahn hatte Wielke alles im Blick.
Er sah die Autofahrer, die wie Sardinen mit traurigen Au-
gen aus ihren Blechdosen hervorlugten und sich von roter
Ampel zu roter Ampel hangelten. Er selbst genoss das
Gondeln. Vorbei an begrünten Balkonen, knorrigen Bäu-
men und adrett geschnittenen Hecken. Allein der pflanzli-
chen Bilderflut, die aus greifbarem Abstand auf ihn ein-
strömte, widmete er seine ganze Konzentration. Weder die
polternden Klänge aus den Kopfhörern eines vor ihm sitz-
enden Bierpunks, noch die gegrunzten Sprüche pöbelnder
Burschen traten in sein Bewusstsein.
In den beruflichen Jahren als Lehrer hatte Wielke gelernt
abzuschalten. Keinerlei Aufmerksamkeit durfte halbstarken
Taugenichtsen gegeben werden. Ein einfaches, doch das
beste Rezept, gegen aufmüpfige Jugendliche, die unter
schulischer Leistungsverweigerung leiden. Besonders eine
Gruppe hatte Wielke als Problem identifiziert. Er hielt
nicht viel von Menschen, die ihren Kindern moderne „Ji-
mi-Blue“-Namen gaben. Geschweige denn von den Kin-
dern selbst. Er glaubte, eine gewisse Korrelation zwischen
Namen und geistiger Fähigkeit aufgespürt zu haben. Dabei
war es ihm völlig egal, dass diese Diskriminierung wohl als
konservativ verhärmt galt. Rentner Wielke mochte einfach
keine Kevins mit schlechten Noten. Das gemütliche Glei-
ten die Schienen entlang ins pulsierende Herz Münchens
erzeugten positive Gefühle in ihm. Ziel war ein Ort der
Begegnung und der Betriebsamkeit. Ländlicher Charme
von Urbanität umrahmt. Ein Metzgereibesuch als letzter
wahrer Sinn des Lebens.

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Er ging ganz nahe ran und schnupperte. Salzig roch er, der
Speck. Aber nur kurz am ersten Stück aufgehalten. „Missi-
on Speckstube“ ging sogleich weiter. Geräuchertes Fleisch
noch und nöcher. Und auch sonst. Salami, Rohschinken,
Wiener, feine Mettwurst. Vor allem Leberkäs und Weiß-
würste. Er war zu Besuch in einer Grotte der Versuchung.
Überall hingen deftige Knackwürste von der Decke, und
türmten sich dicke Schinkenvariationen in die Höhe. Auch
das Auge durfte von den einladenden Facetten frischer,
fleischroter Farbtöne kosten. Inmitten dieses riesigen
Fleischfundus übertrafen sich Wielkes noch aktive Wahr-
nehmungskanäle gegenseitig mit der Aufnahme von eupho-
risierenden Signalstoffen. Es war an der Zeit, den Verlo-
ckungen nachzugeben. Etwas von dort, und auch davon ein
Stück zur Mitnahme. Für sofort war eine Leberkässemmel
bei der Metzgereichefin in Auftrag gegeben. Mit süßem
Senf verstand sich. Fast vergaß er, drei Stück Weißwürste
mussten auch noch mit. Für jeden Enkel eine. Man konnte
schließlich als waschechter Bayer nicht früh genug damit
beginnen, die richtige Häutungstechnik an die Nachfahren
weiterzugeben.
Doch Genuss macht träge. Quasi automatisch aktivierte
sich in Wielke ein Leitsystem und steuerte ihn gemächlich
zu den Bierbankgarnituren auf dem Viktualienmarkt, dieser
wertvollen Oase inmitten des städtischen Gewusels.
Rentner Wielke genoss seine frische Maß im Schatten der
Kastanien sichtlich und sein galoppierendes Herz regulierte
sich wieder auf angenehmen Ruhepuls herunter. Wer wuss-
te schon, wie oft seine Hüfte noch Ausflüge dieser Art
mitmachen würde.
Wenn er zum Marktstand blickte, dann schaute er einem
Schweinekopf direkt in die leeren Augenhöhlen. Etwas
traurig wirkte der Sauschädel auf ihn. Vielleicht, weil Wielke
Schweine gut leiden konnte. Früher, er war auf einem Bau-

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ernhof aufgewachsen, hatten sie selber welche. Gerne tobte
er draußen herum, kletterte auf den Verschlag und be-
obachtete die grunzenden Tiere in ihrem Stall. Am liebsten
waren ihm nicht die putzigen, süßen Ferkel, viel eher die
schweren Brocken. Eingesuhlt und unmanierlich schmat-
zend mochte er sie. Wenn sie mit ihren gelben Zähnen
kraftvoll angefaulte Äpfel zermalmten, und man ihnen da-
bei über die grauen Nackenborsten streichen konnte. Heute
wusste Wielke, dass Schweine auch nur Menschen sind.
Wenn auch vertrauenswürdiger.
Ungemütlich war es geworden. Die Sonne hatte sich hinter
Wolken unauffindbar verirrt und erlaubte es dem kalten
Wind, Rentner Wielke auf den Heimweg zu schicken. Noch
etwas Gemüse für zu Hause?
„Da haben wir den Salat“, grummelte Frau Kohl vor sich
hin und bewegte sich schnellen Schrittes zu ihrem Gemü-
sestand. Gerade eben hatte sie ihre Tomaten fein säuberlich
eingeschlichtet. Jetzt lagen sie alle am Boden. Die eine
Hälfte zermatscht, und die restlichen kullerten munter ne-
ben Weißwürsten auf dem Kopfsteinpflaster herum. Wielke
hatte sich unbeholfen auf der Ablage abgestützt und sie
aufsehenerregend mit sich zu Boden gerissen. Dort unten
lag er nun und starrte mit herausgetretenen Augen apa-
thisch ins Nichts. Alsbald sammelte sich ein wachsendes
Grüppchen Menschen um den Gefallenen. Den Neugieri-
gen bot sich eine verstörende Darbietung. Kreidebleich
und mit ungewöhnlich intensiver Körperspannung lag ein
älterer Herr am Boden und speichelte selbigen voll.
Kein schöner Anblick empfing die herbeiströmenden Leu-
te, die sich im Glauben an Vorbereitungen für eine Gauk-
lervorstellung, um die bereits postierten Beobachter schar-
ten.
Wielkes Leiden schienen einen ungeahnten Höhepunkt zu
erreichen. Ungestüme Zuckungen wie bei einem Rind, des-

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sen Schädeldecke gerade von einem Bolzen durchschlagen
wurde, beutelten seinen Körper.
„Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!“ Ein junger Kerl
hipper Fasson quälte sich durch den Menschenauflauf und
begann, mit seinen manikürten Händen zu hantieren. Er-
staunlich zügig brachte er den leidenden Wielke in stabile
Position und ließ sich auch nicht beirren, als sein Patient in
das Stadium der Ohnmacht abgeglitten war. Vielleicht hatte
er sich überhaupt schon aus dem Leben verabschiedet. Für
Frau Kohl war das nicht feststellbar.
Zufrieden erkannte sie jedoch, dass nicht alle Anwesenden
der totalen Schauluststarre verfallen waren. Irgendjemand
musste in einem Anflug von Gewissenhaftigkeit die Ret-
tung alarmiert haben und zeichnete somit dafür verant-
wortlich, dass das furiose Finale der Wiederbelebung unter
Ausschluss der Öffentlich stattfinden würde. Mit Bahre
und Tatütata stürzten Sanitäter herbei, übernahmen den
alten Mann vom selbsternannten Arzt und brachten ihn ins
Krankenhaus.
Das Spektakel war zu Ende. Die einen absolvierten ihre
restlichen Einkäufe, Frau Kohl stellte sich nach geglückter
Reinigung der Standfläche wieder hinter ihre Feinkosttheke
und der edle Ersthelfer ging wieder in die Bar an der Ecke
zurück und dort seinem Beruf nach. Maurice war Kellner.
Für ein Medizinstudium hatte er zu schlechte Noten.

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PAULINE FÜG

KAUF MIR EIN ZELT


kauf mir ein zelt
ich möchte kein hausich möchte ein zelt
das du mir auf die dächer schlägst
die nägel in dachpappe brennst
nahe bei den vögeln
die papier sein könnten
oder schon fort
gezogen
an den haaren wie kleine pflanzen
rankt sich dein versuch
mich bleiben zu machen
an mir hoch
kauf mir ein zelt
in dem wir wie nomaden
liebend immer weiterziehen können
- an uns vorbei
ich möchte gehen können
ohne genauen punkt
oder die uhrzeit zu nennen
oder die frage nach dem weshalb
kauf mir ein zelt
und zeiten später
seh ich wie du schläfst
bei den wolkenkratzern
in den schluchten meiner geronnenen finger
am fuße der gegenwart
am rande keiner verzweiflung
die länger hält als eine nacht
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und ich werde dich wecken
windbeweht
mein haar im sturm
gewehre auf der brust
der wunde vogel schlägt nicht mehr
lange sage ich nichts
schließlich
bleib und zieh mit mir
mit den zugvögeln fort
zwischen den flügeln der städte
möchte ich wohnen
mit dir
bisweilen
mit dir
und wenn ich dann nachtigall bin und du rauchschwalbe
bleibt es fast lautlos
während ich die plane löse
ein leises geräusch von aufbruch
und
ich
ziehe fort
es bleibt fast lautlos
während ich die pläne schmiede
hatten wir noch gehofft
durch die straßen die nacht um den abend zu bringen
mit all den blauen flecken auf dem herz
muskelkater dazu
vom vielen davonziehen
unsere atemfrequenz ist pulsnah
widerspenstig
beim
luft holen
aber bleiben können wir dennoch nicht
ohne etwas zu greifen

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von uns
-du schläfst-
und wir sind so hohl und so fort von allem und außerhalb
kauf mir ein zelt
denn alle definitiven dinge
machen mir angst
und wenn wir ziehen
mit den zugvögeln fort
drehst du dich im vorüberfliegen
und sagst
in den zügen ist es nie angenehm temperiert
ich hatte gehofft etwas greifen zu können
die idee dieser stadt
oder wie du bist vielleicht
und ich lag wach vor nächten
vom sehnen nach schlaf
und eiskönigins splitter
noch in der pupille
kauf mir ein zelt
antworte ich
oder ein schiff
das nicht immer ankern kann
an den häfen
der wilden städte im winter
ein gras
das zerfällt
und einen sand der mir die zeit
nicht mehr sagen kann
kauf mir ein zelt
oder einen hut für den weg nach dir
nach dir
dir nach
kauf mir ein zelt
oder etwas

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das nur manchmal bei mir bleibt
einen vogel vielleicht
eine katze bei nacht
und einen trost für den tag darauf

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CAROLIN HENSLER UND REBEKKA KNOLL

PUSS CAKE BOOGIE


Maria
Maria sitzt mal wieder auf einer Treppe. Nicht zum Rau-
chen oder Warten, Maria sitzt einfach gern auf Treppen,
die Füße zwei Stufen tiefer als die Hände. Und wenn sie
den Rest der Treppe hinaufsteigen würde, stünde sie schon
oben, vor der Haustür, könnte klingeln und in die fremde
Wohnung eintreten. Doch noch hat sie die Füße näher an
ihrem Auto, am Weg, an zu Hause als am Ziel, denkt sie.
Und bleibt sitzen.
Viel später hört sie hinter sich die Tür aufgehen. Maria
dreht sich nicht um: Sandra weiß Bescheid über Marias
Treppen, gleich wird sie einen Witz darüber machen. Über
Marias ständige Versuche, im Dazwischen kurz mal anzu-
halten. Sandra setzt sich hinter sie, singt: „I'm not a girl, not
yet a woman“ und lacht. Maria dreht sich um, verdreht die
Augen. Jetzt steht sie aber doch auf, um hinter Sandra die
Treppe hinaufzusteigen und einzutreten.
Es riecht immer noch nach Steinstufen, nach mehr Trep-
pen, denkt Maria und freut sich.
„Wärmer hier drin, oder?“, fragt Sandra und nimmt Maria
die Tasche und die Jacke ab. Sie schiebt ihr einen Stuhl zu,
und Maria muss nicht antworten.
„Erzähl“, sagt Sandra. Maria hat schon die Beine überein-
andergeschlagen und einen Kaffee in der Hand.
„Es ist gar nichts passiert“, sagt sie, „wir haben uns nicht
mal gestritten.“
Sie nimmt einen Schluck, Sandra wartet. „Ich hab aufge-
räumt und meine alten Tanzschuhe gefunden. Die kennst

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du noch, das waren meine ersten. Die ganz billigen,
schwarzen. Der Lack war schon abgeblättert bei unserem
ersten Turnier.“
„Du hast es ihm nicht mal erzählt?“
„Was soll ich denn sagen?“, fragt Maria und Sandra nickt.
Natürlich kann sie ihm nicht erzählen, dass hier nicht nur
der Lack langsam abblättert.
Die Küchentür geht auf.
„Das ist Tessa“, sagt Sandra und Maria dreht sich um. In
der Tür steht eine junge Frau mit dunklem, unordentlich
gebundenem Zopf und einem festen Lächeln.
„Das ist Maria. Sie sitzt gern auf Treppen“, grinst Sandra
und Maria reicht Tessa die Hand.

Tessa
Eine Tänzerin also. Das ist unschwer zu erkennen.
Marias Beine verkreuzen sich lang und schlank unter dem
Tisch, das Haar hat sie in einem gewissenhaften Dutt
hochgesteckt, und unter ihrem Pullover zeichnet sich eine
kaum vorhandene Brust ab. Ihren Zügen nach tanzt sie
Ballett. Oder Jazz.
„Setz dich zu uns, Tessa“, sagt Sandra und klopft auf den
Stuhl neben sich. „Maria ist gerade aus München ange-
kommen, sie muss sich ein bisschen erholen. Vielleicht
kannst du mir helfen, sie aufzuheitern?“
„Aufheitern?“
Sie zieht den Stuhl vom Tisch zurück.
„Ist das denn nötig?“
Maria lächelt, ohne zu lächeln. Ihre Finger klammern sich
an die Kaffeetasse.
„Hallo Tessa. Entschuldige, dass ich euch so überfalle.
Hierher zu kommen, war eine sehr spontane Entscheidung
…“
„Mach dir keine Sorgen, wir haben genügend Platz.“

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„Ich wusste nicht, wo ich hinsoll. Es tut mir leid. Aber
Danke, vielen Dank, ich bin so erleichtert, dass ich hier sein
kann, es ist so viel passiert …“
Sie beißt sich auf die Lippen und starrt in ihren Kaffee.
Eine Strähne hat sich aus dem Zopf gelöst und fällt in ihr
Tänzerinnengesicht, verfängt sich in zuckenden Mundwin-
keln. Sie hat zu viel gesagt.
Tessa betrachtet sie. Es gefällt ihr, Maria anzusehen, sie mit
Blicken zu erkunden, die Frau mit dem schlechten Gewis-
sen unter dem Wollpullover und dem viel zu weiten khaki-
farbenen Rock.
Tessa fängt Sandras Blick auf. Er ist mahnend. Sie lächelt
und erwidert die Zurechtweisung mit einem Schulterzu-
cken. Sie muss Maria ansehen, es geht nicht anders. Sie
formt die Lippen zu einem falschen Schmollmund und
zwinkert Sandra zu. Unter ihrer Hand spürt sie die kalte
Tischplatte, das klebrige Plastiktischtuch und schließlich
Haut. Und Wärme. Ein Zucken - und dann Maria: Zarte
Finger bewegen sich unter ihr, unsicher, wie sie reagieren
sollen.
Tessa hört Sandra unterdrückt stöhnen.
Sie nimmt sich Zeit, Maria zu beobachten, und legt schließ-
lich den Kopf schief.
„Ich glaube, du passt zu uns.“
„Tessa!“, zischt Sandra.
„Du kannst in meinem Zimmer schlafen, Sandra hat nicht
genug Platz. Es wird dir bei mir gefallen. Es gibt Fenster
nach Süden und nach Osten, du kannst wahlweise nach
Rom oder Mekka beten …“
Sandra prustet los.
Tessa bedeutet ihr mit einem Wink und dem so oft erprob-
ten gekünstelten Despotenlächeln zu schweigen.

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„Wir frühstücken hier alle gemeinsam, und meistens wird
abends was Gutes gekocht. Bleib ein paar Tage bei uns, es
wird dir gefallen, du wirst sehen.“
Maria späht unter langen Wimpern zwischen ihr und
Sandra hin und her. Ihr Hals verschwindet zwischen ange-
zogenen Schultern.
„Oh, vielen Dank.“
„Denk dir nichts, Maria“, sagt Sandra.
„Nein, nein, Ich denke mir nichts, keine Sorge …“
Tessa kann nicht widerstehen. Sie lehnt sich zurück und
schnalzt mit der Zunge.
„Nicht, Maria?“
Im Stillen fügt sie hinzu: Schade, ich kann mir so einiges
denken …

Maria
Hinter Tessa steigt Maria eine Treppe hinauf. Am liebsten
würde sie kurz stehen bleiben, sich hinsetzen, nur ganz
kurz. Aber Tessa hält nicht an.
Sie zeigt ihr das Zimmer, es ist wirklich genug Platz. Maria
stellt ihre Tasche in eine Ecke.
„Ich würd´ gern duschen gehen“, sagt sie und sucht sich
ihre Sachen aus der Tasche.
„Kein Problem. Die erste Tür rechts.“
Maria steht vor dem Spiegel, zieht sich aus. Und je mehr
Kleidungstücke sie ablegt, umso größer werden die Pixel im
Spiegelbild.
Maria betrachtet sich. Brüste und Schambereich sind schon
lang verschwommen, das ist nichts Neues mehr. Doch seit
gestern kann sie auch ihren Bauchnabel nicht mehr erken-
nen. Sogar ihr Schlüsselbein ist verpixelt, und ihr Hals wird
erst kurz unterm Kinn wieder klar.
Als sie gestern bemerkte, wie die Zensur ihr langsam den
Hals heraufklettert, hat sie ihre Tasche gepackt. Es ist im-

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mer noch die alte, die, in der sie früher ihre Turnierklei-
dung transportierte. Heute trägt sie darin Rollkragenpullis
zu ihrer Theologenfreundin. Als könnte Maria hier ihre
Ehe festigen.
Stattdessen steht sie jetzt nackt, aber verpixelt in einem
fremden Bad. Und nebenan das feste Lächeln von Tessa.
Maria weiß nicht, warum sie es noch so genau vor Augen
hat. Und warum sie versucht, den Daumen unter ihren
Ehering zu schieben, während sie in die Dusche steigt.
Sie dreht das Wasser an. Und wie immer verschwimmt es
an vielen Stellen, wie ihre Finger, wenn sie über zensierte
Haut fahren.
Wie oft hatte sie versucht, die verschwommenen Stellen
wegzuschwemmen, ihre Zensur auszuwaschen, rückgängig
zu machen. An manchen Tagen duschte sie vier, wenn
Henry nicht da war auch fünf oder sechs Mal. Es wurden
trotzdem immer mehr Pixel. Und bald würde es auch ande-
ren Menschen auffallen.
Oder gerade nicht auffallen. Vielleicht wird sie zu einer
Stelle im Text, die einfach nicht mitgesungen wird. Zu der
Pause, die der Sänger nur einhält, damit der Rhythmus
noch stimmt. Oder sie wird ausgetauscht. Flying statt fu-
cking. Henry fliegt längst schon statt mit Maria zu schlafen,
denkt sie und dreht das Wasser wieder ab.
„Hast du Lust auf Kino?“, fragt Tessa. „Sandra und ich
wollen gerade los.“
Maria kämmt sich die nassen Haare und versucht gleichzei-
tig zu nicken. Sie zieht sich noch den Kragen ihres Pullis
unters Kinn und folgt Tessa.

Tessa
Maria geht, als hinterließe sie keine Spuren. Eigentlich geht
sie nicht einmal. Tessa kann schwer sagen, was Maria da
macht. Aber Sandras Freundin ist definitiv nicht da, sie tut

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nur so. Und auf ihrem Gesicht steht ein Ausdruck, der an
Trance erinnert. Oder noch schlimmer: Lethargie. Der
Schamanen-Yogamann im Hochschulsport schaut so, wenn
er von Asanas und Sonnengruß redet und an ihrem Knö-
chel zerrt, um ihr die Kontrolle, die Macht, abspenstig zu
machen.
„Überlasse die Kontrolle mir!“ ... „Nennst du das, was du
da machst, Abgabe von Kontrolle?“
Sie lächelt in Erinnerung an ihre Reaktion: Sie hatte ge-
murmelt, er sei ein böser nackter Mann und dass sie nicht
verstünde, was er überhaupt von ihr wolle. Dass es ihr ein
Rätsel sei, was Männer grundsätzlich wollten und dass sie
das Handtuch wegen dieser verruchten Machtbestrebun-
gen, die ans völlig Lächerliche grenzten, nicht geschmissen,
sondern gar nicht erst angenommen hatte.
Sie nicht.
Sandra auch nicht.
Aber Maria. Maria, die sich auflöst. Die in ausgelatschten
Schuhen vor ihr neben Sandra herläuft und Schritt für
Schritt in ihrem Wollpullover verschwindet.
Tessa holt auf und drängt sich zwischen sie. Sie fischt nach
Marias Hand und hält sie fest, als Maria zusammenzuckt
und sie anstarrt.
„Gran Torino wird dir gefallen“, sagt Tessa. „Clint East-
wood ist ein geiler Schauspieler, er flucht anständig und
verhöhnt die katholische Kirche. Was will man mehr?“
Sandra lächelt ins Blaue hoch oben. Sie sagt nichts, nickt
nur als stimme sie schweigend zu und drückt Tessas Hand.
„Aber ich dachte, du studierst Theologie“, sagt Maria zö-
gerlich.
„Tu ich auch. Wieso?“
„Naja, hört sich nicht so an, als stehst du so besonders
hinter der Kirche.“

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„Evangelische Theologie“, sagt Tessa und streicht mit dem
Daumen über Marias Handrücken.
„Wir studieren alle evangelische Theologie in unserer WG.
Du weißt schon, wegen der Männer …“
Maria starrt sie an. Tessa erwidert ihren Blick nicht, aber sie
sieht aus den Augenwinkeln die steile Falte zwischen
Marias Brauen. Sie überlässt Maria ihrer Verwirrung, wäh-
rend sie der Fußgängerzone über das Kopfsteinpflaster
folgen und schließlich das Kino erreichen.
Auf Marias Wangen spiegeln sich die Filmsequenzen. Clint
Eastwood huscht über ihre Nase, flucht in ihren Augen
und mit jedem Fluch bewegen sich ihre Lippen, formt
Maria die Worte nach.
Piss off, zip-headed Puss cake!
Tessa lächelt. Maria ist schön im Fluchlichtgewitter, das
Erstaunen steht ihr gut, es macht sie so jung wie sie eigent-
lich ist. Vielleicht kann Maria Henry verlieren und ein biss-
chen Clint Eastwood sein, ein bisschen Sandra und … ein
bisschen Tessa. Vielleicht auch mehr als ein bisschen Tessa,
vielleicht sogar viel Tessa. Tessa auf ihren Wangen, Tessa
in ihren Augen, Tessa in ihrem Mund. Liebend gern in ih-
rem Mund.
„Maria“, flüstert sie.
Maria reißt sich von der Leinwand los und schaut sie fra-
gend an.
Tessa schüttelt den Kopf. Ihr Kopf ist leer und voll und
verwirrt und sie möchte lachen und fluchen und Maria pa-
cken, ja packen! Und Henry aus ihr rausschütteln. Die röh-
rende Stimme des Schamanen-Yogamannes dröhnt in ih-
rem Kopf, sagt etwas von Kontrolle und Verlust und von
Freiheit und dem Gefühl, über alle Dinge erhaben zu sein.
„Nichts“, sagt sie. „Ich freu´ mich nur, dass du mit ins Ki-
no gekommen bist. Das ist alles.“

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Get off my lawn, puss cake!, sagt Clint Eastwood, während
Tessa an Henry denkt.

Maria
„Ich hab´ überhaupt nichts dabei, um feiern zu gehen“,
widerspricht Maria und kramt weiter in ihrer Tasche. Wirk-
lich nur Rollkragenpullis. Mit denen kann sie doch nicht
tanzen!
Eigentlich will sie auch gar nicht tanzen. Maria hat so lange
schon nicht mehr getanzt. Mindestens fünf Jahre. Was pas-
siert, wenn sie wieder auf einer Tanzfläche steht? Vielleicht
hat sie es verlernt. Vielleicht wäre es nicht mehr das für sie,
was es gewesen ist. Vielleicht würde sie merken, dass sie
Henry und seinem Knie, Henry und seinem Humpeln zu
Unrecht die Schuld an allem gegeben hatte.
Maria wollte lieber in ihrem Rollkragenpulli verschwinden.
Sich in ihm zusammenlegen, die Ärmel auf den Rücken, die
obere Hälfte des Stoffes auf die untere. Nochmal glatt
streichen und in den Schrank legen lassen. Tür zu.
Aber Tessa hält ihr ein Top an den Oberkörper.
„Perfekt“, sagt sie und: „Zieh das an!“
Als Maria sich nicht bewegt, sieht Tessa demonstrativ zur
Seite, damit sie sich umziehen kann. Aber Maria nimmt das
Top und läuft ins Bad. Sie zieht den Pulli aus und ver-
schwimmt bis zum Kinn. Auch das Top kann nichts daran
ändern, Marias Dekolleté ist verpixelt. Die Schultern, sogar
die Oberarme. Also bleibt sie vor dem Spiegel stehen, und
ihr Blick im eigenen Ausschnitt verwischt, löst sich auf. Bis
sie Tessas Hände auf den Schultern hat.
Plötzlich steht Tessa hinter ihr und betrachtet Marias Spie-
gelbild.
Sie sagt nichts. Als würde sie die Zensur gar nicht bemer-
ken, vielleicht ist es schon so weit gekommen. Vielleicht ist

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Maria schon die Stelle, die nicht mehr gesungen wird. Aber
dann sieht sie, wie die Konturen ihrer Schultern unter
Tessas Händen schärfer werden. Die Pixel verkleinern sich,
fügen sich neu zusammen, und Maria hat wieder klare Rän-
der. Also nimmt sie Tessas Hände und schiebt sie sich an
den Hals, das Dekolleté hinunter bis der Stoff des Tops
beginnt - und schnell klart sich auch hier das Spiegelbild.
Maria kann sich wieder erkennen, ihr Blick ist scharf und
lächelnd dreht sie sich zu Tessa um.
„Schönes Top“, sagt sie und läuft an ihr vorbei in Tessas
Zimmer.
Jetzt kann Maria sich nicht mehr wehren: Sie hat schon
zwei Gläser Wein getrunken, hat Sandra und Tessa zehn
Minuten lang beim Tanzen zugesehen und sogar eine Ziga-
rette geraucht, obwohl es ihr nicht schmeckt.
Jetzt nimmt Tessa ihre Hand, zieht sie auf die Tanzfläche
und Maria fällt nichts ein. Also steht sie vor Tessa in all den
Lichtern und fühlt den Bass irgendwo in ihrem Bauch.
Tessa tanzt. Ungelenk und unrhythmisch, aber sie tanzt,
lacht Maria an. Und dann spielen sie
The birds and the bees.
Auf dieses Lied hat Maria die Grundschritte für den Boogie
Woogie gelernt und mit einer schnelleren Version ihr erstes
Turnier mit Henry gewonnen.
Langsam fängt sie an zu tanzen. Tessa sieht lachend zu und
versucht bald, es ihr nachzumachen.
Maria wiederholt den Grundschritt so lange, bis sie Tessas
Hände nehmen kann. Sie tanzen Boogie, und Maria führt.
It's very plain to see that it's time you learn und bald schon kann
sie Tessa drehen.
Aus den Augenwinkeln sieht sie, wie Sandra mit einer Fla-
sche Bier in der Hand lächelnd zusieht. Sie sieht zufrieden
aus, und Maria dreht Tessa hin und her.

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Let me tell you 'bout the birds and the bees and the flowers and the
trees …
Sie werden immer sicherer und schneller, Tessa macht
kaum noch Fehler, als das Lied in ein anderes übergeht.
Maria lässt Tessas Hände los und fasst sich unauffällig an
den Bauch. Er ist noch verschwommen. Ein wenig noch.
Also dreht sie sich um, dreht Tessa ihren Rücken zu, und
die legt ihr die Hände auf den Bauch. Sie tanzen, und
Tessas Hände bleiben auf Marias Bauch liegen. Sie merkt
sofort, wie die schmale Stelle, die zwischen Top und Jeans
zu sehen ist, immer klarer wird. Also nimmt sie Tessas
Hand. Sie zieht sie mit sich, sucht einen Raum mit Spiegel,
einem großen Spiegel. Im Bad sind sie nicht allein, trotz-
dem stellt sie sich hinein, und ohne dass sie etwas sagen
muss, hilft Tessa ihr schon, auch den Rest ihrer Konturen
wiederherzustellen.

Tessa
Marias Wangen schimmern rot und feucht, sie dreht sich
auf der Tanzfläche. Ganz klar ist sie nun, und ihre Bewe-
gungen folgen einem für Tessa unsichtbaren, in der Musik
verborgenen Rhythmus. Maria tanzt den „Puss Cake Boo-
gie, yeah!“ und ruft ihr in der Ekstase aus Musik und Rot-
wein etwas zu, das Tessa nicht verstehen kann. Selbst
Marias Lippen bewegen sich zum Takt der Musik. Ihre
Lippen sind Boogie, Maria ist Boogie. Um sie bildet sich
ein Kreis aus verschwitzten Staunenden. Tessa staunt auch,
sie kann den Blick nicht von Marias Hüften nehmen. Mari-
as Hüften, die swingen und fliegen.
Später folgt Maria Tessa ins Haus. Als Tessa sich umdreht,
schimmert Maria noch immer in der Dunkelheit. Sie lächelt
und streicht über Marias Stirn, tupft die Schweißtropfen
von Wangen und Nase und sieht den Linien ihres Zeigefin-

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gers nach. Marias Lippen sind blau, rotweinblau. Tessa
muss lächeln.
„Und Henry?“, fragt Maria.
„Der ist nicht hier, oder siehst du ihn?“
Maria lacht nervös und lässt sich von Tessa über leise Stu-
fen hinauf bis unter das Dach führen, zu ruhiger Musik,
raschelnden Daunen und Hüften, die auf Tessas ganz pri-
vater Tanzfläche eine Erinnerung an Boogie tanzen.
Marias Atem geht ruhig an Tessas Brust. Maria fühlt sich
anders an in ihren Armen als Sandra oder Martina oder
Felicitas oder Johanna. Ihre Fingerspitzen spielen mit den
haselnussbraunen Haarspitzen. Sie denkt an Maria im Ba-
dezimmer mit dem Glätteisen in der Hand. Jetzt ringeln
sich ihre Locken über das Kissen, als freuten sie sich,
Marias Glätteisenknechtschaft zumindest für ein paar Mor-
genstundenmomente entkommen zu sein. Maria ist hübsch
im Licht von Diskokugeln, im Spotlight von Boogiebe-
wunderern und unter Wunderblicken auf ihren Hüften.
Tessa mag die verwuschelte Maria mit dem Ausdruck zu-
friedener Erschöpfung auf den Zügen und denkt an Henry.
Henry auf Marias Tanzfläche, Henry in Marias Leben,
Henry an Marias Haut.
Henrys Boogie an Marias Boogie-Hüften.

Maria
Maria hat den runden Sitz einer Seilrutsche in der Hand.
„Noch einen Schritt zurück“, sagt sie.
„Das klappt niemals“, protestiert Tessa, aber Maria lehnt
sich nach hinten und kann das lange Seil, das aus der Mitte
des Sitzes weit nach oben ragt, noch ein paar Stufen weiter
ziehen.
Maria und Tessa stehen auf einem Abenteuerspielplatz vor
einer großen Schaukel, auf die man von weit oben, von
einem kleinen Berg aus Steinen aus, draufspringen kann.

23
Man fährt dann lang nach vorn, stößt am Ende hart an und
fährt mit neuem Schwung zurück. Maria hat das so lange
nicht mehr gemacht.
Es ist mitten in der Nacht, gerade war sie fast schon einge-
schlafen und jetzt steht sie doch hier, sie würde so gern mal
wieder schaukeln.
„Bei drei“, ruft sie, und Tessa reißt die Augen auf, starrt auf
die Schaukel.
„Wir springen gleichzeitig, ich höher als du, ich spring auf
dich drauf, das klappt!“
Tessas Hände klammern sich an das Seil. Maria hätte nie
gedacht, dass Tessa so ängstlich sein würde, und lacht.
„Eins“, sagt sie und Tessa wimmert ein bisschen.
„Zwei“
Und Tessa sagt: „Nein!“
„Drei!“, ruft Maria trotzdem und springt, und Tessa
springt, und beide landen auf der Schaukel, beide überein-
ander. Sie halten sich an dem Seil fest und hängen nur halb
auf dem Sitz, aber sie lachen und schaukeln lange nach
vorn, den halben Weg wieder zurück und landen in der
Mitte auf dunklem Kies.
„Nie wieder!“, ruft Tessa lachend.
„Oh doch“, sagt Maria und steigt die Steinstufen wieder
hoch. Tessa bleibt auf dem Kies und grinst im Schneider-
sitz. Also schaukelt Maria auf sie zu, von ganz oben auf sie
zu, und Tessa grinst weiter.
Erst viel später steht sie wieder auf.
„Ok, ich mach's“, sagt sie und steigt die Steinstufen hinauf
mit der Schaukel in der Hand. Maria geht lächelnd hinter-
her, bleibt stehen, sieht Tessa zu.
„Eins“, sagt Maria und Tessa lacht.
„Zwei“, sagt sie
Und bei „Drei“ springt Tessa wirklich ab. Sie landet auf der
Schaukel, genau in der Mitte.

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Während Maria zusieht, wie Tessa sich weit weg von ihr am
anderen Ende in der Luft langsam dreht, setzt sie sich auf
den Stein.
Sofort scheint Tessas Gesicht glatter zu werden. Noch be-
vor ihre Schaukel den Rückweg antritt, hat Tessa aufgehört,
Geräusche zu machen, sie ist jetzt ganz leise.
Maria bemerkt das, bevor sie versteht, wohin sie sich ge-
setzt hat. Doch jetzt ist es zu spät. Maria bleibt sitzen auf
ihrer Steintreppe. Die ganze Nacht. Obwohl es kalt ist und
der Stein feucht. Maria bleibt sitzen, bis es wieder hell wird.
Tessa ist längst ohne sie gegangen, und Maria ist froh dar-
über.
Ein Auto fährt vor, Marias Auto. Als sie endlich aufsteht,
steigt Tessa aus ihrem Wagen. Sie lächelt und hat Marias
alte Tasche in der Hand.
Maria lächelt zurück, sie friert, sie ist müde, aber sie lächelt
zurück und steigt in ihr Auto. Die Tasche wirft Tessa wie-
der auf den Beifahrersitz, sie selbst bleibt draußen stehen.
Sie wird nach Hause laufen. Ihr Lächeln sitzt fest.
Im Auto riecht es nach alten, warmen Sitzen und ein biss-
chen wie das Innere von Marias alter Tasche.
Sie braucht dringend eine neue, denkt Maria. Sie soll genau-
so groß sein, genauso schwer, aber anders, ganz anders,
ganz neu.
Sie schaltet das Radio ein und während sie anfährt, klopfen
ihre Finger auf dem Lenkrad im Takt eines langsamen
Boogies.

25
AXEL ROITZSCH

DARWIN UND LLOYD


Darwin und Lloyd kannte man in der ganzen Stadt. Man
wusste, in welchem Haus sie zur Welt kamen, wo sie zur
Schule gingen, in welches Mädchen sie verliebt waren,
wann sie in den Krieg mussten, nur nicht warum. Man
wusste, warum sie seit der Taufe nie wieder eine Kirche
betreten hatten, wieso keiner der beiden eine Frau hatte
und dass ihre Stimmen sich beinahe glichen. Man erzählte
sich, dass sie im gleichen Bett zur Welt gekommen seien,
dass sie, hätte Lloyd nicht eine Stufe in der Schule über-
sprungen, sich immer eine Bank geteilt hätten, und warum
Lloyd kein Hörgerät wolle, obwohl er wegen seiner
Schwerhörigkeit über Jahre hin verspottet wurde. Woher
das alle wussten, wisse niemand so genau, Darwin und
Lloyd seien immer überaus schweigsam. Nun, nur die We-
nigsten wussten, dass sich Darwin und Lloyd jeden Sonn-
tagmorgen, kurz vor Sonnenaufgang, wenn die ganze Stadt
noch schlief, im Mirror’s Diner trafen. Außer ihrem alten
Freund hinter der Bar, und das bin ich, waren sie dort für
sich allein. Diesen Umstand schätzen könne man erst,
wenn man das Wissen, das sie beide hätten, noch nicht
habe, sagte Lloyd manchmal.
Dichter Nebel stand in den Straßen, als Lloyd, auf seinen
Gehstock gestützt und den Hut tief in die Stirn gezogen,
um kurz nach sechs Uhr morgens das Diner betrat. Er folg-
te leisen Schrittes seinem Blick um die Theke herum, be-
trachtete dabei verstohlen die leeren Tischreihen, schlurfte
hinter bis in die Herrentoilette und horchte auf dem Weg
zurück zum angestammten Platz vor dem großen Fenster
26
unauffällig an der Tür zur Damentoilette. Es war noch
niemand da. Seinen Gehstock und den Hut legte er auf den
Tisch und ein Bündel Zeitungen aus der Innentasche seines
Mantels neben sich. Auf die erste Zeitung warf er nur einen
flüchtigen Blick, diese aber dann gleich unter den Tisch in
den Mülleimer, die zweite breitete er vor sich aus. Titelblatt
und Seite Zwei schnell überflogen übersprang er die nächs-
ten sechs Seiten, räusperte sich bei der siebten, blieb den
Rest der Seiten stumm und legte die letzte beiseite. Dann
drehte er sich zu mir um und hob die rechte Hand, das
Zeichen für eine große Tasse Kaffee.

Er sagte oft, die großen Dinge da draußen würden nicht


aus den Gründen geschehen, die sie vorgaben. Er sagte,
Zeitungen lese er zum Zeitvertreib.
Kurz vor sieben, aus dem immer dichter werdenden Nebel
heraus, betrat auch Darwin das Diner. Er ließ seinen Blick
schweifen, langsam, nickte mir zur Begrüßung zu und legte
seinen Hut auf die Hutablage am Eingang. Er schien ver-
gnügt. Lloyd war hinter einer aufgeschlagenen Doppelseite
verschwunden, der Mülleimer unter dem Tisch quoll über,
die letzten Tage war viel geschehen. Darwin setzte sich ihm
gegenüber und schlug die Speisekarte auf. Kurz darauf
murmelte Lloyd seinen ersten Satz an diesem Morgen: „Bei
den vielen Scheißhäufchen am Boden übersieht wohl selbst
der Hochnäsigste, wie schön’s am Himmel ist.“ Darwin
betrachtete die Rückseite der Zeitung, von Lloyd sah er
nichts. „Lesen Sie gerade Politik?“, fragte er ihn mit deutli-
cher Stimme. „Nein, Sport.“ „Natürlich.“ Darwin feixte, als
Lloyd zaghaft das Blatt sinken lies und endlich erkannte,
wer ihm gegenüber saß. Dann sagte er: „Ich habe dich
nicht kommen hören“, lächelte, erhob sich gemächlich und
umarmte seinen alten Freund.

27
So saßen die beiden dort, alle Zeiten hinter sich gelassen,
und tauschten sich aus über Dieses und Jenes. Ich hörte sie
lachen und machte mich an die Zubereitung von Darwins
Frühstück. Er hatte es sich zwar noch nie nehmen lassen,
vor seiner Bestellung meine Speisekarte durchzublättern,
dann aber doch immer entschieden, mir die Wahl seines
Mahls zu überlassen.
Auf sein Geheiß wartete ich schon lange nicht mehr. Fünf-
zehn Minuten später kam ich wieder aus der Küche, mit
meinem größten Tablett, reich beladen. Ich hörte sie reden.
„Der Mensch jagt nur nach dem, was ihm gefällt, meinst du
das?“, fragte Lloyd, etwas lauter als gewöhnlich. „Nein,
geht es der Seele gut, wird sie faul, meine ich.“ Am Tisch
angekommen, reichte ich Lloyd seine zweite Tasse Kaffee.
Er sagte: „Also geht er nur auf die Jagd, wenn sein Haus
brennt?“ Für Darwin einen schwarzen Tee. Dieser darauf-
hin: „Nein, davor noch schafft er sich die Phantasie, und
sie den Helden die Welten, Gefühle, Gedanken, Schönes
und Natürliches, das Leben - auch wenn es vergeht.“ - „So
wie der Geschmack von Kaugummi in silbrigem Papier.“
Noch ein Stückchen Zucker und zwei Knäckebrot. „Die
wahre Liebe kann helfen, gerade die Jagd nach ihr.“ Einen
Haferbrei mit Ziegenkäse. „Nur weil die Frau die große
Sorge nimmt, umsonst zu sein. Was man kann …“ Dazu
eingelegte Früchte – „Man kann nicht mehr, als zur Ver-
mehrung sein, meine ich.“ – und ein Ei. Ich stellte es im
Eierbecher vor alle anderen Sachen, denn aus Erfahrung
war es das Ei, mit dem Darwin sein Frühstück begann. Er
sagte: „Danke.“ Lloyd lehnte sich zurück und schüttelte
den Kopf, dann vergrub er das Gesicht in den Händen. Ich
überlegte, ihn zu fragen, ob er noch etwas bestellen wolle,
tat es aber nicht. Darwin sagte oft, Streitende seien sich
näher als sich Liebende. Ich würde nur stören. Draußen

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lichtete sich der Nebel. Die ersten Menschen verließen ihre
Häuser.
Das Küken schlüpfte dann um zwanzig nach sieben. Ich
war im Lager gewesen, um Salz zu holen, und als ich wieder
zurückkam und einen Blick auf meine beiden einzigen Gäs-
ten warf, sah ich es. Darwin hatte wohl gerade versucht,
das Ei zu köpfen, er hielt noch das Messer in der Hand,
jedenfalls war es schon mit seinem kleinen gelben Kopf
durch die Schale gebrochen und piepste nun beharrlich.
Der Becher, in dem es sich samt den Resten des Eis noch
befand, kippelte unter der steten Zappelei, solang, bis der
erste Flügel frei, das Gleichgewicht also dahin war und alles
zur Seite umfiel. Mit dem Schreck blieb das Piepsen aus,
das Kleine musste doch recht erschöpft sein, dann setzte es
auch schon wieder ein, schrill und steinerweichend. Ein
letzter Ruck, ein Beinchen kam zum Vorschein und ein
zweites und gemeinsam sprengten sie die Schale. Darwin
und Lloyd starrten es an. Darwin legte das Messer aus der
Hand. Lloyd sagte: „Es ist zu laut.“ – „Ja.“ – „Man müsste
es füttern.“ – „Nein“, erwiderte Darwin, „nicht die ersten
Tage.“ – Bevor Lloyd sich versah, griff Darwin nach dem
Hut auf dem Tisch und drehte ihn um, umfasste mit der
anderen Hand das nassgelbe Geschöpf und legte es hinein,
„Jim, etwas zum Wärmen!“, rief er mir zu. Ich eilte zurück,
was wärmt denn gut, bei all der Hast, dort lagen die
Topflappen, daneben das Telefon und da, es klingelte. Wa-
rum bloß jetzt? Ich blieb stehen. Vielleicht eine Bestellung
für den Mittagstisch. So gut lief es nun nicht in letzter Zeit,
man könnte zufriedener sein. Ich ging ran.
Es ist kein Leichtes, einen Gesprächspartner so zu achten,
wie er geachtet werden will, zumal bei einem von so lang-
samer Stimme. Einen Tisch wollte er auch nicht reservie-
ren. Was er genau wollte, vergaß ich dann auch schnell. Ich
klemmte mir lieber den Hörer zwischen Ohr und Schulter

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und suchte weiter nach was Warmem. Wort für Wort ver-
strich die Zeit Und als er sich dann, schon die halbe Küche
war durchsucht, verabschieden wollte mit der ausgespro-
chenen Hoffnung, beim nächsten Mal auf mehr Entgegen-
kommen zu stoßen, fragte ich ganz frei heraus, was ich
denn tun könne, Darwin sei ein Küken geschlüpft und nun
brauche es etwas Warmes, es piepse unaufhörlich. Er fragte
nur, ob ich noch ganz bei Trost sei und legte auf. Vom
Tisch her hörte ich Stimmen. „Beruhig dich, Jim“, sagte
ich.
Darwin hatte sich den Hut mit dem Küken darin auf den
Kopf gesetzt. Lloyd rührte seinen Kaffee um. Auf einmal
sagte er: „Es ist der Gedanke, der auf Reisen will, nicht das
Herz“, dabei er die unter Darwins Hut klar sich abzeich-
nende Beule misstrauisch beobachtete. Darwin allerdings
fühlte sich sichtlich wohl, die eingelegten Früchte schienen
auch zu schmecken. „Aus ihren Häusern muss man sie
holen, nicht ihnen den Hof machen!“, sagte er mit vollem
Mund. Lloyd sprach: „Manchmal kam es mir vor, wie eine
Schulstunde auf dem Bahnsteig; wer stetig nur an den Lip-
pen der Lehrerin klebte, für den war der Zug bald ab…“,
und stockte, als unter der Hutkrampe kurz ein Beinchen
hervorkam, Halt auf Darwins Ohr fand und dieser es mit
einer hilfreichen Handbewegung wieder hinaufbugsierte.
„Und du?“, fragte Darwin. „Ich war der Schaffner.“ Auf
der gegenüberliegenden Straßenseite unterhielten sich zwei
Herren, ein dritter kam hinzu, er zeigte auf mein Diner.
Vielleicht noch ein paar Gäste. Darwin hatte seinen Tee
nicht angerührt.
„Liebende vertragen nichts“, sagte Lloyd. Darwin schwieg,
vielleicht, weil er beschäftigt war. Mit der einen Hand ver-
suchte er, den Hut leicht anzuheben, mit der anderen, das
Kleine zu greifen. Er hatte sich von mir einen auf dem
Herd aufgeheizten Topf bringen lassen, mit Tüchern darin

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und Deckel darauf. Lloyd blickte verträumt in die Leere,
dann aus dem Fenster, leise sprach er weiter: „Erst wollen
sie selbst getragen werden und dann tragen sie doch ab und
an das Herz des Anderen, nicht auf Händen, eher mit Wor-
ten, in die Welt hinaus.“ Es piepste wieder, flaumig und
gelb, Darwin verwahrte es sicher in seiner Hand, nahm
noch die zweite dazu und legte es vorsichtig in das Innere
des Topfes ab. Irgendetwas sagte er dabei, doch zu leise, als
dass es bis zu mir drang. Lloyd nickte. Darwin nahm den
Deckel am Griff und ließ ihn langsam auf den Topf absin-
ken, so langsam, dass es kaum einen Ton gab, als Grat und
Fuge sich fanden. „Lass die Worte darüber“, hörte ich
Darwin sagen. „Ich denke nur nach, was wäre“, entgegnete
Lloyd, „wenn das, was missfällt, nicht nur immer das wäre,
was bleibt.“ Dann rief er mir zu: „Jim, etwas zum Wär-
men!“, und zeigte mit dem Finger auf den Topf.
Eine Kochplatte schien mir gerade recht, eine einzelne hat-
te ich noch, schnell war sie aufgebaut, den Topf darauf und
den Stecker in die Buchse, dann Stufe eins. Ab und zu sa-
hen sie nach dem Kleinen und unterhielten sich von da an
mit gedämpfter Stimme, denn tatsächlich war es, nun, da
die richtige Temperatur erreicht war, eingeschlafen. Endlich
trank auch Darwin seinen Tee. Er sagte oft, der Alltag lebe
dort, wo ihn die Geschichte nicht findet.
Warum und wie es kam, verstand ich nicht, aber einen
Moment später schlug ein Stein gegen das Fenster. Dann
noch einer, größer, er prallte ab, der dritte blieb stecken.
Eine Menge Männer und auch ein paar Frauen liefen auf
uns zu, direkt über die Straße. Sie trugen mit sich, was sie
tragen konnten, die Männer Eisenstangen und Steine, einer
holte schon wieder aus, die Frauen zu zweit einen großen
Sack, eine andere unter dem Arm ein lebendiges Federvieh,
drei weitere liefen einfach nur mit. Darwin und Lloyd blie-
ben ruhig sitzen und sahen mich an. Ein vierter Stein flog,

31
und ein Mann und eine Frau rannten auf die Eingangstür
zu. Ich lief zur Tür und drehte den Schlüssel zweimal um,
gerade noch rechtzeitig. Die Frau fluchte, das Federvieh
gackerte, der Mann schlug mit seiner Stange auf die Tür
ein. Zwei Weitere taten es ihm gleich und versuchten sich
am Fenster vor Darwin und Lloyds Tisch. Einer blieb zu-
rück und brüllte. Ich kannte die Stimme, die Langsamkeit
darin. Sein Gesicht spiegelte Zorn. Darwin und Lloyd er-
hoben sich nun doch mit einiger Mühsal nach dem langen
Sitzen, Lloyd bedeutete mir, zu ihnen zu treten und Darwin
hob sachte den Topf an, umgriff ihn fest mit beiden Hän-
den, so, als würde die Hitze ihm vergeben. Die Menge
schrie. Mit einem letzten Schlag zerbarst die Scheibe und
der Erste stürzte sich auf Lloyd, der ging zu Boden, ich
hörte nur mit einem Ohr, wie auch die Tür hinter mir dem
festen Willen nachgab. Lloyd sagte oft, vor allem Wollen
sich gedulden, das seidie Kunst. Die Menge stieß in den
Raum, eine Frau stolperte über den Eimer voller Zeitun-
gen, einer fing sie auf, und Darwin gewann noch ein paar
Schritte auf dem Weg zur Hintertür, er kannte sie sicher
noch aus Kindertagen. „Es soll leben!“, rief da eine Frau
ganz errötet vor Erregung und schleuderte nach ihm das
gackernde Vieh, sodass er davon getroffen zu Boden ginge.
Darwin wich aus, geriet aber doch ins Straucheln und wuss-
te sich wohl nicht anders zu helfen, als seinerseits mir etwas
entgegenzuschleudern. Und eh ich mich versah, fing ich
auf, den Topf. Der Deckel flog ab und aus dem Inneren
kam das Piepsen, so laut und kräftig, so betörend, dass der
Raum sofort verharrte. Man sah mich an, wie ich mit der
Hitze kämpfte, den Topf nicht fallen zu lassen, ihn an den
Griffen weit von mir streckte, den aufgerissenen Augen
entgegen, den offenen Mündern. Nur Lloyd regte sich. Er
löste sich von seinem Peiniger und richtete sich unter Müh-
sal auf. Sein Gehstock war verloren. An allen vorbei durch-

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schritt er den Raum, dorthin, wo auch Darwin sich nach
oben kämpfte. Ruhig ging er ihm zu Hilfe. Die ersten Bli-
cke wandten sich nach ihnen. Irgendwoher gackerte es.
Lloyd sagte: „Lass es ihnen.“ Und Darwin: „All das fein
Gedachte ist nichts mehr, es ist zwar da, doch niemand
achtet noch darauf, niemand hört es, es vergeht mit dem
Dunst des Tages. Dort ist der Mensch er selbst, ein Mensch
und frei, an jenem Zentrum, wo das Tier weichen Blickes
rundherumschleicht. Er ist sich ein Geheimnis und wird nie
wissen, ob es in ihm schon tot, oder nur Gott es ist, der
starb.“ Dann gingen sie, jeder gestützt auf den anderen, zur
Tür, durch diese hindurch, Darwin vergaß seinen Hut. Bli-
cke, so ungläubig wie ich sie noch nie gesehen habe, folgten
ihnen, entgeistert, Fäuste sanken herab und ich stand da,
mit dem piepsenden Küken im Topf. Es war außer sich vor
Kälte.

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TOBIAS JENNEWEIN

RESURRECTION
Aus dem 3. Kapitel der Erzählung

Nun verlässt der Präsident die Rednertribüne gefolgt


von seinen Sicherheitsleuten. Er schlackst über den Rasen
hin. Umweht von einem metallisch schneidenden Sommer-
sturm mit himmelweit ausgebreiteten Armen, will sagen in
Salvatorpose, tritt der Präsident nun langsam und wohlge-
setzten Schrittes, mit rhythmisch-federnden Sportlerbeinen,
ein wenig so, als bereite er, der einst vorzügliche High-
School-Basketballspieler, gerade einen Angriff auf die geg-
nerische Mannschaft vor, auf das chorisch „Go! Mr. Presi-
dent, go!“ intonierende Fanpublikum mit seinen zahllosen,
von der Ferne her betrachtet impressionistisch anmutenden
Farbtupfer- und Klecksgesichtern zu ...
... ja, er gleitet ihm auf einer lammschwanzplüschigen, auf
einer milchschaumfarbenen Wolke aus heißer rhetorischer
Luft regelrecht entgegen, auf einem Dunstkissen aus Amt-
scharisma und lässt dabei vom Wind seinen Designeranzug
ballonartig aufblähen, in den übrigens, was noch niemand
bemerkt zu haben scheint, magisch-illusorisch, nein mehr
noch, phantasmagorisch, wie Märchenschätze blinkende
und blitzende Plattgoldsträhnen eingenäht ,sind, aufgeladen
mit ungeheurer Suggestionskraft, und je näher er ihnen den
Tausendschaften von Menschen vor seinen Augen kommt,
je deutlicher ihm auch ihre von stumpfsinniger Euphorie
durchglühten Gesichter ins Bewusstsein dringen, desto
dichter und undurchlässiger wird auch die Selbstschutzbla-
se aus sublimer, stets mit einem Lächeln überspielter Dis-

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tanz und Menschenverachtung, die den Präsidenten, dieses
scheue Insekt von einem Präsidenten, mit seinem breiwei-
chen, womöglich leicht verletzbaren Innenleben wie einen
Chitin-Panzer umstülpt, und so wie er der aufgeheizten, in
der Sommerhitze schrecklich transpirierenden, hirnwasser-
schwitzenden Fan-Masse zum Greifen, zum Liebkosen und
herzensinnigen Umhalsen nahe kommt, beugt sich auch
schon ein einigermaßen hübsches Ding, eine junge Frau
mit ekstatisch-kugelblitzenden, ganze Glühwürmchen-
Schwärme der Begeisterung ausstrahlenden Augen und
einem mittig, etwa auf der Höhe des zweiten Nackenwir-
bels kurvenförmig eingebeulten Nofretete- bzw. Giraffen-
hals von auffälliger Überlänge über die Köpfe der handy-
bewehrten Sicherheitsleute des Präsidenten und anderer
zuchtbulliger Leibwächter hinweg zu seinem Gesichte hin,
beinahe so, als könne sie ihre Körper- bzw. Halseslänge auf
fast surreal zu nennende Weise mit Hilfe eines der Wissen-
schaft bisher unbekannten anthropotechnischen Regulati-
ves beliebig variieren, und drückt ihm, dem von alledem
zuerst sichtlich enervierten, dann schon schauspielerhaft-
freundlich Überraschten und zu guter Letzt, nach einer
atemberaubenden Metamorphose des Gesichtsausdrucks,
plötzlich zuhöchst amüsierten Präsidenten, sich dabei an
einem Absperrgeländer festklammernd, einen feuchten,
schmierig-lippenstiftdurchflammten Kuss auf seinen trotz
maskenhaftem Dauergrinsen mit einem Male ganz bügelfal-
tigen, knittrigen und unter der Hautoberfläche von Ekel
durchströmten, auf den durch Erschöpfung und Überarbei-
tung zu einem blassblauen, anämischen Strich ausgedünn-
ten Mund des Präsidenten, wobei ihr leichtes Sommer-
kleidchen aus grellrotem, schwach irisierenden und mit
Kitschblumen bedrucktem Stoff, der parfumgetränkt das
scheußliche Ozon unreflektierter, süßlicher und krankhaft
übersteigerter Glückseligkeit in die vor Hitze flirrende

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Sommerluft ausstößt, unversehens zu flattern beginnt, dann
von einem Luftzug in die Höhe geblasen wird, dann auf die
Schenkel zurückklatscht und auf einmal hinter ihrem Rü-
cken Schreie des Entsetzens und der Empörung ertönen,
und einen Augenblick lang scheint sie sozusagen im Leeren,
im Vagen zu hängen, nur wie durch einen Saugnapf an der
Stelle, an welcher sich die beiden Münder treffen, mit dem
völlig erstarrten Präsidenten verbunden, gleich jenen Vö-
geln, die imstande sind, mitten im Fluge zu kopulieren,
einzig durch ihre Geschlechtsteile einander berührend, und
wie abgefeuerte Mörsergranaten durch die Luft fetzend,
während nun urplötzlich ein bunter Strauß von Fanhänden
sich von hinten ihren schmalen Schulmädchenschultern
entgegenstreckt und sie unter schrillen, verächtlichen Pfif-
fen zu sich herabzieht, noch ehe die Sicherheitsleute des
amerikanischen Präsidenten einzugreifen vermögen, um
dann sogleich selbst mit sich sanft und sachte wiegenden
Doldenfingern an seinem Gesicht entlang streicheln zu
wollen, was ihnen allerdings misslingt, und sowie die junge
Frau nun, weniger wie ein nasser Sandsack als vielmehr wie
ein Hüpfbällchen aus Hartgummi, nach oben hin kräftig
zurückfedernd, ärschlings in den staubigen Boden des Fes-
tivalgeländes plumpst, realisiert sie auch schon, mit unge-
heurer Schnelligkeit, etwas altbackenem, angestaubtem Pa-
thos und grenzenloser Melancholie, dass sie in dem Augen-
blick, als ihre Lippen diejenigen des Präsidenten berührten,
dem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen für kurze
Zeit tatsächlich entronnen war, dass sie sich sozusagen in
einer gegen jede Form von Vergänglichkeit und Mortalität
vollkommen abgedichteten Ewigkeitskapsel - metaphysi-
sche Zeit versus ontologische Zeit - befunden haben muss-
te, dass sie kurzweilig von einer Art Unsterblichkeit um-
flossen war, von der ihr nun zumindest ein süßer Nachge-
schmack, nämlich das synthetische Pfirsicharoma vom

36
Mundwasser des Präsidenten als sinnliche, als angenehm
triebbehagliche Geschmacksspur auf der Zungenspitze
zurückbleibt, allerdings nur solange, bis diese von dem Glas
zweitklassigen Portweins zum Abendessen, ihren billigen
Menthol-Zigaretten und den rauchigen und bartpelzigen
Küssen ihres sogenannten Liebhabers vollständig hinweg-
getilgt sein wird und also unerträgliche Alltagsfadheit wie-
der in ihrer Mundhöhle Einzug hält.
Also, das Ganze noch einmal kurz zusammengefasst:
Präsident kommt. Fremde junge Frau küsst ihn. Präsident
is not very amused. Der jungen Frau ist´s kurzweilig sehr
orgastisch zumute. Dann reißt man sie weg. Sie geht zu
Boden und da liegt sie nun wie so eine weggeworfene
Müllkonserve. Das ist alles.
(...)

37
SUSANNA JOREK

DIE VERSCHWUNDENE FRAU


Ausschnitt aus dem ersten Kapitel: Ostsee und Mira

Mira, Ricardo und Adão gingen nun oft schon vor dem
Frühstück zum Strand. Adão nahm seine Angel mit und
Ricardo und Mira schauten ihm dabei zu, wie er die großen
Fische heraus holte. Seine Arme waren schwarz und mit
dicken Muskeln überzogen, hin und wieder bemerkte Mira,
dass von ihnen eine Anziehungskraft ausging, die stärker
war, als alles andere. Sie liebte diese Momente mit Ricardo
und Adão, in ihrer geheimen Bucht von der sie wussten,
dass außer ihnen keiner diesen Ort kannte. Sie liebte es den
ganzen Tag hier am Strand zu liegen, zu scherzen und in ihr
Tagebuch zu schreiben. Sie liebte es, wenn Adão sie neckte,
sie sich rauften, bis sie beide völlig erschöpft in den Sand
sanken und Ricardo sich lachend auf sie fallen lies. Sie lieb-
te diese Menschen, diese Berührungen. Ihr Leben hatte sich
aus dem Bett heraus bewegt und war schön geworden.
Am Frühstückstisch ignorierten die drei die fragenden Bli-
cke der anderen, wo ward ihr nur wieder? Wo geht ihr nur
wieder hin? Mira war noch müde von der kurzen Nacht
und in Gedanken versunken. Hugo und Adão unterhielten
sich über die anstehenden Arbeiten im Haus. Seit der Vater
wieder eingezogen war, gab es Pläne für einen Umbau. Pilar
ermahnte die Kinder, sie sollten sich bei Tisch benehmen,
gerade sitzen, denn sie hatte Angst, man könnte einen
schlechten Eindruck auf die Anderen machen und das war
ihr zutiefst zuwider. Sie schaute immer wieder zu Mira,
wusste um ihre Reize und betete oft, Mira würde sie nicht

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auf die gleiche Art nutzen, wie sie selbst. Aber hatte sie
nicht immer dafür gesorgt, dass es ihre Kinder besser hat-
ten. Natürlich war es jedem aufgefallen, dass Mira sich ver-
änderte hätte, die blasse kleine Mira, war zu einer schönen
Frau geworden, deren weiblichen Rundungen langsam her-
vor blitzten. Man bewunderte sie für ihre geheimnisvolle
Aura, etwas an ihr wirkte so fremd, aber nicht ohne auch
ein wenig Mitleid zu empfinden, mit dem großen schlanken
Mädchen, deren Gesicht so freundlich war, so voller Leben
und Glückseligkeit. aber deren Augen etwas anderes verrie-
ten. Wenn Pilar sie ansah, sah sie keinen Engel vor sich
sitzen. Keinen Engel in einem rosefarbenem Sommerkleid,
mit Spitzenverzierung an den Rändern. Keinen Engel mit
braunen Locken, olivfarbener Haut, ihre Haare hingen
meist offen über den Schultern und verdeckten ihre zarten
leicht hervorstehenden Schlüsselbeine. Ihr Gesicht war
rosig und ihre Haut war, wie die Haut eines Engels. Wenn
sie ihre zarten Lippen öffnete spürte Pilar ganz deutlich,
welche Macht diese Lippen haben konnte, diese zarte brau-
ne Haut und die lockigen Haare. Sie wusste sehr wohl wel-
che Reaktionen Mira hervorrief, und trotzdem sah sie noch
etwas anderes. Ja, Pilar sah keinen Engel, aber genauso ein
Geschöpf, dass sie einmal gewesen war, als sie noch un-
schuldig war und rein. Was auch immer Mira besaß, was
auch immer ihren Zauber ausmachte, Pilar dankte Gott
dafür und hoffte, es würde niemals gegen sie verwendet
werden. Wenn ihr Blick auf diesem Geschöpf ruhte, dass
sie selbst einmal, sie Pilar Sal geboren hatte, dann fühlte sie
eine beunruhigende Mischung aus Zufriedenheit und
Angst. Mira hatte an diesem Morgen nur einen Kaffee ge-
trunken, nichts weiter und sich wieder verabschiedet.

(…)

39
Warum beginne ich die Geschichte hier und nicht schon
viel früher. Warum beginne ich nicht mit dem Tag, als
Adão zum ersten Mal ins Haus kam, zusammen mit seinem
Bruder, warum beginne ich nicht da, wo sich Klaus und
Anna kennen lernen, oder wie sie mit ihrem früheren Lieb-
haber nach Frankreich flieht. Warum erzähle ich nicht, wie
sie zurückkehrt, Klaus kennen lernt und ihm Hugo gebärt,
von dem jeder weiß, dass er nicht Klaus Sohn ist. Warum
beginne ich nicht bei Miras Geburt, die für den Verlauf der
Geschichte zweifellos von großer Wichtigkeit ist, bei dem
großen Sturm vor Alexandria, die Unruhen in Mombesi, die
den Vater letztlich dazu veranlassten, wieder heimzukehren
und Pilar zu heiraten. War das der Grund warum Mira gro-
ße Unwetter liebte, weil sie ihre eigene Existenz einem
Sturm zu verdanken hatte?

(…)

Am Abend saßen Mira und Adão noch unter dem Apfel-


baum und unterhielten sich. Die Hühner waren auf einen
Baum geklettert und hatten sich schlafen gelegt.
»Was willst du machen, wenn du mit der Schule fertig bist?«
fragte Adão seine Mira, und hielt sie dabei im Arm. Ver-
träumt lachte sie über seine Frage. Sie hätte jetzt gerne so
etwas gesagt, wie: »Dich heiraten,« aber diese direkten
Antworten gab es doch nur in Büchern und Filmen. Statt-
dessen lachte sie. »Ich weiß nicht, was denkst du?« fragte sie
nach einer Weile und Adão lachte ebenfalls. »Ich kann dir
doch nicht sagen, was du tun sollst?« lachte er, dann über-
legte er. »Du bist intelligent, hast viel gelesen. Ich finde du
solltest studieren. Vielleicht nach Paris gehen, oder Mont-
pellier.«
»Ohne dich?« Er schwieg. Es schmeichelte ihm, dass Mira
so empfand. Seine kleine Mira, die er als krankes Mädchen

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kennen gelernt hatte, und die nun zu einer schönen Frau
heran gewachsen war. Er mochte sie, ja, es war mehr als
das, aber er hatte ein ungutes Gefühl, wenn er daran dach-
te, dass sich mehr entwickeln konnte. Warum, das wusste
er selbst nicht genau. Er hatte schon das ein oder andere
Mädchen gehabt, aber für keine hatte er je so empfunden,
wie für Mira. Er kannte Mira gut, sie war wie sein Ebenbild,
er wusste immer, was sie sagen würde, was sie dachte, und
sie dachte viel, mit ihrem klugen Kopf, manchmal zu viel.
»Ich meine es ernst, Mira« sagte er nun, deutlicher: »Was
willst du denn machen. Du kannst nicht ewig hier bleiben.
Du musst weg gehen, die weite Welt kennen lernen. Du
bist eine die die Welt kennen lernen sollte.« Mira war froh,
dass sich Adão Gedanken machte, aber wie konnte er an-
nehmen, dass sie irgendwo ohne ihn hingehen würde.
»Du klingst wie mein Vater,« sagte sie wütend und erregt.
»Was ist mit dir Adão, was wirst du mal machen? Du bist
nicht dumm, und du bist die ganze Zeit hier geblieben.« Er
sah sie in diesem Moment nicht an, aber sie wusste plötz-
lich, dass er gehen würde, sobald sie dieses Haus verließ. Er
würde gehen, wenn sie ging. Er würde Ricardo hier zurück-
lassen, denn er hatte seine Schuldigkeit längst getan. Die
Vorstellung schmeckte bitter, ja Mira war traurig darüber,
hatte sie wirklich geglaubt, Adão wartete dass sie aufstand
und irgendwo hinging, nur um ihr zu folgen. Es war ihr
Mädchentraum gewesen, aber sie wusste, dass sie sich da-
von verabschieden musste, wenn sie eine reife Frau sein
wollte. Adão würde mit ihr nicht nach Paris gehen, er wür-
de wahrscheinlich in seine Heimat zurückkehren, sobald sie
ihm den Rücken zukehrte. Sie wusste, dass es in seinem
Leben andere Frauen gab. Sie war nicht die einzige. Er hat-
te sich nicht für sie aufgespart, so wie sie es all die Jahre
getan hatte. Er hatte sich mit anderen Frauen getroffen und
es war töricht von ihr anzunehmen, dass er es nicht tat.

41
An diesem Abend schwiegen die beiden, gingen jeder für
sich auf ihr Zimmer und dachten nach. Mira bekam am
nächsten Tag sogar Fieber und ging nicht in die Schule,
sondern blieb im Bett. Ricardo setzte sich neben sie ins
Zimmer und versuchte sie zu erheitern, aber Mira fühlte
sich gar nicht gut. Am Nachmittag klopfte es an der Tür,
als Paul ins Zimmer kam. Er hatte seinen Arztkoffer dabei
und war gekommen, um sie zu untersuchen.
»Dein Vater hat so viel zu tun,« bemerkte er, aber Mira
traute ihm nicht. Paul schickte Ricardo raus, obwohl sie ihn
gerne im Zimmer behalten hätte. Trotzdem wehrte sie sich
jetzt nicht, ließ die Untersuchung über sich ergehen. Sie
öffnete den Mund, sagt brav »Ahhhhhhhhhh«. Atmete tief
ein und aus, als Paul ihre Lunge abhörte. Schweigsam pack-
te Mira sich wieder unter die Decke und war froh darüber,
dass dieser Moment endlich vorbei war. Und Paul, der
packte seine Sachen wieder in den Koffer und gab ihr ein
paar Tropfen für den Hals, mehr brauchte sie nicht, in ein
paar Tagen würde sie wieder über den Berg sein. Trotzdem
stand er noch nicht vom Bett auf, wie sie es jetzt erwartet
hatte, vielmehr sah er sie an, versuchte sie zu ergründen,
aber sie war verschlossen. Ihre Lockenmähne war noch
wild durcheinander, ungezähmt, genauso wie sie selbst, und
er bemerkte, dass er nicht eher Ruhe geben würde, bis er
dieses wilde Wesen gezähmt hatte. Ihre Stirn glühte, ihre
Blässe war nicht weniger aufregend, als ihre glühenden
Lippen. »Ich muss mit dir reden« sagte er, schließlich und
beugte sich über sie, so dass sie seine Wärme spüren konn-
te, seinen Schweiß, seinen Geruch, es war wie eine Dro-
hung, die sie deutlich spürte. »Es gibt da eine Sache, die ich
beobachtet habe. Es geht um dich und um diesen Jungen.«
Er vermied es, dass Wort ‚schwarz‘ zu benutzen, weil er
wusste, dass es Mira auf die Barrikade bringen würde. Er
musste seine Worte anders wählen. Mit Bedacht. »Du sol-

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lest nicht so viel Zeit mit diesem Adão verbringen, er ist
nicht gut für dich. Verstehst du?« Sie hätte gerne gelacht,
ihn ausgelacht. Aber sie wusste, dass er gefährlich werden
konnte, sie wusste, dass es Menschen gab, die etwas gegen
eine solche Verbindung hatten, sie hatte es selbst schon
öfter erlebt, die Blicke der Anderen, wenn sie mit Adão
durch die Straßen ging, ihr Getuschel. Sie wusste, dass es
keineswegs zum Lachen war, und dass ihr Lachen nur Aus-
druck ihrer Hilflosigkeit war. Sie schwieg. Sah ihn nicht an,
betete, dass er endlich gehen würde, aber er redete weiter.
Sie hatte Kopfschmerzen, ihr Puls hämmerte gegen ihre
Schädeldecke, ihre Glieder waren schwer und müde, sie
hatte nicht die Kraft sich aufzubäumen und ihn hinaus zu
werfen und er missverstand es. »Mira, du bist eine vernünf-
tige, ehrbare junge Frau« sagte er, und es kam ihr so lächer-
lich vor, wie er sprach. »Wenn du wegen jemandem wie
diesem Adão deinen Ruf verlierst, dann wird dich kein ehr-
barer Mann mehr haben wollen, verstehst du. Ich versuche
dich zu warnen, du weißt nicht, welche Kreise es zieht.
Mira ich mag dich, nur deswegen versuche ich dich zu war-
nen.« In Miras Kopf drehte sich alles, sie fühlte sich elendig
und schwach, und doch drangen Pauls Worte tief in ihr
Herz. Mit jedem dieser schmalzigen Worte aus seinem
Mund fand sie ihn noch abstoßender. Nichts von dem,
was er sagte, konnte sie aufhalten, hatte er wirklich gedacht,
dass sie sich von mittelalterlichen Argumenten hinhalten
ließ? »Bitte geh jetzt« sagte sie mit rauer Stimme. Die
Schmerzen in ihrem Kopf waren jetzt unerträglich gewor-
den, das Zimmer drehte sich und ihr war übel. In Gedan-
ken war sie bei Adão, sie wusste, dass sie ihm Unrecht ge-
tan hatte. Ihm und ihrer Beziehung. Adão kam kein einzi-
ges Mal bei ihr vorbei in diesen Tagen.

43
Sie sah die Regentropfen vom Fenster aus. Kleine, winzige
Tropfen, die gegen ihr Fenster geschleudert wurden und
dabei kaum hörbare Geräusche machten. Es war wie ein
Klopfen. Draußen sangen die Nachtigallen und sie konnte
nicht schlafen. Sie ging hinaus in die warme Sommernacht
mit dem lauen Regen, roch die Luft und sog sie tief in sich
ein. Sie bemerkte dabei nicht, dass sie nichts weiter als ihr
Nachthemd trug, aber wer würde sie jetzt schon sehen. Sie
ging davon aus, dass alle schliefen. Sie spürte den Regen
auf ihrer Haut, spürte die frische Kühle. Hugo und Pilar
schliefen längst, ebenso Claude und Jorge, die mittlerweile
groß geworden waren, nicht mehr die unbeholfenen Kinder
von einst. Sie waren ernste Knaben geworden und die un-
terschiedlichen Charakteren zeichneten sich nun immer
deutlicher voneinander ab. Manchmal bekam sie das Ge-
fühl, dass sie jeweils immer nur genau das Gegenteil mach-
ten, von dem was ihr Bruder tat, nur um nicht verwechselt
zu werden. Und doch bildeten sie eine starke Einheit, das
konnte jeder spüren, der sie erlebte, und Mira spürte es
immer besonders deutlich. Sie war froh darüber, denn es
gab in dieser Familie sogar so etwas wie Harmonie, auch
wenn sie auf den ersten Blick nicht immer erkennbar war.
Mira hatte sich auf der Bank unter dem Apfelbaum nieder-
gelassen und war in ihren schlafwandlerischen Gedanken
versunken, als Lola anfing zu bellen. Die Gartentür wurde
lautstark geöffnet, es war Paul, er war aus gewesen, kam
erst jetzt nach Hause. Er schwankte, denn er war betrun-
ken. Lola lief in ihre Hundehütte zurück, als sie bemerkte,
wer der nächtliche Störenfried war. Instinktiv zog sich Mira
unter ihrer Bank zusammen, versuchte sich zu verstecken,
aber Paul hatte sie bereits entdeckt. Er kam zu ihr herüber
und sah sie an:
»Die schöne Mira« sang er, mit dem aufgeblasenen falschen
Ton eines Säufers. »Die schöne Mira sitzt hier ganz allein in

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der Nacht im Regen. Tztztz. « zischte er und Mira zuckte
zusammen. Er ließ sich neben sie auf die Bank sinken und
fuhr mit seinem Lied fort. »Die schöne Mira…«
»Ich muss gehen«, sagte sie und stand auf, doch Paul packte
sie am Arm und zog sie zu sich heran. Sein fester Griff um
ihr Handgelenk schmerzte. »Wo willst du denn hin?« fragte
er immer noch ihren Arm packend. »Lass mich los.« zischte
sie und versuchte sich loszureißen, aber Paul hatte sie fest
im Griff. Er lachte über ihre Unbeholfenheit, lachte über
ihren Versuch sich loszureißen, »Schönste Mira, wo willst
du so eilig hin?« rief er und sah ihr in die Augen, sie wollte
schreien, aber aus ihrer Kehle kam kein einziger Ton. Dann
endlich löste er seinen Griff und ließ sie los.

(…)

Als sie sich umsah, war Adão bereits eingeschlafen, sie


streckte sich ebenfalls aus und gähnte, legte sich an seinen
warmen, festen Körper und träumte davon, wie es war mit
ihm weiter zu gehen, Mädchenträume die nicht mehr so
unschuldig waren. Die Sonne stand nun hoch am Himmel
und warf kaum einen Schatten. Es musste jetzt so gegen
Mittag sein, überlegte sie. Sie schaute auf das Meer, an die-
ser Stelle war es ruhiger, weil die großen Riffe es besänftig-
ten und beruhigten. Eines Tages würde sie mit Adão über
das Meer fahren und seine Heimat besuchen.

Ausschnitt aus dem zweiten Kapitel: Berlin und Linda

Das Wochenende verbrachte Linda mit Sarah allein, denn


Tom war mal wieder irgendwo unterwegs, im Untergrund
dieser riesigen Stadt. Sie hatten Geld zusammen gelegt, und
gemeinsam etwas eingekauft, nun saßen sie in der Küche

45
und kochten. Sarah wirkte jedoch wenig anwesend und
Linda sprach sie beim Kochen darauf an.
»Was ist denn los mit dir?« wollte sie wissen und Sarah sah
sie geheimnisvoll an. »Was soll denn schon los sein?« Aber
Linda ließ diese Aussage nicht gelten, sondern bohrte wei-
ter nach. Sarah gab auf: »Ich habe jemanden getroffen« rief
sie aufgeregt und versuchte dabei dennoch, gefasst zu wir-
ken, was ihr jedoch misslang. Linda war nicht überrascht.
Es kam hin und wieder vor, dass Sarah verliebt war, oder
dass sie jemanden traf.
»Kennst du das auch, Linda, man sieht jemanden, und weiß
einfach, der ist es.« sagte Sarah verträumt und Linda musste
lachen.
»Natürlich kenne ich das?« Sie nahm ihre Freundin in den
Arm, und fühlte sich von Sarahs Gefühlen angesteckt, sie
spürte, dass sie euphorisch wurde, ohne jeglichen Grund.
»Wen hast du denn nun kennen gelernt?« fragte sie neugie-
rig und dann fügte sie hinzu:
»Und wo denn?« Es klang nicht abgehackt, aber ebenso
wenig klang es frei heraus, mit einem Mal beschlich sie ein
ungutes Gefühl, sie wusste plötzlich von ganz allein, wen
Sarah da kennen gelernt hatte und wo. »Sag bloß nicht im
Exil.« kam es aus ihr heraus, ohne dass sie sich darüber
bewusst war, dass sie es sagte. Sarah sprang überrascht auf,
während Linda diesem Bündel voller Energie nur mit den
Blicken folgte. »Doch, doch, im Exil, aber woher weißt
du…« sie zögerte, es war nicht ungewohnt, dass man im
Exil jemanden kennen lernte. Sie wandte sich Linda zu und
fuhr fort, weil sie das Gefühl hatte, sich erklären zu müs-
sen: »Linda erinnerst du dich noch an… an Konstantin?«
Linda erinnerte sich sehr wohl an ihn, aber sie antwortete
nicht gleich. Etwas hielt sie zurück.

46
»Ja« sagte sie nach einer Weile. »Du meinst den Konstantin,
oder?« vergewisserte sie sich, obwohl sie die Antwort be-
reits kannte, » du hast Konstantin kennen gelernt?«
»Ja.« Linda war so angespannt, dass sie sich vor lauter An-
spannung auf die Lippe biss. Sie hoffte, dass Sarah ihre
Anspannung nicht spürte, was würde es schon bringen?
»Oh Linda, du wirst es nicht glauben, er hat mich zum Es-
sen eingeladen. Und mir die hier geschenkt.« sie zeigte auf
die Ohrringe, die sie im Ohr trug. Linda fiel es schwer, die
Sarah wieder zu erkennen, von der sie geglaubt hatte, sie zu
kennen. Diese Person, die vor ihr stand, und Kartoffeln für
die Kartoffelsuppe schälte, diese Person, mit den roten
Wangen, dem Blumenkleid und den schweren Stiefeln,
diese Person, die jetzt wie ein kleines Mädchen wirkte, war
nicht die Sarah, die sie kannte, die Kommerz und Konsum-
güter verabscheute, und materiellen Dingen keine Bedeu-
tung beimaß. Nein vor ihr stand jemand, den man getrost
als spießig bezeichnen konnte, weil er sich über Ohrringe
freute, über Blumensträuße und feine Lokale. Linda war
nicht sicher, was sie als den größeren Verrat ansah, Sarahs
Wandel oder das Treffen mit Konstantin. »Oh, er ist so ein
toller Mann, weißt du, er kocht selber auch hervorragend.
Er hat mich zum Essen eingeladen. Linda, Linda, du hast
doch seine Bücher, kannst du mir eins leihen. Vielleicht
das, das ihm am besten beschreibt. Oder noch besser, das,
das von seiner verstorbenen Frau handelt. Es gibt doch so
ein Buch, oder? Weißt du, er hat nämlich von seiner ver-
storbenen Frau erzählt, und weißt du was er gesagt hat? Er
hat gesagt, dass ich ihr ähnlich sehe.« Sie kicherte.
»Was läuft da zwischen euch?« unterbrach Linda Sarah
schließlich und Sarah lächelte geheimnisvoll.
»Mal sehen.« Linda spürte Wut in sich aufkommen, aber sie
unterdrückte sie.

47
»Freust du dich gar nicht?« fragte Sarah und Linda antwor-
tete ohne zu Zögern:
»Doch, doch.« später hätte sie schwören können, dass es
nicht ihre Worte waren, die aus ihrem Mund kamen. Ir-
gendein Geist hatte von ihr Besitz ergriffen und spielte die
Linda, die Sarah von ihr erwartete. »Drück mir die Dau-
men, dass es was wird.« Ich habe morgen ein Date mit ihm.
Wir gehen essen. Linda verdrehte die Augen. »Kannst du
mir ein Kleid leihen?« Und Linda zögerte, es würde ihn
sicher nicht stören, wenn sie dasselbe Kleid trugen. »Weißt
du« fuhr Sarah fort, nachdem sie Lindas Hand genommen
hatte »ich habe schon so lange darauf gewartet, seit ich ihn
das erste Mal gesehen habe.« Linda lächelte. »Konstantin,
Konstantin Weiß« ging es ihr durch den Kopf. »Was für ein
Spiel treibst du da eigentlich?« aber es waren immer die
Anderen, die ein Spiel in eine Situation interpretieren woll-
ten, die sie nicht verstanden, oder die sie verletzte.
»Ja, Konstantin, Konstantin Weiß, der Mann aus dem Exit,
den Schriftsteller von Der Duft der Maracuja. Der…« Sie
lächelte noch immer. Doch sie entschuldigte sich, weil sie
dieses Anspannung nicht mehr ertrug: »Ich muss noch et-
was erledigen« sagte sie. »Bitte sei mir nicht böse.«
»Du willst nicht mitessen? «
»Im Moment habe ich keinen Hunger.«
»Du freust dich nicht wirklich für mich« sagte Sarah, denn
noch immer besaß sie feine Antennen, die ihr ganz deutlich
machten, wenn bei Linda etwas nicht stimmte. Aber Linda
wehrte ab.
»Doch, doch.« sagte sie und dachte daran, dass das Leben
selbst manchmal die grausamsten Geschichten schrieb. Als
Schriftsteller musste man ja leidensfähig sein, vielleicht
erteilte ihr Konstantin gerade eine Lektion, dann müsste sie
ihm auch eine erteilen.

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Sie war ein paar Stationen mit der U-Bahn gefahren, ir-
gendwo im Osten Berlins stieg sie aus, lief und lief, wollte
Zeit heraus schlagen, nur um nicht zuhause zu sein. Sie
wusste nicht so recht, wohin sie gehen sollte. Die Sonne
prasselte herunter. Es war so heiß, wie lange nicht mehr.
Die ganzen letzten Tage hatte es nur geregnet, und zuhause
regnete es bereits durch ein paar morsche Stellen im Dach
durch. Sie hatten überall auf dem Dachboden Eimer aufge-
stellt, damit das Wasser nicht in die anderen Räume lief,
aber der Kampf war aussichtslos. Kaum Einer rechnete
noch mit Sonnenschein in diesem Jahr. Eher glaubten sie
an eine Sintflut, und nun prasselte die Sonne herunter, als
sei nichts gewesen. Gerade jetzt. Einen ungünstigeren Zeit-
punkt hätte sie sich nicht aussuchen können. Das erste Mal
seit langem, dachte sie wieder daran zurück zu gehen. Was
war, wenn sie hier alles aufgab, nach Paris ging und endlich
ihren Traum erfüllte? Sie wusste, dass sie das nicht über
Herz brachte, sie konnte Tom nicht alleine lassen und Sa-
rah ebenso wenig. Sie lief die sonnigen Straßenzüge ent-
lang, erhaschte hier und da ein schattiges Plätzchen, aber
nicht oft, denn es war Mittag und die Sonne stand am
höchsten Punkt. Sie stöhnte unter der Last ihrer Gedanken,
die sie in ferne dunkle Welten trieben, sie hatte nicht be-
wusst diesen Weg gewählt, aber nun schien es ihr, als war
er gerade dazu gedacht, sie noch weiter herunter zu ziehen.
Sie lief an einer Reihe alter Häuser vorbei, hier im Osten
Berlins gab es mehr Ruinen als sonst irgendwo. Eine Ruine
reihte sich an die andere, und ab und zu, sah man den einen
oder anderen Bewohner aus einem der zahlreichen Fenster
schauen. Diese Häuser waren bewohnt, doch die Menschen
darin waren so fremd, so unnahbar. Das alte System hatte
sie misstrauisch gemacht und das neue hatte dieses Miss-
trauen bestärkt. Sie trauten sich nicht viel zu, weil sie sich
unterlegen fühlten, weil sie immer daran geglaubt hatten,

49
dass sie unterlegen waren. Sie blieben in den alten Ruinen
wohnen, in denen die Miete günstig war, wenn auch nicht
mehr so günstig, wie früher, als man noch vierzig Mark im
Monat bezahlte, für eine Wohnung mit drei Zimmern und
Ofenheizung. Sie dachten noch oft an damals, denn inner-
lich fühlten sich viele von neuen Zeit überrumpelt, sie
konnten mit ihrer Geschwindigkeit nicht mithalten. Vor
allem die Alten nicht, weil sie die schnellen Schritte nicht
mehr gewöhnt waren. Linda lief die staubigen Straßen ent-
lang, vernahm nicht die Schönheit der Bäume, die sich nach
dem Licht streckten und die Sonnenstrahlen aufsogen, um
die Fotosynthese zu vollbringen. Hörte nicht das Zwit-
schern der Vögel, die zwischen den Bäumen umher flogen
und nach Insekten suchten. Ein lebendiger Vorgang, den
sie nicht wahrnahm, nicht sehen konnte, zu sehr, war sie
damit beschäftigt nachzudenken.

(…)

Die Sonne stand nun so hoch am Himmel, dass sie erbar-


mungslos, alles das sich nicht vor ihr verkroch zu verbren-
nen schien. Sie stöhnte leise unter der Hitze, die in vor dem
Café noch stärker schien, als sonst wo, sie stöhnte unter der
Hitze, unter der Last ihres Herzen, ohne sich bewusst zu
werden, dass es ihr Herz war, das drückte. Sie sah sich um.
Sie wusste, dass es spät war, sie wollte jetzt nach Hause,
beeilte sich, um die U-Bahnstation zu erreichen. Ihr Kopf
fühlte sich schwer an. Sie hatte Konstantin nie zu nah an
sich heran gelassen, und auch jetzt wollte sie es nicht tun.
In der U-Bahn brummte ihr Schädel, sie dachte nach. Wie
immer in solchen Situationen kam ihr nun Paul in den Sinn,
den sie schon lange nicht mehr gesehen hatte, aber sie
wusste, wo er wohnte. Jetzt bei Paul klingeln? Er würde
wahrscheinlich nicht zuhause sein, trotzdem verlor sie sich

50
in dem Gedanken, was wohl passieren würde, wenn sie
jetzt, so angetrunken, heiß und verschwitzt bei ihm auftau-
chen würde. Sie stellte sich sein überraschtes Gesicht vor,
dass seiner Frau, und dabei musste sie lachen. Das erste
Mal seit Jahren hatte ein Gedanke an Paul sie erheitert, und
allein deswegen hob sich ihre Stimmung. Sie lief die stickige
Straße entlang, lief, zog ihre Tasche, wusste weder wo sie
hin konnte, noch wo sie hin wollte, lief die Straße entlang,
war wütend, über alles, am meisten aber über sich selbst.
Als sie zuhause angekommen war, schlich sie sich nach
oben in ihr Zimmer und legte sich ins Bett. Sie nahm ihn
Exemplar von Der Duft der Maracuja und begann zu lesen ...
Linda lauschte den Geräuschen im Haus, sie hörte Sarah
und Konstantin nach Hause kommen, und schließlich in
das Zimmer nebenan gehen, in dem Sarah wohnte. Sie er-
hob sich und wollte hinausgehen, aber etwas hielt sie zu-
rück. Sie hörte Geräusche aus dem Nebenzimmer, erst ein
Lachen, das unverkennbar Sarahs was, dann drehte jemand
die Musik lauter, vielleicht war es Konstantin. Linda ver-
suchte noch angespannter zu lauschen, indem sie ihr Ohr
an die Wand legte, doch dann lies sie davon ab und legte
sich zurück in ihr Bett. Erst gegen drei Uhr wurde es leiser,
die laute Musik verstumme und Linda vernahm nun die
Geräusche des Schlafens aus dem Nachbarzimmer. Sie ging
nach unten in die Küche und ließ sich auf die alte, weiche
Couch fallen, in Gedanken führte sie einen Monolog »Du
darfst es dir nicht zu Herzen nehmen, er war nicht der
Richtige.« sagte sie sich, um sich selbst zu beruhigen. »So
ein Idiot«, »er hat dir nicht gut getan« und so weiter. Dann
öffnete sich die und Tom kam herein, Linda erschrak und
war erleichtert, ihn zu sehen. Er war von einer seiner Partys
zurückgekommen, illegale Partys bei denen man bis am
frühen Morgen tanzte und Drogen nahm. Sie wusste, dass
Tom keine Drogen nahm, er hatte zu viele Freunde abstür-

51
zen sehen, deshalb ließ er die Finger davon. »Du bist noch
wach« fragte er erstaunt. Er hatte sich die Haare abge-
schnitten, aber Linda nahm es nicht war.
»Ja. Ich kann nicht schlafen.«
»Warum nicht« sagte er, und Linda zuckte mit den Schul-
tern. Sie versuchte cool zu sein. Sie wollte sich nichts an-
merken lassen.
»Männerprobleme« flüsterte Tom scherzhaft, und Linda
versuchte zu lachen, aber es misslang.
»So etwas in der Art« erwiderte sie. Ihr wurde klar, dass es
nichts brachte, ihm weiterhin etwas vorzumachen. Nach
einem tiefen Seufzer sagte sie schließlich: »Wenn du mich
fragst, hätte es gar nicht anders kommen können, und ich
bin froh, dass es endlich vorbei ist. Ich bin froh, dass er es
beendet hat, bevor wir uns etwas vorgemacht hätten, weil
unsere Gefühle nicht reichen. Verstehst du, was ich meine.
Ich…« das Worte betonte sie besonders. »Ich war zu feige.«
Sie machte eine Pause und wartete ab, wie Tom reagierte,
aber er grinste, wie immer. Diese Rede klang aufgesetzt, das
merkte sie selbst. »Du wirst schon darüber hinwegkom-
men.« sagte er, und nahm sie in den Arm. Das war eine
seltene Geste, und Linda genoss diese Geste sogar. »Ich
werde morgen das Dach reparieren« sagte Tom schließlich,
»es werden zwei Kumpel vorbeikommen. Wenn du Lust
hast, kannst du uns helfen.« Linda war erleichtert. Diese
Arbeit würde ihr gut tun, doch sie fügte hinzu: »Dennoch
mache ich mir um Sarah ein wenig Sorgen,« aber Tom
winkte ab:
»Sarah ist ein großes Mädchen. Ich werde jetzt schlafen
gehen« sagte er gähnend: »Es ist sicherlich schon spät.« Er
drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, dann ging er nach o-
ben. Sie selbst folgte ihm und ging zurück in ihr Zimmer.
Die Arbeiten am Dach standen an. Sie wusste, dass vor
ihnen viel Arbeit lag. Es wurde Zeit, dass sie etwas Schlaf

52
bekam, dennoch schlief sie erst ein, als vor ihrem Fenster
bereits die Sonne aufging.
Am nächsten Morgen erwachte Linda später, als sie gehofft
hatte. Sie ging in die Küche und fand Sarah, Tom und zwei
Andere vor, die bereits in der Küche saßen und Bier tran-
ken. Tom stellte die Beiden so lässig vor, wie es seine Art
war: Ȁhm, ihr kennt euch bereits? Das sind Dino und
Fabian. Sie helfen beim Dach.«
»Gut« erwiderte Linda, ihr Schädel brummte. »Hat einer
von euch Beiden das schon mal gemacht?« Sie sahen sich
beide an, und schüttelten den Kopf. Dann hob einer die
Bierdose hoch und deutete an, dass er anstoßen wollte. »Ich
habe es mir erklären lassen,« sagte Tom schließlich, als er
bemerkte, dass Linda skeptisch war, es ist gar nicht so
schwer. Er hatte sich verändert, war braungebrannt, natür-
lich und sah gut aus, so erholt. »Na dann.« sagte Linda und
bemerkte, dass sie zynisch klang, wie ihre Mutter. Eine
halbe Stunde später standen Tom und Dino auf dem Dach
und richteten die Ziegel während Fabian gute Ratschläge
gab. Linda stand in der Küche und schmierte ein paar Bro-
te für alle. Sie ging Sarah aus dem Weg, denn sie ertrug ihre
überschwänglichen Verliebtheitsgefühle nicht. Auch des-
halb reinigte sie zunächst gründlich die Küche, bevor sie
wieder nach oben zu den Anderen ging. Sie stellte das Tab-
lett mit den Brötchen ab, während sich die Anderen hung-
rig darauf stürzten. Sie selbst hatte keinen Hunger, sondern
stieg die Leiter hinauf aufs Dach, um nachzusehen, wie
weit die Anderen gekommen waren.
Ein paar Ziegel waren bereits verlegt, Linda machte sich an
die Arbeit um ein paar Weitere zu verlegen. Sie legte die
schweren roten Steine dicht aneinander, doch es dauerte
lange, war anstrengend, denn die Steine waren sehr schwer.
Unten hörte sie die Anderen lachen, und je lauter ihr La-
chen ertönte, desto mehr Antriebskraft bekam sie. Nach

53
zwei Stunden hatte sie bereits eine gute Fläche des Daches
abgedeckt, während sich niemand sonst auf dem Dach bli-
cken ließ. Wahrscheinlich war jemand losgegangen und
hatte neues Bier gekauft. In diesen Zeiten tranken Alle sehr
viel, und die Wenigsten machten sich Gedanken um Mor-
gen. Linda richtete sich langsam auf, wollte aufstehen und
ein paar neue Steine holen, hangelte sich über das Dach bis
hin zum offenen Fenster, von wo aus sie aufs Dach gestie-
gen war. Doch dann stolperte sie über einen wackeligen
Stein, verlor den Boden unter den Füßen und spürte keinen
Halt mehr. Sie rutschte ab. Mit einem dumpfen Schlag
schlug sie vor dem Haus auf dem Rasen auf, die Anderen
hatten den Aufprall gehört und liefen schnell nach draußen.

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KATHRIN NORD

GEORG TURKELBAUM
Auszüge aus einem Roman

Pssst! Wir wollen uns einen Film ansehen. Gleich geht es


los. Ich muss nur noch die Filmrolle einlegen und die
Wohnzimmerfenster abdunkeln, dann machen wir es uns
gemütlich und schauen anderen Menschen beim Leben zu.
Ich werde auch alle anderen Fenster schließen. Auf der
Straße ist es so laut.
In der Mitte meines Zimmers, auf einem Stehpult, schnarrt
ein Filmprojektor. Meine Traummaschine. Sie wirft ein
weißes Licht an die leere weiße Wand. Der abgewetzte
Samtsessel daneben und ich bald darin. Gleich geht es los.
Die Traummaschine läuft sich warm und strahlt ihre Wär-
me ab. Sie riecht gut. Wie neue Bücher, nur eben, dass es
alte Filme sind, die sie an die Wand werfen wird. Unter
dem Filmprojektor mein akustischer Projektor, über ihn
läuft die Tonspur. Darüber tanzen im Lichtkegel Staubkör-
ner, sie glitzern. Wie schön doch Dreck aussieht, wenn die
Beleuchtung stimmt.
Ich habe auf ebay ein Archiv alter Privatfilme ersteigert.
Stellen Sie sich vor: Es gibt Menschen, in deren Leben pas-
siert genauso wenig wie in meinem. Genau genommen das:
Aufstehen, leben und arbeiten, trinken, einschlafen, drei-
bis viermal im Jahr Familienfeste, ein Volksfest, eine Ur-
laubsreise, viel TV, ab und an Kino. Dann gibt es Men-
schen, die filmen so etwas. Und mich gibt es, und ich sehe
mir diese Filme an. Seit Wochen. Dieselben alten Privat-
aufnahmen. Schaue dabei zu, wie Nora zur Schule geht,

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sich verliebt und entliebt und so weiter, wie Georg zur
Schule geht, Hausaufgaben macht, später studiert und für
die Uni lernt, zwischendurch was isst und vor allem exis-
tiert. Manchmal, wenn es schon spät am Abend ist und die
Müdigkeit meine Wahrnehmung trübt, kommt es mir so
vor, als wären die Filme nicht mit einer Kamera aufge-
nommen worden, sondern als habe jemand Erinnerungen
abgefilmt. Wie auch immer das funktioniert haben mag …
Sie werden schon sehen, was ich meine.
Diese Figuren … ihr Leben… diese schwarz-weißen All-
tagsbilder … sie lullen mich ein. Ein Filmkokon, in dem ich
verharre. Für Sie könnte ich ein Stückchen zur Seite rut-
schen, ein kleines, damit Sie dazu kriechen und mitgucken
können. Fremde alte Privatfilme gucken … ist jedenfalls
interessanter, als das eigene langweilige Leben anzugucken
– viel besser. Und Ihres kann in diesem Moment auch nicht
besonders aufregend sein, sonst wäre es Ihnen dazwischen
gekommen. Zwischen Sie und mich. Zwischen die Buchsei-
ten. Und Sie sind doch in diesem Moment hier, hier bei
mir.
Den Privatfilm-Figuren kam auch immer etwas dazwischen.
Irgendwas oder irgendwer, das oder der sie vom Leben
abhielt. Manchmal waren es die falschen Personen. Zack-
bum stehen sie in der Kulisse und halten das Leben unserer
Freunde auf.
In den letzten Sekunden unseres Lebens blicken wir be-
kanntlich zurück: Ein schwarz-weiß Film – oder ist er
bunt? – läuft vor unserem inneren Auge ab und zeigt Aus-
schnitte aus unserem Leben. Es wäre schön, wenn es ein
Film ohne Überraschungen wäre. Ich will dann jedenfalls
keinen Grund haben, die rechte Augenbraue heben zu
müssen, weil plötzlich Zeitgenosse XY zu sehen ist. Derje-
nige, dessen Name mir entfallen ist, weil unsere Begegnung,
so dachte ich bisher, kurz und unbedeutend gewesen war.

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Nun aber das: Er tritt mit schweren Stiefeln in mein Leben,
genau genommen in meine Wohnung. Dreckige Profilab-
drücke auf meinem Teppich, er nimmt meinen Raum und
meine Lebenszeit ein … und …, dann läuft der Film lang-
samer ab. Ich in Zeitlupe, während das Drumherum genau-
so schnell weiterlebt wie zuvor. Eine alte Videotechnik
(siehe Radioheads „Street Spirit“) in meinem Todesfilm,
das entertaint, das ist cool anzusehen. Schnitt: Es sind Jahre
vergangen und jetzt verlässt XY die Szene. Kaum ist er zur
Tür raus, dreht sich mein Leben wieder in einem zur Um-
gebung angemessenen Tempo. Dann Stirnrunzeln und är-
gern – in den letzten Sekunden des Lebens. Zurückgeblickt
und festgestellt, eine lange Zeit mit der falschen Person und
falschen Dingen totgeschlagen zu haben. „Das hätte wirk-
lich nicht sein müssen“, könnte dann mein letzter Gedanke
lauten – und das muss nun wirklich nicht sein.
Aber wir erdulden das Falsche lange, bevor wir uns davon
verabschieden. Weil wir Zeit haben.
Wir haben so viel Zeit. Hinter uns liegt sie, hier ist sie und
da vorne liegt sie auch. Ist sie uns mal zu präsent, na, dann
schlagen wir sie halt tot. Erst versuchen wir es mit leichten
Klapsen und wenn das nicht hilft, dann verdreschen, und
bringt auch das nichts, dann holt man seine Freunde dazu
und wendet so richtig Gewalt an, zu zweit oder mit mehre-
ren, auf jeden Fall gemeinsam. Hat man keine, ersäuft man
die Zeit, das geht recht gut alleine.
Seit ich die alten Privatfilme sehe, wünsche ich mir, dass
meine letzte eigene Filmvorführung ohne Überraschungen
ablaufen soll. Jede Figur, die ich sehe, möchte ich mit Na-
men erinnern. Ich möchte sie gerne sehen und wissen, wa-
rum sie eine Rolle in meinem Film bekommen hat. Von
jeder Szene möchte ich wissen, weshalb sie den kritischen
Blicken des Regisseurs und Cutters standgehalten hat. Ver-
stehen Sie: Ich bin gerne bereit, die Zeit totzuschlagen.

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Aber nicht mit irgendjemanden. Es sollte schon ein Kom-
plize sein, der an meiner Seite steht. Einer, dem ich ver-
trauen kann.
Jemand wie A. zum Beispiel. A. und ich, wir waren die
Hauptpersonen einer Liebesgeschichte. Einer echten, wirk-
lichen, richtigen, einer Reality-Liebesgeschichte. Dann zog
A. weg und um die Welt und ich in eine andere Stadt, wir
mailten und skypten und twitterten und facebookten – statt
Gespräche Mails, statt Liebeslieder Tastaturgeklapper. Ab
und an schickte ich ihr zweiminütige Kurzfilme, und sie
mailte Fotos von mir fremden Orten.
Sie dort, ich hier, von mir zu ihr und von ihr zu mir flogen
Buchstaben. Klappklappklappklapp ging das. Stundenlang.
Klappklappklapp machte ich, und in meine Pausen klapper-
te sie, für mich stumm, ihre Buchstaben hinein. An unse-
rem schönsten gemeinsamen Abend schrieb sie, morgen sei
sie wieder in der richtigen Zivilisation und ihre Freundin,
bei der sie ein paar Tage bliebe, habe einen MAC mit integ-
rierter Kamera. „Dann können wir uns in Echtzeit sehen“,
schrieb sie, „endlich.“ So klapperten wir in Vorfreude
durch die Nacht.
Am nächsten Abend sah ich sie und sie sah mich – und wir
hatten uns nichts zu sagen, außer „Nun ja“ und „Und dir
geht es wirklich gut?“, „Ja, bin nur ein bisschen müde“ –
das sagten wir dafür etliche Male. Am Ende des Gesprächs
versicherten wir uns gegenseitig, wie schön es sei, einander
endlich wiederzusehen, das öfter, als es zum Verständnis
notwendig gewesen wäre. Sie sagte, sie käme in zwei Wo-
chen zurück nach Deutschland. Das hat sie dann auch ge-
tan und wir haben uns seitdem nicht mehr gehört, gesehen
oder gelesen.
In den vergangenen Monaten hatten wir die Ferne mit Tex-
ten überbrückt. Typographie statt Physiognomie, was auch
immer, so bedeutungslos, ein Fremdwort mit -ie am Ende

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eben. Unsere Liebesgeschichte verkam zu Mails und Sta-
tusmeldungen und Posts und Kommentaren und Internet-
gezwitscher. Eigentlich war sie wunderschön. Ich habe
einen Reisekoffer voller Dokumente, die unsere Liebe be-
weisen. Dokumente, das klingt doch besser als Ausdrucke,
finde ich. Ausdrucke ihrer Ausdrücke und sie hatte Tau-
sende, die zu mir und zu ihr und zu unserer Liebe passten.
Ich habe mehr Erinnerungen in diesem Koffer als Erinne-
rungsbilder im Kopf.
A. war Text und 2-D-Bild. Wollte ich ihre Liebe spüren,
klappte ich meinen Laptop auf. Ich entschied wann und
wo. In der Zeit dazwischen lagen Tagträume. Keine Inter-
aktion in Echtzeit, keine synchron laufende Bild- und Ton-
spur. Jaja.
Zwischen uns liegt jetzt eine Menge Deutschland. Glasfa-
serkabel auch. Tief verbuddelt, so tief wie wir unsere Wör-
ter verbuddelt haben. Zwischen uns liegt eine Menge
Schweigen.
Ich lausche dem Summen der Traummaschine. Es ist so ein
beruhigendes Summen … wollen Sie’s hören? Es hört sich
so an: rrrrrrrrrrrrrr, rrrrrrrrrrrrrr.
Was meinen Sie? Sie und ich, einige Stündchen gemeinsam,
Popcorn essen, Film schauen, später ein Eis und zwischen-
durch aufs Klo. Der eine sagt beim Aufstehen: „Du kannst
den Film ruhig laufen lassen“, der andere: „Nee, nee, ich
halt schon an.“ Das wäre doch was, was Vertrautes mit
einem Fremden. Das ginge doch.
Wir sollten uns entscheiden, ob wir dieser Begegnung eine
Chance geben …
… lassen Sie uns aber nichts überstürzen … Fangen wir es
doch so an: Mein Name ist H.H. Ich bin Regisseur für Film
und Fernsehen, leidenschaftlicher Puzzlespieler und zurzeit
arbeitslos. Ich habe genügend Zeit, um sie totzuschlagen.
Vielleicht gemeinsam mit Ihnen, vielleicht könnten Sie

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mein Komplize sein. Gemeinsam würden wir die Tat so
begehen: Ich werde die ersteigerten Filme so zusammen-
schneiden, dass sie eine stimmige Geschichte ergeben. Ich
werde Ihnen erzählen, was auf der Leinwand zu sehen ist,
hier in diesem Buch. Und Sie schalten Ihr Kopfkino ein –
dann ist es so, als würden wir beieinander sitzen und ge-
meinsam den Film gucken.
Machen wir doch eine kleine Testvorführung: Gehen wir
ein paar Schritte gemeinsam – bis zu meinem Sofa. Ich
nehme auf dem Sessel Platz, von hier aus kann ich gut die
Filmrollen einlegen. Sie lassen sich dort auf dem Sofa nie-
der, das ist ein wenig bequemer. Erst mal noch Abstand
und viel Schweigen und an die Gegenwart des anderen
gewöhnen. Ich will auch gleich still sein. Die Fernbedie-
nung behalte ich erst mal. Das Handy dürfen Sie anlassen,
ich bin da nicht so. Das Popcorn ist für uns beide da –
einmal gesüßt, einmal gesalzen, fast wie im richtigen Kino.
In der Küche habe ich noch mehr. Der Film ist schlechter
als im Kino, also von der Qualität her schlechter. Und ich
muss auch die Filmrollen öfter einmal wechseln. Es ist ein
wenig wie youtube, nur, dass es eine alte Technik ist, mit
der der Film aufgenommen wurde und projiziert wird.
Die Person, die die Schwarz-weiß-Filme gedreht hat … ich
weiß nichts über sie. Ich vergesse sie, sobald ich die Figu-
ren auf der Leinwand sehe. Jeder Film ist mit einem ande-
ren Vor- und Zunamen betitelt und folgt dem Erzählstil
der subjektiven Narration. Jeder Film ist aus Sicht einer
anderen Person erzählt. Wir haben rund 100 Figuren, 100
Perspektiven, 100 Erzählstimmen und Innenleben. 100 Mal
zwei Minuten, 100 Mal subjektive Perspektive, Kopfkino
und Gedanken. Manchmal meine ich, der Regisseur habe
Erinnerungen abgefilmt.
Seit ich das Paket geöffnet habe, flimmern Nacht für Nacht
die Filme über meine Wohnzimmerwand. Nacht für Nacht

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dringen die Stimmen und Hintergrundgeräusche aus mei-
nen Lautsprechern. Nacht für Nacht frage ich mich, wer sie
gedreht haben mag und weshalb. Es gibt keinen Plot, kei-
nen roten Faden. Die Filme sind banal, real – was auch
immer, so bedeutungslos, ein Wort mit -al am Ende eben.
100 Mal den Blick im Leben eines anderen Menschen ver-
lieren und sich selbst vergessen.
Noch mal wohin vorher? Gleich rechts neben dem Bade-
zimmer.

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Copyright für alle Texte bei den jeweiligen Autoren.

Hinweis: Der Beitrag von Axel Roitzsch wird im Frühjahr


2011 in der Anthologie „Stellwerck Lesebuch 2“ aus dem
Stellwerck Verlag abgedruckt und erscheint mit freundli-
cher Genehmigung in dieser Zusammenstellung.

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