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Reise durch mich selbst

Eine der speziellsten Reisen, die ein Mensch machen kann, ist die Reise durch
sich selbst. Was die Welt von aussen ist, ist ein Mensch von innen. Ein
einmaliger Körper mit kalten und warmen Zonen, blühenden Inseln und schroffen
Bergen vielleicht, Tälern, Flüssen und Seen. Bloss SEHEN wir sie nicht in
unseren Körpern, sondern ahnen sie höchstens.

Aber halt: Die Erde, unsere definitive Heimat, sehen wir ja auch nicht... wirklich,
weil der Horizont nie weit, das dahinter aber ungleich grösser ist. Eigentlich ist
und bleibt uns Menschen die Erde grösstenteils versteckt und Reisen ist der
stümperhafte Versuch wenigstens etwas mehr von ihr zu sehen.

Die Welt in UNS bleibt versteckt in ihrer Dunkelheit. Unsere Sinne sind nach
aussen gerichtet. Innen wartet aber vielleicht ebenso eine Geografie - eine
"Egografie" - entdeckt zu werden:

Wie eine Reise, die zuerst durch belanglose Allgemeinheit führt, auf der Suche
nach persönlich Bedeutsamem - einem gestreiften Stein in der Wüste Gobi,
einem Lächeln der Tomatenverkäuferin am Markt von Lahore - führt uns die
Reise nach Innen an halb und fast fertig verdauten Kohlenhydraten oder
Kopfsalat vorbei (Banalitäten), zu den kleinen, sanften Erhebungen persönlicher
Erkenntnisse. Oder Eigenarten. Den foothills der Spleens, die - bei genauerem
Hinschauen - dahinter steil in den inneren Himmel ragen, Wasserfälle puren
Glücks ausspuckend, das durch die Tiefebenen unseres Lebens mäandert,
zugedeckt von banalem Alltag. Die inneren Gipfelerlebnisse, die uns glücklich
machen.

Was sind sie genau? Woher kommen sie? Wie sieht es dort aus, wo sie
herkommen? Um diese Fragen ungefähr beantworten zu können, muss man
vielleicht eine Reise nach innen wagen, beileibe die ungefährlichste Reise der
Welt. Zumindest riskiert man nicht, überfahren zu werden... Aber sie ist nicht per
Reisebüro buchbar und ohne Fahrplan und ohne genaues Ziel. Nicht das
Innerste vom Inneren wird gesucht - das überlasse ich den Mystikern - sondern
das ÄUSSERE vom Inneren. Der Mensch als in sich gekehrte Landschaft.
Warum nicht? Weil grösste anzunehmende Dunkelheit uns zuammenzucken
lässt, gleich weiter suchen lässt in Richtung Atomstrukturen, Genen, Gott? Halt!
Soweit muss man nicht gehen, dieser Weg führt oft in die Irre. Lieber auf halbem
Weg rasten, an der Flussmündung ewig wiederkehrender Träume die Strukturen
erfühlen aus denen wir Individuen gebaut sind. Wir einmaligen Planeten unter
einmaligen Planeten. In einer Milchstrasse namens Menschheit.

Niemand ist eine Insel, hat Mario Simmel eines seiner vielen Bücher genannt.
Vielleicht weil wir viel mehr sind, als Inseln. Bizarre, nach innen gewandte
Himmelskörper voller Spucke, die einander neugierig umkreisen und irgendwie
SEIN wollen. Irgendwie SIND. Von aussen... Unauffällig die Meisten, einfach
bloss ein Anderer (Mensch), einer, eine von Vielen. Dabei gären in uns drin
vielleicht Kontinente (nicht nur Inseln) brachliegender Begabungen, Berge
ungeahnter und daher ungenutzter Möglichkeiten - würden wir uns bloss wagen,
eine Reise in uns selbst zu unternehmen. Pfeifend zuerst in der Dunkelheit,
munter wie Charlie Chaplin, als er den Landstreicher spielte. Ungefähr so. Lieber
etwas zu naiv, als verbohrt und voller (Sigmund) Freud...

Zurück zum Äusseren vom Inneren: Nicht unendlich gross, aber relativ
unbegrenzt. Wie eine Kugel, wie die Erde, einfach nach innen gewandt, alles
sich gegenüber liegend, das pochende Herz dem knurrenden Magen.
Angestrahlt durch die Bauchdecke von Australischer Sonne ergehe ich mich an
einem Paradis innerer Wünsche entlang, tappe aber vorerst durch einen engen,
unerforschten Schlangenwald, der meine Gedärme sein könnten. Ich befreie
mich daraus, vorwärts schauend Richtung Leber, als sich links von mir eine
Halbinsel ausbreitet, gross wie Yukatan und voller Kakteen. Kacke! Ich kneife
mein inneres Auge zusammen. Eine solche Wüstenei? In mir, in MIR?

So fängt die Reise an. Ich bin noch fremd in mir selbst. Eigentlich suche ich
nichts - aber das ist ja immer, wenn man findet. Weiter vorne (unten/innen)
funkelt etwas hinter dem unverdauten Felsbrocken. Als Schmuckmacher bin ich
gleich hellwach: Kleinode faszinieren mich. Ich schaue von ganz nah. Was ist
das bloss? Ein Featherstone. (Habe eben erst von diesem wunderschönen
Aboriginalnamen gehört, gestern in der Zeitung) WAS kann sonderbarer sein,
unpassender, faszinierender als ein Mischung aus einem Stein und einer Feder?

Und doch, was ich in mir finde, ob Featherstone oder Schlangenwald, ist in
Worte kaum zu fassen. Was ist schon beschreibbar, ausser was wir schon
kennen?

Ich erwarte nichts. Wandere pfeifend weiter einem Land in mir entlang, wie ein
Tramp ohne Hab und Gut. Statt Licht leuchtet Phantasie von oben, aber oben ist
innen, die Mitte vielleicht, unerreichbar also, ebenso wie es die Mitte der Erde ist.
Berge säumen meinen Weg. Ich schaue an ihnen hoch. Schroffe, kalte Berge.
Begrenzungen. Wege nach oben (innen) vielleicht, von wo man sich selbst als
GANZES sieht. Vielleicht. Ich habe Höhenangst. Ich gehe weiter. Pfeifend.
Endlich ein zuckersüsser See. Woher kommen all diese Tagträume an diesem
beginnenden Siestaschlaf? Von hier, tönt eine selbstsichere Stimme. Von wo?
Ich bin wenigstens nicht alleine in mir. "VON HIER!" tönt es wieder. Und du
bist...., frage ich schüchtern ich mich hinein. "Na, die SEELE, du Dummkopf!"

Ich setze mich, mache Rast, lass die Beine baumeln in die Seele rein, den
zuckersüssen See zwischen Leber, Niere, Galle und Hirn. Am liebsten würde ich
fischen, aber mir fällt nicht ein, wie. Dann sehe ich eine Reflektion im See. Nicht
von mir und nicht vom Himmel. Nur die Reflektion der Berge im Hintergrund, die,
zusammen mit der (inneren) Wirklichkeit wie ein Schmetterling aussieht. Ein
oben grauer, unten in allen Farben strahlender Schmetterling. Aber kaum sehe
ich ihn, fliegt er in Zeitlupe davon. Und macht wieder Dunkelheit Platz.

Ich gehe auf Zehenspitzen. Versuche nichts zu ändern. Wege gibt es nicht. Bin
noch nie durch mich selbst gewandelt. Sehe keine Spur von mir. Und bin doch in
nichts, als in mir selbst unterwegs.

Barfuss tappe ich im Dunkeln. Gedankenblitze erhellen meine Innenwelt.


Stalaktiten hängen am inneren Firmament. Oben ist unten. Unten ist oben.
Stalagmiten aus Erinnerungen über die man stolpern kann. Über die ich stolpere.
Wach und doch im Traum zugleich. Harter Boden der Wirklichkeit also. Innen
ebenso wie aussen. Ich zünde mir eine Zigarette an, im Bett beim Schreiben. Die
Sicht nimmt ab. Smogalarm im Inneren. Und doch ein Genuss den Viele nicht
verstehen. Auch innen nicht, die Organe. Die Lunge, das Herz, sie beten. Und
tun, was sie zu tun haben. Atmen, schlagen, räuspern sich.

Berg und Talbahn, innen drin. Ausblick von unermesslichen Höhepunkten des
Lebens über eine Wüste verdorrter, verpasster Chancen. Als Schatten sind sie
noch da. Schön, zu schön, hätte man sie genutzt! Die hohle Gasse des gelebten
Lebens, Schneise der Verwüstung, die ich der Welt, der Umwelt angetan habe.
Auch sie ein Teil innerer Geografie. 2738 Batterien für Radios und
Taschenlampen, Funkgeräte und Fotoaparate auf der Müllhalde des Lebens.
100000 Bilder, eingebrannt im Herzen. Narben des Glücks. Höhlenmalereien
grosser Momente der Vergangenheit. Aber auch mir unbekannte Länder, die
durch Lücken zwischen Wolken auftauchen. Grüne, sanft geschwungene Täler,
die verblassen während sich mein inneres Auge auf sie legt. Voller Wasserfälle,
wie ich im letzten Moment bemerke. Mein grosses Element, der Strudel, der mich
gefangen hält - aber auch weiter trägt. Inseln, die im Verblassen zu Halbinseln
werden an einem Kontinent namens Ich.

Egografie. Die Vermessung des Selbst. Die Topographie eigener Werte. Wo


Norden ist, weiss man nie. Vielleicht im Glück, wo alle Bäche entspringen. Im
Hirn? Im Quartier hausgemachter Hormone, die uns helfen, nicht täglich aus dem
Fenster zu springen. Im Bauch, wenn er satt ist?

Über unserer Innenwelt steht nie der Mond, bloss die Sonne dringt so tief. Ich
sonne mich auf meiner eigenen kleinen Alp. Ich habe eine eigene Alphütte in mir
und sitze mit einem Krug kalter Milch an meiner eigenen Weide namens
Eingeweide, auf der eine Kuh grast.

Weiter gehts. Wer rastet, rostet. Mit der Taucherbrille der plötzlich vor mir
aufgetauchten eigenen Steilküste entlang. Riesig ist sie und von Brechern
umtost. Kopfsprung in das kollektive Unbewusste. Ich bin plötzlich ganz Jung.
Unvorhergesehene Einblicke ins Innere des Inneren. Ein Korallengarten voller
Phantasie. Ungeahnte Formen, dreidimensionale Spiralen, kristallisierte Wellen,
pulsierende Farbgeysire. Romboide Mantas, siebenarmige Seesterne.
Rotgelbblaue Clownfische die mich anzwinkern. Ich schnappe nach Luft.
Sprechblasen mit blöden Sprüchen perlen aus meinem Mund. "Fürchte dich vor
dir selber!" Kaum gelesen zerplatzen sie zu Leuchtplankton. "Willkommen im
Inneren von Gerd Fehlbaum!" Oder: "Man lebt nur zwanzig Mal. Dann wird man
recyclet und zum Topflappen oder Meilenstein:"

Ängstlich, wie ich bin, tauche ich wieder in mich selbst auf, tappe noch etwas
hilflos durch die Müllhalde unüberlegter Sprüche, die ich im Leben von mir
gegeben habe und von denen als Kopie jeweils ein Abklatsch an der Steilküste
klebt, wie nasses Klopapier. "Lass mich hier raus", funkt es mir durch den Kopf,
"ich muss mal!" Und wahrlich, eine Sekunde später bin ich wieder ganz ausser
mir. Zurück in der Welt der Schwerkraft pinkel ich halb betäubt über Bord, staune
über die Blitze von Arnhemland, gehe wieder in meine Kabine zurück, räkel mich
auf meine Koje und tippe weiter.
Aber statt dass die Reise weiter geht, melden sich Fragen zu Wort: Innen drin,
dichter als auf einer Festplatte, hat jeder Eindruck des Lebens seinen Nachhall,
geht mir durch den Kopf, hinterlässt jede Reise ihre Schleifspur. Werden wir
durch unser eigenes Labyrinth gezerrt? Schon als Kind, als Baby vielleicht?
Umgibt uns im Innern eine Vorahnung der Welt, ein Muster dem wir folgen
werden? Prädestination im geografischen Sinn. Warum wir nach Mexico
"müssen", statt nach Mauretanien, oder auf die Malediven, hat dies vielleicht mit
der inneren Geografie zu tun? Ich meine, billig und erreichbar ist ja alles.

Unsere herausragende Fähigkeit ist nicht, sauber und ordentlich SESSHAFT zu


sein - das schafft jeder Ameisenstaat - sondern uns kreuz und quer über die
ganze Erde zu bewegen. Bloss, wieso tun wir das, ausser auf der Flucht oder
einer Geschäftsreise?

Wir leben im Zeitalter des Reisens. Praktisch jede Errungenschaft des


Industriezeitalters hat mit der Überwindung von Distanzen zu tun. Bilder, Töne,
Menschen, Güter, Ideen, alles ist mobil geworden. Wäre diese Entwicklung
möglich gewesen, wenn sie nicht dem kollektiven Traum der Menschheit
entsprochen hätte? Kehren wir unbewusst zu unseren "Wurzeln" zurück?
Nämlich zur Wurzellosigkeit? Zum Nomadendasein?

Wenn etwas in der Krise steckt, dann ist es unser modernes Konzept der
Sesshaftigkeit. Die ganzen Immobilienkrisen zum Beispiel: Man kauft sich nicht
mehr ein Haus, um darin zu leben, sondern um zu spekulieren. Auf dass man mit
dem Gewinn eine Weltreise machen kann...

Bzw. ist Sesshaftigkeit eher der Rückzug in den Uterus, in die ultimative
Geborgenheit (geworden), seit wir nicht mehr an den Acker gebunden sind und
statt dessen zwangsweise auf Achse sein müssen? Kommt Geborgenheit von
Gebärmutter? Das Licht gedämpft, der volle Kühlschrank die Nabelschnur, das
Bad warm wie Fruchtwasser, ist ein gut isoliertes Einfamilienhaus eine Art
Übermutter. (Alles was es braucht, ist einen tollen Daddy, der sich der
Arbeitswelt opfert und jeden Tag auf Mäusejagd geht.)

Als Kind hatte ich einen Traum, der sich etliche Male wiederholte. Vor wenigen
Jahren habe ich ihn wieder geträumt. Wie ein Baustein, oder ein geografischer
Code hat er mich durch mein Leben begleitet:

Ich war unterwegs in einem Schlauchboot (als Kind hatten wir ein aufblasbares
Kanu) und ich erreichte eine Insel. Ich war unglaublich froh, endlich Land zu
finden. Es war warm und hell und die Insel ganz flach. Ich glaube es war die
Spitze einer Halbinsel. Ich konnte nicht viel sehen von ihr, ausser den weissen
Strand. An diesem Strand standen Eingeborene die sehr dunkel waren und sehr
freundlich und sie winkten mir zu. Ich war ganz ausser mir, als ich endlich festen
Boden unter die Füsse bekam und an Land watete. Es war wie ein Wiedersehen
mit Menschen die ich schon ewig kannte, die meine Familie waren, mein Clan.
Dieser Traum machte mich sonderbar glücklich.

Gleichzeitig aber, oder abwechselnd - so genau weiss ich nicht mehr - sah ich
diese Insel von OBEN, wie auf einer Seekarte. Ich konnte den weiteren Seeraum
überblicken und sah auch die Umrisse einer grossen Insel unten links und
andere Inselgruppen am Rand meines Blickwinkels. Irgendwie wusste ich, dass
ich auf einem Kurs unterwegs war, der eigentlich falsch war. Ich war auf einen
Umweg geraten, aber ich wusste, dass er doch zum Ziel geführt hatte. Es war
eine riskante Reise, aber was ich "fand", war mir überaus wichtig. Ich fand die
herzlichsten, wärmsten Menschen, die ich je gesehen bzw. erlebt hatte. Das
bedeutete meiner Seele irgendwie total viel.

Lange suchte ich auf Seekarten DIESE konkrete Insel. Da ich mir aber kaum
sicher bin, wo Norden wäre, tat ich das mehr spasseshalber. Ein Mal, es war auf
dieser Reise, hatte ich einen Ausschnitt der Seekarte auf meinem Computer, der
sich weitgehend mit meinen Erinnerungen vom Traum deckte. Die grosse Insel
unten links war Maleita, die Insel wo ich Halt machte (im Traum) Ontong Java,
ein Atoll, also flach und mit weissem Sandstrand. Es wäre ein Umweg gewesen,
nach Ontong Java zu segeln... Ich überlegte es mir kurz, aber starker
Passatwind prügelte mein Boot Richtung Honiara. Ausserdem war das
Grossegel angerissen. Keine Zeit für "Scherze".

Vielleicht hat mich diese Entscheidung um die beste Erfahrung meines Lebens
gebracht. Wer weiss, was dort genau auf mich gewartet hätte? Eine neue Frau,
ein Seelenverwandter, ein neues Leben gar?

Ich beende hier meinen Versuch, eine Reise "durch mich selbst" zu
unternehmen. Ich hatte nur ein Teelicht an und was ich sah war schemenhaft.
Oder schelmhaft? Es war der Versuch, eine aus einem Tagtraum
hinübergetragene Idee zu Papier zu bringen. Nach dem "Auftauchen" schaffte
ich es nicht, wieder abzutauchen.

Vielleicht kennen wir in Umrissen unsere zukünftigen Orte bereits und müssen
nur dorthin, um sie mit Farbe auszumalen, um als Reisender Erfüllung zu finden.
Es muss ja nicht weit sein...

Jeder Landschaft wohnt ein Charakter inne - und jedem Charakter eine
Landschaft. Ein Berg, eine Insel, ein Tal, das es wirklich gibt. Wer seine
Landschaft findet, kann sich glücklich schätzen.

Ich suche noch.