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Wirtschaft

JOEL SAGET / AFP


Spekulant Kerviel vor seiner Urteilsverkündung am 5. Oktober in Paris: „Es hat mir glatt die Beine weggezogen“

SPI EGEL-GESPRÄCH

„Ich war nur ein kleines Rad“


Der ehemalige Aktienhändler Jérôme Kerviel über die von ihm verlorenen Milliarden,
die Mitschuld seines einstigen Arbeitgebers, der französischen Bank
Société Générale, und das System, das solche Spekulationsgeschäfte möglich macht
SPIEGEL: Monsieur Kerviel, ein Pariser Ge- neigt, groggy“, schrieb „Le Figaro“. Hat
richt hat Sie zu einer Gefängnisstrafe von Jérôme Kerviel Sie das Urteil wirklich so überrascht?
fünf Jahren und zu Schadensersatz in ist der wohl größte Zocker aller Zeiten. Der Kerviel: Es hat mir glatt die Beine weg-
Höhe von 4,9 Milliarden Euro verurteilt. 33-jährige Franzose spekulierte mit bis zu gezogen, das habe ich nicht erwartet. Ich
Wie haben Sie das Urteil empfunden? 50 Milliarden Euro auf die Entwicklung des konnte mich erst einmal nicht mehr be-
Kerviel: Ich habe es als große Ungerech- deutschen Aktienmarktes. Erst machte er wegen. Vor allem hatte ich wegen meiner
tigkeit erlebt. Ich fühlte mich so, als hätte einen Milliardengewinn für die Pariser Mutter Angst, dass ich direkt ins Gefäng-
man mir einen Knüppel mehrmals über Großbank Société Générale, dann verspe- nis gehen müsste. Die ganze Affäre hat
den Kopf gezogen. Zunächst die fünf Jah- kulierte er sich und wurde zu einer Symbol- sie sehr mitgenommen. Ich verstehe das
re Haft, dann die Milliardenstrafe. Und figur der Finanzkrise. Anfang Oktober wur- Urteil nicht, es negiert die Finanzkrise
die Bank wird von ihrer Mitschuld frei- de er zu fünf Jahren Haft verurteilt, davon und gibt allein mir die Schuld. Wir hatten
gesprochen. zwei auf Bewährung, sowie zu einem Scha- Beweise vor Gericht präsentiert, dass vie-
SPIEGEL: Sie müssten 177 000 Jahre für die densersatz von 4,9 Milliarden Euro. Der le Händler ähnlich vorgingen wie ich und
Rückzahlung dieser Rekordsumme arbei- Richter sah es als erwiesen an, dass er in dass meine Chefs wussten, was da lief.
ten, wenn wir Ihr jetziges Gehalt von mo- betrügerischer Weise die Computer mani- Und dann wird die Bank von jeder Mit-
natlich 2300 Euro zugrunde legen. puliert und seine Kollegen mit angeblichen schuld freigesprochen …
Kerviel: Der Richter hat einfach die Argu- Absicherungsgeschäften über die wahre SPIEGEL: Das Gericht hat Ihre Verteidi-
mentation der Anwälte meines früheren Größenordnung seiner Deals getäuscht gungslinie aber nicht akzeptiert. Ihre
Arbeitgebers, der Société Générale, über- hat. Kerviel findet das Urteil ungerecht und Geldstrafe entspricht dem Verlust, den
nommen. Dieses Urteil greift nicht die geht in Berufung. Er habe nur Methoden Ihr Arbeitgeber geltend gemacht hat.
entlastenden Dinge auf, die wir im Pro- angewandt, die er bei seinem Arbeitgeber Noch nie hat ein Bankmitarbeiter mit ei-
zess präsentiert haben. Man wollte offen- gelernt habe. Seine Sicht der Dinge hat er ner Wette auf Aktienkurse so einen ho-
bar die Bank und den Pariser Finanzplatz in einer Autobiografie dargelegt, die vor hen Schaden angerichtet.
schützen. Und dafür musste Jérôme Ker- kurzem auf Deutsch erschien: „Nur ein Rad Kerviel: Ich habe keinen Centime dabei
viel „abgeschossen“ werden. im Getriebe“ (Finanzbuch Verlag, München; verdient, habe mich persönlich nicht be-
SPIEGEL: „Ein einsamer Mann atmet tief 192 Seiten; 16,95 Euro). reichert oder etwas unterschlagen. Ich
durch, sitzend, den Kopf nach unten ge- wollte nur ein guter Mitarbeiter sein, der
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SIPA / ULLSTEIN BILD
Konzernzentrale der Pariser Großbank Société Générale: „Meine Chefs wussten, was da lief“

für seinen Arbeitgeber möglichst viel Ge- gennutz und zum Nutzen der Bank de- die Märkte weiter fallen würden und stieg
winn erwirtschaftet. Ich war nur ein klei- cken würden. Ende 2006 ging ich zum wieder mit 30 Milliarden Euro ein. Ich
nes Rad im Getriebe – und nun soll ich ersten Mal große Verkaufspositionen in starrte von morgens bis abends auf den
plötzlich der Hauptschuldige der Finanz- Höhe von mehreren Dutzend Millionen Bildschirm, handelte mit riesigen Beträ-
krise sein. Euro auf den Deutschen Aktienindex gen, schlief kaum und machte bis zum
SPIEGEL: Anfang 2005 wurden Sie zum Dax ein, die ich im Februar 2007 mit ei- Jahresende eineinhalb Milliarden Euro
Händler befördert und haben dann nem Gewinn von 20 Millionen Euro glatt- Gewinn für die Bank.
schnell Karriere gemacht. Wie haben Sie stellte. Seit dem Geschäft mit den Al- SPIEGEL: Ihr Handelstisch Delta One durf-
das angestellt? lianz-Aktien wurde ich nicht mehr von te offiziell nur Risiken von maximal 125
Kerviel: Ich spezialisierte mich auf deut- meinen Vorgesetzten zur Rede gestellt. Millionen Euro eingehen. Wie kam es,
sche Aktien. Nach ein paar Monaten Ich machte ständig hohe Gewinne. Inner- dass Sie viele Milliarden Euro Spielgeld
spekulierte ich zum ersten Mal auf einen halb von drei Jahren haben die Chefs hatten?
sinkenden Kurs bei der Allianz-Aktie. meine Zielvorgaben um 1700 Prozent Kerviel: Meine Vorgesetzten hatten die Si-
Zunächst lag ich im Minus. Aber dann nach oben gesetzt. Das zeigt, dass sie ge- cherheitssysteme deaktiviert. Ich hätte
brachen die Aktienkurse wegen der Lon- nau wussten, was passierte. auch 100 Milliarden Euro an einem Tag
doner U-Bahn-Attentate zusammen. SPIEGEL: Und dann wurden Sie irgend- investieren können. Alle Sicherungen wa-
Mein Geschäft brachte der Bank 500 000 wann größenwahnsinnig und zockten mit ren von meinen Chefs auf meinem Com-
Euro Gewinn. Milliarden. puter entfernt worden.
SPIEGEL: Wie reagierten Ihre Vorgesetz- Kerviel: Ich hatte nicht das Gefühl, dass SPIEGEL: Ihr Richter sah es aber als erwie-
ten? ich größenwahnsinnig wurde. Ich war, un- sen an, dass Sie der „Erfinder eines ko-
Kerviel: Als ich mit meinem Vorgesetzten terstützt von meinen Chefs, in einer Spi- härenten Betrugssystems“ sind. Er ver-
über den Deal sprach, gab es während ei- rale gefangen, immer noch mehr zu ma- urteilte Sie wegen „Untreue, Fälschung
nes Mittagessens eine kleine Ermahnung, chen. Im März sah ich, dass die Risiken und betrügerischer Manipulation“. Füh-
weil ich als Händler, der sechs Monate mit den amerikanischen Subprime-Kre- len Sie sich wirklich unschuldig?
Erfahrung hatte, nicht solche Positionen diten außer Kontrolle gerieten und spe- Kerviel: Ich habe nur die Methoden ange-
eingehen sollte. Aber direkt danach lobte kulierte auf einen Crash. Ich war so über- wandt, die bereits in der Bank existierten
er mich und erhöhte meinen Spielraum zeugt von meiner Idee, dass ich nach und und die ich dort gelernt habe. Ich habe
für Spekulationsgeschäfte auf zwei bis nach 30 Milliarden Euro einsetzte. Doch nichts erfunden, andere Händler handel-
fünf Millionen Euro. Das ist typisch für der Aktienmarkt kletterte zwischen März ten ähnlich. Ich musste nur dafür sorgen,
die widersprüchliche Welt der Handels- und Juli immer weiter, ich saß auf riesigen dass am Abend das Handelslimit im Com-
säle: Jeden Tag wurden die Risikogrenzen Verlusten in Höhe von zwei Milliarden puter scheinbar eingehalten wurde. Um
übersprungen, die Chefs wussten das, Euro. Jedes Mal deckte die Bank meine meine Handelspositionen zu kaschieren,
niemals gab es Ermahnungen. Verluste, jeden Tag zahlte sie den Verlust schloss ich Gegengeschäfte ab, die schein-
SPIEGEL: Aber mit zwei oder fünf Millio- bei der Börse und sagte mir nichts. bar das Risiko im Handelssystem neutra-
nen Euro Risiko gaben Sie sich nicht mehr SPIEGEL: Doch dann kam die Wende. lisieren sollten. Die Kontrolleure sahen,
lange zufrieden? Kerviel: Im Juli gab es eine erste Panik- dass ich für diese Gegengeschäfte gar kei-
Kerviel: Ich erhöhte meinen Einsatz immer attacke des Marktes und ich konnte mit nen Handelspartner hatte, sagten aber
mehr, nachdem ich gemerkt hatte, dass einem Gewinn von 500 Millionen Euro niemals etwas. Manchmal ging es um Po-
mich meine Vorgesetzten schon aus Ei- aussteigen. Doch ich war überzeugt, dass sitionen von bis zu 50 Milliarden Euro.
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Insgesamt konnte ich so innerhalb von
zwei Jahren Wertpapiere in Höhe von
400 Milliarden Euro mit Gegenparteien
handeln, die der Bank unbekannt waren.
SPIEGEL: Ist Ihren Vorgesetzten nie die
wahre Größenordnung Ihrer Geschäfte
aufgefallen?
Kerviel: Doch, schon im April 2007 erhiel-
ten sie eine E-Mail, dass ich im großen
Stil fiktive Geschäfte mit nichtexistenten
Gegenparteien machte. Ich solle mich um
das Problem kümmern, sagten mir meine
Chefs. Im Laufe des Jahres 2007 erhielten
sie zahlreiche weitere Mails zu dem glei-
chen Thema.
SPIEGEL: Wie sah eigentlich Ihr Alltag in
der Bank aus?
Kerviel: Ich kam vor sieben Uhr morgens
in der Bank an und verließ sie oft erst um
22 Uhr. Es war Stress und Adrenalin und
die Leidenschaft für den Job, der mich
durchhalten ließ. Oft bin ich nicht einmal
zum Essen nach draußen gegangen.
SPIEGEL: Wie haben Sie das durchgehal-
ten? Mit Drogen?
Kerviel: Niemals. Bei mir war es Leiden-
schaft. Ich fand dieses virtuelle Leben
damals völlig normal, habe nichts mehr
anderes wahrgenommen als die Kurven-
verläufe der Wertpapiere in meinem Szene aus „Wall Street“ mit Michael Douglas in der Rolle des Gordon Gekko: „Wenn du einen
Computer. Wenn ich ausgegangen bin,
dann nur mit den Kollegen aus dem Han- dann, dass ich für al-Qaida arbeite. Lä- um Ratschläge zum Management meiner
delssaal. cherlich. Positionen zu bekommen. Nach einer
SPIEGEL: Manche Händler sagen, dass der SPIEGEL: Ihr ehemaliger Vorstandsvorsit- Woche musste ich zurückkehren.
Finanzhai Gordon Gekko aus dem Hol- zender Daniel Bouton nannte Sie einen SPIEGEL: Die Risiken waren außer Kon-
lywood-Film „Wall Street“, gespielt von Terroristen, weil Sie bei Ihren Spekula- trolle geraten?
Michael Douglas, ihr Vorbild war. War tionsgeschäften 50 Milliarden Euro ris- Kerviel: Nein, sie sahen, dass Geld zu ver-
das bei Ihnen auch so? kiert haben. Das entsprach ungefähr dem dienen war und verlangten meine Rück-
Kerviel: Auf keinen Fall. Es gibt manche Wert der ganzen Bank. kehr.
Sprüche in dem Film, die im Handelssaal Kerviel: Es war mein einziges Ziel, für mei- SPIEGEL: Hat die Bank Sie nach Ihrem Ur-
immer wieder gern benutzt werden. Zum nen Arbeitgeber einen maximalen Ge- laub gezwungen, die Handelspositionen
Spaß denke ich oft an den Ratschlag von winn zu erzielen. Ich war in eine Spirale nach unten zu fahren?
Gordon Gekko: „Wenn du einen Freund geraten, die, mit Unterstützung meiner Kerviel: Im Gegenteil. Ende des Jahres ha-
brauchst, kauf dir einen Hund.“ Das Chefs, immer weiter nach oben führte. ben sie mir gesagt, dass ich nur noch sol-
entspricht leider meinen traurigen Erfah- SPIEGEL: Es gab 70 Warnungen der Kon- che Geschäfte für die Bank machen sollte
rungen. trollinstanzen an die Société Générale. und von anderen Aufgaben freigestellt
SPIEGEL: Im vor kurzem angelaufenen Kerviel: In der Realität gab es noch viel werde. Sie haben mich ermutigt, ins Ri-
Film „Wall Street 2 – Geld schläft nicht“ mehr Warnhinweise. Doch die Chefs ha- siko zu gehen.
wird Gordon Gekko am Anfang des Films ben bei den Spekulationen kräftig mit- SPIEGEL: Haben Sie eigentlich realisiert,
aus dem Gefängnis entlassen. Er schreibt gemischt. Es gab Begrenzungen, welches dass kein Mensch jemals mit höheren
wie Sie ein Buch über die Abgründe der Risiko jeder einzelne Händler eingehen Summen spekuliert hat?
Finanzwelt und rächt sich später, indem durfte, aber niemand hat sich darum ge- Kerviel: Kein Mensch weiß, was sich alles
er so viel Geld wie nie zuvor im Leben kümmert. Wie ich schon sagte: Meine in den Bilanzen der Banken versteckt.
verdient. Auch schon mal an Rache ge- Vorgesetzten hatten die Sicherheitssyste- Die sind doch völlig undurchdringlich. Es
dacht? me an meinem Computer deaktiviert. dauert eine Sekunde, 150 Millionen Euro
Kerviel: Nein, das hilft niemandem. Ich SPIEGEL: Die Verantwortlichen der Société zu investieren. Für eine Milliarde Euro
will nur, dass die Wahrheit herauskommt, Générale haben im Prozess ausgesagt, braucht es vier Sekunden. Das geht so
dass jeder seine Verantwortung wahr- „dass Sie in keinem Fall autorisiert waren schnell am Computer, dass Sie das Gefühl
nimmt. oder durch Ihre Chefs hätten autorisiert für die Beträge verlieren. Der internatio-
SPIEGEL: Haben schon Produzenten wegen werden können, solche Risiken einzuge- nale Markt ist so groß, dass er alle Auf-
der Filmrechte an Ihrer Biografie ange- hen, die für die Bank eine potentielle töd- träge in Sekundenschnelle absorbiert.
fragt? liche Gefahr darstellten“. Das Rad dreht sich immer schneller, es
Kerviel: Es gab Anfragen. Aber das inter- Kerviel: In keinem Augenblick haben sie ist verrückt.
essiert mich nicht. Seit zwei Jahren habe zu mir gesagt: Jérôme, hör auf mit den SPIEGEL: Die deutsche Terminbörse Eurex
ich nur das Ziel, mich selbst zu verteidi- Dummheiten! Im Gegenteil. Sie haben meldete im Oktober 2007 der Société Gé-
gen. Die Leute kramen in meinem Leben. mich ermutigt, Handelspositionen aufzu- nérale, dass einer ihrer Händler, ein ge-
Es wurde öffentlich, dass die Polizei bei bauen und Risiken einzugehen. Im Som- wisser Jérôme Kerviel, den Deutschen
der Durchsuchung meiner Wohnung ei- mer 2007 fuhr ich zwei Wochen in die Fe- Aktienindex manipuliert. Was war pas-
nen Koran gefunden hat. Da hieß es rien. Jeden Morgen riefen sie mich an, siert?
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Wirtschaft

sagt. Man widersetzt sich nicht dem Ge- meiner Ergebnisse gebrüstet, um mehr
schäftsmodell einer Bank. Geld zu verlangen. Und heute sagen sie,
SPIEGEL: Waren Sie der einzige Händler, dass sie von nichts wussten.
der so gearbeitet hat? SPIEGEL: Aber alle haben nach dem Plat-
Kerviel: Im Anhang meines Buches gibt es zen der Bombe ihren Job verloren.
mehrere Kündigungsschreiben der Socié- Kerviel: Meines Wissens nach haben alle
té Générale, die klar zeigen, dass das gän- bis auf einen wieder eine Arbeit gefun-
gige Praxis bei meiner Abteilung Delta den.
One und in der Bank war. SPIEGEL: „Kerviel wurde durch die Société
SPIEGEL: Ihr Chef hat vor Gericht ausge- Générale geformt, formatiert und defor-
sagt, dass er nicht wusste, was seine miert. Er ist ihre Kreatur“, sagte Ihr Ver-
Händler trieben. Er habe nicht die Mittel teidiger im Prozess. Übertreibt er da nicht
und die Qualifikation gehabt, um sie bes- ein bisschen?
ser zu kontrollieren. Kerviel: Ich weiß nur eins: Alles, was ich
Kerviel: Auch er wollte seine Haut retten. im Bankgeschäft gelernt habe, habe ich
Als ihm der Richter eine an ihn gerichtete in den Banktürmen der Société gelernt.
E-Mail vorlas, wo es um eines meiner Ge- SPIEGEL: Aber kein einziger Händler hat
schäfte in Höhe von einer Milliarde Euro die Handlungsspielräume derart gnaden-
ging, gab er an, nicht den entscheidenden los genutzt wie Sie. Dieser individuel-
Absatz 2 gelesen zu haben. Nur die Ab- len Verantwortung können Sie nicht aus-
sätze 1 und 3. Das ging in dem ganzen weichen.
Prozess so. Die Verantwortlichen sagten Kerviel: Ich habe unvernünftige Dinge ge-
immer, dass sie die Einzelheiten leider tan. Aber ich bin auch ein Angestellter,
nicht genau gelesen hätten, keine Händler der von seinen Vorgesetzten drei Jahre
seien. lang ermutigt wurde, genau das weiter
SPIEGEL: Und die Richter nahmen ihnen zu machen. Ich habe nur genau die Tech-
das ab? niken angewandt, die ich in meiner Bank
CINETEXT

Kerviel: Dafür, dass meine Chefs angeblich gelernt habe. Nur der Maßstab war viel-
völlig inkompetent waren, verlangten sie leicht größer. Ich bin niemals vor meiner
Freund brauchst, kauf dir einen Hund“ mit Boni in Höhe von 700 000 und zwei Verantwortung geflohen. Aber dass ich
Millionen Euro eine ganze Menge. Es als einzig Verantwortlicher hingestellt
Kerviel: Ich hatte 30 Milliarden Euro dar- schockierte mich, dass sie mit ihrer werde, kann ich nicht akzeptieren.
auf gewettet, dass der Dax nach unten Schweigenummer vor Gericht durchka- SPIEGEL: Können Banken Leute wie Sie
geht. Als im Herbst 2007 die Märkte tat- men. Es gibt Dutzende von E-Mails, die wirklich kontrollieren?
sächlich nach unten rauschten, profitierte ihr Wissen über die Geschäfte beweisen. Kerviel: Sicherlich. Aber man muss es wol-
ich davon. Ich löste meine Position auf SPIEGEL: Fordern Sie Gefängnisstrafen len. Mehr Kontrollen und Regeln wider-
und stützte so den Markt. Marktteilneh- auch für Ihre ehemaligen Vorgesetzten? sprechen dem Streben nach immer hö-
mer witterten eine Marktmanipulation Kerviel: Darum geht es nicht. Aber dass heren Gewinnen zu einem Zeitpunkt, an
und beklagten sich bei der deutschen Bör- ich ganz allein schuldig sein soll und ver- dem alle Banken ihre Eigenkapitalrendite
se. Die startete eine Untersuchung und antwortlich gemacht werde, finde ich un- maximieren wollen.
hat gesehen, dass ich den Dax stützte. gerecht. Das Urteil gegen mich dient SPIEGEL: Was fehlte? Der Wille?
SPIEGEL: Spätestens dann muss doch die dazu, das System und das Image der fran- Kerviel: Bei der Société Générale auf jeden
Bank aufgewacht sein? zösischen Banken zu retten. Fall. An der Technologie hat es nicht ge-
Kerviel: Eines Abends kamen die Risiko- SPIEGEL: „Er hat seine Vorgesetzten, seine legen. In der Bank gab es Sicherungssys-
kontrolleure der Bank zu mir und befrag- Freunde, seine Kollegen getäuscht“, sagte teme, die in einer Nanosekunde reagieren
ten mich zu meiner Strategie in Deutsch- der Staatsanwalt vor Gericht. können. Die französische Bankkontroll-
land. Später sagte mir mein Chef, dass kommission hat die Société Générale we-
ich mir eine nichtssagende Antwort auf gen der Affäre zu einer Strafe von vier
die Fragen der Deutschen ausdenken und Millionen Euro verurteilt. Sie geht also
auf keinen Fall meine Handelsstrategie auch davon aus, dass die Bank einen Teil
offenlegen solle. Diesen Brief haben alle der Verantwortung trägt.
meine Vorgesetzten gesehen. SPIEGEL: Sind Sie erleichtert, dass Sie mitt-
KAI JUENEMANN / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Hat sich die Börse mit Ihren Ant- lerweile Ihr Leben als Banker hinter sich
worten zufriedengegeben? gelassen haben?
Kerviel: Nicht ganz. Sie schickten im No- Kerviel: Noch ist nicht alles vorbei. Ich
vember einen zweiten Brief. Daraus ging muss schließlich den Berufungsprozess
klar hervor, dass ich innerhalb von zwei mit meinem Anwalt vorbereiten und Spe-
Stunden Positionen von über einer Mil- zialisten finden, die meine Version der
liarde Euro eingegangen war und meine Kerviel (l.) beim SPIEGEL-Gespräch Geschichte unterstützen. Doch seit die
Grenzen weit überschritten hatte. Den „Ich wollte nur ein guter Mitarbeiter sein“ Affäre an das Licht der Öffentlichkeit
haben natürlich auch meine Vorgesetzten kam, geht es mir persönlich viel besser.
gesehen. Wieder musste ich ein zweites, Kerviel: Ich habe niemanden getäuscht. Ich weiß nun, wer meine wahren Freunde
unverbindliches Antwortschreiben vor- Meinen Arbeitskollegen habe ich Millio- sind. Ich habe wieder Zeit, meine Mutter
bereiten, das dann von der Bank abge- nen zukommen lassen, damit sie ihre Vor- in der Bretagne zu besuchen. Wir sagen
schickt wurde. gaben erreichen. Meine Chefs haben von uns Dinge, die wir uns früher nie gesagt
SPIEGEL: Hat die interne Risikokontrolle mir bei ihren Bonusverhandlungen pro- hätten. Ich weiß nun, was wirklich wichtig
bei Ihnen nichts weiter unternommen? fitiert. Sie haben sich mit dem Wachstum ist im Leben.
Kerviel: Nein. Da ist viel Heuchelei dabei, SPIEGEL: Monsieur Kerviel, wir danken Ih-
da alle alles sehen und niemand etwas * Mit Redakteur Christoph Pauly in Paris. nen für dieses Gespräch.
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