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Lois Lowry

Utopie oder Dystopie?


Eine Zukunft voller Geheimnisse und verlorenem Wissen: »Hüter der Erinnerung«
Von Wen Chao Chen

Lois Lowry, die ihr erstes Werk mit 40 Jahren veröffentlichte, ist eine Autorin von zahlreichen Kinder-
und Jugendbüchern. Bekannt ist sie für die Behandlung von schwierigen Themen, wie beispielsweise
Rassismus, welche sowohl Lob als auch Kritik ernten. Nicht ohne Grund, betrachte man doch den Inhalt
des Romans »Wer zählt die Sterne«: Der 2. Weltkrieg ist ausgebrochen und die Nazis beginnen auch in
Dänemark Juden zu verfolgen, wo die beiden Freundinnen Annemarie und Ellen leben. Doch Ellen ist
Jüdin, gerät daher in unmittelbare Gefahr muss mit ihrer Familie flüchten. Obwohl der Roman für
Kinder und Jugendliche geschrieben wurde, hat sich Lois Lowry nicht davor gescheut, die
erschreckende Realität in eine für Kinder geeignete, fiktive Geschichte zu packen und auf die damalige
Situation aufmerksam zu machen.

Nach diesem Werk greift man als Jugendlicher nun zu einem gänzlich anderem Roman der Autorin,
welches sich »Hüter der Erinnerung« nennt, erstmals 1998 erschien und dieselbe Auszeichnung wie das
zuvor genannte Buch gewann – und ist nach dem erstmaligen Lesen fasziniert. Der Inhalt dreht sich um
eine utopische Gesellschaft, in welcher das Leben jedes Einzelnen vorgeplant wird und es keine Not,
keinen Schmerz und kein Risiko gibt. Jonas, die Hauptfigur der Geschichte, entdeckt jedoch schon bald
bittere Erkenntnisse über das scheinbar problemlose Leben, welche die Utopie als nichts anderes als
genau das Gegenteil entpuppt. Denn in jener Gesellschaft wird jedem/-r 12-Jährigen ein Beruf
zugeteilt und Jonas soll der Nachfolger des „Hüters der Erinnerung“, das höchste Amt der Gesellschaft,
werden. Es ist seine Aufgabe, verlorene Erinnerungen der Menschheit im Gedächtnis zu bewahren. Dies
wären Gefühle, Emotionen und das Sehen von Farben und je mehr Jonas an Wissen aufnimmt, desto
klarer wird ihm das System, nach dem sie alle leben. Schockiert von der Wahrheit, flüchtet er
letztendlich in eine weniger perfekte Gesellschaft.

Es ist typisch für die Autorin, die Spannung fortlaufend bis zum letzten Satz aufrecht zu halten, was sie
allein durch Handlungen und Dialoge bewerkstelligt. Wenn man die Handlung »Hüter der Erinnerung«
zum wiederholten Male durchdenkt, realisiert man erst die Genialität Lowrys. So erinnert zum Beispiel
die Gesellschaft an die Weltanschauung von Karl Marx und Friedrich Engels, die Gleichheit fordern. In
der fiktiven Gesellschaft Lowrys wird niemand benachteiligt und niemand verspürt das Bedürfnis nach
mehr Besitz. Der Verzicht auf Erinnerungen und Emotionen dagegen ist so zu deuten, dass Maschinen,
die die Menschen ersetzen, beides nicht besitzen und diese beiden Sachen somit überflüssig sind.
Ohne Erinnerungen existieren auch keine Emotionen und ohne Emotionen treten wiederum keine
Konflikte auf. Doch das wichtigste Thema kommt zuletzt: die Flucht. Diese ist mit der Flucht aller
jüdischen Schriftsteller zu vergleichen, welche das System des Naziregimes durchblickt hatten, jedoch
das Bürgertum nicht dazu bewegen konnte, sich nicht darauf einzulassen.

Jedes einzelne von dieser Autorin geschriebene Werk gibt einem Leser wie mir zu denken, denn die
Nachricht, die Lowry uns Leser/-innen mitteilen will, hat sie bereits auf Papier festgehalten. Ihr gelingt
es immer wieder, ernste Themen spannend, dennoch seriös zu halten und sorgt dafür, dass sowohl
Kinder, Jugendliche als auch Erwachsene das Buch schätzen lernen und genau deshalb kann man
garantieren, dass dieser Roman definitiv qualitativ hochwertiges Material ist.

Lois Lowry: »Hüter der Erinnerung«, Deutscher Taschenbuch


Verlag 1998