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Sally Holm
Schottische Liebschaften
„Das hätte ich mir denken können! Aufmunternd war Peel ja noch nie!“
Carol saß mit hochrotem Kopf vor ihrem Schreibtisch und war verzwei-
felt. Der Tisch bog sich unter Papieren, ungelesenen Manuskripten und
einem halbfertigen Artikel zum Freizeitverhalten englischer Pensionäre.
Auf ihrem Bildschirm zeigte die Mailbox 21 neue E-Mails und zu allem
Überfluss klingelte das Telefon vor ihr ununterbrochen. Carol spürte,
wie der Druck hinter ihren Schläfen zunahm und ihre Nackenmuskula-
tur sich allmählich zu einer Art Eisenkragen verformte. Gerade kam sie
von einem höchst unerfreulichen Gespräch mit Peel, ihrem Redaktions-
leiter zurück, der in
barschem Ton bis zum Wochenende den Entwurf für eine Reportage
über Schottland gefordert hatte:
„Etwas Originelles, keine Klischees, keine Geschichten über Whisky-
brennereien und Dudelsäcke, über Neujahrsgebräuche und Haggis.
Vermeiden Sie den üblichen kalten Kaffee, den jeder kennt.“
„Wir bemühen uns, den Kaffee für unsere Leser heiß zu servieren...“ ant-
wortete Carol im Geist. Stattdessen schwieg sie und zog an ihrem Rock,
als sie bemerkte, wie Peels trüber Blick über ihre Beine streifte.
„Der Artikel soll einen Blick von außen auf Schottland werfen. Außen-
sichten, verstehen Sie? Aber auch von innen. Gelebte Erfahrung!“
Peel betonte das Wort gelebt, als bekomme er sonst nur Totes auf den
Tisch. Missmutig starrte er dabei Carol durch seine fleckigen Brillen-
gläser an. Er war ein glatzköpfiger, kleiner Mann, mit allen Wassern des
alten Journalisten gewaschen und die meiste Zeit schlecht gelaunt.
„Etwas Authentisches, nah an den Menschen dran, verstehen Sie?“
Carol hatte verstanden. Die geplante mehrseitige Reportage sollte im
Herbst in der schottischen Ausgabe von „Gloss ´n Glamour“ erscheinen.
Der Verlag wollte das zehnjährige Bestehen der Glasgower Ausgabe fei-
ern. Die Londoner Redaktion würde einen Empfang in Glasgow geben,
beim dem man der Presse die Jubiläumsausgabe vorstellen wollte. Das
Sonderheft sollte ausschließlich dem Thema Schottland gewidmet sein.
„Viel Text, wenig Fotos. Die Schotten wissen selbst wie Schottland aus-
sieht. Worüber wir berichten wollen, sind Erfahrungen mit Schottland,
Erfahrungen, Carol!“
Peel wiederholte das Wort gedehnt und sah seine Mitarbeiterin dabei
zweifelnd an. Er wiederholte sich gerne, um seinen Mitarbeitern das
Gefühl zu geben, dass er sie für zu beschränkt hielt, um ihn beim ers-
ten Mal zu verstehen. Carol war inzwischen daran gewöhnt und nickte
abwesend. Sie war noch nicht lange genug in der Redaktion, um Peels
dauerhaft schlechte Laune zu ignorieren. Es hieß allgemein, er habe zu
Hause unter einer übermächtigen Frau zu leiden und ließe seine unter-
drückten Machtgelüste an seinen Untergebenen aus. Die meisten Kol-
legen sahen in Peel eine Art gefährlichen Eisberg, den es zu umschiffen
galt. Sie gaben ihm vordergründig Recht, machten dann aber seelen-
ruhig, was sie wollten. Carol war noch nicht so weit. Ihr bereitete ein
Gespräch mit ihm noch immer Magenschmerzen.
Sie hatte vor seinem Schreibtisch auf dem abgewetzten Besuchersessel
gesessen, aus dem seitlich eine Sprungfeder ragte. Wegen der Sprung-
feder und weil Peel sie unentwegt fixierte, wagte sie es nicht, sich zu
bewegen. Eingerahmt von zwei hohen Bücherstapeln schaute sein graues
Gesicht zu ihr heraus wie das eines Schalterbeamten am Bahnhof.
„Sie können jetzt gehen, Carol. Verlieren Sie keine Zeit. Ich brauche Ihr
Konzept so schnell wie möglich!“
Peels Stimme drang wie durch Watte an ihr Ohr. Verstört verließ Carol
das schlecht gelüftete Büro des Redaktionsleiters und kehrte an ihren
Arbeitsplatz zurück. Plötzlich schoss Ärger in ihr hoch und sie stieß die
ewig klemmende Tür zu ihrem eigenen Büro mit dem Fuß auf:
„Sie holen mir heute Nachmittag aus der Bibliothek alles, was Sie zu
Schottland finden können, verstehen Sie?“ herrschte sie Debbie an. Ihre
Sekretärin tippte gerade, Kaugummi kauend, mit dem Daumen eine
SMS in ihr Handy und machte ein verdrossenes Gesicht, weil man sie
bei wichtigen Dingen unterbrach. Ratlos setzte Carol sich an ihren über-
vollen Schreibtisch.
Was wusste sie über Schottland? Recht wenig. Und sie war sicher, dass
auch Peel dies wusste. Ihre verstorbene Großmutter, die sie nie kennen-
gelernt hatte, war Schottin gewesen. Und als Kind hatte Carol zweimal
die Sommerferien mit ihrer Kusine Trish bei einer Tante in Inverness
verbracht. Ihre eigenen Erfahrungen mit dem Land waren demnach
begrenzt und Peel war diesmal besonders ungnädig gewesen. Er war
nie zufrieden mit dem, was sie schrieb und die Schottlandreportage war
offenbar als Test gedacht. Carol hatte gehört, dass sie in der Chefetage
im Gespräch war, die Abteilung Reiseberichte zu übernehmen, eine Ab-
teilung, in der sie mehr zu entscheiden hätte und für die Abnahme der
Artikel zuständig wäre. Sie reizte an dieser Position weniger das höhere
Gehalt als die Aussicht, mehr reisen zu können. Vielleicht hatte Peel ei-
nen anderen Favoriten und wollte sie mit dem Auftrag bloßstellen? Den
Chefs zeigen, dass sie nicht in der Lage war, unter Druck eine anständige
Reportage zu liefern? Nicht gerade ermutigend, aber sie würde es die-
sem alten Furz zeigen. Sie schickte Debbie, mit der sie das enge Zimmer
teilte, in die Mittagspause, um sich besser konzentrieren zu können.
Dann atmete sie tief durch und sortierte ihre Gedanken.
Wen kannte sie, der irgendeinen Bezug zu Schottland hatte? Da war
Trish, mit der sie zusammen die Ferien in Inverness verbracht hatte.
Trish war in den folgenden Jahren fast in allen Sommerferien zu einem
adligen Set ins schottische Hochland gereist, weil ihr Vater, ein Sherry-
importeur, mit den dort ansässigen Schlossbesitzern zusammen in Eton
gewesen war. Sie studierte jetzt in Cambridge Literaturwissenschaft und
musste kurz vor ihrem Abschluss stehen. Der Kontakt zwischen den
Kusinen war in den letzten Jahren spärlich gewesen.
„Aber ich könnte sie anrufen und mit ihr ein Treffen in ihrem College
verabreden. Wer, wenn nicht Trish, ist geeignet, über Schottlands feine
Gesellschaft Auskunft zu geben?“
Carol suchte nach Trishs Telefonnummer und schrieb sie oben auf das
nächstbeste Stück Papier, das neben ihrem Computer lag. Dann war da
noch Tim, ihre alte Liebe aus ihrer eigenen Cambridge-Zeit. Er lebte seit
längerem in Edinburgh. Er könnte den Typ des Mannes verkörpern, der
sich in Schottland eingerichtet und eine Existenz aufgebaut hatte.
Carol tat, was sie immer tat, wenn sie die Orientierung verlor: Sie mach-
te sich eine Liste. Als erstes rief sie Tim an, der sie - wie schon so oft
- einlud, ihn so bald wie möglich in Edinburgh zu besuchen. Tim lebte
seit einer Affäre mit einer Kollegin von seiner Frau getrennt und auch
Carol war seit einigen Wochen wieder solo.
„Carol, Darling, wir haben uns doch immer so gut verstanden!“
Dann fügte er raunend hinzu:
„Ich wünschte, du wärst hier und würdest meine einsamen Abende
versüßen.“
Carol wurde rot. Tims Stimme hatte einen, dem späten Vormittag un-
angemessenen, sexy Unterton und Carol rückte den Hörer etwas weiter
weg, um Tim zu neutralisieren. Im Hintergrund hörte sie Stimmen und
Telefongeklingel aus Tims Büro. Leute wie er konnten völlig davon ab-
strahieren, dass sie beide an ihrem Schreibtisch saßen. Aber das Flirten
mit dem gutgelaunten Tim tat ihr nach der Begegnung mit Mr. Peel gut.
„Außerdem kannst Du hier in Edinburgh auch mit meiner Schwester
sprechen, die es ja ebenfalls in den kalten Norden verschlagen hat...
Hallo, bist Du noch dran?“
Carol war verstummt. Auf ein Gespräch mit Tims Schwester hatte sie
keine Lust.
„Kate arbeitet in einer Werbeagentur und wurde gerade frisch von
ihrem Freund verlassen, einem Schotten! Schottland aus der Perspektive
der verlassenen Engländerin, was hältst du von der Idee? Darüber soll-
ten wir unbedingt hier bei mir sprechen! Wann kommst Du vorbei?“
Kate war ein gutes Stück älter als Tim. Carol erinnerte sich, sie bei
einem Collegefest kurz kennengelernt zu haben. Eine unauffällige, stille
Frau, die versuchte, es immer allen recht zu machen.
„Wie steht es bei Dir, meine Süße?“
Tim war ganz in seinem Element.
„Du bist doch auch wieder solo! Also was hindert Dich daran, zu mir
und in meine Arme zu fliegen?“
Während Tim weiter in den Hörer säuselte, war Carol in Gedanken bei
Kate. Tims Schwester war ganz und gar nicht ihr Fall, aber für ein Inter-
view vielleicht nützlich. Carol war eine Sammlerin und wusste, dass man
manchmal unverhofft auf Schätze stieß, wenn man sich auf Menschen
einließ.
„Ich bin solo, aber ich habe jede Menge Arbeit und ich weiß ganz und
gar nicht, wie ich diesen Artikel über Schottland basteln soll....“
Tim, der immer guter Dinge war, verströmte auch heute Zuversicht:
„Aber Schätzchen! Du machst das schon. Du hast im College deine
Artikel für die Studentenzeitung zwischen fünf und acht Uhr morgens
in meinen alten PC gehackt, und zwar nachdem wir etliche Cocktails im
Zimmer der guten alten Gemma zu uns genommen hatten. Weißt du
noch?“
Tim schwelgte in Erinnerungen an die früheren Zeiten, die in Wirk-
lichkeit erst vier Jahre zurück lagen, und Carol musste das Gespräch
beenden, weil Tim anfing, sie an ihre gemeinsamen Nächte zu erinnern.
Sie gab Tim ein vages Versprechen ihn bald zu besuchen, weil sie zur
Recherche nach Schottland fliegen wollte. Dann beendete sie das Ge-
spräch rasch mit einem „Ciao, baby!“
Nach dem Telefonat mit Tim ging es ihr jedoch viel besser. Sie lächelte
vor sich hin und biss in einen von Debbys Schokoladenkeksen. Dann
goss sie sich Tee aus ihrer Thermosflasche in den Bürobecher, der es ver-
dient hätte, abgewaschen zu werden und machte sich weitere Notizen.
Als Debbie ihr gegen fünf Uhr einen Stapel Reisebücher und Ge-
schichtsbände zu Schottland auf den Schreibtisch häufte, schickte sie
das Mädchen aus Dankbarkeit für ihre wieder gewonnene Gemütsruhe
früher in den Feierabend. Sie selbst blieb bis sieben Uhr in der Redakti-
on, denn sie war abends bei ihren Eltern zum Essen eingeladen.
*
Carols Eltern waren beide Biologen. Wenn Carol über die Schwelle des
Hauses im kleinbürgerlichen Stadtteil Kilburn trat, spürte sie unwill-
kürlich, wie sie schrumpfte. Die verblichene Einrichtung und das steife
Ambiente wirkten auf sie, als würde das Haus dem Besucher Leben
aussaugen, sobald er es betrat. Hinzu kam ein spezifischer Geruch,
hervorgerufen durch die Mittel, mit denen ihr Vater im Keller Kleintiere
präparierte.
Carols Mutter hatte schon wie eh und je den Tisch mit dem abgenutz-
ten blau-goldenen Royal Doulton gedeckt. Der runde Esstisch stand
eingeklemmt zwischen Bücherregalen und weil er, so lange sich Carol
erinnern konnte, wackelte, hatte man eine alte Ausgabe von „Horse and
Hound“ unter ein Bein geklemmt.
Der kleine Salon, der auf den Garten ging, glich eher einer Bibliothek als
einem Wohnzimmer: Das ganze Haus, das sich ihre Eltern kurz vor der
Pensionierung im Norden Londons gekauft hatten, diente in erster Linie
der Aufstellung von Büchern. Jede freie Wandfläche war ausgefüllt mit
Regalen und so starrte Carol auch diesmal, wenn sie die Augen von den
etwas zäh geratenen Lammkoteletts hob, auf eine Gesamtausgabe der
„Enzyclopaedia Britannica“ aus den fünfziger Jahren.
Ihr Vater war während der Mahlzeit wie immer schweigsam. Auch nach
seiner Pensionierung aus dem Universitätsdienst arbeitete er täglich acht
Stunden in seinem kleinen Labor im Keller des Hauses. So schienen die
Eltern ihre Ehe am besten auszuhalten.
Ihre Mutter bestritt das Tischgespräch mit dem neuesten Klatsch aus
der Verwandschaft. Nachdem sie die aktuellen Trennungen und Neu-
vermählungen in der Familie kommentiert hatte, fragte sie die Tochter
teilnahmsvoll, wie es ihr gehe.
„Caroline, du siehst sehr abgespannt aus! Willst du nicht zum Wochen-
ende zu uns kommen und dich erholen?“
Carol erschrak und lehnte höflich ab. Nur zögernd berichtete sie von
ihrem Tag in der Redaktion und dem Gespräch mit Peel.
„Schottland...“ sinnierte ihre vernünftige Mutter.
„Dieses Land hat so gar nichts Romantisches. Dein Vater und ich ver-
brachten, wie du weißt, einen Teil unserer Hochzeitsreise dort. Wir
haben aber sehr interessante Beobachtungen machen können. Wusstest
du, dass die Bienen dort viel länger schwärmen? Sie trotzen dem Wetter
wesentlich besser als hier im Süden.“
Carol fing an, ihren Besuch bei den Eltern zu bereuen.
Sie hätte den Abend sinnvoller nutzen und sich in die
Schottland-Literatur einlesen können.
„Ich glaube nicht, dass ich die schottischen Bienen zu einem Interview
bewegen kann, Mama. Und eure Hochzeitsreise liegt auch schon etwas
zurück. Ich brauche Menschen, die hier und heute etwas mit dem Land
zu tun haben. Mr. Peel will gelebte Erfahrung. Jedenfalls nennt er es so!“
Ihre Mutter lächelte. Sie schrieb regelmäßig kleinere Artikel für biologi-
sche Fachzeitschriften und Carol glaubte, ihr Talent zum Schreiben ihr
geerbt zu haben.
„Vielleicht wäre Helene was für dich? Meine Freundin aus Hamburg.
Wir haben sie einmal nach einer Sommerreise dort besucht, bevor wir
die Fähre nahmen. Erinnerst Du Dich?“
Carol erinnerte sich dunkel an eine Hafenrundfahrt und ein Essen in
einem feinen Restaurant an der Alster. Die Freundin der Mutter hatte sie
nur sehr undeutlich vor Augen. Dazu lag der Aufenthalt in Deutschland
schon zu lange zurück.
„Helene fuhr früher häufig zu Studienzwecken nach Schottland. Sie war
meines Wissens noch im letzten Jahr mit ihrem Mann dort. Zum Golf,
glaube ich. Ich sehe gleich einmal nach ihrer Telefonnummer.“
Carol war ihrer Mutter dankbar. Eine Ausländerin könnte dem Bericht
mehr Abwechslung verleihen. Sie glaubte zwar nicht, dass Golftouristen
sehr viel von Schottland mitbekamen, aber eine Frau vom Kontinent
konnte nicht schaden. Sie schämte sich jetzt, dass sie so ungern nach
Kilburn gekommen war.
„Sie muss jetzt Ende vierzig sein“, erinnerte sich ihre Mutter weiter, „sie
ist ein gutes Stück jünger als ich und eine ungemein freundliche Person.
Sie kam damals als Austauschschülerin in unser Haus. Dein Onkel Phil
war ziemlich hinter ihr her, aber sie war ganz unnahbar.“
„Dein Bruder war so ziemlich hinter allem her, was sich bewegte!“ ließ
sich jetzt Carols Vater vernehmen. Dann wischte er sich mit seiner Ser-
viette bedächtig den Mund, erhob sich und wandte sich an seine Toch-
ter:
„Carol, würdest Du mich bitte entschuldigen. Ich habe zu tun. Falls Du
etwas über die Fauna Schottlands wissen willst, stehe ich Dir zur Verfü-
gung. Du weißt, wo Du mich findest.“
Dann gab er ihr einen Kuss auf die Wange und verzog sich in Richtung
Kellertreppe. Carol sah ihm nach und schaute dann zu ihrer Mutter
hinüber. Diese zuckte mit nur mit den Schultern.
Nachdem sie das Geschirr in die Küche getragen und Kaffee gekocht
hatten, setzten sich die beiden Frauen noch mit ihren Tassen eine Weile
auf die Fensterbank des Erkers und schauten in den verschlafenen,
winterlichen Garten. Drei kleine Meisen flatterten auf der Suche nach
Nahrung über den Rasen in die Haselnusshecke. Carols Eltern hegten
ein ausschließlich wissenschaftliches Interesse an Tieren. Die Idee, im
Winter Vogelfutter aufzuhängen, wäre ihnen nicht gekommen. Ihr Vater
fand, dass Futter nur dem Tierhandel nütze. Die Vögel hätten sich aus
eigener Kraft zu erhalten, ohne menschliche Hilfe. Carol taten die klei-
nen Meisen leid und sie nahm sich vor, beim nächsten Besuch heimlich
etwas Vogelfutter im hinteren Teil des Gartens zu deponieren.
Weil sie mit Carol allein war, erlaubte sich ihre Mutter etwas Sentimen-
talität. Sie kam auf Carols Großmutter zu sprechen, die seinerzeit nach
Schottland zurückgekehrt war und „dort oben“ begraben lag. Sie hatte
stets Schuldgefühle, wenn sie über das Grab sprach, weil sie zur Zeit der
Beerdigung Australien bereiste und das Grab später nie besucht hatte.
„Aber das ist vermutlich kein Thema für eine Illustrierte wie „Gloss ´n
Glamour“. Zu wenig hip, wie ihr es nennt. Das Grab soll sehr schön
liegen, auf einem Inselfriedhof mitten in einem See. Wir kamen ja nie
mehr nach Schottland. Dein Vater reist nur zu den Orten, an denen er
seine Nagetiere findet.“
Die Eltern waren von ihren geringen Ersparnissen in den letzten zehn
Jahren regelmäßig nach Australien geflogen, damit ihr Vater dort Opos-
sums und Wombats beobachten konnte. Carol nahm ihre Mutter trös-
tend in den Arm:
„Mama, wenn ich nach Schottland fahre, besuche ich Grannys Grab und
mache ein Foto für Dich. Das verspreche ich Dir!“
Ihre Mutter stand gerührt auf und suchte in ihrem Sekretär nach der
Telefonnummer und der Adresse ihrer Freundin Helene aus Hamburg.
*
Am nächsten Morgen hatte Carol verschlafen und kam eine gute Stunde
zu spät in die Redaktion. Auf dem Flur schlurfte ihr Peel entgegen:
„Carol, schon auf den Beinen?“
Hämisch starrte er sie über seine fleckigen Brillengläser an.
„Wie steht es mit Ihrem Entwurf für die schottische Jubiläumsausgabe?
Ich sehe sie morgen Nachmittag in meinem Büro!“
Dann öffnete er, ohne eine Antwort von ihr abzuwarten und ohne an-
zuklopfen, die Tür zum Büro eines jungen Kollegen. Carol erkannte am
Nörgelton seiner Stimme, dass Peel ein neues Opfer gefunden hatte, dem
er den Tag verderben konnte. Hastig schlich Carol in ihr „Loch“, wie
Debby und sie ihr gemeinsames Büro manchmal nannten. Gegen Mittag
war sie jedoch mit ihren ersten Recherchen zufrieden. Sie hatte einen
Termin mit ihrer Kusine Trish in Cambridge und eine Verabredung mit
Tim in Edinburgh. Seine Schwester Kate, die sie in einer Werbeagentur
erreichte, klang ziemlich depressiv. Aber sie hatte sich ebenfalls, wenn
auch widerstrebend, zu einem Gespräch bereit erklärt. Aus den beiden
Telefonaten mit ihr konnte Carol entnehmen, dass irgendein Mann na-
mens Raymond eine herausragende und nicht besonders positive Rolle
in Kates Leben zu spielen schien. War er der Verflossene, von dem Tim
gesprochen hatte?
Später hatte sie dann Helene Mahrenholz in Hamburg erreicht. Helene
machte einen lebhaften Eindruck und war beim Thema Schottland so-
fort ins Schwärmen geraten. Sie sprach überschwänglich davon, dass sie
im Sommer alleine in das schottische Hochland reisen wolle:
„Bisher war ich immer mit Familie dort. Mein Mann und meine Tochter
spielen Golf. Ich mache mir wenig aus diesem Sport, ich liebe die Land-
schaft.“
Das kam Carol sehr entgegen. Überhaupt war die muntere Helene eine
Wohltat nach der schwerfälligen Kate, der man die Worte aus der Nase
ziehen musste und die nach jedem Satz endlos lange Pausen machte.
Zum Abschluss richtete Helene noch herzliche Grüße an Carols Mut-
ter aus und lud beide ein, sie, wann immer sie wollten, in Hamburg zu
besuchen. Zufrieden lehnte sich Carol zurück und probte im Kopf ihren
Bericht für Peel:
„Mr. Peel, ich werde im Juli selbst nach Glasgow und in den Nordwes-
ten des Landes reisen. Es gibt dort einen sehr interessanten Inselfried-
hof, auf dem Auswanderer bestattet sind. In Edinburgh werde ich zwei
alleinstehende Engländer, ein Mann und eine Frau, interviewen, die dort
seit längerem leben und arbeiten. Der Mann betreibt eine kleine Soft-
warefirma, seine Schwester arbeitet in einer Werbeagentur. Meine Kusi-
ne, die ich nächste Woche treffe, fährt alljährlich auf einen schottischen
Landsitz und könnte über das feudale Leben Schottlands Auskunft
geben. Eine Freundin unserer Familie aus Hamburg rundet das Bild ab.
Sie bereist Schottland seit ihrer Jugend und sie könnte für die Sicht der
Touristen vom Kontinent stehen“.
Als sie am nächsten Tag wieder auf dem Sessel mit der Sprungfeder saß,
hatte sie einen weiteren Trumpf vorzuweisen. In Cambridge wollte Trish
ihr einen ehemaligen Philosophieprofessor vorstellen, der vorhatte, den
ganzen Sommer allein in einem einsamen Haus in Schottland zu ver-
bringen.
„Er bereitet dort eine wichtige Veröffentlichung vor. Zum Zeitpunkt der
Jubiläumsausgabe wird sie erscheinen. Nicht, dass es seine erste wäre...“,
ließ Carol betont beiläufig einfließen. „Er ist weit über Cambridge hin-
aus berühmt und hatte schon mehrere Gastprofessuren in den USA …..“
Peel, der seine Mitarbeiter niemals lobte, weil er Angst hatte, es könne
ihre Arbeitsmoral verderben, schaute grämlich vor sich hin.
„Schön und gut! Aber wie ist ihre Grundidee für die Reportage? Was
wollen sie ihre Interviewpartner fragen? Sie brauchen einen Aufhänger!“
Carol straffte ihren Rücken und sprach lauter:
„Das wird sich ergeben, Mr. Peel. Eine Bestätigung vorgefasster Meinun-
gen ist nicht meine Sache!
Lesen sie jetzt wie es weiter geht

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