Sie sind auf Seite 1von 20

L

Abscjehteznt baulsch im
E Taandel erhältlich
S
H
E
P
R
O
B
E
Björn Weier
„Et is zum heulen“
Ein schöner Tag

Gleich würde es passieren. Gleich war es wieder soweit.


06:37 Uhr zeigte mein Radiowecker in giftgrün leuchtenden
Zahlen an. Noch 3 Minuten, dann würde er sich wieder mel-
den und alles wieder seinen gewohnten Trott gehen.
Aufstehen, frühstücken, arbeiten, fernsehen, schlafen. Was für
eine Dramatik! Wie hielt ich diesen Nervenkitzel bloß aus?
Und heute war zu allem Überfluss auch noch Montag. Das war
nicht gut.
Gestatten? Elmar mein Name. 35 Jahre alt, durchschnittlich
groß, durchschnittlich intelligent und durchschnittlich attrak-
tiv.
Äußere Merkmale: Straßenköterblonde Haare, grau-blaue
nicht strahlende Augen, eine Nase, ein Mund.
Geburtsort: Bocholt – Perle des Münsterlandes
Wohnort: Bocholt-Downtown.
Ein Normalo eben.
Ich fand, meine Eltern hatten sich schon alle Mühe gegeben,
mir mit meinem Namen einen schweren Start ins Leben zu be-
reiten. Elmar!
Aber das wäre ja vielleicht sogar noch gegangen, wenn sich
mein Nachname nicht auch noch auf Elmar gereimt hätte.
Elmar Helmer!
Ja, sehr witzig. Aber leider verfolgte mich dieser geniale Scherz
meiner Eltern nun schon 35 Jahre. Selbst Diethard Pöpping
hatte damals in der Schule mit seinem Namen einen leichteren
Stand als ich.
Ich fragte mich ständig, ob meine Eltern damals wirklich nicht
bemerkt hatten, wie dämlich dieser Name war oder ob sie mich
einfach von Anfang an gehasst hatten. Ich tippte auf beides.
Auch der Versuch, zumindest meinen Nachnamen bei meiner
Hochzeit abzulegen, schlug fehl. Meine Frau legte auf ihren
„Scharmutzki“ auch keinen besonderen Wert und meinte, sie
würde mit Helmer doch besser fahren. Ihr Name reimte sich
ja auch nicht darauf. Aber ich wollte den ersten großen Streit
nicht schon vor der Hochzeit auslösen und gab daher nach.
Fast so aufregend wie mein Tagesablauf war mein Beruf.
Ich war Klodeckel-Verkäufer.
Das ist jetzt vielleicht ein wenig überspitzt formuliert. Besser
hört es sich an, wenn ich sage, dass ich in der Sanitär & Hei-
zungsbranche tätig war und im kaufmännischen Außendienst
Produkte an den Großhandel verkaufte. Ja, das hört sich besser
an. Neudeutsch heißt das, glaube ich, Salesmanager. Noch bes-
ser!
Ein Beruf, der mich jeden Tag aufs Neue fesselte. Und so lag ich
auch an diesem Morgen wieder im Bett und dachte mir:
„Scheiße, warum sind die Arbeitstage so dermaßen in der
Überzahl?“
Und ich wurde das Gefühl nicht los, dass sich speziell der Mon-
tag als Wochentag häufiger wiederholte als andere Tage. Lange
Rede kurzer Sinn: Ich hatte KEINE LUST!
Ich spielte kurz mit dem Gedanken, mich unter der Bettde-
cke zu verkriechen und mich ganz klein zu machen. Vielleicht
würde mich der Gott der Arbeit ja nicht entdecken. Aber das
war natürlich ganz schön kindisch. Obwohl...
06:39 – Jeden Moment musste sich der Radiowecker melden.
Hoffentlich mit einer angenehmen, ruhigen Melodie. Das war
mitunter tagesentscheidend. Man stand dann gleich mit einer
bestimmten Stimmung auf und ging damit in den Tag. Ein ru-
higes „Sailing“ von Rod Steward würde mich zum Beispiel be-
schwingt durch den Tag schippern lassen.
Nach „Sailing“ würde ich mir dann noch ein bis zwei Minuten
zum Räkeln und Strecken gönnen und dann losschippern. Ja,
guter Plan.

06:40 – Klick „BORN IN THE USA...“


Verdammt, wer hatte den Radiowecker auf volle Lautstärke
gestellt? Oder stand der alte Springstein direkt neben meinem
Bett? Wenn ja, Abmarsch, Boss. Ich will Sailing – ich will schip-
pern!
Aber wahrscheinlicher als ein Solokonzert des Boss neben mei-
nem Bett war, dass Paula, unsere Kleine, wieder an der Laut-
stärke gespielt hatte. Kinder sind doch was Tolles!
Für ein ausgedehntes Räkeln und Strecken saß mir der Schock
jetzt zu tief. Und plötzlich war sie direkt wieder da. Die lästi-
ge schlechte Laune, die mich an den meisten Tagen begleitete.
Das war so, als ob man jeden Tag aufwachte und Angela Merkel
wäre mit Handschellen an einen gekettet. Und was man auch
tat, man wurde sie nicht mehr los.
Also schleppte ich mich mit Angie ins Badezimmer und mach-
te mich fertig. Im Bad scheiterte mein erster Versuch, an die-
sem Morgen etwas Kreatives zu fabrizieren, an einer eigenen
Variante von Springsteens „Born in the USA.“
„Born in Bocholt“ hört sich einfach nicht gut an. Das depri-
mierte mich zusätzlich. Egal.
Kaffee trinken, Müsli essen, in der Zeitung lesen, wer es jetzt
hinter sich hatte und dann ab ins Auto. Die ersten Kunden war-
teten bestimmt schon sehnsüchtig auf mich und brannten nur
darauf, mir das Mäppchen mit Aufträgen zu füllen.
Die morgendliche Fahrt im Auto war eigentlich das Schönste
an meinem Arbeitstag. Da hatte ich meine Ruhe, konnte schön
Musik hören und der Fantasie freien Lauf lassen.
Ich sah mich auf dem Höhepunkt meiner Karriere als Hob-
byläufer. Auf den letzten Metern des Berlin-Marathons holte
ich zum führenden Haile Gebrselassie auf, lief einen Moment
auf gleicher Höhe, um ihn dann lässig stehen zu lassen. Kur-
zer Gruß „Mach dir nix draus, Haile“ und weiter. Weltrekord.
Wahnsinn. Elmar, der erste Mensch, der den Marathon unter 2
Stunden laufen konnte.
Auch unzählige Tore für die deutsche Fußballnationalmann-
schaft hatte ich gedanklich in meinem dunkelblauen Vertreter-
auto-VW-Passat schon geschossen.
Schön so eine Fahrt auf der Landstraße. Und das heute auch
noch bei strahlendem Sonnenschein. Bei aufgehender Sonne
rauschte das schöne Münsterland an mir vorbei. Ich stellte fest,
dass ich – je näher ich dem ersten Kunden kam – immer lang-
samer fuhr. Eine innere Kraft versuchte mich wohl zurück zu
halten und wollte mir sagen „Lass et einfach, Junge.“
Aber alles Schöne geht ja leider einmal vorbei.
Und so hatte mich irgendwann die Realität wieder und ich
stand hochmotiviert vor dem Gebäude des ersten Kunden.
Die Kunden waren mir vertraut. Einkäufer verschiedener Sa-
nitärgroßhändler. Weil ich meinen Traumberuf schon ein paar
Jahre ausübte, kannte man sich. Es konnte also keine allzu gro-
ßen Überraschungen geben.
Also, schnell noch überlegt, was wir denn so Neues hatten.
Hm, der neue Klodeckel mit Absenkautomatik, die neue Glas-
dusche mit Hebe-Senk-Mechanismus, der Pressflansch für
Wasserfilter oder der neue Gummi-Schlauchadapter für Ab-
wasserrohre? Hier musste ich mich als Vertriebsprofi jetzt
gut entscheiden. Mich quasi in den Kunden hineinversetzen
und mir überlegen, was er wohl am ehesten benötigen konnte
und was sein Unternehmen weiter bringen würde. Keine leich-
te Aufgabe! Aber dafür war ich ja Profi! Ich entschied mich für
den Klodeckel und die Dusche. Von den technischen Produk-
ten hatte ich selbst nicht viel Ahnung. Die ließ ich heute besser
in der Tasche. Konnte ja peinlich werden.
Merke: Gehe immer den Weg des geringsten Widerstandes.
Oder war das umgekehrt? Na, egal.
Jedenfalls war mein heutiger erster Ansprechpartner, Herr Pie-
per, der Ansicht, er könne sich vorstellen, dass sein Unterneh-
men in der nächsten Zeit auch ganz gut ohne meinen Klode-
ckel und die Dusche auskommen könnte und so saß ich nach
zehn Minuten wieder im Auto. Mist, nicht mal nen Kaffee be-
kommen! Na ja, war wohl heute einfach nicht gut drauf der
Herr Pieper.
Oder hätte ich’s doch mit dem Flansch versuchen sollen? Na,
jetzt war es eh zu spät. Würde ich halt beim nächsten Besuch
doch mit den technischen Artikeln loslegen. Ich sah Herrn
Pieper ja in gut vier Wochen wieder. Das war das Tolle! Man
traf die sympathischsten Menschen der Branche immer wieder
und bekam seine nächste Chance. Das war wie bei einem alten
Ehepaar, das sich eigentlich gegenseitig ziemlich auf den Keks
geht, aber trotzdem jeden Morgen gemeinsam am Frühstück-
stisch sitzt – nur dass sich Herr Pieper wahrscheinlich schon
längst von mir hätte scheiden lassen.
Einfach super! Und noch etwas war toll. Auf meinem Zettel für
heute standen noch fünf weitere Kunden! Neue Chance, neues
Glück.
Also gleich mit vollem Elan weiter zum nächsten.
Oder doch erst mal nen Kaffee? Der Piepmatz hatte mir ja
keinen angeboten. Ja, den hatte ich mir jetzt einfach verdient!
Also ab nach MC Donalds. Die machten den besten Kaffee und
hatten ein sauberes Klo. Ein Paradies für jeden Außendienst-
ler! Denn an der Außendienst-Front spielte es sich folgender-
maßen ab: Man trank den ganzen Tag Unmengen von Kaffee
und, weil der ja so treibt, war man ständig damit beschäftigt,
das nächste Klo zu suchen. Das konnte äußerst haarig werden:
Einmal...nein, das erzähle ich jetzt besser nicht. Ich will ja die
Würde vor Ihnen nicht verlieren...
Jedenfalls waren die goldenen Bögen von MC Donalds manch-
mal wie eine Erlösung. Dafür musste mal was erfunden werden.
„PiGo – Pippi to go – das portable Klo für Außendienstler.“
Obwohl, das stellte ich mir dann doch ziemlich eklig vor. Dann
doch besser das Auto mit eingebauter Toilette. Die könnte man
doch in den Fahrersitz integrieren. Deckel hoch und ab. Hm,
das sollte ich eigentlich mal meiner Klodeckel-Firma vorschla-
gen... Vielleicht würde ich ja Provision dafür bekommen. Ich
notierte den Gedanken und nahm mir vor, bei nächster Gele-
genheit weiter daran zu tüfteln. Vielleicht in Kooperation mit
einem Autobauer. Mercedes-Inkontinenz, KloWagen oder der
neue Ford Lokus? Warum nicht?
Der Nachteil bei McDonalds war, man kam kaum am Bur-
ger vorbei. Ich ging immer mit dem festen Vorsatz rein: Nur
Kaffee und Klo! Aber wenn ich dann so an der Verkaufstheke
stand dachte ich mir: Hm, nur einen Euro für nen Burger? Ach
komm...“ Zu häufig ging die McDonalds-Variante also auch
nicht. Ging zu sehr auf die Figur. Ich war ja Sportler und mit
170 Kilo würde es schwierig werden, sich an Gebrselassie vor-
bei zu wuchten.
Gut gestärkt und mit neuem Elan ging’s dann zum nächsten
Kunden. Frau Biermann – eine Frau. Super, Frauen lagen mir
und hatten außerdem mehr Gespür für innovative (nicht tech-
nische) Produkte. Ich hatte ein gutes Gefühl.
Aber als Profi sah ich es gleich, als ich ankam. Frau Biermann
war nicht gut drauf. Sie machte ein Gesicht, als ob Tine Wittler
gerade ihre ganze Wohnung in pink umgestylt hätte.
Ich war wohl schon der dritte Kloheini, der ihr an diesem Mor-
gen was andrehen wollte. Puh, die Kollegen waren aber schon
früh unterwegs.
Anfänger! Man weiß doch, dass man den geheiligten Kunden
nicht zu früh stören darf. Jetzt durfte ich das ausbaden, weil
Frau Biermann keinen Bock mehr auf mich hatte.
Ich versuchte es natürlich trotzdem. Da war ich bei der Ver-
treterehre gepackt. Aber keine Chance. Zur falschen Zeit am
falschen Ort. Hier konnte ich natürlich überhaupt nichts dafür.
Das hatten die Kollegen verbockt. Doch als Profi wusste ich
auch in dieser Situation, was ich zu tun hatte. Nachdem ich den
Klodeckel vorgestellt hatte, packte ich meine Sachen und fuhr
weiter. Das war Zeitmanagement! Wenn man merkte, dass eine
Situation eh festgefahren war und man nicht weiter kam, war
das begrenzte Gut „Zeit“ besser beim nächsten Kunden ange-
legt. Dafür galt es ein Gespür zu entwickeln, dass ich mir im
Laufe der Jahre einfach angeeignet hatte. Ich freute mich über
meine Entscheidung und war auch etwas stolz.
Also weiter zu Herrn Bitter.
Aber der Name erzeugte schon negative Assoziationen in mir.
Ich hatte kein gutes Gefühl. Nee, das merkt der Kunde natür-
lich sofort. Wenn das innere Feuer im Verkäufer nicht brennt,
kann er die Begeisterung auch nicht auf den Kunden übertra-
gen. Kunden sind wie Hunde, die merken, wenn der Mensch
Angst hat. Kunden riechen förmlich, wenn man nicht gut drauf
ist und kaufen dann schon mal generell nichts.
Das waren jetzt einfach negative Schwingungen. Herr Bitter
und ich konnten da nichts für. Unter diesen Umständen konn-
te kein Verkaufsgespräch mit Abschluss geführt werden. Beim
nächsten Besuch würden die Vorzeichen sicher wieder anders
aussehen. Aber ich hatte einen Kaffee bekommen und wir hat-
ten uns trotzdem nett unterhalten. In erster Linie über Kaffee
und seinen Kanarienvogel Dieter. Geschäftlich hatte mich das
zwar nicht unbedingt weiter gebracht, aber na ja.
Netter Kerl der Herr Bitter – und für seinen Namen konnte er
ja nichts. Gerade ich konnte das schließlich gut nachfühlen.
So, die Hälfte der heutigen Kunden hatte ich fast durch. Hach,
jetzt meldete sich der Kaffee schon wieder. Also noch mal nen
kurzen Zwischenstop bei den goldenen Bögen eingeschoben –
Kaffee wegbringen und gleich neuen holen. Dann ging’s weiter.
Jetzt war ich schon spät dran. Oh, das war nicht gut. Ich hatte
den Termin bei Herrn Hartmann vor 30 Minuten. Die golde-
ne Vertreterregelung sagte hier, dass bis zu 15 Minuten über
der Zeit okay waren. Verspätete man sich mehr als 15 Minuten,
musste man den Kunden unbedingt vorher anrufen. Dafür war
es aber jetzt zu spät. Mist, immer dieser Kaffee. Ohne Kaffee
wäre ich in der Vertreter-Toleranzzeit geblieben. Aber es nutz-
te ja nichts und deshalb fuhr ich auf dem schnellsten Weg zu
Herrn Hartmann und legte mir schon mal meine Entschuldi-
gung, eine Reifenpanne, zurecht.
45 Minuten nach dem vereinbarten Termin kam ich an dem
charmanten Betongebäude der „Sanitär & Heizungsgroßhand-
lung Schneider“ an. Nachdem ich mit meinen Musterkoffern
drei lange Etagen über die Treppe zurückgelegt hatte, erreichte
ich endlich die schwere graue Stahltür, die mich ins Reich mei-
nes Lieblingskunden führte.
„Nee, keine Zeit mehr – keine Zeit!“, rief mir Herr Hartmann
schon von weitem entgegen. Ich sah nur kurz seinen schloh-
weißen Haarschopf um die Ecke biegen, dann verschwand er
auch schon wieder in seinem Büro.
Bei Herrn Hartmann und mir hatte die Chemie noch nie so
richtig gestimmt. Man könnte auch sagen, er war ein echter
Kotzbrocken. Leider durfte ich ihm das nie sagen. Vielleicht
an meinem letzten Arbeitstag vor der Rente. Ja, da würde ich
eine Kotzbrocken-Tour machen und jeden Kunden abfahren,
den ich nicht leiden konnte. Hm, vielleicht sollte ich lieber eine
Woche dafür einplanen. Ich glaubte, da käme ganz schön was
zusammen...
Was blieb mir also in dieser Situation andres übrig, als mein
über die Jahre einstudiertes Vertreter-Lächeln aufzusetzen und
mich tausendmal bei dem lieben Herrn Hartmann zu entschul-
digen.
„Nee nee, ist ja auch überhaupt kein Problem. Dann verschie-
ben wir das einfach auf das nächste Mal!“, rief ich ihm hinter-
her.
Ich wendete damit einen meiner Standardsprüche an, den ich
auch verwendete, wenn der Kunde keine Zeit hatte, obwohl wir
einen Termin ausgemacht hatten und ich pünktlich war. Aber
das war Vertreter-Alltag.
Leider hatte ich den Satz dann an diesem Tag auch nicht zum
letzten Mal angewendet. Als ich zu meinem nächsten Kunden,
Herrn Braun, fuhr, schaute der mich nur ganz verdutzt an und
fragte: „Äh, hatten wir heute einen Termin? Das passt mir heu-
te aber gar nicht.“ – „Nee nee, Herr Braun, ist ja überhaupt kein
Problem...“
Also wieder ab ins Auto.
Okay, meine Bilanz an diesem Tag lautete bisher: Vier Kaffee
und dreimal aufs Klo. Verkäufe bisher: keine.
Beim letzten Kunden an diesem Tag hatte ich keinen festen
Termin. Zu manchen Kunden konnte man nur ohne Termin
fahren. Diese Spezies sagte am Telefon bei der Terminabspra-
che dann immer: „Kommen Sie ruhig rein – ich bin ja immer
da.“ Wenn man dann freudestrahlend da stand, hatten sie aber
generell gerade keine Zeit.
Als Profi ließ ich die bisherigen Ergebnisse des Tages noch ein-
mal Revue passieren und wertete sie aus. Ich analysierte die
Wahrscheinlichkeit für das Gelingen des letzten Gesprächs
und beschloss dann, für heute Schluss zu machen und nach
Hause zu fahren. Nee, das würde heute nichts mehr werden.
Bei den heutigen Benzinpreisen musste man sich ja jeden Be-
such auch genau überlegen. Und als Profi hielt ich es einfach
für unwahrscheinlich, dass heute noch was ging.

Die Rückfahrt war dann wieder angenehm. Ich war geschafft


von der Arbeit, hörte Musik und rief schon mal Zuhause kurz
durch, dass ich unterwegs war. Jippie, Feierabend. Das Leben
konnte herrlich sein!
Als erfahrener Außendienstmitarbeiter setzte ich mir für jeden
Tag Ziele und wertete das Erreichte dann nachher aus.
Ich kam heute zu dem Schluss, dass ich besser im Bett geblie-
ben wäre. Hatte ich heute Morgen mit meinem Gefühl also
doch ganz richtig gelegen.
Aber am nächsten Tag würde es mit frischem Elan weiter ge-
hen! Dann war immerhin schon Dienstag – also fast Wochen-
ende! Jedenfalls freute ich mich schon riesig auf die nächsten
30 Jahre in der Klobranche. Die brauchte ich nämlich noch bis
zur Rente. Oder wahrscheinlich sogar noch mehr. Das Ren-
teneintrittsalter wurde ja immer weiter nach oben gesetzt.
Wahrscheinlich würde ich auch in 40 Jahren noch zu Herrn
Hartmann fahren. Ich dann so um die 80 Jahre alt und Herr
Hartmann so geschätzte 124.
Aber es nutzte ja nix. Wie hatte doch der Fußball-Trainer Dra-
goslav Steppanovic (Steppi) so richtig gesagt? „Lebbe geht wei-
der...“
Zuhause angekommen blieb mir noch etwas Zeit für die Kin-
der. Nico und Paula waren mein ganzer Stolz. Und sechs und
drei Jahre waren für einen Vater ein gutes Alter. Man konnte
endlich mal wieder das tun, was man als Erwachsener eigent-
lich nicht mehr durfte. Man konnte mit den Kindern im Fern-
sehen die alten Zeichentrick-Serien anschauen. „Wicky“ zum
Beispiel. Das war heute noch genauso spannend wie früher, als
ich das als kleiner Junge gesehen hatte.
Heute war so ein Wicky-Tag und für mich Balsam nach der
harten Arbeit.
Die Kinder und meine Frau Astrid waren für mich das Wich-
tigste und mein großer Rückhalt. Wenn man so in die kleinen
Kinderaugen schaute, war alles andere eigentlich nur noch Ne-
bensache. Da verschwanden die Bilder von Herrn Hartmann
und Herrn Bitter ganz schnell aus meinem Kopf und erschie-
nen erst nachts im Alptraum wieder. Meistens sah ich Herrn
Hartmann in Uniform und bewaffnet mit der neuen Hand-
brause H3 hinter mir herrennen. Das war schlimm und ich
fragte mich immer, was mir dieser Alptraum sagen wollte. Soll-
te ich vielleicht doch noch einmal zur Bundeswehr? Ich wusste
es nicht.
Jedenfalls war ich mit meiner Frau nun schon zwölf Jahre ver-
heiratet. Wahnsinn, wie die Zeit verging. In der Hinsicht war
ich wirklich ein Glückspilz. Wir führten eine glückliche Ehe –
vor allem, wenn ich unterwegs war.
Lange hatte ich aber leider auch heute nichts von den Kindern,
denn die mussten um Punkt 19:00 Uhr im Bettchen liegen. Ei-
gentlich hatten wir noch überlegt, vielleicht mit den Kindern
mal wieder schön Essen zu gehen. Das machten wir so alle drei
Monate und zwar völlig kostenlos. Ja, kurz ein paar Liter Blut
gespendet und schon konnte man sich mit der ganzen Fami-
lie an die reich gedeckte Kaffeetafel beim Roten Kreuz setzen.
Brötchen, Kaffee, Schokolade – alles was das Herz begehrte.
Schade war nur, dass man mit der nächsten Spende dann im-
mer wieder drei Monate warten musste.
Heute aber war die Zeit zu knapp und wir entschieden uns, die
Kinder pünktlich ins Bett zu stecken.
Das gab mir aber andererseits noch die Gelegenheit, weiter an
meiner Laufkarriere zu arbeiten und so beschloss ich, heute
noch die Laufschuhe zu schnüren. Ich presste mich in meine
hautengen schwarzen Lauftights, streifte das weiße Langarm-
Clima-Cool-Funktionsshirt über und zog die neuesten High-
Tech-Laufschuhe über die weißen Kompressionsstrümpfe. Im
Spiegel betrachtet sah ich damit aus wie eine Kuh in zu enger
Unterwäsche. Aber das machte nichts. Bloß nichts dem Zufall
überlassen. Eine gute Ausrüstung war das A und O beim Lau-
fen!
Dann fuhr ich in den Bocholter Stadtwald.
Es muss so gegen 19:00 Uhr gewesen sein, als ich zur großen
Runde aufbrach.
Und es sollte der Tag werden, an dem ich ihm begegnen würde:
Dem Stadtwaldmonster.
Schon seit Monaten hatte ich nach dem Plan von Laufguru
Herbert Steffny für meinen ersten Marathon in Köln trainiert.
Heute sollte eine schnelle Tempoeinheit auf meiner Hausstre-
cke folgen. Diese Einheiten gehörten auch dazu, wenn ich in
Köln nicht gerade Letzter von 10.000 Läufern werden wollte.
Wollte ich nämlich nicht – da war ich etwas eigen.
Jedenfalls war es ein wunderbarer Abend. Die letzten Sonnen-
strahlen des Tages fielen durch die Bäume auf den Waldboden
und es war frisch aber nicht kalt.
Und das Beste: Keine anderen Läufer – und vor allem – keine
Nordic Walker zu sehen!
Dazu muss man wissen, dass der Nordic Walker quasi der na-
türliche Feind des Läufers ist. Er tritt immer in Rudeln auf, ist
bewaffnet, äußerst rücksichtslos und aggressiv. Glücklicher-
weise hört man ihn schon aus weiter Entfernung. Mit lautem
Geschnatter und dem Klicken seiner Waffen schüchtert er den
Läufer schon frühzeitig ein. „Klick, Klick, Klick“ – Huha – da
läuft es einem eiskalt den Rücken runter. Wenn der Läufer
diese Warnsignale hört, sollte er sofort schlagartig die Flucht
ergreifen. Es ist bisher noch von keiner Auseinandersetzung
bekannt, die ein Läufer für sich entscheiden konnte.
Aber heute war die Luft rein. Wunderbar.
Ich lief wie eine junge Gazelle in perfekter Kombination von
Kraft und Eleganz. In dieser Form und mit diesem Tempo
würde ich sicherlich im Spitzenfeld des Köln-Marathons lau-
fen. Ich müsste es lediglich 42,195 Kilometer durchhalten. Kein
Thema.
Ich sah es schon vor mir: Münsterländer Gazelle schlägt Gebr-
selassie!
Nach zwei bis drei Kilometern ging es zunächst raus aus dem
Wald auf den langen Feldweg zum Rodelberg. Ich hatte zwar
meinen I-Pod dabei mit Musik für jede Laufsituation – Rock
und Metall fürs Tempo und Balladen für den lockeren Lauf –
aber den brauchte ich heute gar nicht. Alles war perfekt, wie es
war.
Doch was war das?? Ein flüchtiger Blick zurück, dann noch
einer, dann war ich mir sicher.
Es war etwas hinter mir!
Dazu muss man wissen: Als Läufer läuft man für sich – ohne
jeden Einfluss von außen. Aber! Man lässt sich unter keinen
Umständen, niemals, überholen. Schon gar nicht auf seiner
Hausstrecke. Das wäre so, als wenn sich Schumi auf dem Nür-
burgring von einem holländischen Reisebus überholen lassen
würde.
Puh, ruhig bleiben, Gazelle, und die Situation erst mal analy-
sieren. Noch mal ein kurzer Blick zurück. Ich hatte einen Vor-
sprung von etwa 50 Metern und weil wir noch auf dem Feldweg
waren, konnte ich für einen Moment in die hässliche Visage des
Stadtwaldmonsters schauen. Ein etwa 60jähriger Mann, graue
Haare, Schnäuzer, dynamisch.
Und: Er war schnell und holte bedrohlich auf. Mist. Ich hatte
nur eine Wahl. Alle Mann an die Ruder, volle Kraft voraus!
Ich war in Topform und wurde schneller und schneller. Ha!
Damit würde das Monster nicht gerechnet haben. Und ich hat-
te immer noch Reserven. Und als finalen Todesstoß: Metallica
mit „Battery“ auf meinem I-Pod. Aber das würde gar nicht nö-
tig sein.
Die nächsten ein bis zwei Kilometer lief ich in dem dichten
Waldstück hinterm Rodelberg, so dass ich das Monster hinter
mir nicht mehr sehen konnte.
Und bei meinem Tempo würde das auch so bleiben.
Nach dem Waldstück bog ich leichtfüßig in den folgenden
Feldweg ein und schaute mich dann – nur mal so zur Sicher-
heit – noch einmal um.
Huch, was war das? Das konnte doch gar nicht sein! Das Mons-
ter kam aus dem Waldstück geschossen und war jetzt vielleicht
gerade noch 20 Meter entfernt.
Und noch schlimmer: Ich glaubte, ein leichtes Grinsen in sei-
ner Fratze erkennen zu können. Es sagte: „Gleich hab ich dich,
Gazelle.“
Ich konnte es nicht fassen. Und ich hatte Angst!
Wer war das nur? War Herbert Steffny vielleicht ergraut und
mir nun höchstpersönlich auf den Fersen?
Jetzt konnte ich nicht mehr taktieren.
Ohne zu zögern drückte ich auf den Knopf:
Metallica – „Battery“! „Döm, döm, döm, – dön, dön, dön...“
Ich gab alles und blickte wieder hinter mich.
Ja! Ich konnte den Abstand wieder etwas vergrößern. Aber
die Frage war, wie lange ich dieses Tempo durchhalten würde.
Mein Pulsmesser piepte schon wie wild und wollte mir den be-
vorstehenden Herzinfarkt ankündigen.
Noch gut vier Kilometer bis zum Parkplatz und Rundenende.
Das würde eng werden. Ich träumte kurz von einem schönen
Zwischenstopp im „Ribhouse“, musste mich dann aber wieder
konzentrieren, weil das Monster auf dem letzten Kilometer
noch einmal attackierte. Was für ein zähes Vieh. Noch 300 Me-
ter, noch 200 Meter. Neiiin. Plötzlich erblickte ich ein Rudel
angriffsbereiter Nordic-Walker-Weibchen direkt vor dem Ziel
bei den Schrebergärten. Aufgereiht versperrten Sie den kom-
pletten Weg. Noch 50 Meter, 20 Meter.
Mir wurde schwarz vor Augen und ich warf mich mit letzter
Kraft durch die Angriffsreihe der Walkerinnen ins Ziel.
Ja, ich hatte es geschafft. Ich hatte das Stadtwaldmonster be-
siegt.
Puh, ächz, stöhn. Ich war völlig fertig. Schnell ans Auto. Ange-
lehnt, abgestützt, knapp am Herztod vorbei geschlittert.
Plötzlich hörte ich Schritte hinter mir. Es war das Monster. Gut
gelaunt und ohne ein Anzeichen von Anstrengung sprach es
mich an:
„Hallo, hatten Sie bemerkt, dass ich die ganze Runde hinter
Ihnen war? Wahnsinn, wir hatten immer das gleiche Tempo.
Eine schöne Runde, finden Sie nicht?“
„Äh, was? Hallo, nee hab sie gar nicht bemerkt. Bin nur locker
mein Wohlfühltempo gelaufen...“
Das war wichtig! Man durfte sich nichts anmerken lassen.
Gut, auch das beherrschte das Stadtwaldmonster in Perfektion.
Aber ich wusste: Im Auto würde es seine Wunden lecken...
gut gelaunt fuhr ich wieder nach Hause. Ein großartiges Erleb-
nis.
Lesen sie jetzt wie es weiter geht

Björn Weier
„Et is zum heulen“
Kontakt

Kontakt
DESIGN PAVONI°
Nicole J. Küppers
Dinxperloerstrasse 213a
D-46399 Bocholt
Fon 0049(0)2871 2924176
Mobil 0049(0)172 2918775
Fax 0049(0)2871 43584
E-Mail Pavoni1@web.de
www.design-pavoni-verlag.de
www.pavoni-verlag.de
www.pavoni-2008.de
www.pavoni1.de
Und jetzt ganz NEU!!
www.Der-Pinke-Stuhl.blogspot.com

Das könnte Ihnen auch gefallen