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Wen Chao Chen 5BHDVK 22.

November 2010

Interpretationsarbeit – Maulbeer Omelette


Die von Walter Benjamin verfasste und 1930 erschienene Parabel „Maulbeer-Omelette“ befasst mit
den individuell verbliebenen Erinnerungen sowie den Sehnsüchten der Menschen. Die Handlung des
Textes umfasst einen Dialog zwischen einem König und seinem untergebenen Koch, in welchem der
König die Zubereitung eines Maulbeer-Omelettes, wie er ihn vor fünfzig Jahren als Kind gespeist hat,
fordert, woraufhin der Koch seinem König schildert weshalb er den Befehl nicht umsetzen kann und
reichlich belohnt von dannen zieht.

Obwohl es der Text aus dem letzten Jahrhundert stammt, ist die Sprache einfach und klar gehalten
und ermöglicht dadurch auch den Kleinen die Lesbarkeit und Verständlichkeit des Märchens.
Benjamin beginnt die Geschichte mit einem typischen „Es war einmal“ (Z.4) und teilt somit den
LeserInnen mit, dass dieser Text ein Märchen ist und wie es Märchen so an sich haben, eine Moral
besitzen oder eine Lehre beinhalten. Jeder Mensch besitzt Erinnerungen, in denen er/sie gerne
schwelgt und so auch der König in Benjamin Erzählung: „Du sollst mir die Maulbeer-Omelette
machen, so wie ich sie vor fünfzig Jahren in meiner frühesten Jugend genossen habe.“ (Z.13 f.). Da
die Erinnerung bereits 50 Jahre alt ist, ist davon auszugehen, dass der König nun langsam auf das
Alter zusteuert, wo Menschen gerne Erlebtes berichten. Laut der Aussage „Damals führte mein Vater
Krieg gegen seinen bösen Nachbarn“ (Z.15 f.) des Königs ist anzunehmen, dass er den Thron von
seinem Vater geerbt hat, was bei einer absoluten Herrschaft nicht weiter fragwürdig ist, sehen sie ihr
Amt als König oder Kaiser von Gottes Gnaden gegeben. Dennoch ist fragwürdig, wie der im Märchen
erwähnte König die Herrschaft erlangt hat, wenn sein Vater doch seinem Nachbarn unterlag: „Der
hatte gesiegt und wir mussten fliehen“ (Z.17/18). Umso dubioser ist die Tatsache, dass die beiden
Hungernden einen Ort finden, wo „ein altes Mütterchen“ (Z.22/23) ihnen ohne Gegenleistung ein
Maulbeer-Omelette macht. Erinnern wir uns doch an ein Märchen von den Gebrüdern Grimm: Hänsel
und Gretel... auch diese beiden treffen auf eine alte Frau, die ihnen zwar etwas zum Essen anbietet,
aber im Gegenzug nach ihrem Leben trachtet. Verfolgt man nun das Gesagte des Koches „Denn wohl
kenne ich das Geheimnis [...] weiß ich den Vers [...] immer nach rechts muss gedreht werden“ (Z.41
f.), so erkennen die LeserInnen zauberhafte Elemente, die ein normales Rezept auf keinen Fall
beinhalten würde. Doch wie bei jedem Märchen komplettiert erst der letzte Satz das ganze
Benjamin’sche Erzählkonzept, denn „schwieg eine Weile [...] beladen, aus seinen Diensten entlassen“
(Z.57 f.) schildert die Persönlichkeit des Königs.

Aufgrund der dargelegten Untersuchungsergebnisse gehe ich davon aus, dass es sich hierbei um die
Erfüllung eines unrealisierbaren Wunsches handelt. Unrealisierbar, weil die Sehnsucht nach dem
Maulbeer-Omelette die Köstlichkeit zwar fest in den Gängen des königlichen Gehirn verankert sind,
jedoch der Genuss nur durch das Würzen des exakt identischen Szenarios vor 50 Jahren
herbeizuführen ist. Die Parabel ist daher auf jeden einzelnen Menschen übertragbar und ist ein oft
Wen Chao Chen 5BHDVK 22. November 2010

angesprochenes Thema der Philosophie. Der Mensch, der seine Erinnerungen nochmals erleben will,
ahmt einen Hund nach, der seinem Schwanz nachjagt und ohne einen Außenstehenden nie erwischt.
Der König in der Parabel ist bloß eine von vielen Personen, die verzweifelt versuchen, sich an einen
bestimmten vergangenen Zeitpunkt zurückzuversetzen oder sich an ein bestimmtes Gefühl
klammern mit dem Bewusstsein, dass eine Wiederholung der Geschehnisse niemals Wirklichkeit
werden kann. Der Koch stellt dagegen den Bekanntenkreis jener Person dar, die nach der seelischen
Befriedigung sucht, und versucht der Person zu verdeutlichen, dass jeglicher Versuch scheitert und
nur dazuführt, die lange Fahrt des unwissenden Umherirrens zu prolongieren. Nehmen wir ein
anschaulicheres Beispiel aus der Forschung. Die heutigen Medien berichten viel über den
technischen Fortschritt. Es wird sogar behauptet, dass in den nächsten 50 Jahren die Technik
dermaßen fortgeschritten sein wird, dass Doppelgänger produziert werden können. Doch an dieser
Stelle sollte man sich bewusst werden, dass eine Maschine niemals einen Menschen ersetzen kann,
da nur Menschen die Fähigkeit besitzen, selbstständig zu denken, Erinnerungen und Emotionen
speichert, während Maschinen nur auf Basis der Resultate mathematischer Berechnung handeln. Wie
sehr man sich auch anstrengen mag, die Maschine wird nie ein Herz und eine Seele besitzen, mit
welchen er lernt, Vergangenes Wert zu schätzen. Selbiges deute ich nach dem Lesen der Parabel, wo
ein unter normalen Umständen verzehrtes Maulbeer-Omelette nicht mit jenem Omelette vor 50
Jahren zu vergleichen ist.

Die aus der Gesamtinterpretation folgenden Tatsachen und Aspekte bestätigen meine
Deutungshypothese, dass es um die verzweifelten Versuche geht, individuelle Erinnerungen ins
Leben zu rufen. Ich bin der Ansicht, dass diese Parabel sehr gelungen ist und sich auf mehrere,
notfalls auch banale Situationen übertragen lässt und sehr zum Denken anstößt, vor allem weil
Walter Benjamin mit seinem Märchen nicht nur einen Teil der Menschheit, sondern jeden einzelnen
anspricht. Jeder Person kommt der Moment unter, in dem er/sie sich nichts sehnlicher wünscht als
das eine, das nicht umgesetzt werden kann.