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Agamben - Homo Sacer

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Published by: Miguel Angel García Hernández on Dec 08, 2010
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03/24/2013

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Einleitung

Die Griechen kannten für das, was wir mit dem Begriff Leben ausdrücken, kein Einzelwort, Sie gebrauchten zwei Begriffe, die morphologisch und semantisch verschieden sind, auch wenn man sie auf eine gemeinsame Wurzel zurückführen kann: zök meinte die einfache Tatsache des Lebens, die allen Lebewesen gemein ist (Tieren, Menschen und Göttern), bios dagegen bezeichnete die Form oder Art und Weise des Lebens, die einem einzelnen oder einer Gruppe eigen ist. Wenn Platon im Philebos drei Lebensarten anführt und Aristoteles in der Nikomachischen Ethik das kontemplative Leben des Philosophen (bios theöretikh) vom Leben der Lust und des Vergnügens (bios apoZatastikch) und vom politischen Leben (bios politikbs) unterscheidet, hätten sie niemals den Begriff z& gebrauchen können (dem bezeichnenderweise im Griechischen die Pluralform fehlt); und zwar aus dem einfachen Grund, weil es beiden in keiner Weise um das natürliche Leben, sondern um ein qualifiziertes Leben, um eine besondere Lebensweise zu tun war. Aristoteles kann sehr wohl von einer z& ariste kai aidios, einem höheren und ewigen Leben sprechen (Met. 1072 b, 28), aber nur, um die nicht banale Tatsache herauszustreichen, daß auch Gott ein Lebewesen ist (so wie er sich im selben Kontext des Begriffs zöf bedient, um in ebensowenig trivialer Weise den Akt des Denkens zu bestimmen); von einer zö; Politik6 der Athener Bürger zu sprechen hätte jedoch keinen Sinn ergeben. Nicht daß der Antike die Idee nicht vertraut gewesen wäre, daß das natürliche Leben, die einfache zök als solche, an sich ein Gut sei; Aristoteles druckt dieses Bewußtsein in einem Abschnitt der Politik sogar mit unübertrefflicher Klarheit aus. Nachdem er daran erinnert hat, daß der Zweck des Gemeinwesens sei, dem Guten gemäß zu leben, sagt er: »Und das [dem Guten gemäß zu leben] ist nun besonders das Ziel, sowohl für alle in Gemeinschaft als auch voneinander getrennt. Sie kommen aber auch bloß um des Lebens willen zusammen, und sie verfügen zusammen über eine politische Gemeinschaft. Vielleicht liegt nämlich schon ein Teil des Guten im Leben allein an sich [KatA t0 z&r aut& m&.zon]. Wenn die Beschwerlichkeiten des Lebens nicht zu sehr über,. 11

handnehmen [X?ata t&z bion], so ist es klar, daß viele Menschen in ihrem Verlangen nach Leben [.&] reichlich Not ertragen, als gäbe es in diesem ein gewisses Glücksgefühl [ez&merkz: schöner Tag] und eine natürliche Annehmlichkeit.« (Pol. I 278 b, 23 - 30)

In der antiken Welt ist das einfache natürliche Leben jedoch aus der polis im eigentlichen Sinn ausgeschlossen und als rein reproduktives Leben strikt auf den Bereich des c&os eingeschränkt (1 2 5 2 a, 26- 3 2). Am Anfang seiner Politik verwendet Aristoteles alle Sorgfalt darauf, den oikonsmos (Kopf eines häuslichen Unternehmens) und den despotes (Familienoberhaupt), die sich um die Fortpflanzung und Erhaltung des Lebens kümmern, vom Politiker zu unterscheiden, und verspottet diejenigen, die glauben, es handle sich um einen quantitativen Unterschied und nicht um einen Unterschied in der Art. Und wo er den Zweck der Gemeinschaft bestimmt - eine Stelle (125 2 b, 30), die für die abendländische Tradition kanonisch bleiben sollte -, tut er dies gerade, indem er die einfache Tatsache des Lebens (t6 z&z) gegen das politisch qualifizierte Leben abgrenzt (lt0 ez? &n): ginomthb m&n oh to6 ze’n hhaeken, oha de tozG eG z&z, »enstandenum des Lebens willen, aber bestehend um des guten Lebens willen« (in der lateinischen Übersetzung des Wilhelm von Moerbeke, die sowohl Thomas von Aquin wie Marsilius von Padua vor sich hatten: facta quidem igitur vivendi gratia, existens autem gratia bene vivendi). Es stimmt, daß an einer sehr berühmten Stelle desselben Werkes der Mensch als politikon $on definiert wird (1253 a, 4); hier aber (abgesehen davon, daß in der attischen Prosa das Verb bi&ai kaum im Präsens gebraucht wird) ist »politisch« nicht ein Attribut des Lebewesens als solches, sondern eine spezifische Differenz zur Bestimmung der Gattung &on. (Im übrigen wird unmittelbar danach die menschliche Politik von derjenigen der anderen Lebewesen unterschieden, weil sie durch einen sprachgebundenen Zusatz an Politizität auf einer Gemeinschaft von Gutem und Bösem, Gerechtem und Ungerechtem und nicht einfach nur von Lust- und Schmerzvollem gegründet ist). Auf diese Bestimmung bezieht sich Michel Foucault, wenn er am Schluß von Der Wille zum Wissen den Prozeß zusammenfaßt, aufgrund dessen man auf der Schwelle zur Moderne das natürliche Leben in die Mechanismen und Kalküle der Staatsmacht einzubeziehen beginnt und sich die Politik in Biopolitik
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verwandelt: »Jahrtausende hindurch ist der Mensch das geblieben, was er für Aristoteles war: ein lebendes Tier, das auch einer politischen Existenz fähig ist. Der moderne Mensch ist ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht.« (Foucault 1, S. 171) Foucault zufolge liegt die »>biologische Modernitätsschwellet einer Gesellschaft« dort, wo die Gattung und das Individuum als einfacher lebender Körper zum Einsatz ihrer politischen Strategie werden. Im Brennpunkt seiner Vorlesungen am Collège de France steh von 1 9 7 7 an der Übergang vom »Territorialstaat« zum »Bevölkerungsstaat<< und damit die schwindelerregend wachsende Bedeutung des biologischen Lebens und der Volksgesundheit für die souveräne Macht, die sich zunehmend in eine »Regierung der Menschen« verwandelt (Foucault 2, S. 719). Daraus ergibt sich eine gewisse Animalisierung des Menschen, die durch die ausgeklügeltsten politischen Techniken ins Werk gesetzt wird. Gleichzeitig mit der Ausbreitung der Möglichkeiten der Human- und Sozialwissenschaften entsteht nun auch die Möglichkeit, das Leben sowohl zu schützen wie auch seinen Holocaust zu autorisieren. Von dieser Seite her betrachtet wären insbesondere die Entwicklung und der Triumph des Kapitalismus ohne die disziplinarische Kontrolle nicht möglich gewesen, welche die neue Biomacht ausgeübt hat; mittels einer Reihe geeigneter Technologien schuf sie gewissermaßen die »gelehrigen Körper«, deren sie bedurfte. Auf der anderen Seite hat Hannah Arendt in The Human Conditionl bereits Ende der fünfziger Jahre (also fast zwanzig Jahre vor Der Wille zum Wissen) den Prozeß analysiert, der den homo laborans und mit ihm das biologische Leben zunehmend ins Zentrum der politischen Bühne der Moderne rückt. Sogar die Veränderung und den Niedergang des öffentlichen Raumes hat Hannah Arendt auf diesen Vorrang des natürlichen Lebens vor dem politischen Handeln zurückgeführt. Daß ihre Forschungen praktisch ohne Nachfolge geblieben sind und Foucault sein biopolitisches Feld ohne Bezug auf sie hat eröffnen können, zeugt von den Schwierigkeiten und den Widerständen, die das Denken in diesem Bereich zu gewärtigen hatte. Und ge1 Deutsche Ausgabe unter dem Titel Vita activa oder Vom tätigen Leben; der auch im Original genannte Titel der amerikanischen Ausgabe (1959) entspricht dem referierten Inhalt thematisch besser.
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rade diesen Schwierigkeiten ist wahrscheinlich sowohl die sonderbare Tatsache geschuldet, daß Hannah Arendt in The Human Condition keinerlei Anschlüsse an die tiefgehenden Analysen herstellt, die sie zuvor der totalitären Macht gewidmet hat (und in denen jegliche biopolitische Perspektive fehlt), als auch der ebenfalls merkwürdige Umstand, daß Foucault seine Untersuchungen nie auf das Feld schlechthin der modernen Biopolitik verlegt hat: das Konzentrationslager und die Struktur der großen totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts. Der Tod hat Foucault daran gehindert, alle Implikationen des Konzepts der Biopolitik zu entfalten und die Richtung anzuzeigen, in der er die Untersuchung vertieft hätte. Doch das Eintreten der z& in die Sphäre der polis, die Politisierung des nackten Lebens als solches bildet auf jeden Fall das entscheidende Ereignis der Moderne und markiert eine radikale Transformation der klassischen politisch-philosophischen Kategorien. Es ist sogar wahrscheinlich, daß es, wenn die Politik heute eine fortwährende Finsternis zu durchqueren scheint, genau daran liegt, daß sie versäumt hat, es mit diesem Gründungsereignis der Moderne aufzunehmen. Die »Rätsel« (Furet, S. 7), die unser Jahrhundert dem historischen Verstehen aufgegeben hat und die ihre Aktualität behaupten (der Nazismus ist davon bloß das beunruhigendste), wird man nur auf dem Boden - demjenigen der Biopolitik - lösen können, auf dem sie gewachsen sind. Nur in einem biopolitischen Horizont wird man entscheiden können, ob die Kategorien, auf deren Opposition sich die moderne Politik gegründet hat (rechts/links, privat/öffentlich, Absolutismus/Demokratie etc.), die nun aber immer mehr verschwimmen und heute in eine eigentliche Zone der Ununterscheidbarkeit geraten, endgültig aufzugeben sind oder ob sie womöglich die Bedeutung wiedergewinnen können, die sie gerade in jenem Horizont zeitweilig verloren haben. Und nur eine Reflexion, die ausgehend von Foucaults und Walter Benjamins Ansätzen die Beziehung zwischen nacktem Leben und Politik thematisch befragt - eine Beziehung, die im geheimen auch die scheinbar am weitesten entfernten Ideologien regiert -, wird das Politische aus seiner Verborgenheit heraus- und das Denken zu seiner praktischen Aufgabe zurückführen.

Eine der konstantesten Ausrichtungen von Foucaults Arbeit ist die entschiedene Abkehr von den traditionellen Zugangsweisen zum Machtproblem, weg von den juridisch-institutionellen Modellen (die Definition der Souveränität, die Theorie des Staates) in Richtung einer vorbehaltlosen Analyse der konkreten Weisen, in denen die Macht selbst den Körper der Subjekte und ihre Lebensformen durchdringt. In den letzten Jahren, wie das etwa ein an der Universität von Vermont gehaltenes Seminar zeigt, scheint diese Analyse zwei gesonderte Forschungsrichtungen einzuschlagen: auf der einen Seite das Studium der politischen Techniken (wie die Polizeiwissenschaft), mit denen der Staat die Sorge um das natürliche Leben der Individuen übernimmt und in sich integriert; auf der anderen Seite das Studium der Technologien des Selbst, mittels deren sich der Subjektivierungsprozeß vollzieht, der die Individuen dazu bringt, sich an die eigene Identität und zugleich an eine äußere Kontrollmacht zu binden. Es ist offensichtlich, daß diese beiden Linien (sie folgen übrigens zwei seit Beginn von Foucaults Arbeit vorhandenen Tendenzen) sich an mehreren Punkten verknoten und auf ein gemeinsames Zentrum verweisen. In einer seiner letzten Schriften stellt Foucault fest, daß der moderne westliche Staat in einem bislang unerreichten Maß subjektive Techniken der Individualisierung und objektive Prozeduren der Totalisierung integriert hat; er spricht von einem eigentlichen »politischen double bind, das die gleichzeitige Individualisierung und Totalisierung der modernen Machtstrukturen bildet« (Foucault 3,
s. 229 - 232).

Der Punkt, in dem diese beiden Aspekte konvergieren, ist in seinen Forschungen dennoch seltsam unbeleuchtet geblieben, so daß man bemerkt hat, er habe sich einer einheitlichen Theorie der Macht konsequent verweigert. Doch wenn Foucault den traditionellen Zugang zum Machtproblem von juridischen (»was legitimiert die Macht?«) oder institutionellen (»was ist der Staat?«) Modellen her ablehnt und vorschlägt, sich »von der theoretischen Privilegierung des Gesetzes und der Souveränität« zu lösen (Foucault I, S. I I 1) und eine Analytik der Macht aufzubauen, deren Modell und Code nicht mehr das Recht ist, wo im Körper der Macht befindet sich dann jene Zone der Ununterscheidbarkeit (oder wenigstens der Schnittpunkt), in der sich die Techniken der Individualisierung und die Prozeduren

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Die Stimme nun bedeutet schon ein Anzeichen von Leid und Freud. überhaupt noch legitim oder auch nur möglich. ihre Natur ist nämlich bis dahin gelangt. und als ob das. Dem nackten Leben kommt in der abendländischen Politik das einzigartige Privileg zu. den Sinn. scheint in dieser Perspektive konsubstantiell mit der abendländischen Politik zu sein. auf den die verschiedenen Perspektivlinien seiner Untersuchungen (und allgemeiner die ganze abendländische Reflexion über die Macht) zulaufen. ein einheitliches Zentrum. Wenn das zutrifft. Foucaults Feststellung.wenn auch verborgenen . war bereits im Begriff der servitude volontaire von La Boétie implizit enthalten. subjektive Technologien und politische Techniken auseinanderzuhalten? Obwohl eine solche Ausrichtung in Foucaults Forschungen logisch impliziert zu sein scheint. m u ß konsequent integriert werden. des nackten Lebens in das politisch qualifizierte Leben. Die vorliegende Untersuchung betrifft genau diesen verborgenen Kreuzpunkt zwischen dem juridisch-institutionellen Modell und dem biopolitischen Modell der Macht. Welcher Art ist die Beziehung von Politik und Leben. Indem der moderne Staat das biologische Leben ins Zentrum seines Kalküls ruckt. wenn ein Abschnitt der Politik den eigentlichen Ort der polis im übergang von der Stimme zur Sprache ansiedelt. sondern auch als eine einschließende Ausschließung (eine exceptio) der zök aus der polis gelesen werden. die wir im ersten Teil dieses Buches nachgezeichnet haben. aber bestehend um des guten Lebens willen« kann nicht nur als Einbeziehung der Zeugung (ginomhz~) in das Sein (ousa). die Modi und die möglichen Einteilungen des »guten Lebens« als telos des Politischen zu untersuchen. in dem das »double bind« seinen Ort hat? Daß es in der Genese der Macht einen subjektiven Aspekt gibt. das zu sein. daß gerade die Bedeutung dieses »auch« problematisch ist. wie das bis anhin geschehen ist. was durch eine Ausschließung eingeschlossen werden muß? Die Struktur der Ausnahme. daß man sich in einem so entscheidenden Bereich mit psychologischen Erklärungen begnügt wie jener (gewiß nicht reizlosen). Es ist also kein Zufall. das über die Sprache verfügt« in der Verbindung zwischenphone’ und Logos sucht: »über die Sprache aber verfügt allein von den Lebewesen der Mensch. Man kann sogar sagen. dann muß man die aristotelische Defini16 tion der polis in der Opposition von leben (z&) und gut leben (eG Ah) mit erneuter Aufmerksamkeit betrachten. und zwar in dem Sinn. In diesem Sinn ist die Biopolitik mindestens so alt wie die souveräne Ausnahme. an dem sich das Leben in gutes Leben verwandeln muß.Kern der souveränen Macht bildet. daß die Produktion eines biopolitischen Körpers die ursprüngliche Leistung der souveränen Macht ist. In der aristotelischen Definition gilt es nicht nur. doch welches ist der Punkt. der Mensch sei Aristoteles zufolge »ein lebendes Tier. das auch einer politischen Existenz fähig ist«. ohne ihn je erreichen zu können. Das Band zwischen nacktem Leben und Politik ist dasselbe. auf dessen Ausschließung sich das Gemeinwesen der Menschen gründet. wenn das Leben sich als das darbietet. die man in den verschiedensten Bereichen antrifft) an das Unvordenkliche der arcana imperii an. sich zu fragen. daß sie über Wahrnehmung von Leid und 17 . das die Macht an das nackte Leben bindet. und knüpft auf diese Weise (gemäß einer hartnäckigen Entsprechung zwischen Modernem und Archaischem. der sich unendlich entzieht. bringt er bloß das geheime Band wieder ans Licht. vielmehr ist es notwendig. Und was sie als eine der wahrscheinlichen Folgerungen hat festhalten müssen. besteht genau darin. bleibt sie ein blinder Fleck im Gesichtsfeld des Forschers oder eine Art Fluchtpunkt. daher steht sie auch den anderen Lebewesen zu Gebote. Tatsächlich vollzieht die Opposition im selben Zug eine Einbeziehung des ersten in das zweite. die eine Parallele zwischen äußeren und inneren Neurosen zieht? Und ist es angesichts von Phänomenen wie der Medien-Spektakel-Macht. daß die beiden Analysen nicht getrennt werden können und daß die Einbeziehung des nackten Lebens in den politischen Bereich den ursprünglichen . immer schon das nackte Leben wäre.der Totalisierung berühren? Gibt es. warum die abendländische Politik sich vor allem über eine Ausschließung (die im selben Zug eine Einbeziehung ist) des nackten Lebens begründet. das auch die metaphysische Definition des Menschen als »Lebewesen. Die eigentümliche Formel »Enstanden um des Lebens willen. die heute überall den politischen Raum verwandelt. allgemeiner gesagt. was politisiert werden muß. beinah als ob die Politik der Ort wäre. in dem die freiwillige Knechtschaft der einzelnen mit der objektiven Macht kommuniziert? Ist es möglich.

so wie es die polis bewohnt. stimmen jedoch in der Tatsache überein. Diese Prozesse. daß in beiden das nackte Leben des Staatsbürgers. Der Protagonist dieses Buches ist das nackte Leben. Doch die Sprache ist da. das heißt das Leben des homo sacer. 10-18) Die Frage: »In welcher Weise verfügt das Lebewesen über die Sprache?« entspricht genau der Frage: »In welcher Weise bewohnt das nackte Leben die polis?« Das Lebewesen verfügt über den logos. die das erste Paradigma des politischen Raumes im Abendland bildet. sondern diejenige von nacktem Leben/politischer Existenz. in dem das nackte Leben zugleich von der Ordnung ausgeschlossen und von ihr erfaßt wurde. Demnach kennzeichnet sich die moderne Demokratie gegen‘9 18 . in der über die Menschheit und den lebenden Menschen entschieden wird. auf der sich die Verbindung zwischen Lebewesen und Sprache vollzieht. im Staat frei und wird zum Subjekt und Objekt der Konflikte der politischen Ordnung. indem es das eigene nackte Leben in ihr ausgenommen sein läßt. weil der Mensch das Lebewesen ist. Wenn seine Grenzen bis ins Unbestimmte verschwimmen. als ob im Gleichschritt mit dem Prozeß der Disziplinierung. der getötet werden kann. Denn das ist im Gegensatz zu den anderen Lebewesen den Menschen eigentümlich. daß das nackte Leben. und wenn die Moderne diese Aufgabe annimmt. schuf gerade in seiner Abgetrenntheit das verborgene Fundament. durch den die Staatsmacht den Menschen als Lebewesen zu seinem eigenen spezifischen Objekt erhebt. Außen und Innen. auf dem das ganze politische System ruhte. insofern sie die Schwelle besetzt. Eine obskure Figur des archaischen römischen Rechts.« (1253a. Ausschluß/Einschluß. dem einzigen Ort sowohl der Organisation der staatlichen Macht als auch der Emanzipation von ihr. daß das Leben als solches zu einem vorrangigen Gegenstand der Berechnungen und Voraussicht der staatlichen Macht wird. als der wesentlichen Struktur der metaphysischen Tradition ihre Treue zu bekunden. daß nur sie allein über die Wahrnehmung des Guten und des Schlechten. Es scheint ganz so. eingeschlossen wird. das ihn bewohnte. die einander in vielem entgegengesetzt sind und (wenigstens scheinbar) in hartem Konflikt stehen. im Gleichschritt mit dem Prozeß. dank dessen nicht nur die heiligen Texte der Souveränität. immer mehr mit dem politischen Raum zusammenfällt und auf diesem Weg Ausschluß und Einschluß. ursprünglich am Rand der Ordnung angesiedelt. dann setzt sich das nackte Leben. zök/bios. Politik gibt es deshalb. Aber zugleich stellt uns diese vielleicht älteste Bedeutung des Begriffs sacer vor das Rätsel einer Figur des Heiligen diesseits oder jenseits des Religiösen. aber nicht geopfert werden darf. ein weiterer Prozeß in Gang gekommen wäre. in der das menschliche Leben einzig in der Form ihrer Ausschließung in die Ordnung’ I »Ordinamento« meint im Unterschied zu »ordine« (auch »Befehl«) die »politisch-rechtliche Ordnung «. zur Verdeutlichung steht hier bisweilen »Rechtsordnung«. Die Politik erweist sich demnach als im eigentlichen Sinn fundamentale Struktur der abendländischen Metaphysik. sondern als Subjekt der politischen Macht präsentiert. der im großen und ganzen mit der Geburt der modernen Demokratie zusammenfällt. liefert also den Schlüssel. indem es in ihm die eigene Stimme aufhebt und bewahrt. Der Ausnahmezustand. um das Nützliche und das Schädliche klarzulegen und in der Folge davon das Gerechte und das Ungerechte. der neue biopolitische Körper der Menschheit auf dem Spiel steht. Das fundamentale Kategorienpaar der abendländischen Politik ist nicht jene Freund/Feind-Unterscheidung. Und die Gemeinschaft mit diesen Begriffen schafft Haus und Staat. in der sich der Mensch als Lebewesen nicht mehr als Objekt. sondern allgemeiner noch die Kodices der politischen Macht selbst ihre arcana enthüllen.Freud verfügen und das den anderen auch anzeigen können. Die Foucaultsche These muß mithin berichtigt oder wenigstens ergänzt werden: Was die moderne Politik auszeichnet. Die »Politisierung« des nackten Lebens ist die Aufgabe schiechthin der Metaphysik. durch den die Ausnahme überall zur Regel wird. und dessen bedeutende Funktion in der modernen Politik wir zu erweisen beabsichtigen. Recht und Faktum in eine Zone irreduzibler Ununterscheidbarkeit geraten. des Gerechten und des Ungerechten und anderer solcher Begriffe verfügen. tut sie nichts anderes. wie der Begriff in dem von Carl Schmitt geprägten Zusammenhang in der Folge gebraucht wird. entscheidend ist vielmehr. das in der Sprache das nackte Leben von sich abtrennt und sich entgegensetzt und zugleich in einer einschließenden Ausschließung die Beziehung zu ihm aufrechterhält. ist nicht so sehr die an sich uralte Einschließung der zö: in die polis noch einfach die Tatsache. zök und bios.

S. Diese Aporie ins Bewußtsein zu heben. Indem Aristoteles im oben zitierten Abschnitt den »schönen Tag« (euh<merta) des einfachen Lebens den »Beschwerlichkeiten« des politischen bios entgegensetzte. denn sie allein erlaubt es. gab er der Aporie. 13) ist. ihre vielleicht schönste Ausformulierung. Das nackte Leben bleibt in diesem Bruch in der Form der Ausnahme eingefaßt. nicht gelungen. und solange die Widerspruche. jene zök vor einem nie dagewesenen Ruin zu bewahren. oder ist das Politische etwa bereits als ihr wertvollster Kern in ihr enthalten? Die Biopolitik des modernen Totalitarismus auf der einen. die ihre Geschichte und ihre Gegnerschaft kennzeichnen. welche die Entscheidung über das nackte Leben zum höchsten politischen Kriterium erhoben haben. die ihr eigen ist. Die vierundzwanzig Jahrhunderte. die der abendländischen Politik zugrunde liegt.über der antiken dadurch. Trotzdem muß auf der historisch-philosophischen Ebene.das heißt nicht mehr auf die exceptio des nackten Lebens gegründete . uns angesichts der neuen Realitäten und der unvorhergesehenen Konvergenzen dieses Jahrtausendendes zu orientieren und das Feld für jene neue Politik frei zu machen. S. Doch solange keine völlig neue . das nur durch eine Ausschließung eingeschlossen wird. das heißt als etwas. 21 . die »natürliche Annehmlichkeit« der zök zu »politisieren«? Und vor allem: Bedarf die zö6 wirklich der Politisierung. aufstellen müssen) ist offensichtlich keine historiographi2 0 sche These (übrigens ebensowenig wie Leo Strauss’ These von einer geheimen Konvergenz zwischen Liberalismus und Kommunismus. darin: »Sobald das eigentliche Menschsein in Frage gestellt wird. und bios. daß sie unablässig versucht. Carl Schmitts Definition der Souveränität (»Souverän ist. bedeutet nicht. eine Antwort auf diese Fragen. welche die Konzentrationslager ihren Insassen beigebracht hatten. die Freiheit und Glückseligkeit der Menschen am selben Ort . die Errungenschaften und Anstrengungen der Demokratie zu entwerten. IO) Die These von einer innersten Solidarität zwischen Demokratie und Totaliarismus (die wir hier. stellt sich ein fast biologischer Anspruch auf Zugehörigkeit zur menschlichen Gattung ein. Vorschub leisten soll. zwischen Stimme und Sprache hätte überwinden sollen.dem »nackten Leben« ins Spiel bringen zu wollen. zu der es die Spektakel-Gesellschaft verdammt. und der *schöne Tag« des Lebens wird das politische Bürgerrecht nur über Blut und Tod erlangen oder in der vollkommenen Sinnlosigkeit. steht noch einmal der Körper des homo sacer [uomo sacro] mit seinem souveränen Doppel. sondern ein für allemal verstehen zu wollen. die Verbindung herzustellen. die der Ausräumung und Einebnung der enormen Unterschiede. die den Beginn der Demokratie markiert und sie zu einer geheimen Komplizenschaft mit ihrem erbittertsten Feind zwingt. daß sie von Anfang an als eine Einforderung und Freisetzung der z& erscheint. wer über den Ausnahmezustand entscheidet«. wird jede Theorie und jede Praxis in einer Sackgasse steckenbleiben. Hinter dem langen antagonistischen Prozeß. wenn auch mit aller Vorsicht. was ihr Endziel angeht). die seither verflossen sind. jede auf ihre Art. Wie ist es möglich. die darin besteht.Politik da ist. das nackte Leben selbst in Lebensform zu verwandeln und sozusagen den bios der zö6 zu finden. werden Nazismus und Faschismus. da sie endgültig über ihre Gegner zu triumphieren und den Gipfel erreicht zu haben schien. die im wesentlichen noch zu erfinden bleibt. zu deren Befreiung und Glückseligkeit sie alle ihre Kräfte aufgeboten hatte. jedoch tötbaren Leben. Der Niedergang der modernen Demokratie und ihre zunehmende Konvergenz mit den totalitären Staaten in den postdemokratischen Spektakel-Gesellschaften (was sich bereits mit Alexis de Tocqueville abzeichnet und in den Analysen Guy Debords klar zutage tritt) finden ihre Wurzel vielleicht in dieser Aporie. haben keine anderen als vorläufige und unwirksame Lösungen gebracht. Unsere Politik kennt heute keinen anderen Wert (und folglich keinen anderen Unwert) als das Leben.« (Antelme. die sich daraus ergeben. seinem nicht opferbaren. sich wider alles Erwarten als unfähig erwies. nicht gelöst sind. Der Zeugenschaft von Robert Antelme zufolge bestand die Lektion. Es ist der Politik in der Ausführung des metaphysischen Auftrags. die den Bruch zwischen zö. bedrohlich aktuell bleiben. Daher rührt auch die spezifische Aporie. die Massengesellschaft des Konsums und des Hedonismus auf der anderen Seite geben gewiß. der sie zunehmend die Form einer Biopolitik hat annehmen lassen. der zur Anerkennung der Menschenrechte und der formalen Freiheiten fuhrt. Schmitt 1. warum sie in dem Moment. der doch ihre Verknechtung bezeichnete. an der These entschieden festgehalten werden.

noch bevor man begriffen hätte. als verbürgt anzunehmen ist und daß viele dieser Begriffe -in der Dringlichkeit der Katastrophe . wovon sie wirklich handelt. zu einem Gemeinplatz geworden. die in ihm (da jeder Grenzbegriff die Grenze zwischen zwei Begriffen ist) an die Sphäre des Lebens anstößt und sich mit ihr vermischt. daß in einem derartigen Bereich keiner der Begriffe. daß man sich mit ihm identifiziert. konnte diese »äußerste Sphäre« (ebd. an der die Revolutionen unseres Jahrhunderts gescheitert sind. endet früher oder später damit. dessen Struktur einem unbekannt bleibt. juridischen und ökonomischen Lehren. Denn die Unzulänglichkeit der anarchistischen und marxistischen Kritik des Staates bestand genau darin. wird es Zeit. Das Problem der Souveränität war damals darauf beschränkt. das heißt die Diktatur des Proletariats als Übergangsphase zu einer staatslosen Gesellschaft) ist gerade die Klippe. da die großen staatlichen Strukturen in einen Prozeß der Auflösung geraten sind und der Notstand.einer rückhaltlosen Revision bedurften. Erster Teil Logik der Souveränität . das Problem der Grenzen und der originären Struktur der Staatlichkeit erneut und in einer neuen Perspektive aufzuwerfen. die ihm zur Rechtfertigung beigestellt wurden. wer innerhalb der Ordnung mit gewissen Machtbefugnissen ausgestattet wurde. Solange der Horizont der Staatlichkeit den weitesten Kreis des Gemeinschaftslebens bildete und die politischen.) nicht wirklich ans Licht kommen. zur Regel geworden ist. Heute. ohne daß die Schwelle der Ordnung selbst je in Frage gestellt wurde. das anfänglich als Antwort auf die blutige Mystifikation einer neuen globalen Ordnung konzipiert worden war. Und die Theorie des Staates (und besonders des Ausnahmezustandes. Aber im Verlauf der Untersuchung ist klar geworden. wie das Benjamin vorausahnte. zu bestimmen. diese Struktur nicht einmal erahnt und deshalb das arcanum imperii voreilig beiseite geschoben zu haben. Dieses Buch. Der Kampf gegen einen Feind. noch Bestand hatten. religiösen. die ihn stützten. welche die Humanwissenschaften (von der Jurisprudenz bis zur Anthropologie) zu definieren glaubten oder als evident voraussetzten. Es ist nicht weniger als der Grenzbegriff der Staats.zuvorderst der Heiligkeit des Lebens -. keinen Bestand hätte. mußte sich indes Problemen stellen . mit denen es nicht gerechnet hatte. wie wenn es außerhalb der Simulakren und der Ideologien.und Rechtslehre.

wenn erst die Situation geschaffen werden muß. Das Paradox der Souveränität I. Es gibt keine Ordnung.« Es lohnt sich. Jede generelle Norm verlangt eine normale Gestaltung der Lebensverhältnisse. dann »steht« er in der Tat »außerhalb der normal geltenden Rechtsordnung und gehört doch zu ihr. Die Norm braucht ein homogenes Medium. Diese faktische Normalität ist nicht bloß eine >äußere Voraussetzung<. auf welche sie tatbestandsmäßig Anwendung finden soll und die sie ihrer normativen Regelung unterwirft. ob die Verfassung in toto suspendiert werden kann« (Schmitt 1. erkläre. die Geltung des Rechts aufzuheben. dem die Rechtsordnung die Macht zuerkennt. den Ausnahmezustand auszurufen und auf diese Weise die geltende Ordnung aufzuheben. 14). S. Alles Recht ist Situationsrecht<. die Dezision.« Wenn derjenige souverän ist. Die Präzisierung »zugleich« ist mitnichten trivial: Der Souverän. der definitiv darüber entscheidet. wird klar. in der Rechtssätze gelten können.sie entzieht sich der generellen Fassung.I. Schmitt stellt diese Struktur als die Struktur der Ausnahme dar: »Die Ausnahme ist das nicht Subsumierbare. denn erst wenn seine Struktur einmal begriffen ist. sie gehört vielmehr zu ihrer immanenten Geltung. der ich außerhalb des Rechts stehe. die der Jurist ignorieren kann. denn er ist zuständig für die Entscheidung. über die dem Paradox implizite Topologie nachzudenken. die auf ein Chaos anwendbar wäre. I. und souverän ist derjenige. Das bedeutet. in welchem Maß die Souveränität die Grenze (im doppelten Sinn von Ende und Anfang) der Rechtsordnung bezeichnet. der die legale Macht innehat. oder: »Ich. Es muß eine normale Situation geschaffen werden. daß das Paradox auch so formuliert werden kann: »Das Recht ist außerhalb seiner selbst«. Die Ordnung muß hergestellt sein. in absoluter Reinheit. daß es kein Außerhalb des Rechts gibt. der Souverän. damit die Rechtsordnung einen Sinn hat. Der Souverän schafft und garantiert die Situation als 25 . In seiner absoluten Reinheit ist der Ausnahmefall dann eingetreten. setzt sich legal außerhalb des Rechts. aber gleichzeitig offenbart sie ein spezifisch-juristisches Formelement. ob dieser normale Zustand tatsächlich herrscht. Das Paradox der Souveränität druckt sich so aus: »Der Souverän steht zugleich außerhalb und innerhalb der Rechtsordnung.

ist oft bemerkt worden. Darin liegt das Wesen der staatlichen Souveränität. [. negiert und suspendiert die negative (oder mystische) Theologie mit ihrem »weder . doch gibt es im I »Daher wird die Rechtswissenschaft nicht von dem betrieben. es gibt Ausnahmen. Er hat das Monopol dieser letzten Entscheidung. noch . 19-21) Es ist kein Zufall. das über das positive Recht in Form seiner Aufhebung hinausgeht. kann sie Subjekt einer Prädikation werden. daß sie. Kap. hat es gesagt: ›Die Ausnahme erklärt das Allgemeine und sich selbst. weil die Göttlichkeit negativ als das vorausgesetzt worden ist. der aus der generellen Norm ausgeschlossen ist. Denn was Schmitt zufolge mit der souveränen Ausnahme in Frage steht. sondern eher von einem. promereant«. so kann man auch das Allgemeine nicht erklären. der bewiesen hat. Jahrhundert fähig sein kann.Ganzes in ihrer Totalität. Nur deshalb. Der Ausnahmezustand ist also nicht das der Ordnung vorausgehende Chaos. ist die Bedingung der Möglichkeit selbst der Gültigkeit der Rechtsnorm und mit ihr der Sinn der Staatsautorität. Die Ausnahme dagegen denkt das Allgemeine mit energischer Leidenschaft. Zwar hatte Giambattista Vico die Vorrangigkeit der Ausnahme in nicht allzu unähnlicher Weise als »letzte Konfiguration der Fakten« bestimmt (»Indidem iurisprudentia non censetur. weil die Gültigkeit des positiven Rechts im Ausnahmezustand suspendiert ist. Sie ist ein Einzelfall. Während diese Gott bestimmte Eigenschaften prädiziert. Doch was die Ausnahme eigentlich kennzeichnet. sie bestätigt nicht nur die Regel. Durch den Ausnahmezustand »schafft und garantiert« der Souverän »die Situation«. Sie legt alles viel deutlicher an den Tag als das Allgemeine selbst. sondern mit einer bequemen Oberflächlichkeit denkt. so schreiben Gilles De- man sich nur nach einer wirklichen Ausnahme umzusehen. wenn sie bloß in der Aufhebung der Norm besteht? K Vicos Opposition zwischen positivem Recht (ius theticum) und Ausnahme drückt die besondere Stellung der Ausnahme gut aus. was zugleich ausgeschlossen wird. die aus ihrer Aufhebung hervorgeht. . s. welcher vitalen Interessen die theologische Reflexion auch im 19.oder Herrschaftsmonopol.2. . das die Möglichkeit von etwas wie Theologie im allgemeinen begründet. Gewöhnlich merkt man die Schwierigkeit nicht. Der Ausnahmefall offenbart das Wesen der staatlichen Autorität am klarsten.] Ein protestantischer Theologe. daß Schmitt für seine Definition der Ausnahme sich auf das Werk eines Theologen beruft (der niemand anderes ist als Sören Kierkegaard). quibus lege universali eximantur. sondern funktioniert bei näherem Hinsehen wie das Prinzip. . der mittels eines gesegneten Gedächtnisses das positive Recht oder die allgemeinen Regeln des Gesetzes meistert. ist der Umstand. was außerhalb jedes möglichen Prädikats Bestand hat. . .] Die Ausnahme ist interessanter als der Normalfall. Letztere befindet sich dennoch nicht außerhalb der Theologie. Und wenn man das Allgemeine richtig studieren will. welche dieser einen solch hohen Rang zuspricht. Die »Souveränität«. [. sie bleibt im Gegenteil mit ihr in der Form der Aufhebung verbunden. der Etymologie gemäß. In diesem Sinn ist die Ausnahme wirklich. Die Norm wendet sich auf die Ausnahme an. sondern die Situation. weil man das Allgemeine nicht einmal mit Leidenschaft. braucht Bereich der Rechtswissenschaften keine Theorie der Ausnahme.* 26 27 . II). die also richtigerweise nicht als Zwangs. Das Normale beweist nichts. wie sich die negative zur positiven Theologie verhält. die Ausnahme beweist alles. die Regel lebt überhaupt nur von der Ausnahme. Hier sondert sich die Entscheidung von der Rechtsnorm. und (um es paradox zu formulieren) die Autorität beweist. . nicht Recht zu haben braucht. um Recht zu schaffen. deren das Recht für seine eigene Geltung bedarf. deswegen nicht völlig ohne Beziehung zur Norm ist. daß das. herausgenommen (excaptum < excapere) und nicht einfach nur ausgeschlossen. wobei das Wort >Entscheidung< in dem noch weiter zu entwickelnden allgemeinen Sinne gebraucht wird. . Daß die juridisch-politische Ordnung die Struktur einer Einschließung dessen hat. Die Ausnahme ist eine Art der Ausschließung. was ausgeschlossen wird. qui beata memoria ius theticum sive summum et generale regularum tenet. 1.<« (Schmitt 1. 1 De antiquissima. sed qui acri iudicio videt in causis ultimas factorum peristases seu circumstantias. die Billigkeit oder eine Ausnahme von der allgemeinen Regel verdienen. Und analog dazu kann das positive Recht den Normalfall nur deshalb als Bereich seiner eigenen Gültigkeit bestimmen. quae aequitatem sive exceptionem. der mit scharfem Urteil die Fälle betrachtet und die letzten Sachverhalte oder Umstände der Tatsachen zuerkennt. . Kann man sie nicht erklären. sich von ihr zurückzieht. Sie ist ein Element im Recht. Auf die Länge wird man des ewigen Geredes vom Allgemeinen überdrüssig. sondern als Entscheidungsmonopol juristisch zu definieren ist. indem sie sich von ihr abwendet. Sie verhält sich zum positiven Recht.« die Attribution jeglicher Prädikate. Doch was ist das für eine »Situation«? Welches ist ihre Struktur.

das heißt des Ausnahmezustandes. nennen wir AusnahmeBeziehung. der Ausnahme stattgibt. Sie ist in diesem Sinn die fundamentale »Ortung«. in der für Schmitt der souveräne »Nomos« besteht. es wohnt ihm eine fundamentale Doppeldeutigkeit inne. ist jedoch noch komplexer. was außen. Als solcher ist er aber wesentlich unlokalisierbar (auch wenn ihm von Mal zu Mal definierte raumzeitliche Grenzen zugewiesen werden können).1 Es ist nicht die Ausnahme. und die Regel setzt sich als Regel. Erfährt das System eine Überschreitung. und im Zusammenhang mit der »großen Gefangenschaft« (le grand renfermement). welche die Struktur der Souveränität definiert.] kann« (Deleuze und Guattari. »herrscht nur über das. die im Ausnahmezustand geschaffen wird. 292). wenn er schreibt. Denn eine Norm muß. was sie verinnerlichen [. Die souveräne Entscheidung über die Ausnahme ist in diesem Sinn die originäre politisch-juridische Struktur. es ist die Regel. muß dieses zuerst durch Schaffung einer Zone der Ununterschiedenheit zwischen Innen und Außen. welche‘ die Gültigkeit der Rechtsordnung ermöglichen. 494). was innen ist. mittels eines Verbots. als ihn Schmitt beschreibt. die auf ein Chaos anwendbar wäre«. sondern dazwischen eine paradoxe Schwelle der Ununterschiedenheit errichtet. . In seiner archetypischen Form ist der Ausnahmezustand das Prinzip jeglicher juridischen Lokalisierung.3 sondern vor allem »Einnahme des Außen«. Chaos und normaler Situation. Die Ausnahme. mit einem Außen in Beziehung zu bleiben. indem sie sich aufhebt. als vielmehr und zualI lererst um die Schaffung und Bestimmung des Raumes selbst. 29 Zur Übersetzung von »abbandonare« (verlassen) und Begriffsfeld vgl. 48). das voraussetzen. zwischen dem. sondern indem die Gültigkeit der Ordnung aufgehoben wird. ist jedoch nicht nur »Landnahme«. 6 Im Original deutsch hinter »ordinamento« beigefügt. eine nicht zu lokalisierende Zone der Ununterschiedenheit oder der Ausnahme. die sich der Regel entzieht. was außerhalb der Beziehung ist (das Beziehungslose). weil sie nur durch die Aufhebung der Norm geschaffen wird. daß die souveräne Entscheidung. S. Hier wird das. die. 4 Im Original deutsch hinter »›presa del fuori<. was draußen ist. ist mithin noch komplexer. Faktisch ist sie deshalb nicht. in dem die Festlegung einer gewissen Ordnung und eines bestimmten Territoriums erstmals möglich wird. von der aus das. um sich auf etwas beziehen zu können. das heißt indem zugelassen wird. sie zieht dazwischen eine Schwelle (den Ausnahmezustand). erst seine Bedeutung gewinnt.l die sich nicht darauf beschränkt. die Foucault in Wahnsinn und Gesellschaft beschrieben hat. denn nur in ihm öffnet sich der Raum. was in der Ordnung eingeschlossen und das. und trotzdem auf diese Weise eine Beziehung damit herstellen.2 Festlegung einer juridischen »Ordnung« und einer territorialen »Ortung«. S. S. 5 Der Nexus von Ortung und Ordnung. Die besondere »Kraft« des Gesetzes rührt von dieser Fähigkeit her. nicht einfach mittels eines Verbots oder einer Internierung eingeschlossen.6 der den »Nomos der Erde« konstituiert (Schmitt 2. Die Ausnahmebeziehung führt so einfach die originäre formale Struktur der Rechtsbeziehung vor. 5 Im Original deutsch hinter »localizzazione« beigefügt. von der aus Innen und Außen in jene komplexen topologischen Beziehungen treten. Dies ist der letzte Sinn des Paradoxes. 3 Im Original deutsch hinter (ordine) »guridico« und »territoriale« beigefügt. und dem. auf diese Weise »bezeichnet es sich als außerhalb seiner selbst« (Blanchot.leuze und Felix Guattari. was aus ihr ausgeschlossen ist. dann verinnerlicht es das. 28 . Das Besondere der Situation. das »Außen einzuschließen« (enfermer le dehors). »um Recht zu schaffen. daß sie weder als faktische noch als rechtliche Situation bestimmt werden kann.4 K Da es »keine Ordnung [gibt]. spricht Maurice Blanchot vom Versuch der Gesellschaft. eingeschlossen werden. nicht Recht zu haben braucht«. eine Überschreitung zu kontrollieren oder zu neutralisieren. sie verläßt. das heißt eine »Innerlichkeit der Erwartung oder der Ausnahme« einzurichten. Die »Ordnung des Raumes «. indem sie mit der Ausnahme in Beziehung bleibt. 2 Im Original deutsch hinter »presa della terra« beigefügt. in dem die juridisch-politische Ordnung überhaupt gelten kann. die als Prinzip der unendlichen Verschiebung letzten Endes gegen 1 Im Original deutsch beigefügt. zwischen normaler Situation und Chaos zu unterscheiden. eccezione« beigefügt. auch wenn sie die Möglichkeit der Geltung des Rechts eröffnet. Die äußerste Form der Beziehung. . aber aus demselben Grund ist sie ebensowenig ein juristischer Tatbestand. die etwas einzig durch seine Ausschließung einschließt. besteht nun darin. Denn bei der souveränen Ausnahme geht es nicht so sehr darum. daß sich die 0 r d nung von der Ausnahme zurückzieht. Ausnahme. das Schmitt formuliert. was es überschreitet. hier und später die grundsätzliche Anmerkung am Ende des Bandes.

die den Mord verbietet) ist als vorausgesetzte Ausnahme die reine und unsanktionierbare Figur des Tatbestandes eingeschrieben. S. der dieser originären Struktur des Nomos entspricht. etwa in einem Prozeß oder im Vollzug. und nicht das Gefängnis. Aus dieser Perspektive steht die Ausnahme in einer symmetrischen Position zum Beispiel und bildet ein System mit ihm. unabhängig von seinem konkreten Einsatz in der Rede). so setzt das Gesetz das Nichtrechtliche (zum Beispiel die schiere Gewalt als Naturzustand) als das voraus. »worin die Innerlichkeit ebenso äußerlich als die Äußerlichkeit innerlich ist. diesem Unlokalisierbaren eine dauerhafte sichtbare Lokalisierung zu verleihen. eine einschließende Ausschließung ist (also dazu dient. daß das Strafvollzugsrecht nicht außerhalb der normalen Rechtsordnung liegt. In jeder Norm. deren aktuelle Bezeichnung unbestimmt in der Schwebe gehalten wird). indem sie sich aus jedem konkreten Redevollzug zurückzieht. 176): Das Paradox besteht hier darin. was ausgestoßen wird). in der Aufhebung jeglichen aktuellen Bezugs. gerade weil sie allgemein ist. 528f.. in dem die Grenzen zwischen dem Innen und dem Außen gezogen und bestimmte Normen bestimmten Gebieten zugewiesen werden können.4. wie wir gesehen haben. aussetzung der juridischen Referenz in der Form ihrer Aufhebung. Die eigentümliche Struktur des Rechts hat ihr Fundament in dieser voraussetzenden Struktur der menschlichen Sprache. oder genauer eines grammatikalischen Spiels. als es auch. Sprechen ist in diesem Sinn immer ius dicere. Und so wie die Sprache das Nichtsprachliche als dasjenige voraussetzt. einen Ausschnitt der Wirklichkeit zu bezeichnen. Man nehme den Fall des grammatikalischen Exempels (Milner. im Gegenteil muß die Norm. Die souveräne Ausnahme (als Zone der Ununterschiedenheit zwischen Natur und Recht) ist die Vor30 1. S. unter der das Lager steht. das Sprachliche vom Nichtsprachlichen und erlaubt. daß gerade der Ausnahmezustand als fundamentale politische Struktur in unserer Zeit immer mehr in den Vordergrund rückt und letztlich zur Regel zu werden droht.3. als Wort in seinem schieren lexikalischen Bestand. Hier zeigt die Sphäre des Rechts ihre Wesensnähe zu jener der Sprache. Ausnahme und Beispiel sind die beiden Modi.] die Sprache« (Hegel. der im Normalfall die Normübertretung erfüllt (wie. mittels deren eine Menge die eigene Kohärenz herzustellen und zu erhalten sucht. 1. Das zeigt unter anderem die Tatsache. womit sie im Ausnahmezustand potentiell verbunden bleibt. K Hegel war der erste. Wenn man als Bei31 . Eine der Thesen dieser Untersuchung ist die. der diese voraussetzende Struktur der Sprache bis ins Innerste verstanden hat. mit dem sie in virtueller Beziehung bleiben muß (in Form einer langue. Doch während die Ausnahme. der in einem permanenten Ausnahmezustand erklärt. sondern als souveräne Gewalt im Ausnahmezustand). die etwas gebietet oder verbietet (zum Beispiel in der Norm. daß Sprache stets jenseits ihrer selbst ist. ist der Raum. das Kriegsrecht und der Belagerungszustand ist. weil sie in der souveränen Ausnahme als reine Potenz gilt. als es zu ihnen gehört. das einzuschließen. aufgrund dieser Struktur ist die Sprache zugleich außerhalb und innerhalb ihrer selbst. daß es kein Außerhalb der Sprache gibt.). So wie ein Wort im tatsächlichen Vollzug der Rede die Macht. die Analyse des Lagers in jene Bahnen einzuschreiben. Die Gültigkeit einer Rechtsnorm stimmt nicht mit ihrer Anwendung auf den einzelnen Fall. sondern bloß einen besonderen Bereich des Strafrechts bildet. wie wir noch sehen werden. ist [. wenn es selbst nicht bezeichnet. Sie formuliert das Band der einschließenden Ausschließung. und das Unmittelbare (das Nichtsprachliche) stellt sich als nichts anderes als eine Voraussetzung der Sprache heraus. unabhängig vom Einzelfall gelten. den bezeichnenden Reden Bereiche zu öffnen. schreibt Hegel in der Phänomenologie des Geistes. . Und in diesem Ausnahmeraum zerreißt der Nexus zwischen Ortung und Ordnung. unterworfen ist. daß eine einzelne Aussage. Das Lager. Deshalb ist es nicht möglich. in denen bestimmten Worten bestimmte Bedeutungen entsprechen. der die Krise des alten »Nomos der Erde« geprägt hat. von diesen gerade insofern isoliert wird. Als man in unserer Zeit versucht hat. kam das Konzentrationslager heraus. endgültig. Die Sprache ist der Souverän. Bedeutung hat (das heißt als langue im Unterschied zu parole. im nämlichen Beispiel. genannt zu werden. funktioniert das Beispiel als ausschließende Einschließung. so kann auch eine Norm sich nur deshalb auf einen Einzelfall beziehen. Das Lager als absoluter Ausnahmeraum ist topologisch verschieden von einem einfachen Haftraum. während die juristische Konstellation. um es dann im Vollzug der Rede bezeichnen zu können. in der Sprache zu sein. überein. die Foucault von Wahnsinn und Gesellschaft bis überwachen und Strafen gezogen hat.ihn selbst agiert. die Tötung eines Menschen nicht als natürliche Gewalt. so teilt nur die Sprache als reine Potenz der Bezeichnung. nur insofern erlangt. dem ein Ding aufgrund der Tatsache. einer Rede. Wie nur die souveräne Entscheidung über den Ausnahmezustand den Raum gibt. die sich in nichts von den anderen Fällen ihrer Art unterscheidet. »Das vollkommene Element«.

Dennoch gibt es einen Fall. andererseits aber muß es wie eine reale Aussage behandelt werden. daß man im Ausnahmezustand gerne auf exemplarische Strafen zurückgreift. Auf diese Weise ist der Ausnahmefall aus der Anwendung des ius civile ausgeschlossen. Es handelt sich um die Episode im Buch der Richter 12. K Die exceptio des römischen Prozeßrechts gibt diese besondere Struktur der Ausnahme gut zu erkennen. Qui respondebat: sibbolet.1. ob die Regel auf das Beispiel angewandt wird. Wenn man nun fragt. Ulp. das Wort »Schibbolet« zu sagen. und dem. die letztlich ununterscheidbar werden und jedesmal ins Spiel kommen.) I 2 »Ausnahme heißt eigentlich gewissermaßen eine Ausschließung. So komplex gestaltet sich. dadurch erkennen. quod in intentionem condemnationemve deductum est«‘). falls die normale Anwendung des ius civile sich als ungerechtfertigt herausstellen sollte. 33 . die exzessive Allgemeinheit der zivilrechtlichen Normen zu mäßigen. sondern manifestiert einen Widerstreit zwischen zwei juristischen Erfordernissen. ist die Ausnahme gerade deswegen in den Normalfall eingeschlossen. und eben nicht als Beispiel. aber genau darum fällt es im selben Moment. weil sie nicht dazugehört. 44. (Es wundert daher nicht. in der die Gileaditer die flüchtenden Ephraimiter. den Sinn selbst der Zugehörigkeit der einzelnen. Die souveräne Ausnahme geht darüber hinaus: Sie verschiebt den Widerstreit zwischen zwei juristischen Erfordernissen in ein Grenzverhältnis zwischen dem. Es ist tatsächlich paradeigma im etymologischen Wortsinn. Das Beispiel ist aus dem Normalfall nicht deshalb ausgeschlossen. die sich über den Jordan in Sicherheit zu bringen versuchen. Es mag unangemessen erscheinen. das. was außerhalb des Rechts ist. Was das Exempel zeigt. weil es nicht dazugehörte. die Struktur der souveränen Macht angesichts der Grausamkeit ihrer faktischen Implikationen mittels zweier harmloser grammatikalischer Kategorien zu definieren. das Verhältnis zwischen dem Drinnen und dem Draußen. Statimque apprehensum ingulabant in ipso Jordanis transitu«). daß sie von ihnen verlangen. zwischen Fremdheit und Vertrautheit. in jedem logischen wie in jedem sozialen System. In jedem Fall (das zeigt der Disput zwischen Anomalisten und Analogisten unter den antiken Grammatikern) sind Ausnahme und Beispiel korrelierte Begriffe. was »sich daneben zeigt<<. Der Mechanismus der Ausnahme ist anders. das heißt das vom Prätor eingeführte Recht mit dem Zweck. quod interpretatur spica. als exemplarischer Fall aus ihr heraus (im Fall eines linguistischen Syntagmas zeigt es das eigene Bedeuten und hebt auf diese Weise die Bedeutung auf). denn man wendet die Regel nur auf das Beispiel als Normalfall an. das heißt außerhalb der Klasse. so ist die Antwort nicht einfach. Und so wie die Zugehörigkeit zu einer Klasse nur durch ein Beispiel erwiesen werden kann. 74: »Exceptio dicta est quasi quaedem exclusio.t. In diesem Sinn ist die exceptio nicht vollständig außerhalb der Rechts. so kann die Nichtzugehörigkeit nur in ihrem Innern erwiesen werden. die gewöhnlich einer Klage entgegengehalten wird. kann es einerseits nicht wie in einem normalen Kontext verstanden werden. als es dazugehört. eadem littera spicam exprimere non valens.6. sondern weil es seine Zugehörigkeit zur Schau stellt. Agerii factum rit neque fiat. wenn es keinen Vorsatz gab). um als Beispiel fungieren zu können. Im Schibbolet vermischen sich Beispiel und Ausnahme: Es ist eine beispielhafte Ausnahme oder ein Beispiel. Während das Beispiel von der Menge insofern ausgeschlossen wird. das heißt mit einer Ausnahme.spiel eines performativen Sprechakts das Syntagma » I c h liebe dich« ausspricht.« *Wenn in dieser Angelegenheit in Folge von Arglist des Aulus Agerius weder etwas geschehen ist noch geschieht«. quae opponi actioni solet ad excludendum id. Sie ist ein Verteidigungsinstrument des Beklagten. Der technische Ausdruck verleiht der exceptio den Charakter einer negativen Bedingungsklausel. um das auszuschließen. da es diese zur Schau stellt. der im römischen Recht auf die Gegenüberstellung zwischen ius civile und ius honorarium verweist. das die Ephraimiter aber als *Sibbolet* aussprechen (»Dicebant ei Galaaditae: numquid Ephrataeus es? Quo dicente: non sum. ist seine Zugehörigkeit zu einer Klasse. Die Römer sahen darin eine Form der gegen die Anwendung des ius civile gerichteten Ausschließung (Dig. was innerhalb. interrogabant eum: dic ergo Scibbolet. eine Klasse kann alles beinhalten. ohne daß allerdings die Zugehörigkeit des Sachverhaltes zum normativen Tatbestand in Frage gestellt wäre. das als Ausnahme gilt. den Sinn ihrer Gemeinschaftsbildung zu definieren. das bei einem Urteil die Schlüssigkeit der vom Kläger geltend gemachten Gründe neutralisieren kann. was Gegenstand der klägerischen Forderung und der Verurteilung ist. welche die Prozeßformel zwischen die intentio und die condemnatio einfügt und mittels deren die Verurteilung des Beklagten von der Nichtexistenz der von ihm zur Verteidigung vorgebrachten Tatsache abhängt (zum Beispiel: si in ea re nihil malo A. nur nicht das eigene Paradigma. in dem der Entscheidungscharakter des linguistischen Beispiels und seine Grenzverschmelzung mit der Ausnahme eine offenkundige Implikation mit der Macht über Leben und Tod aufweisen.2 das heißt. wenn es darum geht.

oder umgekehrt eingeschlossen sein. was draußen. Dem Theorem des Überschreitungspunktes entspricht dann die Tatsache. 39) und in l?mile Benvenistes Lehre von der irreduziblen Opposition zwischen Semiotischem und Semantischem. Wucherung.Wähler«). 95 -1 I r ). wenn ein Glied in dem Sinn Teil einer Menge ist. S. daß ein Wort immer mehr Bedeutung birgt. welche es besetzen kann<.I . sagt man hingegen. jedoch nicht dazugehört). Was wird aus der souveränen Ausnahme in diesem Schema? Auf den ersten Blick könnte man denken. indem sie sich von ihnen in eine reine kzngue (den lingui35 I Auswuchs. ist die radikale Krise jeglicher Möglichkeit. Darüber hinaus kennzeichnet das Verhältnis zwischen Zugehörigkeit und Einschließung nach Badiou eine fundamentale Inadäquatheit. daß alle ihre Glieder Teil der Menge sind (man sagt dann. in der die Singularität als solche repräsentiert ist. S. die Bedeutung mit der Denotation zur Deckung zu bringen. Daß ein Glied in eine Situation eingeschlossen ist. Die Ausnahme drückt gerade diese Unmöglichkeit eines Systems aus. in die sie schon immer eingeschlossen ist. in der die Sprache mit ihren denotata in Beziehung bleibt. Darum erscheint dem Staat das Ereignis zwangsläufig als Exkreszenz. Aber die Eigentümlichkeit des souveränen Anspruchs besteht eben darin. insofern sie vom Staat in Klassen neu gefaßt werden. Aber ein Glied kann auch zu einer Menge gehören. in der die Struktur der Situation ihrerseits als ein Glied gezählt wird (das sind die Individuen. wenn es zugleich präsentiert und repräsentiert wird (das heißt dazugehört und eingeschlossen ist). Badiou definiert ein Glied dann als normal. wird in der Form der Ausnahme eingeschlossen. alle ihre Teile auf eine Einheit zu reduzieren. Die Behauptung der Souveränität der Sprache bestünde dann im Versuch. So kann man sagen. deutlich zwischen Zugehörigkeit und Einschließung. daß sie im dritten Fall enthalten ist und somit eine Form der Zugehörigkeit ohne Einschließung darstellt. Tatsächlich entspricht seine zentrale Kategorie. die Einschließung mit der Zugehörigkeit in Übereinstimmung zu bringen. daß es über die Denotation hinaus einen uneinholbaren Überschuß an Bedeutung gibt. wenn es in der Metastruktur (dem Staat) repräsentiert wird. daß er sich auf die Ausnahme anwendet. Lévi-Strauss. das heißt. Genau um diesen Überschuß geht es in Claude Lévi-Strauss’ Theorie von der konstitutiven Überschreitung des Signifikanten gegenüber dem Signifikat (. daß ein Glied zu einer Situation dazugehört. Alain Badiou hat diese Unterscheidung entwickelt. die nur für den göttlichen Verstand auflösbar ist und die daraus resultiert. indem sie sie verläßt [abbandonandoli]. was drinnen ist. Er läßt die Zugehörigkeit der Präsentation und die Einschließung der Repräsentation (Re-Präsentation) entsprechen. das Ereignis. aber nicht repräsentiert wird (das dazugehört. wenn es als ein Glied präsentiert und gezählt wird (in politischen Begriffen sind das die einzelnen Individuen. 5. Was in dieser Grenzfigur hervortritt. als singulär schließlich ein Glied. indem er sich von ihr abwendet. Unter dem Blickwinkel der Sprache kann man die Einschließung der Bedeutung und die Zugehörigkeit der Denotation zuordnen.Zwischen beiden besteht immer eine Inadäquatheit. Und so verhält es sich bestimmt aus Badious Sicht. Sie ist dasjenige. Die souveräne Ausnahme ist mithin die Figur. als Exkreszenz’ dagegen ein Glied. um sie in politische Begriffe zu übersetzen. dazwischen eine Zone der Ununterschiedenheit einzurichten. ohne dazuzugehören. das präsentiert. lautet: b E a). das repräsentiert. eine Art von paradoxer Einschließung der Zugehörigkeit selbst. Er bestimmt das Ereignis als Element einer Situation derart. daß er das einschließt. zum Beispiel als . und dem. ohne in sie eingeschlossen zu sein (die Zugehörigkeit als Grundbegriff der Mengenlehre. zwischen dem. Unser gegenwärtiges Denken sieht sich in allen Bereichen mit der Struktur der Ausnahme konfrontiert. eine Schwelle der Ununterschiedenheit zwischen Exkreszenz (Repräsentation ohne Präsentation) und Singularität (Präsentation ohne Repräsentation). Sie fügt in Badious Schema eine vierte Figur ein. auch der Struktur der Ausnahme. ohne eingeschlossen zu sein) (Badiou. In der Mengenlehre unterscheidet man zwischen Zugehörigkeit und Einschließung. Was auf keinen Fall eingeschlossen werden kann. daß es einen Überfluß von Signifikanten gibt im Verhältnis zu den Signifikaten. daß b eine Untermenge von a ist. insofern sie unrepräsentierbar ist. aufgrund deren die Einschließung die Zugehörigkeit immer überschreitet (Theorem des Überschreitungspunktes). zu dem sie gehört. zwischen Ausnahme und Norm zu unterscheiden. und nicht zu der Menge gehören kann. Eine Einschließung liegt vor. als es im Akt der Denotation bezeichnen kann. was nicht in das Ganze eingeschlossen werden kann. was außerhalb seiner liegt. 34 . daß seine Zugehörigkeit zu ihr in der Perspektive der Situation selbst Unentscheidbar ist. und schreibt: b C a). insofern sie zu einer Gesellschaft gehören). N Badious Denken ist so gesehen ein rigoroses Denken der Ausnahme. aber nicht präsentiert wird (also in eine Situation eingeschlossen ist. vor allem medizinisch gebraucht.

den Ausschließung. Es geht hier nicht nur. I . Dieser ist keine Bestrafung der ersten Handlung. Der Souverän entscheidet nicht über das Zulässige und das Unzulässige. Die Schuld bezieht sich nicht auf die Überschreitung.juridischen Maxime. die ihn beseelt und ihm Sinn verleiht. sondern insofern es vor allem den Bereich der eigenen Referenz im wirklichen Leben schaffen und diese Referenz normalisieren muß. es ist nicht deswegen »Norm« (im eigentlichen Sinn von »Winkelmaß«). Das Recht lebt von nichts anderem als dem Leben. ins Recht einbezogen ist. sondern vollzieht die Einschließung in die Rechtsordnung.6. sondern sich eher mittels der Wiederholung derselben Handlung ohne jede Sanktion konstituiert. mit etwas in Beziehung zu stehen. Leben und Recht. in die »normale Gestaltung der Lebensverhältnisse«.g. das auf diese Weise ob-ligat gemacht. 21). a u f den einfachen Umstand. daß sich das Gesetz auf etwas bezieht. das allen anderen hierarchisch übergeordnet ist. sondern a u f die reine Geltung des Gesetzes. das es durch die einschließende Ausschließung der exceptio in sich hineinzunehmen vermag: Es nährt sich davon und ist ohne es toter Buchstabe. Die »souveräne« Struktur des Gesetzes. sondern um etwas. hat die Form des Ausnahmezustandes. wo sich das Leben zugleich außerhalb und innerhalb der Rechtsordnung befindet. und diese Schwelle ist der Ort der Souveränität. Das Recht besitzt normativen Charakter. Dies ist auch der letzte Grund der . eine Schwelle. in dem Faktum und Recht ununterscheidbar sind (und dennoch darüber entschieden werden muß). Wenn das Recht ursprünglich die Form einer lex talionis (talio geht vielleicht auf talis zurück: »die Sache als solche«) hat. ni cum eo pacit. dann (juristische Konsequenz. mit Schmitts Worten. sondern die Schuld (nicht in dem technischen Sinn. Das Leben.’ Festus 496.stischen »Ausnahmezustand«) zurückzieht. wovon man ausgeschlossen ist oder das man nicht vollständig annehmen kann. Die originäre Struktur der Norm ist aus diesem Grund . S. Die Entscheidung ist hier nicht Ausdruck des Willens eines Subjekts. Deshalb nimmt die Souveränität bei Schmitt die Form einer Entscheidung über die Ausnahme an. e. seine eigentümliche und ursprüngliche »Kraft«. durch eine Ausschließung eingeschlossen zu werden. sondern stellt die Einschreibung der Äußerlichkeit in den Körper des nomos dar. buchstäblich genommen werden. das in der Ausnahme »die Kruste einer in Wiederholung erstarrten Mechanik« »durchbricht« (Schmitt I. e.« 37 . kann dies letztlich nur durch die Voraussetzung seiner einschließen. das die innerste Natur des Gesetzes betrifft. deren das Gesetz bedarf. wie Schmitt zu meinen scheint. 36 heißt als Ausnahmefall. wenn sie die Unentscheidbarkeiten in der unendlichen Überschreitung über jede effektive Möglichkeit des Signifikats stellt. nur in der exceptio sein. ap.’ hier wird ein Faktum durch seine Ausschließung in die Rechtsordnung eingeschlossen. soll ihm das gleiche geschehen« (Duod.: talio esto)«. I »Denn das Gesetz erlaubt gleichwertige Rache.insofern sie also die Bedingungen der Referenz festlegt und zugleich voraussetzt stets folgenden Typs: »Wenn (realer Sachverhalt. sondern im ursprünglichen Sinn eines In-der-Schuld-Seins: in culpa esse). wirft ein klares Licht auf die Ununterscheidbarkeit zwischen Außen und Innen. Die Entscheidung betrifft weder eine quaestio iuris noch eine quaestiofacti. Es gibt da eine Grenzfigur des Lebens. dann bedeutet das. daß »die Regel [. sondern die Beziehung selbst zwischen Rechtlichem und Faktischem. und die Überschreitung scheint dem zulässigen Fall vorauszugehen und ihn zu bestimmen. ob die Schuld die Norm begründet oder die Norm die Schuld setzt. Die Chiffre dieser Hereinnahme des Lebens ins Recht ist nicht die Sanktion (die keineswegs ein ausschließliches Merkmal der Rechtsnorm ist). daß Unwissenheit nicht vor Strafe schützt. das bedeutet eben.). weil es befiehlt oder vorschreibt. tab.: si membrum rupsit). g. In diesem Sinn hat das Recht »kein Dasein für sich. um den Einfall des »wirklichen Lebens«. Fest.jeder Moral fremden . I 5). das I Si membrum rupsit. setzt die Gewalt als ursprüngliche Rechtshandlung (permittit enim lexparem vindictam. sondern über die ursprüngliche Einbeziehung des Lebewesens in die Sphäre des Rechts oder. . die sie als Begriff im Strafrecht hat. Diese Unmöglichkeit zu entscheiden. daß die Rechtsordnung nicht einfach mit der Sanktion einer Überschreitung steht..] überhaupt nur von der Ausnahme« »lebt«. das beißt auf die Bestimmung des Zulässigen oder Unzulässigen. welche die souveräne Entscheidung über die Ausnahme kennzeichnet. . talio esto: »Wenn er einem ein Glied bricht und sich nicht mit ihm vergleicht. Das tut die Dekonstruktion. Deshalb muß die Behauptung.

« Deshalb kann auch das Paradox der Souveränität die Form annehmen: »Es gibt kein Außerhalb des Gesetzes«. das den Menschen von der Schuld zu erlösen und seine natürliche Unschuld zu erweisen vermag. 92). S. wenn sie keinen positiven Inhalt hat und sich die Glieder gegenseitig auszuschließen (und zugleich einzuschließen) scheinen? Welche Gesetzesform druckt sich darin aus? Der Bann ist 39 38 . unbestreitbar ist jedoch. Die souveräne Entscheidung zieht und erneuert von Mal zu Mal diese Schwelle der Ununterschiedenheit zwischen Außen und Innen. 46). zu überwinden und den Menschen von der Schuld zu befreien (was nichts anderes als die Einschreibung des natürlichen Lebens in die Ordnung des Rechts und des Schicksals ist). d a ß seine Definition der Schuld als ursprünglicher Rechtsbegriff. man kann es als wahren »bösen Willen« qualifizieren. Ausschließung und Einschließung. Die originäre Beziehung des Gesetzes mit dem Leben ist nicht die Anwendung. indem er es verläßt. Die unüberbietbare Potenz des nomos. frei«. daß die erste Arbeit Schmitts ganz der Definition des rechtlichen Begriffs der Schuld gewidmet ist. Es läßt sich nicht sagen. besteht darin. Diese Potenz (im eigentlichen Sinn der aristotelischen dynamis. sich im eigenen Entzug zu unterhalten. ob er außerhalb oder innerhalb der Ordnung ist (aus diesem Grund bedeuten im Italienischen »in bando. nomos und physis. einem Hinweis von Jean-Luc Nancy folgend. die Stufe der dämonischen Existenz. und »bandito« meint sowohl »ausgeschlossen..auch wenn sie entschlossen eine andere Richtung einschlägt. der ungebührlich auf die ethisch-religiöse Sphäre übertragen wurde. nicht zum Akt überzugehen) des Gesetzes. daß er das Leben in seinem Bann hält. Von ihm läßt sich in einem buchstäblichen Sinn nicht sagen. nennen wir. reich gedeckter Tisch«. das heißt etwas wesentlich »Innersubjektives« (Schmitt 3. ausgeliefert« [alla merci di] sowie »aus freien Stücken. »öffentlicher.7. Denn die Schuld ist (entgegen dem alten rechtlichen Sprichwort. I 8 . schreibt er. wo Leben und Recht. es gebe »keine Schuld ohne Norm«) vornehmlich ein »Vorgang des Innenlebens*. dann ist die Souveränität weder ein ausschließlich politischer noch ein ausschließlich juridischer Begriff. welche die Herrschaft des Antichristen bestenfalls hinauszögern kann. Außen und Innen verschwimmen. ebd.. Schmitt unterscheidet wie Benjamin klar zwischen Schuld und Charakter (der »Begriff der Strafschuld«. was sich jedem bewußten Willen entzieht) als das Prinzip vor. S. nicht mit einem esse zu tun«. freiwillig« [a proprio talento]. der »in der den Zwekken des Rechtes nicht entsprechenden Zwecksetzung« besteht (ebd. mit Schmitts Auffassung genau übereinstimmt . Doch um was für eine Beziehung handelt es sich eigentlich. verbannt« als auch »für alle offen. »hat es also mit einem operari. »mit losgelassenen Zügeln«). I K Der Bann ist eine Beziehungsform. Denn Benjamin geht es gerade darum. Ihre Entscheidung ist die Position eines Unentscheidbaren. etwa in den Wendungen »mensa bandita«. ist die Entschiedenheit. deren Residuum das Recht ist. sich in der Abwendung anzuwenden. um sie gegebenenfalls erneut in Frage zu stellen. sondern die Verlassenheit[l’Abbandono]. Diese Struktur des Banns gilt es hier zu verstehen. a bandono« ursprünglich »der Gnade überlassen. Die Ausnahmebeziehung ist eine Beziehung des Banns. die Potenz. um ihn dagegen mit Ausdrucken zu charakterisieren. sondern von ihm verlassen [abbundonato]. weder eine dem Gesetz äußerliche Potenz (Schmitt) noch die höchste Norm der Rechtsordnung (Hans Kelsen): Sie ist die originäre Struktur. )J Es ist kein Zufall. Was an dieser Studie sofort auffällt. und »a redina bandita«. als er Schicksal und Charakter und Zur Kritik der Gewalt schrieb. Tatsächlich ist der Verbannte ja nicht einfach außerhalb des Gesetzes gestellt und von diesem unbeachtet gelassen. Bei Benjamin stellt sich aber gerade dieses Element (der Charakter als das. in der sich das Gesetz auf das Leben bezieht und es durch die eigene Aufhebung in sich einschließt. wo das Leben in ursprünglicher Weise im’ Recht ausgenommen wird. mit welcher der Verfasser jede technisch-formale Definition des Schuldbegriffs ablehnt. das ironisch behauptet.sein Wesen vielmehr ist das Leben der Menschen selbst« (Savigny). sondern lediglich die zügelnde Kraft einer souveränen Macht (kat~chon). seine originäre »Gesetzeskraft«. die auf den ersten Blick eher moralisch als juridisch erscheinen. ob Benjamin diesen Text kannte. I . Hervorhebung durch den Übersetzer. die immer auch dynamis rn$ energein ist. Bann (das alte germanische Wort bezeichnet sowohl den Ausschluß aus der Gemeinschaft als auch den Befehl und das Banner des Souveräns). das heißt ausgestellt und ausgesetzt auf der Schwelle. Wenn die Ausnahme die Struktur der Souveränität ist.28). Dagegen steht im Mittelpunkt von Schmitts Einforderung des rechtlichen Charakters und der zentralen Bedeutung der Schuld nicht die Freiheit des ethischen Menschen. Eine analoge Konvergenz liegt bezüglich des Charakters vor. S.

1 19).« Der Text ist umstritten. S. Der Grundsatz. das heißt die einfache Setzung einer Beziehung mit dem Beziehungslosen.daran läßt der Bezug auf Herakles’ Diebstahl keinen Zweifel . daß man diesbezüglich mit gutem Grund von einem »Rätsel« gesprochen hat (Ehrenberg. / lenkt. sich also nur. die »mit höchster Hand« die paradoxe Vereinigung der beiden Gegenkräfte bewerkstelligt (wenn man in diesem Sinn unter »Rätsel« die aristotelische Definition von ainigma als »Verbindung von Gegensätzen« versteht. Nomos basileus 2. dem Fragment. ob das Politische nicht vielleicht jenseits der Beziehung. der König aller / Sterblichen wie Unsterblichen. nach dem die Souveränität zum Gesetz gehört und der von unserer heutigen Auffassung von Demokratie und Rechtsstaat nicht zu trennen zu sein scheint. Ich beweise es / durch Herakles’ Taten. . d& mehrere Interpretationen des Fragments möglich sind. Recht setzend. Gewalt und Gerechtigkeit. daß der Dichter . Die Bedeutung des Fragments klärt. daß es in seinem Zentrum eine skandalöse Zusammenfügung jener beiden antithetischen Prinzipien schlechthin birgt. das Gewaltsamste / mit höchster Hand.die reine Form des Sich-auf-etwas-Beziehens im allgemeinen. 1 Das Rätsel besteht nicht so sehr darin. ist die Souveränität des Gesetzes in einer derart dunklen und doppeldeutigen Dimension angesiedelt. 169 von Pindar.1. wenn man begreift. sondern treibt es im Gegenteil auf die Spitze. Seit der ältesten überlieferten Formulierung dieses Grundsatzes. In diesem Sinn ist sie mit der Grenzform der Beziehung identisch. Hier also der Text des Fragments in der Rekonstruktion Boeckhs: Nomos ho phztön basileh tbnat& te kai athatitön Ölgei dikaih th biaihzton hypertitai cbeivi. I »Nomos. Nomos ist die Macht. entscheidend ist vielmehr. welche für die Griechen Biu und D&c. tekmairomai hgoisin H%ak&os. räumt das Paradox der Souveränität keineswegs aus. das heißt nicht mehr in der Form eines Verhältnisses gedacht werden kann. 2. so enthält das Fragment wirklich ein Rätsel).die Souveränität des n&zos durch eine Rechtfertigung der Gewalt bestimmt. Eine Kritik des Banns muß also notwendigerweise die Beziehungsform selbst zum Problem erheben und fragen. sind.

Ursprünglicher und stärker als das Recht ist nicht (wie bei Schmitt) der n&zos als souveränes Prinzip. das führt eben Darum gewaltig Das gerechteste Recht mit allerhöchster Hand. die Schwelle. Schmitt kritisiert Hölderlins Interpretation des Fragments im Namen seiner Theorie von der konstitutiven Superiorität des n6mos über das Gesetz (im Sinne einer konventionellen Setzung). er ist ein konstituierendes geschichtliches Ereignis.IO. S. obwohl er weiß. ein Akt der Legitimität.hheo]! Denn ein solches Gesetz [&mos] erteilt den Menschen Kronion [Zeus]: Fische zwar sollten und wildes Getier und gefiederte Vögel fressen einer den andern. bleibt der zentrale Gedanke derselbe. der Gott muß verschiedene Welten unterscheiden. Von allen der König. die gerade gegen jedes unmittelbare Prinzip gerichtet ist. weil unter ihnen kein Recht ist. 43 1 2 Der Text ist umstritten.ist der souveräne nomos dasjenige Prinzip. dann wurde die spezifische »Kraft« des Gesetzes bereits im sechsten Jahrhundert genau in der »Verknüpfung« von Gewalt und Gerechtigkeit erkannt (krd’tei / nomou b& te kai diken synharmhas: i »durch Kraft des n&nos habe ich Gewalt und Recht verknüpft«. 484 b.« (Schmitt 2. sondern die Mittelbarkeit. I 5). 42) Schmitt mißversteht hier die Absicht des Dichters völlig. ihret selber wegen. streng genommen«.« (Hölderlin. x I n F r i e d r i c h Hölderlins kommentierter Übertragung von Pindars Fragmenten (von Friedrich Beißner auf 1803 datiert) lautet das besagte Fragment wie folgt (Hölderlin hatte aller Wahrscheinlichkeit nach einen im Sinne von Platons Gorgias. als Erkennendes. aber auch wenn man homou statt n6mou liest.). Aber den Menschen gab er das Recht [di&] bei weitem als bestes Gut. »verwirrt seine Deutung der Pindar-Stelle (Hellingrath V 277) dadurch. Der Nomos im ursprünglichen Sinne aber ist grade die volle Unmittelbarkeit einer nicht durch Gesetze vermittelten Rechtskraft. Auch ein Abschnitt von Hesiods Werke und Tage2 . daß er das Wort Nomos im Deutschen mit >Gesetz< wiedergibt und auf den Irrweg dieses Unglückswortes lenkt. S. Mit einer für seine letzten Übersetzungen so charakteristischen Korrektur verschiebt Hölderlin ein politisch-juridisches Problem (die Souveränität des Gesetzes als Ununterscheidbarkeit von Recht und Gewalt) in die Sphäre der Erkenntnistheorie (die Mittelbarkeit als Macht der Unterscheidung). vgl. In seinem Kommentar bestimmt Hölderlin den n&nos (den er vom Recht abgrenzt) als »strenge Mittelbarkeit«: »Das Unmittelbare. Der Mensch. das höher steht als das einfache Recht. das alle folgenden Definitionen der Souveränität lenkt: Der Souverän ist der Punkt der Ununterschiedenheit zwischen Gewalt und Recht. präzisiert er andererseits sorgfältig.280) Bei Hesiod ist der n6mos immerhin die Macht. 274. der die Legalität des bloßen Gesetzes überhaupt erst sinnvoll macht. seiner Natur gemäß. und bei Solon birgt die »Verknüpfung« von 2%~ und Dike weder Ambiguität noch Ironie. du aber laß dir davon das Herz nun bewegen: Höre du jetzt auf das Recht [d&?s ep&oue] und schlag die Gewalt aus dem Sinn dir [l&s d’ep. heilig seyn muß. Bei Pindar aber . das Recht und Gewalt.diesen mochte Pindar im Sinn gehabt haben . Vers 274 . in die Ununterscheidbarkeit drängt. indem es sie verbindet. den er dem politischen Denken des Abendlandes als Erbe hinterläßt und der ihn gewissermaßen zum ersten großen Denker der Souveränität macht . welche die Erkenntnis begründet.und das ist der Knoten. weil himmlische Güte. daß der Ausdruck »König« sich hier nicht auf eine »höchste Macht« bezieht. wenn Solon von seiner Handlung als Gesetzgeber spricht. Sterblichen und Unsterblichen. emendierten Text vorliegen: biaiön t6 dikaiataton. schreibt er. 285) Wenn Hölderlin (wie Schmitt) einerseits im nomos basileh ein Prinzip sieht. unvermischet. weil Erkentniß nur durch Entgegensezung möglich ist. muß auch verschiedene Welten unterscheiden. (v. wie für die Unsterblichen. sondern auf den »höchsten Erkenntnißgrund« (ebd. auf der Gewalt in Recht und Recht in Gewalt übergeht. 1. daß das Gesetz die strenge Mittelbarkeit ist. »Aber auch Hölderlin«.Wenn man im Fragment 24 von Solon k?rdtei n6mou lesen muf3 (wie das die meisten Forscher tun). »das Gerechteste erzwingend« oder: »dem Gerechtesten Gewalt antuend«): DAS HÖCHSTE Das Gesetz.280. Romilly. so schreibt er. In diesem Sinn enthält Pindars Fragment über den nomos basileus das verborgene Paradigma.weist dem n&zos eine entscheidende Stellung im Verhältnis von Gewalt und Recht zu: Perses. die Gewalt und Recht. 42 . S. tierische und menschliche Welt trennt. »ist für die Sterblichen unmöglich.

der PindarText jedoch bewußt verändert wird: »Auch Pindaros scheint mir das.b). sondern vielmehr die Koinzidenz von Gewalt und Recht. denn was Platon am Herzen liegt. so möchte er nicht die Souveränität des Gesetzes über die Natur behaupten. zur Vereinigung von Bz2 und Dike. die sowohl für die Sophisten wie (auf andere Weise) bei Pindar die »souveräne« Verwechslung und Vermischung von Bia und Dike rechtfertigte. die ihrer Natur nach über Freiwillige und nicht mit Gewalt ausgeübt wird.2. das biaZn t6 &azötaton der am besten autorisierten Handschriften nach dem Buchstaben des Pindar-Textes (dikaih tZ.. der Sterblichen und Unsterblichen«. scheint es. welche die Souveränität konstituiert. dient die Opposition den Sophisten just zur Begründung des Souveränitätsprinzips. und der Sinn des platonischen Wortspiels ist auch völlig klar: Die »Rechtfertigung der Gewalt/das Gerechteste erzwingen« ist hier im selben Maß ein »dem Gerechtesten Gewalt antun«. 245 f.] ist unter allen Lebewesen am weitesten verbreitet und auch der Natur gemäß. um die Gegenüberstellung von ph$is und nhnos außer Kraft zu setzen und die souveräne Vermischung von Gewalt und Recht auszuschließen. sondern vielmehr der Natur gemäß ist. thhz~ und nomos). In diesem Licht mu13 Platons Zitat im Gorgias (484 b. was ich meine. das Gesetz aber. worin er sagt: Das Gesetz. König aller. nicht durch das Gesetz [n&zos]. Platon neutralisiert beides mit der Behauptung. Denn das Ähnliche ist dem Ähnlichen von Natur verwandt. als daß man es mit einem Zupsus memoriae erklären könnte (und noch weniger mit einem Zapsus calami). von dem Pindar spricht. das heißt nicht gewaltsames Wesen. der Verständige aber führt und herrscht. Wenn er sagt (und mit ihm alle Vertreter dessen. wie einmal Pindar aus Theben gesagt hat. Nur eine akute coniunctiwitisprofessoria hat die Philologen dazu bringen können (insbesondere den Herausgeber der mittlerweile überholten kritischen Oxforder Platon-Ausgabe). da!3 der Unwissende Folge leistet. das sechste sein. wo VergeiSlichkeit vorgeschützt. nicht so sehr die Opposition von phjsis und nomos. das Platon im Protagoras Hippias in den Mund legt (»Ihr versammelten Männer seid alle Verwandte und Befreundete und Mitbürger von Natur. daß dies gewif3 kaum gegen die Natur.). 95 . Im zitierten Abschnitt der Nomoi wird die Macht des Gesetzes als naturgemäß (kath p@sin) und als wesentlich nicht gewaltsam bestimmt. sondern lediglich sein »natürliches«. möchte ich denn doch behaupten. die im Brennpunkt der sophistischen Debatte stand (Stier. Und in diesem Fall. was Platon interessiert. anzudeuten in dem Liede. »was mit der Seele verwandt ist« (Intellekt. Die ganze Behandlung des Verhältnisses von physis und nomos im zehnten Buch der Nomoi ist darauf ausgerichtet. S. Der Sinn dieser Entgegensetzung selbst.< (Legg. »die sie nicht richtig mit dem Namen der Natur bezeichnen« (Legg.3. hochweiser Pindar.97). 2. Eine analoge Absicht lenkt sowohl das implizite Zitat. Das gewichtigste Axiom aber dürfte. biaibtaton) zu emendieren. wonach der Stärkere herrscht. Während bei Platon also das »Naturgesetz« hervortritt. @ob-c) und dann geht es bei Platon so weiter: *führt mit übermächtigster Hand. I-IO) gelesen werden. das verlangt. Gewalt antuend dem Gerechtestenldas Gerechteste erzwingende. die sophistische Konstruktion der Opposition ebenso wie die Behauptung von der Vorgängigkeit der Natur gegenüber dem Gesetz zu demontieren. Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf hat zu Recht bemerkt (Wilamowitz. ursprünglicher sei als die Körper und die Elemente. muß hier in einer neuen Weise erwogen werden. darin und in nichts anderem besteht die »Souveränität« des nhzos. die sich in der politischen Kultur des Abendlandes so hartnäckig halten sollte. ist die Neutralisierung der Opposition. S. 892c. daß biaiön im Griechischen zu selten vorkommt. mein 44 In beiden Fällen ist das. ich meine die Herrschaft des Gesetzes. erzwingt vieles gegen die Natur«) als auch das explizite Zitat der Nomoi: »[Das Axiom. 2. daß »das Gesetz über die Menschen herrschen soll und nicht die Menschen über das Gesetz«. Die sophistische Polemik gegen den no’mos und zugunsten der Natur (die 45 . was Leo Strauss das »klassische Naturrechts nennt). daß die Seele und alles. welches ein Tyrann [tyrannos nicht basileh] der Menschen ist.

die Hobbes seiner Konzeption der Souveränität zugrunde legt. das sich in dem Moment offenbart. die Ununterscheidbarkeit von Recht und Gewalt legitimiert (beim starken Mann der Sophisten wie bei Hobbes’ Souverän). Die Souveränität stellt sich somit wie eine Einverleibung des Naturzustandes der Gesellschaft dar oder.ist in Wahrheit der innerste Kern des politischen Systems.das Naturrecht und das Prinzip der Erhaltung des eigenen Lebens . Er ist (sicher in der Neuzeit. was nach Lage der Sache faktisch notwendig erscheint. wie Strauss hervorhebt. Was dann eintritt (an dem Punkt. 2. Deshalb befindet sich der Naturzustand nicht wirklich außerhalb des &mos. in dem man ihn betrachtet. bildet die Antinomie physis/nomos die Voraussetzung. ist er vielmehr als in jedem Sinn fundamentales Moment darin einbezogen. 79f. in dem nach Schmitt die Regel von der Ausnahme lebt. sondern eher als ein dem Staat innewohnendes Prinzip. »wie wenn er aufgelöst wäre« (»ut tanquam dissoluta consideretur. im Kapitel über die »ersten globalen Linien«. . Der Ordnung-Ortung-Nexus enthält also in seinem Innern immer schon den eigenen virtuellen Bruch in der Form einer »Suspendierung allen Rechts«. dieses lebt von ihm in demselben Sinn. Hobbes 1. In beiden Fällen. der die absolute Macht des Souveräns rechtfertigt. Was er hier um jeden Preis sichern will. wie ein Schwelle der Ununterschiedenheit zwischen Natur und Kultur. 66f. ut qualis sit natura humana [. . wie der Nexus von Ortung und Ordnung. Der letztere (samt der notwendigen Ununterscheidbarkeit zwischen Bia und Dike) ist ihm nicht einfach äußerlich. Wenn für die Sophisten die Vorgängigkeit derp&is letztendlich die Macht des Stärkeren rechtfertigt. Wichtig ist zu bemerken. auf das auch Montesquieu hingewiesen hat: die Statue der Freiheit oder die der Gerechtigkeit wird für eine bestimmte Zeit verhüllt. S. dem »in offensichtlich analoger Weise die Vorstellung eines ausgegrenzten. Im übrigen war sich Hobbes. freien und leeren Raumes zu Grunde« »liegt«. In der klassischen Epoche des Jus Publicum Europaeum entspricht diese Zone der Neuen Welt. daf3 der Naturzustand nicht unbedingt als reale Epoche angesehen werden muß. der als einziger sein natürliches ius contra omnes bewahrt. räumlich durch eine genaue Angabe des Geltungsbezirks. wenn man will. ist die Vorrangigkeit des souveränen nbmos als konstitutives Ereignis des Rechts gegenüber jeder positivistischen Konzeption des Gesetzes als einfache Setzung und Übereinkunft.« (Schmitt 2. d. völlig bewußt. die Wesensnähe von nbmos und Ausnahmezustand im dunkeln lassen. die das Souveränitätsprinzip. h.] recte intelligatur«. Die Äußerlichkeit . in dem die souveräne Macht die vom nomos als Ortung festgelegten Grenzen nicht mehr kennt. wo man die Gesellschaft tanquam dissoluta 47 . zwischen Gewalt und Gesetz. »Zeitlich ist es durch Verkündung des Kriegsrechts am Anfang und durch einen Indemnitätsakt am Schluß von dem Zeitraum der normalen Rechtsordnung abgegrenzt. in dem der Nomos der Erde besteht.sich im Verlauf des vierten Jahrhunderts immer mehr erhitzt) kann man als notwendige Prämisse für die Opposition von Naturzustand und commonwealth betrachten. daß bei Hobbes der Naturzustand in der Person des Souveräns überlebt. Es gibt für diesen Vorgang ein anschauliches antikes Symbol. Deswegen muß Schmitt. Von hier aus gesehen wundert es nicht. und genau in dieser Ununterscheidbarkeit liegt das Spezifische der souveränen Gewalt. sie bildet einen »freien. daI3 Schmitt seine Theorie von der Ursprünglichkeit des »Nomos der Erde« gerade auf das Pindar-Fragment gründet und dennoch keine Anspielung auf seine These von der Souveränität als Entscheidung 46 über den Ausnahmezustand macht. auch wenn vom »Nomos als Herrscher« die Rede ist. aber wahrscheinlich schon zur Zeit der Sophistik) das In-Potenz-Sein des Rechts. die mit dem Naturzustand identifiziert wird (John Locke: »In the beginning all the world was America«).). auch wenn in scheinbar entgegengesetztem Sinn. ist es für Hobbes gerade diese Identität von Naturzustand und Gewalt (homo homini Lupus). obwohl klar abgegrenzt. S.) In seiner Souveränität ist der nomos notwendig sowohl mit dem Naturzustand als auch mit dem Ausnahmezustand verknüpft. innerhalb dieses örtlichen und zeitlichen Bereichs kann alles geschehen. rechtsleeren Raum«. Schmitt bringt diese Zone beyond the line selbst mit dem Ausnahmezustand zusammen. zeigt Schmitt nämlich.4. seine Selbstvoraussetzung als »natürliches Recht«. Eine aufmerksamere Lektüre stellt diese Nähe jedoch klar heraus: Wenig später. immer eine aus dem Recht ausgeschlossene Zone impliziert. sondern enthält ihn virtuell. id est. verstanden als »ein zeitlich und räumlich bestimmter Bereich der Suspendierung allen Rechts«.

was sich in Ex-Jugoslawien abspielt. 48 . vielmehr ist es das Zutagetreten des Ausnahmezustandes als permanente Struktur der juridisch-politischen Ent-Ortung und Verschiebung.den konstitutiven Nexus zwischen Ortung und Ordnung des antiken nomos zersetzt und das ganze System der gegenseitigen Abgrenzungen und der Regeln des Jus Publicum Europaeum ruiniert. wie bei einem Möbius-Band oder einer Leidener Flasche.seiner Auflösung in Kraft ist und daher all das geschehen konnte.phjsis und nomos auseinanderzuhalten. der . Wenn die Ausnahme dazu tendiert. fallen die beiden Kreise absolut ununterscheidbar zusammen (Fig. in der von neuem alles möglich wird. sondern der Ausnahmezustand. daß in Wirklichkeit der eine sich im Innern des anderen befindet (Fig. in das die Menschen zurückfielen). nun im Innern (als Ausnahmezustand) wiedererscheint. Naturzustand und Ausnahmezustand sind lediglich die zwei Seiten des einen topologischen Prozesses. ist in Tat und Wahrheit nicht der Naturzustand (als früheres Stadium. und ganz allgemein die Auflösung der traditionellen staatlichen Organismen in Osteuropa nicht als eine Wiederkehr des Kampfes aller gegen alle im Naturzustand betrachtet werden. was der Souverän faktisch für notwendig hielt) hat seine raumzeitlichen Grenzen durchbrochen und. hat in der souveränen Ausnahme sein verborgenes Fundament. müssen wir hingegen den Blick zu heften versuchen. Genau auf diese topologische Zone der Ununterscheidbarkeit. schematisch darstellen. droht er nunmehr überall mit der normalen Ordnung zusammenzufallen. Es handelt sich also nicht um einen Rückfall der politischen Organisation in überwundene Formen. I). die anfangs voneinander getrennt erscheinen (Fig.betrachtet). dann aber im Ausnahmezustand zeigen. 3): Fig. was als Außen vorausgesetzt worden ist (der Naturzustand). und die souveräne Macht ist genau diese Unmöglichkeit. indem er sich über sie hinaus ergießt. so wie es sich im Ausnahmezustand gestaltet. 3 In dieser Perspektive muß das. auf dem er gründet. Außen und Innen. sondern um vorwarnende Ereignisse. sondern auch Naturzustand und Recht.seit dem Ersten Weltkrieg in klar erkennbarer Weise . Der Prozeß (den Schmitt minutiös beschrieben hat und den wir heute noch erleben). K Wollte man das Verhältnis zwischen Naturzustand und Rechtszustand. was geschehen ist und weiterhin vor unseren Augen geschieht: Der »rechtsleere Raum« des Ausnahmezustandes (wo das Gesetz in der Figur und etymologisch heißt das in der Fiktion . der (wenn das Prinzip. nicht erneut in Frage gestellt wird) dazu tendiert. die dem Auge der Gerechtigkeit verborgen bleiben sollte. sich über den ganzen Planeten auszubreiten. der das Vorspiel zu neuen sozialen Verträgen und neuen nationalstaatlichen Ortungen wäre. I Fig. so könnte man sich zwei Kreise vorstellen. in der nicht nur Ausnahme und Regel. das Draußen und das Drinnen ineinander übergehen. Natur und Ausnahme. 2). die wie blutige Boten den neuen nomos der Erde ankündigen. Es ist das. 2 Fig. wo das. zur Regel zu werden. Der Ausnahmezustand ist demnach nicht so sehr eine raumzeitliche Aufhebung als vielmehr eine komplexe topologische Figur.

in dem Paradox gefangen zu bleiben. dem ihr Vorhandensein Realität verleiht. stimmt man heute (ganz nach der allgemeinen zeitgenössischen Tendenz. der die Verfassung entsprungen ist. [. Dafür bilden in dieser Zeit die Parlamente ein Beispiel. die Beziehung zwischen den beiden Gewalten harmonisch einzurichten. nicht bewußt geblieben sind. daß sie zu Beschlüssen. in der Folge meistens mit »Potenz« und »Akt« wiedergegeben. 183f. Denn wenn die konstituierende Gewalt als Gewalt. die angemerkt werden. daß die Konstitution sich selbst als konstituierende Gewalt voraussetzt. das wir hier zu beschreiben versuchen. 2 Für konstituierende Gewalt steht im deutschen juristischen Sprachgebrauch gewöhnlich verfassunggebende Gewalt. . In einem politikwissenschaftlichen Traktat liest man darüber folgendes: »Die Erklärung dafür legt Wert darauf. s. sie sind von einer vorgängigen statutarischen Ordnung nicht zu trennen und bedürfen des staatlichen Rahmens. Gegen die Auffassung vom originären und irreduziblen Wesen der konstituierenden Gewalt. I Aber die andere Auffassung (jene der demokratisch-revolutionären Tradition). und druckt in dieser Form das Paradox der Souveränität am prägnantesten aus. wenn es darum geht. sie unterhält sogar ein zweideutiges und unauflösbares Verhältnis zur konstituierten Gewalt. sondern im Kompromiß eine vermeintlich gewaltlose Behandlungsweise politischer Angelegenheiten pflegen. . . alles mittels Normen zu regeln) zunehmend in der Auffassung überein. sie muß eher in dem Sinn verstanden werden. die in ihnen repräsentiert ist. hat Benjamin diese Tendenz bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg kritisiert. So wie sich die souveräne Macht als Natur51 50 .« (Benjamin 1. I .« (Burdeau. sie ist die Quelle. Sie bieten das bekannte jammervolle Schauspiel. als vorrechtlich oder rein faktisch beiseite zu schieben. sondern auch. die dadurch.) weise außerhalb jeglicher konstituierten Gewalt hält. die konstituierende Gewalt auf die in der Verfassung vorgesehene Revisionsbefugnis zu beschränken und die Gewalt. Mit Worten. so verfällt es. die in keiner Weise von einer bestimmten Rechtsordnung bedingt und gebeugt werden kann und sich notwendigerItalienisch »potenza« und »atto« werden. so gibt es in ihr selbst doch nichts. S. sie schuldet ihm nichts und existiert ohne ihn. läuft ebenfalls Gefahr. Das Paradox der Souveränität zeigt sich wohl nirgendwo in so klarem Licht wie beim Problem der konstituierenden Gewalt und ihrem Verhältnis zur konstituierten Gewalt. . daß man aus ihrem Fluß schöpft. niemals ausgeschöpft wird. gewiß edler ist als die rechtserhaltende Gewalt. 1gof. mit »Fähigkeit« oder »Vermögen« (bzw. Die konstituierende Gewalt befindet sich dagegen außerhalb des Staates.) Daher rührt die Unmöglichkeit. wenn der Verfassungstext selbst. welche die konstituierende Gewalt gegenüber jeder konstituierten Gewalt in ihrer souveränen Transzendenz bewahren will. In dieser Perspektive ist die berühmte These von Emmanuel Joseph Sieyes.2 Theorie wie positive Gesetzgebung haben bei der Formulierung und der Wahrung dieser Unterscheidung in ihrer ganzen Tragweite stets Schwierigkeiten bekundet. daß man die konstituierende Gewalt und die konstituierte Gewalt auf verschiedenen Ebenen ansiedeln muß.] Ihnen fehlt der Sinn für die rechtsetzende Gewalt. eingebürgert haben. welche dieser Gewalt würdig wären. daß die Verfassung (constitution) vor allem eine konstituierende Gewalt voraussetzt. indem er das Verhältnis zwischen konstituierender Gewalt und konstituierter Gewalt als dasjenige zwischen rechtsetzender und rechtserhaltender Gewalt [violenza] darlegt: »Schwindet das Bewußtsein von der latenten Anwesenheit der Gewalt in einem Rechtsinstitut. während für die konstituierte Gewalt meistens die Verfassung selbst steht. um der Klarheit und um der Besonderheit der Argumentation willen wird die Unterscheidung zwischen »potere costituente« und »potere costituito« auch terminologisch beibehalten.3. etwa »Vermögen« und »Verwirklichung«. in einigen Fällen. wodurch sie ihre Verschiedenheit legitimieren kann. die rechtliche Natur der Diktatur oder des Ausnahmezustandes zu verstehen. »un-/vermögend« für »im-/potente«). nicht gelangen. Konstituierte Gewalten existierten nur im Staat. wie das oft der Fall ist. denen sie ihr Dasein verdanken. kein Wunder. die Revisionsbefugnis vorsieht. auch wenn sich inzwischen deutsche Begriffe. die das Recht setzt.] ihren wirklichen Sinn verleihen. Sie macht sich nicht nur besonders bemerkbar. Potenz1 und Recht 3. nicht einfach eine Binsenwahrheit. weil sie sich der revolutionären Kräfte. will man der Unterscheidung [. die seitdem nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben.

so doch wenigstens eine gewisse Dauerhaftigkeit und Stabilität [. S.] Die Entscheidungen [dieses Willens] als solche sind von den auf ihrer Grundlage normierten verfassungsgesetzlichen Normierungen qualitativ verschieden. dann ist das Kriterium. und das konstituierende Subjekt und das souveräne Subjekt be- Das fundamentale Problem besteht hier nicht so sehr darin. unklar. präsentieren sich in bestimmter Weise als Bewahrer einer konstituierenden Instanz neben der konstituierten Gewalt. S. so teilt sich die souveräne Macht in eine konstituierende und eine konstituierte Gewalt und bleibt mit beiden in Verbindung.2. so schreibt sie. in den Begriffen der Französischen Revolution gesprochen.despotische Gewalt< -der Nation Souveränität verleihen und eine absolute Immortalität der Republik. S. die den Historikern des öffentlichen Rechts so zu schaffen gemacht hat. Er bedufte. wenn auch paradoxe technisch-juridische Lösung des Problems der Bewahrung der konstituierenden Gewalt. die diesen Abschnitt in ihrem Buch über die Revolution zitiert. Sieyes selbst war sich dieser Implikation so weit bewußt.oder nationalen Souveränität zu unterscheiden erlaubt. weil dort die Staatspartei das Duplikat der staatlichen Organisation ist. K Schmitt betrachtet die konstituierende Gewalt als einen »politischen Willen. Auch die Macht der Räte (die als stabile zu konzipieren nichts hindert. . der nicht von ihm stammt -. eine konstituierende Gewalt zu konzipieren. die Erhaltung der konstituierenden Gewalt zu denken.« »Neben und über der Verfassung bleibt dieser Wille erhalte+ er ist nicht auf die Ebene der Rechtsnormen zurückführbar und theoretisch von der souveränen Macht verschieden (Schmitt 4.absolute Souveränität< . wie in den Revolutionsvor- gängen das Bedürfnis nach einer Souveränitätsinstanz auftauchte.« (Arendt 1. . [. . sie zu eliminieren) kann aus dieser Perspektive als ein Fortleben der konstituierenden Gewalt in der konstituierten betrachtet werden. die konstituierende Gewalt klar von der souveränen Macht zu unterscheiden. einen Unsterblichen Gesetzgeber< und das. sondern vielmehr. selbst wenn die revolutionären konstituierten Gewalten dann in Wirklichkeit alles getan haben. »war gar kein Höchstes Wesen [. wie das bereits (so Schmitt selbst) seit Sieyes geschieht.zustand voraussetzt. einer immer gegenwärtigen transzendenten Quelle der Autorität jenseits des politischen Raumes. 3. »die gesamte Ausübung aller staatlichen Gewalt restlos in geschrie- . die als absolutes Prinzip den legislativen Akt der konstituierenden Gewalt zu begründen imstande war. die sich nie in der konstituierten Gewalt erschöpft (was nicht leicht ist. beschreibt. Aber wenn die konstituierende Gewalt. die konkrete Gesamtentscheidung i&ber Art und Form der eigenen politischen Existenz zu treffen. als in beiden Fällen die Frage »wo?« in dem Moment wesentlich wird. daß er die (mit der Nation identifizierte) konstituierende Gewalt in einen Naturzustand außerhalb des sozialen Bandes verlegt hat: »Man muß die Nationen der Erde«.ein Begriff. das sie von der Volks. aber immerhin theoretisch möglich). 75 -77).]. Doch was Robespierre brauchte.] . . »als Individuen ohne gesellschaftliche Bindung [. so sollte eine . der auf diese Weise mit dem Rechtszustand in der Bann-Beziehung verbunden bleibt. Und sie zeigt deutlich. indem sie sich am Punkt ihrer Ununterschiedenheit aufhält. . erscheint von da aus gesehen wie eine interessante.] im Naturzustand betrachten« (Sieyes 1. 185) trotzkistischen Begriff der »permanenten Revolutionen« oder den maoistischen der »ununterbrochenen Revolution* bekannt geworden. daß sich diese Gewalt in beiden Fallen als Ausdruck einer souveränen Macht darstellt oder sich jedenfalls nicht so leicht von dieser trennen läßt. mit dem konstituierenden Willendes Volkes oder der Nation zusammenfällt. Die Analogie zwischen der Sowjetunion und Nazi-Deutschland ist um so triftiger. wo weder die konstituierenden Instanzen noch der Souverän ganz innerhalb oder ganz außerhalb der konstituierten Ordnung situiert werden können.Blackstones . wie dieses (auch in der Idee vom »Höchsten Wesen« bei Robespierre vorhandene) Bedürfnis letztlich in einen Teufelskreis mündete. die nicht mit dem Allgemeinwillen der Nation oder der Revolution zusammenfiel. wie er selbst es nannte. wenn nicht die Unsterblichkeit. .82).ständigen Appell an die Gerechtigkeit< bezeichnete. dessen Macht oder Autorität imstande ist. Es ist jedoch ebenso gewiß. . Gewiß fehlt es in unserer Zeit nicht an Versuchen. die leninistische und die nazistische Partei. und sie sind durch den ginnen verwechselbar zu werden. . was er in einem anderen Kontext auch als einen . sehr viel schwieriger ist es. so schreibt er. Hannah Arendt. Die charakteristische »duale« Struktur der großen totalitären Staaten unseres Jahrhunderts (der Sowjetunion und Nazi-Deutschlands). Schmitt kritisiert den liberalen Versuch. Doch selbst die beiden großen Liquidatoren spontaner Räte in unserer Zeit.

und die ungelöste Dialektik von konstituierender und konstituierter Gewalt macht einer neuen Form der Beziehung zwischen Potenz und Akt Platz. doch die Symmetrie dieser Überschreitung zeugt auch von einer bis zur Deckungsgleichheit reichenden Nähe. Nietzsche und Heidegger in diese Richtung unternommen haben) die auf dem Primat des Akts und seiner Beziehung zur Potenz gegründete Ontologie ersetzt hat. Das Problem der konstituierenden Gewalt wird somit zum Problem der »Konstitution der Potenz« (ebd. die (auf welche Weise auch immer) ihr von der Idee der Souveränität her zugeschrieben werden kann. sagt noch nichts über ihre Verschiedenheit von der souveränen Macht aus. wird sie erst in ihrer Radikalität gedacht. wie die konstituierende Gewalt.). 107f. die Beziehung von Potenz und Akt anders zu denken. Solange nicht eine neue und kohärente Ontologie der Potenz (jenseits der Schritte. Deswegen . . den Souveränität und konstituierende Gewalt aneinander bindet. daß der Kitharaspieler seine Fähigkeit zu spielen behält. welche die ganze konstituierende Gewalt auf die konstituierte Gewalt reduzieren wollen) behaupten. Wenn die konstituierende Gewalt den konstituierenden Prozeß in Gang setzt. die Aristoteles zwischen Potenz und Akt. »ist nicht diejenige. dann kommen diese Merkmale tatsächlich auch der Souveränität zu. und nur wenn es gelingt. daß die konstituierende Gewalt zum einen weder aus der konstituierten Ordnung emaniert noch sich auf ihre Einsetzung beschränkt und zum anderen freie Praxis sein soll. wird den Knoten zu zerschneiden vermögen. Sie werden ebensowenig Subjekt oder Träger der verfassunggebenden Gewalt«. Konstituierende Gewalt und souveräne Macht überschreiten unter diesem Blickwinkel beide die Ebene der Rechtsnorm (sogar diejenige der fundamentalen Norm). das die konstituierende Gewalt von der souveränen Macht zu scheiden erlaubte. Auf diese Weise verschiebt sich das Problem von der politischen Philosophie zur Prima Philosophia (oder.« (Negri. daß die konstituierende Gewalt (definiert als »Praxis eines konstitutiven Akts. wie man die Existenz und die Autonomie der Potenz denkt. Sie ist es deshalb nicht. befleißigt sich Aristoteles jedesmal. die zeigt.m u ß die . »Die Wahrheit der konstituierenden Gewalt«. die Potenz existiere nur im Akt (energ& mhon dynasthai). Was er im Buch Theta der Metaphysik zu denken versucht. S.das heißt. Wenn unsere Analyse der ursprünglichen Struktur der Souveränität als Bann und Verlassenheit [bando e abbandono] zutrifft. ist mit anderen Worten nicht die Potenz als reine logische Möglichkeit. Bei Aristoteles geht einerseits die Potenz dem Akt voraus und bedingt ihn. S. aufhört. undenkbar. eine konstituierende Gewalt zu denken. das noch nicht existiert und dessen Existenzbedingungen dafür sorgen. 3. die (wie heute diejenigen Politiker. die punktuelle Bestimmung. aber der Umstand. die sich den Aporien der Souveränität entziehen könnte. Die Beziehung zwischen konstituierender Gewalt und konstituierter Gewalt ist ebenso komplex wie jene. und Negri kann nirgendwo in seiner breitangelegten Analyse der historischen Phänomenologie der konstituierenden Gewalt das Kriterium finden. Das Interesse von Negris Buch gilt aber eher der zum Schluß eröffneten Perspektive. Toni Negri hat in einem jüngeren Buch zu zeigen versucht. weil sie nicht nur (ganz offensichtlich) keine Emanation der konstituierten Gewalt ist. das radikale Dispositiv von etwas. daß sie auf das Souveränitätsprinzip zurückzuführen ist. die vom souveränen Bann gänzlich losgelöst ist. und behauptet dagegen die Souveränität der Verfassung oder der fundamentalen charte: Die für die Verfassungsrevision zuständigen Instanzen »werden infolge dieser Zuständigkeit nicht etwa souverän [. die einen Horizont eröffnet. daß der schöpferische Akt in der Schöpfung nicht seine Eigenheit verliert. und das unvermeidliche Ergebnis ist dann die Produktion »apokrypher Souveränitätsakte« (Schmitt 4. Schelling. sondern es sind die effektiven Modi ihrer Existenz. ja sogar jenseits von ihr zu denken. wird es auch möglich sein. und letztendlich hängt sie (wie vielleicht jedes echte Verständnis des Souveränitätsproblems) davon ab. sondern auch nicht die Institution der konstituierten Gewalt: Sie ist der Akt der Wahl. bleibt eine politische Theorie. andererseits scheint sie ihm aber wesentlich untergeordnet zu bleiben. auch wenn er nicht spielt. als die ontologischen Kategorien der Modalität in ihrer Gesamtheit neu zu denken. sondern einen eigenen Bestand hat . folglich als ihr Ende. wenn man so will. S. 38 3). ein politischer Begriff im engeren Sinn zu sein. auch wenn er nicht baut. als Erschöpfung der Freiheit. Nur eine völlig neue Konjugation von Möglichkeit und Wirklichkeit. Gegen die Megariker. was nicht weniger erfordert.. 3 I) Das Problem der Unterscheidung von konstituierender Gewalt und souveräner Macht ist sicher wesentlich. deren Träger die konstituierende Gewalt ist. die Spinoza. . und der Baumeister seine Fähigkeit zu bauen. zwischen L&ZLZ~~S und enérgeia herstellt. die Autonomie der Potenz hervorzuheben. in Freiheit erneuert und in der Fortführung einer freien Praxis organisiert«) sich auf keinerlei Form der konstituierten Ordnung reduzieren läßt. die Politik wird wieder in ihren ontologische Rang gehoben). so die für ihn evidente Tatsache. Die Souveränität dagegen tritt als Festlegung der konstituierenden Gewalt auf. weil sie sich nicht jedesmal unmittelbar in der Handlung verflüchtigt.benen Gesetzen erfassen und umgrenzen zu können«. und sich zwangsläufig als eine Kategorie der Ontologie heraus- stellt.3.]. ist und bleibt jegliche Bestimmung frei. von Zufall und Notwendigkeit und der anderen pathe t& Cantos. zugleich bestreitet er. so schreibt er.

Das Vermögende kann erst dann zum Akt übergehen. Die Potenz (in ihrem doppelten Aspekt von Potenz zu und Potenz nicht zu) ist die Weise. denn das. unter der sich die Potenz. 4r7b. Met. durch das. sie vermag [puO] den Akt. Die Souveränität ist immer doppelt. die eine der scharfsinnigsten Leistungen seines philosophischen Genies darstellt und als solche auch oft mißverstanden worden ist: *Vermögend ist das. wenn die Verwirklichung dessen. sich sein läßt. der sich einfach dadurch verwirklicht. sondern weil Potenz und Akt nur die beiden Aspekte des Prozesses der souveränen Selbstbegründung des Seins sind. mit Entschiedenheit in einer lapidaren Formel: »Jedes Vermögen [potenza] ist auch ein Unvermögen [impotenza] desselben und in bezug auf dasselbe« (to& autou kai kat2 th ah pha djnamis adynamia. Met. 3of. daß er die eigene Potenz. der darin der Absicht von Aristoteles treu ist. wenn es die Potenz. Denn der Struktur der Potenz. was nicht unmöglich ist). die genau über ihr Nicht-sein-Können. Io&a. In einem Abschnitt von De anima. indem er sich abwendet. dasselbe ist also vermögend zu sein und nicht zu sein« (th dynatbn endechetai kai einai kai mi etnai. verwirklichen kann. beschreibt er den übergang zum Akt (anhand der tt+chnai und der menschlichen Fertigkeiten. schlimmer noch.26) Die letzten drei Worte der Definition (oudbz btai adýnaton) bedeuten nicht das. sie vermag die eigene Impotenz souverän. sondern im Gegenteil ihre Erfüllung. eines Widerspruchs im Denken des Philosophen. was entweder keine Veränderung ist (da es ja eine Gabe an sich selbst und an den Akt ist (oder eine andere Gattung von Veränderung. 1047 a. die existiert. Aristoteles äußert dieses Prinzip. nicht zu sein (seine adynamia). nie klar wird. in der anderen ist es eher die Bewahrung [s&?ria. Oder sogar noch deutlicher: »Was vermögend [potente] ist. 2-16) Während er das authentische Wesen der Potenz beschrieb. ob der Primat nun tatsächlich dem Akt oder nicht doch der Potenz zukommt. um sich sich selbst zu geben. so geschieht das nicht aufgrund einer Unentschiedenheit oder. auf die sich das Sein souverän gründet. wird ein Betrachtendes im Akt. Und souverän ist jener Akt. indem sie vermag. 57 . sondern als eine Selbstbewahrung der Potenz und »Gabe ihrer selbst an sich selbst«: »Auch das Erleiden ist nicht von einfacher Bedeutung. indem es als Potenz mit sich selbst in der Beziehung des Banns [bando] (oder der Verlassenheit [abbandono]) verbunden bleibt. nennt sie »vollkommene Potenz« und führt als Beispiel die Figur eines Schreibers an.). der momentan nicht schreibt). Iojob. sondern in der einen Bedeutung ist es der Untergang durch das Entgegengesetzte. wie wird dann die Verwirklichung eines Akts möglich sein? Aristoteles’ Antwort ist in einer Definition enthalten. ist genau diejenige. die auch im Zentrum des Buchs Theta der Metaphysik stehen) nicht als Veränderung oder Zerstörung der Potenz im Akt. weil das Sein sich selbst aufhebt. um die sich die ganze dynamisTheorie dreht. I O ) . Sie erhält die Beziehung mit dem Akt in Form ihrer Aufhebung aufrecht. Daher rührt die konstitutive Ambivalenz der aristotelischen Theorie der dynamis/energeia: Wenn einem Leser. wo Aristoteles das Wesen der vollkom- menen Potenz auch am vollkommensten ausdrückt. Aber wie ist in dieser Perspektive der Übergang zum Akt zu denken? Wenn jede Potenz zu (sein oder tun) ursprünglich auch Potenz nicht zu (sein oder tun) ist.]. eintritt. ihn nicht zu verwirklichen. der das Buch Theta der Metaphysik mit einem von den Vorurteilen der Tradition befreiten Blick liest. 24. . was im Akt ist und sich ebenso verhält [.« (De an. das in gewisser Weise die Angel ist. ablegt. wegnimmt. Rettung] dessen.Potenz auch nicht zum Akt übergehen können. was die gewöhnliche Lesart meint: »es wird nichts Unmögliches geben« (das heißt: möglich ist das. Die Potenz. für das nichts Unvermögendes eintreten wird. nicht zu sein. mit dem Akt in Beziehung bleibt. die nicht zum Akt übergehen kann (Avicenna. daß es über Vermögen verfüge. sich sich selbst hingibt. wie Aristoteles sagt. kann sowohl sein als auch nicht sein. entspricht jene des souveränen Banns. Dieses Ablegen der Impotenz bedeutet nicht ihre Zerstörung. hat Aristoteles in Wirklichkeit der abendländischen Philosophie das Paradigma der Souveränität gestiftet. die Potenz wendet sich auf sich selbst zurück. adynamia. sie muß konstitutiv auch Potenz nicht zu (tun oder sein) sein oder. wovon man sagt.« (Met. außer das eigene Nicht-sein-Können. die ebenso sein wie nicht sein kann. der sich auf die Ausnahme anwendet. . was die Wissenschaft [in Potenz] besitzt. was in Potenz ist. vielmehr bekräftigen sie die Bedingung. das heißt ohne daß ihm etwas vorausgeht oder es bestimmt (superiorem non recognoscens).

»die zwei Elemente einer jeden Macht. und eine konstituierende Gewalt. die völlig losgelöst wäre vom Souveränitätsprinzip. die den Bann. wozu heute viele um keinen Preis bereit sind. selbst jenseits jener Grenzbeziehung. die schwierig zu übersetzende französische Originalwendung steht hier auch in Entsprechung zum nachfolgenden >>d&ceuvrement*. dem Schreiber. Der zentrale Gedanke ist hier der. so wie der Amor fati für die Unmöglichkeit. dessen Denkakt nur im Denken der eigenen Potenz zu denken besteht. zwischen Potenz und Akt. Daß diese Ideologie in Wahrheit einen mythologischen Charakter hat. auf eine Einheit zurückzuführen« (Mairet. und der Akt nicht mehr als Erfüllung und Manifestation der Potenz. eine »Konstitution der Potenz« zu denken. ist weniger ein Mythologem als viel- mehr die ontologische Wurzel jeglicher politischen Macht (Potenz und Akt sind für Aristoteles vor allem Kategorien der Ontologie. vorausgeht.« Es ist die Struktur dieses Arkanums. etwa »Negativität ohne Verwendung« oder »ohne Anstellung«. Das aber würde nicht weniger bedeuten. So in der französischen Quelle. daß die konstituierende Gewalt sich nie in der konstituierten Gewalt erschöpft. die ihn bedingen. der versucht. daß die Auflösung des Banns wie jene des gordischen Knotens nicht so sehr der Lösung einer logischen oder mathematischen Aufgabe gleicht. Sie zeigen. und genau diese Zone der Ununterscheidbarkeit ist der Souverän (in Aristoteles’ Metaphysik entspricht das dem »Denken des Denkens«. das Prinzip der Gewalt und die Form ihrer Ausübung. K Es ist bereits bemerkt worden. Agamben übersetzt »negatività senza impiego«. j>in denen das Sein gesagt wird«). Es gibt im modernen Denken wenige. die wir mit der Bann-Beziehung als Beziehung der Verlassenheit [abbandono] und der »Potenz nicht zu« ans Licht bringen wollten. 4 Im amerikanischen Original: »I would prefer not to. der gleichwohl ein Denker der Souveränität bleibt. Der stärkste Einwand gegen das Prinzip der Souveränität steckt in Herman Melvilles Bartleby. in der die »Potenz nicht ZU« nicht mehr unter die Struktur des souveränen Banns fällt. der aber womöglich das Geheimnis jeder Macht birgt. der sie an die konstituierte Gewalt bindet. das Sein jenseits des Souveränitätsprinzips zu denken. sie besteht darin. doch gelingt es ihnen dennoch nicht. Beim späten Nietzsche steht die Ewige Wiederkunft des Gleichen für die Unmöglichkeit. doch gerade das ist es.« I 2 . ohne je zum Akt überzugehen (der Provokateur ist genau derjenige. Ebenso scheint in Heideggers Verlassenheit [abbandono] und im Ereignis’ das Sein aller Souveränität ledig zu sein. Es genügt nämlich nicht. die der souveräne Bann ist. »Untätigkeit. sagt der Verfasser selbst. endgültig gebrochen hätte. nicht einmal in Form der Gabe seiner Selbst und des Seinlassens. sich vollends aus ihrem Bann zu lösen. das keinerlei Potenz voraussetzt und nie per transitum de potentia ad actum existiert. Hier zeigt die metaphysische Aporie ihr politisches Wesen. auch im Sinn von »Werklosigkeit« als Modus des Seins. sie zur Umsetzung in die Tat zu zwingen).: »Es handelt sich um einen eigentlichen Mythos. als die Ontologie und die Politik jenseits aller Figuren der Beziehung zu denken. Müßiggang«. I 5 34). auch die souveräne Macht kann als solche in der Unbestimmtheit verharren. Georges Bataille. Doch was uns hier entgegentritt. hat in der négativité sans emploi2 und im d&euvrement3 eine Grenzdimension erreicht. Statt dessen müßte die Existenz der Potenz ohne jede Beziehung zum ImAkt-Sein gedacht werden. dafür bedeutsame Versuche. daß jeder Definition der Souveränität ein Gewaltprinzip [principio di potenza] inhärent ist. In diesem Sinn hat Gerard Mairet dargelegt. 1074 b. zwei Modi. zwischen Kontingenz und Notwendigkeit zu unterscheiden. Deswegen ist es so schwierig. der mit seinem »ich möchte lieber nicht<c4 jeder Entscheidungsmöglichkeit zwischen Potenz z u und Potenz nicht zu widersteht. dal3 der souveräne Staat sich auf einer »Ideologie der Gewalt« gründet. dessen Geheimnisse wir bis heute noch nicht durchdrungen haben. das heißt einem Denken. Met. der kein Werk hervorbringt. sondern vielmehr der eines Rätsels. 3 Französisch im Original.um sich dann als absoluter Akt zu verwirklichen (der mithin nichts weiter voraussetzt als die eigene Potenz). So denkt Schelling in seiner Philosophie der Offenbarung ein absolut Seiendes. S. Diese Figuren treiben die Aporie der Souveränität an die Grenze. Im Original deutsch. 75). nicht einmal in der extremen Form des Banns oder der Potenz. Die reine Potenz und der reine Akt sind letztlich nicht auseinanderzuhalten. daß die Gewalt schon vor ihrer Ausübung existiert und daß der Gehorsam den Institutionen.

4. Rechtsform

4.1. In der Legende Vor dem Gesetz hat Franz Kafka die Struktur des souveränen Banns in einem beispielhaften Abriß dargestellt. Nichts - und bestimmt nicht das Verbot des Türhüters - hindert den Mann vom Lande daran, durch die Tür des Gesetzes einzutreten, außer dem Umstand, daß diese Türe schon immer offensteht und das Gesetz nichts vorschreibt. Auf diesen Punkt haben zwei jüngere Interpretationen der Legende von Jacques Derrida und von Massimo Cacciari, wenn auch in unterschiedlicher Weise, nachdrücklich hingewiesen. Das Gesetz »hütet sich, ohne sich zu hüten, gehütet von einem Türhüter, der nichts hütet, die offenbleibende Tür öffnet sich auf nichts« (Derrida 1, S. 3 56). Und Cacciari unterstreicht noch entschiedener, daß die Macht des Gesetzes’ genau in der Unmöglichkeit liegt, in das bereits Offene einzutreten, an den Ort zu gelangen, an dem man bereits ist: »Wie können wir zu >öffnen< hoffen, wenn die Tür schon offensteht? Wie können wir hoffen, ins Offene einzutreten? Das Offene ist der Ort, wo man ist, wo die Dinge gegeben sind, man kann da nicht eintreten [. . .] Wir können nur dort eintreten, wo wir öffnen können. Das Schon-Offene macht unbeweglich [. . .]. Der M ann vom Lande kann deshalb nicht eintreten, weil es ontologisch unmöglich ist, ins schon Offene einzutreten.« (Cacciari, S. 69) Aus dieser Perspektive betrachtet offenbart Kafkas Legende die reine Form des Gesetzes, in der es sich gerade an dem Punkt am stärksten erweist, wo es nichts mehr vorschreibt, das heißt reiner Bann ist. Der Mann vom Lande ist der Potenz des Gesetzes ausgeliefert, weil es nichts von ihm fordert, ihm nichts anderes auferlegt als das eigene Offensein. Nach dem Schema der souveränen Ausnahme wendet sich das Gesetz auf ihn an, indem es sich abwendet, es hält ihn in seinem Bann, indem es ihn, außerhalb seiner selbst, verläßt [abbandonandolo]. Die offene Tür, die nur für ihn bestimmt ist, schließt ihn ein, indem sie ihn ausschließt, und schließt ihn aus, indem sie ihn einschließt. Und
I Mit Majuskel (»Legge«). 60

dies ist genau die Spitze und die Wurzel jedes Gesetzes. Wenn der Geistliche im Prozeß das Wesen des Gerichts auf die Formel bringt: »Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst, und es entläßt dich, wenn du gehst«, dann ist es die ursprüngliche Struktur des nomos, die er mit diesen Worten ausspricht.
tc In analoger Weise hält auch die Sprache den Menschen in ihrem Bann, weil er als Sprechender immer schon in sie eingetreten ist, ohne sich dessen bewußt werden zu können. Alles was man der Sprache vorausschickt (in Form von etwas Nichtsprachlichem, Unaussprechlichem etc.), ist nichts weiter als etwas von der Sprache Vorausgesetztes, das mit der Sprache gerade dadurch die Beziehung aufrechterhält, daß es daraus

ausgeschlossen wird. Stephane Mallarme hat diese selbstvoraussetzende
Natur der Sprache mit einer hegelianischen Formel ausgedrückt, wenn er schreibt, daß »das Wort’ ein Prinzip ist, das sich durch die Negation jeglichen Prinzips vollzieht «. Als reine Form der Beziehung setzt die Sprache (wie der souveräne Bann) immer schon sich selbst in der Figur von etwas Beziehungslosem voraus, und es ist nicht möglich, mit etwas in Beziehung zu treten, noch aus etwas auszutreten, das zur Form selbst der Beziehung gehört. Das bedeutet nicht, daß dem sprechenden Menschen das Nichtsprachliche verschlossen bliebe, er vermag es nur nie in Form einer nichtbezogenen oder unaussprechlichen Voraussetzung zu erreichen, sondern vielmehr nur in der Sprache selbst (Benjamin zufolge kann nur die »kristallreine Elimination des Unsagbaren in der Sprache« »auf das dem Wort versagte« hinführen [Benjamin 2, S. 127]).

4.2. Doch erschöpft diese Interpretation die Kafkasche Intention wirklich? In einem Brief an Benjamin vom 20. September 1934 definiert Gershom Scholem die in Kafkas Prozeß beschriebene Beziehung mit dem Gesetz als »Nichts der Offenbarung«; unter diesem Ausdruck versteht er »einen Stand, [. . .] in dem sie zwar noch sich behauptet, indem sie gilt, aber nicht bedeutet. Wo der Reichtum der Bedeutung wegfällt und das Erscheinende, wie auf einen Nullpunkt eigenen Gehalts reduziert, dennoch nicht verschwindet (und die Offenbarung ist etwas Erscheinendes), da tritt sein Nichts hervor.« (Benjamin und Scholem, S. 175) Ein Gesetz unter solchen Bedingungen ist Scholem zufolge nicht einfach abwesend, vielmehr erscheint es in Form seiner »Unvollziehbarkeit«. »Nicht so sehr Schüler, denen die Schrift abhanden gekommen ist«, hält er seinem Freund
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Im französischen Original »Verbe«.

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entgegen, »als Schüler, die sie nicht enträtseln können, sind jene Studenten, von denen Du am Ende sprichst.« (Ebd., S. I 58) Geltung ohne Bedeutung:* Es gibt keine bessere Definition des Banns, mit dem unsere Zeit nicht zu Rande kommt, als diese Formel, mit der Scholem den Status des Gesetzes in Kafkas Roman erfaßt. Welches ist denn die Struktur des souveränen Banns, wenn nicht die eines Gesetzes, das gilt, aber nicht bedeutet? Überall auf der Erde leben die Menschen heute im Bann eines Gesetzes und einer Tradition, die sich einzig als »Nullpunkt« ihres Gehalts erhalten und die die Menschen in eine reine Beziehung der Verlassenheit [abbandono] einschließen. Alle Gesellschaften und alle Kulturen (gleichviel ob demokratisch oder totalitär, konservativ oder progressiv) sind heute in eine Krise der Legitimität geraten, in der das Gesetz (damit ist hier der ganze Text der Tradition unter seinem regulativen Aspekt gemeint, sei das nun die jüdische Thora oder die islamische Scharia, das christliche Dogma oder der profane nomos) als reines »Nichts der Offenbarung« gilt. Doch das ist gerade die ursprüngliche Struktur der souveränen Beziehung, und in dieser Perspektive ist der Nihilismus, in dem wir leben, nichts anderes als das Auftauchen dieser Beziehung als solcher.
4.3. Die reine Form des Gesetzes als »Geltung ohne Bedeu-

tung<< erscheint in der Moderne das erste Mal bei Immanuel Kant. Was er in der Kritik der praktischen Vernunft »bloße Form des Gesetzes« nennt (Kant I, S. I 38), ist in der Tat ein auf den Nullpunkt seines Gehalts reduziertes Gesetz, das gleichwohl als solches gilt. »Nun bleibt von einem Gesetze«, so Kant, »wenn man alle Materie, d. i. jeden Gegenstand des Willens (als Bestimmungsgrund) davon absondert, nichts übrig, als die bloße Form einer allgemeinen Gesetzgebung.« (Ebd., S. 13 5 f.). Ein reiner Wille, der also nur mittels einer solchen Form des Gesetzes bestimmt, ist »weder frei noch unfrei« (Kant 2, S. 3 32), genau wie derjenige von Kafkas Mann vom Lande. Die Grenze, aber zugleich auch der Reichtum der Kantschen Ethik liegt gerade darin, die Form des Gesetzes als leeres Prinzip gelten zu lassen, Dieser Geltung ohne Bedeutung in der Sphäre der Ethik entspricht in der Sphäre der Erkenntnis das transzenI Im Original deutsch beigefügt.
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dentale Objekt. Das transzendentale Objekt ist nämlich kein reales Objekt, sondern »bloß eine Vorstellung der Verhältnisse«, die nur das Im-Verhältnis-Sein des Denkens zu einem absolut unbestimmten Gedanken ausdrückt (Kant 3, S. 671). Aber was ist eine solche »Gesetzesform«? Und wie vor allem soll man sich ihr gegenüber verhalten, wenn doch der Wille hier von keinem besonderen Gehalt bestimmt ist? Welches ist mithin die der Gesetzesform entsprechende Lebensform? Wird dergestalt das moralische Gesetz nicht zu einem »unerforschlichen Vermögen« (Kant 1, S. 162) ? »Achtung« nennt Kant die Verfassung dessen, der unter einem Gesetz zu leben hat, das gilt, ohne zu bedeuten, das heißt, ohne ein bestimmtes Ziel vorzuschreiben oder zu verbieten: »Die Triebfeder, welche der Mensch vorher haben kann, ehe ihm ein Ziel (Zweck) vorgesteckt wird, kann doch offenbar nichts anderes sein als das Gesetz selbst, durch die Achtung, die es (unbestimmt, welche Zwecke man haben und durch dessen Befolgung erreichen mag) einflößt. Denn das Gesetz in Ansehung des Formalen der Willkür ist ja das einzige, was übrig bleibt, wann ich die Materie der Willkür [. . .] aus dem Spiel gelassen habe.« (Kant 4, S. I 1) Es ist erstaunlich, wie Kant damit fast zwei Jahrhunderte im voraus und unter dem Titel eines erhabenen »moralischen Gefühls« (Kant I, S. 195) eine Verfassung beschrieben hat, die vom Ersten Weltkrieg an in der Massengesellschaft und in den großen totalitären Staaten vertraut sein wird. Denn das Leben unter einem Gesetz, das gilt, ohne zu bedeuten, gleicht dem Leben im Ausnahmezustand, in dem die unschuldigste Geste und die kleinste Vergeßlichkeit die extremsten Konsequenzen haben können. Und es ist genau ein Leben dieser Art, wie es Kafka beschreibt, in dem das Gesetz um so durchdringender ist, je mehr es ihm an jeglichem Gehalt mangelt, und ein zerstreutes Klopfen an ein Tor unkontrollierbare Prozesse in Gang setzen kann. So wie für Kant der rein formale Charakter des moralischen Gesetzes den allgemeinen Anspruch begründet, so gilt im Kafkaschen Dorf die leere Potenz des Gesetzes dermaßen, daß sie vom Leben ununterscheidbar wird. Die Existenz und selbst der Körper von Josef K. fallen am Ende mit dem Prozeß zusammen, sie sind der Prozeß. Das erkennt Benjamin klar, wenn er gegen Scholems Vorstellung einer Geltung ohne Bedeutung einwendet, daß ein Gesetz, das seinen Gehalt verloren habe, als solches zu existie63

ren aufhöre und sich nicht mehr vom Leben unterscheide: »Ob sie [die Schrift] den Schülern abhanden gekommen ist oder ob sie sie nicht enträtseln können, kommt darum auf das gleiche hinaus, weil die Schrift ohne den zu ihr gehörigen Schlüssel eben nicht Schrift ist sondern Leben. Leben wie es im Dorf am Schloßberg geführt wird.« (Benjamin und Scholem, S. 167) Um so entschlossener entgegnet wiederum Scholem (der nicht merkt, daß sein Freund den Unterschied sehr genau erfaßt hat), er könne die »Meinung, daß es eines sei, ob die ,Schrift< den Schülern abhanden gekommen ist oder ob sie sie nicht enträtseln können, [. . .] gar nicht teilen« und sehe »darin mit den größten Irrtum, der Dir begegnen konnte. Eben die Differenz dieser beiden Stände ist es, die ich mit meiner Äußerung vom Nichts der Offenbarung treffen will.« (Ebd., S. 175) Wenn unseren vorangehenden Analysen zufolge der wesentliche Zug des Ausnahmezustandes in der Unmöglichkeit liegt, das Gesetz vom Leben zu unterscheiden - das heißt. in dem Leben, wie es im Dorf am Schloßberg geführt wird -, dann stehen sich hier zwei verschiedene Interpretationen dieses Zustandes gegenüber: auf der einen Seite diejenige Scholems, die darin eine Geltung ohne Bedeutung sieht, eine Erhaltung der reinen Form des Gesetzes jenseits seines Gehaltes; auf der anderen Seite Benjamins Sichtweise, für die der zur Regel gewordene Ausnahmezustand anzeigt, daß das Gesetz dabei ist, sich aufzuzehren und mit dem Leben, das es regulieren sollte, zu verschwimmen. Einem unvollkommenen Nihilismus, der das Nichts in Form einer Geltung ohne Bedeutung unbestimmt bestehen läßt, steht Benjamins messianischer Nihilismus gegenüber, der auch das Nichts für nichtig erklärt und die Form des Gesetzes jenseits ihres Gehaltes nicht gelten läßt. Wie auch immer es um die genaue Bedeutung dieser beiden Auffassungen und ihr Zutreffen auf die Interpretation von Kafkas Text stehen mag, sicher ist, daß heute jede Forschung über das Verhältnis zwischen Leben und Recht auf sie zurückkommen und sich mit ihnen auseinandersetzen muß.
K Die Erfahrung der Geltung ohne Bedeutung liegt einer nicht unerheblichen Strömung des zeitgenössischen Denkens zugrunde. Das Verdienst der Dekonstruktion besteht heute nämlich genau darin, daß sie den ganzen Text der Tradition als Geltung ohne Bedeutung auffaßt, die im wesentlichen auf der Unentscheidbarkeit beruht, und auch gezeigt hat,

daß eine solche Geltung, wie die Tür des Gesetzes in Kafkas Parabel, absolut unüberwindbar ist. Doch gerade über den Sinn dieser Geltung (und den Ausnahmezustand, den sie eröffnet) gehen die Meinungen auseinander. Unsere Zeit steht in der Tat vor der Sprache wie in der Parabel der Mann vom Lande vor der Tür des Gesetzes.’ Das Denken riskiert hier, sich zu unendlichen und unlösbaren Verhandlungen mit dem Türhüter verdammt zu sehen oder, schlimmer noch, zuletzt selbst den Posten des Türhüters einzunehmen, der, ohne das Eintreten wirklich zu verhindern, das Nichts bewacht, auf das sich die Tür öffnet. Die Mahnung des Evangeliums, die Origenes in bezug auf die Auslegung der Schrift zitiert, lautet: ,Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, [. . .] die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein, und die hinein wollen, laßt ihr nicht hineingehen.« Sie müßte wie folgt reformuliert werden: »Wehe euch, die ihr nicht in die Tür des Gesetzes eintreten wolltet und auch nicht erlaubtet, daß sie geschlossen würde.« 4.4. Aus dieser Perspektive muß sowohl die eigenartige »Um-

kehr« gelesen werden, die Benjamin in seinem Kafka-Essay der Geltung ohne Bedeutung entgegensetzt, wie auch die rätselhafte Anspielung auf einen »wirklichen« Ausnahmezustand in der achten These über den Begriff der Geschichte. Einer Thora, zu welcher der Schlüssel verlorengegangen ist und die deshalb vom Leben ununterscheidbar zu werden droht, läßt Benjamin ein Leben entsprechen, das sich vollständig in Schrift auflöst: »In dem Versuch der Verwandlung des Lebens in Schrift sehe ich den Sinn der >Umkehr<, auf welche zahlreiche Gleichnisse Kafkas [. . .] hindrängen.« (Benjamin und Scholem, S. 167) In einer analogen Bewegung setzt die achte These dem Ausnahmezustand, in dem wir leben, einen »wirklichen«2 Ausnahmezustand entgegen, den herbeizuführen uns auferlegt sei: »Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der >Ausnahmezustand<, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff von Geschichte kommen, der dem entspricht. Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustandes vor Augen stehen.« (Benjamin 3, S. 697) Wir haben gesehen, inwiefern das Gesetz, das reine Gesetzesform, schiere Geltung ohne Bedeutung geworden ist, mit dem Leben zusammenzufallen droht. Doch insofern das Gesetz im virtuellen Ausnahmezustand sich noch als bloße Form erhält,
I Mit Majuskel (“Legge«). 2 Im Original deutsch beigefügt.

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Und am Ende gelingt dem Mann vom Lande sein Vorhaben ja tatsächlich. hinter dem ein Fenster eine Gestalt zu sehen gibt. aber umgekehrten Bewegung vollständig in Gesetz verwandelt. 4. Ich gehe jetzt und schließe ihn. daß die meisten Interpreten die Legende letztendlich als Lehrfabel einer Niederlage lesen. daß der Messias die Figur ist. nachdem die Geltung ohne Bedeutung aufgehört 67 . und daß 66 seine Ankunft. angemessen ist. ob er wirklich tot ist. Wer immer diese Gestalt auch sei (es könnte sich um den Propheten Elia handeln). und noch weniger es einfach durch ein anderes ersetzen (die Erfüllung eines Gesetzes ist nicht ein neues Gesetz). die einem Gesetz. Im Monotheismus ist der Messianismus mithin nicht einfach eine Kategorie der religiösen Erfahrung unter anderen. im Judentum wie im Christentum oder im schiitischen Islam. und einer Tür. die einzige. sondern die Grenzvorstellung dieser Erfahrung. dann ist diese eine paradoxe Form der Provokation. wie wir gesehen haben. Wenn man jene Strategie. von denen sowohl der Römerbrief des Paulus als auch die Sabbathianische Lehre zeugen. Erst an diesem Punkt heben die beiden Glieder. das gilt.läßt es vor sich das nackte Leben bestehen (das Leben von Josef K. welche die Potenz des Gesetzes dazu zwingt. im schüchternen. I 32). daß. wo doch das Tor weit offensteht. Der Vorschlag kann nur dann angenommen werden. um die Geltung zu unterbrechen. die unentzifferbar geworden ist und sich als Leben darbietet. aber hartnäckigen Mann vom Lande eine »verhinderte« christliche »Messiasfigur« zu sehen (Weinberg. jedoch ein Leben entgegen. das sich in einer symmetrischen. mit dem Problem des Gesetzes fertig zu werden. Kurt Weinberg hat in seiner Interpretation vorgeschlagen. dann können wir uns auch vorstellen. seine spezifische »Kraft<< bildet. das heißt. Vor dem Messias steht aufrecht ein Junge einen Schritt vor dem Tor und zeigt darauf. der sich wie der Mann vom Lande vor einem Gesetz im Zustand der Geltung ohne Bedeutung befindet? Er kann gewiß nicht ein Gesetz erfüllen. Denn der Messias wird erst eintreten können.5. Provokation nennt. die Erfüllung und die vollständige Aufzehrung des Gesetzes bedeutet. welche die Bann-Beziehung unterschied und zusammenhielt (das nackte Leben und die Gesetzesform). daß das ganze Verhalten des Mannes vom Lande nichts anderes ist als eine komplizierte und geduldige Strategie. eines nicht wiedergutzurnachenden Scheiterns des Mannes vom Lande vor der unmöglichen Aufgabe. sich in einen Akt umzusetzen. Doch wenn das wahr ist. den Eintritt des Messias vorzubereiten und zu erleichtern . weil sie zu weit offensteht. ohne zu bedeuten. das sich im Unbestimmten des Leben verliert. nachdem man das Tor geschlossen hat. ob Kafkas Text nicht auch eine andere Leseweise erlaubt. was soll dann ein Messias tun. an dem sie sich selbst überwindet und als Gesetz in Frage stellt (daher die messianischen Aporien des Gesetzes.eine paradoxe Aufgabe. Eine Miniatur in einer Handschrift des I 5. S. die Schließung zu erreichen. daß er »schon am Ende« ist). wenn man nicht vergißt. durch welche die großen monotheistischen Religionen versucht haben. es heißt lediglich. der zufolge die Erfüllung der Thora ihre Überschreitung ist). die ein Torwächter sein könnte. der Punkt. Mit Recht kann man aber fragen. denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt.« Wenn es wahr ist. daß die Tür des Gesetzes (die schließlich »nur für ihn« offengestanden hat) geschlossen wird -wenn vielleicht auch um den Preis des Lebens (doch die Geschichte sagt nicht. den virtuellen Ausnahmezustand wirklich werden zu lassen. der in der Miniatur vor dem Tor steht) könnte genau darin bestehen. gerade das Offenstehen die unbezwingbare Macht des Gesetzes. mit denen die Geschichte endet: »Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten. Der Undurchdringbarkeit einer Schrift. es ist jedenfalls möglich. die das Gesetz ihm auferlegte. Die messianische Aufgabe des Mannes vom Lande (und des Jungen. die einen nicht eintreten läßt. sie zum Vergleich neben Kafkas Mann vom Lande zu stellen. den Türhüter zum Schließen der Tür des Gesetzes zu zwingen (das Tor von Jerusalem). Es ist bezeichnend. das schon im Zustand der unbestimmten Aufhebung ist. oder wie es im Dorf am Schloßberg geführt wird). antwortet die absolute Intelligibilität eines in Schrift aufgelösten Lebens. Die Interpreten scheinen nämlich die Worte zu vergessen. er erreicht. Im wirklichen Ausnahmezustand tritt dem Gesetz. Jahrhunderts mit Haggadoth über »Den der kommt« zeigt die Ankunft des Messias in Jerusalem. Ihre Aufgabe scheint darin zu bestehen. einander auf und treten in eine neue Dimension ein. Der Messias erscheint zu Pferd (in anderen Illustrationen ist das Reittier ein Esel) vor dem weit aufgesperrten Tor der Heiligen Stadt.

das von der Erschaffung des Menschen bis in die Tage des Messias gilt). So wie das Gesetz in der Parabel unüberwindbar ist. wie diejenige von Sabbathai Zwi (dessen Motto lautete: »Die Erfüllung der Thora ist ihre Überschreitung*). Das ist es. das heißt des Gesetzes. Vom politisch-juridischen Standpunkt aus betrachtet ist der Messianismus folglich eine Theorie des Ausnahmezustandes. die Geschichte berichtet.] Die Verlassenheit kann nicht umhin. daß die Erfüllung der Thora nun mit der Überschreitung zusammenfällt.) I Mit Majuskel (»Lege«). mit denen der Mensch wie das Pferd Bucephalus um jeden Preis fertig werden muß. Ganz «. und ihnen seine Komödie *nur gewissermaßen als Schild entgegengehalten« zu haben. er wird nicht am letzten Tag kommen. . was der Norm entspricht und das. trifft. aber vielleicht denkbar. d a ß gerade ihr Ausgang die Möglichkeit birgt. auf die unsere Zeit beim Versuch. vor diesem oder jenem Gerichtsherrn zu erscheinen.heißt verbannt sein nicht. »ein Ereignis. der ihn gegebenenfalls. sondern die ganze abendländische Geschichte als »Epoche der Verlassenheit« zu denken. genauso wie der Mann vom Lande gegenüber dem Hüter des Gesetzes. das erreicht. 149f. . und die messianischen A p o r i e n d e s M a n n e s v o m L a n d e d r ü c k e n g e n a u d i e Schwierigkeiten aus. das ursprüngliche Gesetz. Man verläßt stets in bezug auf ein Gesetz. was sie verletzt. Die erste Konsequenz dieser Ankunft ist die Erfüllung und Aufzehrung des Gesetzes (den Kabbalisten zufolge jenes Gesetzes der Thora von Beria. der ihre Macht subvertiert.es ist die gleiche Sache . die in der jüdischen Tradition (und eigentlich in jeder genuinen messianischen Tradition) bei der Ankunft des Messias eintritt. anzuvertrauen oder auszuliefern. überschreitet das Gesetz nicht mehr als der Soldat. Das ist der Sinn des rätselhaften Satzes in Kafkas Oktavheften: »Der Messias wird erst kommen. anzuvertrauen oder auszuliefern. daß tatsächlich etwas geschehen ist. so ist auch hier die schrecklichste Waffe der Sirenen nicht der Gesang. ihrem Bann. Es ist ein Zwang. im Gegenteil. vor ihrem Schweigen gewiß nicht«). dem es sich ausgesetzt findet. daß in ihm die Überschreitung des Gesetzes und seine Ausübung nicht unterschieden werden können. am strengsten gedacht hat.’ welche die Geltung ohne Bedeutung mit sich bringt.6. sondern am allerletzten. 69 . tötet). der die Erfahrung des Gesetzes. das Gesetz zu achten. ist der Verbannte außerhalb jeder Rechtssprechung gelassen. Desgleichen . einer [. s. Und wie die »Tore Indiens« in Der ueue Advokat kann auch die Tür des Gesetzes als Symbol jener mythischen Kräfte betrachtet werden. das dem vorangehenden homolog ist.] souveränen Macht zu überlassen. Derrida 1. das nach den Kabbalisten der Messias wiederherstellen muß. daß sich jemand vor ihrem Gesang gerettet hätte. wenn er nicht mehr nötig sein wird. Die Beraubung des verlassenen Seins mißt sich an der grenzenlosen Strenge des Gesetzes. 3 59). in ihm restlos zusammenfallen (wer während einer Ausgangssperre spazierengeht. Jean-Luc Nancy ist der Philosoph. Die Hartnäckigkeit des Mannes vom Lande weist Analo68 gien zu Odysseus’ List auf. sondern der Messias. N Eines der Paradoxe des Ausnahmezustandes besteht darin. was nicht zu geschehen scheint. daß die Sirenen schweigen. sondern unter dem Gesetz schlechthin. aber einfach andere Vorschriften und andere Verbote enthält (die Thora von Azilut. ihrer Einberufung und ihrem Urteil zu überlassen. 4.* (Nancy. Die von ihm beschriebene Struktur bleibt dennoch innerhalb der Gesetzesform. sondern lediglich eine ungeordnete Ansammlung von Briefen). In einem extrem dichten Text bestimmt er deren ontologische Struktur als Verlassenheit [abbandono] und versucht konsequenterweise nicht nur unsere Zeit. in Ausübung des Gesetzes. mit dem souveränen Bann fertig zu werden. absolut unter dem Gesetz zu erscheinen. Die Verlassenheit ist nicht eine Vorladung. das heißt ihrer Ausrufung. K Eine besondere Eigenschaft der Kafkaschen Allegorien liegt darin. wie Derrida schreibt. Hier ist vielmehr gemeint. und die Verlassenheit wird als überlassensein [abbandono] an den souveränen Bann [Gando] gedacht. . . ohne daß sich ein Weg darüber hinaus auftäte: »Verlassen [abandonner] bedeutet. so daß das. Das ist exakt die Situation.« Der letzte Sinn der Legende ist nicht. weil es nichts vorschreibt. mit dem Gesang der Sirenen fertig zu werden. enthält keine Vorschriften und Untersagungen. und der geradezu übermenschliche Verstand von Odysseus besteht genau darin. daß das alte Gesetz einfach durch ein neues ersetzt wird. S. die Bedeutung völlig umzukehren. dem Gesetz als solchem und in seiner Totalität. [. sondern das Schweigen (es »ist zwar nicht geschehen.haben wird. bemerkt zu haben. nur wird ihn eben nicht die geltende Autorität ausrufen. was die radikalen messianischen Bewegungen ohne Umschweife behaupten. Dem Absoluten des Gesetzes ausgeliefert. er wird erst einen Tag nach seiner Ankunft kommen. sich nicht zu ereignen« (»un événement qui arrive à ne pas arriver«. unter einer bestimmten Gesetzesdisposition zu laufen. Diese Erfüllung bedeutet jedoch nicht.

Die Beziehung der Verlassenheit muß nun neu gedacht werden. entläßt. daß jetzt jedes für sich selbst herumtreibt. doch die leere Form der Beziehung ist kein Gesetz mehr. Die Beziehung als Geltung ohne Bedeutung. das sich Heidegger in den Beiträgen z u r Philosophie unter der Rubrik der Seinsverlassenheit’ vornimmt. S. der die Geschichte überlebt.. das heißt die sich selbst voraussetzende Macht des nomos. das politisch-sozialefactum nicht mehr in Form einer Beziehung zu denken. In diese Richtung scheint sich auch .? Eine Erfüllung der Geschichte. Dies alles ist nicht einfach >Verfall‹. das nichts außer sich selbst vorschreibt. die wir mit der Geltung ohne Bedeutung umschrieben haben (das erklärt die derzeitigen Versuche. eine staatliche Souveränität. das sich darauf beschränkt. das gilt. bedeutet. S. denn die leere Form des Staates neigt dazu. Das Seiende erscheint dann so. die sich über das Erreichen des historischen Telos hinaus erhält.« (Heidegger I. wo sie sich von jeder Idee des Gesetzes oder des Geschicks loslöst (die Kantsche Gesetzesform und die Geltung ohne Bedeutung einbegriffen). ist nicht. ist ebenso unmöglich zu denken wie die Auslöschung des Staates ohne Erfüllung seiner historischen Formen. 70 . die wir als Paradox der Souveränität (oder als souveränen Bann) definiert haben. Im Gegenteil: Das Sein ist hier nichts anderes als die Seinsverlassenheit und das Sich-selbstüberlassen-sein des Seienden. Und das Seyn wird selbst wesentlich als dieses Sichentziehende Verbergen bestimmt. werden wir aus dem Paradox der Souveränität hinaustreten in Richtung einer von jeglichem Bann losgelösten Politik. innerhalb des Nihilismus zu verharren und nicht bis zur äußersten Erfahrung der Verlassenheit vorzustoßen. Das heißt nicht. Das Problem. wiederholt b l o ß die ontologische Struktur. ohne zu bedeuten. Deswegen muß man sich der Idee öffnen. ein Ausnahmezustand. zu lesen. Die Souveränität ist nämlich genau dieses »Gesetz jenseits des Gesetzes. besagt: das Seyn werbirgt sich in der Offenbarkeit des Seienden. dieses ihm selbst sich überläßt und es so zum Gegenstand der Machenschaft werden läßt. . Jedes Denken. Dies erfordert aber nicht weniger als den Versuch. epochale Inhalte zu erzeugen. I I 1) I Im Original deutsch und anschließend mit »abbandono dell’ente da parte dell’essere« (Verlassenheit des Seienden durch das Sein) übersetzt. das heißt nicht weniger als das Problem der Einheit/Differenz von Sein und Seiendem im Zeitalter der Erfüllung der Metaphysik. um auf die Heideggersche Ableitung der Aneignung vom Ereignis hinzuweisen 71 »Dann zeigt sich: daß das Sein das Seiende verläßt. Was angeeignet wird. das zugleich das Ende des Staates und das Ende der Geschichte zu denken und das eine gegen das andere zu mobilisieren vermöchte. Nur dort. wenn nicht ein Gesetz. sondern ist die Geschichte des Seyns selbst [. Auf der Höhe der Aufgabe würde sich heute nur ein Denken bewegen. das Sein der Verlassenheit jenseits jeder Idee von Gesetz (auch in der leeren Form einer Geltung ohne Bedeutung) zu denken. I I I) »Seinsverlassenheit: daß das Seyn das Seiende verläßt.115) Wenn das Sein in diesem Sinn nichts anderes als das Im-BannSein des Seienden [l’essere a bandono dell’ente] ist. sondern eine Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen Gesetz und Leben.cc (Ebd. das heißt als überlassensein an und Verlassensein von einem Gesetz. es erscheint sich als Gegenstand und Vorhandenes. Kojève liberal-kapitalistisch zu aktualisieren). . S. daß das Zusammensein des Seins und des Seienden nicht die Form einer Beziehung hat. wird die Verlassenheit auch wirklich als solche erfahren. daß die Beziehung der Verlassenheit gar keine Beziehung ist. das mit dieser Verlassenheit ansteht. Eine reine Gesetzesform ist lediglich die leere Form der Beziehung. das Sein ist nichts anderes als der Bann des Seienden: »Was ist wovon verlassen? Das Seiende von dem ihm und nur ihm zugehörigen Seyn. in der die leere Form der Souveränität fortbesteht. das I »Ereignis« im Original deutsch beigefügt. dann zeigt sich das Paradox der ontologischen Struktur der Souveränität hier unverhüllt. vielmehr bestehen sie nun miteinander ohne Beziehung.Was unsere Zeit dem Denken aufgibt. X Alexandre Kojèves Thesen vom Ende der Geschichte und der daraus folgenden Einrichtung eines homogenen Universalstaates bieten viele Analogien mit der epochalen Situation. daß etwas (das Sein) etwas anderes (das Seiende) gehen läßt. wenn es gelingt.]. Was ist ein Staat. und nur. als ob Seyn nicht weste. Das Problem ist hier dasselbe wie dasjenige. ist das Sein selbst.wiewohl in ungenügender Weise . die ihrerseits einer unmöglich gewordene Staatsform zustreben (das geschieht in der Ex-Sowjetunion und in Ex-Jugoslawien)..« (Ebd. dem wir überlassen sind«. kann nicht allein in der Erkenntnis der äußersten und unüberwindbaren Form des Gesetzes als Geltung ohne Bedeutung bestehen.der späte Heidegger mit der Idee eines Ereignisses als einer letzten Aneignung’ zu bewegen.

was man unter d&zuvrement versteht. Deshalb kann Heidegger schreiben. Das ist die Perspektive. nicht um letztere aktiv zu verändern. und folglich findet die Beziehung zwischen Sein und Seiendem ihre »Absolution«. Hier sind mehrere Szenarien möglich.« 3 »Die einzig mögliche Unschuld. die des Augenblicks«. . Das bedeutet. 59. In der Vorbemerkung zur zweiten Auflage seiner Introduction a l a lecture de Hegel von 1947 nimmt Kojève Abstand von der in der ersten Auflage vorgebrachten These. In seiner Rezension der Romane von Raymond Queneau sieht er andererseits in den Personen von Dimanche de vie und besonders im voyou d&a?uvre 2 die Figur des zufriedenen Weisen am Ende der Geschichte verwirklicht (Kojève. ist von Blanchot und Nancy wiederaufgenommen worden. siehe auch oben Anm. die als Summe der individuellen Tätigkeiten begriffen wird) in einem transitus de potentia in actum erschöpft. selbstbewußtem Weisen und dem voyou dthuvr6 (den Kojève abschätzig homo quenellensis genannt hat) setzt Bataille seinerseits die Figur der im Augenblick aufgezehrten Souveränität entgegen (»la seule innocence possible. Es kann weder die einfache Absenz des Werks [opera/ceuvre] sein noch (wie bei Bataille) eine souveräne und untätige [senza im1 Im Original deutsch. wonach das Ende der Geschichte einfach mit dem Rückschreiten des Menschen zum Tier. Sein und Seiendes jenseits jedes möglichen Verhältnisses zu denken. der Verausgabung«. der Erotik. sondern um eine Art von »Snobismus im Reinzustand« zu pflegen (die Teezeremonien etc. Das Thema des dhwurement als Figur der Fülle des Menschen am Ende der Geschichte. die mit den »Formen. Hier hängt alles davon ab. . I »Ohne Einsatz« oder Bohne Anstellung«. 391). in der genau die Figur der Souveränität im Zeitalter der Erfüllung der Menschheitsgeschichte auf dem Spiel steht. fortfahren würden. Die einzige kohärente Auffassung von d&wvrement wäre die einer unbestimmten Existenz der Potenz. daß er im Ereignis »das Sein ohne Rücksicht auf das Seiende« zu denken versuche. was nichts anderes meint als den Versuch. celle de l’instant«3). das bisher das Seiende in seinen verschiedenen Epochen und historischen Gestalten bestimmt hat. die sich nicht (wie die individuelle Tätigkeit oder die kollektive Handlung.heißt das Prinzip. mit seinem Verschwinden als Mensch im eigentlichen Sinn zusammenfällt (das heißt als Subjekt der negierenden Tätigkeit). die ontologische Differenz nicht mehr als Beziehung. letzterer hat es ins Zentrum seines Buches La Communaute dksczuvr6e gestellt. 2 »Untätiger Stro1ch. in der die Menschen. S. . . daß mit dem Ereignis’ (wie mit Hegels Absolutem in der Lesart von Kojève) die »Seinsgeschichte zu Ende« ist (Heidegger 2. zusammenfällt. 72 piego]’ Form der Negativität. in denen der Mensch sich sich selbst gibt: [. Hegels zufriedenem. 44). dem Kampf. obwohl sie die negierende Tätigkeit im engen Sinn aufgegeben hätten.] dem Lachen. Auf einer Japan-Reise im Jahr 1959 hat er die Möglichkeit einer posthistorischen Kultur behauptet. die Formen von ihren Inhalten zu trennen. S. 2 auf S. in der die Debatte zwischen Bataille und Kojève betrachtet werden muß.). das zum ersten Mal in Kojèves Rezension von Queneau auftaucht.

Die Definition der göttlichen Gewalt fallt sogar leichter. wo es nicht mehr möglich ist. Doch bedeutet das wiederum nicht. und es ist nicht leicht zu sagen. sondern entsetzt. Daher die Notwendigkeit einer dritten Figur.* (Benjamin 1. die Benjamin als göttliche bestimmt. In Benjamins Analyse stellt sich diese Verknüpfung zunächst als ein »dialektisches Auf und Ab« zwischen rechtsetzender Gewalt und rechtserhaltender Gewalt [violenza] dar. deren Dialektik der Essay zu definieren beabsichtigt. zwischen Ausnahme und Regel zu unterscheiden. mit denen Derrida in seiner Interpretation des Essays vor ihr warnt. welche die Politische Theologie begründet. und setzt es. daß die souveräne Gewalt mit der göttlichen Gewalt verwechselt werden darf.notwendigen Vorbedingung jeder Untersuchung über die Souveränität. begründet sich ein neues geschichtliches Zeitalter. indem er sie.und um so mehr zwischen Gewalt und Recht . Denn Benjamin liefert kein positives Bestimmungskriterium und verneint sogar. welche in ihr repräsentiert ist. Außen und Innen. Denn ganz offensichtlich wirkt die im Ausnahmezustand ausgeübte Gewalt weder rechtserhaltend noch einfach rechtsetzend. daß es auch nur möglich sei. trotzdem ist der Souverän genau derjenige. Sie steht zur souveränen Gewalt in derselben Beziehung wie in der achten These der wirkliche Ausnahmezustand zum virtuellen. kannte er aller Wahrscheinlichkeit nach Schmitts Politische Theologie nicht. zwischen ihnen zu entscheiden. und es zugleich erhält. da sie die Zulässigkeit einer sonst unzulässigen Handlung behauptet. und zwar im selben Maß. zuletzt also der Staatsgewalt. daß jede rechtserhaltende Gewalt in ihrer Dauer die rechtsetzende. auf die es angewiesen ist wie sie auf jenes. sondern sie erhält das Recht. wenn man sie in Beziehung zum Ausnahmezustand setzt. die Benjamin die göttliche Gewalt nennt. Auf die Durchbrechung dieses Umlaufs im Banne der mythischen Rechtsformen. indem sie es aufhebt. setzenden und rechtserhaltenden Gewalt einnehmen wurden. 120-125). indem sie sich davon ausnimmt.als einzigen realen Inhalt des 75 . deren Definition der Souveränität er fünf Jahre später in seinem Buch über das barocke Trauerspiel zitierte. und die souveräne Entscheidung erscheint sogar bloß als Medium. sondern nur die Auflösung der Verknüpfung von Gewalt und Recht) kann Benjamin sagen. In diesem Sinn läßt sich die souveräne Gewalt ebensowenig wie die göttliche Gewalt ganz auf eine jener beiden Formen reduzieren. Auf jeden Fall bleibt die Verbindung zwischen Gewalt und Recht auch in ihrer Ununterscheidbarkeit erhalten. sie im konkreten Fall zu erkennen. Deswegen ist sie auch den gefährlichsten Mißverständnissen ausgeliefert (davon zeugen die Skrupel. daß die souveräne Gewalt das Recht setzt. Deshalb kommen die souveräne Gewalt und der Ausnahmezustand. der die Möglichkeit offenhält. welche Stellung diese zur recht74 s.heute noch immer unerreichten . Gewalt und Recht. in der Kritik nicht vor. S. ist das zentrale Problem jeder Interpretation des Essays. wie er sie vermischt. Gewiß ist nur.Schwelle Die vorbehaltlose Bloßlegung der irreduziblen Verknüpfung von Gewalt [violenza] und Recht macht Benjamins Kritik der Gewalt zur . welche dieses zirkuläre Auf und Ab zwischen diesen beiden Formen der Gewalt sprengt: »Dessen Schwankungsgesetz beruht darauf. der nazistischen »Endlösung« annähert. [. ist indes in einer Zone angesiedelt. mit bemerkenswerter Verkennung.] Dies währt so lange. 202) Die Definition dieser dritten Figur. daß die göttliche Gewalt das Recht weder setzt noch erhält. Als Benjamin 1920 an Kritik der Gewalt arbeitete. wird die Dialektik zwischen rechtsetzender und rechtserhaltender Gewalt nicht wirklich aufgebrochen. sondern entsetzt. Deswegen (das heißt insofern sie nicht eine Art von Gewalt unter anderen ist. . auf der Entsetzung des Rechts samt den Gewalten. daß sie das Recht weder setzt noch erhält. Solange der Ausnahmezustand sich vom Normalfall unterscheidet. in dem sich der übergang vom einen zum anderen vollzieht (in diesem Sinn kann man sagen. . Die Gewalt. Derrida 2. bis entweder neue Gewalten oder die früher unterdrückten über die bisher rechtsetzende Gewalt und damit ein neues Recht zu neuem Verfall begründen. durch die Unterdrückung der feindlichen Gegengewalten indirekt selbst schwächt. da der Inhalt des neuen Rechts nur in der Bewahrung des alten besteht). Die Wurzel der Doppeldeutigkeit der göttlichen Gewalt muß vielleicht gerade in diesem Mangel gesucht werden. Sie offenbart die Verknüpfung zwischen den beiden Gewalten . Denn die souveräne Gewalt öffnet eine Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen Gesetz und Natur.

daß das alte Griechenland. »Dem Ursprung des Dogmas von der Heiligkeit des Lebens nachzuforschen möchte sich verlohnen. »Die Funktion der Gewalt in der Rechtsetzung«. im kosmologisch Undurchdringlichen zu suchen. Die Analyse dieser Figur. in einer scheinbar brüsken Bewegung dem Träger der Verknüpfung von Gewalt und Recht zuwendet. Die Opposition von z& und bios. Damit das Opfer heilig wird. S. Für ihn ist es verdächtig. an dem sich der Essay so etwas wie einer Definition der souveränen Gewalt nähert. was an ein Vorrecht oder eine Heiligkeit des Lebens als solchen denken ließe. sondern notwendig und innig an sie gebundenen Zweck als Recht unter dem Namen der Macht einsetzt. 441). genau das ist. deren Zweck gerade darin bestand. . enthält nichts. anstatt die göttliche Gewalt zu definieren. wann und auf welche Weise ist dann ein menschliches Leben zum ersten Mal für sich selbst als heilig betrachtet worden? Bislang haben wir uns mit dem Aufzeigen der logischen und topologischen Struktur der Souveränität beschäftigt. Vielleicht. was dem mythischen Denken nach »der gezeichnete Träger der Verschuldung ist: das bloße Leben«. s. daß die Rechtsetzung zwar dasjenige. erst nach dem Tod eine Einheit darstellte. ja wahrscheinlich ist es jung. die seine Verschuldung >sühnt< .) Es ist darum kein Zufall. Das Wort &za. was in gewissem Sinn das Ziel des Essays ist. wie Benveniste erklärt. nicht nur dieses Prinzip nicht kannte.und auch wohl den Schuldigen entsühnt.« (Benjamin 1. Benjamin zufolge trägt das Prinzip der Heiligkeit des Lebens. sondern vom Recht. . indem sie nicht einen von Gewalt freien und unabhängigen. als ihren Zweck mit der Gewalt als Mittel erstrebt. den er »bloßes Leben« nennt.] auf die Verschuldung des bloßen natürlichen Lebens zurück. nicht aber von einer Schuld. wenn sich Benjamin. wie wenn das Leben an sich. . den sie verlor. »aus der Welt der Lebenden ausgeschlossen werden und [. das homerische Griechisch verfugt nicht einmal über ein Wort für den lebenden Körper.«* (Benjamin 1. die dieses bloße oder nackte Leben und die souveräne Macht aneinander bindet. was hier heiliggesprochen wird. es aus seinem profanen Kontext herauszulösen. das Leben an sich nicht als heilig betrachtet. heilig wurde es nur mittels einer Reihe von Ritualen. 76 schen der Heiligkeit des Lebens und der Macht des Rechts eine geheime Komplizenschaft gäbe.Rechts. von z&r und ez2 zZn (das heißt von Leben im allgemeinen und der qualifizierten. »geht [. die die beiden Welten trennt: dies ist der Zweck der Tötung« (Benveniste. Im übrigen wurde in Gesellschaften. welche den Lebenden unschuldig und unglücklich der Sühne überantwortet. diese Hinweise zu entwickeln und die Beziehung zu analysieren.] die Schwelle überschreiten. als die letzte Verirrung der geschwächten abendländischen Tradition. 198f. »ist nämlich zwiefach in dem Sinne.« (Benjamin 1. daß wir zu vergessen scheinen. den Menschen eigenen Lebensart). wie wenn es zwiI Im Original »sühnt« und -entsühnt« deutsch beigefügt.) Auf den folgenden Seiten werden wir versuchen. stellt eine wesentliche Verknüpfung zwischen dem bloßen Leben und der rechtlichen Gewalt her. sondern auch kein Wort. daß das. was als Recht eingesetzt wird. die wie das alte Griechenland Opfer feierten und gelegentlich auch Menschenleben darbrachten. die wir mit dem einzigen Wort »Leben« bezeichnen. 199f. S. die doch so entscheidend ist für die Anfänge der abendländischen Politik. im Augenblick der Einsetzung des Bezweckten als Recht aber die Gewalt nicht abdankt. nichts bei. schreibt Benjamin am einzigen Punkt. um die ganze Komplexität der semantischen Sphäre auszudrücken. sondern auch die »Auslösung der Rechtsgewalt«. sondern sie nun erst im strengsten Sinne und zwar unmittelbar zur rechtsetzenden macht. dem wir den Großteil unserer ethisch-politischen Konzepte verdanken. was aber wird von ihr ausgenommen und zugleich in sie 77 . Das Prinzip der Heiligkeit des Lebens ist uns so vertraut geworden. 202) Genau an diesem Ursprung werden wir mit unserer Untersuchung beginnen. zur Klärung dieser Beziehung wie auch zu jedem Versuch. Nicht nur ist die »Herrschaft des Rechtes über den Lebendigen« dem bloßen Leben koextensiv und hört mit diesem auf. das unsere Zeit dem menschlichen Leben und sogar dem tierischen Leben überhaupt zuschreibt. die Herrschaft des Rechts über das Lebende in Frage zu stellen. . den Heiligen. bedeutet ursprünglich bloß »Kadaver«. deren entscheidende Funktion in der Ökonomie des Essays bislang ungedacht geblieben ist. muß es. das in späteren Epochen zu einem guten Aquivalent für unseren »Körper« wird. Wenn das zutrifft. das sich für die Griechen in eine Vielzahl von Aspekten und Elementen auflöst. S.

Zweiter Teil Homo sacer .hineingenommen. wer ist der Träger des souveränen Banns? Benjamin wie Schmitt weisen das Leben (das »bloße Leben« bei Benjamin. das »die Kruste einer in Wiederholung erstarrten Mechanik« »durchbricht«) als Element aus. das in der Ausnahme mit dem Souverän in engster Beziehung steht. bei Schmitt das »wirkliche Leben«. Und diese Beziehung gilt es nun zu klären.

. S. daß die Definition von Festus »die Sache selbst. wird nicht wegen Mordes verurteilt. ist viel diskutiert worden. zu negieren scheint« (ebd. qui eo plebei scito sacer sit. 5) sehen wollten.I. den das Volk wegen eines Delikts angeklagt hat. daß derjenige. S. sed qui occidit. autorisiert sie (oder genauer: sie erklärt für nicht strafbar) deren Tötung (welcher Etymologie des Begriffs parricidium man auch immer folgt.« . dieser bezeichnet ursprünglich einen Mord an einem freien Mann). und es ist nicht erlaubt. Ex quo quivis homo malus atque improbus sacer appellari solet. während sie die Heiligkeit einer Person verkündet. I »Sacer aber ist derjenige.1 (De sign. Der Widerspruch wird noch durch den Umstand verstärkt. denn im ersten tribunizischen Gesetz ist festgelegt: >Wenn einer denjenigen umbringt. Daher pflegt man einen schlechten und unreinen Menschen sacer zu nennen. in der sich die Heiligkeit zum ersten Mal mit einem menschlichen Leben als solchem verbunden findet. occiderit. in der manche »die frühste Strafe des römischen Strafrechts« (Bennett. dann wird er nicht als Mörder betrachtet<. doch ihre Interpretation wird dadurch kompliziert. daß sie auf den ersten Blick widersprüchliche Züge trägt. wer ihn jedoch umbringt. parricidi non damnatur. parricida ne sit«. Der Definition des Hei- ligen Berges. den die Plebs im Augenblick ihrer Sezession Jupiter weihte. Schon Harold Bennett bemerkte 1930 in einer Studie. verb. Homo sacer I . nam lege tribunicia prima cavetur »si quis eum. neque fas est eum immolari. die das Wort impliziert. Der Traktat Über die Bedeutung der Wörter von Sextus Pompeius Festus bewahrt uns unter dem Lemma sacer mons das Gedächtnis einer Figur des archaischen römischen Rechts. I . den jeder straflos töten konnte. nicht durch die vom Ritus vorgegebenen Formen zu Tode gebracht werden durfte (neque fas est eum immolari. 7). ihn zu opfern. der aufgrund eines Plebiszits sacer ist. immolari bezeichnet das Bestreuen des Opfers mit der mola salsa vor der Tötung). fügt Festus unmittelbar an: At homo sacer is est.) Der Sinn dieser rätselhaften Figur. quem populus iudicavit ob maleficium.

deren Juxtaposition nach Festus gerade das Spezifische des homo sacer ausmacht. die in der sacratio das abgeschwächte und säkularisierte Residuum einer archaischen Phase sehen. was für die Götter bestimmt ist. daß.Worin besteht also die Heiligkeit des homo sacer [uomo sacro] ? Was bedeutet der Ausdruck sacer esto. Im Innern dessen. die sacratio als autonome Figur zu interpretieren. 3 Straflos getötet werden. wonach man die Seelen der homines sacri deshalb auf schnellstem Weg in den Himmel befördern wollte. sie nehmen ihn nicht als Geschenk. Umgekehrt wird in der Perspektive der I Er soll sacer sein. daß wir es hier mit einem Grenzbegriff der römischen Gesellschaftsordnung zu tun haben. 61). und wir werden I Den Göttern geweiht/verfallen. Der Perplexität der antiqui autores antwortet die Divergenz der modernen Interpretationen. daß die Heiligkeit in seinen Augen problematisch genug war. letzteren zwar das neque fas est eum immolari verständlich (der homo sacer.« Was immer auch das Gewicht dieser Interpretation sein mag. sie haben jedoch keine überzeugende Erklärung für das Opferverbot. man begreift jedoch überhaupt nicht. wenn es am Kreuzpunkt der zulässigen Tötung und der verbotenen Opferung angesiedelt ist. denn ich weiß wohl. Ludwig Lange. die Macrobius an diesem Punkt schuldig zu sein glaubt. die darin eine archetypische Figur des Heiligen erblicken. heilige Dinge zu verletzen. kann nicht mehr Gegenstand eines sacrificium. werden. wie das allzu oft geschehen ist. ohne ein Sakrileg zu begehen (von daher rührt die nicht schlüssige Erklärung von Macrobius. weil sie diis debitae’ waren). scheinen die beiden Wesenszüge in der Tat schwerlich vereinbar zu sein: Wenn der homo sacer unrein (Fowler: tabu) oder im Besitz der Götter war. Anstatt das Spezifikum des homo sacer in einer behaupteten ursprünglichen Ambiguität des Heiligen nach dem Muster des ethnologischen Tabubegriffs aufzulösen. solange man im Innern des ius divinum und des ius humanum verbleibt. sicher ist. in der das religiöse Recht und das Strafrecht noch nicht unterschieden wurden und man das Todesurteil als Opfer an die Gottheit verstand. hinzufügt: »An diesem Punkt ist es nicht fehl am Platz. James Leigh Strachan-Davidson). auf der anderen Seite diejenigen (wie Karl Kerényi und W. Ersteren gelingt es zwar. wie konnte ihn dann jedermann umbringen. es doch erlaubt sei. so Kerenyi. die das Geopferte zum sacer macht«. Keine der beide Positionen vermag den beiden Merkmalen. ihn in vorgeschriebener Form zu Tode zu bringen? Was ist mithin das Leben des homo sacer.l der mehrmals in den königlichen Gesetzen vorkommt und schon in der archaischen Inschrift auf dem rechteckigen cippus2 des Forums auftaucht. um einer Erklärung zu bedürfen. während es ansonsten verboten ist. 2 Grabsäule. belegt zweifelsfrei ein Abschnitt der Saturnalien (11I7. wenn er zugleich das impune occidi3 und den Ausschluß vom Opfer formuliert? Daß dieser Ausdruck auch den Römern dunkel erschien.8). die Weihung für die unterweltlichen Götter.3 . daß es manchen sonderbar erscheint [mirum videri]. ohne sich zu beflecken oder ein Sakrileg zu begehen? Und wenn er andererseits wirklich Opfer eines archaischen sacrificium oder eines Todesurteils war. Kerényi. warum war es dann nicht fas. weil er »schon den Besitz der unterirdischen Götter [bildet]. als Opfer an«. analog zum Doppelsinn des ethnologischen Tabubegriffs: erhaben und verflucht. auf ökonomische Weise gleichzeitig Recht zu verschaffen: der Straflosigkeit seiner Tötung und dem Verbot der Opferung. was wir von der juridischen und religiösen Ordnung (sowohl vom ius divinum wie vom ius humanum) wissen. warum dann jeder den homo sacer umbringen kann. nachdem er das als sacrum definiert hat. die das Gesetz zu bestimmten Göttern Geweihten [sacros] erklärt. Auf der einen Seite finden sich diejenigen (wie Theodor Mommsen. S. 82 83 . außerhalb des menschlichen wie des göttlichen Rechts? Alles deutet darauf hin. von den Verhältnissen jener Menschen zu handeln. einer »Handlung. aber vielleicht erlaubt er. werden wir vielmehr versuchen. verehrungswürdig und schreckenerregend. der als solcher schwerlich eine befriedigende Erklärung findet. Warde Fowler). das impune occidi zu begründen (wie das zum Beispiel Mommsen in Begriffen einer Popolaren oder stellvertetenden Vollstreckung eines Todesurteils tut).2. wo Macrobius. Harold Bennett. den homo sacer zu töten. 1. Licht auf ihre gegenseitigen Grenzen zu werfen.

Auf den Interpretationen sozialer Phänomene und ins besondere des Problems vom Ursprung der Souveränität lastet noch immer ein wissenschaftlicher Mythos. Doch um uns dieser Zone anzunähern. gegenwärtig ist. ihr eigenes Unbehagen zu beklagen begann. Personen. »als gleite man in einer Gondel dahin«) -. Jahrhunderts von Benveniste. Aber sein Einfluß auf die Zeit und seine Übertragung auf die anderen Disziplinen sind dermaßen hartnäckig gewesen. das wir hier vorläufig »Theorie der Ambivalenz des Heiligen« titulieren können. ob sie nicht zufällig Licht auf eine originäre politische Struktur wirft. daß es nach der Kompromittierung von Batailles Untersuchungen über die Souveränität auch noch in jenem linguistischen Meisterwerk des 20.uns fragen. In der vierten Lektion heißt es: *Neben diesen Formen des Tabu. Jahrhunderts entstanden ist und die humanwissenschaftlichen Forschungen auf einem besonders heiklen Gebiet nachhaltig auf den Holzweg gebracht hat. der Priester und Häuptlinge und überhaupt aller Personen und Dinge. Religiösem und Politischem vorausliegt. die jeden Bezug zu ihrer religiösen Tradition verloren hatte. die sich in einer Zone befindet. Die Ambivalenz des Heiligen . und in den ersten Jahrzehnten des 20. daß die Lectures zu einem Zeitpunkt erschienen sind.1. Dieses Mythologem. müssen wir zuerst ein Mißverständnis ausräumen. 85 . die mit einem toten Körper in Be. 2. finden wir noch eine andere Form des Tabu. um mit seiner Ambiguität die abendländische Erfahrung des Heiligen unwiderruflich zu prägen. die zu den Göttern und ihrem Cultus in Beziehung stehen. die der Unterscheidung zwischen Heiligem und Profanem. die genau den Regeln der Heiligkeit entsprechen. der am Ende des 19. In diesem Buch tritt der ethnographische Begriff erstmals aus dem Bereich der primitiven Kulturen heraus und dringt ungehindert ins Innere der Forschung der biblischen Religion.es handelt sich um jenes Buch. Daß es zum ersten Mal 1889 in den Lectures on the Religion of the Semites von William Robertson Smith formuliert wurde . Frauen nach der Geburt eines Kindes. 2. Indoeuropäische Institutionen. wenn man daran denkt. bildet sich anfänglich in der spätviktorianischen Anthropologie heraus und überträgt sich unmittelbar danach auf die französische Soziologie. die bei den Semiten ihre Parallele in den Gesetzen über die Unreinheit hat. indem sie die Unverletzlichkeit der Götterbilder und Heiligtümer. das einen so maßgeblichen Einfluß auf Sigmund Freuds Totem und Tabu haben wird (»man liest es«. sagte dieser. da eine Gesellschaft. überrascht nicht.

Bei den meisten wilden Völkern scheinen die beiden eben bezeichneten Arten des Tabu nicht scharf unterschieden zu werden. die semitische Auffassung der Heiligkeit und der Unreinheit von dem System des Tabu zu sondern« (ebd. Bedeutsam ist. [. nachdem sie durch Feuer gereinigt waren. sind für eine gewisse Zeit Tabu und von der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen. jene Mischung von Ehrfurcht und Abscheu. als die ältesten dämonischen Mächte den Göttern wichen. 6. 7.geloben< (Lev. Es gibt iwei Arten des Heiligen. Jos. I 17). . welche die archaischste Phase der Menschheitsgeschichte kennzeichneten. die heilbringenden [faste] und die unheilbringenden [nefaste]. S.« (Ebd.« (Robertson Smith.. I I 1) ren. Emile Durkheim. Hier unterteilt er die »religiösen Kräfte« in zwei gegensätzliche Kategorien. ist der Bann (hérem). In der Tat gibt es Grausen im religiösen Respekt. in allen Bereichen der Humanwissenschaften aus -wie wenn die europäische Kultur das Phänomen zum ersten Mal entdeckt hätte.. 7.Banns ist von Anfang an maßgebend für die Genese der Lehre von der Doppeldeutigkeit des Heiligen: Die Doppeldeutigkeit des erste86 »Zweifellos sind die Gefühle.24. Jos. dem Schatz des Heiligtums beigefügt (Jos. die in der Formel »heilige Scheu« Karriere machen wird. dürfen die ausgedruckten Gefühle ihrer Natur nach nicht verschieden sein. . worin der »Zweideutigkeit des Begriffs des Heiligen« ein ganzes Kapitel gewidmet ist. und die Furcht. Die dem Tabu unterworfene Person wird in solchen Fällen nicht als heilig betrachtet [. der hier erwähnt werden kann. nur Metalle wurden. 34). 27.]. indem es einschließt. . trat Wundt zufolge auch der Gegensatz von heilig und unrein an die Stelle der ursprüngliche Ambivalenz. Erst in einer späteren Phase. und die gebannte Stadt durfte nicht wieder aufgebaut werden (Deut. I 14). Auch das Vieh wurde nicht geopfert. War die Theorie von der Ambivalenz des Heiligen erst einmal formuliert. 1 Sam. Unreinheit und Tabu« zählt Robertson Smith eine neue Reihe von Beispielen der Doppeldeutigkeit auf (darunter das Verbot des Schweinefleischs. Smith so bewundernswert ans Licht gebracht hat« (Hubert und Mauss. I 3. die »heilbringenden« und die »unheilbringenden«: In einer der zweiten Ausgabe der Lectures hinzugefügten Anmerkung mit der Überschrift »Heiligkeit. daß Robertson Smith zu den Zeugnissen dieses doppeldeutigen Vermögens auch den Bann zählt: »Ein anderer hebräischer Brauch. s. Und zwischen diesen beiden entgegengesetzten Formen gibt es nicht nur keinen Bruch. nicht identisch: Respekt ist eine Sache. 2.). das ausschließt. In der ältesten Zeit der Hebräer bezeichnet es jedoch die völlige Vernichtung. Wer ein gebanntes Ding in sein Haus bringt. wie auch in der semitischen Religion solche Personen als unrein gelten. I 5).z6). ohne auf Widerstand zu stoßen. 16. 1912 veröffentlicht der Onkel von Mauss. die die bösen Mächte erwecken. die R. Die von ihm ausgehende Gefahr ist ebenso wie beim Tabu übertragbar (Deut.dem Tabu angeglichenen . Selbst in höher entwickelten Völkern berühren sich vielfach die Begriffe der Heiligkeit und der Unreinheit. besonders wenn er sehr groß ist. . sondern zwei Varianten ein und derselben Art. S. das »in den höher stehenden Religionen der Semiten eine schwankende Stellung zwischen dem Bereich des Heiligen und Unreinen« einnimmt. verfallt selbst dem Banne. die alle heiligen Dinge umfaßt.rührung gekommen sind. das durch die Furcht vor übernatürlichen Strafen veranlasst ist (1 Kön. Der Bann ist eine Form der Weihung für die Gottheit: das Verbum für >bannen< wird zuweilen mit >weihen< wiedergegeben (Micha 4. sondern einfach getötet. die die beiden erwecken. breitete sie sich. hat im allgemeinen auch achtungsgebietende Züge.13). Ein solcher Bann ist ein Tabu. Abscheu und das Grausen eine andere. 28f. um sodann zu behaupten. ebd. sondern auch die seines Eigentums.) Die Untersuchung des . 24. zuweilen bedeutet es . daß es »unmöglich ist. 26. nicht nur der vom Bann betroffenen Person. Die elementaren Formen des religiösen Lebens. Sieben Jahre später druckt der Tabubegriff im zweiten Band von Wilhelm Wundts Völkerpsychologie über Mythus und Religion gerade die ursprüngliche Ununterschiedenheit von heilig und unrein aus. Damit aber die Gesten in beiden Fällen die gleichen sind.. Zehn Jahre nach den Lectures eröffnen Henri Hubert und Marcel Mauss ihren zum Klassiker der französischen Anthropologie gewordenen Essai sur la nature et Ia fonction du sacrifice (1 899) ausgerechnet mit der Beschwörung der »Doppeldeutigkeit der heiligen Dinge. S.] Das Reine und das Unreine sind also nicht zwei getrennte Arten. S. impliziert die Doppeldeutigkeit des letzteren. IISf. 7). ein und dasselbe Objekt kann sich vielmehr von 87 . 195). 6. durch den böswillige Sünder und Feinde der Gemeinschaft und ihres Gottes der gänzlichen Vernichtung geweiht werden.2.16.

findet auf diese Weise 89 . 219).23). Während die zweite Auflage des Lateinischen etymologischen Wörterbuchs (1910) von Alois Walde noch keine Spur der Ambivalenzdoktrin aufweist.<* (Caillois. . die angesichts des Gefühls alle Nüchternheit verlassen hat.3. e. Als Roger Caillois 1939 L’homme et le sacré veröffentlicht. In diesem Prozeß spielt gerade der homo sacer eine entscheidende Rolle. die bei den Religionswissenschaftlern sofort Widerhall fand. die in sich widersprüchliche Züge zu vereinen scheint und deswegen selbst erklärungsbedürftig war. und eine Philosophie. der lateinische Begriff sacer. ein Verbannter. sanktioniert der Dictionnaire étymologique de Ia langue latine von Alfred Ernout und Antoine Meillet die »doppelte Bedeutung« mit einem Verweis auf den homo sacer: »Sacer bezeichnet denjenigen oder dasjenige. hagios)«. kann er direkt von einer scheinbar nun gesichterten lexikalischen Gegebenheit ausgehen: »In Rom bezeichnet das Wort sacer nach der Definition von ErnoutMeillet: . die es Fowler (eine Anregung von Robert Marett aufnehmend) erlaubt. Psychologisierung von religiöser Erfahrung am Werk (der »Abscheu« und das »Grausen«. 548 . tabuisiert. Zwischen der zweiten Auflage des Wörterbuchs von Walde und der ersten Auflage desjenigen von Ernout und Meillet war im Pauly-Wissowa der von Richard Ganschinietz gezeichnete Lexikonartikel Sacer erschienen. S. Dennoch tritt erst mit diesem Buch eine eigentliche allgemeine Theorie der Ambivalenz ans Licht.« (Durkheim. S. Ein Schuldiger. worin das europäische Bildungsbürgertum sein Unbehagen gegenüber religiösen Tatsachen verrät). Aus dem Reinen kann man Unreines machen.5 5 1) Hier ist bereits jener Prozeß der. [. Seltsamerweise erwähnten die Anthropologen. die nicht nur auf der Anthropologie und Psychologie. und umgekehrt. Linguistik und Soziologie in der Sache des Heiligen zu verfolgen. Huguette Fugier hat in einer gut dokumentierten Studie gezeigt. S. so erinnert Huguette Fugier an die engen Beziehungen. 191 1 ist jedoch Fowlers Aufsatz »The Original Meaning of the Word Sacer« erschienen. ist der Boden schon genügend bereitet. »heilig und verflucht« (Freud. die nunmehr eins ist mit dem Dunklen und Undurchdringlichen. aber je nach den Umständen ›heilig< oder verflucht*. Fowler. auf welche Weise die Lehre von der Doppeldeutigkeit in den Bereich der Sprachwissenschaft eindringt und dort schließlich ihre Hochburg findet (Fugier. findet sich auch. in dessen Zentrum eine Interpretation des homo sacer steht. ohne verunreinigt zu werden oder zu verunreinigen. S. auf den dieser Fluch fällt. der ein paar Jahre später im Umkreis der Marburger Theologie mit dem Buch von Rudolf Otto über Das Heilige (1917) seinen Abschluß fand. ist ein Ausgestoßener. 238 -240). Was Meillet betrifft. von daher der Doppelsinn von >heilig< oder >verflucht< (ungefähr). Freud hat 1910 den Aufsatz über den Gegensinn der Urworte des heute diskreditierten Linguisten Karl Abel gelesen und in einem Artikel rezensiert. K Es ist interessant. ohne verunreinigt zu werden oder zu verunreinigen. das lateinische sacer mit 88 ’ der Kategorie des Tabu zu verkoppeln (»sacer esto ist tatsächlich ein Fluch.] Ursprünglich kann das Wort einfach tabu bedeutet haben. welcher der Neologismus »numinos« den Anstrich von Wissenschaftlichkeit verpassen soll. ohne seine Natur zu verändern. ist heilig (sacer esto: vgl.sich aus in die andere verwandeln. das ist die Trivialität. aus dem Bereich des profanum gewiesen. was man nicht berühren kann. Daß das Religiöse vollständig in die Sphäre der psychologischen Emotion falle und daß es ganz wesentlich mit dem Schauder und der Gänsehaut zu tun habe. den man den unterweltlichen Göttern weiht.Wer oder was nicht berührt werden kann. die römische sacratio nicht. gr. S. Hier ist es die in der Definition von Festus implizite Doppeldeutigkeit des Heiligen. Hier feiern eine Theologie. Unter den Worten des Gegensinns. die Abel im Anhang auflistete. gefährlich. der explizit auf die Theorie der Ambivalenz von Durkheim eingeht (so wie das bereits Fowler mit Robertson Smith getan hatte). i. 42). wie Freud nicht versäumt hervorzuheben. die der Linguist zu den Pariser Soziologen unterhielt (besonders mit Mauss und Durkheim). Als Freud Totem und Tubu verfaßt. Eine rätselhafte Figur des archaischen römischen Rechts. die als erste die Theorie von der Ambivalenz des Heiligen entwickelten. in der Arbeit von Huguette Fugier die Geschichte des Austauschs zwischen Anthropologie. 1 7. ihre Vereinigung in einer Vorstellung des Heiligen. In der Möglichkeit dieser Umwandlungen besteht die Zweideutigkeit des Heiligen. wo er ihm mit seiner Theorie über das Fehlen des Widerspruchsprinzips in den Träumen verband. sondern auch auf der Linguistik basiert. 2. ohne besonderen Bezug auf eine Gottheit. der jeglicher Sinn für das offenbarte Wort abhanden gekommen ist. . und der homo sacer.

tabu und sacer im Zentrum stehen. übergehen läßt (Fowler. Das heilige Leben 3. die der homo sacer verkörpert. daß die consecratio üblicherweise einen Gegenstand vom ius humanum ins ius divinum. Die ältesten uns bekannten Formen der Vollstreckung der Todesstrafe (die schrecklichepoena cullei. auf das sich die älteste Bedeutung von sacer bezieht. und zwar in einem Moment. der keinen anderen Sinn hat. ohne in die göttliche überzugehen.Widerhall in der religiösen Kategorie des Heiligen. im Fall des homo sacer dagegen eine Person lediglich außerhalb der menschlichen Rechtsprechung gesetzt wird. Es ist bemerkt worden. Levi-Strauss hat aufgezeigt. wie der Begriff mana als überschreitender Signifikant funktioniert. die sie entgegengesetzte Bedeutungen annehmen läßt. I »Wenn jemand absichtlich einen freien Mann tötet. I S).1. bei welcher der Verurteilte. einem Hund und einem Hahn in einen Sack gesteckt und ins Wasser geworfen wurde. Vor allem das impune occidi stellt eine Ausnahme vom ius humanum dar. zusammen mit Schlangen. parricida esto). nur eine jeweils sorgfältige Abgrenzung der Sphären des Politischen und des Religiösen erlaubt es. insofern es die Anwendung des Numa Pompilius zugeschriebenen Gesetzes über den Mord aufhebt (si quis hominem liberum dolo sciens morti duit. kann er als Mörder betrachtet werden. Das Verbot der Opferung schließt nicht nur jede Angleichung zwischen dem homo sacer und einem geweihten Opfer aus. am Ende des letzten Jahrhunderts zusammen. wie Macrobius mit einem Zitat von Trebatius sagt. die das politisch-juridische Phänomen erklären kann. vom Profanen ins Heilige. den Kopf mit einem Wolfsfell bedeckt. Im Leben der Begriffe gibt es einen Moment. sondern selbst erklärungsbedürftig ist. 3. für die nicht zufällig doppelsinnige Begriffe wie mana. Es ist nicht eine angebliche Ambivalenz der allgemeinen religiösen Kategorie des Heiligen. daß der vor Gericht gestellte Totschläger sich gegen die Anklage auf die Heiligkeit des Opfers berufen kann. daß die ursprüngliche juridischpolitische Dimension. diesmal jedoch vom ius divinum und von jeder Form der rituellen Tötung. das für sich nicht nur nichts erklärt. oder der Sturz vom Tarpeischen Felsen) sind in Wirklichkeit eher Reinigungsriten als Todesstrafen im modernen Sinn: Demnach wurde das neque fas est eum immolari gerade dazu dienen.in einem vollendeten Zirkel . Auf jeden Fall aber ist es wichtig. die Geschichte ihrer Verflechtung und ihrer komplexen Beziehungen zu begreifen. um . Bei den religiösen Phänomenen fällt dieser Moment mit der Geburt der modernen Anthropologie. die Tötung des homo sacer von den rituellen Reinigungen zu unterscheiden und die sacratio entschieden aus dem im eigentlichen Sinn religiösen Bereich auszuschließen. Und in Verbindung mit dem ethnologischen Begriff des Tabu wird die Doppeldeutigkeit ihrerseits herangezogen. im Gegenteil. sondern. 32 -41). S. Aber auch das neque fas est eum immolari stellt genaugenommen eine Ausnahme dar.’ Dieselbe von Festus wiedergegebene Formel (qui occidit.die Figur des homo sacer zu erklären. In gewisser Weise analoge Betrachtungen könnte man über den Gebrauch und die Funktion des Tabu und des Heiligen im Diskurs der Humanwissenschaften zwischen 1890 und 1940 anstellen. nicht von einem wissenschaftlichen Mythologem verdeckt wird. in dem sie ihre unmittelbare Intelligibilität verlieren und wie jedes leere Wort sich mit widersprüchlichen Bedeutungen aufladen können. S. da diese selbst eine unwiderrufliche Desemantisierung erfährt. parricidi non damnatur) bildet sogar in gewisser Weise eine eigentliche exceptio in dem technischen Sinn. Die Struktur der sacratio ist sowohl nach den Quellen wie nach der übereinstimmenden Meinung der Forscher das Resultat der Vereinigung zweier Wesenszüge: der Straflosigkeit der Tötung und der Ausschließung vom Opfer. als das Übermaß der signifikanten Funktion über die Signifikate zu bezeichnen (Levi-Strauss.« 91 .

indem es sich abwendet und zurückzieht. ist ursprünglich das Leben im souveränen Bann. 460-465). ist die eines doppelten Ausschlusses und einer doppelten Einnahme. Denn so wie bei der souveränen Ausnahme das Gesetz sich auf den Ausnahmefall anwendet.2. meint ursprünglich gerade die Unterwerfung des Lebens unter eine Macht des Todes. der nur in einer Ausnahmebeziehung besteht. der er ausgesetzt ist. 3. öffnet sie eine Sphäre des menschlichen Handelns. Wir sind bereits auf einen Grenzbereich des menschlichen Handelns gestoßen. dann bildet die sacratio eine doppelte Ausnahme. die eine Zone der Ununterschiedenheit zwischen Opfer und Mord bildet. sowohl vom religiösen wie vom profanen Bereich. Wenn wir nacktes oder heiliges Leben dasjenige Leben nennen. Die Heiligkeit des Lebens. Der politische Raum der Souveränität hätte sich demnach durch eine doppelte Ausnahme als Exkreszenz des Profanen im Religiösen und des Religiösen im Profanen konstituiert.die Zulässigkeit der Tötung implizierte. walt und der sacratio belegt auch diepotestus sacrosancta. Was die Verfassung des homo sacer bestimmt. S. das nicht geopfert werden kann und dennoch getötet werden darf. Wir können sogar eine erste Hypothese dazu aufstellen: Rückt man den homo sacer an seinen eigentlichen Ort jenseits des Strafrechts wie des Opfers. aber nicht Opferbar. die man heute gegen die souveräne Macht als Menschenrecht in jedem fundamentalen Sinn geltend machen möchte. die übrigen heiligen Dinge zulässig. daß sie den Schuldigen als homo sacer betrachteten. Diese Gewalt . Souverän ist die Sphäre. die in Rom den )J Die Verknüpfung zwischen der Verfassung einer politischen Ge- »Während es verboten ist. das in diese Sphäre eingeschlossen ist. mittels deren sich die politische Dimension konstituiert hat. ist das heilige Leben. Die topologische Struktur. Das Leben. die jeder ihm gegenüber verüben kann . ist ein menschliches Leben. die diese doppelte Ausnahme aufweist. in die er sich von der Gewalt. ist das Leben. das getötet. Crifo 1. daß die ihm zugefügte Gewalt kein Sakrileg war. sowohl vom ius humanum als auch vom ius diuinum. Dies ist der Bereich der souveränen Entscheidung. den homo sacer ZU töten. die weder in diejenige des sacrum facere noch in die der profanen Handlungen gehört. daß die Plebejer anläßlich der ersten Sezession geschworen haben. so stellt er die ursprüngliche Figur des in Bann genommenen Lebens dar und bewahrt das Gedächtnis der ursprünglichen Ausschließung. die wir uns beim Aufzeigen der formalen Struktur der Ausnahme gestellt haben: Was unter den souveränen Bann fällt. und die Produktion des nackten Lebens ist in diesem Sinn die ursprüngliche Leistung der Souveränität. dann verfügen wir auch über eine grundlegende Antwort auf die Benjaminsche Frage nach dem »Ursprung des Dogmas von der Heiligkeit des Lebens«. Die Unantastbarkeit des Tribuns gründet allein auf der Tatsache. in der man töten kann. die Vergehen an ihren Vertretern dadurch zu rächen. hominem sacrum ius fuerit occidil). ist es plebejischen Tribunen zusteht. die das Recht im Ausnahmezustand aufhebt und so das nackte Leben in I ihn einbindet. die mehr als eine einfache Analogie mit der Struktur der souveränen Ausnahme darstellt (daher die Stichhaltigkeit der These derjenigen Forscher. das heißt tötbar und nicht Opferbar. Wir müssen uns also fragen.die nicht sanktionierbare Tötung.ist weder als Opfer noch als Mord noch als Vollstreckung eines Urteils noch als Sakrileg einzustufen.« ZU verletzen. Wenn das stimmt. das den ersten Inhalt der souveränen Macht bildet. aber nicht geopfert werden kann: der homo sacer. versetzt findet. das beißt tötbar. wie das bei den res sacrae der Fall ist (cum cetera sacra violari nefas sit. Nun kann man auch eine erste Antwort geben auf die Frage. ob die Struktur der Souveränität und die Struktur der sacratio nicht irgendwie verknüpft sind und sich dadurch wechselseitig beleuchten können. Heilig. der fälschlicherweise (die Plebiszite wurden ehedem klar von den 93 92 . seine unwiderrufliche Aussetzung in der Beziehung der Verlassenheit [abbandono]. Der Begriff lex sacrata. ohne einen Mord zu begehen und ohne ein Opfer zu zelebrieren. so ist der homo sacer der Gottheit in Form des Nichtopferbaren übereignet und in Form des Tötbaren in der Gemeinschaft eingeschlossen. die wie Giuliano Crifo die sacratio in substantieller Kontinuität mit dem Ausschluß aus der Gemeinschaft interpretieren. ist also nicht so sehr die vermeintlich ursprüngliche Doppeldeutigkeit der Heiligkeit als vielmehr die Eigentümlichkeit der doppelten Einschließung. und diese Sphäre müssen wir hier zu begreifen versuchen. Wenn sie sich den sanktionierten Formen des menschlichen und des göttlichen Rechts entzieht. und heilig.

in dem Augustus die potestas tribunicia übernimmt und also sacrosanctus wird (Sacrosanctus in perpetuum ut essem.« Im Original deutsch. das.’ heißt es in den Res gestae).3. 3. Sacer esto ist keine religiöse Fluchformel. das unsere Analyse aufgespannt hat: Es enthält weder eine widersprüchliche Bedeutung im Sinne von Abel noch eine allgemeine Doppeldeutigkeit im Sinne von Durkheim. aber sie bildete dennoch eine politische Macht. Hier entfaltet die strukturelle Analogie zwischen souveräner Ausnahme und sacratio ihre volle Bedeutung. solange ich lebe. vielmehr sind sie die ursprüngliche Ausnahme. die dieselbe Struktur haben und korreliert sind: Souverän ist derjenige.leges unterschieden) das bezeichnete. Beide sind in der Figur eines Handelns verbunden. und die tribunizische Macht soll mir zugestanden werden. Verberatio parentis: Gewalt des Sohnes gegenüber den Eltern. vom nomos wie von der physis ausnimmt. dem gegenüber alle Menschen als Souveräne handeln. vielmehr bezeichnet es ein absolut tötbares Leben. das heißt das Leben. aber in aller Klarheit sagt) ist der Gründungsakt der Staates. Diese doppelte Entziehung öffnet zwischen dem I »So soll ich auf ewig sakrosankt sein. die in unserer Zeit sowohl die Studien über das Heilige wie über die Souveränität geprägt haben. und homo sacer ist derjenige. sondern ihre Tilgung oder Negierung (wie das übrigens der Gründungsmythos von Rom auf seine Weise. sondern auch noch die jüngsten Untersuchungen über die Souveränität.’ zugleich Erhabene und Entsetzliche. dann ist die Heiligkeit vielmehr die ursprüngliche Form der Einbeziehung des nackten Lebens in die juridisch-politische Ordnung. Diese Symmetrie zwischen sacratio und Souveränität wirft eine neues Licht auf die Kategorie des Heiligen. auf welche die entsprechende Sanktion folgt. in der das menschliche Leben. dem gegenüber alle Menschen potentiell homines sacri sind. hatte ursprünglich keinen anderen Sinn als die Bestimmung eines tötbaren Lebens. et quoad viverem tribunicia potestas mihi tribuetur. An den beiden äußersten Grenzen der Ordnung stellen der Souverän und der homo sacer zwei symmetrische Figuren dar. einer Sache sanktionieren würde. und das Syntagma homo sacer benennt etwas wie die ursprüngliche »politische« Beziehung. )c Betrachten wir das Bedeutungsfeld des Begriffs sacer. Heilig ist das Leben nur. Wenn unsere Hypothese richtig ist. Deshalb bezeichnet nichts das Ende der alten republikanischen Verfassung so klar wie der Augenblick. So komplex ist die originäre Struktur. S. die das Unheimliche. in einem bestimmten Sinn den ersten eigentlichen politischen Raum absteckt. das heißt zugleich erhabenen und verfluchten Charakters. das einer bedingungslosen Tötbarkeit ausgesetzt ist. der dem Leben als solchem auf unerklärliche Weise inneI wohnen würde. auf der die souveräne Macht gründet. die das souveräne Band auferlegt. Die Vergehen. indem es sich sowohl vom menschlichen Recht wie vom göttlichen Recht. 57). hätten demnach nicht den Charakter einer Normübertretung. und die Verwechslung eines juridisch-politischen Phänomens (die nicht opferbare Tötbarkeit des homo sacer) mit einem genuin religiösen Phänomen ist die Wurzel der Mißverständnisse. Die Nähe zwischen der Sphäre der Souveränität und der Sphäre des Heiligen. sie ist statt dessen die ursprüngliche politische Formulierung. Nicht der Akt der Grenzziehung. die mehrmals festgestellt und unterschiedlich motiviert worden ist. oder der Betrug des Patrons gegenüber einem Klienten). die sowohl die Sphäre des Rechts als auch jene des Opfers überschreitet. die den Quellen zufolge die sacratio nach sich ziehen (wie terminum exarare: Tilgung der Grenzen. von der natürlichen Ordnung wie von der normalen Rechtsordnung abgegrenzt ist. dieser das Prestige einer theologischen Sanktion zu sichern. dessen Doppeldeutigkeit nicht nur die moderne Forschung der religiösen Phänomenologie so hartnäckig geleitet hat. ist nicht einfach das säkularisierte Residuum des ursprünglich religiösen Charakters jeder politischen Macht noch der bloße Versuch. insofern es in der einschließenden Ausschließung der souveränen Ausnahme als Bezugsgröße dient. 95 94 . das Objekt einer Gewalt. die in gewissem Sinn ein Gegengewicht zur souveränen Macht war. Das Gesetz von Numa über den Mord (parricida esto) bildet mit der Tötbarkeit des homo sacer (parricidi non damnatur) ein System und kann nicht davon abgelöst werden. der sowohl vom religiösen wie vom profanen Bereich. in die politische Ordnung eingeschlossen wird. was eigentlich bloß eine »geschworene Charta< der revoltierenden Plebs war (Magdelain. ebensowenig ist sie aber die Konsequenz eines »heiligen«. insofern es in der souveränen Ausnahme erfaßt wird.

ist (Thomas. gedacht: Sie entspringt unmittelbar und allein der Vater-Sohn-Beziehung (im Augenblick. ist eben die Wendung vitae necisque potestas. dann nicht deshalb. und noch weniger mit der Gewalt des dominus über seine Diener. wo sacer einfach ein tötbares Leben meint (vor dem Opfer war das Ferkel noch nicht »heilig« im Sinne von »den Göttern geweiht«. quisque amore teneatur. eat tutusque sacerque. die in keiner Weise die souveräne Macht bezeichnet. die dem pater als Oberhaupt der domus (des Hauses) zukommt.zTib. In dieser Perspektive lösen sich viele der scheinbaren Widerspruche des Begriffs *heilig« auf. zu einem eigentlichen terminus technicus macht. Demnach erscheint das Leben im römischen Recht nur als Gegenstück einer Macht. in dem das Wort vita einen spezifisch juridischen Sinn annimmt. daß in der Antike die opferbaren Schweine sacres genannt wurden. sondern weil sie sich von den übrigen Menschen abgesondert und in eine Sphäre jenseits des göttlichen wie des menschlichen Rechts begeben haben. Diese Macht ist absolut. indem er ihn vom Boden hochhebt. weil sie den Göttern geweiht oder-verflucht waren. Während letztere beiden Gewalten die häusliche Rechtsprechung durch das Familienoberhaupt betreffen und so gewissermaßen im Bereich der domus bleiben. sie ist weder als Sanktion einer Schuld noch als Ausdruck der allgemeinsten Macht. die sie zehn Tage nach der Geburt für Opferbar hielten. deren Bedeutung wir eben zu-bestimmen versucht haben. der es. »Eines der charakteristischsten Privilegien der souveränen I 2 »Wer immer die heiligen Liebenden verletzt. da der Vater den Sohn anerkennt.Profanen und dem Religiösen eine Zone der Ununterscheidbarkeit. Es war ursprünglich jene Sphäre. sondern die bedingungslose Gewalt des pater über die Söhne. erwirbt er über ihn die Macht über Leben und Tod). Auf die Wendung »Recht über Leben und Tod« stoßen wir jedoch in der Rechtsgeschichte das erste Mal in der Formel vitae necisque potestas. die mit dem Tod droht (genauer mit dem Tod ohne Blutvergießen. der das heilige Leben ausgesetzt war.16). 1.« Macht war lange Zeit das Recht über Leben und Tod. daß in dieser Formel que keinen disjunktiven Wert hat und vita bloß ein Zusatz zu nex. 2. Wenn die römischen Dichter die Liebenden als sacri bezeichnen (sacros qui ledat amantes. soll geschützt und heilig sein.’ Prop.27). rein. Im römischen Recht ist vita kein juridischer Begriff. denn das bedeutet eigentlich necare im Gegensatz zu mactare). Dagegen bezeugt Varro (De re rustica 114.« »Wer verliebt ist. S. I.2. kommt die vitae necisque potestas jedem freien männlichen Bürger bei seiner Geburt zu und scheint so das Modell der politischen 97 . er bezeichnet wie im gewöhnlichen lateinischen Gebrauch die einfache Tatsache zu leben oder eine besondere Lebensweise (das Lateinische vereinigt die Signifikate von zök und bios in einem Begriff ). der Macht zu töten. So nannten die Römer die Ferkel. das dem Gatten oder dem Vater über die Gattin oder die Tochter zusteht. deswegen darf sie nicht mit dem Recht zu töten verwechselt werden. Vitae necisque potestas 4. sondern bloß tötbar).). S. Der einzige Fall. 508f.« (Foucault I. wenn sie beim Ehebruch in flagranti ertappt werden. die der doppelten Ausnahme entsprang. 3. Weit entfernt von einem Widerspruch mit dem Opferverbot des homo sacer deutet der Begriff hier auf eine ursprüngliche Zone der Ununterscheidbarkeit hin.6. Yan Thomas hat in einer exemplarischen Studie gezeigt. 161) Diese Behauptung Foucaults am Ende von Der Wille zum Wissen klingt völlig trivial. 4.

Macht im allgemeinen zu liefern. Nicht das einfache natürliche Leben, sondern das dem Tod awsgesetzte Leben (das nackte oder heilige Leben) ist das ursprüngliche politische Element. Tatsächlich empfanden die Römer eine so wesentliche Verwandtschaft zwischen der vitae necique potestas des Vaters und dem imperium des Magistraten, daß die Register des ius patrium und der souveränen Macht schließlich eng verflochten waren. Das Thema des pater imperiosus, der wie Brutus oder Manlius Torquatus die Eigenschaft des Vaters und das Amt des Magistraten auf sich vereinigt und nicht zögert, den des Verrats schuldigen Sohn dem Tode zu überantworten, spielt eine wichtige Rolle in der Anekdotik und in der Mythologie der souveränen Macht. Doch ebenso entscheidend ist die umgekehrte Figur, das heißt der Vater, der seine vitae necisque potestas gegenüber einem Sohn, der Magistrat ist, ausübt wie im Fall des Konsuls Spurius Cassius und des Tribuns Caius Flaminius. Valerius Maximus berichtet, wie letzterer, während er sich über die Macht des Senats hinwegzusetzen versuchte, von seinem Vater von der Rostra heruntergeschleift wurde, und definiert die potestas des Vaters bezeichnenderweise als imperium privatum. Yan Thomas hat aufgrund seiner Analysen dieser Episoden schreiben können, daß die patria potestas in Rom als eine Art von öffentlichem Amt und in gewisser Weise wie ein nirreduzibler Rest der Souveränität« (ebd., S. 528) empfunden wurde. Wenn wir schließlich in einer späten Quelle lesen, daß Brutus, als er seine Söhne dem Tode überantwortete, »an ihrer Stelle das römische Volk adoptierte« (ebd,, S. 5 3 1), so ist es ein und dieselbe Macht über den Tod, die sich mittels des Bildes von der Adoption nun auf das gesamte römische Volk überträgt; so bekommt das hagiographische Epitheton »Vater des Vaterlandes« (ebd., S. 53 1 f.), das zu allen Zeiten den mit der souveränen Macht ausgestatteten Oberhäuptern vorbehalten war, wieder seine ursprüngliche, finstere Bedeutung. Die Quelle liefert uns also eine Art genealogischen Mythos der souveränen Macht: Das imperium des Magistraten ist nur die Ausweitung der vitae necisque potestas des Vaters auf die gesamte Bürgerschaft. Es könnte nicht klarer gesagt werden, daß das erste Fundament der politischen Macht ein absolut tötbares Leben ist, das durch seine Tötbarkeit selbst politisiert wird.
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4.2. Aus dieser Perspektive wird der Sinn des alten römischen Brauchs, von dem Valerius Maximus berichtet, wonach nur der noch nicht geschlechtsreife Sohn sich zwischen dem mit dem imperium ausgestatteten Magistraten und dem Liktor, der vor ihm hergeht, plazieren durfte. Die physische Nähe zwischen dem Magistraten und seinen Liktor-en, die ihn stets begleiten und die schrecklichen Insignien der Macht tragen (die fasces formidulosi und die saeves secures) druckt die Untrennbarkeit des imperiums von einer Macht über den Tod förmlich aus. Der Sohn kann sich deshalb zwischen den Magistraten und den Liktor stellen, weil er in bezug auf den Vater bereits ursprünglich und unmittelbar einer Macht über Leben und Tod unterstellt ist. Der puer Sohn sanktioniert auf symbolischem Weg genau diese Konsubstantialität der vitae necisque potestas zur souveränen Macht. An dem Punkt, wo sie zusammenzufallen scheinen, tritt der besondere - das heißt an dieser Stelle eigentlich nicht mehr so besondere - Umstand zutage, daß jeder freie männliche Bürger (der als solcher am öffentlichen Leben teilnehmen kann) sich unmittelbar in einer Verfassung der virtuellen Tötbarkeit befindet und in bezug auf den Vater gewissermaßen sacer ist. Die Römer waren sich des aporetischen Charakters dieser Macht vollkommen bewußt; sie machte eine auffallende Ausnahme gegenüber dem Prinzip des Zwölftafelgesetzes, wonach kein Bürger ohne Urteilsspruch (indemnatus) zu Tode gebracht werden durfte, und bildete gleichsam eine unbegrenzten Autorisierung zu töten (lex indemnatorum interficiendum). Und auch das andere Merkmal, welches das heilige Leben als Ausnahme kennzeichnet, das heißt die Unmöglichkeit, in den sanktionierten Formen des Ritus zu Tode gebracht zu werden, findet sich in der vitae necisque potestas wieder. Yan Thomas zitiert den von Calpurnius Flaccus als rhetorische Übung vorgeschlagenen Fall eines Vaters, der kraft seiner potestus den Sohn dem Henker übereignet, damit ihn dieser zu Tode bringe; der Sohn widersetzt sich und verlangt zu Recht, daß ihm der Vater den Tod geben müsse (vult manu patri interfici; ebd., S. 540). Die vitae necisque potestas erfaßt das nackte Leben des Sohnes unmittelbar, und das impune occidi, das sich davon ableitet, kann in keiner Weise der rituellen Tötung bei der Vollstreckung eines Todesurteils angenähert werden.
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4.3. An einem bestimmten Punkt seiner Untersuchung der vitae necisque potestas fragt Yan Thomas: »Welches ist dieses unvergleichliche Band, für welches das römische Recht keinen anderen technischen Ausdruck zu finden vermag als den Tod?« (Ebd., S. 5 IO) Die einzige mögliche Antwort ist die, daß dasjenige, wovon in diesem »unvergleichlichen Band« gehandelt wird, die Einbeziehung des nackten Lebens in die juridischpolitische Ordnung ist. Es verhält sich, wie wenn die männlichen Bürger für ihre Teilnahme am politischen Leben mit einer bedingungslosen Unterwerfung unter eine Macht über den Tod bezahlen müßten und das Leben nur in der doppelten Ausnahme der Tötbarkeit und der Opferbarkeit in das Gemeinwesen eintreten könnte. Deswegen kommt die patria potestas sowohl an der Grenze der domus wie des Staates zu liegen: Wenn die antike Politik der Trennung dieser beiden Sphären entspringt, dann ist das tötbare und nicht opferbare Leben das Scharnier, das sie verbindet, und die Schwelle, auf der sie kommunizieren, indem sie sich ins Unbestimmte auflösen, Das heilige Leben, weder politischer bios noch natürliche zök, ist die Zone der Ununterscheidbarkeit, in der bios und z& sich wechselseitig einbeziehen und ausschließen und sich gerade dadurch konstituieren. Es ist sehr richtig erkannt worden, daß der Staat nicht in einer sozialen Bindung gründet, deren Ausdruck er wäre, sondern in der Auflösung (de-liaison), die er untersagt (Badiou, S. I 25). Wir können nun diese These um eine weitere Bedeutung erweitern. Die déliaison darf nicht als Auflösung eines bereits vorher bestehenden Bandes verstanden werden (das die Form eines Pakts oder Vertrags haben könnte). Vielmehr hat das Band selbst ursprünglich die Form einer Auflösung oder einer Ausnahme, in der das, was eingebunden wird, zugleich ausgestoßen wird; und das menschliche Leben politisiert sich nur durch das Überlassensein [abbandono] an eine unbedingte Macht über den Tod. Ursprünglicher als die Bindung einer positiven Norm oder eines sozialen Pakts ist das souveräne Band, das aber in Wahrheit nur eine Auflösung ist; und das, was diese Auflösung impliziert und produziert - das nackte Leben, das im Niemandsland zwischen dem Haus und dem Staat wohnt -, ist von der Warte der Souveränität aus gesehen das ursprüngliche politische Element.

5. Souveräner Körper und heiliger Körper

5. I . Als Ernst Kantorowicz Ende der fünfziger Jahre in den Vereinigten Staaten Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters veröffentlichte, wurde das Buch nicht nur von Mediävisten, sondern auch und vor allem von Historikern der Neuzeit sowie Politikwissenschaftlern und Staatstheoretikern vorbehaltlos begrüßt. Es war in seiner Gattung zweifellos ein Meisterwerk, und die Vorstellung eines »mystischen Körpers« und eines »politischen Körpers des Königs«, die es ans Licht brachte, bildete gewiß (wie Jahre später Kantorowicz’ brillantester Schüler, Ralph E. Giesey, festhielt) eine »wichtige Etappe in der Entwicklungsgeschichte des modernen Staates« (Giesey 1, S. 9); doch solch eine ungeteilte Gunst auf einem so heiklen Gebiet verdient einige Überlegungen. Kantorowicz weist im Vorwort selbst darauf hin, daß das Buch, das aus einer Studie über mittelalterliche Vorläufer des Rechtssatzes von den zwei Körpern des Königs hervorgegangen war, weit über die ursprüngliche Absicht hinausging. Der Verfasser, der Anfang der zwanziger Jahre die politischen Wechselfälle in Deutschland mit intensiver Teilnahme erlebt hatte, als er in den Reihendes nationalistischen Freikorps den Spartakusaufstand in Berlin und die Münchner Räterepublik bekämpfte, konnte die Anspielung auf die »politische Theologie«, unter deren Fahne Schmitt 1922 seine Souveränitätslehre gestellt hatte, nicht bedacht haben. Fünfunddreigig Jahre später, nachdem der Nationalsozialismus seinem Leben als assimilierter Jude einen unheilbaren Bruch zugefügt hatte, befragte er jenen »Mythus des Staates«, den er in jungen Jahren so feurig geteilt hatte, aus einer ganz anderen Perspektive. Das Vorwort macht darauf aufmerksam und bestreitet zugleich vielsagend, daß es »zu weit [ginge], wollte man annehmen, der Verfasser habe sich der Erforschung der Ursprünge einiger Idole moderner politischer Religionen nur aufgrund der furchtbaren Erlebnisse unserer Zeit zugewandt, in der ganze Völker, die größten wie die kleinsten, den unsinnigsten Dogmen zum Opfer fielen und politische Theologismen zu regelrechten Besessenheiten« wurden. Und mit derselben beredten Bescheidenheit weist der Verfasser den
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Anspruch zurück, *das Problem des sogenannten >Mythus des Staates< (Cassirer) vollständig erfaßt zu haben« (Kantorowicz, s. 22 f.). In diesem Sinn hat man das Buch nicht grundlos als einen der großen kritischen Texte unserer Zeit über den Konsens gegenüber dem Staat und über die Techniken der Macht lesen können. Wer jedoch die geduldige Analysearbeit verfolgt hat, die ausgehend von den Reports Edmund Plowdens und der makabren Ironie in Richard II zur Rekonstruktion der Entstehung der Lehre von den zwei Körpern des Königs in der mittelalterlichen Jurisprudenz und Theologie gelangt, der kann sich nicht nicht fragen, ob das Buch allein als Demystifizierung der politischen Theologie gelesen werden kann. Tatsache ist, daß im Gegenzug zu der von Schmitt beschworenen politischen Theologie, die wesentlich den absoluten Charakter der souveränen Macht ins Auge faßte, Die zwei Körper des Königs sich ausschließlich mit dem anderen, harmloseren Aspekt beschäftigt, der nach der Definition Jean Bodins die Souveränität charakterisiert (puissance absolue etpe@tueZZel), nämlich ihre ewige Natur, aufgrund deren die königliche dignitas die physische ihres Trägers überlebt (Ze roi ne meurtjamais2). Die ,christliche politische Theologie& war hier einzig darauf ausgerichtet, durch die Analogie mit dem mythischen Körper Christi die Kontinuität jenes corpus morale et politicum des Staates zu sichern, ohne den keine stabile politische Organisation denkbar ist. Und in diesem Sinn kann man sagen, daß »ungeachtet einiger Ähnlichkeit mit zusammenhanglosen heidnischen Begriffen [. . ,] die >zwei Körper des Königs< ein Produkt christlichen theologischen Denkens [sind] und [. . .] folglich einen Markstein christlicher politischer Theologie [bilden]« (ebd., S. 496).
5.2. Mit der Entschiedenheit dieser Schlußthese hebt Kantorowicz das Element hervor (um es gleich wieder beiseite zu schieben), das die Genealogie der Lehre von den zwei Körpern in eine weniger beruhigende Richtung gelenkt hätte, wenn er es nämlich mit dem zweiten und obskureren Arkanum der souveränen Macht in Verbindung gebracht hätte: Zu puissance absolue. Das
I *Absolute und ewige Macht«. 2 *Der König stirbt nie.*

VII. Kapitel beschreibt das eigentümliche Bestattungszeremoniell der französischen Könige, bei dem die effigie cerea eine wichtige Rolle spielte und das wächserne Abbild, aufgebahrt auf einem lit d’honneur, ganz wie die lebende Person des Königs behandelt wurde. Als möglichen Ursprung nennt Kantorowicz die römische Kaiserapotheose; auch hier wurde, nachdem der Souverän gestorben war, seine imago aus Wachs »wie ein kranker Mensch behandelt und lag auf einem Bett. Senatoren und Krankenpflegerinnen standen zu beiden Seiten, Ärzte markierten Pulsfühlen und medizinische Behandlung, bis nach sieben Tagen die Figur >starb <.« (Ebd., S. 422f.) Kantorowicz zufolge hatte das heidnische Vorbild trotz aller Ähnlichkeit das französische Bestattungsritual nicht direkt beeinflußt; auf jeden Fall sei es sicher, daß das Vorhandensein des Abbildes noch einmal mit der »nie sterbenden* legalistischen Dignität des Königs in Beziehung zu setzen sei. Daß die Ausklammerung des römischen Vorbilds nicht einer Vernachlässigung oder Unterbewertung entsprang, zeigt die Beachtung, die ihm Giesey mit der vollen Zustimmung seines Lehrers in seinem Buch The Royal Funeral Ceremony in Renaissance France (1960) geschenkt hat, das als eine angemessene Ergänzung der Zwei Körper des Königs betrachtet werden kann, Giesey konnte nicht übergehen, daß namhafte Gelehrte wie Julius Schlosser und weniger bekannte wie Elias Bickermann einen genetischen Zusammenhang zwischen der kaiserlichen consecratio der Römer und dem französischen Ritus hergestellt hatten; seltsamerweise setzt er sein Urteil über die Sache aus (»was mich betrifft«, schreibt er, »so ziehe ich es vor, keine der beiden Lösungen zu wählen«; Giesey 2, S. 128), um die Kantorowiczsche Interpretation der Verbindung zwischen dem Abbild und dem Fortbestand der Souveränität resolut zu bekräftigen. Es gab für diese Wahl einen offensichtlichen Grund: Wenn die Hypothese von der heidnischen Ableitung des Abbildzeremoniells zugelassen worden wäre, dann wäre Kantorowicz’ These von der »christlichen politischen Theologie« zwangsläufig umgestürzt oder hätte zumindest noch einmal vorsichtiger reformuliert werden müssen. Doch es gab auch noch einen zweiten - und heimlicheren - Grund: daß eigentlich nichts an der römischen consecratio es erlaubte, das Abbild des Kaisers mit dem leuchtendsten Wesenszug der Souveränität, der ihre
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welchen die . [. Bei seiner sorgfältigen Rekonstruktion des Ritus der Konsekration aufgrund der schriftlichen Quellen und der Münzen spürt Bickermann.das ist der Kaiser selbst.« (Bickermann 1. aber nicht von amtswegen verbrannt und die überteste im Mausoleum beigesetzt. dann in effigie. aber detaillierten Anhang das heidnische Bildzeremoniell (funus imaginarium) ausdrücklich zu den Bestattungsriten der englischen und französischen Souveräne in Beziehung setzt. mit Ärztebesuchen.* (Ebd. bei dem ein Abbild zuerst wie eine lebende Person behandelt und danach feierlich verbrannt wurde.3. dem Toten >in allem ähnlich<.] D ieses Scheinbild wird [. Ein Vierteljahrhundert vor der Bestattung des Antoninus Pius schreibt die . um die Stadt vor einem I »Wenn ein Sklave dieses Kollegiums stirbt und von seinem ungerechten Herrn nicht begraben wird. in Verbindung zu bringen.]. Hier genüge nur ein italisches Beispiel vom Jahre 136. Gesundheitsbulletins und Todesfeststellung. Elias Bickermann. .Ewigkeit ist. um die von Dio gesehene Bestattung des Pertinax-Wachsbildes zu bezeichnen. die in dieser Wachsbild-Bestattung liegt: *Jeder gewöhnliche Mensch wird nur einmal begraben. der dem Verstorbenen nachgebildeten Wuchspuppe. . und der staatliche Leichenzug setzte sich in Bewegung. ei funus imaginarium jiet. um beinah mit ihm zu verschmelzen. Und hier ist es. im Kaiserzeremoniell tritt es dagegen neben ihn. Das Wachsbild. daß ein Sklave mit seinem Wedel Fliegen vom Gesicht der Wachspuppe des Pertinax abwehrte. der an demjenigen vollführt werden muß. An Deutlichkeit lassen all diese Nachrichten nichts zu wünschen übrig. Der Augenzeuge Dio erzählt. Nach der jlex collegii< wie in allen sonstigen Parallelen dient aber das Bild.]. . 22). Das iustitium [die öffentliche Trauer] beginnt hier erst nach der Beerdigung. [. der sein eigenes Leben den Göttern der Unterwelt weiht. . 5. . auf seinem Paradebett liegend . als die Leichenreste schon im Grabmal ruhten! Und zwar gilt dieses funus publicum. . 5. . Bei der Bestattung des Antoninus Pius wird aber alles dem üblichen Brauch entgegen ausgeführt. S. und zwar einmal in corpore. S.« 105 . . doch beide umgehen dennoch stillschweigend den zentralen Punkt von Bickermanns Analyse. daß die 104 Puppe des Septimius Severus sieben Tage vordem im Palaste als Kranker behandelt wurde. veröffentlichte 1929 im Archiv für Religionswissenschaft eine Studie über die »römische Kaiserapotheose«. daß die Lektüre des Textes am Ursprung seiner Arbeit gestanden hat. weist in eine dunklere und ungewissere Zone. die wir nun zu erkunden versuchen. Der in der Antoninenzeit konsekrierte römische Kaiser wurde aber zweimal auf dem Scheiterhaufen verbrannt. die das Zeremoniell in eine neue Perspektive zu rucken erlaubt: »Die Parallelen für derartigen Bilderzauber sind zahlreich und in der ganzen Welt zu treffen. sf. wenn auch ohne alle Konsequenzen zu ziehen. Im allgemeinen pflegt die öffentliche Trauer in diesem Augenblicke zu schließen [. verdoppelt die Leiche und ersetzt sie nicht. wie wir aus Dios und Herodians Berichten von den späteren Konsekrationen erfahren. die spezifische Aporie auf.. Kantorowicz und Giesey zitieren beide diese Studie. wie er nur einmal stirbt. Ein junger Antikeforscher. . die in einem kurzen.) Als Bickermann 1972 mehr als vierzig Jahre später auf das Problem zurückkommt. der makabre und groteske Ritus.’ Die Satzung gebraucht dabei denselben Ausdruckfunus imaginarium.Lex collegii cultorum Dianae et Antinoi< vor: quisquis ex hoc collegio servus defunctus fuerit et corpus eius a domino iniquo sepulturae datum non [. Dort nämlich schien der politische Körper des Königs sich dem tötbaren und nicht opferbaren Körper des homo sacer anzunähern.Historia Augusts<. Hier unternimmt Bickermann eine wertvolle Annäherung. bringt er die kaiserliche Bildbestattung mit dem Ritus in Zusammenhang. der sich vor einer Schlacht feierlich den Manen geweiht hat und im Kampf nicht gefallen ist (Bickermann 2. so soll eine Bild-Bestattung ausgeführt werden. dessen Leben durch diese oder vielleicht noch andere magische Handlungen in die Wachspuppe überführt ist. wo der Körper des Souveräns und der Körper des homo sacer in eine Zone der Ununterscheidbarkeit gelangen. Giesey erklärt sogar ohne Umschweife. Herodian fügt sogar hinzu. mit seinen Kleidern umhüllt. . verwendet./ fuerit k . . 4-6) Entscheidend für das Verständnis des ganzen Rituals ist jedoch die Funktion und das Wesen des Bildes.] Die Leiche des Kaisers wird zwar prunkhaft. S.] als wirklicher Menschenkörper angesehen und behandelt. in der sie sich zu vermischen scheinen. Der Figur des homo sacer haben die Forscher schon seit langem die des devotus an die Seite gestellt. Septimius Severus gab ihr dann auf dem Scheiterhaufen den Abschiedskuß. um den fehlenden Körper zu vertreten.4.

« (VIII 9. Quirinus. auf einem Speer stehend. die Verwandlung dieses unbequemen und ungewissen Wesens in einen wohlmeinenden und mächtigen Vorfahren zu garantieren. auch wenn (trotz des Vergleichs von Livius) nicht in der technischen Form des Opfers. 337). die ein besonderes Licht auf diese Einrichtung wirft und einen engeren Vergleich der beiden Lebendes devotus und des homo sacer erlaubt: »Ich glaube noch hinzufügen zu müssen. das heißt sein Doppel. . oder genauer in stellvertretender Ausführung des nicht erfüllten Gelöbnisses. also zu sprechen: >Janus. viel hehrer als eine menschliche Erscheinung. Wir wissen. als der Konsul Publius Decius Mus. Livius erwägt jedoch eine Hypothese.schweren Unheil zu bewahren. dann hat die Sache offensichtlich einen richtigen Verlauf genommen. den man unter seine Füße gelegt hatte.« (VIII IO. so weihe ich [devoweo] für den Staat des römischen Volkes der Quiriten. daß ihr dem römischen Volk der Quiriten Macht und Sieg verleiht und den Feinden des römischen Volkes der Quiriten Furcht. die ihr die Macht habt über uns und die Feinde. Schrecken und Tod bringt.] Er [. ihr neu aufgenommenen Götter. der dem Tod geweiht worden ist. der zusammen mit seinem Kollegen Titus Manlius Torquatus die Legionen befahl. Er könnte auf keinem Weg wieder der profanen Welt zurückgegeben werden. Denn die erste Folge des Todes ist die Freisetzung eines vagen und bedrohlichen Wesens (die lateinische larva. wenn er die Legionen der Feinde dem Untergang weiht. da8 es dem Konsul und dem Diktator sowie dem Prätor erlaubt ist. das sich in anormalen Umständen befindet. Der Zweck der Bestattungsriten besteht darin. wie Decius sich dem Tod geweiht hat. .4-10) Wo dieses Bildnis vergraben ist. das ez’dolon oder das phhma der Griechen). da dank seiner >Weihung< ja die ganze Gemeinschaft der ira deum entrinnen konnte. schwang sich bewaffnet auf sein Pferd und stürzte sich mitten unter die Feinde. eine Hand unter der Toga zum Kinn emporgestreckt. das mit dem Aussehen des Verstorbenen dessen gewohnte Orte heimsucht und weder der Welt der Toten noch der Welt der Lebenden angehört. Fällt der Mann. Jupiter. dessen Sinn es gerade zu verstehen gilt. wie vom Himmel gesandt als ein Sühneopfer für allen Zorn der Götter. das den Platz des fehlenden Leichnams in einer Bestattungper imaginem einnimmt. 106 Warum bildet das Überleben eines Todgeweihten für die Gemeinschaft eine solch heikle Angelegenheit.] gürtete sich auf gabinische Art. der 107 I . die purpurverbrämte Toga anzulegen und mit verhülltem Haupt. nichts anderes als der »Koloß« des Geweihten ist. ihr Laren. während der Schlacht von Veseris zugetragen hat. Vater Mars. Bellona. daß sie sich zur Ausführung eines komplexen Rituals. der nicht mehr zur Welt der Lebenden zu gehören scheint? Wenn der überlebende Geweihte. geschieht dies deshalb. Chr. und ihr vergöttlichten Geister der Toten. dann muß man ein mindestens sieben Fuß hohes Bildnis [signum] in der Erde vergraben und zur Sühne ein Opfertier schlachten. . von dem Livius spricht. die sich 340 v. dort darf ein römischer Magistrat nicht hintreten. S. nicht unbedingt sich selbst. S. die Legionen und die Hilfstruppen des römischen Volkes der Quiriten die Legionen und Hilfstruppen der Feinde mit mir den vergöttlichten Geistern der Toten und der Tellus. und wenn er dann nicht fällt. 11-13) Die Analogie zwischen devotus und homo sacer scheint hier nicht über den Umstand hinauszugehen. kann er weder für sich noch für den Staat eine Kulthandlung gültig vollziehen. JeanPierre Vernant und Benveniste haben die Funktion des Kolosses im allgemeinen aufgezeigt: Indem er ein Doppel auf sich zieht und festhält. Livius hat uns eine lebhafte und minutiöse Schilderung einer devotio überliefert. euch bete und flehe ich an und bitte euch inständig um die Gnade. sowohl aus der profanen Welt als auch aus der heiligen Welt ausgeschlossen wird. . daß das sieben Fuß hohe signum. »erlaubt er es. wie Robert Schilling in einer exemplarischen Studie festgestellt hat.( [. Wenn er aber sich selbst dem Tod weihen will. für das Heer.« (Schilling. Das römische Heer stand vor der Niederlage. »weil dieser Mann sacer ist. sondern jeden beliebigen Bürger aus einer ausgehobenen römischen Legion dem Tod zu weihen. der wir bereits im funus imaginarium des Kaisers begegnet sind und die den Körper des Souveräns und des Geweihten in einer Konstellation zu vereinigen scheint. zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten wieder korrekte Verhältnisse herzustellen« (Vernant. ob er es mit einem Opfertier oder sonstwie tun möchte. fällt er nicht. ihr alteingesessenen Götter. den Pontifex um Beistand beim Vollzug des Ritus bat: »Der Pontifex forderte ihn auf. beiden Heeren sichtbar. Wie ich es mit meinen Worten ankündige. gezwungen sieht? Welches ist der Status dieses lebendigen Körpers. daß beide irgendwie den Göttern geweiht sind und den Göttern gehören. 9 56) Aus dieser Perspektive müssen wir die Funktion der Statue betrachten. ihr Götter. die psyche.

Das Fehlen des Leichnams (oder in manchen Fällen seine Verstümmelung) können jedoch die ordentliche Ausführung des Bestattungsritus verhindern. kann man nicht im eigentlichen Sinn vom Fehlen eines Leichnams sprechen. welche die Griechen zanas nannten«. I »Die Seelen der geweihten Männer. die den Eid gebrochen hatten und sich durch einen Stellvertreter der göttlichen Gerechtigkeit übergaben (animas L. Sowohl beim Körper des Geweihten als auch. der dem Tod geschuldet ist und.6). Diese Trennung wird gewöhnlich im Moment des Todes durch die Bestattungsriten vollzogen. Versnel. indem es sich in einer doppelten Ausschließung vom realen Kontext der profanen wie der religiösen Lebensformen ausnimmt. auf dem sich die souveräne Macht gründet. das lebende Pfand seiner Unterwerfung unter eine Macht über den Tod. welche die richtige. S. wie Hendrik S. sich in Wirklichkeit aber auf einer Schwelle bewegt. sein Stamm und seine Güter. Was geschieht mit dem Geweihten. die den eidbrüchigen Athleten auferlegt wurden. Zeus geweiht wurden. Und in der Figur dieses »heiligen Lebens« tauchte in der abendländischen Welt so etwas wie ein nacktes Leben auf. Das heilige Leben ist ohne Opfermöglichkeit und jenseits jeglicher Erfüllung geweiht. daß ein Koloß auch zu Lebzeiten dessen. sie waren nichts anderes als die Kolosse derer. das zwar ein normales Leben weiterzuführen scheint. Solange dieser Ritus nicht vollzogen ist (der.« (Ebd. Während der Eid gesprochen wurde. der den Interpreten lange dunkel und korrupt schien. bei dem des homo sacer stößt die antike Welt zum ersten Mal auf ein Leben. so können wir seine Lage mit derjenigen eines überlebenden Geweihten vergleichen.l Insofern seine Person die Elemente verkörpert. Im komplexen System. weil er die Schwelle zwischen den zwei Welten unheilvoll besetzt. durch den Hinschied gestörte Verbindung zwischen Lebenden und Toten wiederherstellen. die weder zur Welt der Lebenden noch zur Welt der Toten gehört: Er ist ein lebender Toter oder 108 toter Lebender. das sich virtuell bereits im Augenblick des Gelöbnisses von ihm abgesondert hat. nicht so sehr eine stellvertretende Bestattung. Der Körper des homo sacer selbst ist in seiner Eigenschaft. in diesen Fällen kann unter bestimmten Bedingungen ein Koloß an die Stelle des Leichnams treten und die Durchführung einer stellvertretenden Bestattung ermöglichen. das Doppel oder der Koloß seiner selbst. der wird sich auflösen und verschwinden. Trotzdem besagt eine in Kyrene gefundene Inschrift. Die Inschrift gibt den Text des Eides wieder. und der Koloß repräsentiert genau jenes geweihte Leben. III7. Versnel gezeigt hat. Es ist mithin kein Zufall. angefertigt werden kann. er. die gewöhnlich mit dem Tod verbunden sind. der überlebt hat? Wo es keinen Toten gibt. I 57). 109 . warf man aus Wachs gefertigte kolossoiins Feuer und sprach: »Der diesem Schwur untreu wird. Entscheidend ist jedoch.. für den eine Ersatzsühnung oder eine Stellvertretung durch einen Koloß nicht mehr möglich ist. tötbar und nicht Opferbar zu sein. den er vertreten soll. diese Unterwerfung ist jedoch nicht die Erfüllung des Gelöbnisses. 5. stellt er analog zum Leichnam. allein durch sein Eintreten in eine engste Symbiose mit dem Tod definiert wird. 329) Der Koloß ist folglich kein einfacher Stellvertreter des Leichnams. wenn Macrobius in einem Text (Sat. In bestimmten Fällen ist es gleichwohl nicht der Tod. sondern eine Ersatzerfüllung des Gelöbnisses ist. und zur Wiederherstellung der Ordnung ist die Fertigung des Kolosses notwendig. sondern sein Ausbleiben. das in der Antike die Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten regelt. das./ sacratorum hornintim.dann endgültig zur Totenwelt gehört und mit dem man rituell definierte Verbindungen pflegt. aber unmittelbarer und allgemeiner. ist der Geweihte ein paradoxes Wesen. quos zanas Graeci vocant). und hier noch bedingungsloser. die samt dem Ertrag aus den Bußen. Wenn wir nun aus dieser Perspektive das Leben des homo sacer erneut betrachten. er ist in Wahrheit eine larva. der diese Ordnung stört.5. jenen Teil der lebenden Person dar. vom normalen Umfeld der Lebenden abgetrennt werden muß. daß dieses heilige Leben von Beginn an einen eminent politischen Charakter besitzt und eine wesentliche Bindung mit dem Boden offenbart. ist der homo sacer sozusagen eine lebende Statue. ohne aber bereits der Welt der Verstorbenen anzugehören. den homo sacer mit den Statuen (Z&zes) vergleicht. den in Thera (Santorin) die Kolonisten bei ihrer Abfahrt nach Afrika und die in der Heimat bleibenden Bürger auf die wechselseitigen Verpflichtungen zu leisten hatten. . sondern die absolute und bedingungslose Unterwerfung.

im Fall des englischen oder französischen Ritus. aber nicht geopfert werden darf . Deshalb kann Bodin. Der politische Körper des Königs (»den man«. noch vom ErzI »Der Tote ergreift den Lebenden. wie wir gesehen haben. S. verherrlicht. In allen drei Fällen ist das Leben in gewisser Weise an eine politische Funktion gebunden. der »völlig frei von Kindheit und Alter« ist und der den sterblichen Körper. in bezug auf ihre absolute Natur interpretieren: »Daher kommt es«. der überlebt hat. daß unser Königtum zu keiner Zeit ein Wahlkönigtum gewesen ist und der König sein Zepter weder vom Papst. auf den Nachfolger übertragen wird. daß wir uns jedesmal vor einem nackten Leben befinden.6. »daß man hierzulande sagt. welche die Macht innehat.« 111 .verhält es sich. der wie im Fall des Geweihten. den homo sacer und den Souverän zu einem einzigen Paradigma vereint. daß der Tod des Kaisers (obwohl sein Leichnam. immer vitae necisque potestas und gründet sich stets auf die Absonderung eines Lebens. Im Fall der höchsten Macht . auf das sich die souveräne Macht gründet. dessen Überreste rituell begraben werden. mit den Worten Plowdens »nicht sehen oder anfassen kann«. die das Individuum dem normalen Leben zurückerstattet.33) stammt letztlich vom Koloß des Kaisers ab. Das heilige Leben kann in keinem Fall im Gemeinwesen der Menschen wohnen: Beim Geweihten. Die beiden Formeln sprechen nur in dem Maß von der Kontinuität der souveränen Macht. Was den überlebenden Geweihten. abgesondert und in den Himmel aufgenommen oder.sie ist. wie sie mittels der dunklen Bindung an ein tötbares und nicht opferbares Leben deren Absolutheit ausdrücken. sondern zwei Leben in einem einzigen Körper. beim Kaiser erlaubt das doppelte Begräbnis die Fixierung des heiligen Lebens. der ausgeschlossen und dem Tod als solchem ausgesetzt werden muß. der dieses heilige Leben freisetzt. die Maxime. fungiert die Bildbestattung als Ersatzerfüllung des Gelöbnisses. weil es sozusagen den Tod überlebt hat. Die Formeln le mort saisit le ~$1 und Ze Roi ne meurt jamais müßten viel buchstäblicher verstanden werden. das letztere überlebt das erstere trotz des ordnungsgemäßen Bestattungsritus und kann erst nach dem funus imaginarium in den Himmel aufgenommen und vergöttlicht werden. wie wenn diese letztlich nichts anderes wäre als die Fähigkeit. das in der Apotheose eingeholt und vergöttlicht werden muß. sich 110 und die anderen als tötbares und nicht opferbares Leben zu konstituieren. der König stirbt nie. vorhanden ist) einen Überschuß an heiligem Leben freisetzt. implizierte. schreibt er im sechsten Buch seiner Republique. mit der die Person des Nachfolgers bekleidet wird. Und wenn es beim überlebenden Geweihten der verpaßte Tod ist. der scharfsinnigste Theoretiker der modernen Souveränität. der überlebt hat. der durch das Bild. das klar beweist. im Fall des römischen Ritus. sondern vor allem den Überschuß des heiligen Lebens des Kaisers. Kantorowicz. In diesem Licht müssen wir den Abbildritus in der römischen Kaiserapotheose sehen. wie wenn sie aufgrund einer eigentümlichen Symmetrie die Aufnahme des heiligen Lebens in die Person selbst. ohne daß irgend ein Ritus oder ein Opfer es wieder einlösen kann. Verglichen mit der Interpretation von Kantorowicz und Giesey erscheint die Lehre von den zwei Körpern des Königs nun in einem anderen und weniger harmlosen Licht. der diesen Überschuß offenbart. so bedeutet dies. so ist es beim Souverän hingegen der Tod. mittels eines Kolosses neutralisiert werden muß. er scheint als solcher der höchsten Macht innezuwohnen. und genau deswegen kann er nicht einfach (wie Kantorowicz und Giesey meinen) die Beständigkeit der souveränen Macht repräsentieren. die nach Kantorowicz die Ewigkeit der politischen Macht ausdrückt.5. mit der menschlichen Welt unvereinbar geworden ist. 3 I . ist der Umstand. ein altes Sprichwort. das aus seinem Kontext herausgelöst worden und. mit dem er sich verbindet. ein natürliches Leben und ein heiliges Leben. Wenn der Koloß im dargelegten Sinn stets ein todgeweihtes Leben vertritt. und aus dem Symbol der Ewigkeit der dignitas wird die Chiffre des absoluten und nichtmenschlichen Wesens der Souveränität. das getötet. Aber damit ändert sich der Sinn der Metapher vom politischen Körper. beim homo sacer schließlich stehen wir vor einem irreduziblen Rest an Leben. Allem Anschein nach hat also der Kaiser nicht zwei Körper in sich. dann ändert sich die Theorie selbst von Grund auf. als man zu denken pflegt: Beim Tod des Souveräns ist es das heilige Leben. Wenn die Verbindung mit der heidnischen Kaiserkonsekration nicht mehr ausgeklammert werden kann.

daß ein Monarch getötet wurde. S. daß in den Augen der Zeitgenossen die Ungeheuerlichkeit des Bruchs. sondern darin. welche die Tötung des Souveräns trifft. in der die Tötung des Souveräns einfach als Mord rubriziert würde. den die Enthauptung Ludwig XVI. Wenn die Symmetrie zwischen dem Körper des Souveräns und dem des homo sacer. wichtig ist. . das Lebens des Souveräns zu opfern. wie wir sie bis hier aufzuzeigen versucht haben. welches das Leben des homo sacer definiert. die Mord durchweg mit der Todesstrafe vergelten). findet seine genaue Entsprechung im Vergleich mit der Person des Souveräns. am 2 I . richtig ist. Wir wissen. daß der König ohne Prozeß einfach nur umgebracht wurde. S. Aber auch das zweite Merkmal. In der 112 amerikanischen Verfassung zum Beispiel verlangt das impeachment ein besonderes Urteil des vom Chief justice präsidierten Senats. Michael Walzer hat dargelegt. noch vom Volk. Januar I 793 bedeutete. d a ß er einem Prozeß unterworfen und in Vollstreckung eines Todesurteils hingerichtet wurde (Walzer. trieben sie das Prinzip der Nichtopferbarkeit des heiligen Lebens. wohl ohne sich dessen bewußt zu sein. 436) 5. das nur für »high crimes and misdemeanors« gesprochen werden kann und lediglich Amtsenthebung und keine gerichtliche Strafe nach sich zieht. und zwar im Prinzip.« (Bodin. dann m u ß man noch in diesen merkwürdigen Adjektiven den Widerhall jener Heiligkeit des tötbaren Lebens vernehmen. und das nicht den sanktionierten Exekutionsformen unterzogen werden kann. 184f.7. Noch in den modernen Verfassungen überlebt eine säkularisierte Spur der Unmöglichkeit. In den Debatten i m Konventvon 1792 waren die Jakobiner dafür. Sie stellt ein besonderes Delikt dar.). das heißt die Unmöglichkeit. Wenn wir noch in der Satzung Karl Alberts von Savoyen lesen können. daß »die Person des Souveräns heilig und unantastbar ist«. das jeder erschlagen kann. sondern allein von Gott empfängt. das der homo sacer verkörpert. in den vom Ritus oder vom Gesetz vorgesehenen Formen geopfert zu werden. ins Extrem. Eine erste und unmittelbare Übereinstimmung liefert die Sanktion. Nun gibt es eben auch keine Rechtsordnung (auch nicht unter denjenigen. das (nachdem man von Augustus an den Begriff maiestas immer enger mit der Person des Kaisers verbindet) als crimen lesae maiestatis definiert wird. nicht so sehr darin bestand. müßten wir eigentlich auch Analogien und Entsprechungen im juridisch-politischen Status dieser scheinbar so weit voneinander entfernten Körper finden.bischof von Reims. ohne einen Mord zu begehen. wonach das Staatsoberhaupt nicht einem gewöhnlichen Gerichtsverfahren unterzogen werden kann. daß die Tötung des homo sacer nicht als Mord gilt (parricidi non damnatur). Von unserem Gesichtspunkt aus spielt es keine Rolle. daß in beiden Fällen die Tötung nicht den Tatbestand eines Mordes erfüllt. daß die Tötung des homo sacer für weniger und die Tötung des Souveräns für mehr als einen Mord gehalten werden kann.

2. wenn sie ihn als Wolfsmenschen bezeichnen (Werwolf: wargus.kein Stück wilder Natur ohne jede Beziehung zum Recht und zum Staat. daß ihm jeder Gewalt antun kann. der aus der Gemeinschaft verbannt worden ist.wie dasjenige des homo sacer [uomo sacro] . 281 f. .] das altgermanische und altnordische Altherturn bietet uns in dem Friedlosen und Waldgänger (dem wargus. daß sie nicht auf dem Boden eines geordneten Rechtszustandes gewachsen ist. Sie ist ein Stück aus der Urzeit der indogermanischen Völker. I. Im Original deutsch. ohne der einen oder der anderen anzugehören. . so gebrauchen das Salische und das Ripuarische Gesetz die Formel wargus sit.l Der Werwolf. das. halb in der Stadt und halb in der Wildnis lebt. 6. So müssen wir auch beim Verweis auf den homo homini lupus. Werwolf I 2 2 »Er trägt einen Wolfskopf vom Tag seiner Ausstoßung an. davon abgeleitet französisch loup garou. .) Rudolf von Jhering war der erste. der an das sacer esto erinnert. der somit friedlos3 wurde und von jedem ohne Mord erschlagen werden konnte. auch mit religiöser Betonung: Wolf im Heiligthum vargr i veum) den unzweifelhaften Bruder des römischen homo sacer.« (Jhering..5 ebd. niederschlagen sollte. Jahrhunderts entwikkelt hatte. 115 114 . ist also ursprünglich die Figur dessen. halb Mensch. »Der ganze Zuschnitt der Sazertät weist darauf hin. Im Original deutsch. was man für das römische Alterthum als eine Unmöglichkeit betrachtet: die Erschlagung des Geächteten ohne Urtheil und Recht. der mit diesen Ausführungen die Figur des homo sacer mit dem wargus. Daß er als Wolfsmensch und nicht einfach als Wolf bestimmt wird (die Wendung caput lupinum hat die Form eines rechtlichen Statuts). vargr.2 wie sie der Germanist Wilhelm Eduard Wilda um die Mitte des 19. S. und die Gesetze Eduard des Bekenners (I I 30-1 I 3 5) definieren den Verbannten als wulfesheud (wörtlich: Wolfskopf) und setzen ihn mit dem Werwolf gleich (lupinum enim gerit caput a die utlagationis suae. quod ab anglis wulfesheud vocatur). Nur in diesem Licht tritt der eigentliche Sinn des Hobbesschen Mythologems vom Naturzustand hervor.] das. einer Kreatur. der weder Mensch noch Bestie ist. so). des Werwolfs. Es ist das Leben des loup garou. Er rückte damit die sacratio vor den Hintergrund der Lehre von der Friedlosigkeit.6.4 Cavalca. und dem Friedlosen’ des altgermanischen Rechts zusammenbrachte. die paradoxerweise in beiden Welten wohnt. ist der Naturzustand keine reale Epoche. 4 »Jemanden zu verbannen heißt. das sich in dem Moment offenbart. [ist] für das germanische Alterthum eine zweifellose Wirklichkeit gewesen [. Ausschließung und Einschließung. dem Wolf. . zwischen physis und nomos. hoc est expulsa in einem Sinn. halb Tier. [. Der Bann und der Wolf 6. Demnach gründete das altgermanische Recht auf dem Begriff des Friedens und auf der entsprechenden Ausschließung des Übeltäters. Wie wir gesehen haben. 3 Im Original deutsch. . was die Engländer wulfesheud nennen. S. ist hier entscheidend: Das Leben des Verbannten ist . sondern vielmehr eine Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen dem Menschlichen und dem Tierischen. sondern in die Periode des vorstaatlichen Lebens hinaufreicht. sondern ein ihm innewohnendes Prinzip. die der Gründung des Staates2 chronologisch vorausliegt.« Mit Majuskel (»Città«). 42) oder wurde sogar bereits als Toter betrachtet (exbannitus ad mortem de sua civitate debet haberi pro mortuo. der sich im kollektiven Unbewußten als hybrides Monster.]. [. dem Wolfsmenschen. Germanische und angelsächsische Quellen unterstreichen die Grenzverfassung des Verbannten. es ist die Schwelle der Ununterschiedenheit und des Übergangs zwischen ‘Tier und Mensch. in dem man den Staat tanquam dissoluta (mithin als eine Art von Ausnahmezustand) betrachtet. Auch der mittelalterliche Bann weist ähnliche Merkmale auf: Der Verbannte konnte umgebracht werden (bannire idem est quod dicere quilibet possit eum offendere. mittels dessen Hobbes die Souveränität begründet. .« I italienisch lupo mannaro). S.* 5 »Wer auf die Strafe des Todes aus der Stadt verbannt ist. das die Tötbarkeit des homo sacer [uomo sacro] sanktionierte. lateinisch garulphus. im Wolf ein Echo des wargus und des caput lupinum aus den Gesetzen von Eduard dem Bekenner zu vernehmen wissen: Er ist nicht einfach fera bestia und natürliches Leben. muß wie ein Toter behandelt werden.

er wurde sie verschlin117 Hervorhebungen von G. ihr das Kleiderversteck zu verraten. homo sacer. Mensch.eben. des freien Willens und des Gesellschaftsvertrags vorzustellen gewohnt sind. ihm Gewalt anzutun« (ebd. S. wurde sie den Mann noch ganz als Wolf erblicken. sondern darin. würde er die Kleider verlieren oder im Augenblick des Ankleidens überrascht werden. kommen das eigentümliche Wesen des Werwolfs als Schwelle und Übergang zwischen Natur und Politik. und Wolf. in der jeder für den anderen nacktes Leben und homo sacer ist. und er läßt sich überreden. wenn nicht den Gehorsam zu verweigern. an der Tür zu erkennen geben muß. der Wolfsmensch des Menschen. und folglich kann man auch nicht sagen. das heißt wargus. in diesem Sinn die erste und unmittelbare Referenz der souveränen Macht ist. mit denen sich der Werwolf. entwendet die Frau die Kleider aus dem Versteck. VIII 81f. Im Gegensatz zu dem. Denn die Untertanen gaben dem Staat dieses Recht nicht. dem Recht des Staates gleichgültiger Zustand. Deswegen muß bei Hobbes das Fundament der souveränen Macht nicht in der freiwilligen Abtretung des Naturrechts von seiten der Untertanen gesucht werden. Das Lai erzählt von einem Baron. K Im Bisclavret. »Und dies« schreibt Hobbes. denn es »kann von niemandem angenommen werden. entspricht das Vermögen der Untertanen. Bedeutsam ist hier das bereits bei Plinius in der Sage von einem Mann aus dem Geschlecht eines Anthus (Nat. Auch in der zeitgenössischen Folklore wird diese Notwendigkeit etwa von den drei Schlägen bezeugt. der Gewalt keinen Widerstand zu leisten. möglich. daß die Metamorphose vorübergehend ist. »ist der Grund des in jedem Staat ausgeübten Strafrechts. I er habe einem anderen das Recht gegeben. in dem der Naturzustand als Herzstück des Staates überlebt. die weder das einfache natürliche Leben noch das soziale Leben ist. was sich dann als Recht zu strafen darstellt. ist vom Standpunkt der Souveränität aus gesehen allein das nackte Leben in authentischer Weise politisch. mit außerordentlicher Lebhaftigkeit zum Ausdruck. bewohnt der Werwolf. und der Baron bleibt auf ewig ein Werwolf. in der Person des Souveräns dauerhaft den Staat. die ihn konstituiert und bewohnt. Wenn sie öffnete. 237) Diesem besonderen Status des ius puniendi. So wurde es allein ihm überlassen .nicht übertragen* -. die den Eintritt in die . dessen Paradigma der homo sacer bildet. darf die Frau nicht aufmachen. er ist nicht so sehr Krieg aller gegen alle als vielmehr eine Lage. die etwas ahnt. Und die Verwolfung des Menschen und Vermenschlichung des Wolfs ist in jedem Augenblick des Ausnahmezustands. bevor sie ihm geöffnet wird: »Wenn sie das erste Mal an die Haustür klopfen. für immer ein Wolf bleiben müßte (km si jes eüsse perduz / e de ceo feusse uparceüz / biscfavret sereie CE tuz jurs. daß er. gelingt es. Darüber hinaus stößt man in der Geschichte auf die Notwendigkeit von bestimmten Formalitäten. sondern das nackte oder heilige Leben. tierischer und menschlicher Welt sowie die enge Bindung zwischen ihm und dem Souverän. nachdem er seine Kleider unter einem Stein versteckt hat. Und so wie jenes tötbare und nicht opferbare Leben. obwohl er weiß.) belegte Detail. der seinem König besonders nahesteht (de sun seinur esteit privez. Hist. gegenüber jedem alles zu tun. gebunden an die Möglichkeit. Seiner Frau. daß der Souverän sein Naturrecht bewahrt. während dessen (notwendig begrenzter) Dauer das Gemeinwesen aufgelöst ist und die Menschen in eine Zone der Ununterscheidbarkeit mit den Tieren geraten.). v. die menschliche Kleidung unbeobachtet abzulegen und wieder anzuziehen. der dann ihr Liebhaber wird. der sich in den Menschen zurückverwandelt. sondern die Ausnahme und Schwelle. für drei Tage in einen Werwolf (bisclavret) vewandelt und im Wald von Beute und Raub lebt (alph esph de la gaudine / s’i vif de preie e de ravine). sie gründet in der ausschließenden Einschließung des nackten Lebens in den Staat. daß er vertraglich verpflichtet sei. der dissolutio civitatis. was wir Modernen uns als politischen Raum in Begriffen der Bürgerrechte. 116 . sein eigenes Recht nach seinem Gutdünken zum Schutz aller anzuwenden. so doch der Gewalt gegen die eigene Person Widerstand zu leisten. und zwar (die ihm durch das natürliche Gesetz gezogenen Grenzen ausgenommen) so vollständig wie im reinen Zustand der Natur und des Kriegs eines jeden gegen seinen Nachbarn.oder den Austritt aus der . 19). Nur diese Schwelle. Hobbes’ Naturzustand ist kein vorrechtlicher. 65 -75).Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen dem Tierischen und dem Menschlichen markieren (das entspricht der klaren Ausrufung des von der Norm formal unterschiedenen Ausnahmezustandes). einem der schönsten Lais der Marie de France.« (Hobbes 2. v. sich aber jede Woche. Mit Hilfe eines Komplizen. gerit caput lupinum. A. Die Verwandlung in einen Werwolf entspricht exakt dem Ausnahmezustand. ist die stets gegenwärtige und tätige Voraussetzung der Souveränität. Die souveräne Gewalt gründet in Wahrheit nicht auf einem Vertrag. der zu einem Menschen wird: Er ist ein Verbannter. nur durch die Aufgabe ihres Rechtes räumten sie ihm die Macht ein. der sich in einen Wolf verwandelt. ihm das Bekenntnis seines geheimen Lebens zu entlocken.

] / ich werde dem Tier meinen Frieden geben / denn heute werde ich nicht mehr jagen«. Diese Mißdeutung des Hobbesschen Mythologems in Begriffen des Vertrags anstatt des Banns hat die Demokratie jedesmal. Erst beim dritten Klopfen kann man öffnen: dann sind sie schon ganz verwandelt. notwendig zum Wolfe wird. wie jener in der Fabel. wenn ein Volksvorsteher. Doch die Beziehung des Banns und der Verlassenheit [abbandono] ist in der Tat dermaßen doppeldeutig. und die losgelassenen Hunde spüren den Wolfsmenschen bald auf. Sämtliche Vorstellungen vom originären politischen Akt als Vertrag oder Übereinkunft. als sich von ihr zu lösen. daß die endliche Zurückverwandlung Bisclavrets in einen Menschen auf dem Bett des Souveräns stattfindet. daß dann einem solchen von da an bestimmt ist. darf die Frau noch immer nicht aufmachen. wenn es sich dem Problem der souveränen Macht zu stellen galt. sich einheimischen Blutes nicht enthält [. und der Mensch ist wieder zum Vorschein gekommen. das heißt die Macht. sondern bleibt im bürgerlichen Staat in Form der souveränen Entscheidung fortwährend wirksam. .] Ist es nun nicht ebenso. der Wolf ist verschwunden. so erzählt der Lai. als flehte er um Gnade. auch nicht der bios als qualifizierte Lebensform. . der den Wechsel von der Natur zum Staat2 eindeutig und endgültig markieren wurde. die Beziehung mit einem vorausgesetzten Beziehungslosen aufrechtzuerhalten. daß die originäre juridisch-politische Beziehung der Bann ist. in der das staatliche Band in der Form des Banns immer schon Nichtstaatlichkeit und Pseudonatur ist und die Natur immer schon als nomos und Ausnahmezustand erscheint. was unter Bann gestellt wird. zur Ohnmacht verdammt und sie zugleich konstitutiv unfähig gemacht. . Sobald Bisclavret den König erblickt hat. Dasjenige. weil das. die von dem Arkadischen Tempel des Lykäischen Zeus erzählt wird? [. . Zone der Ununterschiedenheit und des Übergangs zwischen Mensch und Tier. Die Gründung ist mithin kein ein für allemal in illo tempore geschehenes Ereignis. . der die Menge sehr lenksam findet. klammert sich an den Steigbügel und küßt ihm die Beine und Füße. Es folgt die unvermeidliche Begegnung mit der Exfrau und ihre Bestrafung. Nun ist es also an der Zeit. . Die alte I Im Original deutsch. eine nichtstaatliche Politik der Moderne wirklich zu denken. Andererseits bezieht sich die 118 souveräne Entscheidung ihrerseits unmittelbar auf das Leben (und nicht auf den freien Willen) der Bürger.« (Levi. v. 2 Mit Majuskel (*Stato*). 154-160) und nimmt es zu sich an den Hof. . läuft er auf ihn zu. sondern hat substantiellen Charakter.] Daß wer menschliches Eingeweide gekostet hat. es ist vielmehr das nackte Leben des homo sacer und des wargus.]. Der Bann ist wesentlich die Macht. den Mythos von der Gründung des modernen Staates von Hobbes bis Rousseau noch einmal von vorn zu lesen. wo die Verwandlung des Volksvorstehers in einen Tyrannen mit dem arkadischen Mythos vom Lykäischen Zeus verglichen wird: »Welches ist also der Anfang dieser Umwandlung aus einem Volksvorsteher in einen Tyrannen? Ereignet sie sich nicht offenbar dann. Deshalb ist die am Ende des ersten Teils auf der logisch-formalen Ebene aufgestellte These. S. daß nichts schwieriger ist. ist der eigenen Abgesondertheit überlassen und zugleich dem ausgeliefert.gen und für immer in den Wald flüchten. das Urphänomen1 der Politik darstellt: Doch dieses Leben ist nicht einfach das natürliche reproduktive Leben. was der Bann zusammenbindet. sind rückhaltlos zu verabschieden. in dem der Staat für einen Augenblick (der zugleich ein chronologisches Intervall und ein atemporales Moment ist) tanquam dissoluta erscheint. jagt der König in dem Wald. aber noch mit einem Wolfskopf sehen. etwas sich selbst zu überlassen. die zök der Griechen. . entlassen und gleichzeitig festgesetzt. Der König ist erstaunt über die Menschlichkeit des wilden Tieres (*dieses Tier hat Menschenverstand / [. wenn dergleichen von anderen Opfertieren mit hineingeschnitten ist. das nackte Leben und die souveräne Macht sind. wo sie unzertrennlich werden. zwischen Natur und Kultur. sie würde ihren Mann bereits in einem menschlichen Körper. [. dasselbe zu tun. zugleich ausgeschlossen und eingeschlossen. .) Auch die besondere Nähe zwischen dem Werwolf und dem Souverän belegt die Geschichte von Bisclavret: Eines Tages. Statt dessen gibt es hier eine weitaus komplexere Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen physis und nomos. 119 . nicht nur eine These über die formale Struktur der Souveränität.3. Der Naturzustand ist in Wahrheit ein Ausnahmezustand. wenn der Vorsteher angefangen hat. das somit das originäre politische Element. Die Nähe zwischen Tyrann und Wolfsmensch trifft man auch in Platons Politeia an (565d-e). roof. Wenn sie zum zweiten Male klopfen. wo Bisclavret lebt. entweder durch seine Feinde unterzugehen oder ein Tyrann und also aus einem Menschen ein Wolf zu werden?« 6. Doch wichtig ist. der es verbannt und verläßt.

Die Bannung des heiligen Lebens ist im Staat innerlicher als jede Interiorität und äußerlicher als alle Extraneität. die das Exil als Strafe auffassen und denen. die ursprünglicher ist als die Schmittsche Opposition zwischen Freund und Feind. »der aus einem anderen Land stammt und gleichsam ein Ausländer ist«. der aufgrund eines begangenen Mordes ins Exil geht oder seine Bürgerschaft verliert. I I) Lage desjenigen. Sowohl in Griechenland als auch in Rom belegen die ältesten Zeugnisse. der im souveränen Bann steht. daß die »weder als Ausübung eines Rechts noch als Strafsituation qualifizierbare« (Crifo 2. . Sie ist der souveräne nomos. Nur deswegen kann der Bann sowohl das Banner der Souveränität (»Bandus [. reich gedeckter Tisch«. ursprünglicher ist als die Opposition zwischen Recht und Strafe. der jede weitere Norm bedingt. das heißt qui extra focum sacramentum iusque sit.« 2 »Der dem Feuer und dem Wasser untersagte«. sedperfugiumportusque supplicii. die ursprüngliche Verräumlichung. Guntfanonum. S. Die Extrarietät dessen. liberamente]« heißt. und dem extraneus. quod postea [. . freiwillig [a proprio talento. »mit losen Zügeln«. weil die Bannbeziehung von Anfang an die der souveränen Macht eigene Struktur bildete. Italice ConfaZone«. .] Standardum. Der Bann ist im strengen Sinn die zugleich anziehende und abstoßende Kraft. 120 . 442) als auch den Ausschluß aus der Gemeinschaft bedeuten. weil er Bürger einer das ius exilii genießenden civitas foederata wird. S. etwa in den Wendungen »mensa bandita«. wenn in unserer Zeit in einem besonderen. Muratori. frei«. Auf diese Weise wird die bereits erwähnte semantische Doppeldeutigkeit verständlich. aufgrund deren im Italienischen »in bando. verbannte als auch »für alle offen. zu erkennen lernen. a bandono« ursprünglich »der Gnade überlassen. die jegliche Lokalisierung und Territorialisierung ermöglicht und lenkt. 34). des Opfers und des Rechts steht«. in der das Leben des Exilierten oder des aqua et igni interdictusz an das tötbare und nicht opferbare Leben des homo sacer grenzt. mit Foucaults Begriff. Mitbürger und Fremdem. »öffentlicher. I sacer und den Souverän. Diese Zone der Ununterschiedenheit. quasi exterraneus ist. den homo »Das Exil ist nämlich keine Strafe. sondern eine Zuflucht und ein Hafen vor ihr. Diese Struktur des Banns müssen wir in den politischen Beziehungen und den öffentlichen Räumen. dann ist das nur deshalb möglich. 3 »Der außerhalb des Herdes. . und »a redina bandita«. hat ihre Wurzeln in dieser Doppeldeutigkeit des souveränen Banns. aber sehr realen Sinn alle Bürger als homines sacri erscheinen. markiert die originäre politische Beziehung. die von Festus aufgestellte Opposition zwischen dem extrarius. und »bandito« meint sowohl »ausgeschlossen.] appellatus fuit [. ausgeliefert [alla merce di]« sowie »aus freien Stücken. auf die Weise zu verwenden). die es dagegen als Recht und Schutz betrachten (schon am Ende der Republik dachte Cicero das Exil in Gegenüberstellung mit der Strafe: exilium enim non supplicium est.1 Pro Caec. .3 der ex altera terra. welche die beiden Pole der souveränen Ausnahme verbindet: das nackte Leben und die Macht.]. . Und wenn das Leben in der Moderne immer deutlicher ins Zentrum der staatlichen Politik rückt (die. Biopolitik geworden ist).Diskussion in der Rechtsgeschichte zwischen denen. in denen wir auch heute noch leben. ist innerlicher und primärer als die Extraneität des Fremden [straniero] (wenn es erlaubt ist.

Auf diese Weise verwechselt Bataille unvermittelt den absolut tötbaren und absolut nicht opferbaren politischen Körper des homo sacer [uomo sacro]. den Nexus zwischen nacktem Leben und Souveränität ans Licht gebracht zu haben. 336). nicht genügen können). der in die Logik der Ausnahme eingeschrieben ist. die er in Die Tränen des Eros ausführlich kommentiert) das nackte Leben des homo sacer. das die Referenz der souveränen Gewalt bildet. wie Bataille die vollendete Figur der Souveränität in einem Leben hat suchen können. zum anderen dem Innern des Subjekts. und man versteht. S. Aber es ist eine Komödie!« Bataille 2. doch womit er nicht zu Rande kommt. daß Benjamin (nach dem Zeugnis Pierre Klossowskis) die Forschungen der AciphaleGruppe mit der kategorischen Formel stigmatisieren konnte: Vous travailler pour le fascisme. das in der Bannbeziehung die unmittelbare Referenz der Souveränität bildet. mit der Opferwaffe versöhnt. welche die maßgebenden. In der Moderne hat sich das Prinzip der Heiligkeit des Lebens vollständig von der Opferideologie emanzipiert. des Heiligen und des Luxus erfahrbar wird. die heute von mehreren Seiten unternommen werden. dem sie sich jedesmal in privilegierten und mysteriösen Augenblicken schenkt. das letztlich komödiantischen Charakters ist. das in der extremen Dimension des Todes. von seinem Freund Caillois aufgenommenen Schemen der zeitgenössischen Anthropologie als ursprünglich doppelsinnig. Was Bataille zu denken versucht. mit dem Prestige des Opferkörpers. mißdeuten. Denn der homo sacer ist eben nicht Opferbar und darf dennoch von jedem getötet werden. dann genügt der Begriff der »Nichtopferbarkeit« ebensowenig. dann wird verständlich. Doch anstatt den eminent politischen (gar biopolitischen) Charakter zu erkennen. von der ich rede«. 247).l Nicht daß Bataille die Unzulänglichkeit des Opfers und sein Wesen. ist ganz offensichtlich jenes nackte (oder heilige) Leben selbst. ist genau (wie das die Faszination zeigt. so bleibt das Leben da doch gänzlich im doppeldeutigen Zauberkreis des Heiligen gefangen. und die Tatsache. nicht sieht (»beim Opfer identifiziert sich der Opfernde mit dem totgeschlagenen Tier. als dritte Abteilung von Der verfemte Teil geplanten Buch. der statt dessen von der Logik der Überschreitung bestimmt wird.« 123 . S. definiert sich das souveräne Leben für ihn durch die augenblickliche Überschreitung des Tötungsverbots. schreibt er die Erfahrung des nackten Lebens zum einen der Sphäre des Heiligen ein. sei es 122 real oder als Farce. Indem er damit. Auf diesem Weg war lediglich eine Wiederholung des souveränen Banns möglich. beim rituellen Opfer wie beim individuellen Exzeß. ohne sich dessen bewußt zu sein. keineswegs obskure) Begriffspaar »Tauglichkeit zum Opfer/Opferung nach den rituell vorgeschriebenen Formen«. Bataille 1. macht seinen Versuch trotz allem einzigartig. versuchte er das nackte Leben selbst zur Figur der Souveränität zu erheben. um mit der Frage der Gewalt in der modernen Biopolitik fertig zu werden. die nicht mehr vollständig definierbar ist durch das (für Gesellschaften. die das Opfer kannten. und gleichzeitig das wesentliche Band dieser Figur mit der souveränen Macht hat ungedacht lassen können (die »Souveränität. daß er dessen Erfahrung eingeklagt hat. dem Impuls folgte. I »Sie arbeiten für den Faschismus. der in der Moderne das Leben als solches zum Einsatz der politischen Kämpfe macht. In beiden Fällen. und in unserer Kultur setzt die Bedeutung des Wortes »heilig« die semantische Geschichte des homo sacer und nicht die des Opfers fort (weshalb die trotzdem richtigen Demystifikationen der Opferideologie. und irgendwie sogar durch seinen eigenen Willen. »hat wenig mit jener der Staaten zu tun«. Die Dimension des nackten Lebens. der Erotik. Doch wenn unsere Analyse wirklich ins Schwarze trifft und Batailles Definition der Souveränität durch die Überschreitung dem tötbaren Leben im souveränen Bann unangemessen bleibt. So stirbt er. ist ursprünglicher als die Opposition »tötbar/nicht opferbar« und verweist auf eine Idee der Heiligkeit. die Doppeldeutigkeit von Batailles Opferdenken aufgedeckt und den Begriff einer »nicht opferbaren Existenz« mit Nachdruck und gegen jede Opferversuchung formuliert zu haben. rein und schmutzig. abstoßend und faszinierend.Schwelle Wenn das originäre politische Element das nackte Leben ist. schreibt er im gleichnamigen. welche die Bilder des gemarterten Chinesenjungen auf ihn ausübten. das der Begriffsapparat des Opfers und des Eros nicht auszuloten vermögen. Es ist das Verdienst von Jean-Luc Nancy. Wenn es Batailles -wenn auch unwissentliches -Verdienst ist. indem er sich sterben sieht.

das als solches einer nie dagewesenen Gewalt ausgesetzt ist. die nicht mit Opferschleiern zu verhüllen wir gleichwohl den Mut haben müssen. in der die Vernichtung stattgefunden hat. von einer unverantwortlichen historiographischen Blindheit. ist ein Leben. I I 5). um schließlich mit dem biologischen Leben der Bürger selbst zusammenzufallen. im Sinn eines tötbaren und nicht opferbaren Lebens. Die Dimension. S. Wenn es heute keine vorbestimmbare Figur des homo sacer [uomo sacro] mehr gibt. wie wir sehen werden. ist. in dem ein Ausflugswochenende auf den europäischen Autobahnen mehr Tote produziert als eine Kriegsaktion. Dritter Teil Das Lager als biopolitisches Paradigma der Moderne . Deswegen stellt seine Tötung. die der Bedingung des Juden als solcher inhärent ist. das heißt als nacktes Leben vernichtet worden sind. das dennoch in einem unerhörten Maß tötbar geworden ist. als solche bewegt sie sich in zunehmend vagere und dunklere Zonen. weil wir alle virtuell homines sacri sind. weder den Vollzug eines Todesurteils noch eines Opfers dar. sondern buchstäblich. »wie Läuse«. der Vernichtung der Juden mit dem Begriff »Holocaust« eine Aura des Opfers zu verleihen. daß die Juden nicht im Verlauf eines wahnsinnigen und gigantischen Holocaust. die uns unsere Zeit vorsetzt. Wenn es wahr ist. in dieser Hinsicht von einer »Sakralität der Leitplanke« zu sprechen. ist ganz offensichtlich bloß eine antiphrastische Definition (La Cecla. ist weder die Religion noch das Recht. Die Heiligkeit ist eine noch immer präsente Fluchtlinie in der gegenwärtigen Politik.Denn was wir heute vor unseren Augen haben. sondern die Verwirklichung einer schieren »Tötbarkeit«. Unter dem Nazismus ist der Jude die privilegierte Negativreferenz der neuen biopolitischen Souveränität und als solcher ein flagranter Fall von homo sacer. Unser Zeitalter ist dasjenige. die doch gerade in den banalsten und profansten Formen auftritt. die eines nicht opferbaren Lebens ist. so vielleicht deshalb. daß die Figur. Die für die Opfer selbst schwer zu akzeptierende Wahrheit. ganz Hitlers Ankündigung gemäß. Von diesem Standpunkt aus gesehen ist die Absicht. dann betrifft uns das Leben des homo sacer in besonderer Weise. sondern die Biopolitik.

auf jenes Gebiet. in einer exemplarischen Formel zusammen: »Jahrtausende hindurch ist der Mensch das geblieben. was er für Aristoteles war: ein lebendes Tier. in dem auf der Schwelle zum modernen Zeitalter das Leben zum Einsatz der Politik wird.I.I. Die Forschung. die mit der Rekonstruktion des grand renfermement in den Hospitälern und in den Gefängnissen begonnen hatte. das als Ort der modernen Biopolitik schlechthin gelten konnte: die Politik der großen totalitären Staaten des 20. ihre Grenzen genau im Mangel jeglicher biopolitischen Perspektive.« Trotzdem fuhr Foucault bis zuletzt hartnäckig fort. Hannah Arendt erkennt die Verknüpfung zwischen der totalitären Herrschaft und jener besonderen Lebensbedingung. Die Politisierung des Lebens I . Jahrhunderts. während er an der Geschichte der Sexualität arbeitete und auch in diesem Bereich die Dispositive der Macht aufdeckte.Prozesse der Subjektivierung« zu erforschen. die . in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht. das heißt die wachsende Einbeziehung des natürlichen Lebens des Menschen in die Mechanismen und das Kalkül der Macht. ganz klar: »Das oberste Ziel aller totalitären Regierungen«. Am Schluß von Der Wille zum Wissen faßt er. sondern 127 . wie wir gesehen haben. die im Übergang von der alten zur modernen Welt den einzelnen dahin bringen. trieb Michel Foucault seine Forschungen mit zunehmendem Nachdruck in Richtung dessen. In den letzten Jahren seines Lebens. »ist nicht nur das langfristige Streben nach globaler Lenkung. indem er sich gleichzeitig an eine äußerliche Kontrollmacht bindet. Auf der anderen Seite haben die tiefgehenden Untersuchungen. Der moderne Mensch ist ein Tier. schloß nicht mit einer Analyse des Konzentrationslagers. die das Lager ist. dem freiwillig nachgegeben wird. was er Bio-Politik nannte. wie man es auch hätte erwarten können. den Prozeß. die Hannah Arendt in der Nachkriegszeit der Struktur der totalitären Staaten gewidmet hat. das eigene Selbst zu objektivieren und sich als Subjekt zu konstituieren. Er verlagerte sein Arbeitsfeld nicht. schreibt sie 1950 in einem sozialwissenschaftlichen Projekt zur Erforschung der Konzentrationslager. das auch einer politischen Existenz fähig ist.

jenseits aller Unterdrückungen und >Entfremdungen -.2.« (Foucault 1. . nicht gelungen ist. welche die totale Herrschaft legitimiert und notwendig gemacht hat. Darin sind Politik und Leben dermaßen eng verflochten. ihre beiden Perspektiven zu kreuzen. aber beharrlich seinen Lauf genommen. auf die Befriedigung der Bedürfnisse<. aber wachsende Einschreibung ihres Lebens in die staatliche Ordnung an und liefern so der souveränen Macht. da die menschliche Natur das ist. 173) Die Sache ist die.der nie erlaubte und sofort umgesetzte Versuch der totalen Herrschaft über den Menschen.« (Löwith. Dem nackten Leben und seinen avataren der Moderne (dem biologischen Leben. Daß es Hannah Arendt und Foucault. der auch noch das bisher privat gewesene Leben durch Rassengesetze u. wenn man ihren politischen Charakter nicht wahrnimmt. daß der Prozeß gewissermaßen umgekehrt verläuft und daß es gerade die radikale Transformation der Politik in einen Raum des nackten Lebens (das heißt in ein Lager) ist. der den fundamentalen Charakter der Politik der totalitären Staaten als »Politisierung des Lebens« definiert und von diesem Gesichtspunkt aus zugleich den Berührungspunkt von Demokratie und Totalitarismus bemerkt hat: sten Lebensgebiete. nur unter den extremen Bedingungen einer menschengemachten Hölle erreicht werden. die Rechte. Nur weil die Politik in unserer Zeit vollständig Biopolitik geworden ist. »Das >Recht< auf das Lebens. um die Bedeutung zu erklären. von der sie sich eigentlich freizumachen gedachten. der das Leben des homo sacer mit sich trägt.« (Arendt 2. Wir werden versuchen. diese beiden Perspektiven im Fokus des Begriffs vom »nackten« oder »heiligen Leben« konvergieren zu lassen. politisiert. S. bahnen jedesmal zugleich eine stille. im faschistischen Italien ein korporativer Staat. dgl. S. 240) Aber es entgeht ihr. Und nur weil das biologische Leben mit seinen Bedürfnissen überall zum politisch 129 . So entstand im marxistischen Rußland ein Arbeiterstaat. »das >Recht< auf die Wiedergewinnung alles dessen. die das politische Problem unserer Zeit wohl am schärfsten gedacht haben. und im nationalsozialistischen Deutschland ein völlig durchorganisierter Staat. I . hat er bereits unterirdisch. die Intelligibilität. 3 3) »Diese Neutralisierung der politisch maßgebenden Unterschiede und das Hinausschieben ihrer Entscheidung hat sich seit der Emanzipation des dritten Standes und der Ausbildung der bürgerlichen Demokratie und ihrer Weiterbildung zur industriellen Massendemokratie bis zu dem entscheidenden Punkt entwickelt. der außer der nationalen Arbeit auch den Dopolavoro und das gesamte geistige Leben normiert. auf den Körper. auf die Gesundheit. denn dieses Ziel kann. deutet auf die Schwierigkeit dieses Problems hin. die ihrerseits auch nicht mehr auf dem traditionellen Recht der Souveränität beruhen.) eignet eine Opazität. wie wenn von einem bestimmten Zeitpunkt an jedes entscheidende politische Ereignis ein doppeltes Gesicht angenommen hätte: Die Räume. Die Konzentrationslager sind die Laboratorien für das Experiment der totalen Herrschaft. ist sie erst einmal symbiotisch mit dem nackten Leben verwoben.der mehr und intensiver staatlich ist als jemals ein Staat der absoluten Fürsten [Schmitt]. die man unmöglich durchdringen kann. die Freiheiten. daß seine Analyse nicht leicht ist. welche die Individuen in ihren Konflikten mit den zentralen Mächten erlangen. was man ist oder sein kann . schreibt Foucault. daß ein und dieselbe Einforderung des nackten Lebens in den bürgerlichen Demokratien zu einem Vorrang des Privaten gegenüber dem Öffentlichen und der individuellen Freiheiten gegenüber den kollektiven Pflichten führt. S. Karl Löwith war der erste. der Sexualität etc. auch der scheinbar neutral128 Der Berührungspunkt von Massendemokratie und totalitären Staaten hat gleichwohl nicht (wie Löwith hier auf Schmitts Spuren zu denken scheint) die Form eines plötzlichen Umschlags: Bevor der Strom der Biopolitik. so ungestüm ans Licht unseres Jahrhunderts tritt. wo sie nun in ihr Gegenteil umschlägt: in eine totale Politisierung aller. Es ist gleichsam. auf das Glück. dieses für das klassische Rechtssystem so unverständliche >Recht< war die politische Antwort auf all die neuen Machtprozeduren. in den totalitären Staaten dagegen zum entscheidenden politischen Kriterium und zum Ort souveräner Entscheidungen schlechthin wird. die für uns noch das juridisch-politische Gefüge der klassischen Politik zu kennzeichnen scheint. umgekehrt verliert die moderne Politik. welche die Sexualität als Thema der politischen Auseinandersetzungen gewonnen hat. was sie ist. hat sie sich in bis anhin nicht gekanntem Maß als totalitäre Politik konstituieren können. ein neues und noch furchterregenderes Fundament.

Artikel 29. lautet: »Kein freier Mensch [homo liber] darf. seiner Güter beraubt noch außerhalb des Gesetzes gestoßen [urlugetur] noch irgendwie belästigt werden. die eine unverständliche Einmischung biologischwissenschaftlicher Prinzipien in die politische Ordnung darzustellen scheinen (wie die nationalsozialistische Eugenik mit ih130 rer Vernichtung des »lebensunwerten Lebens« oder die aktuelle Debatte um die normative Festlegung der Kriterien des Todes). »an die Städte. dem Experten und dem Priester symbiotisiert. Man betrachte dagegen die Formel des writ. dessen Metamorphosen und Maskierungen zu erkennen wir lernen müssen. Wenn es in jedem modernen Staat eine Linie gibt. welche Organisationsform sich für die Pflege. wir werden nicht die Hand auf ihn halten noch halten lassen [nee super cum ibimus. dieser reine. verlieren die traditionellen politischen Unterscheidungen (wie jene zwischen rechts und links. Die erste Registrierung des nackten Lebens als neues politisches Subjekt findet sich implizit schon in jenem Dokument. nee super eum mittimus]. welcher der Habeas-corpus-Akte vorausgeht und die Anwesenheit des Angeklagten beim Prozeß sichern sollte. absolute und unübertroffene biopolitische Raum (insofern er einzig im Ausnahmezustand gründet). Grafen.« Analog dazu trägt ein alter writ. die zwei klar unterschiedene Bereiche trennt. wo der Souverän immer mehr nicht nur mit dem Juristen. bemerkenswert ist. wenn sie wieder in den gemeinsamen biopolitischen (oder thanatopolitischen) Zusammenhang gestellt werden. Auf den folgenden Seiten werden wir aufzuzeigen versuchen. in der die Souveränität bestand. als verborgenes Paradigma des politischen Raumes der Moderne erscheinen. Beamten und an die Gerichtsdiener«. Liberalismus und Totalitarismus. dem sie auch entstammen.entscheidenden Faktum geworden ist.3. wie sich im Gleichschritt mit der Durchsetzung der Biopolitik auch die Entscheidung über das nackte Leben. dann erweist sich diese Linie heute nicht mehr als feste Grenze. besteht überhaupt die Möglichkeit. Tatsächlich kann man beobachten. verschiebt und über die Grenzen des Ausnahmezustands hinaus ausbreitet. wandte er sich an die »Erzbischöfe. die Rubrik de homine replegiando (oder repigliando). an dem die Entscheidung über das Leben zur Entscheidung über den Tod und die Biopolitik somit zur Thanatopolitik wird. daß sie »ihre alten Freiheiten und freien Bräuche« und diejenigen. mit der in unserem Jahrhundert die parlamentarischen Demokratien in totalitäre Saaten haben umstürzen und die totalitären Staaten sich beinah ohne Übergangslösung in parlamentarische Demokratien haben umwandeln können. welche die Akte 131 . sondern auch mit dem Arzt. daß im Zentrum der Habeas-Corpus-Akte weder das alte Subjekt der feudalen Beziehungen und Freiheiten noch der künftige citoyen steht. Äbte. als sie die physische Präsenz einer Person vor Gericht sicherte -. In beiden Fällen vollzogen sich die Umbrüche in einem Umfeld. wo die Politik sich schon seit längerem in Biopolitik verwandelt hatte und wo der Einsatz nunmehr bloß darin bestand. Wenn das nackte Leben zur fundamentalen Referenz geworden ist. die sonst unerklärliche Geschwindigkeit zu begreifen. sondern schlicht und einfach das corpus.man trifft sie bereits im 13. der die physische Freiheit der Untertanen garantieren soll. Welches auch immer der Ursprung der Formel sein mag . verhaftet. die den Punkt bezeichnet. In dieser Perspektive wird das Lager. daß einige der fundamentalen Ereignisse in der politischen Geschichte der Moderne (wie die Erklärung der Menschenrechte) und andere. Als I 2 I 5 Johann ohne Land mit der Magna Charta seinen Untertanen Freiheitsrechte einräumte. dem Wissenschaftler. Vögte. Jahrhundert an. Bischöfe. Vicomtes. Sie ist beweglich und verschiebt sich in immer weitere Bereiche des sozialen Lebens. wenn nicht aufgrund eines rechtmäßigen Urteils von seinesgleichen und nach dem Gesetz des Landes. eingesperrt. die er nun besonders anerkennt. 1. genießen sollten. das man gemeinhin der modernen Demokratie zugrunde legt: dem writ des Habeas corpus von I 679. Burgen und Dörfer« und allgemeiner noch »an die freien Menschen unseres Königreichs«. ihre wahre Bedeutung nur dann entfalten. die Kontrolle und den Genuß des nackten Lebens am wirksamsten erweisen wurde. zu bestimmen. privat und öffentlich) ihre Klarheit und Intelligibilität und treten in eine Zone der Unbestimmtheit. Barone. Auch das plötzliche Abdriften der herrschenden Klassen des Exkommunismus in den extremsten Rassismus (wie in Serbien mit den Programmen der »ethnischen Säuberung«) und die Wiedergeburt des Faschismus in neuen Formen in Europa haben hier ihre Wurzeln.

habeas coram nobis. daß die Habeas-Corpus-Formel ursprünglich die Anwesenheit des Angeklagten beim Prozeß verbürgen und folglich verhindern sollte. quodcumque nomine idem X censeatur in eadem. in eurer Verwahrung befindet. wie es heißt. in custodia vestra detentum. einen engen Bezug zum nackten Leben. der sich später als Träger der Menschenrechte und mit einem merkI würdigen Oxymoron als das neue souveräne Subjekt (subiectus superaneus. daß er die souveräne Ausnahme wiederholt und in sich selbst corpus. Das ist die Stärke und zugleich der innerste Widerspruch der modernen Demokratie: Sie schafft das heilige Leben nicht ab. den Hobbes davon macht. die der modernen Demokratie zugrunde liegt. Corpus ist ein doppelgesichtiges Wesen. und die Geburt der modernen Demokratie ist genau diese Einforderung und Ausstellung dieses »Körpers«: habeas corpus ad subjiciendum. . kann sich als solches nur dadurch konstituieren. . die sowohl die natürliche Gleichheit der Menschen wie die Notwendigkeit des Commonwealth begründet: »Wir befehlen dir. ins Zentrum ihres Kampfes gegen den Absolutismus stellt. das nackte Leben in seiner Namenlosigkeit. was den Unterschied zwischen der antiken und mittelalterlichen Freiheit und derjenigen. isoliert. daß der Körper X. sondern corpus ist das neue Subjekt der Politik. eine derart privilegierte Position zuweist. una cum causa captionis et detentionis. . das heißt sozusagen Teil des Politischen. apud Westminster. du mußt einen Körper vorzuzeigen haben. das als solches in den souveränen Bann genommen wird (so auch noch in den modernen Formulierungen des writ: the body of being takten by [. das nackte Leben. daß das Gesetz für seine Geltung eines Körpers bedarf. sondern zersplittert es. sed etiam civitatis. so ist es in De cive gerade die Tötbarkeit des Körpers.von 1679 verallgemeinert und in ein Gesetz verwandelt: Praecipimus tibi quod Corpus X. während sie doch in der neuen und definitiven Form umgekehrt den Sheriff verpflichtet. und nicht einmal schlicht homo. Was da aus dem Verlies ans Licht tritt. sich dieses Körpers anzunehmen. Die Tatsache. Wenn es stimmt. ad subjiciendum. Wenn es richtig ist. daß De homine im Menschen einen natürlichen und einen politischen Körper unterscheidet (homo enim non modo corpus naturale est. S. ut dicitur. läßt die Ambivalenz (oder Polarität) der Demokratie um so klarer hervortreten. daß er sich dem Urteil entzieht. verstreut es in jedem einzelnen Körper.« 133 132 . um apud Westminster ausgestellt zu werden. doch ebenso gewiß ist. Diese neue Zentralität des *Körpers« im Bereich der politisch-juridischen Terminologie ist mithin innerhalb des allgemeineren Prozesses anzusiedeln. der dem corpus in der Philosophie und Wissenschaft des Barock. id est [ut ita loquar] corporis politici pars. ist einmal mehr der Körper des homo sacer und einmal mehr das nackte Leben. sondern auch ein Körper des Staates.* I »Der Mensch ist nicht nur ein natürlicher Körper.r Es gibt nichts. wenn es im Leviathan und im Contract social zur zentralen Metapher der politischen Gemeinschaft wird./ whatsoever name he may be called there in). sondern zök. das was zugleich unten und am höchsten ist) präsentieren wird. daß auf diese Weise die im Entstehen begriffene europäische Demokratie nicht bios. besser ermessen ließe als die Formel: Nicht der freie Mensch mit seinen Eigenschaften und seinen Statuten. Diesbezüglich lehrreich ist der Gebrauch. den Körper des Angeklagten vorzuführen und dessen Haft zu begründen.’ Hobbes 3. hier vor uns in Westminster gezeigt wird. von Descartes zu Newton und von Leibniz zu Spinoza. ist sicher zufälligen Umständen geschuldet. das qualifizierte Leben des Bürgers. daß sie das Gesetz verpflichtet. wenn man in diesem Sinn von einem »Verlangen des Gesetzes nach einem Körper« sprechen kann. I). der sich. Und hier liegt die Wurzel ihrer geheimen biopolitischen Bestimmung: Derjenige. dann antwortet die Demokratie auf dieses Verlangen damit. . das sowohl Träger der Unterwerfung unter die souveräne Macht als auch der individuellen Freiheit ist. wie immer sein Name darin lauten mag. um es zum Einsatz in den politischen Konflikten zu machen. Doch in der politischen Reflexion behält corpus auch dann. ebenso der Grund der Verhaftung und der Verwahrung. Daß von den verschiedenen gerichtlichen Verfahren zur Wahrung der individuellen Freiheit ausgerechnet dieses Habeas corpus die Form eines Gesetzes erhielt und damit von der Geschichte der abendländischen Demokratie nicht mehr abzulösen sein wurde.

statt dessen die radikale Krise dieser Konzeption bezeichnet. In der Nachkriegszeit haben die instrumentelle Emphase der Menschenrechte und die Vervielfältigung der . und so sind ihre Hinweise nicht weiterverfolgt worden. Edmund Burkes boutade. welcher Typ von Beziehung zwischen den beiden besteht. dessen Körper aus sämtlichen Körpern der einzelnen geformt ist. gewinnt aus dieser Perspektive eine ungeahnte Tiefe. die den Menschen der Menschenrechte schlechthin hätte verkörpern sollen. Denkt man genauer darüber nach. und. in dem das erste immer schon im zweiten enthalten und verborgen ist. wie gebrechlich der Bau des menschlichen Körpers ist (mit dessen Verfall auch alle Kraft. können Gleiches tun. daß irgend jemand im Vertrauen auf seine Kraft sich anderen von Natur überlegen dünken kann. Im System des Nationalstaates erweisen sich die sogenannten heiligen und unveräußerlichen Menschenrechte. als bar allen Schutzes und aller Realität. S. im letzteren Fall. sind gleich. Aber die.»Denn betrachtet man die erwachsenen Menschen und sieht man. Hannah Arendts Ausführungen zur Verknüpfung von Menschenrechten und Nationalstaat reichen nicht über wenige. zum ersten Mal mit Leuten konfrontiert waren.der Flüchtling -. Hier ist unklar. den Stärksten zu töten: so versteht man nicht. sobald sie nicht als Rechte eines Staatsbürgers zu handhaben sind.« (Arendt 3. wie leicht es selbst dem Schwächsten ist. die sich zum Glauben daran bekannten. vom Imperialismus handelnden Teils mit »Der Niedergang des Nationalstaates und das Ende der Menschenrechte« überschrieben. Das Paradox.1. Stärke und Weisheit des Menschen vergeht).« (Hobbes I. 2. daß die Figur . wonach er den unveräußerlichen Menschenrechten seine »rights of an Englishman« bei weitem vorziehe. die das Geschick der Menschenrechte an das des Nationalstaats bindet. ob die beiden Glieder zwei autonome Realitäten benennen oder ein einheitliches System bilden. Die einander Gleiches tun können. In ihrem Totalitarismus-Buch hat Hannah Arendt das fünfte. dem Flüchtlingsproblem gewidmete Kapitel des zweiten. »Der Begriff der Menschenrechte. welche die Verfasserin jedoch unerläutert läßt. Diese bemerkenswerte Formel. so ist dies bereits in der Ambiguität des Titels der Erklärung von 1789 angelegt: Declaration des droits de l’homme et du citoyen. scheint die Idee einer inneren und notwendigen Verknüpfung zu implizieren. 295).außer daß sie immer noch Menschen waren. brach in dem Augenblick zusammen. die das Größte vermögen. der auf einer angenommenen Existenz des Menschen als solchen basiert. 93) 2. Die Menschenrechte und die Biopolitik Die großartige Metapher des Leviathan. die den neuen politischen Körper des Abendlandes bilden. besteht darin. als diejenigen. von dem sie hier ausgeht. die wirklich alle ihre anderen Eigenschaften und spezifischen Beziehungen verloren hatten . muß in diesem Licht gelesen werden. S. Es sind die absolut tötbaren Körper der Untertanen. nämlich zu töten. wesentliche Punkte hinaus.

Jahrhunderts zu verstehen. das mit der Eröffnung der modernen Biopolitik die Basis der Rechtsordnung stiftet.2. daß die Geburt . so daß es zwischen den beiden Begriffen keinen Abstand geben kann. daß ihm nicht der Mensch als freies und bewußtes politisches Subjekt zugrunde liegt. Sie sichert die exceptio des Lebens in der neuen staatlichen Ordnung. Schon eine einfache Untersuchung des Textes der Erklärung von 1789 zeigt.« ‘37 136 . in einen »Bürger« verwandelt.das heißt. Es ist nicht möglich. die einfache Geburt. die als solche im Übergang vom Untertan zum Bürger vom Prinzip der Souveränität eingesetzt wird. Die Menschenrechte werden dem Menschen zugeschrieben (oder entspringen ihm) nur in dem Maß.« I I »Das Prinzip der Souveränität liegt seinem Wesen nach beim Volk. um das Fundament des neuen Nationalstaats zu bilden. kann sie an diesem Punkt die Souveränität auch der »Nation« zuschreiben (Artikel 3: »le principe de toute souverainete reside 2 essentiellement dans la nation«‘). Die Erklärung der Menschenrechte stellt die originäre Figur der Einschreibung des natürlichen Lebens in die juridisch-politische Ordnung des Nationalstaates dar. naissance] des Menschen geöffnet hat. den die Geburt [nascita. Und weil die Erklärung das native Element ins Herz der politischen Gemeinschaft selbst eingeschrieben hat.« »Jeder Mensch wird mit unveräußerlichen und unantastbaren Rechten geb oren. die »nationale« und biopolitische Entwicklung und Bestimmung des modernen Staats des 19. frz. wenn man vergißt. Die Erklärung der Menschenrechte muß mithin als Ort angesehen werden. die auf den Zusammenbruch des Ancien regime folgt. gleich wieder in der Figur des Bürgers. die im Ancien regime (wo die Geburt bloß das Vorhandensein des sujet. und 20. Jenes natürliche nackte Leben.« 3 »Der Endzweck aller politischen Vereinigung ist die Erhaltung der natürlichen und unantastbaren Rechte. den Kreis. die Erklärungen der Menschenrechte als wohlfeile Proklamationen von ewigen metajuridischen Werten anzuschauen. daß ein wirkliches Verständnis der historischen Bedeutung des Phänomens ausgeblieben ist. um ihre reale historische Funktion bei der Herausbildung des modernen Nationalstaates zu betrachten. das heißt das reine Faktum der Geburt ist. damit aufzuhören. deren biopolitische Folgen wir heute erst zu ermessen beginnen) zum unmittelbaren Träger der Souveränität wird. daß es genau das natürliche nackte Leben. Die implizite Fiktion besteht darin. vereinigen sich nun unwiderruflich im Körper des »souveränen Subjekts*. ist es auch möglich. das sich als Quelle und Träger des Rechts präsentiert. Daß sich dadurch der »Untertan«. »naissent et demeurent libres et egaux en droits«l (die strengste aller Formulierungen ist unter diesem Gesichtspunkt diejenige des Entwurfs von La Fayette: »tout homme nait avec des droits inalienables et imprescriptibles+. Nur wenn man diese wesentliche historische Funktion der Erklärung der Menschenrechte versteht. markierte) getrennt waren. wird nun erstrangig in der Struktur des Staates und bildet sogar das irdische Fundament der staatlichen Legitimität und der Souveränität. in dem sich die Rechte »bewahrt« finden (Artikel 2: »le but de toute association politique est la conservation des droits naturels et imprescriptibles de l’homme«3). des Untertans. die (in Wirklichkeit ohne viel Erfolg) den Gesetzgeber zu Respekt vor ewigen ethischen Prinzipien verpflichten sollen.Erklärungen und Konventionen übernationaler Organisationen schließlich dazu geführt. wie bemerkt worden ist. Das Prinzip der Nativität und das Prinzip der Souveränität. So schließt die Nation. so lautet der erste Artikel. das im Ancien regime politisch belanglos war und als kreatürliches Leben Gott gehörte und das in der antiken Welt (wenigstens dem Anschein nach) als z& klar vom politischen Leben (bios) abgegrenzt war. bedeutet. die etymologisch von nascere abstammt. Nun ist es an der Zeit. das natürliche nackte Leben als solches . »Les hommes«. als er das unmittelbarwieder verschwindende (oder vielmehr gar nie als solches ans Licht tretende) Fundament des Bürgers abgibt. Wenn nach der Erschütterung der geopolitischen Ordnung in der Folge des Ersten Weltkriegs der verdrängte Abstand zwischen Nativität und Nation als solcher 2. »Die Menschen werden gleich an Rechten geboren und bleiben es. daß die Nativität unmittelbar Nation wird. Gleichzeitig verschwindet das natürliche Leben. an dem sich der übergang von der königlichen Souveränität göttlichen Ursprungs zur nationalen Souveränität vollzieht. . ihre Entwicklung und ihre Metamorphosen in unserem Jahrhundert zu erfassen.zum ersten Mal (mittels einer Transformation. sondern vor allem sein nacktes Leben.

tauchen mit dem Faschismus und dem Nazismus zwei im eigentlichen Sinn biopolitische Bewegungen auf. zu deren Wahrung und Entwicklung die Gesellschaft gegründet worden ist. 2 5 1) Und Lanjuinais fährt nach der oben zitierten Wendung. Nur diese Verbindung zwischen den Menschenrechten und der neuen biopolitischen Bestimmung der Souveränität erlaubt es. gewinnen schon mit der Französischen Revolution eine neue und entscheidende Bedeutung. weil sie lediglich ein Untertanenverhältnis ausdrückten. daß Blut und Boden das Wesentlichste des Deutschtums ausmachten. »daß die natürlichen und gesellschaftlichen Rechte diejenigen sind. daß diese politisch so eindeutig geprägte Formel in Wahrheit einen harmlosen Rechtsursprung hat. daß von diesen beiden Gegebenheiten aus Kultur.« (Rosenberg. so paradox das erscheinen mag. daß die traditionelle Anrede monsieur oder sieur in jedem öffentlichen Akt durch die des Bürgers ersetzt werde) das neue egalitäre Prinzip: Sie steht für den neuen Status des Lebens als Ursprung und Fundament der Souveränität und bezeichnet somit buchstäblich. ist es auch tatsächlich dieses Hendiadyoin. beginnt nun. September 1792 im Konvent verlangt. . den die nationale Souveränität und Menschenrechte eröffnet haben. Die Bürgerschaft bedeutet nun nicht mehr einfach nur eine allgemeine Unterwerfung unter die königliche Autorität oder ein bestimmtes System von Gesetzen noch verkörpert sie einfach (wie Chalier meint. die erste Art passive. die Kinder. auf das er verfällt. rührt aber auch die bereits im Verlauf der Revolution einsetzende Vervielfältigung der normativen Anordnungen.]. . die nichts zu den öffentlichen Einrichtungen beitragen. die präzisieren sollten. les membres du souverain. von den Historikern der Französischen Revolution mehrfach bemerkte Phänomen richtig zu deuten. die Bürgerschaft festzustellen (das heißt die primäre Einschreibung des Lebens in die staatliche Ordnung): ius soli (die Geburt in einem bestimmten Territorium) und ius sanguinis (die Geburt von Bürgereltern). . unveräußerlichen und unabdingbaren Rechte die Menschenrechte im allgemeinen in aktive und passive unterteilt wurden. daher I Im Original deutsch beigefügt. Wir sind daran gewöhnt. die im Ancien rc5gime keine wesentliche politische Bedeutung hatten.« (Sieyes 2. mit folgenden Wor139 138 .] Alle Einwohner des Landes müssen in ihm die Rechtepassiver Bürger besitzen [. . mit Lanjuinais’ Worten im Konvent. Was bis dahin kein politisches Problem dargestellt hatte (die Fragen: »Was ist ein Franzose? Was ist ein Deutscher?«). dürfen keinen aktiven Einfluß auf das Gemeinwesen nehmen.zutage tritt und der Nationalstaat in eine dauerhafte Krise gerät. . sie unterliegt als solche einer fortwährenden Arbeit der Redefinition. bis im Nationalsozialismus die Antwort auf die Frage: »Wer oder was ist ein Deutscher?« (und folglich auch: »Wer oder was ist es nicht?«) unmittelbar mit der höchsten politischen Aufgabe zusammenfällt. nur vor dem biopolitischen Hintergrund. Faschismus und Nazismus sind vor allem eine Redefinition des Verhältnisses zwischen Mensch und Bürger und werden. »Die nationalsozialistische Weltanschauung ging aus von der Überzeugung. zumindest im jetzigen Stadium. daß im unmittelbaren Zusammenhang mit der Erklärung der angeborenen. die in den philosophischen Anthropologien diskutiert wurden. und welche die Kreise des ius soli und des ius sanguinis verdeutlichen und schrittweise einschränken sollten.] den wahren Sinn des Wortes >Bürger< verstandene habe. eine wesentliche politische Frage zu werden. Diese beiden traditionellen juridischen Kriterien. die politische Rechte dagegen diejenigen. im Syntagma »Blut und Boden«’ das Wesen der nationalsozialistischen Ideologie zusammenzufassen. als er am 23. 242) Doch man hat nur allzuoft vergessen. .und Staatspolitik getrieben werden müßten. durch die sich die Gesellschaft bildet. Sie ist nichts weiter als der gedrängte Ausdruck der beiden Kriterien. welche die membres du souverain definiert. S. [. Daher rührt die Zentralität (und die Ambiguität) des Begriffs der »Bürgerschaft« im politischen Denken der Moderne. Als Alfred Rosenberg die Weltanschauung seiner Partei auf eine Formel bringen will. das eigenartige. die zweite aktive Rechte zu nennen. Es ist um der Klarheit des Ausdrucks willen besser. sondern bloß eines unter anderen Themen war. die das natürliche Leben zum Ort der biopolitischen Entscheidung schlechthin machen.] nicht alle sind Aktiv-Bürger. ganz verstehbar. die Ausländer und auch diejenigen. . Schon Sieyes unterscheidet in seinen Pr&%naires de la Constitution klar. die seit dem römischen Recht dazu dienten. welcher Mensch nun Bürger sei und welcher nicht. daß »kein Autor in Frankreich [. . aber [. die Rousseau zur Äußerung veranlaßt. Die Frauen. S.

Die Überflutung Europas durch Flüchtlinge und Staatenlose (in einer kurzen Zeitspanne verlassen I 500 ooo Weißrussen. das zum Fundament der Souveränität geworden ist. welche die Erklärung politisiert hat. im Leben laufend die Schwelle neu zu ziehen. Und eine der wenigen Regeln. weil sie die Kontinuität zwischen Mensch und Bürger. .ten fort: »Demnach wurden die Kinder. verschieben sich diese Schwellen. ein heiliges Leben abzusondern. Auf der einen Seite betreiben die Nationalstaaten eine massive Neueinsetzung 141 140 . was drinnen.3. und so ging es weiter. I ooo ooo Griechen und Hunderttausende Deutsche. um einen neuen lebenden Toten zu bezeichnen. desI Kitts«: im Sinn von »Gemeinwesen«. wie das heute nunmehr geschehen ist. wie wir sehen werden. die in schreiendem Widerspruch mit Geist und Buchstaben der Erklärung steht. 1933 war die Reihe an Österreich. Doch genau darum ist es so schwierig. und die daher jederzeit in Frage gestellt werden konnte. die Verrückten. aufbrechen und damit die Ursprungsfiktion der modernen Souveränität in eine Krise stürzen. was draußen ist. Geburt und Volk. Diese beiden . . Denn vom Ersten Weltkrieg an ist der Nexus Geburt-Volk nicht mehr imstande. welche die massenhafte Entnaturalisierung und Entnationalisierung der eigenen Bürger erlauben. einmal aus den Mauern des oikos heraustritt und immer tiefer in die Stad? vordringt. zwischen Nativität und Nationalität.übrigens eng verknüpften . bringt auf der politischen Bühne für einen Augenblick jenes nackte Leben zum Vorschein. In der z&. verbindet und trennt. die Frauen. war die. hinaus. S. bis sie schließlich einen nicht zu vernachlässigenden Teil der Menschheit ausmachten) in der Ordnung des modernen Nationalstaates ein derart beunruhigendes Element darstellen. die ihnen nach den Nürnberger Gesetzen zukam) in die Vernichtungslager geschickt werden konnten. das deren geheime Voraussetzung ist. wie Hannah Arendt meint. die sich »der italienischen Staatsbürgerschaft unwürdig« gezeigt hatten. die während des Krieges »antinationale Straftaten« begangen hatten. müssen die Verbindungen und Schwellen neu bestimmt werden. der den Abstand zwischen Geburt und Nation zur Schau stellt. an die sich die Nazis im Verlauf der »Endlösung« dauerhaft hielten. 500 ooo Bulgaren. die das Leben vom Tod trennen. über die dunklen Grenzen. die das. muß man vielmehr die Kohärenz der biopolitischen Bedeutung zu erfassen wissen. »Staat<. auf den die Erklärung der Menschenrechte von I 789 die neue nationale Souveränität gegründet hatte. sen erste und einzige reale Erscheinung diesseits der Maske des Bürgers. das hervorstechendste Phänomen. indem sie die deutschen Staatsangehörigen in vollwertige Bürger und Bürger zweiter Klasse unterteilten und zum Prinzip erhoben. Das Beispiel gab 1915 Frankreich gegenüber den naturalisierten Bürgern »feindlicher« Herkunft. Wenn die Flüchtlinge (deren Zahl in unserem Jahrhundert nie aufgehört hat zu wachsen. 2. die sich in Bewegung befindet und unablässig neu gezogen werden muß. daß sie sich unwiederbringlich voneinander abgekoppelt haben. daß die Juden erst nach der vollständigen Entnationalisierung (also auch der Restbürgerschaft. In diesem Sinn ist er tatsächlich. das natürliche Leben vollständig in die pdis einbezogen ist. wo die Naturalisation von Bürgern wiederrufen wurde. 700 ooo Armenier. die Minderjährigen. Ungarn und Rumänen ihr Ursprungsland) ist zusammen mit den gleichzeitig in vielen europäischen Staaten eingeführten Normen. Und wenn. »der Mensch der Menschenrechte«. die zu Leibesstrafe oder Infamie Verurteilten [. und das. daß der Nexus Nativität-Nationalität. seine legitimierende Funktion im Innern des Nationalstaates auszuüben. Wenn das unpolitische natürliche Leben. so verwandelt es sich gleichzeitig in eine Linie.Phänomene zeigen. und die beiden Glieder beginnen zu zeigen. 1926 erließ das faschistische Regime ein analoges Gesetz gegen Bürger.« (Sewell. bis die Nürnberger Gesetze über die »Reichsbürger« und zum »Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre« diese Entwicklung ins Extrem trieben. die ihn ständig verdeckt. nicht mehr von selbst funktionierte und seine Macht der Selbstregulation verloren hatte. 105) Anstatt in diesen Unterscheidungen eine einfache Einschränkung des demokratischen und egalitären Prinzips zu sehen. dessen man sich würdig erweisen mußte. daß die Bürgerschaft etwas war.] keine Bürger sein. Einer der wesentlichen Züge der modernen Biopolitik (der in unserem Jahrhundert rasen wird) ist die Notwendigkeit. seine Figur politisch zu bestimmen. Der Flüchtling. diesem folgte 1922 Belgien. dann vor allem deshalb. einen neuen homo sacer [uomo sacro]. die es ermöglichen werden.

als deren Voraussetzung sie allein Sinn ergaben. das heißt. ein nacktes Leben zu repräsentieren und zu schützen. ist das erste und vielleicht radikalste biopolitische Manifest der Moderne. diese Organisationen wie die einzelnen Staaten trotz ihrer feierlichen Anrufungen der »heiligen und unveräußerlichen« Menschenrechte sich nicht nur als gänzlich unfähig erwiesen haben. auch nicht mittels der Figur der Menschenrechte. so daß der Untergang und die Krise des letzteren notwendig auch die ersteren obsolet werden läßt. Just in dem Moment. wenn ihr Republikaner sein wollt«. das menschliche Leben jedoch nur in der Figur des nackten Lebens oder des heiligen Lebens erfassen und unterhalten deshalb gegen ihre Absicht eine geheime Solidarität mit den Kräften. wie es mittlerweile immer häufiger geschieht. im Hinblick auf eine Politik. indem sie in dessen Innerem ein sozusagen authentisches Leben und ein nacktes Leben ohne jeden politischen Wert unterscheiden (der Rassismus und die nazistische Eugenik werden nur verständlich. in dem. sondern überhaupt in angemessener Weise mit ihm umzugehen.des natürlichen Lebens. ist das biopolitische Paradigma. daß hier das menschliche Leben (und dafür gibt es gewiß 142 Grunde) ausschließlich als heiliges Leben betrachtet wird. welche die Geschicke der Menschenrechte an die des Nationalstaates bindet. Die »flehenden Augen« des ruandischen Kindes. mittels deren die Staaten. noch eine Anstrengung. nämlich nicht weniger als ein Grenzbegriff. da die Revolution die Geburt das heißt das nackte Leben . das man aber »jetzt schwerlich noch lebend antreffen wird«. die zum Scheitern der Anstrengungen der diversen Komitees und Organisationen geführt haben. mit dem angeblichen Zweck. die heute mehr und mehr zu den übernationalen Organen aufrücken. dessen Engagement gemäß den Statuten nicht politisch. Man muß den Begriff des Flüchtlings (und die Figur des Lebens. um dann wieder in einer neuen nationalen Identität rekodifiziert zu werden. der Völkerbund und später die Vereinten Nationen versucht haben. dem Problem der Flüchtlinge und der Wahrung der Menschenrechte zu begegnen. deren die humanitären Organisationen in einem exakt symmetrischen Verhältnis zur staatlichen Macht bedürfen. um sich klarzumachen. Die Trennung zwischen Humanitärem und Politischem. und das Lager. und nur als solches zum Objekt der Hilfe und des Schutzes wird. sondern nausschließlich humanitär und sozial« sein kann. die er repräsentiert) entschlossen von dem der Menschenrechte ablösen und Hannah Arendts These ernst nehmen. mit dessen Fotografie man Geld sammeln möchte. das in Wachsendern Maß an den Rändern der Nationalstaaten anfällt. wenn man sie in diesen Kontext zurückstellt). mittels der Sexualität. hier werI »Franzosen. in eine radikale Krise stürzt: So wird es möglich. daß jedesmal. der die fundamentalen Kategorien des Nationalstaates. Wesentlich ist. die das nackte Leben nicht mehr in der staatlichen Ordnung absondert und ausstößt. sondern. abgetrennt und außerhalb des Kontextes der Bürgerschaft verwendet. was er ist. Ein Blick auf die jüngsten Werbekampagnen zur Spendensammlung für Ruanda genügt. 143 . vom Nexus Nativität-Nationalität zu demjenigen von Mensch-Bürger. 2. Die Widersprüchlichkeit dieser Prozesse gehört bestimmt zu den Gründen.zum Fundament der Souveränität und der Menschenrechte macht. die wir heute erleben. mit dem er nicht zu Rande kommt. ein Massenphänomen darstellen. das Feld für eine nunmehr unaufschiebbare kategoriale Erneuerung zu räumen. Doch in keinem anderen Werk ist die Einforderung des Politischen seines Projekts so explizit wie in diesem Pamphlet.’ das Sade in der Philosophie dans le boudoir den Libertin Dolman& lesen läßt. lediglich wiederholen. inszeniert Sade (in seinem ganzen Werk. das physiologische Leben der Körper selbst sich als pures politisches Element präsentiert. das Problem zu lösen. auf der anderen Seite werden die Menschenrechte zunehmend von den Bürgerrechten. Letztlich können die humanitären Organisationen. das heißt insofern es tötbar und nicht Opferbar ist. insbesondere aber in Les cent vingt joumkes de Sodome) das theatrum politicum als Theater des nackten Lebens. vom Bureau Nansen (1922) bis zum noch bestehenden Hohen Kommissariat für Flüchtlingsfragen (195 1). der reine Raum der Ausnahme. Der Flüchtling muß als das angesehen werden. die sie bekämpfen sollten. ist die extreme Phase der Entfernung zwischen den Menschenrechten und den Bürgerrechten. K Das Pamphlet Franca& encore un effort si vom voulez h-e republicains.4. wenn die Flüchtlinge nicht mehr individuelle Fälle. auf der die Souveränität gründet. Der vom Politischen abgetrennte Humanitarismus kann die Absonderung des nackten Lebens. sind die vielleicht prägnanteste Chiffre des nackten Lebens in unserer Zeit.

daß er mit diesem beunruhigenden AusI Im Original deutsch. nacktes Leben und politische Existenz die Plätze tauschen. et phil. der sich mit Fragen der Ethik seines Berufs beschäftigte. Im Jahr 1920 veröffentlichte Felix Meiner. Rat« und »Prof. der nicht Despot sein will. im Gegenteil. jur.. im Projekt von Dolman& hat das boudoir die cite vollständig ersetzt. schon damals einer der Seriösesten deutschen Verleger der Geisteswissenschaften. 145 I >>Es gibt keinen Mann.l Die Autoren waren Karl Binding. I 3). Die Souveränität des Lebenden über sich selbst bildet. sich dazu veranlaßt sieht. . andererseits aber auch nicht als juristisch indifferente Handlung begriffen werden kann. Lebensunwertes Leben 3. Die wachsende Bedeutung des Sadomasochismus in der Moderne hat ihre Wurzeln in diesem Tausch. daß er die unpolitische Vorherrschaft der Sexualität in unserer unpolitischen Zeit angekündigt hat. 3. und Alfred Hoche.« K. mehr noch. S.« . seine Wurzeln in der Tatsache. Der erste besteht darin. wo jeder Bürger jeden anderen Bürger öffentlich aufrufen und ihn zur Befriedigung seiner eigenen Begierden zwingen kann. S. und zwar in dem Ausmaf3. auch die Symmetrie zwischen homo sacer und Souverän findet sich hier in der Komplizität. Der Umstand. ebd. daß der »Geh.noch einschließen. »bleibt eben dem Rechte nichts übrig. daß hier zum ersten Mal eine normale und kollektive (mithin politische) Organisation des menschlichen Lebens gedacht worden ist. einerseits nicht als Delikt (wie beispielsweise die Verletzung einer Pflicht gegenüber sich selbst). ein Professor der Medizin.). wie die souveräne Entscheidung über den Ausnahmezustand. Die Aktualität von Sade besteht nicht darin. eine blaugraue @querte. ein angesehener Strafrechtsspezialist (eine im letzten Moment hinter dem Titelblatt eingeklebte Einlage informiert die Leser darüber. 14).und das ist der zweite und dringendere Grund unseres Interesses . »nimmt die Handlung trotz ihrer vielleicht empfindlichen Wirkungen auf sie selbst ruhig hin. die einzig und allein auf dem nackten Leben gründet. »qui ne veuille &re despote quand il bande«‘). denn der Sadomasochismus ist genau diejenige Technik der Sexualität. eine Schwelle der Ununterscheidbarkeit zwischen Exteriorität und Interiorität.den die maisons. 1 oof. schreibt Binding. Das Buch interessiert uns hier aus zwei Gründen. Nicht nur die Philosophie (Lefort. während des Druckes verstorben ist und diese »Abhandlung« also der letzte Akt seiner »tiefen Menschenliebe« gewesen sei). Da der Selbstmord. daß Binding. weder verbieten noch erlauben kann (die »Rechtsordnung«. Von dieser besonderen Souveränität des Menschen über die eigene Existenz leitet Binding jedoch . welche die Rechtsordnung daher weder aus.1. die den Masochisten an den Sadisten und das Opfer an den Henker bindet. so argumentiert er. Dr. schreibt er. diesen als Ausdruck einer Souveränität des lebenden Menschen über seine eigene Existenz zu begreifen. als den lebenden Menschen als Souverän über sein Dasein I: . die den Titel trug: Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. B. daf3 Öffentliches und Privates. seine Modernität besteht in der unvergleichlichen Zurschaustellung der absolut politischen (das heißt »biopolitischen«) Bedeutung der Sexualität und des physiologischen Lebens selbst.die Notwendigkeit ab. S. wenn er geil ist./ zu betrachten« (Binding. sondern auch und vor allem die Politik hat das Sieb des boudoir passiert. die keinen Aspekt des physiologischen Lebens (nicht einmal die obsessiv kodifizierte und ausgestellte Verdauungsfunktion) außer acht läßt. die »Vernichtung des lebensunwerten Lebens« zu autorisieren. Und nicht nur die Analogie mit der souveränen Macht wird von Sade bewußt gezogen (»il n’est Point d’homme«. Ebenso wie in den Konzentrationslagern unseres Jahrhunderts hat der Totalitarismus der Organisation des Lebens im Schloß Silling mit seiner minutiösen Reglementierung. zum politischen Ort schlechthin. die das nackte Leben des Partners zutage fördert. um die Straflosigkeit des Selbstmordes zu erklären. Sie glaubt sie dem Täter nicht verbieten zu dürfen«.

« (Ebd. . eine Antwort auf die juristische Frage zu finden. Vermögensaufwendung wir nur darauf verwenden. sie »besteht aus den unheilbar Blödsinnigen . der sich gewöhnt hat.« 3 Im Original deutsch beigefügt.. .« Auch in diesem Fall erkennt Binding »weder vom rechtlichen. der Sinn der Unwertsetzung ist die Vernichtung des Unwertes. wie verschwenderisch wir 146 Der Begriff des »wertlosen« (oder »lebensunwerten«) Lebens kommt-vor allem bei Individuen zur Anwendung. bis die Natur . wonach *der Bezug zur Negation [. noch vom sittlichen. S. so schlägt Binding vor.findet mithin seine erste juristische Formulierung in einem gutgemeinten Pamphlet zugunsten der Euthanasie. I 2 147 . in Klammern folgt die sich für die deutsche Leserschaft erübrigende Erläuterung: »Binding bedient sich des Wortes . und welch Maß von oft ganz nutzlos vergeudeter Arbeitskraft. Bund ein beklommenes Gefühl regt sich in jedem. der gebrochen werden müßte. Er nimmt mit Schmerzen wahr. S.2.sie der letzten Möglichkeit der Fortdauer beraubt. die infolge von Krankheit oder Verletzung als »unrettbar Verlorene« betrachtet werden müssen und die.] das Kriterium dafür [ist]. So gibt es ihrerseits keine beachtliche Einwilligung in die Tötung. . gelebt zu werden. . 3 I f. »haben weder den Willen zu leben. »setzt mit seinem Wert eo ipso immer einen Unwert. das zum religiösen Vokabular gehört und unter anderem predenzionec bedeutet. Diese Menschen.« (Ebd. und stellt man in Gedanken unsere Idioteninstitute mit ihrer Sorgfalt für ihre lebenden Insassen daneben-und man ist auf das tiefste erschüttert von diesem grellen Mißklang zwischen der Opferung des teuersten Gutes der Menschheit im größten Maßstabe auf der einen und der größten Pflege nicht nur absolut wertloser. die er zu stellen gedenkt: *Soll die unverbotene Lebensvernichtung.vom Notstand abgesehen -. noch vom sozialen. oder ein Bergwerk. gern8 der buchstäblich möglichen Bedeutung. soll nicht dazu führen. 29)2 Problematischer ist die Lage der zweiten Gruppe. andererseits stößt diese auf keinen Lebenswillen.« Bindings Theorien vom lebensunwerten Leben stellt er die These von Heinrich Rickert an die Seite.« (Ebd. 80f. »Liberazione«. Geduld. J. den Wert des einzelnen Lebens für den Lebensträger und für die Gesamtheit auszuschätzen. noch vom religiösen Standpunkt aus schlechterdings keinen Grund. worin schlagende Wetter Hunderte fleißiger Arbeiter verschüttet haben. aber sie empfinden es nicht als unerträg1ich. Ihr Leben ist absolut zwecklos.] der eigentlich Akt der Wertung« ist (Schmitt 6. um lebensunwerte Leben so lange zu erhalten. daß der Aufsatz von Binding die Aufmerksamkeit von Schmitt geweckt hat. die das furchtbare Gegenbild3 echter Menschen bilden L . Schmitt scheint hier nicht zu bemerken. zu unterschätzen: das »lebensunwerte Leben« (das Leben. Die fundamentale biopolitische Struktur der Moderne .. dem lebenswerten Leben. wie nach heutigem Rechte . zusammen mit seinem impliziten und vertrauteren Korrelat. *im vollen Verständnis ihrer Lage den dringenden Wunsch nach Erlösung besitzen und ihn in irgendeiner Weise zu erkennen gegeben haben. die Neuheit und die entscheidende Wichtigkeit dieses Begriffs. der auf diese Weise zum ersten Mal auf der juridischen Bühne erscheint. . X Es erstaunt nicht. nach der das wahre Leben der Regel die Ausnahme ist. Der Begriff des *lebensunwerten Lebens« ist für Binding deshalb wesentlich.. sondern negativ zu Wertender Existenzen auf der anderen Seite. vom stärksten Lebenswillen und der größten Lebenskraft erfüllten und von ihm getragenen Leben’ umgehen. weil er ihm erlaubt. 5) Die Lösung des Problems hängt in der Tat ab von der Antwort auf die Frage: »Gibt es Menschenleben.einerlei ob die so geboren oder etwa wie die Paralytiker im letzten Stadium ihres Leidens so geworden sind«. oder auch.oft so mitleidlos spät . die er kritisiert. wie die Logik mit dem wertvollsten. das nicht wert ist. daß etwas zum Gebiet der Werte gehört« und »die Verneinung [. seiner Theorie der Souveränität gleicht. oder soll sie eine gesetzliche Erweiterung auf Tötungen von Nebenmenschen erfahren?« (Ebd.. »Der Wertsetzer«. S. fährt Binding fort. der ihn in seiner Theorie des Partisanen im Kontext einer Kritik an der Einführung des Begriffs des Wertes ins Recht zitiert.druck lediglich das Problem der Zulässigkeit der Euthanasie benennt. daß ihre Fortdauer für die Lebensträger wie für die Gesellschaft dauernd allen Wert verloren hat?« »Man braucht sie nur zu stellen«.). daß die Initiative des AnBei Agamben »wertvollstes Leben« deutsch beigefügt.) Was das Problem der Entscheidungsgewalt über die Freigabe der Vernichtung angeht. auf die Selbsttötung des Menschen beschränkt bleiben. schreibt Binding.die Entscheidung über den Wert (oder den Unwert) des Lebens als solches . die so stark die Eigenschaft des Rechtsgutes eingebüßt haben. Denkt man sich gleichzeitig ein Schlachtfeld bedeckt mit Tausenden toter Jugend. noch zu sterben. 3. S.Erlösung<. die Tötung dieser Menschen. zu leben). freizugeben. S. schreibt er. 27) des Wertes.

mit besonderem Bezug auf die unheilbaren Geisteskranken. So erfolgte die Durchführung des »Euthanasie-Programms für unheilbare Kranke«1 unter Bedingungen . wenngleich in einer wenigstens dem Anschein nach anderen Richtung.notwendigerweise durch das Innere jedes menschlichen Lebens und jedes Bürgers geht. die Hitler und Himmler dazu brachten. daß die Reichsregierung soeben Vorkehrungen zur Autorisierung der »Vernichtung lebensunwerten Lebens«. denn Hitler hat es vorgezogen. I Im Original deutsch. und erst Anfang 1940 beschloß Hitler. Stellung zu beziehen. welches ihre homines sacri [uomini sacri] sind. sondern bewohnt den biologischen Körper jedes Lebewesens. daß das Wiederauftauchen der von Binding geprägten Formel zur rechtlichen Einbürgerung des »Gnadentods« (so der unter den Gesundheitsfunktionären des Regimes gängige Euphemismus) mit einer entscheidenden Wende in der Biopolitik des Nationalsozialismus zusammenfällt.wie der Kriegswirtschaft und der Vervielfachung der Konzentrationslager für Juden und andere Unerwünschte -. Es gibt keinen Anlaß. dem nackten Leben des homo sacer und kann leicht über die von Binding vorgestellten Grenzen hinaus erweitert werden. bestehend aus einem Arzt. Bohne und Brack mitteilen hören. sofort nach der Machtergreifung ein Euthanasie-Programm auszuarbeiten. aber ähnliche Anstalten gab es auch in Hadamar (Hessen). wurde von dem Programm wenig in die Tat umgesetzt. doch hing die Verwandlung (im Verlauf der fünfzehn Monate. von der die Politisierung und die exceptio des natürlichen Lebens in der staatlichen Rechtsordnung abhängt. einem Psychiater und einem Juristen. Es ist nicht unsere Absicht.trags stets vom Kranken selbst ausgehen mui3 (falls er dazu in der Lage ist). Es ist sogar möglich. oder dann von einem Arzt oder einem nahen Verwandten. Während des Nürnberger Ärzteprozesses berichtete ein Zeuge. die Irrtümer und Mißbräuche begünstigen konnten. auch die Radikalität. wie ja auch Binding und Hoche von ihrem Gesichtspunkt aus den Begriff des »lebensunwerten Lebens« bestimmt in gutem Glauben vortrugen. er habe bei einer vertraulichen Versammlung in Berlin im Februar 1940 die Doktoren Hefelmann. Der Name von Grafeneck. bis Hitler im August 1941 wegen wachsender Proteste der Bischöfe und Familienangehöriger die Beendigung anordnete) eines theoretisch humanitären Programms in eine Operation der Massenvernichtung keineswegs nur von den Umständen ab. Interessanter ist aus unserer Perspektive die Tatsache. ohne daß ein Mord begangen wird. daß die Souveränität des lebenden Menschen über sein Leben unmittelbar mit der Festlegung einer Schwelle zusammentrifft. getroffen habe. jede Gesellschaft . jenseits deren das Leben keinen rechtlichen Wert mehr besitzt und daher getötet werden kann. die es dauerte. darunter der zu erwartende Widerstand der kirchlichen Kreise. Das nackte Leben ist nicht mehr an einem besonderen Ort oder in einer definierten Kategorie eingegrenzt. seinem Euthanasie-Programm keine eigentliche Rechtsform zu verleihen. sich in der abendländischen Geschichte immer nur ausgedehnt hat und heute . interessiert uns hier nicht. um nur mehr »heiliges Leben« zu sein und als solches straflos eliminiert werden zu können. als ginge jede Wertung und jede »Politisierung« (wie sie der Souveränität des einzelnen über seine eigene Existenz letztlich implizit ist) zwangsläufig mit einer erneuten Entscheidung über die Schwelle einher. ist mit dieser tristen Sache verbunden geblieben. Die neue Kategorie eines »wertlosen« oder »lebensunwerten Lebens« entspricht exakt. hier zum schwierigen ethischen Problem der Euthanasie. über das noch heute die Meinungen auseinandergehen und das in den Mediendebatten beträchtlichen Raum beansprucht. und daß die letzte Entscheidung bei einer staatlichen Kommission liegt. Aus verschiedenen Gründen. 148 3. 149 . jenseits deren das politisch relevante Leben aufhört. mit der Binding zugunsten einer verallgemeinerten Zulässigkeit der Euthanasie Stellung bezieht.3.im neuen biopolitischen Horizont der Staaten mit nationaler Souveränität . Die Aussagen. Fritz Mennecke. 3. wo eines der Hauptzentren operierte. Es scheint so. keine Verzögerung mehr zu dulden. daran zu zweifeln.entscheidet darüber.auch die modernste . daß die »humanitären« Erwägungen. Hartheim (bei Linz) und an anderen Orten des Reiches. der Kleinstadt in Württemberg. Jede Gesellschaft legt diese Grenze fest. in gutem Glauben angestellt wurden.4. Die Information war nicht ganz richtig. Dr. fest steht jedoch. daß diese Grenze.

gramms völlig bewußt war. wird 151 150 . der über den Wert oder Unwert des Lebens als solches entscheidet. Die Doktoren Schumann und Baumhardt. obwohl er sich der Unpopularität des ProI Im Original deutsch. weil hier ein Mensch in der Situation befindet. insofern er über den Ausnahmezustand entscheidet. politisch relevant zu sein. da die staatliche Maschinerie voll vom kriegerischen Kraftakt beansprucht wurde. und dann wurden sie in eine Gaskammer gesteckt. es ist vielmehr ein politischer Begriff. geben uns mit ausreichender Genauigkeit Auskunft über die Organisation des Programms von Grafeneck. das der homo sacer verkörpert und auf dem sich die souveräne Macht gründet. der die extreme Metamorphose des tötbaren und nicht opferbaren Lebens betrifft. Man rechnet. waren die dem Programm unterworfenen unheilbaren Kranken Kinder und Alte. das mit der Erklärung der Menschenrechte als solches zum Prinzip der Souveränität erhoben worden ist. mit den eugenischen Prinzipien der nationalsozialistischen Biopolitik zu erklären. daß schon die Gesetze zur *Verhütung erbkranken Nachwuchses« und zum »Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes« genügend Schutz boten. als stünde in dieser Entscheidung der letzte Bestand der souveränen Macht auf dem Spiel. die ohnehin nicht in der Lage waren. Das Leben. die für das Programm in Grafeneck verantwortlich waren. sondern nur des genetischen Erbgutes). tötbares Leben abzusondern. wie Schmitt meint. 3. Hier sieht man. Aber aus der Perspektive der modernen Biopolitik steht die Euthanasie an der Kreuzung zwischen der souveränen Entscheidung über das tötbare Leben und der Übernahme der Sorge um den biopolitischen Volkskörper und markiert den Punkt. zu allen Zeiten zukommt. es um jeden Preis in die Tat umsetzen? Es bleibt keine andere Erklärung als jene.5. liegt klar auf der Hand. daß auf diese Weise etwa 60000 Personen vernichtet worden sind. um sich in die Macht über die Entscheidung zu transformieren. die unter den unheilbaren Geisteskranken der verschiedenen deutschen Irrenhäuser ausgewählt wurden. daß das Programm an wirtschaftliche Erwägungen geknüpft war. sich vom Ausnahmezustand zu emanzipieren. Die Anstalt erhielt jeden Tag etwa siebzig Personen (im Alter zwischen 6 und 93 Jahren). Veronal und Morphium um. Darüber hinaus gibt es keinerlei Hinweise. mit der Hitler die Verwirklichung seines Euthanasie-Programms1 unter nicht sehr günstigen Umständen verfolgte. sich fortzupflanzen (vom eugenischen Gesichtspunkt aus zählt ja ganz offensichtlich nicht die Vernichtung des Phänotyps. In der modernen Biopolitik ist derjenige souverän. Daß das »lebensunwerte Leben« kein ethischer Begriff ist. zuerst wurde ihnen eine Dosis von 2 ml Morphium-Scopolamin verabreicht. Doch unter einem strikt eugenischen Gesichtspunkt bestand für die Euthanasie gar keine besondere Notwendigkeit: Abgesehen davon. eine fundamentale Frage erfaßte. dann deswegen. ohne daß ein Mord begangen wird. dann stellt sich nicht nur. sondern es scheint. ob sie die vom Programm verlangten Voraussetzungen erfüllten. Größtenteils wurden die Kranken innerhalb von 24 Stunden nach der Ankunft in Grafeneck getötet. Wenn das Leben zum höchsten politischen Wert wird. In anderen Anstalten (zum Beispiel in Hadamar) brachte man sie mit einer starken Dosis Luminal. wonach es unter dem Deckmantel eines humanitären Problems eigentlich . Warum also wollte Hitler. dann tendiert diese Macht im Zeitalter der Biopolitik dazu. Man hat versucht. Wenn die Euthanasie sich für diese Verwechslung anbietet.welche die Angeklagten und Zeugen im Nürnberger Prozeß gemacht haben. welches Leben getötet werden kann. die Euthanasie in einen juridisch-politischen Begriff zu verwandeln (das »lebensunwerte Leben«). an welchem Punkt das Leben aufhört. unterzogen die Kranken einer oberflächlichen Untersuchung und entschieden. die Hartnäckigkeit. der die Erwartungen und legitimen Wünsche des einzelnen betrifft.im Horizont der neuen biopolitischen Bestimmung des nationalsozialistischen Staates -um eine Einübung der souveränen Macht in die Entscheidungsgewalt über das nackte Leben ging. im Gegenteil. von selbst die Frage nach dem Unwert des Lebens. in einem anderen Menschen die zök vom bios zu trennen und so etwas wie ein nacktes. es erforderte einen nicht unerheblichen organisatorischen Aufwand zu einem Zeitpunkt. wie der Versuch von Binding. an dem die Biopolitik zwangsläufig in Thanatopolitik umkippt. Wenn es dem Souverän. darüber zu entscheiden.

daß das nationalsozialistische Reich den Zeitpunkt markiert. auf die wir zuruckkommen werden . sondern zugleich den materiellen Inhalt meint. in Deutschland darauf gekommen. in dem es auch angesiedelt ist. warum es damals.« (Verschuer 1. so schreibt Reiter: »In den Jahrhunderten. die als Verantwortliche des Programms in Nürnberg zum Tod verurteilt worden sind. 1942 beschloß das Institut Allemand in Paris. Das bedeutet. Tatsache ist. 3 1) 1 »Staat und Gesundheit«. dessen sich der Nazismus als erster radikal biopolitischer Staat nicht nicht annehmen konnte. trägt den vielsagenden Titel Etat et santé. in eine heikle Rechtssituation geraten (dieser Umstand gab denn auch Anlaß zu Protesten seitens der Juristen und Anwälte). auch nicht auf seine Bitte hin. auch an folgenden Stellen. erklären.1 Von den offiziellen und halboffiziellen Publikationen des Regimes ist diese vielleicht diejenige. .nun selbst zum Ort einer souveränen Entscheidung. ihre vollendete Form anzunehmen beginnt. in der die Politisierung (oder der politische Wert) des biologischen Lebens und damit die Verwandlung des gesamten politischen Horizonts am deutlichsten thematisiert wird. die einen der wesentlichen Züge der modernen Biopolitik darstellt. bemerkt aber. die sich damals wohlverstanden nur auf die liberalen Formen und Prinzipien stützen konnten. Ursache dieser Konflikte. Die Ärzte Karl Brand und Viktor Brack. in denen keine Rücksicht auf die Individuen genommen wurde. Ihre Voraussicht war unbestritten.unmittelbar Gesetz. h. . wo der Souverän und der Arzt die Rollen zu tauschen scheinen.Definitionen.] Helferich hat den nationalen Reichtum in Deutschland auf ungefähr 310 Milliarden Mark geschätzt. Nicht nur widerspricht das Euthanasie-Programm dem Passus des Hippokratischen Eides: »Ich werde niemandem. [. daß sie sich nicht schuldig fühlen. da keine gesetzlichen Vorkehrungen getroffen wurden. die Gestaltung des Lebens der Völker« 4. 4. I 2 Im Original. I. daß es im Gegenzug zu diesem materiellen Reichtum einen lebendigen Reichtum gebe. wurden die großen Konflikte zwischen Völkern mehr oder minder durch die Notwendigkeit verursacht. an dem die gegenseitige Integration von Medizin und Politik. eine Publikation zu verbreiten. auch den Wert des Menschen in Betracht zu ziehen und zu definieren . und darum lassen sich gewisse scheinbar verruckte und widersprüchliche Züge des Euthanasie-Programms2 nur im biopolitischen Kontext. die sozusagen bloß als Mittel zur Erreichung der verfolgten Ziele dienten. Das Buch. Darum ist das Problem der Euthanasie auch ein spezifisch modernes Problem. S. . als das Programm von den . insofern er über den eigenen biopolitischen Bestand entscheidet.] Auch Zahn nimmt als Grundlage seiner Spekulation die Summe von 310 Milliarden Mark. interessanter ist jedoch die Frage. . daß sich die souveräne Entscheidung über das nackte Leben verschiebt. . ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur dazu raten«. die dem unseren vorangegangen sind. weil sich das Problem der Euthanasie von neuem stellen wurde. die Straflosigkeit zusicherten. den Nachbarstaat territorial anwachsen zu sehen. die deutlich vom Liberalismus geprägt sind. deutsch. Der »Führer«’ repräsentiert das Leben selbst. sie bewegt sich weg von streng politischen Motivationen und Bereichen und begibt sich auf ein ambivalentes Terrain. [. d. Bisweilen war auch die Furcht. die Besitztümer des Staates zu sichern wobei das Wort ›Besitztum< nicht nur die Oberfläche des Landes. »Politik. seitens der medizinischen Organisationen keine Proteste gab. welche die Ökonomie beherrschten. Erst zu Beginn unseres Jahrhunderts ist man auf der Grundlage von Lehren. das Beiträge der maßgebenden deutschen Fachleute (wie Eugen Fischer und Otmar von Verschuer) und der Hauptverantwortlichen der Gesundheitspolitik des Reiches (wie Leonardo Conti und Hans Reiter) versammelt. mit dem Zweck. haben nach dem Urteil erklärt. Im Original deutsch. Darum ist auch sein Wort -gemäß einer den Nazijuristen teuren Theorie. Bischöfen an die Öffentlichkeit gebracht wurde. den er auf 1061 Milliarden Mark schätze. die daran beteiligten Ärzte konnten auch. die französischen Freunde und Verbündeten über das Wesen und die Verdienste der nationalsozialistischen Politik in Sachen Gesundheit und Eugenik zu informieren.

besonders jener der Genetik. ist enger und komplexer. »ist nicht durch die Zusammenstellung dieser oder jener Eigenschaften bestimmt. . 92). d a ß es gerade die genetische Forschung dieser Zeit mit der frisch entdeckten Lokalisierung der Gene in den Chromosomen ist (jene »Gene«. S. Haldane über die Drosophila sind und allgemeiner jene Arbeiten der angelsächsischen Genetik. Foucault hat die wachsende Bedeutung untersucht. . die gegenseitige Abhängigkeit dieser beiden Kräfte als unabwendbare Tatsache zu erkennen. Das Wort »Rassismus« (wenn man Rasse streng biologisch versteht) ist deshalb nicht die korrekteste Charakterisierung für die Biopolitik des Dritten Reiches. [. »auf den Chromosomen wie Perlen auf der Schnur aufgereiht sind«. die eine bestimmte Kombination von homozygoten Genen aufweisen. die in ebendiesen Jahren zur Aufstellung einer ersten Karte des X-Chromosoms im Menschen und zum ersten sicheren Nachweis von pathologischen Erbveranlagungen führten.. die man zum Beispiel mit Hilfe einer Farbenskala messen könnte. so sehr es überraschen mag. Das Neue daran ist indes. [. zu verwenden und für die eigenen politischen Zwecke zu verformen. ebenso bewußt wie dann. die wissenschaftlichen Konzepte. I 59 -161). definiert (ebd. so Fischer.. die vom 18. sie bewegt sich vielmehr in einem Horizont.] wir Daher rührt die radikale Transformation der Bedeutung und der Aufgaben der Medizin.. so ist der Arzt für die Ökonomie der menschlichen Werte verantwortlich. . daß der Arzt an der rationalisierten menschlichen Ökonomie mitarbeitet und im Standard der Volksgesundheit die Bedingung des ökonomischen Ertrags erblickt [. die Beziehung zwischen der nationalso154 zialistischen Ideologie und der Entwicklung der Sozial.und Lebenswissenschaften jener Zeit.« (Ebd. . S. die er brauchte. sie sind vielmehr als solche unmittelbar politisch. S.« (Ebd. Jahrhunderts an liefert das Werk von Francis Galton den theoretischen Rahmen. eine nach dieser Definition reine Rasse zu bestimmen (insbesondere bilden weder die Juden noch die Deutschen in diesem eigentlichen Sinn eine Rasse -dessen ist sich Hitler. 34) beginnt und zur Pflege des »biologischen Körpers der Nation« (ebd.* (Ebd. die der nationalsozialistischen Biopolitik als konzeptuelle und strukturelle Referenz dient.Die große Neuerung des Nationalsozialismus besteht nach Reiter darin. Morgan und John B. Verschuer 1. Es ist wichtig zu sehen. die sich zunehmend tiefer in die Funktionen und Organe des Staates integriert: »So wie der Ökonom und der Kaufmann für die Ökonomie der materiellen Werte verantwortlich sind.] die Politik wird imstande sein müssen. Ein Blick auf die Beiträge von Verschuer (der. »Die Rasse«. sie steht heute noch am Anfang. die nun für die Interessen und Kalküle des Reiches erstrangig werden und die Basis für eine neue Politik schaffen. die anderen Gruppen fehlen«. .. und zugleich beunruhigender.) Die Grundsätze dieser neuen Biopolitik werden von der Eugenik diktiert. .. S. wo sich die 155 . . S.. S. in dem die nunmehr Biopolitik gewordene Polizeiwissenschaft ihre Wirkung entfalten soll. auch nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches weiterhin Genetik und Anthropologie an der Universität Münster lehrte) undvon Fischer (Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie in Berlin) zeigt jenseits aller Zweifel.]. daß es eben diese lebenden Schätze sind. daß im Gegensatz zu einem verbreiteten Vorurteil der Nazismus sich nicht einfach darauf beschränkte.Vom Ende des 19. mit Nicolas Delamare. verstanden als Wissenschaft der genetischen Vererbung eines Volkes. 5 1) schreitet: nähern uns immer mehr einer logischen Synthese der Biologie und der Ökonomie an. 40f. [. Jahrhundert an der Polizeiwissenschaft zukommt. 84) Es erstaunt folglich nicht. Johann Peter Frank und Johann Heinrich Gottlob von Justi macht sie sich die Sorge um die Bevölkerung in all ihren Belangen zum ausdrücklichen Ziel (Foucault 3.] Es ist unerläßlich. erlaubt jedoch bereits. die. . Sowohl Fischer als Verschuer wissen jedoch. daß diese Begriffe nicht wie äußerliche (wenn auch bindende) Kriterien einer politischen Entscheidung gehandhabt werden. 48) q* . als er die Endlösung beschließt). . daß die Forschungen. die mit der Aufstellung der »Bilanz der lebenden Werte eines Volkes« (ebd. 86). S. während er Mein Kampf schreibt. auf die sich Fischer wie Verschuer beziehen. S.] Die Rasse ist Vererbung und nichts als Vererbung. die Experimente von Thomas H. So wird der Begriff der Rasse in Übereinstimmung mit den genetischen Theorien der Zeit als »eine Gruppe von menschlichen Wesen. diese Synthese immer enger zu führen. Die Oszillationen der biologischen Substanz und der materiellen Bilanz eines Staates verlaufen im allgemeinen parallel. daß es praktisch unmöglich ist. schreibt Fischer. S.

wenige Wochen nach Hitlers Aufstieg zur Macht. warum die ersten Gesetze. 4. Wenn Leben und Politik.« (Verschuer 2. « (Ebd. 9). Man kann die nationalsozialistische Biopolitik (und mit ihr einen guten Teil der modernen Politik auch außerhalb des Dritten Reiches) nicht verstehen. daß alle Politik des nationalsozialistischen Staates dem Leben des Volkes dient. 5) gemessene Interpretation des Rassismus meint) auf einer rein instrumentellen Beziehung. wenn rassische Eigenart und Erbgesundheit des Volkskörpers erhalten bleiben. »zeigen wir uns aber als Meister dieses Schicksals..< Dieses Wort des Führers bringt zum Ausdruck. weil wir es unterlassen haben. In seiner Unterscheidung zwischen »Politik« und »Polizei« weist von Justi ersterer eine rein negative Aufgabe zu (die Bekämpfung der inneren und äußeren Feinde des Staates). welche die Eugenik betreffen. dazu tendieren. Juli 1933. »Politik«. das Phänomen des Totalitarismus in seiner Gesamtheit im Horizont der Biopolitik zu situieren. das mit der Erklärung der Menschenrechte zum Fundament der Souveränität geworden ist. indem sie mit eigentlich eugenischen Bestrebungen verschmilzt. indem wir Erbanlage als uns gestellte Aufgabe ansehen. wenn man nicht sieht. ohne die er unverstanden bleibt. das Leben selbst einer unablässigen Mobilisierung zu unterwerfen. gerade diejenigen sind. Die Neuerung der modernen Biopolitik besteht darin. beruht nicht (wie eine verbreitete. eugenische und ideologische Motive. Ein paar Jahre zuvor hat Verschuer eine Broschüre veröffentlich. in der Polizei und Politik. schreibt Verschuer. S. Daher rührt der scheinbare Widerspruch. dann wird alles Leben heilig und alle Politik Ausnahme: 4.] Wir wissen heute: Das Leben eines Volkes ist nur garantiert. S. S. »d. konnte die Gestaltung und Pflege des »Volkskörpers« zu seiner vorrangigen Bestimmung erheben. Jahrhunderts. . in der sie sich befindet. die diese Worte zwischen Politik und Leben herstellen. »Die nationalsozialistische Revolution«. besser aus als diese Verwandlung der natürlichen Vererbung als solcher in Politik. »>Der neue Staat kann keine andere Aufgabe kennen als die sinngemäße Erfüllung der zur Forterhaltung des Volkes notwendigen Bedingungen. Das Fundament des Totalitarismus unseres Jahrhunderts Liegt in dieser dynamischen Identität von Leben und Politik. ihre volle Bedeutung an. aber völlig unan156 .2. die das nationalsozialistische Regime erlassen hat.»Sorge um das Leben«. sie werfen Fragen auf. und die Sorge um das Leben fällt mit dem Kampf gegen den Feind zusammen. daß sie das Schwinden der Unterscheidung zwischen den beiden Gliedern impliziert: Die Polizei wird nun Politik. »appelliert an die Kräfte. die dem biologischen Erblühen der Nation schaden. Die in diesen Vorträgen behandelten Probleme betreffen nicht nur ein einzelnes Volk. Nur in dieser Perspektive begreift man. die es nur zu schützen gälte. der im Innersten auf dem Leben selbst des Volkes gründet. aber erst ein Staat. dann deshalb.] die Gestaltung des Lebens der Völker« (Verschuer 2. [. I I) Nichts druckt das Paradox der nazistischen Biopolitik und die Notwendigkeit. daß eine natürliche Gegebenheit sich unmittelbar als politische Aufgabe darzustellen sucht. wird das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« 157 Die Verbindung. h. »Erbanlage ist wohl Schicksal«. die für die ganze europäische Zivilisation von vitaler Bedeutung sind. liest man in der Einleitung zu Etat et sante. Wenn der Nazismus uns immer noch als Rätsei erscheint und wenn seine Verwandtschaft mit dem Stalinismus (worauf Hannah Arendt so bestanden hat) noch unerklärt bleibt. so fährt Verschuer fort. Sie strebt also danach. das Erbe der Polizeiwissenschaft des I 8. wie wenn die Rasse eine einfache natürliche Gegebenheit wäre. letzterer eine positive (die Pflege und das Wachstum des Lebens der Bürger). 7) Einzig in dieser Perspektive nimmt die Vernichtung der Juden. die ursprünglich voneinander getrennt und durch das Niemandsland des Ausnahmezustands miteinander verbunden waren. ins Absolute steigert. wird nun das Subjekt-Objekt der staatlichen Politik (die sich deswegen auch zunehmend als »Polizei« verhält). [. in der die nationalsozialistische Ideologie vielleicht ihre rigoroseste biopolitische Formulierung findet. S. Am 14. die Sorge um das Leben und der Kampf gegen den Feind gänzlich ununterscheidbar werden. die wir zu erfüllen haben. welche die Ausschließung der Faktoren biologischer Entartung und den Erhalt der Erbgesundheit des Volkes fördern. die Gesundheit der Gesamtheit der Bevölkerung zu stärken und jene Einflüsse zu vernichten. . Das Leben. .3. identisch zu werden.« (Verschuer 1. daß die biologische Gegebenheit unmittelbar politisch wird und umgekehrt. .

). insbesondere derjenigen mit Nieren. Oktober 193 5 folgt das »Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes«. daß sie für die Nazis unmittelbar politischen Charakter hatten. Diese lassen sich weder auf die Nürnberger Gesetze noch auf die Deportation in die Konzentrationslager und auch nicht auf die Endlösung beschränken: Diese entscheidenden Ereignisse unseres Jahrhunderts haben ihr Fundament in 158 sungen der frühen zwanziger Jahre nun gezeigt hat. / c) wenn einer der Verlobten.verabschiedet. ohne entmündigt zu sein. Ich und Welt. Jahrhunderts zu werfen: die Beziehung zwischen Heidegger und dem Nazismus. Die Zirkelstruktur des Daseins. Die Gesetze zur Diskriminierung der Juden haben die Aufmerksamkeit der Forscher der Rassenpolitik des Dritten Reiches fast durchgängig monopolisiert. zwischen Leben und seiner wirklichen Situation. gewinnt diese Beziehung ihre eigentliche Bedeutung. Empfindung und Bewußtsein. wenn man sie in den allgemeinen Zusammenhang der biopolitischen Gesetzgebung und Praxis des Nationalsozialismus zurückstellt. 159 .« Die Bedeutung dieser Gesetze und die Geschwindigkeit. d. verboten wurde unter anderem die Eheschließung zwischen Juden und vollberechtigten Staatsangehörigen. Entscheidend ist. an einer geistigen Störung leidet. aber I Im Original deutsch. Wie die Veröffentlichung der Vorlelogie bei Heideggervon Anfang an als Hermeneutik des faktischen Lebens dar. und nur wenn man sie in ihren »humanitären« Zusammenhang stellt. daß seine Nachkommen an schweren körperlichen oder geistigen Erbschäden leiden werden.’ für das in seinen Seinsweisen sein Sein selbst auf dem Spiel steht. ihre Unmenschlichkeit zu ermessen. S. wenn man sie auf der bedingungslosen Annahme einer biopolitischen Aufgabe. 395 f. in der Leben und Politik identisch sind (»Politik. Als solche sind sie nicht zu trennen von den Nürnberger Gesetzen. . / b) wenn einer der Verlobten entmündigt ist oder unter vorläufiger Vormundschaft steht. / d) wenn einer der Verlobten an einer Erbkrankheit im Sinne des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses leidet. ist bloß eine Formalisierung der den Bereich Eugenik einschränkt. K Genau diese unmittelbare Einheit von Politik und Leben erlaubt es. mit der sie erlassen wurden. Nur wenn man sie in der Perspektive der modernen Biopolitik betrachtet (was sowohl die Ankläger wie die Apologeten unterlassen haben). Licht auf den Skandal der Philosophie des 20. wenn nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist. stellt sich die Onto- wesentlichen Erfahrung des faktischen Lebens. Auf der Grundlage eines neuen Reichsgesundheitsgesetzes hätten die Familien dieser Personen nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen können und ihnen wäre die Fortpflanzung untersagt gewesen. ist es möglich. daß eine »Ehe nicht geschlossen werden [darf]. 2 Im Original deutsch. als sein biopolitisches Programm sein thanatopolitisches Gesicht zeigte. kann durch chirurgischen Eingriff unfruchtbar gemacht (sterilisiert) werden. Was mit ihnen geschehen sollte. Subjekt und Eigenschaft) schwinden. beweist ein von Hitler vorgeschlagenes Projekt der letzten Kriegsjahre. das die eugenische Gesetzgebung auf die Ehe erweitert. und doch ist ein volles Verständnis nur möglich. die eine erhebliche Schädigung der Gesundheit des anderen Teiles oder der Nachkommen befürchten läßt.« Am 18. und im übrigen wurde festgelegt. h.] die Gestaltung des Lebens der Völker«). Arendt 3. Nach einer nationalen radiologischen Untersuchung sollte der Führer eine Liste aller kranken Personen erhalten.und Herzfunktionsstörungen.* aufgrund deren etwas in einer bestimmten Weise und an einem bestimmten Ort ist. und in der sämtliche Unterscheidungen der traditionellen Anthropologie (wie die zwischen Geist und Körper. daß auch Staatsangehörige deutschen Blutes sich der deutschen Ehre als würdig erweisen müssen (womit implizit über jedem die Möglichkeit der Entnationalisierung schwebte). mit denen das Regime die Juden in Bürger zweiter Klasse verwandelte. zwischen dem Sein und seinen Seinsweisen zu unterscheiden. versteht man nicht. sollte Sache weiterer Entscheidungen seitens des Führers sein (vgl. Denn die große Neuerung des Heideggerschen Denkens (was in Davos den aufmerksameren Beobachtern wie Franz Rosenzweig und Emmanuel Lévinas nicht entging) war seine radikale Verwurzelung im Faktischen. Die zentrale Kategorie der Faktizität ist für Heidegger nicht (wie noch für Edmund Husserl) die Zufälligkeit. das festlegt: »Wer erbkrank ist. die die Ehe für die Volksgemeinschaft unerwünscht erscheinen läßt. in der es unmöglich ist. . es verfügt. / a) wenn einer der Verlobten an einer mit Ansteckungsgefahr verbundenen Krankheit leidet. Bis zu welchem Punkt das Nazireich gegenüber sämtlichen Bürgern zu gehen bereit war. dem »Reichsbürgergesetz« und dem »Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre«. [.

der sich gegen den Körper auflehnt. setzt nach Levinas die Philosophie des Hitlerismus (darin dem Marxismus ähnlich) auf die bedingungs. sich als Faktum auszugeben. der uns mit der unerbittlichen Welt der Materie in Beziehung setzt seine Adhärenz zum Ich erfolgt aus ihm selbst. mit denen kein Umgang mehr gefunden werden kann. in Aufgabe verwandelt werden muß.] An seinen Körper gekettet verweigert sich der Mensch der Macht. an den er gekettet worden wäre. der ihm irreduzibel fremd bleibt. sondern in einer Art von Gebundenheit. Das Ich trägt dazu nur die Unbekannten dieser Probleme selbst bei. das Sein. S. als der Beitritt seines Freiburger Lehrers zum Nazismus noch heiß war. S. der seine ›innere Wahrheit< verraten hat. die Tatsachen enthält. . aber mit der inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung (nämlich mit der Begegnung der planetarisch bestimmten Technik und des neuzeitlichen Menschen) nicht das Geringste zu tun hat. . Die Wichtigkeit. Dieses Gefühl der Identität zwischen dem Ich und dem Körper [. kommt so in eine Zone der Ununterscheidbarkeit gegenüber allen traditionellen Bestimmungen des Menschen zu liegen und markiert dessen endgültigen Untergang. insbesondere in der Heideggerschen Ontologie hat: »eine Möglichkeit. was Hingabe war. . was es an Fatalität mit sich bringt. 205 -207) Im ganzen Text. Hingegen läßt eine 1991. mit der sich Heidegger mehrmals auf den Biologismus Rosenbergs bezieht).und vorbehaltlose Annahme der historischen.« (Heidegger 3. Die Wahrheit ist für ihn nicht mehr die Anschauung eines fremden Schauspiels . Der Mensch gibt sein Ja und sein Nein unter dem Gewicht seiner ganzen Existenz. Die Faktizität bedeutet nicht einfach nur. Das Biologische samt allem. die begrifflichen Kategorien erarbeitet zu haben.des Seins. [. daß der Nazismus in derselben Erfahrung der Faktizität wurzelt. von der aus das Denken Heideggers sich bewegt und das er in seiner »Rektoratsrede* in die Formel gedrängt hat: »Das eigene Dasein wollen oder nicht wollen«. . daß nämlich der Nazismus als *elementares Übel« seine Bedingung der Möglichkeit in der abendländischen Philosophie selbst. die ein aufmerksamer Leser gleichwohl zwischen den Zeilen hätte lesen sollen. welche die Faktizität daran hinderten. zugeschrieben wird. das macht seine Fischzüge in diesen trüben Gewässern der ›Werte< und der ›Ganzheiten<. hat der Nazismus das faktische Leben in einer objektiven RassenI Im Original deutsch. Man kann es nicht klarer sagen. daß man sie mit der Gegenwart eines äußeren Objekts verwechselt. I 52) Der Irrtum des Nationalsozialismus. mit dem sich der abendländische Geist nie hat begnügen wollen. und keine Metapher wurde es schaffen. Während sich das jüdisch-christliche und das liberale Denken durch die asketische Befreiung des Geistes aus den Fängen der sinnlichen und historisch-sozialen Situation auszeichnen. in dem der Mensch selbst der Schauspieler ist. sondern die entschiedene Annahme dieser Situation. die Anrufungen der Vererbung und der VergangenI heit. anläßlich der Wiederveröffentlichung in den Cahiers de I’Herne. 161 160 . wie Heidegger in der Vorlesung Einführung in die Metaphysik von 193 5 diese enthüllenden Worte hat schreiben können: »Was heute vollends als Philosophie des Nationalsozialismus herumgeboten wird. ›dem es in seinem Sein um dieses Sein selbst geht<‘* (Levinas 2. hinzugefügte Anmerkung keinen Zweifel an der These. [.« (Levinas 1. Ihn von den konkreten Formen zu trennen. denen der Körper als rätselhaftes Vehikel dient. zufällig in einer bestimmten Weise und in einer bestimmten Situation zu sein. die als unlösbare Einheit von Geist und Körper. . getrenntes Reich der Vernunft unterscheiden. die einem souveränen und freien Ich zur Lösung vorliegen. . bedeutet Verrat an der Ursprünglichkeit des Gefühls selbst. die sich in die Ontologie des ums Sein besorgten Seins einschreibt .sie besteht in einem Drama. der man nicht entkommt.auch anderswo und anders sein könnte. auf dem Grund dieser Einheit die Dualität eines freien Geistes wiederzufinden. physischen und materiellen Situation. I 59). Die mysteriösen Stimmen des Blutes. es wird zu dessen Herz.] Das Wesen des Menschen liegt nicht mehr in seiner Freiheit. Zitat im Zitat deutsch. welche diesem Gefühl des Körpers. der doch in einem Augenblick geschrieben wurde. Es wird von ihnen konstituiert. bestünde aus der Sicht Heideggers darin. Das Dasein. sich selbst zu entkommen. in die er von Mal zu Mal gerät. sondern die Verfallenheit. das nichts anderes ist und zu sein hat als seine Seinsweisen selbst. wird mehr als ein Obiekt des geistigen Lebens. der vielleicht noch heute den wertvollsten Beitrag zum Verständnis des Nationalsozialismus darstellt.] wird denen. Natur und Kultur betrachtet wird. die Erfahrung der Faktizität in einen biologischen »Wert « verwandelt zu haben (daher die Verachtung. in der das. Es ist eine Adhärenz. Während die eigenste Leistung von Heideggers philosophischem Genius darin bestand.’ die ein Sein charakterisiert. nie erlauben. wird der Name Heidegger nicht erwähnt. das sein Da ist. die von ihm ausgehen wollen. ist die Basis einer neuen Konzeption des Menschen. »Der Körper ist nicht bloß ein unglücklicher oder glücklicher Zwischenfall. an die er ehedem gebunden ist. Nur durch diese ursprüngliche Nähe wird verständlich. S. hat Levinas als erster den Akzent auf die Analogien zwischen dieser neuen ontologischen Bestimmung des Menschen und einigen Zügen der dem Hitlerismus impliziten Philosophie gesetzt. von dem richtigerweise auszugehen ist. und damit im Menschen und in seiner Welt ein vom Körper. verlieren ihre Eigenschaft als Probleme. Für sie besteht im Gegenteil das Wesen des Geistes gerade in dieser Ankettung. In einem Text von 1934 (»Q uelques reflexions sur Ia philosophie de l’Hitléisme«). nichts vermag dieser Einheit den tragischen Geschmack der Endgültigkeit zu nehmen.

welche die Experimente für die VP (Versuchspersonen)’ mit sich brächten. und wenn die unter Druck sacer. Am I 5. angestellt worden ist: »Bei 4 Minuten*.bestimmung eingekerkert und somit seine ursprüngliche Inspiration auf- 5. 2 *Da* und »Da-sein« im Original deutsch.« Es folgt der Bericht der Sektion zur Feststellung allfälliger organischer Verletzungen. der das Gegenstück des Souveräns war. Mai I 94 I schrieb Dr. I Im Original deutsch. Bei 5 Minuten traten Krämpfe auf. V P 5. auf welche die Macht keinerlei Zugriff mehr zu haben scheint. die seinen Experimenten für das Leben der deutschen Piloten zukomme. mit der Bitte. Zwischendurch trat stärkste Cyanose auf. das mit einem 37jährigen Juden als VP »in gutem Allgemeinzustand« unter einem Druck. in eine Existenz. Ne1 Im Original deutsch. Wir besitzen ein (mit 94 Fotografien ausgestattetes) Protokoll des Experiments. damit die Experimente an einem Ort fortgesetzt werden konnten. I .in Anbetracht der Bedeutung. zwischen 6 und IO Minuten wurde die Atmung schneller. 163 . damit die Experimente fortgesetzt werden könnten. 3 Im Original deutsch. stehende Kabine in diesen Verhältnissen beschädigt wurde oder der Pilot mit dem Fallschirm abspringen mußte. der einer Höhe von 12 ooo Metern entspricht. um dann ganz aufzuhören. ob man ihm . der seit langem Forschungen über die Rettung in großen Höhen anstellte. von I I Minuten bis 30 Minuten verlangsamte sich die Atmung bis 3 Atemzüge pro Minute. so lesen wir. außerdem Schaum vor dem Mund. *begann VP zu schwitzen und mit dem Kopf zu wackeln. Das Endergebnis des Briefwechsels zwischen Rascher und Himmler (der vollständig erhalten ist) bestand in der Installation einer Druckkammer in Dachau. Im Nürnberger Prozeß wurden die von den deutschen Ärzten und Forschern in den Konzentrationslagern angestellten Experimente von aller Welt als eines der infamsten Kapitel in der Geschichte des nationalsozialistischen Regimes betrachtet. VP bewußtlos. und des tödlichen Risikos. Sigmund Rascher.nicht »zwei oder drei Berufsverbrecher« zur Verfügung stellen könne. und da die Experimente nicht nutzbringend mit Tieren durchgeführt werden könnten . Der Luftkrieg war mittlerweile in die Phase der Flüge in großer Höhe getreten. mit nachfolgender Übersetzung. war das Todesrisiko erhöht. an Himmler. an dem die VP besonders einfach zu beschaffen waren.

So sind in den zwanziger Jahren 800 Häftlinge in den Gefängnissen der Vereinigten Staaten mit dem Plasmodium der Malaria infiziert worden. der Verantwortliche des Sterilisationsprogramms. Im ersten Fall hielt man die VP bis zur Bewußtlosigkeit in Wannen mit kaltem Wasser getaucht. bei der die VP auf eine Liege zwischen zwei nackte Frauen gelegt wurden. eine andere trank nur Meerwasser. die an der Front. Das ist leider nicht möglich. Die Professoren Oskar Schröder. eine sonderbare Aussage. die der eugenischen Politik des Regimes dienen sollten. genossen eine so gute wissenschaftliche Reputation. Professor für medizinische Chemie an der Universität Frankfurt und der Sympathie mit dem Nazi-Regime unverdächtig. daß in einem Fall die VP zu sexuellem Verkehr fähig war. während die Forscher sorgfältig die Schwankungen der Körpertemperatur und die Möglichkeiten der Wiederbelebung untersuchten (besonders grotesk nimmt sich darunter die sogenannte Wiederbelebung »durch tierische Wärme« aus. Impfstoffe gegen diese beiden Krankheiten zu entwickeln. die nichts mit wissenschaftlicher Forschung zu tun haben. die Joseph Goldberger mit zwölf zum Tod verurteilten US-amerikanischen Häftlingen angestellt hat.2. diese Experimente einzig als sadistischkriminelle Taten zu betrachten. Entschieden beschämender ist dann der Umstand (das geht unmißverständlich aus der wissenschaftlichen Literatur hervor. Massenhaft und für die Patienten äußerst schmerzhaft waren die Versuche zur nichtchirurgischen Sterilisation mittels chemischer Substanzen oder Bestrahlung. Zunächst einmal waren einige (gewiß nicht alle) der Ärzte.es ist richtig. wo die Lebensbedingungen am härtesten waren. in der Absicht. vor Gericht. zu zellularen Entzündungen etc. Carl Clauberg zum Beispiel. Hermann Becker-Freyseng und Wilhelm Beiglböck. Straferlaß versprochen hatte. die in Nürnberg verurteilt wurden. daß 1948. an. wenn man bedenkt. 5. daß die Versu- I Im Original deutsch. 164 165 . es ist belegt. in der Absicht. denen man. insbesondere die Gesundheit der Reichssoldaten bedrohten. Und während des Prozesses bezeugte Franz Volhard. chung sehr groß ist. besonders in den Vereinigten Staaten (in dem Land also. aus dem der Großteil der Richter des Nürnberger Prozesses stammte). die von der Verteidigung beigebracht und von den Sachverständigen des Gerichts beglaubigt worden ist). neben dem gelben Stern auch dieses Symbol des Genozids an einem wehrlosen Volk in Erinnerung zu rufen) vorgenommen. daß in unserem Jahrhundert Experimente mit Häftlingen und zum Tod Verurteilten mehrfach und in großem Maßstab durchgeführt worden sind. von der die Forscher eine Minderung der Schäden durch das Meerwasser erwarteten. daß vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen die Vorbereitung dieser Experimente tadellos gewesen sei. damit jene nicht verwechselt wurden mit anderen kriminellen Ärzten. Sie wurden in drei Gruppen aufgeteilt. die eine mußte sich einfach des Trinkens enthalten. ein Mittel gegen das Sumpffieber zu finden.ben denjenigen zur Rettung in großen Höhen wurden in Dachau auch Experimente (auch diese sollten die Rettung von ins Meer gefallenen Matrosen und Piloten ermöglichen) im Hinblick auf die Überlebenschance in eisigem Wasser und die Trinkbarkeit von Meerwasser angestellt. war unter anderem der Erfinder des nach ihm benannten »Tests« zur Wirkungsweise von Progesteron. eher gelegentlich stellte man Experimente zur Nierentransplantation. der bis vor wenigen Jahren in der Gynäkologie noch in ständigem Gebrauch war. welche die Experimente zur Trinkbarmachung von Meerwasser leiteten. in der Wissenschaft ziemlich bekannte Forscher: Prof. sollten sie überleben. Die Experimente zur »Trinkbarmachung« des Meerwassers wurden dagegen an Häftlingen mit schwarzem Dreieck (das heißt Zigeuner . daß im Verlauf des Experiments die VP einen solchen Prostrationsgrad erreichten. der Zeugenaussagen der Angeklagten und in einigen Fällen der Protokolle ist eine dermaßen entsetzliche Erfahrung. Für exemplarisch galten in der Fachliteratur über Pellagra die Experimente. welche die Experimente angestellt hatten. auch sie jüdische Häftlinge aus den Lagern. Ein anderer wichtiger Versuchssektor war die Einimpfung von Fleckfieberbakterien und Viren der Hepatitis endemica.l einer chemische Substanz. Die Lektüre der Zeugnisse der überlebenden VP. was den Erholungsprozeß erleichterte). und die dritte Meerwasser mit »Berkazusatz«. Süßwasser aus einem Bodenlappen zu saugen. daß sie zweimal versuchten. nach dem Urteil. eine Gruppe von Wissenschaftlern bei einem internationalen Kongreß eine Petition einreichte.

[. einen finsteren Schatten auf die gängigen Praktiken der modernen medizinischen Forschung zu werfen (seitdem sind noch viel aufsehenerregendere Massenexperimente 167 166 . tödliche oder sonstige. der sich auch durch die Nüchternheit seiner Kommentare auszeichnet. d a ß die ethisch-juridische Zulässigkeit der Experimente in keiner Weise von der Nationalität der Personen. der zusammen mit Fred Mielke 1948 den ersten Bericht des Nürnberger Ärzteprozesses publiziert und kommentiert hat. Mitscherlich. war die Notwendigkeit einer freiwilligen Zustimmung seitens des Subjekts. Gerhard Rose. noch von den Umständen. S. wendet an diesem Punkt ein: »Wo Strong gegen Elend und Tod von der Art einer Naturkatastrophe zu schützen suchte. es ist hingegen klar. Prof. und verglich die deutschen Soldaten. abhängen konnte.und Beri-Beri-Kranken. endlose Diskussionen widmen. um deren Behandlung es Strong mit seinen Forschungen zu tun war. . der auf das Versprechen der Begnadigung hin mit Lepra infiziert worden ist und in der Folge des Experiments verstorben ist. daß der Begriff »freiwillige I Im Original deutsch. . daß die Experimente der Lager nicht ohne Vorläufer in der medizinisch-wissenschaftlichen Praxis waren.] und alle Angestellten [. Es ist ebensowenig möglich. ferner die Regierung der Vereinigten Staaten Amerikas des Staates Illinois. die Experimente deswegen nicht als ethisch annehmbar hätte betrachten müssen. in der es unter anderem hieß: *Ich übernehme hiermit alle Gefahren dieser Experimente. Ich verzichte folglich auf alle Ansprüche und Prozesse oder Gewohnheitsrechte [equity] für alle Verletzungen oder Krankheiten. die Verschiedenheit der Zwecke in Anschlag zu bringen. wären derartige von Häftlingen unterzeichnete Erklärungen in den Lagern1 gefunden worden. Im Fall eines zum Tod Verurteilten oder eines Häftlings.] von aller Verantwortung. daß sie die Verantwortlichkeit der Angeklagten um nichts verringerten. indem er die analogen Experimente ins Feld führte. für die der Impfstoff bestimmt war. dem Arzt. . ist zumindest problematisch. daß der Verurteile eine Erklärung unterzeichnen mußte. nur die Verbesserung seiner Lebensbedingungen vorgegaukelt hätte.Außerhalb der USA hat Richard Pearson Strong Forschungen über die Beri-Beri-Krankheit und über die Pestbakterien mit zum Tod Verurteilten in Manila durchgeführt (die Protokolle der Experimente erwähnen nicht. der eine schwere Strafe verbüßt. und für meine Erben. . die von der Verteidigung beigebrachten Präzedenzfälle als rechtlich relevant anzuerkennen und dagegenzuhalten. aufgrund deren wissenschaftliche Experimente mit menschlichen Versuchsobjekten zugelassen werden konnten.« (Mitscherlich. operierten Forscher wie der Angeklagte Rose im Dickicht der unmenschlichen Methoden einer Diktatur für die Aufrechterhaltung ihrer Sinn1osigkeit. um die unterschiedlichen und spezifischen Verantwortlichkeiten in den fraglichen Fällen abzuwägen. in dem man allgemein übereinstimmte. . daß man. wie schmerzlich es war. . schlicht eines Sinns entbehrte und daß unter diesem Gesichtspunkt die Unmenschlichkeit der Experimente in beiden Fällen substantiell gleich war. dem man auch Angesichts der offenkundigen Heuchelei solcher Dokumente kann man nur perplex sein. mit den Pest. das dem Experiment unterzogen werden sollte. Tatsächlich war es in den USA die allgemeine Praxis (wie aus einem im Staat Illinois verwendeten Formular hervorgeht.] und alle Techniker und Assistenten. Im weiteren zitierte die Verteidigung den Fall des zum Tod verurteilten Keanu (Hawaii). und sicher ist. unter denen sie sich die Krankheit zugezogen hatten. einzugestehen. ob es sich um Freiwillige handelte oder nicht). die an Fleckfieber starben. das den Richtern vorgelegt wurde). . Angesichts der Deutlichkeit dieser Dokumente mußten die Richter der Festlegung von Kriterien. kann man eine Überlegung von Alexander Mitscherlich zitieren. Als Zeugnis dafür. Das hätte jedoch bedeutet. die Strong in Manila mit zum Tod Verurteilten angestellt hatte. Die einzige ethisch korrekte Position wäre gewesen. die durch diese Experimente verursacht sein mögen. I 2) Als historisch-politisches Urteil ist diese Sichtweise richtig. die an obengenannten Untersuchungen teilnehmen. Das äußerste Kriterium. der wegen der Experimente zur Fleckfieberimpfung angeklagt war (die zum Tod von 97 von 392 VP geführt hatten) verteidigte sich. meine persönlichen Vertreter und Bevollmächtigten entbinde ich hiermit die Universität von Chicago [. .« Zustimmung« für einen in Dachau Internierten. Diese rechtschaffene Emphase des freien Willens weigert sich zu sehen.] den Direktor des staatlichen Zuchthauses [. von freiem Willen und Zustimmung zu sprechen.

einem Leben. Kreislauf. das sie als coma dkpassk definierten (was man auch mit Ultrakoma übersetzen könnte). Neben dem klassischen Koma. in das einst nur der Souverän vorstoßen konnte. in der sie zur bis dahin bekannten Phänomenologie des Kornas eine neue und extreme Figur hinzufügten. daß in beiden Fällen die besondere Bedingung der VP entscheidend gewesen ist (zum Tod Verurteilte oder Häftlinge in einem Lager. . Mobilität. zum Beispiel zur Erforschung der Wirkungen nuklearer Strahlung). Hier interessiert uns im speziellen aber. unterschied die medizinische Literatur jener Zeit auch ein coma vigile (Wachkoma). und ein coma carus mit einer schweren Störung der vegetativen Lebensfunktionen. 4) Die gewollt paradoxe Formulierung (ein Stadium des Leben jenseits des Aussetzens aller Lebensfunktionen) gibt zu verstehen. das getötet werden kann. Manifestationen der souveränen Macht über Leben und Tod) oder endgültig dem Tod übereignen. Im Jahr 1959 haben zwei französische Neurophysiologen. was »Lösegeld« oder den überzogenen Preis für eine Sache bedeutet) der neuen Technologien der Reanimation war (künstliche Beatmung. daß im biopolitischen Horizont. Kontrolle des Kreislaufs durch ständige intravenöse Perfusion mit Noradrenalin. als das nunmehr von jeder Nervenzuleitung unabhängige Myocardium noch fähig war. theoretisch betrachtet. wie war es dann möglich. beraubt und dennoch biologisch noch am Leben sind. in dem der Verlust der Relationsfunktionen nicht vollständig ist.« (Mollaret und Goulon. keine ethischen Probleme aufwarfen. dem er bereits gehört. Genau darum. sich mit einem Rhythmus und einer Energie zusammenzuzie169 . daran muß man erinnern. . Techniken zur Kontrolle der Körpertemperatur etc. . um einen vierten zu ergänzen. ohne daß ein Mord begangen wird. Wurde die Reanimationsbehandlung trotzdem fortgesetzt. der die Moderne kennzeichnet.] eine ebenso totale Aufhebung der vegetativen Lebensfunktionen kommt. wo der menschliche Körper von seinem normalen politischen Status losgelöst ist und so in einem Ausnahmezustand den extremsten Wechselfällen überlassen wird [e abbandonato]. daß in einem gewissen Maß ähnliche Experimente in einem demokratischen Land angestellt werden konnten? Die einzige mögliche Antwort ist. Reflexe) und durch den Fortbestand des vegetativen Lebens (Atmung.1. daß derartige Experimente bei den Forschern und Funktionären im Innern eines totalitären Regimes. Wenn es denn. das durch den Verlust der relationalen Lebensfunktionen (Bewußtsein. in dem zur totalen Aufhebung der relafonalen Lebensfunktionen L. wo sie nichts weiter mehr waren als nacktes Leben. Mithin werden die zum Tod Verurteilten und die Lagerbewohner in gewisser Weise unbewußt den homines sacri angenähert. Thermoregulation) charakterisiert wird. Pierre Mollaret und Maurice Goulon. denjenigen des coma depasse’ [. daß das Ultrakoma gänzlich die Frucht (die Autoren nennen es rancon. das Experiment kann ihn wie ein Sühneritual dem Leben zurückerstatten (Begnadigung oder Straferlaß sind. in das einzutreten den endgültigen Ausschluß aus der politischen Gemeinschaft bedeutete). verständlich ist.]: Koma. die wir gewöhnlich mit der menschlichen Existenz verbinden.). Denn das Überleben des Ultrakomatösen hörte mit der Unterbrechung der Reanimationsmaßnahmen automatisch auf: Auf das vollständige Ausbleiben von Reaktionen auf äußere Reize. halten sie sich in einer Grenzzone zwischen Leben und Tod. zwischen Innen und Außen auf. welches das tiefe Koma definierte. S. eine kurze Studie veröffentlicht. schreiben Mollaret und Goulon provokativ.mit ahnungslosen amerikanischen Bürgern nachgewiesen wor- den. »Diese drei traditionellen Grade des Kornas«. Politisierung des Todes 1 Im Original deutsch. »schlagen wir vor. Sensibilität. der Arzt und der Wissenschaftler sich in einem Niemandsland bewegen. so konnte das Überleben sich so lange hinziehen. Der Zeitraum zwischen dem Todesurteil und der Vollstreckung und das eingezäunte Gebiet des Lagers’ errichten eine extratemporale und extraterritoriale Schwelle. 6. folgten nun der unverzügliche kardiovaskuläre Kollaps und das Aufhören jeglicher Atembewegung. das sich erklärtermaßen in einem biopolitischen Horizont bewegte. 6. weil sie aller Rechte und aller Erwartungen.

3. Harvard (Tbc Ad Hoc Committee of the Harvard Medical School) die neuen Kriterien des Todes fest und prägte jenen Begriff des »Hirntodes« (brain death). gleichzeitig mit der Entwicklung und Verfeinerung der Transplantationstechnologien vollzogen. der ihn anhand von traditionellen Kriterien feststellte. 56) David Lamb. 3 37). und die Versuchung des befreienden Knopfdrucks wird zum stechenden Schmerz. Denn auf der einen Seite ersetzt der Hirntod als einziges rigoroses Kriterium den für ungenügend gehaltenen systemischen oder somatischen Tod. daß der »Hirntod« »unvermeidlich in kurzer Zeit zum Tod führt« (Walton. Wie die beiden Neurophysiologen schreiben. Der Zustand der Ultrakomatösen war die ideale Bedingung für die Organentnahme. S. die Bestimmung neuer Kriterien und Aufstellung neuer Definitionen notwendig. »starben innerhalb eines Tages. S. daß die Verfechter des Hirntodes gutgläubig schreiben können. exakter zu werden.« (Lamb. wenn ihr Herz Tag für Tag weiterschlägt. 6. die seit Jahrhunderten im wesentlichen die gleichen waren: Aufhören des Herzschlags und Stillstand der Atmung. Das Ultrakoma verabschiedete gerade diese beiden uralten Kriterien zur Feststellung des Todes und machte.2. so beginnt der Harvard Report. Hatten geeignete medizinische tests erst einmal den Tod des gesamten Gehirns (nicht nur des Neocortex. Bis dahin war die Diagnose des Todes dem Arzt anvertraut. »welche diese Zustände. S. an denen Hirntod diagnostiziert worden war und die mithin schon tot waren. der die Transplantation vornahm. nicht des Mordes angeklagt werden konnte. Die dunkle Zone jenseits des Kornas.sich die Fortschritte der Reanimationstechniken. die jenseits des Kornas lag? Wer oder was war der Ultrakomatöse? »Vor diesen Unglücklichen«. daß die Bedeutung des coma dkpasse weit über das technisch-wissenschaftliche Problem der Reanimation hinausgeht: Es stand nicht weniger als die Neudefinition des Todes auf dem Spiel. die das coma depassb zum Vorschein gebracht hatten.. das entscheidende Kriterium abzugeben. ob sie zufällig zustande kommen oder nicht . die wir unter dem Begriff >coma depass& gefaßt haben. nachdem er 171 170 . 5 1) oder (wie im Bericht des finnischen Gesundheitsamtes): »Diese Patienten«.« (Ebd. von denen man nicht sagen kann. daß die ganze Diskussion in unlösbare logische Widersprüche verwickelt ist und daß der Begriff »Tod«. doch das bedeutete. der in mehr oder weniger bewußter Weise aufgerufen ist. auf der anderen Seite ist es wiederum dieser letztere. auch wenn er dank der Reanimationstechniken weiter atmete. S. bezwingt Hoffnungslosigkeit schließlich das Mitleid. daß der Zeitpunkt des Todes mit Sicherheit festgelegt werden mußte. »das irreversible Koma als ein neues Kriterium des Todes zu definieren«. sondern auch des brain stem) nachgewiesen. verkörpern. dehnt sich das Problem aus »bis zur Diskussion der letzten Grenzen des Lebens und weiter noch bis zur Vorstellung eines Rechts auf Festlegung des Zeitpunktes des legalen Todes« (ebd. Es ist selbstverständlich nicht unsere Absicht. Aber handelte es sich tatsächlich um ein »überleben«? Was war jene Zone des Lebens. ohne daß sich das leiseste Erwachen bemerkbar macht. auf die Streitpunkte der wissenschaftlichen Debatte über den Hirntod einzugehen. 1968 legte der Bericht einer Sonderkommission der Universität von 6. die Mollaret und Goulon unbestimmt zwischen dem Leben und dem Tod schwanken ließen. Man kann sich jedoch des Eindrucks nicht erwehren. liefert nun genau das neue Todeskriterium (»Unser erstes Ziel ist es«. die auch für die Vaskularisation der anderen inneren Organe ausreichten (in der Regel nicht länger als ein paar Tage). mußte der Patient als tot betrachtet werden. oder ob das letzte Wort den traditionellen Kriterien überlassen werden soll. indem es zwischen dem Koma und dem Tod ein Niemandsland öffnete. der sich von da an in der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft zunehmend durchsetzte (wenn auch nicht ohne lebhafte Polemiken) und Eingang fand in die Gesetzgebung vieler amerikanischer und europäischer Staaten.hen. der diese Widersprüche dennoch bemerkt hat. weit entfernt davon. So überrascht es. in größter Unbestimmtheit von einem Pol zum anderen oszilliert und dabei einen geradezu mustergültigen Teufelskreis beschreibt. Die Frage wurde noch dringender und verwickelter durch die Tatsache. schreibt seinerseits. daß-aufgrund einer jener historischen Koinzidenzen. ein vorbehaltloser Fürsprecher des Hirntodes. ob er ein notwendiges und hinreichendes Kriterium für die Todesfeststellung bildet oder nicht. S. 4). damit der Arzt. 14) Mollaret und Goulon waren sich sofort bewußt. so schreiben die Autoren.

Es ist 172 offensichtlich. Dieses Schwanken des Todes in der Dunkelzone jenseits des Kornas spiegelt sich auch in einer analogen Oszillation zwischen Medizin und Recht.der eben noch als gültiges Kriterium zurückgewiesen worden ist -wieder auf. um die Richtigkeit des Kriteriums zu beweisen. daß »die Diskussionen über die Bedeutung der Wörter >Leben( und ›Tod< in der Biologie ein Indiz für ein Gespräch auf niederem Niveau« ist) Leben und Tod nicht eigentlich wissenschaftliche Konzepte sind. von denen Mollaret und Goulon sprechen (Mollaret und Goulon. Dr. daß Karen Quinlans Körper in Wirklichkeit in eine Zone der Unbestimmtheit getreten war. in dem der neomort. wenigstens unter diesem Aspekt. in dem gerade die Redefinition dieser Grenzen auf dem Spiel steht.4.eine Reihe von Studien zitiert hat. dem Jahr ihres natürlichen »Todes<<.und Transplantationstechnologien kein gültiges Kriterium mehr darstellt.63) Mit einer augenfälligen logischen Inkonsequenz taucht der Herzstillstand . atmende. Lyons. S. In einem Gegenlager ist der Körper. bildet einen Raum der Ausnahme. 26). daß heute (wie das die Bemerkung von Peter B. einem amerikanischen Mädchen. zum ersten Mal vollständig vom Menschen und seiner Technologie kontrolliert. 6. wandte ein.heraufbeschworen. Das bedeutet. die als solche nur durch eine Entscheidung eine präzise Bedeutung annehmen. der 1974 von einem kalifornischen Gericht angeklagt wurde. in dem das nackte Leben im Reinzustand erscheint.er nennt sie neomorts’ . 173 2 . Das ist das einzige Kriterium. der eine Transplantation vornahm. sondern die Entfernung des Herzens im Zustand des Hirntodes durch den Chirurgen Norman Shumway. einen Mann mit einem Pistolenschuf3 getötet zu haben. nicht ohne Unbehagen lesen: »Ich sage.* (Lamb. der im Reanimationsraum liegt. und die Tatsache. dem Ausnahmezustand. aber unentwegt verschobenen Grenzen«. sind bewegliche Grenzen. weil es biopolitische Grenzen sind. in der die Wörter »Leben« und »Tod« ihre Bedeutung verloren hatten und die. obwohl sie im Koma blieb. daß der Grund des Todes nicht das abgefeuerte Projektil seines Klienten gewesen sei. Medawar impliziert. weil das Gehirn das einzige Organ ist. Ein perfektes Beispiel für dieses Schwanken des Todes ist der Fall von Karen Quinlan. Shumway wurde nicht angeklagt. die den gesetzlichen Status von Leichen haben. Die »beklemmenden. Der Verteidiger von Andrew D. daß jemand.. aber. Der Reanimationsraum. in den Eingriffe rückhaltlos erlaubt seien (Dagognet. S. Und weil es sich eben nicht um einen natürlichen Körper handelt. Auf diese Weise wird der Tod zu einem Epiphänomen der Transplantationstechnologien. zwischen medizinischer und legaler Entscheidung wider. die künstliche Beatmung abzuschalten. das in tiefes Koma gefallen war und während Jahren mittels künstlicher Beatmung und Ernährung am Leben gehalten wurde. das ihn hätte ersetzen sollen. hypothetisch gesehen auch der Hirntod von dem Tag an kein solches mehr wäre. sondern politische.« (Ebd. tot ist. ein paar Merkmale des Lebens bewahren könnten: »Sie wären warme. das universell anwendbar wäre. das nicht transplantiert werden kann. doch man kann die Erklärung. ausscheidende Körper« (S. dessen Hirn tot ist. 5. In einem brillanten Artikel hat Willard Gaylin das Gespenst von Körpern . Falsche Lebende. S. 75) Jeder vernünftigen Logik zufolge müßte das implizieren. da das Mädchen als tot zu betrachten sei. sondern um eine extreme Inkarnation des homo sacer (man hat den Komatösen 1 Neutote. die zeigen. daß die Ausübung der souveränen Macht mehr denn je über diese Grenzen abläuft und erneut die medizinischen und biologischen Wissenschaften durchquert. im Hinblick auf mögliche Verpflanzungen. daß. da der Herztod seit der Entdeckung der Reanimations. Auf Antrag der Eltern gewährte am Ende ein Gericht. trotzdem bewiesen sie alle die Unvermeidlichkeit des somatischen Todes als Folge des Hirntodes. von einem Hirntod-Verfechter als faux viuant2 definiert worden. pulsierende. der Ultrakomatöse und der faux vivant zwischen Leben und Tod schwanken. daß heute ein umfassender Prozeß im Gange ist. 189). mit der er das Gericht von seiner eigenen Unschuld überzeugte. daß der Herzstillstand wenige Tage auf die Diagnose des Hirntodes folgt: »In den meisten dieser Studien gab es kleinere Variationen bei den klinischen Tests. deutet darauf hin. wieder natürlich zu atmen an und »überlebte« mit künstlicher Ernährung bis 1985. An diesem Punkt fing Karen. in dem das nackte Leben wohnt. nicht unähnlich ist. an dem die erste Hirnverpflanzung gelänge. I 5).

aus einer Verwandlung und Entwicklung des Strafvollzugsrechts). als nomos des politischen Raumes.« Denn: »Die Organe gehören der öffentlichen Gewalt (man nationalisiert die Körper) (Les organismes appartiennent a la puissance publique [on nationalise les corps])« (ebd.): Weder Verschuer noch Reiter sind je so weit gegangen auf dem Weg der Politisierung des nackten Lebens. 1 deren Ursprung und Rechtssystem gut dokumentiert ist. übersteigt den rechtlichen Begriff des Verbrechens dermaßen. S. sondern aus dem Ausnahmezustand und dem Kriegsrecht. welche die Spanier I 896 in Kuba errichtet haben. [. damit er über den Tod entscheidet und zuläßt. daß es ganz offensichtlich nicht durch Vollstreckung einer Todesstrafe zu Tode gebracht werden könnte). in denen die Engländer zu Beginn des Jahrhunderts die Buren zusammengepfercht haben.* ein Rechtsinstitut preußischer Herkunft. Was in den Lagern geschehen ist. sondern in gewisser Weise als verborgene Matrix. werden wir uns vielmehr Fragen: Was ist ein Lager? Was ist das für eine juridisch-politische Struktur.. Wir werden hier entschlossen die umgekehrte Richtung einschlagen. »Man m u ß deshalb die Definition des Endes nach vorne verschieben und sich nicht mehr. daß die rechtliche Grundlage der Internierung nicht das gemeine Recht ist. 189f. Nur der Staat darf und sollte das tun. Anstatt die Definition des Lagers aus den dort stattgefunden Ereignissen zu deduzieren. . Die Historiker diskutieren darüber. daß sich unter den hitzigsten Partisanen des Hirntodes und der modernen Biopolitik solche finden. deutsch. die nach dem Eingreifen des Staates rufen. Noch evidenter ist das für die nazistischen Lager. wie man es früher tat. daß der faux vivant im Reanimationsraum schrankenlos den Eingriffen preisgegeben werden kann. in dem wir auch heute noch leben. wie man hätte vermuten können. die spezifische juridisch-politische Struktur zu betrachten. Es erstaunt daher nicht. . ob die erste Erscheinung der Lager in den campos de concentraciones zu suchen ist. daß es sich in beiden Fällen um die Ausweitung eines mit einem Kolonialkrieg verbundenen Ausnahmezustandes auf eine gesamte Zivilbevölkerung handelt. I. Entscheidend ist dabei. sondern sich allein an den Hirntod halten. 175 . daß die Biopolitik eine neue Schwelle passiert hat) in den modernen Demokratien ist es möglich. die (wenngleich unter Umständen immer noch anzutreffen) der Vergangenheit angehört. Es ist bekannt. was für die Opfer und für die Nachfahren zählt. öffentlich zu sagen. die es auf Erden je gegeben hat: Das ist es letztlich. 7. Das Lager als nomos der Moderne 7. an dem sich der höchste Grad der conditio inhumana verwirklicht hat. auch an späteren Stellen. die solche Ereignisse möglich macht? Das wird dazu führen. was die nazistischen Biopolitiker nicht zu sagen wagten. oder in den concentration camps.] Daraus ergibt sich die Möglichkeit. aber (ein klares Zeichen. das getötet werden kann. sondern die »Schutzhaft«. steht einmal mehr die Definition eines Lebens auf dem Spiel. um den Aufstand der kolonialen Bevölkerung niederzuschlagen. daß man es oft einfach unterlassen hat. das Lager nicht als eine historische Tatsache und als eine Anomalie anzusehen. Das Lager ist schlicht der Ort. Eingriffe am faux vivant vorzunehmen. das die I Im Original deutsch. Die Lager gehen also nicht aus dem gewöhnlichen Recht hervor (und noch weniger. 2 Im Original. passiv auf die Totenstarre und noch weniger auf die Zeichen der Verwesung stützen. ohne daß ein Mord begangen wird (und das wie der homo sacer in dem Sinn »nicht opferbar« ist. in der diese Ereignisse stattgefunden haben.auch als »Mittelwesen« zwischen Mensch und Tier bezeichnet).

Als die Nazis die Macht ergriffen und am 28. der 1871 auf ganz Deutschland ausgedehnt worden ist (mit Ausnahme von Bayern) und. die den Notstand kennzeichnet.und Fernsprechgeheimnis betrafen. er enthielt jedoch in keinem Punkt den Ausdruck »Ausnahmezustand«. insofern es erlaubte. ist ironischerweise Schutz gegen jene Aufhebung des Gesetzes. daß die ersten Konzentrationslager nicht das Werk des Naziregimes waren. auf dem es gründete. I 17. 123. der sich öffnet. unabhängig von jedem strafrechtlich relevanten Verhalten und einzig mit dem Zweck. . wenn der Ausnahmezustand zur Regel zu werden beginnt. erforderlichenfalls mit Hilfe der bewaffneten Macht einschreiten. .« Von 1919 bis I 924 haben die Weimarer Regierungen mehrere Male den Ausnahmezustand ausgerufen. Die nationalsozialistischen Juristen waren sich der Besonderheit einer solchen Situation so bewußt. wenn im Deutschen Reiche die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird. haben sie eigentlich nur eine bereits von den vorangehenden Regierungen gefestigte Praxis weiterverfolgt. Es gab gleichwohl eine wichtige Neuerung. die Unverletzlichkeit der Wohnung und das Brief-. Der Ausnahmezustand ist damit nicht mehr auf eine äußere und vorläufige Situation faktischer Gefahr bezogen und tendiert dazu. Dieser konstitutive Nexus zwischen Ausnahmezustand und Konzentrationslager kann für ein richtiges Verständnis der Natur des Lagers gar nicht überschätzt werden. schreibt Werner Spohr. nicht zu vergessen. »werden bis auf weiteres außer Kraft gesetzt«). I 24 und I 5 3 der Verfassung des Deutschen Reiches«. die in Deutschland dem Abschluß des Friedensvertrags folgten. beide haben während des Ersten Weltkriegs und in den Unruhen. der sich bis zu fünf Monate hinauszog (zum Beispiel von September 1923 bis Februar 1924). Man tut gut daran. Zu diesem Zweck darf er vorübergehend die in den Artikeln I 14. nach der Ausrufung des Ausnahmezustandes. Das rechtliche Fundament der Schutzhaft war die Ausrufung des Belagerungs. Am Ursprung der Schutzhaft steht indes das preußische Gesetz vom 4. »Die Verordnung«. I 17. ‘77 176 . 28) 7. sondern in Cottbus-Sielow auch ein »Konzentrationslager für Ausländer«’ geschaffen. das in diesem Sinn treffend eine »zwölf Jahre wahrende [. Die Neuerung besteht darin.. 26).2. noch früher. eine Gefährdung der Staatssicherheit zu vermeiden. S. I I 5. sondern der sozialdemokratischen Regierungen. das Gesetz »zum Schutz der persönlichen Freiheit« vom 12. Aus rechtlicher Sicht gründete der Text der Verordnung implizit auf Artikel 48 der noch geltenden Verfassung und kam ohne Zweifel einer Ausrufung des Ausnahmezustandes gleich (»Die Artikel I 14. so lautete der erste Paragraph. Der »Schutz« der Freiheit. Post-. Juni I 8 5 I über den Belagerungszustand. die auf unbestimmte Zeit die Artikel aufhob. S. daß nun dieses Institut vom Ausnahmezustand. Februar 1850. »schafft durch die Außerkraftsetzung von Grundrechten einen gewollten Ausnahmezustand zugunsten der Durchführung des nationalsozialistischen Staates.] Bartholomäusnacht« genannt werden kann (Drobisch und Wieland.« (Ebd. Im Original deutsch. So lautete der Artikel 48 der Weimarer Verfassung denn auch: »Der Reichspräsident kann. welche die persönlichen Freiheiten garantierten. mit der Norm selbst verwechselt ZU werden. I I 8. welche die persönliche Freiheit. nicht nur auf der Grundlage der Schutzhaft Tausende militanter Kommunisten interniert. losgelöst wird und in der normalen Situation Geltung erlangt. der bei der Schutzhaft in Frage steht.Nazijuristen bisweilen als präventive Polizeimaßnahme klassifizierten. I 24 und I 5 3 festgesetzten Grundrechte ganz oder zum Teil außer Kraft setzen. das Versammlungsrecht.’ De facto ist die Verordnung bis zum Ende des Dritten Reiches in Kraft geblieben. die zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nötigen Maßnahmen treffen. Das Lager ist der Raum. I 23. und sie haben 1923. Im Lager erhält der AusnahmezuI Im Original deutsch. das vor allem geflüchtete Ostjuden aufnahm und somit als erstes Lager für die Juden in unserem Jahrhundert betrachtet werden kann (auch wenn es offensichtlich kein Vernichtungslager war). die freie Meinungsäußerung. I I 5. I I 8. breite Anwendung gefunden. Februar 193 3 die »Verordnung zum Schutz von Volk und I Staat« erließen. daß sie sie mit einem paradoxen Ausdruck als »einen gewollten Ausnahmezustand« definierten.oder des Ausnahmezustandes mit der entsprechenden Aufhebung derjenigen Artikel der deutschen Verfassung. Telegraph. Individuen »in Schutz zu nehmen«.

Im Original. die Anwendung der Schutzhaft in der größtmöglichen Unbestimmtheit zu belassen. in dem die beiden Glieder ununterscheidbar geworden sind. Das Lager. das heißt. behaupten: »Für die Entstehung der Konzentrationslager gibt es keinen Befehl und keine Weisung. Der Souverän beschränkt sich nicht mehr darauf. die Ausnahme dauerhaft zu verwirklichen.normal realisiert wird. daß in den Lagern das Prinzip. Zulässigem und Unzulässigem.stand. durch die nach der Verordnung vom 28. 27). Deshalb ist im Lager genaugenommen die quaestio iuris überhaupt nicht mehr zu unterscheiden von der quaestio facti.« (Ebd. beschloß. sind virtuell immer in Betrieb geblieben. Hannah Arendt hat einmal bemerkt. sie wurden nicht gegründet. wie das noch im Sinn der Weimarer Verfassung war: Indem er die innerste Struktur des Banns bloßlegt. das außerhalb der normalen Rechtsordnung gesetzt wird. bedurfte die Schutzhaft im übrigen gar keines rechtlichen Fundaments in den vorhandenen Institutionen und geltenden Gesetzen. die seine Macht kennzeichnet. ist die Struktur. in dem nicht nur das Gesetz gänzlich aufgehoben ist. welche die primäre und unmittelbare Quelle des Rechts im Befehl des Führers2 erkannten. Deshalb. über die Ausnahme aufgrund der Erkennung einer faktischen Situation (der Gefahr der öffentlichen Sicherheit) zu entscheiden. in welcher der Ausnahmezustand . Denn insofern der Ausnahmezustand »gewollt« ist. Nur weil die Lager im hier dargelegten Sinn einen Ausnahmeraum bilden. deren Einrichtung unmittelbar folgte (Sachsenhausen. Was aber auf diese Weise vor allem in die Ordnung hineingenommen wird. in Dachau ein »Konzentrationslager für politische Gefangene« zu errichten. heißt das. sondern überdies Recht und Faktum sich restlos vermischen. Buchenwald. Anweisungen und Telegrammen. stellt er nunmehr die faktische Situation als Folge der Entscheidung über die Ausnahme erst her. sie waren eines Tages da. was variierte. weil die Lager ihren Ort in einem solchen eigentümlichen Ausnahmeraum hatten. Wenn man diese besondere juridisch-politische Struktur der Lager nicht versteht. schlicht sinnlos. S. eingeschlossen mittels seiner eigenen Ausschließung. ist in ihnen wirklich alles möglich. mit denen es weder damals noch in der Folge je etwas zu tun hatte.die Möglichkeit der Entscheidung. bewegte sich in einer Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen Außen und Innen. ist nach der etymologischen Bedeutung von exceptio herausgenommen (ex-capere). war der Bestand ihrer Bevölkerung (die sich in gewissen Perioden. sondern war eine »unmittelbare Auswirkung der nationalsozialistischen Revolution« (ebd. bis auf 7500 Personen verringerte): Doch das Lager als solches war in Deutschland eine dauerhafte Realität geworden. Das Lager ist ein Hybrid von Recht und Faktum. Wer das Lager betrat. bevor die Deportation der Juden einsetzte. Februar sowohl die zentralen Autoritäten des Reiches als auch der einzelnen »Länder«’ darauf hinwirkten. gleichzeitig mit den Feierlichkeiten zu Hitler-s Wahl zum Kanzler. die als solche jedoch ständig außerhalb der normalen Ordnung bleibt. daß »alles möglich ist«. auf die sich die souveräne Macht gründet .3. ist der Ausnahmezustand selbst.. Ausnahme und Regel. das dort geschehen ist. voll ans Licht kommt. Lichtenberg). was dort geschieht. bleibt das Unglaubliche. deswegen jedoch nicht einfach Augenraum ist. Gemäß den neuen Auffassungen der nationalsozialistischen Juristen (darunter an Vorderster Front Carl Schmitt). deren Bestimmung es ist. Was in ihm ausgeschlossen wird. ist es sofort der SS anvertraut und mittels der Schutzhaft außerhalb der Regeln des Strafrechts und des Strafvollzugsrechts gesetzt worden. S. 2 Im Original deutsch. und demnach ist jede Frage nach der Legalität oder Illegalität dessen. Man muß den paradoxen Status des Lagers von seiner Eigenschaft als Ausnahmeraum her denken: Es ist ein Stück Land. deutsch. konnte der Chef der Gestapo. Als Himmler im März 1933. in dem die Norm von der Ausnahme ununterscheidbar wird. wurde ihre absolute Unabhängigkeit von jeder gerichtlichen Kontrolle und jedem Bezug zur normalen Rechtsordnung ständig bekräftigt.. 30) Dachau und die anderen Lager. völlig unbegreifbar. Rudolf Diels. begründet er ein neues juridisch-politisches Paradigma. in welcher die Be179 178 . vor allem zwischen 1935 und 1937. der vom Wesen her eine zeitliche Aufhebung der Rechtsordnung auf der Basis einer faktischen Gefahrensituation war. das die totalitäre Herrschaft trägt und das der gesunde Menschenverstand anzuerkennen sich hartnäckig weigert. eine dauerhafte räumliche Einrichtung. Trotz der Verbreitung von oft widersprüchlichen Rundschreiben. auch an späteren Stellen. nämlich das Prinzip. I 7.

die in der absoluten Ununterschiedenheit wirkt. so Schmitt. das a priori alle Fälle und Situationen regle und vom Richter nur noch angewandt zu werden brauche. »unbillige Härte«. orientiert sich nicht mehr an einer Norm oder einer faktischen Situation. welche die deutsche und europäische Gesetzgebung des 20. Niemand hat diese besondere Natur der neuen fundamentalen Kategorien der Biopolitik mit größerer Klarheit ausgedruckt als Schmitt. der Funktionär oder wer immer mit diesem Begriff zu tun hat. mit der Schmittschen Wendung. welche die Sicherheit und Berechenbarkeit aus der Norm hinaustreiben. werden alle rechtlichen Begriffe unbestimmt. in das sie verwandelt worden sind. Bewegung. daß der biopolitische Körper. die an ihnen zu vollziehen noch als Verbrechen erschienen wäre (an diesem Punkt war in der Tat alles möglich). die das Wort des Führers als unmittelbare und in sich 181 . ist das Lager auch der absoluteste biopolitische Raum. »öffentliche Sicherheit und Ordnung«. der Weg zurück in einen als sinnlos erkannten. S. der doch gleichzeitig auch der Boden der richterlichen Unabhängigkeit ist. die nicht an eine Norm. der jedoch nicht auf eine äußere faktische Situation verweist. Der Weg vorwärts scheint ins Uferlose zu führen und sich immer weiter vom festen Boden der Rechtssicherheit und der Gesetzesgebundenheit. hatte bereits seit den Nürnberger Gesetzen sein Bürgerrecht verloren und sah sich später. der »Artgleichheit«) funktioniert wie eine Generalklausel (analog zu »Gefährdung« oder »Gute Sitten«). in dem die Macht nur das reine Leben ohne jegliche Vermittlung vor sich hat. wenn man vergißt. zwischen Tatsächlichem und Rechtlichem buchstäblich keinen Sinn mehr ergibt. durch seine ausschließliche Bindung an die Rassengemeinschaft mit dem deutschen Volk und dem Führer bewegt er sich in einer Zone. Begriffe wie »Gute Sitten«. geschichtlich längst überwundenen. Das nackte Leben. heuchlerisch.5. solch entsetzliche Verbrechen an menschlichen Wesen zu begehen. ehrlicher und vor allem nützlicher wäre es. sondern die Setzung einer souveränen politischen Entscheidung. gewissenhaft zu untersuchen. gänzlich entnationalisiert. formalistischen Gesetzesaberglauben kommt ebensowenig in Betracht. wo die Politik zur Biopolitik wird und der homo sacer sich virtuell mit dem Bürger vermischt. welches das Recht nur feststellen oder anerkennen muß. [. Der Richter. Unter der Wirkung dieser Klauseln.4. sondern einen unvermittelten Zusammenfall von Faktum und Recht herbeifuhrt. und zwar genau in dem Punkt. »wichtiger Grund«. überflüssig gemacht. 7. auf der das Recht jedesmal ins Faktische und das Faktum ins Rechtliche übergeht und wo die Ebenen dazu tendieren. 7. Vor den in den Lagern begangenen Greueltaten ist die Frage. es ist vielmehr im dargelegten Sinn eine Schwelle. »So betrachtet«. sondern an eine Situation gebunden sind und invasionsartig in die Norm eindringen. wer zudem Jude war. wie es möglich gewesen ist. durch welche juridische Prozeduren und welche politischen Dispositive menschliche Wesen so vollständig ihrer Rechte und Eigenschaften haben beraubt werden können. . in der die Unterscheidung zwischen Leben und Politik. »gibt es heute überhaupt nur noch unbestimmte< Rechtsbegriffe. ohne den »der nationalsozialistische Staat nicht bestehen« könnte »und sein Rechtsleben nicht denkbar« wäre. zum Zeitpunkt der »Endlösung«. die Illusion eines Gesetzes. zu entfernen.] So steht die gesamte Gesetzesanwendung zwischen Scylla und Charybdis. Nur in dieser Perspektive zeigt die nationalsozialistische Theorie. ist indes kein natürliches extrapolitisches Faktum. ununterscheidbar zu werden.griffe selbst von subjektivem Recht und rechtlichem Schutz keinen Sinn mehr hatten. 42 -44) Ein Begriff wie jener der nationalsozialistischen Rasse (oder. »Gefährdung« »Notlage«. bis es keine Handlung mehr gab. der je in die Realität umgesetzt worden ist. Jahrhunderts immer tiefer durchdrungen hätten.« (Schmitt 7. weder eine quaestio facti (zum Beispiel die Identifizierung eines bestimmten biologischen Körpers) noch eine quaestio iuris ist (die Identifizierung einer bestimmten Anwendungsnorm). schreibt Schmitt. Insofern seine Bewohner jedes politischen Status entkleidet und vollständig auf das nackte Leben reduziert worden sind. der das neue fundamentale politische Subjekt konstituiert. Man kann das Spezifische des nationalsozialistischen Rassenbegriffs . mit den »Generalklauseln und unbestimmten Begriffen« vergleicht. . Darum ist das Lager das Paradigma des politischen Raumes. hätten.samt der eigentümlichen Vagheit und Inkonsistenz. 180 Volk den Begriff der R asse. wenn er 1933 in seinem Essay Staat. die ihn zugleich kennzeichnen -nicht verstehen.

deswegen kann er ohne Widerspruch behaupten: »Es ist eine grundlegende Erkenntnis der politisch gegenwärtigen deutschen Generation. so wie die Anwendung der Norm seine Produktion ist. S. eine Entscheidung treffen muß. die wie Adolf Eichmann nichts anderes getan haben. Herstellung des Rechts und seine Anwendung in keiner Weise mehr unterscheidbar. jeder Vorfall im Lager. 149). in dem es nicht vom Recht abhängt. jede Geste. das biologisch der jüdischen Rasse zugehört). Der Führer ist. die den demokratischen und liberalen Staat kennzeichnet. die sich daraufhin in eine Norm verwandelt. in das die Weimarer Regierung die ostjüdischen Flüchtlinge gesteckt hat. (Aus diesem Grund verliert hier die Gewaltentrennung. und daher rührt auch die Schwierigkeit. in dem die normale Ordnung de facto aufgehoben ist. Was der Aufseher oder der Funktionär vor sich hat. 183 . Nicht nur ist das dem Führer entströmende Gesetz weder als Regel noch als Ausnahme. ist kein außerrechtliches Faktum (ein Individuum. wir uns virtuell in der Gegenwart eines Lagers befinden. eine Entscheidung zu treffen. wenn das Wesen des Lagers in der Materialisierung des Ausnahmezustandes besteht und in der daraus erfolgenden Schaffung eines Raumes. als auch das Velodrome d’Hiver. S. und es ist der Ort. sondern gleichzeitig Norm und Kriterium ihrer Anwendung: Norm. mehr noch: in ihm (wie das Benjamin begriffen hat. daß gerade die Entscheidung darüber ob eine Angelegenheit oder ein Sachgebiet unpolitisch ist.. als das Wort des Führers wie ein Gesetz auszuführen.« (Ebd. Wartezonen. weder als Recht noch als Faktum definierbar. bevor sie sie zurückgeschafft hat. 17) Die Politik ist nun buchstäblich die Entscheidung über das Unpolitische (das heißt das nackte Leben). des lebensunwerten und des vollwertigen Lebens) keine neutrale biologische Voraussetzung. Die Absonderung des jüdischen Körpers ist unmittelbar Produktion des eigentlichen deutschen Körpers. ob mehr oder weniger Grausamkeiten begangen I 2 Im Original deutsch. im Gegenteil. wenn eine solche Struktur geschaffen wird. obwohl sie formal in Kraft bleibt. die den deutschen biopolitischen Körper verwirklicht. Wenn dies stimmt. das über ihre Anwendung entscheidet. wenn er die Schmittsche Theorie der Souveränität auf den barocken Monarchen projiziert.) Dies ist die letzte Bedeutung der Schmittschen These. Ein Lager ist dann sowohl das Stadion von Bari. die diese Konzeption impliziert. daß jedesmal. so ist der Körper (in der zweifachen Ausführung des jüdischen Körpers und des deutschen Körpers. wo dennoch unablässig darüber entschieden wird. auf die es das discrimen der nationalsozialistischen Norm anzuwenden gilt. als auch die zones d’attentez in den internationalen Flughäfen Frankreichs. Das Lager ist der Ort dieser absoluten Unmöglichkeit. Benjamin 4. zwischen Ausnahme und Regel zu entscheiden. S. bei dem die »Geste der Vollstreckung« konstitutiv wird und der in der Unmöglichkeit. Genauso wie das Wort des Führers keine faktische Situation ist. in dem die Vichy-Behörden die Juden vor der Übergabe an die Deutschen gesammelt haben. vom gewöhnlichsten bis zum außerordentlichsten. In all diesen Fällen grenzt ein scheinbar harmloser Ort (zum Beispiel das Hotel Arcades in Roissy) in Wirklichkeit einen Raum ab. sowohl das »Konzentrationslager für Ausländer«r in Cottbus-Sielow. nach der pythagoreischen Definition des Souveräns. nach normalen rechtlichen Kriterien abzuurteilen. zwi182 schen Faktum und Recht.vollkommene Quelle des Gesetzes nimmt. die da verübt werden. und wie immer es auch genannt und topographisch gestaltet sei. in dem das nackte Leben und die Norm in einen Schwellenraum der Ununterschiedenheit treten. S. zurückgehalten werden. ist von den Rechthistorikern nicht genügend beachtet worden. in spezischer Weise eine politische Entscheidung darstellt. ihren Sinn. zwischen Norm und Anwendung. 249) sind Normgebung und Vollstreckung. tatsächlich ein nhzos hnpsychon. ein lebendes Gesetz (Svenbro. auf welche die Norm verweist. Die radikale Neuheit. seine volle Bedeutung.6. 7. jene Funktionäre. wonach das Prinzip der »Führung« »ein Begriff unmittelbarer Gegenwart und realer Präsenz« ist (Schmitt 7. 42). setzt die Entscheidung über das nackte Leben ins Werk. welche die Anerkennung des Flüchtlingsstatus verlangen. dann müssen wir annehmen. unabhängig von der Art der Verbrechen. die über das Faktum entscheidet. in dem 1991 die italienische Polizei vorübergehend die illegalen Einwanderer aus Albanien zusammentrieb. wo die Ausländer.

nicht mehr in die Ordnung eingeschrieben werden kann. das den politischen Raum der Moderne als solchen in entscheidender Weise prägt. da das politische System des modernen Nationalstaates. das zur alten Trinität von Staat. in dem das Gesetz aufgehoben ist) entspricht nun eine Ortung ohne Ordnung (das Lager als dauerhafter Ausnahmeraum). In dieser Perspektive müssen wir das Wiederauftauchen der Lager in einer in gewissem Sinn noch extremeren Form in den Territorien von Ex-Jugoslawien sehen. sondern auch die Gesetze zur Entnationalisierung der Bürger. Was dort geschieht. die zwischen 1915 und 1933 von fast allen europäischen Staaten erlassen wurden). Vielmehr handelt es sich um einen unheilbaren Bruch mit dem alten nomos und .oder vielmehr das Zeichen der Unmöglichkeit. sondern auch mit immer neuen und zunehmend deliranteren normativen Definitionen der Einschreibung des Lebens in 185 184 . Die Geburt des Lagers in unserer Zeit erscheint aus dieser Sicht wie ein Ereignis. die Sorge um das biologische Leben zu einer seiner direkten Aufgaben zu machen. daß das System funktioniert. in der jenes nackte Leben wohnt. Im Original deutsch hinter »ordinamento« beigefügt. weil das Prinzip der Geburt. die da vorübergehend als Souverän agiert (beispielsweise in den vier Tagen. dann vollzieht sich der Bruch des alten nomos nicht in den beiden Achsen. Daher die entscheidende Bedeutung der Lager der ethnischen Vergewaltigung. 7. Das Lager als entortende Verortung ist die verborgene Matrix der Politik. und das. sondern von der Zivilität und dem ethischen Sinn der Polizei. eine Redefinition des alten politischen Systems nach neuen ethnischen und territorialen Arrangements. Wenn der Nationalstaat mithin durch die drei Elemente Land. und das Lager ist der neue verborgene Regulator der Einschreibung des Lebens in die Ordnung . wie interessierte Beobachter zu erklären sich beeilt haben. das dadurch zum Nationalen wird). der im wesentlichen eine zeitliche Aufhebung der Rechtsordnung war. Der Ausnahmezustand. ohne sich in eine tödliche Maschine zu verwandeln. in den zones d’attente unserer Flughäfen wie in manchen Peripherien unserer Städte. Es ist das vierte unablösbare Element. in eine fortdauernde Krise gerät und der Staat beschließt. die »Endlösung« durch Schwängerung der jüdischen Frauen in die Tat umzusetzen. das in Wachsendern Maß I 2 Im Original deutsch hinter »localizzazione« beigefügt. eine Verschiebung [dislocazione] der Bevölkerungen und der menschlichen Leben entlang völlig neuer Fluchtlinien. die zur Bildung der europäischen Nationalstaaten geführt haben. das auf dem funktionalen Nexus zwischen einer bestimmten Lokalisierung (dem Territorium) und einer bestimmten Rechtsordnung (dem Staat) gründete und von automatischen Regeln der Einschreibung des Lebens (der Nativität oder Nationalität) gesteuert wurde. das die Einschreibung des Lebens in die nationalstaatliche Ordnung sicherte. sondern an der Stelle. das heißt eine einfache Wiederholung der Prozesse. sondern birgt in seinem Innern eine das System überschreitende entartende Verortung [localizzazione dislocante]. Nun tritt dieses Prinzip in einen Prozeß der Verschiebung und der Abdrift. noch irgendwie funktionierte. Es taucht zu einem Zeitpunkt auf. Etwas funktioniert nicht mehr an den traditionellen Mechanismen. Ordnung. ist mitnichten. Einer Ordnung ohne Ortung (der Ausnahmezustand.werden. in dem der Mechanismus in aller Deutlichkeit scheitert und in dessen Fortgang wir nicht nur mit neuen Lagern rechnen müssen. die ihn Schmitt zufolge konstituieren (die »Ortung~1 und die »Ordnung«2). Nation (Geburt) und Territorium hinzugekommen ist und sie aufgesprengt hat. Geburt definiert wird. Wenn die Nazis nie daran gedacht haben. wird nun eine stabile räumliche Einrichtung. von der jede Lebensform und jede Rechtsnorm virtuell erfaßt werden kann. die diese Einschreibung regelten. Es ist bezeichnend. Das politische System ordnet nicht mehr Lebensformen und Rechtsnormen in einem bestimmten Raum.7. während deren die Ausländer bis zur gerichtlichen Einschaltung in der zone d’attente aufgehalten werden können). Die zunehmende Entkoppelung von Geburt (nacktem Leben) und Nationalstaat ist das neue Faktum der Politik unserer Zeit. welche die Einschreibung des nackten Lebens in deren Inneres bezeichnet (dem Nativen. was wir Lager nennen. daß die Lager zusammen mit den neuen Gesetzen über die Bürgerschaft und die Entnationalisierung auftreten (nicht nur die Nürnberger Gesetze über die Reichsbürgerschaft. in der wir auch heute noch leben und die wir durch alle Metamorphosen hindurch zu erkennen lernen müssen. dann deshalb. ist dieser Abstand.

le peuple. Von Mal zu Mal blutiges Banner der Reaktion oder unsichere Insignie der Revolutionen Zuvor mit Majuskel (*Popolo*). dort eine Ausschließung. I 186 187 . in Wirklichkeit kein einheitliches Subjekt wäre. 5 Die kleinen Leute. »rione popolarea. die sich dem Volk zuwendet und zugleich seine Abschaffung anstrebt). Es ist das. So heißt es in der amerikanischen Verfassung ohne weitere Unterscheidung: »We people of the United States . »populaire«. vor allem in Paris. Wie wenn das. das französische peuple. was nicht ins Ganze. Das italienische popolo.Cour des Miracles’ oder Lager der Miserablen. der Sprache. Wie wesentlich diese Doppeldeutigkeit auch während der Französischen Revolution war (das heißt genau in dem Moment. was wesentlich an sich selbst mangelt und dessen Verwirklichung deshalb mit der eigenen Abschaffung zusammenfällt. Daher rühren die Widerspruche und Aporien. Das heißt aber auch. 4 Im Original deutsch beigefügt. hier eine Einschließung. 2 Stadtviertel des niederen Volkes. von der Politik ausgeschlossen ist.u. doch wenn Abraham Lincoln in seiner Gettisburgh-Rede ein »Government of the people by the people for the peopleu anruft. dann mit Minuskel (*popolo«). der Begriff ein doppelter: Dem peuple en covps4 als Träger der Souveränität steht das menu peuple5 gegenüber. 3 Volksfront. Das *Volk« trägt also den fundamentalen biopolitischen Bruch immer schon in sich. S. 3 Stadtviertel der Bettler und Diebe. so doch faktisch. der auf eine doppelte Bewegung und eine komplexe Beziehung zwischen den beiden Extremen hindeutet. Dasselbe Wort benennt mithin sowohl das konstitutive politische Subjekt als auch die Klasse. Enterbten und Ausgeschlossenen bezeichnet. die für uns die originäre politische Struktur definiert haben: nacktes Leben (volk) und politische Existenz (Volk). der Unterdruckten und Besiegten. auf der anderen Seite die Untermenge »volk« l als fragmentarische Vielfältigkeit von bedürftigen und ausgeschlossenen Körpern. sondern eine dialektische Oszillation zwischen zwei entgegengesetzten Polen: auf der einen Seite die Menge »Volk« als integraler politischer Körper. Geschworener. die keine Hoffnung kennt. Es ist das. daß die Konstituierung der menschlichen Gattung in einem politischen Körper sich mittels einer fundamentalen Spaltung vollzieht und daß wir im Begriff »Volk« ohne Schwierigkeiten die kategorialen Paare ausmachen können. bezeugt die entscheidende Rolle. Das Lager. ist das Volk das. am Gegenpol. »daß die Definition des Wortes selbst aus dem Mitleiden geboren war und zum Äquivalent für Mißgeschick und Unglück wurde . Auch das englischepeople. Ausschließung und Einschließung. wörtlich »inkorporiertes Volk«. Hannah Arendt erinnert daran. was immer schon ist und sich dennoch verwirklichen muß. das die Weisheit von der politischen Macht auszuschließen empfiehlt. was. des Blutes. ist der neue biopolitische nomos des Planeten. In einem entgegengesetzten Sinn ist schon bei Bodin. des Bodens redefinieren und reinigen muß. es ist die reine Quelle jeder Identität. Eine dermaßen verbreitete und beständige semantische Ambiguität kann nicht zufällig sein: Sie muß eine der Natur und der Funktion des Begriffs *Volk«. frz. die. einer der weniger sentimentalen und nüchternsten Figuren der Revolution. von denen alle abstammen) bezeichnen in der Gemeinsprache wie im politischen Wortschatz zugleich die Gesamtheit der Bürger als politischer Einheitskörper (wie bei »popolo italiano« und »giudice popolare«1) und die Angehörigen der unteren Klassen (wie bei homme dupeuple. 70). das spanische pueblo (sowie die entsprechenden Adjektive »popolare«.den Staat [Citta]. Ein einziger und kompakter Referent des Wortes »Volk« existiert in diesem Sinn nirgendwo: Wie viele fundamentale politische Begriffe (darin sind sie den »Urworten«4 von Abel und Freud oder den hierarchischen Beziehungen von Louis Dumont ähnlich) ist »Volk« ein polarer Begriff. es ausdrückte« (Arendt 1. am anderen Ende die Bannmeile . daß es in den modernen europäischen Sprachen immer auch die Armen. wie selbst Sieyes. bewahrt noch die Bedeutung von ordinary people im Gegensatz zu den Reichen und Vornehmen. in die sie immer schon eingeschlossen ist. was wir Volk nennen. wenn es auf der politischen Bühne heraufbeschworen wird. es ist das. wenn nicht rechtlich. da das Prinzip der Volkssouveränität eingefordert wird). zu denen es jedesmal Anlaß gibt. wörtlich »Volksrichter«. sich mit seinem Gegenstück negieren muß (daher auch die spezifischen Aporien der Arbeiterbewegung. 2 Bandita. die das Mitleid für das als ausgeschlossene Klasse verstandene Volk dabei spielte.2 front populaire3). EC Jede Interpretation der politischen Bedeutung des Wortes »Volk« muß von der bemerkenswerten Tatsache ausgehen. »popular« und die spätlateinischen populus und popularis. die keinen Rest duldet. zöe’ und bios. im Kapitel über die als Demokratie oder Etatpopulaive definierten République. wie Robespierre zu sagen pflegte. eingeschlossen werden kann und nicht zur Menge gehören kann. banlieu. inhärente Amphibolie widerspiegeln. die sich jedoch fortlaufend mittels der Ausschließung. 4 Volk als Ganzes. dessen Teil es ist. . I Schöffe. oder: le peuple toujours malheureux. am einen Ende der Gesamtstaat [stato totale] der souveränen und integrierten Bür2 ger. . dasselbe gilt im folgenden für die Unterscheidung von *Volk« und *volk«. Oder dann. so setzt die Wiederholung implizit ein Volk vom anderen Volk ab. wie er in der abendländischen Politik vorkommt. dessen Sinn weniger differenziert ist. um zu sein. les malheureux m’applaudissent. das sich mittlerweile fest in seinem Inneren eingelassen hat.

das die Moderne zwangsläufig in einem Innern erzeugt. daß die moderne Biopolitik vom Prinzip ge4 leitet wird: »Wo nacktes Leben ist. einem Paroxysmus gleichende Beschleunigung erfahren. Mit der Endlösung (die nicht zufällig auch die Zigeuner und andere Nichtintegrierbare mit einbezieht) versucht der Nazismus auf finstere und nutzlose Weise. sind die Juden die 1 »Minuto« bedeutet »klein«. sondern eminent politische Kategorien (der ganze Ökonomismus und der »Sozialismus«. und Ausschließung erscheint zum ersten Mal als ein in jedem Sinn untragbarer Skandal. ja biopolitische Bedeutung). einen derart zentralen Platz in seinem Denken einnimmt. Und in der blanken Raserei. der »Volk« und »volk« teilt. 3 Im Original deutsch. jenes nackten Lebens. nicht nur in seinem eigenen Innern das »volk« der Ausgeschlossenen. obwohl es substantiell unbestimmt bleibt. daß sie mit der Ausrottung der Juden und der Zigeuner in Wahrheit auch für die anderen europäischen Völker arbeiten). wird diese Oszillation anhalten können und dem Bürgerkrieg. sondern verwandelt alle Bevölkerungen der Dritten Welt in nacktes Leben. um endlich das deutsche Volk2 herzustellen. einen unaufhörlichen Bürgerkrieg. daß das Volk in seinem Innern notwendig den fundamentalen biopolitischen Bruch birgt. wenn in der klassenlosen Gesellschaft oder im messianischen Königreich »Volk« und »volk« zusammenfallen und es im eigentlichen Sinn kein Volk mehr gibt. In einer davon verschiedenen. die je eigene Institutionen und Magistraten hatten. kapitalistische und sozialistische Länder. so wie im Mittelalter die Unterscheidung zwischen popolo minuto und popolo grasso’ einer genauen Gliederung verschiedener Handwerke und Berufe entsprach. das sich weigert. mittels Entwicklung die armen Klassen zu eliminieren. der endlos gereinigt werden muß (durch die Vernichtung der Geisteskranken und der Träger von Erbkrankheiten). nichts anderes als dieser Krieg im Innern des Körpers. haben in Wirklichkeit eine politische.letzten Endes vergeblichen. Die Vernichtung der Juden in Nazi-Deutschland nimmt in diesem Licht eine radikal neue Bedeutung an: Als Volk. aber analogen Weise reproduziert das demokratisch-kapitalistische Projekt. ein Ende setzen. Dieser Versuch verbindet. 1 Im Original deutsch. Aus dieser Perspektive betrachtet ist unsere Zeit nichts anderes als der-unerbittliche und methodische -Versuch. daß dieses Prinzip auch in der umgekehrten Formulierung gilt: »Wo ein Volks ist. 4 Mit Majuskel. welche die moderne Politik zu beherrschen scheinen. weil sie mit dem biopolitischen Projekt der Herstellung eines bruchlosen Volkes zusammenfällt. aber dessen Präsenz sie auf keine Weise mehr ertragen kann. Mit einer Paraphrase von Freuds Postulat zur Beziehung zwischen Es und Ich. birgt das Volk auf jeden Fall eine ursprünglichere Spaltung als jene zwischen Freund und Feind. den man durch die Vernichtung des »volkes« (dessen Symbol die Juden sind) ausgefüllt zu haben glaubt. reproduziert sich so aufs neue und verwandelt das gesamte deutsche Volk in heiliges. sich in den nationalen politischen Körper zu integrieren (denn man nimmt an. dem Tod geweihtes Leben und in einen biologischen Körper. aber in allen industrialisierten Ländern teilweise realisierten . daß jede Assimilation in Wahrheit nur simuliert ist).Projekt. dann kann man auch einige entscheidenden Seiten der Geschichte unseres Jahrhunderts neu lesen. Denn auch wenn der Kampf zwischen zwei »Völkern« gewiß schon immer im Gange war. soll ein Volk werden«. die Rechte und die Linke. der jedes Volk teilt und erst enden wird. Aber als von der Französischen Revolution an das »Volk« zum alleinigen Bewahrer der Souveränität wird. 188 Repräsentanten schlechthin und beinah das lebendige Symbol des »volkes«. was Marx Klassenkampf nennt und.3 könnte man sagen. Die Obsession der Entwicklung ist in unserem Zeitalter deshalb so wirksam. wird nacktes Leben sein«. In Rom war die innere Spaltung des Volkes durch die klare Trennung in populus Undplebs. In der Moderne sind Elend und Ausschließung nicht nur ökonomische und soziale Begriffe. 5 Mit Majuskel. die Spaltung. Wenn man genau hinsieht. Im Original deutsch. die das Volk teilt. durch die radikale Eliminierung des »voIks« der Ausgeschlossenen zu schließen. ein einiges und ungeteiltes Volk herzustellen. das den ursprünglichen biopolitischen Bruch ausgefüllt hat (deswegen wiederholen die Nazioberen so hartnäckig. Wenn es richtig ist. der die Völker und die Staaten teilt. Der Bruch. Nur eine Politik. mit der das deutsche Volk’ als Repräsentant schlechthin des integralen politischen Körpers die Juden für immer zu vernichten versuchte. 2 . sie finden sich vereint im . als das Volk. zugleich aber zusammenhält und fester begründet als jede Identität. nach verschiedenen Modalitäten und Horizonten. vorausgesetzt man fügt sogleich hinzu. müssen wir die extremste Phase jenes inneren Kampfes sehen. dann ist sogar das. die politische Bühne des Abendlandes von diesem unerträglichen Schatten zu befreien. hier »mager« im Gegensatz zu »grasso«: » f ett«. verwandelt sich das »volk« in eine beschämende und elende Präsenz. so hat er in unserer Zeit doch eine letzte. der es radikaler teilt als jeder Konflikt. rechtlich sanktioniert.T oder Volksfronten. die der fundamentalen biopolitischen Spaltung des Abendlandes Rechnung trägt.

das die Biopolitik der großen totalitären Staaten des 20. und wie von diesem stoßen? Denn das nackte Leben ist gewiß ebenso unbestimmt 3. Die Absonderung der Sphäre des reinen Seins. beständiger Priester*. wenn wir die politische Bedeutung des reinen Seins entziffern können. religiös oder sonstwie begründet sei). Was auf der einen Seite den Menschen als denkendes Tier konstituiert. Im einen Fall handelt es sich darum. Die zweite impliziert. das für unsere Unterwerfung unter die politische Macht steht. was ihn als politisches Tier konstituiert. Die Besonderheit seines Lebens liegt darin. so daß sich jeder Versuch. der politischen Gemeinschaft so etwas wie eine »Zugehörigkeit« zugrunde zu legen (gleichviel ob diese völkisch. die er erfüllt. An der Grenze des reinen Seins angekommen. sein exaktes Gegenstück. ohne sich darüber im klaren zu sein. wenn sie ihr eigentliches Element absondern. welche die fundamentale Leistung der abendländischen Metaphysik bildet. beflissener. so wie die Politik auf der Schwelle des nackten Lebens sich selbst zur Theorie hin überschreitet. von den vielfältigen Bedeutungen des Wortes »Sein« (das nach Aristoteles »auf viele Arten gesagt wird«) das reine Sein (6n hapZ&) abzusondern. eines der höchsten Priester im alten Rom. das so- 2. zugleich auch jede Möglichkeit. das Rätsel der Ontologie werden lösen können. im anderen Fall geht es um die Absonderung des nackten Lebens von der Vielfalt der konkreten Lebensformen. sich zu kleiden oder zu gehen. mit dem die Prima Philosophia das reine Sein definiert. Die originäre politische Beziehung ist der Bann (der Ausnahmezustand als Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen Außen in Innen. Darum sagten die Römer. Ausschließung und Einschließung). Jahrhunderts bestimmt hat. z& und bios. das nackte Leben-was steckt in diesen beiden Begriffen. zu Rande kommen. so wie wir umgekehrt erst dann.i das heißt jeden Moment in einer ununterbrochenen Festlichkeit handelnd. in denen Metaphysik und Politik. mit denen die Humanwissenschaften. findet auf der anderen Seite in dem.Schwelle Als vorläufige Schlußfolgerungen sind in dieser Untersuchung drei Thesen aufgetaucht: I . scheinbar menschlicherer Form) immer noch das nackte Leben steht. Das reine Sein. »Nackt«: im Syntagma »nacktes Leben« entspricht hier dem griechischen Wort bapZ&. zugleich an eine undenkbare Grenze und undurchdringlich wie das hapl& Sein. 191 . die nicht eine genaue Bedeutung haben 1 *Jeden Tag festlich«. beschrieben. daß es in keinem Augenblick zu unterscheiden ist von den kultischen Funktionen. die Soziologie. Das Lager und nicht der Staat ist das biopolitische Paradigma des Abendlandes. seiner Art. der flamen Dialis sei quotidie feriatus und assiduus sacerdos. Folglich gibt es keine Geste und kein Detail seines Lebens. die Urbanistik und die Architektur heute den öffentlichen Raum der Staaten dieser Welt zu denken und zu organisieren versuchen. bleibt tatsächlich nicht ohne Analogien zu der Absonderung des nackten Lebens im Bereich der abendländischen Politik. geht die Metaphysik (das Denken) in Politik (in Wirklichkeit) über. daß in deren Zentrum (wenn auch in verwandelter. Trotzdem scheinen gerade diese leeren und unbestimmten Begriffe den Schlüssel zum historisch-politischen Schicksal des Abendlandes standhaft zu hüten. Die fundamentale Leistung der souveränen Macht ist die Produktion des nackten Lebens als ursprüngliches politisches Element und als Schwelle der Verbindung zwischen Natur und Kultur. Die erste dieser Thesen stellt jede Theorie vom vertraglichen Ursprung der staatlichen Macht in Frage. Und vielleicht werden wir erst dann. daß der Verstand es allein im Staunen zu denken vermag. mit dem nackten Leben. als nichtig erweist. *beharrlicher. die politischen Freiheiten auf den Bürgerrechten zu gründen. wohl die Metaphysik wie die Politik des Abendlandes in ihnen und nur in ihnen ihr Fundament und ihren Sinn finden läßt? Worin besteht die Verknüpfung dieser beiden konstitutiven Prozesse. 190 könnte man auch wie Schelling von jenem sagen. national. wenn wir die theoretischen Implikationen des nackten Lebens verstehen. Georges Dumézil und Karl Kerényi haben das Leben des flamen Dialis. daß die abendländische Politik von Anfang an eine Biopolitik ist. Schließlich wirft die dritte These einen dunklen Schatten auf die Modelle.

insofern sie mit dem Leben des deutschen Volkes zusammenfällt. im Leben des flamen Dialis so etwas wie ein nacktes Leben abzusondern. das unvermittelt seiner Person entspringt. sondern etwas.). vielmehr ist seine Macht insofern viel unbegrenzter. die ihm aufgrund der von der Weimarer Verfassung vorgesehenen Verfahren verliehen wird. S. und er I Im Original deutsch. weder privaten noch öffentlichen Körper. 2 Der dem Feuer und dem Wasser Untersagte. hierbn agalma. dessen Leben in sich selbst im höchsten Grad politisch ist. 679). deshalb ist sein Wort Gesetz. . biologischer und politischer Körper zusammenfallen. Darüber hinaus. Er ist reine z&. und er ist »der zu seinem Befehl sich bekennende Führer« (Schmitt 7. seine ganze z& ist bios geworden. und er darf keinen Schwur leisten. Der Führer hat sozusagen einen integralen. Gleichwohl. ist seine ganze Existenz auf ein nacktes. Während das Amt des Reichskanzlers eine öffentliche dignitus ist. wo zök und bios. Er ist also an einem Punkt angesiedelt. er sei hösper émpsychon Ku. 1 Im Original deutsch. 192 193 . der nicht den unterirdischen Göttern gehört) vergraben werden. ist dasjenige des Führers kein Amt im Sinn des traditionellen öffentlichen Rechts mehr. 3 Ehrlos. das er nur auf der endlosen Flucht oder in der Zuflucht eines fremden Landes retten kann. Nebenbedeutung: »ohne Hoden*. die ihn verbannt hat. doch seine z& steht als solche im souveränen Bann. ohne einen Mord zu begehen. sein Kleid darf keinen Knoten und keine geschlossenen Ringe haben. und gerade insofern er in jedem Augenblick einer unbedingten Todesdrohung ausgesetzt ist. die an die griechische und mittelalterliche Definition des Souveräns erinnert) von ihm sagen. ist. Seine Autorität ist nicht die eines Despoten oder Diktators. Gewiß kann er auch ein Privatleben führen. 41 f. des Friedlosen’ und des aquae et igni interdictus2 zu. aber was ihn zum Führer bestimmt. Zum Beweis der assiduitas seiner Priesterfunktion darf sich der flamen nicht einmal im Schlaf seiner Insignien entledigen. ihm auszuweichen und ihn zu täuschen. befindet er sich in fortwährender Verbindung mit der Macht.2 wie Eichmann in seinem Prozeß in Jerusalem zu wiederholen nicht müde wurde). ist kein Leben »politischer« als das seine. Die traditionelle Unterscheidung zwischen politischem und physischem Körper des Souveräns (deren Genealogie Kantorowicz sorgfältig rekonstruiert hat) schwindet hier. Er ist aus der religiösen Gemeinschaft und von jedem politischen Leben ausgeschlossen: Er kann weder an den Riten seiner genr teilnehmen (wenn für infamis3 oder intestabiZis4 erklärt worden ist) noch irgendeine gültige Rechtshandlung vollziehen. die abgeschnittenen Haare und Fingernägel müssen umgehend unter einem arbor felix (das heißt einem Baum. daß seine Existenz als solche unmittelbar politischen Charakter hat.* Er repräsentiert die Einheit und Artgleichheit des deutschen Volkes. da jeder ihn erschlagen kann. Deswegen kann Plutarch (mit einer Formel. so müssen diese gelöst werden. die sich von außen dem Willen und der Person der Untertanen aufdrückt (Schmitt. 4 Ehrlos im Sin von »zeugenschaftsunfähig«. Es ist nicht möglich. Wenden wir uns nun dem Leben des homo sacer oder den in vielen Belangen ähnlichen Leben des Verbannten. deshalb fordert er vom deutschen Volk nichts anderes als das. Hunde. die private Sphäre und die öffentlichen Funktionen stimmen restlos überein. In diesem Sinn. Ziegen und Efeu meiden. und die zwei Körper drängen sich in drastischer Form ineinander. das wissen die Verbannten und Geächteten. eine belebte heilige Statue. aller Rechte entkleidetes Leben reduziert. was es in Wahrheit bereits ist. Der Führer ist die politische Form dieses Lebens.. er muß sich des rohen Fleisches und jeglicher Art von gesäuertem Brotteig enthalten und peinlichst Bohnen.und in ein Netz von Vorschriften und minutiös verzeichneten Wirkungen geknüpft sind. er darf nicht in eine Weinlaube mit überhängenden Ranken treten. S. muß in jedem Moment mit ihm rechnen und Wege finden. trifft er auf seinem Weg auf einen Gefangenen in Ketten. In seiner Person gehen das eine und das andere unablässig ineinander über. 2 Im Original deutsch. als er sich mit dem biopolitischen Leben des deutschen Volkes selbst identifiziert (»Führerworte haben Gesetzeskraft«. Man betrachte nun die Person des Führers des Dritten Reiches.

ob das Verhalten des Muselmannes . völlig abgetrennt: Es ist (oder scheint es zumindest zu sein) reine zöe. es ist nicht mehr Leben. wie wenn er für einen Augenblick zweifeln würde. Paul Rabinow erzählt den Fall des Biologen Edward O. daß der Muselmann sich in einer absoluten Ununterscheidbarkeit von Faktum und Recht. daß das experimental life ein bios ist. daß er von ihr nicht mehr zu unterscheiden ist. Mit dem Verstand sind zugleich seine Instinkte ausgelöscht worden. es sei reine zök? Aber in ihm gibt es nichts »Natürliches« und »Gemeines«. das in jedem Punkt mit der Norm verschwimmt.der nicht zwischen der Kälte und einem Befehl unterscheidet . Es ist leicht zu erkennen. Blut in die Arterien pumpend und durch die Regulation der Körpertemperatur erhalten. in dem die Demütigung. der dem Fortschritt der Medizin und dem Wechsel der juridischen Entscheidungen folgend zwischen Leben und Tod schwankt.] nemlich nichts mehr. da er in ein Labor transformiert wurde. bis zur totalen Apathie (daher seine ironische Bezeichnung). und genau diese Ununterscheidbarkeit bedroht die lex animata des Lagers. Wenn wir diese Feststellung wörtlich auf ihn anwenden (*Kälte. zwischen dem Biß der Kälte und der Grausamkeit der SS zu unterscheiden. welche die Entstehung und Entwicklung der modernen Medizin beherrscht hat. . Das biologische Leben. Er war nicht nur wie seine Gefährten vom politischen und sozialen Umfeld ausgeschlossen. Treten wir ein in den Reanimationsraum. das die Maschinen durch Luftzufuhr in die Lungen. wie wir gesehen haben. Was ist das Leben des Muselmannes? Kann man sagen. da er entdeckt hat. können wir sagen. er war überdies in keiner Weise mehr Teil der Menschenwelt. Leben und Tod jetzt nur noch biopolitische Konzepte sind. Stumm und völlig allein ist er in eine andere Welt übergegangen. Jahrhunderts in der Geschichte der medizinischen Wissenschaften die Physiologie auf den Plan tritt. er war nicht nur. welche die Moral und das Gesetz dem Experimentieren setzen. Leben und Norm. Denn er ist nur sich selbst gegenüber verantwortlich. Gerade deswegen scheint der Aufseher ihm gegenüber bisweilen plötzlich machtlos zu sein. denn nur als eigener Körper kann er die Grenzen übertreten. dann stellt die Physiologie »eine Anatomie in Bewegung« dar.nicht eine unerhörte Form von Widerstand sei. die den Namen Karen Quinlan trug. . ist der Körper von Karen Quinlan. steht hier vor einem Leben. Wenn die Anatomie (die auf der Sektion der Leiche basierte) die Beschreibung der unveränderlichen Organe gewesen ist. einem mehr oder weniger nahen Tod geweiht. als jüdisches Leben. mit der Rabinow Wilsons Leben definiert. Da aber. der sich in einem sehr spezifischen Sinn so weit auf die eigene zö6 konzentriert hat. ohne Gedächtnis und ohne Trauer. nicht einmal mehr jener bedrohlichen und prekären der Lagerbewohner. ist hier von der Lebensform. SS«). aus seinem Körper und aus seinem 194 Leben ein Forschungs. Antelme berichtet. eine Menge von Funktionen. Experimental life ist die Wendung. der Schrecken und die Angst jedes Bewußtsein und jede Persönlichkeit abgeschnitten haben. nichts Instinktives und nichts Tierisches. sondern ein Tod in Bewegung. daß ihm die Organe entnommen werden. nicht weniger ein rechtliches 195 . daß er an Leukämie erkrankt ist. Ihr Leben wird allein durch die Wirkung der Reanimationstechniken auf der Basis einer juridischen Entscheidung erhalten.und Experimentierlabor ohne Grenzen zu machen. und die wissenschaftliche Forschung kann frei und restlos mit der Biographie zusammenfallen. Ein Leben. ein Wesen. in dem der Körper von Karen Quinlan oder derjenige des Ultrakomatösen oder des neomort liegt und darauf wartet. der von dem Augenblick an. Wilson. deren Ziel nicht mehr das Leben eines Organismus ist. das danach strebt. Als gegen Mitte des I 7. beschließt. von Natur und Politik bewegt. buchstäblich. daß »in der äußersten Gränze des Leidens [. Karen Quinlans Körper ist tatsächlich bloß eine Anatomie in Bewegung. als die Bedingungen der Zeit oder des Raums [bestehet]«. die ihn von Anfang an vergessen haben. Für ihn gilt Hölderlins Satz. Primo Levi hat die Figur beschrieben. die im Jargon des Lagers »Muselmann« genannt wurde. bestimmt sie sich im Verhältnis zur Anatomie. dem er einst zugehörte. das nicht lebenswert war. sie ist die Erklärung der Organfunktionen im lebenden Körper. daß der Lagerbewohner nicht mehr imstande war. er ist auch nicht mehr öffentlich. sich ganz in Gesetz zu verwandeln. die ethischen und rechtliche Barrieren verschwinden. Sein Körper ist nicht mehr privat.Nun stelle man sich die extremste Figur der Lagerbewohner vor.

2 Im Original »liegt« deutsch beigefügt. In seiner extremen Form stellt sich der biopolitische Körper des Abendlandes (diese letzte Verkörperung des Lebens des homo sacer) vielmehr als Schwelle der absoluten Ununterscheidbarkeit zwischen Faktum und Recht. und nichts in diesem Körper und in der Ökonomie seiner Lüste scheint uns einen festen Boden und Halt gegen die Ansprüche der souveränen Macht zu gewähren. nachdem er sich von jenem Komplex des Sexes und der Sexualität distanziert hat. ganz in Leben aufzugehen. und dem. Die Schlußfolgerungen unserer Untersuchung drängen uns dazu. In der Person des Führers geht das nackte Leben unmittelbar in Recht über. im Lager sind Staat und Haus ununterscheidbar geworden.ebenfalls ein schlagendes Beispiel der Unentscheidbarkeit zwischen Politik und Biopolitik. über das Leben zu entscheiden. immer schon in ein Dispositiv eingefaßt und sogar immer schon biopolitischer Körper und nacktes Leben. wie nach der Heideggerschen Definition des Daseins’ das Wesen in der Existenz liegt. So wenig wie der biopolitische Körper des Abendlandes einfach dem natürlichen Leben des &os zurückerstattet werden kann. 190). in deren natürlichem Körper ihre Politik selbst in Frage steht. den politischen Raum des Abendlandes neu zu denken. Von den Lagern gibt es keine Rückkehr zur klassischen Politik.Wesen als ein biologisches Wesen. der nur seine z& ist. so wenig kann er zugunsten eines anderen Körpers überwunden werden. muß von dem klaren Bewußtsein ausgehen. mit Foucaults Worten. Von diesen ungewissen und namenlosen Terrains. ist in einem Leben verkörpert. zwischen dem Menschen als einfachem Lebewesen.2 Schelling drückte die äußerste Figur seines Denkens in der Idee eines Seins aus. das den Anspruch erhebt. was nicht mitteilbar und stumm. in deren Politik es um ihr Leben als Lebewesen geht. in einem scheinbar entgegengesetzten. was mitteilbar und sagbar ist. Wir sind nicht nur. Ein Recht. Am Ende von der Wille zum Wissen. nur eine kritische Bedeutung haben. Doch die Liste hätte sich leicht mit nicht weniger extremen und dennoch nunmehr vertrauten Fällen fortsetzen lassen. Jeder Versuch. das seinen Ort im Staat hat. bei denen kriegerische Operationen mit biologischen Zielen wie Ernährung oder Seuchenbekämpfung unternommen werden . wie sie Leo Strauss und in einem anderen Sinn Hannah Arendt vorgeschlagen haben. Die Auswahl dieser kurzen Serie von »Leben« mag extrem. oder. Auch hier gilt es. Aber auf welche Weise 1 Im Original deutsch. aus dem nackten Leben selbst den Ort machen. aber eigentlich analogen Sinn. ein perfektes Beispiel für die Schwelle der Ununterschiedenheit zwischen Biologie und Politik. S. das nur das rein Seiende ist. und dem Menschen als politischem Subjekt. die militärischen Interventionen aus humanitären Gründen. in dem eine andere Ökonomie der Lüste und der Lebensfunktionen die Verflechtung von z& und bios ein für allemal löst. indem er von einer »anderen Ökonomie der Körper und der Lüste« spricht (Foucault 1. zwischen unserem biologischen Körper und unserem politischen Körper. Tiere. so wie in der Person des Lagerbewohners (oder des neomort) das Recht ins Unbestimmte des biologischen Lebens übergeht. daß wir von der klassischen Unterscheidung zwischen z& und bios. das seinen Ort im Haus hat. deutet Foucault. während sie doch nur ein Dispositiv der Macht umklammerte. Daher kann die Restauration der klassischen politischen Kategorien. das mit dem Tod zusammenfällt. in dem die Moderne ihr Geheimnis und ihre Befreiung zu finden glaubte. ‘97 . nichts mehr wissen. wie der des Sexes und der Sexualität. wenn nicht gar einseitig provokativ erscheinen. eines technischen oder vollständig politischen oder gloriosen Körpers. steht heute immer öfter einem zur Norm entseelten und mortifizierten Leben gegenüber. Der bios liegt heute genauso in der z&. von diesen unwegsamen Zonen der Ununterschiedenheit aus müssen die Mittel und Wege einer neuen Politik gedacht werden. Da wäre der Körper der bosnischen Frau von Omarska. welche die Politik mit der epochalen Situation der Metaphysik aufweist. auf die Analogien zu achten. Ein 196 Gesetz. den möglichen Horizont einer anderen Politik an. Vielmehr muß man aus dem biopolitischen Körper. und die Möglichkeit. an dem sich eine gänzlich in nacktes Leben umgesetzte Lebensform herausbildet und ansiedelt. ist uns ein für allemal genommen. zwischen dem. Norm und biologischem Leben dar. zu unterscheiden. sondern umgekehrt auch Bürger. noch vorsichtiger zu sein: Auch der Begriff des »Körpers << ist. ein bios. zwischen privatem Leben und politischer Existenz. das behauptet.

nach Abwägung der Bedeutungsfelder und zur Unterstreichung der eigenständigen Entwicklung und Prägung des Begriffs durch den Autor. sacer: »heilig« im Sinn von »geweiht« und »verflucht« (beides auch im Sinn von »unberührbar«) noch vorhanden. über die sie nicht hinausgehen können. das jenseits der Forschungen liegt. Trotz des eindeutigen Bezugs auf Walter Benjamins bloßes Leben wurde. »uomini sacri«) steht. »Verlassensein« oder »überlassensein« und den entsprechenden Ableitungen übersetzt. Anmerkungen zur Übersetzung und zur Zitierweise Als kommentierungsbedürftig haben sich drei Begriffskomplexe erwiesen: I. ohne eine beispiellose biopolitische Katastrophe zu riskieren. Hingabe). wo anstelle des lateinischen homo sacer (bzw. »essere abbandonato« werden stets mit »Verlassenheit «. Anthropologie. kennt keine angemessene deutsche Übersetzung auf der Basis von »Bann«. da es im Deutschen kein in ähnlichem Maß gebräuchliches Wort gibt (»Sazertät« existiert als Fachausdruck der Ethnologie. »Abbandono «. »abbandono«) herstellt. den zuerst Jean-Luc Nancy fruchtbar gemacht hat und der eine tragende Verbindung mit Heideggers »Verlassenheit« (frz. 2. Der (etymologische) Zusammenhang von bando (Bann) und abbandono (Verlassen. »abbandonare«. l a nuda vita mit das nackte Leben übersetzt.kann ein bios nur seine zök sein? Wie kann eine Lebensform jenes hapl& erfassen. in der Folge werden »sacro« und »sacerta« konsequent mit »heilig« und »Heiligkeit« wiedergegeben. In den italienischen Wörtern sacro und sacerta ist die in diesem Buch problematisierte Polysemie von lat. Verlassenheit. Die von Agamben untersuchte »Heiligkeit« ist weder mit der religiösen Kategorie des Heiligen noch mit dem heute vor allem durch Freud bekannten ursprünglichen Doppelsinn von sacer gleichzusetzen. 3. it. 199 . Leben. »Lebensform« [forma-di-vita] nennen. Aufgeben. das seine Form ist und untrennbar von ihr bleibt. Doch zunächst muß man verfolgen. die der Schnittpunkt von Politik und Philosophie. hornher sacri) italienisch »uomo sacro« (bzw.und Rechtswissenschaft). wie die Kapitel »Die Ambivalenz des Heiligen« und *Das heilige Leben« aufzeigen. Verlassensein. wird die italienische Formulierung in Klammern hinzugefügt. wie innerhalb der Grenzen dieser Disziplinen etwas wie das nackte Leben hat gedacht werden können und auf welche Weise sie im Verlauf ihrer historischen Entwicklung schließlich an eine Grenze gestoßen sind. An den wenigen Stellen. das nur seine nackte Existenz ist. wo der einmal angemerkte Zusammenhang nicht unmittelbar deutlich ist. wie sich ein Forschungsfeld eröffnet. wird auf den lateinischen Ausdruck zuruckgegriffen und der italienische in Klammern hinzugefügt. »abandon«. Religions. dann sehen wir. das zugleich die Aufgabe und das Rätsel der abendländischen Metaphysik bildet? Wenn wir dieses Sein. medizinisch-biologischen Wissenschaften und Rechtswissenschaften definiert.

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