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Dezember 2010 DIE ZEIT No 50 REISEN

Mit Strapsen auf Kundenfang


Die Bahn entdeckt Soziale Netzwerke als Werbefläche – und präsentiert sich dort überraschend freizügig VON MARK SPÖRRLE

un ist es raus. Die Deutsche Bahn len und im Aquarium. Der Bürostreber wird diesen Dienst durchaus zu schätzen. Das kathar- Social-Media-Angebot der Deutschen Bahn im

Videograbs: Youtube/Deutsche Bahn


arbeitet laut Aussagen eines Spre- unterdessen mit Paketband an der nächsten Säu- tische Schimpfen und Klagen über die Bahn ge- kommenden Jahr ganz ähnlich weitergehen
chers an einem »umfassenden le fixiert. Kurz: die perverse Republik, ein Sün- hört für erfahrene Bahnfahrer längst zum Alltag. wird. Obwohl jede noch so gute Idee immer
Social-Media-Angebot«, das 2011 denpfuhl – bis die Bahn dem Chaos ein Ende Dass das Unternehmen auch auf weit weniger noch ein wenig verbessert werden kann.
starten soll. Alle weiteren Details macht. Denn dank »Chefticket« kehrt der Boss komplizierte Fragen als die mit einem Ticket- Mangelnde Kommunikation mit den Kun-
sind noch höchst geheim. Und so könnte man früher zurück als erwartet. kauf verbundenen häufig die Antwort schuldig den zum Beispiel ist zwar ein gelungener An-
diese Pläne ignorieren, bis sie mit bahnüblicher Die Wirkung der Kampagne, mit der die Bahn bleibt, weiß jeder, der schon sommers in ko- fang. Aber wie wäre es, wenn es demnächst doch
Verspätung (also ungefähr 2012 oder 2013) neue Vertriebskanäle und vermutlich auch eine chenden Zügen brutzelte oder sich winters vor einen Moderator auf der virtuellen Plattform
umgesetzt werden – hätte die Bahn nicht un- neue Zielgruppe testen wollte, eisigen Servicepoints beinahe den gäbe? Einen, der ausgesucht patzig und ausfal-
längst mit einer Aktion bei Facebook einen Vor- war zwiespältig. Zwar bescherte Hustentod holte. Und Dampf ab- lend wird, wenn User harmlose Fragen stellen?
geschmack auf das Kommende geliefert. Wer die Aktion dem Unternehmen zulassen über diese DB, diese Könnte nicht auch eine Stimme bahndeutsch
sich hier als »Fan« der Deutsche-Bahn-Seite be- bei Facebook um die 54 000 »Dumpf-Backen«, die zwar Züge über Lautsprecher verkünden: »Aus technischen
kannte, konnte zum Preis von 25 Euro das »Fans«, aber denen ging es wohl haben, aber keine Ahnung, wie Gründen verzögert sich die Antwort auf Ihre
»Chefticket« kaufen: gültig für eine Fahrt quer primär ums Geld: 25 Euro, ein man sie durch den Winter bringt Anfrage auf unbestimmte Zeit«?
durch Deutschland, 2. Klasse, Zugbindung. So echtes Schnäppchen! – das tut einfach gut. Manche Zudem bietet das Jahr 2011 jede Menge An-
weit, so günstig. Dafür erregten sich die Kri- nette Bekanntschaft entsteht un- lässe für neue Varianten des bewährten Video-
Viel interessanter als das Sonderangebot ist tiker zuhauf. An vorderster ter Leidensgenossen, vereint durch clip-Prinzips: Wenn der Papst nach Deutschland
jedoch der Spot, mit dem es beworben wurde, Front die Tierschützer, die sich Auf Facebook fanden bahnverschuldete Härtefälle. kommt, wird das Büroangestellten-Szenario kur-
verrät er doch einiges über das Bild, das sich die über den angedeuteten Hah- sich 54 000 »Fans« für So trägt der Ärger schließlich zerhand in den Vatikan verlagert, Sodom und
Deutsche Bahn von ihren Kunden macht. Bisher nenkampf empörten, gefolgt das Chefticket der Bahn sogar zur Kundenbindung bei: Gomorrha statt Strapsgelage, Stierkampf statt
kommen die DB-Kampagnen ja eher mehrheits- von Stuttgart-21-Kritikern, die Neugierig steigt man wieder ein, Hahnenkampf, Papst statt Chef, fertig ist das
fähig-lustig daher: Ein schüchterner Mann will bei Facebook ein neues Forum wenn im Wetterbericht von star- »Papstticket«. Die Welt zu Gast in Deutschland
in der unvermeidlichen Schlange vor dem DB- fanden. Ein PR-GAU, jaulten kem Schneefall mit Verwehungen bei der Frauenfußball-WM: Schlammcatchen in
Schalter eine ebenso schüchterne Frau anspre- Social-Media-Experten – beim Ausflug ins So- die Rede war, und wartet gespannt auf die der Umkleide statt Sodom und Gomorrha,
chen, aber ein vorwitziger kleiner Junge kommt ziale Netzwerk habe sich das Unternehmen nur nächste Panne. Hundekampf statt Stierkampf, Trainerin statt
ihm dazwischen und macht alles kaputt. Okay. selbst geschadet. Und zu lange sei bei der Bahn Von diesem Kunden-Masochismus fällt der Papst, fertig ist das »Trainerinnen-Ticket«. Oder,
Im Internetvideo zur »Chefticket«-Kam- offenbar niemand in der Lage gewesen, auf die Rückschluss auf andere perverse Freizeitvorlie- noch viel besser: Alles spielt zur Abwechslung
pagne aber sieht die Welt ganz anders aus. Kaum Fragen der angefixten »Chefticket«-Interessen- ben der Zielgruppe womöglich gar nicht mehr direkt in einem Abteil der Deutschen Bahn! To-
Wenn der Chef aus dem Haus ist, ist der Boss auf Dienstreise, lassen die Angestell- ten zu antworten. schwer. Und dass sich Tierschützer über schein- tale Enthemmung im überfüllten Regionalzug,
tanzen die Angestellten auf dem ten im Großraumbüro die Sau raus. Hähne Unsinn. Tatsächlich ist die Bahn bei ihrem bare Grausamkeiten aufregen ... – wer so viel Menschenkampf statt Hahnenkampf, Kunde
Tisch. Der Werbefilm der kämpfen im Licht greller Schreibtischlampen, Ausflug in die virtuelle Welt nur ihren ehernen Ärger hat wie die Bahn, der kann von noch mehr statt Trainerin, fertig ist das »Kundenticket«.
Deutschen Bahn zeigt Bürohengste angefeuert von Frauen mit harten Gesichtern. Grundsätzen treu geblieben. Denn im wirk- Ärger eigentlich nur profitieren. Ach so – das gibt es schon längst?
in Netzstrümpfen und als johlende Männlein und Weiblein lassen die Hosen runter, lichen Leben sorgt nicht die Welt, sondern die Eine rundum gelungene Aktion also. Und
Meute beim Hahnenkampf rekeln sich halb nackt in Strapsen auf Drehstüh- Bahn selbst für das Chaos. Und Kunden wissen man kann getrost davon ausgehen, dass es beim www.zeit.de/audio