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Der Weg zum inneren Frieden HTML Startseite

Inhaltsverzeichnis
1 Der Weg zum inneren Frieden
2 Die Heilslehre Buddhas
2.1 Der Weg der Mitte
3 Die vier edlen Wahrheiten
3.1 Der Durst nach Werden und Vergehen
3.2 Der Durst nach Sinneslust
4 Der edle achtfache Pfad
4.1 Rechte Erkenntnis
4.2 Rechte Gesinnung
4.3 Rechte Rede
4.4 Rechte Tat
4.5 Rechter Lebenserwerb
4.6 Rechte Anstrengung
4.7 Rechte Achtsamkeit
4.8 Rechte Sammlung
4.8.1 Die erste Vertiefung
4.8.2 Die zweite Vertiefung
4.8.3 Die dritte Vertiefung
4.8.4 Die vierte Vertiefung
4.8.5 Vierzig Meditationsobjekte
5 Ursachen psychosomatischer Erkrankungen
5.1 In der Kindheit
5.2 In der Pubertät
6 Die männlichen Geschlechtsorgane
6.1 Die Hoden und Nebenhoden
6.2 Die Samenleiterampullen
6.3 Die Samenbläschen
6.4 Die Prostata
6.5 Die Cowperschen Drüsen

1
6.6 Die Littre-Drüsen
7 Der Nachteil des sexuellen Genusses
7.1 Energieverlust durch den Orgasmus
8 Die sechs Stufen der Keuschheit
8.1 Körperliches und geistiges Brahmacharya
9 Die Sexualität des Menschen
9.1 Das sexuelle Lustzentrum
9.2 Das sexuelle Verhalten urzeitlicher Völker
9.3 Die enthaltsam lebenden Dani aus Neuguinea
10 Die vier Lebensstadien im Hinduismus
10.1 Der Brahmachari, der Schüler
10.2 Der Grihastya, der Familienvater
10.3 Der Vanaprastha, der Weltentsager
10.4 Der Sannyasin, der Waldeinsiedler
10.5 Keuschheit in der Bhagavad Gita & Yoga Sutra
11 Frauen und Brahmacharya
11.1 Einige Überlegungen zur Menstruation
12 Das Geheimnis der Sublimation
12.1 Sublimierung und Unterdrückung
13 Hinayana und Mahayana
13.1 Unterschiede zwischen Hinayana und Mahayana
13.2 Die Entstehung des Palikanons
13.3 Vajrayana, der Diamantweg
13.4 Tibetischer Buddhismus
13.5 Kritik am westlichen Tantraverständnis
13.6 Der gewöhnliche und der tantrische Orgasmus
14 Die Kundalini
14.1 Die Chakren
14.2 Das Physio-Kundalini-Modell
15 Die Keuschheit im Judentum
15.1 Elija, der Urvater des monastischen Lebens
15.2 Moses und das Zölibat

2
15.3 Die Essener
15.4 Die Therapeuten
15.5 Das Buch Jesus Sirach
15.6 Die Onanie im Buche Mose
16 Die Keuschheit im Christentum
16.1 Die Keuschheit im Urchristentum
17 Die Physiologie der Meditation
17.1 Was geschieht währ. der Meditation im Gehirn?
18 Die Ernährung des Brahmachari
18.1 Jesus und seine Jünger waren Vegetarier
18.2 Maßhalten bei der Ernährung
18.3 Wie man Pollutionen vermeidet
18.4 Fasten kontrolliert die Sinne
19 Die Geburtenkontrolle
19.1 Selbstbeherrschung oder Verhütung?
20 Inhaltsverzeichnis

Version: Donnerstag 02. April 2009

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1. Der Weg zum inneren Frieden Top

Schaut man sich unter den Menschen um, dann erkennt man,
dass sie oft sehr unglücklich sind und an der Last des Lebens
schwer zu tragen haben. Hin und wieder gibt es Momente, in
denen sich Glück, Zufriedenheit und Entspannung einstellen.
Aber solche Momente sind leider viel zu selten. Oftmals wird
das Leben von Angst, Schmerz, Wut, Traurigkeit und
Unzufriedenheit bestimmt. Die psychosomatischen

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Erkrankungen sind mit Sicherheit die häufigsten
Erkrankungen, die in der heutigen Zeit auftreten. Es stellt sich
also die Frage, wie man sich von diesem Leid befreien kann,
wie der Weg zum inneren Frieden, zur Erleuchtung, aussieht.
Die Weisen, Heiligen, Yogis, Priester, Mönche, Nonnen, Sufis,
Schamanen und Erleuchteten aller Zeiten und aller Religionen
haben es uns vorgelebt. Sie führten ein Leben, welches vom
Zölibat (Brahmacharya) und von der Meditation bestimmt war,
wobei auch das Gebet als eine kontemplative Form der
Meditation betrachtet werden kann.

Unter Brahmacharya versteht man im allgemeinen die sexuelle


Enthaltsamkeit. Aber Brahmacharya ist weit mehr. Denn
Brahmacharya ist der Schlüssel zur Seligkeit. Schaut man sich
einmal die Biographien der Heiligen und Erleuchteten an, so
erkennt man, dass sie alle enthaltsam lebten. Durch die
Enthaltsamkeit wird die sexuelle Energie in spirituelle Energie
umgewandelt. Und genau dies ist der Schlüssel zur
Selbstverwirklichung, die von allen Menschen so
herbeigesehnt wird. Die Weisen und Yogis haben dies
verwirklicht und zeigen uns, wie der Weg zur Erlösung
aussieht. Brahmacharya dient als Tor zum Glück. Es öffnet die
Tür zur Befreiung. Es führt zur beständigen Freude, zum
ununterbrochenen und reinen Glück. Sogar Könige dienten zu
Füßen des Brahmachari. Brahmacharya ist der einzige
Schlüssel, um die Kundalini zu wecken. Brahmacharya bringt
Glorie, Ruhm, Tugend und Seligkeit.

2. Die Heilslehre Buddhas Top


Buddha (wörtlich: „der Erwachte“, oft ungenau mit „der
Erleuchtete“ übersetzt) wurde im Jahre 624 vor Christus
(de.wikipedia.org: 563 - 483 v. Chr.) als Prinz in Lumbini bei

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Kapilavatthu (heute Rumindei) in Nepal an der Grenze zu
Indien geboren. Buddhas Vater, König Suddhodana, stammte
aus dem Adelsgeschlecht der Samkya, seine Mutter, Königin
Maya, starb kurz nach der Geburt. Bei der Geburt erhielt
Buddha den Namen Siddhartha Gautama. Siddhartha
verbrachte seine Kindheit und Jugend in Kapilavatthu
(Lumbini). Mit 16 Jahren heiratete er und als er 29 Jahre alt
war, kam sein Sohn Rahula zur Welt. Kurz darauf verließ er
seine Heimatstadt, um als Mönch und Asket zu leben. Ob
Buddha wirklich einen Sohn hatte, ist unter Historikern
allerdings sehr umstritten.
Nachdem Siddhartha erkannt hatte, dass auch er der Geburt,
dem Altern, den Krankheiten und dem Sterben unterlag, verließ
er mit 29 Jahren den Palast in dem er bisher gelebt hatte und
zog, noch jung und kräftig, schwarzhaarig, in voller
jugendlicher Schönheit, im ersten Mannesalter, gegen den
Wunsch der Eltern, als Mönch in die Hauslosigkeit. Er ließ sich
die Haare und den Bart scheren, zog ein gelbes Mönchsgewand
an, ließ seine Heimat, Reichtum Ehre und Macht hinter sich,
um als Büßer und Bettler die Befreiung vom Leiden zu suchen.
Mit nur einem Mönchsgewand und einer Bettelschale versehen,
zog er von Ort zu Ort. Schließlich schloss er sich den
Yogalehrern Alara Kalama und Uddaka Ramaputra an, die ihre
Schüler in der Yogaphilosophie unterrichteten.
Nach vielen Jahren Suchens und Ringens erkannte Siddhartha
die Ausweglosigkeit dieser Wege und wandte sich von seinen
Lehrern ab. Nun versuchte er sein Ziel durch strengste Askese
zu erreichen. Er beherrschte alle Praktiken, die ihm seine
Lehrer beigebracht hatten perfekt, aber er erkannte, dass sie
nicht zur Befreiung des Leidens führten, die er anstrebte.
Von nun an lebte Siddhartha ein ausgesprochen asketisches

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Leben. Er lebte als Nackter, aß weder Fleisch, noch Fisch,
trank weder Wein, noch Branntwein und dehnte sein Fasten so
weit aus, bis er in manchen Monaten nur an zwei Tagen etwas
aß. Mitunter aß er nur ein Reiskorn pro Tag. Ansonsten
ernährte er sich von Gras, Grünzeug und den Wurzeln und
Früchten des Waldes. Er trug Kleider aus Hanf, die man den
Toten ausgezogen hatte, oder Fetzen, die er auf dem Abfall
fand. Siddharte zog sich in den Wald zurück und peinigte
seinen Körper auf mannigfache Weise. In kalten Winternächten
verbrachte er die Nächte unter freiem Himmel und die Tage im
Wald. An heißen Sommertagen dagegen verbrachte er die Tage
unter freiem Himmel und die Nächte im Wald.
Eine Zeit lang ernährte Siddhartha sich von einer einzigen
Frucht an Tag. Da verfiel sein Körper immer mehr und es
stellte sich eine übermäßige Magerkeit ein. Seine Gelenke
fühlten sich wie die Gelenke eines Achtzigjährigen oder wie
die Knoten einer Kriechpflanze an. Durch die geringe
Nahrungsaufnahme standen seine Glieder und seine Rippen
wie die Dachsparren eines zerfallenen Gebäudes hier und dort
hervor. Ebenso undeutlich, wie in einem tiefen Brunnen die
Wasseroberfläche zu erkennen ist, konnte man die
tiefliegenden Augen in seinen Augenhöhlen erkennen. Strich er
über die Bauchhaut, so dehnte sich das Rückgrat. Und strich er
über das Rückgrat, so dehnte sich die Bauchhaut, so
abgemagert war er. Wollte er Kot oder Urin lassen, so stürzte er
vor Kraftlosigkeit kopfüber zu Boden. Um den Körper zu
erfrischen, rieb er sich mitunter mit den Händen über den
Körper. Aber dabei fielen ihm die wurzelfaulen Haare vom
Körper.
Die Ausübung dieser strengen Askese führte dem Büßer
Siddhartha Gautama fünf Anhänger zu, die ihn als Heiligen
verehrten. Als Siddhartha täglich nur noch ein Reiskorn als

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Nahrung zu sich nahm, brach er entkräftet zusammen und wäre
fast verhungert. Deshalb erkannte er, dass diese übertriebene
Askese, nicht der richtige Weg war, um das erstrebte Ziel, die
Leidensfreiheit, zu erreichen und beendete sie. Von nun an
ernährte er sich wieder ausreichend. Seine Anhänger, die
ebenfalls eine strenge Askese praktizierten, aber betrachteten
ihn als Abtrünnigen und verließen ihn. Siddhartha aber fasste
den Entschluss, weiter zu meditieren und nicht eher damit
aufzuhören, bis er die ersehnte Leidensfreiheit erfahren hatte.
Mittlerweile lebte er bereits sieben Jahre als Mönch in der
freien Natur, in der Hauslosigkeit.
Nach diesen sieben Jahren kam er in die Stadt Uruvela (heute:
Bodhgaya, im nordindischen Bundesstaat Bihar). Uruvela war
ein entzückender Erdenfleck mit anmutigen Baumgruppen, mit
einem silbern strömenden Fluss und ringsherum von einer
Menge Wiesen umgeben. In Uruvela ließ sich Siddhartha unter
einem Bodhibaum, einer Pappelfeige, nieder und meditierte
mehrere Tage lang. Nach sieben Tagen erfuhr er dann in einer
Vollmondnacht im Mai die Erleuchtung. Nun wurde aus
Siddhartha, Buddha, der Erwachte. Er fand, wie er selber sagte,
einen Zustand unvergleichlicher innerer Ruhe, bei dem das
Gefühl von Geburt, Alter, Krankheit und Tod verloschen
waren. Er hatte das Gefühl vollkommener Befreiung und er
lebte in der Einsicht, dass dieses seine letzte Geburt war und
dass es keine Wiedergeburt für ihn geben würde.
Der Glaube an die Wiedergeburt, die Reinkarnation, war ein
fester Bestandteil des Hinduismus, von dem sich offensichtlich
auch Buddha nicht frei machen konnte. So spricht Buddha in
der Majjhima Nikaya 41 [7] davon, wie er sich nach der vierten
Vertiefung an verschiedene Daseinsformen des früheren
Lebens erinnert: „Solchen Gemütes, innig, geläutert, gesäubert,

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gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest,
unversehrbar, richtete ich das Gemüt auf die erinnernde
Erkenntnis früherer Daseinsformen. Ich erinnerte mich an
manche verschiedene frühere Daseinsform, als wie an ein
Leben, dann an zwei Leben, dann an drei Leben, dann an vier
Leben, dann an fünf Leben, dann an zehn Leben, dann an
zwanzig Leben, dann an dreißig Leben, dann an vierzig Leben,
dann an fünfzig Leben, dann an hundert Leben, dann an
tausend Leben, dann an hunderttausend Leben...“
1Die Majjhima Nikaya ist die „Sammlung der mittellangen
Abhandlungen“, auch Mittlere Sammlung, Kürzel: MN. Der
Name Majjhima Nikaya bezieht sich auf die relative Länge der
enthaltenen Sutten (Pali), (Sanskrit: Sutren = Lehrreden), die
im Vergleich zu denen der „längeren Sammlung“, der Digha-
Nikaya, Kürzel: DN, und der „kürzeren Sammlung“, der
Khuddaka-Nikaya, meist mittellang sind.
Buddha war weder ein Gott, noch der Prophet Gottes, so wie
Mohammed, der Gründer des Islam, der sich als Prophet Gottes
(Allah's) verstand, oder wie Jesus, der sich als Sohn Gottes
betrachtete (Johannes 5,17; Johannes 16,28; Markus 1,1;
Markus 1,11). Vielmehr war Buddha, wenn er auch ein Prinz
war, ein ganz normaler Mensch, der die Befreiung vom Leiden
aus eigener Anstrengung geschafft hatte. Seine Lehre ist somit
keine göttliche Offenbarung, wie die Lehre Mohammeds,
sondern eine Anleitung zur Befreiung, die er selbst gefunden
hat. Das Ziel seiner Lehre ist die vollkommene Befreiung vom
Leid. Dieser Zustand wird als Samadhi, als Erleuchtung,
bezeichnet. Buddhas Lehre hat also wenig mit den drei
monotheistischen, abrahamitischen Religionen des Judentums,
des Christentums und des Islams gemeinsam, die sich alle auf
Gott berufen und deren Wurzeln in der hebräischen Bibel (dem

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Tanach) und dem Pentateuch (den fünf Büchern Moses) zu
finden sind.
Im Buddhismus gibt es deshalb keinen Gott im jüdisch-
christlich-islamischen Sinne. Es gibt nur das Naturgesetz, dem
alle Lebewesen unterworfen sind. Da es im Buddhismus keinen
Gott im jüdisch-christlich-islamischen Sinne gibt, gibt es auch
keine sittlichen Gebote (zehn Gebote), sondern Sittenregeln,
die eine notwendige Voraussetzung zur Verwirklichung der
Befreiung sind. Es gibt daher auch keine Gottesfurcht, sondern
ausschließlich die eigene Verantwortung. Somit gibt es auch
keinen göttlichen Gnadenakt, der die Menschen vom Leid
befreit, wie sie viele Gläubige erhoffen, denn die Erlösung vom
Leiden kann nur durch eigene Anstrengung erlangt werden.
Für Buddha existierte zwar kein Gott im jüdisch-christlich-
islamischen Sinne, aber es existierten allerlei Götter, Geister,
Gespenster und Dämonen, die ebenso wie die Menschen, Tiere
und Pflanzen der Wiedergeburt unterlagen. So kann ein
Mensch, der ein ethisch und moralisch vorbildliches Leben
geführt hat, nach dem Tod in den Bereich der Götter oder in
den Bereich der eifersüchtigen Götter eingehen. Dies entspricht
im Buddhismus gewissermaßen einem göttlichen Seinszustand
(Himmel). Dort verbleibt er eine Zeit, um irgendwann wieder
als Mensch auf der Erde wiedergeboren zu werden. Erst wenn
er das Samadhi erreicht hat, beendet er den Kreislauf von Tod
und Wiedergeburt und ist von jeglichem Leid befreit.
Insgesamt kennt der Buddhismus sechs Daseinsbereiche, in die
der Mensch hineingeboren werden kann. Diese
Daseinsbereiche sind:
1. der Bereich der Götter
2. der Bereich der eifersüchtigen Götter
3. der Bereich der Menschen

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4. der Bereich der Tiere
5. der Bereich der hungrigen Geister
6. der Bereich der Hölle
Als kostbarste Wiedergeburt gilt allerdings die Geburt in den
Bereich der Menschen, da nur vom Bereich der Menschen aus
eine endgültige Befreiung erlangt werden kann. Die
Wiedergeburt in den menschlichen Daseinsbereich wird sogar
noch höher bewertet als eine Geburt in den Bereich der Götter,
da sich die Seelen im Bereich der Götter so wohlfühlen, dass
sie gar nicht daran denken, sich weiter fortzuentwickeln.
Alle sechs Daseinsbereiche sind durch Karma, durch die Taten
und Gedanken der vergangenen Leben, bedingt. In den drei
niederen Daseinsbereichen (Tiere, hungrige Geister, Hölle)
wird sehr viel Leid erfahren. Die Wesen in den drei unteren
Daseinsbereichen sind wesentlich zahlreicher als in den drei
höheren Daseinsbereichen. Die Wesen in den drei niederen
Daseinsbereichen sind von Leid und Schmerz geplagt und
haben im allgemeinen eine sehr negative Lebensqualität.
Nächstenliebe und Mitgefühl sind nur äußerst spärlich
ausgeprägt. Die hohe Anzahl der Wesen, die sich in den drei
unteren Daseinsebenen aufhalten, deutet darauf hin, wie
schwer es ist, sich von den negativen Tendenzen zu lösen. Da
meist egoistische Tendenzen vorherrschen, werden diese Wesen
in ein entsprechend qualvolles Leben hineingeboren und
erfahren großes Leid. Man kann aber sagen, dass sich die
entsprechenden Daseinszustände der unteren Daseinsbereiche
gewissermaßen im realem Leben wiederfinden. Zumindest
wird dieses von buddhistisch-hinduistischer Seite so gesehen.
Überträgt man die unteren drei Daseinszustände auf das reale
Leben, so kann man durchaus Parallelen erkennen. Dieses heißt
mit anderen Worten, gestalte ich mein Leben nicht nach
ethischen und moralischen Regeln, so füge ich mir selber

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Schaden zu und erfahre dadurch persönliches Leid. In den drei
höheren Daseinbereichen dagegen gibt es mehr Raum für
Glück und Zufriedenheit.
Götter bildeten für Buddha also keine wesentliche Grundlage
seiner Lehre für die Menschen, die den Weg der Befreiung vom
Leid anstrebten. Zwar kannte auch Buddha den von den
Brahmanen als höchsten vedischen Gott angebeteten Brahma,
der von den Hinduisten als Schöpfergott betrachtet wird.
Brahma wird von den Buddhisten zwar als ein besonders hoch
entwickeltes göttliches Wesen, aber nicht als Weltschöpfer
angesehen. Buddhas Lehre richtet sich in erster Linie an die
Menschen, da sie sich nur aus eigener Kraft und Anstrengung
von ihrem Leid befreien können.
Nachdem Buddha erwacht war, hatte er zunächst nur wenig
Lust, den in Begehren und Leid verstrickten Menschen etwas
von seinen Erfahrungen und Einsichten mitzuteilen. Die
Legenden und Mythen sprechen jedoch davon, dass
himmlische Wesen Buddha darum baten, den leidenden
Menschen zu helfen. Nachdem sie zu Buddha sagten: „Es gibt
einige unter den Wesen, deren Augen kaum mit Staub bedeckt
sind. Sie werden die Wahrheit erkennen.“, war Buddha zur
Verkündung seiner Lehre bereit. In Wahrheit hatte Buddha dies
wohl selbst erkannt. Zunächst überlegte er, wem er seine Lehre
zuerst verkünden sollte. Dabei dachte er an seinen ersten
Lehrer Alaro Kalamo. Dieser war aber mittlerweile verstorben.
Dann dachte er daran, seinem zweiten Lehrer, Uddako
Ramaputto, seine Lehre zu verkünden. Aber auch dieser war
mittlerweile verstorben. Dann dachte er an die fünf Mönche,
die ihn einst verlassen hatten, als er sich von der Askese
abwandte. Deshalb machte er sich auf den Weg zu seinen
früheren fünf Anhängern, die ihn auf seinem asketischen Weg
begleitet hatten, um ihnen als erste seine Lehre vorzutragen.

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Er wanderte von Ort zu Ort, um sie zu suchen. Schließlich fand
er sie im Tierpark Isipatana in Benares am Ganges. (Heute ist
Benares eine indische Großstadt im nordindischen Bundesstaat
Uttar Pradesh mit 1,2 Millionen Einwohnern und heißt
Varanasi.) Zunächst wollten die fünf Mönche nichts von
Buddha wissen, da er sich von der Askese abgewandt hatte.
Dann aber unterwies sie Buddha in seiner Lehre. Dies war die
erste Rede, die Buddha hielt. Mit dieser Rede entstand die
Philosophie des Buddhismus. Buddha sagte zu ihnen: „Zwei
Dinge gibt es, von denen sich derjenige fernhalten muß, wenn
er das Samadhi anstrebt“:
1. Die Hingabe an die Sinnengenüsse; denn sie ist
niedrig, gemein, weltlich, unedel und zwecklos.

2. Die Hingabe an die Selbstpeinigung, denn sie ist


leidvoll, unedel und zwecklos.

Die Sinnesgenüsse können in fünffacher Art und Weise


auftreten. Es sind die durch das Auge begehrten Formen, die
durch das Ohr ersehnten Töne, die durch die Nase
entzückenden Düfte, der durch den Mund ersehnte Geschmack
und das durch die Berührung geliebte Gefühl. Wer diese beiden
Enden meidet, der hat den Weg der Mitte gefunden.
2.1 Der Weg der Mitte Top
Buddha hatte den Mönchen empfohlen, Sinnesgenüsse und
Selbstkasteiungen zu vermeiden. In der Samyutta Nikaya 56,11
(Gruppierte Sammlung) sagt Buddha zu den Mönchen [6]:
Zwei Extreme, ihr Mönche, soll der Hauslose vermeiden.
Welche zwei?
• Das Anhaften an die Sinneslust, denn sie ist niedrig,

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gemein, gewöhnlich, unedel und heillos
• Das Hingeben an die Selbstqual, denn sie ist
schmerzlich, unedel und heillos
Er sagte, wer diese beiden Enden vermeidet, der hat den Weg
der Mitte gefunden, der zur Ruhe, zum Wissen, zur
Erleuchtung, zum Nirvana (Pali: Nibbana), führt. Weiter sagte
Buddha, dass die vier edlen Wahrheiten und der edle achtfache
Pfad zum Weg der Mitte führen.
Buddha hatte jahrelang einen streng asketischen Weg
beschritten und sich dabei fast zu Tode gehungert. Nachdem er
erkannte, dass dieser Weg ihn nicht zum gewünschten Ziel, zur
Erleuchtung, führte, ließ er von dieser strengen Askese ab, die
hauptsächlich aus Fasten und Selbstgeißelung bestand. Die
Askese bezog sich aber nicht auf die sexuelle Enthaltsamkeit,
wie viele fälschlicherweise meinen. Buddha praktizierte
selbstverständlich nach wie vor das Brahmacharya (das
Zölibat). Dieses brachte Buddha auch deutlich zum Ausdruck,
wenn er zu den Mönchen sagte, daß sie sich von der Hingabe
zu den Sinnesgenüssen fern halten sollen.
Manche verstehen unter dem mittleren Weg, dass man weder
ein zu ausschweifendes Sexualleben führen sollte, noch dass
man auf Sexualität verzichten muss. Dies mag vielleicht für
den Laien gelten, aber derjenige, der das höchste aller
spirituellen Ziele, die Selbstverwirklichung, das Samadhi,
anstrebt, wie es auch Buddhas Wunsch war, sollte
selbstverständlich das Brahmacharya, das Zölibat, beachten.
Dies kommt auch in den buddhistischen Ordensregeln [8], den
227 Regeln für die Mönche, zum Ausdruck, in der bereits in
der 1. Regel gesagt wird, dass jeglicher Geschlechtsverkehr das
Erlösungsbestreben vereitelt und zum Ausschluß aus dem
Orden führt. Jeder absichtliche Samenerguss stellt ein Vergehen

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dar, welches auf der Sammlung des Ordenskapitals beraten
werden muß.
Der Theravada-Mönch Bhante Henepola Gunaratana sagte in
einem Interview über die spirituellen Fortschritte, die Laien
erreichen können [9]: „Auch Laien müssen einer Disziplin im
Leben folgen; sie müssen eine gewisse Beherrschung üben.
Deshalb gibt es auch Vorschriften für Laien. Aber normale
Laien müssen nicht enthaltsam sein. Laien können bestimmte
Stufen der Erleuchtung erreichen, wir nennen sie
„Mitfließende“ oder „Einmal-Wiederkehrende“, bevor sie für
sich selbst erkennen, daß sexuelle Aktivität unausweichlich
Schwierigkeiten und Probleme mit sich bringt. Laien können
sogar die dritte Stufe der Heiligkeit erreichen, wir nennen sie
„Nie-Zurückkehrende“. Aber sobald sie einmal diese Stufe
erreicht haben, werden sie selbst aus ihrer eigenen Erkenntnis
heraus entscheiden, daß eine Verstrickung in die Sexualität den
spirituellen Fortschritt blockiert. Sobald sie das erkennen,
werden sie freiwillig aufhören, sexuell aktiv zu sein. Wie sie
sehen, ist Zölibat also nicht etwas, das mit Zwang oder durch
ein Gebot auferlegt werden kann.“
Wenn Buddha vom Weg der Mitte spricht, so meint er damit,
dass der nach Selbstverwirklichung Strebende sich von
Sinnesgenüssen aller Art, in erster Linie natürlich von
sexuellen Genüssen und von strenger Askese fernhalten soll.
Gegen eine mäßige Askese, wie das gelegentliche Fasten, wie
es auch die buddhischen Mönche an den beiden Ekadashi-
Tagen im Monat praktizieren (jeweils 11 Tage nach dem Voll-
und Neumond), ist dagegen nichts einzuwenden.
Wie Buddhas Einstellung zur Sexualität war, geht unter
anderem aus der Digha Nikaya 16.5.4 hervor. Ananda fragte
Buddha wie man sich Frauen gegenüber verhalten soll:

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„Wie sollen wir, o Herr, mit den Weibern uns verhalten?“
„Nicht anschauen, Anando.“
„Und wenn, Erhabener, wir sie bereits gesehen haben,
wie soll man sich dann verhalten?“
„Nicht ansprechen, Anando.“
„Wenn mich aber eine Frau anspricht, o Herr, wie soll ich
mich verhalten?“
„Achtsamkeit bewahren, Anando.“
Das ganze zielt darauf ab, Geistesklarheit zu bewahren, nicht
wieder dem Anhaften zu verfallen, nicht den Reizen der Frau
zu erliegen, vom Mönchsleben abzufallen und wieder in das
gewöhnliche Leben zurückzukehren. In der Angutta Nikaya
VIII,56 (Das Elend der Sinneslüste) [15] spricht Buddha:
Warum aber, ihr Mönche, bezeichnet man die Sinnenlüste als
eine Gefahr? In Sinnengier entbrannt, wird der in seiner
Begehrlichkeit Verstrickte nicht frei von den Gefahren
gegenwärtigen Daseins, wird er nicht frei von den Gefahren
künftigen Daseins. Darum bezeichnet man die Sinnenlüste als
eine Gefahr.
Als Fährnis (Gefahr), Leiden, Siechtum, Schwären2,
als Fessel, Stachel und als Sumpf
und auch als Brutstätte der Leiden
bezeichnet man die Sinnenlüste,
woran die große Menge hängt.
Vom Lieblich-Schönen überwältigt,
zu neuem Schoße eilt sie hin.

Doch wenn den Mönch, der eifrig kämpft,


die Geistesklareit nicht verläßt,
mag er aus diesem Sumpf sich retten,
dem man nur schwer entrinnen kann,

15
und schauen, wie die Welt sich quält,
versunken in Geburt und Tod.

2Schwären = eitriges Geschwür


In der Majjhima Nikaya 22 III,2 sagt Buddha, dass die
sinnlichen Begierden unbefriedigend, voller Leid und Qualen
sind und dass das Elend überwiegt. Er vergleicht sie gar mit
flammendem Stroh, glühenden Kohlen oder mit einem
Schlangenrachen. (Schlangenrachen gleich sind die Begierden,
hat der Erhabene gesagt, voller Leiden, voller Qualen, das
Elend überwiegt. (M22) Glühenden Kohlen gleich sind die
Begierden, hat der Erhabene gesagt, voller Leiden, voller
Qualen, das Elend überwiegt. (M54))
Buddha spricht aber auch an anderen Stellen des Palikanon von
den sinnlichen Begierden bzw. von der Keuschheit. In der
Digha Nikāya, der längere Sammlung seiner Reden [37],
spricht er über die Sittsamkeit. Buddha fragt die Mönche,
warum der gewöhnliche Mensch über Buddha solch ein
günstiges Urteil fällt. Dann zählt er die Gründe auf, warum der
gewöhnliche Mensch solch ein günstiges Urteil über ihn hat.
Als er auf die Unkeuschheit zu sprechen kommt, sagt er,
warum der gewöhnliche Mensch so positiv über Buddha denkt:
„Die Unkeuschheit hat er verworfen, keusch lebt er, der Asket
Gotamo: fern zieht er hin, entraten der Paarung, dem gemeinen
Gesetze.“ Dieselbe Aussagen wiederholt Buddha im Majjhima
Nikaya 27, in der mittleren Sammlung [38] Dort sagt Buddha
zum Brahmanen Janussoni über den Asketen: „Er ist nun Pilger
geworden und hat die Ordenspflichten der Mönche auf sich
genommen. Lebendiges umzubringen hat er verworfen,
Lebendiges umzubringen liegt ihm fern: ohne Stock, ohne
Schwert, fühlsam, voll Teilnahme, hegt er zu allen lebenden

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Wesen Liebe und Mitleid. Nichtgegebenes zu nehmen hat er
verworfen. Gegebenes nimmt er, Gegebenes wartet er ab, nicht
diebisch gesinnt, rein gewordenen Herzens. Die Unkeuschheit
hat er verworfen, keusch lebt er, fern zieht er hin, entraten der
Paarung, dem gemeinen Gesetze. Lüge hat er verworfen, von
Lüge hält er sich fern: die Wahrheit spricht er, der Wahrheit ist
er ergeben, standhaft, vertrauenswürdig, kein Heuchler und
Schmeichler der Welt...“
In der Majjhima Nikaja 38 [39] sagt Buddha zum Mönch Sati
über den Asketen (Mönch): „Die Unkeuschheit hat er
verworfen, keusch lebt er: fern zieht er hin, entraten der
Paarung, dem gemeinen Gesetze. Durch die Erfüllung dieser
heiligen Sinnenzügelung empfindet er ein inneres ungetrübtes
Glück. Er hat weltliche Begierde verworfen und verweilt
begierdelosen Gemütes, von Begierde läutert er sein Herz.“ In
der Anguttara Nikaya („Sammlung der Angliederungen“)
erzählt Buddha von den acht wunderbaren Eigenschaften, die
bei Ugga, einem Hausvater aus Vesali, der zum Mönch wurde,
anzutreffen sind. Zuvor hatte Buddha das Elend beleuchtet und
mit Ugga über die Hinfälligkeit und Unreinheit der Sinnenlüste
und den Segen der Entsagung gesprochen. Nachdem Ugga die
Belehrung von Buddha erhalten hatte, nahm er Zuflucht zum
Erleuchteten, zur Lehre und zur Mönchsgemeinde, und nahm
die Sittenregeln auf sich, mit der Keuschheit als fünftem
Gebot. [40]
Buddha lehnte nicht nur die übertriebenen Askese und dem
Streben nach Sinneslust ab und bezeichnete das Vermeiden
dieser Extreme als Mittelweg. Vielmehr lehnte er auch die
„Unendlichkeitslehre“ der Sarvastivadin und die
„Vernichtungslehre“ der Sautrantikas ab, die einerseits der
Seele eine dauerhafte Existenz einräumte und sie als Ausdruck
der höchsten Wirklichkeit (Gott) betrachtete und die

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andererseits wie die Vernichtungslehre davon ausging, dass das
Sein in einem unaufhörlichen Bewusstseinsstrom entsteht und
wieder vergeht, der mit dem Tode endet.
Buddha lehnte auch diese beiden Extreme ab und formulierte
einen Mittelweg. Dieser Mittelweg stellte den Menschen in den
Mittelpunkt und lehnt sich an die Philosophie der
Vernichtungslehre an. Er akzeptierte das permanente Entstehen
und Vergehen der körperlichen und geistigen Daseinszustände,
beschränkte sich aber auf das jetzige Leben. Genau so, wie
Buddha es ablehnte, einen philosophischen Streit über die
zeitliche und räumliche Endlichkeit bzw. Unendlichkeit des
Universums zu führen, weigerte er sich, Aussagen über die
Existenz bzw. Nichtexistenz der Seele zu formulieren. Ihm kam
es im wesentlichen auf die Befreiung des Leids im jetzigen
Leben an. Das war alles, was für Buddha zählte. Warum sollte
er sich also Gedanken über die Existenz einer Seele machen?
3. Die vier edlen Wahrheiten Top
Die Frage nach den Ursachen des Leids ist nicht leicht zu
beantworten. Wahrscheinlich kann nur jemand die Frage nach
den Ursachen des Leids beantworten, dem es gelungen ist, sich
von diesem Leid zu befreien. Buddha gehört zu den wenigen
Menschen, denen es gelungen ist, sich von diesem Leid zu
befreien. Deshalb stellte er nach seiner Erleuchtung in seiner
ersten Predigt die These von den vier edlen Wahrheiten auf, die
zur Grundlage des Buddhismus wurde. Diese vier edlen
Wahrheiten sind:

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● Alles Leben ist Leiden.

● Die Ursachen des Leides sind Begehren, Abneigung


(negatives Begehren) und Unwissenheit.

● Durch das Erlöschen der Ursachen erlöscht das Leid.

● Der edle achtfache Weg führt zur Aufhebung des


Leidens.
Der vierfache edle Weg ist also der Schlüssel zum Nirvana, zur
Erleuchtung, zur endgültigen Befreiung von allem Leid. Es
stellt sich nun die Frage, ob alles Leben wirklich leiden ist.
Wenn wir unser eigenes Leben und das Leben anderer
Menschen betrachten, dann müssen wir wohl zugeben, dass
diese Behauptung richtig ist. Aber das Leiden wird uns nicht in
die Wiege gelegt, sondern es entsteht im Laufe des Lebens,
weil der Mensch nicht mit der Natur bzw. mit den
Naturgesetzen in Einklang lebt. Wir werden also nicht
automatisch in ein leidvolles Leben hineingeboren, so wie es
manche Menschen behaupten, die an die Reinkarnation
glauben, sondern wir erwerben uns dieses Leid im Laufe
unseres (jetzigen) Lebens. Die erste der vier edlen Wahrheiten
heißt also: Alles Leben ist Leiden. Dazu sagte Buddha zu
seinen Jüngern:
• Geburt ist leidvoll
• Altern ist leidvoll
• Krankheit ist leidvoll
• Sterben ist leidvoll
• mit Unlieben vereint sein, ist leidvoll
• von Lieben getrennt sein, ist leidvoll
• wenn man etwas, das man sich wünscht, nicht erlangt,
ist das leidvoll

19
Buddha betrachtete dabei das Leid aus der Situation des
normalen Menschen, der die oben beschriebenen Situationen
als leidvoll erfährt. Der selbstverwirklichte Mensch erlebt
dieselben Situationen keineswegs als leidvoll. Was sind also
die Ursachen dafür, dass der normale Mensch solche
Situationen als leidvoll erlebt, während sie das Leben eines
selbstverwirklichten (erleuchteten) Menschen keineswegs
negativ beeinträchtigen? Dazu sagt Buddha zu seinen Jüngern
in der zweiten edlen Wahrheit:
Dies, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit von der
Entstehung des Leidens: Es ist der Durst (die Gier,
das Begehren), der alles wieder von vorne beginnen
lässt, der von Freude und Leidenschaft begleitet ist;
der Durst nach Sinnenlust, der Durst nach Werden,
der Durst nach Vergehen.

3.1 Der Durst nach Werden und Vergehen Top

Buddha sieht also in dem Durst nach Sinneslust bzw. in der


Gier, in dem Begehren, nach Sinneslust und in dem Durst nach
Werden und Vergehen, die Ursachen für unser Leid. Unter dem
Durst nach Werden, versteht man den Wunsch nach der
Wiedergeburt, nach der Reinkarnation. Viele Menschen hoffen
darauf, im nächsten Leben unter einem besseren Stern
wiedergeboren zu werden und somit ein angenehmeres Leben
zu führen. Dieser Wunsch ist unter esoterisch gesinnten
Menschen sehr häufig anzutreffen. In meinen Augen ist die
Hoffnung auf eine angenehmere Wiedergeburt, nichts als ein
Flucht vor der als unangenehm empfundenen jetzigen
Lebenssituation. Sie beruht auf Unwissenheit. Anstatt sich mit
den Ursachen seiner Unzufriedenheit, seinem Unglücklichsein,
auseinander zu setzen, hofft man auf ein glückliches Leben

20
nach der Wiedergeburt, wobei natürlich niemand weiß, ob es
diese Wiedergeburt jemals geben wird. Ausserdem sei darauf
hingewiesen, dass jede Wiedergeburt mit neuem Leid
verbunden ist. Niemand der auf die Wiedergeburt hofft, sollte
also davon ausgehen, in einen paradiesischen Zustand
hineingeboren zu werden. Schon allein deswegen ist die
Wiedergeburt nicht erstrebenswert. Was allein erstrebenswert
ist, ist die vollkommene Befreiung vom Leid im Hier und Jetzt.
Dies kommt auch in einem Auszug aus Wolfgang Schumann's
Karika (Reimvers) über die Wiedergeburt, das Wieder(da)sein,
sehr gut zum Ausdruck:

Wiedergeburt - Reinkarnation
Nur Leute, deren Einsicht klein,
erhoffen sich ein Wiedersein.

Die erste Wahrheit sagt: Das Leiden


kann kein Geborener vermeiden.
Des Buddha zweite Wahrheit sagt
warum ans Leid wir festgehakt.
Drei Kräfte sind's, die uns verführen
hier im Samsāra zu rotieren.

Gier, Haß und Wahn sind die Gewalten,


die uns ans Leid gefesselt halten.

Was wir mit guter Absicht wirken


führt uns zu höheren Bezirken.
Dagegen zieh'n Gier, Haß und Wahn
nach unten auf die Daseinsbahn.

21
Des Buddha Wahrheit Nummer drei
ist Folgerung aus Nummer zwei:
Gier, Haß und Wahn sind zu beenden,
um Wiederdasein abzuwenden.
Des Buddha vierte Wahrheit dann
gibt uns den Weg zur Freiheit an.

Es ist und bleibt ganz obligat


der edle achtgliedrige Pfad.
Erlösung schafft man nur alleine,
Abkürzungswege gibt es keine.
Ein Arahat* ist man geworden,
wenn Gier und Haß und Wahn erstorben.
*Arahat = Buddha, Erwachter

Quelle: http://theravada-buddhismus.de/txt_karikas.html

Unter dem Durst nach dem Vergehen versteht man die


Beendigung des immer wiederkehrenden Daseinskreislaufes.
Dieser Daseinskreislauf wird auch als Samsara bezeichnet. Das
Samsara ist also der Kreislauf der Wiedergeburten, der
Kreislauf des Werdens und Vergehens, des Sterbens und des
Wiedergeborenwerdens. Der Kreislauf der Wiedergeburten
wird im allgemeinen als leidvoll betrachtet. Darum kann der
Wunsch nach einer Reinkarnation, nach einer Wiedergeburt,
wie er von vielen Menschen gehegt wird, nicht unbedingt als
sinnvoll angesehen werden, da jede Wiedergeburt als leidvoll
angesehen werden kann. Außerdem sind die Vorstellungen von
der Wiedergeburt nichts als eine Theorie, für die es keinerlei
Beweise gibt und die in keinster Weise irgendwie dazu

22
beitragen, dass das momentane Leben in irgendeiner Form
glücklicher wird. Ist es aber nicht unser innigster Wunsch,
jeden Augenblick des Lebens auskosten zu können? Wird unser
Leben aber vom Leid bestimmt, dann sollten wir nach den
Gründen für dieses Leid suchen und unser Leben entsprechend
verändern. Dies allein ist die Gewähr dafür, dass man das
Leben nicht als leidvoll, sondern als lustvoll empfindet. Das
Leid wird nach den Vorstellungen Buddhas erst ein Ende
haben, wenn man den Durst nach der Sinneslust, sowie den
Durst nach Werden und Vergehen abgelegt hat, wenn Gier,
Hass und Wahn aus dem Leben verschwunden sind.

3.2 Der Durst nach Sinneslust Top

Buddha geht auch auf den Durst nach der Sinneslust ein. Was
ist unter dem Durst nach Sinneslust zu verstehen? Dazu sagt
Buddha: „Es gibt, ihr Mönche, sechs Typen von Durst: Durst
nach körperlichen Formen, Durst nach Tönen, Durst nach
Gerüchen, Durst nach Geschmack, Durst nach Tasten und den
Durst nach Vorstellungen. Dies, ihr Mönche, versteht man
unter Durst.“ Diese sechs Typen des Durstes sind mit den
Begierden der fünf Sinne identisch, Sehen, Hören, Riechen,
Schmecken und Fühlen, denen man den Geist (Verstand)
hinzufügt, der die emotionalen, intellektuellen, bewussten und
unbewussten Sinneseindrücke wahrnimmt, sie bewertet und
verarbeitet.

Unter dem Durst nach Formen versteht man den ästhetischen


Genuss aller Dinge, die wir mit dem Auge wahrnehmen.
Hierzu gehört in erster Linie die Begierde, sich an einem
schönen Körper zu erfreuen, wobei das erotische Empfinden
natürlich eine große Rolle spielt. Geht man durch die Straßen,

23
so sieht man immer wieder, wie sich die Männer nach
hübschen Frauen umschauen. Aber auch Frauen finden
natürlich an hübschen Männern gefallen. Es sind aber auch
viele andere Dinge, die unser Auge erfreut. Wandern wir durch
die Straßen, durch die Gärten und Parks oder bewegen wir uns
in freier Natur, so erfreuen wir uns an der Architektur, an dem
regen Treiben, welches auf den Straßen herrscht, am Blau des
Himmels, an der Schönheit der Bäume, der Blumen, am Grün
der Wiesen, an der Schönheit der Landschaften, die von
Bergen, Seen und Wäldern umgeben sind. Auch Kunstwerke
über einen starken Reiz auf uns aus. Geht man ins Kino, dann
vor allem deshalb, weil sich das Auge an der bunten Vielfalt
der Bilder berauscht. All dieses nehmen wir visuell wahr und
erfreuen uns daran. Daran ist eigentlich nichts Verwerfliches.
Zum Problem wird es erst, wenn der visuelle Durst zur
Abhängigkeit führt. Ein Beispiel hierfür ist die Sucht nach
erotischen Bildern oder Filmen.

Auch der Durst nach Tönen ist im allgemeinen sehr stark


ausgeprägt. An vielen Stundes des Tages sind wir von Musik
umgeben. Musik kann natürlich etwas sehr Angenehmes sein.
Sie kann unser Leben bereichern, sie kann uns in eine andere
Welt davontragen, in der wir uns glücklich und zufrieden
fühlen, in der wir die Sorgen des Alltags vergessen und in der
wir genussvoll den Klängen der Musik lauschen. Musik kann
uns zum Tanzen, Träumen und zum Mitsingen anregen. Musik
kann aber auch eine Ersatzbefriedigung sein. Ich glaube, dass
Menschen, die wirklich in sich ruhen, einen tiefen inneren
Frieden in sich verspüren. Mir scheint, für sie ist die Stille die
schönste Musik. Sie sind so mit sich im Einklang, dass sie
keiner äußeren Geräuschkulisse bedürfen, um glücklich zu
sein. Da die meisten Menschen diesen inneren Frieden

24
alledings verloren haben, entspricht die äußere Geräuschkulisse
in etwa ihrer inneren Unruhe.

Der Durst nach Gerüchen scheint beim Menschen nicht so


stark ausgeprägt zu sein. Der Mensch ist zwar in der Lage,
zwischen Tausenden von verschiedenen Gerüchen zu
unterscheiden, aber er hat Schwierigkeiten, diese Gerüche im
einzelnen zu benennen. Bestimmte Gerüche können ganz
bestimmte Emotionen hervorrufen. In der Tierwelt haben
Gerüche eine sehr viel größere Bedeutung als beim Menschen.
Der Geruch ist eng an das unbewusste vegetative
Nervensystem gekoppelt, dass alle Funktionen des Organismus
steuert und dadurch unser Fühlen und Handeln beeinflusst.

Zum Durst nach Geschmack lässt sich natürlich eine ganze


Menge sagen. Wir leben mittlerweile in einer Gesellschaft, in
der das Übergewicht zur Normalität geworden ist.
Übergewicht, Bewegungsmangel und ein gestörtes
Essverhalten gehen dabei Hand in Hand. Das übermäßige
Essen kann dabei vielfach als eine Ersatzbefriedigung für eine
geringe Zuwendung oder für ein erlittenes oder empfundenes
Unrecht betrachtet werden. Man stopft gewissermaßen seinen
Kummer in sich hinein. Hierbei spielt auch die Einnahme von
zuckerhaltigen Lebens- und Genussmitteln eine große Rolle.
Der Genuss des ungesunden Zuckers kann als eine seelische
Streicheleinheit verstanden werden, die als Ersatz für die
erfahrene Lieblosigkeit, Rücksichtslosigkeit oder emotionale
Verletzung, die man erfahren hat, dienen kann. Das übermäßige
Essen soll aber auch das Unglücklichsein, welches man
tagtäglich verspürt, kompensieren. Anstatt sich mit den
Ursachen dieses Unglücklichseins auseinander zu setzen,
verschafft man sich durch das Essen einen der wenigen

25
glücklichen Momente, in dem man seinen Kummer für ein
Weilchen vergisst. An die Folgen solch einer ungesunden
Ernährung wird dabei oft nicht gedacht. Im Vordergrung steht
die orale Sinneslust, die aus einer allgemeinen Unzufriedenheit
heraus geboren wird.

Unter dem Durst nach Tasten versteht man die körperliche


Berührung eines anderen Menschen. Diese liebevolle
Berührung ist eine wichtige soziale und emotionale
Komponente im Leben der Menschen. Sie beginnt mit der
liebevollen Fürsorge und Aufmerksamkeit, mit der Eltern
ihrem Kind begegnen. Hat das Kind das Gefühl, von den Eltern
geliebt zu werden, dann kann es gesund aufwachsen. Es kann
zu einer starken und selbstbewussten Persönlichkeit
heranreifen. Fehlt allerdings das Gefühl der Geborgenheit, der
liebenvollen Zuwendung für das Kind, dann entwickelt das
Kind meist irgendwelche Eigenheiten, um auf seine
emotionalen Bedürfnisse aufmerksam zu machen. Jedes Kind
hat es gerne, wenn es auf den Arm genommen wird, wenn es
von den Eltern liebkost und gestreichelt wird, wenn es von der
Mutter an die Brust gelegt wird und die Wärme und
Geborgenheit der Mutter spürt. Erfährt das Kind diese
liebevolle körperliche Zuwendung nicht, dann kann es nicht
gesund aufwachsen. Es hat das Gefühl, nicht geliebt zu werden.
Solche Erfahrungen hinterlassen beim Kind oft eine tiefe
Traurigkeit, die später in einer depressiven Lebenseinstellung
zum Ausdruck kommen kann.

Der Durst nach Tasten drückt sich beim Erwachsenen neben


einer natürlichen Neugier und einem natürlichen Interesse am
anderen (gleichem) Geschlecht, auch im erotischen Begehren
aus. In erster Linie sehe ich eine sexuelle Abhängigkeit als

26
Ursache für dieses erotische Begehren, die sich bei den meisten
Männern durch ihren Umgang mit ihrer eigenen Sexualität
herausbildet. Welches Verhältnis Männer im Allgemeinen zu
ihrer Sexualität haben, kommt durch die Worte Swami
Chidanandas sehr gut zum Ausdruck:

„Der einzige Vorgang, den die meisten Menschen


mit Zielstrebigkeit ausführen, nach dem sie großes
Verlangen haben, den sie wollen, an den sie
denken, den sie planen und hinter dem sie her sind,
ist die sexuelle Befriedigung. Was bedeutet, daß
dies ein Vorgang ist, der ihr gesamtes Bewußtsein,
ihren ganzen Geist und ihre volle Aufmerksamkeit
auf das Körperliche, auf ihre physische Identität
lenkt. Einerseits ist der Geschlechtsakt der Gipfel
der Körperlichkeit oder Animalität. Es ist ein
Prozeß, der notgedrungen die gesamte
Aufmerksamkeit auf das Körperliche und noch
mehr die volle Konzentration des Wünschens und
Strebens auf den Teil der physischen Natur lenkt,
den der Mensch mit dem gesamten Tierreich teilt.
Wird dies irgendwie dazu beitragen, kosmisches
Bewußtsein zu erlangen?

Da ist also ein Mensch, die Krone und erhabener


Ausdruck der Schöpfung Gottes, allen anderen
Lebewesen weit überlegen, der sich zur
grobstofflichen, physischen, materiellen und
animalischen Ebene herabläßt und sich ihr völlig
hingibt: Er sucht es, er will es, er bemüht sich
darum, er tut alles, um es zu bekommen, er läßt
sich darin gehen, und er will, daß es immer

27
verfügbar ist. Das heißt, der Mensch bindet sich mit
voller Absicht an eine Ebene des physischen
Bewußtseins.

Wenn du ein spirituell Suchender bist, kannst du


denn nicht erkennen, daß du dir selbst im Wege
stehst? Du mußt das Bewußtsein aus den niederen
Ebenen befreien und fortwährend zu immer
höheren und höheren Ebenen feinerer und immer
subtilerer Zustände erheben. Denn wenn der
gesamte spirituelle Prozeß von Erleuchtung und
Erkenntnis ein Prozeß des sich Erhebens zu einem
höheren Bewußtseinszustand ist, impliziert das
automatisch, daß man sich aus einem niederen
Bewußtseinszustand befreit. Wenn du nach Norden
gehen willst, bewegst du dich automatisch vom
Süden weg. Und eines der Dinge, die dabei helfen,
sich aus der Gefangenschaft auf dieser physischen
Ebene zu befreien, ist Enthaltsamkeit. Das
kosmische Bewußtsein, das absolute Bewußtsein,
ist Lichtjahre entfernt, wenn man nicht die
Notwendigkeit erkennt, sich von der absoluten
Identifikation mit dem Körper zu befreien.[10]

Zum Schluss der Betrachtung des Durstes nach Sinneslust soll


über den Durst nach Vorstellungen gesprochen werden. Der
Durst nach Vorstellungen kann viele Gesichter haben. Schauen
wir uns einmal an, wie oft uns erotische Phantasien durch den
Kopf gehen. Wie vielfältig sind unsere erotischen Phantasien?
Es fallen einem ständig neue erotische Phantasien ein, die man
gerne erleben würde. Die erotischen Wünsche sind schier
grenzenlos. Unser Denken kreist pausenlos um alle möglichen

28
erotischen Phantasien und hält uns dadurch davon ab, unser
Leben spirituell auszurichten. Dasselbe gilt für all die Dinge,
die wir eines Tages gerne besitzen würden, all den Reichtum,
mit dem wir uns gerne umgeben würden. Dabei vergessen viele
Menschen, dass all dieser Reichtum nicht wirklich glücklich
macht. Ich möchte nicht ableugnen, dass ein gewisser
Reichtum, mit dem man verantwortungsvoll umgeht, den
Menschen ein gewisses Gefühl der Sicherheit vermitteln kann.
Dafür habe ich durchaus Verständnis. Dabei setze ich allerdings
voraus, dass man verantwortungsvoll mit diesem Reichtum
umgeht. Wie schnell diese Sicherheit allerdings verfliegen
kann, hat die Finanzkrise im September/Oktober 2008 gezeigt,
als die Börsenkurse an der Wallstreet innerhalb weniger
Wochen abstürzten und viele Kapitalanleger ihr gesammtes
Geld verloren. Viele Menschen aber können nicht genug
bekommen. Sie häufen immer und immer mehr Reichtum an
und sie gehen derart verschwenderisch und verantwortungslos
mit ihrem Reichtum um, dass man sich wundert, dass sie dabei
kein schlechtes Gewissen haben.

Der Durst nach Vorstellungen kommt auch in unseren


negativen Emotionen zum Ausdruck. Wir alle haben in
unserem Leben negative und verletzende Erfahrungen machen
müssen, die unser Verhältnis und unseren Umgang mit den
Mitmenschen geprägt haben. Diese Erfahrungen können so
traumatisch gewesen sein, dass sich in uns Angst, Wut,
Traurigkeit oder andere negative Emotionen angestaut haben,
die in allen unseren Entscheidungen, die wir treffen, mit
einfliessen. Diese negativen Erfahrungen können sich gegen
einzelne Menschen, gegen einem bestimmten Personenkreis
oder gegen alle Menschen richten. Diese traumatischen
Erfahrungen bilden oft die Grundlage für die Wut, die Angst

29
und die Traurigkeit, die sich tief und fest in uns eingenistet hat.
Wie oft wird man von dieser Wut dominiert und verschwendet
seine Zeit damit, sich in seiner Vorstellung all das auszumalen,
was man dem oder den betreffenden Menschen gerne antun
würde, um sich für das empfundene Unrecht zu rächen.

Es gibt sicherlich noch andere Formen des Durstes nach


Vorstellungen, aber die angeführten Beispiele sollen erst
einmal genügen.

4. Der edle achtfache Pfad Top

In der dritten edlen Wahrheit sagt Buddha: „Durch das


Erlöschen der Ursachen erlöscht das Leid.“ Wie aber beseitigt
man die Ursachen des Leids? Dazu sagt Buddha in der vierten
edlen Wahrheit: „Der edle achtfache Weg führt zur Aufhebung
des Leidens.“ Dies ist eine Aussage, die auf Anhieb vielleicht
nicht in ihrer Tiefe erkannt wird, denn hinter dieser Aussage
verbirgt sich eine Philosophie, die alle Bereiche des
menschlichen Lebens umfasst. Wie sieht dieser edle achtfache
Pfad aus? Hierzu sagt Buddha: „Dies, ihr Mönche, ist die edle
Wahrheit, der zur Aufhebung des Leidens führenden Weg:“

• rechte Erkenntnis
• rechte Gesinnung
• rechte Rede
• rechte Tat
• rechter Lebenserwerb
• rechte Anstrengung
• rechte Achtsamkeit
• rechte Sammlung
Buddha geht auch auf den edlen achtfachen Pfades ein und

30
erläutert, was er im einzelnen darunter versteht:
• „Was aber, ihr Mönche, ist rechte Erkenntnis? Es ist das
Erkennen des Leidens, der Leidensentstehung, der
Leidenserlöschung und des zur Leidenserlöschung
führenden edlen achtfachen Pfades.”
• „Was aber, ihr Mönche, ist rechte Gesinnung? Es ist
eine Gesinnung frei von Sinnenlust, Haß und
Grausamkeit.”
• „Was aber, ihr Mönche, ist rechte Rede? Vermeidung
von Lüge, Hinterbringung, roher Rede und törichtem
Plappern.”
• „Was aber, ihr Mönche, ist rechte Tat? Vermeidung von
Töten (Verletzen) lebender Wesen, Stehlen und
sexueller Ausschweifungen.”
• „Was aber, ihr Mönche, ist rechter Lebenserwerb? Daß
da der edle Jünger einen verkehrten Lebenserwerb
vermeidend sich auf eine rechte Weise seinen
Lebensunterhalt verdient.”
• „Was aber, ihr Mönche, ist rechte Anstrengung? Da
erweckt der Mönch in sich den Willen, unaufgestiegene
üble, unheilsame Dinge nicht aufsteigen zu lassen,
aufgestiegene üble, unheilsame Dinge zu überwinden,
unaufgestiegene heilsame Dinge zu erwecken,
aufgestiegene heilsame Dinge festzuhalten und nicht
schwinden zu lassen, sondern zum Wachsen und
Gedeihen und zur vollen Entfaltung zu bringen. Und er
müht sich ab, bietet alle Willenskraft auf, treibt seinen
Geist an und kämpft.”
• „Was aber, ihr Mönche, ist rechte Achtsamkeit? Da
verweilt der Mönch in Betrachtung des Körperlichen,

31
der Gefühle, des Bewußtseins, der Geistobjekte, eifrig,
klarbewußt, achtsam, weltliche Begierde und Kummer
verwerfend.”
• „Was aber, ihr Mönche, ist rechte Sammlung? Da tritt
der Mönch, den Wunschobjekten entrückt, losgelöst von
den unheilsamen Dingen in die erste Vertiefung ein, in
die zweite Vertiefung, die dritte Vertiefung und
schließlich in die vierte Vertiefung.”

4.1 Rechte Erkenntnis Top

Buddha: „Was aber, ihr Mönche, ist rechte Erkenntnis? Es ist


das Erkennen des Leidens, der Leidensentstehung, der
Leidenserlöschung und des zur Leidenserlöschung führenden
edlen achtfachen Pfades.”

Die rechte Erkenntnis ist mit den vier edlen Wahrheiten


identisch. Die vier edlen Wahrheiten beinhalten das Erkennen
des Leidens, der Leidensentstehung, der Leidens(v)erlöschung
und des zur Leidenserlöschung führenden edlen achtfachen
Pfades. Nun sollen die übrigen sieben Glieder des edlen
achtfachen Pfades einmal genauer betrachtet werden: rechte
Gesinnung, rechte Rede, rechtes Tat, rechter Lebenserwerb,
rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit und rechte Sammlung.

4.2 Rechte Gesinnung Top

Buddha: „Was aber, ihr Mönche, ist rechte Gesinnung? Es ist


eine Gesinnung frei von Sinnenlust, Haß und Grausamkeit.”

Rechte Gesinnung bedeutet: Keine Begehrlichkeiten, keine


Sinneslust und keine Leidenschaften mehr in sich zu erzeugen,

32
keinen Hass mehr zu hegen und kein Leid zu verursachen. Es
ist eine Gesinnung frei von Sinnenlust, Hass und Grausamkeit.
Rechte Gesinnung bedeutet, allen Lebewesen gegenüber
Wohlwollen zu praktizieren. Es geht darum, die eigenen
Gedanken ständig zu prüfen. Handelt es sich um einen
heilsamen Gedanken, also einen Gedanken, der mir und
anderen Freude bereitet, oder um einen unheilsamen
Gedanken, der mir und anderen Leid beschert. Gegenüber allen
anderen Lebewesen ist Wohlwollen und Respekt zu
praktizieren. Rechte Gesinnung bedeutet, gute Gedanken zu
fördern und schlechte zu vermeiden.

Diesen Zustand erreicht man normalerweise nach einem


längeren spirituellen Leben. Im Laufe der spirituellen
Entwicklung nimmt zunächst die Sinneslust, später nehmen
aber auch Wut, Trauer, Hass, Angst und psychosomatische
Erkrankungen immer weiter ab. Zuerst klingt allmählich die
sexuelle Begierde ab und verschwindet am Ende ganz. Dies
empfindet man, wenn man zuvor sehr von ihr bedrängt wurde,
als eine große Erleichterung. Nun verändert sich der Fokus des
Lebens. Die Gedanken kreisen nicht mehr um alle möglichen
erotischen Fantasien, sondern sie können sich anderen Dingen
zuwenden.

Das Auflösen der negativen Emotionen (Wut, Trauer, Hass,


Angst, usw.), geschieht am Ende des spirituellen Weges. Diese
Emotionen konzentrieren sich gewissermaßen im
Nabelzentrum. Das Nabelzentrum wird im japanischen Zen als
Hara und im chinesischen Qi Gong als Dan Tien (Tan Tien)
bezeichnet. Sie werden als Hauptenergiezentrum betrachtet. Im
Nabelzentrum drücken sich unsere Emotionen aus. Wut Trauer,
Hass und Angst machen sich besonders im Nabelzentrum

33
bemerkbar. Erschrecken wir uns, dann zucken wir zusammen,
legen die Hände schützend auf den Bauch und bekommen
Magenschmerzen. Wird die Angst chronisch, dann stellen sich
permanente Magenschmerzen ein. Der Bauch ist das Zentrum
der Kraft, das Zentrum unserer Energie. Ist er gesund, dann
verspürt man einen sehr angenehmen und intensiven
Energiestrom aus dem Nabelzentrum. Doch außerhalb des
asiatischen Raums wird kaum eine andere Körperregion so
lieblos betrachtet wie das Nabelzentrum.

Bei der Auflösung von negativen Emotionen ist die Meditation


sehr behilflich. Erreicht man tiefere meditative Zustände, dann
beginnen die Energien im Körper zu fließen. Erreicht man
tranceähnliche Zustände, dass spürt man, dass sehr angehme
Energieströme beginnen, sich vom Nabelzentrum ausgehend,
im ganzen Körper ausbreiten. Sind diese Energieströme stark
genug, dann haben sie die Kraft, die Energieblockaden, die
vermutlich nichts anderes sind, als jahrzehntelang verdrängte
Hass- und Trauergefühle, langsam und allmählich aufzulösen.

Wenn man einen spirituellen Weg beschreitet, dann sollte man


sich darüber im Klaren sein, dass dies ein Weg ist, der das
ganze zukünftige Leben bestimmt. Man sollte erkennen, dass
man in der Regel viele Jahre bzw. Jahrzehnte ein Leben geführt
hat, welches gegen die Naturgesetze verstieß, auch wenn einem
dies nicht bewusst war. War das Leben z.B. Jahrzehnte lang auf
die Sexualität fixiert, dann kann man die sexuelle Abhängigkeit
nicht von heute auf morgen auflösen. Meist braucht man viele
Jahre, um sich von dieser Abhängigkeit zu befreien. Hat
jemand nicht die Geduld und Ausdauer, diese Veränderungen
abzuwarten, dann wird er irgendwann resigniert seinen
spirituellen Weg beenden. Ebenso ist es mit einem ungesunden

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Essverhalten. Hat man viele Jahre lang seinen Kummer in sich
hineingestopft, dann ist es ein langer und schwerer Weg, dieses
Essverhalten zu verändern. Dieses gilt eigentlich für alle
Abhängigkeiten. So besteht die Abhängigkeit von harten
Drogen im Durchschnitt 15 Jahre, bis der Drogenabhängige,
wenn er nicht zuvor gestorben ist, die Kraft gefunden hat, sich
von seiner Drogensucht zu befreien. Leider wird die
Drogensucht allzuoft nur durch eine Ersatzdroge, wie
Methadon, Alkohol- oder Tabletten ersetzt.

4.3 Rechte Rede Top

Buddha: „Was aber, ihr Mönche, ist rechte Rede? Vermeidung


von Lüge, Hinterbringung, roher Rede und törichtem
Plappern.”

Die rechte Rede zu beherrschen, ist eine Kunst für sich. Die
rechte Rede beginnt im Grunde genommen bereits mit dem
rechten Zuhören. Sehr vielen Menschen fällt es schwer,
anderen zuzuhören. Es ruft bei ihnen sehr oft Emotionen
hervor, die sie nicht kontrollieren können und deshalb
reagieren sie oft sehr emotinal auf das Gesagte. Um sich diesen
ungeliebten Emotionen zu entziehen, verfallen einige in einen
unentwegten Redefluss. Mir ist dies in letzter Zeit besonders
oft aufgefallen, wenn ich mich mit Menschen über kontroverse
Themen unterhielt. Mir ist aufgefallen, dass offensichtlich viele
Menschen dazu neigen, in einen permanenten Redeschwall zu
verfallen, um den anderen daran zu hindern, etwas zu sagen,
was sie verletzen könnte, obwohl es überhaupt nicht die
Absicht des Gegenüber ist. So hält man den anderen davon ab,
Dinge zu sagen, die einem nicht behagen. Dies ist eine Form
des Selbstschutzes, die allerdings nicht von großem Mut

35
gekennzeichnet ist. Viele Menschen verschließen sich sehr
schnell, wenn sie merken, dass Dinge angesprochen werden,
die ihnen unangenehm sind. Oft stellt man sich nicht die Frage,
warum dieses Unbehagen, diese Wut, überhaupt entsteht,
sondern man schleudert sie in seiner Erregung einfach dem
anderen entgegen.

Zur rechten Rede gehört darum unbedingt das Bemühen, dem


Anderen mit Freundlichkeit und Höflichkeit zu begegnen und
alles zu vermeiden, was ihn verletzen könnte. Dies erfordert in
einer Diskussion, in der es um persönliche Emotionen geht, ein
gutes Einfühlungsvermögen. Man sollte es unter allen
Umständen vermeiden, in seiner Wut Dinge zu sagen, die den
anderen verletzen und die man hinterher bereut. Bemerkt man,
dass man wütend ist, dann ist es besser, zu schweigen und
eventuell seines Weges zu gehen, als seiner Wut freien Lauf zu
lassen. Zur rechten Rede gehört natürlich auch, dass man keine
Unwahrheiten verbreitet und dass man nicht schlecht über
Andere redet. Zur rechten Rede gehört, dass man dem anderen
zuhört, dass man ihn ausreden lässt und dass man selber
freundlich und höflich bleibt, wenn man sich mit ihm unterhält.
Gelingt einem dies nicht, dann sollte man sich Gedanken
machen, warum einem dies schwer fällt. Rechte Rede
beinhaltet auch, dass man sich nicht in obszöner oder
abwertender Weise gegenüber anderen Menschen oder
gegenüber dem anderen Geschlecht äußert.

4.4 Rechte Tat Top

Buddha: „Was aber, ihr Mönche, ist rechte Tat? Vermeidung


von Töten lebender Wesen, Stehlen und Ehebrechen.”

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Unter der rechten Tat versteht Buddha das Vermeiden des
Tötens, des Stehlens und das Vermeiden des Ehebruchs. Die
rechte Tat spricht zwar von der Vermeidung des Tötens, aber
im Grunde genommen sollte nicht nur das Töten vermieden
werden, sondern jegliches Verletzen anderer Personen. Diese
Tugend hat im Jainismus einen besonders hohen Stellenwert.
Die Gewaltlosigkeit gilt als oberstes Prinzip im Jainismus. Die
Jains befolgen dieses Gebot konsequent. Manche tragen sogar
einen Mundschutz, um die kleinsten Lebewesen (Fliegen,
Mücken, etc.) nicht zufällig zu töten (einzuatmen). Andere
fegen die Strasse sauber, bevor sie darüber laufen. Sie essen
weder Kartoffeln, Zwiebeln, Erdnüsse oder Knoblauch, aus
Angst, dass sie die daran haftenden Lebewesen töten könnten.
Da die Jains alles Leben achten, sind sie Vegetarier und einige
auch Veganer. Lebensmittel wie Milch, Butter, Käse und
Honig, sind nicht erlaubt, da sie Tieren schaden. Im Janismus
ist es den Anhängern auch verboten Alkohol zu trinken und zu
rauchen. Auch bei der Kleidung müssen sich Jains
einschränken und auf Leder, Seide oder Pelze verzichten.
Kurzum, alle Dinge des täglichen Lebens, bei denen Tiere zu
Schaden kommen können, sind im Jainismus nicht erlaubt.
Diese strikte Lebensweise hat auch Auswirkungen auf die
Berufswahl der Jains. Da Berufe, in denen Menschen oder
Tiere getötet werden können für einen Jain Tabu sind, arbeiten
sie meist im Dienstleistungssektor, in der Verwaltung, im EDV-
Bereich oder in kaufmännischen Berufen. Ackerbau ist den
Jains verboten, weil sie beim Aufreißen der Erde Insekten und
Würmer töten könnten. Deswegen wurden sie Handelsleute
und dadurch oft sehr reich.

Viele Jains gehen nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr ins
Freie, weil sie unbeabsichtigt auf ein Insekt treten könnten.

37
Strenge Jain filtern sogar ihr Trinkwasser, um
Kleinstlebewesen nicht zu verschlucken. Bei all diesen
Bemühungen um das Leben scheint es daher nicht erstaunlich,
dass es in Delhi ein Vogelkrankenhaus gibt, welches von Jains
ins Leben gerufen wurde. Im Jainismus wird auch das
Brahmacharya praktiziert, welches allerdings von den Laien
und Mönchen unterschiedlich praktiziert wird [1] Ich möchte
damit nicht sagen, dass nun alle Menschen wie Jains leben
sollten, aber mich hat diese Lebenseinstellung doch sehr
beeindruckt.

Obwohl der Buddhismus das Töten lebender Wesen als eine


Sünde betrachtet, betrachtet Buddha den Fleischgenuss nicht
unter allen Umständen als eine unmoralische Handlung. Mit
dieser Entscheidung dürften manche Vegetarier oder Veganer
so ihre Probleme haben. (Veganer lehnen den Konsum
tierischer Produkte generell ab. Sie verzichten daher neben
dem Fleisch auch auf Eier, Milch, Käse, Honig, Gelantine und
andere tierische Produkte, wie etwa Leder, Seide und Pelze.)

Im Buddhismus ist der Fleischgenuss aus drei Gründen


verboten und zwar dann, wenn man 1. gesehen hat, dass ein
Tier für einen persönlich getötet wurde, wenn man 2. davon
gehört hat oder wenn man 3. vermutet, dass das Tier für einen
persönlich getötet wurde. Sollte man also gesehen haben,
gehört haben oder vermuten, dass das Tier für einen persönlich
getötet wurde, das Fleisch aber trotzdem essen, so würde man
damit das Töten des Tieres tolerieren und den Tiermörder in
seinem Handeln bestätigen. Dass Buddha selber auch bisweilen
Fleisch gegessen hat, geht eindeutig aus einigen Stellen des
Palikanons, der Sammlung, in der die Dialoge und Lehrreden
Buddhas aufgezeichnet sind, hervor. Im Korb der

38
Ordensregeln, die Buddha für die Mönche zusammenstellte,
wird berichtet, daß Buddha den Vorschlag Devadattas, den
Mönchen den Fleischgenuß zu verbieten, scharf zurückwies. Er
verbot den Mönchen allerdings den Fleichgenuß von zehn
Fleischarten und zwar des Fleisches von Menschen, Elefanten,
Pferden, Hunden, Leoparden, Löwen, Tigern, Hyänen, Bären
und Schlangen. Allen buddhistischen Novizen und Mönchen ist
es übrigens nach den Sittenregeln untersagt, nach 12 Uhr
mittags noch etwas zu essen.

Ich finde, im Punkt des Tötens der Tiere war Buddha nicht
besonders konsequent. Entweder betrachtet man das Töten der
Tiere generell als verwerflich oder man akzeptiert es. Mir
scheint, in diesem Punkt war das Christentum konsequenter,
denn die ersten Christen waren offensichtlich Vegetarier. So
wird von den apocryphen Schriften gesagt (die apocryphen
Schriften sind die Texte, die keine Aufnahme in die Bibel
fanden), dass Jesus und seine Jünger Vegetarier waren. So
berichtet der Religionswissenschaftler Carl Anders Skriver in
seinem Buch „Die Lebensweise Jesus und der ersten Christen“,
dass Petrus, einer der bekanntesten Jünger Jesus in den
„Clemetinischen Homilien (Predigten)“ um 220 nach Christus
erklärte, dass er sich nur von Brot und Oliven ernähre, dem er
gelegentlich Gemüse hinzufüge. Ähnliches wird von den
Jüngern Matthäus und Matthias berichtet. Der Kirchenvater
Clemens von Alexandrien schrieb im 3. Jahrhundert über
Matthäus, dass dieser, ebenso wie der Jünger Matthias, der
nach dem Tod von Judas in den Kreis der zwölf Jünger hinein
gewählt wurde, „von Pflanzenspeisen lebte und kein Fleisch
berührte“. Der Religionswissenschaftler Skriver ergänzt, dass
nach dem Zeugnis der Schriftsteller des 2. Jahrhunderts auch
die Apostel Andreas, Philippus und Thomas sowie die

39
Evangelisten Markus und Lukas Vegetarier waren.

Das Vermeiden des Diebstahl versteht sich eigentlich von


selbst. Jeder, der einmal bestohlen wurde, auch wenn es nur
eine Kleinigkeit war, weiß wie verletzend so etwas sein kann.
Und trotzdem haben wohl die meisten bereits einen Diebstahl
begangen. Meistens geschah es in der Kindheit und Jugend.
Wird man erwachsen, dann lässt man meist davon ab. Begeht
jemand im Erwachsenenalter immer noch Diebstähle, ich
meine jetzt nicht aus einer Not heraus, dann sollte das zu
denken geben.

Das Vermeiden des Ehebruchs ist ein hohes ethisches Ziel.


Viele Menschen haben schon erlebt, wie verletzend es sein
kann, wenn man von seinem/seiner Freund/in oder von seinem/
seiner Ehepartner/in betrogen wird. Schon manche Ehe ist am
Ehebruch gescheitert. Die Sexualität übt einen starken Reiz auf
uns aus und lässt alle möglichen erotischen Fantasien
aufsteigen. Mir scheint, Männer unterliegen diesen
Versuchungen leichter als Frauen. Aus diesem Wunsch heraus
hat sich einerseits die Prostitution und andererseits die
Pornografie entwickelt, die sich überwiegend an die Männer
richtet. Zehn bis fünfzehn Milliarden Dollar gibt Amerika jedes
Jahr für Pornografie aus. Dies ist mehr, als für Kinokarten,
Schallplatten oder Videospiele, mehr, als für die
Nationalsportarten Football, Baseball und Basketball
zusammen ausgegeben wird. Und bei durchschnittlichen
Produktionskosten von 50.000 Dollar pro Film, fallen bei
250.000 Dollar Umsatz Gewinnspannen an, für die man in
Hollywood in die Chefetage befördert würde. Die weiterhin
rasante Entwicklung der neuen Medien verspricht eine goldene
Pornozukunft. Branchenkenner rechnen nach den Einführungen

40
von Breitbandkabel, Internet II und Video-On-Demand mit bis
zu zehnfachen Profitsteigerungen. Das wäre dann ein
Branchenumsatz mit zwölf Nullen. Durchaus realisitisch, denn
für die neue Medienlandschaft ist die Pornoindustrie der ideale
Content Provider.

Welche Blüten die Prostitution mittlerweile trägt, kann man


daran erkennen, dass Zwangsprostitution, drogenbedingte
Prostitution, Menschenhandel und Kinderprostitution fast zum
Alltag in unserer Gesellschaft geworden sind. Auch die
Pornographie geht dank der neuen Medien goldenen Zeiten
entgegen. Daran in etwa kann man erkennen, welchen
Stellenwert die Sexualität in unserer Gesellschaft einnimmt. Im
Koran heißt es in Sure 24, Vers 2, dass die Ehebrecherin und
der Ehebrecher mit je 100 Peitschenhieben bestraft werden
müssen. In einigen islamischen Staaten, in denen die Scharia,
das islamische Rechtswesen angewandt wird, drohen
Ehebrechern teilweise drakonische Strafen (z.B. im Sudan, in
Jemen und in Mauretanien). Danach wird bei Ehebruch, egal
ob bei Mann oder Frau, die Todesstrafe durch Steinigung
vollstreckt. Dieses Denken sollten wir uns natürlich nicht zum
Vorbild machen, aber es zeigt, wie unterschiedlich der
Ehebruch in verschiedenen Kulturen bewertet wird. In der
einen Kultur wird es fast als Kavaliersdelikt betrachtet, in einer
anderen Kultur mit stengen Strafen geahndet. Ich weiß, wie
verlockend das Fremde sein kann. Diese Verlockungen
entstehen aber nur dadurch, dass sich die Gedanken unentwegt
in erotischen Fantasien verlieren. Der Brahmachari aber sollte
sich auf die Keuschheit und seinen spirituellen Fortschritt
besinnen und alle erotischen Gedanken unmittelbar
verscheuchen. Nur dann wird er seine Ruhe davor haben.

41
4.5 Rechter Lebenserwerb Top

Buddha: „Was aber, ihr Mönche, ist rechter Lebenserwerb?


Daß da der edle Jünger einen verkehrten Lebenserwerb
vermeidend sich auf eine rechte Weise seinen Lebensunterhalt
verdient.”

Auf den rechten Lebenserwerb legte Buddha großen Wert. Es


geht dabei um die Art und Weise, wie man seinen
Lebensunterhalt verdient. Unter dem rechten Lebenserwerb
versteht man, einen Beruf auszuüben, der mit den ethischen
Vorstellungen eines spirituellen Menschen vereinbar ist. Ein
spiritueller Mensch sollte nach Buddhas Vorstellungen, keinen
Beruf ausüben, bei dem einem anderen Lebewesen Leid
zugefügt wird oder bei dem es womöglich sogar getötet wird.
In der Anguttara Nikaya 5,177 beschreibt Buddha fünf
verwerfliche Berufe: “Fünf Arten des Handels, ihr Mönche,
sollte der Laienjünger nicht ausüben. Welche fünf?

1. den Handel mit Waffen


2. den Handel mit Lebewesen
3. den Handel mit Fleisch
4. den Handel mit Rauschmitteln
5. den Handel mit Giften
„Diese fünf Arten des Handels, ihr Mönche, sollte der Jünger
nicht ausüben.” Der Handel mit Fleisch schließt auch die
Tierzucht, das Schlachten und den Verkauf der Tiere mit ein.
Zu den Rauschmitteln zählt neben den Drogen auch der
Alkohol. Buddha hielt den Beruf des Schlachters, Jägers,
Vogelfängers, Fallenstellers, Fischers, Soldaten, Henkers,
Kerkermeisters, Waffenhändlers, des Drogen- und Tierhändlers
mit der rechten Lebensführung für unvereinbar. Jemand, der

42
dem Achtfachen Pfad folgt, solte also nicht im militärischen
Bereich, auf einem Schlachthof, im Spirituosengeschäft, in
einer Fabrik, in der Pflanzenschutzmittel, Insektizide,
Rodentizide (Rattengifte) oder Kampfstoffe hergestellt werden
arbeiten. Er sollte ebenfalls nicht in einem Industriebetrieb
arbeiten, der den Umweltschutz vernachlässigt, wodurch
wildlebende Pflanzen und Tiere gefährdet werden. Weiter sollte
er in keinem Spielsalon oder in einem Bordell arbeiten. Das
Jagen und Fischen sollte er ebenfalls unterlassen. Kurz gesagt,
ein Buddhist sollte keine Arbeit verrichten, die anderen
Lebewesen oder der Umwelt schadet.

Der Lebenserwerb findet im Rahmen der Gesellschaft statt. Sie


schafft die Normen unter der dieser Lebenserwerb stattfindet.
Darum ist es wichtig, sich einerseits die Arbeitsverhältnisse
und andererseits die Verteilung des erwirtschafteten Gewinns
etwas näher zu betrachten. Es geht vor allen Dingen darum,
eine gerechte Bezahlung zu finden, die allen ein
zufriedenstellendes Leben ermöglicht. Was dabei unbedingt
vermieden werden sollte, ist die Anhäufung von Kapital in den
Händen einiger weniger. Überschüsse die erwirtschaftetet
werden, sollten der Allgemeinheit für soziale Zwecke zur
Verfügung gestellt werden oder für schlechtere Zeiten beiseite
gelegt werden.

4.6 Rechte Anstrengung Top

Buddha: „Was aber, ihr Mönche, ist rechte Anstrengung? Da


erweckt der Mönch in sich den Willen, unaufgestiegene üble,
unheilsame Dinge nicht aufsteigen zu lassen, aufgestiegene
üble, unheilsame Dinge zu überwinden, unaufgestiegene
heilsame Dinge zu erwecken, aufgestiegene heilsame Dinge

43
festzuhalten und nicht schwinden zu lassen, sondern zum
Wachsen und Gedeihen und zur vollen Entfaltung zu bringen.
Und er müht sich ab, bietet alle Willenskraft auf, treibt seinen
Geist an und kämpft.”

Buddha unterscheidet also zwischen vier Anstrengungen:

• Anstrengung zur Vermeidung unheilvoller Dinge


• Anstrengung zur Überwindung unheilvoller Dinge
• Anstrengung zur Erweckung heilvoller Dinge
• Anstrengung zur Erhaltung heilvoller Dinge
Was hat man unter der Anstrengung zur Vermeidung
unheilvoller Dinge zu verstehen? Richtet sich unsere
Aufmerksamkeit auf Dinge, die wir Begehren, so sollen wir
keine Anstrengung unternehmen, diesem Begehren
nachzugehen. Dies kann man am Beispiel des erotischen
Begehrens sehr deutlich machen. Die Erotik ist eine Kraft, die
uns immer wieder in ihren Bann zieht und Begehren in uns
weckt. Dieses Begehren führt dazu, dass wir uns permanent mit
erotischen Phantasien beschäftigen. Unsere ganze
Konzentration richtet sich darauf, diese Wünsche in der
Realität ausleben zu können. Dabei sind unsere Wünsche so
zahlreich, dass sie fast unser ganzes Denken in Anspruch
nehmen, ohne daß wir dabei die negativen Folgen unseres
Handelns bedenken. Wir werden regelrecht süchtig nach
erotischen Abenteuern. Buddha empfiehlt uns, solche
Gedanken zu vermeiden, sie gar nicht erst in uns aufsteigen zu
lassen. Sobald sich also ein erotischer Wunsch in uns meldet,
sollte man ihn einfach ignorieren und nicht weiter verfolgen.
So wird er im Keim erstickt. Dadurch nimmt man ihm die
Kraft, zur Lawine anzuwachsen, die unser ganzes Sein
beherrscht.

44
Diese Vermeidungsstrategie empfiehlt Buddha aber nicht nur
für das erotische Begehren, sondern für das Anhaften an jeder
Form sinnlichen Begehrens. Dazu gehört das Anhaften an die
Musik, an optische Eindrücke, an Düfte, an das Essen, an
Körperempfindungen und an Geistesobjekte, wie den Zorn, die
Wut und den Hass, weil sie am Ende nur Leid bescheren.
Was versteht man unter der Anstrengung zur Überwindung
unheilvoller Gedanken? Hat man es nicht geschafft, die
Gedanken bereits im Keime zu ersticken, dann steigen sie uns
auf und ergreifen von uns Besitz. Diese Gedanken können so
massiv sein, dass sie uns vollkommen in Besitz nehmen. Dann
schaltet oft die Vernunft ab und wir sind Opfer unserer Gier,
unseres Hasses und unserer Verblendung, unserer
Unwissenheit. Nun bedarf es einiger Kraft diese unheilvollen
Gedanken wieder abzuschütteln. Buddha empfiehlt hierzu fünf
verschiedene Methoden, um sich dieser unheilvollen Gedanken
wieder zu entledigen:
• man wandle unheilvolle Gedanken in heilsame
Gedanken
• man erwäge den Nachteil der unheilvollen Gedanken
• man schenke den unheilvollen Gedanken keine
Beachtung
• man stelle den Entstehungsgrund unheilvoller
Gedanken fest
• man überwältige die unheilvollen Gedanken, indem
man die Zähne aufeinanderbeißt und die Zunge gegen
den Gaumen preßt
Mit diesen Methoden kann man sich nicht nur von der immer
wiederkehrenden sinnlichen Gier, sondern sich auch von seiner
Wut und seinem Hass befreien, falls sie in uns aufsteigen und
von uns Besitz genommen haben.

45
Als Drittes gibt Buddha uns den Tip, heilsame Gedanken zu
erwecken. Wie aber können wir heilsame Gedanken in uns
aufsteigen lassen? Buddha gibt uns den Tip, die
Aufmerksamkeit auf den friedlichen Zustand, der von Gier,
Hass und Wahn befreiten Gedanken, zu richten. Haben wir eine
gewisse Übung darin, unheilsame Gedanken zu vermeiden und
zu überwinden, dann werden wir immer weniger von ihnen
bedrängt, weil das Bewusstsein erkannt hat, dass diese
Gedanken kaum noch eine Chanche haben, sich durchzusetzen.
Allmählich kehrt in unseren Innern eine gewisse Ruhe ein. Wir
werden nicht mehr so stark von sinnlicher Gier, von Zorn und
Hass regiert. Darum ist es sinnvoll, seine Gedanken auf den
Zustand der vollkommenen inneren Ruhe zu richten, in der
man alle unheilvollen Gedanken überwunden hat. Mit der
entsprechenden Achtsamkeit und Willenskraft erwecke man
heilsame Gedanken, indem man sich den Zustand des inneren
Friedens und des inneren Gleichmuts vergegenwärtigt.

Als letztes gibt Buddha uns den Tip, Anstrengungen zu


unternehmen, die in uns aufgestiegenen heilsamen Gedanken
zu erhalten. Wie festigt man die aufgestiegenen heilsamen
Gedanken, damit sie nicht sofort wieder verschwinden, sondern
sich weiter entfalten können? Buddha geht da recht konsequent
vor. Er rät in der Anguttara Nikaya 6,29 [11] zur Überwindung
der Sinneslust, sich den weiblichen (männlichen) Körper als
Skelett, als einen von Würmern zerfressenen Leib oder als eine
blau verfärbte und mit Eiter bedeckte aufgedunsene Leiche
vorzustellen. Manch einem mögen solche Vorstellungen
vielleicht hilfreich sein, sich von seiner sinnlichen Gier zu
befreien. Ob man sich für solch eine drastische Vorgehensweise
entscheiden will, mag jeder selbst entscheiden. Für andere ist
es vielleicht sinnvoller, sich vorzustellen, wie es sein mag,

46
wenn man nicht mehr von sinnlicher Gier bedrängt wird.
Vielen wird dies anfangs nicht leicht fallen, da sie
diesbezüglich keine Erfahrungen haben. Mit einiger Übung
stellt sich aber eine wunderbare innere Ruhe ein.

Was hier am Beispiel der sinnlichen Gier dargelegt wurde, gilt


im übertragenen Sinne ebenfalls für den Zorn und die Wut.
Vielleicht sollte man sich einfach immer wieder daran erinnern,
wie angenehm und unbeschwert das Leben wäre, gäbe es
keinerlei Zorn und Wut mehr in unserem Leben.

4.7 Rechte Achtsamkeit Top

Buddha: „Was aber, ihr Mönche, ist rechte Achtsamkeit? Da


verweilt der Mönch in Betrachtung des Körperlichen, der
Gefühle, des Bewußtseins, der Geistobjekte, eifrig, klarbewußt,
achtsam, weltliche Begierde und Kummer verwerfend.”

Die rechte Achtsamkeit ist ein sehr umfassendes Konzept


Buddhas. Es umfasst den Körper mitsamt der Gefühle und
Gedanken, wobei alle körperlichen, emotionalen und mentalen
Vorgänge sehr sorgfältig beobachtet werden. Es beginnt mit der
Bewusstwerdung der Körperhaltungen und Positionen beim
Gehen, Sitzen, Stehen und Liegen, beim Sprechen, Schweigen,
Essen, Trinken, Kauen und Schmecken, selbst beim Gang auf
die Toilette. Ferner beinhaltet es die bewusste Ein- und
Ausatmung bei der Meditation, sowie alle emotionalen
Empfindungen und alle Gedanken, die uns durch den Kopf
gehen. Alle Handlungen, Emotionen und Gedanken sollen
aufmerksam beobachtet und bewusst gemacht werden, um sie
besser kontrollieren zu können. Es geht um das Bewusstwerden
des ständigen Flusses der Gefühle, Gedanken und Handlungen.

47
Die Aufmerksamkeit, die Buddha dem Körper, den Gefühlen
und den Gedanken widmet, dient der Läuterung des Wesens,
der Unterdrückung weltlicher Begierden, der Überwindung von
Sorge, Kummer und Leid, dem Verschwinden von Schmerz
und Traurigkeit und der Verwirklichung des Nirvana, der
Erleuchtung, der immerwährenden Seligkeit.

Der Achtsamkeit soll natürlich auch bei der Meditation die


notwendige Aufmerksamkeit geschenkt werden. Buddha
empfiehlt den Mönchen, sich zur Meditation in einen Wald, an
den Fuß eines Baumes oder in eine leere Hütte zu begeben,
sich mit gekreuzten Beinen (Lotussitz oder andere
Meditationshaltung [2] und aufgerichtetem Körper hinzusetzen
und die Achtsamkeit ganz auf die Atmung zu richten. Dabei
soll der Mönch achtsam ein- und ausatmen. Atmet er langsam
und tief ein und aus, so sollte er dies ebenso aufmerksam
beobachten, als wenn er schnell und weniger tief ein- und
ausatmet. Dabei sollte er sich bemühen, besänftigend auf die
Atmung einzuwirken. Die achtsame Betrachtung der Ein- und
Ausatmung ist eine der wichtigsten Übungen zur Erreichung
der 4 Vertiefungen. Die vier Vertiefungen entsprechen vier
unterschiedlichen Meditationszuständen, die sich in der Stärke
ihrer jeweiligen Konzentration, d.h. in ihrer Tiefe,
unterscheiden, wobei der vierte Zustand dem Samadhi (der
Erleuchtung) entspricht. Die vier Vertiefungen werden im
letzten Punkt des achtfachen Pfades, der rechten Sammlung,
näher erläutert.
Noch ein paar Worte zur Meditation. Buddha empfiehlt eine
sitzende Meditationshaltung, bevorzugt wird im Allgemeinen
der Lotussitz (Padmasana). Aber vielen Menschen fällt der
Lotussitz schwer, sei es aus gesundheitlichen Gründen oder
weil ihnen der Lotussitz zu anstrengend oder zu unbequem ist.

48
Ich las sogar einmal, dass ein Student, der unbedingt den
Lotussitz praktizieren wollte, sich dabei einen Unterschenkel
brach. Wer also Probleme mit dem Lotussitz hat, sollte lieber
eine weniger anstrengende Sitzhaltung bei der Meditation
einnehmen. Dies könnte z.B. der halbe Lotussitz (Arda
Padmasana), der Schneidersitz (Sukhasana) oder der Stuhlsitz
sein. Beim Stuhlsitz (Droschkenkutschersitz) sitz man aufrecht
auf einem Hocker oder einem Stuhl und legt die Unterarme auf
die Oberschenkel. Ein Meditationskissen kann die Meditation
in sitzender Haltung auf dem Fußboden erleichtern. Da ich
selber zuerst das Autogene Training lernte, bevor ich die
Meditation kennenlernte, war ich es gewohnt, im Liegen zu
meditieren. Deshalb meditiere ich am liebsten im Liegen. Ich
selber kann es allen sehr empfehlen. Ich halte das Autogene
Training und die Meditation übrigens für zwei gute, sinnvolle
und gleichwertige Entspannungsmethoden.
Buddha legt großen Wert darauf, dass man alle Handlungen mit
klarem Bewusstsein ausführt, dass man das Kommen und
Gehen, das Hinblicken und Wegblicken, das Beugen und
Strecken der Glieder, das Anziehen und Ausziehen, das Essen
und Trinken, das Kauen und Schmecken, das Stehen und
Gehen, das Liegen und Sitzen, das Sprechen und Schweigen
mit klarem Bewusstsein ausübt. Bei allem, was der Mensch tut,
soll er sich des Zweckes, der Eignung, der Pflicht und der
Wahrheit, seines Handelns bewusst sein.
In der Majjhima Nikaya (M 119) sagt Buddha: „Hat man nun,
ihr Jünger, diese Achtsamkeit auf den Körper geübt, entfaltet,
erweckt, befolgt, sie zur Vollendung gebracht, dann hat man
einen zehnfachen Segen zu erwarten.“ Hierzu zählt, dass man
die Lustlosigkeit, die Trauer und die Angst überwindet und
nicht mehr von ihnen überwältigt wird. Man erträgt Kälte und
Hitze, Hunger und Durst, Wind und Wetter, Mücken, Wespen

49
und plagende Kriechtiere, boshafte, böswillige Redeweisen und
körperliche Schmerzen. Man gewinnt die vier Vertiefungen
(Meditationsebenen), die das Herz erquicken und das Leben in
Seligkeit überströmen lassen, in ihrer ganzen Fülle und Weite.
Der Weise kann auf vielfältige Weise seine Macht entfalten. Er
besitzt solch eine Ausstrahlung, Kraft und Intelligenz, dass es
ihm leicht fällt, sie zum Nutzen aller Menschen einzusetzen.
Außerdem gewinnt er durch die Versiegung der sinnlichen
Triebe bereits zu Lebzeiten Weisheit und ein von Gier befreites
goldenes Gemüt.
Interessant ist auch was Buddha zu den fünf Hemmungen sagt,
die uns daran hindern, das Leben in Seligkeit zu genießen: „Da
verweilt der Mönch in der Betrachtung der als Geistobjekte
geltenden fünf Hemmungen (Sinneslust, Hass, Gewohnheiten,
Unruhe, Zweifel). Er weiß, wenn Sinnengier in ihm ist: „In mir
ist Sinnengier“. Er weiß, wenn keine Sinnengier in ihm ist: „In
mir ist keine Sinnengier“. Er weiß, wie die noch nicht
aufgestiegene Sinnengier zum Entstehen kommt, wie die
aufgestiegene Sinnengier überwunden wird und wie die
überwundene Sinnengier künftig nicht mehr aufsteigt. Er weiß,
wenn Übelwollen in ihm ist..., wenn Starrheit und Mattheit in
ihm ist..., wenn Aufgeregtheit und Gewissensunruhe in ihm
ist.... Er weiß, wenn Zweifelsucht in ihm ist: „In mir ist
Zweifelsucht“, er weiß, wenn keine Zweifelsucht in ihm ist:
„In mir ist keine Zweifelsucht“. Er weiß, wie die noch nicht
aufgestiegene Zweifelsucht zum Entstehen kommt, wie die
aufgestiegene Zweifelsucht überwunden wird und wie die
überwundene Zweifelsucht künftig nicht mehr aufsteigt.“
(Samyutta Nikaya 47,5) [3]

4.8 Rechte Sammlung Top


Buddha: „Was aber, ihr Mönche, ist rechte Sammlung? Da tritt

50
der Mönch, den Wunschobjekten entrückt, losgelöst von den
unheilsamen Dingen, in die erste Vertiefung ein, in die zweite
Vertiefung, die dritte Vertiefung, die vierte Vertiefung.”
Mit der rechten Sammlung ist das rechte Vertiefen (das rechte
Versenken) in die Meditation gemeint. Die rechte Sammlung
bezeichnet die Fertigkeit den unruhigen und abschweifenden
Geist zu kontrollieren. Häufig wird dies als Einpünktigkeit
oder als höchste Konzentration bezeichnet. Sie ist ein zentraler
Teil der buddhistischen Spiritualität. Um zur rechten
Sammlung zu kommen, haben die buddhistischen Schulen
viele Meditationstechniken entwickelt. Es geht im
wesentlichen um eine Konzentrationsmethode, die Einfluss auf
die Atmung und das Gehirn nimmt, wodurch einerseits der
Geist von allen Gedanken befreit wird, allmählich zur Ruhe
kommt und andererseits eine gesunde Atmung geübt wird.
Buddha sagt in der Majjhima Nikaya 44: „Was aber ist rechte
Sammlung? Das Gerichtetsein des Geistes auf ein einzelnes
Objekt (wörtlich: Einspitzigkeit oder Einpünktigkeit des
Geistes), das ist rechte Sammlung.“
4.8.1 Die erste Vertiefung Top
Buddha nennt die rechte Sammlung (Meditation) auch rechte
Vertiefung. Hierbei unterscheidet er vier Stufen der Vertiefung,
die jeweils einer intensiveren Konzentration entsprechen. Sie
zeichnen sich durch das zeitweilige Schwinden der fünf Sinne
und der fünf Hemmungen aus (Sinneslust, Hass, Gewohnheiten
(geistige Trägheit), Unruhe, Zweifel), die bereits bei der
rechten Achtsamkeit angesprochen wurden. In der Majjhima
Nikaya 43 sagt Buddha über die erste Vertiefung:
Da, o Bruder, gewinnt der Mönch, den sinnlichen
Dingen entrückt, frei von unheilsamen
Geisteszuständen, die mit „Gedankenfassung“ und

51
„Diskursivem Denken“ verbundene, in der
Abgeschiedenheit geborene, von „Verzückung“ und
„Glücksgefühl“ erfüllte erste Vertiefung.

In der ersten Vertiefung ist der Mönch (Mensch) frei von


unheilsamen Geisteszuständen. Er ist also frei von den fünf
Hemmungen: Sinneslust, Hass, Gewohnheiten (geistige
Trägheit), Unruhe und Zweifel. Dagegen besitzt er folgende
fünf Eigenschaften: 1. Gedankenfassen, 2. Diskursives Denken,
3. Verzückung, 4. Glücksgefühl und 5. Sammlung. In der ersten
Vertiefung konzentriert sich der Meditierende z.B. auf die
Atmung oder auf das „Dritte Auge“. Alle geistigen
Anstrengungen, die die Konzentration auf das
Meditationsobjekt (z.B. die Atmung oder das Dritte Auge)
richten, nennt man Gedankenfassen. Gedankenfassen ist also
die geistige Aktivität, die hilft, die Konzentration auf das
Meditationsobjekt zu richten. Gelegentlich entstehen aber
geistige Aktivitäten, die versuchen, genau dies zu verhindern,
und die immer wieder versuchen, die Konzentration vom
Meditationsobjekt abzulenken. Diese geistigen Tätigkeiten
bezeichnet man als diskursives Denken. Diskursives Denken ist
also das Umherwandern, das Hin- und Herwandern des
Geistes, das Abschweifen des Geistes vom Meditationsobjekt.
Es äußert sich in fortgesetzter Geistestätigkeit. Wichtig ist
darum während der Meditation eine geistesgegenwärtige
Bewusstheit, die dieses Abschweifen wahrnimmt und die
Konzentration wieder auf das Meditationsobjekt zurückführt.
Gedankenfassen und diskursives Denken (die Meditation
störende Gedanken) sind jedoch in der ersten Vertiefung nur
noch in einem sehr abgeschwächten Grad vorhanden. Ebenso
ist in der ersten Vertiefung eine Verzückung und ein
Glücksgefühl vorhanden.

52
Während der Meditation sollte deshalb immer eine hohe
Bewusstheit über den fortwährenden Zustand der Meditation
vorhanden sein. Dazu sind sowohl Achtsamkeit als auch
Konzentration erforderlich. Durch immer intensiveres
Gedankenfassen, erhöht sich die Konzentration, die Meditation
vertieft sich, und infolge dessen stellt sich eine Verzückung ein,
die mit einer vertieften inneren Ruhe einhergeht. Stellt sich
diese Verzückung anfänglich nur in kurzen Momenten,
vielleicht in Form eines Satori3 ein, so entwickelt sich bei
erfahrenen Meditierenden daraus ein Glücksgefühl, ein Gefühl
der Seligkeit, welches sich immer weiter ausbreitet. Dies
entspricht der ersten Stufe der Vertiefung.
Gelingt es, die Konzentration vollkommen auf das
Meditationsobjekt zu richten, ohne dass der Geist davon
abschweift, so spricht man von absoluter Sammlung oder von
der Einspitzigkeit des Geistes (Sanskrit: Ekagrata). Dieser
Zustand wird als Samadhi, Erleuchtung, bezeichnet.
3Ein Satori ist ein Schlüsselerlebnis im Zen-Buddhismus,
welches von einem tiefem Glücksgefühl oder dem Gefühl der
Verschmelzung, einer allumfassenden Einheit begleitet ist.
Buddha beschreibt die erste Vertiefung (erste Schauung) in der
Majjhima Nikaya 27 wie folgt: „Durch die Erfüllung der
heiligen Sinnenzügelung empfindet er ein inneres ungetrübtes
Glück. Treu dieser heiligen Tugendsatzung, treu dieser heiligen
Sinnenzügelung, treu dieser heiligen klaren Achtsamkeit sucht
er einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain, den Fuß eines
Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen Friedhof,
die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene. Nach
dem Mahle, wenn er vom Almosengange zurückgekehrt ist,
setzt er sich mit verschränkten Beinen nieder, den Körper
gerade aufgerichtet, und pflegt der Achtsamkeit. Er hat

53
weltliche Begierde verworfen und verweilt begierdelosen
Gemütes, von Begierde läutert er sein Herz. Gehässigkeit hat er
verworfen, haßlosen Gemütes verweilt er, voll Liebe und
Mitleid zu allen lebenden Wesen läutert er sein Herz von
Gehässigkeit. Matte Müde (geistige Trägheit) hat er verworfen,
von matter Müde ist er frei; das Licht liebend, einsichtig, klar
bewußt, läutert er sein Herz von matter Müde. Stolzen Unmut
hat er verworfen, er ist frei von Stolz; innig beruhigten
Gemütes läutert er sein Herz von stolzem Unmut. Skeptischen
Zweifel hat er verworfen, der Ungewißheit ist er entronnen; er
zweifelt nicht am Guten, vom skeptischen Zweifel läutert er
sein Herz. Er hat die fünf Hemmungen aufgehoben, hat die
Schlacken des Gemütes kennengelernt, die lähmenden; gar fern
von Begierden, fern von unheilsamen Dingen lebt er in sinnend
gedenkender ruhegeborener seliger Heiterkeit, in der Weihe der
ersten Schauung.“
4.8.2 Die zweite Vertiefung Top
Nach Stillung von Gedankenfassen und diskursivem Denken
gewinnt der Mönch die innere Ruhe und Einheit des Geistes.
Nun ist er frei von Gedankenfassung und diskursivem Denken.
Er ist erfüllt von Verzückung und Glücksgefühl. So erlangt er
die durch Sammlung erzeugte zweite Vertiefung.
In der zweiten Vertiefung hat also das Gedankenfassen, die
Konzentration auf das Meditationsobjekt aufgehört, weil der
Meditierende gewissermaßen mit dem Meditationsobjekt
verschmolzen ist. Demzufolge hat auch das diskursive Denken
aufgehört, weil es keine Gedanken mehr gibt, die die
Meditation stören könnte. Demzufolge sind nur noch drei
Vertiefungsglieder vorhanden: die Verzückung, das
Glücksgefühl und die Sammlung. Vom Gedankenfassen und
diskursiven Denken dagegen hat der Meditierende sich gelöst.

54
Er erlebt die innere Stille, Buddha nennt sie in der Majjhima
Nikaya 27, die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüts, die
von Sinnen und Gedanken freie selige Heiterkeit.

4.8.3 Die dritte Vertiefung Top


Nach Abwendung von der Verzückung verweilt der Mönch
gleichmütig, achtsam, klar bewußt und er empfindet in seinem
Innern ein Glück, von dem die Edlen sagen: „Der
Gleichmütige, Achtsame lebt glücklich“. So gewinnt er die
dritte Vertiefung.
In der dritten Vertiefung ist der Meditierende frei von
Gedankenfassen, diskursivem Denken und von der
Verzückung. Die Vertiefungsglieder der dritten Vertiefung sind
Glücksgefühl und Sammlung. In heiterer Ruhe verweilt er
gleichmütig und beglückt.
4.8.4 Die vierte Vertiefung Top
Nach dem Schwinden von Freud und Leid und dem
Überwinden von Frohsinn und Trübsinn gewinnt er die
freudlos-leidlose, durch Gleichmut und Achtsamkeit geläuterte
vierte Vertiefung.
In der vierten Vertiefung schwinden Gedankenfassen,
diskursives Denken, Verzückung und Glücksgefühl. Die
Vertiefungsglieder der vierten Vertiefung sind: Sammlung und
Gleichmut. Der Meditierende erreicht einen freudlosen,
leidlosen und gleichmütigen Zustand.
Der thailändische Theravadamönch Ajahn Chah (1918-1992)
sagte in einem Vortrag zum Thema „Der Weg in die Freiheit“
über die vier Stufen der Vertiefungen:
„Wir können die vier Stufen der Meditation die

55
erste, zweite, dritte oder vierte Vertiefung nennen,
wir können es aber auch einfach den Geist im
Zustand des Friedens nennen. Wenn der Geist
fortschreitend ruhiger wird, hören Gedankenfassen
und diskursives Denken auf und Entzücken und
Glückseligkeit verbleiben. Warum werden
Gedankenfassen und diskursives Denken
losgelassen? Weil der Geist immer feiner wird, sind
die Tätigkeiten von Gedankenfassen und
diskursives Denken zu grob, um zu verbleiben. In
dem Moment, wenn Gedankenfassen und
diskursives Denken losgelassen werden, können
Gefühle von starkem Entzücken auftreten. Aber mit
weiterer Vertiefung der Konzentration und der
damit verbundenen Vertiefung der Ruhe und
Veredelung des Geistes hört auch das Entzücken
auf. Nur Glückseligkeit und die absolute
Sammlung des Geistes in einem Punkt verbleiben,
bis schließlich auch die Glückseligkeit sich auflöst,
und der Geist seine größte Veredelung erlangt. Es
bleiben nur Gleichmut und die absolute Sammlung
des Geistes, alles andere ist losgelassen worden.
Der Geist verbleibt unbewegt. Diese
unerschütterliche Ruhe ist die Kraft des friedlichen
Geistes.

Wenn der Geist erst einmal völlig zur Ruhe


gekommen ist, kann dieser Zustand eintreten. Wir
sollten nicht zu viel darüber nachdenken, denn es
passiert von ganz alleine. In diesem Zustand ist der
Geist nicht schläfrig. Keines der fünf Hindernisse,
sinnliches Begehren, Aversion (Hass), Unruhe,

56
Stumpfsinn (geistige Trägheit) und Zweifel, ist
vorhanden. Wenn die geistige Kraft noch nicht
stark genug entwickelt ist und unsere Achtsamkeit
schwankt, werden gelegentlich geistige Eindrücke
auftreten. Der Geist befindet sich zwar im Zustand
der Ruhe, aber die Stille wird von Unachtsamkeit
unterwandert.“

In der Samyutta Nikaya 56,23 (Der vollkommen Erwachte)


sagt Buddha: „Es gibt, ihr Mönche, diese vier edlen
Wahrheiten. Welche vier? Die edle Wahrheit vom Leiden, von
der Leidensentwicklung, von der Leidensauflösung und von
dem zur Leidensauflösung führenden Vorgehen. Weil der
Vollendete, ihr Mönche, bei diesen vier edlen Wahrheiten
wirklichkeitsgemäß voll erwacht ist, deshalb wird er der
Heilige, vollkommen Erwachte genannt. Daher habt ihr euch,
meine Mönche, anzustrengen, um zu erkennen: Das ist das
Leiden, das ist die Leidensentwicklung, das ist die
Leidensauflösung, das ist das zur Leidensauflösung führende
Vorgehen“.
Der zur Leidensauflösung führende Weg ist der edle achtfache
Pfad, dessen acht Stufen zuvor behandelt wurden. Beschreitet
der Mönch (Mensch) den edlen achtfachen Pfad, so wird er mit
der Leidensauflösung, dem Samadhi, der Erleuchtung, belohnt.
4.8.5 Vierzig Meditationsobjekte Top
Im Visuddhi Magga [4] werden vierzig Meditationsobjekte
genannt, durch welche die Vertiefungen erreicht werden
können. Alle 40 Meditationsmethoden kann man in der
Visuddhi Magga III von Buddhagosa nachlesen [5].
Buddhagosa ist ein indischer Philosoph und Theravada-
Buddhist, der Ende des 4. Jahrhunderts lebte. In der Visuddhi

57
Magga nennt Buddhagosa folgende 40 Meditationsobjekte:
10 Kasinas: 1. Erde, 2. Wasser, 3. Feuer, 4. Wind,
5. Blau, 6. Gelb, 7. Rot 8. Weiß, 9. Raum, 10.
Bewußtsein. Die Kasina Meditation besteht darin,
dass man die Konzentration auf einen sichtbaren
Gegenstand, etwa auf eine bunte Scheibe (blau,
gelb, rot, weiß), einen Fleck Erde, einen Teich, auf
ein Feuer, den Wind, den Raum oder das
Bewusstsein konzentriert, bis man schließlich einen
geistigen Reflex sowohl bei offenen wie
geschlossenen Augen wahrnimmt. Innerhalb des
Raumes ist man imstande, mit dem Himmlischen
Ohre Töne zu vernehmen, mit dem Himmlischen
Auge Formen zu erblicken, und der anderen Wesen
Herzen im Geiste zu erkennen.

10 Ekelobjekte: 1. das aufgedunsene, 2. das


blauverfärbte, 3. das eitrige, 4. das aufgespaltene,
5. das angenagte, 6. das umhergestreute, 7. das
zerhackte, 8. das blutige, 9. das wurmige 10. das
knochige Objekt. Die Meditation über die zehn
Ekelobjekte sollen dem Meditierenden helfen, sich
von seinen sinnlichen Begierden zu befreien und
ihm die Endlichkeit des Seins verdeutlichen.

10 meditative Betrachtungen: 1. der Erleuchtete,


2. das Gesetz, 3. die Gemeinde, 4. die Sittlichkeit,
5. die Freigebigkeit, 6. die Himmelwesen, 7. den
Tod, 8. den Körper, 9. die Ein- und Ausatmung, 10.
den Frieden. Bei diesen 10 Betrachtungen soll der
Meditierende über die oben angesprochenen
Themen meditieren.

58
4 Göttliche Verweilzustände: 1. Güte, 2. Mitleid,
3. Mitfreude, 4. Gleichmut

4 unkörperliche Vertiefungen: 1.
Raumunendlichkeit, 2. Bewusstseinsunendlichkeit,
3. Nichtheit, 4. Weder-Wahrnehmung noch Nicht-
Wahrnehmung. Diese Meditationsmethoden lernte
Buddha u.a von seinen Lehrern Alara Kalama und
Uddaka Ramaputta.

1 Meditationsobjekt: über die Betrachtung des


Ekels der Nahrung (stoffliche Nahrung,
Bewußtseinseindruck, geistiger Wille und
Bewußtsein)

1 Meditationsobjekt: über die die Analyse der vier


Elemente Erde, Wasser, Feuer und Wind

Ich muss gestehen, von allen vierzig Meditationsobjekten ist


mir die Konzentration auf die Ein- und Ausatmung, die
Konzentration auf das Dritte Auge (Stirnchakra) und die
Konzentration auf das Nabelzentrum, wobei die letzten beiden
Meditationsobjekte gar nicht aufgeführt sind, die liebste Form
der Meditation.
5. Ursachen psychosomatischer Erkrankungen Top
5.1 Psychosomatische Erkrankungen in der Kindheit Top

Ich betrachte jedes Kind, dass in diese Welt hineingeboren


wird, als rein und unschuldig. Die Annahme, jeder Mensch
wird entsprechend seinem Karma, also der Summe seiner guten
und schlechten Taten aus möglichen Vorleben, erneut in die

59
Welt hineingeboren, um ihm die Chanche zu geben, sich durch
ein ethisch und moralisch geläutertes Leben von negativem
Karma zu befreien, kann ich nicht teilen. Die Reinkarnation ist
zunächst nichts als eine Vermutung, ein Glaube, die durch
nichts bewiesen werden kann. Sicherlich gibt es Kinder, die
bereits durch die Geburt benachteiligt sind. Viele Kinder sind
nicht gesund oder wachsen in einem Elternhaus auf, in dem es
schwer ist, sich positiv zu entwickeln. Manche Kinder sind
auch körperlich oder geistig benachteiligt, so dass sie es nicht
leicht im Leben haben. Dafür aber das Karma oder die
Reinkarnation verantwortlich zu machen, halte ich für
unredlich. Die große Mehrheit der Kinder wird gesund geboren
und wächst in einem normales Elternhaus auf. Sie werden von
ihren Eltern geliebt und fürsorglich behandelt. Damit haben sie
die besten Vorausetzungen, sich zu glücklichen, zufriedenen
und erfolgreichen Menschen zu entwickeln. Warum aber
geschieht dies so selten?

Wird ein Kind in die Welt hineingeboren, dann ist es noch


unschuldig. Es kennt nicht die Gesetze und Regeln, die in der
Familie und der Gesellschaft bestehen. Jedes gesunde Kind ist
natürlich mit einer großen Neugier ausgestattet und ist sehr
daran interessiert, diese Welt in allen seinen Facetten
kennenzulernen. Die Liebe der Eltern und das Gefühl der
Geborgenheit ermuntern das Kind, diese Welt Stück für Stück
zu erobern. Im Allgemeinen, wenn die Kinder in ein liebevolles
und fürsorgliches Elternhaus hineingeboren werden, sind sie
noch an Leib und Seele gesund, wobei ich mit der Seele den
emotionalen Bereich meine. Sie schweben geradezu in
Seligkeit. Sie sind vollkommen frei von Angst und Leid. Im
Grunde genommen, sind alle Kleinkinder zunächst kleine
Erleuchtete. Man erkennt es an ihren strahlenden Augen, an der

60
Lebenslust die sie ausstrahlen und an der liebevollen Art, die
sie allen Menschen entgegenbringen. Seligkeit ist also der
natürliche Zustand, mit dem wir als Menschen in die Welt
hineingeboren werden.

Im Laufe der Entwicklung, in der Zeit der Kindheit, wenn die


Kinder heranwachsen, sind sie von vielen Seiten den
Einflüssen der Mitmenschen ausgesetzt. In den ersten
Lebensjahren haben natürlich die Eltern den stärksten Einfluss
auf die Kinder. Im Laufe der Jahre wird das Kind mit all den
Ängsten und Problemen seiner Eltern und Mitmenschen
konfrontiert. Es erfährt oftmals Mahnungen, Zurechtweisungen
oder Strafen, die es oft als sehr verletzend und schmerzhaft
empfindet, die vielfach in der Seele des Kindes tiefe Narben
hinterlassen. Diese emotinalen Verletzungen führen dazu, dass
das Kind seine Offenheit und seine Ungezwungenheit
gegenüber den Menschen verliert. Einerseits entstehen dadurch
psychosomatische Erkrankungen, die den Handlungsspielraum
des Kindes einschränken und andererseits beginnt das Kind zu
taktieren. Die psychosomatischen Erkrankungen können solche
Ausmaße annehmen, das sie das Leben des Kindes stark
beeinträchtigen. Hier hilft oft nur noch eine Therapie, die
möglichst die gesamte Familie mit einbeziehen sollte. Wenn
auch die seelischen Verletzungen nicht immer so gravierend
sind, so bleiben doch in der Regel viele kleinere emotionale
Verletzungen, die das ursprünglich bestandene Gefühl der
uneingeschränkten Lebensfreude, ja der Seligkeit, irgendwann
verschwinden lassen. Dann erlebt das Kind das Leben nicht
mehr als freudvoll, sondern als leidvoll. Statt Seligkeit zu
erfahren, leidet es nun unter Angst, Wut und Traurigkeit und
psychosomatische Störungen rauben dem Kind die
Lebensfreude.

61
Alle Ängste und negativen Erfahrungen, die das Kind gemacht
hat, sind im Gehirn gespeichert und beeinflussen seine
Handlungen und Entscheidungen. Solange es von seinen
Ängsten dominiert wird, ist es nicht frei in seinen
Entscheidungen, sondern alle seine Entscheidungen werden
durch die bewussten oder unbewussten Ängste beeinflusst.
Dadurch entstehen energetische Blockaden im Körper, die den
freien Energiefluss behindern und zu chronischen
Verspannungen und Erkrankungen führen. Sie verhindern eine
gesunde Atmung und zeigen sich in Form psychosomatischer
Erkrankungen. Solche Erkrankungen bestimmen oft viele Jahre
lang das Denken, Fühlen und Handeln des Kindes. Sie können
meist auch im Erwachsenenalter nicht abgelegt werden und
machen die Menschen unglücklich, depressiv, mutlos, launisch,
ängstlich und rauben ihnen die Lebensfreude.

Ein Teil unserer psychosomatischen Erkrankungen ist also auf


verletzende und traumatische Erfahrungen in der Kindheit
zurückzuführen. Dabei sind sexuelle Missbräuche und das
Erleben von Gewalt besonders traumatisierend. Aber auch die
vielen kleinen täglichen emotionalen Verletzungen prägen sich
tief ins Unterbewusste ein und sind oft der Grund für vielfältige
psychosomatische Erkrankungen, unter denen die Menschen zu
leiden haben. Sie sind oft die Ursache für eine depressive und
ängstliche Lebenseinstellung. Dabei sind es nicht nur die
Eltern, die ihren Kindern dieses Leid zufügen, denn auch
Kinder untereinander können sehr rücksichtlos miteinander
umgehen. Wenn man sich ansieht, wie sehr die Gewalt an den
Schulen in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat, wenn
man sich ansieht, wie grausam Kinder oft untereinander sind,
dann ist das schon erschreckend. Aber die Schulen und die
Gewalt der Kinder und Jugendlichen untereinander, sind nur

62
ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Man hat allgemein das
Gefühl, dass diesen Problemen von politischer Seite zu wenig
Aufmerksamkeit geschenkt wird.
5.2 Ursachen psychosomatischer Erkrankungen in der
Pubertät Top

Neben den soeben beschriebenen Ursachen, die vorwiegend in


der Kindheit für das Entstehen psychosomatischer
Erkrankungen verantwortlich sind, sehe ich eine zweite
Ursache für das Entstehen psychosomatischer Erkrankungen,
die mit dem Erwachen der Pubertät einhergeht. Mit dem
Erwachen der Pubertät beginnt im Allgemeinen das Interesse
an der Sexualität. Schaut man sich dieses Interesse an der
Sexualität einmal genauer an, so stellt man fest, dass das
Erwachen des Interesses an der Sexualität keineswegs an die
Pubertät gebunden sein muss, denn das Interesse an der
Sexualität entsteht oftmals bereits Jahre vor der Pubertät,
nämlich dann, wenn das heranreifende Kind die Erfahrung
gemacht hat, dass die Sexualität, besonders der Orgasmus, mit
einer großen sexuellen Lust verbunden ist.

Untersuchungen von Markus Reder und Andreas Lehofer von


der Universität in Linz ergaben, dass nur rund 13 Prozent aller
untersuchten pubertierenden Jungen ihre erste Ejakulation als
nächtliche Pollution erleben. Dabei wird davon ausgegangen,
dass die erste Ejakulation bei männlichen Jugendlichen ein bis
zwei Jahre nach Beginn der Pubertät auftritt. [12]

Damit kann also gesagt werden, dass der größte Teil der
männlichen Jugendlichen bereits lange vor der ersten
Ejakulation sexuell aktiv ist. Die dabei am häufigsten
angewendete Sexualpraktik ist die Selbstbefriedigung

63
(Masturbation). Diese Masturbation bleibt allerdings nicht
ohne Folgen, denn in der Regel entwickelt sich daraus ein
sexuelles Verlangen, dass man auch als sexuelle Sucht
bezeichnen kann, die meist bis ans Lebensende beibehalten
wird. Diese Sucht entsteht durch psychische und
physiologische Prozesse und drückt sich dadurch aus, dass sich
ein permanentes Verlangen nach sexuellen Höhepunkten
einstellt.

Allgemein herrscht unter Männern die Ansicht, dieses


permanente sexuelle Begehren sei naturgegeben, entspringe
also einem natürlichen Trieb, der von Natur aus vorhanden sei.
Dieses würde ich allerdings bestreiten, denn kein
selbstverwirklichter spiritueller Meister hat irgendein sexuelles
Verlangen. Das hat er längst abgelegt. Stattdessen wandelt er
die sexuelle Energie in spirituelle Energie um. Wie dieses zu
verstehen ist, darauf soll später noch ausführlicher eingegangen
werden. Zunächst soll erst einmal darauf hingewiesen werden,
dass das sexuelle Begehren, von dem viele Männer glauben, es
entspringe einem Naturgesetz, erst durch die eigene sexuelle
Aktivität entsteht. Einerseits prägt sich der „göttliche“ Moment
des Orgasmus natürlich tief ins Unterbewusstsein ein.
Andererseits hat jede sexuelle Aktivität auch einen
tiefgreifenden Einfluss auf die Physiologie. Beides zusammen
ruft den Wunsch hervor, diesen „göttlichen“ Moment der
Seligkeit, den der Orgasmus den Menschen bereitet, immer und
immer wieder zu erleben. Dieses kann man eigentlich nur als
ein Suchtverhalten interpretieren, zumal dieses Verlangen so
stark ist, dass sich normalerweise kein Mann diesem Verlangen
über einen längeren Zeitraum entziehen kann, selbst wenn er es
wollte. Früher oder später wird die Begierde so stark, dass er
sich ihr nicht widersetzen kann. Somit beherrscht also nicht der

64
Mann seine Triebe, sondern er wird von seinen Trieben
beherrscht. Da Frauen meist nicht so leicht sexuell erregbar
und nicht so sehr auf die Sexualität fixiert sind wie Männer,
werden Frauen von dieser Begierde meist nicht so stark
bedrängt. Wäre dieses sexuelle Begehren naturbedingt, dann
müssten alle Männer diesen permanenten Wunsch nach
Sexualität verspüren. Dies ist aber nicht der Fall. Wie ich
bereits sagte, empfindet kein spiritueller Meister ein sexuelles
Begehren. Genau so wie man dieses sexuelle Begehren
nämlich erwecken kann, so kann man es wieder abklingen
lassen.

Die sexuelle Begierde läuft im Prinzip genau so wie jedes


andere Suchtverhalten ab, egal ob es sich dabei um die
Nikotinsucht, Alkoholsucht, Tablettensucht, Drogensucht,
Spielsucht, Esssucht, Kaufsucht, um die Sucht nach
Süßigkeiten oder um irgendeine andere Sucht handelt. Stets
rufen psychologische und physiologische Prozesse dieses
Suchtverhalten hervor, dass dazu führt, dass man sich dieser
Sucht nicht so ohne weiteres wieder entziehen kann. Mit der
notwendigen Einsicht, der entsprechenden Motivation und der
notwendigen Disziplin ist es allerdings möglich, sich von der
entsprechen Sucht zu befreien. Manch einer hat diese
Erfahrung vielleicht bereits bei der Nikotinsucht oder einer
anderen Form der Sucht gemacht. Ist es einmal gelungen, sich
von einer Sucht zu befreien, so erkennt man, dass das Leben
ohne diese Sucht eigentlich viel angenehmer ist. Hat man nicht
mehr das Verlangen, permanent zur Zigarette zu greifen, dann
wird das Leben ein wenig entspannter. Hat man nicht mehr das
Verlangen, sexuell aktiv zu sein, dann empfindet man das als
eine große Erleichterung. Man sagt allerdings, dass die Sucht
nach Sexualität, die stärkste aller Süchte sei. Dies gilt

65
allerdings in erster Linie für Männer, weil Männer im
Allgemeinen leichter für erotische Reize empfänglich sind.
Und aus diesem Grunde schafft es kaum ein Mann, sich von
seiner sexuellen Abhängigkeit zu befreien.

6. Die männlichen Geschlechtsorgane Top

Will man die sexuelle Abhängigkeit verstehen, dann mus man


sich mit den physiologischen Vorgängen des Menschen
beschäftigen. Da es in erster Linie die Männer sind, die von
dieser Abhängigkeit betroffen sind, möchte ich mich auf die
Anatomie des Mannes beschränken. Sehen wir uns also
zunächst einmal die männlichen Geschlechtsorgane an.

Abbildung 1: Männliche Anatomie

Für die Befruchtung der weiblichen Eizelle sind in erster Linie


die männlichen Spermien zuständig. Das männliche Ejakulat

66
besteht aber nicht nur aus Spermien, sondern setzt sich aus
mehreren Drüsenflüssigkeiten der männlichen
Geschlechtsdrüsen zusammen. Das Ejakulat setzt sich aus
folgenden 6 Drüsenflüssigkeiten zusammen, deren Aufgaben
später im einzelnen besprochen werden sollen:

• Spermien aus dem Hoden

• ein Sekret aus der Samenleiterampulle - die


Samenleiterampulle (lateinisch: Ampulla ductus
deferentis) ist in Abbildung 1 zwar eingezeichnet, aber
nicht gekennzeichnet. Es ist die kleine Drüse am Ende
des Samenleiters, die links neben dem Samenbläschen
eingezeichnet ist. (siehe auch: Nr. 4 in Abbildung 2)
• ein basisches Sekret aus dem Samenbläschen (Vesicula
seminalis)

• ein dünnes und trübes Sekret der Prostata


(Vorsteherdrüse)

• ein Sekret der Cowper-Drüse (Bulbourethraldrüse,


lateinisch: Glandula bulbourethralis), das Sekret der
Cowper-Drüse wird meist vor der eigentlichen
Ejakulation abgegeben und wird deshalb als Präjakulat
oder Lusttropfen bezeichnet

• ein Sekret der Littre-Drüsen (Glandulae urethrales), die


in der Harnröhre angeordnet sind

67
Abbildung 2: Männliche Genitalien
Erläuterung zu Abbildung 2 – Männliche Geschlechtsdrüsen

1. Hoden (Testis)
1a. Ductuli efferentes (Verbindung zwischen dem
Hoden und dem Nebenhoden), nicht gekennzeichnet
2. Nebenhoden
2a. Nebenhodenschwanz (Cauda epididymidis), n.g.
3. Samenleiter (Ductus deferens)
4. Samenleiterampulle (Ampulla ductus deferentis)
5. Samenbläschen (Glandula vesiculosa)

68
6. Ductus ejaculatorius (Endabschnitt des Samenleiters
in der Prostata)
7. Prostata
8. Ausführungsgänge der Prostata in die Harnröhre
9. Cowper-Drüsen (Glandulae bulbourethrales)
10. Littre Drüsen (Glandulae urethrales)
11. Harnröhre (Urethra)
12. Harnblase

Bevor die Vorgänge während der Ejakulation betrachtet


werden, sollen zunächst einmal die unterschiedlichen
Drüsensekrete und ihre Funktionen beschrieben werden.

Die männlichen Drüsensekrete sind aus folgenden Drüsen:

● den Hoden und Nebenhoden (2 = paarig angeordnet)


● den Samenleiterampullen (2)
● den Samenbläschen (2)
● der Prostata (Vorsteherdrüse) (1)
● den Cowperschen Drüsen (Bulbourethraldrüsen) (2)
● den Littre-Drüsen (mehrere)

6.1 Die Hoden und Nebenhoden Top

Der Hoden wird in der medizinischen Fachsprache Testis


genannt. Jeder Mann hat zwei etwa pflaumengroße Hoden im
Hodensack, die ein Gewicht von 25 bis 30 Gramm haben. Die
Hoden hängen an einem Samenstrang, einem Bündel aus
Muskeln, Gefäßen, Nerven und Samenleitern frei beweglich im
Hodensack. Die Hoden produzieren etwa 2.500 Spermien pro
Sekunde und das männliche Sexualhormon Testosteron. Das
Testosteron wird über das Blut zu vielen anderen Organen

69
transportiert. Ein hoher Testosteronspiegel fördert die Libido,
das Imponiergehabe, sowie aggressive Verhaltensweisen. Es ist
aber auch für die männliche Stimme, die Muskulatur, den
Knochenaufbau, die männlichen Gesichtszüge und die
männliche Behaarung verantwortlich. Das Testosteron reguliert
auch die Spermienproduktion. Ein hoher Testosteronspiegel
fördert das Entstehen bzw. die Steigerung von sexuellem
Verlangen, den Antrieb, die Ausdauer und die Lebenslust,
sowie dominante und aggressive Verhaltensweisen. Bei Tieren
fördert es das Imponiergehabe, die Kampfbreitschaft sowie den
Begattungsdrang. Dies sind im Tierbeeich bewährte
Verhaltensweisen. Bei Frauen produzieren die Eierstöcke und
die Nebennierenrinde geringe Mengen an Testosteron. Sie
führen zu einer Vermännlichung der Frau: (Stimme,
Muskulatur, Gesichtszüge, Behaarung und Vergrößerung der
Klitoris).

Es gibt von Mann zu Mann große individuelle Unterschiede in


der Testosteronkonzentration. Manche Männer weisen mit 70
Jahren noch Testosteronspiegel im Normbereich auf. Sie sind
auch im hohen Alter noch zeugungsfähig. Andere Männer
haben schon mit 50 deutliche Anzeichen für einen
Testosteronmangel. Diese Unterschiede sind zum Teil
genetisch bedingt. Aber auch viele äußere Faktoren wirken sich
auf die Hormonproduktion aus. So können folgende Faktoren
eine Verminderung der Hormonproduktion begünstigen:

• Übergewicht

70
• dauerndes Fasten oder ständige Diäten

• psychischer und körperlicher Stress

• Drogen und Alkohol

• schwere akute Erkrankungen, z. B. Herzinfarkt,


Infektionskrankheiten oder Operationen)

• chronische Erkrankungen, z. B. Arteriosklerose,


Diabetes, Aids, Lebererkrankungen,
Nierenerkrankungen o.ä.

• verschiedene Medikamente, die langfristig


eingenommen werden müssen
Quelle: medizininfo.de
Die Spermien (Samen) reifen in etwa 250 Kammern
(Hodenläppchen) heran, in die jeder Hoden unterteilt ist. Die
Hodenläppchen entstehen durch ein Knäuel von
Hodenkanälchen, in denen die Spermien gebildet werden.
Insgesamt machen die Kanälchen eines Hodens eine Länge von
fast 200 Metern aus. Männliche Samenzellen sind während der
Reifephase sehr temperaturempfindlich, weshalb sie in kühlere
Regionen ausgelagert werden: Im Hodensack ist die
Temperatur etwa zwei bis zweieinhalb Grad niedriger als im
Bauchraum.

Hinter den Hoden liegt der Nebenhoden. Er besteht aus einem


sechs Meter langen, zu einem engen Knäuel gewickelten
Röhrensystem, in dem die von den Hoden gebildeten Spermien
bis zu ihrem Einsatz aufbewahrt werden. Die Nebenhoden
produzieren für die Lagerung ein bestimmtes Sekret, durch das

71
die sehr bewegungsfreudigen Spermien vorübergehend „ruhig
gestellt“ werden. Wird das Basislager zu voll, hilft sich die
Natur durch einen unkontrollierten Samenabgang (Pollution).
Dies geschieht meist nachts im Schlaf. [13]

Abbildung 3: Hoden
und Nebenhoden

Der Hoden ist die männliche Keimdrüse. Er besteht aus etwa


250 Läppchen, die durch Bindegewebe voneinander getrennt
sind. Jedes Läppchen besteht aus einigen stark geschlängelten
Hodenkanälchen. Im Hodenkanälchen erfolgt die Entwicklung
der Spermien. Bis zur vollständigen Reife der Spermien
(Spermatozoen) verbringen sie ungefähr 72 Tage im
Hodenkanälchen, wo sie über verschiedene Vorstufen im
Keimepithel (Keim- und Stützzellen) der Hodenkanälchen
gebildet werden. Die im Hoden produzierten Spermien
wandern durch den Ductili efferentes in den Nebenhoden. Im
Nebenhoden werden die Spermien so lange gelagert, bis sie zur
Samenabgabe (Ejakulation) benötigt werden. Der Nebenhoden
ist ein 4 bis 6 Meter langer röhrenartig verschlungener
Nebenhodengang. Er dient der Reifung und Lagerung der vom

72
Hoden produzierten Samenzellen (Spermien) und geht in den
Samenleiter über. Bei der Ejakulation wird der Samen durch
rhythmische Kontraktionen der Muskulatur des Samenleiters,
der Samenblase, der Prostata, der Schwellkörper (das
männliche Glied besitzt 3 Schwellkörper) und des
Beckenbodens stoßweise aus dem Penis freigesetzt.
Ejakulation (lateinisch: eiaculari) bedeutet „herausspritzen“.
Während der Ejakulation wird das Seminalplasma, welches
zusammen mit den Spermien des Hodens den Samen (das
Ejakulat) bildet, herausgespritzt. Dabei werden den Spermien
weitere Sekrete verschiedener Geschlechtsdrüsen beigemischt.
(Samenleiterampulle, Samenbläschendrüse, Prostata,
Cowpersche Drüse, Littre-Drüsen)

Der Samenleiter hat eine Länge von etwa 50 - 60 cm und führt


vom Nebenhoden ausgehend, im Samenstrang durch den
Leistenkanal und mündet gemeinsam mit dem
Ausführungsgang der Samenbläschen innerhalb der Prostata in
der Harnröhre. Im Hoden und Nebenhoden, die nur 3–5% des
gesamten Volumens eines Samenergusses beisteuern, wird
neben den Spermien unter anderem auch Testosteron, das
regulierend auf die Produktion der Samenzellen wirkt und eine
Flüssigkeit ist, die zum Reifen und Ruhigstellen der
Samenzellen beiträgt, produziert.

6.2 Die Samenleiterampullen Top

In die Wand des Endabschnitts des Samenleiters (in der Nähe


der Prostata) sind Drüsenpakete eingelagert, die als Glandulae
ampullae bezeichnet werden. Beim Menschen und den meisten
Tierarten führen diese Drüseneinlagerungen auch zu einer
äußerlich sichtbaren Auftreibung des Samenleiters, die als

73
Samenleiterampulle bezeichnet wird. Die Samenleiterampulle
gehört zu den akzessorischen (untergeordneten)
Geschlechtsdrüsen und erzeugt einen Teil der
Samenflüssigkeit. Das Sekret der Samenleiterampullen
beinhaltet neben Citrat (Zitronensäure) und Fructose
verschiedene Proteine, die an Reifungsprozessen auf der
Spermienoberfläche beteiligt sind. Im Inhalt der
Samenleiterampulle konnte ein trypsin-ähnliches Enzym
nachgewiesen werden. Dieses Enzym ist an die Spermien
gebunden. Durch die Waschung der Spermien wird die
enzymatische Aktivität gesteigert, da durch den Waschvorgang
ein aus den Sekreten stammender Hemmstoff entfernt wird.

6.3 Die Samenbläschen Top

Die Samenblase ist eine etwa 5 cm lange Drüse. Ihr


Ausführungsgang verbindet sich mit dem Samenleiter zum
Spritzkanal, der in der Harnröhre mündet. Die Samenbläschen
sind paarig angelegte Drüsen, die aus einer verschlungenen
Röhre besteht. Die Innenwand dieser Röhre besteht aus
sekretorischem Drüsengewebe. Das Sekret der Samenbläschen
steuert das meiste Volumen, ca. 50–70%, des Ejakulats bei. Es
dient der Verflüssigung des Ejakulats und enthält Fruktose
(Fruchtzucker) und andere Stoffe, die der Ernährung der
Samenzellen dienen. Außerdem enthält es große Mengen an
Prostaglandinen (Hormone mit hoher Wirkungsvielfalt,
schmerzbekämpfend, fiebersenkend, gerinnungs- und
entzündungs-hemmend) und Fibrinogen (ebenfalls ein
gerinnungshemmendes Protein). Die Prostaglandine
(Hormone) tragen zur Befruchtung bei, in dem sie die
Gebärmutterschleimhaut empfänglicher für die befruchtete
Eizelle machen, und möglicherweise, in dem sie die glatte

74
Muskulatur in der Gebärmutterwand zu peristaltischen
Bewegungen (wellenförmige Einschnürungen von
Ringmuskeln) anregen, die die Spermien in Richtung der
Eierstöcke transportieren. Außerdem verhindern sie Infektionen
im männlichen Geschlechtstrakt.

Ebenfalls als Samenblasen werden im Tierreich Behältnisse zur


Aufbewahrung der Spermien benannt, die sowohl beim
Weibchen (etwa bei Ameisen) als auch beim Männchen (etwa
bei den Libellen) vorkommen können. Beim Menschen scheint
es aber so zu sein, dass die fertigen Spermien ausschließlich im
Nebenhoden gelagert werden. (Quelle: wikipedia.org)

6.4 Die Prostata Top

Die Prostata ist ein etwa kastaniengroßes Organ, das den


Anfangsteil der Harnröhre unter der Harnblase umgibt. Bei der
Ejakulation steuert die Prostata (Vorsteherdrüse) etwa 10–33%
des Samens in Form einer dünnflüssigen, milchigen Flüssigkeit
bei. Die Prostata zieht sich ebenso wie die Samenbläschen
während der Ejakulation zusammen, so das die Flüssigkeit der
beiden Organe vermischt und ausgestoßen wird. Das Sekret der
Prostata enthält Ionen (Natrium, Kalium, Zink und Magnesium,
Kalzium, Citrationen (Zitronensäure) und Phosphationen), ein
Gerinnungsenzym und Profibrinolysin (zur Blutgerinnung).
Der pH-Wert der Prostata ist leicht sauer (pH 6,4). Dies ist
besonders bedeutsam, da Spermien erst bei einem pH-Wert von
6.0 bis 6.5 optimal beweglich werden. Weiterhin ist PSA (ein
Prostata Spezifisches Antigen) enthalten, um die Spermien
beweglich zu machen. Die Prostata entlässt außerdem weiße
Blutkörperchen (Granulozyten) ins Samenplasma. Sie dienen
zur Abwehr von Bakterien, Parasiten und Pilzen.

75
Normalerweise werden 1 bis 2 Millionen weiße
Blutkörperchen pro Milliliter Prostataflüssigkeit ins Sperma
abgegeben. Der charakteristische Geruch des Spermas wird
durch das von der Prostata bereitgestellte Spermin (nicht zu
verwechseln mit den Spermien) verursacht.

6.5 Die Cowperschen Drüsen (Bulbourethraldrüsen) Top

Die Cowperschen Drüsen sind beim Menschen etwa


erbsengroß und 5 cm lang. Ihr Ausführungsgang mündet in der
Harnröhre. Die Cowperschen Drüsen werden durch die
sexuelle Erregung vom vegetativen Nervensystem, dem
Parasympathikus, angeregt, bereits vor der eigentlichen
Ejakulation, einen kleinen Anteil klaren Schleims abzusondern.
Dieser Schleim macht etwa 2 bis 5 Prozent des Ejakulats aus.
Das schleimige Sekret dient vor allem der Neutralisierung von
Harnresten, eventuell auch des sauren Scheidenmilieus. Beim
Austritt aus dem Penis kann das Sekret bereits Samenzellen
enthalten und daher möglicherweise eine Schwangerschaft
auslösen. Diese Spermien stammen dabei nicht aus der
Bulbourethraldrüse, sondern sind entweder Rückstände von
früheren Ejakulationen in der Harnröhre oder es sind Spermien,
die die Prostata bereits passiert haben, beispielsweise durch die
Ejakulationsphase ohne erfolgte Ejakulation. Man spricht beim
Sekret der Cowperschen Drüse auch vom Lusttropfen (auch
Lusttröpfchen, Vorlusttropfen, Sehnsuchtstropfen,
Glückstropfen oder Liquor of love genannt). Die Lusttropfen
bestehen aus einem klaren Schleim aus verschiedenartigen
Drüsenzellen und können schon mit Sperma vermischt sein.
Deshalb können Frauen auch durch den darin enthaltenen
Samen schwanger werden. Das Sekret der Bulbourethraldrüse
wird meist vor der eigentlichen Ejakulation abgegeben

76
(Vorsekret des Spermas).

6.6 Die Littre-Drüsen Top

Die Littre-Drüsen sind Schleimdrüsen, die vorwiegend der


Schmierung der Harnröhre dienen.

7. Der Nachteil des sexuellen Genusses Top

Beginnen möchte ich mit einem Zitat Swami Muktanandas aus


seiner spirituellen Autobiographie „Spiel des Bewusstseins“:
„Ich hatte die Welt gesehen, Menschen aller Art und in allen
Lebenslagen, ich hatte vom König bis zum Mann auf der
Strasse alle gesehen und auch, was mit ihnen am Ende geschah.
Alle möglichen Menschen kamen nach Ganeshpuri zu meinem
Guru, denn ein Heiliger gehört allen. Da waren Geschäftsleute,
Reiche, große Künstler, berühmte Filmstars, Sänger, Redner
und hohe Regierungsbeamte. Sie hatten alle irgendein Problem,
über das sie sprechen wollten. Und ganz gleich, was sie sonst
hatten, eines fehlte ihnen allen - ein gesunder Körper. Sie
sagten: „Ich habe alles, was ich mir wünsche, aber mein Herz
ist nicht gesund. Meine Sinnesorgane sind schwach. Die Ärzte
erlauben mir nicht, zu reisen oder eine volle Mahlzeit zu
essen.“ „Mein Magen tut schrecklich weh. Ich habe Tausende
von Rupien in England und Amerika dafür ausgegeben, aber
die Krankheit ist immer noch da.“ „Ich habe alles, aber ich
kann nichts verdauen. Ich kann nicht schlafen. Ich habe schon
zweihunderttausend Rupien für Behandlungen ausgegeben.“
Der eine hat ein krankes Ohr, der andere ein krankes Auge.
Jeder brachte meinem Guru seinen Kummer und sein Leid.
Jeder brachte seine Sorgen und Nöte zu ihm. Jeder war
irgendwie arm, allen fehlte etwas, und sie weinten

77
herzzerreißend. Einer war reich, aber er hatte eine schlechte
Gesundheit. Ein anderer war gesund, aber er hatte kein Geld.
Ein dritter war ungebildet, arm an Wissen. Ein vierter war
hässlich, arm an Schönheit. Die eine hatte keinen Mann, der
andere keine Frau, der dritte hatte keinen Sohn. So brachte
jeder, der kam, seine eigene Armut mit und erzählte von seiner
armseligen Lage. Ich hörte mir alles still an und fragte mich,
was ich von all diesen Menschen lernen und welchen Nutzen
ich daraus ziehen könnte. Um die Wahrheit zu sagen, meine
Lage war genau so wie ihre - arm an Selbsterkenntnis und
Verwirklichung. Ich sah sie mir genau an, sie waren bleich,
ruhelos, krank, oder reich, aber nicht zufrieden. Sie hatten
keine Kraft und Energie, nur immer neue Krankheiten. Ich
erkannte, dass die Ursache von all dem die Vergeudung der
Geschlechtsflüssigkeit, die Sinnlichkeit, und vor allem eine
unregelmäßige Lebensweise war.“
Soweit die Aussage Swami Muktanandas. Diese Aussage
erscheint mir typisch für die menschliche Gesellschaft. Der
Normalzustand der Menschen ist von Leid und von allen
möglichen Krankheiten gekennzeichnet. Die meisten
Menschen leben ziemlich unbewusst in den Tag hinein. Sie
leiden zwar, aber sie machen sich keine Gedanken darüber, wo
die Ursachen ihres Leids zu finden sind. Dass ein großer Teil
ihres Leid mit ihrer zügellosen Sexualität in Verbindung steht,
wollen viele Menschen nicht wahrhaben. Dies gilt in erster
Linie für Männer, da Männer leichter für erotische Reize
empfänglich sind. Den meisten Männern ist nicht klar, dass die
permanente sexuelle Befriedigung ein tiefer Eingriff in die
Physiologie ist, der weitreichende Folgen hat. Der Taoist
Mantak Chia schrieb einmal: „Jedesmal, wenn der Mann
ejakuliert (einen Samenerguß hat), nimmt der Körper an, daß er
ein neues Leben zeugen soll. Dem Tao zufolge opfern

78
sämtliche Organe und Drüsen dafür ihre besten Energien.“
Bei jedem Orgasmus geht also ein nicht unbeträchtlicher Teil
der Energie verloren, die der Mensch benötigt, um glücklich zu
sein. Ich habe ja bereits dargestellt, dass die sexuelle Begierde
sich bei den meisten Männern bereits vor der Pubertät
entwickelt. Mit anderen Worten, die meisten Männer
entwickeln bereits in der Kindheit eine sexuelle Abhängigkeit,
von der sie sich ihr Leben lang nicht mehr befreien können.
Fortan bestimmen sexuelle Fantasien ihr Leben. Das ganze
Leben wird darauf ausgerichtet, diese Fantasien in irgendeiner
Form ausleben zu können. Genau so wie sich das Denken des
Drogebabhängigen auf den nächsten Kick ausrichtet, so kreist
sich das Denken des meisten Männer um die nächste sexuelle
Befriedigung. Wenn ich von Abhängigkeit spreche, dann
geschieht dies deshalb, weil die Menschen nicht in der Lage
sind, ohne die permanente sexuelle Befriedigung zu leben,
selbst wenn sie es wollten. (Ich weise noch einmal darauf hin,
dass dies in erster Linie für Männer gilt.)
In unserer Gesellschaft hat sich die Vorstellung verbreitet, dass
es ein Gesetz der Natur sei, dass der Mann seinen Samen an
möglichst viele Partnerinnen weitergeben möchte, um seine
Gene an möglichst viele Nachkommen zu vererben. Ich halte
diese Vorstellung für falsch. Meiner Meinung nach entspringt
diese Ansicht patriarchalischem Denken und soll lediglich das
eigene zügellose sexuelle Verhalten entschuldigen. Die oben
beschriebene Ansicht, dass der Mann eigentlich gar nicht
anders kann, als sich den Gesetzen der Natur zu beugen, kann
ich deshalb nicht befürworten. Wenn die sexuelle Begierde
wirklich natürlich wäre, dann müssten alle Männer davon
betroffen sein. Dies ist aber keineswegs der Fall. Kein
Selbstverwirklichter hat ein erotisches Verlangen. Es ist
kennzeichnend für den spirituellen Weg, dass sich der

79
Yogaschüler, Mönch oder Priester, der sich für das Zölibat
entschieden hat, immer stärker von seiner sexuellen
Abhängigkeit löst, bis sie sich eines Tages vollkommen auflöst
und irgendwann verschwindet. Dann verschwinden auch alle
erotischen Fantasien. Man denkt überhaupt nicht mehr daran.
Im Prinzip geschieht bei allen Abhängigkeiten dasselbe. So
kann sich der Nikotinsüchtige zunächst nicht vorstellen, mit
dem Rauchen aufzuhören. Hat er dies aber doch geschafft, so
verschwindet im Laufe der Zeit der Gedanke an die Zigarette
immer mehr, bis er irgendwann gar nicht mehr daran denkt.
Bewegt er sich aber in einer Gesellschaft von Rauchern, so
könnte die permanente Inhalation des Tabakrauches ihn doch
wieder dazu verführen, eines Tages zur Zigarette zu greifen.
Dafür sind psychische und physiologische Prozesse
verantwortlich, die durch den Tabakrauch ausgelöst werden.
So ähnlich verhält es sich auch mit der Sexualität. Hat jemand
sich von der sexuellen Abhängigkeit gelöst, so ist er doch
weiterhin erotischen Verlockungen ausgesetzt. Dies gilt
natürlich besonders in der Zeit, in der er sich für die
Enthaltsamkeit entschieden, sich aber noch nicht von ihr gelöst
hat. Immer wieder wird er allen möglichen Versuchungen
ausgesetzt sein und es ist eine Frage der inneren Stärke, ob er
die Kraft besitzt, diesen Versuchungen zu widerstehen.
Sicherlich wird es ihm anfangs nicht immer gelingen, diesen
Verlockungen zu widerstehen. Wenn er stark genug ist, wird er
aber aus seinen Fehlern lernen und sie beim nächsten Mal
vermeiden.
Wie schwer es ist, im Zölibat zu leben, kann man sicherlich
daran erkennen, dass etwa 100.000 katholische Priester in den
letzten 30 Jahren von ihrem Amt suspendiert wurden oder ihr
Amt von selber niederlegten. Wir sollten uns daran erinnern,

80
dass katholische Priester einst den Sinn ihres Lebens darin
sahen, die Nachfolge Christi anzutreten. Dazu gehört
selbstverständlich auch das Zölibat und zwar aus einem guten
Grund. Schaut man sich nämlich das Neue Testament an, dann
sieht man, dass das Neue Testament an etlichen Stellen die
Notwendigkeit des Zölibats betont, um das „Himmelreich zu
erlangen“ (Matthäus 19,12). Auf diesen Punkt möchte ich
später noch etwas ausführlicher eingehen.
Man sollte also davon ausgehen, dass jemand, der katholischer
Priester werden möchte, sich zuvor intensiv mit dem Zölibat
auseinander gesetzt hat, denn kein Mensch wird gezwungen,
Priester zu werden. Darauf wird jeder katholische Seminarist
(Priesteranwärter) hingewiesen, bevor er zum Diakon geweiht
wird. Jeder Mönch absolviert eine zwei- bis sechsjährige
Probezeit als Novize, in der er jederzeit ins bürgerliche Leben
zurückkehren kann. Hat ein Seminarist sein fünfjähriges
Priesterseminar erfolgreich absolviert und wird zum Diakon
geweiht, so ist auch er nicht immer frei von Versuchungen und
so mancher Priester unterliegt diesen Verlockungen. (Nach
katholischem Kirchenrecht entspricht das Diakonat der ersten
Weihestufe und der letzten Stufe für Priesteramtskandidaten
vor ihrer Priesterweihe. Diakone können verheiratet sein oder
sich zum Zölibat verpflichten. Für Priester und Bischöfe
dagegen ist das Zölibat in der römisch-katholischen Kirche
verpflichtend.) Man kann wohl davon ausgehen, dass es nicht
am guten Willen der Priester mangelt, das Zölibat zu beachten.
Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Deshalb
würde ich davon ausgehen, dass es vielen Priestern nicht
gelungen ist, sich von der sinnlichen Begierde zu lösen, so dass
sie stets einen inneren Konflikt in sich austrugen, der sie
natürlich für sinnliche Reize empfänglich macht. Und manch
ein Priester kann ihnen nicht widerstehen.

81
Wenn jemand sich zum Zölibat entschließt, so sollte dies aus
Einsicht, aus Überzeugung und aus freiem Willen geschehen.
Es wird sich ohnehin niemand zum Zölibat zwingen lassen. Ist
jemand nicht von der Sinnhaftigkeit des Zölibats überzeugt, so
sollte er davon Abstand nehmen, egal ob Laie, Priester oder
Mönch.
7.1 Energieverlust durch den Orgasmus Top
Dr. Raymond Bernard schreibt in seinem Buch „The
physiological value of continence“ (Der physiologische Wert
der Enthaltsamkeit): „Studien über die Physiologie der
Sexualität zeigten, dass ein Hengst, wenn er zum ersten Mal
mit einer Stute kohabitiert, nach einem kurzem und kräftigem
Geschlechtsverkehr in eine kurze Ohnmacht fällt, die als
Gehirnanämie (Sauerstoffarmut im Gehirn) erkannt wurde. Er
gab sogar den Fall einer Stute, die nach einer Kohabitation tot
umfiel. Junge Bullen fallen nach dem ersten sexuellen Kontakt
mit einer Kuh häufig in Ohnmacht und es ist sehr häufig zu
beobachten, dass ein junger Bulle so ausgelaugt ist, dass er sich
in eine ruhige Ecke schleicht, um sich für einige Stunden zu
erholen. Hunde dagegen fallen nicht in Ohnmacht, weil die
sexuelle Vereinigung zwischen Hunden ausdauernder ist,
wodurch der Schock vermieden wird. Beim Eber steigt der
Orgasmus auf eine solche Höhe, dass das Tier an Schmerzen zu
leiden scheint. Danach ist es für mehrere Stunden erschöpft.
Wenn wir verstanden haben, wie tief die organische
Erschütterung ist, die mit dem Vorgang der Detumeszens, dem
Abschwellen der Gefäße und Muskeln, verbunden ist, und wie
groß die begleitende motorische Erregung ist, können wir
verstehen, dass der Koitus (Geschlechtsverkehr) sehr ernste
Auswirkungen haben kann. Auch bei Tieren ist dies mitunter
der Fall. Junge Stiere und Hengste sind nach ihrem ersten

82
sexuellen Kontakt in Ohnmacht gefallen. Eber sind nach einem
Koitus in ähnlicher Weise davon betroffen. Und von Stuten ist
bekannt, dass sie sogar unmittelbar nach einem Koitus sterben
können. Die Menschen, vor allem die Männer, sterben zwar
nicht, aber sie leiden unter unzähligen Störungen. Unfälle
unmittelbar nach dem Koitus sind bekannt. Sie resultieren
hauptsächlich aus der Gefäß- und Muskelspannung, die mit der
Abschwellung der Gefäße und Muskeln einhergehen. Frauen
sind durch die größere Langsamkeit der weiblichen
Detumeszens, der Abschwellung der Gefäße und Muskeln,
besser geschützt.
Bei einigen Personen ist das Ende des Orgasmus von mehr
oder weniger starken epileptischen Zuckungen begleitet.
Danach stellt sich eine große Erschöpfung ein. Dies ist
ebenfalls beim männlichen Kaninchen (Rammler) zu sehen,
das nach jeder Kopulation in einer Art epileptischen Anfall auf
die Seite fällt, wobei das weiße des Auges sich nach oben
dreht. Das Tier zuckt dann krampfartig mit den Hinterbeinen
und hechelt einige Zeit, bis das Nervensystem sich wieder
erholt hat. Man hört auch immer wieder von Todesfällen, die in
den Bordellen und im Ehebett durch den negativen Einfluss des
sexuellen Orgasmus auf das Nervensystem und den Körper
geschahen, insbesondere bei empfindlichen Personen. In der
Insektenkunde (Entomologie) finden sich reichlich Hinweise,
dass der Tod des männlichen Insekts unmittelbar nach der
Kopulation eintritt.
Es ist bekannt, dass einige Spinnen nach der Befruchtung
sterben. Der Tod des männlichen Tieres ist ebenfalls bei
anderen Arten zu finden. Die Verbindung der Fortpflanzung mit
dem Tod, ist ebenfalls bei einigen fliegenden Insekten, wie der
gemeinen Eintagsfliege, bekannt. Nachdem der Liebestanz, die
Befruchtung, die Eiablage und der Tod der Eltern, sich

83
innerhalb weniger Stunden vollzieht, kann sich neues Leben
entwickeln. In höheren Tieren ist die Sterblichkeitsrate der
Fortpflanzung stark verringert, doch tragische Todesfälle
bestehen auch im menschlichen Leben, als Gegenspieler der
(körperlichen) Liebe. Die Wirkung einer vorübergehenden
Erschöpfung, sowie eine verstärkte Anfälligkeit für alle
Formen von Krankheiten und eine individuelle Verminderung
der Lebensenergie, die sich sogar bei einer mäßigen sexuellen
Ausschweifung einstellt, ist hinlänglich bekannt.“
Woher kommt die totale Erschöpfung, die sich nach dem
Orgasmus einstellt. Es wurde bereits gesagt, dass das
Abschwellen der Muskeln und Blutgefäße eine Ursache hierfür
ist. Man sollte aber auch wissen, dass der Körper bei jedem
Orgasmus davon ausgeht, dass neues Leben gezeugt wird. Und
dafür opfert er seine besten Energien. Deshalb gehen bei jedem
Orgasmus nicht nur Natrium, Kalium, Zink, Magnesium,
Kalzium, Citrationen und Phosphationen verloren, die der
Körper unbedingt braucht, um sich wohl zu fühlen. Die
Samenflüssigkeit enthält außerdem Salz, Protein, Dopamin,
Noradrenalin, Tyrosin, Oxytocin und Vasopressin sowie
verschiedene Östrogene, Pheromone, Antidepressiva und ß-
Endorphin.
Die Energie, die der Körper für das Produzieren neuer
Samenzellen aufbringen muss, geht für das Wohlbefinden, die
Vitalität und die Lebensfreude verloren. Dadurch fühlt der
Mann sich in den Tagen nach einem Orgasmus müde, schlapp
und ausgelaugt. Der Körper braucht im Durchschnitt 72 Tage,
um neue befruchtungsfähige Spermien zu produzieren. Hat
jemand regelmäßigen sexuellen Kontakt oder befriedigt er sich
regelmäßig selber, so gehen dem Körper ebenso regelmäßig
diese wertvollen Mineralien, Vitamine, Spurenelemente,
Proteine, Hormone, usw. verloren. Dies bleibt natürlich nicht

84
ohne Folgen, sondern führt, infolge des Mangels an
Mineralien, Vitaminen, Spurenelementen, usw.; meist sehr
schnell zu chronischen Stoffwechselstörungen, die in der Regel
mit Depressionen, Ängsten, Wut, Hass, Eifersucht, Misstrauen,
usw. einhergehen. Die Lebenslust, die Lebensfreude, geht dabei
verloren und das Leben wird zur Qual. Fortan wird das Leben
vom Leid bestimmt.
Dass jeder Orgasmus dem Menschen wertvolle Energien raubt,
ist vielen Menschen auch deshalb nicht bewusst, weil sie über
die verloren gegangenen Energien gar nicht weiter nachdenken.
Sie sehen ihr Leben, betrachten ihr Leben als vollkommen
normal und erkennen gar nicht, dass ihr Leben auch ganz
anders aussehen könnte. Um sich wirklich intensiv und kritisch
mit ihrem Leben auseinander zu setzen, dafür fehlt ihnen oft
die Intelligenz oder das Wissen. Dass die fehlene Intelligenz
oder das fehlende Wissen etwas mit ihrer ausschweifenden
Sexualität zu tun haben könnte, darüber machen sie sich keine
Gedanken. Ebenso trifft dies auch auf ihre Ängste, ihre
psychosomatischen Beschwerden, auf ihre Wut, ihre
Unzufriedenheit, ihre Unfähigkeit, sich zu entspannen, auf ihre
Unfähigkeit, während der Meditation einen tieferen
meditativen Zustand zu ereichen und auf ihr depressives
Verhalten zu, welches ihr Leben beeinträchtigt. Sie machen
sich keine Gedanken darüber, dass dies alles etwas mit ihrer
Sexualität zu tun haben könnte. Damit möchte ich nicht sagen,
dass die Sexualität der einzige Grund für ihr Leiden ist, sie ist
aber sicherlich einer der Hauptgründe dafür. Würden sie ihre
sexuellen Energien nicht pausenlos so achtlos vergeuden, so
könnte ihr Leben in einem Licht erstahlen, wie sie es selber
nicht für möglich halten. Man hat eher das Gefühl, dass das
Leben der meisten Menschen Lichtjahre von dieser Seligkeit
entfernt ist. Und das hat natürlich etwas mit ihrem

85
auschweifenden Sexualleben zu tun.
Ich stelle immer wieder fest, dass vielen Frauen nicht bewusst
ist, wieviel Energien bei jedem Orgasmus verloren gehen.
Ebenso wie vielen Männern ist auch vielen Frauen nicht
bewusst, auf welchen Ebenen sich dieser Energieverlust überall
bemerkbar macht. Dies wurde ja im letzten Absatz bereits
angedeutet. Hinzu kommt allerdings auch, dass Frauen nicht so
leicht für sexuelle Reize empfänglich sind und auch nicht so
leicht zum Orgasmus kommen. Deshalb haben Frauen im
Allgemeinen auch nicht so häufig einen Orgasmus wie Männer.
Laut Angabe der amerikanischen Sexualtherapeutin Lou Paget
haben etwa 29 Prozent aller Frauen nur selten oder niemals
einen Orgasmus beim Geschlechtsverkehr. 84 Prozent der
Frauen erhalten durch orale Befriedigung einen Orgasmus. Nur
40 Prozent aller Frauen sind mit ihrem Sexualleben zufrieden.
63 Prozent aller Frauen gehen davon aus, dass Männer die
weiblichen Wünsche nicht kennen. Hinzu kommt, dass etwa 30
Prozent aller Männer einen vorzeitigen Orgasmus haben. Für
viele von ihnen ist damit das Liebesspiel beendet. Etwa 34
Prozent der Frauen täuschen häufig auch nur einen Orgasmus
vor. Weil Frauen beim Sex also wesentlich seltener einen
Orgasmus haben als Männer, mitunter auch gar keinen
Orgasmus, können sich manche Frauen offensichtlich gar nicht
vorstellen, wie energiezehrend ein Orgasmus sein kann.
Vielleicht will man so etwas auch einfach nicht wahrhaben,
weil es den eigenen Wünschen und Erwartungen widerspricht.
Swami Sivananda, der Arzt und Leiter eines Krankenhauses
war, sagte hierzu in seinem Buch „The practice of
brahmacharya“: „Das am stärksten entkräftende und
entmutigende Vergnügen ist das sexuelle Vergnügen. Es geht
einher mit Schmerzen, Schwächen, Anhaftungen, mit einem
schwachen Willen, einer Sklavenmentalität, mit großer

86
Anstrengung im Kampf gegen die sinnliche Begierde und mit
Nervosität. Aber sinnliche Menschen kommen niemals zur
Vernunft, obwohl sie harte Schläge, Tritte und Prügel aus allen
Richtungen beziehen. Der streunende Straßenhund schleicht
sich immer wieder in die Häuser, obwohl er dort jedes mal mit
Steinen beworfen wird. Bedeutende westliche Mediziner sagen,
dass verschiedene Arten von Krankheiten aus dem Verlust des
Samens entstehen, besonders im jungen Alter. Sie zeigen sich
als Blutgeschwüre auf dem Körper, Bläschen oder Akne auf
dem Gesicht, als blaue Linien unter den Augen, als Fehlen von
Barthaaren, als eingefallene Augen, als Bleichgesicht mit
Blutarmut, als Gedächtnisverlust, als Verlust des
Sehvermögens, als Kurzsichtigkeit, als Verlust des Samens
zusammen mit dem Urin (Spermatorrhoe = Samenverlust ohne
Orgasmus), als Vergrößerung der Hoden, als Schmerz im
Hoden, als Erschöpfung, Schläfrigkeit, Trägheit, Depression,
Herzklopfen, als Atemnot oder Schwierigkeit mit der Atmung,
als Schwindsucht (Tuberkulose), als Rückenschmerzen,
Lendenschmerzen, Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen, als
schwache Nieren, als Urinieren im Schlaf, als
Wankelmütigkeit, Denkfaulheit, als schlechte Träume, feuchte
Träume (Pollutionen), als Unruhe und Rastlosigkeit.“
Bei Dr. Raymond Bernard lesen wir weiter: „Der Samen ist
eine sämige, eiweißhaltige Flüssigkeit, mit basischem
Charakter, der sehr reich an Kalzium, Phosphor, aber auch an
Lecithin, Cholesterin, Eiweiß, Nukleoproteinen, Eisen, Vitamin
E, usw. ist. Bei der Ejakulation eines normalen Mannes werden
etwa 226 Millionen Spermien ausgeschieden. Diese sind reich
an phosphorisierenden Fetten (Lecithinen), Cholesterinen, dem
Ursprung der Sexualhormone, Nukleoproteinen und Eisen. Der
Samen enthält wertvolle Bestandteile, die unter anderem über
die Vitalität eines Menschen entscheiden. Der Samen enthält

87
also Stoffe mit hohem physiologischen Wert, vor allem in
Bezug auf die Ernährung des Gehirns und des Nervensystems.
Wird der männliche Samen durch die weiblichen Genitalien
aufgenommen, so hat er einen vitalisierenden Effekt auf den
weiblichen Organismus. Dasselbe geschieht im Körper des
Mannes, wenn er den Samen erzeugt und bewahrt. Umgekehrt,
entzieht der Velust des Samens dem Körper seine Vitalität und
wertvolle Substanzen, wie Lecithin, die für die Ernährung der
Nerven sehr wichtig sind. Lecithin wird z.B. mit sehr großem
therapeutischem Erfolg für die Heilung von Neurasthenie, einer
Nervenschwäche aufgrund körperlicher und/oder seelischer
Überlastung infolge sexueller Exzesse, eingesetzt.“
Die folgenden Aufzählungen gehören zu den vielen
physiologischen Beweisen, die den Wert der Enthaltsamkeit
verdeutlichen:
1. Es besteht eine bemerkenswerte Ähnlichkeit
zwischen der chemischen Zusammensetzung des
Samens und des zentralen Nervensystems, die
beide besonders reich an Lecithin, Cholesterin und
Phosphorverbindungen sind. Dies weist darauf hin,
dass die Vergeudung des Samens, dem Körper
Substanzen entzieht, die für die Ernährung des
Nervensystems unbedingt notwendig sind.

2. Übermäßiger freiwilliger Samenverlust durch


Masturbation, Geschlechtsverkehr und andere
sexuelle Praktiken, ist schwächend und schädlich
für den Körper und das Gehirn.

3. Übermäßiger unfreiwilliger Samenverlust durch


nächtliche Pollution, am Tage auftretende

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(unfreiwillige) Orgasmen, Spermatorrhea (Abfluß
von Samen, evtl. nur Samenblasensekret, aus der
Harn(samen)röhre ohne Wolllustgefühl, z.B. beim
Stuhlgang oder Wasserlassen), schwächen das
Nervensystem und können Neurasthenie auslösen.

4. Beobachtungen der unmittelbaren Folgen eines


Orgasmus' weisen darauf hin, dass sie
vorübergehend das Nervensystem erschöpfen.
Findet dagegen häufig ein Orgasmus statt, dann
führt dies zu einer chronischen Nervenschwäche.

5. Enthaltsamkeit ist heilsam für das Gehirn, da es


das Lecithin, welches als Nervennahrung betrachtet
werden kann, bewahrt. Aus diesem Grunde führten
einige der größten Intellektuellen Genies der Antike
und der modernen Zeit ein enthaltsames Leben.
Dazu gehören Pythagoras, Plato, Aristoteles,
Leonardo da Vinci, Spinoza, Newton, Kant,
Beethoven, Herbert Spencer, usw..

6. Neuere physiologische Erkenntnisse, die darauf


hinweisen, dass der Samen Substanzen enthält, die
von großem physiologischen Wert für den Körper
sind, unterstützen die Idee der Enthaltsamkeit, die
sich positiv auf die Gesundheit auswirkt.

Lecithin ist leicht brennbar und enthält eine große Menge


gespeicherter potentieller Energie. Es ist gut geeignet die
unaufhörlichen Aktivitäten des Gehirns, des Nervensystems
und der Atmungsorgane zu unterstützen. Wie Öl in den feinen
Verästelungen des Dochts brennt, so brennt Lecithin in den

89
feinen Verästelungen der Nervenfasern. Der einzige andere Teil
des Körpers, der mit dem Gehirn, den Nerven und dem
endokrinen (inneren) Gewebe verglichen werden kann, der
ebenfalls einen hohen Gehalt an Lecithin hat, sind der Samen
und die Spermien. Ebenso wie das Gehirn ist der Samen eine
fetthaltige Substanz, reich an phosphorisierten Fetten, den
Phosphatiden oder Phospholipiden. Dass beachtliche Mengen
an Lecithin für die Bildung der Spermien erforderlich sind, ist
bekannt. Wird dieses Lecitin aber durch den Orgasmus
verausgabt, so geht dem Menschen dadurch wertvolle Energie
verloren, die er sonst über die Blutbahn den Nerven, dem
Gehirn und der Lunge zur Verfügung stellen könnte, um für
einen ausgeglichenen Stoffwechsel, der ein entsprechendes
Wohlbefinden mit sich bringt, zu sorgen. Das, was über das
Lecithin gesagt wird, gilt im Prinzip ebenso für das Cholesterin
und die Phosphorverbindungen.
Geht der Same einmal verloren, so kann er nicht so ohne
weiteres ersetz werden, denn viele Hormone, Proteine,
Vitamine, Lecithin, Cholesterin, Phosphate usw. brauchen Zeit,
um ersetzt zu werden. Sind sie einmal verloren gegangen, so
kann man sie nicht einfach von außen zuführen, wie manche
meinen. Auch der Körper braucht seine Zeit, um die verloren
gegangenen Substanzen zu erneuern. Die permanente
Verausgabung führt in der Regel dazu, dass der gesamte
Stoffwechsel gestört wird, so dass es längerer Zeit bedarf bis
der Körper sich wieder erholt. Dabei sollte man bedenken, dass
sich die psychosomatischen Erkrankungen, die sich infolge
einer jahre- oder jahrzehntelangen sexuellen Ausschweifung
eingestellt haben, nicht von heute auf morgen heilen lassen.
Man kann also davon ausgehen, dass die regelmäßige sexuelle
Aktivität in der Regel zu einem mehr oder weniger gestörten
Stoffwechsel führt, der einige Monate oder gar einige Jahre

90
benötigt, um wieder zu genesen.
Tiere, wie Menschen, werden zu Opfern eines übertriebenen
sexuellen Verlangens, wenn sie sich falsch ernähren und in
Gefangenschaft gehalten werden. Daher werden Affen, wenn
sie in einem Käfig eingesperrt sind und mit Fleisch und anderer
sexuell anregender Nahrung gefüttert werden, extrem zügellos
und bösartig, während sie zuvor, als sie noch mit Früchten
gefüttert wurden, sanft und zahm waren. Dann masturbieren sie
exesssiv und haben täglich Geschlechtsverkehr und die
Weibchen menstruieren so häufig wie menschliche Frauen.
Andere weibliche Säugetiere, die ein natürliches Leben führen,
menstruieren nicht. Nur durch Domestizierung und
übermässige Fütterung geschieht dies bei Kühen und anderen
Arten. Daraus kann man ersehen, dass die Menschen mit der
Ablösung traditioneller Lebensformen und der Gründung der
„Zivilisation“, inklusive der Verhütungstechniken und der
Sexualaufklärung, sich immer weiter von der natürlichen
Lebensweise entfernten und eine immer ungesundere
Lebensweise führten, in der die Sexualität plötzlich in den
Mittelpunkt des Interesses rückte.
8. Die sechs Stufen der Keuschheit Top
Wenn von der Keuschheit, dem Zölibat, die Rede ist, dann
versteht man darunter im Allgemeinen ein sexuell enthaltsames
Leben. Die Keuschheit sollte aber nicht als ein einheitlicher
Zustand betrachtet werden. Der Anfänger, der soeben beginnt,
keusch zu leben, wird die Keuschheit sicherlich anders erleben,
als jemand, der sie schon längere Zeit praktiziert. Beginnt
jemand keusch zu leben, so brodeln in ihm immer noch viele
erotische Fantasien, die immer wieder in ihm aufsteigen und
mit denen er sich in irgendeiner Weise auseinander setzen
muss. Das Vernünftigste ist es, sofort alle aufkommenden

91
Gedanken, Wünsche und Fantasien beiseite zu schieben. Dies
bedarf aber einer gewissen Erfahrung und Willensstärke, die
man zunächst einmal lernen muss. Jemand der bereits längere
Erfahrungen mit der Keuschheit hat, hat sich womöglich
bereits von allen sinnlichen Wünschen und Fantasien gelöst. Er
lässt sich nicht mehr von solchen Reizen verführen, falls sie
überhaupt noch vorhanden sind.
Interessant in diesem Zusammenhang sind die Äusserungen
des katholischen Priesters, Mönchs, Abts und Schriftstellers
Johannis Cassianus (360 – 435), der später heilig gesprochen
wurde. Zunächst pilgerte er als junger Mann, vermutlich aus
Süd-Rumänien, wo er um 360 n.Chr. geboren wurde, nach
Palästina, wo er in einem Kloster in Bethlehem mit dem
christlichen Mönchstum in Berührung kam. Von dort zog er
über 10 Jahre nach Ägypten, um bei den christlichen Mönchen
in der ägyptischen Wüste das Koinobitentum (griechisch
koinos bios = gemeinsames Leben) kennenzulernen. Das
Koinobitentum steht im Gegensatz zum Eremitentum
(Anachoretentum), bei dem die Einsiedler völlig abgeschieden
und zurückgezogen in der Wüste leben. Die Koinobiten
dagegen leben in einer klösterlichen Gemeinschaft. In seinem
Buch „Vierundzwanzig Unterredungen mit den Wüstenvätern“
spricht er von sieben unterschiedlichen Stufen der Keuschheit,
die wir uns einmal ansehen sollten. Cassianus schreibt: [14]
„Es gibt viele Stufen der Keuschheit, auf welchen man zu jener
unverletzlichen Reinheit hinaufsteigt. Obwohl meine Kraft
nicht hinreicht, diese in würdiger Weise zu erkennen oder gar
aufzuzählen, so will ich doch, weil es der Verlauf der
Unterredung fordert, nach meiner geringen Erfahrung
irgendwie darüber sprechen, indem ich das Vollkommenere den
Vollkommeneren überlasse und durchaus denen nicht
vorgreifen will, die durch glühendern Eifer eine größere

92
Keuschheit besitzen und sich also durch eine um so hellere
Einsicht auszeichnen, je eifriger sie sind. So will ich also den
hohen Berg der Keuschheit in sechs Stufen theilen, die freilich
an Höhe sehr voneinander verschieden sind. Dabei will ich
gewisse Mittelstufen, deren sehr viele sind, übergehen, denn
ihre feinen Unterschiede entziehen sich so sehr dem
menschlichen Verstand, daß weder ein Geist einsehen noch
eine Zunge aussprechen kann, wie allmählich die
Vollkommenheit der Keuschheit durch täglichen Fortschritt
heranwächst. Denn ähnlich wie die sichtbaren Körper täglich
unbemerkbar ihr Wachsthum haben und so, ohne es zu wissen,
zu der Vollendung ihrer Gestalt gelangen, so wird auch die
Vollkraft der Seele und die Reife der Keuschheit erlangt.
Der erste Grad der Schamhaftigkeit ist nun, daß der wachende
Mönch nicht durch fleischliche Anfechtung gestürzt werde. Der
zweite, daß sein Geist nicht bei lüsternen Gedanken verweile.
Der dritte, daß er durch den Anblick eines Weibes auch nicht
leichthin zu einer Begierde gereizt werde. Der vierte, daß er im
Wachen nicht einmal eine einfache Regung des Fleisches
erdulde. Der fünfte, daß seinen Geist auch nicht die leiseste
Beistimmung zu der Lust treffe, wenn der Inhalt einer
Abhandlung oder eine nothwendige Lesung ihm die
Erinnerung an die menschliche Zeugung beibringt, sondern daß
er dies; als eine ganz einfache Sache und als eine dem
menschlichen Geschlechte nothwendig zugewiesene Leistung
mit ruhigem und reinem Herzensauge betrachte und nicht mehr
daran denke, als wenn es sich um die Bereitung von
Ziegelsteinen oder irgend ein anderes Geschäft handeln würde.
Der sechste Grad ist, daß er selbst im Schlafe nicht durch
verführerische Vorstellungen von Weibern betrogen werde.
Denn obwohl wir nicht glauben, daß diese Bethörung mit
Sündenschuld behaftet sei, so ist sie doch ein Zeichen der noch

93
im Innersten verborgenen Begierlichkeit. Es ist bekannt, daß
dieser Trug auf verschiedene Weise entstehe. Denn gemäß dem,
was einer wachend zu thun oder zu denken gewohnt ist, wird er
auch im Schlafe versucht; anders nämlich werden die verführt,
welche die fleischliche Verbindung nicht kennen, anders die,
welche die Vereinigung mit dem Weibe erfahren haben.
Die Ersteren werden gewöhnlich durch einfachere und weniger
unreine Träume belästigt und können so auch mit weniger
Anstrengung und Mühe gereinigt werden. Die Zweiten aber
werden durch schmutzigere und deutlichere Vorstellungen
verführt, bis der Geist allmälig nach dem Maße der Reinheit,
wonach einer strebt, selbst in der Schlaftrunkenheit zum Hasse
jener Dinge sich wendet, die er vorher freiwillig fühlte. Dann
wird ihm vom Herrn gewährt werden, was den tapfern
Männern als höchster Lohn ihrer Mühen durch den Propheten
versprochen wird: „Bogen und Schwert und Krieg will ich
bannen aus euerm Lande und euch schlafen lassen in
Sicherheit;“ (Ose. 2, 18) und so wird endlich einer zu jener
Reinheit des frommen Serenus (christlicher Märtyrer) und der
wenigen ähnlichen Männer gelangen. Diese (siebte) Stufe habe
ich deßhalb von den oben genannten sechs weggelassen, weil
sie nur von den Wenigsten erreicht, ja auch nur geglaubt
werden kann; und weil Das, was jenem durch eine besondere
Reichlichkeit der göttlichen Gnadengabe verliehen wurde,
nicht als allgemeines Gebot vorgelegt werden kann, daß
nämlich unser Geist so sehr zu keuscher Reinheit sich gestalte,
daß selbst die natürliche Regung des Fleisches erstirbt und also
jenen unreinen Fluß gar nicht mehr hervorbringt. Endlich darf
ich die Meinung, welche einige über diesen fleischlichen Erguß
festhalten, nicht verschweigen. Sie sagen: nicht deßhalb
begegne dieser (der nächtliche Erguß) den Schlafenden, weil
der Traumestrug ihn hervorbringe, sondern weil der Überfluß

94
dieser Säfte in dem ungesunden Herzen gewisse reizende
Regungen entstehen läßt. In jener Zeit, sagen sie, in welcher
eine solche Ansammlung nicht beunruhigt, sei wie der Fluß, so
auch das Traumspiel weg.“
8.1 Körperliches und geistiges Brahmacharya Top
Willst du ein Brahmachari sein, dann muss dein Verstand rein
sein. Geistiges Brahmacharya ist ebenso wichtig wie
körperliches Brahmacharya. Geistiges Brahmacharya ist aber
um einiges schwerer zu verwirklichen, als körperliches
Brahmacharya, denn geistiges Brahmacharya entspricht einem
inneren Zustand, der sich erst nach längerer Zeit des
körperlichen Brahmacharya einstellt. Darum sollte man
zunächst das körperliche Brahmacharya anstreben. Hat man
das geistige Brahmacharya noch nicht verwirklicht, dann treten
immer wieder Versuchungen an den Brahmachari heran, die
seine Sinne zum lodern bringen. Ist dies der Fall, dann sollte
der Brahmachari jeden sinnlichen Gedanken sofort vertreiben.
Oft denkt man, man könnte ein wenig mit seinen Fantasien
spielen, ohne dass dies Konsequenzen hätte. Aber das ist ein
Irrtum, den man meist erst bemerkt, wenn es zu spät ist. Dann
ist man betrübt, weil das Verlangen wieder einmal stärker war
als die Vernunft. Daraus sollte man die Konsequenz ziehen, es
beim nächsten Mal besser zu machen. Man wird nur Erfolg im
körperlichen Brahmacharya haben, wenn man jeden sinnlichen
Gedanken sofort konsequent vertreibt. Dann stellt sich wieder
innere Ruhe ein und die lodernden Flammen des sinnlichen
Verlangens erlöschen wieder.

Du solltest Erfolg im körperlichen Brahmacharya, aber auch im


geistigen Brahmacharya anstreben. Der Geisteszustand, bei
dem kein sexueller Gedanke mehr vorhanden ist, wird geistiges
Brahmacharya genannt. Wenn es auch nur einen einzelnen

95
sexuellen Gedanken gibt, kann man nicht erwarten, geistiges
Brahmacharya zu verwirklichen. Vollkommenes geistiges
Brahmacharya stellt sich aber erst nach längerer Zeit des
körperlichen Brahmacharya ein. Dann sind keine erotischen
Begierden mehr vorhanden. Sind die Gedanken erregt, dann ist
das sexuelle Verlangen sehr stark. Wenn du die lüsternen
Gedanken nicht kontrollieren kannst, dann kontrolliere
zumindest den Körper. Körperliches Brahmacharya muss
anfangs streng geübt werden. Kontrolliere den Körper, wenn
sinnliche Begierden dich beunruhigen. Geistige Reinheit oder
geistiges Brahmacharya wird sich dann ebenfalls allmählich
einstellen. Auf alle Fälle ist es besser, die Sinne zu
kontrollieren, als sich dem sinnlichen Vergnügen hinzugeben.
Meditiere täglich, dann werden allmählich deine Gedanken
gereinigt.

Ein sexueller Akt belebt alle sinnlichen Fantasien auf's neue


und gibt ihnen neue Nahrung. Nichts ist darum schädlicher für
den Brahmachari, als seinen sinnlichen Begierden zu folgen.
Darum sollte zuerst der Körper kontrolliert werden. Erst
danach wird sich geistiges Brahmacharya einstellen. Der
Brahmachari sollte in der Lage sein, für Monate oder Jahre auf
jegliche sexuelle Aktivität zu verzichten. Allmählich verändert
sich dann die Physiologie seines Körpers und das permanente
sexuelle Begehren klingt immer weiter ab, bis es eines Tages
ganz verschwindet. Man sollte aber bedenken, dass mit den
Verschwinden des sexuellen Begierden keineswegs alle
Probleme gelöst sind. Die Lösung von der sexuellen
Abhängigkeit ist erst der erste Schritt auf der spirituellen
Leiter, dem weitere Schritte folgen sollten. Vergleicht man die
spirituelle Leiter mit dem klassischen indischen Chakramodell
(1. Wurzelchakra, 2. Sexualchakra, 3. Sonnengeflecht, 4.

96
Herzchakra, 5. Kehlkopfchakra, 6. Stirnchakra, 7.
Scheitelchakra) worauf ich später noch ausführlicher eingehen
möchte, dann entspricht die Ablösung von der sexuellen
Abhängigkeit gewissermaßen dem Erreichen des
Sexualchakras. Hat der Brahmachari geistiges Brahmacharya
verwirklicht, so wird einiges in seinem Leben leichter, weil
unter normalen Umständen keine erotischen Wünsche und
Fantasien mehr in ihm erwachen. Er sollte aber weiterhin allen
Versuchungen aus dem Wege gehen. Erst in einem späteren
Stadium ist er stark genug, selbst erotischen Versuchungen zu
widerstehen. Hat der Brahmachari geistiges Brahmacharya
verwirklicht, so ist er damit aber noch nicht von seinen
Ängsten, von seiner Wut, von seinen Depressionen und
psychosomatischen Erkrankungen befreit. Dies geschieht erst
zu einem späteren Zeitpunkt des spirituellen Aufstiegs.

9. Die Sexualität des Menschen Top


Die eigentliche Aufgabe der Sexualität ist die Fortpflanzung.
Allein hierfür wurde sie von der Natur erschaffen. Um die
Fortpflanzung zu gewähren, hat die Natur sich einen Trick
einfallen lassen, denn sie hat die Fortpflanzung mit einem
äussert intensiven Lustempfinden verbunden. Gäbe es dieses
Lustempfinden nicht, so würde sich womöglich kaum ein
Lebewesen für die Fortpflanzung interessieren und die Rassen
würden nach und nach aussterben. Irgendwie scheint der Natur
der Fortbestand der Lebewesen am Herzen zu liegen, denn
sonst hätte sie womöglich nicht solch ein lustbetontes Konzept
entwickelt. Dieses lustbetonte Konzept hat aber auch einen
gravierenden Nachteil, denn die Sexualität besitzt auch die
Eigenschaft, dass man von ihr abhängig werden kann. Diese
sexuelle Abhängigkeit beginnt bei den meisten Jungen bereits
in der Kindheit und sie ist meist so stark, dass sie bis ans

97
Lebensende bestehen bleibt. Für diese Abhängigkeit sind
physiologische Veränderungen verantwortlich, die eine
permanente sexuelle Begierde hervorrufen. Es sind ähnliche
physiologische Prozesse, die die Drogen-, Nikotin-, Tabletten-
und Alkohol-Abhängigkeit hervorrufen.
Wenn man davon ausgeht, dass die Sexualität naturgemäß
eigentlich dafür gedacht ist, Nachwuchs zu zeugen, so
bräuchten die Paare eigentlich nur miteinander intim zu sein,
wenn sie Nachwuchs zeugen wollten. Die Realität aber sieht
anders aus, denn unsere Gesellschaft hat die Sexualität fast auf
die sexuelle Befriedigung reduziert und sie gewissermaßen
vom eigentlichen Zeugungsakt getrennt. Die Menschen sind in
der Regel wegen der sexuellen Befriedigung miteinander intim,
aber nicht um Nachwuchs zu zeugen. Es wird sogar einiges
getan, um genau diesen Nachwuchs zu verhindern. Und damit
wird die Sexualität ausschliesslich auf die sexuelle
Befriedigung reduziert.
Die Reduzierung der Sexualität auf die sexuelle Befriedigung
hat natürlich ihre Gründe. Einerseits liegt es daran, dass die
Sexualität die Fähigkeit besitzt, eine sexuelle Abhängigkeit, ein
sexuelles Suchtverhalten, zu erzeugen. Hiervon sind die
meisten Männer betroffen. Dieses Suchtverhalten äußert sich in
der Form, dass diese Männer immer wieder das Recht auf
regelmäßige intime Stunden von ihrer Partnerin fordern, ohne
dabei unbedingt die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Partnerin
zu berücksichtigen. Notfalls wird dies auch mit Schmeichelein,
Geschenken, Drohungen oder Erpressungen eingefordert. Über
kurz oder lang stößt dies natürlich meist auf Ablehnung bei der
Partnerin und führt zu Spannungen in der Partnerschaft.
Aber auch Frauen können ein suchtähnliches Verhalten
entwickeln. Einerseits verwechseln manche Frauen Sexualität

98
mit Liebe und sind mit ihrem Partner intim, weil sie meinen,
ihm dadurch ihre Liebe zu schenken. Dies mag vielleicht sogar
ehrlich gemeint sein, aber ich glaube, dass es vielen Männern
in Wirklichkeit nur um die eigene sexuelle Befriedigung geht.
Liebe steht oft erst an zweiter Stelle. Ich habe weiter das
Gefühl, dass es manchen Frauen schmeichelt, wenn sie das
Gefühl haben, von einem Mann begehrt zu werden. Nicht zu
verleugnen ist sicherlich auch der Aspekt, dass die Sexualität
von Frauen oft als Mittel zum Zweck benutzt wird, dass sie
also benutzt wird, um sich materielle Vorteile zu verschaffen.
Umgekehrt nutzen Männer materielle Anreize, um sich
sexuelle Vorteile zu verschaffen.
Die These, dass Frauen es durchaus verstehen, die Sexualität zu
ihrem Vorteil einzusetzen, wird durch eine Studie zweier
englischer Evolutionspsychologen von der Newcastle
University bestätigt, die zuvor im Fachblatt „Evolution and
Human Behavior“ veröffentlicht wurde. Männer, die
wohlhabend sind und/oder einen hohen gesellschaftlichen
Status haben, sind für Frauen attraktiver. Wohlhabenden und
erfolgreichen Männern fällt es wesentlich leichter Frauen
kennenzulernen, als weniger erfolgreichen Männern. Dies ist
allgemein bekannt und relativ gut belegt. Eine Studie der
britischen Psychologen Prof. Daniel Nettle und Dr. Thomas
Pollet, die am 18. Januar 2009 von der britischen Tageszeitung
„The Times“ vorgestellt wurde, geht noch einen Schritt weiter
in den Folgen der Partnerwahl und dürfte Aufsehen erregen.
Nach dieser Studie gibt es einen Zusammenhang zwischen dem
Reichtum eines Mannes und der Zahl der Orgasmen seiner
Partnerin: „Die Häufigkeit der weiblichen Orgasmen nimmt
mit dem Einkommen ihrer Partner zu.“, erklärt Dr. Thomas
Pollet. Reichere Männer sind zwar nicht besser im Bett, aber
der Sex mit ihnen wird von Frauen womöglich als besser

99
erlebt, weil sie sich damit einen Zugang zu Reichtum und
Macht verschaffen können und diesen erhalten wollen. Dr.
Thomas Pollet glaubt, dass dieses Phänomen auf einer
evolutionären Anpassung der Frau beruht, die fest in ihren
Genen einprogrammiert ist. Sie führt dazu, dass sie sich Partner
sucht, der ihr und ihrer Familie die größte Sicherheit bietet.
[46]
Schaut man sich einmal an, warum sich viele Partnerschaften
bilden, dann versteht man auch, warum die Sexualität innerhalb
der Partnerschaft solch eine Bedeutung bekommt. Viele
Menschen sind einsam und sehnen sich nach einem Partner
oder einer Partnerin. Sie setzen sich meist nur wenig mit den
Ursachen ihrer Einsamkeit auseinander, sondern wollen ihr
einfach nur entkommen, indem sie in die nächste Partnerschaft
fliehen. Mit Liebe hat das meist wenig zu tun, sondern es
entspricht eher einer Flucht aus der Einsamkeit. Dieses
Verhalten ist eher ein Nehmen, ein Habenwollen, und ist auch
von dem Wunsch bestimmt, seine erotischen Fantasien
ausleben zu können. Viele Menschen glauben, man könne nur
in einer Partnerschaft glücklich sein. In Wirklichkeit laufen sie
nur vor ihrer inneren Unzufriedenheit, ihrer Langeweile und
ihrer Einsamkeit davon. Sie könnten die Zeit des Alleinseins
ebenso nutzen, sich diesen Problemen zu stellen, um daran
etwas zu ändern. Statt dessen aber flüchten sie lieber in die
nächste Partnerschaft. Ich möchte keineswegs bestreiten, dass
man den jeweiligen Partner bzw. die Partnerin nicht gerne mag
und daran interessiert ist, eine harmonische Beziehung
miteinander zu führen. Man sollte aber bedenken, dass man
alle ungelösten Probleme mit in die neue Beziehung einbringt.
Die ungelösten Probleme lösen sich also nicht auf, sondern
treten nur für ein Weilchen in den Hintergrund, um sich
irgendwann wieder bemerkbar zu machen. Bekanntlich macht

100
Liebe blind. Hat sich die stürmische Leidenschaft erst einmal
gelegt, dann betrachtet man manches mit anderen Augen.
Schließlich ist auch das Verliebtsein nur ein Trick der Natur,
die auf diesem Wege dafür sorgt, dass Nachwuchs gezeugt
wird. Das Verliebtsein entspricht ebenso wie dem Wütend-
oder Traurigsein einem bestimmten physiologischen Zustand,
bei dem das Gehirn bestimmte Hormone in den Körper
ausschüttet. Ist man verliebt, so produziert das Gehirn
Endorphine, sogenannte „Glückshormone“, also körpereigene
Drogen, die dafür sorgen, dass man die Welt durch die rosarote
Brille sieht. Dieser körpereigene Drogencocktail vertreibt nicht
nur die Sorgen und die Einsamkeit, unter der man vielleicht
zuvor litt, sondern verstärkt den Wunsch, eine Familie zu
gründen und Kinder zu zeugen. Diese sogenannten
„Liebeshormone“ sorgen sogar dafür, dass die Geburt nicht so
schmerzhaft verläuft, denn sie sind nicht nur schmerzlindernd,
sondern wirken antidepressiv, aufmunternd und lindern die
Angst. Irgendwann aber kehrt der graue Alltag wieder ein und
es ist die Frage, ob die Partnerschaft dann immer noch so
harmonisch verläuft.
9.1 Das sexuelle Lustzentrum Top
Es ist interessant, sich einmal anzusehen, warum die Menschen
sich so sehr von der Sexualität angezogen fühlen. Wie bereits
gesagt, geraten die meisten Männer bereits in der Kindheit in
die Fänge der Sexualität, aus der sie sich fortan nicht mehr
befreien können und aus der sie sich auch nicht befreien
wollen, denn schließlich bereitet die Sexualität ihnen ein
großes Vergnügen. All die negativen Folgen, die damit
verbunden sind, werden nicht weiter zur Kenntnis genommen,
schließlich ist das Gefühl des Orgasmus so überwältigend, dass
man darauf auf keinen Fall verzichten möchte. Wie stark das

101
Gefühl des Orgasmus ist, wurde in einem Tierexperiment
nachgewiesen, welches mit Ratten durchgeführt wurde.
Ratten wurden in einen Käfig gesetzt und eine Elektrode wurde
im sexuellen Lustzentrum des Gehirns eingepflanzt. War der
Strom eingeschaltet, dann konnte das Lustzentrum der Ratten
erregt werden. War der Strom ausgeschaltet, war eine Erregung
nicht möglich. Nun wurde den Ratten beigebracht, einen Hebel
zu bedienen, der das Lustzentrum im Gehirn stimulierte. Immer
wieder berührten sie den Hebel, was eine lustvolle Empfindung
bei ihnen auslöste. Sie taten es so lange, bis sie völlig erschöpft
waren und bewusstlos umfielen. Nachdem sie wiederbelebt
wurden und man sie wieder in den Käfig setzte, taten sie genau
das gleiche; immer und immer wieder.
Dann gaben die Forscher den Ratten die Möglichkeit, den
Schalter selbst zu betätigen. Das hat sie dann endgültig süchtig
gemacht. Später nahmen sie extreme Schmerzen und
Elektroschocks in Kauf, nur um an den Schalter zu kommen.
Dabei vergaßen sie alles andere, selbst das Essen und Trinken
und sind letztendlich verdurstet. Das extrem intensive Gefühl
eines Orgasmus resultiert aus der Aktivierung eines Bereichs
des Mittelhirns, dem ventralen Tegmentum, der das
Glückshormon Dopamin ausschüttet. Das ventrale Tegmentum
scheint der wichtigste Bestandteil des Belohnungssystems zu
sein, in dem auch verschiedene Drogen ihre Wirkung entfalten.
So weiss man aus den Untersuchungen englischer
Wissenschaftler, dass die Injektion von Heroin die gleichen
Regionen aktiviert, die auch bei der „Orgasmus-Studie“
sichtbar wurden. Das „High“ nach Einnahme der Droge wird
von Süchtigen zudem häufig mit dem Gefühl eines sexuellen
Höhepunkts verglichen.
Aus diesen Experinenten ist ersichtlich, wie stark die

102
Abhängigkeit von der Sexualität sein kann. Diese Abhängigkeit
bringt allerdings auch alle bereits beschriebenen negativen
psychosomatischen Erkrankungen mit sich. Da die meisten
Menschen (Männer) aber nicht die Kraft, den Willen und die
Einsicht haben, sich von ihrer sexuellen Abhängigkeit zu lösen,
werden sie einerseits zu Sklaven ihrer sexuellen Begierden und
andererseits zahlen sie dafür einen hohen Preis, der von der
ganzen Vielfalt psychosomatischer Leiden gekennzeichnet ist.
Sie haben sich durch ihre sexuelle Abhängigkeit
gewissermaßen selber aus dem Paradies vertrieben, welches
eigentlich nur darauf wartet, ihnen permanente Seligkeit zu
bereiten und haben sie gegen kurze Momente der Seligkeit und
ein ansonsten qualvolles und beschwerliches Leben
eingetauscht. Um diesem Leid wenigstens hin und wieder für
einen kurzen Moment zu entrinnen, flüchten sie sich, wie die
Ratten im Experiment, immer und immer wieder in neue
sexuelle Höhepunkte. Dadurch wird das Leben insgesamt zur
Qual und entbehrt, bis auf die kurzen Momente der sinnlichen
Lust, jeglicher Seligkeit. Da diese Seligkeit also vollkommen
aus dem Leben der Menschen verschwunden ist, versuchen sie
diese Seligkeit wenigstens für kurze Momente in der Sexualität
zu finden. Dabei vergessen sie allerdings, dass ihr ganzes
Leben aus Seligkeit bestehen könnte, würden sie ihre sexuellen
Energien nicht permanent verschleudern, sondern bewahren
und sublimieren. Auf die Sublimation der sexuellen Energie
wird später noch eingegangen.
9.2 Das sexuelle Verhalten urzeitlicher Völker Top
Dr. Raymond Bernard verweist in seinem Buch „The
physiological value of continence“ auf die Studien einiger
Wissenschaftler, die das sexuelle Verhalten urzeitlicher Völker
untersuchten. Aus diesen Studien geht hervor, dass die
Urvölker, die meist in Stämmen lebten und ein natürlicheres

103
Leben führten als die sogenannten zivilisierten Menschen. Sie
waren nicht so auf die Sexualität fixiert, wie die zivilisierten
Menschen. Sie waren in der Regel nur miteinander intim, um
Kinder zu zeugen und praktizierten in einem weit größerem
Umfang ein keusches Leben, als die zivilisierten Menschen.
Dies ist nicht nur auf andere ethische, moralische und
kulturelle Vorstellungen zurückgeführen, sondern auch auf eine
andere Ernährungsweise. Die urzeitlichen Menschen ernährten
sich weit weniger von proteinreicher (eiweißreicher) Nahrung,
wie Fleisch, Fisch, Eier und Geflügel, denen im Allgemeinen
nachgesagt wird, dass sie die Libido und damit das erotische
Begehren fördern, sondern sie ernährten sich in weit höherem
Maße von Getreide, Nüssen, Samen, Obst und Gemüse. Unsere
artnächsten Verwandten, die Menschenaffen, ernähren sich
durchschnittlich zu 52% von Früchten und Beeren, zu 35% von
Blättern, Wildpflanzen und Sprossen, zu 7% von Wurzeln,
Samen, Rinden und Gallen (Gallen = Pilze, Bakterien und
Kleintiere, die auf Blättern wachsen), zu 5% von Blüten und zu
1% von Kleingetier und Insekten. Kaffee, Schwarzer Tee,
Tabak und Alkohol, denen man ebenfalls eine aphrodisierende
Wirkung nachsagt, war ihnen entweder unbekannt oder wurde
nur selten von ihnen genossen. Da Verhütungsmittel unbekannt
waren, war die Keuschheit die verbreitetste
Verhütungsmethode. Erotische Bilder und Texte, wie sie uns in
der zivilisierten Welt in Form von Film, Literatur, Werbung,
Fernsehen und Internet täglich berieseln, waren den
urzeitlichen Menschen ebenfalls unbekannt.
Schauen wir uns einmal an, wie die Sexualität bei einigen
urzeitlichen Völkern aussah. Auf den Andamanen, einer
Inselgruppe östlich von Indien, war der sexuelle Wunsch unter
den Männern nur sehr gering vorhanden. Normalerweise
erwuchs die Sexualität der Männer auf den Andamanen erst mit

104
18 Jahren und sie wurde erst nach der Heirat befriedigt, wenn
der Mann etwa 26 Jahre alt war. Daran kann man erkennen,
wie prägend das Vorbild und der kulturelle Einfluss der
Gesellschaft auf das sexuelle Verhalten der Menschen ist, in
der man aufwächst. Auch die Ureinwohner Feuerlands an der
Südspitze Südamerikas waren in ihrer Sexualität äußerst
zurückhaltend. Von den Eskimos im nördlichen Polargebiet ist
bekannt, dass sie in der langen dunklen Winterzeit keine
Sexualität praktizierten. Deshalb geht man davon aus, dass der
sexuelle Instinkt der Urzeitvölker weniger stark ausgeprägt war
als bei den zivilisierten Menschen und dass die Urvölker
Sexualität nur praktizierten, um Nachwuchs zu zeugen.
Es ist bekannt, dass die Indianer Amerikas weit weniger
wollüstig waren, als die fleischessenden weißen oder
afrikanischen Rassen. Indische Jungen, die sich vegetarisch
ernährten, masturbierten nicht und sie lebten bis zur Heirat in
Keuschheit.
Keuschheit vor der Ehe, war einst in vielen Teilen Afrikas die
Regel. Unter den Ba Henda war Geschlechtsverkehr vor der
Ehe nicht erlaubt. Bei den Syntengs, lebt der Ehemann mit
seiner Frau nicht im selben Haus. Er besucht sie nur
gelegentlich im Hause seiner Mutter, wo die Braut ebenfalls
wohnte. Unter den Seri, werden junge Männer angeleitet, ein
Jahr vor der Ehe eine Probezeit zu absolvieren, in der sie
enthaltsam leben, um ihre Fähigkeit der sexuellen
Selbstkontrolle zu testen. In Uganda wurde nach der Geburt
eines Kindes, eine Enthaltsamkeit von zwei Jahren praktiziert.
Laut Havelock Ellis sind die Afrikaner weit weniger wollüstig
als die weißen Männer.
Unter den Fidschis im Südpazifik lebten Ehemann und Ehefrau
nach der Geburt eines Kindes drei bis vier Jahre getrennt, so

105
dass kein weiteres Baby geboren werden konnte und die Mutter
die notwendige Zeit zum Stillen und zur Erziehung des Kindes
hatte. Der sexuelle Impuls der Belendas auf den malayischen
Inseln war nur schwach entwickelt. Sie waren nicht sexuell. Es
gab wenig oder keine Liebesspiele in den sexuellen
Beziehungen. Unter den Malayen herrscht in Zeiten des
Krieges strikte Keuschheit. Unter den Kambodschanern
herrschte strenge Keuschheit und wenn man den Himalaya
nach Norden überschritt, so fand man dort wild lebende
Völker, denen sexuelles Begehren unbekannt war. So wird das
frisch verheiratete Paar bei den Turcomians einige Tage nach
der Hochzeit für ein Jahr getrennt.
Bei Edvard Westermarck (1862-1939), einem finnischen
Ethnosoziologen und Philosophen, heißt es, um so weiter die
Zivilisation voranschreitet, desto größer ist die Zahl der
unehelichen Geburten und die Verbreitung der Prostitution.
Diese Probleme treten eher in Städten, als auf dem Lande auf.
Er behauptet, dass Promiskuität, der Geschlechtsverkehr mit
wechselnden Partnern, kein ursprünglicher und natürlicher
Zustand des Menschen ist, sondern ein Produkt der
Zivilisation, oder besser gesagt, der Pseudo-Zivilisation. Die
„primitiven“ Rassen der Menschheit, lebten vergleichsweise
keusch.
Die antiken Spartaner in Griechenland verkörperten eine Rasse,
mit einem hohen moralischen Anspruch, die die Keuschheit
beachtete. Die Geschlechter lebten selbst nach der Hochzeit
getrennt. Die Männer schliefen zusammen in einem Schlafsaal
und die Frauen in einem anderen. Zur Erreichung der
Keuschheit, die er als wesentlich für die Erhaltung der Vitalität
der spartanischen Rasse hielt, verbot Lykurk, der Gesetzgeber
der Spartaner, den Konsum von Fleisch und anderen
stimulierenden Nahrungsmitteln und setzte eine vegetarische

106
Kost durch. Alkohol war ebenso verboten. Er verbot das Essen
zu Hause und und ernährte die Spartaner an einer öffentlichen
Tafel. Durch die Kontrolle ihrer Nahrung, konnte er ihre Moral
kontrollieren. In Sparta, einem Matriarchat, in dem Frauen
große Macht hatten, wurden die Jungen zur Keuschheit
erzogen. Der athenische Politiker, Feldherr und Schriftsteller
Xenophon (426-355 v.Chr.) sagte, dass die Jungen schamhafter
seien als die Mädchen. Der Mut und die körperliche Perfektion
der spartanischen Rasse machte sie durch alle Zeitalter
berühmt.
9.3 Die enthaltsam lebenden Dani aus Neuguinea Top
Durch den amerikanischen Anthropologen Prof. Karl Gustav
Heider (geboren 1935) von der Harvard Universität, der die
Dani 1961 und 1963 insgesamt 26 Monate lang in Westirian
(Westneuguinea) studierte, ist das sexuelle Verhalten der
enthaltsam lebenden Dani recht gut bekannt. [19] Die Dani
sind ein Volk aus Neuguinea, mit 370.000 Einwohnern. Sie
hatten in den ersten beiden Jahren nach der Heirat keinen
Geschlechtsverkehr und lebten für 4 bis 6 Jahre nach der
Geburt eines Kindes vollkommen enthaltsam. Vorehelicher und
außerehelicher Geschlechtsverkehr sind praktisch unbekannt.
Es gibt scheinbar keine Homosexualität oder andere sexuelle
Formen der sexuellen Befriedigung (Onanie). Darüber hinaus
scheint niemand irgendwelche Anzeichen von Unglück oder
Stress zu zeigen. Nach der Befragung, sagten die
Stammesangehörigen, die Verletzung der Enthaltsamkeit nach
der Schwangerschaft würde Probleme mit den Geistern des
Stammes verursachen. Dennoch wirkten die Dani keineswegs
gezwungen gegenüber ihren Geistern, und Heider stellt fest,
dass die Befolgung dieser übernatürlichen Bestimmungen als
ziemlich zwanglos verstanden werden muss.

107
Die Dani scheinen einfach keinen größeren Drang zu kennen,
weder sexuell noch in anderer Weise. Es gibt kaum starke
Gefühle, wenig künstlerische Ambitionen und nur wenig Streit.
Anstatt seiner Wut Ausdruck zu verleihen, entfernt sich der
Dani lieber von der belastenden Situation. Kriege haben, laut
Heider, den emotionalen Charakter der Rotwildjagd in
Amerika. Die Krieger unterhalten sich eine längere Zeit,
kämpfen dann eine Stunde lang und setzen danach die
Unterhaltung fort. Wut und Rache spielen dabei nur selten eine
Rolle. Die Dani wollen einfach nur ihre Geister besänftigen
und den Kampf so schnell wie möglich beenden. Ihr einzig
wirkliches Interesse gilt der Schweinehaltung und dem Anbau
der Süßkartoffel. Heider kann es sich nicht erklären, warum das
Energieniveau der Dani so niedrig ist (warum sie so ein
geringes sexuelles Verlangen haben). Der Stamm scheint eine
geringe Kindsterblichkeitsrate, eine ausreichende Ernährung
und keine ernsten Krankheiten zu haben. Heider glaubt nicht,
dass genetische oder biologische Faktoren die Ursachen für
dieses „niedrige Energiesystem“ der Dani sind, sondern dass
sie kulturell bedingt ist. Wenn das so ist, dann müsste die
westliche Theorie über den angeborenen sexuellen Trieb, der
vor allen Dingen von Freud postuliert wurde, neu überdacht
werden.
10. Die vier Lebensstadien im Hinduismus Top
Traditionell wurde das Leben eines Hindu in vier
Lebensstadien unterteilt. Diesem Konzept folgten viele
gläubige Hindus. Das Konzept der vier Lebensstadien soll dem
gläubigen Hindu helfen, sein Wesen zu läutern und im Zustand
reinen Bewusstseins Befreiung vom Rad der Wiedergeburt zu
erlangen. So kann er sich von den Fesseln des Leids befreien
und mit dem Göttlichen vereinen. Man unterscheidet zwischen
folgenden vier Lebensstadien:

108
● Brahmacharya, Schülerschaft (10/14 - 20/25 Jahre)
● Grihastya, Berufs- und Familienleben (20/25 – 50/60)
● Vanaprastha, Weltentsager (50/60 bis 70/75 Jahre)
● Sannyas, Waldeinsiedler (70/75 Jahre bis zum Tod)
10.1 Der Brahmachari, der Schüler Top
In früheren Zeiten lebten etwa 30 Prozent aller indischen
Kinder, insbesondere die Kinder aus der Oberschicht, in einem
Ashram bei einem Lehrer (Guru). Der Schüler wurde als
Brahmachari bezeichnet. Er lebte enthaltsam und wurde von
seinem Lehrer, der oft mit seiner Frau zusammenlebte, in
häuslichen, schulischen und spirituellen Dingen unterrichtet.
Man kann die Brahmacharis fast als kleine Mönche betrachten.
Die wichtigste Aufgabe des Brahmachari ist das Studium der
Heiligen Schriften. Der Brahmachari legte ein zeitliches
Gelübte ab, auf Sexualität, Fleisch, Drogen, Alkohol und
Glücksspiel zu verzichten.
Brahmacharya bedeutet Zölibat. Ein Brahmachari ist jemand,
der das Zölibat, die Keuschheit, beachtet. Der Zölibat stammt
vom lateinischen Wort „caelebs“ ab und bedeutet allein oder
unverheiratet zu leben. Das Brahmacharya bedeutet nicht nur
die Kontrolle der Fortpflanzungsorgane, sondern die Kontrolle
aller Sinne. Es bedeutet Reinheit in Gedanken, Worten und
Taten. Das Leben eines Brahmachari beginnt mit der
Upanayana Zeremonie, der Aufnahmeprozedur, die als zweite
Geburt betrachtet wird. Dabei verpflichtet sich der
Brahmachari seine ganze Aufmerksamkeit dem Studium der
heiligen Schriften zu widmen. Während dieser Studienperiode
sollte der Schüler unter der Aufsicht eines Lehrers leben.
Es sei daran erinnert, dass auch heute noch in einigen

109
buddhistischen Ländern z.B. in Myanmar, Thailand, Laos, Sri
Lanka, Kambodscha, Vietnam und Indien, viele Jungen für
Wochen, Monate, Jahre, oder gar ihr ganzes Leben in ein
Kloster gehen. Dieser Aufenthalt im Kloster, bei dem die
Kinder die heiligen Schriften studieren und meditieren, wo sie
zu Freundlichkeit, Nächstenliebe und Bescheidenheit angeleitet
werden, hat einen großen Einfluß auf ihr späteres Leben. Ich
täte mir wünschen, die europäischen Kinder hätten ebenso die
Gelegenheit, sich intensiv mit Yoga, Meditation und mit
ethischen, spirituellen, psychologischen, soziologischen,
religiösen und humanistischen Themen zu beschäftigen. Es
käme der Gesellschaft sicherlich zu Gute. Statt dessen
verkümmern ihre Talente vielfach an Schulen, an denen
Gewalt, Egoismus und Rücksichtslosigkeit den Ton angeben.
Vor der Aufnahmeprozedur wird der Knabe geschoren,
gebadet, geschmückt und gespeist. Dann wird ein Feuer
entzündet, welches drei Tage lang brennen soll, denn so lange
dauert die Zeremonie. Im Laufe der Zeremonie wird dem
Schüler eine Mönchsrobe, ein Fell, ein Gürtel, ein Stab und ein
Gefäss zum Betteln überreicht. Der Stoff aus dem die
Mönchsrobe und der Gürtel gewebt sind, hängen von der
jeweiligen Kaste ab, dem der Schüler angehört. Die Robe kann
aus Leinen, Hanf, Baum- oder Schafswolle gewoben sein. Der
Gürtel kann aus Munjagras, aus einer Bogensehne, aus
Kashagras, aus Wolle oder aus Hanf sein. Das Fell bildet das
Obergewand. Je nach Kastenzugehörigkeit wird dem Schüler
das Fell eines schwarzen Antilopen, eines Hirsches, einer Kuh
oder einer Ziege angelegt. Der Stab ist etwa mannshoch und
aus Palashaholz, Bilvaholz, Badara oder Udumbara. In einem
Zwiegespräch zwischen Schüler und Lehrer wird der Schüler
auf seine Pflichten hingewiesen. Am Schluss der Zeremonie
erhält der Lehrer eine Liebesgabe als Opferlohn. Nach Ablauf

110
von drei Tagen werden die Brahmanen (Priester) gespeist und
der junge Brahmachari wird zu seinem Schritt gratuliert.
Ein Brahmachari ist jemand, der durch ein Leben in absoluter
Keuschheit versucht, Brahman (Gott) zu realisieren.
Brahmacharya ist der Versuch, ein zölibatäres Leben zu führen.
Ein Brahmachari sollte bis zum 25. Lebensjahr die heiligen
Schriften studieren. Hat er die Entscheidung getroffen, das
Gelübde der Enthaltsamkeit bis ans Ende seines Lebens
beizubehalten, möchte er also ein Naishtika Brahmachari
werden, dann braucht er die Lebensphase des Ehemannes
(Grihastya) nicht zu beachten. Er sollte also keine Heirat
eingehen und Leidenschaftslosigkeit und Unterscheidungskraft
entwickeln. Erst dann wird er ein erfolgreicher Brahmachari
sein. Er kann sein ganzes Leben dem spirituellen Streben
widmen.
Traditionell besteht die Vorstellung, dass ein Brahmachari
seinen Lehrer mit der gebotenen Ehrfurcht verehren soll. Der
Guru ist die Verkörperung aller Veden (Heiligen Schriften) und
aller Devas (Gottheiten). Deshalb sollten Gott und Guru als
eins betrachtet und der Guru täglich verehrt werden. Ein
Brahmachari sollte seinem Guru mit Glauben und Hingabe
zwölf Jahre lang dienen. Er sollte Japa (Mantrameditation) als
seinen wertvollsten Schatz betrachten und niemals darauf
verzichten. Durch die Meditation allein erlangt er Erfolg. Der
Kontakt der Sinne mit den Objekten der Begierde führt
unweigerlich zur Sünde. Darum wird er nur Erfolg haben,
wenn er seine Sinne kontrolliert. Die Kontrolle der Sinne ist für
den Brahmachari nur durch Meditation möglich. Nur ein
wahrer Brahmachari kann Bhakti (Liebe und Hingabe zu Gott)
kultivieren. Nur ein wahrer Brahmachari kann Yoga
praktizieren. Nur ein wahrer Brahmachari kann Jnana (Wissen)
erlangen. Ohne Brahmacharya ist kein weltlicher und

111
spiritueller Erfolg möglich. Brahmacharis sollten Zigaretten,
Tabak, Schnupftabak, Schwarzen Tee und Kaffee meiden.
Brahmacharya verleiht eine gute Gesundheit, inneren Frieden,
Stärke, Frieden des Geistes und ein langes Leben. Es kräftigt
den Geist und die Nerven. Es hilft physische und geistige
Energie zu bewahren. Es vergrößert die Stärke, die Kraft und
die Vitalität. Es gibt Kraft zur Bewältigung der Schwierigkeiten
im täglichen Kampf des Lebens. Brahmacharya ist der Weg,
um Glück und Gesundheit zu erlangen. Es ist der Eckstein zur
Seligkeit und zu ungetrübtem Glück. Es ist das einzige Mittel,
wahre Männlichkeit zu bewahren. Darum versuche unter allen
Umständen Brahmacharya zu bewahren. Brahmacharya
bedeutet Freiheit von sexuellen Gedanken und Wünschen.
Darum bewahre die lebenswichtige Flüssigkeit (den Samen),
denn sie ist deine Lebenskraft. So wirst du höchste
Glückseligkeit erlangen. Brahmacharya bringt materielle
Vorteile und psychische Gesundheit. Es ist die Grundlage für
ein Leben in Frieden. Brahmacharya ist eine wirksame Waffe
im Kampf gegen die inneren Dämonen (gegen alle falschen
Vorstellungen, die man verinnerlicht hat). Es verleiht
beständige Freude, ununterbrochene und nicht versiegende
Seligkeit, solange sie beachtet wird. Sie verleiht enorme
Energie, einen klaren Verstand, eine starke Willenskraft, ein
gutes Gedächtnis, ein klares Verständnis und eine gute
Unterscheidungskraft. Nur durch Brahmacharya sind
körperliche, geistige und spirituelle Fortschritte möglich.
Brahmacharya, makellose Keuschheit, ist das beste aller
Heilmittel. Wer die perfekte Kontrolle über die sexuelle
Energie erreicht, erlangt eine Energie, die auf keinem anderen
Weg erreicht werden kann. Brahmacharya ist die Tür zum
Nirvana, zum Samadhi, zur Erleuchtung. Das vollendete
Zölibat ist der Schlüssel, um das Tor zur himmlichen

112
Glückseligkeit zu öffnen. Der Weg zum Wohnsitz des höchsten
Friedens beginnt mit Reinheit und Brahmacharya. Bewahrte
sexuelle Energie wird als spirituelle Energie im Gehirn
gespeichert. Diese Energie kann für spirituelle Fortschritte
genutzt werden, um die lang ersehnte Seligkeit zu
verwirklichen. Wie wir bereits in der Diskussion über den
Energieverlust durch den Orgasmus gesehen haben, gehen bei
jedem Orgasmus wertvolle Mineralien, Spurenelemente,
Vitamine, Lecithine, Enzyme, Phosphatide und Hormone
verloren. Bewahrt man dagegen den Samen, so wird er vom
Blutkreis aufgenommen, um Nerven und Gehirn zu stärken.
Damit trägt er zu einer besseren Gesundheit und zum
Wohlbefinden des Menschen bei. Es ist also das physiologische
Gleichgewicht, das über die Gesundheit und das Wohlbefinden
des Menschen entscheidet.
Der Mensch, der sich in der sexuellen Abhängigkeit befindet,
wird niemals Selbstverwirklichung erlangen. Mag sein, dass er
ausgezeichnete künstlerische, wissenschaftliche, sportliche,
politische oder kulturelle Leistungen vollbringt. Das heißt aber
noch lange nicht, dass er ein glücklicher und zufriedener
Mensch ist. Wirkliche Zufriedenheit wird er erst finden, wenn
er sich von seiner sexuellen Abhängigkeit löst. Dazu müsste er
aber seine sexuellen Neigungen bändigen. Aber sexuelle
Neigungen sind wie Wellen, die sich aufgrund der schlechten
Gesellschaft dem Meer anpassen. Es gibt nichts, was den
Charakter so negativ beeinflusst, wie schlechte Gesellschaft.
Darum vermeide schlechte Gesellschaft. Wer seine vitale
Energie verschwendet, wird leicht nervös und reizbar. Er wird
schnell wütend und verliert sein Gleichgewicht. Ist jemand
wütend, dann verhält er sich oft rücksichtslos, ungerecht und
verletzend. Er reagiert oft unüberlegt. Er beleidigt seine Eltern,
seinen Guru oder Respektspersonen. Er weiß nicht, was er tut,

113
denn er ist nicht in der Lage, vernünftig zu unterscheiden und
zu argumentieren. Daher muss ein Brahmachari unter allen
Umständen seine vitale Lebensenergie bewahren. Die
Bewahrung dieser wertvollen Energie führt zur Erlangung einer
starken Willenskraft, zu gutem Benehmen, zu spirituellen
Fortschritten und schließlich zum Moksha, zur Befreiung von
allem Leid.
Jeder Brahmachari sollte lernen, zunächst das physische
Brahmacharya zu beherrschen. Er sollte im Zölibat leben,
selbst wenn noch sexuelle Begierden in ihm schlummern. Im
Laufe der Zeit wird sich auch das mentale Brahmacharya
einstellen. Dann verschwinden allmählich seine erotischen
Fantasien und Begierden. Sieht er dann eine hübsche Frau,
dann sieht er in ihr nicht mehr das begehrte Sexualobjekt,
sondern betrachtet sie als ganz normalen und liebenswerten
Menschen. Er erfreut sich vielleicht an ihrem hübschen
Aussehen ohne lustvolle Hintergedanken zu haben. Führe
daher ein moralisches Leben, denn moralische Stärke ist das
Rückgrat des spirituellen Fortschritts. Das Entwickeln einer
ethischen Kultur ist Teil der spirituellen Praxis. Der Verlust der
vitalen sexuellen Energie bringt großes Leid mit sich. Der
permanente Verlust dieser Energie führt zu chronischen
psychosomatischen Erkrankungen, die nur durch die strikte
Enthaltsamkeit wieder genesen kann. Darum bewahre unter
allen Umständen diese wertvolle vitale Energie. Praktiziere das
Brahmacharya, lege das Gelübte des Zölibats ab und du wirst
schon bald eine neue Kraft, Vitalität und Stärke in dir
entdecken. Das Leben wird wieder lebenswert und die
Lebensfreude kehrt wieder in dein Leben zurück.
10.2 Der Grihastya, der Familienvater Top
Mit 20/25 Jahren beginnt das zweite Lebensstadium, das

114
Grihastya, die Zeit des Berufs- und Familienlebens. Hat der
Brahmachari sich entschieden, kein Mönch zu werden, so
denkt er darüber nach, einen Beruf zu ergreifen und eine
Familie zu gründen. Den Beruf sollte er seinen Neigungen,
Fähigkeiten und Interessen entsprechend wählen. Auch im
Berufsleben sollte sich der Grihastya von ethischen
Vorstellungen leiten lassen. Es spricht nichts dagegen, wenn
jemand erfolgreich seinen Beruf ausübt und dabei ein gutes
Einkommen hat. Dies sollte aber nicht auf Kosten anderer
Menschen geschehen. Da Reichtum verpflichtet, sollte er einen
Teil seines Einkommens denen spenden, denen es nicht so gut
geht. Auch in seinem Berufs- und Familienleben sollte sich der
Grihastya ausreichend Zeit für seine spirituelle Praxis nehmen.
Er sollte also weiterhin täglich meditieren, Yogaübungen
machen und an seinem Charakter arbeiten. Dabei sollte die
Spiritualität nicht nur im kleinen Kämmerlein stattfinden,
sondern sie sollte sein ganzes Leben bestimmen. Die
Spiritualität sollte in das Berufs- und Familienleben mit
einfließen, sie sollte zur ethischen und moralischen Richtlinie
seines Handelns werden. Sie sollte sich im liebevollen,
freundlichen, rücksichtvollen, verständnisvollen und sozial
verantwortlichen Umgang mit anderen Menschen auszeichnen.
Stelle dich als Grihastya nicht in den Mittelpunkt und sei nicht
nur auf deinen eigenen Vorteil bedacht. Praktiziere Karmayoga
und hilf anderen Menschen, auf ihrem spirituellen Weg
vorwärts zu kommen. Schenke ihnen deine Liebe, deine
Aufmerksamkeit und wo es möglich ist auch deine
Wohltätigkeit. Swami Sivananda sagte einmal: „Diene den
Menschen mit göttlicher Hingabe und der Krebs der
Individualität wird verschwinden. Selbstloses Dienen reinigt.
Was ist das Ziel des Dienens? Warum dienst du den Armen und
der leidenden Menschheit im allgemeinen? Warum dienst Du

115
der Gesellschaft und dem Land? Durch Dienen wird das Herz
gereinigt. Egoismus, Haß, Eifersucht und Überheblichkeit
verschwinden. Demut, reine Liebe, Sympathie, Toleranz und
Barmherzigkeit entwickeln sich. Die Vorstellung des
Getrenntseins von anderen Menschen verschwindet.
Selbstsucht wird beseitigt. Deine Sicht des Lebens weitet sich.
Du beginnst das Einssein und die Einheit des Lebens zu
spüren. Dein Herz wird weit, und deine Ansichten werden weit
und großzügig. Schließlich erlangst du Selbsterkenntnis. Du
erkennst das „Eine in allem“ und „Alles im Einen“. Deine
Freude ist überwältigend.“
Mit der Gründung einer Familie beginnt ein ganz neuer
Lebensabschnitt. Vorher war man nur für sein eigenes Leben
verantwortlich. Mit der Gründung einer Familie hat man
gleichzeitig Verantwortung für Frau und Kinder. Das
Familienleben bringt zwar viel Verantwortung mit sich, aber es
bringt gleichzeitig auch sehr viel Freude mit sich. Das Leben
eines Familienvaters ist genau so schwierig und anstrengend,
wie das Leben eines Mönches, der im Zölibat lebt, denn der
Familienvater ist stets den Verlockungen der Sinnlichkeit
ausgesetzt. Aber auch ein Ehemann sollte das Brahmacharya
praktizieren. Wie sieht das Brahmacharya in der Ehe aus?
Wenn beide Eheleute das Brahmacharya beachten, dann sind
sie nur miteinander intim, um Kinder zu zeugen. So berichtete
Paramahansa Yogananda in seiner Autobiographie, dass seine
Eltern nur einmal im Jahr miteinander intim waren, um Kinder
zu zeugen. Insgesamt zeugten sie 8 Kinder, 4 Jungen und 4
Mädchen. 1906 legten Mahatma Gandhi und seine Frau
Kasturbai das Gelöbnis zur Keuschheit ab, nachdem sie 4
Kinder bekommen hatten. Mahatma Gandhi war zu diesem
Zeitpunkt 37 Jahre alt. Brahmacharya bedeutet im Eheleben
also eine Mäßigung im sexuellen Verkehr. Normalerweise

116
wurde den Eheleuten empfohlen, einmal im Monat intim zu
sein. Dies sollte aber nur geschehen, um Nachwuchs zu
zeugen. War die Familienplanung abgeschlossen, so sollten die
Eheleute ebenfalls das Zölibat praktizieren.
Das Brahmacharya erlaubt also im Familienleben auch das
intime Zusammensein der Eheleute, um Kinder zu zeugen.
Dies ist kein Verstoß gegen das Brahmacharya. Leider ist diese
Einstellung immer mehr verloren gegangen. Eigentlich hat die
Natur uns die Sexualität geschenkt, um Kinder zu zeugen. Aber
mit dem Erlöschen des spirituellen Feuers verschwand auch die
Enthaltsamkeit und sexuelle Ausschweifungen bestimmten
fortan immer stärker das Leben der Menschen. Im Mittelpunkt
der Familie aber sollte die Ausrichtung auf gemeinsame
spirituelle Ziele stehen, die die Eltern nicht nur selber
beachten, sondern auch ihren Kindern vermitteln. Die heutigen
Menschen aber haben diese spirituelle Einstellung größtenteils
verloren. Sie sind zu Opfern ihrer sinnlichen Leidenschaften
geworden. Gleichzeitig haben sie damit jede Seligkeit aus
ihrem Leben vertrieben.
Swami Sivananda schreibt in seinem Buch „Practice of
brahmacharya“: „Die Manu, das altindische Gesetzbuch, sagt:
„Das erstgeborene Kind wird durch Dharma (Ethik, Moral) und
die folgen Kinder durch Karma, durch Sinneslust, geboren. Der
sexuelle Akt zum bloßen Vergnügen ist nicht vertretbar.“
Familienväter, die den Weg der Selbstverwirklichung
beschreiten und älter als 40 Jahre sind, sollten den sexuellen
Kontakt zu ihrer Partnerin einstellen, da ein sexueller Kontakt
alle sinnlichen Ideen wiederbelebt und ihnen immer wieder
neue Nahrung gibt. Die Ehe sollte als ein gottgewolltes heiliges
Bündnis zweier Seelen betrachtet werden, deren Lebensziel die
Selbstverwirklichung ist. Die Eheleute sollten vollkommenes
Brahmacharya beachten, wenn sie schnelle spirituelle

117
Fortschritte und Selbstverwirklichung erreichen wollen. Bist du
ein Familienvater von über vierzig Jahren? Dann solltest du
nun ein perfekter Brahmachari werden. Deine Frau sollte
(ebenso wie du) am Ekadasi, am 11. Tag nach Voll- und
Neumond, fasten. Du solltest nicht sagen: „Swami, was soll ich
tun? Ich bin ein Familienvater.“ Das ist eine faule Ausrede. Wie
lange möchtest du noch wie ein leidenschaftlicher
Familienvater leben? Bis an dein Lebensende? Gibt es keine
edlere Mission in deinem Leben als Essen, Schlafen und sich
fortzupflanzen? Hast du nicht schon genug von diesem
irdischen Vergnügen gekostet? Du hast das Stadium des
Familienvaters bereits überschritten.
Ich kann dich entschuldigen, wenn du ein junger Mann bist,
aber jetzt nicht mehr. Nun solltest du dich vom Weltlichen
lösen, in das Stadium eines Vanaprastha (Weltentsagers)
eintreten und dein Leben der Spiritualität widmen. Bringe
zuerst dein Herz zum leuchten. Es wird in der Tat ein edles
Leben sein. Bereite dich auf die Waldeinsamkeit als Sannyasin
vor. Diszipliniere deine Gedanken. Reales Sannyasa ist
geistiges Nichtanhaften. Reales Sannyasa bedeutet, das
Erlöschen der Wünsche, des Egoismus, der Anhaftung an die
Kinder, an den Körper, an die Frau und an den Besitz. Du
brauchst dich nicht in die Himalajahöhlen zurückzuziehen. Du
solltest aber einen höheren Geisteszustand entwickeln. Lebe
mit der Familie und den Kindern in Frieden und Wohlstand.
Lebe in der Welt, aber lass dich nicht von ihren Verlockungen
verwirren. Löse dich von der Weltlichkeit. Das ist wirkliches
Sannyasa. Das ist es, was ich gerne sehen würde. Dann wirst
du zum König der Könige. Ich schreie diese Botschaft seit
vielen Jahren in die Welt hinaus, aber nur sehr wenige folgen
meiner Bitte. [20]
10.3 Der Vanaprastha, der Weltentsager Top

118
Ist der Familienvater etwa 50 bis 60 oder gar 70 bis 75 Jahre alt
und geht langsam auf den Ruhestand zu, dann sollte er sich auf
das Vanaprastha vorbereiten. Seine Kinder sind mittlerweile
erwachsen, haben das Elternhaus vielleicht bereits verlassen,
haben vielleicht schon eine eigene Familie gegründet und
gehen ihre eigenen Wege. Langsam und allmählich kehrt im
Leben des älteren Familienvaters wieder etwas mehr Ruhe ein.
Nun sollte er sich langsam vom weltlichen Leben und aus
seinen beruflichen und gesellschaftlichen Verantwortungen
zurückziehen, um sein Leben ganz der Spiritualität zu widmen.
Haus und Hof und das Geschäft übergibt er an seine Kinder,
um mehr Zeit für seine spirituelle Praxis zu haben. Allmählich
löst er sich auch aus der Partnerschaft, um sich in der nächsten
Lebensphase, dem Sannyasa, als Waldasket in den Wald
zurückzuziehen, um sein Leben ganz auf Gott auszurichten.
Den Weg, der Welt zu entsagen, wählten in der Regel nur
Menschen aus den oberen Kasten und Menschen, die sich mit
der Yogaphilosophie verbunden fühlten. Viele ältere Ehepartner
lebten weiterhin zusammen und gingen gemeinsam einen
spirituellen Weg, ohne gänzlich der Welt zu entsagen und ohne
den Weg des Waldasketen zu wählen.
Die Lebensweise des Vanaprastha zeichnet sich besonders
durch eine sehr intensive spirituelle Praxis aus. Man meditierte
sehr viel, lebte asketisch, fastete regelmäßig, lebte einfach und
bescheiden, beachtete das Zölibat, las in den heiligen Schriften,
widmete den Yoga- und Atemübungen mehr Zeit, ging häufiger
in den Tempel und unternahm Pilgerreisen. In den vedischen
Schriften wird dem Vanaprastha empfohlen, kein Essen mehr
zu kochen, sondern sich von ungekochter Nahrung,
hauptsächlich von Früchten, Wurzeln, Samen und Blättern zu
ernähren. Belebte Orte sollte man meiden. Stattdessen sollte
man die Abgeschiedenheit aufsuchen. Der Yogi widmete seine

119
Zeit verstärkt seiner spirituellen Praxis, ohne dabei seine
Familie zu vernachlässigen.
10.4 Der Sannyasin, der Waldeinsiedler Top
Nach der allmählichen Trennung des Vanaprastha vom
Weltlichen, erfolgt im letzten Lebensstadium, dem Sannyas,
auch die Trennung vom Lebenspartner. Nun verlässt der
gläubige Hindu sein Haus und zieht sich in den Wald oder in
eine Höhle im Himalaya zurück. Andere leben in der Nähe
eines Tempels oder sind als Bettelmönche auf ständiger
Wanderschaft. Er befreit sich von allen Anhaftungen und lebt
in völliger Besitzlosigkeit. Sein ganzes Bestreben richtet sich
auf die Befreiung vom Rad der Wiedergeburt und die
Vereinigung mit Gott. Sannyasin tragen traditionell
orangefarbene Gewänder. In der Realität gab es selbst in Indien
nur wenige Menschen, die Sannyasin wurden. Wenn die
Eheleute sich gut verstanden, dann blieben sie meist so lange
zusammen, bis der Lebenspartner gestorben war. Danach
wurde man Sannyasin. Verstanden die Eheleute sich nicht so
gut, dann waren beide froh, wenn sie Sannyasin werden
konnten, denn in Indien konnte man sich nicht scheiden lassen,
aber man konnte Sannyasin werden.

Das Leben eines Sannyasin, eines Waldasketen oder


Bettelmönches, fand natürlich in Indien statt, wo es eine lange
Tradition hat. Zwar gab es auch in Europa vereinzelt christliche
Eremiten, wie den Heiligen Bruno von Köln, den Heiligen
Coelestin, den Heiligen Meinrad von Einsiedeln oder den
Heiligen Gunther von Niederaltaich und andere Asketen, aber
sie waren eine seltene Ausnahme. Würde sich heute jemand in
Europa in die Waldeinsamkeit zurückziehen, so würde dies
wohl seltsam anmuten. Wir haben in Europa keine
Fruchtbaumwälder wie in Indien, wo u.a. Bananen, Quitten,

120
Datteln, Papaya, Kokospalmen, Mango, Nüsse und
Brotfruchtbäume mitten im Wald wachsen. Wir haben auch
kein so mildes Klima, wie es vielfach in Indien anzutreffen ist.
Wollte also jemand in Europa im Wald leben, so müsste er
damit rechen zu verhungern oder zu erfrieren. Er würde überall
auf Unverständnis stoßen, weil das Leben eines Waldasketen
nicht in der europäischen Tradition verankert ist.
10.5 Die Keuschheit in der Bhagavad Gita & im Yoga Sutra
Top
Brahmacharya ist ein göttliches Wort. Es ist die Quintessent
und der Kern der Bhagavad Gita und des Yogasutra Patanjalis.
Durch Unwissenheit wurde es vergessen. Der Wert von
Brahmacharya wurde durch die großen Rishis (Weisen)
bewahrt. Es ist das höchste Yoga, das Lord Krishna in seinem
„Lied der Unsterblichkeit“ in der Bhagavad Gita (der „Bibel“
des Hinduismus) wiederholt. Im Kapitel 6, Vers 14, wird sehr
deutlich gesagt, dass das Gelübde von Brahmacharya für die
Meditation unbedingt notwendig ist: „...ungestört im Geist, frei
von Furcht, im Gelübde des Zölibats...“ (prasantatma vigata-
bhir - brahmacari-vrate sthitah).
In Kapitel 17, Vers 14 der Bhagavad Gita, sagt Krishna, dass
Brahmacharya eins der Erfordernisse für die Askese des
Körpers ist: „... Brahmacharya und Gewaltlosigkeit sind
ebenfalls Enthaltungen des Körpers.“ (brahma-caryam
ahimsa ca - sartram tapa ucyate).
Im Kapitel 8, Vers 11, der Bhagavad Gita, sagt Krishna zu
Arjuna: „Die in den Veden bewanderten Persönlichkeiten, die
das Omkara (OM) chanten und große Weise im Lebensstand
der Entsagung sind, gehen in das Brahman ein. Mit dem
Wunsch nach dieser Vollkommenheit leben sie im Zölibat.“
(yad aksaram veda-vido vadanti - visanti yad yatayo vita-raga -

121
yad icchanto brahmacaryarh caranti).
Ich habe hier noch einmal die Aussagen der Bhagavat Gita
[49], die Teil des Mahabharatas, eines bekannten indischen
Epos aus der Zeit zwischen 400 v.Chr. und 400 n.Chr. ist,
zusammengefasst. Dabei füge ich die Sanskrittexte mit ein,
weil man daraus sehr gut ersehen kann, dass die Bhagavat Gita
auf das Brahmachrya(m), also auf das Zölibat, verweist:
Kapitel 6, Vers 14
„prasantatma vigata-bhir
brahmacari-vrate sthitah
manah samyamya mac-citto
yukta asita mat-parah“
Übersetzung: Mit beherrschtem Geist, ohne Furcht und völlig
frei von Sexualität (fest im Gelübde des Brahmacharya) sollte
man über mich (Krishna) meditieren und mich zum
endgültigen Ziel des Lebens machen.“
Kapitel 8, Vers 11

„yad aksaram veda-vido vadanti


visanti yad yatayo vita-ragah
yad icchanto brahmacaryam caranti
tat te padam sangrahena pravaksye“

Übersetzung: „In den Veden bewanderte Persönlichkeiten, die


das Omkara (Om) chanten und große Weise im Lebensstand
der Entsagung sind, gehen in das Brahman ein. Mit dem
Wunsch nach dieser Vollkommenheit leben sie im Zölibat.“

122
Kapitel 17, Vers 14

„deva-dvija-guru-prajña
pujana. saucam arjavam
brahma-caryam ahimsa ca
sariram tapa ucyate“

Übersetzung: „Die Enthaltung des Körpers besteht in der


Verehrung des Höchsten Herrn, der Brahmanas (heiligen
Schriften), des spirituellen Meisters und Höherstehender wie
Vater und Mutter. Sauberkeit, Einfachheit, sexuelle
Enthaltsamkeit und Gewaltlosigkeit sind ebenfalls
Enthaltungen des Körpers.“
Man hört immer wieder, dass Bhakti-Yogis angeblich kein
Brahmacharya zu beachten brauchen. Aber das ist nicht richtig.
Brahmacharya gilt für alle Yogis, egal ob sie Raja-Yoga,
Karma-Yoga, Bhakti-Yoga oder Jnana-Yoga praktizieren.
Brahmacharya ist der Schlüssel zur spirituellen Entwicklung.

Swami Sivanda sagt dazu: „Ein wahrer Brahmachari wird


keinen Unterschied spüren bei der Berührung einer Frau (eines
Mannes), eines Blatt Papiers, eines Holzscheites oder eines
Steinbrockens. Nur ein wahrer Brahmachari kann Bhakti
pflegen. Nur ein wahrer Brahmachari kann Yoga praktizieren.
Nur ein wahrer Brahmachari kann Jnana (Wissen) erlangen.“
Und selbstverständlich sagt auch die Bhagavad Gita, dass
Brahmacharya das oberste Gesetz für alle Bhakti-Yogis ist.
Swami Prabhupada sagt in der Bhagavad Gita: „Man kann
nicht täglich zu Hause oder anderswo Sexualität genießen, an
einem sogenannten Yoga-Kursus teilnehmen und so zu einem
Yogi werden. Man muß sich darin üben, den Geist zu
beherrschen und alle Arten von Sinnenbefriedigung zu

123
vermeiden, von denen Sexualität an erster Stelle steht. In den
Regeln des Zölibats, die von dem großen Weisen Yajñavalkya
zusammengestellt wurden, heißt es:
karmana manasa vaca
sarvavasthasu sarvada
sarvatra maithuna-tyago
brahmacaryam pracaksate

Übersetzung: „Das Gelübde des Brahmacarya soll einem


helfen, sich in Taten, Worten und Gedanken, zu allen Zeiten,
unter allen Umständen und an allen Orten, der Sexualität ganz
und gar zu enthalten.“
Niemand kann echten Yoga praktizieren und zugleich seinem
Geschlechtstrieb freien Lauf lassen. Brahmacarya wird deshalb
von Kindheit an gelehrt, wenn man noch nichts von Sexualität
weiß. Im Alter von fünf Jahren werden die Kinder zum Guru-
Kula (dem Ort, an dem der spirituelle Meister lebt) geschickt,
und der Meister erzieht die kleinen Jungen in der strengen
Disziplin, Brahmacharis zu werden. Ohne solche Praxis kann
niemand Fortschritte in irgendeinem Yoga machen, sei es
Dhyana (Raja-Yoga), Jñana oder Bhakti. Wer aber nach den
Regeln und Regulierungen des verheirateten Lebens lebt und
nur mit seiner Frau eine sexuelle Beziehung unterhält (und
auch das nur zur Zeugung des Nachwuchses), wird ebenfalls
als Brahmachari bezeichnet.
Nun möchte ich noch kurz auf Patanjalis Yogasutra eingehen.
Patanjali war ein indischer Gelehrter und gilt als Begründer der
Yoga-Philosophie. Das Yoga-Sutra von Patanjali besteht aus
195 Sanskrit-Versen, in denen in hochkonzentrierter Form die
Essenz des Yoga-Weges gebündelt ist. Es ist das älteste
erhaltene Werk über Yoga. Diese Form des Yoga wird als Raja

124
Yoga (Königsweg) oder Ashtanga Yoga (achtgliedriger Yoga)
bezeichnet. Im Raja-Yoga-Sutra von Patanjali Maharshi wird
die Bedeutung des Brahmacharya besonders in den 5 Yamas,
den 5 Enthaltungen, betont. Diese 5 Yamas sehen wie folgt aus:
1. Ahimsa (Nichtverletzen), 2. Satya (Ehrlichkeit), 3. Asteya
(Nichtstehlen), 4. Brahmacharya (Zölibat) und 5. Aparigraha
(Unbestechlichkeit). Unter diesen 5 Enthaltungen ist
Brahmacharya das wichtigste Gebot. In Kapitel 2 des
Yogasutra Patanjalis, das sich mit der spirituellen Praxis
beschäftigt, finden wir im 2. Kapitel folgende Verse:
Kapitel 2, Vers 27:
„Tasya saptadhâ prânta-bhûmih prajnâ“
Übersetzung: „Erleuchtung wird durch sieben (acht) Stufen
erreicht.“ (Yama, Nyama, Asana, Pranayama, Pratyahara,
Dharana, Dhyana, (Samadhi)). Anmerkung: Hier ist das
Brahmacharya im Yama, im Gebot der Enthaltungen, der
Selbstkontrolle, enthalten. Yama setzt sich nämlich aus
folgenden Gliedern zusammen: Gewaltlosigkeit, Ehrlichkeit,
Nichtstehlen, Enthaltsamkeit, Unbestechlichkeit
Kapitel 2, Vers 29:
„Yama-niyamâsana-prânâyâma-pratyâhâra-dhâranâ-dhyâna-
samâdhayo ¢shtâv angâni“
Übersetzung: „Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara,
Dharana, Dhyana und Samadhi sind die acht Glieder.“
Anmerkung: Auch hier ist das Brahmacharya im Yama
enthalten.

125
Kapitel 2, Vers 30:
„Ahimsâ-satyâsteya-brahamacharyâparigrahâ yamah“
Übersetzung: „Die Yamas (Gebote der Enthaltung,
Selbstkontrolle) bestehen aus Ahimsa (Nichtverletzen), Satya
(Wahrhaftigkeit), Asteya (Nichtstehlen), Brahmacharya
(Zölibat) und Aparigraha (Aufgabe von Gewinnsucht).“

Kapitel 2, Vers 38:


„Brahmacharya-pratishthâyâm vîrya-lâbhah“
Übersetzung: „Wenn Brahmacharya, sexuelle Enthaltsamkeit,
fest begründet ist, wird kraftvolle Lebenskraft (Vitalität)
erlangt.“

Eine ähnliche Aussage wird auch im Kathopanishad


(poetischer Text der Upanishaden, indische Heilige Schrift)
gefunden. Im Mahabharata, dem bedeutendsten und
umfangreichsten Epos der Hindus, findest man im Santi Parva:
„Das Dharma, hat viele Zweige, aber Dama, die
Sinneskontrolle, ist die Basis von allem.“ Im Jnana Yoga (Yoga
des Wissens) gilt: Dama (Sinneskontrolle) ist die Grundlage für
den Yogaschüler. Brahmacharya ist das lebenswichtige Thema
für alle, die sich Erfolg im materiellen und geistigen Leben
wünschen. Ohne Brahmacharya ist ein Mensch für die
spirituelle Praxis absolut ungeeignet.
Zum Abschluss dieses Kapitels noch einige Worte von Swami
Sivananda: „Die Praxis von Brahmacharya ist die wichtigste
Qualifikation für einen spirituellen Menschen, egal welchen
Weg er eingeschlagen hat: Karma Yoga, Bhakti Yoga, Raja
Yoga, Hatha Yoga oder Vedanta (Jnana Yoga). Die Disziplin
der kompletten Enthaltsamkeit wird von allen verlangt. Nur ein

126
aufrechter Brahmachari kann Bhakti, die Verehrung Gottes,
richtig kultivieren. Nur ein wahrer Brahmachari wird Yoga
richtig praktizieren. Nur ein echter Brahmachari kann Jnana,
den Yoga des Wissens, erfassen. Ohne Brahmacharya ist kein
geistiger Fortschritt möglich.
Die Leidenschaften führen einen tödlichen Krieg gegen die
spirituellen Bestrebungen des Menschen. Es ist nicht möglich
auf dem spirituellen Pfad voran zu kommen, der zu einer
Vereinigung mit Gott führt, es sei denn, man kontrolliert die
Sinneslust und praktiziert Brahmacharya. Solange die
Sinneslust in deinen Nasenlöchern süß riecht, kannst du keine
erhabenen, göttliche Gedanken in deinem Verstand hegen. Der
Mann, in dem die Leidenschaften tief verwurzelt sind, wird
immer nur davon träumen, Vedanta zu verstehen, und er wird
die reine Liebe Brahmans selbst in zehn Millionen von
Geburten nicht erfahren. Die Wahrheit kann nicht dort
verweilen, wo die Leidenschaften existieren.
Sexuelle Hingabe ist ein großes Hindernis im geistigen Weg.
Sie verhindern definitiv die spirituelle Praxis. Das sexuelle
Drängen muss durch erhabene Gedanken und regelmäßige
Meditation kontrolliert werden. Es sollte komplette
Sublimation der sexuellen Energie stattfinden. Nur dann ist der
Yogaschüler absolut sicher. Die vollkommene Vernichtung des
sexuellen Wunsches ist das spirituelle Ideal.“
11. Frauen und Brahmacharya Top
Es stellt sich die Frage, ob der weibliche Orgasmus ebenso mit
einem Energieverlust verbunden ist, wie der männliche
Orgasmus. Diese Frage kann mit Ja beantwortet werden, denn
ebenso wie der Mann sondert die Frau ein Sekret ab, welches
ähnliche chemische Eigenschaften besitzt, wie die männliche
Prostata. Neuere Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass

127
alle Frauen diese Flüssigkeit produzieren, auch wenn sie sich
dessen nicht bewusst sind. Man spricht in diesem
Zusammenhang auch von der weiblichen Ejakulation. Bereits
300 Jahre vor Christus beschrieb der griechische Philosoph
Aristoteles die weibliche Ejakulation. Der griechische Arzt und
Anatom Galen (Galenos von Pergamon) (129-216 n.Chr.)
beschrieb im 2. Jahrhundert die weibliche Paraurethraldrüse.
Seit dieser Zeit ist das weibliche Ejakulat unter dem Namen
„Aqualusio“ oder „Aqlusio“, was sich von den lateinischen
Begriffen für Wasser (Aqua) und Ende (Conclusio) ableitet,
bekannt. Eine detaillierte Beschreibung als „schwallartiger
Erguss“ während der Erregung wird erstmals um 1670 von dem
hollandischen Anatom Reinier de Graaf verfasst, der auch auf
eine besonders sensible Zone in der vorderen Scheidenwand
verwies, die er mit der Prostata des Mannes in Zusammenhang
brachte. Dieser Bereich wurde 1950 von dem deutschen
Gynäkologen Ernst Gräfenberg auf seiner Suche nach dem
vaginalen Lustzentrum der Frau als Gräfenberg-Zone (G-
Punkt) beschrieben. [22] Als weibliche Ejakulation wird die
meist mit einem intensiven Lusterlebnis verbundene, stoßweise
Freisetzung eines Sekrets der Paraurethraldrüse bezeichnet, die
von rund einem Drittel der Frauen unregelmäßig erlebt wird.
Man bezeichnet die Paraurethraldrüse auch als weibliche
Prostata. Das weibliche Ejakulat wird beim sexuellen
Höhepunkt durch mehrere winzige Ausgänge in den
Endabschnitten der Harnröhre ausgesondert.

Die Paraurethraldrüse (lateinisch: Glandula paraurethralis),


auch Skene-Drüse oder Prostata feminina (lateinisch: weibliche
Prostata) genannt, gehört zu den akzessorischen
(untergeordneten) Geschlechtsdrüsen der Frau. Die Skene-
Drüsen wurden nach dem amerikanischen Gynäkologen

128
Alexander Skene (1838-1900), geboren in Schottland, benannt.
Diese Drüsen besitzen, wie die männliche Prostata mehrere
Ausführungsgänge, die in den Endabschnitt der Harnröhre und
rechts und links der Harnröhre münden. [21] Ihr Sekret ähnelt
in der Zusammensetzung dem der Prostata des Mannes. Einige
Frauen erleben die Flüssigkeit als glasig/durchsichtig, andere
wiederum berichten von milchigen Ejakulationen. 1950
beobachtete der deutsche Gynäkologe Ernst Gräfenberg
(1881-1957), dass beim weiblichen Höhepunkt manchmal
„große Mengen einer transparenten Flüssigkeit stoßweise aus
der Harnröhre, nicht aus der Vulva (Vagina), herausschießen.“

Das weibliche Nervensystem wird durch den Orgasmus also


genau so belastet wie das männliche. Darum sollten auch
Frauen ihre kostbare vitale Energie bewahren. Ebenso wie
männliche Brahmacharis sollten weibliche Brahmacharinis das
Gelübte des Zölibats beachten. Sie sollten ebenfalls meditieren,
sich gesund ernähren, sowie Yoga- und Atemübungen machen.
Dadurch können sie sich ebenfalls von ihren sinnlichen
Leidenschaften lösen.

An dieser Stelle möchte ich einen Text einfügen, den eine Frau,
die einige Zeit als Sannyasin (Brahmacharini) lebte, in mein
Gästebuch schrieb.
Hallo. Was man alles so findet im Internet, wenn man nach
Erleuchtung sucht! Ich bin zwar eine Frau, aber warum denken
Männer immer, nur sie hätten einen starken Sexualtrieb, der sie
gefangen hält. Seit meiner Pupertät suche ich nach dem
passenden Partner, den ich zwar auch schon zeitweise hatte in
meinem Leben, aber die meiste Zeit war ich doch alleine und
voller Sehnsucht. Ich bin Sannyasin und ständig auf dem Weg
der Verwirklichung meines wahren Seins. Auch ich hatte eine

129
Zeit in meinen Leben, wo ich frei war. Leider ging es wieder
vorbei. Ich hatte mich intensiv mit der Advaita-Lehre befasst
und hatte dank eines lockeren Jobs viel Zeit für mich.
Ich ging viel zu Satsangs (Zusammentreffen mit Weisen,
Erleuchteten, Meistern u.ä.) und betrieb Selbsterfahrung. In
einer ganz gewöhnlichen Mittagspause bei mir zuhause
passierte ein Erwachen und eine Schau der Welt, wie sie in
Wahrheit ist: alles in allem gleichzeitig, ewig und näher als nah
- einfach unmittelbar - in der Mitte von allem. Beschreiben
kann man das nicht so gut mit den Worten des Verstandes.
Dieser höchste Zustand ging vorbei und ich ging wieder zur
Arbeit, aber es passierten noch viele solcher feinen Zustände in
den nächsten Tagen.
Danach war ich für etwa ein halbes Jahr einfach nur immer
glücklich. Die Suche nach einem passenden Partner und Sex
war einfach nicht mehr vorhanden. Ich erwachte am Morgen
voll Dankbarkeit und glücklich über dieses Leben und alles
darin. Obwohl ich in meinem beruflichen Umfeld viel
Schwierigkeiten hatte, und manchmal schwierige Emotionen
deshalb, war hinter Ratlosigkeit und Frust, hinter allem Kampf,
immer diese Glückseligkeit - sie war einfach da - durch nichts
zu erschüttern. Mir fehlte nichts, wirklich nichts.
Ich war glücklich - und wenn jemand glücklich ist, zieht er
(sie) Menschen an. So auch Männer. Nach einem halben Jahr
liess ich mich wieder auf eine Affaire mit einem Mann ein.
UND DAS GANZE ELEND WAR WIEDER DA. Die
Sehnsucht, das nicht Erfüllung erlangen. Die ewige Suche nach
der Erfüllung. Mein kurzes Erlebnis des Erwachens ist nun 2
Jahre her und obwohl ich jetzt alle Texte über Erleuchtung
verstehe, bin ich wieder voll in meinen Egostrukturen und
meinen Bedürfnissen gefangen.

130
11.1 Einige Überlegungen zur Menstruation Top
Interessant erscheint mir auch, sich über die Menstruation
einige Gedanken zu machen. Von den urzeitlichen
Eskimofrauen, die in den dunklen Wintermonaten enthaltsam
lebten, ist bekannt, dass sie keine Menstruation hatten.
Freilebende Säugetiere menstruieren ebenfalls nicht, aber sie
haben ihre periodischen Paarungszeiten, gewöhnlich im
Frühling und Herbst. Bei der Ausstoßung des Eies sondert das
Weibchen einen leichten Schleim ab. Haustiere hingegen haben
einen blutigen Ausfluß infolge unnatürlicher Ernährung und
künstlicher Lebensbedingungen. Diese
Degenerationserscheinung tritt bei Kühen, Katzen, Hunden,
Pferden, Bären, Kaninchen und Affen auf. Gezähmte Affen
menstruieren fünfmal im Jahr, sind aber nur zweimal fruchtbar.
Die Kuh hat alle drei Wochen einen blutigen Ausfluß, kalbt
aber nur einmal im Jahr. [16]
Havelock Ellis erwähnt, daß alle hervorragenden Frauen der
Geschichte verhältnismäßig frei von der Menstruation waren.
Entweder menstruierten sie nur leicht oder gar nicht, wie zum
Beispiel Jeanne d'Arc, laut dem medizinischen Protokoll ihres
Hexenprozesses. Die für ihren Witz und Scharfsinn berühmte
Französin Ninon de Lenclos, die bis zu ihrem neunzigsten
Lebensjahr jung und blühend aussah, befreite sich durch eine
besondere Diät von der Menstruation.
„Bei einem primitiven Volk im australischen Busch, das
ausschließlich von Früchten lebt, dauert die Menstrualperiode
der Frau rund zwanzig Minuten, wobei sie ungefähr einen
Teelöffel voll Blut verliert. Die Indianerinnen in der
nordamerikanischen Prärie, die sich einfach ernährten und
angestrengt arbeiteten, hatten eine kurze, unkomplizierte
Menstrualperiode, von der sie kaum etwas merkten.“

131
Interessant in diesem Zusammenhang ist auch eine
Rohkoststudie, die von 1996 bis 1998 im Fachbereich
Ernährungswissenschaft der Universität Gießen unter der
Leitung von Prof. Dr. Claus Leitzmann durchgeführt wurde.
[17] In der Hauptphase der Studie nahmen über 700
Teilnehmer statt. Am Ende der Studie lagen über 200
vollständige Datensätze vor. Die Teilnehmer waren entweder
Rohköstler, Vegetatier, Veganer oder sogenannte omnivore
Rohköstler, die auch ungekochtes Fleisch und Fisch verzehren.
Etwa ein Drittel der Frauen unter 45 Jahren hatte keine
Menstruation mehr, was normalerweise auf Unterernährung
zurückgeführt wird.
Das Ergebnis der Studie zeigte dass 57 Prozent der Personen
Untergewicht hatten. Die Zufuhr der Vitamine A, C, E, B1, B6,
Folsäure, Betacarotin, Selen und Antioxidantien war
überoptimal, lag also über den empfohlenen Richtwerten. Bei
Calcium, Zink, Jod, Vitamin D und Vitamin B12 wurde ein
deutlicher Mangel festgestellt. Die Studie stieß bei den
Rohköstlern aber auf Kritik, weil in der Auswertung der Studie
Normwerte zum Vergleich herangezogen wurden, u.a. von der
Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DEG), die aus den
Werten der Durchschnittsbevölkerung ermittelt wurden.
Ausserdem wurden von den Rohköstlern methodische Fehler
angeführt. Ein häufiger Einwand war, die Teilnehmer seien
zum größten Teil keine „echten“ Rohköstler, ein Teil gar keine
Vegetarier.
Bezüglich der Ziele der Diäten, nämlich die Erlangung einer
besseren Gesundheit und eines besseren Lebensgefühls, ist
festzustellen, dass Rohköstler, Vegetarier und Veganer seltener
unter Krankheiten leiden, die sonst bei der übrigen
Bevölkerung auftreten. Sie leben also gesünder. Somit stellt
sich im Zusammenhang mit der Tatsache, dass die

132
„Normalbevölkerung“ aufgrund der allgegenwärtigen
Zivilisationskrankheiten im Großen und Ganzen bereits in
nennenwertem Grade als krank einzustufen ist, die Frage eines
Normierungsproblems oder gar die Frage der Qualität der
Bewertung der Studie. Kann beispielsweise eine laut der DGE
unzureichende Proteinzufuhr nicht gar als gesünder gelten?
Man müsste sich in diesem Zusammenhang also die Frage
stellen, inwieweit die Normwerte sinnvoll sind. Oder ist es
nicht angebracht, neue Normwerte zu formulieren, die letzten
Endes das Leben der Rohköstler, Vegetarier und Veganer als
empfehlenswerter und eindeutig gesünder einordnet? Darüber
möchte ich an dieser Stelle nicht befinden. Es sollte uns aber
über die Art und Weise, wie wir uns ernähren, nachdenken
lassen. Auch wenn manch einer nicht als Rohköstler, Vegetarier
oder Veganer leben möchte, so erscheint es mir sinnvoll,
darüber nachzudenken, die eiweißreiche Ernährung (Fleisch,
Fisch, Geflügel, Milch und Eier) künftig zu reduzieren.
Bereits Anfang der achtziger Jahre haben die Universität
Gießen, das Krebsforschungszentrum Heidelberg und das
Bundesgesundheitsamt Berlin drei große Vegetarierstudien mit
erstaunlichen Erkenntnissen unabhängig voneinander
durchgeführt. Demnach haben Vegetarier günstigere
Blutdruckwerte, ein besseres Körpergewicht, eine höhere
Lebenserwartung und eine geringere Anfälligkeit gegen Krebs
und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Vergleichbare
Untersuchungen aus anderen Ländern kommen zu ähnlichen
Ergebnissen.
Die Studie der London School of Hygiene and Tropical
Medicine hat 11.000 Vegetarierinnen 12 Jahre lang beobachtet.
Sie verglich ihre Teilnehmerinnen mit einer Kontrollgruppe,
die, abgesehen vom Fleischkonsum, eine ähnliche Lebensweise
und einen vergleichbaren sozialen Status wie die untersuchten

133
Vegetarierinnen hatte. Das Ergebnis: In allen wesentlichen
Punkten wiesen die Vegetarierinnen bessere Werte auf, vor
allem niedrigere Blutdruck-, Blutfett- und Harnsäurewerte und
bessere Nierenfunktionsleistungen. Die Sterberate war um 20
% und die Krebstodesrate sogar um 40 % niedriger als bei der
fleischessenden Kontrollgruppe.
Zusammenfassend lässt sich aus diesen Studien ableiten, dass
Vegetarierinnen keine Mangelerscheinungen haben, dass der
allgemeine Gesundheitszustand überdurchschnittlich gut ist
und die vegetarische Ernährung als gesund bezeichnet werden
kann. [18]
In diese Überlegungen sollte man auch mit einbeziehen, dass
der Organismus des Menschen über Jahrmillionen an Rohkost
gewöhnt war, bevor das Feuer zur Nahrungszubereitung
genutzt wurde. Unsere nächsten Artverwandten, die
Schimpansen, ernähren sich heute noch rohköstlerisch von
Früchten, Beeren, Blättern, Wildpflanzen, Samen und Rinden.
Sie verzehren nur 1 % tierische Eiweiße (auch roh). Aber selbst
vor der Erfindung des Feuers kauten Mütter ihren Babys nach
der Stillphase die Nahrung zu einem Brei vor, der durch die
Speichelenzyme vorverdaut war. (Jetzt wisst ihr, woher
vermutlich das Küssen kommt.) Ich mag es nicht beurteilen, ob
eine ausschließliche Ernährung durch Rohkost zu empfehlen
ist. Sicherlich ist es aber ratsam, die Ernährung mit Rohkost
anzureichern. Rohkost wird auch als vorübergehende
Heilnahrung empfohlen.
12. Das Geheimnis der Sublimation Top
Das Wort Sublimation leitet sich vom lateinischen Wort
„sublimare“ (erheben) ab und bedeutet im Allgemeinen, das
etwas auf eine höhere Stufe gebracht werden soll. Unter der
Sublimation versteht man in der Psychoanalyse die Fähigkeit,

134
sexuelle Energie und negative Eigenschaften in
Verhaltensweisen umzuwandeln, die sozial erwünscht und hoch
bewertet werden. Siegmund Freud führte den Begriff
Sublimierung erstmals 1905 in der Schrift „Drei Abhandlungen
zur Sexualtheorie“ in der Psychoanalyse ein. Im Rahmen seiner
analytischen Theorie verstand er die Sublimation als einen
Prozess, bei dem die Energie, die durch den Verzicht auf das
Ausleben sexueller Triebwünsche bewahrt wird, benutzt wird,
um ein ethisch höheres Ziel zu verwirklichen. Im
psychoanalytischen Verständnis kann die bewahrte sexuelle
Energie benutzt werden, um höhere intellektuelle,
wissenschaftliche, medizinische, künstlerische oder soziale
Leistungen zu vollbrigen oder um zu einer größeren inneren
Zufriedenheit und Ruhe zu finden. Siegmund Freud ging davon
aus, dass unsere Kultur im Grunde genommen auf
Triebverzicht aufgebaut ist. Der Triebverzicht entsteht nach
Freud, wenn Menschen auf die unmittelbare Triebbefriedigung
verzichten und die freiwerdende Energie schöpferisch nutzen,
um kulturelle Leistungen zu vollbringen.

Diese Menschen, egal ob sie Wissenschaftler, Politiker,


Staatsmann, Philosoph, Künstler, Sportler, Mediziner, Maler,
Musiker oder Schriftsteller waren, erlangten durch den
Triebverzicht schöpferische Ebenen, die den meisten Menschen
in der Regel verborgen blieben. Ihr Wirken leuchtete zu jeder
Zeit über die ganze Erde. Ihre Kreativität, Intuition und
Fantasie vollbrachte Leistungen, die über Jahrhunderte Bestand
haben. Zu diesen Menschen zählten Aristoteles, Phytagoras,
Plato, Plotin, Spinoza, Leibniz, Kant, Shakespiere, Goethe,
Michelangelo, Leonardo da Vinci, Tizian, Rembrandt, Rubens,
Beethoven, Mozart, Bach, Galilei, Edinson, Marconi,
Paracelsus, Isaac Newton, Simone Weil, Baruch Spinoza,

135
Nikola Tesla, Mahatma Gandhi, Ramana Maharshi,
Paramahansa Yogananda, Ramakrishna, Henry David Thoreau,
Antonio Gaudi und viele, viele, andere Prominente. Denken
wir an all die großen Genies, die nicht nur eine große Potenz
besaßen, sondern der Menschheit mit ihrer Inspiration und mit
ihren schöpferischen Ideen unvergessene Werke erschufen.
Viele dieser Genies waren durchaus der körperlichen Liebe
aufgeschlossen, aber es gab immer wieder Zeiten, in denen sie
zugunsten ihrer schöpferischen Tätigkeit darauf verzichteten.
Andere verzichteten ihr Leben lang auf jede Sexualität. So
stellte man Beethoven einmal die Frage, warum er nicht
heirate. Darauf antwortete er: „Wie könnte ich meine Musik
schreiben, wenn ich meine Energie im Eheleben verausgaben
würde.“ Elisabeth Haich schrieb in ihrem Buch „Sexuelle Kraft
und Yoga“: „Der Mensch kann nicht zwei Herren diesen. Er
muss sich entscheiden, ob er seine schöpferischen Kräfte in die
höheren oder niederen Zentren lenken will. Wahrhaft große
Menschen haben nie ein auschweifendes Sexualleben geführt.“

Es ist interessant, sich einmal die Theorie der Samenbildung


aus der Sicht der Yogaphilosophie anzusehen. In seinem Buch
„Practice of brahmacharya“ beschreibt Swami Sivananda die
Samenbildung wie folgt: „Entsprechend der Yoga-Wissenschaft
existiert der Same in einer subtilen Form überall im ganzen
Körper. Er ist in einem subtilen Zustand in allen Zellen des
Körpers zu finden und wird unter dem Einfluss der sexuellen
Begierde bzw. der sexuellen Betätigung dem Körper entzogen
und den Geschlechtsorganen in Form von Samen zur
Verfügung gestellt. Genau so wie Zucker im Zuckerrohr, Butter
in der Milch, so ist auch der Samen im ganzen Körper
vorhanden. Gerade so wie die Buttermilch dünnflüssig wird,
nachdem man ihr den Butteranteil entzogen hat, so wird auch

136
der Samen verdünnt, wenn man ihn verschwendet. Um so mehr
der Samen verschwendet wird, um so schwächer wird der
Mann. Das heißt: Der Verlust des Samens bringt den Tod; das
Bewahrung des Samens schenkt das Leben. Der Same
beherbergt die wahre Vitalität der Männer. Es ist der versteckte
Schatz im Mann.“

Swami Sivananda geht also davon aus, dass der Samen in einer
subtilen Form überall im ganzen Körper existiert. Schauen wir
uns einmal an, woraus der Samen besteht:

• Anorganische Substanzen
• Chlorid: 1.52 g/l
• Phosphor gesamt: 1.12 g/l
• Kalium: 0.895 g/l
• Natrium: 2.69 g/l
• Calcium: 249 mg/l
• Magnesium: 291 mg/l
• Zink: 150 - 195 mg/l
• Kupfer: 0.52 mg/l
• Stickstoffhaltige Substanzen
• Ammoniak: 20 mg/l
• Harnstoff (Samenplasma): 750 mg/l
• Aminosäuren (Samenplasma): 12.6 g/l
• Harnsäure: 60 mg/l
• Protein (Eiweiß): 45 g/l (4.5 % GV)

137
• Kohlenhydrate und Methaboliten
• Glucose: 54 mg/l
• Fructose: 2.38 g/l
• Sorbit (Samenplasma): 0.1 g/l
• Milchsäure: 200 - 500 mg/l
• Citronensäure: 3.76 g/l
• Lipide
• Gesamtlipide (Samenplasma): 2.86 g/l
• Cholesterin: 0.64 g/l
• Vitamine
• Vitamin B12 (Samenplasma): 0.3 - 0.6 ug/l
• Vitamin C: 35 mg/l
• Hormone
• Zellen
• Leukozyten 0.33 x 10E9/l (weiße Blutkörperchen)
• sogar Spuren von Gold und viele andere wertvolle
Substanzen
Quelle: Documenta Geigy (Koerperfluessigkeiten), Seiten
181-189 - (Wissenschafttliche Tabellen, herausgegeben von
Johann Rudolf Geigy)
Der Samen besteht aus einer Vielzahl anorganischer und
stickstoffhaltiger Substanzen, aus Kohlehydraten, Lipiden,
Vitaminen, Hormonen, Zellen und anderen
Stoffwechselprodukten. Wenn Swami Sivananda sagt, dass der
Same in einer subtilen Form überall im ganzen Körper
existiert, so geht er offensichtlich davon aus, dass die
anorganischen und stickstoffhaltigen Substanzen, die
Kohlehydrate, Lipide, Vitamine, Hormone, Zellen und anderen
Stoffwechselprodukte im ganzen Körper vorhanden sind.

138
Offensichtlich sind sie in unterschiedlicher Konzentration in
den Zellen und Organen des Körpers gebunden. So weiß man
z.B. von den Leukozyten, den weißen Blutkörperchen, dass sie
im Blut, im Knochenmark, in den lymphatischen Organen
(Thymus, Mandeln, Milz, Lymphknoten, u.a.) und anderen
Körpergeweben zu finden sind. Vom Cholesterin ist bekannt,
dass es sich zu 95% intrazellulär befindet und dass es über das
Blut dorthin transportiert wird, wo es benötigt wird. Ebenso
gehören Proteine zu den Grundbausteinen aller Zellen. Es
scheint also zu stimmen, wenn Swami Sivananda sagt, dass der
Körper unter dem Einfluss der sexuellen Begierde bzw. der
sexuellen Betätigung, den verschiedenen Zellen bzw. Organen
des Körpers die jeweiligen Stoffwechselprodukte entzieht, um
daraus den Samen zu bilden.
Damit stehen diese Stoffwechselprodukte dem restlichen
Körper nicht mehr zur Verfügung. Somit ändert sich bei einem
Orgasmus das Verhältnis der Stoffwechselprodukte in den
jeweiligen Zellen und Organen. Ist der Mann häufig sexuell
aktiv, so führt dies zwangsläufig dazu, dass es zu einer
dauerhaften Verminderung der Stoffwechselprodukte in den
Zellen und Organen kommt. Swami Sivananda spricht von
einer Ausdünnung, da nicht davon auszugehen ist, dass
sämtliche Stoffwechselprodukte, die durch den Orgasmus
verloren gehen, unmittelbar in gleicher Qualität und im
gleichen Umfang vom Körper wieder neu gebildet werden
können. Dadurch wird das physiologische Gleichgewicht
nachhaltig gestört, welches meist in Form von
psychosomatischen Erkrankungen zum Ausdruck kommt.
Physiologische Erkrankungen sind im Prinzip nichts anderes
als ein Hilfeschrei des Körpers, um darauf aufmerksam zu
machen, diesem Raubbau am eigenen Körper Einhalt zu
gebieten. Da der Mensch aber längst zum Sklaven seiner

139
Sexualität geworden ist, ignoriert er diese Hilfeschreie und
folgt den Dämonen, die er durch seine sexuelle Zügellosigkeit
selbst heraufbeschworen hat. Sie flüstern ihm immer wieder ins
Ohr, seine sexuellen Begierden möglichst unmittelbar zu
befriedigen. Verantwortlich für dieses Verhalten sind
offensichtlich Neurotransmitter wie das Dopamin4, die das
Bedürfnis erwecken, immer wieder seine sexuellen Begierden
zu befriedigen.
4
Eine neuere Sicht der Sexsucht erschließt sich in den letzten
Jahren über die Hirnforschung. Hier wurden in einem
entwicklungsgeschichtlich früh angelegten Teil des Gehirns
Kerngebiete und Bahnen z.B. im Mittelhirn der Nucleus
accumbens (der Nucleus accumbens ist eine Kernstruktur im
unteren Vorderhirn) oder im limbischen System der
Mandelkern beschrieben, die zum Belohnungssystem des
Gehirns gehören. Es zeigte sich dabei, dass eine Suchtform
über die Ausschüttung bestimmter Neurotransmitter wie
Dopamin zu einer besonderen Sensibilisierung und
Übererregbarkeit in diesen Teilen des Gehirns führt. Dadurch
entstehen mit der Zeit Veränderungen und Fehlfunktionen des
Belohnungssystems, die mit einer Abhängigkeitsentwicklung
einhergehen. Das Belohnungssystem im Gehirn wird durch
stoffgebundene Abhängigkeiten (z.B. Alkohol und Drogen)
aktiviert, aber genauso durch nicht stoffgebundene
Suchtformen. Dem entsprechend handelt es sich bei der
Sexsucht um eine Suchtform, die man den nicht
stoffgebundenen Süchten zuordnet. Sie zählt genauso wie
Glücksspiel-, Arbeits-, Computer-, Fernseh-, Kauf- oder
Sportsucht zu den sogenannten „Verhaltenssüchten“. Hier wird
die süchtige Entwicklung nicht durch einen Suchtstoff, sondern
durch ein stimmungsveränderndes Verhalten hervorgerufen,
von dem mit der Zeit eine zunehmende Abhängigkeit entsteht.

140
Quelle: Hypersexualität – wikipedia.org
Es ist interessant, was Swami Sivananda weiter über die
Sublimation sagt: „Allopathen (Schulmediziner) meinen, daß
selbst in einem Urdhvareto Yogi5 die Samenbildung
ununterbrochen weitergeht und daß die Samenflüssigkeit
wieder vom Blut aufgenommen wird. Das ist ein Irrtum. Sie
verstehen nicht die inneren yogischen Geheimnisse und
Mysterien. Sie sind in der Dunkelheit. Ihre Sicht bezieht sich
nur auf die grobstofflichen Dinge des Universums. Der Yogi
dringt in die subtile verborgene Natur der Dinge durch
yogische Sicht und die innere Sicht der Weisheit ein. Der Yogi
erlangt Kontrolle über die Astralnatur der Geschlechtsenergie
und verhindert dadurch die Bildung der Samenflüssigkeit an
sich.“

5Ein Urdhvareto Yogi ist ein Mensch, dessen Energie als Ojas
Shakti unmittelbar zum Gehirn fließt. Er bildet keinen Samen
mehr, sondern stellt die Energie, die in Form der verschiedenen
Stoffwechselprodukte im Körper vorhanden ist, direkt dem
Gehirn zur Verfügung.
Swami Sivananda geht also davon aus, dass ein Urdhvareto
Yogi überhaupt keine Samenflüssigkeit mehr erzeugt, sondern
dass die Stoffwechselprodukte, die im Körper gespeichert sind
und normalerweise für die Samenproduktion verwendet
werden, bei einem Urdhvareto Yogi unmittelbar dem Gehirn
zur Verfügung gestellt werden. Somit würden bei einem
Urdhvareto Yogi überhaupt keine Spermien und keine
Sexualsekrete der männlichen Geschlechtsdrüsen mehr erzeugt.
Der katholische Priester, Mönch und Schriftsteller Johannis
Cassianus sagte bereits im 4. Jahrhundert im Prinzip dasselbe,
wenn er sagt: „...daß nämlich unser Geist so sehr zu keuscher

141
Reinheit sich gestalte, daß selbst die natürliche Regung des
Fleisches erstirbt und also jenen unreinen Fluss gar nicht mehr
hervorbringt.“

Schulmediziner dagegen vertreten die Ansicht, dass sämtliche


Sexualsekrete, selbst bei einem Urdhvareto Yogi weiterhin in
den verschiedenen Sexualdrüsen erzeugt werden, und dass sie
dann, wenn sie nicht durch sexuelle Tätigkeit verausgabt
werden, wieder dem Körper und dem Gehirn über die Blutbahn
zur Verfügung gestellt werden, um Nerven und Gehirn zu
stärken und um für ein besseres Wohlbefinden zu sorgen. Da
ich weder Mediziner, noch Physiologe bin, weiß ich nicht,
welche der beiden Theorien die richtige ist. Zumindest
behaupten die Yogis, dass ein verwirklicher Yogi keine
nächtlichen Pollutionen mehr hat. Allein schon diese Tatsache
ist bemerkenswert, egal auf welche Art und Weise der Samen
zurückgehalten wird.

12.1 Sublimierung und Unterdrückung Top


Man hört immer wieder das Argument, im Zölibat zu leben, sei
eine Unterdrückung der Sexualität. Offensichtlich können viele
Menschen sich nicht einmal vorstellen, auf Sexualität zu
verzichten. Die regelmäßige sexuelle Befriedigung, in welcher
Form auch immer, ist so zur Routine geworden, dass überhaupt
nicht mehr darüber nachgedacht wird, ob es auch andere Wege
gibt, mit seiner Sexualität umzugehen, ob die regelmäßige
sexuelle Befriedigung eigentlich natürlich ist oder nur eine
Ersatzbefriedigung. Hinzu kommt natürlich die sich
mittlerweile eingestellte Abhängigkeit von der Sexualität, die
gar keine Möglichkeit lässt, an Zölibat zu denken. Selbst wenn
die Menschen enthaltsam leben wollten, so würden die meisten
Menschen auf Grund ihrer Abhängigkeit große Schwierigkeiten

142
haben, das Zölibat zu praktizieren. Worin besteht also der Sinn,
enthaltsam zu leben? Ich möchte noch einmal Swami
Chidananda zitieren (Das göttliche Leben):
„Brahmacharya bedeutet weder Unterdrücken noch Verdrängen
von Sexualität. Die Sexualität wird umgangen, und dieses
sexuelle Potential wird für etwas verwendet, das zehnmal,
hundertmal großartiger ist. Deshalb ist es ein Missverständnis,
von Unterdrückung oder Verdrängung zu sprechen. Das liegt an
einem mangelnden Verständnis dafür, was es mit der
wirklichen spirituellen Suche auf sich hat. Wenn man es richtig
versteht, wird man nicht so darüber sprechen. Wir sind nicht
einfach Menschen, wir sind mehr als Menschen. Unsere
Erscheinungsform als Menschen ist nur ein schwacher
Widerschein dessen, was wir in Wahrheit sind. Der einzige
Grund, warum unsere Erscheinungsform als Menschen von
Bedeutung und Wichtigkeit ist, besteht darin, dass sie uns,
wenn sie richtig verwendet wird, erhebt und dahin bringt,
wohin wir eigentlich gehören, in das Königreich, auf das wir
ein Geburtsrecht haben.
Doch ist die Vorstellung im Westen, dass Brahmacharya
Unterdrückung ist, zumindest in einer Hinsicht nicht ganz
abwegig. Wenn ein natürliches Potential unterdrückt oder
verdrängt wird, kann das unerwünschte Veränderungen in der
Persönlichkeit hervorrufen. Wenn Brahmacharya einem
Menschen gegen seinen Willen und gegen seine Überzeugung
aufgezwungen wird, können daraus natürlich abnorme
Zustände resultieren, weil der Mensch dazu veranlasst wird,
etwas zu tun, was er oder sie tief im Inneren nicht tun will,
gezwungen von anderen, von sozialen Zwängen oder durch das
Ablegen von Gelübden, die er oder sie nicht hätte ablegen
sollen, ohne vorher genau und gut überlegt zu haben, was
damit verbunden ist.

143
Wenn aber ein intelligenter Mensch die gesamte Situation des
Lebens gut durchdacht hat, sich sagt: „Wenn ich etwas Großes
und Mächtiges erreichen will, kann ich es mir nicht leisten, die
mir zur Verfügung stehenden Energien zu verschwenden. Je
mehr ich sie bewahre, desto mehr kann ich sie für diese Absicht
einsetzen, und desto besser sind die Chancen auf Erfolg.“

Wenn der Mensch so denkt und die rationale Seite dessen


verstanden hat, und wenn die höchste Errungenschaft, zu der er
strebt, ihm das wert ist, wenn er oder sie aus freiem Willen, mit
voller Absicht und großer Begeisterung zum Zölibat schreitet,
wo ist dann Unterdrückung? Ganz im Gegenteil, das, was als
Selbstverleugnung erscheint, gibt effektiv einer höheren
Dimension unseres Wesens Ausdruck, in die man sich jetzt
begeben hat. Also weit davon entfernt, darauf zu verzichten,
sich selbst Ausdruck zu verleihen, gibt es dem Menschen
seinen vollen Ausdruck, da er sich nicht länger mit dem
geringeren Aspekt seiner Gesamtpersönlichkeit identifiziert. Er
identifiziert sich mit dem höheren Aspekt. Es ist eine Art
Befreiung und Entwicklung hin zu einem höheren Niveau. Es
ist etwas Positives, Kreatives und nicht etwas Negatives. Es ist
kein Verneinen, sondern effektiv ein Ausdruck seiner selbst.
Wenn das so gesehen wird, irren Freud und die anderen (u.a.
Wilhelm Reich). Sie haben eine solche Situation oder
Möglichkeit nie erwogen. Und es ist nicht nur eine
Möglichkeit, es ist eine Jahrhunderte oder Jahrtausende alte
Tradition, für jemanden, der bereit ist, alles zu tun, alles zu
geben und jeden Preis dafür zu bezahlen, um das Höchste zu
erlangen.“

Sublimierung ist also keine Frage von Unterdrückung oder


Verdrängung, sondern es ist ein positiver und dynamischer

144
Umformungsvorgang. Das Zölibat hat allerdings dann keinen
Erfolg, wenn jemand dazu gegen seinen Willen gezwungen
wird. Wo geschieht dies aber? Mag sein, dass in den
vergangenen Jahrhunderten mache Frau dazu gezwungen
wurde, in ein Kloster einzutreten und mancher Mann dazu
gezwungen wurde, Priester oder Mönch zu werden. Dann hatte
er oder sie natürlich große Probleme, das Zölibat zu
akzeptieren und zu praktizieren. So ist es natürlich kein
Wunder, dass manche Klöster in den vergangenen
Jahrhunderten eher Orte der Unmoral und der sexuellen
Zügellosigkeit waren, als Orte der Keuschheit und der
spirituellen Erhebung. Man sollte davon ausgehen, dass sich
die Verhältnisse mittlerweile verändert haben. Heute wird
niemand mehr bereit sein, gegen seinen Willen das Zölibat zu
praktizieren. Entschliesst sich heute jemand, enthaltsam zu
leben, so wird er sich dieses zuvor gründlich überlegt haben.
Ausserdem muss jeder Novize und jede Novizin eine Probezeit
absolvieren, in der er/sie feststellen kann, ob er/sie sich
wirklich zum Mönch bzw. zur Nonne berufen fühlt.
13. Hinayana und Mahayana Top

Der Buddhismus beruht auf den Lehren Siddhartha Gautama's,


der später den Namen Buddha, der Erwachte, erhielt. Im
Buddhismus versteht man unter einem Buddha einen
Menschen, der die Reinheit und Vollkommenheit aus eigener
Kraft erreicht hat und somit eine Entfaltung aller in ihm
vorhandenen Potentiale erlangt hat: vollkommene Weisheit,
Mitgefühl mit allen Lebewesen, einen tiefen inneren Frieden
und vor allem eine Zufriedenheit, die man am besten mit dem
Begriff Seligkeit umschreibt. Er hat bereits zu Lebzeiten
Nirvana, Erleuchtung, verwirklicht und ist damit nach
buddhistischer Überzeugung nicht mehr an den Kreislauf der

145
Wiedergeburt gebunden. Gemäß der Überlieferung wurde
Siddhartha Gautama 563 vor Christus in Kapilavastu/Nepal
geboren und starb 483 vor Christus ebenfalls in seiner
Heimatstadt Kapilavastu. Andere sagen, Buddha hätte erst etwa
100 Jahre später gelebt, nämlich 448–368 v.Chr..

Buddhas Lehre kann kurz gefasst als die Lehre von der
Befreiung vom Leid beschrieben werden. Den Kern seiner
Lehre fasste Buddha in den edlen vier Wahrheiten zusammen.
Diese vier edlen Wahrheiten sagen, dass alles Leben Leiden ist,
welches auf die Geistesgifte Gier, Hass und Unwissenheit
zurückzuführen ist. Mit dem Erlöschen dieser drei Wurzelgifte,
den Ursachen des Leidens, erlangt man Nirvana, die endgültige
Befreiung vom Leid. Der Weg, um sich endgültig vom Leid zu
befreien, ist der edle achtfache Pfad. Hat jemand den Zustand
der Erleuchtung erlangt und kann ihn bewahren, so erfährt er
laut Buddha einen Zustand inneren Friedens und großer
Seligkeit.
Nach Buddhas Tod wurde eine umgehende Zusammenstellung
seiner Lehre für notwendig gehalten. Hierzu trafen sich vier
Monate nach Buddhas Ableben etwa 500 buddhistische
Mönche zum ersten Konzil in einer Höhle in Rajagaha. Das
Konzil diente zur Beratung und zur Erfassung der wortgetreuen
Lehre Buddhas. Die Lehre Buddhas wurde in einem Kanon,
dem sogenannten Palikanon, zusammengefasst. Der Palikanon
enthält die Sutras, die Lehrreden Buddhas, die Vinayapitakas
(den Korb der Ordensregeln), die disziplinarischen Schriften
für die Mönche und die Abhidhammapitakas, die
philosophischen Texte. Man bezeichnet den Palikanon, der aus
den oben genannten drei Teilen besteht, auch als Dreikorb
(Pali: Tipitaka, Sanskrit: Tripitaka). Er bildet die Grundlage der
Theravadamönche, der ältesten noch existierenden

146
Schultradition des Buddhismus. Der Vinayapitaka ist der Korb
der Ordensregeln. Er enthält 211 Vorschriften für Mönche und
311 für Nonnen, sowie Regeln, mit denen ein harmonisches
Zusammenleben sowohl im Kloster, als auch im Umgang mit
den Laien gewährleistet werden soll.

Auf dem ersten Konzil trug Ananda, der Lieblingsjünger


Buddhas, die Lehrreden Buddhas vor. Da Ananda, der
„Schatzmeister der Lehre“, Buddha um 40 Jahre überlebte,
konnte er seine Schüler noch gründlich schulen. Upali trug die
Ordensregeln und Kassapa trug das Abidharma, die
philosophischen Texte, vor. Im Abidharma sind die Lehren
Buddhas und seiner Hauptschüler enthalten. Ausserdem enthält
dies Werk eine psychologische und philosophische Begründung
und Ausformulierung der Lehre Buddhas. Die Überlieferung
besagt, auf diesem ersten buddhistischen Konzil sei ein Kanon
zusammengestellt worden, der die Lehre Buddhas, das
Dharma, und die Ordensregeln, enthält. Das Abidharma, die
psychologisch-philosophische Begründung der Lehre Buddhas
hingegen, wurde zwar vorgetragen, aber sie wurde vorläufig
noch nicht in den Kanon mit aufgenommen. Das Abidharma
soll erst nach dem dritten Konzil in Pataliputra, zur Zeit des
buddhistenfreundlichen Königs Asoka (268-232 v.Chr.),
ergänzt und in den Kanon mit aufgenommen worden sein.

Hundert Jahre nach dem ersten Konzil, also 383 v.Chr.,


unterzog ein zweites Konzil in Vesali den Urkanon einer
Revision. Anlaß dieses Konzils waren Unstimmigkeiten über
die Ordenszucht. Nach längerem Hin und Her entschied ein
Komitee gegen die Zulässigkeit von zehn vorgeschlagenen
Neuerungen. Um diese Entscheidung zu bekräftigen rezitierte
eine Synode von siebenhundert Theravadins unter dem Vorsitz

147
des Bhikkhu Revata (Bhikkhu = Bettelmönch) in Vesali acht
Monate lang den Kanon erneut. Zur Verdeutlichung ihres
Festhaltens an der Tradition nannten sich die Konzilteilnehmer
selbst Theravadins, die „Anhänger der Lehre der Alten”. Die
Neuerer, die behaupteten in der Mehrheit zu sein, gaben sich
den Namen Mahasanghikas, die „Angehörigen der großen
Gemeinde”. Aus dem Mahasanghika entwickelte sich etwa um
die Zeitwende (Christi Geburt) das Mahayana, das „Große
Fahrzeug”. (Schumann, Hans Wolfgang: Der historische
Buddha. München 1982, Diederichs Gelbe Reihe Nr. 73, Seite
297-298)

Beim zweiten buddhistischen Konzil herrschte große


Unstimmigkeit über die Einhaltung der ethischen Regeln für
Ordinierte. Deshalb versuchte man auf Seiten des Hinayana,
die Reinheit der Lehre Buddhas wieder herzustellen. Wie oft in
solchen Fällen gibt es immer wieder Bestrebungen, die
bestehenden Regeln aufzuweichen. Dies trifft u.a. auf das
Zölibat, auf bestehende Vorschriften oder auf die selbsterwählte
Armut der Mönche zu. So hatte es sich unter einigen Mönchen
eingebürgert, von Laien Goldspenden einzufordern, die dann
unter den Mönchen aufgeteilt wurden. Diese Regelverstöße
wurden öffentlich vorgetragen und verurteilt. Das Ziel der
Theravadins (Hinayana) war es, die Ordensdisziplin und das
genaue Festhaltens an der Überlieferung der Lehre Buddhas zu
sichern und keine Neuerungen aufkommen zu lassen. Der
Mahayana dagegen betonte die Erneuerung. Dies führte nach
dem Konzil zu einer Aufspaltung der Ordenseinheit und es
gründeten sich 17 nicht-theravadische Schulen [23]. Dies
nahmen die Theravadins zum Anlass 268-232 v.Chr. ein drittes
buddhistisches Konzil einzuberufen, an dem nur die
Theravadins teilnahmen. Dort wurde die Lehre Buddhas

148
systematisiert und die Abgrenzung zu anderen Lehren
dargestellt. Weiter wurde das Buch „Moggaliputta” über die
254 irrigen Ansichten aufgenommen, was später als
Kattavatthu (Buch der Kontroversen) Bestandteil des
Abhidhamma wurde. Zuguterletzt wurden die Werke Buddhas
in fünf Sammlungen geordnet (1. lange Lehrreden, 2. mittlere
Lehrreden, 3. gruppierte Lehrreden, 4. angereihte Sammlung
und 5. Lehrreden, die nach Anzahl der Themengegenstände
sortiert werden können, in Einser-Buch, Zweier-Buch, … bis
Elfer-Buch)

Der Name Hinayana kam erst mit dem Entstehen des


Mahayana in Gebrauch, indem Letzterer den Anspruch erhob,
in seiner Zielsetzung „größer“ (maha) oder umfassender zu
sein als die Anhänger der alten Weisheitsschule, die man
deshalb als „klein“ (hina) bezeichnete. In Ermangelung eines
Sammelbegriffes für die unterschiedlichen Schulen vor
Entstehen des Mahayana, wird trotz des abwertenden
Charakters nach wie vor der Begriff Hinayana verwendet.

13.1 Unterschiede zwischen Hinayana und Mahayana Top

Der Mahayanabuddhismus erkennt zwar die Lehre Buddhas an,


hält sie aber nur für einen kleinen Kreis geeignet, da die große
Mehrheit der Menschen nicht in der Lage ist, nach
mönchischen Regeln zu leben. Den Mahayanabuddhisten
kommt es nicht in erster Linie auf den Arhat an, der sich, wie
einst Buddha, selber zu erlösen versucht, sondern er stellt den
Bodhisattva in den Mittelpunkt, dem es daran liegt, so viele
Wesen wie möglich auf den Weg zur Erleuchtung zu bringen,
wobei er sich selbst, einem altruistischen Drang folgend,
aufopfert, um anderen Menschen auf ihrem spirituellen Weg

149
behilflich zu sein. Eine Reihe solcher Boddhisattvas wird bis in
die Gegenwart hinein in den mahayanischen Ländern verehrt,
wie z.B. Avalokitesvara, Manjusri oder Maitreya. Anstelle des
menschlichen Buddhas, der meist als Shakyamuni (der Weise
aus dem Geschlecht von Shakya) bezeichnet wird, tritt im
Mahayana eine ungeheure Zahl von Buddhas auf und der sich
langsam und mühsam zur Erkenntnis durchringende Mensch
Buddha wird durch einen transzendenten Adibuddha
(Urbuddha) ersetzt, der als Verkörperung absoluter Wahrheit
gilt. Am bekanntesten sind die fünf großen transzendenten
Buddhas Vairocana, Akshobhya, Amitabha, Ratnasambhava
und Amogasiddhi, die verschiedene Eigenschaften in sich
vereinen (Weisheit, Mitgefühl, Reinheit, Vollkommenheit), die
der Mahayanabuddhist in seiner meditativen Praxis zu
visualisieren versucht. Diesen göttlichen Erscheinungen wird
ein Kult mit Bildern, Statuen und Reliquienverehrung zuteil,
die im Hinayana unbekannt sind. Dabei dürfte die Bhaktilehre
der Bhagavad Gita den Kult der Buddhaverehrung im
Mahayana noch gefördert haben.

Der wesentliche Unterschied zwischen einem Arhat des


Hinayana und seiner Entsprechung im Mahayana, dem
Bodhisattva, ist es, dass ein Arhat den letzten Schritt ins
Nirvana nicht freiwillig aufschiebt, um den anderen Wesen auf
dem Weg aus dem Leiden zu helfen. Der Grund dafür ist aber
nicht etwa Egoismus, sondern die Überzeugung des Theravada,
dass dies nicht möglich ist. Jedes Wesen ist entsprechend dem
Gesetz des Karma für seine Handlungen selbst verantwortlich,
eine Übertragung von Verdiensten auf andere Wesen ist nicht
möglich. Ein Arhat versucht daher, durch das Verbreiten der
Lehren des Buddha, die anderen Wesen auf ihrem Weg zur
Erleuchtung zu unterstützen, indem er ihnen die Möglichkeit

150
gibt, gutes Karma zu schaffen (z.B. durch Almosen). Jeder
Versuch, eine Erlösung außerhalb von sich selbst bei anderen
Wesen zu suchen, führt aus der Sicht des Theravada zu einer
weiteren Verstrickung in die samsarische Welt. Entsprechend
kritisch werden aus dieser Perspektive die Lehren des
Mahayana beurteilt, denn sie führen demzufolge nicht zur
Befreiung.

13.2 Die Entstehung des Palikanons Top

Zur Lebenszeit Buddhas war es in Indien nicht üblich, Texte


schriftlich niederzulegen. So etwas taten nur Händler. Religiöse
Texte wurden üblicherweise durch Auswendiglernen weiter
gegeben. Dies geschah über Jahrhunderte hinweg mit großer
Genauigkeit. Für die Rezitation bestimmter Texte gab es
Spezialisten, sogenannte Bhaṇaka. Deshalb lautet die
Einleitung aller Sutras (Lehrreden): „So hab ich’s gehört“.
Nach dem dritten Konzil soll der Sohn des indischen Kaisers
Ashoka, Mahinda, den Buddhismus nach Ceylon (heute: Sri
Lanka) gebracht haben. In den Klöstern der Insel wurde der
Kanon in der Pali-Sprache im Gedächtnis bewahrt, bis die
Mönche unter Ceylons König Vaṭṭagamaṇi Abhaya (89-77
v.Chr.) ihn schließlich auf den getrockneten Blättern der
Talipot-Palme (corypha umbraculifera) niederschrieben. Das
Felsenkloster Aluvihara (Pali: Alokavikara), wo dies geschah,
liegt 3 km nördlich von Matale (Nähe Kandy). (Schumann,
Hans Wolfgang: Der historische Buddha. München 1982,
Diederichs Gelbe Reihe Nr. 73, Seite 297-298)

Über die Sprache des südbuddhistischen Palikanons sagt der


Philosoph Prof. Dr. habil. Kurt Leider in seinem Buch „Buddha
- Leben, Lehre, Jüngerschar“: „Buddhas Sprache ist sicherlich

151
nicht Pali, die Literatursprache des uns auf Ceylon erhaltenen
südbuddhistischen Kanons, gewesen, sondern Magadhi, der
Dialekt der Provinz Magadha (Bihar), in der Buddha
aufgewachsen ist und wo er dann auch seine Lehre verkündet
hat. Ebenso wie Buddha aber werden sich die Bhikkus
(Mönche), die zum ersten mal in Pataliputra, der Hauptstadt
von Magadha, den Kanon zusammenstellten, der Magadha-
Sprache bedient haben. Spuren dieses alten Magadhikanons
lassen sich noch im späteren Palikanon nachweisen. Zwar wird
das Pali, die Literatursprache des ceylonesischen Kanons, von
den Buddhisten Ceylons selbst als Magadhi bezeichnet, es
weicht aber doch dieses Pali von der uns andersweitig durch
Inschriften und Grammatiken bezeugten Magadhi-Sprache ab.
Das Pali als buddhistische Literatursprache ist mehr oder
weniger aus einer Mischung von verschiedenen Dialekten
hervorgegangen, wobei freilich zu betonen ist, dass der
Hauptdialekt, von dem das Pali ausgegangen sein dürfte,
Magadhi war, die Sprache Buddhas. Nur sollte man nicht den
Fehler begehen, Magadhi, die Sprache Buddhas, mit Pali, der
Literatursprache des ceylonesischen südbuddhistischen
Kanons, ohne weiteres und schlechthin gleichzusetzen.

Da der Palikanon zuerst in Ceylon aufgeschrieben wurde,


spricht man auch vom südbuddhistischen Kanon. Er ist die
Grundlage des Theravada, des Hinayana-Buddhismus, der
ältesten Lehre des Buddhismus. Der Theravada, die größte und
einzige überlebende Linie des Hinayana, ist in Sri Lanka,
Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam verbreitet
und in diesen Ländern die vorherrschende Richtung des
Buddhismus. Von den heute nicht mehr praktizierten Schulen
des Hinayana sind die Mahasanghika, der Pudgalavada, der
Sarvastivada und die Sautrantika die wichtigsten. Neben dem

152
südbuddhistischen Palikanon gibt es noch den
nordbuddhistischen Sanskritkanon auf den sich der Mahayana-
Buddhismus beruft, aus dem sich später der Vajrayana, der
tibetische Buddhismus, der Tantrayana (Tantra), aber auch der
chinesische (Chan) und japanische Buddhismus (Zen)
entwickelte.”

Hierzu sagt Prof. Dr. Kurt Leider: „Die beiden Kanons, der
südbuddhistische Palikanon und der nordbuddhistische
Sanskritkanon, sind nicht ganz gleichwertig. Der
südbuddhistische Palikanon (Hinayana) ist der wesentlich
ältere, der Tradition nach, wie gesagt, auf den drei Konzilen,
die im 5., 4. und im 3. Jahrhundert vor Christi Geburt
stattfanden, redigiert, während der nordbuddhistische
Sanskritkanon (Mahayana) als der bedeutend jüngere erst im 1.
Jahrhundert nach Christi Geburt zustandekam. Diesem
verschiedenen Alter entsprechend, trägt der nordbuddhistische
Sanskritkanon auch deutlich sekundäre Züge gegenüber dem
südlichen Palikanon und die in den nordbuddhistischen
Sanskritkanon eingestreuten Palismen beweisen, dass auch für
diesen Kanon der südbuddhistische Palikanon die Grundlage
war. Es wäre natürlich denkbar, dass der nördliche Kanon
außerdem Elemente enthielt, die dem südlichen Kanon fehlten,
denn er kann außer den uns erhaltenen Werken des südlichen
Kanons noch solche Texte benutzt haben, die wir nicht mehr
besitzen. Und wenn solch eine Annahme auch nicht mit den
Ansprüchen der südbuddhistischen Tradition, die ihren Kanon
für authetisch hält, im Einklang steht, so braucht die Textkritik
sich nicht an derartige Tradition zu binden.

Im ganzen ist aber der nördliche Sanskritanon (Mahayana),


nicht zuletzt, was die Lehre als solche betrifft, zweifellos

153
weniger ursprünglich als der südliche Palikanon, und man darf
ihn insofern in die zweite Linie rücken. Das Hauptinteresse
fordert aus philosophischen, ästhetischen und geschichtlichen
Gründen der südbuddhistische Palikanon, der zugleich
schlichter und gemäßigter ist als der ausschweifendere und
phantastischere (phantasievollere) nordbuddhistische
Sanskritkanon, was aber keineswegs ausschließt, dass auch der
nordbuddhistische Sanskritkanon seine nicht zu verkennende
und unterschätzende Eigenart und Erhabenheit besitzt.“

13.3 Vajrayana, der Diamantweg Top

Vajrayana ist die vom Tantra geprägte Form der buddhistischen


Religion, die sich etwa seit dem 4. Jahrhundert n.Chr. zuerst in
Indien entwickelte und später nach Ost-, Zentral- und
Südostasien ausbreitete. Im Vajrayana, das nach seinem
Hauptsymbol, dem Vajra (siehe Abbildung 4), benannt wurde,
wird versucht, durch rituelle und magische Handlungen,
teilweise auch durch tantrische Sexualpraktiken einen direkter
Weg zur Erleuchtung zu verwirklichen. Ziel des Vajrayana ist
Erlösung und geistige Vervollkommnung. Das Vajra ist ein
Ritualobjekt, welches von friedlichen Gottheiten als Zepter und
von zornvollen Gottheiten als unzerstörbare Waffe benutzt
wird. „Vajra“ heißt wörtlich „Diamant“, deshalb spricht man
beim Vajrayana auch vom Diamantfahrzeug oder vom
Diamantweg. Gemäß der Sichtweise der buddhistischen Lehre
symbolisiert der Vajra die unzerbrechlichen Qualitäten des
Diamanten. Der Diamant symbolisiert das Unzerstörbare,
Unvergängliche und die makellose Reinheit des
Buddhazustandes. Im Vajrayana-Buddhismus hat er noch eine
tiefere symbolische Bedeutung, nämlich die in der Erleuchtung
erfahrene Einheit allen Seins. Das Vajrayana wird, neben dem

154
Hinayana und dem Mahayana, gewöhnlich als die dritte große
Hauptrichtung des Buddhismus bezeichnet.

Abbildung 4: Vajra

Das Ziel des Tantra ist die Einswerdung mit dem Absoluten
und das Erkennen der höchsten Wirklichkeit. Zu den
tantrischen Praktiken gehören neben der Meditation und der
Visualisierung auch das Rezitieren von Mantras und Bijas
(Bijas sind einsilbige Wortklänge, wie Om, Ham, Yam, Ram,
Vam und Lam, die die wie die Mantras zur Meditation benutzt
werden), Mudras (Hand- bzw. Fingerhaltungen), Yantras
(rituelle Diagramme), Kriyas (Bewegungs- und Atemübungen),
Kundaliniyoga, bei dem feinstoffliche Energiezentren,
sogenannte Chakren, mittels Yoga, Meditation, Atemübungen,
Visualisierung oder durch die sexuelle Vereinigung aktiviert
werden, um die im untersten Chakra ruhende Kundalinienergie
zum Aufstieg zu bewegen. Mayayoga (Magie),
Reinigungsübungen und weitere Übungen, zu denen Rituale,
Einweihungen und das Einswerden mit dem Geist des
erleuchteten Lehrers gehören, werden ebenfalls im Tantra
praktiziert. Der tibetische Buddhismus legt dabei besonderen
Wert auf direkte Übertragung und Unterweisung vom Lehrer
zum Schüler. Wichtig ist bei diesen Praktiken eine solide
Kenntnis der buddhistischen Lehre als Ausgangsbasis. Ohne
ein echtes Verständnis von Mitgefühl und der rechten Ansicht
ist es nicht möglich, diese Methoden erfolgreich anzuwenden.
Daher sind die ethischen Regeln des edlen achtfachen Pfades,
wie sie von Buddha gelehrt wurden, Grundlage des gesamten

155
buddhistischen Weges, auch des Vajrayana. Darüber hinaus
unterliegt allen Tantratraditionen das Gebot der Geheimhaltung
der tantrischen Lehren.

Unter der Visualisierung versteht man eine Übung bei der


bestimmte Bilder konzentrativ hervorgerufen werden. Bei der
Visualisierung meditiert der tibetische Buddhist über
verschiedene Eigenschaften eines Buddhas, wie Liebe,
Mitgefühl, Reinheit usw. und versucht diese durch geistige
Projektion zu veranschaulichen, bzw. mit ihnen eins zu werden.
Dazu benutzt er verschiedene Buddha-Formen und Mandalas
(Mandalas sind farbenfrohe, kunstvolle kreisförmige oder
quadratische Muster, siehe Abbildung 5), die teilweise äußerst
detailliert mit vielen Attributen dargestellt werden und die von
den Praktizierenden während der Meditation visualisiert
werden. Unterstützend werden während solcher Praktiken
Mantras rezitiert. Dadurch wird die Konzentrationsfähigkeit
des Übenden gefördert und die Identifikation des Geistes mit
der Vorstellung eines eigenständig existierenden unabhängigen
Ichs gelockert. Ziel solcher Übungen ist die Auflösung der Ich-
Vorstellung, die nach buddhistischer Lehre Ursache allen
Leidens ist. Durch die Ich-Vorstellung, dem Egoismus, findet
eine Trennung zwischen dem Göttlichen und dem Individuum
statt, die als Dualismus bezeichnet wird. Erfährt ein Mensch
die Nichtdualität, die Einheit mit Allem, dann nennt man ihn
erleuchtet oder einen Buddha.

156
Abbildung 5: Mandala

13.4 Tibetischer Buddhismus Top

Der Buddhismus in Tibet gliedert sich in verschiedene Schulen


und Übertragungslinien, von denen die Nyingma-, die Kagyü-,
die Sakya- und die Gelug-Schule die wichtigsten sind. Die
Nyingma-Tradition ist die älteste der vier großen Schulen des
tibetischen Buddhismus. Die Nyingma-Tradition geht auf Guru
Rinpoche's und Shantarakshita's Lehrtätigkeit zurück, die im 8.
Jahrhundert in Tibet begann. Gegen 779 n.Chr. lud der
tibetische König Trisong Detsen die indischen Meister
Padmasambhava (Lotusgeborener), von den Tibetern auch
Guru Rinpoche (Kostbarer Meister) genannt, und
Shantarakshita (Wächter des Friedens) nach Tibet ein, um dort
den Buddhismus zu lehren. Guru Rinpoche betonte vor allem
die tantrischen Aspekte des Buddhismus. Er verbreitete den
tantrischen Buddhismus in Tibet so erfolgreich, dass er die bis
dahin vorherrschende schamanistische und animistische Bön-
Religion zum großen Teil verdrängte. Unter Animismus
versteht man eine Naturreligion, die von Geistern und
Dämonen beseelt ist und die davon ausgeht, dass alle Dinge,
jeder Stein, jede Pflanze, jedes Tier und jeder Mensch, eine
Seele besitzen. Vom 8. bis zum 11. Jahrhundert war die
Nyingma-Tradition die einzige buddhistische Schule in Tibet.
Die Nyingma-Tradition wird auch als die Schule der „Alten

157
Übersetzungen“ bezeichnet. Ab dem 11. Jahrhundert
entwickelten sich dann die Schulen der „Neuen
Übersetzungen“, die sich hauptsächlich auf die Übertragung
bislang noch nicht übersetzter Tantratexte beziehen.

In der zweiten Phase der Übertragung buddhistischer Schriften


von Indien nach Tibet, ab dem 11. Jahrhundert, wurden
tantrische Texte übersetzt, die in der ersten Übersetzungswelle
im 9. Jahrhundert unberücksichtigt geblieben waren. Diese
Aufgabe fiel zunächst der Kadampa-Schule zu. Die Kadampa-
Schule hat ihren Ursprung in den Lehren des indischen Pandit
(Gelehrten, Philosophen) Atisha Dipamkara Srijnana
(982-1054), einem berühmten Abt aus der Klosteruniversität
Vikramasila in Indien. Atisha war sowohl ein herausragender
Gelehrter, als auch ein realisierter Yogi. Er legte großen Wert
auf die Einhaltung der Mönchsregeln (Zölibat) in Tibet. Die
Kadampa-Schule ging im 14. Jahrhundert in die vier Schulen
des Tibetischen Buddhismus über. Diese vier Schulen sind die
Kagyü-, Chöd-, Sakya- und die Gelug-Schule. Insbesondere die
Gelug-Schule bewahrte die Kadampa-Tradition der
mönchischen Regeln. Aber auch die anderen beiden Schulen
bewahrten eine Kadampa-Linie. Die Chöd-Linie besteht heute
nicht mehr als eigenständige Schule. Ebenso wie in der
Nyingma-Tradition verschmolzen in den Kakyü-Schulen
klösterliche Traditionen mit den Yogalehren indischer Meister.

Tsongkhapa (1357-1419), ein Mönch des Klosters Drikung in


Tibet, gründete die Gelug-Schule. Er vertrat stark die Ideale der
früheren Kadampa-Schule und betonte die Bedeutung der
Mönchsregeln. Seine Schule wurde als Schule der
Tugendhaften bezeichnet, da sie auf das Zölibat großen Wert
legte. Der Kern der Lehre der Gelug liegt in den Lehren der

158
Kadampa, insbesondere in den Mahayana-Lehren Atishas. Der
gegenwärtige 14. Dalai Lama, der Mönch Tenzin Gyatso, ist
Mitglied der Gelug-Schule.

13.5 Kritik am westlichen Tantraverständnis Top


Spricht man in der westlichen Welt vom tantrischen
Buddhismus, bzw. vom tibetischen Buddhismus oder Tantra, so
verbinden sehr viele Menschen damit in erster Linie tantrische
Sexualpraktiken. Dabei haben die meisten von ihnen sich
niemals intensiver mit dem Tantra auseinander gesetzt. Diese
Haltung entspricht der Bequemlichkeit und Unwissenheit, die
vielfach anzutreffen ist. Die Menschen sind nicht bereit, den
mühevollen Weg des Tantra auf sich zu nehmen. Weder sind sie
bereit, täglich zu meditieren, ihr Leben nach dem edlen
achtfachen Pfad auszurichten, Yoga- und Atemübungen zu
praktizieren, geschweige denn, im Zölibat zu leben. Wie wir
gesehen haben, sind auch die tantrischen Linien sehr stark am
Zölibat orientiert. Lediglich einige wenige Sekten gehen den
gefahrvollen Weg des Vamachara und praktizieren den rituellen
Geschlechtsakt, den Maithuna. Dieser Weg des Vamachara
wird auch als „rotes Tantra“ oder als „linkshändiges Tantra“
bezeichnet. Demgegenüber steht das „weiße“ oder
„rechtshändige Tantra“, der alle tantrischen Sexualpraktiken
ablehnt. Was in den Köpfen vieler Tantrainteressierter davon
hängengeblieben ist, ist die Vorstellung, dass Sex und Tantra
bzw. Sex und spiritueller Fortschritt gewissermaßen identisch
sind. Dabei vergessen sie ganz, dass einige tantrische Linien
absolut zölibatär sind und dass es nur einigen wenigen Lamas
erst nach jahrelanger spiritueller Praxis überhaupt gestattet ist,
tantrische Sexualpraktiken anzuwenden. Dabei geht es aber
nicht um die sexuelle Befriedigung, sondern darum, die
Kundalinienergie aus dem Basischakra in höhere Chakren zu

159
leiten, wobei jeglicher Orgasmus absolutes Tabu ist und strikt
vermieden werden sollte.

In diesem Zusammenhang bedenke man, wie es etlichen


ehemaligen tibetischen Lamas ergeht, die gegen das Zölibat
verstößen haben. In Darjeeling, im Vorder-Himalaya
(Westbengalen), leben einige Hundert Ex-Lamas, die als Kulis
(Lastenträger) ihre Arbeit verrichten. Ein Lama ist ein
tantrischer Lehrer, ein Mönch, des tibetischen Buddhismus. Die
Lamas sind entweder allein, oder zusammen mit ihrer
Geliebten aus Tibet geflohen, um den strengen Strafen zu
entgehen, die der Bruch des Zölibats mit sich bringt. Wird der
Mönch bei einer sexuellen Verfehlung erwischt oder wird er
von anderen angezeigt, so fällt er in Ungnade, erfährt öffentlich
körperliche Züchtigung, wird zusätzlich mit einer schweren
(Geld-)Strafe bestraft und aus dem Orden entfernt.

Der Hinayana (Theravada) beruht auf den ursprünglichen


Lehren Buddhas. Die Theravada-Doktrin besagt, dass nur ein
Mönch das Nirvana erlangen kann. Buddha unterschied
zwischen Laien und Mönchen. Den Mönchen empfahl er
Enthaltsamkeit. Er sagte, dass die Laien zwar auch bestimmte
Stufen der Erleuchtung erreichen können, dass sie selbst aber
sehr bald erkennen würden, dass sexuelle Aktivität
unausweichlich Probleme für den spirituellen Fortschritt mit
sich bringen. Sila's sind Sittenregeln bzw. ethische Normen, die
das Verhalten der Laien und Novizen (Mönchsanwärter) regeln.
Durch die Einhaltung von bestimmten Regeln wird die geistige
Entwicklung in heilsamer Weise unterstützt. Der
Laienanhänger sollte die fünf Regeln für Laien beachten. Die
Novizen sollten sich an die 10 Sittenregeln für die Novizen
halten. Für die Mönche und Nonnen sind die Ordensregeln

160
(Patimokkha) bindend. So können sie Reinheit erreichen.

Die für jeden buddhistischen Laien-Anhänger bindenden 5


Sittenregeln sind:

1. Kein Lebewesen verletzen oder töten.


2. Nicht Stehlen.
3. Kein Sinnesmissbrauch bzw. sexuelle
Ausschweifungen.
4. Nicht Lügen
5. Kein berauschendes Mittel wie z. B. Alkohol oder
Drogen einnehmen.
Die für alle Novizen bindenden 10 Sittenregeln sind:
1. Kein Lebewesen verletzen oder töten.
2. Nicht Stehlen.
3. Keinen Geschlechtsverkehr ausüben.
4. Nicht Lügen.
5. Kein berauschendes Mittel wie z. B. Alkohol oder
Drogen einnehmen.
6. Kein Essen nach der Mittagszeit.
7. Sichfernhalten von Tanz, Gesang, Musik und
Schaustellungen.
8. Vermeiden von Blumen, Duftstoffen, Kosmetika,
Schmuck und Zierrat.
9. Vermeiden von hohen, üppigen (weichen) Betten.
10.Kein Gold und Silber (Geld) annehmen.
Auch beim Mahayana (Vajrayana) unterscheidet man zwischen
Laien und Mönchen. Den Laien wird Sexualität durchaus
gestattet. Aber auch Laien sollten in der Sexualität diszipliniert
sein, sie sollten eine gewisse Beherrschung üben. Der
Theravadamönch Bhante Henepola Gunaratana sagte: „Laien

161
können bestimmte Stufen der Erleuchtung erreichen, wir
nennen sie „Mitfließende“ oder „Einmal-Wiederkehrende“,
bevor sie für sich selbst erkennen, dass sexuelle Aktivität
unausweichlich Schwierigkeiten und Probleme mit sich bringt.
Laien können sogar die dritte Stufe der Heiligkeit erreichen,
wir nennen sie „Nie-Zurückkehrende“. Aber sobald sie einmal
diese Stufe erreicht haben, werden sie selbst aus ihrer eigenen
Erkenntnis heraus entscheiden, dass eine Verstrickung in
Sexualität den Fortschritt in ihrer spirituellen Praxis behindert.
Sobald sie das erkennen, werden sie freiwillig aufhören,
sexuell aktiv zu sein.“
Es ist immer zu bedenken, das buddhistisches Tantra eine
anspruchsvolle Geheimlehre darstellt, die selbst in den Ländern
ihrer größten Verbreitung, z. B. in Tibet, nur von einem sehr
kleinen Prozentsatz der Bevölkerung praktiziert wird. In Tibet
sieht man zwar in jedem Kloster Abbildungen und Statuen von
den auch im Westen mittlerweile sehr beliebten Buddhas in
sexueller Vereinigung, doch über die eigentliche Praxis, die
hinter diesen Bildern steht, weiß der typische Tibeter genau
soviel wie der typische Westler, nämlich sehr wenig. Hier
stimmt selbst der östereichische Tantralehrer Helmut Poller zu,
wenn er sagt: „Es gibt viel zu wenig wirklich hochqualifizierte
Meister, sowohl unter Tibetern, wo die höchste Qualifikation
beinahe im Aussterben ist, als erst recht unter Westlern. Nach
30 Jahren Vajrayana im Westen (1975-2005) gibt es bis jetzt
nur wenige Westler, welche die höchsten Lehren verwirklicht
haben. Das liegt nicht an unserer Unfähigkeit, sondern leider
häufig an der Unwilligkeit tibetischer Meister, die zentralen
nondualen Lehren an Westler weiter zu geben.“ [24]
Der ursprünglichere südliche Buddhismus, der Theravada, sieht
den buddhistischen Tantrismus (Vajrayana) als ernsthafte
Verfälschung der Lehre Buddhas an. Der Theravadamönch

162
Bhante Henepola Gunaratana sagte einmal: „Von Theravadas
wird Vajrayana (das auch als Tantra oder Tibetischer
Buddhismus bezeichnet wird) nicht als Buddhismus angesehen.
In der buddhistischen Originalliteratur findet sich nirgendwo
der Begriff „Tantrischer Buddhismus“. Tantra ist eine spätere
Entwicklung. Im ursprünglichen Buddhismus gibt es nichts im
Sinne eines tantrischen Buddhismus. Es gab nie so etwas wie
tantrischen Buddhismus. Tantra ist Tantra, Buddhismus ist
Buddhismus und diese beiden Dinge werden nie
zusammenpassen. Aber manche Menschen, die sehr in ihrer
Sexualität verstrickt sind, und deren Wahrnehmung verzerrt ist,
wollen die Sexualität glorifizieren, indem sie Buddhismus
dazugeben. Und deshalb kombinieren sie Tantra mit
Buddhismus.“

Swami Chidananda, ein Schüler Swami Sivanandas, sagte: „Ich


glaube nicht, dass die tantrischen Lehren einen authentischen
spirituellen Weg anbieten. Warum? Weil die Menschen
schwach und beeinflussbar sind. Der menschliche Geist ist so
beschaffen, dass er immer den Weg des geringsten
Widerstandes nimmt. Er möchte immer den leichtesten Weg
beschreiten. Es darf allerdings nicht vergessen werden, dass
Tantra früher einmal in Indien ein authentischer Pfad war,
speziell im östlichen Teil. Es gibt ihn auch jetzt noch. Aber er
wurde grob verzerrt. Die Menschen verfingen sich darin. Sie
sagten, sie würden Tantra praktizieren, aber es war nichts
anderes als Wein, Völlerei und sexuelle Befriedigung. Es führte
sie nirgendwohin. Die Methode wurde damals von erleuchteten
Menschen auch der „pervertierte Pfad“ genannt. Es entstanden
zwei Wege: der authentische Pfad, er wurde der „rechtshändige
Pfad“ genannt, und der pervertierte Pfad, bei dem es nur um
den Genuss ging. Er wurde der „linkshändige Pfad“ genannt.

163
Und darum erreicht nur einer unter Millionen auf dem
tantrischen Weg das Ziel der Erleuchtung.“
Ich kann Swami Chidananda eigentlich nur zustimmen.
Welcher Mann, der die tantrischen Sexualpraktiken ausübt
(ohne, nebenbei gesagt, die Praxis wirklich zu kennen) besitzt
schon die Disziplin, sie über Monate oder Jahre auszuüben,
ohne dabei seinen Samen zu verlieren? Dies verlangt schier
übermenschliche Kräfte, die kaum ein Mann besitzt. Also wird
er immer und immer wieder seinen Samen vergeuden und
damit jedes Erleuchtungsbestreben vereiteln. Die tantrischen
Sexualpraktiken sind ein Spiel mit dem Feuer, an dem 99
Prozent aller Männer scheitern. Wer es nicht einmal schafft, das
Zölibat zu praktizieren, der wird erst recht an den tantrischen
Sexualpraktiken scheitern. Darum sollte jeder Mensch, der
einen ernsthaften spirituellen Weg beschreiten möchte, sich für
das Zölibat entscheiden. Ich glaube, dass er damit besser
beraten ist. Ob es Frauen leichter fällt, die tantrischen
Sexualtechniken zu praktizieren, vermag ich nicht zu sagen.
Aber auch Frauen würde ich persönlich das Zölibat empfehlen.
Dies ist der sichere Weg, spirituelle Fortschritte zu erzielen.
13.6 Der gewöhnliche und der tantrische Orgasmus Top
Es wurde bereits gesagt, dass man beim tantrischen Sexualakt
unbedingt den sexuellen Höhepunkt vermeiden sollte, da die
Arbeit mit der sexuellen Energie, der Kundalini, im
Vordergrund steht. Es ist ganz interessant, wie Osho sich in
seinem Buch „Die tantrische Liebeskunst“ auf Seite 108 dazu
äußert. Er unterscheidet zwischen dem gewöhnlichen und dem
tantrischen Orgasmus, wobei er davon ausgeht, dass man sich
beim gewöhnlichen Geschlechtsverkehr eigentlich nur
erleichtern möchte. In diesem Punkt kann ich Osho zustimmen.
Die meisten Menschen haben den Wunsch nach Sexualität,

164
weil sie ein sexuelles Verlangen verspüren oder weil sie eine
innere Anspannung, Angst oder Nervosität empfinden, von der
sie sich befreien möchten. Beim gewöhnlichen Orgasmus wird
die sexuelle Energie ausgestoßen und man fühlt sich zumindest
für ein Weilchen erleichtert und entspannt. Osho sagt: „Dies ist
das Gegenteil von Kreativität, es ist ein Akt der
Vernichtung, ...es ist eine Art Entspannungtherapie“. Der Sex
wird beim gewöhnlichen Geschlechtsverkehr als
Beruhigungsmittel benutzt. Oshos Beschreibung gibt das
Empfinden nach einem Orgasmus recht gut wieder, denn das
Interesse der meisten Menschen richtet sich vorwiegend auf
den kurzen Moment des sexuellen Höhepunktes und dem
darauf folgenden Gefühl der Entspannung. Sie stellen sich
meist gar nicht erst die Frage, ob solch ein Verhalten kreativ ist
oder nicht.
Weiter sagt Osho, dass sich der Geschlechtsakt eines Tantrikers
grundsätzlich von einem gewönlichen Geschlechtsakt
unterscheidet, bei dem die sexuelle Erleichterung im
Vordergrund steht. Er sagt, der Geschlechtsakt des Tantrikers
„diene nicht der Erleichterung, es geht nicht darum, Energie
loszuwerden“. Vielmehr gehe es beim tantrischen
Geschlechtsverkehr darum, „im Liebesakt zu bleiben, ohne zu
ejakulieren, ohne Energie auszustoßen“. Osho rät, „man solle
vollkommen verschmelzen, immer in der Anfangsphase
bleiben und nicht zum Höhepunkt kommen“. Dies verleiht dem
Geschlechtsakt eine spirituelle Qualität. Im Vordergrund steht
nun nicht mehr der Orgasmus, sondern die Arbeit mit der
sexuellen Energie. Ist die sexuelle Energie, die Kundalini, erst
einmal im Basischakra erwacht, so soll sie mittels Atem- und
Konzentrationsübungen über den Zentralkanal der Wirbelsäule,
der Sushumna, hinauf in das Kronenchakra (Scheitelchakra)
geleitet werden. Das Kronenchakra wird im Kundaliniyoga

165
gewöhnlich als tausendblättrige Lotusblume dargestellt, was
darauf hinweist, zu welcher Seligkeit die Kundalini führt, falls
sie das Kronenchakra erreicht. (Hierbei wird natürlich vom
traditionellen Kundalinimodell ausgegangen.)

Jeder Tantriker sollte also sorgfältig darauf achten, dass er


seinen Samen nicht vergeudet. Aber genau damit beginnt die
eigentliche Schwierigkeit, denn der Geist in willig, aber das
Fleisch ist schwach. In der Theorie hört sich das tantrische
Konzept sehr überzeugend an. Ich glaube allerdings, dass es
der Realität nicht standhält, denn der Mensch ist kein
Computer, der seine Emotionen einfach abschalten kann,
sondern er ist aus Fleisch und Blut und wird von vielen
Sehnsüchten und Begierden regiert, die ihn immer wieder in
die Niederungen der Wollust treiben, solange er das
Brahmacharya nicht beherrscht.

Osho spricht in diesem Zusammenhang von einem


Talorgasmus. Er sagt: „Zu einem Gipfel der Erregung zu
kommen ist eine Art, den Orgasmus zu erfahren.“ Osho nennt
diese Art des Orgasmus, einen Gipfelorgasmus. Der
Schwerpunkt der tantrischen Lehre, liegt nach Osho's Ansicht,
allerdings auf einer anderen Art des Orgasmus'. Beim
tantrischen Liebesakt findet der Orgasmus nämlich nicht auf
dem Gipfel der Erregung statt, sondern man gleitet hinab in's
tiefste Tal der Entspannung. Deshalb nennt Osho diesen
Orgasmus, einen Talorgasmus. Am Anfang gleichen sich beide
Arten des Orgasmus. Am Ende sind sie dagegen völlig
verschieden. Während der übliche Orgasmus die anfängliche
Erregung immer weiter steigert bis es zur Ejakulation kommt,
gleitet der tantrische Mann am Gipfel der Erregung in ein tiefes
Tal der Entspannung. Osho beschreibt die tantrische

166
Vereinigung wie folgt: „Sobald der Mann in die Frau
eingedrungen ist, entspannen sich beide. Sie bewegen sich
überhaupt nicht mehr und gehen völlig in der Umarmung auf.
Und nur, wenn einer von beiden spürt, dass die Erektion
nachlässt, bewegen sie sich ein wenig, um das Feuer wieder zu
entfachen; dann sinken sie wieder in einen Zustand
vollkommener Entspannung.“ Nach Osho's Vorstellungen kann
diese Art der zärtlichen Vereinigung stundenlang dauern, ohne
dass es zum Orgasmus kommt. Danach fallen beide in einen
tiefen Schlaf.

Nach dem Aufwachen fühlen sich die Liebenden aber nicht,


wie nach einem gewöhnlichen Orgasmus müde und
abgeschlafft, sondern lebendiger und frischer als zuvor. Sie
sind, wenn man Osho glauben darf, voller Energie und
befinden sich in einem ekstatischem Zustand, der tagelang
andauern kann.

Ähnliche Überlegungen wie bei Osho, der von stundenlangen


sexuellen Vereinigungen spricht, findet man beim Taoisten
Mantak Chia, wenn er vom Multiorgasmus berichtet. Der
moderne Mensch sollte sich, so Mantak Chia, nicht mit einem
normalen Orgasmus zufrieden geben, sondern er sollte den
Multiorgasmus beherrschen, bei dem die sexuelle
Erregungskurve wie eine Welle von einem Gipfel der Erregung
zu einem noch höheren Gipfel der Erregung aufsteigt. Hierzu
sollte man sich unmittelbar vor dem Ejakulation entspannen,
um in den sogenannten Kontraktionsphasenorgasmus
hinüberzugleiten. Unter der Kontraktionsphase versteht Mantak
Chia dabei die ersten Kontraktionen der Prostata, die
unmittelbar vor der Ejakulation einsetzen und letztendlich in
den Orgasmus führen, wenn man die sexuelle Aktivität nicht

167
unterbricht. Mantak Chia meint, dass viele multiorgastische
Männer diesen Vorgang wie einen Orgasmus ohne
Samenerguss erleben. Ich möchte allerdings den Mann sehen,
dem es gelingt, diese Sexualpraxis über Monate oder gar Jahre
zu praktizieren, ohne es zum Samenerguss kommen zu lassen.
Diesen Mann gibt es nicht und damit sind alle tantrischen und
taoistischen Sexualpraktiken eher theoretischer Natur und für
jemand, der ernsthaft einen spirituellen Weg beschreiten
möchte, ungeeignet.

Klassischer Weise soll der Samenverlust mit dem


Fingerverschluss verhindert werden. Dabei werden der Zeige-,
Mittel- und Ringfinger der stärkeren Hand, die leicht
gekrümmt sind, kräftig auf den Damm, einem Punkt zwischen
Hodensack und After, gepresst, wobei der Mittelfinger direkt
auf den Harnleiter drückt. Hierbei soll man mit dem Finger bis
zum ersten Fingergelenk in den Dann hineinfahren, also etwa
1,5 bis zwei Zentimeter. Dieser Punkt nennt sich übrigens
Punkt der Millionen Goldstücke oder Millionen Dollar Punkt.
Zusätzlich soll der PC-Muskel (Musculus pubococcygeus),
also der Beckenbodenmuskel angespannt und der Damm
rhytmisch aufwärts gezogen werden. Die Kombination aus dem
gleichzeitigen Anspannen des PC-Muskels, sowie dem
Anspannen der Fuss- Faust- und Kiefermuskeln soll den
Genitalien das Blut und die Energie entziehen, die sie für den
unwillkürlichen Spasmus (ungewollte Muskelkontraktionen)
benötigen. So will man die sexuelle Energie aus dem Becken
ins Gehirn leiten.

Es stellt sich allerdings die Frage, ob die Kontraktionen der


Prostata, die Mantak Chia für so begehrenswert hält, nicht
bereits einer Ejakulation entspricht. Es dürfte dann allerdings

168
einer Ejakulation entsprechen, die nicht wie die normale
Ejakulation über die Harnröhre (den Penis) ausgestoßen wird.
Vielmehr spricht man in diesem Fall, weil der normale Zugang
zur Harnröhre durch den Fingerverschluß versperrt ist, von
einer Injakulation, wobei das Sperma in die Samenblase
geleitet wird, um bei der nächsten Harnentleerung
ausgeschieden zu werden. Dazu lesen wir bei wikipedia [50]:

„Durch den Druck auf den Punkt zwischen After und


Hodensack vor dem Stimulationshöhepunkt wird, bei
konsequenter Anwendung der Methode, der
Samenleitereingang vor der Harnröhre abgedrückt, so dass das
Sperma nicht durch die Harnröhre entweichen kann. Wird der
Druckpunkt nicht genau getroffen, kann das Sperma über den
hinteren Teil der Harnröhre rückwärts in die Harnblase
spritzen, was als Injakulation bezeichnet wird, und was sich
beim nächsten Wasserlassen durch getrübten Urin äußert.

Korrekt ausgeführt, soll angeblich die Samenflüssigkeit von


der Prostata und vor allem von den beiden Samenblasen, die
mit 50 bis 80 Prozent den größten Anteil am Ejakulat stellen,
wieder aufgenommen werden. Das dann einsetzende wollüstige
Gefühl werde durch die Kontraktion diverser Muskeln
hervorgerufen, die das Sperma herausstoßen wollen, was
jedoch durch den Eingriff unterdrückt wird. Durch diesen dem
Körper „vorgegaukelten“ Samenerguss entstehe zwar eine
sexuelle Befriedigung, jedoch wirke diese Methode angeblich
im Ganzen weiter stimulierend und lusterhaltend, anstatt wie
bei einer echten Befriedigung ermüdend.

Der Hauptnutzen der taoistischen Sexualpraxis liegt angeblich


in der Trennung von Orgasmus und Ejakulation, wodurch die

169
mit der Ejakulation verbundene Refraktionsphase (verminderte
Erregbarkeit, Erschlaffung des Penis) angeblich nicht auftritt
und die Erektion erhalten bleibt. Dies ermöglicht es Männern
angeblich multiple Orgasmen zu erleben. Die bei einem
männlichen Orgasmus in der Regel auftretende Ausschüttung
der Hormone Oxytocin und Prolactin wird also durch eine wie
auch immer herbeigeführte Injakulation nicht unterbunden. Da
es klare Hinweise darauf gibt, dass eine solche hormonelle
Ausschüttung beim Mann die Refraktärphase verursacht, ist
aus Sicht der medizinischen Wissenschaft durch eine
Injakulation keine Verhinderung der Refraktärphase erreichbar
und damit ein lust- und erektionserhaltender Effekt mehr als
fragwürdig. <>Die Übersetzung fernöstlicher Begriffe und
Vorstellungen in wissenschaftliche Terminologie ist immer
problematisch. Den lusterhaltenden Effekt, den der Taoismus
mit der in der Prostata und Samenblase verbleibenden
Samenflüssigkeit erklärt, ist nach schulmedizinischer Sicht
unangebracht. Wissenschaftlich gesehen wird dem Körper kein
Samenerguss „vorgegaukelt". Es finden alle
Muskelkontraktionen und Hormonausschüttungen statt, die mit
einem Orgasmus und einer Ejakulation verbunden sind, die
Flüssigkeit wird lediglich nicht über die Harnröhre
ausgeschieden. Über Energiefluss und Meridiane ist damit aber
nichts gesagt. Schulmedizinisch ist ein dauerhaftes Verbleiben
der Samenflüssigkeit im Samenleiter gesundheitsgefährdend.
Da bei der Injakulation aber keine funktionelle Störung
vorliegt, wird die zurückgehaltene Flüssigkeit mit dem
nächsten Harn- oder Samenfluss ausgeschieden.

Eine „Wiederaufnahme“ der Samenflüssigkeit durch die


Prostata ist zumindest zweifelhaft. Teilweise wird sogar
behauptet, die Flüssigkeit werde „durch das Blut wieder

170
absorbiert“, was völlig ausgeschlossen ist. Nährstoffe resorbiert
der Organismus im Darm über die Schleimhäute, dort werden
sie in die Blutbahn gelenkt. Auch die äußere Haut ist zur
Resorption fähig. Drüsen, Samenleiter und Harnröhre jedoch
nicht, sie produzieren und transportieren.“

Soweit also wikipedia.

Von den Schülern Mantak Chias wird der Fingerverschluß


allerdings nicht mehr praktiziert. Sie wollen den
Fingerverschluß durch reine Willenskraft ersetzen, wobei der
PC-Muskel willentlich zusammengepresst wird. Neben dem
Fingerdruck ist also die Ejakulationskontrolle mittels PC-
Muskel ein weiterer Weg, eine Injakulation herbeizuführen.
Das Anspannen des Muskels führt zu einer Kontrolle der zuvor
unwillkürlichen Prostata-Kontraktionen und ermöglicht eine
Injakulation ohne externe Einwirkung.

Sämtliche Drüsen geben also, wie bei einem ganz normalen


Orgasmus, ihre Drüsensekrete, aus der das Ejakulat besteht, ab.
Zu diesen Drüsen gehören: 1. Hoden und Nebenhoden, 2.
Samenleiterampulle, 3. Samenbläschen, 4. Vorsteherdrüse
(Prostata), 5. Cowpersche Drüse (Bulbourethraldrüse) 6.
Littredrüsen. Mit anderen Worten, es findet ein ganz normaler
Orgasmus statt. Das Ejakulat kann allerdings nicht durch die
Harnröhre abfließen, da sowohl der Samenleiter als auch die
Harnröhre durch den Druck auf den „Millionen-Dollar-Punkt“
versperrt ist. Daher entweicht der Samen in die Harnblase und
wird mit der nächsten Harnentleerung ausgeschieden.

Mittlerweile haben sich außerdem die verschiedenen


Drüsensekrete vermischt und sie werden wohl keine

171
Möglichkeit und keine Veranlassung haben, in die
unterschiedlichen Drüsen zurückzuwandern. Und das
Hinaufleiten der Energie über das Rückenmark zum Gehirn,
welches Mantak Chia einerseits durch das Pumpen des
Pomuskels und andererseits gedanklich erreichen möchte,
geschieht ganz von selbst, wie bei jedem normalen Orgasmus.
Da braucht man überhaupt nicht nachzuhelfen.
Ausserdem sei gesagt, dass Mediziner darauf hinweisen, dass
der permanente Blutstau in der Prostata, wie dies bei einer
länger anhaltenden sexuellen Erregung der Fall ist,
gesundheitschädlich ist. Die sexuelle Erregung bezieht sich
nämlich nicht nur auf den Penis, der sich mit Blut füllt, sondern
alle Organe des Beckens, einschliesslich der Prostata, füllen
sich mit Blut. Ist die Prostata aber fortwährend diesem
Blutandrang unterworfen, dann führt das zur Entzündung der
Prostata, die sich durch Schmerzen in der Penis-, Hoden-,
Damm-, Anal-, Leisten-, Scham- sowie in der Lendengegend
bemerkbar machen kann und zu Schmerzen beim Wasserlassen
und bei der Ejakulation führen können. Darum sollte man
lernen, seine Wollust zu zügeln.
14. Die Kundalini Top

Aus der Sicht der indischen Mythologie erschuf der in sich


ruhende Gott Shiva den Kosmos durch den heiligen Laut OM.
Dieser heilige Laut war nach dieser Auffassung die erste
Bewegung (Schwingung), die erste Welle, die sich auf dem
Ozean des Bewusstseins bildete. Die Kraft, welche die
Differenzierung hervorbrachte, war Shakti (mythologisch: die
Gemahlin Shivas, der magische, schöpferische Aspekt). Shakti
wird oft mit der Kundalini gleichgesetzt (Kundalini-Shakti).
Durch spirituelle Praktiken wird gemäß der yogischen
Philosophie diese magisch-schöpferische Energie erweckt. Die

172
Kundalini wird als eine göttliche Kraft im Menschen
beschrieben, die jeder in sich trägt. Symbolisch wird sie in
Form einer schlafenden, zusammengerollten Schlange
dargestellt, die am Ende der Wirbelsäule im Wurzelchakra ruht
(Sanskrit: Kundalini = Schlange). Diese Schlangenkraft kann
spontan erwachen oder durch spirituelle Techniken geweckt
werden. Dann steigt sie auf und durchstößt nacheinander die
oberen sechs Chakren. Erreicht die Kundalini-Shakti das
oberste Chakra, das Scheitelchakra, dann vereinigt sie sich mit
Shiva, der kosmischen Seele, dem kosmischen Bewusstsein
und der Mensch erlangt höchstes Glück Dieser Zustand wird
als Selbstverwirklichung, Erleuchtung oder Samadhi
bezeichnet.

Die moderne Neurotheologie setzt Kundalini und Bioenergie


gleich und zeigt, dass Kundalini in fast allen Kulturen der Erde,
besonders in yogischen, schamanischen, religiösen oder
spirituellen Kreisen, bekannt ist, wenn auch unter
verschiedenen Namen und mit unterschiedlicher Interpretation.
Die Neurotheologie ist eine interdisziplinärere
Zusammenarbeit von Neurologen, Radiologen, Theologen und
Hirnforschern, die mittels wissenschaftlicher Methoden die
Gehirne von betenden oder meditierenden Nonnen, Mönchen
und Yogis untersuchen, um spirituelle Erfahrungen besser zu
verstehen. Nach Meinung der Neurophysiologen ist die
Kundalini eine bioenergetische Energie, die in den
verschiedenen Kulturen lediglich eine andere Bezeichnung hat.
Die indischen Yogis bezeichnen sie als Kundalini, die Eskimos
als Quamaneq, die südafrikanischen Einwohner der
Kalahariwüste als N/um und die Chinesen als Chi.

Es ist nicht einfach, die Kundalini mittels Brahmacharya,

173
Meditation, Yoga- und Atemübungen, Visualisierung oder
anderen spiritueller Techniken zu erwecken. Es erfordert sehr
viel Disziplin, Geduld und Ausdauer, bis sich die ersten Erfolge
einstellen. Der Brahmachari sollte sich an ethischen Regeln
orientieren und großen Wert auf eine gesunde Ernährung legen.
Hat die Kundalini das Sexualchakra durchstoßen, dann fallen
alle sexuellen Begierden von einem ab. Wurde man zuvor sehr
von der Sexualität bedrängt, dann empfindet man das
vollkommene Verschwinden der sexuellen Begierden als eine
große Erleichterung. Eine mindestens ebenso große
Erleichterung ist es, sobald die Kundalini den Solarplexus, ich
nenne ihn lieber das Nabelzentrum, durchstoßen hat. Das
Nabelzentrum ist der Sitz unserer Emotionen und der Sitz
psychosomatischer Erkrankungen, wie chronischer
Magenschmerzen. Hat die Kundalini das Nabelzentrum
durchstoßen, dann fällt jegliche Angst, Wut, sämtlicher Hass,
Zorn und alle Traurigkeit, Nervosität und Depression von
einem ab. Ebenso verschwinden sämtliche Magenbeschwerden,
selbst wenn man Jahre oder gar Jahrzehnte zuvor darunter zu
leiden hatte. Hat die Kundalini das Nabelzentrum durchstoßen,
dann empfindet man in der Magengegend einen angenehmen
Energiestrom, ein sehr angenehmes Kribbeln, welches einem
sehr viel Kraft und Energie verleiht und ein unbeschreiblicher
innerer Friede macht sich breit, der durch nichts zu erschüttern
ist. Geschieht dies, dann erfährt man eine Freiheit, die man
zuvor nicht kannte. Ich glaube, die meisten Menschen können
es sich nicht einmal vorstellen, wie groß die Freiheit ist, weil
ihr Leben in der Regel von der Angst dominiert wird, von der
sie sich nicht frei machen können.

Das Nabelzentrum ist von so großer Bedeutung, weil es ein


vegetatives Nervenzentrum ist. Es versorgt weitere

174
Energiezentren, die um die einzelnen inneren Organe liegen,
unter anderem das Magengeflecht, das Lebergeflecht und das
Beckengeflecht, welche die Blase, das Rectum (Enddarm) und
den Genitalapparat versorgen. Das Nabelzentrum ist im
japanischen Zen als Hara und im chinesischen Qi Gong als Dan
Tien (Tan Tien) bekannt. Sie werden als
Hauptenergiezentrum betrachtet. Der Bauch ist das Zentrum
der Kraft. Doch außerhalb des asiatischen Raums wird kaum
eine Körperregion so lieblos betrachtet wie der Bauch. Die
westliche Medizin hat festgestellt, dass jedes Kleinkind in den
Bauch atmet. Es ist unser soziales Umfeld, die Gesellschaft, die
uns durch Streß und Hektik zu Brustatmern macht. Dadurch
wird aber das, nach asiatischer Sicht, Hauptenergiezentrum,
das Hara, nicht mehr mit der lebensnotwendigen Energie
versorgt. Das Hara liegt etwa zwei Fingerbreit unter dem
Nabel. Dort ist aber auch der Schwerpunkt des Skeletts,
unseres Körpers. Wenn dieser Punkt durch die Atmung nicht
mehr gestärkt wird, wenn keine Kraft mehr im Hara ist, dann
ist der Energiekreislauf des Menschen geschwächt. Er verliert
an Kraft und Gesundheit.

Durchstößt die Kundalini das Herzchakra, dann verschwindet


jede Aufregung, die das Herz zuvor zeigte. Ist man
normalerweise wütend und aufgeregt oder hat man Angst, dann
schlägt das Herz schneller. Hat die Kundalini aber das
Herzchakra durchstoßen, dann gibt es dieses aufgeregte
Herzklopfen nicht mehr. Das Herz schlägt weiter ruhig und
gelassen. Die Ruhe, die sich mittlerweile eingestellt hat,
überträgt sich also auch auf das Herz. Befindet man sich in
einer Situation, die man früher als sehr belastend empfand, bei
der das Herz anfing zu rasen, so stellt man nun fest, dass man
weder die Situation als belastend empfindet, noch dass das

175
Herz schneller schlägt. Stellt man dieses fest, dann empfindet
man die Ruhe, mit der das Herz schlägt, als sehr angenehm.

Durchstößt die Kundalini das Hals- oder Kehlkopfchakra, dann


verändert sich bei Männern die Stimme. Sie bekommen eine
sehr tiefe Stimme, die sehr beeindruckend ist. (Ich bin mir aber
nicht sicher, ob dies bei allen Männern der Fall ist.) Hierfür
sind verschiedene Hormone verantwortlich. Es ist bekannt,
dass die tiefe männliche Stimme durch die Hormone
Testosteron und Androsteron verursacht wird. Das Hals- oder
Kehlkopfchakra ist aber auch ein Verbindungselement
zwischen dem Denken und dem Fühlen. In dieser Funktion
verbessern sich die kommunikativen Fähigkeiten. Hat die
Kundalini das Hals- oder Kehlkopfchakra durchstoßen, dann
entwickelt der Mensch rhetorische Fähigkeiten, die er zuvor
nicht besaß. Seine Rede wird flüssig, elegant und überzeugend,
der Klang seiner Stimme wird überaus beeindruckend. Jeder
erinnert sich bestimmt daran, wie sehr ihn die Stimme manchen
Sängers und mancher Sängerin berührt und vielleicht sogar
zum Weinen brachte.

Durchstößt die Kundalini schließlich das Stirnchakra, dann


erhöhen sich die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen.
Seine Konzentrationsfähigkeit, Intelligenz, Vorstellungskraft,
Fantasie, Kreativität, Intuition, Wahrnehmung, Klarheit,
Bewusstheit und Erkenntnis nehmen zu. Dann fällt es ihm
wesentlich leichter intellektuelle Probleme zu lösen. Dies
kommt vor allen Dingen Wissenschaftlern und Intellektuellen
zugute, die sich mit theoretischen Fragen beschäftigen. Aber
auch dem normalen Menschen hilft ein gutes Gedächtnis, den
Alltag besser zu bewältigen. Die erhöhte Kreativität, Fantasie
und Intuition verbessert außerdem das künstlerische Schaffen.

176
Beim Durchstoßen des Stirnchakras stellt sich ein liebliches
Kribbeln im Stirnbereich ein. Dieses Kribbeln scheint die Lust
am intellektuellen, künstlerischen und kreativen Schaffen zu
beflügeln.

Durchstößt die Kundalini schließlich das Scheitelchakra, dann


breitet sich eine Seligkeit aus, die man bisher nicht kannte.
Geschieht dies, dann hat man das Gefühl, das gefunden zu
haben, wonach man sich das ganze Leben lang sehnte. Man hat
das Gefühl, zu Hause angekommen zu sein, mit dem
Göttlichen vereint zu sein. Alles Leid fällt von einem ab.
Stattdessen empfindet man Seligkeit und ein tiefer innerer
Frieden breitet sich aus. Diesen Zustand nennt man Samadhi,
Nirvana (Sanskrit), Nibbana (Pali) oder Erleuchtung. Erscheint
uns dieser Zustand auch ungewöhnlich, weil wir zeitlebens
Lichtjahre von dieser Seligkeit entfernt waren, so ist dieser
Zustand eigentlich unser Normalzustand, der uns in die Wiege
gelegt wurde. Wir sind geboren, um ein Leben in dieser
Seligkeit zu verbringen. Aber durch soziale und
gesellschaftliche Einflüsse und durch unsere Flucht in die
Sexualität zerstören wir uns genau diese Seligkeit.

Man sollte immer daran denken, daß die Kundalini, auch


nachdem sie das Scheitelchakra durchstoßen hat, in jedem
Moment wieder ins Basischakra zurückfallen kann, falls der
Mensch in seine alten Fehler verfällt. Der Aufstieg der
Kundalini ist genau genommen ein bioenergetischer, ein
physiologischer, Prozess, der sich jederzeit wieder umkehren
kann, falls man gegen die Regeln der Natur verstösst. Das
Erwachen der Kundalini Shakti im Basischakra und ihre
Vereinigung mit Shiva im Scheitelchakra, wird von vielen
westlichen Tantraanhängern falsch interpretiert. Männer halten

177
sich für Shiva und meinen, die Frauen wären Shakti, und die
bloße sexuelle Vereinigung sei das Ziel des Kundalini-Yoga.
Dies ist eine vollkommen falsche Interpretation. Solch eine
Haltung dient allenfalls der eigenen sinnlichen Befriedigung.
Buddha hat seinen Mönchen nicht umsonst Brahmacharya
empfohlen. Auch die Zen-Mönche praktizierten einst das
Brahmacharya, bis der japanische Kaiser Mutsuhito, das
Zölibat, infolge der Staatsshinto im Jahr 1868, in der Zeit der
Meiji-Restauration, für die Zen-Mönche seines Landes aufhob.
Man sagt, dass der japanische Kaiser das Zölibat aufhob, weil
er Angst vor den selbstbewussten enthaltsam lebenden Mönche
hatte. Heute ist zwar in den Zenklöstern das Zölibat nach wie
vor offiziell aufgehoben, aber es wird vielfach stillschweigend
praktiziert.
14.1 Die Chakren Top
Unter Chakren versteht man Energiezentren im Körper. Nach
der Chakralehre befinden sich sieben Hauptenergiezentren
entlang der Wirbelsäule (siehe Tabelle 2). Diese sieben
Energiezentren werden durch einen Hauptenergiekanal, der
Sushumna, miteinander verbunden, durch den die
Kundalinienergie vom Basischakra zum Scheitelchakra
aufsteigt. Das Basischakra hat seinen Sitz im Damm hinter den
Geschlechtsorganen, zwischen den Genitalien und dem Anus.
Dort beginnt auch der Energiekanal der Sushumna, der dann
entlang der Wirbelsäule bis zum Scheitelchakra aufsteigt.
Nachfolgend eine Darstellung der sieben Hauptchakren:
Tabelle2: Die sieben Hauptenergiezentren (Chakren)

178
7. Scheitelchakra – Kronench. - Sahasrara
6. Stirnchakra - Drittes Auge - Ajna
5. Hals- oder Kehlkopfchakra - Vishuddha
4. Herzchakra - Anahata
3. Solarplexus - Sonnengeflecht - Manipura
2. Sakralchakra – Sexualch. - Svadhishthana
1. Wurzelchakra - Basischakra - Muladhara

Den Chakren werden unterschiedliche Eigenschaften des


menschlichen Lebens zugeordnet, die in Tabelle 3 dargestellt
werden sollen:

Tabelle3: Chakren und ihre Eigenschaften


7. Scheitelch. Spiritualität, Bewusstheit,
Selbstverwirklichung (Samadhi)
6. Stirnchakra Intelligenz, Intuition, Kreativität, Fantasie,
Weisheit
5. Halschakra Rhetorik, Gesang, Verbindung von Gefühl
und Denken
4. Herzchakra Liebe, Mitgefühl, Herzenswärme, soziale
Verantwortung
3. Solarplexus Wille, Macht, Emotion (Freude, Angst,
Hass, Wut, Zorn)
2. Sexualchakra Erotik, Sexualität, Sinnlichkeit,
Fortpflanzung
1. Wurzelchakra Lebenswille, Urvertrauen, Sicherheit,

179
Erdung, Geborgenh.

Jedem Chakra wird eine Drüse und bestimmte Hormone


zugeordnet:

Tabelle 4: Drüsen und Hormone der Chakren


7. Scheitelchakra Zirbeldrüse Serotonin,
(Epyphyse) Melatonin
6. Stirnchakra Hirnanhangdrüse Vasopressin,
(Hypophyse) Pituitrin
5. Halschakra Schilddrüse Thyroxin
4. Herzchakra Thymusdrüse Thymosin
3. Solarplexus Bauchspeicheldrüse Insulin
2. Sexualchakra Eierstöcke, Hoden, Östrogen,
Prostata Testosteron
1. Wurzelchakra Nebenniere Adrenalin,
Noradrenalin

Sind alle sieben Hauptchakren einschließlich des


Kronenchakras vollständig geöffnet und die Lebensenergie
(Kundalini) kann ohne Blockaden und Störungen fließen, so
spricht man in der Yogaphilosophie von einem erleuchteten
Menschen. Ist eines oder gar mehrere Chakren dagegen
blockiert, so kommt es zu verschiedenen Erkrankungen des
Menschen. Jedes der sieben Hauptchakren soll für ganz
bestimmte Bereiche der Gesundheit verantwortlich sein.
Störungen und Blockaden der Chakren könnten sich daher
sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene zeigen.
Nach der Yogaphilosophie ist der Mensch diesen Erkrankungen

180
nicht hilflos ausgeliefert. Das Yogasystem bietet
Möglichkeiten, die Chakren zu harmonisieren, Blockaden
aufzulösen und den Menschen zu heilen. So kann der Mensch
sich spirituell entwickeln, Körper, Geist und Seele können
wieder miteinander in Einklang gebracht werden und der
Mensch kann zu seiner Ganzheit zurückfinden. Zum Schluß
dieses Kapitels sollen die Krankheiten, die man den jeweiligen
Chakren zuordnet, in einer Tabelle dargestellt werden [25]

Tabelle 5: Krankheiten, die man den Chakren zuordnet


Scheitelch. Verhaftung in der materiellen Welt, ein Gefühl
von Mangel, Leere und Unzufriedenheit,
Weltschmerz, Dumpfheit, geistige Erschöpfung,
Verneinung der Schöpferkraft, Immunschwäche,
Nervenleiden, Lähmungserscheinungen,
Multiple Sklerose, Krebserkrankungen, Ein- und
Durchschlafstörungen
Stirnchakra Konzentrations- und Lernschwäche, fehlende
Einsicht und Phantasie, ein unruhiger Geist,
Schizophrenie, Ängste und Wahnvorstellungen,
Aberglauben und geistige Verwirrung,
Stimmungstiefs (Sinnlosigkeit), Kopfschmerzen
und Migräne, Gehirnerkrankungen, Augenleiden,
Ohrenleiden, chron. Schnupfen und
Nebenhöhlenentzündungen, Erkrankungen des
Nervensystems und neurologische Störungen
Halschakra Schwierigkeiten Gefühle und Gedanken in Worte
zu fassen, Angst seine eigene Meinung zu
vertreten, Hemmungen, Schüchternheit, kein
Zugang zur inneren Stimme, Halsschmerzen,
Hals- und Mandelentzündungen, Heiserkeit,

181
Tabelle 5: Krankheiten, die man den Chakren zuordnet
Sprachstörungen z.B. Stottern, Mundhöhlen-,
Zahnfleisch- Kieferentzündungen, Schmerzen in
Halswirbelsäule, Nacken und Schultern, Über- /
Unterfunktion der Schilddrüse und damit
einhergehende Störungen wie z.B. Nervosität
und Antriebsschwäche
Herzchakra Lieblosigkeit, Herzenskälte, Verbitterung,
Kontaktschwierigkeiten, Einsamkeit, Probleme
Liebe anzunehmen, Beziehungsprobleme,
Koronare Herzerkrankungen, Angina Pectoris,
Herzrhythmusstörungen, hoher oder niedriger
Blutdruck, Erhöhte Cholesterinwerte,
Durchblutungsstörungen, Lungenerkrankungen,
Asthma, Atembeschwerden, häufige
Erkältungen, Allergien, Schmerzen in der
Brustwirbelsäule und Schultern, Rheuma in
Armen und Händen, Hauterkrankungen
Solarplexus Wenig Lebensenergie, Gefühlskälte,
Gleichgültigkeit, Unsicherheit, mangelndes
Selbstbewusstsein, Machtbesessenheit,
übertriebener Ehrgeiz und Leistungsdenken,
Rücksichtslosigkeit, Wutanfälle, Essstörungen,
Schlafstörungen, Ziele nicht erreichen, keine
Durchsetzungskraft, blockierte Gefühle,
Magenerkrankungen, Sodbrennen, Erkrankungen
von Leber, Milz und Gallenblase, Gelbsucht,
Verdauungsstörungen, Schmerzen in der
Lendenwirbelsäule, Nervenerkrankungen,
Diabetes mellitus, Übergewicht

182
Tabelle 5: Krankheiten, die man den Chakren zuordnet
Sexualch. Unfähigkeit das Leben zu genießen, seelische
Kraftlosigkeit, Motivationslosigkeit, Eifersucht,
Schuldgefühle, zwanghaftes Sexualverhalten,
Sexgier, sexuelles Desinteresse,
Suchtgefährdung, starke
Stimmungsschwankungen, Triebhaftigkeit,
Menstruationsbeschwerden, Erkrankungen von
Gebärmutter und Eierstöcken, Prostata- und
Hodenerkrankungen, Potenzstörungen,
Pilzerkrankungen der Geschlechtsorgane,
Blasenprobleme, Geschlechtskrankheiten,
Nierenerkrankungen, Harnwegsinfektionen,
Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule,
Hüftschmerzen, Folgeerscheinungen mangelnder
Entgiftung
Wurzelch. Mangelnde Lebensenergie, wenig Lebensfreude,
mangelndes Vertrauen ins Leben, Existenzängste,
Misstrauen, Phobien (Spinnen u.a), psychische
Kraftlosigkeit, Depressionen,
Darmerkrankungen, Hämorrhoiden, Verstopfung,
Durchfall, Kreuzschmerzen, Hexenschuss,
Ischialgien, Knochenerkrankungen, Osteoporose,
Schmerzen in Beinen und Füßen, Krampfadern
und Venenleiden, Blutarmut, stressbedingte
Erkrankungen, allergische Beschwerden

14.2 Das Physio-Kundalini-Modell Top

Normalerweise geht der Kundaliniaufstieg ruhig und


unproblematisch vor sich. Mitunter wird er aber von

183
erheblichen körperlichen Beeinträchtigungen begleitet. Dann
kann es zu Hitzewallungen, Kälteschüben, Licht- und Klang-
Erfahrungen, Verwirrtheit, Zuckungen, Schmerzen, Zittern,
Jucken, Krämpfen, Lähmungen, Visionen und anderen
Erscheinungen kommen. Dauern diese Symptome länger an,
dann kann es ohne qualifizierte Hilfe zu länger andauernden
gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommen. Man geht
davon aus, dass diese Symptome sich besonders bei Menschen
mit einem sensiblen Nervensystem zeigen. Leider wissen die
meisten Meditationlehrer, Yogalehrer, Heilpraktiker usw. nichts
über die Auswirkungen und Phänomene der Kundalini-Energie
und die betroffenen Menschen laufen von Arzt zu Arzt, ohne
dass ihnen geholfen wird. Um Menschen in solchen
Situationen zu helfen, gründete man 1974 in San Francisco
eine Kundaliniklinik. Das amerikanische „Spiritual Emergency
Network“ (SEN), ein Netzwerk, welches Menschen, die sich in
spirituellen Krisen befinden, Hilfe anbietet, findet man unter:
http://www.spiritualemergence.info

In Deutschland haben sich im „Netzwerk für spirituelle


Entwicklung und Krisenbegleitung“ (SEN) Therapeuten der
Transpersonalen Psychologie, die sich an Carl Gustav Jung,
Roberto Assagioli, Graf Dürckheim, Stanislav Grof und Ken
Wilber orientieren, zusammengeschlossen, um bei etwaigen
spirituellen Krisen, wie paranormalen Erlebnissen,
Nahtodeserfahrungen oder dem plötzliches Erwachen der
Kundalinienergie, Hilfe anbieten zu können.

184
Spiritual Emergence Network (SEN):
Koordinationsbüro Rütte-Forum
Graf-Dürckheimweg 5
D-79682 Todtmoos-Rütte
Tel.: (07674) 85 11
Fax: (07674) 85 61
Mail: info(ät)SENeV.de oder info(ät)ruette-forum.de
Webseite: http://www.senev.de
Bürozeiten: Mo-Fr 9.00 - 12.00 und 18.00 - 19.30 Uhr

Die Mitglieder der europäischen Staaten (Österreich, Belgien,


Katalonien (Spanien), Kroatien, Frankreich, Deutschland,
Holland, Ungarn, Irland, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg
Polen, Portugal, Rumänien, Russland, Spanien, Schweden,
Schweiz, England und Ukraine haben sich unter der European
Transpersonal Association (Eurotas) zusammengeschlossen:
Eurotas

In der Kundaliniklinik von San Francisco hat man die


Gesundheitsprobleme, die der Kundaliniaufstieg mit sich
bringen kann, sorgfältig analysiert und mit den klassischen
Kundalinikonzepten aus der indischen Yogaphilosophie
verglichen. Sehen wir uns einmal an, wie der Kundaliniaufstieg
nach der klassischen Yogaphilosophie aussieht:

• 7. Scheitelchakra
• 6. Stirnchakra
• 5. Halschakra
• 4. Herzchakra
• 3. Nabelchakra
• 2. Sexualchakra
• 1. Wurzelchakra

185
In den klassischen Kundalinikonzepten der Yogaphilosophie
hat die Kundalini-Shakti ihren Sitz im Wurzelchakra und steigt,
durch spirituelle Praktiken angeregt, entlang der Wirbelsäule
bis zum Scheitelchakra hinauf, wo sie sich gewissermaßen mit
dem göttlichen Shiva vereint. Dem klassischen indischen
Yogakonzept liegt also eine religiöse Interpretation zugrunde.
In der Kundalini-Klinik in San Francisco hat man aber
festgestellt, dass die eigenen Beobachtungen von den
klassischen Kundalinikonzepten der Yogaphilosophie
abweichen. Man hat nämlich festgestellt, dass der
Kundaliniaufstieg einen etwas anderen Verlauf hat. Im Yoga
wurde bisher angenommen, dass die Kundalini aus dem
Wurzelchakra über das Sexualchakra, das Nabelchakra
(Solarplexus), das Herzchakra und das Stirnchakra bis zum
Scheitelchakra aufsteigt. In der Kundalini-Klinik in San
Franzisko hat man festgestellt, dass damit der Kundalini-
Prozess noch nicht abgeschlossen ist. Der Psychiater und
Mitbegründer der Kundaliniklinik in San Francisco, Dr. Lee
Sannella, beschreibt den Kundaliniaufsteig in seinem Buch
„Psychosis or Transcendence“ wie folgt: „Die Kundalini
wandert von der Mitte des Schädels (Scheitelchakra) zur Stirn,
teilt sich über den Augen auf und fliesst auf beiden Seiten an
Nase und Mund hinunter, um sich wieder im Kinn zu
vereinigen. Vom Kinn läuft sie dann weiter abwärts über den
Kehlkopf und das Brustbein, um im Bauch zu enden.“ Im
Bauch schliesst sich also der Kreislauf. „Ausserdem beginnt
der Kundaliniaufstieg oft bereits in den Zehen (meistens
beginnend in der linken Zehe) und steigt dann die Wirbelsäule
den Rücken hinauf.“ Damit müsste das Modell der
Kundaliniklinik in San Francisco in etwa wie folgt aussehen:

186
Abbildung 6: Kleiner Energiekreislauf

Sieht man sich den Energieverlauf der Kundalini an, so sieht


man, dass sie entweder von den Zehen, den Beinen oder dem
Becken über die Wirbelsäule zum Scheitelchakra, den höchsten
Punkt des Körpers, aufsteigt, um sich dann über die Stirn, die
Augen, die Nase, den Mund, den Kehlkopf, das Herz und dem
Nabelzentrum zur Unterseite der Wirbelsäule hinabzubewegen.
Hier schließt sich der Kreislauf. Anschließend beginnt die
Kundalini erneut die Wirbelsäule aufzusteigen. Nun rotiert die
Kundalini in einem Kreislauf. Das langsame Fortschreiten der
Kundalini ist so charakteristisch, dass man es in der
Kundaliniklinik in San Francisco den Physio-Kundalini-Zyklus
nennt. Trifft die Kundalini auf energetische Blockaden, dann
müssen diese zunächst entfernt werden, bevor sie weiter
fortschreiten kann. Während dieses Heilungsprozesses kommt
es häufiger zu den oben beschriebenen gesundheitlichen
Beeinträchtigungen.

Der Kreislauf innerhalb des Oberkörpers ist im Taoismus sehr


bekannt. Man nennt ihn den „Kleinen Energiekreislauf“. Die

187
zentrale Meditation des Heilenden Tao ist der „Kleine
Energiekreislauf“. Dieser traditionellen Meditation werden
tiefste Heilwirkungen nachgesagt: Mit Hilfe geistiger
Vorstellung wird die Lebensenergie „Qi“ (Chi) die Wirbelsäule
hinauf und vorne am Körper wieder hinunter bewegt. Nachdem
sich der Kreis geschlossen hat, steigt das Qi in einem erneuten
Kreislauf wieder die Wirbelsäule hinauf, um am Scheitelchakra
wieder hinabzusteigen. Durch diese innere Zirkulation kommt
es zur Stärkung und Harmonisierung aller Drüsen und Organe.
Zudem wird der ganze Körper mit neuer Lebensenergie
versorgt. Man fühlt sich frischer, stärker und gesünder als
zuvor. In der darauf aufbauenden Praxis der „Heilenden Liebe“
lernt der Übende dann, die Sexualenergie durch den „Kleinen
Kreislauf“ fließen zu lassen und so als innere Heilquelle zu
nutzen. Nach Ansicht der alten Taoisten ist die Sexualenergie
die wichtigste Grundlage für Kreativität, Vitalität und
spirituelles Wachstum.

15. Die Keuschheit im Judentum Top

Bisher wurde die Keuschheit vorwiegend aus der Sicht des


Buddhismus und Hinduismus betrachtet. Nun möchte ich gerne
einmal betrachten, welche Rolle die Keuschheit in der Frühzeit
des Judentums hatte. Dabei möchte ich mich zunächst auf den
Propheten Elija, den Urvater des monastischen Lebens,
konzentrieren. Da Elija das Mönchstum bis in die heutige Zeit
beeinflusst, möchte ich aufzeigen, wie stark sein Einfluss auf
die christlichen Mönchsorden ist. Anschließend möchte ich der
Frage nachgehen, warum Moses das Zölibat praktizierte.
Danach möchte ich mich mit den ersten jüdischen
Mönchsorden, den Essenern und Therapeuten, beschäftigen.
Zum Schluss möchte ich noch kurz auf das Weisheitsbuch

188
Jesus Sirach eingehen, welches ebenfalls die Keuschheit
thematisiert und aufzeigen, warum die Onanie im Alten
Testament, genauer gesagt, im 1. Buch Mose (1 Mose 38,9),
verurteilt wird. Ich möchte auf das Zölibat im Judentum etwas
ausführlicher eingehen, weil es selbst unter vielen Juden nicht
bekannt ist, welche Rolle die Keuschheit im Frühjudentum
spielte.

Bereits das Alte Testament bringt deutlich zum Ausdruck, daß


ein keusches Verhalten etwas Würdiges, etwas Gottgefälliges,
ist, daß es der Gerechtigkeit und der Heiligkeit entspricht, daß
es aus einem reinen Herzen hervorgeht, das Gott gehört, und
daß es wahre Weisheit und ein Leben in Glück und
Zufriedenheit ermöglicht. Die Keuschheit ist ein religiöses
Thema, das mit der Suche nach Gott verbunden ist, so wie die
Unzucht Gottesferne, Beleidigung Gottes und Götzendienst
bedeutet. Ohne Zweifel reicht das Alte Testament nicht an die
Klarheit heran, die das Neue Testament in Bezug auf die
Keuschheit mit sich bringt. Es bereitet diese jedoch vor,
kündigt sie an und erlaubt es, sie vorauszuahnen.

15.1 Elija, der Urvater des monastischen Lebens Top

Bereits im frühen Judentum gab es Menschen, die die


Keuschheit praktizierten. So wird der Prophet Elija, der im 9.
Jahrhundert vor Christus lebte und nach alttestamentarischer
Vorstellung, neben Moses als der zweitwichtigste Prophet des
Judentums gilt, als Vater des monastischen Lebens betrachtet.
Elija gilt als Vorbild einiger jüdischer und christlicher
Zölibatäre und Orden. Professorin Dr. Marianne Schlosser von
der Universität Wien hat sich in ihrer Arbeit „Der Prophet
Elija: Vater des monastischen Lebens“ [26] sehr eingehend mit

189
dem Propheten Elija befasst. Elija gilt als alttestamentarisches
Vorbild des monastischen Lebens, da er vor der phönizischen
Königin Isebel, die ihn hinrichten lassen wollte, in die
judäische Wüste floh und dort ein mönchisches Leben führte.
Königin Isebel hatte sich vom jüdischen Gott Jahwe ab- und
den phönizischen Göttern zugewandt. Sie wollte Elias
hinrichten lassen, weil er die Propheten des phönizischen
Gottes Baal verspottet hatte. Damit wurde Elija bereits im 9.
Jahrhundert vor Christus als Monachus (Mönch) zum Vorbild
für einige jüdische Zölibatäre und Bewegungen, wie Jesus
Sirach (180 v.Chr.), dem christlichen ägyptischen Mönch,
Asket und Einsiedler Antonius dem Großen (251-356 n.Chr.),
den Essenern (165 v.Chr - 70 n.Chr.) und Therapeuten (1. Jh.
v.Chr. - 1. Jh. n.Chr.), zwei jüdischen Mönchsorden, die sich in
Qumran, in der israelischen Wüste, und in Alexandria, in
Ägypten, niederließen. Aber auch den frühchristlichen
Wüstenvätern in der ägyptischen, palästinensischen und
syrischen Wüste und den christlichen Mönchsorden der
Karmeliten, Franziskaner, Dominikaner, Kamaldulenser und
Kartäuser war Elia ein Vorbild.

In der judäischen Wüste führte Elija, der geheimnisvolle


Fremde, ohne Haus und Familie, ein einsames Leben mit Gott.
Hierunter ist vor allem das zölibatäre Leben zu verstehen.
Marianne Schlosser schreibt in ihrem Beitrag über Elija: „Ob
griechische, lateinische, syrische, armenische, koptische oder
arabisch schreibende Autoren: Alle heben einmütig die
Hagneia-Castitas oder Virginitas (Hagneia-Castidas = sittliche
Reinheit, Keuschheit, Virginitas = Jungfräulichkeit) dieses
Propheten hervor. Nicht selten werden alle anderen
Eigenschaften, die Armut, das Fasten und die Schweigsamkeit,
die kontemplative Gottesnähe und die Wundertaten (2 Könige

190
2,21: Elija macht die Wasserquellen „gesund“, die unreines
Wasser hatten; 2 Könige 2,24: zwei Bären zerreißen 42 Kinder,
die ihn verspotteten), ja ganz besonders seine Erhebung zum
Himmel (in 2 Könige 2,11 wird Elija in einem feurigen Wagen
mit feurigen Rossen „gen Himmel entrückt“), in Verbindung
mit dieser jungfräulichen Einsamkeit des Herzens gesehen.“
Obwohl es für das Mönchsleben noch andere alttestamentliche
Vorbilder gibt, etwa Mose, David und Abraham6, so kommt
Elija doch ein besonderer Rang zu. Antonius der Große, ein
christlicher ägyptischer Mönch, Eremit und Einsiedler, der
etwa 1.200 Jahre nach Elija seinen Besitz verschenkte und sich
in die ägyptische Wüste zurückzog, um Christus zu folgen,
wird ausdrücklich als Nachahmer Elijas gepriesen. Dies
geschah nachdem Antonius das Bibelwort Matthäus 19,21
hörte: „Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe was
du hast, und gib's den Armen; so wirst du einen Schatz im
Himmel haben. Komm und folge mir nach!“

6Der christliche Priester, Mönch, Abt und Schriftsteller


Johannes Cassianus (360-435), schrieb in seinem Buch „Von
den Einrichtungen der Klöster“ [28]: „Diese Tugend (die
Keuschheit) wird meistens nur Jenen zugeschrieben, die der
Gesinnung wie dem Fleische nach jungfräulich sind, wie es
beide Johannes (1. Johannes der Täufer, 2. Johannes der
Evangelist) im neuen Testament und Elias, Jeremias und Daniel
bekanntlich im Alten Testament gewesen sind.“

Der Heilige Nilos, der auf dem heiligen Berg Athos7 in


Griechenland in einer Höhle lebte und nach dessen Tode
Myrrhen (Myrrhe ist das Harz des Myrrhebaumes. Myrrhe
wird ebenso wie Weihrauch als Räucherwerk verbrannt.) von
seinem Laublager den Geröllhang hinunter wuchsen und wie

191
Wellen von Gold auf dem Meer trieben, nennt Elija den
„Anführer auf dem Übungsplatz allen geistlichen Lebens“.
Nilos selber verfasste viele Schriften, in denen er sich u.a. mit
der Askese befasste. Johannes Cassianus bezeichnete Elias als
alttestamentlichen Vorläufer monastisch-eremitischen Lebens.
Der Rumäne Johannes Cassianus pilgerte als junger Mann nach
Palästina, lebte zunächst in einem christlichen Kloster in
Bethlehem und schloss sich dann für über 10 Jahre einer
klösterlichen Gemeinschaft in der ägyptischen Wüste an. Die
Kirchenlehrer Ambrosius von Mailand (339-397 n.Chr.) und
Hieronymus (347-419 n.Chr.) sprechen von Elias als
„Stammvater“. Hieronymus schrieb über Elias: „Unser Erster
und Fürst ist Elija. Unsere Führer sind die Söhne der
Propheten, die auf dem freien Feld und in der Einsamkeit
hausten und sich Hütten bauten nahe den Wassern des Jordan.“
Während Elija im Osten schon früh besondere Verehrung
entgegengebracht wurde, war die katholische Kirche eher
zurückhaltend in der Verehrung alttestamentlicher Heiliger.
Eine breitere öffentliche Verehrung des Propheten kam erst mit
dem römisch-katholischen Orden der Karmeliten auf, der um
das Jahr 1150 am Karmelgebirge im heutigen Israel gegründet
wurde. Der Prophet Elias war für diese Mönche ein Vorbild für
ihr Einsiedlerleben.

7Der Heilige Berg Athos ist eine orthodoxe Mönchsrepublik


mit autonomem Status unter griechischer Souveränität in
Griechenland. Er befindet sich auf dem gleichnamigen
östlichen Finger der Halbinsel Chalkidikí in der
Verwaltungsregion Zentralmakedonien. Das Territorium
umfasst rund 336 km² und zählt 2.262 (mönchische)
Einwohner, zuzüglich einer saisonal wechselnden Zahl von
zivilen Arbeitern. Im Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff

192
„(Berg) Athos“ entweder die ganze Halbinsel Athos mit dem
Mönchsstaat oder auch nur den eigentlichen Berg an der
Südost-Spitze der Halbinsel, der 2.033 Meter hoch ist. Die 20
Großklöster der orthodoxen Mönchsrepublik sind Teil des
Unesco-Welterbes. Das erste Kloster, die Große Lavra, wurde
963 n.Chr. vom byzantinischen Mönch Athanasios Athonites
gegründet. Bis zu diesem Zeitpunkt siedelten auf dem Athos
bereits Mönche, die sich an den Vorbildern der asketischen
Mönche im alten Ägypten orientierten. Bald gründeten
bulgarische, rumänische, russische, georgische und serbische
Mönche weitere Großklöster auf dem Berg Athos. Davon sind
heute 17 griechisch, je eines russisch, bulgarisch und serbisch.
[47]

Elija verkörpert alle wesentlichen Elemente eines


gottgeweihten Lebens: Keuschheit, Armut, Gehorsam, Askese,
Buße, Herzensreinheit, Verkündung und Gebet. Deshalb nennt
der Heilige Hieronymus Elija den alttestamentlichen Vater der
Anachoreten (Eremiten), der frühesten Form des christlichen
Mönchstums. Im Gegensatz zu Koinobiten, die in klösterlichen
Gemeinschaften leben, lebten Anachoreten völlig abgeschieden
und zurückgezogen. In der Wüste, im Gebirge oder im dichten
Wald, manchmal auch auf küstennahen einsamen Inseln,
versuchten sie, sich auf Gott zu besinnen. Welchen Stellenwert
Elijas in den christlichen Mönchsorden einnimmt, kann man
daran erkennen, welches Gewicht das eremitische Element in
dem jeweiligen Orden einnimmt. Deshalb kann man sagen,
dass Elija bei den Wüstenvätern und im Kameliterorden ein
größeres Ansehen genoß als beim Asketen, Bischof und
Kirchenlehrer Basilius von Caesarea, der 355 ein Kloster in
Kappadozien (Zentralanatolien) gründete. Bei den
Augustinermönchen und bei den Benediktinermönchen

193
dagegen, die das klösterliche Leben dem Eremitentum
vorziehen, genießt Elija nicht ganz so viel Ansehen.

Die ersten Karmeliten lebten 1150 am Berg Karmel in Israel,


der auch der Aufenthaltsort des Propheten Elia und seiner
Jünger war. Die ersten Brüder lebten noch ohne Ordensregel in
strenger Askese als Eremiten, aber in einer lockeren
Gemeinschaft. Sie wohnten in einer Klosteranlage, in der jeder
sich in einer Zelle allein dem Gebet widmete. Die
ursprüngliche Ordensregel war äußerst streng und schrieb
Armut, Einsamkeit und den Verzicht auf Fleisch vor.
Mittelpunkt der Regel ist: „Jeder bleibe in seiner Zelle, Tag und
Nacht das Gesetz des Herrn betrachtend und im Gebet
wachend.” Die Spiritualität Elias spiegelt vor allem das „Buch
der ersten Mönche“ wieder, welches die Ordensregeln der
Karmeliten beinhaltet. Obwohl man nicht genau weiß, wer der
Verfasser des Buches ist, so kann man doch sagen, dass die in
dem Büchlein gegebenen Ratschläge die Spiritualität der
Wüstenväter atmen, die wiederum Eljia zum Vorbild hatten.

In der Tat ist der Karmelitenorden der einzige Orden, der den
Propheten Elija „Vater“ nennt und seine Ursprünge
ausdrücklich im Alten Testament verankert. Das heißt aber
nicht, dass das Eremitentum des Elija außerhalb der
Spiritualität des Karmelitenordens in der christlichen Theologie
keine Rolle spielt. Wie zu erwarten, beziehen sich vor allem
eremitische oder halberemitische Lebensformen auf Elija als
Vorbild, darunter die Kamaldulenser und die Kartäuser. Beide
Orden betrachten die Einsamkeit, die Elija praktizierte, als
beste Voraussetzung für eine innige Gotteserfahrung. In beiden
Orden ist Elija jedoch nicht das einzige Vorbild. Neben Elija
sind auch Moses, Jeremia und Maria wichtige Vorbilder, an

194
denen sich die Mönche orientieren. Auch die Franziskaner und
Dominikaner tragen in ihren frühen Biographien bereits
deutliche Züge des Propheten Elias. Wenn Franziskus oder
Dominikus die Züge eines „zweiten Elija“ tragen, dann nicht
nur, weil Elija der typische Mönch schlechthin ist, sondern weil
er zugleich der Typ eines Christus ist. Marianne Schlosser sagt
über Elija: „Weil Elija das Herz des monastischen,
gottgeweihten Lebens verkörpert, nämlich ganz vom Eifer für
Gott ergriffen zu sein, darum konnte er zum Vorbild
verschiedener Formen des Ordenslebens werden. So wurde der
einsame Prophet Vater vieler Kinder.“

15.2 Moses und das Zölibat Top

Das 2. Buch Moses, welches auch Exodus genannt wird,


beschreibt den Auszug der Juden aus Ägypten. Im Exodus,
Kapitel 19, wird die Situation 3 Monate nach dem Auszug aus
Ägypten beschrieben. Die Juden sind in der Wüste Sinai und
haben gegenüber dem gleichnamigen Berg Sinai ein Lager
aufgeschlagen. Moses steigt zu Gott hinauf (den Berg Sinai
hinauf) und Gott teilt ihm mit: „Mir gehört die ganze Erde, ihr
aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges
Volk gehören.“ (Ex 19,5-6) Nachdem Moses dem Volk
mitgeteilt hatte, was der Herr gesagt hatte und das Volk
antwortete, dass es alles tun wollte, was der Herr verlangt
hatte, sprach Gott zu Moses: „Ich werde zu dir in einer dichten
Wolke kommen; das Volk soll es hören, wenn ich mit dir rede,
damit sie auch an dich immer glauben.“ (Ex 19,9) Der Herr
sprach zu Mose: „Geh zum Volk! Ordne an, dass sie sich heute
und morgen heilig halten und ihre Kleider waschen. Sie sollen
sich für den dritten Tag bereithalten. Am dritten Tag werde ich
vor den Augen des ganzen Volkes auf den Berg Sinai

195
herabsteigen.“ (Ex 19,10-11) Mose stieg vom Berg zum Volk
hinunter und ordnete an, das Volk solle sich heilig halten und
seine Kleider waschen. Er sagte zum Volk: „Haltet euch für den
dritten Tag bereit! Berührt keine Frau!“ (Ex 19,14-15)
Nachdem sich das Volk am dritten Tag am Berg Sinai
versammelt hatte, übergab der Herr Moses, der wie von Gott
verlangt, zusammen mit Aaron den Berg Sinai hinaufgestiegen
war, die 10 Gebote.

In dem Buch „Frühjudentum und neues Testament im Horizont


biblischer Theologie“ von Mohr Siebeck [27] beschäftigt sich
der Professor für jüdische und frühchristliche Geschichte der
Universität Utrecht, Pieter W. van der Horst, mit dem Zölibat
im Frühjudentum. Dabei beschäftigt er sich auch mit der
sexuellen Enthaltung Moses seit der Offenbarung der 10
Gebote auf dem Berg Sinai und seit Gottes Selbstoffenbarung
am brennenden Dornbusch (2 Mo 3,2: „Und der Engel des
Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem
Busch.“). Pieter W. van der Horst schreibt: „Wir finden dieses
Motiv das erste Mal in Philos „De Vita Mosis“ (Philo ist ein
jüdisch-hellenistischer Philosoph), wo er sagt, dass Moses, um
imstande zu sein, Gottes Offenbarungen zu empfangen, rein
sein musste und sich darum fern von Speise und Trank und
vom Verkehr mit Frauen zu halten hatte. Weil Mose in
fortwährender Bereitschaft für den Empfang göttlicher Worte
sein wollte, so sagte Philo, ist er seit seiner Berufung immer
frei von Verunreinigungen durch sexuellen Verkehr geblieben.
Diesem Motiv begegnen wir auch in der rabbinischen Literatur.
So lesen wir im rabbinischen Midrasch „Sifre zu Num“8, dass
Mirjam zu Aaron über Mose wegen seiner äthiopischen Frau
sprach, denn sie hatte bemerkt, dass diese Frau nicht länger ihr
Antlitz schützte. Auf die Frage nach dem Grund hatte die

196
Äthiopin geantwortet, dass Moses nicht länger an ihr als Frau
interessiert war. Mirjan war dann zur Schlussfolgerung
gekommen, dass Mose das Gebot von „peru u-revu“ (Seid
fruchtbar und vermehret euch.) in Genesis 1,28
vernachlässigte.

8Die Midrasch ist eine Bibelauslegung, die sich auf die heilige
Schrift des Judentums, den Tanach, bezieht.

Der Midrasch fragt dann, wie es möglich ist, dass die


Patriarchen (die religiösen Führer), die doch fortwährend
Mitteilungen von Gott empfingen, sich nicht ihren ehelichen
Pflichten entzogen. Eine Frage, die unbeantwortet blieb. In
einem anderen Midrasch, Exodus Rabba, wird gesagt, dass
Mose dachte: „Wenn uns gesagt wurde, uns nicht einer Frau
anzunähern beim Berge Sinai, der nur bei einer Gelegenheit,
nämlich bei der der Gesetzesoffenbarung (der 10 Gebote),
geheiligt wurde, um wieviel mehr soll ich, der ich doch immer
von Gott angeredet werde, mich von meiner Frau fern halten.“
In anderen Passagen wird Moses fortwährender Zölibat zwar
bestätigt, aber zugleich wird betont, dass Mose in dieser
Hinsicht kein Modell ist, dass von jedem Israeliten nachgeahmt
werden muss, denn in rabbinischen Kreisen steht das Ideal
einer Gründung der Familie im Vordergrund. Dennoch sehen
wir hier ein wichtiges Motiv, nämlich das Zölibat aus der
Bereitschaft heraus zu praktizieren, um in einen Zustand
ununterbrochener Reinheit (zu gelangen und) zu bleiben, „weil
man jederzeit instande sein möchte, Gottes Offenbarungen zu
empfangen.“ Sollte dies nicht eigentlich für alle Rabbiner
(Priester) gelten?

197
15.3 Die Essener Top

1947 fanden Beduinen in der Nähe von Qumran am Toten


Meer in einer Höhle Schriftrollen, die allerdings nicht
vollständig erhalten waren. Der Fundort lag nur wenige
Kilometer von der Stelle entfernt, wo sich Jesus im Jordan
hatte taufen lassen. Nachdem man erkannt hatte, welche
Bedeutung diese Schriftrollen hatten, forschte man weiter. Bis
heute fand man in insgesamt 11 Höhlen etwa 900 Schriftrollen.
Bei den Rollen handelt es sich in der Regel um Lederrollen aus
Ziegen- oder Schafshaut; auch Papyrus kommt als
Schreibmaterial vor. Eine Rolle ist aus Kupferblech. Die Rollen
wurden in Tonkrügen, die mit einem Deckel versehen waren,
aufbewahrt. Aus 80.000 Bruchstücken der Schriftrollen wurden
puzzleartig 15.000 zusammenhängende Schriftstücke
rekonstruiert. In den elf Höhlen von Qumran wurden
hebräische, aramäische, nabatäische, gelegentlich auch
griechische und lateinische Handschriften gefunden. Zeitlich
stammen die Handschriften aus der Zeit zwischen dem 3.
Jahrhundert vor Christus und der zweiten Hälfte des 1.
Jahrhunderts nach Christus. Davon sind nur etwa zehn Rollen
fast vollständig erhalten. Andere Rollen sind stark beschädigt
und in zum Teil nur daumennagelgroßen Fragmenten erhalten.
Aus dem 1. Jahrhundert vor und nach Christus stammend, sind
sie die ältesten Bibelhandschriften, die jemals gefunden
wurden. Sie umfassen alle Bücher des Alten Testamentes außer
Esther. Außerdem enthalten sie den Tanach, die Heilige Schrift
des Judentums, Apokryphen (außerbiblische Texte), wie den
hebräischen Text des vorher nur in Übersetzungen bekannten
Buches von Jesus Sirach. Eine 3 m lange Rolle enthält das
gesamte Buch Jesaja und eine 2 m lange Rolle beinhaltet die
Lebensregeln der Essener von Qumran.

198
Durch diese Schriftrollen weiß man, dass die Essener oder
Essäer (Heiligen) eine religiöse Gruppierung innerhalb des
Judentums in der Antike waren. Auch der jüdische Historiker
Flavius Josephus (37-100 n.Chr.) und der jüdische Philosoph
Philo(n) von Alexandria (20 v.Chr. - 40 n.Chr.) erwähnen die
Essener in ihren Schriften. Die Essener bildeten neben den
Pharisäern9, Sadduzäern und Zeloten eine vierte bedeutende
jüdische Gruppierung. Sie entstanden um 150 v. Chr. und traten
besonders gegen den König der Seleukiden, Antiochus IV.
Epiphanes, auf, der Jerusalem besiegte und versuchte, Israel
zwangsweise zu hellenisieren, indem er den jüdischen
Jahwekult verbieten ließ. Als sich der König von Judäa,
Johannes Hyrkanus (135-104 v. Chr.), die Hohepriesterwürde
anmaßte, zogen einige Essener ans Tote Meer und gründeten
eine neue Siedlung. Diese Siedlung wurde über Resten einer
Siedlung des 9.-6. Jahrhunderts vor Christus gegründet. Sie
wurde 31 vor Christus durch ein Erdbeben zerstört, wieder
aufgebaut und 68 nach Christus. von römischen Truppen
während des Jüdischen Krieges endgültig zerstört, nachdem die
Bewohner Bibliothek, Archive und andere Schätze in den
benachbarten Höhlen verborgen hatten, wo sie die Zeiten
überdauerten.

9Auch die Pharisäer lebten nach Aussagen des jüdischen


Historikers Flavius Josephus (37-100) enthaltsam. In seinem
Buch „Jüdische Altertümer“, schreibt er im 18. Buch in Kapitel
1: „Die Pharisäer leben enthaltsam und kennen keine
Annehmlichkeiten... Sie glauben auch, dass die Seelen
unsterblich sind und dass dieselben, je nachdem der Mensch
tugendhaft oder lasterhaft gewesen, unter der Erde Lohn oder
Strafe erhalten. so daß die Lasterhaften in ewiger Kerkerhaft
schmachten müssen, während die Tugendhaften die Macht

199
erhalten, ins Leben zurückzukehren. Infolge dieser Lehren
besitzen sie beim Volke einen solchen Einfluß, dass sämtliche
gottesdienstliche Verrichtungen, Gebete wie Opfer, nur nach
ihrer Anleitung dargebracht werden.“

Der Protest der Essener richtete sich gegen die Personalunion


von Königstum und Hohepriesteramt und gegen erstarrte,
veräußerlichte Tempelriten. Die etwa 4.000 Mitglieder der
Essener lebten verstreut in Israel und hatten ihren Mittelpunkt
in Qumran. Der Gründer der Essener Bewegung war
vermutlich ein Mann der in den Schriften von Qumran als
„Lehrer der Gerechtigkeit“ bezeichnet wird. Bestimmende
Elemente der Theologie von Qumran waren die Messias-
Erwartung und die Lehre vom endzeitlichen Kampf der „Söhne
des Lichtes“ mit den „Söhnen der Finsternis“, wobei die Söhne
des Lichtes, als die sich die Essener selbst verstanden, beim
kommenden Weltuntergang zu den Auserwählten zählten. Es
wird von einigen Wissenschaftlern angenommen, dass
Johannes der Täufer wenigstens zeitweise der Essenergemeinde
angehörte.

Die Essener können als Vorläufer späterer Mönchsorden


angesehen werden. Nach den antiken Quellen lebten sie
getrennt vom offiziellen Tempeljudentum in klösterlicher
Einsamkeit. Sie bildeten eine asketische Ordensgemeinschaft
mit Gütergemeinschaft, ähnlich den ägyptischen Therapeuten
bei Alexandria, von denen anschließend noch berichtet werden
soll, bei denen es auch weibliche Mitglieder gab. Die Essener
lebten in dem Bewusstsein, die letzten wahren Gläubigen ihrer
Zeit und somit auch die letzten Gläubigen am Ende der Zeit zu
sein. Charakteristisch für ihr streng geregeltes Leben waren die
täglichen Waschungen, die auf der jüdischen Mikwe basieren,

200
das tägliche Kultmahl und die genau festgelegte Rangordnung.
Die Mikwe ist ein jüdisches Tauchbad, reinsten, lebendigen
Wassers, welches der rituellen Reinigung dient. Die Essener
waren in vier Klassen aufgeteilt, je nach der Dauer ihrer
frommen Kasteiung. Wer sich ihnen anschloß, stand hinter den
älteren Zugehörigen so sehr zurück, daß sich diese nach einer
Berührung durch die Jüngeren abwuschen, als hätten sie es mit
Jemand Fremdem zu tun gehabt. Die Mitglieder der
Gemeinschaft brachten ihr persönliches Eigentum in den Besitz
der Gemeinde ein, in der alle Güter geteilt wurden. Über deren
Verwendung wurde von einem gewählten Verwalter der
Gemeinschaft bestimmt.
Die Essener versuchten durch eine räumliche Trennung von der
übrigen Bevölkerung den verderblichen Einfluss des
Hellenismus von sich fernzuhalten. Sie waren als Orden
organisiert und lebten im Zölibat. In den gut 200 Jahren ihres
Bestehens praktizierten sie ein streng geregeltes
Gemeinschaftsleben. Wer nach mehrjährigem Noviziat mit dem
Taufbad aufgenommen wurde, brachte sein Vermögen ein.
Nach einer rituellen Reinigung in einem Reinigungsbecken
versammelten die Mitglieder sich zu den Mahlzeiten, bei denen
feierlich das Brot gebrochen und der Wein dargeboten wurde.
Man widmete sich Bibelstudien und lobte Gott mit
Dankeshymnen. Tagsüber gingen sie einer Handarbeit nach
oder arbeiteten in der Landwirtschaft. Sie strebten
Bedürfnislosigkeit, Frömmigkeit und vor allem Reinheit an.
Dazu trugen sie weiße Kleider und fasteten regelmäßig. Leiter
des Klosters war der „Lehrer der Gerechtigkeit“. Einstmals war
die Klosteranlage von einer hohen Mauer umgeben. Da man
bei Ausgrabungen innerhalb des Klosters keine Wohn- und
Schlafräume fand, geht man davon aus, dass die Essener
vermutlich in den Höhlen der Umgebung oder in Zelten

201
wohnten und schliefen. Sehenswert ist das rituelle
Reinigungsbecken mit zwei getrennten Treppen, in das man
„unrein rein“ und „rein raus“ ging. Bei einem Erdbeben wurde
dieses Becken allerdings beschädigt.
Der jüdische Historiker Flavius Josephus (37-100) schreibt in
seinem Buch „Der jüdische Krieg“ II. Buch, Kapitel 8, über die
Essener [32]: „Bei den Juden gibt es drei Philosophenschulen:
die Pharisäer, die Sadduzäer und schließlich die Essener, von
denen allgemein behauptet wird, daß sie sich tatsächlich um
eine besondere Selbstheiligung bemühen. Es sind der
Abstammung nach Juden, die sich jedoch in besonderem Grade
einander verbunden fühlen. Sie lehnen jede sinnliche Lust ab
und sehen darin eine Sünde, während sie die Enthaltsamkeit
und den Widerstand gegen die Begierden als Tugend erachten.
Über die Ehe urteilen sie abträglich, doch nehmen sie die
Kinder anderer auf, solange sie noch in einem bildungsfähigen
Alter stehen, und sehen in ihnen Zugehörige und formen sie
nach ihren Idealen. Damit lehnen sie die Ehe und die daraus
entstehende Nachkommenschaft wohl nicht gemeinhin ab,
doch sie verschanzen sich gegen die Lüsternheit der Frauen,
von denen sie überzeugt sind, daß sie in keinem Fall einem
einzigen Mann die Gattentreue bewahren.
Den Reichtum verachten sie, und ihr Gefühl für die
Gemeinschaft ist bewundernswert. Man findet bei ihnen auch
niemand, der mehr besitzt als die anderen, denn nach ihrem
Gesetz müssen jene, die sich ihrer Sekte anschließen wollen,
ihr Hab und Gut an die Gemeinschaft übertragen! Auf diese
Weise trifft man bei ihnen weder auf erniedrigende Armut noch
auf Reichtum, der überheblich macht, vielmehr wird der
gesamte Einzelbesitz zu einem einzigen brüderlichen
Gemeingut. Das Öl gilt ihnen als unrein, und kommt jemand
gegen seinen Willen mit Öl in Berührung, so reinigt er seinen

202
Körper. Eine ausgetrocknete Haut gilt ihnen nämlich als etwas
Schönes und ebenso der ständige Gebrauch weißer Kleidung.
Die Verwalter des Gemeinguts werden durch Handaufheben
gewählt, während einer wie der andere zum Dienst an der
ganzen Gemeinschaft bereit sein muß.
Sie konzentrieren sich auch nicht auf eine einzelne Stadt,
sondern sie sind in großer Anzahl auf alle Städte verteilt.
Essener, die anderswoher kommen, können über den ganzen
Besitz der betreffenden örtlichen Gemeinschaft verfügen wie
über ihren eigenen Besitz, und bei Leuten, die ihnen früher
völlig unbekannt waren, gehen sie aus und ein wie bei alten
Bekannten. Deshalb reisen sie auch ohne jedes Gepäck und nur
mit Waffen, um sich gegen Räuber wehren zu können.
Allerorten wird für die Gäste ein besonderer Betreuer
aufgestellt, der für Kleidung und sonstige Bedürfnisse zu
sorgen hat. Sie kleiden sich übrigens wie Knaben, und auch
ihre Körperhaltung ist so, als hätten sie Angst vor einem
Erzieher. Schuhe und Kleidung wechseln sie nicht, bevor sie
völlig zerfetzt und abgetragen sind. Untereinander kaufen sie
und verkaufen sie nichts; wer etwas braucht, dem gibt ein jeder
von dem Seinen und bekommt auch wiederum das von jenem,
was er benötigt; und sogar ohne Gegenleistung kann man von
jedem Beliebigen sich das Nötige aneignen.
<>Mit allem Nachdruck sind die Essener davon überzeugt, daß
der Körper wohl vergehe und daß das Stoffliche nicht von
Dauer sei, daß jedoch die Seelen unsterblich seien für immer
und ewig. Von den Seelen glauben sie, daß sie, aus dem
feinsten Äther hervorgegangen, sich zusammenfügten und
durch irgendeinen natürlichen Vorgang der Anlockung
herabgeholt worden seien. Und wenn sie dann von den Fesseln
des Fleisches (dem Tod) befreit würden, dann fühlten sie sich
wie aus langer Haft entlassen und erhöben sich in seliger

203
Freude wieder nach oben. Mit den Söhnen Griechenlands
stimmen sie in der Lehre überein, daß auf die guten Seelen
jenseits des Ozeans ein Leben warte und ein Ort ohne die
Unannehmlichkeit von Schnee, Regen und Hitze, wo vielmehr
vom Ozean her unablässig ein sanfter Zephyr (Westwind) weht,
um seine kühlende Wirkung zu tun. Auf die Schlechten harrt
nach ihrer Meinung eine finstere, eiskalte Höhle, der Ort
ewiger Strafe. Die gleiche Annahme findet sich übrigens auch
bei den Griechen, die für ihre Helden, sie heißen bei ihnen
Heroen oder Halbgötter, die Inseln der Seligen bereit haben.
Für die Seelen der Sünder aber steht der Hades (die Unterwelt),
der Ort der Frevler bereit, wo der Sage nach Übeltäter wie
Sisyphus und Tantalus, Ixion und Tityos ihre Strafen verbüßen.
Damit betonen die Essener in erster Linie die Unsterblichkeit
der Seelen, womit man die Menschen zur Pflege der Tugend
und zum Kampf gegen das Schlechte anspornen möchte. Sie
sind nämlich des Glaubens, die Guten würden während ihres
irdischen Daseins durch die Hoffnung auf Ruhm nach ihrem
Tode noch besser und der Anreiz für die Bösen lasse sich durch
Furcht beseitigen, da sie damit rechnen müßten, ewiger Strafe
anheimzufallen, auch wenn sie in diesem Leben unbehelligt
blieben. Das also ist die essenische Theologie der Seele, und
wer einmal von ihrer Weisheit kostet, in dem haftet diese wie
ein Köder, von dem er sich nicht mehr befreien kann.
Es gibt auch noch eine andere Gruppe von Essenern, die in
Lebensart, Sitte und Gesetzgebung mit den ersteren
übereinstimmen und sich lediglich in der Anschauung von der
Ehe von ihnen unterscheiden; denn sie glauben, wer auf die
Ehe verzichte, vernachlässige einen wesentlichen
Lebenszweck, nämlich die Zeugung der Nachkommen, d. h. sie
meinen, wenn alle so dächten, dann sei es mit dem
Menschengeschlecht bald zu Ende. Aber sie prüfen ihre

204
künftigen Ehefrauen drei Jahre lang, und wenn diese nach
einem dreimaligen Reinigungsvorgang ihre Gebärfähigkeit
erwiesen haben, dann wird die Ehe geschlossen. Während der
Schwangerschaft pflegen sie keinen Beischlaf, woraus
hervorgeht, daß sie nicht aus Gründen der Wollust, sondern des
Kindersegens wegen heiraten. Wenn die Frauen ihre
Reinigungsbäder nehmen, dann hüllen sie sich in eine
Gewandung, so wie die Männer eine Schürze benützen.
Solches also ist der Brauch in diesem Orden.“
Die Essener lehnten im Gegensatz zum Tempeljudentum
rituelle Tieropfer generell ab. Damit schlossen sie sich vom
Tempelkult aus, hielten aber die Beziehung zum Tempel durch
Geschenksendungen aufrecht. Der jüdische Historiker Flavius
Josephus schrieb in seinem Buch „Jüdische Altertümer“ über
die Essener: „Wenn sie Weihgeschenke in den Tempel
schicken, bringen sie kein (Tier-)Opfer dar, weil sie heiligere
Reinigungsmittel (wie z.B. das rituelle Tauchbad) zu besitzen
vorgeben. Aus diesem Grunde ist ihnen der Zutritt zum
gemeinsamen Heiligtum nicht gestattet, und sie verrichten
demgemäß ihren Gottesdienst besonders (allein).“
Jesus von Nazareth hatte wahrscheinlich Berührung mit
einigen Essenern. Er übernahm vermutlich einige Ideen und
Lehren der Essener, verwarf andere jedoch sehr entschieden. Er
könnte nach der Bar Mitzwa, der religiösen Mündigkeit im
Alter von 13 Jahren für Jungen, und vor seinem 30. Lebensjahr
in Qumran gewesen sein, wofür inhaltliche Parallelen
sprechen. Es ist interessant sich einmal anzusehen, in welchen
Punkten sich Jesus von den Essenern unterschied. Der
gravierenste Unterschied zwischen Jesus und den Essenern
bestand vielleicht beim Thema „Gewalt und Feindesliebe“.
Jesus lehrte und lebte die Feindesliebe (Mt 5,44: „Liebet eure
Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch

205
hassen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen.“) und
war, anders als es manche Texte der Essener bezeugten, gegen
den Gebrauch von Waffen (Mt. 5,39: „Ich aber sage euch:
Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand,
sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann
halt ihm auch die andere hin.“).
Die Essener dagegen tolerierten Waffengewalt. Sie grenzten
sich von den einflussreichen Sadduzäern und Pharisäern sowie
von der Volksfrömmigkeit ab. Dies führte zu heftigen
Konflikten mit dem jüdischen Amtspriestertum, die den
Tempel und den Tempelkult (Opferkult) beherrschten und dem
sich die Essener nicht unterordnen wollten. Einige Essener
sollen sogar als Märtyrer gestorben sein. Aus dieser Bedrohung
heraus flohen die Essener nach Qumran im Westjordanland ans
Tote Meer. Innerhalb der Essener konnte sich wahrscheinlich
der Gedanke nicht durchsetzen, dass man das „Friedensreich“
gewaltlos gegen die römische Besatzungsmacht auf Erden
erschaffen könne. Nach Jesus Auffassung in der Bergpredigt
sollte dies allerdings gewaltlos geschehen. Andere
Wissenschaftler, wie Dr. Edmond Bordeaux Székely, der eng
mit dem Schriftsteller und Philosophen Aldous Huxley
zusammenarbeitete, stufen ebenso wie die die antiken
Schriftsteller Josephus, Philo und Plinius die Essener als
pazifistisch ein und rücken sie sehr nahe an Jesus heran. [29]
Ein wichtiger Unterschied zwischen Jesus und den Essenern
war auch, dass die Essener eine strikte Hierarchie hatten. Der
jüdische Historiker Flavius Josephus nennt vier Stände, die in
den Qumranschriften als Priester, Leviten, Laienvolk und
Novizen näher bestimmt werden. Jesus dagegen lehnte jede
Hierarchie ab. Er war gegen jede geistliche und priesterliche
Obrigkeit und hielt nicht viel davon, prachtvolle Kirchen aus
Stein und Edelholz zu bauen. Jesus sprach: „Das Reich Gottes

206
ist in euch.“ Er sprach vom „stillen Kämmerlein“ in das man
sich zurückziehen soll. „Wenn du beten willst, gehe in dein
Zimmer, schließe die Tür hinter dir zu, und bete zu deinem
Vater.“ (Mt 6,6) Die Essener waren wie die Pharisäer auch sehr
auf Äußerlichkeiten fixiert. So heiligten sie den Sabbat. Am
Sabbat unterdrückten sie sogar die Notdurft. Schon die
Betätigung des Schließmuskels galt ihnen als Entweihung.
Jesus dagegen hatte mit kultischen Ritualen und äußerlichen
Frömmigkeitsübungen nichts im Sinn.

Tabelle 6: Unterschied zwischen Essenern und Christen


Essener Christen
Nur körperlich Unversehrte Jeder darf Christ werden
Nur für Mönche (Männer) Jeder darf Christ werden
Hierarchie und Kulte Weder Hierarchie noch Kulte
Leiter: Lehrer für Gerechtigk. Leiter: Jesus
Feindeshass, Waffen Liebet eure Feinde (Mt 5,44)
Verzicht auf pers. Eigentum Armut keine Forderung
Rückzug von der bösen Welt Jesus wendet sich Mensch. zu
Gütergemeinschaft keine Gütergemeinschaft
Nur Auserwählte erlang. Heil Jesus bringt allen das Heil

Trotz all der Unterschiede sollte man bedenken, dass Jesus


eigentlich keine neue Religion gründete. Er wollte genau so
wie die Essener das Reich Gottes auf Erden verwirklichen.
Man sollte also bedenken, dass vieles von dem, was später als
originär christlich bezeichnet wurde, zur Zeit Jesu bereits im
Judentum verbreitet war. Jesus brachte also eigentlich nichts

207
Neues. Er brachte lediglich die fortschrittlichen Ansätze auf
den Punkt. Außerdem ging er davon aus, dass bereits Moses die
Gesetze für ein geistiges Leben im Geiste Gottes verkündet
hatte, dass diese Gesetze aber im Laufe der Jahrhunderte durch
die Priester verfälscht wurden. Deshalb sahen sich die Priester
und religiösen Obrigkeiten zur Zeit Jesus von ihm entlarvt und
stellten sich gegen ihn.

Aber auch nach Jesus Tod wurde die Bibel fleissig gefälscht.
So soll Paulus u.a. die Tatsache verfälscht haben, dass die
Urchristen Vegetarier waren und kein Fleisch aßen. Auch soll
er die Frauen abgewertet haben, obwohl Jesus sie als
gleichwertig betrachtete. Paulus dagegen ordnete sie dem
Manne unter. [30] Aber nicht nur Paulus, sondern auch andere
fälschten offensichtlich die Bibel. Ähnliches geschieht heute
noch mit dem Begriff Keuschheit in der Bibel. So ist bei
castitas.de zu lesen: „Dem lateinischen Vulgata-Text (Bibel-
Text) folgt hier die erste und letzte Martinische und schließlich
eine moderne Elberfelder Verdeutschung der Schriftstellen.
Nun hat es der Teufel doch tatsächlich geschafft, das Wort
„Keuschheit“ aus allen heute offiziellen Bibel-Übersetzungen
zu vertilgen. Meine Bewunderung! Um so mehr, als man
ausschließlich Mitarbeiter theologischer Fakultäten das
Evangelium „redigieren“ ließ! Wort-Varianten wie „Reinheit,
Lauterkeit, Enthaltsamkeit“ sind ganz allgemein und richten
sich nicht mehr, wie Keuschheit, gegen sexuelle
Gewohnheiten.“ [31]

Was ist aus Qumran geworden? Die Essener haben sich


offenbar am Aufstand gegen die Römer (66-70) beteiligt, was
als eine Konsequenz ihrer Überzeugungen zum Thema
„Gewalt“ auch einleuchtend ist. Über Qumran ist bekannt, dass

208
der jüdische Aufstand von der 10. römischen Legion unter
Kaiser Vespasian im Jahre 68 n.Chr. niedergeschlagen wurde.
Die Qumraner wurden vermutlich getötet oder in die Sklaverei
verkauft. Qumran ist von nun an ein römischer Militärposten.
15.4 Die Therapeuten Top

Die Therapeuten (griechisch: therapeutes = Diener, nämlich


Gottes Diener) waren eine jüdische Gruppe von Einsiedlern,
die sich im 1. Jahrhundert vor Christus in Ägypten gründete
und bis zum 1. Jahrhundert nach Christus bestand. Dies geht
aus einer Schrift des jüdisch-hellenischen Philosophen und
Theologen Philo(n) von Alexandrien (20 v.Chr. - 40 n.Chr.)
hervor, die er im 1. Jahrhundert nach Christus verfasste. Die
Therapeuten verschenkten all ihr Habe und zogen sich aus der
Familie in die Gärten außerhalb Alexandrias zurück. Ihre
Siedlungen waren oberhalb des Mareotis-Sees (heute: Mariut-
See) bei Alexandria. Sie lebten asketisch und ehelos einzeln in
Hütten, nur mit dem Nötigsten an Essen und Kleidern versorgt.
In ihrer Gemeinschaft waren Männer wie Frauen
gleichberechtigt. Die weiblichen Mitglieder nannten sich
Therapeutriden. Die Therapeuten gelten mit den Essenern als
Vorläufer des christlichen Mönchstums. Sie lebten vegetarisch
und versuchten sich mit Wein- und Fleischverzicht zu läutern
und dadurch Gott näher zu kommen. Das, was wir über die
Therapeuten wissen, stammt vom ägyptischen Philosophen
Philo(n) von Alexandria, der selbst die Auslöschung von
Begierde und Leidenschaft als das höchste Ziel des Menschen
betrachtete, um Gottesschau zu erlangen. Er beschreibt die
Therapeuten um etwa 10 n.Chr. in seiner Schrift „de Vita
contemplativa“ (Das kontemplative Leben.).

209
Philo berichtet, daß man jene Männer Therapeuten und die
gemeinsam mit ihnen lebenden Frauen Therapeutriden nenne.
Diese Bezeichnung begründet er damit, daß diese Leute gleich
Ärzten die Seelen derer, die zu ihnen kommen, von der Sünde
der Leidenschaften befreien, um sie zu heilen und gesunden zu
lassen, so daß sie Gott in reinem, lauterem Dienste verehren. Er
erzählt, daß sie, sobald sie anfingen, sich ihrer Philosophie zu
widmen, ihr Vermögen an ihre Verwandten abtraten. Nachdem
sie alle Sorgen um das Leben abgeworfen hatten, verließen sie
die Mauern ihrer Städte und nahmen ihre Wohnungen an
einsamen Orten und in Gärten, da sie wohl wußten, daß der
Verkehr mit Andersgesinnten unnütz und schädlich ist. Im
mutigen, glühenden Glauben lebten sie das Prophetenleben
derer nach, welche wohl schon dereinst in gleicher Weise als
Asketen gelebt hatten.

Die Therapeuten findet man an vielen Orten. Sowohl in


griechischen als auch in „barbarischen“ Ländern. Stark
vertreten sind sie in Ägypten, und zwar in jedem der
sogenannten. Distrikte, vor allem in der Umgebung von
Alexandrien. Von allen Seiten her ziehen die edelsten
Menschen in die Heimat der Therapeuten, um sich anzusiedeln.
Sie begeben sich an einen sehr günstigen Ort, der jenseits des
Mareiasees auf einer etwas sanften Anhöhe infolge seiner
Sicherheit und der Reinheit der Luft sehr glücklich gelegen ist.
Nachdem Philo sodann die Beschaffenheit ihrer Wohnungen
beschrieben hat, sagt er von den überall im Lande zerstreuten
Versammlungsräumen: „In jedem Hause ist ein heiliges
Gemach, welches Heiligtum und Einsamkeit genannt wird.
Hier vollbringen sie in Abgeschlossenheit die Geheimnisse
ihres würdigen Lebens. Nichts, weder Speise noch Trank, noch
sonst etwas, was für den Unterhalt des Leibes notwendig ist,

210
nehmen sie mit sich hinein, sondern Gesetze, von Gott
eingegebene Worte der Propheten, Gesänge und anderes,
wodurch Weisheit und Frömmigkeit gefördert und
vervollkommnet werden.“

Später fährt er fort: „Ihre ganze Zeit zwischen Morgen und


Abend gehört der Askese. Sie treiben Philosophie nach Art
ihrer Väter, indem sie die heiligen Schriften lesen und
allegorisch erklären (Das Wort Allegorie kommt aus dem
Griechischen und bedeutet, „etwas anders ausdrücken“. In
diesem Fall geht es darum, den Inhalt der Heiligen Schriften,
der nicht immer sofort ersichtlich ist, so zu interpretieren, dass
er allgemeinverständlich wird.). Sie halten nämlich die Worte
für Sinnbilder einer verborgenen Wahrheit, die sich in
Allegorien offenbare. Sie besitzen auch Schriften alter Männer,
welche Urheber ihrer Richtung waren und zahlreiche
Denkmäler ihrer in Allegorien verborgenen Lehre hinterlassen
haben. Sie benützen diese als Muster, um ihre geistige Art
nachzuahmen.“ Die bei ihnen gebräuchlichen Schriften der
Alten, von denen Philo spricht, dürften wohl die Evangelien,
die Schriften der Apostel und wahrscheinlich Erklärungen der
alten Propheten sein, wie der Brief Paulus an die Hebräer und
noch andere Briefe des Paulus.

Philo schreibt: „Zunächst pflanzen sie in ihre Seele die


Enthaltsamkeit gewissermaßen als Grundlage, um dann die
übrigen Tugenden darauf zu bauen. Vor Sonnenuntergang
dürfte wohl keiner von ihnen Speise oder Trank zu sich
nehmen. Denn zu Philosophieren betrachten sie als des Lichtes
würdig. Der Finsternis dagegen würdig erklären sie die
Befriedigung des Körpers. Jenem (der Philosophie) widmeten
sie daher den ganzen Tag, dieser (dem Körper) dagegen nur

211
einen kurzen Teil der Nacht. Einige, in denen ein besonderes
Verlangen nach Weisheit wohnt, denken erst nach drei Tagen
an Nahrung. Wieder andere sind durch die Weisheit, welche
reichlich und neidlos ihnen ihre Lehre spendet, so sehr mit
Freude und Wonne gesättigt, daß sie noch einmal so lange
fasten und kaum alle sechs Tage die notwendige Nahrung zu
sich nehmen.“

Wie Philo weiter erzählt, befinden sich in den erwähnten


Kreisen auch weibliche Personen. Die meisten von ihnen
waren bejahrte Jungfrauen, welche aber nicht wie manche
heidnische Priesterinnen (die vestalischen Jungfrauen aus
Rom) aus Zwang die Jungfräulichkeit bewahrten, sondern
vielmehr in freiwilligem Entschluß aus eifrigem Verlangen
nach Weisheit. Da sie mit der Weisheit zusammenzuleben
strebten, verachteten sie die fleischlichen Freuden und
verlangten nicht nach sterblichen, sondern nach unsterblichen
Nachkommen, welche nur eine gottliebende Seele aus sich zu
gebären vermag.

Unter den Therapeuten gab es gemeinschaftliche


Zusammenkünfte, etwa religiöse Übungen am Tag der
Kreuzigung Jesu, bei denen man fastete, nächtliche Wachen
abhielt und Hymnen sang. Diese Versammlungen wurden von
Männern und Frauen getrennt durchgeführt. Die
Versammlungen unterscheiden sich im Prinzip nicht von den
Versammlungen, wie sie im frühen Christentum durchgeführt
werden. Philo erwähnt die Nachtwachen mit den frommen
Übungen und von den Hymnen berichtet er, daß ein einziger
nach dem Takte würdevoll vorsingt, die übrigen still zuhören
und nur am Schluss der Gesänge miteinstimmen. An den
genannten Tagen liegen sie auf Stroh am Boden und enthalten

212
sich vollständig des Weines, aber auch jeglicher Fleischspeise
und genießen nur Wasser und Brot mit Salz und Ysop (eine
Heil- und Gewürzpflanze). Ferner beschreibt er die Art und
Weise, in welcher diejenigen, welche zu genossenschaftlichen
Verrichtungen und Diensten und zu der allerhöchsten Würde
der Oberaufsicht erwählt worden sind, ihres Amtes walten. [33]

Professor Pieter W. van der Horst, schreibt in dem Buch


„Frühjudentum und Neues Testament im Horizont biblischer
Theologie“ über Philo und die Therapeuten: „Philo ist ein gutes
Beispiel dieser asketischen Spannung im Judentum. In seiner
platonisch-dualistischen Gedankenwelt kann der wahre
Gläubige nur einer Sache nachstreben, nämlich, dass die Seele
sich von der materiellen Welt des Körpers befreie und
versuche, einen Zustand immaterieller Unsterblichkeit zu
erreichen. Das größte Hindernis in diesem Prozess ist der Leib
mit seinen Begierden. Das Leben ist ein unablässiger Streit mit
diesen Begierden, ein Streit, in dem Gottes Hilfe unentbehrlich
ist. Philo schildert seinen beispielhaften Helden Mose als einen
zölibatären Menschen, aber sein Ideal kommt noch viel
deutlicher in seiner Beschreibung der Gruppe der Therapeuten
zum Ausdruck, das den aufschlussreichen Titel „Da vita
contemplativa“ (das kontemplative Leben) hat. Dort schildert
er eine Gemeinschaft jüdischer Männer und Frauen, die ein
striktes zölibatäres Leben in einem Kloster beim Mareotis-See,
außerhalb Alexandriens führen. Die Therapeuten widmen sich
dort völlig dem Studium der Heiligen Schrift, dem Gebet, dem
Lobgesang und der Kontemplation. Während der Woche ist
jede(r) für sich, in der Abgeschiedenheit seiner Zelle. Am
Sabbat sitzt man bei einer gemeinschaftlichen Feier zusammen
(wobei der Älteste eine Ansprache hält). Dabei bleiben die
Männer und Frauen durch eine Mauer getrennt, die hoch genug

213
war, damit sie sich nicht sehen können. Sie führen ein
außerordentliches einfaches und bescheidenes Leben. Das
Fasten ist ein wesentlicher Bestandteil ihres Lebens.“

15.5 Das Buch Jesus Sirach Top

Das Buch Jesus Sirach ist ein Buch der jüdischen


Weisheitsliteratur, das ungefähr 180 v. Chr. von dem in
Jerusalem lebenden Juden „Jesus ben Eleazar ben Sira“ auf
Hebräisch verfasst und später von seinem Enkel ins
Griechische übersetzt wurde. Die Septuaginta, die
altgriechische Übersetzung der hebräischen heiligen Schriften,
der Hebräischen Bibel (der Tora, den 5 Bücher Moses), und die
älteste durchgehende Bibelübersetzung überhaupt, hat das
Buch „Jesus Sirach“, neben „Kohelet“, dem „Buch der
Sprichwörter“ (Die Sprüche Salomos) und das „Hohelied
Salomos“, in die Reihe der Weisheitsbücher gestellt. Wegen
seiner Bedeutung als Sittenlehre wurde es im Lateinischen
„Liber Ecclesiasticus“ = „Buch der Kirche“ genannt.

Im 9. Kapitel des Ecclesiasticus werden Ratschläge gegeben,


die sich auf die Keuschheit beziehen: Meide den Umgang mit
Dirnen, wende dein Augenmerk nicht auf Jungfrauen, schau
nicht neugierig umher, verhülle vor einer hübschen Frau das
Auge und betrachte nicht die Schönheit der Frau eines andern,
laß dich nicht mit verheirateten Frauen ein, denn „wegen der
Schönheit einer Frau sind schon viele ins Verderben gestürzt“
(Sir 9, 3-9).

Im Kapitel 23 ist über Unzuchtsünden zu lesen: „Zwei Sorten


von Menschen häufen Sünde auf Sünde, und auch die dritte
fordert Gottes Zorn heraus; denn ihre Leidenschaft brennt wie

214
ein Feuer und hört erst auf, wenn sie ausgebrannt ist. 1. Der
Mann, der nur seinem Geschlechtstrieb folgt und nicht zur
Ruhe kommt, bevor das Feuer erloschen ist. 2. Der Mann, den
jede Frau reizt und der nicht genug bekommt, bis er tot ist. 3.
Der Mann, der seiner eigenen Frau untreu wird. Ein solcher
Mann denkt: Kann mich einer sehen? Es ist dunkel hier, die
Wände verbergen mich. Nein, niemand kann mich sehen.
Warum mache ich mir nur Gedanken? Der da oben bemerkt es
gar nicht, wenn ich sündige. Dieser Mann hat nur Angst vor
den Augen anderer Leute und vergißt, daß die Augen des Herrn
zehntausendmal so hell sind wie die Sonne und alles sehen,
was die Menschen tun. Sie durchdringen auch die
verborgensten Winkel... Jener Sünder wird ertappt, wo er es am
wenigsten erwartet und bekommt seine Strafe in aller
Öffentlichkeit... Dasselbe gilt für eine Frau, die ihrem Mann
untreu wird und ihm einen Erben unterschiebt... Sie hat in ihrer
Hurengesinnung Ehebruch begangen und von einem anderen
Mann Kinder bekommen.“ (Sir 23, 17 b -19).

15.6 Die Onanie im Buche Mose Top

Die Onanie (Masturbation) ist neben dem Geschlechtsverkehr


die häufigste Form sexueller Aktivität. Viele Menschen
befriedigen sich in unregelmäßigen Abständen selbst.
Statistisch betrachtet masturbieren mehr Männer (ca. 94 %) als
Frauen (ca. 60 bis 80 %), und sie tun dies laut Umfragen auch
häufiger. Viele davon entdecken die Masturbation und ihren
eigenen Körper bereits in der frühen Pubertät, einige erst später
und manche schon als Kleinkind. Männer masturbieren mit
etwa 12 Jahren zum ersten Mal, Frauen erst wenn sie auf die 20
zugehen. Der Philosoph Immanuel Kant sah Selbstbefriedigung
als eine sittliche Verfehlung. Für ihn ist der natürliche Zweck

215
des Sexualtriebes, dem nicht zuwider gehandelt werden dürfe,
die Fortpflanzung. Schaut man ins 1. Buch Mose (Genesis),
Kapitel 38, dann wird Onanie sogar mit dem Tod bestraft.

Noch bevor sich Jakob, einer der Erzväter der Juden, mit
seinen 12 Söhnen, um 1.800 v.Chr. in Ägypten niederlässt,
kommt es zu einer Episode, die ein neues Licht auf die
Keuschheit wirft. Er (Name), ein Sohn des Judas, hatte eine
Frau namens Tamar geheiratet. Doch er starb, ohne
Nachkommenschaft hinterlassen zu haben. In Erfüllung der
Leviratspflicht nahm nun Onan, der Bruder des Er, dessen
Witwe Tamar zur Frau. Die Leviratspflicht war im
Frühjudentum ein üblicher Brauch. Wenn Brüder beieinander
wohnen und einer stirbt ohne Söhne, so soll seine Witwe nicht
die Frau eines Mannes aus einer andern Sippe werden, sondern
ihr Schwager soll zu ihr gehen und sie zur Frau nehmen und
mit ihr die Schwagerehe schließen. Der erste Sohn, den sie
gebiert, soll als der Sohn seines verstorbenen Bruders gelten,
damit dessen Name nicht ausgetilgt werde aus Israel.
(Deuteronomium 25,5 ff) In der Genesis wird die Situation wie
folgt beschrieben:

Da sprach Juda (der Vater von Er und Onan) zu


Onan: Gehe zu deines Bruders Weib (Tamar) und
nimm sie zur Ehe, daß du deinem Bruder Samen
erweckest. Aber da Onan wußte, daß der Same
nicht sein eigen sein sollte, wenn er einging zu
seines Bruders Weib, ließ er's auf die Erde fallen
und verderbte es, auf daß er seinem Bruder nicht
Samen gäbe. Da gefiel dem Herrn übel, was er tat,
und er tötete ihn auch. (1 Mose 38, 8-10)

216
Onan nahm zwar Tamar zur Frau, wollte aber auf keinen Fall,
daß ein Sohn mit Tamar als Sohn seines verstorbenen Bruders
Er gelten sollte. Darum ließ er den Samen auf die Erde fallen,
er masturbierte also lieber, als mit Tamar ein Kind zu zeugen.
Da dieses dem Herrn nicht gefiel, tötete er Onan. Es stellt sich
die Frage, wie man diesen Bibeltext interpretieren sollte. Tötete
Gott Onan, weil er sich den jüdischen Gesetzen verweigerte
oder weil er der Wollust den Vorrang vor der Fortpflanzung
gab? Meiner Meinung nach soll der Text uns sagen, dass die
Sexualität dafür da ist, Nachkommen zu zeugen und nicht
dazu, seiner Wollust zu frönen. Geht man jedoch der Wollust
nach, so erstirbt etwas in uns, nämlich die Lebensfreude, die
innere Ruhe und Zufriedenheit. Und aus diesem Grunde sollte
man seinen Samen nicht auf die Erde fallen lassen, sollte man
nicht onanieren.
16. Die Keuschheit im Christentum Top
Das Neue Testament beginnt mit dem Leben Jesu. Möchte man
also etwas über die Keuschheit im Christentum erfahren, so ist
es ratsam, ins Neue Testament zu schauen. Wie wir vom Alten
Testament wissen, war die Keuschheit im Judentum
keineswegs unbekannt, aber sie spielte eine eher
untergeordnete Rolle. Im Judentum dominierte das Gebot von
„peru u-revu“ (Seid fruchtbar und vermehret euch.), das selbst
von den meisten Rabbis (jüdischen Schriftgelehrten) beachtet
wurde. Die Einstellung zur Keuschheit wandelte sich allerdings
durch die Bewegung der jüdischen Essener und Therapeuten
und sie erblühte vollständig mit dem Erscheinen Jesus. Unter
Jesus erhielt die Keuschheit eine zentrale Bedeutung. Dies
spiegelt sich in vielen Stellen des Neuen Testaments wieder.
Besonders der Apostel Paulus von Tarsus räumte der
Keuschheit eine zentrale Bedeutung ein. Er thematisierte sie in
seinen Briefen an die christlichen Gemeinden der Galater,

217
Epheser, Philipper, Korinther, Kolosser und Thessalonicher, die
er auf seinen Missionsreisen im griechischen Raum gegründet
hatte. Auch in seinen Briefen an die Römer und an Timotheus,
Titus, Philemon und an die Hebräer, hob er die Bedeutung des
Keuschheit hervor. Aber auch in den Evangelien von Matthäus,
Lukas und Johannes, im Petrusbrief und im Jakobusbrief10
findet die Keuschheit lobende Erwähnung. Dies führte dazu,
dass die Keuschheit zum Allgemeingut des Urchristentums
wurde, welches in allen christlichen Gemeinden praktiziert
wurde. Besondere Bedeutung fand es in den ersten
Jahrhunderten bei den Wüstenvätern, die vor der
Christenverfolgung des römischen Reiches in die ägyptische,
palästinensische oder syrische Wüste flohen, um dort ein
asketisches Leben als Eremit und Mönch zu führen. Nun aber
möchte ich einmal einen Blick ins Neue Testament werfen.

10Jakobus war der Bruder von Jesus. Er war der erste Leiter der
christlichen Urgemeinde in Jerusalem. Die Lebensweise der
ersten Urchristen in Palästina war für viele Juden der
damaligen Zeit ein Stein des Anstoßes. Denn nach wie vor war
der Tempel mit seinen täglichen Tieropfern der religiöse und
politische Mittelpunkt der Gesellschaft. Und bei jedem der
vielen Feste im Jahreslauf waren bestimmte Schlachtungen
vorgeschrieben. Das Verzehren bestimmter Fleischstücke bei
den Festmählern galt nicht nur als Essgewohnheit, sondern als
Gehorsam gegenüber einem Gott, der solches geboten haben
soll. Deshalb zählte die tierfreundliche Lebensweise des
Jakobus und der christlichen Urgemeinde als Abfall von Gott
und seinen Geboten, ein Vorwurf, um dessentwillen Jakobus im
Jahr 62 n. Chr. von Anhängern der Jerusalemer Priester durch
Steinigung ermordet wurde.

218
Um 50 nach Christus hielt sich der Apostel Paulus in
Thessalonoki, der heute zweitgrößten Stadt Griechenlands, auf,
wo er eine christliche Gemeinde gründete. In seinem ersten
Brief an die Thessalonicher sprach sich Paulus gegen die
Unzucht aus und mahnte die Christen zur Heiligung ihres
Leibes. Damit die Menschen Gott gefallen und immer
vollkommener werden, sollten sie sich der Unreinheit des
Leibes enthalten, da der Leib der Tempel des Heiligen Geistes
ist, den Gott den Menschen selbst geschenkt hat (1 Korinther
6,19). Wer diesen Leib durch die sinnliche Lust verunreinigt,
der verachtet den Willen Gottes. (1 Thessalonicher 4,3-8:
„Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, und daß ihr
meidet die Hurerei. Und ein jeglicher unter euch wisse sein
Gefäß zu behalten in Heiligung und Ehren und nicht in der
Brunst der Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen...
Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinigkeit, sondern zur
Heiligung... Wer dies verachtet, der verachtet Gott, der seinen
heiligen Geist in euch gegeben hat.“)
Der Apostel Paulus geht in einem Brief an die Römer auf die
Gottlosigkeit der Menschen ein und verurteilt die
Homosexualität (Römer 1,27: „Männer haben verlassen den
natürlichen Brauch des Weibes und sind aneinander erhitzt in
ihren Lüsten und haben Mann mit Mann Schande getrieben
und den Lohn ihres Irrtums an sich selbst empfangen.“) Er
betrachtet die Homosexualität als schändlich und sagt, dass
Menschen, die so etwas tun, Gottes Zorn zu spüren bekommen.
Im Brief an die Korinther spricht er sich gegen die Knabenliebe
aus, die sich unter dem Einfluss der griechischen Kultur im
römischen Reich verbreitet hatte. (1 Korinther.6,9: „Wisset ihr
nicht, daß die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben
werden? Lasset euch nicht verführen! Weder die Hurer, noch
die Abgöttischen, noch die Ehebrecher, noch die Weichlinge,

219
noch die Knabenschänder... werden das Reich Gottes ererben.“
Aber nicht nur im Neuen Testament wird die Knabenliebe
verurteilt, sondern bereits im Alten Testament. Im 3. Buch
Mose wird die Knabenliebe sogar mit dem Tode bestraft. (3
Mose 20,13: „Wenn jemand beim Knaben schläft wie beim
Weibe, die haben einen Greuel getan und sollen beide des
Todes sterben...“).
Ich glaube, dass es bei der Bewertung der Homosexualität nicht
darum geht, es moralisch zu verurteilen, sondern darum, den
Menschen zu sagen, dass sie ihren Samen nicht aus Gründen
der Wollust vergeuden sollten. Man sollte niemand wegen
seiner Veranlagung verurteilen. Die hat er sich nicht
ausgesucht, sondern die ist ihm in die Wiege gelegt worden.
Aber jeder, der solch eine Veranlagung hat und sie auslebt,
sollte sich darüber im Klaren sein, dass er sich damit den „Weg
in's Himmelreich“ verbaut, wie jeder, der seinen Samen achtlos
vergeudet. Damit meine ich nicht das Himmelreich im Jenseits,
denn niemand weiß, ob ein solches Himmelreich überhaupt
existiert, sondern das „Himmelreich“, welches der Mensch
bereits zu Lebzeiten in Form von Glück, Lebensfreude,
Zufriedenheit und ein erfolgreiches Leben verwirklichen kann.
Die Knabenliebe dagegen ist zu recht moralisch zu verurteilen,
weil ein Kind nicht die Reife besitzt, die Tragweite eines
solchen Handelns zu erfassen. Deswegen stimmt es mich auch
ein wenig nachdenklich, wenn das Alte Testament in 3 Mose
20,13 bei der Knabenliebe den Tod beider fordert, denn der
Knabe ist wahrscheinlich eher Opfer als Täter.
In der griechischen Stadt Korinth, in der Paulus sich um 51
oder 52 n.Chr. etwa 18 Monate aufhielt, war es zur Inzucht
gekommen. Ein Sohn hatte mit seiner Mutter geschlafen. In
einem Brief an die Korinther verurteilt Paulus dieses Verhalten
und spricht davon, dass derjenige der so etwas tut, dem Satan

220
übergeben werden sollte, „damit das Fleisch verdirbt, der Geist
aber selig werde am Tag des Herrn“. Jemand der Inzucht treibt,
sollte also so lange in der Hölle schmoren, bis seine Sünden
gereinigt sind, damit er am jüngsten Tag würdig vor Gott treten
kann. Dann rät er den Gemeindemitgliedern, sich von Hurern,
Geizigen, Abgöttischen, Lästerern, Trunkenbolden und
Räubern fernzuhalten. Auch wenn der Blutschänder in der
christlichen Gemeinde ist und sich Bruder nennt, sollte man
sich von ihm abwenden und nicht an einem Tisch mit ihm
essen. (1 Kor 5, 1-13)
Im selben ersten Brief an die Korinther warnt Paulus vor der
Unzucht. Er weist darauf hin, den Leib nicht der Hurerei
hinzugeben, sondern ihn zum Tempel des Herrn zu machen.
Paulus weist darauf hin, dass der Leib Christi Glieder sind und
dass man keine Hurenglieder daraus machen sollte. Er stellt die
Frage: „Wisset ihr nicht, daß, wer an der Hure hangt, der ist ein
Leib mit ihr?“, um anschließend darauf hinzuweisen: „Wer
aber dem Herrn anhangt, der ist ein Geist mit ihm.“ Man soll
den Leib, die Glieder Christi, nicht zu Gliedern einer Dirne
machen, sondern eins mit dem Geist Christi werden. Darum
soll man der Hurerei entfliehen. Wer aber hurt, der sündigt am
eigenen Leibe. Dieser Leib aber gehört nicht den Menschen,
denn er wurde von Gott teuer erkauft: „Oder wisset ihr nicht,
daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, welchen ihr
habt von Gott, und seid nicht euer selbst. Denn ihr seid teuer
erkauft. Darum so preist Gott an eurem Leibe und in eurem
Geiste, welche sind Gottes.“ (1 Kor 6, 13-20)
Paulus beschränkt sich jedoch nicht darauf, die Unkeuschheit
abzulehnen, sondern entwickelt positive Gründe für ein
keusches Leben. Seine Lehre beruht darauf, dass der Christ
vom Geist Gottes regiert sein sollte und nicht vom Fleisch,
denn die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld,

221
Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit. Die
Frucht des Fleisches aber ist Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit,
Unzucht, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn,
Zank, Zwietracht, Rotten, Haß, Mord, Saufen und Fressen.
Paulus sagt, dass die Menschen die Freiheit besitzen, zwischen
Geist und Fleisch zu wählen und rät den Christen, auf das
Fleisch samt den Lüsten und Begierden zu verzichten, da die
Wollüstigen nicht das Reich Gottes erben werden. (Gal 5,
13-26)
Den Brief des Paulus an die Epheser schrieb er aus römischer
Gefangenschaft. Paulus war zuvor drei Jahre in der
griechischen Stadt Ephesus (heute: Türkei) gewesen und hatte
dort eine christliche Gemeinde gegründet. Im Brief an die
Epheser muntert Paulus die Christen auf, als Gottes Nachfolger
in Liebe zu wandeln, so wie Christus es ihnen vorgemacht hat.
Hurerei, Unreinheit und Geiz allerdings steht einem Heiligen
nicht zu. Ganz anders als im heutigen Christentum war das
Urchristentum noch bestrebt, dem Wege Christi unmittelbar als
Heilige zu folgen, denn kein Hurer und Unreiner hat Erbe am
Reich Christi. Darum waren die Urchristen bemüht, im Licht
des Herrn zu wandeln, damit sie Christus erleuchte. (Eph
5,1-20)

Kolossai ist eine Kleinstadt, die 170 km östlich von Ephesus


liegt. Sie wurde zwischen 70-100 n.Chr. von einem Erdbeben
zerstört. In seinem Brief an die Kolosser sagt Paulus der
Gemeinde: „Seid auferstanden in Christus und trachtet nach
dem, was droben ist und nicht nach dem, was auf Erden ist. So
tötet nun eure Glieder, die auf Erden sind, Hurerei,
Unreinigkeit, schändliche Brunst, böse Lust und den Geiz,
welcher ist Abgötterei, um welcher willen kommt der Zorn
Gottes über die Kinder des Unglaubens.“ Denen aber, die in

222
Christus wandeln, denen sich Christus offenbart, die werden an
seiner Herrlichkeit Anteil haben. (Kolosser 3,1-7)
Im 7. Kapitel des ersten Briefes an die Korinther geht Paulus
u.a. auf die Ehe und die Unverheirateten ein. Offensichtlich
haben einige Gemeindemitglieder an Paulus geschrieben und
Paulus gibt ihnen auf die verschiedenen Fragen Antworten.
Paulus sagt, dass es gut ist, wenn der Mann kein Weib berühre.
Da es den meisten Menschen aber schwer fällt, keusch zu
leben, empfiehlt er den Gemeindemitgliedern, dass Mann und
Frau einander heiraten sollten, damit sie keine Hurerei
begehen. Er sagt auch, dass Mann und Frau sich einander nicht
entziehen sollten, da sonst der Satan sie zur Unkeuschheit
verführen könnte. Mann und Frau sollten nur keusch leben,
wenn es die Zustimmung beider findet. Leider geht er nicht auf
die Frage ein, was sie tun sollten, wenn einer von beiden
keusch leben möchte. Diese Frage aber stellt sich sicher vielen
Ehepaaren. Paulus wäre es zwar lieber, wenn alle Menschen so
wie er keusch leben würden, da nur den Keuschen sich
Christus in seiner ganzen Herrlichkeit offenbart, da nur der
Keusche an dieser Herrlichkeit Christi teilhaben kann. Aber
Paulus ist Realist und kennt die menschlichen Schwächen.
Darum rät er Ledigen und Witwen, lieber zu heiraten, als
Brunst zu leiden. (1 Kor 7, 1-9)
Den verheirateten Männern sagt Paulus: „Bist du an ein Weib
gebunden, so suche (sie) nicht los zu werden.“ Den
Unverheirateten dagegen empfiehlt er: „Bist du los vom Weibe,
so suche kein Weib.“ Paulus sagt zwar daß der, der heiratet,
nicht sündigt, aber er sagt gleichzeitig, dass der, der heiratet,
leibliche Trübsal haben wird. Davor möchte Paulus die
Menschen gerne bewahren. Darum rät Paulus den
Gemeindemitgliedern sich nicht an weltliche Dinge zu
klammern, denn alles Weltliche wird vergeh'n. Stattdessen

223
sollten die Christen sich darum sorgen, was dem Herrn gefalle:
„Wer ledig ist, der sorgt, was dem Herrn angehört, wie er dem
Herrn gefalle; wer aber freit, der sorgt, was der Welt angehört,
wie er dem Weibe gefalle.“ Gleiches rät er den Christinnen:
„Die Jungfrau sorge sich um den Herrn, daß sie heilig sei am
Leib und Geist. Die aber freit, sorgt sich, was der Welt, dem
Manne, gefalle.“ Am Ende des 7. Kapitels sagt Paulus den
Christen: „Wer heiratet, der tut wohl; wer aber nicht heiratet,
der tut besser.“ Stirbt der Mann, so ist die Frau frei, zu heiraten,
wen sie will. Seliger ist sie aber, wenn sie unverheiratet bleibt.
(1 Kor 7, 25-40)
Das 7. Kapitel des Korintherbriefes zeigt, dass Paulus eine
Gewichtung zwischen dem weltlichen und göttlichen Bestreben
vornimmt. Paulus räumt ein, daß sowohl die Ehe als auch die
Keuschheit Gaben Gottes sind und die Ehe für die Menschen
empfehlenswert ist, die sich nicht enthalten können. Aus
mehreren Gründen erachtet er jedoch die Keuschheit als
empfehlenswerter. Einmal, weil die Keuschheit deutlicher als
die Ehe, die Möglichkeit bietet, das zu tun, was dem Herrn
gefällt. Schließlich gehört die Ehe zum „Wesen dieser Welt“,
das vergeht. Der zweite Grund, warum Paulus die Keuschheit
der Ehe vorzieht, liegt darin, dass der Geist Christi im Leib der
Menschen wohnt und nur derjenige die Herrlichkeit Christi
erfahren wird, der seinen Leib nicht seiner sinnlichen Lust
opfert, sondern ihn heilig (keusch) hält.
Darum ruft Paulus die Christen auf: „Seid ihr in Christus
auferweckt, dann strebt nach dem, was im Himmel ist... Richtet
euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische!
Darum tötet, was irdisch an euch ist: die Unzucht, die
Schamlosigkeit, die bösen Begierden und die Habsucht, die ein
Götzendienst ist. All das zieht den Zorn Gottes nach sich.“ (Kol
3,1-6) Hieraus erklärt sich auch die Empfehlung des Apostels:

224
„Auch jene, die eine Frau haben, sollten so leben, als hätten sie
keine“ (1 Kor 7, 29) Auch jene, die verheiratet sind, sollten
also keusch leben. Dies heißt nicht, dass man seinem
Ehepartner die Liebe verweigert, denn die eheliche Liebe sollte
als Ausdruck der Liebe Christi verstanden werden. Die
Eheleute können weiterhin zusammen leben, sie müssen sich
nicht trennen, aber sie sollten, wenn sie keine Kinder mehr
zeugen wollen, keusch leben und nach dem Göttlichen streben,
um die Herrlichkeit Christi in sich zu entfalten. Aber Paulus
weiß auch, dass nicht jeder die Kraft oder den Willen hat,
enthaltsam zu leben. Darum empfiehlt er: „So sie aber sich
nicht mögen enthalten, so laß sie freien; es ist besser (zu)
freien, denn Brunst zu leiden.“ (1 Kor 7,9)
In den Briefen des Apostels Paulus an die Römer schreibt er:
„Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die
aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. Aber fleischlich
gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben
und Friede. Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen
Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist;
denn es vermag's auch nicht. Die aber fleischlich sind, können
Gott nicht gefallen.“ (Römer 8,5-8)
„Lasset uns ehrbar wandeln wie am Tag. Nicht in Fressen und
Saufen, nicht in Wollust und Unzucht, nicht in Hader und Neid,
sondern ziehet den Herrn Jesus Christus an und pflegt das
Fleisch nicht zur Erregung eurer Lüste.“ (Römer 13,14-14)
Auch beim Apostel Matthäus, dem Verfasser des
Matthäusevangeliums finden wir Hinweise auf die Keuschheit.
Matthäus war Zöllner und wurde von Jesus in den Kreis der 12
Apostel berufen. Den Namen Matthäus erhielt er von Jesus.
Sein ursprünglicher Name war Levi. Matthäus gilt in der
christlichen Tradition als der Verfasser des

225
Matthäusevangeliums. Der Überlieferung nach, zog sich
Matthäus im Jahr 42 n.Chr. nach dieser Arbeit nach Parthien
zurück, um das Evangelium zu verkünden. (Die Parther waren
ein antikes iranisches Volk und lebten südöstlich des
Kaspischen Meeres.) Andere Überlieferungen berichten, dass
er nach Äthiopien ging. Im 19. Kapitel des
Matthäusevangeliums ist zu lesen: Einige sind von Geburt an
zur Ehe unfähig; andere sind von Menschen zur Ehe unfähig
gemacht; und wieder andere haben sich selbst zur Ehe unfähig
gemacht, um des Himmelreichs willen. Wer es fassen kann, der
fasse es! (Matthäus 19,12)
Was will uns Matthäus mit dieser Bibelstelle sagen? Zunächst
einmal weißt er darauf hin, dass einige Menschen bereits von
Geburt an zeugungsunfähig sind. Es gibt Menschen, die durch
eine Krankheit von Geburt an zur Ehe unfähig sind. Menschen,
die dagegen von anderen zur Ehe unfähig gemacht wurden,
sind Menschen, die kastriert (beschnitten) wurden. In vielen
Kulturen ließen sich Männer kastrieren, um sich von sexuellen
Anfechtungen zu befreien. Doch gegen diese Praxis wandte
sich bereits Kirchenvater Hieronymus. Auf dem 1. Konzil von
Nicäa (325) und auf der Synode von Arles (452), wurden jene,
die sich selbst kastrierten, aus der Kirche ausgeschlossen. Der
Mensch habe nicht das Recht, einem sittlichen Kampf, den er
mit Gottes Hilfe bestehen und durch den er reifen könne, mit
dem Eingriff in seine körperliche Unversehrtheit
auszuweichen.

Die dritte Gruppe, die Matthäus anspricht, sind die Menschen,


die sich um des Himmelsreichs willen zur Ehe unfähig
gemacht haben. Es sind die Worte Jesus, die Matthäus hier
wiedergibt. Unter den Menschen, die sich selbst zur Ehe
unfähig gemacht haben, versteht man aber nicht Menschen, die

226
sich selbst kastrierten. Vielmehr sind es Männer und Frauen,
die in Keuschheit leben. Es sind also Menschen, die zwar
physisch zur Ehe fähig, die aber in einem Akt der Hingabe
(Gelöbnis, Zölibat) auf die Ehe, auf die Sexualität, verzichten,
um in das Himmelreich einzugehen. Wie man sich dieses
Himmelreich vorzustellen hat, kann man am besten den Worten
des Apostels Lukas entnehmen: „Denn sehet, das Reich Gottes
ist inwendig in euch.“ (Lukas 17,21) Um in dieses
Himmelreich zu gelangen, muss man also nicht bis nach dem
Tod warten, sondern jeder Mensch hat die Möglichkeit, dieses
Himmelreich bereits hier auf Erden zu verwirklichen.
Viele christliche, buddhistische, hinduistische und islamische
Heilige, Mönche, Nonnen, Priester, Wüstenväter, Yogis,
Schamanen, Sufis und selbst viele agnostische und atheistische
Menschen haben dieses „Himmelreich“ bereits zu Lebzeiten
verwirklicht. Eigentlich ist das Erreichen dieses Himmelreiches
ein physiologischer Vorgang, der an keine Religion und an
keinen Glauben gebunden ist. Dieses Himmelreich zeichnet
sich durch eine Seligkeit aus, die die Menschen, die es
verwirklicht haben, Tag und Nacht in Verzückung setzt. Diese
Seligkeit ist letzten Endes auf körpereigene Drogen
zurückzuführen. Da man in früheren Zeiten allerdings den
Zusammenhang der physiologischen Vorgänge mit dem
Zustand der Seligkeit nicht kannte, nahm man als Verursacher
dieser Seligkeit ein höheres Selbst, eine Gottheit an, die den
Menschen diese Seligkeit verlieh.
Vielfach verlegte man dieses Himmelreich auch ins Jenseits
und verknüpfte es mit einem entsprechenden Leben nach dem
Tode. Dies geschah auch im frühen Christentum. Die Christen
gingen davon aus, dass das Ende der Welt unmittelbar
bevorstand und das nur diejenigen ins Himmelreich eingehen
würden, die den Worten Jesus folgten. Mir gefällt diese

227
Interpretation des Himmelreichs allerdings weniger gut, weil
sie auf der Annahme beruht, der jüngste Tag stehe unmittelbar
bevor, was sich ja mittlerweile als falsch erwiesen hat.
Außerdem beruht sie auf der Annahme, es gäbe eine
Wiedergeburt (Reinkarnation), also ein Leben nach dem Tode,
was natürlich niemand wissen kann. Es stellt sich außerdem die
Frage, was wollen die Menschen denn wirklich? Wollen sie
nicht in Wirklichkeit bereits in diesem Leben von allem Leid
befreit sein und die Seligkeit des „Himmelreichs“ nicht bereits
in diesem Leben erfahren? Ich denke, dies ist der Fall. Und ich
denke, dieses ist möglich. Viele Heilige, Yogis und Erleuchtete
haben es uns vorgelebt. Schaut man sich die Vita dieser
Menschen an, dann erkennt man, dass sie alle die Keuschheit
praktizierten, denn in der Regel waren es Mönche, Nonnen,
Priester, Yogis etc. die dieses Ziel verwirklichten. Die
Keuschheit ist also eine wichtige Vorraussetzung, um dieses
„Himmelreich“ zu verwirklichen.
Im Kapitel 24 des Matthäusevangeliums mahnt Matthäus zur
Wachsamkeit. Das Kapitel schildert eine Situation, in der Jesus
zusammen mit seinen Jüngern den Tempel von Jerusalem
besucht, um sich anchließend mit ihnen auf den Ölberg zu
begeben. Als Jesus mit seinen Jüngern den Tempel besuchte,
prophezeite er ihnen, dass der Tempel eines Tages zerstört
werden würde: „Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein
Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde.“
Als Jesus dann mit seinen Jüngern auf dem Ölberg saß, fragten
ihn seine Jünger, wann das Ende der Welt sein wird. Jesus
erinnert zunächst an die Zeit der Sintflut11. Auch zu jener Zeit
waren die Menschen mit weltlichen Dingen beschäftigt. „Sie
aßen, sie tranken, sie freiten und ließen sich freien, bis an den
Tag, da Noah zu der Arche einging.“ Da sie mit lauter
weltlichen Dingen beschäftigt waren, achteten sie nicht auf die

228
Sintflut und ertranken in den Wassermassen. Darum warnte
Jesus sie, dass dies auch am jüngsten Tag so sein wird: „Aber
gleichwie es zur Zeit Noah's war, also wird auch sein die
Zukunft des Menschensohnes. Denn wenn der jüngste Tag da
ist, werden sie sich mehr ihren sinnlichen Begierden, statt dem
Herrn, zuwenden. Diejenigen aber, die das Abendmahl
verpassen, werden mit Heulen und Zähneklappern belohnt.“
(Matthäus 24,1-51)
11Die Sintflut wird im 1. Buch Mose (griechisch: Genesis) des
Alten Testaments als eine große weltumspannende
Flutkatastrophe mit anfänglich vierzigtägigem Dauerregen
beschrieben. Die Arche, die Noah (Noach) baute, war gemäß
dem Bibelbericht 133,5 Meter lang, 22,3 Meter breit und 13,4
Meter hoch. Auch das auf mindestens ca. 2800 v.Chr. datierte
altsumerische Gilgamesch-Epos berichtet von einer Flut. In
diesem Bericht, der höchstwahrscheinlich eine Vorlage für die
biblische Sintflut lieferte, erhält der göttlich auserwählte
Ziusudra vom babylonischen Gott Ea den Befehl, ein Schiff zu
bauen. Viele heutige Exegeten (Exegese = Bibelauslegung)
bestehen nicht auf einer Historizität der Genesistexte, sondern
weisen ihnen den Charakter eines Mythos zu, in dem sich
Glaubenserfahrung ausdrückt. Von römisch-katholischer oder
protestantisch-landeskirchlicher Seite wird eine
Geschichtlichkeit der Sintflut nicht als notwendiger Bestandteil
christlichen Glaubens angesehen. In Kreisen evangelikaler
Christen (evangelikalisch = reformiert, lutherisch, baptistisch,
methodistisch oder anglikanisch) gilt die Sintflut dagegen bis
heute als historisches Ereignis. Bereits 1869 hat Lüken in
großer Zahl außerbiblische Schilderungen von Völkern aus
verschiedensten Regionen der Erde zusammengetragen, die
auffällige Gemeinsamkeiten mit dem biblischen Sintflutbericht
aufweisen. 1925 veröffentlichte Riem 268 Sintflutberichte und

229
21 Regenbogensagen aus aller Welt und wertete diese aus. Er
kam dabei zum Ergebnis, dass einige der Überlieferungen so
viele Parallelen zum biblischen Bericht aufweisen, dass ein
unmittelbarer Zusammenhang bestehen muss. [48]
Im Lukas-Evangelium geht der Apostel Lukas auf dieselbe
Situation ein und beschreibt sie wie folgt: „Und wie es geschah
zu den Zeiten Noahs, so wird's auch geschehen in den Tagen
des Menschensohns: sie aßen, sie tranken, sie heirateten, sie
ließen sich heiraten bis zu dem Tag, an dem Noah in die Arche
ging und die Sintflut kam und brachte sie alle um. Ebenso, wie
es geschah zu den Zeiten Lots: Sie aßen, sie tranken, sie
kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bauten; an dem Tage
aber, als Lot aus Sodom ging, da regnete es Feuer und
Schwefel vom Himmel und brachte sie alle um. Auf diese
Weise wird's auch gehen an dem Tage, wenn der
Menschensohn wird offenbar werden.“ (Lukas 17,26-30)
Im Johannes-Evangelium lesen wir: „Liebt nicht die Welt und
was in der Welt ist! Wer die Welt liebt, hat die Liebe zum Vater
nicht. Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des
Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem
Besitz, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Die Welt und
ihre Begierde vergeht; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in
Ewigkeit.“ (1 Joh 2,15-17)
Im zweiten Petrusbrief, den Petrus kurz vor seinem Tode, also
im Jahre 66 oder 67 n.Chr., an verscheidene christliche
Gemeinden in Kleinasien schrieb, verurteilt er die Wollust:
„Der Herr weiß die Gottseligen aus der Versuchung zu erlösen,
die Ungerechten aber zu behalten zum Tage des Gerichts, sie
zu peinigen, allermeist aber die, so da wandeln nach dem
Fleisch in der unreinen Lust... Sie achten für Wollust, das
zeitliche Wohlleben, sie sind Schandflecken und Laster... Sie

230
haben Augen voll Ehebruchs, lassen sich die Sünde nicht
wehren... Sie haben verlassen den richtigen Weg und gehen
irre... Das sind Brunnen ohne Wasser, und Wolken, vom
Windwirbel umgetrieben, welchen (vor)behalten ist eine
dunkle Finsternis in Ewigkeit. Denn sie reden stolze Worte,
dahinter nichts ist, und reizen durch Unzucht zur fleischlichen
Lust... und verheißen Freiheit, ob sie wohl selbst Knechte des
Verderbens sind.“ Petrus sagt, solche Menschen leben nach
dem Sprichwort: „Der Hund frißt wieder, was er gespieen hat;“
und: „Die Sau wälzt sich nach der Schwemme (nach dem
Waschen) wieder im Kot.“ (2. Petrus 2,12-22)
Die Erwähnung der Keuschheit im Neuen Testament geht also
weit über die Erwähnung im Alten Testament hinaus. Jede
Form von Keuschheit steht im Neuen Testament im gleißenden
Licht, das vom Gedanken der Jungfräulichkeit (Keuschheit)
und der Hoffnung auf das Himmelreich ausgeht.
16.1 Die Keuschheit im Urchristentum Top

Das Urchristentum bezeichnet die Zeit vom Tod Jesus um 30


oder 33 n. Chr. bis zur Veröffentlichung der vier kanonischen
Evangelien zwischen 70 und 130 n.Chr. Diese
Entstehungsphase umfasst in etwa jenen Zeitraum, den auch
die Apostelgeschichte (Apg) des Lukas beschreibt. In dieser
Apostelgeschichte nimmt der Apostel Paulus eine zentrale
Rolle ein. Die erste christliche Gemeinde wurde in Jerusalem
gegründet. Der Apostelgeschichte zufolge konnten die Christen
ihre Botschaft anfangs frei und unbehelligt verkünden, sogar
im Tempel von Jerusalem. (Apg 2,14 ff) Auch Pontius Pilatus,
der Statthalter des römischen Kaisers Tiberius in der Provinz
Judäa, verfolgte sie nach dem Tod Jesus nicht weiter. Nachdem
die Christen allerdings begannen, ihren Glauben in die Welt
hinauszutragen und damit sowohl in Antiochia, Zypern und

231
Athen, selbst in Rom großen Erfolg hatten, regte sich von
jüdischer Seite und von Seiten der römischen Besatzungsmacht
Widerstand gegen das Christentum. Der jüdische Sanhedrin,
die oberste jüdische religiöse, richterliche und politische
Instanz, der bereits Jesus an den römischen Statthalter Pontius
Pilatus ausgeliefert hatte, ließ einige Apostel festnehmen und
verhören. Um 36 n. Chr. wurde der Diakon (Gemeindeleiter)
der Jerusalemer Urgemeinde, Stephanus, wegen seines
Glaubensbekenntnisses zu Jesus vom jüdischen Sanhedrin zum
Tode durch Steinigung verurteilt. Er starb damit als erster
Christ den Märtyrertod. (Apg 6,8 - 7,60) Im Auftrag der
Sadduzäer, die die größte Kraft im Sanhedrin darstellten, soll
der spätere Apostel Paulus seine Steinigung beaufsichtigt und
danach eine große Verfolgung der Jerusalemer Urchristen
eingeleitet haben.

Dieser kurze Einblick in die Geschichte des Urchristentums


soll erst einmal genügen. Nun möchte ich mich etwas
ausführlicher mit dem Leben der Apostel beschäftigen. Im
Mittelpunkt soll dabei die Einstellung der Apostel zur
Keuschheit stehen. Dass Jesus selbst die Keuschheit empfahl,
ist uns durch das Matthäus-Evangelium (Matthäus 19,12)
bekannt. Auch der Apostel Johannes, der Lieblingsjüger Jesus,
verkündete die Keuschheit: „Habt nicht lieb die Welt noch was
in der Welt ist. So jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die
Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist: des Fleisches
Lust und der Augen Lust und hoffärtiges (hochmütiges) Leben,
ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt
vergeht mit ihrer Lust. Wer aber den Willen Gottes tut, der
bleibt in Ewigkeit.” (1 Joh 2,15-17) Der Heilige Augustinus
von Hippo (354-430), Philosoph und Kirchenlehrer, schreibt
über den Apostel Johannes: „Die seltene Schöne seiner

232
Keuschheit, machte ihn der Vorliebe würdig, weil er den
jungfräulichen Stand gewählt und auch darin verharrte.” Der
Heilige Hieronymus bemerkt über Johannes: „Alle Gnaden,
womit ihn Gott überhäufte, waren der Lohn seiner Keuschheit.
Diese Tugend erwarb ihm den hohen Vorzug, daß Jesus, am
Kreuze hangend, ihm seine Mutter anvertraute. (Johannes
19,26-27: „Da nun Jesus seine Mutter sah und den Jünger
dabeistehen, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Weib,
siehe, das ist dein Sohn! Darnach spricht er zu dem Jünger:
Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie
der Jünger zu sich.”) Wer sollte da noch zweifeln, daß die
Keuschheit die Lieblingstugend Jesu ist?”

Auch der Apostel Petrus rügt die, die „da wandeln nach dem
Fleisch in unreiner Lust” (2 Petrus 2,10) und verurteilt die
Wollust. Der Apostel Thomas ist einer der zwölf Apostel, die
Jesus drei Jahre lang begleiteten. Auch er predigte die
Keuschheit. Vom Apostel Thomas wird gesagt, er sei der
Bruder Jesus gewesen und hätte das Evangelium sogar in
Indien verbreitet. Auf seiner Missionreise in Indien verglich er
das Wort Gottes mit einem Trank, der „den Willen von allen
fleischlichen Begierden heilt”. Im Thomasevangelium lesen
wir: Jesus sagte: „Erbärmlich ist der Körper, der an einem
Körper hängt. Erbärmlich ist die Seele, die an ihnen beiden
hängt.“ Vom Apostel Paulus wissen wir bereits, wie sehr er sich
für die Keuschheit aussprach. Wie wir gleich sehen, predigte
auch der Apostel Andreas, der Bruder des Apostels Simon
Petrus, die Keuschheit.

Im Markusevangelium predigt Jesus das Gleichnis vom


Sämann: „Und etliches fiel auf ein gutes Land und brachte
Frucht, die da zunahm und wuchs; etliches trug dreißigfältig

233
und etliches sechzigfältig und etliches hundertfältig. Und er
sprach zu ihnen: Wer Ohren hat, zu hören, der höre!” Es ist
interessant, wie Martin Luther dieses Gleichnis in seiner
Bibelauslegung interpretiert. Martin Luther schreibt: „Die
hundertfältige Frucht bedeutet die Keuschheit der
Jungfrauschaft, die sechzigfältige die Keuschheit der
Witwenschaft, die dreißigfältige Frucht die Keuschheit der
Ehe. Die Keuschheit ist ja eigentlich die Haupttugend des
Evangeliums, denn was will das Wort Gottes anders als
Abtötung des Fleisches? Daran hangen alle Zweifel, alle
Tugenden, wenn einmal die Wurzel des Gelüsts hinweg ist.
Denn nichts ist förderlicher zu aller Tugend als Keuschheit und
nichts ist hinderlicher als Gelüsten; denn wer von eigenen
Fleisch angestachelt wird, wie soll man hoffen, dass der am
fremden Fleisch und Geist großes leiste.“ [35] Martin Luther
schätzt die lebenslange Keuschheit der Jungfrauen (und
Jungmänner) höher ein, als die Keuschheit der Witwen (und
Witwer). Mit der Keuschheit der Ehe meint er womöglich die
Treue der Ehemänner und Ehefrauen.

So wie es aussieht, lebten Jesus und seine Jünger in


Keuschheit. Sie inspirierten die Urchristen wahrscheinlich
ebenso wie die Essener und Therapeuten, die zur gleichen Zeit
in Israel und Ägypten lebten. Eines dieser frühen Zeugnisse der
Urchristen ist die Didache (Die Lehre der zwölf Apostel.). Es
ist die älteste Gemeindeordnung, die in den Jahren 80 bis 120
n. Chr. entstand. Diese und andere Texte zeigen, dass das
Urchristentum sich an einer Ethik orientierte, die ab dem
dritten Jahrhundert in der offiziellen Kirche verloren ging. So
lesen wir im 1. Kapitel des Didache: „Enthalte dich der
fleischlichen und körperlichen Begierden.” Im 2. Kapitel lesen
wir: „Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst

234
nicht Knaben schänden, du sollst nicht huren, du sollst nicht
stehlen, du sollst nicht Zauberei treiben, du sollst nicht Gift
mischen, du sollst nicht ein Kind durch Abtreibung morden,
und du sollst das Neugeborene nicht töten.” Das Didache
lehnte den Reichtum der Urchristen kompromisslos ab und
empfahl stattdessen Gütergemeinschaften, die oft mit einem
Liebeskommunismus bezeichnet wurden. (Apg 2,44-47;
4,32-37) Die Urchristen lehnten jeden Militärdienst mit dem
Hinweis auf die Bergpredigt Jesus ab (Matthäus 5,21: „Du
sollst nicht töten.”) Ebenso lehnten sie jeden Eid mit dem
Hinweis auf die Bergpredigt ab, der ja normalerweise bei der
militärischen Vereidigung abgelegt werden muss. (Matthäus
5,34: „Ich aber sage euch, daß ihr überhaupt nicht schwören
sollt.”) Die Urchristen lehnten außerdem das Töten von Tieren
ab und ernährten sich somit rein vegetarisch. [36]

Das Keuschheitsideal des Urchristentum führt dazu, dass


insbesondere immer mehr Frauen sich der irdischen Sexualität
verweigern und eine himmlische Hochzeit mit Jesus als
himmlischen Bräutigam eingehen, dem sie die sexuelle Treue
halten. Damit wird jede sexuelle Tätigkeit als Treuebruch
gegenüber Gott betrachtet. Es wird zwar nicht bestritten, dass
auch die irdische Hochzeit Licht und Freude ermöglicht. Das
Glück einer irdischen Hochzeit währt allerdings nur kurze Zeit,
während die himmlische Hochzeit ewig währt. Jesus wird als
der wahre Bräutigam betrachtet, der unsterblich ist. Die
himmlische Hochzeit schließt sexuelle Aktivitäten auf Erden
aus. Dies führt dazu, dass die Männer und Frauen des
Urchristentums in Keuschheit leben. Auch Paare, die bereits
verheiratet sind, entschließen sich nachträglich, enthaltsam zu
leben. Die Hochzeit wird insgesamt in einen fundamentalen
Dualismus zwischen irdisch-vergänglicher und leiblich-

235
sexueller Beziehung auf der einen Seite und himmlisch-
unvergänglicher und geistig-asexueller Beziehung auf der
anderen Seite eingeordnet.

Auch die Predigten über die Keuschheit in der Urkirche führten


dazu, dass sich verschiedene Frauen dem sexuellen Verkehr mit
ihren Männern verweigerten oder sich von ihnen trennten, weil
sie rein und unberührt Gott dienen wollten. Dies führte
schliesslich zu einem Aufstand in Rom, in dessen Folge der
Apostel Petrus zunächst flieht, dann aber zurückkehrt und im
Zirkus des Kaiser Nero wie Jesus gekreuzigt wird. Vielfach
war die Keuschheit also eine unmittelbare Folge der
Evangeliumspredigten, in denen die Bewahrung der
Jungfräulichkeit (diese gilt auch für Männer) immer wieder
betont wurde. Die führte mitunter zur Eheverweigerung
verheirateter Männer und Frauen.

Auch das Martyrium des Apostels Andreas wird mit einer


Enthaltsamkeitsgeschichte in Zusammenhang gebracht.
Maximilla, die Ehefrau des Statthalters von Patras
(Griechenland), Aegeates, verpflichtet sich zu sexueller
Enthaltsamkeit und wird darin von Andreas unterstützt. Um die
Keuschheit zu bewahren, greift Maximilia zu einer List. Sie
heuert die junge und gutaussehende Sklavin Euklidia an, um
ihr in ihren Ehenöten zu helfen. Euklidia soll Maximilla sexuell
bei ihrem Mann vertreten und dafür alles erhalten, was sie sich
wünscht. Der Betrug fliegt nach einigen Monaten auf und es
kommt zu einem Prozess gegen den Apostel Andreas, der als
Anstifter dieser Ehekrise angesehen wird. Der betrogene
Ehemann Aegeates bietet seiner Frau die Freilasung des
Apostels an, falls sie das eheliche Leben mit ihm wieder
aufnimmt. Andreas bestärkt jedoch Maximilla in einer langen

236
Rede, sich der Verlockung des geschlechtlichen Verkehrs zu
widersetzen. Dabei sagt er zu Maximilla: „Für dich gilt es nun,
unbefleckt, rein, heilig, keusch, nicht ehebrecherisch, nicht
bereit zum Verkehr mit dem Fremden, standhaft und
ungebrochen zu bewahren.” [34] Der Apostel Andreas
betrachtet die sexuelle Vereinigung als einen Verkehr mit einem
Fremden, als Vereinigung mit der Welt der Sünde. Nach dem
Prozess ließ der Statthalter Andreas geißeln und zu besonderer
Pein und einen langsamem Tod an ein X-förmiges Kreuz
binden. Zwei lange Tage hängend, predigte Andreas dem Volk.
Der Statthalter verhöhnte ihn, wurde daraufhin aber vom
Wahnsinn geschlagen und starb, ehe er sein Haus wieder
erreichte. Maximilla ließ Andreas mit großen Ehren bestatten.

17. Die Physiologie der Meditation Top

Ob wir uns gut fühlen oder nicht, ist im wesentlichen ein Spiel
der Neurotransmitter, der Hormone. Ob dabei irgendeine
höhere Intelligenz, ein Gott, dabei seine Hände im Spiel hat,
weiß niemand. In dem Moment allerdings wo die Menschen in
großer Not sind und keinen Ausweg mehr sehen, wenden sich
viele Menschen an Gott. Buddha dagegen hat die Frage nach
einem höheren Selbst, nach einem Gott, offen gelassen. Dies ist
für mich die einzig zulässige Antwort, da niemand die Existenz
eines höheren Selbst beweisen kann. Der Philosoph Prof. Dr.
Kurt Leider schreibt in seinem Buch „Buddha - Leben, Lehre,
Jüngerschar” über Buddhas Vorstellungen des höheren
Selbstes: „Nirgends ist nach Buddha ein Atman, eine Seele, ein
Selbst, ein Ich, als letzte Realität hinter den Erscheinungen zu
finden, sondern was wir „Selbst” und „Ich” nennen, ist nichts
anderes als ein bloßes Vorstellungsbündel, dass auf die fünf
Kategorien, Gestalt, Gefühl, Wahrnehmung, Bewusstsein und

237
Phantasie des erscheinungsweltlichen Auffassens
zustandekommt. Dass die Menschen an einer realen
Seinsvorstellung verhaftet sind, ist ein Fluch und aller
leidvollen Existenz Stachel. Wir können weder sagen, dass es
einen Atman, eine Seele, ein Selbst, gibt, noch dass es einen
Atman, eine Seele, ein Selbst, nicht gibt.” Genauso, wie
Buddha es ablehnte, einen philosophischen Streit über die
zeitliche und räumliche Endlichkeit bzw. Unendlichkeit des
Universums zu führen, weigerte er sich, Aussagen über die
Existenz bzw. Nichtexistenz der Seele zu formulieren. Ihm kam
es im wesentlichen auf die Befreiung vom Leid an und zwar im
jetzigen Leben. Das war alles, was für Buddha zählte. Warum
sollte er sich also Gedanken über die Existenz einer Seele bzw.
eines höheren Selbstes machen?

Der Mensch produziert körpereigene Drogen: beispielsweise


schmerzstillende, morphinähnliche Stoffe (Endorphine),
angstlösende, valiumähnliche Substanzen (das sog.
Endovalium), LSD-ähnliche endogene Drogen, anregend und
wachmachende Neurohormone (z.B. Noradrenalin) oder
phantasiefördernde Transmittermoleküle (z. B. Dopamin). Von
den Neuropeptiden seien hier nur einmal die endogenen
Opiate, die körpereigenen Drogen (Glückshormone) erwähnt,
zu denen die Endorphine und die Enkephaline gehören. Sie
hemmen die Schmerzwahrnehmung und schütten in Trance
Betaendorphin aus. Dieses Opiat kann ein überwältigendes
Gefühl von Freude, eine Euphorie erzeugen und ist
möglicherweise für die „Süße” des religiösen Erlebnisses (der
Erleuchtung) verantwortlich, von der die Mystiker immer
wieder berichteten.

Die Betroffenen haben das Gefühl einer göttlichen Gegenwart

238
und verfallen teilweise in Ekstase. Auch Lichteindrücke und
akustische Wahrnehmungen sind denkbar. Dies sind
Phänomene, wie sie auch viele Religionsstifter oder stark
religiöse Persönlichkeiten der Geschichte beschrieben. So hatte
der spätere Apostel Paulus beispielsweise eine
Lichterscheinung und hörte die Stimme Jesu. Mohammed ließ
sich den Koran vom Erzengel Gabriel diktieren. Auch die
französische Nationalheldin Jeanne d'Arc, die 1431 im Alter
von 19 Jahren auf Befehl des englischen Königs auf dem
Marktplatz von Rouen in Nordfrankreich auf einem
Scheiterhaufen verbrannt wurde, handelte auf Befehl einer
göttlichen Stimme. Sie hatte ihre ersten Visionen bereits mit 13
Jahren. Damals soll ihr die Heilige Katharina von Alexandrien,
die sich als geweihte Jungfrau Christus versprochen hatte und
im 4. Jahrhundert unter dem römischen Kaiser Maximian den
Märtyrertod fand, erschienen sein, später kamen der Erzengel
Michael und die Heilige Margareta von Antiochia, die um 305
n.Chr. ebenfalls als Märtyrerin starb, hinzu. Von ihnen glaubte
sie den Befehl erhalten zu haben, Frankreich von den
Engländern zu befreien und den Dauphin (den Thronerben des
Königs von Frankreich) zum Thron zu führen. Der bekannte
Yogi Yogananda berichtet davon, Jesus gesehen zu haben:
„Eines Nachts, als ich in der Einsiedelei zu Encinitas (USA)
saß und schweigend betete, wurde mein Wohnzimmer von
einem opalblauen Licht erfüllt, und ich erblickte die strahlende
Gestalt des Herrn Jesus.”

Auch von Ramana Maharshi ist ein übernatürliches Erlebnis


bekannt. Gabriele Ebert schildert es in ihrem Buch „Ramana
Maharshi und seine Schüler”. Dort schreibt sie: „Ich legte mich
hin, war aber wach. Ich spürte plötzlich, wie mein Körper
höher und immer höher getragen wurde, bis alle Gegenstände

239
verschwanden und alles um mich her ein allumfassendes
weißes Lichts war. Dann senkte sich mein Körper plötzlich
wieder und verschiedene Gegenstände wurden sichtbar. ... Mir
kam der Gedanke, dass ich in Tiruvottiyur sei (wo sich sein
Schüler, der Sanskritdichter Ganapa Muti aufhielt). Ich ging
eine Hauptstraße entlang. Auf der einen Seite lag in einiger
Entfernung der Ganapati-Tempel. Ich ging hinein und sagte
etwas, aber ich kann mich nicht erinnern, was ich sagte oder
tat. Dann kam ich plötzlich zu mir und fand mich in der
Virupaksha-Höhle liegen.“

Zur gleichen Zeit hatte Ganapati Muni, folgendes Erlebnis: Er


zog sich stets zu spirituellen Übungen in den Ganapati-Tempel
zurück. Am 18. Tag seines Tapas (seiner Meditation) sah er in
einer Vision den Maharshi, der plötzlich hereinkam und sich
neben ihn setzte. Verwundert wollte er aufstehen. Aber Sri
Ramana legte die Hand auf seinen Kopf und ein starker
Energiefluss strömte in seinen Körper.

Der indische Neurologe Vilayanur Ramachandran, Professor


für Psychologie und Neurowissenschaften an der University of
California, San Diego, hat die neuronale Grundlage für
religiöse Erfahrungen aufgrund eigener Untersuchungen in den
Schläfenlappen geortet. Seine Forschungsergebnisse legen
nahe, dass religiöse Erfahrungen von der Aktivität der
Schläfenlappen abhängen. Die Tatsache, dass dieses Hirngebiet
auch für die Sprachwahrnehmung von Bedeutung ist, könnte
zudem mit erklären, warum bei religiösen Visionen häufig das
Hören der Stimme Gottes auftritt. Gerade im Zustand
reduzierter äusserer Reizeinflüsse, was man in
Meditationsübungen oder im Gebet üblicherweise anstrebt,
wird eine folgenschwere Fehlinterpretation des Gehirns

240
wahrscheinlich: Der innere gedankliche Dialog, den wir
fortwährend mit uns selbst führen, kann plötzlich als von
aussen kommende Stimme erlebt werden. Das Hirn täuscht
sich bei der Lokalisation der Sprachquelle. Dies allerdings
rückt das visionäre Vernehmen göttlicher Botschaften in
gefährliche Nähe zu den Psychosen, sind doch gerade
akustische Halluzinationen ein zentrales Charakteristikum von
Schizophrenien. Ob ein mit göttlichen Botschaften Erleuchteter
nun als auserwählter Prophet verehrt oder psychiatrisch mit
Neuroleptika behandelt wird, dürfte weitgehend von den
soziokulturellen Begleitumständen abhängen. Tatsächlich ist
das Auftreten religiöser Wahnvorstellungen einer der
häufigsten Gründe für die Einweisung in eine psychiatrische
Klinik.

Einige religiöse Prominente der Kirchengeschichte stehen unter


dem Verdacht, ihre göttlichen Visionen im Neuronengewitter
epileptischer Anfälle halluziniert zu haben: Johanna von
Orléans (Jeanne d'Arc), Apostel Paulus oder die heilige Teresa
von Avila. Dazu gibt es wichtige Hinweise aus den Biografien.
Gesicherte postume Diagnosen sind aufgrund der lückenhaften
Datenlage selbstverständlich nicht zu stellen. Gut möglich,
dass Apostel Paulus die Epilepsie meinte, wenn er von seinem
„Pfahl im Fleisch” redete (2 Kor 12,7), an dem er leide. Seine
Beschreibung der Begegnung mit dem auferstandenen Christus
vor Damaskus mit Lichterscheinungen und dem Vernehmen der
Stimme Jesu gäbe ein geradezu klassisches Beispiel für einen
Schläfenlappen-Anfall, sind doch sensorische Störungen wie
Lichteindrücke und akustische Halluzinationen typisch für
diese Epilepsieform. Vielleicht entstehen die optischen und
akustischen (religiösen) Visionen aber nicht nur bei
epileptischen Anfällen, sondern vielleicht werden sie bei

241
fortgeschrittenen spirituellen Menschen auch durch die
kontemplative bzw. meditative Praxis hervorgerufen.

Zweifellos gehört die Gotteserfahrung in einem epileptischen


Anfall zu den existenziellsten Erfahrungen, die ein Mensch
machen kann. Der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski,
selbst nachgewiesenermassen Schläfenlappen-Epileptiker, lässt
uns durch eine seiner Romanfiguren an einem solchen Anfall
teilhaben: „Die Luft ist erfüllt mit grossem Lärm und ich
dachte, ich würde verschlungen. Ich habe wahrhaftig Gott
berührt. Er kam in mich, in mich selbst hinein. Ja, Gott
existiert, schrie ich und ich erinnere mich an gar nichts anderes.
All ihr gesunden Leute könnt euch das Glück nicht vorstellen,
das wir Epileptiker in der Sekunde vor dem Anfall erleben. Ich
weiss nicht ob diese Glückseligkeit Sekunden, Stunden oder
Monate dauert, aber glaube mir, nicht für alle Freuden, die das
Leben bringt, würde ich diese eintauschen.” [41]

Sehr viele Meditationstechniken wie das autogene Training


konzentrieren sich auf den Bauchraum, auf das
Sonnengeflecht. Trance scheint sich somit biochemisch nicht
nur im Kopf, sondern auch (vielleicht vor allem) im Bauch
abzuspielen. Neu ist die Erkenntnis, dass die größte Menge des
„Glückhormons” Serotonin in den Neuronen des
Gastrointestinalraumes (des Bauchraums) gebildet wird. Dieses
überaus angenehme Glücksgefühl, geht mit einem „Kribbeln
im Bauch” einher und hat somit eine biochemische Ursache.
Auch die intensive Beschäftigung mit der Religion, etwa durch
Beten, hat Einfluss auf die Atmung und über die erhöhte
Sauerstoffzufuhr auch auf das Gehirn. Schaut man sich etwa
die frühchristlichen Meditationsformen an, dann unterscheiden
sie sich eigentlichen nicht von der

242
buddhistischen/hinduistischen Meditation. Das frühchristliche
Ruhegebet zeichnet sich dadurch aus, dass der Betende auf
alles bewusstes Denken verzichtet und sich durch das
Wiederholen einer einfachen Gebetsformel immer wieder auf
das Gebet zurückbesinnt und abschweifende Gedanken ziehen
lässt. Der christliche Priester, Mönch, Abt und Schriftsteller
Johannes Cassian(us) (360 - 435 n.Chr.) hat diese Form des
Betens vor allem bei den Wüstenvätern in der ägyptischen
Wüste erlernt. Das Herzensgebet, auch Jesusgebet genannt, ist
ein besonders in der Orthodoxen Kirche weit verbreitetes
Gebet, bei dem ununterbrochen der Name Jesu Christi
angerufen wird. Damit soll der Aufforderung „Betet ohne
Unterlass!“ (1.Thessalonicher 5,17) des Apostels Paulus
genüge getan werden. Es gibt keinen einheitlichen Gebetstext.
Stets wird der Name Jesu angerufen. Die einfachsten
Formulierungen lauten: „Herr Jesus Christus“, „Jesus
Christus“, „Jesus“ oder „Christus Jesus“. Dabei soll sich der
Betende auf das jeweilige Wort (Mantra) konzentrieren und es
im Rhythmus der Atmung oder den Herzschlags immer wieder
still vor sich hersagen.
Das British Medical Journal berichtete von einer Studie der
Universität Pavia, bei der herausgefunden wurde, dass sich die
Einübung eines Mantras positiv auf das Herz-Kreislauf-System
ausübt. Durch den gleichbleibenden Gebetsrhythmus reduziert
sich die Atemfrequenz auf etwa sechs Atmungen in der Minute.
Konzentration und innere Ruhe werden gefördert. Auch das
Beten kann also einen Heilungsprozess anregen. Dabei entfaltet
sich die heilende Wirkung allerdings nicht durch Gott, wie
manche Gläubige meinen, sondern durch die Beeinflussung der
Physiologie des Betenden.

243
17.1 Was geschieht währ. der Meditation im Gehirn? Top

Die mystische Erfahrung, der Verbindung zu Gott, die


Erfahrung des absoluten Seins, das Verschmelzen der
individuellen Seele mit dem Unvergänglichen, ist in allen
Religionen bekannt. In jüngster Zeit haben Neurologen sowohl
betende Nonnen als auch meditierende Mönche untersucht, um
die Vorgänge, die als Unio mystica, als Einssein mit dem
Kosmos, als ekstatische Verbindung zu Gott, betrachtet
werden, besser zu verstehen. Dabei hat man festgestellt, dass
im Gehirn zweierlei geschieht. Zum einen findet im vorderen
Bereich des Gehirns, im Stirnbereich, in dem sensorische
Signale (Sinneseindrücke) empfangen und verarbeitet werden,
kognitive Prozesse (mentale, geistige, intellektuelle Prozesse,
Denken) stattfinden und psychische und bewusstseinsbildende
Funktionen verarbeitet und neuronalen Regelkreise gesteuert
werden, ein eindeutiger Aktivitätsanstieg stattfindet.

Dagegen findet im Parietallappen (Scheitellappen – etwa von


der Kopfmitte bis zum oberen Hinterkopf), der neben dem
Sehen, Fühlen, Riechen und der Sprache, für die räumliche
Wahrnehmung, für Zeitabläufe, das Körperempfinden, die Ich-
Identität zuständig ist, eine Verminderung der Gehirnaktivität
stattfindet. Durch die Abnahme der Gehirnaktivität im
Scheitellappen verlieren die Meditierenden oder Betenden den
Sinn für das Selbst, die Ich-Identität und erfahren sehr oft ein
Gefühl von Raum- und Zeitlosigkeit. Der Scheitellappen
scheint am Höhepunkt der Meditation immer weniger mit Blut
versorgt zu werden. Er wird sozusagen abgeschaltet. Der
Scheitellappen gibt uns Orientierung in Raum und Zeit und
verleiht uns ein Gefühl für unseren Körper. Wird dieses Areal
still gelegt, können wir nicht mehr zwischen unserem Körper

244
und der äußeren Welt unterscheiden. Es entsteht der Eindruck,
als würden wir mit der Welt verschmelzen. Dieses Gefühl spielt
bei vielen Religionen eine entscheidende Rolle.

Der amerikanische Hirnforscher und Religionswissenschaftler


Andrew Newberg hat an der University of Pennsylvania mit
einer radioaktiven Markierungssubstanz und einem speziellen
Computertomografen die neurophysiologischen Auswirkungen
zweier traditionsreicher spiritueller Praktiken auf die
Hirnaktivität sichtbar gemacht und ist dabei auf interessante
Befunde gestoßen. Sowohl bei meditierenden tibetanischen
Buddhisten im Zustand des „Einsseins mit dem Kosmos“ wie
auch bei tief im Gebet versunkenen Franziskanernonnen ging
die Durchblutung des Scheitellappens drastisch zurück. Ein
Hirnareal, das sonst unentwegt rattert, verstummt in der Stille
der Versenkung. Das stoppt nach Aussage des Wissenschaftlers
den Zufluss von Informationen aus dem Hippocampus, einer
tiefliegenden Hirnstruktur, in den Scheitellappen. Im
„Orientierungsfeld“, ein Bereich der für das Gefühl von Raum
und Zeit verantwortlich ist, sinkt dadurch die Aktivität. Die
Blockierung dieses Bereichs führt nach Ansicht von Newberg
zum Empfinden der Raum- und Zeitlosigkeit in der meditativen
Versenkung. Dies ist insofern bedeutsam, da in diesem
Hirngebiet normalerweise Informationen über Zeitabläufe und
räumliche Orientierung verarbeitet werden. Aufgrund der
Reizblockade im oberen Teil des Scheitellappens wäre es somit
durchaus erklärbar, dass sich das subjektive Erleben bei der
spirituellen Versenkung gänzlich in der Raum- und
Zeitlosigkeit verliert. In derartigen Transzendenzzustände
meint der spirituell Entgrenzte, die Unendlichkeit in
Erhabenheit zu berühren. Durch den Verlust für das Gefühl von
Raum und Zeit, entsteht außerdem das Gefühl der „Leere“, von

245
der oft im Zen-Buddhismus die Rede ist.

Franziskanerschwester Celeste, eine der


Versuchsteilnehmerinnen in der Studie des Neurologen
Newberg, erklärte dem Nachrichtenmagazin Newsweek, was
sie während ihres dreiviertelstündigen Gebets vor der
Tomografiemessung empfand: „Ich fühlte Einkehr, Frieden,
Offenheit zur Erfahrung. Da war eine Bewusstheit und eine
Empfindsamkeit für die Anwesenheit Gottes um mich herum.
Und ein Gefühl der Zentriertheit, der Ruhe, des Nichts; aber
auch Momente der Fülle der Anwesenheit Gottes. Gott hat
mein Sein durchdrungen.“ Da buddhistische
Meditationsmeister und Franziskanernonnen gemäss der
Newberg-Studie in hirnphysiologisch vergleichbaren
Endzuständen landen, scheint es für das Hirn also keinen
Unterschied zu machen, woran wir glauben.

18. Die Ernährung des Brahmachari Top

Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen der Ernährung


und dem sexuellen Verlangen. Manche Nahrungsmittel steigern
das sexuelle Begehren, andere dagegen lassen es eher
abklingen. Der Brahmachari bedenkt deshalb auch der
physiologischen Wirkung der Nahrung auf den Körper und die
Gefühle. Fleisch macht den Menschen unsensibel, regt die
sinnlichen Leidenschaften an und macht den Verstand träge.
Deshalb sagte Swami Sivananda einmal: „Ein Fleischesser
kann weder ein Philosoph noch ein Weiser sein. Sein Verstand
ist derart dumpf, daß er weder die Probleme dieser noch der
anderen Welt lösen kann.“ Bei einer anderen Gelegenheit sagte
er: „Fleisch kann aus dir einen Wissenschaftler, aber keinen
Philosophen, keinen Weisen, machen.“ Vegetarische Ernährung

246
dagegen fördert die geistige Konzentration, Flexibilität und
Aufgeschlossenheit in hohem Maße. Sie schenkt dem
Brahmachari eine größere Vitalität, Gesundheit und
Zufriedenheit, als fleischliche Kost. Aber nicht nur auf Fleisch
sollte der Brahmachari verzichten. Es gibt weitere Lebens- und
Genussmittel, die der Brahmachari meiden sollte, weil sie die
Leidenschaften entfachen und sich nachteilig für das
Wohlbefinden auswirken. Zu diesen Lebens- und Genussmiteln
gehören: Fisch, Geflügel, Zwiebeln, Knoblauch, Salz,
Schwarzer Tee, Kaffee, Tabak, Alkohol und Zucker. Aber auch
von scharfen Gewürzen sollte der Brahmachari Abstand
nehmen.

Swami Sivananda warnte wiederholt vor dem Genuss von Salz.


So sagte er in seinem Buch „Practice of Brahmacharya“ im 18.
Kapitel (Forbidden Food = Verbote Nahrung): „Zwiebeln und
Knoblauch sind schlimmer als Fleisch. Salz ist der schlimmste
Feind. Zu viel Salz regt die Leidenschaft an. Viele
Lebensmittel enthalten Salz. Selbst wenn du kein Salz nimmst,
holt der Körper sich das notwendige Salz von anderen
Lebensmitteln. Der Verzicht auf Salz hilft dir, deinen Gaumen
zu kontrollieren. Dadurch kannst du besser deinen Verstand
und deine Sinne kontrollieren.“ Die salzarme Diät gilt aber in
erster Linie für Menschen, die keine eiweißreiche Kost
(Fleisch, Fisch, Geflügel) zu sich nehmen. Sobald man jedoch
auch als Vegetarier zusätzliche eiweißreiche Lebensmittel, wie
Getreide, Nüsse, Milch, Eier, Käse, Linsen, Vollkornbrot und
Ölsamen, zu sich nimmt, würde man mehr oder weniger starke
Verdauungsbeschwerden bekommen, wenn man kein
zusätzliches Salz zu sich nimmt. Man deckt diesen zusätzlichen
Salzbedarf am besten mit Himalayasalz, da im Himalayasalz,
im Gegensatz zum reffinierten Salz, noch alle Mineralien,

247
Vitamine und Spurenelememte enthalten sein sollen.

Die Nahrung sollte einen hohen Anteil an Rohkost beinhalten.


In der Rohkost bleiben die Enzyme, Spurenelemente und vor
allem die hitzeempfindlichen Vitamine, die sonst beim Kochen
verringert oder gar zerstört werden, erhalten. Manche sagen
sogar, der Anteil an Rohkost solle in der Nahrung überwiegen.
Man bedenke, dass der Mensch, bevor er das Feuer entdeckte
und begann sein Essen zu kochen, sich als reiner Rohköstler
ernährte. Deshalb sagen Rohkostbefürworter, dass der
menschliche Körper, der sich viele Millionen Jahre
überwiegend von der Rohkost ernährte, sich im Laufe der
Evolution noch nicht ausreichend an die gekochten
Lebensmittel gewöhnen konnte. Unsere nächsten
Artverwandten, die Menschenaffen, ernähren sich auch heute
noch zu 52% von Früchten und Beeren, zu 35 % von Blättern,
Wildpflanzen und Sprossen, zu 7 % von Wurzeln, Samen,
Rinden und Gallen, zu 5 % von Blüten und zu 1% von
Kleingetier und Insekten. Ihr Fleischanteil beträgt also gerade
einmal ein Prozent. Ausserdem wird ein Teil der Kleintiere und
Insekten, die sie essen, wahrscheinlich sogar eher
unbeabsichtigt mit der übrigen Nahrung aufgenommen.

18.1 Jesus und seine Jünger waren Vegetarier Top

Wie es aussieht, waren Jesus und seine Jünger Vegetarier. Im


Alten Testament lesen wir: „Gott spricht zu den Menschen:
Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen
bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die
Samen bringen, zu eurer Speise. Aber allen Tieren auf Erden
und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das
auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung

248
gegeben.“ (1. Mose 1,29-31) Dieses Gebot wurde von den
Juden allerdings im Laufe der Jahrhunderte gebrochen und es
wurden nicht nur Tiere gegessen, sondern auch aus rituellen
(religiösen) Gründen geopfert, obwohl verschiedene Propheten
darauf hinwiesen, dass diese Opfer Gott ein Gräuel sind: So
spricht der Prophet Hosea: „Ich habe Lust an der Liebe und
nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am
Brandopfer.“ (Hosea 6, 6) Im Matthäusevangelium macht Jesus
dieselbe Aussage: „Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit
und nicht am Opfer.“ (Matthäus 9,13) Im ausserkanonischen
Ebionäerevangelium steht es sogar noch deutlicher: „Ich bin
gekommen, die Opfer abzuschaffen, und wenn ihr nicht ablaßt
zu opfern, wird der Zorn von euch nicht ablassen.“ Wenn auch
im Neuen Testament kaum etwas über eine vegetarische
Ernährung bzw. über das Verbot, Tiere zu schlachten und zu
essen, zu lesen ist, so finden sich doch in zahlreichen
historischen Schriften Hinweise darauf, dass die Apostel sich
vegetarisch ernährten. Auch von den ersten Christen ist
bekannt, dass sie Vegetarier waren. Sehen wir uns einmal an,
was über die vegetarische Ernährungsweise der Apostel
bekannt ist.

In seinem Buch „Die Lebensweise Jesu und der ersten


Christen“ zitiert der Religionswissenschaftler Carl Anders
Skriver die Worte des Apostels Petrus aus den
„Clementinischen Homilien“, einer Predigtsammlung, die um
220 nach Christus in Palästina entstanden ist. Petrus erklärt
demnach in den Homilien, er lebe „von Brot und Oliven, denen
er teilweise Gemüse hinzufügt.“ Ähnliches wird vom Apostel
Matthäus berichtet. Der griechische Theologe und Kirchenvater
Clemens von Alexandria (150-215) schreibt über Matthäus,
dass dieser „von Pflanzenspeisen lebt und kein Fleisch

249
berührt“. Dies gilt ebenso für den Apostel Matthias, der nach
dem Tod des Apostels Judas in den Kreis der 12 Apostel hinein
gewählt wurde. Der Religionswissenschaftler Skriver ergänzt
hierzu, dass nach dem Zeugnis der Schriftsteller des 2.
Jahrhunderts auch die Apostel Andreas, Philippus und Thomas
sowie die Evangelisten Markus und Lukas Vegetarier sind.
Dass zu der ursprünglichen Gruppe der zwölf Apostel bald
auch andere hinzukamen, welche die Hauptverantwortung für
das junge Urchristentum trugen, zeigt das Beispiel von
Jakobus, dem leiblichen Bruder Jesus. Er war neben Petrus und
Johannes Leiter der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem.
In der Bibel gilt er neben den tierfreundlich lebenden Aposteln
Petrus und Johannes als einer der drei „Säulen“, die
entsprechendes „Ansehen genießen“ (Galater 2,9). Von Jakobus
schreibt der Kirchenvater und Verfasser der Apostelgeschichte
Hegesipp(us) (100-180): „Er genoss weder Wein noch
Rauschtrank; auch aß er kein Fleisch“. (Eusebius,
Kirchengeschichte II, 23, 5-6).

Die Lebensweise der Urchristen in Palästina war für viele


Juden ein Stein des Anstoßes. Denn nach wie vor ist der
Tempel mit seinen täglichen Tieropfern der religiöse und
politische Mittelpunkt der Gesellschaft. Und bei jedem der
vielen Feste im Jahreslauf sind bestimmte Schlachtungen
vorgeschrieben, und das Verzehren bestimmter Fleischstücke
bei den Festmählern gilt nicht nur als Essgewohnheit, sondern
als Gehorsam gegenüber einem Gott, der solches geboten
haben soll. Deshalb zählt die tierfreundliche Lebensweise des
Jakobus und der Urgemeinde als Abfall von Gott und seinen
Geboten, ein Vorwurf, um dessentwillen Jakobus im Jahr 62
n.Chr. von Anhängern der Jerusalemer Priester durch
Steinigung getötet wird. Sein Nachfolger Simeon, ein Cousin

250
von Jesus, bleibt dieser Lebensweise zum Wohl von
Mitmenschen und Tieren aber treu, ebenso dessen Nachfolger
Justus (ab 107) (Skriver, S. 15 f.). Man kann also davon
ausgehen, dass die ersten Christen aus Liebe zu den Tieren
deren Schlachtung und Verspeisung ablehnten. [42]

18.2 Maßhalten bei der Ernährung Top

Man sollte nicht nur darauf achten, was man isst, sondern auch
wieviel man isst. So verhindert man, den Magen zu überlasten.
Dies gilt besonders für das Abendessen. Es sollte leicht sein,
damit der Magen in der Nacht nicht allzu schwer belastet wird.
Ein halber Liter Milch und einige Früchte sind ein gutes
Abendessen. Bei einer normalen Mahlzeit sollte der Magen nur
zur Hälfte gefüllt werden. Ein Viertel des Magens sollte mit
reinem Wasser oder einem gesunden Getränk (z.B. Früchtetee
oder Kräutertee) gefüllt sein. Das letzte Viertel des Magens
sollte frei bleiben. Brahmacharins sollten diese Regel streng
beachten. Man bedenke, dass in den buddhistischen Klöstern
bereits um 10.30 Uhr zu Mittag gegessen wird. Nach 12 Uhr
mittags sollten die Mönche den ganzen Tag nichts mehr essen.
Gegen 17 Uhr gibt es eventuell noch einen Saft zu trinken. Ein
Vielfraß kann nur davon träumen, ein Brahmachari zu werden.
Die Kontrolle des Gaumens ist eine notwendige Voraussetzung,
die Sinneslust zu kontrollieren, wenn man das Gelübde des
Brahmacharya beachten möchte. Zuerst muss der Gaumen
kontrolliert werden. Dann wird es leicht, die Leidenschaft zu
kontrollieren. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem
Gaumen und den sexuellen Begierden.

Der Gaumen und die Geschlechtsorgane sind miteinander


verschwisterte Organe. Wenn der Gaumen mit anregender

251
Nahrung stimuliert wird, werden auch die Geschlechtsorgane
angeregt. Darum sollte bei der Ernährung eine bewusste
Auswahl und Begrenzung getroffen werden. Die Nahrung eines
Brahmachari sollte einfach, schonend und mild gewürzt sein.
Das Maßhalten bei der Ernährung ist sehr wichtig. Den Magen
zu überfüllen ist in hohem Grade gesundheitsschädlich.
Besonders der Verzehr von Früchten ist sehr vorteilhaft. Man
sollte nur Essen, wenn man wirklich Hunger hat. Zum
Frühstück empfehle ich Müsli. Ich persönlich bereite mir jeden
Morgen ein Müsli aus Hafervollkornflocken,
Gerstenvollkornflocken, Weizenvollkornflocken,
Roggenvollkornflocken, Hirseflocken, Sojaflocken,
Dinkelflocken, Reisflocken, Dinkelkleie, Weizenkleie,
Haferkleie, Weizenkeime, Amaranth, Rosinen, Datteln,
Aprikosen, Bienenhonig, Haselnüssen, Buchweizen,
Kokosflocken, Cornflakes, verschiedenen Nussarten (Erdnüsse,
Mandeln, Haselnüsse, Cashewnüsse, Walnüsse,
Sonnenblumenkerne, Sesam, Buchweizen, Leinsamen),
verschiedenen Trockenfrüchten (Sultaninen, Feigen, Datteln,
Bananenchips, Birnen, Apfeldicksaft) und Biomilch zu. Alles
Zutaten sind aus kontrolliert ökologischem Anbau. Dabei
mische ich die Getreide-, Nuss- und Fruchtsorten nach
Belieben.

Ein Müsli sollte niemals saure Früchte (Äpfel, Karotten,


Zitronen, Pflaumen, Orangen, Kiwis, Johannisbeeren) und
raffinierten Zucker enthalten. Vollkorngetreide plus raffinierter
Zucker ist Gift. Möchten man ein Müsli essen, dann sollte es
nur fruchtsäurearme Früchte enthalten (Bananen, süße
Aprikosen, Birnen, Datteln, Feigen, Weinbeeren, Rosinen,
Papayas und reife Mangos) und außerdem sollte nichts Salziges
dazu oder danach gegessen werden. Man sollte auch kein Salz

252
ins (ungekochte) Müsli streuen. Nach dem Müsli sollte man
kein Käsebrot essen, denn dieses enthält ebenfalls Salz. Mit
dem Essen von salzigen Lebensmitteln sollte man immer so
lange warten, bis der Magen wieder leer ist und man wieder
Hunger verspürt. Das sind nach einem normalen Müsli
ungefähr vier Stunden. Die chinesische Ying-Yang-Philosophie
empfiehlt allerdings kranken Menschen, sich überwiegend von
gekochtem Vollkorngetreide (Haferflocken, aber auch Hirse,
Gerste, Weizen, Dinkel, Roggen oder Reis) mit Meersalz
(Himalayasalz) zu ernähren und nur wenig Flüssigkeit in Form
von Getränken wie Wasser oder Tee zusätzlich zum gekochten
Getreide aufzunehmen.

18.3 Wie man Pollutionen vermeidet Top

Pollutionen entstehen durch feuchte Träume, also erotische


Träume, die man im Schlaf hat und die von einem Orgasmus
begleitet sind. Die Ursache dieser feuchten Träume kann sehr
vielfältig sein. Sie können einerseits normal sein, da die
entsprechenden Sexualorgane des Mannes mit Sexualsekreten
aufgefüllt sind und in mehr oder weniger regelmäßigen
Abständen entleert werden, wenn er enthaltsam lebt. Feuchte
Träume können aber auch durch eine ungesunde Ernährung
entstehen. Ernährt man sich häufig von Fleisch, Fisch,
Geflügel, Milchprodukten, Zwiebeln, Knoblauch, scharfen
Gewürzen, Salz, Zucker, Schwarzem Tee, Kaffee und
alkoholischen Getränken, so kann dies ebenfalls zu Pollutionen
führen. Auf alle Fälle stellt jede Pollution eine Schwächung des
Nervensystems dar. Nach einer Pollution ist der Mann meist
sehr gereizt, depressiv, aggressiv, nervös und unkonzentriert.
Alle oben beschriebenen Nahrungs- und Genussmittel reizen
die Sexualität des Mannes, so dass er sich häufig in sexuelle

253
Wünsche und Gedanken vertieft. Dies führt oft zu
übertriebenem Geschlechtsverkehr und zur Masturbation. Die
Beschäftigung mit sexuellen Inhalten führt aber auch zu
wollüstigen Träumen und damit verbundenen Pollutionen.
Gelegentliche Pollutionen sind nicht ganz so dramatisch, da der
Körper sich nach einigen Tagen wieder erholt. Häufigere
Pollutionen führen allerdings zu Depressionen, Müdigkeit,
Erschöpfung, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen,
Verdauungsbeschwerden, Konzentrationsschwierigkeiten und
je nach Veranlagung zu vielen weiteren chronischen
psychosomatischen Beschwerden. Der Samen wird außerdem
dünnflüssig.

Achte daher auf eine gesunde und maßvolle Ernährung. Die


meisten Krankheiten entstehen durch Völlerei. Vermeide es vor
allem, am späten Abend noch etwas zu essen. Das Abendessen
sollte leicht verdaulich sein und nicht zu spät eingenommen
werden. Danach sollte möglichst nichts mehr gegessen und
getrunken werden. Man sollte möglichst keinen Knoblauch,
keine Zwiebeln und keine scharfen Gewürze (Curry, Chili,
Paprika, Cayennepfeffer) essen. Scharfe Gewürze machen den
Samen wässrig und führen deshalb häufig zu Pollutionen.
Stattdessen sollte man milde, nichtreizende und beruhigende
Nahrung zu sich nehmen. Brahmacharis sollten
selbstverständlich nicht rauchen und keinen Alkohol trinken.
Sie sollten weder schwarzen Tee, noch Kaffee trinken und
weder Fleisch, noch Geflügel oder Fisch essen. Stellt sich
nachts Harndrang ein, dann sollte man sofort auf die Toilette
gehen, um die Blase zu entleeren. Eine gefüllte Blase kann
ebenfalls die Ursache für Pollutionen sein. Am besten entleert
man deshalb die Blase, bevor man ins Bett geht. Auch eine
Verstopfung kann die Ursache für feuchte Träume sein. Bei

254
einer Verstopfung und gefüllten Därmen findet ein Druck auf
die Samenbläschen statt, die sich zwischen der Blase und dem
Darm befinden. Die Samenbläschen enthalten zwar, entgegen
früheren Annahmen, keine Spermien, aber sie produzieren ein
alkalisches Sekret, welches immerhin zwischen 45 und 80
Prozent des Ejakulats ausmacht und reich an Fructose
(Fruchtzucker) ist. Durch den Druck des Darms auf die
Samenbläschen kann es zur Pollution kommen.

18.4 Fasten kontrolliert die Sinne Top

Das Fasten kontrolliert die Leidenschaft. Es beseitigt die


sexuelle Erregung, beruhigt die Emotionen und kontrolliert die
Sinne. Das Hauptziel des Fastens besteht darin, den Geist zur
Ruhe zu bringen. So lassen sich die Sinne besser beherrschen
und der Brahmachari ist in der Lage, tiefer zu meditieren.
Fasten regeneriert außerdem die Atmung, den Kreislauf, das
Verdauungs- und Ausscheidungssystem. Es reinigt den Körper
von allerlei Giften und beseitigt Ansammlungen von
Harnsäure. Fasten macht den Menschen stark, sowohl geistig
als auch spirituell. Leidenschaftliche junge Männer und Frauen
sollten gelegentlich fasten. Es erweist sich als sehr vorteilhaft.
Übertriebenes Fasten sollte allerdings vermieden werden. Im
Hinduismus sind mehrere Fastentage bekannt. Der bekannteste
Fastentag ist der Ekadasi (Ekadashi). In der vedischen
Tradition nimmt das Ekadasi-Fasten eine besondere Stellung
ein. Das Ekadasi-Fasten findet 2 mal im Monat, jeweils am 11.
Tag nach Vollmond und am 11. Tag nach Neumond statt. An
diesen Tagen sollten man sich nur von Obst und Milch
ernähren. Da ich mir so etwas nicht merken kann, habe ich
mich entschlossen, jeden Freitag einen Fastentag einzulegen.
Dann esse ich zwar morgens ein wenig Müsli zum Frühstück,

255
faste aber am Rest des Tages. Hin und wieder trinke ich
allerdings ein wenig.

Das Fasten kontrolliert den Gaumen, den großen Feind der


Enthaltsamkeit. Wenn du fastest, dann erlaube dem Verstand
nicht, an köstliche Gerichte zu denken, weil du sonst keinen
Erfolg beim Fasten haben wirst. Das Fasten regeneriert die
Atemwege, den Kreislauf, das Verdauungssystem und die
Harnwege. Es scheidet alle Verunreinigungen, Harnsäuren und
Gifte des Körpers aus. So wie unreines Gold durch Schmelzen
gereinigt wird, so wird der unreine Verstand durch Fasten
gereinigt. Junge Brahmacharins sollten außerdem fasten, wenn
sie von der Leidenschaft bedrängt werden. Du kannst während
der Fastenzeit sehr gut meditieren, da der Verstand und die
Sinne dann ruhig und gelassen sind. Dies wird dir Reinheit,
Kraft und Stärke geben. Das Fasten ist eine der 10 wichtigsten
Vorschriften des Yoga. Vermeide übertriebenes Fasten, denn
dieses schadet nur der Gesundheit. Benutze deinen gesunden
Menschenverstand. Die, die nicht in der Lage sind, einen
ganzen Tag zu fasten, sollten neun oder zwölf Stunden lang
fasten. Abends können sie dann etwas Milch und Früchte zu
sich nehmen.

Während des Fastens haben die Verdauungsorgane wie der


Magen, die Leber und die Bauchspeicheldrüse Ruhe.
Schlemmerer und unermüdliche Esser erlauben diesen Organen
nicht, wenigstens einmal für ein paar Minuten zu ruhen.
Folglich sind diese Organe häufiger krank. Diabetes (gestörte
Insulinproduktion), Verdauungsstörungen und Hepatitis
(Leberentzündungen) haben ihre Ursachen in der Überfettung.
Neunzig Prozent aller Menschen essen mehr, als der Körper
eigentlich braucht. Das Überessen ist zu einer Gewohnheit

256
geworden. Das hat sehr viele Krankheiten zur Folge.
Gelegentliches Fasten ist sehr sinnvoll, um eine gute
Gesundheit zu erhalten, die inneren Organe zu entlasten und
Brahmacharya zu praktizieren. Krankheiten, die von den
Medizinern mitunter als unheilbar eingestuft wurden, wurden
oft durch Fasten kuriert. Das Fasten erzeugt Willensenergie und
Ausdauer. Manu, das hinduistische Gesetzbuch, betrachtet das
Fasten als ein Hilfsmittel, um sich von den fünf Todsünden
(Gier, Hass, Unwissenheit, Stolz und Neid) zu befreien.

Es ist sinnvoll, während des Fastens, entsprechend der


Temperatur und Neigung, eine große Menge kaltes oder
lauwarmes Wasser zu trinken. Es spült die Nieren, entfernt das
Gift und alle Verunreinigungen des Körpers. Die, die zwei oder
drei Tage fasten, sollten ihr Fasten nicht durch feste Nahrung
unterbrechen. Sie sollten einen Fruchtsaft trinken, entweder
Orangensaft oder Granatapfelsaft. Sie sollten den Saft in
kleinen Schlücken trinken. Das Reinigen des Darmes bringt
alle Giftstoffe, die sich seit Jahren im Darm abgelagert haben,
nach außen. Ein reiner Darm nimmt die Vitamine und
Mineralien wesentlich besser auf. Beginne am Anfang, einen
Tag zu fasten. Dann erhöhe langsam die Anzahl der Tage,
entsprechend deiner inneren Stärke. Es kann sein, dass du am
Anfang eine leichte Schwäche fühlst. Der erste Tag kann sehr
ermüdend sein. Am zweiten oder dritten Tag fühlst du dich sehr
glücklich. Der Körper fühlt sich sehr leicht an. Während des
Fastens fällt dir das geistige Arbeiten leichter. Die, die häufiger
fasten, haben ihre Freude daran. Am ersten Tag möchte der
Verstand dich auf vielfältige Art verleiten, etwas zu essen.
Bleibe standhaft und trotze der Versuchung. Haben dich diese
Zeilen zum Fasten ermutigt? Dann beginne sofort damit.

257
19. Die Geburtenkontrolle Top
Spricht man über die Sexualität, dann kann die
Geburtenkontrolle nicht unerwähnt bleiben. Besonders
angesichts der hohen Zahl der Abtreibungen, die weltweit
vorgenommen wird, stellt sich die Frage, wie man dieses
Verhalten ethisch zu bewerten hat. Man bedenke, dass im
Augenblick der Zeugung eines Menschen alle genetischen
Informationen bereits in der DNA, der Trägerin der
Erbinformation, vorhanden sind. Die Informationen der DNA
sind auf denkbar kleinstem Raum, der viel kleiner als der Kopf
einer Stecknadel ist, vorhanden. Diese geballten Informationen
haben den Umfang von 500 engbeschriebenen Büchern, wobei
jedes Buch mehr als 1.000 Seiten hat. Sämtliche
Informationen, die zur Bildung eines Menschen erforderlich
sind, sind also bereits im Augenblick der Zeugung vorhanden,
egal ob sich sich dabei um die Farbe der Augen, um
Informationen über den Körperbau, über die Haarfarbe oder
über das Geschlecht handelt.
Mit freundlicher Genehmigung von von soundwords.de,
möchte einmal zitieren was der Schriftsteller Werner Mücher
zur Abtreibung schreibt: „Bereits zwanzig Tage nach der
Zeugung ist das Herz des Embryos bereits einen halben
Milimeter groß und es beginnt zu schlagen. Damit ist also ein
eigener geschlossener Blutkreislauf vorhanden. In dieser Zeit
formen sich auch schon die Wirbelsäule und das
Nervensystem. Außerdem bilden sich bereits die Nieren, die
Leber und der Verdauungstrakt. Am 26. Tag entstehen die
Ärmchen; erste Bewegungen finden statt. Am 28. Tag beginnen
sich die Beinchen zu bilden. Am 30. Tag bildet sich das Gehirn
(man hat bereits am 40. Tag Gehirnströme gemessen). Mit dem
30. Tag bilden sich die Gesichtszüge aus; Ohren, Nase und
Lippen werden erkennbar. Ab dem 40. Tag beginnen

258
Muskelpakete mit dem Nervensystem zusammenzuarbeiten.
Am 50. Tag sind die Zahnkeime aller zwanzig Milchzähne
vorhanden. Die Fingerabdrücke, einmalig in ihrer Art, sind
ausgebildet. Außerdem ist das Geschmacks- und
Geruchssystem angelegt. Nun befinden sich ebenfalls die
Blutgefäße an Ort und Stelle. Nach 60 Tagen ist der Mensch
mit all seinen Gliedern und Organen fertig geformt. Was sich in
den nun folgenden Monaten lediglich noch verändert, ist die
Größe des Menschen. Er wächst heran.
Dennoch haben viele Menschen keine Achtung vor dem
ungeborenen Leben. Sie werfen es achtlos weg. Es gibt
Schätzungen, wonach in Deutschland jährlich 500.000
Abtreibungen durchgeführt werden, weltweit sollen es sogar 50
Millionen sein, etwa so viele, wie Menschen im 2. Weltkrieg
umgekommen sind. Das ist eine erschreckende Bilanz. Wenn
Ehe und Familie in einem Volk nicht mehr geachtet werden,
dann ist der sittliche Niedergang der Gesellschaft die
unausweichliche Folge. (Darauf möchte ich nachher noch
eingehen. Die Abtreibung wird medizinisch als
Schwangerschaftsabbruch bezeichnet. Nach Angaben des
Statistischen Bundesamtes wurden 2007 in Deutschland
117.000 Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Zwischen
2000 und 2007 ging die Anzahl der Lebendgeborenen und der
Schwangerschaftsabbrüche kontinuierlich zurück. Das
Verhältnis der Lebendgeburten zu den
Schwangerschaftsabbrüchen blieb dabei nahezu konstant, bei
etwa 18 %.)
Damit kommen wir zu der Frage, ob Abtreibung Mord ist.
Ohne Wenn und Aber müssen wir diese Frage ganz deutlich
bejahen. Sicher ist dieses harte Urteil für manchen
unangenehm, zumal in den Medien ständig das Gegenteil
behauptet wird. Aber auch eine tausendfach vorgetragene Lüge

259
wird durch die Menge der Wiederholungen nicht zur Wahrheit.
Wir brauchen sicher keine Demonstrationen gegen Abtreibung
zu organisieren. Kommt aber das Thema in unserer Gegenwart
auf den Tisch, dann wollen auch wir immer und immer wieder
die ganze Wahrheit sagen: Abtreibung ist Mord.“ [43]
Soweit also die Stellungnahme Werner Müchers. Manche
Menschen argumentieren in der Weise, dass es sich keineswegs
um Mord handeln kann, da der Fötus im Mutterleib juristisch
gesehen noch nicht als Mensch bezeichnet werden kann. Nach
§ 211 des Bürgerlichen Gesetzbuches ist ein Mord nur an
einem Menschen möglich. Nach rechtswissenschaftlicher
Definition entsteht ein Mensch aber erst durch die Geburt. Da
es sich bei der Abtreibung um einen Fötus (Embryo) handelt,
welcher noch im Bauch der Mutter ist, besitzt dieser Embryo
juristisch gesehen noch nicht den Status eines Menschen.
Somit kann die Abtreibung juristisch gesehen nicht als Mord
bezeichnet werden. Dieses ist juristisch gesehen sicherlich
richtig. Aber wir sollten bedenken, dass die Definition des
Menschen willkürlich gewählt ist. Mit der gleichen
Berechtigung könnte man bereits dem soeben gezeugten
Embryo den Status eines Menschen anerkennen. Auch befreit
uns die juristische Definition nicht davor, dass die letzte
Entscheidung über eine Abtreibung durch das Gewissen
entschieden werden sollte. Ich möchte nur einmal daran
erinnern, dass auch den Soldaten in einem Kriegsfall das Töten
erlaubt ist. Deshalb wurden mehrfach Menschen wegen der
Aussage „Soldaten sind Mörder“ verurteilt. 1995 wies das
Bundesverfassungsgericht diese Entscheidungen jedoch zurück
und sprach die Menschen frei.
Sicherlich muss man bei der Abtreibung jeden Fall sehr
individuell betrachten. Es stellt sich also die Frage, wann ist
eine Abtreibung berechtigt und wann nicht? Wichtig ist dabei,

260
dass alle Interessen berücksichtigt werden, auch die Interessen
des ungeborenen Kindes. Und selbst wenn dieses ungeborene
Kind juristisch gesehen nicht dieselben Rechte besitzt, wie die
übrigen Beteiligten, so liegt es doch in unserer ethischen
Verantwortung, die Rechte des ungeborenen Kindes ebenso
wahrzunehmen. Nach einer Diskussion in einem Internetforum
war ich doch sehr erschrocken darüber, dass viele Menschen
die Rechte dieses ungeborenen Kindes kaum zur Kenntnis
nehmen. In erster Linie wird die Abtreibung gerechtfertigt,
über Adoption wird oft nicht einmal nachgedacht. Was spricht
eigentlich dagegen, das ungewollte Kind auszutragen, um es
anschließend zur Adoption freizugeben? Es gibt eine Menge
junger Paare, die sich sehr über solch ein Kind freuen würden.
Ich weiß, dass dieser Weg für die leibliche Mutter kein leichter
Weg ist, aber ich glaube, dass dieser Weg immer noch
sinnvoller ist, als das eigene Kind abzutreiben. Denn jede
Abtreibung belastet die Mutter des Kindes meist ein Leben
lang. Ich habe lange über die Abtreibung nachgedacht und es
fiel mir schwer, Gründe zu finden, die eine Abtreibung wirklich
rechtfertigen. Den einzigen Grund, den ich wirklich
akzeptieren kann, ist der Fall, in dem medizinische Gründe
vorliegen, bei dem das Leben der Mutter gefährdet ist. In
einem solchen Fall ist eine Abtreibung sicherlich
unvermeidlich. Eine Vergewaltigung rechtfertigt für mich keine
Abtreibung, da auch dieses Kind ein Recht auf Leben hat.
Wenn man dieses Kind nicht selber aufziehen möchte, dann ist
es besser, es zur Adoption freizugeben, als es abtreiben zu
lassen.
Wenn man über Abtreibung spricht, dann sollte man sich
vielleicht auch einmal ansehen, wie diese Abtreibungen heute
vorgenommen werden. Die Absaug-Methode ist die häufigste
Form der Abtreibung. Durch den erweiterten Muttermund führt

261
der Arzt einen flexiblen Plastikschlauch in die Gebärmutter ein.
Das Kind wird durch einen starken Sog, der die zehn- bis
dreißigfache Kraft eines Staubsaugers hat, in Stücke gerissen.
Zuerst werden die Arme und Beine vom Körper getrennt, dann
der Rumpf vom Kopf. Da der Kopf zu groß ist, um durch den
Plastikschlauch zu passen, knackt ihn der Arzt mit
Spezialinstrumenten wie eine Nuß und saugt die Bruchstücke
einzeln ab in ein Gefäß. Der zerfetzte Körper des Kindes wird
anschließend im Verbrennungsofen verbrannt.
Der Gynäkologe Dr. Bernard Nathanson war zwei Jahre lang
Direktor der größten Abtreibungsklinik der Welt in New York.
Nach 75.000 Abtreibungen gab er seine Tätigkeit auf und
bekennt: „Als Wissenschaftler weiß ich, ich glaube nicht, ich
weiß, daß das menschliche Leben bei der Empfängnis beginnt.
Obwohl ich formal nicht religiös bin, glaube ich von ganzem
Herzen, daß es eine göttliche Existenz gibt, die von uns
verlangt, diesem unendlich traurigen und unsagbar
schändlichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein
endgültiges und unwiderrufliches „Halt“ zu gebieten.“ In
seinem Film „The silent scream“ (Der stumme Schrei) zeigt Dr.
Nathanson eine Abtreibung durch die Absaugmethode. [44]
Man kann sich den Film übrigens auf der Webseite von
lebensgeschichten.org [45] anschauen.
19.1 Selbstbeherrschung oder Verhütung? Top

Swami Sivananda sagte einmal: „Wenn du


empfängnisverhütende Mittel benutzt, lernst du niemals
Selbstbeherrschung zu üben. Wer empfängnisverhütende Mittel
benutzt, ist ein unmoralischer Mensch. Lerne die Tugend der
Selbstbeherrschung. Der Gebrauch von Verhütungsmitteln
kann deine Energie schwächen. Es schwächt alle
Zurückhaltungen. Es gibt einen engen Zusammenhang

262
zwischen dem sexuellen Verlangen und der Kontrolle des
Gaumens. Der, der den Gaumen kontrolliert, kontrolliert auch
alle anderen Organe. Reine (gesunde) Nahrung, macht die
Praxis des Brahmacharya einfach. Keuschheit ist nicht
schädlich. Es bewahrt die Nervenstärke, verleiht große
Geisteskräfte und Frieden des Verstandes. Sexuelle
Nachgiebigkeit führt zu moralischem und spirituellem
Bankrott, zu vorzeitigem Tod, nervöser Schwäche und Verlust
der Fähigkeiten, der Talente und des Leistungsvermögens. Das
indische Gesetzbuch, die Manu (die Manusmriti12), das als ein
von Lehrern überlieferter Text gilt, sagt: „Das erstgeborene
Kind wird vom Dharma (durch die Moral), die anderen Kinder
vom Karma, von der Sinneslust, gezeugt. Der sexuelle Akt
allein zum Vergnügen ist nicht vertretbar.“ Sinnliche
Leidenschaft ist keine wirkliche Liebe. Es ist nur eine
Verblendung, die von der Unwissenheit getragen wird. Du tust
gottlose Handlungen und tötest deine Seele wegen deiner
Leidenschaften.“
12Die Manusmriti gehört zur Textgruppe der Smritis, die als
von Lehrern überlieferte Texte gelten. Im Gegensatz dazu gibt
es die Shrutis, die zeitlosen Offenbarungen, welche die Rishis,
die Weisen, direkt (vom Göttlichen) „gehört“ haben, und denen
eine höhere Autorität zukommt. Die Manusmriti ist nicht als
Gesetzbuch im juristischen, sondern im normativen Sinne zu
verstehen. Sie zeigen auf, wie das soziale und religiöse Leben
sein sollte und was daraus folgend nicht erstrebenswert ist. Der
Text gibt die Perspektive der Brahmanen (Priester) wieder. Die
Entstehungszeit setzt man zwischen 200 v.Chr und 200 n.Chr.
an.
Die vedischen Schriften schrieben den Menschen die Praxis
des Zölibats vor. Heirateten die Menschen, dann wurden sie

263
nicht um des körperlichen Vergnügens intim, sondern um der
Nachkommen willen. Selbstbeherrschung gab ihnen moralische
Stärke und ermöglichte spirituellen Fortschritt. Durch
Selbstbeherrschung erzielten sie ethische Vervollkommnung
und verbesserten ihren Intellekt. Das indische Schulsystem
wurde dadurch bestimmt, dass die Schüler bereits als Kinder
von einem Guru unterrichtet wurden. Jungen und Mädchen der
drei oberen Kasten wurden bereits im Kindesalter zum
Brahmacharya angeleitet und wuchsen mit dem Bewusstsein
der 4 Lebensstadien auf. So wurden etwa 30 Prozent aller
Kinder von einem Guru im spirituellen Sinne erzogen. Dadurch
dass diese Entwicklung über viele Jahrhunderte praktiziert
wurde, wurde das Brahmacharya von der ganzen Bevölkerung
praktiziert oder zumindest von sehr großen Teilen der
Bevölkerung. Das Brahmacharya wurde zudem in den
vedischen Schriften beschrieben und von den Brahmanen
(Priestern) gelehrt.
Die vier Lebensstadien des Hinduismus:
1. Brahmachari = Schüler: 10/14 bis 20/25 Jahre
2. Grihastya = Berufs- und Familienleben: 20/25 bis
50/60 Jahre
3. Vanaprastha = Vorruhestand: 50/60 bis 70/75 Jahre
4. Sannyas = Einsiedler: 70/75 Jahre bis zum Tod
Swami Sivananda sagt hierzu: „Es gibt keine sicherere und
bessere Lösung für die Bevölkerungskontrolle als die Praxis
der Selbstbeherrschung. Keine Geburtsklinik und keine
künstliche Verhütungsmethode kann die
Bevölkerungsentwicklung so effektiv regeln, wie das durch
seinen traditionellen Hintergrund in der Spiritualität getränkte
Brahmacharya. Keine andere Methode der
Empfängnisverhütung kann moralisch und spirituell so

264
erfolgreich sein, wie die Selbstbeherrschung. Weder in Indien
noch anderswo in der Welt.“ Die Entwicklung der letzten
Jahrzehnte gibt Swami Sivananda recht. Dort wo einst in der
indischen Kultur die Selbstbeherrschung als natürliche
Geburtenkontrolle bestand, gingen unter dem Einfluß der
westlichen Zivilisation viele traditionelle ehtische und
moralische Werte verloren. Die Menschen gaben ihre
Zurückhaltung auf und verloren sich in der sexuellen Gier. Dies
führte im Laufe der Jahrzehnte zu einer
Bevölkerungsexplosion, wie die Welt sie bisher nicht kannte.
Mittlerweile leben über 6 Milliarden Menschen auf der Erde. In
30 bis bis 50 Jahren werden es vermutlich über 9 Milliarden
Menschen sein. Wie man heute sehen kann, hat die
Orientierung am westlichen Lebensstandard dahin geführt, dass
die Menschen weitgehend jedes ernsthafte spirituelle Streben
aus den Augen verloren haben und wir mittlerweile von einer
Bevölkerungsexplosion sprechen. Was das für wirtschaftliche,
ökologische, soziale und gesellschaftliche Probleme mit sich
bringt, ist den meisten Menschen überhaupt noch nicht
bewusst. Allein die ökologischen Folgen werden verheerend
sein. Wenn man glaubt, man könne den westlichen
Lebensstandart ohne weiteres auf China, Indien, Brasilien und
andere aufstrebende Entwicklungsländer übertragen, dann
bedenkt man dabei nicht, welche Folgen dies mit sich bringt.
Solche Vorstellungen sind lediglich am kurzfristigen Profit
orientiert. Langfristig aber wird es zu Verteilungskämpfen, zu
Bevölkerungswanderungen und kriegerischen
Auseinandersetzungen um Energie, Wasser, Rohstoffe und
Nahrungsmittel kommen, wie sie die Welt noch nie gesehen
hat.

265
Wir sollten einmal darüber nachzudenken, ob wir nicht etwas
bescheidener leben sollten? Bereits heute werden mehr
Nahrungsmittel und Energie verbraucht, als überhaupt
nachwachsen kann. Dies ist gut zu erkennen an der
Überfischung der Meere. Bei den Energien verbrauchen wir
Ressourcen aus der Vergangenheit, wie Kohle, Erdöl und
Erdgas, ohne an unsere Nachkommen zu denken. In 30 bis 50
Jahren werden die Meere leergefischt sein und es wird ein
weltweiter Kampf um Nahrungsmittel stattfinden. In
absehbarer Zeit wird es auch die ersten Engpässe beim Öl
geben. Würde man kein Öl mehr finden und würde der
Verbrauch auf dem aktuellen Niveau bleiben, könnten wir noch
annähernd 50 Jahre Öl verbrauchen. Danach wäre das
Ölzeitalter definitiv beendet. Und trotzdem verbrauchen wir
das Öl so verschwenderisch, als hätten wir davon im Überfluss.
Das alles sind die Folgen der fehlenden Selbstbeherrschung des
Menschen, die uns nun vor Probleme stellt, die immer noch
ignoriert werden.
In Indien war es Mahatma Gandhi, der zum ersten Mal eine
unbeugsame Opposition gegen den Gebrauch der
empfängnisverhütenden Mittel für die Familienplanung
organisierte, als künstliche Verhütungsmethoden für
Verheiratete frei gegeben wurden, und Unverheiratete ermutigt
wurden, den Weg der Selbstbeherrschung zu verlassen, um
ihren vulgären Leidenschaften zu frönen. Gandhi sagte: „Wenn
die ländliche Bevölkerung Brahmacharya praktiziert, dann
kann sie dadurch die Größe ihrer Familie besser kontrollieren,
als durch den Gebrauch empfängnisverhütender Mittel.
Künstliche Verhütung ist wie das Aussetzen einer Prämie auf
das Laster der Wollust.“

266
Wenn sich die Idee durchgesetzt hat, dass das Sexualorgan
ausschließlich der Zeugung dient, besitzen Männer und Frauen
das Wissen, dass jede andere sexuelle Handlung eine
Vergeudung lebenswichtiger Energien darstellt. Es ist jetzt
einfach, zu verstehen, warum die Weisen von einst diese Werte
vermittelten und großen Wert auf die Keuschheit legten. Die
lebenswichtige sexuelle Energie sollte in höhere spirituelle
Energie umgewandelt werden, die der ganzen Gesellschaft
zugute kommt. Die Weisen von einst verkündeten mutig, dass
derjenige, der perfekte Kontrolle über die sexuelle Energie
erlangt, eine enorme Vitalität erlangt, körperlich, geistig und
spirituell. Er erlangt Energien, die durch andere Möglichkeiten
nicht erreichbar sind. Die Selbstbeherrschung vermeidet nicht
nur die Abtreibung, sondern gibt den Menschen die
Möglichkeit ihre sexuellen Energien zu sublimieren und ein
glückliches und erfolgreiches Leben zu führen.

267
20. Literaturverzeichnis Top

[1] : Brahmacharya im Jainismus - http://www.herenow4u.de/

[2] : Meditationsstellungen - http://www.yoga-


vidya.de/Asana_Uebungsplaene/Meditation-sitz.html

[3] : Samyutta Nikaya 47,5 – Ein Haufen Heilsames -


http://www.palikanon.com/samyutta/sam47.html

[4] : Buddhagosa - Visuddhi Magga – Der Weg zur Reinheit -


http://www.palikanon.com/visuddhi/vis_idx.html

[5] : Buddhagosa – Visuddhi Magga III – 40 Übungsobjekte -


http://www.palikanon.com/visuddhi/vis03_12.html

[6] : Samyutta Niakaya 56,11 – Vom Vollendeten Gesprochenes


- http://www.palikanon.com/samyutta/sam56.html#s56_11

[7] : Majjhima Nikaya 4 - Bhayabherava Sutta, Furcht und


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[8] : Patimokkha – Die buddhistischen Ordensregeln -


http://www.palikanon.com

[9] : Bhante Henepola Gunaratana – Was der Buddha lehrte -


http://www.wie.org/DE/j2/bhante.asp

[10] : Swami Chidanada – Das göttliche Leben -


http://www.wie.org/DE/j2/chidananda.asp

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[11] : Anguttara Nikaya VI,29 – Sechs Gebiete des Gedenkens
- http://www.palikanon.de/angutt/a06_021-030.html#a_vi29

[12] : Markus Redder & Andreas Lehofer – Entwicklung im


Jugendalter - http://paedpsych.jk.uni-
linz.ac.at:4711/JUGENDPSYCH/JUGENDPSYCHREFERAT
E97/THEMA01/Thema01.html#3. Die geschlechtliche
Entwickl

[13] : Netdoktor – Die Anatomie der Männer -


http://www.netdoktor.de/

[14] : Cassian – Vierundzwanzig Unterredungen mit den


Wüstenvätern -
http://www.freewebtown.com/sunnydays/wuestenvaeter/chaere
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[15]: Angutta Nikaya VIII,56 – Das Elend der Sinneslüste -


http://www.palikanon.de/angutt/a08_051-060.html#a_viii56

[16] : Viktoras Kulvinskas – Leben und Überleben -


http://www.freewebtown.com/sunnydays/viktoras_kulvinskas/i
ndex.html

[17] : Rohksoststudie, Prof. Dr. Claus Leitzmann, Universität


Gießen - http://de.wikipedia.org/wiki/Rohkost

[18] : gesundheit.de – Vegetarisch leben -


http://www.gesundheit.de/ernaehrung/alternative-
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http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,914461,00.
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[20] : Swami Sivananda – Practice of Brahmacharya -


http://www.dlshq.org/download/brahma_nopic.htm

[21] : Weibliche Genitalien -


http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f0/Weiblich
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[22] : Weibliche Ejakulation -


http://de.wikipedia.org/wiki/Weibliche_Ejakulation

[23] : Die philosophischen Schulen des Buddhismus -


http://www.buddhanetz.org/dharma/philosophie-schulen.pdf

[24] : Helmut Poller - Vajrayana im Westen -


http://ratna.info/rime/ri_westen.html

[25] : Hans Castor: Eigenschaften der Hauptchakren -


http://de.wikipedia.org/wiki/Chakra

[26] : Prof. Dr. Marianne Schlosser - Der Prophet Elija: Vater


des monastischen Lebens -
http://www.geistundleben.de/index.php?
option=com_docman&task=doc_download&gid=20

[27] : Pieter W. van der Horst - Das Zölibat im Frühjudentum -


http://books.google.de/books?
id=2F6BSomliycC&ie=ISO-8859-1&output=html

270
[28] : Cassianus: Von den Einrichtungen der Klöster -
http://www.unifr.ch/bkv/bucha284.htm

[29] : Die Essener und ihre Schriften -


http://www.theologe.de/theologe15.htm

[30] : Paulus verfälschte die Lehre von Jesus -


http://www.theologe.de/theologe14.htm

[31] : Concordantia - http://www.castitas.de/concordantia.htm

[32] : Flavius Josephus: Der jüdische Krieg -


http://www.regina-berlinghof.de/essener.htm

[33] : Eusebius von Cäsarea - Kirchengeschichte -


http://www.unifr.ch/bkv/kapitel48-17.htm

[34] : Ruben Zimmermann - Geschlechtermetaphorik und


Gottesverhältnis (Google)

[35] : Martin Luther - Das Markus und Lukas-Evangelium


(Google)

[36] : Wie lebten und dachten die ersten Christen -


http://www.das-weisse-pferd.com/98_21/urchristen.htm

[37] : Digha Nikaja 1.2 - Die Analyse der Sittsamkeit -


http://www.palikanon.com/digha/d01_2.htm

[38] : Majjhima Nikaja 27 - Die Elefantenspur -


http://www.palikanon.com/majjhima/m027n.htm

271
[39] : Majjhima Nikaja 38 - Versiegung des Durstes II -
http://www.palikanon.com/majjhima/m038n.htm

[40] : Anguttara Nikaya A.VIII.21 - Ugga aus Vesali -


http://www.palikanon.com/angutt/a08_021-030.html

[41] : Ein Gefühl, schöner als Glück -


http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2005-50/artikel-2005-50-
ein-gefuehl-schoener-als-glueck.html

[42] : Jesus und die ersten Christen waren Vegetarier -


http://www.theologe.de/theologe7.htm

[43] : Ist Abtreibung Mord? -


http://www.soundwords.de/artikel.asp?id=88

[44] : Die Absaugmethode -


http://www.abtreibung.de/absaug.htm

[45] : Film Absaugmethode -


http://www.lebensgeschichten.org/multimedia/

[46] : Times – Weathy men give women more orgasms - http://


www.timesonline.co.uk/tol/news/uk/science/article5537017.ece

[47] : Autonome Mönchsrepublik Athos -


http://de.wikipedia.org/wiki/Athos

[48] : Sintflut - http://de.wikipedia.org/wiki/Sintflut

272
[49]: Bhagavad Gita -
http://www.prabhupada.de/bg/Prabhupada - Bhagavad-gita Wie
Sie Ist.pdf

[50]: Inkakulation - http://de.wikipedia.org/wiki/Injakulation

© Das Copyright liegt beim Autor. Der Text kann aber, falls er
nicht zu kommerziellen Zwecken genutzt wird, kopiert werden.

Version: Donnerstag 2. April 2009

Kontakt über: http://www.yogameditationfree.com

273