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Fischer Weltgeschichte

Band 8

Die Mittelmeerwelt im Altertum IV


Das Römische Reich
und seine Nachbarn

Herausgegeben von
Fergus Millar

Dieser Band ist der letzte von vier Bänden über die Mittelmeerwelt im Altertum im
Rahmen der Fischer Weltgeschichte. Er schildert die Geschichte des römischen
Kaiserreiches und seiner Nachbarn vom Tod des Augustus bis zum Regierungsantritt
Diokletians. Der Herausgeber, Dr. Fergus Millar (Universität Oxford), stellt in
chronologischer Reihenfolge die Entwicklung des Imperium Romanum in den ersten drei
Jahrhunderten unserer Zeitrechnung dar. Neben knappen, aber lehrreichen Hinweisen
auf das Leben und politische Handeln der einzelnen Imperatoren stehen ausführliche
Analysen der Verfassungsorgane des Reiches, seiner sozialen und wirtschaftlichen
Struktur und der religiösen Strömungen, von denen das Christentum für die Zukunft
des römischen Staates die entscheidendste werden sollte. Der Herausgeber analysiert die
Kontakte der Reichsbevölkerung mit den Staatsorganen und dem Kaiser und beschreibt
die Entwicklung der Armee und der Grenzen. Ein großer Teil des Bandes ist der
Darstellung der sozialen und kulturellen Entfaltung der verschiedenen Reichsgebiete auf
der Grundlage literarischer Zeugnisse und archäologischer Quellen gewidmet. Besondere
Kapitel schildern die Nachbarvölker, mit denen Rom in dieser Epoche seiner Geschichte
in geistige und militärische Konflikte verwickelt war. Prof. Richard N. Frye (Harvard
University) ist der Autor des Abschnittes über Iran. Tamara Talbot Rice (Edinburgh)
verfaßte den Beitrag über die Skythen und Sarmaten. Prof. D. Berciu (Universität
Bukarest) ist für das Kapitel über die Daker verantwortlich. Prof. Georg Kossack
(Universität Kiel) schrieb die Geschichte der Germanen. - Der Band ist in sich
abgeschlossen und mit Abbildungen, Kartenskizzen und einem Literaturverzeichnis
ausgestattet. Ein Personen- und Sachregister erleichtert dem Leser die rasche
Orientierung.
Der Herausgeber

Fergus Millar,

1
geb. 1935 in Edinburgh, war von 1958–1964 Fellow of All Souls College in
Oxford, wo er 1962 zum Ph. D. promovierte; 1964 Fellow of The Queen’s College
in Oxford, 1976 Professor für Ancient History am University College der
University of London; seit 1999 lehrt er am Brasenose College in Oxford.
Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. ›A Study of Cassius Dio‹ (1964).

Mitarbeiter dieses Bandes

Prof. Dr. D. Berciu (Universität Bukarest): Kapitel 15

Prof. Richard N. Frye (Harvard University): Kapitel 14

Prof. Dr. Georg Kossack (Universität Kiel): Kapitel 17

Dr. Fergus Millar (Universität Oxford): Kapitel 1–13

Tamara Talbot Rice (Edinburgh): Kapitel 16

Jürgen Ackermann (Rotenburg/Fulda) übersetzte die Kapitel 1–13 und 16 aus dem
Englischen.

Christoph Schneider (Köln) übersetzte Kapitel 15 aus dem Französischen.

Gudrun Steigerwald (Heidelberg) übersetzte Kapitel 14 aus dem Amerikanischen.

1. Einleitung

Die römische Geschichte beginnt in Rom und endet in Konstantinopel. Mit dieser
einfachen Feststellung werden die Grenzen der Periode abgesteckt, von der
dieses Buch handelt: vom Tod des Augustus, des ersten Kaisers, im Jahr 14 n.
Chr. bis zur Thronbesteigung Diokletians im Jahr 284. Die Institutionen des
Stadtstaates Rom waren zugleich Rahmen und Grundlage für die Festlegung der
gesetzlichen Macht, mit der sich Augustus, der Sieger im Bürgerkrieg zwischen
den Mitgliedern der herrschenden römischen Klasse, in seiner Stellung als
Monarch ausstattete. Im Jahr 14 n. Chr. residierte der Kaiser in Rom und regierte
das Reich in weitgehend formaler, zum Teil aber noch echter Zusammenarbeit
mit dem Senat. Die Männer, die die Provinzen verwalteten und die Armeen
befehligten, kamen aus Rom und kehrten dorthin zurück. In Rom verbrachten sie
als Mitglieder des Senats den größten Teil ihres Lebens. Das römische
Bürgerrecht, das in ganz Italien galt, besaßen in den Provinzen noch wenige. Im
Jahr 284 jedoch war die überwiegende Mehrheit der Reichsbevölkerung im
Besitz des Bürgerrechtes. Der inzwischen stark angeschwollene

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Verwaltungsapparat bestand weitgehend aus Männern, die keinerlei Bindungen
an die Stadt Rom hatten. Rom wurde, obwohl einigen Provinzen – nicht mehr
den Legionen – immer noch römische Senatoren vorstanden, allmählich und im
4. Jahrhundert endgültig zu einer privilegierten Stadt zweiten Ranges, die die
Kaiser, die im übrigen anderswo regierten, bei seltenen festlichen Anlässen
besuchten. Diokletian machte Nikomedeia in Bithynien (im Nordwesten der
heutigen Türkei) zu seiner Hauptstadt, weil es recht zentral zwischen den beiden
wichtigsten Grenzen des Reiches, der Donau und dem Euphrat, lag. Von da war
es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Gründung des Neuen Rom durch
Konstantin im Jahr 330, nämlich der Stadt Konstantinopel, die nicht weit von
Nikomedeia entfernt jenseits der Meerenge lag.
Vereinheitlichung ist das Hauptthema dieser Periode, Vereinheitlichung auf
politischem, sozialem, kulturellem und religiösem Gebiet. Anfangs wurden die
Provinzen, großräumige, aus Eroberungen hervorgegangene und als
Verwaltungseinheiten organisierte Gebiete, von Statthaltern beherrscht, die fast
immer aus Senatorenfamilien stammten, aus Rom kamen, eine kleine Gruppe
von Helfern mitbrachten und, wenn auch nicht überall, durch die Anwesenheit
römischer Legionen unterstützt wurden. Die Provinzen glichen in ihrem inneren
Aufbau Mosaiken aus weitgehend sich selbst regierenden Städten, Stämmen
oder Gemeinden, die Rom Steuern zahlten und periodisch vom Statthalter
besucht wurden, der in wichtigeren Fällen Recht sprach. Eine
Verwaltungshierarchie gab es nicht. Der Statthalter kam mit seinem
Mitarbeiterstab aus Rom und kehrte nach einem oder mehreren Jahren dorthin
zurück. Die einheimischen Beamten in den Provinzen besaßen lediglich im
lokalen Bereich Einfluß und hatten zunächst fast keine Möglichkeit, in die
römische Verwaltung aufzusteigen. In einigen, keineswegs in allen Provinzen
gab es Verbände, die alle oder fast alle Gemeinden umfaßten. Einige von ihnen,
z.B. in Griechenland, besaßen als Erbteil ihrer Geschichte politische
Restfunktionen, andere verdankten ihr Bestehen hauptsächlich dem
gemeinschaftlichen Kult der Roma und des Kaisers. In der Folgezeit gewannen
sie jedoch nach und nach wichtige politische Funktionen hinzu – eine
Entwicklung, die im 4. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte.
Eine Reihe von Einflüssen trug bald zur Beseitigung dieser Trennung
zwischen römischen und örtlichen Elementen im Staat bei. Besonders in den
westlichen Provinzen und dort wiederum vor allem in Afrika, Südgallien und
Spanien gab es viele Gemeinden mit römischen oder wenigstens italischen
Siedlern oder Kolonisten. Aber sogar bei der einheimischen Bevölkerung ging
der Prozeß der Romanisierung – der Angleichung an die Italiker in Sprache,
Kleidung, Einrichtungen und, was am wichtigsten war, in der Verstädterung –
schon schnell voran. Die östlichen Provinzen waren von einem Netz griechischer
Städte überzogen, die, wenn sie nicht schon bestanden, im Gefolge der
Eroberungen Alexanders des Großen vor dreieinhalb Jahrhunderten gegründet
worden waren. Diese Städte wurden im allgemeinen von einer oft reichen und

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kultivierten Bourgeoisie beherrscht, deren hervorragendste Vertreter in einigen
Fällen in engem Kontakt mit der führenden Klasse Roms standen.1 Sowohl im
Westen als auch im Osten erwarb die Oberschicht der einheimischen Gesellschaft
in zunehmendem Maß das römische Bürgerrecht und erhielt sodann die Ämter,
die bisher römische equites innehatten (wörtlich »Reiter«, die herkömmliche
Bezeichnung für die Gesellschaftsschicht, die den Senatoren am nächsten stand
und deren Mitglieder ein bestimmtes Vermögen besitzen mußten). Von da aus
konnten sie, oder, was häufiger vorkam, ihre Söhne und Nachkommen, in den
Senat selbst aufsteigen. Am Ende dieser Epoche war aus dem Senat, obwohl er
im Kern italisch blieb, eine Klasse von Männern geworden, die aus allen Teilen
des Reiches mit städtischen Lebensformen stammten, von denen viele die
Verbindungen zu ihrer Heimat aufrechterhielten und von denen einige vielleicht
überhaupt nie nach Rom kamen. Die Verbreiterung des Senats spiegelt sich mit
bemerkenswerter Genauigkeit in der Herkunft der einzelnen Dynastien, die
nacheinander den kaiserlichen Thron innehatten: Zuerst waren es die
Nachkommen der römisch-republikanischen Aristokratie (das Julisch-Claudische
Herrscherhaus), dann Mitglieder der italischen Bourgeoisie (die Flavier), darauf
folgten die italischen Siedler in Spanien und Südgallien (Trajan, Hadrian und die
Antoninen), sodann die Afrikaner und Syrer (die Severer), und schließlich
während der letzten Jahrhunderthälfte dieser Epoche waren es Männer aus dem
Donau- und Balkanraum, der jetzt romanisiert wurde, einen ansehnlichen Teil
der Rekruten für die Armee stellte und auch einer der Hauptschauplätze der
ständigen Kriege war, die die Mitte des 3. Jahrhunderts ausfüllten. Diese Kriege
beschleunigten weitgehend eine Entwicklung, die im Reich von Anbeginn
angelegt war: die Loslösung der Kaiser von den republikanischen Einrichtungen
in Rom (vor allem von der Institution des Senats). Die von Augustus während
seiner Regierung entwickelte verfassungsrechtliche Position umfaßte
verschiedene Ämter, die von senatorischen Beamten und Statthaltern bekleidet
wurden. Dem Kaiser war jedoch weder ein fester Platz innerhalb der
republikanischen Institutionen zugewiesen, noch waren seinen
Wirkungsmöglichkeiten und seiner Macht genaue Grenzen gesetzt. So konnte
selbst Augustus Rom für längere Zeit verlassen, sich in Spanien, Gallien und im
Osten aufhalten und von dort aus das Reich regieren, ohne den Senat wirklich
einzuschalten. Tiberius (14–37), der erste Kaiser der hier behandelten Epoche,
verbrachte seine letzten Regierungsjahre auf Capri. Andere Kaiser, wie Trajan
(98–117), befanden sich längere Zeiten hindurch auf Feldzügen oder, wie
Hadrian (117–138), auf Reisen durch das Reich. Der Kaiser hatte seinen
Mitarbeiterstab, seine Freunde und Ratgeber bei sich, gab Edikte heraus, schrieb
Briefe und empfing Gesandtschaften, wo immer er sich gerade aufhielt.
Die Bedeutung dieser Bewegungsfreiheit wurde dadurch unterstrichen, daß
die einzelnen Gemeinden bereitwillig ihre Vertreter sandten, die dem Kaiser ihre
Wünsche und Forderungen direkt vorbringen sollten. Etwas Derartiges läßt sich
schon im Jahr 29 v. Chr. beobachten, als der Geograph Strabo auf dem Ägäischen

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Meer einen Fischer aus Gyaros traf, der zu Augustus nach Korinth reisen und
diesen um Senkung des Tributs bitten wollte. Ähnliches geschah im Jahr 115 n.
Chr., als Gesandtschaften aus mehreren Orten, die unter einem schrecklichen
Erdbeben gelitten hatten, bei Trajan in Antiochia eintrafen.2 Einige Kaiser
versuchten, einen Teil solcher Geschäfte an den Senat weiterzuleiten, hatten
dabei jedoch niemals großen Erfolg. In den Augen der Bewohner des Reiches
war der Kaiser die Quelle aller Wohlfahrt, darum gingen sie zu ihm.
Trotz alledem blieb Rom bis in die zweite Hälfte des 3. Jahrhunderts die
eigentliche Residenz der Kaiser. Wenn sie sich dort aufhielten, war ihr Lebensstil
dem eines Cicero recht ähnlich. Von ihren Palästen in Rom aus begaben sie sich
zu ihren Landhäusern, die sich hauptsächlich an der mondänen Küste Latiums
und Kampaniens befanden. Selbst in diesen Landhäusern konnten sie ihre
Amtsgeschäfte weiterführen, was sie denn auch häufig taten. Cornelius Fronto,
der Freund und Lehrer Marc Aurels (161–180), tadelt den Kaiser, weil er
während seiner »Ferien« in Alsium seine Kräfte durch Audienzen auch während
der Nacht über Gebühr anstrenge.3 Dieser »senatorische« Lebensstil der Kaiser
wurde schließlich durch die unaufhörlichen Kriege des 3. Jahrhunderts beendet.
Im Jahr 217 wurde Caracalla auf einem Feldzug in Syrien ermordet, Macrinus,
der erste eques auf dem Thron, trat an seine Stelle. Die Wahl fiel auf Macrinus,
weil er zu der entsprechenden Zeit als Präfekt der Prätorianer bei Caracalla
weilte; während seiner kurzen Regierungszeit (217–218) hat er niemals den
Boden Roms betreten. Wenige Jahre danach, im Jahr 235, wiederholten sich diese
Vorgänge. Kaiser Alexander Severus wurde von Soldaten in Gallien ermordet.
Ihm folgte Maximinus auf den Thron, der sich vom einfachen thrakischen
Soldaten hochgedient hatte. In der Regel wurden in der zweiten
Jahrhunderthälfte die Kaiser nach (oder vor) dem Tod ihrer Vorgänger von der
Armee ausgerufen und blieben während des größten Teils ihrer Regierungszeit
auf dem Schlachtfeld. Oft mußten sie von einer Front zur anderen reisen. Sie
erschienen nur noch sehr selten in Rom, um einen Triumph zu feiern oder
Geschenke auszuteilen. Nach den obskuren und unzuverlässigen
Quellenaussagen über das Leben der Kaiser des 3. Jahrhunderts scheint
Gallienus (Alleinherrscher von 260 bis 268) der letzte gewesen zu sein, der
längere Zeit in Rom gewesen sein kann.
Durch die Macht der äußeren Umstände also wurde in den letzten fünfzig
Jahren dieser Epoche das Amt des Kaisers mehr und mehr in die Nähe der
Armee gerückt. Von den Kaisern Claudius Goticus (268–270) bis Carus (282–283)
stammte nur Tacitus (275–276) aus dem Senatorenstand. Darüber hinaus scheint
das gesamte Gepräge der Hofhaltung, der kaiserlichen Regierung und der
einzelnen Verwaltungsmaßnahmen entscheidend durch diesen Prozeß beeinflußt
worden zu sein, wie die Regierungszeit Diokletians (284–305) deutlich machen
sollte. Der Wandel wird höchst augenfällig dadurch symbolisiert, daß sich
Diokletian seinen Alterspalast in Split (Dalmatien) nicht nach dem Muster der

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Paläste und Villen in Rom, sondern nach dem der Feldlager der römischen
Armee bauen ließ.
Die Armee selbst stellte in verschiedenster Hinsicht einen der bedeutsamsten
Faktoren für die soziale Entwicklung innerhalb des Reiches dar. Am Anfang der
Periode machten die 25 Legionen römischer Bürger, die in der Hauptsache aus
Italien stammten, noch das Herzstück der Armee aus. Daneben gab es
Sonderformationen aus Nicht-Bürgern, Auxilien genannt. Je weiter das
Bürgerrecht ausgedehnt wurde, desto mehr bezogen die Legionen ihre Soldaten
aus den Provinzen. Andererseits verloren die Hilfstruppen etwa um die Mitte
des 1. Jahrhunderts ihre Bindung an die Heimatländer (wenn auch nicht ihre
Herkunftsbezeichnungen, die man beibehielt); die Dienstzeit wurde in diesen
Einheiten auf 25 Jahre festgelegt, nach deren Ablauf den einzelnen das römische
Bürgerrecht gewährt wurde. Im 2. Jahrhundert gab es einige Hilfstruppen, die
sich ausschließlich aus römischen Bürgern zusammensetzten. Kurzum, die
Unterscheidung zwischen Legionen und Hilfstruppen wurde weitgehend zu
einer Unterscheidung nach Größe und Art der Einheit.
Die Einberufung von Nicht-Bürgern zu den Hilfstruppen und ihre Entlassung
als Bürger war ein wesentlicher Faktor bei der Romanisierung der Provinzen;
andere Faktoren waren die Entstehung von Städten rings um Legionslager oder
in ihrer Nähe und die Ansiedlung von Veteranen als Einzelpersonen oder in
regelrechten Kolonien in den Provinzen. Auf diese Weise wurde die
Anwesenheit der Armee zum beherrschenden Faktor bei der Bildung eines
»romanisierten« sozialen Gefüges in den abseits liegenden Teilen des Reiches.
Aber darüber hinaus besteht eine der wichtigsten Entwicklungen dieser Periode,
die einen grundlegenden Wandel des Staatscharakters bezeichnet, in der ständig
zunehmenden Verwendung von Soldaten niederer und höherer Ränge in
Stellungen, die zuvor von Zivilisten ausgefüllt wurden. Dies trifft zunächst für
die Polizei in den Provinzen zu. Im 2. und 3. Jahrhundert breiteten sich sehr
schnell kleine, von Soldaten besetzte stationes, besonders entlang den
Hauptstraßen, aus, die für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zu
sorgen hatten. In den christlichen Märtyrerakten, die in den letzten Jahrzehnten
des 2. Jahrhunderts beginnen, stößt man in zunehmendem Maß auf römische
Soldaten, die mit den örtlichen Beamten zusammenarbeiteten. Das traf aber auch
für eine große Zahl anderer Bereiche zu, von der Landvermessung und
Ingenieursarbeiten bis hin zu Schreiberdiensten und anderen Pflichten im
Bereich der Provinzialverwaltung oder auf juristischem Gebiet. Dieser Prozeß
verlief parallel zu der ständigen Vermehrung der Verwaltungsstellen, deren
Inhaber sich mit Bergwerken, dem Postwesen, Steuern, dem kaiserlichen
Eigentum oder anderem befaßten und die in Italien und den Provinzen mit
Rittern besetzt wurden. Am Ende des 1. Jahrhunderts tauchten auch zum ersten
Mal Stadtaufseher (curatores rei publicae) auf, die vom Kaiser zur Beaufsichtigung
des Finanzgebarens einer Stadt in Italien oder in den Provinzen ernannt wurden.
Diese entstammten gewöhnlich dem Senatoren- oder Ritterstand, aber einige von

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ihnen, so in dieser Periode besonders in Italien, fungierten zugleich als
Stadtherren. Unter Diokletian wurden nur noch einheimische Würdenträger mit
diesem Amt betraut. Auch diese wurden vom Kaiser berufen.
Alle diese Entwicklungen zeigen die stetige Ausweitung des »römischen«
Staates auf die Gebiete, die man zuvor den örtlichen Gemeinschaften überlassen
hatte. In Geschichtsbüchern über das römische Reich wird dies oft als ein
unheilvoller Vorgang dargestellt, durch den Rom die Freiheit und Vitalität der
Städte zerstörte. In Wirklichkeit trat diese Entwicklung gleichzeitig mit dem
oben erwähnten Prozeß ein, durch den zuvor nur römischen Bürgern reservierte
Stellungen auch Männern aus den Provinzstädten zugänglich wurden. Eine
große Zahl von Menschen, von denen wir wissen, daß sie als Centurionen in der
Armee oder in anderen militärischen oder zivilen Stellungen tätig waren, hatten
zugleich auf örtlicher Ebene Ämter in ihren eigenen Städten inne. Die
Verschmelzung wirkte sich in beiden Richtungen aus. Magistratspersonen aus
dem örtlichen Bereich konnten Reichsämter (besonders das des advocatus fisci –
des Advokaten der kaiserlichen Kasse) in ihrem Gebiet erhalten; umgekehrt
konnte der Kommandeur einer Hilfstruppe Ratsherr in dem Ort werden, in dem
er stationiert war.
Die Armee nahm innerhalb des Verschmelzungsprozesses den zentralen Platz
ein. Denn sie stellte, da es neben ihr keine zahlenmäßig vergleichbare
Vereinigung von Staatsbediensteten gab, nicht nur das Personal auf niederer
Ebene, das die ausgeweiteten Funktionen des Staates gegenüber den
Privatpersonen innehatte. Durch die Armee war auch die Mehrzahl der
Amtsträger aus dem Ritterstand gegangen; diese waren in die Armee entweder
schon als equites eingetreten oder aus ihr auf Grund ihrer Stellung als erste unter
den Centurionen (primus pilus) auf ritterliche Militär- und Zivilposten gesetzt
worden.
Seit der Regierungszeit Vespasians (69–79) wurde es Brauch, daß der Kaiser
einige Inhaber ritterlicher Verwaltungsposten in den Senat berief. Im 2.
Jahrhundert, besonders während der Donaukriege Marc Aurels, die eine
beträchtliche Belastung für die römische Armee und ihre Befehlshaber
darstellten, wurden equites speziell in senatorische Kommandostellen eingesetzt.
In den Notzeiten des 3. Jahrhunderts waren sodann Karrieren wie die des
Oclatinius Adventus möglich, der vom einfachen Soldaten in der Schutztruppe
eines Provinzgouverneurs zum Centurionen der speculatores (eines Korps mit
Geheimdienstaufgaben), zum Prätorianerpräfekten und schließlich, als sein
Kollege Macrinus im Jahr 217 den Thron okkupierte, zum Senator, Konsul und
Präfekten von Rom aufstieg.4
Dieser Fall erzeugte unter den Senatoren Bitterkeit und Verärgerung, was wir
aus der Haltung eines zeitgenössischen Senatoren, des Historikers Cassius Dio,
ablesen können. Als die Kriege des 3. Jahrhunderts in noch weit stärkerem Maß
Berufskommandeure erforderten, hatte dies nicht so sehr die beschleunigte
Übernahme von Rittern in den Senat zur Folge als vielmehr den in den Jahren

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zwischen 260 und 280 rasch zunehmenden Ausschluß der Senatoren von allen
Kommandostellen. Die Traditionen und der soziale Zusammenhalt des Senats
hatten dem Druck des neuen römischen Staates, der aus dem Bereich der Armee
kam, Widerstand geleistet, was jedoch auf Kosten seiner Macht erfolgte. Wie die
neue Ordnung aussehen sollte, hatte das Beispiel des Maximinus gelehrt, eines
thrakischen Bauernsohnes, der in die Armee eintrat, hohe Offiziersränge
erreichte und im Jahr 235 den Thron bestieg, ohne je Senator gewesen zu sein.
Was zur Bedeutung der Armee für die gesamte Entwicklung noch zu sagen
bleibt, ist, daß sie bezahlt werden mußte. Die älteren Staaten vor den Römern
hatten Söldnerarmeen besessen oder aber Bürgermilizen, die in Notzeiten
einberufen wurden. In der frühen Kaiserzeit wurde endgültig eine stehende
Armee aus langdienenden Soldaten aufgestellt, die ihren Sold erhielt und
(kleinere Abweichungen sind festzustellen) in voller Kriegsstärke gehalten
wurde. Obgleich abhängige Königreiche absorbiert und die Grenzen an
verschiedenen Stellen und zu verschiedenen Zeiten vorgeschoben wurden, gab
es nur zwei größere Eroberungen nach dem Jahr 14 n. Chr., die Britanniens im
Jahr 43 und diejenige Dakiens (Dacia) in den Jahren 105/106. Von diesen beiden
brachte nur die Besetzung Dakiens ausreichende Beute, die das herkömmliche
Finanzierungsmittel antiker Kriege war. Die ständig wachsende Armee mußte
darum durch Besteuerung, durch alle möglichen regelwidrigen Mittel der
Geldbeschaffung, die existierten, wie die Konfiskation, oder die Forderung von
Sachabgaben aufrechterhalten werden. Wenn wir auch keine Zahlen kennen und
solche auch in Zukunft nicht besitzen werden, so läßt sich doch mit einiger
Sicherheit sagen, daß die vornehmlich auf Ackerbau gegründete Wirtschaft ohne
intensive Anspannung und menschliches Leid den notwendigen Überschuß ganz
einfach nicht erzeugen konnte. Reichen Senatoren, deren Domänen in Italien
allerdings wegen des privilegierten Status italischen Bodens von der
Besteuerung ausgenommen waren, drohte ständig eine summarische
Verurteilung und die Konfiskation ihres Besitzes. Wie wir sehen werden,
offenbaren die Quellen endlose Klagen der Menschen am anderen Ende der
sozialen Stufenleiter über ungerechte Forderungen der Soldaten und
Steuereinnehmer. Die dazwischenliegende Schicht der Landbesitzer, die die
herrschende Klasse in den Städten darstellte, mußte nicht nur für die Ausgaben
und Spenden aufkommen, die die Kontrolle der städtischen Ämter notwendig
machte, sondern auch für die Einziehung der Steuern und deren Entrichtung an
die Provinzbeamten. Daß seit dem 2. Jahrhundert aus dem Privileg, ein Amt
bekleiden zu dürfen, eine schwere Belastung wurde, der sich die einzelnen zu
entziehen suchten, gehört zu den bekanntesten Grundzügen der Kaiserzeit.
Seit Hadrian (117–138) entstand dann aber ein System gesetzlicher Privilegien,
durch das die örtlichen Magistrate in den Städten (ebenso die Veteranen und die
Angehörigen der Oberschicht) von der übrigen Bevölkerung getrennt wurden.
Dieses System könnte tatsächlich – diese Frage ist noch nicht endgültig geklärt –
als eine Art Kompensation für die diesen Gruppen aufgebürdeten Lasten

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entwickelt worden sein. Danach besaßen die Mitglieder der Oberschicht, die
honestiores, ein Anrecht auf eine Anzahl leichterer Strafen, als die Angehörigen
der niederen Schichten, die plebei, sie bei Verurteilung wegen derselben
Vergehen zu erwarten hatten. Gegen Ende des 2. Jahrhunderts wurde es einem
Provinzialstatthalter zur Pflicht gemacht, den Kaiser zu konsultieren, ehe er
einen honestior mit Deportation bestrafte.
Der genaue Zweck dieser Unterscheidungen bleibt im dunkeln. Gewiß
bezeichnend ist es aber, daß sie zu der Zeit entstanden, als das römische
Bürgerrecht seine ursprüngliche Bedeutung verlor. Seine schnelle Ausweitung
auf die Provinzen fand in dem Edikt ihren Höhepunkt, durch das Caracalla (211
bis 217), wie unsere Quellen behaupten, das Bürgerrecht der gesamten
Reichsbevölkerung gewährte. (Einige Dokumente lassen jedoch darauf schließen,
daß einige große Gruppen Nicht-Privilegierter übrigblieben.) Im Verlauf zweier
Jahrhunderte erfolgte also die wirksame Ablösung einer Unterscheidung nach
lokalen Gruppen (römischen Bürgern, vornehmlich Italikern, und anderen)
durch eine Unterscheidung nach Klassen, die, soweit wir wissen, im ganzen
Reich Anwendung fand. Symbolisch für diesen Wechsel ist, daß das Wort ›plebs‹,
das ursprünglich die untere Klasse in der Stadt Rom bezeichnete, zum
Fachterminus für die unteren Schichten im ganzen Reich wurde.
Diese neue Unterscheidung auf gesetzlicher Ebene spiegelt in gewisser Weise
die kulturelle Assimilation und Vereinigung wider, die für das gesamte Reich
charakteristisch war. Im Jahr 200 hätte man von Britannien nach Syrien reisen
können und wäre dabei unterwegs durch Städte eines weitgehend einheitlichen
Typs gekommen, deren öffentliche Bauten (Thermen, Theater, Amphitheater
oder Zirkusse, Versammlungshäuser für den Gemeinderat, Tempel) einander
sehr ähnlich waren. Auf der gesamten Reise hätten für die Verständigung in den
Städten zwei Sprachen genügt, Griechisch und Lateinisch, und in einigen Orten
hätte man beide Sprachen verstanden. Obgleich zwischen der
griechischsprechenden Hälfte des Reiches (die den gesamten Osten bis zur
Westküste des Schwarzen Meeres, bis zu den südöstlichen Balkanländern und
bis zum heutigen Libyen umfaßte) und der lateinischsprechenden eine spürbare
Scheidung bestand, ähnelten die beiden Kulturen, die beide im Grund städtisch
waren, einander sehr. Die lateinische Erziehung und Literatur war von Anfang
an stark vom Griechischen abhängig gewesen, und die Verbindungen blieben
immer sehr eng, wobei ein unvergleichlich stärkerer Einfluß von der
griechischen Seite ausging. Als Beispiel für diesen kulturellen
Verschmelzungsprozeß – und das Übergewicht der griechischen Kultur – läßt
sich der griechische Redner Aelius Aristides aus dem 2. Jahrhundert anführen,
der von seiner Kur im Heiligtum des Asklepios in Pergamon berichtet, er habe
dort einen Afrikaner getroffen, der nicht nur ein römischer Senator, sondern ein
Schüler des Demosthenes gewesen sei.5 Um die Mitte des 3. Jahrhunderts zog
ein Lehrer der Rhetorik von Griechenland nach Rom und ließ sich schließlich in
Autun als Lehrer nieder.6

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Die kulturelle und soziale Verschmelzung innerhalb des Reiches war das
Ergebnis der Verbreitung eines weitgehend ähnlichen Typs griechisch-römischen
Stadtlebens über das ganze Reich. Mit dieser Aussage wird das bedeutsamste
Charakteristikum griechisch-römischer Kultur berührt, ihre grundlegend
koloniale Wesensart. Das bedeutet, daß außerhalb Roms und Italiens die
Gesellschaft und Kultur aller Gebiete des Reiches durch Import, Eroberung,
Emigration und Assimilation einer vorherrschenden fremden Kultur und durch
ihr Überlagern über die bestehende einheimische Kultur oder durch
Verschmelzung mit ihr geformt wurden.
Will man die römische Kaiserzeit verstehen, muß man sich zunächst mit dem
Regierungsüberbau beschäftigen, den sie von der Republik übernahm und den
sie in den ersten drei Jahrhunderten n. Chr. stark veränderte. Denn ohne diesen
Überbau hätte es überhaupt kein römisches Kaiserreich gegeben. Will man
sodann aber begreifen, wie das römische Kaiserreich als Gesellschaft und
Zivilisation, als ein Teil menschlicher Erfahrung beschaffen war, muß man sich
den einzelnen Teilen des Reiches zuwenden, um die unterschiedlichen Formen
kennenzulernen, die die dominierende griechisch-römische Kultur in jedem von
ihnen annahm. Man muß sich fragen, wie weit die griechisch-römische Kultur
ein fremdartiger Import blieb, der sich auf die Städte beschränkte; wie weit die
Landbevölkerung ihre einheimische Kultur und Sprache beibehielt; oder wie
weit in manchen Teilen des Reiches eine kulturelle und soziale Verschmelzung
stattfand. Die einzelnen Glieder des Imperiums besaßen eine höchst
unterschiedliche Vergangenheit, wie beispielsweise Griechenland und Ägypten
mit ihrer langen Geschichte oder aber Britannien, das kaum eine geschichtliche
Tradition hatte. In einem Gebiet wie Südspanien war jede Spur einheimischer
Kultur schon zu Beginn unserer Periode infolge der Einwanderung von Italikern
und der Annahme der lateinischen Kultur durch seine Bewohner verschwunden.
In Ägypten dagegen überdauerte die Muttersprache – die Sprache der
Hieroglyphen – 600 Jahre griechischer und römischer Okkupation und gewann
im 3. und 4. Jahrhundert im Koptischen, der ägyptischen Kirchensprache, neue
Bedeutung.
Ein Einblick in die komplexe Lage, die durch das Zusammentreffen griechisch-
römischer und bodenständiger Kulturen in den Provinzen entstand, kann aus
den herkömmlichen griechischen und lateinischen literarischen Quellen und aus
Inschriften und Papyri gewonnen werden. Aus den griechischen Provinzen,
nicht aber aus anderen Teilen des Reiches, sind größere Mengen solchen
Materials in anderen Sprachen als der griechischen und lateinischen erhalten.
Für die übrigen Bereiche müssen wir uns auf archäologisches Material verlassen,
das allein Auskunft über die Kleidung, die Häuser, die Gerätschaften, die
Bestattungsriten oder die Tempel der Menschen in den Provinzen geben kann.
Der ungeheure Reichtum und die Vielfalt des Materials aus den römischen
Provinzen wurde erstmals in seiner ganzen Fülle in M. Rostovtzeffs ›Social and
Economic History of the Roman Empire‹ (Gesellschaft und Wirtschaft im römischen

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Kaiserreich) ausgebreitet, die im Jahre 1926 veröffentlicht wurde und immer noch
das einzig bedeutsame zusammenfassende Werk über diesen Zeitraum darstellt.
Aber wenn auch bislang kein Historiker der Kaiserzeit Rostovtzeff übertroffen
hat, so sind doch die Ausgrabungen in jedem Teil des Reiches außer in Spanien,
besonders seit dem letzten Kriege, sehr viel weiter fortgeschritten. Die
Aufmerksamkeit der Forschung konzentriert sich heute auf die Beziehungen
zwischen griechisch-römischer Kultur und den einheimischen Kulturen, was
auch Thema des VIII. Internationalen Kongresses für Klassische Archäologie
war, der 1963 in Paris tagte.
Die wechselseitige Beeinflussung der Kulturen war nicht nur für die materielle
Zivilisation oder soziale Struktur von Bedeutung, sondern auch für das religiöse
Leben des Reiches. Charakteristisch ist, daß nicht nur die einheimischen Kulte –
in Gallien oder Britannien ebenso wie im Osten – dem Übergewicht der fremden
Kultur am erfolgreichsten widerstanden, sondern daß in wachsendem Maß in
das griechisch-römische Heidentum im Osten beheimatete Götterkulte, wie die
der Kybele, der Isis oder des Mithras, eindrangen. Einer dieser Kulte war das
Christentum, das als Sekte unter der »subkolonialen« jüdischen
Landbevölkerung Palästinas entstand, aber innerhalb weniger Jahre sich über
das Netz jüdischer Gemeinden in den griechischen Städten und in Rom
ausbreitete. Damit wurde es paradoxerweise zu einem Element innerhalb der
beherrschenden griechischen Stadtkultur, brachte bis in das späte 2. Jahrhundert
keine Literatur in lateinischer Sprache hervor und drang nur langsam und unter
Schwierigkeiten aus den Städten auf das flache Land vor.
Selbst die Entwicklung des römischen Staates in dem Zeitraum zwischen
Augustus und Diokletian läßt sich nur vor dem Hintergrund der sozialen
Entwicklung der einzelnen Teile des Reiches verstehen. Durch diese
Entwicklung wurde bestimmt, wer berechtigt und fähig war, aus den Reihen der
Armee als Diener des Staates in den Ritterstand, den Senat oder auf den
kaiserlichen Thron zu gelangen. Außerdem lag es in der Natur des Staates, daß
dieser nur sehr begrenzte Ziele, die hauptsächlich mit der Armee
zusammenhingen, von sich aus verfolgte. Abgesehen von der Aufrechterhaltung
von Ruhe und Ordnung und der Steuererhebung, neigten der Staat und sein
Personal im übrigen dazu, sich auf die Rolle eines Friedensstifters und
Wohltäters zu beschränken, wenn immer seine Untertanen darum nachsuchten.
Das trifft ebenso für den Kaiser selbst zu, der als Inhaber absoluter und
willkürlicher Macht den Zwist streitender Parteien schlichtete oder Petitionen
wegen gesetzlicher oder materieller Vorteile beantwortete, die Gemeinden oder
einzelne Untertanen vorbrachten. Daraus folgte, daß der Kaiser oft die
geringfügigsten Angelegenheiten im örtlichen oder persönlichen Bereich
entschied. Entscheidend für das Funktionieren der kaiserlichen Politik war
deshalb, in welchen Teilen des Reiches und zu welchen Zeiten es Männer mit
ausreichend Vermögen, Vertrauen und politischen Beziehungen gab, um sich
Zugang beim Kaiser zu verschaffen und von ihm einen günstigen Bescheid zu

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erhalten. Hier herrschte, wie in so vielen anderen Dingen, der griechische Osten
vor; der allergrößte Teil der bekannten kaiserlichen Briefe ist an griechische
Städte gerichtet. Die römische Literatur gibt, wie bei der bissigen Beschreibung
der »habgierigen Griechen« durch Juvenal, ein verzerrtes Bild der historischen
Situation. In Wahrheit war es der griechische Osten, dessen Reichtum und
Bevölkerung Vitalität in der Literatur und in den neuen Religionen entwickelten,
die im Volk den Widerstand gegen die Invasionen der Barbaren im 3.
Jahrhundert weckten, und der seine eigene Kultur und sein eigenes römisch-
griechisches Reich bis zu dessen Ende im Jahr 1453 bewahren sollte.

2. Rom, das römische Volk und der Senat

Rom und der Senat stellten den Rahmen dar, in den die Einrichtungen der
Kaiserzeit hineinwuchsen. In republikanischer Zeit war der Senat, dessen
Mitglieder vom römischen Volk gewählt wurden, weitgehend jedoch einen
Erbanspruch geltend machten, die eigentliche Regierung des Staates; das Volk,
der nominelle Souverän, hatte das letzte Wort, nahm aber aktiv nur wenig
Einfluß auf die Politik. In der Kaiserzeit verlor das Volk alle wirksamen
verfassungsmäßigen Rechte – sowohl bei der Gesetzgebung als auch bei den
Wahlen – und gewann statt dessen immer stärker wachsende wirtschaftliche
Privilegien. Die Aquädukte und öffentlichen Gebäude unterstanden kaiserlicher
Aufsicht; die Getreidebeschaffung und die Nahrungsmittelpreise, die freien
monatlichen Ausgaben von Getreide (später auch von anderen
Nahrungsmitteln), die immer wiederholten Geldgeschenke der Kaiser und die
Spiele und Aufführungen, die ständig an Zahl zunahmen und die die Kaiser
noch in den Kalender der Stadt aufnahmen, waren Gegenstand kaiserlicher
Sorge. Zu dem traditionellen Recht des römischen Volkes auf die Früchte des
Kaiserreiches kam der Wunsch der Kaiser hinzu, den Erfolg ihrer Herrschaft
durch Schaustellungen und Geschenke in derselben Weise wie die Aristokraten
der Republik zu demonstrieren. Darüber hinaus gab, wie wir noch sehen
werden, die Anwesenheit des Kaisers dem Volk die Möglichkeit, noch etwas
wirkliche politische Macht auszuüben, selbst als seine eigentlichen Rechte
verschwunden waren.
Die Bedeutung der Stadt Rom und des römischen Volkes lag also einmal darin,
daß die Gewinne des Reiches zu einem großen Teil noch in Rom ausgegeben
wurden, zum anderen darin, daß Rom noch bis zum Ende unserer Epoche die
Hauptbühne blieb, auf der die Kaiser agierten. Die Bedeutung des Senats war
weit größer und komplizierter. Er setzte sich aus den Inhabern und ehemaligen
Trägern öffentlicher Ämter zusammen (viele Mitglieder entstammten in der
frühen Kaiserzeit republikanischen Senatorenfamilien) und gab das Maß der
Legalität, der zu beachtenden Schicklichkeit und Tradition an, wonach die Kaiser
beurteilt wurden. (Es war zum Beispiel beabsichtigte Rücksicht auf die Tradition,
daß Tiberius aufstand, um die Konsuln zu begrüßen.) Kaiser Augustus baute

12
seine verfassungsmäßige Stellung nach seinem Sieg im Jahr 31 v. Chr., der ihn
zum Alleinherrscher in der römischen Welt gemacht hatte, unter sorgfältiger
Beachtung der unter den Senatoren lebendigen Gefühle aus. Danach haben die
Kaiser, die alle, bis hin zu Macrinus (217–218), vor der Thronbesteigung
Senatoren gewesen waren, mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen versucht,
mit dem Senat zusammenzuarbeiten und die unterschwellige Spannung zu
mindern, die unvermeidlich aus dem Konflikt zwischen senatorischen
Traditionen und dem bloßen Vorhandensein eines Kaisers resultierten. Wie diese
Spannung und die Versuche zu ihrer Lösung aussahen, verdeutlicht die
Tatsache, daß die Kaiser von Nerva (96–98) bis Septimius Severus (193–211)
einen Eid ablegten (den sie nicht immer einhielten), keinen Senator ohne
Zustimmung des Senats hinrichten zu lassen.
Außerdem blieb die Verleihung einzelner Funktionen und Titel ein
wesentliches, wenn oft auch formales Element der Kaisererhebung; der Senat
stimmte auch für die Vergöttlichung eines Kaisers oder für die »Verdammung
der Erinnerung« an ihn nach dessen Tod. Darüber hinaus hielt der Senat von der
Republik her weiter an seiner legislativen Rolle fest, verrichtete eine Vielzahl
nicht leicht zu definierender Verwaltungsaufgaben und erwarb eine neue
Funktion als Gerichtshof für bestimmte Vergehen durch Mitglieder des
Senatoren- und Ritterstandes.
So war, in Umrissen, die Stellung des Senats als Körperschaft beschaffen. In
unseren Geschichtsquellen, bei Tacitus im frühen 2., bei Cassius Dio im frühen 3.
oder in der Historia Augusta im 4. Jahrhundert, werden die Kaiser in der
Hauptsache danach beurteilt, wie sie sich gegenüber dem Senat verhielten. Es ist
recht auffallend, daß alle die Kaiser – Nero, Domitian, Commodus –, die die
Gefühle des Senats am gewaltsamsten beleidigten, auch eines gewaltsamen
Todes starben.
Die einzelnen Senatoren behielten überdies, Ägypten ausgenommen, das
Monopol auf Führungsstellen in der Armee und in den wichtigen Provinzen. Die
so beschaffene Regierungsstruktur des Reiches bestand weitgehend
unangefochten bis in das letzte Drittel des 3. Jahrhunderts fort. Der davor
eingetretene Wandel war ganz anderer Art und bestand in der ständigen
Ausweitung der Rekrutierungsbasis des Senats auf alle Reichsteile mit einer
Stadtkultur. Obwohl die neuen Männer nicht ohne Erlaubnis des Kaisers
aufgenommen werden konnten, machten sie und ihre Nachfahren sich dennoch
die Traditionen des Senats und das Gefühl für seine Würde, die er als
Körperschaft besaß und die der Kaiser nicht verletzen durfte, ganz zu eigen.

I. Rom und das römische Volk

Zur Zeit der Republik gab es in Rom die öffentlichen Dienste fast alle noch nicht.
Erst Kaiser Augustus hatte während seiner langen Regierung (31 v. Chr. – 14 n.
Chr.) allmählich verschiedene Dienste eingerichtet, an deren Spitze Männer aus

13
dem Senatoren- oder Ritterstand mit ihren Untergebenen standen. Das
wichtigste Amt war das des Stadtpräfekten, der Konsul gewesen sein mußte,
weitgehende polizeiliche und richterliche Gewalt besaß und die drei städtischen
Kohorten von je 1000 Mann befehligte. Dieses Amt, das später der krönende
Abschluß einer senatorischen Laufbahn wurde, den nur wenige erlangten,
absorbierte allmählich den größten Teil der Rechtsprechung in Rom und wurde
zum Haupt aller Staatsdienste in der Hauptstadt. Die vigiles (Nachtwächter und
Feuerwehr) unter dem Kommando eines Präfekten aus dem Ritterstand waren
ebenfalls eine Schöpfung des Augustus. Hauptsächlich um Feuer zu verhüten
oder um Brandstifter zu bestrafen, besaß dieser Präfekt gewisse richterliche
Befugnisse. Aber es ist für die die römische Rechtsprechung charakterisierende
ungenaue Abgrenzung der Kompetenzen bezeichnend, daß die einzige uns
erhaltene vollständige Niederschrift eines vom Präfekten der vigiles
durchgeführten Prozesses von einem ausgedehnten Streit (226 bis 244) handelt,
in dem die Walkerzunft ihr Recht auf freie Benutzung eines öffentlichen Platzes
verteidigte.1
Augustus richtete ebenfalls das senatorische Amt eines curator (Aufsehers) für
Tempel und öffentliche Gebäude ein, das bis in das 4. Jahrhundert bestand. Im 2.
und 3. Jahrhundert gab es daneben kaiserliche Agenten aus der Ritterschaft,
procuratores für die öffentlichen Bauten in Rom. Über den Aufgabenbereich
dieser Beamten ist nicht viel bekannt. Aber die Funktionen eines vergleichbaren
Postens, des senatorischen Aufsehers (curator) der Aquädukte, der auf
Veranlassung des Kaisers Augustus im Jahr 11 v. Chr. geschaffen wurde, sind
sehr gut bekannt. Denn Julius Frontinus, der von 96 bis 98 dieses Amt innehatte,
beschrieb in seinem Buch De aquae ductu urbis Romae die Entstehung der
Aquädukte und, bis zur kleinsten Einzelheit, wie sie funktionierten und
verwaltet wurden.2 Kein anderes Zeugnis offenbart mit solcher Klarheit, wieviel
Rom der Fürsorge der Kaiser verdankte und wie eng die senatorische
Verwaltung mit den neuen kaiserlichen Beamten zusammenarbeitete. Die für die
Aquädukte verantwortliche Truppe entstand aus der Sklavenmannschaft, die der
Heerführer des Kaisers Augustus, Marcus Agrippa, für Arbeiten an den
Aquädukten als Ädil im Jahr 33 v. Chr. aufgestellt hatte. Als Agrippa im Jahr 13
v. Chr. starb, hinterließ er die Arbeiterkolonne dem Kaiser, der sie dem Staat
übergab; zwei Jahre später ließ Augustus den Senat für die Einrichtung des
curator-Amtes stimmen. Die Untergebenen der curatores und die jetzt öffentlichen
Arbeitssklaven mußten aus dem aerarium, der Staatskasse, bezahlt werden.
Kaiser Claudius (41–54) beschäftigte noch eine zweite Sklavenabteilung, die
kaiserlicher Besitz blieb und vom fiscus, der kaiserlichen Kasse, bezahlt wurde,
der auch für das notwendige Material aufkam.
Diese Ämter hatten mit der Instandhaltung bestehender Tempel, öffentlicher
Gebäude und Aquädukte zu tun. Darüber hinaus errichteten die Kaiser,
weitgehend auf eigene Kosten, bis in die letzte Jahrhunderthälfte unserer
Epoche, in der nur noch geringe Bautätigkeit beobachtet werden kann, eine

14
große Zahl von Bauten – Tempel, Theater, Bäder, Triumphbögen, neue
Aquädukte. In dieser späteren Periode war das bedeutendste öffentliche
Bauwerk von ganz anderer Art: Aurelian (270 bis 275) ließ eine etwa 19 km lange
Mauer um die Stadt Rom errichten, die seit den Tagen der frühen Republik zum
ersten Mal wieder notwendig war.3 Diese lange Reihe von Bauten – von denen
das Kolosseum, das von Vespasian (69–79) begonnen und von seinem Sohn Titus
vollendet wurde, vielleicht das berühmteste ist – symbolisierte die Freigebigkeit
und Stabilität des kaiserlichen Regimes.
Die Bauten dienten wohl auch noch einem anderen Zweck, denn als Vespasian
eine arbeitssparende Vorrichtung zur Beförderung von Marmorsäulen auf das
Kapitol angeboten wurde, lehnte er diese mit den Worten: »Erlaube mir, das
Volk zu ernähren« ab.
Solch unmittelbare Vorteile interessierten das Volk. Am wichtigsten war dabei
die Versorgung mit Getreide und anderen Nahrungsmitteln zu erträglichen
Preisen. Während der Regierung des Kaisers Augustus kam es zweimal, in den
Jahren 22 v. Chr. und 6 n. Chr., bei der Getreideversorgung zu Schwierigkeiten.
Beim zweiten Mal hatte Augustus Senatoren mit der Überwachung beauftragt;
aber im Jahr 14 n. Chr. gab es dann den Präfekten der Getreideversorgung
(annona), der dem Ritterstand entstammte. Seine Pflichten und Vollmachten
waren beschränkt. Der Getreidehandel lag in privaten Händen. Es gibt keinerlei
Belege dafür, daß Getreideschiffe im Besitz des Staates waren. Sogar das
Getreide – vielleicht ein Drittel des Gesamtimports –, das als Tribut aus den
Provinzen, besonders aus Africa und Ägypten, kam, wurde auf privaten Schiffen
befördert. Der Präfekt und seine Mitarbeiter überprüften die Getreidequalität,
kontrollierten Maße und Gewichte, verhinderten Betrug und schlossen mit
Schiffseigentümern Verträge ab, die die Beförderung des Tribut-Getreides
regelten; später übte der Präfekt die Rechtsprechung in Fällen, die Schiffsleute
betrafen. Die volle Verantwortung lag jedoch beim Kaiser, wie Tiberius in einer
Rede vor dem Senat im Jahr 22 ausführte: »Diese Verantwortung, Senatoren,
wird vom Kaiser getragen. Ihre Nichtbeachtung würde den Staat völlig
zerstören.« Drei Jahre zuvor war er durch die Beschwerden des Volkes dazu
gezwungen worden, den Getreidepreis zu senken und den Händlern
Subventionen zu zahlen. Kaiser Claudius, der im Jahr 51, als das Getreide knapp
war, beinahe sein Leben verlor, als er von einer wütenden Menge auf dem
Forum angegriffen wurde4, gab den Schiffseigentümern Belohnungen, die
Getreide nach Rom brachten, und beaufsichtigte den Bau des ersten geeigneten
Hafens in Ostia; ein zweiter, innerer Hafen wurde dann von Trajan gebaut.
Septimius Severus (193–211) soll die Versorgung so geschickt geregelt haben, daß
bei seinem Tod Vorräte für sieben Jahre in den Kornspeichern Roms lagen. Aus
der Regierungszeit des Severus Alexander (222–235) ist eine Anekdote erhalten,
nach der die Massen im Circus oder im Theater eine Herabsetzung der Preise
forderten. Der Kaiser ließ durch seinen Herold fragen, welche Nahrungsmittel

15
gemeint seien. »Rind- und Schweinefleisch«, riefen sie – und es wurden
Maßnahmen getroffen, die eine bessere Versorgung gewährleisteten.
Neben der allgemeinen Aufsicht über Vorräte und Preise gab es die besondere
Aufgabe der freien monatlichen Getreideausgaben an das römische Volk. Dies
war keine Maßnahme der Armenfürsorge, sondern ein politisches Privileg, das
das Volk in der späten Republik gewonnen hatte und das die Kaiser
anerkannten. Die Austeilung erfolgte nach einer besonderen Liste, auf der
Augustus 200000 Personen hatte verzeichnen lassen, die in der Regel männlichen
Geschlechts, über zehn Jahre alt, römische Bürger und in Rom wohnhaft sein
mußten. Diese Personen waren im Besitz von Karten (tesserae), die den Inhaber
berechtigten, an einem bestimmten Tag an einer bestimmten Tür am
Hauptverteilungsort, dem Portikus von Minucia, seine monatliche Zuteilung
abzuholen. Der jüdische Philosoph Philo berichtet, daß Augustus den Juden von
Rom erlaubte, einen anderen Tag zu wählen, wenn die Ausgabe auf den Sabbat
fiel. Obgleich der Theorie nach eine Liste der berechtigten Personen aufbewahrt
wurde, ist klar, daß die tesserae später Tauschobjekte wurden, die gekauft,
verkauft oder ererbt werden konnten. Die eigentliche Verteilung (im Gegensatz
zur Bereitstellung des Getreides, von der wir nichts wissen) wurde von zwei
senatorischen Präfekten der Kornverteilung beaufsichtigt, die bis etwa zum Jahr
230 belegt sind. Im 3. Jahrhundert nahmen die Ausgaben an Umfang und Vielfalt
zu. Septimius Severus soll eine tägliche Ölration hinzugefügt haben, während
Aurelian (270–275) auch Schweinefleisch und Wein zu herabgesetzten Preisen
austeilen ließ und schließlich die monatlichen Getreidegaben durch tägliche
Brotgaben ersetzte.
Mit den Nahrungsmittelverteilungen eng verbunden waren die Geldspenden
(congiaria), die dem gleichen Personenkreis zugute kamen, aber nur
unregelmäßig bei besonderen Anlässen wie kaiserlichen Machtübernahmen,
Geburtstagen oder Triumphen gegeben wurden. Sie waren persönliche
Geschenke des Kaisers an die Bevölkerung der Hauptstadt. Als Marcus Aurelius
(161–180) von seinen Kriegszügen zurückkehrte, verlangte das Volk für jeden
Bürger acht Goldstücke, eines für jedes Jahr seiner Abwesenheit.5 Der Kaiser
hatte bei der Verteilung den Vorsitz. Eine Anekdote über Hadrian berichtet, daß
er die laut gerufenen Beschwerden einer alten Frau hörte, als er beim congiarium
saß. Zu diesem Anlaß ausgegebene Münzen zeigen, wie die Kaiser auf einer
Tribüne saßen, während ein Beauftragter die Münzen den Angehörigen des
Volkes aushändigte, die nacheinander die Stufen hinaufstiegen, um das Geld zu
empfangen.

16
 Abb. 1: Der Kaiser verteilt Gaben an das Volk von Rom. Diese Münzen mit der
Aufschrift LIBERALITAS AUGUSTI (›Freigebigkeit des Augustus‹) zeigen
Geldverteilungen an das Volk, bei denen der Kaiser, der auf einem erhöhten Tribunal
sitzt, den Vorsitz führte, a) Diese Münze wurde von Nero (54–68) ausgegeben und zeigt,
wie ein Beamter die Münzen von einem Tisch verteilt, b) Auf der von Severus Alexander
im Jahr 229 ausgegebenen Münze ist die Person des Kaisers stärker hervorgehoben.
Anstelle des Beamten erscheint eine symbolische Gestalt mit Füllhorn und Rechenbrett.

Diese Gaben betrafen nur eine begrenzte Gruppe privilegierter Personen. Es


existierten aber noch andere Vergünstigungen von größerer Bedeutung. Der
Lehrer des Marcus Aurelius, Cornelius Fronto, führte dazu aus: »Das römische
Volk wird durch zwei Dinge friedvoll gehalten, die annona und die Spiele; das
Reich wird sowohl nach seinen Vergnügungen als auch nach seinen ernsthaften
Angelegenheiten beurteilt ... Congiaria werden weniger drohend verlangt als
Spiele; denn congiaria sind nur für die einzelnen auf den Kornlisten nützlich,
Spiele aber für das ganze Volk.«6
Spectacula (Schauspiele) gehörten, wie allgemein bekannt, zu den wichtigsten
Charakteristika römischen Lebens und füllten nach einem Kalender aus der
Mitte des 4. Jahrhunderts nicht weniger als 176 Tage im Jahr aus. Viele Spiele
und Aufführungen gingen auf die Republik zurück und wurden noch immer
von verschiedenen senatorischen Beamten teils mit eigenen, teils mit öffentlichen
Geldern veranstaltet. Andere wurden laufend von den Kaisern hinzugefügt. Zu
Anlässen wie Geburtstagen und Triumphen standen besondere Veranstaltungen
auf der Tagesordnung.
Das Ausrichten von Spielen und Aufführungen bedurfte großer
Anstrengungen. Tiere mußten erworben und dressiert werden (Plutarch sah bei
einer Aufführung in Rom abgerichtete Hunde und erzählt die liebenswerte

17
Geschichte von einem Elefanten, dem ein Kunststück bei der Vorstellung
mißlang und der deshalb am Abend allein übte7. Die Kaiser besaßen das
Monopol auf die Jagd und den Besitz von Elefanten und hatten einen
Elefantenpark in Laurentum bei Rom. In Rom und später auch an anderen Orten
unterhielten sie Gladiatorenschulen (wie es führende Persönlichkeiten zu
republikanischen Zeiten getan hatten und einige von ihnen noch immer taten).
Sie waren darauf bedacht, die besten Darsteller zu engagieren. Nach der
Unterdrückung des jüdischen Aufstandes der Jahre 66–70 wurden 600
ausgesuchte Gefangene nach Rom eingeschifft, um in der Arena zu sterben. Im 3.
Jahrhundert schrieb der Rechtsanwalt Modestinus: Wenn ein Statthalter Männer
zum Tod durch wilde Tiere verurteilt hat, die wegen ihrer Stärke und ihres
Geschicks zur Schaustellung für das Volk von Rom geeignet scheinen, soll er den
Kaiser befragen. Im 2. und 3. Jahrhundert ließen die Kaiser auch Gruppen von
pantomimi oder Tänzern ausbilden. Diejenigen, die in Rom keinen Beifall fanden,
wurden in Italien und in den Provinzen auf Tournée geschickt.8
Die Tradition der kaiserlichen Schaustellungen fand im Jahr 274 mit dem
großen Triumph ihren Höhepunkt, den Aurelian für den Sieg über Palmyra
feierte. Nach dem Triumphzug, in dem nicht nur Gefangene und Beutestücke,
sondern Hunderte von Tieren (Tiger, Elche, Giraffen) und 800 Gladiatorenpaare
mitgeführt wurden, veranstaltete der Kaiser Theateraufführungen, Rennen,
Jagden auf wilde Tiere, Gladiatorenkämpfe und eine zum Schein geführte
Seeschlacht.
An solchen kaiserlichen Festtagen wurden manchmal Essen für die ganze
Bevölkerung ausgegeben, die der Kaiser den Empfängern im Theater oder
Zirkus servieren oder an verschiedenen Stellen der Stadt austeilen ließ. Die
Mitglieder des Ritter- und des Senatorenstandes wurden bei solchen Anlässen
vom Herrscher persönlich bewirtet. Bei anderen Gelegenheiten verteilten die
Kaiser wahllos Pfänder, sogenannte missilia, unter die Menge, die den Inhaber zu
Geschenken verschiedenster Art berechtigten. Nero (54–68) vergab auf solche
Weise Vögel, Nahrungsmittel, Karten für die Getreideverteilung,
Kleidungsstücke, Juwelen, Bilder, Sklaven, Vieh, dressierte Tiere und schließlich
sogar Schiffe, Mietskasernen und Grundstücke. Kaiser Elagabal (218–222)
schenkte Gold und Silber, Nahrungsmittel, Kleidungsstücke, Kamele, Esel, Vieh
und Rotwild.
Während die wirtschaftlichen Vorteile also ständig zunahmen, verlor das
römische Volk alle verfassungsmäßigen Rechte. Im Jahr 14 n. Chr. wurde
erstmals das System praktiziert, wonach der Senat durch gegenseitiges
Übereinkommen (später durch ein formelles Votum) Jahr für Jahr alle diejenigen
senatorischen Beamtenstellen zu besetzen hatte, für die noch keine Kandidaten
mit der persönlichen »Empfehlung« des Kaisers, die die Wahl garantierte,
aufgestellt waren. Das Volk kam bis ins 3. Jahrhundert zu Wahlversammlungen
zusammen. Die Rituale der republikanischen Versammlung wurden denn auch

18
beibehalten, aber die Anwesenden gaben einer einzigen Kandidatenliste ihre
Zustimmung.9
Nach der Verfassung stand dem Volk als zweites wesentliches Recht die
Gesetzgebung in der Form von Gesetzen (leges) oder Volksentscheiden zu.
Unsere Quellen verwenden den Begriff lex für verschiedene Teile der
Gesetzgebung bis zur Regierungszeit Nervas (96–98). Es gibt jedoch aus dieser
Periode keine einzige Beschreibung einer gesetzgebenden Versammlung, und es
scheint, daß eine solche auch nicht stattgefunden hat.
Der Verlust aller verfassungsmäßigen Aufgaben bedeutete keineswegs den
Verlust sämtlicher Macht. Druck konnte sowohl auf den Senat (im Jahr 14 n. Chr.
umdrängte der Pöbel erneut das Senatsgebäude und zwang den Senat, der
Besoldungserhöhung der Tänzer bei öffentlichen Aufführungen zuzustimmen)
als auch, was noch wichtiger war, auf den Kaiser ausgeübt werden. Abgesehen
von Aufständen konnte man die Volksstimmung im Theater oder Amphitheater,
wo sich die Menge in großer Zahl versammelte, kennenlernen, wo sie auch ihre
Beschwerden und Forderungen dem Kaiser zurief und gelegentlich mit ihm
einen regelrechten Dialog führte, in dem er in Worten oder Zeichen oder aber
durch seinen Herold antwortete. Die Forderungen des Volkes brauchten nicht
nur Nebensächlichkeiten wie die Hinrichtung von Verbrechern, das Auftreten
von Gladiatoren, die Freilassung eines Lieblingsschauspielers oder bloß, wie wir
schon gesehen haben, die Erhaltung ihrer eigenen Privilegien betreffen. Es
konnte auch eine Steuersenkung (nach Demonstrationen im Jahr 58 wurde die
Tätigkeit der Steuereinnehmer streng überwacht) oder die Beendigung des
Krieges fordern. Cassius Dio war im Jahr 196 Zeuge einer Demonstration im
Circus, in der das Volk im Chor nach Beendigung des Bürgerkrieges rief.10 Es
konnte mit Erfolg die Hinrichtung kaiserlicher Günstlinge verlangen, wie die
Cleanders, eines Günstlings des Commodus, der nach einem Aufstand im Jahr
190 abgesetzt wurde. Darüber hinaus bedeutete die öffentliche Unterstützung
zeitweise einen wirksamen Faktor bei der Frage, wer auf den kaiserlichen Thron
erhoben werden sollte. Die Volkstümlichkeit seiner Familie und seiner Person
spielte bei der Thronbesteigung des Caligula im Jahr 37 eine wichtige Rolle, und
Agrippina buhlte um die Gunst des Volkes, ehe sie ihren Gatten Claudius im
Jahre 54 ermordete und ihren jungen Sohn Nero auf den Thron setzte. Im Jahr
193 versammelte sich das Volk ganz spontan im Circus (der inzwischen zu
seinem natürlichen Versammlungsort geworden war) und ergriff offen die Partei
eines Prätendenten, des Pescennius Niger. Im Jahr 238 demonstrierte der
bewaffnete Pöbel gegen die vom Senat gewählten Kaiser Maximus und Balbinus
und erzwang die Ernennung eines dritten Kaisers, des jungen Gordian III. (238
bis 244). Im gleichen Jahr zeigte das Volk dann seine Stärke, indem es den
Prätorianerkohorten eine regelrechte Schlacht lieferte. Gegen Ende der hier
beschriebenen Periode wurde Probus (276 bis 282), wie berichtet wird, nicht nur
von der Armee gestützt und vom Senat gewählt, sondern durch Akklamation
des römischen Volkes als Kaiser gewünscht.

19
II. Der Senat

Die Bedeutung des Senats lag einmal in seinen Aufgaben als Körperschaft und
zum anderen in der Rolle seiner Mitglieder als Individuen. Betrachtet man
zunächst die körperschaftlichen Aufgaben, dann muß man sich
vergegenwärtigen, daß der Senat keinerlei echte Entscheidungs- oder
Neuerungsbefugnisse besaß. Wenn der Senat nicht schon bestanden hätte, hätte
man ihn nicht zu erfinden brauchen; da er aber nun einmal nicht nur schon
bestand, sondern dazu noch die Verkörperung der Traditionen des römischen
Staates darstellte, waren seine Handlungen von großer Bedeutung.
Zuallererst muß seine Rolle bei der Erhebung eines Kaisers genannt werden.
Im Jahr 14 n. Chr., als es zum ersten Mal zu einem Machtwechsel kam, erwies
sich diese Rolle als schwierig und verwirrend. Denn Tiberius verhielt sich in
seinen Verhandlungen mit dem Senat zögernd und argwöhnisch, unternahm
gleichzeitig aber Schritte, die auf eine Machtübernahme hinausliefen, und hatte
keine Formel vorbereitet, die es gestattet hätte, seine Thronbesteigung huldvoll
akzeptieren zu lassen. Die Konsuln stellten im Senat einen Antrag (dessen
genaue Einzelheiten Tacitus nicht überliefert) auf Erhebung des neuen Kaisers.
Der in der Sitzung anwesende Tiberius leistete zunächst dem Ansinnen einzelner
unerschrockener Senatoren, die ihn zur Darlegung seiner Absichten zwingen
wollten, Widerstand, erklärte sich schließlich aber nach langem Zögern dazu
bereit.11 Wenn später ein Sohn seinem Vater nachfolgte oder ein erfolgreicher
Staatsstreich stattgefunden hatte, stellte die Zuteilung von Befugnissen und
Titeln durch den Senat an den Kaiser in den meisten Fällen einen bloß formalen
Akt der Anerkennung dar, der nicht als der eigentliche Anfang der neuen
Herrschaft zu gelten brauchte. Vespasian wurden zum Beispiel seine Titel vom
Senat im Herbst des Jahres 69 verliehen, während er den Beginn seiner
Regierung von der ersten Akklamation durch die Truppe am 1. Juli an rechnete.
An einer bestimmten Stelle jedoch wurde gesetzlich festgelegt (was wir lediglich
aus einer Inschrift auf einer in Rom gefundenen Bronzetafel wissen), daß
Vespasian über gewisse spezifische Rechte verfügen sollte, über den Entscheid
über Krieg und Frieden, das Recht auf Einberufung des Senats und so weiter.
Das Dokument nennt sich selbst eine lex, hat aber die Form eines Beschlusses des
Senats, der ihn wahrscheinlich auch verabschiedete.12
Im allgemeinen bestand die Funktion des Senats, wie wir gesagt haben, nur
noch in der Verleihung der Kaisertitel. Über dieses Recht wurde denn auch
eifersüchtig gewacht. Cassius Dio, der im Senat saß, als Macrinus’ erster Brief im
Jahr 217 eintraf, beklagt sich bitterlich darüber, daß dieser die volle kaiserliche
Titulatur verwandt habe, ohne die Verleihung durch den Senat abzuwarten. Es
gab aber Gelegenheiten, bei denen der Senat eine aktivere, wenn auch nicht
immer sehr erfolgreiche Rolle spielte. Im Jahr 41, nach der Ermordung Caligulas,
wurde der Senat von den Konsuln berufen und debattierte über die

20
Wiederherstellung der Republik. Einige prominente Senatoren spielten jedoch
mit dem Gedanken, selbst auf den Thron zu steigen, das Volk verlangte lautstark
nach einem Kaiser, und inzwischen wurde Claudius im Prätorianerlager auf den
Schild gehoben. Im Jahr 68, als es in Gallien schon zu einem Aufstand
gekommen war und die Prätorianerkohorten in Rom die Partei Galbas ergriffen
hatten, erklärte der Senat den geflohenen Kaiser Nero zum Staatsfeind und rief
Galba zum neuen Kaiser aus. Paradoxerweise erlebte der Senat im 3. Jahrhundert
zweimal Augenblicke wirklicher Macht. Im Jahr 238 erkannte er Gordian I. an,
der in Africa als Gegner des barbarischen Maximinus Thrax proklamiert worden
war. Er trat sodann nach dem Tod des Gordian zusammen und wählte zwei
Senatoren zu Kaisern, Maximus und Balbinus, in deren Regierungszeit er
(zusammen mit dem jungen Gordian III., der zur Versöhnung der Massen
ausgerufen worden war) einen Krieg gegen Maximinus führte, der mit dessen
Tod bei Aquileia siegreich endete.13 Nach der Ermordung Aurelians im Jahr 275
kam es zu einem außergewöhnlichen Interregnum, als die Armee eine
Gesandtschaft mit der Bitte an den Senat schickte, einen Kaiser zu bestimmen.
Der Senat lehnte zunächst ab, wählte später dann Tacitus, einen wohlhabenden
Senator italischer Herkunft. Tacitus hielt sich nur sechs Monate, aber es ist
bezeichnend, daß der Senat bei all seiner tatsächlichen Schwäche selbst in dieser
Spätzeit die Verkörperung der Legalität und Verfassung blieb.
Die nach dem Tod eines Kaisers zu ergreifenden Maßnahmen stellen einen
weiteren Aspekt der Rolle des Senats als Verkörperung der Legalität gegenüber
den Kaisern dar. Wurde die Macht auf friedlichem Weg weitergeleitet, konnte
man im allgemeinen mit Sicherheit damit rechnen, daß der Senat für die
Vergöttlichung des Kaisers und den Einschluß seiner Regierungshandlungen
(acta) in den am 1. Januar jeden Jahres abgelegten Loyalitätseid stimmte, der
somit den regierenden Kaiser und alle bisherigen »guten« Kaiser erwähnte.
Einmal jedoch, als die Macht auf friedlichem Weg weitergegeben wurde, nämlich
beim Tod Hadrians (138), hatte sein Nachfolger Antoninus Pius die größten
Schwierigkeiten, den Senat (der Hadrian wegen der Hinrichtung prominenter
Personen haßte) zu bewegen, diesen zu vergöttlichen: »Dann«, so sagte er in
einer Rede vor dem Senat, »will ich auch nicht euer Kaiser sein, wenn er ein
böser Mensch und ein Staatsfeind war. Denn damit annulliert ihr seine
Regierungsmaßnahmen, von denen eine meine Adoption darstellt.«14 Es konnte
tatsächlich geschehen, daß, wie im Fall des Tiberius, weder die Vergöttlichung
noch die »Verdammung der Erinnerung« an ihn – die damnatio (mit damit
verbundener Annullierung der Regierungsmaßnahmen) – vollzogen wurde.
Nach der Ermordung Caracallas (217) verurteilte der Senat aus Furcht vor der
Armee, die dem Verstorbenen gewogen war, nicht die Erinnerung an ihn, mied
aber seine Vergöttlichung bis zu einem späteren Zeitpunkt, als er dann von der
ungestümen Soldateska dazu gezwungen wurde. Im allgemeinen pflegte auf die
Ermordung eines verhaßten Kaisers die damnatio zu folgen, die gelegentlich von
wilden Auftritten begleitet war. Nach der Ermordung Domitians (96) stürzten

21
die Senatoren zum Senatsgebäude, verwünschten sein Andenken, rissen dort
seine Bilder herunter und annullierten seine Verfügungen. Eine solche
Abstimmung bedeutete nicht nur, wie wir von zahllosen Inschriften und Papyri
wissen, die Tilgung des Kaisernamens, wo immer er auch verzeichnet war, und
seine Auslassung bei späteren Eiden. Sie hatte auch praktische Konsequenzen:
Claudius ging die Verfügungen Caligulas durch, die prinzipiell alle annulliert
waren, und bestätigte nur einzelne, die wert waren fortzubestehen. Nerva
bestätigte, um die Lage ganz klarzustellen, auf ähnliche Weise alle von Domitian
gewährten Privilegien.
Unter normalen Verhältnissen trat der Senat unter Leitung der Konsuln
zweimal im Monat zusammen oder wenn immer er von den Konsuln, Prätoren,
Volkstribunen oder dem Kaiser selbst einberufen wurde. Die Teilnahme an den
Sitzungen war für alle, außer den in Staatsgeschäften abwesenden oder vom
Kaiser beurlaubten Senatoren, obligatorisch; in den Monaten September und
Oktober genügte jedoch eine durch das Los bestimmte Rumpfversammlung. Der
Verpflichtung zur Teilnahme scheint in der Praxis nicht sehr streng Geltung
verschafft worden zu sein. Die wenigen verfügbaren Zahlen weisen ein
allmähliches Absinken der Anwesenheitszahlen aus – 405 bis 409 im Jahr 23 v.
Chr., 383 im Jahr 45 n. Chr. und zwischen 250 und 299 im Jahr 138. Severus
Alexander (222–235) soll nach einer zweifelhaften Quelle eine Mindestzahl von
nur 70 Senatoren festgelegt haben.
Die formalen Geschäfte des Senats wurden durch die relatio, bei der der
Vorsitzende eine Angelegenheit zur Beschlußfassung vorlegte, und die
interrogatio geführt, bei der er die Anwesenden um ihre Meinung (sententia)
befragte. Damit fing er bei den für das folgende Jahr designierten Konsuln, den
Prokonsuln und Proprätoren an; Magistratspersonen, die ein Amt bekleideten,
wurden ausgelassen, außer wenn der Kaiser selbst den Vorsitz führte, konnten
aber ohne Aufforderung in die Verhandlungen eingreifen. Nach Beendigung
dieser Befragung, die bei den Proprätoren aufhörte, da die jüngeren Senatoren
nicht gebeten wurden, das Wort zu ergreifen, stimmte der Senat ab (discessio).
Die Gegenwart des Kaisers, der den Vorsitz führte, wenn er tatsächlich das
Konsulat bekleidete, sonst bei den Konsuln saß und seine Begleiter, u.a. den
Prätorianerpräfekten und eine Militäreskorte, bei sich hatte, verursachte
unvermeidlich einige Hemmnisse sowohl im Hinblick auf die Geschäftsordnung
als auch auf die freie Meinungsäußerung. Tiberius wurde durch die Frage eines
Senators, wann er seine sententia abzugeben beabsichtige (da die überlieferte
Ordnung für einen Kaiser natürlich keine Bestimmung enthielt), beunruhigt.
Claudius beschwor die Senatoren in einer schwerfälligen Rede, die uns auf
einem Papyrus erhalten ist, ihre Meinung in echter Verantwortung zu sagen,
anstatt den designierten Konsul die relatio der Konsuln nur wörtlich wiederholen
und die übrigen nicht mehr als »Ich bin der gleichen Meinung« sagen zu lassen.
Diesem Vorgang ging zumeist ein informeller Teil voraus, der in der Kaiserzeit
große Bedeutung erlangte. In dessen Verlauf erstatteten der den Vorsitz

22
führende Beamte oder andere Senatoren, die das Wort zu ergreifen wünschten,
Bericht oder reichten Gesuche über wichtige Dinge ein. Von den Kaisern wurden
dem Senat dann auch Informationen übermittelt oder Gesetze unterbreitet, und
zwar durch Briefe, die der kaiserliche Quaestor verlas, oder in einer Ansprache
(oratio). Die oratio principis (Rede des Kaisers) legte naturgemäß die Abstimmung
des Senats fest; nachdem Tacitus die Rede des Claudius im Jahr 48 über die
Aufnahme einiger gallischer Notabeln in den Senat wiedergegeben hat, schließt
er die kurze Bemerkung an: »Der Ansprache des Kaisers folgte der
Senatsbeschluß.« Schließlich kam die Rede des Kaisers vor dem Senat einem
legislativen Akt gleich. So führten Juristen die von Caracalla im Jahr 206, als er
zusammen mit seinem Vater Septimius Severus Kaiser war, gehaltene Ansprache
als Autorität für die gesetzliche Bestätigung von Geschenken zwischen
Ehepartnern an. Im Lauf der Jahre kam es dann dahin, daß der Senat die Rede
eines Kaisers (manchmal auch die relatio oder die Ansprache eines Senators) mit
Akklamationen (acclamationes) begrüßte, die später einen geordneten und
rhythmischen Charakter erhielten und als ein Teil der Senatsgeschäfte feierlich
verzeichnet wurden.
Uns ist jedoch die Rede eines Senatoren erhalten geblieben, in der er, ohne
direkt Kritik zu üben, zu den Vorschlägen aus der kaiserlichen Ansprache
Stellung nahm und Anregungen zu deren Verbesserung gab. Im Jahr 177 folgte
auf die oratio des Marcus Aurelius und des Commodus, in der sie Maßnahmen
zur Reduzierung des Preises von Gladiatoren vorschlugen, die in den Provinzen
in Spielen auftraten, die von Priestern ausgerichtet wurden, die Rede eines
Senators, die uns auf Inschriften aus Italica in Spanien und Sardes in Asia
erhalten ist. Nachdem er seinen Ausführungen die Bemerkung vorausgeschickt
hatte: »Obwohl viele glauben, daß wir zu allen uns von dem Kaiser vorgelegten
Angelegenheiten eine einzige kurze sententia (der Zustimmung) abgeben
sollten«, erörtert er darin freimütig und detailliert die einzelnen Punkte der
kaiserlichen Ansprache.15 Dieser Vorgang beweist, wie sich im 2. Jahrhundert
gesichertere Beziehungen zwischen Kaiser und Senat herausbildeten.
Die vom Senat verabschiedeten Gesetze betrafen die verschiedensten Bereiche:
zum Beispiel den Status von Frauen, die geschlechtliche Beziehungen zu Sklaven
unterhielten, die Rechte eines Mündels, die Strafen für die Zerstörung von
Gebäuden, den Verlauf von Kriminalprozessen oder die Bestrafung von Sklaven,
die sich im Haus aufhielten, als ihr Herr ermordet wurde. Das letzte als Quelle
des Zivilrechtes zitierte senatus consultum (Senatsbeschluß), das nicht im
Zusammenhang mit einer oratio principis erwähnt wird, ist das senatus consultum
Orfitianum des Jahres 178, das den Kindern einer Frau vor ihren Brüdern,
Schwestern und anderen Verwandten den Vorrang in der Erbfolge gab.
Sieht man von der Gesetzgebung ab, verblieb dem Senat noch die
Beschlußfassung über eine große Zahl von Angelegenheiten. Er gab Triumphen
und anderen Ehrungen der Kaiser und wieder anderen Ehrungen einzelner seine
Zustimmung. So verfügte der Senat zum Beispiel im Jahr 52, Pallas, dem

23
Freigelassenen des Claudius, die insignia (Ehrenzeichen) eines Prätors und eine
ansehnliche Geldbelohnung zu geben. Der Senat empfing Gesandtschaften aus
italischen Städten und den Provinzen; er stimmte über die Ausgabe von Geldern
aus der Staatskasse für die Errichtung von Gebäuden oder die Abhaltung von
Spielen in Rom ab; er gab die Erlaubnis zur Einrichtung von Märkten oder
Festspielen in den Provinzen. So können wir beispielsweise auf Inschriften lesen,
daß der Senat im Jahr 138 einem Senator gestattete, auf seinem Landgut in Africa
regelmäßig Märkte abzuhalten, oder daß er in den Jahren 138 bis 160 die
Gründung eines Klubs der neoi (jungen Männer) in Kyzikos (Asia) zuließ. Es
muß jedoch festgehalten werden, daß es keine Geschäftsbereiche gegeben zu
haben scheint, in denen ausschließlich der Senat zuständig war. In allen
Bereichen entschied der Kaiser über eben dieselben Angelegenheiten. Ob die
Angelegenheit vor den Kaiser oder den Senat kam, mag davon abgehangen
haben, an wen sich die betreffenden Parteien wandten. So konnte es vorkommen,
daß der Kaiser eine Angelegenheit dem Senat übertrug, wie es Tiberius tat, als er
im Jahr 26 eine Reihe von Gesandtschaften aus griechischen Städten, die
Anspruch auf das Asylrecht erhoben, an den Senat weiterleitete, oder daß der
Senat dem Kaiser eine Sache übergab. Als im Jahr 59 eine Gesandtschaft aus
Kyrene eintraf, die Klagen gegen einen Senator vorbrachte, der Jahre zuvor von
Claudius zur Wiedergewinnung von Staatsbesitz dorthin geschickt worden war,
gab der Senat an, in dieser Angelegenheit nicht Bescheid zu wissen, und verwies
sie an Nero.
Ob der Senat über Staatsgeschäfte von unmittelbarer Bedeutung debattieren
durfte, hing vom Kaiser ab. Tiberius (14–37) erlaubte dem Senat als
entschiedener Konstitutionalist, über die Staatsfinanzen, die öffentlichen
Arbeiten, die Rekrutierung und Disziplin der Truppen, die Provinzkommandos
und die Korrespondenz mit Klientelfürsten frei zu beraten. Vespasian (69–79)
betrieb alle Staatsgeschäfte mit dem Senat gemeinsam, während Marcus Aurelius
(161–180) den außergewöhnlichen Schritt unternahm, den Senat um Bewilligung
der für den Krieg notwendigen Gelder zu bitten. Das waren jedoch Erweise der
Gnade und des Respekts vor der konstitutionellen Präzedens – der Senat konnte
sie nicht vom Kaiser erzwingen.
Die einzige ernstzunehmende Funktion, die der Senat nicht in der Republik
besessen, sondern in der Kaiserzeit übernommen hatte, war die der Kriminal
Jurisdiktion, und zwar vornehmlich in Fällen der repetundae (d.h. wenn
Provinzgouverneure und -beamte widerrechtlich Geld erwarben) und der
maiestas, des Hochverrats oder Majestätsverbrechens. Der Ursprung der vollen
Repetundae-Prozesse scheint in einem 4 v. Chr. eingerichteten Verfahren zu
suchen zu sein, durch das Provinzbewohner, die lediglich die Rückgabe ihres
Geldes forderten, weitere Klagen aber nicht vorbringen wollten, dem Senat ihren
Fall vortragen und die Ernennung eines Ausschusses erwirken konnten, der die
Höhe des Betrages feststellte. Daraus scheint der Senat die Berechtigung zur
vollen Entscheidung solcher Fälle entwickelt zu haben. Die bekanntesten solcher

24
Prozesse, die recht häufig vorkamen, sind die zwischen 98 und etwa 106, die
Plinius der Jüngere in seinen Briefen beschrieb, unter ihnen besonders der im
Jahr 100 abgeschlossene Prozeß, in dem er und der Historiker Tacitus gegen den
Statthalter von Africa, Marius Priscus, auftraten. Der Senat behandelte zunächst
die Frage, ob das Verfahren auf einfache Rückerstattung genüge oder ob das
Ausmaß der Greueltaten des Priscus, wie Plinius und Tacitus argumentierten,
einen regelrechten Strafprozeß verlangte. Dann begann der Prozeß. Plinius hielt
seine Eröffnungsrede in Gegenwart Trajans, der als Konsul dieses Jahres den
Vorsitz führte. Insgesamt sprachen vier Senatoren, von denen je zwei als advocati
auf beiden Seiten auftraten. Das Verfahren nahm drei aufeinanderfolgende Tage
ein, was Plinius freute, da damit etwas von dem inzwischen geschwundenen
Ruhm des Senats beschworen wurde. Der Prozeß schloß mit den sententiae, in
denen der Reihe nach die designierten Konsuln und die Prokonsuln
verschiedene Strafen vorschlugen, um in einer Abstimmung entscheiden zu
lassen.16
Die Ursprünge der Senatsrechtsprechung in Fällen des »Hochverrats« sind
unbekannt; Belege für diese Form der Jurisdiktion lassen sich aber schon in der
Regierungszeit des Tiberius (14–37) finden. Die Skala der Hochverratsverbrechen
reichte von der bewaffneten Erhebung bis zur Erfragung eines Horoskops über
den Tod des Kaisers oder der Mitnahme eines Geldstückes mit seinem Bildnis in
ein Bordell. Diese Unbestimmtheit der Anwendung des Begriffes Hochverrat, die
von einem Kaiser nichtsdestoweniger, wenn er wollte, eingeengt werden konnte,
bedeutete besonders dann eine Gefahr, wenn sie die in den Reihen der Senatoren
unvermeidlich vorhandenen Rivalitäten und Feindseligkeiten und die
begründete Ungewißheit und das Mißtrauen, was im Verhalten gegenüber dem
Kaiser überhaupt erlaubt sei, noch vermehrte. Daraus folgte, daß der Vorwurf
des Hochverrats beinahe an jede andere Beschuldigung angeschlossen werden
konnte und daß in Zeiten, in denen die Beziehungen zwischen Senat und Kaiser
sich verschlechterten, wie in den letzten Regierungsjahren des Tiberius, Nero
und Domitian, eine regelrechte Schreckensherrschaft entstehen konnte. Ja auch
sonst konnte es zu derartigen Verfolgungen kommen. In Einzelheiten beschreibt
Cassius Dio, wie der Senat um 206 einen Statthalter der Provinz Asia verurteilte
und hinrichten ließ, weil seine Amme geträumt haben sollte, daß er Kaiser
werden würde, und weil er magische Riten vollzogen hatte, um dies zustande zu
bringen.17
Die letzte wichtige Funktion des Senats, die Besetzung der senatorischen
Beamtenstellen in Rom, berührt den zweiten Aspekt dieses Abschnittes, die
Karriere und die Funktionen einzelner Senatoren. Der Senat bestand
hauptsächlich aus aristokratischen Grundbesitzern, denen durch Gesetz jegliche
kommerzielle Betätigung verboten war, was weder die Geldinvestierung über
Mittelsmänner noch die Einrichtung halbindustrieller Anlagen, wie Ziegeleien
oder Backsteinbrennereien, innerhalb der Gutsbezirke ausschloß. Für die
Erhebung in den Senat war ein Besitz im Wert von mindestens 1000000 oder

25
1200000 Sesterzen Voraussetzung. War diese Voraussetzung erfüllt, legte sich
der Sohn eines Senators den breiten Streifen (latus clavus) an der Toga zu, der den
senatorischen Status beim formellen Eintritt des Mannesalters mit sechzehn oder
siebzehn Jahren bezeichnete. Andere konnten den latus clavus nur durch Petition
beim Kaiser erlangen. Der Senat war somit eine im Grund erbliche Körperschaft,
die durch kaiserliche Protektion ständig ergänzt wurde. Das Bekleiden von
Ämtern in einer regelmäßigen Abfolge (cursus), von denen in der Kaiserzeit die
wenigsten wegen ihrer Funktionen als vielmehr wegen des mit ihnen
verbundenen Status von Bedeutung waren, machte den wichtigsten Teil im
Leben des einzelnen Senators aus. Zuerst gab es die beiden »präsenatorischen«
Posten des Vigintiviren (weil diesen in jedem Jahr zwanzig Männer innehatten),
den man mit achtzehn Jahren bekleidete, und den des Militärtribunen, die beide
etwa in der Mitte des 3. Jahrhunderts verschwanden. Mit der Übernahme der
ersten vollen Beamtenstellung im Alter von fünfundzwanzig Jahren, der
Quästur, wurde der junge Mann in den Senat aufgenommen. Die insgesamt
zwanzig Quästoren dienten zumeist in den Provinzen als Finanzbeamte der
Prokonsuln, wenn auch zwei von ihnen in jedem Jahr Quästoren des Kaisers
waren und seine Mitteilungen an den Senat verlasen. Seit dem Jahr 47 n. Chr.
bestand die später von Severus Alexander (222–235) gemilderte Verpflichtung,
auf eigene Kosten zum Amtseintritt Gladiatorenspiele zu geben. Damit ist ein
wesentlicher Bestandteil jeder senatorischen Laufbahn berührt: Die
Beamtenstellen in Rom waren nicht nur ehrenamtlich, sondern brachten überdies
noch beträchtliche Ausgaben mit sich (der in den neunziger Jahren des 1.
Jahrhunderts schreibende Satiriker Martial erzählt von einer Frau, die sich von
ihrem Gatten aus Furcht vor dem Ruin scheiden ließ, als sie hörte, daß er Prätor
werden sollte). Die nächste Station, im Alter von siebenundzwanzig oder
achtundzwanzig Jahren, war die des Volkstribunen (zehn pro Jahr) oder Ädilen
(sechs). Die Volkstribunen besaßen bei Staatsgeschäften formell noch immer das
Vetorecht, das sie in der Republik ausgeübt hatten. Es mutet wie Ironie an, daß
das letzte uns überlieferte Veto im Jahr 69 eingelegt wurde, um den Senat an der
Diskussion einer Angelegenheit in Abwesenheit des Kaisers zu hindern. Die
Ädilen behielten begrenzte Befugnisse in bezug auf Straßen, Märkte und
öffentliche Ordnung. In der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts hörten beide
Ämter auf zu existieren.
Die im Alter von dreißig Jahren bekleidete Prätur war sodann der
entscheidende Schritt, der einen Mann für die unbedeutenderen provinzialen
Statthalterposten, das Kommando über eine Legion oder verschiedene (sich
ständig vermehrende) Stellungen in Rom (wie die eines Präfekten des aerarium,
der Staatskasse) und in den Provinzen qualifizierte. Zu den wichtigsten
Amtsverpflichtungen der Prätoren gehörten richterliche Funktionen – der
Vorsitz bei Gericht und die Ernennung von iudices (Schiedsmännern) für
Zivilprozesse. Die Zahl der Prätoren stieg ständig, von zehn zu Lebzeiten des
Augustus auf achtzehn in der Mitte des 2. Jahrhunderts. Als wesentliche

26
Aufgabe gehörte zu ihrem Amt die ihnen im Jahr 22 v. Chr. übertragene
Ausrichtung der öffentlichen Spiele in Rom. Obwohl ein Teil der Kosten der
Staatskasse entnommen wurde, stellte dieses Amt für seinen Träger eine schwere
Belastung dar, die gelegentlich Unterstützungen von Seiten des Kaisers
notwendig machte.
Auf die Prätur folgte gewöhnlich ein längerer Zeitraum, der mit den oben
aufgezählten Ämtern ausgefüllt war, bis ein Mann etwa mit vierzig Jahren das
Konsulat erreichte. Die Konsuln wurden von zwölf Dienern (Liktoren) begleitet,
die die fasces trugen, sie führten im Senat und bei Wahlen den Vorsitz, hatten in
gewissen Bereichen die Rechtsprechung inne und veranstalteten wichtige Spiele,
was die Fortdauer dieses Amtes bis ins Jahr 541 sicherstellte. In republikanischer
Zeit verwalteten zwei Konsuln ein ganzes Jahr lang dieses Amt; jetzt hießen die
beiden Konsuln, die am 1. Januar eingesetzt wurden, ordinarii. Das Jahr wurde
nach ihnen benannt. Nach zwei oder drei Monaten folgte ihnen aber eine
unterschiedlich große Zahl von je zwei weiteren Konsuln (suffecti). Ihre Zahl
flukturierte; in einem typischen Jahr hatten aber vielleicht zehn oder zwölf
Männer das Konsulat inne.
Auf diese Weise befriedigte man den senatorischen Ehrgeiz und setzte eine
ausreichende Zahl von Beamten in die Lage, die wichtigsten Provinzen mit zwei
oder drei Legionen zu verwalten und die beiden begehrten Prokonsulate zu
erlangen, die der reichen und zivilisierten Provinzen Africa und Asia. Später war
es möglich, auch ein zweites (beinahe immer als Ordinarius) und sogar, in
seltenen Fällen, ein drittes Konsulat zu übernehmen. Mit einem zweiten
Konsulat war sehr oft die kaiserliche Ernennung zum Stadtpräfekten verbunden,
der die höchste senatorische Stellung innehatte.
Die Ernennung der Beamten bis hinauf zum Prätor geschah seit 14 n. Chr. in
der Weise, daß man dem Kaiser einzelne Kandidaten vorschlug, von denen
dieser einige ablehnte und dem Senat eine Liste mit den übrigen Namen
unterbreitete. Einige von diesen erhielten seine »Kommendation« und wurden
als »Kandidaten des Caesar« automatisch gewählt. Die verbleibenden Stellen auf
den Ämterlisten mußten vom Senat besetzt werden. Hier setzte dann in dem
geschlossenen Kreis des Senats der wohlbekannte Vorgang der Protektion, der
Beeinflussung und der Bestechung ein, wie er bei den öffentlichen Wahlen der
Republik auch schon zu beobachten war. Trajan (98–117) verfügte darum, daß
die Kandidaten keine Dinners veranstalten, Geschenke machen oder Geld
verleihen durften. Ein hübsches Beispiel für die Praktiken der Protektion und der
Einflußnahme auf den Kaiser findet sich in einem Brief, in dem Plinius der
Jüngere, ein Zeitgenosse Trajans, einem Freund die Unterstützung der
Kandidatur eines jungen Schützlings dringend ans Herz legt: »Ich erlangte den
latus clavus für Sextus von Caesar und sodann die Quästur (nämlich als Kandidat
des Caesar); durch meine Unterstützung erhielt er die Erlaubnis, sich um das
Tribunat zu bewerben, und wenn er es jetzt nicht im Senat erhält, dann könnte
das so aussehen, befürchte ich, als hätte ich Caesar betrogen.«18 Er beschreibt

27
dann im folgenden, wie er die Häuser seiner Freunde aufsuchte und sie um ihre
Unterstützung bat.
Die Statthalter der »senatorischen« Provinzen (s. Kap. 4) wurden für ein Jahr
durch das Los bestimmt; die Beamten in den »kaiserlichen« Provinzen und im
Normalfall in den vom Kaiser abhängigen Stellungen in Rom wurden vom
Kaiser eingesetzt. Auch die senatorischen Beamtenstellen scheinen, obgleich dies
keineswegs sicher ist, vom 3. Jahrhundert an vom Kaiser besetzt worden zu sein.
Als gesichert kann jedoch gelten, daß nach dem Tod des Augustus das Konsulat
nicht mehr der freien Wahl offenstand, sondern immer vom Kaiser nach Belieben
besetzt wurde. Es wurde zum Beispiel festgestellt, daß Claudius im Jahr 54 für
die Zeit nach dem Oktober, seinem Todesmonat, keine Konsuln nominiert hatte.
Unter solchen Umständen, bei einer solch ausgedehnten, wenn auch nicht
allgemeinen Protektion des Kaisers und bei den sehr begrenzten Vollmachten
der Ämter mochte manchem das ganze die Anstrengung, die Ausgaben und die
mögliche Erniedrigung nicht wert gewesen sein. Das war denn auch die Ansicht
wenigstens eines Zeitgenossen, das Philosophen Epictetus, der diese Umstände
als Sklave eines kaiserlichen Freigelassenen hatte beobachten können. Im Jahr
108 schrieb er: »Wenn du Konsul werden willst, mußt du auf deinen Schlaf
verzichten, herumrennen, anderen die Hand küssen ... vielen Geschenke und
einigen täglich Gunsterweise schicken. Und was ist der Erfolg? Zwölf
Rutenbündel und die Erlaubnis, drei- oder viermal auf dem Tribunal zu sitzen,
im Circus Spiele zu geben und in kleinen Körbchen Mahlzeiten zu verteilen.«19
In der Tat gab es denn auch Männer, die einer senatorischen Laufbahn
vorzogen, equites zu bleiben. Das eigentlich Erstaunliche ist aber das Gegenteil,
daß nämlich der Senat Bewerber aus immer entfernteren Teilen des Reiches
anzog (Einzelheiten sind in den Kapiteln über die einzelnen Provinzen
aufgeführt), zunächst aus Südspanien und Gallien, dann, seit der zweiten Hälfte
des 1. Jahrhunderts, aus dem griechischen Osten und Africa und schließlich, seit
der Mitte des 2. Jahrhunderts, aus Dalmatien und dem Donaugebiet. Nach
ungefähren Schätzungen bestand der Senat im 3. Jahrhundert zu etwas mehr als
der Hälfte aus Provinzialen, von denen wiederum mehr als die Hälfte Griechen
waren.
Die Erhebung in den Senat bedurfte kaiserlicher Zustimmung, entweder in
Form einer Gewährung des latus clavus oder, seit der Regierung Vespasians (69–
79), einer »Zuwahl« – der Verleihung des Status eines gewesenen Quästors, eines
gewesenen Prätors oder anderen Beamten. Der Einfluß der Provinzialen
resultierte aber weniger aus der kaiserlichen Politik als vielmehr aus dem Druck
der wohlhabenden Schichten in den urbanisierten Teilen des Reiches. Plutarch,
der um 100 n.Chr. schrieb, schildert, wie sich Griechen aus dem Osten lautstark
um senatorische Ämter bewarben und eine jede Stufe in dem cursus als unter
ihrer Würde betrachteten. Was der senatorische Status bedeutete, wird durch
zahlreiche griechische Inschriften illustriert, in denen lokale Würdenträger

28
erwähnen, daß sie mit Senatoren verwandt sind – es lassen sich sogar alte Damen
finden, die sich »Großmutter« oder »Urgroßmutter eines Senatoren« nennen.
Das hatte bis zu einem gewissen Grad zur Folge, daß der Senat aus einem
Regierungselement, einer beratenden Versammlung zur angesehensten
Bevölkerungsschicht des gesamten Reiches wurde. Trajan (98–117) versuchte,
diesem Prozeß Einhalt zu gebieten, indem er anordnete, daß sämtliche Bewerber
um ein senatorisches Amt ein Drittel ihres Vermögens in Grundbesitz auf der
italischen Halbinsel anlegen müßten. Marcus Aurelius (161–180) verringerte
diese Vorbedingung auf ein Viertel; die spärlichen Zeugnisse lassen es jedoch als
wahrscheinlich erscheinen, daß man sich nicht einmal daran hielt. Die
Entstehung einer senatorischen »Klasse« spiegelt sich in der im 2. Jahrhundert
herausgebildeten förmlichen Anrede »clarissimus vir« (vornehmster Mann)
wider, die bezeichnenderweise auch auf deren Frauen und Kinder ausgedehnt
wurde – »clarissima femina«, »clarissimus puer«. Der Rechtsgelehrte Paulus
schreibt im 3. Jahrhundert, daß die Senatoren zwei Wohnstätten haben, Rom und
ihre Heimatstadt; am Ende desselben Jahrhunderts sagt sodann der
Rechtsgelehrte Hermogenianus, daß die Senatoren von den munera
(ehrenamtlichen mit Ausgaben verbundenen Funktionen) ausgenommen seien,
aber in ihren Heimatstädten Ämter bekleideten.
Ursprünglich war die Stellung eines Senators eine vollkommen persönliche
Angelegenheit. Ein Senator war in keiner Weise der Repräsentant seines
Heimatortes. Es ist jedoch bezeichnend für den Wandel, daß die Einwohner von
Triest um die Mitte des 2. Jahrhunderts behaupten konnten, ein junger Mann aus
ihrer Stadt sei hauptsächlich zum Schutz ihrer Interessen in den Senat
eingetreten. Dieser Entwicklungsprozeß ist abgeschlossen, als sich nach unserer
Kenntnis im Jahr 255 zum ersten Mal ein Senator der Gesandtschaft seiner
Heimatstadt Philadelphia in Asia an den Kaiser, der sich gerade in Antiochia in
Syrien aufhielt, anschloß.20
Dieser Wandel, obgleich bedeutsam, stellt jedoch nur einen Aspekt des Senats
dar. Der Senat als Körperschaft mit seinem Kern aus Italikern bewahrte sich
sogar im 4. Jahrhundert eine gewisse Unabhängigkeit, als sich die Kaiser
endgültig anderswo aufhielten. Als Verkörperung der Tradition stellte er einen
Mittelpunkt heidnischen Widerstandes gegen das Christentum dar. Als der letzte
westliche Kaiser im Jahr 476 abtrat, bestand der Senat noch weiter.
3. Die Kaiser

I. Das Amt und seine Umgebung

Die Monarchie des Augustus war durch Sieg in einem Bürgerkrieg geschaffen
worden. Sie wurde gesichert und gefestigt durch die sorgfältige Beachtung der
Verfassungsformen und das geschickte Verhalten des Kaisers. Beides hatte den
Sinn, die republikanischen Traditionen und die persönliche Empfindsamkeit des
Senats nicht zu verletzen. Darin lag der Widerspruch im Kaisertum als einer

29
politischen Institution. Von Anfang an fielen die Macht und Verantwortung dem
Kaiser zu. Da jedoch die Erscheinung der Monarchie und all ihrer
Äußerlichkeiten vermieden werden mußte, entwickelten die Kaiser nur sehr
langsam eine leichte und praktikable Art der Machtübertragung von einem
Kaiser auf dessen Nachfolger, einen eigenen Beamtenstab und eine auf den
Kaiser zugeschnittene Regierungsmaschinerie (über die Sklaven und
Freigelassenen des kaiserlichen Haushalts hinaus), einen eigenen Hofstaat und
ein höfisches Zeremoniell.
Die Regelung der Nachfolge war die schwierigste Angelegenheit. Die für den
Kaiser vorgesehene verfassungsmäßige Stellung (im allgemeinen als die eines
princeps, »ersten Bürgers«, gekennzeichnet) wurde aus Gewalten aufgebaut, die
zuvor schon senatorische Beamte besessen hatten: der tribunicia potestas (der
Erlaubnis, die Rechte eines Volkstribunen auszuüben), dem imperium proconsulare
(der von einem Prokonsul als Provinzstatthalter innegehabten Befehlsgewalt, die
vom Kaiser überall geübt werden konnte) und vielleicht (was sehr umstritten ist)
dem imperium consulare, der Macht eines Konsuls. Der Kaiser hatte zumindest die
äußerlichen Auszeichnungen eines Konsuls, da ihm zwölf Liktoren
vorausgingen (fasces tragende Diener) und er mit den Konsuln auf dem Tribunal
saß.1 Der Kaiser war gleichzeitig Pontifex Maximus, der oberste Priester der
römischen Staatsreligion. Wenn der Kaiser es wünschte, konnte er auch consul
ordinarius werden. Augustus, Claudius (in den Jahren 47–48), Vespasian mit
seinem Sohn Titus (in den Jahren 73–74) und Domitian (81–96) nahmen alle auch
das Amt eines Zensors ein, letzterer ständig bis zu seinem Tod. Nach Domitian
übten alle Kaiser die Funktionen eines Zensors aus, deren wichtigste die
Überprüfung der Senatorenliste war, ohne den Titel zu übernehmen.
Neben diesen Vollmachten mit ihren Titeln gab es Ehrennamen wie Pater
Patriae (»Vater des Vaterlandes«) oder Princeps Senatus (»Führer des Senats«), die
von den Kaisern gelegentlich angenommen wurden. Wichtiger war der Titel
»Imperator« (General), der manchmal, und zwar nur von den Kaisern, als Teil
(praenomen oder Vorname) des tatsächlichen Namens, und »Augustus«, der als
cognomen oder letzter Name gebraucht wurde. Ein gutes Beispiel für die
kaiserliche Titulatur ist die des Titus in den Jahren 80–81: Imperator Titus Caesar
divi filius (Sohn des vergöttlichten Vespasian) Vespasianus Augustus, pontifex
maximus, tribunicia potestate X (im zehnten Jahr), Imperator XVII (von den
Truppen siebzehnmal als General oder Sieger ausgerufen), consul VIII, pater
patriae.2
Diese Vollmachten und Titel waren jedoch an die Person gebunden. Der Kaiser
konnte, um damit seinen Nachfolger zu bestimmen, diesem vergleichbare
Vollmachten verleihen lassen. Im Jahr 14 zum Beispiel besaß Tiberius seit 4 n.
Chr. die tribunicia potestas und seit 13 n. Chr. das Imperium proconsulare. Die
wichtigste Maßnahme war aber ganz anderer Natur gewesen, nämlich seine
Adoption durch Augustus, der sein Stiefvater war, ebenfalls 4 n. Chr. Aus
Gründen, die noch der Erklärung bedürfen, wurde das dynastische Prinzip

30
sogleich, selbst noch zu Lebzeiten des Augustus, als wesentlicher Bestandteil des
Prinzipats anerkannt. In Dokumenten aus der Regierungszeit des Augustus
werden das kaiserliche »Haus« (domus) und seine Mitglieder erwähnt. Als die
Bewohner Zyperns im Jahr 14 auf Tiberius den Treueid ablegten, taten sie es auf
ihn »mit seinem ganzen Haus« und schworen, der Roma, dem Tiberius und »den
Söhnen seines Blutes und sonst niemandem« göttliche Ehrungen zuteil werden
zu lassen.3
Danach ist die Kaisergeschichte eine Geschichte der Dynastien, einiger
langlebiger und einiger früh erloschener. Keinem Kaiser, der einen lebenden
Sohn besaß, folgte jemals auf friedliche Weise ein anderer als dieser. Die
Bedeutung des dynastischen Prinzips wird auch dadurch unterstrichen, daß
immer dann, wenn ein Kaiser keinen Sohn hatte, er seinen Nachfolger durch
Adoption designierte. Die erste Adoption außerhalb der kaiserlichen Familie
erfolgte im Jahr 69, als Galba den Piso Licinianus adoptierte, kurz bevor sie beide
ermordet wurden. Die zweite war erfolgreicher, als Nerva sein wankendes
Regime im Jahr 97 durch Adoption des angesehenen Senators Ulpius Traianus
(Trajan) stützte, der damals Statthalter des Oberen Germanien (Germania
Superior) war. Adoption wurde im 2. Jahrhundert zur Regel, als kein Kaiser vor
Marcus Aurelius (161–180) einen Sohn als Nachfolger besaß. Als Septimius
Severus im Jahr 193 durch einen Staatsstreich auf den Thron kam, behauptete er
– zumindest nahm er es als einen Bestandteil in seine Titulatur auf –, von allen
Kaisern seit Nerva abzustammen.
Die familiäre Herkunft, sei es durch Geburt oder Adoption, stellte so die
Grundlage der Kontinuität dar. Dem designierten Nachfolger verblieb immer
noch die Entgegennahme der Kaisertitel und -vollmachten. Im Jahr 14
verzögerten, wie schon in Kapitel 2 erwähnt wurde, die Albernheit, der
Argwohn und vielleicht die echte Zurückhaltung des Tiberius den Vorgang, der
aus nicht mehr als einem Senatsentscheid bestand, um etwa zwei Monate (die
Zyprioten ließen inzwischen eine Aufzeichnung ihres Eides einmeißeln, in dem
sie sorgsam ein freies Stück für das Wort Autokrator aussparten – die griechische
Bezeichnung für Imperator –, das ausgefüllt werden sollte, wenn die Formalitäten
abgeschlossen waren). Im allgemeinen stellte aber der Senatsentscheid eine
einfache Formsache dar, wenn ein natürlicher oder ein adoptierter Sohn
vorhanden war, der schon durch besondere Ehrungen ausgezeichnet war, wie im
Fall von Titus, der während der Regierung seines Vaters Vespasian (69–79)
siebenmal das Konsulat, die Zensur und die tribunicia potestas innegehabt hatte.
Bei komplizierteren Fällen kam ein zweites Element hinzu, die
Prätorianerkohorten. Im Jahr 41 wurde Claudius, der Onkel des ermordeten
Caligula, von ihnen gefunden, zu ihrem Lager gebracht und zum Kaiser
proklamiert. Im Jahr 54 ging Nero, sein Stiefsohn und Adoptivsohn, nach der
Ermordung des Claudius zuerst in das Prätorianerlager, verteilte dort Geschenke
und wurde zum Imperator ausgerufen. Der Senatsbeschluß folgte.

31
Im 2. Jahrhundert bildete sich ein festeres System für die Bestimmung des
Nachfolgers heraus. Zuerst wurde seit 136, als Hadrian den Senator L. Ceionius
(der bald starb) unter dem Namen L. Aelius Caesar adoptierte, der Name
»Caesar« als Titel benutzt, um den Thronerben zu designieren. Schließlich
machten die Kaiser ihren Sohn in vollem Sinn zum Mitregenten. So regierten
Marcus Aurelius und Commodus in den Jahren 177–180 gemeinsam. Nach dem
Tod des Marcus Aurelius im Jahr 180 blieb Commodus einfach als einziger
Kaiser übrig. Septimius Severus hatte genauso Caracalla von 198 bis 211 zum
Kollegen und seinen jüngeren Sohn Geta als dritten Kaiser von 209 bis 211.
Dieses System wurde im 3. Jahrhundert wiederholt angewandt (z.B. bei der
gemeinsamen Herrschaft des Valerianus und des Gallienus in den Jahren 253–
260). Die sich daraus ergebenden Hoffnungen auf Stabilität wurden aber
dadurch zerstört, daß wegen der endlosen Kriege die Kaiser sich ständig im Feld
befanden und darum ständig der Wildheit der Armee und den Angriffen der
Rivalen ausgesetzt waren.
Das Leben und die Geschäfte der Kaiser spielten sich – wie bei den Senatoren –
vornehmlich in ihren Palästen in Rom und den Landhäusern in Latium und
Kampanien ab. Diese waren Residenzen in Privatbesitz. Augustus lebte zunächst
in einem Haus nahe dem Forum und später in einem Haus auf dem Palatin, das
vorher dem Redner Hortensius gehört hatte. Nur dieses Haus hatte in etwa den
Charakter eines königlichen Palastes (dieses Wort ist von »Palatium« abgeleitet).
Im Jahr 36 hatte Augustus einen Teil desselben zum Bau eines neuen
Apollotempels zur Verfügung gestellt. In der Bibliothek und in den an den
Tempel angebauten Säulengängen konnte der Kaiser Gesandtschaften
empfangen, und dort trat sogar manchmal der Senat zusammen. Als Augustus
12 v. Chr. Pontifex Maximus wurde, verwandelte er einen anderen Teil des
Hauses als Residenz des Pontifex in Staatsbesitz und ließ auf dem Palatin einen
neuen Vestatempel bauen. Im Lauf des 1. Jahrhunderts haben die Kaiser wohl
den gesamten Palatin erworben, der ein bevorzugter Wohnsitz der
republikanischen Nobilität gewesen war, und verwandelten ihn durch einen
ausgedehnten Wiederaufbau in einen Komplex von Palästen. Nero schuf dabei
wohl den extravagantesten Bau, als er nach dem Brand Roms im Jahr 64 sein
»Goldenes Haus« bis hinüber zum Esquilin ausbreitete.4 Vespasian gab einen
großen Teil dieses Grundstückes wieder zur öffentlichen Benutzung frei und
begann auf anderen Teilen mit dem Bau des Kolosseums. Nach und nach
erwarben die Kaiser durch Erbschaft oder Konfiskation noch andere Residenzen
in Rom, die von Parks (horti – Gärten genannt) umgeben waren, wie die horti
Sallustiani, in denen Vespasian Empfänge gab, Nerva 98 starb und Aurelian (270–
275) am liebsten weilte, wenn er sich in Rom aufhielt.
Außerhalb Roms gab es Landsitze wie die Insel Capri, die Augustus der Stadt
Neapel abgekauft hatte und wo Tiberius von 27 bis zu seinem Tod im Jahr 37
lebte, oder wie Tibur, wo Claudius während des Sommers Gericht hielt und
Hadrian seine berühmte Residenz erbauen ließ. Philo beschreibt, wie seine

32
Delegation aus der alexandrinischen jüdischen Gemeinde im Frühjahr 40
Caligula erfolglos von einem Landhaus Kampaniens zum anderen folgte. Zu
jedem Landhaus gehörte ein eigenes Sklavenpersonal. Phaedrus schildert in
einem Gedicht, wie bei einem Besuch des Tiberius in seinem Landhaus in
Misenum einer der Sklaven geschäftig das Gras sprengte und Staub wischte, als
der Kaiser in seinem Park spazierenging, weil er hoffte, von ihm mit seiner
Freilassung belohnt zu werden. Die Antoninen fanden mehr Geschmack an
eigener ländlicher Beschäftigung als an Spaziergängen im Freien. Marcus
Aurelius schildert, als er aus seinem Landhaus an Fronto schreibt, wie er nach
der am Vormittag betriebenen Lektüre von Catos Werk Über die Landwirtschaft
(De agricultura) sich Antoninus Pius (138–161) angeschlossen habe, um bei der
Rebenlese zu helfen; danach hätten sie beide zusammen mit den Arbeitern im
Ölpressenraum ihre Abendmahlzeit eingenommen.5
Anfangs stellte der Staat dem Kaiser außer den Liktoren, die ihn in der
Öffentlichkeit umgaben, und einigen militärischen Einheiten keinerlei Personal.
Die Prätorianerkohorten machten seine wichtigste persönliche Truppe aus. Sie
entstanden aus den Einheiten, die im Hauptquartier (praetorium) eines
republikanischen Oberbefehlshabers Dienst taten, waren anfänglich in mehreren
Städten in der Nachbarschaft Roms untergebracht und wurden bald nach der
Machtübernahme durch Tiberius in einem Lager zusammengezogen, dessen
Mauern teilweise noch auf dem Viminal in Rom erhalten sind. Eine der neun,
später zehn Kohorten, deren jede von einem Tribunen befehligt wurde, bewachte
nachts die kaiserliche Residenz.6 Daneben stand dem Kaiser ein besonderes
Korps berittener speculatores zur Verfügung, die zu seinem Schutz und als seine
Boten dienten. Seit dem Ende des 1. Jahrhunderts scheinen die Aufgaben dieser
Eskorte von Soldaten übernommen worden zu sein, die equites singulares Augusti
hießen und hauptsächlich aus Germanien und Pannonien stammten. Ein wenig
später, so scheint es, wurden weitere Soldaten, frumentarii genannt, in einem
besonderen Lager in Rom stationiert, die beim Kaiser, wie die anderen
frumentarii bei den Provinzstatthaltern, als Boten und, was viel wichtiger war, als
Spitzel und Polizisten Dienst taten.7
Das gesamte übrige Personal bestand anfänglich aus Angestellten oder (als
Sklaven) aus Eigentum des Kaisers. Die Kaiser von Augustus bis Galba (68–69)
ergänzten die ihnen zur Verfügung stehenden Truppen sogar durch eine private
Leibwache aus Germanen. Caracalla (211–217) stellte wiederum eine solche
Leibwache auf, die sich aus Germanen und Skythen rekrutierte.
Die Zahl der Sklaven und Freigelassenen im kaiserlichen Haushalt läßt sich
nicht errechnen, muß sich aber auf viele Tausend belaufen haben. In Rom
verrichteten die Sklaven in den Palästen alle Lakaiendienste. So weisen
beispielsweise Grabinschriften auf einen Küchenchef, der das Grab für sich und
seine Nachkommen erbauen ließ und es im Fall der Kinderlosigkeit der
Kochgilde (collegium) im Palatium übereignete. Andere sprechen von einem
leitenden Spiegelmacher, der in ähnlicher Weise für denselben Fall sein Grab den

33
Spiegelmacherlehrlingen im Palast überläßt. Besondere Sklaven- und
Freigelassenenhaushalte wurden für die einzelnen horti in Rom, die Landhäuser
außerhalb Roms, die Güter in Italien und den Provinzen eingerichtet.
Freigelassene und sogar Sklaven des Kaisers lebten gelegentlich in erstaunlichem
Wohlstand und verschafften sich in den einzelnen Kommunen beträchtliches
Ansehen, indem sie Spenden austeilten. Einige – allerdings nur Freigelassene –
wurden durch ihre Ernennung zum Ehrenmitglied des Stadtrates geehrt. So wird
in einer bekannten Inschrift von einem Sklaven des Schatzamtes der Provinz
Gallia Lugdunensis gesprochen, der sechzehn ihm unterstellte Sklaven (vicarii) –
Sekretäre, Köche, Lakaien, einen Kammerdiener, einen Arzt und andere – bei
sich hatte, als er auf einer Besuchsreise in Rom zur Zeit des Tiberius starb.8 Als
Flaccus, der Präfekt von Ägypten, im Jahr 38 verhaftet wurde, speiste er gerade
im Haus eines kaiserlichen Freigelassenen in Alexandria.
Im direkten Dienst des Kaisers ließen sich natürlich die besten Stellungen und
der meiste Einfluß erwerben. Wir wissen von Fällen wie dem des Theoprepes,
der als Sklave mit der Aufsicht über die Gläser im Palast, sodann über die
kaiserlichen Schmuckbroschen (fibulae), später über einen Speiseraum begann
und nachher Güter verwaltete, niedere Sekretärsposten beim Kaiser innehatte
und unter Severus Alexander (222 bis 235) die kaiserlichen Färbereien in
Griechenland, Epirus und Thessalien beaufsichtigte; oder dem des Ulpius
Phaedimus, der anfangs die Verantwortung für Trajans Trinkbecher hatte, zum
ersten Liktor aufstieg, die Listen der beneficia (kaiserlichen Spenden) führte und
sich in der Nähe Trajans aufhielt, als dieser im Jahr 117 in Kilikien starb. Philo
beschreibt bis in Einzelheiten, wie ein Ägypter namens Helicon als erster
cubicularius (Kammerdiener) Caligulas und dadurch, daß er ständig um den
Kaiser war, mit ihm sich in den Waffen übte, mit ihm badete und aß und ihm
aufwartete, wenn er zu Bett ging, großen Einfluß auf den Herrscher gewann.9
Die wichtigsten mit Freigelassenen besetzten Stellen im kaiserlichen Haushalt
waren mit den Staatsangelegenheiten des Prinzeps beschäftigt – mit seinen
Briefen, Gesuchen und der Verwaltung von Staatsgeldern. Ihren größten Einfluß
gewannen sie unter Claudius, als Pallas (Finanzen), Narcissus (Korrespondenz)
und Polybius (Petitionen) das politische Leben am Hof beherrschten und
ungeheure Vermögen anhäuften. Ihre Stellung und ihr Einfluß waren mehr als
irgend etwas außer der Tatsache, daß es einen Kaiser gab, gegen die Konvention
der römischen Gesellschaft gerichtet. Sueton, der Biograph der Kaiser, berichtet
von Polybius nur, daß man ihn in Rom zwischen den Konsuln gehen sah. Mehr
brauchte er nicht zu sagen.
Gegen Ende des 1. Jahrhunderts wurden, wie im nächsten Kapitel gezeigt
werden soll, die wichtigen Sekretärsstellen an equites vergeben, die von
Verwaltungsposten aufgerückt waren, was ein Zeichen dafür ist, wie sehr die
Männer in der Umgebung des Kaisers einen offiziellen und öffentlichen Status
erlangten. Die niederen Schreiberposten aber, die mit diesen Sekretärsstellungen
verbunden waren, blieben alle in den Händen kaiserlicher Freigelassener. Einige

34
der wichtigsten Stellungen, die mit der griechischen Korrespondenz zu tun
hatten, wurden sehr häufig griechischen Rednern oder Schriftstellern
angetragen, die auf solche Weise einen Teil der zahlreichen Gruppe griechischer
Literaten, Ärzte (wie der medizinische Schriftsteller Galen unter Marcus
Aurelius), Lehrer und Philosophen ausmachten, die zu allen Zeiten den Hof
umdrängte und beträchtlichen Einfluß ausüben konnte. Selbst wenn die
wichtigsten Posten von nun an nicht mehr mit Männern aus dem kaiserlichen
Haushalt besetzt wurden, konnten cubicularii, Eunuchen und andere immer noch
große Macht ausüben. Der bekannteste war Cleander, der als Sklave von
Phrygien nach Rom gebracht, für den kaiserlichen Haushalt gekauft, unter
Commodus (180–192) zum cubicularius gemacht, zum Freigelassenen-Kollegen
der Prätorianerpräfekten ernannt wurde und sich durch Patronage und
Ämterverkauf ein riesiges Vermögen erwarb, das er teilweise durch Geschenke
an einzelne und an Gemeinden vergab, ehe er im Jahre 190 angesichts eines
Volksaufstandes hingerichtet wurde.10
Die literarischen und dokumentarischen Zeugnisse aus der Mitte des 3.
Jahrhunderts (238–284) sind weit spärlicher. Mit einigermaßen Sicherheit ist aber
anzunehmen, daß sich der Einfluß des Haushaltes, der Sklaven und
Freigelassenen im Palast, in der Zeit, als sich die Kaiser hauptsächlich bei der
Armee aufhielten, weitgehend verringert haben muß. Wir hören jedoch von
cubicularii, die Carus (282–283) auf seinen Feldzügen begleiteten, und von einem
gewissen Dorotheus, einem späteren Kirchenältesten in Antiochia, der als
gebildeter Eunuche das Vertrauen des Kaisers erworben hatte und dann gegen
Ende des 3. Jahrhunderts mit der Aufsicht über die kaiserlichen Färbereien in
Tyrus betraut wurde. Erst mit den geordneteren Zuständen und den
reichlicheren Zeugnissen der Zeit Diokletians und seiner Nachfolger gelangt der
kaiserliche Haushalt wieder in das volle Licht der Geschichte.
Der gleiche Mangel an Zeugnissen verdunkelt das Bild der Kaiser und ihrer
Umgebung in dieser »militärischen« Phase der Kaisergeschichte. Erhalten ist
aber die wertvolle Schilderung des zeitgenössischen Historikers Dexippus, wie
Aurelian im Feld eine Gesandtschaft der Juthunger empfängt. »Als er hörte, daß
die Gesandtschaft der Juthunger angekommen war, sagte er, er wolle die
Angelegenheiten, um derentwillen sie gekommen wären, am folgenden Tag
behandeln. Die Armee ließ er in Kampfordnung antreten, um so den Feind in
Schrecken zu setzen. Als die Aufstellung vollendet war, bestieg er in purpurnem
Mantel ein hohes Tribunal und formierte in ansteigender Linie die Armee um
sich. Die Offiziere, denen ein Kommando anvertraut war, befanden sich in seiner
Nähe, alle auf Pferden. Dem Kaiser gegenüber ließ er die Standarten der
Elitetruppen – goldene Adler, Kaiserbilder und die mit goldenen Buchstaben
verzierten Banner der Kerntruppen – auf silberüberzogenen Stangen
aufpflanzen. Als alles so geordnet war, befahl er, man solle die Juthunger
vorführen.«11

35
Für die Frage nach dem Verhältnis des Kaisers zu den republikanischen
Einrichtungen ist die Beschaffenheit des kaiserlichen Besitzes und Einkommens
von entscheidender Bedeutung. Einiges davon ist fest belegt, anderes umstritten
und gegenwärtig nicht endgültig zu klären. Die Kaiser scheinen keine
regelmäßigen Zuwendungen aus Staatsgeldern erhalten zu haben. Sie stützten
sich vielmehr auf ihr eigenes Einkommen, das sich aus Einnahmen aus
Besitzungen, Legaten und Erbschaften von Freunden und anderen Bewohnern
des Reiches (die Vergabe von Legaten und Erbschaften an Persönlichkeiten des
staatlichen Lebens war eine republikanische Sitte, die, besonders unter einigen
Herrschern, wenn es den Kaiser betraf, beinahe zu einer Verpflichtung wurde),
der Kriegsbeute (manubiae) und dem von Städten und Provinzen gegebenen
»Krongold« zusammensetzte, wobei die beiden letzten Einkünfte den Kaisern
zufielen wie zuvor den republikanischen Generälen.
Das übrige bleibt unklar, denn der gesetzliche Status der getrennten
kaiserlichen Kasse, des fiscus, ist umstritten. Diese wird im Zusammenhang mit
den kaiserlichen Besitzungen, den bona caduca (beim Tod ohne Erben frei
werdenden Gütern), den konfiszierten Gütern verurteilter Personen – während
des 1. Jahrhunderts kam es zu einer Aufteilung der beiden letzteren zwischen
dem fiscus und der Staatskasse, dem aerarium – und verschiedenen Geldstrafen
und außerordentlichen Steuern erwähnt. Der Autor dieses Buches hat an anderer
Stelle dargelegt, daß alle »fiskalen« Fonds und Besitzungen in der Hauptsache
Privateigentum des Kaisers waren und daß der Erwerb solcher Einnahmen
darum eine Usurpation öffentlicher Gelder durch den Kaiser darstellte. Andere
glauben, daß sich »fiscus« auf staatliche Mittel bezieht, die vom Kaiser in seiner
Eigenschaft als Träger des Staates verwaltet wurden.
Wo auch immer der Trennungsstrich zwischen »kaiserlichen« und
»öffentlichen« Mitteln gezogen worden sein mag – im 3. Jahrhundert ist diese
Trennung fast nicht mehr festzustellen –, entscheidend ist, daß sich die Kaiser,
selbst schon in der julisch-claudischen Periode, eine große Zahl von Besitzungen
(Paläste und Landhäuser in Rom und Italien, Güter in Italien und in den
Provinzen) verschafft hatten, die sodann, obgleich der Theorie nach
Privateigentum, automatisch auf ihre Nachfolger auf dem Thron übergingen,
selbst wenn keine Familienverbindung bestand. Otho und Vitellius konnten
daher während ihrer kurzen Regierung im Jahr 69 die Vorzüge der julisch-
claudischen Paläste genießen, und die von einem Freund dem Tiberius (14–37)
überlassenen »Gärten des Sallust« konnten als Musterbeispiel kaiserlichen
Besitzes im frühen 3. Jahrhundert benutzt werden. Dieser Wandel zeigt an, wie
schnell die Stellung des Kaisers eigenes Leben entwickelte, gleichgültig wer sie
bekleidete. Die Lage wird durch eine Handlung des Pertinax (193) verdeutlicht,
der es ablehnte, auf Gebäuden aus kaiserlichem Besitz seinen Namen einmeißeln
zu lassen, weil sie, wie er sagte, dem Staat und nicht ihm gehörten.12
Außerhalb des Bereichs dieser verwickelten technischen Einzelheiten, die die
Beziehung des Kaisers zu der noch vorhandenen Struktur des Stadtstaates

36
kennzeichnete, kam seine Stellung einer persönlichen Monarchie gleich. Die
Soldaten legten ihren Diensteid auf den Kaiser, nicht auf Senat und Volk von
Rom ab. Über ihre Entlassung entschied der Kaiser persönlich. Die
Reichsmünzen trugen den Namen und das Bild des Kaisers (als unter Tiberius
zwei einfache Bewohner einer abgelegenen Provinz die Tributzahlung an Rom
diskutierten, fragte einer den anderen: »Wessen Bild und Umschrift ist das?«).
Verstorbene und divinisierte Kaiser – zu einem kleineren Teil auch lebende –
erhielten in den Provinzen göttliche Ehren durch Tempelbauten und in
kultischen Feiern, die von den Städten oder Provinzligen ausgeführt wurden, die
den wichtigsten Treffpunkt für die einflußreichsten Persönlichkeiten der
Gemeinden darstellten. Kaiserstatuen und vor ihnen dargebrachte Opfer gab es
überall. Bildnisse der Kaiser wurden den Legionen vorangetragen und auf den
Richterbänken der Provinzgouverneure aufgestellt. Asyl erlangte jeder, der sich
an einer Kaiserstatue festklammerte; die Bedeutung solcher Bildnisse wird durch
eine Inschrift eines örtlichen Beamten aus Lykien aus der Mitte des 3.
Jahrhunderts illustriert, der zur Feier der Ankunft des »heiligen Bildes« (eikon)
des Kaisers Spiele veranstaltete.13
Nicht nur Gemeinden, sondern auch einfache Menschen konnten sich zur
Regelung von Streitigkeiten oder Gewährung von Privilegien persönlich an den
Kaiser wenden und taten das auch. Der Satiriker Martial erwähnt gegen Ende
des 1. Jahrhunderts einen Mann, der aus seiner Heimatstadt gekommen war, um
den Kaiser um die Privilegien eines Vaters von drei Kindern zu bitten. Im 2.
Jahrhundert berichtet Artemidorus, ein Traumdeuter, von einem
Schiffseigentümer, der träumte, daß er von den Heroen auf den Inseln der
Seligen gefangengesetzt und dann von Agamemnon gerettet worden wäre. Was
der Traum ankündete, wurde enthüllt, als er von den kaiserlichen Prokuratoren
zum Transportdienst gezwungen und auf Grund von Petitionen an den Kaiser
davon entbunden wurde. Im 2. Jahrhundert entwickelte sich auch, wie wir in
Kapitel 4 sehen werden, ein reguläres System, wonach Beamte und
Privatpersonen direkt an den Kaiser schrieben, in gesetzlichen Angelegenheiten
seinen Rat einholten und durch Erlasse Antwort erhielten. Der Kaiser mochte
sich ablehnend verhalten und Strafe ebenso wie Belohnungen austeilen, sich mit
anderen Dingen beschäftigen, gleichgültig oder einfach faul sein, sich in einer
fernen Provinz aufhalten oder in seinem Palast verbergen. Beziehungen und
Bestechung schafften den Zutritt zu ihm. Trotz alledem läßt sich an Anekdoten,
wie der von Hadrian überlieferten, ablesen, was der Kaiser seinen Untertanen
bedeutete. Eine Frau wandte sich mit einer Bitte an ihn, als er auf einer Reise
vorbeikam. Als er sagte, er hätte keine Zeit, rief sie: »Dann höre auf, Kaiser zu
sein.« Darauf wandte er sich um und hörte sie an.14

II. Männer und Dynastien

37
Das Kaisertum erhob sich aus den politischen Kämpfen zwischen den
Mitgliedern der römischen Aristokratie, die in den Bürgerkriegen ihren
Höhepunkt fanden. Die erste Dynastie auf dem Thron war fest in der Geschichte
der Republik verwurzelt, da sie durch Augustus, den adoptierten Großneffen
des Julius Caesar, von dem Patriziergeschlecht der Julier und durch Tiberius, den
Stiefsohn und Adoptivsohn des Augustus, von dem Patriziergeschlecht der
Claudier abstammte, die auf das Rom der Königszeit zurückgingen. In ihrer
Persönlichkeit und in ihrem Lebensstil, die uns aus den Schilderungen des
Tacitus und Sueton bekannt sind, trugen die julisch-claudischen Kaiser jeder auf
seine Art Selbstverherrlichung, Brutalität, Prachtentfaltung und Exzentrizität der
republikanischen Nobilität zur Schau, deren Endprodukt sie waren. Ihre
Herrschaft wurde durch ständige Konflikte mit dem Senat gekennzeichnet.
Einzelne Römer konnten noch von der Wiederherstellung der Republik träumen
– und wie es einen Kaiser gab, so gab es andere ständig unter Verdacht und in
Gefahr vor Verfolgung und Tod lebende Männer, die wegen ihrer Herkunft aus
republikanischen Familien oder von Augustus selbst einen ebenso guten
Anspruch auf den Thron hatten wie die Herrschenden.15
Nichts zeigte die Schnelligkeit, mit der sich die Welt wandelte, besser als die
Ereignisse der Jahre von 68 bis 70. Als die regierende Klasse, über Neros
Brutalität, seine sexuellen Entgleisungen und seinen Mangel an Würde entsetzt,
auch noch von einer langen Reihe von Hinrichtungen erschreckt wurde,
übernahm ein gallischer Senator aus Aquitanien, Julius Vindex, bei dessen
Beseitigung die Führung. Julius Vindex war Senator in zweiter Generation und
zu diesem Zeitpunkt (wahrscheinlich) Statthalter von Gallia Lugdunensis. Er
und die von ihm geführte gallische Armee wurden zwar besiegt,
bezeichnenderweise wandten er und der Senat von Rom sich aber an einen
reichen, älteren Senator, dessen Vorfahre einst gegen Hannibal gekämpft hatte,
an den Statthalter eines Teiles von Spanien, Sulpicus Galba. Nach kurzer
Regentschaft (68–69) wurde er durch einen Staatsstreich in Rom gestürzt. Es
folgte ihm auf dem Thron Salvius Otho, dessen Urgroßvater nur ein eques
gewesen und dessen Großvater durch Patronage der Livia, der Frau des
Augustus, in den Senat gelangt war. Er wurde wiederum verdrängt, als die
Legionen vom Rhein in Italien einrückten und L. Vitellius auf den Thron setzten,
dessen Großvater ein eques und Beauftragter des Augustus, dessen Vater aber
dreimal Konsul und der wichtigste senatorische Verbündete des Claudius
gewesen war. Flavius Vespasianus, der Kommandeur im Jüdischen Krieg,
okkupierte schließlich den Thron und begründete eine neue Dynastie. Er war
Senator in erster Generation, sein Vater hatte sich als Steuereinnehmer und
Geldverleiher betätigt, sein Großvater mütterlicherseits war allerdings eques und
ein Onkel mütterlicherseits Senator gewesen.
Die Inbesitznahme des Thrones durch eine bescheidene italische Bürgerfamilie
brachte, wie Tacitus bemerkte, einen bedeutsamen Wandel im sozialen Klima
Roms. Vespasians altväterliche Strenge und Ablehnung von Luxus und

38
Aufwand wirkten in der Gesellschaft beispielgebend. Darüber hinaus brachte
Vespasian noch mehr Männer seines eigenen Typs aus den Städten Italiens und
der Provinzen an die Macht, deren »häusliche Sparsamkeit« durch Erfolg und
Ruhm nicht beeinflußt wurden.16 Im großen und ganzen unterhielt Vespasian
leichte und ungezwungene Beziehungen zum Senat und kämpfte offenbar
erfolgreich gegen das durch kaiserliche Extravaganz und Bürgerkrieg
hervorgebrachte Finanzchaos an, erwarb sich dabei jedoch ein wenig den Ruf
unwürdiger Habgier und Sparsamkeit. Der nach alter Sitte bei seiner Beerdigung
die Rolle des Toten spielende Akteur fragte die Verantwortlichen nach den
Kosten und antwortete: »Gebt mir das Geld und werft den Leichnam in den
Tiber.«
In der Regierungszeit des zweiten Sohnes des Vespasian aber, zur Zeit
Domitians (81–96), verschlechterten sich die Beziehungen zum Senat ständig,
was schließlich zu der Erhebung eines senatorischen Generals im Jahr 89, zur
Austreibung von Philosophen, die er für umstürzlerisch hielt, um 92 und einer
Orgie von Strafverfolgungen in den Jahren 93–96 führte. In den Jahren verfaßte
Werke, wie Tacitus’ Biographie seines Schwiegervaters Agricola oder Plinius’
Panegyrikus auf Trajan, gedenken der Herrschaft Domitians als einer Periode
der Erniedrigung und des Schreckens.
Als Domitian im Jahr 96 durch Mitglieder seines Haushalts ermordet wurde,
wandten sich die Verschwörer (wie sie es zumeist taten) an einen reichen älteren
Senator ehrwürdiger Herkunft, an M. Cocceius Nerva, aus einer italischen
Senatorenfamilie, die auf die Republik zurückging und zwei bekannte Juristen
hervorgebracht hatte. Seine erfolgreichste Maßnahme in seiner kurzen
Regierungszeit von zwei Jahren stellte die Adoption seines Nachfolgers, M.
Ulpius Traianus, des Statthalters des Oberen Germanien, dar (nicht zufällig hatte
dieser das Rom am nächsten gelegene größere militärische Kommando inne). Er
war der Sohn eines senatorischen Generals mit gleichem Namen, der die
Provinzen Syrien und Asia verwaltet hatte und von Vespasian in den
Patrizierstand erhoben worden war. Seine Familie kam aus Italica in Spanien,
das während des Zweiten Punischen Krieges mit römischen Veteranen besiedelt
worden war. Er muß somit als der erste Kaiser mit provinzieller Abkunft gelten
(obwohl er nicht unbedingt in Spanien geboren sein muß). Wenige Kaiser waren
in ihren Beziehungen zum Senat erfolgreicher. Plinius der Jüngere, der während
seiner Regierungszeit im Senat saß, hat nicht nur den Panegyricus (eine erweiterte
Version der Dankesrede auf den Kaiser, die er zu Beginn seines Konsulats im
Jahr 100 hielt), sondern auch seine Briefe hinterlassen, die zeigen, mit wieviel
Takt Trajan den Senat und seine senatorischen Freunde behandelte, bei denen er
Rat einholte. Trajan erwarb auch in zwei Kriegen (101/2 und 105/6) die neue
und reiche Provinz Dakien hinzu, unternahm in den Jahren 113–117 einen
Feldzug gegen Parthien (der am Ende erfolglos blieb, da seine Eroberungen nicht
gehalten werden konnten) und starb im Jahr 117 in Kilikien.

39
Sein Nachfolger Hadrian, sein Neffe und Mündel, kam ebenfalls aus einer
senatorischen Familie in Italica, obwohl er in Rom geboren wurde. Als Trajan
starb, bekleidete Hadrian das Amt eines Statthalters von Syrien. Erst nach dem
Tod des Kaisers wurde bekanntgemacht, daß er als Erbe und Nachfolger
adoptiert worden war. Das erweckte natürlich einigen Unglauben. Dem
Historiker Cassius Dio wurde von seinem Vater, der einige Zeit später Kilikien
verwaltete, erzählt, daß die Kaiserin Plotina und der Prätorianerpräfekt in
Wirklichkeit Trajans Tod einige Zeit verborgen hätten, bis der Staatsstreich
durchgeführt worden war. Die Atmosphäre wurde keineswegs verbessert, als
vier Senatoren mit konsularem Rang wegen »staatsgefährdender Umtriebe«
hingerichtet wurden, während Hadrian sich auf dem Weg nach Rom befand.
Hadrian, der in mancherlei Hinsicht interessanteste unter allen Kaisern,
personifiziert, so könnte man sagen, die Vielfalt und die Grenzen der klassischen
Kultur. Einen Großteil seiner Regierungszeit verbrachte er auf Reisen durch das
Reich. Diese führten ihn in den Jahren 121–123 durch die westlichen Provinzen
nach Britannien und über Spanien zurück, in den Jahren 123–125 durch Syrien,
Kleinasien, Pannonien, Griechenland (wo er den Winter 124 auf 125 in Athen
verbrachte) und Sizilien, im Jahr 128 durch Africa und in den Jahren 129–131
durch Griechenland, Kleinasien, Syrien, Judäa und Ägypten. Hadrian dichtete
Verse, dachte über Architektur nach und umgab sich mit Rednern und
Künstlern. Bei einem Besuch Alexandrias diskutierte er mit Gelehrten des
Museum. Auf seinen Reisen gründete er Städte: Antinoopolis in Ägypten, nach
seinem Günstling Antinous benannt, der im Nil ertrank, Hadrianoutherai in
Kleinasien und Aelia Capitolina auf den Trümmern Jerusalems, was zu dem
letzten großen jüdischen Krieg, dem Aufstand Bar Kochbas in den Jahren 132–
135, führte (die vielfältigen Sympathien Hadrians gingen nicht über den
griechisch-römischen Kulturkreis hinaus). Er beschäftigte sich aktiv mit der
Disziplin der Truppe – auf Inschriften ist der Teil einer aus Lob und Tadel
bestehenden Rede erhalten, die er nach Beobachtung einiger Hilfstruppen bei
Übungen in Africa hielt – und ließ mit dem Bau der großen Grenzbefestigung im
Norden Englands beginnen, die nach ihm benannt ist. Der griechischen Welt galt
seine größte Hingabe, besonders Athen, das er dreimal besuchte, wo er Tempel
und andere Gebäude erbaute und das er zum Mittelpunkt eines neuen
Panhellenischen Bundes machte.
Sein komplexer, vielseitiger Charakter erregte aber Argwohn und Mißtrauen.
Die letzten Jahre seiner Regierung wurden durch weitere Hinrichtungen getrübt.
Der zur Adoption und Nachfolge erwählte L. Ceionius Commodus Verus starb
138. Hadrian behalf sich schließlich mit einem angesehenen Senator in mittleren
Jahren, dessen Vater aus Nîmes stammte, T. Aurelius Fulvius Boionius Arrius
Antoninus, der als Antoninus Pius (138–161) besser bekannt ist. Dieser wurde
angewiesen, als seinen zukünftigen Nachfolger seinen Neffen M. Annius Verus –
Marcus Aurelius (161–180) – und den Sohn des Ceionius Commodus, L. Verus
(Mitkaiser 161–169), zu adoptieren. Antoninus Pius lebte bescheiden in Rom und

40
auf seinen Gütern, blieb immer in Italien und unterhielt ausgezeichnete
Beziehungen zum Senat. Über ihn als Menschen ist sehr wenig bekannt. Viel
mehr offenbart sich von Marcus Aurelius in dessen Briefen an Cornelius Fronto
und in dessen in griechischer Sprache geschriebenen Meditationen, einer Frucht
der stoischen Philosophie, der er sich seit seiner Kindheit geweiht hatte. Nichts
zeigt den bescheidenen und »häuslichen« Geist des Antoninenregimes besser als
der Abschnitt in den Meditationen, in dem Aurelius all das aufzählt, was er von
seinem Adoptivvater gelernt hat: »Milde und Unerschütterlichkeit bei
Entscheidungen, die nach schicklicher Überlegung getroffen wurden;
Gleichgültigkeit gegenüber scheinbaren Ehrungen; Fleiß und Ausdauer;
Bereitwilligkeit zum Anhören derer, die etwas zum öffentlichen Nutzen
beizutragen haben ... seinen Freunden zu gestatten, nicht immer mit ihm zu
speisen oder gezwungen zu sein, ihn auf Reisen außerhalb Roms zu begleiten ...
Beifallskundgebungen und allen Formen der Schmeichelei während seiner
Regierung Einhalt zu gebieten; seine sorgfältige Beachtung der Bedürfnisse des
Reiches, die Pflege der Geldquellen, die Geduld, Kritik über derlei
Angelegenheiten zu ertragen.«17
Zumindest zwei der insgesamt zwölf Bücher der Meditationen wurden auf den
Feldzügen gegen die Barbaren jenseits der Donau geschrieben. Denn Kriege
beherrschten die Regierungszeit des Philosophen, im Osten der von L. Verus
zwischen 161 und 166 geführte Partherkrieg, dessen zurückflutende Truppen
eine schreckliche Pest einschleppten, und dann die Kriege gegen Invasoren aus
dem Norden von 167 bis 175, die durch eine Erhebung im Osten beendet
wurden. Schließlich hatten Marcus und sein Sohn Commodus während ihrer
gemeinsamen Regierung (177–180) Feldzüge an der Donau zu führen.
Commodus, der mit achtzehn Jahren die alleinige Macht erlangte, als sein
Vater auf einem Feldzug starb, behauptete sofort seine Autorität, indem er den
Ratschlag aller seiner Ratgeber, den Krieg fortzuführen, in den Wind schlug,
Frieden schloß und zu den Vergnügungen Roms zurückkehrte. Das Vergnügen
sollte nicht vom Senat geteilt werden (in einer bekannten Metapher kennzeichnet
Cassius Dio, der in dessen Regierungszeit in den Senat eintrat, den Wechsel von
Vater auf Sohn als ein Absteigen vom goldenen zu einem eisernen Zeitalter).
Seine Herrschaft ähnelte in vielerlei Hinsicht der Neros – es gab
Verschwörungen, den Wettstreit der Günstlinge, Selbstverherrlichung und
Schaustellungen der kämpferischen Tapferkeit des Kaisers.
Als Commodus in der letzten Nacht des Jahres 192 in seinem Bad erdrosselt
wurde, wandten sich die Verschwörer, nach gewohnter Art, an einen italischen
Senator in vorgerückten Jahren, an P. Helvius Pertinax. In seiner Herkunft
spiegeln sich die veränderten Bedingungen des 2. Jahrhunderts: In Ligurien als
Sohn eines Freigelassenen geboren, hatte er ritterliche Posten, vornehmlich
militärischer Art, bekleidet, war dann in den Senat aufgenommen worden und
hatte in der Regierungszeit des Marcus Aurelius und Commodus
Militärkommandos inne. Zur Zeit seiner Nachfolge war er als höchster

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senatorischer Beamter, als Stadtpräfekt, tätig.18 Seine ganz in senatorischem
Geist geführte Regierung dauerte nur drei Monate, bis er von den
Prätorianerkohorten getötet wurde.
Es folgte eine wilde Zeit, in der zwei Senatoren mit der Prätorianergarde um
die Nominierung zum Kaiser verhandelten und in der der Sieger von Septimius
Severus, dem Statthalter des Oberen Pannonien (Pannonia Superior), verdrängt
wurde. Dieser führte sodann vier Jahre lang einen Bürgerkrieg, bis er schließlich
den Thron gegen seine Rivalen, die Statthalter von Syrien und Britannien,
gesichert hatte. Severus war ein Afrikaner aus der alten Phönikerstadt Lepcis
Magna in Tripolitanien, der im Jahr 112 der Status einer römischen Kolonie
verliehen worden war. Sein Großvater war damals zum Ritter ernannt worden.
Seine Onkel, nicht aber sein Vater, waren römische Senatoren gewesen. Die
ersten Regierungsjahre mit den Bürgerkriegen, die im Sieg bei Lugdunum (197)
ihren Höhepunkt fanden, und mit der Verfolgung feindlicher Senatoren
hinterließen einen ungünstigen Eindruck. Von 197 bis 202 weilte Severus im
Osten, unternahm einen einigermaßen erfolgreichen Krieg gegen die Parther und
durchreiste Syrien und Ägypten, bevor er über Kleinasien und den Balkan
zurückkehrte.

 Abb. 2: Septimius Severus, seine Frau Julia Domna und seine Söhne Caracalla und
Geta (ausgelöscht). Gemälde auf einer Holztafel aus Ägypten aus der Zeit ihres
Aufenthaltes ebendort (199–201). Severus und Caracalla sind mit goldenen Girlanden

42
geschmückt, die mit Edelsteinen besetzt sind. Geta wurde im Jahr 212 von Caracalla
ermordet und sein ›Andenken verdammt‹ (Kap. 2). Darum wurden seine Gesichtszüge
unkenntlich gemacht, wie man seinen Namen auch auf Inschriften und Papyri tilgte.

Er führte danach ein relativ friedliches Leben in Rom, bis er sich im Jahr 208 mit
seinen beiden Söhnen, Caracalla und Geta, auf einen Kriegszug nach Britannien
begab. Als er 211 in York starb, kehrten die beiden als Mitkaiser eingesetzten
Söhne nach Rom zurück, wo Caracalla seinen Bruder Geta ermordete (212). Die
gewohnten Hinrichtungen folgten und wurden schließlich durch Caracallas
Aufbruch zu einem Feldzug nach Osten unterbrochen, der den letzten Teil seiner
Regierungszeit ausfüllte. Caracalla kostete, wenn man den feindlichen Quellen
glauben darf, seine Kaiserstellung bis zur Neige aus, indem er sich als Alexander
der Große kleidete und diese Rolle zu spielen suchte, indem er ein wüstes
Blutbad unter den Alexandrinern hielt, die ihn wegen der Ermordung seines
Bruders beleidigt hatten, und indem er die Senatoren in seiner Umgebung
demütigte. Cassius Dio, der im Jahr 214 mit Caracalla in Nikomedeia weilte,
schildert, wie der Kaiser anzukünden pflegte, er würde am Morgen mit der
Anhörung besonderer Anliegen beginnen, und dann seine senatorischen
Ratgeber bis zum Abend vor der Tür warten ließ, während er sich als Gladiator
übte oder mit seiner Soldateneskorte trank.19
Als sich der Hof im Jahr 217 in Syrien aufhielt, ließ der Prätorianerpräfekt
Macrinus, weil er um sein eigenes Leben bangte, Caracalla ermorden und
proklamierte sich nach vier Tagen des Wartens als erster eques zum Kaiser.
Severus hatte jedoch in eine syrische Familie geheiratet, die in dem syrischen
Emesa die erbliche Priesterschaft innehatte. Der Großneffe der Gemahlin des
Severus, Varius Avitus (weit besser bekannt als Elagabal, dem Namen des
emesenischen Gottes), wurde jetzt von seiner ehrgeizigen Mutter und
Großmutter in den Vordergrund gedrängt und den Truppen (fälschlicherweise)
als unehelicher Sohn des Caracalla vorgestellt, womit die vierzehn Monate
dauernde Herrschaft des Macrinus zu Ende ging.
Die Darstellung der vierjährigen Herrschaft Elagabals (er war erst vierzehn
Jahre alt, als sie begann) ist nichts weiter als ein Katalog von Immoralitäten und
Tollheiten. Im Jahr 222 konnte ihn seine Familie durch seinen Vetter Alexianus
ersetzen, der jetzt Severus Alexander hieß, vierzehn Jahre alt war, von seiner
Mutter Mammaea und von dem Juristen Ulpian, dem Prätorianerpräfekten,
beherrscht wurde und gezwungen war, genauestens auf den Senat zu achten.
Obgleich der Vater Elagabals ein Senator und ein ritterlicher Prokurator des
Alexander gewesen war, muß es doch als eine Fügung des Schicksals gelten, daß
gerade diese beiden Jünglinge Kaiser wurden und nicht irgendwelche Senatoren
aus dem wohlhabenden Bürgertum Kleinasiens, die die ersten Repräsentanten
des griechischen Ostens waren.
Als Severus Alexander am Rhein getötet wurde (235) und der aus den
untersten Rängen aufgestiegene thrakische Soldat Maximinus an seine Stelle

43
rückte, begann eine neue Ära. Die zeitgenössischen historischen Quellen
versiegen, Cassius Dios Geschichte endet im Jahr 229, Herodians
Kaisergeschichte, die mit Marcus Aurelius beginnt, schließt mit dem Tod des
Maximinus in Aquileia (238). Es verbleiben uns die kurzen Geschichten aus dem
4. Jahrhundert, byzantinische Geschichten und die als Historia Augusta bekannte
Sammlung kaiserlicher Biographien aus dem 4. Jahrhundert, die mit
Ausschmückungen angefüllt ist und darüber hinaus für den Zeitraum von 244
bis 260 eine Lücke aufweist. Über die Kaiser dieser Periode ist darum weit
weniger bekannt. Von einigen kennen wir nur die Namen; viele in der Historia
Augusta kurz skizzierte Thronbewerber haben vielleicht niemals gelebt. Nicht
alle Kaiser müssen darum erwähnt werden. Es wird ausreichen, über diejenigen
zu sprechen, von denen etwas Bedeutsames bekannt ist.
Die hervorstechenden Züge der Periode wurden schon genannt: das
Überwiegen von Kriegen und Bürgerkriegen, die Einbeziehung des Kaisers aus
einer vornehmlich »senatorischen« in eine »militärische« Umgebung, die
wachsende Tendenz, daß die Kaiser aus der Armee und nicht mehr aus dem
Senat kamen und (darum) aus den Donauländern stammten. Es waren aber auch
andere Einflüsse am Werk: die Kaiserproklamation des Prokonsuls von Africa
Gordian (I.) und seines Sohnes Gordian II. führte zu dem erfolgreichen Krieg des
Senats gegen Maximinus und der sechsjährigen Herrschaft Gordians III. (238 bis
244). Gordians mit ständigen Kriegen angefüllte Herrschaft endete, als er, wie
Caracalla, von den Truppen an der Ostfront ermordet wurde und sein in
Transjordanien geborener Prätorianerpräfekt Julius Verus Philippus an seine
Stelle rückte. Die soziale Entwicklung der römischen Welt wird sehr passend
dadurch charakterisiert, daß es ihm vorbehalten blieb, im Jahr 248 mit
großartigen Spielen in Rom die tausendjährige Wiederkehr der Gründung der
Stadt zu feiern. An seine Stelle rückte der von der Donauarmee proklamierte
Pannonier C. Messius Quintus Decius, der allerdings Senator war und in eine
alte italische Familie einheiratete. Unter seiner Herrschaft wurde das erste
allgemeine Edikt zur Christenverfolgung erlassen. Auf seinen Tod in der großen
Schlacht bei Abrittus in der Dobrudscha folgte das kurze Regime (251–253) des
Gallus und Volusianus und danach die gemeinsame Herrschaft des italischen
Senators P. Licinius Valerianus und dessen Sohnes Gallienus. Ihre Herrschaft
wurde von einer endlosen Serie von Unglücksfällen, Invasionen in West und Ost,
der Schaffung eines unabhängigen, aber römischen Reiches in Gallien, das sich
von Spanien bis Britannien erstreckte, der Entstehung eines unabhängigen
Palmyra und der Gefangennahme und Demütigung Valerians (260) durch den
persischen König Šāpūr I. gekennzeichnet. Von Gallienus (Alleinherrscher 260–
268) wissen wir etwas mehr als von den anderen Kaisern der Zeit. Er beendete
die von seinem Vater im Jahr 257 begonnene zweite Christenverfolgung,
verbrachte, wenn es die Kriege zuließen, seine Zeit in Rom und zeigte kulturelle
Neigungen, wie sie seit den Antoninen seine Vorgänger nicht mehr gekannt
hatten. Er war der Mäzen des bedeutenden Philosophen Plotinus, dem er den

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Bau einer Philosophenstadt in Kampanien mit dem Namen Platonopolis
versprach. Er soll auch (nach der Historia Augusta), wie Hadrian, archon –
oberster Beamter von Athen – gewesen, in die Eleusinischen Mysterien
eingeweiht worden sein und Verse in griechischer und lateinischer Sprache
verfaßt haben.
Als Gallienus im Jahr 268 im Verlauf einer innenpolitischen
Auseinandersetzung in der Nähe Mailands getötet wurde, gewann Claudius II.
(268–270) die Macht und inaugurierte die Serie balkanischer Kaiser – Aurelian
(270–275) und Probus (276–282) –, die in langen Jahren des Kampfes die Einheit
des Reiches wiederherstellten und eine Reihe barbarischer Einfälle
zurückschlugen, wenn sie diese auch nicht verhindern konnten. Der in
Dalmatien geborene Claudius und der wahrscheinlich aus Pannonien
stammende Aurelian hatten ein Kavalleriekommando ritterlichen Rangs inne;
Probus stammte auch aus Pannonien. Unsere spärlichen Quellen geben aber
nicht einmal darüber Auskunft, welchen militärischen Posten er zum Zeitpunkt
seiner Proklamation bekleidete. Die Herrschaft dieser Männer besaß
fundamentale Bedeutung für die Wiederherstellung des Reiches bis zu dem
Punkt, an dem die Reformen Diokletians (284–305) möglich wurden; man kann
aber keineswegs behaupten, von ihnen viel mehr als die bloßen Fakten der von
ihnen geführten Kriege zu kennen.
Zwischen der Ermordung Aurelians (275) und der Proklamation des Probus
(276) kam es zu dem letzten großen Augenblick des Senats, als die Armee ihn zur
Nominierung des Kaisers aufforderte. Nach einigem Zögern handelten die
Senatoren im Sinn der Tradition und akklamierten den hervorragenden Senator
Tacitus, der wahrscheinlich in Italien geboren und 75 Jahre alt war. Schließlich
proklamierte man den Prätorianerpräfekten Carus (282), der seine beiden Söhne
zu »Caesaren« machte und nach einem erfolgreichen Einfall in Persien starb oder
getötet wurde. Bald darauf hoben die Truppen einen dalmatischen Soldaten mit
Namen Diocles auf den Schild, der als Kaiser M. Aurelius Valerius Diocletianus
(Diokletian) eine neue Ära in der Geschichte des Reiches einleitete.
4. Regierung und Verwaltung

Das römische Kaiserreich hatte keine Regierung. Das heißt, es gab keine förmlich
gewählte oder ernannte Körperschaft von Personen, die Verantwortung für
wirksame Entscheidungen getragen hätte. Es gab auch weder eine gewählte
repräsentative Versammlung, vor der sich die »Regierung« hätte verantworten
können, noch irgendeine souveräne Versammlung oder Wählerliste. Obwohl das
Volk von Rom noch beträchtliche politische Macht und eine privilegierte
Stellung besaß, wählte es doch nicht länger, wie wir gesehen haben, die Beamten
von Rom und verabschiedete (soweit wir wissen) nicht einmal mehr formell
einzelne Gesetze. Der römische Senat, in den man in der Regel auf Grund
erblicher Ansprüche eintrat, dessen Mitglieder daneben auch durch kaiserliche
Gunst ergänzt wurden, repräsentierte weder das römische Volk noch die

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einzelnen Gemeinden, als Männer aus den Provinzen in ihn Eingang fanden;
denn obwohl oft ein Senator die Interessen seiner Gemeinde förderte, war er
weder von ihr gewählt noch ihr verantwortlich. Auch der Senat kann, trotz
seiner sehr wichtigen Rolle als Visavis des Kaisers und trotz der Tatsache, daß er
sich mit einer Vielzahl legislativer und administrativer Geschäfte befaßte,
keineswegs als die regierende Versammlung des Reiches angesehen werden.
Das Reich wurde in Wahrheit vom Kaiser regiert, dem seine »Freunde« (amici)
zur Seite standen. Nach alter Sitte hatte jeder römische Beamte und Statthalter,
immer wenn er Entscheidungen traf oder zu Gericht saß, eine Gruppe von
Ratgebern bei sich, die er selbst ausgewählt hatte und die er zu konsultieren
pflegte. Die tatsächlichen Entscheidungen und Urteile blieben aber ihm
vorbehalten; durch die Ansicht der Mehrheit seiner Ratgeber war er keineswegs
gebunden. Nach dem gleichen Muster gingen die Kaiser vor. Augustus hatte
eine Gruppe formalerer Art eingesetzt, um die Geschäfte für den Senat
vorzubereiten, die sich aus den Konsuln, je einem Inhaber der anderen Ämter
und fünfzehn durch das Los für sechs Monate bestimmten Senatoren
zusammensetzte. Diese Einrichtung überlebte seine eigene Regierungszeit jedoch
nicht, und spätere Kaiser griffen auf die frühere Sitte zurück. Der Grundzug des
Systems einer Beratung mit Freunden war seine Ungezwungenheit. Erstens war
es dem Kaiser (obgleich einige Stabilität, selbst von einer Herrschaft zur anderen,
darin bestand, wer konsultiert wurde, und obgleich die Inhaber einiger Ämter,
wie der Prätorianerpräfekt, jedesmal konsultiert wurden) immer freigestellt, wen
er um Rat fragen wollte, und umgekehrt hatte er die Freiheit, jeden von seinen
Ratsversammlungen auszuschließen, dessen Rat mißliebig war. Wenn der Kaiser
zum Beispiel Rom verließ, um ins Feld zu ziehen oder durch eine Provinz zu
reisen, nahm er die Männer mit, die er als seine »Gefährten« (comites) wünschte,
und fragte sie um Rat. Zweitens war er, wie schon gesagt, nicht an ihre
Ratschläge gebunden. Als Marcus Aurelius im Jahr 180 auf einem Feldzug in die
Donauländer starb, vertraute er den achtzehnjährigen Commodus der Führung
der ihn begleitenden Freunde an. Sie empfahlen, den Krieg fortzusetzen;
Commodus schloß aber Frieden (mit recht gutem Erfolg) und ging nach Hause.
Unter den Freunden des Kaisers hatte nur der Prätorianerpräfekt so etwas wie
einen ex officio-Platz in den kaiserlichen Beratungen. Das kam teilweise daher,
weil ein Präfekt, der das Vertrauen des Kaisers verlor, auch sehr schnell sein Amt
verlor, gleichzeitig aber auch aus der Beschaffenheit dieses Postens, der
ursprünglich – unter Augustus – die Befehlsgewalt über das kaiserliche
praetorium (Hauptquartier) beinhaltete. Die Möglichkeiten dieses Amtes wurden
sofort offenbar, als Aelius Seianus, nach der Versetzung seines Vaters in die
Präfektur Ägypten im Jahre 14 alleiniger Präfekt, die Prätorianerkohorten in
einem festen Lager zusammenzog und bis zu seinem Sturz im Jahr 31 bei
Tiberius starken Einfluß ausübte, Mitglieder des kaiserlichen Hauses angriff,
einzelne Senatoren begünstigte, öffentliche Standbilder, die Abzeichen eines
Prätoren und schließlich (obgleich er ein eques war) das Konsulat selbst

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zugesprochen bekam. Danach pflegte die Rolle der Präfekten, im Normalfall gab
es gleichzeitig zwei, bescheidener zu sein. Sie begleiteten den Kaiser die meiste
Zeit und übernahmen von der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts an manchmal
ein aktives Kommando im Feld, im allgemeinen auf Feldzügen, an denen der
Kaiser teilnahm. Sie bewachten auch Gefangene und übten im 2. und 3.
Jahrhundert in Italien außerhalb Roms die Gerichtsbarkeit aus, erhielten
Gefangene aus den Provinzen zur Aburteilung oder behandelten, wenn sie vom
Kaiser dazu delegiert waren, Urteile der Provinzstatthalter in zweiter Instanz.
Einige Präfekten wie Perennis unter Commodus (180 bis 192) oder Fulvius
Plautianus unter Severus (193–211) gingen in den Fußstapfen des Sejanus.
Plautianus bekleidete im Jahr 203 das Konsulat und verheiratete seine Tochter
mit Caracalla, ehe er im Jahr 205 hingerichtet wurde. Später, im 3. Jahrhundert,
bestiegen, wie wir sahen, einige Prätorianerpräfekten den Thron. Ihre bleibende
Bedeutung aber resultierte aus der Tatsache ihrer Nähe zum Kaiser: Von Marcius
Turbo, dem Präfekten unter Hadrian, wurde berichtet, daß er niemals den Palast
verließ, selbst nicht um zu Hause zu schlafen. Da die Rechtsprechung einen so
großen Teil der Zeit des Kaisers in Anspruch nahm, wurde die richterliche
Befähigung der Präfekten ebenso wichtig wie deren militärische Eigenschaften.
Das frühe 3. Jahrhundert war die große Zeit der Präfektur, als die Juristen
Papinian, Ulpian und möglicherweise Paulus diese bekleideten. Bis dahin hatten
die Präfekten einen formalen Status erlangt, der mit dem der Senatoren
vergleichbar, in mancherlei Hinsicht diesem sogar überlegen war: Zwei
Protokolle aus der Regierungszeit des Caracalla (211–217) zeigen, daß der Kaiser,
wenn er im Rat seinen Platz eingenommen hatte, zuerst vom
Prätorianerpräfekten begrüßt wurde, sodann erst von seinen anderen
»Freunden« und den Chefs der »Sekretariate«.
Weitere Einzelheiten darüber, was der Kaiser und seine Ratgeber taten und
wie sie es taten, sollen folgen, wenn sie in den Zusammenhang mit der Struktur
des römischen Staates gestellt werden können. Der Grundzug dieser Struktur ist
in dem Kompromiß zwischen der Regierungspraxis der Republik und der
Tatsache zu sehen, daß alle wirkliche Macht und Verantwortung beim Kaiser lag.
In republikanischer Zeit waren die Provinzstatthalter Senatoren gewesen, die
gewöhnlich durch Los jeweils für ein einziges Jahr bestimmt wurden. Seit
Errichtung des Triumvirats im Jahr 43 v. Chr. besaßen die Triumvirn die Macht,
Statthalter einzusetzen, die Augustus bis zum Jahr 27 v. Chr. weiter ausgeübt zu
haben scheint. Als er im Jahr 27 »die Republik wiederherstellte«, war eine
wichtige Entscheidung die, daß er für einige Provinzen die Bestimmung der
Statthalter (Prokonsuln genannt) für ein Jahr durch das Los wiedereinführte.
Diese Provinzen wurden »öffentliche« oder »senatorische« Provinzen genannt.
Für die übrigen, besonders diejenigen mit größeren Truppenkontingenten,
bestand die direkte Ernennung durch den Kaiser weiter. Die Statthalter der
»kaiserlichen« Provinzen waren ebenfalls alle Senatoren, wie die Prokonsuln
entweder gewesene Prätoren oder Konsuln, je nach Bedeutung der Provinz,

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wurden legati Augusti (Delegierte des Augustus) genannt und blieben bis zur
Abberufung durch den Kaiser im Amt. Die Legionskommandeure, die beinahe
ausschließlich in kaiserlichen Provinzen stationiert waren, rekrutierten sich
ebenfalls aus den Reihen der Senatoren, im allgemeinen aus gewesenen Prätoren.
Sie wurden legati der Legion genannt und vom Kaiser eingesetzt.
Die wichtigste Ausnahme stellte Ägypten dar, das seit seiner Eroberung im
Jahr 30 v. Chr. immer ein Präfekt aus dem Ritterstand regiert hatte, obwohl ihm
Legionen römischer Bürger unterstellt waren. Es gab auch weniger wichtige
Provinzen wie Judäa, die Männer aus dem Ritterstand verwalteten (die zunächst
den Titel eines »Präfekten« trugen, seit der Mitte des 1. Jahrhunderts aber
»Prokuratoren« genannt wurden); sie befehligten jedoch nur Hilfstruppen aus
Nicht- Bürgern.
Mit diesen Ausnahmen hielt die Kaiserzeit jedoch das von Senatoren
ausgeübte Monopol der Provinzstatthalterschaften aufrecht, wobei allerdings
solche von militärischer Wichtigkeit in den Händen des Kaisers gelassen
wurden. Die Aufteilung in »kaiserliche« und »senatorische« Provinzen sah man
oft als eine administrative Teilung an, bei der der Kaiser die kaiserliche Hälfte
und der Senat (indem er gelegentliche »Interventionen« des Kaisers zuließ) die
senatorische Hälfte beherrschte. In Wirklichkeit aber bestand, abgesehen von der
Methode der Ernennung, der einzige administrative Unterschied darin, daß der
Kaiser bis ins frühe 2. Jahrhundert jedem seiner legati Instruktionen (mandata) mit
auf den Weg gab, wenn sie in die Provinzen aufbrachen, es bei den Prokonsuln
aber unterließ; etwa von der Regierungszeit Hadrians (117–138) an erhielten
auch die Prokonsuln solche Anweisungen. Im übrigen trafen Kaiser und Senat
(hauptsächlich natürlich der erstere) Regelungen, die überall anwendbar waren,
und trafen Maßnahmen, die sich auf beide Provinztypen bezogen.
In einer senatorischen Provinz war der oberste Finanzbeamte der Quästor, ein
senatorischer Beamter, dem die jeweilige Provinz durch das Los zufiel und der
dort ein Jahr lang sein Amt bekleidete. In einer kaiserlichen Provinz wurden
dieselben Funktionen – die Aufsicht über die Steuererhebung und die Besoldung
der Truppen und Beamten – von kaiserlichen Prokuratoren ausgeübt, die
gewöhnlich aus dem Ritterstand stammten, manchmal aber kaiserliche
Freigelassene waren. Dieses Amt stellt zusammen mit dem des Präfekten von
Ägypten und dem des Präfekten (später »Prokurator«) kleinerer Provinzen den
Beginn des ständigen Ausbaus von Posten dar, die der Kaiser besetzte und die
Personen außerhalb des Senats innehatten. Darin bestand eine der
grundlegenden Entwicklungen im Wesen des Staates der Kaiserzeit. Im ganzen
Reich sind Sklaven und Freigelassene des Kaisers zu finden, die Aufgaben
besonders in Verbindung mit kaiserlichen Gütern und Besitzungen (darunter
Bergwerken und Steinbrüchen), später aber auch mit Steuern, der kaiserlichen
Post (cursus publicus) und Straßen wahrnahmen. Manchmal hatten Freigelassene
die wichtigeren der oben erwähnten Prokuratorstellen inne (Felix, der Bruder
des Pallas, des bekannten Freigelassenen des Claudius, war zum Beispiel von 52

48
bis 60 Prokurator von Judäa). Im allgemeinen waren diese Ämter aber das
Reservat, später das Monopol von Männern aus dem Ritterstand. Dazu ist zu
sagen, daß prinzipiell jeder römische Bürger mit freier Abkunft über zwei
Generationen, dessen Kapital auf über 400000 Sesterzen (ein Drittel von dem,
was von einem Senator verlangt wurde) geschätzt wurde, ein eques war. Equites
trugen einen schmalen Purpurstreifen an der Toga und durften in Rom im Circus
oder im Theater in einer der ersten vierzehn Reihen sitzen. Der Ritterstand besaß
mit anderen Worten auf einer etwas niedereren Ebene und auf viel breiterer
Grundlage die gleiche Funktion wie die Mitgliedschaft im Senat, nämlich einen
spezifisch römischen Status zu bilden, nach dem die besitzenden Klassen in den
Provinzstädten streben konnten.1
In der Kaiserzeit entwickelte sich allmählich aus kleinen Anfängen eine Folge
ritterlicher Ämter, die ziemlich bald eine Hierarchie darstellte, die dem »cursus«
der Senatoren recht ähnlich war. Zu allen Zeiten hatte die Mehrzahl der Inhaber
ritterlicher Ämter zunächst in der Armee gedient; einige von ihnen traten schon
als equites ein und dienten in der Regel als Präfekt einer Infanteriekohorte von
Hilfstruppen, Tribun einer Legion und Präfekt einer berittenen Schwadron (ala)
von Hilfstruppen. Andere waren Centurionen im Rang eines primus pilus (Senior-
Centurionen) einer Legion, gingen dann als Tribun einer Prätorianerkohorte
nach Rom, wurden primus pilus einer zweiten Legion und bekleideten danach
zivile ritterliche Ämter. Während des 1. Jahrhunderts läßt sich die
Herausbildung einer regelmäßigen Laufbahn beobachten, nach der diese Männer
nach ihrem ersten »Primipilat« als Tribun der Reihe nach zu allen drei Einheiten
in Rom gingen – den vigiles, städtischen Kohorten und Prätorianerkohorten –
und dann nach ihrem zweiten »Primipilat« erwarten konnten, schnell zu den
wichtigeren Ritterposten aufzusteigen.
In der julisch-claudischen Periode (bis 68) wuchs die Zahl der Ritterämter
ständig über die nur 25 unter Augustus bezeugten hinaus, hauptsächlich durch
den Erwerb neuer kleiner Provinzen (den beiden Mauretanien und Thrakien),
die von Prokuratoren verwaltet wurden, und die Monopolisierung der
Präfektenposten für die verschiedenen Flottenverbände, die in der Frühzeit oft
von kaiserlichen Freigelassenen bekleidet wurden. Seit der Regierung des
Tiberius wurde es allmählich gebräuchlich und schließlich die Regel, die
wichtigsten Präfekturen – der annona, der vigiles, Ägyptens und der
Prätorianerkohorten – durch Promotion von Prokuratoren zu besetzen; zunächst
wurden sie oft noch direkt mit kaiserlichen Günstlingen besetzt.
Das wichtigste der noch ungenannt gebliebenen Ämter war das eines
Prokurators in einer senatorischen Provinz, der alle kaiserlichen Besitzungen
und Güter in ihrem Bereich beaufsichtigte. Die historische Bedeutung dieser
Männer bestand darin, daß sie unweigerlich die Grenzen ihrer der Theorie nach
privaten Stellung sprengten, eine halbamtliche Position usurpierten und die
Autorität des senatorischen Prokonsuls herausforderten, weil sie die vertrauten
Abgesandten des Kaisers waren und beträchtliche Einkünfte und einen Stab von

49
Sklaven und Freigelassenen kontrollierten. Schon im Jahr 23 n. Chr., als
Anklagen gegen einen Prokurator von Asia vorgebracht wurden, beteuerte
Tiberius, daß er ihm lediglich die Gewalt über die kaiserlichen Sklaven und
Gelder gegeben habe; wenn er die Vollmachten eines Statthalters usurpiert und
die Dienste der Soldaten für sich beansprucht habe (wie er es offensichtlich getan
hatte), dann habe er damit die Anordnungen des Kaisers mißachtet.2 Später
führten solche Prokuratoren jedoch nicht nur politische Morde auf Geheiß des
Kaisers aus, sondern übten amtliche Funktionen aus. So ließen sie zum Beispiel
Straßen bauen oder strittige Ländereien vermessen. Schon im Jahr 88 begegnen
wir darüber hinaus einer Maßnahme, die die Zukunft vorausnimmt, als der
Prokurator von Asia nach Hinrichtung des senatorischen Statthalters durch
Domitian als Provinzstatthalter fungierte.
Seit der flavischen Periode, besonders im 2. Jahrhundert, läßt sich eine weitere
Zunahme der Zahl der ritterlichen Ämter beobachten, die im allgemeinen einen
niedrigeren Platz in der Hierarchie einnahmen als diejenigen, die schon
bestanden. Diese Ämter hatten mit Erbschaften für den Kaiser, Steuern,
Gladiatoren, dem cursus publicus, den Aquädukten und der Münze zu tun. Unter
Hadrian (117–138) begegnet man dem neuen Juniorposten eines advocatus fisci
(Advokaten der kaiserlichen Kasse), der als nicht-militärische Alternative zum
Einstieg in den ritterlichen cursus diente. Einige Würdenträger aus den
Provinzen oder griechische Redner hatten jedoch nur diesen Posten inne, ohne
anschließend andere zu bekleiden. Aus einer Inschrift wissen wir zum Beispiel
von einem Mann aus einer vornehmen Familie in Phrygien (Asia) und seinem
Enkel, die beide dieses Amt, aber kein anderes bekleideten. Das ist mit anderen
Worten ein Beispiel für die oben erwähnte Verschmelzung örtlicher und
kaiserlicher Ämter.
Eine ebenso wichtige Entwicklung, die auch auf die flavische Periode
zurückgeht, ist die Besetzung der entscheidenden »Sekretärs«-Posten beim
Kaiser, die zuvor kaiserliche Freigelassene innehatten, durch equites. Der erste
Schritt wurde von Vitellius getan, als er im Januar 69 am Rhein zum Kaiser
proklamiert wurde. Einer der Nutznießer seiner Verteilung solcher Posten an
equites diente dort als Legionstribun und erhielt nun den Titel »Prokurator für
patrimonium, Erbschaften und Bittschriften«3. Typischer noch ist zum Beispiel die
Karriere des Vibius Lentulus, der nach ritterlichen Militärposten verschiedene
Prokuraturen bekleidete und unter Trajan als a rationibus (Chef der
Rechnungslegung) seine Laufbahn beendete.
Diese Ämter wurden jetzt manchmal mit Männern besetzt, die man aus
niederen Verwaltungspositionen nahm. Besonders solche, die mit Diplomatie
und Korrespondenz befaßt waren, wurden oft direkt Intellektuellen oder
Literaten, beinahe immer Griechen, übertragen. Das war gelegentlich schon
früher geschehen, als zum Beispiel Claudius (41–54) seinem Arzt, Stertinius
Xenophon von der Insel Kos, offenbar einen militärischen Ehrenrang verlieh –
mitsamt militärischen Auszeichnungen, nachdem dieser ihn nach Britannien

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begleitet hatte – und ihn auch mit der Aufsicht über die in griechischer Sprache
abgefaßten kaiserlichen Antwortschreiben betraute. Gegen Ende des 1.
Jahrhunderts wurde dem alexandrinischen Grammatiker Dionysius, der zuvor
Leiter des Museums in Alexandria gewesen war, die Verantwortung für die
kaiserlichen Bibliotheken übertragen. Dieser war damit für die kaiserliche
Korrespondenz, Gesandtschaften und Beantwortungen zuständig. Im 2. und
frühen 3. Jahrhundert gelangte eine große Zahl griechischer Redner direkt zur
Aufsicht über die kaiserliche Korrespondenz in griechischer Sprache.4
Zwei Karrieren mögen die beiden gegenläufigen Ströme in der
Verwaltungsentwicklung des 2. Jahrhunderts beispielhaft zeigen. Zunächst der
Professionelle, der aus der Armee aufgestiegene M. Bassaeus Rufus. Er wurde in
armen, von der Kultur wenig berührten Verhältnissen geboren, diente als primus
pilus, ging dann als Tribun zu den drei Einheiten in Rom, diente wiederum als
primus pilus, war Prokurator in Spanien, anschließend Prokurator (Gouverneur)
von Norikum, Prokurator (der Finanzen) der Belgica und Germaniens, a
rationibus und nacheinander Präfekt der vigiles in Rom, Präfekt von Ägypten und
der Prätorianerkohorten (169-etwa 177). In den Donaukriegen des Marcus
Aurelius erwarb er sich militärische Auszeichnungen und die insignia eines
Konsuls. Der Senat stimmte, auf Veranlassung der Kaiser Marcus Aurelius und
Commodus, dafür, ihm an drei verschiedenen Stellen in Rom drei Statuen
aufstellen zu lassen.5
Der Vater des Aelius Antipater aus Hierapolis in Phrygien war zunächst
advocatus fisci für Phrygien, anschließend für die gesamte Provinz Asia gewesen,
sein Großvater ein Hoherpriester des Kaiserkultes dieser Provinz. Nachdem
Aelius Antipater in Athen studiert hatte, wurde er ein weithin bekannter Redner.
Septimius Severus (193–211) betraute ihn mit der Oberaufsicht über die
griechische Korrespondenz und mit der Erziehung seiner Söhne Caracalla und
Geta. In einem zwischen 200 und 205 Ephesus gesandten Schreiben nennt ihn
Caracalla »meinen Freund und Lehrer, der mit der Abfassung der griechischen
Briefe betraut ist«. Philostratus berichtet in seinem Leben der Sophisten, daß
Antipater eine Geschichte der Regierungszeit des Severus schrieb und daß er vor
allem ein Meister des den kaiserlichen Briefen angemessenen Stils war. Später
fand er im Rang eines gewesenen Konsuls Eingang in den Senat.6
Zwischen diesen beiden Extremen verlief eine andere Entwicklung, die hier
kurz erwähnt werden muß, nämlich die Verwendung von Juristen in
Ritterämtern und als bezahlte Ratgeber (consiliarii) des Kaisers. Die bekannten
Juristen des 1. Jahrhunderts und bis zur ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts waren
Senatoren, denen einzeln das »Recht (in gesetzlichen Angelegenheiten)
Antworten zu geben« – das ius respondendi – verliehen wurde und die »Freunde«
des Kaisers und seine Ratgeber sein konnten oder auch nicht. Von der Mitte des
2. Jahrhunderts an trat ein bedeutsamer Wandel ein, denn die bekannten Juristen
waren jetzt in der Mehrzahl equites in kaiserlichen Diensten. Als erster avancierte
der Militärtribun L. Volusius Maecianus. Er bearbeitete im Jahr 138 die

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Petitionen an Antoninus Pius zwischen dessen Adoption und Thronbesteigung,
bekleidete dann, nach der Präfektur der vehicula (des Transportwesens) und der
Bibliotheken, mehrere Sekretärsposten unter Pius, ehe er die Präfektur der
annona und Ägyptens übernahm und schließlich zum Senator gemacht wurde. Er
schrieb juristische Werke, führte Marcus Aurelius in die Jurisprudenz ein und
diente den Kaisern Pius, Marcus Aurelius und Verus (161 bis 169) als juristischer
Berater.7 Später stiegen die Rechtsgelehrten, wie schon erwähnt, selbst zur
Prätorianerpräfektur auf.
So sah die Struktur der wichtigen Posten aus, wie sie bis in die zweite Hälfte
des 3. Jahrhunderts existierten. Ihre Hauptmerkmale bestanden darin, daß die
Struktur der senatorischen Provinzkommandos intakt blieb, daß sie aber von
einem vielfältigen Netz von Ritterämtern überlagert wurden, die für die stark
ausgeweiteten Unternehmungen des Staates und die Interessen des Kaisers
zuständig waren. In der letzten Hälfte des 3. Jahrhunderts brach die senatorische
Struktur jedoch endgültig auseinander. Schon vorher, besonders seit Ende des 2.
Jahrhunderts, geschah es häufig, daß Prokuratoren Provinzen vice praesidis (»an
Stelle des Statthalters«) verwalteten. In einigen Fällen des 3. Jahrhunderts,
besonders im Fall der langen Reihe von Ämtern, die Timesitheus, der spätere
Schwiegervater und Prätorianerpräfekt Gordians III. (238–244), innehatte,
scheinen nicht nur aus Tod oder Abwesenheit resultierende Ersatzlösungen
vorgelegen zu haben, sondern spontane Einsetzungen. Gleichzeitig erwarben
selbst einfache Prokuratoren, wie wir noch später sehen werden, ständig größere
Macht und Unabhängigkeit gegenüber den senatorischen Statthaltern. Wie ein
wichtiger Prokurator in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts seinen
Untertanen erschien, kann man einem Brief entnehmen, der von der Synode von
Antiochia im Jahr 268 wegen des häretischen Bischofs Paulus von Samosata nach
Rom geschickt wurde. Unter anderem gebärdete er sich eher wie ein ducenarius
(hochgestellter Prokurator) als ein Bischof – »stolzierte über die öffentlichen
Plätze, las Briefe und beantwortete sie öffentlich beim Gehen, war von einer
großen Leibwache umgeben, einige marschierten vor ihm, einige folgten ihm ...«;
er besaß ein tribunal und einen erhöhten Thron und ein Büro (secretum) »wie die
Herrscher dieser Welt«.8
Die Schlußphase dieser Entwicklung begann in der Mitte des 3. Jahrhunderts,
vielleicht, wie spätere Quellen berichten, in der Regierungszeit des Gallienus
(260–268), als die senatorischen Tribunen und Legionslegaten aus der Armee
verschwanden. Zwischen 260 und 280 wurde sie fortgesetzt, als die meisten
senatorischen Statthalter mit prätorischem, nicht mit konsularischem Rang auf
Dauer von equites scheinen ersetzt worden zu sein. Dieser Prozeß wurde dann
von Diokletian abgeschlossen, der nur zwei reguläre Senatsprovinzen bestehen
ließ, die Prokonsulate von Africa und Asia.
Das Verbindungsglied zwischen diesen Oberbeamten und deren Untertanen
stellten die sich aus den verschiedenen Quellen rekrutierenden Mitarbeiterstäbe
dar, die diesen in den Provinzen zur Verfügung standen. Zunächst gab es wie

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gewöhnlich aus der Republik tradierte Elemente, die Amtsdiener (apparitores) –
Schreiber, Liktoren, Herolde, Boten und andere –, die römischen Beamten sowie
Provinzgouverneuren beigegeben waren. Sie kamen aus einzelnen Abteilungen
(decuriae), die nach Funktion und Amt getrennt waren, und wurden zumindest
der Theorie nach für bestimmte Posten durch Los bestimmt. Trotz ihrer recht
bescheidenen Funktionen mochten sie (besonders die scribae) einen
verhältnismäßig hohen sozialen Status besitzen; einige gehörten dem Ritterstand
an oder stiegen in diesen auf. In Inschriften werden viele von ihnen als
Schutzherren und Wohltäter einzelner Gemeinden geehrt. Sie nehmen in unseren
Quellen keinen wichtigen Platz ein; eine Inschrift aus Africa aber zählt unter den
Ratgebern (consilium) des Prokonsuls beim Anhören eines Falles drei scribae und
einen haruspex (Deuter von Vorzeichen) auf. Wichtiger als diese waren die zum
Dienst im Stab der senatorischen Statthalter und der Prokuratoren abgeordneten
Soldaten. Jeder senatorische Statthalter (ob Prokonsul oder legatus) scheint einen
militärischen Stab gehabt zu haben, der aus einem Centurionen als princeps
praetorii (Chef des Hauptquartiers), drei cornicularii (Adjutanten), drei
commentarienses, speculatores (Spionen und Scharfrichtern) und niederen Graden
(Sekretären, Folterern etc.) bestand, die beneficiarii hießen, weil sie ein beneficium
(Privileg) besaßen und von den normalen Pflichten entbunden waren.
Auch die Prokuratoren besaßen einen militärischen Stab, dessen Größe wir
aber nicht kennen. Der »tägliche Report« (pridianum) einer Auxilienkohorte an
der Donau erwähnt um 105 nicht nur als equites singulares (berittene Eskorte) des
legatus abgeordnete Soldaten, sondern auch andere, die im officium (Stab) des
Prokurators (d.h. des Finanzprokurators) der Provinz dienten. Soldaten
bedienten und eskortierten sogar kleinere prokuratorische Beamte; als Plinius
der Jüngere von 109 bis 111 Statthalter von Bithynien war, besaß der »Präfekt der
Pontischen Küste« einen Centurionen, zwei Reiter und zehn beneficiarii, während
der Provinzprokurator auch zehn beneficiarii beschäftigte.
Die Soldaten im Stabsdienst unterschieden sich von den apparitores dadurch,
daß ihre Stellungen verhältnismäßig dauerhaft waren und sie nicht bei jedem
Statthalter wechselten. Im 3. Jahrhundert wurden diese officiales als eine von der
eigentlichen Armee getrennte Klasse angesehen, was eine Annäherung an den
noch militia genannten Beamtendienst des 4. Jahrhunderts bedeutete.
Auf der höheren sozialen Ebene pflegten die Statthalter Freunde aus Rom
mitzunehmen, die jene bei der Rechtsprechung berieten. Sie konnten auch von
einigen Literaten begleitet werden (der Schriftsteller Valerius Maximus ging zum
Beispiel um 27 n. Chr. mit dem Prokonsul Sextus Pompeius nach Asia). Der so
entstehende Eindruck eines kleinen Hofstaates wurde dadurch verstärkt, daß der
Statthalter, ebenso wie der Kaiser, auch Gelehrte beschäftigte, die ihm bei seiner
Korrespondenz und anderen Angelegenheiten halfen. Das beste Beispiel dafür ist
in dem Brief enthalten, in dem Cornelius Fronto dem Antoninus Pius seine
Vorbereitungen vor Antritt seines Prokonsulats von Asia um 153/54 schildert
(das schließlich Krankheit verhinderte): Er hatte Freunde und Verwandte von zu

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Hause (Cirta in Africa) gerufen, gelehrte Bekannte aus Alexandria, die seine
griechische Korrespondenz (mit den Städten der Provinz) beaufsichtigen sollten,
prominente Männer aus Kilikien, deren Interessen er früher vor dem Kaiser
verteidigt hatte, und einen Mann (einen ritterlichen Tribunen?) aus Mauretanien,
der Erfahrungen im Aufspüren von Räubern besaß.9 Solche Stellungen beim
Statthalter fielen gelegentlich auch hervorragenden Männern aus der Provinz
selbst zu; eine Inschrift des 1. Jahrhunderts aus Milet zeigt einen Mann, der dort
nicht nur wichtige Gemeindeämter innehatte, sondern ein offizieller comes
(Gefährte) eines Provinzstatthalters gewesen war und die Abfassung von dessen
Briefen, gesetzlichen Erwiderungen und Edikten beaufsichtigt hatte. Philo
beschreibt mit einiger Bitterkeit, wie ein prominenter Alexandriner, einer der
Anführer des antijüdischen Pogroms von 38, die Gerichtsakten des Präfekten von
Ägypten geführt und ein Vermögen durch Annahme von Bestechungsgeldern
erworben hatte, die ihn zur Fälschung der Akten veranlassen sollten.10 Auch
hier läßt sich die Verschmelzung von örtlichen und römischen Elementen in dem
Regime beobachten.
So sah die Struktur der Verwaltungshierarchie aus. Was wir an Details über
ihr Funktionieren haben, wissen wir zumeist aus Provinzquellen, wie den
Evangelien und den griechischen Rednern, oder aus Inschriften, die von
einzelnen Städten angefertigt wurden, um Privilegien oder günstige
Entscheidungen aufzuzeichnen, die ihnen von Statthaltern oder Kaisern gewährt
wurden. Beide Arten von Zeugnissen sind natürlich auf diejenigen Gebiete des
Reiches beschränkt – in der Hauptsache auf die griechischen Provinzen, Africa
und Südspanien –, wo eine urbanisierte gebildete Gesellschaft bestand. Es muß
betont werden, daß über die Arbeitsweise der Verwaltung beispielsweise in
Britannien, Lusitanien, Norikum und dem Oberen Pannonien beinahe nichts
bekannt ist.
Mit dieser sehr großen Einschränkung wissen wir einigermaßen im Detail, wie
ein Statthalter, ob nun Prokonsul, legatus oder Prokurator, machte nur wenig
Unterschied, seine normalen Amtsgeschäfte führte (die Leitung militärischer
Operationen gehört in einen anderen Zusammenhang). Wenn er in eine Provinz
wie Asia oder Africa gehen wollte, deren angesehene Bürger in Rom Freunde
hatten, pflegte er zunächst, noch vor seiner Abreise, Briefe zu empfangen, in
denen einzelne Provinzbewohner seiner Aufmerksamkeit und Gunst empfohlen
wurden. Als Marcus Aurelius in den Jahren 153/54 »Caesar« war, schrieb er an
Fronto vor dessen bevorstehender Abreise nach Asia und empfahl einen Mann,
der ihm in Rom vorgestellt worden war. Fronto schrieb an Aufidius Victorinus
und bat ihn, in der von ihm verwalteten Provinz einem bestimmten Redner eine
öffentliche Stellung als Lehrer zu geben. Im frühen 3. Jahrhundert, als Ulpian
sein Werk Über das Amt des Prokonsuls schrieb, mußte ein Prokonsul (über legati
ist nichts Ausdrückliches bekannt) in seine Provinz ein Edikt absenden, in dem
er das Datum seiner Ankunft ankündigte, sich dem Volk empfahl und förmlich
darum bat, bei seiner Begrüßung möglichst wenig Aufhebens zu machen. Der

54
Ankunftsort lag durch Gewohnheit fest und war ein Privileg der betreffenden
Stadt – Ephesus im Fall Asias.
Solche diplomatischen Elemente in der Stellung eines Statthalters werden oft
ignoriert. Aber ein Provinzgouverneur hatte oft nur sehr begrenzte Macht zu
seiner unmittelbaren Verfügung. Seine Stellung erforderte daher mit
Notwendigkeit erfolgreiche Beziehungen zu den wichtigen Männern und
wichtigen Städten der Provinz. Nur dadurch, daß ein einheitliches Interesse
zwischen Rom und seinen Abgesandten auf der einen Seite und der
provinziellen Oberschicht auf der anderen geschaffen wurde, konnte das
Kaiserreich Bestand haben. Man sieht das sehr deutlich im Neuen Testament.
Sobald sich Pilatus sowohl dem persönlichen Druck der Hohenpriester und des
Synhedrions als auch dem durch den Mob ausgeübten Druck des Volkes
ausgesetzt sah, hatte er keine andere Wahl, als Christus hinrichten zu lassen
(wenn er ernstliche Störungen vermeiden wollte). Ein anderes Beispiel für die
provinzielle Politik und Diplomatie findet sich in der Apostelgeschichte. Als im
Jahr 60 der neue Prokurator Festus ankam, hörte er die Anschuldigungen der
Partei der Hohenpriester gegen Paulus. »Weil er ihnen eine Gunst erweisen
wollte«, fragte er Paulus, ob er in Jerusalem vor Gericht gestellt werden wollte;
daraufhin appellierte Paulus an den Kaiser. Einige Tage danach kamen Agrippa
(der Urenkel des Herodes, der jetzt nur einige Bezirke in Syrien regierte,
allerdings mit erblichen Rechten als Repräsentant der Juden) und seine
Gemahlin Berenike, um dem neuen Prokurator ihre Reverenz zu erweisen. Er
wurde eingeladen, den Verhandlungen gegen Paulus beizuwohnen. Festus,
Agrippa, die Tribunen (der Auxiliarkohorten) und »die führenden Männer der
Stadt« (Caesarea) hörten die Selbstverteidigung des Paulus im Empfangsraum
des Prokurators an.
Die Hauptaufgabe eines Statthalters bestand in der Aufrechterhaltung der
Ordnung und seine Tätigkeit hauptsächlich darin, auf einer festgelegten Route in
seiner Provinz umherzureisen und in jeder der fest dazu bestimmten Städte
Gerichtssitzungen abzuhalten. Die Gerichtssitzung hieß conventus (weil man sich
dazu aus dem weiten Umkreis versammelte), und der Status einer Conventus-
Stadt (metropolis in einer griechischen Provinz) wurde hoch eingeschätzt. Als der
Redner Dio Chrysostomos das Volk von Apameia in Asia um 100 n. Chr.
ansprach und die Quellen ihres Reichtums aufzählte, sagte er: »Was noch
wichtiger ist, die Gerichtssitzungen werden hier in jedem Jahr abgehalten, und
eine riesige Volksmenge versammelt sich hier, Prozeßführende, Geschworene,
Redner, Statthalter, Diener, Sklaven, Zuhälter, Maultiertreiber, Kaufleute,
Prostituierte, Arbeiter. Darum können alle jene, die Waren verkaufen, höchste
Preise erzielen, und in der Stadt bleibt nichts unbenutzt, weder Lasttiere noch
Häuser noch Frauen.«11 Bei Ankunft des Statthalters in einer wichtigen Stadt
pflegte er mit Reden begrüßt zu werden, in denen die Stadt seiner Gunst
anempfohlen und er selbst gepriesen wurde. Ulpian meint, die Prokonsuln
sollten solche Reden ohne Ungeduld hinnehmen. Dio Chrysostomos drängt die

55
Bewohner seiner Heimatstadt Prusa in Bithynien, den Statthalter mit Beifall zu
begrüßen, wenn er ihre Versammlung besucht, und ihn nicht mit gegenseitigen
Beschuldigungen zu überfallen.
Wenn eine Stadt dem Statthalter bestimmte Angelegenheiten vorlegen wollte,
ohne auf seine Ankunft zu warten, schickte sie eine Gesandtschaft an ihn und
erhielt zur Antwort einen Brief (ein Grundzug der römischen Verwaltung
besteht darin, daß die Städte wie souveräne Staaten handelten und der Form
nach ebenso behandelt wurden). So schreibt Tullius Geminus, von 47 bis 50
legatus von Moesia Inferior, an die »Beamten, den Rat und das Volk« von Histria:
»Eure Gesandten (die er aufzählt) trafen mich in Tomoi an, überreichten mir
Euer Dekret, gaben ihrer Loyalität gegenüber dem Kaiser und ihrer Freude über
unsere Gesundheit und Anwesenheit hier Ausdruck und führten äußerst
gewissenhaft mit mir die Gespräche über die Angelegenheiten, die Ihr ihnen
aufgetragen hattet ...«12
Die Geschäfte eines Provinzstatthalters wurden erstens unter Bezug auf die lex
provinciae geführt, das Provinzgesetz (wo es so etwas gab), auf die zur Zeit der
Provinzgründung erlassenen Verfügungen, die die Verfassungen, den legalen
Status, die Privilegien, Gesetze und Territorien der Städte festlegten (und durch
spätere senatorische oder kaiserliche Entscheidungen verbessert sein mochten);
und zweitens unter Bezug auf ein Edikt, das der Statthalter bei seiner Ankunft
erlassen hatte und das eine Liste von Grundsätzen enthielt, nach denen er Recht
sprechen wollte. Die Edikte, deren detaillierter Inhalt wenig bekannt ist, blieben
wahrscheinlich von Statthalter zu Statthalter ziemlich unverändert.
So pflegten sowohl Veränderungen im Status oder der Verfassung einer Stadt
und Streitigkeiten über diese Dinge, als auch Differenzen zwischen einzelnen
Städten wegen Privilegien oder (was am häufigsten vorkam) wegen Grenzen vor
den Statthalter zu gelangen. Eine lange Inschrift aus Sardinien zeigt den dortigen
Prokonsul, wie er im Jahr 69 in einem sich über Jahre hinziehenden Grenzstreit
zwischen zwei Gemeinden das Urteil spricht. Die streitenden Parteien waren von
einem früheren Statthalter angewiesen worden, das Land zu räumen, und hatten
keine Folge geleistet; ein zweiter hatte ihnen eine Frist gesetzt, innerhalb derer
sie sich von den kaiserlichen Archiven einen Lageplan einholen sollten, was sie
wiederum nicht getan hatten. Darum befahl der Prokonsul wiederum ihre
Abreise.13 Bei anderen Gelegenheiten bat man einen Statthalter, in die inneren
Angelegenheiten einer Stadt einzugreifen, entweder um eine Gesetzesgrundlage
zu schaffen, wie die legalen Vollmachten der Beamten, oder um eine Krise zu
beheben. So schrieben im Jahr 93 die Beamten der Kolonie Antiochia in Pisidien
an den legatus von Kappadokien, schilderten ihren Kornmangel und baten ihn,
dagegen Schritte zu unternehmen. Dieser ordnete daraufhin an, daß alle
Einwohner sämtliche Kornvorräte, die über ihren Eigenbedarf hinausgingen, zur
Verfügung stellen sollten, drohte Strafen gegen Hamsterer an und legte einen
Höchstpreis fest.14

56
Seit dem Ende des 1. Jahrhunderts nahmen die Provinzstatthalter, wie sich
feststellen läßt, systematisch eine aktivere Rolle in den Angelegenheiten der
Städte ein, besonders in deren Finanzangelegenheiten. In den Quellen erscheinen
Statthalter, die neue Stiftungen billigen und die Verteilung von Münzen oder die
Einrichtung von Festspielen genehmigen. Ulpian sagt, daß ein Statthalter
während seines Aufenthaltes in einer Stadt die Tempel und öffentlichen
Gebäude inspizieren und darauf sehen muß, ob sie reparaturbedürftig sind, und
daß die Arbeiten ausgeführt werden, soweit die Finanzen der Stadt es erlauben;
er sollte Männer einsetzen, die die Arbeiten beaufsichtigen, und im Notfall
Soldaten abordnen, die jenen helfen. Die wachsende Verantwortung muß jedoch
durch die zu dieser Zeit erfolgte Einsetzung von curatores für die Finanzen
einzelner oder mehrerer Städte mit senatorischem, ritterlichem oder niedrigerem
Status beschränkt worden sein, die vom Kaiser direkt ernannt wurden.
Den Städten war es darüber hinaus möglich, mit dem Kaiser in Kontakt zu
treten. Manchmal appellierte eine Stadt gegen eine Entscheidung des
Statthalters; manchmal schrieb ein Statthalter spontan an den Kaiser, um ihn zu
konsultieren. Im 1. Jahrhundert scheint das nur von kaiserlichen legati getan
worden zu sein; aber von der Regierungszeit Hadrians an taten das auch
Prokonsuln. So schrieb zum Beispiel der Prokonsul von Asia um 125/26 an
Hadrian wegen eines Streites um heilige Ländereien in der Stadt Ephesus und
der für sie zu erhebenden Pachtgelder. Hadrian traf in seinem Antwortbrief seine
Entscheidung. Daraufhin schrieb der Prokonsul an die Stadt und fügte sowohl
Hadrians Brief als auch seinen eigenen Brief an den kaiserlichen Prokurator (und
des letzteren recht arrogante Antwort) bei, in dem er ihn bat, die Ländereien
vermessen zu lassen.15
Es gab aber auch eine große Zahl von Fällen, in denen die Städte direkt zum
Kaiser gingen, manchmal mit rein diplomatischen Gesandtschaften (Plinius fand
heraus, daß Byzanz in jedem Jahr eine Gesandtschaft mit beträchtlichem
Aufwand zum Kaiser schickte), oft aber wegen ernster Angelegenheiten. Die
Provinzversammlungen taten das gleiche, zumindest im 2. Jahrhundert. Hadrian
schickte an die Versammlung der Baetica eine Verfügung gegen Viehdiebe und
Antoninus Pius an die Versammlung von Asia wegen der Immunität der Redner
und anderen öffentlichen Lehrer. In den Kapiteln über die verschiedenen Teile
des Reiches werden viele Beispiele für Gesandtschaften an den Kaiser gebracht.
Weiter unten wird geschildert, wie der Kaiser mit ihnen verhandelte.
Aus alledem ist zu ersehen, wie sehr die Macht eines Provinzstatthalters bei
seinen Unterhandlungen mit den ihm unterstellten Gemeinden sowohl durch die
Existenz des Kaisers als auch durch die Zunahme anderer Posten beschränkt
wurde, deren vom Kaiser eingesetzte Inhaber in den Provinzen aktiv wurden.
Recht ähnlich sah es mit der Rechtsprechung des Statthalters über einzelne aus.
Von der Zivilrechtsprechung eines Statthalters (die sicher auf die wichtigeren
Fälle beschränkt blieb) besitzen wir nicht viele direkte Zeugnisse. Unsere
reichsten Quellen sind indirekter Art: Es sind die kaiserlichen Erlasse über

57
Angelegenheiten des Privatrechts, die den ganzen Codex Iustinianus ausfüllen
und gelegentlich in den Digesten zitiert werden. Diese sind sowohl an
Privatpersonen als auch an die Statthalter gerichtet, die die Fälle übernahmen,
und zeigen so wiederum, wie sehr der Kaiser die Beamten in den Schatten stellte.
Zumindest seit dem Ende des 2. Jahrhunderts, wahrscheinlich schon früher,
wurden Prozesse wegen Geldsummen (aus Strafen, Konfiskationen, Erbschaften
oder Handelstransaktionen), die dem kaiserlichen fiscus geschuldet wurden,
ganz unabhängig vom kaiserlichen Prokurator geführt. Die neue Lage wird in
den Worten Ulpians zusammengefaßt: »In der Provinz gibt es nichts, wofür der
Prokonsul nicht zuständig wäre. Wenn es sich aber um Geld handelt, das dem
fiscus geschuldet wird, was den Prokurator des Kaisers angeht, hält er sich besser
davon fern.«16 Darüber hinaus ist aus Inschriften des 2. und 3. Jahrhunderts von
kaiserlichen Besitzungen (besonders in Africa) und Bergwerksbezirken bekannt,
daß die Prokuratoren dort Polizeivollmachten besaßen und Streitfälle
schlichteten. Selbst außerhalb des Bereiches der kaiserlichen Interessen und
Besitzungen kennen wir Einzelheiten aus dem 2. und 3. Jahrhundert, wonach die
Prokuratoren ordentliche Zivilfälle entschieden.
Die Zeugnisse für die Strafgerichtsbarkeit sind reicher, besonders in den
christlichen Quellen – den Evangelien, der Apostelgeschichte und den
Märtyrerakten. Auch hier fiel ein großer Teil der Strafgerichtsbarkeit aus den
Provinzen dem Kaiser zu. Manchmal wurden Anklagen direkt vor ihn gebracht,
ohne daß der Provinzstatthalter, so scheint es, damit etwas zu tun hatte. Als
Trajan sich zum Beispiel in Rom aufhielt, übernahm er den Fall eines vornehmen
Ephesers, der von seinen Feinden angeklagt wurde. Bei anderen Gelegenheiten
schickte der Statthalter einzelne zur Gerichtsverhandlung vor dem Kaiser,
besonders diejenigen, denen politische Verbrechen zur Last gelegt wurden. Als
man in Bithynien Christen wegen ihres Glaubens anklagte, sonderte Plinius der
Jüngere die römischen Bürger unter ihnen zum Transport nach Rom aus und ließ
die anderen hinrichten. Der legatus von Gallien berichtete im Jahr 177 Marcus
Aurelius nur von der Bestrafung der Christen. Bis zum Ende des 2. Jahrhunderts
war es bezüglich der Klasse der decuriones (städtischen Ratsherren) und der über
ihnen stehenden Klassen zur Regel geworden, den Rat des Kaisers einzuholen,
statt ihm einen Gefangenen zu übergeben. Mit der seit Hadrian (117–138)
einsetzenden Ausweitung des in Kapitel 1 erwähnten Systems, wonach
angesehene Bürger von den harten Strafen, die den »plebei« reserviert blieben,
exemt waren, wurde es für die Provinzstatthalter zur Pflicht, die Kaiser zu
befragen, ehe sie solche Bürger mit der Deportation bestrafen konnten.
Übrig bleibt die umstrittene Frage, ob römische Bürger das Recht hatten, an
den Kaiser zu appellieren. Der bekannteste Fall, der des Paulus, erweist sich als
recht unklar. Als der Centurio ihn verhaftete und ihn im Tempel schlagen wollte,
gab Paulus seine Stellung als Bürger kund; seine Appellation an den Kaiser
erfolgte erst, als Festus vorschlug, die Gerichtsverhandlung von Caesarea nach
Jerusalem zu verlegen. Der zweite aus dem 1. Jahrhundert bekannte Fall hilft uns

58
auch nicht weiter: Als ein Mann vor dem Tribunal des legatus von Germanien im
Jahr 68 Berufung einlegte, spielte der legatus die Posse und ging zu einem
höheren Tribunal (d.h. er spielte die Rolle des Kaisers), ließ jenen seine Sache
verteidigen und ihn dann hinrichten. Die allgemein verbreitete Ansicht, daß das
republikanische Recht einer Appellation an das Volk als Recht der Bürger, sich
auf den Kaiser zu berufen, bestehenblieb, mag richtig sein, ist aber nur schlecht
zu belegen.
Weit mehr ist über die Praxis des 2. Jahrhunderts bekannt, nach der der
Gefangene Berufung einlegte, sobald der Provinzstatthalter das Urteil gefällt
hatte. Daraufhin sandte der Statthalter dem Kaiser eine Darstellung des Falles
zusammen mit einem libellus (Bittschrift) des Appellanten. Wie bei der
Deportation von decuriones wurde die Ausführung des Urteils dann
aufgeschoben, bis die Antwort des Kaisers vorlag.
Auch in der Kriminaljurisdiktion sollten die kaiserlichen Prokuratoren eine
Rolle spielen, obwohl dies, mit zwei vorübergehenden Ausnahmen, eine
unschickliche Usurpation darstellte und Thema einer Reihe kaiserlicher Erlasse
war, die, offenbar ohne Erfolg, solches verhindern sollten. Schon in den sechziger
Jahren des 1. Jahrhunderts gab es in der kaiserlichen Provinz Tarraconensis
(Spanien) Prokuratoren, die Menschen aburteilten und ihre Güter konfiszierten,
während der legatus hilflos zusehen mußte; und der Funke zum Aufstand von
238 in Africa, der zur Ausrufung des Prokonsuls Gordian zum Kaiser führte,
rührte von Hinrichtungen und Aburteilungen durch einen Prokurator her. Für
die kaiserlichen Erlasse ist der von Caracalla 212 versandte typisch: »Mein
Prokurator konnte dich nicht, wenn er nicht anstelle des Statthalters handelte,
(rechtmäßig) mit Verbannung bestrafen; darum brauchst du nicht ein Urteil zu
fürchten, das keine gesetzliche Gültigkeit besitzt« (das nichtsdestoweniger aber
ergangen war). Die zwei Ausnahmen betrafen Fälle von Entführung und
Ehebruch, wofür Caracalla den Prokuratoren die Rechtsprechung zugestand, die
sie schon lange usurpiert hatten; ein 239 verfaßter Erlaß Gordians III. stellt aber
die Jurisdiktion der Prokuratoren in Fällen des Menschenraubs in Abrede.
So war die Provinzverwaltung beschaffen, läßt man die Tätigkeit der Armee in
Friedenszeiten und, was ebenso wichtig ist, die Finanzen außer acht. Die
Finanzen werden, soweit es die vom einzelnen gezahlten Steuern und die Art
ihrer Eintreibung anbelangt, im nächsten Kapitel über Staat und Bürger
beschrieben werden. Was die nächst höhere Stufe anbelangt, nämlich die Frage,
wie die Staatsgelder von den Provinzbeamten gehandhabt, welche
Buchführungsmethoden benutzt, wie die Münzen transportiert und zur
Besoldung der Truppen und Beamten verteilt und wie weit Verschiffungen von
Münzen und Barren aus den Provinzen nach oder von Rom ausgeführt wurden,
so tappen wir da noch völlig im dunkeln.
Die schwachen Spuren verfügbarer Belege können am besten zusammen mit
zwei Zweigen der »Zentralverwaltung« (diese Bezeichnung ist eine
Übertreibung) betrachtet werden: der Schatzkammer (aerarium) in Rom und den

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Münzstätten in Rom und den Provinzen. Die Erforschung des aerarium wird
durch den oben erwähnten Nachteil erschwert, durch den vollkommenen
Mangel an Belegen für den Geldtransport zur und von der Staatskasse. Über das
aerarium selbst ist aber einiges bekannt. Es befand sich im Tempel des Saturn am
Hang des Kapitols, der seit den Tagen der Republik als Aufbewahrungsort des
Staatsschatzes, der Münze und der Staatsdokumente diente. Unter den
Dokumenten gab es Finanzaufstellungen, Staatsverträge und von den
Provinzstatthaltern beim Verlassen ihrer Provinz deponierte Berichte. Die
römischen Statthalter meldeten darüber hinaus ihre apparitores, comites und
andere Mitarbeiter dem aerarium, wodurch sie diese auf die Besoldungsliste
setzen ließen, und führten diese Praxis, wie es scheint, sogar bis ins 3.
Jahrhundert fort. Die Beamten des aerarium – die Quästoren in der Republik und
dann, nach vielen Änderungen, die vom Kaiser ausgewählten Präfekten im Rang
eines gewesenen Prätors – benutzten diese Dokumente niemals, um größere
Berechnungen vorzunehmen oder ein Budget aufzustellen. Ihre Funktionen
beschränkten sich darauf, Geld und Dokumente aufzubewahren, im Namen des
Senats oder des Kaisers Geld auszuzahlen und einige richterliche
Entscheidungen in Schuldfällen zu treffen, wozu sie seit der Kaiserzeit berechtigt
waren. Sie verwalteten die Finanzen des Reiches nicht und betrieben keine
planende Finanzpolitik. Das aerarium ist damit eines der wichtigsten Beispiele für
den Fortbestand der primitiven und der Kaiserzeit inadäquaten Einrichtungen
des Stadtstaates bis in die Mitte des 4. Jahrhunderts. Um diesen Mangel
auszugleichen, wurden während des 1. Jahrhunderts fünf voneinander
unabhängige Senatskommissionen gebildet, deren Aufgabe es war, Einkünfte
abzurufen oder Ausgaben zu beschneiden. Von keiner von ihnen wissen wir, daß
sie irgend etwas geleistet habe. Die Erledigung der Finanzgeschäfte des Staates
wurde, soweit sie überhaupt erfolgte, dem Kaiser und seinen Helfern überlassen.
Trotz des unermeßlichen Reichtums an Quellenaussagen, mit denen uns die
vielen Tausend aus der Kaiserzeit erhaltenen Münzen versorgen, ist über die
Münzstätten selbst sehr wenig bekannt und noch weniger über die
Entscheidungen, die zur Ausgabe der Münzen führten. Auch hier gab es ein aus
der Republik überkommenes Element, die tresviri monetales (Münzer), die die
drei Posten niedrigsten senatorischen oder vielmehr vorsenatorischen Ranges,
des Vigintivirats, einnahmen. Diese Posten sind bis in die Mitte des 3.
Jahrhunderts belegt. Unter den Bronze- und Kupfermünzen, die in Rom geprägt
wurden und hauptsächlich in Italien und im Westen in Umlauf waren (die in
westlichen Provinzen des Reiches an Ort und Stelle geprägten Bronze- und
Kupfermünzen verschwanden bis zur Mitte des 1. Jahrhunderts), ist die
Mehrzahl mit S.C. (senatus consulto) – durch Senatsbeschluß – gekennzeichnet.
Die Bildnisse auf den Münzen ähneln jedoch sehr denen kaiserlicher Münzen,
einschließlich aller Gold- und (im Westen) beinahe aller Silbermünzen, die bis
Caligula (37–41) in Lyon und danach in Rom geprägt wurden. Die Buchstaben
S.C. weisen vielleicht darauf hin, daß vom Senat besondere Münzen beschlossen

60
und von den monetales geprägt wurden. Es gibt jedoch keine Beweise für ein
solches Vorgehen des Senats und ebenso keine Beweise für die Tätigkeit der
monetales, sieht man von dem Erscheinen des Titels auf Inschriften ab.
Über die Beamten der kaiserlichen Münze in Rom gibt es aus dem 1.
Jahrhundert auch keinerlei Nachrichten. Unter Trajan (98–117) taucht jedoch ein
Prokurator für die Münzprägung auf, und aus dem Jahr 115 besitzen wir einige
Widmungen von Arbeitern, die mit der Herstellung beschäftigt waren –
officinatores (?), signatores (Prägestempelschneider), suppostores (Setzer?),
malliatores (Präger?) –, die alle kaiserliche Freigelassene waren und denen
kaiserliche Sklaven zur Seite standen. Unter Aurelian (270–275) gab es so viele
Arbeiter in der Münzstätte in Rom, daß sie einen gefährlichen Aufstand
inszenieren konnten, zu dessen Unterdrückung Tausende von Soldaten
notwendig wurden. In den griechischen Provinzen bestanden neben den
örtlichen Münzstätten, die Bronze- und Kupfergeld fertigten, Provinz- und
einige Stadtmünzanstalten, die nach einem von dem römischen Geld
abweichenden Standard Silbermünzen prägten. Diese Münzanstalten werden
trotz allem als »kaiserlich« angesehen, obwohl über sie außer den Münzen selbst
überhaupt nichts bekannt ist.
Die Frage, wer die Häufigkeit der Ausgaben, den Standard der Münzen
(besonders die Silbermünzen wurden seit Nero ständig entwertet, was in der
zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts zu einem völligen Zusammenbruch führte)
oder den Typus und die Legende festlegte, bleibt völlig im dunkeln. Der Mangel
an Nachrichten über den letzten Punkt ist besonders bedauerlich, da die
kaiserlichen Münzen in den verschiedensten Formen für die Kaiser Propaganda
machten – durch Darstellung kaiserlicher Bauten (wie des Hafens von Ostia),
Geschenke oder Siege – und Schlagworte wie Aeternitas oder Providentia
trugen. Vieles aus der Geschichte der Kaiserzeit spiegelt sich in den Münzen
wider. Wir wissen aber weder, wer darüber entschied, was dargestellt werden
sollte, noch an wen und unter welchen Umständen die neuen Münzen
ausgegeben wurden (in Donationen an die Armee und congiaria an das römische
Volk?). Diese Frage ist wichtig, denn die Münzen blieben lange Zeit nach ihrer
Ausgabe im Umlauf; 64% der Münzen aus während der flavischen Periode
vergrabenen Schätzen wurden vor 27 v. Chr. geprägt. Münzfunde beweisen
auch, daß die in der Antoninenzeit (138–180) im Umlauf gewesenen Geldstücke
durchschnittlich etwa 50 Jahre vorher ausgegeben wurden. Unser einziger
Anhaltspunkt dafür, wer die Entscheidungen traf, besteht aus zwei Zeilen eines
tröstenden Gedichtes von Statius anläßlich des Todes eines ehemaligen
kaiserlichen Freigelassenen a rationibus (Chef der Rechnungsführung) in den
neunziger Jahren; eine seiner Pflichten bestand darin, festzulegen, wieviel Metall
»in dem Feuer der italischen (römischen) Münze geprägt werden sollte«.17
Daneben gibt es zwei Textstellen bei dem Historiker Cassius Dio, die sich auf
die kaiserliche Münze beziehen. In der einen heißt es, Trajan habe alte Münzen
eingezogen und neue ausgegeben (was Münzfunde ausreichend bestätigen); in

61
der anderen wird gesagt, der zeitgenössische Kaiser Caracalla (211 bis 217) habe
seinen Untertanen minderwertige Münzen gegeben, den Barbaren jenseits der
Grenzen, von denen sich Rom zu dieser Zeit loskaufte, aber gute Münzen. In
keinem der beiden Fälle erfährt man etwas darüber, wie dabei im einzelnen
verfahren wurde. Weitere Einzelheiten über die kaiserliche Münze und ihren
Verfall im 3. Jahrhundert sind in Kapitel 13 enthalten. In diesem Zusammenhang
soll sie als Beispiel dafür stehen, wie wenig über die verschiedenen Aspekte des
imperialen Systems bekannt ist.
Wenn man sich mit der eigentlichen Tätigkeit des Kaisers, seiner Ratgeber und
Helfer beschäftigt, muß man die gleiche Warnung aussprechen. Cassius Dio
erklärt an einer bekannten Stelle, in der Geschichte der Republik könne man zur
Wahrheit gelangen, weil die Angelegenheiten öffentlich diskutiert wurden,
unterschiedliche Darstellungen in Geschichtswerken verglichen und staatliche
Aufzeichnungen eingesehen werden könnten. Bei der Kaisergeschichte sei das
aber nicht so: »Nach dieser Zeit fing man an, das meiste heimlich und in
versteckter Weise zu tun; und wenn irgend etwas öffentlich getan wird, ist man
mißtrauisch, da es unüberprüfbar bleibt. Denn es ist anzunehmen, daß alles auf
Wunsch des Kaisers und der Leute gesagt und getan wird, die bei ihm Einfluß
haben. Darum verbreiteten sich Gerüchte über Dinge, die sich niemals
ereigneten, und sind beinahe alle öffentlichen Versionen der Vorkommnisse von
der Wirklichkeit unterschieden.«18 Das stellt eine gute Einführung in den Stand
unserer Kenntnisse über den Prozeß der zentralen Entscheidungen in der
Kaiserzeit dar. Es gibt einige Gebiete, über die wir verhältnismäßig gut
informiert sind. Die kaiserliche Rechtsprechung wurde häufig – teils aus
Propagandagründen – in der Öffentlichkeit praktiziert. Prozeßberichte fanden
deshalb Eingang in die literarischen Quellen. Günstige Entscheidungen, die den
Delegationen aus den Städten in Briefform gewährt wurden, ließ man in
Inschriften überliefern; die literarischen Zeugnisse enthalten auch
Beschreibungen, wie Delegationen empfangen wurden. Auch Petitionen
einzelner wurden in der Öffentlichkeit entgegengenommen. Darüber hinaus
enthalten die literarischen Werke eine Reihe von Einzelheiten über das vom
Kaiser abhängende Schicksal einzelner Menschen – in einigen Fällen über das
der Schriftsteller selbst. Schließlich zitieren die Gesetzbücher (die Digesten und
der Codex Iustinianus) eine große Zahl von Verfügungen über Angelegenheiten
des Privatrechts, die an Statthalter, Beamte und Privatpersonen gerichtet waren
und zumeist aus der Zeit seit Hadrian (117–138) stammen. Dagegen geben die
Juristen, deren Werke die Digesten sind, gelegentlich Gesetzesdebatten im
kaiserlichen Rat, in dem sie selbst saßen, wieder.
Wir wissen mit anderen Worten hauptsächlich über die kaiserliche Tätigkeit
Bescheid, die sich aus der Notlage und den Konflikten von Individuen und
Gemeinden ergab. Man kann tatsächlich nicht leugnen, daß solche Aktivität
einen Großteil der Arbeitszeit des Kaisers einnahm; davon wird im letzten Teil
dieses Kapitels gehandelt. Darüber hinaus aber gibt es weite Gebiete, auf denen,

62
bei aller dem System innewohnenden Trägheit, positive Entscheidungen gefällt
werden mußten, über die beinahe nichts bekannt ist. Tiberius gestattete dem
Senat zum Beweis seiner republikanischen Einstellung, über Einkünfte,
öffentliche Arbeiten, Rekrutierung und Entlassung von Soldaten,
Militärkommandos und Briefe an die Klientelfürsten zu debattieren. Daraus muß
gefolgert werden, daß diese Dinge normalerweise vom Kaiser
höchstwahrscheinlich mit seinen Freunden beschlossen wurden. Was wissen wir
über die Entschlußfassung in solchen Fällen?
Das beste Zeugnis einer Finanzdebatte besitzen wir in der Schilderung der
Klage des Volkes über zu hohe Forderungen der publicani im Jahr 58. Nero
dachte daran, wie gesagt wird, die indirekten Steuern ganz abzuschaffen. Davon
brachten ihn seine Ratgeber ab, indem sie ausführten, wenn er jene abschaffe,
werde das Reich zusammenbrechen und das Volk werde noch weitergehen und
auch die Abschaffung der Tribute fordern.19 Sieht man von den Freunden des
Kaisers ab, so gab es den für die Rechnungslegung verantwortlichen
Freigelassenen (a rationibus), der am Ende des 1. Jahrhunderts durch einen Ritter
ersetzt wurde (dessen Untergebene jedoch Freigelassene blieben). Einige dieser
Untergebenen hatten reine Haushaltsfunktionen inne; ein von Galen erwähnter
rationalis hatte die Aufgabe, aus den kaiserlichen Vorratskammern Kräuter
herbeizuschaffen, die Galen täglich zu dem Antidot vermischte, das Marcus
Aurelius (161–180) einnahm. Was die Funktionen des a rationibus selbst
anbetrifft, so hinterließ Augustus im Jahr 14 eine allgemeine Finanzerklärung für
das Reich und fügte die Namen der Sklaven und Freigelassenen hinzu, von
denen man Einzelheiten erfahren konnte. Er, Tiberius (bevor er sich 26 nach Rom
begab) und Caligula veröffentlichten auch Rechenschaftsberichte, was spätere
Kaiser nicht mehr taten. Die Rechenschaftsberichte wurden vermutlich
weitergeführt; der einzige Beleg dafür ist die oben erwähnte Stelle bei Statius, in
der er mit poetischen Worten die Aufgaben eines verstorbenen a rationibus
beschreibt: »Jetzt wurde ihm allein die Kontrolle des kaiserlichen Reichtums
anvertraut (eine Liste der Einkünfte folgt) ... schnell berechnet er, was die
römischen Waffen unter jedem Himmel bedürfen, was die Stämme (das Volk
von Rom) und die Tempel, was die hochragenden Aquädukte, die Festungen an
den Küsten und die weitgestreckten Straßenzüge ...«20
Von den Entscheidungen über öffentliche Arbeiten oder über Rekrutierungen
und Entlassungen besitzen wir überhaupt keine Zeugnisse. Ähnlich ist es mit
einem verwandten Gebiet, mit Kriegserklärungen und Friedensschlüssen. Das
klarste Beispiel ist hier das schon erwähnte Ereignis, als Commodus seine
Ratgeber ignorierte und im Jahr 180 Frieden schloß. Stellenbesetzungen sind aber
weit besser belegt (d.h. die ›Kommendation‹ der Senatoren für einzelne Ämter,
die Ernennung von Senatoren zu Präfekten, Kuratoren oder Statthaltern, bzw.
der equites und Freigelassenen im kaiserlichen Dienst), woraus zu ersehen ist,
daß der Kaiser selbst die Stellenbesetzung vornahm (Tacitus bemerkt, daß
Tiberius einige Prokuratoren aufgrund ihres Rufes ernannte, ohne sie zu

63
kennen), wobei er unvermeidlich von den Günstlingen des Augenblicks und
durch Petitionen und Briefe von den Patronen der Kandidaten beeinflußt wurde.
Plinius der Jüngere wendet sich an Trajan mit der Bitte, einem Freund die Prätur
zu geben; Fronto schreibt an Antoninus Pius und bittet, einen kaiserlichen
Freigelassenen als Prokurator einzusetzen (»Wenn du den Mann nicht persönlich
kennst, erinnere dich daran, wenn du zu dem Namen Aridelus kommst, daß ich
ihn dir empfohlen habe«) und einem eques, dem Historiker Appian, eine weitere
Prokuratur zu übertragen. Es gab wahrscheinlich auch, zumindest für das
niedere Personal, ein regelrechtes Berichtsystem. Plinius wenigstens sandte aus
Bithynien kurze förmliche Berichte über die dortigen kaiserlichen Angestellten.
In dem einzigen klaren Beleg für einen »Sekretär«, der mit Beförderungen zu tun
hatte – es handelt sich wiederum um ein Gedicht von Statius, das an den ab
epistulis (Leiter der Briefabteilung) gerichtet war –, heißt es, er habe
herausgefunden, wer als primus pilus oder zur Bekleidung ritterlicher
Militärposten geeignet sei.21
Die tatsächlichen Ernennungen wurden vom Kaiser vorgenommen (man
hörte, wie Domitian seinen beliebtesten Hofnarren fragte: »Warum ernannte ich
Mettius Rufus letztesmal zum Präfekten von Ägypten?«) und wurden durch ein
»Kodizill« übermittelt, das von ihm diktiert, wenn nicht gar mit eigener Hand
geschrieben wurde. Eine Inschrift enthält den Text eines solchen »Kodizills« des
Kaisers Marcus Aurelius an einen Prokurator: »Da ich schon lange vorhatte, dir
den Glanz einer Ducenariats-Prätur zu verschaffen, benutze ich jetzt dazu eine
Gelegenheit, die sich jetzt gerade geboten hat. Folge darum dem Marius Pudens
mit der Hoffnung auf meine andauernde Gunst, während du fortfährst, deine
Rechtschaffenheit, deinen Fleiß und deine Geschicklichkeit zu beweisen.«22
Moderne Autoren neigen dazu, nach dem Muster heutiger Büropraxis
anzunehmen, daß die an einen Kaiser gerichtete Korrespondenz von dem »Büro«
des ab epistulis bearbeitet und eine Antwort abgefaßt wurde, die der Kaiser
sodann unterzeichnete. Das trifft nicht zu. Erstens unterzeichnete man antike
Briefe nicht; zweitens ist belegt, daß die Briefe direkt zum Kaiser gebracht
wurden, der sie las und eine Antwort diktierte. Augustus entließ einen legatus,
als er beim Lesen eines Briefes feststellte, daß dieser »ixi« statt »ipsi« geschrieben
hatte. Philo beschreibt, wie Caligula einen Brief des Statthalters von Syrien las,
beim Lesen immer aufgebrachter wurde und dann eine Antwort diktierte. Als
Caracalla (211–217) auf einem Feldzug in Syrien weilte, wies er seine Mutter Julia
Domna an (nicht, wie hervorgehoben werden muß, einen »Sekretär«), die
allgemeine Korrespondenz zu lesen und zu bearbeiten. Das tat sie denn auch;
eine kürzlich veröffentlichte Inschrift enthält einen Brief der Julia an Ephesus,
das einzige Schreiben einer Kaiserin an eine Stadt.23 Das Lesen der Briefe und
das Diktieren der Antworten stellte einen Teil der kaiserlichen Routine dar.
Vespasian begann den Tag mit dem Lesen der Briefe und der Berichte der
Sekretariate und ließ erst dann seine Freunde zur Begrüßung vor; als er alt
wurde, pflegte sein Sohn Titus das Diktieren für ihn zu übernehmen.

64
Die Staatsgeschäfte zwischen dem Kaiser und den Städten oder Provinzen
wurden in der Hauptsache durch Delegationen abgewickelt. Wenn die
Delegation einer Stadt in rein diplomatischer Mission kam oder um irgendeine
Gunst bitten wollte, gegen die keine andere Partei Einspruch erhob, ließ man sie
beim Kaiser vor, wo einer von ihnen (manchmal ein zu diesem Anlaß gemieteter
Redner) eine Ansprache hielt und die Abordnung danach dem Kaiser das Dekret
der Stadt aushändigte, das er manchmal an Ort und Stelle gelesen zu haben
scheint. Traf eine Delegation ein, die Anschuldigungen erhob oder über eine
Angelegenheit mit einer rivalisierenden Abordnung gegensätzlicher Meinung
war, sprachen beide Seiten, und das Verfahren nahm die Form eines
Gerichtsverhörs an. Viele Gesandtschaften kamen mit diplomatischen Aufträgen,
um den Kaiser zur Thronbesteigung zu beglückwünschen, ihm anläßlich eines
Triumphes Goldkronen zu überbringen oder ihm beim Tod eines Verwandten
das Beileid auszusprechen. Der Kaiser hörte selbst diese Gesandtschaften an. Als
eine Abordnung aus Ilium (Troja) ziemlich verspätet vor Tiberius anläßlich des
Todes seines Sohnes Drusus im Jahr 23 eine tröstende Ansprache hielt,
antwortete er sarkastisch: »Und ich spreche euch meinerseits mein Mitgefühl
zum Tod eures Mitbürgers Hektor aus.«
Audienzen beim Kaiser wurden zur Arena, in der Ruhm und Fortkommen zu
gewinnen waren. Heliodor, ein Redner aus Arabien, scheute zum Beispiel die
weite Reise bis zur germanischen Grenze nicht, um seine Heimatstadt vor
Caracalla zu vertreten, und vermochte, als er durch den »Leiter der Audienzen«
(a cognitionibus) vor den Kaiser gerufen wurde, ehe er fertig war, die Gelegenheit
zu seinen Gunsten zu nutzen; er wurde vom Kaiser zu einer Rede aus dem
Stegreif (über das Thema »Demosthenes verteidigt sich, nachdem er vor Philipp
versagt hat, gegen den Vorwurf der Feigheit«) aufgefordert und dafür mit dem
Posten eines advocatus fisci und dem Privileg belohnt, in der jährlichen Prozession
der equites in Rom mitzureiten.24
Bei anderen Gelegenheiten wurde das Dekret einer Stadt vom Statthalter einer
Provinz an den Kaiser geschickt. Auch dann pflegte der Kaiser den Brief zu lesen
und eine Antwort in der Reihenfolge der Punkte des Originaldekrets zu
diktieren, das im allgemeinen mit einem diplomatischen Anliegen begann und
dann zu Angelegenheiten von Belang überging. So beschäftigt sich Claudius in
seiner Antwort auf eine Gesandtschaft aus Thasos im Jahr 42 nacheinander mit
ihrem Vorschlag, ihm einen Tempel zu erbauen, der Bestätigung der ihnen von
Augustus gewährten Privilegien und mit Fragen über ihre Einkünfte und den
Export von Getreide.25 Das letzte aus der uns hier beschäftigenden Epoche
erhaltene kaiserliche Antwortschreiben auf eine Gesandtschaft (sie tauchen in
der Periode Diokletians und Konstantins wieder auf) wurde von Valerian und
Gallienus im Jahr 255 aus Antiochia nach Philadelphia in Asia geschrieben. Die
Bewohner von Philadelphia hatten sich darüber beschwert, daß das koinon (Rat)
von Asia kleinere Städte wie ihre eigene mit Ausgaben für den Hohenpriester
und die Vorsteher der Feste belegt hatte, die die metropoleis zuvor allein getragen

65
hatten. Die Kaiser kamen ihrer Bitte um Befreiung von den Zahlungen nach und
gaben in moralisierenden Worten ihrer Hoffnung Ausdruck, daß sie diese
Begünstigung nicht zum Schaden anderer Städte ausnutzen würden.26
Bei alledem bleibt unklar, was die kaiserlichen Sekretäre »für griechische
Briefe« und »für lateinische Briefe« eigentlich taten. Nach dem, was Philostratus
über Aelius Antipater sagt – daß er, wie oben schon erwähnt, kaiserliche Briefe
in gefälligerem und angemessenerem Stil als irgend jemand sonst abfaßte –,
scheint es, daß der griechische Sekretär die Briefe an die griechischen Städte in
griechischer Sprache selbst formulierte, nachdem ihm wahrscheinlich ein
Entwurf in lateinischer Sprache übergeben worden war. Alles weitere bleibt im
dunkeln.
So wurde in der Hauptsache der Verkehr zwischen dem Kaiser und den
Städten abgewickelt. Einzelne Untertanen wandten sich mit geschriebenen libelli
an den Kaiser, die ihre Bitten (oder gelegentlich auch ihre Anklagen gegen
andere) enthielten. Es ist offensichtlich, daß die libelli, zumindest in der frühen
Periode, dem Kaiser persönlich in einer der regelmäßigen Audienzen –
Sitzungen (salutationes) – überreicht wurden. Augustus soll zu einem Mann, der
ihm seinen libellus mit großer Ängstlichkeit überreichte, gesagt haben: »Du bist
wie ein Mensch, der einem Elefanten eine Münze gibt.« Diese las der Kaiser (der
Plan zur Ermordung Domitians bestand darin, daß man ihm einen libellus
aushändigen und ihn dann beim Lesen erschlagen wollte), was er auch mit den
libelli tat, die (wie die Briefe der Städte) die Provinzstatthalter an ihn
weitergeleitet hatten. Als Plinius den libellus eines Auxiliarcenturio aus Bithynien
an Trajan geschickt hatte, antwortete Trajan: »Ich habe den libellus ..., den du
sandtest, gelesen; durch seine Bitte gerührt, habe ich seiner Tochter das römische
Bürgerrecht gewährt. Ich habe dir den libellus mit der Verfügung geschickt,
damit du ihm diesen aushändigst.«27 Die Formulierung »der libellus mit der
Verfügung« ist offenbar ein Hinweis darauf, daß der Kaiser (ebenso wie die
Beamten und Statthalter) normalerweise libelli durch Abfassung einer kurzen
Antwort unter dem Schriftstück (subscriptio) beantwortete. So schrieb
Commodus (180–192) in Beantwortung eines langen libellus der Pächter
kaiserlicher Güter in Africa, die sich darüber beschwerten, daß ihnen von
Mittelsmännern eine unzulässige Zahl von Tagen freier Arbeit abverlangt werde:
»Die Prokuratoren, die meine Befehle und Instruktionen beachten, damit nicht
mehr als zwei oder drei Tage Arbeit (gefordert werden sollen), werden darauf
achten, daß von euch nichts in Widerspruch zu den bestehenden Abmachungen
verlangt wird.«28
Ein libellus konnte so eine Bitte um alles mögliche sein (es gab keine Loslösung
von gesetzlichen Verpflichtungen, keinen Status, keine Befreiung von einer
Strafe, die der Kaiser nicht als reinen Gnadenakt gewähren konnte) – von
Geldgaben bis zur Bürgerrechtsverleihung und dem Zurechtrücken von
Fehlschritten. Das libellus-subscriptio-System geht damit unmerklich in das
Verfügungssystem über, durch das der Kaiser geschriebene Antworten in

66
Gesetzesdingen gab. Ehe wir aber dazu kommen, ist es notwendig, die Rolle der
Kaiser in der Zivil- und Kriminalrechtsprechung zu betrachten. Die kaiserliche
Rechtsprechung (deren formal-rechtliche Ursprünge nicht leicht zu erkennen
sind) war in gewisser Hinsicht Teil seiner öffentlichen Rolle als Schlichter von
Streitigkeiten und Bereiniger von Missetaten und hängt mit dem Anhören von
Gesandtschaften (das in jedem Fall zivile oder kriminelle Verfolgung gegen
einzelne einleiten konnte) und Beschwerden von Privatpersonen zusammen.
Andererseits war sie bei Privatprozessen und Verurteilung prominenter der
Staatsgefährdung verdächtiger Personen eine Waffe, die häufig gegen die oberen
Klassen und mögliche Rivalen mißbraucht wurde und eine Quelle großer
Bitterkeit und Spannung in den Beziehungen zwischen Kaiser und Senat
darstellte.
Diese letzteren Fälle wurden im allgemeinen innerhalb der Mauern des
Palastes geheimgehalten. Bei der Routinerechtsprechung pflegten die Kaiser
manchmal darauf zu bestehen, auf dem Forum zu Gericht zu sitzen (wobei sie
wie immer von ihren Freunden beraten wurden), pflegten aber auch Prozesse in
einem auditorium innerhalb ihres Palastes, ihrer Landhäuser in Italien oder auf
Feldzügen abzuhalten. Es ist nur ein einziger unbestreitbar echter wörtlicher
Bericht einer Verhandlung vor dem Kaiser erhalten geblieben. Das ist die von
Caracalla im Jahr 216 in Antiochia geführte Verhandlung, in der syrische
Dorfbewohner einen Mann verklagten, der die Priesterwürde ihres Tempels
usurpiert hatte.29
Diese Verhandlung war nicht vom legatus von Syrien geführt, sondern in
Erwiderung einer Petition als ein Gnadenakt vom Kaiser übernommen worden.
Darin war sie keine Ausnahme. Der Kaiser stellte Rivalen und Verschwörer
selbst vor Gericht. Einige Zivil- und Kriminalfälle kamen als Folge von
Appellationen vor ihn; einige Gefangene gelangten aus den Provinzen zu ihm,
um von ihm abgeurteilt zu werden; selbst einige Zivilsachen scheinen spontan
von den Statthaltern an ihn verwiesen worden zu sein. Fronto hielt vor
Antoninus Pius eine lange Ansprache, in der er gegen das Vorgehen eines
Prokonsuls von Asia protestierte, der Verhandlungen über strittige Testamente
an den Kaiser verwies, und hob die Verzögerungen und Unbequemlichkeiten
hervor, die sich daraus ergaben. Sieht man von diesen Vorgängen ab, so scheint
es überhaupt keinen Mechanismus gegeben zu haben, durch den darüber
entschieden wurde, welche Fälle vor dem Kaiser verhandelt werden sollten.
Angeklagte oder Kläger brachten ihren Fall vor ihn, und er hörte ihn an, wenn er
wollte. Plinius der Jüngere wurde zum Beispiel zu dem consilium Trajans
eingeladen, als der Kaiser um 106 eine Reihe von Fällen in seinem Landhaus in
Centumcellae verhandelte. Dabei ging es um einen prominenten Epheser, der
von seinen Feinden verklagt wurde, um die Frau eines Militärtribunen, die des
Ehebruchs mit einem Centurio beschuldigt wurde (der legatus der Provinz hatte
den Fall an Trajan verwiesen – und Trajan fügte seinem Urteil hinzu, daß er nicht
alle Fälle von Ehebruch verhandeln wolle), und um einen Ritter und einen

67
kaiserlichen Freigelassenen, die der Fälschung eines Testaments angeklagt waren
(die Erben hatten einfach an Trajan geschrieben, als er in Dakien weilte, und ihn
gebeten, den Fall zu übernehmen). Die Verhandlungen dauerten drei Tage. In
diesem Zeitraum ließ der Kaiser seine Ratgeber im Landhaus unterhalten und
nachher mit Geschenken belohnen.30
Obgleich, wie oben erwähnt, Berufsjuristen in den »Sekretärs«-Stellungen
beim Kaiser beschäftigt wurden, in die Prätorianerpräfektur aufstiegen (was die
Anwesenheit am Kaiserhof bedeutete) oder als bezahlte consiliarii – das früheste
Beispiel ist das eines Rechtsberaters, der später auch ein a libellis und a
cognitionibus war – angestellt waren, fällte der Kaiser das eigentliche Urteil
immer selbst. Der Jurist Marcellus beschreibt, wie Marcus Aurelius bei der
Entscheidung eines schwierigen Falles seine Ratgeber entließ, die Angelegenheit
allein überdachte und den Gerichtshof dann wieder versammelte, um das Urteil
zu verkünden. Der bedeutende juristische Schriftsteller Paulus berichtet, wie er
Septimius Severus seine Meinung eindringlich vortrug, der zuhörte, aber eine
gegenteilige Haltung einnahm.
Für die letzte Jahrhunderthälfte unserer Epoche besitzen wir, wie in anderen
Dingen, wenige Belege für das Wirken der kaiserlichen Rechtsprechung. Wir
haben allerdings die Erlasse, die im Codex Iustinianus zitiert werden.31 Sie
nehmen in dieser Periode auffällig an Zahl ab – von einer Gesamtzahl von 369 im
Jahrzehnt 220–230 auf 67 zwischen 250 und 260, 26 zwischen 260 und 270 und 9
zwischen 270 und 280. Wenn der Umfang der Gesetzesentscheidungen in den
unruhigsten Jahren der Kaiserzeit somit auch in dramatischer Weise abnahm, ist
es doch bezeichnend, daß der Strom der Erlasse niemals ganz verebbte.
Erlasse sind in großer Zahl seit Hadrian (117–138) bezeugt und wurden nicht
nur an die Beamten und Statthalter gerichtet, sondern auch an Privatpersonen
einschließlich einfacher Soldaten, Freigelassener und selbst Sklaven. Manchmal
sind die Reskripte nicht mehr als Direktiven für den Adressaten, die zuständige
Stelle anzurufen. So sagt der Jurist Salvius Julianus: »Ich habe Caesar (Antoninus
Pius) oft in Verfügungen sagen hören, ›Du kannst dich an den Provinzstatthalter
wenden‹« (dieser Satz beweist zweierlei: daß Reskripte diktiert wurden und
Berater in Gesetzesdingen anwesend waren). Andere Verfügungen, die wie die
Rechtsfälle und Gesandtschaften auch auf Reisen und Feldzügen behandelt
wurden, stellten Antworten auf aktuelle Rechtsfragen dar. So schickten zum
Beispiel Carus und seine Söhne im Jahr 283 von Emesa in Syrien eine Verfügung,
um einen Mann damit zu bescheiden, daß die Übertragung von Besitz auf ihn
illegal sei, da sie einem Senatsentscheid zuwiderlaufe.
Diese an sich unbedeutende Einzelheit der kaiserlichen Geschäfte mag zum
Hinweis auf die großen Entwicklungen der Periode dienen, auf das Fortbestehen
des Senats bei ständig wachsendem Ausschluß desselben und seiner Mitglieder
von einer aktiven Ausübung der Macht, auf die Entstehung einer »kaiserlichen«
Verwaltung, die um den senatorischen Rahmen wuchs und schließlich in ihn

68
eindrang, und vor allem auf die zunehmend unabhängige Rolle des Kaisers als
der einzig wirklichen Quelle politischer Entscheidungen und des Rechts.
5. Staat und Untertan: die Städte

Das Neue Testament stellt den besten Ausgangspunkt dar, wenn man die
Beziehungen von Staat und Untertan in der Kaiserzeit beleuchten will. In den
Evangelien wird von dem im Jahr 6 n. Chr. vorgenommenen Zensus berichtet,
als Judäa römische Provinz wurde; wir lesen dort, wie Jesus und der Pharisäer
über die Tributzahlung diskutierten, wie die Steuereinnehmer vorgingen, der
Prokurator die Rechtsprechung ausübte und die römische Armee Ordnung hielt.
Ein Wort Jesu bezieht sich direkt auf einen zentralen Punkt der Reibung
zwischen Staat und Volk: »Und wenn dich jemand nötigt eine Meile, so gehe mit
ihm zwei« (Matth. 5, 41). Jesus gebraucht das Wort angareuein, die konventionelle
griechische Bezeichnung für Dienstforderungen der Soldaten und in
Staatsgeschäften reisenden Personen. Genau die gleiche Situation spiegelt sich in
Domitians (81–96) Instruktionen an den Prokurator von Syrien über das
Verhalten der Soldaten, die in einer Inschrift enthalten sind: »Laß niemand einen
Führer nehmen, der dazu nicht meine Vollmacht besitzt; denn wenn die Bauern
weggeschleppt werden, bleiben die Felder ungepflügt.«1
Auf den in der Apostelgeschichte geschilderten Reisen des Paulus lernen wir
eine andere Welt kennen, die der griechischen Städte oder römischen Kolonien
von Philippi und Korinth. Hier war die römische Präsenz weniger unmittelbar
und wurde die Hauptrolle von den städtischen Behörden selbst gespielt. Hier
läßt sich auch der Status und der Schutz beobachten, die das römische
Bürgerrecht in dieser frühen Zeit einbrachte, welche im Verlauf der hier
behandelten Epoche verlorengehen sollten.
Daß die jüdischen Vorgänge und die Reisen des Apostels Paulus ein
unterschiedliches Bild vom römischen Staat vermitteln, ist kein Zufall. Denn die
Art der Kontakte mit dem Staat war aufs engste mit dem Wesen der Gemeinde
verbunden, zu der der einzelne gehörte. »Gemeinde« bedeutete normalerweise
Stadt, worunter ein städtischer Mittelpunkt zu verstehen ist, der seine eigenen
Beamten wählte oder zumindest hervorbrachte, der (in der Regel) einen Rat und
ein »Territorium« mit Dörfern besaß, die seiner Rechtsprechung unterstanden.
Die Grundzüge des Systems sind in einem kaiserlichen Brief vom Ende unserer
Periode enthalten, in dem den Bewohnern von Tymandus in Pisidien
(Kleinasien) der Status einer Stadt (civitas) gewährt wird: »Da wir wünschen, daß
in unserer ganzen Welt die Würde und Zahl der Städte vermehrt werde, und da
wir sehen, daß die Tymandener den Namen und den Status einer ›Stadt‹ zu
erhalten begehren und fest versprechen, daß es unter ihnen eine ausreichende
Zahl von decuriones (Stadträten) geben wird, glauben wir, daß der Bitte
stattgegeben werden sollte ... sie mit unserer Genehmigung die Rechte besitzen
sollen, die andere Städte innehaben, nämlich einen städtischen Rat zu bilden,
Dekrete zu erlassen und andere Geschäfte zu erledigen, die das Gesetz zuläßt.

69
Sie werden Ratsherren, Ädilen, Quästoren und alle anderen notwendigen
Beauftragten ernennen müssen.«2 Dörfer konnten ihre eigenen Beamten und
sogar Ratsversammlungen haben; der Unterschied zwischen Stadt und Dorf (im
Lateinischen meist vicus, im Griechischen komē, aber auch in einer Vielzahl
anderer Namen belegt) scheint darin bestanden zu haben, daß nach der
Definition einer Stadt diese nicht auf dem Territorium einer anderen lag,
während das bei Dörfern fast immer der Fall war. So bestrafte Septimius Severus
(193 bis 211) Antiochia in Syrien wegen der Unterstützung seines Rivalen
Pescennius Niger, indem er es in den Stand eines komē im Territorium von
Laodikeia zurückversetzte.
Was wir vom Leben und von den Funktionen der Städte wissen, bezieht sich
zumeist auf die augenfälligeren staatlichen oder kommunalen Aspekte, die
Errichtung von Gebäuden und Tempeln, die Ausrichtung von Festen und
Spielen, den Erlaß von Dekreten und die Absendung von Gesandtschaften, die
Verteilung von Öl, Getreide oder Getreidezuteilungen in Notzeiten. Präzisere
Fragen über die Rolle der Städte sind oft nicht leicht zu beantworten. Die
Einkünfte einer Stadt kamen aus den verschiedensten Quellen, aus der
Verpachtung öffentlicher Ländereien (die außerhalb des Stadtgebietes liegen
konnten) oder öffentlicher Gebäude, aus Zöllen, Erbschaften, von den Beamten
verhängten Strafen, dem Verkauf von Priesterwürden und, was weit alltäglicher
war, aus summae honorariae, Summen, die die Beamten und Stadträte bei
Übernahme ihrer Ämter zahlten. Als Beispiel für die Einkünfte einer Stadt soll
der Brief des Antoninus Pius (138–161) dienen, den er in Beantwortung einer
Gesandtschaft an eine Stadt in Makedonien schrieb, die ihn gebeten hatte, ihr
verschiedene Quellen des Einkommens zu erschließen (neue Formen städtischen
Einkommens mußten normalerweise von dem Kaiser gebilligt werden). Er
erwähnt Zölle und billigt offenbar ihre Erhebung auch von in der Stadt
wohnenden Nicht-Bürgern, gestattet ihr, eine Steuer von einem denarius pro
Kopf der freien Bevölkerung auszuschreiben (das ist das einzige Beispiel einer
direkten Steuer, die in einer Stadt gezahlt wurde), und gesteht ihr einen Rat von
achtzig Mitgliedern zu, die alle eine Eintrittsgebühr von 500 attischen Drachmen
zu entrichten haben.3 Die regelmäßigen Einkünfte der Städte waren also sehr
begrenzt. Kompensiert wurde diese Beschränktheit durch die traditionelle
großzügige Freigebigkeit der führenden Männer in Form von Bauten,
Schauspielen, Geschenken und unentgeltlichen Dienstleistungen, die durch den
starken Druck der Volksmassen allerdings beeinflußt wurde.
Antoninus Pius schloß seinen Brief mit der Bestimmung, daß Nicht-Bürger
(ebenso wie Bürger?) als Ankläger und Verteidiger in Fällen mit einem Streitwert
bis 250 denarii der Jurisdiktion der Stadtbeamten unterstellt sein sollten. Das ist
einer der wenigen erhaltenen Belege über die Abgrenzung lokaler und
provinzieller Rechtsprechung. Was die örtliche Rechtsprechung anbelangt,
können wir nur auf Beispiele von Polizeiaktionen verweisen, wie die in
verschiedenen Städten gegen den Apostel Paulus ergriffenen Maßnahmen, oder

70
auf die Befugnis, Geldstrafen zu verhängen. Ein aus den Jahren 209 bis 211
datierendes Dokument aus Mylasa in Karien zeigt, wie die Beamten und der Rat
der Stadt als Gerichtsversammlung zum Anhören von Personen fungierten, die
als ungesetzliche Geldwechsler aufgetreten waren, wie sie Geldstrafen
verhängten und Sklaven auspeitschen und gefangensetzen ließen.4
Noch weniger ist über die Beziehungen einer Stadt zu den Dörfern auf ihrem
Territorium bekannt. Wir wissen in allgemeinen Zügen, daß die Städte von ihren
Territorien den Tribut, der Rom geschuldet wurde, ihre eigenen indirekten
Einkünfte und später die Rekruten für die Armee (oder eine Steuer an ihrer
Stelle) einzogen. Direkte Belege für die Beziehungen besitzen wir zum Beispiel
aber nur in einem Dekret aus Hierapolis in Asia, das den städtischen
Polizeibeamten (paraphylaces) des Territoriums verbot, von den Dörfern mehr als
Nahrungsmittel, Bett und Unterbringung zu fordern, oder die Bürgermeister in
den Dörfern (komarchen) zu veranlassen, ihnen gegen ihren Willen Ehrenkronen
anzubieten.5 Einige Dorfbewohner in Phrygien beschwerten sich in den Jahren
244 bis 247 über die Forderungen sowohl der durchreisenden kaiserlichen
Beamten als auch »der mächtigen Männer in der Stadt«.
Für das Phänomen der Unterdrückung findet sich auch ein Beispiel in dem
Abschnitt (zitiert in Kap. 11), in dem Galen schildert, wie die Bauern
verhungerten, nachdem ihre besten Ernteerträge in die Stadt gebracht worden
waren. Wir wissen jedoch nicht, ob das in Form von Pachtzins, offiziellen
Abgaben oder (vielleicht) von Ablieferungen geschah, die für römische Beamte
bestimmt waren. Ein Jurist aus dem späten 3. Jahrhundert sagt jedoch, daß einige
Städte das Privileg besaßen, in jedem Jahr von den Pächtern in ihrem Territorium
(offenbar ohne Kompensation) eine gewisse Getreidemenge einzusammeln.
Die in ihrer Art von der Eroberung bis zum Bündnis reichende allmähliche
Ausweitung der römischen Herrschaft auf Gebiete mit sehr verschiedenen
Kulturstufen schuf eine Vielfalt städtischer Formen und rechtlicher Stellungen,
die den Grad der Selbstregierung, die Zahlung von Steuern und die
Bürgerstellung ihrer Einwohner grundlegend berührte. In diesem Gefüge nahm
Italien eine bevorzugte Stellung ein. Seine Einwohner zahlten keinen Tribut und
waren alle römische Bürger. Die Städte in Italien waren alle entweder municipia
oder coloniae (was von den historischen Umständen abhing). Das municipium war
nach seiner Herkunft eine Stadt mit eigener Verfassung und eigenen Beamten,
deren Bewohner sich mit den römischen Bürgern in gewisse Rechte, aber auch
Pflichten (wie den Militärdienst) teilten; coloniae waren ursprünglich Kolonien
römischer Bürger, denen eine Einheitsverfassung gegeben wurde. Seitdem alle
Einwohner Italiens das Bürgerrecht besaßen, wurde die Unterscheidung
weitgehend eine Formsache (obwohl das Volk von Praeneste Tiberius darum bat,
ihren Status von dem einer colonia in den eines municipium umzuwandeln).
Außerhalb Italiens gab es auch coloniae (die erste war Narbonne im Jahr 118 v.
Chr.) und seit der späten Republik municipia. Die coloniae waren Siedlungen
römischer Bürger, die sich gewöhnlich aus entlassenen Legionären, gelegentlich

71
aber auch aus zivilen Bevölkerungskreisen rekrutierten und die durch einen
formalen Staatsakt erhoben wurden, der die Zuweisung eines Landloses an jeden
Siedler einschloß. Das geschah auf der Basis einer Centuriation, der Aufteilung
des ganzen Territoriums in rechteckige Parzellen, die sich im allgemeinen an
zwei Hauptstraßen aufreihten, die sich im Stadtzentrum rechtwinklig kreuzten.
Inschriften aus Orange, das wahrscheinlich im Jahr 35 v. Chr. für
Legionsveteranen gegründet wurde, bewahren die Karte der rechteckigen
Parzellen, die im Jahr 77 auf Befehl Vespasians angelegt wurden.6 Der Boden der
Kolonie gewann das sogenannte ius Italicum (italische Recht), aufgrund dessen
kein Tribut gezahlt zu werden brauchte; alle Bürger einer Kolonie waren im Sinn
der Definition römische Bürger. Bis in die Regierungszeit Hadrians entstanden
neue Veteranenkolonien. Danach blieb nur die in der frühen Kaiserzeit
entwickelte Sitte, schon bestehenden Städten den Titel einer colonia zu verleihen.
Das mag manchmal, wie in dem Falle, als Hadrian seinen Geburtsort Italica in
Spanien zur Kolonie erhob, von Ausdehnung und Neubauten begleitet worden
sein, war zumeist aber nur eine Verleihung des Titels und der damit
verbundenen Rechte. Selbst die Rechte folgten nicht immer in vollem Umfang:
Vespasian machte Caesarea in Judäa zur Kolonie, erließ aber nur die Kopfsteuer
(tributum capitis); das ius Italicum, das den Erlaß der Bodensteuer (tributum soli)
beinhaltete, wurde von seinem Sohn Titus hinzugefügt. Einige Titularkolonien
besaßen keines der beiden Rechte.7
Die provinziellen municipia werfen eine Reihe von Problemen auf, von denen
einige unlösbar sind. Sie repräsentieren die Ausweitung einer romanisierten
Form der Stadtverfassung auf die lateinischen Provinzen (in den griechischen
Gebieten sind sie praktisch unbekannt). Diese scheint in jedem Fall durch eine
besondere lex erfolgt zu sein, die die Pflichten der Beamten, die Qualifikation für
das Amt der decuriones, die Regeln für die Abhaltung von Wahlen und so weiter
umriß und die zu dieser Zeit einem ziemlich einheitlichen Muster gefolgt zu sein
scheint. Der munizipale Status vermittelte in keinerlei Form Steuerfreiheit, diente
aber zur Übertragung des Bürgerrechts. Hier setzen die Schwierigkeiten ein. Die
Standardform eines municipium war durch das »geringere latinische Recht«
(Latium minus) gekennzeichnet, durch das diejenigen Personen, die in ihnen zu
Beamten gewählt wurden, und deren Nachkommen automatisch das römische
Bürgerrecht erlangten. Im 2. Jahrhundert begegnet man auch dem »größeren
latinischen Recht« (Latium maius), das aber nur in Dokumenten aus Africa belegt
ist und durch das alle decuriones des municipium das Bürgerrecht erhielten. Die
anderen Bewohner aller solcher municipia hießen »Latiner« (Latini); es scheint
überhaupt kein Zeugnis dafür zu geben, wie sich deren Stellung von der
einfacher Nicht-Bürger unterschied.
Darüber hinaus gab es vielleicht provinzielle Munizipien, deren Einwohner
(wie die italischer Munizipien) alle römische Bürger waren. Es ist aber
neuerdings behauptet worden, daß solche Gemeinden nicht existiert hätten, und
unsere Quellen enthalten zugegebenermaßen sehr wenig darüber. Plinius der

72
Ältere erwähnt als einziger auch »Städte römischer Bürger« (oppida civium
Romanorum) in den westlichen Provinzen. Aber wenn diese wirklich im
Unterschied zu den municipia als gesetzliche Kategorie bestanden, wissen wir
buchstäblich nichts von ihnen.8
Der Normaltyp eines municipium ist am besten aus zwei Dokumenten aus den
frühen achtziger Jahren bekannt, den »Freibriefen« (leges) zweier spanischer
Städte, Malaca und Salpensa, die im Gefolge der Verleihung des Latium minus an
ganz Spanien durch Vespasian (69–79) zu municipia wurden.9 Die unversehrten
Teile des Freibriefes von Salpensa enthalten Regelungen über die Erlangung des
Bürgerrechts durch Beamte, über den von den Beamten zu schwörenden Eid und
über ihre Rechte auf Sklavenbefreiung und Stellung von Vormunden; der
Freibrief von Malaca, von dem weit mehr erhalten ist, handelt von der
Ausführung der Wahlen, der Auswahl der Patrone für die Gemeinde, der
Verpachtung der örtlichen Einkünfte und römischen Tribute an Unternehmer,
der Verhängung von Geldstrafen durch die Beamten und der Überprüfung der
munizipalen Budgets.
Abgesehen von diesen Stadttypen mit spezifisch römischen Einrichtungen
wurden alle anderen Städte einfach civitates genannt. In dem letzten Teil der
Periode wird die Bezeichnung res publica, die in der Republik für den Stadtstaat
Rom angewandt wurde, zur gebräuchlichsten Bezeichnung einer Stadt (jeglichen
Typs) als Institution. Eine civitas konnte damals alles von einer großen Stadt wie
Ephesus bis zu einer »kantonalen Hauptstadt« in Britannien wie Silchester, die
Calleva Atrebatium – »Calleva (Hauptstadt) der Atrebaten« – sein. Über die
innere Struktur der civitates im Westen ist sehr wenig bekannt. Es ist aber
offensichtlich, daß sie, wenn sie genügend entwickelt waren, zu Einrichtungen
tendierten, die denjenigen der Kolonien oder Munizipien nachgebildet waren.
Wir wissen zum Beispiel von einem »Prätor« in Bordeaux unter Claudius.
Vespasian adressierte im Jahr 74 als Antwort auf eine Delegation einen Brief an
die »Beamten und Senatoren der Vanacini« auf Korsika.10
Bei den alten punischen Städten, wie Lepcis Magna, in Africa und noch mehr
bei den Städten des griechischen Ostens ist die Situation eine ganz andere. Hier
übernahm Rom lediglich ein schon bestehendes Netz von Städten. In einem
weniger hellenisierten Gebiet wie Pontus (im zentralen Nordkleinasien) bestand
die Notwendigkeit, ein Netz von Städten mit großen Territorien anzulegen.
Anderswo wurden Veteranenkolonien begründet und neue griechische Städte
eingerichtet, die sich gewöhnlich aus schon vorhandenen Dörfern entwickelten.
Im allgemeinen bestand aber das soziale und städtische System fort. Der
bemerkenswerteste Wandel, der diesesmal einer bewußten, seit dem frühen 2.
Jahrhundert v. Chr. betriebenen Politik folgte, bestand in der Umwandlung der
Stadträte (boulai) in Reservate der oberen Klassen, für die sich die Menschen
durch Reichtum qualifizierten und in denen sie die Mitgliedschaft auf Lebenszeit
erwarben. Die Befugnis, wirksame Entscheidungen zu treffen und die Beamten
auszuwählen, kam mehr und mehr in die Hände dieser ständigen boulai, die sich

73
aus den reicheren Bürgern zusammensetzten. Dieser Entwicklungsprozeß verlief
natürlich unterschiedlich, und wir besitzen verstreute Belege für das
Fortbestehen von Volksversammlungen.
Ein Bild vom Stadtleben des griechischen Ostens wird nicht nur von den
zeitgenössischen Autoren, wie Plutarch oder Philostratus, in großer Breite
vermittelt, sondern auch von Tausenden von Inschriften, die Dekrete der
Stadträte oder der Versammlungen festhalten, die Errichtung von Gebäuden, die
von prominenten Bürgern innegehabten Ämter und geleisteten Dienste, die
Absendung von Gesandtschaften an den Kaiser oder die Statthalter beschreiben
und den Text kaiserlicher Briefe aufzeichnen. Eine Inschrift des 2. Jahrhunderts
aus Thyatira in Asia mag zur Illustration der breiten Skala von Funktionen
dienen, die die örtlichen Beamten ausübten: »Der Rat und das Volk ehrten P.
Aelius Menogenes Pyrichus Marcianus (ein typischer Name eines vornehmen
Griechen, da zur Kennzeichnung des erlangten Bürgerrechts römische Namen
den griechischen beigefügt wurden), den Dichter, den strategos (›General‹ –
Obersten Beamten), den agoranomos (Marktaufseher), den Sekretär des Rates und
des Volkes, den ephebarchos (Führer eines Korps junger Männer – Epheben), den
Verteiler von Getreide, den dekaprotos (einen von zehn Männern, die für das
Tributaufkommen haften mußten – siehe unten), der die Errichtung wichtiger
Gebäude beaufsichtigte, wegen der Vornehmheit seines Charakters und der
Ehre, die er seiner Heimatstadt verschafft hatte.«11
Unter den civitates gab es einige privilegierte Kategorien, die hauptsächlich in
den Kriegen der Republik geschaffen wurden. Die Rechte der civitates foederatae
beruhten auf einem mit Rom geschlossenen foedus (Vertrag). Die civitates liberae
(freien Städte) lagen im Provinzbereich, waren im Prinzip aber von den
Besuchen und der Rechtsprechung des Provinzstatthalters exemt; die civitates
liberae et immunes waren darüber hinaus noch von den Tributzahlungen befreit.
In der Kaiserzeit wurden alle herkömmlichen Rechte als ein Gnadenakt des
Kaisers beibehalten, konnten aber auch ganz nach seinem Belieben abgeschafft
werden. Neue Privilegienverleihungen erfolgten selten. Nero proklamierte die
Freiheit und Immunität aller Städte in Griechenland; Vespasian hob beides
wieder auf.
Die Bürger der civitates konnten, anders als die der municipia oder coloniae, das
römische Bürgerrecht nur entweder durch Dienst in den Auxilien oder durch
persönliche Verleihung erlangen (wenn sie nicht von Geburt an das Bürgerrecht
besaßen). In seltenen Fällen scheinen die Provinzstatthalter im 1. Jahrhundert das
traditionelle Recht der römischen Generäle auf Verleihung des Bürgerrechts an
Provinzbewohner ausgeübt zu haben. Selbst in dieser Zeit waren die
Verleihungen in der Hauptsache ein Monopol des Kaisers (später waren sie es
ganz und gar), die – wie so viele andere Privilegien – als eine persönliche
Gunstbezeugung gewährt wurden. Die neuen Bürger und deren Nachkommen
nahmen den Namen ihres Wohltäters an. Die Namen der kaiserlichen Dynastien
aus dem 1. und 2. Jahrhundert, Julius, Claudius, Flavius, Aelius, kehren in den

74
Namen Tausender von Personen aus den Provinzstädten, besonders im
griechischen Osten, wieder. Gegen Ende des 2. Jahrhunderts ist es eine
Ausnahme, wenn man einen vornehmen örtlichen Amtsträger findet, der kein
Bürgerrecht besitzt. Wie zuvor erwähnt, wurde in wachsendem Maß aus dieser
Klasse romanisierter örtlicher Notabeln der Ritterstand und der Senat aufgefüllt.
Das Bürgerrecht stellte die entscheidende Voraussetzung für den Ritter- oder
Senatorenrang dar. Für jemanden, der die Aufnahme in diese höheren Stände
nicht anstrebte, blieben die mit dem Bürgerrecht verbundenen konkreten
Vorteile bemerkenswert gering. Augustus hatte im Jahr 7 v. Chr. festgelegt, daß
die Verleihung des Bürgerrechts die Befreiung von örtlichen Obligationen nicht
einbeschloß, wenn sie nicht mit einer spezifischen Steuerbefreiung verbunden
war. Die Unterscheidung wird im Fall des Historikers Josephus sichtbar, der das
Bürgerrecht von Vespasian erhielt (daher sein Name Flavius Josephus), die
Abgabenfreiheit für seinen Landbesitz in Judäa aber von Titus, dem Sohn
Vespasians. Grundsätzlich erlangte ein römischer Bürger Abgabenfreiheit also
nur, wenn sein Besitz in Italien oder in einer Kolonie mit »italischem Recht« lag.
Darüber hinaus zahlten die Bürger Steuern bei Erbschaften von anderen
Personen als nahen Verwandten (weil die Erbschaften von Nicht- Bürgern im
römischen Recht nicht anerkannt wurden), was die Nicht-Bürger nicht zu tun
brauchten. Als Nebenwirkung ergab sich daraus, daß Personen, denen das
Bürgerrecht neu verliehen war, auf Erbschaften von ihren noch nicht-
bürgerlichen Eltern (deren Stellung im römischen Recht auch nicht anerkannt
wurde) Steuern zahlen mußten. In seinem Panegyricus diskutiert Plinius der
Jüngere in Einzelheiten die von Nerva und Trajan zur Verbesserung der
Situation ergriffenen Maßnahmen.12 Nach den Worten des dem Kaiser Caracalla
feindlich gesinnten Zeitgenossen Cassius Dio kam es zur »universalen«
Bürgerrechtsverleihung nur, weil der Kaiser die gesamte Bevölkerung in den
Anwendungsbereich dieser Steuer bringen wollte.
Am Anfang dieser Periode war das Bürgerrecht in den Provinzen noch eine
Seltenheit, das Emigranten aus Italien oder einige wenige der vornehmeren
Einheimischen besaßen. Welche Stellung und welchen Schutz es vermittelte, läßt
sich am besten an den Erfahrungen des Apostels Paulus ablesen (der als
römischer Bürger geboren wurde – es ist allerdings ein Geheimnis, wie seine
Familie das Bürgerrecht erwarb). Nachdem er und Silas in Philippi von den
Liktoren, die die obersten Beamten der Kolonie begleiteten, nur geschlagen
worden waren, vermochte er die Beamten durch Enthüllung seines römischen
Bürgerrechts dazu zu veranlassen, daß sie ihn selbst demütig aus der Stadt
begleiteten. Später in Jerusalem sagte er zu dem Centurio: »Ist es dir erlaubt,
einen noch nicht verurteilten römischen Bürger zu schlagen?« Das wurde dem
Tribun der Kohorte erzählt, die Drohung mit Schlägen wurde aufgehoben, und
der Tribun schrieb später an den Prokurator und schickte Paulus zu ihm. Es ist
offensichtlich, daß römische Bürger vor summarischen Schlägen von niederen
Beamten oder städtischen Bediensteten geschützt waren (es war auch bekannt,

75
daß die civitates liberae ihre Freiheit zum Schlagen und Töten römischer Bürger
verloren). Es besteht aber, wie im letzten Kapitel erwähnt, beträchtlicher Zweifel
über die Frage, ob es für römische Bürger als solche irgendein wirksames Recht
auf Appellation an den Kaiser gab. Aber noch im Jahr 177 schrieb Marcus
Aurelius an den legatus von Gallien, daß die römischen Bürger unter den
christlichen Märtyrern von Lyon geköpft, die Nicht-Bürger aber den wilden
Tieren vorgeworfen werden sollten.
Das ist der letzterhaltene konkrete Anhaltspunkt für eine besondere
Behandlung römischer Bürger bei gesetzlichen Vorgängen. Beinahe ein halbes
Jahrhundert später, im Jahr 212 oder vielleicht ein oder zwei Jahre danach,
verlieh Caracalla, wie unsere literarischen Quellen bezeugen, das Bürgerrecht an
alle Bewohner des Reiches. Einen weiteren Beleg stellt ein ägyptischer Papyrus
mit dem eigentlichen Text des Ediktes des Caracalla dar. Leider ist er aber so
fragmentarisch, daß daraus nichts Konkretes hervorgeht – außer einer
Erwähnung von dediticii (was entweder eine neuerlich besiegte und
kapitulierende Bevölkerung oder Personen, die zu keiner bestimmten civitas
gehören, oder Sklaven bezeichnet, die zuvor von ihrem Herrn gebrandmarkt
wurden). Der Satz läßt sich jedoch so rekonstruieren, daß er entweder bedeutet,
daß alle Kreise und Stände der Gesellschaft außer den dediticii das römische
Bürgerrecht erhielten, oder aber, daß der Status der dediticii (allein) abgeschafft
wurde.13 Dieser Status bestand jedoch, wenigstens für befreite Sklaven, bis zu
seiner Abschaffung im Jahr 530 fort. Wenn man der ersten Rekonstruktion den
Vorzug gibt, bleibt die Frage, ob die dediticii eine numerisch unbedeutende
Kategorie von Menschen niederen Rechts darstellten oder ob die Bezeichnung im
3. Jahrhundert für die gesamte ländliche Bevölkerung zum Beispiel der Dörfer
(komai) in Ägypten oder in den Balkanländern zutraf. Wir können mit
Bestimmtheit nur sagen, daß auf Papyri ägyptische Bauern des 3. Jahrhunderts
ohne römische Namen verzeichnet sind, daß Inschriften vom Rhein und der
Donau römische Bürger im Gegensatz zu anderen Personen erwähnen und daß
die an Veteranen der Prätorianerkohorten ausgegebenen diplomata ihre
Verheiratung mit Frauen in Aussicht nehmen, die Nicht-Bürger waren, während
die diplomata für die Veteranen der equites singulares und der Flotte auch besagen,
das römische Bürgerrecht sei auch »denjenigen, die es nicht schon besaßen«,
gewährt (aber alle vier Veteranen dieser Einheiten aus dem 3. Jahrhundert, deren
diplomata erhalten blieben, waren selbst römische Bürger).14 So machen einzelne
Belege wahrscheinlich, ohne es allerdings fest zu beweisen, daß ein
beträchtlicher Teil der Bevölkerung das Bürgerrecht nicht erhielt.
Was die Forderungen anbelangt, die der Staat an seine Untertanen stellte, so
läßt sich beobachten, daß hier in starkem Maß die Städte als Vermittler auftraten.
Die Hauptforderungen betrafen den Tribut und die indirekten Steuern,
Verproviantierung und Unterbringung der Truppen und Beamten, die
Instandhaltung der kaiserlichen Post (cursus publicus), Arbeiten besonders beim
Straßenbau, und die Einstellung in die Armee.

76
Von den indirekten Steuern waren zwei, die einprozentige Verkaufssteuer und
die vierprozentige Sklavenverkaufssteuer, von Augustus eingeführt worden.
Erstere wurde von Tiberius um die Hälfte herabgesetzt und von Caligula in
Italien abgeschafft. Letztere scheint nicht länger als bis zum 1. Jahrhundert
belegt. Die fünfprozentige Steuer, die von Sklaven auf die Summen gezahlt
wurde, die sie ihren Herren für ihre Freilassung entrichteten, hatte seit der
frühen Republik bestanden und ist bis ins frühe 3. Jahrhundert belegt, als sie von
Caracalla auf zehn Prozent erhöht und von Macrinus (217–218) wieder auf fünf
Prozent reduziert wurde. Angesichts der großen Zahl von Sklaven, die ihre
Freiheit erlangten, muß diese Steuer wichtig gewesen sein. Wir wissen aber
beinahe nichts darüber, wie sie erhoben wurde, außer daß die Einziehung
ursprünglich in den Händen von Unternehmern (publicani) lag und daß seit
Claudius bis etwa 200 sporadische Nachrichten von kaiserlichen Prokuratoren
auftauchen, die mit der Steuer zu tun hatten. Viel mehr ist über die oben
erwähnte fünfprozentige Erbschaftssteuer bekannt, die 6 n. Chr. eingeführt
wurde, um Einkünfte für die Militärkasse zu haben, die für die Veteranen die
Entlassungsgelder auszahlte, die von Caracalla und Macrinus genauso wie die
Freiheitssteuer angehoben und gesenkt wurden und um 240 letztmals belegt
sind. Hier lag die Einziehung auch bei den publicani und dann im 2. Jahrhundert
bei den kaiserlichen Prokuratoren und ihren untergebenen kaiserlichen Sklaven
und Freigelassenen. Das Gesetz verlangte die formale Öffnung und Verlesung
eines Testaments in Gegenwart von Zeugen. Auf einem Papyrus ist der auf 194
datierte letzte Wille eines Veteranen erhalten mit der Notiz »Geöffnet und
verlesen in der metropolis Arsinoe auf dem Forum des Augustus im Büro (statio)
für die fünfprozentige Steuer auf Erbschaften und Sklavenfreilassungen«. Ein
anderer Papyrus, der letzte spezifische Beleg für diese Steuer, enthält eine im
Jahr 237 in Oxyrhynchus abgegebene Erklärung, daß eine Erbschaft von der
Steuer exemt ist (weil sie zwischen nahen Verwandten erfolgte); diese schließt
mit einer offiziellen Bestätigung durch einen kaiserlichen Freigelassenen, einen
tabularius (Schreiber), offenbar aus der statio in Oxyrhynchus.15 Beide in bar
bezahlte Steuern scheinen in der Inflation des späteren 3. Jahrhunderts
verschwunden zu sein und tauchen danach nicht wieder auf.
Am meisten ist über das portorium, den Zoll auf Durchgangsgüter, bekannt,
der in verschiedenen Teilen des Reiches geringe Abweichungen in der Höhe
aufwies (normalerweise 2 oder 21/2% vom Wert einer Ware). In Gallien hieß das
portorium zum Beispiel die quadragesima Galliarum – »das Vierzigstel (21/2%) der
Gallier«. Diese Gebiete stellten in keiner Weise Zolleinheiten dar, und diese
Abgabe hatte keinen anderen Zweck als den, die Einkünfte zu erhöhen. Nur an
einigen Orten an der Ostgrenze – durch die der Handel mit Luxusgütern aus
Indien lief – lassen sich Sätze bis zu 25% finden. Da der Goldabfluß nach Indien
schon in der Regierungszeit des Tiberius Besorgnis auslöste, mag dieser hohe
Satz vielleicht zur Einengung des Handelsvolumens gedient haben. Auch hier
begegnet man einem Übergang von dem republikanischen System der

77
Einziehung durch Unternehmer zu der direkten Einziehung durch kaiserliche
Angestellte; allgemein gesprochen wurden die Gesellschaften der publicani im
frühen 2. Jahrhundert durch Einzelunternehmer (conductores) ersetzt und diese
wiederum im späten 2. Jahrhundert durch kaiserliche Prokuratoren. Die
Grundlage des Systems waren wiederum Posten (stationes) an den Hauptstraßen,
die zuletzt von kaiserlichen Sklaven und Freigelassenen besetzt waren. Reisende
mußten ihre gesamten Waren verzollen, wurden aber von Zahlungen auf Güter
(einschließlich Sklaven) befreit, die sie unterwegs benötigten. Eine aus dem Jahr
202 datierende Inschrift aus Zarai in Numidien ist das album einer dortigen statio,
das offenbar eine Liste der üblichen Zölle für verschiedene Warengattungen
enthielt, wie Sklaven, Pferde, Maultiere, verschiedenerlei Kleidungsstücke, eine
Amphore mit Wein und so weiter. Wie dieses System funktionierte, wird durch
eine Geschichte in Philostratus’ Roman über den heidnischen Heiligen
Apollonius von Tyana illustriert; als Apollonius zu einem Übergang am Euphrat
kam, führte ihn der Zöllner »zu der Tafel (offenbar zu einer wie der von Zarai)
und fragte ihn, was er bei sich hätte«. »Sophrosyne (Mäßigkeit), Dikaiosyne
(Gerechtigkeit) ... und so weiter«, erwiderte der Weise, was der unwissende
Zolleinnehmer für die Namen weiblicher Sklaven hielt.16
Unsere Belege für das portorium hören um 240 auf; diese Abgabe erscheint aber
wieder im 4. Jahrhundert, und es ist nicht bekannt, ob man ihre Erhebung im
unruhigen 3. Jahrhundert einstellte. Es ist bedeutsam und keineswegs leicht zu
erklären, daß von allen Formen des Kontakts zwischen Staat und Bürgern diese
indirekten Steuern als einzige anscheinend niemals von den Städten als Mittlern
erhoben wurden.
Die wichtigsten Abgaben stellten jedoch die beiden Formen des Tributs dar,
das tributum soli auf die Produkte des Bodens und das tributum capitis, die
Kopfsteuer. Diese beruhten auf einem umfassenden Zensus, dessen
ursprüngliche Auflage unter der Provinzbevölkerung Widerstand und
öffentliche Unruhen auszulösen vermochte, wie es unter Augustus in Gallien
geschehen war. Das Evangelium des Lukas bezieht sich auf den Zensus unter
Quirinius, dem Statthalter von Syrien, als Judäa im Jahr 6 n. Chr. römische
Provinz wurde. Dieser Zensus brachte die erste Wirksamkeit der Zeloten hervor,
die das Volk aufforderten, sich der Zahlung an die fremde Macht zu
widersetzen.
Nur aus Ägypten (s. Kap. 10) haben wir Einzelheiten über die eigentlichen
Zensuseinnahmen. Ulpian schreibt aber im 3. Jahrhundert: »In den
Zensusbestimmungen ist festgelegt, daß der Grundbesitz für den Zensus in der
folgenden Weise angezeigt werden soll: Name der einzelnen Höfe. Civitas und
Dorf. Namen der beiden nächsten Nachbarn. Fläche des gepflügten Landes, das
in den nächsten Jahren besät werden soll. Weingärten – Zahl der Rebstöcke.
Olivenhaine – Fläche und Zahl der Bäume. Wiesen – Fläche, die in den nächsten
zehn Jahren gemäht werden soll. Ungefähres Weideland. Ebenfalls Wälder zum
Holzfällen.«17 Der Zensus schloß auch den Tierbestand ein, Häuser (eine von

78
159 datierende Wachstafel aus Dakien enthält einen Kaufvertrag für ein halbes
Haus mit der Auflage, daß der erste Besitzer bis zum nächsten Zensus den Tribut
dafür zahlen sollte), Sklaven und womöglich Schiffe sowie die Zählung der
freien Bevölkerung. Die Inschriften weisen Senatoren (manchmal die
amtierenden Provinzstatthalter), ritterliche Beamte und später kaiserliche
Freigelassene als Beauftragte aus, die mit der »Annahme des Zensus« der
Provinzen oder kleineren Gebiete befaßt waren. Aber die Grundlagen des
Zensus (für die, den Vierzehn-Jahres-Zyklus in Ägypten ausgenommen, keine
regelmäßige Wiederholung nachgewiesen werden kann) scheinen nach und nach
auf die Stadtbeamten übertragen worden zu sein. Aus Mesembria in Thrakien ist
zum Beispiel ein Edikt der Beamten erhalten, die alle jene, die das Land
bebauten, aufforderten, in die Stadt zu kommen und sich dort registrieren zu
lassen. Gegen Ende der Periode war die Abnahme des Zensus bestimmt eine der
regelmäßigen »Lasten«, die den örtlichen Beamten zufiel. Sie haben vermutlich
dann die Berichte an die kaiserlichen Zensusbeamten weitergeleitet. Caligula
konnte, als er 39 in Gallien weilte, die gallischen Zensuslisten einfordern und die
reichsten Männer zur Hinrichtung und Konfiskation ihres Besitzes selbst
auswählen.
Daß die Städte nun die grundlegenden Zensusarbeiten auf sich nahmen, stand
damit in Verbindung, daß sie jetzt, allgemein gesagt, für die Einziehung der
festgesetzten Tributzahlungen und deren Entrichtung an die römischen Beamten
verantwortlich waren. Das alte System mit Unternehmern (publicani), die ein
Zehntel der Produkte als Sachtribute einzogen, begann schon in der späten
Republik zu verschwinden und ist in der Kaiserzeit kaum mehr auszumachen.
Eine Handvoll Inschriften scheint auf publicani hinzuweisen, die einen solchen
Zehnten in den Getreidegegenden Africas und Siziliens einzogen. Anderswo gab
es keine publicani mehr und zahlten die Städte ihren Tribut an die
Provinzbeamten.
Das tributum soli war, wie schon sein Name sagt, im wesentlichen eine
Ertragssteuer. Die Aufgabe der Stadtbeamten bestand darin, in das Territorium
der Stadt hinauszugehen und von den Dorfbewohnern den Tribut einzuziehen.
Führende Juden taten das im Jahr 66, als sie sich Forderungen wegen
rückständiger Tribute ausgesetzt sahen. Die Tributeintreibung wurde zu einer
der regelmäßigen Lasten für die örtlichen Beamten (ein Privileg der Veteranen
bestand darin, daß sie davon befreit waren). Da die Stadtbeamten weder
angemessene Gewaltmittel noch angemessene gesetzliche Vollmachten besaßen,
muß ihre Aufgabe oft schwierig, wenn nicht unmöglich gewesen sein. Zu
welchem Vorgehen sie gezwungen sein konnten, wird durch eine Verfügung des
Kaisers Severus Alexander aus dem Jahr 231 illustriert, die einem Mann das
Recht gab, gegen einen exactor von Tributen einen Prozeß anzustrengen, der eine
seiner Sklavinnen ergriffen und verkauft hatte, um auf diese Weise die Zahlung
durchzusetzen.

79
In den griechischen Städten und in Ägypten brachte die Aufgabe der
Tributeintreibung eine neue Klasse von Beamten hervor, die dekaprotoi (wörtlich
»ersten zehn«). Mancherorts scheinen sie reguläre Beamte mit weiteren
Funktionen gewesen zu sein, in der Hauptsache bestand ihre Aufgabe aber in
der Einziehung und, was noch wichtiger war, in der Bürgschaft für die Tribute.
Inschriften lassen erkennen, daß Personen unter 25 Jahren und sogar Frauen den
Posten innehaben konnten; der Grund dafür ist, wie der Jurist Hermogenianus
am Ende des 3. Jahrhunderts bestätigt, darin zu suchen, daß der Posten als
Belastung auf das Besitztum der Einzelperson fiel. Während dieser Periode
mußten sie auch für Steuerausfälle von Verstorbenen aufkommen.
Daneben weisen einige Inschriften reiche Männer aus, die den Tribut für ihre
Städte oder sogar für ganze Provinzen zahlten. Das läßt sich besonders beim
tributum capitis beobachten, das von allen Freien gezahlt wurde; in Syrien zahlten
die Frauen von dem 12., die Männer von dem 14. bis zu ihrem 65. Lebensjahr ein
Prozent ihres Vermögenswertes (Einzelheiten für andere Gebiete sind nicht
bekannt). Ein gewisser P. Popillius Python zahlte so zum Beispiel das gesamte
tributum capitis für Makedonien, als er Hoherpriester der Provinz war; ein
anderer hinterließ eine Geldsumme, mit deren Zinsen die jährliche Kopfsteuer
von Tenos bezahlt werden sollte.
Die Tributeintreibung und die Haftung in barem Geld wurden somit zu einer
bedeutenden Belastung für die führenden Männer in den Städten, die Aurelian
(270–275) noch vergrößerte, als er anordnete, die Stadträte müßten entweder
Pächter für aufgegebene Ländereien finden oder für die betreffenden Tribute
selbst aufkommen. In der Inflation des 3. Jahrhunderts muß der feste Tribut aber
weitgehend an Wert verloren haben. Aus unseren Quellen läßt sich das Schicksal
der Tribute in dieser Periode nicht ablesen. Es ist aber bekannt, daß sie als Gold-
und Silberquelle für den Staat durch das sogenannte aurum coronarium
(Krongold) ersetzt wurden, das sich zu einer regulären Steuer entwickelte. In den
Reformen Diokletians verschwinden die Tribute als Art der Besteuerung der
Reichtümer des Landes, um durch ein neues System ersetzt zu werden, das
seinen Ursprung (wie es scheint) den unregelmäßigen Sachabgaben unserer
Periode verdankte.
Untertane Gemeinden machten Herrschern und Eroberern üblicherweise das
aurum coronarium, Goldkronen, zum Geschenk. Republikanische Generäle hatten
solche Geschenke erhalten; in der Kaiserzeit wurden sie aber zum alleinigen
Privileg der Kaiser und zunächst anläßlich der Thronbesteigungen, der Siege
und anderer Gelegenheiten überbracht und später sogar angefordert.18 Nach der
Eroberung Britanniens unter Claudius wurden von der Tarraconensis im Jahr 43
Kronen in einem Gesamtgewicht von 7000 Pfund, von den gallischen Provinzen
solche von 9000 Pfund dargebracht; auf einem Papyrus ist der Brief erhalten, den
Claudius bei gleicher Gelegenheit an eine griechische Gemeinschaft von Athleten
als Antwort auf ihre Delegation schrieb, die eine Goldkrone überbracht hatte.
Einige Kaiser erließen – oft nur für Italien – das aurum coronarium, um damit ihre

80
Gunst zu erzeigen. Ein anderer Papyrus enthält das etwas weitschweifige Edikt
Severus Alexanders (222–235), in dem er verkündete, daß er allen Städten des
Reiches die Summen erlasse, die ihm im Hinblick auf die Goldkronen geschuldet
wurden.
Aus ägyptischen Papyri ist zu ersehen, daß es am Ende des 2. Jahrhunderts
eine reguläre Kronsteuer gab, die durch spezielle Bewilligungen von Goldkronen
bei außergewöhnlichen Anlässen ergänzt wurde. Aus der Regierungszeit
Aurelians wissen wir, daß der Stadtrat von Oxyrhynchus die Fertigung einer
solchen Goldkrone für den Kaiser durch Handwerker erörterte. In der
Geschichte des babylonischen Talmuds über die Erhebung der Steuer in Tiberias
um 200 n. Chr. ist uns jedoch das lebendigste Bild des aurum coronarium erhalten.
Das Volk forderte, daß die Rabbis einen Teil zahlten. Diese lehnten das ab.
Darauf floh die Hälfte der Bevölkerung, und die Hälfte der Steuer wurde
erlassen. Dann forderte das Volk wieder dazu auf und erhielt wiederum eine
abschlägige Antwort. Jetzt flohen alle bis auf einen Walker. Man verlangte das
Geld von ihm. Er floh, und man gab die Forderung nach dem Krongeld ganz
auf.19
Das aurum coronarium existierte als Steuer bis ins 4. Jahrhundert. Die
Besteuerung des 4. Jahrhunderts wurzelte in ihren wichtigsten Teilen aber in drei
verschiedenen, eng miteinander verbundenen Arten der Abgabe, die der Staat in
der frühen Kaiserzeit praktizierte. Die erste, die auf die Republik zurückging,
bestand in der Praxis gewaltsamer Beschlagnahmungen von Getreide und
anderen Vorräten für den Bedarf der Armee oder der Beamten zu einem von den
Beamten festgesetzten Preis. Dieses System konnte sehr leicht Anlaß zu
Mißbrauch geben. In den siebziger Jahren wurde von der Bevölkerung in
Britannien Getreide requiriert. Wenn sie es nicht beschaffen konnte, mußte sie
das schon in den Militärspeichern vorhandene Getreide aufkaufen und mit
Verlust wieder verkaufen; umgekehrt wurde sie angewiesen, Getreide nicht an
die nahegelegenen Lager, sondern an entferntere abzuliefern, und sie wurde so
darauf vorbereitet, in bar zu zahlen.20 Plinius führt in seinem im Jahr 100 auf
Trajan gehaltenen Panegyricus aus, daß die Provinzen jetzt (im Gegensatz zu den
Verhältnissen unter Domitian) nicht mehr mit neuen Requisitionen (indictiones)
bedrückt wurden, ehe sie den Tribut bezahlt hatten, und daß der Staat bezahlte,
wozu er nach der Theorie verpflichtet war. Das System wurde natürlich nicht
immer mißbraucht: Papyri bewahren zum Beispiel die von einem Stabssoldaten
(duplicarius) einer Auxiliareinheit in Ägypten in den Jahren 185–186
aufgezeichneten Quittungen für Getreide, das von örtlichen Beamten abgeliefert
worden war, und deren Quittungen für die erhaltenen Geldzahlungen. Aber seit
dem Ende des 2. Jahrhunderts scheint festzustehen, daß die Lieferungen (annona)
für die Armee in Ägypten in Form eines Steuerzuschlages in Naturalien
(einschließlich Wein und Essig und Getreide) beschafft wurden, die örtliche
Beamte ohne Bezahlung einzogen. Für die anderen Teile des Reiches im 3.
Jahrhundert müssen wir uns auf Belege in Gesetzesquellen für indictiones oder

81
intributiones stützen. Das waren gelegentliche Requisitionen (im Gegensatz zu
dem regelmäßigen Tribut) bei Grundbesitzern, die offenbar nicht bezahlt
wurden.
Dann gab es die von Augustus eingerichtete kaiserliche Post (cursus publicus),
einen Poststationendienst mit Fahrzeugen, die Boten (wahrscheinlich immer
Soldaten) und in Staatsdiensten reisende Personen schnell und ohne Bezahlung,
im Reich befördern konnten. An einigen Orten sind die Poststationen vielleicht
vom Staat versorgt worden, wie im Fall der Straße, die Hadrian durch die Wüste
von Antinoopolis am Nil nach Berenike am Roten Meer bauen und mit stationes
und Forts ausstatten ließ. Grundsätzlich war aber auch dies eine Aufgabe, die
den Magistraten der Städte aufgebürdet wurde. Theoretisch war die
Inanspruchnahme des Postdienstes nur den mit diplomata (Ausweisen)
ausgerüsteten Personen gestattet, die der Kaiser persönlich ausgab. Plinius
schrieb im Jahr 110 aus Bithynien an Trajan, um festzustellen, ob abgelaufene
diplomata weiter benutzt werden könnten. Trajan antwortete: »Abgelaufene
diplomata sollten nicht benutzt werden. Darum unterziehe ich mich der wichtigen
Verpflichtung, in die Provinzen neue diplomata abzusenden, bevor sie gebraucht
werden.« Es erübrigt sich, davon zu sprechen, daß einzelne Quellen auf
Personen hinweisen, die den Postdienst ohne diplomata benutzten, die diplomata
fälschten oder als Privatleute diplomata erhielten. Ein einfacher assessor des
Statthalters von Palästina konnte um 230, wie wir später sehen werden, seine
beiden Schwäger abfertigen lassen, die ihn auf dem cursus auf der ganzen
Strecke von Pontus in Nordkleinasien begleiteten. Plinius gab seiner Frau
diplomata, als sie beim Tod ihres Großvaters nach Rom zurückkehrte, und es
wurde ihm von Trajan verziehen, daß er das getan hatte.
Was den cursus betrifft, ist die Hauptschwierigkeit die, daß wir nicht wissen,
ob dieser Begriff nur eine Organisation bezeichnete, die nur für bestimmte
Hauptstraßen bestand – im Gegensatz zu der allgemeinen Praxis der
Dienstforderungen durchreisender Truppen und Beamter. Wenn es vielleicht
auch in der frühen Kaiserzeit ein festes Verbindungsnetz für den cursus gab, so
können wir davon doch keine Karte anfertigen. Daß es an einigen Orten einen
regelmäßigen Postdienst gab, wissen wir am besten aus einer vor zehn Jahren
veröffentlichten Inschrift aus Phrygien, die sich auf einen Streit bezieht, der sich
über die ersten vierzig Jahre des 3. Jahrhunderts erstreckte und zwischen zwei
Dörfern wegen deren Verpflichtung zur Beschaffung von Fahrzeugen und
Zugtieren für den cursus ausgetragen wurde (sie hatten das Pech, in der Nähe
einer wichtigen Straßenkreuzung zu liegen).21 Zunächst wird von einem Verhör
berichtet, wahrscheinlich aus dem Jahr 208, in dem ein Prokurator,
wahrscheinlich ein kaiserlicher Freigelassener, die Aussagen der Repräsentanten
der beiden Dörfer anhörte (alle Parteien sprachen griechisch, aber das Protokoll
wurde in Lateinisch angefertigt), diese prüfte und sein Urteil so fällte, daß jedes
Dorf für die Beschaffung einer Hälfte der Transportmittel entlang der
betreffenden Straßenstrecke aufkommen sollte. Seiner Entscheidung werde von

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einem optio (Unteroffizier) Geltung verschafft werden. Wir besitzen dann die
Briefe des optio an die jeweiligen Dorfältesten, in denen er zur Einhaltung der
Auflagen aufforderte. Ein zweiter Prokurator befahl 213, daß die Streitigkeiten
wegen dieser Frage aufhören sollten, und gewährte einem der beiden Dörfer die
Bitte, einen stationarius (Soldaten mit Polizeibefugnis) dort zu stationieren. Im
Jahr 237 forderte schließlich ein dritter Prokurator zur Befolgung der Order auf.
Kein Text illustriert mit größerer Klarheit das administrative Vorgehen der Zeit,
die Rolle der kaiserlichen Prokuratoren (diese hier sind vielleicht diejenigen
eines kaiserlichen Gutes), die Einsetzung von Soldaten, den Druck der
Staatsnotwendigkeiten auf die Bevölkerung – und die Möglichkeit der
Bevölkerung, Widerstand zu leisten.
Neben dem cursus gab es weitere ständige Belastungen durch die Beschaffung
von Vorräten für Reisende in Staatsdiensten, die ihren Höhepunkt erreichten,
wenn eine Armee oder der Kaiser und sein Hof durchzogen. Aus ägyptischen
Papyri wissen wir von Requisitionen für die Besuche des Germanicus im Jahr 19,
Hadrians im Jahr 130, des Severus in den Jahren 199–200 und Caracallas in den
Jahren 215–216. Inschriften aus griechischen Städten ehren Männer, die die
Verproviantierung von Armeen oder des Hofes auf sich genommen hatten. Im
frühen 3. Jahrhundert diskutiert der Rechtsgelehrte Ulpian den Fall eines
Pächters, der beim Anmarsch einer Armee geflohen war und bei seiner Rückkehr
feststellen mußte, daß die dort einquartierten Soldaten die Fenster und alles
andere abmontiert hatten. Ähnliche Schwierigkeiten entstanden auch aus den
Reisen einzelner Soldaten und Boten, die sich nicht nur in dem Matthäus-
Evangelium widerspiegeln, sondern zum Beispiel auch in der von Epictetus um
108 gemachten Bemerkung: »Wenn eine Transportrequisition (angareia)
stattfindet und ein Soldat deinen Esel ergreift, leiste keinen Widerstand und
murre nicht; denn sonst bekommst du Schläge und verlierst doch deinen Esel.«22
Eine Reihe von Dokumenten aus Thrakien und Kleinasien aus der ersten Hälfte
des 3. Jahrhunderts enthalten Beschwerden über Erpressungen vorbeiziehender
Soldaten, officiales und kaiserlicher Sklaven und Freigelassener.
Diese Periode scheint die Entwicklung einiger stationes entlang den
Hauptstraßen erlebt zu haben. Der zeitgenössische Historiker Cassius Dio klagt,
daß Caracalla (211–217) für sich Halteplätze auch an Straßen bauen ließ, auf
denen er niemals zu reisen beabsichtigte. Eine Inschrift aus Thrakien (Näheres in
Kap. 12) zeigt, wie im Jahr 202 eine statio in ein sogenanntes emporion mit einer
Garnison und einer Einwohnerschaft verwandelt wurde, die aus dem
umliegenden Bezirk abgezogen wurde. Betrachtet man das zusammen mit dem
Auftauchen der annona als einer Steuer in Ägypten und den Gesetzesbelegen für
indictiones oder intributiones als ständigen Belastungen anderswo im 3.
Jahrhundert, so zeigt diese Erscheinung vielleicht den Ursprung des
Steuersystems unter Diokletian an. Diokletian richtete einen Zensus auf einer
neuen Grundlage ein, nahm regelmäßig (fünfjährlich, später fünfzehnjährlich)
indictiones (Steuerveranlagungen) vor und machte die Lieferung von

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Sachabgaben (annona) zur Grundform der Besteuerung. Die Vorräte wurden an
die stationes an den Hauptstraßen abgeliefert und wurden von vorüberziehenden
Truppen oder Beamten verbraucht oder von den schweren Wagen des cursus
publicus zu den Armeen gebracht.
Die Tendenz, bei der Sicherstellung der staatlichen Bedürfnisse die Lasten auf
die Städte abzuschieben, läßt sich auch bei der Rekrutierung für die Armee
beobachten. Zu allen Zeiten scheint es freiwillige Rekrutierung in großem
Umfang gegeben zu haben; die Verpflichtung zum Militärdienst verschwand
aber niemals, und von Zeit zu Zeit fanden in Italien und den Provinzen
Zwangsaushebungen statt. In Trajans Antwort auf einen Brief des Plinius aus
Bithynien über zwei Rekruten (tirones), von denen sich herausstellte, daß sie
Sklaven waren und darum nach dem Gesetz vom Heeresdienst ausgeschlossen
waren, erscheinen ganz klar die drei Methoden der Rekrutierung: »Es besteht ein
Unterschied, ob sie sich als Freiwillige anboten, ausgehoben oder als
Ersatzmänner (vicarii) eingesetzt wurden.« Der Ursprung des Prozesses, durch
den das Angebot von vicarii zu einem System wurde, nach dem die Städte zur
Stellung einer gewissen Zahl von Rekruten, falls nötig, gezwungen waren, bleibt
im dunkeln. Aber selbst im 2. Jahrhundert wird gesagt, daß eine Stadt einen
Landbezirk als Teil ihres Territoriums beanspruchen durfte, aus dem sie
Rekruten entnehmen konnte, während die »Produktion von tirones« im 3.
Jahrhundert eine regelmäßige örtliche Verpflichtung war. Wir haben auch von
einem Dorf in Asia aus dem 3. Jahrhundert Kunde, daß es eine Geldsumme »für
die Rekrutensteuer« verwandte.23 Das sind offenbar die Vorstufen des Systems
aus dem 4. Jahrhundert, in dem die Städte die Verpflichtung hatten, entweder
jährlich eine Zahl von Rekruten oder, in einigen Gebieten, an ihrer Stelle Geld-
das »Rekrutengold« (aurum tironicum) – zu liefern.
Die breite Skala der von den Städten übernommenen Aufgaben wurde von
den Magistraten und Stadträten mit ihren ungenügenden Hilfen und Diensten
oder von anderen Einzelpersonen ausgeführt, denen örtliche munera
(Verpflichtungen) auferlegt waren. Da die Aufgaben für den Staat äußerst
wichtig, für die, die sie erfüllen mußten, aber äußerst beschwerlich waren, wurde
in wachsendem Maß das Augenmerk darauf gerichtet (was sich in den
juristischen Werken des 2. und frühen 3. Jahrhunderts spiegelt, die in vielen
Einzelheiten den Status und den Beruf erörtern, die Freistellung von solchen
Aufgaben mit sich brachten), wer für die Ämter und munera in Frage kam, da
doch allgemein die Bereitschaft zur Übernahme derselben abnahm. Bis zum 3.
Jahrhundert hatte sich die Methode der örtlichen Stellenbesetzung gewandelt; an
die Stelle der Wahl durch das Volk trat die Ernennung durch die
Ratsversammlung und sogar die Nominierung durch andere auf eigene Gefahr.
Ein Mitglied der Ratsversammlung oder ein ehemaliger Träger des betreffenden
Amtes pflegte dann im allgemeinen einen anderen zu nominieren, wodurch er
aber sein Bürge wurde und für Fehlbeträge aufkommen mußte, wenn sich der
andere unfähig erwies, die Kosten seines Postens zu tragen. Während des ganzen

84
3. Jahrhunderts (und nur dann) war einer nominierten Person ein Ausweichen
möglich, wenn sie zwei Drittel ihres Besitzes dem, der sie ernannte, abtrat. Jener
mußte die Aufgabe dann selbst übernehmen. Die Provinzstatthalter, die selbst
Personen zur Ernennung durch die Ratsversammlungen angeben konnten,
beobachteten diese Vorgänge genau, wurden in Streitfällen angerufen und
nahmen oft an Versammlungen des Stadtrates teil, in denen die Ämter vergeben
wurden. Der Druck der Umstände hatte mit anderen Worten bis zu einem
gewissen Grad die führenden Männer der Städte in zurückhaltende Diener des
Staates verwandelt. Die Furcht vor öffentlichen Ämtern spiegelt sich sogar im
Talmud in der Aussage eines palästinensischen Rabbi am Ende des 3.
Jahrhunderts: »Wenn sie dich für die boulē nominiert haben, laß den Jordan deine
Grenze sein.«
Es kann also kein Zweifel darüber bestehen, daß der Druck des Staates auf die
Bevölkerung in der hier behandelten Epoche und besonders an deren Ende
zunahm. Neben diesen wirtschaftlichen und persönlichen Diensten verlangte der
Staat von seinen einzelnen Untertanen auch einen persönlichen Ausdruck der
Loyalität. Die Einrichtungen der Kaiserverehrung waren denn auch kommunaler
Art und wurden von den Städten und Provinzen begründet. Nur in Gallien und
Britannien (die Altäre in Lugdunum, Ara Ubii – später Köln – und der Tempel
des Claudius in Camulodunum) ging die Initiative zu ihrer Begründung von
Rom aus. Sie schlossen Riten und Zeremonien ein, die die führenden Männer
ausführten; es weist aber nichts darauf hin, daß man von allen Bewohnern die
Teilnahme verlangte. Die uns bekannten Loyalitätseide (aus den Jahren 3 v. Chr.,
14 n. Chr. und die beiden aus dem Jahr 37 n. Chr.), bei denen die Götter und (im
Jahr 3 v. Chr.) Augustus beschworen wurden (später »der vergottete Augustus«),
scheinen jedoch einzeln vorgenommen worden zu sein. Wir wissen aber nicht,
ob sie nach 37 weiter abgelegt wurden. Die städtischen Magistrate legten unter
Anrufung des Jupiter, des vergotteten Kaisers und des »Genius« des
herrschenden Kaisers einen Eid ab, und eine große Zahl von Rechtsverfahren
brachte Eide unter Anrufung des Kaisers, seines »Genius« oder seiner »Fortuna«
mit sich.
Damit waren die Voraussetzungen für einen möglichen direkten Konflikt
zwischen dem Staat und den Christen gegeben. Wenn es auch zum Konflikt kam,
so lagen seine Gründe doch tiefer, nämlich darin, daß die Bevölkerung den
Christen deren Ablehnung des gesamten Komplexes von Göttern, Tempeln,
Kulten und traditionellen Ritualen übelnahm, die in allen Gebieten des
kommunalen Lebens der Antike verwurzelt waren.24 Mit ähnlichen
Ressentiments trug man sich gegen die Juden, obgleich man ihre Religionspraxis
als die eines seit langem bestehenden kommunalen Glaubens offiziell akzeptierte
(nur unter Hadrian finden wir ein Verbot jüdischer Sitten wie der
Beschneidung). Das Ressentiment bestand aber weiter, und die zum Beispiel von
einem alexandrinischen Grammatiker, Apion, vertretene Haltung – »Warum
beanspruchen die Juden, Bürger von Alexandria zu sein, wenn sie nicht den

85
gleichen Göttern huldigen wollen wie wir?« – trug in dem Vorgang des Jahres 70
n. Chr. in Antiochia ihre Früchte, als die von einem hellenisierten Juden geführte
Bevölkerung die jüdische Gemeinde mit Gewalt zu zwingen suchte, »in der Art
der Griechen« zu opfern.
Das Christentum kam mit römischen Beamten erstmals in der Person Christi
und des Paulus in Berührung, die Konflikte und mögliche Unruhen zwischen
den jüdischen Gemeinden und ihren Anhängern provozierten. Das Christentum
übte aber schon seine Wirkung auf die heidnische Welt aus. Die Silberschmiede
in Ephesus, die gegen Paulus rebellierten, hatten mehr Anlaß zur Furcht, als sie
ahnten.
Der Bericht des Tacitus verdeutlicht, daß es der Haß des Volkes Nero
gestattete, die Christen in Rom als die Prügelknaben für den großen Brand im
Jahr 64 zu benutzen. Dieser Vorgang wurde in den Provinzen zu der Zeit jedoch
nicht nachgeahmt. Ihm folgte kein allgemeines Gesetz gegen die Christen. Als
Plinius der Jüngere 110 in Pontus des Christentums angeklagte Personen
vorfand, schrieb er an Trajan, um zu erfragen, ob der Name der »Christen« selbst
oder aber die mit dem Glauben angeblich verbundenen Verbrechen Bestrafung
verdienten. Bedeutsam ist, daß das von Plinius gewählte Vorgehen, das auch bei
späteren Verfolgungen Anwendung fand (wie der christliche Apologetiker
Tertullian herausstellen sollte), kein ordentliches Kriminalverfahren war. Die
Angeklagten wurden statt dessen aufgefordert, ihr Christ-Sein zu verleugnen,
die Götter anzurufen, vor einem Bild des Kaisers zu opfern und Christus zu
verfluchen. Wer nachgab, wurde freigelassen (es sei denn, er wäre römischer
Bürger), ohne daß eine ernstliche Überprüfung seiner früheren Praktiken
eingeleitet worden wäre. Das Vorgehen war mit anderen Worten ein Versuch,
die Christen in den Rahmen der heidnischen Gesellschaft zwangsweise
wiedereinzufügen. Nur bei den Christenverfolgungen in Lyon im Jahr 177 (s.
Kap. 8), die mit Volksunruhen und nachfolgenden Denunziationen bei den
Behörden begannen, wurden durch Folterung von Sklaven Beweise für obszöne
Riten und widernatürlichen Geschlechtsverkehr gesammelt, die als Grundlage
zur Bestrafung selbst derjenigen benutzt wurden, die ihrem Christentum
abschworen. Aber trotz des allgemeinen Hasses auf das Christentum, der von
Tacitus, Fronto und Marcus Aurelius gleichermaßen geteilt wurde, hielten die
Behörden an ihrer relativ passiven Rolle fest und versuchten, oft durch
öffentliche Folterung vor großen Menschenmengen, Widerrufungen von den
Angeklagten zu erlangen. Das erste allgemein gültige Edikt erschien im Jahr 202,
als Septimius Severus den Übertritt zum Christentum (und Judentum) verbot;
eine weitverbreitete Verfolgung begann. Dann gab Maximinus (235 bis 238) den
Anstoß zu einer Verfolgung, die sich aber nur gegen die Kirchenführer richtete.
Die erste große allgemeine Christenverfolgung geschah unter der Herrschaft des
Decius (249–251); zumindest in Alexandria waren ihr ein Jahr zuvor gewaltsame
Volksunruhen gegen die Christen vorausgegangen. Die Verfolgung führender
Kirchenmänner war von dem Befehl für alle Bewohner des Reiches, den Göttern

86
zu opfern, Trankopfer auszugießen und von dem Opferfleisch zu essen,
begleitet. Ägyptische Papyri (vgl. Kap. 10) bewahren den Text einiger Zeugnisse,
die denjenigen ausgestellt wurden, die erklärt hatten, daß sie immer den Göttern
geopfert und, wie von Zeugen bescheinigt, die notwendigen Rituale befolgt
hätten. Viele Christen unterwarfen sich und verursachten damit eine schwere
Krise in der Geschichte der Kirche; alle diejenigen, die die Unterwerfung
ablehnten, wurden hingerichtet.
Die Ausbreitung des Christentums und die von ihm in der heidnischen
Gesellschaft verursachten starken Spannungen mußten unvermeidlich
Maßnahmen von seiten des Staates auslösen. Es war jedoch kein Zufall, daß
sporadische örtliche Verfolgungen, die von der Bevölkerung ausgingen, im 3.
Jahrhundert von dem universalen Befehl ersetzt wurden, wenigstens durch einen
symbolischen Akt zur Verehrung der alten Götter zurückzukehren. Der
verzweifelte militärische Kampf um die Mitte des 3. Jahrhunderts brachte den
Versuch hervor, die Einheit der Gesellschaft unter den traditionellen Riten
wiederherzustellen, und beschleunigte das ständige Anwachsen der Aufgaben
des Staates und den Druck auf die Bevölkerung.
6. Die Armee und die Grenzen

Das Zeitalter des Augustus war die letzte große Epoche römischer Eroberungen.
Als er starb, hinterließ er Tiberius den Rat, die Grenzen des Reiches nicht weiter
auszudehnen. Danach gab es nur zwei größere Kriege, die zu dauerhaften
Erwerbungen führten, zu der Britanniens im Jahr 43 und der Dakiens in den
Jahren 105–106. Die Eroberungen Trajans in Mesopotamien hinunter bis zum
Persischen Golf im Krieg von 113–117 zerrannen schon vor seinem Tod wieder
und wurden sofort danach in aller Form aufgegeben. Die Partherkriege des
Mitkaisers des Marcus Aurelius, Lucius Verus, von 161–165 und des Septimius
Severus von 195–198 brachten jedoch die neue Provinz Mesopotamien hinzu und
weiteten die römische Macht bis zum Tigris aus.
Aber selbst die verhältnismäßig friedliche Periode bis in die zwanziger Jahre
des 3. Jahrhunderts war von ständigen Veränderungen und Entwicklungen in
der Disposition und den Funktionen der Armee und der Beschaffenheit der
Grenzen erfüllt. Man kann nur schwerlich behaupten, daß zu Beginn der Epoche
erkennbare Grenzen existierten. Im Westen standen noch drei Legionen im
Inneren Spaniens, das erst in den Jahren 26–19 v- Chr. endgültig erobert wurde.
Am Rhein standen einzelne Legionslager verstreut, jenseits des Flusses waren
jedoch noch keine Kastelle errichtet. Das Land zwischen den Oberläufen von
Rhein und Donau war noch nicht besetzt, während das erste Legionslager an der
Donau selbst – Carnuntum in Pannonien – erst um 15 n. Chr. entstand. An der
unteren Donau übten die Römer in der Nachbarschaft des Schwarzen Meeres in
den ersten Jahren des Tiberius nur zeitweise die Kontrolle aus. Die wichtigste
Entwicklung der Epoche in diesem Gebiet besteht in einem Vorschieben von
Kastellen und Verbindungslinien vom oberen Rhein und der Donau und in der

87
anschließenden Anlage einer befestigten Linie mit Kastellen, Aussichtsposten,
einer Palisade oder einem Steinwall und einem Graben – mit anderen Worten in
der Schaffung einer festen sichtbaren Grenze. Hier, wie bei ähnlichen Anlagen in
Britannien – dem Hadrianswall und dem Antoninenwall –, hängt die
Militärgeschichte im wesentlichen von der Archäologie ab. Besonders seit dem
Zweiten Weltkrieg sind die »Grenzstudien« zu einem selbständigen Zweig der
Geschichtswissenschaft geworden, die sich nicht nur mit der physikalischen
Struktur der Grenzen beschäftigen, sondern auch mit der Geschichte und
Verteilung der dort dienenden Militäreinheiten, der Sozialentwicklung der hinter
den Grenzen entstandenen Gemeinden und den Vorkehrungen, die zur
Kontrolle der jenseits der Grenzen lebenden Barbaren getroffen waren. An der
unteren Donau und in Dakien ist viel weniger von den Grenzanlagen bekannt.
Luftaufnahmen haben in Africa aber ein verwickeltes System von Straßen,
Kastellen und Siedlungen enthüllt, die mit dem »Fossatum« in Verbindung
stehen, einem Graben und einer befestigten Linie, die sich durch die Wüste
Südalgeriens erstrecken.1 Die Sozialentwicklung des römischen Africa, d.h. im
wesentlichen die Ausdehnung der Siedlungskultur, hing, wie wir in Kap. 9 sehen
werden, in der Hauptsache von dem stetigen Vordringen der Legion III Augusta
nach Südwesten, ihren Straßenbauten und ihrer Einkreisung von
Gebirgsregionen ab. Das Datum (oder die Daten) für den Bau des »Fossatum«
sind jedoch noch unbekannt und bedürfen archäologischer Forschungen an Ort
und Stelle.
Weiter im Osten, in Tripolitanien, wurden in der ersten Hälfte des 3.
Jahrhunderts die drei entferntesten römischen Kastelle gebaut. Dieses Gebiet gibt
dem Forscher eine heilsame Warnung. In Verbindung mit diesen guterhaltenen
römischen Kastellen in der Wüste stehen in weitem Umkreis die Überreste von
Bauernhäusern, die offenbar befestigt waren. Früher glaubte man, daß es sich
hierbei um Siedlungen von limitanei handele (die in Wirklichkeit erst seit dem
frühen 5. Jahrhundert sicher belegt sind) – sogenannten »Soldaten-Bauern«, die
vom Staat auf Grundstücken im Grenzgebiet angesiedelt wurden mit der
Verpflichtung, zu ihrer Verteidigung zu kämpfen. Nähere Nachforschungen
haben aber ergeben, daß dieses Gebiet, das jetzt Wüste ist, im wesentlichen von
einem wohlhabenden punischsprechenden Bauernvolk besiedelt wurde, noch
ehe die römischen Kastelle entstanden.2 Die Schimäre der »Soldaten-Bauern« hat
die Erforschung der römischen Grenzen in Verwirrung gebracht; sie haben in
Wahrheit keinen Platz in dieser Periode.

88
 Abb. 3: Das römische Reich im Jahr 14 n. Chr.

 Abb. 4: Das römische Reich im Jahr 214 n. Chr.

Im Osten stand Rom bis in die zwanziger Jahre des 3. Jahrhunderts der
sinkenden und im ganzen bewegungslosen Macht Parthiens gegenüber. Die

89
beiden Mächte stritten um die Vorherrschaft in Armenien und lagen etwa jedes
halbe Jahrhundert miteinander im Krieg. Wichtig war die stetige Absorption der
hellenisierten Klientel-Königreiche: Kappadokien im Jahr 17, Gesamt-Judäa
endgültig im Jahr 44, Kommagene im Jahr 72 und Nabatäa im Jahr 106. Der
reiche Stadtstaat Palmyra wurde im 2. Jahrhundert ganz absorbiert, ebenso wie
das Königreich Osroene mit seiner Hauptstadt Edessa, die Caracalla (211–217)
zur römischen colonia machte. Zu Beginn der Periode waren alle vier Legionen
des Ostens im Inneren Syriens stationiert. So etwas wie eine Grenze entstand, als
Vespasian zwei Legionen unter einem konsularischen Statthalter nach
Kappadokien verlegte und eine weitere Legion bei Jerusalem aufstellte. Der
Absorption Nabatäas im Jahr 106 folgten die Stationierung einer Legion in Bostra
und der Bau einer Straße von Damaskus durch Transjordanien nach Eilat am
Roten Meer. Um 160 wurde diese Grenze weiter den Euphrat hinunter
ausgedehnt und um 200 bis zum Tigris. Hier stützte sich die Verteidigung, im
Unterschied zu anderswo, vornehmlich auf befestigte Städte: Nisibis, Singara
und später Hatra.3 Aber auch hier haben Luftaufnahmen ein dichtes Netz
römischer Kastelle in der syrischen Wüste und in Mesopotamien erkennen
lassen; wiederum kann über die Entwicklung des Systems nichts Sicheres gesagt
werden, ehe nicht ausgedehnte Grabungen näheren Aufschluß geben.4
Die breiten Entwicklungslinien der römischen Grenzregelung sind damit
sichtbar geworden. In den ersten beiden Jahrhunderten der Periode verlagert
sich das Gewicht von Legionen, die (zumindest im Prinzip) zum Angriff
gruppiert sind, auf Legionen und Hilfstruppen, die in ständigen befestigten
Positionen entlang den tatsächlichen Grenzen verteilt sind. Man hat oft auf die
Schwächen dieses Systems hingewiesen. Es diente vor allem der Verhinderung
kleinerer Raubzüge und unerlaubter Grenzübertritte, reichte aber nicht dazu aus,
mit größeren Durchbrüchen an einzelnen Punkten fertig zu werden. Bis zum
frühen 3. Jahrhundert waren keine Legionen an strategisch günstigen Stellen
hinter den Grenzen stationiert.
Eine ganz neue Phase der römischen Militärgeschichte begann in den
zwanziger Jahren des 3. Jahrhunderts mit dem Sturz der Parther durch die neue
persische Dynastie der Sassaniden, die bald in Mesopotamien und Syrien
einfielen. Etwa zehn Jahre später setzte die Reihe barbarischer Angriffe an der
Rhein- und Donaugrenze in voller Wucht ein, die bis zum Ende der Epoche
weitergehen sollte. So entscheidend die Periode war, lassen sich über den
Verlauf der Feldzüge – und noch mehr über die Strukturentwicklung der Armee
– nur in groben Zügen Aussagen machen, und manchmal nicht einmal das.
Dieses Kapitel wird sich im folgenden mit der Grenzentwicklung bis zum
frühen 3. Jahrhundert in den am besten bekannten Teilen des Reiches befassen –
in Britannien, am Rhein, an der Donau und im Osten – und wird dann die innere
Struktur der Legionen und Auxiliareinheiten, ihre Rekrutierung und
Dienstbedingungen, das Leben der Soldaten, die Entlassung und so weiter
behandeln. Diese Einzelheiten sind nicht nur von militärischer Bedeutung. Die

90
gut belegte Sozialgeschichte der Armee ist allein schon von Interesse. Aus
Gründen, die im ersten Kapitel genannt wurden, stellte die Armee einen
bedeutsamen Faktor im Rahmen der Sozialgeschichte der Kaiserzeit dar.
Schließlich wird etwas über die wichtigen militärischen Entwicklungsvorgänge
in dem kritischen halben Jahrhundert zwischen 230 und 284 gesagt werden. Die
Einzelheiten dazu gehören aber zur Geschichte der einzelnen Gebiete, da die
Invasionen die Sozialgeschichte der Provinzen fundamental berührten.
Der Invasion Britanniens im Jahr 43 mit drei Legionen vom Rhein und einer
von der Donau folgte die schnelle Unterwerfung Süd- und Mittelenglands (die
nur von dem Aufstand der Boudicca in den Jahren 60–61 ernstlich unterbrochen
wurde). In Wales, Nordengland und Schottland war das anders. Das Klientel-
Königreich der Brigantes in Nordengland, das sich zuletzt vielleicht auf die
riesige Fliehburg von Stanwick in Yorkshire stützte, die eine Fläche von 600
Morgen bedeckte, bestand bis 69, als innere Unstimmigkeiten die Königin
Cartimandua zwangen, die Hilfe römischer Auxiliartruppen zu suchen. Die
Brigantes wurden schließlich im Jahr 71 unterworfen. Damit ging die
Möglichkeit verloren, sie als Pufferstaat zur Vermeidung weiterer Kämpfe im
Norden zu benutzen.5 Im Westen waren Legionslager am Severn errichtet und in
den vierziger und fünfziger Jahren Angriffe gegen die Bergstämme geführt
worden, die Spuren von mindestens einem Kastell aus der Claudischen Periode
hinterließen und mit der Einnahme des druidischen Zentralheiligtums auf der
Insel Anglesey in den Jahren 60–61 ihren Höhepunkt fanden. Die endgültige
Eroberung der walisischen Halbinsel folgte 74–78, als eine Legion in Südwales in
Caerleon und eine zweite in Chester in Nordwestengland nahe der walisischen
Grenze stationiert wurden. In Wales selbst haben archäologische Arbeiten eine
Reihe von Auxiliar-Kastellen an Flußmündungen oder strategischen Punkten in
den Bergtälern ausgewiesen, die mit Straßen verbunden waren. Die spätere
Geschichte dieser Kastelle ist umstritten; die verbreitete Ansicht, daß viele von
ihnen im 2. Jahrhundert (als nicht mehr notwendig) aufgegeben wurden, ist
vielleicht unzutreffend.6 Es gibt auf jeden Fall Spuren der Zerstörung am Ende
des 1. Jahrhunderts und wieder ein Jahrhundert später. Abgesehen von der
militärischen Besetzung machte die Romanisierung in Wales keine echten
Fortschritte.
Im Norden brachten die Feldzüge des Schwiegervaters des Tacitus, Agricola,
in den Jahren 78–84 ein Netz römischer Kastelle bis zum Rande des Hochlands.
Hier haben jüngste Ausgrabungen den gesamten Grundriß eines Legionskastells
enthüllt, das am Nordufer des Tay, am Torweg zum Hochland, nicht vor 83
gebaut und um 90 systematisch abgerissen wurde. Das von einem Steinwall
umgebene Lager war sicherlich als Dauerstellung gedacht, wurde aber niemals
fertiggestellt. Die Tore waren noch aus Holz, nicht aus Stein, das Haus des
legatus der Legion wurde nie gebaut, und die Schürlöcher der Badehäuser
wurden niemals beheizt. Als das Lager abgebrochen wurde und die Balken
offenbar zu den weiter südlich gelegenen Basen verschifft wurden, vergruben

91
die Soldaten sorgfältig eine dreiviertel Million Nägel aller Größen, die bis vor
wenigen Jahren unentdeckt blieben. Das weist ganz deutlich auf eine Änderung
des Planes hin, die ohne Zweifel mit dem Abzug einer der vier britischen
Legionen in den achtziger Jahren zusammenhängt. Den Mittelpunkt der
nördlichen Verteidigung bildete jetzt das Kastell von Newstead im Tiefland, das
mit Hilfstruppen und Legionsabteilungen besetzt war. Um 100 wurden dieses
und alle anderen Tieflandkastelle offenbar durch Feindeinwirkung
niedergebrannt.
Danach bleibt das Bild bis zum Bau des Hadrianswalles im dunkeln (obgleich
durch das Verschwinden der neunten Legion aus York bis 122 eine weitere
Niederlage wahrscheinlich scheint).7 Bald nach Hadrians Besuch in Britannien
im Jahr 122 wurde wahrscheinlich mit dem Bau des Walls begonnen, der eine
120 km lange Verbindung zwischen Tyne und Solway darstellte, etwa 5 m hoch
war, einen vorgelagerten Graben, alle 500 m Wachttürme und im Abstand von
1,5 km Tortürme hatte. Während der Bauzeit wurden die hinter dem Wall
gelegenen Auxiliarlager, viele von ihnen für die Reiterei, näher an den Wall
herangebracht. Im Westen bildeten Kastelle weiterhin die Verteidigungslinie
entlang der Küste. Drei andere Kastelle lagen vor dem Wall, und die größte
Einheit in diesem Gebiet, eine Schwadron (ala) von 1000 Reitern, war auf dem
Wall selbst stationiert. Hinter den Kastellen lag das sogenannte »Vallum«, ein
breiter Graben mit Dämmen und scharf bewachten Übergängen, der der ganzen
Länge des Walls folgte; sein Zweck ist noch nicht geklärt.
Unter Hadrians Nachfolger Antoninus Pius (138–161) wandelte man den
ganzen Plan ab. Man verschob die Grenze auf die Forth-Clyde-Linie, wo auf ein
Steinfundament ein Rasenwall mit einem vorgelagerten Graben und Kastellen in
gewissen Abständen gebaut wurde. Die Wachttürme auf dem Hadrianswall ließ
man unbesetzt; man durchbrach das »Vallum« an mehreren Stellen und entfernte
die Türen in den Tortürmen. Zivile Siedlungen begannen sich um die Kastelle zu
entwickeln. Der Antoninenwall zeigt Spuren der Zerstörung von wahrscheinlich
zwei getrennten Angriffen und wurde schließlich überrannt und um 166–167
aufgegeben.8 Zehn Jahre später entfesselte eine zweite Invasion, die weit nach
Süden vordrang, große Kräfte, um den Hadrianswall und seine Kastelle zu
zerstören. Wiederaufbau und Strafexpeditionen folgten, die in den von Severus
und seinen beiden Söhnen zwischen 208 und 211 befehligten Zügen ihren
Höhepunkt fanden. Zu dieser Zeit machte man den Hadrianswall wieder zur
wichtigsten Grenze mit einer verstärkten Garnison. Die Grundlage des
severischen Systems bildeten jedoch die stark besetzten Vorposten jenseits des
Walls, die mit halbberittenen Kohorten und irregulären Einheiten der exploratores
bemannt waren. Dieses System brachte den Frieden. In der Nähe des Walls und
um die Vorposten entwickelten sich zivile Ansiedlungen. Wenn es auch nur
geringe Spuren einer Romanisierung der Menschen in Südschottland gibt, so
wird doch für den Rest der Periode von keinen weiteren Kämpfen berichtet.

92
Die große Katastrophe von 9 n. Chr., durch die drei Legionen unter Varus
verlorengingen, überschattete die römische Aktivität am Rhein und der oberen
Donau und machte die Hoffnung zunichte, Germanien bis zur Elbe als römische
Provinz einzurichten. Tiberius’ Neffe und Adoptivsohn Germanicus führte in
den Jahren 14–16 ergebnislose Feldzüge. Danach verließ man sich in der
Hauptsache auf Diplomatie, Unterstützung romanisierter Führer der freien
Germanen und gelegentliche Machtdemonstrationen. Am Niederrhein (die
Militärbezirke am Nieder- und Oberrhein wurden unter Domitian die Provinzen
Germania Inferior und Superior) blieb während der gesamten Epoche die
Flußlinie die Grenze. Die Besatzung von vier Legionen, die von
Auxiliareinheiten in Kastellen am Rhein unterstützt wurde, reduzierte Domitian
auf drei und Trajan auf zwei Legionen, als das nördlichste Legionslager,
Noviomagus (Nimwegen), das seit dem batavischen Aufstand (69–70) besetzt
war, ein Auxiliarkastell wurde. Im 2. Jahrhundert bestanden dauernde
Legionslager in Bonn und Vetera (Xanten). Neben den Auxiliarlagern gab es am
Rhein die römischen Veteranenkolonien in Köln, das 50 n. Chr. begründet
wurde, und Xanten (Colonia Ulpia Traiana), das unter Trajan begründet wurde.
In Holland entstanden im Gebiet der Bataver und Canninefaten wahrscheinlich
im 2. Jahrhundert zwei municipia. Diese sind vermutlich durch die fränkische
Okkupation um 260 verschwunden. Die beiden Kolonien weiter stromaufwärts
blieben jedoch bis ins 4. Jahrhundert von Truppen besetzt.
Am Oberrhein traten im späten 1. und im 2. Jahrhundert grundlegende
Veränderungen ein. Aus der Zeit Vespasians (69 bis 79) hören wir von Kämpfen,
der Vorverlegung von Kastellen über den Strom und dem Bau einer Straße von
Straßburg zur oberen Donau. Erstmals drangen die Römer im Krieg Domitians
gegen die Chatten im Jahr 83, den die Zeitgenossen als eine Posse ansahen,
weiter vor; er führte jedoch im Main- und Taunusgebiet zur Einrichtung einer
Grenzlinie mit hölzernen Wachttürmen und Steinkastellen. In der folgenden
Jahrhunderthälfte schob man vom Oberrhein und der Donau Auxiliarkastelle
vor, so daß Tacitus um 100 das Gebiet zwischen den beiden Flüssen als Provinz
beschreiben konnte. Unter Hadrian (117–138) kam es zu drei bedeutsamen
Entwicklungen: der Verlegung aller Auxiliareinheiten entlang der Grenzlinie,
dem Ausbau einer sichtbaren Grenze in Form einer Holzpalisade und dem
Auftauchen irregulärer Einheiten, die numeri hießen. In der Mitte des 2.
Jahrhunderts verlegte man die obergermanische Grenze (limes) 30 km vor, damit
sie von Wörth bis Lorch, wo sie auf den Rätischen Limes stieß, eine gerade Linie
bildete. Die rätische Grenze, eine Palisadenbefestigung (im frühen 3. Jahrhundert
als Steinwall neu aufgeführt), die von Auxiliarkastellen gestützt wurde, lief in
etwa ostwärts und traf südwestlich von Regensburg auf die Donau; hier wurde
nach den Kriegen gegen die Markomannen in den Jahren 179–180 eine Legion
stationiert. Bis zum 2. Jahrhundert wurden zwei der vier Legionen, die vor 70
den Oberrhein bewacht hatten, nach Mainz und Straßburg verlegt.

93
In der ganzen Periode kam es nur zu wenigen Kampfhandlungen am Rhein,
obwohl kurze Einfälle um 162 und 174 erwähnt werden. Größere Kämpfe
ereigneten sich nicht vor 213, als Caracalla von Rätien und Obergermanien einen
Doppelangriff auf die Alemannen unternahm, die jetzt erstmals in der Nähe der
römischen Grenze auftauchten.
An der mittleren und unteren Donau, an den Provinzgrenzen Pannoniens und
Mösiens, war die römische Kontrolle 14 n. Chr. noch unvollkommen. Die drei
pannonischen Legionen waren im Südwesten der Provinz, unweit der italischen
Grenze stationiert. Auxiliareinheiten hielten die Kastelle von Aquincum
(Budapest) und Arrabona an der Donau besetzt, das erste Legionslager, in
Carnuntum, wurde dort aber erst 14–15 eingerichtet. Danach kam es bis zu den
Kriegen Domitians (81–96) zu keiner Stärkung der pannonischen Donaufront.
Man stützte sich hier wie am Rhein auf Klientelfürstentümer. Als der
markomannische König Maroboduus im Jahr 19 bei den Römern Zuflucht
suchte, ging die Kontrolle über die Gebiete nördlich der oberen Donau auf die
Sueben über. Ein ihnen von Rom vorgesetzter König hielt sich bis 50 und seine
Nachfolger (einer hieß Italicus) erwiesen sich noch 69–70 loyal. Auch in Mösien
scheinen die Legionen anfangs weit südlich der Donau stationiert gewesen zu
sein. Hier folgten dem ersten, im Jahr 15 errichteten Legionslager an der Donau
aber bis zur Mitte des Jahrhunderts drei weitere nach.
Größere militärische Veränderungen traten erst unter Domitian ein und waren
eine Folge des Anwachsens des dakischen Königreiches (s. Kap. 15) als einer
feindlichen Militärmacht. Die Kämpfe begannen im Jahr 85 mit einer dakischen
Invasion Mösiens, in deren Verlauf der Statthalter getötet wurde. Im folgenden
Jahr wurde Mösien in zwei Provinzen (Moesia Inferior und Superior) mit je zwei
Legionen geteilt; Domitian kam selbst nach Mösien, und der Prätorianerpräfekt
Cornelius Fuscus wurde auf Feldzügen nach Dakien getötet. Zum ersten
größeren Erfolg kam es erst im Jahr 88 durch den großen Sieg von Tapae in
Dakien. Mit Dakien, dessen König ein Diadem, Geld und technische Hilfe von
Rom erhielt, wurde jetzt Frieden geschlossen. Die Kämpfe mußten aber gegen
die Sueben und auch die sarmatischen Jazygen (die sich jetzt in dem mittleren,
von Nord nach Süd sich erstreckenden Teil der großen Ebene zwischen Dakien
und Donau niedergelassen hatten) weitergeführt werden. Im Jahr 92 überquerten
sie die Donau und vernichteten eine Legion, wurden von Domitian aber im
gleichen Jahr geschlagen.
In dieser Epoche wurde ein zweites Legionslager an der pannonischen Donau
in Aquincum gebaut. Ansonsten bleiben unsere Kenntnisse von
Truppenbewegungen bis nach den beiden Dakerkriegen Trajans (101–102 und
105–106) und der Einrichtung Dakiens als einer Provinz im Jahr 106
unvollständig. Über den Verlauf der beiden Kriege ist wenig bekannt. Der erste
endete mit der Okkupation des ganzen Südteils Dakiens einschließlich der
Hauptstadt Sarmizegethusa durch vielleicht mehr als eine Legion. Als dann nach
Verletzung des Friedensvertrags durch den dakischen König Decebalus der

94
Krieg erneuert wurde, fiel der Kommandeur der römischen Besatzungstruppen
in dakische Hände. Heftige Auseinandersetzungen folgten, ehe aller Widerstand
überwunden war. Am lebendigsten geben die Reliefs auf der Trajansäule in Rom
Zeugnis von den Kämpfen (wenn auch nicht für eine Erzählung über die
Feldzüge). Dort ist beispielsweise zu sehen, wie die große Brücke über die Donau
gebaut wird, die Armee ihr Lager aufschlägt, Kämpfe gefochten werden, der
Sturm auf Sarmizegethusa durchgeführt, dakische Gefangene ins Lager kommen
oder ein römischer Legionär den Haarschopf eines abgeschlagenen Dakerkopfes
zwischen den Zähnen hält.9
Die Erfolge dieses Feldzuges begründeten die Dauerform römischer
Verteidigung an der mittleren und unteren Donau. Pannonien wurde jetzt
aufgeteilt: in Ober-(West-)Pannonien standen drei Legionen an der Donau (in
Vindobona [Wien], Carnuntum und Brigetio), in Unter-Pannonien eine in
Aquincum. Zwischen den Legionen waren an der Donau 23 Auxiliareinheiten
verteilt. Zwei Legionen blieben an der Donau in Ober-Mösien. Im unteren
Mösien blieb eine Legion in Novae; eine zweite kam vom Rhein nach
Durostorum, wo sich die Donau wieder nach Norden wendet, und eine dritte
wurde von Oescus nach Troesmis in der Nähe des nördlichsten Punktes des
Flußlaufs verlegt, wo sich die Donau endgültig zum Schwarzen Meer hinwendet.
In Dakien standen eine Legion im zentral gelegenen Apulum und zwölf
Auxiliareinheiten. Die große Ebene im Westen und die Walachei im Osten und
Südosten der Provinz blieben unbesetzt, aber scharf bewacht. Im Westen liefen
römische Straßen von Aquincum und im Osten nahe der Stadt Troesmis nach
Dakien. Innerhalb eines halben Jahrhunderts kam es so zur entscheidenden
Verschiebung des militärischen Gewichts vom Rhein zur Donau, wo jetzt mehr
als ein Drittel der Legionen des Reiches lag. Außer in Dakien wurden alle
Einheiten einschließlich des größten Teils der Hilfstruppen an der Grenze selbst
stationiert.
Obwohl es zu gelegentlichen Kämpfen kam, gab es in diesem Abschnitt des
Reiches bis zu den Markomannenkriegen von 166/67–175 und 177–180 keinen
größeren Krieg. Rom hielt den engen Kontakt zu den Stämmen jenseits der
Grenze aufrecht, indem es zum Beispiel Subventionen an die Roxolanen in der
Walachei vergab und den König der Quaden zwischen 140 und 142 krönte. In
den sechziger Jahren des 2. Jahrhunderts zog aber Lucius Verus beträchtliche
Kräfte für den Partherkrieg ab (s. unten). Der »Markomannische« Krieg (- der
Einfachheit halber so benannt – viele verschiedene Stämme nahmen an ihm teil)
begann mit der Invasion Ober-Pannoniens durch Langobarden und Ubier in den
Jahren 166–167. Diese konnte zurückgeschlagen werden. Es folgte aber eine weit
größere Invasion der Markomannen, Quaden und Jazygen, die ganz Pannonien
und Norikum traf und selbst Norditalien erreichte. Die Einzelheiten der Kämpfe
bleiben wiederum im dunkeln. Bis zum Jahr 171 übernahmen die Römer wieder
die Initiative, und zwischen 172 und 175 (der auf der Säule des Marcus Aurelius
in Rom porträtierten Periode)10 gelang es dem Kaiser, diese Stämme zu

95
besiegen. Entsprechend den Friedensbestimmungen gaben sie Zehntausende von
Kriegsgefangenen und Deserteuren zurück, siedelte sich eine große Zahl ihrer
eigenen Völker in den Provinzen und in Italien an und stellten sie eigene
Truppenverbände. 5500 sarmatische Reiter wurden nach Britannien geschickt.
Markomannische, quadische und naristische Kavallerie kämpfte bei der
Niederwerfung des Aufstandes des Avidius Cassius in Syrien im Jahr 175. Das
Grenzsystem wurde durch Stationierung zweier neu rekrutierter Legionen an
der Donau in Rätien und Norikum und Verlegung einer Legion von Troesmis in
Moesia Inferior nach Potaissa in Norddakien gesichert. Die wichtigen feindlichen
Stämme wurden gezwungen, das an die Donau angrenzende Gebiet zu
evakuieren; die Jazygen durften sich nur unter Aufsicht versammeln und
konnten ihre eigenen Schiffe und das Land auf den Donauinseln nicht nutzen.
Zwischen 177 und 180 kam es zu weiteren Kämpfen, in deren Verlauf römische
Truppen bis Trenčin in der heutigen Tschechoslowakei vordrangen und dort den
Winter von 179 auf 180 verbrachten. Die Auseinandersetzungen endeten
eigentlich (obwohl es einige weitere Konflikte in den achtziger Jahren des 2.
Jahrhunderts gab), als Commodus Alleinkaiser wurde und 180 Frieden schloß.
Die Bedingungen lauteten ganz ähnlich und betrafen die Rückgabe der
Gefangenen und Flüchtlinge, die Stellung von Soldaten, das Abhalten von
Versammlungen unter römischer Militäraufsicht und die Evakuierung der
befestigten Plätze innerhalb der demilitarisierten Zone.
In den folgenden fünfzig Jahren kam es weiter im Osten, in Dakien und
Moesia Inferior, zu Zusammenstößen mit den Barbaren. Die
Verteidigungsanlagen wurden wiederaufgebaut und verstärkt. Im Grund aber
blieb das Verteidigungssystem, wie es nach den Markomannenkriegen gewesen
war, bis in den späten dreißiger Jahren des 3. Jahrhunderts ernstlichere
Invasionen einsetzten.11
Im Osten gab es, wie oben erwähnt, zu Beginn der Periode keine römische
Grenze, obwohl man einen Abschnitt des Euphrat nördlich von Syrien als
Grenze zwischen Rom und Parthien annahm. Im übrigen gab es
Klientelfürstentümer und im Norden das Königreich Armenien, dessen
Kontrolle zwischen Parthern und Römern umstritten war. Eine verwickelte Reihe
diplomatischer Notenwechsel wegen Armenien im 1. Jahrhundert endete mit
einer entscheidenden Demonstration der römischen Vorherrschaft über
Armenien im Jahr 63 und mit einem Kompromiß, durch den ein Mitglied des
parthischen Königshauses als Klientelfürst von Armenien gekrönt wurde, was
man in Rom im Jahr 66 mit großem Glanz feierte. Wichtiger noch waren die
Maßnahmen Vespasians (69–79), der einer vorübergehenden Anordnung für den
Armenischen Krieg Bestand verlieh, indem er Kappadokien (ein
Klientelfürstentum, das im Jahr 17 an Rom gefallen und in der Folge eine von
Hilfstruppen bewachte prokuratorische Provinz geworden war) und einige
Nachbargebiete zu einem Hauptmilitärbezirk unter einem Senator
konsularischen Rangs machte, der zwei Legionen am Euphrat befehligte.

96
Gleichzeitig wurde die Provinz Syrien am Euphratufer im Jahr 72 durch
Annexion des Klientelstaates Kommagene, der an Kappadokien angrenzte, nach
Norden ausgedehnt. Schließlich verlor Judäa nach dem großen Aufstand von 66–
70 den Status einer prokuratorischen Provinz und erhielt einen in Jerusalem
residierenden senatorischen Statthalter mit einer Legion aus Syrien.
Im Jahr 106, unter Trajan, folgte die Annexion des Klientelstaates Nabatäa mit
der Hauptstadt Petra. Auch Nabatäa wurde zur Provinz mit einer Legion, die in
Bostra in Transjordanien stationiert war. Der erste Statthalter Claudius Severus
ließ von Eilat über Bostra zur Grenze Syriens bei Damaskus eine Straße bauen.
Die Arbeiten wurden von Soldaten ausgeführt. Im Februar 107 schrieb ein
Legionär nach Hause an seine Mutter in Ägypten: »Ich bin dankbar ... daß,
während alle den ganzen Tag arbeiten und Steine brechen, ich als principalis
(Unteroffizier) den ganzen Tag umhergehe und nichts tue.«12
Die Bildung einer ständigen Grenze am Euphrat (die von ausgedehntem
Straßenbau in Kleinasien gestützt wurde) und deren Fortsetzung durch die
syrische Wüste an Palmyra vorbei – von wo ein römischer Meilenstein aus dem
Jahr 75 erhalten ist – bis zum Roten Meer bedeuteten, zusammen mit der
gleichzeitigen Stärkung der Donaufront, daß die Donau-Euphrat-Achse hinfort
zum Rückgrat der militärischen Struktur des Kaiserreiches wurde. Damit war
der erste Schritt in Richtung auf eine Verlegung der Hauptstadt von Rom zum
Angelpunkt dieser Achse, nach Byzanz, getan.
Zunächst führte Trajan jedoch einen größeren, wenn auch ergebnislosen
römischen Feldzug, den Parthischen Krieg von 113 bis 117.13 Den Anlaß dazu
gab die Besetzung des Thrones von Armenien durch den parthischen König mit
einem eigenen Kandidaten. Die Einzelheiten der Feldzüge sind sehr umstritten.
Es scheint aber, daß Trajan Armenien eroberte und es 114, ebenso wie
Mesopotamien im Winter 115, zur Provinz machte, die parthische Hauptstadt
Ktesiphon einnahm, im Jahr 116 den Persischen Golf erreichte und zwischen
dem unteren Tigris und Euphrat eine dritte Provinz, Assyria, einrichtete.14 In
den Jahren 116–117 kam es in den nördlichen eroberten Gebieten zu einem
Aufstand, der auf Kosten der Königskrönungen in Armenien und Parthien
unterdrückt wurde. Ob Trajan eine ernsthafte Rückeroberung angestrebt hätte,
läßt sich schwer sagen, denn Krankheit zwang ihn, sich auf römisches Gebiet
zurückzuziehen, wo er im Jahr 117 starb. Sein Nachfolger Hadrian gab sofort alle
Ansprüche auf dessen Eroberungen auf. Der römische Kandidat auf dem
parthischen Thron wurde abgesetzt und ihm das kleinere Königreich Osroene
übertragen, das er ein paar Jahre später sogar auch verlor.
Danach herrschte Frieden bei geringfügigem diplomatischem Verkehr
(römische Münzen erwähnen einen in den frühen vierziger Jahren des 2.
Jahrhunderts »den Armeniern gegebenen« König), bis der parthische König bei
der Thronbesteigung des Marcus Aurelius und des L. Veras im Jahr 161 den
Krieg erklärte und beträchtliche Erfolge errang. Der Feldzug des L. Verus in den
Jahren 162–166 führte aber zur Wiederaufrichtung Armeniens als

97
Klientelfürstentum, der Plünderung Ktesiphons und (wie es scheint) der
Besetzung ganz Nordmesopotamiens bis zum Tigris. L. Veras hat offenbar noch
keine reguläre Provinz eingerichtet, und die spätere Position bleibt unklar. Der
mesopotamische König von Osroene ließ aber jetzt Münzen mit den Bildern der
Mitglieder des Kaiserhauses prägen, und von dem neuen südlichsten Ort am
Euphrat unter römischer Kontrolle, Dura-Europos (s. Kap. n), ist ein lebendiges
Bild der römischen Besetzung erhalten. Die beiden Auxiliareinheiten (eine kam
aus Palmyra), die in den ersten Jahren die Stadt besetzt hielten, wurden im
frühen 3. Jahrhundert verstärkt, als ein Viertel der Stadt durch eine Mauer als
Lager abgegrenzt wurde, ein Hauptquartier und eine Palastresidenz für den
kommandierenden Offizier gebaut und ein Teil eines Tempels als Militärarchiv
benutzt wurde.
In den Bürgerkriegen von 193–194 entglitt Mesopotamien vorübergehend der
römischen Kontrolle. Septimius Severus gewann das Gebiet im Jahr 195 zurück,
machte Nisibis zur römischen »Kolonie«, legte eine Garnison dorthin und
benutzte es also als Grenzbollwerk. Während er mit weiteren Bürgerkriegen
beschäftigt war, die mit dem Sieg von Lyon im Jahr 197 endeten, belagerten die
Parther Nisibis. Severus kehrte 197–198 zurück. Wiederum marschierten Römer
den Euphrat hinunter und plünderten Ktesiphon. Entweder diesmal oder im Jahr
195 wurde Mesopotamien zur Provinz mit zwei neu ausgehobenen Legionen, die
jedoch einem Präfekten aus den Reihen der equites unterstanden.
In den Jahren 215–217 fiel Caracalla schließlich, getreu seiner Personifikation
Alexanders des Großen, in Parthien ein, wurde auf dem Feldzug ermordet und
überließ es seinem Nachfolger Macrinus (217–218), einem parthischen
Gegenangriff Widerstand entgegenzusetzen und Frieden zu schließen. Innerhalb
zweier Jahrhunderte vereinzelter Kämpfe war es somit zu einer sehr
beträchtlichen Ausweitung und Konsolidierung der römischen Kontrolle im
Nahen Osten gekommen – zu einer viel größeren Ausweitung (wenn die
Absorption der Klientelfürstentümer eingeschlossen wird) als in irgendeinem
anderen Bereich. Es ist bezeichnend, daß die Kaiser hier und an der Donau
persönlich ihre Armeen führten. Zwei Kaiser, Claudius im Jahr 43 und Septimius
Severus in den Jahren 208–211, hatten in Britannien gekämpft. Seit Domitian (im
Jahr 83) weilte aber kein Mitglied des Kaiserhauses an der Rheingrenze, bis
Caracalla dort 213 einen kurzen Feldzug führte.
So sahen in Umrissen die Kriege und die Entwicklungen an den Grenzen bis
ins frühe 3. Jahrhundert aus. Wenn man die Organisation und das Leben der
Armee selbst betrachtet, so lag die wichtigste Entwicklung der Periode in der
Verwandlung der Hilfstruppen in reguläre Einheiten und in deren
vorherrschender Rolle bei der Bemannung der neuen festen Grenzen. Damit
hängt die wachsende Bedeutung der neuen regulären Schwadronen (alae) der
Auxiliarreiterei aus 500 oder 1000 Mann zusammen, für die Rom aus der
angeborenen Gewandtheit der Gallier und Spanier und später vornehmlich der
Thraker Nutzen zog, aber auch die Techniken der Barbaren, besonders der

98
sarmatischen und parteiischen Kavallerie, übernahm. Ein höchst wichtiges
Dokument für diesen Entwicklungsprozeß stellt die im Jahr 136 verfaßte Taktik
des Arrian dar, die die Kavallerieübungen der Zeit beschreibt und mit der
Erwähnung der von den Kaisern ausgegebenen Instruktionen zur Beherrschung
der Kampftechnik der Parther, Armenier, Sarmaten, Kelten, Skythen und Räter
endet.15
Das Herz der Armee blieben jedoch die Legionen. Bis 215 waren die 25
Legionen der Armee des Tiberius auf 33 angewachsen, die in ständigen
Steinlagern oder vielmehr Festungen untergebracht waren. Eine Legion bestand
im allgemeinen aus 5000 Infanteristen und 120 Kavalleristen, die in 10 Kohorten
und 60 Zenturien gegliedert waren, die jeweils von einem Centurio befehligt
wurden. Für die Centurionen gab es ein kompliziertes Beförderungssystem, das
auf der Kampfordnung der Jahrhunderte basierte und bis zum höchsten Posten,
dem des primus pilus, führte. Über ihnen standen sechs Legionstribunen im Rang
eines eques, bis auf einen, der ein junger Mann senatorischer Herkunft zu sein
pflegte und in den Senat eintreten wollte. Der Legionskommandeur war ein
senatorischer legatus mit Proprätor- (in der frühen Zeit manchmal Proquästor-)
Status. Dort, wo es nur eine Legion in einer Provinz gab, war derselbe Mann
zugleich legatus der Legion und der Provinz.
Die Legionäre, die grundsätzlich römische Bürger sein mußten, wurden, wie in
Kap. 5 erwähnt, teils durch zwangsweise Aushebung und teils durch
Freiwilligenmeldung gewonnen. Einer der am deutlichsten erkennbaren Züge
der Periode besteht darin, daß sich die Legionen anfangs (vor etwa 70 n. Chr.)
aus Italien oder der romanisierten Narbonensis und Baetica rekrutierten und
schließlich aus den Provinzen, in denen sie stationiert waren, aufgefüllt wurden,
besonders mit Soldatensöhnen, die in den Lagern geboren waren. Es ist jedoch
bezeichnend, daß immer, wenn vollkommen neue Legionen aufgestellt wurden,
diese während der ganzen Periode durch Aushebungen in Italien entstanden.16
Anfangs dauerte die Dienstzeit zwanzig Jahre, auf die fünf Jahre »unter den
Standarten« (sub vexillis) folgten, in denen der einzelne an das Lager gebunden,
aber von den Routinepflichten entbunden war. Vom 2. Jahrhundert an waren
fünfundzwanzig Dienstjahre die Regel. Die Bedingungen des Dienstes werden
am umfassendsten durch die Beschwerden der Legionäre illustriert, die beim
Tod des Augustus in Pannonien meuterten: Die Dienstzeit wurde bis auf dreißig
und vierzig Jahre ausgedehnt, und sogar die Entlassung in aller Form folgte auf
die gleichen Pflichten sub vexillis; die Überlebenden erhielten Sümpfe und
unkultivierte Abhänge als Landlose; sie wurden mit bloßen zehn asses pro Tag
besoldet, womit sie ihre Kleidung, Waffen und Zelte bezahlen und die
Centurionen für Entlastungen vom Dienst bestechen mußten. Zehn asses pro Tag
ergaben 225 denarii pro Jahr (ein denarius entsprach vier sesterces oder sechzehn
asses), die in drei Teilzahlungen von je 75 denarii ausgehändigt wurden. Unter
Domitian (81–96) stieg der Sold auf 300 denarii an und wurde durch Septimius
Severus (193–211) und seinen Sohn Caracalla (211–217) wiederum angehoben.

99
Ein Papyrus ganz vom Ende des 3. Jahrhunderts zeigt, daß die Legionäre später
etwa 600 denarii im Jahr erhielten, die noch immer in drei Abschlägen gezahlt
wurden. Ein Papyrus aus den achtziger Jahren erweist, daß Soldaten, offenbar
Legionäre, drei stipendia pro Jahr von je 248 ägyptischen drachmae erhielten,
wovon für Unterkunft, Ernährung, Stiefel, Bankette und Kleidung feste Beträge
abgezogen wurden. Kavalleristen scheinen sogar auch für ihre Pferde bezahlt zu
haben; aus Dura-Europos sind eine Reihe von Briefen des syrischen Statthalters
aus dem Jahr 208 an den Tribun einer Auxiliarkohorte erhalten, in denen
einzelnen Kavalleristen Pferde zugewiesen und Preise angegeben werden. Die
Abzüge für Verpflegung wurden vielleicht unter Caracalla abgeschafft, die
Belege sind jedoch unklar. Es ist aber erwiesen, daß zumindest die Soldaten der
Hilfstruppen am Ende des 3. Jahrhunderts einen Barzuschuß von 200 denarii im
Jahr für Verpflegung erhielten.
Die reguläre Besoldung gab also wenig Möglichkeiten zu größeren
Ersparnissen. Sie wurde aber durch Bargeschenke aus Anlaß der
Thronbesteigung des Kaisers (zuerst durch Claudius im Jahr 41) und aller großen
zeremoniellen Ereignisse und Jahrestage ergänzt. Die Prätorianerkohorten
erhielten die höchsten Donative; im Jahr 202 feierte Severus das zehnte Jahr
seiner Regierung, indem er jedem Prätorianer (und dem Volk von Rom) 2500
denarii gab, was der Besoldung mehrerer Jahre gleichkam. Die donativa wurden
aber für alle Soldaten zu einem regelmäßigen Element ihrer Besoldung.
Während der ersten beiden Jahrhunderte verbesserten sich die
Lebensbedingungen der Soldaten ganz wesentlich, als die Legionäre zumeist
längere Zeit in den gleichen Lagern blieben, die jetzt alle aus Stein gebaut
wurden und um die bürgerliche Siedlungen (canabae) zu entstehen pflegten,
manchmal in einiger Entfernung und manchmal in unmittelbarer Nachbarschaft
der Wälle. Fast überall lassen sich in der Nähe der Lager Bäder und
Amphitheater finden. Den Legionen gehörten eigene »Territorien«, die die
Legionäre offenbar als Weideland verpachten konnten. Es gibt eine Vielzahl von
Belegen dafür, daß Soldaten Sklaven kauften und verkauften; der Gesetzeskodex
legte sogar fest, daß ein Soldat milde beurteilt werden sollte, wenn er seinen
Urlaub überschritt, um einen entlaufenen Sklaven zu verfolgen. Der Soldat
konnte ein Haus in der Provinz kaufen, in der er diente, aber keinen Grund und
Boden, da er sonst gegebenenfalls durch die Bestellung desselben seine
militärischen Pflichten vernachlässigte; er konnte aber Grund und Boden in
anderen Provinzen erwerben.
Die schwerwiegendste Rechtsunfähigkeit eines Soldaten bestand darin, daß
eine von ihm geschlossene Heirat gesetzlich ungültig war. Diese Regelung war
ein archaischer Überrest ohne moralische Nebenabsichten, traf aber in großem
Maße die gesetzlichen Rechte ihrer de facto Ehefrauen und ihrer Kinder. Hadrian
gestattete den Kindern der Soldaten jedoch, um die Übernahme des väterlichen
Besitzes zu petitionieren, auf den sie keinerlei gesetzliche Ansprüche hatten. Die
Nichtanerkennung der Ehen bestand bis in die Regierungszeit des Septimius

100
Severus fort. Auf einem ägyptischen Papyrus ist zum Beispiel zu lesen, daß der
Präfekt von Ägypten in den Jahren 113–117 den Anspruch einer Frau auf
Wiedererlangung eines Geldbetrages zurückwies, der ihrem verstorbenen Gatten
laut Heiratsvertrag gegeben worden war: »Bei solchem Anspruch kann ich
keinen iudex einsetzen: denn es ist einem Soldaten gesetzlich nicht möglich zu
heiraten.« Es wird damit stillschweigend jedoch anerkannt, daß die normalen
»Formen« einer gesetzlichen Verbindung von Mann und Frau oft beachtet
wurden. Es war deshalb eine Konzession an die bestehende soziale Praxis, als
Septimius Severus (193–211) die Soldatenehen legalisierte.
Bei seiner Entlassung erhielt der Legionär entweder ein Stück Land – entweder
für sich allein oder gelegentlich, bis zur Regierungszeit Hadrians, in einer
regelrechten Veteranenkolonie – oder ein Entlassungsgeschenk, das auf 3000
denarii festgesetzt war. Die Frage, die in der Republik große Schwierigkeiten
verursacht hatte, wie man nämlich Soldaten ansiedeln sollte, wurde zuerst durch
persönliche Gewährung von Grundstücken oder Bargeld durch Augustus gelöst
und dann im Jahr 6 n. Chr. durch Einrichtung einer speziellen Militärkasse zur
Bereitstellung der Geldmittel. Von Tiberius und Nero wird berichtet, daß sie die
Entlassung der Soldaten verschoben, um Zahlungen aus dem Weg zu gehen;
danach scheint das System aber glatt gelaufen zu sein. Die Veteranen stellten
eine privilegierte Klasse dar. Ein Erlaß Domitians (81–96) befreite sie von der
Zahlung der portoria und offenbar davon, in Staatsdiensten reisende Personen zu
versorgen. Die Juristen des späten 2. und frühen 3. Jahrhunderts stellen fest, daß
jene die gleiche Freiheit von den härteren Formen der Strafe wie die decuriones
(Stadtratsmitglieder) besaßen und einige örtliche Lasten nicht auf sich zu
nehmen brauchten. Unsere Quellen, besonders die von der syrischen und der
pannonischen Front, weisen Veteranen als Führer der örtlichen Gemeinschaften
aus. Die verhältnismäßig gute soziale Stellung der Veteranen und der
Zusammenhalt zwischen ihnen werden in einem vor wenigen Jahren
veröffentlichten Papyrus veranschaulicht. Ein kurz vor seiner Entlassung
stehender Soldat schreibt an seinen Bruder in Karanis in Ägypten: »Ich bitte dich,
mit meiner Rekommendation den entlassenen Soldaten Terentianus zu
empfangen, der dir diesen Brief überbringt ... Da er ein vermögender Mann ist
und dort wohnen möchte, habe ich ihm angetragen, daß er für mein Haus im
laufenden Jahr (136) 60 Drachmen zahlt und daß er mein Feld für das kommende
Jahr für 60 Drachmen pachtet ...«17
Die wichtigste Entwicklung der Periode stellte die Formierung regulärer
Hilfstruppen dar, die bei der Bemannung der Kastelle an den sich
herausbildenden festen Grenzen eine große Rolle spielten und mobile Truppen,
besonders natürlich die alae der Kavallerie, gegen barbarische Einfälle abgaben.
Zu Beginn der Periode scheinen die Hilfstruppen noch überwiegend örtliche
Verbände behelfsmäßiger Natur gewesen zu sein, die von ihren eigenen
Häuptlingen befehligt wurden. Die nationalen Verbände von jenseits der
Grenzen wurden auch weiter verwendet: die Mauren unter Lucius Quietus, der

101
in den Kriegen Trajans kämpfte, die Sarmaten, die Marcus Aurelius nach
Britannien schickte, und andere, numeri genannte Barbareneinheiten, die die
auxilia in den Grenzstellungen ergänzten.18 Aber selbst unter Augustus hatte es
nationale Einheiten aus dem Reichsinneren gegeben, die von römischen
Offizieren befehligt wurden; bis zu den siebziger Jahren hatten sich die auxilia zu
regulären, einheitlich bewaffneten Einheiten entwickelt, die in ihren Reihen
Unteroffiziere hatten, die entweder aus den Rängen befördert oder von den
Legionen abkommandiert waren, die Präfekten oder Tribunen mit Ritterrang an
ihrer Spitze hatten und die überall im Reich eingesetzt werden konnten. Der
Wandel wird durch das Auftauchen von diplomata angezeigt, von Urkunden, die
aus zwei aneinandergebundenen beschrifteten Bronzetafeln bestanden, die an
Einzelpersonen ausgegeben wurden und angaben, daß diese anläßlich ihrer
ehrenhaften Entlassung, nach einer Dienstzeit im Normalfall von 25 Jahren, für
sich und ihre Kinder das Bürgerrecht und das Recht zu einer anerkannten
römischen Heirat mit ihren Frauen (die Frauen selbst erhielten das Bürgerrecht
nicht) erworben hätten. Das war die Formel bis zum Jahr 140; danach erhielten
aus unbekannten Gründen nur anschließend geborene Kinder das Bürgerrecht.
Die Rechtsunfähigkeit in bezug auf die Heirat betraf die Hilfstruppensoldaten
genauso wie die Legionäre; und selbst die Bürgerrechtsverleihung vor 140 an die
schon vorhandenen Kinder legitimierte diese nicht. Die Hilfstruppensoldaten
scheinen von der Legalisierung der Heiraten durch Severus jedoch auch
profitiert zu haben.

102
 Abb. 5: Eine Bürgerrechtsurkunde und Berechtigung zum Abschluß einer
gesetzlichen römischen Heirat mit einem Nichtbürger (diploma), die bei der Entlassung
nach 25 Dienstjahren in der Auxiliartruppe oder Flotte ausgestellt wurde. Die hier
abgebildete Urkunde wurde 71 n. Chr. für einen Centurio der Flotte in Ravenna
ausgefertigt. Die beiden Bronzetafeln wurden zusammengebunden, und der Text wurde
sowohl auf die Außen- als auch auf die Innenseite geschrieben.

Mit der Einführung eines regulären Dienstes und der Verlegung der Einheiten
in entfernte Provinzen behielten diese Einheiten ihre nationalen Bezeichnungen
bei, nicht aber (mit einigen Ausnahmen) ihre nationale Rekrutierungsbasis. Seit
dem frühen 2. Jahrhundert ergänzte man die Hilfstruppen an den Grenzen
vorwiegend durch Rekrutierung in nahegelegenen Gebieten, in einer einzigen
Provinz oder einer Gruppe von Provinzen. Thraker wurden auch weiter
besonders für die alae der Kavallerie ausgehoben und an entfernte Grenzen
geschickt; aus dem Osten stammende und an Rhein und Donau stationierte
Einheiten wurden bis ins 3. Jahrhundert hinein aus ihren Heimatgebieten ständig
neu aufgefüllt. So hatte zum Beispiel die cohors I milliaria Hemesenorum civium
Romanorum (die erste Tausend-Mann-Kohorte aus Emesenern, römischen
Bürgern) Soldaten mit orientalischen Namen in ihren Reihen, die ihren
heimischen Göttern von der Mitte des 2. bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts
Weihegaben darbrachten. Die Einheit nannte sich, wie auch andere es in dieser
Periode taten, in aller Form »römische Bürger«. Aber innerhalb der Auxilien, die
sich zunächst aus Nicht-Bürgern zusammensetzten, wurden die Bürgerrekruten
im Gefolge der Ausbreitung des Bürgerrechts in den Provinzen immer mehr die
Regel. Gegen Ende des 2. Jahrhunderts bestand die große Mehrheit der uns
bekannten Auxiliaren aus Bürgern.19
Zufällig wissen wir über das Leben der Hilfstruppen-Einheiten in der
Kaiserzeit mehr als über die Legionen. Es ist beispielsweise der Brief des
Präfekten von Ägypten vom Jahr 103 erhalten, in dem er den Präfekten einer
Kohorte anweist, sechs Rekruten – sämtlich römische Bürger – einzustellen,
deren besondere Kennzeichen aufgeführt werden (für Erkennungszwecke, falls
sie desertieren sollten). Ein anderer Papyrus von 150 gibt in ganzer
Vollständigkeit die Liste einer halb-berittenen Kohorte in Ägypten: sechs
Centurionen, drei decuriones (Unteroffiziere), 94 Kavalleristen, 19 Kamelreiter,
363 Infanteristen. Aus Moesia Inferior sind aus den Jahren 105–108 (das heißt aus
genau oder etwa der Zeit der endgültigen Eroberung Dakiens) die täglichen
Meldungen einer anderen halb-berittenen Kohorte erhalten. Darin wird erwähnt,
daß Männer zur mösischen Flotte oder zur Armee in Pannonien geschickt
wurden, daß ein Soldat ertrank und ein anderer von Banditen getötet wurde, daß
andere zur Beschlagnahme von Kleidungsstücken (offenbar nach Gallien)
gesandt wurden, daß einige Pferde besorgen, wieder andere die Steinbrüche
bewachen sollten, daß Soldaten den Statthalter eskortierten oder im officium des

103
Prokurators standen, auf Wachtposten stationiert, auf Expeditionen über die
Donau eingesetzt wurden, die Kornvorräte begleiteten oder das Vieh
bewachten.20
Dieses Dokument wird an Bedeutung und Lebendigkeit durch die Archive der
20. Kohorte der Palmyraner (einer teilweise berittenen Kohorte von 1000 Mann)
aus Dura-Europos weit übertroffen, die aus dem Zeitraum zwischen 208 und 251
stammen.21 Sie enthalten u.a. die schon erwähnten Briefe, durch die Pferde
zugeteilt wurden, tägliche Meldungen – die das Einsammeln von Gerste, die
Beförderung von Briefen an die Provinzstatthalter, die Holzbeschaffung für die
Badehäuser oder ohne Urlaub abwesende Soldaten betreffen – und gesetzliche
Entscheidungen der Tribunen. Die wichtigste Quelle ist jedoch das sogenannte
Feriale Duranum, ein Kalender der offiziellen römischen Feste und Opfer, die von
der gleichen Kohorte in den zwanziger Jahren des 2. Jahrhunderts beachtet
wurden. Auf dieser Liste, die offenbar in der ganzen Armee Beachtung fand,
überwiegen die Jahrestage, die sich auf die Kaiser selbst beziehen, auf
Thronbesteigungen, Apotheosen, Siege oder Geburtstage. Zur Ergänzung der
schriftlichen Quellen kann sodann das wundervolle Fresko aus dem Tempel der
palmyrischen Götter in Dura-Europos dienen, auf dem der Tribun einer Kohorte
gezeigt wird, wie er den Göttern opfert, den Standartenträger, der das vexillum
hält, neben und die niederen Offiziere der Kohorte hinter sich.
Will man sich ein Bild von dem täglichen Leben einer Hilfstruppen-Kohorte
machen, die an der Grenze am anderen Ende des Kaiserreiches eingesetzt war, so
kann man zur Saalburg im Taunus gehen, die erbaut wurde, als Domitian die
Rheingrenze vorschob, und die man teilweise so rekonstruierte, wie sie im
frühen 3. Jahrhundert in Stein aufgeführt worden war. Die steinerne, von Zinnen
überragte Mauer umschloß Unterkünfte, Magazine, ein Badehaus und ein
Gebäude für den Befehlshaber mit einem von Kolonnaden umschlossenen Hof.
Draußen lagen große Bäder mit Zentralheizung, Tempel und ein Dorf an der
Straße, die zum Haupttor führte. Der Limes verlief etwa 200 Meter nördlich
davon.22 Nichts zeigt deutlicher die Stärke und die gefestigten Verhältnisse an
den römischen Grenzen unmittelbar vor der Katastrophe des 3. Jahrhunderts.
Die römische Armee war so im wesentlichen für Aufgaben der Grenzkontrolle
und zur Eindämmung und zur Rückdrängung barbarischer Bewegungen in
Zonen jenseits der Grenzen stationiert und organisiert. Es stellten sich darum
ganz andere Probleme, zuerst als um 220 die aggressive Sassaniden-Dynastie die
parthische ersetzte und sofort Mesopotamien, Armenien und Syrien angriff und
als dann um 230 die Alemannen gegen die Rhein- und Donaugrenze und die
Goten und andere Völker gegen die untere Donau vordrängten. Um die Mitte
des Jahrhunderts kam es zu weiteren barbarischen Angriffen – von Süden gegen
Africa und Ägypten –, die naturgegeben von geringerer Bedeutung waren. Die
Einzelheiten der Kämpfe werden, soweit das möglich ist, in den Kapiteln über
die einzelnen Teile des Reiches besprochen. Hier soll lediglich die Frage erörtert
werden, wie sich die Armee in einem halben Jahrhundert von Kriegen wandelte,

104
die weitgehend innerhalb der Reichsgrenzen geführt wurden. Aber auch darüber
wissen wir sehr wenig. Es scheint jedoch, daß die Einrichtung einer comitatus
(von comes – »Gefährte«) – einer Gruppe von Einheiten, die den Kaiser in die
Schlacht begleiteten – um die Mitte des 3. Jahrhunderts, vielleicht unter Gallienus
(260–268), entstand. Spätere Autoren erwähnen auf den Feldzügen der Kaiser
Claudius II. (268–270) und Aurelian (270–275) Reitertruppen aus Dalmatinern
und Mauren; ein vom Prokonsul von Africa im Jahr 320 verhörter Christ sagte
aus, daß sein Großvater, ein Maure, als Soldat in der comitatus gedient habe. Aus
Dura-Europos ist wiederum das erste Beispiel einer weiteren charakteristischen
Neueinrichtung des 4. Jahrhunderts bekannt: der dux ripae (Befehlshaber des
Flußufers – des Euphrat), der vor 240 im Amt war. Schließlich fiel, wie in Kap. 4
schon gesagt, in die Jahrzehnte 260–280 der Ausschluß der Senatoren von allen
militärischen Befehlsstellen außer den konsularischen.
Wenn sich im 3. Jahrhundert auch eine reguläre Feldtruppe herausbildete, so
wurde diese Entwicklung unter Diokletian nicht wesentlich fortgeführt, denn
seine Regierungszeit wird auf militärischem Gebiet hauptsächlich durch den Bau
noch stärker befestigter Verteidigungsanlagen an den ausgedehnten Grenzen
gekennzeichnet.
Wenn wir tatsächlich auch in Einzelheiten Unkenntnis über die Armee des 3.
Jahrhunderts eingestehen müssen, können wir doch bedeutsame Wesenszüge
der Reichsverteidigung unterscheiden. Hauptsächlich die Ost- und die
Donaugrenze nahmen die Aufmerksamkeit der Kaiser in Anspruch. Severus
Alexander zog von 231–234, Gordian 242, Valerian von 256/57–260 (als er von
Šāpūr gefangengesetzt wurde) und dann, nach der Vorherrschaft Palmyras im
Osten, von 262–272, Aurelian vielleicht im Jahr 272 und Carus 282–283 gegen
Persien ins Feld. Dagegen kam Severus Alexander im Jahr 235 an den Rhein und
wurde dort ermordet; sein Nachfolger Maximinus führte einen Feldzug gegen
die Alemannen und nahm seine Armee dann nach Pannonien mit. In der
Regierungszeit Valerians befehligte dessen Sohn Gallienus von 254–258 an der
Rheinfront, verließ diese aber 258, um Italien zu verteidigen. 259 wurde dessen
jüngerer Bruder Saloninus, der in Köln zurückgelassen worden war, getötet. Mit
Postumus setzte die Reihe gallischer Kaiser ein, die bis 274 dauerte. Schließlich
kämpfte Probus 277 erfolgreich gegen germanische Invasoren in Gallien. Gallien
wurde nicht aufgegeben, obwohl es mehr als andere Gebiete zu leiden hatte. Die
militärische Aktivität der Kaiser weist ganz deutlich darauf hin, wie sehr sich das
Gewicht des Reiches zugunsten der Donau- und Ostprovinzen verschoben hatte.
Der Zusammenbruch des römischen Reiches im 5. Jahrhundert war in
Wirklichkeit nur der Zusammenbruch der westlichen Provinzen und Italiens.

7. Italien

Die Geschichte Italiens in der Kaiserzeit wird vor allem durch den allmählichen
Verlust der überragenden Stellung charakterisiert, die es zu deren Beginn noch

105
einnahm. In der frühen Kaiserzeit hatte Italien das Privileg der Exemtion von der
direkten Besteuerung inne, das nur von wenigen Städten in den Provinzen geteilt
wurde. Im frühen 3. Jahrhundert konnte aber der Historiker Cassius Dio
vorschlagen, was Diokletian ein Jahrhundert später verwirklichte, daß Italien
ebenso wie die Provinzen besteuert werden sollte. Italien war zum anderen von
der direkten Herrschaft durch römische Beamte ausgenommen (bis 44 wurden
lediglich drei der jährlichen Quästoren mit ziemlich unbekannten Funktionen in
Distrikten Italiens eingesetzt); im 2. und 3. Jahrhundert tauchten dann aber
römische Beamte in den einzelnen Städten, Bezirken und schließlich in ganz
Italien auf. Zu Beginn der Periode breitete sich das für Italien allgemeine
Bürgerrecht ganz allmählich in die Provinzen aus. Daher wurde der Großteil der
Bürgerlegionäre in Italien ausgehoben, besonders in seinem blühendsten Teil, in
der Poebene. Aber schon gegen Ende des 1. Jahrhunderts sank die Zahl der
Italiker in den Legionen so schnell, daß man früher glaubte, Vespasian (69–79)
habe die Rekrutierung aus diesem Gebiet in aller Form eingestellt. Tatsächlich
wurden Italiker auch weiter ausgehoben, und wenn neue Legionen aufgestellt
wurden, wie um 160, füllte man diese ganz durch Aushebungen in Italien. Die
Ausbreitung des Bürgerrechts ermöglichte aber die allgemeine Praxis, nach der
die Rekrutierung für die Legionen in den Provinzen oder Gebieten erfolgte, in
denen sie dienten. Den gleichen Prozeß kann man bei der Bekleidung von
Ämtern durch equites beobachten, von denen im 3. Jahrhundert (nach sehr
ungenauen Zahlen) offenbar nur ein Fünftel Italiker innehatten. Nur im
römischen Senat waren selbst im 3. Jahrhundert beinahe die Hälfte der
Mitglieder, deren Herkunft uns bekannt ist, Italiker. Mit der Abwesenheit des
Kaisers und des Hofes, die durch die Gründung Konstantinopels im Jahr 330
vollendet wurde, sollte der Senat in Rom mit seinem Herzstück aus italischen
Grundbesitzern beträchtliche Macht und Privilegien zurückgewinnen.
Mit diesem Prozeß lief der im Vergleich mit anderen Gebieten des Reiches
relative Zerfall der wirtschaftlichen Position parallel. Die Auswanderung der
Italiker in die Provinzen, die ein Charakterzug der späten Republik und der
frühen Kaiserzeit gewesen war, scheint zu Beginn des 2. Jahrhunderts aufgehört
zu haben. Die rot glasierte italische Töpferware, nach ihrem wichtigsten
Produktionszentrum, Arezzo in der Toskana, als »Aretinische Ware« bekannt,
wurde als Luxusware für den Export im 1. Jahrhundert durch gallische
Tonwaren ersetzt. Die Bruchstücke der etwa 40000000 Amphoren, die heute den
Monte Testaccio in Rom bilden, zur Aufbewahrung von Wein und Olivenöl, die
zwischen 150 und 220 in der Hauptsache aus Spanien importiert wurden,
machen den relativen Zerfall der italischen Landwirtschaft und das Ende der
Vorherrschaft italischer Weine deutlich. Domitian (81–96) versuchte denn auch,
die Kultivierung von Rebstöcken in den Provinzen (nicht aber in Italien) zu
beschränken; sein ausschließliches Ziel bestand darin, den Getreideanbau zu
fördern. Dahinter mag sich aber vielleicht der Wunsch verborgen haben, die
italische Landwirtschaft zu schützen.

106
Darüber hinaus stellten die Zeitgenossen fest, daß die Menschenzahl Italiens
abnahm. Nero (54–68) versuchte, einige süditalische Städte mit Veteranen zu
bevölkern. Nerva (96–98) begann (wir wissen nicht, mit welchem Erfolg), Land
für die Armen in Rom zu kaufen. Trajan (98–117) richtete das einzige
ausgedehnte Sozialprogramm ein, das ein Kaiser einführte, mit dem Projekt der
alimenta, das für den Lebensunterhalt der Waisen in den italischen Städten
gedacht war. Die Besorgnisse der Zeitgenossen spiegeln sich in dem Panegyricus
des Plinius auf Trajan, in dem er von einer Geldverteilung in Rom spricht, in die
im besonderen Kinder einbeschlossen wurden: »Durch deine Fürsorge werden
sie zu deinem Militärdienst heranwachsen ... sie werden ernährt zu unserer
Stärkung im Krieg ... zu unserem Schmuck im Frieden ... mit ihnen werden die
Feldlager, mit ihnen die Stämme (römischer Bürger) wieder aufgefüllt werden.«1
Ein absoluter – im Gegensatz zu einem relativen – Niedergang des
Wohlstandes in Italien läßt sich nicht nachweisen. Für Teile des Südens ist jedoch
bekannt, daß einige, wenn auch nicht alle Städte an Prosperität verloren und
große Gebiete sich ständig wiederholenden Unruhen und Banditenüberfällen,
hauptsächlich durch entlaufene Sklaven, ausgesetzt waren. Die äußeren
Gefahren berührten Italien wenig. Nur im Bürgerkrieg des Jahres 69, für kurze
Zeit im Jahr 168 und wiederum im Bürgerkrieg von 238 kam es zu ernsthaften
Kämpfen, bis dann die Überfälle und Bürgerkriege um die Mitte des 3.
Jahrhunderts einsetzten. Selbst diese scheinen aber nur den Norden der
Halbinsel betroffen zu haben. Soweit wir wissen, wurden in dieser Periode keine
italischen Städte zerstört und kam es zu keiner Verkleinerung der
ursprünglichen Stadtgebiete, wie sich das im 3. Jahrhundert bei vielen gallischen
Städten beobachten läßt. Die Archäologie scheint zu beweisen, daß Italien einem
Muster folgte, das für viele andere Teile des Reiches einigermaßen
charakteristisch ist: Danach nahmen städtischer Wohlstand und städtische Pracht
bis zum 3. Jahrhundert zu, um dann im 3. Jahrhundert zu stagnieren. Wenn
dieser Vorgang in Italien nicht so stark hervortrat, dann teilweise deshalb, weil
nach der Regierung des Augustus keine neuen Städte gegründet wurden und
eine Großzahl der schon bestehenden Städte ihre volle städtische Entwicklung
erreicht hatte. Man könnte als Beispiel Verona wählen, wo das großartige, bis
heute erhaltene Amphitheater, das Theater und die Straßenanordnung, die heute
noch dem Zentrum der Stadt ihre Gestalt geben, schon zur Zeit des Augustus
bestanden. Wenn später auch nur kleinere Verschönerungen vorgenommen
wurden, so kam es andererseits auch zu keiner Verkleinerung und zu keinem
Zerfall. Als Gallienus im Jahr 265 den Wiederaufbau der Stadtbefestigungen
anordnete, verliefen die neuen Mauern etwas weiter draußen als die alten und
wurden sogar noch ausgedehnt, um das Amphitheater mit einzuschließen.2
Italien hat somit noch weniger als die Provinzen eine »Geschichte«. Es kann
weder die sozialen Veränderungen vorweisen, die die Romanisierung und die
Entwicklung des städtischen Lebens begleiteten, noch, bis auf kleine Ausschnitte,
die gedrängte Militärgeschichte des 3. Jahrhunderts, die beinahe alle anderen

107
Teile des Reiches kennzeichnet. Statt dessen sind uns, besonders für die frühe
Periode, weit mehr Informationen über Ackerbau und Grundbesitz erhalten, als
sie uns aus anderen Gebieten zur Verfügung stehen. Vor allem aber liegen auf
italischem Boden die beiden Städte Pompeji und Ostia, die von allen Städten des
Altertums in ihren Einzelheiten bekanntesten; die erstere sehen wir so, wie sie in
dem Augenblick aussah, als der Vesuv im Jahr 79 ausbrach, die andere ist in
ihrem heutigen Erscheinungsbild weitgehend das Produkt des Wiederaufbaus
und der Entwicklung in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts.
Vom Beginn unserer Periode ist eine vollständige Beschreibung Italiens im
fünften und sechsten Buch der Geographie Strabos erhalten, die mit dem
wohlhabenden Po-Tal anfängt, das Getreide, Eicheln (zur Schweinefütterung),
Pech, Wein und Wolle hervorbrachte und reiche Städte besaß, von denen
Patavium (Padua) mehr als 500 Männer beherbergte, deren Besitz groß genug
war, um sie unter die römischen equites einzureihen. Strabo beschreibt dann das
gebirgige Ligurien mit seiner in Dörfern zerstreuten Bevölkerung; das sabinische
Land von Rom tiberaufwärts mit seinen Oliven, Weinen, Eicheln, Vieh und den
berühmten Maultieren von Reate; Rom selbst und im Süden davon Latium und
Kampanien, wo sich vornehmlich die Gutshäuser und Villen der römischen
Aristokratie befanden. Die griechischen Städte des Südens hatten inzwischen
weitgehend ihre griechischen Einrichtungen und ihre eigene Kultur verloren und
waren von den Italikern absorbiert worden (was Strabo »Barbarisierung« nennt).
Besonders Neapel aber behielt seine gymnasia und Festspiele bei und wurde
häufig von Römern besucht, die Geschmack am griechischen Leben gefunden
hatten. Unter ihnen war auch Augustus, der kurz vor seinem Tode im Jahr 14
dort weilte, um den dort zu seinen Ehren eingerichteten Spielen beizuwohnen.
Das 1. Jahrhundert scheint im großen und ganzen eine Periode des Friedens
und der Prosperität gewesen zu sein. Aus dem Norden, von den Ausläufern der
Alpen, sind uns Zeugnisse für die Ausweitung der Romanisierung auf einige
Bergstämme erhalten, die noch kein Bürgerrecht besaßen. Denn durch ein von
seiner Villa in Baiae (Kampanien) ausgestelltes Edikt verlieh Claudius einigen
Alpenstämmen das Bürgerrecht, die zuvor dem municipium Tridentum (Trient)
»zugeteilt« (für Zwecke der Rechtsprechung) waren oder in anderer
Abhängigkeit standen; ihre Volksangehörigen hatten sich nicht nur unlöslich mit
den Tridentinern vermischt, sondern waren, gleich anderen Bürgern, in die
Prätorianerkohorten aufgenommen worden, stiegen zum Centurio auf und
dienten in einigen Fällen sogar als ritterliche Geschworene in Rom. Claudius
verkündete, obgleich ihr Anspruch auf Bürgerrecht keine legale Basis besäße,
wäre es am besten, dieses als Tatsache anzuerkennen.3
Eine Vorstellung von dem Zustand des Ackerbaus in Mittelitalien vermittelt
Junius Columella, ein Einwanderer aus Gades, der an drei Orten in Latium und
wahrscheinlich an einem weiteren in Etrurien Besitzungen hatte und der gegen
60 ein Lehrbuch über Ackerbau schrieb. Darin gibt er Ratschläge für die
einzelnen Aspekte der Bewirtschaftung eines nicht zu kleinen gemischten Gutes

108
mit Geflügel, Vieh, Getreide-, Oliven- und Weinbau. Er beweist, daß die
Ausbeutung der Arbeitskraft von Sklaven, die von ihrem Besitzer oder einem
Sklavenaufseher (vilicus) überwacht wurden, am rentabelsten war, und
beschreibt beispielsweise, wie man einen Keller ausrüsten mußte, um darin
Sklaven zur Strafe einzusperren. Das Alternativsystem der Verpachtung des
Landes an coloni wird nicht empfohlen, es sei denn für abseits liegende
Besitzungen. An einer Stelle des Buches erwähnt er die außergewöhnliche
Produktivität der Weingärten in Nomentum, die Seneca, dem Philosophen und
Ratgeber Neros, gehörten. Die Geschichte dieser Weingärten wird in
Einzelheiten in der Naturgeschichte Plinius’ des Älteren, eines jüngeren
Zeitgenossen des Columella, erzählt. Ein Grammatiker zur Zeit des Claudius,
Remmius Palaemon, hatte das Land für 600000 Sesterzen gekauft. Auf Anraten
eines Fachmannes hatte er den Boden neu dränieren lassen und verkaufte nach
acht Jahren eine einzige Weinernte für 400 000 Sesterzen. Dieser Gewinn weckte
das Interesse des reichen Seneca, der die Weingärten einige Jahre später für etwa
2 400 000 Sesterzen kaufte. Seneca selbst betonte eine andere Funktion dieses
Besitztums, wenn er beschrieb, wie er nach Nomentum hinausging, um sich von
den Mühen des Stadtlebens zu erholen.
Den lebendigsten Eindruck vom Wirtschaftsleben Italiens im 1. Jahrhundert
vermittelt eine dichterische Quelle, das Porträt des reichen Freigelassenen
Trimalchio, das im Satyricon des Petronius enthalten ist. Die drei Helden des
Romans werden zum Mahl in das Haus des Trimalchio in einer Stadt
Kampaniens geladen. Bei Tisch erzählt Trimalchio, wie er als junger Sklave aus
Asia gekommen war, nach vielen Jahren als Günstling seines Herrn freigelassen
und später zusammen mit dem Kaiser als Erbe eingesetzt wurde. Mit diesem
Geld rüstete er eine Flotte von fünf Schiffen für den Handel mit der Stadt Rom
aus, verlor sie allesamt in einem Sturm, ließ neue bauen und verdiente (wie er
sagte) mit einer einzigen Fahrt zehn Millionen, was ihn in die Lage setzte, den
anderen Teil des früheren Besitztums seines Herrn zu kaufen. Während des
Mahles verliest ein Schreiber einen Bericht (die Zahlen können übertrieben sein,
das Bild ist aber authentisch): »26. Juli. Auf dem Gut in Cumae, das dem
Trimalchio gehört, 30 (Sklaven-)Jungen und 40 Mädchen geboren. Vom
Dreschboden 500000 Viertelscheffel Weizen weggenommen. 500 Ochsen
abgerichtet. Am gleichen Tag wurde der Sklave Mithridates gekreuzigt, weil er
den genius unseres Herrn Gaius verfluchte ...« Später gibt Trimalchio genaue
Anweisung für das Grab, das er für sich erbauen lassen wollte: »Ich bitte dich,
Schiffe in vollen Segeln auf den Grabstein zu setzen und mich selbst, wie ich in
meiner toga praetexta (in der Eigenschaft als sevir augustalis – Gemeindepriester
für den Kaiserkult) auf dem Tribunal sitze, mit fünf Goldringen, und wie ich aus
einem Sack Münzen an die Bevölkerung verteile ...« Die Inschrift sollte
folgendermaßen lauten: »Hier ruht C. Pompeius Trimalchio. Das Amt eines sevir
augustalis wurde ihm in seiner Abwesenheit übertragen. Obgleich er auf jeder
Liste (der Magistratsdiener) in Rom hätte stehen können, hat er dies nicht

109
gewollt. Fromm, tapfer und wahrheitsliebend fing er mit sehr wenig an,
hinterließ dreißig Millionen und ging niemals hin, um einen Philosophen
anzuhören.«
Wenn es auch Möglichkeiten zum Erwerb von Reichtum und Status gab,
bestand gleichzeitig doch noch immer soziale Unzufriedenheit, besonders in
dem weniger wohlhabenden Süden. Im Jahr 24 hielt z.B. ein aus den
Prätorianerkohorten entlassener Soldat im Gebiet von Brundisium heimliche
Versammlungen ab und schlug Aufrufe an die Sklaven, die auf dem
ausgedehnten Weideland arbeiteten, an, in denen er sie aufforderte, für die
Freiheit zu kämpfen; der Aufstand wurde aber schnell niedergeworfen. Dreißig
Jahre später, im Jahr 53, wurde gegen eine Frau senatorischer Abkunft Anklage
erhoben, weil sie ihren Sklaven in Kalabrien gestattet hatte, den Frieden Italiens
zu stören. Die gleichen Unruhen sollten sich im frühen 3. Jahrhundert
wiederholen.
Der daneben gelegentlich stattfindende Aufruhr in den Städten bedrohte die
Ordnung nicht ernstlich. Unter Tiberius (14–37) verhinderte z.B. das Volk von
Pollentia, daß der Leichenzug eines Centurio das forum verließ, bis die Erben die
Abhaltung von Leichenspielen versprachen, und wurde durch Truppen, die der
Kaiser dorthin sandte, erbarmungslos bestraft. Im Jahr 59 brach während einer
Gladiatorenvorführung in Pompeji ein Kampf zwischen den Einheimischen und
dem Volk von Nuceria aus (dargestellt auf einem pompejanischen Fresko) und
entwickelte sich zu einer regelrechten Feldschlacht mit Steinen und Waffen. Der
Senat schickte die Anführer in die Verbannung, löste die illegalen Gilden
(collegia) in Pompeji auf und verbot für einen Zeitraum von zehn Jahren die
Abhaltung von Spielen.
Aufgrund seiner Nähe, seiner historischen Privilegien und der Bedürfnisse der
Stadt Rom widmeten die Kaiser ihre Aufmerksamkeit in größerem Maß Italien
als den anderen Teilen des Reiches. Am auffälligsten beweisen das die beiden
Häfen von Ostia; den ersten erbaute Claudius und vollendete Nero, den zweiten
(inneren) Trajan. Vor Claudius mußten für Rom bestimmte Schiffe vor Ostia
ankern. Ihre Ladung mußte entweder ganz in kleinere Boote umgeladen werden
oder mit halber Fracht nach Rom fahren. Der Grundriß des 42 begonnenen und
62 vollendeten Hafens ist erst neuerlich durch Ausgrabungen enthüllt worden.
Dieser Hafen war an der weitesten Stelle über 1000 Meter breit und wurde von
zwei Molen mit einer Länge von 760 und 600 Metern geschützt, die aus
Marmorblöcken und Zement gefertigt waren. Am Ende der Nordmole hatte man
ein 95 Meter langes, mit Zement gefülltes Schiff versenkt, das als Fundament für
einen Leuchtturm diente. Auf der anderen Mole standen Hafengebäude. Im Jahr
64 gab Nero eine wunderschöne Münze heraus, auf der der Hafen mit seinen
beiden Molen und vielen Schiffen zu sehen ist, die in seinem Schutz vor Anker
liegen.4
Nero begann auch den Bau eines Kanals von Terracina nach Ostia, der die
Schiffahrt auf dem letzten Teil der Reise nach Rom die Küste entlang schützen

110
sollte, ohne ihn fertigzustellen. Er versuchte, die Bevölkerung Antiums an der
Küste Latiums und der alten griechischen Kolonie Tarentum mit Veteranen zu
vermehren; der Großteil der Legionäre ließ sich aber nicht nieder und entwich in
die Provinzen, in denen sie gedient hatten. Vespasian unternahm einen
ähnlichen Versuch, als er Veteranen der misenischen Flotte in Paestum
ansiedelte. Wir wissen davon aus diplomata, die fünf Männern gegeben wurden;
da zwei derselben in Bulgarien, eines in Jugoslawien, eines in Korsika und nur
eines in der Nähe von Neapel gefunden wurden, kann man annehmen, daß auch
in diesem Fall die Kolonisten es vorzogen, sich in aller Stille heimwärts in ihre
eigenen Provinzen aufzumachen.
Ehe Vespasian die Macht übernahm, hatte Italien im Jahr 69, »dem Jahr der
vier Kaiser«, die ersten ernstlichen Kämpfe seit mehr als hundert Jahren zu
bestehen. Nach dem Tod Neros im Jahr 68 war Galbas Marsch von Spanien nach
Rom von keinen größeren Kampfhandlungen begleitet gewesen. Im Januar 69
proklamierten die germanischen Legionen ihren Befehlshaber Vitellius als Kaiser
und brachen in Norditalien ein, wo sie auf die Truppen aus Rom trafen, die Otho
stützten, der Galba ermordet und sich an seine Stelle gesetzt hatte. Selbst Othos
Truppen sollen, wie Tacitus sagt, auf ihrem Weg nach Norden weite Gebiete
verwüstet haben. Den größten Schaden richteten aber die Truppen des Vitellius
an, der Placentia (Piacenza) belagerte, das Amphitheater außerhalb der Mauern
zerstörte und nach seinem Sieg von Bedriacum bei Cremona die Kolonien und
Munizipien Norditaliens verheerte. Tacitus beschreibt, wie die ansässige
Bevölkerung die Gelegenheit benutzte, unter dem Deckmantel der Soldaten alte
Rechnungen zu begleichen, und wie diejenigen Soldaten, die aus diesem Gebiet
stammten (ihre Zahl war noch recht groß) und es genau kannten, die Truppen
den Weg zu den reichsten Gütern und Besitzungen führten. Die zweite Hälfte
des Jahres 69 brachte noch schlimmeres Gemetzel und vermehrte Zerstörung, als
sich die Truppen des Vitellius ihrerseits den Legionen aus Mösien und
Pannonien gegenübersahen, die zur Unterstützung Vespasians in Italien
eingefallen waren. Bei Bedriacum kam es zu einer zweiten Schlacht, in der die
Invasoren Sieger blieben. Sie belagerten dann Cremona, in dem sich viele
Menschen aus allen Teilen Italiens, die zum Besuch eines Marktes gekommen
waren, aufhielten, nahmen es ein und plünderten es. Auf diese Weise wurde, wie
Tacitus berichtet, eine schöne Stadt zerstört, die 285 Jahre zuvor zur
Verteidigung gegen Hannibal als Militärkolonie begründet worden war und in
der Zwischenzeit dank seiner fruchtbaren Felder und günstigen strategischen
Lage am Po zur Blüte gelangt war. Tacitus beschließt seine Schilderung jedoch
mit den Worten: »Bald kehrte die noch lebende Bevölkerung nach Cremona
zurück; die Plätze und die Tempel wurden durch die Freigebigkeit der Bürger
wiederhergestellt, und Vespasian lieh ihnen seine Unterstützung.«5
Es ist bezeichnend für den neuen Kaiser, der von Natur geizig war und die
finanziellen Verluste der Bürgerkriege auszugleichen suchte, daß er weniger
freigebig als darauf bedacht war, seine Einkünfte zu mehren. Er versuchte

111
darum, Landlose (subseciva), die einen Teil der Kolonien in Italien darstellten,
aber bei der Landzuteilung nicht den ursprünglichen Kolonisten zugewiesen
worden waren, für den Staat zurückzufordern. Man hatte diese allesamt erst
später okkupiert, und die Rückforderung wird normalerweise so erfolgt sein,
daß der Kaiser von den Inhabern für eine Übertragung in vollen Besitz als
Gegenleistung Geld verlangte. In der Folge entstanden in Italien weit verbreitete
Unruhen und machten sich eine Reihe von Stadtdelegationen zu Vespasian auf.
Er brach darum die Aktion ab, Titus (79–81) führte sie in geringerem Umfang
weiter, und Domitian erließ dann ein Edikt, in dem er in aller Form die
Ansprüche des Staates aufgab (diese Episode ist ein gutes Beispiel für die
Grenzen der Staatsmacht in der alten Welt). Das Edikt Domitians scheint sofort
bei seiner Thronbesteigung im Jahr 81 ausgegeben worden zu sein, denn in einer
Inschrift aus dem Jahr 82 erscheint er als Schlichter in einem Streit wegen der
Inbesitznahme solcher Ländereien zwischen dem Volk von Firmum (einer von
Augustus eingerichteten Veteranenkolonie) und von Falerii, in dem keine
kaiserlichen Ansprüche geltend gemacht werden.
Der Versuch, die subseciva zurückzugewinnen, war mit einem parallel
laufenden Programm verbunden, durch das den Städten ihre eigenen
öffentlichen Ländereien zurückgegeben werden sollten, die Privatpersonen an
sich gerissen hatten. Wir hören davon in einem der jüngsten Dokumente aus
Pompeji, einer Inschrift, die darüber Auskunft gibt, daß ein Tribun der
Prätorianerkohorten, Suedius Clemens, auf Geheiß Vespasians Verhöre anstellte
und Landvermessungen vornahm und dann öffentlichen Besitz der Stadt
zurückgab. Nach wenigen Jahren folgte jedoch der Ausbruch des Vesuvs im Jahr
79, der Pompeji unter einer dicken Aschenschicht begrub, unter der es verborgen
blieb, bis seine Lage durch die Entdeckung der Inschrift des Suedius Clemens im
Jahr 1763 offenbar wurde. Die seither vorgenommenen Ausgrabungen,
besonders dieses Jahrhunderts, gaben in vielerlei Einzelheiten Auskunft über das
Leben in dieser alten oskischen Stadt, das von der griechischen Kolonisation
Süditaliens beeinflußt und in den beiden letzten Jahrhunderten von Rom
beherrscht wurde.
Pompeji stand (wie die wenige Kilometer entfernte Zwillingsstadt
Herculaneum) auf einer Stufe städtischer Entwicklung, auf der das einstöckige
»Atrium«- Haus – d.h. ein um einen gedeckten zentralen Hof gruppiertes
Gebäude mit einer Dachöffnung, durch die Regenwasser in ein Becken
(impluvium) fiel – noch die Grundeinheit darstellte, obwohl Säulenhöfe, weitere
Zimmerfluchten und Gärten in wachsendem Maß angefügt wurden. Seit dem 1.
vorchristlichen Jahrhundert hatte man darüber hinaus oft ein zweites Stockwerk
aufgesetzt. Keinerlei Spuren verweisen aber auf die vielstöckigen Mietskasernen,
die für das Ostia des 2. Jahrhunderts und Rom selbst charakteristisch sind. Aus
der späteren Periode des städtischen Lebens erhielten sich Spuren vom Umbau
der Stadthäuser zu Handels- und Manufakturzwecken (die Reichen tendierten
offenbar dazu, in die Villen der Vororte umzuziehen). Beide Tendenzen werden

112
an einem Haus des 1. nachchristlichen Jahrhunderts sichtbar, bei dem der
normalerweise von einem Säulenhof eingenommene Raum von einer Bäckerei
ausgefüllt wird und sich die Wohnräume im ersten Stock befinden, die dort um
eine vom Atrium über eine Treppe erreichbare Galerie gruppiert sind. Eine
Variante dazu stellt das »Haus des Menander« dar (das seinen Namen nach einer
darin gefundenen Statue trägt), ein weitläufiges Gebäude, dessen Kern aus dem
3. Jahrhundert v. Chr. stammt und allmählich erweitert wurde. An seiner
Rückseite befinden sich ein Hof mit Stallungen, einer Tränke und zwei leichten
Wagen, eine Reihe amphorae, die zur Abfüllung bereitstehen, ein Raum für den
Sklavenaufseher (vilicus) und eine Reihe von Räumen für Sklaven. Das ist mit
anderen Worten ein Beispiel für eine Form, die in den Kleinstädten des Reiches
wahrscheinlich häufig vorkam: ein Stadthaus, das gleichzeitig ein Bauernhaus
war, von dem aus die nahegelegenen Felder bearbeitet wurden. Von
unmittelbarerer Anziehungskraft und unmittelbarerem Interesse sind Häuser
wie das der Vertier, zweier Kaufleute und Brüder, mit seinen wundervollen
Fresken, die aus den letzten Jahrzehnten der Stadt datieren, oder die Villa der
Geheimnisse an einer Vorortstraße – die nach ihren dionysische Rituale
darstellenden Wandgemälden aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. so benannt ist.
Dieses prächtige und luxuriöse Haus wurde von dem Erdbeben zerstört, das
Pompeji im Jahr 62 heimsuchte, und ging anschließend in die Hände eines
Freigelassenen über, der es gerade mit Weinpressen und einem Weinkeller
ausstattete, als der Vesuv ausbrach. Auch im Umkreis Pompejis standen einige
Villen. Eine von ihnen beherbergte Wohnräume für Sklaven und ein
Sklavengefängnis mit eisernen Stöcken, das dem von Columella empfohlenen
ähnelt.
Das kommunale Leben der Stadt wird durch das Amphitheater beleuchtet, das
um 80 v. Chr. gebaut wurde, durch das Forum, das von einer Kolonnade
umgeben ist, die die sich darum gruppierenden Tempel verdeckt, durch eine
Basilika und ein Gebäude für die Walkergilde, vor allem aber durch eine allein
aus Pompeji erhaltene Einzelheit, nämlich die Hunderte von Inschriften an den
Wänden, die Kandidaten für die Gemeindewahlen anpreisen. Eine typische
Inschrift lautet: »Ich bitte euch, Nachbar, wählt L. Statius Receptus zum duovir,
der des Amtes würdig ist. Aemilius Celer, euer Nachbar, schrieb dies. Wenn
irgendein Gegner das wegwischt, soll er krank werden.«6
Unmittelbar nach der Verschüttung der Stadt kehrten einige Einwohner
zurück, gruben sich durch die dünneren Aschenschichten und bargen
Wertgegenstände aus den Häusern. Kaiser Titus (79–81) stellte Geldmittel zum
Wiederaufbau dieses Gebietes zur Verfügung. Es wurde aber nichts
Bedeutsames erreicht. Außer in einer einzigen Inschrift und einer Andeutung in
einem Brief des Plinius lassen sich auch keinerlei Spuren des Projekts finden, für
das Nerva (96–98) 60000000 sesterces zum Kauf von Landlosen für die Armen
Roms zur Verfügung stellte. Ganz anders ist dies bei dem »Alimenten«-
Programm Trajans (98–117), durch das Geldsummen für den Unterhalt von

113
Kindern in den italischen Städten eingesetzt wurden. Der Kaiser gab dabei eine
Pauschalsumme für jede Gemeinde aus, die dann unter die örtlichen
Grundbesitzer im Verhältnis (das etwa durchschnittlich bei 8 Prozent lag) zu
dem Geldwert ihres Grundbesitzes verteilt wurde, den sie bei den Behörden
hatten eintragen lassen. Für diese Summe zahlten sie jährliche Zinsen von fünf
Prozent für den Unterhalt der Kinder. Einige Kommentatoren glauben, dem
Projekt habe eine doppelte Absicht zugrunde gelegen; die zweite sei die
Förderung der italischen Landwirtschaft durch diese Kapitalzuwendungen
gewesen. Tatsächlich sind in unseren Quellen dafür aber keinerlei Hinweise zu
finden und entspricht das System lediglich dem Vorgang der obligatio praediorum
(der Angabe von Grundbesitz als einer Sicherheit), durch den die Geldmittel der
Gemeinden geschützt wurden, wenn man sie an Privatpersonen weitergab. Es
gibt keine klaren Beweise dafür, daß die »Anleihen« den Empfängern
willkommen waren oder die Annahme auf Freiwilligkeit beruhte. Das Projekt
scheint, zumindest vereinzelt, bis in das frühe 3. Jahrhundert fortbestanden zu
haben. Diesbezügliche Inschriften sind aus 46 der etwa 400 italischen Städte
erhalten. Am meisten wissen wir darüber aus zwei langen Inschriften aus der
Regierungszeit Trajans – der einen von 101 aus dem Gebiet der Ligures Baebiani
bei Beneventum und der anderen von 103–113 aus Veleia in Norditalien. Die
letztere gibt eine frühere Stufe innerhalb der Vorgänge an, da sie eine detaillierte
Liste der Besitzungen (wie sie von den Eigentümern angegeben wurden), die als
Sicherheiten für die auszugebenden Gelder diente, und Angaben über die Höhe
der Anleihen in den jeweiligen Fällen enthält. Für die Eigentumsstruktur ist
charakteristisch, daß von den 49 Grundbesitzern, die über ihre
Besitztumsverhältnisse Meldung machten (über hundert weitere Personen
werden bei Angabe der Einzelheiten der Lage erwähnt), beinahe alle eine Reihe
getrennter Besitzungen – kultiviertes Land, unkultivierten Boden, Wälder – mit
verschiedener Lage aufführen. Darüber hinaus werden Besitzungen erwähnt, die
dem Kaiser, dem römischen Staat und Nachbarstädten gehörten. Die erste Zeile
der Inschrift gibt die Gesamtsumme (1 044 000 sesterces) an, die zu Veleia »durch
die Gnade des Kaisers« verliehen wurde, die Zahl der Kinder, die man damit
unterstützte – 245 Jungen legitimer Herkunft mit monatlich 16 sesterces, ein
illegitimer Junge und 34 legitime Mädchen mit 12 und ein illegitimes Mädchen
mit 10 sesterces – und die zu zahlenden Zinsen, nämlich 5 Prozent.
Die Inschrift aus dem Gebiet der Ligures Baebiani erfüllte einen anderen
Zweck, indem sie in wenigen Einzelheiten die Besitzungen, deren Wert und die
damit gesicherten Beträge aufführt, daneben aber die halbjährlich zu zahlenden
Zinsen festhält. Sie stellt also ein Verzeichnis der durch dieses Projekt
entstehenden Einkünfte dar. Die auf dieser Inschrift erwähnten Grundbesitzer
kommen einem guten Querschnitt durch die besitzende Klasse gleich, von
Privatpersonen bis zu den Mitgliedern der örtlichen Aristokratie und des
römischen Senats.7

114
Eine weitere Inschrift enthält das Dekret des Stadtrates von Ferentinum, das
Pomponius Bassus belobigt (einen der beiden Senatoren, die in der Inschrift aus
Veleia als Begründer des Programms genannt werden), weil er sich der Aufgabe
in solcher Weise entledigte, daß er ewigen Dank verdiente, und das die
Absendung einer Gesandtschaft genehmigte, die ihn bitten sollte, patronus der
Stadt zu werden. Damit ist es für einen Aspekt der Politik und Diplomatie der
Kaiserzeit typisch.
Diese Dokumente verdienen deshalb in Einzelheiten erwähnt zu werden, weil
sie beinahe das einzige Beispiel eines größeren Sozialprogramms darstellen, das
in der Kaiserzeit zur Ausführung gelangte. Es kann kein Zweifel über den
großen Umfang und die große Komplexität der Unternehmungen bestehen;
leider besitzen wir aber keinerlei Unterlagen darüber, wie weit sie die
Bevölkerungsdichte Italiens beeinflußten.
Dieses Programm brachte damals und in der Folge mit Notwendigkeit die
Aktivität regionaler Beamter in den Städten mit sich, die vom Kaiser ernannt
wurden. Beinahe aus der gleichen Zeit sind uns die ersten Beispiele aus Italien
für einen neuen Typ des kaiserlichen Beamten erhalten, des curator (Aufsehers)
einer Stadt, eines Mannes, der gewöhnlich senatorischen oder ritterlichen Rang
hatte und die öffentlichen Mittel überprüfen und kontrollieren sollte. Als zum
Beispiel der Stadtrat von Caere im Jahr 114 einem kaiserlichen Freigelassenen ein
Stück Gemeindeland zuweisen wollte, auf dem er auf eigene Kosten ein Gebäude
für die Augustales errichten sollte, schrieben sie an den curator und baten um
seine Erlaubnis. Curatores sind in ganz Italien für das 2., 3. und 4. Jahrhundert
bezeugt. Während des 2. Jahrhunderts tauchten kaiserliche Beamte mit einem
größeren Aufgabenbereich auf, zuerst die vier von Hadrian (117–138)
eingesetzten Prokonsuln, die in Italien die Gerichtsbarkeit ausübten, und dann
unter Marcus Aurelius (161–180) eine Reihe von iuridici (Richter), die gewöhnlich
Senatoren im Rang eines Proprätors waren. Der erste iuridicus der Transpadana
(dem Gebiet nördlich des Po) war Arrius Antoninus in den sechziger Jahren des
2. Jahrhunderts, der von der Stadt Concordia geehrt wurde, weil er bei ihrer
Kornversorgung geholfen hatte (römische Beamte hielten sich selten an ihre
genau begrenzte Aufgabensphäre). Cornelius Fronto, der Redner und Freund
des Marcus Aurelius, schrieb ebenfalls an Arrius Antoninus und unterstützte die
Forderungen eines Mannes, der vor ihn kommen sollte, um sein Recht als decurio
von Concordia zu verteidigen.
Das erste Beispiel für ein Amt, dessen Inhaber für ganz Italien zuständig war,
stammt aus dem Jahr 215, als ein Senator, der zuvor sowohl curator als auch
iuridicus in Italien gewesen war, ernannt wurde, »um die Lage Italiens zu
verbessern«. In den sechziger oder siebziger Jahren des 3. Jahrhunderts wurde
ein anderer Senator mit dem Titel eines corrector für Italien eingesetzt. Zur
gleichen Zeit verschwand das Amt des iuridicus.
So entwickelte sich die direkte kaiserliche Kontrolle über Italien. Will man sich
ein Bild von dem sozialen und wirtschaftlichen Leben Italiens machen, muß man

115
sich wiederum auf die Regierungszeit Trajans beziehen, und zwar auf die Briefe
Plinius’ des Jüngeren, eines Senators aus Como in Norditalien.8 Plinius hatte in
Como Eigentum, das er von seiner Mutter geerbt hatte, und besaß eine Reihe von
Villen am Seeufer. Bei seinem Freund Calvisius, einem decurio der Stadt Como,
fragte er beispielsweise brieflich an, ob er Grundstücke – Felder, Weingärten und
Wälder –, die an sein Besitztum grenzten, erwerben sollte oder nicht. Daraus
würde sich die Einsparung von Haus- und Gartensklaven, Tischlern und
Jagdausrüstung ergeben und der Vorteil, nur ein Landhaus in vollem Betrieb
halten zu müssen; der Nachteil bestände darin, daß die Ländereien von ihrem
früheren Besitzer sehr vernachlässigt worden seien, denn dieser habe
Verzögerungen bei der Entrichtung der Pachtgelder damit beantwortet, daß er
die Gerätschaften seiner Pächter verkaufte, wodurch er deren Leistungsfähigkeit
weiter herabsetzte. Der Preis war darum von 5 auf 3000000 sesterces gesunken.
An anderer Stelle beschreibt er voller Genugtuung, wie er Kaufleuten einen
Preisnachlaß für seinen Weinberg gewährt habe, die, nachdem sie diesen gekauft
hatten, herausfanden, daß sie ihn nicht so günstig wiederverkaufen konnten, wie
sie gehofft hatten. Als einer der angesehensten Bürger gab Plinius nicht nur
Geschenke an die Stadt Como – er kam z.B. für ein Drittel der Kosten einer
Schule auf und stellte Ländereien zur Verfügung, aus deren Erträgen für
zahlreiche Kinder alimenta gezahlt wurden –, sondern unterhielt einen großen
Bekanntenkreis mit Leuten aus Como und anderen Orten im Norden, die ein
erkennbares Zusammengehörigkeitsgefühl und Stolz auf die Pflege der
altehrwürdigen Tugenden verband. So schildert Plinius in einem
Empfehlungsschreiben einen zukünftigen Schwiegersohn mit den Worten »Seine
Heimatstadt ist Brixia (Brescia) in diesem unserem Italien, das immer noch so
viel Frömmigkeit, Sparsamkeit und sogar altväterliche ländliche Einfachheit
bewahrt ... Seine Großmutter mütterlicherseits heißt Serrana Procula und stammt
aus Patavium (Padua). Du kennst die Lebensweise in jenem Landstrich; Serrana
ist selbst den Patavinen ein Muster der Strenge«.
Plinius gehörten auch Besitzungen in Tifernum Tiberinum in der Toskana, die
er vielleicht von seinem Onkel mütterlicherseits, dem Enzyklopädisten Plinius
dem Älteren, geerbt hatte. Im Jahr 98 schrieb er an Trajan und bat um die
Erlaubnis, seinen Posten verlassen zu dürfen, um diese Güter zu besuchen (die
ihm pro Jahr 400000 sesterces einbrachten). Dort machte der Beginn einer neuen
Fünfjahresperiode seine Anwesenheit notwendig, denn er mußte mit neuen
Pächtern verhandeln. Er wollte gleichzeitig auf eigene Kosten einen Tempel für
die Kaiserstatuen errichten lassen. Das Bauwerk wird in der Stadt Tifernum
entstanden sein, dessen patronus er schon seit seiner Jugend war. Die Einwohner
feierten, wie er sagt, seine Ankunft, trauerten bei seiner Abreise und frohlockten
über die Erfolge seiner Karriere. Er beschreibt dann auch, wie er seine Güter
aufsuchte, zu Pferde eine Inspektionsreise unternahm und die nicht enden
wollenden Beschwerden und Streitigkeiten seiner Pächter anhörte. In einem
anderen Brief, der keine Ortsangabe enthält, erklärt er, daß er sein bisheriges

116
System, nach dem ein Pachtgeld in bestimmter Höhe erhoben würde, ändern
wollte. Dieses System habe die Pächter häufig veranlaßt, alles, was sie produziert
hätten, für sich zu behalten und zu verzehren, da sie, wenn sie erst einmal in
Zahlungsverzug geraten wären, nicht hoffen könnten, mit ihren Zahlungen
nachzukommen. In Zukunft wollte er einen Anteil an den Erträgen verlangen,
was gerechter sein sollte, andererseits aber bedeutete, daß er einige seiner
Sklaven zur Aufsicht einsetzen müßte, die die Erträge kontrollierten und seine
Anteile einforderten.
Schließlich besaß Plinius, wie andere Mitglieder der römischen Gesellschaft,
eine Villa außerhalb Roms an der Küste von Laurentum. Er beschreibt die
Vorzüge seines Landhauses in einem langen Brief, die Säulengänge, die
Speisezimmer, das Bad mit der Heißwasseranlage, die Turmzimmer mit Blick
auf das Meer und die von Villen gesäumte Küste, die Gärten und Pavillons.
Plinius pflegte sich dorthin zurückzuziehen, wenn er von den Mühen seiner
Amtsgeschäfte ausruhen und sich der Schriftstellerei widmen wollte.
Unter den vielen Schilderungen über seine Amtstätigkeit findet sich Plinius’
Beschreibung eines Besuchs in dem Landhaus Trajans in Centumcellae
(Civitavecchia), wo der Kaiser den Bau eines Hafens beaufsichtigte. Dieser ist
bisher unerforscht geblieben. Dafür ist aber der große sechseckige Hafen gut
bekannt (mit einer Seitenlänge von jeweils nicht ganz 400 m), der unter Trajan
nördlich des Tiber vom claudischen Hafen landeinwärts gegraben wurde und
mit diesem und dem Fluß verbunden war. Der Hafen war von Lagerhäusern
umgeben und diente offenbar dem Hauptimport von Nahrungsmitteln für Rom.
Rings um die beiden Häfen wuchs eine Stadt (die noch nicht vollständig
ausgegraben ist), die so bedeutend war, daß dort im frühen 4. Jahrhundert ein
Bischof residierte.
Das Wachstum dieser Stadt – einfach Portus, der Hafen, genannt – führte zu
dem schließlich eingetretenen Niedergang Ostias, das zwischen dem Südufer des
Tiber und der Küste lag.9 Ostia war im 4. Jahrhundert v. Chr. als römische
Kolonie gegründet worden. Sein rechtwinkliger Grundriß bestimmte das
Aussehen des Stadtkerns auch weiter. Der Ausdehnung und Renovierung
besonders im 2. vorchristlichen Jahrhundert und in der augusteischen Periode
folgte, vielleicht seit Domitian (81–96), ein umfassender Neuaufbau der Stadt,
der bis in die Mitte des 2. Jahrhunderts fortdauerte. Der Baugrund wurde um
etwa einen Meter angehoben, und die »Atrium«-Häuser, die wahrscheinlich
denjenigen Pompejis ähnelten, wurden weitgehend durch Wohnblocks ersetzt,
die in Backstein drei, vier und sogar fünf Stockwerke hochgemauert wurden und
im Erdgeschoß zur Straße hin Läden hatten. In den gleichen Zeitraum fällt die
Errichtung eines neuen Jupiter-, Juno- und Minervatempels am Forum, die
Vergrößerung des Forums, dem man eine neue basilica (Markthalle) und ein
neues Versammlungshaus (curia) für den Rat anfügte, und der Bau von
mindestens acht neuen öffentlichen Bädern. Die Inschriften weisen einen
gleichlaufenden Wechsel in der Zusammensetzung der herrschenden Klasse von

117
Ostia aus. Die örtlichen Ämter, die im 1. Jahrhundert weitgehend das Reservat
einiger weniger alteingesessener Familien waren, wurden auch für neu
Eingewanderte zugänglich, für solche, die durch die Gilden (collegia)
aufgestiegen waren, und selbst für die Söhne und Abkömmlinge von
Freigelassenen.

 Abb. 6: Eine Straße in Ostia mit einem Häuserblock (insula) aus der Mitte des 2.
Jahrhunderts, der ursprünglich mindestens drei, möglicherweise vier oder fünf
Stockwerke hatte. Im Erdgeschoß befanden sich Geschäfte. Die Wohnungen erreichte
man über Treppen durch getrennte Eingänge, von denen einer die kleine Tür in der
Mitte des Bildes ist. Die kleinen Fenster auf dem Bild zeigen Zwischengeschosse, in die
man direkt aus den Läden gelangte.

Die neue soziale Ordnung findet in der Inschrift eines gewissen Marcus Licinius
Privatus aus dem späten 2. Jahrhundert ihren typischen Ausdruck, eines
Freigelassenen, der Ämter in den Gilden der Bäcker und Maurer bekleidete, als
Schreiber der städtischen Magistrate fungierte, mit den insignia eines Ratsherrn
und einem Ehrensitz bei öffentlichen Veranstaltungen ausgezeichnet wurde (er
hatte 50 000 sesterces für die Stadtkasse gestiftet) und dessen Söhne Ratsherren
und sogar römische equites waren. Zu dieser Zeit fand der Neuaufbau Ostias
praktisch ein Ende. Im 3. Jahrhundert trifft man sogar auf Anzeichen, daß
einzelne Grundstücke ganz aufgegeben wurden und daß man z.B. nach dem

118
Brand einer Bäckerei durch deren Ruinen einen Pfad laufen ließ. Unsere Belege
aus dem 3. Jahrhundert lassen keinen plötzlichen Zusammenbruch erkennen; sie
deuten aber auf mehr als eine bloße Bevölkerungsverschiebung zugunsten von
Portus hin und machen deutlich, daß Ostia, das von Invasionen verschont blieb,
durch den in allen Teilen des Reiches zu beobachtenden Zerfall städtischer
Aktivität getroffen wurde.
Die Ruinen von Ostia lassen erkennen, wie sehr beliebt die östlichen Kulte im
römischen Westen in der Kaiserzeit waren. Man grub einen Tempel der Kybele,
der Großen Mutter, aus, der in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts gebaut
worden war und an den sich Tempel der assoziierten Gottheiten, des Attis und
der Bellona, angeschlossen hatten. Inschriften verzeichnen die Opferung von
Stieren und Widdern und die jährliche Prozession, in der eine Pinie als Symbol
des toten Attis zum Tempel der Kybele geleitet wurde. Dieser Kult und
diejenigen der Isis und des Serapis scheinen um die Mitte des 3. Jahrhunderts
durch das Vordringen der Mithrasverehrung an Bedeutung verloren zu haben;
man hat in Ostia die recht beträchtliche Zahl von 15 Schreinen dieses Kults
aufgefunden. Ausgrabungen seit 1961 haben auch eine Synagoge zutage
gefördert, die außerhalb der Stadt nahe der Küste lag. Die erhaltenen Reste des
Baus entstammen in der Hauptsache dem vierten Jahrhundert; darunter fand
man aber Spuren einer früheren Synagoge, die in das 1. nachchristliche
Jahrhundert gehört und somit (zusammen mit der in Masada entdeckten) die
älteste Synagoge darstellt, die uns bekannt ist.10 Die Hinweise auf die Stellung
des Christentums sind nicht so eindeutig; einige Gegenstände von christlichen
Friedhöfen in Ostia und Portus stammen vielleicht aus dem 3. Jahrhundert, aus
beiden Orten gibt es Nachrichten über Märtyrer, und in beiden Städten lebten zu
Beginn des 4. Jahrhunderts Bischöfe.
Für das Italien im übrigen Teil unserer Periode, für das Italien des 2. und noch
mehr des 3. Jahrhunderts, sind sehr wenige zusammenhängende Berichte
erhalten, in denen teilweise zum Ausdruck kommt, wie wenige große Vertreter
die lateinische Literatur nach Plinius in Italien hatte. Spärliche Nachrichten
beleuchten die Vorgänge. Eine Inschrift aus Triest ehrt z.B. einen jungen
Einwohner der Stadt, der in den römischen Senat, wie gesagt wird, vor allem
deshalb eintrat, weil er die Interessen seiner Heimatstadt schützen wollte, der
Triest häufig vor Antoninus Pius (138–161) vertrat und schließlich die kaiserliche
Erlaubnis dafür erlangte, daß die Mitglieder zweier Stämme, die der Stadt
unterstellt waren, Stadträte und Gemeindebeamte werden durften. Sie sollten
nach ihrer Wahl für sich selbst das Bürgerrecht erwerben und, was noch
wichtiger war, die Belastungen durch die Gemeindeämter mit deren
ursprünglichen Inhabern teilen. Wenn die Gemeindeämter auch eine Belastung
darstellten, konnten die Inhaber derselben ihrerseits jedoch die ihnen
unterstellten Personen bedrücken. Ein Fall dieser Art wurde um 170 bekannt, als
die Stadtbeamten von Saepinum und Bovianum anfingen, die Schäfer zu
belästigen, die Herden über die Abruzzen brachten. Sie warfen diesen vor, die

119
Herden seien gestohlen und die Schäfer seien entlaufene Sklaven. Ihre
Schwierigkeiten wurden nur deshalb abgestellt, weil ein Teil der Herden
kaiserlicher Besitz war und kaiserliche Beamte sich bei den Prätorianerpräfekten
beschwerten, die gegenüber den Stadtmagistraten eine scharfe Verwarnung
aussprachen.
Die vorausgehenden Jahre wurden jedoch von weit verhängnisvolleren
Ereignissen gekennzeichnet: von der Aushebung zweier neuer Legionen in
Italien um 160, von der Ausbreitung der Pest, die im Jahr 166 von den Truppen
des Kaisers Lucius Verus eingeschleppt wurde, und dann (vielleicht im Jahr 168)
von einer Invasion wilder Stämme von jenseits der Donau, die Aquileia
belagerten und Opitergium niederbrannten, ehe sie sich wieder zurückzogen (es
war die erste ausländische Invasion Italiens seit mehr als 250 Jahren). Nachdem
diese Gefahren vorüber waren, wurde Italien (wenn wir dem griechischen
Historiker Herodian glauben können) wieder in den achtziger Jahren des 2.
Jahrhunderts von Aufständischen aus Gallien und Spanien unter Maternus (s.
Kap. 8) in Unruhe versetzt, die sich nach Rom aufmachten und entdeckt wurden,
ehe sie Commodus beseitigen konnten. Im Jahr 193 folgten die Ermordung des
Pertinax, die Proklamation des Didius Julianus und der Marsch des legatus von
Pannonia Superior, Septimius Severus (193–211), auf Rom. Er brach mit der
Tradition, indem er eine Legion in der Nähe des kaiserlichen Palastes in Alba
südlich Roms stationierte, und besetzte die bestehenden Prätorianerkohorten, die
sich bisher in der Hauptsache aus Italikern rekrutierten, mit Männern aus den
Donau-Legionen und zwang damit die Jugend Italiens, wie der Zeitgenosse
Cassius Dio feststellt, als Gladiatoren oder Banditen zu leben. Die folgenden
Jahre brachten tatsächlich einen berüchtigten Banditen, Felix Bulla, hervor.
Dieser plünderte mit einer Schar von 600 Männern Süditalien aus, befreite zwei
seiner Männer aus dem Gefängnis, indem er vorgab, ein Gemeindebeamter zu
sein, der diese bei Spielen den wilden Tieren vorwerfen wollte, nahm einen
Centurio gefangen und schickte ihn mit der Botschaft an Severus zurück, er solle
seine Sklaven gut verpflegen, damit sie nicht zu Räubern würden. Um 206 wurde
er gefangen und selbst den wilden Tieren vorgeworfen.11
Weitere Unruhe entstand 238, als Maximinus, der 235 von den Legionen am
Rhein zum Kaiser ausgerufen worden war, nach Norditalien marschierte und
Aquileia belagerte, das zum Senat und zu den Kaisern Pupienus, Balbinus und
Gordian III. hielt. Herodians Bericht dieser Operationen enthüllt uns den
andauernden Wohlstand dieses Gebietes, der auf den Weinbergen beruhte, die
sich rund um die Stadt ausbreiteten und Wein für den Export produzierten. Die
Truppen des Maximinus fanden große hölzerne Fässer, die auf den Feldern zur
Abfüllung bereitstanden, und benutzten sie zur Überquerung des Flusses. Die
Bevölkerung aus den umliegenden Dörfern und Weilern floh nach Aquileia,
reparierte die Mauern, die an vielen Stellen eingefallen waren, weil sie schon
lange nicht mehr gebraucht worden waren, und hielt der Belagerung erfolgreich
stand. Sie konnte aufgrund der innerhalb der Mauern reichlich vorhandenen

120
Lebensmittel Widerstand so lange leisten, bis die Soldaten des Maximinus, von
Hunger getrieben, diesen töteten und so den Krieg beendeten.
Die kargen und wenig informativen Erzählungen aus der Mitte des 3.
Jahrhunderts enthalten nur dürftige Einzelheiten über die Vorgänge in Italien.
Aus ihnen läßt sich entnehmen, daß der Norden der Halbinsel, nicht jedoch der
übrige Teil, wiederholt Invasionen und Bürgerkriegen ausgesetzt war. Kaiser
Philippus Arabs wurde im Jahr 249 von Decius in der Nähe von Verona besiegt
und getötet; der Einbruch der Alemannen des Jahres 258 endete mit Gallienus’
Sieg bei Mailand; Claudius II. hielt die große Invasion der Goten von 268 beim
Gardasee auf; zwei Jahre danach blieben die Juthunger bei Placentia (Piacenza)
über Aurelian siegreich, wurden dann aber bei Fanum Fortunae und Pavia
überwunden. Damals begann Aurelian mit dem Bau seiner großen
Verteidigungsanlagen für die Stadt Rom. Die Kämpfe in Italien finden dann in
der Regierungszeit des Kaisers Carus (282–284) mit der blutigen Niederlage eines
Thronprätendenten in der Nähe Veronas zunächst ein Ende.
Diese Vorgänge scheinen im allgemeinen den gewohnten Gang der Dinge in
Italien nicht gestört zu haben (obwohl sich in Italien ebenso wie in den anderen
Teilen des Reiches eine Verringerung der Zahl der erhaltenen Inschriften
beobachten läßt). Zumindest in Mittelitalien war es möglich, ein friedvolles
Leben zu führen, das von den Unruhen andernorts unberührt blieb. Ein solches
Dasein wird beispielsweise in dem Leben des Plotinus gezeichnet, des großen
neuplatonischen Philosophen, das sein Schüler Porphyrius aufschrieb. Plotinus
wurde um 203 in Ägypten geboren und kam um 244 nach Rom. Dort weilte er
bis zu seinem Tod im Jahr 269–270 als Lehrer und Schriftsteller und zog sich bei
Gelegenheit auf die Güter seiner Freunde und Bewunderer in Kampanien
zurück. Porphyrius zeigt ihn im Kreis seiner Anhänger aus den griechischen
Provinzen – Syrien, Arabien, Ägypten – und aus der Nobilität der Stadt Rom. Ein
senatorischer Freund, der sich dem philosophischen Leben zuwandte,
verschenkte sein Hab und Gut, entließ als Prätor seine Liktoren und weigerte
sich, das Tribunal zu besteigen. Man vertraute Plotinus oft Waisenkinder aus
adligen Familien an, die er in sein Haus aufnahm und für die er sorgfältig die
Abrechnungen über deren Besitzungen und Einkünfte durchsah, wenn diese von
ihren gesetzlichen Vormündern vorgelegt wurden. Er stand auch bei Gallienus
(253–268) in Gunst, und lediglich Obstruktionen bei Hofe hinderten, wie
Porphyrius meint, den Kaiser daran, in Kampanien für Plotinus eine
Philosophenstadt zu gründen, die Platonopolis genannt werden sollte.
In Italien verlief die Entwicklung immer langsamer und kam dann gänzlich
zum Stillstand, als es unter Diokletian den Status einer Provinz erlangte. Das
traditionelle Übergewicht Roms und des Senats und das Leben der italischen
Städte erhielten sich aber wie zuvor. Es fällt schwer, sich der Kämpfe des 3.
Jahrhunderts zu erinnern, wenn man auf einer Inschrift das im Jahr 289
ausgegebene Dekret der decuriones der Kolonie Cumae in Kampanien liest, durch
das einem Mann eine Priesterwürde übertragen wurde, und den Brief, durch den

121
das senatorische Priesterkollegium in Rom die Ernennung billigte und dem
neuen Priester gestattete, seine Gewänder zu tragen, wenn er sich innerhalb des
Territoriums der Kolonie aufhielt.

8. Die westlichen Provinzen: Gallien, Spanien und Britannien

Im Jahr 14 n. Chr. war in Gallien und in Spanien die Periode der römischen
Eroberung endgültig abgeschlossen. Südfrankreich war an manchen Orten schon
sechs Jahrhunderte zuvor von den Griechen kolonisiert und 121 v. Chr. als
römische Provinz (daher »Provence«) eingerichtet und romanisiert worden – als
solche nach den Worten Plinius’ des Älteren »eher Italien als eine Provinz«1. Die
stolzen Bauwerke der römischen Städte in Südfrankreich – wie Nîmes, Arles,
Orange – stammen in der Hauptsache aus dem augusteischen Zeitalter.
Zahlreiche Redner und Senatoren aus dem südlichen Gallien spielten im 1.
nachchristlichen Jahrhundert im römischen Leben eine Rolle. Die Eroberung des
restlichen Gallien – der »drei Gallien«: Lugdunensis, Aquitania und Belgica –
war das Werk des Julius Caesar in den Jahren 58–51 gewesen. Seitdem hatten
lediglich Unruhen bei der Einführung des römischen Zensus unter Augustus den
Frieden eines Landes unterbrochen, in dem die Romanisierung ständig
fortschritt und weitgehend selbst die barbarischen Niederlassungen des 5.
Jahrhunderts überdauern sollte. Es bleibt jedoch ein Geheimnis, warum die drei
Gallien mit ihrer auffälligen Prosperität so wenige Männer für den Ritter- und
Senatorenstand in Rom stellten.
Auch in Spanien hatten sich an der Küste des Mittelmeeres und weiter südlich
Griechen und hier auch Karthager angesiedelt. Die römische Eroberung hatte im
späten 3. Jahrhundert in den Punischen Kriegen eingesetzt. Sie war aber erst mit
der Unterwerfung der kantabrischen und asturischen Stämme des gebirgigen
Nordwestens zwischen 26 und 19 v. Chr. beendet. Die Romanisierung war in der
sehr wohlhabenden südlichen Provinz Baetica (Andalusien) damals
abgeschlossen und an der urbanisierten Mittelmeerküste der Tarraconensis weit
verbreitet. Männer aus diesen Gebieten hatten eine feste Stellung im römischen
Leben erlangt; die Baetica hatte so schon den ersten Konsul provinzialer
Herkunft, Cornelius Balbus aus Gades (Cadiz) im Jahr 40 v. Chr., hervorgebracht
und sollte den ersten Kaiser provinzialer Herkunft, Trajan (98–117), stellen,
dessen Familie aus Italica stammte. In der mittleren und nördlichen
Tarraconensis und in Lusitania lagen einige Veteranenkolonien, die Augustus
eingerichtet hatte. Im übrigen müssen diese Gebiete aber wenig romanisiert
gewesen sein. Daß friedliche Verhältnisse einkehrten, läßt sich an der Tatsache
ablesen, daß die im Jahr 14 noch in der Tarraconensis stationierten drei Legionen
bis zum Jahr 70 auf eine verringert wurden. Unsere Kenntnisse von den sozialen
Gegebenheiten in den einzelnen Teilen Spaniens, besonders in den weniger
romanisierten Gebieten, sind darum beschränkt, weil die Archäologie dort im
Vergleich zu Gallien und Britannien nur sehr geringe Fortschritte macht.

122
 Abb. 7: Dianatempel in Nîmes

Britannien blieb, auch nach den Invasionen Caesars in den Jahren 55 und 54,
frei, dabei aber in engem Kontakt mit der römischen Welt. Der Geograph Strabo
erwähnt den Export von Getreide, Vieh, Gold, Silber, Eisen, Häuten, Sklaven und
Jagdhunden, und der Handel in umgekehrter Richtung wird in Funden
gallischer und römischer Tonwaren aus der Zeit vor der Eroberung Britanniens
sichtbar. Britische Stammeshäuptlinge unterhielten politische Beziehungen nach
Rom. Der bei Colchester (Camulodunum) entdeckte tumulus eines Anführers
barg nicht nur eine Reihe kleiner Bronzefiguren, die aus Italien und vielleicht
Gallien importiert waren, sondern auch ein Medaillon des Augustus, das durch
Herausschneiden und Einfassen des Kopfes von einer Silbermünze des Jahres 17
v. Chr. gefertigt war. Andere prägten Münzen nach römischen Vorbildern, von
denen einige den lateinischen Titel rex tragen. Die Eroberung selbst erfolgte erst
43; die Geschichte des römischen Britannien gehört darum in den letzten Teil
dieses Kapitels.
In Gallien lebte die Südprovinz Narbonensis, die weitgehend romanisiert war,
noch weiter unter dem Einfluß der griechischen Besiedlung. Das reizvoll
gelegene Glanum (St. Rémy de Provence), das im 2. vorchristlichen Jahrhundert
eine blühende griechische Stadt gewesen war, war später romanisiert und im
augusteischen Zeitalter mit römischen Bauwerken, z.B. einem Triumphbogen,

123
ausgestattet worden. Dagegen bewahrte besonders Massilia seinen griechischen
Charakter. Julius Agricola, 40 n. Chr. in der colonia Forum Julii (Fréjus) geboren,
der Sohn eines römischen Senators und Enkel zweier kaiserlicher Prokuratoren,
studierte in Massilia, das durch eine Kombination »griechischen Charmes und
provinzieller Bescheidenheit« gekennzeichnet war. Es gab noch weitere römische
Kolonien: Narbonne, das schon 118 v. Chr. gegründet wurde, oder Arles, das
Caesar im Jahr 46 v. Chr. anlegte; das dortige Theater wurde wahrscheinlich in
der Regierungszeit des Augustus vollendet, das gut erhaltene Amphitheater am
Ende des 1. Jahrhunderts. Das Forum von Arles hatte einen sonst seltenen
cryptoporticus, einen gewölbten, unterirdischen Gang, der unterhalb der ihn
umgebenden Kolonnade verlief. Da Arles an der Rhône liegt, trat es als
geschäftliches Zentrum dieses Gebietes an die Stelle Massilias. Nîmes (die
Colonia Augusta Nemausus) beherbergte den schönen Augustustempel, der heute
Maison Carrée genannt wird. Gleich dem weiter rhôneaufwärts gelegenen
Vienne besaß es den in dieser Zeit seltenen Status einer »latinischen« Kolonie;
Strabo erwähnt, daß Nîmes 24 Dörfer unter eigener Jurisdiktion hatte und das
»latinische« Recht besaß, aufgrund dessen die Stadtmagistrate das römische
Bürgerrecht erlangten (s. Kap. 5). Er erwähnt auch, daß Vienne jetzt den
politischen Mittelpunkt für die Allobrigen darstellte und daß die führenden
Männer des Stammes dort ihre Wohnung genommen hatten. Der Wohlstand
dieser Städte spiegelt sich in dem Aufstieg ihrer ersten Bürger in den römischen
Senat, unter denen Domitius Afer, ein Redner aus Nîmes, der im Jahr 25 Prätor,
im Jahr 39 Konsul war und in der Nähe Roms wertvolle Besitzungen hatte, und
Valerius Asiaticus aus Vienne, der in den Jahren 35 und 46 das Konsulat
bekleidete, die ersten waren. Von dort kamen auch bedeutende equites, wie
Afranius Burrus aus Vaison, der im Jahr 51 zum Prätorianerpräfekten aufstieg.
Dieser Entwicklungsprozeß erreichte 138 seinen Höhepunkt, als Antoninus Pius,
der Enkel eines Senators aus Nîmes, Kaiser wurde.
Der Mittelpunkt der römischen Institutionen für die drei gallischen Provinzen
lag in Lugdunum (Lyon). Im Jahr 12 v. Chr. hatte der Bruder des Tiberius,
Drusus, dort einen Altar und einen Tempel der Roma und des Augustus
errichten lassen, die auf einer freien Fläche von 400x100 Meter standen. Dieser
war mit Statuen geschmückt, die von den 60 gallischen Gemeinden aufgestellt
waren, deren Vertreter sich dort versammelten. Der erste Hohepriester des
Kultes war der Häduer Julius Vercondaridubnus, dessen gallisch-römischer
Name die neue Ära treffend symbolisiert. Unter Tiberius ließ ein anderer
Hoherpriester, Gaius Julius Rufus von den Santonen (Saintes), in der Nähe des
Tempels das Amphitheater für die jährlichen Spiele am 1. August errichten. In
Samtes selbst ließ er im Jahr 19 einen Triumphbogen bauen und auf demselben
seinen Stammbaum einmeißeln, den er bis auf die Stammesaristokratie des
vorrömischen Gallien zurückführte – »Gaius Julius Rufus, Sohn des C. Julius
Otuaneunus, Enkel des C. Julius Gedemo, Urenkel des Epotsiorovidus«.

124
Sowohl der Fortschritt der Romanisierung als auch die dadurch
hervorgerufenen Spannungen werden durch die Rebellion beleuchtet, die im
Jahr 21 ausbrach, als die Bewohner Galliens (wahrscheinlich gegenüber italischen
Kaufleuten) verschuldet waren und deshalb die Tributzahlungen erhöht wurden.
Die führende Rolle spielten zwei Männer, die selbst das römische Bürgerrecht
besaßen, Julius Sacrovir von den Häduern und Julius Indus von den Treverern.
Es ist bezeichnend, daß Sacrovir zuallererst Autun einnahm und die Söhne des
gallischen Adels als Geiseln ergreifen ließ, die dort weilten, um in die griechisch-
römische Kultur eingeführt zu werden. Der Aufstand wurde jedoch sehr bald
von einer einzigen römischen Kohorte aus Lugdunum erstickt, die durch zwei
Legionen vom Rhein verstärkt war.
Um die Mitte des 1. Jahrhunderts beauftragten die Arverner (aus der
Auvergne) einen griechischen Bildhauer – den Nero später einstellte – mit der
Schaffung einer Kolossalstatue des Merkur. Noch bezeichnender ist, daß die
führenden Persönlichkeiten der Häduer und anderer Stämme im Jahr 48 an
Claudius herantraten und ihn baten, für den römischen Senat kandidieren zu
dürfen. Ein großer Teil der Senatsrede, in der Claudius für ihre Wünsche eintrat,
ist auf der berühmten Bronzetafel von Lyon erhalten geblieben, die man im Jahr
1528 entdeckte. Doch obgleich der Senat, wenn auch nur zögernd, dem
Vorschlag des Kaisers zustimmte, gibt es weder aus der gleichen noch aus
späterer Zeit zahlreiche Belege für Senatoren aus den drei gallischen Provinzen.
Julius Vindex, der Sproß eines Königsgeschlechts aus Aquitanien, dessen Vater
schon, wie behauptet wird, Senator gewesen war und der als legatus von Gallia
Lugdunensis im Jahr 68 den Aufstand gegen Nero anzettelte, ist eines der
wenigen Beispiele. Wir erfahren nur von einer kleinen Zahl von Senatoren oder
equites aus Gallien bis zur Zeit der gallischen Kaiser von 258–274 (und selbst
diese waren römische Beamte, von deren Namen man lediglich auf ihre gallische
Herkunft schließen konnte). Der kulturell hochstehende Adel der
Großgrundbesitzer, der im Gallien des 4. und 5. Jahrhunderts im römischen
Senat saß, konnte sich nicht von senatorischen Ahnen aus der uns hier
beschäftigenden Periode herleiten.
Archäologische Funde beweisen nichtsdestoweniger in reichem Maß, wie sehr
die Romanisierung in Gallien voranschritt. Für die Städte kann die urbane
Entwicklung Amiens’ im Norden als klassisches Beispiel gelten.2 An die Stelle
der gallischen Stadt Samarobriva trat im 1. Jahrhundert eine römische Stadt mit
der charakteristischen rechtwinkligen Straßenführung. Die Straßen begrenzten
einzelne insulae (Häuserblocks) von 147x110 Metern. An das bebaute Gelände
schloß sich ein Amphitheater unmittelbar an. Im 2. Jahrhundert wurde die Zahl
der insulae mehr als verdoppelt, in die man jetzt das Amphitheater und Bäder
eingliederte. Man erbaute zugleich Häuser auf einem Friedhof, der zuvor
außerhalb der Stadt lag. Dann folgten die Invasionen des 3. Jahrhunderts. Die
Stadt schrumpfte auf einen winzigen, befestigten Kern um das Amphitheater
zusammen, das jetzt als Festung diente.

125
Man kann Amiens mit Trier (Augusta Treverorum) vergleichen, dessen
Anfänge auf eine zivile Siedlung in der Nachbarschaft eines Auxiliarpostens
zurückgehen und das in den ersten Regierungsjahren des Kaisers Claudius (41–
54) zur römischen Kolonie erhoben und mit den üblichen rechtwinkligen Straßen
ausgestattet wurde. Im frühen 2. Jahrhundert kamen ein Amphitheater und die
riesigen öffentlichen Bäder (die »Barbarathermen«) mit mindestens drei
Stockwerken hinzu. Die in der ersten Hälfte oder um die Mitte des 3.
Jahrhunderts erbauten Stadtmauern scheinen einen Bereich umschlossen zu
haben, der mehr als dreimal so groß war wie die claudische Kolonie. Mit den
gallischen Kaisern, die in Trier eine Münzstätte und schließlich ihre Hauptstadt
hatten, begann die blühendste Periode der Stadt, denn sie stellte das politische
und christliche Zentrum Galliens dar. Aus dem 4. Jahrhundert stammen z.B. das
bis heute erhaltene Tor, die »Porta Nigra«, und ein kaiserlicher Palast, der um
die Mitte des Jahrhunderts durch eine Kathedrale ersetzt wurde.
Nur gelegentlich läßt sich die Entwicklung eines Bauernhofes von den
ursprünglichen Hütten zur gallisch-römischen Villa verfolgen. Die Villen
gehören häufig dem als »Flügel-Korridor«-Haus bekannten Typ an. Ein
inzwischen klassisches Beispiel ist der in Mayen bei Koblenz ausgegrabene Hof.
Hier wurde eine keltische Holzhütte mit ihrem Balkengerüst rekonstruiert, die in
früher römischer Zeit steinerne Mauern, im 1. nachchristlichen Jahrhundert
sodann den üblichen äußeren Korridor und die vorspringenden Flügel mit je
einem Raum erhielt; bis zum Ende des Jahrhunderts wurden die tragenden
Wände aus Mauerwerk gebaut und ein Bad und ein Kornspeicher hinzugefügt.
Vom anderen Ende Galliens ist die Villa von Chiragan bei Toulouse bekannt, die
sich aus einem einzigen Bauernhaus mit Reihen von Nebengebäuden für die
Arbeiter im 1. Jahrhundert zu einem weitläufigen Komplex von Höfen mit
Galerien, Säulengängen und sogar einem cryptoporticus (Säulengang im
Kellergeschoß) im späten 2. Jahrhundert entwickelte, der insgesamt 40 Hektar
einnahm.
Der Wohlstand Galliens spiegelt sich auch im Fortschritt der einheimischen
Tonwarenherstellung (wobei vorausgesetzt wird, daß wir das Gewicht der
Industrie, das wahrscheinlich nicht sehr groß war, in der überwiegend
agrarischen Wirtschaft der Antike nie werden richtig einschätzen können). Zu
Beginn unserer Periode fingen die Töpfer von La Graufesenque bei Toulouse an,
den rotgebrannten Tonwaren aus Arezzo in der Toskana Konkurrenz zu machen,
die in Gallien wie anderswo in großem Umfang importiert wurden. In den
siebziger Jahren hatten sie den Markt in Gallien, im Rheinland und in Britannien
erobert und exportierten ihre Waren auch nach Italien. Ein Behälter mit 90
verzierten Schalen und 20 Lampen aus La Graufesenque war im Jahr 79 in
Pompeji angekommen und noch nicht ausgepackt worden, als der Vesuv
ausbrach. Ein zweites, sogar größeres Zentrum der Tonwarenproduktion in
Lezoux (Puys de Dôme) stellte schon vor der römischen Eroberung solche Waren
her, exportierte in größerem Umfang aber erst seit der zweiten Hälfte des 1.

126
Jahrhunderts. Im 2. Jahrhundert sind die Erzeugnisse dieser Töpfer, die mit
deren Namen gestempelt waren, in Gallien, im Rheinland und in Britannien zu
finden; die Produktion scheint am Ende des Jahrhunderts eingestellt worden zu
sein.3 Zu dieser Zeit lagen in Nordostgallien einschließlich Trier die wichtigsten
Herstellungszentren, die ihre Produktion bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts
fortsetzten. Die gallischen Tonwaren verweisen somit, neben einer ständigen
Qualitätsminderung, auf eine allmähliche Verschiebung des Schwergewichtes
dieser Industrie zu dem jetzt wichtigsten Markt, dem Militärbezirk am Rhein.
Über die politische Struktur Galliens und das Ausmaß seiner Integration in
das römische Kaiserreich wird an den Vorgängen von 68–69 vieles sichtbar. Der
Sturz Neros im Jahr 68 wurde durch den Aquitanier Julius Vindex ausgelöst, der
als Statthalter der Gallia Lugdunensis eine Versammlung der Gallier einberief,
nicht um eine Revolte, sondern um eine Aktion gegen Nero auszulösen, weil
dieser des Thrones unwürdig war. Während er aber Botschaften an andere
Provinzstatthalter schickte und Münzen mit republikanischen römischen Parolen
ausgab, wurde die von ihm aufgestellte Armee von den Rheinlegionen
vernichtet.
Im folgenden Jahr erwiesen sich das Fortbestehen lokaler Treueverhältnisse
und die Unterschiede zwischen den Stämmen Galliens noch als sehr stark. Die
Treverer und Lingonen, die Galba (68–69) m seinen Gunstbezeugungen
gegenüber anderen Stämmen vernachlässigte, unterstützten darum die
Rheinlegionen auf ihrem Marsch nach Rom, durch den Vitellius für kurze Zeit
den Thron gewann. Durch den Marsch wurde die bittere Feindschaft zwischen
Lyon, das sich auf die Seite des Vitellius schlug, und dem benachbarten Vienne,
das für Otho Partei ergriff und nur mit knapper Not der Plünderung entging,
offenbar. Später im Jahr 69 erhoben sich die halb-romanisierten Bataver, denen
sich die Treverer und Lingonen und germanische Stämme von jenseits des
Rheins anschlossen, und riefen die übrigen gallischen Völkerschaften auf, ein
»Imperium der Gallier« zu bilden. Die Führer des Aufstandes, die die am Rhein
gebliebenen römischen Truppen besiegten und sogar zur Ablegung eines
Treueschwurs zwangen, waren Stammesführer, die einheimische Einheiten in
römischen Diensten befehligt hatten und römische Namen (Julius Classicus,
Julius Sabinus) trugen und das römische Bürgerrecht besaßen; auf der Höhe
ihrer Macht nahmen sie die Titel und Abzeichen der römischen Kaiser an. Auf
einer von den Remern in Durocortorum (Reims) einberufenen Versammlung
beschlossen die Delegierten des übrigen Gallien, loyal zu bleiben, und halfen den
von Vespasian abgesandten Legionen bei der Unterdrückung des Aufstandes.
Inmitten dieser großen Ereignisse ist eine kleine lokale Unruhe von besonderer
Bedeutung. Ein gewisser Mariccus aus dem kleinen Stamm der Boier, von dem
die Menschen glaubten, er sei ihr göttlicher Vorkämpfer, sammelte eine
Gefolgschaft von 8000 Mann aus den benachbarten Dörfern der Häduer um sich.
Der Aufstand wurde von Miliztruppen mit römischer Hilfe niedergeschlagen
und Mariccus’ Anspruch auf Unsterblichkeit durch seine Hinrichtung zunichte

127
gemacht. Wir wissen darüber aus einem kurzen Abschnitt bei Tacitus; im
übrigen ist es höchst selten, daß wir in unseren Quellen für den westlichen Teil
des Reiches auch nur Andeutungen über die Hoffnungen und den Glauben des
einfachen Volkes finden.
Diese Vorgänge berechtigen zu der Frage, wie weit die Romanisierung
fortgeschritten oder (was in gewissem Sinn etwas anderes ist) wie weit die
Verschmelzung zweier Kulturen zu einer eigenen gallisch-römischen Kultur
gediehen war. Nur wenige Spuren keltischer Bauwerke eines bestimmten
architektonischen Typs sind aus vorrömischer Zeit erhalten, obgleich
Ausgrabungen – z.B. in Bibracte und Gergovia – beweisen, daß keltische Städte
bis in das frühe 1. Jahrhundert fortbestanden, ohne daß sie von der römischen
Bauweise beeinflußt wurden. Auffallend ist aber, daß in der blühendsten Periode
des römischen Gallien, vom späten 1. bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts,
Bauwerke eines besonderen gallisch-römischen Typs entstanden.4 Da sind zuerst
das »Flügel-Korridor«-Haus zu nennen und Tempel einer Art, wie man sie nur in
den drei gallischen Provinzen und in Britannien antrifft. Diese bestehen aus
einem hohen Mittelraum, der quadratisch, rund oder unregelmäßig ist (aber kein
langgestrecktes Rechteck wie in den griechisch-römischen Tempeln darstellt),
der in Bodenhöhe mit einem gedeckten Gang umgeben ist und dessen Dach von
Säulen, die auf einer niedrigen Mauer stehen, getragen wird. Dieser Gang wurde
offenbar für Zeremonien benutzt, in denen die Gläubigen in langer Prozession
um den Gott im Mittelraum herumgingen. Für Gallien ist eine Kombination von
Theater und Amphitheater ebenfalls charakteristisch, bei der eine Bühne für
Aufführungen und gleichzeitig eine Arena für Gladiatorenkämpfe und
Schaustellungen wilder Tiere vorhanden war. Die gallisch-römischen
Privathäuser besaßen im Unterschied zu den Häusern in den Mittelmeerländern
große gemauerte Keller und (wie aus einer Reihe plastischer Darstellungen
bekannt ist) hohe, stark geneigte Dächer.
Der Nordosten brachte auch einen besonderen Bautyp in den großartigen
Grabmälern hervor, den rechtwinkligen Säulen, die mit Reliefs über das Leben
der Verstorbenen verziert waren. Am bekanntesten ist die Grabsäule von Igel bei
Trier, die aus dem frühen 3. Jahrhundert stammt. Sie wurde für eine Familie
reicher Tuchhändler errichtet. Ihre Darstellungen enthalten beispielsweise eine
Szene in deren Laden, Pächter ihrer Ländereien, die Geschenke überbringen, und
Lasttiere, die Tuchballen über einen Berg tragen.

128
 Abb. 8: Zwei der 190 Holzfiguren, die im Jahr 1963 von Professor R. Martin bei dem
gallisch-römischen Heiligtum von Sequana an der Seinequelle ausgegraben wurden.
Diese Figuren, die man um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. bei dem Heiligtum
niederlegte, sind unter dem bislang verfügbaren Material die schönsten Beispiele der
volkstümlichen Kunst und Religion im römischen Gallien. Erster Bericht von R. Martin
in: Revue Archéologique de l’Est et du Centre-Est XIV (1963), S. 7; Antiquity XXXIX
(1965), S. 247.

In der Ornamentik und der Tonkunst, deren Details hier nicht aufgezeigt
werden können, scheint seit dem 2. Jahrhundert eine Wiederbelebung keltischer
Formen eingetreten zu sein.5 Das Schicksal der keltischen Sprache ist ebenfalls
nur schwerlich zu verfolgen; die keltischen Dokumente verschwinden im 1.
Jahrhundert, das einzig ausführlichere Schriftstück ist der Kalender von Coligny,
dessen Keltisch in lateinischen Buchstaben erscheint und der aus dem 1.
Jahrhundert stammt. Das Lateinische war ganz offensichtlich weit verbreitet;
selbst in den Töpferzeichen wurde beispielsweise das keltische avot im 1.
Jahrhundert durch fecit (»machte«) ersetzt. Es bestehen aber Anzeichen dafür,
daß das Keltische weiterlebte: das keltische Wort leuga (»Meile«) erscheint im 3.
Jahrhundert selbst auf offiziellen Meilensteinen; Irenaeus, Bischof von Lyon im
späten 2. Jahrhundert, sagte, er müsse Keltisch in seinem Werk benutzen, und
Septimius Severus (193–211) gestattete, daß Testamente in keltischer Sprache
abgefaßt werden dürften.

129
Mit der Sprache lebte auch die einheimische Religion fort. Das Druidentum,
dessen mächtige Priesterkaste Julius Caesar beschrieben hatte, wurde den
römischen Bürgern von Augustus verboten und nach Aussage römischer
Quellen von Tiberius und Claudius ganz unterdrückt. Es waren jedoch Druiden,
die ein weltbeherrschendes Reich der Gallier prophezeiten, als das Kapitol in den
Bürgerkriegen des Jahres 69 brannte; sie erschienen dann wieder im 3.
Jahrhundert. Dann gab es die einheimischen Götter: Teutates, der mit Merkur
identifiziert wurde und dem man früher Menschenopfer dargebracht hatte; Esus
oder Cernunnos, der auf Darstellungen als x-beiniger Gott mit Bart und Geweih
erscheint; Taranis, der mit Jupiter identifiziert wurde und den man auf
reliefgeschmückten Säulen, die in ganz Gallien, besonders aber im Nordosten
gefunden wurden, darstellte, wie er einen Drachen erschlägt. Über die
Geschichte der gallischen und der anderen Religionen gibt es eine Vielzahl von
Theorien und umstrittenen Interpretationen; in einer kürzlich veröffentlichten
Studie wird behauptet, das 3. Jahrhundert habe das Heraustreten der keltischen
Götter aus ihren griechisch-römischen Verkleidungen erlebt.6
Dort wurden, wie anderswo, die Götter des griechisch-römischen Pantheons
importiert, insbesondere die offizielle Trias Roms, Jupiter, Juno und Minerva.
Diesen folgten die Kulte des Ostens nach, Isis, Kybele und Mithras (der letztere
besonders am Rhein, wo die Legionen standen). Unter die östlichen Kulte zählt
auch das Christentum, das mit dramatischer Plötzlichkeit in den Verfolgungen
von Lyon im Jahr 177 in Erscheinung trat; der lange, in griechischer Sprache
abgefaßte Brief, in dem die Christen aus Lyon und Vienne von diesen Vorgängen
an ihre Glaubensgefährten in Asia und Phrygien berichteten, ist in Eusebius’
Kirchengeschichte erhalten. Dem Bericht ist zu entnehmen, daß es in Lyon schon
einen Bischof und in Vienne einen Diakon gab. Die gallische Kirche hatte, wie
man aus dem Brief folgern kann, ihre Wurzeln in Kleinasien. Einer der Märtyrer
war ein römischer Bürger aus Pergamon, ein anderer ein Arzt aus Phrygien, der
schon lange Zeit in Gallien seßhaft war. Die Martyrien begannen mit der
wachsenden Feindseligkeit der Bevölkerung (die im Brief als »wilde und
barbarische Stämme« erscheint), die zum Ausschluß von öffentlichen Ämtern,
Einkerkerung durch die städtischen Behörden und Anklagen vor dem legatus
führte und mit öffentlichen Folterungen und Hinrichtungen endete, von denen
einige Teil der Spiele waren, die aus Anlaß der jährlichen Versammlung am 1.
August im Amphitheater der drei gallischen Provinzen gegeben wurden.
Das Bistum von Lyon ging dann auf einen anderen Immigranten aus Asia
über, auf Irenaeus, dessen in griechischer Sprache verfaßte theologische Werke
sehr wenige Hinweise auf die gallischen Christen enthalten; in seiner Exposition
und Refutation der falschen Gnosis erwähnt er lediglich, daß die gnostische Häresie
sogar unter den Christen, besonders den Frauen, im Rhônetal Anhänger fand. Bis
auf den kurzen Hinweis bei Irenaeus auf christliche Gemeinden in den
germanischen Provinzen und eine griechische christliche Inschrift in Versen aus
Autun aus dem 2. oder frühen 3. Jahrhundert sind keine weiteren Belege bis zum

130
Jahr 254 erhalten, als Faustinus, der Bischof von Lyon, an die Bischöfe von Rom
und Karthago schrieb (an Cyprian, aus dessen Korrespondenz dieser Beleg
stammt) und über die starre Haltung berichtete, die der Bischof von Arles bei der
Wiederaufnahme der Personen in die Kirche einnahm, die bei den Verfolgungen
des Decius (250–251) abgefallen waren. Etwa in die gleiche Zeit fällt der
Märtyrertod des Saturninus, des ersten Bischofs von Toulouse, über den in
einem wahrscheinlich zuverlässigen Text des 5. Jahrhunderts berichtet wird. Auf
seinem Weg zur Kirche kam Saturninus täglich am Kapitol (dem Tempel des
Jupiter, der Juno und Minerva) vorbei, und seine Anwesenheit »machte die
Statuen stumm« (d.h., aus den Opfern ließen sich keine Vorzeichen ablesen).
Schließlich ergriff eine Menschenmenge den vorübergehenden Saturninus, als sie
auf die Opferung eines Stiers wartete, und tötete ihn, indem sie ihn an den Stier
band und diesen den Hügel hinabtrieb. Eine Anzahl weiterer, aber weniger
zuverlässiger Märtyrerberichte bezieht sich auf die gleiche Periode. Es steht
jedoch fest, daß es bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts auch zumindest in Paris,
Reims, Vienne und Tours Bischöfe gab.
In der zweiten Hälfte des 2, Jahrhunderts kam es zu Kriegen und
Bürgerkriegen der Art, wie sie im 3. Jahrhundert folgen sollten. In den Jahren 162
und 174 (zur Zeit der großen Donaukriege) scheinen germanische Heere
Raubzüge nach Gallien unternommen zu haben; Ausgrabungen haben Spuren
der Zerstörung in Straßburg ans Licht gebracht. Dann kam es zu Aufständen im
Inneren, der Erhebung des Maternus in den achtziger Jahren des 2. Jahrhunderts
(s.u.) und zur Auseinandersetzung zwischen Septimius Severus und seinem
Rivalen Clodius Albinus, dem Statthalter Britanniens. Letztere fand in Severus’
blutigem Sieg bei Lyon im Jahr 197 ihren Höhepunkt und zog ausgedehnte
Konfiskationen in Gallien und Spanien nach sich.
Danach herrschte etwa bis zur Mitte des nächsten Jahrhunderts Frieden. Über
die Einrichtungen Galliens, die Rolle seiner führenden romanisierten Bürger und
ihre Verbindungen zu den römischen Statthaltern gibt eine lange Inschrift aus
dem Jahr 238 Auskunft, die auf Anweisung des Kongresses der drei gallischen
Provinzen in der colonia der Viducassen (in der Nähe von Caen) angebracht
wurde.7 Darin wird Titus Sennius Solemnis geehrt, der sämtliche Ämter in der
Kolonie innegehabt und Bäder für die Bürger errichtet hatte, für deren
Instandhaltung er Gelder hinterließ; außerdem war er Priester der Roma und des
Augustus beim Altar von Lyon gewesen und hatte in dieser Funktion 32
Gladiatorenkampfspiele veranstaltet. Er war auch ein Freund des Claudius
Paulinus gewesen, des legatus von Gallia Lugdunensis, und dessen Ratgeber, als
dieser (um 220) als legatus von Britannia Inferior eingesetzt wurde. In der
Inschrift wird wörtlich ein Brief zitiert, den Paulinus aus Britannien schrieb und
in dem er ihm ein Tribunat versprach, für das er ein Gehalt von 25 000 sesterces in
Gold erhalten sollte, und der von Kleidergeschenken begleitet war. Solemnis
wurde dann auch der Gefolgsmann des nächsten Statthalters von Gallien, der
seinerseits aus Rom einen Brief an seinen Nachfolger schrieb, in dem er Solemnis

131
empfahl (der nach Rom gekommen war, um ihn aufzusuchen) und ihm mitteilte,
daß Solemnis den gallischen Kongreß daran gehindert hatte, gegen Paulinus
Anklage zu erheben. Ein solches Dokument, zu dem es viele Parallelen aus den
griechischen Provinzen gibt, macht deutlich, wie sehr die gallische Oberschicht
in die griechisch-römische Welt integriert wurde. Ehe nun von den Stürmen
berichtet werden soll, die über Gallien und den Westen hereinbrachen, müssen
wir zu der Entwicklung Spaniens und Britanniens zurückkehren.
Der Geograph Strabo gibt eine wertvolle Schilderung Spaniens zu Beginn der
Periode. Im Süden lag die Baetica (etwa das heutige Andalusien), aus deren
reichen Ebenen Nahrungsmittel nach Italien exportiert wurden. Die Einwohner
hatten ihre einheimische Sprache und ihre Lebensgewohnheiten aufgegeben, das
Lateinische und die römische Lebensweise angenommen und weitgehend das
»latinische« Recht erworben (s. Kap. 5). Einige Teile waren sogar noch weiter
fortgeschritten; die reiche Handelsstadt Gades konnte 500 Männer im Status
römischer equites vorweisen, eine Zahl, die nur Padua erreichte. In den beiden
anderen Provinzen, Lusitania und Tarraconensis, die beide von kaiserlichen
legati regiert wurden, stellten die von Augustus gegründeten Veteranenkolonien,
die manchmal Einheimische miteinschlossen, abgesehen von der
Mittelmeerküste die einzigen Inseln städtischen Lebens dar. In ganz Mittel-,
Nord- und Westspanien bestanden einheimische Sitten und einheimische
Stammeseinheiten fort. Eine Illustration dazu gibt eine Inschrift aus dem Jahr 27
n. Chr., in der ein Vertrag zwischen zwei gentilitates (Geschlechtsverbänden) des
Stammes der Zoelae in Asturien aufgezeichnet ist; alle genannten Personen
tragen einheimische Namen, z.B. Turraion, Sohn des Cloutus. Außer der
Tatsache, daß die Inschrift als öffentliches Dokument in lateinischer Sprache
abgefaßt ist, enthält sie kein Anzeichen für eine Romanisierung. Das Volk scheint
weiterhin Iberisch gesprochen zu haben, wie ein Einwohner der Tarraconensis, als
er nach der Ermordung des Statthalters dieser Provinz im Jahr 26 vernommen
wurde.
Aus der Baetica kamen einige der bedeutendsten lateinischen Schriftsteller des
1. Jahrhunderts, z.B. der Redner L. Annaeus Seneca, der um die Mitte des 1.
vorchristlichen Jahrhunderts in Cordoba geboren wurde. Sein Sohn, der
Philosoph Seneca, der auch in Cordoba zur Welt gekommen war, ging als junger
Mann in den ersten Regierungsjahren des Tiberius nach Rom und war später der
wichtigste Ratgeber Neros. Sein Neffe, der Dichter Lukan, stammte ebenfalls aus
Cordoba und kam schon als Kind nach Rom. Junius Columella aus Gades, der
nach Italien einwanderte (s. Kap. 7), beschreibt in seinen Schriften über den
Ackerbau, wie sein Onkel Marcus Columella, der in der Baetica Landwirtschaft
betrieb, den Boden für den Anbau von Getreide oder Wein vorzubereiten
pflegte, wie dieser den Wein konservierte oder zu Zuchtzwecken wilde Widder
kaufte, die aus Africa gebracht wurden, um sie in den von den einheimischen
Magistraten veranstalteten Spielen vorführen zu lassen. Aus der östlichen
Tarraconensis kam der Redner Quintilian, der, zwischen 35 und 40 n. Chr. in

132
Calagurris geboren, in Rom erzogen wurde und von Vespasian als Lehrer der
Beredsamkeit eine staatliche Besoldung erhielt, und der Dichter Martial, der
zwischen 38 und 41 in Bilbillis zur Welt kam. Auch er ging nach Rom, ertrug
einige Jahre der Armut, besaß am Ende aber ein Haus in der Stadt und eine Villa
im mondänen Nomentum. Später zog er sich trotz seines Ruhmes und
kaiserlicher Gunstbeweise im Jahr 98 nach Bilbillis zurück. Von dort schrieb er
einmal über das Fehlen einer gebildeten Zuhörerschaft, über den Verlust der
Bibliotheken und Theater von Rom und über den Neid seiner Mitbürger. Ein
andermal rühmte er den tiefen Frieden und das einfache Leben von Bilbillis nach
den Beunruhigungen Roms.
Unter Vespasian wurde die Romanisierung Spaniens durch die Gewährung
des »latinischen« Rechts für ganz Spanien anerkannt (die in einem einzigen Satz
der Naturgeschichte des Plinius erwähnt wird). Eine Reihe von Dokumenten – sie
entstammen jedoch alle der Baetica – illustriert das städtische Leben dieser Zeit.
Zuerst muß das Antwortschreiben Vespasians auf eine Delegation aus Sabora im
Jahr 77 erwähnt werden, das den Wiederaufbau ihrer Stadt in der Ebene zuließ –
sie sollte jetzt nach ihm (Municipium Flavium Saborense) benannt werden –, die
von Augustus gewährten Einkünfte bestätigte und die Frage neuer Einkünfte
dem zuständigen Prokonsul überließ. Erhalten ist sodann ein Brief des Titus (79–
81) an das municipium von Munigua, der 1958 entdeckt wurde.8 Die Gemeinde
hatte, nach Titus’ Meinung ungerechtfertigterweise, gegen ein Urteil des
Prokonsuls Berufung eingelegt, das einen Streit über die Zahlungen an einen
Mann betraf, der die Einziehung der dortigen öffentlichen Einnahmen
übernommen hatte. Titus erließ einige der fälligen Gelder und verlangte, daß der
Rest gezahlt wurde. Aus der Regierungszeit Domitians (81–96) stammen die in
Kapitel 5 erwähnten Stadturkunden von Salpensa und Malaca. Die Lebenskraft
des spanischen kommunalen Lebens dieser Periode wird weiterhin durch ein
Bauwerk aus Lusitanien illustriert, die große Brücke (Alcantara), die noch immer
den oberen Tajo überspannt. Sie wurde mit Kontributionen aus zwölf
Gemeinden erbaut und um 105–106 fertiggestellt. Die Gemeinden warben dazu
einen literarisch gebildeten Architekten an, der in das Mauerwerk ein Gedicht
einmeißeln ließ – zum Preis seiner eigenen Leistung beim Bau einer Brücke, die
ewig bestehen bleiben sollte. Mit dem Bau dieser Brücke war die Errichtung
eines Altars für den Kaiserkult verbunden.
Wie in anderen Teilen des Reiches stellte auch hier der Kaiserkult die einzige
Verbindung zwischen den Gemeinden der einzelnen Provinzen dar. Die
Tarraconensis erlangte 25 den provinziellen Kaiserkult, als eine Delegation nach
Rom ging, um die Erlaubnis für den Bau eines Tempels für Tiberius und seine
Mutter Livia einzuholen, Lusitanien irgendwann im 1. Jahrhundert, die Baetica
erst unter Vespasian (69–79). Die provinzielle Hohepriesterwürde – ihr Träger
wurde jährlich vom Kongreß (consilium) der Provinz gewählt – war die
angesehenste Stellung, die der munizipale Adel erlangen konnte; die meisten der
uns bekannten Hohenpriester hatten Ämter in ihren Heimatstädten bekleidet;

133
viele von ihnen gelangten auch in den römischen Ritter- oder Senatorenstand.
Ein gutes Beispiel ist Voconius Romanus, der, wie wir aus den Briefen Plinius’
des Jüngeren wissen, als Sohn einer reichen Ritterfamilie in Sagunt geboren
wurde, in Rom mit Plinius (in den siebziger und achtziger Jahren) studierte und
Hoherpriester (flamen) der Tarraconensis war; »Du weißt, wie gewichtig das
Urteil dieser Provinz ist«, schrieb Plinius, als er Romanus einem Freund empfahl.
Plinius erlangte von Trajan für ihn die gesetzlichen Privilegien eines Vaters von
drei Kindern und bat Nerva und Trajan, ihn in den Senat aufzunehmen.
Als klassische Beispiele für das Aufsteigen von Spaniern in den Senat und ihre
Rolle sowohl zu Hause als auch im Reich können L. Minicius Natalis aus
Barcelona, der 106 Konsul und um 121 Prokonsul von Africa war, und sein Sohn
L. Minicius Natalis Quadronius Verus gelten, der auch das Konsulat und im Jahr
139 das Prokonsulat von Africa bekleidete. Nach 120 ließen beide für die Bürger
Barcelonas ein Bad und Säulengänge auf ihrem eigenen Grund und Boden bauen
und einen Aquädukt, der dorthin führte; im Jahr 129 gewann der Sohn (der den
philhellenischen Neigungen eines Hadrian folgte) das Wagenrennen bei den
Olympischen Spielen in Griechenland. Zehn Jahre später wurde er vom Volk von
Tibur bei Rom als Patron der Gemeinde geehrt, wo ohne Zweifel seine Villa
stand.
Eine Inschrift spricht von einem Mann auf sozial niedrigerer Ebene, der
Centurio in zwei Legionen gewesen und unter Marcus Aurelius und Verus (161–
169) ehrenvoll entlassen worden war. Nach Barcelona zurückgekehrt, hatte er
verschiedene zivile Funktionen und das städtische Priesteramt der Roma und
der Kaiser inne. Er vermachte der Stadt eine Summe, aus der jährlich die
Ausrichtung von Boxkämpfen und eine kostenlose Verteilung von Öl in den
öffentlichen Bädern bestritten werden sollten – unter der Bedingung, daß seine
Freigelassenen und deren Nachkommen von den Belastungen des Sevirats (eines
niederen Grades der munizipalen Priesterwürde) befreit wurden. Diese Inschrift
verdeutlicht viele wichtige Aspekte des städtischen Lebens in der Provinz, die
Verbindung von kaiserlichem Dienst und kommunaler Verantwortung, die Rolle
der Freigebigkeit und die ersten Anfänge, Ämter zu meiden, da diese eine
wachsende Belastung darstellten.
Wenn wir unseren Quellen glauben dürfen, scheinen der Wohlstand Spaniens
und die Rolle der Spanier im Reich in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts ihren
Höhepunkt erreicht zu haben. Danach sehen wir uns, wie im Fall Galliens, der
unerklärlichen Tatsache gegenüber, daß nicht mehr als eine Handvoll aus
Spanien stammender Männer im Ritter- oder Senatorenstand zu finden ist. Aus
der Zeit des Wohlstandes besitzen wir das einzige Beispiel einer spanischen
Stadt, die weitgehend ausgegraben wurde, Italica in der Baetica.9 Seit 205 v. Chr.
eine italische Siedlung, gewann es erst unter Augustus den Rang eines
municipium und den einer colonia durch Petition an Hadrian, der aus diesem Ort
stammte. Hadrian tat noch mehr: Er vergrößerte die Stadt und schmückte sie mit
großartigen öffentlichen Gebäuden (es handelt sich um das hadrianische Italica,

134
das Ausgrabungen ans Licht gebracht haben). Die neue Stadt wurde nach dem
klassischen rechtwinkligen Muster angelegt mit 16 Meter breiten Hauptstraßen
(8 Meter für den Verkehr, 4 Meter auf jeder Seite für die Fußgänger); alle Straßen
in dem ausgegrabenen Teil der Stadt wurden von Säulengängen gesäumt, die
vor Sonne und Regen schützten. Die Ausgrabungen haben einige schöne Häuser
des Atrium-Typs nach reinem italischem Vorbild zutage gefördert; unter ihnen
befindet sich das »Haus der Vögel« (nach seinen Mosaikböden so genannt), das
um einen Innenhof von 22,40x18,30 Metern mit zwei Brunnen gebaut ist und
einen großen Speisesaal enthält, neben dem ein Zierteich für Fische liegt.
Innerhalb der Mauern Italicas standen zwei öffentliche Bäder und außerhalb ein
Theater, das noch nicht ausgegraben ist, und ein Amphitheater, das 25 000
Zuschauer faßte – eines der größten im Reich, das in seinen Ausmaßen etwa in
der Mitte zwischen den Amphitheatern von Nîmes und Arles und dem
Kolosseum von Rom lag.
Über die ländlichen Bauten ist weniger bekannt. Erhalten ist aber z.B. eine bei
Numantia in der Tarraconensis ausgegrabene Villa des Atrium-Typs mit etwa 30
Räumen, Bädern, die mit Fußbodenheizung versehen sind, und Mosaikböden;
diese wurde um die Mitte des 2. Jahrhunderts gebaut und war offenbar bis in die
Mitte des 4. Jahrhunderts ständig bewohnt. Bekannt sind uns andererseits die
primitiven Dorfbehausungen, die bei Arguedas (Navarra) ausgegraben wurden,
mit ihren Fußböden aus gestampfter Erde und ihren reisiggedeckten Dächern.
Der Wohlstand Spaniens beruhte auf einer breiten Skala leistungsfähiger
Unternehmungen. Die Viehzucht war hochentwickelt; das concilium von Baetica
schrieb an Hadrian, um zu erfragen, wie Viehdiebe zu bestrafen seien; Ölkrüge
aus Italica sind nicht nur in Rom, sondern auch in Nordfrankreich und am Rhein
zu finden; entlang der Ufer des Baetis (Guadalquevir) hat man über weite
Strecken Brennöfen für Tonwaren ausgegraben. Von der Atlantik- und der
Mittelmeerküste Südspaniens wurde, wie aus Marokko, die vielgepriesene
Fischsauce exportiert, die als garum bekannt war; Untersuchungen der Bassins, in
denen die Fische eingesalzen wurden, haben ergeben, daß diese zum Großteil im
augusteischen Zeitalter gebaut worden waren und daß man im 3. Jahrhundert
aufhörte, in ihnen Fische einzusalzen.10 Die wichtigsten Produkte Spaniens
waren vielleicht seine Mineralien – Gold, Kupfer, Silber, Blei und Eisen. Zwei
Inschriften, die Bestimmungen für den Bergbau enthalten und die aus Vipasca
(Aljustrel) aus dem südlichen Lusitanien (aus dem frühen 2. Jahrhundert)
stammen, geben ein lebendiges Bild der dortigen Verhältnisse. Die
Bergwerksschächte wurden getrennt an einzelne Unternehmer oder
Unternehmergruppen verpachtet, die sie unter strengen Bedingungen in Betrieb
hielten, z.B. gezwungen waren, die Abstützungen in guten Zustand zu setzen
oder Erz nur zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang
abzutransportieren. Sämtliche Versorgungsbetriebe im Bergwerksbezirk –
Badehäuser, Schuhmacherwerkstätten, Barbierläden, Walkereien, Auktionslokale
– wurden als Konzessionen an einzelne Unternehmer verpachtet. Der

135
Badehauspächter mußte z.B. das Bad von der Morgendämmerung bis zum
Mittag für Frauen und von ein Uhr bis acht Uhr abends für Männer offenhalten,
einen festgelegten Eintritt erheben, an jedem Tag das Bad öffnen und die
Heizanlage in einwandfreiem Zustand halten.
Die religiösen Verhältnisse waren denen in den übrigen westlichen Provinzen
ähnlich: Einige einheimische Gottheiten lebten weiter fort (sie sind lediglich
durch ihre Namen auf Inschriften bekannt, die in der Hauptsache auf die
nördliche Tarraconensis beschränkt und für die romanisierte Baetica nicht
bezeugt sind), römische Gottheiten wurden eingeführt (ein bemerkenswertes
Beispiel stellt der dreifache Tempel des Jupiter, der Juno und der Minerva dar,
der die ausgegrabenen Überreste von Belo an der Küste der Baetica beherrscht),
und es sind Spuren östlicher Kulte, beispielsweise des Serapis, des Mithras und
der Kybele, festzustellen. Aus dem Jahr 287 besitzen wir in den Märtyrerakten
der Heiligen Justa und Rufinus die Beschreibung einer Prozession zu Ehren von
Adonis und Salambo in Hispalis.
Wir wissen nicht, wann das Christentum in Spanien eingeführt wurde. Paulus
beabsichtigte, nach Spanien zu reisen, es gibt aber für eine Verwirklichung dieses
Vorhabens keinerlei Beweise. Nimmt man Legenden aus, so stammen die ersten
zuverlässigen Nachrichten erst aus den Jahren 254–257, als Cyprian, der Bischof
von Karthago, einen Brief an die christlichen Gemeinden von Leon (Ad
Legionem), Asturica und Emerita schrieb, um auf die Klage, die Bischöfe von
Leon und Emerita wären in den Decischen Christenverfolgungen ihrem Glauben
untreu geworden, zu antworten. Die Kirche stand damals offenbar auf festen
Füßen – die spanischen Bischöfe wurden gemeinsam von ihrer eigenen
Gemeinde und einem Kongreß der anderen Bischöfe gewählt. Wenige Jahre
später starben Bischof Fructuosus und seine beiden Diakone den Märtyrertod –
sie wurden 259 im Amphitheater von Tarraco verbrannt. Auf dem Konzil von
Iliberris im frühen 4. Jahrhundert waren Vertreter aus 23 Gemeinden der Baetica
und aus 14 der weniger zivilisierten Teile Spaniens zugegen.
Bis in die Mitte des 2. Jahrhunderts scheint (sieht man von der einzigen Notiz
über Kämpfe unter Nero gegen die Asturier des Nordwestens ab) der Friede
Spaniens nicht gestört worden zu sein. Im Jahr 70 stand nur noch eine Legion im
ganzen Land. Unter Marcus Aurelius aber, wahrscheinlich im Jahr 168, fielen
Mauren aus Nordafrika in die Baetica ein. Die Provinz wurde dem legatus der
Tarraconensis unterstellt, und der Prokurator von Mauretania Tingitana kämpfte
ebenfalls dort. Eine Inschrift aus Italica ehrt ihn, weil er die Feinde erschlug und
den Frieden der Provinz wiederherstellte; eine andere aus Singilia Barba
bekundet, daß er den Ort von langer Belagerung durch die Mauren errettete. In
den achtziger Jahren des 2. Jahrhunderts folgte der Aufstand des Maternus, eines
Deserteurs, der eine Schar von Banditen um sich sammelte, die zu einer
regelrechten Armee anwuchs, Gallien und Spanien überrannte, Städte belagerte
und sogar versuchte, den Kaiser in Rom anzugreifen. Leider ist unsere einzige
Quelle über diese Ereignisse, Herodian, äußerst vage in ihren Aussagen über

136
Maternus’ örtliche Herkunft, die sozialen Ursachen des Aufstandes und das
geographische Ausmaß seiner Operationen. Spanien litt dann, wie schon
erwähnt, unter den Nachwirkungen des Bürgerkrieges von 196–197. Ein General
des Severus kämpfte (wie auf einer Inschrift zu lesen ist) als Statthalter der
Tarraconensis gegen »Rebellen«. Die Konfiskationen in Gallien und Spanien
scheinen sich darin widerzuspiegeln, daß von nun an das Abzeichen des
kaiserlichen Patrimoniums auf den Überresten der Tonwaren aus der Baetica in
Rom erscheint.
Die Zivilisation des römischen Spanien ist ein noch weitgehend unerforschtes
Feld, das reiche Ergebnisse hervorbringen wird, wenn ihm die notwendige
Aufmerksamkeit geschenkt werden kann. Hier kann ein kurzer Bericht noch
weniger als für einen anderen Teil des Reiches mehr als ein Aufzeigen einiger
isolierter Wesenszüge sein.
Das römische Britannien ist archäologisch auf militärischem und zivilem
Gebiet intensiv erforscht, die erhaltenen Bauten sind im Vergleich zu Gallien und
Spanien auch weit geringer an Zahl. Die Militärgeschichte der Provinz – in der
vier und später drei Legionen stationiert waren, eine Zahl, die zur Größe der
Provinz in keinem Verhältnis stand – ist in Kapitel 6 skizziert worden. Im
folgenden wollen wir uns nicht mit den Spuren der Romanisierung in den
Grenzbezirken beschäftigen,11 sondern mit der Kultur des weitgehend
romanisierten Teils, d.h. der südlichen zwei Drittel Englands.

137
 Abb. 9: Die römische Armee in Britannien in der frühen Periode. Auf diesem
Grabstein aus Camulodunum (Colchester) ist ein Centurio der Legion XX Augusta in
voller Uniform abgebildet. Seine linke Hand ruht auf dem Schwertknauf, in seiner
rechten hält er den Stock (vitis), das Symbol der Gewalt eines Centurio. Der Grabstein
wurde umgestürzt, als Camulodunum im Jahr 60 während des Aufstands der Boudicca
zerstört wurde.

Die Unterwerfung Englands begann mit der Invasion von 43, die zur
Einnahme von Camulodunum (Colchester), der Hauptstadt des mächtigsten
Stammes, der Trinovanten, und zum Vorrücken einer Legion unter dem
künftigen Kaiser Vespasian nach Südwesten führte. Neuere Ausgrabungen in
Fishbourne bei Chichester haben Holzbauten aus dieser Periode erkennen lassen,
die militärische Vorratshäuser gewesen zu sein scheinen. Auf diese folgte eine
zivile Hafensiedlung, die ein Bad und möglicherweise Kaufläden umfaßte und
ihrerseits dann um 75 n. Chr. durch einen riesigen Palast ersetzt wurde, der aus
Steinen gemauert war (Marmor wurde dazu aus dem weit entfernten Italien
herbeigebracht); in drei Flügeln um einen mit Säulengängen umgebenen Hof
gebaut, bedeckte er eine Fläche von mindestens fünfeinhalb Morgen. Sein
Besitzer ist unbekannt. Er könnte vielleicht der Klientelkönig Cogidubnus
gewesen sein, den das collegium fabrum (die Metallarbeiter-Gilde) in Colchester
auf einer lateinischen Inschrift als rex et legatus (König und Beauftragter des
Kaisers) ehrte.12 Ein anderer Klientelkönig der frühen Periode war Prasutagus
von den Icenern in Ostanglia. Als er um 60 starb, wurde sein Besitz eingezogen,
und seine Witwe, Boudicca, übernahm in einem Aufstand die Führung, den die
Römer nur mit äußerster Anstrengung niederzuschlagen vermochten. Tacitus’
Bericht spiegelt eine frühe Entwicklungsstufe des romanisierten städtischen
Lebens in Britannien wider. Die Aufständischen plünderten Camulodunum, das
im Jahr 49 als eine colonia für Legionsveteranen angelegt worden war. Es standen
damals dort schon ein Tempel des Claudius, der für den Provinzkult gedacht
war, ein Senatsgebäude für die Ratsherren der Kolonie und ein Theater. Die
Stadtmauern waren jedoch noch nicht gebaut, und der Ort wurde deshalb
geplündert; unter den Steinbauten der späteren römischen Stadt befinden sich
Anzeichen für niedergebrannte Holzbauten und an zwei Stellen für Vorräte an
Ton- und Glaswaren. Verulamium (St. Albans) erging es ähnlich. Ausgrabungen
haben dort eine Reihe von Geschäftsbauten aus Holzbalken entlang der
Hauptstraße erkennen lassen, die vor 60 entstanden und ohne Zweifel das Werk
römischer Bauleute, vielleicht römischer Pioniere, sind. Auch hier deuten Spuren
auf einen Brand, und erst zwischen 75 und 80 wurde dieses Gelände wieder
bebaut. In diesen beiden Orten und in London, wo eine große Zahl von
Kaufleuten lebte, sollen 70 000 Menschen getötet worden sein.
Die letzten dreißig Jahre des 1. Jahrhunderts sind von der Ausbreitung der
römischen Macht nach Wales und nach dem Norden (der Absorption des
Klientel-Königreiches der Briganten und der Stationierung einer Legion in York)

138
und dem Fortschreiten der Romanisierung gekennzeichnet. Tacitus schildert, wie
sein Schwiegervater Agricola, Statthalter von 78–84, die Eingeborenen dazu
ermutigte, Foren, Tempel und Häuser zu bauen und den Häuptlingssöhnen eine
literarische Erziehung angedeihen zu lassen. Wir kennen den Namen eines
griechischen Grammatikers, eines Freundes des Plutarch, Demetrius von Tarsos,
der damals nach Britannien kam und in York zwei griechische Inschriften
hinterließ. Archäologische Forschungen haben bestätigt, daß in dieser Zeit Städte
in Britannien entstanden. Das Forum von Verulamium wurde im Jahr 79 feierlich
eingeweiht; die Stadt besaß zu diesem Zeitpunkt einen Tempel und eine
Markthalle aus Stein, die Privathäuser waren allerdings nach wie vor
Fachwerkbauten. Bis zum frühen 2. Jahrhundert wuchs die Stadt über die
Erdwälle hinaus, die zuvor ihrer Verteidigung gedient hatten. Mit dem ersten
Theater und den ersten Häusern aus Stein, die wahrscheinlich nach einem Brand
um 155 entstanden, wurde die Bautätigkeit fortgesetzt. Die zu Beginn des 3.
Jahrhunderts errichtete Stadtmauer umschloß dann etwa eine Fläche von 200
Morgen.13
Drei weitere coloniae wurden gegründet, Lincoln und Gloucester in den
neunziger Jahren und York vielleicht nicht vor dem frühen 3. Jahrhundert. Die
meisten römisch-britischen Städte waren »kantonale Hauptstädte«, städtische
Mittelpunkte einzelner Stämme, Calleva Atrebatum – der Atrebaten – oder
Corinium Dobunnorum. Calleva (Silchester) ist am besten bekannt, und man
kann seine mutmaßliche Entwicklung von seinen Anfängen als einheimische
Stadt an verfolgen, deren verstreute Hütten von einem Erdwall umschlossen
wurden. Im 1. Jahrhundert erfolgte der Bau eines Forums, einer basilica und
sogar öffentlicher Bäder, während die Privathäuser immer noch in
unregelmäßigem Abstand voneinander stehende Holzhütten waren. Sodann,
vielleicht in der Regierungszeit Hadrians (117 bis 138), wurde ein regelmäßiges
Straßennetz angelegt und, vielleicht zur gleichen Zeit, ein weit längerer Erdwall
– ein zu langer, wie sich herausstellte –, der 290 Morgen einschloß. Schließlich
wurde am Ende des 2. Jahrhunderts eine Mauer mit Graben gebaut, die etwa 175
Morgen umfaßten. Die Ausbreitung der literarischen Kultur spiegelt sich in einer
winzigen Einzelheit, einem Ziegel, in den ein Zitat aus zwei Wörtern aus der
Äneis des Vergil eingekratzt ist.
Die ländlichen Siedlungen wurden ebenfalls von der Romanisierung erfaßt
(wenn auch selbst in den niedrig gelegenen Gebieten Hütten des einheimischen
Typs in der römischen Zeit noch weit verbreitet waren). Ein klassisches Beispiel
stellt die Ausgrabung in Lockleys bei Welwyn dar, die eine Rundhütte aus dem
frühen 1. Jahrhundert erkennen läßt, die in der Folge durch eine große Hütte
ersetzt wurde, die in der Zeit vor der Besetzung bis etwa 60–70 bewohnt war
(römische Tonwaren wurden immer dominierender) und ihrerseits dann von
einem rechteckigen Haus mit fünf Räumen, einer Veranda, Mauern aus
Feuerstein und Mörtel ersetzt wurde, das in der oberen Hälfte wahrscheinlich in
Fachwerk gebaut und mit bemaltem Verputz versehen war. An seine Stelle trat

139
schließlich im späten 2. Jahrhundert ein Steinhaus mit zwei Flügeln, das mehr als
dreimal so groß war und bis zu einem Brand im frühen 4. Jahrhundert bewohnt
wurde.
Den verbreitetsten Typ eines romanisierten Bauernhauses in Britannien stellt
ein ansehnliches Gebäude von 15 bis 30 Metern Länge dar, das oft zwei Flügel
hatte und dessen Sockel aus Zement und Stein Fachwerkwände trug. Es war
noch alles andere als luxuriös ausgestattet und besaß im allgemeinen keine
Warmluftheizung, keine Mosaikböden und kein Bad. In der bekannten Villa von
Lullingstone in Kent findet sich ein Bad, das etwa aus dem Jahr 180 stammt.
Aber selbst hier gehören die eindrucksvollen Mosaiken, die Warmluftanlagen
und anderen Besonderheiten ins frühe 4. Jahrhundert, als in Britannien eine
Reihe luxuriöser römischer Villen entstand.
Das religiöse Leben Britanniens wird von der allgemeinen, ungeheuer
komplizierten Vermischung einheimischer Kulte und Gottheiten mit den Göttern
des griechisch-römischen Pantheons und der östlichen Religionen
gekennzeichnet, wobei die letzteren weitgehend in den Auxiliareinheiten verehrt
wurden. In Woodeaton (Oxfordshire) stand z.B. ein quadratischer Tempel, der
von einem gedeckten Wandelgang umgeben war (und damit ganz dem
normalen keltischen Typ entspricht) und in einer quadratischen Einfriedigung
lag. Erbaut wurde er im 1. Jahrhundert; eine große Zahl dort gefundener
Münzen beweist, daß er bis ins 4. Jahrhundert benutzt wurde, und läßt
vermuten, daß man dort vielleicht einen Markt abhielt.
Daneben gab es die Kulte aus dem Osten, deren auffälligstes Bauwerk der
Mithrastempel in London ist. Der Tempel, etwa 20x8 Meter groß, wird durch
eine Säulenreihe in ein Mittelschiff, in dem die Rituale vorgenommen wurden,
und zwei Nebenschiffe mit Sitzbänken geteilt. Am westlichen Ende wird auf
einer erhöhten Plattform, auf die man über Stufen gelangte, die Reliefskulptur
des Mithras (dessen Kopf man in der Nähe fand) gestanden haben. Sie zeigt ihn,
wie er gerade den heiligen Stier erschlägt. Die Einrichtungen des Kaiserkults
werden durch eine Inschrift aus Bordeaux beleuchtet, die ein britischer
Schiffseigentümer, der sich als sevir augustalis der Kolonien York und Lincoln
bezeichnet, nach einer Reise im Jahr 237 anfertigen ließ. Das Christentum muß
im 3. Jahrhundert auch nach Britannien vorgedrungen sein, wenn wir dafür auch
keine Belege haben; auf der Synode von Arles im Jahr 314 waren nämlich
Bischöfe aus London, York und Lincoln zugegen, die ein Presbyter und ein
Diakon begleiteten.
Britannien blieb ein Grenzgebiet. Um 150 kam es zu einem ernstlichen
Aufstand im Norden und um 180 und 200 zu barbarischen Angriffen aus
Schottland. Es ist möglich, daß viele der kantonalen Hauptstädte in der Mitte des
2. Jahrhunderts Erdwälle erhielten, und es ist bekannt, daß sie alle am Ende des
Jahrhunderts Steinmauern bauen ließen. Die Störungen des 3. Jahrhunderts
gingen aber, zumindest bis zum Ende, an Britannien vorüber.

140
Gallien litt am stärksten unter den barbarischen Invasionen. Münzschätze und
Spuren der Zerstörung in Selts im Elsaß lassen vermuten, daß die Einfälle um
240 begannen. Die erste große Invasion erfolgte aber erst im Jahr 253, als Valerian
(253–260) die Legionen von Rhein und Donau nach Italien abkommandierte, um
seinen Thron zu sichern. Die Alemannen überquerten den Rhein in der Nähe des
heutigen Mannheim und rückten in das Rheinland und die Pfalz vor, während
die Franken vielleicht über Metz und Reims auf Paris vorstießen. Aus dieser Zeit
scheinen die ersten Münzschätze und ersten Zeichen der Zerstörung in Paris zu
stammen, die sich bis zur großen Invasion von 276 fortsetzen und mit der fast
vollständigen Aufgabe menschlicher Ansiedlungen außerhalb der Île de la Cité
enden. Diese wurde um 280 schnell mit Materialien befestigt, die man von den
Stadtgebäuden auf dem linken Flußufer holte.14
Valerian schickte seinen Sohn Gallienus nach Gallien, der die Rheinübergänge
zurückzugewinnen vermochte, nicht aber den Limes östlich davon (s. Kap. 6),
der jetzt fast ganz verloren war; auf Münzen, die in den Jahren 257–258 in Köln
geschlagen wurden, wird Gallienus der »Wiederhersteller der Gallien« genannt.
Als er aber um 259 wieder wegzog und seinen jungen Bruder Saloninus am
Rhein zurückließ, breitete sich eine neue fränkische und alemannische Invasion
über Gallien aus; eine Karte der Münzschätze dieser Periode läßt erkennen, daß
nur Westfrankreich von ihr verschont blieb. Einige Barbaren gingen nach
Spanien hinüber, plünderten Tarraco (das noch in Ruinen lag, als der christliche
Historiker Orosius im frühen 5. Jahrhundert schrieb) und gelangten sogar nach
Africa. Um diese Zeit wurden in verschiedenen Orten der Tarraconensis starke
Stadtmauern gebaut; in Lucus Augusti (Luyo) ist der gesamte Mauerring
erhalten.
Um diese Zeit belagerte der römische General Postumus, der wahrscheinlich
gallischer Herkunft war, Saloninus in Köln, tötete ihn und inaugurierte das
gallische Kaiserreich, das unter ihm und drei weiteren Herrschern fortdauerte,
bis Aurelian es im Jahr 274 zurückeroberte. Postumus’ Macht reichte bis
Britannien, Spanien und sogar Norditalien. Die Einzelheiten der Herrschaft
dieser gallischen Kaiser, der Grenzen ihrer Regierung und die Details ihrer
offenbar erfolgreich ausgefochtenen Kämpfe mit den Barbaren und den
römischen Kaisern können hier nicht geschildert werden. Bedeutsam ist einmal
aber die von Postumus von 266–267 geführte Kampagne gegen die ersten
barbarischen Überfälle vom Meer her (die von einer großen Konzentration von
Münzhorten an der Nordküste Galliens bezeichnet werden), zum zweiten der
Aufstand der Stadt Autun gegen den dritten gallischen Kaiser, Victorinus, im
Jahr 269. Der Aufstand kann vernünftigerweise nur so gedeutet werden, daß sich
hier die Teilung zwischen den mittelgallischen Gemeinden und denen des
Nordostens auswirkte, die schon in der Krise genau zwei Jahrhunderte vorher
sichtbar geworden war. Unsere Kenntnisse von der Belagerung, die nach sieben
Monaten mit der Einnahme und der Zerstörung der Stadt endete, stammen aus
einer im Jahr 298 gehaltenen Ansprache, in der sich der Redner für die

141
Wiederherstellung der dortigen großen Schule einsetzte (deren Anfänge durch
die oben geschilderte Gefangennahme der jungen gallischen Adligen im Jahr 21
n. Chr. bekannt sind). Der Redner, der Enkel eines Lehrers der Rhetorik aus
Athen, der in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts zunächst nach Rom und dann
nach Autun auswanderte, schildert, wie der Ort angegriffen und »durch die
Banditen der batavischen Rebellion« belagert wurde. Die batavischen Einheiten
waren also offenbar wie im Jahr 69 die Vorkämpfer der gallischen Streitmacht.
Es gelang den gallischen Kaisern, von ihrer Hauptstadt Trier aus die
barbarischen Invasoren niederzukämpfen, bis der letzte von ihnen, Tetricus, von
Aurelian 274 besiegt und gefangengenommen wurde. Bald darauf folgte der bis
dahin schwerste Einbruch der Germanen, der seine Spuren in ganz Gallien
hinterließ und vielleicht auch Spanien in Mitleidenschaft zog (der archäologische
Befund ist unklar).15 Diese Invasion führte zur Schrumpfung zahlreicher
gallischer Städte (z.B. Amiens und Paris) auf einen kleineren befestigten Kern;
unter den massiven gallischen Befestigungsmauern dieser Zeit, für die zumeist
Baumaterial von älteren Gebäuden verwandt wurde, sind die von Le Mans die
am besten erhaltenen.16 Probus (276–282) machte der Invasion endgültig ein
Ende, indem er, wie es scheint, die Invasoren vor sich her nach Mittel- und
Westgallien trieb und sie dort niedermetzelte oder gefangennahm; nach
Auskunft einer Quelle sollen 400 000 Germanen getötet und 60 000 auf
gallischem Boden angesiedelt worden sein. Schließlich folgte im letzten Jahr der
in diesem Band behandelten Epoche die erste große Volkserhebung im Westen
des Reiches, der Bauernaufstand der sogenannten Bagauden, der bis ins 5.
Jahrhundert von Zeit zu Zeit neu ausbrach.
Im letzten Viertel des 3. Jahrhunderts scheint man in Britannien auch mit dem
Bau von Kastellen an der »Sächsischen Küste« gegen Überfälle von seefahrenden
Plünderern begonnen zu haben. Der Westen des Reiches lebte am Ende der
Epoche somit in Unsicherheit. Man hatte die Barbaren aber zurückgedrängt. Erst
im 5. Jahrhundert kam es zu weiteren großen Gebietsverlusten.

9. Afrika

Afrika (Africa) zeigt deutlicher als jeder andere Teil des römischen Reiches die
schöpferische Kraft römischer Kultur. Die literarischen Hinweise bei Apuleius
aus Madaurus, dem Autor der Metamorphosen und der Apologia, die eine der
schönsten Dokumente des römischen Provinziallebens im 2. Jahrhundert
darstellt, bei Cornelius Fronto aus Cirta, dem Freund und Lehrer Marcus
Aurelius’, oder den christlichen Schriftstellern Tertullian und Cyprian, dem
Bischof von Karthago in den Jahren 249–258, würden ausreichen, um die
großartige Fortentwicklung der römisch- afrikanischen Kultur zu belegen.
Darüber hinaus hat aber der langsame Verfall der folgenden Jahrhunderte die
herrlichen Überreste der dichtbevölkerten Städte in den Küstenebenen
Tunesiens, an der weiter ostwärts nach Tripolitanien und, wenn auch

142
verstreuter, westwärts zur Atlantikküste Mauretaniens verlaufenden Küste
verhältnismäßig unberührt gelassen. Im Inneren des Landes liegen an der
Militärstraße, die die Aurès-Berge durchschnitt, die Ruinen Thamugadis
(Timgads), wie es einst nach geometrischem Plan 100 n. Chr. als Kolonie angelegt
wurde. Im allgemeinen konnten sich in den Bergregionen Numidiens und
Mauretaniens nicht solche Städte entwickeln wie in den Ebenen Tunesiens. Es
lassen sich aber die Überreste Hunderter von Dörfern und Tausender von
Olivenpressen finden, die die Quelle ihres Wohlstandes anzeigen, der bis ins 3.
Jahrhundert dauerte.
Die Römer hatten das städtische Leben in Afrika keineswegs als erste
gefördert. Die von den phönikischen Siedlungen und ihrer Hauptstadt Karthago
ausgehende punische Kultur blühte noch im 1. nachchristlichen Jahrhundert. Das
punische Heiligtum in Hadrumetum z.B. wurde vom 6. Jahrhundert v. Chr. bis
zum frühen 2. Jahrhundert n. Chr. benutzt, und auf Skulpturen des 1.
Jahrhunderts n. Chr. aus dem Heiligtum in Thysdrus sind Menschen in
karthagischer Kleidung beim Opfer zu sehen, unter denen die Frauen den
typischen hohen konischen Hut tragen. Aus dem 1. Jahrhundert ist eine größere
Zahl von Inschriften in Punisch (einer semitischen Sprache) erhalten, dagegen
eine geringere Zahl aus dem 2. und 3. Jahrhundert. Aus Tripolitanien besitzen
wir auch spätere punische Inschriften, die mit lateinischen Buchstaben
geschrieben sind. Darüber hinaus ist Augustinus zu entnehmen, daß im frühen 5.
Jahrhundert das Punische in Numidien noch allgemein gesprochen wurde.
Ebenso wie das Punische lebte auch das Libysche weiter fort, das aus weit mehr
als tausend Inschriften verschiedenen Datums bekannt ist, die hauptsächlich in
Tunesien und Ostalgerien gefunden wurden. Das libysche Alphabet ist mit dem
der heutigen Tuareg verwandt und die libysche Sprache offenbar mit der der
heutigen Berber in Nordafrika.1
Dieses schon recht komplexe kulturelle Gefüge wurde dann – seit der
Eroberung der ursprünglichen Provinz Africa (die etwa dem heutigen Tunesien
entsprach) im Jahr 146 – durch eine starke römische oder vielmehr italische
Einwanderung in Form von regulären Kolonien und Gruppen von
Privatpersonen, wie den italischen Kaufleuten, die Julius Caesar 46 v. Chr. in
Hadrumetum vorfand, weiter kompliziert. In Africa bestanden somit
nebeneinander römische coloniae, latinische municipia, punische civitates – von
denen einige von Tributzahlungen befreit waren, weil sie Julius Caesar geholfen
hatten –, Eingeborenendörfer und nomadisierende Stämme. Das ursprüngliche
Africa umschloß die späteren Provinzen Africa und Numidia, und der
zuständige Prokonsul mit Sitz in Karthago befehligte im Gegensatz zu den
meisten anderen Prokonsuln eine Legion, die III Augusta; 37 wurde ein
kaiserlicher legatus eingesetzt, der das Kommando dieser Legion übernahm, und
um 200 entstand aus dem westlichen Teil der Provinz (in dem die Legion
stationiert war) die neue kaiserliche Provinz Numidia, die dem legatus unterstellt
wurde.

143
Mauretania war 14 n. Chr. noch ein Klientelfürstentum, in dem Juba herrschte,
ein Gelehrter, der in seiner Hauptstadt Jol, die er in Caesaraea umbenannte und
die er in eine griechisch-römische Stadt verwandelte, nach hellenistischem
Muster hofhielt. Der römische Einfluß wurde durch die elf oder zwölf römischen
Kolonien weiter ausgebreitet, die Augustus in Mauretania gegründet hatte.
Der Wohlstand des römischen Africa beruhte weitgehend auf den Leistungen
der römischen Armee, ihrer Tätigkeit der Zenturiation – der Aufteilung und
Zuweisung des Landes in rechteckigen Losen, die an den Hauptstraßen lagen –,
deren Spuren auf Luftaufnahmen über Hunderte von Kilometern in Tunesien zu
entdecken sind, und dem Bau von Militärstraßen, von denen eine wichtige
südöstlich von Karthago verlief und die Aurès-Berge umging und eine andere
von Tacape auf einem riesigen Umweg ins Innere des Landes in östlicher
Richtung nach Lepcis Magna (Leptis Magna) in Tripolitanien führte. Damit war
die fortschreitende Ansiedlung nomadisierender Stämme verbunden und,
schließlich – vielleicht seit der Regierungszeit Hadrians (117–138) – der Bau eines
Verteidigungssystems, das sich von Tripolitanien bis Süd- Numidia erstreckte.
Aus einer Inschrift des Jahres 14 erfahren wir, daß die Legion III Augusta eine
Straße baute, die von ihrem Lager, das sich wahrscheinlich in Ammaedara
befand, in südöstlicher Richtung zur Küste bei Tacape führte. Die
Rückwirkungen des römischen Vordringens zeigten sich drei Jahre später, als
Tacfarinas, der Anführer der Musulamii, einen siebenjährigen Krieg begann.
Tacfarinas, der in der römischen Hilfstruppe gedient hatte, stellte aus den
Angehörigen seines Volkes, der Nomaden Zentral-Numidias, reguläre
Formationen nach römischem Muster auf. Nachdem er mehrere Jahre lang
Dörfer geplündert und die verstreuten Kastelle des römischen Africa belagert
hatte, schickte er 22 eine Gesandtschaft an Tiberius, die ihn um Land bat, auf
dem sich die Soldaten ansiedeln konnten. Die Bitte wurde abgelehnt und
Tacfarinas durch den Bau einiger Befestigungslinien zurückgedrängt. Zwei Jahre
später konnte er jedoch die Stadt Thubursicu in Zentral-Numidia angreifen,
wurde aber mit Hilfe der von Jubas Sohn und Nachfolger, Ptolemäus, gesandten
Truppen besiegt und getötet. Dieser Sieg stellte eine wesentliche Etappe in der
Entwicklung der Provinz dar. Aus dem frühen 2. Jahrhundert sind Inschriften
erhalten, auf denen das Land der Musulamii von dem ihrer Nachbarn
abgegrenzt wird und auf denen als Haupt des Stammes der »Präfekt des
Stammes der Musulamii« erscheint. Inzwischen hatte die Legion auch ihren
Standort über 150 Kilometer weiter westsüdwestlich nach Lambaesis verlegt und
die Musulamii im Norden der Militärstraße abgeschnitten.2
Im Jahr 40 ließ Caligula Ptolemäus hinrichten und annektierte sein Königreich.
Dabei stieß er auf erbitterten Widerstand, den ein Freigelassener des Ptolemäus,
Aedemon, leitete. Als der Aufstand niedergeschlagen war, wurde Mauretania in
zwei Provinzen geteilt, die Caesariensis im Osten und die Tingitana im Westen,
die beide einem ritterlichen Prokurator unterstanden. Nicht alle mauretanischen
Gemeinden schlossen sich dem Aufstand an; eine Inschrift aus der Stadt

144
Volubilis ehrte Valerius Severus, den Sohn Bostars, der sufes (eine punische
Bezeichnung für Beamter), duovir und der erste Priester des dortigen
Kaiserkultes war und im Kampf gegen Aedemon Hilfstruppen befehligt hatte. Er
war dann als Gesandter zu Claudius (41–54) gegangen und hatte von ihm für
seine Gemeinde das römische Bürgerrecht (was offenbar mit dem Status eines
municipiums gleichzusetzen ist) und für zehn Jahre die Befreiung von
Tributzahlungen erlangt. Die in ihrem Umfang beträchtlichen Ruinen von
Volubilis, die man teilweise ausgegraben hat, lassen den Anfang griechisch-
römischer Bauweise unter Juba erkennen und die allmähliche Entwicklung der
Stadt bis in ihre Glanzzeit im frühen 3. Jahrhundert, als unter Caracalla (211–217)
ein Triumphbogen gebaut, ein Forum angelegt und eine schöne basilica errichtet
wurde.
Im letzten Teil der Julisch-Claudischen Periode wurde Africa nur von
kleineren Barbareneinfällen und inneren Unruhen heimgesucht – wie z.B. in den
frühen sechziger Jahren, als Vespasian, damals Prokonsul, auf dem Marktplatz
von Hadrumetum mit Rüben beworfen wurde. Während in den Jahren 68–70
dann einige Kaiser anderswo um den Thron stritten, ließ Clodius Macer, der
legatus der Legion, im Jahre 68 aus eigenem Recht Münzen prägen, eine neue
Legion ausheben und das für Rom bestimmte Getreide zurückhalten. Er wurde
aber danach von einem Prokurator getötet. 69 drohte der Prokurator Lucceius
Albinus, der beide Mauretania regierte, im Namen Othos in Spanien einzufallen
(bezeichnenderweise hieß es auch, er habe die gesetzlichen Insignien und den
Namen Jubas angenommen). Er wurde aber getötet, als er von der Tingitana
nach der Caesariensis segelte (daraus lassen sich über die damaligen
Verkehrsverbindungen im bergigen Marokko Rückschlüsse ziehen). 70 wurde
der Prokonsul von Africa im Namen Vespasians von Truppen ermordet, die vom
legatus geschickt waren. Während diese Kämpfe über ihre Köpfe hinweggingen,
entwickelte sich aus den Zwistigkeiten der beiden Gemeinden Oea und Lepcis
Magna wegen umstrittener Ländereien ein regelrechter Privatkrieg, in dessen
Verlauf die Bewohner von Oea schließlich die nomadisierenden Garamanten zu
Hilfe riefen, die von römischen Truppen vertrieben werden mußten.
Weder diese Unruhen noch weitere Kämpfe in Mauretania unter den Flaviern
behinderten das stetige Fortschreiten der Urbanisierung und Romanisierung.
Dieser Entwicklungsprozeß läßt sich in der punisch- libyschen Stadt Mactar an
entfernter Stelle im prokonsularischen Zentral-Africa verfolgen.3 Im 1.
Jahrhundert besaß Mactar drei Magistrate, sufetes genannt, und kohanim genannte
Priester; die Bevölkerung benutzte Grabgebäude mit einzelnen Kammern, die
aus den ortsüblichen Dolmen entwickelt waren; ihre Inschriften faßten sie in
libyscher (diese sind möglicherweise allesamt früheren Ursprungs) und in
punischer Sprache ab. Auf den letzteren tauchen erste lateinische Namen auf.
Am Ende des 1. Jahrhunderts konnte man dort noch einen Tempel für die
punische Göttin Hathor Miskar bauen lassen. Bedeutsamer ist aber die lange
lateinische Inschrift aus dem Jahr 88, die Einweihungstafel der iuvenes (des

145
Korps’ junger Männer) für ihre basilica (Trainingshalle) und Lagerhäuser.
Sämtliche 65 Mitglieder werden aufgeführt, von denen noch keines römischer
Bürger war, und ihre eigenen und ihrer Väter Namen angegeben, z.B. Viktor,
Sohn des Balsamon. Die Hälfte aller Namen ist lateinisch (der Rest punisch oder
libysch), die Zahl der lateinischen Namen ist bei den Söhnen bezeichnenderweise
größer als bei den Vätern. In der Folge schritt die Romanisierung sehr schnell
voran.

 Abb. 10: Die colonia Thamugadi (Timgad) in Africa, die die Soldaten der Legion III
Augusta 100 n.Chr. erbauten. Man beachte die beiden sich kreuzenden Hauptstraßen,
von denen eine an ihrem Anfang mit einem Monumentalbogen geschmückt ist, das
Forum und das Theater, das teilweise aus dem Berg auf der Südseite der Stadt
herausgehauen wurde. Das Stadtgelände erwies sich als zu klein, und man fügte im 2.
und frühen 3. Jahrhundert einen ganzen neuen Stadtteil, einschließlich Kapitol an der
Südwestecke, auf der westlichen Seite der Stadt hinzu.

Im Jahr 117 wurde ein Forum mit einem imposanten Tor eingeweiht. Die Stadt
wurde bald zum municipium und unter Marcus Aurelius (161 bis 180) zur colonia
erhoben. Im frühen 3. Jahrhundert brachte Mactar eines der schönsten
Dokumente des römischen Africa hervor, die in lateinischen Versen abgefaßte
Grabinschrift eines Mannes, der als armer Bauer anfing, zwölf Jahre lang in
Numidia als Schnitter umherzog, der Vorarbeiter einer Gruppe von Schnittern

146
wurde, schließlich ein Haus und Grundbesitz in Mactar erwarb und dort zum
Ratsherren und Beamten gemacht wurde.
Ein ganz anderes Bild lassen die Überreste Thamugadis (Timgads) erstehen,
das von Trajan als Veteranenkolonie begründet und, wie eine Inschrift erweist,
von den Soldaten der III Augusta im Jahr 100 erbaut wurde. Auf Luftaufnahmen
ist der rechtwinklige Grundriß der ursprünglichen Kolonie in einem Quadrat
von etwa 400 Metern Seitenlänge mit Forum, Theater und schachbrettartiger
Straßenordnung zu erkennen und außerhalb der Kolonie die weniger regelmäßig
angelegten Vororte, die im 2. Jahrhundert entstanden.
Wieder anders sah die punische Stadt Lepcis Magna in Tripolitanien aus, ein
Hafenplatz und der Ausgangspunkt für die Karawanenstraße in die Phazania.
Die ersten erhaltenen Bauwerke aus der Zeit des Augustus und Tiberius – das
Theater, der Marktplatz und der imposante Bogen der Augusta Salutaris –
machen schon eine blühende Entwicklung unter römischem Einfluß sichtbar.
Von einer Inschrift aus dem Jahr 16 n. Chr. wissen wir, daß der Prokonsul von
Africa eine Straße von Lepcis Magna in das Landesinnere bauen ließ. Bis zum
Ende des 1. Jahrhunderts war Lepcis eine civitas mit Nicht-Bürgern, die zwei
sufetes zusammen mit anderen Magistraten und einem Rat verwalteten; die
öffentlichen Inschriften waren sowohl in lateinischer als auch in punischer
Sprache abgefaßt. Gegen Ende des 1. Jahrhunderts starben die punischen Namen
unter den führenden Bürgern aus (das letzte Beispiel ist Iddibal, der Sohn des
Balsillec, der einen Magna-Mater-Tempel im Jahr 72 erbaute); von da an tragen
die Magistrate lateinische Namen und besitzen das römische Bürgerrecht. In den
Jahren 109–110 verlieh Trajan dann der Stadt den Status einer colonia, womit das
römische Bürgerrecht für alle Einwohner verbunden war. Zu dieser Zeit war der
Großvater des Kaisers Septimius Severus (193–211) als sufes im Amt, der
anschließend duovir und ständiger Priester der Kolonie wurde, in den Ritterstand
aufgenommen wurde und in Rom als iudex diente. Severus selbst besuchte
wahrscheinlich in den Jahren 202–203 Lepcis, verlieh dem Ort das ius Italicum
(mit dem Steuerfreiheit verbunden war) und begann in großzügigem, vielleicht
zu großzügigem Maßstab den Neuaufbau und die Expansion der Stadt. Zu den
severischen Bauten zählt die in ganzer Länge von Säulengängen gesäumte
Hauptstraße, das neue, ebenfalls mit Kolonnaden geschmückte Forum von
350x200 Metern, eine basilica, die im 6. Jahrhundert in eine christliche Kirche
verwandelt wurde, und ein Triumphbogen an der wichtigsten Straßenkreuzung,
dessen Bildwerke schon die Frontalität der späteren byzantinischen Kunst ahnen
lassen. Der großartige neue Hafen, den Severus ebenfalls anlegen ließ, weist aber
nur wenige Anzeichen einer Benutzung auf und scheint sehr schnell versandet
zu sein.
Über das Stadtleben des römischen Afrika sind Auskünfte ganz anderer Art
einer Inschrift des Jahres 144 aus Sala an der Atlantikküste der Mauretania
Tingitana zu entnehmen.4 Es handelt sich um ein langes Dekret des Stadtrates, in
dem Sulpicius Felix, der Präfekt einer dort stationierten Kavallerie-Einheit,

147
geehrt wird, den man schon zum Ratsherren und Ehrenmagistrat gemacht hatte.
Als bekannt wurde, daß er abgelöst werden sollte, zeichnete man seine
Verdienste um den Schutz der Herden vor Überfällen (offenbar durch
benachbarte Stämme), um die Schlichtung von Finanzstreitigkeiten, den Bau
einer Mauer rings um die Stadt und den Schutz der Bürger bei der Arbeit in den
Wäldern und auf den Feldern auf. Der Stadtrat bat den Prokurator der Provinz
um die Erlaubnis, Felix eine Statue errichten und eine Gesandtschaft an den
Kaiser (Antoninus Pius) schicken zu dürfen, um der Dankbarkeit der Bürger
Ausdruck zu verleihen. Dieser Text beleuchtet vielerlei, die relative Unsicherheit
mauretanischer Städte, die sich ständig ausweitende Rolle der Armee im
Kaiserreich, die feste Verwurzelung des romanisierten Stadtlebens und die
Unmittelbarkeit des Kontakts zwischen Provinzgemeinden und dem Kaiser in
Rom.
Darüber hinaus gewährt sie Einblick in die Grundlagen des afrikanischen
Wohlstandes, der auf Ansiedlung, Abwehr oder Zurückdrängung der
Nomadenstämme und dem Schutz und der Ausweitung des Ackerbaus beruhte.
Dies läßt sich nicht nur in der Grenzzone beobachten, sondern auch im
Verhältnis zu Völkern (wie den Musulamii) innerhalb des römischen
Territoriums; im Jahr 198 wiesen beispielsweise Soldaten in Südost-Numidia
Felder, Weideland und Quellen an. In diesem Rahmen scheint ein weiterer
Entwicklungsprozeß von großer Bedeutung gewesen zu sein: die Verlagerung
des Schwergewichts vom Getreideanbau (im 1. Jahrhundert besorgte Africa zwei
Drittel des Kornbedarfs der Stadt Rom) auf die Kultivierung von Oliven. Das
scheint hauptsächlich deswegen möglich geworden zu sein, weil die
Hochebenen für den Ackerbau sicherer wurden; die Pflanzung von
Olivenbäumen scheint sich aber auch in solche Gebiete vorgeschoben zu haben,
in denen man zuvor nur Getreide angebaut hatte, wodurch ein gemischtes
System entstand. Bei dieser Entwicklung hat vielleicht das durch die lex Manciana
eingeführte Pachtgefüge eine wichtige Rolle gespielt; sie legte die Ernteanteile
von gewöhnlich einem Drittel fest, die die Pächter an die conductores (Männer,
die durch Vertrag zur Einziehung der Pachtgelder verpflichtet waren) oder die
Besitzer selbst zu entrichten hatten, enthielt aber auch Bestimmungen über eine
fünfjährige Zahlungsfreiheit für den Fall, daß neue Feigenbäume oder
Weinstöcke gepflanzt wurden, und über eine zehnjährige Befreiung für den Fall,
daß auf zuvor unkultiviertem Land Olivenhaine angelegt wurden. Sie gab auch
jedem Pächter, der auf seinem Gut Land kultivierte, das bei der ursprünglichen
Aufteilung nicht zugewiesen worden war, den einstweiligen Besitzanspruch und
sah vor, daß die conductores unbebaut belassenes Land zurückfordern durften.
Diese lex ist in der Zeit bis Diokletian nur aus Regelungen bekannt, die die
kaiserlichen Güter betrafen (der seit Augustus belegte kaiserliche Besitz in Africa
war durch Konfiskation unter Nero sehr stark vermehrt worden). Überliefert ist
eine in Übereinstimmung mit dieser lex von den kaiserlichen Prokuratoren der
Güter im Bagraudas-Tal in den Jahren 116–117 erlassene Verfügung, eine

148
Ausdehnung des Besitz- und Erbrechtes durch Hadrian auf zugewiesene
Ländereien, die mit Oliven oder Weinreben bepflanzt waren, und schließlich die
Bitte einiger Pächter an Commodus in den Jahren 180–183, die sich darüber
beschwerten, daß die conductores mehr gefordert hatten, als ihnen nach Hadrians
Verfügung zustand, und auch Truppen gegen sie gesandt hatten. Die lex
Manciana wird in Dokumenten aus der Wandalenzeit des 5. Jahrhunderts
erwähnt und ist deshalb vielleicht in der ganzen Provinz allgemein angewandt
worden; ihr Ursprung und ihre Entstehungszeit bleiben unbekannt. Sie spiegelt
das ernste Bemühen wider, alles brauchbare Land bebauen zu lassen, eine
Bemühung, die durch die große Zahl von Olivenpressen bezeugt wird, deren
Überreste man heute in Nordafrika findet.
Die Inschriften illustrieren die verwickelte Organisation der verstreuten
kaiserlichen Güter, die von einem zentralen Amt in Karthago aus verwaltet
wurden. Privatpersonen hatten ebenfalls große Besitzungen (die oft ganze Dörfer
umfaßten); eine von ihnen im Gebiet der Musulamii gehörte dem Senator
Lucilius Africanus. Im Jahr 138 stimmte der römische Senat dafür, daß jener
zweimal im Monat auf seinem Gut einen Markt abhalten durfte, vorausgesetzt,
daß dadurch kein Schaden und kein Aufruhr verursacht wurden. Die Furcht vor
Volksansammlungen ist ein Thema, das die gesamte Kaisergeschichte
beschäftigte.
Die Landwirtschaft bildete die Grundlage des Reichtums im römischen Africa
mit seinen 500 Städten, von denen allein 200 in Africa Proconsularis lagen. Viele
Städte scheinen nach dem archäologischen Befund nur verhältnismäßig reiche
Häuser besessen zu haben und im übrigen in der Hauptsache Versammlungs-
und Unterhaltungszentren für die Landbevölkerung gewesen zu sein. Die
charakteristischen Kennzeichen des italischen Stadtlebens wurden in Fülle
nachgeahmt: die Aquädukte – wie der von Karthago, der sich über 80 km
erstreckte –, Bäder, Theater, Amphitheater – gleich dem Amphitheater von
Thysdrus aus dem frühen 3. Jahrhundert, das nur wenig kleiner als das
Kolosseum war – und die Villen und Stadthäuser.
Den lebendigsten Einblick in diese Welt vermittelt Apuleius, der als Sohn eines
Ratsherrn aus Madaurus in Numidia (einer colonia der flavischen Periode) im
frühen 2. Jahrhundert geboren wurde. Seine Familie war reich. Sein Vater
hinterließ Apuleius und seinem Bruder je eine Million sesterces, die
Vermögensqualifikation eines römischen Senatoren. Apuleius begann seine
Ausbildung in Karthago, wo er lernte, in lateinischer und griechischer Sprache
Reden zu halten, und schloß sie in Athen ab. Um 156–158 unterbrach er seine
Reise nach Alexandria in Oea in Tripolitanien, hielt eine öffentliche Deklamation
in der basilica und heiratete nach einiger Zeit eine reiche Witwe aus der Stadt.
Mitglieder ihrer Familie verklagten ihn, weil er sich ihrer durch Zauberkraft
bemächtigt hätte. Mit seiner Apologia verteidigte er sich vor dem Prokonsul, der
sich auf seiner Gerichtsreise im nahen Sabratha aufhielt. Es wird in ihr der
Reichtum des afrikanischen Bürgertums und die Quelle ihres Wohlstandes

149
sichtbar. Die Witwe hatte Besitzungen im Wert von vier Millionen sesterces und
hatte ihren Söhnen fruchtbare Felder, große Häuser, Getreide-, Wein- und
Olivenlager und 400 Sklaven gegeben. Sie und Apuleius hatten es vorgezogen, in
ihrer vorstädtischen Villa und nicht in ihrem Stadthaus zu heiraten. Dadurch
wollten sie vermeiden, nochmals 50 000 sesterces an die Bevölkerung austeilen zu
müssen, wozu die Frau bei der Hochzeit ihres Sohnes verpflichtet gewesen war.
Der Sohn, jetzt Apuleius’ Hauptgegner, hatte sich zu seiner Ausbildung in Rom
und Athen aufgehalten und war, als er eine Anwaltspraxis eröffnete, von
Apuleius selbst dem Prokonsul empfohlen worden. Jetzt, sagt Apuleius
bezeichnenderweise, ist er so weit gesunken, daß er seine gesamte Zeit in der
Gladiatorenschule von Oea verbringt und nur noch Punisch spricht. Apuleius
stellt dagegen pointiert seine eigene klassische Bildung heraus, indem er seine
Rede mit den Namen griechischer und lateinischer Autoren füllt, einen Abschnitt
aus Plato rezitiert (»Den du kennen wirst«, sagt er zum Prokonsul) und darauf
hinweist, daß seine bäurischen Gegner eine Aufstellung der griechischen Namen
verschiedener Fischarten, die nach dem Vorbild des Aristoteles angefertigt war,
für eine Zauberformel gehalten hatten.
Apuleius’ Frau und deren Verwandte waren für die ortsansässige Aristokratie
des Kaiserreiches insofern typisch, als ihr Vermögen auf ihrem Grundbesitz
beruhte, der im allgemeinen ererbt war, und durch luxuriöse Lebensweise und
Großzügigkeit in den Städten ausgegeben wurde. Einige hundert Inschriften aus
Africa bezeugen, daß einheimische Bürger öffentliche Gebäude und Statuen
stifteten, Geld verteilten und Spiele oder Festessen für das Volk veranstalteten.5
Die Familie des Apuleius war auch insofern typisch, als sie enge Beziehungen zu
Rom unterhielt und tatsächlich in den römischen Ritter- und Senatorenstand
eintrat. Ein Sohn der Witwe aus erster Ehe war als eques gestorben; aus
Inschriften wissen wir, daß einer ihrer Enkel Senator und unter Septimius
Severus Statthalter von Thrakien war. Der erste afrikanische eques tauchte in
Caligulas Regierungszeit auf, der erste Senator und Konsul, Q. Aurelius
Pactumeius aus Cirta, unter Vespasian. Um die Mitte des 2. Jahrhunderts konnte
Cornelius Fronto, der auch aus Cirta stammte, an die heimischen Magistrate und
den Rat über die Wahl der senatorischen Patrone schreiben, eine Reihe
hervorragender Senatoren aus Africa erwähnen und mit den Worten schließen:
»Es gibt auch viele andere hervorragende Männer aus Cirta im Senat.« In
Acholla ist die Villa des Asinius Rufinus erhalten, den Commodus in den Senat
brachte und um 184 zum Konsul machte; die Villa ist aus Ziegelsteinen erbaut,
aber mit Stuckarbeiten und Mosaiken reich geschmückt, von denen eines
Herkules darstellt, mit dem sich Commodus identifizierte. Im 3. Jahrhundert
bestand der römische Senat vielleicht zu einem Achtel aus Afrikanern.
Gegen Ende des 2. Jahrhunderts, als die Spuren der einheimischen punischen
Kulte zu verschwinden beginnen, wird die Herrschaft der griechisch-römischen
Götter durch den ersten Beleg für das Christentum unterbrochen. Es ist der
Bericht (Acta) über einen Prozeß im Jahr 180, in dem sieben Christen vor den

150
Prokonsul in Karthago gebracht wurden, von denen einige, nach ihren Namen
zu urteilen, afrikanischer Herkunft gewesen zu sein scheinen. Der Prokonsul
versuchte, sie zu überreden, dem Kaiser zu opfern. Er fand während der
Verhandlungen heraus, daß sie, wie sie sagten, »Bücher und Briefe des Paulus,
eines gerechten Mannes« bei sich führten. Als die Christen das Opfer
verweigerten, ließ der Prokonsul sie enthaupten. Einige Jahre später erscheinen
die Schriften des bedeutendsten Repräsentanten der frühen afrikanischen Kirche
(und des ersten christlichen Schriftstellers in lateinischer Sprache), Tertullian, der
um 155 geboren wurde und um 193 zum Christentum übertrat. Die lange Reihe
seiner polemischen Schriften stammt aus den Jahren bis etwa 220. Die nach 207
verfaßten Werke sind durch seinen Übertritt zur strengen prophetischen Sekte
der Montanisten gefärbt, die ursprünglich aus Phrygien kamen. Von seinen
Werken kann man das Apologeticum (Verteidigung des Christentums) aus dem
Jahr 197 erwähnen, in dem er die Verdammung der Christen angreift und sie
gegen Anschuldigungen der Immoralität oder der Untreue gegenüber dem
Kaiser verteidigt, während er gleichzeitig herausstellt, daß der Staat den Christen
wesensfremd ist. Seine späteren Werke, die hier unerwähnt bleiben müssen,
spiegeln eine ständig heftiger werdende Ablehnung Roms und aller Aspekte des
heidnischen Gesellschaftslebens wider.
Aus derselben Zeit stammt die Passion der Perpetua und Felicitas, der Bericht
über den Prozeß und den Märtyrertod einiger Christen in Karthago im Jahr 203.
Der Text enthält, eingebettet in eine Erzählung in der dritten Person, die
möglicherweise von Tertullian stammt, den Bericht der Perpetua, eines
22jährigen Mädchens mit einem kleinen Baby, über ihre Erfahrungen im
Gefängnis (wo die Soldaten ihnen eine größere Zelle gaben, weil die Diakone sie
bestochen hatten), über ihre Träume, die sie den nahenden Märtyrertod ahnen
ließen, und das Verhör durch den Prokonsul vor einer riesigen Menschenmenge
auf dem Forum Karthagos. Es wird dann erzählt, wie sie zum Amphitheater im
Militärbezirk gebracht wurden (die Spiele veranstaltete man zur Feier des
Geburtstags Getas, des jüngeren Sohnes des Septimius Severus) und wie man sie
in Gegenwart einer sensationslüsternen Zuschauermenge den wilden Tieren
vorwarf.
Die Passion weist an einer Stelle darauf hin, daß es schon einen Bischof in
Karthago gab. Einige Jahre später, vielleicht im Jahr 220, rief ein Bischof von
Karthago eine Versammlung von 70 Bischöfen aus der Proconsularis und
Numidia zusammen. Unsere nächsten Nachrichten über die afrikanische Kirche
entstammen den Schriften und Briefen Cyprians (die durch den Bericht seines
Märtyrertodes und eine unzuverlässige Biographie ergänzt werden), des
karthagischen Bischofs von 248–249 bis zu seiner Hinrichtung im Jahr 258, der
die decischen Verfolgungen der Jahre 250–251 überlebte. Cyprians Schriften
werden von den Problemen beherrscht, die sich aus der großen Krise der Kirche
seiner Zeit ergaben: den decischen Verfolgungen (in deren Verlauf Cyprian
untertauchte und sehr viele Christen dem Befehl zu opfern Folge leisteten), der

151
Synode von 251, die die Bedingungen für die Wiederaufnahme der Abgefallenen
festlegte, und der von 255–256 (die 82 afrikanische Bischöfe besuchten) über die
Wiedertaufe von Häretikern.
Einer der cyprianischen Briefe ist an acht Bischöfe in Süd-Numidia gerichtet,
die sich an ihn wandten, um Hilfe beim Freikauf ihrer Gemeindemitglieder zu
erlangen, die von Barbaren gefangen waren; Cyprian schreibt, daß er 600000
sesterces schicke, die er von seiner Gemeinde gesammelt habe. Es muß sich dabei
um den langen, aber erfolgreichen Kampf Africas, besonders Mauretanias, gegen
die Angriffe der Wüstenstämme im 2. und 3. Jahrhundert handeln. Einem
Maurenaufstand, den Hadrian niederschlug, folgte nach 140 ein Krieg von
beträchtlichen Ausmaßen, in dem Militäreinheiten aus Pannonien, Spanien und
Britannien eingesetzt wurden.6 Die Unsicherheit der Zeit spiegelt sich in dem
oben erwähnten Dekret Salas, dem Bau von Stadtmauern in Tipasa oder einer
Inschrift, auf der ein Veteran der III Augusta beschreibt, wie ihm Räuber
auflauerten, als er zur Leitung eines Tunnelbaus für die Stadt Saldae in der
Caesariensis unterwegs war, wider. Um 168 gingen Mauren sogar nach Spanien
hinüber (s. Kap. 8). Um die gleiche Zeit setzt eine lange Reihe von Inschriften ein,
die sich bis ins Jahr 280 erstreckt. In diesen Inschriften zeichneten Prokuratoren
Mauretanias Verhandlungen auf, die sie mit den Häuptlingen der
Wüstenstämme, vornehmlich der Baquaten, geführt hatten. Die Diplomatie
reichte nicht aus; die Mauren wurden erneut unter Commodus (180–192)
geschlagen, der Türme und Kastelle entlang der mauretanischen Grenze
errichtete. In Numidia erlangte die römische Herrschaft mit der Besetzung eines
Wüstenkastells von 198–240, des castellum Dimmidi, das 700 Kilometer
ostsüdöstlich von Karthago lag, ihre größte Ausdehnung7 In Tripolitanien
erreichte sie diese in der Severischen Periode mit der Besetzung dreier Kastelle
an der Route in das Landesinnere, von denen sich eines einige hundert Kilometer
landeinwärts befand.
Im Jahr 238 wurde der Friede Africas durch einen Bürgerkrieg unterbrochen.
Die Geldforderungen eines kaiserlichen Prokurators veranlaßten die reichen
jungen Grundbesitzer des Thysdrusgebiets (des Zentrums der
Olivenproduktion), ihre Sklaven von den Feldern zusammenzuholen, ihn
anzugreifen und zu töten. Sie ergriffen sodann den alternden Prokonsul Gordian,
der sich in Thysdrus auf einer Gerichtsreise befand, riefen ihn als Gegner des
Thrakers Maximinus (235–238) zum Kaiser aus und geleiteten ihn mit
kaiserlichem Gepränge nach Karthago. Der Senat von Rom bestätigte ihn
freudig, der legatus Numidias, Capellianus, ging aber gegen Karthago vor und
metzelte die ungeschulten einheimischen Truppen mit ihren Schwertern, Äxten
und Jagdspeeren nieder. Gordian wurde getötet, und Capellianus ließ die Führer
hinrichten und in Karthago und anderen Städten große Konfiskationen
vornehmen. Ausgrabungen in Thysdrus lassen Spuren der Zerstörung erkennen,
die vielleicht aus dieser Zeit stammen; eine Inschrift aus Theveste spricht von
einem Mann, »der von Capellianus ergriffen wurde«.

152
Aus Rache ließ Gordian III. (238–244), der Enkel des Prokonsuls, die Legion III
Augusta auflösen, die erst von Valerian im Jahr 253 wiederaufgestellt wurde.
Dies erschien notwendig, denn es war, wie eine Reihe von Inschriften aus der
Caesariensis und Numidia bezeugen, in den Jahren 254–260 zu erbitterten, aber
erfolgreichen Kämpfen mit plündernden Nomaden gekommen; damals half
Cyprian, die gefangenen Christen freizukaufen. Die letzte dieser Inschriften ehrt
Gargilius Martialis, den Befehlshaber einer Kohorte und einer Truppe
mauretanischer Kavallerie in Auzia an der Grenze der Caesariensis, durch
dessen Mut und Wachsamkeit der Nomadenhäuptling Faraxen gefangen und
getötet wurde; Martialis selbst war aber »durch die Ränke der Bavaren« getötet
worden.
Aus dem Zeitraum zwischen 244 und 284 lassen sich nur geringe Spuren des
Aufbaus und der Entwicklung in den Städten des römischen Africa finden. Der
Bürgerkrieg von 238, die Einfälle nach 250 und der allgemeine, noch unerklärte
wirtschaftliche Niedergang des ganzen Reiches müssen dies verursacht haben.
Die Städte blieben aber weitgehend unverändert. Nur Lixus an der Atlantikküste
weist starke Zerstörungen auf,8 die vielleicht das Werk barbarischer Einfälle von
Spanien aus (um 259; s. Kap. 8) und nicht das der Mauren sind. Es ist nichts
festzustellen, was mit der Verkleinerung und Befestigung gallischer Städte
vergleichbar wäre. Darüber hinaus scheint die dörfliche Wirtschaft in Numidia
und der Caesariensis geblüht zu haben. Es ist nicht ohne Bedeutung, daß sich
eines der letzten Dokumente der Periode, eine Inschrift aus Cirta, auf einen Erlaß
bezieht, in dem Probus (276–282) die vierzehntägige Abhaltung eines Marktes
gestattete.

10. Ägypten

Ägypten paßte schlechter als jedes andere Gebiet in das römische Provinzsystem.
Seine Hauptstadt, Alexandria, die Alexander der Große gegründet hatte, war der
Sitz der Ptolemäerdynastie und das wichtigste Bildungszentrum der
griechischen Welt gewesen – und war es immer noch. Es hatte eine unruhige, zu
Schimpfereien neigende Bevölkerung, die die Römer nur mit Mühe in Schach
halten konnten. Hinter Alexandria lag das eigentliche Ägypten, das sich in einem
schmalen Streifen kultivierten Landes nilaufwärts erstreckte und dessen Sprache,
Sitten und Kunstformen, die in ununterbrochener Tradition etwa 3000 Jahre
zurückreichten, durch ausgedehnte griechische Siedlungen der hellenistischen
Periode überlagert, aber nicht zerstört worden waren. In das römische Reich
wurde kein anderes Königtum solchen Alters und Zusammenhalts eingegliedert;
die dadurch hervorgerufenen Befürchtungen und schlimmen Ahnungen wurden
durch die Bedeutung des ägyptischen Getreides, das nilabwärts nach Alexandria
und von dort nach Rom gebracht wurde, noch verstärkt.
Der Gegensatz zwischen Alexandria und Ägypten wird durch die
Beschaffenheit unserer Quellen verschärft. Alexandria brachte größere

153
literarische Werke in griechischer Sprache, besonders von jüdischen und
christlichen Autoren, hervor. Die Schriften des großen jüdischen Gelehrten Philo,
die in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts entstanden, sind der umfassendste
Ausdruck der intellektuellen Vorstellungen des hellenisierten Judentums in
Alexandria; er interpretierte das Alte Testament in griechischen philosophischen
Begriffen und schrieb manchmal ausgesprochen für eine heidnische griechische
Leserschaft. Vom späten 2. Jahrhundert an wurde Alexandria sodann eines der
wichtigsten theologischen Zentren der griechischen Kirche. Clemens’ und
Origenes’ Schriften folgten die Briefe des Dionysius, des Bischofs von Alexandria
(247–264), die für die Jahre 250–260 einen wesentlichen Teil der Kirchengeschichte
des Eusebius ausmachen.

 Abb. 11: Einheimische Kunst im römischen Ägypten. Dieser Mumienschrein wurde


für den Leichnam eines gräzisierten Ägypters mit Namen Artemidoros in Hawara im
Fayum während des 2. Jahrhunderts n. Chr. angefertigt. Die realistischen Porträts auf
dem Mumienschrein sind wahrscheinlich von der römischen Kunst beeinflußt. Unter
dem Porträt des Toten stehen in griechischer Sprache die Worte: »Artemidoros lebe
wohl!« Auf dem obersten Bild sieht man den Leichnam des Artemidoros auf der
Leichenbahre mit dem Gott Anubis an seiner Seite und Nephthys und Isis an Kopf und
Fuß des Verstorbenen.

Der trockene Sand Mittel- und Oberägyptens bewahrte uns auf Papyri
Nachrichten ganz anderer Art. Papyrus war das normale Schreibmaterial der

154
Antike, den Tausenden von Papyri aus Ägypten – die man oft auf Abfallhaufen
oder als Stopfmaterial in Mumien fand – stehen aber nur wenige aus Judäa und
Dura- Europos (Kap. 11) gegenüber. Allein schon durch ihre große Zahl
vermitteln sie einen einzigartigen Einblick in die Gesellschaft eines entlegenen,
kulturell aber reichen und komplexen Teils des Reiches. Auf ihnen ist alles zu
finden, von Fragmenten griechischer (und sehr weniger lateinischer)
Literaturwerke – bei denen Homer bei weitem überwiegt – bis zu Schulübungen,
Privatbriefen, Rechnungen, offiziellen Edikten, Petitionen an Behörden, Zensus-
und Steueraufstellungen oder Bescheinigungen für die Vollendung von
Deicharbeiten. Die überwiegende Mehrheit der Papyri ist in griechischer Sprache
abgefaßt; die lateinischen Fragmente sind in der Hauptsache literarischer,
juristischer oder militärischer Natur. Neben den beiden klassischen Sprachen
lebte aber das Ägyptische in Wort und Schrift fort. Ägyptische Tempel wurden
in der ptolemäischen Periode weiter im traditionellen Stil und mit
Hieroglypheninschriften gebaut und unter den Römern vergrößert und
ausgeschmückt; Hieroglyphen texte wurden während der ersten drei
Jahrhunderte n. Chr. eingemeißelt (die letzte uns bekannte Inschrift dieser Art
stammt aus dem Jahr 296). Daneben gab es zwei sich lange entwickelnde kursive
Varianten der Hieroglyphenschrift, das Hieratische (das für heilige Texte
verwandt wurde) und das Demotische, das in der römischen Periode
hauptsächlich auf Steuerbescheiden erscheint, die auf Papyrus oder Ostraka-
Fragmente geschrieben waren. Es sind aber auch demotische Literaturtexte aus
dem 1. Jahrhundert n. Chr. erhalten, z.B. ein Papyrus mit der alten ägyptischen
Legende, wie Setme von seinem Sohn Si- Osiris zum Besuch des ägyptischen
Äquivalents des Hades mitgenommen wird.
Auf einigen Papyri aus dem späten 1. Jahrhundert n. Chr. entdeckt man die
frühen Versuche, die ägyptische Sprache in griechischen Buchstaben zu
schreiben; es sind das hauptsächlich Zaubertexte, bei denen die genaue
Aussprache für den Erfolg der Beschwörung von Bedeutung war. Aus dem 3.
Jahrhundert besitzen wir einige griechische Texte des Alten Testaments mit
ägyptischen Randbemerkungen, die in griechischen Buchstaben geschrieben
sind. Das in griechischen Schriftzeichen gehaltene Ägyptisch – man fügte auch
weitere Schriftzeichen hinzu – wurde jetzt zum Koptischen, der Sprache der
ägyptischen Kirche. Die meisten koptischen Texte (dieselbe Bezeichnung wird
auch für die besondere Kunst des christlichen Ägypten verwandt, besonders bei
Textilien und Skulpturen) gehören dem 4. Jahrhundert und der Folgezeit an.
1946 entdeckte man aber in Nag Hammadi bei Luksor eine Sammlung von 48
christlichen Texten mit insgesamt 1000 Seiten, die zwischen 250 und 350 in
koptischer Sprache geschrieben worden sind. Viele, vielleicht alle Texte, die
ketzerische Abhandlungen oder apokryphe neu-testamentliche Werke darstellen,
wurden nach griechischen Originalen übersetzt.1
Als das reiche Ägypten 30 v. Chr. in die Hände der Römer gekommen war,
hatte Augustus versucht, das Verwaltungssystem der Ptolemäer mit

155
geringfügigen Modifikationen zu erhalten, während er ein Maximum an Geld
und Sachwerten aus dem Land zog, die Privilegien und Einkünfte der großen
Tempel mit ihren Priesterschaften beschnitt und kontrollierte und zusammen mit
einem Zensus, der alle vierzehn Jahre vorgenommen werden sollte, unter der
Bevölkerung eine abgestufte Privilegierung einführte, die darüber entschied, wer
die neue Kopfsteuer (laographia) zu zahlen hatte. Das Verwaltungssystem
unterschied sich weitgehend von dem des übrigen Reiches. Der Statthalter
(praefectus) entstammte dem Ritterstand, denn ein Senator mochte sich vielleicht
als Erbe des Antonius fühlen. Er herrschte von Alexandria aus und ging zur
Rechtsprechung und Überprüfung der Abrechnungen auf Rundreisen. Die drei
wichtigsten Bezirke, der Deltaraum, die »Sieben Gaue und Arsinoe«
(Mittelägypten) und die Thebais (Oberägypten), wurden von epistrategoi
verwaltet und die Unterbezirke (»Gaue«) von strategoi (»Generälen« – wenn das
Amt auch seine militärische Funktion verloren hatte). Im Land gab es nur drei
griechische Städte des allgemeinen griechischen Typs: Alexandria, Naukratis
und Ptolemais. In Alexandria wurden der Stadtrat und die sonst üblichen
Beamten abgeschafft oder nicht eingeführt (dieser Punkt ist umstritten). Die
Hauptstädte des einzelnen »Gaues« hießen metropoleis und trugen einige
Charakteristika griechischer Städte. Ihre Einwohner, oder zumindest eine
privilegierte Klasse von sogenannten metropolitoi, nahmen auf der Stufenleiter
der Privilegien eine mittlere Stellung ein. Denn die laographia, die von Rom
aufgelegte Kopfsteuer, wurde von dem Großteil der Bevölkerung in voller Höhe
gezahlt, von den metropolitoi nur teilweise (normalerweise zur Hälfte) und von
einer begrenzten Zahl von Priestern in jedem Tempel, von den Bürgern der drei
griechischen Städte und von den römischen Bürgern überhaupt nicht. Innerhalb
der Klasse der metropolitoi gab es eine privilegierte Gruppe, die wörtlich »die von
dem Gymnasium« hießen und die allein die Beamten der metropoleis stellten. Die
besondere Form, in der diese Klasse definiert wurde, ergab sich aus der Rolle der
Gymnasien als Zentren spezifisch griechischer Erziehung. Die Qualifikation war
kulturell (und finanziell), nicht rassisch bedingt; man wurde aber dennoch dann
aufgenommen, wenn man nachweisen konnte, daß man von Ahnen abstammte,
die schon Mitglieder dieser Klasse gewesen waren. Aus dem Jahr 127 oder 128
besitzen wir z.B. einen Papyrus, der den Epikrisis-(Prüfungs-)Bericht eines
dreizehnjährigen griechisch-ägyptischen Jungen namens Sarapion enthält. Aus
diesem ist zu ersehen, daß der Junge von metropolitoi abstammte, die für die
Kopfsteuer »auf 12 drachmae taxiert waren«, und außerdem, daß seine Ahnen seit
dem Zensus der Jahre 4–5 n. Chr. unter Augustus Mitglieder des Gymnasiums
gewesen waren.2
Sarapions Ansprüche wurden in seinem 13. Lebensjahr gestellt, weil mit 14
Jahren die Zahlung der Kopfsteuer begann, die bis zum 60. oder 62. Lebensjahr
weiterlief. Darum wurde auch der Zensus der gesamten Bevölkerung in
14jährigen Abständen vorgenommen; alle Hauseigentümer stellten eine Liste
ihrer Besitzungen auf und verzeichneten die Namen, das Alter und den Status

156
ihrer derzeitigen Bewohner. So lautet ein typischer Eintrag auf einer
Papyrusrolle mit den Zensusaufstellungen zweier Dörfer in dem Prosopitis-Gau
im Jahr 174: »An Apion basilicogrammateus (ein Gau-Beamter) ... von Tatithoes,
Tochter des Petephnouthis und der Thelbonthon Siphtha. Ich erkläre in
Übereinstimmung mit den Anordnungen des vortrefflichen Präfekten ... für den
Zensus nach Häusern meinen Besitz in dem Dorf, der aus einem Haus und
einem unbebauten Grundstück besteht, die zuvor Hartusis, dem Sohn des
Petephnouthis, gehört haben und jetzt Tatithoes, der Tochter des Petephnouthis,
gehören. Bewohner: Tatithoes ... Witwe, Alter 60 Jahre; Thermouthis ... ihre
Tochter, Alter 20 Jahre ... Ich, Didymas, Sohn des Psenamounis, habe das für sie
geschrieben, weil sie nicht schreiben kann.«3
Diese Zensusberichte, die getrennt an vier oder fünf verschiedene Beamte
geschickt werden mußten, waren nur der Anfang einer ungeheuren
Dokumentenfülle, die mit der Steuererhebung und Bevölkerungszählung des
römischen Ägypten verbunden war. Von Papyri und ostraka wissen wir, daß es
eine große Zahl von Geld- und Naturalsteuern gab, die auf Grundbesitz (nach
Berichten über das Ausmaß der jährlichen Überschwemmungen), verschiedene
Produkte und Gewerbe erhoben wurden und sich nur schwer zusammenfassen
lassen.4 Aus den Dokumenten wird auch ein ständiger Konflikt zwischen dem
Staat und seinen Untertanen deutlich, der durch die allgemeine Einführung des
»Liturgie«-Systems im Lauf des 1. Jahrhunderts noch verwickelter wurde: Die
Aufgabe der Steuereinziehung und die Haftung für das Steueraufkommen oder
die Pacht verschiedener Kategorien von Staatsland wurde zunächst von den
Beamten der verschiedenen Gebiete und später kollektiv von den Gemeinden
einzelnen obligatorisch übertragen. Häufig flohen deshalb die Steuerzahler; die
Einnehmer der laographia in sechs Dörfern des Gaues von Arsinoe beschwerten
sich z.B. beim Präfekten für die Jahre 55–59, daß viele Einwohner verarmt,
geflohen oder gestorben waren, so daß sie die Steuer nicht einziehen konnten,
und baten ihn, dem strategos mitzuteilen, daß er sie bis zur Überprüfung der
Angelegenheit nicht länger belästigen sollte.
Die vollständigste Beschreibung Ägyptens in der frühen römischen Periode
stammt aus der Feder des Geographen Strabo, der im Gefolge des Präfekten 26 v.
Chr. nilaufwärts reiste. Er beschreibt Alexandria mit seinem Doppelhafen und
den schönen breiten Straßen, den Tempel (Caesareion) für den Kaiserkult und das
Museion, das Gelehrtenzentrum, das die Ptolemäer gegründet hatten und das
jetzt dem Schutz der Kaiser unterstand. Weiter landeinwärts sah er den
Serapistempel von Canobus, wo der Gott denen, die in seinem Bezirk schliefen,
seine Anweisungen gab, das Legionslager in Babylon (Kairo), in dem 150
Gefangene damit beschäftigt waren, Wasser vom Nil hochzupumpen, und die
Pyramiden und Gräber der Pharaonen. In Arsinoe (früher Krokodilopolis)
fütterte er die heiligen Krokodile, die von den Priestern gehalten wurden, und
hörte in Theben – gleich den vielen anderen Reisenden dieser Periode, deren
Namen dort verzeichnet sind – die in der Morgendämmerung eines jeden Tages

157
von der Kolossalstatue des Memnon ausgehenden Töne. Schließlich kam er zu
dem großen Isistempel auf der Insel Philae, der unter den Ptolemäern erbaut
wurde und im traditionellen Stil der Pharaonen bis in die Regierungszeit
Hadrians (117–138) hinein erweitert wurde.
Strabo bereiste nicht selbst, beschrieb aber die Wege vom Nil bei Koptos zu
den Häfen am Roten Meer, von wo aus nach der Entdeckung der Monsune in
jedem Jahr große Handelsflotten nach Indien segelten. Die Waren wurden über
Land zum Nil transportiert, dort eingeschifft und von Alexandria aus in die
Mittelmeerländer exportiert.
Ein anderer Ägyptenreisender im Jahr 19 n. Chr. war Germanicus, der Neffe
und Adoptivsohn des Tiberius. In Alexandria milderte er eine Hungersnot,
indem er die Kornspeicher öffnete, in denen für Rom bestimmtes Getreide lag;
dann reiste er nilaufwärts, in griechische Gewänder gekleidet (wie es sich für
einen intellektuellen römischen Touristen gehörte), und besuchte die Tempel,
Statuen und Pyramiden. In Memphis fraß der Heilige Stier des Apis nicht aus
seiner Hand, sagte also seinen Tod voraus. Ein 1959 veröffentlichter Papyrus gibt
wörtlich Germanicus’ Rede vor dem Volk von Alexandria und seinen Empfang
durch dasselbe wieder: ›Der exegetes (oberste Stadtbeamte): »Ich habe dem
Imperator selbst beide Dekrete gegeben.« Der Imperator: »Ich, der ich von
meinem Vater geschickt wurde, Männer von Alexandria ...« Die Menge rief:
»Hurra, viel Glück, du wirst gesegnet sein.« Der Imperator: »Ihr Männer von
Alexandria, die ihr meine Begrüßungsworte hoch eingeschätzt habt, wartet, bis
ich jede eurer Fragen vollständig beantwortet habe, ehe ihr Beifall spendet.«‹ Ein
anderer Papyrus enthält zwei von Germanicus herausgegebene Erlasse. Mit dem
einen versucht er, die Bevölkerung davon abzuhalten, ihn als Gott zu feiern, der
andere verbot, Zugtiere und Boote beim Volk für seine Reise zwangsweise zu
requirieren.
Der Aufruhr Alexandrias wurde in der Regierungszeit Caligulas (37–41)
wieder deutlich, als Angriffe gegen die große jüdische Gemeinde zu
rivalisierenden Gesandtschaften an Caligula und Claudius (41–54) und zu
Claudius’ berühmtem Brief an die Alexandriner führten, der im ersten Jahr
seiner Regierung geschrieben wurde. Das Pogrom von 38 wird von Philo in
seinem Anti-Flaccus (Flaccus war damals der Präfekt von Ägypten) beschrieben,
in größeren Einzelheiten in seinem Werk Gesandtschaft an Caligula, in dem er
hauptsächlich das Schicksal der jüdischen alexandrinischen Gesandtschaft
schildert, die 40 vor Caligula erschien. Die Schwierigkeiten begannen mit der
Ankunft: des jüdischen Königs Agrippa I. (dem Enkel des Herodes) in
Alexandria; durch den Anblick seines königlichen Gefolges herausgefordert,
griff der Pöbel einen idiotischen Bettler von der Straße auf, kleidete ihn als König
und agierte mit ihm ein beleidigendes Possenspiel. Dann gingen die
Alexandriner allgemein gegen die Juden vor, forderten die Aufstellung von
Götterbildern in den Synagogen und trieben sie in einen Stadtteil, nachdem der
Präfekt Popularität zu gewinnen gesucht hatte, indem er die Juden in der Stadt

158
zu Fremden erklärte. Sie plünderten ihre Häuser und Werkstätten und schlugen
alle, die sie fingen, tot oder verbrannten sie. Flaccus nahm unterdessen viele
Mitglieder des jüdischen Ältestenrates fest und ließ sie im Theater zu Tode
peitschen. Der Präfekt wurde dann aus anderen Gründen inhaftiert, die Unruhen
gingen aber weiter, und 41 brachen zwei weitere Gesandtschaften der Griechen
und Juden von Alexandria zu Claudius auf. In seinem Brief an die Alexandriner,
der auf einem Papyrus vollständig erhalten ist, gibt der Kaiser die Antwort auf
die griechische Delegation. Er beginnt mit der namentlichen Aufzählung der
zwölf Abgesandten (von denen sechs römische Bürger waren), nimmt sodann,
indem er augenscheinlich die Reihenfolge der ihm vorgebrachten Bitten einhält,
einige der ihm angetragenen religiösen Ehrungen an und lehnt andere ab und
verleiht verschiedene Privilegien, überläßt aber dem Präfekten das Problem der
Bildung eines Stadtrates. Schließlich erörtert er die jüdische Frage, über die es
vor ihm zu einer Konfrontierung der beiden Gesandtschaften gekommen war. Er
befiehlt beiden Seiten, Frieden zu halten, und den Alexandrinern, die alten Sitten
der Juden zu achten; die Juden sollen untereinander verkehren, nicht bei Spielen
zusehen, die von alexandrinischen Beamten veranstaltet werden, und keine
Verstärkungen aus Syrien und Ägypten herbeiholen (wie sie es offenbar getan
hatten).
Diese Fragen, der Konflikt mit den alexandrinischen Juden und Alexandrias
Forderung nach vollem Stadtstatus, ließen die seltsamste Literaturgattung der
alten Welt entstehen, die sogenannten Heidnischen Märtyrerakten.5 Diese Akten
sind in einer Reihe verschiedener Papyrusfragmente erhalten und berichten
entweder von den Prozessen prominenter Alexandriner oder der Konfrontierung
alexandrinischer und jüdischer Gesandtschaften vor einer Reihe von Kaisern, die
von Claudius bis Commodus (180–192) reichte. Wie weit sie auf Tatsachen
beruhen, ist umstritten; aber, ob nun Geschichte oder Dichtung, ihre Tendenz
besteht ganz eindeutig in einer Heroisierung der führenden Alexandriner im
Gegensatz sowohl zu ihren jüdischen Rivalen als auch zu ihren römischen
Unterdrückern.
Im Jahr 60 kam es zu weiteren Ausschreitungen, als der Präfekt, der selbst ein
alexandrinischer Jude war, Julius Alexander, der Neffe Philos, einen Konflikt, in
dem die Juden drohten, das Amphitheater niederzubrennen, damit beendete,
daß er zwei Legionen herbeirief und ein Blutbad anrichten ließ, in dem 50000
Menschen getötet wurden. Zwei Jahre später gab Alexander ein Edikt aus, das zu
den aufschlußreichsten Dokumenten des römischen Ägyptens gehört, in dem die
Reformen aufgeführt werden, die auf die Proklamation Galbas beim Tod Neros
folgten.6 Das Edikt wurde am 6. Juli 68 in Alexandria veröffentlicht; der
besterhaltene Text ist die Inschrift auf einem Tempeltor in der Oase El-Kharga,
wo der Erlaß am 28. September verkündet wurde (was illustriert, wie langsam
damals die Kommunikation war). Alexander erwähnt, daß er seit seiner Ankunft
in Alexandria (im Jahr 66) von Bittstellern aus Alexandria selbst und dem
ägyptischen Land belagert worden sei, die um eine Abstellung von Mißständen

159
baten; u.a. befaßt er sich mit dem Pachtzwang bei der Steuererhebung oder bei
Staatsländereien, dem Vorgang, wonach sich die Käufer von Staatsland zur
Entrichtung von Pachtgeldern gezwungen sahen, und der häufigen
Wiederaufnahme von Fällen durch die Beamten, über die die Präfekten schon
entschieden hatten; Bauern aus ganz Ägypten hatten sich gleichermaßen über
die nicht genehmigte Erhebung von Sondersteuern beschwert.
Ägypten liefert auch den einzigen dokumentarischen Beleg für die besondere
Kopfsteuer, die Vespasian nach dem Krieg von 66–70 (Kap. 11) allen Juden
auferlegte. Zuvor hatten erwachsene männliche Juden zwei drachmae im Jahr an
den Tempel in Jerusalem geschickt. Ostraka – Keramikbruchstücke mit
Steuerquittungen – aus Edfu und ein Papyrus aus Arsinoe aus dem Jahr 73
beweisen, daß die Steuer, die jetzt für den Jupiter Capitolinus in Rom-gezahlt
wurde, von allen Juden, Männern und Frauen, im Alter von drei Jahren aufwärts
erhoben und von 72 auf 70 rückdatiert wurde.
Im Jahr 73 kamen auch zelotische Flüchtlinge aus dem Jüdischen Krieg in
Ägypten und der benachbarten griechischsprechenden Provinz Kyrene (Libya)
an; ihren Versuchen, ernstliche Aufstände anzuzetteln, traten aber in beiden
Provinzen die Führer der jüdischen Gemeinden entgegen, und die Behörden
bereiteten ihnen ein schnelles Ende. In den Jahren 115–117 erhoben sich die
Juden der Kyrene, denen die von Zypern und Ägypten folgten, gegen die
griechische Bevölkerung und hinterließen, offenbar in einem wohlerwogenen
Kreuzzug, ausgedehnte Zerstörungen. Inschriften aus Kyrene lassen erkennen,
daß Straßen und Tempel in dem Jüdischen Aufstand zerstört wurden; ganze
Bezirke wurden entvölkert und mußten von Hadrian (117–138) mit Veteranen
besiedelt werden. Aus Ägypten berichtet der Historiker Appian, der aus einer
führenden Familie Alexandrias stammte, wie die Juden den dortigen Tempel der
Nemesis zerstörten und er sich selbst nur durch die Flucht retten konnte. Es ist
beispielsweise auch ein Papyrus erhalten, der sich auf eine Schlacht zwischen
den Römern und den Juden bei Alexandria bezieht, und ein anderer, an den
Präfekten gerichteter mit dem Urlaubsgesuch des strategos von Apollinopolis, der
nach seinem Besitz sehen wollte, »der von den gottlosen Juden zerstört worden
war«. Schließlich, so sagt Appian, »wurde das jüdische Volk in Ägypten von
Trajan vernichtet«. Die Papyri bestätigen das – eine einzige jüdische Familie
scheint in Edfu weitergelebt zu haben, und von der jüdischen Gemeinde in
Alexandria hört man nichts mehr.7
Im Jahr 130 besuchte Hadrian Ägypten, disputierte mit den Gelehrten im
Museum von Alexandria, segelte nilaufwärts und hörte der Memnonstatue in
Theben zu (wo Julia Balbilla, aus seinem Gefolge, einige Verse eintrug, die noch
heute zu lesen sind). Er gründete die einzige neue Stadt des römischen
Ägyptens, Antinoopolis, im Gedenken an seinen Günstling Antinous, der im Nil
ertrunken war. Die neue Stadt, deren Einwohner »Antinoiden, Neue Hellenen«
genannt wurden, machte Hadrians Philhellenismus sichtbar. Sie wurde nach
dem klassischen Schachbrett-Muster angelegt, mit zwei 20 Meter breiten, von

160
Kolonnaden gesäumten Hauptstraßen, die sich im Stadtmittelpunkt kreuzten,
und den üblichen öffentlichen Gebäuden, Bädern, Tempeln und einem Theater.
Die Bürger, die alle Privilegien der Einwohner einer griechischen Stadt erhielten,
wurden teils durch das Los aus Ptolemais geholt und teils aus der metropolis
Arsinoe und anderswoher. Zumindest einige von ihnen bekamen Ländereien,
und ihre Kinder bezogen aus einer von Hadrian eingerichteten Kasse
Unterstützungen (das einzige Beispiel eines kaiserlichen »Alimenten«-Systems
außerhalb Italiens).8
Was es bedeutete, Bürger einer griechischen Stadt zu sein, wird durch einen
Papyrus aus der Mitte des 2. Jahrhunderts verdeutlicht, den Gnomon (Handbuch)
des Idiologus, des mit der »besonderen Rechnung« betrauten Beamten, an den
bestimmte Geldstrafen und offene Erbschaften zu entrichten waren. Einige der
mehr als 100 erhaltenen Klauseln beziehen sich auf die Statusunterschiede
zwischen Ägyptern, astoi (den Bürgern der Griechenstädte und auch der
metropoleis?), Alexandrinern und Römern. Einem Ägypter, der nachwies, daß
sein Vater römischer Bürger gewesen war, wurde ein Viertel seines Besitzes
konfisziert; wenn er seinen Sohn als Epheben (Jüngling, der Mitglied des
Gymnasiums war) eintrug, verlor er ein Sechstel; ägyptische Frauen, die mit
römischen Veteranen verheiratet waren, wurden bestraft, wenn sie behaupteten,
selbst römische Bürger zu sein. Unter diesen Umständen mochte ein Ägypter
gern so »griechisch« erscheinen, wie er nur konnte, selbst wenn sein gesetzlicher
Status nur schwerlich zu ändern war; so ist aus dem Jahr 194 die Bittschrift eines
Mannes namens Eudaimon, Sohn des Psois und der Tiathres (ägyptische
Namen), an den Idiologus erhalten, der sich jetzt Edaimon, Sohn des Heron und
der Didyma (griechische Namen), nennen wollte.
Die sozialen Spannungen brachen gelegentlich in gefährlichen Unruhen durch.
So etwas scheint im Jahr 154 geschehen zu sein, als der Präfekt einen Erlaß
veröffentlichte, in dem er eine Amnestie für alle diejenigen versprach, die in ihre
Wohnungen zurückkehrten, und in dem er seine Maßnahmen zur
Wiederherstellung der Ordnung beschrieb. 172 erhoben sich die Boukoloi, die
das Marschland bei Alexandria bewohnten, unter der Führung eines Priesters,
besiegten eine römische Truppe und hätten vielleicht Alexandria eingenommen,
wenn der Statthalter Syriens nicht eingeschritten wäre.
Das bemerkenswerteste politische Ereignis der Periode stellt jedoch Septimius
Severus’ Besuch in den Jahren 199–201 dar. Dieser Besuch, in dessen Verlauf der
Kaiser die übliche kulturhistorische Reise nilaufwärts unternahm, hat in den
Papyri eine Fülle von Spuren hinterlassen: einen Bericht einiger Dorfbeamter an
den strategos über die Vorratsbeschaffung für die Reise und eine große Zahl von
Gesetzesentscheiden, darunter eine Gruppe von dreizehn, die wörtlich auf einem
einzigen Papyrus aufgezeichnet sind, und Abschriften solcher, die in der Stoa
des Gymnasiums von Alexandria im März 200 angeschlagen wurden. Das
wichtigste Ergebnis der Reise war aber die Einrichtung von Stadträten in
Alexandria und den metropoleis. Ägypten behielt seine bürokratische Struktur

161
bei. Die wichtigste Funktion der Stadträte bestand darin, Männer zu finden, die
bereit waren, die Lasten der lokalen Verwaltung und der Steuereinziehung auf
sich zu nehmen; trotzalledem war ein Schritt in Richtung auf die örtliche
Autonomie getan, die für den Rest des Reiches charakteristisch ist.
Obgleich die Alexandriner nun erlangt hatten, worum sie lange bemüht
gewesen waren, gingen ihre Zwistigkeiten mit den römischen Kaisern doch
weiter. Im Jahr 215 machte Caracalla während seiner Expedition in den Osten
dort Station und richtete, offenbar aus Rache für öffentliche Beschimpfungen
seiner Person wegen des Mordes an seinem Bruder Geta im Jahr 212, ein
schreckliches Blutbad an. Er vertrieb auch alle Fremden aus der Stadt. Die
Schlußsätze seines Erlasses illustrieren in vorzüglicher Weise den Gegensatz
zwischen Alexandria und dem übrigen Ägypten: » ... Die Personen, die
ausgewiesen werden sollen, sind diejenigen, die aus ihren eigenen Bezirken
fliehen, um die bäuerliche Arbeit zu meiden, und nicht diejenigen, die hierher
wandern, um die schöne Stadt Alexandria zu sehen ... Die Ägypter lassen sich
unter den Leinenwebern leicht an ihrer Sprache erkennen ... ihre Gewohnheiten
und ihre unzivilisierte Lebensweise verraten sie darüber hinaus als ägyptische
Bauern.«
Unter den Flüchtlingen aus Alexandria befand sich im Jahr 215 der
bedeutende christliche Gelehrte und Philosoph Origenes. Die Anfänge des
Christentums in Alexandria und Ägypten liegen im dunkeln. Wir kennen zwar
die Namen und ein wenig die Lehren einiger alexandrinischer Häretiker im 2.
Jahrhundert; erhalten ist auch ein winziges Papyrusfragment des Johannes-
Evangeliums, das vielleicht um 120 geschrieben wurde, und das somit den
ältesten bekannten neutestamentlichen Text darstellt, und eine Reihe anderer
neutestamentlicher Fragmente aus dem späten 2. Jahrhundert. Aber erst gegen
Ende des Jahrhunderts weist Eusebius’ Kirchengeschichte auf eine
wohlgegründete christliche Gemeinde in Alexandria mit einem Bischof und einer
Katechetenschule hin, die für einige Jahre bis 202–203 Clemens leitete, ein
möglicherweise aus Athen stammender Konvertit, in dessen glänzenden
diskursiven Schriften das ganze Erbe antiker Philosophie und literarischer
Technik zur Interpretation des Christentums benutzt wurde. Die bedeutendste
Gestalt der alexandrinischen Kirche war jedoch Origenes, der um 185 als Sohn
christlicher Eltern in Alexandria geboren wurde. Nach dem Tod seines Vaters in
den Christenverfolgungen der Jahre 202–203 weihte er sein Leben dem
asketischen Gedanken und lehrte das Christentum. Dabei wurde er von den
zeitgenössischen heidnischen Philosophen als ebenbürtig anerkannt. 215 verließ
er Alexandria, wie oben erwähnt, lebte kurze Zeit in Caesarea in Palästina und
ließ sich dort um 230–231 endgültig nieder. Unter der ungemein großen Zahl
seiner Schriften, von denen einige erhalten sind, befanden sich ein Werk über die
Grundlagen der christlichen Theologie, Kommentare zu allen Büchern des Alten
und Neuen Testaments und das Hexapla, das in sechs parallelen Spalten

162
angelegte Alte Testament in Hebräisch, transskribiertem Hebräisch und in vier
griechischen Übersetzungen.
Origenes litt unter den Martern der decischen Christenverfolgungen (249–251)
und starb bald danach, wahrscheinlich in Caesarea. Zur gleichen Zeit setzten die
Briefe des Dionysius, des Bischofs von Alexandria, ein, die sehr lebendig das
kirchliche Leben und die Vorgänge in Alexandria und Ägypten schildern. Die
Christenverfolgungen begannen in Alexandria mit spontanen öffentlichen
Ausschreitungen ein Jahr vor dem Erlaß des Decius. Christen wurden
aufgegriffen, geschlagen und gemartert, um sie von ihrem Glauben abzubringen.
Ihre Häuser wurden geplündert. Als der Erlaß eintraf, wurde ein Soldat
abgesandt, um Dionysius zu verhaften. Diesem gelang aber die Flucht. Später
wurde er ergriffen, aus den Händen der Soldaten aber von einer Gruppe
ägyptischer Bauern befreit, die zu einem nächtlichen Hochzeitsfest unterwegs
war. Schließlich verlangte der Kaiser, daß alle Bewohner des Reiches vor
örtlichen Kommissionen opfern sollten, die zu diesem Zweck eingerichtet
worden waren; aus Ägypten sind 43 Papyri mit Opferbescheinigungen erhalten,
die einzelne Personen erworben hatten.9 Viele Christen opferten; viele andere,
sowohl in Alexandria als auch in den Städten und Dörfern Ägyptens, weigerten
sich und starben den Märtyrertod. Andere flohen in die Wüste. Zu dieser Zeit
lebte der erste ägyptische Einsiedler, Paulus von Theben, der »in den
griechischen und ägyptischen Wissenschaften erzogen war« und sich während
der Verfolgungen in der Wüste niederließ. Sein berühmter Nachfolger Antonius,
der um 275 Eremit wurde, scheint nicht Griechisch gesprochen zu haben.
Dionysius schildert in Einzelheiten die Verfolgungen unter Valerian und ihre
Beendigung durch Gallienus um 260. Er beschreibt ebenfalls den Bürgerkrieg in
Alexandria (auf den die Pest folgte, in der, wie er sagt, die Christen für ihre
Kranken sorgten, während die Heiden die ihren im Stich ließen). Dieser
Bürgerkrieg fiel offenbar in die Zeit des Aufstandes des Macrianus und Quietus
(Kap. 11), die in Ägypten in den Jahren 260–261 anerkannt wurden. Dionysius
starb 264. Ihm folgte Anatolius nach, der, was bezeichnend für das
alexandrinische Christentum ist, gleichzeitig das Haupt der dortigen
aristotelischen Schule war. Der Bürgerkrieg dauerte zu seinen Lebzeiten fort. Die
neue Macht Palmyra (Kap. 11) fiel 269–270 in Ägypten ein, eroberte es nach
heftigen Kämpfen und hielt es bis etwa 271 besetzt.10 Vielleicht kam es im
folgenden Jahr in Alexandria zu einem Aufstand, den Aurelian (270–275)
niederwarf. Bei der Belagerung eines Teils Alexandrias durch die Römer, was
auch während der palmyrischen Episode geschehen sein könnte, überredete
Anatolius den alexandrinischen Stadtrat, alle, die nicht kämpften,
hinauszutreiben, und vereinbarte, daß ein Christ auf der römischen Seite für sie
sorgte.
Nimmt man den palmyrischen Überfall aus und den Raubzug der Blemmyer,
der in Probus’ Regierungszeit (276–282) kurz erwähnt wird, scheint das römische
Ägypten bis Diokletian unter keinen Angriffen von außen gelitten zu haben. In

163
den Papyri sind aber vielzählige Belege dafür enthalten, daß das 3. Jahrhundert
eine Periode großer Schwierigkeiten für Ägypten war. Die Preise stiegen sehr
stark, das Räuberunwesen scheint an der Tagesordnung gewesen zu sein, einige
Ländereien wurden nicht mehr bebaut (obgleich Probus, wie ein Papyrus aus
dem Jahr 278 zeigt, Zwangsarbeit für die Wiederherstellung der Dämme
anordnete) und, wie anderswo, stieg der Druck der vom Staat geforderten
Pflichten. Die Papyri machen deutlich, daß man für die Versorgung der Soldaten
aufkommen und, wo notwendig, sie bestechen mußte; sie zeigen, wie es vor
allem immer schwieriger wurde, die einzelnen örtlichen Ämter zu besetzen. Ein
Papyrus aus dem Gau von Arsinoe, der etwa auf das Jahr 250 zu datieren ist,
enthält den Bericht einer von dem Präfekten geleiteten Verhandlung über die
Frage, ob die metropolitoi Dorfbewohner dazu zwingen dürften, gewisse Ämter
zu übernehmen. Severus (193–211) hatte verfügt, daß die Dorfbewohner davon
befreit seien: »Der Präfekt zu Severus (Advokat des Rats der Stadt Arsinoe): Was
sagst du zu Severus’ Gesetz und den Urteilen. Severus: Zu Severus’ Gesetz will
ich sagen: Severus gab das Gesetz aus, als die Städte noch blühten. Der Präfekt:
Das Argument des Wohlstandes – oder vielmehr der Abnahme des Wohlstandes
– trifft sowohl für die Dörfer als auch für die Städte zu.«11
Die Formen des örtlichen Lebens dauerten jedoch fort; ein Papyrus aus
Oxyrhynchus z.B. enthält eine Liste von Dichtern und anderen Leuten, die als
Belohnung für ihre Siege bei den jährlichen Festspielen zwischen 261 und 289
gewisse Immunitäten erlangten. Ein Aspekt der ägyptischen Kultur, der zur
Ausbreitung des Christentums und zur Entwicklung des Koptischen im
Gegensatz steht, wird von einem Papyrus um 260 illustriert, in dem der
Stadtschreiber von Hermopolis einen Mitbürger bei seiner Rückkehr von einer
Gesandtschaft nach Rom willkommen heißt, indem er eine Zeile aus dem Ion des
Euripides zitiert.

11. Die griechischen Provinzen

Das Leben der wichtigsten griechischen Provinzen – von Griechenland und


Makedonien bis Kleinasien und Syrien und Umgebung – wird, verglichen mit
anderen Teilen des Reiches, durch eine grenzenlose Vielzahl und Vielfalt von
Zeugnissen beleuchtet. Erhalten sind nicht nur eine ungeheuer reiche
zeitgenössische heidnische, jüdische und christliche Literatur in griechischer
Sprache, sondern auch die Äußerungen mehrerer Generationen von Rabbinern,
die in vollständigem Gegensatz dazu stehen und in der Mishnah (um 200 n. Chr.)
und im Talmud gesammelt wurden. Wir besitzen Tausende von Inschriften in
griechischer Sprache, besonders aus Kleinasien, und auch Inschriften und
Dokumente in Aramäisch und seinen Ablegern (Syrisch und Palmyrisch) und in
Nabatäisch, einer Frühform des Arabischen, die in aramäischer Schrift
geschrieben wurde. Darüber hinaus blieben ausgedehnte Überreste der Städte
erhalten, von Ephesus bis zu den Tempeln von Baalbek, bis Caesarea, Jerash,

164
Palmyra oder Petra. In den letzten Jahren sind unsere Kenntnisse durch gänzlich
neue Quellen bereichert worden, die Ausgrabungen der Festung Masada, in der
die letzten Überlebenden des Jüdischen Aufstandes im Jahr 73 Selbstmord
begingen, bei denen Dokumente und biblische Texte und die erste uns bekannte
Synagoge zutage kamen;1 das »Kloster« von Qumran und die Schriftrollen vom
Toten Meer; und die Dokumente und anderen Funde – Kleidungsstücke, Körbe,
Gebrauchsgegenstände, Tonwaren –, die in den Höhlen der judäischen Wüste
westlich des Toten Meeres von den Kämpfern des Jüdischen Krieges der Jahre
132–135 zurückgelassen wurden.2 Ausgrabungen zwischen den beiden
Weltkriegen haben auch die wundervollen Anlagen von Dura-Europos am
Euphrat mit seinen Schriftstücken in sieben Sprachen, seinen Tempeln, der
Synagoge und christlichen Kirche freigelegt.3
Für dieses ganze Gebiet schuf Rom ein politisches Gefüge. Die einzelnen
Regionen wurden in Provinzen eingeteilt, die römischen Statthaltern
unterstanden, und das Provinzsystem wurde stetig ausgeweitet, um in das
römische Reich die Klientel-Königtümer einzugliedern, die im 1. Jahrhundert
über große Teile des östlichen Kleinasien und des syrischen Raumes herrschten
(s. Kap. 6). Die Römer begünstigten ganz bewußt in den Städten das
Aufkommen erblicher regierender Klassen, auf deren Loyalität sie vertrauen
durften und die sie für die öffentliche Ordnung und die Steuerzahlungen
verantwortlich machen konnten; seit dem Ende des 1. Jahrhunderts gingen dann
auch viele Griechen in den römischen Senat. Darüber hinaus aber trug Rom nur
indirekt zur Sozial- und Kulturgeschichte dieses Raumes bei. Die griechische
Kultur war, wo sie nicht schon vorherrschte, durch die Eroberungen Alexanders
des Großen ausgebreitet worden. Die römischen Kaiser setzten die schon von
den Generälen der Republik übernommene Tradition fort und gründeten weitere
griechische Städte. Daneben entstanden auch einige Veteranenkolonien mit der
lateinischen Amtssprache, die zum großen Teil von Augustus eingerichtet
wurden; eine von ihnen, Berytus, erhielt sogar eine Schule für römisches Recht.
In sämtlichen griechischsprechenden Gebieten gab es aber nur vier latinische
municipia. Lateinische Namen wurden in den Oberschichten immer mehr die
Regel, was hauptsächlich eine Folge der Ausbreitung des römischen
Bürgerrechts war, das die Annahme eines dreiteiligen römischen Namens
voraussetzte; es entstanden dabei gewöhnlich hybride Formen, z.B. Tiberius
Claudius Hermocrates. Einzelne lateinische Namen konnten sogar auch Nicht-
Bürger wählen; Simon aus Kyrene, der für Christus das Kreuz trug, hatte einem
seiner Söhne einen griechischen Namen, Alexander, und dem anderen einen
lateinischen, Rufus, gegeben (Markus 15,21). Die Kenntnis des Lateinischen war
viel weniger verbreitet, obgleich Claudius versuchte, sie für römische Bürger
obligatorisch zu machen. Einzelne lateinische Wörter wurden in griechischer
Form wie auch in hebräischer weithin geläufig.
So bestand innerhalb des von den Römern abgesteckten Rahmens eine fast rein
griechische Kultur vom hellenistischen bis zum byzantinischen Zeitalter fort und

165
erlebte im 2. Jahrhundert eine neue Blüte. Ihre Zentren waren Athen und die
großen Städte Westkleinasiens – Ephesus, Pergamon und Smyrna. Ihre
Hauptträger waren die reichen grundbesitzenden Familien, die mit
Unterstützung Roms die herrschende Klasse in den Städten darstellten und als
öffentliche Wohltäter auftraten, indem sie die Verteilung von Nahrungsmitteln,
öffentliche Bauten, Musik- und Sportwettbewerbe finanzierten (wie die
Gladiatorenkämpfe und Jagden auf wilde Tiere, die einen Teil der wenigen
Importe römischer Kultur darstellten). Sie schickten ihre Söhne fort, damit diese
die Moderhetoriker (oder »Sophisten«) und Philosophen hörten; die Söhne
wurden dann vielleicht selbst Sophisten oder traten in den römischen Ritter-
oder Senatorenstand ein oder sie taten beides. Die seit dem späten 1. Jahrhundert
auftretenden Sophisten waren das charakteristische Produkt griechischer Kultur
in dieser Epoche. Philostratus’ Leben der Sophisten, das um 230 geschrieben
wurde, gibt dazu die lebendigste Einführung. Die Sophisten stammten aus weit
voneinander entfernten Gebieten wie Südgallien, Makedonien, Kappadokien
und Arabien, sie neigten aber dazu, in Athen oder den großen Städten Asias Hof
zu halten und Schüler aus der gesamten griechischen Welt um sich zu scharen.
Die griechische Kultur blieb bei all ihrer Anziehungskraft 3 im ganzen Nahen
Osten ein importiertes Produkt. In Kleinasien weisen, obgleich es keine nicht-
griechische Kultur hervorbrachte, einzelne verstreute Belege auf den Fortbestand
des Keltischen in Galatien und das Kappadokischen und Kilikischen während
unserer gesamten Periode hin; aus Phrygien sind etwa hundert Inschriften
bekannt, die in griechischen Buchstaben geschrieben sind und in der Hauptsache
aus dem 3. Jahrhundert stammen. In Westsyrien, in der Nähe des Mittelmeers,
sind beinahe alle Schriftstücke in griechischer (nur wenige in lateinischer
Sprache) abgefaßt, eine Reihe von Zeugnissen weisen aber darauf hin, daß auf
dem Land und in einigen Städten auch Aramäisch gesprochen wurde. Das
Aramäische und seine Dialekte waren die Verkehrssprache in dem ganzen Raum
von dort südwärts bis Nordarabien und ostwärts bis zum Tigris; nicht-
griechische Schriftstücke sind aus Nabatäa, Judäa, Palmyra, Dura am Euphrat
und Edessa erhalten – aus Gebieten, die allesamt in der hier erörterten Periode
direkter römischer Herrschaft unterstellt wurden. Wie allgemein bekannt ist,
blühte das jüdische religiöse Schrifttum in hebräischer und aramäischer Sprache
während der gesamten Zeitdauer. Das erste bekannte Dokument im Syrischen,
dem aramäischen Dialekt, der in Edessa gesprochen wurde und den man in einer
kursiven Schrift schrieb, datiert aus dem Jahre 6 n. Chr., und die erste syrische
Literatur aus dem späteren 2. Jahrhundert.
In diese Welt führen die Evangelien und die Apostelgeschichte am besten ein.
In den Evangelien spiegelt sich das Leben der Juden in den Dörfern und kleinen
Städten Galiläas zur Zeit der Tetrarchie des Herodes Antipas, des Sohnes des
Herodes des Großen. Es begegnen uns dort die Soldaten der Klientel-
Königreiche mit ihren geborgten römischen Titeln, Centurio oder speculator, oder
der König selbst, wie er seine Notabeln zum Mahl lädt. Außerhalb Galiläas kam

166
Christus durch das Territorium der griechischen Küstenstädte Tyrus und Sidon
oder der Dekapolis, ging aber in die Städte selbst nicht hinein. Zu den großen
Festen pilgerte man von Galiläa hinauf nach Jerusalem, wo die Hohenpriester
und das Synhedrion herrschten, die vom Prokurator und seinen Truppen
überwacht wurden.
Für wenige Jahre (41–44) wurde das judäische Königreich des Herodes von
Claudius dem Enkel des Herodes, Agrippa I., in seinem ganzen Umfang
zurückgegeben. Diesem gelang es für kurze Zeit, den Druck aus Rom, aus seiner
griechisch-römischen Umgebung – er schenkte beispielsweise der Stadt Berytus
Kunstwerke und baute dort ein Amphitheater – und aus dem jüdischen Lager
auszugleichen und das Gesetz in den jüdischen Gebieten seines Königreiches
aufrechtzuerhalten. Schließlich verlor er durch seine ehrgeizigen Pläne die
kaiserliche Gunst, als er Jerusalem zu befestigen begann und eine Konferenz der
Klientelfürsten des Ostens einberief. Sowohl Josephus als auch die
Apostelgeschichte berichten von seinem Tod in Caesarea; als er ein Fest zu Ehren
des Claudius gab, erschien er in silbernen Kleidern, wurde als ein Gott begrüßt,
erkrankte aber bald und starb.
Nach seinem Tod wurde das ganze jüdische Gebiet von römischen
Prokuratoren regiert. Der gesamte Zeitraum bis zum Ausbruch des Aufstandes
im Jahr 66 zeichnete sich durch wachsende Konflikte zwischen den Juden,
Griechen und Samaritern und zwischen der Masse der jüdischen Bevölkerung
und der Oberschicht um die Hohenpriester aus, die mit Rom
zusammenarbeiteten. Das Räuberunwesen blühte (ein früheres Beispiel ist
Barabbas, der von Pilatus freigelassene Bandit), die als sicarii bekannten
Terroristen trieben ihr Unwesen, und eine Reihe volkstümlicher Propheten trat
auf. Einer von ihnen ging, gefolgt von 4000 Menschen, zum Jordan und kündigte
an, die Fluten des Stromes würden sich vor ihnen auf tun; ein anderer, ein
Ägypter, rief eine große Menschenmenge auf den Ölberg und behauptete, die
Mauern Jerusalems würden einstürzen. Beide wurden von römischen Truppen
getötet. In der Apostelgeschichte lesen wir, daß der Tribun Paulus, der in
Jerusalem festgenommen worden war, als er ihn griechisch sprechen hörte,
fragte: »Bist du der Ägypter, der kürzlich die 4000 sicarii in die Wüste führte?«
Zuvor war Paulus in Syrien, Kleinasien, Makedonien und Griechenland
gereist. Aus Damaskus floh er (2. Kor. 11, 32), um der Verhaftung durch den
»Ethnarchen« (örtlichen Statthalter) des Aretas (dieser war der König von
Nabatäa, des hellenisierten Araberstaates mit der Hauptstadt Petra) zu entgehen.
Auf der ersten Missionsreise nach Pisidien und Lykaonien begrüßte die
Bevölkerung Lystras Paulus und Barnabas in ihrem einheimischen Lykaonisch
als Götter und versuchte, ihnen Stiere zu opfern. Auf ihrer zweiten Reise
durchquerten sie Kleinasien und gingen nach Makedonien hinüber; in der
römischen Kolonie Philippi wurden sie wegen öffentlicher Unruhen von den
Beamten festgenommen, geschlagen und später, als man entdeckte, daß sie
römische Bürger waren, wieder freigelassen (Kap. 5). In Athen, dem

167
intellektuellen Mittelpunkt der griechischen Welt, sprach Paulus täglich auf der
Agora, disputierte mit stoischen und epikureischen Philosophen und hielt eine
Rede auf dem Areopag. In Korinth, das ebenfalls eine römische Kolonie war,
predigte er und wurde von den Juden vor den Prokonsul Junius Gallio (den
Bruder Senecas) gebracht, der es ablehnte, sich einzumischen.

 Abb. 12: Die Artemis der Epheser. Diese Statue ist die schönste unter den erhaltenen
Kopien des großen Kultbildes der Göttin, das im Tempel von Ephesus stand. Das
Standbild wurde von einem meisterhaften Bildhauer etwa zur Zeit Hadrians (117–138)
geschaffen, später – vielleicht wegen der Verfolgung heidnischer Kulte durch die
Christen – sorgfältig vergraben und im Jahre 1956 in Ephesus wieder ausgegraben.

Auf seiner dritten Reise lehrte Paulus in Ephesus, wo die Silberschmiede, die
Modelle des großen Artemistempels fertigten, da sie um ihren Umsatz bangten,
das Volk gegen ihn aufwiegelten. Im Theater (dem üblichen Versammlungsort
des Volkes) kam eine große Menschenmasse zusammen und schrie immer
wieder: »Groß ist die Artemis der Epheser!« Der Aufruhr wurde erst durch den
obersten Stadtbeamten, den grammaeus (Sekretär), beruhigt, der zur Menge
sprach und sagte, wenn Anklagen vorzubringen wären, stände der Gerichtshof
des Prokonsuls zur Verfügung; wenn sie anderes fordern wollten, gäbe es die
regelmäßigen Zusammenkünfte der Stadtversammlung.

168
Kein anderer Text beleuchtet das Stadtleben des griechischen Ostens besser,
die leidenschaftlichen örtlichen Treueverhältnisse, den ständig drohenden
Aufruhr, der von den Stadtbeamten nur notdürftig niedergehalten wurde, und
die alles überschattende Gegenwart des römischen Statthalters. Diese Gegenwart
enthüllt sich gleichfalls in einer langen Inschrift aus Ephesus, die wenige Jahre
zuvor entstand und das Dekret enthält, durch das der Prokonsul Paullus Fabius
Persicus in Übereinstimmung mit einem Erlaß des Claudius die Finanzen des
Artemistempels regelte, indem er den Verkauf der Priesterämter abschaffte und
das mit Tempelgeldern unterhaltene Personal verringerte.
Die gleichen lokalen Treueverhältnisse und die gleiche Aufsicht durch den
Statthalter spiegelten sich in den koina, den provinziellen Städtebünden. Von
diesen stammten einige aus der vorrömischen Zeit. Sie vertraten die Provinzen
gegenüber den Statthaltern und Rom, indem sie den Kaiserkult verwalteten,
Ehrungen vornahmen und um die Aufrechterhaltung oder Ausweitung der
Privilegien baten. Wir besitzen z.B. einen Bericht über die Zusammenkunft der
Vertreter der griechischen Städte im Jahr 37, als diese in Gegenwart des
Prokonsuls den Eid auf Caligula ablegten und eine Gesandtschaft wählten, die
dem Kaiser zur Thronbesteigung gratulieren sollte. Die eigentlichen Nachrichten
sind Inschriften aus Akraiphia in Böotien zu entnehmen, in denen ein Bürger
geehrt wird, Epaminondas (der Name eines berühmten böotischen Generals des
4. vorchristlichen Jahrhunderts), der Akraiphia in der Versammlung in Argos
vertrat und, als viele andere reiche und hervorragende Männer ablehnten, sich
freiwillig zu der Gesandtschaft meldete. Erhalten ist auch der Brief Caligulas, in
dem er seine Anerkennung für die Treueerweise der Griechen ausspricht.
Aus Akraiphia besitzen wir auch eine Inschrift mit dem Text der Rede, die
Nero anläßlich seines Besuches (66–67), in dessen Verlauf er an den Olympischen
Spielen und anderen Wettbewerben als Wagenlenker, Sänger und Schauspieler
teilnahm, an die am Isthmus von Korinth versammelten Griechen richtete und in
der er ihre Freiheit und Steuerimmunität proklamierte. Bei dieser Gelegenheit
sprach Epaminondas, der jetzt Hoherpriester des Kaiserkults war, zu den
Akraiphiern und schlug vor, daß die Stadt einen Altar zu Ehren Neros errichten
sollte, der mit Zeus liberator gleichgesetzt wurde. Vespasian (69–79) hob die
Freiheitserklärung für Griechenland wieder auf.
Im Gegensatz zum tiefen Frieden in den anderen Provinzen des griechischen
Ostens brach in Judäa im Jahr 66 endgültig die offene Rebellion aus, die durch
die Beendigung der Opfer im Tempel für die Sicherheit des Kaisers symbolisiert
wurde. Als Jerusalem, das von Vespasians Sohn Titus mit vier Legionen belagert
wurde, im Jahr 70 fiel, wurde der Tempel zerstört. Man zählte mehr als eine
Million Gefallene, Hunderte jüdischer Gefangener wurden in den griechischen
Städten Syriens und in Rom bei Spielen niedergemetzelt, der siebenarmige
Leuchter wurde als Beutestück weggeschleppt (er ist auf dem Titusbogen in Rom
dargestellt). Josephus, unser Hauptzeuge für diese Ereignisse, war im Jahr 67 in
Gefangenschaft geraten und erfreute sich seitdem kaiserlicher Gunst. Er schrieb

169
seinen Jüdischen Krieg, der aus dem Aramäischen ins Griechische übersetzt
wurde, in den späten siebziger Jahren. Seine Jüdischen Altertümer vollendete er im
Jahr 93. Für die Zukunft wichtiger war, daß ein Rabbiner, Johanan ben Zakkai,
aus dem belagerten Jerusalem entkam, die Erlaubnis erlangte, in Jabneh an der
Küste eine Schule zu gründen, und so die pharisäische Tradition der Diskussion,
Interpretation und Gesetzesentwicklung fortführte. Die Rabbiner gründeten ein
neues Synhedrion, dessen Präsident, der immer aus dem Haus Hillel stammte,
bis zum späten 2. Jahrhundert zu einem örtlichen Dynasten wurde. Während die
politische Identität des jüdischen Volkes also zerstört wurde, trat die jüdische
Religionsentwicklung in eine neue und wichtige Phase ein.
Der Aufstand endete schließlich mit der Einnahme von Masada im Jahr 73; die
römische Mauer am Fuß der Festung und die acht römischen Lager sind in der
felsigen Wüste deutlich sichtbar geblieben.4 Wie schon in Kapitel 6 erwähnt,
wurden in dieser Periode eine Legion unter einem legatus in Jerusalem stationiert
und zwei Legionen unter einem konsularischen legatus in Kappadokien.
Schließlich wurde Nabatäa erobert und im Jahr 106 eine Legion nach Bostra
gelegt. Petra, die nabatäische Hauptstadt, blieb jedoch die Metropole der neuen
Provinz Arabia (Arabien). Dort läßt sich denn auch am deutlichsten der Einfluß
der römischen Herrschaft beobachten. Der Aufbau im griechischen Stil hatte in
Petra im 1. Jahrhundert v. Chr. begonnen. Die berühmten in den Fels gehauenen
Gräber (deren Fassaden die Frontalansicht der Tempel des lokalen Typs
nachahmen) setzen sich von da an bis in die römische Periode fort. Die Römer
stauten den durch das Wadi fließenden Strom, der nach Petra führte, und
leiteten ihn durch einen Tunnel um; die Hauptstraße verlegten sie höher,
säumten sie mit Kolonnaden und bauten den großen als Qasr el Bint bekannten
Tempel, zu dem man durch einen monumentalen Torweg gelangte.5 Zu den
archäologischen Zeugen ist neuerdings eine Sammlung von Schriftstücken
gekommen, die im Jahr 1961 unter anderen Zeugnissen des Jüdischen
Aufstandes von 132–135 in einer Höhle der Wüste Juda gefunden wurde; es ist
ein Archiv von Familiendokumenten auf Papyrus, das die Zeit von 93–94 bis 132
umfaßt und in Nabatäisch, Aramäisch und Griechisch geschrieben wurde. Die
Schriftstücke enthalten beispielsweise Kaufabschlüsse, Geschenkurkunden und
einen Heiratskontrakt und beziehen sich auf den von dem Statthalter Sextius
Florentinus im Jahr 127 in Arabia vorgenommenen Zensus. Wenn sie vollständig
veröffentlicht sind, müßten sie das Kommen römischer Herrschaft sehr lebendig
verdeutlichen.
Während diese Schriftstücke das Leben einer obskuren und vielsprachigen
Ecke des Reiches beleuchten, setzte in der gleichen Periode, am Ende des 1.
Jahrhunderts, der breite Strom literarischer Zeugnisse in den griechischen
Hauptgebieten ein. Der einzige große Schriftsteller, den Griechenland in der
Kaiserzeit hervorbrachte, Plutarch, lebte und schrieb in Chaironeia in Böotien; in
den späten sechziger Jahren studierte er in Athen und lebte bis nach 119; in
hohem Alter wurde er von Hadrian zum procurator Griechenlands ernannt. Als

170
sein berühmtestes Werk gilt die Reihe paralleler Biographien griechischer und
römischer Staatsmänner. Die umfangreiche Sammlung philosophischer und
gelehrter Essays, die unter dem Namen Moralia bekannt ist, beleuchtet seine Zeit
jedoch am besten. Plutarch scheint Sardes in Asia und Alexandria auf Reisen
kennengelernt zu haben und Rom mindestens zweimal besucht zu haben. Zu
seinem Bekanntenkreis gehörten Griechen aus Makedonien und Tarsus und aus
Griechenland selbst. Einer von ihnen war eine für seine Zeit sehr typische
Gestalt, C. Julius Antiochus Philopappus, der Enkel des letzten, 72 abgesetzten
Königs der Kommagene, der den Spielen in Athen vorstand und, wie auf seinem
Denkmal auf dem Musenberg in Athen zu lesen ist, von Trajan zum römischen
Senator gemacht wurde. Zu Plutarchs Freunden in Rom gehörten der Senator L.
Mestrius Florus – von dem er seinen eigenen römischen Namen als römischer
Bürger herleitete, L. Mestrius Plutarchus – und Sosius Senecio, einer der großen
Generale Trajans. Er machte es sich aber zum Grundsatz, in seiner kleinen
Heimatstadt zu wohnen, wo seine Familie seit einigen Generationen
hervorgetreten war. Dort übte er kleinere Funktionen aus – er kümmerte sich z.B.
um die Instandhaltung von Gebäuden – und war auch Apollo-Priester in dem
etwa 30 Kilometer entfernten Delphi. Für seine eigene Zeit waren die Politischen
Regeln, die er an Menemachus von Sardes richtete, das bedeutendste seiner
Werke. Er behauptet darin, das politische Leben bleibe sogar unter römischer
Herrschaft noch eine ernstzunehmende Beschäftigung: »Jetzt, da die
Angelegenheiten der Städte nicht die Führung im Krieg, den Sturz von
Tyrannen, den Abschluß von Bündnissen betreffen, welche Möglichkeiten einer
guten und glänzenden politischen Karriere bestehen noch? Es verbleiben
öffentliche Prozesse und Gesandtschaften an den Kaiser, die Kraft, Mut und
Intelligenz verlangen.« Der einheimische Politiker muß aber mit allen Mitteln die
Menschen in Schach halten und Streitereien verhindern, die die Intervention der
Prokonsuln auslösen. Er sollte immer der Tatsache eingedenk bleiben, daß er in
einer unterworfenen Stadt regiert, sollte von seinem Amt zum Tribunal des
Statthalters schauen und sich der Schuhe des römischen Statthalters über seinem
Haupt bewußt bleiben.
In dieser gleichen Periode kam es jedoch zu dem ersten größeren Zustrom von
Männern aus den griechischsprechenden Provinzen, hauptsächlich aus
Kleinasien, in den Senat. Als der Zustrom unter Vespasian einsetzte, kamen
einige aus römischen Kolonien – wie C. Caristanius Fronto aus Antiochia in
Pisidien – oder griechischen Städten, in denen Italiker gesiedelt hatten. Unter
ihnen waren aber auch die Abkömmlinge von Königen und Dynasten; C. Julius
Severus aus Ancyra, der in der Regierungszeit Hadrians in den Senat eintrat,
beschreibt sich auf einer Inschrift als der Nachkomme des Attalus von Pergamon
und dreier galatischer Herrscher und als der Verwandte vieler Senatoren. Die
meisten stammten jedoch aus dem grundbesitzenden städtischen Bürgertum,
dessen Familien Ämter in den Städten und den provinziellen koina mit Posten im
Ritterstand und Senat vereinten. Ein prominentes Beispiel ist der athenische

171
Redner und Millionär Herodes Atticus, der im Jahr 143 das Konsulat bekleidete.6
Das bezeichnendste Beispiel ist vielleicht das des Historikers Cassius Dio aus
Nicaea in Bithynien, der von etwa 189 bis zu seinem zweiten Konsulat, als
Ordinarius mit Severus Alexander im Jahr 229, im Senat saß und Dalmatia und
Pannonia Superior verwaltete. Seine Römische Geschichte, die von Aeneas’
Ankunft in Italien bis ins Jahr 229 reicht, offenbart, wie es möglich war,
griechisches kulturelles Erbe mit den politischen Zielsetzungen Roms zu
verbinden, und kündigt damit das byzantinische Zeitalter an.7
Cassius Dio war ein Nachkomme, wahrscheinlich ein Urenkel, des großen
literarischen Zeitgenossen Plutarchs, des Redners Cocceianus Dio (Dio
Chrysostomos – »mit dem goldenen Mund«) aus Prusa in Bithynien. Auch er
kam aus einer prominenten Familie. Sein Großvater mütterlicherseits war der
Freund eines römischen Kaisers gewesen und war zum römischen Bürger der
nahegelegenen Kolonie Apameia gemacht worden. Dio erbte Weinberge und
Weideland im Gebiet von Prusa. Eine seiner früheren Reden entstand, nachdem
der Pöbel gedroht hatte, ihm sein Haus anzuzünden, weil er während einer
Getreideknappheit Korn gehortet hätte (Dio erklärte, daß er Getreide nicht zum
Verkauf anbaue). Unter Domitian (81–96) verbannte man ihn aus seiner Heimat;
er besuchte als Bettel-Philosoph Rom, Griechenland und das Schwarzmeergebiet.
Von Nerva (96–98), einem persönlichen Freund, zurückberufen, erlangte er in
Prusa wieder sehr schnell seine frühere hervorragende Stellung. Eine Gruppe
seiner Reden aus Prusa aus der frühen Regierungszeit Trajans (98–117)
verdeutlicht viele Aspekte städtischen Lebens. Eine Gesandtschaft, zu der auch
Dio gehörte, ging von Prusa nach Rom, um Trajan zu seinem Regierungsantritt
zu gratulieren, und nutzte die Gelegenheit, ihn um einen größeren Stadtrat, um
das Recht lokaler Jurisdiktion, vermehrte Einkünfte und (was sie offenbar nicht
erreichten) um Steuerfreiheit zu bitten. Als sie zurückkehrten, ging das Gerücht
um, die Gesandtschaft sei wenig huldvoll aufgenommen worden, andere Städte
hätten mehr erhalten und Dio habe die Gelegenheit zum eigenen Vorteil
ausgenutzt. Dann wurden von Dio große Bauprojekte geplant und begonnen; der
Prokonsul hieß sie gut, einige Leute in Prusa nannten Dio jedoch einen
Tyrannen, weil sie ihm verübelten, daß er alte Werkstätten, Gräber und Altäre
niederreißen ließ, um für neue Kolonnaden, Brunnen und öffentliche Bauten
Platz zu schaffen. Beinahe überall im Reich fand, wie die Archäologie zeigt, eine
ständige Ausweitung und Neuentwicklung der Städte bis zum frühen 3.
Jahrhundert statt; nur am Beispiel Dio erkennt man das Ressentiment, das
dadurch hervorgerufen wurde. Jedenfalls drohte Dio, sich aus dem öffentlichen
Leben zurückzuziehen. Er fragte das Volk unverblümt, ob es wünsche, daß er
weitermache, und bat den Prokonsul, die Geldbeiträge einzuziehen, die (von den
reichen Bürgern) für die Bauwerke versprochen worden waren.
Dio selbst und die gleiche Art von städtischen Streitigkeiten tauchen in der
Korrespondenz zwischen Plinius dem Jüngeren, der als kaiserlicher Sonder-
Legatus wahrscheinlich 109 nach Bithynien geschickt wurde, und Trajan wieder

172
auf. Plinius überprüfte die Finanzen der Städte – er war offenbar beauftragt, dies
systematischer als ein gewöhnlicher Statthalter zu tun –, forderte Geld ein, das
den Städten geschuldet wurde, und kontrollierte Bauunternehmungen. In Nicaea
fand er z.B. ein Theater im Rohbau vor, das schon am Zusammenbrechen war,
weil Privatpersonen versprochene Gelder zurückhielten. In Claudiopolis baute
man ein Bad und verließ sich auf die Gelder, die von Trajan zugelassene neue
Ratsmitglieder für ihre Ämter zahlten; Plinius bat um einen Architekten, der die
Arbeiten überwachen sollte. Dio selbst wurde vor Plinius angeklagt, weil er die
Rechnungen für die öffentlichen Bauten in Prusa nicht vorgelegt hatte. Er führte
auch normale Rechtsgeschäfte, so besonders das Anhören von Anklagen gegen
Christen. Plinius unterzog diejenigen, die ihm angezeigt wurden, der
Opferprobe und verlangte die Verwünschung Christi; die römischen Bürger, die
das ablehnten, wurden nach Rom geschickt, die übrigen sofort hingerichtet.
Plinius’ Brief an Trajan stellt einen unschätzbaren Beleg für die Ausbreitung
des Christentums, für das Ausmaß öffentlicher Feindseligkeit und für die
unentschlossene, aber repressive Haltung römischer Beamter dar. Ein Zeugnis
aus christlicher Quelle (beinahe der ersten nach der dunklen
»nachapostolischen« Periode der jungen Kirche) stammt aus den Briefen, die
Ignatius, der dritte Bischof Antiochias, in der Regierungszeit Trajans an die
Gemeinden von Ephesus, Magnesia, Tralles, Philadelphia und Smyrna in Asia
und an die Gemeinde in Rom schrieb, während er unter Bewachung nach Rom
gebracht wurde, um den wilden Tieren vorgeworfen zu werden. Er betont
wiederholt die Bedeutung des Gehorsams gegen die Bischöfe und der
Vermeidung der Häresie. Im Brief an die römische Gemeinde bittet er inständig,
sie sollten ihn nicht vom Märtyrertod zu retten suchen: »Laßt mich von den
wilden Tieren gefressen werden, wodurch ich zu Gott gelange. Ich bin das Brot
Gottes, und ich werde von den Zähnen der wilden Tiere zermalmt werden, so
daß ich als das reine Brot Christi erfunden werden möge.«
In der Regierungszeit Hadrians (117–138) erreichte die griechische Kultur
unter den Römern ihre volle Blüte. Hadrian führte die lange Tradition des
römischen Philhellenismus auf ihren Höhepunkt und übertraf dabei sogar Nero,
dessen Verehrung griechischer Kultur egoistischerer und unsteterer Natur
gewesen war und sich in einem Verhalten ausdrückte, das den römischen Sitten
zuwiderlief. Vor seiner Thronbesteigung war Hadrian im Jahr 112 archon
(Oberbeamter) von Athen gewesen. Er reiste zweimal, in den Jahren 123–125 und
128–132, in den Osten. Bei aller Aufmerksamkeit und all den Vergünstigungen,
die er den anderen Städten gewährte, erhielt Athen, wo er die Winter 124–125,
128–129 und 131–132 verbrachte, doch am meisten von ihm.8 Er führte
öffentliche Arbeiten ein, begann einen Aquädukt und eine Brücke, baute ein
Pantheon, die Hadrianbibliothek und ein Gymnasium und vollendete den
Tempel des Olympischen Zeus, der sechs Jahrhunderte zuvor von dem Tyrannen
Peisistratos begonnen worden war. Er begann auch den Bau eines Tempels für
»Zeus Panhellenios« und führte Panhellenische Spiele und eine jährliche

173
Panhellenische Versammlung von Deputierten aus allen Städten Griechenlands
und all den anderen ein, die ihre Gründung durch Griechen nachweisen
konnten; auf einer Inschrift wird das Dekret der »Panhellenen« bewahrt, durch
das die Stadt Magnesia am Maeander in Asia zugelassen wurde. Welche
Bedeutung man der Einrichtung Hadrians beimaß, wird am besten durch eine
Inschrift des frühen 3. Jahrhunderts aus Thessalonike illustriert, die einen
örtlichen Magnaten, T. Aelius Geminius Macedo, ehrt, der nicht nur städtische
Ämter bekleidet, Holz für eine basilica in seiner Heimatstadt geliefert und als
kaiserlicher Kurator von Apollonia gedient hatte, sondern auch archon des
Panhellenischen Kongresses in Athen, Priester des vergöttlichten Hadrian und
Präsident der XVIII. Panhellenischen Spiele (199–200) gewesen war; die Inschrift
erwähnt voller Stolz, daß er der erste archon des Panhellenischen Kongresses aus
der Stadt Thessalonike war.
Das war die eine Seite des Bildes – die Entwicklung griechischer Kultur und
die bewußte Pflege ihrer Einheit und ihrer Blüte. In der einheimischen
Bevölkerung des Ostens rief sie gemischte Gefühle hervor, die nirgends besser
veranschaulicht werden als in der Unterhaltung dreier Rabbiner aus dem späten
1. Jahrhundert, die im babylonischen Talmud erhalten ist: »Rabbiner Judah sagte:
›Wie schön sind die Werke dieser Menschen! Sie haben Straßen gebaut, sie haben
Brücken angelegt, sie haben Bäder errichtet.‹ Rabbiner Jose saß schweigend.
Rabbiner Simeon ben Yohai sagte: ›Alles was sie gemacht haben, haben sie für
sich selbst gemacht; sie haben Marktplätze gebaut, um Dirnen hineinzubringen,
Bäder, um sich selbst zu verjüngen, Brücken, um für sich Zölle zu erheben.‹«
Nach der Zerstörung des Tempels lag Jerusalem sechzig Jahre lang
weitgehend in Ruinen. Den Juden war es nicht gestattet, dorthin zu gehen, einige
kamen aber doch; man überlieferte, daß der große Gelehrte Akiba den
verlassenen Tempel besuchte und einen Fuchs aus dem Allerheiligsten laufen
sah. Als Hadrian in den Jahren 129–130 nach Jerusalem kam, standen nur wenige
Häuser. Hadrian beschloß, auf dem ehemaligen Stadtgebiet eine Kolonie, Aelia
Capitolina, mit einem Tempel des Jupiter Capitolinus anzulegen. Das führte zu
dem letzten großen Aufstand, der von Simon bar Kosiba (oder Bar Kochba)
geleitet wurde, den Akiba selbst als den Messias anerkannt zu haben scheint.
Aus klassischen Quellen und Inschriften wissen wir, daß sich der Krieg über vier
Jahre hinzog und drei bis vier Legionen beanspruchte, die durch Abteilungen
aus vier anderen Legionen verstärkt waren, von denen einige aus Moesia Inferior
herangeführt worden waren. Eine Legion wurde aufgerieben. Der aus Britannien
herbeigerufene General Julius Severus gewann schließlich den
Zermürbungskrieg, indem er 50 größere Festungen und 985 Dörfer einnahm und
über eine Million Tote zurückließ. Die jüdischen Münzen der Periode tragen die
Schlagworte »Erstes Jahr« oder »Zweites Jahr« »der Erlösung Israels« und
»Shimon« und »Jerusalem«; einige zeigen den Tempel und eine Gesetzesrolle in
seinem Inneren.

174
Das vergangene Jahrzehnt erlebte die inzwischen berühmt gewordenen
Entdeckungen aus den Wadis westlich des Toten Meeres, die römischen Lager
auf den höhergelegenen Erhebungen und die Höhlen an den Hängen der großen
Schluchten, die die Skelette der Verteidiger, ihre Besitzungen, biblische Texte,
Dokumente aus der Vorkriegszeit, wie das obenerwähnte Archiv, und besonders
Dokumente aus dem Krieg selbst in griechischer, aramäischer und hebräischer
Sprache enthielten. Einige bargen Anweisungen Bar Kochbas für die Bestrafung
einzelner Personen, für die Getreidekonfiskation und Vorratsbeschaffung. Ein
hebräisch abgefaßter Brief beginnt folgendermaßen: »Von Shimon bar Kosiba an
die Männer von Engedi (an der Küste des Toten Meeres). An Masabala und
Yehonatan bar Ba’ayan, Friede. Ihr lebt, eßt und trinkt von dem Besitz des
Hauses Israel und kümmert euch nicht um eure Brüder.« Wichtiger als diese
Order sind möglicherweise die aramäisch und hebräisch geschriebenen
Pachtverträge, die aus dem ersten bis dritten Jahr der Befreiung stammen und
zeigen, daß es in dem von den Rebellen kontrollierten Gebiet ein reguläres
Verwaltungssystem gab. Bislang sind noch nicht alle Dokumente dieser Art
vollständig veröffentlicht.
Der Krieg endete mit beträchtlichen Zerstörungen, der Verbannung der Juden
aus einem weiten Gebiet rings um Jerusalem, der Verschiebung des Zentrums
jüdischen Lebens nach Galiläa (obgleich Juden noch immer nach Jerusalem
kamen, um über den Ruinen zu wehklagen) und der Einrichtung der Provinz
Syria Palaestina, die von einem Prokonsul mit zwei Legionen verwaltet wurde.
Politisch erholte sich Judäa jedoch bemerkenswert schnell. Der große Patriarch
des frühen 3. Jahrhunderts, Rabbi Juda ha-Nasi (»der Fürst«), verfaßte die
Mishnah in ihrer endgültigen Form, einen Kodex von Regeln in hebräischer
Sprache, die sich auf den Aussprüchen und Diskussionen früherer Lehrer
aufbauen und das persönliche Verhalten, den Sabbat und sogar die Rituale im
lange zerstörten Tempel betreffen. Er spielte aber auch die Rolle eines örtlichen
Dynasten mit ansehnlichem Grundbesitz, einem Hof – mit einem Lever, das dem
der Kaiser nachgeahmt war – und umfangreicher persönlicher Gerichtsbarkeit.
Er trat als Vermittler des römischen Statthalters auf, ließ Studenten in seinem
Haus sowohl Griechisch als auch Hebräisch studieren und war persönlich einem
Kaiser verbunden, den Talmud-Quellen »Antoninus« nennen, womit
wahrscheinlich Caracalla (211–217) gemeint ist.
Wenn auch, verglichen mit der unruhigen Geschichte der Juden, der übrige
Teil der griechischen Provinzen sich eines anhaltenden Friedens und eines
echten Grads der sozialen Stabilität erfreute, gibt es doch Anzeichen für
Ausbeutung und soziale Spannungen mit Unruhen wegen des Brotpreises, wie
in Athen unter Hadrian, und gelegentlichen Streiks und verstreute Nachrichten
von Räubern in Griechenland und Kleinasien. Aus dem Zeitraum vor dem 3.
Jahrhundert, aus dem wir wichtige Inschriften besitzen, sind nur wenige Belege
über das Leben der Bauern erhalten. Wir kennen aber einen bemerkenswerten
Abschnitt aus den Werken Galens, des Arztes und medizinischen Schriftstellers

175
aus Pergamon, der der Leibarzt Marcus Aurelius’ wurde. Sein Buch über Gute
und schlechte Ernährung beginnt: »Die Jahre hindurch in vielen Provinzen
vorherrschende Hungersnot hat einsichtigen Männern die Wirkung falscher
Ernährung bei der Erregung von Krankheiten klar erwiesen. Die Stadtbewohner
trugen, wie es ihre Sitte war, genug Korn für das gesamte folgende Jahr
unmittelbar nach der Ernte einzusammeln und aufzubewahren, allen Weizen,
alle Gerste, Bohnen und Linsen fort und ließen den Bauern nur verschiedene
Hülsenfruchtarten, nachdem sie einen großen Teil derselben zur Stadt gebracht
hatten. Nachdem die Landbewohner während des Winters verzehrt hatten, was
übrig war, mußten sie im Frühling auf ungesunde Kost zurückgreifen; sie aßen
Zweige und Sprößlinge von Bäumen und Büschen und Zwiebeln und Wurzeln
nicht eßbarer Pflanzen ...«
Wir kennen dann ein Beispiel für eine wohl häufige Form des Aufruhrs aus
einem von dem Redner Aelius Aristides beschriebenen Vorfall. Während er in
Pergamon weilte, wurde sein Besitz, den er in Mysien (dem nördlichen Teil der
Provinz Asia) hatte, von seinen mysischen Nachbarn okkupiert, die eine Schar
bewaffneter Sklaven und gedungener Leute versammelten und das Land mit
Gewalt besetzten. Aristides konnte an den Prokonsul appellieren, der sich auf
seiner Rundreise in Pergamon aufhielt, und bekam seine Besitztümer zurück.
Was aber einem Aristides widerfahren konnte, konnte auch geringeren
Menschen mit weniger Aussicht auf Wiedergutmachung geschehen. Aristides
war einer der berühmtesten Redner seiner Zeit. Seine Reden sind eine der besten
Quellen für die griechische Welt im 2. Jahrhundert.9 Da ist z.B. seine Rede zum
Lobpreis Roms zu nennen, die er 143 dort hielt; da sind seine ›Heiligen
Diskurse‹, die die lange Kur beschreiben, der sich Aristides, ein lebenslanger
Hypochonder, im Heiligtum des Asclepius in Pergamon unterzog (der Gott
erschien denen, die im Tempel schliefen, in Träumen und gab seine
Anweisungen); oder da ist das Klagelied auf Smyrna, das er nach dem Erdbeben
von 177–178 an Marcus Aurelius sandte und das den Kaiser zu Tränen rührte
und ihn zum Wiederaufbau der Stadt veranlaßte.
Andere Aspekte sozialen und religiösen Lebens werden durch die Schriften
des Satirikers Lucian illustriert, der aus einer aramäischsprechenden Umgebung
in Samosata am Euphrat stammte und Griechisch als zweite Sprache erlernte.10
Eines seiner Werke ist z.B. die feindselige Schilderung eines Mannes, des
Alexander aus Abonuteichos in Pontus, den Lucian für einen religiösen
Scharlatan hielt. Alexander gab sich mit Hilfe einer heiligen Schlange als Prophet
aus, wurde von sehr vielen Menschen aus ganz Kleinasien und Thrakien
aufgesucht und antwortete auf schriftliche Anfragen über das Wiederauffinden
entlaufener Sklaven, das Aufspüren von Dieben oder Räubern und sogar einem
römischen legatus über die Invasion Armeniens. Gegnern antwortete er mit der
Behauptung, Pontus sei voll von Atheisten und Christen. Er führte seinen
eigenen Mysterienkult ein und weissagte allen Nationen bei der Pest, die von
den Armeen des Lucius Verus im Jahr 166 aus dem Osten eingeschleppt wurde,

176
und anläßlich einer anderen während der Markomannenkriege Marcus Aurelius’
(Kap. 6). Schließlich gestattete ihm Marcus, daß seine Heimatstadt in Ionopolis
(Ion war der Name seiner Schlange) umbenannt werden dürfte, was Münzfunde
bestätigen.
Eine ganz andere von Lucian beschriebene Figur ist der Wanderphilosoph
Peregrinus aus Parium in Asia. Er verließ seine Heimat, ging nach Syrien, wo er
die »Weisheit« der Christen erlernte, und wurde als Angehöriger dieser Religion
festgenommen. Was danach geschah, illustriert einen der wesentlichen Gründe
für den Erfolg des Christentums, nämlich den Zusammenhalt und die
gegenseitige Hilfe der Christen. Zuerst versuchten sie, ihn freizubekommen.
Dann gingen sie zu ihm ins Gefängnis, brachten Nahrung und schickten Geld; es
kamen selbst Abgesandte aus Asia herbei, um ihm zu helfen. Auch nach seiner
Freilassung wurde er von ihnen auf seinen Reisen unterstützt. Später verließ er
sie jedoch, besuchte einen asketischen Philosophen in Ägypten, reiste nach
Italien, wo er den Kaiser öffentlich beleidigte und deshalb vertrieben wurde.
Schließlich krönte er seine Laufbahn, indem er sich – gerade vor Beginn der
Spiele des Jahres 165 – vor einer großen Menschenmenge in Olympia in
Griechenland verbrannte.
Diese Texte spiegeln die weitverbreitete Feindseligkeit gegenüber dem
Christentum und die dadurch verursachten Störungen im sozialen und
religiösen Leben der Zeit wider. Eine noch bessere Quelle ist der in Eusebius’
Kirchengeschichte erhaltene Brief, den die Gemeinde von Smyrna an die
Gemeinde von Pontus schickte, um über den Märtyrertod des Bischofs von
Smyrna, Polykarp, zu berichten, der um die Mitte des 2. Jahrhunderts im Stadion
verbrannt wurde. An der Schilderung ist bemerkenswert, daß das im Stadion
versammelte Volk seine Verhaftung forderte, daß ein Stadtbeamter (der eirenarch
– Friedenswächter) ihn verhaftete und daß der Prokonsul die Verhandlung im
Stadion vor einer großen Menschenmenge führte, die ein Herold ständig von den
Vorgängen unterrichtete. Sie riefen wiederholt: »Das ist der Lehrer von Asia, der
Vater der Christen, der Vernichter unserer Götter, der die Menschen lehrt, ihnen
nicht zu opfern oder sie anzubeten.«
Die Funde von Dura-Europos am Euphrat, das im Gefolge der parthischen
Feldzüge des Lucius Verus zwischen 162 und 165 unter römische Kontrolle kam
(Kap. 6), enthalten Nachrichten ganz anderer Art über die Ausbreitung des
Christentums. Die zwischen den beiden Weltkriegen durchgeführten
Ausgrabungen gaben Aufschlüsse über das Leben dieser kleinen hellenistischen
Gründung mit ihrer griechischen, aramäischen und iranischen Mischkultur, die
ein Jahrhundert vor der Besetzung durch römische Truppen im Jahr 165 in
engem Kontakt mit Syrien stand. Neben den lateinischen Dokumenten der
Armee brachte die römische Periode in Dura-Europos (165–256) Papyri,
Pergamente und Inschriften in Griechisch (die überwiegende Mehrheit), Pahlevi
und Mittelpersisch, Safaitisch, Palmyrisch, Syrisch und Aramäisch hervor.
Unmittelbar nach der römischen Besetzung entstand eine kleine jüdische

177
Synagoge und eine viel größere in den Jahren 244–245, die mit großartigen
Fresken geschmückt ist, die biblische Szenen wie den Zug durchs Rote Meer, die
Arche, den Salomon-Tempel und Elias auf dem Berg Karmel darstellen. In einem
Raum eines Privathauses wurde eine christliche Kapelle eingerichtet; später,
wahrscheinlich um 230, wandelte man das ganze Haus in eine Kirche um. Die
dort gefundenen Fresken zeigen u.a. die Heilung des Gichtbrüchigen und wie
Christus auf dem Wasser wandelt.
Der Oberbefehlshaber im Partherkrieg des Lucius Verus war Avidius Cassius,
der Sohn eines Redners aus Cyrrhus in Syrien, der ab epistulis (Verantwortlicher
für die Briefe) Hadrians und später Präfekt von Ägypten gewesen war. Avidius
blieb als Statthalter von Syrien zurück und erhielt von Marcus die Aufsicht über
den gesamten Osten. Im Jahr 175 unternahm er einen Aufstand und
beanspruchte den Thron, was drei Monate dauerte und zu seiner Anerkennung
bis nach Ägypten führte, ehe er dann von seinen Soldaten getötet wurde.
Diese Episode, von der wir sehr wenig wissen, war der Anfang immer
zahlreicher werdender Kriege und Bürgerkriege in den griechischen Provinzen.
In Avdat im Negeb lassen sich Spuren arabischer Einfälle in der zweiten Hälfte
des Jahrhunderts finden. Wichtiger war ein Raubzug der Costobocci von der
Nordwestküste des Schwarzen Meeres, der im Jahr 170 Griechenland erreichte
und durch den das alte Heiligtum von Eleusis beschädigt wurde. Man setzte
römische Truppen gegen sie ein, die ansässige Bevölkerung leistete aber
ebenfalls Widerstand. In Elataia in Griechenland scharte ein Olympiasieger mit
Namen Mnesiboulos eine Truppe um sich, tötete viele Barbaren und fiel dann
selbst; eine Inschrift aus der freien Stadt Thespiai spricht von der Absendung
einer Freiwilligentruppe, was mit größter Wahrscheinlichkeit in die Zeit dieses
Krieges fiel. Damals erschien dieser Raubzug den Zeitgenossen als bloße
Episode; unsere Kenntnisse von Mnesiboulos stammen aus einem einzigen Satz
aus der Beschreibung Griechenlands des Pausanias, einem zwischen 160 und 180
verfaßten Reiseführer zu den Altertümern des Landes.
In den Jahren 193–194 kam es zu den seit den Bürgerkriegen der späten
Republik ersten größeren Feldzügen auf dem Boden der griechischen Provinzen.
Gegen Septimius Severus, der 193 die Macht an sich gerissen hatte, erhoben sich
Clodius Albinus, der Statthalter Britanniens, und Pescennius Niger, der
Statthalter Syriens. Severus’ Truppen belagerten Byzanz bis 196 und blieben in
den großen Schlachten bei Kyzikos in Bithynien und Issos in Kilikien siegreich.
Weitere Feldzüge, wahrscheinlich in den Jahren 194–195 und 197–198, richteten
sich gegen Parthien und führten zu der Schaffung der Provinzen Mesopotamien
und Osroene, dem Gebiet von Edessa, dessen Klienteldynastie einige Jahre
länger fortbestanden zu haben scheint. Die Städte Nisibis und (vielleicht auch
später) Singara in Mesopotamien wurden damals zu römischen coloniae; man
stationierte dort zwei Legionen.
Eine Reihe bezeichnender Einzelheiten in unseren Quellen bezieht sich auf den
Ostfeldzug Caracallas in den Jahren 214–217. Da sind zunächst die Beschwerden

178
Cassius Dios, der 214 bei Caracalla in Nikomedeia in Bithynien weilte, über die
für den Kaiser erzwungenen Dienstleistungen und die Belastungen beim Bau
von Halteplätzen für den Kaiser an allen Straßen. Dios Worte werden von einer
Reihe von Inschriften aus Bithynien (dem Knotenpunkt des kaiserlichen
Kommunikationssystems) unterstrichen, in denen einheimische
Großgrundbesitzer geehrt werden, die die Kosten der Vorratsbeschaffung für
Severus, Caracalla und deren Armeen auf dem Weg nach dem Osten getragen
hatten. Diese Quellen sind nur ein Beispiel für den allgemeinen Druck auf die
Bevölkerung, dessen Ursache die staatlichen Transportanforderungen waren
(Kap. 5). Der gleiche Druck wird in dieser Periode auch in einer wachsenden
Zahl von Inschriften aus Asia widergespiegelt, in denen man sich wegen der
Erpressungen von seiten der Truppen und Beamten beschwerte. Eine von ihnen
ist die von den Dorfbewohnern von Aragua in Phrygien an Kaiser Philippus
Arabs (244–249) gesandte Bittschrift: Sie beklagten sich darüber, daß Soldaten,
vornehme Stadtbewohner und kaiserliche Sklaven und Freigelassene sie
belästigt, sie von ihrer Arbeit weggeholt, ihre Pflugochsen beschlagnahmt und
sie geschlagen hatten. Eine frühere Beschwerde beim Kaiser und dessen
Anweisungen an den Prokonsul waren erfolglos geblieben.
Für andere stellte die Anwesenheit der Kaiser eine günstige Gelegenheit dar.
Als sich Caracalla in den Jahren 214–215 in Nikomedeia aufhielt, kam ein
Gesandter aus Ephesus, der, wie auf einer Inschrift berichtet wird, schon als
Gesandter der Stadt bei Severus in Rom und dann in Britannien (208–211) und
bei Caracalla selbst in Germanien (213) und Pannonien (214) gewesen war und
ihn später in Antiochia und Mesopotamien aufsuchte; sein Anliegen betraf
offenbar den Status und die Rechte der Stadt, weswegen er später nochmals zu
Macrinus (217 bis 218) reiste.11 In Syrien, wahrscheinlich in Antiochia, führte
Caracalla 216 eine Verhandlung, von der ein wortgetreuer Bericht – das Protokoll
in lateinischer und die Verhandlungen in griechischer Sprache – auf dem Sockel
eines Tempels etwa 40 Kilometer östlich von Damaskus aufgezeichnet wurden.
Den Fall trug man durch eine Petition direkt an Caracalla heran, ein Formfehler,
der unter den Parteien einigen Streit verursachte. Bauern aus Goharia strengten
diesen Prozeß gegen einen Mann an, der die Priesterwürde des örtlichen
Zeustempels an sich gerissen hatte, sich der Immunität eines Priesters erfreute,
eine Goldkrone trug und ein Zepter führte. Der Text bricht an diesem Punkt ab;
wäre er vollständig vorhanden, könnte er vielleicht nicht nur die Trivialität der
Fälle, die vor den Kaiser kamen, illustrieren, sondern auch sehr vieles vom Leben
im syrischen Land mitteilen.
Bevor Caracalla in den Osten aufbrach, ließ er König Abgar von Edessa
vorladen und gefangensetzen, der ein Christ gewesen zu sein scheint und, wenn
das zutrifft, der erste christliche Monarch war. Jedenfalls steht fest, daß das
Christentum im späten 2. Jahrhundert in der Osroene fest Fuß gefaßt hatte und
der erste syrische Schriftsteller, der gnostische Häretiker Bardesanes (Bar
Daisan), ein Zeitgenosse Abgars war. Andere Aspekte der Kultur Edessas

179
werden von einem schönen Mosaikboden aus einem Gebäude in der Nähe der
Stadt illustriert, das möglicherweise ein Palast war. Auf ihm sind sieben
hervorragende Personen in der ortsüblichen Kleidung dargestellt – die Männer
in langen, ausgebeulten Hosen, die Frauen mit hohem Kopfschmuck – die, wie
man aus ihren in Syrisch eingesetzten Namen schließen kann, vielleicht die Frau
Abgars und ihre Familie waren.
Die Dynastie scheint etwa im Jahr 213 ausgelaufen zu sein. Im Jahr 213–214
wurde Edessa eine römische colonia. Aus dem Jahr 243 ist (unter den in Dura-
Europos gefundenen Dokumenten) ein Kaufvertrag für einen weiblichen Sklaven
in Edessa erhalten, der syrisch abgefaßt ist und zwei griechische Unterschriften
trägt. Die ersten Zeilen des Schriftstücks machen die ungeheuren Auswirkungen
römischer Herrschaft sehr deutlich: » ... Im Monat Iyar des Jahres 554 der alten
Rechnung; und im Jahr 31 der Freiheit der bekannten Antoniniana Edessa,
Colonia Metropolis Aurelia Alexandria; in der Residenz des Marcus Aurelius
Antiochus, des römischen eques, des Sohnes des Belsu, und in der zweiten
Amtsperiode als strategos des Marcus Aurelius Abgar, des römischen eques, des
Sohnes des Ma’nu, des Enkels Aggas – und Abgars, des Sohnes des Hafsai, des
Enkels des Bar-KMR ...«
Caracallas Ermordung in Syrien (217), die vierzehn Monate dauernde
Herrschaft seines Prätorianerpräfekten Macrinus und der erfolgreiche Aufstand
gegen denselben im Namen des vierzehnjährigen Varius Avitus (Elagabal), des
Großneffen der syrischen Gemahlin des Septimius Severus, Julia Domna, und
Inhabers der erblichen Priesterwürde des Sonnengottes Elagabal in Emesa (s.
Kap. 3), brachten für kurze Zeit eine syrische Dynastie in Rom zur Macht.
Elagabal schickte ein Bild nach Rom, das ihn bei der Ausübung seiner
Priesterpflichten in syrischer Kleidung zeigte, und brachte einen schwarzen Stein
mit, der Kultobjekt der Religion des Sonnengottes war. Diese und andere
Kränkungen römischer Gefühle führten zu seiner Ermordung im Jahr 222.
Sein Nachfolger, sein Vetter Severus Alexander, war vorsichtiger. In seiner
Regierungszeit wurde die Situation der östlichen Provinzen jedoch durch den
Niedergang Parthiens und den Aufstieg des sassanidischen Persiens nach 220
total verändert. Der unmittelbaren Bedrohung Mesopotamiens und Syriens
begegnete Severus Alexander mit einem ergebnislosen Feldzug in Mesopotamien
(231–234). Von dieser Zeit an hörte die Sicherheit der vergangenen zwei
Jahrhunderte auf zu bestehen. Die Auswirkungen zeigten sich sehr bald;
Dokumente und Münzen machen wahrscheinlich, daß sich die wirtschaftliche
Aktivität zu einem gewissen Grad bis in die dreißiger Jahre des 3. Jahrhunderts
fortsetzte, danach aber sehr schnell abnahm. Aus der gleichen Zeit ist ein
wertvoller und unbeachteter Abschnitt aus der Danksagung des Gregorius von
Neocaesarea in Pontus (des späteren Bischofs Gregorius von Thaumaturgus, des
»Wundertäters«) an seinen Lehrer Origenes erhalten, nachdem dieser ihn fünf
Jahre lang (233–238) in Caesarea in Palästina im Christentum unterwiesen hatte.
Gregorius schildert, wie seine Mutter ihn und seinen Bruder in griechischer

180
Rhetorik unterrichten ließ, damit sie einmal Redner werden könnten; wie einer
seiner Lehrer, der ihm Latein beibrachte (»nicht vollkommen, aber gerade so, daß
ihm die Sprache nicht gänzlich fremd blieb«), vorschlug, daß er etwas römisches
Recht lernen solle; wie Gregorius zögernd zustimmte, um seinem Lehrer zu
gefallen und weil es nützlich sein konnte, wenn er vor Gericht auftrat. Er hätte
sodann nach Rom gehen können, ging aber in die Gesetzesschule von Berytus.
Die Gelegenheit dazu ergab sich, weil sein Schwager, der auch etwas Recht
studiert hatte, vom Statthalter Palästinas als assessor angenommen worden war;
da ihn seine Frau begleiten sollte, konnte er einen Soldaten mit diplomata zur
ausreichenden Beschaffung von Fahrzeugen des cursus publicus (s. Kap. 5)
vorausschicken, damit er sie und ihre Brüder unterbrachte. So kam er nach
Caesarea, traf Origenes, gab das Studium des römischen Rechts auf und nahm
das Christentum an.
Nur wenige Texte geben so viele Auskünfte über den griechischen Osten, über
die Erziehung einer prominenten Familie in einer abgelegenen Provinz, die
wenig begeisterte Einstellung zum Lateinischen, verbunden mit der
Anerkennung seiner Nützlichkeit, die enge Beziehung zum römischen
Beamtentum, den extravaganten Gebrauch des cursus publicus durch Beamte und
Mitglieder der höheren Klassen, woraus sich die Lasten erklären lassen, unter
denen die Bauern zu leiden hatten.
Aus der gleichen Periode ist in einem mehr als zwanzig Jahre später von
Firmilian, dem Bischof von Caesarea in Kappadokien, an Cyprian in Karthago
geschriebenen Brief die Nachricht von einer Christenverfolgung in Kappadokien
und Pontus erhalten (erst mit dem Christentum sind uns literarische Auskünfte
aus den entfernteren Teilen Kleinasiens überliefert). Eine Reihe von Erdbeben
rief in der Bevölkerung einen abergläubischen Haß gegenüber den Christen
hervor; der Statthalter schloß sich der Volksstimmung an; Kirchen wurden
angezündet, und viele Christen flohen. Die Krise brachte unter den Christen eine
Prophetin hervor, die kundgab, sie könne die Erde bewegen, und die zum
Zeichen ihrer göttlichen Kraft barfuß im Schnee lief und die Autorität der Kirche
angriff.
Der Perserkrieg wurde bald ernstlich erneuert. Im Jahr 240 folgte auf den
Sassanidenkönig Ardašīr der neue König Šāpūr I. (240–272?), der bis zum
Euphrat vorrückte, wo ihm Gordian III. (238–244) und sein Praefectus Praetorio
Timesitheus im Jahr 242 entgegentraten und Nisibis und Carrhae
zurückeroberten. Timesitheus starb auf dem Feldzug. Sein Nachfolger M. Julius
Philippus ermordete Gordian im Jahr 244. Griechische Quellen behaupten, daß er
mit Šāpūr eine Übereinkunft traf, ehe er sich nach Rom zurückzog. Die große
dreisprachige Inschrift Šāpūrs in Naqš-i Rustam enthält eine andere Version:
Šāpūr hatte Gordian besiegt und getötet, und Philippus Arabs hatte den Frieden
gebracht, indem er eine Riesensumme an Lösegeldern zahlte und seine
Bereitschaft zur Zahlung von Tributen erklärte.

181
Philippus Arabs (»der Araber«) kam aus einem Dorf in der Auranitis östlich
des Sees Genezareth. Nach dem Vorbild der Könige und Kaiser erbaute er an
dieser Stelle eine Stadt, die Philippopolis hieß und der er den Rang einer
römischen colonia gab. Die Ruinen dieser Stadt sind noch nicht ganz ausgegraben
worden, zeigen aber eine unregelmäßige rechtwinklige Anlage mit
Säulengängen an den Hauptstraßen, Bädern, Tempeln, einem Theater und einem
etwa 18 Kilometer langen Aquädukt. Die Stadt legt für das Fortdauern der alten
Tradition der Urbanisierung Zeugnis ab und besitzt als einziges Beispiel einer in
der Mitte des 3. Jahrhunderts ganz neu gebauten Stadt eine einzigartige
historische Bedeutung – oder würde diese nach ihrer Ausgrabung besitzen.
Mit der Herrschaft des Decius (249–251) kommen wir zu einer der dunkelsten
und unruhigsten Perioden der Kaiserzeit, die in den griechischen Provinzen
durch Invasionen aus Persien und von den Küsten des Schwarzen Meeres, den
Aufstieg Palmyras in der Syrischen Wüste zu einer unabhängigen Macht und
durch ständige Kämpfe zwischen Bewerbern um den römischen Thron
gekennzeichnet ist. Nicht alle diese Erhebungen werden hier erwähnt; sie
werden in den Worten eines Rabbiners aus der Mitte des 3. Jahrhunderts aber
getreu und lebendig widergespiegelt. »Ein König kam in die Provinz. Das Volk
stellte seine Porträts auf, fertigte Bilder von ihm an, schlug ihm zu Ehren
Münzen. Später warf es seine Porträts um, zerbrach seine Bildnisse und machte
seine Münzen unkenntlich.«
Unter Decius kam es zu den ersten großen Christenverfolgungen. Die Bischöfe
von Antiochia und Jerusalem starben als Märtyrer, und Gregorius, der jetzt
Bischof von Neocaesarea war, floh. Unsere beste Quelle sind die Märtyrerakten
des Pionius in Smyrna, die gleichzeitig sehr Bezeichnendes über das Stadtleben
Asias zu dieser Zeit enthalten. Pionius und andere Christen wurden von einem
städtischen Beamten, dem neokoros, verhaftet und von ihm auf der agora von
Smyrna vor einer Menschenmenge aus Griechen und Juden verhört. Obgleich
die Menge ihre sofortige Hinrichtung verlangte, warf man sie ins Gefängnis, um
die Ankunft des Prokonsuls abzuwarten. Man versuchte verschiedentlich, sie zu
überzeugen, die örtliche Polizei (diogmitai) schlug sie, und ein Redner sprach
ihnen zu, der von Pionius mit dem Hinweis auf den Tod des Sokrates zum
Verstummen gebracht wurde. Schließlich traf der Prokonsul ein, verhörte
Pionius und ordnete an, ihn zu verbrennen. Zusammen mit einem Presbyter der
Marcionitischen Häresie mußte er im Stadion von Smyrna den Tod erleiden.
In der Regierungszeit Valerians und Gallienus’ (253–268) wurden die
griechischen Provinzen von den schwersten Invasionen heimgesucht. Um 253
plünderten die Goten die Nordküste Kleinasiens und drangen nach Süden bis
Ephesus vor, während eine zweite Streitmacht durch Thrakien zog und
Thessalonike angriff, dessen Bewohner sich zur Wehr setzten und die
Belagerung abwehrten. Der Angriff verbreitete in ganz Griechenland Furcht und
Schrecken und veranlaßte die Bewohner der Peloponnes, den Isthmus von
Korinth zu befestigen, und die Athener, erstmals seit 86 v. Chr. ihre Mauern zu

182
reparieren. Dann segelten die Boraner über das Schwarze Meer und griffen
Pityous erfolglos an, nahmen es aber ebenso wie Trapezunt auf einem zweiten
Raubzug ein. Wahrscheinlich schrieb Gregorius, der inzwischen wieder als
Bischof von Neocaesarea fungierte, bald danach seine Kanonische Epistel, das
lebendigste Zeugnis für die durch die Invasion verursachten sozialen Unruhen.
Er legte fest, wie Jungfrauen zu behandeln seien, die von den Barbaren
vergewaltigt worden waren, und wie man mit denen verfahren sollte, die vom
Feind ausgeplündert worden waren und danach andere ausgeraubt hatten, um
sich Ersatz zu schaffen; wie man solche behandeln sollte, die Personen als
Sklaven gehalten hatten, die von den Barbaren gefangengenommen worden
waren, die sich den Feinden angeschlossen und ihnen den Weg gezeigt hatten
oder die Beutestücke behalten hatten, die jene auf ihrem Rückzug
zurückgelassen hatten.
Wenige Jahre später marschierte eine Gotenschar die Westküste des
Schwarzen Meeres hinunter, überquerte die Meerengen, plünderte die
wohlhabenden Städte Bithyniens und setzte sie in Brand. Sie wurde zufällig von
einem angeschwollenen Fluß aufgehalten, lud ihre Beute auf Schiffe und Wagen
und kehrte wieder heim. Wenige Jahre danach, vielleicht in den Jahren 262–263,
erreichte eine weitere gotische Invasion die großen Städte Asias, in deren Verlauf
der Artemistempel in Ephesus zerstört wurde. Vielleicht belagerten die Goten
bei dieser Gelegenheit Side in Lykien und wurden nach schweren Kämpfen
zurückgeschlagen.
Im Jahr 267 fuhren die Heruler in 500 Schiffen von der Krim nach Byzanz,
nahmen es ein, segelten durch den Hellespont, plünderten die Inseln Lemnos
und Skyros, gelangten nach Griechenland, wo sie Athen, Korinth, Sparta und
Argos niederbrannten und die Peloponnes überrannten. Von diesen Ereignissen
besitzen wir einige Fragmente der von dem Athener Historiker und Amtsträger
Herennius Dexippus verfaßten Schilderung, der mit einer Truppe von 2000
Mann selbst den Widerstand in Attika leitete und dem es gelang, die Barbaren zu
schlagen; die Fragmente enthalten einen Bericht, wie man den Feind in einen
Hinterhalt lockte, und einen Teil der Rede des Dexippus, in der er seine Männer
aufforderte, ihre Heimat zu verteidigen.12
All das geschah, wie Dexippus klarstellt, nachdem Athen selbst geplündert
worden war. Ausgrabungen haben gezeigt, daß die Gebäude um die Agora
verbrannt und zerstört worden waren.13 In der Küche eines Hauses nahe der
Agora fand man eine große Zahl von Gebrauchsgegenständen, Lampen,
Glaswaren, das Skelett eines Esels, den man offenbar zum Schutz
hineingetrieben hatte, und Münzen, deren jüngste aus einem der letzten
Regierungsjahre des Gallienus (268) stammt. Die Zerstörung der Gebäude schritt
weiter fort, als die Athener Steinblöcke abtrugen, um eine Mauer rings um einen
Teil der Stadt nördlich der Akropolis zu bauen. Die großartigen Bauten des
klassischen Athen würden so unwiederbringlich zerstört. Doch auf der
Schutzmauer selbst findet man Verse mit klassischen Anspielungen, die von

183
Athenern eingehauen wurden, die bei dem Mauerbau halfen, und nach einer
Reihe von Jahren genehmigten der Areopag, der Rat und das Volk von Athen die
Aufstellung einer Statue des Dexippus durch dessen Söhne. Die Inschrift
erwähnt seine Ämter und Priesterwürden in Athen, seine historischen Werke
und nur beiläufig seine militärische Tapferkeit. Athen sollte auch im 4.
Jahrhundert ein Zentrum der Rhetorik und Philosophien bleiben.
Etwa in den gleichen Jahren kam es zu den schlimmsten Katastrophen an der
Ostfront. Šāpūr hat in seiner Inschrift aufzeichnen lassen, wie er, durch einen
römischen Angriff auf Armenien provoziert, in Syrien eingefallen war und eine
große Zahl von Städten eingenommen hatte. Das Datum ist unbekannt. Es
scheint aber, daß Dura-Europos im Jahr 256 verlorenging und die große Stadt
Antiochia vermutlich gleichzeitig in Šāpūrs Gewalt geriet. In mehreren Quellen
wird mit unterschiedlichen Einzelheiten erzählt, wie Šāpūr von dem
übergelaufenen Ratsherrn Mariades, der der Korruption angeklagt war, nach
Antiochia gebracht wurde. In diesen Zusammenhang gehört vielleicht der
bekannte Vorfall, von dem Libanius und Ammianus Marcellinus im 4.
Jahrhundert berichten: Das Volk Antiochias war im Theater versammelt, als ein
Komödienspieler auf der Bühne ausrief: »Wenn ich nicht träume, sind dort die
Perser!« Die Zuschauer wandten sich um und sahen hinter sich die persischen
Bogenschützen.
Jetzt (256–257?) kam Valerian in den Osten, nahm Antiochia wieder ein, baute
es wieder auf und rückte gegen die Perser vor. Was danach geschah, wird am
besten in den Worten Šāpūrs erzählt: »Im Verlauf des dritten Feldzugs, als wir
Carrhae und Edessa angegriffen hatten, kam Valerianus Caesar gegen uns ...
(mit) 70 000 Männern. Und jenseits von Carrhae und Edessa schlugen wir eine
große Schlacht gegen Valerianus Caesar, und wir fingen Valerianus Caesar mit
unseren eigenen Händen, und was die anderen anbetrifft, den Praefectus, die
Senatoren und Offiziere, die ein Kommando in der Armee bekleideten, fingen
wir sie und deportierten sie nach Persien. Und die Provinz Syrien und die
Provinz Kilikien und die Provinz Kappadokien verbrannten wir mit Feuer und
zerstörten sie und machten das Volk zu Gefangenen und ergriffen es.«
Valerian wurde wahrscheinlich im Jahr 260 gefangengenommen; die in Stein
gehauene Skulptur in Naqš-i Rustam zeigt ihn, wie er vor Šāpūr kniet. Während
sein Sohn Gallienus im Westen beschäftigt war, wurde von den Generalen
Callistus und Macrianus im Osten sehr viel Boden zurückgewonnen. Sie
anerkannten Gallienus allerdings nicht und riefen die beiden Söhne des
Macrianus, Macrianus und Quietus, zu Kaisern aus. Der Aufstand wurde jedoch
sehr schnell niedergeschlagen, einmal durch eine Schlacht auf dem Balkan, die
einer der Generäle des Gallienus gewann, zum anderen durch einen neuen
Machthaber des Ostens, Odenathus von Palmyra.
Seit dem frühen 1. Jahrhundert war die große Handelsstadt Palmyra in der
Syrischen Wüste eng mit Rom verbunden; römische Befehlshaber kamen seit 17
n. Chr. dorthin zu Besuch, und nach den Feldzügen des Lucius Verus in den

184
Jahren 162 bis 165 verblieb dort eine römische Besatzung.14 Diese Stadt mit ihrer
beinahe 1000 Meter langen, mit Säulengängen versehenen Hauptstraße, ihrem
großen Baaltempel, ihren Skulpturen, die einmal dicht verschleierte Frauen, zum
anderen Männer und Frauen in mit Juwelen reich geschmückten Kleidern
zeigen, war eine der großartigsten in der ganzen römischen Welt. Ihre Inschriften
in Griechisch und Palmyrisch (einem aramäischen Dialekt) lassen den
Doppelcharakter ihrer Kultur erkennen. In der römischen Armee dienten
palmyrische Hilfstruppen, und irgendwann in der ersten Hälfte des 3.
Jahrhunderts war der Stadt der Rang einer römischen colonia verliehen worden.
Das römische Bürgerrecht hatte Septimius Severus einem führenden Palmyrer
gegeben, Odenath, Sohn des Hairan, Sohn des Vahballath, Sohn des Nasor.
Dessen Enkel, Septimius Odenathus, der römischer Senator und gewesener
Konsul war, griff um 260 die Truppen Šāpūrs an und erhielt von Gallienus den
Titel eines ›Corrector des ganzen Orients‹, wenn er diesen nicht schon besaß; er
nahm auch einen Titel mit anderer Tradition an: ›König der Könige‹. In den
folgenden Jahren half er den Aufstand des Callistus und Macrianus
niederzuwerfen, und er scheint zweimal gegen Šāpūr gekämpft zu haben, wobei
er nach Ktesiphon vorrückte, bis er dann 267 oder 268 starb. Sein Sohn
Vahballath ererbte die Titel corrector und ›König der Könige‹, ging dann im Jahr
270, von seiner Mutter Zenobia unterstützt, aber noch weiter und trug fortan die
Titel consul, dux Romanorum und imperator. Palmyrische Truppen besetzten
Ägypten und Kleinasien bis nach Ancyra in Galatien. Im Jahr 271 nannten sich
Vahballath ›Augustus‹ und Zenobia ›Augusta‹. 272 marschierte Aurelian
schließlich nach Osten, nahm nach Kämpfen in Syrien die Stadt Palmyra ein und
setzte ihre Herrscher gefangen. Ein Aufstand Palmyras im folgenden Jahr wurde
schnell niedergeworfen.
Unsere beste Quelle für die Ereignisse dieser Periode in Syrien betrifft die
Karriere des häretischen Bischofs von Antiochia, Paulus von Samosata. Nachdem
er im Jahr 260 zum Bischof gewählt worden war, schockierte er die Orthodoxen
mit seiner Lehre von der Einheit Gottes und dem Menschentum Christi. Eine
Synode von Bischöfen aus Syrien, Ägypten und Kleinasien trat 264 in Antiochia
zusammen und ließ ihn versprechen, seine Lehren zu berichtigen. Als er das
nicht tat, kam eine zweite Synode von 80 Bischöfen im Jahr 268 in Antiochia
zusammen, zu der ein Christ aus Antiochia mit dem syrischen Namen Malchion
sprach, der Haupt einer Rhetorenschule war. Diese Synode setzte Paulus ab.
Eusebius’ Kirchengeschichte enthält Auszüge aus dem Brief, den die Synodalen an
die Bischöfe von Rom und Alexandria schrieben. Es wird darin geschildert, wie
Paulus aus Armut durch Bestechung zu Reichtum gelangte, wie er viel mehr als
procurator denn als Bischof auftrat (s. Kap. 4), Spiele veranstaltete, um der
Gemeinde zu gefallen, Akklamationen wie im Theater verlangte und zu seiner
Ehre an Ostern Choräle singen ließ. Schließlich mußten sie Aurelian bitten, ihn
aus seinem Amt zu entfernen; Aurelian legte sogleich fest, daß die Kirche von
Antiochia auf die Personen beschränkt sein sollte, die mit dem Bischof von Rom

185
und Italien in Verbindung standen. Man hat, ohne einen Beweis dafür zu haben,
angenommen, daß Paulus ein Schützling Palmyras war. Der Vorfall ist weit
bedeutsamer aber deshalb, weil er die erste Gelegenheit darstellt, bei der die
Kirche den Kaiser um Vermittlung in ihren eigenen Angelegenheiten bat.
Aurelians (270–275) Feldzüge stellten, außer in Dakien und am Rhein, die
Grenzen des Reiches wieder her. Weitere Invasionen sollten folgen. Im Jahr 275
plünderten die Goten vom Norden des Schwarzen Meeres ganz Kleinasien bis
Kilikien und wurden dann von Tacitus besiegt. In Probus’ Regierungszeit kam es
zu einer kurzen Militärrevolte in Syrien und zu einem gefährlichen Aufstand
isaurischer Bergstämme in Südkleinasien, der die römischen Truppen in eine
regelrechte Belagerung Cremonas in Lykien verwickelte. Die Militärgeschichte
des Ostens in dieser Periode endet aber mit der erfolgreichen Invasion Persiens
durch Carus im Jahr 283, der bis Ktesiphon vorrückte und den neuen König,
Bahrām II., zum Friedensschluß zwang.

12. Der Balkan und die Donauprovinzen

Von keinem Teil des römischen Reiches sind so wenige Nachrichten erhalten
und ist so wenig über das tägliche Leben und die soziale Entwicklung bekannt
wie von den Provinzen, die sich vom Schwarzen Meer zu den Alpen und nach
Süddeutschland erstreckten. Zwischen den Lamentationen und Briefen vom Pontus
des Dichters Ovid, der von 9. n. Chr. bis zu seinem Tod im Jahr 17 oder 18 in
Tomi (Constanza) im Exil lebte, und den theologischen Schriften des Bischofs
von Poetovio (Pettau), Victorinus, der 303–304 als Märtyrer starb, besitzen wir
nicht ein einziges literarisches Werk, das von einem Bewohner dieses Gebiets
geschrieben worden wäre. Darüber hinaus bringen nur die griechischen Städte
der Schwarzmeerküste und in geringerem Umfang Thrakiens, wo man ebenfalls
Griechisch sprach, längere Inschriften hervor, die Einzelheiten aus dem Leben
dieses Gebietes des römischen Reiches enthalten. Im übrigen bleibt uns eine
große Zahl kleinerer Inschriften, die für die Erforschung der Nomenklatur, als
Hinweise auf Institutionen und als archäologisches Material von Bedeutung
sind. Besonders seit dem Zweiten Weltkrieg hat man in Osteuropa die
archäologischen Arbeiten in beträchtlichem Umfang vorangetrieben; bisher
wurde aber noch keine Stadt ganz ausgegraben, und es könnte sich wohl auch
keine mit den großen Städten Kleinasiens, Syriens oder Afrikas vergleichen.
Nichtsdestoweniger ist dieser Teil des Reiches aus einer Vielzahl von Gründen
einer der bedeutsamsten überhaupt. Die römische Herrschaft wurde hier im
wesentlichen erst in der Regierungszeit des Augustus (31 v. Chr. – 14 n. Chr.)
eingerichtet und erreichte ihre größte Ausdehnung nicht vor 106, als Dakien
erobert wurde, das um 271 wieder verlorenging. Unterworfen wurden keltische,
illyrische und thrakische Völkerschaften, die, trotz ihres langen Kontaktes und
ihres Handels mit den Mittelmeergebieten, weitgehend ihre Stammesstruktur
und ihre eigenen Sitten beibehalten zu haben scheinen. Unsere Nachrichten über

186
die einheimische Gesellschaft sind in dieser Periode jedoch äußerst spärlich; es
sind keine Schriftstücke in anderen Sprachen als dem Griechischen und
Lateinischen erhalten, und nur das Fortbestehen einheimischer Eigennamen läßt
erkennen, daß andere Sprachen gesprochen wurden; aus Inschriften ist zu
entnehmen, daß nicht-urbanisierte Stämme weiterexistierten, außer einigen
Tonwaren und Abbildungen einheimischer Kleidung auf Grabsteinen, besonders
in Pannonien, gibt es aber nichts, was uns helfen könnte, uns deren Lebensweise
vorzustellen. An der Westküste des Schwarzen Meeres, wo die ersten
griechischen Siedlungen auf das 7. Jahrhundert v. Chr. zurückgehen, und in dem
Klientel-Königreich Thrakien, das im Jahr 46 endgültig annektiert wurde, war
die griechische Kultur fest gegründet. In den übrigen Teilen schritt die
Romanisierung während der gesamten Periode stetig voran, was weitgehend ein
Werk der römischen Armee war, die Straßen und Brücken anlegte und mit ihren
Lagern canabae von Händlern anzog, was entweder zur Herausbildung von
nahegelegenen municipia führte oder, wenn eine Legion weiterzog, zur
Umwandlung der Siedlungen in coloniae. Die Armee nahm auch Männer aus
diesen Provinzen auf, zunächst in die Auxilien und sodann in wachsendem Maß
in die Legionen selbst, und entließ Veteranen, die sich entweder in Gruppen in
einer colonia oder einzeln ansiedelten und an manchen Orten eine regelrechte
munizipale Aristokratie bildeten. Man kann einerseits auch die Einwanderung
von Menschen aus den griechischen und lateinischen Provinzen feststellen,
besonders nach Dakien nach dessen Eroberung, und andererseits das allmähliche
Ablegen einheimischer Namen und Kleidung und die Herausbildung städtischer
Gemeinschaften nach römischem Muster.
Die innige Verbindung von römischer Armee und dem Leben dieser
Provinzen ergab sich nicht nur daraus, daß diese Provinzen erst jüngst erobert
worden waren und noch romanisiert werden mußten, sondern auch aus der
ständigen Bedrohung durch die freien Barbaren jenseits der Donau, die sich
besonders in den Einfällen der Jahre 68–70, in den Kämpfen von den achtziger
Jahren bis zur Eroberung Dakiens, in den Donaukriegen des Marcus Aurelius
zwischen 166–167 und 180 und in den wiederholten Invasionen von 240–280
manifestiert. Darum wurden die Streitkräfte zunehmend an der Donau
konzentriert, was zur Verlagerung des Schwergewichts der Legionen vom Rhein
zur Donau (Kap. 5) führte und – mit der wachsenden Tendenz, in den Gebieten
Truppen auszuheben, in denen die Legionen stationiert waren – zu einem
ständig größer werdenden Übergewicht von Männern aus diesen Provinzen in
den wichtigsten Kampftruppen des Reiches. Diese Provinzen erlebten, anders als
Afrika oder Kleinasien, niemals ein blühendes städtisches Leben, aus dem
Männer hervorgingen, die in den römischen Ritter- oder Senatorenstand
aufsteigen konnten. Aber über die Armee begannen sie plötzlich im 3.
Jahrhundert Kaiser hervorzubringen: Maximinus (235–238), ein thrakischer
Schäfer, der als Rekrut in der Reiterei der Auxilien seine Laufbahn begonnen
hatte, Decius (249–251), Aurelian (270–275) und Probus (276–282), die angeblich

187
alle aus Sirmium in Pannonia Inferior stammten, Claudius Gothicus (268–270)
und Diokletian (284–305) aus Dalmatien.
14 n. Chr. trat die römische Herrschaft über dieses Gebiet gerade erst aus ihren
Gründer jähren hervor und erholte sich erst gerade von dem großen
pannonischen und dalmatischen Aufstand der Jahre 6–9 n. Chr., der beinahe den
gesamten Fortbestand des Reiches gefährdet hatte. Rätien und das ehemalige
Königreich Norikum waren 16–15 v. Chr. erobert worden und waren jetzt
kleinere Provinzen, die von equites verwaltet wurden. Auf dem Magdalenenberg
in Norikum haben Ausgrabungen ein geschäftiges Handelszentrum dieser
Periode ans Licht gebracht, zu dem Händler aus vielen Teilen der
Mittelmeerwelt kamen, um die Eisenwaren des Landes zu kaufen; die Läden
dort bergen über dreihundert in die Wände gekratzte Inschriften, die
Einzelheiten über Namen und Kaufabschlüsse enthalten.1
Dalmatien, das unter dem Namen Illyricum beinahe zwei Jahrhunderte lang
römischer Kontrolle unterstanden hatte, wurde von einem senatorischen legatus
mit zwei Legionen verwaltet. Hier war der Küstenstreifen, besonders im Norden,
im wesentlichen romanisiert, und in den Städten mit kolonialem oder
munizipalem Status lebten viele Einwanderer aus Italien; im Inneren des Landes
hatte die Romanisierung noch kaum begonnen. In Pannonien lagen drei
Legionen, zwei noch im Südwesten, in Siscia und Poetovio, während die dritte
um 15 n. Chr. nach Carnuntum an der Donau verlegt wurde (Kap. 5). In Mösien,
das sich entlang der unteren Donau erstreckte, war die römische Herrschaft
gerade erst eingerichtet. Die Einwohner sollen in der Regierungszeit des Tiberius
(14–37) erstmals Tribut gezahlt haben, und bei der Verteidigung dieser Provinz
mußten noch Truppen aus dem Klientelfürstentum Thrakien zu Hilfe genommen
werden; Ovid beschreibt in seinem Exil in Tomi, wie Cotys von Thrakien und
eine donauabwärts geschickte römische Truppe gemeinsam die Stadt Aigisos
gegen einen getischen Überfall verteidigten. Seine Gedichte bezeugen sehr
lebhaft die Unsicherheit des Lebens an der Schwarzmeerküste: wie die Barbaren
die zugefrorene Donau überquerten und Tiere und Gefangene von den Feldern
fortführten und wie die Einwohner von Tomi, unter ihnen auch Ovid, bei
Anblick des Feindes in Waffen auf die Stadtmauern eilten. In der alten
griechischen Kolonie wurde wenig Griechisch gesprochen, und dieses mit einem
getischen Akzent. Geten und Sarmaten konnte man die Straßen hinauf- und
hinunterreiten sehen, und sogar die griechischen Einwohner trugen getische
Hosen. Ovid behauptet, er habe Getisch und Sarmatisch gelernt, und schrieb
sogar ein Gedicht in getischer Sprache über die Apotheose des Augustus. Wenn
Ovid auch Mitleid erregen und wieder nach Rom zurückgerufen werden wollte,
sind seine Gedichte doch ein einzigartiges Zeugnis für die Kulturvermischung
und die Härte des Lebens in einer entfernten Ecke des Reiches.
Das thrakische Königreich bestand eigentlich aus zwei Reichen, einem
nördlichen und einem südlichen, die von verschiedenen Mitgliedern des
gleichen Königshauses regiert wurden, die bis zur Annexion im Jahr 46

188
wiederholt einander bekämpften. Daneben gab es andere Formen der
Auseinandersetzung. Im Jahr 21 griffen die Stämme der Coelaleten, Dier und
Odrusen die griechische Stadt Philippopolis an (die dreieinhalb Jahrhunderte
vorher von Philipp von Makedonien gegründet worden war) und wurden von
römischen Truppen aus Mösien und von thrakischen Königstruppen aus deren
Gebiet vertrieben. Fünf Jahre später erhoben sich die barbarischen thrakischen
Bergstämme, die befürchteten, ihre nationalen Einheiten, die sie bei örtlichen
Kriegen zu stellen pflegten, könnten als römische auxilia nach auswärts geschickt
werden; wiederum mußten Truppen aus Mösien herbeigeholt werden. Der Krieg
endete mit der Belagerung einer thrakischen Festung.
Als das Königreich im Jahr 46 mit Gewalt annektiert wurde, unterstellte man
es einem ritterlichen Prokurator, der 2000 Mann Hilfstruppen befehligte; ihm
unterstanden regionale strategoi, oder Statthalter, die man aus der Königszeit
übernahm. Solch eine Hierarchie regionaler Statthalter war im Reich außerhalb
Ägyptens unbekannt und weist die Primitivität dieses Gebietes und das Fehlen
städtischer Einrichtungen ebendort aus. Eine Inschrift mit einer Widmung von 33
thrakischen strategoi für einen frühen Prokurator spiegelt sehr deutlich die
fortschreitende Romanisierung der thrakischen Oberschicht wider; zehn der
Statthalter sind noch Nicht-Bürger mit gemischten griechischen und thrakischen
Namen; von den restlichen, die römische Bürger waren, haben sechzehn einen
römischen Namen von Claudius (41–54), sechs einen solchen von Caligula oder
einem seiner Vorgänger, einer von einem Unbekannten und einer vom
Prokurator M. Vettius Marcellus bekommen. Einige von ihnen lassen ihre
Herkunft von bekannten strategoi der Königszeit erkennen, und einige hatten
Söhne, die später strategoi wurden. Nichts zeigt deutlicher, wie gut Rom eine
örtliche Aristokratie für seine Zwecke zu nutzen und sie zu belohnen verstand.2
Die Romanisierung wurde dort vorangetrieben. Claudius begründete eine
Veteranenkolonie in Aprum, Vespasian eine zweite in Deultum; aus einer
Inschrift wissen wir von dem Bau einzelner Absteigquartiere und Wachtposten
an den Militärstraßen der Provinz. Trajan (98–117) paßte die
Verwaltungsstruktur Thrakiens der anderer Provinzen an, indem er sieben neue
griechische Städte gründete, die fast alle nach ihm selbst oder Mitgliedern seiner
Familie benannt waren und an Stellen erbaut wurden, an denen zuvor vielleicht
die Hauptorte der Stämme gelegen hatten. In der Folge scheint man die
ursprünglich 50 strategiai stark reduziert zu haben; um die Mitte des 2.
Jahrhunderts gab es offenbar nur noch vierzehn solcher Statthalter.
Die römische Macht in Mösien wurde inzwischen gefestigt und ausgeweitet.
Der legatus von Mösien in den Jahren 57–67, Plautius Silvanus Aelianus, führte
jenseits der Donau Krieg, brachte die griechische Stadt Tyras an der Mündung
des Dnjestr unter römische Kontrolle, besiegte die Sarmaten, drängte die Skythen
aus dem Klientelfürstentum des Bosporus (Krim) und – ein Vorzeichen für die
Zukunft – siedelte 100 000 ›Transdanubier‹ auf mösischem Boden an. Er war
auch der erste, der Getreide von der Mündung der Donau nach Rom schickte.

189
Eine andere Seite der Bemühungen römischer Statthalter in Mösien wird von
einer rangen griechischen und lateinischen Inschrift aus Histria an der
Schwarzmeerküste illustriert; sie enthält Briefe, die von vier Statthaltern
zwischen 47 und 67 an die griechischen Städte geschickt worden waren und sich
hauptsächlich mit dem Streit zwischen der Stadt und den Einnehmern des
Importzolls befaßten. Die Frage ging darum, wo die Grenzen des
Stadtterritoriums lagen. Das Schriftstück beginnt mit einer Bestätigung der
Regelung des legatus von 100, Laberius Maximus. Plautius Silvanus Aelianus
schreibt: » ... Ihr bittet mich auch, Eure Rechte in Peuke unvermindert zu
erhalten. Ich für meinen Teil bin so weit davon entfernt, irgendeines dieser
Rechte zu beschneiden, die so lange für Euch bewahrt wurden, daß ich gern neue
Wege einschlüge, um eine alte griechische Stadt zu ehren, die den Kaisern treu
ergeben ist und in ihren Beziehungen zu uns sich sehr korrekt verhält.« Wir
besitzen auch eine in offiziellen Schriftstücken seltene Angabe über die
Wirtschaft der Stadt; Flavius Sabinus (50–57) schreibt, daß die Einkünfte der
Stadt beinahe ausschließlich aus dem Verkauf von gesalzenem Fisch stammten.3
Das römische Stadtleben pflanzte sich jetzt in die nicht-urbanisierten
Zentralprovinzen fort. In Norikum wurden unter Claudius fünf municipia
eingerichtet und eine weitere unter Vespasian. Man hat eine der claudischen
Gründungen, Virunum (bei Klagenfurt), ausgegraben und dabei eine typische
rechteckige Anlage von 1000x600 Metern entdeckt – mit Abzugskanälen in den
Straßen, die die Häuserblocks (insulae) voneinander trennten, einem Forum mit
basilica und einem Kapitol auf einem aufgeschütteten Hügel. In Pannonien
wurde im Jahr 15 die erste Kolonie mit Veteranen und italischen Zivilisten in
Emona gegründet, an der gleichen Stelle, an der das Lager gestanden hatte, das
die Legion XV Apollinaris bei ihrer Verlegung nach Carnuntum aufgab. Claudius
ließ eine zweite Kolonie entstehen, und die Flavier (69–86) richteten zwei weitere
Kolonien und drei municipia ein.
Die zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts mit Einfällen der Sarmaten und Daker
während des Bürgerkrieges von 68–70 und den anschließenden Kämpfen, die
sich von den achtziger Jahren bis zur Niederwerfung der neuen Macht Dakien
im Jahr 106 erstreckten (Kap. 15), war eine Periode größter Unruhe an der
Donau. Es ergab sich daraus, wie schon in Kapitel 6 erläutert wurde, im Jahr 86
die Teilung Mösiens in zwei Provinzen, um 107 die Pannoniens und die
Verlegung aller Legionen dieses Gebiets in Lager an der Donau – von Vindobona
(Wien) bis Troemis an der Mündung. In Mösien entwickelte sich auch einiges
städtisches Leben: Scupi, weit im Süden nahe der makedonischen Grenze, wurde
in der flavischen Periode zur colonia, Ratiaria und Oescus an der Donau unter
Trajan (98–117). Trajan gründete auch zwei neue griechische Städte in Moesia
Inferior, Nikopolis und Marcianopolis, wie er es in Thrakien (das jetzt einem
senatorischen legatus unterstellt wurde) getan hatte. In Mösien hielt sich die
Romanisierung aber immer in engen Grenzen; nicht mehr als vier municipia sind

190
für Moesia Inferior bezeugt, von denen alle in der Militärzone an der Donau
lagen.4
Die endgültige Eroberung des Königreiches Dakien brachte eine riesige Beute
an Gold, Silber, Vieh, Waffen und Gefangenen. Paradoxerweise war die
Romanisierung, was zumindest die formalen Einrichtungen betrifft, hier
intensiver als in den älteren Provinzen auf der anderen Seite der Donau. Man
stationierte die Legion XIII in Apulum in der Mitte der Provinz und baute schon
im Jahr 108 eine Straße von dort nach Porolissum im Norden. Sarmizegethusa
wurde zur colonia, die in der Nähe, nicht am Standort der früheren Hauptstadt
errichtet wurde. Sie enthält die Merkmale einer römischen Stadt einschließlich
eines Forums und Amphitheaters; der militärische Einfluß auf ihre Anlage zeigt
sich jedoch in dem Gebäude der Augustales (Priester des Kaiserkults), das dem
Hauptquartier eines Legionslagers nachgebildet zu sein scheint.
Einer der Hauptanziehungspunkte Dakiens waren die Goldbergwerke. Unter
den Einwanderern aus den Donauprovinzen, Italien und Kleinasien finden wir
auch den dalmatischen Stamm der Pirusten, der offenbar von Trajan zur Arbeit
in den Goldbergwerken von Verespatak (Vicus Pirustarum – Dorf der Pirusten)
angesiedelt worden war. Diese Bergwerke haben einige der interessantesten
Dokumente der römischen Periode in Zentraleuropa hervorgebracht, eine Reihe
von Wachstafeln aus den Jahren 131–167, die z.B. Geldverleih, den Verkauf eines
halben Hauses, den Kauf eines weiblichen Sklaven durch einen in Apulum
stationierten Legionssoldaten oder einen Mietvertrag zwischen einem Arbeiter
(der Analphabet war und sich das Schriftstück aufsetzen ließ) und dem Pächter
eines Minenschachts betreffen. Die Texte auf den Tafeln sind in lateinischer
Sprache abgefaßt, wie alle Dokumente (bis auf einige wenige in griechischer
Sprache) in Dakien; nur gelegentlich tauchen dakische Namen auf.
Nichtsdestoweniger ist aus dem ununterbrochenen Besitz der Bauernhöfe, dem
Fortleben einheimischer Töpferkunst und der Fortdauer der Beerdigungssitten
ersichtlich, daß – wie zu erwarten ist – die Formen des dakischen Lebens
während der gesamten Periode römischer Besetzung fortbestanden.

191
 Abb. 13: Einheimische Kleidung in Norikum. Dieses Steinrelief, das jetzt in die Wand
einer Kirche in Lenndorf bei Klagenfurt eingelassen ist, stellt eine Frau dar, die einen
Kopfschmuck ganz und gar unrömischer Art trägt, einen hohen Hut, der von einem
Schleier gekrönt ist. Er ähnelt auffällig einigen Formen mittelalterlichen
Frauenkopfschmucks.

Das gleiche trifft natürlich auch für Pannonien, Norikum und Dalmatien zu.
Aus Norikum und Pannonien sind Reliefs auf Grabsteinen erhalten, auf denen
Menschen in ihrer heimischen Kleidung sichtbar sind, unter ihnen besonders
Frauen. Diese tragen weiche runde Mützen, die manchmal mit einem Schleier
oder Kopftuch bedeckt sind, große Pelzhüte oder hohe runde Hüte, über die ein
Schleier drapiert ist und die stark Formen mittelalterlicher Kleidung ähneln.5
Aus Inschriften wissen wir von Gemeinschaften in Pannonien und Dalmatien,
die bis ins 2. Jahrhundert unter ihren Stammesbezeichnungen fortbestanden, wie
die Azaler in Pannonien oder die Eravisker, die in der Nähe des Legionslagers
von Aquincum lebten, das von Trajan in ein municipium verwandelt wurde; für
dieses Gebiet sind Grabsteine charakteristisch, auf denen Menschen in ihrer
ortsüblichen Kleidung zu sehen sind, die manchmal mit einem Stern geschmückt
sind, einem Symbol wahrscheinlich keltischen Ursprungs. Der größte Teil
Dalmatiens hinter dem Küstenstreifen blieb ebenfalls einzelnen Stämmen wie
den Iapoden und Mazäern vorbehalten; wie die pannonischen Stämme wurden
auch diese im allgemeinen von römischen Militärbeamten beherrscht, die man

192
später durch Zivilisten ersetzte. Diese kamen oft aus der romanisierten
Aristokratie des Stammes selbst.
Die römische Herrschaft spaltete zweifellos die Bevölkerung in zwei Gruppen
auf, in Menschen, die entweder in die griechisch-römische Gesellschaft integriert
waren oder offizielle Stellungen bekleideten, und andere aus den unteren
Schichten, besonders Bauern. Diese Spaltung wird zum Beispiel in einigen Sätzen
sichtbar, mit denen der griechische Redner Aelius Aristides eine Reise durch
Südthrakien um die Mitte des 2. Jahrhunderts beschreibt. Nachdem er sich über
das abscheuliche Wetter beklagt hat, sagt er: »Es gab keine Soldaten im
Botendienst, um uns zu begleiten ... (so) suchte ich selbst Führer aus, wo immer
es nötig war, und das war nicht einfach. Denn diese Barbaren versuchten sich
herauszuhalten und mußten manchmal durch Überredung und manchmal durch
Gewalt herausgezerrt werden.« Eine ganz ähnliche Situation wird in einem
Dokument aus dem Gebiet von Histria an der Donaumündung widergespiegelt;
dieses stammt wahrscheinlich aus der Mitte des 2. Jahrhunderts und ist die
Bittschrift der Dorfbewohner von Chora Dagei an den Statthalter von Moesia
Inferior. Die Dorfbewohner beschweren sich darin über die Lasten und
Dienstleistungen, die man ihnen abverlange, weil sie in der Nähe einer Straße
wohnen, und drohen ihr Dorf zu verlassen, wenn man ihnen keine
Erleichterungen verschaffe.6 Das umfassendste und wichtigste Dokument dieser
Art aus diesem Raum, das denen aus Kleinasien sehr ähnlich ist (Kap. 5 u. 11), ist
aber die Bittschrift der Dorfbewohner von Skaptopara in Thrakien an Kaiser
Gordian im Jahr 238, das sie durch einen Dorfbewohner überreichen lassen
konnten, der in den Prätorianerkohorten diente. Sie schildern, wie sie in einem
Dorf mit heißen Quellen drei Kilometer von einem Ort entfernt wohnen, in dem
in jedem Jahr fünfzehn Tage lang ein Markt abgehalten wurde. Marktbesucher
pflegten in das Dorf zu kommen und die Bewohner zu zwingen, sie ohne
Bezahlung zu versorgen, wie das auch die Soldaten zu tun pflegten, die auf der
Straße vorbeikamen. Darüber hinaus hielten sich häufig die senatorischen
Statthalter und die kaiserlichen Prokuratoren Thrakiens in dem Dorf auf, um
eine Kur zu machen. Dagegen haben sie nichts, wie sie vorsichtigerweise
bemerken, aber ihre wiederholten Bitten, den übermäßigen Forderungen anderer
Personen Einhalt zu gebieten, hatten keinen bleibenden Erfolg gehabt. Darum
bitten sie den Kaiser einzuschreiten, erwähnen, daß die Zahl der
Hauseigentümer in dem Dorf schon zurückgegangen sei, und drohen damit,
wegzuziehen, wenn die Mißbräuche nicht abgestellt würden. Gordian empfahl
ihnen, die Angelegenheit dem Provinzstatthalter vorzulegen.
Wie man solche Konflikte erleichterte, wird durch eine lange griechische
Inschrift aus dem Jahr 202 illustriert, in der von der Errichtung einer statio (eines
Rastplatzes) und eines emporion (Marktes) an der Straße zwischen Philippopolis
und Hadrianopolis in Thrakien die Rede ist. Man lud Menschen aus den
Nachbardörfern ein, sich dort niederzulassen, und versprach ihnen, daß sie von
Getreideabgaben, der Stellung von Wächtern und Aufsehern und von den

193
Transportdiensten befreit sein sollten (was allein schon auf das normale Los der
thrakischen Bauern hinweist). Die Inschrift gibt die Namen von 181 Siedlern
wieder. Unter ihnen überwiegen thrakische Namen; daneben steht eine größere
Anzahl griechischer und eine kleinere lateinischer Namen; weniger als zehn von
ihnen scheinen römische Bürger gewesen zu sein.7
Die ungleiche soziale Entwicklung dieses Gebiets erklärt teilweise vielleicht
das Fortleben des Räuberunwesens, das besonders im 2. Jahrhundert zu
beobachten ist. Das Treiben der Räuber (latrones) kann natürlich durch echte
soziale Unzufriedenheit oder das bloße Fortbestehen unruhiger Bergstämme
verursacht worden sein. Grabsteine aus Salona an der dalmatinischen Küste, aus
Moesia Superior und aus Dakien, besonders aus dem municipium Drobeta,
künden von Menschen, die von Banditen getötet wurden. Dann ist überliefert,
daß Marcus Aurelius Briganten aus Dalmatien und Dardanien (dem Südteil von
Moesia Superior) als Kämpfer in den Markomannenkriegen anwarb; aus dem
Jahr 175 oder 176 berichtet eine Inschrift, daß reguläre römische Abteilungen die
Briganten an der Grenze Makedoniens und Thrakiens bekriegten.
Die barbarischen Invasionen und ausgedehnten Kämpfe unter Marcus
Aurelius (Kap. 6) wirkten sich bedenklich, wenn auch nicht anhaltend auf die
Donauprovinzen aus. Münzschätze aus den vierziger, fünfziger und besonders
sechziger Jahren des 2. Jahrhunderts, hauptsächlich aus Pannonien, aber auch
aus Dakien und Norikum, weisen auf schon frühere unsichere Verhältnisse hin.
Aus der Zeit der Kriege selbst sind reiche Spuren der Zerstörung in Rätien, in
Norikum, wo z.B. die Stadt Solva niedergebrannt wurde, und besonders in
Pannonien erhalten, wo die Militärlager in Städten wie Aquincum und
Carnuntum und wo die Bauernhöfe weithin verwüstet wurden. Die Wachstafeln
von Verespatak in Dakien, die mit dem Jahr 167 enden, wurden offenbar
angesichts einer Invasion vergraben. In der griechischen Stadt Callatis in Moesia
Inferior baute oder reparierte man bald nach 170 die Stadtmauern, was vielleicht
Folge des costoboccischen Raubzuges war, der bis nach Griechenland reichte
(Kap. 11). Als der Krieg im Jahr 175 vorübergehend endete, gaben die Quaden,
Markomannen und Jazygen 100000 Gefangene zurück; die Barbaren selbst
forderten Land. Marcus Aurelius siedelte eine unbekannte Zahl von ihnen in
Mösien, Pannonien, Dakien, Thrakien und sogar Italien an. Der Krieg hatte auch
die Unzulänglichkeit der römischen Verteidigung an der oberen Donau
erwiesen, und Rätien und Norikum erhielten darum je eine Legion und wurden
von einem senatorischen legatus verwaltet. Nach 180 kam es zu weiteren
Kämpfen. Eine Reihe von Inschriften vom Donauufer in Pannonia Inferior
bezeugt die Aufstellung von Wachttürmen und Wachtposten unter Commodus
(180–192), die heimliche Flußüberquerungen der »Briganten« – was hier mit
Barbaren gleichbedeutend ist – verhindern sollten.
Die beträchtlichen Zerstörungen und Menschenverluste dieser Jahre hielten
den stetigen Fortschritt der Romanisierung und wirtschaftlichen Entwicklung
nicht auf. Nach den verfügbaren Hinweisen begann die ortsansässige

194
Bevölkerung Pannoniens im späten 2. und frühen 3. Jahrhundert, Villen des
italischen Typs zu errichten, was auch noch im 4. Jahrhundert geschah; als Folge
der Invasionen nach 270 scheinen die ersten befestigten Villen entstanden zu
sein.8 Eine parallele Entwicklung kann man an der neuerlich ausgegrabenen
Villa in Kolarovgrad in Moesia Inferior beobachten, die um die Mitte des 2.
Jahrhunderts in luxuriösem Stil erbaut und um die Mitte des 3. Jahrhunderts
befestigt wurde. Von den Städten besitzen wir zum Beispiel ein Fragment der
Urkunde, die unter Caracalla (211–217) dem municipium Lauriacum (Lorch)
ausgestellt wurde. Aus Solva, das sich offenbar von den Zerstörungen durch die
Barbaren erholte, ist ein kaiserlicher Erlaß erhalten – der einzig bekannte aus
allen mitteleuropäischen Provinzen –, den Severus und Caracalla im Jahr 205
ausgaben und der die Privilegien der Zunft der centonarii (Feuerwehrmänner)
betraf. Dem Erlaß folgt eine Liste mit 97 Zunftmitgliedern, von denen etwa die
Hälfte römische Bürger waren; nur sechzehn keltische Namen tauchen auf. Das
Erscheinen kaiserlicher Verfügungen oder Briefe unter den Inschriften einer
Provinzstadt kann als bedeutsames Zeichen dafür angesehen werden, daß dieses
Gebiet einen gleichrangigen Platz mit den übrigen Provinzen des Reiches
beanspruchte. Es ist darum bemerkenswert, daß aus Tyras an der Mündung des
Dnjester ein Brief des Severus und des Caracalla erhalten ist, der die Immunität
der Stadt vom portorium bestätigte; man bezieht sich dann auch auf die früheren
Briefe, die Antoninus Pius (138–161) und Marcus Aurelius und Verus (161–169)
schickten. Aus der von Trajan gegründeten Stadt Nikopolis in Moesia Inferior ist
ein Brief des Severus erhalten, in dem er auf eine Glückwunschadresse der Stadt
aus Anlaß eines Sieges antwortet, die Abhaltung eines öffentlichen Festes zur
Feier der Nachricht anerkennt und den Eingang der von ihnen übersandten
Geldzuwendung bestätigt.
Von allen Städten in diesen Provinzen sind die vielleicht bekanntesten
Carnuntum und Aquincum (Budapest) an der Donau. Beide entstanden in der
Nachbarschaft eines Militärlagers, beide wurden von Hadrian (117–138) zu
municipia und von Severus (193–211) zu coloniae erhoben. In Carnuntum hat man
das drei Kilometer entfernte Kastell ganz freigelegt, die Stadt selbst nur teilweise
ausgegraben.9 Man hat aber genug getan, um erkennen zu können, daß gegen
Ende des 1. Jahrhunderts die Holzhäuser durch Steinhäuser ersetzt wurden und
daß die Stadt, sobald sie ein municipium geworden war, ein Amphitheater für 13
000 Zuschauer mit reservierten Plätzen für die Augustales, Bäder und ein riesiges
Gebäude mit mehreren Stockwerken, einem Kolonnadenhof, Zentralheizung und
Mosaikböden besaß; sein Verwendungszweck ist noch nicht geklärt, es könnte
aber die Residenz des Statthalters von Pannonia Superior gewesen sein. Ein
zweites, kleineres Amphitheater wurde, wahrscheinlich im späten 2.
Jahrhundert, vor den Mauern des Militärlagers von einem Ratsherrn aus
Carnuntum, C. Domitius Zmaragdus, erbaut, der aus Antiochia in Syrien
stammte.

195
Über die Geschichte der Stadt wurde einiges z.B. durch die Ausgrabung eines
Hauses offenbar, das anscheinend in den Markomannenkriegen niederbrannte,
dann etwas vergrößert wiederaufgebaut wurde – die Mosaikböden der zweiten
Periode liegen über einer Schicht verbrannten Materials –, möglicherweise im 3.
Jahrhundert wieder verändert wurde und bis ins späte 4. Jahrhundert bewohnt
war. Es ist bedeutsam, daß sogar ein städtisches Haus wie dieses nicht nach dem
Vorbild des italischen Atrium-Hauses gebaut war, sondern einem für Pannonien
charakteristischen Typ angehörte (der wahrscheinlich von den ortsüblichen
Bauernhäusern abgeleitet war). Es hatte eine offene Veranda an der Vorderseite
und einen Mittelgang, an dem auf beiden Seiten die Räume lagen.
Aquincum war ebenfalls eine Doppelsiedlung. Es bestand zunächst aus einem
im späten 1. Jahrhundert gegründeten Legionslager und einer »Militärstadt« in
seiner unmittelbaren Nähe mit einem Amphitheater, das größer als jedes andere
nördlich der Alpen war. Etwa zwei Kilometer nördlich davon lag eine zivile
Siedlung, deren erste Gebäude um 50 n. Chr. gebaut wurden (als lediglich eine
Hilfstruppe in Aquincum lag); um 150 n. Chr. wurde auch hier ein Amphitheater
errichtet und wahrscheinlich am Ende des Jahrhunderts eine Stadtmauer.
Ausgrabungen in der zivilen Siedlung haben z.B. einen keltischen Rundtempel
ans Licht gebracht, wie er aus Gallien und Britannien bekannt ist (Kap. 8), und in
seiner Nähe ein Armenviertel mit Häusern, die aus einem bis vier Räumen
bestanden; andererseits entdeckte man vier oder fünf Mithrasaltäre. Der
eigenartigste Fund aus Aquincum ist vielleicht die tragbare Orgel, an der eine
Bronzetafel angebracht ist, auf der man verzeichnete, daß sie im Jahr 228 der
Zunft der Feuerwehrleute von einem Zunftpräfekten vermacht wurde, der
gleichzeitig Ratsherr in der colonia war.10
Allgemein gesagt finden wir in Gegenden, die über lange Zeit mit der
römischen Armee in Verbindung standen, in Norikum, das seit dem 1.
Jahrhundert v. Chr. enge Handelsbeziehungen mit Italien unterhielt, und an der
Küste des Adriatischen und Schwarzen Meeres etwas, was nahe an das
städtische Leben herankommt, wie es für die meisten anderen Teile des Reiches
charakteristisch ist. In den griechischen Städten an der Schwarzmeerküste lassen
sich, wie barbarisch das Gebiet Ovid auch erschienen sein mag, Dokumente aus
dem 2. Jahrhundert finden, die in den Städten Kleinasiens nicht fehl am Platz
gewesen wären. In Tomi setzten Rat und Volk z.B. eine Inschrift zu Ehren eines
Mannes mit einem römisch- griechischen Namen, T. Cominius Claudianus
Hermophilus, auf, der ein Sophist, Präsident der Spiele, Präsident der Liga der
sechs Städte an der Pontusküste und Hoherpriester des Kaiserkultes war. Eine
ähnliche Inschrift aus Histria, die gleichfalls aus dem 2. Jahrhundert stammt, ehrt
eine Frau namens Aba, die Nachkommin vornehmer Bürger, die eine Vielzahl
von Ämtern bekleidet hatte, als Priesterin des phrygischen Kultes der
Göttermutter aufgetreten war und die Ausgaben dafür selbst getragen hatte; sie
hatte u.a. auch zwei denarii pro Ratsherr und Stadtbürger verteilt. Aus diesen
und anderen Quellen wird deutlich, daß in diesen Städten so etwas wie das

196
reiche großgrundbesitzende Bürgertum lebte, das das städtische Leben in den
anderen griechischen Gebieten beherrschte. Die Kraft des städtischen Lebens
zeigt sich in der Entschlossenheit, mit der, wie wir sehen werden, Städte wie
Tomi, Marcianopolis oder Philippopolis die barbarischen Angriffe abwehrten.
Das städtische Leben bestand an der Schwarzmeerküste bis in die späte römische
Periode fort; die urbane Kultur des griechischen Teils von Mösien stand im
Gegensatz zur sehr begrenzten Entwicklung des lateinischsprechenden Teils
weiter im Landesinnern.
In Dakien zeigte sich die verhältnismäßig große Stärke der Romanisierung
darin, daß nach der Aufgabe der Provinz im Jahr 271 (s.u.) das städtische Leben
in den wichtigsten Zentren fortbestand, wenn auch in beschränkter Form, bis es
im 5. Jahrhundert von den Hunnen ausgelöscht wurde. In Sarmizegethusa
wurde das Gebäude der Augustales z.B. als Wohnhaus benutzt und das
Amphitheater in eine Verteidigungsstätte verwandelt. Hier und anderswo
weisen Tonwaren und anderes archäologisches Material auf den Fortbestand der
Formen und Sitten der Provinzperiode hin; es ist bezeichnend, daß die frühesten
Belege für das Christentum (im 4. Jahrhundert) weitgehend auf die verbliebenen
städtischen Zentren beschränkt sind.11
Pannonien und Norikum entwickelten ebenfalls städtische Lebensformen. Aus
der colonia Mursa in Pannonia Inferior ist zum Beispiel eine Inschrift des 2.
Jahrhunderts erhalten, in der berichtet wird, daß ein Ratsherr seine Erhebung zu
einem der örtlichen Priestertümer durch den Bau einer Reihe von fünfzig
Schaubuden mit Kolonnaden feierte, die dem Handel dienen sollten. Aus
Carnuntum besitzen wir eine Inschrift aus dem Jahr 219, die einen Mann
erwähnt, der dort und in der colonia Savaria Ratsherr war, den Kaiserkult von
Pannonia Superior als Hoherpriester verwaltete und in der römischen Armee als
ritterlicher Offizier gedient hatte. Dieses Gebiet stand auch in wachsendem Maß
mit dem Rest der römischen Welt in Verbindung, besonders mit Gallien, und
importierte regelmäßig die gallischen Tonwaren des späten 1. und des 2.
Jahrhunderts. Einwanderer kamen auch aus anderen Teilen des Reiches; in
Intercisa gab es z.B. zur Regierungszeit des Severus Alexander (222–235) neben
anderen Siedlern eine jüdische Gemeinde.
Die Einwanderung aus dem griechischen Osten ist besonders auch in der
colonia Salona an der Küste Dalmatiens erkennbar, die anders als die übrigen
Städte dieser Küste sich offenbar im 3. Jahrhundert eines Ansteigens ihres
Wohlstandes erfreute; das Christentum war hier mit Bestimmtheit in der zweiten
Hälfte des 3. Jahrhunderts in der Bevölkerung verbreitet. Im 3. Jahrhundert
schritt auch die Romanisierung in den bislang weitgehend in
Stammesorganisation verbliebenen Gebieten im Inneren Dalmatiens fort.
So bildete sich in den lateinischen Provinzen Mitteleuropas eine romanisierte
Provinzgesellschaft heraus, neben der, zumindest bis zum Ende des 2.
Jahrhunderts, in weiten Gebieten noch Stammesgemeinschaften lebten. Wie eine
solche Provinzkultur einem romanisierten Griechen aus Kleinasien erschien,

197
kann man am besten der Schilderung der Pannonier bei dem Historiker Cassius
Dio entnehmen, der in den Jahren 266–268 legatus von Pannonien war. »Die
Pannonier wohnen nahe Dalmatien am Ufer der Donau von Norikum bis Mösien
und leben von allen Menschen am erbärmlichsten. Sowohl ihr Klima als auch ihr
Boden sind arm; sie pflanzen keine Oliven an und produzieren keinen Wein bis
auf sehr kleine Mengen von sehr schlechter Qualität, da das Klima meist äußerst
streng ist. Sie essen nicht nur Gerste und Hirse, sondern trinken auch Getränke,
die daraus gemacht sind. Nichtsdestoweniger gelten sie als die tapfersten unter
allen Männern. Denn da sie nichts haben, das eines zivilisierten Lebens wert ist,
sind sie äußerst wild und blutdürstig ...«
Dios Bemerkungen verweisen auf die wichtigste Rolle der Donauprovinzen im
Reich, die Rekrutierung ihrer Bevölkerung in die Armee, zunächst in die
Hilfstruppen und dann in die Legionen selbst. Im 2. und 3. Jahrhundert kamen
die Legionäre an der Donau und in Dakien vornehmlich aus der Provinz, in der
die jeweilige Legion stationiert war, erst später aus den anderen
Donauprovinzen. In der Armee pflegten die Soldaten ihre unzivilisierte
Lebensart beizubehalten. Als Septimius Severus nach seinem Marsch von
Carnuntum auf Rom (193) die größtenteils italischen Prätorianersoldaten durch
Männer aus dem Donauraum ersetzte, füllte sich Rom, nach den Worten Cassius
Dios, mit einer gemischten Schar von Kriegern, die in ihrer Erscheinung wild,
ihrer Rede furchterregend und ihren Sitten barbarisch waren. Wie abstoßend
solche Männer den zivilisierten Bewohnern des Mittelmeerraumes auch
schienen, mußten sie und ihre Heimatprovinzen doch die Hauptlast der Kämpfe
tragen, die das Reich im 3. Jahrhundert bewahrten. So formulierte es ein Redner,
als er Kaiser Maximianus (aus Sirmium) im Jahr 289 ansprach: »Wer kann
bezweifeln, daß viele Jahre lang, da seine Kraft im römischen Namen eingesetzt
war, während Italien auf Grund seines alten Ruhmes Herrin der Welt war,
Pannonien dies durch seine Tapferkeit war? ... Und ich werde darstellen, wie du
in jenem Grenzgebiet heranwuchsest und erzogen wurdest, dem Sitz der
tapfersten Legionen, inmitten der Bewegungen der Soldateska und dem Lärm
der Waffen, deren Getöse sich mit deinen Kinderschreien vermischte.«
Diese Provinzen brachten außerhalb der Armee hingegen nur wenige Männer
im Ritterrang hervor und fast überhaupt keine Senatoren. Aus Rätien, Dakien
und Mösien kennen wir nur einen einzigen Träger eines zivilen Ritterpostens, bis
ein zweiter aus Moesia Inferior im späten 3. Jahrhundert auftaucht. Aus
Norikum und Dalmatien kamen, soweit wir wissen, jeweils zwei ritterliche
Beamte im 2. Jahrhundert und aus Pannonien drei. Einer von ihnen war Valerius
Maximianus, der Sohn eines Großgrundbesitzers und Priesters in Poetovio in
Pannonia Superior, der nach einer langen Reihe ritterlicher Militär- und
Statthalterposten während der Kriege des Marcus Aurelius in den Senat
aufgenommen wurde; er ist somit eines der wenigen Beispiele aus diesem Raum
für etwas, das anderswo die Regel war: den Aufstieg örtlicher Aristokraten in
den Senat. Im übrigen besitzen wir eine Inschrift, in der zwei Brüder aus

198
Pannonien erwähnt werden, die in den Senat eintraten, und wissen von
Senatoren, die möglicherweise aus Moesia Inferior und Norikum stammten.
Nur aus Dalmatien – und dort lediglich aus den Küstenstädten – sind
reichlicher Zeugnisse vorhanden. Aus der colonia Aequum kam Sex. Minicius
Faustinus Cn. Julius Severus, Konsul des Jahres 127, Statthalter Britanniens und
Kommandeur im Jüdischen Krieg unter Hadrian (Kap. 11) und auch Cn. Julius
Verus, der Konsul des Jahres 153, der wahrscheinlich derselben Familie
entstammt. Auf der Insel Arba an der Küste Nord-Dalmatiens lebte eine Familie,
deren Aufstieg wir verfolgen können. Wir wissen von einem Centurio des späten
1. und frühen 2. Jahrhunderts, Q. Raecius Rufus, der die Tochter eines dort
ansässigen Munizipalbeamten heiratete. Ein halbes Jahrhundert später hatte ein
Senator namens Raecius Rufus Besitzungen in Arba und war im Jahr 166 curator
der öffentlichen Bauten in Rom. Daneben kennen wir nur die schon erwähnten
Kaiser des 3. Jahrhunderts. Der Mangel an Quellen erlaubt es uns nicht, zu
entscheiden, ob diese Kaiser eine auffällige Ausnahme darstellten oder ob in
diesen Jahren eine größere Zahl von Männern aus diesen Provinzen in den
Ritter- und Senatorenstand eintrat.
Die barbarischen Invasionen um die Mitte des 3. Jahrhunderts begannen um
233 mit dem Angriff der Alemannen an der oberen Donau und am Rhein, der
von Severus Alexander (222 bis 235) und nach dessen Ermordung am Rhein von
seinem Nachfolger, Maximinus, abgewehrt wurde; dieser ging dann nach
Sirmium, wo er von 236 bis 238 blieb und offenbar gegen die Sarmaten kämpfte.
Im Jahr 238 fielen die Karpen und vielleicht die Goten in Moesia Inferior ein und
zerstörten Histria. Nach 240 drangen die Karpen und andere Stämme erneut aus
der Ebene der Walachei hervor, die Rom unbesetzt gelassen hatte (Kap. 6), und
überfielen Südost-Dakien und Moesia Inferior. Die dakischen Städte Romula und
Sucidava wurden in diesen Jahren befestigt, während das in der Nähe liegende
Gebiet von Cioroiul Nou ausgedehnte Zerstörungen aufweist, auf die der Bau
von Befestigungsanlagen über den Ruinen der früheren Häuser folgte.12 Aus der
gleichen Zeit deuten weitverbreitete Münzschätze in Mösien und Thrakien auf
weitere barbarische Angriffe hin, möglicherweise auf den von 248, der Spuren
der Zerstörung bei Nikopolis hinterließ und zur Belagerung von Marcianopolis
in Moesia Inferior führte, dessen Bewohner, wie der zeitgenössische Athener
Historiker Dexippus (Kap. 11) berichtet, erfolgreich widerstanden. In der
Regierungszeit des Decius (249–251) drangen plündernde Goten bis
Philippopolis in Thrakien vor. Dexippus führt aus, daß Decius die Möglichkeit
einer Revolution fürchtete, wenn die Einwohner zu mannhaft zu den Waffen
griffen, und einen Brief schrieb, den der Statthalter Thrakiens, Priscus, im
Stadion verlas und zum Anlaß nahm, zur Vorsicht zu mahnen. Sie wehrten
jedoch ebenfalls erfolgreich wiederholte Angriffe ab (archäologische Funde
lassen vermuten, daß damals einige Vororte niederbrannten), wurden schließlich
aber besiegt. Decius kam selbst nach Thrakien und vertrieb nach mindestens
einer Niederlage die Barbaren von dort und, wie es scheint, aus Mösien und

199
Dakien (eine Inschrift des Jahres 250 aus Apulum ehrt ihn als den
›Wiederhersteller Dakiens‹). Im Verlauf eines neuen gotischen Angriffs fiel er in
der Schlacht von Abrittus in Moesia Inferior (251). Weitere gotische Einfälle,
offenbar durch Mösien und Thrakien, erreichten Thessalonike vielleicht im Jahr
253 und Bithynien im Jahr 256 (Kap. 11).
Danach ist wenig bekannt bis in die Jahre 258–260, in denen die Sarmaten
Pannonien überfielen, was sich in vielen Münzfunden spiegelt, und die
Alemannen Norikum und Rätien angriffen. Das gesamte Gebiet zwischen oberer
Donau und Rhein ging verloren. In Rätien läßt sich eine Kontraktion der Städte
hinter ihre Verteidigungswälle beobachten, die mit derjenigen in Gallien
vergleichbar ist.13 Spätere literarische Quellen führen aus, daß Pannonien
verheert wurde, fügen aber keine verläßlichen Einzelheiten an.
Im Jahr 267 griffen die Heruler die Stadt Tomi an und wurden – wie auch vor
Marcianopolis – abgewiesen. Dann fuhren sie aufs Meer und gelangten
schließlich nach Griechenland (Kap. 11). Im Jahr 264 errang Claudius (268–270)
einen großen Sieg über die Goten bei Naissos in Thrakien und zwang die
Überlebenden zur Unterwerfung. Einige siedelte er an und nahm andere in die
Armee auf. Die Überfälle und Kämpfe dauerten aber an. Aurelian (270–275) gab
deshalb die Provinz Dakien auf und schuf eine neue Provinz, Dacia
Mediterrannea, die aus Zentral-Mösien und Nord-Thrakien gebildet wurde.
Überraschenderweise scheinen die wohlhabenden Städte Mittel- und Nord-
Dakiens nicht angegriffen worden zu sein (keine von ihnen wurde in dieser
Periode befestigt), sondern scheinen aus strategischen Gründen – wegen der
unsicheren Lage Südost-Dakiens – aufgegeben worden zu sein.
In Pannonien sind wohl nach 260 verhältnismäßig friedliche Zeiten eingekehrt.
Eine Inschrift zeigt z.B., daß die Bäder der Legionslager in Aquincum, die lange
in schlechtem Zustand gewesen waren, im Jahr 268 wiederhergestellt wurden.
Um 270 kam es aber zu einer größeren Invasion der Juthungen, Wandalen,
Sueben und Sarmaten, die bis nach Italien vordrangen. Aurelian (270–275) kam
nach Pannonien und zwang nach unentschiedener Schlacht die Barbaren, um
Frieden zu bitten. Ein erhaltenes Fragment aus Dexippus (das auszugsweise in
Kap. 3 zitiert wurde) beschreibt, wie Aurelian mit den Juthungen verhandelte
und eine Friedensgesandtschaft der Wandalen abfertigte. Sie boten Geiseln und
eine Truppe von 2000 Kavalleristen für römische Dienste an und zogen sich über
die Donau zurück, nachdem ihnen – wie den barbarischen Feinden des
vorausgehenden Jahrhunderts – ein fester Handelsplatz zugewiesen worden
war. Es kam auch weiterhin zu sporadischen Überfällen, die aber von römischen
Truppen eingedämmt wurden.
Aus Probus’ Regierungszeit (276–282) hören wir, daß er Bastarner und auch
Goten in Thrakien ansiedelte und dann nur schwer unter Kontrolle halten
konnte. Sein Nachfolger Carus (282–284) siegte auf seinem Weg nach dem Osten
über Sarmaten und Quaden. Die Kämpfe an der Donau dauerten auch unter
Diokletian unvermindert an.

200
Der Balkan und die Donauprovinzen blieben somit, verglichen mit den
anderen Teilen des Reiches, verhältnismäßig wenig zivilisiert und urbanisiert.
Ihre Rückständigkeit zeigt sich z.B. darin, daß vor 284 das Christentum nur in
Salona, das eines der großen christlichen Zentren des 4. Jahrhunderts werden
sollte, belegt ist. Die große Verfolgung von 303–304 offenbarte dann jedoch, daß
das Christentum bis dahin im Donaugebiet fest Fuß gefaßt hatte. Die
Rückständigkeit dieses Raumes war aber gerade für seine militärische Rolle
wesentlich. Die Balkanländer und Kleinasien wurden später zum Herzstück des
byzantinischen Reiches, eine Tatsache, die sich schon ankündigte, als ein
dalmatischer Kaiser, Diokletian, Nikomedeia zu seiner Hauptstadt machte.

13. Das Reich und die Krise des 3. Jahrhunderts

Wenn wir die Beschaffenheit der Krise erörtern, unter der das römische Reich im
3. Jahrhundert litt, untersuchen wir nicht, warum das Reich verfiel. Denn das
Reich verfiel nicht. Im Gegenteil, die griechische Hälfte des Reiches bestand,
wenn auch unter stetigem Verlust an Territorium, bis zur Einnahme
Konstantinopels durch die Türken im Jahr 1453 fort. Im Westen und Norden
gingen im 3. Jahrhundert wahrlich beträchtliche Gebiete verloren, nämlich
Dakien und der Raum östlich des Rheins und zwischen Oberrhein und Donau.
Erst im 5. Jahrhundert besetzten aber Goten, Burgunder, Franken, Wandalen und
andere Stämme tatsächlich das gesamte römische Territorium in Westeuropa
und das lateinische Nordafrika. Selbst hier bestand die römische Kultur, im
Gegensatz zur römischen Herrschaft, in breitem Umfang fort und beeinflußte
tiefgreifend Sprache, Sitten und Kultur der Barbaren. Alle diese Barbaren
wurden zum Christentum bekehrt, wenn wohl alle auch erst nach ihrer
Niederlassung auf römischem Boden;1 von den Invasoren des 5. Jahrhunderts
blieben allein die Hunnen ständig heidnisch und von der römischen Kultur
unbeeinflußt.
Bei der Analyse der Krise des 3. Jahrhunderts ist am schwierigsten genau zu
entscheiden, was wir analysieren wollen. Mit anderen Worten: Was geschah?
Welche Veränderungen traten ein? Die Schwierigkeit wird weitgehend durch ein
Merkmal der Krise selbst verursacht, nämlich durch den Mangel an literarischen,
dokumentarischen und archäologischen Quellen aus diesem Zeitraum. Unsere
erzählenden Quellen sind bis 238 verhältnismäßig inhaltsreich, und für die Zeit
Diokletians und Konstantins, d.h. von 284 an, besitzen wir Zeugnisse in
beträchtlicher Zahl. Für die politische Geschichte der dazwischenliegenden Jahre
müssen wir uns aber auf die kurzen und kaum hinreichenden lateinischen
Geschichtsdarstellungen der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts und auf spätere
griechische Chroniken verlassen. Es ist besonders zu bemerken, daß die Reihe
kaiserlicher Biographien von Hadrian (117–138) bis Carus und Carinus (282–283)
aus dem (wahrscheinlich späten) 4. Jahrhundert, die Historia Augusta, von der

201
der Teil von 244–259 verloren ist, bei der Behandlung der späteren Kaiser immer
phantastischer und unzuverlässiger wird.
Zuerst sollen der Reihe nach einige einigermaßen sicher belegte Aspekte der
Periode behandelt werden. Zunächst ist die akute Unbeständigkeit des Thrones
selbst zu nennen. Jeder Kaiser von Caracalla im Jahr 217 an starb eines
gewaltsamen Todes, und die durchschnittliche Regierungszeit um die Mitte des
3. Jahrhunderts, von 235 an, betrug zwei bis drei Jahre. In der Kaiserzeit wurde
niemals, wie schon in Kapitel 3 gezeigt, ein anderer sicherer politischer Rahmen
oder eine andere befriedigende Art der Kaiserernennung entwickelt als die der
de facto Familiendynastien unterschiedlicher Stabilität. Da sich die Kaiser dieser
Periode fast immer im Feld gegen fremde Invasoren befanden, waren sie ständig
Angriffen anderer Generäle, entweder in ihrer unmittelbaren Umgebung oder an
der Spitze anderer Armeen, ausgesetzt. Darum waren Bürgerkriege etwa ebenso
häufig wie auswärtige Kriege. Darüber hinaus wurden in Gallien zwischen 259
und 274 und in Palmyra und dem Osten einige Jahre lang bis 272 von Rom
unabhängige Regierungen eingerichtet.
Dazu kamen die Invasionen der Barbaren und Sassaniden. Daß diese
annähernd zur gleichen Zeit einsetzten, scheint ein reiner Zufall gewesen zu sein.
Die bloße Existenz des römischen Reiches war zweifellos ein Grund für die Züge
der Barbaren, denn sie wurden von der Hoffnung auf Land und Beute
angetrieben. Die Sassaniden andererseits forderten, nachdem sie die zerfallende
Macht der Parther zerstört hatten, Rom sofort heraus, indem sie alle die
Territorien beanspruchten, die die alten Perser beherrscht hatten. Als diese
Entwicklungen zusammentrafen, war das Reich etwa gleichzeitig schweren
Angriffen am Rhein, an der Donau und im Osten ausgesetzt.
Die Invasionen wirkten sich in den einzelnen Teilen des Reiches natürlich
höchst unterschiedlich aus. In Gallien und bis zu einem gewissen Grad in
Spanien und in Rätien an der oberen Donau finden sich Hinweise für eine
Verkleinerung und Befestigung der Städte. Welch tiefe Veränderungen in der
Struktur des sozialen Lebens dadurch hervorgerufen wurden, kann man bisher
nur erraten. Es ist gewiß zutreffend, daß die kultivierte gallisch-römische
Aristokratie der späten Kaiserzeit mehr auf ihren Gütern als in den Städten lebte.
Aber auch in Britannien, in dem sich in dieser Periode keine Invasionen
ereigneten, scheint im 4. Jahrhundert eine Stagnation und vielleicht ein
Niedergang in den Städten eingetreten zu sein; dort entstanden aber luxuriöse
Villen.
Wiederholte Invasionen trafen auch den Donauraum und Mitteleuropa und
reichten bis nach Makedonien, Griechenland und Kleinasien. Die
Sassanideneinfälle und für kurze Zeit die Macht Palmyras reichten bis
Mittelkleinasien und zur Küste Syriens. Sie müssen große Zerstörungen und
Menschenverluste verursacht haben; es ist auch überliefert, daß die Perser
Gefangene nach Mesopotamien abführten. Der Bau der ersten befestigten Villen
in den Donauländern läßt sich auf diese Periode datieren, und verstreute

202
archäologische Befunde lassen Zerstörungen erkennen; aber nur in Athen (Kap.
11) sind die Zeugnisse detailliert und systematisiert. Wiederum besitzen wir nur
wenig klare Quellen für die direkten Auswirkungen der Invasionen. Sie sind
vielleicht nicht anhaltend gewesen; Antiochia wurde in den Jahren 256 und 260
von den Persern eingenommen und niedergebrannt – und war im 4.
Jahrhundert, wie wir aus zahlreichen Dokumenten wissen, wieder eine der
größten und blühendsten Städte der griechischen Welt.
In Ägypten und Africa kam es zu Grenzkämpfen, die sich in Africa über lange
Zeit erstreckten, aber es kam zu keinen Invasionen. Der Bürgerkrieg von 238 in
Africa (Kap. 9) und die Verdrängung eines Thronprätendenten in Alexandria um
272 (Kap. 10) haben vielleicht, zumindest vorübergehend, ernstere Folgen
gehabt.
Obgleich die direkten Auswirkungen der Invasionen und Bürgerkriege bei der
gegenwärtigen Quellenlage nur in den seltensten Fällen befriedigend festgestellt
werden können, kann als sicher gelten, daß sie einige andere Veränderungen im
Wirken des Staates und in seinem Verhältnis zur Bevölkerung, wenn auch
vielleicht nicht hervorbrachten, so doch beschleunigten. Die erste und am besten
nachweisbare Veränderung bestand in einer Münzverschlechterung und
Inflation der Preise. Die beiden wichtigsten Münzen waren der Silber-denarius
und der Gold-aureus im Wert von 25 denarii. Verschlechtert wurde vor allem der
denarius, den Marcus Aurelius (161–180) auf 75% und Severus (193–211) auf 50%
Silbergehalt reduzierte; nachdem Caracalla (211–217) einen denarius von
eineinhalbfacher Größe herausgegeben hatte, der wahrscheinlich ebensoviel
Wert hatte wie zwei frühere denarii, sank der Silbergehalt sehr schnell und
erreichte um die Mitte des 3. Jahrhunderts 5%. Aurelian (270–275) gab zwei
Serien versilberter Kupfermünzen aus, deren Wert noch umstritten ist.
Inzwischen wurde der bronzene sestertius (4 auf einen denarius) sowohl weiter
geprägt als auch zur Bezeichnung von Preisen und anderen Summen bis nach
270 benutzt, um dann angesichts der Inflation der Preise zu verschwinden.2 Die
Inflation zeigt sich darin, daß der Kornpreis (der jetzt in verschlechterten denarii
ausgedrückt wurde) im Jahr 301 etwa zweihundertmal höher lag als im 1.
Jahrhundert.
Wir wissen allerdings sehr wenig über das römische Münzsystem, besonders
in den Jahren 270–300, oder über wesentliche damit verbundene Elemente, z.B.
wie die kaiserlichen und städtischen Münzstätten das ungemünzte Edelmetall
erhielten. Es liegen auch Anzeichen dafür vor, daß in jener Zeit selbst
Verwirrung und Schwierigkeiten herrschten; eine carische Inschrift aus den
Jahren 209–211 legt Strafen für illegalen Geldumtausch fest; ein Papyrus von 260
weist Geldwechsler in Ägypten an, damit aufzuhören, kaiserliche Münzen
zurückzuweisen; ein anderer, etwa aus dem Jahr 300, enthält den Brief eines
ägyptischen Beamten an einen Untergebenen, in dem er diesen auffordert,
sämtliches amtliche »italische Geld« sofort auszugeben, da die Kaiser den Wert
desselben um die Hälfte verringern wollten.3

203
Wir können bisher die Gründe für die fortschreitende Geldentwertung und
Inflation noch nicht nennen. Sie müssen ihrerseits aber ein Faktor bei der
Umwandlung der Forderungen des Staates von Geld auf Sachabgaben und
Dienstleistungen (Kap. 5) gewesen sein. Die Besoldung der Truppen wurde,
obwohl man sie nach und nach anhob (Kap. 6), nicht genügend erhöht, um mit
der Inflation Schritt zu halten, und verschwand im späten 4. Jahrhundert ganz
zugunsten anderer Formen der Bezahlung.
Die Belege für zunehmende Belastungen durch die Truppe und Beamtenschaft
im 2. und 3. Jahrhundert finden eine Ergänzung in Belegen für eine schnelle
Ausbreitung von Wachtposten mit Polizeibefugnissen, besonders seit etwa 200 n.
Chr., die in den Provinzen mit Soldaten besetzt wurden. Wir besitzen aus dieser
Periode auch eine Reihe von Zeugnissen über das Räuberunwesen in vielen
Teilen des Reiches.4 Nichts weist aber darauf hin, daß dieses als eine
zusammenhängende soziale Bewegung angesehen werden muß; die
Voraussetzungen und Gründe für Volksbewegungen (sozialer Druck,
wirtschaftliche Schwierigkeiten) waren zweifellos vorhanden, aber nur der
Bauernaufstand der Bagauden in Gallien, der erst im letzten Jahr dieser Periode
begann, hatte einen solchen Charakter. Die Erhebung der Isaurier unter Probus
(276–282) war etwas anderes, nämlich die Aktivität eines nicht unterjochten
Bergstammes, der die Krisenzeiten dazu nutzte, seine normalen Räubereien
auszuweiten. Wir besitzen kurz gesagt Belege für ein Brigantentum, das
Symptom oder Folge der Wirren des 3. Jahrhunderts war, den Klassenkampf
aber nicht als Motiv kannte. Die Verteilung einer großen Zahl von Soldaten auf
verstreute Wachtposten hat aber vielleicht zur Schwächung des militärischen
Widerstandes gegenüber Invasionen von außen beigetragen.
Man hatte bisher angenommen, daß im Gefolge der Pest, die im 2. und 3.
Jahrhundert tatsächlich weithin belegt ist, die Bevölkerungszahlen sanken, was
sowohl zur Aufgabe fruchtbaren Landes als auch Schwierigkeiten bei der
Aufrechterhaltung der Armee führte.5 Wir besitzen aber für die Bevölkerung
dieser oder irgendeiner anderen Periode der Kaiserzeit keinerlei Zahlen. Es ist
wahr, daß im 3. Jahrhundert Barbaren in Gallien, Thrakien und anderen Gebieten
angesiedelt wurden, was die Existenz freier Ländereien vermuten lassen könnte.
Dasselbe war aber auch im 1. und 2. Jahrhundert geschehen. Aurelian machte
z.B. auch die Stadträte für die Zahlung der Tribute für aufgegebene Ländereien
verantwortlich; das beweist aber nur, daß der Staat genauer auf die Entrichtung
von Steuern sah. Wir haben tatsächlich keinerlei Grundlagen für irgendwelche
Feststellungen über die Bevölkerung zur Kaiserzeit.
Das zentrale und unwiderlegliche Element unter den Belegen für eine soziale
Krise des 3. Jahrhunderts ist das beinahe allgemeine Fehlen von Zeugnissen
schriftlicher oder archäologischer Art für Bauten und Weiterentwicklungen in
den Städten. Wie in den Berichten über die verschiedenen Teile des Reiches
schon gezeigt wurde, schritt die Aufwärtsentwicklung in den Städten im 1. und
2. Jahrhundert beinahe überall stetig voran. Was bedeutete nun ihr Abbrechen?

204
Inschriften beziehen sich allgemein auf öffentliche Bauten, und ihr Fehlen zeigt
lediglich an, daß keine neuen öffentlichen Gebäude errichtet wurden. Es gibt aus
dieser Periode aber auch nur wenige Hinweise auf den Bau privater Stadthäuser.
Der Stillstand wurde nicht direkt durch Kriege oder Invasionen verursacht, denn
er ist vom Ende des 2. Jahrhunderts an auch in Ostia und seit etwa 230 in der
verhältnismäßig friedlichen Provinz Africa zu beobachten. Deutet das einen
allgemeinen wirtschaftlichen Zusammenbruch an, oder blieben, allgemein
gesagt, die Städte ganz einfach statisch, verfielen im 3. Jahrhundert aber nicht?
Das scheint z.B. in Verulamium in Britannien der Fall gewesen zu sein. Wenn das
so ist, können wir immer noch nicht befriedigend erklären, warum die
Aufwärtsentwicklung abbrach. Es ist jedoch zu bemerken, daß z.B. in Pannonien
der Bau von Landhäusern im 3. Jahrhundert weitergegangen zu sein scheint
(obwohl andererseits die meisten Villen in Britannien auch einen Stillstand
erlebten, der mit demjenigen in den Städten vergleichbar ist). Es könnte sein, daß
die Vorgänge des 3. Jahrhunderts der Anfang zu der Verlagerung der luxuriösen
Lebensweise in die Villen auf dem Lande war, die dann im 4. Jahrhundert
stattfand. Das würde mit der Abwertung des Status der decuriones oder curiales
(städtischen Ratsherrn) übereinstimmen, der zu dem der Großgrundbesitzer
außerhalb der Stadträte im Gegensatz stand, was dann das 4. Jahrhundert
ebenfalls charakterisiert. Solche Verallgemeinerungen sind aber viel eher Fragen
als endgültige Antworten zu diesen Problemen.
Der Stillstand in der städtischen Aktivität findet eine Parallele in vielen großen
heidnischen Kultzentren, in denen die Inschriften um die Mitte des Jahrhunderts
plötzlich aufhören; in Olympia z.B. stammt die letzte Inschrift eines Siegers in
den Spielen aus dem Jahr 261 (obwohl die Spiele nachweislich weitergeführt
wurden), die letzte Kultinschrift aus dem Jahr 265.6 Aber wenn auch die
Ausübung heidnischer Kulte teilweise nachließ – sie wurde unter Diokletian
wiederbelebt –, entwickelte sich die heidnische Religion selbst. Aurelian richtete
im Jahr 274 die Verehrung des Sonnengottes als wichtigsten Kult des Reiches ein,
berief pontifices für diesen Kult, baute einen Tempel in Rom und gab Münzen mit
dem Bild der Sonne als »Herrn des römischen Reiches« aus. All dies spiegelt
Aspekte des monotheistischen Mystizismus der Zeit wider und beeinflußte die
frühe religiöse Haltung Konstantins. Die bezeichnendste religiöse Entwicklung
war die Entstehung philosophischer Systeme, in denen die heidnischen Kulte
und Legenden in mystischen Begriffen als Symbole oder Stufen zu einer einzigen
Realität neu interpretiert wurden. Zu diesen Entwicklungen kam es nur in der
griechischen Reichshälfte. Aus dem Westen sind aus dieser Periode vor den
gallischen Panegyrici der Kaiser, die 289 und später gehalten wurden, nur kleine
Reste einer heidnischen lateinischen Literatur erhalten. Die griechische Welt
brachte aber nicht nur einen angesehenen Historiker hervor, den Athener
Herennius Dexippus (Kap. 11), oder den Philologen und Rhetoriker Longinus,
der in Athen lehrte und sich später an den Hof der Zenobia in Palmyra begab,
sondern die ganze neuplatonische Schule, deren hervorragendster Repräsentant

205
Plotinus war. Die Vitalität der Kultur der griechischen Welt in dieser Periode
und die bequemen Verbindungen, die Barbarenangriffe und
Wirtschaftsschwierigkeiten überstanden, lassen sich am besten aus dem Leben
des Porphyrius, des bekanntesten Schülers des Plotinus, ersehen. Er stammte aus
Tyrus, wurde mit dem syrischen Namen Malchos 232–233 geboren und von
Longinus, bei dem er in Athen studierte, in Porphyrius umbenannt. 262–263 ging
er nach Rom, wo er Plotinus’ Schüler wurde. Andere Schüler kamen aus Italien,
Alexandria, der Dekapolis und Arabien. Im Jahre 267–268 zog sich Porphyrius
nach Lilybaeum auf Sizilien zurück, von wo er auch mit Longinus in Syrien
korrespondierte. Später, nach dem Tod des Plotinus, kehrte er nach Rom zurück.
Dort gehörten zu seinen Schülern Iamblichus aus Chalkis in Syrien, der später
nach Syrien zurückkehrte und in Apameia den Neuplatonismus lehrte, und
Schüler aus Syrien, Griechenland und Kappadokien. Vor seinem Tod, vielleicht
bald nach 300, hatte Porphyrius eine große Zahl philosophischer, moralischer
und sogar historischer Werke vollendet, unter ihnen das Leben des Plotinus und
eine Ausgabe der Äneis. Zu seinen Werken gehörte auch Gegen die Christen in
fünfzehn Büchern, eine ernsthafte und wirksame, vielleicht nach 270
geschriebene Kritik sowohl des Alten als auch des Neuen Testaments und der
christlichen Lehre, die im folgenden Jahrhundert weithin Einfluß ausübte.7
Die anhaltende Vitalität griechischer Kultur war nicht der einzige Aspekt, der
dazu berechtigt, diese Periode nicht nur eine Periode der »Krise« und des
Niedergangs zu nennen. Wie in den vorausgehenden Kapiteln betont wurde,
unternahm man damals die entscheidenden Schritte zu einer Ablösung des
imperialen Systems aus dem Rahmen der republikanischen Einrichtungen und
verlagerte sich damals das politische Gewicht des Reiches auf die griechischen
Provinzen, auf den Donau- und Balkanraum. Innerhalb der Gesellschaft des
Reiches kam es ebenfalls zu bedeutsamen Veränderungen. Eine derselben ist das
Auftauchen ortsgebundener Kulturen in verschiedenen Formen und verschieden
starken Ausprägungen. In Gallien erschienen nicht-klassische Stilarten bei den
Tonwaren, in Verzierungen und vielleicht bei der Darstellung einheimischer
Gottheiten; in Phrygien wurden Inschriften in der örtlichen Sprache abgefaßt; in
Edessa wurde zu Beginn des Jahrhunderts die erste christliche Literatur in einer
nicht-klassischen Sprache, in Syrisch, veröffentlicht; in Ägypten tauchten die
ersten Werke in koptischer Sprache auf, wenn auch die meisten, vielleicht sogar
alle, Übersetzungen griechischer christlicher Texte waren. Darüber hinaus lassen
sich in der offiziellen Kunst des Reiches erste Anzeichen für ein Verlassen der
traditionellen klassischen Kunstformen beobachten, was zur Entwicklung der
ganz unterschiedlichen byzantinischen Kunst führen sollte. Die im wesentlichen
naturalistische darstellende Kunst im klassischen Stil, die der Kunst des
klassischen Griechenland nachgebildet war, wurde noch praktiziert – in einigen
Formen bis in die byzantinische Periode hinein – und erlebte unter Gallienus
(260–268) sogar eine kurze, aber echte Renaissance. Der wesentliche Wandel
bestand aber darin, daß einige charakteristische Züge byzantinischer Kunst

206
auftauchten, nicht-naturalistische Darstellungen einzelner Figuren, die
manchmal in starrer Frontalität abgebildet wurden – wie Septimius Severus auf
dem von ihm in Lepcis Magna im Jahr 203 errichteten Bogen –, und die
Gruppierung der Figuren nach formalen Mustern, die von der allgemeinen
Anlage des Werkes diktiert werden. Die traditionelle Erklärung dieses Wandels –
der natürlich viel zu komplex und vielgestaltig war, um hier voll gewürdigt
werden zu können – ist, daß er den Sieg orientalischer Einflüsse anzeigt, d.h. den
der im parthischen und sodann sassanidischen Raum hervorgebrachten
Kunstformen. Das ist möglich, wenn unsere Kenntnisse über die Kunst in der
parthischen Periode auch sehr gering sind. Es ist gleichfalls möglich, daß
einheimische Kunststile, die bis dahin durch das Übergewicht des Geschmacks
des in den klassischen Traditionen erzogenen Bürgertums unterdrückt wurden,
sich zu Ansehen erhoben. Eine solche Entwicklung könnte durch wirtschaftliche
Schwierigkeiten und (wie wir annehmen müssen) häufige Unterbrechungen des
Handels beschleunigt worden sein; allgemein gesagt ist für die Fundplätze des 3.
Jahrhunderts im römischen Reich tatsächlich charakteristisch, daß sie viel
weniger importierte Gegenstände bergen als diejenigen aus früherer Zeit. Sie
enthalten statt dessen im allgemeinen einheimische Waren mit meist niedrigerem
technischem und künstlerischem Niveau. Unter diesen Umständen war es
vielleicht möglich, daß einige lokale Kunstformen verbreitet wurden und den
Hauptstrom künstlerischen Stils beeinflußten.
Den wichtigsten sozialen Wandel in dieser Periode stellt jedoch die
Entwicklung des Christentums dar. Der bedeutsamste Aspekt dieser
Entwicklung ist nicht weitere geographische Ausbreitung, wenn diese auch
stattfand, sondern die festere Organisation, sowohl innerhalb der einzelnen
Gemeinden als auch in den Kontakten zwischen denselben. Aus der ersten
Hälfte des 3. Jahrhunderts besitzen wir die frühesten Belege für einen Umbau
von Privathäusern zu Kirchenzwecken; das auffallendste und am sichersten zu
datierende Beispiel ist das von Dura-Europos (Kap. 11). In der zweiten Hälfte des
Jahrhunderts tauchten wahrscheinlich die ersten Gebäude auf, die speziell als
Kirchen entworfen waren. In Rom gab es im 2. Jahrhundert christliche
Katakomben und Friedhöfe, und am Ende des Jahrhunderts scheinen einige
tatsächlich der Kirche gehört zu haben. Um die Mitte des 3. Jahrhunderts besaß
die Kirche Roms eine feste Organisation. In einem Brief an Fabius, den Bischof
von Antiochia, erwähnt Cornelius, der Bischof von Rom (251–253), daß es in
dieser Stadt 46 Priester, 7 Diakone, 7 Subdiakone, 42 Akoluthen, 52 Exorzisten,
Vorleser und Wächter und mehr als 1500 Witwen und Arme gab, die
Unterstützung erhielten.8
Noch wichtiger war die Entwicklung organisatorischer Bande zwischen den
Kirchen, die sich um die großen Zentren, Rom, Karthago und Antiochia,
gruppierten. 251 trafen 60 italische Bischöfe in Rom zusammen, um die Häresie
des Novatianus zu verdammen. Um 220 trafen sich vielleicht 70 afrikanische
Bischöfe, 90 im Jahre 256. Die Synoden von Antiochia in den Jahren 264 und 268,

207
auf denen Paulus von Samosata (Kap. 11) verdammt wurde, besuchten Bischöfe
aus Kappadokien, Pontus, Kilikien, Palästina, Arabien und (ausgenommen die
Krankheit des Dionysius im Jahr 264) Alexandria. Ihre Entscheidung im Jahr 268
wurde Rom, Alexandria und »allen Provinzen« mitgeteilt. Es ist kein Zufall, daß,
während die frühe christliche Literatur vornehmlich dogmatische, gelehrte und
apologetische Züge trägt, die der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts
hauptsächlich aus Briefen der Bischöfe von Rom, Karthago, Alexandria und
Antiochia besteht und mit Fragen der Disziplin und des Zusammenhalts der
Kirche als einer Organisation befaßt ist. Die Korrespondenz Cyprians, des
Bischofs von Karthago (248/249–258; Kap. 9), reicht bis Spanien, Gallien, Rom
und Kappadokien. In der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts, als, wie erwähnt,
die heidnischen Kulte einen bedeutsamen Niedergang erlitten, scheint sich das
Christentum in alle Teile des Reiches verbreitet und große Sektionen der
Landbevölkerung erfaßt zu haben. Die Synoden des frühen 4. Jahrhunderts
zeigten, daß das Christentum, wenn es auch noch nicht die Religion der
Mehrheit darstellte, in allen Teilen der römischen Welt fest verwurzelt war.
Das 3. Jahrhundert erlebte somit eine anhaltende politische und militärische
Krise, aus der das Reich noch einmal als politische Einheit mit intakten Grenzen
hervorging. Es erlebte in allen Reichsteilen einen Stillstand der
Weiterentwicklung und Verschönerung der Städte, die für die ersten beiden
Jahrhunderte charakteristisch waren, und in einigen Gebieten, besonders in
Gallien, die Verkleinerung der Städte zu ummauerten Festungen. Es kam zu
einem Zusammenbruch der Währung, und daraus ergab sich die Tendenz, daß
der Staat von seinen Untertanen anstelle von Geld Sachabgaben und
Dienstleistungen verlangte. Beide Vorgänge haben vielleicht zum Anwachsen
der großen Güter als soziale Einheiten mit beigetragen, auf denen die
Eigentümer vermehrte gesetzliche Ansprüche gegenüber ihren Pächtern besaßen
und für die Stellung von Diensten (oder Rekruten) für den Staat aus den Reihen
der Pächter verantwortlich waren.
Die Krise war wirklich vorhanden. Aber eine Beschreibung derselben wird der
Bedeutung des 3. Jahrhunderts nicht gerecht. Es war eine Periode der Wandlung,
der Vitalität, sogar innerhalb der heidnischen Kultur, mit neuen Kunstformen,
der Evolution mystischer, letzten Endes monotheistischer Interpretationen
traditioneller Religion und dem letzten großen Repräsentanten heidnischer
Philosophie in dem Neuplatoniker Plotinus. Im christlichen Bereich lebte der
erste bedeutende Gelehrte und Theologe der Kirche, Origenes, während die
dogmatischen Kontroversen des späten 3. Jahrhunderts die Saat zu den großen
Kämpfen des 4. Jahrhunderts legten. Vor allem war es aber die Periode, in der
die Kirche erstmals ernsthaft mit dem heidnischen Staat in Konflikt geriet, was
sie überlebte, und in der sie sich zu einer sozialen Organisation entwickelte, die
zum Ausüben von Autorität in den Angelegenheiten der Welt bereitstand. Selbst
aus unserem unzulänglichen Quellenmaterial läßt sich ersehen, daß das 3.
Jahrhundert eine der entscheidenden Perioden der Geschichte Europas war.

208
14. Iran in parthischer und sassanidischer Zeit

Das 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung war für das Partherreich eine Epoche
großer Umwandlungen. Obwohl die Überlieferung lückenhaft ist und sich
vorwiegend auf griechische oder römische Autoren stützt, läßt sich dieser
Umwandlungsprozeß aus den vorliegenden spärlichen Nachrichten doch
erschließen. Im 1. Jahrhundert hatten die Parther ihre aktive offensive Politik
gegen Rom, durch die sie Erben der Seleukiden geworden waren, aufgegeben
und waren zu einer defensiven Haltung übergegangen. Auf Kosten der im
Jahrhundert zuvor noch uneingeschränkten Zentralgewalt hatte der Adel eine
starke Position gewonnen.

 Abb. 14: Iran in parthischer und sassanidischer Zeit

Der Umwandlungsprozeß erstreckte sich natürlich über eine längere Zeitspanne;


im l. Jahrhundert zeigten sich jedoch erstmals die Auswirkungen einer
vielfältigen Entwicklung. So war z.B. der in griechischer Sprache und Schrift
gebrauchte Titel »König der Könige« nur gelegentlich, erstmals von Mithridates
II. (etwa 123–88) und dann wieder von Mithridates III. (etwa 57–55), geführt
worden; während und nach dem 1. Jahrhundert erscheint dieser Titel jedoch
nicht mehr als eine Ausnahme, sondern ist zu einem festen Bestandteil der

209
Titulatur der parthischen Herrscher geworden.1 Während der Regierung
Volagases’ I. (etwa 51–80) erscheinen auf den Münzen neben den griechischen
Legenden zum erstenmal parthische Schriftzeichen; dieser König ist es
vermutlich auch, dem das vierte Buch des Denkart, ein späteres Pahlevi-Werk,
die Sammlung der verstreuten Fragmente des Awesta zuschreibt.2 Volagases I.
ist die Gründung der neuen parthischen Hauptstadt Volagasokerta, nördlich von
Seleukeia am Tigris, zuzuschreiben. In das 1. Jahrhundert dürfen wir wohl auch
die Wiederverwendung einheimischer an Stelle von griechischen Namen für
iranische Städte in literarischen Quellen datieren, wie z.B. Merv statt Antiochia
Margiane. Die neue Ideologie schließlich, die die parthischen Könige als
Nachkommen Artaxerxes’ II. betrachtete, könnte im 1. Jahrhundert n. Chr.
aufgekommen sein. Sie scheint nämlich als ein Versuch, die Zentralgewalt gegen
Rebellen und mögliche Usurpatoren auf dem Arsakidenthron zu stärken, im 1.
Jahrhundert weithin verbreitet worden zu sein.3 Nach Carrhae (54 v. Chr.) und
den Einfällen des Pakores in Palästina und Syrien (40–39) hatten die Parther
freilich gute Gründe, sich als Erben der Achämeniden zu betrachten. Aber
gerade im 1. Jahrhundert n. Chr., als Wirren und der Zusammenbruch der
Zentralgewalt Umwandlungen herbeiführten, brauchte man eine Ideologie, die
die Legitimität und Anknüpfung an die Vergangenheit möglich machte.
Die Regierungszeit Artabans III. (etwa 12–38) eignet sich gut für eine kurze
Untersuchung und Beurteilung der damaligen politischen Veränderungen im
Partherreich. Artaban war vermutlich ein unbedeutender Herrscher von
Hyrkanien im Osten des Kaspischen Meeres – nicht, wie zuweilen angenommen
wird, von Atropatene westlich dieses Meeres. Er führte einen Aufstand gegen
den Partherkönig Vonones, der von seinem Vater Phraates IV. nach Rom
geschickt worden war und sich dort über 15 Jahre aufgehalten hatte, ehe er um
das Jahr 7 n. Chr. die Thronfolge hatte antreten können. Nach mehreren Jahren
der Kämpfe errang Artaban den Sieg und eroberte im Jahr 12 n. Chr. die
Hauptstadt Ktesiphon. Daß seinen Anstrengungen, die Zentralgewalt des
parthischen Reiches gegen den Adel zu stärken, letzten Endes kein Erfolg
beschieden war, bezeugen die zahlreichen Aufstände während seiner Regierung.
Josephus (Ant. 18, 339) berichtet von zwei jüdischen Brüdern, die in den Jahren
etwa zwischen 20 und 35 n. Chr. eine unabhängige Herrschaft in Mesopotamien
aufgerichtet hatten. Die parthische Regierung war damals machtlos, gegen dieses
räuberische Königtum einzuschreiten, und mußte es anerkennen. Die Sicherheit
des Thrones war so erschüttert, daß Artaban um das Jahr 36 n. Chr. nach dem
östlichen Iran fliehen mußte und der von Rom begünstigte Tiridates III. die
Macht einige Monate lang behaupten konnte. Artaban gewann jedoch den Thron
bald zurück und regierte mehrere Jahre bis zu seinem Tod. Aber die Aufstände,
dazu eine Empörung der Stadt Seleukeia am Tigris, die zu einer siebenjährigen
Unabhängigkeit der Stadt führte, dauerten fort.4
Eine Schilderung der politischen Ereignisse, die auf die Regierung Artabans
folgten, erübrigt sich hier; sie sind verworren und zeugen von Aufständen und

210
Bürgerkriegen im parthischen Reich, das eine Zeitlang in einen östlichen Teil
unter Gotarzes II. und einen westlichen Teil unter Vardanes zerfallen war. Wir
werden uns den inneren Umwandlungen im Partherreich zuwenden, dabei aber
stets die politischen und militärischen Geschehnisse, die die Unruhe dieser
Zeiten spiegeln, im Auge behalten.
Da unsere Primärquellen für die parthische Geschichte auf griechische oder
römische Autoren zurückgehen, ist diese verständlicherweise als eine Reihe von
Kriegen zwischen dem parthischen und dem römischen Reich dargestellt, wobei
die Überlegenheit zumeist den Römern zugeschrieben wird. Die hervorragende
Rolle, die dem römischen Reich als Nachfolgerin des Achämenidenreiches und
des Reiches Alexanders des Großen zukommt, sollte nicht zu einer
Unterschätzung der großen Probleme führen, die dem Partherreich an seinen
nördlichen und östlichen Grenzen erwuchsen. Diese waren für die Parther oft
wichtiger und gefährlicher als die Beziehungen zu den Römern im Westen. Am
Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. erhob sich im östlichen Iran ein machtvolles
neues Königreich, das Reich der Kušān.
Die Nachrichten weisen auf Kaniška als den Begründer der Kušān-Macht; er
ist der Dareios seines Reiches. Inschriftenfragmente aus Indien und aus
Chwarezm, beides Randgebiete des Kušān-Reiches, dessen Kerngebiet in
Baktrien, dem heutigen Afghanistan zu suchen ist, bezeugen die Existenz eines
weitverbreiteten Systems einer Zeitrechnung, das vermutlich die seleukidische
Zeitrechnung im westlichen Iran nachahmte. Diese Ära begann vermutlich mit
dem Jahr 78 n. Chr. Wir wissen nicht, ob Kaniška die neue Zeitrechnung
einführte, da über seine Daten keine Gewißheit besteht; unter Kaniška erscheinen
jedoch auf den Kušān-Münzen iranische Legenden in griechischer Schrift an
Stelle von griechischen Legenden.5 Kaniška war auch ein großer Förderer des
Buddhismus. Während seiner Regierungszeit setzte vermutlich eine rege
buddhistische Missionstätigkeit in Zentralasien ein. Aus chinesischen Quellen
erfahren wir die interessante Tatsache, daß einer der bedeutendsten
buddhistischen Missionare, die im Jahr 148 n. Chr. China besuchten, ein
parthischer Fürst war.6
Über die Beziehungen der Parther zu den Kušān oder zu Indien erfahren wir
leider nichts, und über die erhaltenen zahlreichen und verschiedenartigen
Münzen aus dem östlichen Iran lassen sich nur Vermutungen äußern, denn sie
verraten nur wenig von der Geschichte eines so umfangreichen Gebietes. Nach
den Münzen zu urteilen, scheinen eine Reihe kleiner »indo-parthischer«
Fürstentümer bestanden zu haben. Einige von ihnen dienten vielleicht als
Pufferstaaten zwischen den Kušān und den Parthern und waren, ähnlich wie
diejenigen an der Westgrenze des parthischen Reiches, über die wir weit besser
unterrichtet sind, von der einen oder der anderen Macht abhängig.
Man darf nicht vergessen, daß die Parther niemals eine ähnlich strenge
Zentralisierung der Macht wie ihre Vorgänger, die Achämeniden, oder ihre
Nachfolger, die Sassaniden, erreicht haben. Manche der halbselbständigen

211
parthischen Gebiete waren nur Städte, wie Seleukeia und Hatra, während es sich
bei anderen um große Staaten, wie Armenien im Norden und die Persis im
Süden, handelte. Zwischen diesen beiden Staaten lagen andere wie Osroene mit
der Stadt Edessa als Mittelpunkt, Gordyene, Adiabene, Mesene oder Characene
und Elymais. Es ist verständlich, daß spätere arabische und persische Historiker
diesen Geschichtsabschnitt als Zeit der zahlreichen »Stammeskönige«
bezeichnen. Deshalb ist es auch so schwierig, die vorsassanidische Geschichte
Irans zu erschließen. Bei der Untersuchung der kulturellen und religiösen
Entwicklung muß also die politische Zerrissenheit des parthischen Reiches, die
den Hintergrund bildet, berücksichtigt werden.
Je weiter sich die Parther vom Iranischen Plateau entfernten und nach Westen
den Ebenen Mesopotamiens entgegenzogen, um so stärker wirkten sich die
hellenistischen und nahöstlichen Einflüsse auf ihre Kultur und Kunst aus. Ihre
älteste Hauptstadt lag im nordöstlichen Iran, dann folgten als Hauptstädte
Hekatompylos, vermutlich in der Nähe des heutigen Damghan, Ekbatana und
schließlich Ktesiphon, während Ekbatana anscheinend als Sommerresidenz
beibehalten wurde. Ekbatana, das heutige Hamadan, diente offenbar unter
Phraates II. (etwa 138–128 v. Chr.) als Hauptstadt, die Stadt Nisā im parthischen
Stammland hatte sich inzwischen zu einem Kultmittelpunkt entwickelt, da sich
dort die Grabstätten der älteren Könige befanden.7 In Nisā haben russische
Archäologen zahlreiche parthische Gegenstände, darunter mehr als zweitausend
Ostraka (beschriftete Scherben von Tongefäßen) mit aramäisch geschriebenen,
aber parthisch zu lesenden Inschriften entdeckt, die eine Zeitspanne von 100–13
v- Chr. umfassen. Diese Ostraka handeln vorwiegend von Wein und Weingärten
und zeigen, welche Bedeutung dem Weinbau im alten Iran zukam. Dafür
sprechen auch die zahlreichen dionysischen und bacchantischen Motive auf
parthischen und sassanidischen Kunstgegenständen.
In Nisā kamen eine Reihe elfenbeinerner Rhyta zutage; bei einigen standen die
geschnitzten Darstellungen in der Tradition der hellenistischen Kunst, während
sie bei den anderen »orientalische« Einflüsse zeigten.8 Die Auswirkungen dieser
beiden Einflußsphären sind ein charakteristisches Merkmal der frühen
parthischen Kunst. Das hellenistische Element in der parthischen Kunst würde
man gern dem Königshof, die »orientalischen« Einflüsse aber der Nobilität
zuweisen, was gut zu der vermuteten Schutzherrschaft des Königs über die
Städte mit ihrer hellenisierten Bevölkerung passen würde, die ein Gegengewicht
gegen den lokalen Adel bildeten. Eine solche kulturelle Aufteilung hat in
Wirklichkeit aber wohl niemals bestanden, und wir möchten annehmen, daß
beide Stile, wenn man sie so bezeichnen darf, sowohl in den provinziellen
Zentren als auch in der Hauptstadt nebeneinander existierten. Im 1. Jahrhundert
n. Chr. wurde jedoch der von der griechischen Kunst beeinflußte Stil aufgegeben,
und es entstand jene Kunst, die von den Kunsthistorikern als typisch parthisch
bezeichnet worden ist.

212
Zwei hervorstechende Merkmale dieser Kunst sind die Frontalität und das
Motiv des fliegenden Galopps. Das letztere wollen wir hier nicht näher erörtern,
obwohl es gewisse Probleme birgt; die Frontalität verlangt jedoch eine
eingehendere Betrachtung, weil sie in einem so auffälligen Gegensatz sowohl zur
vorhergehenden hellenistischen als auch zur gleichzeitigen römischen
Darstellungsweise der menschlichen Gestalt steht.9 Die Frontalität in der
parthischen Kunst bedeutet mehr als nur die Wiedergabe des Menschen en face.
Die strenge Symmetrie und die hieratische Erscheinung des Dargestellten sind
ebenso bezeichnend wie die genaue Vorderansicht der Gestalt. Meines Erachtens
hat diese Darstellungsweise ihren »Ursprung« weder in Syrien, Griechenland
noch im Partherreich, sondern war eine allgemeine Erscheinung im gesamten
Nahen Osten zur Zeit Christi. Nur die griechisch- römische Welt bildete noch
immer die Meisterwerke des Goldenen Zeitalters Griechenlands nach, und erst
mit dem Eindringen orientalischer Religionen einschließlich des Christentums
breitete sich dieser östliche Stil auch im römischen Reich aus. Die Vorliebe für
das Prinzip der Frontalität in der Kunst geht parallel mit dem Aufkommen
orientalischer Sekten, die zum größten Teil Mysterienkulte mit dem Ziel der
Erlösung des Individuums waren. Unglücklicherweise wissen wir so gut wie
nichts über die Religionen im parthischen Bereich.
Wenn wir allein auf die archäologischen Überreste aus der Partherzeit im Iran
angewiesen wären, müßten wir annehmen, daß Kulte des Herakles, Dionysos
und anderer hellenistischer Gottheiten – die meisten wahrscheinlich mit lokalen
Kulten und Göttern verschmolzen – in Blüte gestanden hätten.10 Aber derartige
Kulte dürften wohl eher den heutigen Logen, Bruderschaften oder
Trinkgenossenschaften entsprochen haben. Sowohl vor als auch nach der
Partherzeit stand die kultische Verehrung Ahuramazdāhs in Blüte; deshalb
möchten wir annehmen, daß auch unter den Parthern der Kult dieses Gottes
vorherrschend war. Zugleich scheint aber das religiöse Unbehagen, das zu dieser
Zeit den größten Teil des Nahen Ostens ergriffen hatte, auch das Partherreich
erfaßt zu haben.
Der Judaismus, über den wir besser unterrichtet sind als über andere
Religionen, ist beispielhaft für die allgemeine religiöse Situation. Die
Schriftrollen vom Toten Meer haben die Auffassung bestätigt, daß der Judaismus
zu Beginn unserer Zeitrechnung keineswegs eine in sich geschlossene und
»normative« Religion gewesen ist. Wir wissen jetzt außer von den Jüngern Jesu
auch mehr über die Essener, die Samaritaner, die Anhänger Johannes des
Täufers. Wir wissen, daß die Königsfamilie von Adiabene im 1. Jahrhundert zum
jüdischen Glauben übergetreten ist und daß es in Mesopotamien – und
zweifellos auch in anderen parthischen Gebieten – große jüdische Gemeinden
gegeben hat.11
Gnostische Spekulationen und die Bemühungen, die Rätsel des Universums zu
ergründen, waren nicht nur in Alexandria und in Antiochia, sondern sicherlich
ebenso in Ktesiphon und weiter im Osten verbreitet. Es ist sehr wahrscheinlich,

213
daß sich die Mandäer, die es noch heute im südlichen Irak gibt, in
spätparthischer Zeit zu einer Sekte zusammengeschlossen haben. Über die
Ursprünge der Mysterien des Mithraismus, Zervanismus und anderer iranischer
religiöser Bewegungen sind weder Nachrichten erhalten, noch liegen Hinweise
für ihre Existenz im Iran vor. Aber die im römischen Reich weitverbreitete
Neigung zu Zeitspekulation, Mysterienreligionen, Gnostizismus und
Erlösungskulten muß bei den Parthern zumindest ein Echo ausgelöst haben.12
So stellt sich das 1. Jahrhundert n. Chr. als eine Epoche der Umwandlungen
dar, die bis in das 2. Jahrhundert hinein anhielten; dieses wieder könnte man
charakterisieren als ein Jahrhundert, in dem eine Abwendung von älteren
Glaubens-, Gesellschafts- und Kulturformen erfolgte. Das Partherreich hatte
damals in politischer Hinsicht den tiefsten Stand erreicht, und die Römer nutzten
diese Schwäche mehrmals zu Einfällen in Mesopotamien. Im Jahr 115 wurde
Ktesiphon von Trajan, 165 von dem General Avidius Cassius und 198 von
Septimius Severus eingenommen. Doch selbst während dieser Zeit blieben die
Parther gefährliche Feinde, die den römischen Armeen mehrere Niederlagen
beibrachten. Der Zentralisierung der Macht im römischen Reich standen bei den
Parthern entgegengesetzte Tendenzen gegenüber. Die Parther konnten jedoch
häufig mit antirömischen Strömungen und manchmal sogar mit der
Unterstützung durch Vasallenstaaten in Mesopotamien, der Juden, Araber oder
anderer Staaten im Nahen Osten rechnen. Aus lateinischen Quellen erfahren wir,
daß sowohl die gepanzerte schwere (cataphracti) als auch die mit Pfeil und Bogen
leicht bewaffnete Kavallerie der Parther von den Römern gefürchtet wurde. Der
»parthische Schuß« – so bezeichnete man den Pfeilschuß eines fliehenden
Reiters, der sich plötzlich im Sattel umwendete und auf seinen Verfolger zielte –
galt bei den Römern als eine beachtenswerte Taktik. Aus Äußerungen Strabos,
Tacitus’ und anderer Autoren geht klar hervor, daß die Römer das Partherreich
als einen des römischen Reiches würdigen imperialen Rivalen betrachteten.
Die Nachfrage nach den von den Römern so begehrten Luxusgütern aus dem
Orient brachte den Kaufleuten in den parteiischen wie auch in anderen Ländern
ein einträgliches Geschäft. Der anwachsende Handel mit Spezereien, Parfümen
und sonstigen Luxusartikeln ließ Karawanenstädte wie Petra, Palmyra, Hatra
und Charax am Persischen Golf aufblühen. Unter der Herrschaft der Parther
wurden die Handelsbeziehungen mit China wie auch mit dem römischen Reich
gepflegt, und die direkten Beziehungen der Römer zu Indien und dem Reich der
Kušān waren wohl kaum eine Folge der politischen Differenzen mit dem
Partherreich, sondern hatten eher wirtschaftliche Gründe, z.B. die Ausnutzung
der Monsunwinde für die Schiffahrt. Während der langen Zeit der parthischen
Herrschaft in Iran fand vermutlich ein Austausch zahlreicher Pflanzen, Früchte
und anderer Produkte zwischen Europa und dem Fernen Osten statt. Der
Granatapfelbaum z.B. gelangte wahrscheinlich zu dieser Zeit von Iran nach
China, während der Pfirsich und die Aprikose den entgegengesetzten Weg
nahmen.13 Die Entdeckung eines achämenidischen Teppichs bei archäologischen

214
Ausgrabungen in Sibirien weist auf die jahrhundertealte Überlegenheit Irans in
der Kunst der Teppichknüpferei. Das bestätigen auch Berichte über
Gesandtschaften, die als Geschenke edle Teppiche und Brokatstoffe nach China
mitführten.14 Alles spricht dafür, daß während der Partherherrschaft die
Kunstwerkstätten Irans noch immer in Blüte standen, wenn ihre Erzeugnisse
auch nicht immer unserem Geschmack entsprechen mögen.
In der Geschichte der iranischen Literatur hat die Partherzeit eine bedeutende
Rolle gespielt. Außer einigen Inschriften sind uns freilich keine zeitgenössischen
Werke erhalten geblieben, in der späteren neupersischen Literatur sind jedoch
Spuren parthischen Einflusses nicht selten. Wir haben schon erwähnt, daß die
Zeit der Partherherrschaft in der arabischen und neupersischen Literatur als eine
dunkle Zeit zahlreicher Stammeskönige angesehen wurde. Das Šāhnāme, das
»Buch der Könige«, das der Dichter Firdōsī zu Beginn des 11. Jahrhunderts in
Verse gesetzt hat, spiegelt jedoch die Sagen, das Ritterwesen und die Bräuche der
Partherzeit. Ich möchte bezweifeln, daß es damals bereits geschriebene
Geschichtswerke gab, und möchte eher annehmen, daß Barden oder Spielleute,
die man gōsān (armenisch gusan) nannte, epische Erzählungen vorgetragen
haben.15 Obwohl den Aškaniern, wie die Parther im Neupersischen genannt
werden, im Nationalepos des Firdōsī nur ein paar Zeilen gewidmet sind, stellen
die Sagen von den alten Königen sicherlich ein Abbild des »feudalen« Charakters
der Partherzeit dar, etwa so, wie sich in den Heldentaten Rustams Züge des
griechischen Herakles spiegeln. Da verläßliche Nachrichten fehlen, bleibt die
Forschungsarbeit auf diesem Gebiet schwierig und auf Vermutungen beschränkt.
Der Mangel an Nachrichten aus der Partherzeit ist zweifellos vor allem auf das
schwerfällige Schriftsystem der Parther zurückzuführen. Wie schon erwähnt,
blieb das Aramäische (sowohl Schrift als auch Sprache) zumindest während des
1. Jahrhunderts n. Chr. der schriftliche Vermittler des Parthischen (das
Pergament von Awroman und die Inschriften von Mtskheta). Im 3. Jahrhundert
finden wir jedoch in den Inschriften der frühen Sassanidenkönige geschriebenes
Parthisch, das zwar noch zahlreiche aramäische Ideogramme enthält. Was hatte
zu einer Änderung des Schriftsystems im 2. Jahrhundert geführt? Die
einleuchtendste Erklärung ist wohl die, daß es im ganzen parthischen Bereich
immer weniger Schreiber gab, die das traditionelle Aramäisch beherrschten.
Diese Entwicklung währte sicherlich von der Zeit der Nisā- Ostraka bis in das 3.
Jahrhundert hinein. Leider haben wir keine Belege aus dem 2. Jahrhundert, die
die Kontinuität, die wir voraussetzen müssen, zeigen könnten. Die
Orientalisierung der Parther auf Kosten ihrer Hellenisierung mag zu der
Entwicklung des parthischen Schriftsystems, wie es sich uns im 3. Jahrhundert
darstellt, beigetragen haben, doch kann man dazu nur Vermutungen äußern.16
Das 3. Jahrhundert brachte, abgesehen von der neuen religiösen,
künstlerischen und übrigen kulturellen Entwicklung, eine Reihe von
Umwälzungen im Nahen Osten, die die Rolle Irans und des römischen Reiches
gänzlich vertauschten. Glücklicherweise steigt nun die Zahl der Urkunden

215
außerordentlich an, da sich die Sassaniden ihrer historischen Rolle offenbar in
weit größerem Maße bewußt gewesen sind, als es die Parther waren. Für den
Aufstieg der Sassaniden liegen nicht nur klassische Quellen, sondern auch
iranische Inschriften und die späteren Pahlevi-Bücher sowie arabische,
armenische, syrische und neupersische Werke vor, in denen die älteren
Überlieferungen erhalten sind. Man könnte sagen, daß mit dem 3. Jahrhundert
im Nahen Osten eine weitverbreitete, vielsprachige literarische Aktivität
einsetzte. So war das 3. Jahrhundert, in dem der Umwandlungsprozeß seinen
Höhepunkt erreichte, eigentlich sogar bedeutungsvoller als die vorhergehenden
Jahrhunderte.
Der durch einen Rebellen in der Persis, der heutigen Provinz Fārs,
herbeigeführte Sturz der Dynastie der Arsakiden hatte mannigfaltige Ursachen.
Der Druck der römischen Waffen mag in gewissem Maße zu einer Schwächung
des Partherreiches beigetragen haben, ernster waren jedoch die inneren
Auflösungstendenzen, die den Sassaniden den Weg bereiteten. Der Partherkönig
Volagases V. hatte in Artaban V. einen Rivalen; aber es ist nicht genau bekannt,
welche Gebiete den beiden Herrschern Untertan waren. Aus einer in Susa
gefundenen Inschrift aus dem Jahr 215 geht hervor, daß Artaban dort als
Oberherr anerkannt war, während Volagases zumindest einen Teil dieser Zeit
Ktesiphon und den Norden beherrschte.17
Caracallas Einfall in parthisches Gebiet im Jahr 216 fällt mit dem Aufstand
Ardašīrs, des Sohnes des Papak, eines parthischen Vasallen in Persien,
zusammen. Über die Erhebung Ardašīrs liegen mehrere Berichte vor: eine
offizielle Version, die sich in Königsinschriften und einigen späteren
Geschichtswerken findet, eine romantische, vom Volk bewahrte Version, die das
Pahlevi-Kārnāme, das »Buch der Taten« des Ardašīr, spiegelt, und schließlich eine
römische, feindliche Version. Die erste Version sollte trotz ihrer Übertreibungen
und des Stolzes auf die Dynastie als die zuverlässigste angesehen werden, denn
nur sie kann sich auf zeitgenössische Urkunden, auf in Stein gemeißelte Edikte,
stützen.18
Eine Inschrift Šāpūrs, des Sohnes Ardašīrs, auf einer Säule, die bei
Ausgrabungen in Bišāpūr entdeckt wurde, gibt das Datum der Inschrift in
dreifacher Weise: » ... des Jahres 58, von dem Feuer des Ardašīr das Jahr 40, von
dem Feuer des Šāpūr, des Königs der Feuer, das Jahr 24.« Leider sind die Daten
der frühen sassanidischen Könige unsicher, so daß sich das genaue Datum der
Inschriften nicht ermitteln läßt. Einige Gelehrte meinen, Artaban sei im Jahr 224
von Ardašīr besiegt und getötet worden, andere möchten das Geschehen in das
Jahr 226, dem man jetzt den Vorzug gibt, datieren. Wenn man die Stiftung des
Feuers des Ardašīr in das Jahr 226 verlegt, muß die Inschrift von Bišāpūr im Jahr
266 eingemeißelt worden sein. Der Ausdruck »Feuer« bezeichnet vermutlich den
Beginn einer Regierung oder ein wichtiges Ereignis, wofür als ein Symbol ein
besonderes Feuer entfacht und immer brennend erhalten wurde.19

216
Papak regierte in Istakhr, in der Nähe der Ruinen von Persepolis, während
Ardašīr unter der Oberherrschaft seines Vaters in Gōr, dem heutigen Fīrūzābād,
südöstlich von Šīrāz, das Zepter führte. Šāpūr, Papaks ältester Sohn, war der
Nachfolger seines Vaters, aber Šāpūr verlor bei einem Unfall das Leben, und
Ardašīr wurde vermutlich im Jahr 208 – das ist das erste Datum der Bišāpūr-
Inschrift – Herrscher über die Persis. Ardašīr festigte seine Macht und eroberte
die benachbarten Gebiete Kirman, Isfahan und Elymais, ehe er sich gegen seinen
parthischen Oberherrn wandte. Der Krieg mit Artaban scheint etwa drei Jahre
gedauert zu haben, aber auch nach dem Tod Artabans kämpften die Parther
weiter, bis einige der Arsakidenfürsten schließlich nach Armenien flohen. Dort
regierte eine Seitenlinie der parthischen Königsfamilie bis zum Jahr 428.
Man hat bisher zwar immer von dem plötzlichen Wechsel von dem feudalen,
lockeren Staatsgefüge der Parther zu der zentralisierten Monarchie der
Sassaniden gesprochen, dieser Übergangsprozeß muß jedoch eine ziemlich lange
Zeit erfordert haben. Aus Inschriften wissen wir, daß sich Šāpūr selbst als König
über zahlreiche andere Könige, von denen einige mit Namen genannt sind,
betrachtete. Der alte und gewichtige Titel »Satrap« hatte an Bedeutung verloren,
bis er in sassanidischer Zeit schließlich nur mehr den Bürgermeister einer Stadt
mit ihrem umliegenden Gebiet bezeichnete. Das Auftreten neuer Titel am Hof –
Anzeichen einer entstehenden Bürokratie – zeigt uns, daß die Sassaniden die
parthischen Institutionen nicht einfach übernahmen, sondern sie
weiterentwickelten. Ein eingehendes Studium der vielfältigen Titulatur und der
Bürokratie der Sassaniden würde zu einer Klärung mancher Aspekte des
sassanidischen Staatswesens beitragen.
In seinem Verhältnis zur Religion offenbart sich wohl der bedeutsamste
Aspekt des neuen sassanidischen Staates. Vor dreißig Jahren, als die Inschriften
des Hohenpriesters Kartīr noch nicht entziffert waren, wußte man von der
zoroastrischen Religion zu Beginn der Sassanidenzeit nur wenig. In späteren
Schriften ist überliefert, daß ein Priester, dessen Name Tansar lautet, die
zoroastrische Religion auf Befehl Ardašīrs erneuert habe. Dank der vier
Inschriften des Priesters Kartīr sind wir über die Anfänge der Staatskirche des
sassanidischen Iran jetzt besser unterrichtet. Man hat die Vermutung geäußert,
daß Kartīr mit Tansar identisch sei, aber es gibt keine Beweise dafür.
Glücklicherweise korrespondieren die vier Inschriften, die zwar nicht identisch
sind, wenigstens in Teilen, denn zwei sind länger als die beiden anderen. So
ergänzen sie einander und ermöglichen die Rekonstruktion der Botschaft Kartīrs
an die Nachwelt. Aus Kartīrs Inschrift bei dem heutigen Sar Mašhad erfahren
wir, daß sein voller Name Kartīr Hangirpe20 lautete. Kartīrs Aufstieg begann
unter Šāpūr I., in dessen Inschrift sein Name mit dem Titel herbad weit unten in
der Liste der Notabeln erscheint. Andere Nachrichten lassen vermuten, daß
herbad zu dieser Zeit einfach »Priester«, d.h. ein mit den Aufgaben des Kultes
und der Rezitation betrauter Mann, bedeutete. Kartīrs Stellung als Hofpriester
muß zu seinem Aufstieg beigetragen haben, denn er begleitete Šāpūr auf den

217
Feldzügen in Westasien und diente ihm als geistlicher und wohl auch als
allgemeiner Ratgeber. In seiner Inschrift, die wie die große Inschrift Šāpūrs auf
der Ka’be des Zoroaster in Naqš-i Rustam eingemeißelt ist, berichtet Kartīr von
seiner Beförderung zu einer hohen einflußreichen Stellung durch Šāpūr und wie
er, Kartīr, neue Feuertempel gebaut und dazu beigetragen habe, die
zoroastrische Religion im ganzen Reich zu verbreiten, wie er in Gebieten
außerhalb Irans einschließlich des östlichen Anatolien und der Kaukasusländer
neue Feuer entfacht und Priester eingesetzt habe. Dieser neue Beleg für eine
zoroastrische Missionstätigkeit in Kilikien, Kappadokien und anderen
außeriranischen Ländern bestätigt die spärlichen literarischen Nachrichten über
Magier und »zoroastrische« Kulte innerhalb des römischen Reiches.
Kartīr belohnte loyale Priester und bestrafte andere, die ketzerische
Meinungen vertraten. Später rief er zu einer Verfolgung der Juden, Buddhisten,
Hindu, der einheimischen Christen (Nasoräer) und der griechischen Christen
(aus Antiochia?), die in den Inschriften Krstydan genannt werden, der Mandäer
(Mktky) und Manichäer (Zndyky) auf.21 Die interessanten Inschriften Kartīrs
haben neue Züge des Zoroastrismus und zahlreiche Details enthüllt, deren
Bedeutung nur durch eingehendes Studium zu erschließen sein wird. Es ist
faszinierend, die Chronik des ständigen Aufstiegs Kartīrs in den Inschriften zu
verfolgen. Šāpūrs Sohn, Ōhrmizd (272–273), verlieh Kartīr den neuen Titel
Ahuramazdāh magupat, »Oberster der Magier des Gottes Ahuramazdāh«, und
vergrößerte seine Macht und seinen Einfluß. Als äußeres Zeichen dieser Würde
verlieh er ihm eine besondere Kopfbedeckung und einen Gürtel. Bahrām I., der
Bruder Ōhrmizds (273–276), bestätigte Kartīrs Privilegien und hob sein Ansehen.
Bahrām II. (276–293) förderte ihn sogar noch mehr, indem er ihn in den
Adelsstand erhob und ihn zum obersten Priester und höchsten Richter im
ganzen Reich ernannte. So stieg ein Priester zum höchsten gesellschaftlichen
Rang auf. Obwohl der Titel nicht ausdrücklich erwähnt ist, muß es sich hierbei
um die Stiftung des Amtes des mobadānmobad, wörtlich des »Hauptpriesters der
Hauptpriester«, eine Parallelbildung zu dem Titel »König der Könige«, handeln.
Dazu wurde Kartīr mit der Versorgung des Hauptfeuertempels des Reiches zu
Istakhr in der Heimat der Sassaniden-Dynastie betraut. Dieser Tempel war der
Göttin Anahita, der Schutzgottheit Ardašīrs, des Gründers des sassanidischen
Reiches, geweiht. Zu all diesen Ernennungen verlieh ihm Bahrām II., um die
enge persönliche Bindung zwischen Priester und König hervorzuheben, den
persönlichen Beinamen »der Seelenretter des Bahrām«.
Kartīr war nicht bescheiden, denn er fährt in seinem Bericht fort, daß er
zahlreiche Feueraltäre für sein eigenes Haus, vermutlich Verwandte und
Freunde, gestiftet und sich stets um seinen Glauben und um seinen König
verdient gemacht habe. In der manichäischen Literatur wird Kartīr übrigens als
Verfolger Manis unter König Bahrām I. erwähnt. In den koptischen Homilien
wird er Kardel, in einem parthischen Fragment aus Turfan qyrdyr und in einem

218
mittelpersischen Fragment aus Turfan kyrdyr, Sohn des Ardavan (Artaban)22,
genannt.
Wir können hier auf die Geschichte Kartīrs nicht ausführlicher eingehen, eine
Stelle in seinen Berichten verdient jedoch angeführt zu werden, da sie von den
bisher erwähnten Nachrichten abweicht. In seiner Inschrift von Naqš-i Rajab, der
von Naqš-i Rustam (hinter dem Pferd des Šāpūr) und der von Sar Mašhad legt
Kartīr ein persönliches Glaubensbekenntnis ab, das in seiner Schlichtheit und
Unmittelbarkeit bemerkenswert ist. Er sagt darin, daß es einen Himmel und eine
Hölle gäbe und daß ein guter Mensch nach dem Tod in den Himmel, ein böser
aber in die Hölle eingehe. Aber derjenige, der guten Willens sei, würde schon
während seiner Lebenszeit durch inneren Frieden und Glückseligkeit belohnt
werden. Er betont, daß die Erfüllung der Riten und Rituale für die Erlösung
wesentlich sei. Einige sehr schlecht erhaltene Stellen der Inschrift von Sar
Mašhad verraten wenigstens etwas über das persönliche religiöse Erlebnis
Kartīrs; er gibt eine Art apologia pro vita sua, die man ihres visionären Charakters
wegen vielleicht mit der Geschichte von der Bekehrung des Paulus auf dem Weg
nach Damaskus oder auch mit Dantes Abstieg zur Hölle vergleichen könnte.
Kartīr wünschte, daß sein Name der Nachwelt erhalten bliebe, und dieses Ziel
hat der außergewöhnliche Priester erreicht.
Wir wissen nicht, wie es Kartīr weiterhin ergangen ist. Sein Name erscheint
zum letztenmal in den Inschriften des Narseh in Paikuli, aber der Kontext ist
unklar, so daß uns sein Schicksal verborgen bleibt. In späteren literarischen
Quellen ist sein Name nicht überliefert, was möglicherweise auf einen
Widerstand gegen Kartīr und sein Werk deutet. Seine Inschriften sind jedoch
weder ausgetilgt noch verändert worden, obwohl Tilgung und Änderung von
Inschriften im sassanidischen Iran üblich waren.23 Es mögen irgendwelche
anderen, vielleicht sogar triviale Gründe und nicht ausgesprochene Opposition
gewesen sein, die es verhindert haben, daß Kartīrs Name in spätere literarische
Quellen aufgenommen wurde, denn sein Werk der Organisierung und des
Aufbaus der zoroastrischen Kirche als Partner der Staatsherrschaft bestand
weiter.
Das Gedeihen der sassanidischen Kirche wurde wahrscheinlich noch gefördert
durch den Wettstreit mit den oben erwähnten, von Kartīr verfolgten Religionen.
Der gefährlichste Konkurrent war wohl der Manichäismus, obwohl auch die
anderen Glaubensrichtungen eine Missionstätigkeit entfalteten. Es gibt
Anzeichen dafür, daß der Manichäismus als das Symbol des neuen Zeitalters
verstanden und deshalb von den Anhängern anderer Religionen so erbittert
gehaßt wurde. Der Manichäismus war eine gnostische synkretistische von Mani
gestiftete Religion. Von Manis Leben sind keine genauen Daten überliefert, sein
Wirken fällt jedoch in die Mitte des 3. Jahrhunderts. Für seine Anhänger verfaßte
er Rezitations- und Lesebücher, die er in viele Sprachen übersetzen ließ. Man hat
den Manichäismus mit dem heutigen Bahaismus verglichen, und es gibt
tatsächlich einige interessante Parallelen, doch können wir uns hier nicht mit

219
dogmatischen und theologischen Fragen befassen. Jedenfalls scheint die hohe
Bedeutung, die der Manichäismus heiligen Schriften zumaß – wenn er auch nicht
als der Ursprung des Konzepts einer Religion mit einer heiligen Schrift
angesehen werden sollte –, einen starken Einfluß zumindest auf die Zoroastrier
ausgeübt zu haben. So wurde das Awesta unter sassanidischer Herrschaft
wahrscheinlich mehrmals gesammelt und redigiert. Auch die Juden in
Mesopotamien begannen mit der Abfassung des Talmud und anderer Schriften,
während die Anhänger der übrigen Religionen zu dieser Zeit vermutlich mit
ähnlichen Unternehmen beschäftigt waren. Die Grundlagen für das spätere
mittelalterliche Konzept der Religionen im Nahen Osten sind offensichtlich
bereits im 3. Jahrhundert, der Zeit des Origenes und anderer Kirchenväter,
geschaffen worden. Es ist die Zeit des Zusammenschlusses religiöser
Gemeinden, wie des Exilarchats (reš galūtha) der jüdischen Diaspora im
sassanidischen Bereich, sowie der Organisation der christlichen Kirche in
Mesopotamien unter Bischöfen und einer festen Hierarchie. Das gleiche gilt für
die Manichäer und andere Glaubensgemeinden. Die Religionsgemeinschaften
wurden nach dem Vorbild des Staates oder des Heeres organisiert, um sie
lebensfähig zu erhalten. Das spätere Minoritäten- oder millet-System der
islamischen Welt, in dem jede religiöse Minderheit unter einem der islamischen
Zentralregierung für alle Mitglieder seiner Gemeinde verantwortlichen obersten
Führer lebte, scheint sich im 3. Jahrhundert im Sassanidenreich herausgebildet
zu haben. Obwohl keine direkten Beweise vorliegen, deuten doch viele
Anzeichen auf eine solche Entwicklung zu dieser Zeit. Mit anderen Worten, es
scheint, als ob die Sassaniden für zahlreiche Institutionen im späteren Nahen
Osten schon den Weg bereitet hätten, als die Römer noch immer von der großen
griechischen Vergangenheit und dem Ruhm des frühen Reiches zehrten. Die
Überlegenheit Irans in der Mitte dieses Jahrhunderts trat nirgends deutlicher
hervor als auf dem Schlachtfeld. Zum erstenmal wurde ein römischer Kaiser von
den Persern gefangengenommen. Zwar hatte schon Ardašīr, während er sein
Reich begründete, mit den Römern gekämpft, aber erst sein Sohn Šāpūr sollte
den Römern die größte Niederlage zufügen, die sie jemals aus der Hand ihrer
östlichen Feinde hinnehmen mußten.
Es ist jetzt möglich, die römischen Quellen mit der dreisprachigen Inschrift
(griechisch, parthisch und mittelpersisch, die Sprache der Sassaniden) Šāpūrs auf
der Ka’be des Zoroaster zu vergleichen, ein gutes Beispiel dafür, wie die
betreffenden Tatsachen von den Römern und den Persern unterschiedlich
dargestellt werden.24 Nach römischer Version hatten die Sassaniden den Krieg
eröffnet, und der Kaiser Gordian III. mußte den Angriff des Feindes abwehren.
Nach Šāpūrs Version war jedoch Gordian der Angreifer gewesen. In diesem Fall
scheint Šāpūr nicht etwa einen Feldzug gegen Rom, sondern gegen verschiedene
unabhängige Kleinstaaten geführt zu haben, und um das Jahr 242 war es ihm
gelungen, Hatra, das früheren Eroberungsversuchen der Römer und Parther
erfolgreich Widerstand geleistet hatte, einzunehmen. Danach wandte er sich

220
gegen Osroene, das sich ergab, und dieses Ereignis rief wahrscheinlich die
Römer auf den Plan. Nach Šāpūrs Bericht wurde der Kaiser während einer
großen Schlacht getötet, und Philippus Arabs, der neue Kaiser, mußte um
Frieden bitten. Das Schlachtfeld am Euphrat, das später al-Anbar hieß, erhielt
den Namen Pērōz-Šāpūr, »Sieg Šāpūrs«. Šāpūr behauptet, Philippus habe eine
Million Dinare als Buße zahlen müssen, was die römischen Quellen natürlich
verschweigen. Nach Šāpūrs Darstellung war der zweite Krieg ausgebrochen,
weil sich die Römer nicht an das Abkommen über Armenien gehalten hatten. Die
Sassaniden hatten daraufhin, was in den römischen Quellen nicht erwähnt wird,
ein römisches Heer von 60000 Mann vernichtet, waren in Syrien und
Kappadokien eingefallen und hatten Antiochia, die Hauptstadt des Ostens,
sowie zahlreiche andere Städte erobert. Der Zeitpunkt dieses Unternehmens ist
umstritten, da einige Gelehrte der Ansicht sind, daß es sich um zwei Feldzüge, in
den Jahren 253 und 256, handeln müsse. Zwei Ereignisse scheinen jedoch eher
auf das Jahr 256 zu deuten: das eine ist die Einnahme der römischen
Grenzfestung Dura-Europos am Euphrat durch die Sassaniden, das andere die
Gefangennahme des Bischofs Demetrios von Antiochia, die in das Jahr 256 fallen
dürfte und mit der seine Herrschaft über Antiochia endet.25 Es bleiben zwar
noch viele ungelöste Fragen, doch scheinen sich die Ereignisse der oben
angeführten Chronologie am besten einzufügen.
Im dritten Krieg, als Šāpūr Edessa und Carrhae belagerte, ging der Kaiser
Valerian zum Angriff über. Der Inschrift zufolge wurde Valerian in der sich
entwickelnden Schlacht von Šāpūr selbst gefangengenommen; aber auch der
Präfekt der Prätorianer und zahlreiche hohe römische Offiziere gerieten in
Gefangenschaft. Das geschah vermutlich im Jahr 260, nachdem die Perser
Antiochia und viele andere Städte in Kappadokien, Kilikien und Syrien aufs
neue erobert hatten. Die zahlreichen Gefangenen, die in sassanidische Hand
gefallen waren, wurden in den heutigen Provinzen Fārs und Chusistān
angesiedelt. Der übrige Teil der Inschrift Šāpūrs bezieht sich auf die königliche
Familie und den Hof; er ist für die Geschichte der Sassaniden von großer
Bedeutung, kann in diesem Zusammenhang aber nicht erörtert werden.
Der große Zustrom an Kriegsgefangenen hatte einige interessante Folgen, die
Christengemeinden im südlichen Mesopotamien und Iran entsprangen nämlich
dieser Ansiedlung. Ein Teil der Gefangenen fand eine neue Heimat in einer
neugegründeten Stadt, die den Namen erhielt »Besser als Antiochia hat Šāpūr
(diese gemacht)«. Die Stadt entwickelte sich später zu dem berühmten geistigen
Mittelpunkt Gundešāpūr. Von Kriegsgefangenen wurden die Dämme am Karūn
bei dem heutigen Tustar und Ahwāz erbaut, von denen noch Überreste erhalten
sind. Anzeichen eines vermutlich antiochischen Einflusses lassen sich schließlich
auf den Mosaiken von Bišāpūr mit ihren in den Bereich des Dionysoskultes
gehörenden Gestalten beobachten. Es existierten zweifellos noch andere
Auswirkungen des Zustroms an Gefangenen, doch sind sie nicht so leicht
nachzuweisen.26 Zur Erinnerung an seinen großen Sieg ließ Šāpūr mehrere

221
riesige Reliefbilder aus dem Fels meißeln, die seinen Triumph über Valerian
zeigen. Dieser Sieg muß für die Sassaniden ein denkwürdiges Ereignis gewesen
sein, denn er ist in späteren Werken nicht vergessen worden.
Wir haben die Kirche und die Kriege Šāpūrs erwähnt und werden uns nun
kurz mit der Staatsideologie der Sassaniden befassen. In den Inschriften wird
Papak König, Ardašīr dagegen König der Könige von Iran genannt, während
sich Šāpūr und alle seine Nachfolger König der Könige von Iran und Nichtiran
(Anērān) nennen. Damit war ein deutlicher Anspruch auf die Weltherrschaft
ausgesprochen, ein, vielleicht nicht bewußtes, Anknüpfen an das Weltreich der
Achämeniden vorgenommen. Die Ablösung lokaler Herrscher durch Angehörige
der sassanidischen Königsfamilie beschleunigte den Zentralisierungsprozeß. Das
Konzept der Legitimität war fest begründet; überall im Reich brachte man dem
Haus des Sasan Ergebenheit entgegen, und nur solche Rebellen hatten eine
gewisse Aussicht auf Erfolg, die selber der Sassanidenfamilie angehörten. Der
Kronprinz wurde gewöhnlich zum König eines wichtigen Gebietes wie Gīlān
und Māzandarān am Kaspischen Meer oder des Ostens ernannt.
Die Kušān hatten ihren Besitz erfolgreich gegen parthische Angriffe verteidigt,
doch unter Ardašīrs und Šāpūrs Herrschaft wurde Kušānšahr, wie das Reich der
Kušān in Šāpūrs großer Inschrift genannt wird, den Sassaniden Untertan. Das
Gebiet der Kušān erstreckte sich der Inschrift zufolge von der Ebene Peschawar
im heutigen Pakistan bis nach Taschkent in Sowjetisch-Zentralasien und bis zu
den Grenzen Kaschgars in Chinesisch-Turkestan, ein riesiges Gebiet, das
vielleicht eher nominell als tatsächlich unter der Herrschaft der Kušān gestanden
hat. Damit fand die dauernde Bedrohung Irans durch Nomadenvölker vom
Nordosten ein Ende, und das machtvolle neue Sassanidenreich konnte die
Grenzen des alten Achämenidenreiches im Osten wiederherstellen. Das
Wiedererstehen der persischen Macht im Osten, die das lockere parthische
Staatsgefüge ablöste, bildete das Fundament für die Durchdringung des
östlichen Iran mit westiranischen Kultureinflüssen. Diese sollten sich noch nach
dem Untergang des Sassanidenreiches unter der Ägide des Islam auswirken, bis
schließlich die neupersische die ältere soghdische, chwarezmische, parthische
und baktrische Sprache ersetzte und sich zur vorherrschenden Sprache der
gesamten iranischen Welt entwickelte.27 In diesem Zusammenhang sind einige
kurze Bemerkungen zur Frage der Aufteilung in Ost- und Westiran angebracht.
Ostiran, die heutigen Gebiete östlich der Zentralwüsten Lut und Kavir, war die
Heimat der Parther und anderer oben erwähnter iranischer Völker. Hier bei den
lokalen Kulturen mit ihren feudalen Herrschaftsformen herrschten starke
separatistische Tendenzen. Dieses ausgedehnte Gebiet zu beherrschen und es
ihrem vornehmlich im westlichen Iran basierenden Reich einzubeziehen, war für
die Sassaniden eine schwierige Aufgabe. So mußten die Streitkräfte aufgeteilt
werden; an der Westgrenze kämpften sie gegen die Römer und deren zeitweilige
Verbündete, die Alanen im Norden des Kaukasus, und gegen die Armenier, im
Osten vor allem gegen nomadische Völker, die aus Zentralasien kamen, und

222
gegen die aufrührerischen Kušān. Im 3. Jahrhundert waren die mächtigen
Sassanidenkönige fähig, die Ostgrenze zu halten und ihre Herrschaft zu
konsolidieren. Die Kriege mit Rom mögen die Perser in der Hoffnung, dauernde
Eroberungen zu machen, geführt haben, aber dazu reichten die Kräfte der
Sassaniden nicht aus. Die einheimischen Bewohner des Fruchtbaren Halbmonds,
Mesopotamiens und Syriens, zogen außerdem wohl kaum die Perser den
Römern als Oberherren vor. Das Vakuum, das sich durch die zeitweilige
Machtlosigkeit Roms im Nahen Osten gebildet hatte, machten sich Odenath und
nach ihm seine Gemahlin Zenobia, die Königin von Palmyra, zunutze. Fast zwölf
Jahre lang konnte Palmyra das syrische und mesopotamische Grenzgebiet
zwischen den Römern und den Sassaniden behaupten, bis der Kaiser Aurelian
Palmyra im Jahr 272 unterwarf. Während dieser Zeit scheint Iran erschöpft oder
zumindest mit inneren Angelegenheiten beschäftigt gewesen zu sein. Armenien,
das unter der Herrschaft einer Arsakiden-Dynastie stand, blieb weiterhin ein
Pfeil in der Flanke der Sassaniden, und hier hörten die Feindseligkeiten
tatsächlich niemals auf. Rom erholte sich bald. Als Kaiser Carus in
Mesopotamien einmarschierte, konnte er Ktesiphon, ohne großen Widerstand zu
finden, einnehmen. Aber der mysteriöse Tod des Kaisers am Ende des Jahres 283
bewog das römische Heer zur Heimkehr. Bahrām II. hatte anscheinend
unterdessen gegen eine Empörung seines Bruders im Osten zu kämpfen.
Wir besitzen eine vollständige Reihe sassanidischer Münzen, die sich von den
älteren parthischen Münzen durch ihre auffällige Flachheit und ihr
abweichendes Münzgewicht unterscheiden. Auf diesen Münzen sind die
abgebildeten Königshäupter jeweils mit einer bestimmten charakteristischen
Krone geschmückt, deren Merkmale es dem Gelehrten ermöglichen, den
dargestellten König auf Reliefbildern, Silberschalen und anderen Kunstwerken
zu identifizieren.28 Die sassanidische Kunst hat ein eigenes Gepräge und
unterscheidet sich von derjenigen der vorhergehenden Zeit. Die Frontalität,
Symmetrie und die starre Wiedergabe der menschlichen Gestalt weicht der
Darstellung im Profil, und es entsteht der Wunsch, ein Geschehen im Bild
festzuhalten. Eine vorherrschende Rolle spielt wie von alters her im Iran die
dekorative Kunst. Die Vorliebe der späteren islamischen Kunst für geometrische
Muster und stilisierte Blumen- und Pflanzenmotive hat ihre Vorbilder in der
sassanidischen Kunst. Die Kontinuität zwischen Werken sassanidischer Kunst
und Kunstwerken des frühen Islam ist eindrucksvoller als zwischen denen der
Parther und der Sassaniden. Freilich gibt es Übergänge von der parthischen zur
sassanidischen Kunst, wie z.B. das Motiv des fliegenden Galopps von den
Sassaniden übernommen wird, aber die neue sassanidische Kultur entwickelte
einen ausgeprägt eigenen Stil.
Die zahlreichen erhaltenen Silberschalen und -becher der Sassaniden aus dem
3. Jahrhundert sowie die Menge der geschnittenen Siegelsteine und anderen
Werke der Kleinkunst bezeugen nicht nur die Wandlung, die sich gegenüber der
Vergangenheit vollzogen hatte, sondern auch die Prachtliebe und den Reichtum

223
der neuen Herrscher. Nach Trinkgelagen pflegte der König seinen Günstlingen
silberne Teller und Schalen zu schenken – die Beispiele aus dem 3. Jahrhundert
sind wahre Meisterwerke. Die beabsichtigte Wirkung, zu beeindrucken und zu
blenden, ist bei diesen Schöpfungen der Hofkunst jedoch immer gegenwärtig.
Zusammenfassend können wir sagen, daß das 3. Jahrhundert in gewissem
Sinn das Ende der Antike und den Beginn des »Mittelalters« im Iran bezeichnet.
Später wirkten sich die Reformen des Kaisers Diokletian auch auf das
sassanidische Reich aus, aber die frühen Sassanidenkönige vertrauten auf ihre
eigene Kraft, um das Antlitz Irans zu ändern und eine Kultur und Zivilisation zu
schaffen, die sich mit der des römischen Reiches durchaus messen konnte. Der
Einfluß der Sassaniden sollte sich weit über das Iranische Plateau hinaus
auswirken und den Sturz der Sassaniden-Dynastie im 7. Jahrhundert lange Zeit
überdauern.

Versuch einer Stammtafel der Arsakiden-Könige:


1. Arsakes I. (’ršk) 247–? v. Chr.
2. Tiridates (tyrdt) um?-211
3. Artaban I. (’rtpn) um 211–191
4. Priapatios (prypt) um 191–176
5. Phraates I. (prdh oder prdty) um 176–171
6. Mithridates I. (mtrdt) um 171–138
7. Phraates II. um 138–128
8. Artaban II. um 128–123
9. Mithridates II. um 123–87
10. Gotarzes I. (gwtrz) um 91–80?
11. Orodes I. (wrwd) um?-77
12. Sinatrukes (sntrwk) um 80–69
13. Phraates III. um 69–57
14. Mithridates III. um 57–55
15. Orodes II. um 57–37
16. Phraates IV. um 38–2
17. Tiridates II. um 30–25
18. Phraatakes (prdtk) um 2 v. Chr. – 4 n. Chr.
19. Orodes III. um 4–7
20. Vonones I. (whwnm?) um 7–12
21. Artaban III. um 12–38
22. Tiridates III. um 36
23. Vardanes (wrt’n) um 39–47
24. Gotarzes II. (gwtrz) um 38–51
25. Vonones II. um 51
26. Volagases I. (wlgš) um 51–80
27. Artaban IV. um 80–81
28. Pakores (pkwr?) um 79–115

224
29. Oroses um 109–128
30. Volagases II. um 105–147
31. Mithridates IV. um 128–147?
32. Volagases III. um 148–192
33. Volagases IV. um 191–207
34. Volagases V. um 207–227?
35. Artaban V. um 213–226?
36. Artavasdes (’rtwzd) um 226–227?

Die Dynastie der Sassaniden:


1. Papak König 208–222? n. Chr.
2. Šāpūr König 222?
3. Ardašīr König der Könige 222?-240
4. Šāpūr I. König der Könige 240–272?
5. Ōhrmizd I. Ardašīr 272–273
6. Bahrām I. 273–276
7. Bahrām II. 276–293
8. Bahrām III. 293
9. Narseh 293–302
10. Ōhrmizd II. 302–309
11. Šāpūr II. 309–379
12. Ardašīr II. 379–383
13. Šāpūr III. 383–388
14. Bahrām IV. 388–399
15. Yezdegird I. 399–421
16. Bahrām V. 421–439
17. Yezdegird II. 439–457
18. Ōhrmizd III. 457–459
19. Pērōz 459–484
20. Valaš 484–488
21. Kavad I. 488–531
22. Zamasp 496–498
23. Chosrau I. 531–579
24. Ōhrmizd IV. 579–590
25. Bahrām Chobin 590–591
26. Chosrau II. 591–628
27. Kavad II. 628
28. Ardašīr III. 628–629
29. Boran 629–630
30. Ōhrmizd V., Chosrau III. 630–632?
31. Yezdegird III. 632–651

225
 Abb. 15: Die Kronen der sassanidischen Könige

15. Die Daker im 1. Jahrhundert n. Chr. Die römische Eroberung

Im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung erreichten die Daker eine neue Epoche


ihrer materiellen und geistigen Kultur sowie ihrer gesellschaftlichen und
politischen Ordnung. Überall im Gebiet zwischen Donau und Karpaten wurden
die natürlichen Gegebenheiten auf dem technischen Niveau der letzten Phase
von La Tène (vgl. Fischer Weltgeschichte, Bd. 1, S. 79 u. 82) ausgenutzt. Der
Ackerbau, der gleichermaßen in den Ebenen, auf günstigem hügeligem Terrain
und selbst in höheren Lagen im Gebirge getrieben wurde, blieb eine der
wichtigsten Unterhaltsquellen der Geten und Daker. Davon zeugen am
deutlichsten die Speicher und Silos und die großen, auf der Scheibe gefertigten
Tongefäße (pithoi) zur Aufbewahrung von Ackerbauerzeugnissen, die in der
Nähe der Wohnstätten oder an eigens für die Speicherung von Vorräten
eingerichteten Orten in ihrer Umgebung gefunden worden sind. Daneben bildete
die Viehzucht einen wichtigen Teil der Wirtschaft. Was uns aber vor allem die
schöpferische Originalität dieses zur großen Völkerfamilie der Thraker
gehörigen Volkes deutlich macht, ist die breite Entwicklung des Handwerks. Die
uns erhaltenen Beispiele reichen von der Silberschmiedekunst über die
Eisenverarbeitung, die uns reiche Funde von Werkzeug und charakteristisch
geformten Waffen geliefert hat, bis zum Bau von Wohnungen und Burgen;

226
letztere bildeten vielfach zur Verteidigung geeignete Gebäudekomplexe aus
behauenen Steinen und gebrannten Ziegeln. Die getisch-dakische Kultur, wie sie
sich im 1. Jahrhundert n. Chr. voll herausgebildet hatte, stand, abgesehen von
der Rezeption bestimmter Elemente der germanischen und sarmatischen Kultur,
die in Zukunft noch näher definiert werden müssen, unter starkem römischem
Einfluß. Dessen Ausbreitung ist mit den politischen Veränderungen verknüpft,
die sich seit der Regierungszeit des ersten römischen Kaisers im mittleren
Donauraum und am Unterlauf der Donau abspielten.
In diesem Zeitraum kam die Donau – der heilige Fluß der Geten und Daker –
in ihrem ganzen Verlauf unter römische Kontrolle. Die Dobrudscha (Scythia
Minor), die unter Augustus’ Regierung von Rom abhängig wurde, bildete im
Osten eine für die Sicherung der römischen Herrschaft am Unterlauf der Donau
und der Nord- und Westküste des Schwarzen Meeres notwendige Position.
Zugleich war sie ein Gebiet, das von den verbündeten pontischen Städten aus
intensiv romanisiert wurde. Gegen den Widerstand der ansässigen getischen
Bevölkerung und die Einfälle der Geten des rechten Donauufers und der mit
Schuppenpanzern bewaffneten Bastarnern und Sarmaten mußten die ersten
römischen Kaiser ihre Aufmerksamkeit dem Unterlauf der Donau zuwenden.
Die spätere Provinz Mösien schloß auch die Dobrudscha mit ein und dehnte sich
bis zur Donaumündung aus. Römische Lager und Kastelle vermehrten sich
entlang des ganzen Flußlaufs. Unter Neros Regierung zwischen den Jahren 57
und 67 n. Chr. siedelte der Provinzgouverneur von Mösien, Tiberius Plautus
Silvanus Aelianus, wie auf seinem Gedenkstein zu lesen ist, ȟber 100000
Menschen von jenseits der Donau mit Frauen und Kindern, Königen und
Stammesoberhäuptern« auf das rechte Donauufer um. Seine diplomatische
Geschicklichkeit und die Rückführung von kriegsgefangenen Verwandten
dakischer Stammesfürsten zu ihren Angehörigen, die er durchführte, gewannen
die Roxolanen, Bastarner und Daker für die Römer. So gelang es ihm, jenseits des
Flusses, wie es weiter auf seinem Gedenkstein heißt, »den Frieden der Provinz
zu festigen und weiter auszubreiten«, ohne daß dies die Annexion weiterer
Gebiete für die Römer bedeutet hätte.
Die Befriedung der Daker war damit freilich alles andere als vollständig.
Während des Bürgerkrieges der Jahre 67–69 v. Chr. kam es unter ihnen zu neuen
Unruhen, und Tacitus bemerkt (Historien III, 46), daß der siegreich aus dem
Bürgerkrieg hervorgegangene Statthalter von Syrien, Mucianus, eine doppelte
Invasion der Daker, des »niemals vertrauenswürdigen Volkes«, und der
Germanen befürchtete.
In der Tat setzte, während das römische Reich am Unterlauf der Donau und in
Mösien seine Positionen festigte, die dakische Macht mit ihrem Zentrum im
Herzen der Karpaten bei den Bergen von Orăştie ihren Aufschwung fort und
dehnte sich südlich des Gebirges, weit im Osten und selbst im Westen des
eigentlichen Dakien, aus. Das dakische Volk, im wesentlichen seßhaft und
geschützt durch den umgebenden Karpatenbogen, stellte die ernsthafteste

227
Bedrohung für die Römer dar. Der Grund dafür lag sowohl in der Kampfkraft
des Volkes selbst als auch in der Möglichkeit, andere Stämme in sein Gefolge zu
ziehen, darunter nicht nur die Geten, sondern auch die übrigen östlich und
westlich benachbarten Völker, wie etwa die Markomannen und die Quaden, die
seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. in Böhmen und Mähren seßhaft waren. Diese
Möglichkeit eröffnete also die Perspektive auf eine umfassende Koalition von
Barbarenstämmen, die, wäre sie zustande gekommen, für das römische Reich
eine echte Existenzbedrohung hätte bilden können. Angesichts solcher
Überlegungen versteht man erst die ganze Tragweite des erbitterten Kampfes,
den die Römer unter Domitian und Trajan in dieser Richtung zu führen hatten,
zu dem Zeitpunkt also, als das Schicksal der thrakischen Völker in den Händen
des nördlichsten unter ihnen, nämlich in denen der Daker lag.
Die dakische Kultur, verwandt mit der der gleichsprachigen Geten, zeigt im 1.
Jahrhundert unserer Zeitrechnung innerhalb des Rahmens ihrer
Eigentümlichkeiten die Züge eines klassischen Stils, den man mit dem Namen
ihres Königs Decebalus (86 bis 106) nennen könnte, jenes Mannes, in welchem
sich der unbeugsame Wille der Daker zur Verteidigung ihres Landes und ihrer
Freiheit gleichsam personifizierte. Zu seiner Zeit standen die Daker an der
Schwelle einer in jeder Hinsicht eigenständigen Zivilisation. Überall bestanden
befestigte Ansiedlungen, die der alexandrinische Geograph Ptolemaios als Städte
(griech. poleis) bezeichnet hat, im ganzen vierzig an der Zahl. Diese
Ansiedlungen bildeten Zentren in wirtschaftlicher, militärischer, politischer und
religiöser Hinsicht. Den Charakter von einigen haben Ausgrabungen näher
bestimmen können. Die wirtschaftliche und militärische Bedeutung vieler
solcher Zentren, in denen zugleich das Leben der alten Stammesgruppen
(dakisch davae) sich fortsetzte, hat sich durch diese Ausgrabungen erweisen
lassen. Sie gibt zugleich einen Hinweis auf die Funktion der »Städte« im Rahmen
der großen Stammesvereinigungen und des dakischen Staates auf dem Weg zur
inneren Festigung und zu Verbindungen zwischen den einzelnen Gebieten im
Zusammenhang mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung.
In dieser Periode trat nämlich die aristokratische Struktur der dakischen
Gesellschaft deutlicher in Erscheinung, und die Rolle der Adligen (dakisch
tarabostes, lat. pilleati) nahm gegenüber der des Volkes (lat. comati,
»Langhaarige«) an Bedeutung zu. Es ist auch anzunehmen, daß Sklaven gehalten
wurden, sowohl als Bedienstete in den patriarchalischen Adelsfamilien als auch
für den Bau der Festungen, die Sitz der Stammesoberhäupter und zugleich
Zufluchtsort für die Bevölkerung der Umgebung waren.
Was den »städtischen« Charakter dieser Zentren angeht, muß betont werden,
daß »städtisch« hier in dem Sinn zu verstehen ist, den das Wort im griechisch-
römischen Altertum stets hatte, d.h. als gemeinsamer Mittelpunkt mehrerer
einzelner Gemeinden. Freilich ist nicht zu verkennen, daß sich manche Zentren
wirtschaftlicher (lat. fora rerum venalium »Handelsplätze«) und politischer Art in
Richtung auf Städte im heutigen Sinn des Worts entwickelten. Eine solche

228
Entwicklung ist durch die archäologischen Funde vor allem für die Zeit
Decebalus’ nachgewiesen, während derer die städtische Kultur Dakiens in ein
neues Stadium ihrer Entwicklung trat.
Festungen bestanden ebenfalls in ganz Dakien, sowohl in Transsylvanien als
auch jenseits der Karpaten. Ihre Ausdehnung und Bauart weist von Ort zu Ort
Verschiedenheiten auf. In diesem Zusammenhang ist die Festung von Tilişca
nahe bei Sibiu zu erwähnen. Sie ist mit einem doppelten Gürtel von
Abwehrkonstruktionen umgeben: einem Erdwall mit Graben und einer
Steinmauer. Der Unterbau der Türme war aus quaderförmig behauenen Steinen
nach Art der griechischen emplekton-Bauweise in Form zweier
ineinandergesetzter Ringe erbaut, deren Zwischenraum mit Erde und kleineren
Steinen ausgefüllt war. Die Verteidigungsmauer bestand aus gebrannten
Ziegeln.
Eine weitere erwähnenswerte Festung ist Piatra Craivei nördlich von Alba
Iulia. Sie liegt auf einem die transsylvanische Ebene beherrschenden Felsen in
1083 m Höhe über dem Meeresspiegel. In Ausgrabungen hat man dort 14
Terrassen, ein Heiligtum und die Burg (lat. arx) identifizieren können; letztere
war mit einer »dakischen Mauer« umgeben. In einer Schicht von 1,20 m Dicke
hat man hier Reste gefunden, die zeigen, daß der Ort vom 2. Jahrhundert v. Chr.
bis zum 1. Jahrhundert nach der Zeitwende bewohnt gewesen ist. Er ist
möglicherweise mit der von Ptolemaios genannten Stadt Apoulon zu
identifizieren. Steinerne Mauern sind in Transsylvanien auch in Băniţa, Căpîlna,
Covasna usw., östlich der Karpaten im sogenannten Bîtca Doamnei nahe bei
Piatra Neamţ und noch an weiteren Orten gefunden worden.
Die Befestigungen bestanden vielfach aus einem Erdwall mit Palisaden und
Graben, wie das seit der Hallstatt-Epoche (Fischer Weltgeschichte, Bd. 1, S. 79)
gebräuchlich war. Was auf dem Gebiet der Verteidigungsbauten aber die
Originalität der Daker ausmacht, ist die sogenannte dakische Mauer (murus
dacicus). Diese bestand in zwei parallelen Mauern aus behauenen Steinen, die
untereinander durch Balken verbunden waren; die Balken waren mit
Schwalbenschwänzen in die Steinblöcke eingelassen. Sie unterschied sich
auffällig von den Befestigungen der im Umkreis von Dakien ansässigen Kelten.
Hier ist zu erwähnen, daß die Reliefs der Trajanssäule zwar die allgemeine
Erscheinung der dakischen Festungen, insbesondere ihre Türme, richtig
wiedergeben, aber im Detail von einer unvollständigen Kenntnis dieser
wichtigen Bauwerke zeugen. Es scheint, daß die Künstler ihre Darstellung nach
den heute verlorenen Commentarii Trajans über den dakischen Krieg gearbeitet
haben.
In dieser Hinsicht haben die archäologischen Grabungen vor allem in den
letzten fünfzehn Jahren genauere Informationen zutage gefördert, unter denen
die Funde aus den Bergen von Orăştie von besonderem Interesse sind. Hier kann
man während des 1. Jahrhunderts eine kontinuierliche Errichtung von
Festungen, Kastellen und Wachttürmen beobachten, die den Eindruck eines

229
planvollen Komplexes defensiver Einrichtungen im Umkreis der königlichen
Residenz von Sarmizegethusa bieten. Diese Verteidigungsbauten befanden sich
längs eines in den Mureş mündenden Flusses (in Höhen bis zu 1200 m) in
Costeşti, Piatra Roşie, Blidaru sowie im heutigen Grădiştea, wo die Hauptstadt
Sarmizegethusa selbst stand. Ihre Architektonik vermittelt mit den Unterbauten
für Terrassen an Abhängen in Form »dakischer Mauern« und ihren mit
Bollwerken versehenen Abwehrmauern aus gebrannten Ziegeln einen lebhaften
Eindruck vom Niveau der dakischen Bautechnik, die nicht nur keltische, sondern
auch hellenistisch-griechische und sogar römische Errungenschaften
übernommen hatte; zugleich ist die Anordnung der Festungsbauten ein beredtes
Zeugnis für das Organisationstalent der dakischen Fürsten, deren ungebrochene
Linie bis zu Burebista zurückgeht. Der religiöse Charakter des Zentrums
Sarmizegethusa zeigt sich in seinen Heiligtümern mit rundem und rechteckigem
Grundriß und mit steinernen Fundamenten oder Säulen; ihre Zahl und Größe
bezeugen die wichtige Rolle der Religion im dakischen Staat, wie sie sich auch
oft in den Berichten über Taten großer dakischer Priester bei antiken
Schriftstellern zeigt.
In den Bergen von Orăştie sind Wohnungen in Form von Türmen sowie solche
in gewöhnlicher Bauweise gefunden worden. Der Grundriß ist rund oder
rechteckig, die Wände bestanden aus Ziegelsteinen oder Holzbalken auf einem
steinernen Fundament; für die Dächer wurden vielfach Dachziegel nach
hellenistischem Muster verwandt. Die reichen Funde aus den Wohnstätten und
Gräbern beweisen den klassischen Charakter der kulturellen Formen zur Zeit
Decebalus’. In diesem Zusammenhang ist neben den Gegenständen aus Silber
vor allem die in Grădiştea Muncelului gefundene bemalte Keramik mit
geometrischem Dekor sowie Pflanzen- und Tierdarstellungen zu nennen, die
durch ihre Originalität auffällt. Außerdem weist die Benutzung der Schrift (des
lateinischen und griechischen Alphabets) auf den kulturellen Stand des dakisch-
getischen Volkes zu dem Zeitpunkt, als es sich auf den letzten Kampf
vorbereitete und die römische Herrschaft immer unerbittlicher wurde.
Im 1. Jahrhundert nach der Zeitwende erreichte auch die Eisenverarbeitung
bei den Dakern ihre Blüte. In den Siedlungen der Berge von Orăştie und
andernorts hat man Werkzeug der verschiedensten Art gefunden, darunter
Sensen, Sicheln, Hacken, Gartenmesser, Pflugscharen verschiedener Formen,
Gerät für die Bearbeitung von Eisen usw.; es haben sich sogar Depots solchen
Werkzeugs gefunden, die eingegraben worden sind, als die Römer nach
Sarmizegethusa vorstießen. Aus Eisen schmiedeten die dakischen Handwerker
jene Waffen, die die Römer fürchten lernen sollten, darunter den gekrümmten
Dolch (lat. sica), Schwerter und krumme Säbel (falces), Pfeil- und Lanzenspitzen
usw. Auch die Schilde der Daker waren mit Eisenplatten bedeckt, so z.B. ein in
Piatra Roşie in den Bergen von Orăştie gefundener, der reich mit
Pflanzenmotiven verziert ist und in der Mitte das Bild eines Auerochsen trägt.

230
Auch die wirtschaftliche Entwicklung der Daker bildete insofern eine Gefahr
für die Römer, als sie jenen ermöglichte, im Schutz ihrer Festungen und ihrer
militärischen Schlagkraft ihre Verteidigung noch stärker zu sichern. Zudem
steigerte sich diese Schlagkraft angesichts der zunehmenden Bedrohung durch
die Römer. Deren Vorstoß erfolgte nämlich nicht nur am Unterlauf der Donau,
sondern auch in Richtung auf das Eiserne Tor (durch das die Donau im
Banatgebirge fließt) und im mittleren Donauraum, wo die römische Provinz
Pannonien eine stark exponierte Stellung im Osten gegen die Daker, im Westen
gegen die Germanen zu verteidigen hatte.
Zwar hatte Augustus in seinen Res Gestae behauptet, nach seiner Überquerung
der Donau die Daker unter die Gewalt der Römer gebracht zu haben. Jene aber
fielen während des ganzen 1. Jahrhunderts n. Chr. mit unverminderter
Heftigkeit über den zugefrorenen Fluß nach Mösien und sogar nach Pannonien
und in das Gebiet der jazygischen Sarmaten ein, die Tiberius wahrscheinlich im
Jahr 20 n. Chr. als Verbündete der Römer zwischen Donau und Theiß angesiedelt
hatte. Solche wiederholten Einfälle führten unter Domitians Regierung, als auch
die Markomannen und Quaden ihren Druck auf die Reichsgrenze im mittleren
Donauraum verstärkten, zu einem langen Krieg. Domitian hat damals, entgegen
den Behauptungen seiner Feinde, zwar nicht für eine zukünftige Eroberung
Dakiens, aber doch für die Festigung der Donaulinie durch konsequente
Anwendung der römischen Politik des divide et impera Entscheidendes geleistet,
um die doppelte, von den Dakern und Germanen drohende Gefahr abzuwenden.
Unter seiner Regierung standen die Daker unter der Führung Decebalus’,
Scorylos’ Sohn, dessen literarisches Porträt, wie es Cassius Dio gezeichnet hat,
und dessen physische Erscheinung, wie sie auf der Trajanssäule verewigt ist,
beispielhaft von der unbeugsamen Energie und den hohen Qualitäten jener
Generation der Daker zeugen, die gegen die größten Eroberer des Altertums
ihren Entscheidungskampf führte.
Nach zwei Schlachten, in denen Oppius Sabinus, der Statthalter von Mösien,
und Cornelius Fuscus den Tod fanden, wurden die Daker ihrerseits bei Tapae in
Transsylvanien in der Nähe des Eisernen Tors durch den römischen Feldherrn
Tettius Iulianus geschlagen. Domitian, der zur gleichen Zeit in Pannonien einen
unterlegenen Kampf gegen die Markomannen führte, bot im Jahr 89 den Frieden
an. Dieser wurde durch eine von Dieges geführte Gesandtschaft von dakischen
Adligen abgeschlossen; Domitian setzte Dieges eigenhändig eine Krone aufs
Haupt, Decebalus wurde Verbündeter des römischen Volkes und erhielt von den
Römern Subsidien und Handwerker zum Ausbau der Verteidigung seines
Landes. Damit erkauften die Römer freien Durchgang durch dakisches
Territorium zu einem Zug gegen die Germanen. Freilich war eine solche hybride
Lösung im Rahmen des Klientenverhältnisses nicht von Dauer. Das schwere Joch
der Römer, das Martial ihnen (VI 76,5) andichtet, trugen die Daker nicht:
Decebalus, im Schutz seiner Berge und »erfahren, aus Niederlagen Gewinn zu

231
ziehen«, konnte es abschütteln, wann er wollte, und das römische Reich aufs
neue in Gefahr stürzen.
So unternahm Trajan, um durch Eroberung des Glacisabhangs der
Karpatengipfel die Grenze abzusichern und um zugleich in den Besitz der
großen Reichtümer des Landes, besonders des Edelmetalls, zu gelangen, die
beiden Dakischen Kriege (102–103 und 105–106). Für diese beiden Feldzüge
fehlen uns direkte Quellen; für die Einzelheiten müßten wir uns mit den späteren
Auszügen aus Cassius Dios Geschichtswerk und die in ihrer historischen
Ausdeutung oft unsicheren Darstellungen der Trajanssäule behelfen, wenn nicht
die archäologischen Funde von Adamclissi (das Ehrenmal, der Begräbnisaltar,
die Grundmauern des Mausoleums und die Ruinen der Stadt Tropaeum Traiani)
in der Lage wären, uns über den militärischen Verlauf der Kriege nähere
Information zu geben. Trajan hatte im ersten Feldzug nicht nur auf dakischem
Gebiet in Tapae und im Süden von Sarmizegethusa (wo die maurische Kavallerie
des Lucius Quietus eingesetzt wurde) zu kämpfen, sondern auch im unteren
Mösien gegen eine Koalition von dakischen, germanischen und sarmatischen
Kriegern ein besonders verlustreiches Treffen auszufechten. Der harte Frieden,
der Decebalus aufgezwungen wurde, war nur ein Waffenstillstand, während
dessen man sich auf beiden Seiten für den entscheidenden Kampf vorbereitete.
Der dakische König versuchte, mit den gleich ihm durch die römische Macht
gefährdeten Nachbarvölkern eine Konföderation zu bilden. Unterdessen ließ
Trajan, der einen Teil des dakisch-getischen Gebietes im Banat, in Oltenien und
in der Walachei annektiert hatte, durch den Architekten Apollodor von
Damaskus die Brücke von Drobeta bauen und sammelte große Truppenmassen
für einen konzentrischen Angriff auf den Mittelpunkt der dakischen Macht in
den Bergen von Orăştie, wo Decebalus die nach den Bestimmungen des Friedens
niedergerissenen Festungen neu errichtete.

232
 Abb. 16: Metope Nr. 42 des von Trajan in Adamclissi erbauten Monuments. Sie zeigt
eine dakische Familie auf einem Räderkarren, der von Rindern gezogen wird.

Der Feldzug von 105–106 war nicht von langer Dauer. Viele dakische Stämme
unterwarfen sich kampflos, und die Nachbarvölker leisteten den Dakern in
ihrem letzten Kampf keine Hilfe. Die königliche Residenz wurde von den
Römern erobert, ihre Festungswerke niedergerissen und die Bevölkerung
umgesiedelt. Decebalus, von seinen unversöhnlichen Feinden verfolgt, tötete sich
mit einem krummen Dolch; seinen Kopf sandte der siegreiche Kaiser nach Rom,
wo er (wie der eines hingerichteten Verbrechers) über die gemonische Treppe in
den Tiber geworfen wurde. Der dakische Staat, noch vor kurzem auf dem Weg
zur Konsolidierung, hörte auf zu existieren. Die Daker, die im römischen Dakien
und jenseits seiner Grenzen weiterlebten, wurden romanisiert, ähnlich wie die
übrigen thrakischen Völker im Donauraum. Aus ihnen entstand als kräftiger
Zweig der östlichen Romanität das rumänische Volk.
Außer der Gewinnung eines Glacis für die Sicherheit der Grenze verhalfen die
Feldzüge nach Dakien den Römern zu den großen Edelmetallschätzen der
dakischen Könige und damit zu einer Gesundung der Staatsfinanzen, in deren
Folge mit großem Aufwand Bauten aufgeführt wurden, darunter das Forum des
Trajan mit seinen Arkaden, seiner Basilika, seiner Bibliothek und der berühmten
Säule, auf der Episoden aus den dakischen Kriegen dargestellt sind. Auch die

233
Zahl der Kriegsgefangenen war groß. Für die verbliebene eingeborene
Bevölkerung aber begann eine neue Epoche: die der Romanisierung.

16. Die skythisch-sarmatischen Stämme Südosteuropas

Die Sarmaten waren eine Vereinigung von Stämmen zentralasiatischen


Ursprungs. Wie die Skythen und Kimmerer vor ihnen, lebten die meisten von
ihnen als Nomaden und blieben zumeist bis zuletzt dem Hirtendasein treu.
Selbst im 1. Jahrhundert n. Chr. lebten diejenigen, die in Dakien eingedrungen
waren, wie Strabo berichtet, noch als Nomaden in Filzhütten des asiatischen
Typs. Wie die Skythen und Kimmerer waren die Sarmaten Indoeuropäer mit
einer iranischen Sprache, von der man glaubt, daß sie dem Skythischen ähnelte.
Ihre Geschichte beginnt im 6. Jahrhundert v. Chr., als die Mehrzahl der Stämme
langsam durch Asien nach Westen wanderte. Etwa zweihundert Jahre später
hatten sie die westlichen Ausläufer des Urals erreicht. Die Roxolanen scheinen
zusammen mit den Jazygen, Aorsen und Alanen die Angriffsspitze gebildet zu
haben, denn der erste dieser Stämme drängte zur Wolga hin, während die
Alanen, die mit den Aorsen ursprünglich aus der Sogdiana gekommen waren,
zum Kuban zogen. Dann ließ ihr Vorwärtsdrängen nach. Die Aorsen blieben bis
etwa zum Ende der vorchristlichen Periode an der Wolga, bis sie sich dann zum
Norden des Asowschen Meeres vorschoben. In diesen Raum müssen sie aber
schon früher eingedrungen sein, denn der reiche Novocherkask-Fund aus dem 2.
Jahrhundert v. Chr. am unteren Don ist wahrscheinlich das Grab einer ihrer
Königinnen. Es wurde 1869 ausgegraben. Da die Sarmaten in der frühen Phase
ihrer Geschichte eine matriarchalische Ordnung besaßen, fand man das Grab
ebenso prächtig ausgestattet wie das irgendeines Nomadenkönigs gleichen
Ranges. Es barg dreizehn kostbare Gegenstände aus Gold. Die bedeutsamsten
darunter sind ein Diadem, ein Halsschmuck, mehrere Armringe und ein
winziges Achatfläschchen eines für die Sarmaten charakteristischen Typs; es ist
in Gold gefaßt und mit Tiermotiven verziert. Unter den Silbergefäßen sind zwei
griechischen Ursprungs; in dem Grab entdeckte man auch eine griechische
Terrakottafigurine des Eros. Diese importierten Produkte illustrieren, wie eng
die Handelsbeziehungen waren, die die Sarmaten nach skythischem Vorbild
damals mit den griechischen Kolonien an der Nordküste des Schwarzen Meeres
unterhielten.
Wie alle skythisch-sarmatischen Nomaden waren die Aorsen solch glänzende
Krieger, daß sowohl Strabo als auch der Han-Kaiser Wu-ti ihre Tapferkeit lobten.
Des letzteren Entscheidung, die westliche Seidenstraße einzurichten, verstärkte
den Kontakt Chinas mit den eurasischen Nomaden. Unter den Sarmaten waren
die Aorsen einer der größeren und unternehmungsfreudigeren Stämme. Im Jahr
66 v. Chr. zählte ihre Armee nach der Aussage Strabos 200 000 Mann, während
die der Alanen nur aus 20 000 Soldaten bestand. Trotzdem gelang es den Alanen,
die Siraker zu besiegen, die aus Armenien in das Kuban-Becken gekommen

234
waren. Schließlich verbanden sich die beiden Stämme und besetzten nicht nur
die Ufer des Kuban, sondern auch das Weideland, das sich vom Asowschen
Meer bis zum Don erstreckt.
Die reichsten der frühen sarmatischen Grabstätten hat man im Kuban
gefunden, während die etwas späteren an den Ufern der großen Flüsse
Südrußlands und der Ukraine liegen. Die Kuban-Gräber entstammen dem
Zeitraum vom 5. Jahrhundert v. Chr. bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. Viele von
ihnen wurden von sowjetischen Gelehrten zwischen 1929 und 1937 und wieder
von 1946 bis 1949 ausgegraben. Das stattlichste Grab des Flachtyps, das uns
bisher bekannt ist, wurde in Ust-Labinska gefunden. Aus ihm wurden große
Mengen Schmuck, der meiste aus Bronze, zusammen mit zahlreichen Waffen
(Speeren, Schwertern und Speerspitzen) geborgen. An der gleichen Stelle und
auf den benachbarten Grabungsplätzen von Zubovskij und Vozdvizhenskaya
fand man einige kleine ovalgeformte Tumuli mit Fürstengräbern. Bei all diesen
Gräbern führte ein Schacht entweder zu einer einzelnen Grabkammer oder zu
einer Kammer, in der Mann und Ehefrau beigesetzt worden waren. Die
Grabbeigaben sind ähnlich den in den Flachgräbern gefundenen Gegenständen,
es sind aber auch zahlreiche goldene Objekte darunter. Man fand auch sehr viele
Waffen; besonders bemerkenswert sind die langen Speere und langen, sehr
spitzen Schwerter mit ovalem hölzernem Heft, die sich radikal von den Speeren
und Schwertern der Skythen unterscheiden. Die Helme und die im Kampf
sowohl vom Reiter als auch vom Pferd getragenen Panzer waren ebenfalls ganz
andere als die von den Skythen angefertigten. Wie in skythischer Zeit wurden
jedoch auch in der sarmatischen Periode weithin Goldplättchen als Kleiderbesatz
benutzt; sie waren jedoch kleiner geworden, und die geometrischen Muster
hatten größtenteils die Tiermotive ersetzt, die von den Skythen bevorzugt
wurden; selbst wenn eine Tierzeichnung erschien, war das auf dem Plättchen
gezeigte Tier, wenn es auch noch skythische Charakteristika trug, verändert und
den neuen Ausmaßen der Plättchen angepaßt.
Die Alanen waren nur eine Einheit innerhalb der sarmatischen Vereinigung.
Die Kultur der Mehrzahl der Stämme in der frühen Phase ihrer Geschichte, d.h.
vom 4. bis 2. Jahrhundert v.Chr., wird durch die Ausgrabungen S.I. Rudenkos
aus dem Jahr 1916 in einer Gruppe von Prokhorov genannten Ural-Gräbern so
gut repräsentiert, daß man dieser Periode sarmatischer Kultur diesen Namen
gegeben hat. Das größte Grab dieser Gruppe gehörte einem Häuptling, der in
seinem eisernen Kettenpanzer, goldenen Halsband und seinen bronzenen
Armreifen beigesetzt wurde. Wie bei den skythischen Begräbnissen hatte man
sein Schwert und seine Messer mit goldenem Griff in Reichweite seiner Hände
gelegt, und zwei prächtige Gefäße persischer oder zentralasiatischer Arbeit – das
eine trägt in Aramäisch die Worte »Becher des Atromitra« – waren unter den
Beigaben. Daß diese in einem Grab an der Grenze zwischen Asien und Europa
enthalten sind, ist keineswegs erstaunlich, denn die eurasischen Nomaden hatten
seit früher Zeit mit ihren östlichen Nachbarn in Beziehung gestanden, und ihre

235
Handelsverbindungen hatten sich mit den Jahren verstärkt. Der Aufstieg der
Kušān in Zentralasien brachte nach dem westlichen Sibirien griechisch-indische
Elemente, die die Basis der Kušānkunst abgaben. Das war besonders bei den
Massageten, Vasallen der Kušān, der Fall, die selbst Oberherren vieler
benachbarter Sarmaten waren. Diese neuen Einflüsse verdrängten allmählich die
sibirisch-skythischen und iranisch-ionischen Elemente, die so lange die
sarmatische Kunst inspiriert hatten. Gelehrte haben feste Verbindungen
zwischen der Kušān-Tonkunst und derjenigen der Prokhorov- und
mittelsarmatischen Periode, d.h. vom 4. Jahrhundert v. Chr. bis zum 1.
Jahrhundert n. Chr., festgestellt – genau zu der Zeit, wie man interessanterweise
bemerken muß, als die Kontakte zwischen den Sarmaten und den griechischen
Kolonien an der Nordküste des Schwarzen Meeres am stärksten waren und die
Feindschaft mit den Skythen ihren Höhepunkt erreicht hatte. Wenn auch die
skythischen Metallarbeiten von weit feinerer Qualität sind, ist bei den Tonwaren
das Gegenteil der Fall. Daß die Sarmaten Feueranbeter waren, die ihrer Gottheit
Pferde opferten, die Skythen dagegen den Elementen huldigten, sollte vielleicht
auch iranischem oder zentralasiatischem Einfluß zugeschrieben werden.
Die Sarmaten haben die Tatsache, daß sie sich zu einem Staat mit dem
Mittelpunkt des Königtums der Königlichen Skythen in dem jetzigen
Südrußland entwickelten, vielleicht der Niederwerfung der Massageten durch
die Hunnen im Jahr 175 v. Chr. zu verdanken, denn sie befreite die Sarmaten von
den Banden der Abhängigkeit von den Massageten. Jedenfalls nahm die
Geschwindigkeit ihrer Eroberungen nach dieser Zeit schnell zu, und sie waren in
der Lage, ein Königreich zu gründen, das von ihren Zeitgenossen das der
Königlichen Sarmaten genannt wurde.
Es besteht jeder Grund zur Annahme, daß die Sarmaten ihre Siege bis zu
einem gewissen Grad der Erfindung des Metallsteigbügels verdankten, dem bald
die der Sporen folgte – Fortschritte, die man oft den Sarmaten zuschreibt.
Während der gesamten Frühphase ihrer Geschichte waren die Sarmaten bei
weitem nicht so geschickt im Bogenkampf wie die Skythen. Sie gebrauchten
diese Erfindungen dazu, um ihre Armee mit Einheiten schwerer Kavallerie
auszurüsten. Verschiedene römische Schriftsteller beschreiben diese Streitmacht
und beschäftigen sich mit der Rüstung, mit der Reiter und Tiere gleichermaßen
ausgestattet wurden. Sie kannten die Schuppen-, Ring- und Plattenpanzer; die
Reiter trugen kegelförmige Helme und hölzerne, lederne oder metallische
Schilde und gebrauchten lange Speere und lange, spitze Schwerter aus Bronze
oder Eisen mit ovalen Holzheften, die in einem Knauf endeten, der aus einem
Halbedelstein wie Onyx oder Achat oder aus Holz mit eingelegtem Gold
verfertigt war; ein großer ovaler Halbedelstein war in das Stichblatt eingepaßt.
Wie Tacitus sagt, durften nur Mitglieder der Aristokratie in dieser Truppe
kämpfen. Die Klassenqualifikation hat vielleicht den Warägerfürsten des Kiewer
Reiches als Vorbild gedient, die mit ihren persönlichen Leibwachen ähnlich
verfuhren. Die Mehrzahl der sarmatischen Armee bestand aus mobilen

236
Bogenschützen, die Lederwams und Ledermütze trugen. Ihre Frauen kämpften
zweifellos in dieser Streitmacht und nicht in der schweren Kavallerie; in der
frühen Periode ihrer Geschichte erwarteten die Sarmaten, daß ihre Mädchen am
Kampf teilnahmen, und verboten ihnen zu heiraten, ehe sie nicht einen Feind im
Kampf getötet hatten. Ihre Unternehmungen inspirierten wahrscheinlich die
alten griechischen Geschichten über die Amazonen. Als die sarmatische
Gesellschaft sich in getrennte soziale Klassen aufspaltete, was mit der
Herausbildung der schweren Kavallerieeinheiten zusammengefallen zu sein
scheint, begann sich ihre matriarchalische Ordnung in eine patriarchalische mit
Häuptlingen zu verwandeln, die allmählich wichtiger wurden als Königinnen
und Frauen; diese hörten zweifellos auf, den Männern ebenbürtig zu sein. Die
Schaffung der sarmatischen schweren Kavallerie führte zur Entwicklung neuer
Kampftechniken; diese erwiesen sich so erfolgreich, daß es allmählich viele
größere Mächte ratsam fanden, ihre Armeen in ähnlicher Weise umzubilden. Die
Römer gingen schließlich so weil, in die ihre sarmatische Abteilungen
aufzunehmen, die in der einheimischen Weise ausgerüstet und beritten waren
und die sie dazu ermutigten, in gewohnter Weise zu kämpfen. Bisher war es
nicht möglich, die Pferderasse herauszufinden, die die Sarmaten gebrauchten.
Rudenkos Ausgrabungen der gefrorenen altaischen Gräber in Pazyryk, die aus
der Zeit vom 5. bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. datieren, haben erwiesen, daß
diese Nomadengruppen sowohl reinrassige Ferghana-Pferde ritten, die die
Chinesen über alle anderen schätzten, als auch die ruppigen Mongolenponys.
Keine von beiden Rassen scheint mit den Beschreibungen des kleinen, schnellen
Typs sarmatischer Pferde übereinzustimmen, auf denen Hadrian so gern ritt,
wenn er in den Bergen und Sümpfen der Toskana jagte; von den beiden
Pferderassen ist es eher die letztere.
Obgleich die schwere sarmatische Reiterei allem überlegen war, was die
Skythen besaßen, brauchten die Sarmaten dennoch mehrere Jahrhunderte, ehe
sie die Königlichen Skythen aus Südrußland herausdrängen und sie auf die Krim
beschränken konnten, während sie ihren eigenen Staat im Bereich des unteren
Dnjepr aufbauten. Zu jener Zeit behielten die Sarmaten noch viele Sitten und
ideologische wie künstlerische Konventionen skythischen Ursprungs bei. Einige
von ihnen besaßen sie von Anbeginn, andere übernahmen sie von den
skythischen Häuptlingen, die sie im Verlauf ihres westlichen Vordringens in ihre
herrschende Klasse aufgenommen hatten. In ihrer Kunst unterwarfen sie
nichtsdestoweniger die skythische Vorliebe für Tiermotive ihrer Freude an
geometrischen Mustern und polychromen Effekten, wobei sie die letzteren
ebenso durch Emaille- und Glaseinlegearbeiten wie durch den Gebrauch von
Cabochonsteinen erzielten. Mit Ausnahme ihrer Kuban-Gräber ähnelten ihre
Grabhügel von Anfang an denen der Skythen, wenn auch die Gräber darunter
sich von denen der Skythen vollkommen unterschieden. So gruben die Sarmaten,
im Gegensatz zu den prächtigen Gräbern, die die Skythen für ihre Häuptlinge
anlegten, lediglich einen Schacht, der in ein ovales oder rundes Loch mündete

237
und nur gelegentlich mit Binsen ausgelegt war. Die Toten wurden darin,
entweder in eine Pelz- oder in eine Lederhaut gewickelt, auf den Boden gelegt,
manchmal schob man eine Binsenmatte unter den Körper; Särge oder Bahren
scheint man niemals benutzt zu haben. Die Toten wurden manchmal
ausgestreckt, manchmal in Hockerstellung beigesetzt und wurden gelegentlich –
als Folge des Einflusses, den die angesessene Bevölkerung auf die Sarmaten
ausübte – verbrannt. Pferde wurden fast immer mit beigesetzt, aber während bei
den Skythen und verwandten Nomaden das ganze Pferd unter dem gleichen
Grabhügel wie sein Reiter beerdigt wurde, gaben sich die Sarmaten im
allgemeinen damit zufrieden, das Pferdegeschirr in die Grabkammer zu legen,
wenn sie auch manchmal, wie in Starobelsk, Hufe und Schädel mit einschlossen.
Sarmatische Gebisse haben weniger tiergestaltige Endstücke und Verzierungen
als die skythischen, sind aber statt dessen zum Halten der Zügel mit Ringen
versehen. Sie sind oft aus Gold oder Silber, und die wenigen Verzierungen haben
zumeist die Form von Buckeln oder tragen geometrische Motive. Die Sattel sind
hart und mit einem hohen Vorderteil versehen, das im Schwarzmeergebiet zuvor
unbekannt war.

 Abb. 17: Diese Goldspange in Form eines skythischen Würdenträgers stellte


wahrscheinlich ein griechischer Juwelier her, der im 4. Jahrhundert v. Chr. in
Südrußland arbeitete. Er hat darauf getreu und lebendig sowohl die charakteristischen
Gesichtszüge der Skythen als auch ihre Tracht festgehalten.

238
Diese Vorderseiten waren oft mit Goldblatt überzogen, mit Buckeln, Juwelen
und farbigem Glas geschmückt. Ihre polychrome Wirkung ist für die skythisch-
sarmatische Kunst charakteristisch, sie wird aber deutlicher, als die Tiermotive
skythischen Ursprungs zuerst von geometrischen Mustern und sodann, unter
dem Einfluß der Goten, von Vogelformen verdrängt zu werden begannen.
Pferdegeschirr wie dieses findet man in den Grabstätten vom 2. Jahrhundert v.
Chr. an, die sich über ganz Südrußland bis nach Bulgarien und Transsylvanien
erstrecken. Für die Periode sind die winzigen Goldfläschchen mit runden
Unterteilen ebenso charakteristisch, die mit Filigran- und Polychromarbeiten
verziert sind. Das Vorhandensein von Karneolperlen, Glasanhängern und
Glasgefäßen zusammen mit einigen Terra Sigilata- Tonwaren und ägyptischen
Skarabäen und Amuletten in vielen Gräbern zeigt an, daß die Sarmaten nicht nur
mit den griechischen Kolonisten der Nordküste des Schwarzen Meeres in engem
und regelmäßigem Kontakt standen, sondern auch mit der Mittelmeerwelt. Die
Gräber enthielten auch oft Spiegel aus einer Silberlegierung mit orientalischen
Formen, die mit typisch sarmatischen Mustern verziert sind, daneben Utensilien
zur Hanfinhalation, wie die in Pazyryk (Altai) gefundenen, Bronzeund
Eisenkessel skythischer Machart, Bronzegegenstände in verschiedenen
Ausführungen und Goldplättchen, ähnlich denen, die frühere’
Nomadengenerationen als Kleiderbesatz benutzt hatten. Die in den Gräbern
gefundenen Gegenstände spiegeln deutlich die vier Hauptentwicklungsstufen
wider, die die Geschichte der Sarmaten durchlief. So haben die Grabstätten aus
der ersten Phase ihrer Geschichte, d.h. aus dem 6. bis 4. Jahrhundert v. Chr.,
kleine Tumuli und enthalten wenige Gegenstände. In der Prokhorov-Periode, die
sich über die nächsten beiden Jahrhunderte erstreckte, zeigen die Gräber, daß
viele Sarmaten inzwischen beträchtlichen Reichtum erlangt hatten. Die
mittelsarmatische Periode, d.h. der Zeitraum vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum
1. Jahrhundert n. Chr., ist die einer hohen Entwicklungsstufe. Die Gräber aus
dieser Zeit offenbaren das Vorhandensein einer Klassengesellschaft, in der
feudale Häuptlinge und Barone eine hervorragende Rolle spielten. Die letzte
Phase erstreckt sich vom 2. bis zum 4. Jahrhundert n. Chr. Gräber im Wolgograd-
Gebiet aus dieser Spätzeit, z.B. die von Kotovaya, Novaya Norka und
Shcherbakovka, um nur diese zu nennen, beweisen, daß das alte Leben
weiterbestand. Man fand darin polychromen Schmuck, Perlen von der
Nordküste des Schwarzen Meeres, Gegenstände zentralasiatischen Ursprungs
und, in Shcherbakovka, einen römischen Bronzekessel. Darüber hinaus ist aber
auch in der Einführung des Umhangs und der Fibel, die diesen zusammenhielt,
der Einfluß der Goten festzustellen. In den späten Beisetzungen des Krimgrabs
hat man Malereien gefunden, auf denen Sarmaten in solcher Kleidung abgebildet
sind. Gleichzeitig aber führten die Sarmaten unter dem Einfluß der
vordringenden Hunnen die Schädeldeformation beim Toten ein.

239
Selbst als die Sarmaten in Südrußland allein herrschten, versuchten sie nicht,
die Krimskythen zu vernichten. Nach dem Tod des Mithridates Eupator und
dem daraus folgenden Zusammenbruch der bosporanischen Dynastie verbanden
sie sich statt dessen mit den Thrakern und setzten einen thrakisch-sarmatischen
Herrscher auf den bosporanischen Thron. Unter römischem Schutz blieb diese
Dynastie bis zum Jahr 332 n. Chr. an der Herrschaft, bis die Goten das Gebiet
eroberten und die Dynastie ablösten. Während dieser Vorgänge auf der Krim
befanden sich andere Sarmaten, einerseits ein Teil der Alanen und andererseits
die Jazygen und Roxolanen, wieder auf dem Vormarsch. Viele Alanen blieben
bis zur Periode der großen Wanderungen, in der sie in den Kaukasus zogen, wo
sie sich bis zum 9. Jahrhundert in Ossetia niederließen und bis heute als die
freundlichen und humorvollen Ossetianer leben, im Kuban-Becken und auf den
Weideländern im Norden des Asowschen Meeres; andere lockte es in ferne
Länder. Als Pharnakes’, des Sohnes des Mithridates Eupator, Verbündete
kämpften sie zusammen mit den Sirakern gegen Rom. Die Nomaden mußten
sehr teuer dafür zahlen, denn als Pharnakes starb, mußten sie die römische
Oberhoheit anerkennen und ihren Herren hohe Tribute zahlen. Den Alanen
gelang es jedoch schnell, ihre Unabhängigkeit wiederzugewinnen. Im Jahr 35 n.
Chr. – ebenso wie wiederum in den Jahren 72–73 und 134–135 n. Chr. –
versuchten sie, in Parthien und in das römische Kappadokien einzudringen;
beides gelang ihnen nicht. Als im Jahr 38 n. Chr. unter Nero Rom den Pontus
annektierte, wandten sie sich gegen Mitteleuropa; statt sich aber gegen Rom zu
richten, zogen sie nach dem heutigen Polen und Bessarabien, von wo sie
schließlich tief nach Europa eindrangen. Doch während des 1. Jahrhunderts n.
Chr. kümmerte sich Rom sehr wenig um die einfallenden Alanen oder die auf
der Krim lebenden Aorsen und beschränkte sich darauf, im Jahr 49 n. Chr. die
Unterstützung der Aorsen für den Kandidaten des bosporanischen Thrones zu
erlangen, der die thrakisch-sarmatische Dynastie begründete. Als Verbündete
der Krimskythen stellten diese Stämme sowohl im Kaukasus als auch am Don
eine echte, wenn auch unausgesprochene, Bedrohung dieses Königreichs dar
und bildeten damit, wenn auch nur indirekt, eine Gefahr für Rom. Um das
bosporanische Reich vor diesen und den Chersonesos vor den Skythen zu
schützen, legten die Römer eine Garnison auf den Chersonesos und bauten eine
Linie von Kastellen aus, die sich von Tanais am Don bis Taman erstreckte.
Darüber hinaus verbanden sie sich mit den bosporanischen Herrschern zur
Aufrechterhaltung einer gemeinsamen Flotte in diesem Raum. Sie richteten auf
dem Chersonesos auch ein reguläres Korps von Dolmetscher-Diplomaten ein
und machten diese für alle Verhandlungen mit den Alanen verantwortlich.
Damit wollten sie diesen Stamm daran hindern, die griechischen Kolonialstädte
zu kontrollieren. In Wirklichkeit schätzten die Nomaden jedoch die griechischen
Handwerker und Händler viel zu hoch, als daß sie gewünscht hätten, irgend
etwas Derartiges zu tun; statt dessen ließen sie sich in diesen Städten nieder und
heirateten oft Griechinnen.

240
Für das sarmatische Vordringen nach Mitteleuropa waren weitgehend die
Jazygen und Roxolanen verantwortlich. Die Vorhut bildeten die Jazygen, die ihre
Weidegründe im Norden des Asowschen Meeres und am unteren Dnjepr und
Don verlassen hatten und nach Westen zogen. Einige Forscher halten sie für die
Gruppe, die von den Römern die Königlichen Sarmaten genannt wurde. Ihr
Entschluß, nach Westen zu ziehen, resultierte vielleicht aus dem Druck, den die
Roxolanen auf sie ausübten. Was auch immer der Grund gewesen sein mochte,
im 1. Jahrhundert v. Chr. waren sie zum Dnjestr gelangt. Sie waren nicht damit
zufrieden, dort zu bleiben; einigen von ihnen gelang es, die Donau zu
überqueren, nach Moesia Inferior (Bulgarien) einzudringen und als Verbündete
des Mithridates Eupator Rom anzugreifen. Jedoch erst um 50 n. Chr. hatte sich
die Mehrzahl derselben zwischen Theiß und Donau niedergelassen.
Während die Jazygen über die römischen Grenzen drangen, waren die
Roxolanen als Verbündete der Skythen im Kampf gegen die Krimgriechen von
dem pontischen General Diophantos besiegt worden und hatten sich ihm in
seinem Kampf gegen Rom angeschlossen. Man glaubt, daß ihre Armee 50 000
Mann zählte; da sie aber schlecht diszipliniert und nur leicht bewaffnet war,
konnten die römischen Legionäre sie ohne Schwierigkeiten überwinden. Ovid,
der im Jahr 8 n. Chr. schrieb, als er in Tomi im Exil lebte, konnte uns eine
Schilderung ihrer Erscheinung und Unternehmungen hinterlassen. Um 20 n.
Chr. hatten sie die Karpaten überquert und erschienen in der ungarischen Ebene.
Bis zum Jahr 62 n. Chr. hatten sie die untere Donau erreicht, wo sie freundliche
Beziehungen zu den germanischen Bastarnern und den ansässigen Thrakern und
Dakern anknüpften und sie dann zum Aufstand gegen Rom aufwiegelten. Zu
dieser Zeit legte Rom großen Wert darauf, die Kontrolle über das Schwarze Meer
zu gewinnen. Da die Skythen gerade den Chersonesos belagerten, hielten die
Römer es für entscheidend, die Stämme auf dem Balkan zu unterwerfen und im
nördlichen Hinterland des Schwarzen Meeres die Ordnung wiederherzustellen.
Plautius Silvanus Aelianus übertrug man die Verantwortung für die
Operationen in Moesia Inferior. Bis zum Jahr 63 n. Chr. gelang es ihm, die
Sarmaten zu unterwerfen. Er konnte 100000 von ihnen über die Donau führen,
um sie auf römischem Gebiet anzusiedeln und den Nomadenaufständen im
Norden der Donau ein Ende zu setzen. Er ging weiter vor und setzte seine Macht
auf der Krim ein, wo es ihm gelang, die Unabhängigkeit des bosporanischen
Königs Cotys I. einzuschränken. Möglicherweise setzte er ihn ab oder ließ ihn
töten, denn Cotys, der 45–46 n. Chr. auf den Thron gelangt war, kann nach
Silvanus’ Sieg nicht mehr an der Macht gewesen sein, da eine aus 62–63
datierende Goldmünze ihn nicht erwähnt und eine Kupfermünze der gleichen
Jahre den Kopf Neros trägt. Doch im Jahr 68–69 n- Chr. wurden, wie J.G.C.
Anderson bemerkte, bosporanische Münzen mit dem Kopf Thescuporis’, Cotys’
Sohn, zusammen mit den Bildnissen Vespasians und Titus’ geprägt. In seinem
leidenschaftlichen Verlangen, sich als größerer Feldherr als Alexander von
Makedonien zu bewähren, hatte Nero einen grandiosen Expansionsplan für den

241
Osten entwickelt. Nach diesem sollte die Krim als Basis benutzt werden, von der
aus den Alanen der Darielpaß abgewonnen werden und die römische Eroberung
in den Mittelmeerraum und in die zentralasiatischen Gebiete vorgetragen
werden sollte. Neros Nachfolger teilten seine ehrgeizigen Pläne jedoch nicht und
zielten viel mehr darauf, die sarmatischen Stämme zu binden als sie
niederzuwerfen, und unternahmen darum keine größeren Feldzüge in
Osteuropa.
Den wahrhaft erstaunlichen Erfolg, mit dem die Nomaden einem so mächtigen
Staat wie Rom widerstanden, sollte man vielleicht, wenn auch nur teilweise, der
Tatsache zuschreiben, daß diese zu erkennen begannen, daß die Hunnen ihre
Siege auf ihrem Zug nach Westen zu einem gewissen Grad der überlegenen
Qualität ihrer Bogenwaffe zu verdanken hatten. Sie war einer Armbrust ähnlich,
wurde aber durch eine Knocheneinlage verstärkt, die es ihren Bogenschützen
erlaubte, schwerere, wenn auch noch, wie in skythischer Zeit, dreiblättrig
geformte Pfeilspitzen zu benutzen. Dieser Bogentyp war gegen schwere
Kavallerieeinheiten so wirksam, daß die Sarmaten im 2. Jahrhundert n. Chr., als
sie mit Rom im entscheidenden Kampf lagen, die letzteren durch berittene
Bogenschützen ersetzten, die mit dem hunnischen Bogen ausgerüstet waren, mit
dem sie nach parthischer Sitte rückwärts schössen. Auf der Trajanssäule in Rom
sind sie abgebildet, wie sie den hunnischen Bogen in dieser Weise gebrauchen,
konisch geformte Helme und sarmatische Waffen tragen, ihre Pferde aber ohne
die Hilfe von Sporen reiten.
Der dankbare Senat ließ Plautius Silvanus für seine Leistungen in einer
Inschrift ehren; sein Entschluß, so viele Sarmaten auf das römische Ufer der
Donau zu führen, hatte jedoch am Nordufer des Flusses ein Vakuum erzeugt,
was zur Folge hatte, daß die wenigen dort verbliebenen Nomaden nach Neros
Tod äußerst aufsässig wurden. So vernichteten 67–68 n. Chr. Sarmaten von der
Moldau und aus Bessarabien eine römische Kohorte und töteten im folgenden
Jahr Fonteius Agrippa, den Statthalter Mösiens. Seinem Nachfolger, Rubrius
Gallus, gelang es, die Ordnung wiederherzustellen und an strategisch günstigen
Punkten in Mösien eine Reihe von Kastellen zu erbauen; doch ungeachtet des
Mangels an römischen Truppen mußten in diesem Raum drei Kohorten gehalten
werden. Bald erwiesen selbst sie sich als nicht ausreichend. Im Jahr 82 wurden
die Streifzüge und Invasionen der Nomaden so lästig, daß Rom sich dazu
entschloß, in Pannonien Frieden und Sicherheit zu erkaufen. Die Atempause
wurde dazu genutzt, in der Dobrudscha, wahrscheinlich im Jahr 85, einen
Erdwall zu errichten und die Sarmaten dazu anzuhalten, an Trajans
Dakerkriegen von 101/102 und 105/106, durch die Dakien zur römischen
Provinz wurde, teilzunehmen. Die Sarmaten untergruben nichtsdestoweniger
Roms Macht, indem sie sich zeitweise auf die römische Seite schlugen und dann
wieder die Donau überquerten und römisches Gebiet plünderten. Im Jahr 93
fand Domitian es erneut notwendig, mit Waffengewalt gegen sie vorzugehen. Er
unterwarf sie, aber nur für kurze Zeit. Im Jahr 117 mußte Hadrian Dakien gegen

242
einen Zangenangriff verteidigen, der vom Westen durch die Jazygen und vom
Osten durch die Roxolanen vorgetragen wurde. Während der folgenden sechzig
Jahre lagen die Jazygen in Pannonien im Kampf mit den Römern. Schließlich
wurden sie im Jahr 175 von Marcus Aurelius in einer heldenhaften Schlacht
besiegt, die auf der zugefrorenen Donau geschlagen wurde. Das vom dankbaren
Senat auf dem Kapitol errichtete Standbild des Kaisers steht dort noch heute. Zu
Aurelius’ Siegesbeute zählte eine Reihe von Standarten oder Wimpeln, ähnlich
den auf der Trajanssäule abgebildeten Feldzeichen. C.V. Trever sagt, daß diese
Standarten – wie die von allen skythisch-sarmatischen Stämmen und den
Parthern gebrauchten Feldzeichen – aus Streifen gefärbten Stoffs gefertigt
wurden, die nur an den Enden zusammengenäht und so geformt waren, daß sie
Drachen und Reptilien darstellten. Sie waren an langen Stangen befestigt; wenn
sie bewegungslos herabhingen, konnte man sie nicht mit lebenden Tieren
verwechseln, aber bei der kleinsten Bewegung oder Brise flatterten die Streifen,
füllten sich und raschelten und erzeugten so den Eindruck von wilden lebenden
Tieren. Die erbeuteten Standarten müssen den Römern gefallen haben, denn bei
der Prozession zu Ehren des Einzugs Kaiser Konstantins in Rom marschierte eine
Doppelreihe von Lanzenträgern mit, die Drachen aus Purpurstoffen mit sich
führten, die mit Gold und Edelsteinen besetzt waren.
Im Jahr 172 hatte Marcus Aurelius durch seinen siegreichen Feldzug in
Germanien großen Ruhm geerntet. Zur Feier des Ereignisses hatte man die
Münzprägung jenes Jahres mit den Worten »de Germanis« versehen. Seine
Erfolge über die Sarmaten verschafften ihm den Titel Sarmaticus und auf den
Münzen die Inschrift »de Sarmatis«. Darüber hinaus ermöglichten es ihm die
Friedensbedingungen, die er den Sarmaten auferlegte, 5500 Stammesangehörige
nach Britannien zu senden, die in dem römischen Kastell von Chester und an
dem Hadrianswall in Northumberland dienten. Diese Niederlagen brachen den
Kampfgeist der Nomanden jedoch nicht. Während des 3. Jahrhunderts wurde
die Mehrzahl der Roxolanen von den Goten und Alanen absorbiert, andere
verbanden sich mit den Goten zu Streifzügen in Westeuropa, die Jazygen aber
blieben ein eigenständiger und autonomer Stamm, der die Römer als solcher
ständig weiter an der Donau belästigte. Bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts hatten
sie den Römern gewisse Zugeständnisse abgerungen. Nichtsdestoweniger kam
es in den Jahren 236–238 erneut zum Krieg. Diesmal wurden die Jazygen besiegt.
Sie erholten sich so weit, daß sie in den Jahren 242 und 252 in Dakien und zwei
Jahre später in Pannonien einfallen konnten, wurden von Carus aber 282–283
geschlagen. Selbst in dieser Spätzeit lebten sie noch als Nomaden, beerdigten
ihre Toten, wie es ihre Vorfahren getan hatten, in Hügelgräbern in der
traditionellen Form (wie in dem wichtigen Grab in Szil, in dem wahrscheinlich
ein im Kampf getöteter sarmatischer Fürst beigesetzt wurde), aber mit dem
auffallenden Unterschied, daß sie jetzt oft, in der Art der Skythen, einen
Streitwagen beigaben, was sie niemals getan hatten, als sie noch in Südrußland
lebten.

243
Im 4. Jahrhundert unterwarfen die Hunnen die Sarmaten. Die meisten von
ihnen töteten sie und assimilierten eine große Zahl der übrigen; einige entkamen
aber nach Westen und schlossen sich denen an, die weiterhin den Goten und
Hunnen zusetzten, bis, mit dem 6. Jahrhundert, auch sie von der Bühne der
Geschichte verschwanden.

17. Die Germanen

I. Äusserer Verlauf bis zur Errichtung des Limes

Keine Nachricht kennzeichnet die Verhältnisse im römisch besetzten Germanien


während der augusteischen Zeit genauer und eindrucksvoller als die
Motivierung der Varus-Schlacht bei Cassius Dio: »Die Römer hatten nur einzelne
Punkte des Landes in ihrer Gewalt, nicht ein zusammenhängendes Gebiet,
sondern wie sie gerade hier und da von ihnen unterworfen waren ... Ihre
Truppen überwinterten dort und legten städtische Ansiedlungen an, und die
Barbaren wurden zur Ordnung der Römer erzogen: Sie gewöhnten sich an ihre
Märkte und hatten friedliche Zusammenkünfte. Aber den Geist der Väter, ihren
angeborenen Charakter, ihre selbstherrliche Lebensweise und ihre Freiheit auf
Grund ihrer Wehrhaftigkeit hatten sie nicht vergessen. Daher empörten sie sich
auch nicht über die Veränderung ihres Lebens, solange sie nur allmählich und
gewissermaßen schrittweise ... ihre Eigenart verlernten. Sie merkten ja kaum, daß
sich ihr Wesen wandelte. Als aber Quintilius Varus die Statthalterschaft in
Germanien übernahm und, während er die Verhältnisse bei ihnen kraft seiner
Amtsgewalt zu regeln suchte, danach trachtete, sie auf einmal zu anderen
Menschen zu machen, und ihnen Vorschriften gab, als ob sie schon geknechtet
wären, und nun gar Geldzahlungen von ihnen wie von Untertanen eintreiben
wollte, da war ihre Geduld zu Ende.«
Treffend charakterisiert die Stelle den Kulturwandel, der mit der Eroberung
einiger Teilgebiete des Landes unter Drusus eingesetzt hatte. In aller
Eindeutigkeit wertet sie die Niederlage des Varus 9 n. Chr. als Ergebnis einer
verfehlten Besatzungspolitik. Die Aufstandsidee ging nicht, wie man vielleicht
erwarten könnte, von den damals freien Teilen Germaniens aus, sondern vom
Kernstück des besetzten Territoriums, wobei den Römern der Zwiespalt der
Meinungen bei den führenden Sippen der Völkerschaften, ja innerhalb dieser
Sippen selbst, nicht verborgen blieb: Einige standen auf seiten des Eroberers,
andere wollten ihre Stellung und ihre guten Beziehungen zu Rom zu
hegemonialen Zwecken nutzen. Wieder andere riefen zum Widerstand auf, auch
wenn sie vorher in römischen Diensten gestanden hatten und römische Bürger
geworden waren. Wie verwickelt die Lage sich gestaltete, kommt wohl am
besten im Verhältnis des Arminius, als ständiger Begleiter der Feldherren in
Germanien Kollaborateur und für seine Verdienste mit der Würde eines Ritters
ausgezeichnet, zu seinem Schwiegervater Segestes zum Ausdruck, einem bei den

244
Cheruskern angesehenen Mann, dessen unwandelbare Treue zu Rom und
dessen Mißerfolg im eigenen Land die Leser der Berichte jener Tage die ganze
Tragik des Geschehens aufs tiefste nachempfinden ließen.
Als Drusus 12 v. Chr. den Krieg ins rechtsrheinische Germanien trug, war sein
Ziel, die Eroberung und Erkundung des Landes sowie seine Umwandlung in
eine römische Provinz, sehr sorgfältig vorbereitet worden. Schon im 2. Jahrzehnt
v. Chr. standen die Legionen am Rhein und im Alpenvorland. Dort wurden
überall Lager errichtet, um die Truppen zu versorgen und notfalls aufzufangen.
Offensiver Geist beseelte natürlich auch die Feldzüge selbst. Im Stil der Zeit
führten sie die Truppen auf mehr oder minder begehbaren Straßen in die
Zentren des Widerstands, soweit sie vom Rhein aus erreichbar waren.
Umfassungsbewegungen größeren Umfangs, wie sie später Tiberius versuchte,
wurden damals noch nicht in Gang gesetzt. Denn daß man den Küstenstreifen
im Bereich der Chauken von der See her zu unterwerfen gedachte, wobei man
sich der Hilfe der Friesen versichert hatte, wird schwerlich in diesem Sinn
aufzufassen sein. Unbekannte Länder waren ja seit altersher vom Meer aus
erkundet worden, wie dies später militärisch auch Tiberius und Germanicus
noch taten. Aber die entscheidenden Operationen waren schon seit 11 v. Chr. auf
jene strategisch bedeutenden Straßen konzentriert, welche bis in die Tage des
Germanicus (14–16 n. Chr.) als Leitlinien der Offensive nach Osten galten: das
Lippetal auf der einen Seite, die Wetterau mit der Niederhessischen Senke auf
der anderen. So waren es im Westen zunächst altbekannte Gegner, Usipiter und
Tenkterer und auch Sigambrer. Am Main waren zunächst die Markomannen zu
beseitigen, deren Name von Ariovists Unternehmungen am Oberrhein noch im
Gedächtnis war. Nach ihrer Niederlage, mit der der Feldzug endete, führte
Marbod sie nach Böhmen (Fischer Weltgeschichte, Bd. 7). Dann spielten im
Kriegsgeschehen die Chatten im Bereich von Fulda, Lahn und Eder eine Rolle.
Damals erscheinen sie zum ersten Mal in der Überlieferung. Auf dem Weg zu
den nördlich benachbarten Cheruskern, mit denen sie in Feindschaft lebten,
blieben sie lange Zeit hindurch eines der wichtigsten Angriffsziele.
Es waren dies alles Bevölkerungsgruppen eines Raumes, der sich sprachlich
und kulturell erst sehr spät an die Kernräume der Germanen ostwärts der
Weser-Aller-Linie angeschlossen hatte (Fischer Weltgeschichte, Bd. 7). Noch im
letzten Jahrhundert v. Chr. war er, an ihrer Peripherie gelegen, mit der Welt der
Festlandskelten aufs engste verbunden gewesen. Nach Caesars Feldzügen war er
wenigstens in Rheinnähe immer wieder von römischen Soldaten betreten
worden, von Centurionen, die hier Tribute erheben wollten, dabei aber
niedergeschlagen worden waren, und von Truppen, die man zu
Strafexpeditionen über die Rheingrenze geschickt hatte. Jetzt galt es, den
Anspruch Roms auf das rechtsrheinische Germanien einzulösen. Indessen, so
groß auch das Operationsfeld sein mochte – Florus nennt Besatzungen und
Wachkommandos von der Maas über die Weser bis zur Elbe –, das gesamte
Germanien war damit bei weitem nicht erfaßt. Was ostwärts der Elbe lag, blieb

245
noch im Dunkel des Gerüchts, des Fabelhaften. Ein Weib von übermenschlicher
Größe, erzählte man, sei Drusus dort entgegengetreten; es habe ihm sein Ende
vorausgesagt und ihn zur Umkehr gezwungen (9 v. Chr.), was man später
angesichts seines nahen Todes als Stimme der Gottheit auslegte. Als Domitius
Ahenobarbus sechs Jahre später die Elbe überschritten und
Freundschaftsverträge mit den dort wohnenden Stämmen abgeschlossen hatte,
ging dies als bedeutende Tat in die Annalen der Geschichte ein. Man hörte dabei
von Hermunduren, die ihre Heimat verlassen hatten, so daß er sie in dem Gebiet
am Main ansiedeln konnte, welches die Markomannen räumten, als sie nach
Böhmen wanderten. Auf lange Zeit ist das die einzige Nachricht aus diesem Teil
Germaniens. Selbst die Germanenkriege des Tiberius (4 und 5 n. Chr.) boten der
Annalistik kaum nennenswert Neues, außer einer Flottenexpedition an die
Westküste Jütlands und einigen Stammesnamen am Niederrhein, nördlich der
Lippe (Brukterer) und an der Niederelbe, wo Langobarden, Semnonen und
Hermunduren in den Gesichtskreis der Römer traten.
Wirklich neue Bahnen wurden erst beschritten, als sich bei den Markomannen
in Böhmen ein Machtzentrum und damit ein Gefahrenherd zu bilden begann,
den man unter Kontrolle bringen mußte, wenn man nicht gefährden wollte, was
bis dahin gewonnen war: Marbod, so berichtet Velleius, hatte sich der
königlichen Gewalt bemächtigt und alle seine Nachbarn unterworfen oder sie
durch Verträge von sich abhängig gemacht. »Die Masse derer, die sein Reich
schützten und die durch beständige Übung beinahe das feste Gefüge römischer
Manneszucht erreicht hatten, brachte er in kurzer Zeit auf eine hervorragende
und besorgniserregende Höhe.« 5 n. Chr. sollten die Markomannen unter dem
Oberbefehl des Tiberius in einer erstaunlich weiträumig konzipierten
Umfassungsbewegung vom Rhein und von der Donau her aufgerieben werden.
Fünf Tagesmärsche trennten die Legionen vom Feind, da brach im Rücken der
Donaufront ein Aufstand im unterworfenen Pannonien und in Dalmatien aus. Er
zwang dazu, die Operationen abzubrechen. Es ist dies praktisch das Ende eines
Planes, dem weltgeschichtliche Bedeutung zugekommen wäre, hätte man ihn
verwirklichen können. March und Elbe wären zu Grenzen des Reiches
geworden, nicht Donau und Rhein. Denn was später, nach der Niederlage der
Varianischen Legionen, insbesondere unter der wirren Führung des Germanicus
(14–16 n. Chr.) an Versuchen folgte, wenigstens zwischen Rhein und Niederelbe
den Herrschaftsanspruch aufrechtzuerhalten, führte zu keinen politisch
wirksamen Resultaten mehr. Wir hören von Zerstörungen großen Ausmaßes,
von einer Dezimierung der Bevölkerung, die in bestimmten Teilen des Landes
groteske Formen angenommen haben muß. Aber an der Gesamtlage ließ sich
dadurch nichts mehr ändern, obwohl die Treuebindungen zum Reich, welche die
meisten germanischen Völkerschaften dieser Zone vertraglich eingegangen
waren, noch weit über die Mitte des Jahrhunderts hinaus Gültigkeit und
Wirksamkeit besessen hatten. Die Winterlager und Stützpunkte im
rechtsrheinischen Germanien wurden aufgegeben, die Legionen an Rhein und

246
Donau zurückgezogen. Dies blieb so bis in die Zeit der Flavier in den siebziger
Jahren des 1. Jahrhunderts.
Um so bedeutsamer ist der Wandel, der sich während dieser Jahre im Inneren
Germaniens vollzog. In erster Linie muß man dabei an Marbods Leistung
denken. Es war ihm gelungen, vor allem wohl nach dem Scheitern des
Tiberischen Feldzugs, seine Macht nicht nur im eigenen Land zu festigen – der
Königstitel machte ihn bei seinen Landsleuten verhaßt –, sondern auch seinen
politischen Einfluß zu stärken und auf alle elbgermanischen, aber auch auf
ostgermanische Völkerschaften auszudehnen. Semnonen, Langobarden und
Lugier gehörten in diesen Verband. Welche Geltung er bei den übrigen Stämmen
gewonnen hatte, mag daraus entnommen werden, daß der Kopf des Varus als
Trophäe des Sieges nicht bei den Cheruskern aufbewahrt, sondern Marbod
übergeben worden war. Welche Ausstrahlungskraft Marbods Reich auch in
kultureller Hinsicht hatte, darüber wird noch von archäologischer Seite ein Wort
zu sagen sein. Ältere germanische Traditionen mischten sich mit keltischen
Errungenschaften, und in der materiellen Ausstattung wie in den kulturellen
Ausdrucksformen griff eine Romanisierung um sich, die durch Marketender und
Händler aus den römischen Provinzen an Rhein und Donau besonders am
Königshof lebhaft gefördert wurde. So entstand im ethnischen
Überschichtungsraum Böhmens ein neues eigenartiges Kulturgebilde, das auf
die anderen elbsuebischen Gruppen in Mitteldeutschland, in Brandenburg und
Mecklenburg sowie am östlichen Niedersachsen tief einzuwirken und sie
umzuformen vermochte. Aber dieser Einfluß dauerte nur so lange, wie die
römische Besatzungsmacht, in ihrer Andersartigkeit von den meisten als fremd
empfunden, das Bewußtsein förderte, zusammenzugehören oder doch
wenigstens gemeinsame Interessen zu haben. Kaum waren die Soldaten außer
Landes, lockerte sich das Band, das die Einzelstämme zusammenhielt. Arminius
war es, der jetzt als Vorkämpfer für die Unabhängigkeit galt. So wandten sich
selbst Langobarden und Semnonen gegen Marbods Hegemonie, die ihnen lästig
war, weil die Gefahr, die sie bei einer Provinzialisierung für ihre Selbständigkeit
fürchten mußten, nun ein für allemal vorüber schien. Sie kämpften in offener
Feldschlacht gegen ihn, nach römischem Vorbild, diszipliniert in Reih und Glied.
Marbod, angeschlagen und in seinem Ansehen geschwächt, zog sich ins
böhmische Gebiet zurück. Ein Jahr später, 18 n. Chr., vertrieb ihn dort ein
Landflüchtiger namens Catualda ohne große Mühe – ein Mann, der einst zu den
Goten emigriert und nun zurückgekehrt war. Ihn traf indessen bald mit Hilfe der
Hermunduren das gleiche Schicksal wie Marbod. Beide gingen außer Landes,
ihre Gefolgschaften siedelte man auf dem nördlichen Donaustreifen zwischen
March und Waag an und gab ihnen, wie berichtet wird, einen König aus dem
Quadenstamm (die erste Erwähnung jener suebischen Völkerschaft, deren älteste
Geschichte zwar im dunkeln liegt, die aber zusammen mit den Markomannen
lange Zeit hindurch eine ständige Bedrohung für die römische Donaufront
bilden sollte).

247
Der Quadenkönig Vannius hat sich dreißig Jahre an der Macht gehalten; er
war reich an Schätzen, die er durch Raubzüge und Zölle hatte anhäufen können,
und er war umgeben von einer Leibgarde, Fußvolk und Reiterei aus
sarmatischen Jazygen, die gerade damals von Südrußland her in die ungarische
Tiefebene ostwärts der Donau eingedrungen waren; er besaß Burgen, die er bei
Gefahr aufzusuchen pflegte. Vannius war auf dem besten Weg zur Despotie. Wie
jeder dieser Herrscher, erlag er dann dem Haß und der Mißgunst der Nachbarn
und zugleich dem inneren Zwist. Vibilius, König der Hermunduren, wird in den
Quellen als Urheber des Umsturzes angegeben, Vangio und Sido, des Vannius’
Neffen, die mit Vibilius im Bund waren, als Erben ihres Oheims. Aber die
Ursache für das Interesse, das die Römer diesen Vorgängen entgegenbrachten,
lag viel tiefer. Wir hören bei dieser Gelegenheit von Lugiern und anderen
Stämmen aus dem ostgermanischen Bereich und auch von Hermunduren, die
sich, angelockt von den Reichtümern im Staat des Vannius, auf die Donau zu
bewegten und damit auf die Grenze der römischen Provinz Pannonien. Zwar hat
die Schlacht, die Vannius um 50 n. Chr. gegen sie verlor – sein Gefolge siedelte
man in Pannonien an – das Reich der Quaden nicht zerstört. Doch hat sich der
Druck, der von Norden kam und die Donaufront gefährden mußte, im Lauf der
Zeit immer mehr verstärkt, zunächst während Domitian mit den Dakern in
verlustreiche Kriege verwickelt war und seine westliche Flanke, die er dabei
durch Sueben und Sarmaten gefährdet sah, in schweren Kämpfen mit
Markomannen und Quaden sichern wollte (89–97). Als dann Dakien unter Trajan
erobert und in das Imperium einbezogen war (106) und als man im Lauf des 2.
Jahrhunderts auf der linken Donauseite sowie an March und Thaya z.T. sehr
weit vorgeschobene Militärstützpunkte errichtet hatte, da wirkten sich auch
diese exponierten Bollwerke als Barriere gegen die Völker im Norden aus.
Wir kennen die Ursachen nicht, welche die lugischen Völkerschaften gegen die
Donausueben in Bewegung gesetzt hatten. Archäologisch läßt sich zeigen, daß
das Kulturgebiet, in dem sie siedelten, sich während des späten 1. Jahrhunderts
beträchtlich ausgeweitet hat, nach Oberschlesien und zur oberen Weichsel hin
und dann vor allem auf Bug und Dnjestr zu. Ob diese Ausweitung auf
Wanderungen lugischer Bevölkerungsteile zurückging, ist zur Zeit noch nicht
mit Sicherheit zu sagen, obwohl es aus verschiedenen Gründen wahrscheinlich
ist. Aber damit in Verbindung stehen vermutlich jene klarer faßbaren
Umgruppierungen, die mit dem Erscheinen der Goten im Bereich der
Weichselmündung zusammenhängen werden. Freilich bietet die schriftliche
Überlieferung nur geringe Möglichkeiten zu klarerer Einsicht in die Verhältnisse.
Das Gebiet zwischen Oder und Weichsel ist eben niemals Kriegsschauplatz
gewesen, und was wir an Nachrichten besitzen, sind neben Wandersagen, deren
historischen Kern herauszuschälen aus Mangel an Parallelüberlieferungen
schwierig ist, stammeskundliche Gliederungsversuche ethnologisch
interessierter Historiker von Strabo bis zu Plinius und Tacitus. Allerdings
weichen bei ihnen die Stammesbezeichnungen voneinander ab und stimmen

248
nicht einmal bei den großen Verbänden überein. Während Tacitus z.B. ebenso
wie Ptolemaios von den Lugiern als größerem Stammesverband spricht und
ihnen neben unbedeutenderen Gruppen die Harier und Naharnavalen zuteilt,
geht Plinius bei seiner Gliederung von den Vandiliern aus, denen in den
Charinern wenigstens ein lugischer Stamm anzugehören scheint, wenn er mit
den Hariern des Tacitus über die sprachliche Verwandtschaft des Namens
hinaus identisch sein sollte. Sonst rechnet Plinius u.a. noch die Burgunder dazu,
die nach Ptolemaios ostwärts der Semnonen siedelten, genauso aber auch die
Gutonen, die als Goten bei Tacitus und doch wohl auch bei Strabo eine
selbständige Gruppe bildeten. In solchen Abweichungen drückt sich
wahrscheinlich geschichtliche Entwicklung aus. Einen Hinweis darauf bietet die
von Jordanes (551) überlieferte Wandersage der Goten, die nach ihrer Landung
zunächst die Rugier, die »das Ufer des Ozeans bewohnten«, vertrieben hätten
und im Anschluß daran auch deren Nachbarn, die Wandalen, »die sie schon
damals unterwarfen und den von ihnen besiegten Völkern einreihten«. Diese
Formulierung sieht zwar bei den andauernden Spannungen zwischen Goten und
Wandalen nach historischer Selbstbestätigung aus, aber der Kern der Nachricht
wird älter sein und die wirklichen Verhältnisse im neugewonnenen
Siedlungsgebiet an der Weichsel widerspiegeln. Ein weiteres Beispiel sind die
Silingen. Als der Wandalenname auf alle Bevölkerungsgruppen nördlich der
Sudeten ausgedehnt war – kaum vor den Markomannenkriegen im letzten
Drittel des 2. Jahrhunderts n. Chr. –, galten sie als Teilstamm der Wandalen. Auf
der Karte des Ptolemaios aber, die teilweise sehr alte Quellen verarbeitet zu
haben scheint, finden wir sie ohne weitere Zuordnung noch unterhalb der
Semnonen, wo sie schwerlich dem lugischen Stammesverband zugeordnet
werden können. Wir dürfen also wohl tatsächlich mit gewissen Verschiebungen
und auch Änderungen in der Selbstzuordnung der Kleingruppen rechnen, ohne
daß diese Vorgänge im einzelnen aufzuhellen wären.
Es ist wohl kein Zweifel, daß mit der Ankunft der Goten im
Weichselmündungsgebiet und nach dem Zusammenbruch des
Markomannenreiches unter Marbod, dem nach Strabo auch die Lugier
verbunden waren, die alten Ordnungen sich auflösten und die Einzelstämme
sich neu zu gruppieren begannen. Das Ergebnis wird erst im 2. Jahrhundert, im
Zeitalter der Markomannenkriege, sichtbar, als Wandalen und Goten als
Großverbände unmittelbar in das Blickfeld der römischen Reichsverteidigung
rückten.
Ein weiterer Unruheherd bildete sich noch während des 1. Jahrhunderts am
Niederrhein. Zunächst waren die Rebellionen nach Anlaß und Ausmaß
harmloser Natur. Die Friesen, die Rinderhäute als Steuer abzugeben hatten,
waren über die Willkür erbittert, mit der der Umfang der Lieferungen festgesetzt
wurde; als Maßstab für die Größe der Felle war die Haut eines Auerochsen
vorgeschrieben worden. Also rotteten sich die Friesen zusammen, belagerten ein
Kastell und brachten den Römern dabei empfindliche Verluste bei (28 n. Chr.).

249
Anders ging es mit den Chauken, die unter fremder Führung die gallische Küste
geplündert hatten und nun in die Provinz Niedergermanien eingefallen waren.
Aber bald nach der Mitte des Jahrhunderts spitzte sich die Lage ernsthaft zu.
Veränderungen in der Natur des Landes, insbesondere Überflutungen des
Marschenlandes, engten die mehr oder minder extensiv genutzten
Siedlungsflächen ein. Die Rheingrenze, die durch zahlreiche Standlager gesichert
war, ließ eine Ausdehnung der Küstenstämme nach Westen hin nicht zu. So
begannen sich die Verhältnisse im inneren Germanien auf ganz andere Weise am
Niederrhein auszuwirken als in älterer Zeit. Tatsächlich hatten die Chauken ihr
Siedlungsgebiet auf Kosten der Ampsivarier bis zu den Friesen auszudehnen
vermocht, während die Friesen selbst versuchen mußten, zum Rhein hin Raum
zu schaffen und u.a. einen Uferstrich zwischen Rhein und Ijssel auf römischem
Grenzterritorium zu besetzen (58 n. Chr.). Etwas früher hatten die Chatten
Obergermanien geplündert und waren dabei zurückgeworfen worden. All dies
zeigt, daß von einer Befriedung Germaniens, von der man wenigstens in
Rheinnähe bis in claudische Zeit hatte sprechen können, keine Rede mehr war.
Als die Thronwirren nach Neros Tod eine Aufstandswelle auslösten, die das
Verhältnis zwischen Rom und den Germanen gründlich änderte, kam das nicht
von ungefähr. Sie wurde getragen von den Batavern, einem Teilverband der
Chatten, der sich zwischen Altem Rhein und Waal niedergelassen hatte und
mehrere Kohorten in den Auxiliartruppen stellte, deren Führung in den Händen
des Stammesadels lag. Einer dieser Anführer, Julius Civilis, rief bei günstiger
Gelegenheit zum Abfall auf (69–70). Nie war einem Rebellen größerer Erfolg
beschieden. Von Köln bis Mainz sahen sich die römischen Soldaten
verräterischem Abfall, langandauernder Belagerung, teilweise auch der
Vernichtung durch die Barbaren ausgesetzt. Nie auch kämpften so viele
germanische Völkerschaften im gleichen Lager: Canninefaten, Friesen, Chauken,
dann Chatten und schließlich die altbekannten Usipiter, Tenkterer und
Brukterer, selbst die provinzialen Tungrer an der Maas. Aber das Ziel dieser
großartigen Bewegung, wie wir vermuten dürfen die Schaffung eines
Staatsgebildes beiderseits des Niederrheins einschließlich gewisser Teile der
Belgica, also in einem Bereich, der von altersher ethnisch, sprachlich und
kulturell einheitliche Züge trug (Fischer Weltgeschichte, Bd. 7), ließ sich
offensichtlich trotzdem nicht erreichen. Der Aufstand zerfiel in einzelne
Aktionen, die Stabilisierung der Lage durch Vespasian stellte die alten
Grenzverhältnisse wieder her.
Vespasian war es ferner, der nach solchen Erfahrungen in den siebziger Jahren
damit begann, die Reichsgrenze über Rhein und Donau weiter ins freie
Germanien vorzuschieben, um sie damit zu verkürzen und um Oberrhein und
Donau, die bereits in spättiberisch-claudischer Zeit durch Kastelle gesichert
waren, durch den Schwarzwald mit einer Heerstraße zu verbinden. Dies Werk
wurde fortgesetzt durch Domitian, dessen Feldzüge gegen die Chatten (85,89)
die frühesten Anlagen des Limes im Taunus veranlaßt haben, während südlich

250
des Mains entsprechende Sicherungsstationen im Odenwald und auf der Alb
errichtet wurden. Das neu gewonnene Land gliederte man als agri decumates der
Provinz Obergermanien ein. Weitere Ergänzungen stammen aus der
Regierungszeit des Trajan und des Hadrian, bis unter Antoninus Pius in der
Mitte des 2. Jahrhunderts jene Linie erreicht war, die vom Rhein nördlich
Koblenz in einem Bogen über den Taunuskamm zum Lahnknie bei Gießen
führte, von dort zum Main bei Seligenstadt und Miltenberg und in gerader Front
zur Rems bei Lorch, um dann im rechten Winkel nach Osten umzubiegen und
bei Gunzenhausen die Altmühl und bei Eining die Donau zu erreichen. Dieser
Verlauf, dessen sinus zwischen den Provinzen Obergermanien und Rätien
strategisch befremdend wirkt, läßt sich nur als Niederschlag älterer
Okkupationslinien verstehen, die durch anderweitige Inanspruchnahme des
Imperiums gleichsam eingefroren waren. Tatsächlich hat der Limes in seiner
endgültigen Gestalt nur drei Generationen lang den Frieden garantiert. Im ersten
Drittel des 3. Jahrhunderts war er bereits auf breiter Front von den Germanen
durchbrochen worden.

II. Besiedlung und Gruppierung

Dennoch darf man die Zeit nach Errichtung des Limes und nach der Eroberung
Dakiens, nachdem also die Grenzen des Reiches am weitesten nach Osten und
Norden vorgeschoben waren, als eine Epoche der Konsolidierung und der
Befriedung bezeichnen. Damals galt die Germania des Tacitus, die im ersten
Regierungsjahr Trajans erschienen war, als Kodifizierung der damaligen
Zustände nach einer sehr bewegten geschichtlichen Entwicklung. Wenn diese
Schrift auch in gewissen Partien auf älteren Mitteilungen aufgebaut war, so hatte
sie doch auch zeitgenössisches Material verarbeitet und war deshalb in ihren
entscheidenden Teilen noch keineswegs veraltet. Nimmt man die
archäologischen Quellenzeugnisse hinzu, die den taciteischen Bericht vielfach
ergänzen und verbessern, dann haben wir für die Verhältnisse um die
Jahrhundertwende die bei anderen Völkern seltene Möglichkeit, einen
Querschnitt in einem Zeitpunkt zu legen, als das Werden der einzelnen
Völkerschaften als abgeschlossen galt, als sie zusammengewachsen waren zu
jenem geschichtlichen Gebilde, dessen innere Einrichtungen sich in aller
wünschenswerten Schärfe gegen die Nachbarn an den Grenzen des römischen
Imperiums an Rhein und Donau sowie in den Weiten des östlichen und
nördlichen Europa absetzen lassen.
Über die Limeszone selbst braucht in diesem Zusammenhang nicht
gesprochen zu werden, weil die jenseits auf römischem Boden siedelnden
Völkerschaften, auch die germanischen, sich der römischen Provinzialkultur
angeglichen hatten, in ihr aufgegangen waren. Das trifft auch auf die
Bevölkerungsgruppen im Dekumatenland zu. Dort lebten noch während der
ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts typisch germanisch ausgestattete

251
Siedlergruppen, am Oberrhein wie nördlich des Neckars, wo außer dem
archäologischen Detail noch die Bezeichnung als Suebi Nicretes (Neckarsueben)
auf Inschriften trajanischer Zeit die ethnische Zugehörigkeit und die Herkunft
aus dem Elbbereich bestätigt. Südlich der Mittelgebirge liegen die Dinge insofern
anders, als hier weder der Limes noch die Donau, wo sie Grenze war, von
germanischen Siedlern dieser Periode erreicht worden zu sein scheint. Sie
beschränkten sich in ihrer Verbreitung fast ganz auf das Maintal und im
böhmischen Kessel auf das System von Eger, Moldau und Elbe. Das Budweiser
Becken bietet den südlichsten und zugleich auch isoliertesten Fundplatz mit
frühen germanischen Siedlungszeugnissen. Mähren bleibt dagegen bis zum Ende
des 1. Jahrhunderts bis auf wenige Spuren um Olmütz noch ohne nennenswerte
Funde. Sie häufen sich erst im Weinviertel Niederösterreichs und dann auch
ostwärts der March auf slowakischem Boden bis dicht an die Donau, wo wir im
Blickfeld der Provinz das Reich des Vannius lokalisieren dürfen. Dieses Gebiet
war noch in anderer Weise Grenzbereich. Denn das ungarische Tiefland weiter
südostwärts nahm um die Mitte des 1. Jahrhunderts bereits jene sarmatischen
Jazygen auf, die aus der Steppenregion des Schwarzmeerraumes nach Westen
gekommen waren und deren früheste archäologische Zeugnisse in der weiten
Ebene westlich der Theiß aus der Wende zum 2. Jahrhundert stammen.
Nordostwärts davon, im Waagtal (Puchóv-Kultur), an der oberen Weichsel und
Oder, wo die germanische Siedlung erst am Ende des 1. Jahrhunderts einsetzte,
siedelten noch immer Bevölkerungsgruppen autochthoner Art, von denen die
Osen und Cotiner die bekanntesten sind; sie waren kulturell den späten
Festlandskelten eng verbunden und dann später, auf nicht näher bekannte Art,
in den Stammesverband der Lugier einbezogen.
So bietet der südlich der Mittelgebirgszone liegende Anteil an der Germania
libera, mit Ausnahme von Nordböhmen, auch im 1. Jahrhundert noch kein
flächenhaftes Siedlungsbild. Im Westen waren es einige wenige Suebengruppen,
die aber nach ihrer Einbeziehung in den Limes bald ihre Eigenart verlernten;
anders war es im bayrischen Maintal, wo hermundurische Bevölkerungsteile in
kleinen, archäologisch heute noch isolierten Verbänden seßhaft wurden; wieder
anders lagen die Dinge im Weichbild der Donaugrenze zwischen March und
Waag, wo Quaden zwar unter angestammten Herrschern, aber gleichsam unter
Aufsicht der römischen Soldaten und unter ständigem Druck von Norden her als
Verbündete der nomadischen Reiterkrieger der Jazygen lebten. Ausstrahlungen
des Dakerreiches machten sich, solange es unabhängig blieb (bis 106), bis hin zur
March bemerkbar, dann besonders stark im ostslowakischen Theißgebiet und
erst recht nördlich des Karpatenbogens in Podolien längs des Dnjestr (Lipica-
Kultur), wo auch mit dakischen Siedlungen zu rechnen ist.
Dafür, daß nur Daker hier gesiedelt haben, gibt es freilich keinen Anhalt. Aber
was sonst an Namen von Völkerschaften in Osteuropa überliefert ist, etwa die
Peukiner oder Bastarner und die Veneter (Fischer Weltgeschichte, Bd. 7), läßt
sich weder eindeutig lokalisieren noch sicher mit bestimmten archäologischen

252
Fundgruppen in Verbindung bringen. Vom mittleren Bug über Pripjat zum
Dnjepr war auch im 1. Jahrhundert noch die Sarubinzy-Kultur verbreitet, die
man gern für venetisch hielte, bedeutete dieser Name nichts anderes als eine
Sammelbezeichnung für die östlichen Nachbarn der Germanen, wobei sein
Geltungsbereich nicht stets der gleiche geblieben zu sein braucht. Daß in den
Ästiern, den Vorfahren der Pruzzen, ostwärts der Weichselmündung uns
baltische Bevölkerung entgegentritt, deren kulturelle Verwandtschaft zu den
Germanen, schon von Tacitus bezeugt, auch archäologisch auffällt, gibt der Kette
der Grenzvölker wieder einen sicheren Halt.
Unklar liegen die Verhältnisse wieder im mittleren Skandinavien, also an der
Nordgrenze der Germanenwelt. Nennenswertes germanisches Fundmaterial in
der Ausprägung der älteren Kaiserzeit kam nämlich nur auf den Ostseeinseln, in
Östergötland und am Oslofjord zutage. Daß es andernorts zurücktritt, mag
seinen Grund in dem merklichen Kulturgefälle vom Kontinent nach Nordeuropa
haben, das dort überall Verspätungen im Kulturwandel mit sich brachte und das
in denjenigen Funden seinen beredtesten Ausdruck gefunden hat, in denen uns
vorrömisches Formengut – nach späterer Mode umstilisiert – begegnet. Weite
Teile des Inneren, wie etwa die umfangreichen urwaldartig dicht bestockten
Felsgebiete Smålands, Upplands, Bohusläns und der küstenferneren
norwegischen Bezirke, blieben noch ohne ständige Besiedlung. Ihre Einengung
und Durchdringung setzte erst während des 3. und 4. Jahrhunderts ein, um in
der Völkerwanderungsperiode und in der Wikingerzeit jenes Stadium
bäuerlicher Ausbausiedlungen zu erreichen, das den wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Hintergrund der Sagaliteratur gebildet hat. Dennoch wird man
wenigstens um den Mälarsee herum schon frühzeitig mit kolonisatorischen
Ansätzen rechnen können, wenn man die Suionen, denen Tacitus einen längeren
Abschnitt seines Werkes widmete, mit den Svear in Verbindung bringen darf,
die später hier nachgewiesen sind. Nördlich der Linie Oslo-Uppsala wird man
allerdings, wie für alle älteren Perioden so auch für die römische Kaiserzeit, noch
nomadenhafte Lebensformen für sicher halten dürfen. Bis zu einer
Europäisierung dieser Zone hat es noch Jahrhunderte gedauert.
Gänzlich anderer Art sind die Besiedlungsverhältnisse im Inneren
Kontinentalgermaniens. Sieht man von unwegsamen, verkehrsgeographisch
abgelegenen und für die Siedlung der damaligen Zeit unbrauchbaren Arealen in
der Mittelgebirgszone ab, sieht man ferner ab von Süddeutschland außerhalb des
Limes und auch von gewissen Teilgebieten im östlichen Sachsen, in
Hinterpommern und im Bereich der Weichsel, dann fällt auf der archäologischen
Karte sogleich die je nach Forschungsstand mehr oder weniger kompakte,
flächenhafte Besiedlung auf, die Streifen ohne Funde in Gruppen teilen und
begrenzen. Vielfach lassen diese Siedlergruppen Ausgleichserscheinungen in der
Sachkultur erkennen, die uns unter verkehrsgeographischem Aspekt
einleuchtend interpretierbar scheinen, so daß sie als Sozialverbände mit
gemeinsamem Marktverkehr definiert worden sind. Einer nordgermanischen

253
Gruppe in Skandinavien steht eine Küstengruppe an der Nordsee gegenüber,
dieser ein westgermanischer Kreis, der vom Rhein bis zur Saale und vom
Weserknie bis zum Main bei Würzburg reicht, ihm eine elbgermanische Gruppe
vom östlichen Niedersachsen bis zur Oder und eine ostgermanische zwischen
Oder und Weichsel, San und Bug.
Natürlich besteht die Frage, welche Völkerschaften sich in diese Gruppen
teilten. Darüber läßt sich nach Lage der Dinge kaum je Einigkeit erzielen, weil
die Großgliederungen, die in der antiken Literatur mitgeteilt sind, offenbar nach
verschiedenen Prinzipien entstanden sind und auch nur Teile
Gesamtgermaniens umfassen. Gliederungsmöglichkeiten gab es ja tatsächlich
viele, je nach der Bedeutung, die man der Sprache, der Abstammung, der
Stammestradition, bestimmten Einrichtungen des sozialen Lebens und des
Kultes, vor allem aber auch der häufig wechselnden Selbstzuordnung der
Verbände beigemessen hat und heute noch beimißt.
Deshalb scheint es nur unter günstigen Überlieferungsbedingungen möglich,
den Völkerkatalog antiker Zeit exakt in eine moderne Karte einzutragen und sie
dann noch mit den archäologischen Gliederungsversuchen zu kombinieren. Bei
vielen Abweichungen und Unsicherheiten im einzelnen dürfte es indessen
ziemlich sicher sein, in der Nordseegruppe Friesen und Chauken
unterzubringen, nördlich der Elbe auch noch einige jener kleineren, von Tacitus
benannten Völkerschaften, die bei Ptolemaios unter den Sachsennamen
verzeichnet sind. Zu den Westgermanen zählen dann neben der Brukterer-
Tenkterer-Gruppe noch die Chatten, die Cherusker und ein Teil der
Hermunduren, zu den Elbgermanen die Langobarden, die Semnonen, ferner
neben Hermunduren noch Markomannen und Quaden. Ostgermanen schließlich
sind die Lugier (Hasdingen, Silingen usw.), die Rugier, die Burgunder und die
Goten.

III. Innere Verhältnisse

Alle diese Gruppen unterscheiden sich, wie schon in Band 7 der Fischer
Weltgeschichte geschildert, nach Herkommen, Umfang und äußerem
Erscheinungsbild. Ein Querschnitt für die Regierungszeit des Augustus zeigt das
insofern besonders klar, als die Impulse, die damals vom Rhein und von der
Donau ausgingen, die Einzelgruppen in den mannigfaltigsten Ausdrucksformen
und den unterschiedlichsten Entwicklungsstadien trafen. Die relative
Einheitlichkeit in der Sachkultur, die sie auslösten, beschränkte sich freilich
zunächst noch auf den Einflußbereich des Markomannenkönigs Marbod, dessen
politisches Wirken die Voraussetzung dafür geschaffen hatte, also auf die
Elbsueben zwischen Lüneburger Ilmenau und Oder und auf die lugischen
Ostgermanen in Mittelschlesien und im Warthebogen. Ziemlich peripher lagen
damals noch das Weichselmündungsgebiet, der Bereich um die Elbmündung
sowie Fünen und gewisse Teile Jütlands. Begreiflicherweise wichen die

254
Reaktionen auf diesen römisch-markomannischen Kulturstrom je nach der Kraft
der eigenen Tradition und je nach der Entfernung vom Zentrum solcher
Strahlungen in vielen Einzelheiten voneinander ab, namentlich dann, wenn die
Besonderheiten der Landesnatur selbständige Lösungen in Wirtschaft, Siedlung
und Sozialaufbau verlangten, genausogut aber auch im religiösen Leben, z.B. in
der Sitte, den Toten bei der Bestattung Beigaben ins Grab zu legen. Indessen,
Tracht, Ausrüstung für Roß und Reiter, Bewaffnung, Zusammensetzung des
Tafelgeschirrs, vielfach kostbares Importgut aus römischem Besitz, dann auch
Totenbehandlung und Grabausstattung bei der sozial gehobenen Schicht
präsentieren sich erstaunlich gleichartig über die Grenzen der Gruppen und
Völkerschaften hinweg.
Träger solchen Wandels wird demnach größtenteils der Adel gewesen sein,
und man darf annehmen, daß die Weite der Verbindungen, die seine Sachkultur
verrät, in gewissem Umfang ihm selbst eigentümlich war. Viele Teilgebiete
Germaniens blieben davon in diesem Anfangsstadium noch unberührt,
Skandinavien, Hinterpommern, der Weichselbogen und ganz Westdeutschland
zwischen Rhein und Aller. Aber schon in der Mitte und besonders in der zweiten
Hälfte des 1. Jahrhunderts setzte sich Germanisches im römerzeitlichen Gewand
auch hier durch, bis es schließlich im 2. Jahrhundert zwischen Limeszug und
Weichsel und bis hin zum Oslofjord in Stil und Formenwelt einheitlich
ausgeprägt verbreitet ist.
Welche Faktoren und wie sie bei diesem Vorgang wirksam waren, entzieht
sich beim heutigen Forschungsstand noch unserer Kenntnis. Vom Lebensgefüge
der damaligen Zeit wissen wir noch viel zu wenig. Das trifft bereits auf seine
Grundlagen wie Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaftsordnung zu. Wenn etwa
in einigen Teilgebieten der norddeutschen Tiefebene Siedlungsbewegungen um
Christi Geburt bemerkbar werden, die einerseits zur Besiedlung der
Marschenzone ostwärts der Weser führten, andererseits zur Inbesitznahme
größerer Areale im Jungmoränenland, wo andere, heute ertragreichere
Bodentypen verbreitet sind als im vorgelagerten Sanderstreifen, ist ganz unklar,
ob beide Erscheinungen zusammenhängen. Das gilt ferner für die Frage, aus
welchen Gründen und auf welche Art und Weise diese und andere Räume
damals neu besiedelt, altbesiedelte dagegen aufgegeben wurden. Man hat das
gelegentlich mit Wanderungen einzelner Stämme in Zusammenhang gebracht,
aber dabei vergessen, daß die Mobilität im Siedlungswesen, die in der geringen
Stabilität der politischen Verbände eine Parallele findet, typisch für
prähistorische Verhältnisse zu sein scheint und sich auch während der ersten
Jahrhunderte n. Chr. gegenüber der vorrömischen Eisenzeit (Fischer
Weltgeschichte, Bd. 7) gewiß nicht abgeschwächt erweist.
Im Normalfall haben wir es noch immer mit Weilern oder mit
Gruppensiedlungen zu tun, die innerhalb der einmal gerodeten Flächen,
innerhalb der Siedlungskammern von Zeit zu Zeit den Standort wechselten. Wie
das im einzelnen vor sich ging und ob dabei Änderungen in den Beziehungen

255
der einzelnen Wohngemeinschaften eintreten konnten, läßt sich gegenwärtig
noch nicht beurteilen, weil die archäologische Erforschung solcher Kammern
noch unvollständig ist. Von sozialen Unterschieden in solchen Siedlungen sagen
die meisten der bisher bekannten Befunde für die ersten beiden Jahrhunderte
noch nichts. Daß das Ansehen einzelner Familien und Personen höher
eingeschätzt wurde als das anderer, versteht sich von selbst. Aber im
allgemeinen hatten sich starre Klassen bei der Kurzlebigkeit und bei dem
geringen Umfang und lockeren Zusammenhalt der Siedlungen wohl gar nicht
erst entwickeln können. Klassenbildung nach Besitz ist selbst dort kaum zu
beobachten, wo die Niederlassungen, aus welchen Gründen immer, über
Generationen konstant geblieben waren. Entweder bot hier die verschiedene
Zusammensetzung der Einwohnerschaft nach der Produktionsart keinen
Ansatzpunkt dafür, oder man siedelte bei vorwiegend bäuerlicher Lebensweise
in einzeln liegenden Großgehöften, deren Selbständigkeit dann auch durch
eigene Friedhöfe betont wird. Die Wohngebäude wurden in solchen Fällen in
dem Maß vergrößert und vermehrt, wie es der Bevölkerungszuwachs erforderte.
Andere Lösungen fand man auf den Wurten im Marschenland, wo Tierhaltung
eine größere Rolle gespielt haben mag als Ackerbau. Reiche und ärmere
Wirtschaftsbetriebe, Kätner mit Hausfleiß (Kammherstellung) und eine
ortsansässige, wohlhabende Familie in der Funktion als Dorfstarost, das ist der
Aufbau, wie er uns heute in einer solchen Großwurt mit mehr als dreißig
Hofplätzen entgegentritt.
Es lohnt sich, auf dieses Beispiel noch ein wenig genauer einzugehen. Denn die
Veränderungen, die im Verlauf des 2. Jahrhunderts hier im Bebauungsplan und
im Verhältnis der Hofstellen zueinander einsetzten, spiegeln im lokalen Rahmen
und in spezieller Form eine Entwicklung wider, die ganz Germanien in dieser
Zeit betraf. In den Anfangs Stadien der Wurt waren jeweils mehrere
Wirtschaftsbetriebe von einem gemeinsamen Zaun oder Graben umgeben und
dadurch als Einheit gekennzeichnet. Solche Einheiten bestanden aus verschieden
vielen Wirtschaften, die wieder nach Größe und Ausstattung beträchtlich
voneinander abwichen. Allmählich lösten sie sich aus den Verbänden und
erlangten, als die Einzelwurten zu einer Großwurt zusammengewachsen waren,
Selbständigkeit, wie der Zaun anzeigen mag, der sie nun vielfach einzeln
umschloß. In irgendeiner Weise muß diese Auflösung größerer Gruppen mit der
Geschichte des Starostenhofes zusammenhängen, der im 2. Jahrhundert neben
einigen weiteren Wohnstallhäusern noch ein Hallenhaus erhielt, das allein zu
Wohnzwecken eingerichtet war. Bald wurde es vergrößert, und neben die
landwirtschaftlichen Nutzbauten traten jetzt auch Werkstätten für
Eisengewinnung und Bronzeguß. Im 3. Jahrhundert konzentrierte man sie auf
einer Wurterweiterung, verlagerte sie also aus dem Wohnbezirk des Herrenhofes
an seine Peripherie. Die Wurt war in ihrer inneren Organisationsform zu einem
komplizierten Gemeinwesen geworden: ein Herrenhof, dessen Bewohner aus
besonders alter, ortsansässiger Familie stammten, wie aus der Konstanz des

256
Hofplatzes hervorzugehen scheint, natürlich landwirtschaftlich orientiert, aber
auch mit den Mitteln zur Produktion von Metallgerät ausgestattet und
schließlich mit bestimmten Aufgaben im Gemeindeleben betraut; zahlreiche
abhängige oder unabhängige bäuerliche Betriebe verschiedener Größe;
schließlich Kätner, die zwar an der Kleintierherde des Dorfes teilhatten, sich
sonst aber auf andere Art als mit Tierhaltung beschäftigen mußten, mit
Fischfang, mit Kleingewerbe und vermutlich auch mit Dienstleistungen in der
Nachbarschaft und auf dem Herrenhof.
Die Entwicklung, die in solcher Ausgliederung führender Familien innerhalb
des Dorfes zum Ausdruck kommt, mag in der vorliegenden Form auf
Großsiedlungen von langer Siedlungsdauer im Marschenraum beschränkt
gewesen sein. Aber sie ist doch auch wieder insofern typisch, als solche
Herrenhöfe uns noch andernorts, am frühesten im Vorfeld der römischen
Reichsgrenze am Niederrhein und etwas später, während des 3. und 4.
Jahrhunderts, auch im inneren Germanien begegnen. So stehen in einem Fall
einem mit Graben und Palisade umgebenen Großhof drei kleinere, ebenfalls
eingezäunte Wohnstallhäuser gegenüber, in einiger Entfernung aber auf
eingezäuntem Areal ein Langbau ohne Stall, eine Halle mit Hochsitz und
weiteren Einzelheiten, die dem Gebäude eine Sonderstellung in dem Weiler
sichern. Auf einem anderen Fundplatz war der Wohnteil eines mächtigen, 43
Meter langen Wohnstallhauses zu einer weiträumigen Halle umgestaltet
worden, die wieder mit einem Hochsitz ausgestattet war, unter dem überdies ein
Münzschatz beträchtlichen Umfanges zum Vorschein kam. Daneben gab es hier
noch eine ganze Reihe kleinerer Bauten, so daß man den Eindruck eines
Gutshofes, nicht den einer Siedlung aus selbständigen Gehöften gewinnt, wie
man sie im Gegensatz dazu in den Langbauten der Dauersiedlungen (s.o.S. 304)
erblicken darf.
Die Differenzierung im Gesellschaftsaufbau, der vielleicht in dem
geschilderten dörflichen Gliederungsprozeß, sicher aber in der Entstehung des
Herrenhofes als Siedlungstypus zum Ausdruck kommt, ging offenbar nicht
allein von wirtschaftlichen Wandlungen aus. Ausschlaggebend waren vielmehr
ethnische Überschichtungen nach der Übersiedlung in fremde Länder (Marbod)
und der Kontakt mit dem römischen Imperium. Er hatte sich nach dessen
Vorrücken an Rhein und Donau und dann vor allem in der Limeszeit
intensiviert. Die Dienste, die Angehörige des germanischen Adels für das
römische Militär seit Marbods Generation leisteten, hatten ihn noch wirksamer
gemacht. Kontakt mit Hochkulturen hatte im barbarischen Bereich ja schon
häufiger führenden Familien zu einer besonderen Stellung verholfen. Streben
nach Repräsentation, Entlehnung eindrucksvoller Attitüden, dadurch
Gemeinsamkeiten in den für entscheidend gehaltenen Ausdrucksformen über
stammliche Grenzen hinaus, bewußtes Abrücken vom Durchschnittlichen, alle
diese Züge haben in den Bodenfunden solcher Zeiten greifbaren Niederschlag
gefunden, in der Siedlungsform genausogut wie im Bestattungszeremoniell, über

257
das noch zu sprechen ist. Das trifft auf die Kelten und Daker ebenso zu, wie es
für die Germanen gilt. Sie sind zwar in ihrer Auseinandersetzung mit der
mediterranen Hochkultur verschiedene Wege gegangen und haben auch einen
sehr verschiedenen Grad der Angleichung erreicht, aber im gesellschaftlichen
Leben und in der politischen Betätigung der führenden Familien stimmen sie im
Wesentlichen überein: in der Rivalität der Clane, die, bemüht um Einfluß an der
Spitze der politischen Verbände, in langwierigste Fehden verwickelt waren; in
der Einrichtung eines Anhangs abhängiger Leute und einer Gefolgschaft Freier
für den Waffendienst in Krieg und Beutezügen und standesgemäßes Auftreten
derer, die über die nötigen Mittel für solch kostspielige Steigerung des Ansehens
verfügten.
Aus den vornehmen Familien des Landes, die nach archäologischem Befund
und literarischem Beleg über weitreichende Beziehungen durch Heirat,
Adoption und Gastgeschenk verfügten, gingen jene Anführer hervor, die ihr
Glück im römischen Militärdienst machten und nach ihrer Rückkehr in der
Heimat oder bei fremden Stämmen lohnende Betätigung suchten. Beispiele sind
Marbod und Arminius, Cruptorix im Friesenaufstand, der Canninefate
Gannascus bei den Chauken und Julius Civilis bei den Batavern. Sie alle
verschafften sich die Mittel, um ihre Ziele zu erreichen, sie geboten über Leute,
die sich ihnen in Gefolgschaften verbunden fühlten und denen man einen ihrer
Bedeutung entsprechenden Sonderstatus gab, wenn sie ihren Herrn verloren
(Marbod, Catualda, Vannius u.a.). Daß sie zu Grundbesitzern wurden, hören wir
aus den zeitgenössischen Berichten: Cruptorix besaß ein Gehöft, Civilis Güter
(agri) und Gutshöfe (villae). Wir denken dabei an die beschriebenen Weiler mit
Halle, genauso aber auch an die Villenbezirke in der Provinz. Es kann schließlich
kein Zweifel bestehen, daß diese Schicht es war, aus der die Führungsgruppe für
den politischen Verband, die Völkerschaft, erwuchs, sei es in einer Art
Prinzipatsverfassung, sei es in der Form der Monarchie, und daß es dieser Adel
war, aus dem die Heerkönige der Spätzeit hervorgegangen sind. Aber das sind
Entwicklungsstadien, die hier noch nicht zur Diskussion stehen.
Wie sich der Gesellschaftsaufbau der Germanen wenigstens in seinen
Grundzügen in den zeitgenössischen Siedlungstypen spiegelt, so hat er auch im
Bestattungsbrauch seinen Niederschlag gefunden. Auf welche Weise der Adel
seine Mitglieder bestattet hat, wurde bereits angedeutet: nicht wie üblich in
großen Urnenfeldern, sondern häufig unverbrannt in kleinen, separat gelegenen
Gräbergruppen; fast immer ohne Waffen in den Männergräbern, höchstens mit
Reitzeug, Schere und Messer ausgestattet; neben Zubehör der Tracht (Gürtelteile
und Fibeln) noch Trinkgeschirr für Bier- und Weingenuß, Trinkhörner und
Behälter aus Ton, Metall und Glas; das Metall- und Glasgeschirr vorwiegend aus
römischem Besitz und nach römischem Gebrauch geordnet; schließlich außer
Schmuck, Ringen für Hals und Arm, Perlenketten und Berlocken, noch
Brettspielzubehör, überwiegend Spielsteine. So einheitlich solch fürstliche
Ausstattung über große Entfernungen hin verbreitet ist, so unterschiedlich

258
verteilt sie sich geographisch in den einzelnen Perioden, so daß kein einziger
Fundplatz, ja nicht einmal eine ganze Landschaft die Gesamtdauer derartigen
Brauchtums lückenlos umfassen kann. Das zeigt, wie traditionslos es war, aber
es deutet auch auf geringe Stabilität in der Führungsrolle des Adels hin und
belegt, daß die Repräsentationsformen, die er hier zeitweilig gefunden hatte, in
ihrer Haltbarkeit noch von ganz anderen Faktoren abhängig gewesen sind, von
der Art und Eindringlichkeit des Kulturkontaktes ebenso wie von der
Bereitschaft, Kulturgüter aus der Fremde zu entlehnen. Von diesen allgemeinen
Kennzeichen abgesehen, bieten die Adelsgräber noch einen spezielleren Aspekt.
Nach der Qualität und nach dem handwerklichen Niveau der Beigaben zu
urteilen, müssen sie von technisch versierten Handwerkern hergestellt worden
sein. Da sie mit fortschreitender Entwicklung immer ausgeprägter landschaftlich
begrenzte Besonderheiten erkennen lassen, werden diese Handwerker
wahrscheinlich doch wohl in einem Dienstverhältnis zu den Auftraggebern
gestanden haben, bei denen sich Reichtümer angesammelt hatten. Mit Recht ist
darauf hingewiesen worden, daß man seit dem 3. Jahrhundert von Hofkunst
sprechen dürfe, deren Ausdrucksmittel den Stil der ganzen Epoche hätten
prägen können.
Tatsächlich gingen von den Leistungen solcher Werkstätten, die man sich an
den Adelshöfen lokalisiert vorstellen mag, kräftige Impulse aus. Entlehnungen
aus der antiken Kunst haben damals ihr Repertoire in Motiv und Technik
bedeutend erweitert. Neben vegetabiles Ornament und Tierbild trat nun auch
der Mensch in den Motivschatz ein. Zwar war künstlerische Betätigung noch
immer an Gebrauchsgut gebunden, aber ihre Aussage bot von jetzt an
Besonderes und war auf den Auftraggeber zugeschnitten. So kennzeichnete sie
den einzelnen und seine Gruppe ähnlich symbolhaft wie Herrenhof und
Adelsgrab. Wenn gleichzeitig Buchstabenschrift (Runen) für die Anbringung von
Personennamen und von Zauberworten verwendet wird, unter deren
persönlichen Schutz sich die Benutzer stellen wollten, dann zeigt diese neuartige
Ausdrucksform, daß der Mensch in dieser Zeit sich auch geistig gewandelt hatte.
Während die Adelsgräber über weite Gebiete hin einheitlich angelegt und
ausgestattet wurden, weichen die größeren Nekropolen des Volkes, meist
Urnenfelder, in Einzelheiten des Ritus’ beträchtlich voneinander ab. Diese
regionale Mannigfaltigkeit deutet an, daß die Traditionsgemeinschaften, als die
uns die Siedlungsgruppen hier entgegentreten, nur einen lokalen
Geltungsbereich besessen haben dürften. Von dem, was sie für die
Rekonstruktion der Gesellschaftsordnung sonst zu bieten haben, interessiert hier
vor allem die Bewaffnung. Zwar ist die Überlieferung hier besonders lückenhaft
und ungleichmäßig, da die Mitgabe von Waffen ins Grab nur zeitweise und nicht
überall üblich war. Aber da es bei der Zusammensetzung der Waffen typische
Gruppen gibt, die auch in einem bestimmten Zahlenverhältnis zueinander
stehen, läßt sich wenigstens sagen, daß nicht jeder Krieger auf die gleiche Art
bewaffnet war. Daraus kann man für Truppenaufbau und Kampfesweise

259
Schlüsse ziehen. Am häufigsten müssen demnach die Lanzenträger gewesen
sein, dann folgen Krieger, die außer der Lanze auch einen Schild getragen haben,
und ihnen schließlich die Vollbewaffneten mit Lanze, Schild und Schwert. Nur
vereinzelt begegnet bei den Schwertkriegern auch der Reitersporn, der sonst
noch gelegentlich allein auftritt, aber ebensowenig wie das Schwert in jedem
Männergräberfeld. Im archäologischen Befund charakterisiert er dieser
Isolierung wegen eine besondere Personengruppe. Da Reitzeug auch in den
waffenlosen Adelsgräbern vorkommt, wird man diese Toten in der Rangfolge
zur Spitze zählen dürfen, zu einer Gruppe, deren Kennzeichen im
Bestattungsritual nicht unbedingt die Waffe war. Die Sonderstellung, die der
Reiter wenigstens anfänglich noch innegehabt zu haben scheint, hat in den
zeitgenössischen Schlachtschilderungen ihren Niederschlag gefunden: Im ersten
Treffen, an der Spitze des Stoßkeils, focht eine Elite, die zur Hälfte aus Reitern
und ihnen beigesellten Fußsoldaten bestand. Außer mit dem leichten Speer, der
die Schlacht eröffnete, kämpften die Reiter mit der Lanze und, falls diese
verlorenging und durch den begleitenden Knappen nicht ersetzt werden konnte,
im Handgemenge mit dem Kurzschwert. Später hat dann die Nachbarschaft
iranischer Reitervölker (Jazygen, Roxolanen und Alanen) zur Aufstellung
selbständig operierender berittener Kontingente, ja teilweise zu einer
»Verreiterung« der Heere geführt. Ihre Waffen und Feldzeichen glichen sich dem
iranischen Vorbild an (Stoßlanze, Bogen, Panzer, Drachenfahne). Aber auch in
diesen Fällen kann wohl kein Zweifel bestehen, daß der Dienst in einer solchen
Reitertruppe vorwiegend Sache des Adels blieb. Wie stark der germanische Adel
auch vom geistigen Inhalt reiterlicher Lebensart erfaßt war, lehren eindrucksvoll
die Verhältnisse in der Völkerwanderungszeit.
Wie für den Reiter, so war auch für den Fußsoldaten die Lanze die
Hauptwaffe. Deshalb ist sie in den Funden auch am häufigsten vertreten.
Vielfach, aber doch nicht immer durch einen Schild geschützt, dessen
Buckelspitze im Nahkampf gefährlich werden konnte, mußte er in
geschlossenem Haufen kämpfen, wollte er sich nicht hilflos der Gnade der
Feinde ausliefern, wenn seine Lanze verlorenging. So trugen manche, bestenfalls
ein Viertel aller Kämpfer, noch ein Schwert. In Anlehnung an den Gladius der
Römer war es für den Nahkampf möglichst kurz gehalten. Mit langen
Hiebschwertern, wie sie noch in der vorrömischen Zeit für den Einzelkampf
gebräuchlich waren, hätte man sich in geschlossenen Haufen nicht entfalten
können. Nicht mehr der Einzelkampf, nur der Kampf der Truppe hatte gegen die
taktisch geschulten römischen Soldaten Aussicht auf Erfolg. Noch zu Varus’ Zeit
schien es notwendig, ihnen aus dem Hinterhalt aufzulauern; von einer
Schlachtordnung konnte keine Rede sein. Aber schon als die Semnonen und
Langobarden gegen Marbod kämpften, standen sich die Heere geordnet
gegenüber, diszipliniert in Reih und Glied.
Dies Ordnungsprinzip ließe sich bei näherer Untersuchung noch verfeinern,
auch nach landschaftlichen Besonderheiten, die selbst innerhalb von

260
Stammesarealen aufzutreten pflegen. Aber es ist ganz klar, daß die Heerhaufen,
zu denen sich die Bewaffneten zusammentaten, sich nicht aus einer einzelnen
Ortschaft ergänzen konnten; ihr Organisationsbereich deckte sich offensichtlich
nicht mit dem Lokalverband der Siedlung. Darauf weist bereits die aus älterer
Zeit übernommene Sitte hin, eigene Friedhöfe für Männer anzulegen, die
mehreren Gemeinden als Grablegen gedient haben werden. Eindeutiger sind
jene umfangreichen Ansammlungen von Waffen in Mooren, die als Opferplätze
für größere Verbände, Stämme oder in Kultbünde zusammengefaßte
Stammesgruppen, gedeutet worden sind. Die Sitte, Waffen der Gottheit in
Flüssen und Seen zu weihen, ist zwar vereinzelt schon in der vorrömischen
Eisenzeit bekannt, gleicherweise bei Germanen wie bei Kelten, aber sie hat sich
während des 2. und 3. Jahrhunderts n. Chr. weiter verbreitet und sich vor allem
auf der jütischen Halbinsel durchgesetzt. Wir dürfen also aus verschiedenen
Gründen mit räumlich weitreichenden Kriegerbünden rechnen, die außer dem
Heeresdienst auch noch durch religiöse Praktiken zusammengehalten wurden.
Daß es Heiligtümer überörtlicher Bedeutung gegeben haben muß und daß sie
als Mittelpunkt des Stammeslebens galten – sie waren deshalb besonders gern
der Zerstörungswut der Feinde ausgesetzt –, geht aus der antiken Literatur
einwandfrei hervor. Überwiegend wurden hier weibliche Gottheiten verehrt:
Tanfana bei den Marsern, Baduhenna bei den Friesen, Veleda bei den Brukterern,
Ganna bei den Semnonen, Nerthus bei den nördlich der Elbe wohnenden
Völkerschaften, ein Brüderpaar bei den lugischen Naharnavalen, wo ein Priester
in weiblicher Tracht den Kult geleitet hat. Es mögen dies alles Stätten eines
Vegetationskultes gewesen sein, dessen Praktiken die Lebenskraft fördern und
Fruchtbarkeit für Mensch und Tier und Acker in gleicher Weise bezwecken
sollten. Tatsächlich kennt die archäologische Forschung eine ganze Reihe
kleinerer und großer Plätze, an denen man Speisen (Butter und andere Fette,
Haselnüsse u.a.m.), Ernteerträge und Erntegerät sowie Tiere und Tierteile
(Schwein, Schaf, Rind, Hund, aber auch das Pferd) deponiert hat. Dazu kommen
mehrfach Holzidole, meist weibliche, in sakral gedeuteter Umzäunung, Los- und
Orakelstäbchen aus Holz und schließlich auch menschliche Skelette und
Skeletteile.
So stehen sich zwei Gruppen von Opfern gegenüber. Die eine, im allgemeinen
Sinn dem Gedeihen, dem Segen, der Fruchtbarkeit gewidmet, trägt chthonische
Züge und mag mit ihrer Idolplastik, die stellenweise vorwiegend weiblich ist,
dem Vegetationskult der terra-mater ähneln, der in der Antike so weit verbreitet
war. Die andere Gruppe aber stammt aus dem Lebenskreis des Mannes. Seine
Gaben, die Waffen als Zeichen seiner Würde, hatte er wohl dem Kriegsgott
dargebracht, vermutlich auch dem Gott der Toten, worauf solche Waffenopfer
auch in Gräberfeldern mitunter hinzudeuten scheinen. Wir wissen nicht, ob diese
Gottheiten in der Vorstellung der Gläubigen menschliche Gestalt besessen
haben. Nach den Zeugnissen antiker Interpreten wird das wohl anzunehmen
sein. Aber ganz unsicher ist es, wann man sich diesen barbarischen Olymp, in

261
dem das kriegerische Element mit Thor und Wodan einen Ehrenplatz besaß,
geschaffen hat, seit wann man sich die Götter nicht nur anthropomorph im
allgemeineren Sinn, sondern auch personal gedacht hat. Vielleicht ist es
bezeichnend, daß die großen Mooropferplätze Jütlands, in denen man Hunderte
von Waffenstücken der Gottheit darzubringen pflegte, an Bedeutung zunahmen
und ihre Blüte erlebten, als die figurale Kunst, die offensichtlich im Dienst
religiöser Bindung stand, und erste Schriftlichkeit aufkamen, die sich auf
Personennamen und Zauberwort beschränkte.
Dem inneren Wandel entspricht nach außen ein Wechsel der ethnischen
Verhältnisse. Die germanische Welt des späten 2. und des 3. Jahrhunderts war
nicht mehr die, die Tacitus beschrieben hatte. In diese Zeit fiel das Werden jener
aus verschiedenen Teilgruppen zusammengesetzten größeren politischen
Verbände, deren Geschicke die Geschichte der Völkerwanderungszeit
bestimmten. Einige von ihnen traten unter neuen Namen auf, diejenigen vor
allem, die unter neuartigen Organisationsformen die Stürme der folgenden
Jahrhunderte in ihrem ethnischen Bestand am dauerhaftesten überstanden, die
Alemannen, die Franken und die Sachsen; andere erschienen unter altbekannten
Stammesnamen, hatten sich aber vielfach bei aller Pflege ihrer Traditionen durch
mannigfaltigste Zusammenschlüsse auf weiten Wanderungen in ihrem
ethnischen Gefüge stark verändert, insbesondere die Wandalen und die Goten.

IV. Entwicklung im 2. und 3. Jahrhundert

Die Auseinandersetzung Roms mit den Donausueben in dem sogenannten


Markomannenkrieg (160–180) leitete die neue Periode ein. Das in älterer Zeit oft
erprobte Mittel, das noch in Dakien erfolgreich war, im Feindesland Provinzen
einzurichten und dadurch der Lage an den Grenzen Dauer zu verleihen, mißlang
hier gründlich. Das lag weder an mangelnder Schlagkraft der römischen
Legionen, die tief im Land des Gegners kämpften, noch auch am vorzeitigen Tod
des Marcus Aurelius, der den verdienten Sieg in Händen hielt, auch nicht am
Verteidigungswillen der Sueben in Mähren und in der Slowakei.
Ausschlaggebend war der Druck, den die Völker im Hinterland auf die
Grenzbewohner ausübten und der in Völkerverschiebungen großen Umfanges
gipfelte. Von den Lugiern war oben schon die Rede. Als im Winter 166 auf 167
Tausende von Langobarden die vereiste Donau überschritten und in Pannonien
einbrachen, hatten sie auf dem Weg von ihrer Heimat an der Niederelbe auch
Splitter lugischer Völkerschaften – Viktofalen und Lakringen – mitgerissen. Wie
ein paar Jahre später die Hasdingen (171), wandten sie sich Dakien zu und baten
landsuchend um Aufnahme in den Reichsverband. Viktofalen und Hasdingen
wurde sie verwehrt, worauf diese sich im nördlichen Ungarn als Nachbarn der
Quaden niederließen. Dort sind sie auch längere Zeit geblieben, bis die
Hasdingen bei dem Versuch, ihr Siedlungsgebiet in das von den Römern
aufgegebene Banat (275) zu erweitern, mit den Sarmaten und Westgoten

262
zusammenstießen. In der gleichen Zeit waren wandalische Silingen zusammen
mit Burgundern von Schlesien in das Maintal eingewandert (278), von dort aus
in Rätien eingefallen und dabei von Probus geschlagen worden. Diese Provinz
war bereits während der Markomannenkriege in Gefahr gewesen; mehrere
Kastelle des rätischen Limes gingen damals in Flammen auf.
Viel unheilvoller, weil unkontrollierbar, erwies sich die Entwicklung nördlich
der Karpaten und im Hinterland der Griechenstädte an der Schwarzmeerküste
von der Donaumündung bis zum regnum Bospori. Wir fassen ihr Ergebnis
begrifflich in der Bildung einer Völkerschaft, die den Namen jener Goten trug,
die nach ihrer Wandersage in der Zeit um Christi Geburt, von Skandinavien
kommend, im Weichselmündungsgebiet gelandet waren. Die Etappen ihres
Weges sind weder nach der schriftlichen Überlieferung noch archäologisch
darzustellen. Um 230 n. Chr. war dieser Vorgang jedoch abgeschlossen. Bald
nach der Jahrhundertmitte dürfte auch die Teilung in West- und Ostgoten erfolgt
sein. Um 270 war Dakien sicher von Westgoten eingenommen und teilweise
auch besiedelt worden, wie auch die archäologischen Funde dieser und späterer
Zeit anzudeuten scheinen, deren Formengut bis weit über den Dnjepr hinaus
verbreitet ist (Tscherniachow-Gruppe). Die Provinz war für die Römer unhaltbar
geworden, nachdem die Barbaren in rascher Folge die Donau überschritten, die
Küstenstädte und Grenzkastelle geplündert und gebrandschatzt, Mösien
unsicher gemacht, ja selbst Thrakien und Makedonien bedroht und beunruhigt
hatten. Kleinasien war schutzlos ihrer Beutegier geöffnet. Gleichzeitig trafen
neue Scharen aus dem hohen Norden ein, Heruler, die sich zwischen Don und
Asow niederließen (267), und Gepiden, die den Norden Dakiens als Wohnsitz
wählten und damit zu Nachbarn der Westgoten wurden (269). Rom hat gegen
alle diese Völkerwellen, auch gegen die Plünderungszüge, die an der
Tagesordnung waren, kaum dauerhafte Maßnahmen ergreifen können. Die
Brandung wurde durch militärische Abwehr und Jahresgelder an die Barbaren
zwar eingedämmt, aber am Ende des 3. Jahrhunderts bildete wieder die Donau
die Grenze des Imperiums – wie schon beim Tod des Augustus. Siedlung und
Herrschaft der Germanen hatten sich in diesem Teil Europas am allerweitesten
ausgedehnt.
Im Westen waren die Fortschritte der Germanen viel begrenzter, nahmen aber
auch einen anderen Verlauf. Plünderungszüge gab es freilich auch hier, wie die
zusammen mit Saliern durchgeführten Unternehmungen der Sachsen an der
Küste Nordfrankreichs zeigen (286), nach des Ptolemaios frühem Zeugnis (s.o.S.
302) übrigens die erste Erwähnung dieser Völkerschaft, hinter der wohl
hauptsächlich die in diesem Geschäft seit altersher geübten Chauken standen.
Früher schon (257) waren Franken, damals zum ersten Mal genannt, über den
Rhein gegangen, in Gallien eingebrochen und in einem Zug bis nach Spanien
gelangt, wo sie die Stadt Tarraco zu belagern begannen. Ungefähr zur selben Zeit
hatten Alemannen bis zum Apennin hin vorzudringen vermocht, waren erst dort
zum Halten gebracht und dann bei Mailand geschlagen worden. Das alles sind

263
Parallelen zu den Seeräubereien und Beutezügen gotischer Verbände an den
Schwarzmeerküsten und auf dem Balkan. Dies war nur möglich, weil immer
wieder Truppen von den Grenzen abgezogen werden mußten, um Soldaten für
die Feldzüge im Osten des Reiches zu gewinnen (Parther, Sassaniden) und um
Gegenkaiser zu bekämpfen. Die Verteidigungskraft des römischen Reiches war
auf diese Weise aufs äußerste geschwächt.
Nirgend und zu keiner Zeit waren so viele tumultuarisch versteckte
Münzschätze im Boden gelassen worden wie im Hinterland des Limes im
zweiten Drittels des 3. Jahrhunderts. Tatsächlich hat kein Gebiet damals so viele
Verheerungen über sich ergehen lassen müssen wie Rätien und das ehemalige
Decumatenland. 213 hören wir von einem Sieg Caracallas über die Alemannen
und damit zum ersten Mal über diese Völkerschaft, die sich im wesentlichen aus
suebischen Verbänden, hauptsächlich Semnonen, neu gruppierte. 233 griffen sie
bereits den Limes an und erzielten einen tiefen Einbruch. So blieb es bei immer
neuen Vorstößen, bis diese Verteidigungslinie 254 und 259–260 vollständig und
endgültig gefallen, auf Rhein, Bodensee, Illerlauf und Donau zurückgenommen
und dort später unter Probus und Diokletian befestigt war. Das Decumatenland,
wo noch provinziale Bevölkerungsreste lebten, wurde von suebischen
Siedlergruppen eingenommen. Es war ein dauerhafter Landgewinn. Die Grenze
des Imperiums wurde auch hier in die Ausgangsstellung der augusteischen Zeit
zurückgeschoben.
Zeittafel

58–51 v. Chr
Caesars Gallischer Krieg

31 v.-14 n. Chr.
Augustus

9
Niederlage der Römer unter Quinctilius Varus in der Schlacht im Teutoburger
Wald

14–37
Tiberius

17
Kappadokien römische Provinz

37–41
Caligula

264
41–54
Claudius

43
Britannien römische Provinz

44
Gesamt-Judäa römische Provinz

46
Thrakien römische Provinz

54–68
Nero

66–70
Jüdischer Aufstand

68–69
Galba

69
Otho und Vitellius

69–70
Aufstand der Bataver unter Julius Civilis

69–79
Vespasian

72
Kommagene römische Provinz

79–81
Titus

81–96
Domitian

89–97
Krieg Roms gegen die Markomannen und Quaden

96–98

265
Nerva

98–117
Trajan

105–106
Eroberung Dakiens durch die Römer

106
Nabatäa römische Provinz

109–111
Plinius der Jüngere Statthalter in Bithynien

113–117
Partherkrieg

117–138
Hadrian

132–135
Aufstand des Bar Kochba

138–161
Antoninus Pius

161–180
Marcus Aurelius

161–169
Verus

166/67–175
Markomannenkriege

177–180
Markomannenkriege

180–192
Commodus

193–211
Septimius Severus

266
211–217
Caracalla

212
Constitutio Antoniniana

215–217
Partherkrieg

217–218
Macrinus

218–222
Elagabal

222–235
Severus Alexander

235–238
Maximinus Thrax

238–244
Gordian (III.)

244–249
Philippus Arabs

249–251
Decius

251
Sieg der Goten über Rom bei Abrittus

251–253
Trebonianus Gallus

252–253
Aemilianus

253–260
Valerianus

267
260–268
Gallienus

268–270
Claudius Goticus

270–275
Aurelian

275–276
Tacitus

276–282
Probus

282–283
Carus

284–305
Diokletian

Anmerkungen

Die Anmerkungen und das sich anschließende Literaturverzeichnis sollen sich


gegenseitig ergänzen. In der Bibliographie sind zu jedem Kapitel allgemeine
Werke aufgeführt und in den Anmerkungen spezifische Hinweise auf antike
Quellen oder moderne Werke und Artikel. Einige längere Titel wurden verkürzt.

Abkürzungen:

AE Année Épigraphique
CIL Corpus Inscriptionum Latinarum
FIRA Riccobono, Fontes Iuris
Romani Anteiustiniani
IGR Inscriptiones Graecae ad
Res Romanas Pertinentes
ILS Dessau, Inscriptiones Latinae Selectae
OGIS Dittenberger, Orientis Graecae
Inscriptiones Selectae
PIR Prosopographia Imperii Romani
RE Pauly-Wissowa, Realencyclopaedie
classischen Altertumswissenschaft

268
Kapitel 1: Einleitung

1 G.W. Bowersock, Augustus and the Greek World. Oxford 1965.

2 Strabo, 485; Dio, 68, 24.1.

3 Fronto, De feriis Alsiensibus, 3.

4 H.G. Pflaum, Carrières Procuratoriennes, Nr. 247.

5 Aelius Aristides, Rede, 47; Dindorf, Bd. 2, S. 415–416.

6 Galletier, Panégyriques Latines, 5, 17.

Kapitel 2: Rom, das römische Volk und der Senat

1 CIL, VI, 226 = FIRA2, 3, Nr. 165.

2 Frontinus, De aquae ductu urbis Romae, besonders Kap. 116–118.

3 I.A. Richmond, The City Wall of Imperial Rome. Oxford 1930.

4 Tacitus, Annales, XII, 43; Suetonius, Claudius, 18.

5 Dio, 71, 32, 1.

6 Fronto, Principia Historiae, 18.

7 Plutarch, Moralia, 973 E-974 A; 986 C.

8 M. Sordi, L’epigrafe di un pantomimo, in: Epigraphica 15 (1953), S. 104.

9 Dio 58, 20.

10 Dio, 75, 4.

11 Tacitus, Annales I, 11–13; Vgl. Dio, 57, 2 und Suetonius, Tiberius, 24.

269
12 CIL, VI, 930 = ILS, 244 = FIRA2, 1, Nr. 15.

13 Siehe P.W. Townsend, The Revolution of A.D. 238, in: Yale Classical Studies 14
(1955), S. 49.

14 Dio, 70, 1.

15 J.H. Oliver und R.E.A. Palmer, Minutes of an Act of the Roman Senate, in:
Hesperia 24 (1955), S. 320.

16 Plinius, Ep., 2, 11.

17 Dio, 76, 8.

18 Plinius, Ep., 2, 9.

19 Epictetus, 4, 10, 20–1.

20 Keil und Gschnitzner, Anz. Öst. Akad. Wiss. Phil.-Hist. Klasse 93 (1956), S.
226, Nr. 8.

Kapitel 3: Die Kaiser

1 A.H.M. Jones, The Imperium of Augustus, in: JRS 41 (1951), S. 112.

2 ILS, 264.

3 S. Weinstock, Treueid und Kaiserkult, in: Mitt. Deutsch. Arch. Inst. Ath. Abt. 77
(1962), S. 306.

4 A. Boethius, The Golden House of Nero. Ann Arbor / Michigan 1960, Kap. 3.

5 Fronto, Ep. ad M. Caes., 4, 6.

6 M. Durry, Les cohortes prétoriennes. Paris 1938; A. Passerini, Le coorte pretorie.


Rom 1939.

7 W.G. Sinnigen, The Origins of the Frumentarii. Mem. Am. Acad. Rom 27 (1962),
S. 213; M. Speidel, Die Equites Singulares Augusti. Bonn 1965.

8 ILS, 1514.

270
9 Philo, Legatio ad Gaium, 166–77.

10 Pflaum, Carrières Procuratoriennes, Nr. 180 bis.

11 Dexippus: Jacoby, Fragmente der Griechischen Historiker, 100, F. 6.

12 O. Hirschfeld, Der Grundbesitz der römischen Kaiser, in: Kleine Schriften. Berlin
1913, S. 516; F. Millar, The Fiscus in the First Two Centuries, in: JRS 53 (1963), S. 29.

13 ILS, 8870.

14 Dio, 69, 6, 3.

15 D. McAlindon, Senatorial Opposition to Claudius and Nero, in: American Journal


of Philology 77 (1956), S. 113.

16 Tacitus, Annales, 3, 55.

17 Marcus Aurelius, Betrachtungen, 1, 16.

18 PIR2, H 73; Pflaum, Carrières Procuratoriennes, Nr. 179.

19 Dio, 77, 17.

Kapitel 4: Regierung und Verwaltung

1 A. Stein, Der römische Ritterstand. München 1927; M.I. Henderson, The


Establishment of the Equester Ordo, in: JRS 53 (1963), S. 61.

2 Tacitus, Annales, 4, 15.

3 ILS, 1447; Pflaum, Carrières Procuratoriennes, Nr. 37.

4 Siehe G.B. Townend, The Post Ab Epistulis in the Second Century, in: Historia 10
(1961), S. 375

5 Pflaum, Carrières, Nr. 162.

6 PIR2, A 137.

271
7 W. Kunkel, Herkunft und soziale Stellung der römischen Juristen. Weimar 1952, S.
174 f.; Pflaum, Carrières, Nr. 141.

8 Eusebius, Kirchengeschichte, 7, 30, 8–9.

9 Fronto, Ad Antoninum Pium, 7. (Van den Hout, S. 169).

10 Philo, In Flaccum, 131–4.

11 Dio Chrysostomos, Rede, 35, 15.

12 Die Inschrift bei D.M. Pippidi, in: Dacia 2 (1958), S. 227 und J.H. Oliver, in:
Greek, Roman and Byzantine Studies 6 (1965), S. 143.

13 CIL, X, 7852 = ILS, 5947 = Abbott und Johnson, Municipal Administration, Nr.
58.

14 AE, 1925, 126 = Abbott und Johnson, Nr. 65 a.

15 IGR, IV, 571 = Abbott und Johnson, Nr. 82.

16 Digest, I, 16, 9 praef.

17 Statius, Silvae, 3, 3, 105.

18 Dio, 53, 19.

19 Tacitus, Annales, 13, 50–1.

20 Statius, Silvae, 3, 3, 98–102.

21 Statius, Silvae, 5, 1, 94–8.

22 AE, 1962, 183.

23 Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Instituts 45 (1960), Beibl. 80


Nr. 7, Z. 9–14.

24 Philostratos, Leben der Sophisten, 2, 32.

25 C. Dunant und J. Pouilloux, Recherches sur l’histoire et les cultes de Thasos 2


(Paris 1957), S. 66, Nr. 179.

272
26 Keil und Gschnitzner, Neue Inschriften aus Lydien, in: Anz. Öst. Akad. Wiss.
Phil.-Hist. Kl. 93 (1956), S. 219, Nr. 8.

27 Plinius, Ep., 10, 107.

28 ILS, 6870 = FIRA2, I, Nr. 103.

29 Text in: Syria 23 (1942–43), S. 176 f.; vgl. W. Kunkel, Festschrift H. Lewald. Basel
1953, S. 81.

30 Plinius, Ep., 6, 31.

31 Siehe A.M. Honoré, The Severan Jurists, in: Studia et Documenta Historiae et
Iuris 28 (1962), S. 162.

Kapitel 5: Staat und Untertan: die Städte

1 Inscriptions Grecques et Latines de la Syrie, 5, 1998.

2 CIL, III, 6866 = ILS, 6090 = FIRA2, I, Nr. 92 = Abbott und Johnson, Municipal
Administr., Nr. 151.

3 J.H. Oliver, A New Letter of Antoninus Pius, in: Am. Journal of Philology 79
(1958), S. 52.

4 OGIS, 515 = Abbott und Johnson, Nr. 133.

5 OGIS, 527 = Abbott und Johnson, Nr. 117.

6 A. Piganiol, Les documents cadastraux de la colonie romaine d’Orange. Paris 1962.

7 Digest, 50, 15, 1 u. 8.

8 C. Saumagne, Le droit latin et les cités romaines sous l’Empire. Paris 1965.

9 Salpensa: CIL, II, 1963 = ILS, 6088 = FIRA2, 1, 23. Malaca: CIL, II, 1964 = ILS,
6089 = FIRA2, I, 24.

10 CIL, X, 8038 = FIRA2, I, Nr. 72 = Abbott und Johnson, Nr. 59.

11 IGR, 4, 1256.

273
12 Plinius, Panegyricus, 37–40.

13 C. Sasse, Die Constitutio Antoniniana. Wiesbaden 1958.

14 Siehe E. Condurachi, La Costituzione Antoniniana e la sua applicazione nell’Impero


Romano, in: Dacia 2 (1958), S. 281.

15 FIRA2, 3, Nr. 50; Pap. Oxy., 1114.

16 S.J. de Laet, Portorium. Brügge 1949.

17 Digest, 50, 15, 4.

18 Th. Klauser, Aurum Coronarium, in: Mitt. Deutsch. Arch. Inst. Röm. Abt. 59
(1944), S. 129.

19 Babylonischer Talmud, Baba Batra, 8 a.

20 Tacitus, Agricola, 19.

21 W.H.C. Frend, A Third-Century Inscription Relating to Angareia in Phrygia, in:


JRS 46 (1956), S. 46.

22 Epictetus, 4. 1. 79.

23 M. Rostovtzeff, Synteleia tironon, in: JRS 8 (1918), S. 26.

24 Siehe W.H.C. Frend, Martyrdom and Persecution in the Early Church. Oxford
1965.

Kapitel 6: Die Armee und die Grenzen

1 J. Baradez, Fossatum Africae. Paris 1949.

2 A. Di Vita, Il ›limes‹ romana di Tripolitania, in: Libya Antiqua 1 (1964), S. 65.

3 A. Maricq, Les dernières années d’Hatra: l’alliance avec Rome, in: Syria 34 (1957), S.
289.

274
4 A. Poidebard, La trace de Rome dans le désert de Syrie. Paris 1934; Siehe L.
Dilleman, Haute Mésopotamie et pays adjacents. Paris 1962, S. 195 f.

5 I.A. Richmond, Queen Cartimandua, in: JRS 44 (1954), S. 43.

6 Siehe G. Simpson, Britons and the Roman Army. London 1964.

7 Zum Hadrianswall siehe I.A. Richmond, The Roman Frontier Land, in: History 44
(1959), S. 13.

8 A.S. Robertson, The Antonine Wall. Glasgow 1960.

9 I.A. Richmond, Trajan’s Army on Trajan’s Column, in: Papers of the British
School at Rome 13 (1935), S. 1.

10 Siehe C. Caprino, A.M. Colini, G. Gatti, M. Pallotino und P. Romanalli, La


colonna di Marco Aurelio. Rom 1955.

11 J. Fitz, A Military History of Pannonia from the Marcomann Wars to the Death of
Alexander Severus, in: Acta Archaeologica Acad. Sc. Hung. 14 (1962), S. 25.

12 Michigan Papyri VIII (1951), Nr. 465.

13 F.A. Lepper, Trajan’s Parthian War. Oxford 1948.

14 A. Maricq, La province d’Assyrie créé par Trajan, in: Syria 36 (1959), S. 254.

15 F. Kiechle, Die ›Taktik‹ des Flavius Arrianus, in: 45. Bericht der Röm.-Germ.
Kommission 1964 (1965), S. 87.

16 J. Mann, The Raising of New Legions during the Principate, in: Hermes 91 (1963),
S. 483.

17 N. Lewis, A Veteran in Search of a Home, in: Trans. American Philol. Assoc. 90


(1959), S. 139.

18 H. Callies, Die fremden Truppen im römischen Heer des Prinzipats und die
sogenannten nationalen Numeri, in: 45. Bericht der Röm.-Germ. Kom. 1964 (1965),
S. 130.

19 K. Kraft, Zur Rekrutierung der Alen und Kohorten an Rhein und Donau. Bern 1951.

20 R.O. Fink, in: JRS 48 (1958), S. 102; R. Syme, in: JRS 49 (1959), S. 26.

275
21 C.B. Welles, R.O. Fink und J.F. Gillian, The Excavations at Dura-Europos: Final
Report V. 1. The Parchments and Papyri. New Haven 1959.

22 H. Schönberger, The Roman Camp at the Saalburg. 4. Aufl. Bad Homburg 1955.

Kapitel 7: Italien

1 Plinius, Panegyricus 26–27.

2 Verona e il suo territorio I: Istituto per gli Studi Storici Veronese, 1960.

3 CIL, 5, 5050 = ILS, 206 = FIRA4, 1, Nr. 71.

4 O. Testaguzza, The Port of Rome, in: Archaeology 17 (1964), S. 173.

5 Tacitus, Historiae, 3, 33–34.

6 Über Pompeji: R.C. Carrington, Pompeii. Oxford 1936; A. Maiuri, Pompeii. 8.


Aufl. Rom 1956; J. Day, Agriculture in the Life of Pompeii, in: Yale Classical Studies,
3 (1932), S. 165.

7 Über das Alimentensystem siehe R. Duncan-Jones, The Purpose and Organisation


of the Alimenta, Papers of the British School at Rome 19 (1964), S. 123.

8 Über Plinius’ Briefe siehe den Commentary von A.N. Sherwin-White. Oxford
1966.

9 R. Meiggs, Roman Ostia. Oxford 1960.

10 M.F. Squarciapino, The Synagogue at Ostia, in: Archaeology 16 (1963), S. 194.

11 Dio, 76, 10.

Kapitel 8: Die westlichen Provinzen: Gallien, Spanien und Britannien

1 Über das Amphitheater in Lyon siehe: J. Guey und A Audin, in: Gallia 20
(1962), S. 117; 21 (1963), S. 125; 23 (1964), S. 1.

276
2 E. Will, Recherches sur le développement urbain sous l’Empire romain dans le Nord de
la France, in: Gallia 20 (1962), S. 79.

3 J.A. Stanfield und G. Simpson, Central Gaulish Potters. London 1958.

4 P.M. Duval, L’originalité de l’architecture gallo- romaine, in: VIIIe Congrès


International d’Archéologie classique 1963 (Paris 1965), S. 121.

5 R. MacMullen, The Celtic Renaissance, in: Historia 14 (1965), S. 93.

6 J.-J. Hatt, Essai sur l’évloution de la religion gauloise, in: Revue des Études
Anciennes 67 (1965), S. 80.

7 CIL, 13, 3162; siehe H.G. Pflaum, Le marbre de Thorigny. Paris 1948.

8 H. Nesselhauf, in: Deutsch. Arch. Inst. Madrider Mitt. 1 (1960), S. 148; AE, 1962,
288.

9 A. Garcia y Bellido, Colonia Aelia Augusta Italica. Madrid 1960.

10 M. Ponsich und M. Tarradell, Garum et industries antiques de salaison dans la


Méditerranée occidentale. Paris 1965.

11 Zum nördlichen Grenzgebiet siehe: P. Salway, The Frontier People of Roman


Britain. Cambridge 1965.

12 Zu den Ausgrabungen in Fishbourne siehe: B. Cunliffe, in: Antiquity 39


(1965), S. 177; Antiquaries Journal 45 (1965), S. 1.

13 S.S. Frere, Verulamium: Three Roman Cities, in: Antiquity 38 (1964), S. 103;
Bulletin of the Institute of Archaeology, London 4 (1964), S. 61.

14 P.-M. Duval, Paris Antique. Paris 1961.

15 Siehe A. Balil, Hispania en los anos 260 a 300 d.J.C., in: Emerita 27 (1959), S. 269.

16 R.M. Butler, The Roman Walls of Le Mans, in: JRS 48 (1958), S. 33.

Kapitel 9: Afrika

277
1 J.-B. Chabot, Recueil des inscriptions libyques. Paris 1940–41.

2 R. Syme, Tacfarinas, The Musulamii and Thubursicu, in: Studies in Roman


Economic and Social History presented to A.C. Johnson. Princeton 1951, S. 113.

3 G.-C. Picard, Civitas Mactaritana, in: Karthago 8 (1957).

4 J. Carcopino, Le Maroc Antique. Paris 1943, S. 200–230.

5 R. Duncan-Jones, Costs, Outlays and Summae Honoriae from Roman Africa, in:
Papers of the British School at Rome 17 (1962), S. 47; Wealth and Munificence in
Roman Africa, a.a.O. 18 (1963), S. 159.

6 J. Baradez, Les nouvelles fouilles de Tipasa et les opérations d’Antonin le Pieux en


Maurétanie, in: Archaeologia: Fouilles et Découvertes 4 (Mai-Juni 1965), S. 23.

Kapitel 10: Ägypten

1 H.-C. Puech, Les nouveaux Écrits gnostiques découverts en Haute-Égypte (premier


inventaire et essai d’identification), Coptic Studies in Honour of W.E. Crum.
Washington 1950, S. 91.

2 Oxyrhynchus Papyrus Nr. 1452.

3 M. Hombert und C. Préaux, Recherches sur le recensement dans l’Égypte romaine.


Leiden 1952, S. 27–29.

4 S.L. Wallace, Taxation in Egypt from Augustus to Diocletian. Princeton 1938.

5 H.A. Musurillo, The Acts of the Pagan Martyrs: Acta Alexandrinorum. Oxford
1954.

6 G. Chalon, L’Édit de Tiberius Julius Alexander. Olten-Lausanne 1964.

7 A. Fuks, Aspects of the Jewish Revolt in AD 115–17, in: JRS 51 (1961), S. 98.

8 H.I. Bell, Antinoopolis: A Hadrianic Foundation in Egypt, in: JRS 30 (1940), S. 133.

9 J.R. Knipfing, The Libelli of the Decian Persecution, in: Harvard Theological
Review 16 (1923), S. 345.

278
10 J. Schwartz, Les Palmyréniens en Égypte, in: Bulletin de la Société d’Archéologie
d’Alexandrie 40 (1953), S. 63.

11 T.C. Skeat und E.P. Wegener, A Trial before the Prefect of Egypt Appius Sabinus c.
250 AD, in: Journal of Egyptian Archaeology, 21 (1935), S. 224.

Kapitel 11: Die griechischen Provinzen

1 Erster Bericht von Y. Yadin, in: Israel Exploration Journal 1965.

2 Y. Yadin, The Finds from the Bar-Kokhba Period in the Cave of Letters. Jerusalem
1963.

3 Allgemeiner Überblick in: M. Rostovtzeff, Dura- Europus and its Art. Oxford
1938.

4 I.A. Richmond, The Roman Siege-works of Masada, Israel, in: JRS 52 (1962), S. 142.

5 Siehe C.M. Bennett, The Nabataeans in Petra, in: Archaeology 15 (1962), S. 233; P.
Parr, in: VIIe Congrès international d’archéologie classique 1963 (Paris 1965), S.
527.

6 Über Herodes Atticus: P. Graindor, Un milliardaire antique, Hérode Atticus et sa


famille. Kairo 1930.

7 F. Millar, A Study of Cassius Bio. Oxford 1964.

8 P. Graindor, Athènes sous Hadrien. Kairo 1934.

9 A. Boulanger, Aelius Aristide et la sophistique dans la province d’Asie au 2e siècle de


notre ère. Paris 1923.

10 Siehe J. Schwartz, Biographie de Lucien de Samosate. Brüssel 1965.

11 J. Keil, Ein ephesischer Anwalt des dritten Jahrhunderts durchreist das Imperium
Romanum, Sitz.- Ber. Bay. Akad. Wiss. 1956, S. 3.

12 F. Jacoby, Die Fragmente der Griechischen Historiker, Nr. 100, Frag. 28.

13 H.A. Thompson, Athenian Twilight: AD 267–600, in: JRS 49 (1959), S. 61.

279
14 I.A. Richmond, Palmyra under the Aegis of the Romans, in: JRS 53 (1963), S. 43.

Kapitel 12: Der Balkan und die Donauprovinzen

1 Siehe R. Egger, Die Stadt auf dem Magdalensberg: ein Großhandelsplatz. Wien 1961.

2 B. Gerov, Römische Bürgerrechtsverleihung und Kolonisation in Thrakien vor Trajan,


in: Studii Classici 3 (1961), S. 107.

3 Text bei D.M. Pippida, in: Dacia 2 (1958), S. 227; J.H. Oliver, in: Greek, Roman
and Byzantine Studies 6 (1965), S. 143.

4 R. Vulpe, Le nombre des colonies et des municipes de la Mésie Inférieur, in: Acta
Antiqua Philippopolitana: Stud. Hist. et Phil. 1963, S. 147.

5 Siehe J. Garbsch, Die Norisch-Pannonische Frauentracht im 1. und 2. Jahrhundert.


München 1965.

6 I. Stoian, De nouveau sur la plainte des paysans du territoire d’Histria, in: Dacia 3
(1959), S. 369.

7 Inscriptiones Graecae in Bulgaria Repertae (IG Bulg.), 3. 2. 1869.

8 E.B. Thomas, Römische Villen in Pannonien. Budapest 1964.

9 E. Swoboda, Carnuntum. 4. Aufl. Graz-Köln 1964.

10 J. Szilágyi, Aquincum. Budapest-Berlin 1956.

11 D. Protase, Considérations sur la continuité des Daco-Romains en Dacie post-


aurélienne, in: Dacia 8 (1964), S. 177.

12 D. Tudor, La fortificazione delle citta romane della Dacia nel sec. III. dell’ e.n., in:
Historia 14 (1965), S. 368.

13 F. Wagner, Das Ende der römischen Herrschaft in Raetien, in: Bayerische


Vorgeschichtsblätter 18–19 (1951–52), S. 26.

Kapitel 13: Das Reich und die Krise des 3. Jahrhunderts

280
1 E.A. Thompson, Christianity and the Northern Barbarians, in: A. Momigliano
(Hg.): The Conflict between Paganism and Christianity in the Fourth Century. Oxford
1963, S. 56.

2 J.P. Callu, Les monnaies de compte et le monnayage du bronze entre 253 et 295,
Congresso int. di Numismatica 1961, Bd. 2, 1965, S. 363.

3 Siehe A.H.M. Jones, Inflation under the Roman Empire, in: Economic History
Review 5 (1953), S. 293; T. Pekáry, Studien zur römischen Währungs- und
Finanzgeschichte von 161 bis 235 n. Chr. in: Historia 8 (1959), S. 443.

4 O. Hirschfeld, Die Sicherheitspolizei im römischen Kaiserreich, in: Kleine Schriften,


S. 576.

5 Siehe A.E.R. Boak, Manpower Shortage and the Fall of the Roman Empire in the
West. Ann Arbor / Michigan 1955; M.I. Finley, in: JRS 48 (1958), S. 156.

6 Siehe J. Geffcken, Der Ausgang des griechisch-römischen Heidentums. Heidelberg


1920, Kap. 2.

7 J. Bidez, Vie de Porphyre. Gent-Leipzig 1913.

8 Eusebius, Kirchengeschichte, 6, 43, 11.

Kapitel 14: Iran in parthischer und sassanidischer Zeit

1 Catalogue de Monnaies grecques et romaines, Nr. XII, Collection A. de


Petrowicz. Genf 1926, S. 133 u. 137.

2 J. de Morgan, Manuel de Numismatique orientale. Bd. I. Paris 1923–36, S. 164;


Dinkart (hrsg. v. D.M. Madan) 1 (Bombay 1911), S. 412. Die englische
Übersetzung von P.D.B. Sanjana in: Dinkart 9 (Bombay 1900), S. 577 ist
unbrauchbar.

3 Vgl. R.N. Frye, The Heritage of Persia. Deutsche Ausgabe: Persien bis zum
Einbruch des Islam. München-Zürich 1962.

4 U. Kahrstedt, Artabanos III. und seine Erben, Bern 1950, S. 80. Vieles beruht nur
auf Mutmaßungen.

281
5 Es gibt jetzt zwei Meinungen darüber: Die eine, die z.B.S.P. Tolstov und V.A.
Livschitz in Decipherment of the Khwarezmian Inscriptions from Tok Kala, in: Acta
Antiqua Hungaricae 12 (1964), S. 250 vertreten, legt das Jahr 78 n. Chr. zugrunde.
Der anderen Meinung, die für das Jahr 225 n. Chr. plädiert, folgt z.B.B.R. Göbl,
Zwei neue Termini für ein zentrales Datum der Alten Geschichte Mittelasiens, das Jahr
1 des Kušānkönigs Kaniška, in: Anzeiger der Phil.- Hist. Klasse der
Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Wien 1964, S. 151. Einige
Gelehrte halten eine dazwischenliegende Datierung auf etwa 125 n. Chr. für
möglich.

6 B. Nanjio, Catalogue of the Chinese Translation of the Buddhist Tripitaka. Oxford


1883, S. 381.

7 R.N. Frye, a.a.O.

8 M.E. Masson und G.A. Pugachenkova, Parfyanskie Ritony Nisa, Moskau 1956,
bes. Tafel 56 u. 62; I.M. Dyakonov und V.A. Livschitz, Dokumenty iz Nisy,
Moskau 1960.

9 D. Schlumberger, Descendants non-méditerranéens de l’Art grec, in: Syria 37


(1960), S. 136–142.

10 Vgl. R.N. Frye, a.a.O.R. Ettinghausen hat eine Untersuchung über Hinweise in
der bildenden Kunst auf den Dionysoskult in Iran vorgenommen und wird einen
Aufsatz darüber veröffentlichen.

11 J. Neusner, A History of the Jews in Babylonia. Bd. I: The Parthian Period, Leiden
1965.

12 Vgl. G. Widengren, Die Mandäer, in: Handbuch der Orientalistik, hrsg. v. B.


Spuler. Bd. 8: Religion. Leiden 1961, S. 83–100.

13 Vgl. B. Laufer, Sino-Iranica. Chikago 1919; E. Schafer, The Golden Peaches of


Samarkand. Berkeley / Kalif. 1963, S. 117–155.

14 Zu dem Teppich von Pazyryk siehe K. Jettmar, Die frühen Steppenvölker in:
Kunst der Welt. Baden- Baden 1964, S. 114 u. 123.

15 M. Boyce, The Parthian ›gōsān‹ and Iranian Minstrel Tradition, in: JRAS 1957, S.
10–45.

16 Vgl. W.B. Henning, Mitteliranisch, in: Handbuch der Orientalistik, hrsg. v. B.


Spuler. Bd. 4. Leiden 1958, S. 27–37.

282
17 B. Simonetta, Vologese V, Artabano V e Artavasde, in: Numismatica 19 (1953), S.
1–4; F. Cumont, in: Comptes-rendus de l’Académie des inscriptions et belles
lettres 1930, S. 217.

18 Vgl. R.N. Frye, The Charisma of Kingship in Ancient Iran, in: Iranica Antiqua 6
(Leiden 1964), S. 46–50.

19 R. Ghirshman, Inscription du monument de Châpour Ier, in: Revue des arts


asiatiques 10 (Paris 1937), S. 123–129.

20 Vgl. R.N. Frye, The Middle Persian Inscription of Kartīr at Naqš-i Rajab, in: Indo-
Iranian Journal 8 (Den Haag 1965), S. 211 bis 225; M.L. Chaumont, L’inscription de
Kartir à la Kaaba de Zoroastre, in: Journal Asiatique 1960.

21 Chaumont, a.a.O. Ich emendiere mktky zu mntky, doch könnte es sich hierbei
auch um eine unbekannte mesopotamische Religion handeln.

22 H.J. Polotsky, Manichäische Homilien. Bd. I. Stuttgart 1934, S. 45; W.B. Henning,
Mani’s Last Journey, in: Bulletin of the School of Oriental Studies 10 (1939), S. 948
u. 952. Sein Name wurde wahrscheinlich Kerdīr ausgesprochen.

23 E. Herzfeld, Paikuli. Bd. I. Berlin 1923, S. 208. Vielleicht ist Tōsar (Tansar), der
in islamischen Quellen als der Begründer der sassanidischen zoroastrischen
Kirche erwähnt wird, mit Kartīr identisch.

24 Vgl. A. Maricq’s Übersetzung in: Syria 35 (Paris 1958), S. 295 bis 360.

25 Das Jahr 256 als Datum für die Einnahme von Antiochia wurde erstmals
vorgeschlagen in: Bibliotheca Orientalis 8 (1951), S. 103 bis 105.

26 R. Ghirshman, Bichapour II. Paris 1956; A. Christensen, L’Iran sous les


Sassanides. Kopenhagen 1944, S. 127.

27 Vgl. meinen Aufsatz The Development of Persian Literature under the Samanids
and Qarakhanids, in: Festschrift für Jan Rypka zum achtzigsten Geburtstag. Prag
1966.

28 Die charakteristischen Kronen der einzelnen Sassaniden-Könige helfen den


Kunsthistorikern bei der Identifizierung und Datierung der Silberschalen und
anderer Kunstgegenstände dieser Zeit (s. S. 269).

Kapitel 15: Die Daker im 1. Jahrhundert n. Chr. Die römische Eroberung

283
Keine Anmerkungen

Kapitel 16: Die skythisch-sarmatischen Stämme Südosteuropas

Keine Anmerkungen

Kapitel 17: Die Germanen

Keine Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Kapitel 1: Einleitung

Allgemeines:

Rostovtzeff, M., Gesellschaft und Wirtschaft im römischen Kaiserreich. Leipzig


1931.
The Cambridge Ancient History X (1934), XI (1936), XII (1939)
Mazzarino, S., Trattato di Storia Romana II: L’Impero Romano. Rom 1956
Syme, R., Tacitus. Bd. 1–2. Oxford 1958 (ist für das 1. Jahrhundert unentbehrlich)

Wirtschaft:

Tenney Frank (Hg.), Economic Survey of Ancient Rome: Bd. II (1936): Roman
Egypt; Bd. III (1937): Britain, Spain, Sicily, Gaul; Bd. IV (1938): Africa, Syria,
Greece, Asia; Bd. V (1940): Rome and Italy of the Empire.

Religion:

Latte, K., Römische Religionsgeschichte. München 1960


Lietzmann, M., Geschichte der alten Kirche. Bd. 1–3. Berlin 1932–38
Nilsson, M.P., Geschichte der griechischen Religion. Bd. II. 2. Aufl. München
1961

Gesellschaft:

Friedländer, L., Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms, hrsg. v. Wissowa.


Leipzig 1919–20
Gagé, J., Les Classes sociales dans l’Empire romain. Paris 1964

284
Kapitel 2: Rom, das römische Volk und der Senat

Rom:

van Berchem, D., Les distributions de blé et d’argent à la plèbe romaine sous
l’Empire. Genf 1939
Homo, L., Rome impériale et l’urbanisme dans l’antiquité. Paris 1951

Der Senat:

Bleicken, J., Senatsgericht und Kaisergericht. Abh. Akad. Wiss. Göttingen, Phil.
Hist. Klasse III, 53 (1962)
Brunt, P.A., Charges of Provincial Maladministration under the Early Principate,
in: Historia 10 (1961), S. 189
–, The Lex Valeria Cornelia, in: JRS 51 (1961), S. 71
Hammond, M., The Composition of the Senate AD 68–235, in: JRS 47 (1957), S. 74
Morris, J., Leges Annales under the Principate, in: Listy Filologické 87 (1964), S.
314
O’Brien-Moore, ›Senatus‹, in: RE Supp. VI (1935), Sp. 660–812

Kapitel 3: Die Kaiser

Alföldi, A., Die Ausgestaltung des monarchischen Zeremoniells am römischen


Kaiserhofe, in: Mitt. Deutsch. Arch. Inst. Röm. Abt. 49 (1934), S. 1
–, Insignien und Tracht der römischen Kaiser, a.a.O. 50 (1935), S. 1
Béranger, J., Recherches sur l’aspect idéologique du principat. Basel 953
Hammond, M., The Augustan Principate. Cambridge (Mass.) 1933
–, The Antonine Monarchy. Rom 1959
Parsi, B., Désignation et investiture de l’empereur romain. Paris 1963
Wickert, L., ›Princeps‹, in: RE 22 (1954), Sp. 1998–2296

Kapitel 4: Regierung und Verwaltung

Verwaltung:

Hirschfeld, O., Die kaiserlichen Verwaltungsbeamten. 2. Aufl. Berlin 1905


Jones, A.H.M., Studies in Roman Government and Law. Oxford 1960
Millar, F., The Aerarium and its Officials under the Empire, in: JRS 54 (1964), S.
33
–, The Emperor, the Senate and the Provinces, in: JRS 56 (1966)

285
Das Kaiserliche Consilium:

Crook, J., Consilium Principis. Cambridge 1955

Beamte aus Ritterstand:

Millar, F., Historia 13 (1964), S. 180; 14 (1965), S. 362 (über Jurisdiktion und
Vollmachten der Prokuratoren)
Petersen, H., Senatorial and Equestrian governors in the Third Century AD, in:
JRS 45 (1955), S. 47
Pflaum, H.G., Les procurateurs équestres. Paris 1950
–, Les carrières procuratoriennes équestres. Bd. 1–3. Paris 1960–61
Sherwin-White, A.N., Procurator Augusti, in: Papers of the British School at
Rome 15 (1939), S. 11

Münzen:

Bolin, S., State and Currency in the Roman Empire. Stockholm 1958
Mattingly, H., Roman Coins. 2. Aufl. London 1960

Kapitel 5: Staat und Untertan: die Städte

Abbott, F.F. und Johnson, A.C., Municipal Administration in the Roman Empire.
Princeton 1926
van Berchem, D., L’Annone militaire dans l’Empire romain au IIIe siècle, in:
Mém. Soc. Nat. Ant. France 8.10 (1937), S. 117
Grelle, F., Stipendium vel Tributum. Neapel 1963
Jones, A.H.M., The Greek City. Oxford 1940
Pflaum, H.G., Essai sur le cursus publicus sous le Haut-Empire romain, in: Mém.
prés. à l’Acad. des Ins. 14 (1940), S. 189
Schwahn, W., ›Tributum‹, in: RE VIIA (1948), Sp. 1–78
Sherwin-White, A.N., The Roman Citizenship. Oxford 1939
–, Roman Society and Roman Law in the New Testament. Oxford 1963

Kapitel 6: Die Armee und die Grenzen

Brunt, P.A., Pay and Superannuation in the Roman Army, in: Papers of the
British School at Rome 5 (1950), S. 50
Cheesman, G.L., The Auxilia of the Roman Imperial Army. Oxford 1914

286
Forni, G., Il reclutamento delle legioni da Augusto a Diocleziano. Mailand-Rom
1953
Grosse, R., Römische Militärgeschichte von Gallienus bis zum Beginn der
Byzantinischen Themenverfassung. Berlin 1920
Kromayer, J. und Veith, G., Heerwesen und Kriegführung der Griechen und
Römer. München 1928
MacMullen, R., Soldier and Civilian in the Later Roman Empire. Cambridge
(Mass.) 1963
Parker, H.M.D., The Roman Legions. 2. Aufl. Cambridge 1958
Petrikovits, H.v., Das römische Rheinland: Archaeologische Forschungen seit
1945. Köln-Opladen 1960
Richmond, I.A. (Hg.), Roman and Native in North Britain. Edinburgh 1958
Schleiermacher, W., Der römische Limes in Deutschland. Berlin 1959
Watson, G.R., The Pay of the Roman Army, in: Hi storia 5 (1956), S. 332
–, The Pay of the Roman Army: the Auxiliary Forces, in: Historia 8 (1959), S. 372

Kongresse über Grenzstudien:

Birley, E. (Hg.), The Congress of Roman Frontier Studies 1949. Durham 1952
Swoboda, E. (Hg.), Carnuntina. Graz-Köln, 1956
Limes-Studien. Basel 1959
Limes Romanus Konferenz. Nitra. Preßburg 1959
Quintus Congressus Internationalis Limitis Romani Studiosorum 1961. Zagreb
1963

Kapitel 7: Italien

Chilver, G.E.F., Cisalpine Gaul. Oxford 1941


Sirago, V.A., L’Italia agraria sotto Traiano. Löwen 1958

Kapitel 8: Die westlichen Provinzen: Gallien, Spanien und Britannien

Gallien:

Brogan, O., Roman Gaul. London 1953


Griffe, E., La Gaule chrétienne à l’époque romaine. 2. Aufl. Paris 1964
Hatt, J.-J., Histoire de la Gaule romaine. Paris 1959
Jullian, C., Histoire de la Gaule. Bd. 4–7. Paris 1913–26
Koethe, H., Zur Geschichte Galliens im dritten Viertel des 3. Jahrhunderts, 32.
Bericht, Röm.-Germ. Kom. 1942 (1944), S. 199

287
Spanien:

Étienne, R., Le culte impériale dans la péninsule iberique d’Auguste à Diocletian.


Paris 1958
Menéndez Pidal, R. (Hg.), Historia de España. Bd. II: España Romana. 2. Aufl.
Madrid 1955
Sutherland, C.H.V., The Romans in Spain 217 BC-AD 117. London 1939
Thouvenot, R., Essai sur la province romaine de Bétique. Paris 1940

Britannien:

Harris, E. und Harris, J.R., The Oriental Cults in Roman Britain Leiden 1965
Richmond, I.A., Roman Britain. 2. Aufl. Harmondsworth 1963
Rivet, A.L.F., Town and Country in Roman Britain. London 1958
Toynbee, J.M.C., Art in Britain under the Romans. Oxford 1964

Kapitel 9: Afrika

Frend, W.H.C., The Donatist Church. Oxford 1952


Picard, G.-C., La civilisation de l’Afrique romaine. Paris 1959
Romanelli, P., Storia delle province romane dell’Africa. Rom 1959

Kapitel 10: Ägypten

Bell, H.I., Egypt from Alexander the Great to the Arab Conquest. Oxford 1948
–, Cults and Creeds in Graeco-Roman Egypt. Liverpool 1953
Jones, A.H.M., Cities of the Eastern Roman Provinces. Oxford 1937, Kap. 11
Mitteis, L. und Wilcken, U., Grundzüge und Chrestomathie der Papyruskunde.
Bd. 1–2. Leipzig-Berlin 1912
Reinmuth, O.W., The Prefect of Egypt from Augustus to Diocletian, in: Klio,
Beiheft 34. N. F / 4 (1935)
Tcherikover, V.A. und Fuks, A., Corpus Papyrorum Judaicarum. Bd. 1–2.
Harvard 1957–60 (für alle Aspekte der Geschichte der Juden in Ägypten).
Winter, J.G., Life and Letters in the Papyri. Ann Arbor (Michigan) 1933

Kapitel 11: Die griechischen Provinzen

Bengtson, H., Griechische Geschichte. 3. Aufl. München 1965, S. 507 ff.


Jones, A.H.M., Cities of the Eastern Roman Provinces. Oxford 1937, Kap. 2–10
–, The Greek City. Oxford 1940

288
Kleinasien:

Chapot, V., La province romaine proconsulaire d’Asie. Paris 1904


Magie, D., Roman Rule in Asia Minor. Princeton 1950

Syrien:

Downey, G., A History of Antioch in Syria from Seleucus to the Arab Conquest.
Princeton 1961
Hitti, P.K., History of Syria. 2. Aufl. London 1957

Die Juden:

Avi-Yonah, M., Geschichte der Juden im Zeitalter des Talmud. Berlin 1962
Schürer, E., Geschichte des Jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi. 3. u. 4.
Aufl. Leipzig 1901–09

Kapitel 12: Der Balkan und die Donauprovinzen

Norikum:

Polaschek, E., ›Noricum‹, in: RE XVII (1937), Sp. 971–1048

Pannonien:

Mócsy, A., ›Pannonia‹, in: RE Supp. IX (1962), Sp. 516–776


Oliva, P., Pannonia and the Onset of Crisis in the Roman Empire. Prag 1962

Dalmatien:

Alföldy, G., Bevölkerung und Gesellschaft der römischen Provinz Dalmatien.


Budapest 1965

Mösien:

Mócsy, A., Untersuchungen zur Geschichte der römischen Provinz Moesia


Superior, Acta Arch. Acad. Sc. Hung. 11 (1959), S. 283
Zlatovskaia, T.D., Mjosia v 1–11 vjekach naschē eri. Moskau 1951

Dakien:

289
Daicoviciu, C., Siebenbürgen im Altertum. Bukarest 1943 (Bibliographie zu
Kapitel 15)

Thrakien:

Jones, A.H.M., Cities of the Eastern Roman Provinces. Oxford 1937, Kap. 1
Wiesner, J., The Thraker. Stuttgart 1963

Kapitel 13: Das Reich und die Krise des 3. Jahrhunderts

Rémondon, R., La crise de l’Empire romain de Marc- Aurèle à Anastase. Paris


1964
Schtajerman, E.M., Die Krise der Sklavenhalterordnung im Westen des
römischen Reiches. Berlin 1964
Walser, G. und Pekáry, T., Die Krise des römischen Reiches: Bericht über die
Forschung zur Geschich te des 3. Jahrhunderts (193–284 n. Chr.) von 1939 bis
1959. Berlin 1962

Kapitel 14: Iran in parthischer und sassanidischer Zeit

Eine allgemeine Einführung und Bibliographie bietet Frye, R.N., Persien bis zum
Einbruch des Islam, Zürich-München 1962, S. 354 ff.
Debevoise, N.C., A Political History of Parthia. Chikago 1938, S. 303 ff. ist das
grundlegende Werk über die Parther.
Ziegler, K.H., Die Beziehungen zwischen Rom und dem Partherreich.
Wiesbaden 1964, S. 158 ff. gibt einen Überblick mit einer umfassenden
Bibliographie.
Walser, G. und Pekáry, T., Die Krise des römischen Reiches. Berlin 1962, S. 146 ff.
bietet eine kommentierte Bibliographie für die erste Hälfte des 3. Jahrhunderts n.
Chr.
Luckonin, V.G., Iran v epokhu pervykh sasanidov. Leningrad 1961, S. 79 ff. gibt
einen guten Überblick über die frühen Sassaniden.
Gagé, J., La montée des Sassanides. Paris 1964, S. 398 ff. gibt eine
Zusammenfassung der Ereignisse nebst Übersetzungen aus verschiedenen
Quellen.
The Cambridge History of Iran. Bd. 3 (in Vorbereitung) wird den neuesten Stand
der Forschung auf diesem Gebiet wiedergeben.

Kapitel 15: Die Daker im 1. Jahrhundert n. Chr.

290
Die römische Eroberung.

Über die Thraker und Geto-Daker:

Pârvan, V., Getica. O protoistorie a Daciei. Bukarest 1926


Daicoviciu, C., in: Istoria României ( = Geschichte Rumäniens). Bd. I (1960), S.
225–338
Wiesner, Joseph, Die Thraker. Stuttgart 1963

Die antiken Quellen über die Daker und Geten sind gesammelt in: Izvoare privind
istoria României I (Fontes ad historiam Dacoromaniae pertinentes I: Ab Hesiodo
usque ad Itinerarium Antonini) Bukarest 1964

Über Transsylvanien:

Daicoviciu, C., La Transsylvanie dans l’antiquité. Bukarest 1945

Über das Vordringen der Römer im unteren Donauraum im 1. Jahrhundert n. Chr.:

Pippidi, D.M. und Berciu, D.: Din istoria Dobrogei (Über die Geschichte der
Dobrudscha) I. Bukarest 1965

Zur Geschichte der Daker und ihrer Zivilisation:

Daicoviciu, H., Dacii (Die Daker). Bukarest 1965


Daicoviciu, C., Le problème de l’État et de la culture des Daces à la lumière des
nouvelles recherches, in: Nouvelles Études d’histoire. Bukarest 1955

Über die Kontinuität der Daker und der dakischen Rumänen:

Daicoviciu, C., Petrovici, Em. und Stefan, G., La formation du peuple Roumain et
de sa langue. Bukarest 1963

Kapitel 16: Die skythisch-sarmatischen Stämme Südosteuropas

Artamonov, M.I., K Voprosu o proiskhojhd’eni’e Skifov. Leningrad 1950


Ginters, B., Das Schwert der Skythen und Sarmaten in Südrußland. Berlin 1928
Harmatta, J., Studies on the History of the Scythians. Budapest 1950
Kondakov, N. und Tolstoi, J., Antiquités de la Russie Méridionale, Paris 1891 (für
Einzelheiten zum Novocherkask-Schatz)
Párducz, M., Denkmäler der Sarmatenzeit Ungarns, in: Archaeologia Hungarica
25 (1941); 28 (1944); 30 (1950)

291
Richmond, I.A., The Sarmatae, Bremetennacum Veteranorum and the Regio
Bremetennacensis, in: JRS 35 (1945), S. 15
Rostovtzeff, M., Antichnaya Dekorativnaya Zhivopic’na jug’e Roccii. St.
Petersburg 1914
–, Le culte de la grande déesse la Russie méridionale, in: Revue des Etudes
Grecques 32 (1919), S. 462
Trever, C.V., Tête de Senmuro en argent des collections de l’Ermitage, in: Iranica
Antiqua IV, Fasc. 2, S. 162–170. Leiden 1964

Kapitel 17: Die Germanen

I. Quellen:

Capelle, W., Das alte Germanien. Die Nachrichten der griechischen und
römischen Schriftsteller. Jena 1937 (Sammlung in deutscher Übersetzung)

II. Allgemeine Darstellungen (Geschichte, Kulturgeschichte, Archäologie):

Brøndsted, I. Nordische Vorzeit. Bd. 3: Eisenzeit in Dänemark. Neumünster 1963


Eggers, H.J., Zur absoluten Chronologie der römischen Kaiserzeit im Freien
Germanien, in: Jahrb. d. Röm.-Germ. Zentralmuseums Mainz 2 (1955)
Hoops, J., Reallexikon der germanischen Altertumskunde. Bd. 1–4. Straßburg
1911–19
Müllenhoff, K., Deutsche Altertumskunde. Bd. 1–5. 2. Aufl. Berlin 1890–1929
Reinerth, H. (Hg.), Vorgeschichte der deutschen Stämme. Bd. 1–3. Leipzig 1940
Roeren, R., Zur Archäologie und Geschichte Südwestdeutschlands im 3. bis 5.
Jahrhundert n. Chr., in: Jahrb. d. Röm.-Germ. Zentralmuseums Mainz 7 (1960)
Schmidt, L., Geschichte der deutschen Stämme bis zum Ausgang der
Völkerwanderung. Die Ostgermanen. 2. Aufl. München 1941. – Die
Westgermanen. Teil 1. 2. Aufl. München 1938. Teil 2, 1., 2. Aufl. München 1940
Schneider, H. (Hg.), Germanische Altertumskunde. 2. Aufl. München 1951
Uslar, R.v., Bemerkungen zu einer Karte germanischer Funde der älteren
Kaiserzeit, in: Germania 29 (1951) (dort Angabe der regionalen archäologischen
Literatur)
–, Archäologische Fundgruppen und germanische Stammesgebiete vornehmlich
aus der Zeit um Christi Geburt, in: Hist. Jahrb. 71 (1952)
Zwikker, W., Studien zur Markussäule. Bd. 1. Amsterdam 1941

III. Soziale und politische Gliederung:

Dannenbauer, H., Adel, Burg und Herrschaft bei den Germanen, in: Hist. Jahrb.
61 (1941). Wege der Forschung, Bd. 2. Darmstadt 1956

292
Kuhn, H., Die Grenzen der germanischen Gefolgschaft, in: Zeitschr. d. Savigny-
Stiftg. für Rechtsgesch., Germ. Abtlg. 73 (1956)
Schlesinger, W., Herrschaft und Gefolgschaft in der germanisch-deutschen
Verfassungsgeschichte, in: Hist. Zeitschr. 176 (1953) = Wege der Forschung, Bd.
2. Darmstadt 1956
Wenskus, R., Stammesbildung und Verfassung. Das Werden der
frühmittelalterlichen Gentes. Köln- Graz 1961

IV. Fürstengräber:

Eggers, H.J., Lübsow. Ein germanischer Fürstensitz der älteren Kaiserzeit, in:
Prähist. Zeitschr. 34 / 35, 2. Hälfte (1953)
Schulz, W., Leuna. Ein germanischer Bestattungs platz der spätrömischen
Kaiserzeit, in: Schrft. d. Sektion f. Vor- u. Frühgesch. d. dtsch. Akad. d.
Wissensch. Berlin. Bd. 1. Berlin 1953
Werner, J., Pfeilspitzen aus Silber und Bronze in germanischen Adelsgräbern der
Kaiserzeit, in: Hist. Jahrb. 74 (1955)

V. Bild und Schrift:

Eggers, H.J., Die Kunst der Germanen in der Eisenzeit, in: Kunst der Welt.
Baden-Baden 1964
Werner, J., Die beiden Zierscheiben des Thorsberger Moorfundes, in: Röm.-
Germ.-Forschg., Bd. 16. Berlin 1941

VI. Opferplätze:

Behm-Blancke, G., Germanische Mooropferplätze in Thüringen, in:


Ausgrabungen und Funde 2 (1957)
–, Das germanische Tierknochenopfer und sein Ursprung, in: Ausgrabungen und
Funde 10 (1965)
Jankuhn, H., Zur Deutung der Moorleichenfunde von Windeby, in: Prähist.
Zeitschr. 36 (1958)
–, Moorfunde, in: Neue Ausgrabungen in Deutschland. Berlin 1958

VII. Bewaffnung:

Jahn, M., Die Bewaffnung der Germanen in der älteren Eisenzeit, in: Mannus-
Bibliothek, Bd. 16. Leipzig 1916
Raddatz, K., Ringknaufschwerter aus germanischen Kriegergräbern, in: Offa 17 /
18 (1959 / 61)
–, Pfeilspitzen aus dem Moorfund von Nydam, in: Offa 20 (1963)

293
VIII. Siedlungswesen:

Giffen, E. van, Prähistorische Hausformen auf Sandböden in den Niederlanden,


in: Germania 36 (1958)
Haarnagel, W., Die Ergebnisse der Grabung Feddersen Wierde in Niedersachsen
im Jahre 1961, in: Germania 41 (1963)
Hagen, A., Studier i Jernalderns Gårdssamfunn, in: Universitetets
Oldsaksamlings Skrifter, Bd. 4. Oslo 1953
Hougen, H., Fra Seter til Gard. Oslo 1947
Jankuhn, H. Terra ... silvis horrida (zu Tacitus, Germania cap. 5), in: Archaeologia
Geographica 10 / 11 (1961 / 63)

Verzeichnis und Nachweis der Abbildungen

 1 The British Museum, London

 2 Staatliche Museen, Berlin

 3 nach einer Vorlage von Herrn Dr. Fergus Millar, Oxford

 4 nach einer Vorlage von Herrn Dr. Fergus Millar, Oxford

 5 Walter de Gruyter & Co., Berlin

 6 Fototeca di Architettura e Topografia dell’Italia Antica, Rom

 7 Foto Marburg

 8 Musée Archéologique de Dijon

 9 The Warburg Institute, London

 10 Service des Antiquités de l’Algerie, Algier

 11 The British Museum, London

 12 Österreichisches Archäologisches Institut, Wien

 13 Dr. Jochen Garbsch, München

 14 nach einer Vorlage von Herrn Prof. Richard N. Frye, Harvard University,
Cambridge / Mass.

294
 15 nach K. Erdmann, Die Entwicklung der sassanidischen Krone, in: Ars
Islamica XV (1951), S. 123

 16 Prof. Dr. D. Berciu, Bukarest

 17 Fogg Art Museum, Cambridge / Mass.

295