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COMMISSARIO MALDINI UND DIE

EIFERSUCHTSMORDE

Copyright by grafciano – November/Dezember 2010

Die Personen und Handlungen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten


mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

01. Marietta Pandolfi, aus Positano, bildhübsche 20 Jahre jung, dunkelblond


und mittelgroß war nahezu fertig mit ihren Reisevorbereitungen. Am nächsten
Morgen sollte sie ihren Eltern Massimo und Benedetta in die USA nachfolgen.
Diese waren zu ihrem Leidwesen auf Grund eines Billigangebotes schon zwei
Wochen früher abgeflogen.
Ein Bruder von Mariettas Vater lebte schon seit vielen Jahren in New York. In
der Zwischenzeit hatte er sich voll integriert, war verheiratet, Vater zweier
Töchter und Eigentümer zweier Großwäschereien.
Marietta wollte den fertig gepackten Koffer gerade ins Vorzimmer bringen als
das Telefon im Wohnzimmer klingelte. Nach dem dritten Läuten hob Marietta
ab.
„Pronto!“ (gleichbedeutend mit unserem „Hallo“ obwohl pronto mit
„bereit/fertig“ übersetzt wird.)
„Marietta, Kind, wie geht es Dir. Hast Du schon gepackt? Wir freuen uns so
Dich bald hier in New York in die Arme schließen zu dürfen. Sag, wie lief es bei
der Matura?“
„Hallo Mama, schön Dich zu hören. Ich habe mit Auszeichnung bestanden und
freue mich auch endlich Ferien zu machen.“
„Massimo“, die Stimme Mariettas Mutter überschlug sich fast, „Massimo, sie
hat bestanden, mit Auszeichnung. Komm sprich auch Du mit ihr.“
Nach einer kleinen Weile meldete sich Vater Pandolfi.
„Mein Schatz, mit Auszeichnung? Wirklich? Ich bin so stolz auf Dich.“
Marietta hörte sich die Schilderungen ihres Vaters über Flug, Wetter und
Verwandtschaft an um dann zum Ende zu kommen.
„Grüße an Onkel Mario, Tante Mary und die Kinder. Ihr holt mich doch am
Flughafen ab, oder?“
„Selbstverständlich. Übrigens, ist Angelo bei Dir?“
„Noch nicht, ich erwarte ihn demnächst. Er bringt mich morgen früh zum
Flughafen nach Neapel.“ Marietta verschwieg, dass Angelo bei ihr übernachten
würde, aber das musste sie ihren Eltern ja nicht auf die Nase binden.
„Also dann bis bald mein Schatz, schlaf gut und guten Flug.“
Vater Pandolfi legte auf.

Es war der 20. Juni, Marietta hatte am Vortag in Neapel maturiert und wollte
nun so schnell wie möglich ihren Eltern nach New York folgen..
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Mariettas Eltern waren einer Einladung der amerikanischen Pandolfis gefolgt


und Marietta freute sich besonders auf ihre gleichaltrige Kusine Pamela. Diese
hatte im Vorjahr den Sommer in Positano verbracht und hatte ihr mit ihrer
Anwesenheit die Liebe ihres Lebens beschert.. Marietta lächelte glücklich als sie
daran dachte.

Bis auf die Reisetasche hatte Marietta inzwischen alles im Vorzimmer


abgestellt. Flugkarte, Pass und Geld waren in ihrer Handtasche verwahrt und
nun wartete sie ungeduldig auf ihren Freund Angelo Muratti.
Er wollte die letzte Nacht vor ihrer Abreise bei ihr verbringen und sie am
Morgen zum Flughafen nach Neapel begleiten. Es sollte das letzte gemeinsame
Zusammensein für mindestens zwei Monate sein.
Im Herbst hatten beide einen sicheren Studienplatz in Bologna, der ältesten
Universitätsstadt der Welt. Angelo, der ein Jahr vor Marietta maturiert hatte, ließ
das eine Jahr verstreichen um gemeinsam mit Marietta nach Bologna zu gehen.
Vorher, etwa Ende August, sollte noch Verlobung gefeiert werden.

Marietta schaute zum wiederholten Male auf ihre Armbanduhr. Angelo hatte
sich für 19.00 Uhr angesagt. Inzwischen war es 20.00 Uhr durch. Anrufe auf
sein Handy landeten in der Mailbox.
Wieder sah Marietta auf die Uhr. Langsam machte sie sich Sorgen. Angelos
Eltern, Eigentümer des Hotels Margeritha sollten eigentlich wissen wo ihr Sohn
abgeblieben war. Sie nahm das Telefon zur Hand und rief an.
„Pronto, Carlo Muratti.“
“Ich bin’s, Marietta. Entschuldigen Sie die späte Störung. Ist Angelo zu
sprechen?“
„Angelo? Der sollte doch schon seit Stunden bei Dir sein. Wie Du weißt hat er
heute Stammgäste unseres Hotels mit seinem Boot nach Capri gebracht. Danach
wollte er gleich wieder zurückkommen. Wir haben ihn seither nicht mehr
gesehen. Hast Du schon versucht ihn am cellulare (italienisch für Handy) zu
erreichen?“
„Ja, mehrfach. Aber ich erreiche nur die Mailbox.“
„Ich werde Familie Brokamp, sie wohnen für eine Woche auf Capri im Hotel
della Piccola Marina, anrufen. Vielleicht hat sich Angelo verspätet. Ich rufe
Dich danach an, O.K.?“
„Danke Signor Muratti. Ich warte.“
Etwas nach 21.00 Uhr erfuhr sie von Herrn Muratti, dass Angelo um 17.30 Uhr
von Capri abgefahren war.
Nun machten sich auch die Eltern Angelos Sorgen.
Um 21.39 Uhr erhielt Marietta eine SMS.
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„Marietta, ich bin auf Capri aufgehalten worden und kann unsere Verabredung
nicht einhalten. Nimm Dir morgen früh ein Taxi, falls ich es bis dahin nicht
schaffe nach Positano zu kommen. Angelo.“
Diese SMS beunruhigte Marietta mehr als sie zu beruhigen. Sie war derart
unpersönliche SMS von Angelo nicht gewohnt. Um Angelos Eltern nicht
ebenfalls zu beunruhigen behielt sie die Nachricht für sich.
Wohl oder übel musste sie sich mit der Nachricht zufrieden geben. Nachdem sie
am nächsten Morgen zeitig zum Flughafen musste war es Zeit ins Bett zu gehen.
Sie versuchte noch ein einziges Mal Angelo am Handy zu erreichen. Wieder
ohne Erfolg. Ernüchtert machte sich bereit ins Bett zu gehen, als es an der
Haustüre klingelte.
Hatte Angelo es doch noch geschafft zu kommen? Sie lief zur Haustür und
öffnete diese freudig erregt.

02. Am späten Nachmittag des selben Tages saß Domenico Ruffiano in einem
kleinen Cafe an der Marina Grande von Capri und sah genüsslich den beiden
letzten Linienschiffen nach, die ihn an diesem Tag noch nach Positano hätten
bringen können. Das eine fuhr über Positano, Amalfi nach Salerno, das andere
über Sorrent nach Neapel. In Sorrent konnte man in einen Autobus nach
Positano umsteigen. Nun saß er in Capri fest. Es gab nur mehr private
Möglichkeiten nach Hause zu kommen.

Domenico, Bademeister des Hotels Pupetto am Strand von Fornillo in Positano


hatte heute seinen freien Tag und diesen für späte, aber umso grausamere Rache
zu nehmen erkoren.
Fast ein Jahr hatte er geduldig auf diesen Tag gewartet. Diesen heiß ersehnten
Tag hatte ihm ein Zufall beschert.
Domenico, seit einigen Wochen mit einem Stubenmädchen des Hotels
Margeritha befreundet hatte von dieser nicht nur in Erfahrung gebracht, dass
Angelo Muratti und Marietta Pandolfi im August Verlobung feiern würden
sondern auch, dass Angelo Gäste des Hotels Margeritha heute in seinem Boot
nach Capri bringen würde.

Domenico war siebzehn Jahre jung als er die fünfzehn jährige Marietta in einer
Disco in Sorrent kennen und lieben gelernt hatte. Marietta war in Begleitung
einer älteren Kusine und deren Freund da und musste sich um 23.00 Uhr mit
beiden auf den Heimweg machen. Domenico konnte ihr gerade noch seine
Handynummer zustecken.
Danach trafen sie sich immer wieder und mit der Zeit wurde eine intensive
Liebe daraus. Je älter beide wurden desto mehr bedrängte Domenico das
Mädchen zum Geschlechtsverkehr aber Marietta wehrte sich standhaft. Sie
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wollte zuerst ihr Studium beenden und unbedingt unberührt in die Ehe gehen.
Zu diesem Zeitpunkt waren beide fest überzeugt irgend wann zu heiraten.
Mariettas Eltern verfolgten diese Freundschaft mit Argwohn. Domenico schien
nicht der richtige, nicht der erwünschte Schwiegersohn in spe zu sein.

Im Vorjahr, Domenico hatte gerade seinen 23. Geburtstag gefeiert, kam


Mariettas Kusine Pamela aus Amerika für die gesamten Sommerferien nach
Positano. Pamela war nunmehr Abend für Abend „das fünfte Rad am Wagen“
und Domenico beschloss seinen Jugendfreund Angelo Muratti einzuladen.
Sollte der sich um Pamela kümmern.
Domenico bereute diesen Entschluss bald. Vom ersten Moment an hatte
Marietta nur mehr Augen für Angelo. Und Angelo? Der hatte nur mehr Augen
für Marietta. Im Gegensatz zu Domenico, großgewachsen, blond und athletisch
gebaut war Angelo ein hübscher, schlanker glutäugiger junger Mann und
verkörperte damit die Vorstellung eines italienischen „latin lovers.“
Pamela war somit weiterhin der „Koffer“, obwohl sie ein ausgesprochen
schönes Mädchen war.
Eines Abends wollte Domenico Marietta zu einem schon lange vorher
vereinbarten Tanzabend abholen. Am Pandolfi Haus traf er aber nur auf Pamela.
die es sich mit einem Buch auf der Terrasse des Hauses gemütlich gemacht
hatte.
„Hallo Pam, kannst Du Marietta ausrichten dass ich da bin?“
„Marietta? Die ist vor einer halben Stunde mit Angelo abgetaucht. Sie haben mir
aber nicht gesagt wohin Sie gehen wollten.“
Domenico erstarrte. Eine Welle von Eifersucht durchströmte seinen Körper.
Ohne sich von Pamela zu verabschieden stürmte er los um Marietta und Angelo
zu suchen.
Bald hatte er sie gefunden. Sie saßen beim „Corporale“, einem kleinen
Fischrestaurant am Ende der Straße zur Hafenpromenade, strahlten sich an und
hielten sich an den Händen.
Domenico stürmte auf die beiden zu, riss Angelo, der einen Kopf kleiner als der
hochgewachsene Domenico war vom Stuhl und schlug ihm die Faust ins
Gesicht.
„Das ist dafür, weil Du mit meinem Mädchen herummachst. Lass die Finger von
Ihr sonst gibt es mehr davon.“
Er griff nach Mariettas Arm und forderte diese auf mitzukommen.
Marietta riss sich los und schrie „ich bin nicht Dein Mädchen und bin es auch
nie gewesen. Du bist ein Grobian und ich will Dich nie wieder sehen. Meine
Eltern hatten so recht mit ihrer Meinung über Dich.“
Sie kniete sich zu Angelo der immer noch benommen am Boden saß und nahm
seinen Kopf in ihre Arme.
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Domenico griff wieder besitzergreifend nach Marietta. Diese wehrte sich mit
Händen und Füßen.
Von einem seiner Kellner aufmerksam gemacht kam der „Corporale“, der Wirt
des Lokales angerannt. Er war klein und kugelrund aber wieselflink. Bevor
Domenico noch mehr Unheil anrichten konnte stieß er ihn von Marietta weg und
schrie ihn an: „Hast Du nicht gehört was das Mädchen gesagt hat? Sie ist nicht
Dein Mädchen und Sie will Dich auch nie wieder sehen. Scompare
(verschwinde) und lass Dich hier nicht wieder blicken. Capito ? Hast Du mich
verstanden?“
Domenico nickte, dann spuckte er auf Angelo und zischte. „Mit Dir rede ich nie
wieder ein Wort und eines Tages wirst Du dafür büßen.“
Nachdem sowohl die Pandolfis als auch die Murattis angesehene Bürger
Positanos waren, der Bruder von Angelos Mutter war Bürgermeister, blieb
Domenico den beiden Liebenden fern. Aber es verging keine Nacht in der er vor
dem Einschlafen nicht Rachepläne schmiedete.
Nun, heute war der Tag der Vendetta (Rache) gekommen. Er hatte alles bis ins
kleinste Detail vorbereitet. Am frühen Nachmittag hatte er sich im Hotel
Quisisana und im Hotel Weber Ambassador, beides Luxus Hotels, als
Bademeister beworben. Beide Hotels verfügten über große Swimming Pools und
beschäftigten langjährige Bademeister. Dessen bewusst hatte sich Domenico nur
deshalb vorgestellt um bei eventuellen Fragen nach seinem Besuchsgrund auf
Capri diese Vorstellungsgespräche anzugeben.
Im Wissen dass Angelo mit seinem Boot Gäste nach Capri gebracht, hatte er
auch beide Linienschiffe abfahren lassen.
„Hoffentlich hat Angelo noch das gleiche Handy“, dachte er, nahm das
Wegwerfhandy, am Nachmittag in einem Geschäft gekauft und wählte Angelos
Nummer.
„Angelo Muratti.“
„Ciao Angelo, Domenico. Wie geht es Dir?“
„Domenico? Ich dachte Du wolltest nie mehr im Leben mit mir sprechen?“
„Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.“ Domenico lachte. „Ich habe
eine große Bitte an Dich. Ich sitze auf Capri fest, das letzte Schiff nach Positano
ist eben abgefahren und ich habe es verpasst.“
„Es gibt noch eines nach Sorrent. Von dort kannst Du den Bus nehmen!“
„Auch dieser Dampfer ist weg, leider. Kannst Du mich nicht mit Deinem Boot
abholen? Ich werde für Treibstoff und Zeitaufwand aufkommen. Ich weiß, es ist
eine Zumutung Dich um diese Zeit von Positano hierher zu bitten.“
„Du hast Glück. Ich habe Stammgäste von Vaters Hotel nach Capri gebracht
und bin vor ein paar Minuten von der Marina Piccola abgefahren. Befinde mich
jetzt bei den Faraglioni (vier Felstürme im Meer, an der Südspitze der Insel –
Faraglioni = Klippen) und kann sehr schnell bei Dir sein.“
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„Was für ein Zufall. Danke Angelo. Ich werde mich zu revanchieren wissen.
Also bis bald. Ich erwarte Dich am Ende der Mole“

Domenicos Plan schien aufzugehen. Als Angelo um die Südspitze der Insel fuhr,
Domenico beobachtete ihn mit einem Fernglas, bezahlte er, verstaute das
Fernglas in einem kleinen Rucksack und machte sich auf den Weg zur Mole.
Unterwegs ließ er das nutzlos gewordene Handy ins Hafenbecken fallen.
Als Angelo sich anschickte am Ende der Mole anzulegen flüsterte Domenico
höhnisch. „Gleich habe ich Dich in der Falle, Angelo mio.“

In ihrer Jugendzeit hieß Angelos Boot noch „Vagabondo“ In der Zwischenzeit


hatte er es auf „Marietta“ umgetauft und dieser Umstand brachte Domenicos
Blut noch mehr in Wallung.
Die „Marietta“ war ein Holzboot mit Außenbordmotor wie es von Tausenden
Italienern, landauf, landab verwendet wurde um zu fischen, mit Freunden
herumzuschippern und wie heute, Gäste zu befördern.
Domenico stieg die Steintreppen zum Boot hinab und ließ sich von Angelo ins
schwankende Schifflein helfen. An Bord angekommen setzte er sich an Angelos
linke Seite. Dieser legte wortlos ab und gab Gas. Als die „Marietta“ richtig Fahrt
aufgenommen hatte wandte Angelo sich an Domenico:
„Also sprich. Woher der plötzliche Sinneswandel?“

03. Als Capitano Savastano, Polizeichef von Positano seine Dienststelle betrat
winkte ihm einer seiner Mitarbeiter schon mit dem Telefon.
„Capitano, Ihr Freund Carlo Muratti. Er möchte Sie dringen sprechen.“
Savastano nahm den Telefonhörer an sich „Salve Carlo, was kann ich am frühen
Morgen für Dich tun?“
„Guten Morgen Mario, Du wirst mich wahrscheinlich für verrückt halten aber
ich mache mir Sorgen um meinen jüngsten Sohn Angelo.“
Carlo Muratti erzählte dem Capitano die Vorfälle des Vortages um dann
fortzufahren. „Gegen 22.00 Uhr erhielt ich noch eine SMS von Angelo.
Er schrieb er sei unterwegs zu Marietta und das hat mich soweit beruhigt. Aber
als mir meine Frau berichtete, dass Angelos Wagen am nämlichen Parkplatz
steht wie schon die letzten beiden Tage hat mich das sehr beunruhigt. Er wollte
doch Marietta zum Flughafen bringen.“
„Vielleicht ist etwas mit seinem Wagen und sie haben ein Taxi genommen,“
versuchte Savastano ihn zu beruhigen.“
„Ich habe am Taxistandplatz an der Piazza dei Mulini angerufen. Es ist nur ein
Fahrer da und er versicherte mir, dass zwei Taxis am frühen Morgen zum
Flughafen fuhren aber er weiß nicht wer die Fahrgäste waren. Mariettas Handy
ist auf Mailbox geschaltet, wahrscheinlich ist sie schon im Flugzeug nach Rom,
von wo sie weiter nach New York fliegen wird. Was mich am meisten
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beunruhigt ist die Tatsache, dass Angelos Boot nicht an unserer Boje verankert
ist. Wo ist das Boot abgeblieben? Ich mache mir wirklich große Sorgen.“
„Ich kann Dich verstehen Carlo. Ich werde versuchen herauszufinden was
gestern passiert ist und melde mich wieder bei Dir. Es gibt aber sicher eine
einfache Erklärung, glaube mir.“
„Danke Mario, vielen Dank.“
„Non ce di che“ (keine Ursache).
Nach dem Gespräch beauftragte Capitano Savastano seinen Mitarbeiter Fabrizio
den Flughafen in Neapel anzurufen und herauszufinden ob Marietta Pandolfi
eingecheckt hatte. Mehr konnte er im Moment nicht tun.

04. Etwa zur selben Zeit saß Commissario Maldini auf der Terrasse seiner
Wohnung im fünften und letzten Stock eines Neubaues. Er trank einen
Capuccino, aß bereits den zweiten Cornetto und las die Morgenzeitung.
Es war sein erster Urlaubstag und er genoss diesen in vollen Zügen.
Gebäck und Zeitung hatte ihm eine Witwe aus dem vierten Stock an die Tür
gehängt. Sie war auch zuständig für seine Wäsche und reinigte einmal pro
Woche seine Wohnung. Maldini, leidenschaftlicher Junggeselle war mit seinem
bisherigen Leben sehr zufrieden.
Sein Wohnhaus stand in der Via Benedetto Croce, unweit vom Hafen. Maldini
liebte den Blick auf Salernos Hafen und nahm dafür gerne den ständigen Lärm
in Kauf.
Als er wieder einmal den Blick von der Zeitung hob um einen Schluck Kaffee
zu trinken sah er ein Schiff der Guardia Costiera (Küstenwache) mit einem
Kleinboot im Schlepptau, sich einer Anlegestelle nähern. Dort standen ein
Polizeifahrzeug und ein Rettungswagen. Zwei seiner Beamten lehnten an ihrem
Fahrzeug und sahen der sich nähernden Küstenwache zu.
Maldini nahm ein Fernglas, es lag immer griffbereit auf dem Tischchen, um die
Szene näher zu beobachten. Als die Küstenwache anlegte wurde kurz darauf ein
lebloser Körper auf einer Bahre an die wartenden Sanitäter und Beamten
übergeben.
Maldini griff zum Handy und wählte die Nummer des Beamten am Hafen.
„Pronto?“
„Maldini sono, was geht da im Hafen vor?“
„Chef, sind Sie nicht seit heute im wohlverdienten Urlaub?“
„Keine Witze. Meldung!“
„Die Küstenwache hat ein im Meer treibendes Boot aufgebracht. Im Boot lag
die Leiche eines jungen Mannes. Schusswunde in der linken Schläfe. Pistole,
eine Beretta 9mm liegt im Boot, offensichtlich Selbstmord.“
„Hat man bei der Leiche Ausweispapiere gefunden?“

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„Ja. Es handelt sich um Angelo Muratti aus Positano, 21 Jahre jung. Sollen wir
die Dienststelle in Positano informieren?“
„Nein, das erledige ich. Bringt die Leich zur Pathologie und gebt mir so schnell
wie möglich Bescheid. Alles klar?“
„Ja Commissario.“
Wenig später wählte er die Nummer seines Freundes Mario Savastano.
„Ciao Gianni. Erster Urlaubstag und schon meldest Du Dich bei mir. Freut
mich. Soll ich Dir ein Zimmer im Eden Roc bestellen?“
„Leider keine erfreuliche Nachricht. Kennst Du einen Angelo Muratti?“
„Ja, habe gerade mit seinem Vater telefoniert. Dieser macht sich Sorgen wo sein
Sohn wohl abgeblieben ist. Hat er sich nach Salerno verirrt und dort etwas
angestellt?“
„Schlimmer! Die Küstenwache hat sein im Meer treibendes Boot aufgebracht.
Im Boot lag Angelo mit einem Kopfschuss in der linken Schläfe. Erster
Eindruck Selbstmord.“
„Seid Ihr sicher dass es sich um Angelo Muratti handelt?“
„Keine Zweifel, er hatte einen Personalausweis bei sich.“
„Oh mein Gott, wie bringe ich das seinen Eltern und Geschwistern bei. So ein
netter Junge, verliebt bis beide Ohren in ein Mädchen unseres Ortes. Im August
wollte man Verlobung feiern.“
Mario Savastano schwieg und Gianni Maldini wartete geduldig bis er sich
wieder beruhigt hatte. Aber von Beruhigung konnte keine Rede sein.
„Wenn nur dem Mädchen nichts passiert ist. Sie sollte heute nach New York
fliegen und Angelo mit ihr zum Flughafen fahren. Gianni bitte bleib in
Bereitschaft, ich melde mich bald wieder bei Dir.“
„Capitano“, Fabrizio meldete sich zögernd bei Savastano.
“Was ist? Keine schlechten Nachrichten mehr.“
„Marietta Pandolfi ist am Flughafen Neapel nicht eingecheckt. Der Flieger ist
ohne sie nach Rom abgeflogen.“
Savastano schlug beide Hände vors Gesicht.
„Bitte lass nicht zu, dass ich mit meinen Vermutungen recht habe.“ Savastano
reckte beide Arme gegen Himmel.
„Fabrizio, Gaetano und ich wir fahren jetzt sofort zum Haus der Pandolfi. Wir
müssen rausfinden ob Marietta zu Hause ist.“
„Familie Muratti? Wollen Sie die nicht über Angelos Ableben informieren?“
„Die und der Bürgermeister erfahren die schlimme Nachricht noch früh genug.
Rein in den Wagen und ab mit uns.“

Am Haus der Pandolfi angekommen meldete sich auch nach mehrmaligem


Läuten niemand. Savastano ließ daraufhin die Tür öffnen. Fabrizios Kollege war
Spezialist für solche Aufgaben und bald konnten die drei eintreten.
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Im Vorzimmer standen zwei gepackte Koffer. Savastano rief mehrmals
Mariettas Namen, aber keine Antwort.
Sie betraten das Wohnzimmer, keine Marietta.
„Die Schlafzimmer sind im ersten Stock,“ erklärte der Capitano und ging
voraus.
Als er ins Schlafzimmer von Marietta trat entrang seiner Brust ein schmerzhafter
Schrei. Er wandte sich mit schneeweißem Gesicht an seine Kollegen und bat sie
nicht einzutreten. „Ich will Euch diesen Anblick ersparen“, schluchzte er.
Marietta lag völlig entkleidet auf ihrem Bett. Ihre rechte Gesichtshälfte war blau
verschwollen und wies eine breite Risswunde auf. Ihr rechtes Auge war völlig
zugeschwollen. Knapp unter ihrer linke Brust befand sich ein Einschussloch.
Um Marietta herum lagen Teile eines zarten Nachthemdes. Savastano öffnete
eine Kommode rechts von der Tür, entnahm ihr ein Leintuch und bedeckte
Mariettas geschändeten Körper.

„Gianni ich brauche dringende Deine Hilfe.“ Capitano Savastano stand vor
Mariettas Schlafzimmer. „Wie es scheint handelt es sich um Mord und
Selbstmord. Wir haben Angelos Freundin gerade tot in ihrem Schlafzimmer
aufgefunden. Dem Einschussloch nach eine 9mm Pistole. Was ist dem Jungen
bloß eingefallen. Kannst Du mit Deinem forensischen Team Amtshilfe leisten?“
„Bei offensichtlichem Mord und Selbstmord wird man mir eine solche Hilfe
nicht erlauben,“ antwortete Gianni Maldini. „Gibt es nach Deinem Dafürhalten
Bedenken?“
„Jaein, aber der Bürgermeister ist ein Onkel von Angelo und der wird bestimmt
lückenlose Aufklärung fordern. Das schaffe ich mit meinen Mitteln nicht.“
„Augenblick Mario, ich bekomme gerade über meinen PC die neuesten
Ergebnisse von meiner Dienststelle: Also allem Anschein nach Selbstmord. Die
Fingerspuren auf der Pistole sind zwar ziemlich verwischt aber von Angelo. Am
Lauf gibt es Blutspuren. Diese sind nicht von Angelo. Am Verschluss der
Pistole hat man einen kurzen, blauen Faden gefunden. Scheint von einer Jeans
zu stammen. Angelo trug eine weiße Leinenhose. Es stellt sich die Frage wer
hatte noch Zugriff zur Pistole. Bitte riegle den Tatort ab, ich bin in etwa einer
Stunde bei Dir. Wir nehmen unseren Diensthubschrauber.“

05. Mario Savastano übernahm in der Zwischenzeit die traurige Aufgaben


sowohl Angelos Familie, den Bürgermeister und Mariettas Eltern in New York
zu informieren. Es spielten sich in beiden Familien erschütternde Szenen ab. Die
Pandolfis versprachen das nächste Flugzeug nach Italien zu nehmen und baten
Capitano Savastano bis dahin Licht in die Angelegenheit zu bringen.
„Angelo würde nie zu einer solchen Tat fähig sein,“ war die einhellige Meinung
beider Familien.

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Commissario Maldini kam wie versprochen mit eine Pathologien und drei
weiteren Beamten. Sie übernahmen die Durchsuchung des Pandolfi Hauses
während die Ärztin sich um Marietta kümmerte.
Maldini ging durch das Haus fand aber nichts Auffälliges. Im Badezimmer stand
die offene Toilettentasche Mariettas, diese sollte wohl als letzte in eine
Reisetasche kommen. Maldini durchsuchte die Tasche. Unter anderem fand er
eine Scheibe mit Antibaby Pillen. Die Pillen vom Juni waren bis auf jene vom
20. Juni eingenommen worden.
Später meldete er sich bei der Ärztin. „Gibt es etwas Neues?“
„Vorläufig kann ich bestätigen, dass Marietta durch den Schuss getötet wurde.
Die Gesichtswunde könnte von einem Schlag mit dem Pistolenlauf herrühren.
Was das Blut am Pistolenlauf erklären würde. Analysen stehen noch aus.
Marietta hatte Geschlechtsverkehr. Entweder einvernehmlich oder sie wurde
während der Ohnmacht oder post mortem vergewaltigt. Kein Sperma! Der Täter
benutzte ein Kondom.“
„Eigenartig! Sie nahm die Pille, wozu ein Kondom? Angelo wollte sich
anschließend umbringen. Auf wen sollte er da wohl Rücksicht nehmen.“
Maldini rief seine Beamten zu sich.
„Habt Ihr im Haus oder in der Toilette ein benutztes Kondom gefunden?“
Die Männer verneinten.
„Nehmt Euch zwei Beamte von Positano und durchsucht mit ihnen alle
Mülleimer und Müllcontainer im Umkreis von 500 Metern.“
Vor dem Haus traf er auf Savastano. „Wann werden bei Euch die Mülleimer
entleert?“
„Morgen früh, warum?“
Ohne auf die Frage einzugehen forderte er nochmals seine Männer auf die
Mülleimer zu untersuchen.
„Lieber Freund“, wandte er sich an Mario Savastano. „Die These von Mord und
Selbstmord beginnt zu wackeln. Das Mädchen wurde vergewaltigt und der Täter
benutzte ein Kondom. Ich bitte Dich und Deine Beamten bei den Familien und
im Ort nachzufragen ob die beiden jungen Leute Feinde hatten.„
„Commissario“, die Pathologin Dottoressa Minetti kam vor das Haus zu Maldini
und Savastano.
„Bei Berücksichtigung aller Umstände und nach Messung der Lebertemperatur
an beiden Leichen sind mein Kollege in Salerno und ich überzeugt, dass Angelo
Muratti etwa zwei bis vier Stunden VOR Marietta Pandolfi getötet wurde. Also
zu 100% kein Mord und Selbstmord sondern ein Doppelmord durch ein und
denselben Täter.“
„Das müssen wir sofort den Eltern von Angelo und dem Bürgermeister
mitteilen. Was für eine Erleichterung.“
„Mario, wir dürfen jetzt keinen Fehler machen,“ bremste Commissario Maldini
seinen Kollegen. „Dieser neue Erkenntnis darf auf keinen Fall publik gemacht
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werden. Der Täter muss nach wie vor der Meinung sein, dass sein perfider Plan
aufgegangen ist. Zu den Murattis gehen wir später zusammen hin.“
Nach einer Stunde kamen die Beamten von ihrer Kondomsuche zurück.
„Wir haben insgesamt sieben benutzte Kondome gefunden. Alle in
verschiedenen Müllcontainern. Jeder einzelner Fund wurde dem entsprechenden
Mülleiner bzw. Container zugeordnet“
„Gut gemacht, bringt sie zur Ärztin. Sie soll die DNA von Marietta ausfindig
machen, dann haben wir auch das Sperma des Täters,“ ordnete der Commissario
an.
Danach machten sich Mario Savastano und Gianni Maldini auf um die Familie
Muratti aufzusuchen.
Vater Muratti war sichtlich erleichtert als man ihn unterrichtete, dass sein Sohn
Angelo kein Mörder und Selbstmörder war. Er sank erleichtert in die Knie und
dankte Gott dafür.
„Signor Muratti, so sehr es Sie auch drängt diese Neuigkeit in die Welt
hinauszuschreien, muss ich Sie doch bitten Stillschweigen zu bewahren. Wir
müssen den wahren Mörder in Sicherheit wiegen. Eine Frage? War Ihr Sohn
Linkshänder?“
„Nein, wieso?“
„Da hat der Mörder den ersten Fehler begangen. Er schoss Angelo in die linke
Schläfe. Das hätte Angelo als Rechtshänder nie getan.“
„Oh mein Gott,“ schluchzte Carlo Muratti, „Angelo, was hat man Dir alles
angetan.“
„Ich kann Ihnen versichern, dass Angelo nicht leiden musste. Marietta dafür
umso mehr“, erklärte Gianni Maldini.
Carlo Muratti hörte nicht auf zu wehklagen.
„Wer könnte Ihren Sohn und Marietta so gehasst haben um so eine schreckliche
Tat zu begehen?“ fragte Maldini.
„Für mich kommt nur Domenico Ruffiano in Frage.“ Signor Muratti erklärte
warum.
„Er treibt sich seit einigen Wochen am Abend immer hier herum. Offensichtlich
ist er mit Maria, einem Stubenmädchen des Hotels, befreundet und holt sie nach
Dienstschluss ab.“
„Ist Maria im Dienst? Wenn ja rufen Sie sie bitte her.“
Etwas später erschien Maria. Auch sie hatte verweinte Augen und war
angesichts der Polizei ziemlich aufgeregt.
„Maria, Sie sind mit Domenico Ruffiano befreundet?“
„Ja, warum,“ Maria versteifte sich bei dieser Frage.
„Hat Domenico Sie über Angelo, Marietta und besondere Umstände im Hotel
befragt?“
„Warum wollen Sie das wissen,“ wunderte sich Maria.
„Stellen Sie uns keine Fragen sondern beantworten Sie einfach die unsrigen.“
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„Domenico und ich wollen im kommenden Jahr heiraten und ich werde nichts
sagen was ihm schaden könnte.“
„Warum sollten ein Mord und ein Selbstmord im Hause Muratti/ Pandolfi Ihrem
Domenico schaden ?“
Maria wirkte sofort erleichtert.
„Nun, Domenico war doch einmal mit Marietta und Angelo befreundet, natürlich
interessierte er sich wie es mit den beiden weitergeht.“
„Wusste er auch von Mariettas Reise nach New York, von der bevorstehenden
Verlobung mit Angelo und von Angelos Fahrt mit den Gästen Brokamp nach
Capri?“
„Ja natürlich, man redet doch in halb Positano über Mariettas Reise und die
bevorstehende Verlobung. Zur Fahrt nach Capri meinte er noch zu mir: Was für
ein Zufall. Ich bin am selben Tag auch dort.“
„Was wollte er auf Capri?“
„Gestern war sein freier Tag und er wollte sich bei einigen Hotels als
Bademeister bewerbe.“
„Aber er ist doch Bademeister am Fornillo Strand und das seit vielen Jahren.
Warum bewirbt er sich auf Capri?“ fragte Signor Muratti verwirrt.
„Er ist mit dem Verdienst im Hotel Pupetto nicht mehr zufrieden. Wir wollen
doch im kommenden Jahr heiraten. Das kostet zusätzlich Geld!“
„Danke Maria, wir haben keine weiteren Fragen mehr.“
Als Maria den Raum verlassen hatte beriet sich Maldini mit seinem Freund
Savastano.
„Wir schicken zwei Männer nach Capri. Sie sollen sich sowohl an der Marina
Grande als auch Marina Piccola mit einem Foto von Domenico umhören.
Vielleicht ist er jemandem aufgefallen. Haben Sie zufällig ein Foto von
Domenico?“ fragte Maldini Signor Muratti.
„Ich glaube es gibt ein Foto von Angelo und Domenico in Angelos Zimmer. Ich
sehe nach. Warten Sie bitte.“
Carlo Muratti erschein gleich darauf wieder und übergab den wartenden
Männern ein Foto der beiden ehemaligen Freunde.
„Fabelhaft“, meinte Commissario Maldini. Er rief über sein Handy einen seiner
Mitarbeiter und beauftragte ihn und einen Kollegen mit den Recherchen auf
Capri.
„Ich werde Fabrizio auf Domenico Ruffiano ansetzen. Er soll sich im Hotel
Pupetto und in der Umgebung des Pandolfi Hauses umhören,“ meinte Capitano
Savastano.
Schon wenige Stunden später erreichten neueste Informationen die
Polizeizentrale von Positano.
„Es wird Zeit, dass wir uns Domenico vornehmen. Zuerst soll Fabrizio ihn zu
einem Gespräch einladen, anschließend sollen Deine Männer die Wohnung von

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Domenico auf den Kopf stellen. Er darf aber davon nichts wissen,“ ordnete
Maldini an. „Einverstanden?“
Mario Savastano war selbstverständlich einverstanden und wenig später
betrat Domenico Ruffiano in Begleitung Fabrizios das Kommissariat.
„Buona Sera, Signor Ruffiano, ich bin Capitano Savastano,
“Ich kenne Sie doch Capitano und warum so förmlich. Nennen Sie mich einfach
Domenico,“ unterbrach dieser den Polizeichef.
„Also gut, wie Sie wünschen. Die beiden Herrschaften neben mir sind Frau Dr.
Minetti, Gerichtspathologin und Commissario Maldini, beide aus Salerno,
Fabrizio Molinaro kennen Sie ja inzwischen.“
„Freut mich. Ich wundere mich nur warum bei so einer klaren Sache Salerno
mitmischt.“
Mario Savastano ging auf diese Frage nicht ein, sondern schaltete das
Aufnahmegerät, welches am Tisch stand, ein.
„Warum wir Sie hergebeten haben werden Sie gleich fragen. Nun, Sie waren mit
Angelo und Marietta befreundet. Können Sie uns sagen wie es zu dieser
furchtbaren Tat kommen konnte? „
„Die irren völlig im Dunklen,“ frohlockte Domenico innerlich, um dann die
Frage zu beantworten.
„Ich habe mich etwas umgehört und alle meinen, dass Marietta in Amerika
bleiben wollte um dort zu studieren. Angelo war damit nicht einverstanden und
so kam es in letzter Zeit wiederholt zu Streitigkeiten. Ich habe gestern früh
Marietta getroffen. Sie war verweint und erzählte mir, dass Angelo ihr gedroht
hätte: „Entweder du kommst wie seinerzeit geplant im August zurück oder ich
verlobe mich mit Kerstin Brokamp.“ Meine Freundin Maria kann Ihnen
bestätigen, dass die 17jährige Kerstin ganz verrückt nach Angelo war. Die
Familie Brokamp ist schwer reich und kommt aus Berlin.“
„Marietta hat Ihnen dies alles gestern Morgen gesagt? Erstaunlich. Sie wollte
doch nichts mehr von Ihnen wissen.“
„Ich war selbst ganz hin und weg. Sie sagte noch, dass es am Abend zu einer
letzten Aussprache mit Angelo kommen sollte.“
„Sie haben Marietta dann nicht mehr wiedergesehen?“
„Stimmt. Nachdem ich von Capri zurückgekehrt bin, habe ich am Fest am
Strand von Fornillo teilgenommen.“
„Wie ist es dann möglich, dass man in einem Müllcontainer, keine 20 Meter von
Mariettas Haus entfernt , ein benütztes Kondom, außen mit der DNA von
Marietta und innen mit Ihrem Sperma gefunden hat?“
„Wieso mein Sperma? Wahrscheinlich hat Angelo sie vergewaltigt und das
Kondom danach entsorgt. Was weiß ich.“
„Es ist nicht Angelos Sperma. Das steht definitiv fest.“
Domenico senkte den Kopf und überlegte.

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„Ich wollte es nicht erwähnen, aber ich habe gegen 22.00 Uhr bei Marietta
vorbeigeschaut. Sie weinte und zeigte mir eine SMS die sie kurz vorher von
Angelo bekommen hatte. Die SMS war sehr unpersönlich gehalten und Marietta
meinte er würde sich wohl deshalb verspäten oder gar nicht mehr kommen, weil
er bei Kerstin auf Capri hängen geblieben war. Ich gebe zu, dass ich ihre
Traurigkeit ausgenutzt habe. Ich meinte, dass ihr dies bei mir nie passiert wäre.
Sie weinte noch mehr und gestand mir, dass sie die Trennung von mir längst
bereut hätte. Wir küssten uns und ich trug sie hinauf ins Bett. Dann ist es über
uns gekommen und wir haben miteinander geschlafen. Aber als ich gegen 23.00
Uhr ging, hat sie noch gelebt. Das schwöre ich.“
„Ich frage mich die ganze Zeit warum Marietta Ihnen nicht gesagt hat, dass sie
schon den ganzen Monat Juni die Pille nimmt. Ich habe die Scheibe mit den
entsprechenden Pillen in Mariettas Badezimmer gefunden. Ein Kondom war
daher überflüssig.“ Maldini schaute Domenico fragend an.
„Diese Schlampe“, erzürnte sich Domenico innerlich, „ich sollte bis zur
Hochzeit warten aber für Angelo hat sie die Beine schon vorher breit gemacht.“
Laut aber sagte er: „Ich bleibe dabei, als ich ging lebte sie noch und auf das
Kondom hat sie unbedingt bestanden.“
„Sie haben vorhin die SMS erwähnt. Wir haben Mariettas Handy gefunden und
die Nachricht gelesen. Sie erreichte Marietta um 21.39 Uhr. Zu diesem
Zeitpunkt war Angelo schon mindestens drei Stunden tot. Demnach haben Sie
die SMS auf Angelos Handy verfasst, auch die an seinen Vater, und verschickt.
Wollen Sie nicht endlich reinen Tisch machen und den Mord an den beiden
gestehen?“
„Ich habe mit dem Tod Angelos und Mariettas nichts zu tun. Ihre Pathologin irrt
sich. Angelo kam wider Erwarten doch noch zur Aussprache, Marietta erzählte
ihm von meinem Besuch, er drehte durch und brachte sie um. So und nicht
anders ist es passiert. Nach dem Mord an Marietta ist Angelo in Panik geraten,
zu seinem Boot gelaufen und ist so lange gefahren bis der Treibstoff ausging.
Dann hat er sich eine Kugel in den Kopf gejagt. Bei den Nachttemperaturen
kann man sich schon bei der Todeszeit um ein paar Stunden irren.“
„Mit Angelos Pistole wurde fünf mal geschossen. Wir werden anschließend Ihre
Hände nach Schmauchspuren untersuchen und damit beweisen, dass Sie
geschossen haben.“
„Ich habe geschossen, aber weder auf Angelo noch auf Marietta sondern auf
Möwen. Auf der Fahrt nach Positano haben Angelo und ich, wie wir es schon
als Jugendliche getan haben, auf Möwen geschossen.“
„Wie oft?“ fragte Maldini.
„Insgesamt 2x, dann wollte er nicht mehr. Er fand es kindisch.“

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Inzwischen war es schon nach 20.00 Uhr. Immer wieder läutete das Handy von
Savastano oder jenes von Maldini. Ständig gab es neue Erkenntnisse.
„Hören Sie zu Domenico,“ Commissario Maldini setzte sich zu Domenico an
den Tisch. „Ich werde Ihnen jetzt detailliert erzählen wie sich alles zugetragen
hat. Vorher aber frage ich Sie ob Sie einen Rechtsbeistand an Ihrer Seite haben
wollen. Sollten Sie keinen kennen wird Ihnen Kollege Savastano einen
empfehlen.“
„Wozu sollte ich einen Anwalt brauchen. Ich habe nichts getan.“
„Also gut! Hören Sie genau zu.

„Von Ihrer Freundin Maria wussten Sie, dass Angelo mit Familie Brokamp am
20. Juni nach dem Essen nach Capri fahren würde.“
„Wusste ich nicht!“
„Domenico, wir haben Maria heute am späten Morgen befragt. Sie hat es
zugegeben, also unterbrechen Sie mich nicht.
Die Mitarbeiter am Strand haben Angelo und die Brokamps gegen 14.40 Uhr
zum Boot hinausgefahren. Zu diesem Zeitpunkt waren Sie schon auf Capri,
hatten Sie sich schon bei zwei Hotels als Bademeister beworben. Sie wissen aus
Erfahrung wie lange man mit einem Kleinboot bis Capri unterwegs ist. Sie
konnten damit rechnen, dass Angelo nicht vor 17.30 Uhr wieder zurückfahren
würde. Zwischen 17.00 Uhr und 17.50 saßen Sie in einem kleinen Cafe an der
Marina Grande. Wir wissen es, weil ein Kellner Sie einwandfrei an Hand eines
Fotos identifiziert hat. Er hörte Sie auch telefonieren und war erstaunt darüber,
dass Sie behauptet haben die Linienschiffe versäumt zu haben. Er wurde
neugierig und hat Sie weiter beobachtet. Er sah Sie mit dem Fernglas das Meer
absuchen, er sah Sie über die Mole gehen und er sah, wie Sie ihr Handy ins
Meer entsorgten. Er sah Sie auch in Angelos Boot einsteigen und mit ihm
abfahren.“
„Ich war in jenem Cafe aber nur bis 17.30 Uhr, danach bin an Bord des
Linienschiffes nach Positano eingestiegen. Der Kellner irrt sich.“
„Ein Taucher der Küstenwache hat vor einer Stunde das Handy geborgen. Einer
meiner Mitarbeiter ist damit zu mir unterwegs. Wir werden Ihre Fingerspuren
sicherstellen und den Anruf zu Angelos Handy rekonstruieren.“
„Also gut. Ich wollte mit Angelo alleine sein und mit ihm über Marietta reden.
Ich wollte wissen ob er es überhaupt noch Ernst mit ihr meint, denn ich wollte
Marietta unbedingt zurück. Deshalb habe ich so getan als würde ich auf Capri
festsitzen, ihn gebeten mich aus Positano abzuholen und mich erstaunt gezeigt,
dass er praktisch schon da war.“
„Sie geben immer dann etwas zu, wenn wir es Ihnen nachweisen können. Wie
ging es Ihrer Meinung nach weiter?“
„Ich erzählte ihm von meiner Unterredung mit Marietta und er meinte einen
großen Fehler begangen zu haben. Er wollte unbedingt die kleine Deutsche
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heiraten und es am Abend Marietta beichten. Angelo setzte mich am Fornillo
Strand ab und fuhr weiter.“
„Laut den Mitarbeitern am Hafen wurde Angelo am gestrigen Tag nur einmal
zum Boot gebracht. Er wurde weder vom Boot zum Strand, noch ein weiteres
Mal zum Boot gebracht.“
„Dann hat er seine Schaluppe irgend wo anders festgemacht. Was weiß ich.“
„Nachdem er nicht an seiner angestammten Boje ankerte, nicht am Strand von
Fornillo, gibt es nur eine einzige Stelle die noch dafür geeignet war. Die Bucht
nach dem Badestrand am Ortsende von Positano, in Richtung Amalfi,“ erläuterte
Maldini.
Domenico sagte nichts dazu.
„Der Eigentümer vom Keramikgeschäft in der Kurve vor der Brücke über die
erwähnte Bucht hat Sie am Morgen beobachtet, wie Sie Ihr Moped am
Brückengeländer festgemacht haben und zu Fuß weggingen. Am Abend, als er
gegen 22.00 Uhr den Laden schloss war Ihr Moped weg. Als er gegen 23.00 Uhr
sein Auto besteigen wollte um nach Hause zu fahren, war Ihr Moped wieder da.
Plötzlich hörte er in der Stille der Nacht einen Motor unten in der Bucht laufen.
Als er von der Brücke in die Bucht schaute, sah er ein Boot aus dieser ins offene
Meer hinausfahren.
Daher beurteilen wir die Fahrt von Capri nach Positano ganz anders als Sie.
Angelo holte Sie an der Mole ab, auf der Fahrt nach Positano überredeten Sie
Angelo mit Ihnen auf Möwen zu schießen, kamen so zu dessen Waffe und
erschossen ihn, wobei Ihnen der erste Fehler passierte. Ein Rechtshänder schießt
sich nicht in die linke Schläfe.
Zwei Schüsse auf Möwen, einen in Angelos Kopf, danach haben Sie die Pistole
in seine linke Hand gelegt und damit einen Schuss abgegeben. Somit erklären
sich die Schmauchspuren auch auf Angelos linker Hand. Damit glaubten Sie
Ihren Fehler gutgemacht zu haben. Der fünfte und letzte Schuss tötete Marietta.
Im Boot selbst fanden sich natürlich nur vier Patronenhülsen.

Ab dem Zeitpunkt von Angelos Tod trugen Sie natürlich immer Handschuhe.
Sie ankerten in der Bucht, liefen über die 100 Stufen zur Straße wo Ihr Moped
stand, fuhren zu Marietta, vergewaltigten und töteten Sie, oder umgekehrt,
entsorgten Ihr Kondom in der Via C. Colombo in einem Müllcontainer, fuhren
zur Brücke oberhalb der Bucht zurück und liefen die Treppen hinunter zum
Boot. Sie drückten die Pistole erstmals in Angelos linke Hand und danach in die
rechte bevor Sie die Pistole ins Boot fallen ließen. Sie legten Angelo das Steuer
unter den Arm rechten, starteten das Boot und ließen es aus der Bucht fahren.
In Ihrer Wohnung fand man die Jeans die Sie gestern getragen haben. Ein Faden
davon blieb am Verschluss der Pistole hängen, als Sie diese in Ihre Tasche
steckten. Außerdem fand man die dünnen Baumwollhandschuhe. Wir werden

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Ihre Kleidung forensisch untersuchen, es wird sich Angelos Blut daran befinden.
Domenico Sie sind als Doppelmörder überführt.“

„Sie waren selbst Schuld und haben den Tod verdient“, heulte Domenico los.
„Warum haben Sie mir im Vorjahr diese Schande angetan? Ganz Positano lachte
über mich und ich, ursprünglich aus Massa Lubrense, konnte mich dagegen
nicht wehren. Erst wollte ich nur Angelo erschießen, es Marietta erzählen und
dann ins Ausland fliehen. Aber sie schrie wie wild herum, lief zum Telefon um
die Polizei anzurufen. Da habe ich ihr mit der Pistole ins Gesicht geschlagen.
Als sie ohne Bewusstsein war, habe ich mir das geholt was mir nach so vielen
Jahren mit ihr zusammen zustand. Alles was Sie mir vorwerfen stimmt und ich
bereue nichts. Mein Leben hatte ohne Marietta keinen Sinn mehr. Sind eben
zwei Menschen weniger auf der Welt, na und.“
„Niemand verdient den Tod durch Mörderhand,“ wies Commissario Maldini
Domenico zurecht. „Erst recht nicht zwei junge, unschuldige Menschen wie
Marietta und Angelo. Nicht nur, dass Sie uns ständig Lügen aufgetischt haben,
haben Sie eine weitere, viel größere Last auf sich geladen.“
Domenico starrte Maldini verständnislos an.
„Sie haben Generationen von Menschen das Leben genommen; den möglichen
Kindern und Kindeskindern von Marietta und Angelo. Mit dieser Schuld müssen
Sie bis an Ihr trauriges Ende leben.“
Commissario Maldini wandte sich mit Abscheu von Domenico ab. „Fabrizio,
führen Sie dieses Ungeheuer ab. Vergessen Sie aber nicht ihm seine Rechte
vorzulesen.“

Am Tag darauf saßen Commissario Maldini und Mario Savastano in der Zagara
und ließen sich vom Kellner Michele eine Flasche Moet Chandon servieren.
„Michele, wie lange wollen Sie in Ihrem Alter noch lästige Gäste wie uns
bedienen?“ fragte Commissario Maldini.
Michele, großgewachsen, schlaksig und in Ehren ergraut füllte gekonnt die
Gläser und meinte trocken: „So Gott will nicht mehr lange. Übrigens: Sie haben
gestern gute Arbeit geleistet.“ Sagte es und schlurfte davon.
Die beiden Polizisten prosteten sich lachend zu.

Sehr bald verging ihnen das Lachen wieder, mussten sie doch noch mit
Mariettas Eltern sprechen, die am späten Abend des Vortages aus Amerika
zurückgekehrt waren.

ENDE