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KRANENBURG

UNHEILIGER
ZAUBER
70 … in R(h)einkultur | 4/2010
„Verdammt noch mal". Der Titel des Komponisten Heiner Frost „Play-Pausen- visuellen Eindrucks. So entstand z.B. die
Ausstellungskatalogs ist auch Programm. stück“ schuf. Frost wiederum hatte sie zu Zeichnung unten. Parallel zu den Lifebil-
Da verschafft sich einer Luft und macht Vogdts früheren Arbeiten komponiert. Die dern des WDR wollte er eigentlich die
aus seinem Herzen keine Mördergrube, fast meditative Cello-Klavier-Komposition, Duisburger Loveparade zeichnen. Dabei
auch wenn seine Gedanken manchmal die man auf einem MP3 Player hören schaute er Monika Kruse zu, die „völlig
Mordlust zu beinhalten scheinen. Hier kann, schafft eine ganz eigene Atmosphä- verloren in ihrem Kabuff sehr gute Musik“
zeichnet einfach einer wild und gekonnt re zu den nervösen Zeichnungen von Jür- machte. Doch dann kam es anders. Die
drauf los. gen Vogdt. Nachrichten von den Toten liefen. „Und
Die Rede ist von einem „dynamischen Dessen Arbeiten sind trotz der aus- sehr verloren, sie wußte ja nichts von der
Büttel“ – so bezeichnet sich der Künstler schließlichen Abstraktion sehr stark von Katastrophe, wedelte Kruse das Händchen
selbst – aus der Sonsbecker Schweiz am äußeren Impulsen abhängig. Er reagiert hilflos im Bild. Zu diesen Momenten
Niederrhein, der Beuys als „Pater noster“ ganz unmittelbar auf Geschehen und lässt konnte ich nicht mehr arbeiten. Dazu war
betrachtet und den der Künstler seinerzeit sich von äußeren Einflüssen wie Gelese- meine Perversion einfach nicht groß ge-
auch gerne als Pressesprecher gehabt hät- nem inspirieren. Er selbst bezeichnet sich nug. Am Sonntag war dann diese Doppel-
te. Der aber zog sich erst einmal zurück an als „Spezialist für richtige Schundlitera- seite in der FAZ. Links der schwarze drek-
den Niederrhein. Dafür holte Hans van der tur" und schöpft daraus Anstöße für seine kige Boden des Tunnels, auf dem der ge-
Grinten Jürgen Vogdt dann später als Pres- jeweiligen Arbeiten, übrigens ebenfalls tretene Aufkleber ‘Dance or Die’ zu sehen
sesprecher nach Moyland. aus möglichst schlechten gewalttätigen war. Auf der linken Seite war dieses
Wer Lust hat, sich Vogdts energiegela- Filmen, die deswegen jedoch Gewalt nicht ‘Dance’ weiß auf schwarzem Grund,
dene Bilder und Zeichnungen anzuschau- zum Selbstzweck erheben. Ein schlechter rechts das schwarze ‘Die’ auf weißem
ender, der kann das bis Ende Januar oder Film im Fernsehen ist ihm allemal lieber Grund zu sehen. Diese Doppelseite reich-
März? an einem reizvollen Ort tun - im als ein schlechtes oder banales Gespräch, te aus, dass ich in die Werkstatt ging, wäh-
westlichsten Zipfel Deutschlands in dem bekennt der Provokateur. Den Film kann rend auf dem Techno Sender ‘Gott sei
Z E I C H N U N G V O N J U R G E N V O G D T, U M , 1 9 9 4

weit über die Grenzen des Niederrheins er abstellen, und wenn er richtig schlecht Dank!’ lief. Ein harter Sound.“ So machte
bekannten Museum Katharinenhof, wo Al- ist, kann er dabei sehr gut arbeiten. Des- er in wenigen Sekunden diese Zeichnung.
tes und Neues lagert und das seine überre- halb steht in seinem Atelier ein relativ gro- Zu dem Buch ‘der sechste sinn’ von
gionale Bedeutung dem aus Kranenburg ßer Fernseher, aus dem oft auch Techno- Konrad Bayer entstand vor etlichen Jahren
stammenden Kunstsammler, Beuys- musik wummert. Manchmal reicht ihm eine Serie von 1.297 Zeichnungen. Vogdt
Freund und langjährigem künstlerischen ein Sekundenbild auf dem Bildschirm, um hatte die Restauflage, eben 1.297 Exempla-
Leiter Hans van der Grinten verdankt. Un- eine Arbeit zu beginnen. Die ist bestimmt re, dieses kleinen Romans aufgekauft, da-
ter den Werken befinden sich fünf A4- vom Rhythmus der Techno-Musik oder mit dieser nicht verschreddert wurde.
Blätter, die Vogdt eigens zur Musik des auch von der rhythmischen Struktur eines Denn er hatte herausgefunden, dass er
jahrelang der einzige Käufer dieses Bu-
ches war, das ihn so faszinierte. So stri-
chelte er fast zweieinhalb Jahre im Format
des aufgeschlagenen Buches herum.
Zu Tadeusz Borowskis Buch „Bei uns
in Auschwitz“ gibt es eine Serie von 26 Ar-
beiten, deren kleinste 12 x 18 cm ist, die
größte 3,50 x 5,50 m, die in der Landeskli-
nik Bedburg-Hau, direkt gegenüber der
Forensik ausgestellt wurde. Veranstalter
war der bekannte Kunstverein ArToll.
In Vogdts Atelier liegen wohl an die
15.000 Arbeiten. Sie sollten gehoben wer-
den – „Verdammt noch mal!..." pmk
왘www.museumkatharinenhof.de

Jürgen Vogdt, Dance or die, Loveparade, Duisburg


2010 - Farbstift und Aquarell. Eine unmittelbare
künstlerische Reaktion auf das Schreckensereignis