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Homo animal nobilissimum

Studien und Texte


zur Geistesgeschichte
des Mittelalters
Begründet von
Josef Koch

Weitergeführt von
Paul Wilpert, Albert Zimmermann und
Jan A. Aertsen

Herausgegeben von
Andreas Speer

In Zusammenarbeit mit
Tzotcho Boiadjiev, Kent Emery, Jr.
und Wouter Goris

BAND 94
Homo animal nobilissimum
Konturen des spezifisch Menschlichen in der
naturphilosophischen Aristoteleskommentierung
des dreizehnten Jahrhunderts

Von
Theodor W. Köhler

Teilband 1

LEIDEN • BOSTON
2008
This book is printed on acid-free paper.

A. C.I.P. record for this book is available form the Library of Congress.

ISSN: 0169-8028
ISBN: 978 90 04 16289 1

Copyright 2008 by Koninklijke Brill NV, Leiden, The Netherlands.


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printed in the netherlands


INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ix
Vorbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . xi

I. Der Gegenstand, seine Behandlung in der Forschung und seine


Eingrenzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

II. Das Interesse an den konkreten Ausprägungsweisen des


Menschlichen im geistigen Umfeld der Epoche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
1. Die von allseitigem Interesse getragene Zuwendung zu den
Natursachverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
2. Die Gewichtung von Einzelsachverhalten, Beobachtung und
Erfahrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
2.1. Die philosophisch-wissenschaftliche Dignität von
Einzelsachverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
2.2. Die methodische Gewichtung von Beobachtung und
Erfahrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
2.3. Die Rolle von Autoritätsmeinungen bei der
naturphilosophischen Urteilsbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
3. Auswirkungen der neuen Perspektiven und weiterer Anstöße
auf die philosophische Befassung mit dem Menschen . . . . . . . . . 142
3.1. Betrachtung des Menschen als res naturalis . . . . . . . . . . . . . . . . 142
3.2. Wachsendes Interesse an medizinischem Wissen und
medizinischer Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
3.3. Interesse am Monströsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
3.4. Beschäftigung mit den Tartari . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
3.5. Auseinandersetzung mit der dualistischen Lehre der
Katharer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165

III. Ansatzstruktur der naturphilosophischen Betrachtung des


spezifisch Menschlichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
1. Die hauptsächlichen Fragenkomplexe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
2. Die Artikulierung der Merkmale des spezifisch Menschlichen 182
vi inhaltsverzeichnis

2.1. Das Leitkonzept des animal nobilissimum bzw. animal


perfectissimum. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
2.2. Die Topoi solus homo und maxime in homine . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
2.3. Die Kennzeichung bestialis-brutalis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226

IV. Das methodische Instrumentarium und sein Einsatz . . . . . . . . . . . . 233


1. Das Paradigma des Tiervergleichs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
1.1. Die Verwendungsweisen des naturphilosophisch
relevanten Tiervergleichs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235
1.2. Die Grundlage des Tiervergleichs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
1.2.1. Die Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen Mensch
und Tier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
1.2.2. Die Vergleichsdaten (Tierkenntnisse) . . . . . . . . . . . . . 267
2. Kollaterale Vergleiche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272
3. Empirisch-apriorische Argumentationsstruktur . . . . . . . . . . . . . . . . 291
3.1. Beschreibende und erklärende Erfassungsweise . . . . . . . . . . 291
3.2. Deduktionen aus allgemeinen metaphysischen
Prinzipien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294
3.3. Deduktionen aus der complexio-Theorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305

V. Die Einzigkeit und Geschlossenheit der menschlichen Spezies. . . 341


1. Die Frage nach der Einzigkeit der Spezies Mensch und der
Vielfalt der Tierarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341
2. Die Frage nach der Einheit und Geschlossenheit der
menschlichen Spezies . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 348
2.1. Die Frage einer möglichen Artumwandlung . . . . . . . . . . . . . . 350
2.2. Die Möglichkeit von Mischwesen zwischen Mensch
und Tier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363
2.3. Die Frage nach einem Mittelwesen zwischen Mensch
und Tier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377
2.4. Die Problematik abnormer körperlicher und geistiger
Erscheinungsformen des Menschlichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387
2.4.1. Die Aussagen zu den monstra . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387
2.4.2. Die Aussagen zu den moriones. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411
2.5. Die besondere Menschenähnlichkeit bestimmter
Tierarten—hominis similitudines . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419
inhaltsverzeichnis vii

VI. Die Binnendifferenzierung der menschlichen Spezies . . . . . . . . . . . 445


1. Die Binnendifferenzierung nach Geschlechtern . . . . . . . . . . . . . . . . 445
1.1. Die grundsätzliche Bedeutung der
Geschlechterdifferenzierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449
1.2. Die Gleichheit der Geschlechter der Spezies nach . . . . . . . 464
1.3. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und
ihre Ungleichheit der Wertigkeit nach . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 486
1.3.1. Tierweibchen und Frau als mas
occasionatus/orbatus und ihre Beabsichtigung
durch die Natur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 487
1.3.2. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern
und die mit ihnen verbundenen Wertungen. . . . . . 510
1.3.3. Unmittelbare Folgerungen für die
unterschiedliche soziale Stellung von Mann
und Frau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 554
1.3.4. Die Problematik eines „selbstbestimmten“
Lebens der Frau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 577
2. Die Binnendifferenzierung nach Altersstufen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 597
2.1. Lebensalterbegriff und Altersstufen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 598
2.2. Alterstypische Merkmale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 623
2.2.1. Die alterstypische komplexionale Verfassung. . . . . 626
2.2.2. Körperbezogene Merkmale und Reaktionen im
Kindes- und Jugendalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 630
2.2.3. Mentale Fähigkeiten und Verhaltensweisen im
Kindes- und Jugendalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 653
2.2.4. Die körperlichen, geistigen und charakterlichen
Eigentümlichkeiten des Alters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 677
2.2.5. Spezifische Merkmale des reifen Mannesalters. . . 693
2.3. Verjüngung bzw. Aufhalten des Alters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 696
3. Die Binnendifferenzierung nach sozialer Schichtung . . . . . . . . . . 709
3.1. Die Konzeption des pysei doulos bei Aristoteles und ihre
Aufnahme im lateinischen Westen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 710
3.2. Die konstitutionellen Eigentümlichkeiten des naturaliter
servus in somatischer Hinsicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 716
3.3. Die konstitutionellen Eigentümlichkeiten des naturaliter
servus in geistig-seelischer Hinsicht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 719
3.4. Die Eigentümlichkeiten des naturaliter servus unter
funktionalem Gesichtspunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 731
viii inhaltsverzeichnis

3.5. Die Eigentümlichkeiten des naturaliter servus in der


Gegenüberstellung mit anderen Personengruppen und
Tieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 747
3.6. Die Problematik naturgegebener sozialer Schichtung
und der theoretische Umgang mit ihr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 752
3.7. Sklaven von Natur und ihre Zuordnung zu realen
gesellschaftlichen Verhältnissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 773
4. Ethnische und geographisch-klimatisch bedingte
Binnendifferenzierungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 778
4.1. Der theoretische Rahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 780
4.2. Körperbezogene Unterschiede zwischen Bewohnern
verschiedener Regionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 789
4.3. Intellektuelle und charakterliche Unterschiede
zwischen Bewohnern verschiedener Regionen . . . . . . . . . . . 810

VII. Vorläufiges Zwischenergebnis und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 829

Quellen und Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 835


A. Ungedruckte Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 835
B. Edierte Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 843
C.Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 863

Handschriftenregister. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 921

Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 925
A. Antike und Mittelalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 925
B. Neuzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 944

Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 953
VORWORT

Die mit diesem Band vorgelegte Arbeit ist Teil eines längerfristigen
Forschungsvorhabens. Dieses hat insgesamt zum Ziel, die philosophi-
sche Erkenntnisbemühung im dreizehnten Jahrhundert um die konkre-
ten Ausprägungsweisen des spezifisch Menschlichen quantum ad naturalia
hominis auf möglichst breiter Quellenbasis systematisch zu erheben und
zu analysieren.
Die hier unterbreiteten Ergebnisse sind Frucht eines wiederum vom
österreichischen Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung
(FWF) finanzierten Forschungsprojektes. Ohne diese großzügige Förde-
rung wäre die bisherige Arbeit undurchführbar gewesen. Für die mir
vom FWF gewährte Unterstützung sage ich dem Herrn Präsidenten,
dem Kuratorium sowie den zuständigen Referenten meinen ergebens-
ten Dank. Ich schließe in meinen Dank auch die Fachkräfte des FWF
ein, die in allen administrativen Fragen bei der Projektdurchführung
jederzeit hilfsbereit und kompetent Auskunft und Rat erteilten.
Ganz besonderer Dank gebührt sodann meinem langjährigen, hoch-
qualifizierten Projektmitarbeiter, Herrn Dr. Jan Prelog. In seinen be-
währten Händen lagen die textkritische Aufbereitung der Quellen, die
in großer Zahl durchgeführten Transkriptionen und Kollationen der
untersuchten handschriftlichen Textzeugnisse, die Klärung von Fragen
der Datierung und Zuschreibung der zahlreichen anonym überlieferten
Werke. Insgesamt war er mir immer wieder ein unersetzlicher kriti-
scher Diskussionspartner, der wesentliche Gedanken klären half. Dank
seines akribischen Blickes gelang es bei der Durchsicht des Manuskrip-
tes, nicht wenige stilistische und inhaltliche Ungereimtheiten rechtzeitig
zu entdecken und zu eliminieren. Herzlichst danke ich ebenso Frau Dr.
Vlatka Čizmić, die liebenswürdigerweise trotz anderweitiger Beanspru-
chung die aufwendige Erstellung des Sachregisters übernommen hat.
In meinen Dank schließe ich ferner die Mitarbeiter(in) unseres Fach-
bereichs Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der
Universität Salzburg, Frau Antonia Weinert und Herrn Mag. Friedrich-
Wolff Spulak ein. Frau Weinert unterzog sich mit großer Hilfsbereit-
schaft, Umsicht und Gewissenhaftigkeit der Mühe des abschließen-
x vorwort

den Korrekturlesens und der Einrichtung des Manuskriptes. Herr Mag.


Spulak übernahm dankenswerterweise die zahllosen Buch- und Fern-
leihebestellungen, die nicht abreißenden Besorgungen aus der Univer-
sitätsbibliothek und aus anderen Salzburger Institutsbibliotheken sowie
die anfallenden Kopierarbeiten. Zu danken habe ich auch meinen bei-
den zeitweilig aus Universitätsmitteln finanzierten studentischen Hilfs-
kräften, Frau Mag. Christine Reichinger und Frau Verena Erlenbusch,
für die ordnungsgemäße Beschriftung und Einordnung der Mikrofilme
und Textkopien sowie die Durchsicht der jeweils neuen Nummern
mediävistischer Bibliographien. Bedankt sei wiederum Herr Ass.Prof.
DDr. Bernhard Schwaiger. Bei allen immer wieder unverhofft auftre-
tenden Computer-Schwierigkeiten durfte ich stets seiner umgehenden
und sachkundigen Hilfe gewiss sein.
Herzlichen Dank sage ich dem Herausgeber der Studien und Texte zur
Geistesgeschichte des Mittelalters, Herrn Univ.Prof. Dr. Andreas Speer, für
die ehrende Aufnahme der vorgelegten Monographie in diese traditi-
onsreiche philosophiegeschichtliche Reihe. Schließlich danke ich dem
Verlag E.J. Brill für sein Entgegenkommen und die umsichtige verlags-
technische Durchführung der Herausgabe dieses Bandes. Namentlich
gilt mein Dank Frau Marjolein Landowski, Desk Editor des Verlages,
für die kompetente und verständnisvolle Zusammenarbeit.

Salzburg, im März 2007


Theodor W. Köhler
VORBEMERKUNG

Orthographie und Textvarianten

Für die lateinischen Quellen wird hinsichtlich der Transkription so ver-


fahren, dass alle Texte und zugehörigen Werktitel, die nach kritischen
Ausgaben zitiert werden, in der Schreibweise der jeweils zugrundege-
legten Edition belassen werden. Soweit nach eigenen Transkriptionen
und Kollationen zitiert wird, haben wir die Orthographie—auch die
der Werktitel—nicht im Sinne eines klassischen Standards normalisiert,
sondern jeweils eine möglichst autornahe Schreibweise angestrebt. Wo
die kollationierten Textzeugen unterschiedliche Lesarten bieten, sind
die Varianten in Klammern vermerkt, wobei aber belanglose Wortum-
stellungen, Verschreibungen und Orthographica vernachlässigt sind.

Werktitel

Zahlreiche unedierte Werke sind ohne einen zeitgenössischen Titel


oder unter verschiedenen Überschriften überliefert. Soweit sich für
diese Quellen bereits gängige Bezeichnungen in der neueren Literatur
eingebürgert haben, übernehmen wir diese in der Regel, um die Ori-
entierung nicht unnötig zu erschweren. Wo sich noch keine Bezeich-
nungen durchgesetzt haben oder gegen übliche Bezeichnungen triftige
Einwände zu erheben sind, stellen wir die Schriften unter neue Titel,
die dem jeweiligen Werkcharakter möglichst gerecht werden und Ver-
wechslungen vorbeugen sollen.

Textdatierung

Ein Großteil der herangezogenen Quellen ist undatiert. Für die Datie-
rung liegen oft nur vage Anhaltspunkte vor. Es ist nicht Aufgabe einer
systematischen Gesamtdarstellung wie der vorliegenden, die einzelnen
xii vorbemerkung

Datierungsprobleme zu diskutieren und zu lösen. Wir gehen daher


im Allgemeinen vom jeweiligen Forschungsstand aus, wobei wir uns
bewusst sind, dass die Angaben teilweise mit einer erheblichen Unsi-
cherheit belastet sind und dass künftige Forschungen zu einigen Ver-
schiebungen in unserem provisorischen chronologischen Gefüge führen
mögen.

Zitationsweise und Abkürzungen

Die Werke Alberts des Großen zitieren wir in der vom Albertus-Mag-
nus-Institut vorgegebenen abgekürzten Form.1 Die Sekundärliteratur
wird jeweils bei der ersten Anführung vollständig, später mit einem
Kurztitel zitiert. Die Bibliographie am Schluss des Bandes ermöglicht
eine rasche Identifizierung der mit Kurztitel zitierten Veröffentlichun-
gen. Analoges gilt für die Namen der im Zusammenhang mit Textzi-
taten angeführten Handschriftenbibliotheken. Zeitschriftennamen wer-
den nach der in der International Philosophical Bibliography—Répertoire Bi-
bliographique de la Philosophie üblichen Weise gekürzt. Die bei Stellen-
angaben in lateinischen Texten verwendeten Abkürzungen sind die in
der philosophiegeschichtlichen Fachliteratur gebräuchlichen. Das Kür-
zel „l.“ steht bei uns für „linea.“

1 Albertus Magnus. Zum Gedenken nach 800 Jahren: Neue Zugänge, Aspekte und

Perspektiven, ed. Walter Senner u. a. (Quellen und Forschungen zur Geschichte des
Dominikanerordens, Neue Folge 10), Berlin 2001, XXV–XXIX.
kapitel i

DER GEGENSTAND, SEINE BEHANDLUNG IN


DER FORSCHUNG UND SEINE EINGRENZUNG

In einer vorausgegangenen Studie ist versucht worden, auf möglichst


breiter Quellenbasis systematisch herauszuarbeiten, worauf sich nach
dem Verständnis der Denker des dreizehnten Jahrhunderts das phi-
losophische Erkenntnisbemühen um den Menschen erstreckt, welche
Fragen- und Aussagenbereiche es prinzipiell umschließt und wie die auf
den Menschen als Gegenstand bezogene philosophische Arbeit wissen-
schaftstheoretisch konzipiert und angelegt war.1 Dies bildete einen ers-
ten, grundlegenden Untersuchungsschritt hin zu einer schrittweise zu
erarbeitenden systematischen Gesamtschau und philosophischen Wür-
digung jenes Erkenntnisbemühens. Er schuf die notwendige Basis, von
der aus umfassend die weitergehende Frage angegangen werden kann,
wie im Untersuchungszeitraum die inhaltliche Auseinandersetzung mit
den auf den Menschen bezogenen Themenbereichen—vom reichhalti-
gen Quellenbefund dokumentiert—verlaufen ist und zu welchen philo-
sophischen Einsichten in das Menschliche sie insgesamt geführt hat. Zu
dieser weiteren Forschungsetappe will die hier vorgelegte Untersuchung
einen Beitrag leisten. In ihr soll die philosophische Befassung der Auto-
ren mit konkreten, lebensbezogenen Ausprägungsweisen des spezifisch
Menschlichen, und zwar quantum ad naturalia hominis, beleuchtet werden.
Wie bereits in der ersten Studie festgehalten, sind wichtige Aspekte
dieses Themenbereiches schon Gegenstand zahlreicher Untersuchun-
gen gewesen. Im weiteren Sinn gilt das unter anderem für die Arbei-
ten zur Seelenlehre im Allgemeinen und zur Leib-Seele-Konstitution
im Besonderen, zum Personkonzept und zur Individuationstheorie, zur
(Selbst-)Erkenntnislehre und zur Willensmetaphysik und Freiheitslehre.2
Direkter und in engerem Sinn mit konkreten, lebensbezogenen Aus-
prägungsweisen des Menschlichen haben sich sodann die Studien zur

1 Theodor W. Köhler, Grundlagen des philosophisch-anthropologischen Diskurses

im dreizehnten Jahrhundert. Die Erkenntnisbemühung um den Menschen im zeitge-


nössischen Verständnis (Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters 71),
Leiden u. a. 2000.
2 Ebd., 18 und Literaturangaben 37–50.
2 kapitel i

Zeugung und embryonalen Entwicklung des Menschen, zur Geschlech-


terdifferenzierung, insbesondere zu den Aussagen über die Frau, zur
Sexualität, zu Liebe und Freundschaft, zur Erziehung, zu Lebensziel
und Tod des Menschen oder auch zum Traum beschäftigt.3 Außer-
dem liegen Untersuchungen vor, die sich unter spezifisch moralphi-
losophischen Gesichtspunkten mit entsprechenden Themenbereichen
und den auf sie bezogenen ethischen Erörterungen der mittelalterlichen
Autoren befassen. Arbeiten mit dieser Untersuchungsperspektive blei-
ben hier jedoch wegen ihrer prinzipiell andersgearteten methodisch-
systematischen Ausrichtung weitgehend außer Betracht.
An der skizzierten Forschungslage hat sich seither nichts Wesentli-
ches geändert, wie ein Blick auf die neu hinzugekommene Literatur
zeigen kann. Nach wie vor bilden vor allem die Lehre von der mensch-
lichen Seele mit ihren verschiedenen Aspekten,4 speziell etwa den Sin-

3 Ebd., 19–22, auch 50 f.


4 Paola Bernardini, La scienza dell’anima. Le questioni epistemologiche del com-
mento al „De anima“ conservato nel ms. Siena, Biblioteca Comunale, L.III.21,
ff. 134ra–177ra: ff. 136ra–138va, in: Studi med. [Serie terza] 40 (1999) 897–939; Paolo
Lucentini, Il corpo e l’anima nella tradizione ermetica medievale, in: Anima e corpo
nella cultura medievale. Atti del V Convegno di studi della Società Italiana per lo
Studio della Filosofia Medievale (Venezia, 25–28 settembre 1995), ed. Carla Casa-
grande/Silvana Vecchio (Millennio Medievale 15, Atti di Convegni 3) Firenze 1999,
181–190; Romana Martorelli Vico, Anima e corpo nell’embriologia medievale, in: ebd.,
95–106; Filippo Mignini, Anima e corpo negli scritti psicologici di Sigieri di Brabante,
in: ebd., 51–72; Italo Sciuto, Le passioni dell’anima nel pensiero di Tommaso d’Aquino,
in: ebd., 73–93; Giacinta Spinosa, Vista, spiritus e immaginazione, intermediari tra
l’anima e il corpo nel platonismo medievale dei secoli XII e XIII, in: ebd., 207–230;
Martin Achard, Définition de l’âme et méthode de division: une note sur le De Anima,
II, 1, 412a6–21, in: Angelicum 77 (2000) 397–405; Thérèse-Anne Druart, The Human
Soul’s Individuation and its Survival after the Body’s Death: Avicenna on the Cau-
sal Relation between Body and Soul, in: Arabic Sc. Philos. 10 (2000) 259–273; Gilles
Emery, L’unité de l’homme, âme et corps, chez S. Thomas d’Aquin, in: Nov. Vet. 75
(2000) 53–76; Dag N. Hasse, Avicenna’s De Anima in the Latin West. The Formation of
a Peripatetic Philosophy of the Soul 1160–1300 (Warburg Institute Studies and Texts 1),
London–Turin 2000; ders., Das Lehrstück von den vier Intellekten in der Scholastik:
von den arabischen Quellen bis zu Albertus Magnus, in: Rech. Théol. Philos. méd.
66 (1999) 21–77; ders., Pietro d’Abano’s „Conciliator“ and the Theory of the Soul in
Paris, in: Nach der Verurteilung von 1277. Philosophie und Theologie an der Univer-
sität von Paris im letzten Viertel des 13. Jh. Studien und Texte, ed. Jan A. Aertsen
u. a. (Miscellanea Mediaevalia 28), Berlin–New York 2001, 635–653; Anthony Kenny,
Body, Soul, and Intellect in Aquinas, in: ders., Essays on the Aristotelian Tradition,
Oxford 2001, 76–91; Gyula Klima, Thomas of Sutton on the Nature of the Intellective
Soul and the Thomistic Theory of Being, in: Nach der Verurteilung, 436–455; Ser-
gio Parenti, Un testo di s. Tommaso d’Aquino sull’anima „forma“ del corpo: la prima
questione disputata sull’anima, in: Sapienza 53 (2000) 353–381; Stefan Podlech, Animae
cum corpore amicitia. Zum Leib-Seele-Problem nach Wilhelm de la Mare († 1298), in:
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 3

nesvermögen,5 ferner die Äußerungen zur Willens- und Freiheitspro-

Coll. Francisc. 70 (2000) 43–78; Horst Seidl, L’importanza della dottrina di S. Tommaso
d’Aquino sull’anima umana e Dio come sostanze, in: Angelicum 77 (2000) 99–124; Mar-
tin W.F. Stone, The soul’s relation to the body: Thomas Aquinas, Siger of Brabant and
the Parisian debate on monopsychism, in: History of the Mind-Body Problem, ed. Tim
Crane/Sarah Patterson (London Studies in the History of Philosophy 3), London–New
York 2000, 34–69; Stephan Lipke, Die Bedeutung der Seele für die Einheit des Men-
schen nach De homine, in: Albertus Magnus. Zum Gedenken nach 800 Jahren: Neue
Zugänge, Aspekte und Perspektiven, ed. Walter Senner u. a. (Quellen und Forschungen
zur Geschichte des Dominikanerordens, N.F. 10), Berlin 2001, 207–219; Rega Wood,
Richard Rufus’s De anima Commentary: The Earliest Known, Surviving, Western De
anima Commentary, in: Med. Philos. Theol. 10 (2001) 119–156; Jean-Marie Vernier,
La Sentencia libri de anima de Thomas d’Aquin, in: Rev. Sc. philos. théol. 86 (2002) 33–
50; Alexander Brungs, Metaphysik der Sinnlichkeit: Das System der Passiones Animae
bei Thomas von Aquin (Akademische Studien und Vorträge 6), Halle 2002; Richard
Cross, Aquinas and the Mind-Body Problem, in: Mind, Metaphysics, and Value in
the Thomistic and Analytical Traditions, ed. John Haldane (Thomistic Studies), Notre
Dame (Indiana) 2002, 36–53; Niccolò Turi, L’unione e la distinzione tra anima-mente
e corpo, in: Atti e memorie dell’Accademia Toscana di Scienze e Lettere La colombara
58, nuova serie 54 (2003) 113–159; Eric Joly, L’âme noble et l’âme humaine dans le com-
mentaire du pseudo-Henri de Gand sur le Livre des Causes, in: Rech. Théol. Philos.
méd. 72 (2005) 29–53; Tobias Kläden, Mit Leib und Seele … Die mind-brain-Debatte in
der Philosophie des Geistes und die anima-forma-corporis-Lehre des Thomas von Aquin
(ratio fidei 26), Regensburg 2005.
5 Monique Paulmier-Foucart, L’évolution du traitement des cinq sens dans le Specv-

lvm maivs de Vincent de Beauvais, in: Science antique, Science médiévale (Autour
d’Avranches 235). Actes du Colloque International (Mont-Saint-Michel, 4–7 septem-
bre 1998), ed. Louis Callebat/Olivier Desbordes, Hildesheim u. a. 2000, 273–295; die
in Band 10 (2002) des Micrologus versammelten Beiträge zu den fünf Sinnen, beson-
ders Henryk Anzulewicz, Konzeptionen und Perspektiven der Sinneswahrnehmung im
System Alberts des Grossen, in: Micrologus 10 (2002) 199–238; Alain Boureau, Les cinq
sens dans l’anthropologie cognitive franciscaine, in: ebd., 277–294; Charles Burnett,
Sapores sunt octo: The Medieval Latin Terminology for the Eight Flavours, in: ebd., 99–
112; Paola Carusi, Les cinq sens entre philosophie et médecine (Islam Xe–XIIe siècles),
in: ebd., 87–98; Barbara Faes de Mottoni, L’illusione dei sensi? Angeli e sensi in Bona-
ventura e in Tommaso d’Aquino, in: ebd., 295–312; Silvia Nagel, Sensi ed organi nel
commento al De animalibus attribuito a Pietro Ispano, in: ebd., 251–276; Cecilia Panti,
I sensi nella luce dell’anima. Evoluzione di una dottrina agostiniana nel secolo XIII,
in: ebd., 177–198; Michel Pastoureau, Le bestiaire des cinq sens (XIIe–XVIe siècle), in:
ebd., 133–145; Joachim R. Söder, Albert der Grosse über Sinne und Träume. Beobach-
tungen am Traumtraktat von De Homine, in: ebd., 239–250; Tiziana Suarez-Nani, Du
goût et de la gourmandise selon Thomas d’Aquin, in: ebd., 313–334; vgl. auch Alessan-
dra Saccon, Intentio e intenzionalità nella filosofia medievale: il commento di Alberto
Magno al De anima, in: Riv. Estet. n. s. 14 (2000) 71–91; Pieter De Leemans, Internal
Senses, Intellect and Movement. Peter of Auvergne (?) on Aristotle’s De Motu Animalium,
in: Corpo e anima, sensi interni e intelletto dai secoli XIII–XIV ai post-cartesiani e
spinoziani, ed. Graziella Federici Vescovini u. a. (Textes et Études du Moyen Âge 30),
Turnhout 2005, 139–160; Francesco Piro, Sensi interni e eziologia degli affetti. A pro-
posito di due Quaestiones sul dolore di Enrico di Gand, in: ebd., 189–210.
4 kapitel i

blematik6 und zum Personkonzept7 erkennbar Untersuchungsschwer-

6 Henryk Anzulewicz, Der Einfluß der Gestirne auf die sublunare Welt und die

menschliche Willensfreiheit nach Albertus Magnus, in: Actes de la Vème Conférence


Annuelle de la SEAC, Gdańsk 1997 (Swiatowit Supplement Series H: Anthropology,
II), Warszawa–Gdańsk 1999, 263–277; Klaus Baumann, The Concept of Human Acts
Revisited. St. Thomas and the Unconscious in Freedom, in: Gregorianum 80 (1999)
147–171; Luís Alberto De Boni, O homem no pensamento de Duns Scotus: Aspectos
característicos de sua antropologia, in: Veritas 44 (1999) 707–725; Tobias Hoffmann,
The Distinction between Nature and Will in Duns Scotus, in: Arch. Hist. doctr. litt.
M.A. 66 (1999) 189–224; Robert Pasnau, Olivi on Human Freedom, in: Pierre de Jean
Olivi (1248–1298). Pensée scolastique, dissidence spirituelle et société. Actes du collo-
que de Narbonne (mars 1998), ed. Alain Boureau/Sylvain Piron (Études de philosophie
médiévale 79), Paris 1999, 15–25; Günther Mensching, Absoluter Wille versus refle-
xive Vernunft. Zur theologischen Anthropologie der mittleren Franziskanerschule, in:
Geistesleben im 13. Jh., ed. Jan A. Aertsen/Andreas Speer (Miscellanea Mediaevalia
27), Berlin–New York 2000, 93–103; Annemarie Pieper, Zum Problem der Willensfrei-
heit im Mittelalter von Augustinus bis Erasmus, in: Begegnungen mit dem Mittelalter
in Basel, ed. Simona Slanicka (Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft 171), Basel
2000, 209–222; François-Xavier Putallaz, Entre grâce et liberté: Pierre de Jean Olivi,
in: Geistesleben im 13. Jh., 104–115; Stephen D. Dumont, Did Duns Scotus Change
His Mind on the Will?, in: Nach der Verurteilung, 719–794; Colleen A. McCluskey,
Albertus Magnus and Thomas Aquinas on the Freedom of Human Action, in: Alber-
tus Magnus. Zum Gedenken, 243–254; dies., Worthy Constraints in Albertus Magnus’s
Theory of Action, in: J. Hist. Philos. 39 (2001) 491–533; Anthony Kenny, Duns Scotus
on Freewill, in: ders., Essays on the Aristotelian Tradition, Oxford 2001, 92–101; Risto
Saarinen, Die aristotelische Willensschwäche im Mittelalter: Der Beitrag von Albertus
Magnus, in: Albertus Magnus. Zum Gedenken, 235–242; Rolf Schönberger, Rationale
Spontaneität. Die Theorie des Willens bei Albertus Magnus, in: ebd., 221–234; Mar-
tin W.F. Stone, Moral Psychology After 1277. Did the Parisian Condemnation Make a
Difference to Philosophical Discussions of Human Agency?, in: Nach der Verurteilung,
795–826; ders., Moral psychology before 1277: The will, liberum arbitrium, and moral rec-
titude in Bonaventure, in: The Will and Human Action: From antiquity to the present
day, ed. Thomas Pink/Martin W.F. Stone, London–New York 2004, 99–126; Agustí
Boadas Llavat, Free will in the Oxford School, in: XI° Congresso Internacional de
Filosofia Medieval (Porto, de 26 a 31 de Agosto de 2002), Resumos; Eleonore Stump,
Aquinas’s Account of Freedom: Intellect and Will, in: Thomas Aquinas: Contemporary
Philosophical Perspectives, ed. Brian Davies, Oxford–New York 2002, 275–294; John
Boler, Reflections on John Duns Scotus on the Will, in: Emotions and Choice from
Boethius to Descartes, ed. Henrik Lagerlund/Mikko Yrjönsuuri (Studies in the History
of Philosophy of Mind 1), Dordrecht u. a. 2002, 129–153; Mikko Yrjönsuuri, Free Will
and Self-Control in Peter Olivi, in: ebd., 99–128; Carlos Steel, The effect of the will
on judgement: Thomas Aquinas on faith and prudence, in: The Will, 78–98; Guido
Alliney, The Treatise on the Human Will in the Collationes Oxonienses attributed to
John Duns Scotus, in: Medioevo 30 (2005) 209–269; Mary B. Ingham, The Birth of
the Rational Will: Duns Scotus and the Quaestiones super libros Metaphysicorum Aristotelis,
book IX, quaestio 15, in: Medioevo 30 (2005) 139–170; Jörn Müller, Willensschwäche
als Problem der mittelalterlichen Philosophie. Überlegungen zu Thomas von Aquin,
in: Rech. Théol. Philos. méd. 72 (2005) 1–28; ders., Personalität im Spannungsfeld von
Intellektualismus und Voluntarismus. Das Problem der Willensschwäche bei Thomas
von Aquin und Heinrich von Gent, in: Selbstbewußtsein und Person im Mittelalter.
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 5

punkte. Einschlägig sind auch Arbeiten zur Entwicklung der Subjekti-


vitätsthematik.8 In unterschiedlicher Zahl widmen sich Studien sodann
weiterhin den philosophischen Lehrmeinungen der Magister zu Fragen
der Körperkonstitution,9 der Geschlechterdifferenzierung10 und Sexua-

Symposium des Philosophischen Seminars der Universität Hannover vom 24. bis 26.
Februar 2004, ed. Günther Mensching (Contradictio 6), Würzburg 2005, 80–97.
7 Unter anderen Scienza e filosofia della persona in Duns Scoto. V Convegno

Internazionale di Studi Scotistici, ed. Giovanni Lauriola (Centro Studi Personalisti


„Giovanni Duns Scoto“, Quaderno 13), Alberobello 1999; Stephen A. Hipp, „Person“
in Christian Tradition and in the Conception of Saint Albert the Great: A Systematic
Study of its Concept as Illuminated by the Mysteries of the Trinity and the Incarnation
(BGPhThMA, N.F. 57), Münster 2001; Selbstbewußtsein und Person im Mittelalter.
Symposium des Philosophischen Seminars der Universität Hannover vom 24. bis 26.
Februar 2004, ed. Günther Mensching (Contradictio 6), Würzburg 2005.
8 Richard Heinzmann, Ansätze und Elemente moderner Subjektivität bei Thomas

von Aquin, in: Geschichte und Vorgeschichte der modernen Subjektivität, ed. Reto
L. Fetz u. a. (European Cultures 11.1), Berlin–New York 1998, 414–433; Günther Men-
sching, Der Primat des Willens über den Intellekt: Zur Genese des modernen Subjekts
im späten Mittelalter, in: ebd., 487–507.
9 Bernard Ribémont, Un corps humain animé; un corps humain irrigué. L’ency-

clopédisme et la théorie du corps, in: Le Corps et ses énigmes au Moyen Âge. Actes
du Colloque Orléans 15–16 mai 1992, ed. ders., Caen 1993, 185–206; Band 1 des
Micrologus (1993), daraus im Einzelnen zu nennen Alain Boureau, La redécouverte
de l’autonomie du corps: l’emergence du somnabule (XIIe–XIVe s.), in: ebd., 27–
42; Danielle Jacquart, La morphologie du corps féminin selon les médecins de la fin
du Moyen Age, in: ebd., 81–98; dies., Coeur ou cerveau? Les hésitations médiévales
sur l’origine de la sensation et le choix de Turisanus, in: Micrologus 11 (2003) 73–95;
dies., Le soleil, la lune et les états du corps humain, in: Micrologus 12 (2004) 239–
256; dies., A la recherche de la peau dans le discours médical de la fin du Moyen
Age, in: Micrologus 13 (2005) 493–510; Claude Thomasset, Le corps féminin ou le
regard empêché, in: Micrologus 1 (1993) 99–114; Jean-Claude Schmitt, Le corps, les
rites, les rêves, le temps. Essay d’anthropologie médiévale (Bibliothèques des Histoires),
Paris 2001; Sébastien Douchet, La peau du centaure à la frontière de l’humanité et de
l’animalité, in: Micrologus 13 (2005) 285–312; Maaike van der Lugt, La peau noire dans
la science médievale, in: ebd., 439–475. Vgl. Ada Neschke-Hentschke, Le rôle du coeur
dans la stabilisation de l’espèce humaine chez Aristote, in: Micrologus 11 (2003) 37–51.
10 Marielle Lamy, Les femmes et la figure mariale dans un traité scolastique de la

fin du XIIIe siècle attribué à Albert le Grand, in: Au cloître et dans le monde. Femmes,
hommes et sociétés (IXe–XVe siècle), ed. Patrick Henriet/Anne-Marie Legras (Cul-
tures et civilisations médiévales 23), Paris 2000, 49–64; Paulette L’Hermite-Leclercq,
La femme dans le De regimine principum de Gilles de Rome, in: Guerre, pouvoir et
noblesse au Moyen Age. Mélanges en l’honneur de Philippe Contamine, ed. Jacques
Paviot/Jacques Verger, Paris 2000, 471–479; dies., L’image de la femme dans le De eru-
ditione filiorum nobilium de Vincent de Beauvais, in: Marriage et sexualité au Moyen Age.
Accord ou crisis? Colloque international de Conques, ed. Michel Rouche (Cultures et
civilisations médiévales 21), Paris 2000, 243–261; Sylvia Nagel, Spiegel der Geschlech-
terdifferenz. Frauendidaxen im Frankreich des späten Mittelalters (Ergebnisse der Frau-
enforschung 54), Stuttgart–Weimar 2000; Michael Nolan, The Aristotelian Background
6 kapitel i

lität,11 von Freundschaft und Liebe,12 Schicksal,13 Glück, Vollendung


und Lebensende.14 Außerdem liegen Untersuchungen dazu vor, was die

to Aquinas’s Denial that „Woman is a Defective Male“, in: Thomist 64 (2000) 21–69;
Adam Fijałkowski, The Education of Women in the Work of Vincent of Beauvais, OP
(† 1264), in: Geistesleben im 13. Jh., 513–526; Elisabeth Gössmann, Die Unterschiede
in Anthropologie und Mariologie zwischen Thomas von Aquin und den Franziska-
nern, in: Antonianum 76 (2001) 163–170; Prudence Allen, The Concept of Woman, I:
The Aristotelian Revolution 750 BC – AD 1250, Grand Rapids (Michigan)-Cambridge
1997; II: The Early Humanist Reformation, 1250–1500, Grand Rapids (Michigan)-
Cambridge 2002; Pia F. de Solenni, A Hermeneutic of Aquinas’s Mens Through a
Sexually Differentiated Epistemology. Towards an Understanding of Woman as Imago
Dei, Roma 22003; Peter Biller, Black Women in Medieval Scientific Thought, in: Micro-
logus 13 (2005) 477–492.
11 Joan Cadden, „Nothing Natural is Shameful“: Vestiges of a Debate about Sex and

Science in a Group of Late-Medieval Manuscripts, in: Speculum 76 (2001) 66–89.


12 Rafael T. Caldera, Sobre la naturaleza del amor (Cuadernos de Anuario Filosó-

fico. Serie Universitaria 80), Pamplona 1999; Juan Pérez-Soba Díez del Corral, „Amor
es nombre de persona“ (I, q.37.a.1). Estudio de la interpersonalidad en el amor en
Santo Tomás de Aquino, Roma 2001; Maarten J.F.M. Hoenen, Tranzendenz der Ein-
heit. Thomas von Aquin über Liebe und Freundschaft, in: Ars und Scientia im Mit-
telalter und in der Frühen Neuzeit. Ergebnisse interdisziplinärer Forschung, ed. Cora
Dietl/Dörte Helschinger, Tübingen–Basel 2002, 125–137; James McEvoy, The other
as oneself: friendship and love in the thought of St Thomas Aquinas, in: Thomas
Aquinas: Approaches to Truth. The Aquinas Lectures at Maynooth, 1996–2001, ed.
ders. u. a., Blackrock 2002,16–37; ders., Freundschaft und Liebe (S.th. I–II, qq. 26–28
und II–II, qq. 23–46), in: Thomas von Aquin: Die Summa theologiae. Werkinterpreta-
tionen, ed. Andreas Speer (de Gruyter Studienbuch), Berlin–New York 2005, 298–321;
Gabriela Signori, Über Liebe, Ehe und Freundschaft: Bemerkungen zur Aristoteles-
Rezeption im ausgehenden 13. und 14. Jh., in: Mittellateinisches Jahrbuch 38 (2003)
249–266; Mechthild Dreyer, Quod sint multo plures. Albertus Magnus über die Freund-
schaft, in: Was ist das für den Menschen Gute? Menschliche Natur und Güterlehre, ed.
Jan Szaif/Matthias Lutz-Bachmann, Berlin–New York 2004, 151–165.
13 Henryk Anzulewicz, Fatum. Das Phänomen des Schicksals und die Freiheit des

Menschen nach Albertus Magnus, in: Nach der Verurteilung von 1277, 507–534.
14 Luciano Cova, Morte e immortalità del composto umano nella teologia frances-

cana del XIII secolo, in: Anima e corpo, 107–122; Patrick Quinn, Aquinas’s Dilemma
about Knowledge After Death, in: Death and Dying in the Middle Ages, ed. Edelgard
E. DuBruck/Barbara I. Gusick (Studies in the Humanities. Literature–Politics–Society
45), New York u. a. 1999, 143–155; Italo Sciuto, Virtù e felicità nel pensiero di Tommaso
d’Aquino, in: Etica e politica: le teorie dei frati mendicanti nel due e trecento. Atti
del XXVI Convegno internazionale, Assisi, 15–17 ottobre 1998, Spoleto 1999, 91–118;
Christian Trottmann, Sulla funzione dell’anima e del corpo nella beatitudine. Elementi
di riflessione nella scolastica, in: Anima e corpo, 139–155; Georg Wieland, Albertus
Magnus und die Frage nach dem menschlichen Glück—zur ersten Kölner Ethikvorle-
sung, in: Albert der Große in Köln, ed. Jan A. Aertsen (Kölner Universitätsreden 80),
Köln 1999, 23–33; ders., Happiness (Ia IIae, qq. 1–5), in: The Ethics of Aquinas, ed.
Stephen J. Pope, Washington (D.C.) 2002, 57–68; ders., The Perfection of Man. On
the Cause, Mutability, and Permanence of Human Happiness in 13th Century Com-
mentaries on the Ethica Nicomachea (EN), in: Il commento filosofico nell’occidente
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 7

Gelehrten des dreizehnten Jahrhunderts zu den menschlichen Alters-


stufen,15 zu Menschen, die von Natur aus Sklaven seien,16 über das

latino (secoli XIII–XV), ed. Gianfranco Fioravanti u. a. (Rencontres de Philosophie


Médiévale 10), Turnhout 2002, 359–377; Thomas Ricklin, Von den „beatiores philosophi“
zum „optimus status hominis.“ Zur Entradikalisierung der radikalen Aristoteliker, in: Geis-
tesleben im 13. Jh., ed. Jan A. Aertsen/Andreas Speer (Miscellanea Mediaevalia 27),
Berlin–New York 2000, 217–230; Guy Guldentops, Henry Bate’s Aristocratic Eudae-
monism, in: Nach der Verurteilung, 657–681; Anthony Kenny, Aquinas on Aristotelian
Happiness, in: ders., Essays on the Aristotelian Tradition, Oxford 2001, 32–46; Hen-
ryk Anzulewicz/Caterina Rigo, Reductio ad esse divinum. Zur Vollendung des Menschen
nach Albertus Magnus, in: Ende und Vollendung. Eschatologische Perspektiven im Mit-
telalter, ed. Jan A. Aertsen/Martin Pickavé (Miscellanea Mediaevalia 29), Berlin–New
York 2002, 388–416; Wouter Goris, Die Vergegenwärtigung des Heils. Thomas von
Aquin und die Folgezeit, in: ebd., 417–433; Luca Bianchi, Felicità terrena e beatitudine
ultraterrena. Boezio di Dacia e l’articolo 157 censurato da Tempier, in: Chemins de la
pensée médiévale. Études offertes à Zénon Kaluza, ed. Paul J.J.M. Bakker u. a. (Textes
et Études du Moyen Âge 20), Louvain-la-Neuve 2002, 193–214; Rolf Darge, Wie kann
Philosophie uns glücklich machen? Boethius von Dacien und das antike Bildungsideal,
in: Freib. Z. Philos. Theol. 51 (2004) 5–26; Stefan Gradl, Deus beatitudo hominis. Eine
evangelische Annäherung an die Glückslehre des Thomas von Aquin (Publications of
the Thomas Instituut te Utrecht, New Series 10), Leuven 2004; Andreas Speer, Das
Glück des Menschen (S. th. I–II, qq. 1–5), in: Thomas von Aquin: Die Summa theologiae.
Werkinterpretationen, ed. ders. (de Gruyter Studienbuch), Berlin–New York 2005, 141–
167; Le felicità nel Medioevo. Atti del Convegno della Società Italiana per lo Studio
del Pensiero Medievale, Milano, 12–13 settembre 2003, ed. Maria Bettetini/Francesco
D. Paparella (Textes et Études du Moyen Âge 31), Louvain-la-Neuve 2005; Loris Stur-
lese, Vernunft und Glück. Die Lehre vom „intellectus adeptus“ und die mentale Glück-
seligkeit bei Albert dem Großen (Lectio Albertina 7), Münster 2005.
15 Unter anderen John A. Burrow, The Ages of Man: A Study in Medieval Writing

and Thought, Oxford 1988; Osmund Lewry (†), Study of Aging in the Arts Faculty of
the Universities of Paris and Oxford, in: Aging and the Aged in Medieval Europe,
ed. Michael M. Sheehan (Papers in Mediaeval Studies 11), Toronto 1990, 23–38;
Shulamith Shahar, Kindheit im Mittelalter, München 1991; dies., Old age in the high
and late Middle Ages: image, expectation and status, in: Old Age from Antiquity to
Post-Modernity, ed. Paul Johnson/Pat Thane (Routledge studies in cultural history 1),
London–New York 1998, 43–63; Glenn M. Edwards, Canonistic Determinations of the
Stages of Childhood, in: Aspectus et affectus. Essays and Editions in Grosseteste and
Medieval Intellectual Life in Honor of Richard C. Dales, ed. Gunar Freibergs (AMS
studies in the Middle Ages 23), New York 1993, 67–75.
16 Oscar J. Brown, Aquinas’ Doctrine of Slavery in the Relation to Thomistic Tea-

ching of Natural Law, in: The Human Person, ed. George F. McLean (Proceedings of
the American Catholic Philosophical Association 53), Washington (D.C.) 1979, 173–181;
Gianfranco Fioravanti, Servi, rustici, barbari: Interpretazioni medievali della Politica
aristotelica, in: Annali della Scuola normale superiore di Pisa, classe di lettere e filoso-
fia, Serie III, 9/1 (1979) 399–429; Christoph Flüeler, Widersprüchliches zum Problem
der servitus: Die servitus bei Thomas von Aquino, in: Historia Philosophiae Medii Aevi.
Studien zur Geschichte der Philosophie des Mittelalters, I, ed. Burkhard Mojsisch/Olaf
Pluta, Amsterdam-Philadelphia 1991, 285–304; Joseph E. Capizzi, The Children of
God: Natural Slavery in the Thought of Aquinas and Vitoria, in: Theol. Stud. 63 (2002)
8 kapitel i

Sprachvermögen,17 über Gefühlsäußerungen,18 über den Zusammen-

31–52; Günther Mensching, Die Natur des Menschen und das Recht der Herrschaft bei
Thomas von Aquin, in: Gewalt und ihre Legitimation im Mittelalter. Symposium des
Philosophischen Seminars der Universität Hannover vom 26. bis 28. Februar 2002, ed.
ders. (Contradictio 1), Würzburg 2003, 159–168; ders., Thomas von Aquin über Freiheit
und Abhängigkeit, in: fiph Journal 4 (September 2004) 1 und 3–5; Michael Städtler, Der
Nutzen der Unfreiheit. Betrachtung einer Nuance, in: Gewalt, 169–181.
17 Unter anderen James McEvoy, Language, Tongue and Thought in the Writings

of Robert Grosseteste, in: Sprache und Erkenntnis im Mittelalter. Akten des VI. Inter-
nationalen Kongresses für mittelalterliche Philosophie, 29. August – 3. September 1977
in Bonn, ed. Jan P. Beckmann u. a. (Miscellanea Mediaevalia 13/2), Berlin–New York
1981, 585–592; Thomas Losoncy, Language as Evidencing Man’s Distinctively Human
Being in Giles of Rome, in: L’homme et son univers au Moyen Âge, II, ed. Christian
Wenin (Philosophes médiévaux 27), Louvain-la-Neuve 1986, 505–509; Maria de Lour-
des Sirgado Ganho, Le pouvoir de la parole chez saint Antoine de Lisbonne, in: ebd.,
489–495; José M. da Cruz Pontes, Quelques problèmes sur la voix et la signification
dans le commentaire inédit de Petrus Hispanus Portugalensis sur le „De animalibus“,
in: Sprache und Erkenntnis im Mittelalter. Akten des VI. Internationalen Kongres-
ses für mittelalterliche Philosophie, 29. August – 3. September 1977 in Bonn, ed. Jan
P. Beckmann u. a. (Miscellanea Mediaevalia 13/1), Berlin–New York 1981, 398–402;
Francisco Canals Vidal, Verbum hominis. Lugar de la manifestación de la verdad. Raíz de
la libertad. Nexo de la sociabilidad, in: Atti del IX Congresso Tomistico Internazionale,
I: San Tommaso d’Aquino Doctor Humanitatis (Studi Tomistici 40), Città del Vaticano
1991, 200–211; Irène Rosier, La parole comme acte. Sur la grammaire et la sémanti-
que au XIIIe siècle, Paris 1994; Costantino Marmo, Corpo e anima del linguaggio nel
XIII secolo, in: Anima e corpo, 305–316; Silvia Nagel, La vox come medium fra anima e
corpo. Annotazioni in margine ai commenti al De animalibus attribuiti a Pietro Ispano,
in: ebd., 191–205; Hanns-Gregor Nissing, Sprache als Akt bei Thomas von Aquin (Stu-
dien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters 87), Leiden–Boston 2006.
18 Marcos F. Manzanedo, Efectos y propriedades del dolor, in: Studium 33 (1992)

505–540; Maximilian Forschner, Amor est causa timoris. Thomas über das Gefühl der
Angst, in: Traditio Augustiniana. Studien über Augustinus und seine Rezeption. Fest-
gabe für Willigis Eckermann OSA zum 60. Geburtstag, ed. Adolar Zumkeller/Achim
Krümmel, Würzburg 1994, 175–191; Riccardo Quinto, Per la storia del trattato tomi-
stico de passionibus animae: il timor nella letteratura teologica tra il 1200 e il 1230 ca,
in: Thomistica, ed. Eugène Manning (Rech. Théol. anc. méd., Supplementa 1), Leu-
ven 1995, 35–87; Alan R. Perreiah, Scotus on Human Emotions, in: Francisc. Stud.
56 (1998) 325–345; Angel S. Astolfo, Acerca del cuerpo y de la delectación sensible en
algunos textos de la primera parte de la Suma de teología, in: Veritas 44 (1999) 607–620;
Stephen Loughlin, Similarities and Differences between Human and Animal Emotion
in Aquinas’s Thought, in: Thomist 65 (2001) 45–65; Tom Ryan, Aquinas’ Integrated
View of Emotions, Morality and the Person, in: Pacifica 14 (2001) 55–70; Simo Knuut-
tila, Medieval Theories of the Passions of the Soul, in: Emotions and Choice from Boe-
thius to Descartes, ed. Henrik Lagerlund/Mikko Yrjönsuuri (Studies in the History of
Philosophy of Mind 1), Dordrecht u. a. 2002, 49–83; ders., Some problems in thirteenth
century theories of emotions, in: XI° Congresso Internacional de Filosofia Medieval
(Porto, de 26 a 31 de Agosto de 2002), Resumos; Kevin White, The Passions of the
Soul (Ia IIae, qq. 22–48), in: The Ethics of Aquinas, ed. Stephen J. Pope, Washington
(D.C.) 2002, 103–115; Alexander Brungs, Die passiones animae (S. th. I–II, qq. 22–48), in:
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 9

hang von Körpergestalt und Persönlichkeitseigenschaften,19 über natur-


hafte Beeinflussung menschlicher Lebensäußerung,20 über die Arbeit21
im Einzelnen darlegten. Schließlich sind Arbeiten anzuführen, die spe-
ziell Gedankengänge von Magistern zum Gegenstand haben, in denen
diese die Züge des Menschlichen in der Gegenüberstellung zum Tier
philosophisch zu erhellen suchten.22 Von diesen Forschungsbeiträgen ist

Thomas von Aquin: Die Summa theologiae. Werkinterpretationen, ed. Andreas Speer (de
Gruyter Studienbuch), Berlin–New York 2005, 198–222.
19 Jole Agrimi, Fisiognomica e „Scolastica“, in: Micrologus 1 (1993) 235–271; Joseph

Ziegler, Skin and Character in Medieval and Early Renaissance Physiognomy, in:
Micrologus 13 (2005) 511–535.
20 Lynn Thorndike, The True Place of Astrology in the History of Science, in: Isis

46 (1955) 273–278; Piero Morpurgo, Michele Scoto: Tra scienza dell’anima e astrologia,
in: Rivista Trimestrale di Studi Storici 19 (1983) 441–450; Graziella Federici Vesco-
vini, Pietro d’Abano e l’astrologia-astronomia, in: Bolletino per la storia dello spazio
e del tempo 3 (1985) 9–28; Filosofia, scienza e astrologia nel Trecento europeo, ed.
dies./Francesco Barocelli (Percorsi della scienza storia testi problemi 2), Padova 1992;
Danielle Jacquart, L’influence des astres sur le corps humain chez Pietro d’Abano,
in: Le Corps et ses énigmes au Moyen Âge. Actes du Colloque Orléans 15–16 mai
1992, ed. Bernard Ribémont, Caen 1993, 73–86; Jean Michot, Cultes, magie et intellec-
tion: l’homme et sa corporéité selon Avicenne, in: L’homme et son univers au Moyen
Âge, I, ed. Christian Wenin (Philosophes médiévaux 26), Louvain-la-Neuve 1986, 220–
233; Anzulewicz, Der Einfluß; Thomas Linsenmann, Die Magie bei Thomas von
Aquin (Veröffentlichungen des Grabmann-Institutes zur Erforschung der mittelalterli-
chen Theologie und Philosophie 44), Berlin 2000; David B. Twetten, Albert the Great,
Double Truth, and Celestial Causality, in: Doc. Studi Trad. filos. med. 12 (2001) 275–
358; Jeremiah Hackett, Astrology and the Search for an Art and Science of Nature in
the 13th Century, in: Ratio et superstitio. Essays in Honor of Graziella Federici Vesco-
vini, ed. Giancarlo Marchetti u. a. (Textes et Études du Moyen Âge 24), Turnhout 2003,
117–136.
21 Philippe Delhaye, Quelques aspects de la doctrine thomiste et néo-thomiste du

travail, in: Le travail au Moyen Âge. Une approche interdisciplinaire. Actes du Collo-
que international de Louvain-la-Neuve 21–23 mai 1987, ed. Jacqueline Hamesse/Co-
lette Muraille-Samaran (Textes, Études, Congrès 10), Louvain-la-Neuve 1990, 157–175;
Jacqueline Hamesse, Le travail chez les auteurs philosophiques du 12e et du 13e siècle.
Approche lexicographique, in: ebd., 115–127; Serge Lusignan, La lettre et le travail:
l’impossible point de rencontre des arts mécaniques au moyen âge, in: ebd., 129–139;
Christian Wenin (†), Saint Bonaventure et le travail manuel, in: ebd., 141–155. Vgl. auch
Ruedi Imbach, Die arbor humanalis und die anthropologische Relevanz der artes mecha-
nicae, in: Arbor scientiae. Der Baum des Wissens von Ramon Llull. Akten des Internatio-
nalen Kongresses aus Anlaß des 40-jährigen Jubiläums des Raimundus-Lullus-Instituts
der Universität Freiburg, 29. September – 2. Oktober 1996, ed. Fernando Domínguez
Reboiras u. a. (Instrumenta Patristica et Mediaevalia 42 [Subs. Lull. 1]) Turnhout 2002,
135–157.
22 Joseph Koch, Sind die Pygmäen Menschen? Ein Kapitel aus der philosophischen

Anthropologie der mittelalterlichen Scholastik, in: Arch. Gesch. Philos. 40 (1931) 194–
213; Wolfgang Borowsky, Die wesentlichen Unterschiede zwischen dem Menschen und
dem Tiere nach Bonaventura, in: San Bonaventura maestro di vita francescana e di
10 kapitel i

namentlich die sorgfältige Studie von Guy Guldentops zum „zoologi-


schen Anthropozentrismus“ Alberts des Großen hervorzuheben.23 Sie
kommt ihrem Ansatz nach der von uns hier verfolgten Intention am
nächsten. Guldentops untersucht auf guter Quellenbasis Alberts Aussa-
gen über den Menschen unter dem Gesichtspunkt eines animal perfectis-
simum zu einer Fülle von psychologischen, physiologischen und etholo-
gischen Aspekten. Zugleich stellt er Alberts wichtigste Quellen zusam-
men und geht auf die Frage ein, in welcher Weise deren Gedanken-
gut in den Überlegungen des Doctor universalis seinen Niederschlag
gefunden hat. So bietet er ein sehr fundiertes Bild der entsprechenden
Gedankengänge Alberts. Gesondert zu nennen ist ebenfalls die Studie
Stephen Loughlins zur vergleichenden Gegenüberstellung von mensch-
lichen und tierlichen Gefühlsreaktionen bei Thomas von Aquin.24
Primär auf die Lehrmeinungen hochscholastischer Autoren über den
Status von Tieren und dafür bedeutsame tierliche Verhaltensäußerun-
gen richtet sich das Augenmerk in weiteren Untersuchungen.25 Bei
alledem gilt die Aufmerksamkeit der Forscherinnen und Forscher wie-

sapienza cristiana. Atti del Congresso Internazionale per il VII Centenario di San
Bonaventura da Bagnoregio, Roma 19–26 sett. 1974, ed. Alfonso Pompei, II, Roma
1976, 601–606; ders., Die wesentlichen Unterschiede zwischen dem Menschen und
dem Tier nach Thomas von Aquin, in: Tommaso d’Aquino nel suo settimo centenario.
Atti del Congresso Internazionale (Roma–Napoli—17/24 aprile 1974), VII: L’uomo,
Napoli 1978, 211–218; Marcos F. Manzanedo, La cogitativa del hombre y la inteligencia
de los animales, in: Angelicum 67 (1990) 329–363; Theodor W. Köhler, Anthropologi-
sche Erkennungsmerkmale menschlichen Seins. Die Frage der „Pygmei“ in der Hoch-
scholastik, in: Mensch und Natur im Mittelalter, ed. Albert Zimmermann/Andreas
Speer (Miscellanea Mediaevalia 21/2), Berlin–New York 1992, 718–735; ders., Der Tier-
vergleich als philosophisch-anthropologisches Schlüsselparadigma—der Beitrag Alberts
des Großen, in: Albertus Magnus. Zum Gedenken, 437–454; Leo F. Elders, Die Natur-
philosophie des Thomas von Aquin. Allgemeine Naturphilosophie–Kosmologie–Philo-
sophie der Lebewesen–Philosophische Anthropologie (Schriftenreihe der Gustav-Sie-
werth-Akademie 17), Weilheim-Bierbronnen 2004, 253–269 (unter Bezugnahme auf
gegenwärtige Diskussionen). Vgl. Franco Morenzoni, Le monde animal dans le De uni-
verso creaturarum de Guillaume d’Auvergne, in: Micrologus 8/1 (2000) 197–216.
23 Guy Guldentops, Albert the Great’s zoological anthropocentrism, in: Micrologus

8/1 (2000) 217–235.


24 Loughlin, Similarities.
25 Peter G. Sobol, The Shadow of Reason: Explanations of Intelligent Animal Beha-

vior in the Thirteenth Century, in: The Medieval World of Nature. A Book of Essays,
ed. Joyce E. Salisbury (Garland Medieval Casebooks 5), New York–London 1993, 109–
128; Joyce E. Salisbury, The Beast Within. Animals in the Middle Ages, New York–
London 1994; Judith A. Barad, Aquinas on the Nature and Treatment of Animals, San
Francisco–London 1995; Ana Mallea, „Nuestros hermanos menores“ y Santo Tomás,
in: Veritas 44 (1999) 633–648. Vgl. August Nitschke, Verhalten und Bewegung der
Tiere nach frühen christlichen Lehren, in: Studium Generale 20 (1967) 235–262; Alain
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 11

derum bevorzugt—und damit selektiv—den prominentesten Repräsen-


tanten philosophischen Denkens der Zeit und daneben Magistern, von
denen Werke im Druck zugänglich sind.26
Unbestritten hat die Forschung bislang wertvolle, aufschlussreiche
Einblicke in die philosophische Beschäftigung der Gelehrten des drei-
zehnten Jahrhunderts mit konkreten, lebensbezogenen Ausprägungs-
weisen des spezifisch Menschlichen eröffnet und grundlegende Kennt-
nisse über sie vermittelt. Es ist aber auch nicht zu übersehen, dass mit
dem bislang erreichten Forschungsstand die Reichhaltigkeit des Quel-
lenmaterials als solche nur eingeschränkt zur Geltung kommt. Das
gilt sowohl für die Bandbreite der von den Magistern für philoso-
phisch erörterungswürdig angesehenen Aspekte des spezifisch Mensch-
lichen als auch für das Spektrum der dazu vorgetragenen Lehrmei-
nungen und die diesen zugrunde liegende Argumentationsstruktur. In
jeder dieser Hinsichten ist der erreichte Kenntnisstand noch unzuläng-
lich. Markante und für eine Beurteilung wesentliche Züge des philo-
sophischen Erkenntnisbemühens um den Menschen bleiben unaufge-
hellt oder kommen gar nicht in den Blick. Damit kann sich die For-
schung schwerlich zufriedengeben. Es stellt sich die Aufgabe, auf mög-
lichst breiter Textbasis, unter Berücksichtigung auch des ungedruckten
Quellenmaterials zu erheben und zu analysieren, was die Magister des
dreizehnten Jahrhunderts aus ihrer Sicht an konkreten Ausprägungs-
weisen des Menschlichen für philosophisch erörterungswürdig erachte-
ten und wie ihre diesbezüglichen Erörterungen verlaufen sind. Gewiss
darf die philosophiegeschichtliche Forschung angesichts der Detailfülle
nicht die großen Linien aus dem Auge verlieren; sie hat stets nach
jenen Zügen zu fragen, „die das Antlitz der Epoche charakterisieren.“27

Boureau, L’animal dans la pensée scolastique, in: L’animal exemplaire au Moyen Âge
(Ve–XVe siècles), ed. Jacques Berlioz/Marie A. Polo de Beaulieu, Rennes 1999, 99–109.
26 Bezeichnend in dieser Hinsicht ist die Auswahl scholastischer Autoren bei Battista

Mondin, Storia dell’Antropologia Filosofica, I: Dalle origini fino a Vico, Bologna 2001,
263–329.
27 Wolfgang Kluxen, Leitideen und Zielsetzungen philosophiegeschichtlicher Mit-

telalterforschung, in: Sprache und Erkenntnis im Mittelalter. Akten des VI. Interna-
tionalen Kongresses für mittelalterliche Philosophie (29. August – 3. September 1977
in Bonn), ed. Jan P. Beckmann u. a. (Miscellanea Mediaevalia 13/1), Berlin–New York
1981, 1–16, hier: 15. Vgl. auch Heinrich Schipperges, Die Rezeption arabisch-griechi-
scher Medizin und ihr Einfluß auf die abendländische Heilkunde, in: Die Renaissance
der Wissenschaften im 12. Jh., ed. Peter Weimar (Zürcher Hochschulforum 2), Zürich–
München 1981, 173–196, hier: 173; Loris Sturlese, Die deutsche Philosophie im Mittel-
alter. Von Bonifatius bis zu Albert dem Großen (748–1280), München 1993, 14.
12 kapitel i

Letztere sind ohne Zweifel in hohem Maße am Gedankengut der Mei-


nungsführer einer Epoche abzulesen. Unumgänglich ist es jedoch auch,
das denkerische Gesamtfeld, in dem sie stehen, mit in den Blick zu
nehmen. Dies nicht allein darum, weil nur so der Beitrag dieser Per-
sönlichkeiten letztlich angemessen gewürdigt zu werden vermag, son-
dern ebenso, weil zum Antlitz einer Epoche wesentlich gerade auch die
Vielfalt und Vielschichtigkeit der sie durchziehenden Denkbewegungen
gehört.28 Wie irreführend es sein kann, wenn bestimmte Autoren als
einzige Zeugen für eine mittelalterliche Auffassung herangezogen wer-
den, hat Rüdiger Schnell in Bezug auf Thomas von Aquin und das
Frauenbild in hochscholastischen Sentenzenkommentaren eindrücklich
vor Augen geführt.29
Über diesen hauptsächlichen, forschungsimmanenten Gesichtspunkt
hinaus erscheint der hier ins Auge gefasste Ansatz noch in weiterer
Hinsicht von Belang. Zu verweisen ist zunächst auf eine interessante
Besonderheit der Situation auf unserem Gebiet. Zu nicht wenigen der
im Rahmen unseres Ansatzes zu behandelnden konkreten Ausprä-
gungsweisen des Menschlichen liegen aus dem geschichtswissenschaft-
lichen Arbeitsfeld der Erforschung konkreter menschlicher Lebensäu-
ßerungen in ihrem jeweiligen Alltagskontext („Lebenspraxis“) Untersu-
chungen vor, die aus der Perspektive der „Alltagsgeschichte“30 Licht auf
jene Ausprägungsweisen und auf die zeitgenössische Vorstellung vom
Menschen insgesamt werfen.31 Die Bestandsaufnahme und Analyse der

28 Vgl. hierzu Joan Cadden, Meanings of sex difference in the Middle Ages: Medi-

cine, science, and culture, Cambridge 1998, 5.


29 Rüdiger Schnell, Die Frau als Gefährtin (socia) des Mannes. Eine Studie zur

Interdependenz von Textsorte, Adressat und Aussage, in: Geschlechterbeziehungen


und Textfunktionen. Studien zu Eheschriften der Frühen Neuzeit, ed. ders. (Frühe
Neuzeit 40), Tübingen 1998, 119–170, hier: 138.
30 Zum Begriff Hans-Werner Goetz, Alltag im Mittelalter. Methodische Überlegun-

gen anläßlich einer Neuerscheinung, in: Arch. Kulturgesch. 67 (1985) 207–225, hier:
217.
31 Beispielsweise Arno Borst, Lebensformen im Mittelalter (Propyläen Taschenbuch

26513), Berlin 21999; Horst Fuhrmann, Einladung ins Mittelalter (Beck’sche Reihe
1357), München 2000, 20–61; Daily Life in the Late Middle Ages, ed. Richard Britnell,
Stroud 1998; Hans-Werner Goetz, Geschichte des mittelalterlichen Alltags. Theorie–
Methoden–Bilanz der Forschung, in: Mensch und Objekt im Mittelalter und in der
Frühen Neuzeit. Leben–Alltag–Kultur (Österr. Akad. d. Wiss., Philos.-hist. Kl. Sit-
zungsberichte 568 = Veröff. des Inst. f. Realienkunde des Mittelalters und der Frü-
hen Neuzeit 13), Wien 1990, 67–101; ders., Leben im Mittelalter vom 7. bis zum 13.
Jh., München 61996; Robert Delort, Geschichte des mittelalterlichen Alltags. Theorie–
Methoden–Bilanz der Forschung, in: Mensch und Objekt, 53–66; ders., Le Moyen Âge.
Histoire illustrée de la vie quotidienne, Lausanne 1972; Der Mensch des Mittelalters,
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 13

philosophischen Befassung der Magister des dreizehnten Jahrhunderts


mit solchen konkreten Lebensäußerungen vermag nun in größerem
Umfang Vergleichsmaterial bereitzustellen. Damit wird für die interes-
sierte Forschung prinzipiell die Möglichkeit eröffnet, die geschichtswis-
senschaftlich erhobenen Befunde vor dem Hintergrund der philosophi-
schen Lehraussagen zu den betreffenden Sachverhalten32 zu betrach-
ten, ebenso wie auch umgekehrt.33 So lässt sich das Verhältnis zwischen
damaliger theoretischer Reflexion auf den menschlichen Lebensvollzug
und den aus sonstigen Quellen rekonstruierbaren alltäglichen Leben-
sumständen beleuchten.34
Des Weiteren bietet unser Ansatz Gelegenheit, unzutreffende Ein-
schätzungen des philosophisch-anthropologischen Erkenntnisbemühens
in der Scholastik richtigzustellen. Zwar dürften schiefe Urteile wie das-
jenige Hegels heute überwunden sein, der bezüglich der scholastischen
Periode meinte: „Was etwa von Naturbetrachtungen, Bestimmungen
über natürliche Verhältnisse, Gesetze der Natur usf. vorkommt, hat

ed. Jacques Le Goff, Frankfurt u. a. 1989; History of Medieval Life and the Sciences.
Proceedings of an International Round-Table-Discussion, Krems an der Donau Sep-
tember 28–29, 1998 (Forschungen des Instituts für Realienkunde des Mittelalters und
der Frühen Neuzeit. Diskussionen und Materialien 4), Wien 2000; Sherrilyn Kenyon,
Everyday Life in the Middle Ages: the British Isles from 500 to 1500, Cincinnati (Ohio)
1995; Hans-Henning Kortüm, Menschen und Mentalitäten. Einführung in die Vorstel-
lungswelten des Mittelalters, Berlin 1996; Hervé Martin, Mentalités médiévales, XIe–
XVe siècle (Nouvelle Clio), Paris 1996; Maria S. Mazzi, Civilisation, culture populaire,
vie matérielle, vie quotidienne. Confusion et concepts, in: Mensch und Objekt, 5–21;
Mittelalterliche Menschenbilder, ed. Martina Neumeyer (Eichstätter Kolloquium 8),
Regensburg 2000; Ernst Schubert, Alltag im Mittelalter. Natürliches Lebensumfeld und
menschliches Miteinander, Darmstadt 2002.
32 Vgl. etwa die Nennungen bei Delort, Geschichte, 56 und 59.
33 Vgl. die sehr richtige Beobachtung von Piero Morpurgo, „Tuum studium sit velle

regnare diu“: la sovranità fondata sulla ‚nuova‘ filosofia e sulle ‚nuove‘ traduzioni, in:
Federico II e le nuove culture. Atti del XXXI Convegno storico internazionale, Todi,
9–12 ottobre 1994 (Atti dei Convegni, Nuova serie 8), Spoleto 1995, 173–224, hier:
180 und Ruedi Imbach, Autonomie des philosophischen Denkens? Zur historischen
Bedingtheit der mittelalterlichen Philosophie, in: Was ist Philosophie im Mittelalter?
Akten des X. Internationalen Kongresses für mittelalterliche Philosophie der Société
Internationale pour l’Étude de la Philosophie Médiévale 25. bis 30. August 1997 in
Erfurt, ed. Jan A. Aertsen/Andreas Speer (Miscellanea Mediaevalia 26), Berlin–New
York 1998, 125–137; grundlegend Alexander Murray, Reason and Society in the Middle
Ages, Oxford 1978.
34 Interessanterweise erwähnt Goetz, Geschichte, 75 f. unter den in der Alltagsge-

schichte zu berücksichtigenden Bedingungen der kulturellen Umwelt die philosophisch-


anthropologischen Lehrmeinungen nicht, wie er auch insgesamt unter den Koope-
rationswissenschaften für die historische Alltagsforschung die Philosophiegeschichte
zumindest nicht explizit nennt (ebd., 86).
14 kapitel i

an der Erfahrung noch nicht seinen Widerhalt, ebenso, was über das
Besondere, Menschliche reflektiert wird; es ist noch nicht begründet,
bestimmt durch gesunden Menschenverstand.“35 Nicht allseits falsche,
wohl aber unzureichend differenzierte und darum fehlleitende Ein-
schätzungen sind indes weiterhin im Umlauf. Zu verweisen wäre etwa
auf Johano Strassers Annahme, dass „noch in der Hochscholastik, etwa
bei Thomas von Aquin, das menschliche Individuum ausschließlich
wegen seines Personseins, d. h. als ein zu moralisch verantwortlichem
Handeln befähigtes Wesen, aus der übrigen Natur herausgehoben
wird …“36 Werner Schüssler spricht von einer „anthropologischen
Wende—im übertragenen Sinne“ in der Renaissance und kennzeichnet
diese dahingehend, dass es erst in dieser Epoche zu einem anthropolo-
gischen Denken gekommen sei, das den Menschen „nicht mehr nur im
Rahmen der Religion …, sondern immanent“ gesehen habe.37 Ähnlich
steht nach Wilhelm Schmid die Anthropologie „erstmals im 16. Jahr-
hundert …, in Abhebung gegen das religiöse Menschenbild, für ein
naturbestimmtes Verständnis des Menschen …“38
Eine dritte Erwägung schließlich betrifft den Umstand, dass die
Sache der philosophischen Anthropologie seit geraumer Zeit wieder
merklich in Bewegung gekommen ist. So sind in letzter Zeit unter
anderem auffallend gehäuft Arbeiten erschienen, die verstärkt die Auf-
merksamkeit auf die Verschränkung von Ethik und philosophischer
Anthropologie lenken.39 In der in vollem Gang befindlichen Diskus-

35 Georg W.F. Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Teil 4:

Philosophie des Mittelalters und der neueren Zeit, ed. Pierre Garniron/Walter Jäschke
(Vorlesungen 9), Hamburg 1986, 31 l. 963–967; vgl. Immanuel Kant, Logik, Einleitung
(Akademie-Ausgabe IX, 31): „Man beschäftigte sich mit nichts als lauter Abstractio-
nen.“
36 Johano Strasser, Leben oder überleben. Wider die Zurichtung des Menschen zu

einem Element des Marktes, Zürich–München 2001, 109.


37 Werner Schüssler, Einleitung, in: Philosophische Anthropologie, ed. ders. (Alber-

Texte Philosophie 11), Freiburg–München 2000, 16.


38 Wilhelm Schmid, Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung (suhrkamp

taschenbuch wissenschaft 1385), Frankfurt a.M. 21998, 80. Vgl. Dietmar Kamper/
Christoph Wulf, Einleitung: Zum Spannungsfeld von Vervollkommnung und Unver-
besserlichkeit, in: Anthropologie nach dem Tode des Menschen. Vervollkommnung
und Unverbesserlichkeit, ed. dies. (edition suhrkamp 1906, N.F. 906), Frankfurt a.M.
1994, 10.
39 Reiner Wimmer, Anthropologie und Ethik. Erkundungen in unübersichtlichem

Gelände, in: Vernunft und Lebenspraxis. Philosophische Studien zu den Bedingun-


gen einer rationalen Kultur. Für Friedrich Kambartel, ed. Christoph Demmerling u. a.
(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1206), Frankfurt a.M. 1995, 215–245; Ludwig Siep,
Ethik und Anthropologie, in: Identität, Leiblichkeit, Normativität. Neue Horizonte
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 15

sion über die neuesten Befunde der neurobiologischen Hirnforschung


wiederum geht es letztlich „um die für uns Menschen als bewußtseins-
fähige Wesen zentrale Frage: Wer oder was sind wir?“40 oder—wie auch
formuliert wurde—um die Frage nach der „Einzigartigkeit“ des Men-
schen „im Tierreich“,41 das heißt, es geht sehr aktuell um Kernfragen
philosophischer Anthropologie. Philosophisch besonders beachtenswert
unter den jüngsten Veröffentlichungen anthropologischen Inhalts er-
scheint die Studie von Ernst Tugendhat, in der er diejenigen Eigen-
schaften von Menschen untersucht, „die sie deswegen haben, weil sie

anthropologischen Denkens, ed. Annette Barkhaus u. a. (suhrkamp taschenbuch wis-


senschaft 1247), Frankfurt a.M. 21999, 274–298; ders., Gibt es eine menschliche Natur?
in: Was ist das für den Menschen Gute? Menschliche Natur und Güterlehre, ed. Jan
Szaif/Matthias Lutz-Bachmann, Berlin–New York 2004, 307–323; Anthropologie und
Ethik. Biologische, sozialwissenschaftliche und philosophische Überlegungen, ed. Jean-
Pierre Wils (Ethik in den Wissenschaften 9), Tübingen 1997, daraus insbesondere ders.,
Anmerkungen zur Wiederkehr der Anthropologie, in: ebd., 9–40 und Theda Reh-
bock, Warum und wozu Anthropologie in der Ethik?, in: ebd., 64–109; Helmut Fah-
renbach, Philosophische Anthropologie–Ethik–Gesellschaftstheorie. Grundzüge einer
anthropologisch-praktisch zentrierten Philosophie, in: Anthropologie, Ethik und Gesell-
schaft. Für Helmut Fahrenbach, ed. Reinhard Brunner/Peter Kelbel, Frankfurt a.M.-
New York 2000, 182–234; Anthropologie und Moral. Philosophische und soziologi-
sche Perspektiven, ed. Martin Endress/Neil Roughley, Würzburg 2000; Karl-Otto
Apel/Marcel Niquet, Diskursethik und Diskursanthropologie. Aachener Vorlesungen
(Technik und Weisheit 2), Freiburg–München 2002.
40 Michael Pauen/Gerhard Roth, Einleitung, in: Neurowissenschaften und Philo-

sophie. Eine Einführung, ed. dies. (UTB 2208), München 2001, 7–10, hier: 7. Vgl.
auch Hans Poser, Was ist der Mensch?—Möglichkeiten und Grenzen einer Antwort
der Wissenschaften, in: Streitsache Mensch—Zur Auseinandersetzung zwischen Natur-
und Geisteswissenschaften, ed. Hans M. Baumgartner u. a., Stuttgart u. a. 1999, 21–33;
Hans M. Baumgartner, Akteur und Beobachter. Aspekte der Sonderstellung des Men-
schen, in: ebd., 347–357; Hans Lenk, Kleine Philosophie des Gehirns, Darmstadt 2001;
Gerhard Roth, Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert,
Frankfurt a.M. 2001; Manfred Spitzer, Geist im Netz. Modelle für Lernen, Denken und
Handeln, Heidelberg–Berlin 2000; Was ist der Mensch?, ed. Norbert Elsner/Hans-
Ludwig Schreiber, Göttingen 2002; Winfried Rorarius, Was macht uns einzigartig? Zur
Sonderstellung des Menschen, Darmstadt 2006.
41 Axel Haase, Bestimmung des Menschen mit physikalischen Methoden? Quan-

titative Messungen von Struktur und Funktion vom Atom zum Gehirn, in: Streitsa-
che Mensch—Zur Auseinandersetzung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, ed.
Hans M. Baumgartner u. a., Stuttgart u. a. 1999, 97–111, hier: 110. Vgl. Jürgen Haber-
mas, Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Euge-
nik? Frankfurt a.M. 2001, 62; 64; 72; Roth, Fühlen, 451; den unter das Thema „Ani-
mal Mind“ gestellten Band 51/1 (1999) der Zeitschrift „Erkenntnis“; Tzvetan Todo-
rov, Abenteuer des Zusammenlebens. Versuch einer allgemeinen Anthropologie, Ber-
lin 1996, 73; Der Geist der Tiere. Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion,
ed. Dominik Perler/Markus Wild (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1741), Frankfurt
a.M. 2005.
16 kapitel i

eine propositionale Sprache sprechen und ‚ich‘ sagen können“, wo-


durch sie sich von den „anderen Tieren“—in besser differenzieren-
der Terminologie: Sinnenwesen—unterscheiden.42 Mit dem neuerlich
gewachsenen Interesse für die philosophische Anthropologie allgemein
rückt auch das philosophische Erkenntnisbemühen um den Menschen
im Mittelalter notwendigerweise mit ins Blickfeld.
Dazu ist daran zu erinnern, dass es mit den anthropologischen Zeug-
nissen früherer Zeiten eine ganz eigene Bewandtnis hat. Anders als
in anderen Wissenschaften, zumal in den technisch-naturwissenschaft-
lichen Disziplinen, wo der Erkenntnisstand zurückliegender Epochen
für die gegenwärtigen Poblemstellungen und neuesten Verfahrenswei-
sen zumeist gänzlich belanglos ist, sind anthropologische Positionen
früherer Zeiten von anhaltender Bedeutung für den philosophisch-
anthropologischen Diskurs der Gegenwart. Ihnen kommt darin eine
direkte systematische Funktion zu. Nichts weniger als schlechthin erle-
digte, nur noch abgelegte und allenfalls gelegentlich pietätvoller Erin-
nerung werte Gedankengänge, mischen sie sich fordernd und beharr-
lich in unser eigenes Fragen nach dem Menschen ein, als „Gewissen,
das schlägt.“43 Sie sind stets von neuem sich aufgebende Prüfmaße im
positiven wie im negativen Sinn, an denen alles gegenwärtige Bemü-
hen um ein philosophisch erhelltes und fundiertes Selbstverständnis
des Menschen als solchen sich zu bewähren hat. Die für die Gewin-
nung bedeutsamer philosophischer Einsichten über den Menschen vor-
auszusetzende Diskursgemeinschaft besitzt nicht nur eine horizontale,
sondern ebenso eine vertikale Dimension; sie umfasst prinzipiell nicht
allein diejenigen, die gegenwärtig mit uns Menschen sind und ihr
Selbstverständnis als Menschen unmittelbar einzubringen vermögen,
sondern gleichberechtigt auch diejenigen, die vor unserer Zeit Men-
schen waren und über ihr Menschsein reflektierten, welcher Zeit und
welcher Kultur sie auch zuzurechnen seien.44

42 Ernst Tugendhat, Egozentrizität und Mystik. Eine anthropologische Studie, Mün-

chen 2003, hier: 8; zu seiner Diktion auch 33; 49, zu Vergleichssachverhalten 19; 30–35;
38; 49.
43 Ernst Bloch, Erkennbarkeit der Welt, in: Akten des XIV. Internationalen Kon-

gresses für Philosophie, Wien 2.–9. September 1968, Bd. 6, Wien 1971, 3–17, hier: 14.
44 Vgl. Hermann U. Asemissen, Helmuth Plessner: Die exzentrische Position des

Menschen, in: Grundprobleme der großen Philosophen, Philosophie der Gegenwart II,
ed. Josef Speck (Uni-Taschenbücher 183), Göttingen 21981, 146–180, hier: 149; Alasdair
MacIntyre, Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegenwart (suhrkamp
taschenbuch wissenschaft 1193), Frankfurt a.M. 1995, 197.
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 17

Was zu dieser wissenschaftssystematisch herausgehobenen Stellung


des anthropologischen Denkens zurückliegender Epochen allgemein zu
sagen ist, gilt im Speziellen für das philosophische Erkenntnisbemühen
um den Menschen im Mittelalter, und hier wiederum insbesondere für
dasjenige in der Zeit der Hochscholastik. Abgesehen davon, dass diese
Epoche generell eine entscheidende Prägephase für das philosophische
Denken im Abendland darstellt, ist das hochscholastische Erkenntnis-
bemühen für den gegenwärtigen anthropologischen Diskurs noch in
mehrfacher Hinsicht von spezifischem Interesse: Erstmals seit dem Aus-
gang der Antike kommt es innerhalb einer vom Christentum durch-
formten Kultur zu einer umfassenden philosophisch-anthropologischen
Erörterung der konkreten, lebensbezogenen Ausprägungsweisen des
spezifisch Menschlichen nach all seinen—auch körperlichen—Aspek-
ten (de quolibet modo hominis), wobei unter anderem auch die im Zusam-
menhang mit der gegenwärtigen Hirnforschung so heftig diskutierte
Beziehung von physischen Prozessen und mentalen Vorgängen ausgie-
big beleuchtet wird. Den mittelalterlichen Gelehrten bot sich erstmals
die Möglichkeit, in großem Umfang themenbezogene wissenschaftliche
Literatur (griechisch-arabischer Provenienz) kennenzulernen und sich
in der Beschäftigung mit ihr eine philosophisch reflektierte Sichtweise
von den konkreten, lebensbezogenen Aspekten des Menschlichen zu
erarbeiten. Erstmals kommt es ferner zu einem systematisch durchge-
führten Vergleich Mensch-Tier nach dem Gesichtspunkt von convenien-
tiae et differentiae, dem nicht allein nach Helmuth Plessner eine unver-
zichtbare Funktion innerhalb philosophisch-anthropologischer Refle-
xion zuzuerkennen ist.45 Die aristotelische Herangehensweise an die
Gemeinsamkeiten von—und Verschiedenheiten zwischen—Mensch
und Tier gelangt im Abendland voll zur Geltung.46 Schließlich kommt
es, eingebettet in das im zwölften und dreizehnten Jahrhundert allent-
halben aufbrechende generelle Bestreben, philosophische und theologi-

45 Helmuth Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in

die philosophische Anthropologie (Sammlung Göschen 2200), Berlin–New York 31975,


XIV; ebd., XIX. Vgl. auch Andreas Paul, Von Affen und Menschen. Verhaltensbiolo-
gie der Primaten, Darmstadt 1998, VII; Michael Pauen, Grundprobleme der Philoso-
phie des Geistes und die Neurowissenschaften, in: Neurowissenschaften und Philoso-
phie. Eine Einführung, ed. ders./Gerhard Roth (UTB 2208), München 2001, 83–122,
hier: 104; pionierhaft Koch, Sind die Pygmäen Menschen, 208.
46 Michel Pastoureau, L’animal et l’historien du Moyen Âge, in: L’animal exem-

plaire au Moyen Âge (Ve–XVe siècle), ed. Jacques Berlioz/Marie Anne Polo de Beau-
lieu (Collection „Histoire“), Rennes 1999, 13–26, hier: 15.
18 kapitel i

sche Erkenntnisgewinnung methodisch und inhaltlich sorgfältig vonein-


ander zu unterscheiden, erstmals im lateinischen Mittelalter zu einem
umfassenden Erkenntnisbemühen pointiert philosophischer Natur um
die Konturen des Menschlichen quantum ad naturalia hominis. Unbe-
schadet des selbstverständlich von allen Magistern (von denen ohne-
hin viele zugleich als theologische Lehrer hervorgetreten sind) vor-
ausgesetzten und bejahten Glaubenshorizontes und einer im Übrigen
auch den griechischen Vorbildern eignenden47 prinzipiellen religiösen
Grundausrichtung des Philosophierens wird diese philosophische Refle-
xion bewusst von glaubensmäßig-theologischen Vorgaben als erkennt-
nisleitenden Prämissen methodisch freigehalten. Auch das macht dieses
Denken—trotz gesellschaftlich-weltanschaulich gänzlich andersartiger
Ausgangssituation damals und heute—für das philosophisch-anthropo-
logische Bemühen der Gegenwart grundsätzlich interessant. Sieht sich
dieses doch der Forderung ausgesetzt, von „weltanschaulich imprä-
gnierten“48 Voraussetzungen prinzipiell abzusehen. Dass es bei alle-
dem nicht darum gehen kann, partout moderne Erwägungen in hoch-
scholastischen Gedankengängen vorfinden zu wollen oder diese unge-
schichtlich nach fertigen Lösungen für heutige Probemstellungen abzu-
suchen, steht außer Frage.49 Das Anliegen ist vielmehr, die Erörterun-
gen der Magister „aus ihren eigenen Voraussetzungen, ihrem eigenen
Geist und dem ihrer Zeit zu begreifen.“ Nur dies schafft nach unserer
Überzeugung die notwendige Basis, um ihre Erkenntnisbemühungen
in ihrer unterschiedlichen Bedeutung für das anthropologische Denken
im Abendland angemessen beurteilen zu können.
Selbstverständlich ist der hier gewählte Forschungsansatz nur inner-
halb bestimmter thematischer und zeitlicher Grenzen durchführbar.
Damit stellt sich das Problem, wie trotz unvermeidlicher Begrenzung
das angestrebte Forschungsziel gleichwohl in größtmöglichem Ausmaß
erreicht zu werden vermag. Dies scheint unter zwei Bedingungen mög-
lich zu sein: erstens sofern ein Kerngesichtspunkt auszumachen ist,
unter dem die Denker explizit und schwerpunktmäßig die Frage nach

47 Roger French/Andrew Cunningham, Before Science: The Invention of the Friars’

Natural Philosophy, Aldershot-Brookfield 1996, 11. Kritische Anmerkungen zu den


von den Autoren vertretenen Annahmen über den Status der Naturphilosophie im
Mittelalter macht J.M.M.H. Thijssen, Late-Medieval Natural Philosophy: Some Recent
Trends in Scholarship, in: Rech. Théol. Philos. méd. 67 (2000) 158–190, hier: 159–164.
48 Habermas, Die Zukunft, 60; vgl. ebd., 50; 61.
49 Hierzu beispielsweise Theo Kobusch, Einleitung, in: Philosophen des Mittelalters.

Eine Einführung, ed. ders., Darmstadt 2000, 2 f.


der gegenstand, seine behandlung in der forschung 19

dem spezifisch Menschlichen in seinen konkreten Ausprägungsweisen


philosophisch quantum ad naturalia hominis behandelt haben und der
somit die Breite und Vielfalt der entsprechenden Themenbereiche sys-
tematisch zusammenzuführen gestattet, zweitens sofern zugleich eine
deutliche Begrenzung auf eine zu untersuchende Quellengattung sinn-
voll erscheint. Tatsächlich dürften beide Bedingungen gegeben sein.
Zum einen bildet die Leitidee des homo animal nobilissimum einen Kern-
gesichtspunkt der gesuchten Art. Er bringt mit sich, dass dem Vergleich
zwischen Mensch und Tier in den Erörterungen die Rolle eines Schlüs-
selparadigmas zufällt. Unbestritten sind auch andere Vergleiche—allen
voran diejenigen des Menschen mit Gott oder mit Intelligenzen (kör-
perlosen Wesen, insbesondere Engeln)—für das anthropologische Ge-
samtbemühen der Zeit wichtig, wobei auch der theologische Ansatz
zur Geltung kommt. Nicht zu übersehen ist aber, dass speziell für die
philosophische Befassung mit den konkreten Ausprägungsweisen des
Menschlichen der Tiervergleich nach convenientiae et differentiae mit sei-
nen typischen Topoi (solus homo, in solo homine, homo inter omnia animalia,
homo prae aliis animalibus usw.) der wichtigste ist. Zum anderen ist es nicht
nur aus praktischen Erwägungen zweckmäßig, als Kernbereich unserer
Untersuchung die Kommentare zu den naturphilosophischen Schrif-
ten des Stagiriten—und hier speziell diejenigen zu den mit der Natur
der Sinnenwesen befassten libri naturales—festzulegen. Dafür sprechen
ebenso auch inhaltliche Gründe. Es ist nämlich schlechterdings unmög-
lich, vor einer Erforschung gerade dieses Quellenmaterials eine aus-
gewogene Vorstellung davon zu gewinnen, wie die Magister vorge-
gangen sind, wenn sie sich explizit unter diesem spezifisch philoso-
phisch-anthropologischen Gesichtspunkt den konkreten Erscheinungs-
formen des Menschlichen zugewandt haben. Hierzu ist zu bemerken,
dass nirgends so detailliert auf die uns interessierende Thematik ein-
gegangen wird wie in den Kommentaren zu diesen naturphilosophi-
schen Schriften des Aristoteles, den echten sowohl wie den unechten,
die im Untersuchungszeitraum indes noch als echt galten. Diese Werke
eröffneten den Magistern begrifflich-methodisch wie inhaltlich den Zu-
gang zu einer philosophisch-anthropologischen Erkenntnisbemühung
um die konkreten, lebensbezogenen Ausprägungsweisen des spezifisch
Menschlichen. Sie vermittelten zugleich den theoretischen Rahmen,
der es ermöglichte, auch medizinisches Wissen aus der Antike, der ara-
bisch-jüdischen Wissenschaft und der dem Umkreis von Salerno ent-
stammenden Literatur für die Erfassung der konkreten Ausprägungs-
weisen des Menschlichen fruchtbar werden zu lassen.
20 kapitel i

Wenn wir den zentralen Quellenbereich für unsere Untersuchung in


dieser Weise eingrenzen, übersehen wir dabei nicht, dass aufschlussrei-
che Textzeugnisse für unser Thema auch außerhalb dieses Bereiches
vorliegen. Abgesehen von medizinischen Texten, denen in Anbetracht
der intensiven Verbindung von aristotelisch-naturphilosophischem und
galenisch-medizinischem Wissen eine Sonderrolle zukommt50 und die
darum, wenn auch begrenzt, mit einer gewissen Regelmäßigkeit her-
angezogen werden müssen, ist hier vor allem an „moralphilosophi-
sche“ Abhandlungen zu denken, insbesondere an die Kommentare zur
Nikomachischen Ethik, zur Oekonomik und zur Politik, sowie an verwandte
Abhandlungen wie diejenigen über die Fürstenerziehung oder auch
gewisse juridische Quellentexte. In Betracht kommen ferner theologi-
sche Werke wie Sentenzen-51 und Schriftkommentare, Summen oder
Quaestiones disputatae bzw. quodlibetales theologischen Inhalts. Für
die moralphilosophischen und theologischen Quellen gilt allerdings,
dass sie—wie im Untersuchungszeitraum selbst penibel herausgear-
beitet wird—grundsätzlich von andersgearteter wissenschaftstheoreti-
scher Struktur als die hier ins Auge gefassten Textzeugnisse sind und
daher in der zeitgenössischen Wissenschaftssystematik auch folgerichtig
an anderer Stelle eingeordnet werden.52 Die Texte aus diesen Wissen-
schaftsbereichen behandeln—abgesehen von den Passagen, in denen
sie in naturphilosophischer Betrachtung erhobene Befunde in die Erör-
terung einbringen und als solche wiedergeben53—die Ausprägungswei-

50 Siehe unten S. 159–161.


51 Zum philosophischen Gehalt der Sentenzenkommentare neuerdings William J.
Courtenay, Philosophy in the Context of Sentences Commentaries, in: Il commento filo-
sofico nell’occidente latino (secoli XIII–XV), ed. Gianfranco Fioravanti u. a. (Rencon-
tres de Philosophie Médiévale 10), Turnhout 2002, 445–467; zur Einarbeitung natur-
philosophischer Gedankengänge in theologische Abhandlungen insgesamt Edward
Grant, God, Science, and Natural Philosophy in the Late Middle Ages, in: Between
Demonstration and Imagination. Essays in the History of Science and Philosophy Pre-
sented to John D. North, ed. Lodi Nauta/Arjo Vanderjagt (Brill’s Studies in Intellectual
History 96), Leiden u. a. 1999, 243–267.
52 Hierzu Köhler, Grundlagen, 383–441; 628 in Bezug auf die Moralphilosophie und

ebd., 175–181; 227 f. in Bezug auf die Theologie. Zu letzterer vgl. auch die Unterschei-
dung von philosophischem ascending approach to the soul und einem theologischen descen-
ding approach bei Thomas von Aquin nach Michael J. Sweeney, Soul as Substance and
Method in Thomas Aquinas’ Anthropological Writings, in: Arch. Hist. doctr. litt. 66
(1999) 143–187.
53 Als ein Beispiele führt u. a. Isnard W. Frank, Femina est mas occasionatus. Deu-

tung und Folgerungen bei Thomas von Aquin, in: Der Hexenhammer. Entstehung und
Umfeld des Malleus maleficarum von 1487, ed. Peter Segl, Köln–Wien 1988, 71–102,
hier: 74 die Kennzeichnung der Frau an.
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 21

sen des Menschlichen in der Regel von jeweils eigener methodischer


Basis aus und unter eigenem formalem Gesichtspunkt. Die auf die-
ser Grundlage erarbeiteten anthropologischen Erkenntnisse zu würdi-
gen, muss anderen Forschungsvorhaben überlassen bleiben. Auch wenn
moralphilosophische und theologische Quellen somit nicht an sich und
systematisch in unsere Untersuchung einbezogen sind, werden doch,
wann immer sich dies als angebracht erweist, auch Texte aus diesen
Quellengattungen mit berücksichtigt. Dies wird insbesondere dann der
Fall sein, wenn interessierende Sachverhalte ausschließlich oder beson-
ders eingehend in diesen Texten zur Sprache kommen. Beispiele sind
unter anderem die Erörterungen zur Geschlechterdifferenzierung in
den Oekonomik-Kommentaren und zur Frage der naturaliter servi in den
Politik-Kommentaren, über Verhaltensunterschiede zwischen Mensch
und Tier in De universo creaturarum des Wilhelm von Auvergne,54 über
die Struktur der freien Wahlentscheidung oder den Unterschied von
menschlicher und tierlicher Seele ihrer Subsistenz nach in der Summa
theologiae des Aquinaten und anderen seiner theologischen Schriften.
Insofern wir uns schwerpunktmäßig auf die naturphilosophische Ari-
stoteleskommentierung im dreizehnten Jahrhundert konzentrieren, ist
damit der Untersuchungszeitraum zwar im Groben angezeigt, jedoch
noch ungenügend abgegrenzt. Es erweist sich als notwendig, die Gren-
zen des Untersuchungszeitraumes von dem chronologischen Jahrhun-
dertanfang und Jahrhundertende nach oben zu verschieben, seinen
Kernbereich mit den zwanziger Jahren beginnen und bald nach 1310
enden zu lassen.55 Dafür sprechen folgende Gründe: Die im Zentrum
der Untersuchung stehende Kommentierung der echten und unech-
ten naturphilosophischen Schriften des Aristoteles intensiviert sich mit
dem Bekanntwerden dieser Werke und der auf sie bezugnehmenden
arabisch-jüdischen Wissenschaftsliteratur in lateinischer Übersetzung
etwa ab dem zweiten Viertel des dreizehnten Jahrhunderts und kommt
dann mit der Übersetzung und Kommentierung der letzten unter dem
Namen des Aristoteles bekannt gewordenen Werke bald nach der Jahr-
hundertwende zu einem vorläufigen Abschluss. Die obere Begrenzung
bedarf indes einer zusätzlichen Präzisierung, und zwar hinsichtlich der
sicher oder wahrscheinlich spät—das heißt für uns: nach 1300—ent-

54 Zu Wilhelm von Auvergne und seinen Naturkenntnissen siehe die Dissertation

von Albrecht Quentin, Naturkenntnisse und Naturanschauungen bei Wilhelm von


Auvergne (arbor scientiarum 5), Hildesheim 1976.
55 Vgl. hierzu Köhler, Grundlagen, 35.
22 kapitel i

standenen Werke. Hierbei lassen wir uns von folgenden Kriterien lei-
ten: Stammen solche Werke von Magistern, die bereits vor 1300 eine
Lehrtätigkeit ausgeübt haben, werden sie vollständig in die Untersu-
chung einbezogen, auch wenn sie nach 1310 zu datieren sind. Gehö-
ren sie Magistern zu, die ihre Lehrtätigkeit erst im Laufe des ers-
ten Jahrzehnts des vierzehnten Jahrhunderts begonnen haben, wer-
den sie in Auswahl, insoweit sie inhaltlich wichtig sind, berücksich-
tigt, jedoch ohne Anspruch auf Vollständigkeit ihrer Erfassung und
Behandlung. In der Regel gänzlich unberücksichtigt bleiben hingegen
die Werke von Gelehrten, die erst nach 1310 ihre Lehrtätigkeit auf-
genommen haben. Diesen Abgrenzungskriterien liegt folgende Über-
legung zugrunde: Während die Datierung der Werke meist vage und
unsicher ist, weiß man von den Magistern oft recht genau, wann sie
erstmals als akademische Lehrer hervorgetreten sind. War dies vor der
Jahrhundertwende der Fall, ist der Magister seiner geistigen Herkunft
nach einer Studienzeit zuzuordnen, die voll ins dreizehnte Jahrhun-
dert fällt. Es ist daher anzunehmen, dass auch späte Werke von ihm
noch mehr oder minder der Denkweise des Untersuchungszeitraumes
entsprungen sind. Hat der Magister zwischen 1300 und 1310 zu lehren
begonnen, mag seine wissenschaftliche Ausbildung zumindest noch teil-
weise ins dreizehnte Jahrhundert fallen; daher sind seine Werke zumin-
dest fakultativ in Betracht zu ziehen. Ist schließlich ein Autor erst nach
1310 als akademischer Lehrer bezeugt, so ist berechtigterweise davon
auszugehen, dass nicht nur seine Lehrtätigkeit, sondern auch seine
gesamte Studienzeit ins vierzehnte Jahrhundert gehört; damit liegt sein
Wirken von Anfang an außerhalb des Untersuchungszeitraums, dem
er bereits seiner Ausbildung nach nicht mehr angehört. Freilich greift
diese zusätzliche Präzisierung der oberen Grenze des Untersuchungs-
zeitraumes nur hinsichtlich der Werke, deren Verfasser mit ihrem aka-
demischen Werdegang bekannt sind oder die sich durch ihre Abhängig-
keit von datierten Werken chronologisch hinreichend einordnen lassen.
Bei den übrigen Texten bleiben Unschärfen.
Arno Borst hat für die Abgrenzung eines Untersuchungsfeldes in
der sozialgeschichtlichen Forschung als Kriterium vorgegeben, dass es
„für allgemeingültige Aussagen groß genug, für genaue Aussagen klein
genug sein“ müsse.56 Nicht anders stellt sich die Sachlage für die philo-
sophiegeschichtliche Forschung dar. Borsts Kriterium erweist sich auch

56 Borst, Lebensformen, 24 f.
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 23

auf diesem Felde als wohlerwogene Richtgröße. Mit seiner skizzierten


Abgrenzung dürfte unser Untersuchungsfeld diesem Maßstab genügen.
Welche Werke bilden nun im Einzelnen den zentralen Quellenbe-
reich für unsere Untersuchung? In erster Linie sind es die Kommen-
tarwerke zu De animalibus des Stagiriten. Ihnen kommt unter den ein-
schlägigen Textzeugnissen eine herausgehobene Stellung zu, machen
sie doch die ergiebigste Quellengruppe für die zu behandelnde The-
matik aus. Über die Rezeption der neunzehn Bücher De animalibus im
lateinischen Westen und über die Kommentierung derselben sind wir
durch die vorzüglichen Studien von Luciano Cova und Baudouin Van
den Abeele wohlunterrichtet.57 Auch hat uns letzterer darüber ins Bild
gesetzt, wie sich die Beschäftigung mit De animalibus in ein breit gefä-
chertes Interesse an der Tierwelt einordnete, das in unterschiedlichen
Gattungen einer littérature animalière zum Ausdruck kommt.58 Dass und
warum die De animalibus-Kommentierung im sechzehnten Jahrhundert
ausläuft, hat zudem jüngst Stefano Perfetti aufschlussreich beleuchtet.59
Die unterschiedlichen Strukturformen der Aristoteles-Kommentare
insgesamt und Aspekte ihrer Entwicklung und Chronologie—etwa zwi-
schen 1230 und 1260 vorherrschend als lectiones und ab der Mitte des
dreizehnten Jahrhunderts vorherrschend als sententiae und quaestiones—

57 Luciano Cova, Le questioni di Giovanni Vath sul De generatione animalium,

in: Arch. Hist. doctr. litt. 59 (1992) 175–287; ders., Il Corpus zoologico di Aristotele
nei dibattiti fra gli „artisti“ parigini alle soglie del XIV secolo, in: L’enseignement des
disciplines à la Faculté des arts (Paris et Oxford, XIIIe–XVe siècles), Actes du colloque
international, ed. Olga Weijers/Louis Holtz (Studia Artistarum 4), Turnhout 1997,
281–302; Baudouin Van den Abeele, Le ‚De animalibus‘ d’Aristote dans le monde
latin: modalités de sa réception médiévale, in: Frühmittelalterliche Studien 33 (1999)
287–318. Vgl. Isabelle Draelants, La transmission du De animalibus d’Aristote dans le
De floribus rerum naturalium d’Arnoldus Saxo, in: Aristotle’s Animals in Middle Ages
and Renaissance, ed. Carlos Steel u. a. (Mediaevalia Lovaniensia [Series I: Studia]
27), Leuven 1999, 126–158; Henryk Anzulewicz, Die aristotelische Biologie in den
Frühwerken des Albertus Magnus, in: Aristotle’s Animals in the Middle Ages and
Renaissance, ed. Carlos Steel u. a. (Mediaevalia Lovaniensia [Series I: Studia] 27),
Leuven 1999, 159–188.
58 Baudouin Van den Abeele, Vincent de Beauvais naturaliste: les sources des livres

d’animaux du Speculum naturale, in: Lector et compilator. Vincent de Beauvais, frère


prêcheur, un intellectuel et son milieu au XIIIe siècle, ed. Serge Lusignan/Monique
Paulmier-Foucart, Grâne 1997, 127–151.
59 Stefano Perfetti, How and when the medieval commentary died out: the case of

Aristotle’s zoological writings, in: Il commento filosofico nell’Occidente latino (secoli


XIII–XV), ed. Gianfranco Fioravanti u. a. (Rencontres de Philosophie Médiévale 10),
Turnhout 2002, 429–443; ders., Aristotle’s Zoology and its Renaissance Commentators
(1521–1601) (Ancient and Medieval Philosophy [Series 1] 27), Leuven 2000.
24 kapitel i

sind in letzter Zeit intensiv untersucht worden.60 Speziell für die De


animalibus-Kommentare hat Van den Abeele im Anschluss an Charles
Lohr eine Einteilung vorgenommen.61 Von den erhaltenen und bis-
lang bekannt gewordenen Kommentarwerken zu De animalibus gehen
vor allem die großen Kommentare per modum commenti und per modum
quaestionis,62 Wort- und Quaestionenkommentare, in unseren Quellen-
fundus ein, die als Gesamtkommentare alle neunzehn Bücher oder
zumindest den größten Teil behandeln. Im Einzelnen sind das: die
Questiones super libro de animalibus des Petrus Hispanus (Medicus) (wohl
1245/1250),63 die beiden teilweise noch durch jeweils einen zweiten
Textzeugen überlieferten Redaktionen einer Reportatio einer De anima-
libus-Kommentierung eines bislang unbekannten Magisters, der—was
eine der beiden Redaktionen betrifft—früher ohne triftigen Grund mit
Petrus Hispanus identifiziert (oder besser gesagt: verwechselt) wurde

60 Christoph Flüeler, Die verschiedenen literarischen Gattungen der Aristoteleskom-

mentare: Zur Terminologie der Überschriften und Kolophone, in: Manuels, program-
mes de cours et techniques d’enseignement dans les universités médiévales. Actes du
Colloque international de Louvain-la-Neuve (9–11 septembre 1993), ed. Jacqueline
Hamesse, Louvain-la-Neuve 1994, 75–116; Francesco Del Punta, The Genre of Com-
mentaries in the Middle Ages and its Relation to the Nature and Originality of Medie-
val Thought, in: Was ist Philosophie im Mittelalter? Akten des X. Internationalen Kon-
gresses für mittelalterliche Philosophie der Société Internationale pour l’Étude de la
Philosophie Médiévale 25. bis 30. August 1997 in Erfurt, ed. Jan A. Aertsen/Andreas
Speer (Miscellanea Mediaevalia 26), Berlin–New York 1998, 138–151; Olga Weijers, La
structure des commentaires philosophiques à la Faculté des arts: quelques observati-
ons, in: Il commento filosofico nell’occidente latino (secoli XIII–XV), ed. Gianfranco
Fioravanti u. a. (Rencontres de Philosophie Médiévale 10), Turnhout 2002, 17–41. Vgl.
B. Carlos Bazán, 13th Century Commentaries on De anima: From Peter of Spain to
Thomas Aquinas, in: Il commento filosofico nell’occidente latino (secoli XIII–XV), ed.
Gianfranco Fioravanti u. a. (Rencontres de Philosophie Médiévale 10), Turnhout 2002,
119–184.
61 Van den Abeele, Le ‚De animalibus‘, 296–307; Charles H. Lohr, Medieval Latin

Aristotle Commentaries. Authors A–F, in: Traditio 23 (1967) 313–413, hier: 313.
62 Daniel A. Callus, Introduction of Aristotelian Learning to Oxford, London 1943,

38 f.
63 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus (Madrid, Biblio-

teca Nacional, 1877, fol. 256ra–290vb; Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana,
Vat. lat. 6758, fol. 149ra–177rb). Im Folgenden werden in allen Zitaten die Varianten des
Madrider Codex mit der Sigle M, diejenigen des Vaticanus mit der Sigle Va bezeich-
net. In der Orthographie und bei den Stellenangaben folgen wir dem Matritensis, der
im Allgemeinen einen deutlich besseren Text bietet. Zu der durch Beobachtungen von
José F. Meirinhos notwendig gewordenen Unterscheidung der bis in jüngste Zeit unun-
terschieden mit dem Namen „Petrus Hispanus“ bezeichneten Verfasser siehe Köhler,
Grundlagen, 10 f. und 254 f.; ebd., 255 Anm. 39 zur Datierung (zweite Hälfte der vier-
ziger Jahre des 13. Jh.). Vgl. neuerdings Ángel d’Ors, Petrus Hispanus O.P., Auctor
Summularum (II): Further documents and problems, in: Vivarium 39 (2001) 209–254.
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 25

und daher im Folgenden „Pseudo-Petrus Hispanus“ genannt wird,64

64 Commentum super libros de animalibus (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale,

Conv. Soppr. G.4.853, fol. 79ra–191vb [= Fi]; Roma, Biblioteca Angelica, 549, fol. 56rb–
70rb [= Fragment Ro, nur 15. und 16. Buch]) und Scriptum super libros de animali-
bus (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI 234, fol. 1ra–303vb [= V]; frag-
mentarisch Firenze, Biblioteca Medicea Laurenziana, Plut. LXXXIII 24, fol. 1ra–85vb
[= L]). Das „Scriptum“ ist derjenige Text, der als Werk des Pseudo-Petrus Hispanus
bekannt ist; das „Commentum“ haben wir in der vorausgegangenen Studie (Köh-
ler, Grundlagen) als anonymen „Venezianer De animalibus-Kommentar“ bezeichnet.
Der Vergleich des „Venezianer“ Kommentars mit dem „Florentiner“ Kommentar (Ps.-
Petrus, „Scriptum“) zeigt, dass es sich bei diesen beiden Texten offensichtlich um die-
selben Quaestionen desselben Magisters handelt, nicht aber um zwei von dem Leh-
rer selbst stammende Redaktionen, vielmehr um spätere Bearbeitungen einer Repor-
tation. In beiden mangelt es nicht an Lücken und oft sehr schweren Textverderbnis-
sen. So ergänzen sie einander und bilden zusammen die Basis für die Rekonstruk-
tion der von dem Magister vorgetragenen Argumente und Meinungen. Dass wir es
nicht mit zwei voneinander unabhängigen Reportationen, sondern mit zwei Bear-
beitungen eines Urtextes, der den Bearbeitern schriftlich vorlag, zu tun haben, zei-
gen Textverderbnisse, die in dem nicht erhaltenen Archetypus schon eingetreten sein
müssen (z. B. ein beiden gemeinsamer Textverlust hinter „2a racio. Quod habet“ [Fi,
fol. 164va] und die gemeinsamen Korruptelen „quod [non] ex collacione Creatoris“
[V, fol. 268vb] und „ovo] ave“ [V, fol. 283rb = Fi, fol. 169ra]). An Unterschieden zwi-
schen den beiden Fassungen fallen zunächst die folgenden ins Auge: Das „Scriptum“
des Ps.-Petrus Hispanus behandelt alle 19 Bücher von De animalibus und endet auf
fol. 185va des Codex Fi mit dem Vermerk „Expliciunt notule de animalibus“; daran
schließt sich ein Nachtrag mit zusätzlichen Fragen, die insbesondere den Basilisken
betreffen. Der „Venezianer“ Kommentar hingegen endet schon im 18. Buch mit einer
der Fragen, die sich auf Monstren beziehen; die Vorlage der beiden Textzeugen der
„Venezianer“ Fassung war also ein Fragment, dem der Schluss fehlte. Auch am Beginn
zeigen sich Unterschiede. Während das „Scriptum“ nach der Bestimmung der Inten-
tio sogleich zur Einteilung übergeht, verfährt der „Venezianer“—äußerst knapp—nach
dem Schema intentio auctoris, finis, efficiens, modus procedendi, ehe er sich der Ein-
teilung zuwendet. Der Verfasser des „Scriptum“ lässt auf die Einteilung eine Reihe von
Notanda folgen, nach dem Muster „Ut causa … pateat, nota …“, „Ut scias causam …,
nota …“ u. ä., schließt dann an diese Materialsammlung wiederum eine Einteilung
des Gesamtwerks an und beginnt dann erst mit der Kommentierung in Quaestionen-
form; hier—schon in der ersten Quaestion—setzt seine Übereinstimmung mit dem
„Venezianer“ ein. Der „Venezianer“, dem die vorangestellten Notanda fehlen, streut
inmitten des Werks—insbesondere im physiognomischen Teil, aber auch anderswo—
einzelne knappe Notanda ein; vermutlich handelte es sich ursprünglich um Quaestio-
nen, bei denen dann von der straffenden Hand eines Bearbeiters Frage und Antwort zu
einer bloßen Feststellung zusammengezogen wurden, aus der die ursprüngliche Frage
zu rekonstruieren wäre.—Die Quaestionen beider Redaktionen sind weithin nach Rei-
henfolge und Inhalt dieselben. In einem Teil der Quaestionen besteht praktisch völlige
wörtliche Textübereinstimmung; im Großen und Ganzen lässt sich sagen, dass je mehr
sich der Text seinem Ende nähert, desto deutlicher die Übereinstimmungen der bei-
den Fassungen hervortreten. Manchmal ist in der einen, dann wieder in der anderen
Fassung manches gekürzt oder hinzugefügt, insbesondere Beispiele.—Da sich somit die
beiden Redaktionen auf einen gemeinsamen Ursprung, nämlich auf denselben Magis-
ter zurückführen lassen, behandeln wir diesen als Verfasser beider und nennen ihn
26 kapitel i

die Quaestiones super de animalibus (1258 abgeschlossen) und der Wort-


kommentar De animalibus (um 1260) Alberts des Großen,65 die Scripta
supra librum de animalibus des Gerhard von Breuil (nach 1260)66 sowie
das Commentarium cum questionibus super librum de animalibus eines unbe-
kannten Autors (wohl Anfang des 14. Jh.).67 Von diesen Kommentaren

Ps.-Petrus Hispanus und verwenden fortan für beide Redaktionen den einheitlichen
Werktitel Commentum super libros de animalibus (jeweils mit dem Zusatz der Redaktions-
bezeichnung). Insofern weichen wir von der früheren Studie (Köhler, Grundlagen) ab.
Zur Charakteristik des Ps.-Petrus Hispanus siehe unten S. 139.
65 Albert d. Gr., Quaest. super De animal., ed. Ephrem Filthaut, Münster 1955 (Ed.

Colon. XII, 77–321); ders., De animal., ed. Hermann Stadler, Albertus Magnus, De
animalibus libri XXVI, I–II (BGPhMA 15–16), Münster 1916–1920. Zur Datierung von
De animalibus siehe Bernhard Schmidt, Prolegomena, in: Ed. Colon. XXI/1, Münster
1987, XVI.
66 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus (Paris, Bibliothèque

Nationale, Lat. 16166, fol. 1ra–192va [= P]; auf diese Handschrift beziehen sich unsere
Stellenangaben; von den insgesamt sieben erhaltenen Textzeugen wurden bei Bedarf
zusätzlich Cesena, Biblioteca Malatestiana, S.VII.5, fol. 1ra–98va [= C] und Salamanca,
Biblioteca General Universitaria, 2464 [Caieres S.I.8371], fol. 4ra–128rb [= S] herange-
zogen). Dieser Kommentar zu Aristoteles’ De animalibus entstand jedenfalls nach 1260;
zu dem in Clermont tätigen, ansonsten abgesehen von der Überlieferung seines Kom-
mentars unbekannten Magister, der Albert den Großen zitiert, und seinem Werk siehe
Tamara Goldstein-Préaud, Albert le Grand et les questions du XIIIe siècle sur le De
animalibus d’Aristote, in: Hist. Philos. Life Sc. 3 (1981) 61–71; Pietro B. Rossi, Note sulla
tradizione della Translatio Guillelmi del De partibus animalium, in: Tradition et traducti-
ons. Les textes philosophiques et scientifiques grecs au Moyen Âge latin. Hommage
à Fernand Bossier, ed. Rita Beyers u. a. (Ancient and Medieval Philosophy [Series 1]
25), Leuven 1999, 167–197, hier: 177 f.; Pieter Beullens/Fernand Bossier, Préface in: De
historia animalium. Translatio Guillelmi de Morbeka. Pars prima: Lib. I–V (Aristoteles
Latinus XVII 2.I.1), ed. dies., Leiden u. a. 2000, LXIV f.; Olga Weijers, Le travail intel-
lectuel à la Faculté des arts de Paris: textes et maîtres (ca. 1200–1500), Fasc. 3 (Studia
Artistarum 6), Turnhout 1998, 75 f.
67 Anonymus, Commentarium cum questionibus super librum de animalibus (Città

del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2164, fol. 235ra–311vb); zum Ver-
fasser dieses wohl erst zu Beginn des 14. Jh. entstandenen Werks siehe Köhler, Grund-
lagen, 276–278 (mit der älteren Literatur); vgl. unten S. 141 Anm. 294. Es lässt sich ver-
muten, dass die uns vorliegende Fassung dieses Kommentars eine straffende Bearbei-
tung ist, d. h. dass die voll ausgebildete Quaestionenform der Urfassung teilweise dem
Kürzungsbedürfnis eines Bearbeiters, dem es anscheinend mehr auf die Ergebnisse als
auf den Argumentationsgang ankam, zum Opfer fiel. Hierfür spricht die auffallende
Knappheit der Behandlung der meisten Fragen. Das Resultat dieser mutmaßlichen
Kürzungen ist allerdings Unübersichtlichkeit des Materials; der Mangel an Gliederung
und Struktur macht sich nachteilig bemerkbar. In der erhaltenen Fassung kann das
Werk nicht im engeren Sinne ein Quaestionenkommentar genannt werden. Vielmehr
ist es so aufgebaut, dass zwischen den Quaestionen—streckenweise sogar quantitativ
überwiegend—zahlreiche Erläuterungen zum Aristoteles-Text eingestreut sind. Auch
innerhalb der eigentlichen Quaestionen, die noch klar als solche erkennbar sind, ist der
Aufbau stellenweise dem Kürzungsstreben geopfert worden, sodass z. B. das Gegenar-
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 27

basieren die ersten vier68 auf der um 1220 in Toledo erstellten arabisch-
lateinischen Übersetzung des Michael Scotus, die letzten beiden auf der
griechisch-lateinischen des Wilhelm von Moerbeke, dessen Übertra-
gung von De partibus animalium für 1260 bezeugt ist.69 In einer beträchtli-
chen Anzahl von Handschriften ist eine als Problemata magistri Petri Yspani
bezeichnete Sammlung von 127 teils wörtlich, zumeist aber in gekürzter
Form den ersten neun Büchern des Kommentars des Petrus Hispanus
(Medicus) entnommenen questiones et responsiones überliefert.70
Über diese Gesamtkommentare hinaus sind als wertvolle Quellen
sodann auch diejenigen Kommentare in die Untersuchung einzubezie-

gument unvermittelt in die Stellungnahme des Autors übergeht, ohne dass der Beginn
der letzteren durch „dicendum est …“ o.ä. gekennzeichnet wäre.—Dass mit den Wor-
ten „Et sic est finis. Deo gracias“ (fol. 311vb) mitten in der Behandlung des 16. Buches
ein Ende gesetzt wurde und der restliche Teil von De animalibus fehlt, könnte auf Ermü-
dung des Bearbeiters, der die vorliegende gekürzte Fassung des Kommentars erstellt
hat, zurückzuführen sein. So fällt auf, dass schon am Schluss des fünfzehnten Buches
die Behandlung der letzten noch angeführten Quaestionen nicht zu Ende geführt, son-
dern abrupt abgebrochen wurde. Am Beginn des sechzehnten Buchs—dem weniger als
drei Kolumnen gewidmet sind, woraus schon die Unvollständigkeit ersichtlich ist—wird
angekündigt (fol. 311ra), dass als erstes der Themenkomplex calor behandelt werden soll,
was anschließend auch in auffallend gedrängter Form geschieht; ein anderes, zweites
Thema wird dann nicht mehr, wie zu erwarten wäre, berührt. Auch dies zeigt, dass
wir es mit einer unvollständigen Fassung zu tun haben, die hier willkürlich abbricht.
Die ursprüngliche, wohl erheblich ausführlichere Fassung mag alle Bücher behandelt
haben.—Auffällig ist bei diesem Magister der gelegentliche Übergang vom trockenen
Stil der Erörterung zu einer rhetorischen Polemik: „Sed sic dicentes non intelligo. Deus
intelligat eos, quomodo salvabunt Galienum dicentem, quod …“ (fol. 254vb); auch vor
stark umgangssprachlicher Formulierung schreckt er nicht zurück: „Quod arguis de
delectacione non valet fabam“ (fol. 287va).
68 Für den Quaestionenkommentar Alberts des Großen Anzulewicz, Die aristoteli-

sche Biologie, 162.


69 Rossi, Note, 174; vgl. Jozef Brams, Guillaume de Moerbeke et Aristote, in: Ren-

contres de cultures dans la philosophie médiévale. Traductions et traducteurs de l’an-


tiquité tardive au XIVe siècle, ed. Jacqueline Hamesse/Marta Fattori (Textes, Étu-
des, Congrès 11 = Rencontres de Philosophie Médiévale 1), Louvain-la-Neuve–Cassino
1990, 317–336.
70 Miguel J.C. de Asúa, Los Problemata o Quaestiones de animalibus de Pedro Hispano.

Transcripción del texto, in: Stromata 54 (1998), 267–302; ders., The organization of
discourse on animals in the thirteenth century. Peter of Spain, Albert the Great, and the
commentaries on De animalibus (Diss. Notre Dame 1991), Ann Arbor 1996, 87–114. Zur
Verwendung der Bezeichnung problema in den Statuten der Universität Oxford von 1340
Olga Weijers, Problema, une enquête, in: Roma, magistra mundi. Itineraria culturae
medievalis. Mélanges offerts au Père L.E. Boyle à l’occasion de son 75e anniversaire, ed.
Jacqueline Hamesse (Textes et Études du Moyen Âge 10/2), Louvain-la-Neuve 1998,
991–1008; vgl. Alfonso Maierù, University Training in Medieval Europe (Education
and Society in the Middle Ages and Renaissance 3), Leiden u. a. 1994, 130–134.
28 kapitel i

hen, die jeweils nur bestimmte Bücher von De animalibus oder Teile dar-
aus behandeln. Es sind dies die folgenden anonym überlieferten Quaes-
tionensammlungen: die Problemata circa librum de animalibus,71 die nicht
vor den sechziger Jahren entstandenen Questiones disputate super problema-
tibus Aristotilis et de historiis animalium72 und die fälschlicherweise Petrus de
Alvernia zugeschriebenen Questiones libri de animalibus;73 hinzu kommen

71 Brugge, Stedelijke Openbare Bibliotheek, 481, fol. 105ra–110rb. Der hier gewählte

Titel ist dem Anfang dieses offenbar selbständigen Werks, das sich in dem Textzeugen
an eine Problemata-Kommentierung (fol. 1ra–104va) und acht selbständige Quaestionen
(fol. 104va–105ra) anschließt, entnommen. Das Explicit (fol. 110rb) bietet einen anderen
Titel: „Probleumata de libro Aristotilis de generatione animalium.“
72 Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16089, fol. 81va–85vb. Zu diesen Quaestionen

siehe Barthélemy Hauréau, Notice sur le numéro 16089 des manuscrits latins de la
Bibliothèque Nationale, in: Notices et extraits des manuscrits de la Bibliothèque Natio-
nale et des autres bibliothèques 35 (1895) 209–239, hier: 224 f. Der Autor zitiert „X
ethicorum“ und „secundo rethorice“ (fol. 81vb) sowie „6 pollitice“ (fol. 82ra), „2 polli-
tice“ (fol. 82va) und schreibt „et ideo dixit idem Albertus in suo commento“ (fol. 81va).
Einen Hinweis zur Lokalisierung gibt zunächst die Währungsangabe (fol. 85rb) „gros-
sum Turonensem“, dann deutlicher ebd., die Schilderung des Verhaltens der Prostitu-
ierten in Paris, wobei der Magister seine Hörer ausdrücklich auf ihre eigene unmittel-
bare Wahrnehmung verweist: „Vos videtis Parisius istas meretrices intrare frequenter
ecclesias.“ Zwar ist hier die Auflösung der Kürzung als „Parisius“ nicht gesichert, doch
weiter unten findet sich „Parisius“ im selben Zusammenhang ausgeschrieben. Es ist
daher davon auszugehen, dass die Quaestionen an der Pariser Universität disputiert
wurden. Hierzu passt auch der sonstige Inhalt des Codex und seine Bibliotheksheimat.
Siehe dazu Martin Grabmann, Die Aristoteleskommentare des Heinrich von Brüs-
sel und der Einfluß Alberts des Großen auf die mittelalterliche Aristoteleserklärung,
in: ders., Gesammelte Akademieabhandlungen, II (Münchener Universitäts-Schriften.
Veröffentlichungen des Grabmann-Institutes, N.F. 25/2), Paderborn u. a. 1979, 1897–
1986, hier: 1911–1922; Pierre Duhem, Le système du monde. Histoire des doctrines
cosmologiques de Platon à Copernic, VI, Paris 1954, 536–543; Eugenio Randi, „Philo-
sophie de pourceaux“ e re taumaturghi. Nota su un manoscritto parigino, in: Quaderni
medievali 22 (1986) 129–137, hier: 130 ff.; Cova, Il Corpus, 287 ff.; Claude Lafleur, Qua-
tre introductions à la philosophie au XIIIe siècle (Université de Montréal, Publications
de l’Institut d’Études Médiévales 23), Montréal–Paris 1988, 17–39 (Beschreibung der
Handschrift; hier: 23 f. u. Anm. 24).
73 Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Lat. 2303, fol. 31rb–40rb. Diese Hand-

schrift hat Ephrem Filthaut beschrieben in seinen Prolegomena zu Albert d. Gr.,


Quaest. super De animal. (Ed. Colon. XII, XXXVII und XXXIX f.). Die hier interes-
sierenden Quaestionen, die Filthaut als „Quaestiones super libris 15 et 16 de animali-
bus ab Alberti quaestionibus differentes“ charakterisiert, folgen in der Handschrift auf
diejenigen Alberts, von denen die Texthand selbst sie durch den Vermerk „Explicit“
(fol. 31rb) abgrenzt. Die Angabe von Cova, Il Corpus, 284 Anm. 19, dass die Quaestio-
nen mit denen Alberts zusammenfallen, ist somit zu berichtigen. In der Tabula (fol. 8vb)
findet sich die Zuschreibung „Questiones libri de animalibus Petri de Alvernia“, die
sich aber offenbar auf alle Quaestionen, d. h. auch auf die voranstehenden Alberts
bezieht, wodurch sie entwertet wird. Daher hat Charles H. Lohr, Medieval Latin Ari-
stotle Commentaries, Authors: Narcissus–Richardus, in: Traditio 28 (1972) 281–396,
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 29

die Questiones super librum de generatione animalium und frühestens in den


sechziger Jahren verfasste Questiones super librum de partibus animalium des
Ps.-Johannes von Casale74 sowie die Quaestiones super librum de generatione
animalium des Johannes Vath (etwa 1285/1294).75 Die anonymen Ques-
tiones breves de animalibus in einer Neapolitaner Handschrift fallen offen-
bar nicht mehr in unseren Untersuchungszeitraum und sind daher hier
nicht zu berücksichtigen.76 Ebenfalls außer Betracht bleibt ein ledig-
lich fragmentarisch überliefertes Commentarium in librum XI de animali-

hier: 345 das Werk mit Recht unter die Spuria des Petrus gestellt, und Filthaut misst
der Zuschreibung kein Gewicht bei. Die anonymen Quaestionen sind somit nicht mit
Petrus in Verbindung zu bringen, obwohl wir wissen, dass Petrus De generatione animalium
kommentiert hat: Petrus de Alvernia, Sententia super de motibus animalium (recen-
sio communis, Admont, Stiftsbibliothek, 367, fol. 79vb): „… consideracionem fecimus in
libro de generacione animalium, ubi consideratur de generacione ipsorum et natura
et accidentibus et passionibus et per consequens de motu …“ Von anderen Autoren,
die De animalibus kommentiert haben, sowie von dem Übersetzer Michael Scotus unter-
scheidet sich der anonyme Magister durch seinen Wortschatz; er sagt „pudendum“
statt wie die anderen „virga“ und „entoma“ statt „animalia anulosa“, und wo bei Sco-
tus „crura“ steht, schreibt er „tybias vel scelea“ (fol. 32rb), womit er zu erkennen gibt,
dass er die Übersetzung des Wilhelm von Moerbeke benutzt hat; dies hat aus anderem
Grund schon Filthaut festgestellt. Dass er kein Arzt war, ist aus einer abfälligen Bemer-
kung über die Urteilskraft der medici zu ersehen: „magis iudicant secundum sensum
et apparentiam quam secundum veritatem“ (fol. 39vb). Filthaut weist darauf hin, dass
der Anonymus sich zweimal ausdrücklich auf Albert beruft. Im Unterschied zu den
voranstehenden Quaestionen Alberts besteht sein Werk nur zum Teil aus eigentlichen
Quaestionen, zum anderen Teil aus bloßen Mitteilungen oder Hinweisen (notanda),
die den bei Quaestionen üblichen Aufbau der Argumentation nicht oder nur partiell
aufweisen. Der Stil ändert sich dann grundlegend ab fol. 40rb (Filthaut gibt unrichtig
oder nach einer anderen Zählung an: 41rb; entsprechende Verschiebung auch bei den
beiden folgenden Blättern), wo mit dem Hinweis „Explicit“ ein Einschnitt markiert
ist und offensichtlich eine andere Sammlung beginnt (Filthaut: „Quaestiones variae“),
die sich stärker an der voll ausgebildeten Quaestionenform orientiert, allerdings oft
stark strafft.—Einige Stellen hat Filthaut transkribiert, allerdings mit geringer Sorgfalt.
Wo er von der Handschrift abweicht, geben wir seine Variante in Klammern an. Wir
haben den Text bei Bedarf anhand der Wiedergabe in Frageform an den unteren Sei-
tenrändern des Codex verbessert bzw. ergänzt.
74 Milano, Biblioteca Nazionale Braidense, AD.XI.18, fol. 1ra–24va bzw. fol. 24va–

35va. Siehe hierzu Van den Abeele, Le ‚De animalibus‘, 301. Zitiert sind die „libri
politicorum“ (fol. 1ra; 18va) und „Albertus“ (fol. 3ra; 4va; 6va; 11rb; 15va; 19vb).
75 Ediert und eingeleitet von Cova, Le questioni di Giovanni Vath sul De genera-

tione animalium, in: Archives d’Histoire Doctrinale et Littéraire du Moyen Âge 59


(1992) 175–287. Zur Datierung ders., Il Corpus, 285. Vgl. Weijers, Le travail, Fasc. 5
(Studia Artistarum 11), Turnhout 2003, 169 f.
76 Napoli, Biblioteca Nazionale Vittorio Emanuele III, VIII.C.23, fol. 76v. Der Co-

dex ist beschrieben in: Aristoteles Latinus, Codices. Pars posterior, ed. George Lacombe
u. a., Cambridge 1955, 1003 f. (Nr. 1470). Er enthält fol. 1r–76r De animalibus (Überset-
zung des Michael Scotus), anschließend 76v die kurzen Quaestionen, die von einer
30 kapitel i

bus. Bei diesem handelt es sich in Wirklichkeit nicht um einen Kom-


mentar, sondern im Wesentlichen lediglich um eine Zusammenstellung
von aus dem Aristoteles-Text recht willkürlich herausgegriffenen, etwas
umformulierten Aussagen, die achtlos aneinandergereiht wurden, ohne
dass die weggelassenen, für das Verständnis der Zusammenhänge aber
unentbehrlichen Abschnitte zumindest paraphrasierend wiedergegeben
wurden.77 Dieses Commentarium ist daher der Gattung der Compen-
dia/Abbreviationes zuzuordnen. Einzubeziehen ist hingegen der neu-
erdings in einer kritischen Edition zugängliche Liber de animalibus des
Petrus Gallecus († 1267), den dieser Franziskaner wohl in seinen letzten
Lebensjahren verfasst hatte.78 Dieses Werk stellt seiner Struktur nach
eine kommentierende Zusammenfassung der aristotelischen Bücher De
animalibus dar. Nach Ansicht des Herausgebers liegt demselben die
Absicht zugrunde, in komprimierter Form einer nicht besonders sach-
kundigen Leserschaft nützliche Informationen über die Tierwelt zu ver-
mitteln. Es handelt sich damit der Auffassung von Martínez Gázquez
zufolge nicht um eine „besonders geartete Übersetzung“, wie ursprüng-
lich Auguste Pelzer meinte,79 sondern um eine spezielle Unternehmung
des für die Verbreitung des naturkundlichen aristotelischen Gedanken-
guts auf der Iberischen Halbinsel bedeutenden spanischen Franziska-
nergelehrten und Bischofs von Cartagena, der in dem zurückeroberten
zuvor arabischen Herrschaftsgebiet Murcia den Inhalt von De animali-
bus erschließen wollte.80 Zwar nicht eigentlich als Teilkommentar ein-

Hand des 15. Jh. in dem aus dem 13. stammenden, im 14. und 15. glossierten Codex
nachgetragen wurden. Der Text ist angezeigt bei Van den Abeele, Le ‚De animalibus‘,
302 Anm. 94.
77 Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 6791, fol. 110rb. Diese Aneinanderreihung von

Aussagen ist für den Leser wertlos, denn er kann die Gedankengänge nur nachvollzie-
hen und in einen Zusammenhang bringen, wenn er den vollständigen Aristoteles-Text
ständig danebenhält.
78 José Martínez Gázquez (ed.), Petri Galleci opera omnia quae exstant (Millennio

Medievale 20, Testi 8), Firenze 2000, 67–158. Vgl. Cova, Le questioni, 182 und Anm.
32.
79 Auguste Pelzer, Un traducteur inconnu: Pierre Gallego, franciscain et premier

évêque de Carthagène (1250–1267), in: Miscellanea Francesco Ehrle, I (Studi e Testi 37),
Roma 1924, 407–456, hier: 416.
80 Martínez Gázquez (ed.), Petri Galleci opera, 69–73. Zu den intellektuellen Aktivi-

täten in Murcia siehe dens., Traducciones árabo-latinas en Murcia, in: Filologia medio-
latina 2 (1995) 249–257 und El Liber de animalibus de Pedro Gallego, adaptación del Liber
animalium aristotélico, in: Roma, magistra mundi. Itineraria culturae medievalis. Mélan-
ges offerts au Père L.E. O’Boyle à l’occasion de son 75e anniversaire, ed. Jacqueline
Hamesse (Textes et Études du Moyen Âge 10, 2), Louvain-la-Neuve 1998, 563–571.
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 31

zustufen, aber doch stark auf De animalibus—speziell De generatione ani-


malium—bezogen und deshalb hier anzuführen ist schließlich die nach
1285 und vor 1295 entstandene Schrift De formatione corporis humani in
utero des Aegidius Romanus.81
Außer diesen explizit auf das aristotelische De animalibus bezogenen
Quaestionensammlungen können als Teilkommentare auch eine Reihe
von Quodlibeta-Quaestionen82 angesehen werden, die unter anderen
naturphilosophischen Fragestellungen auch solche behandeln, die in
De animalibus zur Sprache kommen. Hierzu gehören ein Block von
acht Quaestionen in einer Brügger Handschrift,83 anonyme Questiones
de quolibet 84 in einem Parisinus, die Determinatio I et II des Johannes

81 Ed. Rimini 1626. Zu diesem Traktat M. Anthony Hewson, Giles of Rome and

the Medieval Theory of Conception. A Study of the De formatione corporis humani in


utero, London 1975; Romana Martorelli Vico, Il ‚De formatione corporis humani in
utero‘ di Egidio Romano. Indagine intorno alla metodologia scientifica, in: Medioevo
14 (1988) 291–313; dies., Medicina e filosofia. Per una storia dell’embriologia medievale
nel XIII e XIV secolo (Hippocratica civitas 4), Milano 2002, 47–62; auch Cova, Le
questioni, 178 f.; ders., Il Corpus, 286. Zur Datierung siehe Francesco Del Punta/Silvia
Donati/Concetta Luna s. v. Egidio Romano, in: Dizionario biografico degli Italiani,
XLII, Roma 1993, 319–341, hier: 331b, zur großen Verbreitung Signori, Über Liebe,
252 ff.
82 Hierzu Grabmann, Die Aristoteleskommentare des Heinrich von Brüssel, 1920 f.;

Van den Abeele, Le ‚De animalibus‘, 302.


83 Brugge, Stedelijke Openbare Bibliotheek, 481, fol. 104va–105ra. Dieser Quaestio-

nen-Block (inc. „Quare homo quando habet esuriem …“) wurde an einen vorausgehen-
den anonymen Problemata-Kommentar (Sentencia probleumatum Aristotilis, siehe unten S. 60
Anm. 239) angehängt. Er stammt von derselben Texthand wie die anschließenden Pro-
blemata circa librum de animalibus (siehe oben S. 28 Anm. 71) und bildet offenbar, obwohl
die acht Quaestionen nicht als zusammengehörig gekennzeichnet sind, eine Einheit
wohl separater Herkunft.
84 Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16089, fol. 61vb–65rb. Hauréau, Notice, 218 f.;

Grabmann, Die Aristoteleskommentare des Heinrich von Brüssel, 1918; Cova, Il Cor-
pus, 287; vgl. Randi, „Philosophie de pourceaux“, 131 f.; Beschreibung der Handschrift:
Lafleur, Quatre introductions, 17–39. Es handelt sich offensichtlich um eine Kurz-
fassung eines ursprünglich weit ausführlicheren Textes eines Angehörigen der Pariser
Artistenfakultät. Ein Bearbeiter hat offenbar die meisten Pro- und Contra-Argumente
weggelassen, was dazu führt, dass nur noch am Schluss von Quaestionen knappe
Antworten auf die—gar nicht mehr vorhandene—Gegenargumentation erhalten sind.
Diese Quodlibetasammlung folgt in der Handschrift auf diejenige des Heinrich von
Brüssel und des Henricus de Alemannia, d. h. deren „Pariser Fassung“ (siehe unten
S. 32 Anm. 86). Wie sie sich inhaltlich zu ihr verhält, zeigt ein Vergleich der behan-
delten Fragen, etwa zwischen „Utrum mulier alba magis appetat virum quam nigra“
des Anonymus (fol. 63ra–rb) und „Utrum color albus sit signum luxurie“ der anderen
Sammlung (fol. 55ra–rb) oder auch zwischen „Utrum stulti magis vel plus pronosticant
de futuris quam sapientes“ der anonymen Sammlung (fol. 62va–vb) und „Utrum stultus
possit prenoscere de futuris“ (fol. 57rb) der anderen Sammlung; vgl. auch „Utrum homo
32 kapitel i

Vath,85 die Quelibet des Heinrich von Brüssel und des Henricus de Ale-
mannia (um 1289/1310?),86 die Determinatio eines ansonsten unbekann-

fit lupus“ (Anonymus, fol. 63rb) und „Utrum homo possit esse lupus“ (andere Samm-
lung, fol. 58ra) sowie „Utrum ex homine potest fieri brutum“ (andere Sammlung,
fol. 61rb); „Utrum senes sint magis inliberales iuvenibus“ (Anonymus, fol. 63va) und
„Utrum in senectute homines sint magis avari quam in iuventute“ (andere Sammlung,
fol. 58ra).
85 Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16089, fol. 74ra–75va. Zu diesem Werk Hau-

réau, Notice, 220ff.; Grabmann, Die Aristoteleskommentare des Heinrich von Brüssel,
1918 f.; Cova, Le questioni, 187–190; ders., Il Corpus, 287; 292 ff.; Lafleur, Quatre
introductions, 22; Weijers, Le travail, Fasc. 5, 170.
86 Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16089, fol. 54ra–61vb und Wien, Österreichi-

sche Nationalbibliothek, 2303, fol. 40rb–42ra. Umfangreiche Auszüge aus dem Pariser
Textzeugen haben Grabmann, Die Aristoteleskommentare des Heinrich von Brüssel,
1911–1918 und Cova, Il Corpus, 294–302 transkribiert; Cova erschließt dieselben auch
inhaltlich (siehe auch ebd., 287 f.). Grabmann behandelt zudem das Leben und die
Arbeitsweise Heinrichs von Brüssel (ebd., 1923 ff.); zu Henricus de Alemannia bemerkt
er mit Recht: „Übrigens kommt der Name Henricus de Alemannia in der zweiten
Hälfte des 13. und zu Beginn des 14. Jh. häufiger vor, so daß man bei Identifizierun-
gen vorsichtig sein muß“ (ebd., 1929 f.). Vgl. Hauréau, Notice, 213–217; Lafleur, Quatre
introductions, 20 f.; Randi, „Philosophie de pourceaux“, 131 f.; Weijers, Le travail, Fasc.
4 (Studia Artistarum 9), Turnhout 2001, 43 f.; Erkki I. Kouri/Anja I. Lehtinen, Dis-
puted Questions on Aristotle’s De iuventute et senectute, De respiratione and De morte et vita
by Henricus de Alemannia, in: Sic itur ad astra. Studien zur Geschichte der Mathe-
matik und Naturwissenschaften. Festschrift für den Arabisten Paul Kunitzsch zum 70.
Geburtstag, ed. Menso Folkerts/Richard Lorch, Wiesbaden 2000, 362–375, hier: 363 f.
Die Wiener Handschrift beschreibt Ephrem Filthaut in seinen Prolegomena zu Albert
d. Gr., Quaest. super De animal. (Ed. Colon. XII, XXXVII und XXXIX f.). Er gibt für
die—nach seinem Kenntnisstand anonyme—Quodlibetasammlung unrichtig fol. 41rb–
43r an. Die ersten vier Quaestionen betreffen De animalibus, dann wird zu den Problemata
übergegangen, dann zur Ethik und De longitudine et brevitate vitae; es folgen weitere The-
men und schließlich ab fol. 41va wiederum Quaestionen aus dem Bereich von De anima-
libus. Filthaut übersah, dass eine—wenn auch im Quaestionenbestand abweichende—
Parallelüberlieferung zu den Wiener Quodlibeta in dem Pariser Codex vorliegt. Die
Quaestionen des Parisinus stimmen zu einem erheblichen Teil in ihrer Reihenfolge
und teilweise auch in der Formulierung der Fragen mit denen des Vindobonensis über-
ein; im Wortlaut der Argumente und Antworten aber sind erhebliche Unterschiede
zu vermerken. Da nun im Parisinus das Explicit lautet „Expliciunt quelibet magistri
H. de Brucella et magistri H. Alamanni“ (fol. 61vb), stehen diese beiden Magister als
Urheber derjenigen Quaestionen fest, die laut Fragestellung den beiden Textzeugen
gemeinsam sind. Somit ist davon auszugehen, dass wir es mit zwei unterschiedlichen
Reportationen zu tun haben, deren Ausgangspunkt derselbe ist. Da dem größten Teil
der Quaestionen im Vindobonensis analoge Quaestionen des Parisinus entsprechen,
ist es plausibel, die Wiener Sammlung insgesamt als andere Fassung der Pariser anzu-
sehen und den Gesamtbestand beider Fassungen den beiden Magistern zuzuschrei-
ben. Dabei bleibt allerdings offen, welcher Anteil einem jeden von ihnen zukommt;
es ist auch nicht auszuschließen, dass Quaestionen anderer Herkunft beigemischt wor-
den sind.—Für das Verhältnis der Wiener und der Pariser Fassung ist z. B. die Frage
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 33

ten Magisters Vericus87 sowie die anonymen Questiones in einer Hand-


schrift aus Todi.88 Diesen Schriften ist zudem die um 1260 vor König
Manfred gehaltene Determinatio magistralis des Petrus de Hibernia Utrum
membra essent facta propter operaciones vel operaciones essent facte propter membra
zuzurechnen.89
Eine weitere Form von Teilkommentaren stellen auch Marginalglos-
sen90 dar. Für unsere Untersuchung scheint jedoch der Aufwand ihrer
systematischen Erfassung in keinem angemessenen Verhältnis zum in-
haltlichen Ertrag zu stehen. Stichproben anhand von vier glossierten
De animalibus-Handschriften—je zwei aus der Pariser Nationalbiblio-

„Utrum homines rufi sint fideles“ (Parisinus fol. 54vb) bzw. „Utrum rufi sint infide-
les“ (Vindobonensis fol. 40va) aufschlussreich: Die Argumentationsstruktur ist ein und
dieselbe, und doch fällt die Antwort inhaltlich unterschiedlich aus, offenbar weil dieje-
nigen, die die Reportationen anfertigten, die Ausführungen des Magisters verschieden
verstanden haben.
87 Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16089, fol. 75va–76va. Hierzu Hauréau, Notice,

222 ff.; Grabmann, Die Aristoteleskommentare des Heinrich von Brüssel, 1920; Duhem,
Le système, 538; Lafleur, Quatre introductions, 22 f.; zur Person des Vericus Cova,
Il Corpus, 287, der die von Duhem vorgeschlagene Identifizierung mit Ulrich von
Straßburg zurückweist und umfangreiche Transkriptionen sowie inhaltliche Angaben
bietet (ebd., 289–292).
88 Todi, Biblioteca Comunale, 54, fol. 57va–60va. Ausführliche Beschreibung der

Handschrift bei Lambert M. de Rijk, On The Genuine Text of Peter of Spain’s Sum-
mule logicales III, in: Vivarium 7 (1969) 8–61, hier: 16 ff.; dort auch 17 ff. Quaestionen-
verzeichnis des hier in Betracht kommenden Teils. Auf fol. 57r finden sich verschie-
dene Notizen, darunter auch solche zur Definition des Menschen, jedoch nicht unter
anthropologischem, sondern unter logischem Gesichtspunkt. Auf fol. 57va–vb steht eine
Reihe von meist sehr kurz behandelten naturphilosophischen (de Rijk S. 17 unrich-
tig: medizinischen) Quaestionen; 57vb–58ra Quaestionen vorwiegend zur Meteorologie,
dann 58ra–rb Fragen zur Seelenkunde, dann vermischte Fragen insbesondere naturphi-
losophischer Art; 59ra–60va folgen Questiones supra librum phisicorum, den Schluss (60va–vb)
bilden drei Fragen über die Universalien.
89 Ed. Clemens Baeumker, Petrus de Hibernia, der Jugendlehrer des Thomas von

Aquino und seine Disputation vor König Manfred (Sitzungsberichte der Bayerischen
Akademie der Wissenschaften. Phil.-philol. u. hist. Kl., Jg. 1920, 8. Abh.), München
1920, 41–49. Zu dieser Determinatio August Nitschke, Friedrich II., ein Ritter des
hohen Mittelalters, in: Historische Zeitschrift 194 (1962) 1–36, hier: 19–21; Michael
Dunne, Magistri Petri de Ybernia Expositio et quaestiones in Aristotelis librum de
longitudine et brevitate vitae (Philosophes médiévaux 30), Louvain-la-Neuve u. a. 1993,
17–20.
90 Zu dieser Textform erschien unterdessen von Jacqueline Hamesse, Les marginalia

dans les textes philosophiques universitaires médiévaux, in: Talking to the Text. Margi-
nalia from Papyri to Print. Proceedings of a Conference held at Erice. 26 September –
3 October 1998, ed. Vincenzo Fera u. a. (Percorsi dei classici 4), Messina 2002, 301–
320.
34 kapitel i

thek,91 je eine aus der Mazarine92 und der Bibliothèque Interuniver-

91 Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 10226, fol. 2ra–131rb und Lat. 16162, fol. 2ra–

136va. Als Beispiel sei die Glossierung des letzteren Codex beschrieben. Im Wesentli-
chen sind in den Marginalien vier Hände zu unterscheiden. Die erste ist die Texthand
(A, 13. Jh.); der Schreiber des Textes hat an zahlreichen Stellen, an denen Textver-
lust eingetreten war, das Fehlende am Rand nachgetragen (z. B. fol. 3va ganz oben).
Die zweite, die kleinste der vier Schriften (B, z. B. fol. 3va zweite und dritte Margina-
lie von oben) ist die des Glossators, der die Masse der hier interessierenden Glossen
eingetragen hat; diese Glossen sind offenbar nicht wesentlich jüngeren Ursprungs als
der Text. Die dritte, etwas größere Schrift (C, z. B. fol. 3va unterste Marginalie) bietet
knappe Hinweise auf den Inhalt, die dem Leser die Orientierung erleichtern sollen.
Die vierte Hand (D, z. B. fol. 10v unterer Rand) ist von ganz anderer Art; es handelt
sich um eine große, dünne und sehr blasse Schrift. Die nachlässig eingetragenen Mar-
ginalien von D erwecken den Eindruck, vom Schreiber nur für eigene Bedürfnisse,
nicht für andere Benutzer geschrieben zu sein. Dementsprechend sind D-Marginalien
stellenweise einfach von der Hand B überschrieben worden (so fol. 121ra). Manchmal,
so fol. 62rb, schreibt B eine Glosse, deren Text schon D (hier fol. 62r unten) notiert
hatte; in anderen Fällen (so fol. 87rb, fol. 93ra, 101ra, 105ra; vgl. ferner 112vb, 124ra) hat
die Texthand (A) am Rand ein versehentlich weggelassenes Textstück ergänzt, das D
am unteren Rand der Seite vermerkt hatte. Wären diese Marginalien von A schon
vorhanden gewesen, als D den Codex bearbeitete, so hätte D keinen Grund gehabt,
sie zu wiederholen. Vermutlich war der Ablauf der, dass zunächst D allerhand Stoff
flüchtig festhielt, nicht für den künftigen Leser, sondern nur als Rohmaterial für den
Glossator B, welcher dann die Glossierung vornahm; außerdem hat D anscheinend für
den Schreiber des Textes (A), der nachträglich Kopierfehler mit Marginalien berichti-
gen wollte, gelegentlich eine diesbezügliche Notiz gemacht. Infolgedessen entsteht der
Eindruck, dass zwischen Text und Glossierung kein größerer zeitlicher Abstand besteht.
Teilweise haben die Glossen nur einen entfernten—oder auch gar keinen—inhaltlichen
Bezug zu dem Aristoteles-Text, neben dem sie stehen. Teilweise sind sie in sich selbst
heterogen, aus unterschiedlichen Notizen achtlos zusammengesetzt. Diese Umstände
sind für die Arbeitsweise des Glossators (B) charakteristisch. Aufschlussreich ist etwa
die Glosse fol. 39va: „Multiplex est medium. Fungi medii sunt inter terre nascencia et
mixta, similiter puer inter plantam et animal, scilicet proprietate.“ Hier wird deut-
lich, dass der Glossator seiner Vorlage nicht mehr Aufmerksamkeit schenkte, als dies
von einem bloßen Kopisten zu erwarten wäre. Der Einschnitt, den das Ende von De
historia animalium bedeutet, tritt auch in der Glossierung hervor: In De partibus animalium
sind die Marginalien weniger zahlreich als in De historia, vor allem auch weniger lang
und inhaltlich weit weniger wichtig; vom elften Buch an finden wir nicht mehr richtige
Glossen, die z.T. ganze Quaestionen umfassen, sondern meist nur noch kurze Hinweise
zum Inhalt, die die Orientierung im Text erleichtern sollen, sowie Korrekturen zum
Text. Auch diese nehmen an Zahl weiter ab; im 14. Buch sind es nur noch wenige.
Vom 15. Buch an, in De generatione animalium, nimmt die Glossierung aber wieder zu,
und es treten gelegentlich wieder lange Glossen wie in De historia auf; doch dominieren
bloße Hinweise auf den Inhalt des Aristoteles-Textes.
92 Paris, Bibliothèque Mazarine, Lat. 3465, fol. 1ra–131va (Moerbeke-Übersetzung).

Die Marginalien stammen von verschiedenen Händen. Ab fol. 13v nehmen sie an
Anzahl und Umfang plötzlich stark ab; auf den folgenden Blättern stammen sie gros-
senteils nur noch von einer Hand, welche nicht identisch ist mit derjenigen, von der
die meisten Glossen im Bereich bis fol. 13r stammen. Ab fol. 27v taucht wieder gele-
gentlich die Hand des ursprünglichen Hauptglossators auf, doch ist auch auf den fol-
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 35

sitaire zu Montpellier93—zeigen, dass es sich bei den Marginalien—


meist von verschiedenen Händen—gewöhnlich um Korrekturen und
Varianten, die durch einen Vergleich mit einem zusätzlichen Textzeu-
gen gewonnen sein dürften,94 sowie Umschreibungen einzelner Begriffe
oder auch um Hinweise auf den Inhalt des Aristoteles-Textes95 handelt.

genden Blättern die Glossierung äußerst spärlich und setzt über weite Strecken völlig
aus. Fol. 70vb beginnt De partibus animalium; zugleich setzt wieder eine reichhaltige Glos-
sierung ein, die hauptsächlich auf den ursprünglichen Hauptglossator zurückgeht. Ab
fol. 88r nimmt die Anzahl der Glossen dann plötzlich erneut stark ab; ab 96vb, wo De
generatione animalium beginnt, setzt wieder reichhaltige Glossierung ein, ab fol. 109va hört
sie aber wieder fast völlig auf, und dabei bleibt es bis zum Ende des Textes fol. 131va:
„Explicit liber de hystoriis animalium.“ Der Zweck der Glossierung bestand im Wesent-
lichen darin, den Aristoteles-Text durch Eintragung abweichender Lesarten zu verbes-
sern, ihn zu gliedern und durch knappe Hinweise auf den Inhalt zu bequemerer Benut-
zung zu erschließen. Nur gelegentlich führt die eine oder andere Glosse etwas über den
Aristoteles-Text hinaus, indem etwa auf eine Parallele zu einem anderen Werk des Ari-
stoteles oder auf eine Äußerung Avicennas hingewiesen wird oder eine Textstelle mit
„Vult dicere, quod …“ kurz erklärt wird oder etwa (fol. 80vb) zum Aristoteles-Text
„facies ab ipso actu nominata, ut videtur“ vermerkt wird: „Homo habet faciem nomi-
natam a suo actu, scilicet ab agere; unde dicitur a ‚fanes‘, idem quod ‚apparicio‘“;
vgl. fol. 82va oben über die unterschiedliche Position des Herzens bei Mensch und Tier:
„In homine declinat parum ad sinistrum, et intellectus accipit istos situs pro eodem,
cum non sint multum distantes.“ Solche Glossen mit inhaltlichem Eigengut sind zu De
partibus animalium häufiger als zur Historia; in diesem Teil findet man auch gelegent-
lich eine kritische Bemerkung zum kommentierten Text wie „Non bene videtur dicere,
quod …“, so etwa fol. 82rb. Keine der inhaltlich über Aristoteles hinausführenden Glos-
sen ist jedoch anthropologisch relevant.
93 Montpellier, Bibliothèque Interuniversitaire—Section de Médecine, H 44,

fol. 36ra–130ra, hier: fol. 70rb–80va; 84va–97ra; beschrieben von Beullens/ Bossier, Préface,
XXIII–XXV. Diese Handschrift italienischen Ursprungs bietet fol. 36ra–80va den Text
von De historia animalium nach der Moerbeke-Übersetzung, anschließend 80va–83ra De
progressu animalium, 83ra–84va De motu animalium, 84va–99va De partibus animalium, 99va–
130ra De generatione animalium. Der Codex ist von Anfang an mit zahlreichen Marginal-
und Interlinearglossen von verschiedenen Händen versehen, die teils auf den Inhalt
der jeweiligen Passagen hinweisen, teils einzelne Begriffe oder Aussagen umschreiben
oder auch Varianten aus anderen Handschriften oder Formulierungen aus der Scotus-
Übersetzung bieten. Dass in Neapel glossiert wurde, ist u. a. aus einer teilweise abge-
schnittenen Marginalglosse fol. 74ra „… aves, quas Neapoli vocamus murgones“ zu
ersehen.
94 Beispielsweise die von Beullens/Bossier ebd., XXIV angeführten Glossen aus dem

Codex von Montpellier oder Glossen mit vorangestelltem „vel“ bzw. „alias“ in der
Handschrift der Bibliothèque Mazarine.
95 Beispielsweise in den Glose marginales super de animalibus (Paris, Bibliothèque

Nationale, Lat. 10226) mit Formulierungen wie „Hic comparat partes animalium per
differenciam …, Hic ponit diversitatem penes …, In hoc capitulo determinat diversita-
tem membrorum …, Hic dicit …, Hic recapitulat breviter …, Hic prosequitur distinc-
tionem …, Hic descendit ad …, De diversitate motus …“ usw., oder auch beginnend
mit „Nota, quod ….“
36 kapitel i

Da letztere in der Regel reine Wiederholungen oder Zusammenfas-


sungen des Inhalts der betreffenden Textpassagen sind, bieten sie über
den Aristoteles-Text hinaus inhaltlich nichts Eigenes, abgesehen ledig-
lich davon, dass der Glossator durch seine Notizen zu erkennen gibt,
welche Überlegungen ihm jeweils besonders beachtenswert erschienen
sind. Das sind etwa beim Glossator der Mazarine-Handschrift Aussa-
gen zur spezifischen Besonderheit des Menschen im Unterschied zur
Tierwelt. Der Montepessulanus bietet zwar darüber hinaus in man-
chen Bereichen96 eine echte Kommentierung in Gestalt von ausführli-
cheren Marginalglossen, die den Grundtext teils paraphrasieren, teils
aber auch erörtern (gelegentlich sogar in Quaestionenform); da indes
diese Handschrift ins vierzehnte Jahrhundert gehört,97 ist nicht davon
auszugehen, dass die Glossen in unserem Untersuchungszeitraum ent-
standen sind.
Von den sonstigen von Van den Abeele angeführten Kommentarfor-
men98 werden ebenso wie die Tabulae und Florilegien auch die Com-
pendia/Abbreviationes für unsere Untersuchung nicht herangezogen,
da auch sie allenfalls nur darüber Aufschluss geben, welche Aussagen
aus De animalibus den zeitgenössischen Autoren für eine weitere Ver-
breitung interessant erschienen sind.99
Zumindest hinzuweisen ist schließlich noch auf diejenigen Kommen-
tarwerke zu De animalibus, um die wir aus Selbstzitaten der Magister
oder aus mittelalterlichen Bibliothekskatalogen wissen, die aber nicht
erhalten sind bzw. bisher nicht identifiziert werden konnten. Auch
wenn sie als Quellen nicht mehr zur Verfügung stehen, vervollständigen
sie unser Bild von der Kommentierung dieser aristotelischen Schriften
im Untersuchungszeitraum. Es handelt sich um Questiones super XVIII
libros de animalibus des Roger Bacon,100 einen Kommentar des Caesarius
ex Vado Tuscanensi (zweite Hälfte des 13. Jh.)101 und einen des 1270 ver-

96 Im Schlussteil der Historia animalium, Buch VIII–X (fol. 70rb–80va) und dann

wiederum ab fol. 84va in De partibus animalium (insbesondere am Anfang).


97 Laut Beullens/Bossier, Préface, XIX.
98 Van den Abeele, Le ‚De animalibus‘, 297 ff.
99 Vgl. Köhler, Grundlagen, 236 ff.
100 Charles H. Lohr, Medieval Latin Aristotle Commentaries. Authors: Robertus–

Wilgelmus, in: Traditio 29 (1973) 93–144, hier: 120; den Hinweis wiederholen von Van
den Abeele, Le ‚De animalibus‘, 300; Cova, Il Corpus, 282; 285; ders., Le questioni,
181.
101 Charles H. Lohr, Medieval Latin Aristotle Commentaries. Supplementary Aut-

hors, in: Traditio 30 (1974) 119–144, hier: 130; den Hinweis wiederholt Van den Abeele,
Le ‚De animalibus‘, 302.
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 37

storbenen Dominikaners Bartholomaeus de Bregantiis,102 Questiones super


librum de animalibus des Boethius von Dacien († 1284),103 einen Liber de
generatione animalium des Petrus de Alvernia104 und möglicherweise ein In
Aristotilem de animalibus des Simon von Faversham.105 Besonders bedauer-
lich ist, dass die vermutlich sehr aufschlussreichen Questiones des Roger
Bacon, die er in den vierziger Jahren verfasst hat, verschollen sind.
Prinzipiell heranzuziehen waren die bis jetzt bekannt gewordenen
thematisch mit den Büchern über die Sinnenwesen zusammenhängen-
den Kommentare zu den aristotelischen Schriften über die Bewegung
der Sinnenwesen, De motu animalium106 und De progressu animalium (De
incessu animalium).107 Die Kommentierung dieser Werke aus dem Cor-
pus Aristotelicum setzte in gewissem Umfang ein, nachdem sie bald
nach 1260 durch die Übersetzung Wilhelms von Moerbeke der lateini-
schen Gelehrtenwelt zugänglich geworden waren.108 Schon früher hatte
Albert der Große in Italien eine uns nicht erhaltene Übersetzung von
De motu entdeckt und dieses Werk in seinem Liber de principiis motus pro-

102 Lohr, Medieval Latin Aristotle Commentaries (1967), 374.


103 Boethius von Dacien, Modi significandi sive Quaestiones super Priscianum Maio-
rem q. 16, ed. Jan Pinborg u. a., Boethii Daci opera, IV/1 (Corpus Philosophorum
Danicorum Medii Aevi 4), Kopenhagen 1969, 62 l. 44 f. Vgl. Silvia Nagel, Testi con
due redazioni attribuite ad un medesimo autore: il caso del De animalibus di Pietro
Ispano, in: Aristotle’s Animals in the Middle Ages and Renaissance, ed. Carlos Steel
u. a. (Mediaevalia Lovaniensia [Series I: Studia] 27), Leuven 1999, 212–237, hier: 230;
Van den Abeele, Le ‚De animalibus‘, 300; Cova, Il Corpus, 286; ders, Le questioni, 185.
104 Petrus de Alvernia, Sententia super de motibus animalium [recensio communis]

(Admont, Stiftsbibliothek, 367, fol. 79vb): „consideracionem fecimus in libro de gene-
racione animalium … sic determinatum est de motu (motum cod.) in libro de genera-
cione animalium.“
105 Lohr, Medieval Latin Aristotle Commentaries (1973), 146 (Nr. 19). Den Hinweis

wiederholt Cova, Le questioni, 185; ders., Il Corpus, 282; Carmelo Ottaviano, Le opere
di Simone di Faversham e la sua posizione nel problema degli universali, in: Arch. Filos.
1 (1931) 15–29, hier: 18.
106 Pieter De Leemans, Medieval Latin Commentaries on Aristotle’s De motu anima-

lium. A Contribution to the Corpus commentariorum medii aevi in Aristotelem latinorum, in:
Rech. Théol. Philos. méd. 67 (2000) 272–360 bietet verdienstvollerweise ein Inventar
der Kommentare, in dem er sie zusammen- und vorstellt, und erörtert die Entstehung
und Verbreitung der Übersetzungen von De motu. Siehe auch dens., The Discovery and
Use of Aristotle’s „De Motu Animalium“ by Albert the Great, in: Geistesleben im 13.
Jh., ed. Jan A. Aertsen/Andreas Speer (Miscellanea Mediaevalia 27), Berlin–New York
2000, 170–188, hier: 170 ff.
107 Ders., The Vicissitudes of a Zoological Treatise. Aristotle’s De incessu animalium in

the Middle Ages and Renaissance, in: Tradition et traductions. Les textes philosophi-
ques et scientifiques grecs au Moyen Âge latin. Hommage à Fernand Bossier, ed. Rita
Beyers u. a. (Ancient and Medieval Philosophy [Series 1] 25), Leuven 1999, 199–218.
108 Ders., Medieval Latin Commentaries, 274 ff.; ders., The Vicissitudes, 202.
38 kapitel i

cessivi kommentiert.109 Trotz einer relativ großen Zahl von Handschrif-


ten der Moerbeke-Übersetzung sind die beiden aristotelischen Schrif-
ten innerhalb unseres Untersuchungszeitraums nicht allzu oft kommen-
tiert worden—jedenfalls in der Form per modum quaestionis oder per modum
commenti—, wobei das Interesse der Magister eindeutig mehr De motu
als De progressu galt. De Leemans vermutet wohl zu Recht, dass dies
auf die unterschiedliche Ausrichtung der beiden Schriften zurückzu-
führen ist. In De motu stehen allgemeinere Fragen zumal der Bewe-
gungsursachen im Vordergrund, die sichtlich die Aufmerksamkeit der
Kommentatoren auf sich zogen, während in De progressu stärker spezi-
fisch biologische Aspekte tierlicher Bewegung erörtert werden.110 Was
die wissenschaftssystematische Einordnung von De motu und De progressu
betrifft, herrschte unter den Magistern offenbar eine gewisse Unsicher-
heit, ob diese Schriften eher den Büchern De animalibus111 oder den
parvi libri naturales zuzuordnen seien.112 An eigentlichen Kommentaren
zu De progressu ist aus dem Untersuchungszeitraum bislang lediglich
eine dem Aegidius von Orléans zugeschriebene Expositio libri de pro-
gressu animalium bekannt, wobei diese Zuschreibung allerdings als zwei-
felhaft gilt.113 Von den Kommentaren zu De motu war die in mehreren
Rezensionen überlieferte Sententia super de motibus animalium des Petrus de
Alvernia (ca. 1272/1284) offenkundig der einflussreichste.114 Neuerdings

109 Ders., The Discovery.


110 Ders., Medieval Latin Commentaries, 278; ders., The Vicissitudes, 199 f.; ders.,
The Discovery, 170 f. Zur Interpretation von De motu Martha C. Nussbaum, Aristotle’s
De Motu Animalium, Princeton–New Jersey 1985, 57–269.
111 Vgl. hierzu Bernhard Geyer, Prolegomena zu Albert d. Gr., De princ. motus proc.

(Ed. Colon. XII, S. XXIII) über die Verfahrensweise Alberts.


112 De Leemans, Medieval Latin Commentaries, 275; 277; ders., The Vicissitudes,

206 f.
113 Expositio libri de progressu animalium (Bologna, Reale Collegio di Spagna, 159

[C.VI.1; XXX.11], fol. 163ra–171va). Hierzu De Leemans, Medieval Latin Commenta-


ries, 278; ders., The Vicissitudes, 210; Cova, Il Corpus, 284; ders., Le questioni, 185
Anm. 43. Dieser Kommentar enthält keine Quaestionen und scheint kein Ziel zu ver-
folgen, das über das Verständlichmachen des kommentierten Textes hinausreicht. Der
Verfasser ist im Explicit als Bischof von Orléans bezeichnet, doch nicht namentlich
genannt. Die Abschrift macht einen sorgfältigen Eindruck, mag aber auf einer bereits
fehlerhaften Vorlage basieren, weswegen mit größeren Schäden im Text durchaus zu
rechnen ist. Andrerseits ist aber der Gesamteindruck der, dass ein erheblicher Teil der
sprachlichen Unzulänglichkeiten auf den Autor selbst zurückzuführen sein dürfte; die-
ser baut nämlich gern lange Perioden und verwirrt sich dann in seinem verschachtelten
Satzbau, da er die Übersicht über seine Konstruktionen offensichtlich nicht behält.
Dieser Umstand mag für die Verfasserfrage bedeutsam sein.
114 Zu den verschiedenen Rezensionen und ihren Textzeugen—darunter alten Druk-

ken—siehe De Leemans, Medieval Latin Commentaries, 298–313. Aus seinen Bezeich-


der gegenstand, seine behandlung in der forschung 39

werden auch die Questiones super de motibus animalium von De Leemans


als authentisches Werk des Petrus eingestuft;115 dann sind sie ebenfalls
ca. 1272/1284, als Petrus an der Pariser Artistenfakultät lehrte, zu datie-
ren. Von diesen Kommentaren des Petrus und dem oben erwähnten
Liber de principiis motus processivi 116 Alberts sowie dessen De motibus ani-
malium117 abgesehen, erweisen sich die bislang bekannt gewordenen De
motu-Kommentare per modum commenti oder per modum quaestionis als für
unsere Fragestellung eher unergiebig. Das gilt für die Questiones super
libro de motibus animalium des Petrus de Flandria,118 die Questiones super
librum de motu animalium des Simon von Faversham119 sowie die anony-
men Questiones super de motu animalium in einem Codex der Biblioteca
Angelica.120
An zweiter Stelle dem Gewicht für unser Thema nach, an ers-
ter nach der Gesamtzahl der im Untersuchungszeitraum entstande-
nen Werke steht die Kommentierung von De anima, die sich auf den
bereits bekannten großen Kommentar des Averroes121 und auf Avi-

nungen „recensio altera“, „recensio tertia“ ist nicht zu schließen, es gebe eine gesicherte
chronologische Reihenfolge. Uns standen zur Verfügung: Admont, Stiftsbibliothek, 367,
fol. 79va–86ra und Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 846,
fol. 32va–40vb (beide recensio communis); Wien, Österreichische Nationalbibliothek,
2330, fol. 12va–19rb (recensio tertia); München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 317,
fol. 199rb–208vb (recensio altera). Die Münchner Handschrift ist mit oft absurden und
sinnstörenden Schreibfehlern übersät, von denen wir manche stillschweigend berichtigt
haben; hierzu gehört insbesondere der Umgang des Kopisten mit Kürzungen.
115 Oxford, Merton College, 275, fol. 220ra–232vb und 233va–vb; Roma, Biblioteca

Angelica, 549, fol. 115va–122rb. Zur Verfasserfrage siehe Pieter De Leemans, Peter of
Auvergne on Aristotle’s De motu animalium and the MS Oxford, Merton College 275, in:
Arch. Hist. doctr. litt. M.A. 71 (2004) 129–202, hier: 180–182 sowie künftig sein Referat
vom August 2002 beim Internationalen Kongress für mittelalterliche Philosophie in
Porto: Peter of Auvergne on the Question „Utrum intellectus sit movens animalia.“
Vgl. dens., Medieval Latin Commentaries, 322–330 (mit Quaestionenverzeichnis).
116 Ed. Bernhard Geyer (Ed. Colon. XII, S. XXIII–XXXI, 47–76).
117 Ed. Auguste Borgnet, Paris 1890 (Ed. Paris. IX, 257–303).
118 Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2170, fol. 132ra–134rb.

Zum Kommentar und seinem Verfasser De Leemans, Medieval Latin Commentaries,


330–332.
119 Oxford, Merton College, 292, fol. 393va–396vb. Zu diesem Kommentar und einem

weiteren Textzeugen De Leemans, Medieval Latin Commentaries, 332–334, der ein


(nicht fehlerfreies) Quaestionenverzeichnis bietet; vgl. Cova, Le questioni, 185. Das
Werk ist anonym überliefert, die Verfasserschaft Simons indirekt erschlossen.
120 Roma, Biblioteca Angelica, 549, fol. 112rb–115rb. Zu diesem Kommentar De Lee-

mans, Medieval Latin Commentaries, 338 f. und 282 (mit einem Quaestionenverzeich-
nis).
121 Averrois Cordubensis commentarium magnum in Aristotelis de anima libros, rec.

Frederick St. Crawford (Corpus commentariorum Averrois in Aristotelem. Versionum


40 kapitel i

cennas Liber de anima122 stützen konnte. Die alte Übersetzung dieses


Werks des Aristoteles, die Jakob von Venedig spätestens um die Mitte
des 12. Jh. angefertigt hatte, lag den Magistern schon zu Beginn des
Untersuchungszeitraums vor,123 eine jüngere hat Wilhelm von Moer-
beke anscheinend 1266/67 fertiggestellt und Thomas von Aquin als ers-
ter kommentiert.124 Hinzu kommt die arabisch-lateinische Übersetzung
des Michael Scotus, die in seine Übersetzung des Großen Kommentars
des Averroes integriert ist und seit den zwanziger Jahren in Paris zur
Verfügung stand.125 Zu den Kommentaren liegen spezielle Übersich-
ten vor.126 Unter den gedruckten Kommentaren namentlich bekannter
Autoren haben diejenigen Alberts des Großen, De anima (1254/1257),127
und des Thomas von Aquin, Sentencia libri de anima (1267/1268)128 natür-

Latinarum, VI/1), Cambridge (Mass.) 1953. Die lateinische Übersetzung stammt von
Michael Scotus.
122 Avicenna Latinus. Liber de anima seu sextus de naturalibus, ed. Simone Van Riet,

I–II, Louvain–Leiden 1968–1972. Siehe dazu Hasse, Avicenna’s De anima.


123 Die Bücher II und III sind ediert von Kevin White in: Bernardo Carlos Bazán,

Anonymi, magistri artium (c. 1246–1247) sententia super II et III de anima (Philosophes
médiévaux 37), Louvain-la-Neuve u. a. 1998; den gesamten Text hat Manuel Alonso,
Pedro Hispano: Obras filosóficas, III (Instituto de Filosofía „Luis Vives.“ Serie A Núm.
4), Madrid 1952, 89–395 abschnittweise nach sechs Handschriften herausgegeben. Eine
Neuausgabe wird für den „Aristoteles latinus“ (XII/1) vorbereitet.
124 Gauthier, Préface (Ed. Leon. XLV/1, 129*, 235*, 283*). Gauthier hat dort diese

Übersetzung des Aristoteles-Textes kritisch ediert, wobei er im kritischen Apparat


abweichende Formulierungen der alten Übersetzung angeführt hat.
125 Herausgegeben von Crawford (siehe oben S. 39 Anm. 121).
126 Alfons J. Smet, Initia commentariorum, quaestionum et tractatuum Latinorum

in Aristotelis libros de anima saeculis XIII, XIV, XV editorum, Leuven 1963; Anne
Thirry, A propos de certains commentaires médiévaux du „De anima“ d’Aristote.
Résultats de quelques recherches, in: Bull. Philos. méd. 8–9 (1966–1967) 63–87; neu-
erdings auch die fortlaufend aktualisierte Datenbank des Archivum scholasticum Ratis-
ponense (Suchbegriff „De anima“).
127 Albert d. Gr., De anima, ed. Clemens Stroick, Münster 1968 (Ed. Colon. VII/1).

Zur Datierung siehe James A. Weisheipl, Albert’s Works on Natural Science (libri
naturales) in Probable Chronological Order, in: Albertus Magnus and the Sciences:
Commemorative Essays 1980, ed. ders. (Studies and Texts 49), Toronto 1980, 565–577,
hier: 568; eine Chronologie der Werke Alberts nach gegenwärtigem Erkenntnisstand
hat Henryk Anzulewicz, De forma resultante in speculo. Die theologische Relevanz des
Bildbegriffs und des Spiegelbildmodells in den Frühwerken des Albertus Magnus. Eine
textkritische und begriffsgeschichtliche Untersuchung, Teil I (BGPhThMA, N.F. 53/1)
Münster 1999, 12–17 zusammengestellt; zum Kommentar insgesamt äußert sich Bazán,
13th Century Commentaries, 169–174.
128 Thomas von Aquin, Sentencia libri de anima, ed. Fratres Praedicatores (René-

Antoine Gauthier), Roma–Paris 1984 (Ed. Leon. XLV/1); zur Datierung siehe die
Ausführungen von René-Antoine Gauthier, Préface, in: ebd., 283*–287*. Siehe auch
Bazán, 13th Century Commentaries, 175 ff.; Vernier, La Sentencia libri de anima.
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 41

lich die gründlichsten Editionsbemühungen erfahren und sind am bes-


ten untersucht. Ebenfalls kritisch ediert sind die Quaestiones super secun-
dum et tertium de anima des Johannes Duns Scotus (frühe 1290er Jahre),
deren früher bezweifelte Echtheit neuerdings als feststehend gilt,129 die
um 1240, jedenfalls vor 1245 entstandene Sententia cum questionibus in
libros de anima eines Magisters Petrus Hispanus, dessen Identität kon-
trovers ist,130 die Scientia libri de anima des Petrus Hispanus Portugalensis
(vor 1240?),131 die Quaestiones in tertium de anima Sigers von Brabant (um
1265)132 und die vermutlich 1270/1275 verfassten Quaestiones in Aristotelis
libros I et II de anima, die Boethius von Dacien zugeschrieben werden.133

129 Johannes Duns Scotus, Quaestiones super secundum et tertium De anima, ed.

Carlos Bazán u.a (B. Ioannis Duns Scoti Opera philosophica, V, ed. Timothy B.
Noone), Washington (D.C.)—St. Bonaventure (N.Y.) 2006. Zur Echtheit, Natur und
zeitlichen Einordnung des Werkes, das nicht eigentlich einen Kommentar zu De anima
darstellt, siehe Carlos Bazán u. a., Introcuction, in: ebd., 121*–143*. Ludger Honnefel-
der s. v. Duns Scotus, in: Lexikon für Theologie und Kirche, III, Freiburg u. a. 31995,
403–406, hier: 405 führt dieses Werk unter den echten Schriften des Duns Scotus an,
ebenso Weijers, Le travail, Fasc. 5, 71; Lohr, Medieval Latin Aristotle Commentaries.
Authors: Jacobus–Johannes Juff, in: Traditio 26 (1970) 135–216, hier: 193 f. und Richard
Sharpe, A Handlist of the Latin Writers of Great Britain and Ireland before 1540
(Publications of the Journal of Medieval Latin 1), Turnhout 1997, 239 hatten es noch
unter die zweifelhaften Schriften eingereiht.
130 Petrus Hispanus, Sententia cum questionibus in libros de anima, ed. Manuel

Alonso, Pedro Hispano: Obras filosóficas, II: Comentario al „De anima“ de Aristóteles
(Instituto de Filosofía „Luis Vives.“ Serie A núm. 3), Madrid 1944. Zu diesem Kom-
mentar und seiner Zuschreibung siehe Bazán, 13th Century Commentaries, 126–132;
Gauthier, Préface (Ed. Leon. XLV/1, 239*); José F. Meirinhos, Métodos e ordem das
ciências no Comentário sobre o De anima atribuído a Pedro Hispano, in: Veritas 43
(1998) 593–621, hier: 599 f. und dens., Petrus Hispanus Portugalensis? Elementos para
uma diferenciação de autores, in: Rev. esp. Filos. med. 3 (1996) 51–76, hier: 67 und 75;
José M. da Cruz Pontes, Les „Quaestiones libri de anima“ de Petrus Hispanus Portuga-
lensis d’après le codex 726 de la Biblioteka Uniwersytetu Jagiellońskiego de Kraków et
le codex Lat. Z. 253 de la Biblioteca Nazionale Marciana de Venezia, in: Med. philos.
Polon. 19 (1974) 127–139 und dens., Un nouveau manuscrit des „Quaestiones libri de
anima“ de Petrus Hispanus Portugalensis, in: Rech. Théol. anc. méd. 43 (1976) 167–
201.
131 Petrus Hispanus Portugalensis, Scientia libri de anima, ed. Manuel Alonso, Pedro

Hispano: Obras filosóficas, I (Libros „Pensamiento.“ Serie: Colaboración 4), Barce-


lona 21961. Siehe dazu Meirinhos, Petrus Hispanus, 69. Nach Bazán, 13th Century
Commentaries, 120 Anm. 2 ist dieses Werk nicht als Kommentar im strengen Sinn
(Aristoteles-Erklärung im Unterricht) einzuordnen.
132 Siger von Brabant, Quaestiones in tertium de anima, ed. Bernardo Bazán, Siger

de Brabant: Quaestiones in tertium De anima, De anima intellectiva, De aeternitate


mundi (Philosophes médiévaux 13), Louvain–Paris 1972, 1–69. Zu dieser Schrift siehe
Bazán, 13th Century Commentaries, 158–167.
133 Boethius von Dacien (?), Quaestiones in Aristotelis libros I et II de anima, ed.

Maurice Giele (†), Un commentaire averroïste sur les livres I et II du traité de l’âme,
42 kapitel i

Erst neuerdings liegen auch die in der ersten Hälfte der sechziger Jahre
entstandenen Questiones in de anima Galfrids von Aspall in einer kriti-
schen Editio princeps vor.134 Nur teilweise herausgegeben sind die wohl
um die Jahrhundertmitte zu datierende Sentencia super librum de anima
Adams von Bocfeld,135 die Questiones super librum de anima des Johannes
von Tytyngsale (1284/1289),136 die Questiones in tres libros de anima des
Radulfus Brito (um 1300),137 die Questiones in tres libros de anima Simons

in: Trois commentaires anonymes sur le traité de l’âme d’Aristote, ed. Maurice Giele
(†) u. a. (Philosophes médiévaux 11), Louvain–Paris 1971, 11–120. Zu einer möglichen
Autorschaft von Boethius siehe Richard C. Dales, The Problem of the Rational Soul
in the Thirteenth Century (Brill’s Studies in Intellectual History 65), Leiden u. a. 1995,
154–159.
134 Galfrid von Aspall, Questiones in De anima, ed. Vlatka Čizmić, Diss. (ungedr.)

München 2005; zur Datierung ebd., XVII f., zum Autor V–VII. Das nur in einem
Textzeugen überlieferte Werk ist als Fragment erhalten; der größte Teil der Kommen-
tierung des dritten Buches von De anima fehlt.
135 Adam von Bocfeld, Sentencia super librum de anima, ed. Helen Powell, The

Life and Writings of Adam of Buckfield with Special Reference to his Commentary
on the De Anima of Aristotle, Diss. (masch.) Oxford 1964, 5–232. Während S. Har-
rison Thomson, A note on the works of magister Adam de Bocfeld (Bochermefort),
in: Medievalia et Humanistica 2 (1944) 55–87, hier: 69–71; 84 f. noch in Betracht zog,
dass unterschiedliche Fassungen des Kommentars möglicherweise die Entwicklung von
Adams Lehre widerspiegeln, nehmen die Herausgeberin Powell (48*ff.) und Gauthier,
Préface (Ed. Leon. XLV/1, 247*f.) an, dass wir es mit einer einzigen Autorfassung zu
tun haben und die Divergenzen der Handschriftenfamilien nicht auf eine Neubearbei-
tung seitens des Autors zurückzuführen, sondern jüngeren Ursprungs und die späte-
ren Fassungen somit unecht sind. Diese Auffassung hat sich durchgesetzt; vgl. Com-
pendium Auctorum Latinorum Medii Aevi, I, 20 f. (mit weiterer Literatur) und Wei-
jers, Le travail, Fasc. 1 (Studia Artistarum 1), Turnhout 1994, 25, die die Fassungen II
und III als „inauthentique“ bezeichnet.—Die Edition von Powell weist eine Lücke auf
(Powell ebd., 176: „For reasons of space the section dealing with the five senses, to
which no particular interest attaches, … is omitted“). Für diesen bei Powell fehlenden
Abschnitt haben wir die Handschrift Oxford, Merton College, 272, fol. 1ra–15va, hier:
11va ff. herangezogen.
136 Johannes von Tytyngsale, Questiones super librum de anima (Oxford, Balliol Col-

lege, 311, fol. 148rb–181vb). Das dritte Buch ist ediert von Manuel Oyarzabal Aguina-
galde, Las cuestiones al libro tercero De anima de John de Tytyngsale, in: Arch. Hist.
doctr. litt. M.A. 57 [65] (1990), 177–269; zur Datierung ebd., 180. Das Initium ist mit
demjenigen des von Aegidius Romanus stammenden Kommentars zu De anima iden-
tisch, und zu Beginn des Werks besteht erhebliche Übereinstimmung mit diesem. Es ist
gut möglich, dass das Werk des Johannes von Tytyngsale im Wesentlichen eine Kompi-
lation ist.
137 Radulfus Brito, Questiones in tres libros de anima (Firenze, Biblioteca Nazio-

nale Centrale, Conv. Soppr. E.1.252, fol. 161ra–205vb [= F]; gelegentlich zum Ver-
gleich bzw. zur Ergänzung fehlender Textstücke herangezogen: Paris, Bibliothèque
Nationale, Lat. 12971, fol. 1ra–39vb [= P]; Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica
Vaticana, Pal. lat. 1059, fol. 9ra–35vb [= V]). Ediert sind nur das dritte Buch (Win-
fried Fauser, Der Kommentar des Radulphus Brito zu Buch III De anima. Radulphi
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 43

von Faversham († 1306)138 und ein neuerdings—allerdings mit unzurei-


chenden Argumenten—dem Richardus Rufus zugeschriebener Kom-
mentar (vor Mitte 13. Jh.),139 für die wir daher teilweise auf die hand-
schriftliche Überlieferung zurückgreifen mussten. Seit der Humanisten-
zeit nicht mehr neu ediert wurden die früher Alexander von Hales
zugeschriebene, jedoch Alexander Bonini von Alessandria gehörende
Expositio libri de anima cum questionibus et notabilibus (um die Jahrhundert-

Britonis Quaestiones in Aristotelis librum tertium de anima [BGPhThMA, N.F. 12],


Münster 1974, 89–313) und einzelne herausgegriffene Quaestionen: Utrum univer-
sale fiat ab intellectu vel sit praeter operationem intellectus, ed. Jan Pinborg, Radul-
phus Brito on Universals, in: Cahiers de l’Institut du Moyen-Âge grec et latin 35
(1980) 56–142, hier: 124–129; Utrum sensus sit virtus passiva; Utrum praeter sensi-
bilia requiritur aliquis sensus agens …, ed. Adriaan Pattin, Pour l’histoire du sens
agent. La controverse entre Barthélemy de Bruges et Jean de Jandun, ses antécédents
et son évolution (Ancient and Medieval Philosophy [Series 1] 6), Leuven 1988, 19–
31.
138 Teiledition von D. Sharp, Simonis de Faversham (c. 1240–1306) Quaestiones super

tertium De Anima, in: Arch. Hist. doctr. litt. 9 (1934) 307–368; das Übrige ist von
uns transkribiert nach Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat.
10135, fol. 87ra–118ra. Handschriften und Literatur sind zusammengestellt von Lohr,
Commentaries (1973), 144 f. Zur Biographie Simons von Faversham siehe Lambert
M. de Rijk, On The Genuine Text of Peter of Spain’s Summule logicales II, in:
Vivarium 6 (1968) 69–101, hier: 72–74.
139 Bekannt sind drei Fassungen: erstens die Erfurter Fassung (Erfurt, Universitäts-

bibliothek, Dep. Erf., CA 4° 312, fol. 19rb–28vb; unvollständig, wie der Schluss erken-
nen lässt); zweitens die Florentiner Fassung (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale,
Conv. Soppr. G.4.853, fol. 193ra–222va), die wir früher als anonymes „Scriptum super
librum de anima“ bezeichnet haben (Köhler, Grundlagen, 339); drittens die edierte,
vom Herausgeber unter den Namen des Petrus Hispanus gestellte Expositio libri de
anima, ed. Manuel Alonso, Pedro Hispano: Obras filosóficas, III (Instituto de Filo-
sofía „Luis Vives.“ Serie A Núm. 4), Madrid 1952, 7–401.—Zur Verfasserfrage und
Datierung siehe Wood, Richard Rufus’s De anima Commentary; datiert ebd., 121 die
Erfurter Handschrift um 1240; vgl. ebd., 153; Bazán, 13th Century Commentaries,
132–136 (zur edierten Fassung); José M. da Cruz Pontes, Pedro Hispano Portugalense
e as controvérsias doutrinais do século XIII, Coimbra 1964, 74–76 (zur Florentiner
Fassung); ders., Questões pendentes acerca de Pedro Hispano Portugalense (Filósofo,
Médico e Papa João XXI), in: IX Centenário da Dedicação da Sé de Braga. Con-
gresso internacional. Actas, II/1: A Catedral de Braga na História e na Arte (Sécu-
los XII–XIX), Braga 1990, 101–124, hier: 123 (vermutet Oxford als Ursprungsort der
edierten Fassung); Jozef Brams, Le premier commentaire médiéval sur le „Traité de
l’âme“ d’Aristote?, in: Rech. Théol. Philos. méd 68 (2001) 213–227, der die Frage
der Zuschreibung der edierten Fassung offenlässt. Neuerdings hat Silvia Donati, The
Anonymous Commentary on the Physics in Erfurt, Cod. Amplon. Q. 312, and Richard
Rufus of Cornwall, in: Rech. Théol. Philos. méd. 72 (2005) 232–362, hier: 341–359
begründete Zweifel an der Zuschreibung dieses Kommentars an Richardus Rufus gel-
tend gemacht.
44 kapitel i

wende, nicht nach 1308)140 und die Expositio libri de anima (vor 1285/86)
des Aegidius Romanus.141 Im Druck zugänglich sind auch einige ano-
nyme Kommentare zu De anima, nämlich die um 1245/1250 anzuset-
zende Lectura in librum de anima,142 die im Codex Oxford, Merton Col-
lege 275 überlieferten, von Fernand Van Steenberghen edierten Quaes-
tiones in libros Aristotelis de anima (1273/1277),143 die wohl um 1260 zu
datierenden, von Joachim Vennebusch herausgegebenen Quaestiones in
tres libros de anima,144 die offenbar zwischen 1272 und 1275 entstandenen
„anti-averroistischen“ Quaestiones super Aristotelis librum de anima im Pari-

140 Ed. Oxford 1481. Zu dem um 1270 geborenen, 1314 verstorbenen Verfasser, einem

bedeutenden Franziskanertheologen und in seinem letzten Lebensjahr Ordensgene-


ral, siehe Heribert Rossmann s. v. Alexander Bonini, in: Lexikon des Mittelalters I,
München–Zürich 1980, 376 f. und die dort genannte Literatur sowie Palémon Glorieux,
Répertoire des maîtres en théologie de Paris au XIIIe siècle, II (Études de philosophie
médiévale 18), Paris 1933, 199–202 (Nr. 340); Lohr, Commentaries (1967), 353 f.; Wei-
jers, Le travail, Fasc. 1, 53 f. Die hier gewählte Überschrift ist an die Formulierung im
Widmungsbrief angelehnt. Sie ist adäquat, denn es handelt sich um einen primär text-
erklärenden Kommentar mit eingestreuten Quaestionen.
141 Aegidius Romanus, Expositio libri de anima, hier zitiert nach dem Druck Venedig

1500. Der von uns gewählte Titel ist aus dem Widmungsbrief gewonnen.—Der Kom-
mentar ist primär texterklärend, und Aegidius hält sich eng an den kommentierten
Text, den er paraphrasiert und erläutert; häufig klärt er mögliche Einwände („Dubi-
taret forte aliquis, …“, „Ulterius forte dubitaret aliquis, …“). Diese Klärung geschieht
oft nicht in voll ausgebildeter Quaestionenform, doch stoßen wir auch auf mehr oder
weniger ausgeformte Quaestionen. Zur Datierung Silvia Donati, Studi per una crono-
logia delle opere di Egidio Romano, I: Le opere prima del 1285. I commenti aristote-
lici, in: Doc. Studi Trad. filos. med. 1/1 (1990) 1–111, hier: 48–53; die Datierung 1273
bei John R. Eastman, Die Werke des Aegidius Romanus, in: Augustiniana 44 (1994)
209–231, hier: 214 ist hinfällig.
142 Anonymus, Lectura in librum de anima, ed. René-Antoine Gauthier, Anonymi,

magistri artium (c. 1245–1250) lectura in librum de anima a quodam discipulo reportata
(Ms. Roma Naz. V.E. 828) (Spicilegium Bonaventurianum 24), Grottaferrata 1985. Vgl.
Bazán, 13th Century Commentaries, 138–142.
143 Anonymus, Quaestiones in libros Aristotelis de anima, ed. Fernand Van Steen-

berghen, Un commentaire semi-averroïste du traité de l’âme, in: Trois commentaires


anonymes sur le traité de l’âme d’Aristote, ed. Maurice Giele (†) u. a. (Philosophes
médiévaux 11), Louvain–Paris 1971, 121–348.
144 Anonymus, Quaestiones in tres libros de anima, ed. Joachim Vennebusch, Ein

anonymer Aristoteleskommentar des XIIIs, Paderborn 1963. Gauthier, Préface (Ed.


Leon. XLV/1, 261*–263*) untersucht eine bearbeitete Fassung des Buch I betreffen-
den Teils dieses Werks (mit Prolog) in Oxford, Merton College, 275, fol. 85ra–98ra, die
Vennebusch nicht kannte. Siehe auch Jozef De Raedemaeker, Informations concer-
nant quelques commentaires du „De anima“, in: Bull. Philos. méd. 10–12 (1968–1970)
194–211, hier: 194; Bazán, 13th Century Commentaries, 144 Anm. 71; 150–158; Van
Steenberghen, Un commentaire, 123 f.
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 45

sinus BN Lat. 16170145 sowie die Sententia super II et III de anima (um
1246/47).146
Größer ist die Zahl der De anima-Kommentare, die wir nur anhand
von Handschriften konsultieren konnten. Es handelt sich um Werke
folgender Autoren: Adam von Whitby (ein uns nur aus seinen erhalte-
nen Aristoteleskommentaren bekannter Magister des 13. Jh., dessen
Quaestionen zu De anima mit solchen eines Magisters „R“ und weite-
ren, anonym überlieferten in einer Sammlung vereint sind),147 Bar-

145 Anonymus, Quaestiones super Aristotelis librum de anima, ed. Bernard Bazán,

Un commentaire anti-averroïste du traité de l’âme, in: Trois commentaires anonymes


sur le traité de l’âme d’Aristote, ed. Maurice Giele (†) u. a. (Philosophes médiévaux
11), Louvain–Paris 1971, 349–517. Dieser Kommentar stimmt weithin mit demjenigen
Jakobs von Douai überein, der wahrscheinlich auf denselben Quellen basiert; siehe
Bazán ebd., 385–387; vgl. Dales, The Problem, 150 ff.
146 Anonymus, Sententia super II et III de anima, ed. Bernardo C. Bazán, Anonymi,

magistri artium (c. 1246–1247) sententia super II et III de anima (Philosophes médié-
vaux 37), Louvain-la-Neuve u. a. 1998. Vgl. Bazán, 13th Century Commentaries, 136–
138.
147 Adam von Whitby et al., Questiones in secundum et tertium de anima (Praha,

Knihovna metropol. kapituly, M 80, fol. 42ra–78rb). Die Handschrift bietet Quaestionen
zu unterschiedlichen Werken des Aristoteles; siehe dazu Peter Raedts, Richard Rufus of
Cornwall and the Tradition of Oxford Theology, Oxford 1987, 97 f. Die Zuschreibung
an Adam stützt sich auf Marginalhinweise fol. 44v („Questio secundum magistrum
Adam de Wytheb.“) und 56r („Questio de odore secundum magistrum Adam“), welche
sich jedoch ausdrücklich nur auf die betreffenden Quaestionen, also gerade nicht auf
den Kommentar in seiner Gesamtheit beziehen. Hieraus ist zu folgern, dass es sich
um eine heterogene Sammlung, eine Kompilation handelt. In diesem Sinne äußert sich
mit vollem Recht Gauthier, Préface (Ed. Leon. XLV/1, 267* Anm. 1): „les lemmes …
semblent l’oeuvre non des auteurs des questions, mais du compilateur qui a composé ce
recueil artificiel de questions attribuées les unes à maître Adam de Wytheby, les autres à
un maître L. inconnu.“ In der Tat werden einzelne Quaestionen in Marginalvermerken
ausdrücklich einem Magister „R“ (nicht, wie Gauthier unrichtig liest, L.) zugeschrieben
(so etwa fol. 45v und 52v), gehören somit nicht Adam; bei anderen fehlt jegliche
Zuschreibung. Das erste Werk in dieser Handschrift beginnt fol. 1ra mit den Worten
„Liceat nobis parumper disserere de quadam proposicione, quam dicit Aristotiles in
veteri philosophia. Dicit enim, quod omnes homines natura scire desiderant …“,
und dies ist das Initium des von Richardus Rufus verfassten, früher Walter Burley
zugeschriebenen Metaphysik-Kommentars. Daher ist in Betracht zu ziehen, dass der
mysteriöse Magister R. vielleicht mit Richardus zu identifizieren ist. Übrigens lässt
Gauthier das Werk schon fol. 69ra enden, nicht erst fol. 78rb. Der Grund hierfür dürfte
darin liegen, dass dort eine Zäsur besteht, weil ab fol. 69rb wiederum das zweite
Buch von De anima zum Gegenstand der Betrachtung wird, nachdem zuvor schon
das dritte behandelt worden war (auf fol. 74ra setzt dann erneut Kommentierung des
dritten Buches ein). Somit mag es sich um einen angefügten Teil eines anderen Werks
handeln, wahrscheinlich um einen Nachtrag des Kompilators zu seiner Sammlung. Zu
beachten ist, dass in dem fol. 69rb beginnenden Teil oder Nachtrag keine Hinweise auf
die Autoren Adam und Magister R. oder sonstige Verfasser zu finden sind.
46 kapitel i

tholomeus von Bottisham (der gegen Ende des 13. Jh. in Cambridge
wirkte),148 Heinrich von Wile (de la Wyle; im späten 13. Jh. an der
Oxforder Artistenfakultät tätig, † 1329),149 Henricus de Alemannia (unsi-
chere Zuschreibung; Henricus gehörte um 1285/1310 der Pariser Artis-
tenfakultät an),150 Jakob von Douai (um 1272/1275),151 Jacobus Lombar-
dus (anscheinend spätes 13./frühes 14. Jh.),152 R. de Staningtona (wohl
um 1255),153 Simon (Verfasser von Dicta super librum de anima; es han-

148 Bartholomeus von Bottisham, Questiones in III libros de anima, von uns tran-

skribiert nach Cambridge, Peterhouse Library, 192 pt. 2, fol. 1ra–27rb. Über die ziem-
lich verwickelten Verhältnisse der handschriftlichen Überlieferung informiert Jozef De
Raedemaeker, Informations concernant quelques commentaires du „De anima“, in:
Bull. Philos. méd. 8/9 (1966–1967) 87–110, hier: 98–102 (mit Quaestionenverzeichnis).
Vgl. Compendium Auctorum Latinorum Medii Aevi, I, 697.
149 Questiones super tres libros de anima (Oxford, Magdalen College, 63, fol. 57ra–

94vb). Der hier gewählte Titel ergibt sich aus dem Explicit der Handschrift, wo auch
der Verfasser genannt ist. Eine Teiledition (zwei Quaestionen) besorgte Joseph P. Zenk,
Henry of Wile († 1329): A Witness to the Condemnations at Oxford, in: Francisc.
Stud. 28 (1968) 215–248, hier: 231–248; dort auch 215 ff. Einzelheiten zur Biographie
des Magisters. Die von uns verwendete Blattzählung ist die offenbar aktuelle; in der
Literatur wird auch auf eine andere, ältere Zählung Bezug genommen, nach der der
Text fol. 58r beginnt und fol. 95v endet.
150 Henricus de Alemannia (?), Questiones in Aristotilis de anima (Città del Vaticano,

Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2170, fol. 6va–25vb). Siehe Weijers, Le travail,
Fasc. 4, 43.
151 Questiones super libro de anima (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 14698, fol.

35ra–62ra); die Edition von Jozef De Raedemaeker, Een Commentaar op de De anima


van Jacobus de Duaco, Leuven 1962 war uns nicht zugänglich. Vgl. Köhler, Grundla-
gen, 340; Lohr, Commentaries (1970), 139 f.; Weijers, Le travail, Fasc. 4, 101. Zu Über-
einstimmungen mit einem anonymen „anti-averroistischen“ Kommentar siehe oben
Anm. 145.
152 Scripta supra librum de anima (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16125, fol. 5ra–

21ra). Zum Werk und zur Überlieferung siehe Gauthier, Préface (Ed. Leon. XLV/1,
10*f.). Der Name des Autors und der Titel gehen aus dem von Gauthier ebd., 11* zitier-
ten Explicit der Texthand (14. Jh.) von fol. 36va hervor: „Expliciunt scripta supra librum
de anima edita a magistro Iacobo Lombardo.“ Nach Gauthiers Angaben ist Jakob „par
ailleurs inconnu“ und ans Ende des 13. oder den Beginn des 14. Jh. zu setzen. Lohr,
Commentaries (1970), 143 betrachtet diese Zuschreibung als zweifelhaft. In der vorlie-
genden Fassung ist das Werk in der Tat insofern merkwürdig, als es ab fol. 21ra (2. Zeile)
nichts als den Kommentar des Thomas von Aquin enthält (bis zum Schluss fol. 36va),
während der erste Teil (fol. 5ra–21ra) offenbar von Jakob stammt, und die Anteile bei-
der in keiner Weise kenntlich gemacht sind, vielmehr nahtlos aufeinander folgen; das
Explicit erweckt den unzutreffenden Eindruck, dass der gesamte Text bis fol. 36v von
Jakob stamme. Dieser Umstand reicht jedoch nicht aus, die Zuschreibung des ersten
Teils an Jakob unglaubhaft zu machen. Vgl. Weijers, Le travail, Fasc. 4, 109 f.
153 R. de Staningtona, Liber de anima (Oxford, Bodleian Library, Digby 204,

fol. 121ra–125va; weitere Textzeugen nennt Sharpe, A Handlist, 442). Der moderne Titel
„Compilatio quaedam librorum naturalium“ bezieht sich auf die gesamte Gruppe von
fünf Kommentaren des R. zu verschiedenen Aristotelica, die mit dem hier interessie-
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 47

delt sich anscheinend um Simon von Faversham; wohl dessen Oxfor-


der Vorlesung von 1304),154 Thomas von Sutton (Oxforder Magister,
1315 noch lehrend; es bestehen allerdings Zweifel an der handschriftlich
bezeugten Zuschreibung der Expositio in librum de anima),155 Wilhelm von
Clifford († 1306),156 Wilhelm von Hedon (spätes 13. Jh.)157 und Wilhelm

renden Kommentar zu De anima endet. Zum Autor siehe Richard C. Dales, R. de Sta-
ningtona: An Unknown Writer of the Thirteenth Century, in: J. Hist. Philos. 4 (1966)
199–208 und dens., The Problem, 60; vgl. Callus, Introduction, 49.
154 Simon von Faversham, Dicta super librum de anima (Leipzig, Universitätsbi-

bliothek, 1359, fol. 44ra–77vb). Der Titel des Werks und die Autorschaft eines Magis-
ters namens Simon ergeben sich aus dem Explicit und aus einem—allerdings von
späterer Hand stammenden—Vermerk fol. 43(a)v: „Lectura magistri Symonis super
libro de anima, quo allegat Temistium, Albertum, Commentatorem, Egidium.“ Das
Werk enthält Quaestionen, bietet aber in erster Linie Erläuterungen. Lohr, Commen-
taries (1973), 139 f. trennt den Autor „Magister Simon“ von Simon von Faversham
(Begründung ebd., 140 „Note“), aber Martin Grabmann, Die Aristoteleskommentare
des Simon von Faversham († 1306), in: ders., Gesammelte Akademieabhandlungen, I,
771–808, hier: 794–799, der sich näher mit dem Text und seinen Quellen befasst hat,
und Palémon Glorieux, La faculté des arts et ses maîtres au XIIIe siècle (Études de phi-
losophie médiévale 59), Paris 1971, 358 zweifeln nicht an der Identität mit Simon von
Faversham; so auch Friedrich A. Wolf, Die Intellektslehre des Simon von Faversham
nach seinen De-anima-Kommentaren, Diss. Bonn 1966. Zu beachten ist hierbei ein
Hinweis auf Hunde in Schottland fol. 61vb: „Et inveniuntur multi tales in Scocia.“ Zur
Datierung (Jahreszahl 1304 im Explicit) siehe Grabmann, Die Aristoteleskommentare
des Simon von Faversham, 794; Lohr, Commentaries (1973), 139 datiert 1277/1304.
155 Thomas von Sutton, Expositio in librum de anima, von uns kollationiert nach

Cambridge, Jesus College, Q.G.25 (Nr. 72), fol. 14r–41v (= C) und Oxford, Bodleian Li-
brary, Digby 150, fol. 146ra–148vb (= O; Fragment, nur erstes Buch und Anfang des zwei-
ten). Es handelt sich um einen sehr knappen texterklärenden Kommentar ohne Quaes-
tionen; gelegentlich wird Argumentation in Quaestionenform dargeboten, doch ist das
nur Paraphrase von Überlegungen des Aristoteles. Lohr, Commentaries (1973), 187 hält
die Zuschreibung an Sutton trotz ihrer Bezeugung im Cambridger Codex für zweifel-
haft, und Glorieux, La faculté, 373–375, Sharpe, A Handlist, 682–684 sowie Thomas
Käppeli/Emilio Panella, Scriptores Ordinis Praedicatorum Medii Aevi, IV, Roma 1993,
392–400 führen diesen Kommentar unter den Werken des Thomas nicht an.
156 Wilhelm von Clifford, Commentum in de anima (Cambridge, Peterhouse Library,

157, fol. 105ra–131rb; die hier verwendete Foliation ist die mittelalterliche der Hand-
schrift, nicht die moderne, nach der Blatt 105 als 106 zu zählen wäre usw.). Der Kom-
mentar ist texterklärend, bietet aber in erster Linie zahlreiche Quaestionen. Vgl. Paola
Bernardini, Nota su alcune tematiche dei commenti al „de anima“ della Facoltà delle
Arti (ca. 1250–1260), in: Il commento filosofico nell’Occidente latino (secoli XIII–XV),
ed. Gianfranco Fioravanti u. a. (Rencontres de Philosophie Médiévale 10), Turnhout
2002, 311–325, hier: 316. Zur Verfasserschaft siehe Silvia Donati, Per lo studio dei com-
menti alla Fisica del XIII secolo. I: Commenti di probabile origine inglese degli anni
1250–1270 ca., in: Doc. Studi Trad. filos. med. 2 (1991) 361–441, hier: 421.
157 Wilhelm von Hedon, Tractatus de scientia que est de anima, überliefert in Cam-

bridge, Gonville and Caius College, 342/538, fol. 1ra–199rb (wohl Autograph, von uns
transkribiert) und Oxford, Corpus Christi College, 107, fol. 1ra–149ra. Der Name des
48 kapitel i

von Hennor († nach 1305).158 Hinzu kommen anonyme Kommentare:


der um 1250 verfasste wohl älteste erhaltene Quaestionenkommentar
zu De anima in Siena,159 die fälschlich Adam von Bocfeld zugeschriebe-
nen Notule super tres libros de anima (nach 1254; sog. „dritte Redaktion“
von Adams Kommentar)160 und die ebenfalls zu Unrecht unter seinen
Namen gestellte Sentencia super librum de anima (sog. „zweite Redaktion“;
um die Mitte des 13. Jh.),161 der vermutlich nach 1277 anzusetzende

Autors steht in einem Akrostichon auf fol. 116vb der Cambridger Handschrift; vgl. zur
Zuschreibung Sharpe, A Handlist, 773. Auffallend sind an diesem Quaestionenkom-
mentar—der allerdings über weite Strecken von der Quaestionenform abweicht—die
passagenweise häufigen und ausführlichen Berufungen auf Augustinus, oft mit Zitat
oder Paraphrase. Wilhelm neigt dazu, theologische Überlegungen einfließen zu lassen
und sie zur Ergänzung und Abstützung seiner philosophischen Argumentation einzu-
setzen. Er übt aber auch gelegentlich harte Kritik an Augustinus (so fol. 145vb und
146rb). Die Trennung zwischen philosophischer und theologischer Perspektive ist bei
Wilhelm weniger klar durchgeführt als bei anderen Magistern.
158 Questiones de anima (Cambridge, Gonville and Caius College, 512/543,

fol. 127ra–134vb). Der unvermittelt einsetzende Text ist offenbar fragmentarisch erhal-
ten (nur Buch III); Zuschreibung: fol. 127rb am oberen Rand „Hennore“, fol. 131r am
oberen Rand „Henneymore“; Lohr, Commentaries (1968), 200 und Sharpe, A Hand-
list, 774 halten die Autorschaft jedoch für zweifelhaft.
159 Anonymus, Questiones super librum de anima (Siena, Biblioteca Comunale,

L.III.21, fol. 134ra–177va). Zum Werk Mariella Gardinali, Da Avicenna ad Averroè:


Questiones super librum de anima, Oxford 1250 c. a. (ms. Siena Com. L.III.21), in: Riv.
Stor. Filos. 47 (1992) 375–407 (mit—mangelhafter—Teiledition); vgl. die ausführliche
Erörterung von Gauthier, Préface (Ed. Leon. XLV/1, 251*–256*). Siehe auch Bernar-
dini, Nota; dies., La scienza dell’anima (Teiledition); Bazán, 13th Century Commenta-
ries, 143.—Der Text bricht fol. 177va unvermittelt im Anfangsteil des dritten Buches ab,
was für den Leser indes gar nicht unmittelbar erkennbar ist, denn die Kommentierung
des dritten Buches wird anschließend (177va–191ra) fortgesetzt, wobei es sich aber um
einen anderen Kommentar handelt (hierzu Gauthier ebd., 266*f.).
160 Ps.-Adam von Bocfeld, Notule super tres libros de anima (Berlin, Staatsbibliothek

Preußischer Kulturbesitz, Lat. qu. 906, fol. 115r–173v). Zu diesem texterläuternden


Kommentar ohne Quaestionen sowie seinem Verhältnis zu Alberts Liber de anima und
zur Aristoteleskommentierung Adams von Bocfeld siehe Gauthier, Préface (Ed. Leon.
XLV/1, 249*–251*), der in dem Kommentator einen unerfahrenen Schüler Adams
sieht. Vgl. Weijers, Le travail, Fasc. 1, 25.
161 Ps.-Adam von Bocfeld, Sentencia super librum de anima (Oxford, Merton Col-

lege, 272, fol. 15va–22ra). Zu diesem texterläuternden Kommentar ohne Quaestionen


siehe Gauthier, Préface (Ed. Leon. XLV/1, 249*); vgl. Weijers, Le travail, Fasc. 1, 25.
Gauthier weist mit Recht darauf hin, dass die Zuschreibung an Adam und die her-
kömmliche Bezeichnung als „zweite Redaktion“ unbegründet ist. Es handelt sich um
einen anonymen Kommentar, der nach Gauthiers Ansicht etwa in der Zeit entstanden
sein dürfte, als Adam den seinigen schrieb. Powell hat in ihrer Ausgabe von Adams
Kommentar (The Life, 49*–51*) die Frage der Autorschaft dieses anonymen Werks
erörtert; sie meint, dass es sich um Aufzeichnungen handelt, die ein Hörer Adams
anfertigte. Der Verfasser kennt De motu animalium noch nicht: „… determinatur in libro,
quem composuit de motibus animalium, qui non pervenit ad nos“ (fol. 20vb).
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 49

Kommentar im Parisinus Lat. 16609 und im Erfurter Amplonianus


2° 308,162 einer aus einem Codex in Rouen,163 einer in Oxford, Oriel
College, 33164 und ein schon im frühen 13. Jh. entstandener im Vati-
canus lat. 175;165 die offenbar ins frühe 14. Jh. zu setzenden Questiones
et notabilia in de anima aus dem Vaticanus lat. 2170166 sowie die in der-
selben Handschrift überlieferten Questiones in Aristotilis de anima (nach
1266),167 die in drei Textzeugen überlieferten Questiones in libros II et
III de anima eines um 1260 tätigen Averroisten,168 ein in Oxford, Mer-
ton College, 275 vorliegender Quaestionenkommentar zum ersten Buch
von De anima,169 ein zu Unrecht Wilhelm von Alnwick zugeschriebener
Kommentar eines englischen Scotisten zu Buch I und II im Vaticanus

162 Anonymus, Commentum in de anima (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16609,

fol. 41ra–61rb; Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 2° 308, fol. 44va–vb und
85ra–vb [Prolog]). Zum Werk siehe Köhler, Grundlagen, 303 und Anm. 212–215.
163 Anonymus, Commentarius in Aristotilis librum de anima (Rouen, Bibliothèque

Municipale, 924 [I.052], fol. 3ra–15rb). Dieser Kommentar hält sich eng an den kom-
mentierten Text, dessen Inhalt zusammengefasst wird.
164 Anonymus, Questiones super de anima (Oxford, Oriel College, 33, fol. 120ra–

162va).
165 Anonymus, Opusculum de anima (Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vati-

cana, Vat. lat. 175, fol. 219ra–221vb). Siehe dazu Köhler, Grundlagen, 218 und Anm.
632.
166 Fol. 63ra–114rb; dazu Köhler, Grundlagen, 340 f.; Joachim Vennebusch, Die Ques-

tiones in tres libros de anima des Simon von Faversham, in: Arch. Gesch. Philos. 47 (1965)
20–39, hier: 29–33.
167 Fol. 51ra–62vb. Siehe Köhler, Grundlagen, 313 und Anm. 255; Martin Grabmann,

Mittelalterliche lateinische Übersetzungen von Schriften der Aristoteles-Kommentato-


ren Johannes Philoponos, Alexander von Aphrodisias und Themistios, in: ders., Ge-
sammelte Akademieabhandlungen, I, 497–564, hier: 536. Der Kommentator nimmt
auf Albert und Thomas Bezug.
168 Gauthier, Préface (Ed. Leon. XLV/1, 266 f.*). Textzeugen: Oxford, Merton Col-

lege, 272, fol. 242ra–253vb (= O; Fragment: nur Buch III; Schluss fehlt); Erfurt, Uni-
versitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 4° 312 (= E), fol. 43ra–51rb (Buch II, unvollstän-
dig) und 51rb–60rb (Buch III, vollständig); von uns nicht herangezogen: Siena, Biblio-
teca Comunale, L.III.21, fol. 177va–191ra (nur Buch III, am Schluss unvollständig). Nur
einer der drei Textzeugen, nämlich E, bietet Buch II, und zwar offenbar ohne den
Anfang; es ist somit durchaus möglich, dass der Kommentar ursprünglich alle drei
Bücher einschloss. Die Zuschreibung an Burley im Explicit des Erfurter Codex ist nicht
ernstzunehmen, obwohl Lohr, Medieval Latin Aristotle Commentaries (1968), 183 das
Werk unter Burleys Namen („ascribed“) anführt; siehe dazu Sharpe, A Handlist, 728 f.
Vgl. ferner De Raedemaeker, Informations (1968–1970), 195–203 (mit Quaestionen-
verzeichnis); Bernardini, Nota, 316; Bazán, 13th Century Commentaries, 143 Anm.
69.
169 Anonymus, Questiones super primum librum de anima (Oxford, Merton College,

275, fol. 98ra–100vb). Siehe dazu Van Steenberghen, Un commentaire, 124.


50 kapitel i

lat. 869 (vor 1323),170 in demselben Codex erhaltene Questiones in capitu-


lum primum libri I et librum II de anima (nach 1260?),171 eine Kompilation
von teils anonymen, teils Thomas von Aquin gehörenden Questiones de
anima in Bordeaux,172 die Questiones super librum de anima in Worcester,
Cathedral Library, Q 90,173 die Notule super librum de anima im Erfurter
Amplonianus 4° 312 (vor der Mitte 13. Jh.?)174 und die dem Aegidius

170 Anonymus, Questiones in libros I et II de anima (Città del Vaticano, Biblioteca


Apostolica Vaticana, Vat. lat. 869, fol. 51vb–101rb); dazu Sharpe, A Handlist, 747; Wei-
jers, Le travail, Fasc. 3, 96; Köhler, Grundlagen, 345 Anm. 388. Der Autor diskutiert
thomistische und skotistische Ansichten. Dass er auch das dritte Buch zu kommentie-
ren beabsichtigte, ist seinen Worten zu entnehmen (fol. 52rb: „et illud dubium tangetur
in principio 3ii, ideo hic transeo“; fol. 96vb: „Sed quia in 3° intendo istam materiam
tractare, que scilicet potencia sit nobilior …“).
171 Anonymus, Questiones in capitulum primum libri I et librum II de anima (Città

del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 869, fol. 200ra–210vb). Vermutlich
liegt hier ein Fragment eines Kommentars zum gesamten Werk vor (fol. 206va: „De
hoc queretur in tercio“, „utrum sit tota in toto vel tota in qualibet parte, ut ponitur
a quibusdam, videbitur in tercio huius“). Hierfür spricht auch das abrupte Ende
des Textes fol. 210vb mit den Worten „dicendum quod sic.“ Tatsächlich kommentiert
werden Buch I Kap. 1 und Buch II Kap. 1–7. Joachim Vennebusch, Die Einheit
der Seele nach einem anonymen Aristoteleskommentar aus der Zeit des Thomas
von Aquin und des Siger von Brabant, in: Rech. Théol. anc. méd. 33 (1966) 39–80
beschreibt die Handschrift (40 f.), bietet ein Quaestionenverzeichnis (41 f.), analysiert
den Inhalt und ediert ein Stück (71–80). Er vermutet, dass ein Oxforder Magister, der
vielleicht mit Robert Kilwardby in Verbindung stand, diesen Kommentar verfasst hat
(ebd., 47; 58 Anm. 49). Vgl. Dales, The Problem, 80–86; Köhler, Grundlagen, 301 und
Anm. 201.
172 Bordeaux, Bibliothèque Municipale, 415, fol. 136ra–175rb. Auf fol. 153rb beginnt

ohne besondere Kennzeichnung eine Gruppe von Quaestionen, die aus den Quaestiones
disputatae de anima des Thomas von Aquin stammen. Die aus dem Werk des Thomas
übernommene Passage endet fol. 161rb; es folgen (fol. 161rb–175rb) anonyme Quaestionen
zum dritten Buch von De anima.
173 Anonymus, Questiones super librum de anima (Worcester, Cathedral Library,

Q 90, fol. 86ra–96vb). Der anscheinend fragmentarisch erhaltene Text bricht am Ende
unvermittelt ab. Zur Handschrift siehe Charles H. Lohr, Aristotelica Britannica, in:
Theol. Philos. 53 (1978) 79–101, hier: 100 f.
174 Anonymus, Notule super librum de anima (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep.

Erf., CA 4° 312, fol. 61ra–68ra). Das Werk beginnt in dem einzigen Zeugen abrupt
(gegen Ende des ersten Buches), ist also offenbar fragmentarisch erhalten. Lohr, Com-
mentaries (1968), 183 führt es unter den Burley zugeschriebenen Werken auf; siehe
dazu die Hinweise bei Sharpe, A Handlist, 728 f. (zur Datierung der Handschrift und
der Zuschreibung an Burley). Trotz der etwas unpassenden, von einer späteren Hand
stammenden Überschrift fol. 61ra „Sentencia cum questionibus super de anima“, die
Quaestionen verheißt, handelt es sich im Wesentlichen um eine streng am kommen-
tierten Text orientierte Paraphrasierung von De anima.—Diesem Werk sind einige Kom-
mentare zu Parva naturalia von derselben Hand angefügt. Sie stammen vermutlich von
demselben Autor, wie ein gemeinsames Explicit von der Texthand fol. 78ra zeigt, das die
Kommentargruppe geradezu zu einem Gesamtwerk zusammenfasst: „Expliciunt notule
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 51

von Orléans (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Dominika-


ner) zugeschriebenen, aber offenbar nicht ihm gehörenden Questiones
supra librum de anima im Parisinus Mazarine Lat. 3493.175
Sodann ist die ebenfalls reichhaltige Kommentierung der Parva natu-
ralia zu nennen.176 Es handelt sich vor allem um die vier Schriften De
sensu et sensato, De memoria et reminiscentia, De somno et vigilia und De cau-
sis longitudinis et brevitatis vitae (De morte et vita). Zu ihnen boten die Epi-
tome oder Summa genannten kleinen Kommentare des Averroes, die in
lateinischer Übersetzung—vermutlich nicht, wie früher angenommen,
von Michael Scotus—seit den zwanziger oder frühen dreißiger Jahren
des 13. Jh. zugänglich waren, zusammenfassende Einführungen.177 Fer-
ner sind die Kommentare der Magister zu De iuventute et senectute et vita
et morte et de respiratione zu beachten. Alle diese Werke des Stagiriten
lagen schon seit dem 12. Jh. in den Übersetzungen des Corpus vetu-
stius vor, wo sie auf De anima zu folgen pflegen. Erst viel später—nicht
vor den sechziger Jahren—stand das Corpus recentius zur Verfügung,
das die Übersetzungen Wilhelms von Moerbeke umfasst. Wilhelm hat
nicht von Grund auf neu übersetzt, sondern die ihm vorliegenden alten
Übersetzungen der Parva naturalia revidiert.

super librum de anima et super libros ei subalternatos compositos ab Aristotile.“ Dieses


Explicit kann auf den Autor selbst zurückgehen. Auffallend ist eine gewisse Nähe zu
Formulierungen in Kommentaren Adams von Bocfeld.
175 Ps.-Aegidius von Orléans, Questiones supra librum de anima (Paris, Bibliothèque

Mazarine, Lat. 3493, fol. 190rb–200vb; unvollständig). Zur Zuschreibung siehe Władys-
ław Senko, A la recherche d’un commentaire sur le „De anima“ de Gilles d’Orléans,
in: La filosofia della natura nel medioevo. Atti del terzo congresso internazionale di
filosofia medioevale, Passo della Mendola (Trento)—31 agosto – 5 settembre 1964,
Milano 1966, 691–698, hier: 691–694.
176 Siehe dazu Jozef De Raedemaeker, Une ébauche de catalogue des commentai-

res sur les „Parva naturalia“ parus au XIIIe, XIVe et XVe siècles, in: Bull. Philos.
méd. 7 (1965) 95–108. Vgl. Charles H. Lohr, The new Aristotle and „science“ in the
Paris arts faculty (1255), in: L’enseignement des disciplines à la Faculté des arts (Paris et
Oxford, XIIIe–XVe siècles), ed. Olga Weijers/Louis Holtz (Studia Artistarum 4), Turn-
hout 1997, 251–269, hier: 258; De Leemans, Medieval Latin Commentaries, 298. Zur
Einteilung siehe auch dens., The Vicissitudes, 207 Anm. 28.
177 Averrois Cordubensis compendia librorum Aristotelis qui parva naturalia vocan-

tur, rec. Aemilia L. Shields/Henricus Blumberg (Corpus Commentariorum Averrois in


Aristotelem, Versiones Latinae, VII), Cambridge (Mass.) 1949. Zur ungerechtfertigten
Zuschreibung der Averroes-Übersetzungen an Michael Scotus siehe Lorenzo Minio-
Paluello s. v. Michael Scot, in: Dictionary of Scientific Biography, IX, New York 1980,
361–365, hier: 362 f.
52 kapitel i

Was De sensu et sensato betrifft, war der im frühen dritten Jahrhundert


entstandene Kommentar des Alexander von Aphrodisias, den Moer-
beke um 1260 der lateinischsprachigen Welt zugänglich gemacht hat,
einflussreich. Der bekannteste und am gründlichsten editorisch er-
schlossene Kommentar zu diesem Werk des Aristoteles im Untersu-
chungszeitraum ist der erste Traktat der Sentencia libri de sensu et sensato
des Thomas von Aquin (1268/1270).178 Noch nicht kritisch herausgege-
ben ist der Kommentar Alberts des Großen (wohl 1255/1259).179 Kri-
tisch ediert sind die Kommentare von Roger Bacon (ca. 1237/1250)180
und Petrus de Alvernia (wohl 1279/1284),181 nicht aber der in zwei
Redaktionen überlieferte Adams von Bocfeld (ca. Mitte des 13. Jh.)182
und diejenigen Adams von Whitby (um 1265?)183 und Galfrids von

178 Herausgegeben von René-Antoine Gauthier (Ed. Leon. XLV/2, 1–101). Gauthier

hat dort auch den Text der von Thomas benutzten Aristoteles-Übersetzung des Wil-
helm von Moerbeke kritisch ediert.
179 Albert d. Gr., De sensu et sensato, ed. Auguste Borgnet, Paris 1890 (Ed. Paris. IX,

1–96).
180 Herausgegeben von Robert Steele (Opera hactenus inedita Rogeri Baconi, Fasc.

14), Oxford 1937. Zur ungefähren zeitlichen Einordnung zwischen 1237 und 1250 siehe
Jeremiah Hackett, The Published Works of Roger Bacon, in: Vivarium 35 (1997) 315–
320, hier: 316.
181 Herausgegeben von Kevin White, Two Studies Related to St. Thomas Aquinas’

Commentary on Aristotle’s De sensu et sensato, together with an Edition of Peter of


Auvergne’s Quaestiones super Parva Naturalia, Diss. (masch.) Ottawa 1986, II, 1–112;
zur Datierung ebd., XV–XVII.
182 Adam von Bocfeld, Notule de sensu et sensato (sog. „erste“ Redaktion nach Lohr,

Commentaries [1967], 321 [Nr. 13]; zum Titel Flüeler, Die verschiedenen literarischen
Gattungen, 96); enthält keine Quaestionen, sondern interpretiert nur den kommentier-
ten Text in enger Anlehnung an ihn; von uns transkribiert nach Madrid, Biblioteca
Nacional, 3314, fol. 100ra–110rb. Für weitere Textzeugen siehe Lohr ebd.; René-Antoine
Gauthier, Préface, in: Thomas von Aquin, Sentencia libri de sensu et sensato (Ed. Leon.
XLV/2, 118*); Sharpe, A Handlist, 7. Andere Fassung: Adam von Bocfeld, In de sensu
et sensato (sog. „zweite“ Redaktion nach Lohr, Commentaries [1967], 321 [Nr. 14]); von
uns transkribiert nach dem Vaticanus lat. 5988, fol. 34ra–41va; für weitere Textzeugen
siehe Lohr ebd. und Gauthier, Préface (Ed. Leon. XLV/2, 119*); der Anfang ist abge-
druckt bei Gauthier ebd., 119*f., der 117*f. darauf hinweist, dass die Bezeichnungen
„erste“ und „zweite“ Redaktion willkürlich sind und keineswegs auf einer Untersu-
chung ihres chronologischen oder inhaltlichen Verhältnisses basieren. Zur Überliefe-
rung und zum Inhalt siehe die grundlegenden Ausführungen ebd., 118*f. Vgl. Weijers,
Le travail, Fasc. 1, 27.
183 Adam von Whitby, Glosse super librum de sensu et sensato, erhalten in einer

Florentiner Fassung (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.3.464,


fol. 73vb–78ra) und einer Pariser Fassung (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16149,
fol. 62ra–67va); ein texterklärender Kommentar ohne Quaestionen. Zweifel an Adams
Autorschaft hat Lohr, Commentaries (1967), 324, der offenbar nur die Pariser Fassung
kennt, vermerkt. Im Pariser Textzeugen bietet das Explicit jedoch eine ausdrückliche
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 53

Aspall (vor 1265)184 sowie sechs anonyme: die vermutlich in die spä-
ten vierziger Jahre zu setzenden Notule supra librum de sensu et sensato des
Parisinus Lat. 16635,185 die Quaestionen der Florentiner Handschrift
BNC, Conv. Soppr. E.1.252186 und die des Vaticanus lat. 3061 (wohl
nach 1268/1270),187 ein mit letzterem Werk eng verwandter Kommen-
tar im Vaticanus lat. 2170188 (vielleicht handelt es sich sogar um zwei
Reportationen derselben Vorlesung), ein weiterer im Erfurter Amplo-
nianus 4° 312 (vor der Mitte 13. Jh.?)189 sowie die einem Oxforder Schü-
ler Adams von Bocfeld zugeschriebene Sentencia libri de sensu et sensato im
Vaticanus lat. 13326.190

Zuschreibung an Adam; daher liegt die Beweislast auf der Seite der Zweifelnden,
und es ist von der Authentizität auszugehen (so Gabriella Pomaro im Catalogo di
manoscritti filosofici nelle biblioteche italiane, III, Firenze 1982, 68–70 [Beschreibung
der Florentiner Handschrift] und Gauthier, Préface [Ed. Leon. XLV/2, 125*], der
offenbar von der Florentiner Fassung nichts wusste). Im Übrigen bleibt das Verhältnis
der beiden Fassungen zueinander abzuklären. Vgl. Weijers, Le travail, Fasc. 1, 31.
184 Galfrid von Aspall, Questiones in de sensu et sensato, überliefert in: Oxford,

Merton College, 272, fol. 254ra–273ra (= O, unvollständig); Cambridge, Gonville and


Caius College, 509/386, fol. 287ra–302rb (= C, unvollständig); Oxford, New College,
285, fol. 164ra–189rb (vollständig); Todi, Biblioteca Comunale, 23, fol. 99vb–123ra (voll-
ständig). Siehe dazu Gauthier, Préface (Ed. Leon. XLV/2, 124*f.), der darauf hinweist,
dass Galfrid weithin den Aristoteles-Text kaum kommentiert, sondern ihn vielmehr nur
zum Anlass nimmt, Fragen zu erörtern, die ihn interessieren. Diese Quaestionen sind—
wie alle Werke Galfrids—spätestens 1264 verfasst worden, da seine Lehrtätigkeit 1265
bereits abgeschlossen war; siehe Enya Macrae, Geoffrey of Aspall’s Commentaries on
Aristotle, in: Mediaeval and Renaissance Studies 6 (1968) 94–134, hier: 95 f.
185 Von uns transkribiert nach Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16635, fol. 86va–

88ra. Zum Werk siehe Gauthier, Préface (Ed. Leon. XLV/2, 116*f.).
186 Anonymus, Questiones de sensu et sensato (Firenze, Biblioteca Nazionale Cen-

trale, Conv. Soppr. E.1.252, fol. 207ra–214va). Die Handschrift beschreibt Pomaro im
Catalogo di manoscritti filosofici, III, 49–51.
187 Anonymus, Questiones super de sensu et sensato (Città del Vaticano, Biblioteca

Apostolica Vaticana, Vat. lat. 3061, fol. 145ra–150rb).


188 Anonymus, Commentarium et questiones in de sensu et sensato (Città del Vati-

cano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2170, fol. 117ra–131ra). Für die Datierung
wesentlich ist eine Stelle fol. 117va–vb: „et ideo si sit alius liber de intellectu a libro de
anima, ille non est naturalis, sed methaphisicus, quia aliqui de hoc libros fecerunt, ut
Albertus, Alpharabius (Alyhar. cod.), Alixander.“
189 Anonymus, Super de sensu et sensato, Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf.,

CA 4° 312, fol. 69va–73vb. Dieser Kommentar stammt vermutlich von dem Autor, der
die in demselben Erfurter Codex überlieferten Notule super librum de anima (fol. 61ra–
68ra) und die dort anschließenden Kommentare zu anderen Parva naturalia verfasst
hat; siehe dazu oben S. 50 Anm. 174.
190 Anonymus, Sentencia libri de sensu et sensato (Città del Vaticano, Biblioteca

Apostolica Vaticana, Vat. lat. 13326, fol. 50ra–54va). Siehe dazu Gauthier, Préface (Ed.
Leon. XLV/2, 121*f.).
54 kapitel i

De memoria et reminiscentia kommentierten Thomas von Aquin (1268/


1270, im zweiten Traktat seiner Sentencia libri de sensu et sensato),191 Albert
der Große (wohl 1255/1259),192 Petrus de Alvernia (ca. 1279/1284),193
Galfrid von Aspall (kurzes Fragment; die Zuschreibung ist plausibel,
aber nicht gesichert; wenn sie zutrifft, vor 1265 zu datieren),194 ein
Magister, bei dem es sich wahrscheinlich um Adam von Whitby han-
delt (um 1265?),195 Adam von Bocfeld (ca. Mitte 13. Jh.)196 und ein
Oxforder Magister, der zu Unrecht mit Adam von Bocfeld identifiziert
wurde.197 Anonym sind die Notule de memoria et reminiscentia in einem Mai-

191 Herausgegeben von René-Antoine Gauthier (Ed. Leon. XLV/2, 103–133). Gau-

thier hat dort auch den Text der von Thomas benutzten Aristoteles-Übersetzung des
Wilhelm von Moerbeke kritisch ediert.
192 Albert d. Gr., De memoria et reminiscentia, ed. Auguste Borgnet, Paris 1890 (Ed.

Paris. IX, 97–119).


193 Herausgegeben von Kevin White, Two Studies Related to St. Thomas Aquinas’

Commentary on Aristotle’s De sensu et sensato, together with an Edition of Peter of


Auvergne’s Quaestiones super Parva Naturalia, Diss. (masch.) Ottawa 1986, II, 113–
202; zur Datierung ebd., XV–XVII.
194 Questiones in de memoria et reminiscencia (Oxford, New College, 285, fol. 189rb–

193rb; dieses Fragment enthält nur den Anfang des Kommentars). Zur Verfasserschaft
siehe Macrae, Geoffrey of Aspall’s Commentaries, 102; 108; zur Datierung ebd., 95 f.
195 Adam von Whitby (?), Glosse super librum de memoria et reminiscentia, von

uns transkribiert nach Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.3.464,
fol. 67vb–69rb. Es handelt sich um ein anonym überliefertes Werk, einen anfangs texter-
klärenden Kommentar, dessen zweiter Teil Quaestionen enthält. Gauthier, Préface (Ed.
Leon. XLV/2, 125*), der von der Florentiner Handschrift nichts wusste, kannte es aus
dem Parisinus BN, Lat. 16149, fol. 60rb–62ra (den zweiten Teil, ab fol. 61rb im Parisinus,
fasst er als „une question annexe“ auf). Er hält—mit einleuchtender Argumentation—
Adams Autorschaft für plausibel. Letzterer Ansicht war offenbar auch Glorieux, La
faculté, 68, während Sharpe, A Handlist, 21 und Simona Polidori s. v. Adam de Whitby,
in: Compendium Auctorum Latinorum Medii Aevi, I, 35 das Werk unter Adams Dubia
stellen. Alle diese Gelehrten kannten nur den Parisinus.
196 Adam von Bocfeld, Super librum de memoria et reminiscencia (Città del Vati-

cano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 5988, fol. 26rb–29va); weitere Textzeu-
gen bei Lohr, Commentaries (1967), 322 (Nr. 16, dort fälschlich als „zweite Redaktion“
bezeichnet) und Gauthier, Préface (Ed. Leon. XLV/2, 120*).
197 Ps.-Adam von Bocfeld, Sententia libri de memoria et reminiscencia (Oxford,

Merton College, 272, fol. 22ra–23rb [= O]; Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica
Vaticana, Vat. lat. 13326, fol. 44rb–46rb [= V]). Lohr, Commentaries (1967), 321 f. führt
diesen Kommentar (Nr. 15) als „Recension I“ unter den echten Werken Adams an.
Gauthier, Préface (Ed. Leon. XLV/2, 120*) erläutert, warum diese (mittelalterlich
nicht bezeugte) Zuschreibung ohne Basis ist. Er hält es für sicher, dass der Verfasser
ein Oxforder Magister war; dessen Ansichten hält er für „archaischer“ als diejenigen
Adams, ohne jedoch daraus Konsequenzen für die Datierung abzuleiten. Powell, The
Life, 30*f. bezeichnet das Werk als „Recension II“ und meint ebenfalls, dass es nicht
authentisch ist.—Der hier verwendete Titel ist dem Explicit von V entnommen.
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 55

länder Codex (um 1245/50?),198 die Questiones de memoria et reminiscentia in


der bereits erwähnten Florentiner Handschrift Conv. soppr. E.1.252—
im Anschluss an den Kommentar zu De sensu et sensato199—und Super de
memoria et reminiscentia (vor der Mitte 13. Jh.?) im erwähnten Amplonia-
nus 4° 312 unmittelbar vor dem Kommentar zu De sensu et sensato.200
Große Beachtung fand De somno et vigilia.201 Der prominenteste Kom-
mentator war Albert der Große (wohl 1255/1259).202 Des Weiteren zu
nennen sind Petrus de Alvernia (ca. 1279/1284),203 Simon von Favers-
ham († 1306),204 Galfrid von Aspall (vor 1265),205 der 1275 an der Pariser
Artistenfakultät bezeugte Jakob von Douai, der einen rein texterklären-
den und einen Quaestionenkommentar verfasste, die offenbar als ein
Werk in zwei Teilen aufzufassen sind (Questiones et sententia super librum de
somno et vigilia),206 ein Magister Adam, bei dem es sich wohl um Adam

198 Anonymus, Notule de memoria et reminiscencia (Milano, Biblioteca Ambrosiana,

H 105 inf., fol. 18rb–23vb). Siehe zu diesem Werk Gauthier, Préface (Ed. Leon. XLV/2,
117*).
199 Anonymus, Questiones de memoria et reminiscencia (Firenze, Biblioteca Nazio-

nale Centrale, Conv. Soppr. E.1.252, fol. 214va–217rb). Die Handschrift beschreibt Poma-
ro im Catalogo di manoscritti filosofici, III, 49–51.
200 Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 4° 312, fol. 68ra–69va. Dieser Kom-

mentar stammt vermutlich von dem Autor, der den in dem Erfurter Codex unmittelbar
voranstehenden Kommentar zu De anima verfasst hat. Siehe dazu oben S. 50 Anm.
174.
201 Ediert sind nur das zweite und das dritte der drei Bücher: Aristotelis de insomniis

et de divinatione per somnum, ed. Hendrik J. Drossaart Lulofs, Leiden 1947 (Translatio
vetus und Translatio nova im Paralleldruck).
202 Ed. Auguste Borgnet, Paris 1890 (Ed. Paris. IX, 121–212). Siehe dazu Thomas

Ricklin, Albert le Grand, commentateur: L’exemple du De somno et vigilia III,1, in: Freib.
Z. Philos. Theol. 45 (1998) 31–55.
203 Herausgegeben von Kevin White, Two Studies Related to St. Thomas Aquinas’

Commentary on Aristotle’s De sensu et sensato, together with an Edition of Peter of


Auvergne’s Quaestiones super Parva Naturalia, Diss. (masch.) Ottawa 1986, II, 203–
220; zur Datierung ebd., XV–XVII.
204 Simon von Faversham, Questiones de sompno et vigilia (Oxford, Merton College,

292, fol. 389ra–393va; Fragment, Anfang fehlt). Auffallend ist die häufige Berufung auf
Albert.
205 Galfrid von Aspall, Questiones super de sompno et vigilia (Oxford, Merton Col-

lege, 272, fol. 274va–281va mit Anhang 281vb–282ra). Die Zuschreibung ist einem Ver-
merk der Texthand am Ende des ersten Buches fol. 279ra zu entnehmen. Der Codex
ist beschrieben von Macrae, Geoffrey of Aspall’s Commentaries, 99–101 und 108; nach
ihren Angaben endet Galfrids Kommentar fol. 281va, und es folgt fol. 281vb–282ra „a
connecting passage“, offenbar ebenfalls von Galfrid (ebenso wie die anschließenden
Quaestionen ab fol. 282rb). Zur Datierung des Kommentars (spätestens 1264) siehe ebd.,
95 f.
206 So im Explicit einer Brügger Handschrift: Expliciunt questiones et sententia super

librum de somno et vigilia (Brugge, Stedelijke Openbare Bibliotheek, 513, fol. 167r). Das
56 kapitel i

von Whitby handelt (dann könnte sein Kommentar in die sechziger


Jahre zu setzen sein),207 und Adam von Bocfeld, dem ein Kommen-
tar sicher gehört208 (somit wie seine anderen Aristoteleskommentare um
die Mitte 13. Jh. zu datieren), während die Zuschreibung eines zweiten
offenbar unzutreffend ist (man neigt jetzt dazu, Siger von Brabant als
den Verfasser anzusehen)209 und diejenige eines dritten ebenfalls nicht
gut begründet zu sein scheint.210 Ob die Quaestionen in einer Römer

Werk ist hier zitiert nach Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 4° 188, fol. 72ra–
79ra (sententia, bezeichnet als Scripta supra librum de sompno et vigilia) und fol. 79ra–81va
(questiones). Siehe Lohr, Commentaries (1970), 140; Weijers, Le travail, Fasc. 4, 102 f.
207 Adam von Whitby (?), Scripta de sompno et vigilia (Firenze, Biblioteca Nazionale

Centrale, Conv. Soppr. G.3.464, fol. 70ra–73vb). Auf fol. 70r findet sich die Marginalnotiz
„Scripta Ade de sompno et vigilia.“ Hierzu bemerkt Pomaro im Catalogo di manos-
critti filosofici, III, 70: „L’attribuzione ad Ade è della solita mano che appone tutte le
rubriche trascritte in questa scheda; nel ms. le opere sono tutte anonime. In partico-
lare quest’attribuzione non è verificabile, ma i testi ai ff. 79–85 … potrebbero essere di
Adam di Buckfeld, mentre al n. 5 troviamo un’opera di Adam de Whitby.“ Der letz-
tere Hinweis bezieht sich auf den wohl mit Recht Adam von Whitby zugeschriebenen
Kommentar zu De sensu et sensato (siehe oben S. 52 Anm. 183). Bedenkt man nun, dass
erstens von Adam von Bocfeld ein Kommentar zu De somno et vigilia erhalten ist, von
Adam von Whitby jedoch kein anderweitiger zu diesem Werk des Aristoteles bekannt
ist, dass zweitens das von Pomaro erwähnte Werk Adams von Whitby im Florentiner
Codex unmittelbar auf das hier besprochene folgt und dass drittens das im Florentiner
Codex unmittelbar dem hier besprochenen voranstehende Werk, ein Kommentar zu De
memoria et reminiscentia (fol. 67vb–69rb), von Adam von Whitby stammt (siehe oben S. 54
Anm. 195), so wird man weit eher an Whitby als an Bocfeld zu denken haben.—Der
Kommentar ist texterklärend und bietet keine Quaestionen.
208 Adam von Bocfeld, Sententia super librum de sompno et vigilia (sog. „erste

Redaktion“), ed. Roberto Busa, S. Thomae Aquinatis opera omnia VII, Stuttgart–Bad
Cannstadt 1980, 14–17; zum Titel Flüeler, Die verschiedenen literarischen Gattungen,
91. Siehe dazu Lohr, Commentaries (1967), 322 (Nr. 17); Sharpe, A Handlist, 7; Weijers,
Le travail, Fasc. 1, 27 f.
209 Sentencia super libro de sompno et vigilia (sog. „zweite Redaktion Adams von

Bocfeld“), von uns transkribiert nach Wien, Österreichische Nationalbibliothek, 2330,


fol. 50ra–59va. Weitere Textzeugen nennt Lohr, Commentaries (1967), 322 (Nr. 18); vgl.
dens., Commentaries (1973), 136 (Nr. 22) zur Zuschreibung an Siger. Vgl. Olga Weijers,
La Questio de augmento d’Adam de Bocfeld, in: Ratio et superstitio. Essays in Honor
of Graziella Federici Vescovini, ed. Giancarlo Marchetti u. a. (Textes et Études du
Moyen Âge 24), Louvain-la-Neuve 2003, 243–262, hier: 244 und dies., Le travail, Fasc.
1, 27 f.
210 Adam von Bocfeld (?), In de sompno et vigilia (Città del Vaticano, Biblioteca

Apostolica Vaticana, Vat. lat. 13326 [olim 817A], fol. 46va–49vb). Lohr, Commentaries
(1967), 322 (Nr. 17) zählt diesen Textzeugen zur „ersten Redaktion“ von Adams Kom-
mentar (d. h. dem authentischen Kommentar dieses Magisters), weist indes darauf hin,
dass es sich nach Louis Bataillon, Adam of Bocfeld: Further Manuscripts, in: Medieva-
lia et humanistica 13 (1960) 35–39, hier: 38 um eine eigenständige Fassung (sog. „dritte
Redaktion“) handelt. Bataillon begründet diese Auffassung ebensowenig wie Auguste
Pelzer, Codices Vaticani Latini, II, Pars prior, Città del Vaticano 1931, 169–171, der die
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 57

Handschrift, als deren Verfasser Siger von Brabant gilt, ihm tatsächlich
gehören, ist zweifelhaft.211 Anonym sind ein Kommentar Super de sompno
et vigilia in einem Codex in Cesena212 und Questiones super de sompno et vigi-
lia in Rom, Biblioteca Angelica, 549,213 und auch in den bereits wieder-
holt genannten Handschriften in Florenz214 und Erfurt (vor der Mitte
13. Jh.?)215 finden sich Kommentare unbekannter Magister zu diesem
Werk des Stagiriten.
De causis longitudinis et brevitatis vitae (von den Magistern oft kürzer De
longitudine et brevitate vite genannt) ist in der alten, anonymen Überset-
zung, der des Corpus vetustius, unvollständig; der Schluss fehlt, und der
Titel lautet dort stets De morte et vita, woran man diese Übersetzung und
die auf sie bezogenen Kommentare erkennen kann.216 Kommentiert
haben wie bei De somno et vigilia Albert der Große (wohl 1255/1259),217

Handschrift ausführlich beschreibt. Da der Text sich aber in der Tat stark von dem der
sog. „ersten Redaktion“ unterscheidet und anonym überliefert ist, stellt sich die Frage,
ob er überhaupt auf Adam zurückgeht.
211 Questiones super de sompno et vigilia (Roma, Biblioteca Angelica, 549, fol. 99vb–

104va). Siehe dazu Jan Pinborg, Die Handschrift: Roma Biblioteca Angelica 549 und
Boethius de Dacia, in: Class. Med. 28 (1969) 373–393, hier: 383 f. Lohr, Commentaries
(1973), 136 f. (Nr. 24) weist auf eine kürzere Fassung dieses Kommentars in München,
Bayerische Staatsbibliothek, Clm 9559, fol. 47r–51r hin; ein Quaestionenverzeichnis
nach der Münchner Handschrift mit Zusammenfassungen der Lehrmeinungen bietet
Fernand Van Steenberghen, Siger de Brabant d’après ses oeuvres inédites, I: Les
oeuvres inédites (Les Philosophes Belges XII), Louvain 1931, 223–233.—Siger wird
außerdem ein anderer Kommentar zugeschrieben (siehe oben S. 56 Anm. 209).
212 Anonymus, Super de sompno et vigilia (Cesena, Biblioteca Malatestiana, S VI 5,

fol. 163ra–164rb).
213 Anonymus, Questiones super de sompno et vigilia (Roma, Biblioteca Angelica,

549, fol. 104vb–112rb).


214 Anonymus, Questiones de sompno et vigilia (Firenze, Biblioteca Nazionale Cen-

trale, Conv. Soppr. E.1.252, fol. 217rb–225rb). Die Handschrift beschreibt Pomaro im
Catalogo di manoscritti filosofici, III, 49–51.
215 Anonymus, Super de sompno et vigilia (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf.,

CA 4° 312, fol. 73vb–77rb). Dieser Kommentar stammt vermutlich von dem Autor,
der den in demselben Erfurter Codex überlieferten Kommentar zu De anima und
die dort anschließenden Kommentare zu anderen Parva naturalia verfasst hat. Siehe
dazu oben S. 50 Anm. 174. Die für die Erfurter Kommentargruppe typische Nähe
zu Formulierungen Adams von Bocfeld in dessen Kommentaren zu den betreffenden
Werken des Aristoteles ist nirgends so augenfällig wie in Super de sompno et vigilia; der
Erfurter Kommentar wirkt streckenweise geradezu wie eine andere Redaktion des von
Adam stammenden.
216 Die Translatio vetus ist nach zwei Handschriften ediert von Manuel Alonso, Pedro

Hispano: Obras filosóficas, III (Instituto de Filosofía „Luis Vives.“ Serie A Núm. 4),
Madrid 1952, 403–411.
217 Albert d. Gr., De morte et vita, ed. Auguste Borgnet, Paris 1890 (Ed. Paris. IX,

345–373).
58 kapitel i

Simon von Faversham († 1306),218 Galfrid von Aspall (vor 1265),219 Jakob
von Douai (um 1275 tätig),220 Petrus de Alvernia (um 1272/1274) und
Adam von Bocfeld. Die beiden letzteren kommentierten sowohl die
Übersetzung im Corpus vetustius221 als auch diejenige Wilhelms von
Moerbeke222; Adams Sententia libri de morte et vita dürfte in die fünfzi-
ger Jahre zu setzen sein. Ungewiss ist wie bei De somno et vigilia die
Autorschaft des unter den Namen Sigers von Brabant gestellten Kom-
mentars zur älteren Übersetzung.223 Mit dem Text im Corpus vetus-

218 Simon von Faversham, Questiones de longitudine et brevitate vite (Oxford, Mer-

ton College, 292, fol. 396vb–399ra).


219 Galfrid von Aspall, Questiones super librum de morte et vita, erhalten in Cam-

bridge, Gonville and Caius College, 509, fol. 276ra–286rb (= C) und Oxford, Merton
College, 272, fol. 282rb–294vb (= O; häufig stark abweichende Fassung; Schluss fehlt).
Die Verfasserschaft ergibt sich aus einem Vermerk am unteren Rand von fol. 286rb der
Cambridger Handschrift: „De Aspale questiones expliciunt.“ Vgl. Weijers, Le travail,
Fasc. 3, 35. Zur Datierung siehe Macrae, Geoffrey of Aspall’s Commentaries, 95 f.
220 Questiones et sententia de longitudine et brevitate vite (Erfurt, Universitätsbiblio-

thek, Dep. Erf., CA 4° 188, fol. 81vb–86ra). Siehe Lohr, Commentaries (1970), 140 f.;
Weijers, Le travail, Fasc. 4, 102.
221 Adam von Bocfeld, Sententia libri de morte et vita (Città del Vaticano, Biblioteca

Apostolica Vaticana, Vat. lat. 5988, fol. 22ra–24rb). Dieser Kommentar ist der von Lohr,
Commentaries (1967), 323 als Nr. 20 aufgeführte (mit Angabe weiterer Textzeugen);
siehe auch Weijers, Le travail, Fasc. 1, 27. Eine Teiledition bietet Dunne, Magistri Petri
de Ybernia Expositio, 35–38, der das Werk „sometime in the 1250s“ datiert (ebd., 34).
Zum Titel Flüeler, Die verschiedenen literarischen Gattungen, 91.—Petrus de Alvernia,
Sententia super libro de morte et vita (Ed. Venet. 1566; zahlreiche Handschriften und
auch Drucke nennt Lohr, Commentaries (1972), 342 [Nr. 18]). Zur Datierung White,
Two Studies, II, XVI f.
222 Adam von Bocfeld, In de longitudine et brevitate vite, von uns transkribiert nach

Oxford, Merton College, 272, fol. 23va–24rb. Dieser Kommentar ist der von Lohr, Com-
mentaries (1967), 322 f. als Nr. 19 aufgeführte (mit Angabe dreier Textzeugen); siehe
auch Weijers, Le travail, Fasc. 1, 26.—Petrus de Alvernia, Sentencia de causis longitu-
dinis et brevitatis vite (Brugge, Stedelijke Openbare Bibliotheek, 496, fol. 31ra–35rb [=
B]; Wien, Österreichische Nationalbibliothek, 2330, fol. 9va–12va [= V]; Teiledition von
Dunne, Magistri Petri de Ybernia Expositio, 40–43 [= D; Transkription der Wiener
Handschrift]). Lohr, Commentaries (1972), 341 (Nr. 15) nennt weitere Handschriften.
Zur Datierung White, Two Studies, II, XVI f.
223 Glosule super librum de morte et vita (Wien, Österreichische Nationalbibliothek,

2330, fol. 48ra–49vb [unvollständig, Schluss fehlt]; Leipzig, Universitätsbibliothek, 1406,


fol. 90ra–94ra [vollständig]). Der hier gewählte Titel ist dem Explicit der Leipziger
Handschrift entnommen. Zur Zuschreibung, deren Berechtigung noch einer definiti-
ven Klärung entbehrt, siehe Antoine Dondaine/Louis-Jacques Bataillon, Le manuscrit
Vindob. lat. 2330 et Siger de Brabant, in: Archivum Fratrum Praedicatorum 36 (1966)
153–261, hier: 170; 184–188 (sie nennen das Werk Sententia super de longitudine et brevitate
vitae). Vgl. Lohr, Commentaries (1973), 136 (Nr. 23, unter den Dubia). Dieser Kom-
mentar weist Berührungspunkte (bis hin zu wörtlicher Übereinstimmung) mit demjeni-
gen im Erfurter Amplonianus 4° 312 (siehe unten S. 59 Anm. 227) auf und noch weit
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 59

tius befassten sich Petrus de Flandria224 und Petrus Hispanus (Portu-


galensis) (vor 1240?);225 auch Petrus de Hibernia kommentierte ihn um
1258/1265.226 Anonym sind das Werk Super de morte et vita in dem schon
mehrfach erwähnten Erfurter Amplonianus (vor Mitte des 13. Jh.?)227
und die Quaestionen in der ebenfalls wiederholt genannten Florentiner
Handschrift,228 die auch von der alten Übersetzung ausgehen.
Weniger Interesse fand De iuventute et senectute et vita et morte et de respi-
ratione. Diese zusammenhängenden Traktate wurden in der alten Über-
setzung und in derjenigen Moerbekes—ganz im Sinne des Aristote-
les, der es so konzipiert hatte—als Bestandteile eines einzigen Werks
aufgefasst und dementsprechend von Magistern wie Petrus de Alver-
nia (um 1272/1274),229 Simon von Faversham († 1306)230 und Henricus
de Alemannia231 gesamthaft kommentiert. Wie zu anderen Parva natura-
lia sind auch hierzu ein Siger von Brabant zugeschriebener Kommen-

stärkere und häufigere Übereinstimmung mit dem Kommentar Adams von Bocfeld in
Oxford, Merton College, 272, fol. 23va–24rb.
224 Petrus de Flandria, Questiones libri de morte et vita (Città del Vaticano, Biblio-

teca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2170, fol. 131ra–132ra). Zum Verfasser, dessen Name
im Explicit bezeugt ist, siehe De Leemans, Medieval Latin Commentaries, 330.
225 Tractatus de longitudine et brevitate vite, ed. Manuel Alonso, Pedro Hispano:

Obras filosóficas, III (Instituto de Filosofía „Luis Vives.“ Serie A Núm. 4), Madrid 1952,
413–490. Siehe dazu Dunne, Magistri Petri de Ybernia Expositio, 28–31; Meirinhos,
Petrus Hispanus, 70; 75.
226 Magistri Petri de Ybernia Expositio et quaestiones in Aristotelis librum de longi-

tudine et brevitate vite, ed. Michael Dunne (Philosophes médiévaux 20), Louvain-la-
Neuve u. a. 1993.
227 Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 4° 312, fol. 77rb–78ra. Dieser Kom-

mentar stammt vermutlich von dem Autor, der den in demselben Erfurter Codex über-
lieferten Kommentar zu De anima und die dort anschließenden Kommentare zu ande-
ren Parva naturalia verfasst hat. Siehe dazu oben S. 50 Anm. 174.
228 Anonymus, Questiones de morte et vita (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale,

Conv. Soppr. E.1.252, fol. 228va–229va). Die Handschrift beschreibt Pomaro im Catalogo
di manoscritti filosofici, III, 49–51.
229 Petrus de Alvernia, Expositio librorum de iuventute et senectute, de morte et

vita, de inspiratione et respiratione (Ed. Venezia 1566, fol. 122b–161b). Zahlreiche


Textzeugen nennt Lohr, Commentaries (1972), 341 (Nr. 16). Zur Datierung White, Two
Studies, II, XVI f.
230 Simon von Faversham, Questiones de iuventute et senectute, de inspiracione et

respiracione (Oxford, Merton College, 292, fol. 399ra–401va).


231 Henricus de Alemannia, Expositio in librum de iuventute et senectute, (Città

del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2170, fol. 1ra–6rb [= V]; Roma,
Biblioteca Angelica, 549, fol. 122rb–128rb [= A]). Vgl. Adolar Zumkeller, Manuskripte
von Werken der Autoren des Augustiner-Eremitenordens in mitteleuropäischen Biblio-
theken (Cassiciacum 20), Würzburg 1966, 131 (Nr. 305) und 136 (Nr. 310); Weijers, Le
travail, Fasc. 4, 42 f.; Kouri/Lehtinen, Disputed Questions.
60 kapitel i

tar232 sowie Quaestionen in der schon mehrmals erwähnten Florentiner


Handschrift233 erhalten. Albert der Große verfasste eine Schrift De iuve-
ntute et senectute (wohl 1255/1259),234 die aber eher den Charakter einer
originalen Abhandlung als den eines Kommentars zum Aristotelestext
hat;235 sein Kommentar De spiritu et respiratione (wohl 1255/1259) bezieht
sich nicht auf das Werk des Aristoteles, sondern auf De differentia spiritus
et animae des Costa ben Luca.
Zu den aristotelischen Pseudepigraphen, die bei den Magistern Be-
achtung fanden, gehören neben De causis proprietatum elementorum, das
Albert der Große um 1251/1254 kommentierte,236 die Physiognomie und
die Problemata.
Die Problemata sind zwischen 1258 und 1266 von Bartholomaeus von
Messina übersetzt worden.237 Nicht sehr umfangreich, vielleicht unvoll-
ständig sind die bereits in Zusammenhang mit De animalibus genannten,
nicht vor den sechziger Jahren entstandenen Questiones disputate super pro-
blematibus Aristotilis et de historiis animalium im Parisinus BN Lat. 16089.238
Weit ausführlicher sind die Sentencia probleumatum Aristotilis in einem
Brügger Codex, deren Verfasser vielleicht Johannes Vath ist,239 und vor

232 Siger von Brabant, Questiones super librum de iuventute et senectute (Mün-

chen, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 9559, fol. 71vb–74ra); siehe dazu Van Steenberg-
hen, Siger, I, 263–267 (Quaestionenverzeichnis mit Zusammenfassungen der Lehrmei-
nungen).
233 Anonymus, Questiones de iuventute et senectute (Firenze, Biblioteca Nazionale

Centrale, Conv. Soppr. E.1.252, fol. 225rb–228va). Die Handschrift beschreibt Pomaro
im Catalogo di manoscritti filosofici, III, 49–51.
234 Albert d. Gr., De iuventute et senectute, ed. Auguste Borgnet, Paris 1890 (Ed.

Paris. IX, 305–321).


235 Hierzu auch Lewry, Study, 32.
236 Albert d. Gr., De causis proprietatum elementorum, ed. Paul Hossfeld, Münster

1980 (Ed. Colon. V/2, 47–106; zur Datierung ebd., V). Siehe hierzu Anzulewicz, Die
aristotelische Biologie, 159 Anm. 2.
237 Eine kritische Gesamtausgabe dieser „translatio vulgata“ fehlt noch. Die alten

Drucke und neue Literatur verzeichnet Marco Toste in: Compendium Auctorum Lati-
norum Medii Aevi, II.1, 20–22, hier: 21 f. Zum Begriff „problema“ im Oxforder Univer-
sitätsbetrieb siehe Weijers, Problema, 991 ff.; Gerardo Marenghi, Un capitolo dell’Aris-
totele medievale: Bartolomeo da Messina traduttore dei Problemata physica, in: Aevum 36
(1962) 268–283.
238 Siehe oben S. 28 Anm. 72.
239 Brugge, Stedelijke Openbare Bibliotheek, 481, fol. 1ra–104va. Es handelt sich nicht

um einen Quaestionenkommentar, sondern es wird jeweils die Behandlung des Pro-


blems durch Aristoteles paraphrasiert und um Erwägungen und Beispiele des Kom-
mentators ergänzt. Einen Hinweis auf die Heimat des Kommentators bieten vielleicht
seine geographischen Ausführungen fol. 3ra: „Vel si fiat mutacio secundum extrema,
puta de uno climate ad aliud, …, plus nocet; si autem fiat modica, ut de Picardia ad
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 61

allem die außerordentlich interessante und materialreiche Expositio pro-


blematum Aristotilis des Petrus von Abano.240 Das letztere Werk wurde
erst 1310 fertiggestellt und steht somit ganz am Ende unseres Untersu-

Flandriam, ubi sunt male aque, …“ Beachtenswert ist seine philologische Arbeit am
Aristoteles-Text, nämlich sein Vorschlag (fol. 37va), eine Korruptel zu heilen: „Vel forte
littera est corrupta, ut debeat scribi ‚minus‘, ubi scribitur ‚magis‘, et dicatur: Signum
est, quod minus olfaciunt aliis animalibus“; diese Konjektur ist völlig berechtigt. Zur
Handschrift siehe Adriaan Pattin, Repertorium commentariorum medii aevi in Ari-
stotelem latinorum, quae in bibliothecis Belgicis asservantur, Leuven–Leiden 1978, 16 f.
240 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis (Ed. Venezia 1501). Zu Pe-

trus (geboren in den fünfziger Jahren, gestorben im zweiten Jahrzehnt 14. Jh.) und
seinem Werk siehe Lohr, Commentaries (1972), 329–332; Köhler, Grundlagen, 10 Anm.
55; Zdzisław Kuksewicz, Les Problemata de Pietro d’Abano et leur ‚rédaction‘ par Jean
de Jandun, in: Medioevo 11 (1985) 113–137; Nancy G. Siraisi, The Expositio Problema-
tum Aristotelis of Peter of Abano, in: Isis 61 (1970) 321–339; Graziella Federici Vescovini,
Pietro d’Abano tra biografia e fortuna: due „ritratti“ quattrocenteschi, in: Medioevo
16 (1990) 293–321. Der Herausgeber des von uns verwendeten Drucks, Dominicus
Massaria Vincentinus, hat—wie er in seinem Vorwort schreibt—oft und massiv in den
Text des Petrus eingegriffen: „ex pessima ac nullo pacto nonnunquam intelligibili si
non ad optimam, ad mediocrem saltem … expositionem deduxi“, da die ihm vorlie-
gende Fassung „vel impressorum negligentia vel correctorum forte nulla diligentia tot
erroribus viciata esset, nunc deficiens nunc superfluens, ut locis innumeris aut proble-
mati contrarius aut nullus interdum sensus elici posset“; angesichts derartiger Maßnah-
men des humanistischen Herausgebers ist ein entsprechender Vorbehalt hinsichtlich
der Authentizität des vorliegenden Textes erforderlich. Das Werk wirkt—im Vergleich
mit sonstigem Schrifttum des Untersuchungszeitraums—auffallend „modern.“ Häufi-
ger als andere vergleicht Petrus Textzeugen, beklagt die mangelhafte Überlieferung,
argumentiert textkritisch für oder gegen diese oder jene Lesart, weist seine Quellen
nach und bietet aus seinem Wissensschatz allerhand Informationen aus der klassischen
Antike, in der er sich gut auskennt. Gern führt er zur Abstützung eines Arguments
Erfahrungen, Erlebnisse und Gewohnheiten aus seinem persönlichen Umfeld an, dar-
unter eigene (z. B. fol. 78rb: „… aut fluxum aut dissynteriam causat, quod et mihi ipsi
negligenter contigit“; fol. 150ra: „Unde audivi a Marco Veneto, qui etiam equatorem
pertransiit, invenisse illic homines …“—ein seltener zeitgenössischer Beleg für Marco
Polo in wissenschaftlicher Literatur). Als Beispiel für die Vorgehensweise des Petrus sei
eine Stelle fol. 62rb zitiert: „Notandum est, quod yschia idem est quod siatica passio,
que est collectio humiditatum frigidarum in concavitate anche, … Dicitur autem yschia
ab yschion Grece, Latine ancha. Quod autem sit yschia sciatica, iterum ostenditur,
quoniam in primo de generatione animalium dicit Aristoteles, quod ad plurimum non
fiunt mulieribus yschie, et in 3° de hystoriis dicit paucis mulieribus fieri—ubi quidem
translatio habet Arabica ‚neque dolor acanache‘, id est sciatica passio—, dum men-
struum fuerit recte existens. Quidam quoque ignorans significatum nominis et essen-
tiam rei dicit yschias esse varices, … Et forte quod ipsum ad hanc expositionem impu-
lit, fuit, quia statim dicit Philosophus yschias iuvare melancolicos. Sed ut iam patuit,
non hec est nominis vera interpretatio neque etiam essentiam rei continet. Vidi nam-
que plurimos varices patientes et fecunde generantes; et subest ratio, quia …“—Den
Problemata-Kommentar hat Petrus dem Explicit zufolge in Paris—also in den neunziger
Jahren oder in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts—begonnen und in Padua
fertiggestellt.
62 kapitel i

chungszeitraums; die Herangehensweise, der wir hier begegnen, weist


schon voraus in die Zeit des Frühhumanismus.
Auch die pseudoaristotelische Physiognomie hat Bartholomaeus von
Messina am Hof König Manfreds ins Lateinische übertragen, also zwi-
schen 1258 und 1266; die Versuche, Verbreitung dieser Übersetzung
schon in der ersten Hälfte der sechziger Jahre nachzuweisen, sind nicht
geglückt.241 Andere Werke mit ähnlichen Titeln, die ebenfalls gele-
gentlich dem Aristoteles zugeschrieben wurden, kommen hier nicht in
Betracht.242 Michael Scotus hatte sich mit dem Liber phisionomie (De secre-
tis nature), dem dritten Teil seines Liber introductorius, um eine enzyklopä-
dische Darstellung des physiognomischen Stoffs bemüht.243—Hervorzu-
heben sind hier der 1295 verfasste Liber compilationis phisonomie des Petrus
von Abano244 und die vor 1310 entstandene Summa supra phisonomiam Ari-
stotilis cum questionibus des Arztes und Astrologen Guillelmus Hispanus
(Guillelmus de Aragonia)245 sowie eine Expositio in librum de physiognomia,

241 Anfang und Schluss dieses Werks (Inc. „Quoniam et anime sequuntur corpo-

ra …“) sind transkribiert in Aristoteles Latinus, Codices. Pars prior, ed. George La-
combe u. a., Cambridge 1939, 183 f.; vgl. ebd., 87. Ediert ist es von Richard Foerster,
Scriptores physiognomonici Graeci et Latini, I, Leipzig 1893, 5–91. Zur Wirkungsge-
schichte siehe Jole Agrimi, La ricezione della fisiognomica pseudoaristotelica nella facoltà
delle arti, in: Arch. Hist. doctr. litt. M.A. 64 (1997) 127–188 (zu den Anfängen der Ver-
breitung und ihrer Datierung ebd., 134–136) und dies., Fisiognomica.
242 Charles B. Schmitt/Dilwyn Knox, Pseudo-Aristoteles Latinus, London 1985, 45–

50.
243 Die zahlreichen Inkunabeln und Drucke sowie Literatur sind zusammengestellt

im Repertorium fontium historiae medii aevi, VII, Roma 1997, 595 f.; an neuerer
Literatur sind zu ergänzen: Graziella Federici Vescovini, Filosofia e scienza alla corte di
Federico II. La concezione del sapere di Michele Scoto, in: Henosis kai philia. Unione
e amicizia. Omaggio a Francesco Romano, ed. Maria Barbanti u. a., Catania 2002,
603–615, hier: 610; Danielle Jacquart, La fisiognomica: il trattato di Michele Scoto, in:
Federico II e le scienze, ed. Pierre Toubert/Agostino Paravicini Bagliani, Palermo 1994,
338–353; dies., La physiognomie à l’époque de Frédéric II: le traité de Michel Scot, in:
Micrologus 2 (1994) 19–37; auch Charles Burnett, Michael Scot and the Transmission of
Scientific Culture from Toledo to Bologna via the Court of Frederick II Hohenstaufen,
in: ebd., 101–126.
244 Von uns in der Inkunabel Padova 1474 herangezogen. Siehe Eugenia Paschetto,

La fisiognomica nell’enciclopedia delle scienze di Pietro d’Abano, in: Medioevo 11


(1985) 97–111; Graziella Federici Vescovini, L’antropologia naturale di Pietro d’Abano,
in: Paradigmi [Nuova Serie] 15 (1997) 525–541; Agrimi, Fisiognomica, 263 ff.
245 Guillelmus Hispanus, Summa supra phisonomiam Aristotilis cum questionibus

(Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Barb. lat. 309, fol. 69va–80vb [= V];
Admont, Stiftsbibliothek, 367, fol. 69vb–79va [= A]; Paris, Biblioteca Nazionale, Lat.
16089, fol. 244ra–257rb [= P1]; Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16158, fol. 146ra–
161vb [= P2]). Es wird „primo rethorice“ zitiert (V, fol. 69va). Die Angabe „Explicit
summa magistri Guillelmi Hyspani supra phisonomiam Aristotilis cum questionibus
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 63

die unter den Dubia des Aegidius Romanus zu stehen pflegt;246 ferner
sind anonym überlieferte Kommentare erhalten, nämlich nicht vor den
siebziger Jahren verfasste Questiones libri de phisonomia in einer Florenti-
ner Handschrift247 und De phisonomia in einem Brügger Codex.248 Ein
Liber physiognomie im Vaticanus Urb. lat. 230 (Ps.-Thomas von Aquin),
der knapp über dieses Wissensgebiet informiert, ist nicht als Aristoteles-
Kommentar angelegt.249 Letzteres gilt auch für den von Graziella Fede-
rici Vescovini untersuchten Traktat De physiognomica astrologica250 und den
Libellus de physiognomonia.251 Für die Anthropologie interessant ist der
Kommentar In physonomiam in einem Codex der Waliser Nationalbiblio-
thek, der aber wahrscheinlich erst Jahrzehnte nach dem Ende unseres
Untersuchungszeitraums verfasst wurde.252

eiusdem“ steht in P1 fol. 257rb. Maßgeblich ist die Arbeit von José F. Meirinhos, A
atribuição a Petrus Yspanus das Sententie super libro de physonomia de Guillelmus Hispanus,
no manuscrito Vaticano, Urb. lat. 1392, in: Mediaevalia. Textos e Estudos 7–8 (1995)
329–359, der mehr als ein Dutzend Handschriften zusammengestellt hat (darunter aber
nicht der Admontensis, der das Werk anonym überliefert, weswegen die Identität mit
dem Kommentar des Guillelmus bisher nicht erkannt wurde). Vgl. Hauréau, Notice,
231 f.; Agrimi, Fisiognomica, 242 und dies., La ricezione, 186–188; Lafleur, Quatre
introductions, 34; Weijers, Le travail, Fasc. 3, 102 f.
246 Anonymus, Scriptum cum questionibus super phisiognomiam, von uns transkri-

biert nach Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 4° 316, 56vb–69rb (nach alter
Zählung 55vb–68rb); weitere Textzeugen: Compendium Auctorum Latinorum Medii
Aevi, I, 71 (Nr. 72). Vgl. Weijers, Le travail, Fasc. 2 (Studia Artistarum 3), Turnhout
1996, 75.
247 Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. E.1.252, fol. 232vb–242va.

Dieser Magister zitiert Albert und die ps.-aristotelische Oekonomik, was für die Datie-
rung von Belang ist. Die Handschrift beschreibt Pomaro im Catalogo di manoscritti
filosofici, III, 49–51 und datiert sie ins frühe 14. Jh.
248 Brugge, Stedelijke Openbare Bibliotheek, 489, fol. 51r–55v. Der Titel ist dem

Explicit (fol. 55v) entnommen: „Explicit de phisonomia.“ Dass der Autor im nörd-
lichen Mitteleuropa—vielleicht in der Gegend der heutigen Bibliotheksheimat der
Handschrift—gelebt haben mag, könnte man indirekt aus seinen geographischen und
ethnologischen Kenntnissen und Urteilen (besonders fol. 55v) folgern, wenn er auch
andeutet, dass er sich hinsichtlich seiner diesbezüglichen Angaben auf vorhandene
Literatur gestützt hat. Den Codex beschreibt Pattin, Repertorium, 23–26.
249 Ps.-Thomas von Aquin, Liber physiognomie (Città del Vaticano, Biblioteca Apo-

stolica Vaticana, Urb. lat. 230, fol. 200va–201rb); die Zuschreibung an Thomas findet
sich in der Handschrift.
250 Graziella Federici Vescovini, Su un trattatello anonimo di fisiognomica astrologi-

ca, in: Uomo e Natura nella letteratura e nell’arte italiana del Tre-Quattrocento, ed.
Wolfram Prinz (Quaderni dell’Accademia delle Arti del Disegno 3), Firenze 1991, 43–
61.
251 Anonymus, De physiognomonia libellus, ed. Roger A. Pack, Auctoris incerti De

physiognomonia libellus, in: Arch. Hist. doctr. litt. M.A. 41 (1974) 113–138.
252 In physonomiam (Aberystwyth, National Library of Wales, 2050 B, fol. 42ra–55vb).
64 kapitel i

In Anbetracht der prominenten Rolle des Petrus Hispanus (Medi-


cus) in der anthropologisch relevanten Aristoteleskommentierung der
Hochscholastik verdienen auch seine etwa in den späten vierziger Jah-
ren entstandenen medizinischen Schriften Beachtung, da ihre Kenntnis
zum Verständnis seines Denkens maßgeblich beiträgt.253 Hierzu gehö-
ren seine Notule super Iohanicium,254 seine Questiones supra viaticum,255 die
Glose super tegni Galieni,256 das Scriptum cum questionibus super dietas univer-
sales Ysac,257 der Tractatus supra dietas particulares,258 die Notule super regi-

Die Handschrift gehört ins 15. Jh. Zur Handschrift siehe Lohr, Aristotelica Britannica,
82 f.
253 Fernando Salmón, Medical Classroom Practice. Petrus Hispanus’ questions on

Isagoge, Tegni, Regimen acutorum and Prognostica (c. 1245–1250) (MS Madrid B.N. 1877,
fols. 24rb–141vb) (Articella Studies. Texts and Interpretations in Medieval and Renais-
sance Medical Teaching 4), Cambridge–Barcelona 1998.
254 Petrus Hispanus (Medicus), Notule super Iohanicium (Madrid, Biblioteca Nacio-

nal, 1877, fol. 24ra–47vb), ein Kommentar zur Isagoge ad tegni Galeni des Hunain ibn Ishāq.
Ebenso wie in seinem Kommentar zu De animalibus sieht Petrus hier seine Aufgabe in
der Klärung von nach seiner Ansicht nur scheinbaren Widersprüchen, zumal solcher
zwischen dem naturphilosophischen Ansatz des Aristoteles und den Standpunkten der
Mediziner. So kommt Petrus am Ende gewöhnlich zu Feststellungen wie „Et sic non est
contradictio“ (fol. 29ra).
255 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones supra viaticum (Madrid, Biblioteca Nacio-

nal, 1877, fol. 142ra–205ra). Das kommentierte Werk ist das von Constantinus Africanus
übersetzte und bearbeitete Viaticum peregrinantis, welches Petrus allerdings dem Isaac
Israeli (Isaac Iudeus) zuschreibt (fol. 175vb: „Contrarium dicit Constantinus in libro
de coitu et Ysaac in hoc libro“; fol. 176rb: „sicut dicit Ysaac in viatico“). Vgl. Mary
F. Wack, Lovesickness in the Middle Ages: The Viaticum and Its Commentaries, Phil-
adelphia 1990, 83 ff.
256 Petrus Hispanus (Medicus), Glose super tegni Galieni (Madrid, Biblioteca Nacio-

nal, 1877, fol. 48ra–109ra), ein Kommentar zu Galens Mikrotechne. Titel und Verfasser-
schaft dieses Werks ergeben sich aus dem von der Texthand stammenden Explicit
(fol. 109ra) „Expliciunt glose super tegni Galieni a magistro Petro Yspano edite“ ebenso
wie auch daraus, dass Petrus am Anfang auf seinen im Codex unmittelbar voranste-
henden Johannitius-Kommentar Bezug nimmt. Drei weitere Textzeugen nennen Lynn
Thorndike/Pearl Kibre, A Catalogue of Incipits of Mediaeval Scientific Writings in
Latin, Cambridge (Mass.) 21963, 1266.
257 Petrus Hispanus (Medicus), Scriptum cum questionibus super dietas universales

Ysac (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 2° 172, fol. 44ra–107vb [Redactio


longa]; Madrid, Biblioteca Nacional, 1877, fol. 238ra–243vb [Redactio brevis]). Zum
Inhalt dieses Kommentars zu De dietis universalibus des Isaac Israeli und zur Isaak-
Kommentierung des Petrus im Allgemeinen siehe Lynn Thorndike, A History of Magic
and Experimental Science during the first thirteen centuries of our era, II, New York–
London 1923, 502–510. Eine Teiledition besorgte Manuel Alonso, Pedro Hispano:
Obras filosóficas, I (Libros „Pensamiento.“ Serie Colaboración 4), Barcelona 21961,
XXXVIII–XLIV.
258 Petrus Hispanus (Medicus), Tractatus supra dietas particulares (Madrid, Biblioteca

Nacional, 1877, fol. 206ra–237vb).


der gegenstand, seine behandlung in der forschung 65

men acutorum,259 die Glose super pronosticam260 und die Glose super Phylare-
tum.261
Da im Zentrum unserer Untersuchung Kommentarwerke stehen,
darunter eine nicht geringe Anzahl von Wortkommentaren (per modum
commenti), kann die Frage nicht unbeachtet bleiben, in welchem Maße
paraphrasierende Kommentierungen die Meinung ihrer Autoren wi-
derspiegeln. Diese Problematik ist speziell im Hinblick auf die Ari-
stoteleskommentierung Alberts des Großen schon frühzeitig etwa von
Arthur Schneider262 und seither immer wieder von neuem diskutiert
worden. Einen Ansatzpunkt bieten die bekannten Beteuerungen des
Doctor universalis, in seinen philosophischen Schriften nur möglichst
getreu die Lehrmeinungen der „Peripatetiker“ wiedergeben zu wol-
len.263 Kürzlich hat Jörn Müller die Diskussion zu dieser Frage in ihren
wesentlichen Positionen übersichtlich nachgezeichnet und die aus sei-
ner Sicht offengebliebene Problematik in die Frage gekleidet, ob man
paraphrasierende Passagen aus Alberts Kommentaren—speziell hat er
den Wortkommentar zur Ethik im Blick—als Beleg für dessen persön-
liche Auffassung in einer philosophischen Fragstellung anführen dürfe.
Müller hält es für angemessen, paraphrasierende Passagen dann für die
Rekonstruktion der Lehrmeinung des Kommentators heranzuziehen,
wenn sie unter Berücksichtigung des spezifizierten Kontextes als Aus-
druck seines Standpunktes verstanden werden können.264 Diese Ver-
fahrensweise, die an ähnliche Überlegungen anderer Albert-Forscher
anschließt, ist wohlbegründet. Sowohl der nähere Kontext, zu dem ins-

259 Petrus Hispanus (Medicus), Notule super regimen acutorum (Madrid, Biblioteca

Nacional, 1877, fol. 110ra–123va), ein Kommentar zu Hippokrates, De regimine acutorum.


260 Petrus Hispanus (Medicus), Glose super pronosticam (Madrid, Biblioteca Nacio-

nal, 1877, fol. 124ra–141vb), ein Kommentar zum Prognosticon des Hippokrates.
261 Petrus Hispanus (Medicus), Glose super Phylaretum (Madrid, Biblioteca Nacio-

nal, 1877, fol. 251ra–255ra [= Ma]; München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 8951,
fol. 151ra–169ra [= Mo]), ein Kommentar zu De pulsibus des Philaretus.
262 Arthur Schneider, Die Psychologie Alberts des Großen. Nach den Quellen dar-

gestellt, I (BGPhMA 4/5), Münster 1903, 2–8; ebd., II (BGPhMA 6), Münster 1906,
295–302.
263 Eine Zusammenstellung und umfassende Erörterung bietet James A. Weisheipl,

Albert’s Disclaimers in the Aristotelian Paraphrases, in: Proceedings of the Patristic,


Mediaeval, and Renaissance Conference 5 (1980) 1–27.
264 Jörn Müller, Natürliche Moral und philosophische Ethik bei Albertus Magnus

(BGPhThMA, N.F. 59), Münster 2001, 73–79. Vgl. auch Ludger Honnefelder, Die
philosophiegeschichtliche Bedeutung Alberts des Großen, in: Albertus Magnus und die
Anfänge der Aristoteles-Rezeption im lateinischen Mittelalter. Von Richardus Rufus bis
zu Franciscus de Mayronis, ed. ders. u. a. (Studia Albertina 1), Münster 2005, 249–279,
hier: 259; 264.
66 kapitel i

besondere eingefügte digressiones und quaestiones gehören, wie der weitere


Kontext, zumal Pararallelaussagen (Selbstzitate) in anderen Zusam-
menhängen oder Werken Alberts und sein Umgang mit Sachfragen
generell,265 bietet solide Anhaltspunkte. Davon ist nicht allein im Fall
der Paraphrasenkommentare des Doctor universalis auszugehen, son-
dern in der Regel auch im Fall der textauslegenden Kommentarwerke
der anderen hochscholastischen Magister. Unabhängig davon bleibt
natürlich zu fragen, was an den Ausführungen eines Gelehrten ori-
ginäre wissenschaftliche Erkenntnisse und was aus literarischen Quel-
len in die eigene Lehrauffassung übernommene Einsichten sind. Dar-
über können nur die Vergleiche mit der jeweils benutzen Literatur Auf-
schluss geben.266
Nach diesen Präzisierungen zum engeren Gegenstand, dem Un-
tersuchungszeitraum und dem Quellenbereich lässt sich unser Unter-
suchungsvorhaben nunmehr abschließend wie folgt bestimmen: Ziel
ist es, auf der Grundlage des ausgewählten Quellenbereiches die an
der Leitidee des homo animal nobilissimum orientierte bzw. dem Para-
digma des Tiervergleichs folgende philosophische Befassung der Auto-
ren mit konkreten, lebensbezogenen Ausprägungsweisen des spezifisch
Menschlichen (quantum ad naturalia hominis) auf möglichst breiter Textba-
sis systematisch zu erheben und zu analysieren. Dazu wird es erforder-
lich sein, zunächst das geistigen Umfeld zu beleuchten, in dem sich das
philosophische Interesse an den konkreten Zügen des Menschlichen
herausbildete, sowie insbesondere die Ansatz- und Argumentations-
struktur transparent zu machen, die diesem philosophisch-anthropolo-
gischen Bemühen zugrunde liegt.
Die Gesamtuntersuchung gliedert sich in zwei Teile, denen jeweils
einer von zwei Teilbänden gewidmet ist. Im vorliegenden ersten Teil-
band werden folgende Themenbereiche dargestellt und analysiert:

265 Vgl. Paul Hossfeld, Albertus Magnus über die Frau, in: Tierer Theologische Zeit-

schrift 91 (1982) 221–240, hier: 233 für Albert; im Kontrast dazu der von Siger von
Brabant, De anima intellectiva c. 7, ed. Bernardo Bazán, Siger de Brabant: Quaes-
tiones in tertium De anima, De anima intellectiva, De aeternitate mundi (Philosophes
médiévaux 13), Louvain–Paris 1972, 101 l. 4–9 eingenommene Standpunkt, vgl. Honne-
felder, Die philosophiegeschichtliche Bedeutung, 264.
266 Dies hat u. a. Ursula Weisser, Die Harmonisierung antiker Zeugungstheorien im

islamischen Kulturkreis und ihr Nachwirken im europäischen Mittelalter, in: Orienta-


lische Kultur und europäisches Mittelalter, ed. Albert Zimmermann/Ingrid Craemer-
Ruegenberg (Miscellanea Mediaevalia 17), Berlin–New York 1985, 301–326, hier: 303
angesprochen.
der gegenstand, seine behandlung in der forschung 67

– das geistige Umfeld mit den aus ihm erwachsenen Rahmenbedin-


gungen und den von ihm ausgehenden speziellen Impulsen
– die Ansatzstruktur der naturphilosophischen Befassung mit dem
spezifisch Menschlichen und die zugrunde liegende Argumentati-
onsstruktur
– die Aussagen der Magister zur Besonderheit der menschlichen
Spezies, ihrer Einzigkeit, Einheit und Geschlossenheit
– die Aussagen der Magister zur Binnendifferenzierung der Spe-
zies Mensch nach Geschlechtern, Altersstufen, sozialer Schich-
tung und ethnischen bzw. geographisch-klimatisch bedingten Un-
terschieden.
Im zweiten Teilband sollen alsdann die auf den Einzelmenschen und
seine Existenzweise bezogenen, Mensch und Tier gegenüberstellenden
Ausführungen der Magister behandelt werden, in denen sie den differen-
tiae et convenientiae in der körperlichen Konstitution, in den psychischen
Vermögen und Operationen sowie in den individuellen und sozialen
Verhaltensweisen nachgehen.
kapitel ii

DAS INTERESSE AN DEN KONKRETEN


AUSPRÄGUNGSWEISEN DES MENSCHLICHEN
IM GEISTIGEN UMFELD DER EPOCHE

Warum gewinnen die konkreten Ausprägungsweisen des spezifisch


Menschlichen ab der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts in der
philosophischen Reflexion unübersehbar zunehmendes Interesse? Die-
se Frage lenkt den Blick auf das geistige Umfeld, in das dieses anthro-
pologische Erkenntnisinteresse eingebettet ist. Was an diesem Umfeld
war geeignet, diese Entwicklung zu ermöglichen, zumindest aber sie
zu begünstigen? Vor allem drei Faktoren scheinen es zu sein, von
denen ein entsprechender Einfluss ausgegangen sein dürfte. Es sind
dies erstens die prägende Grundströmung einer allseitig lernbegierigen
Zuwendung zu den der Erfahrung zugänglichen Naturdingen (1.), zwei-
tens damit einhergehende Ansätze zu einer stärkeren methodischen
Gewichtung von Einzelsachverhalten, Beobachtung und Erfahrung (2.)
und drittens anthropologisch relevante Anstöße sowohl innerphiloso-
phischer als auch kulturell-gesellschaftlicher Art (3.).

1. Die von allseitigem Interesse getragene


Zuwendung zu den Natursachverhalten

Bereits in den Pionierjahren der philosophiegeschichtlichen Forschung


hat sich Joseph Koch die Frage gestellt, „warum gerade in der Zeit der
Hochscholastik das philosophische Interesse am Menschen zunahm“,1
und dabei vor allem auf das seit dem zwölften Jahrhundert „mäch-
tig wachsende ‚Weltgefühl‘“2 hingewiesen. Dieses umschreibt der Alt-
meister der philosophiegeschichtlichen Forschung so: „Man wird auf
die Wunder der Welt aufmerksam, freut sich an der Mannigfaltigkeit
und dem Reichtum der Natur im großen und im kleinen und sam-
melt alle Kenntnisse, die man von Steinen und Pflanzen, Tieren und

1 Koch, Sind die Pygmäen Menschen, 196.


2 Ebd., 197.
70 kapitel ii

Menschen erlangen kann, mit besonderem Eifer.“ Ohne Zweifel fällt


dem von Koch erkannten wachsenden „Weltgefühl“ die Rolle eines
primären Impulsgebers und Wegbereiters nicht nur im Hinblick auf
das philosophische Interesse am Menschen im Allgemeinen zu, son-
dern gerade auch für das Streben nach einer philosophischen Erfas-
sung des Menschlichen in seiner lebensweltlichen Konkretisierung. Die
in diesem „Weltgefühl“ hervortretende Dynamik einer von allseitigem
Interesse getragenen Zuwendung zu den Natursachverhalten als sol-
chen war eine entscheidende, zunächst generelle Ausgangsbedingung
dafür, dass sich auch ein spezifisches philosophisches Interesse an den
konkreten, lebensbezogenen Ausprägungsweisen des Menschlichen aus-
zubilden vermochte.
Die vielschichtige Entwicklung dieser naturphilosophischen Denk-
bewegung, die Marie-Dominique Chenu später durch die eingängige
Bezeichnung „la découverte de la nature“ populär gemacht hat,3 ist
mittlerweile in wissenschaftshistorischer4—speziell auch medizinhisto-
rischer5—ebenso wie in philosophiegeschichtlicher6 Perspektive inten-

3 Marie-Dominique Chenu, La théologie au douzième siècle (Études de philosophie

médiévale 45), Paris 1957, 21–30.


4 Hierzu Charles H. Haskins, Studies in the History of Mediaeval Science, Cam-

bridge (Mass.) 1927; Science in the Middle Ages, ed. David C. Lindberg, Chicago–
London 1978; David C. Lindberg, The Beginnings of Western Science. The European
Scientific Tradition in Philosophical, Religious, and Institutional Context, 600 B.C. to
A.D. 1450, Chicago–London 1992.
5 Hierzu Jole Agrimi/Chiara Crisciani, Edocere medicos. Medicina scolastica nei

secoli XIII–XV (Hippocratica civitas 2), Napoli 1988; Piero Morpurgo, Filosofia della
natura nella scuola salernitana del secolo XII, Bologna 1990; Constantine the African
and #Alı̄ Ibn al-"Abbās al-Maǧdūsı̄. The Pantegni and Related Texts, ed. Charles
Burnett/Danielle Jacquart (Studies in Ancient Medicine 10), Leiden u. a. 1994; Danielle
Jacquart, La science médicale occidentale entre deux renaissances (XIIe s. – XVe
s.), Aldershot 1997; Western Medical Thought from Antiquity to the Middle Ages,
ed. Mirko D. Grmek, Cambridge (Mass.)–London 1998; Cornelius O’Boyle, The Art
of Medicine. Medical Teaching at the University of Paris 1250–1400 (Education and
Society in the Middle Ages and Renaissance 9), Leiden u. a. 1998; Roger French,
Medicine before Science: The Rational and Learned Doctor from the Middle Ages to
the Enlightenment, Cambridge 2003; Eduard Seidler, Die Heilkunde des ausgehenden
Mittelalters in Paris. Studien zur Struktur der spätscholastischen Medizin (Sudhoffs
Archiv, Beiheft 8), Wiesbaden 1967.
6 Andreas Speer, Die entdeckte Natur. Untersuchungen zu Begründungsversuchen

einer „scientia naturalis“ im 12. Jh. (Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mit-
telalters 45), Leiden u. a. 1995; ders., Zwischen Naturbeobachtung und Metaphysik.
Zur Entwicklung der Gestalt der Naturphilosophie im 12. Jh., in: Aufbruch–Wandel–
Erneuerung. Beiträge zur „Renaissance“ des 12. Jh., ed. Georg Wieland, Stuttgart–Bad
Canstatt 1995, 155–180; French/Cunningham, Before Science; Grant, God, der unter
anderem kritisch zur Leitthese von French und Cunningham Stellung nimmt; Carlos
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 71

siv untersucht und dargestellt worden. Wir sind somit über diese rich-
tunggebende Grundtendenz im geistigen Umfeld der Epoche mit dem
erreichten Forschungsstand insgesamt sehr gut ins Bild gesetzt. Daher
können wir uns darauf beschränken, diese Tendenz mit einigen ergän-
zenden Beobachtungen in ihren Hauptzügen nochmals zu vergegen-
wärtigen.
Die in dem von Koch angesprochenen „Weltgefühl“ hervortretende
Erkenntnishaltung gegenüber der Natur war anfangs noch überwie-
gend geprägt durch die aus der patristischen Tradition überkommene
Sichtweise der Naturdinge als res creatae, die dieselben sehr unmittel-
bar in einen geistlichen Sinnbezug stellte und vorrangig als Träger ins-
besondere allegorischer und tropologischer Bedeutungen wahrnehmen
ließ. Mehr und mehr gewann aber auch der Sinn für die natürliche
Bedeutung und Beschaffenheit der Dinge Raum.7 Diese Entwicklung
zeichnete sich schon frühzeitig ab, etwa wenn Hrabanus Maurus bei
seinem Eintreten für die Heilkunst als Gottesgabe generell hervorhebt,
dass überhaupt jegliches von Gott Geschaffene nicht nur gut, son-
dern sogar sehr gut sei und wir daher nichts mißachten dürfen, von
dem wir wissen, dass es der Schöpfer zu unserem Nutzen geschaffen
hat.8 Der mit Honorius Augustodunensis in freundschaftlicher Bezie-

Steel, Nature as Object of Science: On the Medieval Contribution to a Science of


Nature, in: Nature in Medieval Thought. Some Approaches East and West, ed. Chu-
maru Koyama (Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters 73), Leiden
u. a. 2000, 125–152, hier: 128–133. Vgl. auch Köhler, Grundlagen, 630–635 und dens.,
Zwischen ‚mystischer‘ Sinnsuche und naturphilosophisch-wissenschaftlicher Sachver-
haltserklärung—Facetten einer Denkbewegung, in: Salzb. Jahrb. Philos. 46–47 (2001–
2002) 9–33.
7 Wanda Cizewski, Beauty and the beasts: Allegorical zoology in twelfth-century

hexaemeral literature, in: From Athens to Chartres. Neoplatonism and Medieval


Thought. Studies in Honour of Édouard Jeauneau, ed. Haijo J. Westra (Studien und
Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters 35), Leiden u. a. 1992, 289–300 hat das
anhand des Umgangs mit der Frage, warum Gott die Tiere geschaffen hat, nachge-
zeichnet; siehe auch Köhler, Zwischen ‚mystischer‘ Sinnsuche, 10 ff.
8 Hrabanus Maurus, In Ecclesiasticum VIII c. 13 (PL 109, 1030B): „Discretos nos

vult esse in omni re, nec aliquid temere agere, quoniam omnia opera Dei non solum
bona, sed etiam valde sunt bona. Unde non debemus ea spernere, quae noverimus
ad utilitatem nostram et sanitatem creatorem nostrum nobis procreasse, …“ Hierzu
Hennig Brinkmann, Mittelalterliche Hermeneutik, Tübingen 1980, 74. Vgl. einen Pas-
sus der Defensio artis medicinae (im ‚Lorscher Arzneibuch‘), ed. Ulrich Stoll, Das
‚Lorscher Arzneibuch.‘ Ein medizinisches Kompendium des 8. Jh. (Codex Bamber-
gensis medicinalis 1) Text, Übersetzung und Fachglossar (Sudhoffs Archiv, Beiheft 28),
Stuttgart 1992, 56: „Sed non ideo humana refutanda medicina, sed cum gratiarum
actione in labore utenda, quia nemo debet carnem suam in eo, quod condita est, odio
habere, …“
72 kapitel ii

hung stehende Schreiber eines an diesen Autor gerichteten Briefes


beklagte es als einen jämmerlichen Zustand, die um des Menschen wil-
len geschaffenen Dinge täglich vor Augen zu haben, jedoch wie ver-
nunftlose Tiere in völliger Unkenntnis darüber befangen zu sein, was
sie eigentlich (ihrer Natur nach) sind.9 Er wandte sich daher mit der
Bitte um entsprechende Unterweisung an Honorius, der dann mit sei-
ner Schrift Imago mundi (nach 1133) dem Wunsch des Freundes zu ent-
sprechen suchte.10 Für Honorius stand fest, dass die Betrachtung der
Schöpfung, seien es nun Blumen, Kräuter, Früchte oder Tiere wie Wür-
mer und Vögel, in der Tat großes Vergnügen bereitet; er hebt hervor:
„Alles ist somit gut und alles ist um des Menschen willen geschaffen.“11
Die sich ausweitende Aufmerksamkeit für die Naturgegebenheiten
verdichtete sich in dem Erkenntnisinteresse an der Erfahrungswirk-
lichkeit als solcher, welches im Verlauf des zwölften Jahrhunderts mit
Macht aufbrach und im dreizehnten Jahrhundert im Zuge der tief-
greifenden Umorientierung des Philosophierens hin zum aristotelisch
geprägten Denken einem ersten Höhepunkt zustrebte. Dieses löste sich
methodisch von der bislang in der Naturbetrachtung vorherrschend
erkenntnisleitenden aus der patristischen exegetischen Tradition er-
wachsenen Perspektive, die die sichtbaren Dinge nicht um ihrer selbst
willen, sondern als Ausdruck von Gottes Schöpfermacht, Weisheit und
Güte und insgesamt als Hinweise auf anderes, Höheres in den Blick
brachte.12 Thomas von Aquin geht auf diese Zugangsweise in seinen

9 Epistola cuiusdam ad Honorium solitarium, ed. Valerie I.J. Flint, Honorius Au-

gustodunensis, Imago mundi, in: Arch. Hist. doctr. litt. M.A. 49 (1982) 7–153, hier
48: „Miserum enim videtur, res propter nos factas cotidie spectare, et cum iumentis
insipientibus quid sint penitus ignorare.“ Hierzu auch Elisabeth Schinagl, Naturkunde-
Exempla in lateinischen Predigtsammlungen des 13. und 14. Jh. (Lateinische Sprache
und Literatur des Mittelalters 32), Bern u. a. 2001, 38.
10 Honorius Augustodunensis, Imago mundi, Prol., ed. Valerie I.J. Flint, in: Arch.

Hist. doctr. litt. M.A. 49 [57] (1982) 7–153, hier: 48 f.


11 Honorius Augustodunensis, Elucidarium I, n. 67, ed. Yves Lefèvre, L’Elucidarium

et les lucidaires (Bibliothèque des Écoles françaises d’Athènes et de Rome 180), Paris
1954, 373: „Omnis itaque Dei creatio consideranti magna est delectatio, dum in ali-
quibus sit decor, ut in floribus, et in aliquibus sit medicina, ut in herbis, in quibusdam
pastus, ut in frugibus, in quibusdam significatio, ut in vermibus vel avibus. Omnia igitur
bona et omnia propter hominem creata.“ Hierzu wiederum Brinkmann, Mittelalter-
liche Hermeneutik, 74; Cizewski, Beauty, 299 f. (vgl. auch deren Beobachtungen zu
Rupert von Deutz ebd., 293 und 295).
12 Zum Hintergrund der Signum-Konzeption Augustins Alfonso Maierù, „Signum“

dans la culture médiévale, in: Sprache und Erkenntnis im Mittelalter. Akten des VI.
Internationalen Kongresses für mittelalterliche Philosophie, 29. August – 3. Septem-
ber 1977 in Bonn, ed. Jan P. Beckmann u. a. (Miscellanea Mediaevalia 13/1), Berlin–
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 73

wissenschaftstheoretischen Überlegungen zur sacra doctrina am Beginn


der Summa theologiae als ein Strukturelement theologischen Denkens
ein.13 Zu dieser traditionellen, im theologischen Kontext weiterhin ge-
pflegten Sichtweise14 trat somit eine neue, eigenständige erkenntnislei-
tende Perspektive hinzu, die von nun an den philosophischen Zugang
zu den Dingen der Natur maßgebend prägte. Fragte man vordem
eher nicht, „wie die Dinge sind, sondern was das Begegnende dem
Menschen zu sagen hat“,15 so galt das—naturphilosophische—Interesse
nunmehr den Dingen gerade in ihrer naturgegebenen, gewissermaßen
„profanen“ Verfasstheit, „so wie sie sind“, wie eine in der Literatur
zu Recht vielbeachtete Formulierung Kaiser Friedrichs II. besagte.16 Es
ging—um eine von Otto Borst ursprünglich zur Charakterisierung der

New York 1981, 51–72, hier: 57. Zu dieser Denkhaltung siehe Friedrich Ohly, Vom
geistigen Sinn des Wortes im Mittelalter, Darmstadt 1966; Brinkmann, Mittelalterliche
Hermeneutik, passim und dens., Die „zweite Sprache“ und die Dichtung des Mittel-
alters, in: Methoden in Wissenschaft und Kunst des Mittelalters, ed. Albert Zimmer-
mann (Miscellanea Mediaevalia 7), Berlin 1970, 155–171; Traude-Marie Nischik, Das
volkssprachliche Naturbuch im späten Mittelalter. Sachkunde und Dinginterpretation
bei Jacob van Maerlant und Konrad von Megenberg (Hermaea, N.F. 48), Tübingen
1986; Geistliche Aspekte mittelalterlicher Naturlehre. Symposion 30. November – 2.
Dezember 1990, ed. Benedikt K. Vollmann (Wissenschaftsliteratur im Mittelalter 15)
Wiesbaden 1993.
13 Thomas von Aquin, Summa theologiae I q. 1 a. 10c (Ed. Leon. IV, 25a).
14 Hierzu Giuseppe Beschin, Il simbolismo religioso della natura nel commento di

San Bonaventura all’ Ecclesiaste, in: In factis mysterium legere. Miscellanea di studi in
honore di Iginio Rogger in occasione del suo ottantesimo compleanno (Pubblicazioni
dell’Istituto di scienze religiose in Trento. Series maior 6), Bologna 1999, 485–495;
Boureau, L’animal, 106 f.; Baudouin Van den Abeele, L’allégorie animale dans les
encyclopédies latines du Moyen Âge, in: L’animal exemplaire au Moyen Âge (Ve–XVe
siècle), ed. Jacques Berlioz/Marie Anne Polo de Beaulieu, Rennes 1999, 123–143.
15 Wolfram von den Steinen, Menschendasein und Menschendeutung im früheren

Mittelalter, in: Historisches Jahrbuch 77 (1958) 188–213, hier: 200 mit Blick auf das frühe
Mittelalter.
16 Friedrich II., De arte venandi cum avibus, Prol., ed. Karl A. Willemsen, Friderici

Romanorum Imperatoris Secundi De arte venandi cum avibus, Leipzig 1942, 2 l. 20:
„… ea, quae sunt sicut sunt, …“; hierzu neuerdings die vorzügliche Studie von Michael
Menzel, Die Jagd als Naturkunst. Zum Falkenbuch Kaiser Friedrichs II., in: Natur
im Mittelalter. Konzeptionen–Erfahrungen–Wirkungen. Akten des 9. Symposiums des
Mediävistenverbandes, Marburg, 14.–17. März 2001, ed. Peter Dilg, Berlin 2003, 342–
359. Vgl. Hugo von St. Viktor, Didascalicon VI 3, ed. Charles H. Buttimer, Washington
(D.C.) 1939, 114 l. 4 f.: „neque ego te perfecte subtilem posse fieri puto in allegoria, nisi
prius fundatus fueris in historia“; auch die Gegenüberstellung „metaphorica“—„in rei
veritate sicut est“ bei Albert d. Gr., De somno et vig. III tr. 2 c. 2, ed. Auguste Borgnet,
Paris 1890 (Ed. Paris. IX, 199a). Zur Naturbeschreibung vgl. Bernard Ribémont, De
Natura Rerum. Études sur les encyclopédies médiévales (Medievalia 18), Orléans 1995,
129–149.
74 kapitel ii

Haltung des Rittertums verwendete Formulierung aufzunehmen—„um


nichts anderes, als innerhalb des christlichen Weltverständnisses Raum
zu schaffen für die natürlichen Mächte … der Kultur, die das dies-
seitige Leben gestaltet und beherrscht.“17 Zugleich bemerken wir das,
was Benedikt K. Vollmann als „einen ganz wesentlichen Unterschied
zwischen dem antik-lateinischen und frühmittelalterlichen Zugang zur
Natur einerseits und der spätmittelalterlichen Naturbetrachtung ande-
rerseits“ bezeichnet hat: „das Zurücktreten der Wundersucht.“18
Eine staunenswerte, auf die Gesamtheit des Wissbaren bezogene
Entdeckerfreude greift um sich; omnia disce, videbis postea nihil esse super-
fluum; coartata scientia iucunda non est, lautet eine richtungweisende Sen-
tenz Hugos von St. Viktor19 verbunden mit seiner Mahnung, Details
nicht zu verschmähen.20 Sie bezog sich insbesondere auf die sicht-
bare Welt und deren naturphilosophische Erfassung. Mancher Gelehrte
aus unserem engeren Untersuchungszeitraum verleiht ihr bisweilen mit
geradezu überschwenglichen Worten Ausdruck. Von „geheimster Wis-
senschaft von der Natur“ spricht Michael Scotus. Ihre Kenntnis möchte
er seinem kaiserlichen Förderer Friedrich II. von Hohenstaufen ver-
mitteln, indem er ihm—frühestens 1228—seinen Liber introductorius, eine
Trilogie aus Liber quatuor distinctionum, Liber particularis und Liber phisio-
nomie zueignet.21 Roger Bacon bekundet im spätestens 1266/1268 fer-

17 Otto Borst, Alltagsleben im Mittelalter (insel taschenbuch 513), Frankfurt a.M.

1983, 19.
18 Benedikt K. Vollmann, Schiffshalter und Barnikelgans. Die Last des antiken Erbes

in der mittelalterlichen Naturkundeenzyklopädik, in: Mystik–Überlieferung–Naturkun-


de. Gegenstände und Methoden mediävistischer Forschungspraxis, ed. Robert Luff/
Rudolf K. Weigand (Germanistische Texte und Studien 70), Hildesheim u. a. 2002,
109–124, hier: 122.
19 Hugo von St. Viktor, Didascalicon VI 3 (ed. Buttimer, 115 l. 19 f.). Vgl. Ps.-Hugo

von St. Viktor, De modo dicendi et meditandi libellus (PL 176, 877A). Zu Hugos Grund-
haltung Jean Châtillon, Le „Didascalicon“ de Hugues de Saint-Victor, in: Cahiers
d’histoire mondiale 9 (1966) 539–552, hier: 539 ff.; Dominique Poirel, Hugues de Saint-
Victor, Paris 1998, 50 ff. Den Wissensdurst illustriert auch Burghart Wachinger, Wissen
und Wissenschaft als Fascinosum für Laien im Mittelalter, in: Ars und Scientia im Mit-
telalter und in der Fühen Neuzeit. Ergebnisse interdisziplinärer Forschung, ed. Cora
Dietl/Dörte Helschinger, Tübingen–Basel 2002, 13–29.
20 Hugo von St. Viktor, Didascalicon VI 3 (ed. Buttimer, 114 l. 5 f.): „noli contemnere

minima haec. paulatim defluit qui minima contemnit.“ Hierzu Poirel, Hugues de Saint-
Victor, 53.
21 Michael Scotus, Liber phisionomie pars 1 c. 1 (Ed. Venezia 1505, fol. 2r): „Nobilis

imperator, uir gratiose quasi omnium gratiarum et donorum (domorum ed.), ex grandi
amore tibi notifico secretissimam (sacratissimam ed.) scientiam naturae, quae potest
appellari consolatio …“ Zur Zueignung an Friedrich siehe Minio-Paluello s. v. Michael
Scot, 363; zur Wissenskonzeption Michaels Federici Vescovini, Filosofia.
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 75

tiggestellten Opus minus seine Überzeugung, dass wir über das Ver-
ständnis sowohl der Schrift als auch der gesamten Philosophie—und
somit aller göttlichen und menschlichen Weisheit—verfügen werden,
wenn wir erst das Wissen von den Eigentümlichkeiten aller Dinge
(d. h. eine adäquate, gerade auch für die theologische Arbeit grund-
legende Kenntnis des sensus litteralis)22 erlangt haben.23 Mindestens zwei-
mal führt er aus der pseudoboethianischen Schrift De disciplina scola-
rium den bezeichnenden Satz an, wie armselig es doch sei, immer
nur auf bereits Entdecktes zurückzugreifen und niemals auf noch zu
Entdeckendes.24 Der Verfasser eines nicht vor 1250 entstandenen Phy-
sik-Kommentars bekundet seine Überzeugung, dass die Naturphiloso-
phie naturgemäß vom Menschen ungestümer (vehemencius) als sämtliche
anderen Disziplinen anzustreben sei und dass der Mensch mehr als
um anderes gerade um ihre Kenntnis bemüht sein müsse, da es in ihr
um Erkenntnisgegenstände geht, die dem Menschen eigentümlich und
naturgegeben sind.25 Mit wahrer Leidenschaft hat sich denn auch der
Thüringer Dominikaner Albert von Orlamünde den Dingen der Natur

22 Roger Bacon, Opus minus, ed. John S. Brewer (Rogeri Bacon opera quaedam

hactenus inedita, I), London 1859, 311–389, hier: 357. Zur zeitlichen Einordnung siehe
Jeremiah Hackett, Roger Bacon: Leben, Werdegang und Werke, in: Roger Bacon in
der Diskussion, ed. Florian Uhl, Frankfurt a.M. u. a. 2001, 13–28, hier: 27.
23 Roger Bacon, ebd., 389.
24 Ders., Metaphysica de viciis contractis in studio theologie, ed. Robert Steele

(Opera hactenus inedita Rogeri Baconi, I), Oxford 1909, 5: „…: quia Boecius dicit,
libro De Disciplina Scholarium: ‚Miserum est semper uti inventis et nunquam inve-
niendis‘“; ders., Compendium studii theologiae I c. 2 n. 8, ed. Thomas S. Maloney,
Roger Bacon: Compendium of the Study of Theology (Studien und Texte zur Geis-
tesgeschichte des Mittelalters 20), Leiden u. a. 1988, 38 l. 35 – 40 l. 1 (dieses Werk
wurde nach Hackett, Roger Bacon: Leben, 27 in den 1290er Jahren fertiggestellt); Ps.-
Boethius, De disciplina scolarium 5, 4, ed. Olga Weijers, Pseudo-Boèce, De disciplina
scolarium (Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters 12), Leiden–Köln
1976, 121 l. 4 f.
25 Anonymus, Questiones super physicam, Prol. (Cambridge, Gonville and Caius

College, 509, fol. 1rb): „Ex predictis igitur sequitur, quod naturalis philosophia natura-
liter ab homine vehemencius ceteris est appetenda et quod ad eius cognicionem magis
est conandum, cum illa sit de hiis scibilibus, que sunt homini propria et naturalia“;
ebd., fol. 1va: „Remotis igitur utriusque inpedimentis, scilicet tam generacionis sciencie
quam desiderii, causas sciencie inducentes, pre oculis mentis nostre ponentes appe-
titu fervido ad scienciam naturalem, que, ut prius dictum est, nobilis est, magis pro-
pria et conveniens et vehemencius appetenda naturaliter, animum convertamus, ut eius
congnicionem habemus.“ Zu diesem Kommentar und seiner Datierung Silvia Donati,
Physica I,1: l’interpretazione dei commentatori inglesi della Translatio vetus e la loro rece-
zione del commento di Averroè, in: Medioevo 21 (1995) 75–255, hier: 85 und 97. Vgl.
Petrus Gallecus, Liber de animalibus XI (ed. Martínez Gázquez, 151 l. 260–267).
76 kapitel ii

gewidmet; er bekennt im Schlusswort seiner Summa naturalium, dass er


nunmehr mit dem Schreiben über die naturalia zu Ende komme, von
ihrer Betrachtung aber, solange er lebe, nicht zu lassen gedenke.26
Auch wenn diese wissbegierige Zuwendung zu den Dingen der Na-
tur von einem gegenüber dem traditionellen sichtlich anders gerich-
teten erkenntnisleitenden Interesse getragen war,27 darf darüber nicht
aus dem Blick geraten, dass sie unverändert in eine spirituelle Grund-
haltung eingebettet blieb, nämlich die—letztlich für Christen aller Zei-
ten geforderte—Haltung, den Schöpfer im Geschöpf zu ehren. Car-
los Steels Feststellung besteht zu Recht, dass nahezu alle mittelalterli-
chen abendländischen Denker zutiefst durch ihren christlichen Glau-
ben motiviert waren, wie unterschiedlich ihre Interpretationen und
philosophischen Optionen auch sonst gewesen sein mögen.28 Der for-
scherliche Blick richtete sich zwar auf die profane Verfasstheit der
Naturgegebenheiten, selbst „profan“ aber wurde er darum nicht. Jener
spirituellen Grundhaltung zeigen sich die Gelehrten immer wieder aus-
drücklich verpflichtet und bekunden dies mit aller Deutlichkeit.29 Mag
dieses Bekenntnis bisweilen durch die wiederkehrenden Anfeindungen
traditionell denkender Kreise speziell herausgefordert worden sein, ent-
sprang es gleichwohl vor allem der persönlichen Überzeugung. In den
Augen der Repräsentanten des neuen Denkens vervielfältigen und ver-
tiefen die durch den neuen Erkenntniszugang gewonnenen Einsich-
ten in die Naturgegebenheiten geradezu die Anlässe zum Lob ihres

26 Albert von Orlamünde, Summa naturalium tr. 6 c. 6, ed. Bernhard Geyer, Die

Albert dem Großen zugeschriebene Summa naturalium (Summa pauperum)


(BGPhMA 35/1), Münster 1938, 31* l. 27 f.: „Sistimus igitur a scribendo super naturalia,
ab eorum consideratione, dum sumus, nolumus absolvi.“
27 Eine gewisse Tendenz in die angesprochene Richtung zeigt sich bereits bei Hil-

degard von Bingen; Markus Enders, Das Naturverständnis Hildegards von Bingen, in:
„Im Angesicht Gottes suche der Mensch sich selbst.“ Hildegard von Bingen (1098–
1179), ed. Rainer Berndt (Erudiri Sapientia 2), Berlin 2001, 461–501.
28 Carlos Steel, Medieval Philosophy: an Impossible Project? Thomas Aquinas and

the „Averroistic“ Ideal of Happiness, in: Was ist Philosophie im Mittelalter?, ed. Jan
A. Aertsen/Andreas Speer (Miscellanea Mediaevalia 26), Berlin–New York 1998, 152–
174, hier: 152. Simon Oliver, Robert Grosseteste on Light, Truth and Experimentum,
in: Vivarium 42 (2004) 151–180 hat dies letzthin für Grossetestes Konzeption von
„experimentum“ aufgezeigt.
29 Vgl. Köhler, Grundlagen, 121 f.; 137 für entsprechende Äußerungen des Thomas

von Cantimpré und des Verfassers der Compilatio de libris naturalibus Aristotilis
(sog. Compendium philosophiae); French/Cunningham, Before Science, 179; Andrew
Cunningham, Science and Religion in the Thirteenth Century Revisited: The Making
of St Francis the Proto-Ecologist, Part 1: Creature not Nature, in: Stud. Hist. Phil. Sci.
31 (2000) 613–643, besonders 624 f.; Maierù, „Signum“, 57.
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 77

Schöpfers.30 Bestärkt wurden sie in dieser Überzeugung bemerkens-


werterweise gerade auch durch die Autorität des Aristoteles, des rasch
mit einem Großteil seines Schrifttums bekannt werdenden Lehrmeis-
ters des neuen Denkansatzes schlechthin. Nach dem Wortlaut der De
animalibus-Übersetzung des Michael Scotus nannte der Stagirite die
Natur einen Grund großen Vergnügens für diejenigen, die die natur-
philosophischen Ursachen zu erkennen vermögen, selbst wenn es dabei
lediglich um die Betrachtung geringgeachteter Tiere gehen sollte. Es
gelte sich am Künstler zu erfreuen, der dergleichen hervorgebracht
hat, denn: „In allen Naturdingen ist Wunderbares enthalten.“31 Immer
wieder wird von den Gelehrten insbesondere dieser Satz aufgegriffen.32
Das von Hugo von St. Viktor ursprünglich im Hinblick auf den tro-
pologischen Bedeutungsgehalt der res gewählte Wort omnis natura Deum
loquitur, omnis natura hominem docet, omnis natura rationem parit, et nihil in

30 Vgl. Wilhelm von Conches, Dragmaticon philosophiae VI, 8, 14, ed. Italo Ronca,

Guillelmi de Conchis Dragmaticon philosophiae (Opera omnia I = Corpus Christia-


norum C.M. 152), Turnhout 1997, 211 l. 110 f.: „Nichil, quod sit naturale, est turpe:
est enim donum creatoris“; Wilhelm von Auvergne, De universo I pars 3 c. 3 (Opera
omnia I, 757bC–D). Hierzu auch Quentin, Naturkenntnisse, 137 ff.
31 Übersetzung von De partibus animalium I 5 (645a9–17), ed. Aafke M.I. van

Oppenraaij, Aristotle, De animalibus. Michael Scot’s Arabic-Latin Translation, Part


Two: Books XI–XIV: Parts of Animals (Aristoteles Semitico-Latinus V), Leiden u. a.
1998, 27: „Quoniam natura quae creavit animalia erit causa magnae delectationis illis
qui possunt cognoscere causas, scilicet philosophis naturae, quoniam considerant in
animali vili. Et propter hoc debemus considerare formas eorum, et delectari in artifice
qui fecit ea, quoniam artificium operantis manifestatur in operato, … Et in omnibus
rebus naturalibus est mirabile.“ Vgl. auch den Hinweis bei Luis García Ballester, Natu-
raleza y Ciencia en la Castilla del siglo XIII. Los orígines de una tradición: los Studia
franciscano y dominicano de Santiago de Compostela (1222–1230), in: Arbor 153 (1996)
69–125, hier: 83; zu Aristoteles selbst Pierre Hadot, Qu’est-ce que la philosophie anti-
que?, Paris 1995, 135 f.; Gustav Senn, Die Entwicklung der biologischen Forschungsme-
thode in der Antike und ihre grundsätzliche Förderung durch Theophrast von Eresos
(Veröffentlichungen der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und
der Naturwissenschaften VIII), Aarau 1933, 81; für Avicenna Remke Kruk, Ibn Sı̄nā On
Animals: Between the First Teacher and the Physician, in: Avicenna and His Heritage.
Acts of the International Colloquium, Leuven–Louvain-la-Neuve septembre 8 – sep-
tembre 11, 1999, ed. Jules Janssens/Daniel De Smet (Ancient and Medieval Philosophy,
Series 1, 28), Leuven 2002, 325–341, hier: 328.
32 Beispielsweise Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristoti-

lis XI (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 86ra–rb): „Secunda racio est: Incon-
veniens est delectari (delectati cod.) in speculando ymagines animalium et artem, que
eas facit et depingit, et non diligere naturam ipsorum et delectari (et d. om. cod.) in
speculacione causarum eorum. Propter quod non oportet pueriliter despicere consi-
deracionem de vilioribus animalibus, quia in omnibus est aliquid mirabile.“ Vgl. Petrus
Gallecus, Liber de animalibus XI (ed. Martínez Gázquez, 151 l. 278–284).
78 kapitel ii

universitate infecundum est 33 gewinnt nunmehr eine neue, umfassendere


Bedeutung. Nicht erst der sensus spiritualis der Dinge bietet die Basis
für die Erhebung zu Gott, auch der sensus litteralis selbst ist bereits eine
solche. Das ascensus-Modell wird geweitet. Albert der Große drückt
das in seiner Konzeption der Wissenschaftshierarchie aus, die ihrer-
seits seine metaphysische Konzeption vom Ausfließen aller Formen aus
ihrem Quellgrund spiegelt.34 Die naturphilosophischen Erkenntnisbe-
mühungen formen gerade in ihrer wissenschaftlichen Autonomie den
Geist und führen ihn zur Wertschätzung höherrangiger theologischer
Erkenntnis und der Betrachtung der göttlichen Dinge.35 Eine bemer-
kenswerte, gewissermaßen „säkulare“ Parallele dazu findet sich in jener
Haltung Friedrichs II., aus der heraus er die ars venandi cum avibus ver-
standen und betrieben hat und der Natur überhaupt gegenübergetreten
ist. Michael Menzel hat sie in seiner Interpretation des im Zeitraum
zwischen ca. 1220 und 1247 entstandenen Falknereibuches so umrissen:
„Was Friedrich in ‚De arte venandi cum avibus‘ beschreibt, ist zum
einen ein wissenschaftlicher Nachvollzug der Natur, der den Menschen
epistemisch an etwas Natürlich-Perfektem teilhaben läßt; zum anderen
vermittelt die Beiz mit ihrer Eigenschaft, nobilior et dignior et ideo prior
zu sein, ein Stück Wertvollkommenheit. Der Mensch als Schüler der
Natur wird geistig gehoben, wenn er sie nachvollzieht; und es bringt
ihn auch ethisch weiter, sie in ihrer ungeschminkten Wirklichkeit zu
erfassen und die Dinge zu sehen, die so sind, wie sie eben sind.“36
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die neue Erkennt-
nishaltung gegenüber den Dingen der Natur, die ohnehin nicht allein
eine Angelegenheit fachspezifischer Binnenorientierung blieb, ihrerseits

33 Hugo von St. Viktor, Didascalicon VI 5 (ed. Buttimer, 123 l. 4–6); Anonymus,

Omnibus convenit Platonicis, ed. Charles Burnett, Omnibus convenit Platonicis: An Appen-
dix to Adelard of Bath’s Quaestiones naturales, in: From Athens to Chartres: Neoplatonism
and Medieval Thought. Studies in Honour of Edouard Jeauneau, ed. Haijo J. Westra
(Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters 35), Leiden u. a. 1992, 259–
281, hier: 280; Wilhelm von Auvergne, De universo I pars 1 c. 11 (Opera omnia, I,
605bC–D). Vgl. Cizewski, Beauty, 298; Schinagl, Naturkunde-Exempla, 43 für Absalon
von Springiersbach.
34 Zu Alberts Emanationskonzeption siehe Maria R. Pagnoni-Sturlese, A propos

du néoplatonisme d’Albert le Grand. Aventures et mésaventures de quelques textes


d’Albert dans le Commentaire sur Proclus de Berthold de Moosburg, in: Arch. Philos.
43 (1980) 635–654, passim.
35 Martin W.F. Stone, Theology, philosophy, and ‚science‘ in the thirteenth century.

The case of Albert the Great, in: The Proper Ambition of Science, ed. ders./Jonathan
Wolff (London studies in the history of philosophy 2), London–New York 2000, 28–55.
36 Menzel, Die Jagd, 357.
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 79

in den geistlichen Bereich zurückwirkte37 und eine vernehmbare Reso-


nanz selbst in der kirchlichen Verkündigung auslöste. Hierfür gab es
überdies einen zusätzlichen Grund, zumindest was die Predigttätig-
keit der Mendikanten, insbesondere der Dominikaner betrifft. Dieser
ist darin zu sehen, dass die Auseinandersetzung mit der Weltsicht der
Katharer38 speziell bei den Predigerbrüdern die neue naturphilosophi-
sche Zuwendung zu den Phänomenen der sichtbaren Welt in entschei-
dender Weise befördert hat. Das haben Roger French und Andrew
Cunningham in ihrer Studie zur Entwicklung der Naturphilosophie
deutlich gemacht.39 Die Dominikaner, so lautet ihre These, hatten sich
dem Studium der Natur zugewandt, weil ihre Gegner die Natur ver-
achteten, während ihre Vorgänger sie unbeachtet gelassen hatten.40
Abgesehen davon, dass es galt, gegenüber der katharischen Dämoni-
sierung der Welt als Werk des Bösen das Wunderbare der geschaffenen
Welt als Ausfluss der Güte Gottes in ihrer Predigttätigkeit den Men-
schen vor Augen zu führen, ist für dieses naturphilosophische Interesse
an den Dingen, so wie sie der Erfahrung gegeben sind, zudem die
dominikanische Konzeption kirchlicher Verkündigung zu bedenken:
Von Anfang an war die Dominikanerpredigt schwerpunktmäßig auf
intellektuelle Überzeugung der Zuhörer ausgerichtet.41 Die Resonanz,
die die neue Erkenntnishaltung gegenüber den Naturgegebenheiten in

37 Vgl. die umfängliche Berücksichtigung speziell tierkundlichen Wissens in De uni-

verso Wilhelms von Auvergne (hierzu Morenzoni, Le monde, passim) sowie die Verwen-
dung naturphilosophischen Wissens zur Beleuchtung theologischer Fragestellungen in
den Frühschriften Alberts des Großen (hierzu Anzulewicz, Die aristotelische Biologie,
165 ff.).
38 Zur Katharerbewegung insgesamt Malcolm D. Lambert, Geschichte der Katha-

rer. Aufstieg und Fall der großen Ketzerbewegung, Darmstadt 2001; French/Cunning-
ham, Before Science, 102–120; Ilarino da Milano, Il dualismo cataro in Umbria al
tempo di San Francesco, in: Filosofia e cultura in Umbria tra medioevo e rinascimento.
Atti del IV Convegno di studi umbri, Gubbio 22–26 maggio 1966, Perugia 1967, 175–
216.
39 French/Cunningham, Before Science, hier besonders: 173–201.
40 Ebd., 179.
41 Giulia Barone, La legislazione sugli „studia“ dei Predicatori e dei Minori, in: Le

scuole degli ordini mendicanti (secoli XIII–XIV) (Convegni del Centro di Studi sulla
Spiritualità Medievale 17), Todi 1978, 205–247, hier: 209; John Inglis, Emanation in
Historical Context: Aquinas and the Dominican Response to the Cathars, in: Dionysius
17 (1999) 95–128, hier: 96–100; ders., Freiheit, Liberté, or Free Choice: the Recovery of
Aquinas after 1848 as Interpretation or Misinterpretation?, in: Aquinas as Authority.
A collection of studies presented at the second conference of the Thomas Instituut te
Utrecht, December 14–16, 2000, ed. Paul van Geest u. a. (Publications of the Thomas
Instituut te Utrecht, New Series 7), Leuven 2002, 109–122, hier: 118 f.
80 kapitel ii

der Predigtgestaltung fand, zeigt sich bereits in den großen naturkund-


lichen Kompendien des dreizehnten Jahrhunderts. Diese dokumentie-
ren insgesamt gewiss vor allem das Interesse breiter bildungshungri-
ger Schichten an naturphilosophischem Wissen.42 Nicht zuletzt aber
waren eine Reihe von ihnen—wie der Liber de natura rerum des Tho-
mas von Cantimpré (Erstfassung 1237/1240) oder das Speculum naturale
seines dominikanischen Ordensbruders Vincenz von Beauvais—nach
ausdrücklichem Bekunden ihrer Verfasser mit dem Ziel zusammenge-
stellt worden, Predigern naturphilosophisch ernstzunehmende exempla
an die Hand zu geben.43 Aufschlussreich ist es jedoch vor allem, jene
Resonanz an den Predigten selbst abzulesen. Verstärkt nehmen die Pre-
diger auf die naturphilosophische Sichtweise—secundum naturam44—von
den Dingen Bezug, wenn sich ihnen dafür thematisch ein Anlass bie-
tet, und entfalten diese bisweilen erstaunlich detailliert vor ihren Zuhö-
rern.45 Davon geben insbesondere geistliche Ansprachen Alberts des
Großen beredtes Zeugnis. So setzt sich der Doctor universalis in einer
seiner bei den Dominikanerinnen in der Katharinenkirche zu Augsburg
gehaltenen Predigten (1257 oder 1263) über das Bibelwort Mt 5,14 Non
potest civitas abscondi supra montem posita mit der Frage auseinander, warum

42 Den bislang bekannten Enzyklopädien ist die neuerdings edierte Versenzyklopä-

die des Gregor von Montesacro hinzuzufügen: Bernhard Pabst, Gregor von Montesa-
cro und die geistige Kultur Süditaliens unter Friedrich II. Mit text- und quellenkriti-
scher Erstedition der Vers-Enzyklopädie Peri ton anthropon theopiisis (De hominum
deificatione) (Montesacro-Forschungen 2), Stuttgart 2002.
43 Hierzu Köhler, Grundlagen, 119; 123; Elisabeth Schinagl, Naturwissen in den Pre-

digten der Handschrift Leipzig Univ. 683, in: Albertus Magnus. Zum Gedenken nach
800 Jahren: Neue Zugänge, Aspekte und Perspektiven, ed. Walter Senner (Quellen und
Forschungen zur Geschichte des Dominikanerordens, N.F. 10), Berlin 2001, 633–645,
hier: 633; dies., Naturkunde-Exempla, 84–95. Vgl. auch García Ballester, Naturaleza,
81; Marie A. Polo de Beaulieu, Du bon usage de l’animal dans les recueils médiévaux
d’exempla, in: L’animal exemplaire au Moyen Âge (Ve–XVe siècles), ed. Jacques Ber-
lioz/Marie A. Polo de Beaulieu, Rennes 1999, 147–170.
44 Albert d. Gr., Sermones, teilediert nach der Handschrift Leipzig, Univ. 683 durch

Schinagl, Naturkunde-Exempla, 125. Vgl. Luca Bianchi, „Loquens ut naturalis“, in: Le


verità dissonanti. Aristotele alla fine del Medioevo, ed. ders./Eugenio Randi, (Biblio-
teca di Cultura Moderna 991), Bari 1990, 33–56.
45 Hierzu insgesamt Schinagl, Naturkunde-Exempla; dies., Naturkunde-Exempel in

den Predigten des Albertus Magnus, in: Natur im Mittelalter. Konzeptionen–Erfahrun-


gen–Wirkungen. Akten des 9. Symposiums des Mediävistenverbandes, Marburg, 14.–
17. März 2001, ed. Peter Dilg, Berlin 2003, 311–318; Louis-Jacques Bataillon, L’emploi
du langage philosophique dans les sermons du treizième siècle, in: Sprache und Er-
kenntnis im Mittelalter. Akten des VI. Internationalen Kongresses für mittelalterliche
Philosophie, 29. August – 3. September 1977 in Bonn, ed. Jan P. Beckmann u. a.
(Miscellanea Mediaevalia 13/2), Berlin–New York 1981, 983–991.
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 81

die sacri doctores mit einer auf dem Berg gebauten Stadt verglichen wer-
den. Hierzu erläutert er zunächst, was die Naturkundigen (naturales)
nach ihrer fachlichen Sicht unter einem Berg im Unterschied zu einem
Hügel verstehen und welche fünf—sichtbaren wie nichtsichtbaren—
Merkmale ein Berg aufweist, um anschließend darauf einzugehen, dass
alle diese Merkmale tatsächlich in einem übertragenen, geistlichen Sinn
auf die heiligen Lehrer zutreffen.46 In einer anderen Predigt wiederum
trägt er die von den Naturforschern (qui naturas rimati sunt) aufgewie-
senen sieben Aspekte der väterlichen Mitwirkung bei der Zeugung
vor und bemüht sich, davon ausgehend das Wirken des himmlischen
Vaters in uns Menschenkindern seinen Zuhörern anschaulich nahezu-
bringen.47 Albert gibt, wie Elisabeth Schinagl aufgrund ihrer detaillier-
ten Kenntnis des Corpus seiner überlieferten Predigten generell festzu-
stellen vermochte, philosophischen Überlegungen in seinen Sermones
mitunter so weiten Raum, „daß ganze Passagen von einem philosophi-
schen Gedanken geprägt sind.“48 Interessanterweise—was indes ange-
sichts fortdauernder Vorbehalte49 traditionell eingestellter Kreise gegen-
über dem neuen Interesse an den Natursachverhalten nicht verwun-
dert—sah er sich denn auch veranlasst, in einer der Augsburger Pre-
digten bei seinen Hörern dem Eindruck entgegenzuwirken, er wolle zu
ihnen eher über natürliche Dinge als über göttliche sprechen. Demge-
genüber versichert er, dass er bei allem, was er sagt, die moralische und
glaubensmäßige Unterweisung im Sinn habe,50 also keineswegs über
dem sensus litteralis den sensus spiritualis aus dem Auge verliere.51 Immer-
hin aber spiegelt sich in der Gepflogenheit, die fachwissenschaftlichen
Aspekte der Natursachverhalte relativ umfänglich innerhalb von geist-
lichen Ansprachen zur Geltung kommen zu lassen, eine interessante

46 Albert d. Gr., Sermo 5, ed. Johann B. Schneyer, Alberts des Grossen Augsburger

Predigtzyklus über den hl. Augustinus, in: Rech. Théol. anc. méd. 36 (1969) 100–147,
hier: 130–134.
47 Albert d. Gr., Sermones, teilediert nach der Handschrift Leipzig, Univ. 683 durch

Schinagl, Naturkunde-Exempla, 135 f.


48 Schinagl, Naturkunde-Exempla, 124.
49 Siehe unten S. 85 ff.
50 Albert d. Gr., Sermo 2 (ed. Schneyer, 112 l. 72–74; Interpunktion geändert):

„Unde philosophus, quod sicut stat corpus hominis, ita stat civitas. Et ne credatis, quod
velim vobis dicere naturas et non potius res divinas. Omnia praedicta ad mores (moras
cod. et ed.) intendo trahere et doctrinam“; vgl. ebd., 114 l. 150–152. Hierzu Schinagl,
Naturkunde-Exempla, 126; dies., Naturwissen, 638.
51 Auf ihre Zusammenschau verweist er immer wieder, z. B. Sermo 3 (ed. Schneyer,

120 l. 46); Sermo 4 (126 l. 26 f.).


82 kapitel ii

Tendenzumkehr wider. Wurden mit der traditionellen Sichtweise von


den res naturae theologisch-spirituelle Vorgaben wesentlich in die Erfas-
sung der Natursachverhalte hineingetragen, wird nunmehr umgekehrt
die philosophische Sichtweise von den Natursachverhalten zu einem
Bestandteil theologisch-spiritueller Unterweisung. In diesem Zusam-
menhang ist auch die Entwicklung aufschlussreich, die Milène Weg-
mann in ihrer Untersuchung der historiographischen Literatur aufzu-
zeigen vermochte. Ihre Auswertung einer großen Zahl von Zeugnissen
klösterlicher Geschichtsschreibung des zwölften und dreizehnten Jahr-
hunderts belegt, dass innerhalb derselben ein „neu erwachtes Interesse
an der Natur an sich“ zutage tritt. Wie die Verfasserin herausarbei-
tet, orientierten sich die Chronisten und Annalisten in den Konven-
ten in diesem Zeitraum erkennbar stärker als früher an den beobacht-
baren Sachverhalten als solchen, wenn sie in ihren Schilderungen auf
Naturphänomene zu sprechen kamen.52 Nicht unbeachtet bleibe, dass
das wachsende Bedüfnis nach Erfahrungswirklichkeit hinsichtlich der
Natur offenbar in der Bewegung der Mystik eine bemerkenswerte Par-
allele fand, nämlich in dem dort aufbrechenden Verlangen nach ganz
persönlicher, erlebnishafter Glaubenserfahrung.53
Insgesamt darf wohl zu diesem Prozess der methodischen Hinwen-
dung zu den Natursachverhalten, wie sie faktisch gegeben sind, festge-
stellt werden, dass die Selbstverständlichkeit des Glaubenshintergrun-
des und die geistlich geprägte Identität der mittelalterlichen Denker
die damit einhergehende, für die weitere Wissenschaftsentwicklung ent-
scheidende naturphilosophische Neuorientierung wesentlich bestimmt
haben.54 Diese geistliche Verwurzelung gab den Gelehrten die erfor-

52 Milène Wegmann, Naturwahrnehmung im Mittelalter im Spiegel der lateinischen

Historiographie des 12. und 13. Jh. (Lateinische Sprache und Literatur des Mittelalters
40), Bern u. a. 2005; dies., Die ‚Entdeckung der Natur‘ in der monastischen Histo-
riographie des 12. und 13. Jh., in: Natur im Mittelalter. Konzeptionen–Erfahrungen–
Wirkungen. Akten des 9. Symposiums des Mediävistenverbandes, Marburg, 14.–17.
März 2001, ed. Peter Dilg, Berlin 2003, 280–293.
53 Hierzu Bardo Weiss, Zum Begriff der Erfahrung bei den frühen deutschen Mysti-

kerinnen, in: Theol. Philos. 78 (2003) 38–54.


54 Zu dieser Einschätzung siehe auch Alistair C. Crombie, Some Attitudes to Scien-

tific Progress: Ancient, Medieval and Early Modern, in: Hist. Sc. 13 (1975) 213–230,
hier: 219; Edward Grant, The Foundations of Modern Science in the Middle Ages:
Their religious, institutional, and intellectual contexts, Cambridge 1998, 83–85; 174–
182; Jürgen Sarnowsky, Zur Entwicklung der Naturerkenntnis an den mittelalterlichen
Universitäten, in: Natur im Mittelalter. Konzeptionen–Erfahrungen–Wirkungen. Akten
des 9. Symposiums des Mediävistenverbandes, Marburg, 14.–17. März 2001, ed. Peter
Dilg, Berlin 2003, 50–69, hier: 68.
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 83

derliche innere Freiheit und Sicherheit, bei der Erforschung der Welt
insgesamt—und damit auch in der philosophisch-anthropologischen
Erkenntnisbemühung um den Menschen in seiner konkreten Erschei-
nungsweise—methodisch von positiv-erkenntnisleitenden Vorgaben reli-
giös-theologischer Natur abzusehen. Die anderen Wissenschaften, so
hatte es Albert der Große in der Summa (nach 1268) unmissverständlich
formuliert, empfangen ihre Prinzipien nicht von der Theologie und
können das auch gar nicht.55 Wie sensibel man auf eine methodische
Unterscheidung von naturphilosophischer und theologischer Behand-
lungsperspektive bedacht war, zeigt schlaglichtartig das Beispiel Alberts
von Orlamünde. Auf Nachfrage musste er erklären, warum und unter
welchem Gesichtspunkt er innerhalb seiner naturphilosophischen Un-
tersuchungen gewisse theologische Äußerungen habe einfließen las-
sen.56 Thomas von Aquin wiederum warnte in seinem Gutachten für
den Ordensmagister Johannes von Vercelli davor, Fragestellungen, die
eher philosophischer Natur sind und nicht in den Gegenstandsbereich
der Theologie fallen, gleichsam als zur Theologie gehörig positiv oder
negativ zu bescheiden.57 Entlastet von ihrer erkenntnisleitenden Funktion
im philosophischen Denken gewinnt die selbstverständliche Glaubens-
orientierung der Denker eine die Rationalität zusätzlich befördernde
Funktion, und zwar als Motiv für eine forscherliche Zuwendung zu
den Sachverhalten, wie sie erfahrungsmäßig gegeben sind, und zur
Ergründung der in ihnen wirksamen, zur Bewunderung Anlass geben-
den Gesetzmäßigkeiten (Ursachen), insofern in ihnen Gottes Schöpfer-
macht erfahrbar wird und zu seinem Lob und seiner Verehrung anhält.
Geographische Schwerpunkte des Aufbrechens dieses neuen, auf die
Naturphänomene als solche gerichteten Erkenntnisinteresses bildeten

55 Albert d. Gr., Summa I tr. 1 q. 3 c. 4, ed. Dionysius Siedler, Münster 1978 (Ed.

Colon. XXXIV/1, 14 l. 44–46); vgl. ebd., q. 4c (15 l. 16–32); ders., Metaph. XI tr. 3
c. 7, ed. Bernhard Geyer, Münster 1964 (Ed. Colon. XVI/2, 542 l. 25–28), hierzu auch
Twetten, Albert the Great, 275 ff.
56 Albert von Orlamünde, Summa naturalium tr. 6 c. 1–2 (ed. Geyer, 8* l. 23 –

9* l. 21): „Primo namque quaesivit, quare quaedam verba theologica huic naturali
nogotio miscuimus, … Ad primam vero quaestionem solventes dicimus quod naturalia
dicere a principio elegimus, verum quia theologica in aliquibus dictis nostris physicis
concordaverunt, ideo ipsa ipsi introduximus ad maiorem dictorum credulitatem, non
tamen ut theologicis, sed ut naturalibus concordantibus his usi sumus in proposito.“
57 Thomas von Aquin, Responsio ad magistrum Ioannem de Vercellis de 43 arti-

culis, Prooem. n. 772, ed. Raimondo A. Verardo, S. Thomae Aquinatis … Opuscula


theologica, I, Torino–Roma 1954, 211–218, hier: 211a. Zur Abgrenzung von philosophi-
scher und theologischer Betrachtungsweise der Naturdinge im Untersuchungszeitraum
und speziell bei Thomas siehe Köhler, Grundlagen, 177–181.
84 kapitel ii

im dreizehnten Jahrhundert neben Paris und Oxford58 mit ihren Uni-


versitäten vor allem die Iberische Halbinsel sowie das Königreich Sizi-
lien. In den spanischen Territorien bildete und entwickelte sich die-
ses Interesse nicht nur in den von den Herrschern, insbesondere von
Alfons X. dem Weisen (1252–1284) in seinem kastilischen Herrschafts-
bereich geförderten wissenschaftlichen Zentren, darunter das 1243 im
Zuge der Reconquista an die kastilische Krone gefallene Murcia. Es
trat ebenso auch in den neugegründeten studia der Franziskaner und
Dominikaner hervor, zunächst um 1220 in Santiago de Compostela
und neben anderen Gründungen später 1266 vor allem in Murcia.59
Dass auch in den Augen der Zeitgenossen die Iberische Halbinsel
als eine Schwerpunktregion für den neuen wissenschaftlichen Umgang
mit den Natursachverhalten galt, ist unter anderem—neben beispiels-
weise einer von landsmannschaftlichem Stolz getragenen Feststellung
des Johannes Aegidii de Zamora60—auch aus der Polemik des Caesa-
rius von Heisterbach und anderer zu ersehen, die das wissenschaftliche
Zentrum Toledo als eine Brutstätte der Schwarzen Kunst anpranger-
ten.61 Im Bereich des Königreichs Sizilien wiederum bildete sich das
Interesse an der sichtbaren Natur als solcher und an den ihr innewoh-
nenden Gesetzmäßigkeiten am frühesten in Salerno aus, wo es die für
dieses geistige Zentrum typische naturphilosophisch-medizinische Aus-
richtung annahm.62 Als Roger II. (1095–1154) 1112 die Herrschaft über
das Königreich antrat, kam mit ihm ein Herrscher an die Macht, der
sich dem neuartigen philosophisch-wissenschaftlichen Umgang mit den
sichtbaren Dingen der Natur nicht nur zugeneigt zeigte, sondern ihn
auch tatkräftig förderte, indem er Gelehrte an seinen Hof zog.63 Roger

58 Die frühe Entwicklung in England insgesamt beleuchtet Charles Burnett, The

Introduction of Arabic Learning into England, London 1997.


59 Hierzu García Ballester, Naturaleza, passim; Klaus Herbers, Wissenskontakte

und Wissensvermittlung in Spanien im 12. und 13. Jh.: Sprache, Verbreitung und
Reaktionen, in: Artes im Mittelalter, ed. Ursula Schaefer, Berlin 1999, 230–248. García
Ballester, Naturaleza, 94 macht auf die offene Haltung der Mendikanten in Santiago
de Compostela im Unterschied zu Paris aufmerksam.
60 Hierzu Avelino Dominguez García/Luís García Ballester, El tratado de anathomia

(c. 1280) de Juan Gil de Zamora (c. 1241 – c. 1320), in: Dynamis 3 (1983) 341–371, hier:
347.
61 Herbers, Wissenskontakte, 243–247.
62 Hierzu insbesondere Piero Morpurgo, Filosofia; ders., L’idea di natura nell’Italia

normanno-sveva, Bologna 1993; ders., La scuola di Salerno: filosofia della natura e poli-
tica scolastica della corte sveva, in: Federico II e le scienze, ed. Pierre Toubert/Agostino
Paravicini Bagliani, Palermo 1994, 410–422.
63 Hierzu Wolfram von den Steinen, Der Kosmos des Mittelalters. Von Karl dem
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 85

begründete damit bereits zur Zeit der Normannenherrschaft im südita-


lienischen Königreich eine Tradition, die dann mit seinem Enkel, dem
Staufer Friedrich II., ihren vielbeschriebenen Höhepunkt64 erreichte
und noch von König Manfred hochgehalten und weitergeführt wurde.65
Abschließend bleibt daran zu erinnern, dass das im Untersuchungs-
zeitraum so nachhaltig sich durchsetzende philosophische Interesse an
der sichtbaren Welt, so wie sie sich konkret darbietet, anhaltend von
ablehnenden, zumindest aber skeptisch-mahnenden Stimmen beglei-
tet wurde.66 Christian Trottmann hat am Beispiel der Beurteilung der
curiositas in der Summa theologiae des Aquinaten gezeigt, dass derlei Wort-
meldungen jedoch nicht allein religiös, sondern interessanterweise auch
methodologisch-erkenntnistheoretisch motiviert sein konnten und auf
die Abwehr von abergläubischen Einflüssen und die Sicherung einer
rationalen Denkhaltung bedacht waren.67 Stark der traditionellen Sicht-

Grossen zu Bernhard von Clairvaux, Bern–Berlin 1959, 316–328; Wolfgang Stürner,


Friedrich II. Teil 1: Die Königsherrschaft in Sizilien und Deutschland 1194–1220,
Darmstadt 2003, 27 ff.
64 Hierzu insbesondere die Sammelbände Federico II e le scienze, ed. Pierre Tou-

bert/Agostino Paravicini Bagliani, Palermo 1994 und Federico II e le nuove culture.


Atti del XXXI Convegno storico internazionale, Todi, 9–12 ottobre 1994 (Atti dei
Convegni, Nuova serie 8), Spoleto 1995; Dorothea Walz, Aristoteles und Averroes bei
Kaiser Friedrich II., in: Averroes (1126–1198) oder der Triumph des Rationalismus.
Internationales Symposium anlässlich des 800. Todestages des islamischen Philoso-
phen, Heidelberg, 7.–11. Oktober 1998, ed. Raif G. Khoury, Heidelberg 2002, 317–330;
Giovanni Rossi, La scientia medicinalis nella legislazione e nella dottrina giuridica del
tempo di Federico II, in: Studi med. [Serie terza] 44 (2003) 179–218. Eine Gesamtschau
und weitere Literaturangaben bietet Wolfgang Stürner, Friedrich II. Teil 2: Der Kaiser
1220–1250, Darmstadt 2003, 361–457. Eine etwas modifizierte Einschätzung, insbeson-
dere was die Rolle des Michael Scotus betrifft, findet sich neuerdings bei Pabst, Gregor
von Montesacro, 583–597.
65 Enrico Pispisa, Federico II e Manfredi, in: Federico II e le nuove culture. Atti del

XXXI Convegno storico internazionale, Todi, 9–12 ottobre 1994 (Atti dei Convegni,
Nuova serie 8), Spoleto 1995, 303–317, hier: 310 ff.; vgl. Marenghi, Un capitolo, 274;
Alain de Libera, Penser au Moyen Âge, Paris 1991, 169–177.
66 Köhler, Grundlagen, 127 ff. mit entsprechenden Textbelegen; Schinagl, Natur-

kunde-Exempla, 44 f.; Morpurgo, „Tuum Studium sit velle regnare diu“, 181 ff.; Steel,
Nature, 132 f. Vgl. Arthur Schneider, Die Psychologie Alberts des Großen. Nach den
Quellen dargestellt, II (BGPhMA 4/6), Münster 1906, 300 f.; Rainer Jehl, Melancholie
und Acedia. Ein Beitrag zu Anthropologie und Ethik Bonaventuras (Veröffentlichun-
gen des Grabmann-Institutes, N.F. 32), Paderborn 1984, 14; Walter Senner, Albertus
Magnus als Gründungsregens des Kölner Studium generale der Dominikaner, in: Geistes-
leben im 13. Jahrhundert, ed. Jan A. Aertsen/Andreas Speer (Miscellanea Mediaevalia
27), Berlin–New York 2000, 149–169, hier: 152 ff.; 168 f.
67 Christian Trottmann, Studiositas et superstitio dans la Somme de Théologie de

Thomas d’Aquin, enjeux de la défiance à l’égard des „sciences curieuses“, in: Ratio
86 kapitel ii

weise verhaftete Kreise zumal aus den Reihen der Zisterzienser, deren
heftiger Kritik sich schon Wilhelm von Conches ausgesetzt gesehen
hatte,68 argwöhnten indes hinter dieser Beschäftigung mit der sicht-
baren Welt eitle Neugier und eine unstatthafte Vernachlässigung des
Wesentlichen. Hatte doch ihr bevorzugter Gewährsmann, Augustinus,
dazu aufgerufen, sich nicht nach außen zu wenden, sondern in sich
selbst zurückzukehren, wo im inneren Menschen die Wahrheit wohne;69
ausdrücklich forderte er: „Laßt uns zu uns zurückkehren und das bei-
seite lassen, was wir mit Strauchwerk und Tieren gemein haben.“70
Um 1235 verweist Raimund von Peñaforte in seiner Summa de paeniten-
tia auf eine Dekretale, nach welcher die naturkundlichen Fächer (qua-
driviales artes) zwar an sich Wahrheit enthielten, zur Frömmigkeit aber
nichts beitrügen (non sunt scientiae pietatis), weswegen die Beschäftigung
mit ihnen restriktiv zu handhaben sei.71 Bezeichnend in dieser Hinsicht
ist auch eine Bemerkung Bonaventuras. Mit Blick auf die naturphilo-
sophische Frage nach der Gestalt des Himmels bedauert er in seinem
Sentenzenkommentar (1250/1252) sichtlich, dass die Lehrer der Theologie
infolge des nicht nachlassenden Drängens der Neugierigen zu vielerlei
Stellung zu nehmen genötigt sind, über das man ohne Schaden für das

et Superstitio. Essays in Honor of Graziella Federici Vescovini, ed. Giancarlo Marchetti


u. a. (Textes et Études du Moyen Âge 24), Louvain-la-Neuve 2003,137–154.
68 French/Cunningham, Before Science, 77 f.; Bernhard Pabst, Elemente und Atome

als Träger der Naturprozesse—neue Wege in der Physik des 12. Jh., in: Natur im Mit-
telalter. Konzeptionen–Erfahrungen–Wirkungen. Akten des 9. Symposiums des Medi-
ävistenverbandes, Marburg, 14.–17. März 2001, ed. Peter Dilg, Berlin 2003, 254–267,
hier: 254–257. Vgl. auch die Klage des Honorius, wie gefahrvoll es sei, die erbetene
Unterweisung über die sichtbare Welt zu bieten: Honorius Augustodunensis, Imago
mundi, Prol. (ed. Flint, 48): „Quod negotium (sc. totius orbis tibi depingi formulam)
sudore plenum, ipse melius nosti quam sit laboriosum quamque periculosum. Laborio-
sum quidem …, periculosum autem propter invidos qui cuncta que nequeunt imitari
non cessant calumpniari, et que assequi non poterunt, venenoso dente ut setiger hircus
lacerare non omittunt.“
69 Augustinus, De vera religione XXXIX, 72, 202, ed. Klaus-Detlef Daur, in: Aurelii

Augustini opera, IV/1 (Corpus Christianorum S.L. 32), Turnhout 1962, 169–260, hier:
234.
70 Ebd., XLIII, 80, 228 (240). Zur ideengeschichtlichen Einbettung und Entwicklung

der augustinischen Lehre vgl. Pierre Courcelle, Connais-toi toi-même de Socrate à


Saint Bernard, I, Paris 1974, 125 ff.
71 Raimund von Peñaforte, Summa de paenitentia I tit. 11, 5, ed. Xaverio Ochoa/

Aloisio Diez, S. Raimundus de Pennaforte, Summa de paenitentia (Universa Biblio-


theca Iuris, Volumen 1, Tomus B), Roma 1976, 392: „Tamen in eodem decreto dicitur
quod, licet quadriviales artes in se contineant veritatem, tamen, quia non sunt scientiae
pietatis, non est in eis studendum.“ Vgl. Vincenz von Beauvais, Speculum doctrinale
IX c. 124 (Ed. Douai 1624/Graz 1965, 855A).
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 87

Heil leicht hingehen könnte.72 „Ein isoliertes Eigengewicht des Dinges“,


so kennzeichnet Hans Mercker die grundsätzliche Einstellung Bona-
venturas, „mit einer aus sich selbst heraus geltenden Wesensart lehnt
Bonaventura rundweg ab. Wesen und Bildfunktion auf Gott hin sind
identische Größen. Eine Form wissenschaftlichen Interesses, welche auf
das Ding als solches gerichtet wäre, ist für Bonaventura eitel, nutzlos,
im letzten sogar blind, weil hier die Sinnbestimmung des eigentlichen
Wesenscharakters der Dinge verfehlt wird.“73 Jean-Luc Solère hat dar-
auf aufmerksam gemacht, dass es bei Vorbehalten dieser Art maßgeb-
lich um die Frage der „eigentlich philosophischen“ Lebensform ging.74
Bedenklich war in den Augen der Skeptiker zudem, dass die natur-
philosophische Beschäftigung sich auf Schriften heidnischer, arabischer
und jüdischer Gelehrter stützte, die vom christlichen Standpunkt aus
nicht frei von Irrtümern sein konnten. Wie diese Autoren in rech-
ter Weise zu lesen seien, hat Petrus Johannis Olivi (1247/48–1296) in
einem eigenen Traktat De perlegendis philosophorum libris zu vermitteln
versucht. Obschon bei Petrus offenbar generell keine antiphilosophi-
sche und speziell auch keine antiaristotelische Haltung zu unterstellen
ist,75 kommt er darin zu einem vernichtenden Urteil über die naturphi-
losophische Erkenntnisleistung dieser nichtchristlichen Denker.76 Inter-

72 Bonaventura, II Sent. d. 14 pars 1 a. 2 q. 1c (Opera omnia II, 342a).


73 Hans Mercker, Weltweisheit und Heilswahrheit. Der Weg des Menschen im Span-
nungsfeld von Liber creaturae und Liber Scripturae nach dem Franziskanertheologen
Bonventura, in: Die Einheit der Person. Beiträge zur Anthropologie des Mittelalters.
Richard Heinzmann zum 65. Geburtstag, ed. Martin Thurner, Stuttgart u. a. 1998,
319–336, hier: 328.
74 Jean-Luc Solère, La philosophie des théologiens, in: La servante et la consolatrice.

La philosophie dans ses rapports avec la théologie au Moyen Âge, ed. ders./Zénon
Kaluza (Textes et Traditions 3), Paris 2002, 1–44, speziell: 21; 40 f.
75 Ferdinand M. Delorme, Fr. Petri Joannis Olivi tractatus „De perlegendis Philoso-

phorum libris“, in: Antonianum 16 (1941) 31–44, hier: 33–36.


76 Petrus Johannis Olivi, De perlegendis philosophorum libris 17–18, ed. Ferdinand

M. Delorme, Fr. Petri Joannis Olivi tractatus „De perlegendis Philosophorum libris“, in:
Antonianum 16 (1941) 31–44, hier 42: „Circa naturas enim rerum videbis quod parum
est id quod invenerunt de corporali natura, minus quod de rationali seu humana, mini-
mum quod de intellectuali et separata. De corporali natura nihil dixerunt nec dicere
pot(u)erunt nisi per quaedam eorum exteriora accidentia et sub sensu exteriori caden-
tia et multiplici experimento notata. Unde de differentiis et formis specialibus rerum
nihil in speciali certum et proprium tradiderunt.“ Vgl. auch die Mahnung des Johan-
nes Pecham in seinem Brief an den Kanzler, die Magister und Scholaren von Oxford
vom 10. November 1284, ed. Franz Ehrle, John Pecham über den Kampf des Augusti-
nismus und Aristotelismus in der zweiten Hälfte des 13. Jh., in: ders., Gesammelte Auf-
sätze zur englischen Scholastik, ed. Franz Pelster (Storia e letteratura 50), Roma 1970,
64: „Obsecramus autem, filii charissimi, per misericordiam Jesu Christi, ut profanas
88 kapitel ii

essanterweise machte sich im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts bei


breiteren Bevölkerungsschichten überhaupt eine gewisse antiakademi-
sche Stimmung bemerkbar. Auf sie hat Alexander Murray hingewie-
sen. Sie brach unter anderem in der Erhebung der Pastoureaux 1251
in Frankreich auf, äußerte sich aber gleichermaßen in übelwollenden
Gerüchten, die bezeichnenderweise besonders über naturphilosophi-
sche Denker in Umlauf gebracht wurden.77

2. Die Gewichtung von Einzelsachverhalten, Beobachtung und Erfahrung

Mit der Grundtendenz einer Zuwendung zu den Naturgegebenhei-


ten „so wie sie sind“ verband sich eine spürbare wissenschaftsmetho-
dische Sensibilisierung für die Rolle von konkreten empirischen Sach-
verhalten innerhalb naturphilosophischer Erkenntnisgewinnung sowie
für methodologische Fragen ihrer philosophischen Erfassung. Dieser
Prozess bereitete in gewichtiger Weise den Boden für eine systema-
tische philosophische Befassung mit den konkreten Ausprägungswei-
sen des Menschlichen. In den Quellen lässt sich diese Sensibilisie-
rung an Äußerungen von Magistern ablesen, mit denen diese direkt
oder indirekt in dreifacher Hinsicht Stellung nehmen: im Hinblick
auf die philosophisch-wissenschaftliche Dignität von konkreten, empi-
rischen Sachverhalten in ihrer jeweiligen Besonderheit, im Hinblick
auf die methodische Gewichtung von Beobachtung und Erfahrung als
Zugangsweisen zu den konkreten Sachverhalten sowie schließlich—
komplementär dazu—im Hinblick auf die Rolle von Autoritätsmei-
nungen bei der naturphilosophischen Urteilsbildung. Diese Tendenzen
sollen im Folgenden anhand ausgewählter Textzeugnisse dokumentiert
und des Näheren beleuchtet werden.
Vorauszuschicken ist, dass die zuvor skizzierte Hinwendung zu den
Naturgegebenheiten im Untersuchungszeitraum differenziert verlief.
Sowohl was die verschiedenen Gegenstands- bzw. Wissensbereiche an-
belangt als auch was die einzelnen Autoren betrifft, wurde sie unter-

vocum novitates solicitius devitantes, inquirere dignemini, quid in hac materia doctores
sentiant saeculares, qui iam emeritae doctrinae philosophiam et theologiam a puero
didicerunt; scientes pro certo, quod claustrales, qui spreta sanctorum sapientia philo-
sophorum ventosis traditionibus, quas in saeculo non didicerant, curiosius immorantur,
tanquam ponentes in tenebris lucem suam, divino iudicio, utique iustissimo, a principe
huius saeculi merito excaecantur, et caeci caecos in foveam praecipitant vanitatis.“
77 Hierzu Murray, Reason, 244–251.
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 89

schiedlich zügig und unterschiedlich nachhaltig vollzogen.78 Das gilt


zumal für die naturphilosophische Erfassung empirischer Sachverhalte
als solcher. Während sie vor allem auf dem Gebiet der Astronomie oder
der Optik79 zum Teil weit fortgeschritten war, blieb die Hinwendung zu
den konkreten Sachverhalten in dem uns hier besonders interessieren-
den Gegenstandsbereich der Sinnenwesen aufs Ganze gesehen noch
eine „dosierte“—Friedrich II., Repräsentant schlechthin der „cultura
di corte“, nicht der „cultura degli studia universitari“,80 blieb mit sei-
nem Falkenbuch eine Ausnahmeerscheinung.81 Dazu ist die grundsätz-
liche Erkenntnishaltung der mittelalterlichen Gelehrten gerade auch
in den naturphilosophischen Wissensbereichen in Rechnung zu stellen,
die aus dem Wissenschaftsverständnis der aristotelischen Denktradition
erwuchs. Charles Lohr konstatiert: „‚Wissenschaft‘ meinte nicht—wie
für uns—Erforschen und Entdecken. Das Wort scientia stand für eine
geistige Verfassung, die dazu disponierte, einem Gesamt von Schluß-
folgerungen zuzustimmen.“82 Ähnlich beschreibt Per-Gunnar Ottosson
die Erkenntnishaltung im Hinblick auf die Medizin. Die Gelehrten ver-
standen es danach nicht als ihre Aufgabe, in rein empirischer Einstel-
lung neues Wissen zu gewinnen. Sie hielten sich vielmehr an bereits
ausgearbeitete, konsistent erscheinende Systeme und sahen ihre Auf-
gabe lediglich in der kritischen Überprüfung von Einzelaspekten bzw.
Teilbereichen innerhalb dieser Systeme.83 Möglicherweise sind vor die-
sem Hintergrund auch Roger Bacons kritische Bemerkungen zur Wis-
senschaftssituation seiner Zeit zu verstehen, wenn er feststellt: „Wir, die
wir die (Erkenntnis-)Leistungen aller Vorausgegangenen bereitliegen

78 Vgl. auch Nischik, Das volkssprachliche Naturbuch, 18.


79 Danielle Jacquart, L’observation dans les sciences de la nature au Moyen Âge:
limites et possibilités, in: Micrologus 4 (1996) 55–75; dies., La question disputée dans les
facultés de médecine, in: Les questions disputées et les questions quodlibétiques dans
les facultés de théologie, de droit et de médecine, ed. Bernardo C. Bazán (Typologie
des sources du moyen âge occidental 44–45), Turnhout 1985, 281–315, hier: 314; Alistair
C. Crombie, The Invention of the Experimental Method, in: Discovery 13 (1952) 391–
397; ders., Robert Grosseteste and the Origins of Experimental Science 1100–1700,
Oxford 1962.
80 Zu dieser Unterscheidung siehe Agostino Paravicini Bagliani, Il mito della „pro-

longatio vitae“ e la corte pontificia del Duecento: il „De retardatione senectutis“, in:
ders., Medicina e scienze della natura alla corte dei papi nel Duecento (Biblioteca di
Medioevo latino 4), Spoleto 1991, 282–326, hier: 326.
81 Hierzu ausführlicher Köhler, Zwischen ‚mystischer‘ Sinnsuche, 27 ff.
82 Lohr, The new Aristotle, 260.
83 Per-Gunnar Ottosson, Scholastic Medicine and Philosophy: A study of Commen-

taries on Galen’s Tegni (ca. 1300–1450), Napoli 1984, 219 f.


90 kapitel ii

haben, wissen weder das, was diese selbst nicht zu erreichen vermoch-
ten, hinzuzufügen, noch das, was sie hinterlassen haben, was in unse-
rer Sprache aber nicht vorliegt, zu übertragen. Dabei wären wir doch
gehalten, was fehlt, zu vervollständigen sowie auch Entdecktes neu
und besser zu fassen. … Nichts ist nämlich vollkommen bei menschli-
chen Entdeckungen. … Wollten somit die Späteren, wie es erforderlich
wäre, in den Wissenschaften Fortschritte machen, würden sie gemäß
der günstigen Gelegenheit, die ihre (spätere) Zeit bietet, ergänzen, was
den Früheren fehlte.“84
Welchen Aufschluss gewinnen wir nun aus diesen Äußerungen im
Einzelnen? Wir beginnen mit Textbeispielen, in denen sich die Autoren
zur philosophisch-wissenschaftlichen Dignität von konkret vorliegenden
Sachverhalten äußern.

2.1. Die philosophisch-wissenschaftliche Dignität von Einzelsachverhalten


In einer Reihe von Quellentexten zeichnet sich eine Tendenz ab, bei
aller prinzipiellen Ausrichtung des philosophisch-wissenschaftlichen Er-
kenntnisstrebens auf das Allgemeine und Notwendige die naturphilo-
sophische Bedeutung des Einzelsachverhaltes hervorzuheben85 und die-
ser Einschätzung methodologisch Rechnung zu tragen. Am markantes-
ten tritt diese Tendenz bei Roger Bacon und Albert dem Großen zu-

84 Roger Bacon, Metaphysica de viciis contractis in studio theologie, ed. Robert

Steele (Opera hactenus inedita Rogeri Baconi, I), Oxford 1909, 5: „… nunc vero
nos, qui labores omnium precedencium habemus paratos, neque scimus addere ea
ad que ipsi non potuerunt pertingere, neque ab eis facta que desunt in lingua nostra
transmutare, cum tamen deberemus que desunt complere et eciam inventa renovare in
melius …: nichil enim perfectum est in humanis invencionibus. … Et ideo si posteriores
proficerent in scienciis ut oporteret, ipsi complerent, juxta sui temporis oportunitatem,
ea que defuerunt prioribus.“ Zur ungefähren zeitlichen Einordnung (1237/1250) siehe
Hackett, The Published Works, 316.
85 Theodor W. Köhler, Wissenschaftliche Annäherung an das Individuelle im 13. Jh.

Der Einfluß von „De animalibus“ des Aristoteles, in: Individuum und Individualität im
Mittelalter, ed. Jan A. Aertsen/Andreas Speer (Miscellanea Mediaevalia 24), Berlin–
New York 1996, 161–177; ders., „Processus narrativus.“ Zur Entwicklung des Wissen-
schaftskonzepts in der Hochscholastik, in: Salzb. Jahrb. Philos. 39 (1994) 109–127. Vgl.
auch das in der „littérature d’expérience“ zum Ausdruck kommende Interesse: Isa-
belle Draelants, La „virtus universalis“: un concept d’origine hermétique? Les sources
d’une notion de philosophie naturelle médiévale, in: Hermetism from Late Antiquity
to Humanism. La tradizione ermetica dal mondo tardo-antico all’Umanesimo. Atti del
Convegno internazionale di studi, Napoli, 20–24 novembre 2001, ed. Paolo Lucentini
u. a. (Instrumenta Patristica et Mediaevalia 40), Turnhout 2003, 157–188, hier: 164.
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 91

tage.86 Gegen Ende des Untersuchungszeitraums war es dann Heinrich


Bate, der in seinem Speculum divinorum et quorundam naturalium (1301/1304)
dezidiert ähnliche Ansichten vertrat.87 Gegenüber dem Universalen be-
tont Roger Bacon die herausgehobene Bedeutung des Einzelsachver-
halts. In den Communia naturalium (vermutlich 1260/1274) erkennt er,
ausgehend von einer Gegenüberstellung der Individualnatur und der
Artnatur, dem Einzelnen gegenüber dem entsprechenden Allgemeinen
insgesamt einen höheren Rang zu.88 Zur Bekräftigung verweist er—
um mehr als ein Plausibilitätsargument handelt es sich dabei aller-
dings nicht—auf den Umstand, dass wir bei Nahrung, Kleidung und
sonstigen Dingen des täglichen Gebrauchs ausschließlich konkrete Ein-
zelobjekte verlangen, nicht allgemeine, die uns nichts nützen—und
der Natur ebensowenig.89 Seine Einschätzung unterstreicht er noch
dadurch, dass er nicht zögert, von der „Würde“ des Individuellen zu
sprechen.90 Damit setzt er sich nachdrücklich von anders orientierten
Denkern ab, die, wie er gewohnt polemisch spottet, keine Ahnung
haben und das Universelle anbeten.91 Dementsprechend kritisiert er in

86 Vgl. aber auch die von Hugo von St. Viktor angemahnte Erkenntnishaltung, oben

S. 74 Anm. 20.
87 Hierzu Steel, Nature, 135–140. Edward Grant, Medieval Natural Philosophy:

Empiricism without Observation, in: The Dynamics of Aristotelian Natural Philosophy


from Antiquity to the Seventeenth Century, ed. Cees Leijenhorst u. a. (Medieval and
Early Modern Science 5), Leiden u. a. 2002, 141–168, hier: 143 hat besonders auf
Buridan hingewiesen.
88 Roger Bacon, Communia naturalium I pars 2 d. 3 c. 7, ed. Robert Steele,

Liber primus communium naturalium fratris Rogeri. Partes prima et secunda (Opera
hactenus inedita Rogeri Baconi, II), Oxford o. J. (ca. 1910), 94 l. 34 – 95 l. 1: „Set
absoluta natura individui longe major et melior est quam relata, quia habet esse fixum
per se et absolutum, et ideo singulare est nobilius quam suum universale“; ebd., 95
l. 16–18: „Manifestum est igitur, quod singulare sine comparacione est melius quam
universale.“ Zur Datierung Hackett, Roger Bacon: Leben, 27; der hier in Betracht
kommende Teil des ersten Buches wurde anscheinend in den frühen sechziger Jahren
begonnen.
89 Roger Bacon, Communia naturalium I pars 2 d. 3 c. 7 (ed. Steele, 95 l. 1–4): „Et

nos scimus hoc per experienciam rerum. Non enim in nutrimentis et vestimentis et aliis
utilitatibus nostris querimus nisi singularia, quia universalia nichil prosunt nobis nec
nature similiter.“ Vgl. dens., Epistola de secretis operibus artis et naturae et de nullitate
magiae c. 8, ed. John S. Brewer, Fr. Rogeri Bacon opera quaedam hactenus inedita,
I, London 1859, 543: „Sed communia parvi sunt valoris, nec per se quaerenda, sed
propter particularia et propria.“
90 Ders., Communia naturalium I pars 2 d. 3 c. 7 (ed. Steele, 96 l. 22–25): „Ex quibus

omnibus sequitur de necessitate quod singulare sit prius secundum naturam simpliciter
et absolute, tam secundum intencionem quam operacionem propter suam dignitatem“;
ebd., c. 8 (96 l. 28 f.): „… ea que dicte sunt fundantur super dignitatem individui …“
91 Ebd., 96 l. 30 f.: „Nam homines imperiti adorant universalia, …“
92 kapitel ii

De erroribus medicorum (nach 1260), dass der Naturphilosoph, wie aus den
gängigen, im Umlauf befindlichen Abhandlungen ersichtlich sei, nur
über ein allgemeines, nicht jedoch über ein ins Einzelne gehendes Wis-
sen (in particulari) um die Entstehung der Dinge verfüge und sein Wissen
auch nicht auf dem Wege der Gewissheit gewonnen habe; denn diese
beruhe eher auf Erfahrung als auf Schlussfolgern. Die gängige Natur-
philosophie bewege sich in Bezug auf alles im Allgemeinen. In vielem
gehe sie narrativ vor, bei anderer Gelegenheit schlussfolgernd; den Weg
der Erfahrung in particulari jedoch beschreite sie nicht. Somit vermittle
sie auch keinerlei Gewissheit.92 Aus dieser Überzeugung heraus betont
er im Opus minus eindringlich die Notwendigkeit—speziell hat er hierbei
die Kenntnisse von Theologen im Blick—, die Eigentümlichkeiten der
in der Hl. Schrift erwähnten Dinge genau zu kennen. Insbesondere
bedürfe es eines entsprechenden Wissens um die Unterschiede und
Eigentümlichkeiten der Menschen, was ihre Komplexion, ihre Lebens-
gewohnheiten, ihre religiösen Gebräuche, ihre Künste und ihre Wis-
senschaften betrifft.93 Dass er bei dem Wissen in particulari auch an ein
Wissen denkt, das sich auf individuelle Lebensläufe bezieht, zeigt eine
andere Stelle, diesmal im Opus maius (1266/1268). Dort führt er aus,
dass der erfahrene Astrologe bei genauer Kenntnis des Zeitpunkts von
Empfängnis und Geburt einzelner Personen sowie bei genauem Wis-
sen, welche Himmelskraft dann und während der einzelnen Lebens-
abschnitte herrscht, über natürliche Gegebenheiten in ihrer Lebensge-
schichte wie Krankheiten, Gesundheit und dergleichen und auch dar-
über, wie sie beendet werden müssen, hinreichend (verlässlich) zu urtei-
len vermag. Schwierigkeiten bereitet es allerdings, wie er einräumen
muss, die Aktivitäten einzelner Personen entsprechend abzuschätzen;

92 Ders., De erroribus medicorum, ed. Andrew G. Little/Edward Withington, Roger

Bacon: De retardatione accidentium senectutis cum aliis opusculis de rebus medicinali-


bus (Opera hactenus inedita Rogeri Baconi, IX), Oxford 1928, 150–171, hier 160 l. 6–13:
„Et ideo oportet quod solum in uniuersali sciat naturalis in libris vulgatis generatio-
nem primam rerum, et non in particulari, nec per viam certitudinis, quia hec est per
experientiam magis quam per argumentum. Naturalis enim philosophia vulgata pro-
cedit in uniuersalibus de omnibus, et per viam narrationis in multis, et alias per viam
argumenti. Sed in particulari per viam experientie non procedit, propter quod non
certificat; …“ Zur ungefähren zeitlichen Einordnung des Werkes siehe Hackett, The
Published Works, 318.
93 Roger Bacon, Opus minus (ed. Brewer, 359); hierzu auch ebd., 387 f. Vgl. Rogers

Ausführungen zur intellektuellen Erkenntnis von Einzeldingen im Opus maius: De


signis II.2 (n. 25), ed. Karin M. Fredborg u. a., An Unedited Part of Roger Bacon’s
‚Opus maius‘: ‚De signis‘, in: Traditio 34 (1978) 75–136, hier: 90 f.
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 93

grundsätzlich einfacher sind—als iudicia universalia—astrologische Aus-


sagen über ganze Reiche, Provinzen und Städte.94
Deutliche Nähe zu Rogers Position lassen Äußerungen Alberts des
Großen, vor allem aber sein naturphilosophisches Vorgehen selbst er-
kennen. Auch bei ihm klingt die von Roger verwendete dignitas-Termi-
nologie im Hinblick auf konkrete Phänomene an, wenn er darauf hin-
weist, dass sich auf naturphilosophischem Untersuchungsgebiet das Be-
sondere gegenüber dem Universellen als höherrangig (digniora) erweise,
insofern dieses die Entscheidungsgrundlage bildet für die Annahme
genereller Bestimmungen.95 Immer wieder kommt der Doctor univer-
salis auf die Gegenüberstellung einer Erfassung von Naturgegebenhei-
ten in allgemeiner Hinsicht (in communi, in universali, determinatione uni-
versali, universaliter) und einer Erfassung derselben in spezifischer Hin-
sicht (in speciali, in particulari, determinatione particulari, particulariter, per pro-
pria singulis convenientia) zu sprechen und betont, wie unverzichtbar die
letztere sei. Schon in der in Köln 1251/1254 entstandenen Schrift De
causis proprietatum elementorum stellt er dezidiert fest, dass optimales und
vollkommenes Wissen von den Dingen erst dann gegeben ist, wenn
diese jeweils in ihrer eigentümlichen, spezifischen Natur erfasst wer-
den. Ein Wissen von ihnen lediglich unter allgemeinen Gesichtspunk-
ten ist unzureichend.96 Nicht unerheblich ist, dass Albert bei dieser
Feststellung speziell die Erfassung eines Einzelsachverhaltes, nämlich
des Sintflutereignisses, im Auge hat und bestimmte naturphilosophische
Ansätze zu dessen Erklärung kritisiert, die dem nach seiner Überzeu-
gung unbedingt zu beachtenden Kriterium einer Erfassung der eigen-
tümlichen, spezifischen Natur nach nicht genügen. An anderer Stelle

94 Ders., Opus maius IV d. 2 c. 16, ed. John H. Bridges, The ‚Opus majus‘ of Roger

Bacon, I, Oxford 1879/Frankfurt a.M. 1964, 251 f.


95 Albert d. Gr., De princ. motus proc. tr. 1 c. 2, ed. Bernhard Geyer, Münster

1955 (Ed. Colon. XII, 49 l. 20–31); ders., Miner. I tr. 1 c. 1 (Ed. Paris. V, 1b); ders.,
Meteora III tr. 1 c. 21, ed. Paul Hossfeld, Münster 2003 (Ed. Colon. VI/1, 121 l. 67 f.);
auch ders., Phys. VIII tr. 2 c. 2, ed. Paul Hossfeld, Münster 1993 (Ed. Colon. IV/2, 586
l. 32–37). Vgl. Köhler, Wissenschaftliche Annäherung, 170.
96 Albert d. Gr., De causis propr. elem. I tr. 2 c. 9 (Ed. Colon. V/2, 77 l. 44–47):

„…; non enim sufficit scire in universali, sed quaerimus scire unumquodque, secundum
quod in propria natura se habet; hoc enim optimum et perfectum est genus sciendi“;
ders., De nat. loci tr. 1 c. 1 (Ed. Colon. V/2, 2 l. 28–32; l. 49–55; 3 l. 5–8). Vgl.
Anonymus, Quaestiones super librum Physicorum I q. 5, ed. Albert Zimmermann,
Ein Kommentar zur Physik des Aristoteles aus der Pariser Artistenfakultät um 1273
(Quellen und Studien zur Geschichte der Philosophie 11), Berlin 1968, 9 l. 30 – 10 l. 4;
Robert Grosseteste, Commentarius in Posteriorum analyticorum libros I c. 1, ed. Pietro
Rossi (Corpus Philosophorum Medii Aevi. Testi e studi 2), Firenze 1981, 97 l. 90 ff.
94 kapitel ii

weist er aus demselben Grund Hypothesen verschiedener Autoritä-


ten zur Erklärung von Eigentümlichkeiten einzelner Meere zurück,
da sie unzureichend—nämlich zu allgemein—begründet seien; man
müsse vielmehr causas proprias et veras dazu kennen.97 Besonders nach-
haltig hebt Albert die Notwendigkeit einer Erkenntnis in particulari für
die philosophische Untersuchung der Sinnenwesen hervor. So stellt er
am Schluss des Einleitungskapitels des elften Buches De animalibus fest,
dass es nicht ausreicht, allein im Hinblick auf das Allgemeine über Wis-
sen von den Naturen der Dinge zu verfügen, denn das hieße lediglich
über potentielles Wissen von ihnen zu verfügen. Eine entsprechende
Lehre wäre unbestimmt und würde den eigentümlichen Naturen der
Sinnenwesen nicht gerecht.98 So wird er denn auch in seinem Werk
nicht müde, den Leser darauf aufmerksam zu machen, dass er über die
Natur der Sinnenwesen—entsprechend dem Vorbild des Stagiriten99—

97 Albert d. Gr., De causis propr. elem. I tr. 2 c. 8 (Ed. Colon. V/2, 75 l. 75–81).
98 Ders., De animal. XI tr. 1 c. 1 n. 9 (ed. Stadler, I, 764 l. 8–14): „…, quoniam scire
in universali naturas rerum non est scire eas nisi in potentia, eo quod est huiusmodi
sermo doctrinae indeterminatus et non appropriatus naturis animalium propriis et acci-
dentibus eorum. Sic igitur manifestum est quod oportet nos hic scientiam aliam indu-
cere, quae sit per propria singulis convenientia, quia aliter doctrina naturarum a nobis
non erit perfecte tradita“; ders., De animalibus XX tr.1 c. 1 [ursprüngliches Einleitungs-
kapitel zu Buch XX], ed. Bernhard Geyer, Münster 1955 (Ed. Colon. XII, 1–2, hier: 1 1.
48–50); ders., De nat. loci tr. 1 c. 1 (Ed. Colon. V/2, 2 l. 32–35). Vgl. Adam von Bocfeld,
Sentencia super librum de anima I (ed. Powell, 14): „Et quia posset aliquis negare hoc
quod supposuit, dicendo eamdem esse diffinitionem animalis universalis convenientem
animali secundum totum suum ambitum, cuiuslibet animalis propriam essentiam indi-
cantem, hoc removet cum dicit: ‚Animal universale‘, dicens quod animal universale
aut nihil est, aut posterius est in animalibus particularibus. Cum igitur cognitio poste-
rioris non faciat completam cognitionem de eo quod prius est, non erit una diffinitio
animalis universalis essentiam propriam cuiuslibet animalis indicans. Et sicut dictum
est de animali, similiter est dicendum de aliquo alio communi“; Anonymus, Commen-
tum in libros VIII–X de historia animalium et in de partibus animalium (Montpellier,
Bibliothèque Interuniversitaire, Section de Médecine, H 44, fol. 86ra): „Sed hic melius
pertractata est dubitacio, utrum in sciencia naturali determinandum sit in speciali de
naturalibus, scilicet de unaquaque specie per se et accidentibus eius, vel in communi.
Et arguit primo, quod in speciali sit determinandum, per racionem talem: Quia melius
est habere distinctam cognicionem quam (quam] quod cod.) confuxam, sed determi-
nare de unaquaque specie per se est habere distinctam cognicionem et determinare
in communi est habere confuxam cognicionem, ergo et cetera.“
99 Beispielsweise Aristoteles, De historia animalium VI 18 (571b7 f.) [Translatio Scoti]

(unveröffentlichte Kollation von Benedikt K. Vollmann, 100): „Et iam locuti sumus de
coitu eorum universaliter et particulariter“; ders., De generatione animalium III 11 –
IV 1 (763b15–21) [Translatio Scoti], ed. Aafke M.I. van Oppenraaij, Aristotle, De ani-
malibus. Michael Scot’s Arabic-Latin Translation, Part Three: Books XV–XIX: Gene-
ration of Animals (Aristoteles Semitico-Latinus V), Leiden u. a. 1992, 162 f.: „Et iam
narravimus dispositionem generationis animalium modo generali et particulari, et dixi-
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 95

sowohl in allgemeiner als auch in besonderer Hinsicht handele.100 Bei


diesem letzteren Untersuchungsschritt geht es dem Doctor universalis
um ein darstellendes ebenso wie auch erklärendes Erfassen der Sin-
nenwesen im Hinblick auf die eigentümlichen Merkmale der einzel-
nen Tiergruppen samt der jeweiligen Arten (species specialissimae) ihrer
besonderen Natur nach, im Unterschied zu einer Betrachtung der Sin-
nenwesen unter dem Gesichtspunkt ihrer allgemeinen Gattungsnatur
als animal.101 Dieselbe Doppelperspektive prägt nach ihm speziell auch

mus dispositionem uniuscuiusque per se. Iam narravimus superius generationem ani-
malium generaliter et particulariter.“ Siehe hierzu auch die Studie von Simon Byl, Cri-
tiques et Principes méthodologiques dans les écrits biologiques d’Aristote, in: Aristote-
les als Wissenschaftstheoretiker. Eine Aufsatzsammlung, ed. Johannes Irmscher/Reimar
Müller (Schriften zur Geschichte und Kultur der Antike 22), Berlin 1983, 171–174.
100 Albert d. Gr., De animal. XV tr. 1 c. 1 n. 1 (ed. Stadler, II, 990 l. 10–12);

ebd., XVII tr. 2 c. 1 n. 48 (1170 l. 15 f.); XVIII tr. 1 c. 1 n. 1 (1191 l. 9 f.); XIX
tr. un. c. 1 n. 1 (1245 l. 8–12); XXIII tr. un. n. 1 (1430 l. 2–6); XXIV c. 1 n. 1
(1515 l. 7–9). Vgl. auch ebd., I tr. 1 c. 3 n. 52 (ed. Stadler, I, 20 l. 23–26); tr.1 c. 8
n. 105 (38 l. 34 – 39 l. 2); tr. 2 c. 1 n. 125 (46 l. 1–3); XI tr. 2 c. 2 n. 77 (790
l. 33 – 791 l. 12). Vgl. dens., Miner. I tr. 1 c. 1, ed. Auguste Borgnet, Paris 1890
(Ed. Paris. V, 1b); Adam von Bocfeld, Notule super duos libros vegetabilium (Berlin,
Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Lat. qu. 906, fol. 1r): „‚Tria (sunt add. B
sed exp.), ut ait Empedocles, et cetera.‘ Quoniam in principio libri metheororum
promisit (promittit B) se Aristotiles acturum de mineralibus et eciam (eciam om. B)
de aliis, que generantur super terram, ut de animalibus et plantis et de (de] dum
V ) suis partibus, et hoc tam sermone universali quam particulari, cum (ergo add. B)
in quarto metheororum actum sit de mineralibus sermone universali et particulari,
de animalibus autem et plantis non est actum nisi sermone universali, ideo in hoc
libro, quem pre manibus habemus (habemus om. V ), qui incipit ibi (ibi incipit V ):
‚Vita in animalibus, et cetera (in an. … cetera] autem V )‘, et in libro de animalibus
solvit Aristotiles, quod in primo metheororum (primo meth.] libro suo, scilicet in
principio methaphisice V ) promiserat (promisit V ), agens de animalibus et plantis et de
suis partibus sermone particulari“; Ps.-Johannes vom Casale, Questiones super librum
de partibus animalium (Milano, Biblioteca Nazionale Braidense, AD.XI.18, fol. 24vb):
„Consequenter queritur, utrum in sciencia completa alicuius rei oportet communia
speculari seorsum et propria seorsum. …“ und demgegenüber Anonymus, Questiones
super librum de animalibus I (Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat.
lat. 2164, fol. 235ra): „Dicendum, quod de animalibus est sciencia et de omnibus; nec
considerat animalia in particulari, sed in universali, quoniam particularia reperiuntur
infinita; …“
101 Albert d. Gr., De animal. XI tr. 2 c. 2 n. 77 (ed. Stadler, I, 790 l. 33 – 791 l. 12).

Hierzu auch ebd., XXIII tr. un. n. 1 (ed. Stadler, II, 1430 l. 2–6); ders., De veget. VI tr.
2 c. 1 § 263, ed. Ernst Meyer/Karl Jessen, Alberti Magni … De vegetabilibus libri VII,
Berlin 1867/Frankfurt a.M. 1982, 472 f.: „Sicut enim in animalium scientia non scimus
naturam eorum, nisi cognitis cibis et operibus animalium et partibus eorum: ita etiam
in scientia plantarum nequaquam cognoscitur natura ipsarum, nisi sciantur et partes
earum et qualitates et effectus.“ Vgl. Anonymus, Divisio sciencie (München, Bayerische
Staatsbibliothek, Clm 14460, fol. 32ra–rb): „Secunda divisio scientie secundum hanc
96 kapitel ii

die philosophische Befassung mit dem Menschen. Bei dieser geht es


einerseits um die Betrachtung der natura hominis in communi und ande-
rerseits um die Betrachtung de quolibet modo hominis in particulari, wie
seine prägnante Gegenüberstellung lautet. Sie begegnet eher beiläufig
in einer methodologischen Bemerkung, mit der Albert in De animalibus
seine Vorgehensweise bei der Behandlung der Vogelwelt erläutert. Bei
seinem Hinweis kommt es ihm darauf an zu zeigen, dass man über
die Vogelnatur als solche (avis natura in communi) handeln könne, ohne
zugleich auch ihre einzelnen Ausprägungsweisen in den verschiede-
nen Vogelarten (de quolibet modo avium) behandeln zu müssen.102 Mit der
Betrachtung de quolibet modo hominis in particulari meint er eine Befassung
mit solchen konkreten Ausprägungsweisen des Menschlichen, wie sie
mit der Geschlechterverschiedenheit, der unterschiedlichen ethnischen
Zugehörigkeit, den Temperamentsunterschieden und dergleichen gege-
ben sind, also mit gruppen- bzw. typenspezifischen Eigentümlichkeiten
des Menschlichen. Sie gehören zur adäquaten philosophischen Erfas-
sung des Menschlichen, wie zur Behandlung der übrigen Sinnenwesen
die philosophische Betrachtung der einzelnen Arten (de … individuis spe-
ciebus) gehört.103 Auch wenn die Betrachtung de quolibet modo hominis in
particulari nicht direkt individuelle Ausprägungsweisen als solche zum
Gegenstand hat,104 liegt es auf der Hand, dass sie in besonderem Maße
empirische Sachverhalte in den Blick zu nehmen hat. Sie setzt prin-
zipiell systematische Beobachtungen und daraus erwachsendes Erfah-
rungswissen als notwendige Bedingung voraus. Wie wir an anderer
Stelle eingehend erörtert und zur Diskussion gestellt haben,105 lässt
sich zeigen, dass Albert diesem Umstand in seinen methodologisch-
wissenschaftstheoretischen Überlegungen wie in seiner Vorgehensweise

comparationem est secundum has differentias: scire in universali et scire in particulari


et in agere. Scientia quidem in universali est scire aliquod enuntiabile in suis principiis
universalibus; …“
102 Albert d. Gr., De animal. XI tr. 2 c. 2 n. 77 (ed. Stadler, I, 791 l. 2–12).
103 Vgl. ebd., l. 10 ff.
104 Vgl. dazu Albert d. Gr., Super Ethica II lect. 7 n. 143 (Ed. Colon. XIV/1, 127

l. 8–14); ebd., VII lect. 3 n. 623 (Ed. Colon. XIV/2, 533 l. 8–22); auch Anonymus,
Questiones libri de phisonomia (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr.
E.1.252, fol. 233ra): „Cum dicitur, quod non solum hic determinatur de moribus in
specie humana, sed de moribus cuiuslibet hominis, puta collerici, fleumatici et talis
figure, dico, quod licet hic determinetur de moribus … hominis in communi, quia
non de moribus Socratis vel Platonis, sed de moribus cuiuslibet talis figure et
complexionis hic determinatur, licet forte illa consideratio (considerative cod.) sit magis
particularis quam considerare mores per se.“
105 Köhler, Wissenschaftliche Annäherung; ders., „Processus narrativus“, passim.
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 97

in einem für seine Zeit nicht selbstverständlichen Maße Rechnung zu


tragen suchte.
Aufschlussreich für die hier skizzierte Erkenntnishaltung konkreten
Sachverhalten gegenüber ist auch die Charakterisierung der natur-
philosophischen Betrachtungsweise, wie sie Johannes von Tytyngsale
in seinen Questiones super librum de anima in der Gegenüberstellung mit
der metaphysischen bietet. Die naturphilosophische Betrachtungsweise
(modus phisicus) erreicht für Johannes nach oben hin bei sehr abstrakten
Gegenständen ihren Endstand; sie kommt hinsichtlich der Abstrakti-
onsweise zum Stillstand, denn manche Gegenstände sind so abstrakt,
dass sie außerhalb der Betrachtung des Naturphilosophen liegen. Nach
unten hin jedoch, was die konkreten Gegenstände betrifft, gibt es für
sie eine solche Grenze nicht. Es gibt keine Form, die derart konkret
wäre, dass sie sich der Betrachtung des Naturphilosophen entzöge. Im
Gegenteil, je mehr eine Form mit Materie verbunden sei, desto mehr
falle sie auch in seinen Erkenntnisbereich.106

2.2. Die methodische Gewichtung von Beobachtung und Erfahrung


Entsprechend der in den Textzeugnissen sich abzeichnenden metho-
dischen Gewichtung konkreter Erfahrungssachverhalte in ihrer Beson-
derheit und deren Erfassung innerhalb des philosophisch-wissenschaft-
lichen Erkenntnisprozesses fällt in den Quellen die Häufigkeit auf, mit
der die Magister auf Bezeugung durch Beobachtung und Erfahrung
Bezug nehmen. Dies äußert sich nicht allein in der zunehmenden Ver-
wendung einschlägiger Termini, sondern darüber hinaus in explizi-
ten wissenschaftsmethodischen Überlegungen zum Stellenwert und zur
Rolle von Beobachtung und Erfahrung innerhalb des (natur-)wissen-
schaftlichen Erkenntnisprozesses.107 Die Terminologie, mit der die Ma-
gister auf Beobachtungs- bzw. Erfahrungsdaten verweisen, ist vielfältig

106 Johannes von Tytyngsale, Questiones super librum de anima I (Oxford, Balliol

College, 311, fol. 148rb): „Modus enim phisicus habet statum in suppremo, sed non
habet statum in infimo. Habet enim statum quantum ad modum abstractionis, quia
aliqua sunt ita abstracta, quod excedunt consideracionem phisicam, et aliqua sunt
ita abstracta, quod ultimo ea non considerat; sed quantum ad modum concrecionis
non habet phisicus statum. Non enim est aliqua forma ita concreta, que subterfugiat
(superfugiat cod.) naturalis considerationem, immo quanto forma magis est materie
concreta, tanto magis sub eius consideracione cadit.“ Vgl. hierzu Aegidius Romanus,
Expositio libri de anima, Prol. (Ed. Venezia 1500, fol. 2rb).
107 Vgl. Grant, Medieval Natural Philosophy, 142 f.; 167. Zur Rolle von Erfahrung

speziell in den Reiseberichten des 13. und 14. Jh. Marina Münkler, Erfahrung des Frem-
98 kapitel ii

und bedarf einer weit eingehenderen Sichtung, als uns dies hier mög-
lich ist. Typische Wendungen sind—wenn wir von dem in einem sehr
weiten Sinn, oft in dem einer bloßen Volksmeinung, eines rumor commu-
nis,108 gebrauchten videmus absehen109—unter anderem videmus ad sensum,
videmus et experimur, contrarium videmus, patet ad sensum, patet per experimentum,
dictat experimentum, confirmatur experimento, probabimus ratione et experimento,
Aristoteles et experimentum, sicut auctores scribunt et experientia docuit, experimur in
nobis, experientia docet. Unabhängig davon, wie diese Ausdrücke im kon-
kreten Fall zu verstehen sind, zeigen sie indes eines: Wenn die Autoren
zu derlei Topoi greifen, geben sie in jedem Fall damit zu verstehen,
dass sie für oder gegen eine bestimmte Behauptung Erfahrungsevidenz
in Anspruch zu nehmen gewillt sind. Worum es sich bei dieser „Erfah-
rungsevidenz“ jeweils handelt, kann freilich im Einzelnen recht ver-
schieden sein, wie Untersuchungen gezeigt haben.110 Dementsprechend
unterschiedlich ist selbstverständlich auch das argumentative Gewicht,
das einer solchen Inanspruchnahme im Einzelfall beizumessen ist.
Vor allem zwei Züge dieser Inanspruchnahme sind für uns von
Interesse. Sie betreffen zum einen die Quelle der Erfahrungsevidenz
und deren Art, zum andern den Zweck, zu dem sie jeweils in Anspruch
genommen wird. Was zunächst Quelle und Art derselben anbelangt,
so führen die Autoren immer wieder Beobachtungen aus zweiter und
dritter Hand an. Diese entnehmen sie zum einen—worauf Edward
Grant hingewiesen hat111—ihren literarischen Quellen.112 Bekanntes-

den. Die Beschreibung Ostasiens in den Augenzeugenberichten des 13. und 14. Jahr-
hundert, Berlin 2000, 222–287.
108 Albert d. Gr., De animalibus VI tr. 1 c. 6 n. 46 (ed. Stadler, I, 460 l. 11).
109 Beispielsweise Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Flo-

rentiner Redaktion] XVIII (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr.


G.4.853, fol. 175rb): „Contrarium videmus de quibusdam et de ovibus Iacob“; ebd.,
fol. 176rb: „Contrarium videmus, quod homo et taurus coniunctim“; Petrus von Abano,
Expositio problematum Aristotilis, partic. 10, 13 (Ed. Venezia 1501, fol. 102rb–va): „Aliud
est, quia videmus serpentes generari ex capillis, et precipue mulierum, quia sunt lon-
giores et humidiores natura capillis virorum.“
110 John B. Friedman, Albert the Great’s Topoi of Direct Observation and His Debt

to Thomas of Cantimpré, in: Pre-Modern Encyclopaedic Texts, ed. Peter Binkley


(Brill’s Studies in Intellectual History 79), Leiden u. a. 1997, 379–392; Paul Hossfeld,
Albertus Magnus als Naturphilosoph und Naturwissenschaftler, Bonn 1983, 77–98;
ders., Die eigenen Beobachtungen des Albertus Magnus, in: Archivum Fratrum Pra-
edicatorum 53 (1983) 147–174; Grant, Medieval Natural Philosophy, passim.
111 Grant, Medieval Natural Philosophy, passim.
112 Beispielsweise der Verfasser des Adam von Bocfeld zugeschriebenen Kommentars

In de sompno et vigilia (sog. „dritte“ Redaktion Adams) II (Città del Vaticano, Biblioteca
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 99

tes Beispiel dafür dürfte neben dem Allerweltsbeispiel des Schafes, das
den Wolf sieht und flieht, dasjenige des Abdrucks einer Figur im Was-
ser sein, der innerhalb kürzester Zeit vergeht.113 Zum anderen ver-
danken die Autoren die angeführten Beobachtungen, wie sie biswei-
len ausdrücklich vermerken, allgemein Sachkundigen (experti)114—also
Leuten, die über ein aufs Einzelne bezogenes Tatsachenwissen ver-

Apostolica Vaticana, Vat. lat. 13326, fol. 48va): „Et hoc manifestat per experimentum,
cum dicit ‚Et ideo‘, dicens, quod pueri et universaliter illi, in quibus est motus multus,
non sompniant. Multus enim motus in sanguine prohibet fluxum ydolorum sicut mul-
tus motus in aqua fluxum vertigenum. Et multus motus est post susceptionem nutri-
menti.“ Vgl. Ps.-Johannes von Casale, Questiones super librum de generatione anima-
lium (Milano, Biblioteca Nazionale Braidense, AD.XI.18, fol. 20vb): „Quod autem mas-
culus acutius moveatur, expertum est a mulieribus eciam secundum Aristotilem IX de
historiis: Portantes masculos agiliores et mobiliores; quia masculus calidior, ideo reddit
corpora magis agilia et mobilia“; R. de Staningtona, Liber de anima (Oxford, Bodleian
Library, Digby 204, fol. 123va): „Experimentatum enim est secundum Commentato-
rem, quod tigres in Grecia movebantur quingentis leucis ad cadavera mortuorum in
prelio.“
113 Anonymus, Questiones de memoria et reminiscencia (Firenze, Biblioteca Nazio-

nale Centrale, Conv. Soppr. E.1.252, fol. 215rb): „Sic videmus de caractere sigilli impressi
in aquam; cito transit“; Aristoteles, De memoria et reminiscentia 1 (450b2 f.).
114 Beispielsweise Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Ve-

nezianer Redaktion] X (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI 234,


fol. 161ra–rb): „Deinde, que virga maiorem infert delectationem in coitu, aut parva aut
magna. Videtur parva. Avicenna: Delectatio est sensus rei convenientis, dolor e contra.
Ut ergo maxima sit delectatio, sunt illa membra nervosa. Matrix maxime nervosa est
in principio, in fundo carnosa, ut bene digerat. Similiter delectatio in viro in summi-
tate virge. Ergo illa, que excedit collum matricis, minus delectat. Ergo parva magis,
que attingit superficiem matricis. Ad oppositum est auctoritas feminarum“; Aegidius
Romanus, Expositio libri de anima II (Ed. Venezia 1500, fol. 47ra): „Valet etiam ad hoc
quod experimentaliter videmus. Expertum est enim per venatores, quod plures bes-
tie silvestres quando appropinquant loco, ubi debent quiescere, faciunt usque ad sex
vel septem saltus, ut per magnitudinem saltuum interrumpatur via canibus inveniendi
eas“; ders., Tractatus de formatione humani corporis c. 6 (Ed. Rimini 1626, 40): „Com-
pertum est enim, quod aliquando incorrupta carne per sperma viri concepit, ut nos
ipsi a fide dignis accepimus (a.] praecepimus ed.); …“; Anonymus, Questiones disputate
super problematibus Aristotilis et de historiis animalium (Paris, Bibliothèque Nationale,
Lat. 16089, fol. 81vb): „…, quod iuvenes—ut apparet ad sensum et per Philosophum
ex 4 ethicorum—satis verecundi sunt naturaliter. …, penitent se fecisse talem actum,
ut sciunt experti“; Albert d. Gr., De animal. VI tr. 3 c. 2 n. 118 (ed. Stadler, I, 492
l. 19–21); ebd., IX tr. 1 c. 4 n. 47 (692 l. 16–19); tr. 2 c. 5 n. 124 (724 l. 28 f.). Vgl. dens.,
Quaest. super De animal. XIII q. 18 ad 2 (Ed. Colon. XII, 248 l. 18–20) und eine
allgemeine Äußerung von Roger Bacon, Opus maius VI c. 1 (ed. Bridges, II, 169), im
Hinblick auf die Medizin auch Jole Agrimi/Chiara Crisciani, ‚Doctus et expertus‘: La
formazione del medico tra Due e Trecento, in: Per una storia del costume educativo
(età classica e medioevo) (Quaderni della Fondazione G. Feltrinelli 23), Milano 1983,
149–171.
100 kapitel ii

fügen115—und Zeugnissen über deren Aussagen116 sowie auch direkt


namentlich genannten und teilweise persönlich bekannten Gewährs-
leuten unterschiedlicher Glaubwürdigkeit.117 Zumeist aber stützen sie
sich—jedenfalls ihren eigenen Worten nach118—auf Erfahrungen aus
erster Hand. Diese wiederum können entweder vertraute Phänomene
des alltäglichen Lebens betreffen oder aber speziellere, nicht jedermann
zugängliche Beobachtungen.
Auf Alltagserfahrungen im Sinne des unspezifischen „man“ pfle-
gen insbesondere—wenn auch nicht durchgängig—die Ausdrücke vide-
mus,119 contrarium videmus, patet ad sensum und ähnliche hinzudeuten. Bis-
weilen machen die Autoren auch direkt darauf aufmerksam, dass den
in Frage stehenden Sachverhalt jedermann mit eigenen Augen beob-
achten könne.120 Von Berufung auf Alltagserfahrungen muss man wohl
sprechen, wenn Thomas von Aquin zu bedenken gibt, dass Provinzen
oder Gemeinwesen, deren Leitung nicht ausschließlich in einer ein-
zigen Hand liegt, mit Zwietracht zu kämpfen haben und nicht zur
Ruhe kommen,121 oder ein unbekannter Magister daran erinnert, dass

115 Albert d. Gr., Metaph. I c. 9, ed. Bernhard Geyer, Münster 1960 (Ed. Colon.

XVI/1, 14 l. 4–6); ders., Quaest. super De animal. XV q. 19c (Ed. Colon. XII, 271
l. 67–69).
116 Aegidius Romanus, Tractatus de formatione humani corporis c. 6 (Ed. Rimini

1626, 42): „… dicunt, quod mulieres experte in conceptu et coitu asserunt, …“; ebd.,
c. 16 (106): „Recitat enim doctor quidam, quod cum quaedam mulier honesta et
fide digna peperisset filium magnae quantitatis et ipse miraretur de magnitudine eius,
asseruit illa sibi, quod ultra novem menses eum in ventre portaverat.“
117 Beispielsweise Albert d. Gr., Quaest. super De animal. XV q. 14c (Ed. Colon.

XII, 268 l. 44–50); ders., De animal. IX tr. 1 c. 5 n. 49 (ed. Stadler, I, 693 l. 17 f.); ebd.,
tr. 2 c. 5 n. 124 (724 l. 28–32); ebd., XVIII tr. 2 c. 3 n. 67 (ed. Stadler, II, 1225 l. 32).
Vgl. Tommaso Vinaty, Sant’Alberto Magno, embriologo e ginecologo, in: Angelicum
58 (1981) 151–180, hier: 164–166.
118 Dass dies nicht notwendigerweise immer den Tatsachen entsprechen muss, hat

für Albert den Großen und seine Formel „vidi oculis meis“ Friedman, Albert the
Great’s Topoi gezeigt. Bedenkenswert ist auch die Beobachtung von Weisser, Die
Harmonisierung, 305 zu Alberts Wiedergabe von Angaben vertrauenswürdiger Frauen
zur Schwangerschaftsdauer, was gewisse Parallelen im Corpus Hippocraticum hat. Vgl.
Luca Bianchi, Rusticus Mendax. Marcantonio Zimara e la fortuna di Alberto Magno
nel Rinascimento italiano, in: Freib. Z. Philos. Theol. 45 (1998) 264–278.
119 Auf die häufige Verwendung dieses Terminus in den Predigten Alberts macht

Schinagl, Naturkunde-Exempla, 131; 147 aufmerksam.


120 Albert d. Gr., De animal. VIII tr. 2 c. 3 n. 53 (ed. Stadler, I, 592 l. 23); Wilhelm

von Auvergne, De universo II pars 2 c. 72 (Opera omnia, I, 925b): „Quis enim non
videat [c]limacas et vermes longe debilioris esse imperii in corpora sua quantum ad
motum quam canes aut tigrides aut aspiolos?“
121 Thomas von Aquin, De regno ad regem Cypri I c. 2 (Ed. Leon. XLII, 451 l. 54 –

452 l. 61).
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 101

jemand, der sich auf etwas verstehen müsste, dies dann aber bei gege-
bener Gelegenheit nicht zuwege bringt, errötet, zumal wenn andere
Sachkundige zugegen sind und Zeugen seiner Fehlleistung werden.122
Andere von den Gelehrten angeführte Beispiele sind, dass bestimmte
Organismen sich bei Kälte zusammenziehen,123 dass bei alten Männern
die Haupthaare ausgehen, während sich an anderen Körperstellen der
Haarwuchs verstärkt,124 dass in der Jugend Gelerntes nicht so leicht
wieder vergessen wird,125 dass viele Tiere weite Strecken zurücklegen,
um an Nahrung zu gelangen,126 dass Tiere sich aufgrund bestimmter
Anhaltspunkte an Vergessenes erinnern,127 dass nichtkastrierte Tiere,
wie Stiere und Eber, ungebärdiger sind als kastrierte,128 dass die Lebens-
dauer von Mensch, Hund und Pferd verschieden ist,129 dass Landleute
bis zu einhundertvierzig Jahre alt werden130 oder dass man Leute, die
doch an sich Vernunft besitzen, den Weg der Vernunft verlassen und

122 Anonymus, Questiones disputate super problematibus Aristotilis et de historiis

animalium (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16089, fol. 82ra): „Apparet enim ad
sensum, quod ignorans modum operandi in qualibet actione—et precipue si eum
teneatur scire—coram scientibus erubescit, …“
123 Albert d. Gr., De spir. et resp. I tr. 1 c. 7, ed. Auguste Borgnet, Paris 1890 (Ed.

Paris. IX, 225a).


124 Petrus Hispanus (Medicus), Glose super tegni Galieni (Madrid, Biblioteca Nacio-

nal, 1877, fol. 63vb): „Ad oppositum est illud, quod videmus per experimentum, quod
capilli in capitibus senum minuuntur, in aliis vero locis augmentantur.“
125 Ebd., fol. 61vb: „Hoc etiam patet per experimentum, quia illud, quod in puericia

accipitur, non de facili deletur.“


126 Anonymus, Questiones in libros II et III de anima II (Erfurt, Universitätsbiblio-

thek, Dep. Erf., CA 4° 312, fol. 46rb): „Sed hoc destruitur multis modis, quia videmus,
quod multa animalia moventur ad nutrimentum suum per spacium multarum dieta-
rum, …“
127 Anonymus, Questiones de memoria et reminiscencia (Firenze, Biblioteca Nazio-

nale Centrale, Conv. Soppr. E.1.252, fol. 216va): „Maior patet, quia videmus bruta obli-
visci et postea ex alico deveniunt in cognitionem illius obliti, sicut videmus canem ali-
quando esse oblitum alicuius et postea ex alico—sicut ex veste vel alio huiusmodi—
devenit in cognicionem huius.“
128 Petrus Hispanus (Medicus), Glose super tegni Galieni (Madrid, Biblioteca Nacio-

nal, 1877, fol. 73ra): „Tercia ratio est hec, et est experimentum in animalibus. In anima-
libus non castratis, que dum habent testiculos, ferocia sunt et indomita, ut sunt tauri et
apri, cum autem fuerint castrata, efficiuntur mansueta et bonos habent mores.“
129 Jakob von Douai, Questiones et sententia de longitudine et brevitate vite (Erfurt,

Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 4° 188, fol. 81vb): „Et cum nobis ad sensum
appareat aliqua esse longe vite et aliqua brevis, sicut patet ad sensum, ut homo est
longe vite respectu equi et equs respectu canis, ideo fuit necesse esse de hoc quandam
scienciam, que unicuique certam vite peryodum tribueret, …“
130 Roger Bacon, Epistola de secretis operibus artis et naturae et de nullitate magiae

c. 7 (ed. Brewer, 539).


102 kapitel ii

sinnlichen Impulsen folgen sieht.131 An mehr oder minder verbreitetes


Erfahrungswissen knüpft offenbar ein von dem Franziskaner Eustachius
von Arras (Magister regens 1263–1266, † 1291) wiedergegebenes Argu-
ment an, nach dem es der Erfahrung entspreche (videmus experimento),
dass ein Mensch von edlerem, schönerem und stärkerem Körperbau
sehr wohl eine weniger edle, eher abgestumpfte Seele besitzen kann,
dass also dem edleren Körper nicht notwendig auch eine edlere Seele
mit edleren Tätigkeiten entsprechen muss.132 Eine Alltagsüberzeugung
oder allgemein geteilte Vorannahme dürfte schließlich Petrus Hispa-
nus (Medicus) mit einem Argument wiedergeben, in dem behauptet
wird, es sei doch offensichtlich, dass Mädchen weit gelehriger seien
als Buben.133 Häufig lenken die Autoren die Aufmerksamkeit auch auf
Erfahrungen, die jedermann introspektiv an sich selber zu machen
vermag, etwa die, dass wir bestimmte Erkenntnisvorgänge betreffend
Gegenstände, Wesenheiten oder körperliche oder mentale Akte an uns
selbst beobachten können.134

131 Anonymus, Questiones in libros II et III de anima II (Erfurt, Universitätsbiblio-

thek, Dep. Erf., CA 4° 312, fol. 60rb): „Ad oppositum sic: Nos videmus homines racio-
nales dimittere viam racionis et prosequi motum sensualitatis. Set hoc non contingeret
nisi racio subcumberet. Quare, ut videtur, racio potest vinci a sensu.“
132 Eustachius von Arras, De animabus rationalibus questio [Kurzfassung] (Città

del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Pal. lat. 612, fol. 84ra–85ra, hier 84rb): „
…, quoniam videmus experimento, quod habens nobilius et pulcrius corpus et forcius
habet minus nobilem animam et magis obtusam“ und ebd., fol. 84vb: „Et quod obicitur,
quod anima, que habet corpus nobilius et melius, aliquando minus nobilis videtur in
operando, dicendum, quod etsi ille, qui videtur habere corpus nobilius et pulcrius,
habet animam magis obtusam, istud forte est, quia aliqua mala disposicio latet interius
in corpore vel aliqua condicio deficit, per quam corpus est promotivum anime in
operando sive in cognoscendo.“ Zum Autor und seinen Quaestionen siehe Glorieux,
Répertoire, II, 77–82 (zur zitierten Quaestion: 78); ders., La littérature quodlibétique,
II, 77–81 (mit Datierung der Quodlibeta). Neben der hier zitierten kurzen Version
dieser Quaestion existiert auch eine lange (in Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica
Vaticana, Borgh. lat. 139, fol. 1ra–3vb; für die obigen Stellen: 1va und 3rb). Siehe auch
Ignatius Brady, Questions at Paris c. 1260–1270, in: Arch. Francisc. hist. 62 (1969) 357–
376, hier: 371 f.
133 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus XVI (Madrid,

Biblioteca Nacional, fol. 284va): „Preterea senssibiliter videmus, quod puelle vel puelule
magis (maxime M) disciplinabiles sunt quam pueri.“
134 Beispielsweise Anonymus, Questiones in libros I et II de anima (Città del Vati-

cano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 869, fol. 52ra): „…; ubi sciendum, quod
actum secundum cognoscendi obiectum, scilicet abstractive, frequenter in nobis experi-
mur. Cognoscimus enim quidditates rerum et etiam universalia, et hoc sive tales quid-
ditates existant in efectu in aliquo supposito sive non existant“; Anonymus, Questiones
et notabilia in de anima I (Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat.
lat. 2170, fol. 63rb): „Item animam esse manifestum est, quod hoc experimur in
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 103

Die spezielleren—also nicht lediglich verbreiteten Alltagseinsichten


entsprechenden—Beobachtungen, auf die in den Texten verwiesen
wird, zerfallen ihrerseits in zwei Arten. Zum einen handelt es sich mehr
oder minder um bloße Gelegenheitsbeobachtungen. Sie werden viel-
fach in Form von ins Gedächtnis zurückgerufenen Episoden wiederge-
geben. Hierfür bietet Albert der Große in seinen Schriften zahlreiche
Beispiele. So berichtet er unter anderem zweimal, er habe in Köln ein
neunjähriges Mädchen gesehen, welches nicht einmal die Größe eines
einjährigen Kindes besaß.135 In seinem Kommentar zur pseudeoaristo-
telischen Schrift De proprietatibus elementorum (ca. 1251/1254) geht er auf
einen in seiner Textvorlage angeführten Steuerruderfund eines großen
Schiffes ein, der anlässlich einer Brunnengrabung gemacht wurde, und
erklärt ihn damit, dass das Fundstück in alter Zeit an der betreffenden
Stelle abgelegt, mit Erde bedeckt und durch die Kälte des Erdreiches
vor der Verrottung bewahrt worden sei oder dass dort einmal Meer
gewesen sei, das sich aufgrund akzidenteller Ursachen zurückgezogen
habe. Dazu schildert er, dass er in Köln sehr tiefe Ausschachtungen—
wohl beim Ausheben der Fundamente für den Dom—gesehen habe,
auf deren Grund wundervolle Mosaikfußböden zum Vorschein kamen.
Das gilt ihm als Beweis dafür, dass es sich um Kunstwerke aus alter
Zeit handelte, die nach der Zerstörung der Gebäude verschüttet wur-
den.136 Bei anderer Gelegenheit, wo es um die Variation der Augen-

nobis ipsis. Unde non est neccesse demonstrare vel probare (probant cod.) ipsam“; ebd.,
II (fol. 89vb): „Et ulterius videmus, quod experimur, quod cognoscimus et apprehen-
dimus, et dicimus, quod hoc vidimus et hoc“; Aegidius Romanus, Expositio libri de
anima II (Ed. Venezia 1500, fol. 46va): „…, manifestum est tentantibus, id est experi-
mentantibus. Quilibet enim in se ipso experitur, quod absque respiratione odorare non
potest“; Johannes von Tytyngsale, Quaestiones super librum de anima III q. 35 (ed.
Oyarzabal Aguinagalde, 263); Johannes Duns Scotus, Quaestiones super secundum et
tertium De anima q. 9 16 (ed. Bazán u. a., 77 l. 2–5): „Ad aliud, dicendum quod ima-
ginatio sentit actum proprium; imaginamur enim nos imaginari vel imaginatum fuisse,
et memoramur nos memoratum fuisse, et somniamus nos somniare, sicut experimur
manifeste“; Alexander Bonini von Alessandria, Expositio libri de anima cum questioni-
bus et notabilibus II (Ed. Oxford 1481, fol. 151va): „Nos experimur, quod nos sentimus
diversa sensata genere et quod nos discernimus inter ea. Sed hoc non potest esse nisi
per sensum communem.“ Zur Rolle der Selbsterfahrung in der geistlichen Tradition
unter der Metapher „liber experientiae“ Ulrich Köpf, Das ‚Buch der Erfahrung‘ im 12.
Jh., in: Ars und Scientia, 47–56; Weiss, Zum Begriff der Erfahrung.
135 Albert d. Gr., De animal. XVI tr. 1 c. 16 n. 87 (ed. Stadler, II, 1110 l. 9 f.);

ebd., XVIII tr. 2 c. 2 n. 59 (1221 l. 23 f.); erwähnt bei Hossfeld, Albertus Magnus als
Naturphilosoph, 89.
136 Albert d. Gr., De causis propr. elem. I tr. 2 c. 2 (Ed. Colon. V/2, 63 l. 26–30) und

c. 3 (67 l. 17–26).
104 kapitel ii

farbe von Sinnenwesen geht, erwähnt er ein augenscheinlich recht her-


ziges Hündchen mit je einem weißen und einem schwarzen Auge, das
er in Köln gehabt hatte.137 Als Beispiel für einen sich exakt bewahr-
heitenden Traum führt er ein persönliches Traumerlebnis von einem
Unglücksfall an, der sich dann tatsächlich auch genau so zugetragen
habe.138 Roger Bacon, der das Erscheinen eines Kometen im Jahr 1264
vor Augen hat und die nachfolgend allenthalben beobachteten Störun-
gen, die Luft, Menschen und Gegenden betrafen, bewertet diese Phä-
nomene als wichtige Indizien für den Einfluss kosmischer Ereignisse auf
das Geschehen im sublunaren Bereich.139
Eine zweite Art speziellerer Beobachtungen bilden solche, die offen-
bar mehr oder minder gezielt im Hinblick auf eine bestimmte Frage-
stellung durchgeführt wurden. Hierzu dürften die Beobachtungen zur
iris lunae140 und zu den Planetenbewegungen141 zu rechnen sein, auf die
Albert verweist, um mit ihnen seine von den astronomischen Autori-
täten abweichende Ansicht zu diesen Himmelsphänomenen zu unter-
mauern. Ein weiteres Beispiel ist Alberts Überprüfung der Annahme,
dass eine bestimmte Gestirnskonstellation Einfluss auf angeborene
Missbildungen bei Kindern haben könne. Dazu befragte er, wie er
selbst berichtet, zwei ehrbare Frauen, die missgebildete Kinder zur
Welt gebracht hatten, nach dem mutmaßlichen Zeitpunkt ihrer jeweili-
gen Empfängnis und verglich diese Angaben mit der Sonnenstellung
zu den betreffenden Zeiten.142 Ein besonders eindrückliches Beispiel
ist seine gezielte Untersuchung (experimento probavi) an einem Maul-
wurf. Dabei ging es um die Ansicht des Stagiriten, der Maulwurf
besitze ursprünglich Augen, die aber bei der Geburt mit einem Häut-
chen überdeckt würden, was sich zeige, wenn man dort die Haut auf-

137 Ders., Quaest. super De animal. I q. 30 (Ed. Colon. XII, 99 l. 52–54); erwähnt bei

Hossfeld, Albertus Magnus als Naturphilosoph, 93.


138 Albert d. Gr., De somno et vig. III tr. 1 c. 10 (Ed. Paris. IX, 191b).
139 Roger Bacon, Tractatus brevis et utilis c. 5, ed. Robert Steele (Opera hactenus

inedita Rogeri Baconi, V), Oxford 1920, 10 l. 30–33.


140 Albert d. Gr., Meteora III tr. 4 c. 11 (Ed. Colon. VI/1, 186 l. 60 – 187 l. 5).
141 Ders., De caelo et mundo II tr. 3 c. 15 (Ed. Colon. V/1, 176 l. 78 – 177 l. 2); ebd.,

c. 11 (169 l. 4–13). Einschränkend allerdings Hossfeld, Albertus Magnus als Naturphilo-


soph, 77.
142 Albert d. Gr., II Sent. d. 7 art. 9 ctr. 1, ed. Auguste Borgnet, Paris 1894 (Ed.

Paris. XXVII, 157b); ders., Probl. determ. q. 35, ed. James Weisheipl, Münster 1975
(Ed. Colon. XVII/1, 62 l. 11–13).
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 105

trennt.143 Hierzu stellt Albert fest, dass beim Maulwurf die Haut an der
Stelle der Augen glatt und dünn, weiß, haarlos und gänzlich geschlos-
sen sei, ohne Anzeichen einer Teilung. Bei vorsichtigem Einschneiden
der Haut fand er nichts, was auf Augen hingedeutet hätte144—was aller-
dings nicht der zoologischen Realität entspricht.145 Ps.-Petrus Hispanus
macht gegenüber der These, dass das Aussehen eines Dinges auf das
darin bestehende Mischungsverhältnis (complexio) zurückzuführen sei,
die Beobachtung geltend, dass Dinge, die dieselbe komplexionale Ver-
fassung besitzen, durchaus einen unterschiedlichen Anblick bieten und
umgekehrt solche mit unterschiedlicher Komplexion gleich aussehen
können.146 Die Beobachtung, dass sich Tiere derselben Spezies unge-
achtet ihrer unterschiedlichen Komplexion gegeneinander freundlich
verhalten, zeigt nach seiner Auffassung, dass freundliches oder feindse-
liges Verhalten zwischen Tieren entgegen einer anderslautenden Hypo-
these von etwas anderem als von ihrer jeweiligen Komplexion abhän-
gen müsse.147 Ein interessantes Beispiel bietet auch Guillelmus Hispa-
nus, der sich in seiner Summa supra phisonomiam Aristotilis cum questionibus
auf eine Beobachtung beruft, die er durch Teilnahme an einem magi-

143 Vgl. auch Petrus Gallecus, Liber de animalibus IV (ed. Martínez Gázquez, 100

l. 112–116).
144 Albert d. Gr., De animal. I tr. 2 c. 3 n. 140–141 (ed. Stadler, I, 51 l. 9–19). Hierzu

Hossfeld, Albertus Magnus als Naturphilosoph, 85. Aristoteles, De historia anima-


lium I 9 (491b27–34) [Translatio Scoti] (unveröffentlichte Kollation von Vollmann, 12):
„Omnia vero animalia, que gignunt sibi similia, habent occulos preter talpam, que est
privata occulis secundum quod apparet. Nam ipsa non videt omnino. Si vero aliquis
findiderit (!) corium, quod est super loca occulorum eius, et exc[ut]itaverit subtiliter,
inveniet loca occulorum et nigredinem eorum secundum dispositionem eorum, quasi
non accidisset eis occasio et privatio luminis nisi in principio partus propter fixionem
cutis super occulos.“
145 Mia I. Gerhardt, Zoologie médiévale: préoccupations et procédés, in: Methoden

in Wissenschaft und Kunst des Mittelalters, ed. Albert Zimmermann (Miscellanea


Mediaevalia 7), Berlin 1970, 231–248, hier: 247.
146 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Florentiner Redak-

tion] VIII (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 124va):
„Ad oppositum. In quibuscumque (quibusdam cod.) est eadem causa et idem funda-
mentum aspectus, in eisdem est idem aspectus. Sed videmus multa eiusdem comple-
xionis diversum habere aspectum, et ea, que sunt diversarum complexionum, eosdem
habere aspectus. Ergo aspectus sequitur aliud quam complexionem.“ Zum Umgang
der Autoren mit dem complexio-Konzept siehe unten S. 305–338.
147 Ebd., fol. 130va: „2a racio. Videmus, quod animalia eiusdem speciei sunt ami-

cabilia ad invicem, animalia vero diverse speciei inimica, ut lupus et ovis; et tamen
animalia eiusdem speciei sunt diversarum complexionum. Ergo concordia et discor-
dia animalium debentur speciei vel alicui alteri, quod est supra complexionem. Quod
concedimus.“
106 kapitel ii

schen Experiment (modus … magycus est) machen konnte. Es ging dabei


um nichts Geringeres als homines transfigurari in diversas species, und zwar
nach einem Verfahren, das in einem Platon zugeschriebenen Lehrbuch
angegeben war. Nach Zubereitung der laut dem Lehrbuch für eine
solche transfiguratio benötigten Ausgangsstoffe zeigte sich die apparencia
transfiguracionis den Teilnehmern der Sitzung erst nach langen Anru-
fungen zu einem bestimmten geeigneten Zeitpunkt, und das nur vor-
übergehend.148 Auch hat Guillelmus offenbar eigens überprüft, ob ein
Schreiber tatsächlich in der Lage ist, zwei völlig gleiche Buchstaben zu
schreiben, wenn er sich das vornimmt.149
Tabellarisch zusammengefasst ergibt sich für die Frage nach den
Quellen des von den Magistern in Anspruch genommenen Erfahrungs-
wissens folgendes Bild:

Quellen für das in Anspruch genommene Erfahrungswissen


Beobachtungen aus zweiter Hand – Textvorlagen
– generell angeführte experti
– namentlich genannte Gewährsleute
Beobachtungen aus erster Hand – verbreitete Alltagserfahrungen
– speziellere Beobachtungen
– Gelegenheitsbeobachtungen
– gezielte Beobachtungen

Zu welchem Zweck wird nun—das ist der zweite der uns hier interes-
sierenden Aspekte—Erfahrungsevidenz in ihren unterschiedlichen Aus-
prägungsweisen von den Magistern in Anspruch genommen? Insge-
samt lassen sich drei hauptsächliche Zwecke ausmachen. Die Berufung
auf Erfahrungsevidenz kann dazu dienen, erstens einen Sachverhalt an
konkreten Beispielen zu verdeutlichen („illustrative Funktion“),150 zwei-

148 Guillelmus Hispanus, Summa supra phisonomiam Aristotilis cum questionibus

(Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Barb. Lat. 309, fol. 76vb): „Exper-
tus enim sum, quod facta confectione eorum, que recipiuntur ad transfiguracionem
secundum quod liber docet, non perficitur (percipitur P 1) apparencia transfiguracio-
nis videntibus nisi post multas invocationes et facta electione horarum; et fit eciam ad
tempus.“
149 Ebd., (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16089, fol. 251): „Expertus sum, quod

eciam a proposito unus scriptor duas litteras non potest facere omnino similes.“
150 Beispielsweise Albert d. Gr., Quaest. super De animal. I q. 30 (Ed. Colon. XII, 99

l. 44–51); Anonymus, Questiones disputate super problematibus Aristotilis et de historiis


animalium (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16089, fol. 82rb): „Homines enim per
hoc, quod pollitici sunt, se invicem iuvant in necessariorum acquisitione, ita quod illud,
quod per unum hominem, si solus esset, non posset haberi commode, per convictum et
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 107

tens eine bestimmte Lehrmeinung zu bestätigen oder zu verwerfen


(„verifizierende/falsifizierende Funktion“) oder drittens einen Sachver-
halt aufzuzeigen, von dem man allein durch Beobachtung und Erfah-
rung Kenntnis haben kann („investigative Funktion“). Die Reihenfolge
dieser Nennungen dürfte zugleich der Häufigkeit entsprechen, mit der
die genannten Funktionen von den hochscholastischen Gelehrten in
Anspruch genommen wurden. Am verbreitetsten und auch am nahe-
liegendsten sowie wissenschaftstheoretisch am unproblematischsten war
die illustrative Funktion, die im Übrigen stets auch mit den anderen
beiden mitgegeben ist. Im Vordergrund unseres Interesses stehen die
beiden anderen Funktionen, die anhand einer größeren Textstichprobe
dokumentiert werden sollen.
In vielfältiger Form erhellt aus den Textzeugnissen zunächst der veri-
fizierende/falsifizierende Zweck. So kündigt Albert der Große in De
animalibus an, er wolle seine Auffassung vom Ursprung der Adern mit
„Vernunftgründen und zuverlässiger Erfahrung“ (probabimus eam ratione
et experimento certo quod non fallit) belegen.151 Ein weiteres Beispiel bietet
er bei der Darlegung seiner These, dass Pferde ähnlich wie Menschen
infolge eines Katarrhs am Kopf und anderen Körperteilen erkranken
können und dass dies ein Indiz dafür sei, dass von allen Tiergehirnen
dasjenige des Pferdes dem menschlichen Gehirn am meisten ähnele.
Dass Pferde an Katarrh erkranken können, bekräftigt er durch ein Fall-
beispiel. Er selbst habe ein Pferd gehabt, das an Katarrh mit tropfen-
weisem Ausfluss aus der Nase, also Schnupfen (coryza), gelitten habe.
Obwohl das Tier dem Verenden nahe schien, habe er den Katarrh
noch dadurch kurieren können (subfumigavi), dass er dem Ross eine
Packung aus über Kohlen getrocknetem Kuhmist um den Kopf herum
aufgelegt habe.152 Die These wiederum, dass etwas im Rahmen der
vorgegebenen Ordnung Angenehmes außerhalb derselben als unan-
genehm empfunden wird, erläutert er anhand der Reaktion auf das
eigene Blut innerhalb und außerhalb des Körpers. Den Beweis für die
obige These erbrachte er, wie er berichtet, einmal in Köln vor seinen
Mitbrüdern, denen er offenbar demonstrieren konnte, wie ein Stier

communionem eorum ad invicem in pollitia commode obtinetur, ut patet per Philoso-


phum primo pollitice; et ideo ad bene et commode convivendum [necessaria] instituta
(instituta in marg. cod.) fuit pollitia. Cuius signum est, quod videmus homines in ruribus
et nemoribus habitantes—et maxime, si longe sint a bonis polliciis—multis egestatibus
tam ex parte victualium quam aliorum subiectos.“
151 Albert d. Gr., De animal. III tr. 1 c. 2 n. 16 (ed. Stadler, I, 283 l. 39–41).
152 Ders., Quaest. super De animal. I q. 30 (Ed. Colon. XII, 99 l. 45–51).
108 kapitel ii

beim Anblick seines Blutes wild wurde.153 Der Verfasser von Questiones
super librum de animalibus erhärtet seinen Zweifel an einer Lehrmeinung,
nach der die Farbe der Augen beim Menschen und beim Pferd, nicht
aber bei den übrigen Sinnenwesen deutlich variiert, durch den Hinweis
auf die Beobachtung, dass einige Hunde weißlichere und andere gelb-
lichere Augen besäßen.154 Direkt spricht Aegidius von Lessines in De
unitate formae (1278) den verifizierenden bzw. falsifizierenden Zweck an.
Er führt dort unter den drei Erfordernissen, denen eine wissenschaft-
liche Lehrmeinung (opinio) aus seiner Sicht zu genügen hat, an zweiter
Stelle auf, dass nichts in sie eingehen dürfe, was offenkundig im Wider-
spruch zur Vernunft und sinnlichen Erfahrung steht (aperte rationi et sen-
sui contradicens)—bei den übrigen beiden Erfordernissen geht es um die
Voraussetzung von Wissenschaftsprinzipien und die Vermeidung eines
Widerspruchs zum Glauben.155 Auch Gerhard von Breuil kommt auf
die verifizierende bzw. falsifizierende Funktion von Erfahrungsevidenz
zu sprechen. In seinem Kommentar zu Buch IX De animalibus befasst
er sich unter anderem mit den Ausführungen des Stagiriten zum Pro-
blem der Mehrfachempfängnis. Er skizziert sie zunächst inhaltlich, um
anschließend die weitere Vorgehensweise dahingehend zu charakteri-
sieren, dass Aristoteles in einem zweiten Schritt die Richtigkeit des
zuvor Geschilderten anhand von Beobachtungen nachweise. Gerhard
entscheidet sich in der Frage, ob eine Mehrfachempfängnis möglich sei,
für eine positive Antwort. Ausschlaggebend ist für ihn, dass Aristote-
les diese Ansicht nicht nur vertrat und theoretisch begründete, sondern
auch ihre Richtigkeit durch Beobachtungen erhärtete.156 In ähnlicher

153 Ebd., VII q. 33–39 (187 l. 78 – 188 l. 2).


154 Anonymus, Questiones super librum de animalibus I (Città del Vaticano, Biblio-
teca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2164, fol. 241va–vb): „Sed in aliis animalibus non est
sic manifesta varietas in oculis ipsorum, quia non est in eis sic manifesta diversitas in
complexione. Sed super hoc oportet sollicitari, quomodo hoc habeat veritatem. Dico
propterea, quia manifestam instanciam videmus in cane, quoniam quidam canis habet
oculos albiores et quidam citriniores.“
155 Aegidius von Lessines, Tractatus de unitate formae pars 1 c. 1, ed. Maurice

De Wulf, Le Traité ‚De unitate Formae‘ de Gilles de Lessines, Louvain 1901 (Les
Philosophes Belges 1), 6. Vgl. ebd., pars 3 c. 6 (94 f.).
156 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis IX (Paris,

Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 71vb–72ra): „‚Suscipiunt autem cohitum.‘ In


hac parte agit Philosophus de superinpregnacione; et primo narrat, quod intendit,
dicens, quod inter animalia gestancia maxime equa (eque cod.) et mulier suscipiunt
coitum, hoc est post inpregnacionem. … Secundo verificat, quod iam narratum est,
per experimenta, ibi: ‚Fuit autem (aut cod.)‘, et hoc manifestum. … Contrarium dicit
Philosophus et verificat experimentis.“
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 109

Weise hält der unbekannte Verfasser von Questiones super de sompno et


vigilia der These, Menschen könnten im Schlaf Handlungen, zu denen
sie im Wachzustand fähig seien, nicht ausführen, einerseits die Auf-
fassung des Aristoteles, andererseits aber auch die Erfahrungstatsache
entgegen, dass Schlafende sich erheben, sogar auf etwas Erhöhtes hin-
aufsteigen und ähnliches mehr auszuführen in der Lage sind.157 Der
gleichfalls anonyme Autor von um 1250 verfassten Questiones super librum
de anima beantwortet die Frage, ob zusammen mit einem abgetrennten
menschlichen Körperteil auch ein Teil der intellektiven Seele mit abge-
trennt werde, mit dem Hinweis, dass sich an abgetrennten mensch-
lichen Körperteilen keinerlei intellektive Tätigkeiten beobachten las-
sen.158 Für Aegidius Romanus (und andere) sind abgerichtete Hunde,
die einen Räuber aufspüren können, oder Jagdhunde, die sich trotz vie-
ler anderer Fährten nicht von der Wundfährte eines Hirsches, den sie
verfolgen, abbringen lassen, Beleg für die Tatsache, dass Tiere Gerüche
wahrnehmen können, die der Mensch nicht wahrzunehmen vermag.159
Johannes Duns Scotus schließlich entscheidet die zwischen philosophi-
scher und medizinischer Lehrtradition umstrittene Frage der anatomi-
schen Lokalisierung des sensus communis—im Herz oder im Gehirn—
aufgrund von zwei Beobachtungen zugunsten der medizinischen Sicht-
weise, also zugunsten einer hauptsächlichen Lokalisierung dieses inne-
ren Sinnesvermögens im Gehirn.160
Am eindeutigsten freilich nehmen die Magister Erfahrungsevidenz
als Verifikations- bzw. Falsifikationsinstanz dort in Anspruch, wo sie
auch die spezifischen Termini certificare bzw. verificare161 verwenden. Da-

157 Anonymus, Questiones super de sompno et vigilia (Roma, Biblioteca Angelica,

549, fol. 107ra): „Consequenter queritur, utrum dormientes possunt exercere opera
vigilie. Quod non videtur, … In oppositum est Aristotiles et eciam sensus, quia videmus,
quod dormientes surgunt et eciam ascendunt et huiusmodi faciunt.“
158 Anonymus, Questiones super librum de anima II (Siena, BC, L.III.21,

fol. 157va–vb): „Queritur, utrum contingat hoc in homine, quod abscisa parte homi-
nis simul cum illa abscindatur pars intellective, que ipsam partem abscisam perfi-
ciat. … Contra. Non videmus operaciones intellective inesse parti hominis descise, sicut
in animalibus aliis.“
159 Aegidius Romanus, Expositio libri de anima II (Ed. Venezia 1500, fol. 45rb).
160 Johannes Duns Scotus, Quaestiones super secundum et tertium De anima q. 10

14 (ed. Bazán u. a., 84 l. 5–7).


161 Zur Verwendung des Terminus „verificare“ in der Universitätsmedizin siehe Al-

fonso Maierù, La terminologie de l’université de Bologne de médecine et des arts:


„facultas“, „uerificare“, in: Vocabulaire des écoles et des méthodes d’enseignement au
moyen âge, ed. Olga Weijers (Études sur le vocabulaire intellectuel du moyen âge 5),
Turnhout 1992, 140–156. Vgl. Silvia Nagel, Testi con due redazioni attribuite ad un
110 kapitel ii

für bieten die Schriften Roger Bacons erneut ein herausragendes Zeug-
nis. So häufig wie kein anderer greift dieser Magister immer wieder—
allerdings nicht ausschließlich im Zusammenhang mit Erfahrungsevi-
denz—auf diese Termini zurück und entwickelt zugleich sehr differen-
zierte Vorstellungen von dem durch sie bezeichneten Verfahren wissen-
schaftlicher Vergewisserung. So gilt ihm—abgesehen von der experientia
allgemein—je nachdem die von ihm „als Modell für ein neues Den-
ken über die Natur“162 projektierte scientia experimentalis,163 die Mathe-
matik164 oder die Philosophie165 als Verifikationsinstanz. Auf Rogers
Konzepte der experientia, des experimentum sowie der scientia experimenta-
lis, zu denen aus jüngster Zeit ausgezeichnete Studien vorliegen,166 wer-
den wir noch zu sprechen kommen. Vorerst seien lediglich einige sei-
ner Aussagen, die die konkrete Erfahrung markant in ihrer Vergewis-
serungsfunktion167—unmittelbar bezogen auf medizinische und natur-

medesimo autore: il caso del De animalibus di Pietro Ispano, in: Aristotle’s Animals in the
Middle Ages and Renaissance, ed. Carlos Steel u. a. (Mediaevalia Lovaniensia [Series I:
Studia] 27), Leuven 1999, 212–237, hier: 223 f.
162 Hackett, Roger Bacon: Leben, 26.
163 Roger Bacon, De erroribus medicorum (ed. Little/Withington, 169 l. 26 – 170

l. 10); ders., Opus maius VI c. 2 (ed. Bridges, II, 172); ders., Opus tertium c. 13, ed. John
S. Brewer, Fr. Rogeri Bacon opera quaedam hactenus inedita, I, London 1859, 3–309,
hier: 43–47.
164 Ders., Opus maius IV d. 1 c. 3 (ed. Bridges, I, 106 f.; vgl. ebd., 249).
165 Ders., Opus minus (ed. Brewer, 358; 389).
166 Jeremiah Hackett, Scientia Experimentalis: From Robert Grosseteste to Roger

Bacon, in: Robert Grosseteste: New Perspectives on His Thought and Scholarship, ed.
James McEvoy (Instrumenta Patristica 27), Steenbrugge–Turnhout 1995, 87–119; ders.,
Roger Bacon on Scientia Experimentalis, in: Roger Bacon and the Sciences. Comme-
morative Essays, ed. ders. (Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters 57),
Leiden u. a. 1997, 277–315; ders., Experientia, Experimentum and Perception of Objects in
Space: Roger Bacon, in: Raum und Raumvorstellungen im Mittelalter, ed. Jan A. Aert-
sen/Andreas Speer (Miscellanea Mediaevalia 25), Berlin 1998, 101–120; ders., Astrology
and the Search for an Art and Science of Nature in the 13th Century, in: Ratio et
superstitio, 117–136; Klaus Hedwig, Roger Bacon. Scientia experimentalis, in: Philoso-
phen des Mittelalters. Eine Einführung, ed. Theo Kobusch, Darmstadt 2000, 140–151;
auch Florian Uhl, Hindernisse auf dem Weg zum Wissen. Roger Bacons Kritik der
Autoritäten, in: Roger Bacon in der Diskussion, ed. ders., Frankfurt a.M. u. a. 2001,
219–235, hier: 233 ff.
167 Siehe hierzu Hackett, Scientia Experimentalis, 113 ff. Zu beachten ist die Begriffs-

verwendung experimentum ratiocinationis und experimentum certitudinis in Roger Bacon, Anti-


dotarius, ed. Andrew G. Little/Edward Withington, Roger Bacon: De retardatione
accidentium senectutis cum aliis opusculis de rebus medicinalibus (Opera hactenus ine-
dita Rogeri Baconi IX), Oxford 1928, 103–119, hier: 104 l. 2–12. Vgl. den Kommentar
von Michael R. McVaugh, The Development of Medieval Pharmaceutical Theory, in:
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 111

philosophische Fragen—hervorheben, als Beispiele angeführt. So wirft


Roger etwa—wie wir schon sahen168—der üblichen Naturphilosophie
vor, nicht den Weg der Erfahrung zu beschreiten und darum auch
ihre Ergebnisse nicht abzusichern (non certificat). Das gleiche Versäumnis
hält er der breiten Masse der Ärzte (vulgus medicorum) vor, obschon doch
allein die experientia es sei, die—zumal in den praktischen Wissenschaf-
ten—Gewissheit vermittle;169 sich der Wahrheit zu vergewissern sei
allein durch Erfahrung möglich; erst die Erfahrung biete endgültig
Sicherheit.170
Nicht unerwähnt bleibe in diesem Zusammenhang auch die Pra-
xis verschiedener Kommentatoren des Stagiriten, ihre Auslegung ein-

Arnaldi de Villanova opera medica omnia II, ed. ders., Granada–Barcelona 1975, 1–
136, hier: 34 f.
168 Oben S. 92; Roger Bacon, De erroribus medicorum (ed. Little/Withington, 160

l. 9 – 161 l. 11).
169 Ders., De erroribus medicorum (ed. Little/Withington, 154 l. 12–15). Vgl. dens.,

Questiones altere supra libros prime philosophie Aristotelis I, ed. Robert Steele (Opera
hactenus inedita Rogeri Baconi, XI), Oxford 1932, 19 l. 14–34; Anonymus, Questio-
nes super libros yconomicorum (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 4° 343,
fol. 137r): „Sicut est in medicina et in aliis scienciis et prudenciis practicis, ita est in
yconomica. Sed ita est in medicina, quod experti eciam sine multa sciencia et racione
plus proficiunt circa egros, ut vetule aliquando, quam multum speculativi et inex-
perti in opere medicine. Sic similiter est in proposito. Nam de rebus domesticis, qui-
bus ut in pluribus indiget familia, melius disponeret expertus sine sciencia vel magna
racione quam habens scienciam sine experiencia.“
170 Roger Bacon, De erroribus medicorum (ed. Little/Withington, 161 l. 10 f. und

170 l. 28 – 171 l. 8); ders., Opus maius I c. 3 (ed. Bridges, I, 6); ebd., VI c. 1 (ed.
Bridges, II, 167); ders., Secretum secretorum pars 2 c. 19, ed. Robert Steele, Secre-
tum secretorum cum glossis et notulis, Tractatus brevis et utilis (Opera hactenus inedita
Rogeri Baconi, V), Oxford 1920, 88 l. 15 f.; ebd., pars 3 c. 7 (131 l. 31). Vgl. Anonymus,
Questiones metaphisice (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. E.1.252,
fol. 267ra): „Unde et si aliquis habeat scienciam alicuius effectus per causam a magistro
sibi traditam et postea experimentetur in se ipso, utrum ita sit, multo magis est cer-
tus.“ Diesen Metaphysikkommentar schreibt Pomaro im Catalogo di manoscritti filo-
sofici, III, 51 Radulfus de Hotot zu, mit Verweis auf Glorieux, Répertoire, I, 455 f.
(Nr. 225t). An der angegebenen Stelle führt Glorieux allerdings ein Werk „Quaes-
tiones super algorismum et compotum et mathematicae et geometriae“ an, das er
Radulf zuschreibt, wobei er aber die Florentiner Handschrift nicht nennt, sondern
nur einen Brüsseler und einen Pariser Codex; das von Glorieux angegebene Initium
dieser quadrivialen Quaestionen lautet sehr ähnlich, aber doch etwas anders als das
der Florentiner Questiones metaphisice, nämlich „Sicut dicit Seneca in epistola ad
Lucilium, servire philosophie oportet …“ Somit könnten die Questiones metaphisice
deswegen unter Radulfs Namen geraten sei, weil sie mit jenen ähnlich beginnenden,
aber ein völlig anderes Thema behandelnden quadrivialen Quaestionen verwechselt
wurden.
112 kapitel ii

zelner Abschnitte des jeweiligen Basistextes mit dem Hinweis einzu-


leiten, der Philosoph habe zunächst den Sachverhalt, um den es im
Einzelnen geht, dargelegt und anschließend seine Lehrmeinung „ve-
rifiziert.“ Bemerkungen dieser Art finden sich unter anderem in der
unter dem Namen des Petrus Hispanus edierten Expositio libri de ani-
ma, die heute als Redaktion des angeblich von Richardus Rufus ver-
fassten Kommentars gilt,171 oder in den Adam von Whitby zugeschrie-
benen Scripta de sompno et vigilia.172 Nicht immer, aber doch recht oft
bezieht sich der Hinweis auf den verifizierenden Untersuchungsschritt
des Stagiriten darauf, dass Aristoteles eine Lehrmeinung durch Beob-
achtungssachverhalte erhärtet habe. In einem eher weiteren, nicht aus-
drücklich auf Erfahrungsevidenz bezogenen Sinn gebraucht Ps.-Petrus
Hispanus nach der Florentiner Redaktion seines Kommentars zu
De animalibus die verificare-Terminologie;173 desgleichen Adam von Boc-

171 Richardus Rufus (?), Expositio libri de anima II (ed. Alonso, 214 l. 4): „Conse-

quenter autem verificat conclusionem, …“; ebd., 215 l. 13 f.: „Secundo dat ipsius modi
verificationem per signa, …“; ebd., l. 27: „Sequitur pars verificans iam dictum modum
per signa …“; 233 l. 15–19: „Consequenter autem hanc diffinitionem verificat … Et hoc
confirmat per signum …“; 256 l. 1 f.: „Huiusmodi autem rationis solum ponit verifica-
tionem maioris et conclusionem.“
172 Adam von Whitby (?), Scripta de sompno et vigilia (Firenze, Biblioteca Nazionale

Centrale, Conv. Soppr. G.3.464, fol. 72va und 73va): „Consequenter declarat experimen-
tum in omnibus sensibus; et est, quod universaliter omnes sensus corrumpuntur ab
existenciis sensibilium. Quod non contingeret, nisi … Et consequenter verificat ipsas
conclusiones; et dividitur in 3 particulas. In prima verificat primam …; primam vero
sic, scilicet auctoritate et experimentis mechanicorum et eciam philosophantium sive
speculativorum, quorum multotiens sompnia sunt signa frequenter operationum, vel
operationum apud vigiliam exercitarum vel exercendarum; auctoritate eciam et experi-
mentis sapientum medicorum, qui dicunt, quod multum est intendendum sompniis ad
coniectandum de sanitate et egritudine.“
173 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Florentiner Redak-

tion] I (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 79ra): „Unde
liber de animalibus sive de natura animalium intitulatur. Cuius divisio bimembris solet
assignari, quia primo procedit auctor sive Aristotiles narrando, secundo, ut in prin-
cipio noni—vel XI secundum alios—, narrata per causas verificando; et in prima
parte primo in generali, secundo in speciali naturas animalium determinat, ubi inci-
pit secundus liber. In secundo, ut solet dici, determinat de animalibus quoad membra,
in quinto quoad generacionem, usque ad XI, in quo incipit narrata verificare“; ebd.,
XVI (fol. 156va): „In intellectiva non est virtus eadem cum (cum] tamen cod.) substan-
cia sua penitus, quia [non] est coartata, et ideo non est totus actus. Alia est dependens
a corpore, et in ista vero (vero] non cod.) differt virtus a substancia. Quia enim (ei cod.)
est coartata, [et] ideo non est totus actus; quia vero (vero] non cod.) coartata est ad
diversa, [et] ideo plures habet virtutes et plura media. Hec autem est anima intellec-
tiva. Exemplum est de circulis (cuculis cod.) maioribus et minoribus. Hoc autem maxime
verificatur in vegetativa et sensitiva, non autem intellectiva.“
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 113

feld174 und Adam von Whitby in den Glosse super librum de sensu et sen-
sato.175
Insgesamt lässt der geschilderte Sprachgebrauch, zu dem noch die
später zu besprechende Berufung auf signa zu rechnen ist,176 darauf
schließen, dass sich während des Untersuchungszeitraumes bei den
Magistern ein geschärftes Bewusstsein dafür bildete, wie unumgäng-
lich es ist, sich vom tatsächlichen Vorliegen behaupteter Sachverhalte
durch empirische Überprüfung ausdrücklich zu überzeugen.177 Diese
Vorgehensweise hatte innerhalb der Medizin Tradition, wie beispiels-
weise der Verfasser der sogenannten „Vierten Salernitaner Anatomie“,
hinter dem Karl Sudhoff den im späten 12. Jh. tätigen Arzt Urso von
Salerno vermutet, bezeugt.178 Außerhalb des akademischen Lehrbetrie-
bes bzw. außerhalb des Kreises der Universitätsgelehrten ist Friedrich

174 Adam von Bocfeld, Sentencia super librum de anima I (ed. Powell, 64 l. 23 f.):

„Que quidem res indigent cognosci et certificari per diffinitiones; …“; ebd., II (142
l. 14–17): „Sapor autem est quedam dulcedo sive delectamentum istorum, de quibus
infra plenius certificabitur et etiam in libro De Sensu et Sensato …“; ebd., III (193
l. 1–4): „… cum philosophi maxime diffiniant et certificant animam duabus differentiis:
una est motus secundum locum, et altera intelligere et discernere et sentire.“ Ders.,
Sententia super librum de sompno et vigilia [sog. „erste Redaktion“] lect. 5 (ed. Busa,
16a): „primo dat causam efficientem somni, secundo verificat eam.“ Vgl. auch Domini-
cus Gundissalinus, De anima c. 10, ed. Joseph Th. Muckle, The Treatise De Anima of
Dominicus Gundissalinus, in: Med. Stud. 2 (1940) 23–103, hier: 92.
175 Adam von Whitby, Glosse super librum de sensu et sensato [Florentiner Fas-

sung] (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.3.464, fol. 76va): „Con-
sequenter dat quasdam proprietates alias istarum specierum (sc. odoris); et sunt, quod
prima species divisibilis est secundum divisionem saporis, secunda vero nequaquam.
… Consequenter verificat quasdam proprietates presuppositas. Quarum prima est,
quod secunda (-dum cod.) species odoris est maxime propria hominibus, prima vero
communis omnibus animalibus. Et dividitur in duasiehe In prima verificat primam …,
in secunda secundam; ….“
176 Siehe unten Anm. 178.
177 Vgl. Aristoteles, De generatione animalium III 10 (760b31 f.), Übersetzung des

Wilhelm von Moerbeke, ed. Hendrik J. Drossaart Lulofs (Aristoteles Latinus XVII/2.v),
Bruges–Paris 1966, 112 l. 1 f.; undeutlich die Übersetzung des Michael Scotus, ed.
Aafke M.I. van Oppenraaij, Aristotle De animalibus. Michael Scot’s Arabic-Latin
Translation, Part Three: Books XV–XIX: Generation of Animals (Aristoteles Semitico-
Latinus V), Leiden u. a. 1992, 154.
178 Urso von Salerno (?), Anathomia, ed. Karl Sudhoff, Die vierte Salernitaner

Anatomie, in: Archiv für Geschichte der Medizin 20 (1965) 33–50, hier 41 l. 13–18:
„Matthaeum siquidem Platearium, lucernam et decorem, theoricae practicaeque Saler-
nitanorum phisicorum gemmam, praeceptorem in hoc sequens, qui et in anathomiae
lectione euidenter sub sociorum oculis monstrauit, nil inferens ficticii, nisi quae ocu-
lis propriis ipse vidi et quae probabilibus rationibus et auctoritate sunt munita vete-
rum.“ Zur mutmaßlichen Verfasserschaft Ursos ebd. (Sudhoff), 50. Für die medizini-
schen Quaestiones disputatae siehe Jacquart, La question disputée, 314.
114 kapitel ii

von Hohenstaufen mit seinem bohrenden Nachfragen und seinen „Ent-


scheidungsexperimenten“179 zweifellos der beeindruckendste Repräsen-
tant dieser kritischen Erkenntnishaltung (vellemus scire—querimus certifi-
cari).180 Sie betraf bei ihm nicht allein naturphilosophische Lehrmei-
nungen, sondern prägte auch seinen Umgang mit Rechtsfällen wie
dem berühmten angeblichen Ritualmord von Fulda.181 Von Alexander
Bonini von Alessandria sei erwähnt, dass er neben dem Studium aus-
drücklich auf die Rolle von experimentum bei der Vervollkommnung des
Vernunftvermögens hinweist.182
Ein wichtiges Zeugnis für jene Bewusstseinsschärfung im Untersu-
chungszeitraum sehen wir auch darin, dass sich die Autoren verstärkt
über die Zuverlässigkeit ihrer Textvorlagen Gedanken machten. Sich
dieser zu vergewissern, war—wohl im Gefolge von Robert Grossetes-
te—in besonderem Maße für Roger Bacon ein Anliegen.183 Aber auch
andere Autoren zeigen sich dieser Problematik spürbar bewusst.184 Bei

179 Zu dieser „kaiserlichen Wissbegier“ äußerte sich ausführlich mit Quellen- und

Literaturangaben Stürner, Friedrich II., Teil 2, 385–457; vgl. auch Menzel, Die Jagd,
passim; Antonio Thiery, Federico II e la conoscenza scientifica, in: Intellectual Life at
the Court of Frederick II Hohenstaufen, ed. William Tronzo (Studies in the History of
Art 44), Washington 1994, 273–292; Köhler, Zwischen ‚mystischer‘ Sinnsuche, 27 ff.
180 Eine Reihe von Fragen Friedrichs II. an Michael Scotus hat dieser samt den

Antworten in seinem Liber particularis aufgezeichnet; hier zitiert nach Haskins, Studies,
293 f.: „Unde vellemus scire si sit unus locus per se qui habeat aquam dulcem tantum …
Unde si sint duo loca aquarum scilicet dulces et salse, querimus certificari quis eorum
sit maior et minor, …. Vellemus etiam scire unde fiunt aque salse …. Vellemus etiam
scire quomodo est ille ventus ….“
181 Stürner, Friedrich II., Teil 2, 321 ff.
182 Alexander Bonini von Alessandria, Expositio libri de anima cum questionibus et

notabilibus II (Ed. Oxford 1481, fol. 92vb): „…, quia prima perfectio sensus completur a
natura, prima autem perfectio intellectus habetur per experimentum et studium.“
183 Roger Bacon, Communia naturalium I pars 1 d. 1 c. 3 (ed. Steele, 11 l. 28 – 12

l. 15); ders., De sensu et sensato c. 20, ed. Robert Steele (Opera hactenus inedita Rogeri
Baconi, XIV), Oxford 1937, 97 l. 23–26; ders., Opus maius III (ed. Bridges, I, 67–69);
ebd., V d. 1 c. 5 (ed. Bridges, II, 10); ders., Opus tertium c. 10 (ed. Brewer, 32); ebd.,
c. 22 (75); ders., Compendium studii philosophiae c. 8, ed. John S. Brewer, Fr. Rogeri
Bacon opera quaedam hactenus inedita, I, London 1859, 393–519, hier: 469–473 (dieses
Werk setzt Hackett, Roger Bacon: Leben, 27 in die Jahre 1271–1272).
184 Adam von Bocfeld, Sentencia super librum de anima II (ed. Powell, 182 l. 5–7):

„…, sed color in actu innominatus est, et hoc in lingua Greca (Grecia ed.), secundum
aliam translationem; in nostra tamen lingua (linua ed.) potest nominari coloratio“; ebd.,
(196 l. 11–13): „…: primo dicit manifestum esse quod imaginatio differt ab estimatione:
ubi enim nos habemus opinionem, habet alia translatio estimationem“; Albert d. Gr.,
De anima III tr. 1 c. 7, ed. Clemens Stroick, Münster 1968 (Ed. Colon. VII/1, 173 l. 36–
45); ders., De animal. VII tr. 2 c. 2 n. 115 (ed. Stadler, I, 545 l. 21–23); Anonymus,
Questiones super de sompno et vigilia (Roma, Biblioteca Angelica, 549, fol. 105va):
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 115

Petrus von Abano am Ende unseres Untersuchungszeitraums begegnen


wir einem besonders ausgeprägten Sinn für philologische Kritik.185
Auf naturkundlichem Gebiet führte diese Erkenntnishaltung dazu,
dass wenigstens einige der bislang beständig wiederholten fabulösen
Annahmen als solche erkannt und aus dem Bestand seriösen Wissens
ausgeschieden werden konnten, so etwa die Mär von einer möglichen
Befruchtung der Rebhenne über die Luft186 und die von der Entstehung
der Barnikelgans187 oder auch die vom Gesang der Schwäne beim Tod
eines Artgenossen;188 ebenso die Behauptung, ein junger Wolf könne
niemals seinen Vater zu Gesicht bekommen, samt der diese Überzeu-
gung stützenden Erklärung,189 die Legende, Bibermännchen würden,

„Aristotiles dicit 4to de generacione animalium secundum veterem translacionem“;


ebd., fol. 105vb: „Verum est, quod hoc dicit secundum antiquam translacionem, non
autem secundum novam“; Ferrandus de Hispania (?), Scriptum yconomice (Paris,
Bibliotèque Nationale, Lat. 16133, fol. 69vb): „Et hoc habetur alia translacione sic …“;
ebd., fol. 71ra: „… Et alia translacio habet …“; fol. 71rb: „Alia tamen translacio habet:
‚…‘, et tunc est clarior sentencia, scilicet quod …“; fol. 72ra: „Et ad hoc concordat
alia translacio, que habet: …“; fol. 72vb: „Et ideo alia translacio habet loco voluntatis
intellectum. …“; fol. 73rb: „Alia tamen translacio habet loco ‚inhibere‘ ‚ mandare.‘“
Als Autor des letztgenannten Kommentars galt früher Durandus de Hispania; so noch
Lohr, Medieval Latin Aristotle Commentaries (1967), 403; vgl. ebd., 407 f. und George
Lacombe u. a., Aristoteles Latinus, Codices. Pars prior, Cambridge 1939, 563–565 (Nr.
672), hier: 565. Der Sachverhalt ist folgender: Eine Zuschreibung an Durandus de
Hispania findet sich im Explicit fol. 73vb: „Explicit scriptum yconomice compositum a
magistro Durando de Hispania Colibriensi episcopo.“ „Du“ steht auf Rasur; es könnte
ursprünglich „Fer“rando gelautet haben. Am Anfang des Codex steht eine Quaestion
„determinata a Ferrando de Ispania.“ Vgl. Weijers, Le travail, Fasc. 2, 87 f.—Vgl.
Thomas von Aquin, Qu. disp. de anima q. 12 ad 1 (Ed. Leon. XXIV/1, 110 l. 227 ff.).
Morpurgo, „Tuum studium sit velle regnare diu“, 208 weist auf die durch die jüdischen
Übersetzer angestoßene textkritische Haltung am Hofe Friedrichs II. hin.
185 Siehe hierzu das oben S. 61 Anm. 240 zitierte Beispiel; vgl. Petrus von Abano,

Expositio problematum Aristotilis (Ed. Venezia 1501, fol. 82rb): „…, quia cum erant
in motu, humidum erat equaliter per totum se diffundens et ideo singultum causare
poterat, id est vertiginem; prave namque translatum, et exposui ut sonat, antequam
cognoscerem Grecum.“
186 Hierzu Albert d. Gr., De animal. VI tr.1 c. 3 n. 23 (ed. Stadler, I, 450 l. 23–42).

Vgl. Köhler, Zwischen ‚mystischer‘ Sinnsuche, 16.


187 Hierzu Vollmann, Schiffshalter, 115–119.
188 Albert d. Gr., De animal. VIII tr. 2 c. 4 n. 72 (ed. Stadler, I, 601 l. 6–13).
189 Anonymus, Questiones disputate super problematibus Aristotilis et de historiis

animalium (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16089, fol. 84va): „Alia questio fuit mota
circa 8 de hystoriis, videlicet utrum lupus possit videre patrem suum. Dicendum est
ad hoc, quod venatores et habitantes multum in locis silvestribus dicunt, quod quando
lupa est in tempore, quo desiderat coire, quod tunc plures lupos congregat. Istis vero
sic congregatis lupa eligit quemcumque voluerit; et ille, ut dicunt, coit cum ea aliis
omnibus astantibus circumquaque, et quando coiverit cum ea, tunc, ut dicunt, alii lupi
116 kapitel ii

um der Verfolgung durch Jäger zu entgehen, sich selbst kastrieren,190


und anderes mehr. Wohl in diesem Sinn unterschied Aegidius von Les-
sines zwischen denen, die die Naturen der Dinge, so wie sie tatsäch-
lich gegeben sind, betrachten (realiter considerant), und denen, die dabei
ihre Einbildungskraft spielen lassen (phantastice considerant).191 Albert der
Große kritisiert im Zusammenhang mit Angaben über den Vogel Phoe-
nix, dass diejenigen, die derlei berichteten, eher an theologisch-mysti-
schen Aspekten als an Natursachverhalten interessiert waren (magis theo-
logyca mistica, quam naturalia perscrutantur).192 Korrekturen erfuhren ebenso
in Sprichwörtern festgehaltene Volksmeinungen wie die, dass uns Men-
schen in Bezug auf das Gehör der Keiler überlegen sei, in Bezug auf
das Gesicht der Luchs, in Bezug auf den Geschmackssinn der Affe, in
Bezug auf den Geruchssinn der Geier und in Bezug auf den Tastsinn
die Spinne.193 Andere phantastische Annahmen und Berichte tradierten
die Autoren allerdings auch weiterhin, oft mit einem diffusen Hinweis
videmus, naheliegenderweise vor allem in den Fällen, in denen sie keine

circumstantes eum interficiunt. Et ista, ut dicunt, est causa, quod lupus non potest
videre eius patrem. Istud videtur esse figmentum, et si fit ita, est valde mirabile et valde
ignotum, et ideo istud non tamquam verum recipio.“
190 Roger Bacon, Opus maius VI c. 1 (ed. Bridges, II, 169): „Et praeter ista castorea

habet mas sua testimonia in loco naturali; et ideo quod subinfertur est mendacium
horribile, scilicet quando ipsi venatores insequuntur castorem, ipse sciens quid quaerant
dentibus abscindit castorea.“
191 Aegidius von Lessines, Tractatus de unitate formae p. 3 c. 5 (ed. De Wulf, 86):

„Hoc autem videtur habere intellectum apud eos qui realiter et non phantastice naturas
rerum considerant, …“ Vgl. Albert d. Gr., Metaph. XI tr. 2 c. 10 (Ed. Colon. XVI/2,
495 l. 79–81); ders., De unitate intell. 1, ed. Alfons Hufnagel, Münster 1975 (Ed. Colon.
XVII/1, 13 l. 2–6); Roger Bacon, Opus maius: De signis II.2 (n. 24) (ed. Fredborg
u. a., 90): „Unde non est hic necesse fantasiare et gratis fingere, quae non licet“;
Adelard von Bath, Quaestiones naturales 22, ed. Charles Burnett, Adelard of Bath,
Conversations with his Nephew (Cambridge Medieval Classics 9), Cambridge 1998,
81–235, hier 132: „Non fingendo quod non est, set naturam rei exprimendo que occulta
est, Apollo dici merear.“ Zur Erkenntnishaltung der Salernitaner Magister siehe Urso
von Salerno (?), Anathomia (ed. Sudhoff, 41 l. 16–18): „…, nil inferens ficticii, nisi
quae oculis propriis ipse vidi …“; die Stelle ist ausführlicher zitiert oben Anm. 178).
Zum Begriff des „fingere“ als Inbegriff von Beliebigkeit siehe Roger Bacon, Epistola
de secretis operibus artis et naturae et de nullitate magiae c. 8 (ed. Brewer, 545): „sed
fingunt eas pro voluntate sua“; vgl. ebd., c. 3 (531).
192 Albert d. Gr., De animal. XXIII tr. un. c. 24 n. 110 (ed. Stadler, II, 1493 l. 21 f.).
193 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones supra viaticum (Madrid, Biblioteca Nacio-

nal, 1877, fol. 150vb): „Contrarium ponit communis et vulgaris opinio. Unde versus:
‚Nos aper auditu, linx visu, simia gustu, / vultur odoratu excellit, aranea tactu.‘ Ad
hoc dicendum, quod communis opinio est falsa quantum ad huiusmodi rationes.“ Vgl.
Hans Walther, Proverbia sententiaeque Latinitatis medii aevi, Teil 3, Göttingen 1965,
424 (Nr. 18772a).
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 117

Gelegenheit hatten, den Dingen durch eigenen Augenschein auf den


Grund zu gehen. Das videmus besagt dann kaum mehr als „dem Hören-
sagen nach“ oder „einer gängigen Volksmeinung zufolge.“ In diesem
Sinne ist wohl der Terminus in Alberts des Großen Mitteilung über das
bei Solinus erwähnte menschenähnliche Wesen cefusa194 zu verstehen.
Zusätzlich zu dem, was Thomas von Cantimpré zu dieser monströsen
Gestalt sagt, gibt er an, dass zu seiner Zeit ein in den Wäldern eines
slawischen Siedlungsgebietes gefangenes Pärchen dieser cefusa zu sehen
gewesen sei (temporibus nostris vidimus). Dies klingt unglaubhaft. Immer-
hin bleibt Albert einer realistischen Erkenntnishaltung insofern ver-
pflichtet, als er diese bestia monstruosa als eine Affenart einstuft.195 Inter-
essant ist der Fall einer kerzenhaltenden Maus, von der Albert berich-
tet. So behauptet er, im Gebiet der Germania superior eine Maus gese-
hen zu haben—er gebraucht den Plural: nos … vidimus—, die auf Befehl
ihres Herrn mit einer Kerze in den Pfoten den Tafelnden geleuchtet
habe.196 Dieser Bericht wirkt kaum glaubhaft, zumal die Vermutung
naheliegt, dass es sich bei dieser „Beobachtung“ eher um eine Abwand-
lung des aus dem verbreiteten lateinischen Unterhaltungsbuch Dialogus
Salomonis et Marcolfi bekannten Motivs der kerzentragenden Katze han-
delt.197 Andererseits aber gibt es eine Reihe von Indizien, die es als
nicht gänzlich unwahrscheinlich erscheinen lassen, dass die Angaben

194 Solinus, Collectanea rerum memorabilium 30, 20; etymologisch wohl gleichzuset-

zen mit dem von Aristoteles in der Historia animalium 502a17 erwähnten Affen, den
Albert in anderem Zusammenhang (De animal. II tr. 1 c. 4 n. 57, ed. Stadler, I, 247
l. 25 f.) als „kyboz“ erwähnt.
195 Albert d. Gr., De animal. XXII tr. 2 c. 1 n. 42 (ed. Stadler, II, 1371 l. 37 – 1372

l. 5). Vgl. Thomas von Cantimpré, Liber de natura rerum IV 21, ed. Helmut Boese,
Thomas Cantimpratensis: Liber de natura rerum, I: Text, Berlin–New York 1973, 121.
Zur Wiedergabe mancher von Thomas angeführter Fabeln durch Albert siehe Heinrich
Balss, Albertus Magnus als Biologe. Werk und Ursprung (Grosse Naturforscher 1),
Stuttgart 1947, 193.
196 Albert d. Gr., De animal. VIII tr. 6 c. 1 n. 229 (ed. Stadler, I, 668 l. 3–5); erwähnt

bei Hossfeld, Albertus Magnus als Naturphilosoph, 88.


197 Hierzu Sabine Griese, Natur ist stärker als Erziehung. Markolf beweist ein Prin-

zip, in: Natur und Kultur in der deutschen Literatur des Mittelalters. Colloquium Exe-
ter 1997, ed. Alan Robertshaw/Gerhard Wolf, Tübingen 1999, 215–229; dies., Salomon
und Markolf. Ein literarischer Komplex im Mittelalter und in der frühen Neuzeit (Her-
maea, N.F. 81), Tübingen 1999; Laurence Bobis, Chasser le naturel … L’utilisation
exemplaire du chat dans la littérature médievale, in: L’animal exemplaire au Moyen
Âge (Ve–XVe siècle), ed. Jacques Berlioz/Marie A. Polo de Beaulieu, Rennes 1999,
225–240, hier: 227–230; Michael Curschmann s. v. ‚Dialogus Salomonis et Marcolfi‘, in:
Verfasserlexikon, II, Berlin–New York 1980, 80–86; Emmanuel Cosquin, Le conte du
Chat et de la Chandelle dans l’Europe du Moyen Âge et en Orient, in: Romania 40
(1975) 371–531; Paul Lehmann, Die Parodie im Mittelalter, München 1922, 236.
118 kapitel ii

des Doctor universalis über die kerzenhaltende Maus tatsächlich eine


Beobachtung seinerseits zum Anlass haben.198
Außer zum Zweck von Verifikation bzw. Falsifikation berufen sich
die Magister schließlich auf Erfahrung als ursprüngliche Wissensquelle
für Sachverhalte, von denen man anders als auf diesem Weg keiner-
lei Kenntnis erlangen könnte. Roger Bacon nimmt direkt auf diese
„investigative Funktion“ von Beobachtung und Erfahrung Bezug, wenn
er eine der Weisen der Erkenntnisgewinnung als ein auf eigentliches
Entdecken ausgerichtetes Bemühen im Zuge von Erfahrung kennzeich-
net.199 Albert der Große spricht diese Funktion ebenfalls explizit in De
vegetabilibus an. Dort führt er im Hinblick auf die Wissenschaft von den
Pflanzen aus, dass wir ohne erfahrungsmäßiges Erfassen einer Reihe
von konkreten Sachverhalten—im Einzelnen zählt er auf: die Gestalt,
die Größe und die Teile der verschiedenen Pflanzen, ihre qualitative
Beschaffenheit und ihre Lebensäußerungen (operationes)—nichts über
ihre Natur wissen würden: „Denn wir werden ihre Naturen auf kei-
nem anderen Weg erkennen als in dem, dass wir das, was über sie
ausgesagt ist, empirisch erfassen.“200 In De animalibus nimmt er Erfah-
rungsevidenz in ihrer „investigativen Funktion“ für den Zahnwechsel
bei Tieren in Anspruch. Von diesem könne man—so erklärt er—nur
Kenntnis haben, wenn man sich um entsprechendes Erfahrungswissen
bemüht.201 Ein solches Ausforschen von Sachverhalten demonstriert er
im Fall der Gelegegröße bei Adlern, genauer bei dem „bei uns vor-
kommenden und herodius genannten“ großen Adler.202 Wie er berich-

198 Hierzu Theodor W. Köhler, Die kerzenhaltende Maus—Zur Berufung auf Beob-

achtungen in der Hochscholastik, in: Salzb. Jahrb. Philos. 49 (2004) 33–40. Vgl. Anony-
mus, Commentum in libros VIII–X de historia animalium et in de partibus ani-
malium (Montpellier, Bibliothèque Interuniversitaire—Section de Médecine, H 44,
fol. 70rb): „Quare canes docentur tenere lucernas in ore et parassides et huiusmodi
ab hominibus.“
199 Roger Bacon, Moralis philosophia, pars 4 d. 2 1 n. 7, ed. Eugenio Massa, Rogeri

Baconis Moralis philosophia, Zürich 1953, 197 l. 7 f.: „Suppono vero in principio tres
esse cogniciones: una est per studium invencionis proprie, per viam experiencie; alia est
per doctrinam; ….“
200 Albert d. Gr., De veget. VI tr. 2 c. 1 § 265 (ed. Meyer/Jessen, 473): „Non enim

aliter cognoscemus naturas earum, nisi experiamur ea, quae dicta sunt de eisdem“;
auch ebd., § 263 (472).
201 Albert d. Gr., De animal. II tr. 1 c. 4 n. 51 (ed. Stadler, I, 245 l. 2–4).
202 Gewöhnlich wird im Mittelalter der auch biblisch mehrfach bezeugte (h)erodius

allerdings nicht als Adler-, sondern als Falkenart (Gerfalke) aufgefasst; hierzu Thomas
von Cantimpré, Liber de natura rerum V 44 (ed. Boese, I, 196 l. 6–8); Bartholomaeus
Anglicus, De proprietatibus rerum XII c. 20 (Ed. Frankfurt a.M 1601/Frankfurt a.M.
1964, fol. 538 f.).
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 119

tet, fand er durch mehrjähriges Aufsuchen eines Horstes heraus, dass


dieser Greifvogel zwei Eier legt, obwohl man ihn fast immer nur mit
einem einzigen Jungen antreffe.203 Dass Keiler offenbar nur die jeweils
von ihnen selbst stammenden Frischlinge beim Fressen in ihrer Nähe
dulden, meinte er an einem domestizierten Exemplar beobachtet zu
haben.204 Ein weiteres Beispiel ist der aus der medizinischen Tradition
übernommene Hinweis, dass bestimmte Sinnesfunktionen bei Läsion
spezifischer Hirnareale ausfallen und dass daraus auf ihre hirnanato-
mische Verankerung zu schließen sei.205 Auch die differenzierte Beur-
teilung der taktilen Wahrnehmungsfähigkeit der Spinne ist hier einzu-
ordnen. Nach dem Verfasser von Questiones et notabilia in de anima verfügt
die Spinne—entgegen der verbreiteten Meinung und dem bekannten
Sachverhalt, dass sie eine räumlich entfernte Fliege im Netz spürt—
nicht über einen besseren Tastsinn als der Mensch. Dazu beruft er sich
auf Albert. Bringe man ein schwaches Feuer in die Nähe einer Spinne,
spüre diese das nicht, während ein Mensch auf eine solche Hitzequelle
reagiert.206

203 Albert d. Gr., De animal. VI tr. 1 c. 6 n. 50 (ed. Stadler, I, 461 l. 26–29).


204 Ebd., V tr. 2 c. 1 n. 57 (432 l. 9–13).
205 So Petrus Hispanus (Medicus), Notule super Iohanicium (Madrid, Biblioteca Na-

cional, 1877, fol. 31rb): „Et notandum, quod huiusmodi virtutes (v.] partes cod.) habent
esse in diversis partibus; tamen cum huiusmodi partes leduntur [et virtutes. Unde cum
leditur anterior pars], leduntur et virtutes. Unde cum leditur anterior pars seu cellula
ipsius cerebri, leditur virtus fantastica, sicut accidit in freneticis ut plurimum. Dicunt
enim auctores, quod in ipsis leditur fantasia. Similiter quando leditur media pars
cerebri, tunc leditur racio, que in ipsa habet esse, sicut est in melancolicis et maniacis.
In istis enim leditur racio propter lesionem factam in media parte sive in media cellula
ipsius capitis. Eodem modo quando leditur occipicium sive posterior cellula ipsius
capitis, dicitur memoria ibi ledi, que proprie habet esse in ipso cerebro quantum ad
cellulam posteriorem“; Anonymus, Questiones de memoria et reminiscencia (Firenze,
Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. E.1.252, fol. 215vb): „Secundum declaratur,
quia ille virtutes organice sunt distincte (-to cod.) loco et subiecto, quarum una lesa non
leditur alia. Iste virtutes sunt huiusmodi, quia lesa posteriori parte cerebri corrumpitur
memoria, sicut Avicenna dicit, …“; Anonymus, Questiones et notabilia in de anima II
(Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2170, fol. 92va): „Ipsa enim
fantastica virtus est in prima parte cerebri. Cuius signum est, nam dum pars leditur
capitis, et fantasia leditur secundum Averroym“; Johannes Duns Scotus, Quaestiones
super secundum et tertium De anima q. 10 10 (ed. Bazán u. a., 83 l. 6–8). Vgl. Petrus
de Alvernia, Quaestiones super librum de sensu et sensato, q. 7c (ed. White, II, 20
l. 18–22): „Item, per experimentum: quia turbato aliquo organo impeditur operatio
sentiendi, et ablato ipso aufertur totaliter potentia sentiendi. Unde videmus sensibiliter
quod visus est in oculo et auditus in aure, ita quod ablato oculo aufertur visus.“
206 Anonymus, Questiones et notabilia in de anima III (Città del Vaticano, Biblioteca

Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2170, fol. 113vb): „Item notandum, quod Albertus facit
instanciam de aranea, quod deberet facere tactum meliorem. Hoc (hic cod.) enim dicitur
120 kapitel ii

Insgesamt lassen die im vorausgegangenen betrachteten Äußerun-


gen erkennen, dass die Magister Beobachtung bzw. Erfahrung deut-
lich erhöhte Aufmerksamkeit zollen und ihr innerhalb des naturphilo-
sophischen Erkenntnisprozesses verstärkt eine zum verstandesmäßigen
Ableiten (ratio) komplementäre Rolle zuweisen. Experimento et ratione207
wird zu einer vielverwendeten Versicherung, die in gewisser Weise an
die Stelle der älteren Formel auctoritate et ratione tritt. Sie dient den
Gelehrten weithin als Gütezertifikat für die allseitige Wohlfundiertheit
ihrer in dieser Weise gekennzeichneten naturphilosophischen Aussa-
gen.208 Nicht übersehen sei schließlich die Rolle, die der experientia in
Gestalt von Lebenserfahrung zugesprochen wird. Denker sehen in ihr
ein Fundament für Weisheit im Alter und eine sichere Orientierung im
Leben.209
Diese Tendenz, Beobachtung und Erfahrung wissenschaftsmetho-
disch verstärkt zu gewichten, findet nicht zuletzt Ausdruck darin, dass

communiter, et eciam probatur per signum, quia videmus, quod aranea sentit muscam
(-cum cod.) per medium distans et remotum in tela, homo autem non nisi per medium
coniunctum. Et dicit Albertus quod non. Quod patet; si quis apponat debilem ignem,
ipsa non sentit, homo autem sentiret.“
207 Einen kursorischen Überblick über die Geschichte des Topos gibt Heinrich Schip-

perges, Zum Topos von „ratio et experimentum“ in der älteren Wissenschaftsgeschich-


te, in: Fachprosa-Studien. Beiträge zur mittelalterlichen Wissenschafts- und Geistesge-
schichte, ed. Gundolf Keil, Berlin 1982, 25–36.
208 Beispielsweise Albert d. Gr., De animal. III tr. 1 c. 2 n. 16 (ed. Stadler, I, 283

l. 40 f.); ebd., III tr. 1 c. 1 n. 4 (279 l. 5 f.); VI tr. 1 c. 1 n. 8 (444 l. 12–14); Petrus Hispa-
nus (Medicus), Glose super tegni Galieni (Madrid, Biblioteca Nacional, 1877, fol. 48ra):
„Est autem secundo modo nobilis dupliciter: et propter causarum investigationem, que
et per sensum et per rationem et per signa interiora et exteriora manifeste (vel add.
cod.) fiunt, et propter modum tradendi ipsam, qui consistit in multitudine librorum et
expositionum et sedula auctorum investigatione“; Siger von Brabant, De anima intel-
lectiva c. 7 (ed. Bazán, 101 l. 6 f.); Eustachius von Arras, De animabus rationalibus
questio [Kurzfassung] (Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Pal. lat. 612,
fol. 84va): „Et ad istud ponendum cogit experimentum et racio“; Urso von Salerno,
Glosulae 1, Prol., ed. Rudolf Creutz, Die medizinisch-naturphilosophischen Aphoris-
men und Kommentare des Magister Urso Salernitanus, in: Quellen und Studien zur
Geschichte der Naturwissenschaften und der Medizin 5 (1936) 1–192, hier 19: „…, nam
rerum naturas varias et sensu et ratione decet cognoscere“; Adam von Whitby et al.,
Questiones in secundum et tertium de anima (Praha, Knihovna metropol. kapituly,
M 80, fol. 69rb): „Ad oppositum contingit arguere per frequentes autoritates Aristotilis
et eciam per experimenta et per racionem, quia …“ Vgl. Galenus, Methodus medendi
I (Ed. Basel 1529, fol. 34bD): „At quae fidem iis faciant, quae recte sunt inuenta, duo
sunt apud omnes homines instrumenta: nempe ratio et experientia.“
209 Anonymus, Sentencia probleumatum Aristotilis (Brugge, Stedelijke Openbare Bi-

bliotheek, 481, fol. 54vb): „Sed iuvenes sunt minus sapientes senibus, eo quod sunt
inexperti et ad sapienciam requiritur experiencia.“
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 121

eine Reihe von Magistern sich explizit mit dem zentralen Konzept
experientia bzw. experimentum zu befassen beginnt. Zu diesen Bemühun-
gen liegen aus jüngster Zeit eine Reihe wertvoller Teiluntersuchungen
vor.210 Auch nahm sich dankenswerterweise ein internationales Kollo-
quium 2001 zu Rom der begriffsgeschichtlichen Erhellung dieses Kon-
zepts an.211 Eine umfassende Untersuchung zu diesen Schlüsselbegrif-
fen steht allerdings noch immer aus. Uns ist es hier lediglich darum zu
tun, anhand einer begrenzten Anzahl von Textzeugnissen zu illustrie-
ren, worauf sich die Aufmerksamkeit der Magister richtete und speziell,
wie sie die durch die Termini experientia und experimentum bezeichnete
Erfassensweise—das ad oculum videre experientiam212 oder das sensibili expe-
rimento scire213—und deren Verhältnis zur ratio als Erkenntnisquelle des
Näheren bestimmten.
Konfrontiert mit der aristotelischen Konzeption von Erfahrung und
deren Verhältnis zum wissenschaftlichen Erkennen,214 aber auch mit
den in der medizinischen Tradition entwickelten Vorstellungen von
einem erfahrungsgestützten Vorgehen in Diagnostik und Therapie bzw.

210 Den bereits erwähnten Arbeiten von Hackett, Scientia experimentalis; ders., Ex-

perientia; Hedwig, Roger Bacon; Uhl, Hindernisse, sind hinzuzufügen die Studien von
Jole Agrimi/Chiara Crisciani, Per una ricerca su experimentum—experimenta: riflessione
epistemologica e tradizione medica (secoli XIII–XV), in: Presenza del lessico greco
e latino nelle lingue contemporanee, ed. Pietro Janni/Innocenzo Mazzini, Macerata
1990, 9–49; Peter King, Two Conceptions of Experience, in: Med. Philos. Theol.
11 (2003) 203–226; Thorndike, A History, II; Oliver, Robert Grosseteste; Matthias
Schramm, Experiment in Altertum und Mittelalter, in: Experimental Essays—Versuche
zum Experiment, ed. Michael Heidelberger/Dietrich Steinle (Zif–Interdisziplinäre Stu-
dien 3), Baden–Baden 1998, 34–67.
211 Experientia, X Colloquio Internazionale, Roma, 4–6 gennaio 2001, ed. Marco

Veneziani (Lessico Internazionale Europeo 91), Firenze 2002; darin insbesondere Jac-
queline Hamesse, Experientia/experimentum dans les lexiques médiévaux et dans
les textes philosophiques antérieurs au 14e siècle, in: ebd., 77–90; Giacinta Spinosa,
‚Empeiría‘/experientia: modelli di ‚prova‘ tra antichità, medioevo ed età cartesiana, in:
ebd., 169–198; Roberto Busa, Experientia, experimentalis, experimentum, experior,
inexperientia, inexpers nell’Aquinate e negli altri autori censiti nell’Index Thomisticus,
in: ebd., 101–168.
212 Vgl. Roger Bacon, De erroribus medicorum (ed. Little/Withington, 171 l. 6).
213 Beispielsweise Wilhelm von Hedon, Tractatus de scientia, que est de anima (Cam-

bridge, Gonville and Caius College, 342/538, fol. 70rb): „Tamen ex infusa modica aqua
aliquantum debilitatur virtus et efficacia vini. Hoc scimus experimento sensibili. Si ite-
rum vino sic debilitato infundatur modicum aque, eciam illa convertitur in naturam
dominantis, id est in vinum, …“; ebd., fol. 99rb: „Item sensibili experimento scimus,
quod si aliquamdiu aliquis pomum odoraverit, illud marcescet et desiccabitur.“
214 Aristoteles, Metaphysica I 1 (980a21–981a18); Analytica Posteriora II 19 (100a3–9).

Hierzu King, Two Conceptions, 203 ff.; Hedwig, Roger Bacon, 143.
122 kapitel ii

Pharmakologie215 suchen die scholastischen Autoren ihren eigenen


Standpunkt in dieser Frage zu klären. Petrus Hispanus (Medicus)
nimmt auf diese medizinische Referenzgröße ausdrücklich Bezug. In
seinem Kommentar zu den Dietae universales erörtert er direkt die Frage,
worin sich die via experimenti, wie sie Aristoteles in den Zweiten Analytiken
konzipiert hatte, von der in der Medizin ausgewiesenen unterscheide.216
Bei dem durch die Termini experientia und experimentum bezeichne-
ten Erkenntnismodus handelt es sich nach dem Sprachgebrauch der
Magister—unbeschadet aller weitergehenden Nuancierungen—im
Kern um ein wie auch immer geartetes Erfassen von Einzelsachverhal-
ten. So bringen es Umschreibungen dieser beiden Konzepte zum Aus-
druck.217 Dass experimentum gelegentlich in annähernd modernem Sinn
experimentellen Vorgehens verwendet wird oder andererseits auch die
Bedeutung von magischer Manipulation annehmen kann,218 soll er-
wähnt sein, kann hier aber außer Acht bleiben. Die Frage, wie dem
„Kernsprachgebrauch“ zufolge jenes Erfassen von Einzelsachverhalten
im Einzelnen zu verstehen und zu gewichten sei, beantworten die Auto-
ren nicht alle in der gleichen Weise. Insgesamt aber zeichnet sich in den
Texten eine wichtige Differenzierung zwischen Einzelbeobachtung—
dem auf einmaliger Wahrnehmung beruhenden bloßen Gewahrwer-

215 Dimitri Gutas, Medical Theory and Scientific Method in the Age of Avicenna,

in: Before and After Avicenna. Proceedings of the First Conference of the Avicenna
Study Group, ed. David C. Reisman (Islamic Philosophy, Theology and Science 52),
Leiden–Boston 2003, 145–162, hier: 157 f.
216 Petrus Hispanus (Medicus), Scriptum cum questionibus super dietas universales

Ysac (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 2° 172 [Redactio longa], fol. 54vb):
„6° queritur, quomodo differt via experimenti assignata a Philosopho in libro poste-
riorum a via experimenti assignata in medicina.“
217 Roger Bacon, Questiones supra libros prime philosophie Aristotelis I, ed. Robert

Steele (Opera hactenus inedita Rogeri Baconi, X), Oxford 1930, 8 l. 2 f.: „…, ergo
cognoscere hoc singulare et illud est experimentum; …“; ders., Questiones altere
supra libros prime philosophie Aristotelis I (ed. Steele, 16 l. 3–24): „Et videtur quod
sic: experientia est cognitio singularium distincta; … Contra: experientia est acceptio
distincta singularium sub aliquo universali, …“; Albert d. Gr., De animal. VIII tr. 6 c. 1
n. 227 (ed. Stadler, I, 667 l. 10 f.): „Experimentum enim est cognitio singularium, …“;
ders., Metaph. I tr. 1 c. 9 (Ed. Colon. XVI/1, 13 l. 8 f.; l. 17); vgl. ebd., 14 l. 1 f.:
„… expertum esse circa singularia“; Aegidius Romanus, De regimine principum I pars
2 c. 8 (Ed. Venezia 1607, 68): „Experientia enim est rerum particularium“; Johannes
Duns Scotus, Quaestiones in Metaphysica I q. 5, ed. Giovanni Lauriola, Ioannes Duns
Scotus, Opera omnia, editio minor, I: Opera philosophica, Alberobello 1998, 1–550,
hier: 52–54.
218 So beispielsweise Anonymus, Questiones de quolibet (Paris, Bibliothèque Natio-

nale, Lat. 16089, fol. 64vb): „Alia (sc. questio) fuit, utrum homo per experimentum possit
facere, quod mulier eum diligat.“
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 123

den eines konkreten Sachverhalts—und „Erfahrungswissen“ im enge-


ren Sinn einer erst mit der Zeit sich einstellenden Sachkompetenz
bei der Einschätzung empirischer Sachverhalte sowie eines zielsiche-
ren Umgangs mit ihnen. Eine weitere Differenzierung betrifft Abstu-
fungen, was die Zuverlässigkeit erfahrungsmäßig gewonnenen Wissens
anbelangt.219
Sehr frühzeitig und eingehend hat sich Roger Bacon mit dem in
den Termini experientia und experimentum ausgedrückten Erfahrungskon-
zept auseinandergesetzt. Wie Jeremiah Hackett gezeigt hat,220 emp-
fing er dazu wichtige Anregungen durch Robert Grossetestes Kom-
mentierung der Analytica posteriora. Roger scheint die beiden Termini
experientia und experimentum weitgehend austauschbar zu verwenden.221
Beide bezeichnen nach ihm generell ein deutliches Erfassen von Ein-
zelnem (cognitio distincta singularium). Dieses kann auf zweifache Weise
erfolgen: zum einen durch vergleichende Einordnung der Einzeldinge
in den Bezugsrahmen des einen gemeinsamen, ihnen zugrunde liegen-
den Allgemeinen, zum andern ohne vergleichenden Rückbezug auf den
Maßstab ihres Allgemeinen, an dem sie Anteil haben. Die erste die-
ser Erfassungsweisen, über die im Unterschied zur zweiten, die auch
im Tierreich vorkommt, allein der Mensch verfügt, bezeichnet er als
cognitio experimentalis;222 an manchen Stellen verwendet er für sie bevor-
zugt den Terminus experimentum.223 Diese Erkenntnisart gilt ihm, wie er
in den Questiones altere supra libros prime philosophie ausführt, als „Erfah-
rung im eigentlichen Sinn.“ Er umschreibt sie hier als eine universa-
lis acceptio singularium, ein generelles Begreifen der Einzelphänomene,
die jederzeit und unter jeglichen Voraussetzungen einer sie gemein-
sam umfassenden Natur untergeordet sind, welche diese experientia pro-

219 Hierzu die nachfolgend zitierten Textzeugnisse.


220 Hackett, Scientia Experimentalis, 107 ff.
221 Ebd., 108 f. sucht Hackett demgegenüber den beiden Termini unterschiedliche

begriffliche Inhalte zuzuordnen.


222 Roger Bacon, Questiones supra libros prime philosophie Aristotelis I (ed. Steele, 8

l. 17–22): „Ad objectum respondeo, quod cognitio distincta singularium duplex; aut per
collationem singularium ad unum universale multiplicatum, et hec est experimentalis et
hanc non habent bruta; alia est distincta cognitio singularium non per collationem vel
respectum ad suum universale communicatum vel participatum ab illis, et hanc possunt
habere bruta, set hec cognitio non est experimentalis“; ebd., 10 l. 22 f.; ders., Questiones
altere supra libros prime philosophie I (ed. Steele, 16 l. 13 f.).
223 ders., Questiones supra libros prime philosophie Aristotelis I (ed. Steele, 8. l. 31 –

9 l. 8) und Questiones altere supra libros prime philosophie I (ed. Steele, 16 l. 1 – 18


l. 10).
124 kapitel ii

prie dicta dem Zwang der Notwendigkeit folgend herbeiführt.224 Die-


ses Begreifen resultiert aus der Bestandsaufnahme und Berücksichti-
gung aller relevanten Umstände, also der Komplexion, der Jahreszeit,
des Anlasses, aus dem die Krankheit ausbrach, und der Symptomatik,
die die Bestimmung des Krankheitsbildes ermöglicht. Alle diese Ein-
zelbeobachtungen und Erfahrungen führen zusammengenommen zu
dem Allgemeinen, das das Prinzip der ärztlichen Kunst und des ärzt-
lichen Wissens bildet.225 Dieser „Erfahrung im eigentlichen Sinn“ stellt
er diejenige „im uneigentlichen Sinn“ gegenüber. Sie ist ein Registrie-
ren einzelner Sachverhalte, ohne dass der Zusammenhang mit einer
diese Gegebenheiten verbindenden allgemeinen Natur ins Auge gefasst
wird.226 Die beiden Erfassensweisen unterscheiden sich nach dem Grad
ihrer Zuverlässigkeit. Die „Erfahrung im uneigentlichen Sinn“ betrach-
tet Roger als irrtumsanfällig (hec fallitur), die „Erfahrung im eigentli-
chen Sinn“ ist irrtumsfrei (hec non fallitur).227 Damit greift er offensicht-
lich den aus der hippokratisch-galenischen Überlieferung stammenden
Topos fallax experimentum auf, wie er sich unter anderem auch in der
Wissenschaftslehre Hugos von St. Viktor findet,228 und spezifiziert seine
Bedeutung.

224 Ders., Questiones altere supra libros prime philosophie I (ed. Steele, 18 l. 4–

7): „…; alia est experientia que est universalis acceptio singularium, universalitate
temporum et subpositorum sub una natura communi contentorum eam causante,
determinante necessitate, ….“
225 Ebd., 18 l. 30 – 19 l. 3: „…; alia est experientia proprie dicta, et istius non est

una sola memoria set plures, unde difficilis est hec, quia ad hoc quod habeatur a
medico, oportet experire in qualibet complexione, scilicet utrum egrotans homo sit
colericus vel melancolicus et hujusmodi, et in quolibet tempore, scilicet utrum in estate
vel aptumpno et hujusmodi, et in qualibet causa, scilicet utrum infirmitas contingerit
ex calitie vel frigiditate, et in qualibet egritudine, scilicet utrum sit febris quartana
vel tertiana, et tunc, omnibus hiis experimentis et simul acceptis, ex hoc habebitur
universale quod est principium artis et scientie: ….“
226 Ebd., 17 l. 37 – 18 l. 2: „… est quedam experientia que est acceptio singularium

non sub aliqua natura communi acceptorum, et hec est impropria, …“; vgl. ebd., 19
l. 28–31.
227 Ebd., 18 l. 3 und l. 8.
228 Hugo von St. Viktor, Didascalicon II c. 17 (ed. Buttimer, 36 l. 23 – 26); hierzu

Hamesse, Experientia, 85; Johannes Mansor (Yûhannâ ibn Mâsawayh), Aphorismi


91, ed. Danielle Jacquart/Gérard Troupeau, Yûhannâ ibn Mâsawayh (Jean Mésué),
Le livre des axiomes médicaux (Aphorismi) (Hautes Études Orientales 14), Genève
1980, 189: „Credere experimento sine ratione fallax est.“ Vgl. auch Petrus Hispanus
(Medicus), Glose super tegni Galieni (Madrid, Biblioteca Nacional, 1877, fol. 104ra):
„Ad secundum dicimus, quod experimentum fallit“; Ps.-Adam von Bocfeld, Scriptum
super librum de causis, Prol. (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr.
G.4.355, fol. 91rb): „…, quoniam licet per inventionem et disciplinam iuxta humanam
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 125

Ein weiteres Merkmal für die Unterscheidung der beiden Erfassens-


weisen besteht nach Roger darin, dass für das Zustandekommen der
erstgenannten bereits ein einziger Gedächtniseindruck ausreichend sein
kann, während für das Zustandekommen der anderen mehrfache (bei
verschiedenen Gelegenheiten gewonnene) Gedächtniseindrücke erfor-
derlich sind, aufgrund deren ein allgemeines Konzept (universale) gebil-
det wird.229 Unterschiedlich schätzt Roger schließlich auch die wissen-
schaftsbezogene Funktion dieser beiden Typen von Erfahrung ein. In
Betracht kommt für ihn eine fundierende, der erlangten wissenschaftli-
chen Erkenntnis als solcher vorausliegende Funktion sowie eine Appli-
kationsfunktion. Die fundierende Funktion betrifft die Gewinnung von
Prinzipien einer Wissenschaft.230 Sie kommt strenggenommen nur der
„Erfahrung im eigentlichen Sinn“ zu, und zwar mittelbar—wie Roger
des Weiteren auffächert—in Bezug auf eine Wissenschaft, die auf Lehre
beruht (que habetur per doctrinam), und unmittelbar in Bezug auf eine,
die—wie beispielsweise die Medizin—auf erfahrungsmäßigem Entde-
cken fußt (que habetur per inventionem).231 Die „Erfahrung im eigentli-
chen Sinn“ erweist sich als „universelle Quelle für unser Entdecken
von wissenschaftlichen Prinzipien.“232 In einer zusätzlichen Differenzie-
rung von experientia stellt er der „Erfahrung im eigentlichen Sinn“—
hier kennzeichnet er sie als acceptio universalis—einen Typ von Erfahrung
gegenüber, der in der Anwendung einer Kunst oder Wissenschaft auf
das Handeln besteht. Beispiel dafür ist das ärztliche Handeln, bei dem
Ursachenwissen in die gesetzten Maßnahmen eingeht.233 Eine dritte

possibilitatem sit omnia cognosci, tamen facilius et certius cognoscuntur per doctrinam.
Facilius siquidem, quoniam experimentum fallax est, et difficile—immo laboriosum—
experiri omnia; …“ (zu diesem Werk siehe Köhler, Grundlagen, 259 u. Anm. 51;
52). Anonymus, Questiones metaphisice (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv.
Soppr. E.1.252, fol. 267ra): „Item cognitio magis recta est magis principium operacionis.
Ars est huiusmodi. Probacio, quia—sicut dicit Ypocras—vita est brevis, ars vero recta,
experimentum fallax, iudicium vero difficile.“
229 Roger Bacon, Questiones altere supra libros prime philosophie I (ed. Steele,

18 l. 28–31 und 19 l. 1–3). Vgl. dens., Questiones supra libros prime philosophie
Aristotelis I (ed. Steele, 9 l. 15–24).
230 Ders., Opus maius VI c. 2 (ed. Bridges, II, 172). Vgl. Bonaventura, III Sent. d. 14

a. 3 q. 3 ad 3 (Opera omnia III, 322b); Summa fratris Alexandri III inq. un. tr. 3 q. 2
c. 2 ad 8 (Ed. Quaracchi IV, 167b); hierzu Hamesse, Experientia, 83 f.
231 Roger Bacon, Questiones supra libros prime philosophie Aristotelis I (ed. Steele,

10 l. 16 – 11 l. 3); ders., Questiones altere supra libros prime philosophie I (ed. Steele, 17
l. 29 – 18 l. 21); ders., Moralis philosophia, pars 4 d. 2 1 n. 7 (ed. Massa, 197 l. 7–9).
232 Hackett, Scientia Experimentalis, 108.
233 Roger Bacon, Questiones altere supra libros prime philosophie I (ed. Steele, 18

l. 15–21).
126 kapitel ii

wissenschaftsbezogene Funktion von Erfahrung (im eigentlichen Sinn)


ist schließlich ihre Verifizierungsaufgabe. Sie rückt für Roger offen-
bar erst nach seiner Pariser Lehrtätigkeit im Opus maius in Verbindung
mit seiner Konzeption der scientia experimentalis ins Blickfeld. Es han-
delt sich darum, für die deduktiv gewonnenen Erkenntnisse anderer
Wissenschaften ein ins Einzelne gehendes und vollständiges erfahrungs-
mäßiges Erfassen im Rahmen dieser Wissenschaften zu ermöglichen.234
Roger stellt zwei Erkenntnisweisen einander gegenüber, die Erkenntnis
durch Schlussfolgerung und die Erkenntnis durch Erfahrung. Schluss-
folgerungen führen zu einer Konklusion und veranlassen uns dazu, sie
einzuräumen. Gewissheit aber bieten sie nicht; sie beseitigen nicht jeg-
lichen Zweifel derart, dass der Geist im Innewerden der Wahrheit zur
Ruhe kommt, es sei denn, er findet die Wahrheit auf dem „Weg der
Erfahrung.“235 Bemerkenswert ist ebenso seine Feststellung, dass man
sich der Wahrheit der Dinge auch ohne verstandesmäßigen Beweis
erfreuen könne, sofern man sich für Erfahrung Zeit zu nehmen wisse.
Das verbindet er mit der Kritik, dass von Autoren viel geschrieben und
von der breiten Masse aufgrund von Anhaltspunkten, die sie ohne jeg-
liche Erfahrung ausdenkt, geglaubt wird, was völlig falsch ist.236 Dabei
ist er sich darüber im klaren, dass die an die äußeren Sinne gebundene
„menschliche und philosophische“ Erfahrung selbst in Bezug auf die
körperliche Welt völlige Erkenntnisgewissheit nicht zu gewähren ver-
mag, da sie mit Schwierigkeiten verbunden ist, und dass sie die rein
geistigen Dinge nicht erreicht.237

234 Ders., Opus maius VI c. 2 (ed. Bridges, II, 173): „Si vero debeant habere experien-

tiam conclusionum suarum particularem et completam, tunc oportet quod habeant per
adjutorium istius scientiae nobilis.“ Siehe auch Hedwig, Roger Bacon, 147 f. Vgl. Johan-
nes de Rupella, Tractatus de divisione multiplici potentiarum animae II 23, ed. Pierre
Michaud-Quantin (Textes philosophiques du Moyen Age 11), Paris 1964, 96 l. 927 f.:
„…; experientia vero est certitudo rerum facta per sensum; …“; hierzu Hamesse, Expe-
rientia, 84.
235 Roger Bacon, Opus maius VI c. 1 (ed. Bridges, II, 167): „Duo enim sunt modi

cognoscendi, scilicet per argumentum et experimentum. Argumentum concludit et


facit nos concedere conclusionem, sed non certificat neque removet dubitationem ut
quiescat animus in intuitu veritatis, nisi eam inveniat via experientiae; …“ Grant,
Medieval Natural Philosophy, 142 f. verweist auf diesen Text.
236 Roger Bacon, Opus maius VI c. 1 (ed. Bridges, II, 168): „Qui ergo vult sine

demonstratione gaudere de veritatibus rerum, oportet quod experientiae sciat vacare;


et hoc patet ex exemplis. Nam multa scribunt auctores, et vulgus tenet per argumenta
quae fingit sine experientia, quae sunt omnino falsa.“
237 Ebd. (169). Vgl. Hamesse, Experientia, 84; George Molland, Roger Bacon and

the Hermetic Tradition in Medieval Science, in: Vivarium 31 (1993) 140–160, hier: 146.
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 127

Neben Roger Bacon hat sich Petrus Hispanus (Medicus), der mögli-
cherweise etwa zur gleichen Zeit wie jener an der Pariser Artistenfakul-
tät tätig war, bemerkenswert ausführlich mit dem Erfahrungskonzept
beschäftigt. Petrus entfaltet seine Überlegungen im Scriptum cum questio-
nibus super dietas universales Ysac zwar direkt im Hinblick auf die medizini-
sche Thematik der Diätetik, doch kommt ihnen darüber hinaus grund-
sätzliche Bedeutung zu. In der genannten Schrift bemüht er sich, Isaak
Israeli kommentierend, in einer Serie von einem Dutzend Quaestionen
zu klären, worin die beiden Verfahrensweisen—die via experimenti und
die via rationis—bestehen und wodurch sie sich im Einzelnen vonein-
ander unterscheiden.238 Gegenüber einer Vielzahl ins Spiel gebrach-
ter Aspekte geht Petrus’ Lehrauffassung dahin, dass zwischen dem
„Weg der Erfahrung“ und dem „Weg der Vernunft“ vier Hauptun-
terschiede anzunehmen sind, aus denen sich entsprechend vier Haupt-
merkmale dieser beiden Erkenntniswege ergeben. Diese Unterschiede
betreffen erstens das, worauf sich bei beiden Vorgehensweisen jeweils
der Blick richtet, also den jeweiligen Gegenstand, zweitens das, wovon
sie ausgehen—ob von den Ursachen oder nicht—, drittens die Er-
kenntniskräfte, in deren Diensten sie stehen—Sinne oder Intellekt—,
und viertens, ob sie schlussfolgern oder nicht. Entsprechend diesen
Unterschieden stellt sich die via experimenti nach dem Hispanus als eine
Vorgehensweise dar, bei der im Falle der medizinischen Diätetik der
Blick auf die im menschlichen Körper zurückbleibenden Eindrücke von
etwas gerichtet ist—beispielsweise „Dies wärmt, also ist es (komplexio-
nal) warm.“ Beim Weg der Vernunft hingegen geht es um die Eigen-
tümlichkeiten, die derartige Eindrücke hervorrufen, beispielsweise dass
etwas von scharfem Geschmack ist und demnach warm. Im Unter-

238 Petrus Hispanus (Medicus), Scriptum cum questionibus super dietas universales

Ysac (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 2° 172 [Redactio longa], fol. 54va–
55ra): „Primo queritur, utrum via experimenti et via racionis differant; … Circa quod
queritur, utrum via experimenti sit de arte et in arte an precedat artem; … 2° queritur,
utrum via experimenti sit fidei factiva vel raciocinativa vel sillogostica; … 3° queritur,
utrum via experimenti sit in brutis; … 4° queritur, utrum via experimenti insit homini a
natura vel ab acquisicione. … 5° queritur, utrum via racionis insit brutis; … 6° queritur,
quomodo differt via experimenti assignata a Philosopho in libro posteriorum a via
experimenti assignata in medicina. … 7° queritur, quomodo differt via experimenti
peritorum a via experimenti rusticorum. … Circa 3m principale queritur, que via sit
certior, an via experimenti an via racionis; … Circa 4m queritur, cum sapor sit medium
in via racionis et experimenti, quomodo differenter; … 3° queritur, quare odor est
medium in via racionis et non in via experimenti. … 4° queritur, quot (quod cod.)
condiciones exiguntur ad viam experimenti.“ Hierzu auch Agrimi/Crisciani, Per una
ricerca, 20 ff.; Thorndike, A History, 508–513.
128 kapitel ii

schied zur via rationis berücksichtigt die via experimenti keine Ursachen.
Was sodann die Erkenntniskräfte betrifft, denen die beiden Wege zuge-
ordnet sind, dient der Weg der Erfahrung den Sinneskräften, der Weg
der Vernunft dem Intellekt. Schließlich ist der letztere schlussfolgernd,
der erstere nicht.239 Die in dieser Weise gekennzeichnete Erfahrung
(experimentum) kann, wie Petrus des Weiteren ausführt, von unterschied-
licher Güte sein, je nachdem, wer es ist, der die Erfahrung macht,
ob es sich nämlich um die Erfahrung eines Ungebildeten—in diesem
Fall eines medizinischen Laien—oder die eines Sachkundigen han-
delt. Die Erfahrung eines Ungebildeten (experimentum rustici) besteht in
einem nicht vernunftmäßig durchdrungenen und geregelten Erfassen
von sinnlich wahrnehmbaren, von außerhalb des Körpers herrühren-
den Einwirkungen. Die Erfahrung eines Sachkundigen zeichnet sich
demgegenüber dadurch aus, dass sie durch die Vernunft geregelt ist
und zwischen den verschiedenen Eindrücken unterscheidet.240 Generell
weist Petrus—hinsichtlich der Diätbehandlung—der via rationis gegen-
über der via experimenti den höheren Grad an Gewissheit zu und räumt
damit dem „Weg der Vernunft“ prinzipiell eine in rechter Weise len-
kende, berichtigende (rectificans) und bestätigende Funktion gegenüber
dem „Weg der Erfahrung“ ein.241 Gegenüber der Wissenschaft sieht er

239 Petrus Hispanus (Medicus), Scriptum cum questionibus super dietas universales

Ysac (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 2° 172 [Redactio longa], fol. 54va):
„Nos autem dicimus, quod iste vie differunt quadrupliciter. Prima est differencia a
parte eorum, que considerant, ut via experimenti considerat inpressiones relictas in
corpore humano, ut ‚Hoc calefacit, ergo est calidum‘, via vero racionis considerat
proprietates, que ducunt in has inpressiones, ut ‚Hoc est acuti saporis, ergo est calidum.‘
2a differencia est a parte eorum, per que procedunt. Unde via experimenti nullo
modo considerat causas, sed via racionis causas considerat et principia. 3a differencia
est a parte virtutum, quibus deserviunt, quia via experimenti sensui deservit, sed via
racionis intellectui. 4a differencia est a modo procedendi, quia via experimenti non est
argumentativa, sed via racionis est argumentativa.“
240 Ebd., fol. 54vb: „7° queritur, quomodo differt via experimenti peritorum a via

experimenti rusticorum. Ad hoc dicendum, quod est quoddam experimentum, quod


est cognicio sensibilium inpressionum, que fiunt in corporibus a rebus extra, non
regulata (-tis cod.) a racione, et hoc est in rusticis; aliud est experimentum, quod
discernit inpressiones a rebus et regulatur a racione, et hoc est in peritis.“
241 Ebd.: „Circa 3m principale queritur, que via sit certior, an via experimenti an via

racionis; … Solucio. Ad hoc dicendum, quod via racionis est certior, quia est universa-
lior et rectificans viam experimenti. Ad raciones in contrarium dicendum, quod proces-
sus medici circa dietam est duplex. Quidam (quedam cod.) est circa inpressiones, quas
derelinquit in corpore, et sic via experimenti certior est. Alius est, qui consistit circa
causas inpressionum, et sic via racionis certior est.“ Ebd., fol. 54rb–va: „3° ostendit con-
firmacionem experimenti per raciones dicens, quod cum res sciuntur per experimenta,
non tamen racionibus carent suis. Quod sic probatur. Omnia, que si carent racionibus,
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 129

die Erfahrung in einer dreifachen Position (ante scientiam, in scientia, post


scientiam) und spricht demgemäß von drei Typen von Erfahrung. Der
eine „Weg der Erfahrung“ führt zur Erkenntnis der Prinzipien einer
Wissenschaft; er geht jeglicher Kunst und Wissenschaft voraus. Der
zweite „Weg der Erfahrung“ ist das Aufzeigen der Gegenstände wis-
senschaftlicher Untersuchung; er ist Bestandteil der Wissenschaft. Der
dritte Erfahrungsweg schließlich betrifft die Anwendung wissenschaftli-
cher Lehre auf das Handeln und folgt somit der Wissenschaft.242 Wenn
auch nur kurz, erwähnt Petrus die via experimenti zudem in seinen Glose
super tegni Galieni neben anderen Wegen der Prüfung in der Medizin,
der via rationis, der via narrationis und der via demonstrationis.243
Ähnlich wie der Medicus fasst Petrus von Abano die Rolle der Ver-
nunft auf, wobei er sich auf Galen beruft und wie Roger Bacon auf das
Trügerische einer nicht von vernünftiger Überlegung gestützten Erfah-
rung hinweist. Er legt dar, dass auch eine mehrfach wiederholte Erfah-
rung noch nicht zur Begründung der Feststellung einer allgemeinen
Gesetzmäßigkeit ausreiche—etwa zur Folgerung, eine bei einigen Pati-
enten wirksame Arznei sei für jeden Menschen geeignet—, wogegen
eine einzige Erfahrung, wenn sie von krönender (decorantem) Einsicht
in den ursächlichen Zusammenhang begleitet ist, zu allgemeingültigem
Erfahrungswissen führen könne. Dazu zitiert er Galen mit dem Wort:
„Ein experimentum, das ich mit Vernunft verbunden habe, bestärkt mich
und verleiht mir große Kühnheit.“244

in dubium et in ignoranciam cadunt, [et] cum sciuntur, non carent racionibus. Sed
res scite per experimentum sunt huiusmodi. Ergo cum sciuntur per experimenta, non
carent racionibus. Et sic patet, quod necesse est experimenta racionibus fulciri.“
242 Ebd., fol. 54va: „Solucio. Ad hoc dicendum, quod experimentum est triplex.

Quedam est via experimenti, que est via ad cognoscendum principia sciencie; de qua
agitur in libro posteriorum, et hec via precedit omnem artem et scienciam. Alia est,
que est via notificandi ea, que in sciencia inquiruntur; de qua agit Ysaac, et hec est
in sciencia et pars sciencie. Et est alia, secundum quam doctrina in sciencia debet
applicari ad opus, et hec sequitur scienciam.“
243 Petrus Hispanus (Medicus), Glose super tegni Galieni (Madrid, Biblioteca Nacio-

nal, 1877, fol. 49vb): „…, cum Galienus partes scientie medicinalis secundum earum
cursum ordinet multa, secundum vias alias probet et multas alias vias probationis teneat
quandoque via experimenti, quandoque via rationis, quandoque via narrationis, quan-
doque via demonstrationis, quandoque probabili procedens“; ebd., fol. 57va: „Aliter
dicunt alii, quod in processu considerationis medicinalis est quasi circulus. Quia incipit
a via experimentali acedens ad causas, a quibus regreditur ad operationes, cum (cum]
ad cod.) experimenta sint sensibilia, circulariter procedit ab eodem in idem, ut a sensibili
ad sensibilia, et ita sensum non transcendit.“
244 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 1, 8 (Ed. Venezia

1501, fol. 4vb–5ra): „Quod Galienus exponens dicit dictum Ypocratis non solum experi-
130 kapitel ii

In seinem texterklärenden Kommentar zu De somno et vigilia gibt


ein Magister Adam—wohl Adam von Whitby—mit dem Begriffspaar
via experientie und via rationis den Gedankengang des Stagiriten wieder,
mit dem dieser darlegt, dass das Gedächtnis dem sensitiven Vermögen
zugehörig sei. Das erfahrungsmäßige Vorgehen umfasst hinsichtlich des
Gesichtssinns vier experimenta. Dabei handelt es sich um Beobachtungen
zu optischen Phänomenen wie etwa, dass man nach einem Blick in eine
helle Lichtquelle wie die Sonne nichts sieht, oder dass nach längerem
Anschauen einer Farbe beim Blickwechsel auf einen anderen Gegen-
stand Nachbilder entstehen.245
Der mit Petrus Hispanus (Medicus) nicht identische Petrus Hispa-
nus Portugalensis kommt in seiner Scientia libri de anima im Zusammen-
hang mit der Frage, auf welche Weisen Erkenntnishaltungen erworben
werden, auf die Erfahrung (experientia) zu sprechen. Er definiert sie als
den Weg, der über sinnliche Wirkeindrücke (sensibiles effectuum inpressio-
nes) zu sicherem Erfassen führt.246 Zusammen mit der ratio als „verglei-

mento constare, sed etiam ratione atque rerum naturalium investigatione. Ipse enim bis
vel ter vel parum plus potuit in vita sua has mutationes videre. Ex quo dico eum non
potuisse universale adhuc experimento confirmasse, quod est artis et scientie initium,
sicut dicitur in fine posteriorum. Et subdit Galienus: Nam si videris quinque vel sex
homines una medicina solutos, experimento solo non potuisti certificari omnes homines
illa medicina laxari. Propter quod dico cum experimento oportere esse rationem ipsum
decorantem, quoniam experimento sine ratione credere fallax est, sicut dicit Damasce-
nus in suis afforismis. Non enim experimentum dat cognitionem, ex qua possit fieri sine
fallacia processus in aliud. Unde Galienus in 5° interiorum: Qui solum experimentis
utuntur, non possunt que raro contingunt cognoscere. Quod ratione dico cum fuerit
roboratum, dat grandem cognitionem universalem, ita quod secundum Galienum 2°
regiminis acutorum ex uno experimento, ubi amplius ratio prompta subsistit, potest
haberi universale et scientia, sicut innuit Hypocras in eodem, ubi per curam aposte-
matis pleuretici dat intelligere omnis apostematis interioris curam. Et de tali expe-
rimento Galienus loquitur in libro de ingenio sanitatis dicens: Experimentum, quod
ratione ligaveram, me confirmavit dans mihi audaciam magnam“; vgl. ebd., partic. 1,
57 (fol. 26va): „…, quoniam ista non est vera cibationis regula, sed potius tentativa et
experimentalis.“
245 Adam von Whitby (?), Scripta de sompno et vigilia (Firenze, Biblioteca Nazionale

Centrale, Conv. Soppr. G.3.464, fol. 72va): „In hac parte declarat per viam experientie;
et dividitur in 2. In prima declarat per experientiam in visu …, in secunda per
experimentum in omnibus sensibus. Pars prima continet 4 experimenta. Quorum
primum est: Si aliquis aspexerit solem vel aliquid valde splendidum et postea convertat
visum ad aliquid aliud, nichil videbit. … Secundum experimentum: Si aliquis multo
tempore aspexerit aliquem colorem … et postea convertat visum ad aliquid aliud, illud
apparebit eiusdem coloris in primo aspectu.“
246 Petrus Hispanus Portugalensis, Scientia libri de anima tr. 10 c. 10 (ed. Alonso, 407

l. 35 f.): „…; experientia quidem est via per sensibiles effectuum inpressiones in certam
ducens comprehensionem.“
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 131

chendem Erfassen von Wirkungen“ (effectuum perceptio collativa)247 ist sie


in der Erkenntnishaltung des Entdeckens wirksam, die er im eigentli-
chen Sinne als Erwerb von Sachkenntnis durch (zielgerichtetes) Bemü-
hen umschreibt.248 Erfahrung und Vernunft stehen in einem wechselsei-
tigen Bestätigungsverhältnis zueinander. Einerseits nämlich gehört zu
einem vierfachen Beitrag, den die sinnlichen Kräfte beim Erfassen der
Sachverhalte der intellektiven Kraft leisten, die auf Erfahrung beru-
hende Gewissheit (experimentalis certitudo), aus der heraus ein schlussfol-
gerndes Vergleichsurteil erhärtet und eine wahrheitsgemäße Vorstel-
lung erlangt wird.249 Andererseits bestimmt der Portugalensis die ratio—
eine der Weisen des Erwerbs von Erkenntnishaltungen—als verglei-
chendes Erfassen von Wirkungen, das das Entdecken und die Erfah-
rung bestätigt.250 Die wissenschaftsbezogene Rolle der experientia defi-
niert er im Hinblick auf die Gewinnung wissenschaftlicher Prinzipien.
Diese vollzieht sich nach ihm—wie er dem Gedankengang des Stagi-
riten am Beginn des ersten Buches der Metaphysik folgend darlegt—in
einem stufigen kognitiven Verarbeitungsprozess, in dessen Verlauf aus
mehreren sinnlichen Wahrnehmungen jeweils ein Gedächtniseindruck,
aus mehreren Gedächtniseindrücken eine Erfahrungserkenntnis (expe-
rimentum) und schließlich aus mehreren Erfahrungserkenntnissen die
Prinzipienkenntnis gewonnen wird.251 Diesen ersten Weg der Gewin-
nung wissenschaftlicher Prinzipien—daneben führt er noch sechs wei-
tere an—bezeichnet er als ein „erfahrungsmäßiges Entdecken.“252 Diese
Sichtweise teilt er mit Petrus Hispanus (Medicus). Der Begriff „Weg
der Erfahrung“ (via experiencie) findet sich auch bei Ps.-Petrus Hispanus
sowie in den Quaestiones super de animalibus Alberts des Großen. Leider
erläutern beide dieses Konzept nicht näher, sie benutzen es lediglich.

247 Ebd., 408 l. 1.


248 Ebd., 407 l. 33 f.: „…, est enim inventio proprie ductu industrie notitie rerum
acquisitio, ad cuius opera concurrunt experientia et ratio; …“ Hierzu auch ebd., 404
l. 5 ff.
249 Ebd., 403 l. 36 – 404 l. 9: „Ad rerum vero noticiam intellective virtutes sensi-

biles quatuor suffragia amministrant: … Tertium est experimentalis certitudo ex qua


ratiocinativa collatio confirmatur et veritatis acquiritur conceptio.“
250 Ebd., 407 l. 36 f.: „Ratio vero est effectuum perceptio collativa, que inventionem

ac experientiam confirmat.“
251 Ebd., c. 11 (417 l. 19–24): „…, nam experientia principiorum cognitio colligitur,

ex pluribus igitur sensibilibus perceptionibus una memoria, ex pluribus memoriis unum


experimentum, ex pluribus experimentis principii (?) modis obtinetur noticia colligitur
ex quo in artis et scientie comprehensionem pervenitur.“
252 Ebd., l. 24 f.: „Principiorum vero et habituum acquisitio septem: experimentali

inventione, doctrina, ….“


132 kapitel ii

Ps.-Petrus verwendet es unter Berufung auf Avicenna zur Kennzeich-


nung einer nur beim Menschen anzunehmenden Form der Kunstfer-
tigkeit als Bündelung der auf dem Weg der Erfahrung gewonnenen
Handlungsanweisungen.253 Albert wiederum charakterisiert damit eine
von drei Weisen, in denen das tierliche Einschätzungsvermögen (aesti-
mativa) tätig wird. Neben dem Weg der Erfahrung (via experientiae) sind
das der Weg der (unmittelbaren) sinnlichen Erfassung (via apprehensio-
nis)—so sucht der Säugling die Mutterbrust, die er nie gesehen hat,
und saugt, und so flieht das Lamm den nie zuvor gesehenen Wolf—
und der Weg der Ähnlichkeit (via similitudinis)—so flieht der Vogel eine
Menschenpuppe, aber auch ein Menschenbild (Vogelscheuche) oder die
Statue eines Bogenschützen. Die via experientiae verdeutlicht er am Bei-
spiel eines Vogels, der wegfliegt, wenn jemand mit einem Stein droht
oder mit einem Stecken ausholt, sofern er häufig getäuscht wurde oder
unangenehme Erfahrungen mit diesen Bewegungen gemacht hat.254
Bei seinen Aussagen zum Erfahrungskonzept hält sich der Doctor
universalis eng an die Vorgaben aus dem ersten Buch der Metaphysik des
Aristoteles. Besonders hebt er bei dessen Kommentierung hervor, dass
Erfahrung (experimentum) nicht schon mit einem einmaligen Gewahr-
werden (acceptio) eines Sachverhaltes bzw. Ereignisses gegeben ist. Viel-
mehr erwächst sie erst aus einer längeren Reihe derartiger gedächtsnis-
mäßig gespeicherter und aufeinander bezogener Gewahrwerdungen.255
Die gedächtnismäßige Speicherung (memoria conferentis) stellt gleichsam
das materiale Element dar, während das formale Element in einer
aufgrund von vielen Gewahrwerdungen sich bildenden Ähnlichkeits-
annahme über eine Vielzahl von Einzelsachverhalten (acceptio similis de
multis) besteht.256 Daraus leitet Albert zwei notwendige Erfordernisse
für ein vollständiges erfahrungsmäßiges Erfassen (perfectum experimentum)
ab. Vollständige—und damit auch zuverlässige—Erfahrung setzt ers-

253 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redak-

tion] VIII (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI, 234, fol. 129vb): „Alia col-
lectio preceptorum acquisitorum per viam experiencie. Hec (huiusmodi L) solius homi-
nis, ut dicit Avicenna in libro suo de anima.“
254 Albert d. Gr., Quaest. super De animal. IV q. 3c (Ed. Colon. XII, 189 l. 26–45).
255 Ders., De homine (ed. Anzulewicz, 6; 16); ders., Super Ethica VI lect. 12 n. 551

(Ed. Colon. XIV/2, 473 l. 72–74); ders., Metaph. I tr. 1 c. 7 (Ed. Colon. XVI/1, 10 l. 54–
59). Hierzu auch King, Two Conceptions, 209 ff. Vgl. Thomas von Aquin, In XII libros
Metaphysicorum I lect. 1 n. 15, ed. Raimondo M. Spiazzi, Divi Thomae Aquinatis …
In duodecim libros Metaphysicorum expositio, Torino–Roma 1950, 8b.
256 Albert d. Gr., Metaph. I tr. 1 c. 6 (Ed. Colon. XVI/1, 10 l. 12 f.); ebd., c. 9 (13

l. 8 f.; 17–20); ders., De animal. VIII tr. 6 c. 1 n. 236 (ed. Stadler, I, 671 l. 15–18).
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 133

tens einen über einen längeren Zeitraum andauernden Umgang mit


den Erfahrungsgebenheiten und zweitens ein gutes Gedächtnis vor-
aus.257 Die Rolle von Erfahrung im Zuge wissenschaftlicher Erkenntnis-
gewinnung stellt sich für Albert unterschiedlich dar je nachdem, ob es
sich um demonstrative Wissenschaften im strengen Sinn wie die Mathe-
matik oder aber um Kunstfertigkeiten oder naturkundliches, medizini-
sches, ethisches oder sapientiales Wissen handelt. Entsprechende Ge-
danken äußert er im Zusammenhang mit der Frage, ob iuvenes bes-
sere Mathematiker oder bessere Naturphilosophen sein können. Im
Fall streng deduktiv verfahrender Wissenschaften bedarf es zur voll-
kommenen Erkentnis kaum der Erfahrung (non multum indigent tempore
et experimento), wohl aber im anderen Fall, wo das gewonnene Wis-
sen veränderliche, kontingente Sachverhalte betrifft. Bevor es in die-
sem Gegenstandsbereich zu einem allgemeinen Verständnis (acceptio uni-
versalis) kommen kann, ist oftmaliges und achtsames Erleben vonnö-
ten (saepe et diligenter oportet experiri). Da iuvenes die erforderlichen Vor-
aussetzungen für vollständiges erfahrungsmäßiges Erfassen nicht erfül-
len, ergibt sich, dass sie zwar vollkommene Einsicht in mathematische
Tatsachen, nicht aber in naturphilosophische und andere erfahrungs-
abhängige Angelegenheiten haben können.258 Mit besonderem Nach-
druck verweist Albert auf die bestätigende Funktion von Erfahrung.
So erklärt er in den Meteora im Zusammenhang mit seinen Erörterun-
gen über Anzahl und Eigenheiten der Winde dezidiert, dass, wenn es
um Naturgegebenheiten geht, die Bestätigung durch Sinneserfahrung
die größte Gewissheit biete und einen höheren Rang einnehme als
ein lediglich für sich genommener Vernunftgrund.259 Im Physikkommentar
(begonnen 1251/1252, beendet vor 1257) hatte er nicht minder deut-
lich im Hinblick auf die drei Wissensformen der acceptio, der conclusio
und des principium die Auffassung vertreten, dass jedwede Annahme, die
durch Sinneserfahrung bestätigt wird, höherwertig ist als eine, die im
Widerspruch zur Sinneserfahrung steht; dass ein Schlusssatz, der der
Sinneserfahrung widerspricht, unglaubwürdig und dass ein Prinzip, das
mit der durch Sinneswahrnehmung gewonnenen Erfahrungserkenntnis
nicht im Einklang steht, gar kein Prinzip ist, sondern eher das Gegen-

257 Ders., Super Ethica VI lect. 12 n. 551 (Ed. Colon. XIV/2, 473 l. 78–82).
258 Ebd., (Ed. Colon. XIV/2, 473 l. 82 – 474 l. 4); ders., Metaph. I tr. 1 c. 1 (Ed.
Colon. XVI/1, 1 l. 52–56); c. 8 (11 l. 82 – 12 l. 9).
259 Ders., Meteora III tr. 1 c. 21 (Ed. Colon. VI/1, 121 l. 67 f.): „Quae probatio in

naturis rerum certissima est et plus dignitatis habet, quam ratio sine experimento.“
134 kapitel ii

teil eines solchen.260 Teilweise mit Worten des Aristoteles selbst stellt er
fest, dass wir bei dem, was aus sich sinnenfällig gegeben ist, über etwas
Würdigeres verfügen als eine Vernunftüberlegung, eben die offenkun-
dige Sinneserfahrung, an der jede generelle Aussage ihre Stichhaltig-
keit erweist.261 An anderer Stelle bekundet er seine Überzeugung, dass
bei naturphilosophischen Betrachtungen die Erfahrung mehr beiträgt
als beweisführende Lehre.262 Für unabdingbar erklärt er die Erfahrung
schließlich, wenn es gilt, allgemeines Wissen auf besondere Fälle anzu-
wenden.263
Werfen wir abschließend einen Blick auf die Weise, wie der Verfas-
ser von Questiones metaphisice in einer Florentiner Handschrift das Kon-
zept der Erfahrungserkenntnis (cognitio experimentalis) erläutert. Auch er
unterscheidet hier, wie zuvor Albert, einen materialen und einen for-
malen Aspekt. Den ersteren sieht er darin, dass Erfahrungserkenntnis
die Erinnerung an eine Wirkung voraussetzt, die man zuvor an meh-
reren Einzelphänomenen von ähnlicher Natur beobachtet hat und die
auf selbige Natur zurückzuführen ist. Der Formalaspekt besteht darin,
dass ein neu in den Blick kommendes Einzelphänomen mit den früher
beobachteten verglichen wird und man aufgrund sich ergebender Ähn-
lichkeit mit diesen schließt, dass es sich im vorliegenden Fall auch so
wie bei den früheren verhalten müsse. Erinnert man sich beispielsweise
daran, dass ein bestimmtes Heilkraut Personen einer bestimmten Kom-
plexion und eines bestimmten Alters bei einer bestimmten Erkrankung
geholfen hat, dann wird man das auch bei vergleichbaren anderen Fäl-

260 Ders., Phys. VIII tr. 2 c. 2 (Ed. Colon. IV/2, 587 l. 40–45): „Omnis enim acceptio,

quae firmatur sensu, melior est quam illa, quae sensui contradicit, et conclusio, quae
sensui contradicit, est incredibilis, principium autem, quod experimentali cognitioni in
sensu non concordat, non est principium, sed potius contrarium principio.“ Angeführt
von Grant, Medieval Natural Philosophy, 142 Anm. 6.
261 Albert d. Gr., Phys. VIII tr. 2 c. 2 (Ed. Colon. IV/2, 587 l. 31–37): „et nos … hic

aliis rationibus non indigemus, quia intendere et quaerere de his rationem, de quibus
habemus aliquid dignius, quam sit ratio, eo quod sint nota per se ad sensum, ad quem
omnis propositio universalis certificatur, hoc est proprium eius qui indiget mente et
ratione, …“; vgl. dens., De animal. XVII tr. 2 c. 3 n. 66 (ed. Stadler, II, 1181 l. 1–4).
Hierzu Aristoteles, De generatione animalium III 10 (760b30–33). Von der Erfahrung
als „optima magistra“ spricht Albert im Hinblick auf das Kurieren kranker Falken:
ders., De animal. XXIII tr. un. c. 19 n. 88 (ed. Stadler, II, 1481 l. 22 f.).
262 Ders., Metaph. I tr. 1 c. 1 (Ed. Colon. XVI/1, 1 l. 54–56): „… in pysicis speculatio-

nibus, in quibus experientia multo plus confert quam doctrina per demonstrationem.“
263 Ders., Super Ethica II lect. 1 n. 101 (Ed. Colon. XIV/1, 91 l. 61–70). Vgl. Thomas

von Aquin, In XII libros Metaphysicorum I lect. 1 n. 22 (ed. Spiazzi, 9b).


das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 135

len annehmen.264 Diese Tätigkeit ist dem Einschätzvermögen der Tiere


analog, führt aber insofen über es hinaus, als sie ein schlussfolgerndes
Vergleichen impliziert. Dieses Vergleichen, das auf Einzelnes abzielt,
will dieser Autor scharf von der auf Universalien gerichteten Tätig-
keit des Intellekts getrennt wissen, wobei er sich von der Lehrmeinung
anderer Magister distanziert.265

2.3. Die Rolle von Autoritätsmeinungen bei der naturphilosophischen Urteilsbildung


Komplementär zu den beiden bisher stichprobenartig anhand von
Textbeispielen aufgezeigten Tendenzen einer wissenschaftsmethodi-
schen Neugewichtung von Erfahrungserkenntnis ist schließlich eine
dritte. Sie zeigt sich in jenen Äußerungen, in denen die Magister die
Rolle von Autoritätsmeinungen bei der naturphilosophischen Urteils-
bildung sichtlich zu relativieren bemüht sind. Generell kommt es im
zwölften und dreizehnten Jahrhundert zu einer sich wandelnden, diffe-

264 Anonymus, Questiones metaphisice (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale,

Conv. Soppr. E.1.252, fol. 266va): „Ad videndum hoc oportet videre, quid sit cognicio
experimentalis. Ad cognicionem autem experimentalem requiritur memoria alicuius
effectus in pluribus singularibus similibus in natura, que est causa illius effectus, et hoc
tamquam materiale requiritur; et cum hoc eciam requiritur collacio illorum singu-
larium ad aliud singulare, et hoc tanquam formale. Unde qui experimentatur, memo-
ratur aliquem effectum esse in pluribus singularibus similibus in natura, que est causa
illius effectus; neque istud sufficit, quia istud bene habent bruta, tamen non experimen-
tantur, sed cum hoc requiritur collacio istorum singularium ad aliud singulare simile
illis, quod sicut est in illis, quod ita debet esse in illo singulari; tunc est cognicio expe-
rimentalis. Verbi gracia ego memoror, quod talis erba contulit tali talis complexionis
(comprehensionis cod.), talis etatis in tali infirmitate laboranti et tali et tali et tali. Postea
illa singularia ego confero ad aliud singulare sic dicendo: Virgilius est eiusdem eta-
tis, eiusdem complexionis et in tali infirmitate laborat. Ergo illa herba conferet sibi.
Istud est experimentum“; ebd., fol. 266vb: „Dicendum, quod cognitio experimentalis in
virtute intellectus agentis facit artem et scienciam. Et ad hoc (huc cod.) declarandum
accipiatur, quid est cognicio experimentalis. Est enim cognicio experimentalis cogni-
cio per virtutem cogitativam unius effectus in pluribus singularibus similibus in natura,
que est causa illius effectus, conferens illa singularia ad aliud singulare. Et non cognos-
cit experimentans illum effectum ut est communis omnibus, sed ut est in illo et illo
determinate (-are cod.).“
265 Ebd.: „Aliqui autem dicunt, quod talis collacio fit ad universale. Non est verum,

quia nulla collacio fit ad universale nisi a virtute cognoscente universale, cuiusmodi


est intellectus; illa autem virtus non est virtus intellectualis, sed dicitur racio particularis
collativa intentionum (i.] intentio nam cod.) particularium, et vocatur virtus cogitativa in
hominibus; in brutis non est ita perfecte, et dicitur estimativa in brutis, quia ita non est
perfecta sicut in hominibus.“ Vgl. Albert d. Gr., Metaph. I tr. 1 c. 9 (Ed. Colon. XVI/1,
13 l. 8 f.; 17–20); Thomas von Aquin, In XII libros Metaphysicorum I lect. 1 n. 15 (ed.
Spiazzi, 8b).
136 kapitel ii

renzierenden Einschätzung der Wertigkeit von auctoritates für die philo-


sophische Erkenntnisgewinnung.266 Hier soll speziell auf solche Text-
zeugnisse hingewiesen werden, in denen die Autoren des Untersu-
chungszeitraumes entweder generell oder bei auftretenden Divergen-
zen in der naturphilosophischen Urteilsbildung über Erfahrungssach-
verhalte der Beobachtung und Erfahrung gegenüber Autoritätsmeinun-
gen das größere Gewicht zuerkennen. Wiederum ist es Roger Bacon,
der sich am dezidiertesten in diesem Sinne ausgesprochen hat. Im Com-
pendium studii philosophiae nennt er drei Wege, auf denen wir zu Wis-
sen gelangen: durch Autoritäten, durch Vernunft und durch Erfahrung
(experientia). Zu diesen stellt er fest, dass die Autorität lediglich in Verbin-
dung mit dem Argument, auf das sie sich stützt, Wissensquelle ist; auch
bewirkt sie keine Einsicht, sondern Leichtgläubigkeit, denn wir glauben
zwar einer Autorität, aber Einsicht in die Sache haben wir ihretwe-
gen nicht. Die Vernunft wiederum vermag nicht zu entscheiden, ob
etwas ein Trugschluss ist oder ob ein gültiger Beweis vorliegt, sofern
wir die Konklusion nicht im Tun zu überprüfen verstehen.267 Nach sei-
ner Darlegung sehen wir an uns selber, dass wir uns weder um eine
Autorität noch um einen Vernunftgrund in solchem Maße kümmern
wie um das, was wir selbst erfahren; erst aufgrund eigener Erfahrung
kommen wir (bei unserer Erkenntnissuche) zur Ruhe.268 Schließlich sei

266 Hierzu Theodor W. Köhler, Autorität und philosophische Urteilsbildung. Pha-

sen einer Denkentwicklung im 12. und 13. Jahrhundert, in: Salzb. Jahrb. Philos. 44–45
(1999–2000) 101–124. Vgl. Wilhelm von Hedon, Tractatus de scientia que est de anima
(Cambridge, Gonville and Caius College, 342/538, fol. 10rb): „Sed aliud est, cum auc-
toritati credimus, aliud cum racioni. Auctoritati credere magnum est compendium et
modicus labor. Racionibus autem demonstrare et probare quidlibet maior est difficultas
et prolixior doctrina. Auctoritate vero adquiritur fides tantummodo, racionibus autem
sciencia. Plus autem est scire quam credere. Quicquid enim scitur, creditur esse verum,
non autem quicquid creditur, scitur esse verum. Ergo pocior et efficatior est probacio,
que fit per raciones, quam que per auctoritatem solam.“
267 Roger Bacon, Compendium studii philosophiae (ed. Brewer, 397): „Quia licet per

tria sciamus, videlicet per auctoritatem, et rationem, et experientiam, tamen auctori-


tas non sapit nisi detur ejus ratio, nec dat intellectum sed credulitatem; credimus enim
auctoritati, sed non proter eam intelligimus. Nec ratio potest scire an sophisma vel
demonstratio, nisi conclusionem sciamus experiri per opera, …“ Vgl. dens., De errori-
bus medicorum (ed. Little/Withington, 169 l. 26 – 170 l. 10). Zu Rogers Kritik an natur-
philosophischen Autoritäten siehe Jeremiah Hackett, Roger Bacon and the Reception
of Aristotle in the Thirteenth Century: An Introduction to His Criticism of Averroes,
in: Albertus Magnus und die Anfänge der Aristoteles-Rezeption im lateinischen Mit-
telalter. Von Richardus Rufus bis zu Franciscus de Mayronis, ed. Ludger Honnefelder
u. a. (Subsidia Albertina I), Münster 2005, 219–247.
268 Roger Bacon, De erroribus medicorum (ed. Little/Withington, 171 l. 7 f.).
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 137

nicht zu übersehen, dass vieles von dem, was Autoritäten geschrieben


haben, schlechterdings falsch sei. Ebenso unrichtig seien Volksmeinun-
gen, die auf bloß erdachten und durch keinerlei Erfahrung abgesicher-
ten Gründen beruhten.269 Anhand von geographischen Angaben zeigt
er auf, wie irrig Behauptungen von Autoritäten sein können,270 und
übt Kritik an gelehrten Lateinern, die die Erfahrung vernachlässigt
haben.271 Er selbst gedenkt daher, sich bei seiner Urteilsbildung nur
an solche Gewährsleute zu halten, die die jeweiligen Gegenden auch
tatsächlich bereist haben. Zu diesen gehört für ihn insbesondere der
von ihm wiederholt angeführte frater Willielmus, der Franziskaner Wil-
helm von Rubruk,272 der 1253 vom Heiligen Land aus mit einem Emp-
fehlungsschreiben Ludwigs IX. von Frankreich zu den Mongolen auf-
gebrochen war.273 In dem an Papst Clemens IV. gerichteten mutmaß-
lichen Widmungsbrief zum Opus maius unterstreicht Roger mit allem
Nachdruck, dass die Autoritäten—auf geographischem Gebiet sind dies
unter zahlreichen anderen vor allem Plinius und Ptolemaeus—sich in
vielem widersprächen und vieles geschrieben hätten, was ihnen allein
gerüchteweise zu Ohren gekommen war. Somit sei es unerlässlich,
durch Erfahrungen mit den Dingen selbst der Wahrheit auf den Grund
zu gehen. Er selbst habe daher oft und oft über das Meer und zu
verschiedenen anderen Regionen und berühmten Märkten gesandt—

269 Ders., Opus maius, pars 6 c. 1 (ed. Bridges, II, 168 f.). Zu ähnlichen Äußerungen

Alberts den Großen siehe James R. Shaw, Scientific Empiricism in the Middle Ages:
Albertus Magnus on Sexual Anatomy and Physiology, in: Clio Medica 10 (1975) 53–
64, hier: 57 f. Vgl. Guillelmus Hispanus, Summa supra phisonomiam Aristotilis cum
questionibus (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16089, fol. 251vb): „… dicendum, quod
sensibus non attente sencientibus non est credendum“; Ps.-Petrus Hispanus, Commen-
tum super libros de animalibus [Venezianer Redaktion] (Venezia, Biblioteca Nazio-
nale Marciana, Lat. VI 234, fol. 296ra): „Contrarium dicit Ysydorus. Dicendum, quod
impossibile est hanc impregnationem fieri ex vento, et Ysidorus loquitur secundum opi-
nionem vulgi.“
270 Beispielsweise Roger Bacon, Opus maius, pars 4 (ed. Bridges, I, 304 f.; 354).
271 Ebd., 322.
272 So ebd., 303; 305, 322; 356; 365; 369; 371; ders., Moralis philosophia, pars 4 d. 2

1 n. 20 (ed. Massa, 200 l. 14–16). Vgl. Michèle Guéret-Laferté, Le voyageur et le géo-


graphe: L’insertion de la relation de voyage de Guillaume de Rubrouck dans l’Opus
maius de Roger Bacon, in: La géographie au Moyen Âge. Espaces pensés, espaces
véçus, espaces rêvés (Perspectives médiévales, Supplément 24), Paris 1998, 81–96; Hel-
mut G. Walther, Die Veränderbarkeit der Welt. Von den Folgen der Konfrontation des
Abendlandes mit den ‚Anderen‘ im 13. Jahrhundert, in: Geistesleben im 13. Jahrhun-
dert, ed. Jan A. Aertsen/Andreas Speer (Miscellanea Mediaevalia 27), Berlin–New York
2000, 625–638, hier: 628.
273 Hierzu u. a. Münkler, Erfahrung, 43–49.
138 kapitel ii

eine Anspielung auf das aristotelische Vorbild ist schwerlich zu über-


hören274—, um die Naturdinge mit eigenen Augen zu sehen und die
Wahrheit über das Erschaffene durch Sehen, Tasten, Riechen und
bisweilen durch Horchen zu überprüfen.275 Dass Autoritätsansichten
sich an der Erfahrung bewähren müssen und gegebenenfalls aufgrund
von Erfahrungsdaten zu revidieren sind, bringt erwartungsgemäß auch
Friedrich II. klar zum Ausdruck, sei es direkt im Prolog zu seinem Beiz-
jagdbuch276 und in dessen Haupttext,277 sei es indirekt bei seiner kri-
tischen Durchsicht bzw. Überarbeitung des Jagdtraktats des Falkners
Moamin, den Theodor von Antiochien, ein an seinem Hofe tätiger
Gelehrter, aus dem Arabischen übersetzt hatte.278 Ein weiteres Beispiel
für diese Haltung bietet Petrus von Abano. Die Behauptung des Sta-
giriten, Rinder würden nicht husten, weist er als falsch zurück, da die
Erfahrung eindeutig das Gegenteil beweise.279

274 Vgl. Roger Bacon, Opus maius, pars 4 (ed. Bridges, I, 291); ders., Opus tertium

[Teiledition], ed. Andrew G. Little, Part of the Opus tertium of Roger Bacon including
a fragment now printed for the first time (British Society of Franciscan Studies 4),
Aberdeen 1912, 10.
275 Ders., Epistola ad Clementem pontificem, ed. Francis A. Gasquet, An Unpu-

blished Fragment of a Work by Roger Bacon, in: English Historical Review 12 (1987)
494–517, hier 502: „Postremo cum auctores contradicunt in multis et multa scripserunt
ex rumore necesse est per rerum ipsarum experientias certificari veritatem, … Unde
multotiens ego misi ultra mare et ad diversas alias regiones et ad nundinas sollemnes ut
ipsas res naturales oculis viderem et probarem veritatem creature per visum, tactum et
olfactum et aliquando per auditum et per certitudinem experientie, in quibus per libros
non potui veritatem intueri, sicut Aristoteles plura milia hominum misit per diversas
regiones pro rerum veritate scienda“; ders., Opus maius, pars 6 c. 1 (ed. Bridges, II,
168).
276 Friedrich II., De arte venandi cum avibus, Prol. (ed. Willemsen, 1 l. 17–32).
277 Anne Paulus/Baudouin Van den Abeele, Frédéric II de Hohenstaufen „L’art de

chasser avec les oiseaux.“ Le traité de fauconnerie De arte venandi cum avibus (Bibliotheca
cynegetica 1), Nogent-le-Roi 2000, 38–42; vgl. ebd., 31 f.
278 Hierzu Stürner, Friedrich II. Teil 2, 425. Zum Werk des Moamin Charles Bur-

nett, Master Theodore, Frederick II’s Philosopher, in: Federico II e le nuove culture.
Atti del XXXI Convegno storico internazionale, Todi, 9–12 ottobre 1994 (Atti dei
Convegni, Nuova serie 8), Spoleto 1995, 225–285; Baudouin Van den Abeele, Inspi-
rations orientales et destinées occidentales du De arte venandi cum avibus de Frédéric II,
in: ebd., 363–391, hier: 370–377. Vgl. Johannes Fried, … correptus est per ipsum impera-
torem. Das zweite Falkenbuch Friedrichs II., in: Mittelalterliche Texte. Überlieferung—
Befunde—Deutungen, ed. Rudolf Schieffer (Monumenta Germaniae Historica, Schrif-
ten 42), Hannover 1996, 93–124; Paulus/Van den Abeele, Frédéric II, 29.
279 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 10, 1 (Ed. Venezia

1501, fol. 97rb): „Amplius videtur Aristoteles falsum dixisse bovem non tussire, cum
manifeste contrarium experiamur.“
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 139

Auch sonst begegnet bei manchen Magistern ein auffallend respekt-


loser Umgang selbst mit erstrangigen Autoritäten. Besonders markant
tritt diese Neigung bei Ps.-Petrus Hispanus in beiden Redaktionen sei-
ner Quaestionen zu De animalibus auf; beide sind geprägt von einer
nachdrücklichen Abgrenzung von älteren Lehrmeinungen. Dies gilt
z. B. für die Unbekümmertheit, mit der die Autorität des Isaak Israeli
ebenso wie die des Constantinus Africanus verworfen wird,280 desglei-
chen die des Boethius,281 des Solinus,282 Avicennas283 und des Hippo-
krates.284 Dieser Magister zögert nicht, Aristoteles direkt zu widerspre-
chen und Lehren des Stagiriten pauschal und zum Teil mit Schärfe
als unhaltbar hinzustellen.285 Er verwirft auch eine einhellig von Aristo-
teles, Isaak und Galen vertretene Lehre286 und gibt ausdrücklich dem
Anaxagoras gegen Aristoteles recht.287 Dieselbe selbstbewusste Haltung
zeigt Ps.-Petrus auch dort, wo er seine Haltung von Lehren „der Theo-

280 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redak-

tion] (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI 234, fol. 21va): „Unde Ysaac,
quod spiritus non potest esse simul cum sanguine; sed falsum dicit, …“; ebd., fol. 298vb:
„et ideo decipiuntur Constantinus et medici“; ähnlich ebd., fol. 24vb: „Ita dicit Con-
stantinus, et falsum est“; fol. 29ra: „… quidam posuerunt, quod …, sicut dixit Ysaac.
Nos dicimus, quod non est verum, sed …“; fol., 44vb; fol. 85vb: „Et dico, quod Constan-
tinus mentitur“; fol. 102ra: „Ad racionem Ysaac dicendum, quod mentitur Ad racionem
Ysaac dicendum, quod mentitur“; [Florentiner Redaktion] (Firenze, Biblioteca Nazio-
nale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 110rb): „Et dico, quod Constantinus salva pace
sua non bene dixit“; ebd., fol. 115vb: „Ysaac non bene sentit circa hoc, sicut mihi vide-
tur“; fol. 174ra.
281 Ders., Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redaktion] (Venezia,

Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI 234, fol. 58va): „Dicendum est, quod mentitur
Picthagoras et Boetius.“
282 Ebd., fol. 127va: „et dicit Solinus, quod sunt fortis memorie (sc. mulieres); quod

falsum est.“
283 Ebd., fol. 200vb: „Dicendum, quod vita non apropriat aliquod membrum in

corpore, quicquid dicat Avicenna“; ebd., fol. 211rb: „Dicendum, quod deceptus est
Avicenna.“
284 Ebd., fol. 274ra: „Dicendum, quod Ypocras erravit in hoc.“
285 Ebd., fol. 104rb: „Ad oppositum Aristotiles in libro de anima, qui dicit: … Dico

quod mentitur, quod …“; ebd., fol. 114ra: „Unde male diffinit vitam Aristotiles, quia
anima non est actus, sed dat actum, id est vitam; et solvitur, quod vita est actus et
anima est ipsum dans“; ähnlich ebd., fol. 47ra; 108va; 149ra; 200ra; 213ra und [Florentiner
Redaktion] (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 148ra;
148va; 154vb).
286 Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redaktion] (Venezia, Biblio-

teca Nazionale Marciana, Lat. VI 234, fol. 214vb): „et erravit Aristotiles, Ysaac et Gale-
nus. Unde dico, quod …“; ähnlich ebd., fol. 50ra.
287 Ebd., fol. 34ra: „Duplex est intellectus, scilicet (s. om. V ) creatus et increatus. De

increato intelligit Anaxagoras, et bene. Sed datur posterius, ut anima intellectiva. Et


male ipsum arguit Aristotiles.“
140 kapitel ii

logen“ abgrenzt.288 An einer Stelle spricht er von tres secte philosophorum,


wobei er—Averroes folgend—der zweiten dieser drei Richtungen Avi-
cenna, Alfarabius et Christiani zurechnet; er selbst verteidigt dann aber
nicht etwa die Auffassung der Christiani, sondern bekennt sich in die-
sem Punkt zur dritten Richtung, derjenigen des Aristoteles.289 In sol-
chem Stil verwirft er auch herrschende Lehrmeinungen.290 Mit der-
selben Klarheit und Unbekümmertheit, mit der er gegen Autoritäten
auftritt, distanziert er sich allerdings auch von seiner eigenen frühe-
ren, unterdessen als überholt erkannten Auffassung.291 Es überrascht
somit nicht, dass er auch empirischer Beobachtung zu misstrauen, ja
sie als unzuverlässig zu verwerfen vermag.292 Mit vergleichbarer Schärfe

288 Ebd., fol. 119ra: „Unde potest accelerari vel tardari (sc. mors naturalis), quamvis

dicant theologi contrarium“; [Florentiner Redaktion] (Firenze, Biblioteca Nazionale


Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 164va): „Ad confirmacionem dicendum, quod
peccatum—sicut dicunt theologi—non solum venit (vivit Fi) a corpore, sed a parte
(patre Ro) anime consencientis (c.] sencientis Fi) in malum. Nos autem dicimus, quod
anima creata est pura.“
289 Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redaktion] (Venezia, Biblio-

teca Nazionale Marciana, Lat. VI 234, fol. 33va): „Ad 2m dicendum, quod tres secte
(septe L) fuerunt philosophorum, sicut dicit Averroes super XIm: Quidam dixerunt for-
mas latere in materia et deteguntur actione (a.] actione compositione V compositione
L) agentis. Alii posuerunt formas a datore, ut Avicenna, Alfarabius et Christiani. 3a fuit
media, quod partim sic et partim sic, sicut dicit Aristotiles, quia sunt in potentia in
materia et reducuntur de potentia ad actum. Hoc ultimo modo verum est. Unde dico,
quod primo exitu fuerunt omnes a datore, sed in natura non sic, sed a virtute nature
et factoris primi fit distinctio; a primo (-is V ) in rebus ut ab agente, a natura ut ab
instrumento.“
290 Ebd., fol. 226rb: „Ad hoc dicendum, quod sicut dicunt magistri, … Nos autem

dicimus, quod …“ und fol. 51va: „Dicendum, quod quidam dicunt, quod diversitas
rerum exivit a primo non per exemplaria, sicut dicunt famosi. Nos dicimus, quod …“
Vgl. Anonymus, Commentarium cum questionibus super librum de animalibus (Città
del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2164, fol. 261va): „Sed hoc nichil
est, quamvis magni magistri hoc dixerunt.“
291 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redak-

tion] (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI 234, fol. 192va–vb): „Nam omnis
actio membri principalis incipit in ipso sicut actio epatis in epate et finitur in venis et
actio stomachi in stomacho et finitur in intestinis, quicquid dixerim prius.“
292 Ebd., fol. 27rb: „Contrarium videmus experimento, quia vix crescunt (sc. pueri)

in prima etate. Dicendum, quod in puero est maius augmentum in triplo, quia calor
maior et materia mollis, ideo facile extenditur. Ad rationem dico, quod decipitur sen-
sus. Unde provecti non magis videntur crescere, quia sic fit, sed quia plus adcedunt
ad terminum, pueri vero multum distant“; ebd., fol. 283va: „Contrarium videmus, sicut
in corvulis et huiusmodi. Dicendum, quod non concipiunt animalia per osculum, sed
femina per osculum excitatur ad transmittendum sanguinem mestruum ad matricem.
Et dico, quod experimentum decipitur.“ Vgl. die knappe, ohne Begründung gegebene
Feststellung des Petrus Hispanus (Medicus), Glose super tegni Galieni (Madrid, Biblio-
teca Nacional, 1877, fol. 104ra): „Ad secundum dicimus, quod experimentum fallit.“
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 141

distanziert sich gelegentlich beispielsweise auch Petrus Hispanus (Medi-


cus) in seinen medizinischen Schriften von Autoritäten.293 Eine pronon-
cierte Gegenposition zu Ps.-Petrus vertritt hinsichtlich der Autorität des
Aristoteles andererseits der Verfasser des Commentarium cum questionibus
super librum de animalibus.294 Mit der autoritätskritischen Haltung hängt
im Übrigen der Umstand zusammen, dass bei der Pariser Verurteilung
von 1277 auch der generelle Satz in die Liste der 219 verworfenen Pro-
positionen aufgenommen wurde, dem zufolge man, um Gewissheit in
einer Frage zu erlangen, sich nicht mit einer Autoritätsmeinung zufrie-
dengeben dürfe.295 Freilich geht es dort um die Gewichtung theologisch-
kirchlicher Autorität. Auf eine Rückwendung zu Autorität und Tradi-
tion im fünfzehnten Jahrhundert, allerdings ebenfalls im Zusammen-
hang mit der Diskussion des Verhältnisses zwischen Philosophie und
Theologie, hat Maarten Hoenen aufmerksam gemacht.296

293 Zum Beispiel von Bartholomaeus Salernitanus, siehe Petrus Hispanus (Medicus),

Notule super regimen acutorum (Madrid, Biblioteca Nacional, 1877, fol. 111va): „Ad
hoc solvit Bartholomeus dicens, quod hoc est, quia … Sed hoc nichil est. … Et ideo
dico, quod mentitur Bartholomeus in solutione sua[m] per barbam tanquam proditor
et mendax.“
294 Anonymus, Commentarium cum questionibus super librum de animalibus (Città

del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat.lat. 2164, fol. 253rb): „Dicendum ergo
secundum Aristotilem, qui mentiri nescivit, et secundum Averroem et Avicennam,
quod …“ Da ‚mentiri‘ hier—so wie auch in anderen Kommentaren—nicht im Sinne
einer (vorsätzlichen) Lüge, sondern als ‚etwas Unzutreffendes behaupten‘ zu verste-
hen ist, bekennt sich der Kommentator offenbar vorbehaltlos zu der Überzeugung,
dass Lehrmeinungen des Aristoteles schlechterdings ausnahmslos der Wahrheit ent-
sprechen. Hierzu passt, dass er bezeichnenderweise dort besonders scharf formuliert,
wo er eine Anmaßung Galens zurückweisen will, der es gewagt hatte, Aristoteles zu
kritisieren: „Et per illam rationem loquitur Galienus derisorie contra Aristotilem repre-
hendendo ipsum; quod utinam non fecisset!“ (fol. 253ra); „Ad aliud, quo arguit Galli-
enus contra Aristotilem … dicendum, quod potius argumentum Gallieni ridiculosum
est“ (fol. 253vb). Beachtenswert ist seine—auch sonst seit der Zeit um die Jahrhun-
dertwende verstärkt begegnende—Neigung zu philologischer Textkritik: „Ne cures de
littera illius translacionis, quia corrupta est; nam ubi debet esse purgacio, est inpre-
gnacio“ (fol. 288ra); sie bietet ihm einen Ausweg in einer Situation, wo er vermeiden
möchte, einen Irrtum des von ihm für unfehlbar gehaltenen Aristoteles einräumen zu
müssen: „Vel forte peccat ibi translacio“ (fol. 302rb).
295 Opiniones … a Stephano episcopo Parisiensi … condemnatae (1277), 150, in:

Chartularium Universitatis Parisiensis n. 473, ed. Heinrich Denifle/Emile Chatelain,


I, Paris 1889 (Nachdr. Bruxelles 1964), 552. Zur Interpretation der Verurteilung dieses
Satzes Roland Hissette, Enquête sur les 219 articles condamnés à Paris le 7 mars 1277
(Philosophes médiévaux 22), Louvain 1977, 22 f.
296 Maarten J.F.M. Hoenen, Zurück zu Autorität und Tradition. Geistesgeschichtli-

che Hintergründe des Traditionalismus an den spätmittelalterlichen Universitäten, in:


„Herbst des Mittelalters“? Fragen zur Bewertung des 14. und 15. Jahrhunderts, ed.
142 kapitel ii

Im geistigen Umfeld der Epoche zeichnet sich somit nicht nur eine
intensive Zuwendung zu den konkret vorliegenden Natursachverhal-
ten ab. Es kommt zugleich auch zu einer verstärkten Reflexion dar-
über, in welcher Weise diese Naturgegebenheiten in ihrem konkreten
Vorliegen erfahrungsmäßig erfasst und innerhalb des naturphilosophi-
schen Erkenntnisprozesses methodisch zur Geltung gebracht werden
können—eine Entwicklung, die sich im vierzehnten Jahrhundert in der
via moderna fortsetzen wird.297 Damit war eine notwendige allgemeine
Rahmenbedingung gegeben, innerhalb derer es zu einer philosophisch-
wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Menschlichen in seiner le-
bensweltlichen Konkretisierung kommen konnte. Darüber hinaus
zeichnen sich zusätzliche Faktoren ab, die in spezifischer Weise dieses
anthropologische Erkenntnisinteresse befördert haben dürften.

3. Auswirkungen der neuen Perspektiven und weiterer


Anstöße auf die philosophische Befassung mit dem Menschen

3.1. Betrachtung des Menschen als res naturalis


Dass es innerhalb der allgemeinen interessierten Zuwendung zu den
Naturgegebenheiten speziell auch zu einer philosophisch-wissenschaft-
lichen Befassung mit dem Menschen in seinen konkreten Ausprägungs-
weisen kommen konnte, hing zunächst maßgeblich von der Einsicht ab,
dass auch der Mensch selbst legitimerweise als res naturalis zu betrach-
ten war und somit Gegenstand der mit der Untersuchung der beleb-
ten Natur befassten wissenschaftlichen Disziplinen wurde. „Vorausge-
setzt, dass der Mensch und die anderen Sinnenwesen res naturales sind“,
lautet denn auch bezeichnenderweise eine Formulierung Alberts des
Großen in De animalibus im Zusammenhang mit seiner methodischen
Forderung, den menschlichen und tierlichen Körper—anders als in der
antiken Naturphilosophie—gemäß sämtlichen naturgegebenen Prinzi-
pien zu untersuchen und nicht allein der Materialursache nach.298

Jan A. Aertsen/Martin Pickavé (Miscellanea Mediaevalia 31), Berlin–New York 2004,


133–146.
297 Theodor W. Köhler, Wissenschaft und Evidenz. Beobachtungen zum wissen-

schaftstheoretischen Ansatz des Jakob von Metz, in: Sapientiae Procerum Amore.
Mélanges Médiévistes offerts à Dom Jean-Pierre Müller O.S.B., ed. ders. (Studia Ansel-
miana 63), Roma 1974, 369–414.
298 Albert d. Gr., De animal. XI tr. 1 c. 3 n. 27–29 (ed. Stadler, I, 770 l. 28 – 771 l. 38).
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 143

An und für sich hatte bereits Gregor der Große den Blick auf die
naturalia des Menschen hin geöffnet mit seinem vielzitierten Wort, dass
der Mensch von allem geschaffenen Sein etwas in sich trage: mit den
Steinen habe er das Dasein gemein, mit den Bäumen das Leben, mit
den Tieren das sinnliche Wahrnehmen und mit den Engeln das ver-
nünftige Denken.299 Bestimmend für das Denken im lateinischen Wes-
ten wurde aber zunächst die augustinische Erkenntnishaltung gegen-
über dem Menschen, die im Gegenteil gerade dazu anhielt, beiseite
zu lassen, „was wir mit Strauchwerk und Tieren gemein haben.“300
Die Aufmerksamkeit galt dem Menschen in seiner Geschöpflichkeit
und Erlösungsbedürftigkeit, nicht in seiner natürlichen Verfasstheit.301
Im zwölften Jahrhundert waren es vor allem Bernhard von Clairvaux
und die ihm nahestehenden Denker, die—wie oben schon anklang—
gegenüber der aufkommenden neuen naturphilosophischen und auch
medizinischen Betrachtungsweise des Menschen die traditionelle theo-
logisch-heilsgeschichtliche Perspektive als die allein angemessene anzu-
mahnen bemüht waren. Bezeichnend dafür ist eine Passage aus einer
Predigt Bernhards zum Hohenlied, in der der Doctor mellifluus seine
monastische Hörerschaft vor einer durch die medizinische Lehrtra-
dition, repräsentiert durch die Namen des Hippokrates und Galens,
geweckten Aufmerksamkeit für den äußeren Menschen mit seinen kör-
perlichen Bedürfnissen warnte: „Hippokrates und seine Nachfolger leh-
ren, das Leben gesund zu erhalten, Christus und seine Jünger, es zu
verlieren. Wen von beiden erwählt ihr, um ihm als Lehrer zu folgen?
Aber es verrät sich, wer so doziert: ‚Dies schadet den Augen und dies
dem Kopf, jenes der Brust oder dem Magen.‘ So gibt jeder zum besten,

299 Gregor d. Gr., Homiliae in Evangelia XXIX, 2, ed. Raymond Étaix, Gregorius

Magnus, Homiliae in Evangelia (Corpus Christianorum S.L. 141), Turnhout 1999, 246
l. 34–36; ders., Moralia in Iob VI 16, 20, ed. Marc Adriaen (Corpus Christianorum
S.L. 143), Turnhout 1979, 298 l. 10–28. Vgl. Nemesius von Emesa, Premnon physicon,
ed. Karl Burkhard, Nemesii episcopi premnon physicon c. 1 8–11, Leipzig 1917, 6 l. 21 –
9 l. 14 und dens., De natura hominis c. 1, ed. Gérard Verbeke/Josep R. Moncho
(Corpus Latinum commentariorum in Aristotelem Graecorum, Suppl. 1), Leiden 1975,
5 l. 37 – 6 l. 52. Zum Denkhintergrund bei Macrobius und Calcidius siehe Richard
C. Dales, A Medieval View of Human Dignity, in: J. Hist. Ideas 38 (1977) 557–572, hier:
559 f.
300 Siehe oben S. 86.
301 Walter Ullmann, Some Observations on the Medieval Evaluation of the „Homo

Naturalis“ and the „Christianus“, in: L’homme et son destin d’après les penseurs
du Moyen Âge. Actes du Premier Congrès international de Philosophie médiévale
(Louvain–Bruxelles 28 août – 4 septembre 1958), Louvain–Paris 1960, 145–151, hier:
146 f.
144 kapitel ii

was er von seinem Lehrer gelernt hat. Im Evangelium habt ihr diese
Unterscheidung nicht gelesen, auch nicht bei den Propheten oder in
den Schriften der Apostel. Ohne Zweifel haben Fleisch und Blut dir
diese Weisheit geoffenbart, nicht der Geist des Vaters, denn das ist die
Weisheit des Fleisches. Höre aber, was darüber unsere Ärzte denken:
‚Die Weisheit des Fleisches‘, sagen sie, ‚ist der Tod‘ (Röm 8,6), und
ebenso: ‚Die Weisheit des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott‘ (Röm
8,7). Hätte ich euch etwa die Ansicht des Hippokrates oder Galens oder
gar die aus der Schule des Epikur vorlegen sollen? Ich bin Christi Jün-
ger und rede zu Jüngern Christi: Wenn ich eine fremde Lehre einführe,
habe ich selbst gesündigt. Epikur und Hippokrates: der eine sieht in
der Lust des Leibes, der andere in seiner guten Verfassung das Wich-
tigste; mein Lehrer verkündet die Verachtung beider Güter.“302 Vorbe-
halte gegenüber einer Betrachtung des Menschen nach seinen naturge-
gebenen Seiten klingen auch in einer Äußerung des unbekannten Ver-
fassers einer wahrscheinlich zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts
zusammengestellten, für die Aristotelesrezeption bedeutsamen Samm-
lung theologischer Quaestionen an. Darin wendet sich dieser Autor
gegen die Auffassung nicht näher gekennzeichneter infelices, wonach der
Geschlechtsakt nicht anders als Essen und Trinken eine res naturalis dar-
stelle. Unmittelbar zielt er mit seinem Verdikt auf die aus dieser Ein-
ordnung abgeleitete und klarerweise nicht haltbare Schlussfolgerung,
dass der menschliche Geschlechtsakt als res naturalis in jeglicher Hin-
sicht einer moralischen Beurteilung entzogen sei.303 Doch scheint es,
dass er an einer Sichtweise vom Geschlechtsakt als res naturalis über-
haupt Anstoß nimmt. Dass insgesamt Vorbehalte gegenüber einer phi-
losophischen Betrachtung des Geschlechtsakts als einer res naturalis—
der Constantinus Africanus immerhin eine eigene Schrift gewidmet

302 Bernhard von Clairvaux, Sermones super Cantica Canticorum 30, 10, ed. Ger-

hard Winkler, Bernhard von Clairvaux. Sämtliche Werke lateinisch/deutsch V, Inns-


bruck 1994, 481–483. Hierzu Morpurgo, „Tuum studium sit velle regnare diu“, 181 f.
303 Anonymus, Silloge di questioni teologiche c. 13, ed. Alessandro Ghisalberti, L’assi-

milazione dell’aristotelismo in un’inedita silloge di questioni teologiche degli inizi del


sec. XIII, in: Filosofia e cultura. Per Eugenio Garin, ed. Michele Ciliberto/Cesare
Vasoli, Roma 1991, 61–100, hier 99 f.: „In capitulo decimotertio, quod dicunt quidam
infelices quod non est aliquod peccatum coitus sed est res naturalis. Et ad hoc opus
Deus distinxit sexum et dedit membra genitalia. Sed contra haec est castitas anima-
lium. … Item si coitus est res naturalis sicut comedere et bibere, sicut non faceret tibi
iniuriam quae daret uxori tuae famescenti comedere et bibere, si tu esses pauper, ita
non faceret tibi iniuriam si quis coiret cum uxore tua ipsa optante, …“ Zur Datierung
ebd., 62 f.
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 145

hatte304—bestanden, bezeugt der in den Quaestiones Salernitanae etwa um


die gleiche Zeit wiederholte, ursprünglich von Wilhelm von Conches
im Dragmaticon philosophiae (ca. 1144/1149) gegen die Bedenken seines
Gesprächspartners formulierte Standpunkt, dass nichts Naturgegebenes
unanständig sei, da es schließlich ein Geschenk des Schöpfers darstelle.
Einem Gespräch darüber auszuweichen sei Heuchelei.305
Trotz aller anfänglichen Widerstände hatte sich die Auffassung, dass
der Mensch „eingeordnet in die Natur, Natur sei“306 und hinsichtlich
seiner naturgegebenen Seiten legitimerweise zum Gegenstand philoso-
phischer, „wertneutraler“ Untersuchung werden könne, seit der zweiten
Hälfte des zwölften Jahrhunderts zunehmend durchgesetzt und die phi-
losophische Erkenntnisbemühung um den Menschen nach und nach
zu prägen begonnen.307 Dies ist vor dem Hintergrund einer ausge-
sprochen pessimistisch abwertenden Grundstimmung zu sehen, die das
1195 von Lothar von Segni, dem späteren Papst Innozenz III., ver-
fasste, ausgesprochen populäre und einflussreiche Werk De miseria con-
dicionis humane verbreitet hatte.308 Eine wichtige Etappe stellen die von
Ludwig Hödl als „averroistische Wende in der lateinischen Philoso-
phie“ bezeichneten Entwicklungen in der ersten Hälfte des dreizehnten
Jahrhunderts dar. Unter dem in diesen Jahrzehnten einsetzenden Ein-
fluss der Aristoteles-Kommentierung des Averroes (Ibn Rušd) richtete
sich das Interesse der Gelehrten nachhaltig auf die Frage nach dem
„naturalen Wesen des Menschen“ und verstärkte sich das philosophi-
sche Bemühen, „den Menschen in seiner wesenhaften Natürlichkeit“

304 Constantinus Africanus, De coitu, ed. Enrique Montero Cartelle, Constantini

liber de coitu. El tratado menor de andrología de Constantino el Africano, Santiago


de Compostela 1983. Zur Übersetzertätigkeit des Constantinus insgesamt im Überblick
siehe Burnett, The Introduction, 23.
305 Quaestiones Salernitanae 15, ed. Brian Lawn, The Prose Salernitan Questions

(Auctores Britannici Medii Aevi 5), London 1979, 9 l. 22 – 10 l. 2: „…; sed quia
materia coitus et actio non adeo est honesta ut delectabilis, amplius multa de ea querere
pretermittimus. Solutio; nihil quod sit naturale est turpe, illud est naturale, ergo non
turpe est, donum namque creationis est. Sed nostri garçiones ypocrite plus nomen
quam rem abhorrentes loqui de talibus fugiunt“; Wilhelm von Conches, Dragmaticon
philosophiae VI 8, 14 (ed. Ronca, 211 l. 108–113). Vgl. Cadden, „Nothing Natural is
Shameful.“
306 Hierzu Köhler, Grundlagen, 57 und Anm. 29.
307 Ebd., 52–73; 161; 625–643.
308 Lothar von Segni (Innozenz III.), De miseria condicionis humane, ed. Robert

E. Lewis, Athens 1978. Vgl. Loris Sturlese, Von der Würde des unwürdigen Menschen.
Theologische und philosophische Anthropologie im Spätmittelalter, in: Mittelalterliche
Menschenbilder, ed. Martina Neumeyer (Eichstätter Kolloquium 8), Regensburg 2000,
21–34, hier: 21 ff.
146 kapitel ii

zu verstehen.309 Mit einer gewissen Selbstverständlichkeit kann Roger


Bacon in den Communia naturalium konstatieren, dass der Mensch eine res
naturalis sei und als solche auch in den Gegenstandsbereich der natur-
philosophischen Forschung falle.310 Wie Albert der Große—Aristoteles
folgend—des Näheren ausführt, umfassen die naturgegebenen Seiten
des Menschen (naturalia homini [sic!]) sowohl seine allgemeine Gattungs-
natur mit den auch den anderen Sinnenwesen zukommenden körper-
gebundenen Vermögen des sinnlichen Wahrnehmens und Begehrens
als auch seine spezifische Intellektnatur.311 Ausdrücklich auf den Men-
schen seinen naturgegebenen Seiten nach nimmt der Franziskaner Rai-
mund Rigauld († 1296) in seinem achten Quodlibet (wohl nach 1280)
Bezug. Hier gruppiert er drei Quaestionen eigens unter der Überschrift
de homine quantum ad naturalia. Er behandelt in ihnen die Fragen, ob der
Mensch wahrer als solcher bezeichnet wird im Hinblick auf den Sta-
tus der Schuldlosigkeit, der Armseligkeit oder der Herrlichkeit, ob der
Wille zuerst auf das ihm eigene Gute oder das Zielgute hin bewegt wird
und ob ein Mensch im Schlaf Handlungen auszuführen vermag, wie er
sie auch im Wachzustand ausführt.312 Die Einsicht unter den Magistern,
dass zur „Selbsterkenntnis“ des Menschen notwendig Wissen um seine
naturgegebene Körperkonstitution mit „Blut, Weichteilen („Fleisch“),
Knochen, Adern und ähnlichem“ gehört, konnte sich auf eine poin-
tierte Äußerung des Stagiriten in De partibus animalium stützen.313

309 Ludwig Hödl, Über die averroistische Wende der lateinischen Philosophie des

Mittelalters im 13. Jahrhundert, in: Rech. Théol. anc. méd. 39 (1972) 171–204, hier:
176 f. Zum beginnenden Einfluss des Averroes siehe René-Antoine Gauthier, Notes sur
les débuts (1225–1240) du premier „Averroïsme“, in: Rev. Sc. philos. théol. 66 (1982)
321–374.
310 Roger Bacon, Communia naturalium I pars 1 d. 1 c. 2 (ed. Steele, 8 l. 31 – 9

l. 1): „Constat vero quod homo est res naturalis, et ideo sciencia de ejus constituta
naturalibus erit inter naturales comprehensa.“
311 Albert d. Gr., De anima I tr. 1 c. 1 (Ed. Colon. VII/1, 2 l. 26–33). Vgl. Aristoteles,

Ethica Nicomachea I 6 (1098a1–20) und X 7–8 (1178a5–16).


312 Raimund Rigauld, Quodl. VIII q. 22–24 (Todi, BC, 98, fol. 44ra–rb): „De homine

quantum ad naturalia. Primo queritur, utrum verius homo dicatur pro statu innocencie,
miserie vel glorie. … Secundo queritur de voluntate, utrum prius moveatur in bonum
proprium vel in bonum finis. … Tercio queritur, utrum dormiens possit actus vigilan-
cium exercere.“
313 Aristoteles, De partibus animalium I 5 (645a26–30) [Translatio Scoti] (ed. van

Oppenraaij, 28): „Si ergo aliquis putaverit quod cognitio animalium sit ignobilis, putet
ergo quod cognitio ipsius sit ignobilis. Quoniam non potest cognoscere res ex quibus
componitur homo sine difficultate, scilicet sanguis, et caro, et os, et venae, et sibi simi-
lia.“ Vgl. Algazel, Metaphysica, pars 1, ed. Joseph Th. Muckle, Algazel’s Metaphysics.
A Mediaeval Translation, Toronto 1933, 3 l. 19–21; Ps.-Aristoteles, Liber de pomo, ed.
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 147

Dass der Mensch nicht ausschließlich eine res naturalis darstellt, war
für die Magister aus ihrer Glaubenshaltung heraus selbstverständlich.
Roger Bacon bringt diese Differenzierung in einer seiner Questiones supra
libros octo physicorum (Questiones altere) zum Ausdruck, die er in den vierzi-
ger Jahren in Paris verfasst hat. Dort nimmt er zu der Frage Stellung,
ob im Menschen, insofern er Mensch ist, Natur (als Prinzip der Bewe-
gung) sei. Ein erstes Argument hatte uneingeschränkt eine positive Ant-
wort nahegelegt und dazu darauf hingewiesen, dass der Mensch eine
res sei und über ihn in den Büchern über die Natur gehandelt werde.
In seiner Determinatio geht Roger selbst dann von einem zweifachen
Bewegungsprinzip im Menschen aus: dem überlegten Wollen (proposi-
tum) oder Intellekt einerseits und bestimmten für den Menschen typi-
schen Kräften, die auf den Intellekt hinordnen, andererseits. Das erste
dieser Bewegungsprinzipien sei preter naturam, das zweite a natura. Er
unterstellt eine zweifache Natur im Menschen, nämlich einerseits die
gemäß überlegtem Wollen wirkende und andererseits diejenige, die sich
auf seine Rolle als Finalursache aller Naturdinge bezieht.314
Wenn die Autoren voraussetzen, dass der Mensch als res naturalis bzw.
gemäß seinen naturalia betrachtet werden kann, beziehen sie sich damit
im Prinzip auf den Sachverhalt, dass der Mensch aufgrund von Über-
einstimmungen mit den anderen Dingen der Natur unter naturphi-
losophischen Gesichtspunkten zum Untersuchungsgegenstand zu wer-
den vermag. Der Begriff res naturalis hat also in diesem Kontext eine

Marianus Plezia, Aristotelis qui ferebatur liber De pomo. Versio latina Manfredi (Auc-
torum graecorum et latinorum opuscula selecta, Fasc. II), Warszawa 1960, 51 l. 11 – 52
l. 4; vgl. auch die Schilderungen in Guillaume de Lorris/Jean de Meun, Romanz de
la Rose, ed. Karl A. Ott, Guillaume de Lorris und Jean de Meun, der Rosenroman,
I (Klassische Texte des Romanischen Mittelalters 15/1), München 1976, 93 ff.; ebd., II
(Klassische Texte des Romanischen Mittelalters 15/2), München 1978, 480 ff.; 592 ff.
314 Roger Bacon, Questiones supra libros octo physicorum II, ed. Ferdinand M. De-

lorme (Opera hactenus inedita Rogeri Baconi, XIII), Oxford 1935, 82 l. 9–27: „Queri-
tur utrum in homine unde homo est sit natura. Quod sic: quia homo est res, cum de
ipso determinatur in libris nature. … Solutio: homo unde homo est habet principium
movendi a natura et preter naturam; set quia habet animam rationalem et intellectum,
et homo similiter unde homo est habet aliquas virtutes disponentes ad intellectum, et
differunt iste in homine et aliis animalibus, et quantum ad istas virtutes disponentes
ad intellectum homo unde homo est habet naturam et principium movendi a natura,
nec est habens naturam et sic non habet principium motus qui est natura, et sic pro-
positum vel intellectus sunt principium motus in homine unde homo est; natura est in
homine duplex, agens secundum propositum et natura, quia est finis omnium natura-
lium.“ Hier scheint vor dem letzten, mit „quia“ eingeleiteten Nebensatz ein Textverlust
eingetreten zu sein.
148 kapitel ii

fest umrissene Bedeutung. Deshalb ist zu beachten, dass der Begriff


des naturale als solcher ansonsten von den zeitgenössischen Autoren
in sehr verschiedenen Bedeutungen verwendet wird je nachdem, wel-
che Gesichtspunkte sie dabei jeweils im Auge haben. Auf diese unter-
schiedliche Begriffsverwendung macht beispielsweise Albert von Orla-
münde in seiner Summa naturalium ausdrücklich aufmerksam. Er führt
drei Bedeutungen von naturale an. Nach einer ersten ist dasjenige für ein
Wesen „natürlich“, was ihm von seiner Erschaffung her zukommt—in
diesem Sinn ist etwas zu wissen und zu lernen für den Menschen etwas
„Natürliches.“ Nach einer zweiten Bedeutung gilt als „natürlich“ das,
was dem Gang der Natur entspricht,315 dass beispielsweise aus einem
Menschen ein Mensch und aus einem Pferd ein Pferd geboren wird.
Drittens heißt „natürlich“ das, was die scientia naturalis zum Gegen-
stand hat.316 Andere Autoren sprechen von naturale in Bezug auf das,
was von der Natur verursacht wird,317 was das Prinzip seiner Bewe-
gung in sich trägt,318 was einem Ding von Natur aus innewohnt,319
was Teil eines Naturdinges ist oder eine Hinneigung auf ein solches
besitzt,320 was einer Hinneigung der Natur entspricht,321 was ein natür-

315 So auch Petrus Hispanus Portugalensis, Tractatus de longitudine et brevitate vite

II c. 3 (ed. Alonso, 447 l. 18 f.); Thomas von Aquin, Sententia libri Politicorum I c. 3, ed.
Fratres Praedicatores (Hyacinthe-François Dondaine/Louis-Jacques Bataillon) Roma
1971 (Ed. Leon. XLVIII, A 87 l. 129–132).
316 Albert von Orlamünde, Summa naturalium [Rez. B, unvollständig] I c. 1, ed.

Auguste Borgnet, B. Alberti Magni opera omnia, Paris 1890 (Ed. Paris. V, 446a).
317 Aegidius Romanus, Expositio libri de anima II (Ed. Venezia 1500, fol. 44rb):

„sed opera nature sunt naturalia“; Anonymus, Questiones super de sensu et sensato
(Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 3061, fol. 146ra): „Item
considerare habet passiones et effectus naturales causatos a natura. Cuius ratio est,
quoniam philosophus habet considerare naturalia quecumque sunt. Sed sanitas et
egretudo sunt naturalia. Sunt enim effectus naturalium. Fiunt a natura, ut dicitur 8
methaphisice, …“
318 Thomas von Aquin, De motu cordis, ed. Fratres Praedicatores, Roma 1976 (Ed.

Leon. XLIII, 127 l. 30 f.). Zu dieser aristotelischen Konzeption siehe James A. Weis-
heipl, The Concept of Nature, in: The New Scholasticism 28 (1954) 377–408, hier:
386 ff.
319 Petrus de Alvernia, Questiones supra libros Politicorum VI q. 1, ed. Christoph

Flüeler, Rezeption und Interpretation der Aristotelischen Politica im späten Mittelalter,


Teil 1 (Bochumer Studien zur Philosophie 19.1), Amsterdam-Philadelphia 1992, 223, mit
weiteren Unterteilungen; Aegidius Romanus, Expositio libri de anima II (Ed. Venezia
1500, fol. 44rb): „Sed id quod datur alicui a natura, est naturale.“
320 Galfrid von Aspall, Questiones in de anima II (ed. Čizmić, 194): „…, ut habetur

in 2 phisicorum, quod naturale dicitur aut quia est pars rei naturalis aut quia habet
inclinacionem ad rem naturalem.“
321 Thomas von Aquin, Summa theologiae I q. 82 a. 1c (Ed. Leon. V, 293b); Bar-
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 149

liches Ziel hat,322 dessen Bestimmung sinnlich wahrnehmbare Mate-


rie einschließt,323 was notwendigerweise, immer oder meistens der Fall
ist,324 was allen, die derselben Spezies angehören, innewohnt,325 was
Wesensbestandteil von etwas ist oder dessen Wesen entspringt,326 was
gleichförmig abläuft,327 oder verwenden es als Gegenbegriff zum Wil-

tholomaeus von Brügge, Scriptum et questiones yconomice Aristotilis I c. 3 (Transkrip-


tion von Blažek, 31 f.): „Naturale enim est, ad quod inclinat natura, …“ Vgl. Aegi-
dius Romanus, De regimine principum II c. 7 (Ed. Roma 1607, 239). Zu diesem Werk
und seiner Datierung wahrscheinlich um 1280 siehe Del Punta/Donati/Luna s. v. Egi-
dio Romano, 320b und 331a. Grundlegend ist Roberto Lambertini, A proposito della
‚costruzione‘ dell’Oeconomica in Egidio Romano, in: Medioevo 14 (1988) 315–370.
322 Anonymus, Questiones super libros yconomicorum (Erfurt, Universitätsbiblio-

thek, Dep. Erf., CA 4° 343, fol. 140r): „Id est naturale, cuius finis est naturalis.“
323 Petrus de Alvernia, Quaestiones super librum de somno et vigilia, q. 2 (ed. White,

II, 206 l. 15 f.): „Item. Somnus et vigilia sunt passiones naturales, quia in sua ratione
includunt materiam sensibilem: …“; Anonymus, Questiones super physicam, Prol.
(Cambridge, Gonville and Caius College, 509, fol. 1rb): „Composita sunt, que sunt scibi-
lia et sensibilia vel cum natura sensibili coniuncta; et hec iterum sunt duplicia: Quedam
enim simpliciter sunt talia, que sunt cum natura sensibili coniuncta, cuiusmodi sunt
naturalia; alia vero non simpliciter, sed secundum quid, ut matematica, ….“
324 Roger Bacon, Questiones supra libros quatuor physicorum IV, ed. Ferdinand

M. Delorme (Opera hactenus inedita Rogeri Baconi, VIII), Oxford 1928, 94; Petrus
Hispanus (Medicus), Glose super tegni Galieni (Madrid, Biblioteca Nacional, 1877,
fol. 64ra): „Unde quia hoc secundum cursum nature non sit, rarissime hoc evenit“;
Thomas von Aquin, Summa contra gentiles III c. 75 (Ed. Leon. XIV, 221a); Petrus von
Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 11, 27 (Ed. Venezia 1501, fol. 132va):
„Que siquidem naturalia determinata sunt ad id quod est esse ut in pluribus et semper
secundum aliqua sui“; Bartholomaeus von Brügge, Scriptum et questiones yconomice
Aristotilis (Transkription von Blažek, 153): „…, quare sequitur, quod hoc fit a natura,
quia non potest esse casu, cum sit in pluribus, ut manifestum est, quare et cetera“;
ebd., 32: „Naturale autem est, quod est in pluribus, …“; ebd., 179: „…, et naturale est
semper, aut frequenter, ut habetur secundo phisicorum.“
325 Roger Bacon, Moralis philosophia pars 4 d. 2 n. 8 (ed. Massa, 197 l. 11 f.);

Petrus Hispanus (Medicus), Notule super Iohanicium (Madrid, Biblioteca Nacional,


1877, fol. 24va): „Contrarium videtur. Quia quod naturaliter inest, omnibus inest, sed
medicina non est omni homini, ergo homini non inest naturaliter“; Anonymus, Ques-
tiones super libros yconomicorum (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 4° 343,
fol. 140r): „2° illud non est naturale, quod non eodem modo salvatur in omnibus indivi-
duis eiusdem nature vel speciei.“ Vgl. Petrus de Alvernia, Quaestiones super librum de
sensu et sensato, q. 14 ctr. (ed. White, II, 30 l. 10 f.).
326 Anonymus, Questiones metaphisice (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale,

Conv. Soppr. E.1.252, fol. 278vb): „Prius tamen dici potest, quod esse naturale alicui
dupliciter potest esse; vel quod sit de essencia eius aut quod consequatur essenciam
suam.“
327 Nemesius von Emesa, De natura hominis c. 2 (ed. Verbeke/Moncho, 48 l. 59 f.);

Dominicus Gundissalinus, De anima (ed. Muckle, 67 l. 27 f.); Albert d. Gr., Super


Ethica I lect. 2 n. 14 (Ed. Colon. XIV/1, 12 l. 32 f.); ebd., III lect. 3 n. 170 (152 l. 44–
49); VI lect. 10 n. 537 (XIV/2, 463 l. 13–15); ders., De anima II tr. 3 c. 22 (Ed. Colon.
150 kapitel ii

lentlichen,328 zum Akzidentellen,329 zum Erworbenen330 und Künstli-


chen331 oder zum Wunderbaren.332

VII/1, 131 l. 34–36); ders., Quaest. super De animal. V q. 10c und ad 2 (Ed. Colon.
XII, 159 l. 66–68; 160 l. 9–11); ebd., VIII q. 4c (189 l. 77 – 190 l. 2); IX q. 19c (211
l. 54–56); ders., De XV probl. I, ed. Bernhard Geyer (†), Münster 1975 (Ed. Colon.
XVII/1, 33 l. 44–53); Anonymus, Quaestiones in tres libros de anima II q. 55 (ed.
Vennebusch, 248 l. 141–147); Petrus de Alvernia, Quaestiones super librum de sensu
et sensato, q. 14c (ed. White, II, 31 l. 16 f.). Vgl. Urs Dierauer, Tier und Mensch im
Denken der Antike. Studien zur Tierpsychologie, Anthropologie und Ethik (Studien
zur antiken Philosophie 6), Amsterdam 1977, 215 f. für die Hintergrundkonzeption der
Stoiker.
328 Beispielsweise Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Flo-

rentiner Redaktion] III (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853,
fol. 96va): „Actio naturalis est determinata ad aliquid certum, voluntaria vero indeter-
minata“; ebd. IV (fol. 100vb): „Omnis effectus idem apud omnes et eiusdem speciei est a
natura, non a voluntate. … Omnis motus, qui fit a virtute non voluntaria cessante vir-
tute voluntaria, est a virtute naturali“; XIX (fol. 185ra): „Ad racionem dicendum, quod
medium est duplex, naturale et voluntarium. Naturale non diversificatur, voluntarium
vero diversitatem recipit, eo quod nutum voluntatis sequitur“; Eustachius von Arras, De
animabus rationalibus questio [Langfassung] (Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica
Vaticana, Borgh. 139, fol. 1ra): „Item actionum sive operationum anime una est, quam
elicit naturaliter, alia est, quam elicit voluntarie; …“; Jakob von Douai (?), Questiones
super libros ethicorum (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat.14698, fol. 130rb): „Operatio-
nes autem humane sunt ille, que subiacent rationi et voluntati. Unde si alique opera-
tiones sint, que non subiacent rationi et voluntati, non dicuntur humane, sed naturales,
sicut operationes anime vegetative“; Petrus de Alvernia, Quaestiones super librum de
somno et vigilia, q. 7c (ed. White, II, 213 l. 16 f.); Anonymus, Questiones super libros
yconomicorum (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 4° 343, fol. 140r): „… non
est naturalis, sed voluntaria.“ Vgl. Aegidius Romanus, Quodl. I q. 16c (Ed. Venezia
1504, fol. 9va): „… non est naturale sed positivum et ad placitum.“
329 Petrus Hispanus (Medicus), Glose super tegni Galieni (Madrid, Biblioteca Nacio-

nal, 1877, fol. 63vb): „Et causa est, quia locus capillorum est duplex; quidam naturalis,
ut caput et barba, et quidam accidentalis, ut brachia et huiusmodi.“
330 Beispielsweise Petrus Hispanus (Medicus), Notule super Iohanicium (Madrid, Bi-

blioteca Nacional, 1877, fol. 24rb): „Circa primum sic proceditur, et videtur, quod
medicina insit nobis naturaliter, non ab adquisitione.“
331 Beispielsweise Adam von Whitby (?), Glosse super librum de memoria et remi-

niscentia, (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.3.464, fol. 69ra):
„Consequenter dubitatur, utrum iste modus (sc. reminiscendi) sit naturalis an artificia-
lis“; Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis VIII (Paris,
Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 63ra): „Item que sunt ab arte, sunt diversa
apud diversos, que autem a natura, eadem apud omnes.“ Vgl. auch Robert Bul-
tot, Les sources philosophiques païennes de l’opposition entre „naturel“ et „artificiel“
en milieu chrétien, in: Le travail au Moyen Âge. Une approche interdisciplinaire,
Actes du Colloque international de Louvain-la-Neuve 21–23 mai 1987, ed. Jacqueline
Hamesse/Colette Muraille-Samaran (Textes, Etudes, Congrès 10), Louvain-la-Neuve
1990, 101–113; Weisheipl, The Concept, 386 ff.
332 Beispielsweise Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Ve-
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 151

Innerhalb der medizinischen Lehrtradition ist seit Galen von res natu-
rales in einem spezielleren, vom sonstigen naturphilosophischen ver-
schiedenen Sinn die Rede. Res naturales ist in diesem Kontext zu einem
Fachterminus geworden, der im Hinblick auf die physiologische Kon-
stitution des Menschen und zur Unterteilung der Medizin verwendet
wird.333 Nach der Isagoge des Johannitius (Hunain ibn Ishāq † 873) und
dem Pantegni des Constantinus Africanus macht die Betrachtung der res
naturales zusammen mit derjenigen der res non naturales und der res con-
tra naturam die theoretische Medizin aus.334 Die res naturales sind danach
sieben an der Zahl: erstens die vier Elemente Feuer, Luft, Wasser, Erde
mit ihren jeweiligen Qualitäten warm und trocken, warm und feucht,
kalt und feucht, kalt und trocken; zweitens die Mischungen der vier ein-
fachen Qualitäten (warm, kalt, feucht, trocken) (commixtiones); drittens
die vier Körpersäfte (compositiones/humores) Blut, Schleim, Gelbe Galle,
Schwarze Galle, denen jeweils die Mischungen warm und feucht (Blut),
kalt und feucht (Schleim), warm und trocken (Gelbe Galle) sowie kalt
und trocken (Schwarze Galle) entsprechen; viertens die festen Teile des
Körpers (membra); fünftens die im Körper wirkenden Kräfte (virtutes);
sechstens die physiologischen Prozesse (operationes) wie Verdauung und
Ausscheidung und siebtens die Vermittler oder Überträger der Kräfte,
die Hauche (spiritus).335 Außerdem kennt die medizinische Lehrtradition
noch vier zusätzliche res naturales, nämlich die Lebensalter (aetates), die
Farben (colores) (von Haut, Haar und Augen), die Körpergestalten (figu-

nezianer Redaktion] XII (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI, 234,
fol. 177rb–va): „Hec miraculosa est, non naturalis.“
333 Zur Stellung der res naturales im Aufbau der scholastischen Medizin siehe Stefan

Schuler, Medicina secunda philosophia. Die Einordnung der Medizin als Hauptdisziplin
und die Zusammenstellung ihrer Quellen im ‚Speculum maius‘ des Vinzenz von Beau-
vais, in: Frühmittelalterliche Studien 33 (1999) 169–251, hier: 180 ff.
334 Vgl. hierzu Luís García Ballester, The Construction of a New Form of Learning

and Practicing Medicine in Medieval Latin Europe, in: Galen and Galenism: Theory
and Medical Practice from Antiquity to the European Renaissance, ed. Jon Arrizaba-
laga u. a., Aldershot–Burlington 2002, 75–102, hier: 88 f.
335 Johannitius, In artem parvam Galeni isagoge I.1–5, ed. Diego Gracia/José-Luís

Vidal, La ‚Isagoge de Ioannitius‘, in: Asclepio 26–27 (1974–1975) 313–315; Constanti-


nus Africanus, Pantegni I c. 4, ed. Marco T. Malato/Umberto de Martini, Costantino
l’Africano, L’arte universale della medicina (Pantegni), parte I—libro I, traduzione e
commento, Roma 1961, 45 f. Hierzu u. a. Wolfram Schmitt s. v. Res naturales, in: Lexi-
kon des Mittelalters VII, München 1995, 750; Danielle Jacquart, Die Rationalisierung
des Menschen und der Welt in der Medizin des Mittelalters, in: Das Licht der Vernunft.
Die Anfänge der Aufklärung im Mittelalter, ed. Kurt Flasch/Udo R. Jeck, München
1997, 84–99, hier: 88 f.
152 kapitel ii

rae) und die geschlechtstypischen Unterschiede (distantia inter masculum et


feminam).336 Res naturales heißen diese Faktoren, wie Ortrun Riha erläu-
tert, „weil es sich um angeborene und nicht durch äußere (also auch
nicht durch medizinische) Maßnahmen veränderbare Konstanten han-
delt, die in ihrer Summe eben die ‚Natur‘ des jeweiligen Menschen
ausmachen.“337 Den res naturales stehen die res non naturales gegenüber,
sechs für die Gesundheitsordnung wichtige Bereiche (Luft, Speise und
Trank, Bewegung und Ruhe, Schlafen und Wachen, Füllung und Ent-
leerung, Gemütsbewegungen) und die pathologischen res contra naturam,
die Krankheit, ihre Ursache und die der Krankheit folgenden acciden-
tia.338
Das philosophische Interesse an den konkreten, lebensbezogenen
Ausprägungsweisen des Menschlichen, das auf der Einsicht basierte,
dass der Mensch als eine res naturalis betrachtet und entsprechend sei-
nen naturgegebenen Seiten legitimerweise zum Gegenstand philoso-
phischer Untersuchung werden konnte, setzte früh ein. Ein herausra-
gender Zeuge ist auch dafür Wilhelm von Conches. Zusammen mit
anderen Denkern seiner Zeit wie Adelard von Bath, auf dessen Quaes-
tiones naturales er vor allem in seinem Dragmaticon philosophiae zurück-
griff,339 oder direkt der Schule von Chartres zugerechneten Gelehrten

336 Johannitius, In artem parvam Galeni isagoge I.2 (ed. Gracia/Vidal, 313); Schmitt

s. v. Res naturales, 750.


337 Ortrun Riha, Mikrokosmos Mensch. Der Naturbegriff in der mittelalterlichen

Medizin, in: Natur im Mittelalter. Konzeptionen–Erfahrungen–Wirkungen. Akten des


9. Symposiums des Mediävistenverbandes, Marburg, 14.–17. März 2001, ed. Peter Dilg,
Berlin 2003, 111–123, hier: 118.
338 Johannitius, In artem parvam Galeni isagoge I.1 (ed. Gracia/Vidal, 313); ebd.,

III.1 (337); Wolfram Schmitt s. v. Res non naturales, in: Lexikon des Mittelalters VII,
München 1995, 751 f.; ders. s. v. Res praeter naturam, ebd., 752. Vgl. Petrus Hispanus
(Medicus), Notule super Iohanicium (Madrid, Biblioteca Nacional, 1877, fol. 24va): „Ad
primum dicendum, quod ‚non naturale‘ dupliciter potest accipi, videlicet in quantum
illa negatio est negatio extra genus, et sic inter naturale et non naturale non cadit
medium, et sic non accipitur hic, et sic procedit obiectio; vel potest accipi prout illa
negatio est negatio in genere, et sic accipitur hic, et sic inter illa potest cadere medium,
et sic non opponitur contradictorie, et sic non valet obiectio“; ders., Glose super tegni
Galieni (Madrid, Biblioteca Nacional, 1877, fol. 48ra): „Sed secundum rectam divisio-
nem eius duas continet partes, scilicet theoricam et practicam. Et theorica autem con-
tinet tres partes. Prima est de rebus naturalibus, secunda de rebus non naturalibus,
tertia de rebus contra naturam“; ebd., fol. 48rb: „Si volumus scire medicinam, resolva-
mus ipsam in theoricam et practicam. Et theorica (sc. resolvatur) in tres partes, quarum
prima est contemplativa rerum naturalium, secunda non naturalium, tercia rerum con-
tra naturam“; vgl. ebd., fol. 65rb: „Nulla complexio, que est sicut senectus et mors, est
naturalis, sed maxime innaturalis.“
339 Hierzu Burnett, The Introduction, 34 f.
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 153

wie Thierry von Chartres war er gegenüber der feindseligen Kritik tra-
ditionell eingestellter Kreise, namentlich seines Widersachers Wilhelm
von Saint-Thierry, entschieden für die neue philosophische Betrach-
tung des Menschen in seiner natürlichen Verfasstheit (naturalia) einge-
treten340 und hatte diesen wissenschaftlichen Ansatz auch selbst nach-
drücklich zu entfalten begonnen. Geradezu ein Schlüsseldokument für
die naturphilosophische Zuwendung zu den Ausprägungsweisen des
Menschlichen in seiner alltäglichen, lebensweltlichen Konkretheit stellt
seine wiederholte, in fast wörtlich derselben Formulierung auch in den
Quaestiones Salernitanae begegnende Bekundung dar, dass er über den
Menschen in seiner erfahrbaren Existenzweise zu sprechen gedenke,
und zwar im Hinblick auf sein tägliches Erschaffenwerden, seine Ge-
staltung, seine Geburt, seine Altersstufen, seine Organe und ihre Funk-
tionen.341 Eine ähnliche Ausrichtung scheint—zumindest der Tendenz
nach—auch in Erwägungen Hugos von St. Viktor im Zusammenhang
mit seiner Begriffsbestimmung und Einteilung der Philosophie zum
Ausdruck zu kommen, auch wenn der Viktoriner dabei zunächst offen-

340 Vgl. etwa Wilhelm von Conches, Glosae super Platonem 52, ed. Édouard Jeau-

neau (Textes philosophiques du Moyen Âge 13), Paris 1965, 122. Zu beachten ist auch
Nemesius von Emesa, De natura hominis c. 1 (ed. Verbeke/Moncho, 22 l. 95–99): „Sed
ut non videamur quibusdam expertibus bonorum, hominis scribere laudationes et non
solum naturam exponere ut proposuimus, hic sermonem quiescere faciemus, etsi quam
maxime naturae eminentias dicentes, naturam ipsam enarravimus.“ Vgl. dens., Prem-
non physicon c. 1 92 (ed. Burkhard, 23 l. 4–9) und ebd., Prol. 16 (3 l. 31 – 4 l. 2):
„Sed quoniam mundi eiusque partium sunt naturalia, eaque enucleatim intexere non
sit huius, sed prolixi negotii: ab homine tamquam a notiori, quem philosophi totius
volunt ferre imaginem, ut hac quoque de causa eum microcosmum appellaverint, hoc
opusculum non immerito habet exordium.“ Zur Wirkungsgeschichte Brinkmann, Mit-
telalterliche Hermeneutik, 56 ff. Für eine von derjenigen der Carnotenser verschiedene
Sichtweise von Natur und Mensch bei Walter von Châtillon siehe Maura K. Lafferty,
Nature and an Unnatural Man: Lucan’s Influence on Walter of Châtillon’s Concept of
Nature, in: Class. Med. 46 (1995) 285–300.
341 Wilhelm von Conches, Philosophia IV 7 § 15, ed. Gregor Maurach, Pretoria 1980,

95; ders., Dragmaticon philosophiae VI 7 n. 1 (ed. Ronca, 204 l. 8–9). Vgl. Quaestiones
Salernitanae 3 (ed. Lawn, 2 l. 27–29). Zu „cotidie“ als Hinweis auf das täglich konkret
Erfahrbare vgl. Urso von Salerno, Glosulae 1 (ed. Creutz, 19): „Consuetum et ordina-
tum rerum processum non miramur, scilicet quae cotidie per naturam in rebus ipsis
fieri noscuntur et quae ex ipsis saepius producuntur, …“; Guillelmus Hispanus, Summa
supra phisonomiam Aristotilis cum questionibus (Città del Vaticano, Biblioteca Aposto-
lica Vaticana, Barb. lat. 309, fol. 78va): „Ne tamen aliquis voluntarie velit mordere, dico,
quod in generacione cotidie contingit, quod eo quod talis materia …“ Auffallend häu-
fig verwendet diesen Terminus Dominicus Gundissalinus, De anima, Prol. (ed. Muckle,
31 l. 21 f.); ebd., c. 1 (34 l. 10; 36 l. 4 f.); c. 5 (48 l. 31; 49 l. 5 und 23 f.); c. 7 (58 l. 13),
nahezu ausschließlich in Bezug auf die tägliche Erschaffung neuer Seelen.
154 kapitel ii

bar speziell nur die menschlichen Betätigungen im Auge hat. Zur Phi-
losophie möchte er danach nicht allein diejenigen Erkenntnisbemühun-
gen gerechnet wissen, in denen es um die Natur der Dinge oder um
die sittliche Bildung geht, sondern auch diejenige, die die rationes aller
menschlichen Tätigkeiten und Bemühungen zu erfassen sucht. Das phi-
losophische Erkenntnisbemühen erstreckt sich, wie er eigens wieder-
holt, notwendigerweise auf sämtliche menschlichen Tätigkeiten über-
haupt.342
Eine wichtige Weichenstellung für eine breit angelegte naturphiloso-
phische Befassung mit den konkreten Ausprägungsweisen des Mensch-
lichen bedeutete ohne Zweifel die Abkehr von der Auffassung, dass der
Mensch eigentlich nur seine Seele sei. Diese erstmals von Platon im
Ersten Alkibiades entwickelte und durch die platonische Denktradition
hochgehaltene Idee343—Plotin bezeichnet den Leib als ein „Tier“, „der
eigentliche Mensch aber (ist) ein anderer“344—war in der patristischen
Zeit dezidiert von Ambrosius aufgegriffen und ins mittelalterliche Den-
ken vermittelt worden.345 Ein Echo davon vernehmen wir im zwölf-
ten Jahrhundert unter anderem in einer Predigt des Zisterzienserab-
tes Isaak von Stella zum Fest Allerheiligen.346 Thomas von Aquin wid-

342 Hugo von St. Viktor, Didascalicon I c. 4 (ed. Buttimer, 11 l. 9–28): „…, iam non

solum ea studia in quibus vel de rerum natura vel disciplina agitur morum, verum
etiam omnium humanorum actuum seu studiorum rationes, non incongrue ad philoso-
phiam pertinere dicemus. secundum quam acceptionem sic philosophiam definire pos-
sumus: Philosophia est disciplina omnium rerum humanarum atque divinarum ratio-
nes plene investigans. … vides iam qua ratione cogimur philosophiam in omnes actus
hominum diffundere, ut iam necesse sit tot esse philosophiae partes quot sunt rerum
diversitates, ad quas ipsam pertinere constiterit.“
343 Besonders herausgestellt in Alkibiades I (129e–130c), einem allerdings im Mittelal-

ter gänzlich unbekannten Dialog. Zu diesem Gedanken und seiner Wirkungsgeschichte


Jean Pépin, Idées grecques sur l’homme et sur Dieu, Paris 1971, 72; 167–203; Édouard-
Henri Wéber, La personne humaine au XIIIe siècle. L’avènement chez les maîtres
parisiens de l’acception moderne de le l’homme (Bibliothèque thomiste 46), Paris 1991,
36 ff.
344 Plotin, Enn. I 1, 10, 6 f.
345 Ambrosius, Hexaemeron VI 7, 42, ed. Karl Schenkl, Sancti Ambrosii opera, I

(CSEL 32/1), Prag u. a. 1896, 233 l. 15–23; ebd., VI 8, 46 (237 l. 5–9); ders., De Isaac vel
anima 2, 3, ed. Karl Schenkl, Sancti Ambrosii opera, I (CSEL 32/1), Prag u. a. 1897,
641–700, hier: 643 l. 17–19. Hierzu Plotin, Enn. I 1, 7, 16–18; Augustinus, De moribus
ecclesiae catholicae et de moribus Manichaeorum I 27, 52, ed. Johannes B. Bauer,
Sancti Aureli Augustini opera, VI/7 (CSEL 90), Wien 1992, 55 l. 20 f.; ders., In Iohannis
Evangelium tractatus CXXIV tr. 19, 15, ed. Radbod Willems, in: Aurelii Augustini
opera, VIII (Corpus Christianorum S.L. 36), Turnhout 1954, 199 l. 30–31 und l. 27 f.
346 Isaak von Stella, Sermo 2 13, ed. Anselm Hoste, Isaac de l’Étoile: Sermons, I

(Sources Chrétiennes 130), Paris 1967, 106 l. 99–106.


das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 155

mete dieser These später in der Summa theologiae eine eigene Quaestion,
in der er dieselbe mit Nachdruck als nicht haltbar verwarf,347 nach-
dem schon Wilhelm von Auvergne sich in seiner Abhandlung über die
Seele (1231/1236) gegen die Idee gewandt hatte, die humanitas bestehe
allein in der Seele.348 Auch Galfrid von Aspall geht in seinem De anima-
Kommentar ausdrücklich auf diese Problematik ein und diskutiert ein-
gehend die Frage, ob der Leib Wesensbestandteil des Menschen sei
bzw. ob die Vernunftseele die ganze menschliche Substanz ausmache.349
Seine Stellungnahme ist weniger dezidiert als die des Aquinaten. Aber
es wird deutlich, dass auch er eine spiritualistische Auffassung vom

347 Thomas von Aquin, Summa theologiae I q. 75 a. 4 (Ed. Leon. V, 200 f.). Ferner

ders., Qu. disp. de spiritualibus creaturis a. 2c, ed. J. Cos, Roma–Paris 2000 (Ed. Leon.
XXIV/2, 27 l. 253 – 28 l. 272); vgl. dens., Qu. disp. de potentia q. 5 a. 10c, ed. Paul
M. Pession, in: P. Bazzi u. a., S. Thomae Aquinatis … Quaestiones disputatae, II,
Torino–Roma 1953, 7–276, hier: 156; dens., Qu. disp. de unione verbi incarnati a. 1c,
ed. M. Calcaterra/T.S. Centi, in: ebd., 421–435, hier: 423b; Roger Bacon, Metaphysica
de viciis contractis in studio theologie (ed. Steele, 15). Vgl. Bonaventura, III Sent. d. 21
a. 1 q. 2 ctr. 1 (Opera omnia III, 438b): „…; sed de integritate humanae naturae est
non tantum anima, verum etiam caro: …“ und ebd., q. 3 ctr. 3 (440b): „Item, sicut
totus homo componitur ex carne et anima, ita totum corpus componitur ex partibus
organicis: …“
348 Wilhelm von Auvergne, Tractatus de anima c. 1 pars 2 (Opera omnia II, Suppl.,

Paris 1674, 66b): „Visum est aliquibus, quod ipsa humanitas, qua homo est homo,
anima ipsa sit, quoniam perfectiva forma videtur hominis. Errant autem indubitanter.
Quod et ipsa hominis nominatio, qua homo nominatur, ostendit. Nominatur enim
homo ab humo, hoc est a corpore terreno. Propter hoc humanitas non est anima
sola, sed anima est perfectio ipsius corporis; perfectio, inquam, essentialis ipsius, quae
et pars illius est et cum materia prima componit et constituit illud“; vgl. ebd., c. 3
pars 11 (100a): „His igitur ita positis ac determinatis prosequar tibi quaestionem, qua
quaeritur, utrum anima humana pars hominis sit aut non, scilicet an ipse homo.
Haec enim quaestio nonnullos ex praecipuis theologis Latinorum modernis vehementer
exagitavit“; ebd., 101a: „Quod autem corpus pars hominis dicitur ad rationem hominis
pertinens, defendendum est, hominis, inquam, ut hominis. Non enim diffinire est
hominem ut hominem nisi in eius definitione corpus vel eius ratio componatur, sicut
neque definire possibile est equitem inquantum equitem, quin necesse sit in definitione
huiusmodi equum vel rationem eius poni.“ Vgl. Anselm von Canterbury, Monologion
17, ed. Franciscus S. Schmitt, Edinburgh 1956 (Sancti Anselmi … opera omnia I),
31 l. 27–30; Nemesius von Emesa, De natura hominis c. 1 (ed. Verbeke/Moncho,
15 l. 39 f.): „…; homo autem non solum est rationale, sed et animal“, und Premnon
physicon c. 1 57 (ed. Burkhard, 15 l. 25 f.).
349 Galfrid von Aspall, Questiones in de anima II (ed. Čizmić, 171): „Queritur, an

corpus sit de essentia hominis, et hoc est idem querere ac querere, utrum anima
rationalis sit tota substantia vel esse hominis. Quod corpus non sit de esse hominis,
videtur: …“; ders., Questiones in de sensu et sensato (Oxford, Merton College 272,
fol. 256vb): „Consequenter quero gracia predictorum, an corpus sit de veritate (Variante
am Rand: virtute O) humane nature; … Dico, quod corpus est de veritate (virtute C)
humane nature.“
156 kapitel ii

Menschen nicht für richtig erachtet.350 Auf ein weiteres Textzeugnis


innerhalb des Untersuchungszeitraumes stoßen wir im Tractatus de scien-
tia que est de anima Wilhelms von Hedon. Dort erörtert er das Problem,
wie die Leib-Seele-Konstitution des Menschen zu denken sei und ob
der Mensch eines oder viele sei.351 Er eröffnet seine Überlegungen zu
diesen Fragen mit einem längeren Zitat aus De civitate Dei des Augus-
tinus, in dem dieser Überlegungen Varros über den Menschen und
dessen Fragen referiert, ob der Mensch allein Seele sei, die sich zum
Leib wie der Reiter zum Pferd verhalte, oder ob er allein Leib sei,
der eine Seele umfasst wie ein Becher das Getränk.352 Zu diesen Fra-
gen stellt Wilhelm fest, dass es allen offensichtlich erscheint, dass der
Mensch weder allein Seele noch allein Körper sei. Allerdings hält er es
für erforderlich zu klären, wie die menschliche Leib-Seele-Verbindung
zu verstehen sei,353 zumal Varro sie nach Augustinus im Sinne eines
Pferdegespannes deuten wollte.

350 Ders., Questiones in de anima II (ed. Čizmić, 173): „Per Avicennam videtur, quod

corpus non est de essentia hominis, et hoc ponebant multi theologi ponentes, quod hec
predicacio est vera: ‚Homo est anima.‘ Usus tamen ipsam non permittit. Dico tamen,
quod non est ita, ut mihi videtur.“
351 Wilhelm von Hedon, Tractatus de scientia que est de anima c. 7 (Cambridge,

Gonville and Caius College, 342/538, fol. 26rb): „Quoniam autem dubium est et latet
multos, qualiter homo constet ex corpore et anima et utrum sit sicut unum an sicut
plura, conandum est hoc investigare et discutere.“
352 Ebd.: „In primis proponamus illam questionem, quam secundum Marcum Var-

ronem tangit beatus Augustinus de civitate dei libro XIX° dicens his verbis: ‚Sentit
quippe Marcus Varro in hominis natura duo quedam esse, corpus scilicet et animam,
et horum quidem … melius esse animam longeque prestantius omnino non dubitat,
sed utrum anima sola sit homo, ut ita sit ei corpus sicut equs equiti—eques enim non
est homo et equs, sed tantum homo; ideo tamen eques dicitur, quod aliquo modo se
habeat ad equm—, an corpus solum sit homo aliquo modo se habens ad animam sicut
poculum ad pocionem sive potum—non enim calix et pocio, quam continet calix, simul
dicitur poculum, sed calix solus; ideo autem dicitur poculum, quod potioni continende
sit accomodatus—, an vero nec anima sola nec corpus solum, sed simul utrumque sit
homo, cuius sit pars una sive anima sive corpus, ille autem totus ex utroque constet
ut homo sit, sicut duos equos iunctos bigas dicimus, quorum sive dexter sive sinis-
ter pars est bigarum, unum vero eorum—quoquo modo se habeat ad alium—bigas
non dicimus, sed ambos simul. Horum trium hoc elegit Varro tercium hominemque
non animam solam nec solum corpus, sed animam simul et corpus esse arbitratur.‘“
Hierzu Augustinus, De civitate Dei, XIX 3, ed. Bernhard Dombart/Alfons Kalb (Cor-
pus Christianorum S.L. 48), Turnhout 1955, 662 l. 4–22.
353 Wilhelm von Hedon, Tractatus de scientia que est de anima c. 7 (Cambridge,

Gonville and Caius College, 342/538, fol. 26rb): „Quod enim homo neque sit corpus
solum nec anima sola, satis videtur omnibus manifestum. De eo autem, quod dicitur
hominem esse corpus et animam, querendum est.“
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 157

3.2. Wachsendes Interesse an medizinischem Wissen und medizinischer


Wissenschaft
Nachhaltige Impulse gingen ferner von einem allenthalben spürbaren
und angesichts der allgemeinen gesundheitlichen Situation der Bevöl-
kerung354 nicht überraschenden Interesse an medizinischem Wissen aus.
Die Schriften Hildegards von Bingen,355 aber auch die Kompendien des
dreizehnten Jahrhunderts dokumentieren dieses Interesse eindrucks-
voll,356 vor allem freilich die Entwicklung der medizinischen Wissen-
schaft im lateinischen Westen selbst,357 bezeichnenderweise im König-
reich Sizilien nachhaltig gefördert durch die Gesetzgebung Fried-
richs II.358 Die philosophische Befassung mit dem Menschen blieb da-
von nicht unberührt. Schon Wilhelm von Conches hatte seinerzeit in
der Philosophia und dann im Dragmaticon (ca. 1144/1149) medizinisches
Wissen einzuarbeiten begonnen359—eines der frühesten Zeugnisse für

354 Hierzu u. a. Delort, Le Moyen Âge, 54; Kortüm, Menschen, 244 f.; auch Jole

Agrimi/Chiara Crisciani, Malato, medico e medicina nel medioevo (Storia della sci-
enza 19), Torino 1980, hier: 59–138; Die Geschichte des medizinischen Denkens. Antike
und Mittelalter, ed. Mirko D. Grmek, München 1996.
355 Hierzu Danielle Jacquart, Hildegarde et la physiologie de son temps, in: Hilde-

gard of Bingen. The Context of her Thought and Art, ed. Charles Burnett/Peter
Dronke (Warburg Institute Colloquia 4), London 1998, 121–134; Enders, Das Natur-
verständnis.
356 Vgl. Köhler, Grundlagen, 118 f.; speziell zu Bartholomaeus Anglicus äußert sich

auch Ria Jansen-Sieben, Maladie et maladies dans le De proprietatibus rerum de Bartho-


lomaeus Anglicus, in: Maladie et maladies dans les textes latins antiques et médiévaux.
Actes du Ve Colloque International „Textes médicaux latins“ (Bruxelles, 4–6 septembre
1995), ed. Carl Deroux (Collection Latomus 242), Bruxelles 1998, 445–455.
357 Hierzu die vorzügliche Studie von García Ballester, The Construction; zur Rolle

von Montecassino auch Pietro Capparoni, Il trattato De quattuor humoribus di Al-


fano I, Arcivescovo di Salerno, in: Cassinensia I, Montecassino 1929, 151–156, hier:
151 f.; Kay P. Jankrift, Krankheit und Heilkunde im Mittelalter (Geschichte kompakt,
Mittelalter), Darmstadt 2003. Für das medizinische Interesse am päpstlichen Hof siehe
Agostino Paravicini Bagliani, A proposito dell’insegnamento di medicina allo Studium
Curiae, in: Studi sul XIV secolo in memoria di Anneliese Maier, ed. Alfonso Mai-
erù/Agostino Paravicini Bagliani (Storia e Letteratura 151), Roma 1981, 395–413. Auf-
schlussreich ist auch die Widmung der anonymen Schrift De retardatione accidentium senec-
tutis an Innozenz IV. und möglicherweise auch an Friedrich II.; vgl. hierzu Agostino
Paravicini Bagliani/Steven J. Williams, Ruggero Bacone autore del „De retardatione
accidentium senectutis“?, in: Studi med. 28 (1987) 707–727 (728: Addendum), hier:
728. Die Rivalität der medizinischen Studien von Salerno und Montpellier beleuchtet
anhand eines Handschriftenfundes Karl Sudhoff, Salerno, Montpellier und Paris um
1200. Ein Handschriftenfund, in: Archiv für Geschichte der Medizin 20 (1965) 51–62.
358 Hierzu speziell Rossi, La scientia medicinalis.
359 Hierzu u. a. Charles Burnett, Scientific Speculations, in: A History of Twelfth-
158 kapitel ii

die Verarbeitung arabischen medizinischen Wissens in einem scholas-


tischen Traktat überhaupt.360 Die Weise, wie Constantinus Africanus
als physicus die Naturen der Dinge untersucht hatte, erschien ihm vor-
bildhaft.361 Insgesamt ist offenbar davon auszugehen, dass die erste
Bekanntschaft der mittelalterlichen Autoren mit wissenschaftlicher Lite-
ratur zu konkreten, lebensbezogenen Äußerungen des Menschlichen
über die medizinischen Werke erfolgte, die dank der Übersetzer- und
Auslegetätigkeit des Alfanus von Salerno, seines Casineser Mitbruders
Constantinus Africanus, der nachfolgenden Magister von Salerno sowie
der Sprachkundigen in Toledo dem lateinischen Westen seit dem elften
Jahrhundert in beträchtlichem Umfang erschlossen worden waren.362
Eine nicht unbedeutende Rolle spielten ebenso die um 1200 von einem

Century Western Philosophy, ed. Peter Dronke, Cambridge 1992, 151–176, hier: 172;
Italo Ronca, The influence of the Pantegni on William of Conches’s Dragmaticon, in:
Constantine the African and #Alı̄ ibn al-"Abbās al-Maǧūsı̄. The Pantegni and Related
Texts, ed. Charles Burnett/Danielle Jacquart (Studies in Ancient Medicine 10), Leiden
etc. 1994, 266–285.
360 Brian Lawn, The Salernitan Questions. An Introduction to the History of Medie-

val and Renaissance Problem Literature, Oxford 1963, 56.


361 Wilhelm von Conches, Philosophia I 7 § 24 (ed. Maurach, 29). Siehe hierzu

Heinrich Schipperges, Einflüsse arabischer Medizin auf die Mikrokosmosliteratur des


12. Jahrhunderts, in: Antike und Orient im Mittelalter. Vorträge der Kölner Medi-
ävistentagung 1956–1959, ed. Paul Wilpert (Miscellanea Mediaevalia 1), Berlin 1962,
129–153, hier: 145.
362 Zu dieser Entwicklung siehe u. a. Paul O. Kristeller, Studi sulla Scuola medica

salernitana (Hippocratica civitas 1), Napoli 1986; Danielle Jacquart, La médecine arabe
et l’Occident, in: Tolède, XIIe–XIIIe. Musulmans, chrétiens et juifs: le savoir et la
tolérance, ed. Louis Cardaillac (Série Mémoires 5), Paris 1991, 192–199; dies., La sco-
lastica medica, in: Storia del pensiero medico occidentale, 1. Antichità e medioevo, ed.
Mirko D. Grmek, Bari 1993, 261–322; dies., Le sens donné par Constantin l’Africain à
son oeuvre: les chapitres introductifs en arabe et en latin, in: dies., La science médicale
occidentale entre deux renaissances (XIIe s. – XVe s.), Aldershot 1997, (IV) 71–89; Con-
stantine the African and #Alı̄ ibn al-"Abbās al-Maǧūsı̄. The Pantegni and Related Texts,
ed. Charles Burnett/Danielle Jacquart (Studies in Ancient Medicine 10), Leiden u. a.
1994; Charles Burnett, Encounters with Rāzı̄ the Philosopher: Constantine the Afri-
can, Petrus Alfonsi and Ramón Martí, in: Pensamiento medieval hispano. Homenaje a
Horazio Santiago-Otero, II, ed. José M. Soto Rábanos, Madrid 1998, 973–992; ders.,
The Introduction, 23–29; Mark D. Jordan, The Construction of a Philosophical Medi-
cine: Exegesis and Argument in Salernitan Teaching on the Soul, in: Osiris [Second
Series] 6 (1990) 42–61. Vgl. Aleksander Birkenmajer, Le rôle joué par les médecins et
les naturalistes dans la réception d’Aristote au XIIe et XIIIe siècles, in: La Pologne au
VIe Congrès International des sciences historiques. Oslo 1928, Warschau–Lwów 1930,
1–15. Zur Bedeutung der Übersetzungen der arabisch-medizinischen Literatur für die
Einführung des Aristotelismus im 12./13. Jahrhundert Paul O. Kristeller, Beitrag der
Schule von Salerno zur Entwicklung der scholastischen Wissenschaft im 12. Jahrhun-
dert, in: Artes liberales. Von der antiken Bildung zur Wissenschaft des Mittelalters, ed.
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 159

englischen Kompilator zusammengestellten Quaestiones Salernitanae.363


Erst später, mit dem umfänglicheren Bekanntwerden der libri natu-
rales des Stagiriten ab den zwanziger Jahren des dreizehnten Jahr-
hunderts, wurden dann diese, allen voran die Bücher De animalibus,364
für die naturphilosophischen Denker zur maßgeblichen wissenschaft-
lichen Leitliteratur bei ihrer Beschäftigung mit diesem anthropologi-
schen Gebiet.
Die gleichwohl anhaltende und noch zunehmende Bedeutung medi-
zinischer Wissenschaft für die naturphilosophische Untersuchung der
Sinnenwesen zeigt sich daran, dass beispielsweise die Kommentato-
ren von De animalibus in großem Umfang dieses Wissen für ihre Sach-
verhaltserklärungen heranzogen oder es im Lichte der aristotelischen
Vorgaben—controversia inter philosophum et medicum365—kritisch erörter-
ten.366 Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht auch die breite Verarbei-
tung medizinischen Wissens in der Schrift De motu cordis des Aquinaten,
die aus seinen letzten Lebensjahren datiert und von ihm seinem Medi-
zinerkollegen und möglichen früheren Mitstudenten an der Universi-
tät von Neapel, Philipp von Castrocielo, zugeeignet worden war.367 Ein
anderes Beispiel bieten die teilweise von Adam von Whitby stammen-
den Quaestionen zu De anima, wo für die seelenkundliche Annahme,
dass im Embryo die Tätigkeit der vegetativen Kraft früher als dieje-
nige der sensitiven Kraft einsetzt, als Beleg angeführt wird, dass dies
„erfahrungsmäßig festgestellt und von den Ärzten bestätigt worden“

Josef Koch (Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters 5), Leiden–Köln
1976, 84–90, hier: 88 f.; García Ballester, The Construction, 76 ff.
363 Quaestiones Salernitanae (ed. Lawn). Zur Datierung und zum Kompilator siehe

die Ausführungen des Herausgebers, XXIV.


364 Zur Zuweisung von VIII,1 und Buch IX der Historia animalium an Theophrast

siehe Dierauer, Tier, 162–170. Zu der in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts
von Toledo ausgehenden Verbreitung der libri naturales siehe García Ballester, The
Construction, 81–85.
365 Hierzu u. a. Miguel de Asúa, El comentario de Pedro Hispano sobre el De ani-

malibus. Transcripción de las quaestiones sobre la controversia entre médicos y filósofos,


in: Patr. Med. 16 (1995) 55–66; auch Michael R. McVaugh, Introduction, in: Arnaldi
de Villanova opera medica omnia V.1, Tractatus de intentione medicorum, ed. ders.,
Barcelona 2000, 127–197, hier: 135 ff.
366 Vgl. Nancy G. Siraisi, The Medical Learning of Albertus Magnus, in: Albertus

Magnus and the Sciences: Commemorative Essays 1980, ed. James A. Weisheipl,
Toronto 1980, 379–404, hier: 403.
367 Zur anthropologischen Bedeutung dieser Abhandlung siehe Adriana Caparello, Il

De motu cordis di Tommaso d’Aquino. Riflessioni e commenti, in: Angelicum 78 (2001)


69–90; allgemein zu Thomas’ Beziehung zur Medizin Mario E. Sacchi, Santo Tomás
de Aquino y la medicina, in: Aquinas 39 (1996) 493–528.
160 kapitel ii

sei.368 Die enge, bis in die Antike zurückreichende Verbindung zwi-


schen Philosophie und Medizin369 hatte Isidor von Sevilla durch die
Bezeichnung der Medizin als „zweiter Philosophie“ dokumentiert.370
In der wissenschaftstheoretischen Reflexion der Hochscholastik, in der
zugleich die Unterschiede zwischen diesen Disziplinen hervortreten,
wird dieser Verbindung dadurch Rechnung getragen, dass die Medizin
als Teil der Naturphilosophie—so, um nur ein Beispiel herauszugrei-
fen, in einem Galfrid von Aspall zugeschriebenen Kommentar zu De
memoria et reminiscentia371—oder präziser als der Naturphilosophie subal-
ternierte Wissenschaft eingeordnet wird.372 Aristoteles hatte zu Beginn
von De sensu et sensato darauf hingewiesen, dass diejenigen Ärzte, die ihre
Kunst stärker philosophisch betreiben, mit der Betrachtung der Natur
beginnen.373 Diesen Gedanken führte der Aquinate fort und präzisierte
ihn im Sinne einer Subalternation der Medizin unter die Naturphilo-
sophie, von der die Heilkunst ihre Prinzipien empfängt.374 Später hat
insbesondere Petrus von Abano dieses Subalternationsverhältnis einge-
hend erörtert.375

368 Adam von Whitby et al., Questiones in secundum et tertium de anima (Praha,

Knihovna metropol. kapituly, M 80, fol. 75ra): „Experimentatum est enim et a medicis
aprobatum, quod operacio vegetative prius tempore inest embrioni quam operacio
sensitive; …“
369 Christian Schulze, Medizin und Christentum in Spätantike und frühem Mittelal-

ter. Christliche Ärzte und ihr Wirken (Studien und Texte zu Antike und Christentum
27), Tübingen 2005, 5.
370 Isidor von Sevilla, Etymologiae IV 13 5.
371 Galfrid von Aspall (?), Questiones in de memoria et reminiscentia (Oxford, New

College, 285, fol. 190ra): „Corpus mobile, quod est subiectum in tota naturali philo-
sophia, consideratum in communi est subiectum libri phisicorum; contractum ad …
animatum anima sensibili, et sic est liber de animalibus, aut anima intellectiva, et de
hac propter sui nobilitatem est duplex sciencia: una de anima intellectiva in se, ut liber
de anima, alia de ipsa ut est regitiva et perfectiva corporis, scilicet liber de regimine vite
sive sciencia de regimine vite, qui liber nondum venit ad nos; et eciam de ipsa sic est
tota medicina.“
372 Für eine ausführliche Darstellung der Erörterungen siehe Köhler, Grundlagen,

262–272; 280 ff.
373 Aristoteles, De sensu et sensato 1 (436a19–b1) [Translatio nova] (Ed. Leon.

XLV/2, 3b). Vgl. García Ballester, The Construction, 93 ff.


374 Thomas von Aquin, Sentencia libri de sensu et sensato, Proh. (Ed. Leon. XLV/2,

9 l. 299–303 und l. 312–316).


375 Hierzu Heikki Mikkeli, Italian Aristotelians on the Debate over the Subalterna-

tion of Medicine to Natural Philosophy, in: The Dynamics of Aristotelian Natural Phi-
losophy from Antiquity to the Seventeenth Century, ed. Cees Leijenhorst u. a. (Medie-
val and Early Modern Science 5), Leiden u. a. 2002, 307–324; Didier Ottaviani, La
méthode scientifique dans le Conciliator de Pietro d’Abano, in: Méthodes et statut des
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 161

Auf der anderen Seite suchten die medizinischen Autoren des Unter-
suchungszeitraumes bei ihrem Bestreben, das ärztliche Handeln theo-
retisch zu fundieren—dieser Prozess setzt im lateinischen Westen bei
Constantinus Africanus ein376—und die Medizin als eine wissenschaft-
liche Disziplin an den Universitäten zu etablieren, den Anschluss an
das aristotelische Wissenschaftsverständnis und an die naturphiloso-
phischen Vorgaben des Stagiriten,377 ganz besonders auch aus seinem
De animalibus.378 Dass trotz der durchaus beachteten Unterschiede der
formalen Behandlungsgesichtspunkte von Naturphilosophie und Medi-
zin medizinisches Lehrgut in beträchtlichem Maße in die naturphilo-
sophische Urteilsbildung über die konkreten Ausprägungsweisen des
Menschlichen einfloss (und umgekehrt), macht die Sonderstellung der
Medizin in diesem anthropologischen Untersuchungsbereich deutlich
und unterscheidet sie von der diesbezüglichen Position von Moralphi-
losophie und Theologie.

sciences à la fin du Moyen Âge. Actes de deux tables rondes, Tours, avril 2000 et Lyon,
avril 2001, ed. Christophe Grellard, Villeneuve d’Ascq 2004, 13–26.
376 García Ballester, The Construction, 76 ff.
377 Hierzu u. a. Cornelius O’Boyle, Medicine, God, and Aristotle in the Early Uni-

versities: Prefatory Prayers in Late Medieval Medical Commentaries, in: Bulletin of the
History of Medicine 66 (1992) 185–209; ders., The Art; ders., Discussions on the Nature
of Medicine at the University of Paris, ca. 1300, in: Learning Institutionalized. Teaching
in the Medieval University, ed. John Van Engen (Notre Dame Conferences in Medie-
val Studies 9), Notre Dame (Indiana) 2000, 197–227; Jacquart, La scolastica, 310; Mark
D. Jordan, The Disappearence of Galen in Thirteenth-Century Philosophy and Theo-
logy, in: Mensch und Natur im Mittelalter, ed. Albert Zimmermann/Andreas Speer
(Miscellanea Mediaevalia 21/2), Berlin–New York 1992, 703–717; ders., The Fortune
of Constantine’s Pantegni, in: Constantine the African and #Alı̄ bn al-"Abbās al-Maǧūsı̄.
The Pantegni and Related Texts, ed. Charles Burnett/Danielle Jacquart (Studies in
Ancient Medicine 10), Leiden u. a. 1994, 286–302; ders., The Construction; French,
Medicine; Vern L. Bullough, The Development of Medicine as a Profession: The Con-
tribution of the Medieval University to Modern Medicine, New York 1966, 75; zur
Verhältnisbestimmung von Naturphilosophie und Medizin spezell bei Arnaldus de Vil-
lanova siehe McVaugh, Introduction, 135–145.
378 Beispielsweise Petrus Hispanus (Medicus), Questiones supra viaticum (Madrid,

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 165vb): „Et hoc solvit Philosophus in libro de anima-
libus dicens, …“; ebd., fol. 177ra: „Contrarium dicit Philosophus in libro de anima-
libus, …“; ders., Scriptum cum questionibus super dietas universales Ysac [Redactio
longa] (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 2° 172, fol. 75ra): „…, ut dicit Phi-
losophus in libro de animalibus, quod sensus sunt maxime in nobis [in]certi, … 3°
Philosophus in libro de animalibus dicit, quod omnes sensus differenter sunt in nobis et
in aliis animalibus, …“
162 kapitel ii

3.3. Interesse am Monströsen


Weitere Anstöße für eine naturphilosophische Befassung mit den kon-
kreten Ausprägungsweisen des Menschlichen gingen offensichtlich von
einem mit Ausgang des zwölften Jahrhunderts merklich gestiegenen
Interesse an den aus der Antike überkommenen, insbesondere durch
die Historia naturalis des älteren Plinius vermittelten und später wei-
ter angereicherten Vorstellungen von allerlei Mischwesen aus Mensch
und Tier sowie sonstigen monströsen Gestalten und ganzen fremd-
artigen Völkerschaften am Rande der bewohnten Welt aus.379 Nicht
allein die populäre Erzählliteratur und die darstellende Kunst, son-
dern auch naturkundliche Werke wie Bestiarien und Kompendien des
dreizehnten Jahrhunderts oder die Predigtliteratur dokumentieren diese
Haltung.380 Mit diesem neu erwachten Interesse scheint zugleich eine
gewisse Bereitschaft einhergegangen zu sein, nicht von vornherein aus-
zuschließen—Joyce Salisbury sieht hierin einen Unterschied zur Hal-
tung des frühen Christentums381—, dass es zumindest das eine odere
andere dieser absonderlichen Wesen tatsächlich gibt. Die wissenschaft-
liche Diskussion konnte von einer solchen Strömung nicht unberührt
bleiben. Wie wir noch sehen werden, setzten sich die Magister in ihren
naturphilosophischen Schriften in der Tat mit der Frage auseinander,
ob derartige die Grenzen des Normalen, insbesondere die Grenzen
zwischen Mensch und Tier sprengende Erscheinungen denkbar sind
und wie man sie gegebenenfalls—etwa im Fall von Tierhybriden—
erklären kann. Ohne Zweifel regte dieses Interesse am Monströsen
zusätzlich die durch die aristotelischen Büchern De animalibus gebahnte
Auseinandersetzung mit der anthropologischen Kernfrage nach der
kategorialen Bestimmung des Menschlichen und seinen konkreten Le-
bensäußerungen an. Als Resultat ihrer exzellenten Studien zu den im
Mittelalter umgehenden Vorstellungen von ungewöhnlichen Kreaturen

379 Vgl. den Liber monstrorum, ed. Franco Porsia (Storia e civiltà 15), Bari 1976 sowie

das Plinius-Exzerpt des Robert von Cricklade: Karl Rück, Die Anthropologie der Natu-
ralis Historia des Plinius im Auszuge des Robert von Cricklade. Aus der Wolfenbütteler
und Londoner Handschrift (Wissenschaftliche Beiträge des Kgl. humanistischen Gym-
nasiums Neuburg a. D. für das Studienjahr 1904/05), Neuburg a. D. 1905.
380 Zusammenfassend Salisbury, The Beast Within, 137–166; dies., Human Beasts

and Bestial Humans in the Middle Ages, in: Animal Acts: Configuring the Human in
Western History, ed. Jennifer Ham/Matthew Senior, New York–London 1998, 9–21;
dies., Human Animals of Medieval Fables, in: Animals in the Middle Ages, ed. Nona
C. Flores, New York–London 2000, 49–65.
381 Dies., The Beast Within, 138 und öfters; dies., Human Beasts, 9.
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 163

hält denn auch Salisbury ausdrücklich fest, dass die spätmittelalterli-


chen Denker sich zunehmend der Frage annahmen, was ein mensch-
liches Wesen ausmacht und von einem nichtmenschlichen unterschei-
det.382

3.4. Beschäftigung mit den Tartari


Einen zusätzlichen Impuls für die philosophische Arbeit an dieser Pro-
blemstellung löste der um diese Zeit über das Abendland hereinbre-
chende Mongolensturm aus, der eine gänzlich fremdartige Völker-
schaft bedrängend nah ins Blickfeld rückte. „Als ein Ergebnis“, umreißt
Felicitas Schmieder die weltgeschichtliche Bedeutung, „kam Lateineu-
ropa zum ersten Mal in seiner Geschichte in direkten und bewussten
Kontakt mit dem zentral-, ost- und sogar südasiatischen Orient und
wurde eingefügt in die riesige miteinander verwobene Welt des Mon-
golenreiches und der ihm benachbarten und von ihm berührten Regio-
nen.“383 Seit dem zweiten Jahrzehnt des dreizehnten Jahrhunderts hat-
ten die aus dem Innern Asiens aufbrechenden mongolischen Reiter-
heere muslimische wie christliche Länder gleicherweise zu bedrohen
begonnen, hatten ab 1235 die christlichen Reiche Osteuropas überrannt
und waren, Angst und Schrecken verbreitend, 1241 bis zum schlesi-
schen Liegnitz und ein Jahr später über Mähren und Ungarn bis Wie-
ner Neustadt und in Abteilungen darüber hinaus bis zur Adria vorge-
drungen.384 In Roger Bacons Opus maius und Opus tertium (nach 1267/68,
vor 1274) ist ein Widerhall dieser Ereignisse zu vernehmen. Innerhalb
kurzer Zeit habe das Volk der Mongolen, so fasst er die Lage zusam-
men, die Welt in ihrer ganzen Breite (totam mundi latitudinem) zu Boden
geworfen. Nun herrsche es vom Norden bis nach Polen, und alle Län-
der vom Osten bis zur Donau und über diese hinaus seien ihm tri-
butpflichtig. Ihr Reich erstrecke sich bis nach Konstantinopel.385 Die
Kunde von ihnen sei jetzt in aller Munde. Die Welt halten sie unter

382 Dies., Human Beasts, 18.


383 Felicitas Schmieder, Der mongolische Augenblick in der Weltgeschichte, oder: Als
Europa aus der Wiege wuchs, in: Das Mittelalter 10/2 (2005) 63–73, hier: 64 f.
384 Einen Abriss der Geschichte der mongolischen Reiche bietet dies., Europa und

die Fremden. Die Mongolen im Urteil des Abendlandes vom 13. bis in das 15. Jahr-
hundert (Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters 16), Sigmaringen
1994, 22–42; neuerdings die entsprechenden Beiträge im Ausstellungskatalog Dschingis
Khan und seine Erben. Das Weltreich der Mongolen, ed. Kunst- und Ausstellungshalle
der Bundesrepublik Deutschland Gmbh, München 2005.
385 Roger Bacon, Opus maius, pars 4 (ed. Bridges, I, 370).
164 kapitel ii

ihren Füßen,386 sie haben sie verwüstet und geben Anlass zu großer
Furcht.387 Nach dem unerwarteten Rückzug der Mongolen infolge des
Todes des herrschenden Großkhans setzten nach 1243 Bemühungen
seitens der Päpste und König Ludwigs IX. von Frankreich ein, Kon-
takte zu den mongolischen Reichen in Osteuropa und Asien zu knüp-
fen. Diese führten zu Gesandtschaftsreisen in missionarisch-diploma-
tischer Absicht und in der Folge auch zu ausgedehnten Handelsrei-
sen.388 Zeugnis von diesen Unternehmungen geben die Reiseberichte
der von Innozenz IV. 1245 zu den Mongolen entsandten Minderbrüder
Johannes von Plano Carpini und Benedictus Polonus389 sowie des schon
erwähnten, gleichfalls dem Franziskanerorden angehörenden Wilhelm
von Rubruk, der nach seiner Rückkehr 1255 seine Reiseeindrücke für
Ludwig IX. im Itinerarium niedergeschrieben hatte,390 vor allem aber
das—allerdings erst gegen Ende des Jahrhunderts, 1298, abgefasste—
Milione des Venezianer Kaufmannes Marco Polo.391 In Anbetracht der
langen Verweildauer Marcos im Mongolenreich, seiner breit gefächer-
ten Beobachtungen und seiner nüchternen Wiedergabe der wahrge-
nommenen Sachverhalte vermittelte sein Bericht der interessierten Le-
serschaft einen besonders inhaltsreichen Eindruck von den konkreten
Ausprägungsweisen des Menschlichen bei den von ihm beschriebenen
Völkerschaften. Gerade auch im Hinblick auf die „Tartaren“—speziell
verweist er auf ihre Angriffstaktik nach Lostagen392—und die künftig
zu ihnen zu entsendenden Glaubensboten betont Roger Bacon den
Nutzen der von ihm betriebenen geographisch-astronomischen Stu-

386 Ebd., 367.


387 Ders., Opus tertium [Teiledition] (ed. Little, 12).
388 Zu den Reiseberichten u. a. Münkler, Erfahrung; Mary B. Campbell, The Wit-

ness and the Other World. Exotic European Travel Writing, 400–1600, Ithaca–London
1988, 87–121; Schmieder, Europa, 43–72; Katherine Park, The Meanings of Natu-
ral Diversity: Marco Polo on the „Division“ of the World, in: Texts and Contexts in
Ancient and Medieval Science. Studies on the Occasion of John E. Murdoch’s Seven-
tieth Birthday, ed. Edith Sylla/Michael McVaugh (Brill’s Studies in Intellectual History
78), Leiden u. a. 1997, 134–147.
389 Johannes von Plano Carpini, Ystoria Mongalorum, ed. Anastasius van den Wyn-

gaert, Itinera et relationes Fratrum Minorum saeculi XIII et XIV (Sinica Franciscana
1), Quaracchi–Firenze 1929, 27–130; Benedictus Polonus, Relatio (ed. van den Wyn-
gaert, 135–143).
390 Wilhelm von Rubruk, Itinerarium, ed. Anastasius van den Wyngaert, Itinera et

relationes Fratrum Minorum saeculi XIII et XIV (Sinica Franciscana 1), Quaracchi–
Firenze 1929, 164–332.
391 Marco Polo, Milione. Redazione latina del manoscritto Z, ed. Alvaro Barbieri,

Parma 1998.
392 Roger Bacon, Opus tertium [Teiledition] (ed. Little, 13).
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 165

dien. Diese gestatteten es, die vielfältigen Unterschiede der Menschen


in Bezug auf Wissenschaften und Künste, auf Sprachen, Sitten und
Gewohnheiten, Glaubensüberzeugungen und Gesetze, Beschäftigun-
gen und Aufgaben wissenschaftlich zu erfassen.393 Der Doctor mira-
bilis stellt damit explizit eine Verbindung zwischen der Ausbreitung
der Mongolenherrschaft und der Befassung mit den konkreten Ausprä-
gungsweisen des Menschlichen her.

3.5. Auseinandersetzung mit der dualistischen Lehre der Katharer


Anzeichen deuten schließlich darauf hin, dass auch von der Ausein-
andersetzung mit den Lehren der Katharer Impulse für eine natur-
philosophische Befassung mit den konkreten Ausprägungsweisen des
Menschlichen ausgegangen sein dürften.394 Jedenfalls hat diese Ausein-
andersetzung speziell die Predigerbrüder, die an vorderster Front an
der Bekehrung der Ketzer arbeiteten, offenbar verstärkt dazu veran-
lasst, sich dem Studium der libri naturales des Aristoteles zu widmen.
Galt es doch, den Argumenten der Häretiker, deren Auffassung von der
sichtbaren Welt als dem Werk eines bösen Gottes oder Prinzips anschei-
nend mit herausgegriffenen naturphilosophischen Aussagen des Stagi-
riten in Verbindung gebracht werden konnte, mit fundiertem Sachwis-
sen zu begegnen.395 Da die Katharer mit der sichtbaren Welt insge-
samt zugleich auch den menschlichen Leib und konkrete Ausprägungs-
weisen des Menschlichen wie insbesondere die Weiblichkeit, die Ehe,
die geschlechtliche Zeugung und die aus dieser hervorgegangenen Kin-
der hinsichtlich ihrer Körperlichkeit als Werk des Bösen hingestellt hat-
ten,396 liegt es nahe anzunehmen, dass dies speziell auch das Interesse

393 Ebd., 10: „4to possumus considerare varietates hominum in scientiis et artibus, in

linguis et moribus et consuetudinibus et sectis et legibus et negociis et officiis.“


394 Siehe oben S. 79.
395 French/Cunningham, Before Science, 120; 140 f. Einen Überblick über die Lehren

der Katharer bietet Lambert, Geschichte, 265–271.


396 Durandus de Huesca, Contra Manicheos c. 1, ed. Christine Thouzellier, Une

somme anti-cathare. Le Liber contra Manicheos de Durand de Huesca (Spicilegium Sa-


crum Lovaniense, Études et documents 32), Louvain 1964, 89 l. 5–7: „Sed in suis
conventiculis heresiotas suos perdocent et hortantur quicquid potest videri in hoc
mundo, a diabolo esse factum“; ebd., c. 4 (115 l. 16–18): „Divine bonitati doctores impii
derogando presentem mundum asserunt, id est quecumque possunt videri corporeis
occulis, malignum, id est diabolum creasse pariter et fecisse“; ebd., c. 8 (165 l. 20–23):
„De compilatione Manicheorum. ‚Filios huius seculi, qui sunt ex carne peccati, qui
nati sunt ex sanguinibus et ex voluntate carnis et ex voluptate viri, seminavit diabolus, ….‘“
Siehe French/Cunningham, Before Science, 103 f.; Peter Biller, Cathars and Material
166 kapitel ii

an einer naturphilosophischen Befassung mit den konkreten Ausprä-


gungsweisen des Menschlichen angeregt hat.397 Die Häresie hielt sich in
der Kölner Kirchenprovinz im Übrigen bis zu den Lebzeiten Alberts
des Großen.398 Noch relativ lange scheint auch das nordfranzösische
Katharer-Bistum bestanden zu haben.399
Es zeichnen sich also eine Reihe von Faktoren ab, die über die
zunächst aufgezeigten allgemeinen Rahmenbedingungen hinaus als
spezielle Impulsgeber—freilich mit recht unterschiedlichem Gewicht—
für die naturphilosophische Befassung mit den konkreten Ausprägungs-
weisen des Menschlichen in Erwägung zu ziehen sind: die mögliche
Einstufung des Menschen als res naturalis, die Abkehr von der Auf-
fassung, der Mensch sei eigentlich nur seine Seele, das wachsende
Interesse an medizinischem Wissen und medizinischer Wissenschaft,
die Bekanntschaft mit der fremdartigen Lebensform der Menschen
im Mongolenreich und die Auseinandersetzung mit der dualistischen
Lehre der Katharer.
Nicht unerwähnt bleibe, dass innerhalb der darstellenden Kunst
und der Dichtung mit einer einsetzenden Hinwendung zum konkret
Menschlichen eine ähnliche Tendenz aufbrach wie mit der naturphilo-
sophischen Befassung mit den konkreten Ausprägungsweisen des
Menschlichen: Das konkret Menschliche findet verstärkt Beachtung.
Von großer Naturnähe und individueller Expressivität sind, wie Stür-
ner hervorhebt,400 beispielsweise die Gestalten, die als Bauplastik ins
Mauerwerk des Castel del Monte eingearbeitet sind. Zu einem auf-
schlussreichen Wandel kommt es gegen Ende des dreizehnten Jahr-
hunderts bei der Personendarstellung in der Malerei, dokumentiert in
den Paduaner Arbeiten Giottos. Die typisierende Darstellung von Per-
sonen nach festen, von der Ikonographie vorgegebenen symbolischen
Schemata weicht einer porträthaften Darstellung mit „realistischen“
Zügen.401 In der volkssprachlichen Literatur wiederum werden verstärkt

Women, in: Medieval Theology and the Natural Body, ed. ders./Alastair J. Minnis
(York Studies in Medieval Theology 1), Woodbridge–Rochester (N.Y.) 1997, 61–107,
speziell: 84; 88–107.
397 Vgl. French/Cunningham, Before Science, 106; Conrad Pepler, Man in Medieval

Thought, in: Thomist 12 (1949) 136–154, hier: 141.


398 French/Cunningham, Before Science, 112.
399 Lambert, Geschichte, 94.
400 Stürner, Friedrich II. Teil 2, 360.
401 Patrizia Castelli, „Convenerunt in unum“: Giotto il „fisiognomico“, in: Filosofia

e scienza classica, arabo-latina medievale e l’età moderna, ed. Graziella Federici Ves-
covini (Textes et Études du Moyen Âge 11), Louvain-la-Neuve 1999, 161–190; Pierre
das interesse an den konkreten ausprägungsweisen 167

weltliche Themen aufgegriffen,402 was gleichfalls nachhaltig den Blick


auf Aspekte des konkreten menschlichen Lebensvollzugs lenkte. Beson-
ders markant tritt dieser Zug auch in der wohl um 1225/1230 ange-
legten Sammlung lateinischer Lyrik, den Carmina Burana hervor.403 Jene
Tendenz spiegelt sich offenbar auch in der Weise wider, wie man nun-
mehr Autoritätspersonen wahrzunehmen beginnt. Dabei rückten die
Persönlichkeitseigenschaften des Amtsträgers gegenüber seinen Rollen-
attributen verstärkt ins Blickfeld. Daneben bildete sich die Konzeption
vom Individuum als Bürger mit spezifischen Rechten und Pflichten her-
aus.404

Wenger, Die Anfänge der Subjektivität in der bildenden Kunst Italiens vom 13. bis
zum 15. Jahrhundert, in: Geschichte und Vorgeschichte der modernen Subjektivität,
ed. Reto L. Fetz u. a. (European Cultures 11.1), Berlin–New York 1998, 511–566. Vgl.
Le Goff, Der Mensch, 12; 41; Schinagl, Naturkunde-Exempla, 34; Alistair C. Crom-
bie, Intuizioni storiche della scienza medievale, in: Federico II e le scienze, ed. Pierre
Toubert/Agostino Paravicini Bagliani, Palermo 1994, 15–24, hier: 19.
402 Schinagl, Naturkunde-Exempla, 34. Vgl. auch die Beiträge zum höfischen Roman

und zu schwankhaften Dichtungen, in: Schwierige Frauen—schwierige Männer in der


Literatur des Mittelalters, ed. Alois M. Haas/Ingrid Kasten, Bern 1999, 15–174.
403 Zur Datierung Günter Bernt, Vorwort zu: Carmina Burana Lateinisch/Deutsch,

ed. ders. (Universal-Bibliothek 8785), Stuttgart 1992, 6.


404 Hierzu Alastair J. Minnis, The Author’s Two Bodies? Authority and Fallibility in

Late-Medieval Textual Theory, in: Of the Making of Books. Medieval Manuscripts,


their Scribes and Readers. Essays presented to M.B. Parkes, ed. P.R. Robinson/Rivkah
Zim, Aldershot 1997, 259–279, hier: 265 f. Vgl. Anonymus, Questiones libri de phiso-
nomia (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. E.1.252, fol. 235rb): „Et sic
est de prelatis nunc, qui sileant primo contra nepotes, sed quando ad statum prelatio-
nis pervenerint, dant eis omnes possessiones liberas, licet sint indigni, et sic ostendunt
mores naturales in principatu.“
kapitel iii

ANSATZSTRUKTUR DER NATURPHILOSOPHISCHEN


BETRACHTUNG DES SPEZIFISCH MENSCHLICHEN

1. Die hauptsächlichen Fragenkomplexe

Die Ausgangslage für eine philosophische Befassung mit den konkre-


ten Ausprägungsweisen des spezifisch Menschlichen war im Untersu-
chungszeitraum eine grundlegend andere, als sie es für ähnliche Bemü-
hungen in unseren Tagen ist. Heute werden wir überflutet von Detail-
kenntnissen über den Menschen. Wir wissen so viel über den Menschen
wie keine Zeit vor uns. Zugleich entgleitet uns ein Wissen vom Men-
schen als solchem und im Ganzen dessen, was ist. Zur Zeit der Hoch-
scholastik hingegen war man sich des Menschen als solchen und im
Ganzen dessen, was ist, schlechterdings gewiss—und dies nicht allein in
theologischer Hinsicht (imago Dei), sondern gleicherweise auch in phi-
losophischer Perspektive als minor mundus, als animal rationale, als Wesen
der Mitte zwischen der rein körperhaften und rein geistigen Natur. Das
spezifisch Menschliche indes war in seiner Konturenvielfalt allenfalls
ansatzweise philosophisch-wissenschaftlich erfasst, und man stand vor
der Notwendigkeit, darüber genaueren Aufschluss zu gewinnen. Es ist
bezeichnend für diese Ausgangslage, wenn Roger Bacon—wie wir an
anderer Stelle schon erwähnten1—im Opus minus die überaus dürftigen
Kenntnisse der breiten Masse der Theologen auf diesem Gebiet beklagt
und unterstreicht, wie unerlässlich es ist, sich über „die Verschiedenhei-
ten und Eigentümlichkeiten der Menschen insgesamt sowohl hinsicht-
lich ihrer Komplexion als auch in Bezug auf ihre Lebensgewohnheiten,
religiöse Gebräuche, Künste und Wissenschaften“ kundig zu machen.2

1 Siehe oben S. 92.


2 Roger Bacon, Opus minus (ed. Brewer, 359): „Post haec omnium animalium;
et postremo diversitates et proprietates omnium hominum, et in complexione, et in
moribus, et in ritu, et in artibus, et in scientiis. Sed paucissima de omnibus his sciuntur
a vulgo theologorum. Et ideo in sensu literali necesse est quod sit error infinitus.“ Vgl.
ebd., 387 f.
170 kapitel iii

Durch die aristotelischen „Tierbücher“3—beachtliche Ansätze fin-


den sich schon in De natura hominis des Nemesius4—waren so viele
Gemeinsamkeiten des Menschen mit den übrigen Sinnenwesen wis-
senschaftlich dokumentiert und erstmals in ihrem ganzen Ausmaß zu
Bewusstsein gebracht worden, dass die Frage nach dem spezifisch
Menschlichen in seinen konkreten Ausprägungsweisen einer detaillier-
ten Aufarbeitung bedurfte. Dabei ging es darum, mit Aristoteles und
über ihn hinaus zu präzisieren, wie der durch die differentia specifica fest-
gelegte Wesensunterschied zwischen Mensch und Tier und die voraus-
gesetzte Vorzugsstellung des Menschen gegenüber der Tierwelt ange-
sichts der zutage tretenden, oft verblüffenden Ähnlichkeiten des Men-
schen mit einer Reihe von Tieren in vielerlei Hinsicht philosophisch
einsichtig zu machen sei. Die Magister standen gewissermaßen vor
der Aufgabe einer „Operationalisierung“ des ratio-bedingten Wesens-
unterschiedes zwischen Mensch und Tier. Sie ließen es nicht bei dem
generellen Hinweis auf das spezifisch Menschliche bewenden. Joyce
Salisbury konstatiert insgesamt eine Tendenz, das Menschliche über
die Verhaltensweisen zu bestimmen.5 Die Magister suchten denn auch
die proprietates hominis secundum id quod homo est 6 deskriptiv und explika-
tiv unter Beiziehung auch medizinischer Erklärungsmodelle detailliert
zu bestimmen und genaue Nuancierungen in Bezug auf die unter-
schiedlichen menschlichen Verhaltensäußerungen vorzunehmen. Den
umfassendsten Ansatz hierfür bot, sowohl in inhaltlicher als auch in
wissenschaftstheoretisch-methodischer Hinsicht, wie sich zeigen wird,
Albert der Große. Bezeichnenderweise würdigte Marcantonio Zimara
1562 in seiner Tabula zu den Werken des Aristoteles und den Kom-
mentaren des Averroes Alberts Leistung mit den Worten: „Wenn du
die staunenswerten Eigentümlichkeiten des Menschen zu erkennen ver-
langst, schaue bei Albert mit dem Beinamen ‚der Große‘ in Buch 22
De animalibus Kapitel 5 nach.“7 Insgesamt ergaben sich interessante, mit

3 Zu ihrer anthropologischen Ausrichtung Dierauer, Tier, 100 f.; 107.


4 Siehe ebd., 245 ff.
5 Salisbury, The Beast Within, 153; 162.
6 In dieser Weise formuliert Albert d. Gr., De animal. XXII tr. 1 c. 5 n. 11 (ed.

Stadler, II, 1354 l. 12 f.).


7 Marcantonio Zimara, Tabula dilucidationum in dictis Aristotelis et Averrois (Ari-

stotelis opera cum Averrois commentariis, Suppl. III, Venezia 1562/Frankfurt a.M.
1962, fol. 167va): „Si cupis mirabiles hominis proprietates intelligere, require Albertum
cognomento Magnum in 22. lib. de animalibus cap. 5.“ Auf diese Bemerkung war eben-
falls Koch, Sind die Pygmäen Menschen, 195 f. aufmerksam geworden. Zur Haltung
Zimaras gegenüber Albert insgesamt siehe Bianchi, Rusticus Mendax.
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 171

der Zeit offenbar weiter zunehmende Differenzierungen der abstrakt


vollzogenen prinzipiellen Grenzziehung zwischen Mensch und Tier.
Zugleich wurde ein breites Spektrum menschlicher Verhaltensweisen,
die traditionell allenfalls unter ethischen oder juridischen Gesichtspunk-
ten angesprochen und bewertet zu werden pflegten,8 nunmehr aus
naturphilosophischer Perspektive und frei von jeglicher moralisch-wer-
tenden Stellungnahme im Einzelnen untersucht. Die Ausführungen
zum Sexualverhalten sind das wohl bezeichnendste Beispiel dafür. Ver-
ständlicherweise bildete aufgrund dieser Ausgangslage der Vergleich
zwischen Mensch und Tier die Hauptzugangsweise zu den konkre-
ten, lebensbezogenen Ausprägungsweisen des spezifisch Menschlichen
in naturphilosophischer Perspektive.
Wenn wir die in den Quellentexten überlieferten explizit formu-
lierten einschlägigen Fragestellungen bzw. formellen Quaestionen zum
Ausgangspunkt nehmen, dann zeigt sich, dass die Magister sich bei
ihrer Erkenntnisbemühung um die konkreten menschlichen Ausprä-
gungsweisen offenbar an vier miteinander zusammenhängenden Fra-
genkomplexen orientierten:
– Sind die verstärkt und im Detail bewusstwerdenden Gemeinsam-
keiten (communia) zwischen dem Menschen und den anderen Sin-
nenwesen hinsichtlich der Körperkonstitution, der sensitiven
Kräfte und Operationen sowie der verschiedensten Verhaltenswei-
sen bei allen Sinnenwesen in derselben Weise gegeben?
– Kommen gemeinhin als spezifisch menschlich angesehene und
vertraute Ausprägungsweisen auch im Tierreich vor, und können
sie in diesem Fall strenggenommen überhaupt noch als „mensch-
liche“ gelten?
– Warum sind bestimmte Merkmale, Vorgänge und Reaktionen al-
lein beim Menschen, nicht aber bei Tieren zu beobachten?
– Wie erklärt es sich, dass bestimmte Kräfte und Fähigkeiten bei
einzelnen Tierarten besser ausgebildet sind als beim Menschen

8 So beispielsweise Aegidius Romanus, De regimine principum I c. 4 (Ed. Roma

1607, 11): „Tripliciter igitur poterit considerari homo: Primo, ut communicat cum
brutis, secundo, ut est aliquid in se, tertio, ut participat cum angelis sive cum substantiis
separatis. Secundum has tres considerationes sumptae sunt a philosophis praedictae
tres vitae. Voluerunt enim, quod homini, ut communicat cum brutis, competit vita
voluptuosa; ut est aliquid in seipso, vita politica; sed ut participat cum substantiis
separatis, competit ei vita contemplativa. Quilibet ergo vel vivit ut bestia vel vivit ut
homo vel vivit ut angelus. Nam secundum vitam voluptuosam vivit ut bestia, secundum
civilem vivit ut homo, secundum contemplativam ut angelus.“
172 kapitel iii

oder überhaupt nur bei diesen vorkommen, sodass der Mensch,


der sie doch überragen muss,9 in mancherlei Hinsicht gegenüber
Tieren als defizient erscheint und nicht—wie zu erwarten10—um-
gekehrt? Wie kann es sein, dass es unter den Sinnenwesen keines
gibt, das ohne anderswoher gewonnene Ausstattung unansehnli-
cher und armseliger anzuschauen wäre als der Mensch in sei-
ner Nacktheit?11 „Es entsteht ein Problem“ (oritur quaestio), heißt
es bezeichnenderweise bei Albert dem Großen.12
Im ersten Fragenkomplex steht das Problem der Mensch und Tier
gemeinsamen sensitiven Seelenvermögen und Operationen im Mittel-
punkt. Mindestens zwei von den Magistern angeführte Lehrsätze legen
nahe, dass derlei Vermögen und Operationen nicht nur Mensch und
Tier gemeinsam, sondern auch für beide spezifisch die gleichen seien.
Gilt nämlich nach einem dieser Lehrsätze, dass ihrem Wesen nach
verschiedene Operationen auf wesenhaft verschiedene Träger (nature)
schließen lassen,13 so bedeutet das umgekehrt, dass Operationen, die
sich ihrem Wesen nach nicht unterscheiden, spezifisch gleiche Träger,
im vorliegenden Fall eine spezifisch gleiche sensitive Seele bzw. ein
spezifisch gleiches sensitives Vermögen voraussetzen. Ähnliches ergibt
sich zweitens aus dem aristotelischen Grundsatz, dass Vermögen und
deren Akte sich aufgrund ihrer Objekte unterscheiden; die sensitiven
Vermögen und Akte beziehen sich aber im Fall von Mensch und Tier
augenscheinlich auf dieselben Objekte.14 Vor diesem Hintergrund stel-

9 Adelard von Bath, Questiones naturales q. 37 (ed. Burnett, 164).


10 Albert d. Gr., De homine tr. 1 q. 39 a. 4 (Ed. Paris. XXXV, 339b).
11 Michael Scotus, Liber phisionomie pars 2 c. 23–24 (Ed. Venezia 1505, fol. 15r):

„Sciendum est, quod inter caetera animalia non est turpius animal ad uidendum sine
ornatu alterius quam homo, dum est nudus, neque pauperius. Nam bestiae terrae
nutriunt ipsum donec uiuit ut aues caeli etc.“
12 Albert d. Gr., De animal. XXI tr. 1 c. 1 n. 4 (ed. Stadler, II, 1323 l. 10).
13 So Roger Bacon, Communia naturalium I pars 4 d. 3 c. 5 (ed. Steele, 296 l. 16–

18): „Operaciones sunt diverse in essencia et secundum speciem sicut intelligere sentire
et vegetari, ergo nature quarum sunt hec opera.“
14 Bernhard von Trilia, Quodl. I q. 12 arg. 1 (Città del Vaticano, Biblioteca Aposto-

lica Vaticana, Borgh. 156, fol. 161ra): „… potentie et actus distinguuntur secundum Phi-
losophum per obiecta. Sed idem obiectum respondet potentie sensitive hominis et bruti.
Ergo sunt eiusdem speciei.“ Zu Bernhard und diesem Quodlibet (1283) siehe Glorieux,
La littérature quodlibétique, I, 101 f. Vgl. Bartholomeus von Bottisham, Questiones in
III libros de anima (Cambridge, Peterhouse Library, 192 pt. 2, fol. 5rb): „Item sensus tac-
tus est ille, virtute cuius animal est animal, et ideo dicitur in isto 2°, quod solus tactus
facit animal. Sed sensus tactus est unius nature in omnibus participantibus ipsum. Ergo
sensitiva, a qua sumitur sensus tactus, erit unius nature vel speciei in omnibus parti-
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 173

len Magister die Frage, ob die sensitive Seele von Mensch und Tier
spezifisch dieselbe sei oder nicht. So lautet eine Quaestion in einem
Kommentar zu den ersten beiden Büchern De anima,15 ähnlich eine bei
Galfrid von Aspall16 und eine des Dominikaners Bernhard von Trilia
(1283/1286).17 Robert Grosseteste variiert die Fragestellung und formu-
liert: ob es eine zweifache Sinnlichkeit gebe, nämlich eine, die Mensch
und Tier gemeinsam ist, und eine, die dem Menschen eigentümlich
ist.18 Verschiedene Magister beziehen die vegetative Seele in ihre Über-
legungen mit ein und stellen die Doppelfrage, ob die vegetative Seele
bei Mensch, Tier und Pflanze sowie die sensitive Seele bei Mensch und
Tier spezifisch dieselbe seien.19 Unklar war offenbar auch, inwiefern
bei Tieren von „Klugheit“ die Rede sein kann.20 Das hervorstechendste

cipantibus ipsam. Quod autem tactus (t.] actus cod.) sit unius nature, hoc patet, quia
tangibile, quod est eius obiectum, est unum.“
15 Anonymus, Questiones in capitulum primum libri I et librum II de anima (Città

del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 869, fol. 205Ara): „Questio,
utrum sensitiva in homine et bruto differant specie; et videtur quod non, ut primo:
Quia operaciones sensitive hinc inde sunt eadem, (et add. cod. sed exp.) ergo et ipsa
eadem specie sunt.“ Zu diesem Kommentar siehe die Literaturhinweise bei Köhler,
Grundlagen, 301 Anm. 201.
16 Galfrid von Aspall, Questiones in de anima II (ed. Čizmić, 196) „Queritur, an

sensitiva in hominibus et brutis sint sensitive eiusdem speciei.“ Vgl. Petrus Hispanus,
Sententia cum questionibus in libros de anima I lect. 3 (ed. Alonso, 241 l. 8–14); Petrus
Hispanus Portugalensis, Scientia libri de anima tr. 11 c. 1 (ed. Alonso, 429 l. 20 – 430
l. 4).
17 Bernhard von Trilia, Quodl. I q. 12 (Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica

Vaticana, Borgh. 156, fol. 161ra): „Pertinens ad (autem cod.) partem sensitivam erat,
utrum sensitiva hominis et bruti differant specie vel non.“ Vgl. Bartholomeus von
Bottisham, Questiones in III libros de anima (Cambridge, Peterhouse Library, 192 pt. 2,
fol. 11vb): „Queritur, utrum in diversis secundum speciem sit anima vegetativa diversa
secundum speciem; et videtur quod non.“
18 Robert Grosseteste, Tractatus de anima 6, ed. Ludwig Baur, Die philosophischen

Werke des Robert Grosseteste, Bischofs von Lincoln (BGPhMA 9), Münster 1912, 242–
274, hier 268 l. 23 f.: „Item quaeritur: utrum sit duplex sensualitas, una communis nobis
et bestiis, altera propria hominis?“; vgl. ebd., 7 (269 l. 19–22).
19 Petrus Hispanus, Sententia cum questionibus in libros de anima I lect. 4 (ed.

Alonso, 265 l. 30–33): „Circa quartam questionem sic proceditur et queritur utrum iste
differentie anime que sunt vegetabilis et sensibilis sint eiusdem speciei secundum quod
sunt in animali bruto et in homine et in plantis“; Anonymus, Questiones super librum
de anima II (Siena, BC, L.III.21, fol. 158vb): „Queritur, utrum vegetativa et sensitiva in
diversis differunt in specie“; Anonymus, Quaestiones in tres libros de anima II q. 32
(ed. Vennebusch, 177 l. 2 f.). Vgl. Ps.-Robert Grosseteste, Summa philosophiae tr. 11
c. 8, ed. Ludwig Baur, Die philosophischen Werke des Robert Grosseteste, Bischofs
von Lincoln (BGPhMA 9), Münster 1912, 274–643. hier: 468 l. 2–9; Roger Bacon,
Communia naturalium I pars 4 d. 3 c. 5 (ed. Steele, 296 l. 21–28).
20 Bartholomaeus von Brügge, Scriptum et questiones yconomice Aristotilis I c. 4[a]
174 kapitel iii

Zeugnis für diesen ersten Fragenkomplex sind indes die von einigen
Autoren explizit aufgeworfenen Fragen, ob die pygmei Menschen seien
bzw. ob der Affe Mensch sei.21 Darin bündeln sich viele der angeführ-
ten Einzelfragen samt der zentralen Frage, inwiefern der Mensch das
vornehmste bzw. vollkommenste Sinnenwesen ist.22
Den zweiten Fragenkomplex23 repräsentieren vor allem Quaestionen
zum Vorkommen freier Wahlentscheidung (ob diese allein bei ratio-
nalen Wesen oder auch bei Tieren gegeben sei24 bzw. ob es bei Tie-
ren ein voluntarium gebe und ob Tiere eine Wahl treffen können),25
zum Vorhandensein des Sprachvermögens (ob allein Menschen oder
auch Tiere über Sprache verfügen),26 zu verschiedenen Erkenntnisleis-

(Transkription von Blažek, 40): „Item, forte aliquis dubitaret, quomodo dicit animalia
bruta esse prudentia. Prudentia enim est virtus intellectualis. In brutis autem non est
intellectus.“
21 Anonymus, Quodl. q. 17 (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 15850, fol. 16va–17rb):

„Utrum pycmei sint homines“; dieses Quodlibet gehört nach Glorieux, La littérature
quodlibétique, I, 230 f. zu einer für Nicolaus de Bar angelegten Sammlung, vgl. ebd.,
II, 199; Petrus de Alvernia, Quodl. VI q. 13 (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 15851,
fol. 78rb–vb): „Utrum scilicet pygmei sint homines“; zu diesem Quodlibet und seiner
Datierung (1301) siehe Glorieux, La littérature quodlibétique, I, 263; vgl. Albert d.
Gr. De animal. XXI tr. 1 c. 2 n. 8–14 (ed. Stadler, II, 1325–1329). Hierzu Koch, Sind
die Pygmäen Menschen; Köhler, Anthropologische Erkennungsmerkmale. In letzterem
Aufsatz ist noch nicht erwähnt Anonymus, Questiones super librum de animalibus II
(Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2164, fol. 249rb): „Consue-
vit hic queri, utrum symea sit homo; et videtur quod sic.“
22 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Florentiner Redak-

tion] I (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 84ra): „Que-
ritur ergo, propter quid homo inter omnia animalia sit nobilissimus, sicut dicit auctor
in littera“; [Venezianer Redaktion] I (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI,
234, fol. 14rb): „Queritur, propter quid homo dicitur nobilissimus inter cetera anima-
lia“; Albert d. Gr., De animal. XXI tr. 1 c. 1 n. 1 (ed. Stadler, II, 1321 l. 8): „De summa
animalis perfectione quae est hominis.“
23 Zu vergleichbaren Überlegungen zur Zeit der griechischen Sophistik siehe Die-

rauer, Tier, 34.


24 Albert d. Gr., De homine tr. 1 q. 70 a. 1 (Ed. Paris. XXXV, 569): „Utrum liberum

arbitrium tantum insit rationalibus, vel etiam brutis?“


25 Jakob von Douai (?), Questiones super libros ethicorum III (Paris, Bibliothèque

Nationale, Lat. 14698, fol. 150rb): „Consequenter queritur, utrum in brutis sit volunta-
rium; et videtur quod non, …“; ebd., fol. 150vb: „‚Existente autem voluntario.‘ Deinde
queritur, utrum in brutis sit electio; et videtur quod sic (sicut cod.)“; Johannes von
Tytyngsale, Questiones IV librorum ethicorum (Durham, Dean and Chapter Library,
C.IV.20, fol. 228ra–229ra): „Nunc queritur, utrum in brutis sit voluntarium … Nunc
queritur, utrum eleccio sit in brutis“; Anonymus, Super ethycam (Erlangen, Universi-
tätsbibliothek, 213, fol. 56va): „Deinde queritur, utrum electio sit in brutis.“
26 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis IV (Paris,

Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 39va): „Secundo queritur, utrum sermo insit
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 175

tungen (beispielsweise ob bei Tieren der Erkenntnisweg der Erfah-


rung und der Erkenntnisweg der ratio anzunehmen sind,27 ob Tiere
individuelle intentiones erkennen28 bzw. die Fähigkeit zur intentionalen
Zusammenfügung haben,29 ob sie Universalien erkennen,30 ob sie gut
und böse unterscheiden können,31 ob sie Intellekt haben,32 ob sie über
Gedächtnis verfügen,33 ob sie Wohlgerüche wahrzunehmen imstande

soli homini“; Anonymus, Questiones in libros II et III de anima (Erfurt, Universitäts-


bibliothek, Dep. Erf., CA 4° 312, fol. 46ra): „Item quero, quid est locucio, et an brutis
insit locucio“; Galfrid von Aspall, Questiones in de sensu et sensato (Oxford, Merton
College, 272, fol. 258rb): „Consequenter quero, an sensitiva brutalis possit super vocem
(v.] necesse cod.) significativam (significatam cod.); et videtur quod sic.“
27 Petrus Hispanus (Medicus), Scriptum cum questionibus super dietas universales

Ysac (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 2° 172 [Redactio longa], fol. 54va–vb):
„3° queritur, utrum via experimenti sit in brutis; … 5° queritur, utrum via racionis insit
brutis; …“ Vgl. Albert d. Gr., De animal. VIII tr. 6 c. 1 n. 227 (ed. Stadler, I, 667
l. 7 f.).
28 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redak-

tion] VIII (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI, 234, fol. 151va): „De primo
queritur, utrum animalia discernant et cognoscant individuales intentiones rerum et
formas, quia in hoc fundantur mores.“
29 Galfrid von Aspall, Questiones in de sensu et sensato (Oxford, Merton College,

272, fol. 258rb): „Consequenter quero, an sensitiva in brutis possit (possunt cod.) super
compositum; et videtur quod sic.“
30 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redak-

tion] VIII (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI, 234, fol. 152ra): „Deinde,
utrum insit brutis habentibus animam sensibilem intentio rerum universalis et per
modum universalis; id est, utrum universalia comprehendantur ab illis prout accipiunt
res individuales.“
31 Galfrid von Aspall, Questiones in de sensu et sensato (Oxford, Merton College,

272, fol. 258va): „Consequenter quero, utrum sensitiva possit super discretionem boni
a malo; et hoc est querere, utrum sensitiva possit super moralem virtutem in com-
parando; et videtur quod sic. Quia videmus quedam bruta crudeliter (c.] debiliter C)
operari secundum motum virtutis irascibilis et (et om. O) quedam eiusdem speciei bene
operantur secundum motus suavitatis, …“
32 Aegidius Romanus, Expositio libri de anima III (Ed. Venezia 1500, fol. 60rb):

„Notandum autem, quod dubium est apud quosdam, utrum alia (aliqua ed.) anima-
lia ab homine habeant intellectum.“ Vgl. Alexander von Alessandria, Expositio libri
de anima cum questionibus et notabilibus I (Ed. Oxford 1481, fol. 18va): „Alibi autem
dicit (sc. Anaxagoras) intellectum et animam esse idem aut eum (enim ed.) ipsum intel-
lectum esse in omnibus animalibus, magnis et parvis, honorabilibus et inhonorabili-
bus. Quod tamen falsum est, quia intellectus agit recte secundum prudenciam, que est
recta racio agibilium; prudencia autem non est in omnibus animalibus, sed tantum in
hominibus.“
33 Anonymus, Notule de memoria et reminiscencia (Milano, Biblioteca Ambrosiana,

H 105 inf., fol. 20va): „Dubitari potest hic primo super hoc, quod vult in hoc capitulo,
quod memoria non solum inest hominibus, sed eciam aliis, ut quibusdam brutis“;
Petrus de Alvernia, Quaestiones super librum de memoria et reminiscentia q. 10 (ed.
176 kapitel iii

sind),34 zum Vorkommen zweckfreier Handlungen (liberales actiones) und


zweckgerichteter Tätigkeiten (operationes mechanicae) wie Singen bzw.
Herstellen von etwas.35 Interesse weckte aber auch eine anthropolo-
gisch weniger gewichtige Frage wie die, ob es bei anderen Sinnen-
wesen gleichfalls zu einem Ergrauen der Haare kommt.36 Gegenstand
einer disputatio de quolibet von 1304/1305 war die Frage, ob ein vernunft-
loses Sinnenwesen über irgendeine Erkenntnis verfüge, die über die
Vorstellungs- oder Einschätzungskraft und allgemein jedwede Art Sin-
neskraft hinausreicht.37 In anderen Quaestionen wird danach gefragt,
ob natürliche Verhaltensgewohnheiten (mores naturales) im Menschen in
einem wahreren Sinne als im Tier gegeben sind,38 ob die beiden sinnli-
chen Antriebsvermögen bzw. -kräfte—das Begehren von etwas sinnlich
Angenehmem (concupiscentia; vis concupiscibilis) und das auf eine Anstren-
gung, etwa einen Kampf gerichtete „zornmütige“ Streben (ira, vis iras-
cibilis)—im eigentlichen Sinne als menschliche zu betrachten sind,39
ob jedwedem Sinnenwesen das „zornmütige“ Streben gegeben ist40—
es weist immerhin Ähnlichkeiten mit dem vernunftgemäßen Streben
auf 41—und auch, ob Tiere glücklich sein können.42 Adelard von Bath

White, II, 167): „Utrum memoria insit omnibus animalibus“; ders., Quaestiones super
librum de sensu et sensato q. 3 (ed. White, II, 12).
34 Petrus de Alvernia, Quaestiones super librum de sensu et sensato q. 46 (ed.

White, II, 87): „Utrum alia animalia ab homine percipiant et sentiant odores per se
delectabiles.“
35 Albert d. Gr., De animal. VIII tr. 6 c. 2 n. 237 (ed. Stadler, I, 671 l. 26–35).
36 Siehe unten S. 213; 225.
37 Thomas von Bailly, Quodlibetum IV q. 5, ed. Palémon Glorieux, Thomas de

Bailly, Quodlibets (Textes philosophiques du Moyen Âge 9), Paris 1960, 258: „Deinde
querebatur utrum aliquod animal irrationale habeat aliquam cognitionem excedentem
fantastaticam uel estimatiuam ac uniuersaliter omnem uirtutem sensitiuam.“
38 Anonymus, Questiones super librum de animalibus VII (Città del Vaticano, Bi-

blioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2164, fol. 275vb): „Sed utrum mores naturales
verius insunt homini quam bruto.“
39 Albert d. Gr., Super Ethica I lect. 16 n. 94 (Ed. Colon. XIV/1, 85 l. 69–71):

„Secundo quaeritur utrum concupiscentia et ira sint humanae, idest consequentes


hominem ex parte, unde est homo. Et videtur, quod sic.“ Zur Umschreibung der
beiden sensitiven Kräfte beispielsweise Thomas von Aquin, Sentencia libri de sensu
et sensato, Proh. (Ed. Leon. XLV/2, 8 l. 237–249).
40 Petrus de Alvernia, Quaestiones super librum de sensu et sensato, q. 4 (ed. White,

II, 12): „Utrum ira insit omnibus animalibus“; ebd., 14.


41 Thomas von Aquin, Sentencia libri de sensu et sensato, Proh. (Ed. Leon. XLV/2,

8 l. 244–249).
42 Albert d. Gr., Super Ethica X lect. 15 n. 920 (Ed. Colon. XIV/2, 770 l. 20 f.):

„Quinto videtur, quod bestiae possint esse felices.“


ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 177

hatte seinem Neffen seinerzeit noch erklären müssen, dass entgegen


einer Volksmeinung auch Tiere eine Seele haben.43 Die Überzeugung,
dass nur Menschen, aber keine Tiere eine Seele haben, scheint im
Volk dauerhaft verwurzelt gewesen zu sein. Jedenfalls weiß noch Roger
Bacon davon zu berichten. Danach haben die laici die Fachleute (clerici)
offenbar ausgelacht, wenn diese davon sprachen, dass Hunde und sons-
tige Tiere eine Seele besäßen.44 Die Fragen dieses zweiten Komplexes
erhalten eine besondere Bedeutung, wenn man sie im Hinblick auf die
in den letzten Jahrzehnten des dreizehnten Jahrhunderts in Europa auf-
kommenden Tierprozesse betrachtet.45 Diese rückten das Tier, speziell
das Schwein, in eine problematische Nähe zum schuldfähigen Men-
schen.
Beim dritten Fragenkomplex geht es hauptsächlich, aber nicht aus-
schließlich um bestimmte körperliche Merkmale und Vorgänge wie
Fortbewegungsdefizite bei Neugeborenen,46 Fuß,47 Augenfarbe,48 Au-

43 Adelard von Bath, Questiones naturales 13 (ed. Burnett, 110 ff.). Vgl. Wilhelm von

Auvergne, Tractatus de anima c. 1 pars 5 (Opera omnia II, Suppl., 68b): „Et quoniam
quidam erroneus et imbecillis, qui a similibus sibi sciolus putabatur, negavit animam
brutalem substantiam esse, non inconveniens neque ad propositum usquequaque non
pertinens errorem ipsius destruere, per quem non paucos forsitan involvit“; ebd., c. 5
pars 8 (124a): „Quis igitur nisi extrema desipientia de iis ignorare permittatur animas
non solum humanas, sed etiam aliorum animalium substantias activas esse, quarum
tam multiplices et manifestae sunt actiones?“
44 Roger Bacon, Communia naturalium I pars 4 d. 3 c. 1 (ed. Steele, 283 l. 1–4):

„Immo vulgus laicorum in multis regnis adhuc credit quod soli homines animas habent,
unde derident clericos qui dicunt canes et cetera bruta habere animas.“
45 Michel Pastoureau, Nouveaux regards sur le monde animal à la fin du Moyen

Âge, in: Micrologus 4 (1996) 41–54, hier: 47–51; ders., L’animal, 18 ff.


46 Petrus Hispanus (Medicus), Glose super tegni Galieni (Madrid, Biblioteca Nacio-

nal, 1877, fol. 104rb): „Deinde queritur, quare alia animalia non claudicant sicut homo
a nativitate, quia vix reperitur in aliis“; Petrus von Abano, Expositio problematum Ari-
stotilis, partic. 10, 41 (Ed. Venezia 1501, fol. 112rb): „Quare est, quod homo inter cetera
animalia precipue nascitur claudus?“ Weitere Textstellen siehe unten Anm. 232.
47 Ebd., fol. 112va: „Propter quid pes magis in homine quam aliis animalibus est

carnosior?“ Weitere Textstellen siehe unten Anm. 255.


48 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis I (Paris, Biblio-

thèque Nationale, Lat. 16166, fol. 9rb): „Item quare in homine nigrum est diver-
sorum colorum et non in aliis animalibus exceptis paucis, ut equo.“ Siehe auch unten
Anm. 252.
178 kapitel iii

genabstand,49 Nabel,50 Behaarung,51 Pulsschlag,52 Menstruation,53


Scheinschwangerschaft (mola),54 Bartwuchs bei der Geschlechtsreife,55
um körperbezogene Reaktionen wie das Lachen,56 Niesen,57 Rauch-

49 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis I (Paris, Biblio-
thèque Nationale, Lat. 16166, fol. 10vb): „Item quare in hominibus minor est oculorum
distancia quam in aliis animalibus“; Petrus von Abano, Expositio problematum Aristo-
tilis, partic. 10, 15 (Ed. Venezia 1501, fol. 103rb): „Quare est, quod homo inter cetera ani-
malia secundum quantitatem sui corporis valde modicam habet distantiam inter unum
oculum et alium, sed aliis animalibus inexistit grandis distantia preter pygmeum“; ebd.,
partic. 31, 27 (259va); Anonymus, Sentencia probleumatum Aristotilis (Brugge, Stedelijke
Openbare Bibliotheek, 481, fol. 36vb–37ra): „Hic querit, quare homo minorem distan-
ciam habet inter 2os oculos, cetera vero animalia magnam, …“
50 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis I (Paris, Biblio-

thèque Nationale, Lat. 16166, fol. 10vb): „Item quare animalium solus homo habet
umbilicum (umbiculum cod.)“; Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis,
partic. 10, 45 (Ed. Venezia 1501, fol. 116ra): „Quare est, quod in hominibus umbilici
fiunt plurimum extra positione manifesti, sed in aliis animalibus non fiunt manifesti sic
extra sensibiliter apparentes?“
51 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 10, 54 (Ed. Venezia

1501, fol. 118vb): „Quare est, quod in homine partes anteriores, ut pectorales et ven-
trales, pilosiores sunt quandoque quam posteriores, ut dorsales, sed in quadrupedibus
est econtra, quoniam partes posteriores, ut dorsales, pilosiores sunt quam anteriores, ut
pectorales et ventrales?“ Siehe unten Anm. 194; 257.
52 Siehe unten Anm. 198.
53 Anonymus, Questiones super librum de animalibus IX (Città del Vaticano, Biblio-

teca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2164, fol. 285ra): „Sed (sc. queritur), quare solum in
humana specie fluunt menstrua.“ Siehe auch unten Anm. 204; 264.
54 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis XVIII (Paris,

Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 181rb): „…, secundo movet dubitacionem, quare
mola non est in aliis animalibus ab homine, …“; Anonymus, Questiones super librum
de animalibus IX (Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2164,
fol. 289vb): „Consequenter queritur, quare in animalibus non generatur mola, sed solum
in humana specie; …“
55 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 4, 4 (Ed. Venezia

1501, fol. 55va): „Quare est, quod homo illo tempore incipit habere barbam, cum
fuerit potens coire, quod et nulli aliorum ab eo accidit animalium pilos habentium a
nativitate, ut quod tempore coitus fiant pilosiora circa partes oris, ubi nascitur barba?
Hoc enim videtur dignum dubitatione, cum in multis homo et bruta conveniant.“
56 Siehe unten Anm. 174.
57 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis I (Paris, Biblio-

thèque Nationale, Lat. 16166, fol. 9rb): „Iuxta hoc queritur, quare solus homo sternu-
tat“; Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 10, 18 (Ed. Venezia
1501, fol. 104rb): „Quare est, quod homo proprie sternutat inter cetera animalia“; ebd.,
partic. 10, 55 (fol. 119vb); Anonymus, Sentencia probleumatum Aristotilis (Brugge, Ste-
delijke Openbare Bibliotheek, 481, fol. 37rb): „Hic querit, quare homo proprie sternu-
tat. Respondet dicens, quod habens latos meatus narium proprie sternutat. Homo inter
cetera animalia est huiusmodi.“ Siehe auch unten Anm. 260
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 179

empfindlichkeit,58 Nasenbluten,59 (lepröse) Hauterkrankung morphea,60


oder Schwächung durch den Geschlechtsverkehr.61 Gefragt wird, war-
um diese nur bzw. in höchstem Maße beim Menschen gegeben seien.
Anlass zum Fragen bot ferner der Modus des Erinnerns, denn unklar
war, weshalb Tiere ihn nicht haben, falls er naturgegeben ist.62 Auch die
Frage, weshalb es nur eine einzige Spezies Mensch, aber eine Vielzahl
von Tierarten gibt,63 kann diesem Fragenkomplex zugeordnet werden.
Die Quaestionen, die dem vierten Fragenkomplex zuzurechnen sind,
thematisieren vornehmlich Defizite des Menschen im Vergleich zu ver-
schiedenen Tieren insbesondere hinsichtlich bestimmter Sinnesfähig-

58 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 10, 51 (Ed. Venezia

1501, fol. 117vb): „Quare est, quod homo inter cetera animalia maxime nocetur a fumo
et proprie in oculis“; Anonymus, Sentencia probleumatum Aristotilis (Brugge, SOB,
481, fol. 42rb): „Hic querit, quare fumus plus nocet oculis hominum quam ceterorum
animalium educendo lacrimas.“
59 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 10, 2 (Ed. Venezia

1501, fol. 97va): „Quare est, quod homini inter cetera animalium fluxus sanguinis ex
naribus accidit?“
60 Ebd., partic. 10, 5 (fol. 98va): „Comparat hominem ad alia animalia penes mor-

pheam dicens: Quare est, quod homo solus inter cetera animalia incurrit morpheam“;
ebd., 10, 33 (fol. 109vb); Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristo-
tilis XIX (Paris, BN, Lat. 16166, fol. 188vb): „…, quare quedam sunt unius coloris, que-
dam varii, est natura pellis; in hominibus autem non nisi canorum—sed non eorum,
qui (que S) fiunt in senectute, sed eorum, qui (que S) fiunt propter infirmitatem, ut in
morphea alba fiunt albi pili propter pellem dealbatam; …“ Zur morphea Jacquart, A
la recherche, 505 f.; Willibald Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, Berlin–New York
2571994, 992a.
61 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 4, 6 (Ed. Venezia

1501, fol. 56rb): „Quare est, quod homo de numero animalium vel inter cetera anima-
lium potissime dissolvitur et minoratur in coitu, sicut apparet in adolescentia maxime;
quod et equis et asinis stalonum electis multotiens utentibus coitu minime contingit,
et proprie cervis“; Anonymus, Sentencia probleumatum Aristotilis (Brugge, Stedelijke
Openbare Bibliotheek, 481, fol. 19va–vb): „Hic querit, quare homo inter cetera anima-
lia minoratur et dissolvitur coitu. Respondet dicens, quod debilitato et minuto calido
innato necesse est corpus, cuius est, minui et dissolvi. Sed in coitu hominis plus ceteris
animalibus minuitur eius calidum innatum, eo quod homo secundum proporcionem
sui corporis plus ceteris animalibus spermatis spumosi emittit, cuius superflua emissio
necessario calidum innatum minuit.“
62 Adam von Whitby (?), Glosse super librum de memoria et reminiscentia (Firenze,

Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.3.464, fol. 69ra): „Videtur ergo, quod
totalis iste modus reminiscendi, quem tradit Aristotiles, omnino naturalis sit. Sed tunc
dubitatur, si ita sit, propter quid bruta istum modum non habent.“
63 Beispielsweise bei Albert d. Gr., Quaest. super De animal. I q. 20 (Ed. Colon. XII,

94 l. 31–51) und Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Vene-


zianer Redaktion] I (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI, 234, fol. 7rb):
„Queritur postea, quare in brutis sunt multe species, in genere humano unica (unita
cod.) sola.“
180 kapitel iii

keiten und -leistungen. So beschäftigte die Magister immer wieder die


aristotelische Frage, ob wir Menschen mit einem schlechteren Geruchs-
sinn als die übrigen Sinnenwesen ausgestattet sind64 und warum das so
ist.65 Ähnliche Fragen stellten sich für die Gelehrten, was den Tastsinn66
und den Gesichtssinn67 anbelangt; weitere betrafen die erst relativ spät
gewonnene Gehfähigkeit des Menschen68 und generell das Fehlen jeg-
licher angeborener überlebensnotwendiger Kenntnisse.69 Erklärungsbe-

64 Albert d. Gr., De animal. XXI tr. 1 c. 1 n. 4 (ed. Stadler, II, 1323 l. 10–14); Aegidius

Romanus, Expositio libri de anima II (Ed. Venezia 1500, fol. 45ra): „Dubitaret forte
aliquis, utrum aliis animalibus possint esse note species odoris, quas homo non possit
percipere“; Petrus de Alvernia, Quaestiones super librum de sensu et sensato q. 27 (ed.
White, II, 55): „Utrum nos habemus peiorem olfactum ceteris animalibus“; Johannes
von Tytyngsale, Questiones super librum de anima II (Oxford, Balliol College, 311,
fol. 163rb): „Nunc queritur, utrum homo habeat peiorem olfactum aliis.“ Vgl. Nemesius
von Emesa, De natura hominis c. 7 (ed. Verbeke/Moncho, 82 l. 88–91). Siehe auch
unten Anm. 219.
65 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones supra viaticum (Madrid, Biblioteca Nacio-

nal, 1877, fol. 150vb): „Secundo queritur, propter quid homo inter omnia animalia habet
peiorem olfactum. Melius enim odorant canes quam homo et alia animalia“; Adam
von Bocfeld, Sentencia super librum de anima II [unedierter Abschnitt] (Oxford, Mer-
ton College, 272, fol. 14rb): „De quo dubitatur: Cum virtus sensitiva in homine quo-
dam modo perficiatur virtute intellectiva et in aliis animalibus non, ut videtur, multo
meliorem debet homo habere sensum unumquemque aliis animalibus, et ita olfactum“;
Radulf von Longchamp, In Anticlaudianum Alani commentum 45, ed. Jan Sulowski,
Radulphus de Longo Campo: In Anticlaudianum Alani commentum, Wrocław u. a.
1972, 49 l. 17–19: „Quid sit odoratus et quomodo fiat et quare quaedam animalia bruta
fortiorem habent odoratum quam homines?“; Richardus Rufus (?), Expositio libri de
anima II (ed. Alonso, 206 l. 17–19): „Sed dubitatur cum sensitiva hominis perficiatur
per intellectivam ipsius, qualiter dicat hominem peius odorare quam alia animalia,
cum eorum sensitiva non sic compleatur.“
66 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Florentiner Redak-

tion] VIII (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 128ra):
„6° queritur, utrum tactus plus vigeat (v.] indigeat cod.) in aranea quam in homine; et
videtur quod non“; Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super viaticum (Madrid,
Biblioteca Nacional, 1877, fol. 150vb): „Secundo queritur (s. qu.] secunda ratio cod.),
propter quid homo habet aliquos sensus imperfectos in comparatione ad alia animalia,
aliquos vero meliores. Queritur eciam, utrum tactus maxime vigeat in homine.“
67 Albert d. Gr., De animal. XXI tr. 1 c. 1 n. 4 (ed. Stadler, II, 1323 l. 10–13).
68 Adelard von Bath, Quaestiones naturales 37 (ed. Burnett, 164): „Solet enim vulga-

riter communis esse questio, cum brutorum animalium pleraque quam cito nata sunt
statim ambulant, cur homines, qui eis precellere debent, hac facultate privati debiles
reperiantur?“ Petrus Hispanus (Medicus), Glose super tegni Galieni (Madrid, Biblioteca
Nacional, 1877, fol. 104ra): „Deinde queritur, propter quid homo inter omnia animalia
tardius incedit.“ Vgl. Thomas von Aquin, Summa theologiae I q. 101 a. 2c (Ed. Leon.
V, 447a–b). Siehe auch unten Anm. 252.
69 Wilhelm von Auvergne, Tractatus de anima c. 5 pars 10 (Opera omnia II, Suppl.,

125b–126a): „Homines vero soli adeo obtenebrati nascuntur, ut neque de cibo sive ali-
mento vel curent vel curare noscantur, sed neque gradi neque quidquam, quod vitam
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 181

dürftig war auch die mit Erfahrungsevidenz begründete Annahme, dass


manche Tiere im Unterschied zum Menschen über eine naturgegebene
Kenntnis von Heilmitteln verfügen.70 Zu denken gab ebenso, warum
der Mensch sich im Alter hässlicher, schwächer und unvollkomme-
ner ausnimmt als alle anderen Sinnenwesen.71 Schließlich stießen die
pseudoaristotelischen Problemata die Fragen an, warum der Mensch das
ungerechteste Sinnenwesen sei,72 warum der Mensch das eine erfasst
und einsieht, das andere aber tut, während die Tiere grundsätzlich stets
das ausführen, was sie erfasst haben,73 und weswegen der Mensch häu-
figer als die übrigen Sinnenwesen seine Unterscheidungs- und Orien-
tierungsfähigkeit einbüßt.74
Die angeführten Beispiele von Quaestionen bzw. explizit formulier-
ten Fragestellungen vermitteln einen ersten Eindruck davon, welche
Fragen die Magister bei ihrer naturphilosophischen Erkenntnisbemü-
hung in Bezug auf die konkreten Ausprägungsweisen des spezifisch
Menschlichen vornehmlich beschäftigten. Die volle thematische Breite

ipsorum vel sustentet vel nutriat vel quolibet aliorum modorum adiuvet, operari vel
possunt vel sciunt. Videmus siquidem perdices nondum pene exclusas ab ovis, imo
etiam cum aliqua parte ovorum evolantes et ad pastum matrem sequentes. … Desi-
pientiam vero, imo obtenebrositatem etiam super omnem brutalem ignorantiam, in
qua nascuntur homines et in qua sunt animae eorum, donec paulatim per nutrices vel
nutritios et totius vitae suae consuetudine aliquatenus ad eruditionem proficiat, quis
ignoret?“
70 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis VIII (Paris,

Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 63ra): „Homo autem inter omnia animalia est
nobilissimum, et tamen sibi non est datum a natura eligere medicinam sibi iuvativam
contra nocumenta sua; sic enim omnes essent medici. Ergo multo forcius nec (in add.
cod.) aliis animalibus. Oppositum tamen sepe videtur de pluribus.“
71 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redak-

tion] VII (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI 234, fol. 119va): „Deinde
de reditu etatis in homine; et primo queritur, propter quid homo inter omnia animalia
sit turpior et debilior et imperfectior inter omnia animalia (sc. in senectute). Contrarium
videtur, quia in homine perfectior est calor naturalis et humidum naturale.“
72 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 29, 7 (Ed. Venezia

1501, fol. 239vb): „Quare homo est animal iniustissimum inter cetera animalia? Non
enim videtur, cum disciplina participet et intellectu, quibus debet ab iniustitia prohi-
beri“; vgl. ebd., partic. 10, 50 (fol. 117va): „Quare est, quod homo inter cetera animalia
aut solus pervertitur ab esse suo naturali perfecto et in imperfectum transmutatur aut
maxime, cum nullum aliorum pervertatur aut minime?“
73 Ebd., partic. 30, 11 (fol. 251va): „Revertitur adhuc querendo circa intellectum

dicens: Quare homo inter cetera animalium precipue unum apprehendit et intelligit
et aliud facit, fere autem universaliter et bruta quod apprehendunt et (a. et] et a. ed.)
videntur facere?“
74 Ebd., partic. 31, 26 (fol. 259va): „Propter quid homo pre aliis animalium amens

efficitur?“
182 kapitel iii

dieser Erkenntnisbemühung mit all ihren Verzweigungen lässt sich dar-


an freilich noch nicht ablesen. Darüber gewinnen wir Aufschluss, wenn
wir nunmehr den Blick auf die Verwendung der drei hauptsächlichen
einschlägig relevanten Formulierungen richten: die Kennzeichnung des
Menschen als animal nobilissimum bzw. animal perfectissimum, die spezifizie-
renden Topoi solus homo und maxime in homine mit ihren verschiedenen
sprachlichen Varianten und—mittelbar—die bestialis/brutalis-Termino-
logie. Versuchen wir einen Überblick darüber zu gewinnen, auf welche
Züge des Menschlichen sie jeweils hinweisen.

2. Die Artikulierung der Merkmale des spezifisch Menschlichen

Ohne Zweifel führen—wie wir an anderer Stelle ausführlich dargestellt


haben75—am direktesten die von den Magistern (besonders häufig von
Albert dem Großen) verwendeten reduplikativen Formeln „der Mensch
als Mensch“ bzw. „der Mensch, insofern er Mensch ist“ (homo ut homo;
homo inquantum homo; homo secundum quod homo) zu den hochscholasti-
schen Lehrmeinungen über die Wesensmerkmale des Menschen. Neh-
men doch nach einer vom Doctor universalis vorgeschlagenen Sprach-
regelung Aussagen über den „Menschen als Menschen“ direkt spe-
zifizierend Bezug auf das, was dem Menschen formell aufgrund sei-
ner Wesenheit zukommt.76 Die Autoren griffen auf die reduplikativen
Wendungen—abgesehen vom Kontext theologischer Erörterungen—
gerade auch dann zurück, wenn sie vor der Aufgabe standen, das
Spezifische des Menschen möglichst präzis von dem mit den ande-
ren Sinnenwesen Gemeinsamen abzuheben, eben das, was zum Men-
schen gehört, „insofern er Mensch und nicht insofern er ein Sinnen-
wesen ist.“77 Dabei brachten sie neben den zentralen Wesenszügen des
Menschen, die ihn eigentlich zum Menschen machen, naheliegender-
weise auch konkrete Lebensäußerungen zur Sprache, in denen das

75 Köhler, Grundlagen, 585–597.


76 Ebd., 587.
77 Albert d. Gr., Super Ethica I lect. 9 n. 49 (Ed. Colon. XIV/1, 49 l. 55 f.);

Thomas von Aquin, Sententia libri Ethicorum V 12 (Ed. Leon. XLVII/2, 305 l. 59–
64); Bartholomeus von Bottisham, Questiones in III libros de anima (Cambridge,
Peterhouse Library, 192 pt. 2, fol. 11ra): „Homini enim in quantum animal est convenit
sentire, in quantum autem racionale est convenit sibi intelligere, et ita diversi actus
conveniunt homini racione generis et racione differencie.“ Vgl. Nemesius von Emesa,
De natura hominis c. 17 (ed. Verbeke/Moncho, 101 l. 90–92).
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 183

Menschliche seinen Ausdruck findet. Gleichwohl sind die wichtigsten


sprachlichen Hinweise auf die Erörterung des spezifisch Menschlichen
in seinen konkreten Ausprägungen die Ausdrücke animal nobilissimum
bzw. animal perfectissimum sowie vor allem der spezifizierende Topos solus
homo mit seinen verschiedenen Varianten und auch die bestialis/brutalis-
Terminologie in bestimmten Verwendungsweisen.

2.1. Das Leitkonzept des animal nobilissimum bzw. animal perfectissimum


Die Kennzeichnung des Menschen als „vornehmstes Sinnenwesen“
geht auf eine Stelle in der von Michael Scotus angefertigten Über-
setzung der historia animalium aus dem Arabischen zurück.78 Nach dem
griechischen Text sowie der ihn sinngemäß wiedergebenden Überset-
zung des Wilhelm von Moerbeke bezeichnet Aristoteles an dieser Stelle
den Menschen nicht als „vornehmstes“, sondern als „bekanntestes“
Sinnenwesen.79 Die Autoren führen das Konzept des animal nobilissimum
außer in der von Scotus gewählten superlativischen Ausdrucksweise
auch in der Komparativform an und sprechen vom Menschen dann als
dem „vornehmeren unter den Sinnenwesen“80 oder verkürzt als „vor-
nehmerem Sinnenwesen.“81 Daneben verwenden sie ohne erkennbaren

78 Aristoteles, De historia animalium I 6 (491a20 f.) [Translatio Scoti] (unveröffent-

lichte Kollation von Vollmann, 10): „nam ipse est nobilissimus (!) et altissimus (!)
omnium animalium, et est aput nos notior et magis fixus sibi diversis neccessario.“
79 Aristoteles, De historia animalium I 6 [Translatio Guillelmi de Morbeka], ed.

Pieter Beullens/Fernand Bossier (Aristoteles Latinus XVII 2.I.1), Leiden u. a. 2000,


17 l. 313 f.: „…; homo autem animalium notissimum nobis ex necessitate est“; die
Textüberlieferung ist einhellig.
80 Beispielsweise Albert d. Gr., Super Ethica X lect. 9 n. 885 (Ed. Colon. XIV/2, 740

l. 90 f.); ders., De animal. XII tr. 1 c. 4 n. 62 (ed. Stadler, I, 821 l. 41); Petrus Hispanus
(Medicus), Notule super Iohanicium (Madrid, Biblioteca Nacional, 1877, fol. 24va):
„…, quia tamen homo nobilior est omnibus aliis animalibus, …“; ders., Questiones
super libro de animalibus XI (Madrid, Biblioteca Nacional, 1877, fol. 272rb): „…, et
propter hoc homo sicut nobilius est quolibet animali, …“
81 Beispielsweise Albert d. Gr., De animal. XIII tr. 1 c. 4 n. 26 (ed. Stadler, II, 903

l. 37); vgl. dens., Super Ethica X lect.9 n. 885 (Ed. Colon. XIV/2, 740 l. 90 f.); Anony-
mus, Compilatio de libris naturalibus Aristotilis (sog. Compendium philosophiae) V c. 1
[Teiledition], ed. Michel de Boüard, Une nouvelle encyclopédie médiévale: Le Com-
pendium philosophiae, Paris 1936, 183; Anonymus, Commentum in de anima (Paris,
Bibliothèque Nationale, Lat. 16609, fol. 47rb): „Quia homo est animal nobilius, …“
Zum Nebeneinander von Monopolgedanken und Verwendung des Komparativs oder
Superlativs bei der Beschreibung des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier in der
griechischen Antike siehe Dierauer, Tier, 45 f.
184 kapitel iii

Bedeutungsunterschied82 die Kennzeichnung des Menschen als „voll-


kommenstes Sinnenwesen“ oder—bisweilen auch in diesem Fall auf die
Komparativform zurückgreifend—als „vollkommeneres Sinnenwesen.“
Mit dem Begriff des animal perfectissimum greifen sie offenbar die Fest-
stellung des Stagiriten auf, dass der Mensch in allem eine vollkommene
Natur besitzt83—ein Gedanke, der schon in den Sokrates-Erinnerungen
Xenophons zu finden ist und den dann insbesondere die Stoa mit
Nachdruck hervorgehoben hatte.84 In der Regel verwenden die mit-
telalterlichen Autoren den Begriff in dieser strikt auf den Menschen
bezogenen Bedeutung. Gelegentlich kommt es vor, dass sie ihn auch
in einem etwas weiteren Sinn einsetzen und auf bestimmte Tierarten
ausdehnen. So spricht etwa Albert der Große im Plural von animalia
perfectissima, an denen sich als Merkmal der Fortbewegung das Vorset-
zen des rechten Fußes beim Gehen feststellen lasse, und bezieht neben
dem Menschen auch den Löwen in die Bezeichnung mit ein.85 Letzte-
rer wird in einem anonymen Physiognomie-Kommentar im Hinblick auf
die Ausprägung der männlichen Gestalt als „vollkommenstes von allen
Sinnenwesen“ besonders hervorgehoben.86
Das Konzept animal nobilissimum bzw. animal perfectissimum verweist
zum einen auf die aus der Gattungsgemeinschaft erwachsenden Ge-
meinsamkeiten des Menschen mit den Tieren, zum andern aber bringt
es vor allem generell die Vorrangstellung des Menschen gegenüber den
anderen Sinnenwesen zum Ausdruck. Die terminologische Verknüp-

82 Siehe etwa Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus XIII

(Madrid, Biblioteca Nacional, 1877, fol. 277rb): „…, cum homo sit nobilius et perfectius
animali …“
83 Aristoteles, De historia animalium IX 1 (608b6 f.) [Translatio Scoti] (unveröffent-

lichte Kollation von Vollmann, 128): „…, quoniam homo bonam naturam perfectam
habet in omnibus.“ Vgl. Albert d. Gr., De animal. VIII tr. 1 c. 1 n. 6 (ed. Stadler, I, 573
l. 21 f.).
84 Hierzu Dierauer, Tier, 49 und 224–238.
85 Albert d. Gr., De mot. animal. II tr. 1 c. 2 (Ed. Paris. IX, 286b).
86 Anonymus, Scriptum cum questionibus super phisiognomiam (Erfurt, Universi-

tätsbibliothek, Dep. Erf., CA 4° 316, fol. 63va): „Dicit (dicens cod.) ergo, quod hiis
ita se habentibus, sicut dictum est, leo videtur esse perfectissimum animalium in acci-
piendo masculi formam vel figurationem. Habet enim os [breve] magnum et faciem
quadratam vel latam non valde osseam, sed bone carnositatis …“ Zum Löwen als
Sinnbild von Stärke und Adel in der griechischen Antike siehe Dierauer, Tier, 8; Maria
M. Sassi, La scienza dell’uomo nella Grecia antica (Nuova Cultura 6), Torino 1988,
48 f.; 56.
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 185

fung von nobilissimus mit altissimus in der Scotus-Übersetzung87 oder mit


dignissimum in einer Reihe sonstiger Textzeugnisse88 unterstreicht diese
Bedeutung zusätzlich; im Übrigen entspricht dieselbe auch der formel-
len Hierarchisierung der Sinnenwesen.89 Die Bezeichnung des Men-
schen als dignissima creaturarum kann, wie Albert der Große vermerkt,
auch in spezifisch theologischem Sinn verwendet werden. Sie bezieht
sich dann auf die Annahme seiner Gottebenbildlichkeit und seiner ihm
möglichen unmittelbaren Vereinigung mit Gott.90 Regelmäßig greifen
die Magister die aristotelische Kennzeichnung des Menschen als ani-
mal prudentissimum auf.91 Bisweilen ist ebenso vom Menschen als ani-
mal sapientissimum oder animal rectissimum die Rede. Auch diese Termini
drücken eine Vorrangstellung des Menschen gegenüber allen anderen
Sinnenwesen aus, wenngleich gewöhnlich nicht genereller Art, sondern
bezogen auf jeweils einen spezifischen Merkmalsbereich wie die Behen-

87 Vgl. Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Florentiner

Redaktion] I (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 83vb):
„…, cum homo sit altissimus et nobilissimus.“
88 Beispielsweise Petrus Gallecus, Liber de animalibus I (ed. Martínez Gázquez, 82

l. 99–102): „… hominis nobilissimi et dignissimi animalium omnium et magis noti


nobis et de necessitate magis distincti ab aliis, cuius comparatio ad alia animalia est
sicut comparatio auri et argenti ad alia metalia“; Anonymus, Questiones super librum
de animalibus I (Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2164,
fol. 239ra): „Dicit primo, quod homo est nobilissima et dignissima creaturarum et notior
omnibus animalibus“; Anonymus, Concordancie philosophie extracte per ordinem
alphabeti ex libris philosophorum Aristotilis … et aliorum (Oxford, Merton College,
294, fol. 76vb): „Quod homo est omnium animalium dignissimus et nocior et magis
fixus, …“; Wilhelm von Clifford, Commentum in de anima (Cambridge, Peterhouse
Library, 157, fol. 118vb): „Item natura plus dedit homini quam brutis, cum homo sit
dignissimum in natura.“
89 Albert d. Gr., Quaest. super De animal. III q. 18c (Ed. Colon. XII, 132 l. 79 – 133

l. 4).
90 Ders., Super Ethica VI lect. 10 n. 535 (Ed. Colon. XIV/2, 461 l. 18–21): „…, quod

homo est dignisssima creaturarum, inquantum est ad imaginem dei et immediate sibi
unibilis, et haec est consideratio theologi.“
91 Aristoteles, De anima II 9 (421a22 f.) [Translatio vetus] (ed. White, 222): „Unde

(sc. homo) prudentissimum est animalium.“ Petrus von Abano, Expositio problematum
Aristotilis, partic. 28, 7 (Ed. Venezia 1501, fol. 238ra): „…, quia cum homo sit sapien-
tissimum animalium et prudentissimum, politicorum primo et 2° de anima, indiguit
instrumentis, quibus posset etiam sapientiam et prudentiam exercere“; ebd., partic. 30,
3 (fol. 248va): „Quare in genere animalium homo est prudentissimum?“
186 kapitel iii

digkeit des Verstandes,92 die herausragende Qualität des menschlichen


Tastvermögens93 oder die aufrechte Gestalt.94
Worin sehen die Magister die mit den Begriffen animal nobilissimum
bzw. animal perfectissimum angezeigte grundsätzliche Vorrangstellung des
Menschen im Einzelnen begründet; weshalb genau erweist sich ihnen
der Mensch als das vornehmste oder vollkommenste Sinnenwesen?
Mindestens zwei Magister werfen diese Frage ausdrücklich auf und for-
mulieren direkt darauf eine Antwort. Im Hinblick auf das Konzept des
animal nobilissimum geht Ps.-Petrus Hispanus nach beiden Fassungen sei-
nes De animalibus-Kommentars auf sie ein. Nach der „Florentiner“ Fas-
sung sind insgesamt fünf Gründe dafür maßgebend, dass der Mensch

92 Adam von Bocfeld, Sentencia super librum de anima II [unedierter Abschnitt]

(Oxford, Merton College, 272, fol. 14va): „Et quod homo sit animal prudentissimum
per certitudinem tactus, confirmat per singnum, cum dicit ‚Singnum autem‘; et hoc (sc.
est), quia in genere hominum illi sunt prudenciores et nobilius intelligentes et mente
aptiores, qui hunc sensum, scilicet tactum, habent certiorem“; Gerhard von Breuil,
Scripta supra librum de animalibus Aristotilis XVI (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat.
16166, fol. 155va): „…; et hoc ostendit bonitas complexionis tocius corporis, pernicitas
(pervicacitas CP) intellectus; est enim prudentissimum animalium.“
93 Ps.-Adam von Bocfeld, Notule super tres libros de anima [sog. „dritte Redaktion“]

(Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Lat. qu. 906, fol. 136r): „… dicens (sc.
Aristoteles), quod nos habemus gustum cerciorem, et hoc quia gustus est quidam tactus,
tactum autem habemus certissimum inter omnia animalia. Causa huius est, quia cor-
pus humanum consistit in maxima equalitate complexionis; que quidem complexio fit
ex differenciis tangibilibus, et propterea homo certissime sentit huiusmodi differencias;
et quia hoc, ideo est homo animal prudentissimum“; Richardus Rufus (?), De anima
[Florentiner Fassung] (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853,
fol. 206rb): „Secundo autem per signum ostendit, quod tactum habemus certissimum,
scilicet quia homo prudentissimum est animalium“; Aegidius Romanus, Expositio libri
de anima II (Ed. Venezia 1500, fol. 45va): „…, quia tota species humana in bonitate tac-
tus excedit alia animalia, sequitur, quod homo sit prudentissimus animalium aliorum“;
Anonymus, Notule super librum de anima (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf.,
CA 4° 312, fol. 64ra): „…, licet quedam animalia alios sensus a tactu habeant certiores
nobis, tamen sensum tactum inter omnia animalia habemus certissimum. Et ob hoc
homo inter omnia animalia est animal prudentissimum“; Simon von Faversham, Dicta
super librum de anima II (Leipzig, Universitätsbibliothek, 1359, fol. 61vb): „Deinde cum
dicit ‚Unde et prudentissimum‘, ex hoc, quod homo precellit in tactu, infert, quod
in sciencia habeat prerogativam industriam secundum tactum, dicens: Unde—id est:
propter hoc—supple: homo—est prudentissimum animalium“; Henricus de la Wyle,
Questiones super tres libros de anima (Oxford, Magdalen College, 63, fol. 75rb–va):
„Unde ex hoc, quod habet tactum optimum, concludit incidenter, quod homo sit ani-
mal prudentissimum.“ Siehe auch oben Anm. 66 und unten Anm. 216.
94 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis XIII (Paris,

Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 109va): „Deinde dat causas diversitatis pulmonis
in diversis animalibus dicens, quod … Item quia sunt rectiora. Calidum enim recta
facit, et propter hoc homo rectissimum est omnium animalium.“
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 187

als „vornehmstes“ Sinnenwesen anzusehen ist. Der erste Grund ist die
Vollständigkeit und Vollkommenheit der menschlichen Natur, in der
alle höheren Naturen (der Himmelskörper mit ihren Bewegern) sich
vereinen, sodass der Mensch „Welt im Kleinen“ heißt;95 der zweite
Grund ist im Adel seiner Komplexion zu sehen, die sich vor derjenigen
anderer Sinnenwesen durch ihre Ausgewogenheit und Gleichmäßig-
keit auszeichnet, den Menschen unter allen Sinnenwesen für das vor-
trefflichste Leben disponiert und mit ihrer Schönheit für den Empfang
der Vernunftseele qualifiziert; den dritten Grund bildet der gegenüber
allen anderen Sinnenwesen in unvergleichlich höherem Maße wohlge-
ordnete und feine Gliederbau; der vierte Grund liegt in der durch die
Vernunftseele als abschließend bestimmender Form (ultima forma) verlie-
henen Vollkommenheit und der fünfte in der Bedeutung des Menschen
als (Zustand der) Vollendung (status) und Zielgröße (finis) aller anderen
Dinge.96 Die gleichen fünf Gründe führt in knapper, aber mehr stich-
wortartiger Form auch die „Venezianer“ Fassung auf, wobei in diesem
Text die Ähnlichkeit der menschlichen Seele mit der Seele des Ersten
Himmelskörpers eigens angesprochen wird.97 Am eingehendsten und

95 Zum Ideenhintergrund bei Calcidius und Macrobius siehe Dales, A Medieval

View, 559. Siehe unten Anm. 103.


96 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Florentiner Redak-

tion] I (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 84ra): „Que-
ritur ergo, propter quid homo inter omnia animalia sit nobilissimus, sicut dicit auctor
in littera. Ad hoc dicendum, quod 5 sunt cause nobilitatis in homine. Prima est com-
pletio et perfectio nature in ipso, quia in ipso concurrunt omnes nature superiores,
et ideo recte minor mundus nuncupatur. Secunda est nobilitas sue complexionis, quia
in complexionibus aliorum nec est tanta temperancia nec tanta equalitas; et ideo ad
vitam nobilissimam disponitur a parte sue complexionis, dico, inter omnia animalia,
ut (unde cod.) testatur Algazel, et propter pulcritudinem sue complexionis recipit ani-
mam racionalem. 3a causa est composicio sui corporis in consimilibus et organicis; nam
in nullo ita organizata nec ita elegans composicio membrorum. 4a causa est perfectio,
quam recipit ab ultima forma, scilicet anima intellectiva. 5a causa est a parte finis, quia
homo est status et finis aliorum. Nam sicut habetur in isto libro ‚Terra sperica est‘,
… propter corpora supracelestia, et illa sunt propter elementa, et elementa propter
plantas, plante propter animalia, animalia vero propter hominem, qui est finis, nam in
ipso est status nature.“
97 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redak-

tion] I (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI, 234, fol. 14rb–va): „Queritur,
propter quid homo dicitur nobilissimus inter cetera animalia. Dicendum, quod sunt
cause multe. Una tamen prima est perfectio materialis, quia omnia corpora concurr-
unt ad ipsum, ut celestia omnia. 2a est in temperamento complexionis, Algazel. Tercia
consistit in comparatione partium organicarum. Quarta causa est anima nobilissima in
natura rationalis. Unde anima, que perficit ipsum, est simile anime, que perficit corpus
primum. Dicit Avicenna: Alia causa est, quia finis omnium.“
188 kapitel iii

philosophisch gehaltvollsten hat sich Albert der Große mit der Frage
der Vorrangstellung des Menschen innerhalb der Gattung der Sinnen-
wesen befasst. Er erörtert sie im Hinblick auf das Konzept des animal
perfectissimum. Unter der Überschrift „Über die höchste Vollkommen-
heit des Sinnenwesens, die diejenige des Menschen ist“ widmet er ihr
in De animalibus ein eigenes Kapitel.98 Ins Zentrum seiner Überlegun-
gen rückt er dabei den Gedanken, dass diese höchste Vollkommen-
heit unter den Sinnenwesen nicht allein besagt, dass dem Menschen
in seiner Gattungsnatur—gleichsam äußerlich—die Vernunft hinzuge-
fügt ist (solum in adiectione rationis), sondern dass diese Vernunftbegabung
in sämtliche Vermögen des Menschen wie auch in die Weise der ihnen
entspringenden Operationen, seien sie sensitiver oder rationaler Natur,
maßgeblich hineinwirkt.99 Gleiches gilt hinsichtlich der körperlichen
Ausstattung.100 Die Vernunftseele des Menschen ist nichts seiner Gat-
tungsnatur gewissermaßen lediglich Aufgepfropftes; vielmehr durch-
formt sie sowohl seine vegetativen als auch seine sensitiven Kräfte samt
deren somatischer Basis; ihnen teilt sie von ihrer eigenen Seinsweise
mit und weitet deren Können in größtmöglichem Maße aus.101 Die mit
spürbarem Nachdruck vertretene Kernthese des Doctor universalis lau-
tet daher, dass der Mensch sich von den anderen Sinnenwesen nicht
allein aufgrund seiner differentia specifica unterscheidet, sondern gleicher-
maßen im Hinblick auf die Ausprägungen seiner Gattungsnatur sowohl
in sensitiver Hinsicht (genus proximum) als auch in vegetativer Hinsicht
(genus remotum).102 Das aber bedeutet: Albert erklärt den bloß abstrak-
ten Hinweis auf die Vernunftbegabung des Menschen103 für anthropo-

98 Albert d. Gr., De animal. XXI tr. 1 c. 1 n. 1–7 (ed. Stadler, II, 1321–1325).
99 Albert d. Gr., De animal. XXI tr. 1 c. 1 n. 3 (ed. Stadler, II, 1323 l. 6–9):
„Patet igitur ex omnibus praedictis non solum in adiectione rationis esse hominem
animal perfectissimum, sed etiam in omnibus potentiis et modo operationis omnium
potentiarum tam sensibilis quam rationalis.“
100 Ebd., XX tr. 2 c. 6 (1319 l. 27–30); XXI tr. 1 c. 1 n. 1 (1321 l. 20–23). Zum

aristotelischen Hintergrund siehe Dierauer, Tier, 148 ff.; 153.


101 Albert d. Gr., De animal. XXI tr. 1 c. 1 n. 2 (ed. Stadler, II, 1321 l. 30–32; 1322

l. 7–16) und n. 3 (1322 l. 39 – 1323 l. 4); ders., Metaph. VII tr. 4 c. 3 (Ed. Colon. XVI/2,
372 l. 10 f.). Vgl. Köhler, Grundlagen, 605.
102 Albert d. Gr., De animal. XXI tr. 1 c. 1 n. 4 (ed. Stadler, II, 1323 l. 28–30);

ebd., XX tr. 2 c. 6 n. 88–90 (1319 l. 32 – 1320 l. 37). Zur Hintergrundkonzeption bei


Aristoteles siehe Dierauer, Tier, 104 f.; 148 ff.; 153.
103 Vgl. Anonymus, Super ethicam veterem, Prol. (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat.

3804 A, fol. 152rb): „Sed nos non exedimus bruta nisi in intellectu; …“ (dabei han-
delt es sich um eine Aussage innerhalb eines vom Verfasser angeführten Argumen-
tes); Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus XIII (Madrid,
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 189

logisch unzureichend und dringt aus seiner Sicht auf ein Ausloten des
spezifisch Menschlichen bis in dessen konkrete, erfahrungsnahe Aus-
prägungsweisen hinein. Mit diesen Überlegungen, die Albert an späte-
rer Stelle in einem für seine philosophisch-anthropologische Konzep-
tion zentralen Text des Weiteren aufschließt und zugleich in ein umfas-
sendes Strukturmodell des Menschlichen integriert,104 bietet der Doc-
tor universalis eine theoretische Fundierung der naturphilosophischen
Befassung mit den konkreten Ausprägungsweisen des Menschlichen.
Zugleich führt er überzeugend die Notwendigkeit eines ganzheitlich-
umfassenden Ansatzes im philosophischen Erkenntnisbemühen um den
Menschen vor Augen. In seinem eigenen Ansatz repräsentiert denn
auch diese Kernthese die zu seiner Reflexion über den Menschen als
solus intellectus komplementäre Dimension.105 Wichtige Entwicklungsli-
nien des philosophisch-anthropologischen Denkens im Abendland wa-
ren mit diesen Überlegungen vorgezeichnet.
Über den grundlegenden Gesichtspunkt, unter dem der Mensch als
vollkommenstes Sinnenwesen zu sehen ist, hinaus führt Albert noch
fünf weitere Aspekte an. Bei ihnen handelt es sich um Spezifizierungen
bzw. Konkretisierungen des Gesagten. Mit der ersten verweist er auf
die einzigartige Ausprägung des für das Sinnenwesen schlechthin kon-
stitutiven Tastsinnes im Menschen und die darin gründende fein aus-
geprägte Schärfe aller übrigen menschlichen Sinne,106 mit einer zweiten
auf die menschliche Hand als „Organ der Organe“ und Werkzeug des
tätigen Intellekts sowie deren universelle, nicht auf die Fortbewegung
bezogene Funktion,107 mit einer dritten auf die wohlproportionierte
Körpergestalt des Menschen der Länge, Breite und Tiefe nach und
die dadurch bedingte differenzierte Anordnung der Organe.108 Einen
vierten Aspekt leitet er daraus ab, dass allein der Mensch sowohl in see-

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 277rb): „Sed homo super animal non addit nisi intellec-
tum. Intellectus autem venit ab extrinseco nec est principium digestionis“; Macrobius,
In sommnium Scipionis commentarii I, 14, 11, ed. James Willis, Ambrosii Theodosii
Macrobii Commentarii in Somnium Scipionis, Leipzig 21970, 57: „Et hinc est quod
homo et rationis compos est et sentit et crescit solaque ratione meruit praestare cete-
ris animalibus, quae quia semper prona sunt et ex ipsa quoque suspiciendi difficultate
a superis recesserunt nec ullam divinorum corporum similitudinem aliqua sui parte
meruerunt, …“
104 Albert d. Gr., De animal. XXII tr. 1 c. 5 n. 9–12 (ed. Stadler, II, 1353–1355).
105 Hierzu Köhler, Grundlagen, 622 ff.
106 Albert d. Gr., De animal. XXI tr. 1 c. 1 n. 5 (ed. Stadler, II, 1323 l. 39 – 1324 l. 19).
107 Ebd., n. 6 (1324 l. 20–32).
108 Ebd., n. 6 (1324 l. 33 – 1325 l. 7).
190 kapitel iii

lischer als auch in körperlicher Hinsicht ein Bild der Welt als ganzer
darstellt und wie kein Sinnenwesen sonst aufgrund der Einwirkung der
Himmelskräfte und der Übereinstimmung seiner ausgewogenen Kom-
plexion mit der Natur der Himmelskörper den Weltursachen ähnlich
ist.109 Fünftens schließlich zeichnet den Menschen vor allen anderen
Sinnenwesen aus, dass er in seinem Intellekt ein Bewegungsprinzip ers-
ter Ordnung besitzt, das sich selbst bewegt und alle nachgeordneten
Bewegungsprinzipien zweiter Ordnung, wie etwa die Vorstellungskraft,
regelt.110
Abgesehen von diesen expliziten Erläuterungen des Konzepts animal
nobilissimum bzw. animal perfectissimum gewährt auch seine faktische Ver-
wendung innerhalb sachbezogener Argumentationen Aufschluss dar-
über, welche Annahmen die Magister im Einzelnen mit diesen Bezeich-
nungen für den Menschen verbinden. Dabei ist zu beachten, dass
dieses Konzept innerhalb von Argumentationen eine doppelte Funk-
tion erfüllt. Einerseits kann es den Zielpunkt einer Überlegung bilden;
in diesem Fall wird der Mensch aufgrund bestimmter an ihm aufge-
wiesener Eigenschaften als das „vornehmste“ bzw. „vollkommenste“
von allen anderen Sinnenwesen abgehoben. Andererseits kann es als
Argumentationsprinzip dienen; in diesem Fall wird umgekehrt aus der
Annahme, dass der Mensch ein animal nobilissimum bzw. perfectissimum
darstellt, auf das Vorliegen bestimmter Eigenschaften bei ihm geschlos-
sen oder in methodischer Hinsicht die mit dem Menschen zu begin-
nende Reihenfolge in der wissenschaftlichen Behandlung abgeleitet.111
Zumeist führen die Magister, wenn sie innerhalb sachbezogener Er-
örterungen auf dieses Konzept zurückgreifen, erwartungsgemäß Be-
stimmungsstücke desselben an, die auch schon in den zuvor bespro-
chenen expliziten Erläuterungen des Ps.-Petrus Hispanus und Alberts
des Großen zur Sprache kamen. So verweisen sie auf die struktu-
relle Ähnlichkeit von menschlicher Seele und menschlichem Leib mit
den Himmelskörpern und deren Bewegern, in der Adel und Vollkom-

109 Ebd., n. 7 (1325 l. 8–18).


110 Ebd., n. 7 (1325 l. 19–28). Vgl. Guldentops, Albert the Great’s zoological anthro-
pocentrism, 222 ff.
111 Beispielsweise Albert d. Gr., De animal. I tr. 1 c. 1 n. 3 (ed. Stadler, I, 2 l. 20 f.);

ebd., XXI tr. 1 c. 1 n. 1 (ed. Stadler, II, 1321 l. 14–20); ebd., XXII tr. 1 c. 1 n. 1 (1349
l. 16–20); Petrus Gallecus, Liber de animalibus I (ed. Martínez Gázquez, 82 l. 99–
102); Galfrid von Aspall, Questiones in de anima I (ed. Čizmić, 8): „Principiorum enim
intencio in naturali scientia est cognoscere illud, quod nobilius est in naturalibus. Ani-
mal autem est nobilissimum corporum generabilium et corruptibilium, anima autem
est nobilius omnibus, que sunt in animalibus.“
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 191

menheit des Sinnenwesens Mensch gründen.112 Als weitere Gesichts-


punkte erwähnen sie speziell den Adel der intellektiven Seele des Men-
schen113 und den daraus abgeleiteten Adel der menschlichen sensitiven
Seele114 sowie die Ausgewogenheit oder Gleichmäßigkeit der menschli-
chen Komplexion,115 ferner die größere Differenziertheit und die An-

112 Thomas von Aquin, De motu cordis (Ed. Leon. XLIII, 127 l. 56–59; 129 l. 160–

165); Petrus de Alvernia, Expositio librorum de iuventute et senectute, de morte et


vita, de inspiratione et respiratione lect. 1 (Ed. Venezia 1566, 126b): „Habet autem
rectitudinem et superius ad superius universi propter duo: Primum est, quia homo
est perfectissimum animalium et maxime accedit ad aequalitaem coeli, et ideo suum
superius est ad superius universi.“ Vgl. Albert d. Gr., Super Ethica X lect. 9 n. 885
(Ed. Colon. XIV/2, 740 l. 90–92 und 741 l. 30–35). Ps.-Petrus Hispanus, Commen-
tum super libros de animalibus [Florentiner Redaktion] V (Firenze, Biblioteca Nazio-
nale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 105va): „Corpus vero humanum ordinatum est
ad intellectum. Intellectiva vero anima ad solam primam causam ordinata est“; vgl.
ebd., VII (fol. 113rb): „4to modo dicitur aliquid prius in via perfeccionis, ut habetur in 5
methaphisice, et sic forma perfeccior est materia et prior. 5to modo dicitur aliquid prius
in via causalitatis, sicut Creator benedictus. 6to modo dicitur prius, quod ad princi-
pia rerum, que sunt alciores et perfecciores, plus accedit (p. a.] prius accidit cod.). Et
hiis tribus modis dicitur vivens prius non vivente, et inter inferiora est homo prior et
perfeccior. Creator enim benedictus quasi circulariter in rebus processit incipiens a per-
fectissimo; paulatim diminuitur, et iterum paulatim addendo et complendo, quousque
fieret (fierit cod.) quiddam ultimum in creacione; primo tamen simul unum est; et hoc
est homo.“
113 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus, Prol. (Madrid,

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 256va): „Homo enim excellit (expellit Va) quodlibet ani-
mal nobilitate intellectus et rationis“; Albert d. Gr., Super Ethica X lect. 9 n. 885 (Ed.
Colon. XIV/2, 741 l. 30–35); Anonymus, Commentum in de anima (Paris, Bibliothèque
Nationale, Lat. 16609, fol. 47rb): „Minor patet: Quia homo est animal nobilius, quia est
finis omnium animalium et habet nobiliorem animam, ut patet in principio de causis,
ideo et cetera“; Anonymus, Questiones et notabilia in de anima III (Città del Vaticano,
Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2170, fol. 106rb): „Modo homo est perfectissi-
mum animal et habet operationem, que est intelligere.“
114 Thomas von Aquin, Sentencia libri de sensu et sensato tr. 2 (= De memoria et

reminiscencia) c. 8 (Ed. Leon. XLV/2, 132 l. 152 – 133 l. 156).


115 Ps.-Adam von Bocfeld, Notule super tres libros de anima [sog. „dritte Redaktion“]

(Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Lat. qu. 906, fol. 136r): „…, quia
corpus humanum consistit in maxima equalitate complexionis; …“; Petrus Hispanus
(Medicus), Glose super tegni Galieni (Madrid, Biblioteca Nacional, 1877, fol. 51vb):
„Item inter omnia viventia homo perfectissimum est et eius complexio perfectissima
et nobilissima. Unde dicit Aristotiles, quod comparatur homo ad alia animalia sicut
frust[r]a auri ad alia metalla“; Albert d. Gr., De caelo et mundo II tr. 3 c. 14 (Ed. Colon.
V/1, 173 l. 17–20); Simon von Faversham, Questiones de iuventute et senectute (Oxford,
Merton College, 292, fol. 400rb): „Si consideretur in comparacione ad suum humidum,
sic maior est caliditas in animalibus (sc. quam in plantis). Unde non est tanta proporcio
[quantum] in plantis quanta in animalibus. Et quia in animalibus maior est proporcio,
ideo nobilioris sunt complexionis quam plante. Inter animalia homo est nobilissime
complexionis (quam plante add. cod., sed exp.), et ideo magis accedit ad celum.“ Vgl.
192 kapitel iii

ordnung der menschlichen Körperorgane und die an sie geknüpften


Tätigkeiten generell116 sowie die Ausstattung mit Bewegungsorganen im
Besonderen.117 Schließlich verbinden sie die Begriffe animal nobilissimum
und animal perfectissimum mit der Auffassung vom Menschen als minor
mundus118 bzw. als omnis creatura119 und als Zielgröße (finis) und Vollen-

Thomas von Aquin, Qu. disp. de anima q. 8c (Ed. Leon. XXIV/1, 67 l. 249 – 68
l. 257).
116 Albert d. Gr., De animal. I tr. 2 c. 1 n. 107 (ed. Stadler, I, 39 l. 18–21); ebd.,

XIII tr. 1 c. 4 n. 26 (ed. Stadler, II, 903 l. 36–40); ders., Quaest. super De animal.
I q. 2c (Ed. Colon. XII, 80 l. 1–6); ebd., q. 2 arg. 3 und ad 3 (79 l. 20–25 und 80
l. 40–50); ebd., II q. 13c (115 l. 51–54); Bartholomeus von Bottisham, Questiones in III
libros de anima (Cambridge, Peterhouse Library, 192 pt. 2, fol. 5ra): „Unde homo quia
inter omnia animalia perfectissimus est, ideo maiorem diversitatem habet operacionum
et eciam organorum“; Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus
[Venezianer Redaktion] VIII (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI, 234,
fol. 141ra–rb): „Prima questio: Quibus animalibus debetur ars perfectior in parvis et in
magnis, parvis ut volatilibus, magnis ut ambulabilibus. Et videtur, quod magnis. Inter
animalia magna ambulabilia homo est perfectissimum animal, et animalia perfecta sunt
imperfecta respectu istius. Sed plus assimilantur ei animalia magna. Ergo perfectiora
sunt in operationibus (operibus V operationibus corr. ex operibus L). Circa hec con-
sistit ars“; [Florentiner Redaktion] VIII (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv.
Soppr. G.4.853, fol. 127ra): „Circa primum sic procedimus. Queritur, quibus animalibus
debetur ars perfectior, aut magnis (magnitudinis Fi) aut parvis; et videtur quod magnis.
Racio talis. Inter omnia animalia est homo perfectissimum, secundum quod dixit prius
Aristotiles. Ergo animalia, que magis assimilantur homini, magis erunt perfecta. Sed
animalia (animalium Fi) magni corporis sunt huiusmodi. Ergo magis assimilantur et
perfectiora sunt in arte et ingenio (ingenio] in genio Fi).“
117 Albert d. Gr., Politica IV c. 3, ed. Auguste Borgnet, Paris 1891 (Ed. Paris. VIII,

335b); Thomas von Aquin, Sentencia libri de anima III c. 10 (Ed. Leon. XLV/1,
249 l. 10–13). Vgl. Anonymus, Glosa marginalis super de animalibus Aristotilis (Paris,
Bibliothèque Nationale, Lat. 16162, fol. 9vb): „Homo tardius incipit ambulare quam alia
animalia, quia plura requiruntur ad eius perfectionem. Quia est perfectissimus inter
alia, propter hoc plus de tempore competit ei.“
118 Thomas von Aquin, De motu cordis (Ed. Leon. XLIII, 127 l. 58 f.). Vgl. Ps.-

Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Florentiner Redaktion] XVI


(Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 162rb): „Mundus est
primus exemplaris, materialis et ultimus, scilicet natura humana. Sicut autem creator
minoris mundi inter omnes creaturas similior est rectori maioris mundi, et omne tale
inmediacius exi[e]t ab eo, ergo cum anima intellectiva sit huiusmodi, exi[e]t inmediate
a primo (-ma Fi); et cum sint (sunt Ro) 3es mundi, non est ultimus completus nisi
natura primi et ultimi concurrunt in ipso. Ergo cum primus mundus sit perfectissimus
(imp- Fi), (ergo add. Fi) necesse est (est om. Fi) primum ultimo (u. om. Ro) alico modo
uniri. Sed primus mundus non eget multiplicacione, sed ultimus eget multiplicacione;
et primus est in ultimo non per modum multiplicacionis, sed in uno individuo minoris
mundi necesse est primum esse et ei uniri per essenciam.“ Vgl. Nemesius von Emesa,
De natura hominis c. 1 (ed. Verbeke/Moncho, 21 l. 78–83); Albert d. Gr., Phys. VIII tr.
1 c. 9, ed. Paul Hossfeld, Münster 1993 (Ed. Colon. IV/2, 565 l. 75 – 566 l. 32).
119 Anonymus, Lectura in librum de anima II 6, q. 1 (ed. Gauthier, 211 l. 214 – 212
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 193

dung (status) aller Sinnenwesen oder der Natur insgesamt.120 Die letz-
tere Verknüpfung wurde indes nicht von allen Magistern in den Vor-
dergrund gestellt. Der Franziskaner Richard von Mediavilla beispiels-
weise setzt in seinem Sentenzenkommentar (um 1285/1295) andere

l. 233; 214 l. 306–308); Petrus Hispanus (Medicus), Glose super tegni Galieni (Madrid,
Biblioteca Nacional, 1877, fol. 48ra): „… corpus humanum, quod nobilissimum in sui
natura, quia omnia sunt propter ipsum et ad eius constitutionem omnes (o. e corr. cod.)
nature concurrunt, et a parte sue perfectionis, que est anima rationalis.“ Vgl. Albert
d. Gr., Super Matth. c. 5, 9, ed. Bernhard Schmidt, Münster 1987 (Ed. Colon. XXI/1,
114 l. 85–87); Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Florentiner
Redaktion] V (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 105rb):
„Quoniam rerum tria sunt genera: ens, vivens, intellectus, et hec 3a concurrunt in
homine, et in quantum intellectus est perfectior aliis rebus, et in hoc assimilatur crea-
tori, sed sicut omnia, que facta sunt, terminantur ad primum, sic (sicut Fi) res inferiores
omnes generantur ad hominem, nam in homine est virtus et complecio nature, … Ergo
cum generacio humana finis sit et terminus aliarum, necesse est, quod ipsa sit finita, et
ita non procedit in infinitum.“
120 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus XIX (Madrid,

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 289vb): „Ad obiectum in contrarium dicendum, quod
quedam est nobilitas in se, et sic corpora superiora nobiliora sunt quam homo; quedam
ratione finis, et sic homo nobilior est omni creatura“; Ps.-Petrus Hispanus, Commen-
tum super libros de animalibus [Florentiner Redaktion] V (Firenze, Biblioteca Nazio-
nale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 105va): „Sicut dictum est et verum est, totus
status universitatis rerum ordinatur ad hominem et status rerum ad status hominis“;
ebd., VII (fol. 111ra): „Corpora celestia sunt propter elementa, elementa propter mix-
tum, mixtum propter vegetabile, vegetabile propter animal, animal propter hominem,
in quo est status tocius nature“; ebd., VIII (fol. 128va); XII (fol. 139va); Gerhard von
Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis, Prol. (Paris, Bibliothèque Natio-
nale, Lat. 16166, fol. 7va–vb): „Item oportet, quod in aliqua specie sit status nature, non
autem in alio quam in homine. Unde dicit Philosophus (Ph. om. S) secundo (secundo
corr. in secundum P) phisicorum: ‚Nos sumus quodammodo finis omnium‘“; Anony-
mus, Commentum in de anima (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16609, fol. 47rb):
„Minor patet: Quia homo est animal nobilius, quia est finis omnium animalium et
habet nobiliorem animam, ut patet in principio de causis, ideo et cetera“; Anony-
mus, Glosa marginalis super de animalibus (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16162,
fol. 5ra): „Utrum in genere animalium sit aliquod, ad quod reducuntur alia. Videtur
quod non. Quod in plantis non est aliquod, ad quod alie reducuntur, similiter spe-
cies animalis sunt simul, ergo et cetera. Dico, quod reducuntur ad hominem, quia
est prius dignitate. Quod oponitur de plantis, dicendum est: Aliqua planta nobilior,
quamvis non bene percipitur.“ Vgl. Petrus Hispanus (Medicus), Notule super regi-
men acutorum (Madrid, Biblioteca Nacional, 1877, fol. 110ra): „Sed homo est finis
omnium, ut scribitur in libro phisicorum. Elementa enim, ut dicit Aristotiles, sunt
propter mixtum, mixtum vero propter vegetabile, vegetabile autem propter sensibile,
sensibile propter animal, animal propter hominem, et ibi est status“; Thomas von
Aquin, Qu. disp. de anima q. 8c (Ed. Leon. XXIV/1, 67 l. 249 – 68 l. 257); Anony-
mus, Commentarium et questiones in de sensu et sensato (Città del Vaticano, Biblio-
teca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2170, fol. 117ra): „Iterum elementa sunt propter mixta
194 kapitel iii

Akzente. Für ihn liegt der Grund dafür, dass der Mensch Zielgröße
für andere Geschöpfe ist, nicht nur im größeren Adel des Menschen
gegenüber diesen, sondern ebenso auch darin, dass der Mensch seine
Mitgeschöpfe kraft seiner Vernunft zu leiten versteht, so dass sie ihm
Folge leisten müssen, und dass der Mensch über eine Natur ver-
fügt, durch die er sich mit Hilfe der göttlichen Gnade durch Er-
kenntnis und Liebe unmittelbar mit dem Letzten Ziel zu verbinden
vermag.121
Zusätzlich zu diesen Bezugsgrößen für die Vorstellung vom Men-
schen als vornehmstem bzw. vollkommenstem Sinnenwesen bringen
die Magister unter anderen noch folgende Aspekte zur Sprache: die
besondere Obsorge der Natur für den Menschen und seine insgesamt
optimale Ausstattung;122 die Merkmale menschlicher Zeugung, zumal
ihre Unabhängigkeit von bestimmten Fortpflanzungszeiten, wie sie im
Tierreich in Gestalt von Brunst- bzw. Balzzeiten gegeben sind;123 die

finaliter, mixta propter plantas, plante propter animalia, animalia propter hominem.
Unde secundo phisicorum dicitur, quod homo est finis omnium. Homo autem propter
intellectum, ut vult Philosophus, Commentator eciam secundo celi et mundi. Quare
et cetera.“ Richard von Mediavilla, II Sent. d. 15 a. 4 q. 2 (Ed. Brescia 1591, II,
204b): „Utrum homo sit finis productionis animalium“; ebd., d. 1 a. 5 q. 3 (25b–26b):
„Utrum creatura rationalis sit finis creaturarum non rationalium.“ – Zu den unter-
schiedlichen Auffassungen des Aristoteles und der Stoa Dierauer, Tier, 156 ff. und 239–
245.
121 Richard von Mediavilla, II Sent. d. 1 a. 5 q. 3 ad 2 (Ed. Brescia 1591, II, 26b): „Ad

secundum dicendum, quod tota ratio, quare homo est finis creaturarum, non est, quia
est nobilior eis, sed cum hoc, quia per rationem scit eas regere, et quia ad hoc creatae
sunt, ut obsequantur ei, et quia habet naturam, per quam cum adiutorio gratiae Dei
immediate coniungi potest cum ultimo fine per cognitionem et amorem.“ Vgl. oben
S. 187.
122 Anonymus, Commentum in de anima (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16609,

fol. 57rb): „… quia homo nobilissimum est inter cetera animalia ratione anime et cor-
poris, ideo natura magis providet sibi, ut habeat ultimam perfectionem in natura, …“;
Albert d. Gr., De homine tr. 1 q. 39 a. 4 ad arg. (Ed. Paris. XXXV, 339b).
123 Vgl. Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Florentiner

Redaktion] V (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 107va):
„Ad hoc dicendum, quod plante indigent temporibus, animalia vero non omnia, quia
homo non multum indiget temporibus anni. Et causa est, quia plante multum accedunt
ad naturam elementorum et generata ex putrefactione, et ideo indigent temporibus
anni ad hoc, ut generent; animalia vero, et maxime perfecta sicut homo, distant a
natura elementari, et ideo non indigent temporibus anni, quia sibi (sibi] igitur Fi)
sufficiunt preter virtutem celestem, (in add. Fi) cuius est inprimere super elementa et
corpora proxima in natura.“
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 195

univoke Zeugung durch Geschlechtsverkehr;124 die Spermabildung;125


die regelhafte Abhängigkeit der Empfängnis und Schwangerschaft von
den Mondumläufen;126 die Schwere der Geburt und die Mortalität ver-
schiedengeschlechtlicher Zwillinge;127 die Ausprägung der Geschlech-

124 Ps.-Johannes von Casale, Questiones super librum de generatione animalium (Mi-

lano, Biblioteca Nazionale Braidense, AD.XI.18, fol. 2va): „Ad aliud dicendum, quod si
homines essent omnino corrupti, tunc certum non possent regenerari per putrefactio-
nem, cum sint animalia perfectissima in istis inferioribus; et ideo ad sui generacionem
semper videntur requirere agens particulare, cum intendatur per se, et maxime gene-
racio univoca ei debebit competere“; Anonymus, Glosa marginalis super de animalibus
Aristotilis (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16162, fol. 27va): „Queritur, utrum coitus
sit necessarius. Videtur quod non. Quia elementa generantur sine coitu, similiter plante
et multa alia, sed homo est nobilior inter omnia, ergo debet generari sine coitu. Ad
oppositum sunt omnes actores. Solucio: Quedam est generatio per convertionem,
sicut in elementis, quedam per insitionem (inci- cod.) in plantis, quedam per putre-
factionem, sicut vermes. Sed altera est generatio hominis, ubi plura concurrunt, quia
nobilior est quam alia, ubi pauca concurrunt. Propter hoc indiget coitu.“ Vgl. Bar-
tholomeus von Bottisham, Questiones in III libros de anima (Cambridge, Peterhouse
Library, 192 pt. 2, fol. 21ra–rb): „Item si intellectiva induceretur ab extra, sequeretur,
quod homo non esset animal perfectum, cum tamen sit perfectissimum animalium.
Conclusio probatur, quia de racione perfecti in aliqua specie est posse generare suum
simile, sed si non posset inducere intellectivam, non esset principium sufficiens gene-
randi suum simile. … Ad aliud dicitur, quod pro tanto dicitur, quod homo est animal
perfectum, quod sufficienter disponit materiam ad inductionem forme intellective, non
quia intellectivam inducit, nec dicitur agens univocum nisi quia materiam sufficienter
disponit ad inductionem intellective.“
125 Henricus de Bruxella/Henricus de Alemannia, Quelibet [Pariser Redaktion] (Pa-

ris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16089, fol. 57vb): „Ad racionem dicendum, quod in
aliis animalibus non est ita, quia imperfecte digeritur (sc. sperma), antequam veniat
ad testiculos. Sed in homine non est ita; quia homo est perfectissima species, ideo
magnam digestionem requirit“; [Wiener Redaktion] (Wien, Österreichische Natio-
nalbibliothek, 2303, fol. 41vb–42ra): „Nam cum homo sit nobilissima species, debet
habere sperma summe digestum, ut generetur animal; sed in aliis non exigitur tanta
digestio, sed potest digeri sufficienter sine testiculis et sine pudendis.“
126 Albert d. Gr., De fato a. 4, ed. Paul Simon, Münster 1975 (Ed. Colon. XVII/1, 75

l. 21–24).
127 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus XI (Madrid,

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 272rb): „Ad secundum (secundum del., et in marg.: tertium
cod.) dicendum, quod quanto res est nobilior, tanto cum maiori difficultate habetur;
et propter hoc homo sicut nobilius est quolibet animali, plus laborat mulier in partu
quam femine aliorum animalium.“ Anonymus (Ps.-Petrus de Alvernia), Questiones
libri de animalibus (Wien, Österreichische Nationalbibliothek, 2303, fol. 37vb): „Unde
in specie humana minime salvantur duo fetus, quorum unus est masculus et cetera.
Cuius causa est, quia homo propter nobilitatem sue forme magis distinguitur secundum
calidum et frigidum quam alia animalia. Unde etsi universaliter masculus sit ex calida
materia respectu femelle, verumtamen in specie hominis maxime masculus calidior
est. Propter quod contingit, quod masculus citius (cito cod.) perficitur quam femella,
et per consequens, ut dictum est, periclitantur fetus illi, si unus fuerit masculus et alter
femella.“
196 kapitel iii

terdifferenzierung;128 die Größe des Gehirns im Verhältnis zur Körper-


größe;129 die vollzählige Ausstattung mit allen fünf äußeren Sinnen;130
die im Vergleich mit Tieren und Pflanzen größere Beweglichkeit;131
das Freisein von naturhaft festgelegten Verhaltensmustern und die mit
der Vernunft gegebene universelle Fähigkeit zum Erkennen und zur
Herstellung des Lebensnotwendigen132 sowie die Fähigkeit, Gefühlszu-
stände durch sprachliche Äußerungen mitzuteilen133 und nach Gesetz

128 Albert d. Gr., De animal. VIII tr. 1 c. 1 n. 3 (ed. Stadler, I, 572 l. 14–16); ebd., n. 6

(573 l. 20–23).
129 Ders., Quaest. super De animal. I q. 43c (Ed. Colon. XII, 103 l. 54–57).
130 Ders., De anima II tr. 4 c. 5 (Ed. Colon. VII/1, 153 l. 91 – 154 l. 7); R. de

Staningtona, Liber de anima (Oxford, Bodleian Library, Digby 204, fol. 124rb): „Et
notandum secundum Aristotilem, quod non sunt plures sensus quam V. Quia nos, qui
sumus animalia perfecta, habemus omnes sensus necessarios, sed non habemus plures
quam V predictos, ergo non sunt plures quam V“; Anonymus, Questiones super de
anima (Oxford, Oriel College, 33, fol. 157ra–rb): „Commentator sic probat maiorem:
Sensus 5 non inveniuntur in animalibus [non inveniuntur] perfectis nisi propter melius
esse adeo quod propter solicitudinem nature circa hoc oportet, ut omnes sensus sint
distincti existentes in animali perfecte creationis et quod animali perfectissimo, scilicet
homini, nullus deficiat sensus.“
131 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus I (Madrid,

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 257rb): „Quia igitur homo nobilius (nobilis Va) est quolibet
vivente, animal secundo, ultimo plante, ideo homo maxime motu indiget, animal
minus, (et add. Va) planta (plante Va) minime.“ Zur Art der Fortbewegung vgl. Albert d.
Gr., De mot. animal. II tr. 1 c. 2 (Ed. Paris. IX, 286b).
132 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus VIII (Madrid,

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 268rb): „Quia homo est (est om. Va) nobilissima creatura-
rum, non determinatur ad aliquem habitum a natura nec ad aliquam cautelam, quia
habet (-ent Va) intellectum, quo est omnia facere. Unde sicut materia indifferens est
(est om. Va) a qualibet forma (ad quamlibet formam Va) et omnes potest succipere, (et
add. Va) similiter intellectus a quolibet cognoscibili; et propter hoc si haberet aliquam
cautelam determinatam innatam, pocius esset ignobilitas quam nobilitas. Sed sensitiva
ingreditur in esse a natura, et quia motus nature est ad unum tantum (tamen Va), ani-
malia bruta habuerunt cautelas specialiter artatas ad unam (ad u. om. Va) medicinam
vel ad unum nutrimentum; homo autem non, quia per artificium potest sibi acquirere
omnia“; Petrus Gallecus, Regitiva domus 5, ed. José Martínez Gázquez, Petri Galleci
opera omnia quae exstant (Millennio Medievale 20, Testi 8), Firenze 2000, 171 l. 258–
263: „Et repetimus et dicimus quod non est homo sicut piscis uel auis uel quadrupes uel
aliud ex animalibus, cui natura indumenta dedit et pro armis … Sed est homo perfec-
tior omnibus, quia diuersas parat sibi uestes et accipit arma cum necesse est et cibaria
diuersimode coquit.“
133 Anonymus, Questiones in II et III de anima (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep.

Erf., CA 4° 312, fol. 46ra): „Sed tunc sequitur, ex quo homo est dignissima creatura
creaturarum et brutis data est virtus expressiva naturaliter affectus proprie mentis alii,
an homini detur a natura posse alii proprium affectum naturaliter exprimere, quia si
non, sed sola arte affectum suum alii exprimat, tunc homo est incomplecior brutis
animalibus, et hoc est inconveniens. Quare—ut videtur—necesse est hominem alii
naturaliter posse suum affectum exprimere, sicut bruta exprimunt. Sed si naturaliter
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 197

und Gerechtigkeit zu leben.134 Einen Sonderfall bildet der Vergleich


zwischen Mensch und Schlange. Bei diesem wird der Mensch als das
vornehmste Sinnenwesen der Schlange als dem unedelsten (vilissimum)
Sinnenwesen gegenübergestellt und aus der Distanz dieser beiden Ex-
tremrepräsentanten der Gattung deren besondere Feindschaft abgelei-
tet135—eine naturphilosophische Erklärung für die biblische Aussage
im Schöpfungsbericht über die Feindschaft zwischen der Schlange und
Eva und ihrer Nachkommenschaft.
Wie diese auf relativ breiter, aber selbstverständlich nicht lücken-
loser Quellenbasis erhobenen Textproben erkennen lassen, verbinden
die Magister mit dem Konzept animal nobilissimum bzw. animal perfectissi-
mum wechselweise sowohl abstrakt-metaphysische Annahmen als auch
solche, die die konkrete Existenz des Menschen betreffen. Sie bezie-
hen sich mit diesem Konzept, um an eine Unterscheidung Alberts
des Großen anzuknüpfen, auf die „göttlichen“ und die „natürlichen“
Eigentümlichkeiten des Menschen.136 Zu den ersteren gehört die Cha-
rakterisierung des Menschen als minor mundus und imago mundi, als omnis
creatura, als strukturell den Himmelskörpern und ihren Bewegern ähn-
liches Wesen, verbunden mit der Annahme einer ausgewogenen Kom-
plexion, sowie die Auffassung vom Menschen als Zielgröße und Vollen-
dung der Sinnenwesen bzw. der Natur insgesamt. Auch die Annahme
einer besonderen Obsorge der Natur für eine optimale Ausstattung
des Menschen ist ihnen beizuzählen. Zweifellos beständig mitgedacht,
explizit aber eher selten direkt zur Erläuterung jenes Konzepts heran-
gezogen wird die Grundannahme der Beseelung des Menschen durch
die anima intellectiva und seiner daraus resultierenden prinzipiellen Voll-

posset suum affectum exprimere, et quod a natura est, idem est apud omnes, ergo
omnium esset una lingua naturalis. Queritur igitur, que sit illa lingua et illud idioma.“
134 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 29, 7 (Ed. Vene-

zia 1501, fol. 239vb): „Sicut perfectissimum et optimum animalium est homo—vivens,
supple, secundum legem et iusticiam—, ita separatum a lege et iusticia est pessimum
omnium.“
135 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus VIII (Madrid,

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 267vb): „Ad hoc dicendum (dicimus Va), quod serpens
odit hominem et e contrario, (et add. Va) quia multum distant, cum unum sit animal
nobilissimum et aliud animal vilissimum, et unum interficit aliud (alium Va) et e
contrario“; ders., Problemata 55, ed. Miguel de Asúa, Los Problemata o Quaestiones de
animalibus de Pedro Hispano. Transcripción del texto, in: Stromata 54 (1998) 267–302,
hier 281: „Est autem inter hominem et serpentem inimicicia specialis ea scilicet ratione,
quia multum a se distant, cum homo sit animal nobilissimum et serpens vilissimum.“
136 Albert d. Gr., De animal. XXII tr. 1 c. 5 (ed. Stadler, II, 1353 l. 15).
198 kapitel iii

kommenheit.137 Ausgeprägte Entwicklungstendenzen gehen aus den


Textproben nicht hervor. Die Verbindung des Konzepts animal nobilis-
simum bzw. animal perfectissimum mit den metaphysischen Vorstellungen
findet sich ebenso in relativ frühen Kommentaren aus den vierziger
Jahren wie auch in Schriften, die erst gegen Ende des Untersuchungs-
zeitraumes entstanden sein dürften. Das gilt zumal für die Verbin-
dung mit der Auffassung von der menschlichen Komplexion und vom
Menschen als Zielgröße und Vollendung der Sinnenwesen bzw. der
Natur insgesamt. Eine gewisse Vorliebe, das Konzept des „vornehms-
ten Sinnenwesens“ mit der Vorstellung vom Menschen als Zielgröße
und Vollendung der Sinnenwesen zu assoziieren, lässt Ps.-Petrus Hispa-
nus nach beiden Fassungen seines De animalibus-Kommentars erkennen.
Die Verbindung mit den Vorstellungen vom Menschen als minor mundus
und imago mundi, als omnis creatura und als strukturell den Himmelskör-
pern und ihren Bewegern ähnliches Wesen begegnet schwerpunktmä-
ßig in Schriften aus den vierziger bis siebziger Jahren. Die Annahme
einer besonderen Obsorge der Natur für den Menschen wiederum
wird allein in den später anzusetzenden Zeugnissen mit dem Kon-
zept des vornehmsten bzw. vollkommensten Sinnenwesens in Bezie-
hung gesetzt. Interessanterweise spiegelt sich in der Kennzeichnung
des animal perfectissimum Mensch als ymago et similitudo mundi 138 nochmals
jener Perspektivenwechsel wider, der sich im anthropologischen Den-
ken seit dem zwölften Jahrhundert vollzogen hatte. Der Zisterzienser
Isaak von Stella († 1178) beispielsweise verwendete den Begriff „Bild
der Welt“ bezogen auf den Menschen noch in eindeutig abwertender
Absicht.139 Albert hingegen verbindet mit ihm einen eindeutig positiven
Sinn, wenn er den Menschen in dieser Weise als animal perfectissimum
kennzeichnet.
Unter den mit dem Konzept des animal nobilissimum bzw. animal per-
fectissimum verbundenen auf die konkrete Existenz des Menschen bezo-

137 Vgl. aber oben S. 188.


138 Albert d. Gr., De animal. XX tr. 2 c. 3 n. 74 (ed. Stadler, II, 1312 l. 16–19);
ebd., n. 75 und 76 (1313 l. 6–10 und l. 24–36); XXI tr. 1 c. 1 n. 7 (1325 l. 8 f.). Zum
Begriff „mundus“ vgl. die Erläuterung bei David von Dinant, Quaternuli, ed. Marian
Kurdziałek, Davidis de Dinanto Quaternulorum fragmenta, in: Studia Mediewistyczne
3 (1963) 3–94, hier 33 l. 18: „… mundus est comprehensio omnium que per naturam
fiunt …“
139 Isaak von Stella, Sermo 2 13 (ed. Hoste, 106 l. 101–106): „Circa te mundus, tui

corpus, tu ad imaginem et similitudinem Dei factus intus. Redi igitur, praevaricator,


intus, ubi tu es, ad cor. Foris pecus es ad imaginem mundi, unde et minor mundus
dicitur homo; intus homo ad imaginem Dei, unde et potes deificari.“
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 199

genen Aussagen machen diejenigen, die spezifisch körperliche Merk-


male betreffen, den Hauptteil aus. Es geht um die besondere Qualität
der menschlichen Komplexion, um die Statur und den Gliederbau des
Menschen, seine relative Gehirngröße sowie die Hand mit ihrer univer-
sellen Verwendbarkeit. Wiederholt bringen die Magister auch die Aus-
stattung mit den sensitiven Vermögen zur Sprache, speziell mit dem
Tastsinn und dem besonderen Bewegungsvermögen. Weitere Annah-
men betreffen die ausgeprägte Geschlechterdifferenzierung, das Frei-
sein von naturhaft festgelegten Verhaltensmustern und die Fähigkeit,
Gefühle sprachlich auszudrücken.

2.2. Die Topoi solus homo und maxime in homine


Insgesamt ist bereits deutlich erkennbar, dass die naturphilosophische
Untersuchung des spezifisch Menschlichen sich nicht nur auf sehr ver-
schiedene, sondern auch auf sehr konkrete Ausprägungsweisen seeli-
scher- wie auch körperlicherseits erstreckt. Dieser Eindruck bestätigt
sich, wenn wir nunmehr auch die Verwendung des Topos solus homo
mit seinen verschiedenen Varianten in unsere Betrachtung einbeziehen.
Wie eine Studie von Robert Renehan gezeigt hat, weist dieser Topos im
abendländischen philosophischen Denken eine lange Tradition auf.140
Er war im antiken griechischen Philosophieren über dessen unter-
schiedliche Schulen hinweg tief verwurzelt. In der patristischen Epo-
che übernahmen die Kirchenväter ihn in ihren Sprachgebrauch und
vermittelten so den mittelalterlichen lateinischsprachigen Denkern eine
erste Bekanntschaft mit ihm. Nemesius von Emesa scheint mit seinem
Werk über die Natur des Menschen dafür eine wichtige Transmissions-
instanz gewesen zu sein,141 noch bevor den mittelalterlichen Gelehrten-
kreisen die Werke der griechischen Philosophen und Ärzte in großem
Umfang durch Übersetzungen zugänglich wurden. Zugleich mit die-
sem Topos erhielten die Magister Kenntnis von zentralen Annahmen
der antiken Philosophie über konkrete Ausprägungsweisen des spezi-
fisch Menschlichen vermittelt.142

140 Robert Renehan, The Greek Anthropocentric View of Man, in: Harvard Studies

in Classical Philology 85 (1981) 239–259, hier speziell: 246 ff.


141 Nemesius von Emesa, De natura hominis c. 1 (ed. Verbeke/Moncho, 15 l. 46 f.);

ebd., c. 9 (85 l. 40); c. 26 (111 l. 19; 22).


142 Über die antiken anthropologischen Vorgaben unterrichtet vorzüglich Dierauer,

Tier.
200 kapitel iii

Was „allein vom Menschen“ ausgesagt werden kann und ihn somit
unverwechselbar von allen anderen Sinnenwesen unterscheidet, um-
fasst zweierlei Arten von Merkmalen: einerseits solche, die dem Men-
schen ausschließlich zukommen, andererseits solche, die der Mensch
prinzipiell mit den Tieren gemeinsam hat, die bei ihm aber im Ver-
gleich entweder zu allen oder nur zu bestimmten Tierarten in besonde-
rem—sei es in einem höheren oder in einem geringeren—Maße gege-
ben sind.143 Zur Kennzeichnung dessen, was ausschließlich dem Men-
schen eigen ist, verwenden die Autoren neben der Hauptformel solus
homo bzw. geschlechtsspezifisch sola mulier und der erweiterten Form
solus homo inter omnia animalia zahlreiche verwandte Wendungen wie homo
tantum, solum (tantum) in homine, solum in specie humana, homo autem (vero),
proprie inter animalia, sowie aus verändertem, auf die Tiere gerichtetem
Blickwinkel nullum animal nisi homo, nulla femina nisi humana, nulla femina
aliorum animalium ab homine, nullum animal praeter hominem, omne animal prae-
ter hominem, omne animal ab homine. Ähnlich vielfältig sind die kompa-
rativen Wendungen, mit denen die Magister das anzeigen, was dem
Menschen in einem ihn von den anderen Sinnenwesen unterschei-
denden Grade zukommt. Analog zu den zuvor angeführten Formu-
lierungen fassen wir sie unter der gemeinsamen Bezeichnung „Topos
maxime in homine“ zusammen: maxime/minime in homine, maxime in natura
humana, maxime inter animalia, plurimum inter animalia, praecipue in homine,
magis/minus quam cetera animalia, plus quam in aliis animalibus, non tantum
quantum in homine.
Was die Merkmale als solche betrifft, die durch den Topos solus
homo mit seinen Varianten als allein dem Menschen zukommend ausge-
zeichnet werden, bietet Alberts des Großen oben erwähnte Unterschei-
dung von „göttlichen“ und „natürlichen“ Eigentümlichkeiten zusam-
men mit der ihr beigegebenen Auflistung einen gewissen zeitgenössi-
schen Anhaltspunkt für eine mögliche inhaltliche Gruppierung dersel-
ben. Albert beginnt—anders als nach der Überschrift des betreffen-
den Kapitels zu erwarten wäre und ohne deren Terminologie direkt
aufzunehmen—mit den „göttlichen“ Eigentümlichkeiten des Men-
schen. Dabei lenkt er den Blick auf das, was er als die wichtigste Eigen-

143 Vgl. Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis XI (Paris,

Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 86va): „Communes eciam dico, que omnibus
existunt animalibus; communes aliquorum generum dico, que conveniunt pluribus spe-
ciebus differentibus secundum excellenciam et defectum, ut avis ab ave, que conveniunt
tamen in genere (generacione S) avis; secundum speciem dico (dico om. S) ut homine“;
Albert d. Gr., De animal. XXII tr. 1 c. 1 n. 3 (ed. Stadler, II, 1350, l. 12–15).
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 201

tümlichkeit des Menschen (de proprietatibus … hominis praecipua) ansieht,


nämlich, „Verbindung zwischen Gott und der Welt“ (nexus Dei et mundi)
zu sein, wie Albert mit einem vermeintlich von Hermes Trismegis-
tus144 entliehenen Wort formuliert. Die Teilhabe am göttlichen Intel-
lekt bringt mit sich, dass der Mensch dem, was ihn mit der Körper-
welt verbindet, prinzipiell nicht unter-, sondern als Lenker übergeord-
net ist. Diese Grundgegebenheit ist gleicherweise Konstitutionsprinzip
wie auch lebensgestalterische Aufgabe des Menschen. Sie ist als Ord-
nungsgefüge grundsätzlich konstitutionell angelegt, zugleich aber muss
sie vom Menschen in autonomer Wahlentscheidung jeweils lebensprak-
tisch aktiv vollzogen werden. Innerhalb dieses naturgegebenen Ord-
nungsgefüges (naturalis est ordo) stehen Seele und Körper in Wechselwir-
kung miteinander. Insofern nämlich die Seele den Körper in seinem
Bestand erhält (contineat corpus ne dissolvatur), wirkt sie mit ihren akziden-
tellen Bestimmungen verändernd auf ihn ein, wie umgekehrt der Kör-
per durch seine passiones auf die Seele Einfluss nimmt.145 Bemerkens-
werterweise stützt Albert diese Annahmen jeweils mit Beobachtungen
zu konkreten Ausprägungsweisen des Menschlichen.
Anschließend an diese Erläuterungen, die nichts Geringeres als ein
umfassendes anthropologisches Strukturmodell darstellen, geht der
Doctor universalis zu den „Eigentümlichkeiten des Menschen, insofern
er Mensch ist“ (de proprietatibus hominis secundum id quod homo est) über.
Offenbar sind mit diesen die in der Kapitelüberschrift angekündigten
und aus unserer Untersuchungsperspektive besonders interessierenden
„natürlichen“ Eigentümlichkeiten des Menschen gemeint. Albert sor-
tiert sie in solche, die sich seelischerseits, und solche, die sich körper-
licherseits ergeben. Nur auf die erstgenannten geht er des Näheren
ein und listet—ohne erkennbare Systematik—einige von ihnen auf. Sie
reichen von moralischen Einstellungen (verecundari … in turpi perpetrato;
discernere inter honestum et turpe; honestum prosequi; passiones ordinare virtu-
tis ordine; amicitiam habet secundum omne genus amicitiae) über intellektuelle
Haltungen (in intellectualibus theorematibus et speculari et delectari) und soziale
Verhaltensweisen (perfecte coniugale est animal eo quod honestas legibus ordi-

144 Ps.-Apuleius, Asclepius c. 6–10 als Quelle identifiziert von Bernhard Geyer (Ed.

Colon. XVI/1, 2 l. 5). Vgl. Sturlese, Die deutsche Philosophie, 384; Udo R. Jeck, Die
hermetische Theorie des Mikrokosmos in der Metaphysik Alberts des Grossen und im
Prokloskommentar des Berthold von Moosburg, in: Patristica et Mediaevalia 20 (1999)
3–18.
145 Albert d. Gr., De animal. XXII tr. 1 c. 5 n. 9–10 (ed. Stadler, II, 1353 l. 16 – 1354

l. 11); vgl. dens., Metaph. I tr. 1 c. 1 (Ed. Colon. XVI/1, 2 l. 7–15).


202 kapitel iii

natas facit nuptias; civile animal) bis zu den Eigenschaften, für Belehrung
empfänglich zu sein (disciplinae esse perceptibilem), aufgrund seiner Zivili-
siertheit ein von Natur aus friedfertiges Sinnenwesen zu sein (esse animal
mansuetum natura propter civilitatem) und ein zum Lachen fähiges und mit
Sinn für Ruhm ausgestattetes Sinnenwesen zu sein, da es für den Men-
schen vollkommene Gründe zur Freude gibt (esse animal risibile et gloriabile
propter perfectas gaudendi rationes).146 Von den körperlicherseits sich erge-
benden Eigentümlichkeiten des Menschen erwähnt er abschließend in
diesem Text lediglich die wohlproportionierte und aufrechte Körper-
statur sowie gewisse Wirkeigenschaften des Speichels bei einem Nüch-
ternen.147
Aus Alberts Auflistung übernehmen wir für die nachfolgende Über-
sicht über die Merkmale, die die Autoren durch den Topos solus homo
(samt seinen Varianten) als allein dem Menschen zukommend auszeich-
nen, die Hauptgruppierung in einerseits abstrakt-metaphysische („gött-
liche“) und andererseits die konkrete Existenz des Menschen betref-
fende („natürliche“) Merkmale sowie die Unterteilung der letzteren in
solche, die sich seelischerseits, und solche, die sich körperlicherseits
ergeben.
Von den ausschließlich dem Menschen zukommenden Merkmalen
auf der metaphysischen Betrachtungsebene148 werden in Verbindung
mit dem Topos solus homo unter anderem genannt: Bild und Gleichnis
der Welt zu sein,149 Verbindung zwischen Gott und der Welt zu sein,150
Anteil zu haben am Göttlichen151 sowie die Bezeichnung „Person“ und
die damit verbundene Würde beanspruchen zu können.152

146 Ders., De animal. XXII tr. 1 c. 5 n. 11–12 (ed. Stadler, II, 1354 l. 12–36).
147 Ebd., n. 12 (1354 l. 37 – 1355 l. 4).
148 Zur Unterscheidung zwischen der metaphysischen und der naturphilosophischen

Betrachtungsebene vgl. ebd., XX tr. 1 c. 1 n. 67 (ed. Stadler, II, 1308 l. 31 f.): „… potius
spectent ad primum philosophum quam ad physicum …“
149 Ebd., XXI tr. 1 c. 1 n. 7 (1325 l. 8 f.).
150 Ebd., XXII tr. 1 c. 5 n. 9 (1353 l. 17 f.).
151 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis XII (Paris,

Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 98va), der seine Aussage allerdings vorsichti-
gerweise mit Vorbehalt formuliert: „Ipse enim solus inter animalia nobis nota divino
quodam participat aut maxime.“
152 Wilhelm von Baglione, Quaestio de esse specifico [Florentiner Fassung], ed. Igna-

tius Brady, Background to the Condemnation of 1270: Master William of Baglione,


O.F.M., in: Francisc. Stud. 30 (1970) 5–48, hier 22: „Solus enim homo inter animalia
vindicat sibi dignitatem et nomen personae, quae convenit ei eo quod rationalis est,
sicut dicit Boethius, De duabus naturis; et patet ex diffinitione personae (p.] naturae cod.),
quam ipse dat, quod scilicet ‚persona est rationalis naturae substantia individua.‘“
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 203

Die durch den Topos solus homo ausschließlich dem Menschen zuge-
ordneten Merkmale auf der naturphilosophischen Betrachtungsebene,
die die konkrete menschliche Existenz und dort speziell die seelische
Seite betreffen, unterteilen wir in drei größere Gruppen und stellen
sie der besseren Übersicht halber—ohne weitergehenden Anspruch—
in Tabellenform dar:

(a) Allein dem Menschen zukommende Merkmale intellektiver Art


– die Intellektbegabung als solche153
– Verstandesoperationen (Überlegen154 und Beratschlagen,155 Mei-
nen,156 Gedächtnisspeicherung157 und Erinnern)158

153 Adam von Bocfeld, Sentencia super librum de anima III (ed. Powell, 195): „Dat

igitur in prima parte duas rationes; prima est: sensus inest omnibus animalibus, intellec-
tus autem paucis, quoniam solum ratione utentibus; ergo intellectus et sensus non sunt
idem“; Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus I (Madrid,
Biblioteca Nacional, 1877, fol. 258ra): „… homo superhabundat omnibus animalibus
intellectu“; Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Florenti-
ner Redaktion] VIII (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853,
fol. 129vb): „4a est collectio quidditatum rerum naturalium a formis particularibus denu-
datarum, et ista est solius intellectus. Et alie 3es sunt communiter in brutis et in homine,
4a vero in solo homine“; Albert d. Gr., De homine tr. 1 q. 28 a. 2c (Ed. Paris. XXXV,
258a); ders., De anima III tr. 4 c. 3 (Ed. Colon. VII/1, 232 l. 8 f.); ders., De animal. I
tr. 1 c. 3 n. 51–52 (ed. Stadler, I, 20 l. 19–22); ebd., VIII tr. 6 c. 1 n. 226 (666 l. 35 f.);
n. 236 (671 l. 12 f.); ebd., XIV tr. 2 c. 2 n. 32 (ed. Stadler, II, 965 l. 11–13); ders., Poli-
tica VII c. 11 (Ed. Paris. VIII, 710a); zu Albert vgl. Köhler, Grundlagen, 599; Thomas
von Aquin, Sentencia libri de sensu et sensato tr. 2 (= De memoria et reminiscencia) c. 2
(Ed. Leon. XLV/2, 110 l. 209 f.); Petrus de Alvernia, Sententia libri Politicorum („Scrip-
tum“) [Fortsetzung des unvollendeten Kommentars des Thomas von Aquin] VII lect.
10 n. 1192, ed. Raimondo M. Spiazzi, S. Thomae Aquinatis … in libros Politicorum
Aristotelis expositio, Torino–Roma 1951, 386a. Vgl. Ps.-Aristoteles, Liber de pomo (ed.
Plezia, 45 l. 24 – 46 l. 7). Für die griechische Antike siehe Dierauer, Tier, 39; 121; 168;
225; zur Annahme einer Tiervernunft ebd., 81; 97; 253.
154 Ps.-Robert Grosseteste, Summa philosophiae tr. 12 c. 5 (ed. Baur, 489 l. 5–

8); Thomas von Aquin, Sentencia libri de sensu et sensato tr. 2 (= De memoria et
reminiscencia) c. 8 (Ed. Leon. XLV/2, 131 l. 17–34). Vgl. Dierauer, Tier, 107.
155 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 30, 3 (Ed. Venezia

1501, fol. 248va): „Primo etiam de anima et hystoriarum similiter primo: Consiliativum
homo solum est animalium memoria et doctrina multa participans.“
156 Albert d. Gr., De homine tr. 1 q. 53 a. 2 arg. 1 (Ed. Paris. XXXV, 447b).
157 Petrus Hispanus Portugalensis, Scientia libri de anima tr. 10 c. 11 (ed. Alonso, 412

l. 8–11); ebd., c. 12 (423 l. 27 f.; 423 l. 37 – 424 l. 1); Albert d. Gr., De animal. I tr. 1 c. 3
n. 52 (Stadler, I, 20 l. 20–23). Vgl. Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro
de animalibus VIII (Madrid, Biblioteca Nacional, 1877, fol. 267vb): „Preterea scribitur
in libro de memoria et reminiscentia, quod solum in homine est (est om. Va) memoria.“
158 Quaestiones Salernitanae 23 (ed. Lawn, 14 l. 1–3); Albert d. Gr., De homine tr. 1
204 kapitel iii

– intellektive Erkenntnisweisen (vernunftvermittelte Erfahrungser-


kenntnis159 und artes-Ausübung und wissenschaftliche Betrachtun-

q. 41 a. 1c (Ed. Paris. XXXV, 353a); Ps.-Adam von Bocfeld, Sententia libri de memo-
ria et reminiscencia (Oxford, Merton College, 272, fol. 23rb): „…, quod reminiscen-
cia est in solis hominibus, memoria vero in brutis et hominibus“; Petrus de Hiber-
nia, Expositio et quaestiones in Aristotelis librum de longitudine et brevitate vitae
lect. 4 q. 3, ed. Michael Dunne (Philosophes médiévaux 30), Louvain-la-Neuve u. a.
1993, 108 l. 256–259; Thomas von Aquin, Sentencia libri de sensu et sensato tr. 2 (=
De memoria et reminiscencia) c. 1 (Ed. Leon. XLV/2, 104 l. 36–43); ebd., c. 8 (131
l. 12–17); Petrus de Alvernia, Quaestiones super librum de memoria et reminiscentia,
Introd. (ed. White, II, 116 l. 46–53); ebd., q. 1 (119 l. 60–62 bzw. 120 l. 74 f.); Anony-
mus, Notule de memoria et reminiscencia (Milano, Biblioteca Ambrosiana H 105 inf.,
fol. 23vb): „Ad oppositum sic. Reminiscencia solum inest hominibus“; Anonymus, Ques-
tiones de memoria et reminiscencia (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv.
Soppr. E.1.252, fol. 215vb): „Eciam memorativa est perfectior in hominibus quam in
brutis, quia memorativa in brutis solum cognoscit aliquod preteritum, sed in homi-
nibus cum hoc est virtus reminiscitiva, per quam fit (fit] sit cod.) discursus ex alico
noto ad cognitionem alicuius obliti, sicut ex loco fit (fit] sit cod.) discursus ad cogni-
cionem alicuius obliti facti in loco, … Et hec virtus solum est in hominibus“; ebd.,
fol. 216va: „Minor patet, quia reminiscencia inest solum hominibus, ut dicit Philoso-
phus“; fol. 216vb: „Eciam ex parte subiectorum differunt, quia omnia animalia per-
fecta participant memoriam, ut visum fuit prius, sed nullum animal participat remi-
niscenciam nisi homo, quia ad illam requiritur collatio sive discursus, qui solum est
in homine“; Anonymus, Glosa marginalis super de animalibus Aristotilis (Paris, Biblio-
thèque Nationale, Lat. 16162, fol. 3va): „Solus homo habet memoriam cum discretione,
sed multa animalia habent memoriam tantum.“ Vgl. Avicenna, Abbreviatio de anima-
libus I (Ed. Venezia 1508, 29rbC): „Sed solus homo memorat oblita“ (zu diesem Werk
Kruk, Ibn Sina); Dominicus Gundissalinus, De anima c. 9 (ed. Muckle, 79 l. 6–14). Vgl.
Dierauer, Tier, 51; 95; 107; 118; 146; Marie-Thérèse d’Alverny, Notes sur les traduc-
tions médiévales d’Avicenne, in: Arch. Hist. doctr. litt. M.A. 27 (1952) 337–358, hier:
357.
159 Albert d. Gr., De animal. VIII tr. 6 c. 1 n. 236 (ed. Stadler, I, 671 l. 17 f.); Ps.-Petrus

Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redaktion] VIII (Vene-


zia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI, 234, fol. 128rb): „Ars dicitur dupliciter.
Uno modo multarum similitudinum singularium collectio, que vel per experimen-
tum habeatur, ut in faciendo domum—talis inest soli homini—, …“; ebd., fol. 129ra–rb:
„Dicendum, quod collatio multiplex est. … VIta est, que consistit circa quantitatem
rerum conditionibus accidentalibus denudatam (denu V denuit L), sicut dicit Algazel.
Ista collatio absque medio. Hec inest soli intellectui humano, qui accipit denudatum
(denudationem V ) ab accidentalibus“; fol. 129vb: „Alia collectio preceptorum acquisi-
torum per viam experiencie. Hec (huiusmodi L) solius hominis, ut dicit Avicenna in
libro suo de anima.“
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 205

gen,160 Selbstbeurteilung,161 Gelehrigkeit,162 Beurteilen von Ge-


sundheit und Krankheit)163
– das Sprachvermögen164

160 Albert d. Gr., De animal. XXII tr. 1 c. 5 n. 12 (ed. Stadler, II, 1354 l. 27 f.);

ders., De animal. [ursprüngliches Einleitungskapitel zu Buch XX] (Ed. Colon. XII,


1 l. 73 ff.); Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Venezianer
Redaktion] VIII (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI, 234, fol. 142va):
„Sexta (sc. ars) est procedens ab intellectu, consistens in exemplaribus intelligibilibus
(intelligibilibus corr. ex intellectibus L), que ordinantur ad effectus rerum, que necessarie
(necesse L) sunt vite. Sic est ars mechanica (methaphisica LV ), que inest homini soli“;
[Florentiner Redaktion] VIII (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr.
G.4.853, fol. 124ra): „Preter has vero est ars, que est collectio principiorum via (via]
VII cod.) experiencie (e.] ex aparencie cod.) et sensus; et hec est in solo homine“; ebd.,
fol. 127va: „Ad hoc dicendum, quod illa ars non dicitur mecanica nec liberalis, quia
divisio artis per mecanicam et liberalem est in solo homine ordinata ad eius regimen
et vite neccessitatem.“ Vgl. Hugo von St. Viktor, Didascalicon I c. 4 (ed. Buttimer, 10
l. 26 – 11 l. 2).
161 Albert d. Gr., De anima III tr. 4 c. 10 (Ed. Colon. VII/1, 242 l. 6 f.).
162 Ders., Super Ethica VI lect. 10 n. 537 (Ed. Colon. XIV/2, 463 l. 35–38); ders., De

animal. XXI tr. 1 c. 3 n. 15 (ed. Stadler, II, 1329 l. 38 f.); ebd., n. 16 (1331 l. 1–3); XXII
tr. 1 c. 5 n. 12 (1354 l. 33 f.); Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic.
30, 11 (Ed. Venezia 1501, fol. 251vb): „Sed homini soli inest disciplina, cum esse ipsius
extet ratione. Solus igitur maxime erit susceptivus contrariorum. Potestas enim ipsius
est rationalis valens ad opposita.“ Vgl. Dierauer, Tier, 146.
163 Albert d. Gr., Super Ethica III lect. 12 n. 229 (Ed. Colon. XIV/1, 201 l. 85 f.).
164 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus I (Madrid,

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 257vb): „Solus (enim add. Va) homo loquitur et canit
voluntarie (et c. v. om. Va), eo quod regitur ratione“; Robert Kilwardby, Commentarius
in ethicam novam et veterem, Prol. (Cambridge, Peterhouse Library, 206, fol. 285ra):
„… Aristotiles in 4° de animalibus, ubi dicit, quod sermo est vox; qui determinatur
tantum in hiis, que habent propositum et voluntatem. Huiusmodi autem est solus
homo“; Albert d. Gr., De animal. XIX tr. un. c. 9 n. 44 (ed. Stadler, II, 1269 l. 12); ders.,
Politica I c. 1 (Ed. Paris. VIII, 14a); Thomas von Aquin, Sententia libri Politicorum I
c. 1/b (Ed. Leon. XLVIII, A 78 l. 120–122); Petrus Gallecus, Liber de animalibus
IV (ed. Martínez Gázquez, 101 l. 155); Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de
animalibus Aristotilis IV (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 39va): „Secundo
queritur, utrum sermo insit soli homini“; ebd., XIX (fol. 190vb): „Item in aliis generibus
animalium acucius vocat femella quam masculus (mas S), et hoc patet maxime in
hominibus; et hoc fecit (facit S) natura, quia soli homines sermone utuntur“; Petrus
de Abano, Expositio problematum Aristotilis partic. 10, 39 (Ed. Venezia 1501, fol. 112ra):
„Unde Aristoteles in primo politicorum: Sermonem solus habet homo super animalia“;
ebd., partic. 10, 40 (fol. 112ra): „Quare est, quod homo solus inter cetera animalia a
nativitate fit mutus, loquela scilicet carens et auditu?“ Vgl. Dierauer, Tier, 32; 36; 126;
234 f.
206 kapitel iii

– Hoffnung und Furcht,165 Scham166


– Tugend der Klugheit,167 vernunftgeleiteter Antrieb168 und Fähig-
keit zur vernunftgemäßen, vollkommenen Lebensführung169
– moralisches und religiöses Verhalten170

165 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus XIV (Madrid,
Biblioteca Nacional, 1877, fol. 281rb): „Contrarium dicit Philosophus, quod solum in
homine est pulsus, et arguit sic: Solum in homine est spes (species Va) vel timor.
Sed ratione spei et timoris est pulsus“; Albert d. Gr., Quaest. super De animal. XIII
q. 12c (Ed. Colon. XII, 244 l. 77 – 245 l. 3); Gerhard von Breuil, Scripta supra librum
de animalibus Aristotilis XIII (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 109va):
„…, quod dicere, quod pulmo sit propter saltum cordis, hoc est propter motum pulsus,
non bene dicitur, quia in solo homine proprie talis motus est, quia solus habet spem
(speciem S) et expectacionem (spectacionem CS) futuri, et tamen in multis aliis est
pulmo.“ Vgl. Dierauer, Tier, 122.
166 Albert d. Gr., De animal. I tr. 1 c. 3 n. 50 (ed. Stadler, I, 20 l. 10 f.); ebd., XXII

tr. 1 c. 5 n. 11 (ed. Stadler, II, 1354 l. 12–16); Anonymus, Questiones super librum
de animalibus I (Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2164,
fol. 237rb): „Et causa est propter leticiam, quam habent, quia presenciunt (presentant
cod.) delectacionem (delinacionem cod.) futuram, quam habent ex coytu. Homo autem
verecundatur et tacet. Tacet quidem propter racionem et discrecionem, quia sicut illud
turpe et horrendum, solus homo erubescit illud confiteri, …“ Vgl. Dierauer, Tier, 37.
167 Thomas von Aquin, Sentencia libri de sensu et sensato tr. 1 c. 1 (Ed. Leon.

XLV/2, 13 l. 163–171); Bartholomaeus von Brügge, Scriptum et questiones yconomice


Aristotilis I c. 4(a) (Transkription von Blažek, 40): „Dicendum, quod prudentia proprie
sumpta est recta ratio agibilium circa hominis bona vel mala, ut habetur sexto Ethi-
corum. Et est virtus intellectualis et reperitur solum in hominibus.“ Vgl. Dierauer, Tier,
153.
168 Roger Bacon, Questiones supra libros prime philosophie IX (ed. Steele, 297

l. 22 f.); Petrus Hispanus Portugalensis, Scientia libri de anima tr. 11 c. 1 (ed. Alonso,
429 l. 26 f.); Robert Kilwardby, Commentarius in ethicam novam et veterem, Prol.
(Cambridge, Peterhouse Library, 206, fol. 285ra): „… in hiis, que habent propositum
et voluntatem. Huiusmodi autem est solus homo“; Albert d. Gr., De homine tr. 1 q. 66
a. 1 ad 1 (Ed. Paris. XXXV, 554b); ders., De animal. I tr. 1 c. 3 n. 46 (ed. Stadler, I,
18 l. 21–24); ebd., XXI tr. 1 c. 1 n. 7 (ed. Stadler, II, 1325 l. 27 f.); Petrus de Alvernia,
Sententia libri Politicorum („Scriptum“) VII lect. 10 n. 1192 (ed. Spiazzi, 386a); Simon
von Faversham, Dicta super librum de anima II (Leipzig, Universitätsbibliothek, 1359,
fol. 52va): „Et hoc eciam intendit Philosophus in prohemio methaphisice, quod alia ani-
malia fanthasia vivunt et memoriis, solus homo arte et racionibus.“ Vgl. Johannes von
Tytyngsale, Quaestiones super librum de anima III q. 35 (ed. Oyarzabal Aguinagalde,
262). Vgl. Dierauer, Tier, 67 f.; 153.
169 Albert d. Gr., De animal. I tr. 1 c. 4 n. 53 (ed. Stadler, I, 20 l. 28 f.).
170 Petrus Hispanus Portugalensis, Scientia libri de anima tr. 9 c. 1 (ed. Alonso, 298

l. 16–20); Albert d. Gr., Super Ethica I lect. 16 n. 94 (Ed. Colon. XIV/1, 85 l. 79–81);
ders., De nat. et orig. an. tr. 2 c. 6, ed. Bernhard Geyer, Münster 1955 (Ed. Colon.
XII, 28 l. 14–16); ders., De animal. XII tr. 3 c. 1 n. 166 (ed. Stadler, I, 864 l. 5–9);
ders., Politica I c. 1 (Ed. Paris. VIII, 14a). Vgl. dens., De bono tr. 5 q. 1 a. 2 n. 515, ed.
Heinrich Kühle u. a., Münster 1951 (Ed. Colon. XXVIII, 268 l. 87 f.).; Nemesius von
Emesa, De natura hominis c. 1 (ed. Verbeke/Moncho, 15 l. 33–48).
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 207

(b) Allein dem Menschen zukommende Merkmale im sensitiven Bereich


– sensitive Besonderheiten insgesamt171
– Duft- und Gestankswahrnehmung172
– Fähigkeit zum Träumen173

171 Petrus Hispanus Portugalensis, Scientia libri de anima tr. 8 c. 4 (ed. Alonso, 286
l. 7–11); ebd., tr. 10 c. 5 (373 l. 8–10); Albert d. Gr., De animal. XXI tr. 1 c. 1 n. 4 (ed.
Stadler, II, 1323 l. 22–25); Aegidius Romanus, Expositio libri de anima I (Ed. Venezia
1500, fol. 20va): „Notandum autem, quod solis hominibus dati sunt sensus, ut deserviant
tam necessitati vite quam etiam ad scientiam; ceteris autem animalibus dati sunt sensus
solum ad necessitatem vite.“ Vgl. Dierauer, Tier, 153; 235.
172 Adam von Bocfeld, In de sensu et sensato [zweite Redaktion] (Città del Vaticano,

Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 5988, fol. 38ra–rb): „In prima dat causam,
quare secunda species odoris homini competit; in secunda, ‚Proprium autem‘, quare
soli homini competit. … Consequenter ponit secundam proprietatem; et est, quod
ista species odoris solum propria est homini, …“; ebd., fol. 38va: „Sicut alia animalia
ab homine non senciunt odores per se, qui sunt in secunda specie, sed solum per
accidens …“; Anonymus, Sentencia libri de sensu et sensato (Città del Vaticano,
Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 13326, fol. 52vb): „Quia homo inter omnia
animalia habet cerebrum frigidissimum et humidissimum et secundum quantitatem sui
corporis maximum, propter quod solus homo inter omnia animalia maxime gaudet
et confortatur odoribus florum, …“; Albert d. Gr., De sensu et sens. tr. 2 c. 12 (Ed.
Paris. IX, 69b); Thomas von Aquin, Sentencia libri de sensu et sensato tr. 1 c. 12
(Ed. Leon. XLV/2, 69 l. 104–126); ebd., 70 l. 191–195; c. 13 (73 l. 94–96); Petrus
de Alvernia, Quaestiones super librum de sensu et sensato q. 46 (ed. White, II, 88
l. 12–23): „Intelligendum secundum Philosophum in littera, hoc genus odoris, scilicet
florum et rosarum, est proprium sensui hominis, et est in adiutorium sanitatis, …
Alia autem animalia sentiunt solum odorem qui indicat alimentum conveniens vel
non conveniens, et illum non percipiunt qui est delectabilis secundum se vel fetidus
secundum se, et si percipiant, non tantum multum curant de hoc; …“; Anonymus,
Super de sensu et sensato (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 4° 312, fol. 72ra):
„Et propter hoc est, quod inter omnia animalia solus homo quasi differenter sentit
odores florum et consimilium“; Anonymus, Commentarium et questiones in de sensu
et sensato (Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2170, fol. 123va):
„… solus homo odoribus florum gaudet“; ebd., fol. 128ra: „Immo odor per se tantum
proprius est hominis. Unde dicit Philosophus, quod solus homo odoribus florum et
huiusmodi, qui sunt odores per se, delectatur“; Simon von Faversham, Dicta super
librum de anima II (Leipzig, Universitätsbibliothek, 1359, fol. 61va): „…, quod licet ita
sit secundum Philosophum, quod homo habeat peiorem olfactum aliis et prave odorat,
tamen quidam sunt odores, quos solus homo percipit, … Et sic—ut vult Philosophus
ibi—talium solus homo est perceptivus.“ Vgl. Dierauer, Tier, 117.
173 Albert d. Gr., De somno et vig. III tr. 1 c. 11 (Ed. Paris. IX, 194b); ders., De

animal. IV tr. 2 c. 3 n. 101 (ed. Stadler, I, 403 l. 26); Anonymus, Questiones super
librum de animalibus IV (Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat.
2164, fol. 259vb): „Dicit, quod solus homo sompniat“; Petrus von Abano, Expositio
problematum Aristotilis, partic. 10, 16 (Ed. Venezia 1501, fol. 103vb): „Unde Aristoteles
in quarto de hystoriis ait: Somniat autem maxime animalium homo“; vgl. Avicenna,
Abbreviatio de animalibus V c. 2 (Ed. Venezia 1508, fol. 34rb): „Et somnium coitus non
accidit alicui animali nisi soli homini …“
208 kapitel iii

– Lachen174
– Verändern der Stimmhöhe beim Sprechen175
(c) Allein dem Menschen zukommende Merkmale sozialen Verhaltens
– Bewahren bürgerlicher Gemeinschaft176
– Friedfertigkeit aufgrund von Zivilisiertheit177
– Fähigkeit zu jeglicher Art von Freundschaft178
– Eheschließung179 und bestimmte Eigentümlichkeiten des Sexual-
verhaltens180

174 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus XV (Madrid,


Biblioteca Nacional, 1877, fol. 281va): „…; quare solus homo ridet et non alia (cetera
Va) animalia; …“; ders., Problemata (CXXVIII quaestiones) 84 (ed. de Asúa, 288); Ps.-
Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redaktion] XIII
(Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI, 234, fol. 213ra): „Deinde, quare inest
risus soli homini“; Albert d. Gr., De animal. XXII tr. 1 c. 5 n. 12 (ed. Stadler, II, 1354
l. 35 f.); Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis XIII (Paris,
Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 112rb): „… dicens, quod causa, quare solus
homo inter animalia titillatur, est pellis subtilitas; et quia solus homo ridet, propter hoc
accidit ei risus, quando movetur pars illa circa frenes (renes S)“; Anonymus, Questiones
super librum de animalibus XII (Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana,
Vat. lat. 2164, fol. 303ra): „Solus homo ridet, propter multitudinem spirituum in humana
specie; non sic in aliis; …“ Vgl. Dierauer, Tier, 233.
175 Albert d. Gr., De homine tr. 1 q. 25 a. 4 (Ed. Paris. XXXV, 250b).
176 Ders., De animal. VIII tr. 6 c. 1 n. 236 (ed. Stadler, I, 671 l. 10–13).
177 Ebd., XXII tr. 1 c. 5 n. 12 (ed. Stadler, II, 1354 l. 30–32). Vgl. Dierauer, Tier, 31;

125.
178 Albert d. Gr., De animal. XXII tr. 1 c. 5 n. 11 (ed. Stadler, II, 1354 l. 25 f.). Vgl.

Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus VIII (Madrid, Biblio-
teca Nacional, 1877, fol. 267vb): „…, ergo cum hominis sit accipere formas separa-
tas a senssibus (a s.] animalibus Va), solum in homine erunt amicitia et inimicitia et
non in brutis“; Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Floren-
tiner Redaktion] VIII (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853,
fol. 122va): „2a racio. In nullo genere invenitur amicitia et inimicitia, in quo virtutes ad
unum determinate sunt. Sed in brutis sunt virtutes determinate ad unum. Ergo in eis
non sunt amicitia et inimicitia. Ergo solum in hominibus insunt.“ Zur aristotelischen
Grundlage siehe Dierauer, Tier, 125.
179 Albert d. Gr., Super Ethica V lect. 11 n. 419 (Ed. Colon. XIV/1, 357 l. 70–73);

ders., De animal. XXII tr. 1 c. 5 n. 12 (ed. Stadler, II, 1354 l. 28–30): „Et propterea solus
homo perfecte coniugale est animal eo quod honestas legibus ordinatas facit nuptias;
…“
180 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus I (Madrid,

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 257va): „Quarto, propter quid omne animal vociferat in
(in om. Va) tempore coitus preter hominem“; Albert d. Gr., De animal. I tr. 1 c. 3 n. 47
(ed. Stadler, I, 18 l. 30–32); ebd., IX tr. 1 c. 5 n. 52 (694 l. 5–9); Anonymus, Glossa mar-
ginalis super de animalibus (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16162, fol. 28vb): „Nulla
femina nisi humana petit coitum post impregnationem, quia habet rememoracionem
cum discretione.“ Vgl. Dierauer, Tier, 52.
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 209

Die auf die konkrete Existenz bezogenen Merkmale körperlicherseits,


die die Magister in Verbindung mit dem Topos solus homo ausschließlich
dem Menschen zuordnen, fassen wir sodann in den folgenden vier
Gruppen zusammen:

(a) Körperbau
– die ausgewogene Komplexion,181 speziell der Haut182
– der unbehaarte Körper besonders der Frau183
– die aufrechte Gestalt184 samt breiter Brust und breitem Rücken185

181 Albert d. Gr., De animal. XII tr. 1 c. 2 n. 17 (ed. Stadler, I, 804 l. 25–30). Vgl. oben
S. 197.
182 Petrus Hispanus (Medicus), Scriptum cum questionibus super dietas universales

Ysac (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 2° 172, fol. 90vb): „Ad hoc dicendum,
quod cutis est temperata, et non nisi in homine.“
183 Albert d. Gr., De animal. IX tr. 1. c. 2 n. 26 (ed. Stadler, I, 683 l. 34 f.); Stadler

liest hier „lenis“, doch ist wohl sinngemäß „lēvis“ zu konjizieren; Gerhard von Breuil,
Scripta supra librum de animalibus Aristotilis IX (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat.
16166, fol. 68va): „Solus enim homo inter animalia est levis (lenis S).“
184 Adam von Bocfeld, Sententia super librum de sompno et vigilia [erste Redak-

tion] lect. 6 (ed. Busa, 16c l. 50 f.); Siger von Brabant (?) (= Ps.-Adam von Bocfeld),
Sentencia super libro de sompno et vigilia [sog. „zweite“ Redaktion „Adams“] (Wien,
Österreichische Nationalbibliothek, 2330, fol. 53va): „…; et est, quod solus homo inter
animalia alia est recte stature, et ita cum homo propter predictam causam cadat, inter
omnia animalia precipue alteratur quantum ad staturam suam; …“; Anonymus, Super
de sompno et vigilia (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 4° 312, fol. 75ra):
„Qui homines, cum inter omnia animalia solum sint recte stature, quando propter
predictam causam cadunt, precipue alterantur inter omnia animalia quantum ad sta-
turam suam, …“; Albert d. Gr., De somno et vig. I tr. 2 c. 9 (Ed. Paris. IX, 153b);
ders., De animal. XII tr. 3 c. 1 n. 166 (ed. Stadler, I, 864 l. 12); ebd., XIV tr. 2 c. 4
n. 48 (ed. Stadler, II, 972 l. 35 f.); XXII tr. 1 c. 5 n. 12 (1354 l. 38 f.); Thomas von
Aquin, Qu disp. de anima q. 8c (Ed. Leon. XXIV/1, 68 l. 268 f.); Ps.-Petrus Hispanus,
Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redaktion] I (Venezia, Biblioteca
Nazionale Marciana, Lat. VI, 234, fol. 17va): „Deinde quare alia ab homine declinant
caput ad terram, homo vero sursum“; Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de
animalibus Aristotilis XII (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 98va): „Ipse
(sc. homo) enim habet partes dispositas secundum naturam, ut (et S) sursum ipsius ad
sursum tocius mundi, quia inter animalia solus est rectus“; XIII (fol. 103rb): „cum solus
homo sit rectus inter animalia“; Jakob von Douai, Scripta supra librum de sompno et
vigilia I (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 4° 188, fol. 75rb): „…, eo quod
inter omnia animalia solus homo est rectus et ideo cum retrahitur calor ad inferiora
(interiora cod.), cadit“; Petrus de Alvernia, Expositio librorum de iuventute et senec-
tute, de morte et vita, de inspiratione et respiratione lect. 1 (Ed. Venezia 1566, 126a–b):
„Homo enim propter rectitudinem, quam habet maxime inter animalia, habet particu-
lam illam, quae superius dicitur, ad sursum totius universi.“ Vgl. Dierauer, Tier, 148;
154.
185 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 10, 16 (Ed. Venezia

1501, fol. 103vb): „Solus enim homo cum pygmeo est recte stature et lati pectoris et
210 kapitel iii

– anatomische Besonderheiten in Bezug auf Augen,186 Ohren,187


Hand,188 Brüste,189 Nabel,190 Fuß und Unterschenkel,191 Ge-
schlechtsorgane,192 Situierung des Herzens193

dorsi; alia vero sunt versus terram incurvata, angustorum pectorum et dorsorum.“ Vgl.
Albert d. Gr., De animal. XXI tr. 1 c. 1 n. 6 (ed. Stadler, II, 1324 l. 35–40).
186 Albert d. Gr., De animal. I tr. 2 c. 3 n. 163 (ed. Stadler, I, 58 l. 36–38).
187 Michael Scotus, Liber phisionomie pars 1 c. 22 (Ed. Venezia 1505, fol. 14r): „Omne

animal habens aures mouet eas praeter hominem“; Albert d. Gr., Quaest. super De
animal. I q. 36 (Ed. Colon. XII, 100 l. 52 f.); Petrus Hispanus (Medicus), Scriptum cum
questionibus super dietas universales Ysac [Redactio longa] (Erfurt, Universitätsbiblio-
thek, Dep. Erf., CA 2° 172, fol. 90va): „5° queritur, quare aures omnium animalium
sint in motu continuo excepto homine et symea“; ders., Problemata 37 (ed. de Asúa,
278).
188 Albert d. Gr., De animal. XIV tr. 2 c. 2 n. 32 (ed. Stadler, II, 965 l. 11–13); ebd.,

XXI tr. 1 c. 1 n. 6 (1324 l. 20–24); ders., Quaest. super De animal. XIV q. 11c (257 l. 66–
68); Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 10, 15 (Ed. Venezia
1501, fol. 103va): „…, quia alia animalia preter pygmeum non habent manus. Solus
enim homo habet, eo quod cum sit prudentissimum animalium, ei datum fuit a natura
organum, quod ei ad plura deservit.“ Vgl. Nemesius von Emesa, De natura hominis
c. 26 (ed. Verbeke/Moncho, 111 l. 19 f.); Dierauer, Tier, 36; 153 f.
189 Michael Scotus, Liber phisionomie pars c. 22 (Ed. Venezia 1505, fol. 14v): „Omne

animal habens mamillas eas habet sub uentre uel prope coxas praeter mulierem, quae
habet eas in pectore“; Petrus Hispanus (Medicus), Questiones supra viaticum (Madrid,
Biblioteca Nacional, 1877, fol. 158va): „Circa primum sic proceditur et queritur, propter
quid in natura humana mamille sunt a parte anteriori.“
190 Texte siehe oben Anm. 50.
191 Albert d. Gr., De animal. II tr. 1 c. 2 n. 25 (ed. Stadler, I, 233 l. 17–25). Vgl.

Avicenna, Abbreviatio de animalibus I c. 1 (Ed. Venezia 1508, fol. 30raH).


192 Albert d. Gr., De animal. XVIII tr. 2 c. 4 n. 72 (ed. Stadler, II, 1227 l. 37–

40).
193 Ebd., XIII tr. 1 c. 4 n. 31 (905 l. 37 ff.); Petrus Hispanus (Medicus): Questiones

super libro de animalibus II (Madrid, Biblioteca Nacional, 1877, fol. 259va): „… et


quare basis cordis in homine est superius, conus autem inferius, in aliis vero (vero om.
M) animalibus est e contrario, sicut in piscibus; et quare cor in homine secundum
situm declinat ad (ad] in Va) sinistram, sed (sed] secundum situm Va) insufflatione
(suflacionem Va) sua (suam Va) ad dextram—non sic autem (n. s. a.] autem non sed
sic Va) est in aliis animalibus, sed est cor in medio“; ders., Problemata 41–42 (ed. de
Asúa, 278 f.); Petrus Gallecus, Liber de animalibus II (ed. Martínez Gázquez, 89 l. 90 f.);
Ps.-Johannes von Casale, Questiones super librum de partibus animalium (Milano,
Biblioteca Nazionale Braidense, AD.XI.18, fol. 34ra): „Unde dicit Albertus, quod in
omnibus animalibus cor est recte inter dextrum et sinistrum nisi in homine, in quo
magis declinat versus sinistrum.“
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 211

– Behaarung (Ausmaß, Begrenzung auf besondere Körperregio-


nen),194 Zusammenhang zwischen Haarfarbe und Hautfarbe195
(b) Rückenlage beim Schlafen196

(c) Gebrauch der linken Hand bzw. Beidhändigkeit 197

(d) Besonderheit somatischer Vorgänge und Reaktionen


– Pulsschlag198

194 Michael Scotus, Liber phisionomie pars 1 c. 21 (Ed. Venezia 1505, fol. 13r): „Quae-
dam habent pilos et capillos ut homo tantum“; Albert d. Gr., De animal. II tr. 1 c. 2
n. 21 (ed. Stadler, I, 231 l. 14–17); ebd., IX tr. 1 c. 2 n. 26 (683 l. 34 f.); Gerhard von
Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis XVI (Paris, Bibliothèque Natio-
nale, 16166, fol. 156va): „… et propter hoc homo omnium animalium est nudissimum—
scilicet pilis—et ungues (ungulos S ungulis C) habet minimos secundum quantitatem
sui corporis, quia minimum (unum P) habet superfluum terrestre“; Anonymus, Senten-
cia probleumatum Aristotilis (Brugge, Stedelijke Openbare Bibliotheek, 481, fol. 19rb):
„Hic querit, quare homo cum incipit habere potenciam coeundi, incipit habere pilos,
quod nulli aliorum animalium contingit.“ Vgl. Avicenna, Abbreviatio de animalibus
XII c. 11 (Ed. Venezia 1508, fol. 49va): „Et solus homo habet pilos in sua palpebra supe-
riori, …, et nullum animal pilosum est sub ascellis nisi homo nec habens capillos multos
in capite preter ipsum. Et causa in hoc est, quia habet medullam multam et status eius
est multum rectus et supercilia non habentur a ceteris animalibus nisi a solo homine.“
Siehe auch oben Anm. 51.
195 Albert d. Gr., De animal. III tr. 2 c. 2 n. 92 (ed. Stadler, I, 317 l. 22–24); ders.,

Meteora II tr. 3 c. 19 (Ed. Colon. VI/1, 101 l. 55–57); Petrus Gallecus, Liber de anima-
libus III (ed. Martínez Gázquez, 94 l. 116–118); Petrus von Abano, Expositio problema-
tum Aristotilis, partic. 10, 7 (Ed. Venezia 1501, fol. 99rb): „Omnis enim animalis hec est
natura preter hominem, quod pilos variat secundum pellis varietatem, et ideo albata
pelle ovium necesse est lanam albam fieri.“
196 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 10, 16 (Ed. Venezia

1501, fol. 103vb): „…, et primo assignat causam probabilem dicens causam esse, quo-
niam nullum animalium ab homine et pygmeo iacet super dorso, quod est resupine
iacere. … Sic itaque ad pollutionem duo faciunt, scilicet supine iacere, …; 2m est som-
nium frequenter incurrere. Que duo proprie in solo homine reperiuntur.“
197 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus I (Madrid,

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 259va): „Et quare in homine dextrum (destram Va)
ponitur pro sinistro, in aliis autem animalibus non“; Albert d. Gr., De animal. II tr.
1 c. 1 n. 10 (ed. Stadler, I, 227 l. 11 f.); Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de
animalibus Aristotilis II (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 13vb): „Addit
(addit om. C)eciam (sc. Philosophus), quod solus homo inter animalia est ambidexter.“
198 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis XIII (Paris,

Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 109vb): „Contrarium dicit Philosophus, quod
pulsus est solum in homine“; Anonymus, Questiones super librum de animalibus XII
(Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2164, fol. 302rb): „Quod
postea queris, utrum in solo homine sit pulsus, dicendum, quod pulsus est duplex.“
Siehe auch oben Anm. 165.
212 kapitel iii

– Niesen,199 Husten,200 Aufstoßen201 und Kitzeligkeit202


– Nasenbluten203
– Menstruation204
– Besonderheiten von Empfängnis und Geburt, insbesondere
Jahreszeitunabhängigkeit, schwankende Schwangerschaftsdauer,
Scheinschwangerschaft (mola)205

199 Siehe oben Anm. 57.


200 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 10, 1 (Ed. Venezia
1501, fol. 97rb): „Dicendum, quod homo solus aliorum animalium proprie tussit propter
causas assignatas“; Anonymus, Sentencia probleumatum Aristotilis (Brugge, Stedelijke
Openbare Bibliotheek, 481, fol. 34rb): „Respondet dicens, quod alia bruta animalia non
tussiunt et homo tussit.“
201 Anonymus, Sentencia probleumatum Aristotilis (Brugge, SOB, 481, fol. 40va–vb):

„Hic querit, quare subiugalia proprie non eructant (eruptant cod.), sed solum homo
proprie hanc passionem videtur incurrere.“
202 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis XIII (Paris,

Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 112rb): „… dicens, quod causa, quare solus ho-
mo inter animalia titillatur, est pellis subtilitas“; Petrus von Abano, Expositio proble-
matum Aristotilis, partic. 35, 8 (Ed. Venezia 1501, fol. 270va): „Sed causa, quare homini
soli accidat titilatio, subtilitas est pellis, et quia solus homo inter cetera animalium ridet
titilatione, siquidem risus causatur propter motum factum circa assellas.“ Siehe unten
Anm. 263.
203 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 10, 2 (Ed. Venezia

1501, fol. 97va): „Et nota, quod sunt alia plura, propter que homo solus incurrit fluxum
sanguinis narium.“
204 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus VII (Madrid,

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 264vb): „…; et hec proprie dicitur menstruum, quia de
mense in mensem fluit, nisi mulier sit pregnans; et hec solum est in mulieribus“; Albert
d. Gr., Quaest. super De animal. IX q. 6 (Ed. Colon. XII, 205 l. 23–65); ders., De
animal. VI tr. 3 c. 1 n. 103 (ed. Stadler, I, 485 l. 14–17); Gerhard von Breuil, Scripta
supra librum de animalibus Aristotilis VI (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16166,
fol. 50rb): „Ad aliud dicendum, quod sola femina humana specie menstruat extra; intra
tamen multa alia menstruant, et aves et alia multa“; Henricus de Bruxella/Henricus de
Alemannia, Quelibet [Wiener Redaktion] (Wien, Österreichische Nationalbibliothek,
2303, fol. 41va): „Sed in hominibus est menstruum (menstruum s.l. e corr. cod.), in aliis
autem animalibus non, …“
205 Albert d. Gr., De animal. IX tr. 1 c. 4 n. 45 (ed. Stadler, I, 691 l. 5–16); ebd., XVIII

tr. 2 c. 4 n. 71–72 (ed. Stadler, II, 1227 l. 17–35); c. 7 n. 84 (1235 l. 14–19); Gerhard von
Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis IX (Paris, Bibliothèque Nationale,
Lat. 16166, fol. 70vb–71ra): „… dicens, quod in aliis animalibus est unum tempus partu-
ricionis determinatum, in homine autem solo sunt multa tempora, quia aliquando fit
partus in septimo mense, aliquando in 8°, aliquando in 9° et sepius in X°, et quedam
mulieres superaccipiunt (superconcipiunt S) aliquid de undecimo mense“; Anonymus,
Questiones disputate super problematibus Aristotilis et de historiis animalium (Paris,
Bibliothèque Nationale, Lat. 16089, fol. 84va): „Propter quod est sciendum, quod homo
inter cetera animalia solum habet multa tempora sue generacionis. Aliquando enim ge-
neratur homo in septem mensibus et aliquando in 8 et aliquando in X, sed alia anima-
lia habent unum tempus sue perfectionis, quod non preteriunt. In hominibus autem ali-
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 213

– Verbindung der Merkmale Zweifüßigkeit und Lebendgebären206


– Bartwuchs in der Pubertät,207 Ergrauen208 und Kahlköpfigkeit209
– (lepröse) Hauterkrankung morphea,210 Blasensteine,211 Epilepsie und
krampfhaftes Verdrehen der Augen oder Schielen212 sowie insge-
samt Neigung zu krankhafter Abweichung vom Naturgemäßen213

quotiens istud tempus multum est preteriens, …“; Anonymus (Ps.-Petrus de Alvernia),
Questiones libri de animalibus (Wien, Österreichische Nationalbibliothek, 2303, fol.
34ra): „Iterum propter habundantiam menstruorum sola mulier (mater cod.) potest
supraconcipere et non alie femelle, ut dicitur in 4° huius.“ Siehe auch. oben Anm. 123.
206 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis V (Paris,

Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 42vb): „Homo autem solus inter bipedia anima-
lificat.“ Vgl. Avicenna, Abbreviatio de animalibus V c. 1 (Ed. Venezia 1508, fol. 33vb):
„Et dicimus, quod nullum bipes generat sibi simile nisi homo.“
207 Siehe oben Anm. 55.
208 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones supra viaticum (Madrid, Biblioteca Nacio-

nal, 1877, fol. 142va–vb): „Tercio queritur, utrum in aliis animalibus ab homine accidat
canicies … Contrarium videmus, quod homines proprium habent canescere in senec-
tute. Quod autem est proprium, uni soli convenit“; Albert d. Gr., De animal. III tr. 2
c. 2 n. 86 (ed. Stadler, I, 314 l. 28–31); ebd., XIX tr. un. c. 1 n. 2 (ed. Stadler, II, 1245
l. 30 f.); Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis III (Paris,
Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 25va): „Item quare inter animalia solus homo
canescit aut maxime“; Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 10,
5 (Ed. Venezia 1501, fol. 98va): „…; sed solus homo canescit, ut dictum est, aut fortassis
equus“; ebd., partic. 10, 64 (fol. 122vb): „Quare est, quod homo solus inter cetera ani-
malium incurrit caniciem“; Anonymus, Sentencia probleumatum Aristotilis (Brugge,
Stedelijke Openbare Bibliotheek, 481, fol. 44ra): „Hic querit, quare solus homo inter
cetera animalia incurrit caniciem.“
209 Albert d. Gr., De animal. XIX tr. un. c. 6 n. 31 (ed. Stadler, II, 1261 l. 32 f.);

Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis XIX (Paris, Biblio-
thèque Nationale, Lat. 16166, fol. 188vb): „… dicens, quod propter eandem causam
soli homines fiunt calvi in priori parte capitis, quia ibi est cerebrum; sed soli homines,
quia inter omnia animalia (alia P) homo habet maius (magis P) cerebrum et maxime
humidum secundum quantitatem corporis, et ideo maxime evacuatur cum spermate.“
210 Siehe oben Anm. 60.
211 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 10, 43 (Ed. Venezia

1501, fol. 113va): „…, et primo assignat causam, quare alia animalia ab homine non
patiuntur lapidositatem, …“; Anonymus, Sentencia probleumatum Aristotilis (Brugge,
Stedelijke Openbare Bibliotheek, 481, fol. 40rb): „Hic querit, quare alia animalia ab
homine non paciuntur lapidositatem in vesica, sed homo solus.“
212 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis part. 31, 27 (Ed. Venezia

1501, fol. 259va): „Quare homo inter animalium cetera contorquet oculos ad diversas
partes convertendo, ita quod non raro motus eorum efficitur spasmosus? Quod etiam
strabositas ostendit“; Anonymus, Sentencia probleumatum Aristotilis (Brugge, Stede-
lijke Openbare Bibliotheek, 481, fol. 99ra): „Hic querit, quare homo inter cetera ani-
malium contorquet oculos. Respondet dicens, quod cum epilencia sit quidam spasmus
universalis corporis, perversiones (-nis cod.) inducit in oculis sicut in aliis partibus cor-
poris. Sed homo inter cetera animalium incurrit epilenciam.“
213 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis, partic. 10, 50 (Ed. Vene-
214 kapitel iii

Anzumerken ist, dass die mit dem Topos solus homo verbundenen
Merkmale von den Magistern nicht in jedem Fall exklusiv nur dem
Menschen zugesprochen werden. Das eine odere andere zumal der
körperbezogenen Merkmale nehmen sie bisweilen auch bei bestimm-
ten Tierarten an, die insofern dem Menschen nahestehen sollen, so
die Unbeweglichkeit der Ohren beim pygmeus oder Blaufärbungen der
Augen und Grauwerden der Haare beim Pferd. Gelegentlich gehen sie
nicht von prinzipiellen, sondern nur von graduellen Unterschieden aus,
etwa in Bezug auf die Komplexion.
Analog zu den voranstehenden Gruppierungen seien auch die in
Zusammenhang mit dem Topos maxime in homine von den Autoren
angesprochenen Merkmale zusammengestellt, durch die sich der
Mensch graduell—quantitativ oder qualitativ—von den übrigen Sin-
nenwesen unterscheidet. Wir beginnen wiederum mit den Merkmalen
seelischerseits:

(a) Empfindlichkeit im sensitiven Bereich

– stärkste Präsenz von spiritus als sensibilisierender Faktor214


– generell schärfere Sinneswahrnehmung, allerdings nicht auf Dis-
tanz215
– am besten ausgeprägter Tastsinn216

zia 1501, fol. 117va): „Quare est, quod homo inter cetera animalia aut solus pervertitur
ab esse suo naturali perfecto et in imperfectum transmutatur aut maxime, cum nul-
lum aliorum pervertatur aut minime“; Anonymus, Sentencia probleumatum Aristotilis
(Brugge, Stedelijke Openbare Bibliotheek, 481, fol. 42rb): „Hic querit, quare homo inter
cetera animalia facilius pervertitur a suo esse naturali et in imperfectum transmutatur,
cum nulli animalium hoc vel minime contingat.“
214 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Florentiner Redak-

tion] XIII (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 148ra):
„Ad hoc solvit Aristotiles, quod hoc est propter tenuem cutem in homine; propter
hoc fit titillacio, sicut dicit. Nos autem dicimus, quod hoc est propter stipationem (stipi-
tatem Fi) spirituum, qui maxime sunt in homine secundum Avicennam.“
215 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis XIX (Paris,

Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 187rb): „Item in prima parte primo propo-
nit (ponit S) intentum dicens, quod homo inter omnia minus acute sentit de longe
secundum magnitudinem suam, sed differencias sensibilium maxime discernit“; Anony-
mus (Ps.-Petrus de Alvernia), Questiones libri de animalibus (Wien, Österreichische
Nationalbibliothek, 2303, fol. 40rb): „Tunc descendendo specialiter ad hominem dicit
Philosophus, quod homo inter cetera animalia magis certius et discretius cognoscit
omnia sensibilia, non tamen magis a longe apprehendit quam alia.“
216 Albert d. Gr., De sensu et sens. tr. 2 c. 6 (Ed. Paris. IX, 54a); ders., Quaest.
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 215

– am besten ausgeprägter Geschmackssinn217


– bessere Geruchsdifferenzierung218 bei in gewisser Hinsicht schlech-
terem Geruchssinn219
– leistungsfähigere Vorstellungskraft (imaginatio)220
(b) Lebensführung
– längste Stillzeit221
– grundsätzliche Variabilität der Lebensweisen222

super De animal. II q. 8c (Ed. Colon. XII, 113 l. 35 f.); Anonymus, Notule super
librum de anima II (Erfurt, Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA 4° 312, fol. 64ra):
„…, licet quedam animalia alios sensus a tactu habeant certiores nobis, tamen sensum
tactum inter omnia animalia habemus certissimum“; Ps.-Petrus Hispanus, Commen-
tum super libros de animalibus [Venezianer Redaktion] I (Venezia, Biblioteca Nazio-
nale Marciana, Lat. VI, 234, fol. 13vb): „2a causa est, ut dicit Philosophus, a mate-
ria, quia causa in tactu, propter quam apprehendit, est qualitas complexionis. Ideo
maxime viget in homine“; ebd., VI (fol. 84vb): „Dicit Averroes, quod sensus in eo per-
fecti, et maxime tactus. Unde delectationes tangibiles sunt maioris delectationis. Sed
tactus propter complexionem maxime viget in homine“; ebd., VIII (fol. 144rb): „Dice-
ndum: Tactus maxime viget in homine et in aranea“; ebd., XII (fol. 202ra): „Sed dicit
Avicenna: Caro hominis per tactum maxime sentit, quia temperata est maxime illa
in vola, et maxime, que in extremitatibus digitorum“; Thomas von Aquin, Sentencia
libri de sensu et sensato tr. 1 c. 8 (Ed. Leon. XLV/2, 49 l. 44–60); Petrus de Alver-
nia, Quaestiones super librum de sensu et sensato, q. 27 (ed. White, II, 56 l. 29–32):
„Dicendum quod nobiliori animae debetur aliqua nobilior potentia. Sed illa nobi-
lior potentia non est sensus olfactus, sed sensus tactus. Homo enim habet discretio-
rem sensum tactus respectu omnium animalium; …“; Henricus de Bruxella/Henricus
de Alemannia, Quelibet [Wiener Redaktion] (Wien, Österreichische Nationalbiblio-
thek, 2303, fol. 40vb): „…; delectacio autem in tangendo est intensior et sensibilior,
nam tactus—et maxime in homine—est cercior et forcior in virtute.“ Siehe auch oben
Anm. 66. Vgl. Nemesius von Emesa, De natura hominis c. 1 (ed. Verbeke/Moncho, 13
l. 97 f.).
217 Albert d. Gr., De sensu et sens. tr. 2 c. 6 (Ed. Paris. IX, 54a); Thomas von Aquin,

Sentencia libri de sensu et sensato tr. 1 c. 8 (Ed. Leon. XLV/2, 49 l. 59–61). Siehe auch
oben Anm. 93.
218 Albert d. Gr., De anima II tr. 3 c. 23 (Ed. Colon. VII/1, 132 l. 17–21). Siehe auch

oben S. 176 Anm. 34.


219 Petrus Hispanus Portugalensis, Scientia libri de anima tr. 6 c. 12 (ed. Alonso, 222

l. 31–34); Anonymus, Quaestiones in libros Aristotelis de anima II q. 40c (ed. Van


Steenberghen, 285 l. 10 f.); Anonymus, Quaestiones in tres libros de anima II q. 48c (ed.
Vennebusch, 223 l. 30 f.). Siehe auch oben S. 180 Anm. 64.
220 Adam von Bocfeld, Sentencia super librum de anima I (ed. Powell, 109 l. 24 – 110

l. 3): „… patet per hoc, quod imaginatio, que est ultima virtus sensitiva, perfectior est
et magis determinata in homine quam in aliis animalibus, quod non esset nisi esset in
potentia respectu forme nobilioris et aliquo modo perfectibilis ab ipsa.“
221 Albert d. Gr., Quaest. super De animal. II q. 13 ad 2 (Ed. Colon. XII, 115 l. 72 f.).
222 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redak-
216 kapitel iii

– umfassenderes Tätigkeitsspektrum223
– stärkeres sexuelles Verlangen224 und Lustempfinden225
– Weindurst226

tion] I (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI, 234, fol. 7va): „Et dico,
quod inter animalia omnia homo maxime debilis coagulationis et subtilis compagis
(compaginis L), ut dicit Avicenna, ideo maxime diversatur in regimine, ut locis,
cibis et potibus. Cum ergo hominis complexio maxime temperata, ideo variatur, quia
fluxibilis et mollis; in aliis autem non est complexio corporis in tanta mollicie, et ideo
non (non s.l. V ) diversatur.“
223 Petrus Hispanus (Medicus), Notule super Iohanicium (Madrid, Biblioteca Nacio-

nal, 1877, fol. 24rb): „Secunda racio hec est. Homo inter alia animalia maioris est
discretionis et maioris industrie naturaliter“; Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super
libros de animalibus [Venezianer Redaktion] V (Venezia, Biblioteca Nazionale Mar-
ciana, Lat. VI, 234, fol. 68vb): „Anima in animali principium est plurium operationum
quam in plantis, et maxime in homine“; Anonymus, Questiones disputate super proble-
matibus Aristotilis et de historiis animalium (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16089,
fol. 82rb): „Ut Philosophus vult ibidem, de numero animalium homo minime laborat
circa cibum et in acquisicione cibi sibi convenientis. Homines enim per hoc, quod pol-
litici sunt, se invicem iuvant in necessariorum acquisitione, …“
224 Albert d. Gr., De animal. VI tr. 3 c. 2 n. 117 (ed. Stadler, I, 492 l. 3–5); ebd., IX

tr. 1 c. 2 n. 26 (684 l. 1 f.); ebd., XXII tr. 1 c. 1 n. 3 (ed. Stadler, II, 1350 l. 12–15); Ps.-
Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redaktion] VI
(Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI, 234, fol. 84va–85ra): „… et queritur,
quod animal maxime illud appetit, utrum homo; et inter bruta quod magis. … Unde
homo non solum appetit uxorem suam, sed aliam. Preterea in illo animali maxime
viget appetitus, in quo viget coitus et desiderium et exercicium (exercium cod.) eius in
omni tempore. Homo huiusmodi, ut dicit Philosophus. Ergo et cetera“; [Florentiner
Redaktion] V (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 103va):
„Corpus vero animalis et maxime hominis non tantum indiget influencia superiori, et
ideo in omni tempore potest cohire et generacionem facere, sicut testatur Avicenna“;
ebd., VI (fol. 110ra–rb): „Sed operacio cohitus perfectior est in homine quam in bruto. …
Ergo in homine est maior appetitus cohitus quam in aliis. … Ad hoc dicendum, quod
maior delectacio cohitus est in homine quam in aliquo animali alio; et vult Aristotiles,
quod inter omnia animalia homo maxime desiderat cohitum“; Petrus Gallecus, Liber
de animalibus V (ed. Martínez Gázquez, 103 l. 44 f.); ebd., VI (111 l. 219 f.); VII
(116 l. 97 f.); Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis V
(Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 44ra): „Queritur eciam, utrum homo
magis debet delectari in cohitu quam alia animalia“; ebd., fol. 45ra: „Item quare inter
animalia homo maxime sincopizat in cohitu“; ebd., IX (fol. 71vb): „In hac parte agit
Philosophus de superinpregnacione; et primo narrat, quod intendit, dicens, quod inter
animalia gestancia maxime equa (eque cod.) et mulier suscipiunt coitum, hoc est post
inpregnacionem.“
225 Albert d. Gr., Quaest. super De animal. V q. 5c (Ed. Colon. XII, 156 l. 46–

52).
226 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus VII (Madrid,

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 267rb): „Homo autem plus appetit vinum quam alia
animalia ratione nobilitatis sui appetitus.“
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 217

(c) Lebensdauer
– höhere Sterblichkeit bei verschiedengeschlechtlichen Zwillingen227
– generell höhere Lebenserwartung228
– stärkere Beeinträchtigung der Lebenserwartung in heißen und
feuchten Gegenden229
Graduell unterschiedliche Merkmale körperlicherseits sind:

(1) Unfertigere geburtliche Ausstattung


– generell230
– anfängliche Zahnlosigkeit231

227 Petrus Gallecus, Liber de animalibus VII (ed. Martínez Gázquez, 116 l. 96 f.);

Anonymus (Ps.-Petrus de Alvernia), Questiones libri de animalibus (Wien, Österreichi-


sche Nationalbibliothek, 2303, fol. 37vb): „Unde in specie humana minime salvantur
duo fetus, quorum unus est masculus et cetera.“
228 Petrus de Hibernia, Expositio et quaestiones in Aristotelis librum de longitudine

et brevitate vitae, lect. 6 (ed. Dunne, 130 l. 69–77); Gerhard von Breuil, Scripta
supra librum de animalibus Aristotilis XVIII (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16166,
fol. 182rb): „Homo enim inter (omnia add. S) animalia sanguinem habencia pluri vivit
(vivunt P) tempore preter elefantem, …“ Weitere Texte siehe unten S. 707 Anm. 927.
229 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Florentiner Redak-

tion] VII (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 122ra):
„6° queritur, propter quid in terris calidis et humidis diu conservantur plante, animalia
vero non, et maxime homo:“ Weitere Texte siehe unten S. 803 ff.
230 Wilhelm von Auvergne, Tractatus de anima c. 5 pars 10 (Opera omnia II, Supll.,

Paris 1674, 125b); Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristoti-
lis XIX (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 183va): „… quia inter (inter] tunc
CPS) animalia perfecta pueri inperfectissimi generantur et habent augmentum maxime
ad partem corporis superiorem; …“; ebd. XVI (fol. 155va): „Unde postquam puer
parturitur, apparet molle“; Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de anima-
libus [Florentiner Redaktion] II (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr.
G.4.853, fol. 88rb): „Sed membra animalium in primo ortu sunt inproporcionalia vir-
tutibus anime, et maxime in homine“; Anonymus, Sentencia probleumatum Aristotilis
(Brugge, Stedelijke Openbare Bibliotheek, 481, fol. 41rb–va): „Et quod homo inter cetera
animalia nascatur imperfectus, patet ex eo quod magno tempore post nativitatem opor-
tet eum expectare nutrimentum acquirere.“
231 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis XVI (Paris,

Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 156rb–va): „… et dicit, quod alia animalia ab
homine in prima generacione statim habent (habens P) dentes aut proporcionale den-
tibus, nisi aliquid fiat preter naturam, quia magis perfecta generantur quam homo; sed
homo non habet statim a principio dentes, nisi (nisi] si P) aliquid similiter fiat pre-
ter naturam“; Anonymus, Problemata circa librum de animalibus (Brugge, Stedelijke
Openbare Bibliotheek, 481, fol. 109va): „Propter quid homo in principio sue generacio-
218 kapitel iii

– späte und häufig von Geburt behinderte Gehfähigkeit232


– auffallendere körperlich Missgebildete233
(b) Körperbau und Komplexion
– vollständigste Verbindung aller Eigentümlichkeiten von Naturen
und Körpern,234 insgesamt vollkommenster Körper von allen Sin-
nenwesen,235 ausgeprägte Ähnlichkeit mit den Himmelskörpern236

nis non habet dentes sicut alia animalia“; Johannes Vath, Quaestiones super librum
de generatione animalium q. 47c (ed. Cova, 271); Anonymus (Ps.-Petrus de Alver-
nia), Questiones libri de animalibus (Wien, Österreichische Nationalbibliothek, 2303,
fol. 39rb): „…, in aliis animalibus ab homine, in quibus magis habundat tale super-
fluum, est magis velox generacio dentium, ita quod habent dentes, cum nascuntur, cum
aliis partibus; in hominibus est magis tarda.“ Vgl. Avicenna, Abbreviatio de animalibus
IX c. 5 (Ed. Venezia 1508, fol. 44rb): „Et omne animal nascitur cum dentibus preter
hominem …“
232 Petrus Hispanus (Medicus), Glose super tegni Galieni (Madrid, Biblioteca Nacio-

nal, 1877, fol. 104ra): „Deinde queritur, propter quid homo inter omnia animalia tardius
incedit“; ebd., fol. 104rb: „Deinde queritur, quare alia animalia non claudicant sicut
homo a nativitate, quia vix reperitur in aliis“; ders., Notule super Iohanicium (Madrid,
Biblioteca Nacional, 1877, fol. 46ra): „Consequenter queritur, quare claudicatio magis
accidat hominibus ceteris animalibus“; Johannes Vath, Determinatio II (Paris, Biblio-
thèque Nationale, Lat. 16089, fol. 74va): „Et claudicatio magis fit in hominibus quam in
aliis animalibus …“; Anonymus, Questiones disputate super problematibus Aristotilis
et de historiis animalium (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16089, fol. 84va): „Ex hiis
ad quesitum, cum queritur, utrum inter omnia animalia homo maxime ex nativitate
fit claudus, dicendum est quod sic“; Anonymus, Sentencia probleumatum Aristotilis
(Brugge, Stedelijke Openbare Bibliotheek, 481, fol. 40rb): „Hic querit, quare homo inter
cetera animalia fit precipue a nativitate claudus. Respondet dicens: Primo probatur,
quod homo inter cetera animalia habet membra ceteris molliora.“ Siehe auch oben
S. 177 Anm. 46; S. 180 Anm. 68.
233 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redak-

tion] II (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI, 234, fol. 23vb): „Deinde que-
ritur, quare monstra plus apparent in homine quam in aliis“; Anonymus, Summa de
bono II (Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat.lat. 4305, fol. 75vb–
76ra): „…, secundo (sc. queritur), quare corpora creaturarum racionalium magis sunt
monstruosa quam corpora irracionabilium; …“
234 Petrus Hispanus Portugalensis, Scientia libri de anima tr. 9 c. 7 (ed. Alonso,

329 l. 18–20); Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Floren-


tiner Redaktion] XIX (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853,
fol. 180ra): „Ad constitucionem corporis animalis et maxime corporis humani concurr-
unt nature omnium corporum et naturarum.“
235 Albert d. Gr., De animal. I tr. 2 c. 26 n. 499 (ed. Stadler, I, 179 l. 5–7).
236 Ebd., XXII tr. 2 c. 1 n. 13 (ed. Stadler, II, 1355 l. 19 f.). Siehe auch oben S. 187;

191 f.
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 219

– wärmere und feuchtere, insgesamt ausgewogenere, vielfältig aus-


geprägte Komplexion,237 schwache Koagulation238

237 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus II (Madrid,

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 259va): „Ad Vm dicendum (dicimus Va), quod homo inter
omnia animalia est (est om. Va) magis temperatus; …“; ebd., IV (fol. 262rb–va): „Ad pri-
mum dicendum (dicimus Va), quod vita stat per calidum et humidum, et maxime in
homine, qui est calidior (calor Va) aliis“; ebd., XIII (fol. 277vb): „Secunda causa est,
quia (secunda … quia] omnis Va) odor radicatur in calido et sicco; et ideo, quia in
homine maxime, in aliis animalibus multum est de humiditate, non potest ibi esse
odor distinctus; …“; Albert d. Gr., De animal. XII tr. 2 c. 8 n. 163 (ed. Stadler, I,
862 l. 31–34); Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Venezia-
ner Redaktion] I (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI, 234, fol. 7va): „Et
dico, quod inter animalia omnia homo maxime debilis coagulationis et subtilis compa-
gis (compaginis L), … Cum ergo hominis complexio maxime temperata, ideo variatur,
quia fluxibilis et mollis; in aliis autem non est complexio corporis in tanta mollicie,
et ideo non (non s.l. V ) diversatur“; ebd., fol. 14va: „ …; pars anterior (sc. capitis) ad
apprehendendum, ideo mollis est, ut possit fieri impressio; in pueris maxime humida,
quia homo creatus est in summo humiditatis“; ebd., II (fol. 23vb): „Deinde queritur,
quare membra hominis. Deinde queritur, quare in membris aliorum animalium non
diversificatur complexio, in homine autem diversificatur“; ebd., VII (fol. 89vb): „Hec
subtilitas disponit ad (ad om. L) actum, qui dat vitam, habens naturam lucis; et hoc
minus in plantis, magis in brutis; in homine maxime confracta sunt elementa, et ideo
distat a contrario, et hoc disponit ad subtilitatem, et ista subtilitas ad lucem, …“; ebd.,
fol. 119vb: „…, et complexio hominis maxime variabilis et agitabilis, ut patet: Homines
enim in (in om. V ) individuis diversarum complexionum, in aliis quasi una sola com-
plexio“; ebd., XII (fol. 176ra): „Preterea sicut dicunt auctores, in mixto confringuntur
elementa. Ista confractio est in animatis, maxime in homine, in quo temperamentum
maius“; [Florentiner Redaktion] VII (Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv.
Soppr. G.4.853, fol. 121ra): „Racio talis: Inter omnia animalia calor naturalis perfec-
tior est in homine“; Thomas von Aquin, Sentencia libri de sensu et sensato tr. 1 c. 8
(Ed. Leon. XLV/2, 49 l. 54–58); Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de ani-
malibus Aristotilis, Prol. (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 7va): „Queritur
eciam (eciam om. P sed add. in marg.), quare homo magis diversificatur secundum com-
plexiones quam alia animalia“; Johannes Pecham, Quaestiones de anima q. 5 ad 20
n. 98, ed. Hieronymus Spettmann (†)/Girard Etzkorn (Biblioteca Franciscana Schola-
stica Medii Aevi 28), Grottaferrata 2002, 389 l. 16–18; Anonymus, Questiones disputate
super problematibus Aristotilis et de historiis animalium (Paris, Bibliothèque Nationale,
Lat. 16089, fol. 82rb): „Et ideo cum homo inter cetera animalia sit secundum quantita-
tem sui corporis calidior et humidior—et loquor de humiditate aerea—, magis sperma-
ticus est quam cetera animalia“; Anonymus (Ps.-Petrus de Alvernia), Questiones libri
de animalibus (Wien, Österreichische Nationalbibliothek, 2303, fol. 33vb): „Modo homo
inter cetera animalia habet magis complexionem calidam et humidam, ut anuit Phi-
losophus …“; ebd., fol. 39rb: „in hominibus, cum sint maxime temperate complexio-
nis“; Anonymus, Problemata circa librum de animalibus (Brugge, Stedelijke Openbare
Bibliotheek, 481, fol. 108rb): „…, nam homines inter cetera animalia sunt calidiores; …“
Siehe auch oben S. 191.
238 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redak-

tion] III (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI, 234, fol. 47vb): „Preterea
Avicenna: Corpora animalium, maxime hominis, debili coagulatione sunt coagulata, ut
220 kapitel iii

– feinstes und reinstes Blut in großer Menge239


– stärker durchgestaltete, ausgeformte Materie, Differenzierung der
Organe,240 feinste Haut241
– größere Verschiedenheit der Körpergestalt242

sint apta recipere impressiones sensibiles“; [Florentiner Redaktion] III (Firenze, Biblio-
teca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. G.4.853, fol. 96va): „2a racio: Dicit Avicenna,
quod corpora (coporea cod.) animata et maxime humana corpora debili coagulacione
coagulata sunt, ut propter debilem coagulacionem apta sint (sunt cod.) ad inpressiones
sensibiles recipiendas.“
239 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus XV (Madrid,

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 281vb): „… dicendum, quod sanguis magis purus et
mundus est in homine quam in aliis animalibus“; ders., Problemata 36 (ed. de Asúa,
278); Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis III (Paris,
Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 27rb): „…; et est, quod inter omnia animalia
homo habet subtilissimum sanguinem et purissimum, grossissimum et nigerrimum
taurus et asinus“; Petrus de Alvernia, Expositio librorum de iuventute et senectute,
de morte et vita, de inspiratione et respiratione lect. 15 (Ed. Venezia 1566, 151a): „Et
iterum propter hoc homo est animal habens plurimum sanguinem et subtiliorem.“ Vgl.
Dierauer, Tier, 154.
240 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus VII (Madrid,

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 266va): „…, quod (quia Va) diversitas membrorum maior
est in homine quam in aliis animalibus“; ders., Problemata 19 (ed. de Asúa, 274); Ps.-
Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redaktion] I
(Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI, 234, fol. 7rb): „Illa (sc. materia), que
maxime terminata est, in homine; habet enim organa determinata“; ebd., fol. 14va:
„2a causa est, quia materia hominis maxime terminata est“; fol. 15ra: „Deinde queri-
tur, quare (sc. suture in ossibus) pocius in homine quam in alio animali“; ebd., XVIII
(fol. 301va): „Materia quedam est terminata, quedam interminata; materia hominis
maxime terminata est, …“; Petrus Hispanus Portugalensis, Scientia libri de anima tr.
1 c. 4 (ed. Alonso, 28 l. 30–32); Albert d. Gr., Politica IV c. 3 (Ed. Paris. VIII, 335b);
Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis, Prol. (Paris, Biblio-
thèque Nationale, Lat. 16166, fol. 3ra): „Ad terciam questionem dicendum, quod in
hominibus debet esse maior diversitas organorum quam (quod S) in aliis animalibus.“
241 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis XIX (Paris,

Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 187rb): „… quia homo habet purissimum orga-
num sensus et minime terrestre et pellem subtilissimam inter animalia tam circa organa
sensuum (sensibilium S) quam circa reliqum corpus“; Petrus von Abano, Expositio pro-
blematum Aristotilis 10, 34 (Ed. Venezia 1501, fol. 110ra): „quia homo habet pellem
subtilissimam secundum eius magnitudinem pre ceteris“; Anonymus, Problemata circa
librum de animalibus (Brugge, Stedelijke Openbare Bibliotheek, 481, fol. 107vb): „quia
inter cetera animalia homo est cutis subtilioris et rarioris.“
242 Anonymus, Questiones libri de phisonomia (Firenze, Biblioteca Nazionale Cen-

trale, Conv. Soppr. E.1.252, fol. 236ra): „Et si queras, quare magis diversitas est in figu-
ris hominum secundum numerum quam aliorum animalium, forte est hoc, quia inter
omnes complexiones complexio humana est subtilior et nobilior et magis redacta ad
medium et magis remota ab extremitatibus, et ideo inter omnes complexiones est magis
flexibilis, ut dicitur 4 et secundo de generacione animalium.“
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 221

– stärkere Geschlechterdifferenzierung hinsichtlich der Stimmlage243


und der anspruchsvolleren Ausstattung, damit aber auch größeren
Störanfälligkeit des männlichen Geschlechts244
– Körperorgane (membra):245 größeres, weicheres und feineres,
kälteres und feuchteres Gehirn,246 stark variierende Kopfgrö-

243 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis XVIII (Paris,

Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 181vb–182ra): „…, dicens, quod fit notabilis
diversitas et (et om. S) in voce et in uberibus eciam (et P) in aliis animalibus—hiis,
qui experti (sperti S) sunt circa ea—, tamen in hominibus magis“; ebd., XIX (fol.
190vb): „Item in aliis generibus animalium acucius vocat femella quam masculus,
et hoc patet maxime in hominibus; et hoc fecit natura, quia soli homines sermone
utuntur; …“
244 Anonymus (Ps.-Petrus de Alvernia), Questiones libri de animalibus (Wien, Öster-

reichische Nationalbibliothek, 2303, fol. 37va): „Modo queritur de hoc, quod dicit Philo-
sophus consequenter, scilicet quod in specie humana masculus est pluries orbatus quam
femella; utrum hoc habeat veritatem. … Sic igitur propter maiorem motum existentem
in masculis quam in femellis fiunt masculi pluries orbati quam femelle.“
245 Zur Begriffsverwendung ist aufschlussreich Johannes Aegidii de Zamora, Anatho-

mia [Teil der Historia naturalis] 3, ed. Avelino Domínguez García/Luís García Ballester,
El tratado de anathomia (c. 1280) de Juan Gil de Zamora (c. 1241 – c. 1320), in: Dynamis
3 (1983) 351 l. 39 f.: „Membrum autem est firma et solida pars animalis, ex similibus et
dissimilibus natura composita, ad aliquod speciale officium deputata.“
246 Albert d. Gr., De homine I q. 28 a. 2c (Ed. Paris. XXXV, 258b); ders., Super

Ethica III lect. 12 (Ed. Colon. XIV/1, 201 l. 83 f.); ders., De anima II tr. 3 c. 23
(Ed. Colon. VII/1, 132 l. 27–29); ders., De sensu et sens. tr. 2 c. 12 (Ed. Paris. IX,
68a); ders., Quaest. super De animal. XIV q. 10c (Ed. Colon. XII, 256 l. 73–75);
ders., De animal. XVI tr. 2 c. 5 n. 120 (ed. Stadler, II, 1128 l. 22–24); ebd., XIX tr.
un. c. 5 n. 24 (1257 l. 28 f.); c. 6 n. 33 (1262 l. 27–29); Anonymus, Sentencia libri de
sensu et sensato (Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 13326,
fol. 52vb): „Quia homo inter omnia animalia habet cerebrum frigidissimum et humi-
dissimum et secundum quantitatem sui corporis maximum, propter quod solus homo
inter omnia animalia maxime gaudet et confortatur odoribus florum, qui mediante suo
calore mitigant et confortant frigiditatem et humiditatem superfluam cerebri“; Thomas
von Aquin, Questiones de anima q. 8c (Ed. Leon. XXIV/1, 68 l. 264–266); ders., Sen-
tencia libri de sensu et sensato tr. 1 c. 8 (Ed. Leon. XLV/2, 49 l. 40–42); ebd., c. 12
(69 l. 124–126; 70 l. 191–193); Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animali-
bus Aristotilis XII (Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 95vb): „… et primo
dicit, quod inter animalia homo maximum habet cerebrum secundum quantitatem
sui corporis, …“; ebd., XVI (fol. 155va): „…, quia cerebrum vix solidatur et constat.
Tardissime enim (omni P) cessat a frigiditate et humiditate in omnibus animalibus et
maxime in hominibus“; ebd., XIX (fol. 188vb): „… homines, quia inter omnia anima-
lia (alia P) homo habet maius (magis P) cerebrum et maxime humidum secundum
quantitatem corporis“; Petrus de Alvernia, Quaestiones super librum de sensu et sen-
sato, q. 27 (ed. White, II, 56 l. 23 f.): „In homine autem secundum quantitatem sui
corporis est plus de cerebro quam in aliis animalibus“; ebd., q. 46 (88 l. 12–16): „Intel-
ligendum secundum Philosophum in littera, hoc genus odoris, scilicet florum et rosa-
222 kapitel iii

ße,247 feuchtere Körperteile in frühem Alter,248 relativ geringer Au-


genabstand,249 relativ kürzeste Nase,250 breitere Brust und insge-
samt größere obere Körperorgane,251 Färbung der Augen,252 unbe-
wegliche und besonders haucherfüllte Ohren,253 Hüftbein/Hüftge-

rum, est proprium sensui hominis, et est ei in adiutorium sanitatis, quia homo habet
cerebrum maxime frigidum et humidum, plus quam alia animalia secundum quanti-
tatem sui corporis“; Anonymus (Ps.-Petrus de Alvernia), Questiones libri de animali-
bus (Wien, Österreichische Nationalbibliothek, 2303, fol. 38vb): „Ulterius eciam ex hoc
possumus assignare causam, quare naturaliter habet homo cerebrum maius secundum
suam quantitatem aliis animalibus. Hoc enim est propter hoc, quia inter cetera ani-
malia homines debent esse magis obtemperati et morigerati; ideo natura in hominibus
fecit cerebrum magnum, …“; Anonymus, Commentarium et questiones in de sensu et
sensato (Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 2170, fol. 123va):
„Unde quia homo pro quantitate sua magis cerebrum habet, ideo …“ Vgl. Avicenna,
Abbreviatio de animalibus IX c. 5 (Ed. Venezia 1508, fol. 44rb): „Et anterior pars capi-
tis (des Säuglings) est mollior, et non est ita in aliis animalibus. Et licet quibusdam sit
illa pars mollis, tamen nunquam est ita mollis ut in homine.“ Vgl. Dierauer, Tier, 148;
154.
247 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis partic. 30, 3 (Ed. Venezia

1501, fol. 248va): „Non enim caput in genere humano adeo universaliter similem obser-
vat quantitatem ut in generibus aliorum animalium. In eo enim maior diversitas repe-
ritur, secundum tamen magis et minus.“
248 Albert d. Gr., Quaest. super De animal. III q. 16c (Ed. Colon. XII, 130 l. 65 f.).
249 Siehe oben S. 178 Anm. 49.
250 Petrus von Abano, Expositio problematum Aristotilis 10, 18 (Ed. Venezia 1501,

fol. 104va): „Deinde—‚Aut quia‘—assignat aliam causam dicens hoc esse, quoniam
homo habet nares brevissimas respectu aliorum animalium, in quibus sunt longe pro-
tense valde, ut a summitate capitis usque ad os“; Anonymus, Sentencia probleumatum
Aristotilis (Brugge, Stedelijke Openbare Bibliotheek, 481, fol. 37va): „2° habet homo
nares brevissimas respectu aliorum, quia alia animalia habent eas protensas a summi-
tate capitis usque ad os.“
251 Ps.-Petrus Hispanus, Commentum super libros de animalibus [Venezianer Redak-

tion] II (Venezia, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. VI, 234, fol. 25rb): „Deinde,
quare pectus hominis sit maius pectore animalis“; ebd., fol. 28ra: „Dico, quod in homine
inter omnia animalia membra superiora maiora, ut patet in cerebro et pectore, respectu
sui corporis.“
252 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis XIX (Paris,

Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 184vb): „Item in prima parte primo proponit
duo de glaucedine oculorum in pueris et aliis animalibus dicens, quod oculi puerorum
in principio sunt glauci maxime inter animalia alia, …“; ebd., fol. 185va: „Deinde ponit
causam, quare aliquando alter oculus solum est glaucus, et hoc solum in homine et
equo; …“
253 Albert d. Gr., De animal. I tr. 2 c. 4 n. 175 (ed. Stadler, I, 63 l. 12–14); ebd., XIX

tr. un. c. 5 n. 22 (ed. Stadler, II, 1256 l. 32–36); Petrus Gallecus, Liber de animalibus I
(ed. Martínez Gázquez, 83 l. 136–138).
ansatzstruktur der naturphilosophischen betrachtung 223

lenk,254 besonders große und weiche Füße,255 Größe der männli-


chen und weiblichen Genitalien,256 Besonderheiten der Behaarung
(u. a. diesbezüglich ausgeprägterer Unterschied zwischen Jugend
und Alter; Begrenzung auf bestimmte Körperpartien)257

(c) Häufiger Lidschluss258 und Gehbehinderung 259

254 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus XI (Madrid,

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 272va): „Causa autem, quare matrices sunt rotunde in
avibus et (in add. Va) mulieribus, hec est, quia volatilia et mulier sunt erecti (e. om.
M) corporis; unde in (in] etiam Va) solis (solus Va) istis reperiuntur anche, …“ Vgl.
Avicenna, Abbreviatio de animalibus XIV c. 7 (Ed. Venezia 1508, fol. 58rb): „Et homo
inter omnia animalia proprie habet anchas, quoniam elevant, et coxas et crura, et que
incurvantur multum in comparatione sui corporis.“ Zur Wortbedeutung von „ancha“
siehe Mittellateinisches Wörterbuch, I, München 1967, 623.
255 Gerhard von Breuil, Scripta supra librum de animalibus Aristotilis XIV (Paris,

Bibliothèque Nationale, Lat. 16166, fol. 123va): „Deinde dat causas pedum in homine,
et primo magnitudinis pedum, dicens, quod homo inter animalia maximos habet
pedes, …“ Siehe auch oben S. 177 Anm. 47; S. 210 Anm. 191.
256 Albert d. Gr., De animal. XVIII tr. 2 c. 4 n. 72 (ed. Stadler, II, 1227 l. 37–40),

abweichend in Bezug auf das männliche Glied ders., Quaest. super De animal. II q. 27c
(Ed. Colon. XII, 119 l. 43–45).
257 Petrus Hispanus (Medicus), Questiones super libro de animalibus III (Madrid,

Biblioteca Nacional, 1877, fol. 261va): „Circa primum queritur, quare in prima nati