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Gedankensplitter

Aphorismen und Fragmente

von

Kain L. von Spreewinkl

© Kain von Spreewinkl -1-


Inhalt
Inhalt...........................................................................................................................................2
Prolog..........................................................................................................................................3
Sacrum........................................................................................................................................5
Glaube & Philosophie.............................................................................................................6
Profanum...................................................................................................................................50
Politik & Gesellschaft...........................................................................................................51
Epilog........................................................................................................................................92
Anhang......................................................................................................................................93
I. Anmerkungen zur Bundestagswahl 2005..........................................................................94
Probleme...........................................................................................................................94
Lösungsversuche...............................................................................................................97
II. Personenregister...............................................................................................................99
III. Auszüge aus den Internationalen Menschenrechten.....................................................103
IV. Auszüge aus dem deutschen Grundgesetz....................................................................104
V. Auszüge aus dem deutschen Strafgesetzbuch................................................................105
VI. Fragment aus Parmenides’ ‚Über die Natur’................................................................107
VII. Quellenangaben...........................................................................................................109

© Kain von Spreewinkl -2-


Prolog
Lector benevole! Vorliegendes Buch präsentiert diverse ausgesuchte Dikta, Apophthegmen
und Sentenzen, sowie einige kürzere Aufsätze, Enunziationen und Passagen bzw. Exzerpte
von Schriftwechseln aus den vergangenen sechs Jahren, also 2000 bis einschließlich 2006.
Der Verfasser verzichtete in dieser kritischen Komposition jedoch konsequent auf eine
chronologische oder thematische Aneinanderreihung der heterogenen Texte, sie wurden nur
grob kategorisiert (sacrum et profanum) und willkürlich kombiniert. Im Abschnitt Sacrum
finden sich, wie der gewählte Titel schon besagt, die religions- und philosophiebezogenen
Aphorismen, während das Kapitel Profanum Reflexionen zur gesellschaftlichen und
politischen Gegenwartsgeschichte beinhaltet. Als kleinen Lesebonus gibt es, erstmals in
gedruckter Form, im Anhang noch die im Dezember anno 2005 erstellte und temporär
(Dezember 2005/Januar 2006) im Internet veröffentlichte Abhandlung Anmerkungen zur
Bundstagswahl 2005.
Möge nun der geneigte Leser zum aktiven Nachdenken angeregt werden und seine
eigenen, individuellen Schlüsse aus dem Geschriebenen ziehen – schließlich wähnt sich der
Autor nicht infallibel, und er läßt sich selbstverständlich jederzeit bereitwillig korrigieren oder
vom Gegenteil überzeugen, falls es jemand besser weiß und dies de facto auch belegen kann;
eine informell gehaltene, friedlich-kooperativ gestaltete und argumentativ geführte,
konstruktive wie zielorientierte Diskussion ist dem Verfasser immer herzlich willkommen,
denn γηράσκω δ’αίεί πολλά διδασκόμενοςi. Demzufolge möchte er auch seine hier
publizierten Sätze und Formulierungen nicht als allgemeinverbindliche, unumstößliche
Doktrinen behandelt wissen – es sind eben nur persönliche, schriftgewordene
Gedankensplitter (und als solche mitunter auch ein wenig scharfkantig und beißend).

Der Verfasser
Deutschland, im November 2006

i
Ich werde alt und lerne stets noch vieles hinzu

© Kain von Spreewinkl -3-


si quid novisti rectius istis,
candidus imperti; si non, his utere mecumi
Quintus Horatius Flaccus
(65 - 8 a.Chr.n.)

quis leget haec?ii


Aulus Flaccus Persius
(34 - 62)

Mit herzlichem Dank an die sachverständigen, allzeit zuverlässigen und bewährten Revisoren,
die dem Autor bereits während seiner letzten Publikationen reliabel, hilfreich und höchst
motivierend zur Seite standen
i
Wenn du etwas besseres weißt als dies, teile es mir aufrichtig mit; wenn nicht, nutze dies mit mir
ii
Wer soll das lesen?

© Kain von Spreewinkl -4-


Sacrum

© Kain von Spreewinkl -5-


Glaube & Philosophie
1.

unde malum? Woher stammt das Böse? Seit mehreren Jahrtausenden schon stellen sich
ungezählte Generationen inquisitiver Philosophen, Religionswissenschaftler und Prediger
jedweder transzendental-ideologisch inspirierten Geistesrichtung diese beinahe schon
rhetorisch gewordene Frage. Unter vielem anderen äußert sich die langwierige,
überempirische Suche nach letztgültigen Antworten auf diese spirituelle Ungewißheit per
exemplum in der wohlbeachteten und vieldiskutierten Theodizee-Problematik (i.e. in kurzen
Worten: Warum läßt ein angeblich friedliebender, barmherziger und gütiger Gott all das
demoralisierende Übel in der Welt zu – sowohl das naturgegebene als auch das
menschenverursachte?), deren multiplexe, von diversen klerikalen Koryphäen aus allen
möglichen Glaubensgemeinschaften bereits vorgeschlagene Lösungsansätze aber genauso
transzendent verschroben und logisch-rationalistisch unbefriedigend erscheinen, wie die
vielfältigen metaphysischen Beantwortungsversuche auf das altbekannte Woher und Wohin
der chthonischen Menschheit. Dabei kommt das extramundane Prinzip des Bösen mit
Sicherheit nicht aktiv als hinterhältige, frei flottierende Intuition oder zur mephistophelischen
Hypostase personifiziert von außen über die ach! so bedauernswerten und wehrlosen
Menschen (sogenannte ‚Inkarnationen des Bösen’ waren im geschichtlichen Lauf des
vergangenen Jahrhunderts u.a. Adolf Hitler, Josef Stalin, Grigori Jefimowitsch Rasputin, Mao
Tse-tung und Pol Pot), sondern schlicht aus ihnen selbst. Das Böse entsteht bzw. resultiert
einzig und allein aus der dualistisch-subjektiven Denkungsweise, der die anthropomorphen
Kreaturen seit Anbeginn ihrer biologischen Entwicklung unterworfen sind. Da vieles in der
freien Natur bipolar in Erscheinung tritt, so denkt auch der mikrologische Mensch
schablonenhaft antithetisch: schwarz und weiß, links und rechts, oben und unten, Tag und
Nacht, hell und dunkel, Frau und Mann, Himmel und Hölle, Gott und Satan, und
dementsprechend auch Gut und Böse. Diesen archaischen, anachronistischen Dualismus
konnte unsere im Prinzip vollinformierte und hochtechnisierte Zivilisationsgesellschaft bis
dato leider noch nicht erfolgreich sublimieren – und wozu denn auch? Der status quo scheint
doch ganz angenehm, und das einfachstrukturierte Volk muß nicht soviel denken
(Krieg/Frieden, Freund/Feind – das reicht). Zudem zeigt sich die ideologisch-intellektuelle
Empfindung des Bösen als eine rein individuelle und relative, d.h. was sich für die eine
Personengruppe (Religion a) als ausgesprochen böse und absolut verwerflich ausnimmt, muß
es für eine andere (Religion b) noch lange nicht sein (quod cibus est aliis, aliis est atre
venenumi), und für eine dritte (ohne Religion c) stellt sich die betreffende Problematik
vielleicht gar nicht – es besteht demnach eine absolute, explizite Standpunktabhängigkeit in
dieser supranatural geprägten Fragestellung. Und jede der erstaunlich
überzeugungsinkompatiblen Gruppierungen (a, b, c) insistiert selbstverständlich auf ihre
uneingeschränkte, allgemeingültige Infallibilität: ‚Wir haben immer Recht, und ihr habt gar
nichts – Diskussion unerwünscht und zwecklos’. So manifestiert sich beispielsweise für die
Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika Osama bin Landens islamistische
Terrororganisation Al Qaida als das absolut bekämpfens- und vernichtenswerte Böse
(desgleichen auch die diese pseudoreligiöse Extremistenvereinigung unterstützenden
Nationen; cf. axis of evil, die ‚Achse des Bösen’ oder die von den USA so geheißenen rogue
states, die ‚Schurkenstaaten’), und vice versa – ein weltgeschichtlich redundanter und
irrelevanter extremistischer West-Idealismus und ein exhaustiv kommensurabler Ost-
Idealismus in tödlicher, unversöhnlicher Kontroverse (und schon wieder eine antagonistische
Dualität). Ein offensichtlich voneinander abhängiger, selbstbestätigender symbiotischer
Konnex – wenn nämlich a tatsächlich einmal b vollständig vernichten oder assimilieren
i
Was dem einen Nahrung ist, ist dem anderen schwarzes Gift

© Kain von Spreewinkl -6-


könnte, würde von a ohne zu zögern versucht, mit c ebenso zu verfahren (eventuell mit
strategisch variiertem modus procedendi). Falls letzten Endes erdumspannend nur noch a
existieren würde (ein sehr theoretischer Fall), entstünden in kürzester Zeit a1, a2, a3 etc., denn
es gibt immer ein paar häretische Phantasten in einer riesigen, global verbreiteten
Glaubensgemeinschaft, die sich mit blasphemistischer Wonne der egomanisch übersteigerten
Annahme hingeben, sie wüßten es besser als der Rest der Welt. Nur in einem zeigen sich
sämtliche aktiv Beteiligten einig: böse sind und handeln immer nur die anderen; und natürlich
die, die nicht die gleiche vorgefertigte Meinung vertreten, wie sie selbst.

2.

Wie endet die Zeit? Den führenden Astrophysikern zufolge entstand das Phänomen der Zeit,
ebenso wie das des Raumes und der Materie, mit dem Urknall (Big Bang) aus einer
hochenergetischen Singularität vor etwa 14 Milliarden Jahreni, und es ist seitdem unlösbar im
sogenannten Raum-Zeit-Kontinuum eingebunden. Die Zeit an sich vergeht physikalisch auf
der Erde für alle Menschen effektiv gleich, nur wird ihre tatsächliche Dauer individuell
unterschiedlich wahrgenommen – in ereignisreichen Perioden scheint die Zeit schneller
abzulaufen, in ereignisärmeren langsamer. Seit Albert Einstein wissen wir auch, daß die Zeit
relativ ist, d.h. je nach Eigengeschwindigkeit eines Objekts de facto schneller oder langsamer
vonstatten geht. Dies kann aber bei den gegenwärtig gegebenen technologischen
Konstellationen für uns Menschen auf der Welt noch bedenkenlos vernachlässigt werden –
erst bei der futuristischen Eventualität einer interstellaren Raumfahrt oder einer möglichen
Bewegung nahe der Lichtgeschwindigkeitii könnte dieser spezielle Umstand praktisch wieder
interessant werden, momentan spielt er sich jedoch nur im Millisekundenbereich ab. Ob und
wie die Zeit nun dereinst endet, das ist reinste Spekulation und hängt vor allem von der
weiteren Lebensgeschichte des Universums ab. Für die chthonische Menschheit ist die
Antwort dieser physikalisch-philosophischen Frage allerdings eher nebensächlich und
abstrakt, da sie bis dahin ohnehin längst nicht mehr existiert. Auch unser blauer Heimatplanet
wird schon wesentlich früher vergehen – wenn sich in etwa fünf Milliarden Jahren die Sonne
in ihrer Agonie zu einem Roten Riesen aufbläht, zerstört und absorbiert sie die Erde (welche
aber schon lange vor ihrem infernalischen Exitus infolge der sukzessiven Überwärmung wüst
und unbewohnbar geworden ist), bevor sie zu einem extrem dichten und heißen Weißen
Zwerg in sich zusammenfällt, um schließlich, nach vielen Milliarden Jahren, als ausgeglühter
Schwarzer Zwerg zu enden. Zwei antagonistische Theorien bezüglich des zukünftigen
kosmischen Entwicklungsganges werden in der astrophysikalischen Fachwelt momentan
favorisiert. Die optimistische erste besagt, daß nach einer langen Zeit der Ausdehnung das
Universum auf Grund seiner eigenen Schwerkraft zum Stillstand kommen und letztlich in
einem sogenannten Big Crunch wieder zu einer Singularität kollabieren wird – worauf der
Kreislauf mit einem Big Bang von neuem beginnt (sozusagen das Weltall als ein gigantisches
perpetuum mobileiii, d.h. unser aktueller Kosmos könnte der erste, der zehnte oder der
zehnmilliardste sein). Dieser radikale, destruktive, zyklische Prozeß bedeutet aber auch: die
Zeit, wie wir sie kennen, könnte sich in diesem erneuerten Universum völlig von der heutigen
verschieden darstellen, ebenso wie Raum und Materie – die ganze Physik könnte eine absolut
andere, für uns schlechterdings unbegreifbare sein. Die zweite These vertritt die etwas
pessimistischere Auffassung, daß die vorhandene Materienmasse – und damit die interstellare
Gravitation – des Universums bei weitem nicht ausreicht, die kontinuierliche intergalaktische
Ausdehnung abzubremsen und aufzuhalten, geschweige denn einen palingenetisch benötigten
kosmischen Kollaps herbeizuführen. Dementsprechend wird das All mit zunehmendem Alter

i
13,7 (± 0,5) x 109 Jahre
ii
299.792,458 km/s = 1.079.252.848,8 km/h
iii
Das sich ununterbrochen Bewegende

© Kain von Spreewinkl -7-


immer weiter und ad infinitum expandieren. Wenn dereinst schließlich alle Sterne vollständig
ausgebrannt und tot sich immer weiter voneinander entfernen, wird das Universum ein
unendlich leerer, stygischer, lebloser Ort sein, an dem die immer noch vorhandene Zeit
sinnlos und unbeachtet verrinnend bis in alle Ewigkeit fortdauert – eine nicht enden wollende,
kalte Einöde mit Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkti, geisterhaft durchzogen von
verwaisten Sternenrudimenten, dünnen, dahinschwindenden Gasschleiern und anorganischem
Planetenstaub. Welche der beiden antagonistischen Hypothesen nun der physikalischen
Wahrheit näher kommt – eine periodische kosmische Wiedergeburt oder die einmalige
universelle Ewigkeit; Dynamik oder Statik –, das wird erst die weit entfernte Zukunft zeigen –
nur wir Menschen, wir werden es nie erfahren. Welche der beiden Hypothesen jedoch
allgemein die wünschenswertere ist, das muß jeder für sich selbst entscheiden; die erste weckt
die vage Hoffnung, daß das Leben per se irgendwie überdauert und irgendwann wieder
weitergeht – in welcher Form auch immer –, die zweite besiegelt das biologische Ende, das
vollständige und endgültige Aussterben jedweder organischen Existenz – das wäre dann der
ewige Frieden, eine omnipotente pax universalis in Realpräsenz.

3.

Heiliger Krieg – wie kann es eine vorgeblich fromme, gläubige Person auch nur im
metaphysischen Ansatz wagen, die positiv-religiöse Expression heilig mit so etwas eklatant
gottlosem, inhumanem und destruktivem, wie dem Krieg, zu kombinieren? Wie kann ihr
dergleichen überhaupt in den augenscheinlich ziemlich tordierten Sinn kommen? Und das,
ohne sofort in die tiefste und dunkelste Gehenna zu fahren?
Heiliger Krieg – das ist eine impertinente contradictio in adiecto, und beweist wieder einmal
die altbekannte, allgegenwärtige Realität: Die selbsternannten Gotteskrieger, die aggressiven
Anhänger einer Religion oder eines – ursprünglich transzendental gedachten – Djihad, das
sind die wahrhaft Ungläubigen, denn sie verweigern allen anderen die individuelle
Wahrheitssuche. Für diese Leute sind solche artifiziellen termini technici offensichtlich nur
hohle, opportune Worte, die ihrem frevlerischen Treiben einen hehren, numinosen Glanz
verleihen und die leichtgläubigen Gläubigen auf einen falschen Weg locken sollen.
Heiliger Krieg – das ist eine rein synthetisch-surreale Wortkonstruktion, genauso wie ein
schwarzer Schimmel, ein weißer Rappe, ein rechteckiger Kreis, ein hölzerner Stahl, ein
humaner Mörder, ein intelligenter Selbstmordattentäter oder ein kombattanter Pazifist, ein
sogenannter Friedenskämpfer (– der einem Glaubenskrieger doch sehr ähnlich ist). Und hier
gilt der prägnante, charakterisierende Sponti-Spruch aus den frühen Achtzigern des letzten
Jahrhunderts: Fighting for peace is like fucking for virginity. (leicht anstößig zwar, aber es
trifft präzise den Kern der Sache)
Heiliger Krieg – jede Sprache ist dehnbar, Worte sind geduldig, und mit ein bißchen
Nachdenken kommt man auf die euphemistischsten Wortschöpfungen für jedwede noch so
negative und unpopuläre Angelegenheit. Beispielsweise mutiert ein unheilvoller Krieg zur
risikolosen Friedenssicherungsaktion, oder ein gewaltiger finanzieller Verlust zum harmlosen
Negativwachstum – der Sarg zum subterrestrischen Einrichtungsmobiliar und mordende
Gewalt zum anerkannten Diskussionsbeitrag…
Heiliger Krieg – das ist eine jener hochwohlklingenden Paraphrasen, welche noch das
brutalste und blutigste Gemetzel als beschauliches Picknick darzustellen wissen, im tödlich-
destruktiven Endeffekt jedoch die barbarische Realität nicht wegreden oder gar ungeschehen
machen können. Krieg bleibt Krieg, auch wenn man ihn ‚heilig’ nennt…

4.

i
T0, d.h. 0 Kelvin; entspricht minus 273,15 Grad Celsius oder minus 459,67 Grad Fahrenheit

© Kain von Spreewinkl -8-


Ein elementares, gewaltbereites Barbarentum, eine extraordinäre Ignoranz und eine
antizivilisatorisch motivierte Destruktivität, gepaart mit abgrundtiefer Dummheit,
katastrophaler Unwissenheit und erschreckender Intoleranz – schon haben wir den
gottgefällig-subversiven Glaubenskrieger und pseudoreligiösen Selbstmordattentäter. Die
stereotypen Abschiedsvideos dieser verblendeten Individuen beweisen diesen tragisch-
desolaten Umstand immer wieder. Wie kann man nun als angeblich denkfähiger Mensch sein
angeblich gottgegebenes Leben nur so nihilistisch negieren und freudig unter jeden Wert
verschleudern? Gott gibt das Leben, der ultraorthodoxe Extremist zerstört es mutwillig,
sowohl sein eigenes, als auch das anderer – was glaubt der denn, was sein Gott von so einem
infantilen Schwachkopf hält, der absichtlich seine numinosen Gaben schändet? Erwartet er
tatsächlich ein: „Danke, mein glaubensstarker Freund. Komm ins Paradies, dein verdienter
ewiger Lohn erwartet dich“? Grausig, die himmelschreiende Dummheit, die unglaublich
perverse Selbstanmaßung dieser merkwürdigen, offensichtlich völlig geistesabwesenden
Leute. Und weil sie sich unter ‚normalen’ kulturell-kommunikativen Sozialkonstellationen
absolut nicht als konsens- und lebensfähig erweisen, wurden sie eben zu dem, was sie sind:
von der menschlichen Gesellschaft segregierte, sekretierte, herausgeeiterte
Marginalexistenzen, die keiner braucht und keiner will – und nach denen spätestens in fünf
Jahren kein müder Hahn mehr kräht, da es ihrer so unglaublich viele gibt (Unverstand und
Ignorantentum kennen augenfällig keine nationalen Grenzen). Religiöse Märtyrer braucht
kein Mensch – sie sind überflüssige Randerscheinungen einer dumpfen Heldenverehrung der
lokalen Folkloristik; in diesem Sinne notierte Skupy: „ Auch Heldenfriedhöfe sind nur Stätten
des Todes.“ Früher waren religiös motivierte Anschläge und menschenverachtende
Selbstmordattentate noch einigermaßen sensationell und aufregend, haben die Erdenbürger
weltweit bewegt und erschüttert. Heute, zu Zeiten von Al Qaida, Abu Sayyaf und diversen
anderen Verrückten, sind sie fast zu einer ärgerlichen, nebensächlichen Alltagserscheinung,
einer bedeutungslosen Randnotiz in den Kurznachrichten verkommen. Wen interessiert denn
mittlerweile noch ein Osama bin Laden, ein Yasir al-Dschaziri, ein Abu Musab az-Zarqawi,
oder wie sie nicht alle heißen mögen? Und wen interessiert denn noch, was sie zu sagen haben
oder was sie überhaupt wollen? Die vielen unschuldigen Opfer sind zwar weiterhin
bedauerlich, die Mord- und Selbstmordanschläge per se dagegen nur noch lästig und
ennuyant. Selbst die sonst eher übervorsichtigen Touristen lassen sich von diesen abgedrehten
Fanatikern nicht mehr sonderlich beeindrucken (eher noch von Naturkatastrophen).
Verhaltensgestörte Extremisten und feige, hinterhältige Attentate sind zu einem
unspektakulären, omnipräsenten Massenartikel geworden. Die einst terroristische Exklusivität
ist auf Jahrzehnte dahin…

5.

Auf dieser oberflächlichen Erde gibt es im ideologischen Sektor leider nichts, woran es sich
ernsthaft und definitiv zu glauben lohnte – zumindest habe ich diesbezüglich noch nichts
gefunden, und πολλά ψεύδονται άοιδοίi. Es existiert in der gesamten Gesellschaft keine noch
so glaubhafte metaphysische Ansicht oder Behauptung, sei sie rein philosophisch oder rein
religiös intendiert, die nicht sofort von zehn wohlklingenden anderen, ebenso plausiblen
transzendentalen Hypothesen überzeugend widerlegt werden könnte. Da nun keiner der
glaubenseifrigen Apologeten und Propagandisten dieser vielfältigen und widersprüchlichen
Weltanschauungen wirklich deren tatsächliche, allumfassende Authentizität demonstrieren
oder verifizieren kann, sind derartige überempirische Theorien schlechterdings individuelle,
subjektiv kultivierte Ansichtssachen mit variablem Verfallsdatum. Doch ein wahrer, tiefer
Glaube sollte letztendlich nicht auf einem fragwürdigen Lotteriespiel basieren, denn für das
emotionsgesteuerte Seelenleben ist eine a priori zweifelhafte Lebensgrundlage grundsätzlich
i
Vieles lügen die Dichter

© Kain von Spreewinkl -9-


schlechter als gar keine. Außerdem kann man sich alles einmal anhören, denn man lernt nie
aus (oder, wie Solon es in seinen Elegien formulierte, γηράσκω δ’αίεί πολλά διδασκόμενοςi),
und andere, bislang vernachlässigte Sichtweisen und exotische Überlegungen bringen
eventuell innovative Anregungen und kreative Impulse für die eigene innere Einstellung.

6.

Die fundamental-islamistischen afghanischen Taliban – einst ungeliebte Machthaber, heute


verhaßte Terroristen – begehen den törichten Fehler aller unfreiwillig entmachteten, vom
eigenen Volk abgesetzten Diktatoren: sie können schlechterdings nicht aufhören; sie wissen
einfach nicht, wann ihre Zeit abgelaufen und ihre politische Karriere definitiv zu Ende ist. Sie
hatten damals nicht die innere Größe, beizeiten und in Würde abzutreten, sie haben heute
nicht die innere Größe, ihre umfassende Niederlage einzugestehen, den inhumanen Terror zu
beenden und konstruktiv beim Wiederaufbau des geschundenen Landes zu helfen –
Extremisten sind obstinate Egoisten, und sie bleiben es auch, vor allem die religiös-
ideologisch motivierten.

7.

Kann man chronische Religiosität heilen? Und wird das von der gesetzlichen Krankenkasse
bezahlt? Exorzismus auf Krankenschein?

8.

Metaphysisch orientierte Philosophie kann bisweilen eine leidlich unterhaltsame Distraktion


sein, ist aber eben nur eine phantasmagorische, transzendentale Gedankenspielerei
(vergleichbar einem fiktiven Roman), die von ihren spirituell äußerst innovativen und aktiven
Erzeugern einfach viel zu ernst genommen und vehement als die wahrscheinlich möglichste
aller denkbaren Realitäten verteidigt wird/wurde. Sie frönt begeistert der alten Untugend, der
alle überempirischen Ideologien im weiteren Verlauf ihrer Genese verfallen: sie nehmen sich
allesamt viel zu wichtig und zu wertvoll, und werden rigoros, obwohl nicht verifizierbar, von
ihren Apologeten zur unumstößlichen Wahrheit erhoben.

9.

Wie kann die unzulängliche Menschheit – in Anbetracht all dessen, was sie im traurigen
Verlauf ihres sogenannten Entwicklungsprozesses zugrundegerichtet hat – auch nur im
entferntesten daran denken, jemals ‚glücklich’ zu werden? Sie kann sich froh und begünstigt
schätzen, wenn sie es einigermaßen schafft, wenigstens ein paar der gravierendsten
Dummheiten der Geschichte nicht permanent zu wiederholen.

10.

Wenigstens ist der Mensch nicht unsterblich, wenn man bedenkt, was dann noch für üble und
sozial-humanitär inkompatible Gestalten der Geschichte unter uns weilen würden – eigentlich
sollten wir uns freuen, daß diese schon lange tot sind.

11.

i
Ich werde alt und lerne stets noch vieles hinzu

© Kain von Spreewinkl - 10 -


Warum sind die anthropomorphen Kreaturen so gewalttätig im täglichen Umgang
miteinander? Die Menschen sehen im verabscheuten Gegenüber sich selbst, die eigene
kümmerliche Belanglosigkeit, ihre klägliche, nebensächliche Existenz – das ist ihnen peinlich
und macht sie aggressiv.

12.

Religionen, ideal praktiziert, könnten vermutlich sogar der Menschheit in ihrer


soziokulturellen Evolution weiterhelfen (als kontemplatives Brainstorming der meditativ-
spirituellen Art, beispielsweise), nur leider geschieht dies höchst selten bis gar nicht.
Religionen sind zumeist nur egoistische, profitorientierte, profane Wirtschaftsfaktoren, wie
alle anderen weltweit operierenden ökonomischen Konzerne auch, nur mit privilegierenden
sakralmetaphysischen Apologien.

13.

Der wahre Wert des Menschen – eine handvoll Staub und Asche…

14.

Da es hier auf Erden kein real existierendes Refugium für welt- und menschheitsüberdrüssige
Individuen gibt, hilft ihnen nur der strapaziöse Weg der inneren Emigration – die vollständige
geistige Exilierung (oder die suizidale Selbstannullierung).

15.

Gewalt ist die niederste und abstoßendste Expressionsform, zu der sich ein angeblich
mitfühlender Mensch herablassen kann. Anthropomorphe Kreaturen, die ihre primitiven,
unangebrachten Aggressionen nicht beherrschen und bewältigen können (oder wollen),
sollten in ein hermetisch abgeriegeltes Territorium (beispielsweise in der Antarktis oder
subterrestrisch) verbannt werden, wo sie sich dann nach Herzenslust gegenseitig terrorisieren
und dezimieren dürfen.

16.

Dank genetisch veränderter Nahrungsmittel und selbstverschuldeter Umweltvergiftung


mutierte der Mensch mittlerweile zum schwer entsorgbaren biologischen Sondermüll, dessen
einfache Kompostierung in freier Natur bereits den Straftatbestand der gefährlichen
Umweltverschmutzung erfüllen würde (siehe etwa § 326i aus dem 29. Abschnitt des
deutschen Strafgesetzbuches – Straftaten gegen die Umweltii). So ist sie, die organische
Zellanhäufung Mensch – toxisch und schädlich bis über den Tod hinaus…

17.

Überwiegend lokalkulturelle Institutionen wie Religion und Tradition sollten ausschließlich


Privatsache sein und auch allgemein als solche behandelt und gepflegt werden – und nicht
subversiv das offizielle Leben und die profane Politik unterwandern. Selbst in Deutschland
gibt es noch einen sogenannten Gotteslästerungsparagraphen im Strafgesetzbuch (§ 166

i
Siehe Anhang V.
ii
§§ 324 bis 330d

© Kain von Spreewinkl - 11 -


StGB)i, der die ‚Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und
Weltanschauungsvereinigungen’ unter Strafe stellt – und das nicht zu knapp: mit Gefängnis
bis zu drei Jahren; d.h. ein wagemutiger Schriftsteller, der aktiv etwas negiert und
diskreditiert, was es nach naturwissenschaftlichem Ermessen sowieso nicht gibt und auch
nicht geben kann, sieht sich alsbald der staatsanwaltlichen Verfolgung ‚im Namen des
Volkes’ ausgesetzt. Im Klartext: ein Schlumpf darf als nichtexistente Kunstfigur enttarnt und
bezeichnet werden – ein Gott nicht. Kann man als rational denkender Durchschnittsatheist
(Popper postulierte: „Atheismus ist ein Zeichen, daß man die Religion ernstnimmt“) eine
solche klerikal infizierte und mystizistisch infiltrierte Rechtssprechung wirklich ernstnehmen?
Und was kann der freigeistige, dieserart kriminalisierte Künstler dafür, daß diverse pingelige
Glaubensrichtungen und ihre übelnehmenden Anhänger nicht richtig bzw. konstruktiv mit
offener, vielleicht sogar berechtigter Kritik umgehen können? Es ist beunruhigend und
frustrierend zugleich, daß supranaturale Phantasmagorien von ihren starrsinnigen Aposteln so
vehement verteidigt und zur allgemeingültigen, schlechthinnigen Wahrheit erklärt werden
können, während ihre rational denkenden Kritiker auf polizeilichen Fahndungslisten stehen.
Schon Kurt Tucholsky resignierte weiland angesichts dieser theologischen Intoleranz: „Ich
mag mich nicht gern mit der Kirche auseinandersetzen; es hat ja keinen Sinn, mit einer
Anschauungsweise zu diskutieren, die sich strafrechtlich hat schützen lassen.“

18.

Viele Schreiber mystisch inspirierter Texte beginnen ihre wirren Werke stereotyp mit den
Worten: „…was hier geschrieben steht, sollte eigentlich nie geschrieben werden und absolut
geheim bleiben…“ – wie recht sie damit haben! si tacuisses, philosophus mansissesii, wußte
schon Boëthius. Solche surrealen, pseudoreligiösen, intelligenzbeleidigenden Geistesergüsse
quasispiritueller Schauermärchen und mythologisch tordierter Anschauungskonstruktionen
sind schlicht überflüssig und die reinste Papierverschwendung.

19.

Ständig muß man von irgendwelchen selbsternannten Lebensberatern lesen oder hören, daß
der Mensch ein persönliches Ziel haben muß, um sein Leben erfolgreich zu bestehen.
Warum? Das letztendliche Ziel, sprich: der Tod, kommt von alleine – man sollte nur
versuchen, bis dahin das Beste aus dem zu machen, was man hat, und seine Mitmenschen
nicht über gebühr zu belästigen.

20.

Die meisten der anthropomorphen Kreaturen sind leider im geistigen Zustand des
urtümlichen, nicht domestizierbaren Primaten verblieben – und das gänzlich freiwillig und
ohne einen Anflug von schlechtem Gewissen. Einfach erbärmlich, diese unersprießliche,
sogenannte Menschheit – man hätte mehr von ihr erwarten können.

21.

Nicht die langen, absehbaren Täler und Schluchten auf der Straße des Lebens sind zu
fürchten, sondern die tagtäglichen unkalkulierbaren Schlaglöcher.

22.
i
Siehe Anhang V.
ii
Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben

© Kain von Spreewinkl - 12 -


Man sollte sich nicht allzuviel auf seine ohnedies nur akzidentelle und temporäre Nationalität
einbilden oder sich allzusehr von ihr beeinflussen lassen – es sollte doch genügen, Mensch zu
sein. Nationalität: Mensch, Herkunftsort: Erde.

23.

Strategisch applizierte Absolution: Vergib huldvoll und öffentlich deinen Feinden – sie
werden dich um so mehr hassen.

24.

Auf die existentielle Frage: ‚Was ist wirklich wichtig im Leben?’ ist mir einfach nichts
eingefallen…

25.

Der essentielle Unterschied zwischen Einbildung und Offenbarung ist ein rein
grammatikalischer, nur der Nexus ist bedeutsam. Wenn ein Pferd zu uns spricht, so ist das
eine Einbildung, wenn aber ein Gott zu uns spricht, so nennt man das eine Offenbarung (aber
auch nicht immer: es kommt außerdem darauf an, zu wem er spricht). Realistisch betrachtet ist
beides jedoch weder glaubhaft noch nachvollziehbar.

26.

Wer permanent (oder nur kurzzeitig intermittierend) unter starken bis stärksten Schmerzen
leidet – ganz gleich, ob psychisch, physisch oder beides –, dem erscheint das mikrologisch-
egozentrische Gewusel und Gehabe der unbedeutenden restlichen Welt als billig und nichtig.
Er erkennt gradatim die peinlich-banale Realität der akzidentellen menschlichen Existenz, die
globale Irrelevanz…

27.

Das wertvollste, das höchste Gut der Menschen sollte für alle, die konsequent und ehrlich ein
solcher sein wollen, das unikale Leben und die körperliche Unversehrtheit eines jeden
Individuums sein. Jede einigermaßen denkfähige Kreatur müßte im Prinzip in der
verheißungsvollen Lage sein, diesen fundamentalen Satz nachvollziehbar zu verstehen. Doch
offensichtlich erscheint den meisten Erdenbürgern Ovids video meliora proboque; deteriora
sequori in unserer gnadenlos egozentrischen Welt opportuner…

28.

Offenbarung mit Erkenntnis gleichzusetzen ist ein außerordentlich schwerwiegender Fehler (–


und mit Realität haben beide nichts zu tun).

29.

Wenn eine anthropomorphe Kreatur tatsächlich von Geburt an in allen Dingen frei wäre – was
könnte aus ihr werden, bzw. wie lange würde sie überleben?

i
Ich sehe das Bessere und erkenne es an; dem Schlechteren folge ich

© Kain von Spreewinkl - 13 -


30.

Sallust schrieb im ersten Jahrhundert vor der Zeitenwende: concordia res parvae crescunt,
discordia maximae dilabunturi. Leider folgt letzteres zwangsläufig dem ersteren;
konstruktiver Aufbau und zivilisatorische Blüte ziehen unweigerlich gesellschaftlichen
Niedergang und anarchistische Zerstörung nach sich – ein bedauernswerter, automatisierter,
ewiger Kreislauf, ein fundamentales Charakteristikum in der destruktiven Historie der
unbelehrbaren Menschheit.

31.

Es heißt, man soll Ordnung in sein Leben bringen; – doch warum? Warum soll man etwas
ordnen wollen, was einen nicht im geringsten tangiert?

32.

Das Paradies oder die Hölle, beides erfundene, imaginäre Phantasmagorien halluzinierender
Marginalexistenzen im religiösen Delirium, die weiland offensichtlich zuviel Zeit hatten und
anderweitig wohl nicht richtig ausgelastet waren – oder irgendwelche gehirnerweichende
Substanzen und intelligenzvermindernde Drogen zu sich nahmen. Auch der katholische
Heilige Augustinus von Hippo proklamierte affirmativ: ubi defecerit ratio, ibi est fidei
aedificatioii. Doch das Leben ist hart, der Tod endgültig, und eine Resurrektion, eine
postmortale Wiederauferstehung, eine Metempsychose in welcher Form auch immer, wird es
nicht geben (post mortem nulla voluptasiii): wer tot ist, bleibt tot, verwest und verrottet letzten
Endes; pulvis et umbra sumusiv – Asche zu Asche, Staub zu Staub – causa finita estv (und kein
noch so inbrünstiger Glaube kann daran etwas Grundlegendes ändern). Das Nirwana, der
Jüngste Tag, die Auferstehung und das ewige Leben – alles tröstende und vertröstende
Märchen für spirituell labile Menschen, welche die triste Realität ihres deprimierend banalen
Alltags nicht verkraften (– ‚denn nach dem Tod wird es bestimmt besser’). Trotzdem gibt es
zungenfertige Erdenbürger (und eine überaus umfangreiche Schriftenflut), die einem
tatsächlich erzählen wollen, wie es an diesen metaphysischen Orten aussieht und wie man am
besten dorthin gelangt – oder es erfolgreich vermeidet. Solche wahrnehmungsgestörten und
perikulös derangierten Individuen gehören instantan eingesperrt und psychiatrisch behandelt,
bevor sie weiterhin spirituelles Ungemach verbreiten. Ebenso die visionären Propheten und
die salbadernden Heilsverkünder, während die einschlägig bekannten ‚heiligen’ Bücher
konziliant in die Regale der Erzählungen, Legenden und Fiktionen verbannt werden sollten.
Doch das ist die uralte klerikale Ungerechtigkeit: Wenn ein ‚normaler’ Durchschnittsmensch
Stimmen hört, ist er schizophren und kommt unverzüglich in eine Nervenheilanstalt – doch
wenn ein wie auch immer ‚inspirierter’ Geistlicher Stimmen hört, ist es sofort eine göttliche
Offenbarung. Da soll noch einer sagen, vor dem Gesetz – vollkommen egal, vor welchem –
wären alle gleich.

33.

Das organische Leben ist ein exzeptionelles, kolossales Akzidens, ein tragisches Malheur der
experimentierfreudigen intergalaktischen Chemie.

i
Durch Eintracht wächst Kleines, durch Zwietracht zerfällt das Größte
ii
Wo der Verstand zu Ende ist, da erhebt sich das Gebäude des Glaubens
iii
Nach dem Tode kein Vergnügen
iv
Staub und Schatten sind wir
v
Der Fall ist abgeschlossen

© Kain von Spreewinkl - 14 -


34.

Der menschheitsumfassende, weltweite Frieden wird kommen, dessen bin ich mir ganz sicher
– spätestens, wenn die Erde aufgibt und untergeht.

35.

Ein freundlicher Migräneanfall gibt einem das qualvolle Gefühl, daß der Schädel instantan
platzen könnte. Nur leider tut er es nicht…

36.

Wenn es tatsächlich eine Hölle gibt, dann ist es unsere eigene, selbstgemachte, und wir sitzen
mittendrin.

37.

Nicht eine einzige philosophische Hypothese oder religiöse Weltanschauung hat eine für alles
und jeden optimistisch positive, endgültige Lösung der menschlichen Existenz anzubieten –
Άνέγνων, έγνων, κατέγνων (legi, intellexi, condemnavi)i; – nur der instantane, kategorische
Omnizid.

38.

An manch bleiernen Tagen kann man keinen klaren, zielgerichteten Gedanken fassen, und die
ganze Welt versinkt in dumpf-betäubender Watte. Dieserart ruinierte Tage sind verloren und
gefährlich zugleich.

39.

Die Seele ist auch nur so eine hinterhältige, unnötige Erfindung des Menschen, mit der sich
die jenseits- und resurrektionsbezogenen Religionen erfolgreich ihre Anhänger gefügig
halten. Ohne eine reale Existenz der menschlichen Seele hätten wohl sämtliche
Glaubensrichtungen ihren sakralen Sinn verloren. Denn was soll nach dem naturbedingten
Exitus erlöst oder verdammt werden, wenn nichts erlösens- bzw. verdammenswertes
zurückbleibt, und was soll wandern, wenn es nichts zu wandern gibt? Doch so weit wird es
nicht kommen, denn die meisten Menschen können es in ihrer mikrologischen Egozentrik
eben nicht ertragen, daß mit ihrem biologischen Tod restlos alles exhaustiv und irreversibel
vorbei sein soll. Obwohl, eigentlich ist dieses absolute Ende auch ein Grund zur Hoffnung, da
man die uneingeschränkte Gewißheit hat, daß dieses terrestrische Trauerspiel eine singuläre
Erscheinung bleibt, und daß manch imbeziler Narr und manch grenzdebiles Individuum der
historischen Vergangenheit unter Garantie nicht wiederkehren kann.

40.

Die Menschheit ist der Eiter der Natur.

41.

i
Ich habe gelesen, ich habe verstanden, ich habe verworfen

© Kain von Spreewinkl - 15 -


Es heißt, Schmerzen beweisen einem, daß man noch lebt. Die Frage ist, will man das dann
überhaupt noch?

42.

Vor mehr als zwei Jahrtausenden schon konstatierte Horaz in seiner direkten Art: odi
profanum vulgus et arceoi, und er spricht mir aus der tiefsten Seele. Obwohl, eigentlich ist es
bei mir eher ein allgemeines, durch die tagtäglich enttäuschende Realität begründetes, stetig
zunehmendes odium generis humaniii. Möge sich der homo sapiens zum homo extinctus
wandeln – pereat mundusiii und nach mir die Sintflut.

43.

Das Leben ist wie die Fahrt auf einer deutschen Autobahn: der unbelehrbare Raser drängelt
hinter einem, der unbelehrbare Schleicher blockiert vorne – und das aggressiv, permanent und
simultan. Da befinde ich mich lieber in der spirituellen Raststätte des geistigen Daseins.

44.

Zynismus – aktiv; Sarkasmus – reaktiv. Zwei diametrale, partiell korrelierende Werte; zwei
singuläre psychosoziale Positionen, die sich jedoch im Lauf der Zeit – respektive im Verlauf
eines Lebens – substituieren oder gar unifizieren können.

45.

Gezielter, permanenter Haß strengt auf Dauer zu sehr an; punktuelle, demonstrativ
akzentuierte Mißachtung erweist sich als besser, treffender (– und belastet vor allem den
Kreislauf und das Seelenleben nicht).

46.

Optimisten sind euphorisch interessierte, enthusiasmierte Utopisten mit zuwenig Erfahrung,


Weitblick und Kombinationsgabe. Pessimisten hingegen sind durch das Leben aufgeklärte
Optimisten. Der Lauf der Zeit, das soziokulturelle Umfeld und die tagtägliche Empirie mit
bzw. in diesem formen den Pessimisten.

47.

Der sogenannte ‚graue Alltag’ ist nicht immer nur grau – er kann bisweilen auch schwarz bis
tiefschwarz sein…

48.

Der Schlaf ist – neben dem Omnizid – der beste Freund des Friedens. Wer schläft, der
intrigiert, kämpft und tötet nicht. Die allzu hyperaktiven Menschen müßten sich angewöhnen,
wie die Löwen 20 bis 22 Stunden täglich zu schlafen.

49.

i
Ich hasse den Pöbel und halte ihn mir fern
ii
Haß gegen das Menschengeschlecht
iii
Soll die Welt verderben

© Kain von Spreewinkl - 16 -


Der Mensch, diese selbsternannte Krönung der Schöpfung (– welch ungerechtfertigte
Anmaßung! – eine an sich höchst unberechtigte Verunglimpfung der Natur; und das bloß,
weil er ein bißchen Gehirn hat), erweist sich nur als eine temporäre, kompostierbare
Zellanhäufung, deren allgemeine Grundbedürfnisse und Aktivitäten vollständig denen von
Einzellern und Amöben gleichen: Fressen, Defäkieren, Schlafen und Fortpflanzen – und die
meisten Erdenbürger sind mit infantiler Wonne in diesem geistigen Amöbenstadium
verblieben (oder, nach anfänglichen, zum exhaustiven Scheitern verurteilten Versuchen des
minimalintellektuellen Aufstiegs, reumütig dorthin zurückgekehrt).

50.

Wenn der Mensch tatsächlich das Ebenbild Gottes sein soll, wie es diverse ‚heilige’ Schriften
mutmaßen, muß man sich ehrlich fragen, ob man einen solchen Gott überhaupt will – oder ob
man ihn nicht lieber bedauern soll. Horaz notierte: nil mortalibus ardui est: caelum ipsum
petimus stultitia neque, per nostrum patimur scelus, iracunda Iovem ponere fulminai. Wie
kann Gott Freude an der Menschheit haben?

51.

Religionen sind akzidentelle Abfallprodukte der Geschichte, und somit überflüssig. Menschen
sind akzidentelle Abfallprodukte der Evolution, und somit ebenfalls überflüssig. Selbst die
Erde ist ein akzidentelles Abfallprodukt einer präsolaren Supernova…

52.

Manchmal wird man angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ausweglosigkeit


richtiggehend Existenzmüde.

53.

Manche Tage sind schlecht, manche Tage sind miserabel – letztere überwiegen.

54.

Immer das unangebrachte Gerede von den sogenannten ‚christlichen Werten’. Diese
angesprochenen Werte sind nicht genuin christlich, sie sind zutiefst menschlich – sie wurden
von der christlichen Kirche nur annektiert und mehr oder minder homogen inkorporiert.

55.

Blasphemie kann nicht einmal als glaubensideologische Leichenfledderei bezeichnet werden,


da man eine extraempirische Imagination nicht verunglimpfen kann. Nur die Menschen, die
indoktrinierten Anhänger, die an diese sakrale Illusion glauben, fühlen sich zutiefst beleidigt
und persönlich angegriffen.

56.

i
Nichts ist den Sterblichen unersteiglich: am Himmel selbst vergreifen wir uns in unserer Dummheit, und durch
unseren Frevel lassen wir es nicht zu, daß Jupiter die zürnenden Blitze niederlegt

© Kain von Spreewinkl - 17 -


Die Tragik des pessimistisch-realistischen Gesellschafts- und Religionskritikers: Das
Schreiben über und für einen immens umfangreichen Personenkreis, welcher diese
differenzierten Worte, gedacht als ideologische Augenöffner, jedoch nie lesen oder beachten
wird.

57.

Der Tod ist nicht das biologische Ende – nur das individuelle, persönliche; es folgen
Verwesung und Kompostierung (außer bei einer Kremierung oder einer buddhistisch-
tibetanischen Himmelsbestattung).

58.

de mortuis nil nisi benei, schrieb Cheilon von Lakedemonien sechs Jahrhunderte vor der
Zeitenwende. Heißt das etwa, Religionskritik sei ungebührliche, üble Nachrede?

59.

Gewalt über seine Mitmenschen zu erlangen ist relativ einfach, Gewalt über sich selbst zu
erlangen hingegen nicht. imperare sibi maximum imperium estii, notierte weiland Seneca.

60.

Die Menschen sollten hoffen, daß es für sie nach dem Tode kein immerwährendes, friedliches
Elysium und ein unvergängliches Leben in selbigem gibt – dort würden sie vor Langeweile
sterben, wenn sie könnten.

61.

Echte Märtyrer (Selbstmordattentäter sind keine) zeigen sich als starrsinnige, unbelehrbare
Besserwisser, die sich mit selbstzerstörerischen Freuden und mit irgendeinem tugendhaften
Spruch auf den Lippen für eine arbiträre, unverifizierbare, metaphysische Vermutung (à la
Gott gibt es wirklich, heilige Schriften sind wahr und göttlich inspiriert, die Erde ist eine
Scheibe, Elvis lebt etc.) von ihren ebenso bornierten und transzendental infizierten Gegnern
grausam foltern und abschlachten lassen. Märtyrer sind infektiöse spirituelle Masochisten –
kranke Menschen in einer kranken Welt.

62.

Sämtliche Religionen, auch die archaischen, längst untergegangenen, hatten und haben ihre
intern hochverehrten Märtyrer. Doch wenn die früheren mit ihren übersinnlichen Hypothesen
schon nicht recht hatten (schließlich sind ihre adorierten Götter schon lange tot, ebenso wie
die ganze Glaubensrichtung samt ihrer indoktrinierten Anhängerschar), haben es die heutigen
genausowenig – denn auch deren religiöse Überzeugung wird in ein paar Jahrhunderten nur
noch eine historische Anekdote, eine geschichtliche Randnotiz auf der ständig wachsenden
Liste untergegangener Glaubensbekenntnisse sein.

63.

i
Über Verstorbene soll man nur Gutes reden
ii
Sich selbst beherrschen ist die größte Herrschaft

© Kain von Spreewinkl - 18 -


Religiöse Extremisten wollen nicht ihre Situation verbessern, sondern die der anderen
verschlechtern.

64.

Goethe schrieb in seinem Werk Dichtung und Wahrheit als Thema zum vierten Teil: nemo
contra deum nisi deus ipsei. Doch nicht einmal das, denn wie sollte das auch aussehen? Eine
frei flottierende metaphysische Phantasmagorie bekämpft sich selbst?

65.

Manchmal möchte man die ganze Welt zurückgeben und gegen eine andere, bessere (am
besten menschenleere) eintauschen – eigentlich bei jedem deprimierenden Blick in eine
Zeitung, in eine Nachrichtensendung oder aus dem Fenster.

66.

Das selbstbestimmte Lebensende ist die aufrichtigste und konsequenteste Form der
Gesellschafts- und Selbstkritik.

67.

Krankheiten sind evaluierende Nadelstiche des Todes.

68.

Menschliche Komödien wie Tragödien kommen und gehen, die permanente unterschwellige
Depression aber bleibt.

69.

Bevor man überlegt, ob es intelligentes Leben im Universum gibt, sollte man sich die Frage
stellen, ob ein solches auf der Erde vorhanden ist.

70.

Die Erde (d.h. die menschliche Zivilisation) würde untergehen, wären die Menschen nur einen
Tag lang ehrlich miteinander.

71.

Letztendlich läßt sich jeder Krieg auf die eine oder andere Weise auf Glauben zurückführen.

72.

Das Evangelium des Johannes beginnt mit dem ersten großen Fehler in der Schöpfung, der da
lautet: in principio erat verbumii. Denn wahrlich, ohne Wort kein Streit.

73.
i
Niemand kann gegen Gott sein außer Gott selbst
ii
Im Anfang war das Wort

© Kain von Spreewinkl - 19 -


Ich diskriminiere niemanden persönlich – ich verabscheue alle.

74.

Die Krone der Schöpfung? Der Mensch kann das nicht sein – schließlich hat er sich immer
wieder durch seine absonderlichen und unmenschlichen Verhaltensweisen selbst hinreichend
disqualifiziert, diesen hohen Titel zu tragen.

75.

Religiöser Fundamentalismus müßte schwerste körperliche Schmerzen bereiten – oder


unmittelbar zur biologischen Auslöschung führen.

76.

Rücksicht wird in der heutigen Zeit und ihrem egoistisch-transversalen Denken sinngemäß
von Nachsicht, Nachsehen, das Nachsehen haben abgeleitet. Und da niemand gern das
Nachsehen hat, gibt es allgemein so wenig interindividuelle Rücksichtnahme auf der Welt.
Erst dann, wenn sich Rücksicht wieder mehr lohnt (in irgendeiner Weise, materiell oder
ideell), wird sich auch die Bedeutung dieses Begriffs zum Positiven ändern.

77.

Das didaktisch-direktive D deutet detailliert das durabel diminuierende, desolate Dasein des
dogmatisch dithyrambischen Dichters: diese dauernd dräuenden, dolorös dysfunktionalen,
demoralisierend destruktiven Depressionen dämpfen, dissipieren, defigurieren dramatisch
dissolut das deskribierende, deaggressivierende Denken – das dissonant-drakonische Desaster
der dumpf drosselnden, dunkel dahindämmernden, dubios dystrophen Dekadenz, das
dilatative Debakel der desaströs dominanten Degeneration. Deprimierend…

78.

Niemand wird gezwungen, meine zutiefst persönlichen Ansichten zu glauben oder zu teilen –
ich bin nicht infallibel, und liebend gern zu gewaltfreien, gleichberechtigten, konstruktiven
Diskussionen bereit, auch lasse ich mich überzeugen, wenn es jemand besser weiß; allein die
nackte Realität beweist mir jeden tristen Tag aufs neue die trostlose Faktizität meiner
negativen Auffassungen und depressiven Gedankengänge.

79.

Es ist schon erstaunlich, wie weit die Geschichte entfernt zu sein scheint, und wie schnell und
oft sie einem doch tagtäglich wieder vergegenwärtigt wird.

80.

Die ganze Welt ist voller Ewiggestriger.

81.

© Kain von Spreewinkl - 20 -


Wenn ich unter Leute gehe, fahre ich meinen ideologischen Abwehrpanzer hoch und schalte
mein neuronales Betriebssystem auf Sparflamme – das verhindert böse Überraschungen und
senkt eine allzu optimistische Erwartungshaltung. Bei (zumeist nicht zu erwartendem) Bedarf
werden additional ein paar Gehirnzellen aktiviert.

82.

John Owen vermerkte in seinen Epigrammen: tempora mutantur, nos et mutamur in illis;
quomodo? fit semper tempore peior homoi. Wie wahr, wie wahr – eine zeitlose Feststellung,
ein echtes Axiom.

83.

Religionskritik ist Leichenschändung an einem Kadaver, der immer noch ein wenig zuckt.
Ebenso makaber ist aber auch der krampfhafte Versuch der spirituellen Krankenpfleger,
dessen ausgezehrtes, in den letzten Zügen liegendes Leben als ein blühendes darzustellen und
– leider erfolgreich – auch als ein solches vorzutäuschen.

84.

Manchmal, wenn ich ein neuerworbenes Buch eines interessanten Schriftstellers durcharbeite,
muß ich urplötzlich an Hieronymus denken, der seinen Lehrer Aelius Donatus mit den
Worten: pereant, qui ante nos nostra dixeruntii zitierte. Doch die freudige Feststellung, daß es
noch andere Menschen gibt, die ähnliches diagnostiziert haben und entsprechend
argumentieren, bestärkt mich in der Annahme, so falsch doch nicht zu liegen.

85.

Mit potentiellen wie reellen ideologischen Gegnern muß man sich konstruktiv und gewaltfrei
auseinandersetzen – mit anderen Worten: extermination is not the solutioniii, um den hierzu
konvenablen Spruch aus dem Film Forbidden World1 aus dem Jahr 1982 aufzunehmen. Die
vollständige physische Auslöschung seines Antagonisten zerstört nun einmal nicht dessen
beanstandetes Ideengut.

86.

Vielleicht braucht man einen intellektuellen Defekt, um richtig denken zu können.

87.

Jeder steht allein auf dieser Welt und muß für sich das Beste daraus machen. Doch so
mancher ist der Ansicht, es wäre wohl das Beste, seinem Nächsten zu schaden.

88.

Körperliche Gewalt zeugt von geistigen Defiziten.

i
Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen; in welcher Weise? Immerfort wird der Mensch mit der
Zeit schlechter
ii
Verdammt sollen die sein, welche bereits vor uns unsere Gedanken ausgesprochen haben
iii
Auslöschung ist nicht die Lösung

© Kain von Spreewinkl - 21 -


89.

Menschen! – alles insuffiziente anthropomorphe Kreaturen – der überflüssige Auswurf der


Schöpfung! Oder, wie Benn es formulierte: „Die Öffentlichkeit ist der Gestank einer
Senkgrube und die Politik das Gebiet von Reduzierten.“

90.

Warum ist die chthonische Menschheit so überaus nachtragend, behält negative Impressionen
wesentlich besser im Gedächtnis und verdrängt grundsätzlich das Positive? Ein Individuum
kann noch so erfolgreich und beliebt sein, eine einzige falsche Anklage macht dies alles
zunichte und wird nie vergessen – fama crescit eundoi. Deswegen lautet auch eine uralte
Racheregel der intrigierenden Hinterhältigkeit und Heimtücke: audacter calumniare, semper
aliquid haeretii. Der Mensch wird unglaublich erfinderisch, wenn es darum geht, seinem
Nächsten zu schaden…

91.

‚Ma vie est un combat’, läßt Voltaire Mahomet in seiner Tragödie Le fanatisme ou Mahomet
le prophète sagen – vivere militare estiii. Als zeitlose, ideelle Feststellung angemessen, als
Lebensgrundsatz schlicht inakzeptabel.

92.

Die Welt hat viele Gläubige und viele Ungläubige gesehen – gestorben und verfault sind sie
letztendlich alle. Denn „Glauben ist, auf etwas zu vertrauen, von dem du weißt, daß es nicht
existiert“, schrieb schon Mark Twain.

93.

Die Menschen haben einen erstaunlich ausgeprägten Hang zur Unmenschlichkeit.

94.

Die Frage: ‚Gibt es ein Leben nach dem Tod?’ ist genauso albern wie die Frage: ‚Fährt der
Wagen nach der Schrottpresse wieder?’

95.

Der Djihad per se, als primär verteidigende Institution des Glaubens, ist vielleicht noch
rational einzusehen, doch es ist sicher nicht im Sinne der betroffenen Religion, wenn wegen
jeder lächerlichen Lappalie instantan ein globaler Djihad ausgerufen wird. Kaum tätigt
jemand eine unachtsame Äußerung oder begeht unabsichtlich eine Blasphemie, erscheinen
sofort diverse gnadenlose Fundamentalistengruppierungen, die lauthals und unnachgiebig den
ultimativen Djihad gegen alles und jeden fordern, als ‚gerechtfertigte’ Sühne für diese ach! so
unglaubliche Ungeheuerlichkeit – giftige Auswüchse einer pseudoreligiösen, pervertierten
Frömmigkeit in einer kranken Welt…

i
Das Gerücht wächst während seiner Verbreitung
ii
Nur frech verleumdet, etwas bleibt immer hängen
iii
Leben ist kämpfen

© Kain von Spreewinkl - 22 -


96.

Manchmal frage ich mich ernsthaft, warum ich all das schreibe, und die unsägliche
Sinnlosigkeit unserer armseligen Existenz überfällt mich; schließlich bin ich mir durchaus
bewußt, daß ich die armen Menschen, die ich meine, intellektuell nie erreichen werde. Solche
Leute lesen derartige Werke grundsätzlich nicht, und wenn sie davon hören, verfolgen und
bedrohen sie lieber den ehrlichen Verfasser, anstatt vielleicht doch einmal kritisch, objektiv
und aufgeschlossen seine Texte durchzusehen – ich warte immer (doch meist vergebens) auf
eine gewaltfreie, konstruktive Diskussion. Und dann gibt es noch diejenigen, die von
vornherein mit einem dumpfen, gelangweilten, lethargisch-bleiernen Desinteresse gesegnet
sind. Doch dann die Antwort: das alles mache ich für mich. Ich schreibe für mich selbst, für
meine eigene spirituelle Tranquillität – alles, was ich niederschreibe, verliert einen Teil seiner
deprimierenden Dynamik.

97.

Wer sagt, er habe seinen Glauben verloren, der hatte nie wirklich einen.

98.

Die inflexiblen Menschen verharren nur allzugern im dumpf-traditionellen status quo.

99.

Horaz schrieb: dulce et decorum est pro patria morii, was aber letztlich auf die historische
Epoche zurückzuführen ist, in der er lebte (genaugenommen galt wohl damals schon eher das
bismarcksche patriae inserviendo consumorii). Heute sollte man sich als universeller,
weltoffener Kosmopolit sehen, und sich nicht auf einen lokalen, bornierten Traditionalismus
versteifen.

100.

Die Menschheit ist von Grund auf misanthropisch.

101.

Paläo-SETI-Forschung ist eine interessante Sache, nur: solange deren überzeugte Vertreter
keinen einzigen Beweis der Richtigkeit ihrer phantasievollen Theorien vorzulegen haben,
solange bleibt sie eine reine geistige Spielerei – genau wie die Theologie.

102.

Den anthropomorphen Kreaturen fällt es unverkennbar schwer, auf menschliche Weise


einsichtig und verständnisvoll zu sein. Sie können einfach nicht verstehen und akzeptieren,
daß jemand eine andere Meinung vertritt, als sie selbst.

103.

Jeder Mensch wird gemäß seiner eigenen Unzulänglichkeit und Mittelmäßigkeit unglücklich.
i
Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben
ii
Im Dienst am Vaterland werde ich aufgezehrt

© Kain von Spreewinkl - 23 -


104.

Wahrheit ist für die meisten Menschen nur ein dankbares Wort, mit dem sie ihre alltäglichen
Lügen deklarieren.

105.

Für die Menschlichkeit wäre es sicherlich besser gewesen, wenn die anthropomorphen
Kreaturen die Götter nie erfunden hätten.

106.

Eine interessante existentialistische Frage: wie hätte man sich weiland entschieden, wenn man
seine eigene Geburt hätte verweigern können (– mit dem deprimierend-unheilvollen Wissen,
was einen in der Welt erwartet)? quidquid agis, prudenter agas et respice finemi – die Erde
wäre wohl viel leerer…

107.

Ich betrachte mich als einen externen Beobachter des irdischen Alltags. Es ängstigt mich,
irgendwo ‚dazugehören’ zu müssen; und ich möchte kein angepaßtes, nahtlos integriertes
Teilchen von etwas sein – weder aktiv noch passiv –, dem ich nicht uneingeschränkt
zustimmen kann.

108.

Die anthropomorphen Kreaturen sind als Tiere zu human und als Menschen zu animalisch; sie
präsentieren sich als dunkle, undefinierbare Hybridwesen – nicht Fisch, nicht Fleisch.

109.

Es gibt nur eines, worauf man im Umgang mit Menschen wirklich vertrauen kann, nämlich,
daß man ihnen nicht vertrauen kann.

110.

Religiöser Extremismus ist ein untrügliches Zeichen von un- bzw. halbgebildeter
Unwissenheit bei leicht manipulierbaren Zeitgenossen.

111.

Was wäre geschehen, wenn die Menschheit, bzw. der homo sapiens, nicht vor etwa
zehntausend Jahren, nach der letzten Eiszeit, seßhaft geworden wäre? Und sich überdies
Ackerbau und Viehzucht nicht erschlossen hätte? Wir würden wahrscheinlich immer noch im
harmonischen Einklang mit der Natur als steinzeitliche Jäger und Sammler durch die leidlich
gefährlichen, jedoch artenreichen und industriell unberührten Urwälder streifen; genauso, wie
die letzten Jahrhunderttausende zuvor auch schon. Das ist das verlorene Paradies, die
entschwundene ungebundene Autonomie – und die Sünde der Zivilisation…
i
Was du auch tust, tue es klug und bedenke den Ausgang

© Kain von Spreewinkl - 24 -


112.

Glauben ist populär, Unglauben elitär. Dem einen sein Glauben ist dem anderen sein
Aberglauben. Und so sind alle religiös aktiven Individuen im Prinzip orthodoxe Häretiker.
Ein wahrlich schizophrener Zustand…

113.

Die Religionen, respektive deren mystisch infizierte Anhänger, sollten endlich mit der
unglückseligen Manie aufhören, ihre diversen heiligen Schriften nach Art der Kabbalisten
exzessiv umzudeuten, scham- wie rücksichtslos zu entkleiden und restlos zu zerpflücken
(Gabriel Laub protokollierte: „Die Dogmatiker sind sonderbare Hyänen. Sie nähren sich vom
Aas der Gedanken, die sie selbst getötet haben.“). Ein antiker, simpler Text, der, je nach
entsprechend ideologisch intendierter Interpretation und Modifikation, einfach alles
auszusagen vermag, offenbart am spirituell ausgebrannten Ende überhaupt nichts mehr (nihil
probat, qui nimium probati); und was aus solch überschießendem Wildwuchs an partiell sogar
kontradiktorischen Exegesen entstehen kann, ist für jeden interessierten Menschen an der
zeitlosen religiös-fundamentalistisch motivierten Extremismuslage zu bemerken. Ob
Wortspielereien, Buchstabenmagie oder Zahlenmystik – mit einer profunden Kenntnis der
mythologischen Materie und der hierzu nötigen Intention kann selbst eine profane
Einkaufsliste – oder jedes andere beschriebene Stück Papier – zu einer numinosen
Prophezeiung oder einer geheimen göttlichen Offenbarung sakriert werden. Auch ist es immer
wieder erstaunlich, daß selbst ein freundlich-mitfühlendes ‚du sollst nicht töten’ von den
kreativen Schriftgelehrten völlig antagonistisch als ein aggressiv-inhumanes ‚gehe hin und
töte’ ausgelegt werden kann – und sie beharren sogar auf der abwegigen Meinung, triftige
Gründe für diesen verbalisierten Schwachsinn anbieten zu können! Phantasievolle Leute,
diese ‚göttlich’ inspirierten Hermeneutiker…

114.

An manchen Tagen weiß man schon während des Aufwachens, daß es ein schlechter wird;
einer, an dem alles, was man anfängt, fehlschlägt und auf ein exorbitant katastrophales
Desaster hinausläuft. Das ist dann aber auch das erste und einzige mal, daß man an solchen
Tagen recht behält. Man sollte sie überspringen oder ausklammern können.

115.

Warum ist die Menschheit so unmenschlich?

116.

Was haben die angeblich so ‚wilden’ Tiere den angeblich so ‚zivilisierten’ Menschen voraus?
Tiere sind ehrlich, fürsorglich, ohne Vorurteile, nicht nachtragend und (zumeist) nicht
grundlos aggressiv, außerdem bringen sie sich nicht laufend wegen irgendwelcher
kleinkarierten ideologischen Differenzen gegenseitig um. Das zeigt klar und anschaulich:
Tiere sind per se menschlicher als die meisten Menschen. Aber anstatt demütig von ihnen zu
lernen, rotten wir sie lieber aus. Denn der Mensch findet es schlechterdings unerträglich, von
angeblich niederen Kreaturen in Sachen Humanität ständig vorgeführt und mit einer grazilen,
natürlichen Leichtigkeit überflügelt zu werden, schließlich will er mit aller Gewalt die ‚Krone
i
Nichts beweist, wer zuviel beweist

© Kain von Spreewinkl - 25 -


der Schöpfung’ sein. Sein imaginärer, selbstkonstruierter Gott hat ihn doch ausdrücklich dazu
bestimmt?

117.

Wenn es wirklich einen Gott gäbe, hätte er schon längst die einzig wahre und richtige
Konsequenz aus dem fehlgeschlagenen Schöpfungsexperiment gezogen und die insuffiziente,
charakterlose Menschheit vollständig vernichtet.

118.

Die dummdreiste, intolerante Ignoranz ist das schärfste Schwert der Menschheit – und wer
mit dem Schwert spielt, wird durch dieses umkommen.

119.

Warum ich so negativ, pessimistisch, zynisch und zersetzend defaitistisch schreibe? Terenz
weiß die Antwort: homo sum, humani nihil a me alienum putoi. Auch Wesley Snipes alias
Blade erwidert im Film Blade: Trinity2 auf die Frage, warum er nicht einfach nett sein könne:
„Weil die Welt nicht nett ist.“ Und Juvenal notierte lakonisch: facit indignatio versumii. Wo
kein Mißstand, da keine Kritik…

120.

Die Natur war schon immer hart und grausam, doch dann kam der Mensch…

121.

Was haben Götter und Dämonen gemeinsam? Sie entstammen alle der kranken Phantasie
metaphysisch verwirrter Menschen.

122.

Ideologische und religiöse Märtyrer sind gut, weil tot. So können sie wenigstens keinen
weiteren Schaden mehr anrichten.

123.

Märtyrer gibt es nicht, nur besserwisserische, obstinate Mikrologen mit latentem Hang zur
Selbstzerstörung.

124.

Warum müssen die Menschen an irrationale Religionen glauben – reicht ihnen die harte
Realität nicht? Oder ist es wegen derselben: eine Art von psychedelischer Realitätsflucht?

125.

i
Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd
ii
Die Entrüstung macht den Vers

© Kain von Spreewinkl - 26 -


Wenn tatsächlich extraterrestrische Intelligenzen den Planeten Erde beobachteten, wie würden
sie den Menschen in seiner ganzen mikrologischen Einfalt sehen? Als erstaunliches,
intergalaktisches Kuriosum, das sich selbst der ärgste Feind ist? Vielleicht sind wir die
realsatirische Belustigung, die burleske Slapstick-Lachnummer eines ganzen Universums –
der preisgekrönte Dauerbrenner auf dem interstellaren Komödienkanal…

126.

Nietzsche, der Optimist, sah als hehren Nachfolger des Menschen den ‚höheren Menschen’ –
doch wie soll der aussehen? Noch kleingeistiger, noch aggressiver, noch destruktiver – noch
unnötiger? Auch Kraus erkannte eindeutig: „Der Übermensch ist ein verfrühtes Ideal, das den
Menschen voraussetzt.“ Das heißt, zuerst müssen die anthropomorphen Kreaturen
vermenschlichen, bevor man weiterdenken und eine eventuelle Erhöhung implizieren kann.
Doch selbst dazu fehlen gegenwärtig noch die fundamentalsten Prämissen…

127.

Würde sich jeder Mensch schlagartig seiner wahren Bedeutung im Universum bewußt,
nämlich: daß er absolut keine hat – unsere Welt wäre ex abrupto eine friedlichere; aber zu
erwarten ist das nicht.

128.

Jede transzendente Ideologie kann bezweifelt werden, und je metaphysischer, desto mehr. Am
zweifelhaftesten ist die Religion, doch gerade sie wird rigoros ernst genommen und fordert
dadurch die meisten sinnlosen Opfer unter den Menschen. Das Unbeweisbare ist das
Tödlichste.

129.

Schon die Erlernung des aufrechten Gangs war ein Fehler. Wir hätten damals auf den Bäumen
bleiben sollen!

130.

extra ecclesiam nulla salusi, behauptet die römisch-katholische Kirche seit Cyprian von
Karthago. Tatsächlich ist das Gegenteil richtig, denn es kann für den Menschen nicht gut sein,
sich einer morbiden Schwelgerei und dem krankhaften Suhlen in degenerierten,
nekrotisierenden, schon im Verwesen begriffenen religiösen Ideologien hinzugeben.

131.

Waren Neandertaler die besseren Menschen? Wahrscheinlich schon – schließlich sind sie
schon ausgestorben. Wir haben das noch vor uns…

132.

Das Leben auf Erden wäre aushaltbarer, wenn die Menschen nicht wären; zumindest die
überwiegende Mehrheit dieser insuffizienten Spezies – es würde weder auffallen noch ein
bedauernswerter Verlust sein.
i
Außerhalb der Kirche ist kein Heil

© Kain von Spreewinkl - 27 -


133.

Menschheit und Intelligenz sind zwei diametrale Faktoren, die sich im Prinzip gegenseitig
ausschließen – zumindest gegenwärtig (bzw. seit Beginn der biologischen Menschwerdung
bis in unsere apokalyptische Zeit). Je empfindsamer und erkennender ein Individuum ist, um
so weniger wohl fühlt es sich unter den anthropomorphen Kreaturen.

134.

Das menschliche Selbstbewußtsein, bzw. dessen maßlos übersteigerte Egozentrik und Hybris,
war eine der größten und unnötigsten Fehlleistungen der unglücklicherweise
experimentierfreudigen Natur.

135.

Das Gehirn des Menschen ist in der Lage, mehr zu leisten als der rechenstärkste Computer
(zumindest im Moment noch) – warum wird es so wenig benutzt? Denn leider hat die
überwiegende Mehrheit der Erdbevölkerung ihren Schädel nur, damit sie ihre
unterschiedlichen Kopfbedeckungen nicht in der Hand tragen muß.

136.

Die meisten Menschen benutzen ihren religiösen Glauben nur als billige Ausrede für ihre
eigenen mentalen und psychosozialen Unzulänglichkeiten. Krasses, aber augenfälliges
Beispiel: Wären fundamentalistische Selbstmordattentäter keine profilneurotischen
Verlierertypen oder verkrachte Marginalexistenzen, sie wären nicht zu Selbstmordattentätern
geworden.

137.

Und was haben sie zu Weihnachten bekommen? – Ein Magengeschwür…

138.

Die nutzloseste, suppressivste, unmenschlichste (im treffendsten Sinn dieses Wortes) und
tödlichste Erfindung der selbstzerstörerischen Menschheit waren die perniziösen Religionen
samt ihrer unheiligen Götter – brauchbar nur zur kontrollierten Unterdrückung der
Bevölkerung, Aufrecherhaltung von artifiziellen Feindbildern und zur bornierten
Kriegstreiberei.

139.

Möge das sinn- und nutzlose Menschengeschlecht, welche so wenig Menschliches an wie in
sich hat, exhaustiv und unverweilt untergehen – denn was hat es in seiner impertinenten
Existenz schon Großartiges vollbracht, außer den gequälten Planeten rücksichtslos
auszubeuten und langsam aber sicher unbewohnbar zu machen? Ach ja, noch etwas kann die
destruktive Menschheit: wehrlose Tier- und Pflanzenarten ausrotten, von denen jede einzelne
wertvoller ist, als der beste Mensch.

140.

© Kain von Spreewinkl - 28 -


Buddha lehrte, das Leben sei Leiden (Herodot von Halikarnassos – der etwa ein Jahr vor dem
Tod des Siddhartha Gautama Shakyamuni geboren wurde – hingegen war der konträren
Ansicht, παθήματα μαθήματαi, präziser formuliert, τά δέ μοι παθήματα έόντα άχάριτα
μαθήματα γέγονεii, doch das ist eine ganz andere Geschichte), und man solle sich von all den
Zwängen und Begierden der eitlen Welt befreien, wenn man die Erlösung und den ewigen
Frieden erlangen möchte. Er hat gut reden; in seinen Breitengraden mag das noch
einigermaßen funktionieren (von wegen der Welt entsagen und bettelnd und predigend
umherziehen), doch mit einer solchen spartanischen, fast asozialen Lebensweise wird man
hier in Europa kein freundlich verehrter Heiliger, sondern ein mißachteter, unerwünschter
Penner und gesellschaftlicher Paria, wenn man nicht sogar wegen Landstreicherei verhaftet
oder wegen diverser geistiger Belange in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen wird. Die
Alte Welt mutierte zu einem harten Pflaster für potentielle Heilige…

141.

Die Ewigkeit und die Unsterblichkeit sind gleichermaßen leer und langweilig – sonderlich
erstere, wenn sie im trostlosen Plural in Erscheinung tritt.

142.

Unerfüllte und unerfüllbare Begehrlichkeiten sind kleine Tode auf dem Weg zur endgültigen
Auflösung.

143.

Demoralisierte Menschen, welche die deprimierend richtungslose gesellschaftliche Genese


durchschaut haben, bräuchten ein ideologiefreies territoriales Refugium (– ‚die Ideologie
hierbei ist, keine zu haben’ –), in das sie sich physisch zurückziehen können, wenn sie mit
dem niederschmetternden Rest der unzulänglichen, gänzlich mit torpiden, mehr oder minder
anthropomorphen Kreaturen kontaminierten Welt nicht mehr leben können und nicht mehr
einverstanden sind. Alternativ gibt es gegenwärtig nur die geistige Dekomposition und die
körperliche Putrefaktion, also die aktive Selbstannullierung.

144.

Die Menschheit ist der Strick der Evolution, der zersetzende Ausschuß einer nie göttlich
gewesenen Schöpfung.

145.

Ich bin nicht pessimistisch. Ich hoffe zuversichtlich auf die desinfizierende
Selbstreinigungskraft der traumatisierten Erde, welche die defizitären humanoiden Parasiten
in toto hinwegspült.

146.

Ein Loch in der Raumzeit – und da hineinfallen…

i
Leiden sind Lehren
ii
Meine Leiden, so unerfreulich sie waren, sind mir zu Lehren geworden

© Kain von Spreewinkl - 29 -


147.

Die Menschen hören das Eis klirren, wenn ich vorübergehe… oder, wie E.M. Cioran es
treffend formulierte: „Wo ich vorbeikomme, sinken die Hoffnungen in Schlaf, verkümmern
die Blumen, wanken die Instinkte: alles hört auf zu wollen, alles bereut, je gewollt zu haben.
Ein jedes Wesen raunt mir zu: ‚Ich wünschte, ein anderer lebte mein Leben, sei es Gott, sei es
die Wegschnecke. Ich sehne mich nach einem Willen zur Untätigkeit, nach einer noch
unausgelösten Unendlichkeit, nach einer ekstatischen Atonie der Elemente, nach einem
sonnenüberglühten Winterschlaf, der alles erstarren ließe, vom Schwein bis zur Libelle…’3“

148.

Manchmal möchte ich das ganze Leid der Welt auf mich nehmen und damit Zugrundegehen.
Doch dann erhebt sich in mir die Frage: lohnt das überhaupt?

149.

Die mehr als zehntausendjährige Zivilisationsgeschichte der Menschheit lehrt: Religionen


kommen, blühen auf, haben ihre Glanzzeit, degenerieren und vergehen – manche überdauern
ein wenig länger oder erscheinen intermittierend, werden vielleicht zu einer Weltreligion,
einige erfahren eine kurzfristige, flächenbrandartige Verbreitung, andere wiederum
verschwinden ziemlich bald schon wieder von der turbulenten Bühne des spirituellen
Weltgeschehens. Das war bis heute so, und das wird auch weiterhin so bleiben. Nicht
beweisbare Mutmaßungen und irrationale Behauptungen halten sich eben nicht ewig, und
noch nie erschien realiter irgendwo in der Welt ein Gott oder eine andere höhere Wesenheit
und hat auf diese eindrucksvolle Weise den Wahrheitsgehalt einer arbiträren
Glaubensrichtung bestätigt. Diese übersinnlichen Visionen und Schimären manifestieren sich
höchstens bei irgendwelchen fanatisch-orthodoxen Schwärmern im gottgefälligen Delirium –
oder im Drogenrausch –, die unter ‚normalen’ Umständen schon längst sediert und isoliert in
einer psychiatrischen Heilanstalt säßen. Dementsprechend sollte man diese frommen
Legenden, sakralen Fiktionen und rein hypothetischen Vermutungen nicht als unumstößliche,
infallible, alleinseligmachende Tatsachen und Dogmen betrachten, und auch nicht, wie schon
so oft geschehen, als universell einsetzbare Mord- und Kriegsmotive verwenden. Es gibt so
viele Religionen und Glaubenssysteme (mit Myriaden von Göttern oder ähnlichgearteten
Gestalten), und alle insistieren sie mit z.T. bösartigem, gewalttätigem Nachdruck darauf,
uneingeschränkt recht zu haben (und zu behalten). Doch die Menschen sollten sich bei
irdisch-profanen Fragen mehr an naturwissenschaftlich abgesicherte Realitäten halten, als sich
ständig und im ekstatisch verzückten Geiste in illusorisch-transzendenten Phantasmagorien zu
wälzen und irgendwelchen hochspekulativen mythologischen Trugbildern nachzuhängen.
Ohne religiös fundierte Anschauungen und den permanenten, leider zwangsläufig daraus
resultierenden ideologischen Auseinandersetzungen wäre die menschliche Geschichte mit
Sicherheit nicht so unmenschlich, grausam und blutig, wie sie es eben ist. Man betrachte hier
nur die christlichen Kreuzzüge oder die mediävalen Hexenverfolgungen; tantum religio potuit
suadere malorumi – und all das im geheiligten Namen des ominös-numinosen
Unbeweisbaren.

150.

i
So viel Übles hat die Religion anzuraten vermocht

© Kain von Spreewinkl - 30 -


Horaz schrieb in seinem römischen Optimismus: nemo adeo ferus est, ut non mitescere
possitii. Kannte er den Menschen nicht?

151.

Eine eigene religiöse Überzeugung sollte dem Menschen, wie Waffenschein, Horrorvideos
und Spirituosen, erst ab der Volljährigkeit erlaubt sein.

152.

Tiere sind die besseren Menschen – Menschen sind die schlimmsten Tiere.

153.

Wir sollten dem Krieg den Krieg erklären – einen erbarmungslosen bellum internecinumii bis
zum irenischen Ende….

154.

Das Universum ist so gigantisch und unermeßlich groß – warum mußte ich gerade hier
stranden, auf einem irrelevanten Planeten voll mit enervierenden, unbedeutenden
anthropomorphen Kreaturen?

155.

Unangebrachter Zweifel ist der vorzeitige Tod jedes möglichen Erfolges.

156.

Fundamentalistische Extremisten haben sich so weit von der irdischen Realität entfernt, daß
sie nur noch sich selbst sehen – adversus omnes alios hostile odiumiii.

157.

Einer meiner ehemaligen Mentoren war in seinem odium hominumiv äußerst liberal und
unvoreingenommen, und er kategorisierte niemanden – jeder war willkommen und konnte zu
ihm gehen, um sich von ihm verunglimpfen und medisieren zu lassen.

158.

Die meisten Ideologien können nach einer kurzen Zeit der allgemeinen Euphorie den
Wahrheitsgehalt ihrer angepriesenen Ideen – und somit ihr elementares Existenzrecht – nur
mit brutaler Waffengewalt und geistiger Unterdrückung aufrechterhalten.

159.

ii
Niemand ist so sehr wild, daß er nicht erweicht werden könnte
ii
Vernichtungskrieg
iii
Gegen alle anderen feindlicher Haß
iv
Menschenhaß

© Kain von Spreewinkl - 31 -


Gibt es etwas auf der Erde oder in unserem Sonnensystem, das positiv und erfreulich ist?
Nicht unbedingt – doch zumindest ist es ein beruhigendes Gefühl, daß einfach alles einmal zu
Ende geht.

160.

Manch monotheistische Religion würden sich gerne die Namens- bzw. Markenrechte an Gott
sichern, wenn sie es denn könnten.

161.

Wenn sich schon Firmen Teile bzw. genetische Bausteine des Lebens und diverse synthetisch
konstruierte Tiergattungen patentieren lassen können, kann man sich dann auch Arten des
Todes rechtlich schützen lassen?

162.

Ist es der Tod wert, daß man das ganze Leben auf ihn wartet?

163.

Wer tatsächlich in physischer Gewaltanwendung Erfüllung und Befriedigung findet, verdient


es nicht, Mensch genannt zu werden.

164.

Die Epikureer mit ihrem sympathischen Agnostizismus hatten eine angenehme Gottessicht:
Götter kann es geben, oder auch nicht; doch wenn es Götter gibt, kümmern sie sich nicht um
uns, also brauchen auch wir uns nicht um sie zu kümmern. Ebenso sollten die Menschen heute
mit ihrer Religion verfahren: glauben kann man, muß man aber nicht; doch wer schon
unbedingt einen Glauben haben muß, sollte auch Un- bzw. Andersgläubige akzeptieren,
respektieren und tolerieren – denn keiner kann ernsthaft behaupten zu wissen, welche der
vielen dargebotenen metaphysischen Ideologien richtig, falsch oder irgendwo dazwischen
liegt.

165.

Auch der sakrale Terminus heilig ist in der heutigen Zeit anachronistischer Ballast der
menschlichen Historiographie.

166.

Ein altes Sprichwort besagt, homo sine religione sicut equus sine frenoi. Andere hingegen
meinen, homo sine religione sicut piscis sine birotaii.

167.

Ethik braucht keine Religion, aber Religionen brauchen Ethik (doch man sieht ja, was
teilweise von diesen daraus gemacht wurde).
i
Ein Mensch ohne Religion ist wie ein Pferd ohne Zügel
ii
Ein Mensch ohne Religion ist wie ein Fisch ohne Fahrrad

© Kain von Spreewinkl - 32 -


168.

Die gegenwärtig verfügbare Menschheit ist zweifellos zu schwach im Geiste, als daß sich in
näherer Zukunft noch irgend etwas zum Besseren wenden würde – es regiert der spirituelle
status quo (nur die Exploitationsmethoden der Religions-, Staats- und Wirtschaftsführenden
verbessern und verfeinern sich).

169.

Die metaphysische Annahme einer postmortalen Metempsychose impliziert eine fest


vorgegebene, invariable Anzahl von Seelen, welche jedoch den tatsächlichen biologischen
Populationen und deren gewaltigen internen und/oder korrelativen Fluktuationen widerspricht
(wobei es auch völlig irrelevant ist, ob diese selektiert betrachtet werden oder nicht). Als
Ausnahme präsentiert sich die buddhistische Reinkarnation, da der Buddhismus die Existenz
einer individuellen Seele negiert; hier werden nur die mentalen Tendenzen neu kombiniert,
um ein weiteres mal einen Lebenszyklus auf dem langen Weg ins Nirwana zu durchlaufen.

170.

Die fundamentale und omnipräsente Insuffizienz der anthropomorphen Kreaturen macht mich
vomieren!

171.

Physische Gewalt beginnt, wo Erkenntnisvermögen und Intelligenz enden – und bei der
unglaublich hohen Zahl an opferreichen Kriegen, Revolutionen, Anschlägen, Morden und
anderen sinnlos-brutalen Gewalttätigkeiten auf dieser blutbesudelten Welt wird nur zu
offensichtlich, was die vielen humanitär unzulänglichen Gestalten, die ahasverisch den
Planeten Erde verseuchen, in ihren sogenannten Köpfen haben.

172.

Was besagt eigentlich der religiös generierte terminus technicus ‚Glaubenswahrheit’? Er


indiziert die – willkürlich zu einer solchen deklarierten – universelle Richtigkeit einer
arbiträren extraempirischen Annahme, eventuell sogar wider der objektiven Realität und
besseren Wissens. Im Prinzip, bzw. im direkten, wesentlichen Sinne des Wortes jedoch,
bedeutet er nichts – er erweist sich lediglich als eine in sich widersprüchliche Wortschöpfung,
kreativ kreiert aus dem phantasievollen Reich der sakralen Transzendenz. Denn schließlich
gilt: entweder konkrete Faktizität (Wahrheit), oder eben nicht (Glauben). Ein ‚ich glaube, daß
es wahr ist’ überzeugt nicht unbedingt – und kann es auch gar nicht: der Glaube per se ist
nichtverifizierbare Metaphysik, die Wahrheit hingegen logisch wie rational explizierbar, d.h.
eine Glaubenswahrheit entspricht einer Möglichkeitstatsache (man kann auch an die Wahrheit
glauben, doch das ist etwas völlig anderes).

173.

Die spirituelle Diarrhoe der einen (Majorität) effiziert das intellektuelle Vomieren der anderen
(Minorität).

174.

© Kain von Spreewinkl - 33 -


Wer mit Kritik – sei sie nun berechtigt oder nicht – nicht diszipliniert und konstruktiv
umgehen kann, sollte mit seiner Meinung auch nicht an die Öffentlichkeit treten. Einfach
einmal den Mund halten, wenn man nichts zu sagen hat – dann braucht man sich auch nicht
über etwaige Kritiker echauffieren.

175.

Das apriorische Urwissen des sogenannten Menschen um Gut und Böse (i.e. der
humanistische Standpunkt ‚behandle jeden in der Weise, in der du selbst behandelt werden
möchtest’) wurde in seiner gewalttätigen und blutrünstigen Historiographie
bedauerlicherweise viel zu wenig zur gelebten Realität. Es wurde leider nie zu einer
apriorischen Verhaltensweise (woran auch die inferiore Intelligenz eine nicht geringe
Teilschuld trägt). Und so verharren wir seit Tausenden von Jahren im unzulänglichen Stadium
der anthropomorphen Kreaturen, denn für das Prädikat ‚Mensch’ sind wir schlicht noch nicht
reif genug.

176.

Physische Gewalt ist die inakzeptabelste und primitivste Meinungsäußerung, zu der ein
sogenannter Mensch fähig ist – die angebliche ‚Krone der Schöpfung’ (– ein Lacher, wenn es
nicht so traurig wäre –) sollte es eigentlich besser wissen; homo sapiens? – wirklich nicht! –
eher noch homo stupidus, homo irrationalis oder homo brutalis (am ehesten wohl eine krude,
ungesunde Mischung aus diesen dreien – ein mikrologischer, destruktiver Wechselbalg, ein
ganz und gar überflüssiges Experiment der Natur, das dummerweise überlebte und sukzessive
die Welt überwucherte). Diese kontinuierlichen aggressiven Ausbrüche stellen uns sogar
einige Stufen unter die meisten Tiere, da diese nie aus intendierter, purer Bösartigkeit (oder
ideologischer Borniertheit) handeln bzw. töten, ausschließlich zum Nahrungserwerb und zur
Verteidigung. Wir sollten ihnen die von uns schon ziemlich ruinierte Erde überlassen
angesichts unserer kapitalen Unwürdigkeit – wir sind in unserer ganzen zersetzenden,
konsensunfähigen Existenz nicht menschlich genug –, und so schnell und spurlos wie möglich
aussterben.

177.

Ein Flimmerskotom lehrt das Sehen mit geschlossenen Augen.

178.

Ohne die metaphysisch-synthetische Vorstellung einer persönlich zugeordneten unsterblichen


Seele und eines postmortalen, jenseitigen Weiterlebens hätten viele Religionen – und das
ohne den geringsten Unterschied, ob atheistisch, monotheistisch oder polytheistisch fundiert –
ihre wichtigste, die zentrale Existenzgrundlage ihrer spirituellen Botschaft verloren. Auf
Grund der gewaltigen menschlichen Egozentrik (‚Ich bin doch so wichtig, da kann mit
meinem Tod nicht alles vorbei sein’) wird dieser sinnlose Zustand jedoch auch künftig nur
grob oszillieren und nie gänzlich verschwinden – worauf soll ein Individuum denn sonst
hoffen, wenn nicht auf das nächste Leben? Die Menschen sind so unglaublich einfallslos in
manchen Dingen…

179.

© Kain von Spreewinkl - 34 -


Seit der Zeit, in der die Menschheit eine Schrift entwickelte, schreiben friedfertige Menschen
gegen den Krieg. So erkannte Silius Italicus vor knapp zwei Jahrtausenden: pax una
triumphis innumeris potiori, außerdem schrieb er: pax optima rerumii. Die Tragik dieser
Schriftsteller: sie werden zwar gelesen, ab und an gelobt, aber niemand richtet sich nach
ihnen.

180.

04. August 2006: Die amerikanische Sängerin Madonna hat sich in Rom (Italien) im Rahmen
ihrer Confessions-Tour aufmerksamkeitsheischend an ein Kreuz hängen lassen. Im Prinzip
nichts besonderes, doch für Kardinal Ersilio Tonini war das eine provokatorische,
blasphemische Herausforderung des Glaubens, eine unzulässige Profanisierung des Kreuzes.
„Sich in der Stadt der Päpste und der Märtyrer kreuzigen zu lassen, ist ein Akt der offenen
Feindseligkeit“, zitiert die italienische Tageszeitung La Stampa den Kardinal, der die
Exkommunikation der Sängerin fordert. Dies zeigt wieder einmal eindrucksvoll, wie die
römisch-katholische Kirche historische Tatsachen verdrehen kann, denn das Kreuz war
ursprünglich ein grausames römisches Folter- und Hinrichtungsinstrument, an dem Tausende
qualvoll ihr Leben lassen mußten. Es war von Anfang an ein kolossaler Fehler des
Katholizismus, ein solch barbarisches Marterwerkzeug überhaupt in den Stand der Heiligkeit
zu versetzen. Genauso abstrus wäre es, würde eine neuzeitliche Sekte ihren erhängten
Anführer durch Sakrierung des Galgens verehren.

181.

Frage: Wie läßt sich eine friedliche, lebenswerte Welt ohne Gewalt, Krieg und Militär
erreichen? Die deprimierende Antwort: gar nicht – die anthropomorphen Kreaturen sind
schlicht zu dumm, egoistisch und primitiv dafür. Erst nach dem zu erwartenden Omnizid, d.h.
nachdem sich die insuffiziente Menschheit vollständig vernichtet und ausgerottet hat, wird die
Welt eine irenische.

182.

Die Kirchen thematisieren nicht die vorgebrachten Kritiken, sie anathematisieren die
monierenden Kritiker!

183.

Manchen katholischen Heiligen kann man eine gewisse schwarzhumorige Ironie bezüglich
ihrer individuellen Zuweisung als Schutzpatron oder Nothelfer nicht absprechen. So wurde
beispielshalber der Apostel Bartholomäus, genauso wie Jesus schon vor ihm, von seinen
Widersachern gekreuzigt – jedoch erst, nachdem man ihm lege artis und bei lebendigem
Leibe die Haut abgezogen hatte. Seither gilt er für gläubige Katholiken als prädestinierter
Schutzheiliger für Gerber, Lederverarbeiter und Metzger, des weiteren wird er bei den
verschiedensten Hautkrankheiten um Hilfe angerufen. Oder nehmen wir den heiligen
Pantaleon, weiland Leibarzt des römischen Kaisers Maximian: ihm wurde beim Versuch, ihn
anläßlich seiner fortgesetzten Missionierungsversuche zu enthaupten, durch das
Henkersschwert der Schädel gespalten. Seitdem flehen ihn die Gläubigen u.a. bei
Kopfschmerzen um Beistand an – kalkulierter Klerikalsarkasmus?

i
Ein Friede geht über unzählige Triumphe
ii
Frieden ist das beste aller Dinge

© Kain von Spreewinkl - 35 -


184.

An manch deprimierenden Tagen erweist sich jedes gesprochene Wort als nichtig,
unangemessen oder falsch, respektive wird vom aktiv mißgestimmten Adressaten a priori
äußerst negativ aufgefaßt. Zu solch kommunikationsdefizitären Zeiten der intendierten
Fehlinterpretation und der interindividuellen Angespanntheit, in denen das gefährlich
knisternde, emotionsgeladene Aggressionspotential fast greifbar in der unheilschwangeren
Luft liegt, sollte man, im Sinne einer friedlich harmonisierenden Deeskalation, einfach einmal
schweigen und Ruhe geben – denn silentium aurum esti. Allein, die meisten Menschen
können nicht anders und referieren wie radotieren trotzdem unermüdlich und ohne Rücksicht
auf Verluste munter weiter (denn dumm daherreden können sie alle) – woraus schließlich die
kleinlichen, unnötigen, unerquicklichen Sozialkonflikte und zwischenmenschlichen
Mißverständnisse des Alltags entstehen.

185.

Das spirituelle Potential der Menschheit wäre im Prinzip gut, nur der Mensch, respektive das,
was sich Mensch nennt, ist es nicht.

186.

Die wohlbekannte, oft verwendete und äußerst dramatisch anmutende Sentenz ‚ein Buch ist
eine Waffe’ ist m.E. ziemlich verfehlt (außer man wirft es), denn letzten Endes wird niemand
gezwungen, bzw. kann gezwungen werden, ein bestimmtes Buch gegen seinen Willen zu
lesen.

187.

Die misanthropische, bösartig-hinterhältige Feigheit pseudoreligiös-fundamentalistischer


Terroristen und Selbstmordattentäter ist augenfällig daran zu erkennen, daß sie beinahe
ausschließlich unbeteiligte, ahnungslose und unbewaffnete Zivilisten – inklusive Frauen und
Kinder – angreifen und niedermetzeln. Und solche ehrlosen, abartigen Unmenschlichkeiten
sollen ein gottgefälliges Werk sein? Blasphemistischer Nonsens! – seit wann ist Gott ein
gewaltbereiter Terroristenführer oder Kopf einer frevlerischen Mörderbande? Im Prinzip zeigt
sich in diesen höchst pathologischen, rein kriminellen Aktivitäten einzig und allein die
ausgeprägt imbezile Schwachsinnigkeit dieser radikal-idiotischen Glaubenspervertierten –
anthropomorphe Kreaturen, deren asoziales, unwürdiges Dasein jeglicher menschlichen
Existenzberechtigung entbehrt.

188.

Nichts auf der Welt ist umsonst – nur vergebens…

189.

Es verwundert nicht, daß die Welt ist, wie sie ist, wenn die meisten Menschen nicht einmal in
der Lage sind, ohne größere Probleme mit einem Aufzug zu fahren.

190.

i
Schweigen ist Gold

© Kain von Spreewinkl - 36 -


Pseudoreligiös fundamentalisierte Attentäter und Terroristen wollen immer gleich einen als
religionskritisch oder freigeistig erkannten Publizisten ermorden (bzw. deren geistig luxierter
spiritus rector lobt ein Kopfgeld für diese gottlose Tat aus) und setzen in der Folge alles
daran, ihr aggressives, paganes, rein kriminelles Vorhaben in die Tat umzusetzen – Tod dem
bösen Ungläubigen! Nur sehen sie in ihrer eindimensionalen und unidirektionalen
Betrachtungsweise nicht, daß sie mit dieser intelligenzfreien Gebarung dem ach! so verhaßten
Kritiker zu einhundert Prozent Recht geben – von der daraus folgenden unverhofften
Publicity für die Werke des betroffenen Autors ganz zu schweigen. Viele unbekannte
Arbeiten von vordem weitgehend unbeachteten Literaten wurden erst durch solche – im
Endeffekt für die konfessionellen Meuchelmörder kontraproduktiven – blutrünstigen
Aktionen einer breiteren Öffentlichkeit bekanntgemacht. Hätten die orthodoxen Extremisten
einfach nichts unternommen, die als despektierlich erachteten Manuskripte des mißfälligen
Verfassers wären höchstwahrscheinlich sang- und klanglos in der gewaltigen Medienflut der
Gegenwart untergegangen…

191.

Die im Katholizismus immer noch oft und gern praktizierte Verehrung diverser
Heiligenreliquien wirkt in unserer heutigen Zeit ein wenig befremdlich und grotesk, wenn
man sich die zahlreichen weltweit adorierten körperlichen Überreste exemplifikatorisch ad
oculos demonstriert. Demnach müssen viele der Sanktifizierten mindestens fünf Hände,
dreißig Finger und acht Köpfe mit einigen hundert Zähnen gehabt haben. Das erscheint dann
doch ein wenig unglaubwürdig (oder ist gerade das das Zeichen ihrer Heiligkeit?). Und schon
Erasmus von Rotterdam vertrat vor einem halben Jahrtausend die Auffassung, daß die
allenthalben aufbewahrten Splitter des heiligen Kreuzes ausreichen würden, um daraus ein
ganzes Schiff zu zimmern…

192.

Kein Mensch braucht Märtyrer – nur Ideologien brauchen Märtyrer, und zwar einzig und
allein, um sie in ihrem Sinne als effektvolles, nachahmenswertes Anschauungsmaterial
auszuschlachten.

193.

Warum wird bei Blasphemieprozessen der Betroffene nicht in den Zeugenstand gerufen?

194.

Wissen induziert Depression – Nichtwissen effiziert Euthymie. beati pauperes spiritu…i

195.

Ich möchte mit meinen kritischen Schriften niemandem seine persönlich präferierte religiöse
Ideologie abspenstig machen – soll doch jeder glauben, was er will. Nur soll er nicht
verbissen auf deren absolute, unumstößliche Richtigkeit beharren und aggressiv wie penetrant
versuchen, andere ungefragt davon zu überzeugen, denn wirklich bewiesen wurde bis dato
definitiv keine einzige. Auch ein frommer Spruch wie: ‚Der christliche (oder irgendein
anderer) Glaube muß generell und uneingeschränkt wahr sein, schließlich existiert er schon
seit 2.000 Jahren, und was so lange all die grotesken Wirren der Zivilisationsgeschichte
i
Glücklich sind die geistig Armen

© Kain von Spreewinkl - 37 -


überlebt, muß de facto als richtig erachtet werden’ ist grundsätzlich gegenstandslos. Denn was
soll’s? Der altägyptische Götterglaube beispielsweise bestand mehr als 4.000 Jahre, trotzdem
starb er letzten Endes aus. Auch den prädeistischen Polydämonismus der Altsteinzeit, der
über mehrere zehntausend Jahre vor der ersten Zivilisationsentwicklung bestand und unseren
naturwissenschaftlich unbedarften Vorfahren heilig war, gibt es nicht mehr. Das heißt,
Religionen und transzendentale Überzeugungen können zwar weitreichende, weltbewegende,
epochale Erscheinungen sein, doch jede noch so glaubensvolle und potente Epoche geht
irgendwann einmal vorbei – die eine früher, die andere später.

196.

Die Christen hätten als verbindendes äußerliches Zeichen ihrer Religion den Fisch (ίχθύς gr.:
Ichthys; symbolträchtiges Apronym für: Iesous CHristos THeou Yios Soter = Jesus Christus,
Gottes Sohn, Erlöser) beibehalten sollen. Dieser signitive Ansatz wäre zumindest friedlicher
und freundlicher gewesen, als ein unmenschliches, todbringendes Folter- und Mordwerkzeug
dazu zu bestimmen. Der fragwürdige Hintergedanke, der diesen drakonischen Schritt
bewirkte, war wohl, potentiellen Abtrünnigen zu zeigen, was ihnen blüht, falls sie
infamerweise konvertieren sollten.

197.

Jede Art von aggressiver ideologischer Missionierungsarbeit – sogenannte


Proselytenmacherei –, die sua sponte ihre unbedarften Opfer gewaltsam indoktrinieren will,
und welche sich ostensiv bar jedweder perzeptiblen Intention geriert, antagonistische
Anschauungen oder schlüssige Gegenargumente zuzulassen, respektive selbige gar nur
anzuhören, ist gleichsam inhuman (dem eigenverantwortlichen, selbstbestimmten Individuum
gegenüber) wie kontraproduktiv (der objektiv verifizierbaren Realität gegenüber), und somit a
priori strikt zu negieren.

198.

Die überwiegende Mehrheit der gegenwärtig existenten und praktizierten


Glaubensrichtungen, vor allem die großen Volks- und Weltreligionen4, haben das
protreptisch-paränetische Ansinnen, das hehre und positive Bestreben, aus ihren frommen
Anhängern bessere, verträglichere und friedlichere Menschen zu machen – letztendlich also
die irenische Generierung von ethisch wahrhaftigen Erdenbürgern. Dies bedeutet und beweist
jedoch auch zweifelsfrei, daß sämtliche fundamentalistischen Selbstmordattentäter und
extremistischen Terroristen, ebenso wie deren geistige Korrumpierer, die ultraorthodoxen
Glaubensverführer, nur einer bösartigen, pervertierten Abart ihrer im Prinzip achtbaren
Konfession nachhängen, die sie durch ihre rein kriminellen und barbarischen Aktivitäten
permanent entehren und höchst charakterlos mit Füßen treten.

199.

Die Menschen brauchen keinen Gott, aber ein Gott braucht die Menschen.

200.

Ein starker religiöser Glaube, positiv gelebt und menschenfreundlich praktiziert, mag für
manchen die spirituelle Erfüllung seines irdischen Lebens sein – doch der ehrlich
Wahrheitssuchende sollte auch im angemessenen Maße seine sakrale Meinung revidieren und

© Kain von Spreewinkl - 38 -


modifizieren können, wenn sich etwa herausstellen sollte, daß manche dieser frommen
Ansichten so nicht richtig sind, oder es auf Grund neuester naturwissenschaftlicher
Erkenntnisse gar nicht sein können. Vieles, was in den diversen heiligen Büchern steht, hat
geradeso, im augenfälligen Literalsinn, mit Sicherheit nicht stattgefunden. Wenn nun
beispielsweise die Entstehungsgeschichte der Erde gerade einmal den kurzen Zeitraum von
ein paar Stunden oder wenigen Tagen in Anspruch nimmt, kann auf Grund der phänomenalen
astrophysikalischen Erkenntnisse der Gegenwart tatsächlich insinuiert werden, daß diese
minimalistische Frist von den gottesfürchtigen Autoren, welche bei dem beschriebenen
Ereignis ohnehin nicht zugegen waren, eher metaphorisch gemeint war und vermutlich nur
zum ostentativen Herausstellen des omnipotenten Numinosen dieserart formuliert wurde. Des
weiteren erweist sich unsere Erde als erheblich älter, als es manche Glaubensrichtungen
annehmen, bzw. die es von ihren heiligen Büchern so vorgegeben bekommen – auch hierzu
gibt es schlüssige Begründungen und sogar handfeste Beweise, z.B in Form von viele
Millionen Jahre alten Fossilien oder lithogenen Erkenntnissen aus dem Fachgebiet der
Plattentektonik, die jeden geologisch Interessierten anschaulich nachvollziehen lassen, daß die
Welt eben nicht erst seit wenigen tausend Jahren besteht. Warum sollte nun ein gläubiger
Religionsanhänger aktiv und wider besseren Wissens die offensichtliche Realität verleugnen,
und das nur, weil es irgendwo in einem Buch geschrieben steht? – zu Papier gebracht von
unbekannten Menschen mit unbekannter Intention, verfaßt in einer unbekannten Epoche mit
unbekannter Kultur, womöglich noch in unbekannter Sprache und einer unbekannten Schrift?
Ergo sollten sich Religionen in ihren Aktivitäten ausschließlich auf das Metaphysische und
dem Seelenheil ihrer Gläubigen beschränken, und nicht permanent wie apodiktisch
physikalische Realitäten bestreiten – das schadet letzten Endes nur dem offiziell dargebotenen
Infallibilitätsanspruch.

201.

Was ist ‚Nichts’? Nichts ist ein Gasballon ohne Gas und Gummihülle. Nichts ist ein Loch
ohne Rand. ‚Nichts’ ist eine Definitionssache, die (fast) jeder versteht: ein ‚Nichts’ ist nichts.
Versuchen Sie, sich ein ‚Nichts’ vorzustellen, woran denken Sie? Die Frage wirft sich auf, ob
es ein wirkliches Nichts gibt. Ist es begrenzt, ist es unendlich, lebt es? Ein begrenztes Nichts
gibt es nicht, die Grenze ist schließlich ‚Etwas’. Anzunehmen, daß es unbegrenzt ist, aber
dann wäre es überall, und wir wären nicht da. Die Astronomen behaupten, hinter der
Urknallshülle ist nichts, ein angeblich grenzenloses, unendliches Nichts. In diesem ‚Nichts’
ist aber ein Sandkorn, ein Makel – unser Kosmos. Ergo ist dieses Nichts ein Etwas, da es
schließlich etwas enthält. Die Behauptung steht im Raum, der Urknall hätte im Nichts
stattgefunden, der Kosmos ist aus ebendiesem ‚Nichts’ entstanden. Im Nichts hört aber die
Zeit auf (und sie fängt auch nicht an), und ohne Zeit kann nie etwas entstehen. Die Geburt des
Kosmos setzt also eine Zeit voraus. Die Zeit des Nichts ist die Ewigkeit. Ewigkeit wiederum
ist unendlich, keine Zeit in dem Sinne, eine Un-Zeit. Demzufolge würde der Zustand vor der
Geburt des Alls noch immer andauern. Dies der erste Einwand. Der zweite: Aus Nichts kann
nichts entstehen. Ein Nichts kann man auch nicht verdoppeln oder halbieren. Ein Nichts hat
keine Materie, keine Substanz. Es kann aus sich kein All hervorbringen, da es ja nichts
beinhaltet. Ein reines ‚Nichts’ gibt es nicht, da es zwangsläufig ein Ende geben muß, sonst
wäre letzten Endes unsere eigene Existenz in Frage gestellt. Der vorsokratische Philosoph
Parmenides von Elea, einer der Hauptvertreter der eleatischen Schule, spricht am Anfang
seines Lehrgedichts Über die Naturi von einer Göttin, die den denkenden Menschen (homo
sapiens) aufnimmt und ihm verheißt, daß er von ihr der ‚Wahrheit unerschütterlich Herz’
erfahren werde. Die göttliche Offenbarung lautet: es ist nur Sein. Zwei Wege kommen
demnach ernsthaft in Frage: der Weg des Seins und der Weg des Nichtseins. Ganz absurd
i
Siehe Anhang VI.

© Kain von Spreewinkl - 39 -


wäre dagegen, Sein und Nichtsein für dasselbe zu halten. Aber auch der Weg des Nichtseins
ist per se nicht denkbar; denn was nicht ist, kann auch nicht gedacht werden – alles, was
gedacht werden kann, ist. So bleibt allein der Weg des Seins übrig. Wenn aber das Seiende
notwendig ist und in keiner Weise mit dem Nichtseienden kombiniert werden darf, dann muß
das Seiende ungeworden und unvergänglich sein, denn sonst wäre es irgendwann einmal nicht
gewesen. Es muß tatsächlich kontinuierlich, unveränderlich, vollkommen seiend und ein
einziges sein, denn sonst wäre das Seiende hinsichtlich eines veränderlichen Attributes
zugleich nicht oder es wäre mit anderem Seienden nicht identisch. Das Ergebnis hieraus
lautet: Wenn es tatsächlich ein echtes Nichts gibt, kann es kein Sein, also Leben geben, da im
Nichts nie ein All oder sonst etwas entstehen konnte! Mit anderen Worten: unser Dasein ist
ein Gespinst, denn es gibt kein Leben – oder es gibt kein Nichts. Nun werden die frommen
Anhänger aller erdenklichen Glaubensrichtungen aufschreien und insistieren: Unser Gott – je
nach Religion auch gerne im polytheistischen Plural – hat es so gewollt! Er hat die Welt und
das Leben aus dem Nichts geschaffen. Aber: Im Nichts gibt es nichts. Im Nichts gibt es
keinen Gott, auch er ist nicht ungeworden und unsterblich. Er braucht auch eine Geburt. Ein
Gott lebt und existiert im Glauben seiner Verehrer. Keine Verehrer – kein Gott. Der große
Zauberer hext den Kosmos aus dem Nichts? Nun denn, wohl dem, der daran glaubt. Auch ein
Gott kann solche Wunder nicht vollbringen. creatio ex nihilo? nihil ex nihilo!i Gott ist die
Erfindung und die ideologische Stütze derjenigen, die glauben, daß das Leben einen
transzendenten Sinn haben muß. Sie zerbrechen ohne Gott und Sinn. Aber das Leben hat
keinen Sinn, da es kein Leben gibt – oder es gibt kein Nichts. Die naturwissenschaftlichen
akademischen Disziplinen haben zur Frage nach dem Nichts einen eigenen Zugang gefunden.
Der holländische Uhrmacher, Astronom und Physiker Christiaan Huygens beschrieb als erster
die Effekte der Brechung und Beugung von Licht in Kristallen mathematisch exakt, indem er
die Formeln für Schallwellen auf das Licht anwendete (Wellentheorie des Lichtes). Da man
davon überzeugt war, das sich das Licht wellenförmig von der Sonne zur Erde ausbreitet, das
Universum aber nach den damaligen Vorstellungen nichts enthielt, was als Transportmedium
verwendet werden konnte, hat sich der Begriff des ‚Äthers’ eingebürgert, welcher das ganze
Weltall als unsichtbares Medium erfüllen sollte. Erst durch die einsteinsche Relativitätstheorie
wurde der Äther als nicht existent enttarnt und durch das Vakuum ersetzt, wobei es sich um
Raum handelt, in dem weder Materie noch Energie vorkommt. Womit wir, zumindest
vorübergehend, wieder beim Nichts – wenn auch nur ein partielles – angekommen wären.
Zwischenzeitlich hat sich mit der Quantenmechanik und ihrem sogenannten Welle-Teilchen-
Dualismus und ähnlichen Theorien das Blatt erneut gewendet. Die Wissenschaft hat sich
wieder vom Nichts verabschiedet, da man nun zur erfolgreichen Erklärung der Entstehung der
Materie ein allgegenwärtiges Higgs-Feld benötigt, welches dem Universum seine Masse
verleiht. Unsere aktuelle Vorstellung vom Universum hängt hauptsächlich davon ab, daß das
Teilchen namens Higgs-Boson tatsächlich existiert. Die ersten vagen Meldungen, wonach
man das Higgs-Teilchen entdeckt hat, welches etwas übertrieben auch ‚das schöpferische
Teilchen’ oder ‚das Teilchen Gottes’ genannt wird, fanden sich bereits in einigen Printmedien
und im Internet. Sollte dieses Teilchen aufgespürt werden, dann hätte das Universum keine
leeren Stellen mehr, sondern wäre voll von Higgs-Teilchen, Lichtquanten und Neutrinos. Das
Higgs-Boson ist somit das Ende des Nichts in der gegenständlichen Welt und versetzt es
endgültig ins Intellektuelle und Metaphysische.

202.

Mehr noch als die ‚ungläubigen’ Amerikaner scheinen die islamistischen Fundamentalisten
sich selbst zu hassen, wie sonst ließe sich die absolut sinnlose schiitisch-sunnitische

i
Erschaffung aus dem Nichts? Nichts entsteht aus Nichts!

© Kain von Spreewinkl - 40 -


Selbstzerfleischung, beispielsweise im Irak, rational erklären? So kann man ihnen nur
zurufen: schließt erst einmal mit euch selbst Frieden, bevor ihr andere angreift!

203.

Der Versuch, mit einem orthodoxen Gläubigen kritisch über seine Religion zu diskutieren, ist
wie mit einer Wand zu sprechen – beide lassen sich nicht einen Deut bewegen. Eine eigene
Meinung zu haben, dagegen kann man absolut nichts sagen, aber selbige nicht modifizieren
oder substituieren zu können, wenn es an der Zeit wäre – das ist schlicht konservative,
bornierte geistige Unbeweglichkeit. Falls sich nun also eine der immerwährend
glaubenshungrigen anthropomorphen Kreaturen in den dunklen, klandestinen Abgründen
eines opportunen spirituell-ideologischen Winkels verrannt hat, kann sie nur sehr schwer dort
wieder herausgeholt werden. Mit uralten, vorgefertigten Anschauungen, die schon Tausende
vor ihr teilten und mehr oder weniger akzeptabel mit diesen koexistieren konnten, lebt es sich
eben leicht, man bleibt unter seinesgleichen, medisiert unisono alle anderen, und auch das
tiefere Denken wird einem weitestgehend erspart.

204.

Wenn sich die sogenannten Menschen hier auf Erden tatsächlich auch wie solche aufführten,
einfach mehr Menschlichkeit, Humanität und Altruismus an den Tag legen würden, müßte ich
das alles hier nicht schreiben…

205.

Heute las ich im Feuilleton einer großen deutschen Tageszeitung, daß sich etliche Autoren
und Schriftsteller ungern in der Öffentlichkeit oder in den Medien zeigen, und, sooft es eben
geht, heimlich in der privaten Versenkung, in der gesellschaftlichen Anonymität
verschwinden (der betreffende Artikel Ästhet des Verschwindens5 von Hendrik Werner
handelte vom ex aequo agierenden Schriftsteller und Drehbuchautor Patrick Süskind,
anläßlich der Verfilmung6 seines literarischen Werkes Das Parfüm. Die Geschichte eines
Mörders7). Dieser sukzessiv zunehmende Privatismus diverser Künstler, eventuell in
argwöhnischer ‚Personalunion’ mit ein wenig unterschwelligem Persekutionsdelirium, ist
wahrlich auch kein großes Wunder, da sie anderenfalls in unserer gewalttätigen,
kleinkarierten und intoleranten Welt ständig befürchten müßten, von irgendwelchen
radikalisierten Chaoten oder quasireligiösen Fundamentalisten bedroht, entführt oder
ermordet zu werden, und das alles nur auf Grund von einigen kleinlichen
Meinungsverschiedenheiten oder perfide denunzierenden Mißdeutungen. Leider kann man es
nicht allen recht machen, und der Planet Erde ist groß – d.h. was in der einen sozialen bzw.
religiösen Kulturgemeinschaft instantan eine tödliche Reaktion provoziert, kann für eine
andere absolut irrelevant sein, und wenn jemand unbedingt etwas negatives oder
medisierendes in einen kritisch verfaßten Text hineininterpretieren will, dann kann man ihn
unerfreulicherweise nicht davon abbringen. Doch anstatt sich nutzbringend und mit
schlüssigen Gegenargumenten einer konstruktiven Diskussion über die von ihm beanstandete
Semantik zu stellen, erläßt er ob der ‚ungebührlichen Dissidenz’ lieber einen völlig
überzogenen, unangebrachten Mordaufruf für den ‚häretischen’ Schreiber, und setzt als
pointierte Argumentationsbestärkung und taktische Überzeugungshilfe noch ein irrational
überhöhtes Kopfgeld auf ihn aus. Bekanntestes Beispiel der letzten drei Jahrzehnte ist hierbei
der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie, dessen Kopfgeld sich auf satte drei
Millionen US-Dollar belief. Ausgelobt für sein als islamfeindlich deklariertes Werk The
Satanic Verses (Die satanischen Verse)8 im Jahr 1989 von der iranischen Regierungsführung

© Kain von Spreewinkl - 41 -


unter ihrem damaligen Staatsoberhaupt Ayatollah Khomeini – und nur zwei Jahre später
wurde es sogar noch einmal verdoppelt! crede mihi, bene vixit, qui bene latuiti, wußte schon
Ovid – und ein prophylaktisches Pseudonym kann auch nicht schaden.

206.

Schreiben ist mein präferiertes Instrumentarium, um mental das alltägliche Grauen zu


kompensieren.

207.

Die chthonische Menschheit, dieses irrelevante, impotente Konglomerat aus


ideologiegesteuerter Inkompetenz und insolenter Intoleranz, ist es einfach nicht wert – und
war es tatsächlich auch noch nie –, sich die Erde untertan zu machen. Es ist doch in der Tat
allenthalben ersichtlich, was sie unseligerweise daraus gemacht hat – ausbeuten, ausrotten und
zerstören, ja, das kann er, der Mensch, zu recht viel mehr hat es bisher leider nicht gereicht.
Abgesehen davon, wie wollen die anthropomorphen Kreaturen sich förderlich und
wohlwollend um unseren nochblauen Planeten kümmern, um seine gesamte diffizile, ständig
metamorphosierende Komplexität aus Flora und Fauna, aus geologischen und klimatischen
Aktivitäten etc., mitsamt deren komplizierten Konnexen, Koppelungen und Korrelationen,
wenn sie bis heute nicht einmal in der Lage sind, mit sich selbst, geschweige denn mit ihrem
Nächsten, in Frieden zu leben.

208.

Menschlichkeit und Altruismus bringen bedauerlicherweise keinen Profit, der Dank der Welt
äußert sich meist nur in schönen Worten. Wenn überhaupt…

209.

Die interindividuelle Gewalt des homo sapiens erweist sich als eine eindeutig archaische,
präzivilisatorische Ausdrucksform – unsere prähistorischen Vorfahren wendeten sie in einer
Zeit an, als es noch keine funktionierende abstrakte Kommunikationsstruktur gab. Durch
physische Gewalt wurde, wie bei den meisten anderen Tieren auch, die soziale Rangfolge und
somit der gesellschaftliche Status eines Rudelmitglieds ermittelt – das altbekannte Gesetz der
Wildnis: der Stärkere hat recht, der Klügere gibt nach. Leider verblieben die meisten
‚modernen’ Menschen, wohl wegen ihrer vielgeliebten Tradition, in diesem sprachlosen
Primatenstadium – wobei unsere steinzeitlichen Ahnen auf Grund ihrer relativ einfachen
Lebensstruktur wenigstens noch eine einigermaßen reelle Basis für ihr aggressives Verhalten
hatten. Heute wurzeln die gewaltproduzierenden Substrate jedoch vorwiegend in irgendeiner
der vielfältigen und phantasievollen (weil weder rational noch naturwissenschaftlich
verifizierbaren) ideologisch motivierten Transzendenzen. Angesichts der hundertprozentigen
Unbeweisbarkeit dieser partiell nahezu ‚unglaublichen’ Gedankenkonstruktionen verwundert
es doch außerordentlich, daß immer noch so viele Zeitgenossen so ausnehmend beharrlich auf
die uneingeschränkte Richtigkeit ihrer Theorie insistieren, und nicht wenige sogar bereit sind,
andere dafür zu ermorden oder gar ihr eigenes Leben hinzugeben. Das heißt, sämtliche
religionsfundamentalistischen Terrorakte, sakralen Ritualmorde und blutig-frommen
Glaubenskriege, die unsere streitbare Zivilisationsgesellschaft bis dato hervorgebracht hat und
durchleben mußte, dienten letzten Endes einzig und allein zur kompromißlosen Verbreitung
und Verteidigung von arbiträren und jederzeit substituierbaren Annahmen. Anstatt also mit
i
Glaube mir, glücklich hat gelebt, wer sich gut verborgen hielt

© Kain von Spreewinkl - 42 -


der absolut revolutionären Gabe der Sprache den desiderablen Weg des konstruktiven Dialogs
und der gemeinsamen geistigen Reife zu beschreiten, nutzen die anthropomorphen Kreaturen
sie lieber, um wirres Zeug, obskure Ideen und irrationale ‚Wahrheiten’ zu verbreiten, welche
sie dann beschönigend und als opportunes Alibi für Verfolgung, Mord und Krieg vorschieben.
Sie wälzen ungeniert ihre ureigenste Verantwortung auf eine Imagination, eine sachdienliche
metaphysische Phantasmagorie ab, die sich weder äußern noch zur Rechenschaft gezogen
werden kann. Der Mensch als ‚Krone der Schöpfung’? Wohl eher das tragische Paradigma
einer verfehlten Evolution…

210.

Nationalismus ist dumpfe, kleinkarierte Borniertheit – wir sollten endlich lernen, Menschen
zu sein.

211.

Glaubt nur nicht, daß das hochverehrte Papsttum, nur, weil es sich gegenwärtig mehr oder
weniger als ruhig, allgemeinverträglich und zivilisiert präsentiert, nicht auch völlig anders
könnte. Der säkulare Staat, der absolut souverän und unbeschädigt die ideologisch-religiösen
Stürme der Zeit übersteht, wurde noch nicht geboren, und wenn sich dereinst die sozialen und
politischen Zeiten wieder ändern, werdet ihr schon sehen…

212.

In mancher tragischen medizinischen Ausnahmesituation, wie etwa einer diagnostizierten


Inkurabilität bei austherapierten Tumor- oder Schmerzpatienten, sollte dem
menschenunwürdig leidenden, todgeweihten Kranken legitim die humane Möglichkeit der
aktiven Sterbehilfe angeboten werden, bei der er mittels einer adäquaten humantoxischen
Substanz physisch schmerzfrei und mental entspannt entschlafen darf – wenn klinisch
vertretbar, sogar in bekannter, heimischer Umgebung. Lieber ein schnelles, würdevolles,
selbstinszeniertes Lebensende, als schleichendes, qualvolles, elendes Siechtum – denn sterben
wird der Unheilbare ohnehin, früher oder später. Also warum soll er nicht selbst in Ruhe –
und solange er es noch kann – den Zeitpunkt seines irdischen Abgangs determinieren? Leider
müssen wir überbürokratisierten Deutschen für diese hehre Gnade des individuellen Todes
immer noch ins benachbarte Ausland fahren, weil im eigenen Land die ethisch unglaublich
verklemmte Staatsführung die altertümliche medizinpolitische Doktrin des desperaten
‚Überlebens um jeden Preis’ hochhält und sogar verbissen per Gesetz (§ 216 StGB)i
verteidigt. Doch wer das global verbriefte Recht auf Leben hat (Artikel 3 der Internationalen
Menschenrechte)ii, sollte auch das garantierte persönliche Recht haben, selbstbestimmt und
ohne richterliche Stolpersteine aus selbigem zu scheiden; wobei im Prinzip der zweite Artikel
des deutschen Grundgesetzesiii eigentlich gereichen sollte – von wegen ‚ Jeder hat das Recht
auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit […]’ respektive ‚Die Freiheit der Person ist
unverletzlich.’ Mit anderen Worten: laßt doch die Leute sterben, wenn sie wollen…

213.

Es fällt auf Dauer unglaublich schwer, ständig mit seinen pessimistischen Prognosen und
deprimierenden Unkenrufen recht zu behalten – vor allem, weil einem vor dem

i
Siehe Anhang V.
ii
Siehe Anhang III.
iii
Siehe Anhang IV.

© Kain von Spreewinkl - 43 -


vorhergesagten Desaster keiner glauben mag (man fühlt sich wie Kassandra, die gleichfalls
ungehörte Seherin Trojas). Und statt eines Danks für diesen gar freundlich gemeinten Hinweis
vernimmt man nur laufend unqualifizierte, abweisende Äußerungen à la ‚es wird schon alles
gutgehen – seien sie doch nicht immer so defaitistisch und negativ mit ihren ewigen
Schwarzmalereien.’ Aber warum denn nicht? Die meisten meiner schriftlichen Kritiken
könnten ohnehin stereotyp mit den Worten: ‚ich habe es euch ja gleich gesagt’ beginnen.
Doch die Menschen sind einfach zu sehr von ihren eigenen minderwertigen Kenntnissen und
Fähigkeiten überzeugt, und können es schlicht nicht ertragen, wenn es tatsächlich jemand
besser weiß, als sie – dementsprechend gibt es in der deutschen Sprache auch kein
euphemistisches Antonym für den nachteilig vorbelasteten Begriff Besserwisser.

214.

Wenn Gott einstmals auf die Erde käme, um eine gewisse Zeit unerkannt unter den Menschen
zu wohnen, welche Religion würde er annehmen?

215.

Ich liebe die Welt, ihre Flora und Fauna, und auch ihre vielfältigen technischen Möglichkeiten
begeistern mich – aber die mehr oder minder anthropomorphen Kreaturen, die meine
kontemplative Idylle trüben, die sogenannten Menschen, die verabscheue ich. Und wer nun
ernsthaft wissen will, warum das so ist, braucht nur eine Woche Nachrichten zu sehen (– oder
meine Bücher lesen).

216.

An manchen Tagen ist es extrem schwierig, eine plausible Antwort zu finden auf die
essentielle, existentielle Frage: was hält mich hier in diesem Leben?

217.

98 Prozent der Menschen sind chronisch süchtig nach Glauben, sozusagen schwer
Religionsabhängig – gibt es dafür keine kurative Entziehungsmöglichkeit?

218.

Die Welt braucht dringend einen fundamentalen Paradigmenwechsel – vom gewaltbereiten


Egoismus zum friedfertigen Altruismus.

219.

Religiöse Zwistigkeiten sind zweifelsohne die unnötigsten und unsinnigsten Differenzen in


der komplexen interindividuellen Kommunikation. Doch wenn die Menschen sich ihrer nicht
bedienen könnten, würden sie sich eben wegen irgendwelchen anderen ideologisch fundierten
Nichtigkeiten gegenseitig den Schädel einschlagen – denn ein metaphysischer Vorwand ist so
gut wie der andere. Sie können einfach keine Ruhe geben…

220.

Noch nie hat eine höhere Wesenheit hier auf Erden einen für alle Erdenbürger ex aequo sicht-
und überprüfbaren Nachweis ihrer extramundanen Existenz hinterlassen. Und eine als solche

© Kain von Spreewinkl - 44 -


offerierte ‚göttliche Offenbarung’ enthält letzten Endes auch nur die schriftlich fixierten
Gedankengänge eines falliblen Menschen – kreativ und wohlkomponiert zwar, doch ohne
jeden wirklichen Erweis einer aktiven ambrosischen Inspiration. Im Prinzip kann jeder, der
ein wenig Zeit, Motivation und Ahnung von der metaphysischen Materie hat, ein adäquates
‚Glaubensbekenntnis’ mit dazugehöriger ‚Bibel’ verfassen; wie in der Vergangenheit schon
des öfteren gesehen, wird von den intendiert sakral stimulierten Religionsstiftern in spe auch
gern ein schon vorhandenes heiliges Werk verwendet, und nur an einigen passenden Stellen
angemessen modifiziert oder diverse inopportun erscheinende Textpassagen sachdienlich
uminterpretiert – und wenn der phantasiebegabte Erzeuger dieses hochehrwürdigen Elaborats
Glück und einflußreiche Fürsprecher hat, wird’s irgendwann geglaubt.

221.

Buddha sprach, Leben erzeugt Leideni. Ich sage: Wissen erzeugt Leiden; denn wer von nichts
weiß und auch von nichts wissen will, sondern nur stur und phlegmatisch in Körper und Geist
den trivialen, ausgetretenen Pfaden seiner althergebrachten landestypischen Traditionen folgt,
der hat tatsächlich nicht viel, woran er wirklich leiden könnte – und selig sind die geistig
Armen, referierte schon Jesus bei seiner Bergpredigt (Mt 5,3). Je mehr Kenntnis und
Erfahrung aber jemand hat, desto mehr gewahrt er auch die verwirrenden Zusammenhänge
und multiplexen Verflechtungen von Religion, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst,
welche sich dem interessierten Beobachter leider allzuoft als zutiefst negativ, destruktiv,
inhuman und asozial präsentieren – und somit sinkt das intellektuelle Wohlbefinden und
wächst das Leiden an dieser Welt. Depression qua Information…

222.

Der manisch-depressive Geisteszustand mit seinen unerquicklichen Stimmungswechseln


erweist sich letztlich als ein klassisches Nullsummenspiel – was die ingeniöse Manie
euphorisch aufbaut und auch zu erreichen vermag, zerstört die unweigerlich folgende
Depression wieder.

223.

Als Papst Benedikt XVI. Anfang September 2006 Deutschland, bzw. seine alte Heimat
Bayern besuchte, predigte er u.a. auch auf dem Islinger Feld bei Regensburg. Nach der
zelebrierten Freiluftmesse fragte ein kühner Fernsehreporter eine zufällig anwesende Frau,
was sie denn im allgemeinen vom Pontifex und seinen glaubensspezifischen Äußerungen
halten würde. Sie empfand die Show als einmalig, und äußerte die glorreiche Ansicht: „der
Papst ist besser als Robbie Williams“, denn den habe sie auch schon gesehen 9. Diese
verwegene Antwort allein beweist wieder einmal den chaotisch-kuriosen spirituellen
Gemütszustand der Menschen in diesem unseren Lande: geistige Oberhäupter in
gleichberechtigter Union mit Popstars, Leinwandhelden und Comic-Figuren! Ob Stellvertreter
Christi oder Robbie Williams – Hauptsache, die Show ist gut, und anbeten kann man
irgendwie beide! Doch wer mehr oder weniger öffentlich postuliert, an eine transzendente
Kraft oder Wesenheit zu glauben, der sollte es auch wirklich tun – und nicht nur nominell,
respektive wenn es gerade opportun erscheint. Wer sich der Religion/en dieserart selektiv und
saisonal bedient, braucht eigentlich gar keine – er hat es nur noch nicht erkannt, verstanden
und akzeptiert (– oder will sich nicht ohne Not vor seinen Verwandten, Freunden und
Arbeitskollegen als ‚gottloser Ungläubiger’ outen).

i
Pali: Dukkha – eines der drei Daseinsmerkmale und die erste der vier edlen Wahrheiten im Buddhismus

© Kain von Spreewinkl - 45 -


224.

Das seit ihrem dunkelsten Anbeginn feststehende, erklärte Ziel des ruhelosen, allzeit
gewaltbereiten Menschengeschlechts besteht eindeutig und offensichtlich in seiner eigenen
exhaustiven Ausrottung, in der selbstproduzierten menschheitsvernichtenden Apokalypse
eines global exerzierten Omnizids. Mit anderen Worten: die ungesteuerte biologische
Urwüchsigkeit, das natürliche Gleichgewicht der Welt, wie es vor dem akzidentellen Unglück
der historischen Hominisation auf dem Planeten herrschte, wird wieder hergestellt; obwohl es
bis zur vollständigen Heilung sicherlich eine längere Zeit dauert, da die unzähligen giftigen
Rückstände und strahlenden Hinterlassenschaften der experimentierfreudigen
anthropomorphen Kreaturen wohl noch für Jahrtausende das kontaminierte Antlitz der
malträtierten Erde beflecken werden. Im Hinblick auf die gegenwärtige Epoche der weltweit
stationierten und ad nauseam erprobten Massenvernichtungswaffen, der selbstverursachten
Klimaveränderungen und dementsprechend zunehmenden Umweltkatastrophen, sowie der
unkoordinierten Ausbreitung von letalen Krankheiten und multiresistenten Seuchen, ist
bedauerlicherweise (oder glücklicherweise?) auch zu befürchten, daß das finale Desaster nicht
mehr lange auf sich warten läßt. Eine unaufhaltbare nukleare Kettenreaktion einer irrtümlich
explodierten Atomrakete hier, ein außer Kontrolle geratenes, hochansteckendes,
hundertprozentig tödliches Virus da, vielleicht noch ein unabänderlicher
Klimazusammenbruch mit humantoxischen Atmosphärenumwandlungen infolge des
mittlerweile unübersichtlichen Chemikaliencocktails in Erde, Luft und Wasser – das sollte
eigentlich genügen, um uns endgültig den Garaus zu machen. Doch wenn tatsächlich noch
einige Hartnäckige nach diesem reinigenden Armageddon leben sollten, schlägt eben ein
großer Meteorit ein, und beendet auf diese Weise das irdische Trauerspiel der von Anfang an
unnötigen menschlichen Existenz (statistisch gesehen wäre ein solcher Global Killer sowieso
längst überfällig); – und wer dieser pessimistischen, misanthropischen Prognose nicht
zustimmen mag, der hat kein Auge für die Realität.

225.

Was ist nur aus der sakralen Institution des wahren, dithyrambischen Glaubens – der ehrlich
praktizierten Religion – geworden, wenn sich selbst ein – nicht einmal gemeinnütziger
(jedenfalls im wahrsten Sinne des Wortes nicht; nur nominell) – Verein wie Scientology eine
Kirche nennen darf? Bei einer solch gravierenden Konfessionsdegeneration, wie sie nun
schon seit einigen Jahrhunderten wahrnehmbar ist, wäre es da für das eigene ‚Seelenheil’
nicht besser, sich gleich seiner ohnehin nur simulierten Glaubensrichtung zu entledigen? Das
wäre wenigstens aufrichtig und seriös, im Gegensatz zur gegenwärtig präsentierten
Bigotterie…

226.

Neulich sprach mich einer meiner Leser dahingehend an, daß meine Publikationen bisweilen
doch ein wenig schwer zu lesen bzw. zu verstehen wären; auf Grund der kryptisch-exklusiven
Diktion und diverser spezieller Termini in den Texten müsse er des öfteren seine Lexika bzw.
das Internet zu Rate ziehen oder anderweitige Sekundärliteratur bemühen. Dies verdeutlicht
jedoch auch eines meiner didaktischen Anliegen, die ich mit meinen Schriften verfolge: Wer
sich wirklich und ernsthaft mit einem bestimmten existentiellen Thema auseinandersetzen und
ein diesbezügliches, schwierig zu erfassendes Manuskript bearbeiten sowie die kausal
dahinterstehende Absicht des Autors erkennen und dessen persönliche Position der erörterten
Problematik gegenüber verstehen möchte, der sollte auch nicht davor zurückschrecken, sich
bei eventuellen stilistischen, semantischen oder orthographischen Unklarheiten systematisch

© Kain von Spreewinkl - 46 -


andernorts zu informieren – so kann er nur dazulernen und seinen geistigen Horizont
erweitern. Wer sich hingegen mit einer Lektüre nur mental entspannen und seicht berieseln
lassen will, sollte eher zu den einschlägigen Vertretern der Gattung Trivialliteratur greifen,
also zu Romanen, modernen Märchen, Reiseberichten, Prominentenautobiographien, Comics
etc. Aber ein innovatives Realisat zu einer komplexen Materie wurde ursprünglich mit
Sicherheit nicht dazu geschaffen, sozusagen ‚im Vorübergehen’ konsumiert zu werden (–
oder, wie es der athenische General und Historiker Thukydides bereits vier Jahrhunderte vor
der Zeitenwende formulierte, κτήμά τε ές αίεί μάλλον ή άγώνισμα ές τό παραχρήμα άκούιν
ξύγκειταιi); der Leser soll sich dementsprechend auch intensiv, detailliert und konstruktiv mit
dem expressiven Inhalt befassen, diesen im gesamten verstehen und sich letzten Endes seine
eigene Meinung bezüglich des analysierten Sujets bilden – das ist der tatsächliche Sinn und
zentrale Zweck eines Buches. (Des weiteren verhindert ein spezieller literarischer Duktus, daß
sich gleichermaßen ungebildete wie gefährliche Individuen eingehender mit den subtilen
Veröffentlichungen befassen, diese intendiert mißverstehen oder fehlinterpretieren und somit
eventualiter zu einer nicht zu unterschätzenden physischen Bedrohung für den arglosen
Verfasser mutieren – und nicht zuletzt kann ein Autor solcherart schriftgewordener
Änigmatiken immer noch leichten Herzens behaupten, man hätte ihn und seine
amphibolischen Werke nur nicht richtig verstanden…)

227.

Ein großer Fehler des weitverbreiteten mikrologischen Intellekts ist es, seine Mitmenschen zu
verurteilen oder gar anzugreifen, nur weil sie anderer Ansicht sind (– in jeder Beziehung des
Wortes).

228.

Was charakterisiert den typischen realitätsabstinenten, militanten, pseudoreligiös motivierten


Fundamentalisten? Sein eindimensionales, schablonenhaftes Verhalten: nicht erst fragen oder
darüber reden – gleich zuschlagen und abmurksen, wenn ein vermeintlicher Glaubensgegner
gesichtet wird! Wieder einmal deutlich zu Tage trat dieser destruktive Habitus nach dem
Papstbesuch in Deutschland im September 2006, während dem der Pontifex auch eine
theologische Vorlesung mit dem Titel Glaube, Vernunft und Universität – Erinnerungen und
Reflexionen an der Universität Regensburg hielt. Auf Grund des Zitates eines über 600 Jahre
alten Ausspruchs nun – also nicht einmal infolge seiner eigenen Worte oder Gedankengänge
–, das zwar den Islam in Mißkredit bringt, jedoch völlig aus dem tatsächlichen
vortragsinhaltlichen Zusammenhang gerissen wurde, brennen nun Papstpuppen im Nahen
Osten, von unangebrachter Kreuzfahrermentalität wird geredet und eine islamistische
Extremistengruppe hat die Jagd auf den Papst angekündigt. Was soll das alles? Darf man jetzt
nicht einmal mehr eine kritische Schriftpassage zitieren, die seit 600 Jahren ohnehin jeder
selbst nachlesen kann? Hat es die große und ehrenvolle Religion des Islam wirklich nötig, daß
sich einige ihrer radikalisierten, gewaltbereiten Anhänger ständig wegen irgendwelcher
Nichtigkeiten beleidigt oder persönlich angegriffen fühlen, sofort mit unverhältnismäßiger
Rache und mit Mord drohen oder gleich einen Djihad gegen alles und jeden ausrufen? Im Iran
wurde unlängst als Reaktion auf den Karikaturenstreit vor einem knappen Jahr10 eine
Ausstellung mit Parodien über den Holocaust gezeigt – haben da irgendwo auf der Welt
pikierte Juden oder Christen Moscheen und Koranschulen angezündet? Oder gab es
irgendwelche Gewalt- oder Mordandrohungen Moslems gegenüber? Nein, denn in einer
ideologischen Auseinandersetzung müssen immer die Relationen gewahrt bleiben, und wegen
i
Als ein Besitz für jegliche künftige Zeit eher denn als ein Wettkampf-Glanzstück für den Ohrengenuß im
Vorübergehen ist es geschrieben

© Kain von Spreewinkl - 47 -


eines trivialen Mißverständnisses, einer unbedeutenden Indiskretion darf nie zu Entführung,
Mord und Totschlag aufgerufen werden. Auch haben orthodoxe Gläubige schon öfter
rechtfertigend ins Feld geführt, daß die Christen während der blutigen Kreuzzüge im
Mittelalter ebenfalls Tausende unschuldiger Moslems unnachgiebig verfolgten und grausam
ermordeten. Das stimmt wohl, aber sollten wir uns als Menschheit im gesamten nicht während
der vergangenen zehn Jahrhunderte menschlich und verstandesmäßig weiterentwickelt haben?
Aus tausend Jahren Geschichte nichts gelernt? Was damals richtig war, muß es heute nicht
mehr sein – die Welt ändert sich eben, und physische Gewalt wird erfahrungsgemäß nie zu
einer allgemein befriedigenden Konfliktbewältigung im überaus kontrastreichen
Glaubensbereich beitragen können. Zumindest das sollten wir als ideologische
Wiederholungstäter inzwischen wissen…

229.

…wenn nun aber irgendein namenloser radikal-islamistischer Fundamentalist meint, ich


müsse mich für meine offenen Worte entschuldigen, dann tue ich das hiermit (– der Stärkere
hat recht, der Klügere gibt nach) – dies ändert jedoch nichts an den feststehenden Tatsachen,
und somit ändert sich auch nichts an der Richtigkeit meiner Ausführungen…

230.

…damit wir uns richtig verstehen: ich halte hier ein kritisches Plädoyer für Frieden, Dialog,
Kooperation, Wissen und Realität – für mehr Menschlichkeit. Geistiges Kulturgut, das der
großen Masse unserer Weltgesellschaft offensichtlich fehlt…

231.

Eine möglichst weltweite Neuauflage der Sintflut wäre nicht schlecht (und so, wie es aussieht,
arbeiten wir zielstrebig darauf zu)…

231.

‚Die Deutschen sterben aus’, gellte allenthalben der fassungslose Aufschrei, als die Medien
die Nachricht des dramatischen Geburtenrückgangs bei der autochthonen Bevölkerung
verbreiteten – vortrefflich, dann gehen wir wenigstens mustergültig und mit gutem Beispiel
voran…

232.

An manch stumpfsinnigen Tagen überkommt einen das ebenso verstörende wie


deprimierende Gefühl, als hätte man von nichts mehr Ahnung, als hätte man nie etwas gelernt.
Diese trostlosen Tage sind unrettbar verloren – sie bringen einem nur schmerzlich zu
Bewußtsein, daß man eben auch nur so ein unbedeutender, unzulänglicher Mensch ist.

233.

Von Zeit zu Zeit wäre es wünschenswert und zweifelsohne angebracht, sein Gehirn gleich
dem Darm entleeren zu können, um schädliche oder schadhafte Gedanken und Erinnerungen
dauerhaft aus dem Köper zu entfernen – die Sondermülldeponien müßten
entsorgungstechnisch verbessert und immens vergrößert werdeni…
i
Siehe Anhang V.

© Kain von Spreewinkl - 48 -


234.

Ein durchschnittlich begabter, psychisch leicht unbeständiger Mensch a, welcher sich in


dieser alltäglichen Kombination nicht gerade als eine kuriose Ausnahmeerscheinung
präsentiert, liest zum unterhaltsamen Zeitvertreib ein beliebiges Buch – eine Anthologie,
einen Roman, eine Sage, ein Märchen, eine Biographie –, worin der einfallsreiche Autor
plakativ die dramatische Geschichte eines asozialen, geisteskranken Mörders und seiner
bizarren Taten aufzeigt. Leider fühlt sich unser unsteter Mensch a nach der Lektüre dieses
spannenden, höchst anregenden Werks äußerst inspiriert und besessen von der abstrusen Idee,
die blutrünstige Phantasie des Erzählers zur horriblen Realität werden zu lassen, und er
beginnt ungesäumt, gleich dem in der Publikation eindrucksvoll beschriebenen Killer,
sozusagen nach literarischer Vorlage, seine unbedarften Mitmenschen brutal zu quälen und zu
töten. An dieser unerfreulichen Stelle erhebt sich immer wieder die Frage nach der Schuld des
Dichters, respektive dessen individueller Verantwortung für die Folgen seiner Werke. Meiner
Ansicht nach gibt es eine solche nicht – ansonsten wäre jeder Literat ein potentieller
Krimineller, allezeit mit einem Bein im Gefängnis, beständig überwacht von den scharfen
Argusaugen der Sekundanten Justitias. Ein Schriftsteller sollte jedoch von seiner Leserschaft
im Prinzip soviel differenzierende Intelligenz erwarten können, daß sie seine Schriften nicht
als unumstößliche, sofort auszuführende Direktiven versteht, sondern als das, was sie wirklich
sind – gebundene, persönliche Gedankengänge eines durchaus fehlbaren Menschen. Wenn
jeder Urheber für die – leider zumeist unabsehbaren – Konsequenzen seiner Schriften
verantwortlich wäre, hätte nie ein Buch geschrieben werden dürfen, denn außer bei
technischen Bedienungsanleitungen, Preislisten und Telephonbüchern handeln sie fast immer
von irgendwelchen menschlichen Schicksalen, die einen unreifen, labilen Leser auf negative
Weise faszinieren und zur unglückseligen Nachahmung reizen können. Tragödien, Moritaten,
Kriminalromane, Erlebnisberichte, Tagebücher, Zeitungen, ja, selbst heilige Bücher wie die
Bibel dürfte es nicht geben, wenn man beispielshalber an die diversen bösartigen
Protagonisten in dieser denkt, denen – oder deren zeitgenössischem, tragischem Imitat – man
lieber nicht in facto begegnen möchte. Das Verhängnis ist bedauerlicherweise, daß die
meisten Künstler ihren profanen Mitmenschen mehr Wissen, Verstand, Kritik- und
Unterscheidungsfähigkeit zutrauen, als viele von ihnen haben – trotzdem sollte sich ein
aufstrebender, kreativer Geist davon nicht beengen, beeindrucken und beirren lassen; denn
warum sollte man sich nicht selbst mental weiterentwickeln dürfen? Etwa nur, weil ein paar
misologische Individuen dies nicht immediat nachvollziehen und erfassen können? Wenn
unser Mensch a also den Inhalt eines arbiträren Buches willkürlich und akritisch als
unumstößliche Wahrheit oder gar als seine wesenseigene spirituelle Bestimmung versteht,
und nicht nur als persönliche Meinungsäußerung oder Phantasiekonstruktion eines falliblen
Autors, ist er letzten Endes selbst schuld und somit auch alleinig für seine daraus
resultierenden gesetzwidrigen Aktionen verantwortlich.

235.

Warum gibt es in diesem Buch mehr Paragraphen zu Sacrum als zu Profanum? Die Lösung
dieses Phänomens ist einfach – über spekulative Phantasmagorien läßt sich eben mehr
philosophieren und theoretisieren, als über die harten, nachprüfbaren Fakten der realen,
naturwissenschaftlichen Welt. Glaube hingegen erweist sich immer als variabel, disputabel
und physikalisch nicht revidierbar.

© Kain von Spreewinkl - 49 -


Profanum

© Kain von Spreewinkl - 50 -


Politik & Gesellschaft
1.

Warum behandeln Politiker die Bürger ihres Landes so, als wären diese geistig
minderbemittelt, ebenso einfach wie gefahrlos manipulierbar und leicht zu übertölpeln? Weil
sie bei der Mehrheit der tumben Bevölkerung bedauerlicherweise recht mit diesem
niederschmetternden Urteil haben.

2.

Wenn man manchmal dem sinnentleerten Gerede diverser publicitygeiler Politiker lauscht,
fragt man sich ernsthaft, warum sie überhaupt vor die Kameras treten und den Mund
aufmachen, da sie doch ohnehin nichts zu sagen haben. Die simple Antwort hierauf lautet:
Intensive Öffentlichkeitsarbeit fördert den persönlichen Bekanntheitsgrad – vielleicht hilft es
ja bei der nächsten Wahl…

3.

Die Politiker der sogenannten ‚Großen Koalition’ in Berlin diskutieren, wie mehr gespart
werden könnte. Man könnte doch beispielsweise die derzeitigen teuren Politiker einsparen
und billigere einsetzen, man könnte etliche Ministerien einsparen und zusammenlegen, man
könnte den überflüssigen Beamtenstatus abschaffen, oder man könnte kostspielige Bürokratie
und wirtschaftspolitische Fehlinvestitionen vermeiden – man könnte so vieles Unnötige
einsparen, doch unsere realitätsentfremdeten Politiker denken beim Wort Sparen
ausschließlich an Steuererhöhungen und Sozialabbau. Armes Deutschland… Doch wie heißt
es so schön? Jedes Land hat die Regierung, die es verdient. ita voluerunt, ita factum esti – ihr
habt sie gewählt, ihr habt sie bekommen!

4.

Leider handeln viele (um nicht zu sagen: die überwiegende Mehrheit) der
Führungsverantwortlichen nach Ovids phlegmatischem ut desint vires, tamen est laudanda
voluntasii. Dies jedoch ist ein grobfahrlässiger Fehler, denn in der heutigen Zeit der
verschärften Konkurrenz und multilateral vernetzten Globalisierung zählen letzten Endes nur
harte Fakten und greifbare Erfolge. Allerdings erklären sich damit trefflich sowohl das
sukzessive Absacken der sozialen und gesellschaftspolitischen Standards wie auch der
massive Innovationsschwund in den verschiedensten Bereichen der Existenz.

5.

Man sollte meinen, Politiker wie Regierungsvertreter wissen um die grundlegenden Sorgen
und Wünsche des gemeinen Wahlvolks – die erforderliche Intelligenz und generell gebotene
Sachkompetenz dazu sollten sie doch wohl haben –, also könnte ihnen, bei den von den
meisten dieser elitären Spezies an den Tag gelegten, nicht unbedingt populären Arbeits- und
Verfahrensweisen, auch die intrinsische, opportune Maxime video meliora proboque;

i
So haben sie es gewollt, so ist es geschehen
ii
Wenn auch die Kräfte fehlen, so ist der Wille doch zu loben

© Kain von Spreewinkl - 51 -


deteriora sequori unterstellt werden. Leider erweist sich dieser egozentrische Sachverhalt als
charakteristisch menschlich: tunica propior pallio estii.

6.

quousque tandem abutere, Angela, patientia nostra?iii

7.

Die neuerdings vielfach angeordneten und praktizierten Zeiterfassungstechniken in Betrieben


und Institutionen sind, nüchtern betrachtet, reine Kontroll- und
Überwachungsinstrumentarien. Nur ein apprehensiver Arbeitgeber, der seinen Angestellten
mißtraut und/oder unlautere Absichten hinsichtlich der zu erbringenden Arbeitszeit unterstellt,
benötigt ein observierendes Zeiterfassungssystem.

8.

Das Unglaubwürdigste an Deutschland sind, nur knapp geschlagen von den Klerikern, dessen
Politiker.

9.

Wie würde die religiöse Weltkarte heute aussehen, hätten weiland die Römer mit ihrem
christianos ad leonesiv nachhaltigen Erfolg gehabt?

10.

Demokratie mag im Prinzip gut sein, aber das gegenwärtig in diesem praktizierte
Parteiensystem ist es nicht.

11.

Kann man Parteien wegen krimineller Bandenbildung belangen?

12.

Warum sind politische Parteien nur in der Opposition sozial aufgeschlossen und allgemein
verträglich gestimmt? Denn kaum in der Regierungsverantwortung angekommen, scheint dies
alles wie weggeblasen – als wäre es nie existent gewesen. Strikt nach der uralten
Politikerweisheit: Was interessiert mich mein albernes Geschwätz von gestern?

13.

Vor der Bundestagswahl im Oktober 2005 meinte die CDU/CSU, sie würde die
Mehrwertsteuer um zwei Punkte anheben. Die SPD war generell und vehement gegen eine
Erhöhung und bezeichnete sie publicitywirksam als ‚Merkelsteuer’. Jetzt sind beide an der
Regierung (die großen Verlierer rauften sich nach dem desaströsen Wahldebakel

i
Ich sehe das Bessere und erkenne es an; dem Schlechteren folge ich
ii
Das Hemd ist einem näher als der Rock
iii
Wie lange schließlich noch willst du, Angela, unsere Geduld mißbrauchen?
iv
Die Christen vor die Löwen

© Kain von Spreewinkl - 52 -


schadensbegrenzend zusammen), und die Mehrwertsteuer steigt sogar um satte drei Prozent.
Dieser Umstand allein beweist die kolossale, völlige Unglaubwürdigkeit und soziale
Inkompetenz dieser sogenannten Volksparteien, von der scham- und vorbehaltlosen
Bereitschaft zu Lüge und Betrug ganz zu schweigen.

14.

Warum fallen die Wähler immer wieder auf dieselben unzulänglichen Parteien herein? Denn
souverän regieren kann keine, wie man bedauerlicherweise während der vergangenen
Jahrzehnte durchgängig erkennen konnte bzw. mußte, weder einzeln noch als kollaborative
Koalition. Aber in diesen Dingen sind die Menschen leider schnell vergeßlich…

15.

Das Leben wäre für das gemeine Volk um ein Vielfaches erträglicher, würden die
Landesführer ihre zweifellos vorhandene Intelligenz mehr in echte Menschlichkeit und
sinnvolle Fürsorge investieren, und nicht so impertinent offensichtlich in persönlicher
Vermögenspotenzierung und egoistischem Machterhalt.

16.

Die große Majorität der Emporkömmlinge jedweder öffentlicher oder privater


Unternehmenshierarchie vergißt exorbitant schnell ihre eigentliche Herkunft – der klägliche
Rest ein wenig später. Kaum fällt ein opportunistischer Speichellecker die sich allgemein als
nepotistisch manifestierende Karrieretreppe hoch, beginnt er auch schon frohgemut, kraftvoll
nach unten zu treten.

17.

Die meisten leitenden Angestellten sind mikrologische Bürokraten und zu einer humanen und
konstruktiven Menschenführung weder geschaffen noch befähigt.

18.

Meinungsfreiheit bedeutet für viele Führungskräfte im Hinblick auf ihre subalternen


Angestellten noch immer deren völliges Freisein von jeglicher eigenen Meinung.

19.

Die Bevölkerung der Teilrepublik Montenegro (Republika Crna Gora; 13.812 km2, 621.000
Einwohner, Stand 2004) hat heute, am 21. Mai des Jahres 2006, per Referendum entschieden,
das Land endgültig von Serbien zu separieren und einen eigenen, unabhängigen Staat zu
führen (im diffizilen Rahmen des vielleicht Möglichen). Hier sehen wir beispielhaft eine
weitere Tragik in der kleinkrämerischen Geschichte der unbelehrbaren Menschheit: anstatt
sich konstruktiv zu größeren, handlungsfähigen Einheiten zusammenzuschließen, um
sukzessive und gemeinschaftlich realisierbare Lösungen für all die politischen,
wirtschaftlichen und sozialen Probleme zu finden, die doch sowieso weltumspannend gesehen
mehr oder weniger die gleichen sind – zumindest jedoch bei benachbarten Nationen –, will
jedes noch so kleine und unbedeutende Völkchen mit mehr als fünfzig Angehörigen immer
gleich einen eigenen, independenten Staat gründen, sobald sich auch nur irgendwie der
potentielle Ansatz einer Eventualität dazu ergibt. Traditionalismus, Nationalismus und

© Kain von Spreewinkl - 53 -


Patriotismus indes sind archaisch-primitive ideelle Werte, die in der heutigen globalisierten
und vollinformierten Gesellschaft augenfällig anachronistisch und absolut sinnlos geworden
sind (Shaw behauptet sogar: „Patriotismus ist eine gefährliche, psychopathische Form des
Schwachsinns“). Wem das Leben in seinem eigenen Land auf dieser weiten Erde nicht gefällt,
der geht eben in ein anderes – warum sollte er sich ersterem gegenüber in irgendeiner Weise
enger verbunden fühlen? fortunato omne solum patria esti. Und ohne kontrollierte
Landesgrenzen – expressis verbis als freier und reisefreier Weltbürger – wäre das alles noch
viel einfacher. Doch eine längerfristig bestehende multinational friedlich unierte und
kooperierende Humangesellschaft verhindert zielgerichtet und erfolgreich der offensichtlich
unausrottbare, menschheitscharakteristische mikrologische Egoismus. semper idem…ii

20.

Demokratie ist die freundliche Paraphrasierung von konstitutiv-konstitutioneller


Mehrheitsdiktatur.

21.

Ich würde nicht in die Politik wollen, für so etwas bin ich zu realistisch und zu ehrlich – oder,
wie Juvenal es adäquat formulierte: quid Romae faciam? mentiri nescioiii.

22.

Sämtliche Strafgesetze, die solcherart ‚Vergehen’ ahnden, die ausschließlich den Täter selbst
schädigen (Drogenkonsum, Selbstmord u.a.), sollten als veraltet abrogiert werden. Wozu gibt
es schließlich das liberalistische Recht auf persönliche Selbstbestimmung…

23.

Die beiden großen Volksparteien in Deutschland (CDU/CSU und SPD) können im Prinzip
sans gêne machen, was sie wollen, weil das dumme Volk bei der nächsten Wahl sowieso
wieder eine davon zur Regierungsmacht nominiert (und wenn beide verlieren, gibt es eben
eine Große Koalition). Die Bürger sind nicht mündig und konsequent genug, diese
aufgeblasenen, egozentrischen Machtkonstrukte abzustrafen und einmal kollektiv nicht zu
wählen. Es ist schließlich schon fast eine genetisch verankerte Tradition: ‚Die Eltern und die
Großeltern haben schon die Schwarzen/Roten gewählt, also machen wir das auch.’ Denn was
vor fünfzig Jahren vielleicht richtig war, kann schließlich so schnell nicht falsch geworden
sein? Doch wer aus der Geschichte nichts lernt und sie mißachtet, ist verdammt, sie zu
wiederholen („Those who cannot remember the past are condemned to repeat it“, schrieb
George Santayana in seinem Text Reason in Common Sense11), gleichwohl plura faciunt
homines e consuetudine quam e rationeiv.

24.

Wenn die nationalen, im Prinzip volksvertretenden Regierungen im politisch-diplomatischen


Umgang miteinander wirklich ehrlich und wahrhaftig währen, bräuchten Staaten keine
dubiosen, illegal operierenden Geheimdienste.

i
Dem Glücklichen ist jedes Land sein Vaterland
ii
Immer das gleiche
iii
Was soll ich in Rom? Zu lügen verstehe ich nicht
iv
Die Menschen handeln mehr aus Gewohnheit denn aus Vernunftgründen

© Kain von Spreewinkl - 54 -


25.

Wie soll gesellschaftsorientierte Globalisierung funktionieren, wenn jedes noch so kleine,


unbedeutende Herrschaftsgebiet obstinat auf seine unumschränkte Eigenständigkeit beharrt?
Eine internationale Konföderation mit weisungsbefugtem Vorsitz (eventuell kombiniert mit
einer weltweit einheitlichen Währung) wäre unter den ‚richtigen’ Umständen vielleicht ein
positiver Anfang.

26.

Wenn man sich die meisten Firmen- und Geschäftsphilosophien ansieht und miteinander
vergleicht, können sie auf zwei einfache Punkte reduziert werden. Punkt eins: Der Angestellte
soll arbeiten, und nicht denken. Punkt zwei: Wenn dem Angestellten etwas nicht paßt, kann er
ja gehen. Kritik ist Querulanz.

27.

Im Krieg gibt es weder Ruhm noch Ehre – nur Tod, Leid und Zerstörung.

28.

Was ist an Fußball so überaus faszinierend, daß weltweit die Menschen jedes Wochenende in
Scharen in die modernen Arenen strömen? Ist es der subtile Reiz, das wahnsinnig tiefsinnige
und erbaulich-prickelnde Erlebnis, 22 sportlich und gesellschaftlich überbewertete Millionäre,
die glorifizierten Gladiatoren der Neuzeit, apathisch-fatigant eine Lederkugel über den Rasen
schubsen zu sehen? ad bestiasi – wo bleiben die Löwen…?

29.

Wie soll die dramatisch niedrige Geburtenrate in Deutschland erhöht werden, wenn eine
Geburt mittlerweile (bzw. immer noch, denn dieser Zustand herrscht nicht erst seit gestern)
die sukzessive Verarmung der Familie nach sich zieht? Ursula von der Leyen, seit dem Jahr
2005 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, gab der darbenden
Bevölkerung daraufhin als staatlich gefördertes Remedium das Elterngeld – welches, auf ein
Jahr begrenzt (maximal 14 Monate, wenn der Vater auch pausiert), aus 67 Prozent des letzten
Nettoeinkommens besteht – als finanziellen Anreiz, mehr Kinder in die Welt zu setzen.
Abgesehen davon, daß dieses Elterngeld meist nicht einmal für die monatliche Miete,
respektive für die festen, laufenden Kosten reicht, beginnt die schleichende Pauperisation, der
monetäre und soziale Abstieg der jungen Familie, eben erst ein Jahr später. Ob das die
gebärverweigernden Bundesbürger wirklich überzeugt?

30.

Während meiner Gymnasialzeit hatte ich einen allgemein ziemlich unbeliebten Lehrer
(welcher zudem eine höherwertige Position innehatte), der im Unterricht die trostlose Maxime
vertrat: „Deutschland ist ein Pennerstaat.“ Damals wollte ich nicht widersprechen, heute kann
ich es nicht mehr – er hatte recht (und hat es immer noch).

31.
i
Zu den Tieren

© Kain von Spreewinkl - 55 -


Prominenz hat absolut nichts mit Genialität, Wissen, Begabung oder Intelligenz zu tun. Auch
der sechsbeinige Esel, das Klonschaf Dolly, Kader Loth und Daniel Küblböck sind prominent.

32.

Was echauffiert sich das gemeine Volk so über Armin Meiwes, den sogenannten Kannibalen
von Rotenburg? Mittlerweile sollte doch dank der präzisen Berichterstattungen der
sensationslüsternen Medien allgemein bekannt sein: alles, was ein Mensch einem anderen
antun kann, wird auch irgendwo in der Gesellschaft praktiziert, und wer noch an so etwas wie
das Gute im Menschen glaubt, muß sich durch die gewalttätige Realität täglich eines Besseren
belehren lassen. Doch wer immer pessimistisch wie fatalistisch das Schlimmste erwartet, wird
auch nicht von einem sophisticated Menschenfresser überrascht. Das Negative und
Grauenvolle der menschlichen Seele kennt keine restriktiven Grenzen – ein zutiefst
inhumaner, beklemmender Abgrund ohne erkennbaren Boden.

33.

Ein typisches Beispiel unangebrachter Unverhältnismäßigkeit: seit vielen Jahrzehnten gibt es


international wie national die an sich positive und respektable Tradition, allgemein wichtigen
Ereignissen oder brennenden Themen unserer Zeit ein Ehrenjahr oder einen bestimmten
Gedächtnistag zu widmen, z.B. der ‚Weltfrauentag’, der ‚Tag des Baumes’, der ‚Vogel des
Jahres’ oder der Tag einer bedrohten Tier- oder Pflanzenart etc. Doch auch hier verfällt
zusehends der zugrundeliegende seriöse und wohlgemeinte Hintergedanke, auf anhaltende
Mißstände und wenig beachtete, nicht hinnehmbare Unbotmäßigkeiten hinzuweisen – und die
im Prinzip ernsthaft-feierlichen Gedenktage tendieren inhaltlich schleichend zu einer
zweckentfremdeten, undienlichen Lächerlichkeit. So wurde etwa der 22. Oktober des Jahres
2005 zum bundesweiten ‚Tag des Zweithaars’ gekürt. Was für ein unprofessioneller Nonsens
– war so etwas wirklich nötig? Denn durch solche undurchdachten, merkwürdigen Aktionen
wird die ehrenwerte Gedenkabsicht dieser kulturellen Institution zweifellos unnötig degradiert
bzw. zu ihrem Nachteil persifliert. Der freundlich-humanitäre Grundgedanke, edelmütig den
bedauernswerten Opfern aus dem vielfältigen Bereich der naturgegebenen oder krankhaften
Alopezie zu helfen – vor allem den davon betroffenen Frauen, die unter dieser haarigen
Unannehmlichkeit erheblich mehr leiden als Männer (der Autor spricht aus eigener
Erfahrung) –, ist zwar per se lobenswert und zweifelsohne zu begrüßen. In Anbetracht der
allgemein prävalierenden dramatischen Weltlage (Kriege und Naturkatastrophen,
Vogelgrippe, Schweinepest, Rinderwahn und andere Tierseuchen, Genozid, Hungersnöte und
Umweltverschmutzung, Vergewaltigungen, Mord und Totschlag, um nur einige der
ungeklärten Problematiken zu thematisieren) jedoch offensichtlich nicht so überaus wichtig
und notwendig, um diesem eher sekundären Thema gleich einen offiziellen nationalen
Gedächtnistag zuzugestehen. Diese speziellen Tage der Kommemoration sollten, auf Grund
ihres inhärenten kulturkritischen und appellierenden Charakters, tatsächlich bedeutungsvollen
und weitreichenden Angelegenheiten vorbehalten bleiben. Aber offenbar ist dieser eindeutig
realsatirische, karikierende Trend, der bedauerlicherweise auch sukzessive in unzähligen
anderen Bereichen des öffentlichen Lebens deutlich bemerkbar Einzug hält, nicht wieder
umzukehren. Und so warten wir demütig auf den offiziellen ‚Tag des Gummibärchens’, den
‚Tag des Vorderreifens’, den ‚Tag der Currywurst’ oder den ‚Tag der in der Waschmaschine
verlorenen Socke’ – es fehlt der ‚Tag der Dummheit’ und der ‚Internationale Tag der Toren’!

34.

© Kain von Spreewinkl - 56 -


Der schwedische Kanzler, Greve (Graf) Axel Gustaffson Oxenstierna af Södermöre, belehrte
weiland vor 400 Jahren seinen Filius: an nescis, mi fili, quantilla prudentia mundus regatur?i
– und das ist das menschheitsinhärente Dilemma, unsere historienbegleitende Tragödie: alle
wußten es, wir wissen es auch alle, nur unternimmt niemand etwas dagegen. Denn sobald ein
in dieser Richtung potentiell wegbereitendes Individuum nur ein wenig Macht in Händen hält,
nutzt es sie auch schon schamlos aus – es mutiert zum egozentrischen, realitätsentfernten
Politiker. Das charakterisiert und deskribiert den Menschen, seitdem er einst dem tellurischen
Urschleim entsprungen ist: jeder kleine, unbedeutende Wicht will ein großes, autokratisches
Alphamännchen sein und seine neugewonnene Autorität auch demonstrativ zur Schau stellen
– Ich Chef, du nix. Dafür sind sie anstandslos bereit, alles zu machen: nach oben buckeln,
nach unten treten; kleingeistiger Opportunismus pur: Wes’ Brot ich eß’, des’ Lied ich sing.
Und bei ihren öffentlich abgehaltenen Präsentationen halluzinieren sie (wider besseren
Wissens) Wohlstand und blühende Oasen ad captandum vulgusii. Schade, daß man nicht seine
Menschheitszugehörigkeit, die peinliche Mitgliedschaft im Verein der unzulänglichen
anthropomorphen Kreaturen, ablegen oder abmelden kann; dann müßte man sich nicht
fortwährend schämen, daß man auch so einer ist. Seneca der Jüngere schrieb zwar kurz nach
der Zeitenwende reichlich optimistisch: iniqua numquam regna perpetuo manentiii, doch das
kommt immer auf die Definition dieses extensiblen Zeitrahmens an – ein solch
folgenschwerer, umwälzender Vorgang kann kurz und heftig sein, aber auch mehrere
Jahrhunderte andauern. Außerdem: was folgt danach? Wird es besser? Ändert sich die
monierte Situation? Nein (allenfalls kurzfristig – muß aber nicht), denn jede
nachrevolutionäre Regierung rekonstituiert sukzessive die negativen – jedoch lukrativen und
machterhaltenden – Angewohnheiten des abgesetzten Vorgängerregimes (nur eben unter den
eigenen Vorzeichen) – bis zum nächsten Umsturz. Dann beginnt der ideologische Blutreigen
aufs neue. Wie langweilig – man sollte meinen, die Menschheit wäre ob ihrer angeblichen
Intelligenz ein wenig klüger und lernfähiger, doch seit Anbeginn der primitivsten
Herrschaftssysteme waltet, ab und an vielleicht mit minimalen Abweichungen, die jedoch
nicht weiter ins Gewicht fallen, der mikrologische status idem in den bis dato zwanghaft
autoritären Regierungsformen. Der ‚ideale Staat’ wurde leider immer noch nicht entdeckt,
weder theoretisch noch praktisch. Und so resümierte bereits Augustinus von Hippo vor über
eineinhalb Jahrtausenden: regna nisi magna latrociniaiv. (Der ideale Staat ist der, den das
Volk nicht merkt; und wäre die engstirnige Menschheit etwas verständiger, verständnisvoller,
respektive geistig etwas fortgeschrittener, bräuchte sie gar keinen)

35.

Obwohl die Menschen früher nicht so alt wurden wie heute, hatten sie trotzdem viel mehr Zeit
und Muße. Wir ruhelosen, allzeit erreichbaren, vollinformierten Fortschrittskrüppel…

36.

Viele machtbesessene, megalomanisch veranlagte Potentaten streben die absolute


Weltherrschaft an – doch wozu? Und was würden sie machen, wenn sie sie erreichten?

37.

i
Weißt du nicht, mein Sohn, mit wie geringer Klugheit die Welt regiert wird?
ii
Um das gemeine Volk auf seine Seite zu bringen
iii
Ungerechte Staaten währen nicht ewig
iv
Staaten sind nichts anderes als große Räuberbanden

© Kain von Spreewinkl - 57 -


Was würde der Menschheit weiterhelfen? Wenn sich jeder – jeder Staat, jede Ideologie und
jeder einzelne – nicht so maßlos übertrieben wichtig nehmen würde.

38.

Die Welt bräuchte eine übergeordnet weisungsbefugte politische Instanz, die rein auf
humanitären Grundsätzen agiert (z.B. den Internationalen Menschenrechten), ansonsten
konstitutiv ideologiefrei und unparteiisch ist, und der sich ausnahmslos alle Nationen beugen
müßten. Wenn dann ein abgehobener Machthaber meint, sein Volk unterdrücken oder ein
unliebsames Nachbarland angreifen zu müssen, würde er rückstandsfrei entfernt und durch
einen besseren ersetzt.

39.

Kleider machen Leute hieß eine bekannte Novelle, die Gottfried Keller im 19. Jahrhundert zu
Papier brachte. Diese Feststellung besagt, daß die überwiegende Mehrheit der Menschen sich
eben viel mehr um den schönen Schein als um das wahre Sein kümmert, welches auch bereits
mehrfach durch diverse wissenschaftliche Untersuchungen im In- und Ausland bestätigt
wurde. Dabei sollten wir oberflächlichen Erdenbewohner wirklich mehr nach den wahren
inneren Werten und den tatsächlich gegebenen Fähigkeiten unseres Gegenübers gehen. Nur
wer körperlich groß, wohlproportioniert und einigermaßen ansehnlich ist, ist noch lange nicht
kompetent, sozialkompatibel und honorabel. Der kleine, schmutzige Clochard in seinem
verschlissenen Mantel kann mehr Ehre, Herz und Weisheit besitzen als die facegeliftete,
überbezahlte Führungskraft in ihren teuersten Designerklamotten. Dieses bereits 150 Jahre
alte proverbiale Apophthegma beweist also nur die omnipräsente Substanzlosigkeit, die
erschreckende Banalität des homo sapiens im soziokulturellen Miteinander, die schon vorher
so war und sich bis heute nicht im mindesten verändert hat.

40.

Plötzlich auftretende, heftige Attacken interindividueller, menschlicher Enttäuschung zeigen


dem ernüchterten Gesellschaftsanachoreten immer wieder, daß er leider doch noch nicht ganz
den sozietären Faden zur verabscheuten Menschheit verloren hat – zwar manifestieren sich
diese unerquicklichen pauschalgesellschaftlichen Depressionen nur periodisch, dafür aber
permanent.

41.

Viele Führungskräfte sind ausschließlich auf Grund ihrer mehr oder weniger eloquenten
Rhetorik auf dem einflußreichen Posten, auf dem sie eben sind. Denn wer sich positiv und
vorteilhaft zu präsentieren weiß, dem werden oft und gerne mangelnde Führungsqualitäten
und ungenügende Fachkompetenzen nachgesehen (wozu hat man schließlich seine
subalternen Berater und Konsultanten, die einem das Denken abnehmen – und denen man,
nach einem politischen Desaster, die Schuld zuweisen kann).

42.

Rechtsradikalismus ist genauso vehement abzulehnen wie Linksextremismus. Grundsätzlich


muß jede Form von gewaltgetragenem -ismus a priori negiert und, wenn möglich, verhindert
werden. Außerdem ist festzustellen, daß die starren, psychisch-ideologisch konstruierten
Strukturen dieser -ismen meist auf der torpiden, geistigen Immobilität ihrer verblendeten

© Kain von Spreewinkl - 58 -


Führer und Vertreter fußen (wobei den etwas intelligenteren Häuptlingen eher noch eine
mikrologisch-egoistische Geld- und Machtgier zu unterstellen ist).

43.

Bei vielen Berufspolitikern ist schon an der aufgesetzten Mimik zu erkennen, daß sie das
tumbe, subalterne, aber bedauerlicherweise wahlberechtigte Volk als lästiges,
unumgängliches Übel, das alle vier Jahre umworben und gütlich gestimmt werden muß,
ansehen.

44.

panem et circenses, Brot und billige Zerstreuung, ebenso wie Zuckerbrot und Peitsche -
darauf basieren immer noch alle bekannten Staatssysteme. Wenn das untergebene Volk satt,
in Spannung und bei Laune gehalten wird, denkt es nicht nach und revoltiert auch nicht.

45.

Traditionen sollten von Zeit zu Zeit auf ihre Konsistenz und Sozialkompatibilität überprüft
werden. Viele Dummheiten, Verbrechen und Perversitäten geschehen nur deshalb, weil
bereits die Urgroßeltern weiland die strittigen Situationen genauso handhabten. Doch was vor
hundert oder zweihundert Jahren noch einigermaßen ‚richtig’ war, muß es schon lange nicht
mehr sein, und was man damals als falsch ansah, wurde bis heute auch nicht unbedingt
richtiger. Denn wenn man danach geht, kann jeder losziehen und dem nächsten Fremden den
Schädel einschlagen, unsere Ahnen machten das schließlich irgendwann vor Tausenden von
Jahren auch schon so – alles kann zur Tradition werden. Es ist bedauerlich, daß Frieden,
Toleranz, Humanität und Intelligenz keine Traditionen sind.

46.

Die Mehrheit der Menschen existiert nur, um manipulierbare Masse zu sein.

47.

Prominenz ist der Tod jedweder Privatsphäre – penetrante Paparazzi lauern allerorten. Dabei
gibt es nichts Langweiligeres, als irgendwelchen Berühmtheiten beim Einkaufen, Joggen oder
ähnlichen Banalitäten zusehen zu müssen. Sie sollten ausschließlich ihrer Leistungen wegen
bewertet werden, und nicht danach, ob sie dann und wann einen über den Durst trinken oder
eine exotische sexuelle Marotte pflegen. Pressefreiheit und Aufklärungsjournalismus mögen
zwar schön und gut sein, aber was für einen höheren Informationsgehalt oder welchen Wert
für den Fortbestand der Menschheit hat es, Brad Pitt beim urinieren zuzusehen?

48.

Die Rassismusdiskussion in Deutschland ist mittlerweile soweit gediehen, daß man sehr
sorgfältig aufpassen muß, was man wann und zu wem sagt. Sage ich als weißes Rundauge zu
einer anderen weißen Langnase: ‚Du beschränkter Weißer’, dann ist das eine Feststellung
bzw. eine simple Beleidigung. Sage ich hingegen zu einem Schwarzen: ‚Du beschränkter
Schwarzer’, dann ist das instantan ein rassistischer An- und Übergriff, obwohl es nur als eine
rein diagnostizierende und herkunftsunabhängige Aussage gedacht war. Aber wie man es

© Kain von Spreewinkl - 59 -


auch nimmt, manche sind einfach hypersensibel und finden auch noch an der harmlosesten
Äußerung etwas zu mäkeln.

49.

FiFa Fußball-WM hört sich fast so an wie BiBaButzemann – Absicht? Damit es sich die
einfacher strukturierten Fans des runden Leders besser merken können?

50.

Die allgemein prävalierende deutsche Bürokratie ist ein repräsentatives Paradebeispiel des im
Jahre 1969 von Laurence J. Peter und Raymond Hull so treffend artikulierten Peter-Prinzips:
‚In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit
aufzusteigen.12’ Das heißt also, jeder ist in dem Maße inkompetent, in dem er es kann…

51.

Eine primäre Ursache für die vielfältigen interkulturellen Probleme der heutigen Welt ist das
ubiquitäre traditionelle geistige Verhaftetsein in der lokalen bzw. nationalen Geschichte. Eine
gemeinschaftliche ideologische ‚Stunde Null’ und ein kooperativer, konstruktiver Neuanfang
unter berücksichtigender Beteiligung aller wäre in dieser Situation durchaus positiv und
wünschenswert. Doch unser schon jahrtausendelang mitgeschlepptes Erbe der
diskriminierungsfreudigen Vergangenheit behindert und trübt den klaren Blick auf eine
allgemein erstrebenswerte Zukunft.

52.

Die Menschen sind von Grund auf mental relativ einfach strukturiert und sie mögen das
Elementare, Übersichtliche (sozusagen the simple life). Die globalisierte Welt ist vielen von
ihnen jedoch mittlerweile schon zu kompliziert geworden. Es herrscht eine negative
gesellschaftskulturelle Dissonanz: Wissenschaft und Technik schreiten seit geraumer Zeit
wesentlich schneller voran als die Intellektualität derer, denen sie eigentlich nutzen soll. Und
so stellt sich die gegenwärtige Situation immer noch so dar, wie Einstein sie schon sah:
„Technischer Fortschritt ist wie eine Axt in den Händen eines pathologischen Kriminellen.“

53.

Armes Deutschland: so viele Gesetze, so viele Steuern, so viel Staat – und so wenig Effizienz.

54.

Heute lief bei einem deutschen Privatsender eine wissenschaftliche Sendung über die Frage,
ob die Chinesen Amerika einige Zeit vor Kolumbus entdeckten. Auch daß die Wikinger schon
lange vor ihm dort gewesen sein sollen, wurde bereits des öfteren behauptet und zu beweisen
versucht. Ich dachte eigentlich immer, die amerikanische Landmasse wurde von den
Vorfahren der Indianer entdeckt und erstmalig besiedelt? Alle anderen nach ihnen waren nur
Usurpatoren.

55.

© Kain von Spreewinkl - 60 -


Wie ‚geheim’ sind eigentlich Geheimbünde, die auf eigenen Websites im Internet um
Mitglieder und Förderer werben? Die wirklichen Geheimbünde kennt die Bevölkerung nicht
(deshalb sind sie ja geheim), und deren hermetische Mitglieder werden sich hüten, ihr internes
Wissen an die profane Öffentlichkeit zu tragen.

56.

Die Anzahl wirklich vertrauenswürdiger Regierungen auf dieser Welt tendiert im unteren
einstelligen Bereich (optimistisch kalkuliert).

57.

Der weitaus größte Teil menschlicher Geschichtsschreibung besteht lediglich aus den
einseitigen Ansichten und subjektiv beeinflußten Überlegungen der damaligen Herrscher,
Usurpatoren und Kolonialmächte. Auch die angeblich ‚freien’ Künstler, Dichter und Denker
waren nicht selten von mehr oder weniger einflußreichen Geldgebern abhängig und verhielten
sich in ihrer Diktion dementsprechend loyal und opportun. Wer die Staatsgewalt innehatte,
überwachte die Verfasser der nationalen Chroniken und lokalen Annalen, und formte
unverdrossen die Historie nach seinem Gutdünken und zu seinem Vorteil (dieses
geschichtsverfälschende Verfahren wird selbst heute noch leidlich erfolgreich in etlichen
Ländern der sogenannten dritten und zweiten Welt praktiziert – doch nicht nur dort). Auch
Montgomery konkludierte: „Die Geschichtsschreibung ist der zweite Triumph der Sieger über
die Besiegten.“ Das wirklich Interessante, das wahre Leben der normalen Bürger, oder das
pure Überleben der Bevölkerung in annektierten Gebieten, wird wohl niemals oder nur höchst
selten wahrheitsgemäß zu eruieren sein. Und so kann bzw. muß die gesamte Historiographie
der menschlichen Zivilisation nur als vager Anhaltspunkt, als diffuse Halbwahrheit gewertet
werden (einmal mehr, einmal weniger). Die nackten Zahlen, Ereignisse und Zeitpunkte
mögen vielleicht noch stimmen, die geschilderten Zusammenhänge, Prämissen und
Ergebnisse müssen deswegen aber noch lange nicht die nuda veritasi darstellen.

58.

Der Mensch ist ein Herdentier – wenn ein Idiot in den Krieg zieht, rennen tausend weitere
Idioten hinterher (unius dementia dementes efficit multosii). Bipedische Lemminge…

59.

Vergangenheit (vor allem die jüngere) hat die folgenschwere Eigenschaft, ausschließlich
glorifiziert oder kondemniert zu werden. Einer kritisch-objektiven Kontemplation wird nur
unterzogen, was schon Jahrhunderte entfernt stattfand.

60.

Ich kann und mag das unüberlegte, romantisierte Gerede à la ‚Früher war alles besser’
wirklich nicht mehr hören. Früher sind die Menschen mangels angemessener medizinischer
Versorgung selbst an eigentlich harmlosen Infektionskrankheiten und kleinen, unbedeutenden
Verletzungen nach unwürdigem Siechtum qualvoll krepiert, sie mußten meist bis zu ihrem
verfrühten Tod (durchschnittliche Lebenserwartung: 30 bis 40 Jahre) von Sonnenauf- bis
Sonnenuntergang körperlich schwer schuften, ideelle wie materielle Sicherheiten gab es noch
i
Die nackte Wahrheit
ii
Ein Narr erzeugt weitere

© Kain von Spreewinkl - 61 -


weniger als heute, und die zivilisierten mediävalen Städter hingen ihren Allerwertesten aus
dem Fenster und defäkierten auf die Straße. Ja, ja – die gute alte Zeit…

61.

Ehrenwerte Gegner sind eine bedrohte, aussterbende Gattung.

62.

Der Bestseller-Roman The Da Vinci Code (Sakrileg)13 von Dan Brown ist m.E. eindeutig
überbewertet. Vor allem erscheint hier der offerierte Stil als ein rhetorisch zu simpler und
primär auf breite Popularität fixierter. Und auch der angediente Inhalt ist so neu nicht: ein
thematisch äquivalentes Werk mit wesentlich anspruchsvollerem Duktus wäre beispielsweise
Il pendolo di Foucault (Das foucaultsche Pendel)14 von Umberto Eco aus dem Jahr 1988. Nur
waren es bei ihm die imaginierten TRES (Templi Resurgentes Equites Synarchici), und nicht
eine fiktive Prieuré de Sioni.

63.

Schwüre und Eide sind letztendlich nur eine überholte, theatralisch-pathetische Farce einer
überholten Gerichtstradition, denn selbst für den Fall, daß ein überführter Schwerverbrecher
bei seinem und dem Leben seiner Familie sowie bei allen Göttern und Heiligen gelobt, nichts
als die reine Wahrheit zu sagen, kann man ihm doch kein bißchen trauen. Und für den Rest
der ethisch insuffizienten Menschheit gilt leider das gleiche – wer schwört, sagt noch lange
nicht die Wahrheit…

64.

Die politisch-ideologisch fundierte Frage: ‚Wen sehen sie lieber an der Regierung, die
CDU/CSU oder die SPD?’ entspricht in etwa dem pathologischen Härtegrad der rein
existentiellen Fragestellung: ‚Woran sterben sie lieber, an Lungenkrebs oder an Darmkrebs?’
Denn wo liegt der Spaß oder das emotionale Erfolgserlebnis, wenn man nur unter zwei
inferioren, unerwünschten Plagen zu wählen hat?

65.

Wieso sollen Horror- und Gewaltfilme für die zunehmende Schar mordlüsterner Jugendlicher
verantwortlich sein? Die berühmt-berüchtigten Daily Soaps oder die ebensolchen Telenovelas
können doch auch nicht für bösartige Volksverdummung und instantanem Gehirntod bei
akzidenteller Überdosierung haftbar gemacht werden.

66.

Die Menschen in Deutschland leben immer länger. Lag die durchschnittliche


Lebenserwartung für Frauen anno 1950 noch bei 68,5 Jahren und für Männer bei 64,6 Jahren,
waren es im Jahr 2000 bei den Frauen bereits 80,6 Jahre, bei den Männern 74,7 Jahre.
Eigentlich eine erfreuliche Tatsache, doch wenn man sich die dramatischen, partiell äußerst
i
Wobei das kleine Wörtchen fiktiv in diesem Zusammenhang nicht ganz den Tatsachen entspricht, denn eine
geheimgesellschaftliche Vereinigung namens Prieuré de Sion gab es wirklich – jedoch nicht in der dargestellten
Weise. Der echte Verein mit dem Namen Prieuré de Sion wurde am 7. Mai 1956 von Pierre Plantard in der
Unterpräfektur Saint-Julien-en-Genevois im Département Haute-Savoie (Hochsavoyen in Frankreich) gegründet
und bestand für etwa ein Jahr

© Kain von Spreewinkl - 62 -


inhumanen Zustände in den pflegerisch wie medizinisch chronisch unterversorgten Alten- und
Pflegeheimen der knapp kalkulierenden und gewinnorientierten Gegenwart so ansieht
(nullifizierte Lebensqualität), fragt man sich ernsthaft, ob ein hohes Alter, mit all seinen
anhaftenden Gebrechen, überhaupt erstrebenswert ist. Ein gesellschaftlich unstigmatisierter,
freiwillig gewählter, würdiger Abgang, eine selbstinszenierte und -initiierte
Selbstannullierung, solange man noch in der körperlichen und geistigen Verfassung dazu ist,
wäre die adäquatere, menschlichere Alternative. Leben – ja, aber nicht qualvolles,
dahinvegetierendes Überleben um jeden Preis.

67.

Wenn ein Mensch von Kultur spricht, so meint er seine Kultur, und das, was er für eine
solche hält – alles andere ist für ihn häretische Unkultur und wird herzhaft bekämpft
(erkennbar an den vielen wissensvernichtenden Bilderstürmereien und Bücherverbrennungen
im Gang der menschlich-zivilisatorischen ‚Kultur’-Geschichte), zumindest jedoch arrogant
und demonstrativ mißachtet – denn meine Wahrheit ist besser als deine.

68.

Artikel eins der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, welche am 10. Dezember des
Jahres 1948 als Resolution 217 A (III) von der Generalversammlung der Vereinten Nationen
(United Nations, UN) verabschiedet wurden, besagt gleich im ersten Satz: Alle Menschen
sind frei […] geboreni. Doch das stimmt so selbstverständlich nicht, eher das explizite
Gegenteil ist richtig: kein Mensch ist frei geboren. Denn schon die eigene Geburt war nicht
unbedingt ein freiwilliger Vorgang, und auch die Epoche, die Nationalität, die Sprache, das
Geschlecht oder auch nur das individuelle Aussehen waren a priori nicht verhandelbar. Es
folgen diverse natürliche oder politische Sachzwänge, soziokulturelle Umgangsformen und
restriktive Gesellschaftskonventionen, die partiell dem eigenen Begehr, bzw. der persönlichen
Freiheit, widersprechend oder gar zuwiderlaufend sein können. Die Sentenz in der Resolution
müßte also heißen: Jeder Mensch muß für sich selbst sehen, ob und wie er mit dem
zurechtkommt, was er eben hat. Jedenfalls noch mindestens solange, wie die Welt so ist, wie
sie eben ist…

69.

Die (gerechtfertigte) Todesstrafe erscheint eigentlich viel zu gut für viele der überführten
Gewaltverbrecher. Sie sollten alle gnadenlos und ohne irgendwelche Vergünstigungen bis an
ihr unbedeutendes, klägliches Lebensende von der Welt unbeachtet im tiefsten Kerker
dahinsiechen und verrotten – so werden Märtyrer vermieden…

70.

Öffentliche Verwaltungen erinnern frappierend an die Hydra der griechischen Mythologie: ist
ein inkompetenter Bürokrat nach vielen trost- und ergebnislosen Jahren endlich aus seinem
Amt geschieden (hiatus maxime deflendusii), stehen schon geringstenfalls zwei weitere
unqualifizierte Schreibtischathleten für die disponible Sinekure parat, die zumindest genauso
unfähig sind, wie es ihr Vorgänger zu seinen besten Zeiten war.

71.
i
Siehe Anhang III.
ii
Eine höchst beweinenswerte Lücke

© Kain von Spreewinkl - 63 -


Deutsche Politiker sollten verpflichtet werden, vor Amtsantritt ein Quartal als Hartz IV-
Empfänger zu leben, damit sie wenigstens kurzfristig wissen und nachempfinden können, wie
die Mehrheit des Volkes zu Zeiten der Großen Koalition existieren muß.

72.

Das Lebensmotto einer stets gutgelaunten Kollegin war: Wer nichts macht, macht nichts
verkehrt. Eine simple, aber richtige Einstellung. Viele historische Katastrophen hätten
vermieden werden können, wenn sich ihre Urheber vor dem Desaster Gedanken gemacht
hätten, ob sie die Aufgabe überhaupt bewältigen können.

73.

Die primären Grundbedürfnisse der Menschen sind wenige und schon lange hinreichend
bekannt. Doch selbst diese geringfügigen Begehrlichkeiten können die überforderten
Organisatoren, also die durch langen und bürokratisierten Staatsdienst realitätsentfremdeten
Politiker, nicht befriedigen. Die Staatsform der Demokratie ist zwar im Moment das beste,
was wir haben (mehr oder weniger), doch sie hat sich mittlerweile überlebt, und es wäre an
der Zeit, etwas Neues zu probieren – etwas mit mehr sozialer Humanität und weniger
nepotistischer Wirtschaftsdiktatur.

74.

Kritisches Denken ist für viele Vorgesetzte nur eine lästige, unerwünschte Angewohnheit
ihrer subalternen Mitarbeiter, welche mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft
und mit Stumpf und Stiel ausgemerzt werden muß.

75.

Sozialethische Erziehung sollte bzw. müßte primär von den Eltern ausgehen, doch der
überwiegende Teil dieser sogenannten Eltern selbst hat keine. Und so regiert in den meisten
Haushalten das infantile, schlagkräftige Prinzip der Gosse – der Stärkere hat recht, der
Klügere gibt nach.

76.

Neulich sah ich im Fernsehen einen 16jährigen palästinensischen Selbstmordattentäter, wie er


in seinem obligatorischen Abschiedsvideo mit zitternder Stimme einen völlig albernen
Abschiedstext von einem vorbereiteten Blatt Papier ablas. Danach zog er los und sprengte
sich in Israel in die Luft und tötete dabei viele unbeteiligte Personen. Ich glaube nicht, daß der
Junge wirklich wußte, was er da tat – dazu fehlte im schlicht die nötige Reife und der
Verstand. Nein, er folgte lediglich den hinterhältigen Einflüsterungen irgendwelcher
pseudoreligiös verdrehter Idioten, die einfach zu feige waren, das gottesleugnerische Attentat
selbst durchzuführen. Diese inhumanen Vorkommnisse sind höchst bedauerlich und
beschämend für jeden einzelnen der Gattung Mensch (inklusive jenen, die grundlos meinen,
auch einer zu ein).

77.

© Kain von Spreewinkl - 64 -


Die menschliche Zivilisation existiert der offiziellen Meinung nach etwa seit 10.000 Jahren.
Noch einmal soviel wird sie nicht schaffen, vermutlich nicht einmal ein Zehntel. Und warum
sollte sie auch?

78.

Zeigt mir einen ehrlichen Politiker (oder Wirtschaftsführer etc.), der stets die Wahrheit sagt,
und ich zeige euch das Ende des Regenbogens. Scham- und reueloses Lügen gehört zum –
bzw. ist das – Geschäft der Chefetagen; mundus vult decipi, ergo decipiaturi. Arme,
unwissende Untertanen…

79.

Wenn Politiker krank werden, kann man nur dithyrambisch hoffen, es sei ihr permanent
überfordertes schlechtes Gewissen. Aber zumeist haben sie gar keines…

80.

Warum geschehen so viele Verkehrsunfälle? – ganz klar, wer zu dumm zu leben ist, kann
auch nicht anständig mit dem Auto fahren.

81.

Alle diese hochgelobten, penetrant fröhlichen, aufgesetzt glücklichen Motivationstrainer,


Karriereexperten und Erfolgscoaches, die doch so positiv inspirierend, enthusiasmierend und
mitreißend sein wollen, haben bei mir nur die übelsten Depressionen ausgelöst. So viel
infantiles Gaudium konzentriert in einer hampelnden, dauergrinsenden Person ist einfach
unerträglich. Ob diese krankhaft optimistischen Leute wirklich glauben, was sie den ganzen
Tag radotieren und einem so indiskret aufnötigen möchten?

82.

Wenn sich gewaltbereite Hooligans bei Fußballspielen bekämpfen – warum schreitet die
Polizei ein? Bewaffnet die Idioten und verhaftet die Überlebenden!

83.

Die weiland aus energiepolitischen Überlegungen eingeführte Sommerzeit bewirkt, daß das
elektrische Licht abends eine Stunde später eingeschaltet wird, dafür morgens eine Stunde
länger brennt – also nichts. Das einzige tatsächlich bemerkbare Ergebnis ist, daß die
Menschen eine Woche lang planlos wie komatöse Zombies durch die Gegend wanken, wirre
Worte von sich geben und einen Lapsus nach dem anderen fabrizieren. Mit anderen Worten:
sie benehmen sich wie immer, nur noch ein wenig peinlicher und desaströser.

84.

Je mehr die Macht eines Individuums steigt, um so mehr sinken seine Skrupel. Ein
Machthaber, der angeblich volksnah und ‚auf dem Teppich geblieben’ ist, ist nur ein guter
Schauspieler.

i
Die Welt will betrogen sein, also werde sie betrogen

© Kain von Spreewinkl - 65 -


85.

Ich habe vorhin den jordanischen Terroristen Abu Musab az-Zarqawi in seiner neuesten
Videobotschaft vom 25. April 2006 in den Nachrichten gesehen. Die einzig wirklich
interessante Aussage dieses ansonsten unbedeutenden Bandes war: ganz schön fett geworden,
der az-Zarqawi, seitdem man ihn das letztemal im TV gesehen hat (nun ja, auch er wird
langsam älter und unbeweglicher) – der Rest war unsinniges Geschwafel. Er hätte
schweigsam und subversiv in der kriminellen Versenkung bleiben sollen, anstatt uns mit
seiner impertinenten Mediengegenwart zu belästigen. Aber das war schon immer so: die, die
am wenigsten zu sagen haben, schreien am lautesten. (Nachtrag 8. Juni 2006: Jetzt ist er tot,
so schnell kann es gehen – ob das mit der Videobotschaft wirklich so eine gute Sache war…?)

86.

Vor kurzem wurde der arglose Betreiber eines Internet-Providers von einem deutschen
Gericht schuldig gesprochen und verurteilt, weil über seinen Online-Dienst der freie Zugang
zu Sites mit kinderpornographischem Inhalt gegeben war. Doch wie kann jemand, der einen
Zugang zum World Wide Web anbietet, überhaupt verhindern, daß sich sinistre Verbraucher
verbotene Sites auf den heimischen Computer ziehen? Das wäre in etwa so, als würde man
die Straßenbetreiber für die vielen unnötigen Unfallopfer durch alkoholisierte Fahrer
verantwortlich machen, denn sie haben ja den freien Zugang zur Straße angeboten. Wie der
Internet-Anbieter nicht wirklich wissen kann, was sich seine Kunden ansehen bzw. welche
Inhalte die vielen Millionen privaten Website-Betreiber wann und wo ins Netz stellen, weiß
auch der Straßenbetreiber nicht, ob die unzähligen Fahrer auf seiner Straße alkoholisiert sind
oder nicht. Doch das ist nicht das punctum saliens, denn was man im Internet bekommen
kann, kann man auch ohne bekommen, d.h. genau wie im wirklichen Leben gilt im Internet
das ökonomische Prinzip von Angebot und Nachfrage. Wenn nun das WWW
kriminellerweise von kinderpornographischen Sites überschwemmt wird, bedeutet das doch,
daß es eine immense Nachfrage nach diesen illegalen Bildern gibt. Wir sprechen also über
eine kranke Gesellschaft, die sich nächtens in ihrer dunklen Stube dem prickelnden Rausch
des Verbotenen hingibt, tagsüber aber lautstark dagegen wettert und eifrig versucht, dem
bösen Internet mit seinem schändlichen Wirken Einhalt zu gebieten. Aber wenn man über die
Landesgrenze nach Belgien mit seinen diversen Kinderpornographie-Skandalen sieht, weiß
man auch, daß sich, ebenso wie bei uns, im Deutschland der Dichter und Denker, nichts in
Richtung eines geistig gesünderen Volkes bewegen wird, denn hier wie dort gehören mehr als
zwei Drittel der Abnehmer dieser unstatthaften Bilder der sogenannten elitären
Gesellschaftsschicht an, also Akademiker, Politiker, Industrielle, Advokaten, Geistliche,
Sportler und andere Prominente, und eine Krähe hackt der anderen bekanntlich kein Auge
aus. Da ist es doch viel einfacher und mehr opportun, den Schwarzen Peter den Providern
zuzuschieben und sich publikumswirksam Gedanken über Verordnungen und Gesetze gegen
das teuflische Internet zu überlegen, als etwas für die nötige Verbesserung der ungesunden
Gesellschaftsmoral zu tun. Das für potentiell alles und jeden offene, global zugängliche
Internet ist das liberalste und demokratischste Medium auf dieser Welt. Jeder kann
hineinsetzen, was er will, und jeder kann finden, was er will. Wenn die supranationale
Netzgemeinde etwas nicht sehen möchte, wird auch das Angebot weniger (was aber nicht
heißt, daß es ganz verschwindet, denn irgendwer wird immer so etwas sehen wollen), und so
wird es immer eine unendliche Vielfalt von Angeboten und Meinungen im Internet geben,
mal mehr gute, öfter mal weniger gute, aber abgesehen von einem weltumspannenden
Stromausfall gibt es tatsächlich nichts, selbst keine kleinen, lokalen Gesetzchen, die etwas
daran ändern könnten. Denn was interessiert schon den international operierenden Anbieter
von gesetzeswidrigen Inhalten – mit Serverstandorten in allen möglichen Ländern – eine

© Kain von Spreewinkl - 66 -


gesetzliche Verordnung im fernen Deutschland? Er wird vermutlich nicht einmal von deren
Existenz erfahren, geschweige denn sich danach richten. Das World Wide Web spiegelt eben
die wirkliche soziokulturelle Welt wider. Wie sprach nicht weiland Georg Christoph
Lichtenberg: „Wenn ein Affe [in den Spiegel] hineinschaut, kann kein Apotheker
heraussehen“, nur die modernisierte Variante lautet: „Wenn ein Schwein ins Internet schaut,
schaut auch ein Schwein heraus!“

87.

Seit einiger Zeit werden die ohnehin schon etlichen Repressalien ausgesetzten Raucher
zusätzlich mit dem unheilschwangeren Satz „Rauchen kann tödlich sein“ auf jeder Schachtel
Zigaretten konfrontiert. Nach diesem ersten Schritt folgte nun die großangelegte Ausweitung,
es werden jetzt auch die Päckchen mit losem Tabak mit dieser drastischen Aufschrift
versehen. Da die meisten Raucher jedoch die Gefahren des längerfristigen Tabakkonsums
sowieso schon kennen, wird diese staatlich verordnete Alibiaktion nichts fruchten. Sie läßt
aber ungeahnte Perspektiven erkennen, denn wenn diese paradoxe
Kennzeichnungsentwicklung so weiter geht, werden als nächstes vermutlich alkoholische
Getränke wie Bier, Wein, Hochprozentiges oder Mixgetränke mit dem Spruch „Alkohol kann
tödlich sein“ verziert, denn schließlich sterben durch Alkoholmißbrauch mehr Menschen als
durch das Rauchen, und auch die Gesundheitskosten für die Solidargemeinschaft sind höher.
Danach können wir dazu übergehen, andere potentiell gefährliche Produkte mit einem
Denkspruch zu schmücken, alsda wären z.B.: Kraftfahrzeuge und Motorräder. Durch
Verkehrsunfälle sterben viele tausend Menschen im Jahr, warum schreiben wir nicht
„Autofahren (bzw. Motorradfahren) kann tödlich sein“ auf jede vakante Stoßstange? Oder wie
wäre es mit „Sport kann tödlich sein“ auf Sport- und Freizeitprodukten, denn nicht wenige
Athleten und Freizeitsportler verletzen sich oder sterben sogar während der Ausübung ihrer
Leibesertüchtigungen. Auch könnte man an ein „Essen kann tödlich sein“ auf diversen
Designer- oder Fast-food-Produkten denken, wenn man sich die verschiedenen ungesunden
chemischen oder genmanipulierten Inhaltsstoffe mancher Lebensmittel vor Augen führt. Ein
„Kochen kann tödlich sein“ auf Gasherden könnte auch möglich sein, schließlich hört man
immer wieder von vergifteten Opfern und explodierten Wohnhäusern durch defekte
Gasinstallationen. Diese Absurditäten ließen sich ad infinito fortführen bis zu einem „Denken
kann tödlich sein“ in totalitären Staaten, „Atmen kann tödlich sein“ in der Nähe von
Chemiefabriken oder einem freundlichen „Leben kann tödlich sein“ im Umkreis eines
Atomkraftwerks. Das Dasein ist nun einmal voller unvorhergesehener Gefahren, sowohl in
der Arbeit als auch in der Freizeit, eine absolute Sicherheit vor Unfällen oder
gesundheitlichen Schäden gibt es nicht und kann uns niemand geben. Deswegen sollte man
diesen Beschriftungs- und Hinweisschilderwahn unterlassen bzw. möglichst stark
einschränken, sonst gibt es irgendwann kein Produkt mehr, auf dem nicht ein „…kann tödlich
sein“ prangt. Außerdem wissen die meisten Menschen sehr genau, welchen Gefahren sie sich
durch ihre mannigfaltigen Aktivitäten aussetzen, nicht zu vergessen der mit der Zeit
eintretende Gewöhnungs- und Abstumpfungseffekt durch diese permanenten,
unterschwelligen Gefährdungswarnungen. Wenn wir versuchen, jede Eventualität des
menschlichen Lebens bis ins kleinste Detail zu reglementieren und regulieren, wird sich bald
niemand mehr in diesem labyrinthischen Dschungel von Hinweisen, Vorschriften,
Empfehlungen und Gesetzen zurechtfinden. Leider befinden wir uns verdientermaßen auf
Grund unserer eigenen, unglaublich mikrologischen Geisteshaltung zur Zeit auf diesem
unglücklichen Wege.

88.

© Kain von Spreewinkl - 67 -


Durch meine Tätigkeit bei einer offiziellen Einrichtung verfüge ich über Einsicht in diverse
sowohl interne als auch öffentliche Stellenausschreibungen. Dabei ist mir schon seit geraumer
Zeit aufgefallen, daß für Arbeitsstellen im IT- und EDV-Bereich als eine der wichtigsten
Voraussetzungen immer öfter explizit ein naturwissenschaftliches Studium gefordert wird.
Warum dieses? Ich verstehe die abstrusen Gedankengänge der hierfür verantwortlichen
Personalleiter nicht, weshalb ein Mensch, der z.B. Chemie, Biologie oder Veterinärmedizin
studiert hat, besser mit Computern, Software oder Netzwerken umgehen sollen könnte, als ein
ausgebildeter oder durch eigenes Engagement erfahrener EDV-Fachmann mit Ingenieurstitel,
aber ohne Studium. Panische Frage an den promovierten Tierarzt im Serverraum: „Das
Netzwerk ist zusammengebrochen! Wir sind mit unserer Firmen-Website nicht mehr im
Internet, das DHCP funktioniert nicht mehr im Vertriebssubnet B, und der File-Server ist
auch nicht zu erreichen – können sie uns bitte helfen?“ Antwort: „Eigentlich nicht, aber ich
könnte ihren Wachhund einschläfern.“ Wo ist bei dieser personalpolitischen Überlegung der
tiefere, mir offenbar nicht zugängliche Zusammenhang zwischen Veterinärmedizin und
Netzwerkarchitektur? Das Problem bei uns in Deutschland ist, daß viel mehr darauf geachtet
wird, welche Voraussetzungen, Scheine, Abschlüsse und Beziehungen eine Person hat, als auf
ihr handwerkliches Können und Geschick im geforderten Sachgebiet. Selbiges schlägt sich
auch in den gegenwärtigen Vorstellungsgesprächen, inklusive zweistündigem ‚Verhör’ durch
einen (Pseudo-)Psychologen, der unter anderem die Motivation des Kandidaten eruieren soll,
nieder. Aber was nützt mir als potentieller Dienstherr ein Angestellter, der zwar hochmotiviert
und loyal ist, jedoch von der Materie seines zukünftigen Arbeitsbereichs definitiv keine
Ahnung hat? Das Können rückt somit in den Hintergrund, das Erscheinungsbild (und sei es
nur auf dem Papier) des Bewerbers zählt. Ein möglicher Lösungsansatz in diesem Dilemma
wäre, wenn der Proband in einer – in jedem größeren und auf Sicherheit bedachten
Unternehmen vorhandenen – Testumgebung unter Aufsicht eines geschulten Fachmanns ein
real existierendes (simuliertes) Problem erkennen, analysieren und reparieren muß. Wenn er
die Aufgabe in der zuvor veranschlagten Zeit erfolgreich löst, kann man immer noch, falls
nötig, etwaige schriftlich vorliegenden Voraussetzungen als nachgelagerte
Entscheidungshilfen zu Rate ziehen – wenn nicht, sollte dem Anwärter auch ein eventuell
absolviertes Studium aus oben genannten Gründen nicht zum Vorteil gereichen (dieses
System wird bereits in einigen anderen Ländern, zum Beispiel in den USA, seit längerem
erfolgreich praktiziert). Ein Umdenken in der gegenwärtigen EDV-Personalpolitik (eigentlich
in der gesamten Personalkultur, da dieses Problem leider nicht nur den Aufgabenkreis der
elektronischen Datenverarbeitung betrifft) ist dringend erforderlich, denn bei der momentanen
Art des personellen Auswahlverfahrens in Deutschland verwundert es nicht, wenn relativ
viele Bedienstete auf höheren Positionen im IT-Bereich über alle Maßen unfähig sind und nur
durch einen Stab erfahrener Mitarbeiter und Ratgeber ihre berufliche Existenz halbwegs
rechtfertigen. Aber sie haben immerhin etwas studiert, bzw. erfüllen andere (willkürlich
ausgesuchte?) Bedingungen, die jedoch zumeist nichts mit dem eigentlichen Aufgabenbereich
zu tun haben, respektive nur formeller Natur sind, während den subalternen Angestellten, die
es erheblich besser wissen und können würden, aufgrund ‚mangelnder Qualifikation’ oder
‚fehlender Voraussetzungen’ der wohlverdiente Aufstieg in höhere Ämter verwehrt bleibt.

89.

Nach der letzten Gesundheitsreform, respektive nach Einführung des Fallpauschalensystems


(inklusive den DRGs: Diagnosis Related Groups – Diagnosebezogene Fallgruppen) spielt in
den Krankenhäusern medizinische Qualität keine Rolle mehr (Stichwort: Blutige Entlassung)
– die Maxime lautet nun: größtmögliche Schadensbegrenzung. Mittlerweile wurde auch die
ärztliche und pflegerische Dokumentation wichtiger als der Patient selbst. Der Mensch ist tot,
aber die Statistik stimmt – typisch deutsche Bürokratie.

© Kain von Spreewinkl - 68 -


90.

Selbst in die Vereinigten Staaten von Amerika kann man nicht mehr ungefährdet reisen – zu
viele fundamental-christliche Fanatiker…

91.

Latein (lingua latina) ist auf Grund seiner Artikelfreiheit eine komplexe Sprache, bei der man
vor dem Reden genau überlegen muß, was man eigentlich sagen will. In den gegenwärtig
aktuellen Sprachen mit Artikel ist dies nicht mehr unbedingt nötig, deswegen salbadern die
Menschen permanent soviel Unsinn. Doch wer nichts zu sagen hat, sollte einfach einmal den
Mund halten, und nicht ständig seinen Nächsten mit sinn- und nutzlosem Geschwätz
belästigen – soll er doch ein Buch darüber schreiben, das muß man dann wenigstens nicht
lesen.

92.

Menschen unterscheiden sich in vielen endemisch auftretenden Äußerlichkeiten: an der


landestypischen Physiognomie kann man ohne Probleme einen Amerikaner, einen Italiener,
einen Deutschen, einen Iraner, einen Engländer etc. erkennen – trotzdem sind sie alle
Menschen derselben Art. Vermeintliche Rassenunterschiede gibt es demnach nur in den
Köpfen derer, die solche gerne haben würden. Rassenunterschiede gibt es per exemplum
zwischen Gorilla und Mensch, aber nicht zwischen Mensch und Mensch, nur weil die
Hautfarbe oder die Form der Nase ein wenig variiert. Das sind nur willkürlich gewählte
Unterschiede; genauso könnte man sagen, Personen bis zu einer Körpergröße von 1,75 m
gehören einer anderen Rasse an als die darüber (oder: Menschenrasse 1: bis 80 kg
Körpergewicht, Menschenrasse 2: bis 160 kg, und Menschenrasse 3 sind alle, die darüber
liegen). Alle Menschen sind Weltbürger – ein gepflegter Nationalismus und ein kultiviertes
Heimatbewußtsein, dagegen ist sicherlich nichts zu sagen, wenn es in normalen Bahnen
abläuft und nicht in kleingeistig-dumpfem Traditionalismus endet; doch kein Angehöriger
irgendeiner Staatszugehörigkeit kann sich besser oder privilegierter wähnen als der einer
anderen.

93.

Staaten sollten die Todesstrafe kategorisch vermeiden, denn diese transformiert Täter zu
Opfer und Verbrecher zu Märtyrer. Besser ist es, die Delinquenten lebenslänglich im
Gefängnis schmoren und in anonymer Vergessenheit verrotten zu lassen. Die Todesstrafe ist
zu gut für Gewaltverbrecher.

94.

Wenn die Menschen nur etwas menschlicher wären, hätten sie Institutionen wie die
Internationalen Menschenrechte – oder die Todesstrafe – nicht nötig.

95.

Ein freundlicher Tip zum Energiesparen: Im Sommer ist es abends zu hell zum einschlafen,
und morgens zu dunkel, um ohne Licht auskommen zu können. Schafft die teure, im Jahre
1980 eingeführte Sommerzeit endlich wieder ab, und beide Probleme wären auf einmal

© Kain von Spreewinkl - 69 -


erledigt. (laut verschiedenen Expertenberichten hat sich auch die erwartete Energieeinsparung
nie eingestellt – im Gegenteil, die einzigen, die wirklich etwas davon hatten, waren die
Energiekonzerne und, auf Grund höherer Steuereinnahmen, der Staat)

96.

Schon Cicero resümierte: fundamentum est iustitiae fidesi. Leider findet sich in der
gegenwärtigen politischen Landschaft niemand, der dieses Vertrauen wirklich verdiente.
Doch wenn bereits die Prämissen nicht stimmen, können die nachfolgenden Resultate und
Konsequenzen selbstverständlich nur suboptimal bis kontraproduktiv sein.

97.

Die Regierung Deutschlands besteht seit langem schon aus einem bunten Sammelsurium
nichtvorhandener Kompetenzen (nur die jederzeit austauschbaren Interpreten wechseln). Ein
unkoordinierter, rein propagandistischer, unqualifizierter Aktionismus par excellence, leicht
erkennbar an den unzulänglichen, zahnlosen Ergebnissen. Viel Gerede – nichts dahinter. Carl
von Ossietzky argwöhnte schon vor über 70 Jahren: „Deutschland ist das einzige Land, wo
Mangel an politischer Befähigung den Weg zu den höchsten Ehrenämtern sichert.“ Seitdem
hat sich nicht viel verändert (ausgenommen – und unter Vorbehalt – die kurze zweite
Gründerzeit mit integriertem Wirtschaftswunder nach Ende des 2. Weltkriegs).

98.

Demokratur = demokratische Diktatur; d.h. die Bürger dürfen frei wählen, wer sie die nächste
Legislaturperiode froissiert und ausbeutet. Heinrich Wiesner bemerkt in diesem Sinne:
„Freiheit ist die Fähigkeit, eine Wahl zu treffen, deren Gefangener man hinterher ist.“

99.

Beim täglichen Blick in die Zeitung hilft nur das vorsichtige Hoffen auf bessere Zeiten. Doch
schon Billy Wilder erkannte: „Das Licht am Ende des Tunnels ist der Expreßzug, der direkt
auf dich zufährt.“ Erst wenn man glaubt, es geht nicht mehr schlimmer, kommt das dicke
Ende (und dann noch eines).

100.

Der vielbejubelte Fortschritt kann nicht immer positiv bewertet werden, denn auch
Diktatoren, Mörder und Terroristen entwickeln sich weiter. Oder, wie Thornton Wilder es
artikulierte: „Unter Fortschritt versteht man eher das Tempo als die Richtung.“

101.

Reisen bildet – man erkennt: anderswo ist’s auch nicht anders, nur die Landschaft wechselt.

102.

Mit Gewalt- und Sexualverbrechern wird in Deutschland im allgemeinen immer noch viel zu
nachlässig und gutgläubig umgegangen. Zumindest Wiederholungstäter sollten lebenslänglich
aus der Gesellschaft entfernt werden – rein prophylaktisch gesehen: im Zweifel für die
i
Grundlage der Gerechtigkeit ist Vertrauen

© Kain von Spreewinkl - 70 -


potentiellen Opfer (denn wenn die Resozialisierungsmaßnahmen während des ersten
Gefängnisaufenthalts nichts fruchteten, werden sie es während des zweiten wieder nicht).
Leider bewertet bei uns bisweilen, wie eigentlich in allen kapitalistisch orientierten Staaten,
der Gesetzgeber Eigentumsdelikte höher, dringlicher, als durch soziokulturelle Defekte und
Defizite ausgelöste interindividuelle und viktimogene Aggressionseruptionen. Staat und
Wirtschaft sollten offensichtlich mehr und gezielter in die sukzessiv verrohende,
primitivierende psychisch-emotionale Volksgesundheit investieren, doch das ist gegenwärtig
in unserer profitorientierten Welt der besitzverliebten Plutokraten bedauerlicherweise nicht
lukrativ genug – die Bürger dürfen sich ruhig gelegentlich gegenseitig vergewaltigen und
umbringen, ab und zu verschwindet eben ein Kind, die Hauptsache ist doch, die sakrierte
Umsatzstatistik stimmt und die Gewinne steigen. In einer dekadenten
Zivilisationsgesellschaft, in der schnöder Mammon mehr zählt als der einzelne Mensch,
verwundert es demnach auch nicht, wenn persönliche Unversehrtheit degradiert und juristisch
zweitrangig behandelt wird.

103.

Politische Macht ist etwas für intelligente Menschen ohne Sinn und tieferes Verständnis für
Realität, Humanität und Historie.

104.

Wenn ein Delphin plötzlich zu uns spräche – würden wir ihm zuhören und seiner
phantastischen Geschichte lauschen? Nein, wir würden ihn aufschneiden, um zu sehen, wie er
das gemacht hat.

105.

Die deutsche Presse bezeichnet Amerika gerne als ‚globalen Sheriff’. Diesbezüglich fand ich
bei Behan die treffliche Sentenz: „Die Welt ist ein Irrenhaus, und deshalb ist es nur richtig,
daß sie von bewaffneten Idioten bewacht wird.“ Ein wahres Wort, durchaus…

106.

Am diffizilen und zutiefst mikrologisch-egoistisch motivierten Hickhack um eine


gemeinsame EU-Verfassung in Brüssel kann wieder einmal eindeutig festgestellt werden, daß
die Menschheit noch sehr weit von einer nötigen generellen Weltverfassung mit
allgemeinverbindlichem Gesetzesstatus entfernt ist.

107.

Warum sollten wir den Politikern auch nur ein Wort glauben? Sie haben uns vor der Wahl
belogen, sie werden es auch weiterhin tun.

108.

22. Juni 2006: Bayerns Ministerpräsident Stoiber fordert allen Ernstes drei Jahre Gefängnis
für Gotteslästerung. Wie innovativ und tolerant – wie wäre es noch mit einer vorhergehenden
Inquisition? Inklusive Streckbank, Daumenschraube und Spanischem Stiefel? Tschüß,
Fortschritt – Hallo, Mittelalter… Doch das ist typisch für religionsvernebelten Aktionismus:
zuerst großartig Aufgeschlossenheit, Verständnis und Nächstenliebe predigen, aber dann, bei

© Kain von Spreewinkl - 71 -


kleinster Kritik, instantan nach empfindlicher Bestrafung für den ach! so ketzerisch-
blasphemischen Querulanten schreien (anstatt konstruktive Gegenargumente vorzubringen
und einen für beide Seiten innovativ-produktiven Dialog zu initialisieren). Und was sagt das
Grundgesetz dazu? Eine Zensur findet nicht statt (Artikel 5)i. Aber das ist wohl, wie so oft,
politisch-opportunistisch geprägte Interpretationssache. Wenn Stoibers Vorschlag jedoch
national gültiges Gesetz werden sollte, müßten unzählige einheimische Schriftsteller,
Regisseure, Maler und andere Kunstschaffende um ihre Freiheit fürchten – des
Ministerpräsidenten angestrebte Vision: die Gedanken sind frei, aber die Künstler im Knast…

109.

Freie Wahlen und gelebte Demokratie sind im Prinzip positiv zu bewerten, nur die seit
etlichen Dekaden immer gleichen nominierten Parteien und Personen sind größtenteils
humanitär insuffizient – doch bei der prävalierenden politischen Situation und Konstellation
bedauerlicherweise konkurrenzlos.

110.

Laut Statistik begehen rund ein Viertel aller Geisterfahrer (die mit einem Unfall endeten) ihre
folgenschwere Falschfahrt in suizidaler Absicht und töten oder verletzen dabei zusätzlich
andere, unschuldige Verkehrsteilnehmer, die fatalerweise zur falschen Zeit am falschen Ort
waren. Letztere sollten diesbezüglich besser geschützt werden, indem man potentiellen
Lebensverweigerern – im allgemeinen, also nicht nur den Falschfahrern – eine angemessene,
rechtlich abgesicherte Möglichkeit an die Hand gibt, ihre gequälte Existenz schmerzfrei und
unbürokratisch zu annullieren.

111.

Manche Zeitgenossen verbringen ihr tristes Dasein permanent pendelnd zwischen delirium
tremens und dementia senilis.

112.

Kanzlerin Merkel bezeichnete Ende Juni 2006 Deutschland als einen Sanierungsfall. Das
stimmt so nicht: die Regierung ist der Sanierungsfall.

113.

Montag, 26. Juni 2006, 450 Uhr: Nun haben sie also den sympathisch-nonkonformistischen
Braunbären Bruno (alias Problembär JJ1) getötet – typisch Mensch: unoriginell, unkreativ,
eklektizistisch (und ein herber Rückschlag für den Natur- und Artenschutz); Lebewesen, mit
denen er nicht instantan zurechtkommt (bzw. denen er offensichtlich geistig unterlegen ist),
werden gnadenlos abgemurkst – Grüße aus der Steinzeit. Deutschland soll angeblich eine der
fortgeschrittensten Industrie- und Technologienationen sein, aber trotzdem ist es
augenscheinlich völlig unfähig, innerhalb mehrerer Wochen ein einzelnes, nicht gerade
kleines oder unauffälliges Tier aufzuspüren und zu fangen. Aber man kann es auch anders
formulieren: der ideelle Wert des unersetzlichen Daseins dieses armen Geschöpfes wurde
wohl leider nicht so hoch eingeschätzt, als daß die politischen Verantwortlichen die nötigen
finanziellen Mittel für ein unblutiges Einfangen des Bären bereitgestellt hätten. Geiseln, die
sich selbst und bewußt in Gefahr brachten, werden vom Staat freigekauft – aber Bruno, der
i
Siehe Anhang IV.

© Kain von Spreewinkl - 72 -


nur sein junges Leben leben wollte, wird erbarmungslos erschossen. Er wurde dem schnöden
Mammon geopfert – ein Bärenmärtyrer – und ein dicker Minuspunkt für die einfallslose,
dumpf-desinteressierte Menschheit. Tragisch…

114.

Wissen gepaart mit Intelligenz kann eine desaströse Mischung sein – entweder für den
Betroffenen selbst, oder für alle anderen; wenn auch noch Macht oder Popularität
hinzukommen, ausschließlich für die anderen.

115.

Tierquäler haben eklatante kognitive Defizite und sind definitiv potentielle Gewalttäter. Sie
sollten härter bestraft und psychiatrisch behandelt werden. Anschließend lebenslängliches
Tierhaltungsverbot.

116.

Sterben kannst du auch zuhaus’, doch schneller geht’s im Krankenhaus.

117.

Es ist schon äußerst traurig für Deutschland und seine morbid-insuffizienten Einwohner,
wenn man sehen muß, wie sich die jederzeit austauschbaren und dementsprechend frei
flottierenden Regierungsparteien seit Jahrzehnten mit ihren immer offensichtlicher und
dreister werdenden Inkompetenzen gegenseitig überbieten.

118.

Wenn man sich die endlos lange Reihe gebrochener Wahlversprechen des vergangenen
Vierteljahrhunderts kritisch ad oculos demonstriert, dürfte es dementsprechend für die so
agierenden staatsverantwortlichen Akteure auch kein größeres Problem darstellen, wenn das
gemeine Volk auf die überwiegende Majorität der Politiker die mittlerweile synonymisierten
Termini ‚Lügner’ und ‚Betrüger’ anwendet. Wessen nichtssagendes Gerede eben nur einen
Wahrheits- und Realitätsgehalt von durchschnittlich etwa 20 Prozent enthält, braucht sich
anschließend auch nicht wundern oder sich darüber echauffieren, daß er dieserart distanz- und
respektlos tituliert wird – und das zurecht; man braucht nur die desaströsen Ergebnisse nach
der Bundestagswahl 2005 zu betrachten, als partiell das eklatante Gegenteil von dem, was die
stimmenheischenden Volksvertreter während des Wahlkampfes versprachen, zu Gesetzen
wurde. Da haben sie sich wohl nur versehentlich ‚versprochen’?

119.

Als Altbundeskanzler Kohl im Jahre 2004 den ersten Teil seiner Biographie 15 veröffentlichte,
erstand ich es mit doch relativ hohen Erwartungen – welche jedoch schon nach wenigen
Seiten maßlos enttäuscht wurden. Nach knapp der Hälfte dieser unglaublichen
Selbstbeweihräucherung mußte ich das Buch zur Seite legen – soviel Gutmensch-Dasein,
‚Helmut hat die Welt gerettet’ und ‚ohne mich wäre Deutschland nie zu dem geworden, was
es ist’ schlug mir gehörig auf den Magen. Der Mann hat einfach keine Fehler, so wie er sich
selbst beschreibt (jedenfalls keine, die er öffentlich diskutiert sehen möchte); ein Held des
Alltags, der Menschenliebe und der Tradition – da könnte sich so mancher Papst eine Scheibe

© Kain von Spreewinkl - 73 -


abschneiden. Das Werk erscheint als märchenhaftes Heldenepos mit einem Fünkchen
Historismus – hätte es ein anderer geschrieben, wäre es eventuell ein wenig objektiver und
realistischer geworden…

120.

Wenn ein freundlich-optimistischer Sozialarbeiter einen freundlich-obstinaten Häftling, der


bereits mehrfach vorbestraft und rückfällig wurde, ein weiteres mal als erfolgreich
therapierbar einschätzt, sollte er, bevor er leichtfertig eine unentschuldbare Torheit begeht, an
ein altes, immer noch aktuelles römisches Sprichwort denken: lupus pilum mutat, non
mentemi. Nicht umsonst ist ein Wiederholungstäter ein Wiederholungstäter.

121.

Die schon lange gegebenen unfreundlich-asozialen Zustände in der Politik präsentieren sich
so bedrückend desolat, weil die sogenannten verantwortlichen (nicht zu verwechseln mit:
verantwortungsvollen) Politiker schlechterdings keine sind, sondern nur unzureichend als
Politiker getarnte Wirtschaftsfunktionäre – und als solche kümmern sie sich eben
hauptsächlich um die eigenen, vornehmlich finanziellen Interessen und Besitzstände, als um
die fundamentalen Sorgen und Nöte des gemeinen, subalternen Volkes, welches von ihnen
zumeist bloß als notwendiges, lästiges Übel angesehen und behandelt wird. Vor anstehenden
Wahlen gleisnerisch-servil umschmeichelt (bzw. wider besseren Wissens belogen und
betrogen), danach eiskalt und herzlos abgezockt und ausgenommen. Was las ich vor kurzem?
‚Politiker sind der nutzlose Abschaum der Menschheit’ – dem kann man, in Anbetracht der
deprimierenden Konstellationen in der Staatsführung, im Prinzip nur uneingeschränkt
zustimmen. Und falls sich nun einer der Betroffenen über diese negative Evaluation
echauffieren sollte, muß man ihm klar sagen: eindeutig selber schuld, denn an euren Taten
werdet ihr gemessen.

122.

Politiker und Wirtschaftsfunktionäre (im Prinzip synonyme Termini) sind die herz- und
gnadenlosen Raubritter der Moderne.

123.

Die derzeitig forcierte Globalisierung ist nichts anderes als grundsätzlich illegale
Kartellbildung zum Wohle weniger und zum Schaden vieler (und nur die wenigen Profitierer
behaupten permanent wie vehement das Gegenteil).

124.

BRD = Bananenrepublik Deutschland (deprimierend, aber wahr)

125.

Und wieder einmal beginnen in Deutschland die Sommerferien, und wieder einmal steigen
schmerzhaft die Benzinpreise, und wieder einmal versprechen unsere scheinheiligen Politiker,
sie wollen diesen unschönen Zustand nicht hinnehmen und das Kartellamt einschalten, und
wieder einmal schieben die berechnenden und geldgierigen Konzerne die Preiserhöhung auf
i
Der Wolf wechselt sein Haar, nicht seinen Geist

© Kain von Spreewinkl - 74 -


den Weltmarkt, und wieder einmal wird sich nicht das geringste an dieser deprimierenden
Situation ändern – wie jedesmal bei einem Ferienbeginn. Und wieso sollte es auch – steigen
die Benzinpreise, steigen gleichfalls die Steuern, und der Staat verdient kräftig mit. Warum
sollte er also diese lukrative Sachlage ändern wollen? Es ist schon traurig, für wie einfältig
und vergeßlich die exploitierte Bevölkerung gehalten wird…

126.

Pressemitteilung des ZDF (Zweites Deutsches Fernsehen) vom 25.07.2006: Peter Harry
Carstensen, seines Zeichens amtierender Ministerpräsident von Schleswig-Holstein,
übernimmt eine Gastrolle in der ZDF-Serie Der Landarzt. Wofür manche unserer umtriebigen
Politiker doch alles Zeit haben – nun ja, Landesführung ist wohl nicht so schwer und wichtig;
die Hauptsache ist doch, er hat seinen Spaß daran (als ob er nicht schon oft genug im
Fernsehen präsent wäre).

127.

Die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre Verbündeten (incl. Deutschland) brauchen sich
nicht so melodramatisch über die endlose Nahostkrise befremden oder echauffieren, denn
schließlich waren sie es (unter anderen), die den beteiligten Konfliktparteien die nun
verwendeten Waffen lieferten. Was glaubten sie denn, was diese damit anfangen? Ins
Museum stellen? Aber das ist charakteristisch für die bigotte Weltpolitik und ihrem
globalisierten Wirtschaftsdenken: erst für viel Geld tonnenweise Waffen in Krisengebiete
liefern, und sich dann überrascht wundern, wenn diese tatsächlich eingesetzt werden.

128.

Wenn all die finanziellen Mittel und geistigen Ressourcen, die seit Jahrtausenden, um nicht zu
sagen: seit Anbeginn der destruktiven menschlichen Zivilisationsgesellschaft, in die
Entwicklung von Militär- und Waffentechniken gesteckt und somit sinnlos verschleudert
wurden, ausschließlich für zivile Forschung sowie sozialen und kulturellen Fortschritt
verwendet worden wären – die Welt wäre bei weitem nicht so kriminell, verseucht und
humandefizitär, wie sie sich heute eben präsentiert. Doch Tod und Vernichtung sind leider um
ein Vielfaches lukrativer als Frieden und Freiheit, und Geld war bedauerlicherweise schon
immer die einzige Triebfeder der mikrologisch-egoistischen Menschheit (bzw. deren
politischer und spiritueller Anführerschar).

129.

Aktiven Politikern in Deutschland sollten sämtliche ihrer lukrativen ‚Nebentätigkeiten’, also


die vielgeliebte und oft praktizierte Ämterhäufung, strikt und unter expliziter Strafandrohung
verboten werden. Schließlich sind Politiker exklusiv gewählt worden, um eine ordentliche,
gesellschaftsverträgliche und zukunftsfähige Politik für das Land zu gestalten – und da dies
eine äußerst diffizile und höchst arbeitsintensive Angelegenheit ist (zumindest, wenn sie gut
und gewissenhaft erbracht werden soll), können sie im Prinzip gar keinen zeitaufwendigen
Zweitjob wahrnehmen. Sie sollten lieber ihr eines, vom Volk zugewiesenes politisches
Mandat förderlich und akkurat gestalten, statt in mehreren z.T. adversativen, miteinander
konkurrierenden Beschäftigungen mehr schlecht als recht vor sich hin dilettieren (– denn
nicht umsonst nennt man Politiker auch ‚Volksvertreter’, und nicht Wirtschaftsfunktionäre,
Lobbyisten o.ä., obwohl diese negativ belasteten Termini des öfteren weitaus zutreffender
wären). So können auch keine politischen oder wirtschaftlichen Interessenskonflikte auftreten,

© Kain von Spreewinkl - 75 -


wie dies immer wieder, um nicht zu sagen: fortwährend, in unserer von illegalen
Insidergeschäften und beinahe öffentlich zelebrierten Korruptionsaffären durchzogenen,
dramatisch asozialen Bananenrepublik geschieht.

130.

Ein deutsches Paradoxon: Verwaltungen sind und waren seit jeher der unproduktive Teil einer
Organisation. Doch während sie sich immer mehr aufblähen, verzweigen und als immer
ineffizienter erweisen, werden die Menschen, die tatsächlich durch ihre individuell erbrachte
Arbeit das Geld für das Unternehmen erwirtschaften, immer weniger (siehe die seit Jahren
anhaltende deprimierende und demotivierende Entlassungswelle in Deutschland). Wann sehen
es die verantwortlichen Führungskräfte endlich ein, daß ein monströs aufgedunsener
Verwaltungsapparat allein nicht überlebensfähig ist?

131.

Das (laut Grundgesetz Artikel 5i eigentlich nicht vorhandene) Zensurwesen, besonders im


deutschen Filmgeschäft, präsentiert sich mir als absolut überflüssig und unverständlich – so
habe ich sämtliche nach § 131 StGBii beschlagnahmten Spielfilme von A bis Z gesehen, quasi
von Antropophagus16 bis Zombie17, doch nichts war brutaler, gewaltverherrlichender und
menschenverachtender als The Passion of the Christ18 von Mel Gibson. Dieser tatsächlich
ernstgemeinte Film zeigt über 120 Minuten explizit, in Farbe und in Nahaufnahmen, wie ein
einzelner Mensch verhöhnt, erniedrigt, gequält, gefoltert, verstümmelt und letztendlich
grausam ermordet wird. Und dieses zutiefst verstörende, bluttriefende und ultrabrutale
Machwerk gaben unsere planlosen Tugendwächter unglaublicherweise für Zuschauer ab 16
Jahren frei (– doch nur, weil man einem timonischen Metzelwerk den Hauch eines religiösen
Anstrichs verleiht, mutiert es noch lange nicht zur Kunst), während selbstironisch arrangierte,
splattermäßig überzogene Horrorkomödien, wie etwa The Evil Dead19 oder Mother’s Day20,
welche in anderen Ländern bereits im nachmittäglichen Fernsehprogramm zu sehen sind, in
Deutschland beschlagnahmt und rigoros verboten wurden. Man muß sich wirklich fragen, von
welch humorlosen Kunstbanausen und nach welch absonderlichen Kriterien Filme in unserem
Land bewertet werden…

132.

Einen Tag vor der Tour de France 2006 wurden von der Tourleitung die hochgehandelten
Favoriten Jan Ullrich, Ivan Basso, Francisco Mancebo, Joseba Beloki, Oscar Sevilla und noch
einige weitere Fahrer (die spanischen Behörden präsentierten eine Liste mit 58 Verdächtigen)
wegen des dringenden Dopingverdachts von der Teilnahme ausgeschlossen. So hofften die
arglosen Organisatoren, eine dopingfreie Frankreich-Rundfahrt zu gewährleisten (mehr oder
weniger) – doch schon kurz nach Tour-Ende wurde der Sieger Floyd Landis positiv auf
synthetisches Testosteron getestet (sowohl bei der A-Probe als auch einige Zeit später bei der
B-Probe), so ein Pech aber auch – sollte man nun die Tour de France in ‚Tour de Dope’
umbenennen? Es ist jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anzunehmen,
daß dies nur die Spitze eines gigantischen Eisbergs bedeutet und noch viele weitere
Hochleistungssportler aus allen Disziplinen oft und gerne zu solchen sogenannten verbotenen
Substanzen greifen, ohne die sie ihre herausragenden Leistungen wohl nie erreichen würden.
Nur hatten diese Athleten offensichtlich das zweifelhafte Glück, unbeschadet die
diesbezüglichen Kontrollen zu überstehen. Warum gibt man in Anbetracht dieser andauernden
i
Siehe Anhang IV.
ii
Siehe Anhang V.

© Kain von Spreewinkl - 76 -


bzw. stetig eskalierenden Situation das Doping nicht einfach generell frei? Schließlich wollen
die sensationslüsternen Zuschauer ständig neue Höchstleistungen und Rekorde sehen, und im
medizinischen Endeffekt schaden die Sportler nur ihrem eigenen Körper. Ein wenig Doping
hier, ein wenig Genmanipulation da, und den Kopf braucht man sowieso nur noch, um
irgendwo die Medaille hinzuhängen. Und auch die teuren Dopingkontrollen, Testverfahren
und überwachenden Institutionen könnte man zukünftig getrost einsparen (für das viele Geld
könnte dann im Labor eine völlig neue Art von Wettkämpfern kreiert und herangezüchtet
werden). Schöne neue Sportlerwelt…

133.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (United Nations Security Council), angeblich deren
mächtigste Institution, präsentiert sich in unserer opportunistischen Welt mehr und mehr als
uneffektives, taktisches Possenspiel, als ein ganz und gar unzulänglicher, zahnloser
Papiertiger: zuerst dauert es auf Grund des absolut unzweckmäßigen Vetorechts der fünf
ständigen Mitglieder (China, Frankreich, Großbritannien, Rußland, USA) unglaublich lang,
bis er sich endlich zu einer einstimmigen Resolution durchringt, an die sich anschließend
ohnehin niemand wirklich gebunden fühlt – und am wenigsten die Länder, auf die sich diese
rhetorisch abgeschwächten und politisch ineffizienten Beschlüsse beziehen. Außerdem:
warum muß es ein einstimmiges Dekret sein? Eine simple Zweidrittel- oder
Dreiviertelmehrheit der mittlerweile 15 Teilnehmerstaaten sollte doch wohl ausreichend
genug für eine Entscheidung des Sicherheitsrats sein, wozu gibt es denn schließlich die
allseits vielbeschworene Demokratie? Es kann doch nicht angehen, daß ständig eine einzelne
Nation durch ihr rein politisch-strategisch motiviertes Veto die Beschlüsse der 14 anderen
blockiert.

134.

1. August 2006: Nun gilt sie also, die mehrfach reformierte Reform der Rechtschreibreform
aus dem Jahre 1996 – wie dem auch sei, ich verwende weiterhin die alte, originale, richtige,
prächaotische Orthographie. Man muß schließlich nicht jeden unausgegorenen Schwachsinn
mitmachen…

135.

Die meisten deutschen Verwaltungen (99,9 Prozent, Tendenz: steigend) sind ad nauseam
aufgedunsen, hoffnungslos überbürokratisiert, sukzessive ineffizient und reine
Geldvernichtungsmaschinerien.

136.

Die unglaubliche soziale und ethische Inkompetenz der anthropomorphen Kreaturen: in den
diversen, beliebig austauschbaren, parallel existierenden Krisenregionen dieser Erde sterben
täglich tausendfach die Menschen, allenthalben toben Krieg und Terrorismus, Kinder
verhungern, es wird sinn- wie endlos gefoltert, vergewaltigt und gemordet, die mikrologische
Menschheit verroht sukzessive und die überforderte Welt taumelt haarscharf am Rande der
totalen Destruktion von einer humanitären Katastrophe zur nächsten – doch trotzdem gibt es
nicht wenige Erdenbürger, denen es angesichts solcher menschenunwürdigen Situationen
gleichwohl erheblich wichtiger ankommt, welche Farbe das Kleid der Queen bei ihrem
nächsten offiziellen Auftritt hat, wie Naomi Campbell mit ihren intermittierenden

© Kain von Spreewinkl - 77 -


Aggressionsausbrüchen umgeht, oder ob Britney Spears’ nächstes Kind ein Mädchen, ein
Junge oder irgendwas dazwischen sein wird.

137.

Politisches Kalkül 2006: Simultaneität von Fußballweltmeisterschaft und


Mehrwertsteuererhöhung – Zuckerbrot und Peitsche in offensichtlicher Reinkultur.

138.

Jetzt ist es also im angeblich so liberalen Europa schon soweit gekommen: laut amtlich
veröffentlichter Richtlinie der Europäischen Union (EU)21 dürfen Raucher ab sofort (August
2006) bei der Arbeitssuche offiziell diskriminiert werden – und das, obwohl wir in
Deutschland doch so ein tolles Antidiskriminierungsgesetz (ADG), respektive das Allgemeine
Gleichbehandlungsgesetz (AGG)22 haben –; die Stellenangebote dürfen in Zukunft und ohne
schlechtes Gewissen für die Inserenten den eindeutig ausgrenzenden Zusatz: ‚Raucher
brauchen sich nicht zu bewerben’ aufweisen. Mit anderen Worten, der nun verfassungsmäßig
unerwünschte Raucher mag zwar objektiv die besseren beruflichen Qualifikationen haben und
die ausgeschriebenen Tätigkeiten wesentlich wirtschaftlicher und gewinnbringender
ausführen können, aber der Nichtraucher ist wenigstens ein Nichtraucher – und da soll man
sich nicht ungerecht behandelt fühlen? Nun denn, werden wir eben nolens volens Lügner
(‚selbstverständlich bin ich von Grund auf und aus vollstem Herzen ein militanter
Raucherhasser – wo denken sie hin? – schlagt sie alle tot!’) – oder Alkoholiker. Alkoholismus
gilt zumindest als Krankheit, und aus gesundheitlichen Gründen fällt es einem Betrieb nicht
so leicht, einen fachlich versierten Bewerber abzuweisen – außerdem braucht man doch als
potentieller, eventuell sogar genetisch bedingter Abhängigkeitsgefährdeter irgendeine
adäquate Ersatzbefriedigung (und Kaugummis brennen so schlecht). Rauchen zählt zwar,
genau wie das Potatorium, in vielen Ländern ebenfalls zu den behandelnswerten
Suchtkrankheiten, doch es ist ja allgemein bekannt, daß die ingeniösen Leuchten in Brüssel de
facto nicht allzu hell strahlen, und eine Krankheit ist eben nur das, was die Europabürokraten
dazu erklären. Gleichermaßen ist nur das eine Diskriminierung, was sie als eine solche
anerkennen – trotz der Artikel 1, 2, 7 und 23 der vielbeschworenen (doch selten beachteten)
Internationalen Menschenrechtei (bzw. deren wohlwollende Kombination). Warum dürfen
aber dann, trotz der extrem negativen und intoleranten Vorgaben für die Freunde des blauen
Dunstes, immer noch landesweit die verschiedensten Tabakwaren legal verkauft werden,
wenn die Staatsführung schon so massiv gegen die verschreckten Raucher vorgeht und sie
sogar gesetzlich abgesichert verunglimpfen läßt? – andere Drogen und Suchtmittel sind
schließlich auch verboten? Die simple und ewig gleiche Antwort in unserer kleptokratischen
Plutokratie lautet: weil die Regierung kräftig daran mitverdient – und auf die vielen
Steuermilliarden kann und will sie nicht verzichten! Dennoch ist dieser heuchlerische
Sachverhalt leider nur ein weiteres offensichtliches Beispiel unter unzähligen anderen für die
gleisnerische Bigotterie in der Politik der Bananenrepublik Deutschland (doch nicht nur dort)
– letztendlich dreht sich eben alles nur um das allseits benötigte Geld, und pecunia non oletii,
wußte schon der ideenreiche Vespasian.

139.

Strategisch günstig placierte Radwege, vorhanden fast in jeder größeren menschlichen


Ansiedlung, entwickelten sich über die Zeit zu einer nicht zu unterschätzenden
i
Siehe Anhang III.
ii
Geld stinkt nicht

© Kain von Spreewinkl - 78 -


verkehrsberuhigenden und vor allem lebensrettenden Einrichtung. Deswegen begreife ich
einfach die primär effizierende Motivation nicht, warum die meisten Fahrradfahrer trotzdem
immer noch, genauso plan- und gedankenlos wie eh und je, völlig selbst-, fremd- und
verkehrsgefährdend mit ihren knautschzonenfreien Vehikeln auf den gefährlich
vielbefahrenen Straßen der Großstädte herumeiern müssen. Am besten noch ohne Helm, ohne
Licht, ohne Hirn und gegen die Verkehrsrichtung. Sind das alles kleine Selbstmörder, oder
sind sie nur zu apathisch und zu infantil, einen durch Schilder und Markierungen exakt
ausgewiesenen Fahrradweg als solchen zu erkennen? Doch was soll’s – die überwiegende
Mehrheit der desinteressierten, sicherheitsbewußtseinsresistenten Radler fährt sowieso in
einer schaurig konfusen Art und Weise, als hätte sie noch nie etwas von Verkehrsregeln
gehört, geschweige denn ein Verkehrsschild oder eine Ampel gesehen. Schade ist letztendlich
nur, daß ein Autofahrer automatisch eine Teilschuld erhält, wenn er ohne eigenes Zutun mit
so einem ahasverischen Chaoten kollidiert. Nichtsdestoweniger sollten auch Fahrräder ein
eindeutig erkennbares, amtlich zugeteiltes Nummernschild haben müssen, damit man als
rechtlich benachteiligter Fahrzeuglenker wenigstens weiß, wen man zu verklagen hat, wenn
einem wieder einmal ein militanter Zweiradfahrer ohne Licht mitten in der Nacht und auf der
falschen Straßenseite (trotz offensichtlich vorhandenem Fahrradweg) die Vorfahrt nimmt
(denn ‚rechts vor links’ ist ihnen ebenso unbekannt) – und der zu allem Überfluß auch noch
bösartig ausfallend bis handgreiflich rabiat wird, wenn man es unvorsichtigerweise wagt, ihn
darauf anzusprechen.

140.

Bei jeder neuen Ölpest in einem der sowieso schon immens belasteten Gewässer und
Weltmeere wird von den mitleidheuchelnden Medien und Politikern die dramatische Situation
der davon betroffenen Menschen beweint (à la ‚viele Fischer und Bootsverleiher fürchten um
ihr Einkommen’). Ehrlich gesagt, die Menschen kümmern mich herzlich wenig, schließlich
werden sie zumeist von den schwerreichen Verursacherkonzernen entschädigt oder können
sich sonstwie eine neue Existenz aufbauen – mich dauern mehr die unzähligen unschuldigen
und wehrlosen Tiere; Myriaden von schützenswerten Meeres- und Küstenbewohnern, welche
durch die exorbitante Unfähigkeit, Gier und Ignoranz der egoistischen Menschen jämmerlich
verrecken müssen. Jeder tote Fisch, jeder verendete Küstenvogel etc. – also jedes einzelne bei
einer solchen Umweltkatastrophe verstorbene Tier – sollte für das verantwortliche
Unternehmen eine empfindliche Konventionalstrafe von mindestens 100.000 US-Dollar nach
sich ziehen, vielleicht konstruieren sie dann endlich sichere Tanker, Förderanlagen und
Pipelines (was sie leider bislang aus purer Profitgier und dank ihrer politischen Verbindungen
erfolgreich vermeiden konnten).

141.

Das hohe Amt des deutschen Bundespräsidenten könnte im Prinzip ersatz- und problemlos –
und ohne daß es jemand wirklich merkt oder bedauert – instantan abgeschafft werden, denn es
erscheint faktisch als eine politisch wie gesellschaftlich überflüssige Staatsposition ohne
greifbaren Wert (außer für den Inhaber – der freut sich über seine lukrative Sinekure). So hört
das Volk meistens nicht sehr viel von ihm, und wenn er sich tatsächlich doch einmal
bemerkbar macht und eine eigene Meinung äußert, geschieht bzw. ändert sich in der Folge
trotzdem nichts Wesentliches an der von ihm angesprochenen Situation – das deutsche
Bundespräsidententum manifestiert sich schlicht als ein ausschließlich repräsentatives Amt
für offizielle Photographieaktionen und pathetisch-expressive Eröffnungsfeierlichkeiten,
jedoch ohne eine erkennbare Spur von realpolitischem Einfluß.

© Kain von Spreewinkl - 79 -


142.

Politiker reden sich leicht von wegen Lohnverzicht, Einkommenseinbußen und massiven
Steuererhöhungen für die zunehmend finanziell überforderte Bevölkerung, schließlich sind sie
eine der wenigen exklusiven Berufsgruppen, die ihr exorbitantes Gehalt (wobei sich der von
ihnen bevorzugte euphemistische Terminus ‚Diäten’ als äußerst irreführend und
bagatellisierend präsentiert, schließlich soll, der öffentlichen Meinung nach, bei einer Diät ab-
und nicht zugenommen werden) selbst bestimmen können und weder Abgaben noch
irgendwelche Versicherungen zahlen müssen. Und diese ihre Einkünfte sind wahrlich nicht zu
knapp, wenn man bedenkt, daß ein durchschnittlicher Minister in einem Monat mehr Geld
erhält (ich schreibe bewußt ‚erhält’, denn ob sie es wirklich verdienen, steht auf einem
anderen Blatt), als viele Bundesbürger im ganzen Jahr erwirtschaften können. Selbst wenn
man die üppige Besoldung sämtlicher Regierungsmitglieder halbieren würde und sie ihre
eigenen Steuern bezahlen sowie ihre Alters- und Gesundheitsabsicherung selbst bestreiten
müßten, nagten sie noch lange nicht am Hungertuch – doch sie wären endlich einmal etwas
näher an der Allgemeinheit (zumindest finanziell gesehen), und würden vielleicht einsehen,
daß das Senken der staatlichen Ausgaben sozial besser verträglich ist als das permanente
Erhöhen von steuerlichen Abgaben.

143.

Nach Rückkehr aus seiner diesjährigen Sommerfrische forderte Finanzminister Peer


Steinbrück am 17. August 2006 die konsternierten Bundesbürger auf, zugunsten ihrer
Altersversorgung auf ihren Urlaub zu verzichten. Doch nach diesem offensichtlich
unüberlegten Statement würden die zu Recht entrüsteten Deutschen allerdings lieber auf
Steinbrück als auf ihre wohlverdienten Ferien verzichten (bzw. sind der verständlichen
Ansicht, dieser solle selbiges mit seinem politischen Amt machen, bevor er weiterhin
leichtfertig derartigen Nonsens von sich läßt und gesellschaftliches Ungemach verbreitet).
Solch dreiste Worte aus dem Munde eines Spitzenverdieners sind die absolut unangebrachte,
pure Impertinenz. Da erhebt sich natürlich die berechtigte Frage, ob es den Menschen ohne
diesen zynischen Volksverächter nicht wesentlich besser ginge – doch die anderen
Regierungsmitglieder erweisen sich leider auch nicht als ersprießlicher.

144.

Die große ungelöste Frage unserer Demokratie: Warum entscheiden sich Politiker, die vor
einer anstehenden Wahl permanent versprechen, ausschließlich zum Wohl und im Sinne der
Staatsbürger zu handeln, nach gewonnener Wahl mehrheitlich dafür, den Rest der
Legislaturperiode vornehmlich gegen das Volk zu arbeiten?

145.

August 2006: Auf Grund der steigenden Terrorismusgefahr in Deutschland – u.a. zwei
Kofferbombenfunde Ende Juli in nordrhein-westfälischen Regionalzügen von Köln nach
Dortmund und Koblenz – wollen unsere umtriebigen Politiker die Videoüberwachung auf
Bahnhöfen und Flughäfen massiv ausweiten. Doch das einzige, was dieser kostenintensive
Aktionismus wirklich bringt, ist, daß man nach erfolgten Anschlägen eventuell die Täter auf
den Videoaufzeichnungen identifizieren kann (wofür jedoch die gegenwärtig vorhandenen
Observationsanlagen im Prinzip völlig ausreichend wären, was beispielsweise am schnellen
Fahndungserfolg bezüglich ebengenannter Kofferbomben ersichtlich ist – mehr oder weniger,
denn eigentlich kamen die entscheidenden Hinweise zur Ergreifung eines der Täter vom

© Kain von Spreewinkl - 80 -


Geheimdienst aus dem Libanon, während der zweite sich persönlich den Sicherheitsorganen
seines Heimatlandes stellte) – die viktimogen konzipierten Attentate selbst können dadurch
allerdings mitnichten verhindert werden. Und falls es sich bei den mordlustigen Terroristen
auch noch um religiös-fundamentalistische Selbstmordattentäter handelt, kann man unbesehen
davon ausgehen, daß es diesen letztendlich völlig egal ist, ob man sie nach vollbrachter Untat
auf irgendwelchen Bändern erkennen kann, oder nicht (wie etwa bei den barbarischen
Anschlägen vom 11. September 2001 in Amerika oder vom 7. Juli 2005 in Großbritannien
gesehen; bei beiden wurden die Killer auf Überwachungsvideos festgehalten und post mortem
identifiziert) – schließlich haben sie sich durch ihren a priori einkalkulierten Tod jedweder
irdischen Rechtsprechung erfolgreich entzogen.

146.

Nichts deprimiert einen kapablen, kompetenten Angestellten mehr (außer ein unangemessen
unterdurchschnittliches Gehalt), als grenzenlos unqualifizierte und unfaire Vorgesetzte, die
lediglich auf Grund der momentan richtigen Parteizugehörigkeit oder der besseren
Beziehungen arriviert wurden, und die außerdem der absolut ungerechtfertigten Ansicht
verfallen sind, sie wüßten und könnten alles besser, nur weil sie derzeit in der nepotistischen
Hierarchie eine halbe Stufe höher stehen.

147.

Die politische Immunität bzw. Indemnität von Abgeordneten und Regierungsmitgliedern


(festgelegt im Grundgesetz, Artikel 46)i müßte instantan und auch rückwirkend aufgehoben
werden, da sie dem ungehemmten, schrankenlosen Amtsmißbrauch Tür und Tor öffnet – die
Geschichte beweist diesen ungesunden Sachverhalt immer wieder.

148.

Wenn auch nur die Hälfte der Anschuldigungen, die der Publizist Jürgen Roth in seinem Buch
Der Deutschland-Clan23 erhebt, der Wahrheit entsprechen, muß man sich ernsthaft fragen,
warum die Bundesregierung nicht geschlossen im Gefängnis sitzt (nebst sämtlichen Richtern,
Staatsanwälten und Wirtschaftsführern). Die Antwort darauf jedoch ist relativ einfach:
clericus clericum non decimatii; mit anderen Worten: steckt sie alle in einen Sack und schlagt
mit dem Knüppel darauf – ihr werdet keinen falschen treffen.

149.

Jede Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens, ob bei den Tieren oder bei den Menschen,
erfordert ein Mindestmaß an ethisch-moralischen Verhaltensregeln bzw. Gesetzen, damit ein
mehr oder weniger friedlich-harmonisches soziokulturelles Zusammenleben der Individuen
gewährleistet sein kann. Dies sind die sozialethischen Grundrechte und -pflichten, und sie
stellen eine Art Ur-Codex dar, inhaltlich vergleichbar etwa mit dem, was eben den
Fortbestand einer nomadisierenden, aus Jägern und Sammlern bestehenden Kleinsippe zu
Beginn des Holozäns garantiert hat. Daraus entstanden, aus naturwissenschaftlichem
Unverständnis und dem Gefühl von Machtlosigkeit der gefahrvollen Umwelt- und
Lebensbedingungen gegenüber, als mystisch-mythologische Erklärungsversuche verschiedene
naturreligiöse Glaubensströmungen mit ihren angeschlossenen Gesetzestexten. Mit der

i
Siehe Anhang IV.
ii
Ein Geistlicher nimmt von einem Geistlichen keinen Zehent; soll heißen: Eine Krähe hackt der anderen kein
Auge aus

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Schaffung diverser Staatsformen kamen die profanen Gesetzbücher hinzu, deren Zahl seit
dem Beginn des Industriezeitalters im 18. Jahrhundert exponentiell ansteigt. Denn die
Menschheit ist erfinderisch, wenn es darum geht, einen mißliebigen Mitbürger zu
diskreditieren, und kommt auf die verwegensten Ideen, ihm zu schaden. Emotional unreif,
unausgeglichen und zu einer argumentativen Konsensfindung nicht fähig, sind die meisten
Menschen zusätzlich willige Spielbälle von skrupellosen Agitatoren, die die Masse
manipulieren und in jede gewünschte Richtung lenken können. Als hilflose Reaktion darauf,
und um die immense Kriminalitätsflut einzudämmen, versuchen die überforderten
Gesetzesgeber, jede auch noch so kleine und unbedeutende Eventualität der menschlichen
Existenz zu reglementieren und mit einer Vorschrift oder Anordnung zu versehen. Leider
wird sich diese ungute Entwicklung weiter fortsetzen, denn es ist in näherer Zukunft nicht zu
erwarten, daß sich die Menschheit eine über Jahrtausende offensichtlich liebgewonnene
Eigenart plötzlich abgewöhnen wird. Dazu braucht man sich nur den
Staatsverwaltungsaufwand und die immer größer werdende zivil- und strafrechtliche
Prozeßlawine vom Anfang des letzten Jahrhunderts bis heute vor Augen führen, um zu
erkennen, daß der Weg zu einem geringeren Verwaltungswesen lang und steinig ist.
Reglementierungen und Gesetze können durchaus ein probates Mittel sein, das
Zusammenleben in unserer Gesellschaft zu steuern, nur sollte man es nicht übertreiben und
vehement versuchen, jede noch so unbedeutende Konstellation der Existenz mit einem
eigenen Gesetz oder einer eigenen Vorschrift zu bedenken. Schon allein die bittere Tatsache,
daß es eine EU-Richtlinie gibt, die den Grad der Krümmung von Bananen bestimmt, ist doch
wohl als Realsatire, als trauriger Witz anzusehen. Wenn man beobachtet, wie desolat es im
Moment in unserem ‚globalen Dorf’ Erde zugeht (Kriege, Terrorismus, Völkermord,
Vertreibung, Hungersnöte, Seuchen und viele weitere z.T. hausgemachte Katastrophen), sollte
man meinen, die hohen Herren in Brüssel hätten andere, wichtigere Probleme zu behandeln
als Bananenkrümmungen oder Apfelgrößen. Offensichtlich gibt es viel zu viele von diesen
kleinkarierten Europa-Abgeordneten, denn sonst kämen sie doch wohl nicht auf diesen
blühenden Blödsinn. Und wie im Großen, so im Kleinen, d.h. wenn schon Europa
hoffnungslos mikrologisch und überbürokratisiert ist, sind es die beteiligten Länder erst recht
– und das jedes auf seine Art und Weise. Die rigorose Straffung und Vereinfachung des
aufgeblähten Verwaltungsapparats ist längst überfällig und sollte möglichst schnell und
expressis verbis ‚unbürokratisch’ in Angriff genommen werden, damit die sprachlos-
verblüffte Bevölkerung endlich wieder verstehen kann, wofür ihre horrenden steuerlichen
Aufwendungen eigentlich verwendet – um nicht zu sagen: verbraten und zum Fenster
hinausgeworfen – werden. Nach der rigorosen Entrümpelung des maroden Behördenwesens
müßte anschließend noch jemand unseren lustlos-sauertöpfischen Staatsdienern den
unabdingbar nötigen Blick für das Wesentliche und die unverzichtbare Freude an der Arbeit
beibringen, damit ein durchdacht strukturierter, funktionierender Verkehr mit der
Öffentlichkeit entstehen kann. Leider sind wir von einer Entbürokratisierung der Behörden
und der Straffung des Vorschriften- und Gesetzeswusts sehr weit entfernt, wie man unschwer
bei jedem Blick in eine Zeitung oder einem anderen investigativen Medium erkennen kann.
Mehrmals pro Jahr treten diverse neue Gesetze und Verordnungen in Kraft, werden
Gesetzesänderungen bzw. -erweiterungen bei bereits bestehenden durchgeführt und neue,
unnötig verwirrende Vorschriften jedweder Art aufgestellt, auch wenn öfter einmal die dafür
Verantwortlichen bzw. deren Pressevertreter und PR-Manager versuchen, das genaue
Gegenteil zu behaupten. Lobend zu erwähnen wäre immerhin, daß sich ab und an doch noch
einige prima facie einsichtige Staatsbedienstete finden, die zumindest versuchen, ein wenig
Ordnung in den schier unüberwindlichen Berg von unsinnigen Verfügungen zu bringen – ob
mit Erfolg, muß erst die mittel- bis langfristige Zukunft zeigen. Da gibt es z.B. die im Jahr
2003 gestartete Initiative Bürokratieabbau, welche in ihrer aufschlußreichen Broschüre
schreibt: „Die Initiative hat zum Ziel, die Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen spürbar von

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überflüssigen bürokratischen Vorgaben zu entlasten. Sie gibt damit mehr Raum für
bürgerschaftliches und unternehmerisches Engagement, schafft so ein ‚Mehr’ an
Lebensqualität und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland!24“ Aber eines
der Probleme solcherart hehrer Ansinnen ist und war schon immer, daß auf große Worte
k(l)eine Taten folgen.

150.

In einer im Prinzip säkular regierten Demokratie wie Deutschland obliegt es den offiziell
aufgestellten Parteien, grundsätzlich religiös neutral zu sein und selbiges auch zu bleiben.
Dementsprechend sollten sich die beiden großen Volksparteien mit dem christlichen C in
ihrem Namen entweder umbenennen oder auflösen – wobei letzteres zum Wohle der
Bevölkerung sicherlich zu präferieren wäre.

151.

Tagesschau der ARD vom 29.08.2006: Die gegenwärtig laborierende Regierung der
sogenannten Großen Koalition – genauer gesagt, deren erschreckend unkoordinierte
Führungsebene, Nochkanzlerin Merkel und ihr roter Appendix, Nochvizekanzler Müntefering
– lobt sich wieder einmal äußerst selbstbeweihräuchernd (aber schlichtweg ungerechtfertigt)
über den grünen Klee ob ihrer ach! so tollen und angeblich fortschrittlichen Reformen.
Warum wird dann ständig und unverkennbar alles schlechter und kostspieliger für die
konsternierten Bürger, also das impertinente Gegenteil von dem, was vor der Bundestagswahl
anno 2005 vollmundig versprochen wurde? Im Prinzip beschließt dieses exorbitant chaotische
Parteienkonglomerat nur ausnehmend einfallslos und höchst offensichtlich gegen das Wohl
des exploitierten Volkes eine unfaire Steuererhöhung nach der anderen, ab und zu
unterbrochen von diversen Subventionskürzungen und weitreichendem, insolentem
Sozialabbau – also drakonische, ja, sogar riskante Einsparungen bei denen, die sowieso nicht
viel haben. Und dann wundert sich diese trostlos-desaströse Landesführung auch noch baß
erstaunt, warum ihre ständig desolater werdenden Umfragewerte im freien Fall in den tiefsten
Keller sacken. Tja, man kann eben seinen Untergebenen nicht laufend und mit voller Absicht
selbst die kleinsten steuerlichen Vergünstigungen streichen, und dafür auch noch ein devotes
‚Dankeschön’ von den dieserart abgezockten Betroffenen erwarten.

152.

In vielen größeren Firmen, Organisationen und öffentlich-rechtlichen Institutionen werden in


letzter Zeit immer mehr der sogenannten Mitarbeitergespräche geführt. So ein
Mitarbeitergespräch, welches vorgeblich als förderliches Instrument zur Verbesserung des
allgemeinen Betriebsklimas und zur motivierenden Mitarbeiterführung eingesetzt werden soll,
ist ein etwa einstündiger direkter Dialog unter vier Augen zwischen einem Angestellten und
seinem direkten Vorgesetzten. Mit anderen, präzisierenden Worten: es ist ein rein restriktives
Kontrollwerkzeug ohne jedwede reelle Erfolgsaussicht – weil die subalternen Mitarbeiter
lieber ihre Ruhe haben, als unvorsichtigerweise die bittere Wahrheit zu sagen; u.a. da die zu
erwartenden Folgen für dieserart offenherzige Zeitgenossen meist im unverdienten, aber
sofortigen Verlust des Arbeitsplatzes liegen. Bedauerlicherweise (bzw. erstaunlicherweise)
wird mit einem solchen Mittel jedoch erst dann begonnen, wenn die innerbetrieblichen human
relations durch andauernde Fehlleistungen der Führungsebene sowie durch überzogene
Material- und Personalkürzungen bereits dauerhaft vergiftet wurden. Eine gut strukturierte
und vernetzt organisierte Institution mit zufriedenem Personal und angemessenem,
ausreichendem Arbeitsmaterial indes hat Mitarbeitergespräche nicht nötig, und wenn die

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entscheidungsberechtigten Führungskräfte rechtzeitig auf die Wünsche und Anregungen ihrer
Angestellten hören und in gewissem Maße dementsprechend handeln würden (und nicht nur
starr fixiert auf den Profit schielten), bräuchte man sie auch gar nicht in Erwägung ziehen. Die
meisten Menschen benötigen in ihrer beruflichen Anstellung folgende grundlegende
Sicherheiten und Rechte, um einen gewissen Grad an persönlicher Zufriedenheit zu erreichen:
(1) Die Sicherheit des Arbeitsplatzes – das bedeutet einen zumindest längerfristigen bis
unbegrenzten Arbeitsvertrag, denn mit Ein- bis Zweijahresverträgen kann niemand dauerhaft
seine wirtschaftliche Zukunft planen und größere Verpflichtungen für Neuanschaffungen
bzw. Investitionen auf sich nehmen, da der dieserart Beschäftigte nicht weiß, ob er nach
diesem verhältnismäßig kurzen Zeitraum eine Vertragsverlängerung respektive woanders eine
neue Anstellung erhält. Des weiteren fällt die persönliche Bindung und Identifikation mit der
arbeitgebenden Einrichtung (Corporate Identity) recht gering aus, wenn der Arbeitnehmer a
priori weiß, daß er voraussichtlich sowieso nur ein oder zwei Jahre in diesem Betrieb
verbringt. (2) Genügend Einkommen zur Lebenserhaltung und etwas Luxus – die Angestellten
brauchen nicht nur ein finanzielles Existenzminimum, sie möchten darüber hinaus auch
kleine, fiskalische Erfolge verbuchen können. Dementsprechend sollte man ihre Leistung
zumindest mit, wenn nicht sogar ein bis zwei Prozent über dem Tariflohn vergüten. Nebenbei
könnte die Geschäftsführung noch ein Punkte- bzw. Bonussystem für hervorragende
Leistungen einführen – das hält die Arbeitskräfte bei Laune und steigert die Produktion. (3)
Ein gerechtes Arbeitspensum – immer mehr Arbeit für immer weniger Angestellte, wie im
Moment auf Grund übertriebener Sparmaßnahmen unfähiger und schlecht organisierter
Abteilungs- und Personalleiter zumeist üblich, verschärft erheblich die innerbetriebliche Lage,
ist nachweislich nicht produktionsfördernd und läßt latente, gefährliche Fehlerquellen
entstehen. Bevor diese selbstverursachte riskante Situation eskaliert, müßte man einfach mehr
Personen einstellen, damit die wenigen vorhandenen Arbeitskräfte nicht permanent
überfordert werden und durch z.B. streß- und überlastungsbedingte Krankheiten öfter
ausfallen oder sogar innerlich kündigen – wodurch die Qualität und Produktivität natürlich
noch weiter sinkt (Stichwort Überstunden: Im Jahr 2003 waren es in der Bundesrepublik
Deutschland immerhin noch durchschnittlich mehr als 45 Stunden pro Berufstätigem, obwohl
die Zahl mittlerweile wieder langsam abnimmt). (4) Ein Mitentscheidungsrecht bei
betrieblichen Veränderungen – bevor die Geschäftsleitung durch irgendwelche
Arbeitsgruppen oder ausgelagerten Ausschüssen – die meistens nicht einmal den
Arbeitsbereich, über den sie entscheiden, richtig kennen oder gar besucht haben –
beschlossene strukturelle oder arbeitszeitliche Veränderungen einführt, sollten alle
Betroffenen bzw. deren Vertreter aus Fairneß zumindest angehört werden, ob die
Endergebnisse grundsätzlich sinnvoll und auch durchführbar sind. Denn nichts ist schlimmer,
als mehr oder weniger wohlgemeinte Umstrukturierungen und Erneuerungen, sprich
‚innovative Verbesserungen’, die dann aber leider den kontradiktorischen Effekt haben.
Vernetztes Denken ist hierzu ein Begriff und sollte der entscheidende Leitfaden in diesem
wichtigen Themenbereich sein. Fazit: Wenn die vorgenannten vier Eckpunkte beachtet und
erfolgreich praktiziert würden, wäre sowohl Arbeitgebern als auch Arbeitnehmern gedient.
Durch leistungsorientierte, psychisch ausgeglichene Mitarbeiter und dem daraus
resultierenden positiven Betriebsklima wird natürlich auch die Führungsebene eine gesteigerte
Produktivität – und damit zugleich einen höheren monetären Gewinn – erfahren. Somit sind
personalpolitische Überwachungsinstrumente wie z.B. das Mitarbeitergespräch ad absurdum
geführt. Wer zufriedene Angestellte hat, kann sich die sogenannten mitarbeiterführenden
Werkzeuge sparen, finanziell als auch ideell, aber leider hängen die meisten Dienstherren
immer noch der illusorischen Meinung nach, durch intensiven Personalabbau und
konsequente Materialausdünnung wäre am meisten einzusparen. Für diesen kurzzeitigen,
putativen Erfolg nehmen sie jedoch höchst fahrlässig eine Senkung der Produktion und
infolgedessen höhere Kosten aufgrund Nichteinhaltung obiger Punkte in Kauf.

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Bedauerlicherweise müssen viele der Führungsverantwortlichen immer erst selbst die
schlechten Ergebnisse ihrer minderwertigen und undurchdachten Planung erleiden, bevor sie
ein wenig Einsicht zeigen – statt daß sie sich bereits vorher mit jemandem verständigen, der
sich mit dieser komplexen Materie auskennt; zugegeben, dieses ist vermutlich der
schwierigste Part in diesem neuralgischen Unterfangen, denn die meisten der sogenannten
Berater- und Consultingfirmen, welche zu Hunderten durch das Internet wuseln und sich
gegenseitig mit ihrer (nicht vorhandenen) Fachkompetenz überbieten, haben genausoviel bzw.
genausowenig Ahnung wie der unkundige Anfrager. So zitiert beispielsweise Thomas Leif
den Wirtschaftsprofessor und Spezialisten für Unternehmensberatungen Dietmar Fink mit den
Worten: „44 Prozent der Beratergelder fließen in Projekte, die nicht den gewünschten Erfolg
bringen.“ Grundlage dieser deprimierenden Aussage war eine Umfrage unter 45 der 100
umsatzstärksten Firmen sowie 53 weiteren Großunternehmen in Deutschland25. Aber dieses
normalerweise nützlich angelegte Geld, wenn schließlich doch ein akkurates Unternehmen
gefunden wurde, amortisiert sich meist schneller als erwartet.

153.

Jeder Mensch wird durch Zeugung und Geburtsvorgang in sein irdisches Leben geworfen, ob
er will oder nicht, und ohne vorher gefragt worden zu sein. Niemand kann sich aussuchen,
wann und wo er das zumeist glanzlose Licht der Welt erblicken muß und in welche sozialen
und kulturellen Verhältnisse er dabei gerät. Nur vergleichsweise wenige genießen den
beruhigenden Vorzug, in eine relativ begüterte oder privilegierte Familie sowie einem
annehmbaren psychosozialen Umfeld hineingeboren zu werden – und, wenn möglich, noch in
einem liberalen, aufgeklärten Land. Die meisten Erdenbürger hingegen wachsen unter
ärmlichen Bedingungen und erheblichen gesellschaftlichen Defiziten auf, partiell auch in
Ländern mit Hungersnot, Wasserknappheit, staatlichen Repressionen, Unruhen und
kriegerischen Auseinandersetzungen, die von unfähigen, korrumpierbaren und/oder
despotischen Regierungen in den Ruin getrieben wurden, welcher zumeist relativ einfach
hätte vermieden werden können. Aber auch in den mehr oder minder wohlhabenden Ländern
der Industrienationen, der sogenannten Ersten Welt, gibt es für die mediengeprägte
Bevölkerung ungezählte Situationen unerträglicher persönlicher (v.a. körperlicher oder
seelisch-emotionaler) Belastungen, beispielsweise medizinisch schwer bzw. nicht zu
behandelnde, qualvolle und/oder entstellende Krankheiten, irreparable physische und
psychische Unfallfolgen, oder tiefgreifende seelische Traumata – auch auswegloser, privat
oder beruflich bedingter Streß gehört hierher, ebenso die generelle Integrations- bzw.
Existenzüberforderung und -müdigkeit, oder das wertungsfreie, pauschale odium generis
humanii –, um nur einige zu nennen. Das seelisch-moralische Dilemma vieler dieser
verunsicherten Menschen ergibt sich zumeist aus dem subjektiv-emotionalen Empfinden der
als hoffnungslos und desolat wahrgenommenen Lebenssituation gegenüber, ihre als desaströs
prognostizierte Progression bis hin zum erwarteten finalen Desaster, und der intolerant-
negativen Einstellung des Einzelnen gegenüber dieser innerlich vehement abgelehnten
Streßfaktoren, möglicherweise noch erschwerend verbunden mit einem pseudoreligiös
reflektierten, ethisch-spirituellen Konflikt. Deswegen, um dieser desolaten Situation
entfliehen zu können, sollten die Menschen wenigstens frei entscheiden können und dürfen,
wann sie aus diesem komplizierten, zersetzenden, tristen Dasein scheiden. Niemand sollte
juristisch zu einer trostlosen, im wahrsten Sinne des Wortes ‚unmenschlichen’, Existenz
gezwungen werden, die bar jeder Lebensqualität und ohne die geringste Aussicht auf
Besserung ist. Betrachten wir an dieser konvenablen Stelle kurz den Inhalt des Films Soylent
Green26 (keine Sorge, er gehört im weiten Sinne mit zum Thema): Im Jahr 2022 ist die Erde
absolut überbevölkert, der Treibhauseffekt hat das Ökosystem zerstört, Natur ist praktisch
i
Haß gegen das gesamte Menschengeschlecht

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nicht mehr vorhanden. Es gibt immer noch einige Wohlhabende, die in bewachten
Appartement-Komplexen leben, doch die meisten Menschen vegetieren auf den Straßen oder
zu mehreren in kleinen Zimmern, am Leben erhalten nur durch eine neue, plättchenförmige
Nahrung aus den Soylent-Werken, die sie per rationierter Zuteilung erhalten. Der momentane
Verkaufserfolg ist Soylent Grün, ein Nahrungsmittel, das angeblich aus Meeresplankton
hergestellt wird. Als ein Angehöriger der Soylent-Werke brutal ermordet wird, macht sich der
wißbegierige Polizist Thorn, hervorragend gespielt von Charlton Heston, an die Arbeit.
Schnell ist ein möglicher Schuldiger gefunden, doch Thorn gräbt tiefer, trotz massiver
Behinderung seitens der offiziellen Stellen und seiner Vorgesetzten. Er findet einen geheimen
Geschäftsbericht des Konzerns und läßt ihn von seinem Mitbewohner Sol Roth, dargestellt
von Edward G. Robinson in seiner letzten Rolle – er starb im selben Jahr –, prüfen. Letzterer
erfährt auf diese Weise die schreckliche Wahrheit über dieses Nahrungsmittelunternehmen,
und meldet sich daraufhin selbst in einer Selbstmordklinik an. Thorn kann Sols finalen Schritt
nicht mehr verhindern, doch als er der Leiche folgt, wie Roth ihn gebeten hat, kommt ihm
eine fürchterliche Erkenntnis: Soylent Grün besteht aus Menschenfleisch27. Soviel zum Inhalt
dieses sehr interessanten und dabei immerhin schon über dreißig Jahre alten Films. Die
Grundidee ist einer genaueren Betrachtung wert: Menschen ab einem bestimmten Alter
werden sozusagen ‚eingeschläfert’ und zu einem Nahrungsmittel für die notleidende
Bevölkerung verarbeitet, d.h. das Volk hat zu essen, es gibt keine Renten- und
Versorgungsprobleme, die Friedhöfe brauchen weniger Platz und eine Überalterung der
Gesellschaft wird erfolgreich bekämpft. An sich ein Generationenvertrag par excellence, alles
positive Effekte für die Öffentlichkeit – wenn diese ethisch-moralisch nicht so penibel wäre –,
nur die Prämissen müßten etwas modifiziert werden. Beispielsweise sollte die segensreiche
Option zur Existenzbeendigung generell jedem Erdenbürger offenstehen, nicht nur Personen
ab einem gewissen Alter. Außerdem muß die Entscheidung völlig freiwillig gefällt worden
sein, niemand darf gezwungen werden, diesen Weg zu gehen. Auch keine wie auch immer
geartete öffentliche oder private Institution hat das Recht, jemanden dazu zu verurteilen oder
zu bestimmen (siehe z.B. die pervertierte Abart der Euthanasie im Dritten Reich – so etwas
soll und darf nie wieder geschehen). Angehörige oder richterlich als Vormund bestellte
Personen besitzen ebenso kein uneingeschränktes Entscheidungsrecht, da sie den potentiellen
Wunsch des Betroffenen bestenfalls erahnen und nie hundertprozentig sicher sein können,
diesem tatsächlich zu entsprechen. In der Vorbereitungsphase werden die Interessenten
psychologisch beraten, betreut und beurteilt, damit gesichert ist, daß der Todeswunsch nicht
aus einer seelischen oder gehirnorganischen Erkrankung, die durch entsprechende
medizinische Behandlung geheilt oder gelindert werden könnte, resultiert. Den letztendlichen
Weg aus dem Dasein kann der konsequent Existenzüberdrüssige schließlich nach
persönlichem Belieben frei gestalten, bis das biologische Finale schließlich vom
medizinischen Begleitpersonal möglichst schmerzfrei (je nach individueller Neigung)
eingeleitet wird. Für den Patienten und seine Angehörigen entstehen durch das Procedere
keinerlei Kosten, da ja der Körper dem karitativen Gemeinwohl zukommt. Die darauf
folgende Verarbeitung zu schmackhaften Lebensmitteln der verschiedensten Art wird,
vollständig bzw. so weit wie möglich automatisiert, selbstverständlich in abgelegenen,
anonymen Gebäuden durchgeführt, damit keine überempfindlichen Arbeiter oder etwaige
zimperliche Passanten ethische/religiöse Anwandlungen bekommen müssen. Solcherart
abgeschirmt produzierte Nahrungsmittel können durch diverse Aromen, Ingredienzien,
Kolorite und Matrizen in jede gewünschte Form gebracht und anschließend vertrieben und
konsumiert werden. Daraufhin können die Hinterbliebenen die wenigen, nichtverwertbaren
Überreste kremieren (falls gewünscht) und pietätvoll beisetzen lassen, wobei die benötigten
Ruhestätten – aufgrund der geringeren Masse – erheblich kleiner ausfallen (Urnengräber) und
somit den Friedhofsbetrieben eine Überfüllung ihrer sowieso permanent zu kleinen
Begräbnisanlagen ersparen. Auch dadurch sinken die Kosten für alle beteiligten Parteien.

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Doch genug mit den morbiden Gedankenspielen, wenden wir uns wieder dem Grundthema
zu. In den wenigsten Ländern ist der elektive Selbstmord strafrechtlich relevant, mit der
Sterbehilfe, ganz egal, ob aktiver oder passiver Natur, sieht es hingegen vollkommen anders
aus28. Damit soll gesetzlich garantiert werden, daß möglichst niemand ungefragt und
ungewollt zu Tode kommt. Im Prinzip eine gute Sache, aber was macht ein
querschnittsgelähmter, komatöser oder sonstwie psychisch-physisch eingeschränkter Mensch,
der nicht mehr selbst planen und aktiv handeln kann, jedoch vor seiner Misere schriftlich oder
mündlich um ein gnädiges Ende gebeten hat? Ein weiteres Hindernis für die zu diesem Schritt
Entschlossenen ist die – keineswegs freie – Wahl zwischen den verschiedenen Freitod-
Methoden, von denen die meisten bekanntermaßen recht langwierig, schmerzhaft und
qualvoll sind. Nicht jeder hat die günstige Gelegenheit oder ist in der vorteilhaften,
glücklichen Lage, an zweckdienliche Geräte, Hilfsmittel, Drogen oder Medikamente zu
gelangen, die das Vorhaben relativ einfach und schmerzfrei gelingen lassen könnten. Für
diese tragischen Fälle sollte eine unter medizinischer Aufsicht stehende Institution
eingerichtet werden, die diesen lebensmüden – respektive mit unstillbarem odium vitaei
angefüllten – Menschen die entsprechenden Möglichkeiten bietet (z.B. etwas modifiziert nach
dem holländischen Modell). Solche Einrichtungen müßten gesetzlich reglementiert und
juristisch abgesichert sein, damit keine strafrechtlich relevanten Grauzonen entstehen können,
auch muß eine eventuelle Beeinflussung durch religiös aktive Gruppen jedweder
Glaubensrichtung kategorisch ausgeschlossen sein, nur eine universell ethisch-psychologische
Betreuung dürfte installiert werden. Diese existenzbeendende Option steht wertungsfrei jedem
offen. Wären solche liberalen Voraussetzungen gegeben, dann würden per exemplum
selbstmörderische Amok- oder Geisterfahrer keine anderen Verkehrsteilnehmer mehr
gefährden, sie könnten statt dessen schmerz- und streßfrei in einer adäquaten
Sterbeeinrichtung ihr überfordertes Leben beenden. Auch ist – wenn der betreffende Patient
eine entsprechende und gültige Verfügung hinterlegt hat – in den meisten wachkomatösen
oder tetraplegischen Fällen ein schneller, gnädiger Tod einem jahrzehntelangen, eventuell
qualvollen Dahinvegetieren – expressis verbis als human vegetable, als ‚lebendes Gemüse’ –
mit Sicherheit vorzuziehen. Die Menschheit sollte sich viel schneller und endgültiger ihrer
zwar heißgeliebten, aber nichtsdestoweniger vom Leben bereits seit langem überholten
Traditionen entledigen, welche auch noch großteils auf irgendwelchen archaisch-
metaphysischen Offenbarungen und unverifizierbar-transzendenten Empirien basieren. Wer
das Recht zu Leben hat, sollte auch das Recht haben, selbstbestimmt zu sterben und den
Zeitpunkt selbst zu wählen.

154.

Wer einige Zeit ein wenig genauer die gegenwärtige Lage in der Weltpolitik verfolgt, kommt
früher oder später an einen Punkt, an dem er indigniert allen beteiligten Akteuren zurufen
möchte: Könnt ihr nicht einmal für einen einzigen Tag wahrhaftig, intrigenfrei,
verantwortungsvoll und konstruktiv miteinander umgehen? Und im wirklichen Sinne eurer
Staatsangehörigen handeln? Wo ist euer Verantwortungsbewußtsein?

155.

Ehrliche, authentische Demokratie könnte per exemplum via Teledialog (TED) realisiert
werden. Gesetzesabstimmung per Fernbedienung (denkbar auch eine spezielle Version für
Mobiltelephone) – das wäre dann die wahre, gelebte Herrschaft des Volkes.

156.
i
Lebensüberdruß

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Blasphemie wird in unserer liberalistischen Bundesrepublik Deutschland mit drei Jahren
Gefängnis bestraft, Amtsmißbrauch bzw. Untreue hingegen mit einer Bewährungsstrafe von
eineinhalb Jahren (ein Fall mit letzterem Urteil zeigte das ZDF beispielshalber am 4.
September 2006 in den 15-Uhr-Nachrichten) – wo liegt hier die Relation? Und wer hat wohl
der Allgemeinheit mehr geschadet? Die Gesellschaft würde zweifellos des öfteren anders
urteilen, als unsere Gerichtshöfe: von wegen ‚im Namen des Volkes’! Außerdem: eine
angebliche – eventuell sogar offiziell als solche gewählte – Vertrauensperson in öffentlicher
Anstellung hat a priori die explizit auferlegte Pflicht, ihre unumschränkte Integrität zu
bewahren – oder sie soll ihren Hut nehmen –, aber niemand hat die ausdrückliche Pflicht,
irgendeiner Religion anzugehören (Artikel 18 der Internationalen Menschenrechte) i, oder gar
sich seiner Kritik versagen zu müssen (Artikel 19 der Internationalen Menschenrechte)ii.

157.

Politikern ist aus strategischer Parteiräson jeglicher Ansatz einer eigenen Meinung verboten…

158.

Warum sind amerikanische Spielfilme in ihrem weltweiten Buhlen um die riesige Schar der
Kinogänger und Video- bzw. Fernsehzuschauer im internationalen Vergleich eindeutig
erfolgreicher, als beispielsweise deutsche Produktionen? Ganz einfach – bei amerikanischen
Streifen kann das Publikum getrost 90 Minuten das Gehirn abschalten und puren visuellen
Spaß erleben, während die deutschen Regisseure in ihren Filmen erfahrungsgemäß zu einem
großen Teil irgendwelche bedeutungsschwangere, schwerverdauliche Botschaften
transportieren möchten. Und das Gros der (zumeist von vorneherein schon) geistig
überforderten Menschheit möchte im Kino eben somnolent entspannen, und nicht auf
Spielfilmlänge tiefschürfend nachdenken müssen.

159.

Wie soll, wie kann unsere gegenwärtig großkoalitionäre Regierung die gravierenden
Probleme in der maroden deutschen Gesundheitspolitik bewältigen? Schaut unverzagt ins
europäische Ausland, dort gibt es manch adäquates Vorbild – unsere
innovationszurückhaltende, indeterminierte Landesführung müßte nur endlich einmal ein
wenig Mut aufbringen und sich gegen diverse Lobbyisten (sowie den eigenen
Wirtschaftsinteressen) durchsetzen. Kontinuierliche Aufblähung der Bürokratie und
sukzessive Erhöhung der Mitgliederbeiträge kann auf Dauer nicht wirklich die Lösung sein.
Eine solch eklektizistische Verfahrensweise zeugt im Prinzip nur von einer exorbitanten
Ideen-, Plan- und Richtungslosigkeit.

160.

Große Koalition bedeutet nichts anderes als eine sich reziprok obstruierende Politik zweier
gleichberechtigter, antithetischer Ideologienkonglomerate auf kleinstem gemeinsamem
Nenner – mit anderen Worten: vier Jahre Regression.

161.

i
Siehe Anhang III.
ii
Siehe Anhang III.

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Permanent, und das zumindest seit ein bis zwei Dekaden schon, beanstanden frustrierte
Medien, Lehrer, Sozialarbeiter sowie Personal- und Ausbildungsleiter verschiedenster
Handwerks- oder Großbetriebe die deprimierend minderwertigen Umgangsformen unserer
illiteraten, computer-, fernseh- und handyabhängigen deutschen Jugendlichen, beispielsweise
die grottenschlechten bzw. nicht vorhandenen Tischmanieren, die generell inexistente
Allgemeinbildung oder das kolossal unvorteilhafte Erscheinungsbild bei etwaigen
Bewerbungsgesprächen (nicht bei allen, aber je nach Branche bei bis zu 90 Prozent der
Lehrstellenaspiranten). Doch woher soll denn ein gesellschaftlich angemessenes, vorteilhaftes
Benehmen kommen? Schaut euch doch nur die sogenannten Eltern an! Nicht umsonst besagt
ein altes deutsches Apophthegma, der Apfel fällt nicht weit vom Stamme, und wenn die
somnolenten Alten schon keine adäquate Erziehung genossen haben, a priori exorbitant
unfähig und von ihrem eigenen kleinen Leben hoffnungslos überfordert sind, wie bzw. woher
sollen es die pubertätsgeplagten, prinzipiell renitenten Jungen besser wissen?

162.

Früher veräußerte man Domizile mit lebendem Inventar, also Leibeigene, mit denen nach
Gutdünken der neuen Besitzer verfahren wurde. Heute verkauft man ganze Firmen und
Organisationen inklusive Belegschaft, mit der dann ebenfalls nach Gutdünken der neuen
Besitzer verfahren wird – sozusagen die moderne, juristisch legitimierte Form der Sklaverei.

163.

Ihr Politiker redet immer von ‚Arbeitsplätze schaffen, Arbeitsplätze schaffen’ – na, dann
schafft doch endlich welche! (– oder versucht wenigstens, eine arbeitsplatzfreundliche Politik
zu gestalten…)

164.

Leider hat unsere mikrologische Staatsführung mit ihrer konfusen und ineffizienten Politik
ohne Not aus dem einst blühenden Land der Dichter und Denker ein marodes Land der
Richter und Henker generiert – einen mitleiderregenden Sanierungsfall. Geist zählt nicht
mehr, nur noch der schnelle Zuwachs an Geld und Macht. Ersteres läßt sich per exemplum an
unserem desaströsen, unterfinanzierten Bildungssystem und, als dessen tragisches Ergebnis,
an den höchst unrühmlichen Ergebnissen der Pisa-Studien verifizieren, respektive der schlicht
nicht vorhandenen Allgemeinbildung sowie der gleicherweise absenten Ausdrucks- und
Kommunikationsfähigkeit eines durchschnittlichen illiteraten Jugendlichen – aber dieses
dramatische und gesellschaftsschädigende soziokulturelle Trauerspiel ist eigentlich auch kein
Wunder, bei den Eltern (…und dem Milieu, und den Zukunftsperspektiven, und der
politischen Umgebung, und, und, und…)…

165.

Ungarns Einwohner demonstrierten Mitte September 2006 temperamentvoll gegen ihren


Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsáni, als ein Tonbandmitschnitt einer internen Rede
öffentlich bekannt wurde, in der er offenherzig zugab, während des vergangenen
Wahlkampfes das Volk belogen zu haben. Na sowas – und was soll man dazu sagen? Hallo,
ihr unbedarften neuvolksherrschaftlichen Ungarn – ein herzliches Willkommen in der
demokratischen Realität der ‚westlichen’ Welt!

166.

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Seit Jahren schon kämpfe ich gegen das blindwütige Zensieren und Indizieren bei Spielfilmen
(ganz im toleranten Sinne von „Eine Zensur findet nicht statt. i“), und ich versuche immer, wo
die Möglichkeit besteht, einen Originalfilm zu bekommen, da ich der liberalen Meinung bin,
das deutsche Publikum sei durchaus reif und erwachsen genug, einen Film im Originalzustand
(d.h. ohne Schnitte und Zensur) psychisch zu verkraften. Daß im Fernsehen Filme mit der
Freigabe FSK 18 gekürzt werden, um jüngere Zuseher zu schützen, ist da gerade noch
einzusehen. Doch was ich am 29. Dezember des Jahres 2002 bei dem Zeichentrickfilm
Felidae29 erleben mußte30, war ohne Zweifel ein einsames Highlight des exzessiven
Zensurwahns und veranlaßte mich zum Schreiben dieser Zeilen. Sämtliche Schlüsselszenen
(so z.B. Francis’ Träume) waren rigoros und bis auf einige spärliche Fragmente entfernt
worden, ebenso das dramatische Ende von Claudandus. Dadurch wurde der Film nicht nur in
sich unflüssig, sondern auch teilweise, vor allem für den, der den – ungeschnittenen – Streifen
oder das Buch nicht kennt, unverständlich. Bei solch abstrusen Verstümmelungen der
künstlerischen Freiheit wäre es wohl besser gewesen, auf die Ausstrahlung dieser
zusammenhangslosen Bruchstücke zu verzichten, anstatt seinem Publikum dieses unnötige
Ärgernis zuzumuten. Mich hat dieses indignierende Ereignis jedoch wieder einmal darin
bestätigt, Filme im Fernsehen nur im äußersten Notfall anzusehen und Werke mit der
Freigabe FSK 12 oder höher aus der Videothek zu holen – obwohl, selbst Die lustige Welt der
Tiere31 wurde schon ‚werbungsgerecht’ geschnitten.

167.

Die Europäische Union (EU) präsentiert sich der politischen Welt als ein uneiniges,
inhomogenes, von gegenseitigem Mißtrauen getragenes Staaten- und Kulturenkonglomerat,
das sich nicht einmal zu einer gemeinsam erarbeiteten Verfassung auf einem kleinsten
gemeinsamen Nenner durchringen kann – schaurig, und so etwas insuffizientes vergrößert
sich auch noch…

168.

Es ist schon traurig – aber auch überaus dreist und arrogant –, für wie beschränkt und
unkritisch die Werbekreativen ihr tagtägliches Publikum halten. Am Offensichtlichsten zeigt
sich diese distanzlose Situation gegenwärtig bei den ständig und überall gesendeten
Reklamespots der diversen Mobilfunkgesellschaften. In diesem Zusammenhang häufig
gehörter Slogan: ‚Für nur x Euro kostenlos in das deutsche Festnetz und das eigene
Mobilfunknetz telephonieren!’ Also was jetzt – für nur x Euro oder kostenlos? Wenn mir von
irgendeinem beliebigen Anbieter vollmundig etwas als ‚kostenlos’ offeriert wird, möchte ich
keine x Euro dafür bezahlen müssen – denn dann darf es sich, meiner bescheidenen Meinung
nach, schon nicht mehr kostenlos nennen…

169.

Und wieder einmal, wie jedes Jahr im Herbst, diesmal war es das Jahr 2006, erschien das
deprimierende, äußerst indignierende Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler (BdSt). Und
wieder einmal wurden nachweislich an die 30 Milliarden Euro Steuergelder von unseren ach!
so ‚vorausschauenden’ Staats- und Landesführungen sinnlos verschleudert, approximativ
soviel wie letztes Jahr – wann wird endlich die exhaustive Politikerhaftung ii eingeführt? Ein
jeder ‚normale’ Bundesbürger in diesem Land kann für sein aberwitziges Tun vollständig zur
i
Siehe Anhang IV.
ii
Siehe hierzu auch Anhang I.

© Kain von Spreewinkl - 90 -


Verantwortung gezogen werden, nur die sakrosankten Politiker nicht (einmal abgesehen von
den Wirtschaftsmagnaten) – und die verschwenden am meisten; sie müssen das verpraßte
Geld schließlich nicht verdienen – wozu hat man denn sein abgabenpflichtiges Volk und
seinen treuen, allzeit dräuenden vultur avidus namens Finanzamt? Und wenn nötig, erhöht
man eben ein paar von diesen Steuern – vielleicht die Mehrwertsteuer? Die
Kapitalertragsteuer? Die Tabaksteuer? Oder erfinden wir eine neue lukrative Steuer? –, dann
hat man wieder etwas zum hemmungslosen, widersinnigen verwirtschaften.

170.

…natürlich war es angebracht, die Gedankensplitter so schnell zu veröffentlichen – vor allem


im Hinblick auf die politikbezogenen Sentenzen, denn niemand kann genau sagen, wie lange
diese ‚Große Koalition’ noch vor sich hin dilettieren wird. Und nichts ist inaktueller, als
kritische Schriften über eine Regierung, die nicht mehr existiert…

© Kain von Spreewinkl - 91 -


Epilog
Wer nun in Anbetracht vorstehender, partiell ziemlich giftig-misanthropischer Äußerungen
und defaitistischen Ansichten prima facie zu erkennen glaubt, daß sich der Autor arrogant als
exklusiven, ‚besseren’ Menschen wähnt, der hochmütig, von allem befreit und unbeeindruckt
über den desaströsen Stürmen des irdischen Daseins schwebt, der befindet sich im Irrtum.
Auch der temporär erdgebundene Verfasser unterliegt zu seinem eigenen Bedauern permanent
den profanen menschlichen, allzumenschlichen Irrungen und Wirrungen der
interindividuellen Interaktionen (respektive deren inadäquaten Aggressivitäten, Reaktionen
und Anmaßungen), d.h. er schreibt aus einer profunden Kenntnis und Erkenntnis des
gewöhnlichen Daseins heraus; und er muß immer wieder feststellen, daß auch er nur ein
begrenzter, unzulänglicher, unbedeutender Mensch ist, alltäglich den seit Jahrtausenden
überlieferten und ererbten humanen Insuffizienzen unterworfen.
Wovon er sich jedoch tatsächlich ein wenig von der Majorität der chthonischen
anthropomorphen Kreaturen absetzt, ist seine absolute und konsequente Ablehnung der
physischen Gewaltanwendung sowie der destruktiv-ideologischen Indoktrination (bzw. der
quasiphilosophischen Geistesmanipulation im allgemeinen – denn wer denken kann, soll auch
selber denken dürfen), aus welcher extremistisch-orthodoxen Ecke sie auch kommen mag.
Körperliche Gewalt ist das primitivste Ausdrucksmittel, dessen sich ein angeblich
vernunftbegabter Mensch einem anderen gegenüber bedienen kann – ein hilfloser, stummer
Schrei der lebenden Gehirntoten –, und zeigt nur die erschreckende Unwissenheit und
mikrologische Ignoranz der bornierten Erdenbewohner; denn im Prinzip gibt es kein einziges
Problem, das nicht durch eine konstruktive Diskussion unter gleichberechtigten Partnern
gelöst werden könnte – und ohne daß ein beteiligtes Individuum dabei zu Schaden kommen
muß. Doch das Gros der humanitär katastrophal unbedarften Menschheit präsentiert sich auf
dieser Welt als völlig ungebildet, starrsinnig und per se nicht konsensfähig – jeder hat seine
eigene kleine, belanglose Wahrheit, auf die er aber trotzdem renitent insistiert und keinen
noch so berechtigten Widerspruch duldet. Terenz reklamierte bereits zwei Jahrhunderte vor
der Zeitenwende: quot homines, tot sententiaei, was anschaulich und auf eine tragische Art
beweist, daß diese kategorische Kleingeistigkeit, dieses phlegmatisch-egoistische
Desinteresse gepaart mit einer unglaublichen, lebensgefährlichen Hybris, dem
unerfreulicherweise völlig toleranz- und konsensfreien Menschen leider schon immer inhärent
war.
Selbiges gilt für die religiös motivierten Intoleranzen und Kontroversen, die noch nicht
einmal auf verifizierbaren Realitäten oder faktischen Empirien basieren – quot capita, tot
sensusii. Wer denn für seine Lebensführung unbedingt eine Religion braucht, habeat sibi –
aber er soll sie in soziokulturell angemessenem Rahmen zelebrieren und seine Mitmenschen
nicht damit belästigen. Doch unglücklicherweise handeln die Menschen mehr nach Senecas
nemo errat uni sibi, sed dementiam spargit in proximosiii. Habermas vertritt zwar in seiner
philosophischen Art die zurückhaltende, friedfertige Auffassung, man dürfe sich nicht
erlauben, zynisch zu sein32 – doch diese gesellschaftskritische Attitüde ergibt sich zum
größten Teil zwangsläufig: einer fortgesetzt zynischen Welt kann man auf Dauer nur zynisch
begegnen; wobei sich unser beider Zynismus primär in der physikalischen Prämisse
unterscheidet: der Zynismus der gewalttätigen Welt ist realiter, meiner verbaliter.
S.E. & O.

Der Verfasser
Deutschland, im November 2006
i
So viele Menschen, so viele Meinungen
ii
So viele Köpfe, so viele Ansichten
iii
Niemand irrt für sich allein, sondern verbreitet den Unsinn in seiner Umgebung

© Kain von Spreewinkl - 92 -


Anhang
I. Anmerkungen zur Bundestagswahl 2005
Probleme
Lösungsversuche

II. Personenregister
A-Z

III. Auszüge aus den Internationalen Menschenrechten


Artikel 1
Artikel 2
Artikel 3
Artikel 7
Artikel 18
Artikel 19
Artikel 23

IV. Auszüge aus dem deutschen Grundgesetz


Artikel 2 GG
Artikel 5 GG
Artikel 46 GG

V. Auszüge aus dem deutschen Strafgesetzbuch


§ 11 StGB
§ 131 StGB
§ 166 StGB
§ 216 StGB
§ 326 StGB

VI. Fragment aus Parmenides’ ‚Über die Natur’

VII. Quellenangaben

© Kain von Spreewinkl - 93 -


I. Anmerkungen zur Bundestagswahl 2005
Die Idee zu diesem heimatbewußten Bericht zur gegenwärtig recht unlustigen Lage der
deutschen Nation reifte im theatralisch überzogenen Wahlkampf zur und während der letzten
Bundestagswahl am 18. September des Jahres 2005; grauenvoll – ein wahres Trauerspiel, was
da der Welt und dem fassungslosen Wähler dargeboten – um nicht zu sagen: zugemutet –
wurde. Die dramatische Unfähigkeit der verschiedenen involvierten Lager (Parteien,
Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und similär angelegte Interessensvereinigungen) trat so
kraß und für jeden offensichtlich zutage, daß der ebenso konsternierte Autor nicht umhin kam,
diese politische Farce mit einem beurteilenden Kommentar zu bedenken. quamquam animus
meminisse horret luctuque refugit, incipiami: Es ist schon tragisch, wenn man sich kritisch ad
oculos demonstrieren muß, was die sogenannten ‚großen Volksparteien’ im Verlauf des
letzten Vierteljahrhunderts aus dem einst optimistisch gestimmten, blühenden Land des
selbstgeschaffenen Wirtschaftswunders gemacht haben. Und diese inkompetenten,
egozentrischen Dilettanten wollen den maroden, festgefahrenen Karren aus der eindeutig
selbstverursachten Misere ziehen? Beträchtliche Zweifel hinsichtlich des zur Verfügung
stehenden Potentials und dessen Qualifikation dürften angebracht sein. Denn eines der
primären Kardinalprobleme der mehr oder weniger etablierten deutschen Parteien ist ihre
gravierende, massive Inhalts-, Ideen- und Perspektivlosigkeit, bzw. die katastrophale
Unfähigkeit, ihre dünnen, größtenteils unpopulären Zielvorstellungen und fadenscheinigen
Argumente angemessen zu transportieren, positiv zu promoten und dem potentiellen Wähler
einigermaßen verständlich zu erklären – aber auch nicht zu simpel und reduziert, das merkt
das bauernschlaue Wahlvolk und nimmt Anstoß. Im Prinzip brauchen Politiker ihre Wähler
doch nur, um ihre transnormale Existenz zu rechtfertigen und um an die lukrative
Staatsführung zu gelangen. Nach erfolgreich überstandener Wahl machen die Sieger sowieso
ausschließlich das, was sie wollen – und was ihnen am einträglichsten scheint; ganz gleich,
was sie vorher der Öffentlichkeit ruhmredig und propagandistisch versprochen haben – und
auch die Wünsche der Bürger werden für den Rest der Legislaturperiode geflissentlich
ignoriert.

Probleme
Wie bei dieser Bundestagswahl gesehen, waren die meisten der schriftlich präsentierten
Parteiprogramme in etwa um die 60 Seiten stark (nur Bündnis 90/Die Grünen fielen mit ihren
124 Seiten wohltuend aus der Reihe, aber leider nur quantitativ) – da fragt sich doch ein
aufklärungsbedürftiger Durchschnittsbundesbürger: Kann man denn wirklich das Schicksal
und die Zukunft einer ganzen Nation mitsamt ihren vielfältig-diffizilen internen wie externen
Angelegenheiten und Verflechtungen (inklusive dem Leben von über 80 Millionen
Individuen) auf lächerlichen 60 Seiten wahrheitsgemäß definieren und zukunftsorientiert
gestalten? Die kurze Antwort hierauf lautet klar und eindeutig: Nein, kann man nicht! Und
wie auch, schließlich wurden wieder einmal nur populistische Schlagworte und ebensolche
nichtssagende Parolen offeriert, die vermutlich nie oder nur in sehr geringem Maße umgesetzt
und eingehalten werden; ebenso, wie es bei fast allen der vollmundig angedienten
Wahlversprechen der letzten 20 Jahre, ganz egal, von welcher Partei präsentiert, geschah – sie
sind nicht einmal das Papier wert, auf dem sie stehen. Und warum ist das so? Weil ein
ehrlicher Politiker (contradictio in adiecto), der tatsächlich einmal die allgemein bekannte
Wahrheit verkündet (‚Alles wird teurer, die Einkommen und Renten sinken, die Steuern
werden erhöht und auch sonst sieht es nicht rosig aus; nur wir Politiker verschwenden wie eh
und je die Staatseinnahmen, und die sowieso schon Reichen werden noch reicher’), von der
intellektuell minderbemittelten Bevölkerung – also der überwältigenden Mehrheit – mit
i
Wie sehr auch mein Sinn schaudert, sich zu erinnern, und in Trauer davor zurückweicht, so will ich doch
beginnen

© Kain von Spreewinkl - 94 -


Sicherheit nicht gewählt werden würde (dies haben diverse unabhängige Meinungsumfragen
wiederholt bestätigt – wer hätte das gedacht?). Also handeln unsere zustimmungsheischenden,
opportunen Volksvertreter nach dem guten, mediävalen Motto: mundus vult decipi, ergo
decipiaturi – und das ist die traurige Wahrheit.
Ein weiterer Negativpunkt im Ergebnis dieser Wahl ist die unnötig zunehmende
Aufblähung des sowieso schon aufgedunsenen und überbürokratisierten Regierungsapparats –
z.B. ein weiteres Ministerium durch Aufteilung des bisher zusammengefaßten Wirtschafts-
und Arbeitsministeriums, oder sechs (!) stellvertretende Bundestagspräsidenten (einer oder
maximal zwei sollten doch völlig ausreichend sein – denn wer hat jemals eine nutzbringende
Äußerung von einem dritten oder vierten Surrogat dieses Amtes vernommen? Die sind nur
teuer, sonst nichts) etc. –, anstatt rigoros zu straffen und überflüssige Ministerien, Ämter und
Posten ersatzlos zu streichen oder ähnlichgelagerte zusammenzulegen, um dem durch
Lohnverzicht und rasant steigenden Lebenshaltungskosten bereits überforderten Steuerzahler
nicht allzusehr bzw. noch mehr auf der leeren Tasche zu liegen. Der Staat verlangt mitleidlos
von seinen Bürgern drastisches Sparen, er selbst aber wird immer feister und kostspieliger.
Ein Ministerium kostet das Volk 500 Millionen Euro Steuern pro Jahr, also könnten mit dem
Wegfall von vier Ministerien, bzw. deren Anbindung und Integration an andere, allein schon
mindestens 2 Milliarden Euro (!) eingespart werden, die an anderer Stelle mit Sicherheit
sinnvoller angelegt wären. Aber da müssen in der Bananenrepublik Deutschland (BRD)
immer wieder obskure Parteiseilschaften bedient und entsprechend nebulöse Klüngeleien mit
parteinahen Wirtschaftsverbänden o.ä. getätigt werden (klarer Fall von feudalistisch geartetem
Nepotismus; schon Menander schrieb: χείρ χείρα νίπτει, δάκτυλοι δέ δακτύλουςii), sonst fühlt
sich irgendeiner der selbstverliebten Landesverbände übergangen und mißachtet – wobei es
doch im Prinzip völlig einerlei ist, wer die nächsten vier Jahre das Land kaputtregiert (aber
eben nur im Prinzip). Diese groteske Tragik ist eindeutig an der dubiosen Tatsache zu
erkennen, daß den sogenannten Volksparteien SPD und CDU/CSU schon vor Beginn ihrer
tatsächlichen Koalitionsverhandlungen das lustige Postengeschachere offensichtlich bei
weitem wichtiger war, als irgendwelche echten Inhalte oder gar innovativen Sanierungspläne,
die Deutschland und seiner verunsicherten, durch Führungslosigkeit und Existenzangst
geprägten Allgemeinheit wirklich weiterhelfen würden. Wieso werden erst die profitablen
Pöstchen verteilt, wenn noch nicht einmal sicher ist, ob die angediente ‚Große Koalition’
letztendlich überhaupt zustande kommt? Das erzeugt wahrlich keinen guten Eindruck in der
Öffentlichkeit, weder in der nationalen noch in der internationalen, und zeigt nur die
insistierende Machtbesessenheit und unangemessene Hybris der beteiligten, ziemlich
wirklichkeitsentfernten Akteure. Auch haben sich beide Parteien nach dieser denkwürdigen
Wahl schamlos und unberechtigterweise als große, strahlende Sieger gesehen, anstatt sich
ehrlich die harte Wahrheit einzugestehen, daß sie beide fulminant (und wahrlich berechtigt)
verloren haben – und eigentlich nur noch aus trauriger Ermangelung an echten Alternativen
gewählt wurden.
Was Deutschland im Augenblick, bzw. kurz- bis mittelfristig wirklich weiterhelfen würde,
wären völlig neue, ehrliche, wahrhaftige Parteien, sowie das zumindest temporäre Versinken
in totaler Bedeutungslosigkeit der gegenwärtig bestehenden – und zwar so lange, bis sich eine
neue, landesfreundliche und endlich einmal regierungsfähige Politikergeneration
herangebildet und etabliert hat. Vielleicht würden die aktuellen, mehrheitlich
realitätsentfremdeten Fraktionen dann wieder einen klareren Blick für die evozierenden
Gründe der Politikverdrossenheit und Subsistenzsorgen des unprivilegierten,
normalverdienenden Volkes bekommen. Aber bei einem Gerhard Schröder, der wie ein
trotziges Kind insistiert: ‚Ich will aber Kanzler bleiben – ich will, ich will!’, und einer ebenso
starrsinnigen Angela Merkel: ‚Ich will aber erste Kanzlerin werden – ich will, ich will auch
i
Die Welt will betrogen sein, also werde sie betrogen
ii
Die eine Hand wäscht die andere, die einen Finger die anderen

© Kain von Spreewinkl - 95 -


einmal!’ (was sie sich dann auch teuer erkauft hat – ob zu teuer, wird erst die ungewisse
Zukunft zeigen), die beide auch noch mehr oder weniger vehement von ihren Vereinigungen
unterstützt werden, läßt nicht darauf hoffen, daß die politische Situation Deutschlands auch
nur ansatzweise besser wird – zumindest nicht für die breite Masse der Bevölkerung. Und
nach ebendieser desaströsen Wahl für die großen Parteien haben die verantwortlichen
Spitzenfunktionäre bei oben erwähntem Postenkarussell leider wieder nicht die für das
exploitierte Land wichtigen und richtigen Konsequenzen gezogen, und haben viel zu wenig
neue, unverbrauchte Persönlichkeiten in die Regierung genommen. Nein, sie haben sich sogar
zielgenau dazu erblödet, im Prinzip inakzeptable politische Altlasten der letzten 20 Jahre
mitzuschleppen und kritiklos zu übernehmen – ob aus mangelnden Alternativen oder purer
Führungsschwäche, sei einmal dahingestellt –, obwohl diese doch schon zur Genüge und ad
nauseam bewiesen haben, daß sie es nicht können und den monumentalen Anforderungen bei
weitem nicht gewachsen sind – die gleichen Probleme, die gleichen Personen, die gleiche
Unfähigkeit. Da wären bei der CDU/CSU die Exminister Wolfgang Schäuble und Horst
Seehofer (die u.a. für die Misere mitverantwortlich sind), oder bei der SPD die gerade aus der
letzten impotenten Bundesregierung entlassenen Minister Franz Müntefering, Ulla Schmidt
und Heidemarie Wieczorek-Zeul, die alle wieder ihre politischen Spielwiesen beziehen dürfen
– aber warum? Das einzige Wahlversprechen dieser antiquierten Politiker, das wirklich
glaubhaft wäre, lautet doch wohl: Wir haben die gravierenden Probleme des Landes das
letztemal nicht in den Griff bekommen, wir werden es auch diesmal nicht schaffen!
Daneben hat für die neuen alten Politikverantwortlichen das kleine Wörtchen Sparen eine
exhaustiv andere Bedeutung als für den normalsterblichen Durchschnittsbürger. Dieser
erkennt darin ein angemessenes Herunterfahren der Ausgaben in eigener Sache, während die
realitätsentfremdeten Politiker darin beinahe ausschließlich eine drastische Erhöhung der
steuerlichen Einnahmen vermuten. Erkennbar ist das z.B. daran, daß nach dem
deprimierenden Kassensturz der Nation – mit dem Ergebnis, daß 35 Milliarden Euro pro Jahr
eingespart werden müssen – nicht etwa die Diäten und sonstige Bezüge der Minister und
Abgeordneten gekürzt und Ministerien zusammengelegt wurden. Nein, es wurden nur
Themen besprochen, die den Bürger weiter belasten, wie etwa eine Mehrwertsteuererhöhung,
Kürzungen von Zulagen und Pauschalen, PKW-Maut etc. Doch wer will, daß seine Wähler
sparen, sollte mit gutem Beispiel vorangehen, denn die Politiker mit ihren gewaltigen
Einkommen, von denen ein normal arbeitender Mensch nur träumen kann, wissen einfach
nicht, wie es ist, ein Gehalt von knapp 1.000 Euro netto monatlich zu beziehen, davon 700
Euro Miete zu bezahlen und nun auch noch von den spärlichen restlichen Mitteln, die bis dato
gerade eben zur Familienversorgung ausgereicht haben, Steuererhöhungen und Lohneinbußen
hinnehmen zu müssen. Demnach ist es auch kein Wunder, daß die sogenannten
Verbraucherinsolvenzen seit Ihrer offiziellen Einführung kontinuierlich ansteigen. Nach
dieser eindeutigen und offensichtlichen Wahlschlappe für die sogenannten etablierten Parteien
hätten diese endlich einmal den Mut aufbringen müssen, sich von den althergebrachten,
ausgedienten Köpfen, die ihr Versagen und ihre Unfähigkeit wohl lange und anschaulich
genug bewiesen haben, zu trennen und dem frischen, innovativen Nachwuchs den steinigen
Weg in die internationale Politik zu ebnen. Aber diese egozentrischen Machtmenschen kleben
eben auf ihren lukrativen Sesseln und wollen womöglich immer noch mehr an Macht und
Einfluß haben, und kein noch so triftiges, eingängiges Argument kann ihnen verdeutlichen,
daß ihre Zeit schon lange abgelaufen ist; armes Deutschland! Es hätte mehr geradlinige
Staatsmänner vom Schlage eines Joschka Fischer verdient, die spüren und wissen, wann ihr
politisches Ende gekommen ist, und die schließlich mit Anstand und Würde die Bühne der
Staatsverantwortlichkeit verlassen. Welch eine Blamage – ein Grüner, dessen Fraktion noch
lange nach ihrer Gründung nicht ernstgenommen wurde, muß heute den verknöcherten
Vertretern der großen Parteien vorleben, was im Grunde genommen ehrlich und richtig ist.

© Kain von Spreewinkl - 96 -


Lösungsversuche
Wie bereits festgestellt, wäre es für Deutschland im Moment das Beste, sämtliche
bestehenden politischen Konstruktionen und Verstrickungen ersatzlos aufzulösen, und eine
neue, wahrhaftige Demokratie mit Personen und Parteien aufzustellen, die von sich aus
ehrlich und tatsächlich nur das Volkswohl im Auge haben. Da dies aber märchenhafte Utopie
und nur ein irrealer, phantastischer Tagtraum ist – und offensichtlich auch bleiben wird –,
braucht das Land andere zukunftsweisende Ideen und gangbare politische Ansätze, um das
horrende Defizit aufzuarbeiten. Zwei zwar bekannte, aber aus sturem Egoismus und
ängstlicher Besitzstandsicherung nicht beachtete Vorschläge, deren dringliche
Verwirklichung aber schon lange überfällig ist, wären die vollständige Abschaffung des
komplett überflüssigen Berufsbeamtentums und die Einführung der haftenden
Politikerverantwortlichkeit: Beamte sind eine seit langem schon antiquierte Standesgruppe,
die problemlos durch ‚normale’ Angestellte zu ersetzen wären. Diese zahlen wenigstens
Steuern und sind bei offensichtlicher Unfähigkeit leichter aus ihrer Position zu entfernen,
während bei den Beamten meist nur eine Krankheit, das Alter oder das öffentliche
Bekanntwerden krimineller Machenschaften das Trauerspiel beenden. Bewerkstelligt werden
könnte dies durch eine einfache gesetzliche Anordnung der Statusänderung unter
Berücksichtigung geleisteter Dienstjahre, welche nach Wirkungsbeginn die immensen
Pensionszahlungen und sonstigen Ausgaben für Vergünstigungen langfristig senken und
letztendlich abschaffen würden. Die Politiker hingegen sollten endlich gesetzlich für ihr z.T.
äußerst gedankenloses und unorganisiertes Tun haftbar gemacht werden – denn wenn sie erst
für ihre gegenwärtig finanziell desaströsen Prestigeobjekte (wie etwa viele Millionen Euro
teure Brücken, die keiner braucht und die ins Nichts führen) persönlich und mit eigenem
Vermögen einstehen müßten, wären solche Steuergeldvernichtungsaktionen sicherlich nicht
so häufig. Selbiges sollte für die internationalen Wirtschaftsführer gelten. Die sogenannten
Abfindungen oder Prämien, die diverse Manager erhalten, sind teilweise so hoch, daß sie das
Lebenseinkommen (!) eines Durchschnittsbeschäftigten darstellen oder sogar weit
übersteigen. Das kann nie gerecht oder gar verdient sein. Außerdem deprimiert es den kleinen
Angestellten, wenn er sehen muß, daß seine Lebensleistung, also die Arbeit und der Verdienst
seines gesamten Lebens, für andere nur eine lächerliche Abfindung oder eine nette Beigabe
darstellt. So, wie die Wirtschaftsführer solche Gratifikationen erhalten, wenn ihre Leistung
gut war, genauso sollten sie persönlich dafür haften müssen, wenn sie es nicht war. Aber es
wird wohl so bleiben, wie es eben seit Jahrtausenden schon unverändert vonstatten geht:
quidquid delirant reges, plectuntur achivii.
An dieser Stelle ist selbstverständlich auch der dezente Hinweis auf das Schwarzbuch des
Bunds der Steuerzahler angebracht, der für letztes Jahr eine Verschwendung von
Steuergeldern in Höhe von 30 Milliarden Euro aufgezeigt hat – wobei das nur die Kosten für
die publik gewordenen Fälle sind, die Dunkelziffer jedoch ist bedeutend höher und wird von
den Steuerexperten auf fast 5 Prozent der öffentlichen Ausgaben geschätzt. Das bedeutet doch
in dem Fall der angestrebten Einsparungen in Höhe von 35 Milliarden Euro, daß nur der
politischen Verschwendungssucht Einhalt geboten werden müßte, und der Finanzmangel wäre
behoben. Wenn dann noch einige Ministerien fusioniert und die Bürokratie gestrafft werden
würde, wären die Kapitalien des Landes sogar im positiven Bereich – ein dringend benötigter
Einnahmeüberschuß, der durch wohlüberlegte Investitionen, Subventionsprogramme etc. die
angespannte Lage in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt wesentlich entschärfen könnte.
Dann bräuchte es für die Bevölkerung auch keine Steuererhöhungen und anderweitig geartete
Einkommenskürzungen. Und die benötigten Lösungen der Landesprobleme müssen schnell
gefunden, durchgreifend initiiert und längerfristig beibehalten werden, sonst dräut dem
säumigen Staat mißvergnügliches Ungemach, wie etwa weiland der Weimarer Republik,
i
Was immer die Herrscher Wahnwitziges unternehmen, die Achäer [im übertragenen Sinne: das gemeine Volk,
KvS] müssen dafür büßen

© Kain von Spreewinkl - 97 -


welche ebenso katastrophal plan- und ziellos vor sich hinlaborierte (siehe u.a.
Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit), bis schließlich ein politisch insuffizientes
Deutschland in sich windender Agonie einem skrupellosen Diktator namens Adolf Hitler in
die Hände fiel – principiis obstai, mahnte bereits der römische Dichter Ovid, denn so etwas
braucht das Land wirklich nicht ein zweites mal.

Kain L. von Spreewinkl


Deutschland, im Dezember 2005

i
Wehret den Anfängen

© Kain von Spreewinkl - 98 -


II. Personenregister

A
Augustinus von Hippo (354 - 430)

B
Bartholomäus: Nathanaël Bar-Tolmai (um 0 - um 51)
Basso, Ivan (geb. 1977)
Behan, Brendan Francis Aidan (1923 - 1964)
Beloki Dorronsoro, Joseba (geb. 1973)
Benedikt XVI.: Joseph Alois Ratzinger (geb. 1927)
Benn, Gottfried (1886 - 1956)
Bismarck-Schönhausen, Otto Eduard Leopold von (1815 - 1898)
Boëthius: Anicius Manlius Torquatus Severinus Boëthius (um 480 - 525)
Brown, Dan (geb. 1964)
Buddha: Siddhartha Gautama Shakyamuni (um 563 - um 483 a.Chr.n.)

C
Campbell, Naomi (geb. 1970)
Carstensen, Peter Harry (geb. 1947)
Cheilon von Lakedemonien (6. Jhd. a.Chr.n.)
Cicero: Marcus Tullius Cicero (106 - 43 a.Chr.n.)
Cioran, Emil Mihai (1911 - 1995)
Cyprian von Karthago (um 200 - 258)

D
Dolly (1996 - 2003)
Donatus, Aelius (4. Jhd.)
Dschaziri, Yasir al- (geb. 19??)

E
Eco, Umberto (geb. 1932)
Einstein, Albert (1879 - 1955)
Elizabeth II.: Elizabeth Alexandra Mary Windsor (geb. 1926)
Epikur (um 340 - um 270 a.Chr.n.)
Erasmus Desiderius von Rotterdam (um 1466 - 1536)

F
Fink, Dietmar (geb. 1967)
Fischer, Joseph Martin (geb. 1948)
Fleischer, Richard (1916 - 2006)

G
Gibson, Mel Columcille Gerard (geb. 1956)
Goethe, Johann Wolfgang von (1749 - 1832)
Gyurcsáni, Ferenc (geb. 1961)

H
Habermas, Jürgen (geb. 1929)
Herodot von Halikarnassos (um 485 - 425 a.Chr.n.)

© Kain von Spreewinkl - 99 -


Heston, Charlton (geb. 1923)
Hieronymus (347 - 420)
Higgs, Peter Ware (geb. 1929)
Hitler, Adolf (1889 - 1945)
Horaz: Quintus Horatius Flaccus (65 - 8 a.Chr.n.)
Hull, Raymond (1919 - 1985)
Huygens, Christiaan (1629 - 1695)

J
Jesus von Nazareth (um 7 a.Chr.n. - um 30 p.Chr.n.)
Juvenal: Decimus Iunius Iuvenalis (um 60 - um 130)

K
Keller, Gottfried (1819 - 1890)
Khomeini, Ruhollah Musawi (1900 - 1989)
Kohl, Helmut Josef Michael (geb. 1930)
Kolumbus, Christoph (1451 - 1506)
Kraus, Karl (1874 - 1936)
Küblböck, Daniel (geb. 1985)

L
Laden, Osama bin: Usāma ibn Muhammad ibn Awad ibn Lādin (geb. 1957)
Landis, Floyd (geb. 1975)
Laub, Gabriel (1928 - 1998)
Leif, Thomas (geb. 1959)
Leyen, Ursula Gertrud von der (geb. 1958)
Lichtenberg, Georg Christoph (1742 - 1799)
Loth, Kader (geb. 1975)

M
Madonna: Madonna Louise Veronica Ciccone (geb. 1958)
Mancebo, Francisco (geb. 1976)
Mao Tse-tung (1893 - 1976)
Maximian: Marcus Aurelius Valerius Maximianus Herculius (um 240 - 310)
Meiwes, Armin (geb. 1961)
Menander: Menandros (um 342 - um 292 a.Chr.n.)
Merkel, Angela (geb. 1954)
Montgomery, Bernard Law (1887 - 1976)
Müntefering, Franz (geb. 1940)

N
Nietzsche, Friedrich Wilhelm (1844 - 1900)

O
Ossietzky, Carl von (1889 - 1938)
Ovid: Publius Ovidius Naso (43 a.Chr.n. - 17 p.Chr.n.)
Owen, John (um 1564 - 1622)
Oxenstierna af Södermöre, Axel Gustaffson (1583 - 1654)

P
Pantaleon (um 250 - 305)

© Kain von Spreewinkl - 100 -


Parmenides von Elea (um 540 - um 470 a.Chr.n.)
Persius: Aulus Flaccus Persius (34 - 62)
Peter, Laurence J. (1919 - 1990)
Pitt, William Bradley (geb. 1963)
Plantard, Pierre (1920 - 2000)
Pol Pot: Saloth Sar (1928 - 1998)
Popper, Karl Raimund (1902 - 1994)

R
Rasputin, Grigori Jefimowitsch (1869 - 1916)
Robinson, Edward G. (1893 - 1973)
Roth, Jürgen (geb. 1945)
Rushdie, Salman (geb. 1947)

S
Sallust: Gaius Sallustius Crispus (86 - 35 a.Chr.n.)
Santayana, George (1863 - 1952)
Schäuble, Wolfgang (geb. 1942)
Schmidt, Ursula (geb. 1949)
Schröder, Gerhard Fritz Kurt (geb. 1944)
Seehofer, Horst Lorenz (geb. 1949)
Seneca der Jüngere: Lucius Annaeus Seneca (um 4 a.Chr.n. - 65 p.Chr.n.)
Sevilla Ribera, Oscar Miguel (geb. 1976)
Shaw, George Bernard (1856 - 1950)
Silius Italicus: Titus Catius Asconius Silius Italicus (um 25 - um 100)
Skupy, Hans-Horst (geb. 1942)
Snipes, Wesley (geb. 1962)
Solon (um 640 - 559 a.Chr.n.)
Spears, Britney Jean (geb. 1981)
Stalin, Josef: Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili (1878 - 1953)
Steinbrück, Peer (geb. 1947)
Stoiber, Edmund (geb. 1941)
Süskind, Patrick (geb. 1949)

T
Terenz: Publius Terentius Afer (um 190 - 59 a.Chr.n.)
Thukydides (um 460 - um 399 a.Chr.n.)
Tonini, Ersilio (geb. 1914)
Tucholsky, Kurt (1890 - 1935)
Tugendhat, Ernst (geb. 1930)
Twain, Mark: Samuel Langhorne Clemens (1835 - 1910)

U
Ullrich, Jan (geb. 1973)

V
Vespasian: Titus Flavius Vespasianus (9 - 79)
Voltaire: François-Marie Arouet (1694 - 1778)

W
Werner, Hendrik (geb. 1966)

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Wieczorek-Zeul, Heidemarie (geb. 1942)
Wiesner, Heinrich (geb. 1925)
Wilder, Samuel (1906 - 2002)
Wilder, Thornton Niven (1897 - 1975)
Williams, Robert Peter (geb. 1974)

Z
Zarqawi, Abu Musab az-: Ahmad Nazzāl al-Chalaila (1966 - 2006)

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III. Auszüge aus den Internationalen Menschenrechten

Artikel 1
Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft
und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.

Artikel 2
Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne
irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion,
politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt
oder sonstigem Stand. Des weiteren darf kein Unterschied gemacht werden auf Grund der
politischen, rechtlichen oder internationalen Stellung des Landes oder Gebietes, dem eine
Person angehört, gleichgültig ob dieses unabhängig ist, unter Treuhandschaft steht, keine
Selbstregierung besitzt oder sonst in seiner Souveränität eingeschränkt ist.

Artikel 3
Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

Artikel 7
Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich und haben ohne Unterschied Anspruch auf
gleichen Schutz durch das Gesetz. Alle haben Anspruch auf gleichen Schutz gegen jede
Diskriminierung, die gegen diese Erklärung verstößt, und gegen jede Aufhetzung zu einer
derartigen Diskriminierung.

Artikel 18
Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt
die Freiheit ein, seine Religion oder seine Weltanschauung zu wechseln, sowie die Freiheit,
seine Religion oder seine Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich
oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen.

Artikel 19
Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt
die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne
Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu
verbreiten.

Artikel 23
Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende
Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit. Jeder, ohne Unterschied, hat das
Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und
befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde
entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale
Schutzmaßnahmen. Jeder hat das Recht, zum Schutze seiner Interessen Gewerkschaften zu
bilden und solchen beizutreten.

[notabene: Im Vorgängerwerk des Autors findet sich eine Kritik33 sowie der vollständige
originale und ins deutsche übersetzte Text34 der Internationalen Menschenrechte, welche als
Resolution 217 A (III) am 10. Dezember des Jahres 1948 von der Generalversammlung der
Vereinten Nationen (United Nations, UN)35 verabschiedet wurden, KvS]

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IV. Auszüge aus dem deutschen Grundgesetz

Artikel 2 GG
1. Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die
Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das
Sittengesetz verstößt.
2. Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person
ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen
werden.

Artikel 5 GG
1. Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu
verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.
Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film
werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
2. Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den
gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der
persönlichen Ehre.
3. Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre
entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Artikel 46 GG
1. Ein Abgeordneter darf zu keiner Zeit wegen seiner Abstimmung oder wegen einer
Äußerung, die er im Bundestage oder in einem seiner Ausschüsse getan hat,
gerichtlich oder dienstlich verfolgt oder sonst außerhalb des Bundestages zur
Verantwortung gezogen werden. Dies gilt nicht für verleumderische Beleidigungen.
2. Wegen einer mit Strafe bedrohten Handlung darf ein Abgeordneter nur mit
Genehmigung des Bundestages zur Verantwortung gezogen oder verhaftet werden, es
sei denn, daß er bei Begehung der Tat oder im Laufe des folgenden Tages
festgenommen wird.
3. Die Genehmigung des Bundestages ist ferner bei jeder anderen Beschränkung der
persönlichen Freiheit eines Abgeordneten oder zur Einleitung eines Verfahrens gegen
einen Abgeordneten gemäß Artikel 18 erforderlich.
4. Jedes Strafverfahren und jedes Verfahren gemäß Artikel 18 gegen einen
Abgeordneten, jede Haft und jede sonstige Beschränkung seiner persönlichen Freiheit
sind auf Verlangen des Bundestages auszusetzen.

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V. Auszüge aus dem deutschen Strafgesetzbuch

§ 11 StGB
Personen- und Sachbegriffe
1. […]
2. […]
3. Den Schriften stehen Ton- und Bildträger, Datenspeicher, Abbildungen und andere
Darstellungen in denjenigen Vorschriften gleich, die auf diesen Absatz verweisen.

§ 131 StGB
Gewaltdarstellung
1. Wer Schriften (§ 11 Abs. 3), die grausame oder sonst unmenschliche
Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen in einer Art
schildern, die eine Verherrlichung oder Verharmlosung solcher Gewalttätigkeiten
ausdrückt oder die das Grausame oder Unmenschliche des Vorgangs in einer die
Menschenwürde verletzenden Weise darstellt,
1. verbreitet,
2. öffentlich ausstellt, anschlägt, vorführt oder sonst zugänglich macht,
3. einer Person unter achtzehn Jahren anbietet, überläßt oder zugänglich macht oder
4. herstellt, bezieht, liefert, vorrätig hält, anbietet, ankündigt, anpreist, einzuführen
oder auszuführen unternimmt, um sie oder aus ihnen gewonnene Stücke im Sinne der
Nummern 1 bis 3 zu verwenden oder einem anderen eine solche Verwendung zu
ermöglichen,
wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.
2. Ebenso wird bestraft, wer eine Darbietung des in Absatz 1 bezeichneten Inhalts durch
Rundfunk, Medien- oder Teledienste verbreitet.
3. Die Absätze 1 und 2 gelten nicht, wenn die Handlung der Berichterstattung über
Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte dient.
4. Absatz 1 Nr. 3 ist nicht anzuwenden, wenn der zur Sorge für die Person Berechtigte
handelt; dies gilt nicht, wenn der Sorgeberechtigte durch das Anbieten, Überlassen
oder Zugänglichmachen seine Erziehungspflicht gröblich verletzt.

§ 166 StGB
Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und
Weltanschauungsvereinigungen
1. Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des
religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft,
die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei
Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
2. Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3)
eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder
Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise
beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.

§ 216 StGB
Tötung auf Verlangen
1. Ist jemand durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten zur Tötung
bestimmt worden, so ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu
erkennen.
2. Der Versuch ist strafbar.

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§ 326 StGB
Unerlaubter Umgang mit gefährlichen Abfällen
1. Wer unbefugt Abfälle, die
1. Gifte oder Erreger von auf Menschen oder Tiere übertragbaren gemeingefährlichen
Krankheiten enthalten oder hervorbringen können,
2. für den Menschen krebserzeugend, fruchtschädigend oder erbgutverändernd sind,
3. explosionsgefährlich, selbstentzündlich oder nicht nur geringfügig radioaktiv sind
oder
4. nach Art, Beschaffenheit oder Menge geeignet sind,
a) nachhaltig ein Gewässer, die Luft oder den Boden zu verunreinigen oder sonst
nachteilig zu verändern oder
b) einen Bestand von Tieren oder Pflanzen zu gefährden,
außerhalb einer dafür zugelassenen Anlage oder unter wesentlicher Abweichung von
einem vorgeschriebenen oder zugelassenen Verfahren behandelt, lagert, ablagert,
abläßt oder sonst beseitigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit
Geldstrafe bestraft.
2. Ebenso wird bestraft, wer Abfälle im Sinne des Absatzes 1 entgegen einem Verbot
oder ohne die erforderliche Genehmigung in den, aus dem oder durch den
Geltungsbereich dieses Gesetzes verbringt.
3. Wer radioaktive Abfälle unter Verletzung verwaltungsrechtlicher Pflichten nicht
abliefert, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
4. In den Fällen der Absätze 1 und 2 ist der Versuch strafbar.
5. Handelt der Täter fahrlässig, so ist die Strafe
1. in den Fällen der Absätze 1 und 2 Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe,
2. in den Fällen des Absatzes 3 Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe.
6. Die Tat ist dann nicht strafbar, wenn schädliche Einwirkungen auf die Umwelt,
insbesondere auf Menschen, Gewässer, die Luft, den Boden, Nutztiere oder
Nutzpflanzen, wegen der geringen Menge der Abfälle offensichtlich ausgeschlossen
sind.

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VI. Fragment aus Parmenides’ ‚Über die Natur’
Wohlan, so will ich denn verkünden (Du aber nimm mein Wort zu Ohren), welche Wege der
Forschung allein denkbar sind: der eine Weg, daß (das Seiende) ist und daß es unmöglich
nicht sein kann, das ist der Weg der Überzeugung (denn er folgt der Wahrheit), der andere
aber, daß es nicht ist und daß dies Nichtsein notwendig sei, dieser Pfad ist (so künde ich Dir)
gänzlich unerforschbar. Denn das Nichtseiende kannst Du weder erkennen (es ist ja
unausführbar) noch aussprechen. Denn (das Seiende) denken und sein ist dasselbe. Dies ist
nötig zu sagen und zu denken, daß (nur) das Seiende existiert. Denn seine Existenz ist
möglich, die des Nichtseienden dagegen nicht; das heiß' ich Dich wohl zu beherzigen. Es ist
dies nämlich der erste Weg der Forschung, vor dem ich Dich warne. Sodann aber auch vor
jenem, auf dem da einherschwanken nichts wissende Sterbliche, Doppelköpfe. Denn
Ratlosigkeit lenkt den schwanken Sinn in ihrer Brust. So treiben sie hin stumm zugleich und
blind die Ratlosen, urteilslose Haufen, denen Sein und Nichtsein für dasselbe gilt und nicht
für dasselbe, für die es bei allem einen Gegenweg gibt. Denn unmöglich kann das
Vorhandensein von Nichtseiendem zwingend erwiesen werden. Vielmehr halte Du Deine
Gedanken von diesem Wege der Forschung ferne. So bleibt nur noch Kunde von Einem
Wege, daß (das Seiende) existiert. Darauf steh’n gar viele Merkzeichen; weil ungeboren, ist
es auch unvergänglich, ganz, eingeboren, unerschütterlich und ohne Ende. Es war nie und
wird nicht sein, weil es zusammen nur im Jetzt vorhanden ist als Ganzes, Einheitliches,
Zusammenhängendes (Kontinuierliches). Denn was für einen Ursprung willst Du für das
Seiende ausfindig machen? Wie und woher sein Wachstum? (Weder aus dem Seienden kann
es hervorgegangen sein; sonst gäbe es ja ein anderes Sein vorher), noch kann ich Dir gestatten
(seinen Ursprung) aus dem Nichtseienden auszusprechen oder zu denken. Denn
unaussprechbar und unausdenkbar ist es, wie es nicht vorhanden sein könnte. Welche
Verpflichtung hätte es denn auch antreiben sollen, früher oder später mit dem Nichts zu
beginnen und zu wachsen? So muß es also entweder auf alle Fälle oder überhaupt nicht
vorhanden sein. Auch kann ja die Kraft der Überzeugung niemals einräumen, es könne aus
Nichtseiendem irgend etwas anderes als eben Nichtseiendes hervorgehen. Drum hat die
Gerechtigkeit Werden und Vergehen nicht aus ihren Banden freigegeben, sondern sie hält es
fest. Die Entscheidung aber hierüber liegt in folgendem: es ist oder es ist nicht! Damit ist also
notwendigerweise entschieden, den einen Weg als undenkbar und unsagbar beiseite zu lassen
(es ist ja nicht der wahre Weg), den anderen aber als vorhanden und wirklich zu betrachten.
Wie könnte nun demnach das Seiende in der Zukunft bestehen, wie könnte es einstmals
entstanden sein? Denn entstand es, so ist es nicht und ebensowenig, wenn es in Zukunft
einmal entstehen sollte. So ist Entstehen verlöscht und Vergehen verschollen. Auch teilbar ist
es nicht, weil es ganz gleichartig ist. Und es gibt nirgend etwa ein stärkeres Sein, das seinen
Zusammenhang hindern könnte, noch ein geringeres; es ist vielmehr ganz von Seiendem
erfüllt. Darum ist es ganz zusammenhängend; denn ein Seiendes stößt dicht an das andere.
Aber unbeweglich liegt es in den Schranken gewaltiger Bande ohne Anfang und Ende; denn
Entstehen und Vergehen ist weit in die Ferne verschlagen, wohin sie die wahre Überzeugung
verstieß; und als Selbiges im Selbigen verharrend ruht es in sich selbst und verharrt so
standhaft alldort. Denn die starke Notwendigkeit hält es in den Banden der Schranke, die es
rings umzirkt. Darum darf das Seiende nicht ohne Abschluß sein. Denn es ist mangellos.
Fehlte ihm der, so wäre es eben durchaus mangelhaft. Denken und des Gedankens Ziel ist ein
und dasselbe; denn nicht ohne das Seiende, in dem es sich ausgesprochen findet, kannst Du
das Denken antreffen. Es gibt ja nichts und wird nichts anderes geben außerhalb des
Seienden, da es ja das Schicksal an das unzerstückelte und unbewegliche Wesen gebunden
hat. Darum muß alles leerer Schall sein, was die Sterblichen (in ihrer Sprache) festgelegt
haben, überzeugt, es sei wahr: Werden sowohl als Vergehen, Sein sowohl als Nichtsein,
Veränderung des Ortes und Wechsel der leuchtenden Farbe. Aber da eine letzte Grenze

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vorhanden, so ist (das Seiende) abgeschlossen nach allen Seiten hin, vergleichbar der Masse
einer wohlgerundeten Kugel, von der Mitte nach allen Seiten hin gleich stark. Es darf ja nicht
da und dort etwa größer oder schwächer sein. Denn da gibt es weder ein Nichts, das eine
Vereinigung aufhöbe, noch kann ein Seiendes irgendwie hier mehr, dort weniger vorhanden
sein als das Seiende, da es ganz unverletzlich ist. Denn (der Mittelpunkt), wohin es von allen
Seiten gleichweit ist, zielt gleichmäßig auf die Grenzen.

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VII. Quellenangaben
1
Forbidden World/Mutant – das Grauen im All, USA 1982, Regie: Allan Holzman
2
Blade: Trinity, USA 2004, Regie: David S. Goyer
3
E.M. Cioran: Lehre vom Zerfall, Klett-Cotta; ISBN 3-608-93302-6, S. 188
4
Kain L. von Spreewinkl: Gedanken zur Todesstrafe, Mein Buch; ISBN 3-86516-707-1, S. 319 f.
5
Hendrik Werner: Ästhet des Verschwindens, Die Welt, 07.09.2006, S. 27
6
Das Parfüm – Die Geschichte eines Mörders, D/F/ESP 2006, Regie: Tom Tykwer
7
Patrick Süskind: Das Parfüm. Die Geschichte eines Mörders, Diogenes; ISBN 3-2572-2800-7
8
Salman Rushdie: The Satanic Verses, Vintage; ISBN 0-9632-7070-2
9
Pro7 Newstime, 12.09.2006, 2000
10
Kain L. von Spreewinkl: Gedanken zur Todesstrafe, Mein Buch; ISBN 3-86516-707-1, S. 299 ff.
11
George Santayana: The Life of Reason, Prometheus; ISBN 1-5739-2210-2
12
Laurence J. Peter & Raymond Hull: Das Peter-Prinzip, Rowohlt; ISBN 3-499-61351-4
13
Dan Brown: Sakrileg, Lübbe; ISBN 3-785-72152-8
14
Umberto Eco: Das foucaultsche Pendel, dtv; ISBN 3-423-11581-5
15
Helmut Kohl: Erinnerungen 1930-1982, Droemer Knaur; ISBN 3-426-27218-0
16
Man-Eater/Antropophagus, I 1980, Regie: Joe d’Amato
17
Dawn of the Dead/Zombie, I/USA 1978, Regie: George A. Romero
18
The Passion of the Christ/Die Passion Christi, I/USA 2004, Regie: Mel Gibson
19
The Evil Dead/Tanz der Teufel, USA 1982, Regie: Sam Raimi
20
Mother’s Day/Muttertag, USA 1980, Regie: Charles Kaufman
21
Europäische Union (www.europa.eu)
22
Beratung zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (www.gleichbehandlungsgesetz.org)
23
Jürgen Roth: Der Deutschland-Clan, Eichborn; ISBN 3-8218-5613-0
24
Staat Modern (www.staat-modern.de)
25
Thomas Leif: beraten & verkauft, Bertelsmann; ISBN 3-570-00925-4, S. 31
26
Soylent Green – J ahr 2022 …die überleben wollen, USA 1973, Regie: Richard Fleischer
27
Online-Filmdatenbank (www.ofdb.de)
28
Ernst Tugendhat: Das Euthanasieproblem in philosophischer Sicht (1993) aus: Derselbe: Aufsätze 1992-2000,
Suhrkamp; ISBN 3-518-29135-3
29
Felidae, BRD 1994, Regie: Michael Schaack
30
RTL II, 29.12.2002, 1130
31
Animals are beautiful People/Die lustige Welt der Tiere, ZA 1974, Regie: Jamie Uys
32
Jürgen Habermas: Zwischen Naturalismus und Religion, Suhrkamp; ISBN 3-518-58447-2, S. 26
33
Kain L. von Spreewinkl: Gedanken zur Todesstrafe, Mein Buch; ISBN 3-86516-707-1, S. 139 ff.
34
Kain L. von Spreewinkl: Gedanken zur Todesstrafe, Mein Buch; ISBN 3-86516-707-1, S. 323 ff.
35
United Nations (www.un.org)

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